Project Gutenberg's Heidi kann brauchen, was es gelernt hat, by Johanna Spyri
#5 in our series by Johanna Spyri

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Title: Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

Author: Johanna Spyri

Release Date: February, 2005 [EBook #7512]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on May 12, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDI, VOL. 2 ***




Produced by Gunther Olesch




This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/spyri/heidi2/heidi2.htm), prepared by
Gerd Bouillon.




Johanna Spyri

Heidi kann brauchen, was es gelernt hat




Inhalt

Reisezurstungen

Ein Gast auf der Alm

Eine Vergeltung

Der Winter im Drfli

Der Winter dauert fort

Die fernen Freunde regen sich

Wie es auf der Alp weitergeht

Es geschieht, was keiner erwartet hat

Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen



Reisezurstungen

Der freundliche Herr Doktor, der den Entscheid gegeben hatte, da
das Kind Heidi wieder in seine Heimat zurckgebracht werden sollte,
ging eben durch die breite Strae dem Hause Sesemann zu. Es war ein
sonniger Septembermorgen, so licht und lieblich, da man htte denken
knnen, alle Menschen mten sich darber freuen. Aber der Herr Doktor
schaute auf die weien Steine zu seinen Fen, so da er den blauen
Himmel ber sich nicht einmal bemerken konnte. Es lag eine Traurigkeit
auf seinem Gesichte, die man vorher nie da gesehen hatte, und seine
Haare waren viel grauer geworden seit dem Frhjahr. Der Doktor hatte
eine einzige Tochter gehabt, mit der er seit dem Tode seiner Frau sehr
nahe zusammen gelebt hatte und die seine ganze Freude gewesen war. Vor
einigen Monaten war ihm das blhende Mdchen durch den Tod entrissen
worden. Seither sah man den Herrn Doktor nie mehr so recht frhlich,
wie er vorher fast immer gewesen war.

Auf den Zug an der Hausglocke ffnete Sebastian mit groer
Zuvorkommenheit die Eingangstr und machte gleich alle Bewegungen
eines ergebenen Dieners; denn der Herr Doktor war nicht nur der
erste Freund des Hausherrn und dessen Tchterchen, durch seine
Freundlichkeit hatte er sich, wie berall, die smtlichen Hausbewohner
zu guten Freunden gemacht.

Alles beim alten, Sebastian? fragte der Herr Doktor wie gewohnt mit
freundlicher Stimme und ging die Treppe hinauf, gefolgt von Sebastian,
der nicht aufhrte, allerlei Zeichen der Ergebenheit zu machen,
obschon der Herr Doktor sie eigentlich nicht sehen konnte, denn er
kehrte dem Nachfolgenden den Rcken.

Gut, da du kommst, Doktor, rief Herr Sesemann dem Eintretenden
entgegen. Wir mssen durchaus noch einmal die Schweizerreise
besprechen, ich mu von dir hren, ob du unter allen Umstnden bei
deinem Ausspruche bleibst, auch nachdem nun bei Klrchen entschieden
ein besserer Zustand eingetreten ist.

Mein lieber Sesemann, wie kommst du mir denn vor? entgegnete der
Angekommene, indem er sich zu seinem Freunde hinsetzte. Ich mchte
wirklich wnschen, da deine Mutter hier wre; mit der wird alles
gleich klar und einfach und kommt ins rechte Geleise. Mit dir aber ist
ja kein Fertigwerden. Du lssest mich heute zum dritten Male zu dir
kommen, damit ich dir immer noch einmal dasselbe sage. -

Ja, du hast recht, die Sache mu dich ungeduldig machen, aber du mut
doch begreifen, lieber Freund - und Herr Sesemann legte seine Hand
wie bittend auf die Schulter seines Freundes -, es wird mir gar zu
schwer, dem Kinde zu versagen, was ich ihm so bestimmt versprochen
hatte und worauf es sich nun monatelang Tag und Nacht gefreut hat.
Auch diese letzte schlimme Zeit hat das Kind so geduldig ertragen,
immer in der Hoffnung, da die Schweizerreise nahe sei und da es
seine Freundin Heidi auf der Alp besuchen knne; und nun soll ich
dem guten Kinde, das ja sonst schon so vieles entbehren mu, die
langgenhrte Hoffnung mit einemmal wieder durchstreichen - das ist mir
fast nicht mglich.

Sesemann, das mu sein, sagte sehr bestimmt der Herr Doktor, und als
sein Freund stillschweigend und niedergeschlagen dasa, fuhr er nach
einer Weile fort: Bedenke doch, wie die Sache steht. Klara hat seit
Jahren keinen so schlimmen Sommer gehabt, wie dieser letzte war.
Von einer so groen Reise kann keine Rede sein, ohne da wir die
schlimmsten Folgen zu befrchten htten. Dazu sind wir nun in den
September eingetreten, da kann es ja noch schn sein oben auf der Alp,
es kann aber auch schon sehr khl werden. Die Tage sind nicht mehr
lang, und oben bleiben und da die Nchte zubringen kann Klara doch nun
gar nicht. So htte sie kaum ein paar Stunden oben zu verweilen. Der
Weg von Bad Ragaz dort hinauf mu ja schon mehrere Stunden dauern,
denn zur Alp hinauf mu sie entschieden im Sessel getragen werden.
Kurz, Sesemann, es kann nicht sein! Aber ich will mit dir hineingehen
und mit Klara reden, sie ist ja ein vernnftiges Mdchen, ich will
ihr meinen Plan mitteilen. Im kommenden Mai soll sie erst nach Ragaz
hinkommen; dort soll eine lngere Badekur unternommen werden, so
lange, bis es hbsch warm wird oben auf der Alp. Dann kann sie dort
von Zeit zu Zeit hinaufgetragen werden, da wird sie diese Bergpartien
erfrischt und gestrkt, wie sie dann sein wird, ganz anders genieen,
als es jetzt geschhe. Du begreifst auch, Sesemann, wenn wir noch eine
leise Hoffnung fr den Zustand deines Kindes aufrechterhalten wollen,
so haben wir die uerste Schonung und die sorgfltigste Behandlung zu
beobachten.

Herr Sesemann, der bis dahin schweigend und mit dem Ausdrucke
trauriger Ergebung zugehrt hatte, fuhr jetzt auf einmal empor:

Doktor, rief er aus, sag es mir ehrlich: Hast du wirklich noch
Hoffnung auf eine nderung dieses Zustandes?

Der Herr Doktor zuckte die Achseln. Wenig, sagte er halblaut. Aber
komm, denk einmal einen Augenblick an mich, lieber Freund! Hast du
nicht ein liebes Kind, das nach dir verlangt und sich auf deine
Heimkehr freut, wenn du weg bist? Nie mut du in ein verdetes Haus
zurckkehren und dich allein an deinen Tisch hinsetzen. Und dein
Kind hat's auch gut daheim. Mu es auch vieles entbehren, was andere
genieen knnen, so ist es in manch anderem auch vor vielen bevorzugt.
Nein, Sesemann, ihr seid nicht so sehr zu beklagen, ihr habt es doch
recht gut, so zusammenzusein; denk an mein einsames Haus!

Herr Sesemann war aufgestanden und ging nun mit groen Schritten im
Zimmer auf und ab, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihn irgendeine
Sache stark beschftigte. Auf einmal stand er vor seinem Freunde still
und klopfte ihm auf die Schulter.

Doktor, ich habe einen Gedanken: Ich kann dich nicht so sehen, du
bist ja gar nicht mehr der alte. Du mut ein wenig aus dir heraus, und
weit du, wie? Du sollst die Reise unternehmen und das Kind Heidi auf
seiner Alp besuchen in unser aller Namen.

Der Herr Doktor war sehr berrascht von dem Vorschlage und wollte sich
dagegen wehren, aber Herr Sesemann lie ihm keine Zeit. Er war so
erfreut und erfllt von seiner neuen Idee, da er den Freund unter
den Arm fate und nach dem Zimmer seines Tchterchens hinberzog.
Der gute Herr Doktor war fr die kranke Klara immer eine erfreuliche
Erscheinung, denn er hatte sie von jeher mit einer groen
Freundlichkeit behandelt und ihr jedesmal, wenn er kam, etwas Lustiges
und Erheiterndes zu erzhlen gewut. Warum er das jetzt nicht mehr
konnte, wute sie wohl und htte so gern ihn wieder froh gemacht. Sie
streckte ihm gleich die Hand entgegen, und er setzte sich zu ihr hin.
Herr Sesemann rckte seinen Stuhl auch heran, und indem er Klara bei
der Hand fate, fing er an von der Schweizerreise zu reden und wie er
sich selbst darauf gefreut hatte. ber den Hauptpunkt aber, da sie
nun unmglich mehr stattfinden knnte, glitt er eilig hinweg, denn
er frchtete sich ein wenig vor den kommenden Trnen. Dann ging
er schnell auf den neuen Gedanken ber und machte Klara darauf
aufmerksam, wie wohlttig es fr ihren guten Freund wre, wenn er
diese Erholungsreise unternehmen wrde.

Die Trnen waren wirklich aufgestiegen und schwammen in den blauen
Augen, wie sehr sich auch Klara Mhe gab, sie niederzudrcken, denn
sie wute, wie ungern der Papa sie weinen sah. Aber es war auch hart,
da nun alles aus sein sollte, und den ganzen Sommer hindurch war die
Aussicht auf die Reise zum Heidi ihre einzige Freude und ihr Trost
gewesen in all den langen, einsamen Stunden, die sie durchlebt hatte.
Aber Klara war nicht gewohnt zu markten, sie wute recht gut, da der
Papa ihr nur versagte, was zum Bsen fhren wrde und darum nicht sein
durfte. Sie schluckte ihre Trnen hinunter und wandte sich nun der
einzigen Hoffnung zu, die ihr blieb. Sie nahm die Hand ihres guten
Freundes und streichelte sie und bat flehentlich:

O bitte, Herr Doktor, nicht wahr, Sie gehen zum Heidi, und dann
kommen Sie, um mir alles zu erzhlen, wie es ist dort oben und was das
Heidi macht und der Grovater und der Peter und die Geien, ich kenne
sie alle so gut! Und dann nehmen Sie mit, was ich dem Heidi schicken
will, ich habe schon alles ausgedacht und auch etwas fr die
Gromutter. Bitte, Herr Doktor, tun Sie's doch; ich will auch gewi
unterdessen Fischtran nehmen, soviel Sie nur wollen.

Ob dieses Versprechen der Sache den Ausschlag gab, kann man nicht
wissen, aber es ist anzunehmen, denn der Herr Doktor lchelte und
sagte: Dann mu ich ja wohl gehen, Klrchen, so wirst du uns einmal
rund und fest, wie wir dich haben wollen, Papa und ich. Und wann mu
ich denn reisen, hast du das schon bestimmt?

Am liebsten gleich morgen frh, Herr Doktor, entgegnete Klara.

Ja, sie hat recht, fiel hier der Vater ein; die Sonne scheint, der
Himmel ist blau, es ist keine Zeit zu verlieren, fr jeden solchen Tag
ist es schade, den du noch nicht auf der Alp genieen kannst.

Der Herr Doktor mute ein wenig lachen: Nchstens wirst du mir
vorwerfen, da ich noch da bin, Sesemann; so mu ich wohl machen, da
ich fortkomme.

Aber Klara hielt den Aufstehenden fest; erst mute sie ihm ja
noch alle Auftrge an das Heidi bergeben und ihm noch so vieles
anempfehlen, das er recht betrachten und ihr dann davon erzhlen
sollte. Die Sendung an das Heidi konnte ihm erst spter zugeschickt
werden, denn Frulein Rottenmeier mute erst alles verpacken helfen;
sie war aber eben auf einer ihrer Wanderungen durch die Stadt
begriffen, von denen sie nicht so schnell zurckkehrte.

Der Herr Doktor versprach, alles genau auszurichten, die Reise, wenn
nicht am Morgen frh, so doch womglich noch im Laufe des folgenden
Tages anzutreten und dann bei seiner Heimkehr getreulich Bericht zu
erstatten ber alles, was er gesehen und erlebt haben wrde.

Die Diener eines Hauses haben oft eine merkwrdige Gabe, die Dinge zu
erfassen, die im Hause ihrer Herren vor sich gehen, lange bevor diese
dazu kommen, ihnen Mitteilung davon zu machen. Sebastian und Tinette
muten diese Gabe in hohem Grade besitzen, denn eben, als der Herr
Doktor, von Sebastian begleitet, die Treppe hinunterging, trat Tinette
ins Zimmer der Klara ein, die nach dem Mdchen geschellt hatte.

Holen Sie diese Schachtel voll ganz frischer, weicher Kuchen, wie
wir sie zum Kaffee haben, Tinette, sagte Klara und deutete auf die
Schachtel hin, die schon lange bereitgestanden hatte. Tinette erfate
das bezeichnete Ding an einer Ecke und lie es verchtlich an ihrer
Hand baumeln. Unter der Tre sagte sie schnippisch:

Es ist wohl der Mhe wert.

Als der Sebastian unten mit gewohnter Hflichkeit die Tre aufgemacht
hatte, sagte er mit einem Bckling:

Wenn der Herr Doktor wollten so freundlich sein und dem Mamsellchen
auch einen Gru vom Sebastian bestellen.

Ah, sieh da, Sebastian, sagte der Herr Doktor freundlich; so wissen
Sie denn auch schon, da ich reise?

Sebastian mute ein wenig husten.

Ich bin... ich habe... ich wei selbst nicht mehr recht... ach ja,
jetzt erinnere ich mich: Ich bin eben zufllig durch das Ezimmer
gegangen, da habe ich den Namen des Mamsellchens aussprechen gehrt,
und wie es so geht, man hngt dann so einen Gedanken an den anderen an
und so... und in der Weise...

Jawohl, jawohl, lchelte der Herr Doktor, und je mehr Gedanken
einer hat, je mehr wird er inne. Auf Wiedersehen, Sebastian, der Gru
wird bestellt.

Jetzt wollte der Herr Doktor gerade durch die offene Haustr enteilen,
aber er traf auf ein Hindernis: Der starke Wind hatte Frulein
Rottenmeier verhindert, ihre Wanderung weiter fortzusetzen; eben
war sie zurckgekehrt und wollte ihrerseits durch die offene Tr
eintreten. Der Wind hatte ihr weites Tuch, in das sie sich gehllt
hatte, aber dergestalt aufgeblht, da es gerade so anzusehen war, als
habe sie die Segel aufgespannt. Der Herr Doktor wich augenblicklich
zurck. Aber gegen diesen Mann hatte Frulein Rottenmeier von jeher
eine besondere Anerkennung und Zuvorkommenheit an den Tag gelegt. Auch
sie wich mit ausgesuchter Hflichkeit zurck, und eine Weile standen
die beiden mit rcksichtsvoller Gebrde da und machten einander
gegenseitig Platz. Jetzt aber kam ein so starker Windsto, da
Frulein Rottenmeier auf einmal mit vollen Segeln gegen den Doktor
heranflog. Er konnte eben noch ausweichen; die Dame aber wurde
noch ein gutes Stck ber ihn hinausgetrieben, so da sie wieder
zurckkehren mute, um nun den Freund des Hauses mit Anstand zu
begren. Der gewaltttige Vorgang hatte sie ein wenig verstimmt, aber
der Herr Doktor hatte eine Art und Weise, die ihr gekruseltes Gemt
bald glttete und eine sanfte Stimmung darber verbreitete. Er teilte
ihr seinen Reiseplan mit und bat sie in der einnehmendsten Weise,
ihm die Sendung an das Heidi so zu verpacken, wie nur sie zu packen
verstehe. Dann empfahl sich der Herr Doktor.

Klara erwartete, da sie erst einige Kmpfe mit Frulein Rottenmeier
zu bestehen haben wrde, bevor diese ihre Zustimmung zum Absenden all
der Gegenstnde geben werde, die Klara fr das Heidi bestimmt hatte.
Aber diesmal hatte sie sich getuscht: Frulein Rottenmeier war
ausnehmend gut gelaunt. Sogleich rumte sie alles weg, was auf dem
groen Tische lag, um die Dinge alle, die Klara zusammengebracht
hatte, darauf auszubreiten und dann vor ihren Augen die Sendung zu
verpacken. Es war keine leichte Arbeit, denn die Gegenstnde, die
da zusammengerollt werden sollten, waren vielgestaltig. Erst kam
der kleine dicke Mantel mit der Kapuze, den Klara fr das Heidi
ausgesonnen hatte, damit es im kommenden Winter die Gromutter
besuchen knnte, wann es wollte, und nicht warten mte, bis der
Grovater kommen konnte und es dann in den Sack eingewickelt werden
mute, damit es nicht erfriere. Dann kam ein dickes, warmes Tuch fr
die alte Gromutter, damit sie sich darin einhlle und nicht frieren
msse, wenn der Wind wieder so schaurig um die Htte klappern wrde.
Dann kam die groe Schachtel mit den Kuchen; die war auch fr die
Gromutter bestimmt, da sie zu ihrem Kaffee auch einmal etwas anderes
als ein Brtchen zu essen habe. Jetzt folgte eine ungeheure Wurst;
die hatte Klara ursprnglich fr den Peter bestimmt, weil er doch
nie etwas anderes als Kse und Brot bekam. Aber sie hatte sich jetzt
anders besonnen, denn sie frchtete, der Peter knnte vor Freuden die
ganze Wurst auf einmal aufessen. Darum sollte die Mutter Brigitte
diese bekommen und erst fr sich und die Gromutter einen guten Teil
davon nehmen und dem Peter den seinigen in verschiedenen Lieferungen
abgeben. Jetzt kam noch ein Sckchen Tabak; der war fr den Grovater,
der ja so gern ein Pfeifchen rauchte, wenn er am Abend vor der Htte
sa. Zuletzt kam noch eine Anzahl geheimnisvoller Sckchen, Pckchen
und Schchtelchen, welche Klara mit besonderer Freude zusammengekramt
hatte, denn da sollte das Heidi allerhand berraschungen finden, die
ihm groe Freude machen wrden. Endlich war das Werk beendet, und ein
stattlicher Ballen lag reisefertig an der Erde. Frulein Rottenmeier
schaute darauf nieder, in tiefsinnige Betrachtungen ber die Kunst zu
packen versunken. Klara ihrerseits warf Blicke froher Erwartung darauf
hin, denn sie sah das Heidi vor sich, wie es vor berraschung in die
Hhe springen und aufjauchzen wrde, wenn das ungeheure Paket bei ihm
anlangte.

Jetzt trat Sebastian herein und hob mit einem starken Schwung den
Ballen auf seine Schulter, um ihn unverzglich nach dem Hause des
Herrn Doktors zu spedieren.



Ein Gast auf der Alm

Das Frhrot glhte ber den Bergen, und ein frischer Morgenwind
rauschte durch die Tannen und wogte die alten ste mchtig hin und
her. Das Heidi schlug seine Augen auf, der Ton hatte es erweckt.
Dieses Rauschen packte das Heidi immer im Innersten seines Wesens und
zog es mit Gewalt hinaus unter die Tannen. Es scho von seinem Lager
auf und hatte kaum Zeit, sich fertigzumachen; das mute aber doch
sein, denn Heidi wute nun recht gut, da man immer sauber und
ordentlich aussehen mu. Jetzt kam es von dem Leiterchen herunter; des
Grovaters Lager war schon leer; es sprang hinaus. Drauen vor der Tr
stand der Grovater und schaute den Himmel nach allen Seiten hin an,
wie er jeden Morgen tat, um zu sehen, wie der Tag werden wollte.

Es zogen rosige Wlkchen oben hin, und mehr und mehr blaute der
Himmel, und drben flo es wie lauter Gold ber die Hhen und das
Weideland, denn eben kam droben die Sonne ber die hohen Felsen
heraufgestiegen.

O wie schn! O wie schn! Guten Tag, Grovater, rief das Heidi
heranspringend.

So, sind deine Augen auch schon hell? gab der Grovater zurck, dem
Heidi die Hand zum Morgengru hinhaltend.

Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hpfte vor Freuden ber das
Tosen und Sausen da droben unter den wogenden sten herum, und bei
jedem neuen Windsto und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor
Wonne und sprang noch ein wenig hher.

Unterdessen war der Grovater zum Stalle hingegangen und hatte dem
Schwnli und Brli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schn
geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz
heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte, kam es herangesprungen
und fate sie beide um den Hals, begrte sie zrtlich, und sie
meckerten frhlich und zutraulich, und jede von den Geien wollte dem
Heidi mehr Zuneigung beweisen und drckte ihren Kopf noch immer nher
an seine Schultern heran, so da es zwischen den zweien fast zerdrckt
wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Brli
gar zu arg bohrte und drngte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi:
Nein, Brli, du stt ja wie der groe Trk, und augenblicklich zog
Brli seinen Kopf zurck und stellte sich ganz anstndig hin, und das
Schwnli hatte auch schon seinen Kopf in die Hhe gereckt und machte
eine vornehme Gebrde, so da man deutlich sehen konnte, es dachte bei
sich: Das soll mir denn keiner nachsagen, da ich mich benehme wie der
Trk. Denn das schneeweie Schwnli war noch ein wenig vornehmer als
das braune Brli.

Jetzt hrte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertnen, und
bald kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geien alle, voran der
flinke Distelfink in hohen Sprngen. Gleich war das Heidi wieder
mitten in dem Rudel drin, und vor lauter strmischen Begrungen wurde
es hin- und hergeschoben, und dann schob es wieder ein wenig, denn
es wollte zu dem schchternen Schneehppli vordringen, das ja von
den greren immer wieder weggedrngt wurde, wenn es dem Heidi
entgegenstrebte.

Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, frchterlichen Pfiff,
der sollte die Geien aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er
wollte Platz bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geien
sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter
vorrcken und sich nun vor das Heidi hinstellen.

Du kannst einmal wieder mitkommen heut, war seine etwas strrige
Anrede.

Nein, das kann ich nicht, Peter, entgegnete das Heidi. Jeden
Augenblick knnen sie jetzt von Frankfurt kommen, und dann mu ich
daheim sein.

Das hast du schon manchmal gesagt, brummte der Peter.

Es gilt aber immer noch, und es gilt, bis sie kommen, gab das Heidi
zurck. Oder meinst du etwa, ich msse nicht daheim sein, wenn sie
von Frankfurt zu mir kommen? Meinst du etwa so etwas, Peter?

Sie knnen zum hi kommen, versetzte der Peter knurrend.

Jetzt ertnte von der Htte her die krftige Stimme des Grovaters:
Warum geht's nicht vorwrts mit der Armee? Fehlt's am Feldmarschall
oder an den Truppen?

Augenblicklich machte der Peter kehrum, schwang seine Rute in der
Luft, da sie sauste und alle Geien, die den Ton wohl kannten, auf
und davon rannten, der Peter hinter ihnen drein, alle miteinander in
vollem Trabe den Berg hinan.

Seit das Heidi wieder daheim beim Grovater war, kam ihm hier und da
etwas in den Sinn, woran es vorher nicht gedacht hatte. So machte es
jetzt alle Morgen mit groer Anstrengung sein Bett zurecht und strich
so lange daran herum, bis es ganz glatt aussah. Dann lief es in der
Htte hin und her, stellte jeden Stuhl an seinen Ort, und was etwa
da und dort herumlag oder -hing, das kramte es alles in den Schrank
hinein. Dann holte es einen Lappen herbei, kletterte auf einen Stuhl
hinauf und rieb so lange mit seinem Lappen auf dem Tische herum, bis
dieser ganz blank war. Wenn dann der Grovater wieder hereinkam,
schaute er wohlgefllig um sich und sagte etwa: Bei uns ist's jetzt
immer wie Sonntag, das Heidi ist nicht vergebens in der Fremde
gewesen.

Auch heute hatte Heidi, nachdem der Peter fortgetrabt war und es mit
dem Grovater gefrhstckt hatte, sich gleich an seine Geschfte
gemacht, aber es wurde fast nicht fertig damit. Drauen war es heut
morgen gar so schn, und alle Augenblicke geschah wieder etwas, was
das Kind in seiner Ttigkeit unterbrach. Jetzt kam durch das offene
Fenster ein Sonnenstrahl so lustig hereingeschossen, und es war
geradezu, als riefe er: Komm heraus, Heidi, komm heraus! Da konnte
es nicht mehr drinnen bleiben, es rannte hinaus. Da lag der funkelnde
Sonnenschein um die ganze Htte herum, und auf allen Bergen glnzte
er und weit, weit das Tal hinunter, und der Boden dort am Abhang sah
so goldig und trocken aus, es mute ein wenig darauf niedersetzen
und umherschauen. Dann kam ihm auf einmal in den Sinn, da das
Dreibeinsthlchen noch mitten in der Htte stand und der Tisch noch
nicht geputzt war vom Morgenessen. Nun sprang es schnell auf und lief
in die Htte zurck. Aber es whrte gar nicht lange, so sauste es
drauen so mchtig durch die Tannen, da es dem Heidi in alle Glieder
fuhr, es mute schon wieder hinaus und ein wenig mithpfen, wenn alle
Zweige da droben hin und her wogten und rollten. Der Grovater hatte
einstweilen hinten im Schopf allerlei Arbeit zu verrichten; er trat
von Zeit zu Zeit unter die Tr hinaus und schaute lchelnd Heidis
Sprngen zu. Eben war er wieder zurckgetreten, als mit einemmal das
Heidi laut aufschrie:

Grovater, Grovater! Komm, komm!

Er trat rasch wieder heraus, fast erschrocken, was mit dem Kinde sei.
Da sah er, wie dieses dem Abhange zulief, laut schreiend: Sie kommen,
sie kommen! Und voran der Herr Doktor!

Das Heidi strzte seinem alten Freunde entgegen. Dieser streckte
grend die Hand aus. Wie das Kind ihn erreicht hatte, umfate es
zrtlich den ausgestreckten Arm und rief in voller Herzensfreude:
Guten Tag, Herr Doktor! Und ich danke auch noch vieltausendmal!

Gr Gott, Heidi! Und wofr dankst du denn schon? fragte freundlich
lchelnd der Herr Doktor.

Da ich wieder heim konnte zum Grovater, erklrte ihm das Kind.

Dem Herrn Doktor ging's wie ein Sonnenschein ber das Gesicht.
Diesen Empfang auf der Alp hatte er nicht erwartet. Im Gefhl seiner
Einsamkeit war er unter tiefsinnigen Gedanken den Berg hinaufgestiegen
und hatte noch nicht einmal gesehen, wie schn es um ihn her war und
da es immer schner wurde. Er hatte angenommen, das Kind Heidi werde
ihn kaum mehr kennen; es hatte ihn so wenig gesehen, und er kam sich
vor wie einer, der kommt, den Leuten eine Enttuschung zu bereiten,
und den sie darum nicht ansehen mgen, weil er ja die erwarteten
Freunde nicht mitbrachte. Statt dessen leuchtete dem Heidi die helle
Freude aus den Augen, und voller Dank und Liebe hielt es immer noch
den Arm seines guten Freundes fest.

Mit vterlicher Zrtlichkeit nahm der Herr Doktor das Kind bei der
Hand. Komm, Heidi, sagte er in freundlichster Weise, fhre mich nun
zu deinem Grovater und zeige mir, wo du daheim bist.

Aber das Heidi blieb noch stehen und schaute verwundert den Berg
hinunter.

Wo sind denn Klara und die Gromama? fragte es jetzt.

Ja, nun mu ich dir's sagen, was dir leid tun wird wie mir auch,
erwiderte der Herr Doktor. Sieh, Heidi, ich komme allein. Klara war
recht krank und konnte nicht mehr reisen, und so kam auch die Gromama
nicht mit. Aber dann im Frhjahr, wenn die Tage wieder warm und schn
lang werden, dann kommen sie ganz sicher.

Das Heidi stand sehr betroffen da; es konnte gar nicht fassen, da es
nun alles, was es so sicher vor sich gesehen hatte, auf einmal gar
nicht mehr sehen sollte. Regungslos stand es eine Weile wie verwirrt
von dem Unerwarteten. Schweigend stand der Herr Doktor vor ihm, und
ringsum war alles still, nur hoch oben hrte man den Wind durch die
Tannen sausen. Da fiel es dem Heidi auf einmal wieder ein, warum es
heruntergelaufen sei und da der Herr Doktor ja gekommen sei. Es
schaute zu ihm auf. Da lag etwas so Trauriges in den Augen, die zu ihm
niederschauten, wie es noch gar nicht gesehen hatte. So war es nie
gewesen, wenn der Herr Doktor in Frankfurt es angeblickt hatte. Das
ging dem Heidi zu Herzen; es konnte nicht sehen, da jemand traurig
war, und nun gar der gute Herr Doktor. Gewi war er so, weil Klara und
die Gromama nicht hatten mitkommen knnen. Es suchte schnell nach
einem Trost und fand ihn.

Oh, es whrt gewi nicht lange, bis es wieder Frhling wird, und dann
kommen sie ja bestimmt, trstete das Heidi. Bei uns whrt es gar
nie lange, und dann knnen sie ja viel lnger dableiben, das will die
Klara gewi noch lieber. Und jetzt wollen wir zum Grovater hinauf.
Hand in Hand mit dem guten Freunde stieg es nun zu der Htte hinan. Es
war dem Heidi so sehr daran gelegen, den Herrn Doktor wieder froh zu
machen, da es ihn noch einmal zu berzeugen anfing, es whre so wenig
lange auf der Alm, bis die langen, warmen Sommertage wiederkommen, da
man es kaum merke, und dabei wurde das Heidi selbst so berzeugt von
seinem Trost, da es oben dem Grovater ganz frhlich entgegenrief:

Sie sind noch nicht da, aber es whrt gar nicht lange, so kommen sie
auch.

Fr den Grovater war der Herr Doktor kein Fremder, das Kind hatte ja
so viel von ihm gesprochen. Der Alte streckte seinem Gaste die Hand
entgegen und bewillkommte ihn mit Herzlichkeit. Dann setzten sich die
Mnner auf die Bank an der Htte. Auch fr das Heidi wurde da noch ein
Pltzchen gemacht, und der Herr Doktor winkte ihm freundlich, da es
neben ihm sitzen solle. Nun fing er an zu erzhlen, wie Herr Sesemann
ihn ermuntert habe, die Reise zu machen, und wie er auch selbst
gefunden, es mchte gut fr ihn sein, da er sich seit langem nicht
mehr recht frisch und rstig fhle. Dem Heidi sagte er dann ins Ohr,
es werde bald noch etwas den Berg heraufkommen, das aus Frankfurt mit
hergereist sei und ihm eine viel grere Freude machen werde als der
alte Doktor. Das Heidi war sehr gespannt darauf zu erfahren, was
das sein knne. Der Grovater ermunterte den Herrn Doktor sehr, die
schnen Herbsttage noch auf der Alm zuzubringen oder wenigstens an
jedem schnen Tage heraufzukommen, denn hier oben zu bleiben, dazu
konnte ihn der Almhi nicht einladen, da war ja keine Gelegenheit, den
Herrn zu logieren. Er riet aber seinem Gaste, nicht bis nach Ragaz
zurckzukehren, sondern unten im Drfli ein Zimmer zu beziehen, das er
im dortigen Wirthause in einer einfachen, aber ganz ordentlichen Art
finden werde. So knnte der Herr Doktor jeden Morgen nach der Alm
heraufkommen, was ihm wohltun mte, meinte der hi, auch wrde er
dann gern den Herrn noch auf allerlei Punkte fhren, weiter hinauf
in die Berge, wo es ihm gefallen sollte. Diesem gefiel der ganze
Vorschlag sehr wohl, und es wurde festgesetzt, da er ausgefhrt
werden sollte.

Unterdessen war die Sonne in den Mittag gekommen; der Wind hatte sich
schon lange gelegt, und die Tannen waren ganz still geworden. Die Luft
war fr die Hhe noch mild und lieblich und suselte erfrischende
Khle um die sonnenbeschienene Bank.

