Project Gutenberg's Gespraeche fuer Freimaurer, by Gotthold Ephraim Lessing

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Title: Gespraeche fuer Freimaurer

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Release Date: November, 2005 [EBook #9326]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 22, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESPRAECHE FUER FREIMAURER ***




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Gespraeche fuer Freimaurer

Gotthold Ephraim Lessing




ERSTES GESPRAECH


ERNST

Woran denks du, Freund?

FALK

An nichts.

ERNST

Aber du bist so still.

FALK

Eben darum.  Wer dekt, wenne er geniesst?  Und ich geniesse des
erquickenden Morgens.

ERNST

Du hast recht; und du haettest mir meine Frage nur zurueckgeben duerfen.

FALK

Wenn ich an etwas daechte, wuerde ich darueber sprechen.  Nichts geht
ueber das laut denken mit einem Freund.

ERNST

Gewiss.

FALK

Hast du des schoenen Morgens schon genug genossen, faellt dir etwas ein:
so sprich du Mir faellt nichts ein.

ERNST

Gut das!--Mir faellt ein, dass ich dich schon laengst um tewas fragen
wollen.

FALK

So frage doch.

ERNST

Ist es wahr, Freund, dass du ein Freimaeurer bist?

FALK

Die Frage ist eines, der keiner ist.

ERNST

Freilich!--Aber antworte mir geradezu.--Bist du ein Freimaeurer?

FALK

Ich glaube es zu sein.

ERNST

Die Antwort ist eines, der seiner Sache eben nicht gewiss ist.

FALK

O doch!  Ich bin meiner Sache so ziemlich gewiss.

ERNST

Denn du wirst ja wohl wissen, ob und wenn und wo und von wem du
aufgenommen worden.

FALK

Das weiss ich allerdings; aber das wuerde so viel nicht sagen wollen.

ERNST

Nicht?

FALK

Wer nimmt nicht auf, und wer wird nicht aufgenommen!

ERNST

Erklaere dich.

FALK

Ich glaube ein Freimaeurer zu sein; nicht sowohl, weil ich von aelteren
Maurern in einer gesetzlichen Loge aufgenommen worden: sondern weil
ich einsehe und erkenne, was und warum die Freimaeurerei ist, wenn und
wo sie gewesen, wie und wodurch sie befoerdet oder gehindert wird.

ERNST

Und drueckst dich gleichwohl so zweifelhaft aus?--"Ich glaube einer zu
sein!"

FALK

Dieses Ausdruecks bin ich nun so gewohnt.  Nicht zwar, als ob ich
Mangel an eigner Ueberzeugung haette: sondern weil ich nicht gern mich
jemanden gerade in den Weg stellen mag.

ERNST

Du antwortest mir als einem Fremden.

FALK

Fremder oder Freund!

ERNST

Du bist aufgenommen, du weisst alles.

FALK

Andere sind auch aufgenommen und glauben zu wissen.

ERNST

Koenntest du denn aufgenommen sein, ohne zu wissen, was du weisst?

FALK

Leider!

ERNST

Wieso?

FALK

Weil viele, welche aufnehmen, es selbst nicht wissen, die wenigen aber,
die es wissen, es nicht sagen koennen.

ERNST

Und koenntest du denn wissen, was du weiszt, ohne aufgenommen zu sein?

FALK

Warum nicht?--Die Freimaeurerei ist nichts Willkuerliches, nichts
Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des
Menschen und der buergerlichen Gesellschaft gegruendet ist.  Folglich
muss man auch durch eignes Nachdenken ebensowohl darauf verfallen
koennen, als man durch Anleitung darauf gefuehret wird.

ERNST

Die Freimaeurerei waere nichts Willkuerliches?--Hat sie nicht Worte und
Zeichen und Gebraeuche, welche alle anders sein koennten und folglich
willkuerlich sind?

FALK

Das hat sie.  Aber diese Worte und diese Zeichen und Gebraeuche sind
nicht die Freimaeurerei.

ERNST

Die Freimaeurerei waere nichts Entbehrliches?--Wie machten es denn die
Menschen, als die Freimaeurerei noch nicht war?

FALK

Die Freimaeurerei war immer.

ERNST

Nun, was ist sie denn, diese notwendige, diese untentbehrliche
Freimaeurerei?

FALK

Wie ich dir schon zu verstehen gegeben: Etwas das selbst die, die es
wissen, nicht sagen koennen.

ERNST

Also ein Unding.

FALK

Uebereile dich nicht.

ERNST

Wovon ich einen Begriff habe, das kann ich auch mit Worten ausdruecken.

FALK

Nicht immer; und oft wenigsten nicht so, dass andere durch Worte
volkommen ebendenselben Begriff bekommen, den ich dabei habe.

ERNST

Wenn nicht vollkommen ebendenselben, doch einen etwanigen.

FALK

Der etwanige Begriff waere hier unnuetz oder gefaehrlich.  Unnuetz, wenn
er nicht genug, und gefaehrlich, wenn er das geringste zu viel
enthielte.

ERNST

Sonderbar!  Da also selbst die Freimaeurer, welche das Geheimnis ihres
Ordens wissen, es nicht woertlich mitteilen koennen, wie breiten sie
denn gleichwohl ihren Orden aus?

FALK

Durch Taten.  Sie lassen gute Maenner und Junglinge, die sie ihres
naehern Umgangs wuerdigen, ihre Taten vermuten, erraten, sehen, soweit
sie zu sehen sind; diese finden Geschmack daran und tun aehnliche Taten.

