The Project Gutenberg EBook of Jenseits von Gut und Bose
by Friedrick Wilhelm Nietzsche

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Title: Jenseits von Gut und Bose

Author: Friedrick Wilhelm Nietzsche

Release Date: January, 2005  [EBook #7204]
[This file was first posted on March 26, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, JENSEITS VON GUT UND BOSE ***




This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg -
DE" (http://www.gutenberg2000.de/nietzsche/jenseits/0htmldir.htm),
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Friedrich Nietzsche

Jenseits von Gut und Bse




Inhalt

    Vorrede
    1. Hauptstck: Von den Vorurtheilen der Philosophen.
    2. Hauptstck: Der freie Geist.
    3. Hauptstck: Das religise Wesen.
    4. Hauptstck: Sprche und Zwischenspiele.
    5. Hauptstck: Zur Naturgeschichte der Moral.
    6. Hauptstck: Wir Gelehrten.
    7. Hauptstck: Unsere Tugenden.
    8. Hauptstck: Vlker und Vaterlnder.
    9. Hauptstck: Was ist vornehm?
    Aus hohen Bergen. Nachgesang.




Jenseits von Gut und Bse

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft.




Vorrede.

Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein Weib ist -, wie? ist der Verdacht
nicht gegrndet, dass alle Philosophen, sofern sie Dogmatiker waren,
sich schlecht auf Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst,
die linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahrheit
zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche Mittel waren, um
gerade ein Frauenzimmer fr sich einzunehmen? Gewiss ist, dass sie
sich nicht hat einnehmen lassen: - und jede Art Dogmatik steht heute
mit betrbter und muthloser Haltung da. Wenn sie berhaupt noch steht!
Denn es giebt Sptter, welche behaupten, sie sei gefallen, alle
Dogmatik liege zu Boden, mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten
Zgen. Ernstlich geredet, es giebt gute Grnde zu der Hoffnung, dass
alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierlich, so end- und
letztgltig es sich auch gebrdet hat, doch nur eine edle Kinderei
und Anfngerei gewesen sein mge; und die Zeit ist vielleicht sehr
nahe, wo man wieder und wieder begreifen wird, was eigentlich
schon ausgereicht hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und
unbedingten Philosophen-Bauwerken abzugeben, welche die Dogmatiker
bisher aufbauten, - irgend ein Volks-Aberglaube aus unvordenklicher
Zeit (wie der Seelen-Aberglaube, der als Subjekt- und Ich-Aberglaube
auch heute noch nicht aufgehrt hat, Unfug zu stiften), irgend ein
Wortspiel vielleicht, eine Verfhrung von Seiten der Grammatik
her oder eine verwegene Verallgemeinerung von sehr engen, sehr
persnlichen, sehr menschlich-allzumenschlichen Thatsachen. Die
Philosophie der Dogmatiker war hoffentlich nur ein Versprechen ber
Jahrtausende hinweg: wie es in noch frherer Zeit die Astrologie war,
fr deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, Geduld
aufgewendet worden ist, als bisher fr irgend eine wirkliche
Wissenschaft: - man verdankt ihr und ihren "berirdischen" Ansprchen
in Asien und Agypten den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass
alle grossen Dinge, um der Menschheit sich mit ewigen Forderungen in
das Herz einzuschreiben, erst als ungeheure und furchteinflssende
Fratzen ber die Erde hinwandeln mssen: eine solche Fratze war die
dogmatische Philosophie, zum Beispiel die Vedanta-Lehre in Asien, der
Platonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar gegen sie, so gewiss
es auch zugestanden werden muss, dass der schlimmste, langwierigste
und gefhrlichste aller Irrthmer bisher ein Dogmatiker-Irrthum
gewesen ist, nmlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten
an sich. Aber nunmehr, wo er berwunden ist, wo Europa von diesem
Alpdrucke aufathmet und zum Mindesten eines gesunderen - Schlafs
geniessen darf, sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist,
die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen diesen Irrthum
grossgezchtet hat. Es hiess allerdings die Wahrheit auf den Kopf
stellen und das Perspektivische, die Grundbedingung alles Lebens,
selber verleugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie Plato
gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: "woher eine solche
Krankheit am schnsten Gewchse des Alterthums, an Plato? hat ihn doch
der bse Sokrates verdorben? wre Sokrates doch der Verderber der
Jugend gewesen? und htte seinen Schlierling verdient?" - Aber der
Kampf gegen Plato, oder, um es verstndlicher und fr's "Volk"
zu sagen, der Kampf gegen den christlich-kirchlichen Druck von
Jahrtausenden - denn Christenthum ist Platonismus fr's "Volk" - hat
in Europa eine prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie
auf Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten Bogen kann man
nunmehr nach den fernsten Zielen schiessen. Freilich, der europische
Mensch empfindet diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei
Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzuspannen, einmal
durch den Jesuitismus, zum zweiten Mal durch die demokratische
Aufklrung: - als welche mit Hlfe der Pressfreiheit und des
Zeitunglesens es in der That erreichen drfte, dass der Geist sich
selbst nicht mehr so leicht als "Noth" empfindet! (Die Deutschen haben
das Pulver erfunden - alle Achtung! aber sie haben es wieder quitt
gemacht - sie erfanden die Presse.) Aber wir, die wir weder Jesuiten,
noch Demokraten, noch selbst Deutsche genug sind, wir guten Europer
und freien, sehr freien Geister - wir haben sie noch, die ganze Noth
des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch
den Pfeil, die Aufgabe, wer weiss? das Ziel.....

Sils-Maria,

Oberengadin im Juni 1885.




Erstes Hauptstck:

Von den Vorurtheilen der Philosophen.

1.

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem Wagnisse verfhren
wird, jene berhmte Wahrhaftigkeit, von der alle Philosophen bisher
mit Ehrerbietung geredet haben: was fr Fragen hat dieser Wille
zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen
fragwrdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Geschichte, - und
doch scheint es, dass sie kaum eben angefangen hat? Was Wunder, wenn
wir endlich einmal misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns
ungeduldig umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits das
Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier Fragen stellt?
Was in uns will eigentlich "zur Wahrheit"? - In der that, wir machten
langen Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens, - bis
wir, zuletzt, vor einer noch grndlicheren Frage ganz und gar stehen
blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses Willens. Gesetzt, wir
wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit?
Selbst Unwissenheit? - Das Problem vom Werthe der Wahrheit trat vor
uns hin, - oder waren wir's, die vor das Problem hin traten? Wer von
uns ist hier Oedipus? Wer Sphinx? Es ist ein Stelldichein, wie es
scheint, von Fragen und Fragezeichen. - Und sollte man's glauben, dass
es uns schliesslich bednken will, als sei das Problem noch nie bisher
gestellt, - als sei es von uns zum ersten Male gesehn, in's Auge
gefasst, gewagt? Denn es ist ein Wagnis dabei, und vielleicht giebt es
kein grsseres.


2.

"Wie knnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? Zum Beispiel die
Wahrheit aus dem Irrthume? Oder der Wille zur Wahrheit aus dem Willen
zur Tuschung? Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Begehrlichkeit?
Solcherlei Entstehung ist unmglich; wer davon trumt, ein Narr, ja
Schlimmeres; die Dinge hchsten Werthes mssen einen anderen, eigenen
Ursprung haben, - aus dieser vergnglichen verfhrerischen tuschenden
geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn und Begierde sind sie
unableitbar! Vielmehr im Schoosse des Sein's, im Unvergnglichen,
im verborgenen Gotte, im `Ding an sich` - da muss ihr Grund liegen,
und sonst nirgendswo!" - Diese Art zu urtheilen macht das typische
Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker aller Zeiten wieder
erkennen lassen; diese Art von Werthschtzungen steht im Hintergrunde
aller ihrer logischen Prozeduren; aus diesem ihrem "Glauben" heraus
bemhn sie sich um ihr "Wissen", um Etwas, das feierlich am Ende als
"die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube der Metaphysiker ist der
Glaube an die Gegenstze der Werthe. Es ist auch den Vorsichtigsten
unter ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits zu
zweifeln, wo es doch am nthigsten war: selbst wenn sie sich gelobt
hatten "de omnibus dubitandum". Man darf nmlich zweifeln, erstens, ob
es Gegenstze berhaupt giebt, und zweitens, ob jene volksthmlichen
Werthschtzungen und Werth-Gegenstze, auf welche die Metaphysiker ihr
Siegel gedrckt haben, nicht vielleicht nur Vordergrunds-Schtzungen
sind, nur vorlufige Perspektiven, vielleicht noch dazu aus einem
Winkel heraus, vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven
gleichsam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern gelufig ist?
Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem Wahrhaftigen, dem Selbstlosen
zukommen mag: es wre mglich, dass dem Scheine, dem Willen zur
Tuschung, dem Eigennutz und der Begierde ein fr alles Leben hherer
und grundstzlicherer Werth zugeschrieben werden msste. Es wre sogar
noch mglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge
ausmacht, gerade darin bestnde, mit jenen schlimmen, scheinbar
entgegengesetzten Dingen auf verfngliche Weise verwandt, verknpft,
verhkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! - Aber wer
ist Willens, sich um solche gefhrliche Vielleichts zu kmmern! Man
muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen
abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack
und Hang haben als die bisherigen, - Philosophen des gefhrlichen
Vielleicht in jedem Verstande. - Und allen Ernstes gesprochen: ich
sehe solche neue Philosophen heraufkommen.


3.

Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen und auf
die Finger gesehn habe, sage ich mir: man muss noch den grssten Theil
des bewussten Denkens unter die Instinkt-Thtigkeiten rechnen, und
sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss hier umlernen,
wie man in Betreff der Vererbung und des "Angeborenen" umgelernt hat.
So wenig der Akt der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der
Vererbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist "Bewusstsein" in irgend
einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven entgegengesetzt, - das
meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
heimlich gefhrt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter aller
Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen
Werthschtzungen, deutlicher gesprochen, physiologische Forderungen
zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der Schein weniger werth
als die "Wahrheit": dergleichen Schtzungen knnten, bei aller ihrer
regulativen Wichtigkeit fr uns, doch nur Vordergrunds-Schtzungen
sein, eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur Erhaltung
von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. Gesetzt nmlich, dass nicht
gerade der Mensch das "Maass der Dinge" ist.....


4.

Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein
Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache vielleicht am fremdesten. Die
Frage ist, wie weit es lebenfrdernd, lebenerhaltend, Arterhaltend,
vielleicht gar Art-zchtend ist; und wir sind grundstzlich geneigt zu
behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die synthetischen
Urtheile a priori gehren) uns die unentbehrlichsten sind, dass
ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein Messen
der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
Sich-selbst-Gleichen, ohne eine bestndige Flschung der Welt durch
die Zahl der Mensch nicht leben knnte, - dass Verzichtleisten auf
falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
Lebens wre. Die Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heisst
freilich auf eine gefhrliche Weise den gewohnten Werthgefhlen
Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich
damit allein schon jenseits von Gut und Bse.


5.

Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, halb spttisch
zu blicken, ist nicht, dass man wieder und wieder dahinter kommt, wie
unschuldig sie sind - wie oft und wie leicht sie sich vergreifen und
verirren, kurz ihre Kinderei und Kindlichkeit - sondern dass es bei
ihnen nicht redlich genug zugeht: whrend sie allesammt einen grossen
und tugendhaften Lrm machen, sobald das Problem der Wahrhaftigkeit
auch nur von ferne angerhrt wird. Sie stellen sich smmtlich, als
ob sie ihre eigentlichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer
kalten, reinen, gttlich unbekmmerten Dialektik entdeckt und erreicht
htten (zum Unterschiede von den Mystikern jeden Rangs, die ehrlicher
als sie und tlpelhafter sind - diese reden von "Inspiration" -):
whrend im Grunde ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine
"Eingebung", zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter
Herzenswunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Grnden vertheidigt
wird: - sie sind allesammt Advokaten, welche es nicht heissen wollen,
und zwar zumeist sogar verschmitzte Frsprecher ihrer Vorurtheile,
die sie "Wahrheiten" taufen - und sehr ferne von der Tapferkeit des
Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne von dem
guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies auch zu verstehen giebt,
sei es um einen Feind oder Freund zu warnen, sei es aus bermuth und
um ihrer selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartfferie
des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen Schleichwege
lockt, welche zu seinem "kategorischen Imperativ" fhren, richtiger
verfhren - dies Schauspiel macht uns Verwhnte lcheln, die wir keine
kleine Belustigung darin finden, den feinen Tcken alter Moralisten
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar jener Hocuspocus
von mathematischer Form, mit der Spinoza seine Philosophie - "die
Liebe zu seiner Weisheit" zuletzt, das Wort richtig und billig
ausgelegt - wie in Erz panzerte und maskirte, um damit von
vornherein den Muth des Angreifenden einzuschchtern, der auf diese
unberwindliche Jungfrau und Pallas Athene den Blick zu werfen wagen
wrde: - wie viel eigne Schchternheit und Angreifbarkeit verrth
diese Maskerade eines einsiedlerischen Kranken!


6.

Allmhlich hat sich mir herausgestellt, was jede grosse Philosophie
bisher war: nmlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine
Art ungewollter und unvermerkter mmoires; insgleichen, dass die
moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den
eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
gewachsen ist. In der That, man thut gut (und klug), zur Erklrung
davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen
eines Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst zu fragen:
auf welche Moral will es (will er -) hinaus? Ich glaube demgemss
nicht, dass ein "Trieb zur Erkenntniss" der Vater der Philosophie ist,
sondern dass sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss
(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat. Wer aber
die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
hier als inspirirende Genien (oder Dmonen und Kobolde -) ihr Spiel
getrieben haben mgen, wird finden, dass sie Alle schon einmal
Philosophie getrieben haben, - und dass jeder Einzelne von ihnen
gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als
berechtigten Herrn aller brigen Triebe darstellen mchte. Denn
jeder Trieb ist herrschschtig: und als solcher versucht er zu
philosophiren. - Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich
wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn - "besser", wenn man
will -, da mag es wirklich so Etwas wie einen Erkenntnisstrieb geben,
irgend ein kleines unabhngiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen,
tapfer darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten brigen Triebe
des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. Die eigentlichen
"Interessen" des Gelehrten liegen deshalb gewhnlich ganz wo anders,
etwa in der Familie oder im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist
beinahe gleichgltig, ob seine kleine Maschine an diese oder jene
Stelle der Wissenschaft gestellt wird, und ob der "hoffnungsvolle"
junge Arbeiter aus sich einen guten Philologen oder Pilzekenner
oder Chemiker macht: - es bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder
jenes wird. Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts
Unpersnliches; und insbesondere giebt seine Moral ein entschiedenes
und entscheidendes Zeugniss dafr ab, wer er ist - das heisst, in
welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zu einander
gestellt sind.


7.

Wie boshaft Philosophen sein knnen! Ich kenne nichts Giftigeres als
den Scherz, den sich Epicur gegen Plato und die Platoniker erlaubte:
er nannte sie Dionysiokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im
Vordergrunde "Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen-Zubehr und
Speichellecker; zu alledem will es aber noch sagen "das sind Alles
Schauspieler, daran ist nichts chtes" (denn Dionysokolax war eine
populre Bezeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist
eigentlich die Bosheit, welche Epicur gegen Plato abschoss: ihn
verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene-Setzen, worauf
sich Plato sammt seinen Schlern verstand, - worauf sich Epicur nicht
verstand! er, der alte Schulmeister von Samos, der in seinem Grtchen
zu Athen versteckt sass und dreihundert Bcher schrieb, wer weiss?
vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? - Es brauchte hundert
Jahre, bis Griechenland dahinter kam, wer dieser Gartengott Epicur
gewesen war. - Kam es dahinter? -


8.

In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die "berzeugung" des
Philosophen auf die Bhne tritt: oder, um es in der Sprache eines
alten Mysteriums zu sagen:

    adventavit asinus
    pulcher et fortissimus.


9.

"Gemss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen Stoiker, welche
Betrgerei der Worte! Denkt euch ein Wesen, wie es die Natur ist,
verschwenderisch ohne Maass, gleichgltig ohne Maass, ohne Absichten
und Rcksichten, ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und de
und ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als Macht
- wie knntet ihr gemss dieser Indifferenz leben? Leben - ist
das nicht gerade ein Anders-sein-wollen, als diese Natur ist? Ist
Leben nicht Abschtzen, Vorziehn, Ungerechtsein, Begrenzt-sein,
Different-sein-wollen? Und gesetzt, euer Imperativ "gemss der Natur
leben" bedeute im Grunde soviel als "gemss dem Leben leben" - wie
knntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip aus dem machen, was ihr
selbst seid und sein msst? - In Wahrheit steht es ganz anders: indem
ihr entzckt den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vorgebt,
wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen Schauspieler und
Selbst-Betrger! Euer Stolz will der Natur, sogar der Natur, eure
Moral, euer Ideal vorschreiben und einverleiben, ihr verlangt,
dass sie "der Stoa gemss" Natur sei und mchtet alles Dasein nur
nach eurem eignen Bilde dasein machen - als eine ungeheure ewige
Verherrlichung und Verallgemeinerung des Stoicismus! Mit aller eurer
Liebe zur Wahrheit zwingt ihr euch so lange, so beharrlich, so
hypnotisch-starr, die Natur falsch, nmlich stoisch zu sehn, bis ihr
sie nicht mehr anders zu sehen vermgt, - und irgend ein abgrndlicher
Hochmuth giebt euch zuletzt noch die Tollhusler-Hoffnung ein, dass,
weil ihr euch selbst zu tyrannisiren versteht - Stoicismus ist
Selbst-Tyrannei -, auch die Natur sich tyrannisiren lsst: ist denn
der Stoiker nicht ein Stck Natur? Aber dies ist eine alte ewige
Geschichte: was sich damals mit den Stoikern begab, begiebt sich heute
noch, sobald nur eine Philosophie anfngt, an sich selbst zu glauben.
Sie schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders;
Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille
zur Macht, zur "Schaffung der Welt", zur causa prima.


10.