Jetzt stand der Almhi auf und ging in die Htte hinein, kam aber
gleich wieder und brachte einen Tisch heraus, den er vor die Bank
hinstellte.

So, Heidi, nun hol herbei, was wir zum Essen brauchen, sagte er.
Der Herr mu nun vorlieb nehmen; ist unsere Kche auch einfach, so
ist das Ezimmer doch anstndig.

Das meine ich auch, erwiderte der Herr Doktor, indem er auf das
sonnenbeleuchtete Tal hinunterschaute, und die Einladung nehme ich
an, hier oben mu es schmecken.

Das Heidi lief nun hin und her wie ein Wiesel und brachte herbei,
was es nur drinnen im Schranke finden konnte, denn da es den Herrn
Doktor bewirten durfte, war ihm eine ungeheure Freude. Der Grovater
bereitete unterdessen das Mahl und trat nun heraus mit dem dampfenden
Milchkruge und dem goldig glnzenden Ksebraten. Dann schnitt er
schne, durchsichtige Schnitten von dem rosigen Fleisch herunter, das
er hier oben an der reinen Luft getrocknet hatte. Dem Herrn Doktor
schmeckte sein Mittagsmahl so gut wie das ganze Jahr durch noch kein
einziges Mal.

Ja, ja, hierhin mu unsere Klara kommen, sagte er jetzt. Da wird
sie zu ganz neuen Krften gelangen, und wenn sie eine Zeitlang it wie
ich heute, so wird sie rund und fest werden, wie sie in ihrem Leben
noch nie war.

Jetzt kam von unten herauf einer angestiegen, der hatte einen groen
Ballen auf dem Rcken. Wie er oben bei der Htte ankam, warf er seine
Last auf den Boden hin und zog ein paar gute Zge von der frischen
Almluft ein.

Ah, da kommt, was mit mir von Frankfurt hergereist ist, sagte der
Herr Doktor aufstehend, und das Heidi mit sich ziehend, trat er an den
Ballen hin und fing an, ihn aufzulsen. Als die erste schwere Hlle
weg war, sagte er: So, Kind, nun fahr weiter fort und hol dir deine
Schtze selbst heraus.

Das Heidi tat so, und wie nun alles auseinanderrollte, schaute es mit
groen, verwunderten Augen auf die Dinge hin. Erst als der Herr Doktor
wieder herzutrat und von der groen Schachtel den Deckel weghob, dem
Heidi bedeutend: Sieh, was die Gromutter zum Kaffee bekommt, da
schrie es auf vor Freuden: Oh! Oh! Jetzt kann die Gromutter einmal
schne Kuchen essen! und sprang rings um die Schachtel herum und
wollte gleich alles zusammenpacken und zur Gromutter hinuntereilen.
Aber der Grovater sagte, gegen Abend wollten sie dann miteinander den
Herrn Doktor begleiten und die Sachen mitnehmen. Jetzt fand das Heidi
auch das schne Sckchen Tabak und brachte es schnell dem Grovater
herber. Das gefiel ihm sehr wohl. Er fllte gleich sein Pfeifchen
damit, und die beiden Mnner sprachen nun, auf der Bank sitzend und
groe Rauchwolken von sich blasend, ber allerhand Dinge, whrend das
Heidi hin und her sprang von einem seiner Schtze zum andern. Auf
einmal kam es wieder zu der Bank zurck, stellte sich vor den Gast
hin, und sowie die erste Pause im Gesprch entstand, sagte es sehr
bestimmt:

Nein, das andere hat mir nicht mehr Freude gemacht als der alte Herr
Doktor.

Die beiden Mnner muten ein wenig lachen, und der Herr Doktor sagte,
das htte er nicht gedacht.

Als die Sonne halb hinter die Berge hinabsteigen wollte, stand der
Gast auf, um seine Rckreise nach dem Drfli anzutreten und dort
Quartier zu nehmen. Der Grovater packte die Kuchenschachtel, die
groe Wurst und das Tuch unter seinen Arm, der Herr Doktor nahm das
Heidi an die Hand, und so wanderten sie den Berg hinunter bis zur
Geienpeter-Htte. Hier mute das Heidi Abschied nehmen. Es sollte
drinnen bei der Gromutter warten, bis es wieder abgeholt wrde vom
Grovater, welcher seinen Gast nach dem Drfli hinunter geleiten
wollte. Als der Herr Doktor dem Heidi die Hand zum Abschied bot,
fragte es: Wollen Sie etwa gern morgen mit den Geien auf die Weide
hinaufgehen?, denn das war das Schnste, was es kannte.

Es bleibt dabei, Heidi, erwiderte er, wir gehen zusammen.

Nun gingen die Mnner weiter, und das Heidi trat bei der Gromutter
ein. Erst schleppte es mit Anstrengung die Kuchenschachtel mit, dann
mute es wieder hinaus, um die Wurst zu holen, denn der Grovater
hatte alles vor der Tr niedergelegt. Nachher mute es erst noch
einmal hinaus, das groe Tuch zu holen. Es brachte alles so nahe an
die Gromutter heran als nur mglich, damit sie recht alles berhren
knne und wisse, was es sei. Das Tuch legte es ihr auf die Knie.

Es ist alles aus Frankfurt, von der Klara und der Gromama,
berichtete es der hocherstaunten Gromutter und der verwunderten
Brigitte, der die berraschung so in die Glieder gefahren war, da
sie unbeweglich zugeschaut hatte, wie das Heidi mit der grten
Anstrengung die schweren Gegenstnde hereingeschleppt und nun alles
vor ihren Augen ausgebreitet hatte.

Aber gelt, Gromutter, die Kuchen freuen dich furchtbar stark?
Sieh nur, wie weich sie sind! rief das Heidi immer wieder, und die
Gromutter besttigte: Ja, ja, gewi, Heidi, was sind das auch fr
gute Leute! Dann strich sie wieder mit der Hand ber das warme,
weiche Tuch und sagte: Aber das ist etwas Herrliches fr den kalten
Winter! Das ist etwas so Prchtiges, da ich nie geglaubt htte, ich
knnte in meinem Leben dazu kommen.

Das Heidi aber mute sich sehr verwundern, da die Gromutter an dem
grauen Tuch noch mehr Freude haben konnte als an den Kuchen. Die
Brigitte stand immer noch vor der Wurst, die auf dem Tische lag, und
schaute sie fast mit Verehrung an. In ihrem ganzen Leben hatte sie
nie eine solche Riesenwurst gesehen, und diese sollte sie nun selbst
besitzen und einmal sogar anschneiden; das kam ihr unglaublich vor.
Sie schttelte den Kopf und sagte zaghaft: Man wird doch noch den hi
fragen mssen, wie das gemeint sei.

Aber das Heidi sagte ganz ohne Zweifel:

Das ist zum Essen gemeint und gar nicht anders.

Jetzt kam der Peter hereingestolpert: Der Almhi kommt hinter mir
drein, das Heidi soll...; er konnte nicht mehr weiter. Seine Blicke
waren auf den Tisch gefallen, wo die Wurst lag, und der Anblick hatte
ihn so berwltigt, da er kein Wort mehr fand. Aber das Heidi hatte
schon gemerkt, was kommen sollte, und gab schnell der Gromutter die
Hand. Der Almhi ging zwar jetzt nie mehr an der Htte vorbei, ohne
schnell hereinzutreten und die Gromutter zu gren, und sie freute
sich auch immer, wenn sie seinen Schritt hrte, denn er hatte jedesmal
ein ermunterndes Wort fr sie; aber heute war es spt geworden fr das
Heidi, das alle Morgen mit der Sonne drauen war. Der Grovater aber
sagte: Das Kind mu seinen Schlaf haben, und dabei blieb er. So rief
er durch die offene Tr der Gromutter nur eine gute Nacht zu und nahm
das heranspringende Heidi bei der Hand, und unter dem flimmernden
Sternenhimmel hin wanderten die beiden ihrer friedlichen Htte zu.



Eine Vergeltung

Am anderen Morgen in der Frhe stieg der Herr Doktor vom Drfli den
Berg hinan in der Gesellschaft des Peter und seiner Geien. Der
freundliche Herr versuchte ein paarmal mit dem Geibuben ein Gesprch
anzuknpfen, aber es gelang ihm nicht, kaum da er als Antwort auf
einleitende Fragen unbestimmte, einsilbige Worte zu hren bekam. Der
Peter lie sich nicht so leicht in ein Gesprch ein. So wanderte die
ganze schweigende Gesellschaft bis hinauf zur Almhtte, wo schon
erwartend das Heidi stand mit seinen beiden Geien, alle drei munter
und frhlich wie der frhe Sonnenschein auf allen Hhen.

Kommst mit? fragte der Peter, denn als Frage oder als Aufforderung
sprach er jeden Morgen diesen Gedanken aus.

Freilich, natrlich, wenn der Herr Doktor mitkommt, gab das Heidi
zurck.

Der Peter sah den Herrn ein wenig von der Seite an.

Jetzt trat der Grovater hinzu, das Mittagsbrotsckchen in der Hand.
Erst grte er den Herrn mit aller Ehrerbietung, dann trat er zum
Peter hin und hing ihm das Sckchen um.

Es war schwerer als sonst, denn der hi hatte ein schnes Stck von
dem rtlichen Fleische hineingelegt. Er hatte gedacht, vielleicht
gefalle es dem Herrn droben auf der Weide und er nehme dann gern sein
Mittagsmahl gleich dort mit den Kindern ein. Der Peter lchelte fast
von einem Ohr bis zum andern, denn er ahnte, da da drinnen etwas
Ungewhnliches versteckt sei.

Nun wurde die Bergfahrt angetreten. Das Heidi wurde ganz von seinen
Geien umringt, jede wollte zunchst bei ihm sein, und eine schob die
andere immer ein wenig seitwrts. So wurde es eine Zeitlang mitten
in dem Rudel mit fortgeschoben. Aber jetzt stand es still und sagte
ermahnend: Nun mt ihr artig vorauslaufen, aber dann nicht immer
wiederkommen und mich drngen und stoen. Ich mu jetzt ein wenig mit
dem Herrn Doktor gehen. Dann klopfte es dem Schneehppli, das sich
immer am nchsten zu ihm hielt, zrtlich auf den Rcken und ermahnte
es noch besonders, nun recht folgsam zu sein. Dann arbeitete es sich
aus dem Rudel heraus und ging nun neben dem Herrn Doktor her, der es
gleich bei der Hand fate und festhielt. Er mute jetzt nicht mit Mhe
nach einem Gesprch suchen wie vorher, denn das Heidi fing gleich
an und hatte ihm so viel zu erzhlen von den Geien und ihren
merkwrdigen Einfllen und von den Blumen oben und den Felsen und
Vgeln, da die Zeit unvermerkt dahinging und sie ganz unerwartet
oben auf der Weide anlangten. Der Peter hatte im Hinaufgehen fters
seitwrts auf den Herrn Doktor Blicke geworfen, die diesem einen
rechten Schrecken htten beibringen knnen; er sah sie aber
glcklicherweise nicht.

Oben angelangt, fhrte das Heidi seinen guten Freund gleich auf die
schnste Stelle, wohin es immer ging und sich auf den Boden setzte und
umherschaute, denn da gefiel es ihm am besten. Es tat, wie es gewohnt
war, und der Herr Doktor lie sich gleich auch neben Heidi auf den
sonnigen Weideboden nieder. Ringsum leuchtete der goldene Herbsttag
ber die Hhen und das weite grne Tal. Von den unteren Alpen tnten
berall die Herdenglocken herauf, so lieblich und wohltuend, als ob
sie weit und breit den Frieden einluteten. Auf dem groen Schneefelde
drben blitzten funkelnd und flimmernd goldene Sonnenstrahlen hin und
her, und der graue Falknis hob seine Felsentrme in alter Majestt
hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf. Der Morgenwind wehte leise
und wonnig ber die Alp und bewegte nur sachte die letzten blauen
Glockenblmchen, die noch briggeblieben waren von der groen Schar
des Sommers und nun noch wohlig ihre Kpfchen im warmen Sonnenscheine
wiegten. Obenhin flog der groe Raubvogel in weiten Bogen umher, aber
er krchzte heute nicht. Mit ausgebreiteten Flgeln schwamm er ruhig
durch die Blue und lie sich's wohl sein. Das Heidi guckte dahin und
dorthin. Die lustig nickenden Blumen, der blaue Himmel, der frhliche
Sonnenschein, der vergngte Vogel in den Lften, alles war so schn,
so schn! Heidis Augen funkelten vor Wonne. Nun schaute es nach seinem
Freunde, ob er auch alles recht sehe, was so schn war. Der Herr
Doktor hatte bis jetzt still und gedankenvoll um sich geblickt. Wie er
nun den freudeglnzenden Augen des Kindes begegnete, sagte er:

Ja, Heidi, es knnte schn sein hier, aber was meinst du? Wenn einer
ein trauriges Herz hierher brchte, wie mte er es wohl machen, da
er an all dem Schnen sich freuen knnte?

Oh, oh! rief das Heidi ganz frhlich aus. Hier hat man gar nie ein
trauriges Herz, nur in Frankfurt.

Der Herr Doktor lchelte ein wenig, aber das ging schnell vorber.
Dann sagte er wieder: Und wenn einer kme und alles Traurige aus
Frankfurt mit hier heraufbrchte, Heidi; weit du da auch noch etwas,
das ihm helfen knnte?

Man mu nur alles dem lieben Gott sagen, wenn man gar nicht mehr
wei, was machen, sagte das Heidi ganz zuversichtlich.

Ja, das ist schon ein guter Gedanke, Kind, bemerkte der Herr Doktor.
Wenn es aber von ihm selbst kommt, was so ganz traurig und elend
macht, was kann man da dem lieben Gott sagen?

Das Heidi mute nachdenken, was dann zu machen sei; es war aber ganz
zuversichtlich, da man fr alle Traurigkeit eine Hilfe vom lieben
Gott erhalten knne. Es suchte seine Antwort in seinen eigenen
Erlebnissen.

Dann mu man warten, sagte es nach einer Weile mit Sicherheit, und
nur immer denken: jetzt wei der liebe Gott schon etwas Freudiges, das
dann nachher aus dem anderen kommt, man mu nur noch ein wenig still
sein und nicht fortlaufen. Dann kommt auf einmal alles so, da man
ganz gut sehen kann, der liebe Gott hatte die ganze Zeit nur etwas
Gutes im Sinn gehabt; aber weil man das vorher noch nicht so sehen
kann, sondern immer nur das furchtbar Traurige, so denkt man, es
bleibe dann immer so.

Das ist ein schner Glaube, den mut du festhalten, Heidi, sagte
der Herr Doktor. Eine Weile schaute er schweigend auf die mchtigen
Felsenberge hinber und in das sonnenleuchtende grne Tal hinab, dann
sagte er wieder:

Siehst du, Heidi, es knnte einer hier sitzen, der einen groen
Schatten auf den Augen htte, so da er das Schne gar nicht aufnehmen
knnte, das ihn hier umgibt. Dann mchte doch wohl das Herz traurig
werden hier, doppelt traurig, wo es so schn sein knnte. Kannst du
das verstehen?

Jetzt scho dem Heidi etwas Schmerzliches in sein frohes Herz. Der
groe Schatten auf den Augen brachte ihm die Gromutter in Erinnerung,
die ja nie mehr die helle Sonne und all das Schne hier oben sehen
konnte. Das war ein Leid in Heidis Herzen, das immer neu erwachte,
sobald die Sache ihm wieder ins Bewutsein kam. Es schwieg eine
Weile ganz still, denn das Weh hatte es so mitten in die Freude
hineingetroffen. Dann sagte es ernsthaft:

Ja, das kann ich schon verstehen. Aber ich wei etwas: Dann mu man
die Lieder der Gromutter sagen, die machen einem wieder ein wenig
helle und manchmal so hell, da man ganz frhlich wird. Das hat die
Gromutter gesagt.

Welche Lieder, Heidi? fragte der Herr Doktor.

Ich kann nur das von der Sonne und dem schnen Garten und noch von
dem andern langen die Verse, die der Gromutter lieb sind, denn die
mu ich immer dreimal lesen, erwiderte das Heidi.

So sag mir einmal diese Verse, die mchte ich auch hren, und der
Herr Doktor setzte sich zurecht, um aufmerksam zuzuhren.

Heidi legte seine Hnde ineinander und besann sich noch ein Weilchen:

Soll ich dort anfangen, wo die Gromutter sagt, da einem wieder eine
Zuversicht ins Herz kommt?

Der Herr Doktor nickte bejahend.

Jetzt begann Heidi:

    Ihn, ihn la tun und walten,
    Er ist ein weiser Frst
    Und wird es so gestalten,
    Da du dich wundern wirst,
    Wenn er, wie ihm gebhret,
    Mit wunderbarem Rat
    Das Werk hinausgefhret,
    Das dich bekmmert hat.

    Er wird zwar eine Weile
    Mit seinem Trost verziehn
    Und tun an seinem Teile,
    Als htt' in seinem Sinn
    Er deiner sich begeben,
    Als sollt'st du fr und fr
    In Angst und Nten schweben,
    Als fragt' er nichts nach dir.

    Wird's aber sich begeben,
    Da du ihm treu verbleibst,
    So wird er dich erheben,
    Da du's am mind'sten glubst.
    Er wird dein Herz erlsen
    Von der so schweren Last,
    Die du zu keinem Bsen
    Bisher getragen hast.

Heidi hielt pltzlich inne, es war nicht sicher, da der Herr Doktor
auch noch zuhre. Er hatte die Hand ber seine Augen gebreitet und sa
unbeweglich da. Es dachte, er sei vielleicht ein wenig eingeschlafen;
wenn er dann wieder erwachte und noch mehr Verse hren wollte, wrde
er es schon sagen. Jetzt war alles still. Der Herr Doktor sagte
nichts, aber er schlief doch nicht. Er war in eine lngst vergangene
Zeit zurckversetzt. Da stand er als ein kleiner Junge neben dem
Sessel seiner lieben Mutter; die hatte ihren Arm um seinen Hals gelegt
und sagte ihm das Lied vor, das er eben von Heidi hrte und das er so
lange nicht mehr vernommen hatte. Jetzt hrte er die Stimme seiner
Mutter wieder und sah ihre guten Augen so liebevoll auf ihm ruhen, und
als die Worte des Liedes verklungen waren, hrte er die freundliche
Stimme noch andere Worte zu ihm sprechen. Die mute er gern hren und
ihnen weit nachgehen in seinen Gedanken, denn noch lange Zeit sa er
so da, das Gesicht in seine Hand gelegt, schweigend und regungslos.
Als er sich endlich aufrichtete, sah er, wie das Heidi in Verwunderung
nach ihm blickte. Er nahm die Hand des Kindes in die seinige.

Heidi, dein Lied war schn, sagte er, und seine Stimme klang froher,
als sie bis jetzt geklungen hatte. Wir wollen wieder hierherkommen,
dann sagst du mir's noch einmal.

Whrend dieser ganzen Zeit hatte der Peter genug zu tun gehabt, seinem
rger Luft zu machen. Da war das Heidi seit vielen Tagen nicht mit auf
der Weide gewesen, und nun, da es endlich einmal wieder mit war, sa
der alte Herr die ganze Zeit neben ihm, und der Peter konnte gar nicht
an das Heidi herankommen. Das verdro ihn sehr stark. Er stellte sich
in einiger Entfernung hinter dem ahnungslosen Herrn auf, so da dieser
ihn nicht sehen konnte, und hier machte er erst eine groe Faust und
schwang sie drohend in der Luft herum, und nach einiger Zeit machte er
zwei Fuste, und je lnger das Heidi neben dem Herrn sitzen blieb, je
schrecklicher ballte der Peter seine Fuste und streckte sie immer
hher und drohender in die Luft hinauf hinter dem Rcken des
Bedrohten.

Unterdessen war die Sonne dahin gekommen, wo sie steht, wenn man zu
Mittag essen mu; das kannte der Peter genau. Auf einmal schrie er aus
allen Krften zu den zweien hinber:

Man mu essen!

Heidi stand auf und wollte den Sack herbeiholen, damit der Herr Doktor
auf dem Platze, wo er sa, sein Mittagsmahl abhalten knne. Aber
er sagte, er habe keinen Hunger, er wnsche nur ein Glas Milch zu
trinken, dann wolle er gern noch ein wenig auf der Alp umhergehen
und etwas weiter hinaufsteigen. Da fand das Heidi, dann habe es auch
keinen Hunger und wolle auch nur Milch trinken, und nachher wolle es
den Herrn Doktor hinauffhren zu den groen, moosbedeckten Steinen
hoch oben, wo der Distelfink einmal fast hinuntergesprungen wre und
wo alle die wrzigen Krutlein wuchsen. Es lief zum Peter hinber und
erklrte ihm alles und da er nun erst eine Schale Milch vom Schwnli
nehmen msse fr den Herrn Doktor und dann noch eine, die wolle es fr
sich haben. Der Peter schaute erst eine Weile sehr erstaunt das Heidi
an, dann fragte er:

Wer mu haben, was im Sack ist?

Das kannst du haben, aber zuerst mut du die Milch geben, und
hurtig, war Heidis Antwort.

So rasch hatte der Peter in seinem Leben noch keine Tat vollendet, als
er nun diese fertigbrachte, denn er sah immer den Sack vor sich und
wute noch nicht, wie das aussah, was drinnen war und ihm gehrte.
Sobald drben die beiden ruhig ihre Milch tranken, ffnete der Peter
den Sack und tat einen Blick hinein. Als er das wundervolle Stck
Fleisch gewahr wurde, da schttelte es den ganzen Peter vor Freude,
und er tat noch einen Blick hinein, um sich zu versichern, da es
auch wahr sei. Dann fuhr er mit der Hand in den Sack hinein, um die
erwnschte Gabe zum Genu herauszuholen. Aber auf einmal zog er die
Hand wieder zurck, als ob er nicht zugreifen drfe. Es war dem Peter
in den Sinn gekommen, wie er dort hinter dem Herrn gestanden und gegen
ihn gefaustet hatte, und nun schenkte ihm derselbe Herr sein ganzes
unvergleichliches Mittagsessen. Jetzt reute den Peter seine Tat, denn
es war ihm gerade so, wie wenn sie ihn verhinderte, sein schnes
Geschenk herauszunehmen und sich daran zu erlaben. Auf einmal sprang
er in die Hhe und lief zurck auf die Stelle hin, wo er gestanden
hatte. Da streckte er seine beiden Hnde ganz flach in die Luft
hinauf, zum Zeichen, da das Fausten nicht mehr gelte, und so blieb
er eine gute Weile stehen, bis er das Gefhl hatte, die Sache sei
nun wieder ausgeglichen. Dann kam er in groen Sprngen zu dem Sack
zurck, und nun, da das gute Gewissen hergestellt war, konnte er mit
vollem Vergngen in sein ungewhnlich leckeres Mittagsmahl beien.

Der Herr Doktor und das Heidi waren lange miteinander herumgewandert
und hatten sich sehr gut unterhalten. Jetzt aber fand der Herr, es sei
Zeit fr ihn zurckzukehren, und meinte, das Kind wolle nun auch gern
noch ein wenig bei seinen Geien bleiben. Aber das kam dem Heidi nicht
in den Sinn, denn dann mute ja der Herr Doktor mutterseelenallein die
ganze Alp hinuntergehen. Bis zur Htte vom Grovater wollte es ihn
durchaus begleiten und auch noch ein Stck darber hinaus. Es ging
immer Hand in Hand mit seinem guten Freunde und hatte auf dem ganzen
Wege ihm noch genug zu erzhlen und ihm alle Stellen zu zeigen, wo die
Geien am liebsten weideten und wo es im Sommer am meisten von den
glnzenden gelben Weiderschen und vom roten Tausendgldenkraut und
noch anderen Blumen gebe. Die wute es nun alle zu benennen, denn der
Grovater hatte ihm den Sommer durch alle ihre Namen beigebracht,
so, wie er sie kannte. Aber zuletzt sagte der Herr Doktor, nun msse
es zurckkehren. Sie nahmen Abschied, und der Herr ging den Berg
hinunter, doch kehrte er sich von Zeit zu Zeit noch einmal um. Dann
sah er, wie das Heidi immer noch auf derselben Stelle stand und ihm
nachschaute und mit der Hand ihm nachwinkte. So hatte sein eigenes,
liebes Tchterchen getan, wenn er von Hause fortging.

Es war ein klarer, sonniger Herbstmonat. Jeden Morgen kam der Herr
Doktor zur Alp herauf, und dann ging es gleich weiter auf eine schne
Wanderung. fters zog er mit dem Almhi aus, hoch in die Felsenberge
hinauf, wo die alten Wettertannen herunternickten und der groe Vogel
in der Nhe hausen mute, denn da schwirrte er manchmal sausend und
krchzend ganz nahe an den Kpfen der beiden Mnner vorbei. Der Herr
Doktor hatte ein groes Wohlgefallen an der Unterhaltung seines
Begleiters, und er mute sich immer mehr verwundern, wie gut der hi
alle Krutlein ringsherum auf seiner Alp kannte und wute, wozu sie
gut waren, und wieviel kostbare und gute Dinge er da droben berall
herauszufinden wute; so in den harzigen Tannen und in den dunklen
Fichtenbumen mit den duftenden Nadeln, in dem gekruselten Moos,
das zwischen den alten Baumwurzeln emporspro, und in all den feinen
Pflnzchen und unscheinbaren Blmchen, die noch ganz hoch oben dem
krftigen Alpenboden entsprangen.

Ebenso genau kannte der Alte auch das Wesen und Treiben aller Tiere da
oben, der groen und der kleinen, und er wute dem Herrn Doktor ganz
lustige Dinge von der Lebensweise dieser Bewohner der Felsenlcher,
der Erdhhlen und auch der hohen Tannenwipfel zu erzhlen.

Dem Herrn Doktor verging die Zeit auf diesen Wanderungen, er wute gar
nicht, wie, und oftmals, wenn er am Abend dem hi herzlich die Hand
zum Abschiede schttelte, mute er von neuem sagen: Guter Freund, von
Ihnen gehe ich nie fort, ohne wieder etwas gelernt zu haben.

An vielen Tagen aber, und gewhnlich an den allerschnsten, wnschte
der Herr Doktor mit dem Heidi auszuziehen. Dann saen die beiden fter
miteinander auf dem schnen Vorsprunge der Alp, wo sie am ersten Tage
gesessen hatten, und das Heidi mute wieder seine Liederverse sagen
und dem Herrn Doktor erzhlen, was es nur wute. Dann sa der Peter
fter hinter ihnen an seinem Platze, aber er war jetzt ganz zahm und
faustete nie mehr.

So ging der schne Septembermonat zu Ende. Da kam der Herr Doktor
eines Morgens und sah nicht so frhlich aus, wie er sonst immer
ausgesehen hatte. Er sagte, es sei sein letzter Tag, er msse nach
Frankfurt zurckkehren; das mache ihm groe Mhe, denn er habe die
Alp so liebgewonnen, als wre sie seine Heimat. Dem Almhi tat die
Nachricht sehr leid, denn auch er hatte sich beraus gern mit dem
Herrn Doktor unterhalten, und das Heidi hatte sich so daran gewhnt,
alle Tage seinen liebevollen Freund zu sehen, da es gar nicht
begreifen konnte, wie das nun mit einem Male ein Ende nehmen sollte.
Es schaute fragend und ganz verwundert zu ihm auf. Aber es war
wirklich so. Der Herr Doktor nahm Abschied vom Grovater und fragte
dann, ob das Heidi ihn noch ein wenig begleiten werde. Es ging an
seiner Hand den Berg hinunter, aber es konnte immer noch nicht recht
fassen, da er ganz fortgehe.

Nach einer Welle stand der Herr Doktor still und sagte, nun sei das
Heidi weit genug gekommen, es msse zurckkehren. Er fuhr ein paarmal
zrtlich mit seiner Hand ber das krause Haar des Kindes hin und
sagte: Nun mu ich fort, Heidi! Wenn ich dich nur mit mir nach
Frankfurt nehmen und bei mir behalten knnte!

Dem Heidi stand auf einmal ganz Frankfurt vor den Augen, die vielen,
vielen Huser und steinernen Straen und auch Frulein Rottenmeier und
die Tinette, und es antwortete ein wenig zaghaft: Ich wollte doch
lieber, da Sie wieder zu uns kmen.

Nun ja, so wird's besser sein. So leb wohl, Heidi, sagte freundlich
der Herr Doktor und hielt ihm die Hand hin. Das Kind legte die seinige
hinein und schaute zu dem Scheidenden auf. Die guten Augen, die zu ihm
niederblickten, fllten sich mit Wasser. Jetzt wandte sich der Herr
Doktor rasch und eilte den Berg hinunter.

Das Heidi blieb stehen und rhrte sich nicht. Die liebevollen Augen
und das Wasser, das es darinnen gesehen hatte, arbeiteten stark in
seinem Herzen. Auf einmal brach es in ein lautes Weinen aus, und mit
aller Macht strzte es dem Forteilenden nach und rief, von Schluchzen
unterbrochen, aus allen Krften:

Herr Doktor! Herr Doktor!

Er kehrte um und stand still.

Jetzt hatte ihn das Kind erreicht. Die Trnen strmten ihm die Wangen
herunter, whrend es herausschluchzte:

Ich will gewi auf der Stelle mit nach Frankfurt kommen und will bei
Ihnen bleiben, so lang Sie wollen, ich mu es nur noch geschwind dem
Grovater sagen.

Der Herr Doktor streichelte beruhigend das erregte Kind.

Nein, mein liebes Heidi, sagte er mit dem freundlichsten Tone,
nicht jetzt auf der Stelle; du mut noch unter den Tannen bleiben,
du knntest mir wieder krank werden. Aber komm, ich will dich etwas
fragen: Wenn ich einmal krank und allein bin, willst du dann zu mir
kommen und bei mir bleiben? Kann ich denken, da sich dann noch jemand
um mich kmmern und mich liebhaben will?

Ja, ja, dann will ich sicher kommen, noch am gleichen Tag, und Sie
sind mir auch fast so lieb wie der Grovater, versicherte das Heidi
noch unter fortwhrendem Schluchzen.

Jetzt drckte ihm der Herr Doktor noch einmal die Hand, dann setzte
er rasch seinen Weg fort. Das Heidi aber blieb auf derselben Stelle
stehen und winkte fort und fort mit seiner Hand, solange es nur noch
ein Pnktchen von dem forteilenden Herrn entdecken konnte. Als dieser
zum letztenmal sich umwandte und nach dem winkenden Heidi und der
sonnigen Alp zurckschaute, sagte er leise vor sich hin: Dort oben
ist's gut sein, da knnen Leib und Seele gesunden, und man wird wieder
seines Lebens froh.



Der Winter im Drfli

Um die Almhtte lag der Schnee so hoch, da es anzusehen war, als
stnden die Fenster auf dem flachen Boden, denn weiter unten war von
der ganzen Htte gar nichts zu sehen, auch die Haustr war vllig
verschwunden. Wre der Almhi noch oben gewesen, so htte er dasselbe
tun mssen, was der Peter tglich ausfhren mute, weil es gewhnlich
ber Nacht wieder geschneit hatte. Jeden Morgen mute dieser jetzt aus
dem Fenster der Stube hinausspringen, und war es nicht sehr kalt, so
da ber Nacht alles zusammengefroren war, so versank er dann so tief
in dem weichen Schnee, da er mit Hnden und Fen und mit dem Kopf
auf alle Seiten stoen und werfen und ausschlagen mute, bis er sich
wieder herausgearbeitet hatte. Dann bot ihm die Mutter den groen
Besen aus dem Fenster, und mit diesem stie und scharrte der Peter nun
den Schnee vor sich weg, bis er zur Tr kam. Dort hatte er dann eine
groe Arbeit, denn da mute aller Schnee abgegraben werden, sonst fiel
entweder, wenn er noch weich war und die Tr aufging, die ganze groe
Masse in die Kche hinein, oder er fror zu, und nun war man ganz
vermauert drinnen, denn durch diesen Eisfelsen konnte man nicht
dringen, und durch das kleine Fenster konnte nur der Peter
hinausschlpfen. Fr diesen brachte dann die Zeit des Gefrierens viele
Bequemlichkeiten mit sich. Wenn er ins Drfli hinunter mute, ffnete
er nur das Fenster, kroch durch und kam drauen zu ebener Erde auf dem
festen Schneefelde an. Dann schob ihm die Mutter den kleinen Schlitten
durch das Fenster nach, und der Peter hatte sich nur daraufzusetzen
und abzufahren, wie und wo er wollte, er kam jedenfalls hinunter, denn
die ganze Alm um und um war dann nur ein groer, ununterbrochener
Schlittweg.