ERNST

Taten?  Taten der Freimaeurer?  Ich kenne keine andere als ihre Reden
und Lieder, die meistenteils schoener gedruckt als gedacht und gesagt
sind.

FALK

Das haben sie mit mehrern Reden und Liedern gemein.

ERNST

Oder soll ich das fuer ihre Taten nehmen, was sie in diesen Reden und
Liedern von sich ruehmen?

FALK

Wenn sie es nicht bloss von sich ruehmen.

ERNST

Und was ruehmen sie denn von sich?--Lauter Dinge, die man von jedem
guten Menschen, von jedem rechschaffnen Buerger erwartet.--Sie sind so
freundlich, so guttaetig, so gehorsam, so voller Vaterlandsliebe!

FALK

Ist denn das nichts?

ERNST

Nichts!--um sich dadurch von andern Menschen auszusondern.--Wer soll
das nicht sein?

FALK

Soll!

ERNST

Wer hat, dieses zu sein, nicht, auch ausser der Freimaeurerei, Antrieb
und Gelegenheit genug?

FALK

Aber doch in ihr und durch sie eine Antrieb mehr.

ERNST

Sage mir nichts von der Menge der Antriebe.  Lieber einem einzigen
Antriebe alle moegliche intensive Kraft gegeben!--Die menge solcher
Antriebe ist wie die Menge der Raeder in einer Maschine.  Je mehr Raeder:
desto wandelbarer.

FALK

Ich kann dir das nicht widersprechen.

ERNST

Und was fuer einen Antrieb mehr!--Der alle andre Antriebe verkleinert,
verd"chtig macht!  sich selbst fuer den staerksten und besten ausgibt!

FALK

Freund, sei billig!--Hyperbel, Quidproquo jener schalen Reden und
Lieder!  Proberwerk!  Juengerarbeit!

ERNST

Das will sagen: Bruder Redner ist ein Schwaetzer.

FALK

Das will nur sagen: was Bruder Redner an den Freimaeurern preiset, das
sind nun freilich ihre Taten eben nicht.  Denn Bruder Redner ist
wenigstens kein Plauderer; und Taten sprechen von selbst.

ERNST

Ja, nun merke ich, worauf du zielest.  Wie konnten sie mir nicht
gleich einfallen, diese Taten, diese sprechende Taten.  Fast moechte
ich sie schreiende nennen.  Nicht genug, dass sich die Freimaeurer
einer den andern unterstuetzen, auf das kraefstigste unterstuetzen: denn
das waere nur die notwendige Eigenschaft einer jeden Bande.  Was tun
sie nicht fuer das gesamte Publikum eines jeden Staats, dessen Glieder
sie sind!

FALK

Zum Exempel?--Damit ich doch hoere, ob du auf der rechten Spur bist.

ERNST

Zum Exempel die Freimaeurer in Stockholm!--Haben sie nicht ein grosses
Findelhaus errichtet?

FALK

Wenn die Freimaeurer in Stockholm sich nur auch bei einer andern
Gelegenheit taetig erwiesen haben.

ERNST

Bei welchem andern?

FALK

Bei sonst andern, meine ich.

ERNST

Und die Freimaeurer in Dresden, die arme junge Maedchen mit Arbeit
beschaeftigen, sie kloeppeln und stuekken lassen--damit das Findelhaus
nur kleiner sein duerfe.

FALK

Ernst!  Du weisst wohl, wenn ich dich deines Namens erinnere.

ERNST

Ohne alle Glossen dann.  Und die Freimaeurer in Braunschweig, die arme
faehige Knaben im Zeichnen unterrichten lassen.

FALK

Warum nicht?

ERNST

Und die Freimaeurer in Berlin, die das Basedowsche Philanthropin
unterstuetzen.

FALK

Was sagst du?--Die Freimaeurer?  Das Philanthropin?  unterstuetzen?--Wer
hat dir das aufgebunden?

ERNST

Die Zeitung hat es ausposaunet.

FALK

Die Zeitung!--Da muesste ich Basedows eigenhaendige Quittung sehen.  Und
muesste gewiss sein, dass die Quittung nicht an Freimaeurer in Berlin,
sondern an die Freimaeurer gerichtet waere.

ERNST

Was ist das?--Billigest du denn Basedows Institut nicht?

FALK

Ich nicht?  Wer kann es mehr billigen?

ERNST

So wirst du ihm ja diese Unterstuetzung nicht misgoennen?

FALK

Misgoennen?--Wer kann ihm alles Gutes mehr goennen als ich?

ERNST

Nun dann!--Du wirst mir unbegreiflich.

FALK

Ich glaube wohl.  Dazu habe ich unrecht.--Denn auch die Freimaeurer
koennen etwas tun, was sie nicht als Freimaeurer tun.

ERNST

Und soll das an allen auch ihren uebrigen guten taten gelten?

FALK

Vielleicht!--Vielleicht, dass alle die guten Taten, die du mir da
genammt hast, um mich eines scholastischen Ausdruckes der Kuerze wegen
zu bedienen, nur ihre Taten ad extra sind.

ERNST

Wie meinst du das?

FALK

Nur ihre Taten, die dem Volke in die Augen fallen;--nur Taten, die sie
bloss deswegen tun, damit sie dem Volk in die Augen fallen sollen.

ERNST

Um Achtung und Duldung zu geniessen?

FALK

Koennte wohl sein.