Der Eifer und die Feinheit, ich mchte sogar sagen: Schlauheit, mit
denen man heute berall in Europa dem Probleme "von der wirklichen
und der scheinbaren Welt" auf den Leib rckt, giebt zu denken und zu
horchen; und wer hier im Hintergrunde nur einen "Willen zur Wahrheit"
und nichts weiter hrt, erfreut sich gewiss nicht der schrfsten
Ohren. In einzelnen und seltenen Fllen mag wirklich ein solcher Wille
zur Wahrheit, irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein
Metaphysiker-Ehrgeiz des verlornen Postens dabei betheiligt sein, der
zuletzt eine Handvoll "Gewissheit" immer noch einem ganzen Wagen voll
schner Mglichkeiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker
des Gewissens geben, welche lieber noch sich auf ein sicheres Nichts
als auf ein ungewisses Etwas sterben legen. Aber dies ist Nihilismus
und Anzeichen einer verzweifelnden sterbensmden Seele: wie tapfer
auch die Gebrden einer solchen Tugend sich ausnehmen mgen. Bei den
strkeren, lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern scheint
es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen den Schein nehmen und
das Wort "perspektivisch" bereits mit Hochmuth aussprechen, indem sie
die Glaubwrdigkeit ihres eigenen Leibes ungefhr so gering anschlagen
wie die Glaubwrdigkeit des Augenscheins, welcher sagt "die Erde steht
still", und dermaassen anscheinend gut gelaunt den sichersten Besitz
aus den Hnden lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als seinen
Leib?) wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas zurckerobern wollen,
das man ehemals noch sicherer besessen hat, irgend Etwas vom alten
Grundbesitz des Glaubens von Ehedem, vielleicht "die unsterbliche
Seele", vielleicht "den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich
besser, nmlich krftiger und heiterer leben liess als auf den
"modernen Ideen"? Es ist Misstrauen gegen diese modernen Ideen darin,
es ist Unglauben an alles Das, was gestern und heute gebaut worden
ist; es ist vielleicht ein leichter berdruss und Hohn eingemischt,
der das bric--brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht
mehr aushlt, als welches sich heute der sogenannte Positivismus
auf den Markt bringt, ein Ekel des verwhnteren Geschmacks
vor der Jahrmarkts-Buntheit und Lappenhaftigkeit aller dieser
Wirklichkeits-Philosophaster, an denen nichts neu und cht ist als
diese Buntheit. Man soll darin, wie mich dnkt, diesen skeptischen
Anti-Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern von heute Recht geben:
ihr Instinkt, welcher sie aus der modernen Wirklichkeit hinwegtreibt,
ist unwiderlegt, - was gehen uns ihre rcklufigen Schleichwege an!
Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie "zurck" wollen: sondern,
dass sie - weg wollen. Etwas Kraft, Flug, Muth, Knstlerschaft mehr
und sie wrden hinaus wollen, - und nicht zurck! -


11.

Es scheint mir, dass man jetzt berall bemht ist, von dem
eigentlichen Einflusse, den Kant auf die deutsche Philosophie ausgebt
hat, den Blick abzulenken und namentlich ber den Werth, den er sich
selbst zugestand, klglich hinwegzuschlpfen. Kant war vor Allem und
zuerst stolz auf seine Kategorientafel, er sagte mit dieser Tafel
in den Hnden: "das ist das Schwerste, was jemals zum Behufe der
Metaphysik unternommen werden konnte". - Man verstehe doch dies
"werden konnte"! er war stolz darauf, im Menschen ein neues Vermgen,
das Vermgen zu synthetischen Urteilen a priori, entdeckt zu haben.
Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die Entwicklung und
rasche Blthe der deutschen Philosophie hngt an diesem Stolze und an
dem Wetteifer aller Jngeren, womglich noch Stolzeres zu entdecken -
und jedenfalls "neue Vermgen"! - Aber besinnen wir uns: es ist an der
Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori mglich? fragte sich
Kant, - und was antwortete er eigentlich? Vermge eines Vermgens:
leider aber nicht mit drei Worten, sondern so umstndlich, ehrwrdig
und mit einem solchen Aufwande von deutschem Tief- und Schnrkelsinne,
dass man die lustige niaiserie allemande berhrte, welche in einer
solchen Antwort steckt. Man war sogar ausser sich ber dieses neue
Vermgen, und der Jubel kam auf seine Hhe, als Kant auch noch ein
moralisches Vermgen im Menschen hinzu entdeckte: - denn damals
waren die Deutschen noch moralisch, und ganz und gar noch nicht
"real-politisch". - Es kam der Honigmond der deutschen Philosophie;
alle jungen Theologen des Tbinger Stifts giengen alsbald in die
Bsche, - alle suchten nach "Vermgen". Und was fand man nicht Alles -
in jener unschuldigen, reichen, noch jugendlichen Zeit des deutschen
Geistes, in welche die Romantik, die boshafte Fee, hineinblies,
hineinsang, damals, als man "finden" und "erfinden" noch nicht
auseinander zu halten wusste! Vor Allem ein Vermgen fr's
"bersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale Anschauung und
kam damit den herzlichsten Gelsten seiner im Grunde frommgelsteten
Deutschen entgegen. Man kann dieser ganzen bermthigen und
schwrmerischen Bewegung, welche Jugend war, so khn sie sich auch in
graue und greisenhafte Begriffe verkleidete, gar nicht mehr Unrecht
thun, als wenn man sie ernst nimmt und gar etwa mit moralischer
Entrstung behandelt; genug, man wurde lter, - der Traum verflog. Es
kam eine Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich heute
noch. Man hatte getrumt: voran und zuerst - der alte Kant. "Vermge
eines Vermgens" - hatte er gesagt, mindestens gemeint. Aber ist denn
das - eine Antwort? Eine Erklrung? Oder nicht vielmehr nur eine
Wiederholung der Frage? Wie macht doch das Opium schlafen? "Vermge
eines Vermgens", nmlich der virtus dormitiva - antwortet jener Arzt
bei Molire,

    quia est in eo virtus dormitiva,
    cujus est natura sensus assoupire.

Aber dergleichen Antworten gehren in die Komdie, und es ist endlich
an der Zeit, die Kantische Frage "Wie sind synthetische Urtheile a
priori mglich?" durch eine andre Frage zu ersetzen "warum ist der
Glaube an solche Urtheile nthig?" - nmlich zu begreifen, dass zum
Zweck der Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Urtheile als wahr
geglaubt werden mssen; weshalb sie natrlich noch falsche Urtheile
sein knnten! Oder, deutlicher geredet und grob und grndlich:
synthetische Urtheile a priori sollten gar nicht "mglich sein": wir
haben kein Recht auf sie, in unserm Munde sind es lauter falsche
Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre Wahrheit nthig, als
ein Vordergrunds-Glaube und Augenschein, der in die Perspektiven-Optik
des Lebens gehrt. - Um zuletzt noch der ungeheuren Wirkung zu
gedenken, welche "die deutsche Philosophie" - man versteht, wie ich
hoffe, ihr Anrecht auf Gnsefsschen? - in ganz Europa ausgebt
hat, so zweifle man nicht, dass eine gewisse virtus dormitiva
dabei betheiligt war: man war entzckt, unter edlen Mssiggngern,
Tugendhaften, Mystikern, Knstlern, Dreiviertels-Christen und
politischen Dunkelmnnern aller Nationen, Dank der deutschen
Philosophie, ein Gegengift gegen den noch bermchtigen Sensualismus
zu haben, der vom vorigen Jahrhundert in dieses hinberstrmte, kurz
-"sensus assoupire".......


12.

Was die materialistische Atomistik betrifft: so gehrt dieselbe zu
den bestwiderlegten Dingen, die es giebt; und vielleicht ist heute in
Europa Niemand unter den Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum
bequemen Hand- und Hausgebrauch (nmlich als einer Abkrzung der
Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zuzumessen - Dank
vorerst jenem Polen Boscovich, der, mitsammt dem Polen Kopernicus,
bisher der grsste und siegreichste Gegner des Augenscheins war.
Whrend nmlich Kopernicus uns berredet hat zu glauben, wider alle
Sinne, dass die Erde nicht fest steht, lehrte Boscovich dem Glauben an
das Letzte, was von der Erde "feststand", abschwren, dem Glauben an
den "Stoff", an die "Materie", an das Erdenrest- und Klmpchen-Atom:
es war der grsste Triumph ber die Sinne, der bisher auf Erden
errungen worden ist. - Man muss aber noch weiter gehn und auch dem
"atomistischen Bedrfnisse", das immer noch ein gefhrliches Nachleben
fhrt, auf Gebieten, wo es Niemand ahnt, gleich jenem berhmteren
"metaphysischen Bedrfnisse" - den Krieg erklren, einen
schonungslosen Krieg auf's Messer: - man muss zunchst auch jener
anderen und verhngnissvolleren Atomistik den Garaus machen,
welche das Christenthum am besten und lngsten gelehrt hat, der
Seelen-Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen Glauben
zu bezeichnen, der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges,
Untheilbares, als eine Monade, als ein Atomon nimmt: diesen Glauben
soll man aus der Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns
gesagt, ganz und gar nicht nthig, "die Seele" selbst dabei los zu
werden und auf eine der ltesten und ehrwrdigsten Hypothesen Verzicht
zu leisten: wie es dem Ungeschick der Naturalisten zu begegnen pflegt,
welche, kaum dass sie an "die Seele" rhren, sie auch verlieren. Aber
der Weg zu neuen Fassungen und Verfeinerungen der Seelen-Hypothese
steht offen: und Begriffe wie "sterbliche Seele" und "Seele als
Subjekts-Vielheit" und "Seele als Gesellschaftsbau der Triebe und
Affekte" wollen frderhin in der Wissenschaft Brgerrecht haben. Indem
der neue Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bisher um
die Seelen-Vorstellung mit einer fast tropischen ppigkeit wucherte,
hat er sich freilich selbst gleichsam in eine neue de und ein
neues Misstrauen hinaus gestossen - es mag sein, dass die lteren
Psychologen es bequemer und lustiger hatten -: zuletzt aber weiss
er sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt - und, wer weiss?
vielleicht zum Finden. -


13.

Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbsterhaltungstrieb als
kardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will
etwas Lebendiges seine Kraft auslassen - Leben selbst ist Wille
zur Macht -: die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten
und hufigsten Folgen davon. - Kurz, hier wie berall, Vorsicht
vor berflssigen teleologischen Principien! - wie ein solches
der Selbsterhaltungstrieb ist (man dankt ihn der Inconsequenz
Spinoza's -). So nmlich gebietet es die Methode, die wesentlich
Principien-Sparsamkeit sein muss.


14.

Es dmmert jetzt vielleicht in fnf, sechs Kpfen, dass Physik auch
nur eine Welt-Auslegung und -Zurechtlegung (nach uns! mit Verlaub
gesagt) und nicht eine Welt-Erklrung ist: aber, insofern sie sich auf
den Glauben an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange
hinaus noch als mehr, nmlich als Erklrung gelten. Sie hat Augen und
Finger fr sich, sie hat den Augenschein und die Handgreiflichkeit
fr sich: das wirkt auf ein Zeitalter mit plebejischem Grundgeschmack
bezaubernd, berredend, berzeugend, - es folgt ja instinktiv dem
Wahrheits-Kanon des ewig volksthmlichen Sensualismus. Was ist klar,
was "erklrt"? Erst Das, was sich sehen und tasten lsst, - bis so
weit muss man jedes Problem treiben. Umgekehrt: genau im Widerstreben
gegen die Sinnenflligkeit bestand der Zauber der platonischen
Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war, - vielleicht unter
Menschen, die sich sogar strkerer und anspruchsvollerer Sinne
erfreuten, als unsre Zeitgenossen sie haben, aber welche einen hheren
Triumph darin zu finden wussten, ber diese Sinne Herr zu bleiben: und
dies mittels blasser kalter grauer Begriffs-Netze, die sie ber den
bunten Sinnen-Wirbel - den Sinnen-Pbel, wie Plato sagte - warfen.
Es war eine andre Art Genuss in dieser Welt-berwltigung und
Welt-Auslegung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen
uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die Darwinisten und
Antitheologen unter den physiologischen Arbeitern, mit ihrem Princip
der "kleinstmglichen Kraft" und der grsstmglichen Dummheit. "Wo der
Mensch nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch nichts
mehr zu suchen" - das ist freilich ein anderer Imperativ als der
Platonische, welcher aber doch fr ein derbes arbeitsames Geschlecht
von Maschinisten und Brckenbauern der Zukunft, die lauter grobe
Arbeit abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag.


15.

Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, muss man darauf
halten, dass die Sinnesorgane nicht Erscheinungen sind im Sinne der
idealistischen Philosophie: als solche knnten sie ja keine Ursachen
sein! Sensualismus mindestens somit als regulative Hypothese, um nicht
zu sagen als heuristisches Princip. - Wie? und Andere sagen gar, die
Aussenwelt wre das Werk unsrer Organe? Aber dann wre ja unser Leib,
als ein Stck dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! Aber dann
wren ja unsre Organe selbst - das Werk unsrer Organe! Dies ist, wie
mir scheint, eine grndliche reductio ad absurdum: gesetzt, dass der
Begriff causa sui etwas grndlich Absurdes ist. Folglich ist die
Aussenwelt nicht das Werk unsrer Organe -?


16.

Es giebt immer noch harmlose Selbst-Beobachter, welche glauben, dass
es "unmittelbare Gewissheiten" gebe, zum Beispiel "ich denke", oder,
wie es der Aberglaube Schopenhauer's war, "ich will": gleichsam als ob
hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekme,
als "Ding an sich", und weder von Seiten des Subjekts, noch von
Seiten des Objekts eine Flschung stattfnde. Dass aber "unmittelbare
Gewissheit", ebenso wie "absolute Erkenntniss" und "Ding an sich",
eine contradictio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundertmal
wiederholen: man sollte sich doch endlich von der Verfhrung der Worte
losmachen! Mag das Volk glauben, dass Erkennen ein zu Ende-Kennen sei,
der Philosoph muss sich sagen: "wenn ich den Vorgang zerlege, der in
dem Satz `ich denke` ausgedrckt ist, so bekomme ich eine Reihe von
verwegenen Behauptungen, deren Begrndung schwer, vielleicht unmglich
ist, - zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass berhaupt ein
Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thtigkeit und Wirkung
seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es
ein `Ich` giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken
zu bezeichnen ist, - dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich
nicht darber mich schon bei mir entschieden htte, wonach sollte ich
abmessen, dass, was eben geschieht, nicht vielleicht `Wollen` oder
`Fhlen` sei? Genug, jenes `ich denke` setzt voraus, dass ich meinen
augenblicklichen Zustand mit anderen Zustnden, die ich an mir kenne,
vergleiche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser Rckbeziehung
auf anderweitiges `Wissen` hat er fr mich jedenfalls keine
unmittelbare `Gewissheit`." - An Stelle jener "unmittelbaren
Gewissheit", an welche das Volk im gegebenen Falle glauben mag,
bekommt dergestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Metaphysik
in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen des Intellekts, welche
heissen: "Woher nehme ich den Begriff Denken? Warum glaube ich an
Ursache und Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, und
gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch von einem Ich als
Gedanken-Ursache zu reden?" Wer sich mit der Berufung auf eine Art
Intuition der Erkenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort
zu beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: "ich, denke, und weiss,
dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss ist" - der wird bei einem
Philosophen heute ein Lcheln und zwei Fragezeichen bereit finden.
"Mein Herr, wird der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben,
es ist unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum auch
durchaus Wahrheit?" -


17.

Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will ich nicht mde
werden, eine kleine kurze Thatsache immer wieder zu unterstreichen,
welche von diesen Aberglubischen ungern zugestanden wird, - nmlich,
dass ein Gedanke kommt, wenn "er" will, und nicht wenn "ich" will; so
dass es eine Flschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt
"ich" ist die Bedingung des Prdikats "denke". Es denkt: aber dass
dies "es" gerade jenes alte berhmte "Ich" sei, ist, milde geredet,
nur eine Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine "unmittelbare
Gewissheit". Zuletzt ist schon mit diesem "es denkt" zu viel gethan:
schon dies "es" enthlt eine Auslegung des Vorgangs und gehrt nicht
zum Vorgange selbst. Man schliesst hier nach der grammatischen
Gewohnheit "Denken ist eine Thtigkeit, zu jeder Thtigkeit gehrt
Einer, der thtig ist, folglich -". Ungefhr nach dem gleichen Schema
suchte die ltere Atomistik zu der "Kraft", die wirkt, noch jenes
Klmpchen Materie, worin sie sitzt, aus der heraus sie wirkt, das
Atom; strengere Kpfe lernten endlich ohne diesen "Erdenrest"
auskommen, und vielleicht gewhnt man sich eines Tages noch daran,
auch seitens der Logiker ohne jenes kleine "es" (zu dem sich das
ehrliche alte Ich verflchtigt hat) auszukommen.


18.

An einer Theorie ist wahrhaftig nicht ihr geringster Reiz, dass sie
widerlegbar ist: gerade damit zieht sie feinere Kpfe an. Es scheint,
dass die hundertfach widerlegte Theorie vom "freien Willen" ihre
Fortdauer nur noch diesem Reize verdankt -: immer wieder kommt jemand
und fhlt sich stark genug, sie zu widerlegen.


19.

Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie als ob er die
bekannteste Sache von der Welt sei; ja Schopenhauer gab zu verstehen,
der Wille allein sei uns eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt,
ohne Abzug und Zuthat bekannt. Aber es dnkt mich immer wieder, dass
Schopenhauer auch in diesem Falle nur gethan hat, was Philosophen
eben zu thun pflegen: dass er ein Volks-Vorurtheil bernommen und
bertrieben hat. Wollen scheint mir vor Allem etwas Complicirtes,
Etwas, das nur als Wort eine Einheit ist, - und eben im Einen Worte
steckt das Volks-Vorurtheil, das ber die allzeit nur geringe Vorsicht
der Philosophen Herr geworden ist. Seien wir also einmal vorsichtiger,
seien wir "unphilosophisch" -, sagen wir: in jedem Wollen ist erstens
eine Mehrheit von Gefhlen, nmlich das Gefhl des Zustandes, von dem
weg, das Gefhl des Zustandes, zu dem hin, das Gefhl von diesem "weg"
und "hin" selbst, dann noch ein begleitendes Muskelgefhl, welches,
auch ohne dass wir "Arme und Beine" in Bewegung setzen, durch eine Art
Gewohnheit, sobald wir "wollen", sein Spiel beginnt. Wie also Fhlen
und zwar vielerlei Fhlen als Ingredienz des Willens anzuerkennen ist,
so zweitens auch noch Denken: in jedem Willensakte giebt es einen
commandirenden Gedanken; - und man soll ja nicht glauben, diesen
Gedanken von dem "Wollen" abscheiden zu knnen, wie als ob dann noch
Wille brig bliebe! Drittens ist der Wille nicht nur ein Complex von
Fhlen und Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und zwar jener
Affekt des Commando's. Das, was "Freiheit des Willens" genannt wird,
ist wesentlich der berlegenheits-Affekt in Hinsicht auf Den, der
gehorchen muss: "ich bin frei, "er" muss gehorchen" - dies Bewusstsein
steckt in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Aufmerksamkeit,
jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins fixirt, jene unbedingte
Werthschtzung "jetzt thut dies und nichts Anderes Noth", jene innere
Gewissheit darber, dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zum
Zustande des Befehlenden gehrt. Ein Mensch, der will -, befiehlt
einem Etwas in sich, das gehorcht oder von dem er glaubt, dass es
gehorcht. Nun aber beachte man, was das Wunderlichste am Willen ist,
- an diesem so vielfachen Dinge, fr welches das Volk nur Ein Wort
hat: insofern wir im gegebenen Falle zugleich die Befehlenden und
Gehorchenden sind, und als Gehorchende die Gefhle des Zwingens,
Drngens, Drckens, Widerstehens, Bewegens kennen, welche sofort nach
dem Akte des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir andererseits
die Gewohnheit haben, uns ber diese Zweiheit vermge des
synthetischen Begriffs "ich" hinwegzusetzen, hinwegzutuschen, hat
sich an das Wollen noch eine ganze Kette von irrthmlichen Schlssen
und folglich von falschen Werthschtzungen des Willens selbst
angehngt, - dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben glaubt,
Wollen genge zur Aktion. Weil in den allermeisten Fllen nur gewollt
worden ist, wo auch die Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also
die Aktion erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in das
Gefhl bersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit von Wirkung gbe;
genug, der Wollende glaubt, mit einem ziemlichen Grad von Sicherheit,
dass Wille und Aktion irgendwie Eins seien -, er rechnet das Gelingen,
die Ausfhrung des Wollens noch dem Willen selbst zu und geniesst
dabei einen Zuwachs jenes Machtgefhls, welches alles Gelingen mit
sich bringt. "Freiheit des Willens" - das ist das Wort fr jenen
vielfachen Lust-Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich
mit dem Ausfhrenden als Eins setzt, - der als solcher den Triumph
ber Widerstnde mit geniesst, aber bei sich urtheilt, sein Wille
selbst sei es, der eigentlich die Widerstnde berwinde. Der Wollende
nimmt dergestalt die Lustgefhle der ausfhrenden, erfolgreichen
Werkzeuge, der dienstbaren "Unterwillen" oder Unter-Seelen - unser
Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen - zu seinem
Lustgefhle als Befehlender hinzu. L'effet c'est moi: es begiebt sich
hier, was sich in jedem gut gebauten und glcklichen Gemeinwesen
begiebt, dass die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des
Gemeinwesens identificirt. Bei allem Wollen handelt es sich
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie
gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler "Seelen": weshalb ein Philosoph
sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den
Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nmlich als Lehre von den
Herrschafts-Verhltnissen verstanden, unter denen das Phnomen "Leben"
entsteht. -


20.

Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts Beliebiges, nichts
Fr-sich-Wachsendes sind, sondern in Beziehung und Verwandtschaft zu
einander emporwachsen, dass sie, so pltzlich und willkrlich sie auch
in der Geschichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben so
gut einem Systeme angehren als die smmtlichen Glieder der Fauna
eines Erdtheils: das verrth sich zuletzt noch darin, wie sicher die
verschiedensten Philosophen ein gewisses Grundschema von mglichen
Philosophien immer wieder ausfllen. Unter einem unsichtbaren Banne
laufen sie immer von Neuem noch einmal die selbe Kreisbahn: sie
mgen sich noch so unabhngig von einander mit ihrem kritischen oder
systematischen Willen fhlen: irgend Etwas in ihnen fhrt sie, irgend
Etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hinter einander her, eben jene
eingeborne Systematik und Verwandtschaft der Begriffe. Ihr Denken
ist in der That viel weniger ein Entdecken, als ein Wiedererkennen,
Wiedererinnern, eine Rck- und Heimkehr in einen fernen uralten
Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
herausgewachsen sind: - Philosophiren ist insofern eine Art von
Atavismus hchsten Ranges. Die wunderliche Familien-Ahnlichkeit alles
indischen, griechischen, deutschen Philosophirens erklrt sich einfach
genug. Gerade, wo Sprach-Verwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht
zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik -
ich meine Dank der unbewussten Herrschaft und Fhrung durch gleiche
grammatische Funktionen - von vornherein Alles fr eine gleichartige
Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet
liegt: ebenso wie zu gewissen andern Mglichkeiten der Welt-Ausdeutung
der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-altaischen
Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten entwickelt
ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders "in die Welt"
blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen
oder Muselmnner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen
ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile
und Rasse-Bedingungen. - So viel zur Zurckweisung von Locke's
Oberflchlichkeit in Bezug auf die Herkunft der Ideen.


21.

Die causa sui ist der beste Selbst-Widerspruch, der bisher ausgedacht
worden ist, eine Art logischer Nothzucht und Unnatur: aber der
ausschweifende Stolz des Menschen hat es dahin gebracht, sich
tief und schrecklich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das
Verlangen nach "Freiheit des Willens", in jenem metaphysischen
Superlativ-Verstande, wie er leider noch immer in den Kpfen der
Halb-Unterrichteten herrscht, das Verlangen, die ganze und letzte
Verantwortlichkeit fr seine Handlungen selbst zu tragen und Gott,
Welt, Vorfahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nmlich
nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr
als Mnchhausen'schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des
Nichts an den Haaren in's Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand kommt
dergestalt hinter die burische Einfalt dieses berhmten Begriffs
"freier Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich ihn
nunmehr, seine "Aufklrung" noch um einen Schritt weiter zu treiben
und auch die Umkehrung jenes Unbegriffs "freier Wille" aus seinem
Kopfe zu streichen: ich meine den "unfreien Willen", der auf einen
Missbrauch von Ursache und Wirkung hinausluft. Man soll nicht
"Ursache" und "Wirkung" fehlerhaft verdinglichen, wie es die
Naturforscher thun (und wer gleich ihnen heute im Denken naturalisirt
-) gemss der herrschenden mechanistischen Tlpelei, welche die
Ursache drcken und stossen lsst, bis sie "Wirkt"; man soll sich der
"Ursache", der "Wirkung" eben nur als reiner Begriffe bedienen, das
heisst als conventioneller Fiktionen zum Zweck der Bezeichnung, der
Verstndigung, nicht der Erklrung. Im "An-sich" giebt es nichts
von "Causal-Verbnden", von "Nothwendigkeit", von "psychologischer
Unfreiheit", da folgt nicht "die Wirkung auf die Ursache", das regiert
kein "Gesetz". Wir sind es, die allein die Ursachen, das Nacheinander,
das Fr-einander, die Relativitt, den Zwang, die Zahl, das Gesetz,
die Freiheit, den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir diese
Zeichen-Welt als "an sich" in die Dinge hineindichten, hineinmischen,
so treiben wir es noch einmal, wie wir es immer getrieben haben,
nmlich mythologisch. Der "unfreie Wille" ist Mythologie: im
wirklichen Leben handelt es sich nur um starken und schwachen Willen.
- Es ist fast immer schon ein Symptom davon, wo es bei ihm selber
mangelt, wenn ein Denker bereits in aller "Causal-Verknpfung" und
"psychologischer Nothwendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen-Mssen,
Druck, Unfreiheit herausfhlt: es ist verrtherisch, gerade so zu
fhlen, - die Person verrth sich. Und berhaupt wird, wenn ich recht
beobachtet habe, von zwei ganz entgegengesetzten Seiten aus, aber
immer auf eine tief persnliche Weise die "Unfreiheit des Willens"
als Problem gefasst: die Einen wollen um keinen Preis ihre
"Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das persnliche Anrecht auf
ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen gehren dahin -); die
Anderen wollen umgekehrt nichts verantworten, an nichts schuld sein
und verlangen, aus einer innerlichen Selbst-Verachtung heraus, sich
selbst irgend wohin abwlzen zu knnen. Diese Letzteren pflegen sich,
wenn sie Bcher schreiben, heute der Verbrecher anzunehmen; eine Art
von socialistischem Mitleiden ist ihre geflligste Verkleidung. Und
in der That, der Fatalismus der Willensschwachen verschnert sich
erstaunlich, wenn er sich als "la religion de la souffrance humaine"
einzufhren versteht: es ist sein "guter Geschmack".


22.

Man vergebe es mir als einem alten Philologen, der von der Bosheit
nicht lassen kann, auf schlechte Interpretations-Knste den Finger zu
legen - aber jene "Gesetzmssigkeit der Natur", von der ihr Physiker
so stolz redet, wie als ob - - besteht nur Dank eurer Ausdeutung und
schlechten "Philologie", - sie ist kein Thatbestand, kein "Text",
vielmehr nur eine naiv-humanitre Zurechtmachung und Sinnverdrehung,
mit der ihr den demokratischen Instinkten der modernen Seele sattsam
entgegenkommt! "berall Gleichheit vor dem Gesetz, - die Natur
hat es darin nicht anders und nicht besser als wir": ein artiger
Hintergedanke, in dem noch einmal die pbelmnnische Feindschaft gegen
alles Bevorrechtete und Selbstherrliche, insgleichen ein zweiter und
feinerer Atheismus verkleidet liegt. "Ni dieu, ni matre" - so wollt
auch ihr's.- und darum "hoch das Naturgesetz"! - nicht wahr? Aber,
wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es knnte
Jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und
Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf
die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rcksichtenlose
und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprchen herauszulesen
verstnde, - ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und
Unbedingtheit in allem "Willen zur Macht" dermaassen euch vor
Augen stellte, dass fast jedes Wort und selbst das Wort "Tyrannei"
schliesslich unbrauchbar oder schon als schwchende und mildernde
Metapher - als zu menschlich - erschiene; und der dennoch damit
endete, das Gleiche von dieser Welt zu behaupten, was ihr behauptet,
nmlich dass sie einen "nothwendigen" und "berechenbaren" Verlauf
habe, aber nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut
die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augenblicke ihre letzte
Consequenz zieht. Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist - und
ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? - nun, um so besser. -


23.

Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen Vorurtheilen und
Befrchtungen hngen geblieben: sie hat sich nicht in die Tiefe
gewagt. Dieselbe als Morphologie und Entwicklungslehre des Willens zur
Macht zufassen, wie ich sie fasse - daran hat noch Niemand in seinen
Gedanken selbst gestreift: sofern es nmlich erlaubt ist, in dem, was
bisher geschrieben wurde, ein Symptom von dem, was bisher verschwiegen
wurde, zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile ist tief in
die geistigste, in die anscheinend klteste und voraussetzungsloseste
Welt gedrungen - und, wie es sich von selbst versteht, schdigend,
hemmend, blendend, verdrehend. Eine eigentliche Physio-Psychologie hat
mit unbewussten Widerstnden im Herzen des Forschers zu kmpfen, sie
hat "das Herz" gegen sich: schon eine Lehre von der gegenseitigen
Bedingtheit der "guten" und der "schlimmen" Triebe, macht, als feinere
Immoralitt, einem noch krftigen und herzhaften Gewissen Noth und
berdruss, - noch mehr eine Lehre von der Ableitbarkeit aller guten
Triebe aus den schlimmen. Gesetzt aber, Jemand nimmt gar die Affekte
Hass, Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte,
als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grundstzlich und
grundwesentlich vorhanden sein muss, folglich noch gesteigert werden
muss, falls das Leben noch gesteigert werden soll, - der leidet an
einer solchen Richtung seines Urtheils wie an einer Seekrankheit. Und
doch ist auch diese Hypothese bei weitem nicht die peinlichste und
fremdeste in diesem ungeheuren fast noch neuen Reiche gefhrlicher
Erkenntnisse: - und es giebt in der That hundert gute Grnde dafr,
dass Jeder von ihm fernbleibt, der es - kann! Andrerseits: ist man
einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun! wohlan! jetzt
tchtig die Zhne zusammengebissen! die Augen aufgemacht! die Hand
fest am Steuer! - wir fahren geradewegs ber die Moral weg, wir
erdrcken, wir zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest
Moralitt, indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, - aber
was liegt an uns! Niemals noch hat sich verwegenen Reisenden und
Abenteurern eine tiefere Welt der Einsicht erffnet: und der
Psychologe, welcher dergestalt "Opfer bringt" - es ist nicht das
sacrifizio dell'intelletto, im Gegentheil! - wird zum Mindesten
dafr verlangen drfen, dass die Psychologie wieder als Herrin der
Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste und Vorbereitung die
brigen Wissenschaften da sind. Denn Psychologie ist nunmehr wieder
der Weg zu den Grundproblemen.




Zweites Hauptstck:

Der freie Geist.

24.

O sancta simplicitas! In welcher seltsamen Vereinfachung und Flschung
lebt der Mensch! Man kann sich nicht zu Ende wundern, wenn man sich
erst einmal die Augen fr dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir
Alles um uns hell und frei und leicht und einfach gemacht! wie wussten
wir unsern Sinnen einen Freipass fr alles Oberflchliche, unserm
Denken eine gttliche Begierde nach muthwilligen Sprngen und
Fehlschlssen zu geben! - wie haben wir es von Anfang an verstanden,
uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine kaum begreifliche
Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsichtigkeit, Herzhaftigkeit,
Heiterkeit des Lebens, um das Leben zu geniessen! Und erst auf diesem
nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte sich
bisher die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem Grunde
eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, zum
Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern - als
seine Verfeinerung! Mag nmlich auch die Sprache, hier wie anderwrts,
nicht ber ihre Plumpheit hinausknnen und fortfahren, von Gegenstzen
zu reden, wo es nur Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt;
mag ebenfalls die eingefleischte Tartfferie der Moral, welche jetzt
zu unserm unberwindlichen "Fleisch und Blut" gehrt, uns Wissenden
selbst die Worte im Munde umdrehen: hier und da begreifen wir es und
lachen darber, wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten
in dieser vereinfachten, durch und durch knstlichen, zurecht
gedichteten, zurecht geflschten Welt festhalten will, wie sie
unfreiwillig-willig den Irrthum liebt, weil sie, die Lebendige, - das
Leben liebt!


25.

Nach einem so frhlichen Eingang mchte ein ernstes Wort nicht
berhrt werden: es wendet sich an die Ernstesten. Seht euch vor,
ihr Philosophen und Freunde der Erkenntniss, und htet euch vor dem
Martyrium! Vor dem Leiden "um der Wahrheit willen"! Selbst vor der
eigenen Vertheidigung! Es verdirbt eurem Gewissen alle Unschuld und
feine Neutralitt, es macht euch halsstarrig gegen Einwnde und rothe
Tcher, es verdummt, verthiert und verstiert, wenn ihr im Kampfe mit
Gefahr, Verlsterung, Verdchtigung, Ausstossung und noch grberen
Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als Vertheidiger der Wahrheit
auf Erden ausspielen msst: - als ob "die Wahrheit" eine so harmlose
und tppische Person wre, dass sie Vertheidiger nthig htte! und
gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine Herren
Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zuletzt wisst ihr gut genug,
dass nichts daran liegen darf, ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls
dass bisher noch kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine
preiswrdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen liegen
drfte, welches ihr hinter eure Leibworte und Lieblingslehren (und
gelegentlich hinter euch selbst) setzt, als in allen feierlichen
Gebrden und Trmpfen vor Anklgern und Gerichtshfen! Geht lieber bei
Seite! Flieht in's Verborgene! Und habt eure Maske und Feinheit, dass
man euch verwechsele! Oder ein Wenig frchte! Und vergesst mir den
Garten nicht, den Garten mit goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um
euch, die wie ein Garten sind, - oder wie Musik ber Wassern, zur Zeit
des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung wird: - whlt die gute
Einsamkeit, die freie muthwillige leichte Einsamkeit, welche euch auch
ein Recht giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! Wie
giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange Krieg, der sich
nicht mit offener Gewalt fhren lsst! Wie persnlich macht eine
lange Furcht, ein langes Augenmerk auf Feinde, auf mgliche Feinde!
Diese Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten,
Schlimm-Gehetzten, - auch die Zwangs-Einsiedler, die Spinoza's
oder Giordano Bruno's - werden zuletzt immer, und sei es unter der
geistigsten Maskerade, und vielleicht ohne dass sie selbst es wissen,
zu raffinirten Rachschtigen und Giftmischern (man grabe doch einmal
den Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) - gar nicht
zu reden von der Tlpelei der moralischen Entrstung, welche an
einem Philosophen das unfehlbare Zeichen dafr ist, dass ihm der
philosophische Humor davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine
"Aufopferung fr die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, was vom
Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; und gesetzt, dass man
ihm nur mit einer artistischen Neugierde bisher zugeschaut hat, so
kann in Bezug auf manchen Philosophen der gefhrliche Wunsch freilich
begreiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu sehn
(entartet zum "Mrtyrer", zum Bhnen- und Tribnen-Schreihals). Nur
dass man sich, mit einem solchen Wunsche, darber klar sein muss, was
man jedenfalls dabei zu sehen bekommen wird: - nur ein Satyrspiel, nur
eine Nachspiel-Farce, nur den fortwhrenden Beweis dafr, dass die
lange eigentliche Tragdie zu Ende ist: vorausgesetzt, dass jede
Philosophie im Entstehen eine lange Tragdie war. -


26.

Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach seiner Burg und
Heimlichkeit, wo er von der Menge, den Vielen, den Allermeisten erlst
ist, wo er die Regel "Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: -
den Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch strkeren Instinkte
geradewegs auf diese Regel gestossen wird, als Erkennender im
grossen und ausnahmsweisen Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen
gelegentlich in allen Farben der Noth, grn und grau vor Ekel,
berdruss, Mitgefhl, Verdsterung, Vereinsamung schillert, der ist
gewiss kein Mensch hheren Geschmacks; gesetzt aber, er nimmt alle
diese Last und Unlust nicht freiwillig auf sich, er weicht ihr
immerdar aus und bleibt, wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg
versteckt, nun, so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht
gemacht, nicht vorherbestimmt. Denn als solcher wrde er eines Tages
sich sagen mssen "hole der Teufel meinen guten Geschmack! aber die
Regel ist interessanter als die Ausnahme, - als ich, die Ausnahme!"
- und wrde sich hinab begeben, vor Allem "hinein". Das Studium des
durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu diesem Zwecke
viel Verkleidung, Selbstberwindung, Vertraulichkeit, schlechter
Umgang - jeder Umgang ist schlechter Umgang ausser dem mit
Seines-Gleichen -: das macht ein nothwendiges Stck der
Lebensgeschichte jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste,
belriechendste, an Enttuschungen reichste Stck. Hat er aber Glck,
wie es einem Glckskinde der Erkenntniss geziemt, so begegnet er
eigentlichen Abkrzern und Erleichterern seiner Aufgabe, - ich meine
sogenannten Cynikern, also Solchen, welche das Thier, die Gemeinheit,
die "Regel" an sich einfach anerkennen und dabei noch jenen Grad von
Geistigkeit und Kitzel haben, um ber sich und ihres Gleichen vor
Zeugen reden zu mssen: - mitunter wlzen sie sich sogar in Bchern
wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige Form, in welcher
gemeine Seelen an Das streifen, was Redlichkeit ist; und der hhere
Mensch hat bei jedem grberen und feineren Cynismus die Ohren
aufzumachen und sich jedes Mal Glck zu wnschen, wenn gerade vor ihm
der Possenreisser ohne Scham oder der wissenschaftliche Satyr laut
werden. Es giebt sogar Flle, wo zum Ekel sich die Bezauberung mischt:
da nmlich, wo an einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine
Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem Abb Galiani, dem
tiefsten, scharfsichtigsten und vielleicht auch schmutzigsten Menschen
seines Jahrhunderts - er war viel tiefer als Voltaire und folglich
auch ein gut Theil schweigsamer. Hufiger schon geschieht es, dass,
wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf einen Affenleib, ein
feiner Ausnahme-Verstand auf eine gemeine Seele gesetzt ist, - unter
rzten und Moral-Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und
wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom Menschen redet als
von einem Bauche mit zweierlei Bedrfnissen und einem Kopfe mit Einem;
berall wo Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und Eitelkeit
sieht, sucht und sehn will, als seien es die eigentlichen und einzigen
Triebfedern der menschlichen Handlungen; kurz, wo man "schlecht" vom
Menschen redet - und nicht einmal schlimm -, da soll der Liebhaber
der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, er soll seine Ohren
berhaupt dort haben, wo ohne Entrstung geredet wird. Denn der
entrstete Mensch, und wer immer mit seinen eignen Zhnen sich selbst
(oder, zum Ersatz dafr, die Welt, oder Gott, oder die Gesellschaft)
zerreisst und zerfleischt, mag zwar moralisch gerechnet, hher stehn
als der lachende und selbstzufriedene Satyr, in jedem anderen Sinne
aber ist er der gewhnlichere, gleichgltigere, unbelehrendere Fall.
Und Niemand lgt soviel als der Entrstete. -


27.

Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn man gangasrotogati
denkt und lebt, unter lauter Menschen, welche anders denken und leben,
nmlich kurmagati oder besten Falles "nach der Gangart des Frosches"
mandeikagati - ich thue eben Alles, um selbst schwer verstanden zu
werden? - und man soll schon fr den guten Willen zu einiger Feinheit
der Interpretation von Herzen erkenntlich sein. Was aber "die guten
Freunde" anbetrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als
Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: so thut
man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum und Tummelplatz des
Missverstndnisses zuzugestehn: - so hat man noch, zu lachen; - oder
sie ganz abzuschaffen, diese guten Freunde, - und auch zu lachen!


28.

Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die andere bersetzen
lsst, ist das tempo ihres Stils: als welcher im Charakter der Rasse
seinen Grund hat, physiologischer gesprochen, im Durchschnitts-tempo
ihres "Stoffwechsels". Es giebt ehrlich gemeinte bersetzungen, die
beinahe Flschungen sind, als unfreiwillige Vergemeinerungen des
Originals, bloss weil sein tapferes und lustiges tempo nicht mit
bersetzt werden konnte, welches ber alles Gefhrliche in Dingen und
Worten wegspringt, weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in
seiner Sprache unfhig: also, wie man billig schliessen darf, auch
vieler der ergtzlichsten und verwegensten Nuances des freien,
freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der Buffo und der Satyr fremd
ist, in Leib und Gewissen, so gut ist ihm Aristophanes und Petronius
unbersetzbar. Alles Gravittische, Schwerflssige, Feierlich-Plumpe,
alle langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind bei den
Deutschen in berreicher Mannichfaltigkeit entwickelt, - man vergebe
mir die Thatsache, dass selbst Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von
Steifheit und Zierlichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild
der "alten guten Zeit", zu der sie gehrt, und als Ausdruck des
deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen "deutschen Geschmack"
gab: der ein Rokoko-Geschmack war, in moribus et artibus. Lessing
macht eine Ausnahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles
verstand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst der
bersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nhe Diderot's und
Voltaire's, noch lieber unter die rmischen Lustspieldichter
flchtete: - Lessing liebte auch im tempo die Freigeisterei, die
Flucht aus Deutschland. Aber wie vermchte die deutsche Sprache, und
sei es selbst in der Prosa eines Lessing, das tempo Macchiavell's
nachzuahmen, der, in seinem principe, die trockne feine Luft von
Florenz athmen lsst und nicht umhin kann, die ernsteste Angelegenheit
in einem unbndigen Allegrissimo vorzutragen: vielleicht nicht ohne
ein boshaftes Artisten-Gefhl davon, welchen Gegensatz er wagt, -
Gedanken, lang, schwer, hart, gefhrlich, und ein tempo des Galopps
und der allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich drfte gar eine
deutsche bersetzung des Petronius wagen, der, mehr als irgend ein
grosser Musiker bisher, der Meister des presto gewesen ist, in
Erfindungen, Einfllen, Worten: - was liegt zuletzt an allen Smpfen
der kranken, schlimmen Welt, auch der "alten Welt", wenn man, wie er,
die Fsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den befreienden Hohn
eines Windes, der Alles gesund macht, indem er Alles laufen macht! Und
was Aristophanes angeht, jenen verklrenden, complementren Geist, um
dessentwillen man dem ganzen Griechenthum verzeiht, dass es da war,
gesetzt, dass man in aller Tiefe begriffen hat, was da Alles der
Verzeihung, der Verklrung bedarf: - so wsste ich nichts, was mich
ber Plato's Verborgenheit und Sphinx-Natur mehr hat trumen lassen
als jenes glcklich erhaltene petit falt: dass man unter dem
Kopfkissen seines Sterbelagers keine "Bibel" vorfand, nichts
gyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, - sondern den
Aristophanes. Wie htte auch ein Plato das Leben ausgehalten - ein
griechisches Leben, zu dem er Nein sagte, - ohne einen Aristophanes! -


29.

Es ist die Sache der Wenigsten, unabhngig zu sein: - es ist ein
Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, auch mit dem besten Rechte
dazu, aber ohne es zu mssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich
nicht nur stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er
begiebt sich in ein Labyrinth, er vertausendfltigt die Gefahren,
welche das Leben an sich schon mit sich bringt; von denen es nicht die
kleinste ist, dass Keiner mit Augen sieht, wie und wo er sich verirrt,
vereinsamt und stckweise von irgend einem Hhlen-Minotaurus des
Gewissens zerrissen wird. Gesetzt, ein Solcher geht zu Grunde, so
geschieht es so ferne vom Verstndniss der Menschen, dass sie es nicht
fhlen und mitfhlen: - und er kann nicht mehr zurck! er kann auch
zum Mitleiden der Menschen nicht mehr zurck! - -


30.

Unsre hchsten Einsichten mssen - und sollen! - wie Thorheiten, unter
Umstnden wie Verbrechen klingen, wenn sie unerlaubter Weise Denen zu
Ohren kommen, welche nicht dafr geartet und vorbestimmt sind. Das
Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter Philosophen
unterschied, bei Indern, wie bei Griechen, Persern und Muselmnnern,
kurz berall, wo man eine Rangordnung und nicht an Gleichheit und
gleiche Rechte glaubte, - das hebt sich nicht sowohl dadurch von
einander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von aussen
her, nicht von innen her, sieht, schtzt, misst, urtheilt: das
Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf die Dinge sieht, - der
Esoteriker aber von Oben herab! Es giebt Hhen der Seele, von wo aus
gesehen selbst die Tragdie aufhrt, tragisch zu wirken; und, alles
Weh der Welt in Eins genommen, wer drfte zu entscheiden wagen, ob
sein Anblick nothwendig gerade zum Mitleiden und dergestalt zur
Verdoppelung des Wehs verfhren und zwingen werde?... Was der hheren
Art von Menschen zur Nahrung oder zur Labsal dient, muss einer sehr
unterschiedlichen und geringeren Art beinahe Gift sein. Die Tugenden
des gemeinen Manns wrden vielleicht an einem Philosophen Laster und
Schwchen bedeuten; es wre mglich, dass ein hochgearteter Mensch,
gesetzt, dass er entartete und zu Grunde gienge, erst dadurch in den
Besitz von Eigenschaften kme, derentwegen man nthig htte, ihn in
der niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehr wie einen Heiligen
zu verehren. Es giebt Bcher, welche fr Seele und Gesundheit einen
umgekehrten Werth haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere
Lebenskraft oder aber die hhere und gewaltigere sich ihrer bedienen:
im ersten Falle sind es gefhrliche, anbrckelnde, auflsende Bcher,
im anderen Heroldsrufe, welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit
herausfordern. Allerwelts-Bcher sind immer belriechende Bcher: der
Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst
wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen
gehn, wenn man reine Luft athmen will. - -


31.

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch ohne jene Kunst der
Nuance, welche den besten Gewinn des Lebens ausmacht, und muss es
billigerweise hart bssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja
und Nein berfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, dass
der schlechteste aller Geschmcker, der Geschmack fr das Unbedingte
grausam genarrt und gemissbraucht werde, bis der Mensch lernt, etwas
Kunst in seine Gefhle zu legen und lieber noch mit dem Knstlichen
den Versuch zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens thun. Das
Zornige und Ehrfrchtige, das der Jugend eignet, scheint sich keine
Ruhe zu geben, bevor es nicht Menschen und Dinge so zurecht geflscht
hat, dass es sich an ihnen auslassen kann: - Jugend ist an sich schon
etwas Flschendes und Betrgerisches. Spter, wenn die junge Seele,
durch lauter Enttuschungen gemartert, sich endlich argwhnisch
gegen sich selbst zurck wendet, immer noch heiss und wild, auch in
ihrem Argwohne und Gewissensbisse: wie zrnt sie sich nunmehr, wie
zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache fr ihre lange
Selbst-Verblendung, wie als ob sie eine willkrliche Blindheit gewesen
sei! In diesem bergange bestraft man sich selber, durch Misstrauen
gegen sein Gefhl; man foltert seine Begeisterung durch den Zweifel,
ja man fhlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, gleichsam als
Selbst-Verschleierung und Ermdung der feineren Redlichkeit; und vor
Allem, man nimmt Partei, grundstzlich Partei gegen "die Jugend". -
Ein Jahrzehend spter: und man begreift, dass auch dies Alles noch -
Jugend war!


32.

Die lngste Zeit der menschlichen Geschichte hindurch - man nennt
sie die prhistorische Zeit - wurde der Werth oder der Unwerth einer
Handlung aus ihren Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei
ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern ungefhr so, wie
heute noch in China eine Auszeichnung oder Schande vom Kinde auf die
Eltern zurckgreift, so war es die rckwirkende Kraft des Erfolgs oder
Misserfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht von
einer Handlung zu denken. Nennen wir diese Periode die vormoralische
Periode der Menschheit: der Imperativ "erkenne dich selbst!" war
damals noch unbekannt. In den letzten zehn Jahrtausenden ist man
hingegen auf einigen grossen Flchen der Erde Schritt fr Schritt
so weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die Herkunft der
Handlung ber ihren Werth entscheiden zu lassen: ein grosses Ereigniss
als Ganzes, eine erhebliche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs,
die unbewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werthe
und des Glaubens an "Herkunft", das Abzeichen einer Periode, welche
man im engeren Sinne als die moralische bezeichnen darf: der erste
Versuch zur Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der Folgen die
Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und sicherlich eine erst
nach langen Kmpfen und Schwankungen erreichte Umkehrung! Freilich:
ein verhngnissvoller neuer Aberglaube, eine eigenthmliche Engigkeit
der Interpretation kam eben damit zur Herrschaft: man interpretirte
die Herkunft einer Handlung im allerbestimmtesten Sinne als Herkunft
aus einer Absicht; man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth
einer Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei. Die Absicht als
die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer Handlung: unter diesem
Vorurtheile ist fast bis auf die neueste Zeit auf Erden moralisch
gelobt, getadelt, gerichtet, auch philosophirt worden. - Sollten wir
aber heute nicht bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns nochmals
ber eine Umkehrung und Grundverschiebung der Werthe schlssig zu
machen, Dank einer nochmaligen Selbstbesinnung und Vertiefung des
Menschen, - sollten wir nicht an der Schwelle einer Periode stehen,
welche, negativ, zunchst als die aussermoralische zu, bezeichnen
wre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten der Verdacht sich
regt, dass gerade in dem, was nicht-absichtlich an einer Handlung
ist, ihr entscheidender Werth belegen sei, und dass alle ihre
Absichtlichkeit, Alles, was von ihr gesehn, gewusst, "bewusst" werden
kann, noch zu ihrer Oberflche und Haut gehre, - welche, wie jede
Haut, Etwas verrth, aber noch mehr verbirgt? Kurz, wir glauben, dass
die Absicht nur ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegung
bedarf, dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich fr sich
allein fast nichts bedeutet, - dass Moral, im bisherigen Sinne, also
Absichten-Moral ein Vorurtheil gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine
Vorlufigkeit vielleicht, ein Ding etwa vom Range der Astrologie und
Alchymie, aber jedenfalls Etwas, das berwunden werden muss. Die
berwindung der Moral, in einem gewissen Verstande sogar die
Selbstberwindung der Moral: mag das der Name fr jene lange
geheime Arbeit sein, welche den feinsten und redlichsten, auch den
boshaftesten Gewissen von heute, als lebendigen Probirsteinen der
Seele, vorbehalten blieb. -


33.

Es hilft nichts: man muss die Gefhle der Hingebung, der Aufopferung
fr den Nchsten, die ganze Selbstentusserungs-Moral erbarmungslos
zur Rede stellen und vor Gericht fhren: ebenso wie die sthetik der
"interesselosen Anschauung", unter welcher sich die Entmnnlichung der
Kunst verfhrerisch genug heute ein gutes Gewissen zu schaffen sucht.
Es ist viel zu viel Zauber und Zucker in jenen Gefhlen des "fr
Andere", des "nicht fr mich", als dass man nicht nthig htte,
hier doppelt misstrauisch zu werden und zu fragen: "sind es nicht
vielleicht - Verfhrungen?" - Dass sie gefallen - Dem, der sie hat,
und Dem, der ihre Frchte geniesst, auch dem blossen Zuschauer, -
dies giebt noch kein Argument fr sie ab, sondern fordert gerade zur
Vorsicht auf. Seien wir also vorsichtig!


34.

Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich heute auch stellen
mag: von jeder Stelle aus gesehn ist die Irrthmlichkeit der Welt, in
der wir zu leben glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser
Auge noch habhaft werden kann: - wir finden Grnde ber Grnde dafr,
die uns zu Muthmaassungen ber ein betrgerisches Princip im "Wesen
der Dinge" verlocken mchten. Wer aber unser Denken selbst, also
"den Geist" fr die Falschheit der Welt verantwortlich macht - ein
ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste advocatus dei
geht -: wer diese Welt, sammt Raum, Zeit, Gestalt, Bewegung, als
falsch erschlossen nimmt: ein Solcher htte mindestens guten Anlass,
gegen alles Denken selbst endlich Misstrauen zu lernen: htte es
uns nicht bisher den allergrssten Schabernack gespielt? und welche
Brgschaft dafr gbe es, dass es nicht fortfhre, zu thun, was es
immer gethan hat? In allem Ernste: die Unschuld der Denker hat etwas
Rhrendes und Ehrfurcht Einflssendes, welche ihnen erlaubt, sich auch
heute noch vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es
ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es "real" sei, und
warum es eigentlich die ussere Welt sich so entschlossen vom
Halse halte, und was dergleichen Fragen mehr sind. Der Glaube an
"unmittelbare Gewissheiten" ist eine moralische Naivett, welche
uns Philosophen Ehre macht: aber - wir sollen nun einmal nicht "nur
moralische" Menschen sein! Von der Moral abgesehn, ist jener Glaube
eine Dummheit, die uns wenig Ehre macht! Mag im brgerlichen Leben das
allzeit bereite Misstrauen als Zeichen des "schlechten Charakters"
gelten und folglich unter die Unklugheiten gehren: hier unter uns,
jenseits der brgerlichen Welt und ihres Ja's und Nein's, - was sollte
uns hindern, unklug zu sein und zu sagen: der Philosoph hat nachgerade
ein Recht auf "schlechten Charakter", als das Wesen, welches bisher
auf Erden immer am besten genarrt worden ist, - er hat heute die
Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten Schielen aus jedem Abgrunde
des Verdachts heraus. - Man vergebe mir den Scherz dieser dsteren
Fratze und Wendung: denn ich selbst gerade habe lngst ber Betrgen
und Betrogenwerden anders denken, anders schtzen gelernt und halte
mindestens ein paar Rippenstsse fr die blinde Wuth bereit, mit der
die Philosophen sich dagegen struben, betrogen zu werden. Warum
nicht? Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass Wahrheit
mehr werth ist als Schein; es ist sogar die schlechtest bewiesene
Annahme, die es in der Welt giebt. Man gestehe sich doch so viel ein:
es bestnde gar kein Leben, wenn nicht auf dem Grunde perspektivischer
Schtzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der tugendhaften
Begeisterung und Tlpelei mancher Philosophen, die "scheinbare
Welt" ganz abschlaffen, nun, gesetzt, ihr knntet das, - so bliebe
mindestens dabei auch von eurer "Wahrheit" nichts mehr brig! Ja,
was zwingt uns berhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften
Gegensatz von "wahr" und "falsch" giebt? Gengt es nicht, Stufen der
Scheinbarkeit anzunehmen und gleichsam hellere und dunklere Schatten
und Gesammttne des Scheins, - verschiedene valeurs, um die Sprache
der Maler zu reden? Warum drfte die Welt, die uns etwas angeht -,
nicht eine Fiktion sein? Und wer da fragt: "aber zur Fiktion gehrt
ein Urheber?" - drfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum?
Gehrt dieses "Gehrt" nicht vielleicht mit zur Fiktion? Ist es
denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen Prdikat und Objekt,
nachgerade ein Wenig ironisch zu sein? Drfte sich der Philosoph nicht
ber die Glubigkeit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den
Gouvernanten: aber wre es nicht an der Zeit, dass die Philosophie dem
Gouvernanten-Glauben absagte? -


35.

Oh Voltaire! Oh Humanitt! Oh Bldsinn! Mit der "Wahrheit", mit dem
Suchen der Wahrheit hat es etwas auf sich; und wenn der Mensch es
dabei gar zu menschlich treibt - "il ne cherche le vrai que pour faire
le bien" - ich wette, er findet nichts!


36.

Gesetzt, dass nichts Anderes als real "gegeben" ist als unsre Welt der
Begierden und Leidenschaften, dass wir zu keiner anderen "Realitt"
hinab oder hinauf knnen als gerade zur Realitt unsrer Triebe - denn
Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einander -: ist es
nicht erlaubt, den Versuch zu machen und die Frage zu fragen, ob dies
Gegeben nicht ausreicht, um aus Seines-Gleichen auch die sogenannte
mechanistische (oder "materielle") Welt zu verstehen? Ich meine
nicht als eine Tuschung, einen "Schein", eine "Vorstellung" (im
Berkeley'schen und Schopenhauerischen Sinne), sondern als vom
gleichen Realitts-Range, welchen unser Affekt selbst hat, - als eine
primitivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in mchtiger
Einheit beschlossen liegt, was sich dann im organischen Prozesse
abzweigt und ausgestaltet (auch, wie billig, verzrtelt und abschwcht
-), als eine Art von Triebleben, in dem noch smmtliche organische
Funktionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation, Ernhrung,
Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in einander sind,
- als eine Vorform des Lebens? - Zuletzt ist es nicht nur erlaubt,
diesen Versuch zu machen: es ist, vom Gewissen der Methode aus,
geboten. Nicht mehrere Arten von Causalitt annehmen, so lange nicht
der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine usserste
Grenze getrieben ist (- bis zum Unsinn, mit Verlaub zu sagen): das ist
eine Moral der Methode, der man sich heute nicht entziehen darf; - es
folgt "aus ihrer Definition", wie ein Mathematiker sagen wrde. Die
Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als wirkend anerkennen,
ob wir an die Causalitt des Willens glauben: thun wir das - und im
Grunde ist der Glaube daran eben unser Glaube an Causalitt selbst -,
so mssen wir den Versuch machen, die Willens-Causalitt hypothetisch
als die einzige zu setzen. "Wille" kann natrlich nur auf "Wille"
wirken - und nicht auf "Stoffe" (nicht auf "Nerven" zum Beispiel -):
genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht berall, wo "Wirkungen"
anerkannt werden, Wille auf Wille wirkt - und ob nicht alles
mechanische Geschehen, insofern eine Kraft darin thtig wird, eben
Willenskraft, Willens-Wirkung ist. - Gesetzt endlich, dass es gelnge,
unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und Verzweigung Einer
Grundform des Willens zu erklren - nmlich des Willens zur Macht, wie
es in ein Satz ist -; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen
auf diesen Willen zur Macht zurckfhren knnte und in ihm auch die
Lsung des Problems der Zeugung und Ernhrung - es ist Ein Problem -
fnde, so htte man damit sich das Recht verschafft, alle wirkende
Kraft eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die Welt von innen
gesehen, die Welt auf ihren "intelligiblen Charakter" hin bestimmt und
bezeichnet - sie wre eben "Wille zur Macht" und nichts ausserdem. -


37.

"Wie? Heisst das nicht, populr geredet: Gott ist widerlegt, der
Teufel aber nicht -?" Im Gegentheil! Im Gegentheil, meine Freunde!
Und, zum Teufel auch, wer zwingt euch, populr zu reden! -


38.

Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren Zeiten, mit der
franzsischen Revolution gegangen ist, jener schauerlichen und, aus
der Nhe beurtheilt, berflssigen Posse, in welche aber die edlen und
schwrmerischen Zuschauer von ganz Europa aus der Ferne her so lange
und so leidenschaftlich ihre eignen Emprungen und Begeisterungen
hinein interpretirt haben, bis der Text unter der Interpretation
verschwand: so knnte eine edle Nachwelt noch einmal die ganze
Vergangenheit missverstehen und dadurch vielleicht erst ihren Anblick
ertrglich machen. - Oder vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen?
waren wir nicht selbst - diese "edle Nachwelt"? Und ist es nicht
gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, - damit vorbei?


39.

Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie glcklich macht,
oder tugendhaft macht, deshalb fr wahr halten: die lieblichen
"Idealisten" etwa ausgenommen, welche fr das Gute, Wahre, Schne
schwrmen und in ihrem Teiche alle Arten von bunten plumpen und
gutmthigen Wnschbarkeiten durcheinander schwimmen lassen. Glck
und Tugend sind keine Argumente. Man vergisst aber gerne, auch auf
Seiten besonnener Geister, dass Unglcklich-machen und Bse-machen
ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas drfte wahr sein: ob es gleich
im hchsten Grade schdlich und gefhrlich wre; ja es knnte selbst
zur Grundbeschaffenheit des Daseins gehren, dass man an seiner
vlligen Erkenntniss zu Grunde gienge, - so dass sich die Strke eines
Geistes darnach bemsse, wie viel er von der "Wahrheit" gerade noch
aushielte, deutlicher, bis zu welchem Grade er sie verdnnt, verhllt,
verssst, verdumpft, verflscht nthig htte. Aber keinem Zweifel
unterliegt es, dass fr die Entdeckung gewisser Theile der Wahrheit
die Bsen und Unglcklichen begnstigter sind und eine grssere
Wahrscheinlichkeit des Gelingens haben; nicht zu reden von den
Bsen, die glcklich sind, - eine Species, welche von den Moralisten
verschwiegen wird. Vielleicht, dass Hrte und List gnstigere
Bedingungen zur Entstehung des starken, unabhngigen Geistes und
Philosophen abgeben, als jene sanfte feine nachgebende Gutartigkeit
und Kunst des Leicht-nehmens, welche man an einem Gelehrten schtzt
und mit Recht schtzt. Vorausgesetzt, was voran steht, dass man den
Begriff "Philosoph" nicht auf den Philosophen einengt, der Bcher
schreibt - oder gar seine Philosophie in Bcher bringt! - Einen
letzten Zug zum Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt
Stendhal bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht
unterlassen will zu unterstreichen: - denn er geht wider den deutschen
Geschmack. "Pour tre bon philosophe", sagt dieser letzte grosse
Psycholog, "il faut tre sec, clair, sans illusion. Un banquier,
qui a fait fortune, a une partie du caractre requis pour faire des
dcouvertes en philosophie, c'est-'-dire pour voir clair dans ce qui
est."


40.

Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten Dinge haben
sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. Sollte nicht erst der
Gegensatz die rechte Verkleidung sein, in der die Scham eines Gottes
einhergienge? Eine fragwrdige Frage: es wre wunderlich, wenn nicht
irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt htte. Es giebt
Vorgnge so zarter Art, dass man gut thut, sie durch eine Grobheit zu
verschtten und unkenntlich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe
und einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts rthlicher
ist, als einen Stock zu nehmen und den Augenzeugen durchzuprgeln:
damit trbt man dessen Gedchtniss. Mancher versteht sich darauf,
das eigne Gedchtniss zu trben und zu misshandeln, um wenigstens
an diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: - die Scham ist
erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten Dinge, deren man sich am
schlimmsten schmt: es ist nicht nur Arglist hinter einer Maske, -
es giebt so viel Gte in der List. Ich knnte mir denken, dass ein
Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen htte, grob
und rund wie ein grnes altes schwerbeschlagenes Weinfass durch's
Leben rollte: die Feinheit seiner Scham will es so. Einem Menschen,
der Tiefe in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und zarten
Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je gelangen, und um deren
Vorhandensein seine Nchsten und Vertrautesten nicht wissen drfen:
seine Lebensgefahr verbirgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder
eroberte Lebens-Sicherheit. Ein solcher Verborgener, der aus Instinkt
das Reden zum Schweigen und Verschweigen braucht und unerschpflich
ist in der Ausflucht vor Mittheilung, will es und frdert es, dass
eine Maske von ihm an seiner Statt in den Herzen und Kpfen seiner
Freunde herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden ihm
eines Tages die Augen darber aufgehn, dass es trotzdem dort eine
Maske von ihm giebt, - und dass es gut so ist. Jeder tiefe Geist
braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wchst
fortwhrend eine Maske, Dank der bestndig falschen, nmlich flachen
Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens-Zeichens, das er
giebt. -


41.

Man muss sich selbst seine Proben geben, dafr dass man zur
Unabhngigkeit und zum Befehlen bestimmt ist; und dies zur rechten
Zeit. Man soll seinen Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie
vielleicht das gefhrlichste Spiel sind, das man spielen kann, und
zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen und vor keinem
anderen Richter abgelegt werden. Nicht an einer Person hngen bleiben:
und sei sie die geliebteste, - jede Person ist ein Gefngniss, auch
ein Winkel. Nicht an einem Vaterlande hngen bleiben: und sei es das
leidendste und hlfbedrftigste, - es ist schon weniger schwer, sein
Herz von einem siegreichen Vaterlande los zu binden. Nicht an einem
Mitleiden hngen bleiben: und glte es hheren Menschen, in deren
seltne Marter und Hlflosigkeit uns ein Zufall hat blicken lassen.
Nicht an einer Wissenschaft hngen bleiben: und locke sie Einen mit
den kostbarsten, anscheinend gerade uns aufgesparten Funden. Nicht an
seiner eignen Loslsung hngen bleiben, an jener wollstigen Ferne und
Fremde des Vogels, der immer weiter in die Hhe flieht, um immer mehr
unter sich zu sehn: - die Gefahr des Fliegenden. Nicht an unsern
eignen Tugenden hngen bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer
Einzelheit an uns werden, zum Beispiel unsrer "Gastfreundschaft": wie
es die Gefahr der Gefahren bei hochgearteten und reichen Seelen ist,
welche verschwenderisch, fast gleichgltig mit sich selbst umgehn und
die Tugend der Liberalitt bis zum Laster treiben. Man muss wissen,
sich zu bewahren: strkste Probe der Unabhngigkeit.


42.

Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: ich wage es, sie auf
einen nicht ungefhrlichen Namen zu taufen. So wie ich sie errathe,
so wie sie sich errathen lassen - denn es gehrt zu ihrer Art, irgend
worin Rthsel bleiben zu wollen -, mchten diese Philosophen der
Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein Unrecht darauf haben, als
Versucher bezeichnet zu werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein
Versuch, und, wenn man will, eine Versuchung.


43.

Sind es neue Freunde der "Wahrheit", diese kommenden Philosophen?
Wahrscheinlich genug: denn alle Philosophen liebten bisher ihre
Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss
ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre
Wahrheit gar noch eine Wahrheit fr Jedermann sein soll: was bisher
der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war.
"Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer
das Recht" - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss
den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen bereinstimmen
zu wollen. "Gut" ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den
Mund nimmt. Und wie knnte es gar ein "Gemeingut" geben! Das Wort
widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig
Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die
grossen Dinge bleiben fr die Grossen brig, die Abgrnde fr die
Tiefen, die Zartheiten und Schauder fr die Feinen, und, im Ganzen und
Kurzen, alles Seltene fr die Seltenen. -


44.

Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, dass auch sie freie,
sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft, - so
gewiss sie auch nicht bloss freie Geister sein werden, sondern etwas
Mehreres, Hheres, Grsseres und Grndlich-Anderes, das nicht verkannt
und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fhle ich fast
ebenso sehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und
Vorlufer sind, wir freien Geister! - die Schuldigkeit, ein altes
dummes Vorurtheil und Missverstndniss von uns gemeinsam fortzublasen,
welches allzulange wie ein Nebel den Begriff "freier Geist"
undurchsichtig gemacht hat. In allen Lndern Europa's und ebenso in
Amerika giebt es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt,
eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von Geistern,
welche ungefhr das Gegentheil von dem wollen, was in unsern Absichten
und Instinkten liegt, - nicht zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf
jene heraufkommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster
und verriegelte Thren sein mssen. Sie gehren, kurz und schlimm,
unter die Nivellirer, diese flschlich genannten "freien Geister" -
als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks
und seiner "modernen Ideen": allesammt Menschen ohne Einsamkeit, ohne
eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Muth noch
achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur dass sie eben unfrei und
zum Lachen oberflchlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in den
Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefhr die Ursache fr
alles menschliche Elend und Missrathen zu sehn: wobei die Wahrheit
glcklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Krften
erstreben mchten, ist das allgemeine grne Weide-Glck der Heerde,
mit Sicherheit, Ungefhrlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens
fr Jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und
Lehren heissen "Gleichheit der Rechte" und "Mitgefhl fr alles
Leidende", - und das Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen,
das man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein
Gewissen fr die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze
"Mensch" am krftigsten in die Hhe gewachsen ist, vermeinen, dass
dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, dass
dazu die Gefhrlichkeit seiner Lage erst in's Ungeheure wachsen, seine
Erfindungs- und Verstellungskraft (sein "Geist" -) unter langem Druck
und Zwang sich in's Feine und Verwegene entwickeln, sein Lebens-Wille
bis zum unbedingten Macht-Willen gesteigert werden musste: - wir
vermeinen, dass Hrte, Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse
und im Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und Teufelei
jeder Art, dass alles Bse, Furchtbare, Tyrannische, Raubthier- und
Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhhung der Species "Mensch"
dient, als sein Gegensatz: - wir sagen sogar nicht einmal genug,
wenn wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm
Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen
Ideologie und Heerden-Wnschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht?
Was Wunder, dass wir "freien Geister" nicht gerade die mittheilsamsten
Geister sind? dass wir nicht in jedem Betrachte zu verrathen wnschen,
wovon ein Geist sich frei machen kann und wohin er dann vielleicht
getrieben wird? Und was es mit der gefhrlichen Formel "jenseits
von Gut und Bse" auf sich hat, mit der wir uns zum Mindesten vor
Verwechslung behten: wir sind etwas Anderes als "libres-penseurs",
"liberi pensatori", "Freidenker" und wie alle diese braven Frsprecher
der "modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In vielen Lndern des
Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen
Winkeln immer wieder entschlpft, in die uns Vorliebe und Vorhass,
Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Bchern, oder selbst die
Ermdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen
die Lockmittel der Abhngigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder
mtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar
gegen Noth und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgend
einer Regel und ihrem "Vorurtheil" losmachte, dankbar gegen Gott,
Teufel, Schlaf und Wurm in uns, neugierig bis zum Laster, Forscher
bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern fr Unfassbares, mit
Zhnen und Mgen fr das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk,
das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss,
Dank einem berschusse von "freiem Willen", mit Vorder- und
Hinterseelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit
Vorder- und Hintergrnden, welche kein Fuss zu Ende laufen drfte,
Verborgene unter den Mnteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich
Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von frh
bis Abend, Geizhlse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften
Schubfcher, haushlterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in
Schematen, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten,
mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth
thut, selbst Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nmlich insofern
wir die geborenen geschworenen eiferschtigen Freunde der Einsamkeit
sind, unsrer eignen tiefsten mitternchtlichsten mittglichsten
Einsamkeit: - eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister!
und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen
Philosophen? -




Drittes Hauptstck:

Das religise Wesen.

45.

Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher berhaupt erreichte
Umfang menschlicher innerer Erfahrungen, die Hhen, Tiefen und Fernen
dieser Erfahrungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und ihre
noch unausgetrunkenen Mglichkeiten: das ist fr einen geborenen
Psychologen und Freund der "grossen Jagd" das vorbestimmte
Jagdbereich. Aber wie oft muss er sich verzweifelt sagen: "ein
Einzelner! ach, nur ein Einzelner! und dieser grosse Wald und Urwald!"
Und so wnscht er sich einige hundert Jagdgehlfen und feine gelehrte
Sprhunde, welche er in die Geschichte der menschlichen Seele treiben
knnte, um dort sein Wild zusammenzutreiben. Umsonst: er erprobt es
immer wieder, grndlich und bitterlich, wie schlecht zu allen Dingen,
die gerade seine Neugierde reizen, Gehlfen und Hunde zu finden
sind. Der belstand, den es hat, Gelehrte auf neue und gefhrliche
Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, Klugheit, Feinheit in jedem Sinne
noth thun, liegt darin, dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar
sind, wo die "grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: -
gerade dort verlieren sie ihr Sprauge und ihre Sprnase. Um zum
Beispiel zu errathen und festzustellen, was fr eine Geschichte bisher
das Problem von Wissen und Gewissen in der Seele der homines religiosi
gehabt hat, dazu msste Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet,
so ungeheuer sein, wie es das intellektuelle Gewissen Pascal's war:
und dann bedrfte es immer noch jenes ausgespannten Himmels von
heller, boshafter Geistigkeit, welcher von Oben herab dies Gewimmel
von gefhrlichen und schmerzlichen Erlebnissen zu bersehn, zu ordnen,
in Formeln zu zwingen vermchte. - Aber wer thte mir diesen Dienst!
Aber wer htte Zeit, auf solche Diener zu warten! - sie wachsen
ersichtlich zu selten, sie sind zu allen Zeiten so unwahrscheinlich!
Zuletzt muss man Alles selber thun, um selber Einiges zu wissen: das
heisst, man hat viel zu thun! - Aber eine Neugierde meiner Art bleibt
nun einmal das angenehmste aller Laster, - Verzeihung! ich wollte
sagen: die Liebe zur Wahrheit hat ihren Lohn im Himmel und schon auf
Erden. -


46.

Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt und nicht selten
erreicht hat, inmitten einer skeptischen und sdlich-freigeisterischen
Welt, die einen Jahrhunderte langen Kampf von Philosophenschulen
hinter sich und in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur
Toleranz, welche das imperium Romanum gab, - dieser Glaube ist nicht
jener treuherzige und brbeissige Unterthanen-Glaube, mit dem etwa ein
Luther oder ein Cromwell oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes
an ihrem Gotte und Christenthum gehangen haben; viel eher scholl
jener Glaube Pascal's, der auf schreckliche Weise einem dauernden
Selbstmorde der Vernunft hnlich sieht, - einer zhen langlebigen
wurmhaften Vernunft, die nicht mit Einem Male und Einem Streiche
todtzumachen ist. Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung:
Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit
des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-Verhhnung,
Selbst-Verstmmelung. Es ist Grausamkeit und religiser Phnicismus
in diesem Glauben, der einem mrben, vielfachen und viel verwhnten,
Gewissen zugemuthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die
Unterwerfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass die ganze
Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen Geistes sich gegen das
Absurdissimum wehrt, als welches ihm der "Glaube" entgegentritt.
Die modernen Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche
Nomenklatur, fhlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach,
das fr einen antiken Geschmack in der Paradoxie der Formel "Gott am
Kreuze" lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendswo eine gleiche
Khnheit im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und
Fragwrdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine Umwerthung
aller antiken Werthe. - Es ist der Orient, der tiefe Orient, es ist
der orientalische Sklave, der auf diese Weise an Rom und seiner
vornehmen und frivolen Toleranz, am rmischen "Katholicismus" des
Glaubens Rache nahm: - und immer war es nicht der Glaube, sondern die
Freiheit vom Glauben, jene halb stoische und lchelnde Unbekmmertheit
um den Ernst des Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre
Herrn emprt hat. Die "Aufklrung" emprt: der Sklave nmlich will
Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, auch in der Moral, er
liebt wie er hasst, ohne Nuance, bis in die Tiefe, bis zum Schmerz,
bis zur Krankheit, - sein vieles verborgenes Leiden emprt sich
gegen den vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen scheint.
Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur eine Attitude der
aristokratischen Moral, ist nicht am wenigsten auch an der Entstehung
des letzten grossen Sklaven-Aufstandes betheiligt, welcher mit der
franzsischen Revolution begonnen hat.


47.

Wo nur auf Erden bisher die religise Neurose aufgetreten ist, finden
wir sie verknpft mit drei gefhrlichen Dit-Verordnungen: Einsamkeit,
Fasten und geschlechtlicher Enthaltsamkeit, - doch ohne dass hier mit
Sicherheit zu entscheiden wre, was da Ursache, was Wirkung sei, und
ob hier berhaupt ein Verhltniss von Ursache und Wirkung vorliege.
Zum letzten Zweifel berechtigt, dass gerade zu ihren regelmssigsten
Symptomen, bei wilden wie bei zahmen Vlkern, auch die pltzlichste
ausschweifendste Wollstigkeit gehrt, welche dann, ebenso pltzlich,
in Busskrampf und Welt- und Willens-Verneinung umschlgt: beides
vielleicht als maskirte Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man
sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus herum ist bisher
eine solche Flle von Unsinn und Aberglauben aufgewachsen, keiner
scheint bisher die Menschen, selbst die Philosophen, mehr interessirt
zu haben, - es wre an der Zeit, hier gerade ein Wenig kalt zu werden,
Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, wegzugehn. - Noch im
Hintergrunde der letztgekommenen Philosophie, der Schopenhauerischen,
steht, beinahe als das Problem an sich, dieses schauerliche
Fragezeichen der religisen Krisis und Erweckung. Wie ist
Willensverneinung mglich? wie ist der Heilige mglich? - das
scheint wirklich die Frage gewesen zu sein, bei der Schopenhauer
zum Philosophen wurde und anfieng. Und so war es eine cht
Schopenhauerische Consequenz, dass sein berzeugtester Anhnger
(vielleicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft -), nmlich
Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade hier zu Ende brachte und
zuletzt noch jenen furchtbaren und ewigen Typus als Kundry auf der
Bhne vorfhrte, type vcu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher
Zeit, wo die Irrenrzte fast aller Lnder Europa's einen Anlass
hatten, ihn aus der Nhe zu studiren, berall, wo die religise
Neurose - oder, wie ich es nenne, "das religise Wesen" - als
"Heilsarmee" ihren letzten epidemischen Ausbruch und Aufzug gemacht
hat. - Fragt man sich aber, was eigentlich am ganzen Phnomen des
Heiligen den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, so
unbndig interessant gewesen ist: so ist es ohne allen Zweifel der
ihm, anhaftende Anschein des Wunders, nmlich der unmittelbaren
Aufeinanderfolge von Gegenstzen, von moralisch entgegengesetzt
gewertheten Zustnden der Seele: man glaubte hier mit Hnden zu
greifen, dass aus einem "schlechten Menschen" mit Einem Male ein
"Heiliger", ein guter Mensch werde. Die bisherige Psychologie litt an
dieser Stelle Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen
sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral gestellt hatte,
weil sie an die moralischen Werth-Gegenstze selbst glaubte, und diese
Gegenstze in den Text und Thatbestand hineinsah, hineinlas, hinein
deutete? - Wie? Das "Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? Ein
Mangel an Philologie? -


48.

Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katholicismus viel
innerlicher zugehrt, als uns Nordlndern das ganze Christentum
berhaupt: und dass folglich der Unglaube in katholischen Lndern
etwas ganz Anderes zu bedeuten hat, als in protestantischen - nmlich
eine Art Emprung gegen den Geist der Rasse, whrend er bei uns eher
eine Rckkehr zum Geist (oder Ungeist -) der Rasse ist. Wir Nordlnder
stammen unzweifelhaft aus Barbaren-Rassen, auch in Hinsicht auf unsere
Begabung zur Religion: wir sind schlecht fr sie begabt. Man darf
die Kelten ausnehmen, welche deshalb auch den besten Boden fr die
Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abgegeben haben: - in
Frankreich kam das christliche Ideal, soweit es nur die blasse Sonne
des Nordens erlaubt hat, zum Ausblhen. Wie fremdartig fromm sind
unserm Geschmack selbst diese letzten franzsischen Skeptiker noch,
sofern etwas keltisches Blut in ihrer Abkunft ist! Wie katholisch, wie
undeutsch riecht uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer rmischen
Logik der Instinkte! Wie jesuitisch jener liebenswrdige und
kluge Cicerone von Port-Royal, Sainte-Beuve, trotz all seiner
Jesuiten-Feindschaft! Und gar Ernest Renan: wie unzugnglich klingt
uns Nordlndern die Sprache solch eines Renan, in dem alle Augenblicke
irgend ein Nichts von religiser Spannung seine in feinerem Sinne
wollstige und bequem sich bettende Seele um ihr Gleichgewicht bringt!
Man spreche ihm einmal diese schnen Stze nach, - und was fr Bosheit
und bermuth regt sich sofort in unserer wahrscheinlich weniger
schnen und hrteren, nmlich deutscheren Seele als Antwort! -"disons
donc hardiment que la religion est un produit de l'homme normal, que
l'homme est le plus dans le vrai quand il est le plus religieux et le
plus assur d'une destine infinie.... C'est quand il est bon qu'il
veut que la vertu corresponde  un ordre ternel, c'est quand il
contemple les choses d'une manire dsintresse qu'il trouve la mort
rvoltante et absurde. Comment ne pas supposer que c'est dans ces
moments-l, que l'homme voit le mieux?...." Diese Stze sind meinen
Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, als ich sie fand,
mein erster Ingrimm daneben schrieb "la niaiserie religieuse par
excellence!" - bis mein letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann,
diese Stze mit ihrer auf den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so
artig, so auszeichnend, seine eignen Antipoden zu haben!


49.

Das, was an der Religiositt der alten Griechen staunen macht, ist die
unbndige Flle von Dankbarkeit, welche sie ausstrmt: - es ist eine
sehr vornehme Art Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben
steht! - Spter, als der Pbel in Griechenland zum bergewicht kommt,
berwuchert die Furcht auch in der Religion; und das Christenthum
bereitete sich vor.-


50.

Die Leidenschaft fr Gott: es giebt burische, treuherzige und
zudringliche Arten, wie die Luther's, - der ganze Protestantismus
entbehrt der sdlichen delicatezza. Es giebt ein orientalisches
Aussersichsein darin, wie bei einem unverdient begnadeten oder
erhobenen Sklaven, zum Beispiel bei Augustin, der auf eine
beleidigende Weise aller Vornehmheit der Gebrden und Begierden
ermangelt. Es giebt frauenhafte Zrtlichkeit und Begehrlichkeit darin,
welche schamhaft und unwissend nach einer unio mystica et physica
drngt: wie bei Madame de Guyon. In vielen Fllen erscheint sie
wunderlich genug als Verkleidung der Pubertt eines Mdchens oder
Jnglings; hier und da selbst als Hysterie einer alten Jungfer, auch
als deren letzter Ehrgeiz: - die Kirche hat das Weib schon mehrfach in
einem solchen Falle heilig gesprochen.


51.

Bisher haben sich die mchtigsten Menschen immer noch verehrend
vor dem Heiligen gebeugt, als dem Rthsel der Selbstbezwingung und
absichtlichen letzten Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten
in ihm - und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines gebrechlichen
und klglichen Anscheins - die berlegene Kraft, welche sich an einer
solchen Bezwingung erproben wollte, die Strke des Willens, in der
sie die eigne Strke und herrschaftliche Lust wieder erkannten und zu
ehren wussten: sie ehrten Etwas an sich, wenn sie den Heiligen ehrten.
Es kam hinzu, dass der Anblick des Heiligen ihnen einen Argwohn
eingab: ein solches Ungeheures von Verneinung, von Wider-Natur wird
nicht umsonst begehrt worden sein, so sagten und fragten sie sich.
Es giebt vielleicht einen Grund dazu, eine ganz grosse Gefahr, ber
welche der Asket, Dank seinen geheimen Zusprechern und Besuchern,
nher unterrichtet sein mchte? Genug, die Mchtigen der Welt lernten
vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine neue Macht, einen fremden,
noch unbezwungenen Feind: - der "Wille zur Macht" war es, der sie
nthigte, vor dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn
fragen - -


52.

Im jdischen "alten Testament", dem Buche von der gttlichen
Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge und Reden in einem so grossen
Stile, dass das griechische und indische Schriftenthum ihm nichts zur
Seite zu stellen hat. Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht vor diesen
ungeheuren berbleibseln dessen, was der Mensch einstmals war, und
wird dabei ber das alte Asien und sein vorgeschobenes Halbinselchen
Europa, das durchaus gegen Asien den "Fortschritt des Menschen"
bedeuten mchte, seine traurigen Gedanken haben. Freilich: wer selbst
nur ein dnnes zahmes Hausthier ist und nur Hausthier-Bedrfnisse
kennt (gleich unsren Gebildeten von heute, die Christen des
"gebildeten" Christenthums hinzugenommen -), der hat unter jenen
Ruinen weder sich zu verwundern, noch gar sich zu betrben - der
Geschmack am alten Testament ist ein Prfstein in Hinsicht auf "Gross"
und "Klein" -: vielleicht, dass er das neue Testament, das Buch
von der Gnade, immer noch eher nach seinem Herzen findet (in
ihm ist viel von dem rechten zrtlichen dumpfen Betbrder- und
Kleinen-Seelen-Geruch). Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des
Geschmacks in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem Buche
zusammengeleimt zu haben, als "Bibel", als "das Buch an sich": das
ist vielleicht die grsste Verwegenheit und "Snde wider den Geist",
welche das litterarische Europa auf dem Gewissen hat.


53.

Warum heute Atheismus? - "Der Vater" in Gott ist grndlich widerlegt;
ebenso "der Richter", "der Belohner". Insgleichen sein "freier Wille":
er hrt nicht, - und wenn er hrte, wsste er trotzdem nicht zu
helfen. Das Schlimmste ist: er scheint unfhig, sich deutlich
mitzutheilen: ist er unklar? - Dies ist es, was ich, als Ursachen fr
den Niedergang des europischen Theismus, aus vielerlei Gesprchen,
fragend, hinhorchend, ausfindig gemacht habe; es scheint mir, dass
zwar der religise Instinkt mchtig im Wachsen ist, - dass er aber
gerade die theistische Befriedigung mit tiefem Misstrauen ablehnt.


54.

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philosophie? Seit Descartes
- und zwar mehr aus Trotz gegen ihn, als auf Grund seines Vorgangs
- macht man seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten
Seelen-Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt-
und Prdikat-Begriffs - das heisst: ein Attentat auf die
Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere Philosophie,
als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, versteckt oder offen,
antichristlich: obschon, fr feinere Ohren gesagt, keineswegs
antireligis. Ehemals nmlich glaubte man an "die Seele", wie man an
die Grammatik und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, "Ich"
ist Bedingung, "denke" ist Prdikat und bedingt - Denken ist eine
Thtigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache gedacht werden muss. Nun
versuchte man, mit einer bewunderungswrdigen Zhigkeit und List, ob
man nicht aus diesem Netze heraus knne, - ob nicht vielleicht das
Umgekehrte wahr sei: "denke" Bedingung, "Ich" bedingt; "Ich" also
erst eine Synthese, welche durch das Denken selbst gemacht wird. Kant
wollte im Grunde beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht
bewiesen werden knne, - das Objekt auch nicht: die Mglichkeit einer
Scheinexistenz des Subjekts, also "der Seele", mag ihm nicht immer
fremd gewesen sein, jener Gedanke, welcher als Vedanta-Philosophie
schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erden dagewesen ist.


55.

Es giebt eine grosse Leiter der religisen Grausamkeit, mit vielen
Sprossen; aber drei davon sind die wichtigsten. Einst opferte man
seinem Gotte Menschen, vielleicht gerade solche, welche man am besten
liebte, - dahin gehren die Erstlings-Opfer aller Vorzeit-Religionen,
dahin auch das Opfer des Kaisers Tiberius in der Mithrasgrotte der
Insel Capri, jener schauerlichste aller rmischen Anachronismen. Dann,
in der moralischen Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte
die strksten Instinkte, die man besass, seine "Natur"; diese
Festfreude glnzt im grausamen Blicke des Asketen, des begeisterten
"Wider-Natrlichen". Endlich: was blieb noch brig zu opfern? Musste
man nicht endlich einmal alles Trstliche, Heilige, Heilende, alle
Hoffnung, allen Glauben an verborgene Harmonie, an zuknftige
Seligkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man nicht Gott selber
opfern und, aus Grausamkeit gegen sich, den Stein, die Dummheit,
die Schwere, das Schicksal, das Nichts anbeten? Fr das Nichts Gott
opfern - dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb dem
Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, aufgespart: wir Alle
kennen schon etwas davon. -


56.

Wer, gleich mir, mit irgend einer rthselhaften Begierde sich lange
darum bemht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der
halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlsen, mit der
er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nmlich in Gestalt
der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem
asiatischen und berasiatischen Auge in die weltverneinendste aller
mglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat - jenseits von
Gut und Bse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann
und Wahne der Moral -, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es
eigentlich wollte, sich die Augen fr das umgekehrte Ideal aufgemacht:
fr das Ideal des bermthigsten lebendigsten und weltbejahendsten
Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und
vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben
will, in alle Ewigkeit hinaus, unersttlich da capo rufend, nicht nur
zu sich, sondern zum ganzen Stcke und Schauspiele, und nicht nur
zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies
Schauspiel nthig hat - und nthig macht: weil er immer wieder sich
nthig hat - und nthig macht - - Wie? Und dies wre nicht - circulus
vitiosus deus?


57.

Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks wchst die Ferne
und gleichsam der Raum um den Menschen: seine Welt wird tiefer, immer
neue Sterne, immer neue Rthsel und Bilder kommen ihm in Sicht.
Vielleicht war Alles, woran das Auge des Geistes seinen Scharfsinn und
Tiefsinn gebt hat, eben nur ein Anlass zu seiner bung, eine Sache
des Spiels, Etwas fr Kinder und Kindskpfe. Vielleicht erscheinen
uns einst die feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekmpft und
gelitten worden ist, die Begriffe "Gott" und "Snde", nicht wichtiger,
als dem alten Manne ein Kinder-Spielzeug und Kinder-Schmerz erscheint,
- und vielleicht hat dann "der alte Mensch" wieder ein andres
Spielzeug und einen andren Schmerz nthig, - immer noch Kinds genug,
ein ewiges Kind!


58.

Hat man wohl beachtet, in wiefern zu einem eigentlich religisen
Leben (und sowohl zu seiner mikroskopischen Lieblings-Arbeit der
Selbstprfung, als zu jener zarten Gelassenheit, welche sich "Gebet"
nennt und eine bestndige Bereitschaft fr das "Kommen Gottes" ist)
der ussere Mssiggang oder Halb-Mssiggang noth thut, ich meine der
Mssiggang mit gutem Gewissen, von Alters her, von Geblt, dem das
Aristokraten-Gefhl nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schndet,
- nmlich Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die
moderne, lrmende, Zeit-auskaufende, auf sich stolze, dumm-stolze
Arbeitsamkeit, mehr als alles brige, gerade zum "Unglauben" erzieht
und vorbereitet? Unter Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland
abseits von der Religion leben, finde ich Menschen von vielerlei Art
und Abkunft der "Freidenkerei", vor Allem aber eine Mehrzahl solcher,
denen Arbeitsamkeit, von Geschlecht zu Geschlecht, die religisen
Instinkte aufgelst hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu
Religionen ntze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens ihr
Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. Sie fhlen sich schon
reichlich in Anspruch genommen, diese braven Leute, sei es von ihren
Geschften, sei es von ihren Vergngungen, gar nicht zu reden vom
"Vaterlande" und den Zeitungen und den "Pflichten der Familie": es
scheint, dass sie gar keine Zeit fr die Religion brig haben, zumal
es ihnen unklar bleibt, ob es sich dabei um ein neues Geschft oder
ein neues Vergngen handelt, - denn unmglich, sagen sie sich, geht
man in die Kirche, rein um sich die gute Laune zu verderben. Sie
sind keine Feinde der religisen Gebruche; verlangt man in gewissen
Fllen, etwa von Seiten des Staates, die Betheiligung an solchen
Gebruchen, so thun sie, was man verlangt, wie man so Vieles thut -,
mit einem geduldigen und bescheidenen Ernste und ohne viel Neugierde
und Unbehagen: - sie leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um
selbst nur ein Fr und Wider in solchen Dingen bei sich nthig zu
finden. Zu diesen Gleichgltigen gehrt heute die berzahl der
deutschen Protestanten in den mittleren Stnden, sonderlich in den
arbeitsamen grossen Handels- und Verkehrscentren; ebenfalls die
berzahl der arbeitsamen Gelehrten und der ganze Universitts-Zubehr
(die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Mglichkeit daselbst dem
Psychologen immer mehr und immer feinere Rthsel zu rathen giebt).
Man macht sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirchlicher
Menschen eine Vorstellung davon, wieviel guter Wille, man knnte
sagen, willkrlicher Wille jetzt dazu gehrt, dass ein deutscher
Gelehrter das Problem der Religion ernst nimmt; von seinem ganzen
Handwerk her (und, wie gesagt, von der handwerkerhaften Arbeitsamkeit
her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen verpflichtet) neigt er zu
einer berlegenen, beinahe gtigen Heiterkeit gegen die Religion, zu
der sich bisweilen eine leichte Geringschtzung mischt, gerichtet
gegen die "Unsauberkeit" des Geistes, welche er berall dort
voraussetzt, wo man sich, noch zur Kirche bekennt. Es gelingt dem
Gelehrten erst mit Hlfe der Geschichte (also nicht von seiner
persnlichen Erfahrung aus), es gegenber den Religionen zu einem
ehrfurchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen Rcksicht zu
bringen; aber wenn er sein Gefhl sogar bis zur Dankbarkeit gegen sie
gehoben hat, so ist er mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit
dem, was noch als Kirche oder Frmmigkeit besteht, nher gekommen:
vielleicht umgekehrt. Die praktische Gleichgltigkeit gegen religise
Dinge, in welche hinein er geboren und erzogen ist, pflegt sich bei
ihm zur Behutsamkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die
Berhrung mit religisen Menschen und Dingen scheut; und es kann
gerade die Tiefe seiner Toleranz und Menschlichkeit sein, die ihn vor
dem feinen Nothstande ausweichen heisst, welchen das Toleriren selbst
mit sich bringt. - Jede Zeit hat ihre eigene gttliche Art von
Naivett, um deren Erfindung sie andre Zeitalter beneiden drfen: -
und wie viel Naivett, verehrungswrdige, kindliche und unbegrenzt
tlpelhafte Naivett liegt in diesem berlegenheits-Glauben des
Gelehrten, im guten Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen
schlichten Sicherheit, mit der sein Instinkt den religisen Menschen
als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus behandelt, ber den
er selbst hinaus, hinweg, hinauf gewachsen ist, - er, der kleine
anmaassliche Zwerg und Pbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und
Handarbeiter der "Ideen", der "modernen Ideen"!


59.

Wer tief in die Welt gesehen hat, errth wohl, welche Weisheit darin
liegt, dass die Menschen oberflchlich sind. Es ist ihr erhaltender
Instinkt, der sie lehrt, flchtig, leicht und falsch zu sein. Man
findet hier und da eine leidenschaftliche und bertreibende Anbetung
der "reinen Formen", bei Philosophen wie bei Knstlern: mge Niemand
zweifeln, dass wer dergestalt den Cultus der Oberflche nthig hat,
irgend wann einmal einen unglckseligen Griff unter sie gethan hat.
Vielleicht giebt es sogar hinsichtlich dieser verbrannten Kinder,
der geborenen Knstler, welche den Genuss des Lebens nur noch in der
Absicht finden, sein Bild zu flschen (gleichsam in einer langwierigen
Rache am Leben -), auch noch eine Ordnung des Ranges: man knnte den
Grad, in dem ihnen das Leben verleidet ist, daraus abnehmen, bis wie
weit sie sein Bild verflscht, verdnnt, verjenseitigt, vergttlicht
zu sehn wnschen, - man knnte die homines religiosi mit unter
die Knstler rechnen, als ihren hchsten Rang. Es ist die tiefe
argwhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus, der ganze
Jahrtausende zwingt, sich mit den Zhnen in eine religise
Interpretation des Daseins zu verbeissen: die Furcht jenes Instinktes,
welcher ahnt, dass man der Wahrheit zu frh habhaft werden knnte, ehe
der Mensch stark genug, hart genug, Knstler genug geworden ist....
Die Frmmigkeit, das "Leben in Gott", mit diesem Blicke betrachtet,
erschiene dabei als die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht
vor der Wahrheit, als Knstler-Anbetung und -Trunkenheit vor der
consequentesten aller Flschungen, als der Wille zur Umkehrung der
Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis. Vielleicht, dass es bis jetzt
kein strkeres Mittel gab, den Menschen selbst zu verschnern, als
eben Frmmigkeit: durch sie kann der Mensch so sehr Kunst, Oberflche,
Farbenspiel, Gte werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr
leidet. -


60.

Den Menschen zu lieben um Gottes Willen - das war bis jetzt das
vornehmste und entlegenste Gefhl, das unter Menschen erreicht
worden ist. Dass die Liebe zum Menschen ohne irgendeine heiligende
Hinterabsicht eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang zu
dieser Menschenliebe erst von einem hheren Hange sein Maass, seine
Feinheit, sein Krnchen Salz und Stubchen Ambra zu bekommen hat: -
welcher Mensch es auch war, der dies zuerst empfunden und "erlebt"
hat, wie sehr auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie
versuchte, solch eine Zartheit auszudrcken, er bleibe uns in alle
Zeiten heilig und verehrenswerth, als der Mensch, der am hchsten
bisher geflogen und am schnsten sich verirrt hat!


61.

Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien Geister als der
Mensch der umfnglichsten Verantwortlichkeit, der das Gewissen fr die
Gesammt-Entwicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich der
Religionen zu seinem Zchtungs- und Erziehungswerke bedienen, wie
er sich der jeweiligen politischen und wirthschaftlichen Zustnde
bedienen wird. Der auslesende, zchtende, das heisst immer ebensowohl
der zerstrende als der schpferische und gestaltende Einfluss,
welcher mit Hlfe der Religionen ausgebt werden kann, ist je nach der
Art Menschen, die unter ihren Bann und Schutz gestellt werden, ein
vielfacher und verschiedener. Fr die Starken, Unabhngigen, zum
Befehlen, Vorbereiteten und Vorbestimmten, in denen die Vernunft
und Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist, Religion ein
Mittelmehr, um Widerstnde zu berwinden, um herrschen zu knnen:
als ein Band, das Herrscher und Unterthanen gemeinsam bindet und
die Gewissen der Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das
sich gerne dem Gehorsam entziehen mchte, den Ersteren verrth und
berantwortet; und falls einzelne Naturen einer solchen vornehmen
Herkunft, durch hohe Geistigkeit, einem abgezogeneren und
beschaulicheren Leben sich zuneigen und nur die feinste Artung
des Herrschens (ber ausgesuchte Jnger oder Ordensbrder) sich
vorbehalten, so kann Religion selbst als Mittel benutzt werden, sich
Ruhe vor dem Lrm und der Mhsal des grberen Regierens und Reinheit
vor dem nothwendigen Schmutz alles Politik-Machens zu schaffen. So
verstanden es zum Beispiel die Brahmanen: mit Hlfe einer religisen
Organisation gaben sie sich die Macht, dem Volke seine Knige zu
ernennen, whrend sie sich selber abseits und ausserhalb hielten
und fhlten, als die Menschen hherer und berkniglicher Aufgaben.
Inzwischen giebt die Religion auch einem Theile der Beherrschten
Anleitung und Gelegenheit, sich auf einstmaliges Herrschen und
Befehlen vorzubereiten, jenen langsam heraufkommenden Klassen und
Stnden nmlich, in denen, durch glckliche Ehesitten, die Kraft und
Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, immer im Steigen
ist: - ihnen bietet die Religion Anstsse und Versuchungen genug,
die Wege zur hheren Geistigkeit zu gehen, die Gefhle der grossen
Selbstberwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu erproben: -
Asketismus und Puritanismus sind fast unentbehrliche Erziehungs- und
Veredelungsmittel, wenn eine Rasse ber ihre Herkunft aus dem Pbel
Herr werden will und sich zur einstmaligen Herrschaft emporarbeitet.
Den gewhnlichen Menschen endlich, den Allermeisten, welche zum Dienen
und zum allgemeinen Nutzen da sind und nur insofern dasein drfen,
giebt die Religion eine unschtzbare Gengsamkeit mit ihrer Lage und
Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams,
ein Glck und Leid mehr mit Ihres-Gleichen und Etwas von Verklrung
und Verschnerung, Etwas von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der
ganzen Niedrigkeit, der ganzen Halbthier-Armuth ihrer Seele. Religion
und religise Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnenglanz auf solche
immer geplagte Menschen und macht ihnen selbst den eigenen Anblick
ertrglich, sie wirkt, wie eine epikurische Philosophie auf Leidende
hheren Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das Leiden
gleichsam ausntzend, zuletzt gar heiligend und rechtfertigend.
Vielleicht ist am Christenthum und Buddhismus nichts so ehrwrdig als
ihre Kunst, noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frmmigkeit in
eine hhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit das Gengen
an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren sie hart genug leben, - und
gerade diese Hrte thut Noth! - bei sich festzuhalten.


62.

Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die schlimme
Gegenrechnung zu machen und ihre unheimliche Gefhrlichkeit an's Licht
zu stellen: - es bezahlt sich immer theuer und frchterlich, wenn
Religionen nicht als Zchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand des
Philosophen, sondern von sich aus und souvern walten, wenn sie selber
letzte Zwecke und nicht Mittel neben anderen Mitteln sein wollen. Es
giebt bei dem Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen berschuss
von Missrathenen, Kranken, Entartenden, Gebrechlichen, nothwendig
Leidenden; die gelungenen Flle sind auch beim Menschen immer die
Ausnahme und sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch nicht
festgestellte Thier ist, die sprliche Ausnahme. Aber noch schlimmer:
je hher geartet der Typus eines Menschen ist, der durch ihn
dargestellt wird, um so mehr steigt noch die Unwahrscheinlichkeit,
dass er gerth: das Zufllige, das Gesetz des Unsinns im gesammten
Haushalte der Menschheit zeigt sich am erschrecklichsten in
seiner zerstrerischen Wirkung auf die hheren Menschen, deren
Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer auszurechnen sind. Wie
verhalten sich nun die genannten beiden grssten Religionen zu diesem
berschuss der misslungenen Flle? Sie suchen zu erhalten, im Leben
festzuhalten, was sich nur irgend halten lsst, ja sie nehmen
grundstzlich fr sie Partei, als Religionen fr Leidende, sie geben
allen Denen Recht, welche am Leben wie an einer Krankheit leiden, und
mchten es durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als
falsch gelte und unmglich werde. Mchte man diese schonende und
erhaltende Frsorge, insofern sie neben allen anderen auch dem
hchsten, bisher fast immer auch leidendsten Typus des Menschen gilt
und galt, noch so hoch anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehren
die bisherigen, nmlich souvernen Religionen zu den Hauptursachen,
welche den Typus "Mensch" auf einer niedrigeren Stufe festhielten,
- sie erhielten zu viel von dem, was zu Grunde gehn sollte. Man hat
ihnen Unschtzbares zu danken; und wer ist reich genug an Dankbarkeit,
um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum Beispiel die "geistlichen
Menschen" des Christenthums bisher fr Europa gethan haben! Und doch,
wenn sie den Leidenden Trost, den Unterdrckten und Verzweifelnden
Muth, den Unselbstndigen einen Stab und Halt gaben und die
Innerlich-Zerstrten und Wild-Gewordenen von der Gesellschaft weg in
Klster und seelische Zuchthuser lockten: was mussten sie ausserdem
thun, um mit gutem Gewissen dergestalt grundstzlich an der Erhaltung
alles Kranken und Leidenden, das heisst in That und Wahrheit an
der Verschlechterung der europischen Rasse zu arbeiten? Alle
Werthschtzungen auf den Kopf stellen - das mussten sie! Und die
Starken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankrnkeln, das Glck
in der Schnheit verdchtigen, alles Selbstherrliche, Mnnliche,
Erobernde, Herrschschtige, alle Instinkte, welche dem hchsten und
wohlgerathensten Typus "Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit,
Gewissens-Noth, Selbstzerstrung umknicken, ja die ganze Liebe zum
Irdischen und zur Herrschaft ber die Erde in Hass gegen die Erde
und das Irdische verkehren - das stellte sich die Kirche zur
Aufgabe und musste es sich stellen, bis fr ihre Schtzung endlich
"Entweltlichung", "Entsinnlichung" und "hherer Mensch" in Ein
Gefhl zusammenschmolzen. Gesetzt, dass man mit dem spttischen
und unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die wunderlich
schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komdie des europischen
Christenthums zu berschauen vermchte, ich glaube, man fnde kein
Ende mehr zu staunen und zu lachen: scheint es denn nicht, dass Ein
Wille ber Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus dem
Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? Wer aber mit umgekehrten
Bedrfnissen, nicht epikurisch mehr, sondern mit irgend einem
gttlichen Hammer in der Hand auf diese fast willkrliche Entartung
und Verkmmerung des Menschen zutrte, wie sie der christliche
Europer ist (Pascal zum Beispiel), msste er da nicht mit Grimm, mit
Mitleid, mit Entsetzen schreien: "Oh ihr Tlpel, ihr anmaassenden
mitleidigen Tlpel, was habt ihr da gemacht! War das eine Arbeit
fr eure Hnde! Wie habt ihr mir meinen schnsten Stein verhauen
und verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!" - Ich wollte sagen:
das Christenthum war bisher die verhngnissvollste Art von
Selbst-berhebung. Menschen, nicht hoch und hart genug, um am
Menschen als Knstler gestalten zu drfen; Menschen, nicht stark und
fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das
Vordergrund-Gesetz des tausendfltigen Missrathens und Zugrundegehns
walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgrndlich
verschiedene Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu
sehen: - solche Menschen haben, mit ihrem "Gleich vor Gott", bisher
ber dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich eine verkleinerte,
fast lcherliche Art, ein Heerdenthier, etwas Gutwilliges, Krnkliches
und Mittelmssiges, herangezchtet ist, der heutige Europer....




Viertes Hauptstck:

Sprche und Zwischenspiele.

63.

Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine
Schler ernst, - sogar sich selbst.


64.

"Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" - das ist der letzte
Fallstrick, den die Moral legt: damit verwickelt man sich noch einmal
vllig in sie.


65.

Der Reiz der Erkenntniss wre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr
so viel Scham zu berwinden wre.


65 a.

Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sndigen!


66.

Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, belgen und ausbeuten
zu lassen, knnte die Scham eines Gottes unter Menschen sein.


67.

Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird auf Unkosten aller
brigen ausgebt. Auch die Liebe zu Gott.


68.

"Das habe ich gethan" sagt mein Gedchtniss. Das kann ich nicht gethan
haben - sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - giebt das
Gedchtniss nach.


69.

Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man nicht auch die Hand
gesehn hat, die auf eine schonende Weise - tdtet.


70.

Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer
wiederkommt.


71.

Der Weise als Astronom. - So lange du noch die Sterne fhlst als ein
"ber-dir", fehlt dir noch der Blick des Erkennenden.


72.

Nicht die Strke, sondern die Dauer der hohen Empfindung macht die
hohen Menschen.


73.

Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit ber dasselbe hinaus.


73 a.

Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen Pfauenschweif - und
heisst es seinen Stolz.


74.

Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er nicht mindestens noch
zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit und Reinlichkeit.


75.

Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den
letzten Gipfel seines Geistes hinauf.


76.

Unter friedlichen Umstnden fllt der kriegerische Mensch ber sich
selber her.


77.

Mit seinen Grundstzen will man seine Gewohnheiten tyrannisiren oder
rechtfertigen oder ehren oder beschimpfen oder verbergen: - zwei
Menschen mit gleichen Grundstzen wollen damit wahrscheinlich noch
etwas Grund-Verschiedenes.


78.

Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als
Verchter.


79.

Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht liebt, verrth
ihren Bodensatz: - ihr Unterstes kommt herauf.


80.

Eine Sache, die sich aufklrt, hrt auf, uns etwas anzugehn. - Was
meinte jener Gott, welcher anrieth: "erkenne dich selbst"! Hiess es
vielleicht: "hre auf, dich etwas anzugehn! werde objektiv!" - Und
Sokrates? - Und der "wissenschaftliche Mensch"? -


81.

Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. Msst ihr denn gleich
eure Wahrheit so salzen, dass sie nicht einmal mehr - den Durst
lscht?


82.

"Mitleiden mit Allen" - wre Hrte und Tyrannei mit dir, mein Herr
Nachbar! -


83.

Der Instinkt. - Wenn das Haus brennt, vergisst man sogar das
Mittagsessen. - Ja: aber man holt es auf der Asche nach.


84.

Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es zu bezaubern -
verlernt.


85.

Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch im Tempo verschieden:
deshalb hren Mann und Weib nicht auf, sich misszuverstehn.


86.

Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller persnlichen Eitelkeit
immer noch ihre unpersnliche Verachtung - fr das "Weib".


87.

Gebunden Herz, freier Geist. - Wenn man sein Herz hart bindet und
gefangen legt, kann man seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte
das schon Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dass man's
nicht schon weiss.....


88.

Sehr klugen Personen fngt man an zu misstrauen, wenn sie verlegen
werden.


89.

Frchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, welcher sie erlebt,
nicht etwas Frchterliches ist.


90.

Schwere, Schwermthige Menschen werden gerade durch das, was Andre
schwer macht, durch Hass und Liebe, leichter und kommen zeitweilig an
ihre Oberflche.


91.

So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger verbrennt! Jede
Hand erschrickt, die ihn anfasst! - Und gerade darum halten Manche ihn
fr glhend.


92.

Wer hat nicht fr seinen guten Ruf schon einmal - sich selbst
geopfert? -


93.

In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, aber eben darum
allzuviel von Menschenverachtung.


94.

Reife des Mannes: das heisst den Ernst wiedergefunden haben, den man
als Kind hatte, beim Spiel.


95.

Sich seiner Unmoralitt schmen: das ist eine Stufe auf der Treppe, an
deren Ende man sich auch seiner Moralitt schmt.


96.

Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von Nausikaa schied, - mehr
segnend als verliebt.


97.

Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines
eignen Ideals.


98.

Wenn man sein Gewissen dressirt, so ksst es uns zugleich, indem es
beisst.


99.

Der Enttuschte spricht. - "Ich horchte auf Widerhall, und ich hrte
nur Lob -"


100.

Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfltiger als wir sind: wir
ruhen uns so von unsern Mitmenschen aus.


101.
Heute mchte sich ein Erkennender leicht als Thierwerdung Gottes
fhlen.


102.

Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Liebenden ber das geliebte
Wesen ernchtern. "Wie? es ist bescheiden genug, sogar dich zu lieben?
Oder dumm genug? Oder - oder -"


103.

Die Gefahr im Glcke. - "Nun gereicht mir Alles zum Besten, nunmehr
liebe ich jedes Schicksal: - wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?"


104.

Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht ihrer Menschenliebe
hindert die Christen von heute, uns - zu verbrennen.


105.

Dem freien Geiste, dem "Frommen der Erkenntniss" - geht die pia fraus
noch mehr wider den Geschmack (wider seine "Frmmigkeit") als die
impia fraus. Daher sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum
Typus "freier Geist" gehrt, - als seine Unfreiheit.


106.

Vermge der Musik geniessen sich die Leidenschaften selbst.


107.

Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr auch fr den besten
Gegengrund zu schliessen: Zeichen des starken Charakters. Also ein
gelegentlicher Wille zur Dummheit.


108.

Es giebt gar keine moralischen Phnomene, sondern nur eine moralische
Ausdeutung von Phnomenen.....


109.

Der Verbrecher ist hufig genug seiner That nicht gewachsen: er
verkleinert und verleumdet sie.


110.

Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Artisten genug, um das
schne Schreckliche der That zu Gunsten ihres Thters zu wenden.


111.

Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu verletzen, wenn eben
unser Stolz verletzt wurde.


112.

Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben vorherbestimmt fhlt, dem
sind alle Glubigen zu lrmend und zudringlich: er erwehrt sich ihrer.


113.

"Du willst ihn fr dich einnehmen? So stelle dich vor ihm verlegen -"


114.

Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechtsliebe, und die
Scham in dieser Erwartung, verdirbt den Frauen von vornherein alle
Perspektiven.


115.

Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmssig.


116.

Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, wo wir den Muth
gewinnen, unser Bses als unser Bestes umzutaufen.


117.

Der Wille, einen Affekt zu berwinden, ist zuletzt doch nur der Wille
eines anderen oder mehrer anderer Affekte.


118.

Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat sie, dem es noch nicht
in den Sinn gekommen ist, auch er knne einmal bewundert werden.


119.

Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, dass er uns hindert, uns
zu reinigen, - uns zu "rechtfertigen".


120.

Die Sinnlichkeit bereilt oft das Wachsthum der Liebe, so dass die
Wurzel schwach bleibt und leicht auszureissen ist.


121.

Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er
Schriftsteller werden wollte - und dass er es nicht besser lernte.


122.

Sich ber ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine Hflichkeit des
Herzens - und gerade das Gegenstck einer Eitelkeit des Geistes.


123.

Auch das Concubinat ist corrumpirt worden: - durch die Ehe.


124.

Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, triumphirt nicht ber
den Schmerz, sondern darber, keinen Schmerz zu fhlen, wo er ihn
erwartete. Ein Gleichniss.


125.

Wenn wir ber Jemanden umlernen mssen, so rechnen wir ihm die
Unbequemlichkeit hart an, die er uns damit macht.


126.

Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, sieben grossen
Mnnern zu kommen. - Ja: und um dann um sie herum zu kommen.


127.

Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die Scham. Es ist ihnen
dabei zu Muthe, als ob man damit ihnen unter die Haut, - schlimmer
noch! unter Kleid und Putz gucken wolle.


128.

Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, um so mehr musst
du noch die Sinne zu ihr verfhren.


129.

Der Teufel hat die weitesten Perspektiven fr Gott, deshalb hlt er
sich von ihm so fern: - der Teufel nmlich als der lteste Freund der
Erkenntniss.


130.

Was jemand ist, fngt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent
nachlsst, - wenn er aufhrt, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist
auch ein Putz; ein Putz ist auch ein Versteck.


131.

Die Geschlechter tuschen sich ber einander: das macht, sie ehren
und lieben im Grunde nur sich selbst (oder ihr eigenes ideal, um es
geflliger auszudrcken -). So will der Mann das Weib friedlich, -
aber gerade das Weib ist wesentlich unfriedlich, gleich der Katze, so
gut es sich auch auf den Anschein des Friedens eingebt hat.


132.

Man wird am besten fr seine Tugenden bestraft.


133.

Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden weiss, lebt
leichtsinniger und frecher, als der Mensch ohne Ideal.


134.

Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwrdigkeit, alles gute
Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit.


135.

Der Pharisismus ist nicht eine Entartung am guten Menschen: ein gutes
Stck davon ist vielmehr die Bedingung von allem Gut-sein.


136.

Der Eine sucht einen Geburtshelfer fr seine Gedanken, der Andre
Einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gesprch.


137.

Im Verkehre mit Gelehrten und Knstlern verrechnet man sich leicht in
umgekehrter Richtung: man findet hinter einem merkwrdigen Gelehrten
nicht selten einen mittelmssigen Menschen, und hinter einem
mittelmssigen Knstler sogar oft - einen sehr merkwrdigen Menschen.


138.

Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: wir erfinden und erdichten
erst den Menschen, mit dem wir verkehren - und vergessen es sofort.


139.

In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer, als der Mann.


140.

Rath als Rthsel. - "Soll das Band nicht reissen, - musst du erst
drauf beissen."


141.

Der Unterleib ist der Grund dafr, dass der Mensch sich nicht so
leicht fr einen Gott hlt.


142.

Das zchtigste Wort, das ich gehrt habe: "Dans le vritable amour
c'est l'me, qui enveloppe le corps."


143.

Was wir am besten thun, von dem mchte unsre Eitelkeit, dass es grade
als Das gelte, was uns am schwersten werde. Zum Ursprung mancher
Moral.


144.

Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist gewhnlich Etwas an ihrer
Geschlechtlichkeit nicht in Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt
zu einer gewissen Mnnlichkeit des Geschmacks; der Mann ist nmlich,
mit Verlaub, "das unfruchtbare Thier".


145.

Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man sagen: das Weib htte
nicht das Genie des Putzes, wenn es nicht den Instinkt der zweiten
Rolle htte.


146.

Wer mit Ungeheuern kmpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum
Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der
Abgrund auch in dich hinein.


147.

Aus alten florentinischen Novellen, berdies - aus dem Leben: buona
femmina e mala femmina vuol bastone. Sacchetti Nov. 86.


148.

Den Nchsten zu einer guten Meinung verfhren und hinterdrein an diese
Meinung des Nchsten glubig glauben: wer thut es in diesem Kunststck
den Weibern gleich? -


149.

Was eine Zeit als bse empfindet, ist gewhnlich ein unzeitgemsser
Nachschlag dessen, was ehemals als gut empfunden wurde, - der
Atavismus eines lteren Ideals.


150.

Um den Helden herum wird Alles zur Tragdie, um den Halbgott herum
Alles zum Satyrspiel; und um Gott herum wird Alles - wie? vielleicht
zur "Welt"? -


151.

Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch eure Erlaubniss dazu
haben, - wie? meine Freunde?


152.

"Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer das Paradies": so reden
die ltesten und die jngsten Schlangen.


153.

Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Bse.


154.

Der Einwand, der Seitensprung, das frhliche Misstrauen, die Spottlust
sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehrt in die
Pathologie.


155.

Der Sinn fr das Tragische nimmt mit der Sinnlichkeit ab und zu.


156.

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, - aber bei Gruppen,
Parteien, Vlkern, Zeiten die Regel.