Der hi war nicht auf der Alm den Winter; er hatte Wort gehalten.
Sobald der erste Schnee gefallen war, hatte er Htte und Stall
abgeschlossen und war mit dem Heidi und den Geien nach dem Drfli
hinuntergezogen. Dort stand in der Nhe der Kirche und des Pfarrhauses
ein weitlufiges Gemuer, das war in alter Zeit ein groes Herrenhaus
gewesen, was man noch an vielen Stellen sehen konnte, obschon jetzt
das Gebude berall ganz oder halb zerfallen war. Da hatte einmal ein
tapferer Kriegsmann gewohnt; der war in spanische Dienste gegangen und
hatte da viele tapfere Taten verrichtet und viele Reichtmer erbeutet.
Dann war er heimgekommen nach dem Drfli und hatte aus seiner Beute
ein prchtiges Haus errichtet; darinnen wollte er nun wohnen. Aber
es ging gar nicht lange, so konnte er es in dem stillen Drfli nicht
mehr aushalten vor Langweile, denn er hatte zu lange drauen in der
lrmvollen Welt gelebt. Er zog wieder hinaus und kam gar niemals mehr
zurck. Als man nach vielen, vielen Jahren sicher wute, da er tot
war, bernahm ein ferner Verwandter unten im Tal das Haus, aber es
war schon am Verfallen, und der neue Besitzer wollte es nicht mehr
aufbauen. So zogen arme Leute in das Haus, die wenig dafr bezahlen
muten, und wenn ein Stck abfiel von dem Gebude, so lie man es
liegen. Seit jener Zeit waren nun wieder viele Jahre darbergegangen.
Schon als der hi mit seinem jungen Buben Tobias hergekommen war,
hatte er das verfallene Haus bezogen und darin gelebt. Seither hatte
es meistens leer gestanden, denn wer nicht verstand, vorweg dem
Verfalle ein wenig zu begegnen und die Lcher und Lcken, wo sie
entstanden, gleich irgendwie zu stopfen und zu flicken, der konnte da
nicht bleiben. Der Winter droben im Drfli war lang und kalt. Dann
blies und wehte es von allen Seiten durch die Rume, da die Lichter
auslschten und die armen Leute vom Frost geschttelt wurden. Aber der
hi wute sich zu helfen. Gleich nachdem er zu dem Entschlu gekommen
war, den Winter im Drfli zuzubringen, hatte er das alte Haus wieder
bernommen und war den Herbst durch fter heruntergekommen, um
darin alles so herzurichten, wie es ihm gefiel. Um die Mitte des
Oktobermonats war er dann mit dem Heidi heruntergezogen.

Kam man von hinten an das Haus heran, so trat man gleich in einen
offenen Raum ein, da war auf einer Seite die ganze Wand und auf der
anderen die halbe eingefallen. ber dieser war noch ein Bogenfenster
zu sehen, aber das Glas war lngst weg daraus, und dicker Efeu rankte
sich darum und hoch hinauf bis zur Decke, die noch zur Hlfte fest
war. Die war schn gewlbt, und man konnte gut sehen, das war die
Kapelle gewesen. Ohne Tr kam man weiter in eine groe Halle hinein,
da waren hier und da noch schne Steinplatten auf dem Boden, und
zwischendurch wuchs das Gras dicht empor. Da waren die Mauern auch
alle halb weg und groe Stcke der Decke dazu, und htten da nicht
ein paar dicke Sulen noch ein festes Stck der Decke getragen, so
htte man denken mssen, diese knne jeden Augenblick auf die Kpfe
derer niederfallen, die darunter standen. Hier hatte der hi einen
Bretterverschlag ringsum gemacht und den Boden dick mit Streu belegt,
denn hier in der alten Halle sollten die Geien logieren. Dann ging
es durch allerlei Gnge, immer halb offen, da einmal der Himmel
hereinguckte und einmal wieder die Wiese und der Weg drauen. Aber
zuvrderst, wo die schwere, eichene Tr noch fest in den Angeln hing,
kam man in eine groe, weite Stube hinein, die war noch gut. Da waren
noch die vier festen Wnde mit dem dunkeln Holzgetfel ohne Lcken,
und in der einen Ecke stand ein ungeheurer Ofen, der ging fast bis an
die Decke hinauf, und auf die weien Kacheln waren groe, blaue Bilder
hingemalt. Da waren alte Trme darauf, mit hohen Bumen ringsum, und
unter den Bumen ging ein Jger dahin mit seinen Hunden. Dann war
wieder ein stiller See unter weitschattigen Eichen, und ein Fischer
stand daran und hielt seine Rute weit in das Wasser hinaus. Um den
ganzen Ofen herum ging eine Bank, so da man da gleich hinsetzen
und die Bilder studieren konnte. Hier gefiel es dem Heidi sogleich.
Sowie es mit dem Grovater in die Stube eingetreten war, lief es
auf den Ofen zu, setzte sich auf die Bank und fing an die Bilder zu
betrachten. Aber wie es, auf der Bank weiter gleitend, bis hinter den
Ofen gelangte, nahm eine neue Erscheinung seine ganze Aufmerksamkeit
in Beschlag: In dem ziemlich groen Raume zwischen dem Ofen und der
Wand waren vier Bretter aufgestellt, so wie zu einem Apfelbehlter.
Darinnen lagen aber nicht pfel, da lag unverkennbar Heidis Bett, ganz
so, wie es oben auf der Alm gewesen war: ein hohes Heulager mit dem
Leintuch und dem Sack als Decke darauf. Das Heidi jauchzte auf:

Oh, Grovater, da ist meine Kammer, o wie schn! Aber wo mut du
schlafen?

Deine Kammer mu nahe beim Ofen sein, damit du nicht frierst, sagte
der Grovater, die meine kannst du auch sehen.

Das Heidi hpfte durch die weite Stube dem Grovater nach, der auf
der anderen Seite eine Tr aufmachte, die in einen kleinen Raum
hineinfhrte, da hatte der Grovater sein Lager errichtet. Dann kam
aber wieder eine Tr. Das Heidi machte sie geschwind auf und stand
ganz verwundert still, denn da sah man in eine Art von Kche hinein,
die war so ungeheuer gro, wie es noch nie in seinem Leben eine
gesehen hatte. Da war viel Arbeit fr den Grovater gewesen, und es
blieb auch noch immer viel zu tun brig, denn da waren Lcher und
weite Spalten in den Mauern auf allen Seiten, wo der Wind hereinpfiff,
und doch waren schon so viele mit Holzbrettern vernagelt worden,
da es aussah, als wren ringsum kleine Holzschrnke in der Mauer
angebracht. Auch die groe, uralte Tr hatte der Grovater wieder mit
vielen Drhten und Ngeln festzumachen verstanden, so da man sie
schlieen konnte, und das war gut, denn nachher ging es in lauter
verfallenes Gemuer hinaus, wo dickes Gestrpp emporwuchs und Scharen
von Kfern und Eidechsen ihre Wohnungen hatten.

Dem Heidi gefiel es wohl in der neuen Behausung, und schon am anderen
Tage, als der Peter kam, um zu sehen, wie es in der neuen Wohnung
zugehe, hatte es alle Winkel und Ecken so genau ausgeguckt, da es
ganz daheim war und den Peter berall herumfhren konnte. Es lie ihm
auch durchaus keine Ruhe, bis er ganz grndlich alle die merkwrdigen
Dinge betrachtet hatte, die der neue Wohnsitz enthielt.

Das Heidi schlief vortrefflich in seinem Ofenwinkel, aber am Morgen
meinte es doch immer, es sollte auf der Alp erwachen und es msse
gleich die Httentr aufmachen, um zu sehen, ob die Tannen darum nicht
rauschten, weil der hohe, schwere Schnee darauf liege und die ste
niederdrcke. So mute es jeden Morgen zuerst lange hin und her
schauen, bis es sich wieder besinnen konnte, wo es war, und jedesmal
fhlte es etwas auf seinem Herzen liegen, das es wrgte und drckte,
wenn es sah, da es nicht daheim sei auf der Alp. Aber wenn es dann
den Grovater reden hrte drauen mit dem Schwnli und dem Brli und
dann die Geien so laut und lustig meckerten, als wollten sie ihm
zurufen: Mach doch, da du einmal kommst, Heidi, dann merkte es, da
es doch daheim war, und sprang frhlich aus seinem Bette und dann so
schnell als mglich in den groen Geienstall hinaus. Aber am vierten
Tage sagte das Heidi sorglich: Heute mu ich gewi zur Gromutter
hinauf, sie kann nicht so lange allein sein.

Aber der Grovater war nicht einverstanden. Heute nicht und morgen
auch noch nicht, sagte er. Die Alm hinauf liegt der Schnee
klaftertief, und immer noch schneit es fort; kaum kann der feste
Peter durchkommen. Ein Kleines wie du, Heidi, wre auf der Stelle
eingeschneit und zugedeckt und nicht mehr zu finden. Wart noch ein
wenig, bis es friert, dann kannst du bequem ber die Schneedecke
hinaufspazieren.

Das Warten machte zuerst dem Heidi ein wenig Kummer. Aber die Tage
waren jetzt so angefllt von Arbeit, da immer einer unversehens dahin
war und ein anderer kam. Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging das
Heidi jetzt in die Schule im Drfli und lernte ganz eifrig, was da
zu lernen war. Den Peter sah es aber fast nie in der Schule, denn
meistens kam er nicht. Der Lehrer war ein milder Mann, der nur dann
und wann sagte: Es scheint mir, der Peter sei wieder nicht da. Die
Schule tte ihm doch gut, aber es liegt auch gar viel Schnee dort
hinauf, er wird wohl nicht durchkommen. Aber gegen Abend, wenn die
Schule aus war, kam der Peter meistens durch und machte seinen Besuch
beim Heidi.

Nach einigen Tagen kam die Sonne wieder hervor und warf ihre Strahlen
ber den weien Boden hin, aber sie ging ganz frh wieder hinter
die Berge hinab, so als gefalle es ihr lange nicht so gut
herunterzuschauen wie im Sommer, wenn alles grnte und blhte. Aber
am Abend kam der Mond ganz hell und gro herauf und leuchtete die
ganze Nacht ber die weiten Schneefelder hin, und am anderen Morgen
glitzerte und flimmerte die ganze Alp von oben bis unten wie ein
Kristall. Als der Peter wie die Tage vorher aus seinem Fenster in den
tiefen Schnee hinabspringen wollte, ging es ihm, wie er nicht erwartet
hatte. Er nahm einen Satz hinaus, aber anstatt ins Weiche hinab zu
kommen, schlug es ihn auf dem unerwartet harten Boden gleich um,
und unversehens fuhr er ein gutes Stck den Berg hinunter wie ein
herrenloser Schlitten. Sehr verwundert kam er schlielich wieder auf
seine Fe, und nun stampfte er mit aller Macht auf den Schneeboden,
um sich zu versichern, da auch wirklich mglich sei, was ihm soeben
begegnet war. Es war richtig: Wie er auch stampfte und einschlug
mit den Abstzen, kaum konnte er ein kleines Eissplitterchen
herausschlagen. Die ganze Alm war steinhart zugefroren. Das war dem
Peter eben recht: Er wute, da dieser Zustand der Dinge ntig war,
damit das Heidi einmal wieder da heraufkommen konnte. Schleunig kehrte
er um, schluckte seine Milch hinunter, welche die Mutter eben auf den
Tisch gestellt hatte, steckte sein Stcklein Brot in die Tasche und
sagte eilig: Ich mu in die Schule.

Ja, so geh und lern auch brav, sagte die Mutter beistimmend.

Der Peter kroch zum Fenster hinaus - denn nun war man eingesperrt um
des Eisberges willen vor der Tre -, zog seinen kleinen Schlitten nach
sich, setzte sich darauf und scho den Berg hinunter.

Es ging wie der Blitz, und als er beim Drfli da ankam, wo es gleich
weiter hinab gegen Maienfeld hin ging, fuhr der Peter weiter, denn es
kam ihm so vor, als mte er sich und dem Schlitten Gewalt antun, wenn
er auf einmal den Lauf einhalten wollte. So fuhr er zu, bis er ganz
unten in der Ebene ankam und es von selbst nicht mehr weiterging. Dann
stieg er ab und schaute sich um. Die Gewalt der Niederfahrt hatte ihn
noch ziemlich ber Maienfeld hinausgejagt. Jetzt bedachte er, da er
jedenfalls zu spt in die Schule kme, da sie schon lange begonnen
hatte, er aber zum Hinaufsteigen fast eine Stunde brauchte. So konnte
er sich alle Zeit lassen zur Rckkehr. Das tat er denn auch und
kam gerade oben im Drfli wieder an, als das Heidi aus der Schule
zurckgekehrt war und sich mit dem Grovater an den Mittagstisch
setzte. Der Peter trat herein, und da er diesmal einen besonderen
Gedanken mitzuteilen hatte, so lag ihm dieser obenauf, und er mute
ihn gleich beim Eintreten loswerden.

Es hat ihn, sagte der Peter, mitten in der Stube stillstehend.

Wen? Wen? General! Das tnt ziemlich kriegerisch, sagte der hi.

Den Schnee, berichtete Peter.

Oh! Oh! jetzt kann ich zur Gromutter hinauf! frohlockte das Heidi,
das die Ausdrucksweise des Peter gleich verstanden hatte. Aber
warum bist du denn nicht in die Schule gekommen? Du konntest ja gut
herunterschlittern, setzte es auf einmal vorwurfsvoll hinzu, denn dem
Heidi kam es vor, das sei nicht in der Ordnung, so drauen zu bleiben,
wenn man doch gut in die Schule gehen knnte.

Bin zu weit gekommen mit dem Schlitten, war zu spt, gab der Peter
zurck.

Das nennt man desertieren, sagte der hi, und Leute, die das tun,
nimmt man bei den Ohren, hrst du?

Der Peter ri erschrocken an seiner Kappe herum, denn vor keinem
Menschen auf der Welt hatte er einen so groen Respekt wie vor dem
Almhi.

Und dazu ein Anfhrer, wie du einer bist, der mu sich doppelt
schmen, so auszureien, fuhr der hi fort. Was meinst, wenn einmal
deine Geien eine da und die andere dort hinausliefen und sie wollten
dir nicht mehr folgen und nicht tun, was gut ist fr sie, was wrdest
du dann machen?

Sie hauen, entgegnete der Peter kundig.

Und wenn einmal ein Bub so tte wie eine ungebrdige Gei und er
wrde ein wenig durchgehauen, was wrdest du dann sagen?

Geschieht ihm recht, war die Antwort.

So, jetzt weit was, Geienoberst: Wenn du noch einmal auf deinem
Schlitten ber die Schule hinausfhrst zu einer Zeit, da du hinein
solltest, so komm dann nachher zu mir und hol dir, was dir dafr
gehrt.

Jetzt verstand der Peter den Zusammenhang der Rede und da er mit dem
Buben gemeint sei, der fortlaufe wie eine ungebrdige Gei. Er war
ganz getroffen von dieser hnlichkeit und schaute ein wenig bnglich
in die Winkel hinein, ob so etwas zu entdecken sei, wie er es in
solchen Fllen fr die Geien gebrauchte.

Aber ermunternd sagte nun der hi: Komm an den Tisch jetzt und halt
mit, dann geht das Heidi mit dir. Am Abend bringst du's wieder heim,
dann findest du dein Nachtessen hier.

Diese unerwartete Wendung der Dinge war dem Peter hchst erfreulich.
Sein Gesicht verzog sich nach allen Seiten vor Vergngen. Er gehorchte
unverzglich und setzte sich neben das Heidi hin. Das Kind aber hatte
schon genug und konnte gar nicht mehr schlucken vor Freude, da es
zur Gromutter gehen sollte. Es schob die groe Kartoffel und den
Ksebraten, die noch auf seinem Teller lagen, dem Peter zu, der von
der anderen Seite vom hi den Teller voll bekommen hatte, so da ein
ganzer Wall vor ihm aufgerichtet stand, aber der Mut zum Angriff
fehlte ihm nicht. Das Heidi rannte an den Schrank und holte sein
Mntelchen von der Klara hervor. Jetzt konnte es, ganz warm
eingepackt, mit der Kapuze ber dem Kopf, seine Reise machen. Es
stellte sich nun neben den Peter hin, und sobald dieser sein letztes
Stck eingeschoben hatte, sagte es: Jetzt komm! Dann machten sie
sich auf den Weg. Das Heidi hatte dem Peter sehr viel zu erzhlen vom
Schwnli und Brli, da sie beide am ersten Tage in dem neuen Stall
gar nicht hatten fressen wollen und da sie die Kpfe hatten hngen
lassen den ganzen Tag und keinen Ton von sich gegeben hatten. Und es
habe den Grovater gefragt, warum sie so tun. Dann habe er gesagt:
Sie tun so wie es in Frankfurt, denn sie seien noch nie von der Alm
heruntergekommen ihr Leben lang. Und das Heidi setzte hinzu: Du
solltest nur einmal erfahren, wie das ist, Peter.

Die beiden waren so fast oben angekommen, ohne da der Peter ein
einziges Wort gesagt htte, und es war auch, als ob ihn ein tiefer
Gedanke beschftigte, da er nicht einmal recht zuhren konnte wie
sonst. Als sie nun bei der Htte angekommen waren, stand der Peter
still und sagte ein wenig strrisch: Dann will ich noch lieber in die
Schule gehen, als beim hi holen, was er gesagt hat.

Das Heidi war derselben Meinung und bestrkte den Peter ganz eifrig
in seinem Vorsatz. Drinnen in der Stube sa die Mutter allein beim
Flickwerk. Sie sagte, die Gromutter msse die Tage im Bett bleiben,
es sei zu kalt fr sie, und dann sei ihr auch sonst nicht recht. Das
war dem Heidi etwas Neues; sonst sa die Gromutter immer an ihrem
Platz in der Ecke. Es rannte gleich zu ihr in die Kammer hinein. Sie
lag ganz von dem grauen Tuche umwickelt in ihrem schmalen Bett mit der
dnnen Decke.

Gott Lob und Dank! sagte die Gromutter gleich, als sie das Heidi
hereinspringen hrte. Sie hatte schon den ganzen Herbst durch eine
geheime Angst im Herzen gehabt, die sie noch immer verfolgte,
besonders wenn das Heidi eine Zeitlang nicht kam. Der Peter hatte
berichtet, wie ein fremder Herr aus Frankfurt gekommen sei und immer
mit auf die Weide komme und mit dem Heidi reden wolle, und die
Gromutter meinte nicht anders, als der Herr sei gekommen, das Heidi
wieder mit fortzunehmen. Wenn er auch nachher schon allein abreiste,
so stieg die Angst doch immer wieder in ihr auf, es knnte irgendein
Abgesandter von Frankfurt herkommen und das Kind wieder zurckholen.
Das Heidi sprang zu dem Bett der Kranken hin und fragte sorglich:
Bist du stark krank, Gromutter?

Nein, nein, Kind, beruhigte die Alte, indem sie das Heidi liebevoll
streichelte, der Frost ist mir nur ein wenig in die Glieder
gefahren.

Wirst du dann auf der Stelle gesund, wenn es wieder warm ist? fragte
eindringlich das Heidi weiter.

Ja, ja, will's Gott, noch vorher, da ich wieder an mein Spinnrad
kann. Ich meinte schon heute, ich wolle es probieren, morgen wird's
dann schon wieder gehen, sagte die Gromutter in zuversichtlicher
Weise, denn sie hatte schon gemerkt, da das Kind erschrocken war.

Ihre Worte beruhigten das Heidi, dem es sehr angst gewesen war,
denn krank im Bett hatte es die Gromutter noch nie getroffen. Es
betrachtete sie jetzt ein wenig verwundert, dann sagte es:

In Frankfurt legen sie einen Schal an zum Spazierengehen. Hast
du etwa gemeint, man msse ihn anlegen, wenn man ins Bett geht,
Gromutter?

Weit du, Heidi, entgegnete sie, ich nehme den Schal so um im Bett,
da ich nicht friere. Ich bin so froh darber, die Decke ist ein wenig
dnn.

Aber Gromutter, fing das Heidi wieder an, bei deinem Kopf geht es
bergab, wo es ganz bergauf gehen sollte; so mu ein Bett nicht sein.

Ich wei schon, Kind, ich spre es auch wohl, und die Gromutter
suchte auf dem Kissen, das wie ein dnnes Brett unter ihrem Kopfe
lag, einen besseren Platz zu gewinnen. Siehst du, das Kissen war nie
besonders dick, und jetzt habe ich so viele Jahre darauf geschlafen,
da ich es ein wenig flachgelegen habe.

O htt ich nur in Frankfurt die Klara gefragt, ob ich nicht mein Bett
mitnehmen knne, sagte jetzt das Heidi. Da hatte es drei groe,
dicke Kissen aufeinander, da ich gar nicht schlafen konnte und immer
weiter herunterrutschte, bis wo es flach war, und dann mute ich
wieder hinauf, weil man dort so schlafen mu. Knntest du so schlafen,
Gromutter?

Ja freilich, das macht warm, und man bekommt den Atem so gut, wenn
man so hoch liegen kann mit dem Kopf, sagte die Gromutter, ein wenig
mhsam ihren Kopf aufrichtend, so wie um eine hhere Stelle zu finden.
Aber wir wollen jetzt nicht von dem reden, ich habe ja dem lieben
Gott fr so vieles zu danken, was andere Alte und Kranke nicht haben.
Schon das gute Brtchen, das ich immer bekomme, und das schne, warme
Tuch hier und da du so zu mir kommst, Heidi. Willst du mir auch
wieder etwas lesen heute?

Das Heidi lief hinaus und holte das alte Liederbuch herbei. Nun suchte
es ein schnes Lied nach dem andern, denn es kannte sie jetzt wohl,
und es freute sich selbst, das alles wieder zu hren, es hatte ja seit
vielen Tagen die Verse alle, die ihm lieb waren, nicht mehr gehrt.

Die Gromutter lag mit gefalteten Hnden da, und auf ihrem Gesichte,
das erst so bekmmert ausgesehen hatte, lag jetzt ein so freudiges
Lcheln, als wre ihr eben ein groes Glck zuteil geworden.

Das Heidi hielt auf einmal inne.

Gromutter, bist du schon gesund geworden? fragte es.

Es ist mir wohl, Heidi, es ist mir wohl geworden darber. Lies es
noch fertig, willst du?

Das Kind las sein Lied zu Ende, und als die letzten Worte kamen:

    Wird mein Auge dunkler, trber,
    Dann erleuchte meinen Geist,
    Da ich frhlich zieh' hinber,
    Wie man nach der Heimat reist,

da wiederholte sie die Gromutter und dann noch einmal und noch
einmal, und auf ihrem Gesicht lag jetzt eine groe freudige Erwartung.
Dem Heidi wurde so wohl dabei. Der ganze sonnige Tag seiner Heimkehr
stieg vor ihm auf, und voller Freude rief es aus: Gromutter,
ich wei schon, wie es ist, wenn man nach der Heimat reist. Sie
antwortete nichts, aber sie hatte die Worte wohl vernommen, und der
Ausdruck, der dem Heidi so wohl getan hatte, blieb auf ihrem Gesicht.

Nach einer Weile sagte das Kind wieder: Jetzt wird's dunkel,
Gromutter, ich mu heim; aber ich bin so froh, da es dir jetzt
wieder wohl ist.

Die Gromutter nahm die Hand des Kindes in die ihrige und hielt sie
fest; dann sagte sie:

Ja, ich bin auch wieder so froh; wenn ich auch noch liegen bleiben
mu, so ist es mir doch wohl. Siehst du, das wei niemand, der es
nicht erfahren hat, wie das ist, wenn man viele, viele Tage so ganz
allein daliegt und hrt kein Wort von einem andern Menschen und kann
nichts sehen, nicht einen einzigen Sonnenstrahl. Dann kommen so
schwere Gedanken ber einen, da man manchmal meint, es knne nie mehr
Tag werden und man knne nicht mehr weiter. Aber wenn man dann einmal
wieder die Worte hrt, die du mir vorgelesen hast, so ist es, wie wenn
einem ein Licht davon aufgehen wrde im Herzen, an dem man sich wieder
freuen kann.

Jetzt lie die Gromutter die Hand des Kindes los, und nachdem es ihr
gute Nacht gesagt, lief es in die Stube zurck und zog den Peter eilig
hinaus, denn es war unterdessen Nacht geworden. Aber drauen stand der
Mond am Himmel und schien hell auf den weien Schnee, da es war, als
wolle der Tag schon wieder angehen. Der Peter zog seinen Schlitten
zurecht, setzte sich vorn darauf, das Heidi hinter ihn, und fort
schossen sie die Alm hinunter, nicht anders, als wren sie zwei Vgel,
die durch die Lfte sausen.

Als spter das Heidi auf seinem schnen, hohen Heubette hinter dem
Ofen lag, da kam ihm die Gromutter wieder in den Sinn, wie sie so
schlecht lag mit dem Kopfe, und dann mute es an alles denken, was sie
gesagt hatte, und an das Licht, das ihr die Worte im Herzen anznden.
Und es dachte: Wenn die Gromutter nur alle Tage die Worte hren
knnte, dann wrde es ihr jeden Tag einmal wohl. Aber es wute, nun
konnte eine ganze Woche, oder vielleicht auch zwei, vergehen, ehe es
wieder zu ihr hinauf durfte. Das kam dem Heidi so traurig vor, da
es immer strker nachsinnen mute, was es nur machen knnte, da die
Gromutter die Worte jeden Tag zu hren bekme. Auf einmal fiel ihm
die Hilfe ein, und es war so froh darber, da es meinte, es knne
gar nicht erwarten, da der Morgen wiederkomme und es seinen Plan
ausfhren knne. Auf einmal setzte das Heidi sich wieder ganz gerade
auf in seinem Bett, denn vor lauter Nachdenken hatte es ja sein
Nachtgebet noch nicht zum lieben Gott hinaufgeschickt, und das wollte
es doch nie mehr vergessen.

Als es nun so recht von Herzen fr sich und den Grovater und die
Gromutter gebetet hatte, fiel es auf einmal in sein weiches Heu
zurck und schlief ganz fest und friedlich bis zum hellen Morgen.



Der Winter dauert fort

Am andern Tage kam der Peter gerade zur rechten Zeit in die
Schule heruntergefahren. Sein Mittagessen hatte er in seinem Sack
mitgebracht, denn da ging es so zu: Wenn um Mittag die Kinder im
Drfli nach Hause gingen, dann setzten sich die einzelnen Schler, die
weit weg wohnten, auf die Klassentische, stemmten die Fe fest auf
die Bnke und breiteten auf den Knien die mitgebrachten Speisen aus,
um so ihr Mittagsmahl zu halten. Bis um ein Uhr konnten sie sich daran
vergngen, dann fing die Schule wieder an. Hatte der Peter einmal
einen solchen Schultag mitgemacht, dann ging er am Schlu zum hi
hinber und machte seinen Besuch beim Heidi.

Als er heute nach Schulschlu in die groe Stube beim hi eintrat,
scho das Heidi gleich auf ihn zu, denn gerade auf ihn hatte es
gewartet. Peter, ich wei etwas, rief es ihm entgegen.

Sag's, gab er zurck.

Jetzt mut du lesen lernen, lautete die Nachricht.

Hab's schon getan, war die Antwort.

Ja, ja, Peter, so mein ich nicht, eiferte jetzt das Heidi. Ich
meine so, da du es nachher kannst.

Kann nicht, bemerkte der Peter.

Das glaubt dir jetzt kein Mensch mehr und ich auch nicht, sagte das
Heidi sehr entschieden. Die Gromama in Frankfurt hat schon gewut,
da es nicht wahr ist, und sie hat mir gesagt, ich soll es nicht
glauben.

Der Peter staunte ber diese Nachricht.

Ich will dich schon lesen lehren, ich wei ganz gut, wie, fuhr das
Heidi fort. Du mut es jetzt einmal erlernen, und dann mut du alle
Tage der Gromutter ein Lied lesen oder zwei.

Das ist nichts, brummte der Peter.

Dieser hartnckige Widerstand gegen etwas, das gut und recht war
und dem Heidi so sehr am Herzen lag, brachte es in Aufregung. Mit
blitzenden Augen stellte es sich jetzt vor den Buben hin und sagte
bedrohlich:

Dann will ich dir schon sagen, was kommt, wenn du nie etwas lernen
willst: Deine Mutter hat schon zweimal gesagt, du mssest auch nach
Frankfurt, da du allerhand lernest, und ich wei schon, wo dort
die Buben in die Schule gehen. Beim Ausfahren hat mir die Klara das
furchtbar groe Haus gezeigt. Aber dort gehen sie nicht nur, wenn sie
Buben sind, sondern immerfort, wenn sie schon ganz groe Herren sind,
das habe ich selber gesehen. Und dann mut du nicht meinen, da nur
ein einziger Lehrer da ist wie bei uns, und ein so guter. Da gehen
immer ganze Reihen, viele miteinander in das Haus hinein, und alle
sehen ganz schwarz aus, wie wenn sie in die Kirche gingen, und haben
so hohe schwarze Hte auf den Kpfen - und das Heidi gab das Ma von
den Hten an vom Boden auf.

Dem Peter fuhr ein Schauder den Rcken hinauf.

Und dann mut du dort hinein unter alle die Herren, fuhr das Heidi
mit Eifer fort, und wenn es dann an dich kommt, so kannst du gar
nicht lesen und machst noch Fehler beim Buchstabieren. Dann kannst
du nur sehen, wie dich die Herren ausspotten, das ist dann noch viel
rger als die Tinette, und du solltest nur wissen, wie es ist, wenn
diese spottet.

So will ich, sagte der Peter halb klglich, halb rgerlich.

Im Augenblick war das Heidi besnftigt. So, das ist recht, dann
wollen wir gleich anfangen, sagte es erfreut, und geschftig zog es
den Peter an den Tisch hin und holte das ntige Werkzeug herbei.

In dem groen Paket der Klara hatte sich auch ein Bchlein befunden,
das dem Heidi wohlgefiel, und schon gestern nacht war es ihm in den
Sinn gekommen, das knne es gut zu dem Unterricht fr den Peter
gebrauchen, denn das war ein Abc-Bchlein mit Sprchen.

Jetzt saen die beiden am Tisch, die Kpfe ber das kleine Buch
gebeugt, und die Lehrstunde konnte beginnen.

Der Peter mute den ersten Spruch buchstabieren und dann wieder und
dann noch einmal, denn das Heidi wollte die Sache sauber und gelufig
haben.

Endlich sagte es: Du kannst's immer noch nicht, aber ich will dir ihn
jetzt einmal hintereinander lesen; wenn du weit, wie's heien mu,
kannst du's dann besser zusammenbuchstabieren. Und das Heidi las:

    Geht heut das A B C noch nicht,
    Kommst morgen du vors Schulgericht.

Ich geh nicht, sagte der Peter strrisch.

Wohin? fragte das Heidi.

Vor das Gericht, war die Antwort.

So mach, da du einmal die drei Buchstaben kennst, dann mut du ja
nicht gehen, bewies ihm das Heidi.