ERNST

Aber ihre wahre Taten denn?--Du schweigst?

FALK

Wenn ich dir schon geantwortet haette?--Ihre wahre Taten sind ihr
Geheimnis.

ERNST

Ha!  ha!  Also auch nicht erklaerbar durch Worte?

FALK

Nicht wohl!--Nur so viel kann und darf ich dir sagen: die wahren Taten
die Freimaeurer sind so gross, so weit aussehend, dass ganze
Jahrhunderte vergehen koennen, ehe man sagen kann: das haben sie getan!
Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was noch in der Welt werden
wird--merke wohl, in der Welt.

ERNST

O geh!  Du hast mich zum besten.

FALK

Wahrlich nicht--Aber sieh!  dort fliegt ein Schmetterling, den ich
haben muss.  Es ist der von der Wolfmichsraupe.--Geschwind sage ich
dir nur noch: die wahren Taten der Freimaeurer zielen dahin, um
groesstenteils alles, was man gemeinlich gute Taten zu nennen pflegt,
entbehrlich zu machen.

ERNST

Und sind doch auch gute Taten?

FALK

Es kann keine bessere geben.--Denke einen Augenblick darueber nach.
Ich bin gleich wieder bei dir.

ERNST

Gute Taten, welche darauf zielen, gute taten entbehrlich zu machen?--
Das ist ein Raetsel.  Und ueber ein Raetsel denke ich nicht nach.--Lieber
lege ich mich indes unter den Baum und sehe den Ameisen zu.





ZWEITES GESPRAECH


ERNST

Er lockte mich von Strauch bis an den Bach.--Auf einmal war er herueber.

ERNST

Ja, ja.  Es gibt solche Locker!

FALK

Hast du nachgedacht?

ERNST

Ueber was?  Ueber deine Raetsel?--Ich werde ihn auch nicht fangen, den
schoenen Schmetterling!  Darum soll er mir aber auch weiter keine Muehe
machen.--Einmal von der Freimaeurern mit dir gesprochen und nie wieder.
Denn ich sehe ja wohl; du bist wie sie alle.

FALK

Wie sie alle?  Das sagen diese alle nicht.

ERNST

Nicht?  So gibt es ja wohl auch Ketzer unter den Freimaeurern?  Und du
waerest einer.--Doch alle Ketzer haben mit den Rechtglaeubingen immer
noch etwas gemein.  Und davon sprach ich.

FALK

Wovon sprachst du?

ERNST

Rechtglaeubinge oder ketzerische Freimaeurer--sie alle spielen mit
Worten und lassen sich fragen und antworten, ohne zu antworten.

FALK

Meinst du?--Nun wohl, so lass uns von etwas andern reden.  Denn einmal
hast du mich aus dem behaglichen Zustande des stummen Staunens
gerissen.

ERNST

Nichts ist leichter, als dich in diesen Zustand wieder zu versetzen.--
Lass dich nur hier bei mir nieder und sieh!

FALK

Was denn?

ERNST

Das Leben und Weben auf und in und um diesen Ameisenhaufen.  Welche
Geschaeftigkeit und doch welche Ordnung!  Alles traegt und schleppt und
schiebt; und keines ist dem andern hinderlich.  Sieh nur?  Sie helfen
einander sogar.

FALK

Die Ameisen leben in Gesellschaft wie die Bienen.

ERNST

Und in einer noch wunderbarern Gesellschaft als die die Bienen.  Denn
sie haben niemand unter sich, der sie zusammenhaelt und regieret.

FALK

Ordnung muss also doch auch ohne Regierung bestehen koennen.

ERNST

Wenn jedes einzelne sich selbst zu regieren weiss: warum nicht?

FALK

Ob es wohl auch einmal mit den Menschen dahin kommen wird?

ERNST

Wohl schwerlich!

FALK

Schade!

ERNST

Jawohl!

FALK

Steh auf und lass uns gehen.  Denn sie werden dich bekriechen, die
Ameisen; und eben faellt auch mir etwas bei, was ich bei dieser
Gelegenheit dich doch fragen muss.--Iche kenne deine Gesinnungen
darueber noch gar nicht.

ERNST

Worueber?

FALK

Ueber die buergerliche Gesellschaft des Menschen ueberhaupt.--Wofuer
haelst du sie?

ERNST

Fuer etwas sehr Gutes.

FALK

Ohnestreitig.--Aber haelst du sie fuer Zweck oder Mittel?

ERNST

Ich verstehe dich nicht.

FALK

Glaubst du, dass die Menschen fuer die Staaten erschaffen werden?  Oder
dass die Staaten fuer die Menschen sind?

ERNST

Jenes scheinen einige behaupten zu wollen.  Dieses aber mag wohl das
Wahrere sein.

FALK

So denke ich auch.--Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch
diese und in dieser Vereinigung jeder einzelme Mensch seinen Teil von
Glueckseligkeit desto besser und sichrer geniessen koenne.--Das Totale
der einzeln Glueckseligkeiten aller Glieder ist die Glueckseligkeit des
Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelme Glieder leiden und
leiden muessen, ist Bemaentelung der Tyrannei.  Anders nichts!

ERNST

Ich moechte das nicht so laut sagen.

FALK

Warum nicht?

ERNST

Eine Wahrheit, die jeder nach seiner eignen Lage beurteilet, kann
leicht gemissbraucht werden.

FALK

Weisst du, Freund, dass du schon ein halber Freimaeurer bist?

ERNST

Ich?