Jetzt setzte der Peter noch einmal an und repetierte beharrlich die
drei Buchstaben so lange fort, bis das Heidi sagte:

Jetzt kannst du die drei.

Da es aber nun bemerkt hatte, welch eine Wirkung der Spruch auf den
Peter ausgebt hatte, wollte es gleich noch ein wenig vorarbeiten fr
die folgenden Lehrstunden.

Wart, ich will dir jetzt noch die anderen Sprche lesen, fuhr es
fort, dann wirst du sehen, was alles noch kommen kann.

Und es begann sehr klar und verstndlich zu lesen:

    D E F G mu flieend sein,
    Sonst kommt ein Unglck hintendrein.

    Vergessen H I K,
    Das Unglck ist schon da.

    Wer am L M noch stottern kann,
    Zahlt eine Bu und schmt sich dann.

    Es gibt etwas, und wtest's du,
    Du lerntest schnell N O P Q.

    Stehst du noch an bei R S T,
    Kommt etwas nach, das tut dir weh.

Hier hielt das Heidi inne, denn der Peter war so muschenstill, da
es einmal sehen mute, was er mache. Alle die Drohungen und geheimen
Schrecknisse hatten ihm so zugesetzt, da er kein Glied mehr bewegte
und schreckensvoll das Heidi anstarrte.

Das rhrte sogleich sein mitleidiges Herz, und trstend sagte es: Du
mut dich nicht frchten, Peter; komm du jetzt nur jeden Abend zu mir,
und wenn du dann lernst wie heut, so kennst du allemal zuletzt die
Buchstaben, und dann kommt ja das andere nicht. Aber nun mut du alle
Tage kommen, nicht so, wie du in die Schule gehst; wenn es schon
schneit, es tut dir ja nichts.

Der Peter versprach, so zu tun, denn der erschreckende Eindruck hatte
ihn ganz zahm und willig gemacht. Jetzt trat er seinen Heimweg an.

Der Peter befolgte Heidis Vorschrift pnktlich, und jeden Abend
wurden mit Eifer die folgenden Buchstaben einstudiert und der Spruch
beherzigt.

Oft sa auch der Grovater in der Stube und hrte dem Exerzitium zu,
indem er vergnglich sein Pfeifchen rauchte, whrend es fter in
seinen Mundwinkeln zuckte, so, als ob ihn von Zeit zu Zeit eine groe
Heiterkeit bernehmen wollte.

Nach der groen Anstrengung wurde der Peter dann meistens
aufgefordert, noch dazubleiben und beim Abendessen mitzuhalten, was
ihn alsbald fr die ausgestandene Angst, die der heutige Spruch mit
sich gebracht hatte, reichlich entschdigte.


So gingen die Wintertage dahin. Der Peter erschien regelmig und
machte wirklich Fortschritte mit seinen Buchstaben.

Mit den Sprchen hatte er aber tglich zu fechten. Man war jetzt beim
U angelangt. Als das Heidi den Spruch las:

    Wer noch das U in V verdreht,
    Kommt dahin, wo er nicht gern geht,

da knurrte der Peter: Ja, wenn ich ginge! Aber er lernte doch
tchtig zu, so, als stehe er unter dem Eindruck, es knnte ihn doch
heimlich einer beim Kragen nehmen und dorthin bringen, wohin er nicht
gern ginge.

Am folgenden Abend las das Heidi:

    Ist dir das W noch nicht bekannt,
    Schau nach dem Rtlein an der Wand.

Da guckte der Peter hin und sagte hhnisch: Hat keins.

Ja, ja, aber weit du, was der Grovater im Kasten hat? fragte das
Heidi. Einen Stecken, fast so dick wie mein Arm, und wenn man ihn
herausnimmt, so kann man nur sagen: >Schau nach dem Stecken an der
Wand!<

Der Peter kannte den dicken Haselstock. Augenblicklich beugte er sich
ber sein W und suchte es zu erfassen.

Am anderen Tage hie es:

    Willst du noch das X vergessen,
    Kriegst du heute nix zu essen.

Da schaute der Peter forschend zu dem Schrank hinber, wo das Brot
und der Kse darinlagen, und sagte rgerlich: Ich habe ja gar nicht
gesagt, da ich das X vergessen wolle.

Es ist recht, wenn du das nicht vergessen willst, dann knnen wir
auch gleich noch einen lernen, schlug das Heidi vor, dann hast du
morgen nur noch einen einzigen Buchstaben.

Der Peter war nicht einverstanden. Aber schon las das Heidi:

    Machst du noch Halt beim Y,
    Kommst du mit Hohn und Spott davon.

Da stiegen vor Peters Augen alle die Herren in Frankfurt auf mit
den hohen schwarzen Hten auf den Kpfen und Hohn und Spott in den
Gesichtern. Augenblicklich warf er sich auf das Ypsilon und lie es
nicht wieder los, bis er es so gut kannte, da er die Augen zutun
konnte und doch noch wute, wie es aussah.

Am Tag darauf kam der Peter schon ein wenig hoch beim Heidi an, denn
da war ja nur noch ein einziger Buchstabe zu verarbeiten, und als ihm
das Heidi gleich den Spruch las:

    Wer zgernd noch beim Z bleibt stehn,
    Mu zu den Hottentotten gehn!,

da hhnte der Peter: Ja, wenn kein Mensch wei, wo die sind!

Freilich, Peter, das wei der Grovater schon, versicherte das
Heidi. Wart nur, ich will ihn geschwind fragen, wo sie sind, er ist
nur beim Herrn Pfarrer drben. Und schon war das Heidi aufgesprungen
und wollte zur Tr hinaus.

Wart, schrie jetzt der Peter in voller Angst, denn schon sah er in
seiner Einbildung den Almhi mitsamt dem Herrn Pfarrer daherkommen und
wie ihn die zwei nun gleich anpacken und den Hottentotten bersenden
wrden, denn er hatte ja wirklich nicht mehr gewut, wie das Z hie.
Sein Angstgeschrei lie das Heidi stillstehen.

Was hast du denn? fragte es verwundert.

Nichts! Komm zurck! Ich will lernen, stie der Peter mit
Unterbrechungen hervor. Aber das Heidi htte jetzt selbst gern gewut,
wo die Hottentotten seien, und es wollte durchaus den Grovater
fragen. Der Peter schrie ihm aber so verzweifelt nach, da es nachgab
und zurckkam. Nun mute er aber auch etwas tun dafr. Nicht nur wurde
das Z so manchmal wiederholt, da der Buchstabe fr alle Zeit in
seinem Gedchtnis festsitzen mute, sondern das Heidi ging gleich noch
zum Syllabieren ber, und an dem Abend lernte der Peter so viel, da
er um einen ganzen Ruck vorwrts kam. So ging es weiter Tag fr Tag.

Der Schnee war wieder weich geworden, und darberhin schneite es
neuerdings einen Tag um den andern, so da das Heidi wohl drei Wochen
lang gar nicht zur Gromutter hinauf konnte. Um so eifriger war es in
seiner Arbeit an dem Peter, da er es ersetzen knne beim Liederlesen.
So kam eines Abends der Peter heim vom Heidi, trat in die Stube ein
und sagte:

Ich kann's!

Was kannst du, Peterli? fragte erwartungsvoll die Mutter.

Das Lesen, antwortete er.

Ist auch das mglich! Hast du's gehrt, Gromutter? rief die
Brigitte aus.

Die Gromutter hatte es gehrt und mute sich auch sehr verwundern,
wie das zugegangen sei.

Ich mu jetzt ein Lied lesen, das Heidi hat's gesagt, berichtete
der Peter weiter. Die Mutter holte hurtig das Buch herunter, und die
Gromutter freute sich, sie hatte so lange kein gutes Wort gehrt. Der
Peter setzte sich an den Tisch hin und begann zu lesen. Seine Mutter
sa aufhorchend neben ihm; nach jedem Verse mute sie mit Bewunderung
sagen: Wer htte es auch denken knnen!

Auch die Gromutter folgte mit Spannung einem Verse nach dem andern,
sie sagte aber nichts dazu.

Am Tage nach diesem Ereignis traf es sich, da in der Schule in Peters
Klasse eine Lesebung stattfand. Als die Reihe an den Peter kommen
sollte, sagte der Lehrer:

Peter, mu man dich wieder bergehen, wie immer, oder willst du
einmal wieder - ich will nicht sagen lesen, ich will sagen: versuchen,
an einer Linie herumzustottern?

Der Peter fing an und las hintereinander drei Linien, ohne abzusetzen.

Der Lehrer legte sein Buch weg. Mit stummem Erstaunen blickte er auf
den Peter, so, als habe er desgleichen noch nie gesehen. Endlich
sprach er: Peter, an dir ist ein Wunder geschehen! Solange ich mit
unbeschreiblicher Geduld an dir gearbeitet habe, warst du nicht
imstande, auch nur das Buchstabieren richtig zu erfassen. Nun ich,
obwohl ungern, die Arbeit an dir als nutzlos aufgegeben habe,
geschieht es, da du erscheinst und hast nicht nur das Buchstabieren,
sondern ein ordentliches, sogar deutliches Lesen erlernt. Woher knnen
zu unserer Zeit denn noch solche Wunder kommen, Peter?

Vom Heidi, antwortete dieser.

Hchst verwundert schaute der Lehrer nach dem Heidi hin, das ganz
harmlos auf seiner Bank sa, so da nichts Besonderes an ihm zu sehen
war. Er fuhr fort:

Ich habe berhaupt eine Vernderung an dir bemerkt, Peter. Whrend du
frher oftmals die ganze Woche, ja mehrere Wochen hintereinander in
der Schule gefehlt hast, so bist du in der letzten Zeit nicht einen
Tag ausgeblieben. Woher kann eine solche Umwandlung zum Guten in dich
gekommen sein?

Vom hi, war die Antwort.

Mit immer grerem Erstaunen blickte der Lehrer vom Peter auf das
Heidi und von diesem wieder auf den Peter zurck.

Wir wollen es noch einmal versuchen, sagte er dann behutsam, und
noch einmal mute der Peter an drei Linien seine Kenntnisse erproben.
Es war richtig, er hatte lesen gelernt.

Sobald die Schule zu Ende war, eilte der Lehrer zum Herrn Pfarrer
hinber, um ihm mitzuteilen, was vorgefallen war und in welcher
erfreulichen Weise der hi und das Heidi in der Gemeinde wirkten.

Jeden Abend las jetzt der Peter daheim ein Lied vor. So weit gehorchte
er dem Heidi, weiter aber nicht, ein zweites unternahm er nie; die
Gromutter forderte ihn aber auch nie dazu auf.

Die Mutter Brigitte mute sich noch tglich verwundern, da der Peter
dieses Ziel erreicht hatte, und an manchen Abenden, wenn die Vorlesung
vorbei war und der Vorleser in seinem Bett lag, mute sie wieder zur
Gromutter sagen:

Man kann sich doch nicht genug freuen, da der Peterli das Lesen so
schn erlernt hat. Jetzt kann man gar nicht wissen, was noch aus ihm
werden kann.

Da antwortete einmal die Gromutter:

Ja, es ist so gut fr ihn, da er etwas gelernt hat; aber ich will
doch herzlich froh sein, wenn der liebe Gott nun bald den Frhling
schickt, da das Heidi auch wieder heraufkommen kann. Es ist doch, wie
wenn es ganz andere Lieder lse. Es fehlt so manchmal etwas in den
Versen, wenn sie der Peter liest, und ich mu es dann suchen, und dann
komme ich nicht mehr nach mit den Gedanken, und der Eindruck kommt mir
nicht ins Herz, wie wenn mir das Heidi die Worte liest.

Das kam aber daher, weil der Peter sich beim Lesen ein wenig
einrichtete, da er's nicht zu unbequem hatte. Wenn ein Wort kam, das
gar zu lang war oder sonst schlimm aussah, so lie er es lieber ganz
aus, denn er dachte, um drei oder vier Worte in einem Verse werde es
der Gromutter wohl gleich sein, es kommen ja dann noch viele. So kam
es, da es fast keine Hauptwrter mehr hatte in den Liedern, die der
Peter vorlas.



Die fernen Freunde regen sich

Der Mai war gekommen. Von allen Hhen strmten die vollen
Frhlingsbche ins Tal herab. Ein warmer, lichter Sonnenschein lag
auf der Alp. Sie war wieder grn geworden; der letzte Schnee war
weggeschmolzen, und von den lockenden Sonnenstrahlen geweckt, guckten
schon die ersten Blmchen mit ihren hellen Augen aus dem frischen
Grase heraus. Droben rauschte der frhliche Frhlingswind durch die
Tannen und schttelte ihnen die alten, dunkeln Nadeln fort, da die
jungen, hellgrnen herauskommen und die Bume herrlich schmcken
konnten. Hoch oben schwang wieder der alte Raubvogel seine Flgel
in den blauen Lften, und rings um die Almhtte lag der goldene
Sonnenschein warm am Boden und trocknete die letzten feuchten Stellen
auf, da man wieder hinsetzen konnte, wo man nur wollte.

Das Heidi war wieder auf der Alp. Es sprang dahin und dorthin und
wute gar nicht, wo es am schnsten war. Jetzt mute es dem Winde
lauschen, wie er tief und geheimnisvoll oben von den Felsen
heruntersauste, immer nher und immer mchtiger, und jetzt scho er in
die Tannen und rttelte und schttelte sie, und es war, als jauchze er
vor Vergngen, und das Heidi mute auch aufjauchzen und wurde dabei
hin und her geblasen wie ein Blttlein. Dann lief es wieder auf das
sonnige Pltzchen vor der Htte und setzte sich auf den Boden und
guckte in das kurze Gras hinein, zu entdecken, wie viele kleine
Blumenkelche sich ffnen wollten oder schon offen waren. Da hpften
und krochen und tanzten auch so viele lustige Mcken und Kferchen in
der Sonne herum und freuten sich, und das Heidi freute sich mit ihnen
und sog den Frhlingsduft, der aus dem frisch erschlossenen Boden
emporstieg, in langen Zgen ein und meinte, so schn sei es noch nie
auf der Alp gewesen. Den tausend kleinen Tierlein mute es so wohl
sein wie ihm, denn es war gerade, als summten und sngen sie in heller
Freude alle durcheinander:

Auf der Alp! Auf der Alp! Auf der Alp!

Vom Schopf hinter der Htte hervor ertnte es hie und da wie ein
eifriges Klopfen und Sgen, und das Heidi lauschte auch einmal
dorthin, denn das waren die alten, heimatlichen Tne, die es so gut
kannte, die von Anfang an zum Leben auf der Alp gehrt hatten. Jetzt
mute es aufspringen und auch einmal dorthin rennen, denn es mute
doch wissen, was beim Grovater vorging. Vor der Schopftr stand schon
fix und fertig ein schner neuer Stuhl, und am zweiten arbeitete der
Grovater mit geschickter Hand.

Oh, ich wei schon, was das gibt, rief das Heidi in Freuden aus.
Das ist ntig, wenn sie von Frankfurt kommen. Der ist fr die
Gromama und der, den du jetzt machst, fr die Klara, und dann... dann
mu noch einer sein, fuhr das Heidi zgernd fort, oder glaubst du
nicht, Grovater, da Frulein Rottenmeier auch mitkommt?

Das kann ich nun nicht sagen, meinte der Grovater, aber es ist
sicherer, einen Stuhl bereit zu haben, da wir sie zum Sitzen einladen
knnen, wenn sie kommt.

Das Heidi schaute nachdenklich auf die hlzernen Sthlchen ohne
Lehne hin und machte still seine Betrachtungen darber, wie Frulein
Rottenmeier und ein solches Sthlchen zusammenpassen wrden. Nach
einer Weile sagte es, bedenklich den Kopf schttelnd:

Grovater, ich glaube nicht, da sie darauf sitzt.

Dann laden wir sie auf das Kanapee mit dem schnen grnen
Rasenberzug ein, entgegnete ruhig der Grovater.

Als das Heidi noch nachsann, wo das schne Kanapee mit dem grnen
Rasenberzug sei, erscholl pltzlich von oben her ein Pfeifen und
Rufen und Rutenschwingen durch die Luft, da das Heidi sofort
wute, woran es war. Es scho hinaus und war augenblicklich von den
herabspringenden Geien umringt. Denen mute es wohl sein, wie es
dem Heidi war, wieder auf der Alp zu sein, denn sie machten so hohe
Sprnge und meckerten so lebenslustig wie noch nie, und das Heidi
wurde dahin und dorthin gedrngt, denn jede wollte ihm zunchst kommen
und ihre Freude bei ihm auslassen. Aber der Peter stie sie alle
weg, eine rechts und die andere links, denn er hatte dem Heidi eine
Botschaft zu berbringen. Als er zu ihm vorgedrungen war, hielt er ihm
einen Brief entgegen.

Da! sagte er, die weitere Erklrung der Sache dem Heidi selbst
berlassend. Es war sehr erstaunt.

Hast du denn auf der Weide einen Brief fr mich bekommen? fragte es
voller Verwunderung.

Nein, war die Antwort.

Ja, wo hast du ihn denn genommen, Peter?

Aus dem Brotsack.

Das war richtig. Gestern abend hatte der Postbeamte im Drfli ihm den
Brief an das Heidi mitgegeben. Den hatte der Peter in den leeren Sack
gelegt. Am Morgen hatte er seinen Kse und sein Stck Brot darauf
gepackt und war ausgezogen. Den hi und das Heidi hatte er wohl
gesehen, als er ihre Geien abholte, aber erst als er um Mittag mit
Brot und Kse zu Ende war und noch die Krumen herausholen wollte, war
der Brief wieder in seine Hand gekommen.

Das Heidi las aufmerksam seine Adresse ab, dann sprang es zum
Grovater in den Schopf zurck und streckte ihm in hoher Freude den
Brief entgegen: Von Frankfurt! Von der Klara! Willst du ihn gleich
hren, Grovater?

Das wollte dieser schon gern, und auch der Peter, der dem Heidi
gefolgt war, schickte sich zum Zuhren an. Er stemmte sich mit dem
Rcken gegen den Trpfosten an, um einen festen Halt zu haben, denn
so war es leichter, dem Heidi nachzukommen, wie es nun seinen Brief
herunterlas:


Liebes Heidi!

Wir haben schon alles verpackt, und in zwei oder drei Tagen wollen wir
abreisen, sobald Papa auch abreist, aber nicht mit uns, er mu zuerst
noch nach Paris reisen. Alle Tage kommt der Herr Doktor und ruft
schon unter der Tr: Fort! Fort! Auf die Alp! Er kann es gar nicht
erwarten, da wir gehen. Du solltest nur wissen, wie gern er selbst
auf der Alp war! Den ganzen Winter ist er fast jeden Tag zu uns
gekommen; dann sagte er immer, er komme zu mir, er msse mir wieder
erzhlen! Dann setzte er sich zu mir hin und erzhlte von allen Tagen,
die er mit Dir und dem Grovater auf der Alp zugebracht hat, und von
den Bergen und den Blumen und von der Stille so hoch oben ber allen
Drfern und Straen und von der frischen, herrlichen Luft; und er
sagte oft: Dort oben mssen alle Menschen wieder gesund werden. Er
ist auch selbst wieder so anders geworden, als er eine Zeitlang war,
ganz jung und frhlich sieht er wieder aus. Oh, wie freu ich mich, das
alles zu sehen und bei Dir auf der Alp zu sein und auch den Peter und
die Geien kennenzulernen! Erst mu ich in Ragaz etwa sechs Wochen
lang eine Kur machen, das hat der Herr Doktor befohlen, und dann
sollen wir im Drfli wohnen nachher, und ich soll dann an schnen
Tagen auf die Alp hinaufgefahren werden in meinem Stuhl und den Tag
ber bei Dir bleiben. Die Gromama kommt mit und bleibt bei mir;
sie freut sich auch, zu Dir hinaufzukommen. Aber denk, Frulein
Rottenmeier will nicht mit. Fast jeden Tag sagt die Gromama einmal:
Wie ist's mit der Schweizerreise, werte Rottenmeier? Genieren Sie
sich nicht, wenn Sie Lust haben mitzukommen. Aber sie dankt immer
furchtbar hflich und sagt, sie wolle nicht unbescheiden sein.
Aber ich wei schon, woran sie denkt: Der Sebastian hat eine so
erschreckliche Beschreibung von der Alp gemacht, als er von Deinem
Begleit nach Hause kam, wie furchtbare Felsen dort herunterstarren und
man berall in Klfte und Abgrnde niederstrzen knne und da es so
steil hinaufgehe, da man auf jedem Tritt befrchten msse, wieder
rcklings herunterzukommen, und da wohl Ziegen, aber keine Menschen
ohne Lebensgefahr da hinaufklettern knnen. Sie hat sehr geschaudert
vor dieser Beschreibung, und seither schwrmt sie nicht mehr fr
Schweizerreisen wie frher. Der Schrecken ist auch in die Tinette
gefahren, sie will auch nicht mit. So kommen wir allein, Gromama und
ich; nur Sebastian mu uns bis nach Ragaz begleiten, dann kann er
wieder heimkehren.

Ich kann es fast nicht erwarten, bis ich zu Dir kommen kann.

Lebe wohl, liebes Heidi, die Gromama lt Dich tausendmal gren.

Deine treue Freundin Klara.


Als der Peter diese Worte vernommen hatte, sprang er von dem
Trpfosten weg und hieb mit seiner Rute nach rechts und links so
rcksichtslos und wtend drein, da die Geien alle im hchsten
Schrecken die Flucht ergriffen und den Berg hinunterrannten in so
malosen Sprngen, wie sie noch selten gemacht hatten. Hinter ihnen
her strmte der Peter und hieb mit seiner Rute in die Luft hinein,
als habe er an einem unsichtbaren Feinde einen unerhrten Grimm
auszulassen. Dieser Feind war die Aussicht auf die Ankunft der Gste
aus Frankfurt, welche den Peter so sehr erbittert hatte.

Das Heidi war so voller Glck und Freude, da es durchaus am andern
Tage der Gromutter einen Besuch machen und ihr alles erzhlen mute,
wer nun von Frankfurt kommen und besonders auch, wer nicht kommen
werde. Das mute fr die Gromutter ja von der grten Wichtigkeit
sein, denn sie kannte die Personen alle so genau und lebte mit dem
Heidi alles, was zu seinem Leben gehrte, immerfort mit der tiefsten
Teilnahme durch. Es zog auch beizeiten aus am folgenden Nachmittag,
denn jetzt konnte es seine Besuche schon wieder allein unternehmen:
Die Sonne schien ja wieder hell und blieb lange am Himmel stehen,
und ber den trockenen Boden hin war es ein herrliches Bergabrennen,
whrend der lustige Maiwind hinterhersauste und das Heidi noch ein
wenig schneller hinunterjagte. Die Gromutter lag nicht mehr zu Bett.
Sie sa wieder in ihrer Ecke und spann. Es lag aber ein Ausdruck auf
ihrem Gesicht, als habe sie es mit schweren Gedanken zu tun. Das war
so seit gestern abend, und die ganze Nacht durch hatten diese Gedanken
sie verfolgt und nicht schlafen lassen. Der Peter war in seinem groen
Grimm heimgekommen, und sie hatte aus seinen abgebrochenen Ausrufungen
entnehmen knnen, da eine Schar von Leuten aus Frankfurt nach der
Almhtte hinaufkommen werde. Was dann weiter geschehen sollte, wute
er nicht, aber die Gromutter mute weiterdenken, und das waren gerade
die Gedanken, die sie ngstigten und ihr den Schlaf genommen hatten.

Jetzt sprang das Heidi herein und gerade auf die Gromutter zu, setzte
sich auf sein Schemelchen, das immer dastand, und erzhlte ihr mit
einem solchen Eifer alles, was es wute, da es selbst noch immer mehr
davon erfllt wurde. Aber auf einmal hrte es mitten in seinem Satze
auf und fragte besorgt:

Was hast du, Gromutter, freut dich alles gar kein bichen?

Doch, doch, Heidi, es freut mich schon fr dich, weil du eine so
groe Freude daran haben kannst, antwortete sie und suchte ein wenig
frhlich auszusehen.

Aber Gromutter, ich kann ganz gut sehen, da es dir angst ist.
Meinst du etwa, Frulein Rottenmeier komme doch noch mit? fragte das
Heidi, selber etwas ngstlich.

Nein, nein! Es ist nichts, es ist nichts! beruhigte die Gromutter.
Gib mir ein wenig deine Hand, Heidi, da ich recht spren kann, da
du noch da bist. Es wird ja doch zu deinem Besten sein, wenn ich es
auch fast nicht berleben kann.

Ich will nichts von dem Besten, wenn du es fast nicht berleben
kannst, Gromutter, sagte das Heidi so bestimmt, da dieser mit
einemmal eine neue Befrchtung aufstieg. Sie mute ja annehmen, da
die Leute aus Frankfurt kmen, das Heidi wiederzuholen, denn da es
nun wieder gesund war, konnte es ja nicht anders sein, als da sie es
wiederhaben wollten. Das war die groe Angst der Gromutter. Aber sie
fhlte jetzt, da sie es vor dem Heidi nicht merken lassen sollte.
Es war ja so mitleidig mit ihr, und da knnte es sich vielleicht
widersetzen und nicht gehen wollen, und das durfte nicht sein. Sie
suchte nach einer Hilfe, aber nicht lange, denn sie kannte nur eine.

Ich wei etwas, Heidi, sagte sie nun, das macht mir wohl und bringt
mir die guten Gedanken wieder. Lies mir das Lied, wo es gleich im
Anfang heit: >Gott will's machen.<

Das Heidi wute jetzt so gut Bescheid in dem alten Liederbuch, da
es auf der Stelle fand, was die Gromutter begehrte, und es las mit
hellem Ton:

    Gott will's machen,
    Da die Sachen
    Gehen, wie es heilsam ist.
    La die Wellen
    Immer schwellen,
    Denk, wie du so sicher bist!

Ja, ja, das ist's grad, was ich hren mute, sagte die Gromutter
erleichtert, und der Ausdruck der Bekmmernis verschwand aus ihrem
Gesichte. Das Heidi schaute sie nachdenklich an, dann sagte es:

Gelt, Gromutter, >heilsam< heit, wenn alles heilt, da es einem
wieder ganz wohl wird?

Ja, ja, so wird's sein, nickte bejahend die Gromutter, und weil
der liebe Gott es so machen will, so kann man ja sicher sein, wie's
auch kommt. Lies es noch einmal, Heidi, da wir's so recht behalten
knnen und nicht wieder vergessen.

Das Heidi las seinen Vers gleich noch einmal und dann noch ein
paarmal, denn die Sicherheit gefiel ihm auch so gut.

Als so der Abend herangekommen war und das Heidi wieder den Berg
hinaufwanderte, da kam ber ihm ein Sternlein nach dem andern heraus
und funkelte und leuchtete zu ihm herunter, und es war gerade, als
wollte jedes wieder neu ihm eine groe Freude ins Herz hineinstrahlen,
und alle Augenblicke mute das Heidi wieder stille stehen und
hinaufschauen, und wie sie alle ringsum am Himmel in immer hellerer
Freude herunterblickten, da mute es ganz laut hinaufrufen: Ja, ich
wei schon, weil der liebe Gott alles so gut wei, wie es heilsam
ist, kann man eine solche Freude haben und ganz sicher sein! Und die
Sternlein alle schimmerten und glnzten und winkten dem Heidi zu mit
ihren Augen fort und fort, bis es oben bei der Htte angekommen war,
wo der Grovater stand und auch zu den Sternen hinaufschaute, denn so
schn hatten sie lange nicht mehr heruntergestrahlt.

Nicht nur die Nchte, auch die Tage dieses Maimonats waren so hell
und klar wie seit vielen Jahren nicht mehr, und fters schaute der
Grovater am Morgen mit Erstaunen zu, wie die Sonne mit derselben
Pracht am wolkenlosen Himmel wieder aufstieg, wie sie niedergegangen
war, und er mute wiederholt sagen: Das ist ein apartes Sonnenjahr;
das gibt besondere Kraft in die Kruter. Pa auf, Anfhrer, da deine
Springer nicht zu bermtig werden vom guten Futter!

Dann schwang der Peter ganz khn seine Rute in der Luft, und auf
seinem Gesicht stand deutlich die Antwort geschrieben: Mit denen will
ich's schon aufnehmen.

So verflo der grnende Mai, und es kam der Juni mit seiner noch
wrmeren Sonne und den langen, langen lichten Tagen, die alle Blmlein
auf der ganzen Alp herauslockten, da sie glnzten und glhten
ringsum und die ganze Luft weit umher mit ihrem sen Duft erfllten.
Schon ging auch dieser Monat seinem Ende entgegen, als das Heidi
eines Morgens aus der Htte herausgesprungen kam, wo es seine
Morgengeschfte schon vollendet hatte. Es wollte schnell einmal unter
die Tannen hinaus und dann ein wenig weiter hinauf, um zu sehen, ob
der ganze groe Busch von dem Tausendgldenkraut offenstehe, denn die
Blmchen waren so entzckend schn in der durchscheinenden Sonne. Aber
als das Heidi um die Htte herumrennen wollte, schrie es auf einmal
aus allen Krften so gewaltig auf, da der hi aus dem Schopf
heraustrat, denn das war etwas Ungewhnliches.

Grovater! Grovater! rief das Kind wie auer sich. Komm hierher!
Komm hierher! Sieh! Sieh!

Der Grovater erschien auf den Ruf, und sein Blick folgte dem
ausgestreckten Arm des aufgeregten Kindes.

Die Alm herauf schlngelte sich ein seltsamer Zug, wie noch nie einer
hier gesehen worden war. Zuerst kamen zwei Mnner mit einem offenen
Tragsessel, darauf sa ein junges Mdchen, in viele Tcher eingehllt.
Dann kam ein Pferd, darauf sa eine stattliche Dame, die sehr lebhaft
nach allen Seiten blickte und sich eifrig mit dem jungen Fhrer
unterhielt, der ihr zur Seite ging. Dann kam ein leerer Rollstuhl,
von einem andern jungen Burschen gestoen, denn die Kranke, die
hineingehrte, wurde den steilen Berg hinan auf dem Tragsessel
sicherer transportiert. Zuletzt kam ein Trger, der hatte auf sein
Reff so viele Decken, Tcher und Pelze bereinandergehuft, da sie
oben noch hoch ber seinen Kopf hinausragten.

Sie sind's! Sie sind's! schrie das Heidi und hpfte hoch auf vor
Freude. Sie waren es wirklich. Nun kamen sie nher und nher, und nun
waren sie da. Die Trger setzten ihren Sessel auf die Erde, das Heidi
sprang herzu, und die beiden Kinder begrten sich mit ungeheurer
Freude. Jetzt war auch die Gromama oben und stieg von ihrem
Pferde herunter. Das Heidi rannte zu ihr hin und wurde mit groer
Zrtlichkeit begrt. Dann wandte sich die Gromama zum Almhi um, der
sich genaht hatte, um sie zu bewillkommnen. Da war gar keine Steifheit
in der Begrung, denn sie kannte ihn und er sie so gut, als htten
sie schon lange Zeit miteinander verkehrt.

Gleich nach den ersten Worten der Begrung sagte auch die Gromama
mit groer Lebhaftigkeit: Mein lieber hi, was haben Sie fr einen
Herrensitz! Wer htte das gedacht! Mancher Knig knnte Sie darum
beneiden! Wie sieht auch mein Heidi aus! Wie ein Monatsrschen! fuhr
sie fort, indem sie das Kind an sich zog und ihm die frischen Backen
streichelte. Was ist das fr eine Herrlichkeit um und um! Was sagst
du, Klrchen, mein Kind, was sagst du!

Klara schaute in vlligem Entzcken um sich. So etwas hatte sie ja in
ihrem ganzen Leben nicht gekannt, nicht geahnt.

Oh, wie schn ist's da! Oh, wie schn ist's da! rief sie einmal ums
andere aus. So hab ich mir's nicht gedacht. O Gromama, hier mcht
ich bleiben!

Der hi hatte derweilen den Rollstuhl herbeigerckt und einige der
Tcher vom Reff heruntergenommen und hineingebettet. Jetzt trat er an
den Tragsessel heran.

Wenn wir das Tchterchen nun in den gewohnten Stuhl setzten, so
wre es besser daran, der Reisesessel ist ein wenig hart, sagte er,
wartete aber nicht darauf, ob da jemand Hand anlegen werde, sondern
hob sofort die kranke Klara mit seinen starken Armen sachte aus dem
Strohsessel und setzte sie mit der grten Sorgfalt auf den weichen
Sitz hin. Dann legte er die Tcher ber die Knie zurecht und bettete
ihr die Fe so bequem auf die Polster, als htte der hi sein Leben
lang nichts getan, als Menschen mit kranken Gliedern gepflegt. Die
Gromama hatte im hchsten Erstaunen zugeschaut.

Mein lieber hi, brach sie jetzt aus, wenn ich wte, wo Sie die
Krankenpflege erlernt haben, noch heute schickte ich alle Wrterinnen,
die ich kenne, dahin, da sie dasselbe tun. Wie ist denn so etwas
mglich?

Der hi lchelte ein wenig. Es kommt mehr vom Probieren als vom
Studieren, entgegnete er, aber auf seinem Gesichte lag trotz des
Lchelns ein Zug der Traurigkeit. Vor seinen Augen war aus lngst
vergangener Zeit das leidende Antlitz eines Mannes aufgestiegen, der
so in einen Stuhl gebettet dasa und so verstmmelt war, da er kaum
ein Glied mehr gebrauchen konnte. Das war sein Hauptmann, den er
in Sizilien nach dem heien Gefechte so an der Erde gefunden und
weggetragen hatte und der ihn nachher als einzigen Pfleger um sich
litt und nicht mehr von sich gelassen hatte, bis seine schweren Leiden
zu Ende waren. Der hi sah seinen Kranken wieder vor sich; es war ihm
nicht anders, als ob es jetzt seine Sache sei, die kranke Klara zu
pflegen und ihr alle die erleichternden Dienstleistungen zu erweisen,
die er so wohl kannte.

Der Himmel lag dunkelblau und wolkenlos ber der Htte und ber
den Tannen und weit ber die hohen Felsen weg, die grau schimmernd
hineinragten. Klara konnte sich gar nicht genug umschauen, sie war
ganz voller Entzcken ber alles, was sie sah.

O Heidi, wenn ich nur mit dir herumgehen knnte, hier rund um die
Htte und unter die Tannen! rief sie sehnschtig aus. Wenn ich doch
alles mit dir ansehen knnte, was ich schon so lange kenne und doch
noch nie gesehen habe!

Jetzt machte das Heidi eine groe Anstrengung, und richtig, es gelang,
der Stuhl rollte ganz schn ber den trockenen Grasboden hin bis unter
die Tannen. Hier wurde haltgemacht. So etwas hatte ja Klara wieder
in ihrem Leben nie gesehen, wie die hohen, alten Tannen waren, deren
lange, breite ste bis auf den Boden herabwuchsen und da immer grer
und dicker wurden. Auch die Gromama, die den Kindern gefolgt war,
stand in hoher Bewunderung da. Sie wute nicht, was das schnste an
den uralten Bumen war, ob die vollen, rauschenden Wipfel hoch oben im
Blau oder die geraden, festen Sulenstmme, die mit ihren gewaltigen
sten von so vielen, vielen Jahren erzhlten, die sie schon da oben
gestanden und auf das Tal niedergeschaut hatten, wo die Menschen kamen
und gingen und immer wieder alles anders wurde, und sie waren immer
dieselben geblieben.

Unterdessen hatte das Heidi den Rollstuhl vor den Geienstall
hingeschoben und hatte da die kleine Tr weit aufgerissen, damit
Klara auch alles recht sehen knne. Da war nun freilich fr diesmal
nicht sehr viel zu sehen, da die Bewohner nicht daheim waren. Ganz
bedauerlich rief Klara zurck:

O Gromama, wenn ich doch nur Schwnli und Brli noch erwarten knnte
und alle die anderen Geien und den Peter! Die kann ich ja alle gar
nicht sehen, wenn wir dann immer so frh fort mssen, wie du gesagt
hast; das ist so schade!

Liebes Kind, jetzt erfreuen wir uns an all dem Schnen, das da ist,
und denken nicht daran, was noch fehlen knnte, berichtigte die
Gromama, dem Stuhle folgend, der nun wieder weitergeschoben wurde.

Oh, die Blumen! schrie Klara wieder auf. Ganze Bsche so feine,
rote Blmchen und alle die nickenden Blauglckchen! Oh, wenn ich doch
heraus knnte und sie holen!

Das Heidi rannte augenblicklich hin und brachte einen groen Strau
zurck.

Aber das ist noch gar nichts, Klara, sagte es, die Blumen auf ihren
Scho legend. Wenn du einmal mit uns auf die Weide hinaufkommst, dann
wirst du erst etwas sehen! Auf einem Platz zusammen so viele, viele
Bsche von dem roten Tausendgldenkraut und noch viel, viel mehr blaue
Glockenblmchen als hier und so viele tausend von den hellen, gelben
Weiderschen, da es ist wie lauter Gold, das am Boden glnzt. Und
dann sind erst noch die mit den groen Blttern, der Grovater sagt,
sie heien Sonnenaugen, und dann sind noch die braunen, weit du, mit
den runden Kpfchen, die riechen so gut, und da ist es so schn! Wenn
man da sitzt, dann kann man gar nicht mehr aufstehen, so schn ist
es!

Heidis Augen funkelten vor Verlangen wiederzusehen, was es beschrieb,
und Klara war wie angezndet davon, und aus ihren sanften blauen Augen
leuchtete ein vlliger Widerschein von Heidis feurigem Verlangen auf.

O Gromama, kann ich wohl dahin kommen? Glaubst du, ich kann so hoch
hinauf? fragte sie sehnschtig. Oh, wenn ich nur gehen knnte,
Heidi, und so mit dir auf der Alp herumsteigen, berallhin!

Ich will dich schon stoen, beruhigte sie das Heidi und nahm nun zum
Zeichen, wie leicht das gehe, einen solchen Anlauf um die Ecke herum,
da der Stuhl fast den Berg hinuntergeflogen wre. Da stand aber der
Grovater in der Nhe und hielt ihn eben noch rechtzeitig auf in
seinem Lauf.

Whrend der Besuch unter den Tannen stattgefunden hatte, war der
Grovater nicht mig gewesen. Bei der Bank vor der Htte stand jetzt
der Tisch und die ntigen Sthle, und alles lag schon bereit, damit
hier das schne Mittagsmahl eingenommen werden konnte, das noch in
der Htte drinnen im Kessel dampfte und an der groen Gabel ber
den Gluten schmorte. Es whrte aber gar nicht lange, so hatte der
Grovater alles auf den Tisch gesetzt, und frhlich sa nun die ganze
Gesellschaft beim Mahle.

Die Gromama war in hellem Entzcken ber diesen Speisesaal, von
dem aus man weit, weit hinab ins Tal und ber alle Berge weg in den
blauen Himmel hinein schauen konnte. Ein milder Wind fchelte den
Tischgenossen liebliche Khlung zu und suselte drben in den Tannen
so anmutig, als wre er eine eigens zum Feste bestellte Tafelmusik.

So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Es ist eine wahre
Herrlichkeit! rief die Gromama wieder und wieder aus. Aber was seh
ich, setzte sie jetzt in hchster Bewunderung hinzu, ich glaube gar,
du bist an einem zweiten Stck Ksebraten angekommen, Klrchen?

Wirklich lag das zweite golden glnzende Stck auf Klaras
Brotschnitte.

Oh, das schmeckt so gut, Gromama, besser als die ganze Tafel in
Ragaz, versicherte Klara und bi mit groem Appetit in die gewrzige
Speise hinein.

Nur zu! Nur zu! sagte der Almhi wohlgefllig. Das ist unser
Bergwind, der hilft nach, wo die Kche zurckbleibt.

So nahm das frhliche Mahl seinen Verlauf. Die Gromama und der Almhi
verstanden sich ausnehmend wohl, und ihr Gesprch war immer lebhafter
geworden. Sie stimmten in allerhand Meinungen ber Menschen und Dinge
und den Verlauf der Welt so gut berein, da es war, als htten die
beiden schon jahrelang in einem freundschaftlichen Verkehr gestanden.
So ging eine gute Zeit dahin, und auf einmal schaute die Gromama
gegen Abend hin und sagte:

Wir mssen uns bald rsten, Klrchen, die Sonne ist schon weit
vorgerckt; die Leute mssen bald wiederkommen mit Pferd und Sessel.

Aber auf das eben noch so frhliche Gesicht der Klara kam ein ganz
trauriger Ausdruck, und sie bat eindringlich: Oh, nur noch eine
Stunde, Gromama, oder zwei! Wir haben ja die Htte noch gar nicht
gesehen und Heidis Bett und die ganze Einrichtung. Oh, wenn der Tag
nur noch zehn Stunden htte!

Das ist nun nicht gut mglich, meinte die Gromama, aber die Htte
wollte sie auch gern noch ansehen. Man brach also gleich vom Tische
auf, und der hi lenkte den Stuhl mit fester Hand der Tre zu. Aber
hier ging es nicht weiter, der Stuhl war viel zu breit, um durch die
ffnung eingehen zu knnen. Der hi besann sich nicht lange. Er hob
Klara heraus und trug sie auf seinem sicheren Arm in die Htte hinein.

Hier lief die Gromama hin und her und besah sich genau die ganze
Einrichtung und hatte ihren groen Spa an der ganzen Huslichkeit,
die so hbsch aufgerumt und wohlgeordnet aussah. Das ist ja wohl
dein Bett dort auf der Hhe, Heidi, nicht wahr? fragte sie jetzt und
stieg gleich unerschrocken das Leiterchen hinauf zum Heuboden. Oh,
wie das hbsch duftet, das mu ein gesundes Schlafgemach sein! Und
die Gromama ging zu dem Loche hin und guckte durch, und schon stieg
auch der Grovater mit der Klara auf dem Arm nach, und hinterdrein
hpfte das Heidi herauf.

Jetzt standen sie alle um Heidis schn aufgerstetes Heubett herum,
und ganz nachdenklich schaute die Gromama darauf hin und zog von Zeit
zu Zeit in langen Atemzgen den wrzigen Duft des frischen Heues mit
Behagen ein. Klara war von Heidis Schlafsttte vllig hingerissen.

O Heidi, wie lustig hast du's doch! Vom Bett aus siehst du gerade in
den Himmel hinein und hast einen so schnen Geruch um dich und hrst
die Tannen rauschen drauen. Oh, so lustig und kurzweilig hab ich noch
gar kein Schlafzimmer gesehen!

Der hi schaute jetzt zu der Gromama hinber.

Ich htte so meine Gedanken, sagte er, wenn die Frau Gromama mir
glauben wollte und ihr die Sache nicht widerstrebte. Ich meine, wenn
wir das Tchterchen ein wenig hier oben behielten, so knnte es zu
neuen Krften kommen. Es sind da so allerhand Tcher und Decken
mitgekommen, aus denen bereiten wir hier ein ganz apart weiches Bett,
und um die Pflege des Tchterchens mte die Frau Gromama keine Sorge
haben, die bernehme ich.

Klara und Heidi jauchzten miteinander auf wie zwei freigelassene
Vgel, und ber das Gesicht der Gromama kam ein ganzer Sonnenschein.

Mein lieber hi, Sie sind ein prchtiger Mann! brach sie aus. Was
meinen Sie, was ich eben jetzt dachte? Ich sagte im stillen: Mte
nicht ein Aufenthalt hier oben das Kind ganz besonders strken? Aber
die Pflege! Die Sorge! Die Unbequemlichkeit fr den Wirt! Und Sie
kommen und sprechen es aus, so als wre da gar nichts dabei. Ich
mu Ihnen danken, mein lieber hi, ich mu Ihnen von ganzem Herzen
danken! Und die Gromama schttelte dem hi die Hand ein Mal ums
andere und immer wieder, und der hi schttelte auch die ihrige mit
einem ganz erfreuten Gesicht.

Sofort ging der hi zur Tat ber. Er trug Klara in ihren Sessel vor
die Htte zurck, vom Heidi gefolgt, das nicht wute, wie hoch es vor
Freude springen wollte. Dann lud er gleich die smtlichen Tcher und
Pelzdecken auf seine Arme und sagte wohlgefllig lchelnd: Es ist
gut, da die Frau Gromama so wie zu einem Winterfeldzug gerstet
hatte: Das knnen wir brauchen.

Mein lieber hi, antwortete die Herzutretende lebhaft, Vorsicht
ist eine schne Tugend und schtzt vor manchem Ungemach. Wenn man auf
den Reisen ber Ihre Gebirge ohne Sturm und Wind und Wolkenbrche
davonkommt, so kann man nur danken, und das wollen wir tun, und meine
Schutzmittelchen sind auch so noch gut zu gebrauchen; darin sind wir
einig.

Whrend dieses kleinen Gesprches waren die beiden nach dem
Heuboden hinaufgestiegen und begannen nun die Tcher ber das Bett
hinzubreiten, eins nach dem andern. Da waren ihrer so viele, da das
Bett zuletzt aussah wie eine kleine Festung.

Jetzt soll mir noch ein einziger Heuhalm durchstechen, wenn er kann,
sagte die Gromama, indem sie noch einmal mit der Hand auf allen
Seiten eindrckte, aber die weiche Mauer war so undurchdringlich,
da wirklich keiner mehr durchstach. Nun stieg sie befriedigt die
Leiter hinunter und trat zu den Kindern heraus, die mit strahlenden
Angesichtern nahe zusammensaen und ausmachten, was sie nun tun
wollten vom Morgen bis zum Abend, solange Klara auf der Alp bleiben
durfte. Aber wie lange wrde das sein? Das war nun die groe Frage,
welche augenblicklich der Gromama vorgelegt wurde. Die sagte, das
wisse der Grovater am besten, ihn mten sie fragen, und als dieser
eben herzutrat und nun die Frage an ihn gerichtet wurde, meinte er,
vier Wochen seien gerade recht, um beurteilen zu knnen, ob die
Alpluft ihre Schuldigkeit an dem Tchterchen tue oder nicht. Jetzt
jubelten die Kinder erst recht auf, denn die Aussicht auf solches
Zusammenbleiben bertraf alle ihre Erwartungen.

Nun sah man von unten herauf wieder die Sesseltrger und den
Pferdefhrer mit seinem Tier heranrcken. Die ersteren konnten gleich
wieder umkehren.

Als die Gromama sich anschickte, ihr Pferd zu besteigen, rief Klara
frhlich aus: O Gromama, das ist nun gar kein Abschied, wenn du
schon fortreitest, denn nun kommst du von Zeit zu Zeit zu uns zum
Besuch auf die Alp, um zu sehen, was wir machen, und das ist dann so
lustig, nicht, Heidi?

Heidi, das heute von einem Vergngen ins andere fiel, konnte seine
zustimmende Antwort nur durch einen hohen Freudensprung ausdrcken.

Nun bestieg die Gromama das feste Saumtier, und der hi ergriff
den Zgel und fhrte das Pferd mit sicherer Hand den steilen Berg
hinunter. Wie auch die Gromama eiferte, er mchte doch nicht so weit
mitgehen, es half nichts: Der hi erklrte, er werde ihr sein Geleit
bis zum Drfli hinunter geben, da die Alp so steil und der Ritt nicht
ohne Gefahr sei.

In dem einsamen Drfli gedachte die Gromama, nun sie allein war,
nicht zu bleiben. Sie wollte nach Ragaz zurckkehren und von dort aus
dann von Zeit zu Zeit ihre Alpenreise wiederholen.

Noch bevor der hi wieder zurckgekehrt war, kam der Peter mit seinen
Geien dahergerannt. Als diese merkten, wo das Heidi war, strzten sie
alle der Stelle zu. Im Augenblick war die Klara in ihrem Stuhle samt
dem Heidi mitten in dem Rudel drinnen, und drngend und stoend guckte
immer eine der Geien ber die andere her, und jede wurde gleich vom
Heidi der Klara genannt und vorgestellt.

So kam es, da diese in der krzesten Zeit die langerwnschte
Bekanntschaft mit dem kleinen Schneehppli, dem lustigen Distelfink,
den sauberen Geien des Grovaters, mit allen, allen bis hinauf zum
groen Trk gemacht hatte. Der Peter aber stand derweilen abseits und
warf seltsam drohende Blicke auf die vergngte Klara hin.

Als nun die Kinder beide freundlich zu ihm hinberriefen: Gute Nacht,
Peter!, gab er durchaus keine Antwort, sondern hieb mit seiner
Rute so grimmig in die Luft hinein, als wollte er diese vllig
entzweischlagen. Dann lief er davon und sein Gefolge hinter ihm her.

Zu allem Schnen, das Klara heute auf der Alp schon gesehen hatte, kam
nun noch der Schlu.

Als sie oben auf dem Heuboden auf dem groen, weichen Bette lag, zu
dem nun auch das Heidi emporkletterte, da schaute sie durch das offene
runde Loch gerade mitten in die schimmernden Sterne hinein, und voller
Entzcken rief sie aus:

O Heidi, sieh, es ist gerade, wie wenn wir auf einem hohen Wagen in
den Himmel hineinfahren wrden!

Ja, und weit du, warum die Sterne so voller Freude sind und uns so
mit den Augen winken? fragte das Heidi.

Nein, das wei ich nicht; was meinst du denn? fragte Klara zurck.

Weil sie droben im Himmel sehen, wie der liebe Gott alles so gut
einrichtet fr die Menschen, da sie gar keine Angst haben mssen und
ganz sicher sein knnen, weil alles so kommt, wie es heilsam ist. Das
freut sie so; sieh, wie sie winken, da wir auch so frhlich sein
sollen! Aber weit du, Klara, wir mssen auch nicht vergessen zu
beten, wir mssen recht den lieben Gott bitten, da er auch an uns
denke, wenn er alles so schn einrichtet, da wir auch immer so sicher
sein knnen und uns vor gar nichts frchten mssen.

Jetzt richteten sich die Kinder noch einmal auf und sagten jedes
sein Nachtgebet. Dann legte sich das Heidi auf seinen runden Arm und
schlief augenblicklich ein. Aber Klara blieb noch lange wach, denn
etwas so Wunderbares wie diese Schlafsttte im Sternenschein hatte sie
noch in ihrem Leben nicht gesehen.

Sie hatte ja berhaupt kaum je die Sterne gesehen, denn auer dem
Hause war sie des Nachts nie gewesen, und drinnen wurden die dichten
Vorhnge lngst niedergelassen, bevor die Sterne kamen. Wenn sie nun
jetzt die Augen zumachen wollte, mute sie sie gleich noch einmal
aufschlagen, um zu sehen, ob denn die beiden groen, hellen Sterne
immer noch hereinfunkelten und so merkwrdig winkten, wie das Heidi
gesagt hatte. Und immer noch war es so, und Klara konnte es nicht
genug bekommen, in das Flimmern und Leuchten hineinzuschauen, bis
endlich ihre Augen von selbst zufielen und sie nur im Traume noch die
zwei groen, schimmernden Sterne sah.



Wie es auf der Alp weitergeht

Eben war die Sonne hinter den Felsen heraufgestiegen und warf nun ihre
goldenen Strahlen ber die Htte und ber das Tal hinab. Der Almhi
hatte, wie er jeden Morgen tat, still und andchtig zugeschaut, wie
ringsum auf den Hhen und im Tal die leichten Nebel sich lichteten
und das Land aus dem Dmmerschatten herausschaute und zum neuen Tage
erwachte.

Heller und heller wurden oben die lichten Morgenwolken, bis jetzt
die Sonne vllig heraustrat und Fels und Wald und Hgel mit goldenem
Lichte bergo.

Jetzt trat der hi in seine Htte zurck und ging leise die kleine
Leiter hinauf. Klara hatte eben die Augen aufgeschlagen und schaute in
der hchsten Verwunderung auf die hellen Sonnenstrahlen, die durch das
runde Loch hereindrangen und auf ihrem Bette tanzten und blitzten.
Sie wute gar nicht, was sie sah und wo sie war. Doch jetzt erblickte
sie das schlafende Heidi an ihrer Seite, und nun ertnte auch die
freundliche Stimme des Grovaters: Gut geschlafen? Nicht mde? Klara
versicherte, sie sei nicht mde, und, einmal eingeschlafen, sei sie
auch die ganze Nacht nicht mehr erwacht. Das gefiel dem Grovater,
und nun fing er gleich an und besorgte die Klara so gut und so
verstndnisvoll, als wre es geradezu sein Beruf, kranke Kinder zu
besorgen und es ihnen bequem zu machen.

Das Heidi hatte seine Augen jetzt auch aufgemacht und sah auf einmal
mit Erstaunen, wie der Grovater die schon fertig gerstete Klara auf
den Arm nahm und forttrug. Da mute es doch dabeisein. Blitzschnell
ging seine Ausrstung vor sich. Dann ging's die Leiter hinunter, und
nun war auch das Heidi aus der Tr und stand drauen, mit groer
Verwunderung betrachtend, was der Grovater jetzt wieder ausfhrte.
Er hatte am Abend vorher, als die Kinder schon oben auf ihrem Lager
angekommen waren, berlegt, wo der breite Rollstuhl unter Dach
gebracht werden knnte. Die Tr der Htte war ja viel zu schmal, hier
konnte er nie eingefahren werden. Da war ihm ein Gedanke gekommen. Er
machte hinten am Schopf zwei groe Laden los, so da da eine breite
ffnung entstand. Der Stuhl wurde hineingestoen und die hohen Bretter
wieder an ihre Stelle gebracht, wenn auch nicht festgemacht. Das
Heidi kam eben an, nachdem der Grovater Klara drinnen in ihren Stuhl
gesetzt, dann die Bretter weggenommen hatte und nun mit ihr aus dem
Schopf in den Morgensonnenschein herausgefahren kam. Mitten auf dem
Platze lie er den Stuhl stehen und ging dem Geienstall zu. Das Heidi
sprang an Klaras Seite.

Der frische Morgenwind wehte um die Gesichter der Kinder, und ein
wrziger Tannenduft kam mit jedem neuen Windeswehen herber und
durchstrmte die sonnige Morgenluft. Klara zog tiefe Zge ein und
lehnte sich in ihren Stuhl zurck, in einem Gefhl des Wohlseins, wie
sie es nie empfunden hatte.

Noch nie in ihrem Leben hatte sie ja auch frische Morgenluft drauen
in der freien Natur eingeatmet, und nun wehte die reine Alpenluft um
sie so khl und erfrischend, da jeder Atemzug ein Genu war. Dazu
der helle, se Sonnenschein, der gar nicht hei war hier oben und so
lieblich warm auf ihren Hnden lag und an dem trockenen Grasboden zu
ihren Fen. Da es so auf der Alp sein knnte, das hatte sich Klara
gar nicht vorstellen knnen.

O Heidi, wenn ich nur immer, immer hier oben bei dir bleiben knnte!
sagte sie jetzt, sich ganz wohlig hin und her wendend in ihrem Stuhl,
um so recht von allen Seiten Luft und Sonne einzutrinken.

Jetzt siehst du, da es so ist, wie ich dir gesagt habe, entgegnete
das Heidi erfreut, da es am schnsten auf der ganzen Welt beim
Grovater auf der Alm ist. Eben trat dieser aus dem Stalle heraus
zu den Kindern heran. Er brachte zwei Schsselchen voll schumender,
schneeweier Milch und reichte eins der Klara, das andere dem Heidi.

Das wird dem Tchterchen wohltun, sagte er, Klara zunickend. Sie
ist vom Schwnli, die gibt Kraft. Zum Wohlsein! Nur zu! Klara hatte
noch nie Milch von einer Gei getrunken, sie hatte erst zur Sicherheit
ein wenig daran riechen mssen. Als sie nun aber sah, mit welcher
Begier das Heidi seine Milch heruntertrank, ohne ein einziges Mal
abzusetzen - so erstaunlich gut schmeckte sie ihm -, da setzte Klara
auch an und trank und trank, und wahrhaftig, sie war so s und
krftig, als wre Zucker und Zimmet darin, und Klara trank zu, bis
nichts mehr im Schsselchen war.

Morgen nehmen wir zwei, sagte der Grovater, der mit Befriedigung
zugesehen hatte, wie Klara Heidis Beispiel gefolgt war.

Jetzt erschien der Peter mit seiner Schar, und whrend das Heidi
durch die allseitigen Morgenbegrungen gleich mitten in die Herde
hineingedrngt wurde, nahm der hi den Peter ein wenig auf die Seite,
damit dieser verstehen knne, was er ihm zu sagen hatte, denn die
Geien meckerten immer, eine strker als die andere, vor lauter Freude
und Freundschaftsbezeugungen, sobald sie das Heidi in ihrer Mitte
hatten.

Jetzt hr zu und pa auf, sagte der hi. Von heut an lssest du
dem Schwnli seinen Willen. Es hat die Fhlung, wo die krftigsten
Krutlein sind; also wenn es hinauf will, so gehst du nach, den
anderen tut's ja auch gut, und wenn es hher will, als du sonst mit
ihnen gehst, so gehst du wieder und hltst es nicht zurck, hrst du!
Wenn du auch ein wenig klettern mut, schad't nichts, du gehst, wo es
will, denn in dieser Sache ist es vernnftiger als du, und es mu nur
noch vom Besten bekommen, da es eine Prachtmilch gibt. Warum guckst
du dort hinber, wie wenn du einen verschlucken wolltest? Es wird dir
niemand im Wege sein. So, jetzt vorwrts, und denk daran!

Der Peter war gewohnt, dem hi aufs Wort zu folgen. Er trat gleich
seinen Marsch an; man konnte aber sehen, da er noch etwas im
Hinterhalt hatte, denn er drehte immer den Kopf um und rollte mit den
Augen. Die Geien folgten und drngten das Heidi noch eine Strecke mit
vorwrts. Das war dem Peter eben recht. Du mut mit, rief er jetzt
drohend in den Geienrudel hinein, du mut mit, wenn man dem Schwnli
nachmu.

Nein, ich kann nicht, rief das Heidi zurck, und ich kann jetzt
lange, lange nicht mitkommen, solange die Klara bei mir ist. Aber
einmal kommen wir dann miteinander hinauf, der Grovater hat es uns
versprochen.

Unter diesen Worten hatte das Heidi sich aus den Geien herausgewunden
und sprang nun zu Klara zurck. Jetzt machte der Peter mit beiden
Fusten eine so drohende Gebrde gegen den Rollstuhl hinunter, da die
Geien auf die Seite sprangen. Er sprang aber auf der Stelle nach und
ohne Aufenthalt eine ganze Strecke weit hinauf, bis er auer Sicht
war, denn er dachte, der hi knnte ihn etwa gesehen haben, und er
wollte lieber nicht wissen, was fr einen Eindruck das Fausten dem hi
gemacht habe.

Klara und Heidi hatten fr heute so viel im Sinn, da sie gar nicht
wuten, wo anfangen. Das Heidi schlug vor, zuerst den Brief an die
Gromama zu schreiben, den hatten sie ja bestimmt versprochen, und so
fr jeden Tag einen neuen. Die Gromama war doch ihrer Sache nicht so
ganz sicher, wie es in die Lnge da droben der Klara behagen und auch,
wie es mit ihrer Gesundheit gehen wrde, und so hatte sie den Kindern
das Versprechen abgenommen, ihr jeden Tag einen Brief zu schreiben
und alles zu erzhlen, was sie erlebten. So konnte die Gromama auch
sogleich wissen, wenn sie oben ntig werden sollte, und bis dahin
ruhig unten bleiben.

Mssen wir in die Htte hinein zum Schreiben? fragte Klara, die wohl
dafr war, der Gromama Bericht zu geben; aber da drauen war es ihr
so wohl, da sie gar nicht weg mochte.

Aber das Heidi wute sich einzurichten. Augenblicklich rannte es in
die Htte hinein und kam mit seinen smtlichen Schulsachen und dem
niedrigen Dreibeinsthlchen beladen wieder zurck. Nun legte es sein
Lesebuch und Schreibheft der Klara auf den Scho, da sie darauf
schreiben konnte, und es selbst setzte sich an die Bank hin auf sein
Sthlchen, und nun begannen sie beide der Gromama zu erzhlen.
Aber nach jedem Satze, den Klara geschrieben hatte, legte sie ihren
Bleistift wieder hin und schaute um sich. Es war gar zu schn. Der
Wind war nicht mehr so khl; nur lieblich fchelnd wehte er um ihr
Gesicht, und drben in den Tannen flsterte er leise. In der klaren
Luft tanzten und summten die kleinen, frhlichen Mcken, und weit
umher lag eine groe Stille auf dem ganzen sonnigen Gefilde. Gro und
still schauten die hohen Felsenberge herber, und das ganze weite Tal
hinab lag alles wie im stillen Frieden. Nur dann und wann schallte das
frohe Jauchzen eines Hirtenbuben durch die Luft, und leise gab das
Echo die Tne in den Felsen wieder.

Der Morgen war dahin, die Kinder wuten nicht, wie, und schon kam der
Grovater mit der dampfenden Schssel daher, denn er sagte, mit dem
Tchterchen bleibe man nun drauen, solang ein Lichtstrahl am Himmel
sei. So wurde das Mittagsmahl wie gestern vor der Htte aufgestellt
und mit Vergngen eingenommen. Dann rollte das Heidi den Stuhl samt
der Klara unter die Tannen hinber, denn die Kinder hatten ausgemacht,
den Nachmittag wollten sie dort in dem schnen Schatten sitzen
und einander alles erzhlen, was sich zugetragen, seit das Heidi
Frankfurt verlassen hatte. Wenn auch da alles im gewohnten Geleise
weitergegangen war, so hatte Klara doch allerlei Besonderes zu
berichten von den Menschen, die im Hause Sesemann lebten und die dem
Heidi ja so gut bekannt waren.

So saen die Kinder nebeneinander unter den alten Tannen, und je
eifriger sie im Erzhlen wurden, desto lauter pfiffen die Vgel oben
in den Zweigen, denn das Geplauder da unten freute sie, und sie
wollten auch mithalten. So flog die Zeit dahin, und unversehens war
es Abend geworden, und schon kam das Geienheer heruntergestrmt, der
Anfhrer hintendrein mit Stirnrunzeln und grimmiger Miene.

Gute Nacht, Peter! rief ihm das Heidi zu, als es sah, da er nicht
im Sinne hatte stillzustehen.

Gute Nacht, Peter! rief auch Klara freundlich hinber.

Er gab keinen Gru zurck und jagte schnaubend die Geien weiter.

Als Klara jetzt sah, wie der Grovater das saubere Schwnli zum
Melken nach dem Stalle fhrte, da ergriff sie auf einmal ein solches
Verlangen nach der gewrzigen Milch, da sie es fast nicht erwarten
konnte, bis der Grovater damit kommen wrde. Sie mute selbst
erstaunen darber.

Das ist aber einmal kurios, Heidi, sagte sie. Solange ich wei,
habe ich nur gegessen, weil ich mute, und alles, was ich bekam,
schmeckte nach Fischtran, und tausendmal habe ich gedacht: Wenn man
nur nie essen mte! Und jetzt kann ich es fast nicht erwarten, bis
der Grovater kommt mit der Milch.

Ja, ich wei schon, was das ist, entgegnete das Heidi ganz
verstndnisvoll, denn es gedachte der Tage in Frankfurt, da ihm alles
im Halse steckenblieb und nicht hinunter wollte. Klara aber begriff
die Sache doch nicht. Sie hatte aber, solange sie lebte, noch nie
einen Tag lang in der freien Luft gesessen wie heute, und nun gar in
dieser hohen, belebenden Bergluft.