FALK

Du.  Denn du erkennst ja schon Wahrheiten, die man besser verschweigt.

ERNST

Aber doch sagen koennte.

FALK

Der Weise kann nicht sagen, was er besser verschweigt.

ERNST

Nun, wie du wilst!--Lass uns auf die Freimaeurer nicht wieder
zurueckkommen.  Ich mag ja von ihnen weiter nichts wissen.

FALK

Verzeih!--Du siehst wenigstens meine Bereitwilligkeit, dir mehr von
ihnen zu sagen.

ERNST

Du spottest!--Gut!  das buergerliche Leben des Menschen, alle
Staatsverfassungen sind nichts als Mittel zur menschlichen
Glueckseligkeit.  Was weiter?

FALK

Nichts als Mittel!  Und Mittel menschlicher Erfindung; ob ich gleich
nicht leugnen will, dass die Natur alles so eingerichtet, dass der
Mensch, sehr bald auf diese Erfindung geraten muessen.

ERNST



Nun?  wo bleibst du denn?  Und hast den Schmeterling doch nicht?

FALK

Dieses hat denn auch gemacht, dass einige die buergerliche Gesellschaft
fuer Zweck der Natur gehalten.  Weil alles, unsere Leidenschaften und
unsere Beduerfnisse, alles darauf fuehre, sei sie folglich das letzte,
worauf die Natur gehe.  So schlossen sie.  Als ob die Natur nicht auch
die Mittel zweckmaessig hervorbringen muessen!  Als ob die Natur mehr
die Glueckseligkeit eines abgezogenen Begriffs--wie Staat,, Vaterland
und dergleichen sind--als die Glueckseligkeit jedes wirklichen einzeln
Wesens zur Absicht gehabt haette!

FALK

Sehr gut!  Du koemmst mir auf dem rechten Wege entgegen.  Denn nun sage
mir; wenn die Staatsverfassungen Mittel, Mittel menschlicher
Erfindungen sind; sollten sie allein von dem Schicksale menschlicher
Mittel ausgenommen sein?

ERNST

Was nennst du Schicksale menschlicher Mittel?

FALK

Das, was unzertrennlich mit menschlichen Mitteln verbunden ist; was
sie von goettlichen unfehlbaren Mitteln unterscheidet.

ERNST

Was ist das?

FALK

Das sie nicht unfehlbar sind.  Dass sie ihrer Absicht nicht allein
oefters nicht entsprechen, sondern auch wohl gerade das gegenteil davon
bewirken.

ERNST

Ein Beispiel!  wenn dir eines einfaellt

FALK

So sind Schiffahrt und Schiffe Mittel, in entlegene Laender zu kommen;
und werden Ursache, dass viele Menschen nimmermehr dahin gelangen.

ERNST

Die naemlich Schiffbruch leiden und ersaufen.  Nun glaube ich dich zu
verstehen.--Aber man weiss ja wohl, woher es koemmt, wenn so viel
einzelne Menschen durch die Staatsverfassung an ihrer Glueckseligkeit
nichts gewinnen.  Der Staatsverfassungen sind viele; eine ist also
besser als die andere; manche ist sehr fehlerhaft, mit ihrer Absicht
ofenbar streitend; und die beste soll vielleicht noch erfunden werden.

FALK

Das ungerechnet!  Setze die beste Staatsverfassung, die sich nur
denken laesst, schon erfunden; setze, dass alle Menschen in der ganzen
Welt diese beste Staatsverfassung angenommen haben: meinst du nicht,
dass auch dann noch, slebst aus dieser besten Staatsverfassung, Dinge
entspringen muessen, welche der menschlichen Glueckseligkeit hoechst
nachteilig sind, und wovon der mensch in dem Stande der Natur
schlechterdings nichts gewusst haette?

ERNST

Ich meine, wenn dergleichen Dinge aus der besten Staatsverfassung
entspraengen, dass es sodann die beste Staatsverfassung nicht waere.

FALK

Und eine bessere moeglich waere?--Nun, so nehme ich diese bessere als
die beste an: und frage das naemliche.

ERNST

Du scheinest mir hier bloss von vorneherein aus dem angenommenen
Begriffe zu vernuenfieln, dass jedes Mittel menschlicher Erfindung,
wofuer du die Staatsverfassungen samt und sonders erklaerest, nicht
anders als mangelhaht sein koenne.

FALK

Nicht bloss.

ERNST

Und es wuerde dir schwer werden, eins von jenen nachteiligen Dingen zu
nennen.

FALK

Die auch aus der besten Staatsverfassung notwending entspringen
muessen?--O zehne fuer eines.

ERNST

Nur eines erst.

FALK

Wir nehmen also die beste Staatsverfassung fuer erfunden an; wir nehmen
an, dass alle Menschen in der Welt in dieser besten Staatsverfassung
leben: wuerden deswegen alle Menschen in der Welt nur einen Staat
ausmachen?

ERNST

Wohl schwerlich.  Ein so ungeheurer Staat wuerde keiner Verwaltung
faehig sein.  Er muesste sich also in mehrere kleine Staaten verteilen,
die alle nach den namlichen Gesetzen verwaltet wuerden.

FALK

Das ist: die Menschen wuerden auch dann noch Deutsche und Franzosen,
Hollaender und Spanier, Russen und Schweden sein, oder wie sie sonst
heissen wuerden.

ERNST

Ganz gewiss!