Als der Grovater mit seinen Schsselchen herankam, erfate Klara
schnell dankend das ihrige, und in durstigen Zgen trank sie
hintereinander und war diesmal noch vor dem Heidi zu Ende.

Darf ich noch ein wenig haben? fragte sie, dem Grovater das
Schsselchen hinhaltend.

Er nickte wohlgefllig, nahm auch Heidis Gef wieder in Empfang
und ging zur Htte zurck. Als er wiederkam, brachte er auf jedem
Schsselchen einen hohen Deckel mit, der war aber von anderem Stoff,
als die Deckel gewhnlich sind.

Der Grovater hatte am Nachmittag einen Gang nach dem grnen Maiens
hinber gemacht, zu der Sennhtte, wo die se, hellgelbe Butter
gemacht wird. Von dort hatte er einen schnen runden Ballen
mitgebracht. Jetzt hatte er zwei feste Schnitten Brot genommen und die
se Butter schn dick daraufgestrichen. Diese sollten nun die Kinder
zu ihrem Nachtessen haben. Gleich bissen auch alle beide so tief in
die appetitlichen Schnitten hinein, da der Grovater stehenblieb und
zuschaute, wie das weitergehen wrde, denn das gefiel ihm.

Als Klara nachher auf ihrem Lager wieder nach den schimmernden Sternen
schauen wollte, ging es ihr wie dem Heidi an ihrer Seite: Die Augen
fielen ihr auf der Stelle zu, und es kam ein so fester, gesunder
Schlaf ber sie, wie sie ihn niemals gekannt hatte.

In dieser erfreulichen Weise verging auch der folgende Tag und dann
noch einer, und dann folgte eine groe berraschung fr die Kinder. Es
kamen zwei krftige Trger den Berg heraufgestiegen; jeder trug auf
seinem Reff ein hohes Bett, fertig aufgerstet in der Bettschaft,
beide ganz gleich bedeckt mit einer weien Decke, sauber und nagelneu.
Auch hatten die Mnner einen Brief von der Gromama abzugeben. Da
stand darin, da diese Betten fr Klara und Heidi seien, da das Heu-
und Deckenlager nun aufgehoben werden solle und da von nun an das
Heidi immer in einem richtigen Bette schlafen msse, denn im Winter
solle das eine der beiden ins Drfli heruntergeschafft werden, das
andere aber oben bleiben, damit Klara es immer vorfinde, wenn sie
wiederkomme. Dann lobte die Gromama die Kinder um ihrer langen Briefe
willen und ermunterte sie, tglich so fortzufahren, damit sie immer
alles mitleben knne, als ob sie bei ihnen wre.

Der Grovater war hineingegangen, hatte den Inhalt von Heidis Lager
auf den groen Heuhaufen geworfen und die Decken weggelegt. Nun kam
er wieder, um mit Hilfe der Mnner die beiden Betten dort hinauf zu
transportieren. Dann rckte er sie hart aneinander, damit von beiden
Kopfkissen aus die Aussicht durch das Loch dieselbe bliebe, denn er
kannte die Freude der Kinder an dem Morgen- und Abendschein, der da
hereinglnzte.

Unterdessen sa die Gromama unten im Bade Ragaz und war hocherfreut
ber die vortrefflichen Nachrichten, die tglich von der Alp zu ihr
heruntergelangten.

Das Entzcken ber ihr neues Leben steigerte sich bei Klara noch
von Tag zu Tag, und sie wute nicht genug zu sagen von der Gte und
sorglichen Pflege des Grovaters und wie lustig und kurzweilig das
Heidi sei, noch viel mehr als in Frankfurt, und wie sie jeden Morgen
beim Erwachen immer zuerst denke: O gottlob; ich bin noch auf der Alp!

ber diese ausnehmend erfreulichen Berichte war die Gromama jeden Tag
aufs neue froh. Sie fand auch, da alles so stand, so knne sie ihren
Besuch auf der Alp gar wohl noch ein wenig verschieben, was ihr nicht
unlieb war, denn der Ritt den steilen Berg hinauf und wieder herunter
war ihr doch etwas beschwerlich vorgekommen.

Der Grovater mute eine ganz besondere Teilnahme fr seinen Pflegling
gefat haben, denn es verging kein Tag, an welchem er nicht irgend
etwas Neues zu seiner Krftigung ausdachte. Er machte jetzt jeden
Nachmittag weitere Gnge in die Felsen hinauf, immer hher, und
jedesmal brachte er ein Bndelchen mit zurck, das duftete schon von
weitem durch die Luft wie gewrzige Nelken und Thymian, und kehrten
die Geien am Abend heim, so fingen sie alle zu meckern und zu
springen an und wollten alle miteinander in den Stall eindringen, wo
das Bndelchen lag, denn sie kannten den Geruch. Aber der hi hatte
die Tr gut zugemacht, denn er kletterte den seltenen Kruterchen
nicht nach, hoch an die Felsen hinauf, damit die Geienschar ohne
Mhe zu einer guten Mahlzeit komme. Die Krutlein waren alle fr das
Schwnli bestimmt, damit es immer noch krftigere Milch hergebe.
Man konnte auch gut sehen, wie die auerordentliche Pflege bei ihm
anschlug, denn es warf den Kopf immer lebendiger in die Hhe und
machte ganz feurige Augen dazu.

So war nun schon die dritte Woche gekommen, seit Klara auf der Alp
war. Seit einigen Tagen hatte der Grovater des Morgens, wenn er sie
heruntertrug, um sie in ihren Stuhl zu setzen, jedesmal gesagt: Will
das Tchterchen nicht einmal probieren, ein wenig auf dem Boden zu
stehen? Klara hatte dann wohl versucht, ihm den Gefallen zu tun, aber
sie hatte immer gleich gesagt: Oh, 's tut zu weh! und hatte sich
an ihn festgeklammert; er lie sie aber jeden Tag ein wenig lnger
probieren.

Ein so schner Sommer war seit Jahren nicht auf der Alp gewesen. Jeden
Tag zog die strahlende Sonne durch den wolkenlosen Himmel hin, und
alle kleinen Blumen machten ihre Kelche weit auf und glhten und
dufteten zu ihr empor, und am Abend warf sie ihr Purpur- und
Rosenlicht auf die Felsenhrner und das Schneefeld hinber und tauchte
dann in ein golden flammendes Meer hinab. Davon erzhlte das Heidi
seiner Freundin Klara immer wieder, denn nur oben auf der Weide konnte
man das alles so recht sehen, und von der Stelle oben am Abhange
erzhlte es mit besonderem Feuer, wie dort jetzt die groen Scharen
der glitzernden, goldenen Weiderschen stehen und Blauglckchen so
viele, da man meine, dort sei das Gras blau geworden, und daneben
ganze Bsche von den braunen Kolbenblmchen, die so schn riechen, da
man nur auf den Boden sitzen msse zu ihnen und gar nicht mehr fort
wolle.

Eben jetzt, unter den Tannen sitzend, hatte das Heidi aufs neue von
den Blumen dort oben und der Abendsonne und den leuchtenden Felsen
erzhlt, und dabei war ein solches Verlangen in ihm aufgestiegen,
wieder einmal dorthin zu kommen, da es mit einemmal aufsprang und
davonrannte, dem Grovater zu, der im Schopf auf seinem Schnitzstuhl
sa.

O Grovater, rief es schon von weitem hinber, kommst du morgen mit
uns auf die Weide? Oh, jetzt ist es so schn dort oben!

Es bleibt dabei, sagte der Grovater zustimmend, aber dann mu mir
das Tchterchen auch einen Gefallen tun: Es mu mir heut abend das
Stehen noch einmal recht probieren.

Frohlockend kam das Heidi mit seiner Nachricht zu Klara zurck, und
diese versprach gleich, sovielmal versuchen zu wollen, auf ihren Fen
zu stehen, als der Grovater nur wolle, denn sie freute sich ganz
ungeheuer, diese Reise nach der schnen Geienweide hinauf zu machen.
Das Heidi war so voller Jubel, da es gleich dem Peter entgegenrief,
sobald es ihn am Abend beim Herunterkommen erblickte:

Peter! Peter! Morgen kommen wir auch mit und bleiben den ganzen Tag
dort oben.

Als Antwort brummte der Peter wie ein gereizter Br und schlug mit
Wut nach dem unschuldigen Distelfink, der neben ihm trabte. Aber der
flinke Distelfink hatte die Bewegung zur rechten Zeit wahrgenommen. Er
machte einen hohen Satz ber das Schneehppli weg, und der Hieb sauste
in die Luft hinaus.

Klara und Heidi bestiegen heute voll herrlicher Erwartungen ihre zwei
schnen Betten, und so erfllt waren sie von ihren Plnen fr morgen,
da sie beschlossen, die ganze Nacht wach zu bleiben und immerfort
davon zu sprechen, bis sie wieder aufstehen durften. Kaum lagen sie
aber auf ihren guten Kissen, so hrten die Gesprche pltzlich auf,
und Klara sah im Traume ein groes, groes Feld vor sich, das war ganz
himmelblau anzusehen, so dicht best war es von lauter Glockenblumen;
und das Heidi hrte den Raubvogel oben in den Hhen, wie er
herunterschrie: Kommt! Kommt! Kommt!



Es geschieht, was keiner erwartet hat

In aller Frhe trat der hi am andern Morgen aus der Htte und schaute
ringsum, wie der Tag sich gestalten wolle. Auf den hohen Bergspitzen
lag ein rtlich-goldener Schein; ein frischer Wind fing an, die ste
der Tannen hin und her zu wiegen; die Sonne wollte kommen.

Eine Weile noch stand der Alte und schaute andchtig zu, wie nach den
hohen Berggipfeln die grnen Hgel golden zu schimmern begannen und
dann aus dem Tale leise die dunkeln Schatten wichen und ein rosiges
Licht hineinflo und nun Hhen und Tiefen im Morgengolde erglnzten;
die Sonne war gekommen.

Jetzt holte der hi den Rollstuhl aus dem Schopf heraus, stellte
ihn, zur Reise gerstet, vor die Htte hin und trat dann hinein,
um den Kindern zu sagen, wie schn der Morgen erwacht sei, und sie
herauszuholen.

Eben jetzt kam der Peter herangestiegen. Seine Geien kamen nicht
zutraulich wie gewohnt an seiner Seite und nahe vor und hinter ihm den
Berg herauf; sie schossen scheu umher, dahin und dorthin, denn der
Peter hieb alle Augenblicke ohne jede Veranlassung um sich wie ein
Wtender, und wo er traf, tat es nicht wohl. Der Peter war auf dem
hchsten Punkt des Zornes und der Erbitterung angelangt. Seit Wochen
hatte er nie mehr das Heidi fr sich gehabt, so wie er's gewohnt war.
Kam er am Morgen von unten herauf, so wurde schon immer das fremde
Kind in seinem Stuhle herausgetragen, und das Heidi gab sich mit ihm
ab. Kam er am Abend von oben herunter, so stand noch der Rollstuhl mit
seiner Inhaberin unter den Tannen, und das Heidi machte sich mit ihr
zu schaffen. Nie war es noch zur Weide hinaufgekommen den ganzen
Sommer, und nun heute wollte es kommen, aber mitsamt dem Stuhle und
der Fremden darin und wollte die ganze Zeit nur mit dieser sich
abgeben. Das sah der Peter voraus, und das hatte seinen inneren Grimm
auf den hchsten Punkt gebracht. Jetzt erblickte er den Stuhl, der so
stolz da auf seinen Rollen stand, und schaute ihn an wie einen Feind,
der ihm alles zuleide getan hatte und heute noch viel mehr tun wollte.
Der Peter schaute um sich - alles war still, kein Mensch zu sehen. Wie
ein Wilder strzte er jetzt auf den Stuhl, packte ihn an und stie ihn
mit so erbitterter Gewalt dem Bergabhange zu, da der Stuhl frmlich
davonflog und augenblicklich verschwunden war.

Jetzt strzte der Peter die Alm hinan, als htte er selber Flgel
bekommen, und er setzte kein einziges Mal ab, bis er oben zu einem
groen Brombeerstrauch gelangte, hinter dem er verschwinden konnte,
denn er begehrte nicht, da der hi ihn erblickte. Er wollte aber
doch gern sehen, was der Stuhl mache, und der Strauch auf dem
Bergvorsprunge war gut gelegen. Der Peter konnte halb verborgen die
Alm hinabschauen und, kam der hi zum Vorschein, hurtig sich ganz
verstecken. So tat er, und was erschauten seine Blicke! Weit unten
schon strzte sein Feind dahin, von immer grerer Gewalt getrieben.
Jetzt berschlug er sich, wieder und wieder, dann machte er einen
hohen Satz, dann schlug es ihn wieder auf die Erde nieder, und
berschlagend rollte er seinem Verderben entgegen.

Schon flogen da und dort die Stcke von ihm weg, Fe, Lehnen,
Polsterfetzen, alles hoch in die Luft geworfen. Der Peter empfand eine
so unbndige Freude an dem Anblick, da er mit beiden Fen zugleich
in die Luft springen mute. Er lachte laut auf, er stampfte vor Wonne,
er sprang in Stzen im Kreise herum, er kam wieder an denselben
Platz und guckte den Berg hinab. Ein neues Gelchter erscholl, neue
Luftsprnge; der Peter war vllig auer sich vor Vergngen ber diesen
Untergang seines Feindes, denn er sah lauter gute Dinge vor sich, die
nun kommen wrden. Jetzt mute die Fremde abreisen, denn sie hatte
kein Mittel mehr, sich zu bewegen. Das Heidi war wieder allein und kam
mit ihm auf die Weide, und am Abend und Morgen war es fr ihn da, wenn
er kam, und alles war wieder in der alten Ordnung. Aber der Peter
bedachte nicht, wie es geht, wenn man eine bse Tat begangen hat, und
was dann nachher kommt.

Jetzt kam das Heidi aus der Htte gesprungen und rannte dem Schopf zu.
Hinter ihm her kam der Grovater mit Klara auf dem Arm. Die Schopftr
stand weit offen, die beiden Bretter daneben waren weggestellt, bis in
den hintersten Winkel war es taghell. Das Heidi guckte hin und her,
lief um die Ecke, kam wieder zurck, die ungeheuerste Verwunderung lag
auf seinem Gesichte. Nun trat der Grovater heran.

Was ist das? Hast du den Stuhl weggerollt, Heidi? fragte er.

Ich suche ihn ja allenthalben, Grovater, und du hast gesagt, er
stehe neben der Schopftr, sagte das Kind, immer noch nach allen
Seiten mit den Augen herumsuchend.

Der Wind war unterdessen strker geworden; eben klapperte er an der
Schopftr herum und warf sie auf einmal krachend gegen die Wand
zurck.

Grovater, der Wind hat's gemacht, rief das Heidi, und seine Augen
blitzten auf bei der Entdeckung. Oh, wenn er den Stuhl bis ins Drfli
hinabgejagt htte, dann bekme man ihn erst viel zu spt wieder, und
wir knnten gar nicht gehen.

Wenn er dort hinuntergerollt ist, so kommt er gar nicht mehr
zurck, dann ist er in hundert Stcken, sagte der Grovater, um die
Ecke tretend und den Berg hinabschauend. Aber kurios ist's doch
zugegangen, setzte er hinzu, indem er auf das Stck zurcksah, das
der Stuhl erst um die Ecke der Htte herum zu machen hatte.

Oh, wie schade, jetzt knnen wir gar nicht gehen und vielleicht gar
nie, jammerte Klara. Nun mu ich gewi heimgehen, wenn ich keinen
Stuhl mehr habe. Oh, wie schade! Wie schade!

Aber das Heidi schaute ganz vertrauensvoll zu seinem Grovater auf und
sagte:

Gelt, Grovater, du kannst schon etwas erfinden, da es nicht so
geht, wie die Klara meint, und da sie nicht auf einmal heim mu?

Jetzt gehen wir fr diesmal auf die Weide, wie wir uns vorgenommen
haben; dann wollen wir sehen, was weiter kommt, sagte der Grovater.
Die Kinder jubelten.

Er trat nun wieder in die Htte zurck, holte einen guten Teil der
Tcher heraus, legte sie auf den sonnigsten Platz an die Htte hin und
setzte Klara darauf. Dann holte er den Kindern ihre Morgenmilch und
fhrte Schwnli und Brli vor den Stall hinaus.

Warum der nur so lange nicht von da unten heraufkommt, sagte der hi
vor sich hin, denn Peters Morgenpfiff war ja noch gar nicht ertnt.

Jetzt nahm der Grovater Klara wieder auf den einen Arm, die Tcher
auf den andern.

So, nun vorwrts! sagte er vorangehend; die Geien kommen mit uns.

Das war dem Heidi eben recht. Einen Arm um Schwnlis und einen um
Brlis Hals gelegt, wanderte das Heidi hinter dem Grovater her,
und die Geien hatten solche Freude, einmal wieder mit dem Heidi
auszuziehen, da sie es fast zusammendrckten zwischen sich vor lauter
Zrtlichkeit.

Oben auf dem Weideplatze angelangt, sahen die Kommenden mit einemmal
da und dort an den Abhngen die friedlich grasenden Geien in Gruppen
stehen und mittendrin den Peter, der Lnge nach auf dem Boden liegend.

Ein andermal will ich dir das Vorbeigehen vertreiben, Schlafpelz, was
heit das? rief ihm der hi zu.

Der Peter war bei dem Ton der bekannten Stimme aufgeschossen.

War noch niemand auf, gab er zurck.

Hast du etwas von dem Stuhl gesehen? frug der hi wieder.

Von welchem? rief der Peter strrisch zurck.

Der hi sagte nichts mehr. Er breitete seine Tcher an den sonnigen
Abhang hin, setzte Klara darauf und wollte wissen, ob's ihr so bequem
sei.

So bequem wie im Stuhl, sagte sie dankend, und am schnsten Platz
bin ich da. Da ist's so schn, Heidi, so schn! rief sie, rings um
sich blickend, aus.

Der Grovater schickte sich zur Rckkehr an. Er sagte, sie sollten
sich's nun wohl sein lassen miteinander, und wenn die Zeit da sei,
sollte Heidi das Mittagsmahl herbeiholen, das er, in den Sack
verpackt, drben in den Schatten gelegt hatte. Dann sollte der Peter
ihnen Milch dazu geben, soviel sie trinken wollten, aber das Heidi
sollte gut aufpassen, da er sie vom Schwnli nehme. Gegen Abend
wollte der Grovater wiederkommen; jetzt wollte er vor allem dem
Stuhle nachgehen und sehen, was aus ihm geworden sei.

Der Himmel war dunkelblau, und um und um war nicht ein einziges
Wlkchen zu sehen. Auf dem groen Schneefelde drben blitzte es
wie von tausend und tausend Gold- und Silbersternen. Die grauen
Felsenhrner standen hoch und fest an ihrem Platze, wie vor alter
Zeit, und schauten ernsthaft ins Tal hinab. Der groe Vogel wiegte
sich oben im Blau, und ber die Hhen strich der Bergwind hin
und wehte khl rings um die sonnige Alp. Den Kindern war es
unbeschreiblich wohl. Von Zeit zu Zeit kam ein Geilein heran und
lie sich ein wenig nieder bei ihnen; am hufigsten kam das zrtliche
Schneehppli und legte sein Kpfchen an das Heidi heran und wre da
wohl gar nicht mehr weggegangen, htte es nicht ein anderes von der
Herde wieder vertrieben. So lernte Klara jetzt eine um die andere von
den Geien so nahe kennen, da sie niemals mehr eine mit der andern
verwechselte, denn jede hatte ja auch ein ganz besonderes Gesicht und
ihre eigene Art.

Sie wurden jetzt auch so zutraulich zu Klara, da sie ihr ganz nahe
kamen und ihre Kpfe an ihren Schultern rieben; das war immer das
Zeichen ihrer nahen Bekanntschaft und Zuneigung.

So waren schon einige Stunden vergangen; da kam es dem Heidi in den
Sinn, wenn es doch einmal hinbergehen knnte an den Platz, wo die
vielen Blumen waren, und sehen, ob sie auch alle offenstehen und
so schn seien wie vor dem Jahr. Erst am Abend, wenn der Grovater
wiederkam, konnte man auch mit Klara hinbergehen, und dann machten
die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu. Das Verlangen stieg
immer hher im Heidi, es konnte nicht mehr widerstehen.

Ein wenig zaghaft fragte es: Wirst du nicht bse, Klara, wenn ich
geschwind von dir fortlaufe und du allein sein mut? Ich mchte so
gern sehen, wie die Blumen sind. Aber warte... Dem Heidi war ein
Gedanke gekommen. Es sprang auf die Seite und ri ein paar schne
Bschel von den grnen Krutern aus. Dann nahm es das Schneehppli um
den Hals, das ihm gleich zugelaufen war, und fhrte es der Klara zu.

So, jetzt mut du doch nicht allein sein, sagte das Heidi, indem es
auf seinen Platz neben Klara das Schneehppli ein wenig hindrckte,
was das Geilein gleich gut verstand und sich niederlegte. Dann warf
Heidi seine Bltter der Klara in den Scho, und diese sagte erfreut,
das Heidi solle jetzt nur gehen und die Blumen recht ansehen, sie
wolle gern allein mit dem Geilein bleiben; das hatte sie ja noch gar
nie erlebt. Das Heidi rannte fort, und Klara fing nun an, Blttchen
fr Blttchen dem Schneehppli hinzuhalten, und dieses wurde so
zutraulich, da es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und
die Blttchen ihr langsam aus den Fingern fra. Man konnte auch gut
sehen, wie wohl es ihm war, da es da so ruhig und friedlich in gutem
Schutze liegen durfte, denn drauen bei der Herde hatte es immer viele
Verfolgungen auszustehen von den groen und starken Geien. Der Klara
kam es so kstlich vor, so ganz allein auf einem Berge zu sitzen,
nur mit einem zutraulichen Geilein, das ganz hilfsbedrftig zu ihr
aufsah. Ein groer Wunsch stieg auf in ihr, auch einmal ihr eigener
Herr zu sein und einem andern helfen zu knnen und nicht nur immer
sich von allen anderen helfen lassen zu mssen. Und es kamen der
Klara jetzt so viele Gedanken, die sie gar nie gehabt hatte, und eine
unbekannte Lust, fortzuleben in dem schnen Sonnenschein und etwas
zu tun, mit dem sie jemand erfreuen konnte, wie sie jetzt das
Schneehppli erfreute. Eine ganz neue Freude kam ihr ins Herz, so als
ob alles, was sie wute und kannte, auf einmal viel schner und anders
sein knnte, als sie es bis jetzt gesehen hatte, und es wurde ihr so
schn und wohl zumute, da sie das Geilein um den Hals nehmen und
ausrufen mute: O Schneehppli, wie schn ist es hier oben; wenn ich
nur immer da bei euch bleiben knnte!

Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatze angekommen. Es stie
einen Freudenschrei aus. Von leuchtendem Golde bedeckt lag die ganze
Halde da. Das waren die schimmernden Zistrschen. Dichte, dunkelblaue
Bsche von Glockenblumen wiegten sich darber, und ein so starker
gewrziger Duft wogte um die sonnige Halde, als wren die kstlichsten
Balsamschalen da oben ausgeschttet worden. Der ganze Wohlgeruch
kam aber von den kleinen braunen Kolbenblmchen her, die ihre
runden Kpfchen da und dort bescheiden zwischen den Goldkelchen
emporstreckten. Das Heidi stand und schaute und zog den sen Duft
in langen Zgen ein. Auf einmal kehrte es um und kam auer Atem vor
Erregung zu Klara zurck.

Oh, du mut gewi kommen, rief es ihr schon von weitem zu. Sie sind
so schn, und alles ist so schn, und am Abend ist es vielleicht nicht
mehr so. Ich kann dich vielleicht tragen, meinst du nicht?

Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an; sie schttelte
aber den Kopf.

Nein, nein, was denkst du, Heidi; du bist ja viel kleiner als ich.
Oh, wenn ich nur gehen knnte!

Jetzt schaute das Heidi suchend um sich, es mute etwas Neues im Sinne
haben. Dort oben, wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte, sa
er jetzt und starrte auf die Kinder herunter. So hatte er schon seit
Stunden gesessen und immerzu herabgestarrt, so als knne er nicht
fassen, was er vor sich sah. Er hatte den feindlichen Stuhl zerstrt,
damit alles aufhren und die Fremde sich gar nicht mehr bewegen knne,
und eine kurze Weile nachher erschien sie da oben und sa vor ihm auf
dem Boden neben dem Heidi. Das konnte ja nicht sein, und doch war es
immer noch so, er konnte hinsehen, wann er wollte.

Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf.

Komm hier herunter, Peter! rief es sehr bestimmt.

Komme nicht, rief er zurck.

Doch, du mut; komm, ich kann es nicht allein machen, du mut mir
helfen; komm schnell! drngte das Heidi.

Komme nicht, ertnte es wieder.

Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan, dem
Angeredeten entgegen.

Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf:

Peter, wenn du nicht auf der Stelle kommst, so will ich dir auch
etwas machen, das du dann gewi nicht gern hast; das kannst du
glauben!

Diese Worte gaben dem Peter einen Stich, und eine groe Angst packte
ihn an. Er hatte etwas Bses getan, das kein Mensch wissen sollte. Bis
jetzt hatte es ihn gefreut, aber nun redete das Heidi, wie wenn es
alles wte, und was es wute, sagte es alles seinem Grovater, und
vor dem frchtete der Peter sich ja wie vor keinem andern. Wenn er
nun vernhme, was mit dem Stuhl vorgegangen war! Den Peter wrgte die
Angst immer rger. Er stand auf und kam dem wartenden Heidi entgegen.

Ich komme, aber dann mut du das nicht machen, sagte er, so zahm vor
Furcht, da das Heidi ganz mitleidig wurde.

Nein, nein, das tu ich nun schon nicht, versicherte es. Komm jetzt
nur mit mir, es ist nichts zum Frchten, was du tun mut.

Bei Klara angelangt, ordnete nun das Heidi an, auf der einen Seite
sollte der Peter, auf der andern wollte es selbst Klara fest unter den
Arm fassen und aufheben. Das ging nun ziemlich gut, aber jetzt kam das
Schwierigere. Klara konnte ja nicht stehen, wie sollte man sie nun
festhalten und vorwrts bringen? Das Heidi war zu klein, um ihr mit
seinem Arm eine Sttze zu bieten.

Du mut mich jetzt um den Hals nehmen, ganz fest, so. Und den Peter
mut du am Arm nehmen und ganz fest darauf drcken, dann knnen wir
dich tragen.

Aber der Peter hatte noch nie jemandem den Arm gegeben. Klara umfate
diesen wohl, der Peter aber hielt ihn ganz steif am Leibe herunter wie
einen langen Stecken.

So macht man es nicht, Peter, sagte das Heidi sehr bestimmt. Du
mut mit dem Arm einen Ring machen, und dann mu die Klara mit dem
ihrigen durchfahren, und dann mu sie ganz fest aufdrcken, und du
mut um keinen Preis nachgeben, dann kommen wir schon vorwrts.

Das wurde nun so ausgefhrt. Man kam aber nicht gut vorwrts. Klara
war nicht so leicht, und das Gespann zu ungleich in der Gre. Auf
der einen Seite ging es herab und auf der andern hinauf, das gab eine
ziemliche Unsicherheit in den Sttzen.

Klara probierte es abwechselnd ein wenig mit den eigenen Fen, zog
aber einen nach dem andern immer bald wieder zurck.

Stampf einmal recht herunter, schlug das Heidi vor, dann tut es dir
gewi nachher weniger weh.

Meinst du? sagte Klara zaghaft.

Sie gehorchte aber und wagte einen festen Schritt auf den Boden und
dann mit dem zweiten Fu; sie schrie aber ein wenig auf dabei. Dann
hob sie den einen wieder und setzte ihn leiser hin.

Oh, das hat schon viel weniger weh getan, sagte sie voller Freude.

Mach's noch einmal, drngte eifrig das Heidi. Klara tat es und dann
noch einmal und noch einmal, und auf einmal schrie sie auf:

Ich kann, Heidi! Oh, ich kann! Sieh! Sieh! Ich kann Schritte machen,
einen nach dem andern.

Jetzt jauchzte das Heidi noch viel mehr auf.

Oh! Oh! Kannst du gewi selbst Schritte machen? Kannst du jetzt
gehen? Kannst du gewi selbst gehen? Oh, wenn nur der Grovater kme!
Jetzt kannst du selbst gehen, Klara, jetzt kannst du gehen! rief es
ein Mal ums andere in jubelnder Freude aus.

Klara hielt sich wohl fest an auf beiden Seiten, aber mit jedem
Schritt wurde sie ein wenig sicherer, das konnten alle drei empfinden.
Das Heidi kam ganz auer sich vor Freude.

Oh, nun knnen wir alle Tage miteinander auf die Weide gehen und auf
der Alp herum, wo wir wollen, rief es wieder aus, und du kannst dein
Lebtag gehen, wie ich, und mut nie mehr im Stuhl gestoen werden und
wirst gesund. Oh, das ist die grte Freude, die wir haben knnen!

Klara stimmte mit dem ganzen Herzen ein. Gewi kannte sie gar kein
greres Glck auf der Welt, als auch einmal gesund zu sein und
herumgehen zu knnen wie die anderen Menschen und nicht mehr elend die
ganzen Tage lang in den Krankensessel gebannt zu sein.

Es war nicht weit zu der Blumenhalde hinber. Dort sah man schon das
Glitzern der Goldrschen in der Sonne. Jetzt waren sie bei den Bschen
der blauen Glockenblumen angekommen, wo zwischendurch der sonnige
Boden so einladend aussah.

Knnen wir nicht hier niedersetzen? fragte Klara.

Das war ganz nach Heidis Wunsch, und mitten in die Blumen hinein
setzten sich die Kinder, Klara zum erstenmal, auf den trockenen,
warmen Alpenboden hin; das gefiel ihr unbeschreiblich wohl. Und nun
rings um sie die wiegenden blauen Glockenblumen, die schimmernden
Goldrschen, das rote Tausendgldenkraut und um und um der se Duft
der braunen Kolbenblmchen, der wrzigen Prnellen. Alles war so
schn! So schn!

Auch das Heidi neben ihr meinte, so schn sei es noch nie gewesen da
oben, und es wute gar nicht, warum es eine solche Freude im Herzen
hatte, da es nur immer htte laut jauchzen mgen. Aber auf einmal kam
es ihm dann wieder in den Sinn, da Klara gesund geworden war; das war
zu allem Schnen ringsumher noch die allergrte Freude. Klara wurde
ganz still vor Wonne und Entzcken ber alles, was sie sah, und ber
alle die Aussichten, die ihr aufgegangen waren durch das eben Erlebte.
Das groe Glck hatte fast nicht Platz in ihrem Herzen, und der
Sonnenglanz und Blumenduft dazu berwltigten sie mit einem
Wonnegefhl, das sie vllig verstummen machte.

Auch der Peter lag still und regungslos mitten in dem Blumenfelde,
denn er war fest eingeschlafen.

Leise und lieblich wehte hier der Wind hinter den schtzenden Felsen
hervor und suselte oben in den Bschen. Von Zeit zu Zeit mute das
Heidi wieder aufstehen und dahin laufen und dorthin, denn es war immer
irgendwo noch schner, die Blumen noch dichter, der Wohlgeruch noch
strker, weil ihn da der Wind hin und her wehte; berall mute es
wieder hinsetzen.

So vergingen die Stunden.

Die Sonne war lngst ber den Mittag hinaus, als ein Trppchen der
Geien ganz ernsthaft auf die Blumenhalde zugeschritten kam. Es war
nicht ihr Weideplatz, sie wurden nie dahin gefhrt, denn es gefiel
ihnen nicht, in den Blumen zu grasen. Sie sahen aus wie eine
Gesandtschaft, der Distelfink voran. Die Geien waren sichtlich
ausgegangen, ihre Gesellschafter zu suchen, die sie so lange im Stich
gelassen hatten und ber alle Ordnung hinaus fortgeblieben waren,
denn die Geien kannten ihre Zeit wohl. Als der Distelfink die drei
Vermiten in dem Blumenfelde entdeckte, stie er ein berlautes
Meckern aus, und auf der Stelle stimmte der ganze Chor ein, und
fortmeckernd kamen sie alle dahergetrabt. Jetzt erwachte der Peter. Er
mute sich aber stark die Augen reiben, denn es hatte ihm getrumt,
der Rollstuhl stehe wieder schn rot gepolstert und unversehrt vor der
Htte, und noch im Erwachen hatte er die goldenen Ngel um das Polster
herum in der Sonne blitzen gesehen, aber jetzt entdeckte er, da es
nur die gelben Glitzerblmchen auf dem Boden gewesen waren. Jetzt kam
dem Peter die Angst zurck, die er beim Anblick des unbeschdigten
Stuhles ganz verloren hatte. Wenn auch das Heidi versprochen hatte,
nichts zu machen, so war doch nun die Furcht im Peter lebendig
geworden, die Sache knnte auch sonst noch auskommen. Er lie sich
jetzt ganz zahm und willig zum Fhrer machen und tat alles perfekt so,
wie das Heidi es haben wollte.

Als nun wieder alle drei auf dem Weideplatz angekommen waren, holte
das Heidi hurtig seinen vollen Speisesack herbei und schickte sich an,
sein Versprechen zu lsen, denn auf den Inhalt des Sackes hatte seine
Drohung sich bezogen. Es hatte wohl bemerkt am Morgen, wieviel gute
Sachen der Grovater da hineinpackte, und mit Freuden hatte es
vorausgesehen, da dem Peter davon ein guter Teil zufallen werde. Als
er dann aber so strrig war, wollte es ihm zu verstehen geben, da er
nichts bekomme, was der Peter aber anders gedeutet hatte. Nun holte
das Heidi Stck fr Stck aus seinem Sack heraus und machte drei
Hufchen davon, die wurden so hoch, da es voller Befriedigung vor
sich hinsagte: Dann bekommt er noch alles, was wir zuviel haben.

Jetzt trug es jedem sein Hufchen zu, und mit dem seinigen setzte es
sich neben Klara hin, und die Kinder lieen sich's wohl schmecken nach
der groen Anstrengung.

Es ging aber, wie das Heidi vorausgesehen hatte: Als sie beide vllig
satt waren, blieb noch so viel brig, da dem Peter noch einmal ein
Hufchen, so gro wie das erste, zugeschoben werden konnte. Er a
still und beharrlich alles auf und dann noch die Krumen, aber er
vollzog sein Werk nicht mit der gewohnten Befriedigung. Dem Peter lag
etwas auf dem Magen, das nagte und wrgte ihn und klemmte ihm jeden
Bissen zusammen.

Die Kinder waren so spt zu ihrer Mahlzeit gekommen, da schon gleich
nachher der Grovater zu sehen war, der die Alm hinanstieg, um sie
abzuholen. Das Heidi strzte ihm entgegen; es mute ihm zuerst
sagen, was sich ereignet hatte. Es war indes so erregt von seiner
beglckenden Nachricht, da es die Worte fast nicht fand, sie dem
Grovater mitzuteilen. Er verstand aber sogleich, was das Kind
berichtete, und eine helle Freude kam auf sein Gesicht. Er
beschleunigte seinen Schritt, und bei Klara angekommen, sagte er
frhlich lchelnd:

So, haben wir's gewagt? Nun haben wir's auch gewonnen!

Dann hob er Klara vom Boden auf, umfate sie mit dem linken Arm und
hielt ihr seine Rechte als starke Sttze fr ihre Hand hin, und Klara
marschierte, mit der festen Wand im Rcken, noch viel sicherer und
unerschrockener dahin, als sie vorher getan hatte.

Das Heidi hpfte und jauchzte nebenher, und der Grovater sah aus, als
sei ihm ein groes Glck widerfahren. Jetzt nahm er aber Klara mit
einemmal auf seinen Arm und sagte: Wir wollen's nicht bertreiben, es
ist auch Zeit zur Heimkehr, und er machte sich gleich auf den Weg,
denn er wute, da nun der Anstrengungen fr heute genug waren und
Klara der Ruhe bedurfte.

Als der Peter spt am Abend mit seinen Geien nach dem Drfli herunter
kam, stand eine Menge von Leuten an einem Knuel zusammen, und eins
stie das andere ein wenig weg, um besser sehen zu knnen, was
mittendrin am Boden lag. Das mute der Peter auch sehen; er drckte
und drngte rechts und links und bohrte sich hinein.

Da, jetzt sah er's.

Auf dem Grase lag das Mittelstck vom Rollstuhl, und noch ein Teil des
Rckens hing daran. Das rote Polster und die glnzenden Ngel zeugten
noch davon, wie prchtig der Stuhl in seiner Vollkommenheit ausgesehen
hatte.

Ich war dabei, als sie ihn hinauftrugen, sagte der Bcker, der neben
dem Peter stand; wenigstens 500 Franken war er wert, das wett ich mit
jedem. Es nimmt mich nur wunder, wie es zugegangen ist.

Der Wind kann ihn heruntergejagt haben, das hat der hi selbst
gesagt, bemerkte die Barbel, die nicht genug das schne rote Zeug
bewundern konnte.

Es ist gut, da es kein anderer ist, der's getan hat, sagte der
Bcker wieder; dem ging's schn! Wenn es der Herr in Frankfurt
vernimmt, wird er schon untersuchen lassen, wie's zugegangen ist. Ich
fr mich bin froh, da ich seit zwei Jahren nie mehr auf der Alm war;
der Verdacht kann auf jeden fallen, der um die Zeit dort oben gesehen
wurde.

Es wurden noch viele Meinungen ausgesprochen, aber der Peter hatte
genug gehrt. Er kroch ganz zahm und sachte aus dem Knuel heraus und
lief aus allen Krften den Berg hinauf, so als wre einer hinter ihm
drein, der ihn packen wollte. Die Worte des Bckers hatten ihm eine
furchtbare Angst eingejagt. Er wute ja jetzt, da jeden Augenblick
ein Polizeidiener aus Frankfurt ankommen konnte, der die Sache
untersuchen mute, und dann konnte es doch rauskommen, da er es getan
hatte, und dann wrden sie ihn packen und nach Frankfurt ins Zuchthaus
schleppen. Das sah der Peter vor sich, und seine Haare strubten sich
vor Schrecken.

Ganz verstrt kam er daheim an. Er gab keine Antwort, auf gar nichts,
er wollte seine Kartoffeln nicht essen; eilends kroch er in sein Bett
hinein und sthnte.

Der Peterli hat wieder Sauerampfer gegessen, er hat's im Magen, da
er so chzen mu߫, meinte die Mutter Brigitte.

Du mut ihm ein wenig mehr Brot mitgeben, gib ihm morgen noch ein
Stcklein von dem meinen, sagte die Gromutter mitleidig.

Als die Kinder heute von ihren Betten in den Sternenschein
hinausschauten, sagte das Heidi:

Hast du nicht heut den ganzen Tag denken mssen, wie gut es doch ist,
da der liebe Gott nicht nachgibt, wenn wir noch so furchtbar stark
beten um etwas, wenn er etwas viel Besseres wei?

Warum sagst du das jetzt auf einmal, Heidi? fragte Klara.

Weit du, weil ich in Frankfurt so stark gebetet habe, da ich doch
auf der Stelle heimgehen knne, und weil ich das immer nicht konnte,
habe ich gedacht, der liebe Gott habe nicht zugehrt. Aber weit du,
wenn ich so bald fortgelaufen wre, so wrest du nie gekommen, und du
wrest nicht gesund geworden auf der Alp.

Klara war ganz nachdenklich geworden. Aber, Heidi, fing sie nun
wieder an, dann mten wir ja um gar nichts beten, weil der liebe
Gott ja schon immer etwas viel Besseres im Sinn hat, als wir wissen
und wir von ihm erbitten wollen.

Ja, ja, Klara, meinst du, es gehe dann nur so? eiferte jetzt das
Heidi. Alle Tage mu man zum lieben Gott beten und um alles, alles,
denn er mu doch hren, da wir es nicht vergessen, da wir alles
von ihm bekommen. Und wenn wir den lieben Gott vergessen wollen, so
vergit er uns auch, das hat die Gromama gesagt. Aber weit du, wenn
wir dann nicht bekommen, was wir gern htten, dann mssen wir nicht
denken, der liebe Gott hat nicht zugehrt, und ganz aufhren zu beten,
sondern dann mssen wir so beten: Jetzt wei ich schon, lieber Gott,
da du etwas Besseres im Sinn hast, und jetzt will ich nur froh sein,
da du es so gut machen willst.

Wie ist dir das alles so in den Sinn gekommen, Heidi? fragte Klara.

Die Gromama hat mir's zuerst erklrt, und dann ist es auch so
gekommen, und dann hab ich's gewut. Aber ich meine auch, Klara, fuhr
das Heidi fort, indem es sich aufsetzte, heute mssen wir gewi dem
lieben Gott noch recht danken, da er das groe Glck geschickt hat,
da du jetzt gehen kannst.

Ja gewi, Heidi, du hast recht, und ich bin froh, da du mich noch
erinnerst; vor lauter Freude htte ich es fast vergessen.

Jetzt beteten die Kinder noch und dankten dem lieben Gott jedes
in seiner Weise fr das herrliche Gut, das er der so lange krank
gewesenen Klara geschenkt hatte.

Am andern Morgen meinte der Grovater, nun knnte man einmal an die
Frau Gromama schreiben, ob sie nicht jetzt nach der Alp kommen wolle,
es wre da etwas Neues zu sehen. Aber die Kinder hatten einen andern
Plan gemacht. Sie wollten der Gromama eine groe berraschung
bereiten. Erst sollte Klara das Gehen noch besser lernen, so da sie,
allein auf das Heidi gesttzt, einen kleinen Gang machen knnte;
von allem aber mte die Gromama keine Ahnung haben. Nun wurde der
Grovater beraten, wie lange das noch whren knnte, und da er meinte,
kaum acht Tage, so wurde im nchsten Briefe die Gromama dringend
eingeladen, um diese Zeit auf die Alp zu kommen; von etwas Neuem wurde
ihr aber kein Wort berichtet.

Die Tage, die nun folgten, waren noch von den allerschnsten, welche
Klara auf der Alp verlebt hatte. Jeden Morgen erwachte sie mit der
lauten Freudenstimme in ihrem Herzen: Ich bin gesund! Ich bin gesund!
Ich mu nicht mehr im Rollstuhl sitzen, ich kann selbst umhergehen wie
die anderen Menschen!

Dann folgte das Umhergehen, und jeden Tag ging es leichter und besser,
und immer lngere Gnge konnten gemacht werden. Die Bewegung brachte
dann einen solchen Appetit mit sich, da der Grovater seine dicken
Butterschnitten tglich ein wenig grer machte und mit Wohlgefallen
sah, wie sie verschwanden. Er brachte jetzt auch immer einen groen
Topf voll von der schumenden Milch herbei und fllte Schsselchen um
Schsselchen. So kam das Ende der Woche heran und damit der Tag, der
die Gromama bringen sollte!



Es wird Abschied genommen, aber auf Wiedersehen

Die Gromama hatte einen Tag vor ihrer Ankunft noch einen Brief nach
der Alp hinauf geschrieben, damit sie oben bestimmt wten, da sie
komme. Diesen Brief brachte am andern Tage der Peter in der Frhe
mit sich, als er auf die Weide zog. Schon war der Grovater mit den
Kindern aus der Htte getreten, und auch Schwnli und Brli standen
beide drauen und schttelten lustig ihre Kpfe in der frischen
Morgenluft, whrend die Kinder sie streichelten und ihnen glckliche
Reise wnschten zu ihrer Bergfahrt. Behaglich stand der hi dabei und
schaute bald auf die frischen Gesichter der Kinder, bald auf seine
sauber glnzenden Geien nieder. Beides mute ihm gefallen, denn er
lchelte vergnglich.

Jetzt kam der Peter heran. Als er die Gruppe gewahr wurde, nherte er
sich langsam, streckte den Brief dem hi entgegen, und sobald dieser
ihn erfat hatte, sprang er scheu zurck, so als ob ihn etwas
erschreckt habe, und dann guckte er schnell hinter sich, gerade als ob
von hinten ihn auch noch etwas htte erschrecken wollen; dann machte
er einen Sprung und lief davon, den Berg hinauf.

Grovater, sagte das Heidi, das dem Vorgang verwundert zugeschaut
hatte, warum tut der Peter jetzt immer wie der groe Trk, wenn der
eine Rute hinter sich merkt; dann scheut er mit dem Kopf und schttelt
ihn nach allen Seiten und macht auf einmal Sprnge in die Luft
hinauf.

Vielleicht merkt der Peter auch eine Rute hinter sich, die er
verdient, antwortete der Grovater.

Nur die erste Halde hinauf lief der Peter so in einem Zuge davon;
sobald man ihn von unten nicht mehr sehen konnte, kam es anders. Da
stand er still und drehte scheu den Kopf nach allen Seiten. Pltzlich
tat er einen Sprung und schaute hinter sich, so erschreckt, als habe
ihn eben einer im Genick gepackt. Hinter jedem Busch hervor, aus jeder
Hecke heraus meinte jetzt der Peter den Polizeidiener aus Frankfurt
auf sich losstrzen zu sehen. Je lnger aber diese gespannte Erwartung
dauerte, je schreckhafter wurde es dem Peter zumute, er hatte keinen
ruhigen Augenblick mehr.

Nun mute das Heidi seine Htte aufrumen, denn die Gromama sollte
doch alles in guter Ordnung finden, wenn sie kam. Klara fand dieses
geschftige Treiben Heidis in allen Ecken der Htte herum immer so
kurzweilig, da sie mit Vorliebe dieser Ttigkeit zuschaute.

So vergingen die frhen Morgenstunden den Kindern unversehens, und
schon konnte man der Ankunft der Gromama entgegensehen.

Jetzt kamen die Kinder bereit und zum Empfange gerstet wieder heraus
und setzten sich nebeneinander auf die Bank vor die Htte, in voller
Erwartung auf die kommenden Ereignisse.

Auch der Grovater trat jetzt wieder zu ihnen. Er hatte einen
Gang gemacht und hatte einen groen Strau dunkelblauer Enzianen
mitgebracht, die leuchteten so schn in der hellen Morgensonne, da
die Kinder aufjauchzten bei dem Anblick. Der Grovater trug sie in
die Htte hinein. Von Zeit zu Zeit sprang das Heidi von der Bank, um
auszusphen, ob von dem Zuge der Gromama noch nichts zu entdecken
sei.

Aber jetzt: Da kam es von unten herauf, gerade so, wie das Heidi es
erwartet hatte. Voran stieg der Fhrer, dann kam das weie Ro und die
Gromama darauf, und zuletzt kam der Trger mit dem hohen Reff, denn
ohne reichlich Schutzmittel zog die Gromama nun einmal nicht auf die
Alp.

Nher und nher kam der Zug. Jetzt war die Hhe erreicht; die Gromama
erblickte die Kinder von ihrem Pferde herunter.

Was ist denn das? Was seh ich, Klrchen? Du sitzest nicht in deinem
Sessel! Wie ist das mglich? rief sie erschrocken aus und stieg nun
eilig herunter. Bevor sie aber noch bei den Kindern angekommen war,
schlug sie die Hnde zusammen und rief in der hchsten Aufregung:

Klrchen, bist du's, oder bist du's nicht? Du hast ja rote Wangen,
kugelrunde! Kind! Ich kenne dich nicht mehr! Jetzt wollte die
Gromama auf Klara losstrzen. Aber unversehens war das Heidi von der
Bank geglitten, Klara hatte sich schnell auf seine Schultern gesttzt,
und fort wanderten die Kinder, ganz gelassen einen kleinen Spaziergang
machend. Die Gromama war pltzlich stillgestanden, erst vor
Schrecken, sie meinte nicht anders, als das Heidi stelle eben etwas
Unerhrtes an.

Aber was sah sie vor sich!

Aufrecht und sicher ging Klara neben dem Heidi her; jetzt kamen sie
wieder zurck, beide mit strahlenden Gesichtern, beide mit rosenroten
Backen.

Jetzt strzte die Gromama ihnen entgegen. Lachend und weinend umarmte
sie ihr Klrchen, dann das Heidi, dann wieder Klara. Vor Freude fand
die Gromama gar keine Worte.

Auf einmal fiel ihr Blick auf den hi, der bei der Bank stand und
mit behaglichem Lcheln nach den dreien herberschaute. Jetzt fate
die Gromama Klaras Arm in den ihrigen und wanderte mit ihr unter
immerwhrenden Ausrufungen des Entzckens, da es ja wirklich so sei,
da sie umherwandern knne mit dem Kinde, der Bank zu. Hier lie sie
Klara los und ergriff den Alten bei beiden Hnden.

Mein lieber hi! Mein lieber hi! Was haben wir Ihnen zu danken! Es
ist Ihr Werk! Es ist Ihre Sorge und Pflege...

Und unseres Herrgotts Sonnenschein und Almluft, fiel der hi
lchelnd ein.

Ja, und Schwnlis gute, schne Milch gewi auch, rief nun Klara
ihrerseits. Gromama, du solltest nur wissen, wie ich die Geienmilch
trinken kann und wie gut sie ist!

Ja, das kann ich an deinen Backen sehen, Klrchen, sagte jetzt die
Gromama lachend. Nein, dich kennt man nicht mehr; rund, breit bist
du ja geworden, wie ich nie geahnt, da du je werden knntest, und
gro bist du, Klrchen! Nein, ist es denn auch wahr? Ich kann dich ja
nicht genug ansehen! Aber nun mu auf der Stelle telegrafiert werden
an meinen Sohn in Paris, er mu sogleich kommen. Ich sag ihm nicht,
warum, das ist die grte Freude seines Lebens. Mein lieber hi, wie
machen wir das? Sie haben wohl die Mnner schon entlassen?

Die sind fort, antwortete er, aber wenn's der Frau Gromama
pressiert, so lt man den Geienhter herunterkommen, der hat Zeit.

Die Gromama bestand darauf, sofort ihrem Sohne eine Depesche zu
schicken, denn dieses Glck sollte ihm keinen Tag vorenthalten
bleiben.

Nun ging der hi ein wenig auf die Seite, und hier tat er einen so
durchdringenden Pfiff durch seine Finger, da es hoch oben von den
Felsen zurckpfiff, so weit weg hatte er das Echo geweckt. Es whrte
gar nicht lange, so kam der Peter heruntergerannt, er kannte den Pfiff
wohl. Der Peter war kreidewei, denn er dachte, der Almhi rufe ihn
zum Gericht. Es wurde ihm aber nur ein Papier bergeben, das die
Gromama unterdessen berschrieben hatte, und der hi erklrte ihm, er
habe das Papier sofort ins Drfli hinunterzutragen und auf dem Postamt
abzugeben, die Bezahlung werde der hi spter selbst in Ordnung
bringen, denn so viele Dinge auf einmal konnte man dem Peter nicht
bertragen.

Dieser ging nun mit seinem Papier in der Hand, fr diesmal wieder
erleichtert, davon, denn der hi hatte ja nicht zum Gericht gepfiffen,
es war kein Polizeidiener angekommen.

Endlich konnte man sich denn fest und ruhig zusammen um den Tisch vor
der Htte herumsetzen, und nun mute der Gromama erzhlt werden, wie
von Anfang an alles sich zugetragen hatte. Wie zuerst der Grovater
jeden Tag ein wenig das Stehen und dann ein Schrittchen mit Klara
probiert hatte, wie dann die Reise auf die Weide gekommen war und
der Wind den Rollstuhl fortgejagt hatte. Wie Klara vor Begierde nach
den Blumen den ersten Gang machen konnte und so eins aus dem andern
gekommen war. Aber es whrte lange, bis diese Erzhlung von den
Kindern zu Ende gebracht wurde, denn zwischendurch mute die Gromama
immer wieder in Verwunderung und in Lob und Dank ausbrechen, und immer
wieder rief sie aus: Aber ist es denn auch mglich! Ist es denn auch
wirklich kein Traum? Sind wir denn auch alle wach, und sitzen wir hier
vor der Almhtte, und das Mdchen vor mir mit dem runden, frischen
Gesicht ist mein altes, bleiches, kraftloses Klrchen?

Und Klara und Heidi hatten immer neue Freude, da ihre schn
ausgedachte berraschung so gut gelungen war bei der Gromama und
immer noch fortwirkte.

Herr Sesemann hatte unterdessen seine Geschfte in Paris beendet, und
auch er hatte vor, eine berraschung zu bereiten. Ohne ein Wort an
seine Mutter zu schreiben, setzte er sich an einem der sonnigen
Sommermorgen auf die Eisenbahn und fuhr in einem Zuge bis nach Basel,
von wo er in aller Frhe des folgenden Tages gleich wieder aufbrach,
denn es hatte ihn ein groes Verlangen ergriffen, einmal wieder sein
Tchterchen zu sehen, von dem er nun den ganzen Sommer durch getrennt
gewesen war. Im Bade Ragaz kam er einige Stunden nach der Abfahrt
seiner Mutter an.

Die Nachricht, da sie eben heute die Reise nach der Alp unternommen
habe, kam ihm gerade recht. Sofort setzte er sich in einen Wagen und
fuhr nach Maienfeld hinber. Als er da hrte, da er auch noch bis zum
Drfli hinauffahren knne, tat er dies, denn er dachte, die Fupartie
den Berg hinauf werde ihm immer noch lang genug werden.

Herr Sesemann hatte sich nicht getuscht; die unausgesetzte Steigung
die Alp hinan kam ihm sehr lang und beschwerlich vor. Noch immer war
keine Htte in Sicht, und er wute doch, da auf halbem Wege er auf
die Wohnung des Geienpeter stoen sollte, denn oftmals hatte er die
Beschreibung dieses Weges vernommen.

Es waren berall Spuren von Fugngern zu sehen, manchmal gingen die
schmalen Wege nach allen Richtungen hin. Herr Sesemann wurde unsicher,
ob er auch auf dem richtigen Pfade sei oder ob vielleicht die Htte
auf einer andern Seite der Alp liege. Er sah sich um, ob kein
menschliches Wesen zu entdecken sei, das er um den Weg befragen
knnte. Aber es war still ringsum, weit und breit war nichts zu sehen
noch zu hren. Nur der Bergwind sauste dann und wann durch die Luft,
und im sonnigen Blau summten die kleinen Mcken, und ein lustiges
Vgelein pfiff da und dort auf einem einsamen Lrchenbumchen. Herr
Sesemann stand eine Weile still und lie sich die heie Stirne vom
Alpenwinde khlen.

Jetzt kam jemand von oben heruntergelaufen; es war der Peter mit
seiner Depesche in der Hand. Er lief gradaus, steil herunter, nicht
auf dem Fuwege, auf dem Herr Sesemann stand. Sobald der Lufer aber
nahe genug war, winkte ihm Herr Sesemann, da er herberkommen sollte.
Zgernd und scheu kam der Peter heran, seitwrts, nicht gradaus, und
so, als knne er nur mit dem einen Fu richtig vorankommen und msse
den andern nachschleppen.

Na, Junge, frisch heran! ermunterte Herr Sesemann.

Jetzt sag mir mal, komme ich auf diesem Wege zu der Htte hinauf,
wo der alte Mann mit dem Kinde Heidi wohnt, bei dem die Leute aus
Frankfurt sind?

Ein dumpfer Ton furchtbarsten Schreckens war die Antwort, und so
malos scho der Peter davon, da er kopfber und ber die steile
Halde hinabstrzte und fortrollte in unwillkrlichen Purzelbumen,
immer weiter und weiter, ganz hnlich, wie der Rollstuhl getan hatte,
nur da glcklicherweise der Peter nicht in Stcke ging, wie es bei
dem Sessel der Fall gewesen war.

Nur die Depesche wurde arg zugerichtet und flog in Fetzen davon.

Merkwrdig schchterner Bergbewohner, sagte Herr Sesemann vor sich
hin, denn er dachte nicht anders, als da die Erscheinung eines
Fremden diesen starken Eindruck auf den einfachen Alpensohn
hervorgebracht habe.

Nachdem er Peters gewaltttige Talfahrt noch ein wenig betrachtet
hatte, setzte Herr Sesemann seinen Weg weiter fort.

Der Peter konnte trotz aller Anstrengung keinen festen Standpunkt
gewinnen, er rollte immerzu, und von Zeit zu Zeit berschlug er sich
noch in besonderer Weise.

Aber das war nicht die schrecklichste Seite seines Schicksals in
diesem Augenblick, viel erschrecklicher waren die Angst und das
Entsetzen, die ihn erfllten, nun er wute, da der Polizeidiener
aus Frankfurt wirklich angekommen war. Denn er konnte nicht daran
zweifeln, da der Fremde es sei, der den Frankfurtern beim Almhi
nachgefragt hatte. Jetzt, am letzten hohen Abhange oberhalb des
Drfli, warf es den Peter an einen Busch hin, da konnte er sich
endlich festklammern. Einen Augenblick blieb er noch liegen, er mute
sich erst wieder ein wenig besinnen, was mit ihm sei.

Gut so, wieder einer! sagte eine Stimme hart neben dem Peter. Und
wer kriegt morgen den Puff da droben, da er herunterkommt wie ein
schlechtvernhter Kartoffelsack?

Es war der Bcker, der so spottete. Da er da droben aus seinem heien
Tagewerk weg sich ein wenig erluften wollte, hatte er ruhig zugesehen,
wie eben der Peter, dem Heranrollen des Stuhles nicht unhnlich, von
oben heruntergekommen war.

Der Peter schnellte auf seine Fe. Er hatte einen neuen Schrecken.
Jetzt wute der Bcker auch schon, da der Stuhl einen Puff bekommen
hatte. Ohne ein einziges Mal zurckzusehen, lief der Peter wieder den
Berg hinauf. Am liebsten wre er jetzt heimgegangen und in sein Bett
gekrochen, da ihn keiner mehr finden konnte, denn da fhlte er sich
am sichersten. Aber er hatte ja die Geien noch oben, und der hi
hatte ihm noch eingeschrft, bald wiederzukommen, damit die Herde
nicht zu lange allein sei. Den hi aber frchtete er vor allen und
hatte einen solchen Respekt vor ihm, da er niemals gewagt htte, ihm
ungehorsam zu sein. Der Peter chzte laut und hinkte weiter, es mute
ja sein, er mute wieder hinauf. Aber rennen konnte er jetzt nicht
mehr, die Angst und die mannigfaltigen Ste, die er soeben erduldet
hatte, konnten nicht ohne Wirkung bleiben. So ging es denn mit Hinken
und Sthnen weiter die Alm hinauf.

Herr Sesemann hatte kurz nach der Begegnung mit Peter die erste Htte
erreicht und wute nun, da er auf dem richtigen Wege war. Er stieg
mit erneutem Mute weiter, und endlich, nach langer, mhevoller
Wanderung, sah er sein Ziel vor sich. Dort oben stand die Almhtte,
und oben darber wogten die dunkeln Wipfel der alten Tannen.

Herr Sesemann ging mit Freuden an die letzte Steigung, gleich konnte
er sein Kind berraschen. Aber schon war er von der Gesellschaft
vor der Htte entdeckt und erkannt worden, und fr den Vater wurde
vorbereitet, was er nicht ahnte.

Als er den letzten Schritt zur Hhe getan hatte, kamen ihm von der
Htte her zwei Gestalten entgegen. Es war ein groes Mdchen mit
hellblonden Haaren und einem rosigen Gesichtchen, das sttzte sich
auf das kleinere Heidi, dem ganze Freudenblitze aus den dunklen Augen
funkelten. Herr Sesemann stutzte, er stand still und starrte die
Herankommenden an. Auf einmal strzten ihm die groen Trnen aus
den Augen. Was stiegen auch fr Erinnerungen in seinem Herzen auf!
Ganz so hatte Klaras Mutter ausgesehen, das blonde Mdchen mit den
angehauchten Rosenwangen. Herr Sesemann wute nicht, war er wachend,
oder trumte er.

Papa, kennst du mich denn gar nicht mehr? rief ihm jetzt Klara mit
freudestrahlendem Gesicht entgegen. Bin ich denn so verndert?

Nun strzte Herr Sesemann auf sein Tchterchen zu und schlo es in
seine Arme.

Ja, du bist verndert! Ist es mglich? Ist es Wirklichkeit?

Und der berglckliche Vater trat wieder einen Schritt zurck, um
noch einmal hinzusehen, ob denn das Bild nicht verschwinde vor seinen
Augen.

Bist du's, Klrchen, bist du's denn wirklich? mute er ein Mal ums
andere ausrufen. Dann schlo er sein Kind wieder in die Arme, und
gleich nachher mute er noch einmal sehen, ob es wirklich sein
Klrchen sei, das aufrecht vor ihm stand.

Jetzt war auch die Gromama herbeigekommen, sie konnte nicht so lange
warten, bis sie das glckliche Gesicht ihres Sohnes erblicken sollte.

Na, mein lieber Sohn, was sagst du jetzt? rief sie ihm zu. Die
berraschung, die du uns machst, ist recht schn; aber diejenige, die
man dir bereitet hat, ist noch viel schner, nicht? Und die erfreute
Mutter begrte nun mit groer Herzlichkeit ihren lieben Sohn. Aber
jetzt, mein Lieber, sagte sie dann, kommst du mit mir dort hinber,
unsern hi zu begren, der ist unser allergrter Wohltter.

Gewi, und auch unsere Hausgenossin, unser kleines Heidi, mu ich
noch begren, sagte Herr Sesemann, indem er Heidis Hand schttelte.
Nun? Immer frisch und gesund auf der Alp? Aber man mu nicht fragen,
kein Alpenrschen kann blhender aussehen. Das ist mir eine Freude,
Kind, das ist mir eine groe Freude!

Auch das Heidi schaute mit leuchtender Freude zu dem freundlichen
Herrn Sesemann auf. Wie gut war er immer zu ihm gewesen! Und da er
nun hier auf der Alp ein solches Glck finden sollte, das machte
Heidis Herz laut schlagen vor groer Freude.

Jetzt fhrte die Gromama ihren Sohn zum Almhi hinber, und whrend
nun die beiden Mnner sich sehr herzlich die Hnde schttelten und
Herr Sesemann begann, seinen tiefgefhlten Dank auszusprechen und sein
unermeliches Erstaunen darber, wie nur dieses Wunder hatte geschehen
knnen, da wandte sich die Gromama und ging ein wenig nach der andern
Seite hinber, dann das hatte sie nun schon durchgesprochen. Sie
wollte einmal nach den alten Tannen sehen.

Da harrte ihrer schon wieder etwas Unerwartetes. Mitten unter den
Bumen, da, wo die langen ste noch einen freien Platz gelassen
hatten, stand ein groer Busch der wundervollsten, dunkelblauen
Enzianen, so frisch und glnzend, als wren sie eben da
herausgewachsen. Die Gromama schlug die Hnde zusammen vor Entzcken.

Wie kstlich! Wie prchtig! Welch ein Anblick! rief sie ein Mal ums
andere aus. Heidi, mein liebes Kind, komm hierher! Hast du mir das
zur Freude bereitet? Es ist vollkommen wundervoll.

Die Kinder waren schon da.

Nein, nein, ich gewi nicht, sagte das Heidi, aber ich wei schon,
wer's gemacht hat.

So ist's droben auf der Weide, Gromama, und noch viel schner, fiel
hier Klara ein. Aber rat einmal, wer dir heut frh schon die Blumen
von der Weide heruntergeholt hat! Und Klara lchelte so vergnglich
zu ihrer Rede, da der Gromama einen Augenblick der Gedanke kam, das
Kind sei am Ende heute selbst schon dort oben gewesen. Das war doch
aber fast nicht mglich.