FALK

Nun, da haben wir ja schon eines.  Denn nicht wahr, jeder dieser
kleinern Staaten haette sein eignes Interesse?  und jedes Glied
derselben haette das Interesse seines Staats?

ERNST

Wie anders?

FALK

Diese verschiedene Interesse wuerden oefters in Kolision kommen, so wie
itzt: und zwei Glieder aus zwei verschiedenen Staaten wuerden einander
ebensowenig mit unbefangenem Gemuet begegnen koennen, als itzt ein
Deutscher einem Franzose, ein Franzose einem Englaender begegnet.

ERNST

Seht wahrscheinlich!

FALK

Das ist: wenn itzt ein Deutscher einem Franzosen, ein Franzose einem
Englaender oder umgekehrt begegnet, so begegnet nicht mehr ein blosser
Mensch einem blossen Menschen die vermoege ihrer gleichen Natur
gegeneinander angezogen werden, sondern ein solcher Mensch begegnet
einem solchen Menschen, die ihrer verschiednen Tendenz sich bewusst
sind, welches sie gegeneinander kalt, zurueckhaltend, misstrauisch
macht, noch ehe sie fuehr ihre einzelne Person das geringste
miteinander zu schaffen und zu teilen haben.

ERNST

Das ist leider wahr.

FALK

Nun, so ist es denn auch wahr, dass das Mittel, welches die Menschen
vereiniget, um sie durch diese Vereinigung ihres Glueckes zu versichern,
die Menschen zugleich trennet.

ERNST

Wenn du es so verstehest.

FALK

Tritt einen Schritt weiter.  Viele von den kleinern Staaten wuerden ein
ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Beduerfnisse und
Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten,
folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene
Religionen haben.  Meinst du nicht?

ERNST

Das ist ein gewaltiger Schritt!

FALK

Die Menschen wuerden auch dann noch Juden und Christen und Tuerken und
dergleichen sein.

ERNST

Ich getraue mir nicht nein zu sagen.

FALK

Wuerden sie das, so wuerden sie auch, sie moechten heissen, wie sie
wollten, sich untereinander nicht anders verhalten, als sich unsere
Christen und Juden und Tuerken von jeher untereinander verhalten haben.
Nicht als blosse Menschen gegen blosse Menschen, sondern als solche
Menschen gegen solche Menschen, die sich einen gewissen geistigen
Vorzug streitig machen und darauf Rechte gruenden, die dem natuerlichen
Menschen nimmermehr einfallen koennten.

ERNST

Das ist sehr traurig, aber leider doch sehr vermutlich.

FALK

Nur vermutlich?

ERNST

Denn allenfalls daechte ich doch, so wie du angenommen hast, das alle
Staaten einerlei Verfassung haetten, dass sie auch wohl eine einerlei
Religion haben koennten.  Ja, ich begreife nicht, wie einerlei
Staatsverfassung ohne einerlei Religion auch nur moeglich ist.

FALK

Ich ebensowenig.--Auch nahm ich jenes nur an, um deine Ausflucht
abzuschneiden.  Eines ist zuverlaessig ebenso unmoeglich als das andere.
Ein Staat: mehrere Staaten.  Mehrere Staaten: mehrere
Staatverfassungen.  Mehrere Staatverfassungen: mehrere Religionen.

ERNST

Ja, ja, so scheint es.

FALK

So ist es.--Nun sieh da das zweite Unheil, welches die buergerliche
Gesellschaft, ganz ihrer Absicht entgegen, verursacht.  Sie kann die
Menschen nicht vereinigen, ohne sie zu trennen; nicht trennen, ohne
Kluefte zwischen ihnen zu befestigen, ohne Scheidemauern durch sie
hinzuziehen.

ERNST

Und wie schrecklich diese Kluefte sind!  wie unuebersteiglich oft diese
Scheidemauern!

FALK

Lass mich noch das dritte hinzufuegen.  Nicht genug, dass die
buergerliche Gesellschaft die Menschen in verschiedene Voelker und
Religionen teilet und trennet.--Diese Trennung in wenige grosse Teile,
deren jeder fuer sich ein Ganzes waere, waere doch immer noch besser als
gar kein Ganzes.  Nein, die buergerliche Gesellschaft setzt ihre
Trennung auch in jedem dieser Teile gleichsam bis ins Unendliche fort.

ERNST

Wieso?

FALK

Oder meinest du, dass ein Staat sich ohne Verscheidenheit von Staenden
denken laesst?  Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder
weiniger nahe: unmoeglich koennen alle Glieder desselben unter sich das
naemliche Verhaeltnis haben.--Wenn sie auch alle an der Gestzgebung
Anteil haben, so koennen sie doch nict gleichen Anteil haben,
wenigstens nicht gleich unmittelbaren Anteil.  Es wird also vornehmere
und geringere Glieder geben.--Wenn anfangs auch alle Besitzungen des
Staats unter sie gleich verteilet worden, so kann diese gleiche
Verteilung doch keine zwei Menschenalter bestehen.  Einer wird sein
Eigentum besser zu nutzen wissen als der andere.  Einer wird sein
schlechter genutztes Eigentum gleichwohl unter mehrere Nachkommen zu
verteilen haben als der andere.  Es wird also reichere und aermere
Glieder geben.

ERNST

Das versteht sich.

FALK

Nun ueberlege, wieviel Uebel es in der Welt wohl gibt, das in dieser
Verschiedenheit der Staende seinen Grund nicht hat.

ERNST

Wenn ich dir doch widersprechen koennte!--Aber was hatte ich fuer
Ursache, dir ueberhaupt zu widersprechen?--Nun ja, die Menschen sind
nur durch Trennung zu vereinigen!  nur durch unaufhoerliche Trennung in
Vereinigung zu erhalten!  Das ist nun einmal so.  Das kann nun nicht
anders sein.

FALK

Das sage ich eben!

ERNST

Also, was willst du damit?  Mir das buergerliche Leben dadurch
verleiden?  Mich wuenschen machen, dass den Menschen der Gedanke, sich
in Staaten zu vereinigen, nie moege gekommen sein?

FALK

Verkennst du mich so weit?--Wenn die buergerliche Gesellschaft auch nur
das Gute haette, dass allein in ihr die menschliche Vernunft angebauet
werden kann: ich wuerde sie auch bei weit groessern Uebeln noch segnen.

ERNST

Wer des Feuers geniessen will, sagt das Sprichwort, muss sich den
Rauch gefallen lassen.

FALK

Allerdings!--Aber weil der Rauch bei dem Feuer unvermeidlich ist:
durfte man darum keinen Rauchfang erfinden?  Und der den Rauchfang
erfand, war der darum ein Feind des Feuers?--Sieh, dahin wollte ich.

ERNST

Wohin?--Ich verstehe dich nicht.

FALK

Das Gleichnis war doch sehr passend.--Wenn die Menschen nicht anders
in Staaten vereiniget werden konnten als durch jene Trennungen: werden
sie darum gut, jene trennungen?

ERNST

Das wohl nicht.

FALK

Werden sie darum heilig, jene Trennungen?

ERNST

Wie heilig?

FALK

Dass er verboten sein sollte, Hand an sie zu legen?

ERNST

In Absicht?...

FALK

In Absicht, sie nicht groesser einreissen zu lassen, als die
Notwendigkeit erfordert.  In Absicht, ihre Folgen so unschaedlich zu
machen als moeglich.

ERNST

Wie koennte das verboten sein?

FALK

Aber geboten kann es doch auch nicht sein; durch buergerliche Gesetze
nicht geboten!--Denn buergerliche Gesetze erstrecken sich nie ueber die
grenzen ihres Staats.  Und dieses wuerde nun gerade ausser den Grenzen
aller und jeder Staaten liegen.--Folglich kann es nur ein Opus
supererogatum sein: und es waere bloss zu wuenschen, dass sich die
Weisesten und Besten eines jeden Staats diesem Operi superogato
freiwillig unterzoegen.

ERNST

Bloss zu wuenschen; aber recht sehr zu wuenschen.

FALK

Ich daechte!  Recht sehr zu wuenschen, dass es in jedem Staate Maenner
geben moechte, die ueber die Vorurteile des Voelkerschaft hinweg waeren
und genau wuessten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhoeret.

ERNST

Recht sehr zu wuenschen!

FALK

Recht sehr zu wuenschen, dass es in jedem Staate Maenner geben moechte,
die dem Vorurteile ihrer angebornen Religion nicht unterlaegen; nicht
glaubten, dass alles notwendig gut und wahr sein muesse, was sie fuer
gut und wahr erkennen.

ERNST

Recht sehr zu wuenschen!

FALK

Recht sehr zu wuenschen, dass es in jedem Staate Maenner geben moechte,
welche buergerliche Hoheit nicht blendet und buergerliche
Geringfuegigkeit nicht ekelt; in deren Gesellschaft der Hohe sich gern
herablaesst und der Geringe sich dreist erhebet.

ERNST

Recht sehr zu wuenschen!

FALK

Und wenn er erfuellt waere, dieser Wunsch?

ERNST

Erfuellt?--Es wird freilich hier und da, dann und wann einen solchen
Mann geben.

FALK

Nicht bloss hier und da; nicht bloss dann und wann.

ERNST

Zu gewissen Zeiten, in gewissen Laendern auch mehrere.

FALK

Wie, wenn es dergleichen Maenner itzt ueberall gaebe?  zu allen Zeiten
nun ferner geben muesste?

ERNST

Wollte Gott!

FALK

Und diese Maenner nicht in einer unwirksamen Zerstreuung lebten?  nicht
immer in einer unsichtbaren Kirche?

ERNST

Schoener Traum!

FALK

Dass ich es kurz mache.--Und diese Maenner die Freimaeurer waeren?

ERNST

Was sagst du?

FALK

Wie, wenn es die Freimaeurer waeren, die sich mit zu ihrem Geschaefte
gemacht haetten, jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so
fremd werden, so eng als moeglich wieder zusammenzuziehen?

ERNST

Die Freimaeurer?

FALK

Ich sage: mit zu ihrem Geschaefte.

ERNST

Die Freimaeurer?

FALK

Ach!  verzih!--Ich hatt' es schon wieder vergessen, dass du von den
Freimaeurern weiter nicht hoeren willst--Dort winkt man uns eben zum
Fruehstuecke.  Komm!

ERNST

Nicht doch!--Noch einen Augenblick!--Die Freimaeurer, sagst du--

FALK

Das gespraech brachte mich wider Willen auf sie zurueck.  Verzeih!--Komm!
Dort in der groessern Gesellschaft werden wir bald Stoff zu einer
tauglichern Unterredung finden.  Komm!





DRITTES GESPRAECH


ERNST

Du bist mir den ganzen Tag im Gedraenge der Gesellschaft ausgewichen.
Aber ich verfolge dich in dein Schlafzimmer.