Jetzt hrte man ein leises Gerusch hinter den Tannenbumen; es kam
vom Peter her, der unterdessen hier oben angelangt war. Da er aber
gesehen hatte, wer beim hi vor der Htte stand, hatte er einen
groen Bogen gemacht und wollte nun ganz heimlich hinter den Tannen
hinaufschleichen. Aber die Gromama hatte ihn erkannt, und pltzlich
stieg ein neuer Gedanke in ihr auf. Sollte der Peter die Blumen
heruntergebracht haben und nun aus lauter Scheu und Bescheidenheit
so heimlich vorbeischleichen wollen? Nein, das durfte nicht sein, er
sollte doch eine kleine Belohnung haben.

Komm, mein Junge, komm hier heraus, frisch, ohne Scheu! rief die
Gromama laut und steckte ein wenig den Kopf zwischen die Bume
hinein.

Starr vor Schrecken stand der Peter still. Er hatte keine
Widerstandskraft mehr nach allem Erlebten. Er fhlte nur noch das
eine: Jetzt ist's aus! Alle Haare standen ihm aufrecht auf dem Kopf,
und farblos und entstellt von hchster Angst trat der Peter hinter den
Tannen hervor.

Nur frisch heran, ohne Umwege, ermunterte die Gromama. So, nun sag
mir mal, Junge, hast du das gemacht?

Der Peter hob seine Augen nicht auf und sah nicht, wohin der
Zeigefinger der Gromama wies. Er hatte gesehen, da der hi an der
Ecke der Htte stand und da dessen graue Augen durchdringend auf ihn
gerichtet waren, und neben dem hi stand das Schrecklichste, das der
Peter kannte, der Polizeidiener aus Frankfurt. An allen Gliedern
zitternd und bebend, stie der Peter einen Laut hervor, es war ein
Ja.

Nanu, sagte die Gromama, was ist denn das Schreckliche dabei?

Da er... da er... da er auseinander ist und man ihn nicht
mehr ganz machen kann, brachte mhsam der Peter heraus, und nun
schlotterten seine Knie so, da er fast nicht mehr stehen konnte. Die
Gromama ging nach der Httenecke hinber.

Mein lieber hi, rappelt es denn wirklich ernstlich bei dem armen
Buben? fragte sie teilnehmend.

Gar nicht, gar nicht, versicherte der hi. Der Bube ist nur der
Wind, der den Rollstuhl fortgejagt hat, und nun erwartet er seine
wohlverdiente Strafe.

Das konnte nun die Gromama gar nicht glauben, denn sie meinte,
boshaft sehe der Peter doch ganz und gar nicht aus, und sonst htte er
doch keinen Grund gehabt, den so notwendigen Rollstuhl zu zerstren.

Aber dem hi war das Gestndnis nur die Besttigung eines Verdachtes
gewesen, der gleich nach der Tat in ihm aufgestiegen war. Die
grimmigen Blicke, die der Peter von Anfang an der Klara zugeworfen
hatte, und andere Merkmale seiner Erbitterung gegen die neuen
Erscheinungen auf der Alp waren dem hi nicht entgangen. Er hatte
einen Gedanken an den andern gehngt, und so hatte er genau den
ganzen Gang der Dinge erkannt und teilte ihn jetzt der Gromama in
aller Klarheit mit. Als er zu Ende war, brach die Dame in groe
Lebhaftigkeit aus.

Nein, mein lieber hi, nein, nein, den armen Buben wollen wir nicht
weiter strafen. Man mu billig sein. Da kommen die fremden Leute aus
Frankfurt hereingebrochen und nehmen ihm ganze Wochen lang das Heidi
weg, sein einziges Gut und wirklich ein groes Gut, und da sitzt er
allein Tag fr Tag und hat das Nachsehen. Nein, nein, da mu man
billig sein; der Zorn hat ihn berwltigt und hat ihn zu der Rache
getrieben, die ein wenig dumm war, aber im Zorn werden wir alle dumm.

Damit ging die Gromama zum Peter zurck, der noch immerfort bebte und
schlotterte.

Sie setzte sich auf die Bank unter die Tanne und sagte freundlich:
So, nun komm, mein Junge, da vor mich hin, ich habe dir etwas zu
sagen. Hre auf zu zittern und zu beben und hr mir zu, das will
ich haben. Du hast den Rollstuhl den Berg hinuntergejagt, damit er
zerschmettere. Das war etwas Bses, das hast du recht wohl gewut,
und da du eine Strafe verdientest, das wutest du auch, und damit
du diese nicht erhaltest, hast du dich recht anstrengen mssen, da
keiner es merke, was du getan hattest. Aber siehst du: Wer etwas Bses
tut und denkt, es wei keiner, der verrechnet sich immer. Der liebe
Gott sieht und hrt ja doch alles, und sobald er bemerkt, da ein
Mensch seine bse Tat verheimlichen will, so weckt er schnell in dem
Menschen das Wchterchen auf, das er schon bei seiner Geburt in ihn
hineingesetzt hat und das da drinnen schlafen darf, bis der Mensch
ein Unrecht tut. Und das Wchterchen hat einen kleinen Stachel in der
Hand, mit dem sticht es nun in einem fort den Menschen, da er gar
keinen ruhigen Augenblick mehr hat. Und auch mit seiner Stimme
bengstigt es den Gequlten noch, denn es ruft ihm immer qulend zu:
>Jetzt kommt alles aus! jetzt holen sie dich zur Strafe!< So mu er
immer in Angst und Schrecken leben und hat keine Freude mehr, gar
keine. Hast du nicht auch so etwas erfahren, Peter, eben jetzt?

Der Peter nickte ganz zerknirscht, aber wie ein Kenner, denn gerade so
war es ihm ergangen.

Und noch in einer Weise hast du dich verrechnet, fuhr die Gromama
fort. Sieh, wie das Bse, das du tatest, zum Besten ausfiel fr die,
der du es zufgen wolltest! Weil Klara keinen Sessel mehr hatte, auf
dem man sie hinbringen konnte, und doch die schnen Blumen sehen
wollte, so strengte sie sich ganz besonders an zu gehen, und so lernte
sie's und geht nun immer besser, und bleibt sie hier, so kann sie am
Ende jeden Tag hinauf zur Weide gehen, viel fter, als sie in ihrem
Stuhle hinaufgekommen wre. Siehst du wohl, Peter? So kann der liebe
Gott, was einer bse machen wollte, nur schnell in seine Hand nehmen
und fr den andern, der geschdigt werden sollte, etwas Gutes daraus
machen, und der Bsewicht hat das Nachsehen und den Schaden davon.
Hast du nun auch alles gut verstanden, Peter, ja? So denk daran,
und jedesmal, wenn es dich wieder gelsten sollte, etwas Bses zu
tun, denk an das Wchterchen da drinnen mit dem Stachel und der
unangenehmen Stimme. Willst du das tun?

Ja, so will ich, antwortete der Peter, noch sehr gedrckt, denn noch
wute er ja nicht, wie alles enden wrde, da der Polizeidiener immer
noch drben stand neben dem hi.

So, nun ist's gut, die Sache ist abgetan, schlo die Gromama. Nun
sollst du aber auch noch ein Andenken an die Frankfurter haben, das
dich freut. So sag mir nun, mein Junge, hast du auch schon mal was
gewnscht, das du haben mchtest? Was war's denn? Was mchtest du am
liebsten haben?

Jetzt hob der Peter seinen Kopf auf und starrte die Gromama mit
ganz kugelrunden, erstaunten Augen an. Noch immer hatte er etwas
Schreckliches erwartet, und nun sollte er auf einmal bekommen, was er
gern htte. Dem Peter kam alles durcheinander in seinen Gedanken.

Ja, ja, es ist mir Ernst, sagte die Gromama. Du sollst etwas
haben, das dich freut, zur Erinnerung an die Leute von Frankfurt und
zum Zeichen, da sie nicht mehr daran denken, da du etwas Unrechtes
getan hast. Verstehst du's nun, Junge?

In dem Peter fing die Einsicht aufzudmmern an, da er keine Strafe
mehr zu befrchten habe und da die gute Frau, die vor ihm sa, ihn
aus der Gewalt des Polizeidieners errettet hatte. Jetzt empfand er
eine Erleichterung, als fiele ein Berg von ihm ab, der ihn fast
zusammengedrckt hatte. Aber nun hatte er auch begriffen, da es
besser geht, wenn man gleich eingestellt, was gefehlt ist, und auf
einmal sagte er:

Und das Papier hab ich auch verloren.

Die Gromama mute sich ein wenig besinnen, aber der Zusammenhang kam
ihr bald in den Sinn, und sie sagte freundlich: So, so, es ist recht,
da du's sagst! Immer gleich bekennen, was nicht recht ist; dann
kommt's wieder in Ordnung. Und jetzt, was httest du gern?

Nun konnte der Peter auf der Welt wnschen, was er nur wollte.
Es wurde ihm fast schwindelig. Der ganze Jahrmarkt von Maienfeld
flimmerte vor seinen Augen mit all den schnen Sachen, die er oft
stundenlang angestaunt und fr immer unerreichbar gehalten hatte, denn
Peters Besitztum hatte nie einen Fnfer berstiegen, und alle die
lockenden Gegenstnde kosteten immer das Doppelte. Da waren die
schnen roten Pfeifchen, die er so gut fr seine Geien brauchen
konnte. Da waren die lockenden Messer mit runden Heften, Krtenstecher
genannt, mit denen man in allen Haselrutenhecken die besten Geschfte
machen konnte.

Tiefsinnig stand der Peter da, denn er berdachte, welches von den
zweien das Wnschbarste wre, und er fand den Entscheid nicht. Aber
jetzt kam ihm ein lichtvoller Gedanke; so konnte er sich noch bis zum
nchsten Jahrmarkt besinnen.

Einen Zehner, antwortete Peter jetzt entschlossen.

Die Gromama lachte ein wenig.

Das ist nicht bertrieben. So komm her! Sie zog jetzt ihren Beutel
heraus und nahm einen groen, runden Taler heraus; darauf legte sie
noch zwei Zehnerstckchen.

So, wir wollen gerade Rechnung machen, fuhr sie fort; das will ich
dir erklren. Hier hast du nun gerade so viele Zehner, als Wochen im
Jahre sind! So kannst du jeden Sonntag einen Zehner hervornehmen und
verbrauchen, das ganze Jahr durch.

Meiner Lebtag? fragte der Peter ganz harmlos.

Jetzt mute die Gromama so ungeheuer lachen, da die Herren drben
ihr Gesprch unterbrechen muten, um zu hren, was da vorgehe.

Die Gromama lachte immer noch.

Das sollst du haben, Junge, das gibt einen Passus in mein Testament,
hrst du, mein Sohn? Und nachher geht er in das deinige ber, also:
Dem Geienpeter einen Zehner wchentlich, solange er am Leben ist.

Herr Sesemann nickte zustimmend und lachte auch herber.

Der Peter schaute noch einmal auf das Geschenk in seiner Hand, ob es
auch wirklich wahr sei. Dann sagte er: Danke Gott! Und nun rannte er
davon in ganz ungewhnlichen Sprngen, aber diesmal blieb er doch auf
den Fen, denn jetzt trieb ihn nicht der Schrecken davon, sondern
eine Freude, wie der Peter noch gar keine gekannt hatte sein Leben
lang. Alle Angst und Schrecken waren vergangen, und jede Woche hatte
er einen Zehner zu erwarten sein Leben lang.

Als spter die Gesellschaft vor der Almhtte das frhliche Mittagsmahl
beendet hatte und nun noch in allerlei Gesprchen zusammensa, da nahm
Klara ihren Vater, der ganz strahlte vor Freude und jedesmal, wenn er
sie wieder anschaute, noch ein wenig glcklicher aussah, bei der Hand
und sagte mit einer Lebhaftigkeit, die man nie an der matten Klara
gekannt hatte:

O Papa, wenn du nur wtest, was der Grovater alles fr mich getan
hat! So viel alle Tage, da man es gar nicht nacherzhlen kann, aber
ich vergesse es in meinem ganzen Leben nicht. Und immer denke ich,
wenn ich nur dem lieben Grovater auch etwas tun knnte oder etwas
schenken, das ihm so recht Freude machen wrde, auch nur halb soviel,
wie er mir Freude gemacht hat.

Das ist ja auch mein grter Wunsch, liebes Kind, sagte der Vater.
Ich sinne schon immer darber nach, wie wir unserem Wohltter unseren
Dank auch nur einigermaen dartun knnten.

Herr Sesemann stand jetzt auf und ging zum hi hinber, der neben der
Gromama sa und sich ausnehmend gut mit ihr unterhalten hatte. Er
stand aber jetzt auch auf. Herr Sesemann ergriff seine Hand und sagte
in der freundschaftlichsten Weise: Mein lieber Freund, lassen Sie uns
ein Wort zusammen sprechen! Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen
sage, da ich seit langen Jahren keine rechte Freude mehr kannte. Was
war mir all mein Geld und Gut, wenn ich mein armes Kind anblickte, das
ich mit keinem Reichtum gesund und glcklich machen konnte? Nchst
unserm Gott im Himmel haben Sie mir das Kind gesund gemacht und mir,
wie ihm, damit ein neues Leben geschenkt. Nun sprechen Sie, womit
kann ich Ihnen meine Dankbarkeit zeigen? Vergelten kann ich nie, was
Sie uns getan haben, aber was ich vermag, das stelle ich zu Ihrer
Verfgung. Sprechen Sie, mein Freund, was darf ich tun?

Der hi hatte still zugehrt und den glcklichen Vater mit vergngtem
Lcheln angeblickt.

Herr Sesemann glaubt mir wohl, da ich meinen Teil an der groen
Freude ber die Genesung auf unserer Alm auch habe; meine Mhe ist mir
wohl dadurch vergolten, sagte jetzt der hi in seiner festen Weise.
Fr die gtigen Anerbietungen danke ich Herrn Sesemann, ich habe
nichts ntig. Solange ich lebe, habe ich fr das Kind und fr mich
genug. Aber einen Wunsch htte ich; wenn mir der erfllt werden
knnte, so htte ich fr dieses Leben keine Sorge mehr.

Sprechen Sie, sprechen Sie, mein lieber Freund! drngte Herr
Sesemann.

Ich bin alt, fuhr der hi fort, und kann nicht mehr lange
hierbleiben. Wenn ich gehe, kann ich dem Kinde nichts hinterlassen,
und Verwandte hat es keine mehr; nur eine einzige Person, die wrde
noch ihren Vorteil aus ihm ziehen wollen. Wenn mir der Herr Sesemann
die Zusicherung geben wollte, da das Heidi nie in seinem Leben hinaus
mu, um sein Brot unter den Fremden zu suchen, dann htte er mir
reichlich zurckgegeben, was ich fr ihn und sein Kind tun konnte.

Aber, mein lieber Freund, davon kann ja niemals eine Rede sein,
brach Herr Sesemann nun aus. Das Kind gehrt ja zu uns. Fragen Sie
meine Mutter, meine Tochter; das Kind Heidi werden Sie ja in ihrem
Leben nicht anderen Leuten berlassen! Aber da, wenn es Ihnen eine
Beruhigung ist, mein Freund, hier meine Hand darauf. Ich verspreche
Ihnen: Nie in seinem Leben soll dieses Kind hinaus, um unter fremden
Menschen sein Brot zu verdienen; dafr will ich sorgen, auch ber
meine Lebenszeit hinaus. Nun aber will ich noch etwas sagen. Dieses
Kind ist nicht fr ein Leben in der Fremde gemacht, wie auch die
Verhltnisse wren; das haben wir erfahren. Aber es hat sich Freunde
gemacht. Einen solchen kenne ich, der ist noch in Frankfurt; da tut er
seine letzten Geschfte ab, um dann nachher dahin zu gehen, wo es ihm
gefllt, und sich da zur Ruhe zu setzen. Das ist mein Freund, der
Doktor, der noch diesen Herbst hier ankommen wird und, Ihren Rat dazu
in Anspruch nehmend, sich in dieser Gegend niederlassen will, denn in
Ihrer und des Kindes Gesellschaft hat er sich so wohl befunden wie
sonst nirgends mehr. So sehen Sie, das Kind Heidi wird fortan zwei
Beschtzer in seiner Nhe haben. Mgen ihm beide miteinander noch
recht lange erhalten bleiben!

Das gebe der liebe Gott! fiel hier die Gromama ein, und den Wunsch
ihres Sohnes besttigend, schttelte sie dem hi eine gute Weile mit
groer Herzlichkeit die Hand. Dann fate sie auf einmal das Heidi um
den Hals, das neben ihr stand, und zog es zu sich heran.

Und du, mein liebes Heidi, dich mu man doch auch noch fragen. Komm,
sag mir mal: Hast du denn nicht auch einen Wunsch, den du gern erfllt
httest?

Ja freilich, das hab ich schon, antwortete das Heidi und blickte
sehr erfreut zu der Gromama auf.

So, das ist recht, so komm heraus damit, ermunterte diese. Was
httest du denn gern, Kind?

Ich htte gern mein Bett aus Frankfurt mit den drei hohen Kissen und
der dicken Decke, dann mu die Gromutter nicht mehr mit dem Kopf
bergab liegen und kann fast nicht atmen, und sie hat warm genug unter
der Decke und mu nicht immer mit dem Schal ins Bett gehen, weil sie
sonst furchtbar friert.

Das Heidi hatte alles in einem Atemzuge gesagt vor Eifer, zu seinem
gewnschten Ziel zu kommen.

Ach mein liebes Heidi, was sagst du mir da! rief die Gromama erregt
aus. Das ist gut, da du mich erinnerst. In der Freude vergit man
leicht, woran man zuallererst htte denken sollen. Wenn uns der liebe
Gott etwas Gutes schickt, mten wir doch gleich an diejenigen denken,
die so viel entbehren! Jetzt wird auf der Stelle nach Frankfurt
telegrafiert! Noch heute soll die Rottenmeier das Bett zusammenpacken,
in zwei Tagen kann es dasein. Will's Gott, soll die Gromutter gut
schlafen darin!

Das Heidi hpfte frohlockend rings um die Gromama herum. Aber auf
einmal stand es still und sagte eilig: Nun mu ich gewi geschwind
zur Gromutter hinunter, es wird ihr auch wieder angst, wenn ich so
lang nicht mehr komme.

Denn nun konnte das Heidi es nicht mehr erwarten, der Gromutter die
Freudenbotschaft zu bringen, und es war ihm auch wieder in den Sinn
gekommen, wie es der Gromutter angst gewesen, als es zuletzt bei ihr
war.

Nein, nein, Heidi, was meinst du? ermahnte der Grovater. Wenn man
Besuch hat, luft man nicht mit einemmal auf und davon.

Aber die Gromama untersttzte das Heidi.

Mein lieber hi, das Kind hat so unrecht nicht, sagte sie. Die arme
Gromutter ist auch seit langem viel zu kurz gekommen um meinetwillen.
Nun wollen wir gleich alle miteinander zu ihr gehen, und ich denke,
dort warte ich mein Pferd ab, und wir setzen dann unseren Weg weiter
fort, und unten im Drfli wird sogleich das Telegramm nach Frankfurt
aufgegeben. Mein Sohn, was meinst du dazu?

Herr Sesemann hatte bis jetzt noch gar nicht Zeit gehabt, ber seine
Reiseplne zu sprechen. Er mute also seine Mutter bitten, nicht
sogleich ihr Unternehmen auszufhren, sondern noch einen Augenblick
sitzen zu bleiben, bis er seine Absicht ausgesprochen habe.

Herr Sesemann hatte sich vorgenommen, mit seiner Mutter eine kleine
Reise durch die Schweiz zu machen und erst zu sehen, ob sein Klrchen
imstande sei, eine kurze Strecke mitzureisen. Nun war es so gekommen,
da er die genureichste Reise in Gesellschaft seiner Tochter vor sich
sah, und nun wollte er auch gleich diese schnen Sptsommertage dazu
benutzen. Er hatte im Sinne, die Nacht im Drfli zuzubringen und am
folgenden Morgen Klara auf der Alm abzuholen, um mit ihr zur Gromama
nach dem Bade Ragaz hinunter und von da weiterzureisen.

Klara war ein wenig betroffen ber die Anzeige der pltzlichen Abreise
von der Alp, aber es war ja so viel Freude daneben, und berdies war
da gar keine Zeit, sich dem Bedauern hinzugeben.

Schon war die Gromama aufgestanden und hatte Heidis Hand erfat, um
den Zug anzufhren. Jetzt kehrte sie sich pltzlich um.

Aber was in aller Welt macht man nun mit Klrchen? rief sie
erschrocken aus, denn es war ihr in den Sinn gekommen, da der Gang
doch fr sie viel zu weit sein wrde.

Aber schon hatte in gewohnter Weise der hi sein Pflegetchterchen auf
den Arm genommen und folgte mit festem Schritte der Gromama nach, die
jetzt mit vielem Wohlgefallen zurcknickte. Zuletzt kam Herr Sesemann,
und so ging der Zug weiter den Berg hinunter.

Das Heidi mute immerfort aufhpfen vor Freude an der Seite der
Gromama, und diese wollte nun alles wissen von der Gromutter, wie
sie lebe und wie alles bei ihr zugehe, besonders im Winter bei der
groen Klte da droben.

Das Heidi berichtete ber alles ganz genau, denn es wute schon, wie
da alles zuging und wie dann die Gromutter zusammengeduckt in ihrem
Winkelchen sa und zitterte vor Klte. Es wute auch gut, was sie dann
zu essen hatte, und auch, was sie nicht hatte.

Bis zur Htte hinunter hrte die Gromama mit der lebhaftesten
Teilnahme Heidis Berichten zu.

Die Brigitte war eben daran, Peters zweites Hemd an die Sonne zu
hngen, damit, wenn das eine wieder genug getragen war, das andere
angezogen werden konnte. Sie erblickte die Gesellschaft und strzte in
die Stube hinein.

Jetzt grad geht alles fort, Mutter, berichtete sie. Es ist ein
ganzer Zug; der hi begleitet sie, er trgt das Kranke.

Ach, mu es denn wirklich sein? seufzte die Gromutter. So nehmen
sie das Heidi mit, das hast du gesehen? Ach, wenn es mir nur auch noch
die Hand geben drfte! Wenn ich es nur auch noch einmal hrte!

Jetzt wurde strmisch die Tr aufgemacht, und das Heidi war in wenigen
Sprngen in der Ecke bei der Gromutter und umklammerte sie.

Gromutter! Gromutter! Mein Bett kommt aus Frankfurt und alle drei
Kissen und auch die dicke Decke; in zwei Tagen ist es da, das hat die
Gromama gesagt.

Das Heidi hatte gar nicht schnell genug seinen Bericht herausbringen
knnen, denn es konnte die ungeheure Freude der Gromutter fast nicht
abwarten. Sie lchelte, aber ein wenig traurig sagte sie:

Ach, was mu das fr eine gute Frau sein! Ich sollte mich nur freuen,
da sie dich mitnimmt, Heidi, aber ich kann es nicht lang berleben.

Was? Was? Wer sagt denn der guten alten Gromutter so etwas? fragte
hier eine freundliche Stimme, und die Hand der Alten wurde dabei
erfat und herzlich gedrckt, denn die Gromama war hinzugetreten
und hatte alles gehrt. Nein, nein, davon ist keine Rede! Das Heidi
bleibt bei der Gromutter und macht ihre Freude aus. Wir wollen das
Kind auch wiedersehen, aber wir kommen zu ihm. Jedes Jahr werden wir
nach der Alm hinaufkommen, denn wir haben Ursache, an dieser Stelle
dem lieben Gott alljhrlich unseren besonderen Dank zu sagen, wo er
ein solches Wunder an unserem Kinde getan hat.

Jetzt kam der echte Freudenschein auf das Gesicht der Gromutter, und
mit wortlosem Dank drckte sie fort und fort die Hand der guten Frau
Sesemann, whrend ihr vor lauter Freude ein paar groe Trnen die
alten Wangen herabglitten. Das Heidi hatte den Freudenschein auf dem
Gesichte der Gromutter gleich gesehen und war jetzt ganz beglckt.

Gelt, Gromutter, sagte es, sich an sie schmiegend, jetzt ist es
so gekommen, wie ich dir zuletzt gelesen habe? Gelt, das Bett aus
Frankfurt ist gewi heilsam?

Ach ja, Heidi, und noch so vieles, so viel Gutes, das der liebe Gott
an mir tut! sagte die Gromutter mit tiefer Rhrung. Wie ist es nur
mglich, da es so gute Menschen gibt, die sich um eine arme Alte
bekmmern und so viel an ihr tun! Es ist nichts, das einem den
Glauben so strken kann an einen guten Vater im Himmel, der auch sein
Geringstes nicht vergessen will, wie so etwas zu erfahren, da es
solche Menschen gibt voll Gte und Barmherzigkeit fr ein armes,
unntzes Weiblein, wie ich eins bin.

Meine gute Gromutter, fiel hier Frau Sesemann ein, vor unserem
Herrn im Himmel sind wir alle gleich armselig, und alle haben wir es
gleich ntig, da er uns nicht vergesse. Und nun nehmen wir Abschied,
aber auf Wiedersehen, denn sobald wir nchstes Jahr wieder nach der
Alm kommen, suchen wir auch die Gromutter wieder auf; die wird nie
mehr vergessen! Damit erfate Frau Sesemann noch einmal die Hand der
Alten und schttelte sie.

Aber sie kam nicht so schnell fort, wie sie meinte, denn die
Gromutter konnte nicht aufhren zu danken, und alles Gute, das der
liebe Gott in seiner Hand habe, wnschte sie auf ihre Wohltterin und
deren ganzes Haus herab.

Jetzt zog Herr Sesemann mit seiner Mutter talabwrts, whrend der hi
Klara noch einmal mit nach Hause trug und das Heidi, ohne aufzusetzen,
hochauf hpfte neben ihnen her, denn es war so froh ber die Aussicht
der Gromutter, da es mit jedem Schritt einen Sprung machen mute.

Am Morgen darauf aber gab es heie Trnen bei der scheidenden Klara,
nun sie fort mute von der schnen Alm, wo es ihr so wohl gewesen war
wie noch nie in ihrem Leben. Aber das Heidi trstete sie und sagte:

Es ist im Augenblick wieder Sommer, und dann kommst du wieder, und
dann ist's noch viel schner. Dann kannst du von Anfang an gehen, und
wir knnen alle Tage mit den Geien auf die Weide gehen und zu den
Blumen hinauf, und alles Lustige geht von vorn an.

Herr Sesemann war nach Abrede gekommen, sein Tchterchen abzuholen. Er
stand jetzt drben beim Grovater, die Mnner hatten noch allerlei zu
besprechen. Klara wischte nun ihre Trnen weg, Heidis Worte hatten sie
ein wenig getrstet.

Ich lasse auch den Peter noch gren, sagte sie wieder, und alle
Geien, besonders das Schwnli. Oh, wenn ich nur dem Schwnli ein
Geschenk machen knnte; es hat so viel dazu geholfen, da ich gesund
geworden bin.

Das kannst du schon ganz gut, versicherte das Heidi. Schick ihm nur
ein wenig Salz, du weit schon, wie gern es am Abend das Salz aus des
Grovaters Hand schleckt.

Der Rat gefiel Klara wohl.

Oh, dann will ich ihm gewi hundert Pfund Salz aus Frankfurt
schicken, rief sie erfreut aus, es mu auch ein Andenken an mich
haben.

Jetzt winkte Herr Sesemann den Kindern, denn er wollte abreisen.
Diesmal war das weie Pferd der Gromama fr Klara gekommen, und jetzt
konnte sie herunterreiten, sie brauchte keinen Tragsessel mehr.

Das Heidi stellte sich auf den uersten Rand des Abhanges hinaus und
winkte mit seiner Hand der Klara zu, bis das letzte Restchen von Ro
und Reiterin geschwunden war.


Das Bett ist angekommen, und die Gromutter schlft jetzt so gut jede
Nacht, da sie gewi dadurch zu ganz neuen Krften kommt. Den harten
Winter auf der Alp hat die gute Gromama auch nicht vergessen. Sie hat
einen groen Warenballen nach der Geienpeter-Htte gesandt. Darin war
so viel warmes Zeug verpackt, da die Gromutter sich um und um damit
einhllen kann und gewi nie mehr zitternd vor Klte in ihrer Ecke
sitzen mu.

Im Drfli ist ein groer Bau im Gange. Der Herr Doktor ist angekommen
und hat vorderhand sein altes Quartier bezogen. Auf den Rat seines
Freundes hin hat der Herr Doktor das alte Gebude angekauft, das der
hi im Winter mit dem Heidi bewohnt hatte und das ja schon einmal ein
groer Herrensitz gewesen war, was man immer noch an der hohen Stube
mit dem schnen Ofen und dem kunstreichen Getfel sehen konnte.
Diesen Teil des Hauses lt der Herr Doktor als seine eigene Wohnung
aufbauen. Die andere Seite wird als Winterquartier fr den hi und
das Heidi hergestellt, denn der Herr Doktor kennt den Alten als einen
unabhngigen Mann, der seine eigene Behausung haben mu. Zuhinterst
wird ein festgemauerter, warmer Geienstall eingerichtet, da werden
Schwnli und Brli in sehr behaglicher Weise ihre Wintertage
zubringen.

Der Herr Doktor und der Almhi werden tglich bessere Freunde, und
wenn sie zusammen auf dem Gemuer herumsteigen, um den Fortgang des
Baues zu besichtigen, kommen ihre Gedanken meistens auf das Heidi,
denn beiden ist die Hauptfreude an dem Hause, da sie mit ihrem
frhlichen Kinde hier einziehen werden.

Mein lieber Freund, sagte krzlich der Herr Doktor, mit dem hi oben
auf der Mauer stehend, Sie mssen die Sache ansehen wie ich. Ich
teile alle Freude an dem Kinde mit Ihnen, als wre ich der nchste
nach Ihnen, zu dem das Kind gehrt; ich will aber auch alle
Verpflichtungen teilen und nach bester Einsicht fr das Kind sorgen.
So habe ich auch meine Rechte an unserem Heidi und kann hoffen, da es
mich in meinen alten Tagen pflegt und um mich bleibt, was mein grter
Wunsch ist. Das Heidi soll in alle Kindesrechte bei mir eintreten; so
knnen wir es ohne Sorge zurcklassen, wenn wir einmal von ihm gehen
mssen, Sie und ich.

Der hi drckte dem Herrn Doktor lange die Hand. Er sagte kein Wort,
aber sein guter Freund konnte in den Augen des Alten die Rhrung und
hohe Freude lesen, die seine Worte erweckt hatten.

Derweilen saen das Heidi und der Peter bei der Gromutter, und
das erstere hatte so viel zu tun mit Erzhlen und der letztere mit
Zuhren, da sie alle beide kaum zu Atem kommen konnten und vor Eifer
immer nher auf die glckliche Gromutter eindrangen.

Wieviel war ihr auch zu berichten von alle dem, das den ganzen Sommer
durch sich ereignet hatte, denn man war ja so wenig zusammengekommen
whrend dieser Zeit.

Und von den dreien sah immer eins glcklicher aus als das andere ber
das neue Zusammensein und ber alle die wunderbaren Ereignisse. Jetzt
aber war das Gesicht der Mutter Brigitte noch fast am glcklichsten
anzusehen, da mit Heidis Hilfe nun zum erstenmal klar und verstndlich
die Geschichte des unaufhrlichen Zehners herauskam. Zuletzt aber
sagte die Gromutter:

Heidi, lies mir ein Lob- und Danklied! Es ist mir, als knne ich
nur noch loben und preisen und unserem Gott im Himmel Dank sagen fr
alles, was er an uns getan hat.





End of the Project Gutenberg EBook of Heidi kann brauchen, was es gelernt hat
by Johanna Spyri

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK HEIDI, VOL. 2 ***

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