FALK

Hast du mir so etwas Wichtiges zu sagen?  Der blossen Unterhaltung bin
ich auf heute muede.

ERNST

Du spottest meiner Neugierde.

FALK

Deiner Neugierde?

ERNST

Die du diesen Morgen so meisterhaft zu erregen ,wusstest.

FALK

Wovon spachen wir diesen Morgen?

ERNST

Von den Freimaeurern.

FALK

Nun?--Ich habe dir im Rausche des Pyrmonter doch nicht das Geheimnis
verraten?

ERNST

Das man, wie du sagst, nicbt verraten kann.

FALK

Nun freilich; das beruhigt mich wieder.

ERNST

Aber du hast mir doch ueber die Freimaeurer etwas gesagt, das mir
unerwartet war; das mir auffiel; das mich denken rnachte.

FALK

Und was war das?

ERNST

0 quaele mich nicht!--Du erinnerst dich dessen gewiss.

FALK

Ja, es faellt mir nach und nach wieder ein.--Und das war es, was dich
den ganzen langen Tag unter deinen Freunden und Freundinnen so
abwesend machte?

ERNST

Das war es!--Und ich kann nicht einschlafen, wenn du mir wenigstens
nicht noch eine Frage beantwortest.

FALK

Nach dem die Frage sein wird.

ERNST

Woher kannst du mir aber beweisen, wenigstens nur wahrscheinlich
machen, dass die Freimaeurer wirklich jene grosse und wuerdige Absichten
haben?

FALK

Halbe ich dir von ihren Absichten gesprochen?  lch wuesste nicht.--
Sondern da du dir gar keinen Begriff von den wahren Taten der
Freimaeurer machen konntest, habe ich dich bloss auf einen Punkt
aufmerksam machen wollen, wo noch so vieles geschehen kann, wovon sich
unsere staatsklugen Koepfe gar nichts traeumen lassen.--Vielleicht, dasz
die Freimaeurer da herum arheiten.  Vielleicht!--da herum!--Nur um dir
dein Vorurteil zu benehmen, dass alle baubeduerftigen Plaetze schon
ausgefunden und besetzt, alle noetige Arbeiten schon unter die
erforderlichen Haende verteilet waeren.

ERNST

Wende dich itzt, wie du willst--Genug, ich denke mir nun aus deinen
Reden die Freimaurer als Leule, die es freiwillig ueber sich genommen
haben, den unvermeidlich en Uebeln des Staats entgegenzuarbeiten.

FALK

Dieser Begriff kann den Freimaeurern wenigstens keine Schande machen.--
Bleib dabei!--Nur fasse ihn recht.  Menge nichts hinein, was nicht
hineingehoeret.--Den unvermeidlichen Uebeln des Staats!--Nicht dieses
und jenes Staats.  Nicht den unvermeidlichen Uebeln, welche, eine
gewisse Staatsverfassung einmal angenommen, aus dieser angenommenen
Staatsverfassung nun totwendig folgen.  Mit diesen gibt sich der
Freimaeurer niemals ab; wenigstens nicht als Freimaeurer.  Die Linerung
und Heilung dieser ueberlaesst er dem Buerger, der sich nach seiner
Einsicht, nach seinem Mute, auf seine Gefahr damit befassen mag.
Uebel ganz andrer Art, ganz hoeherer Art sind der Gegenstand seiner
Wirksamkeit.

ERNST

Ich habe das sehr wohl begriffen.--Night Uebel, welche den
missvergnuegten Buerger machen, sondern Uebel, ohne welche auch der
gluecklichste Buerger nicht ein kann.

FALK

Recht!  Diesen entgegen--wie sagtest du?--entgegenzuarbeiten?

ERNST

Ja!

FALK

Das Wort sagt ein wenig viel.--Entgegenarbeiten!--Um sie voe11ig zu
heben?--Das kann nicht sein.  Denn man wuerde den Staat selbst mit
ihnen zugleich vernichten.--Sie muessen nicht einmal denen mit eins
merklich gemacht werden, die noch gar keine Empfindung davon haben.
Hoechstens diese Empfindung in dem Menschen von weitem veranlassen, ihr
Aufkeimen beguelnstigen, ihre Pflanzen versetzen, begaeten beblatten--
kann hier entgegenarbeiten heissen.--Begreifst du nun, warum ich sagte,
ob die Freimaeurer schon immer taetig waeren, dass Jahrhunderte dennoch
vergehen koennten, ohne dass.slch sagen lasse: das haben sie getan.

ERNST

Und verstehe auch nun den zweiten Zug des Raetsels--Gute Taten, welche
gute Taten entbehrlich machen sollen.

FALK

Wohl!--Nun geh und studiere jene Uebel und lerne sie alle kennen und
waege all ihre Einfluesse gegeneinander ab, und sei versichert, dass dir
dieses Studium Dinge aufschliessen wird, die in Tagen der Schwermut
die niederschlagendsten, unaufloeslichsten Einwuerfe wider Vorsehung und
Tugend zu sein scheinen.  Dieser Aufschluss, diese Erleuchtung wird
dich ruhig und gluecklich machen--auch ohne Freimaurer zu heissen

ERNST

Du legest auf dieses heissen so viel Nachdruck.

FALK

Weil man etwas sein kann, ohne es zu heissen

ERNST

Gut das!  ich versteh'--Aber auf meine Frage wieder zu kommen, die ich
nur ein wenig anders einkleiden muss.  Da ich sie doch nun kenne, die
Uebel, gegen welcbe die Freimaeurerei angehet.

FALK

Du kennest sie?

ERNST

Hast du mir sie nicht selbst genannt?

FALK

Icb habe dir einige zut Probe namhaft gemacht.  Nur einige von denen,
die auch dem kurzsichtigsten Auge einleuchten; nur einige von den
unstreitigsten, weitumfassendsten.--Aber wie viele sind nicht noch
uebrig, die, ob sie schon nicht so einleuchten, nicht so unstreitig
sind, nicht so viel umfassen, dennoch nicht weniger gewiss, nicht
weniger notwendig sind!

ERNST

So lass mich meine Frage denn bloss auf diejeniten Stuecke einschraenken,
die du mir selbst namhaft gemacht hast.--Wie beweisest du mir auch
nur von diesen Stuecken, dass die Freimaeurer wirklich ihr Ahsehen
darauf haben?--Du schweigst?--Du sinnest nach?

FALK

Wahrlich nicht dem, was ich auf diese Frage zu antworten haette!--Aber
ich weiss nicht, was ich mir fuer Ursachen denken so11, warum du mir
diese Frage tust.

ERNST

Und du willst mir meine Frage beantworten, wenn ich dir die Ursachen
derselben sage?

FALK

Das verspreche ich dir.

ERNST

Ich kenne und fuerchte deinen Scharfsinn.

FALK

Meinen Scharfsinn?

ERNST

Ich fuerchte, du verkaufst mir deine Spekulation fuer Tatsache.

FALK

Sehr verbunden!

ERNST

Be1eidiget dich das?

FALK

Vielmehr muss ich dir danken, dass du Scharfsinn nennest, was du ganz
anders haettest benennen koennen.

ERNST

Gewiss nicht.  Sondern ich weiss, wie leicht der Scharfsinnige sich
selbst betriegt; wie leicht er andern Leuten Plaene und Absichten
leihet und unterlegt, an die sie nie gedacht haben.

FALK

Aber woraus schliesst man auf der Leute Plaene und Absichten?  Aus
ihren einzeln Handlungen doch wohl?

ERNST

Woraus sonst?--Und hier bin ich wieder bei meiner Frage.--Aus welchen
einzeln, unstreitigen Handlungen der Freimaurer ist abzunehmen, dass
es auch nur mit ihr Zweck ist, jene von dir benannte Trennung, welche
Staat und Staaten unter den Menschen notwendig machen muessen, durch
sich und in sich wieder zu vereinigen?

FALK

Und zwar ohne Nachteil dieses Staats und dieser Staaten.

ERNST

Desto besser!--Es brauchen auch vielleicht nicht Handlungen zu sein,
woraus jenes abzunehmen.  Wenn es nur gewisse Eigentuemlichkeiten,
Besonderheiten sind, die dahin leiten oder daraus entspringen.--Von:
dergleichen muesstest du sogar in deiner Spekulation ausgegangen sein;
gesetzt, dass dein System nur Hypothese waere.

FALK

Dein Misstrauen aeussert sich noch.--Aber ich hoffe, es soll sich
verlieren, wenn ich dir ein Grundgesetz der Freimaeurer zu Gemuete fuehre.

ERNST

Und welches?

FALK

Aus welchem sie nie ein Geheimnis gemacht haben.  Nach welchem sie
immer vor den Augen der ganzen Welt gehandelt haben.

ERNST

Das ist?

FALK

Das ist, jeden wuerdigen Mann von gehoeriger Anlage, ohne Unterschied
des Vaterlandes, ohne Unterchied der Religion, ohne Unterschied seines
buergerlichen Standes in ihren Orden aufzunehmen.

ERNST

Wahrhaftig!

FALK

Freilich scheint dieses Grundgesetze dergleichen Maenner, die ueber jene
Trennungen hinweg sind, vielmehr bereits vorauszusetzen als die
Absicht zu haben, sie zu bilden.  Allein das Nitrum muss ja wohl in
der Luft sein, ehe es sich als Salpeter an den Waenden anlegt.

ERNST

O ja!

FALK

Und warum sollten die Freimaeurer sich nicht hier einer gewoehnlichen
List haben bedienen duerfen?--Dass man einen Teil seiner geheimen
Absichten ganz offenbar treibt, um den Argwohn irrezufuehren, der immer
ganz etwas anders vermutet, als er sieht.

ERNST

Warum nicht?

FALK

Warum sollte der Kuenstler, der Silber machen kann, nicht mit altem
Bruchsilber handeln, damit man so weniger argwohne, dass er es machen
kann?

ERNST

Warum nicht?

FALK

Ernst!--Hoerst du mich?--Du antwortest im Traume, glaub' ich.

ERNST

Nein, Freund!  Aber ich habe genug; genug auf diese Nacht.  Morgen mit
dem fruehsten kehre ich wieder nach der Stadt.

FALK

Schon?  Und warum so bald?

ERNST

Du kennst mich, und fragst?  Wie lange dauert deine Brunnenkur noch?

FALK

Ich habe sie vorgestern erst angefangen.

ERNST

So sehe ich dich vor dem Ende derselben noch wieder.--Lebe wohl!  gute
Nacht!

FALK

Gute Nacht!  lebe wohl!


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Gespraeche fuer Freimaurer, von
Gotthold Ephraim Lessing.





End of the Project Gutenberg EBook of Gespraeche fuer Freimaurer
by Gotthold Ephraim Lessing

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESPRAECHE FUER FREIMAURER ***

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