157.

Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: mit ihm
kommt man gut ber manche bse Nacht hinweg.


158.

Unserm strksten Triebe, dem Tyrannen in uns, unterwirft sich nicht
nur unsre Vernunft, sondern auch unser Gewissen.


159.

Man muss vergelten, Gutes und Schlimmes: aber warum gerade an der
Person, die uns Gutes oder Schlimmes that?


160.

Man liebt seine Erkenntniss nicht genug mehr, sobald man sie
mittheilt.


161.

Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: sie beuten sie aus.


162.

"Unser Nchster ist nicht unser Nachbar, sondern dessen Nachbar" - so
denkt jedes Volk.


163.

Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigenschaften eines
Liebenden an's Licht, - sein Seltenes, Ausnahmsweises: insofern
tuscht sie leicht ber Das, was Regel an ihm ist.


164.

Jesus sagte zu seinen Juden: "das Gesetz war fr Knechte, - liebt
Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohn! Was geht uns Shne Gottes die
Moral an!" -


165.

Angesichts jeder Partei. - Ein Hirt hat immer auch noch einen
Leithammel nthig, - oder er muss selbst gelegentlich Hammel sein.


166.

Man lgt wohl mit dem Munde; aber mit dem Maule, das man dabei macht,
sagt man doch noch die Wahrheit.


167.

Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache der Scham - und etwas
Kostbares.


168.

Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: - er starb zwar nicht
daran, aber entartete, zum Laster.


169.

Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen.


170.

Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit, als im Tadel.


171.

Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkenntniss beinahe zum Lachen,
wie zarte Hnde an einem Cyklopen.


172.

Man umarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Beliebigen (weil man
nicht Alle umarmen kann): aber gerade Das darf man dem Beliebigen
nicht verrathen.....


173.

Man hasst nicht, so lange man noch gering schtzt, sondern erst, wenn
man gleich oder hher schtzt.


174.

Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein Fuhrwerk
eurer Neigungen, - auch ihr findet eigentlich den Lrm seiner Rder
unausstehlich?


175.

Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Begehrte.


176.

Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den Geschmack, wenn sie
wider unsre Eitelkeit geht.


177.

Ober Das, was "Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht noch Niemand
wahrhaftig genug.


178.

Klugen Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: welche Einbusse an
Menschenrechten!


179.

Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schopfe, sehr gleichgltig
dagegen, dass wir uns inzwischen "gebessert" haben.


180.

Es giebt eine Unschuld in der Lge, welche das Zeichen des guten
Glaubens an eine Sache ist.


181.

Es ist unmenschlich, da zu segnen, wo Einem geflucht wird.


182.

Die Vertraulichkeit des berlegenen erbittert, weil sie nicht
zurckgegeben werden darf. -


183.

"Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir nicht mehr glaube,
hat mich erschttert." -


184.

Es giebt einen bermuth der Gte, welcher sich wie Bosheit ausnimmt.


185.

"Er missfllt mir." - Warum? - "Ich bin ihm nicht gewachsen." - Hat je
ein Mensch so geantwortet?




Fnftes Hauptstck:

Zur Naturgeschichte der Moral.

186.

Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa ebenso fein, spt,
vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu gehrige "Wissenschaft
der Moral" noch jung, anfngerhaft, plump und grobfingrig ist: - ein
anziehender Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten
selbst sichtbar und leibhaft wird. Schon das Wort "Wissenschaft der
Moral" ist in Hinsicht auf Das, was damit bezeichnet wird, viel
zu hochmthig und wider den guten Geschmack: welcher immer ein
Vorgeschmack fr die bescheideneren Worte zu sein pflegt. Man sollte,
in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange hinaus noch noth
thut, was vorlufig allein Recht hat: nmlich Sammlung des Materials,
begriffliche Fassung und Zusammenordnung eines ungeheuren Reichs
zarter Werthgefhle und Werthunterschiede, welche leben, wachsen,
zeugen und zu Grunde gehn, - und, vielleicht, Versuche, die
wiederkehrenden und hufigeren Gestaltungen dieser lebenden
Krystallisation anschaulich zu machen, - als Vorbereitung zu einer
Typenlehre der Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden.
Die Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen Ernste, der
lachen macht, von sich etwas sehr viel Hheres, Anspruchsvolleres,
Feierlicheres, sobald sie sich mit der Moral als Wissenschaft
befassten: sie wollten die Begrndung der Moral, - und jeder Philosoph
hat bisher geglaubt, die Moral begrndet zu haben; die Moral selbst
aber galt als "gegeben". Wie ferne lag ihrem plumpen Stolze jene
unscheinbar dnkende und in Staub und Moder belassene Aufgabe einer
Beschreibung, obwohl fr sie kaum die feinsten Hnde und Sinne fein
genug sein knnten! Gerade dadurch, dass die Moral-Philosophen die
moralischen facta nur grblich, in einem willkrlichen Auszuge oder
als zufllige Abkrzung kannten, etwa als Moralitt ihrer Umgebung,
ihres Standes, ihrer Kirche, ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und
Erdstriches, - gerade dadurch, dass sie in Hinsicht auf Vlker,
Zeiten, Vergangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig
wissbegierig waren, bekamen sie die eigentlichen Probleme der Moral
gar nicht zu Gesichte: - als welche alle erst bei einer Vergleichung
vieler Moralen auftauchen. In aller bisherigen "Wissenschaft der
Moral" fehlte, so wunderlich es klingen mag, noch das Problem der
Moral selbst: es fehlte der Argwohn dafr, dass es hier etwas
Problematisches gebe. Was die Philosophen "Begrndung der Moral"
nannten und von sich forderten, war, im rechten Lichte gesehn, nur
eine gelehrte Form des guten Glaubens an die herrschende Moral, ein
neues Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst innerhalb
einer bestimmten Moralitt, ja sogar, im letzten Grunde, eine Art
Leugnung, dass diese Moral als Problem gefasst werden drfe: - und
jedenfalls das Gegenstck einer Prfung, Zerlegung, Anzweiflung,
Vivisektion eben dieses Glaubens. Man hre zum Beispiel, mit
welcher beinahe verehrenswrdigen Unschuld noch Schopenhauer seine
eigene Aufgabe hinstellt, und man mache seine Schlsse ber die
Wissenschaftlichkeit einer "Wissenschaft", deren letzte Meister noch
wie die Kinder und die alten Weibchen reden: - "das Princip, sagt
er (p. 136 der Grundprobleme der Moral), der Grundsatz, ber dessen
Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind; neminem laede, immo
omnes, quantum potes, juva - das ist eigentlich der Satz, welchen zu
begrnden alle Sittenlehrer sich abmhen.... das eigentliche Fundament
der Ethik, welches man wie den Stein der Weisen seit Jahrtausenden
sucht." - Die Schwierigkeit, den angefhrten Satz zu begrnden, mag
freilich gross sein - bekanntlich ist es auch Schopenhauern damit
nicht geglckt -; und wer einmal grndlich nachgefhlt hat, wie
abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz ist, in einer Welt,
deren Essenz Wille zur Macht ist -, der mag sich daran erinnern
lassen, dass Schopenhauer, obschon Pessimist, eigentlich - die Flte
blies.... Tglich, nach Tisch: man lese hierber seinen Biographen.
Und beilufig gefragt: ein Pessimist, ein Gott- und Welt-Verneiner,
der vor der Moral Haltmacht, - der zur Moral Ja sagt und Flte blst,
zur laede-neminem-Moral: wie? ist das eigentlich - ein Pessimist?


187.

Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen wie "es giebt in uns
einen kategorischen Imperativ", kann man immer noch fragen: was sagt
eine solche Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt Moralen,
welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen sollen; andre Moralen
sollen ihn beruhigen und mit sich zufrieden stimmen; mit anderen will
er sich selbst an's Kreuz schlagen und demthigen; mit andern will
er Rache ben, mit andern sich verstecken, mit andern sich verklren
und hinaus, in die Hhe und Ferne setzen; diese Moral dient ihrem
Urheber, um zu vergessen, jene, um sich oder Etwas von sich vergessen
zu machen; mancher Moralist mchte an der Menschheit Macht und
schpferische Laune ausben; manch Anderer, vielleicht gerade auch
Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehn: "was an mir achtbar ist,
das ist, dass ich gehorchen kann, - und bei euch soll es nicht
anders stehn, als bei mir!" - kurz, die Moralen sind auch nur eine
Zeichensprache der Affekte.


188.

Jede Moral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein Stck Tyrannei
gegen die "Natur", auch gegen die "Vernunft": das ist aber noch kein
Einwand gegen sie, man msste denn selbst schon wieder von irgend
einer Moral aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft
unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschtzbare an jeder Moral ist,
dass sie ein langer Zwang ist: um den Stoicismus oder Port-Royal oder
das Puritanerthum zu verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern,
unter dem bisher jede Sprache es zur Strke und Freiheit gebracht, -
des metrischen Zwangs, der Tyrannei von Reim und Rhythmus. Wie viel
Noth haben sich in jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! -
einige Prosaschreiber von heute nicht ausgenommen, in deren Ohr ein
unerbittliches Gewissen wohnt - "um einer Thorheit willen", wie
utilitarische Tlpel sagen, welche sich damit klug dnken, - "aus
Unterwrfigkeit gegen Willkr-Gesetze", wie die Anarchisten sagen,
die sich damit "frei", selbst freigeistisch whnen. Der wunderliche
Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Freiheit, Feinheit,
Khnheit, Tanz und meisterlicher Sicherheit auf Erden giebt oder
gegeben hat, sei es nun in dem Denken selbst, oder im Regieren,
oder im Reden und berreden, in den Knsten ebenso wie in
den Sittlichkeiten, sich erst vermge der "Tyrannei solcher
Willkr-Gesetze" entwickelt hat; und allen Ernstes, die
Wahrscheinlichkeit dafr ist nicht gering, dass gerade dies "Natur"
und "natrlich" sei - und nicht jenes laisser aller! jeder Knstler
weiss, wie fern vom Gefhl des Sichgehen-lassens sein "natrlichster"
Zustand ist, das freie Ordnen, Setzen, Verfgen, Gestalten in den
Augenblicken der "Inspiration", - und wie streng und fein er gerade
da tausendfltigen Gesetzen gehorcht, die aller Formulirung durch
Begriffe gerade auf Grund ihrer Hrte und Bestimmtheit spotten (auch
der festeste Begriff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes,
Vielfaches, Vieldeutiges -). Das Wesentliche, "im Himmel und auf
Erden", wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in Einer
Richtung gehorcht werde: dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas
heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum Beispiel
Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, - irgend etwas
Verklrendes, Raffinirtes, Tolles und Gttliches. Die lange Unfreiheit
des Geistes, der misstrauische Zwang in der Mittheilbarkeit der
Gedanken, die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb
einer kirchlichen und hfischen Richtschnur oder unter aristotelischen
Voraussetzungen zu denken, der lange geistige Wille, Alles, was
geschieht, nach einem christlichen Schema auszulegen und den
christlichen Gott noch in jedem Zufalle wieder zu entdecken und
zu rechtfertigen, - all dies Gewaltsame, Willkrliche, Harte,
Schauerliche, Widervernnftige hat sich als das Mittel herausgestellt,
durch welches dem europischen Geiste seine Strke, seine
rcksichtslose Neugierde und feine Beweglichkeit angezchtet wurde:
zugegeben, dass dabei ebenfalls unersetzbar viel an Kraft und Geist
erdrckt, erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie
berall zeigt sich "die Natur", wie sie ist, in ihrer ganzen
verschwenderischen und gleichgltigen Grossartigkeit, welche emprt,
aber vornehm ist). Dass Jahrtausende lang die europischen Denker nur
dachten, um Etwas zu beweisen -heute ist uns umgekehrt jeder Denker
verdchtig, der "Etwas beweisen will" -, dass ihnen bereits immer
feststand, was als Resultat ihres strengsten Nachdenkens herauskommen
sollte, etwa wie ehemals bei der asiatischen Astrologie oder wie heute
noch bei der harmlosen christlich-moralischen Auslegung der nchsten
persnlichen Ereignisse "zu Ehren Gottes" und "zum Heil der Seele": -
diese Tyrannei, diese Willkr, diese strenge und grandiose Dummheit
hat den Geist erzogen; die Sklaverei ist, wie es scheint, im grberen
und feineren Verstande das unentbehrliche Mittel auch der geistigen
Zucht und Zchtung. Man mag jede Moral darauf hin ansehn: die "Natur"
in ihr ist es, welche das laisser aller, die allzugrosse Freiheit
hassen lehrt und das Bedrfniss nach beschrnkten Horizonten, nach
nchsten Aufgaben pflanzt, - welche die Verengerung der Perspektive,
und also in gewissem Sinne die Dummheit, als eine Lebens- und
Wachsthums-Bedingung lehrt. "Du sollst gehorchen, irgend wem, und auf
lange: sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte Achtung vor
dir selbst" - dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu
sein, welcher freilich weder "kategorisch" ist, wie es der alte Kant
von ihm verlangte (daher das "sonst" -), noch an den Einzelnen sich
wendet (was liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Vlker, Rassen,
Zeitalter, Stnde, vor Allem aber an das ganze Thier "Mensch", an den
Menschen.


189.

Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Beschwerde darin, den
Mssiggang zu ertragen: es war ein Meisterstck des englischen
Instinktes, den Sonntag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen,
dass der Englnder dabei wieder unvermerkt nach seinem Wochen-
und Werktage lstern wird: - als eine Art klug erfundenen, klug
eingeschalteten Fastens, wie dergleichen auch in der antiken Welt
reichlich wahrzunehmen ist (wenn auch, wie billig bei sdlndischen
Vlkern, nicht gerade in Hinsicht auf Arbeit -). Es muss Fasten von
vielerlei Art geben; und berall, wo mchtige Triebe und Gewohnheiten
herrschen, haben die Gesetzgeber dafr zu sorgen, Schalttage
einzuschieben, an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt wird und
wieder einmal hungern lernt. Von einem hheren Orte aus gesehn,
erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, wenn sie mit irgend einem
moralischen Fanatismus behaftet auftreten, als solche eingelegte
Zwangs- und Fastenzeiten, whrend welchen ein Trieb sich ducken
und niederwerfen, aber auch sich reinigen und schrfen lernt; auch
einzelne philosophische Sekten (zum Beispiel die Stoa inmitten der
hellenistischen Cultur und ihrer mit aphrodisischen Dften berladenen
und geil gewordenen Luft) erlauben eine derartige Auslegung. - Hiermit
ist auch ein Wink zur Erklrung jenes Paradoxons gegeben, warum gerade
in der christlichsten Periode Europa's und berhaupt erst unter dem
Druck christlicher Werthurtheile der Geschlechtstrieb sich bis zur
Liebe (amour-passion) sublimirt hat.


190.

Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht eigentlich zu Plato
gehrt, sondern sich nur an seiner Philosophie vorfindet, man knnte
sagen, trotz Plato: nmlich der Sokratismus, fr den er eigentlich zu
vornehm war. "Keiner will sich selbst Schaden thun, daher geschieht
alles Schlechte unfreiwillig. Denn der Schlechte fgt sich selbst
Schaden zu: das wrde er nicht thun, falls er wsste, dass das
Schlechte schlecht ist. Demgemss ist der Schlechte nur aus einem
Irrthum schlecht; nimmt man ihm seinen Irrthum, so macht man ihn
notwendig - gut." - Diese Art zu schliessen riecht nach dem Pbel,
der am Schlechthandeln nur die leidigen Folgen in's Auge fasst und
eigentlich urtheilt "es ist dumm, schlecht zu handeln"; whrend er
"gut" mit "ntzlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch nimmt.
Man darf bei jedem Utilitarismus der Moral von vornherein auf diesen
gleichen Ursprung rathen und seiner Nase folgen: man wird selten irre
gehn. - Plato hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in den
Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem sich selbst -,
er, der verwegenste aller Interpreten, der den ganzen Sokrates nur
wie ein populres Thema und Volkslied von der Gasse nahm, um es in's
Unendliche und Unmgliche zu variiren: nmlich in alle seine eignen
Masken und Vielfltigkeiten. Im Scherz gesprochen, und noch dazu
homerisch: was ist denn der platonische Sokrates, wenn nicht prsthe
Plton opithn te Plton msse te Chmaira.


191.

Das alte theologische Problem von "Glauben" und "Wissen" - oder,
deutlicher, von Instinkt und Vernunft - also die Frage, ob in Hinsicht
auf Werthschtzung der Dinge der Instinkt mehr Autoritt verdiene, als
die Vernnftigkeit, welche nach Grnden, nach einem "Warum?", als nach
Zweckmssigkeit und Ntzlichkeit geschtzt und gehandelt wissen will,
- es ist immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst in
der Person des Sokrates auftrat und lange vor dem Christenthum schon
die Geister gespaltet hat. Sokrates selbst hatte sich zwar mit dem
Geschmack seines Talentes - dem eines berlegenen Dialektikers -
zunchst auf Seiten der Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat
er sein Leben lang gethan, als ber die linkische Unfhigkeit seiner
vornehmen Athener zu lachen, welche Menschen des Instinktes waren
gleich allen vornehmen Menschen und niemals gengend ber die Grnde
ihres Handelns Auskunft geben konnten? Zuletzt aber, im Stillen und
Geheimen, lachte er auch ber sich selbst: er fand bei sich, vor
seinem feineren Gewissen und Selbstverhr, die gleiche Schwierigkeit
und Unfhigkeit. Wozu aber, redete er sich zu, sich deshalb von den
Instinkten lsen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum Recht
verhelfen, - man muss den Instinkten folgen, aber die Vernunft
berreden, ihnen dabei mit guten Grnden nachzuhelfen. Dies war die
eigentliche Falschheit jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er
brachte sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstberlistung
zufrieden zu geben: im Grunde hatte er das Irrationale im moralischen
Urtheile durchschaut. - Plato, in solchen Dingen unschuldiger und ohne
die Verschmitztheit des Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft -
der grssten Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! - sich
beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf Ein Ziel zugehen,
auf das Gute, auf "Gott"; und seit Plato sind alle Theologen und
Philosophen auf der gleichen Bahn, - das heisst, in Dingen der Moral
hat bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen, "der
Glaube", oder wie ich es nenne, "die Heerde" gesiegt. Man msse
denn Descartes ausnehmen, den Vater des Rationalismus (und folglich
Grossvater der Revolution), welcher der Vernunft allein Autoritt
zuerkannte: aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes war
oberflchlich.


192.

Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft nachgegangen ist,
der findet in ihrer Entwicklung einen Leitfaden zum Verstndniss der
ltesten und gemeinsten Vorgnge alles "Wissens und Erkennens": dort
wie hier sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der gute
dumme Wille zum "Glauben", der Mangel an Misstrauen und Geduld zuerst
entwickelt, - unsre Sinne lernen es spt, und lernen es nie ganz,
feine treue vorsichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge
fllt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein schon fter
erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das Abweichende und Neue eines
Eindrucks bei sich festzuhalten: letzteres braucht mehr Kraft, mehr
"Moralitt". Etwas Neues hren ist dem Ohre peinlich und schwierig;
fremde Musik hren wir schlecht. Unwillkrlich versuchen wir, beim
Hren einer andren Sprache, die gehrten Laute in Worte einzuformen,
welche uns vertrauter und heimischer klingen: so machte sich zum
Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehrten arcubalista das Wort
Armbrust zurecht. Das Neue findet auch unsre Sinne feindlich und
widerwillig; und berhaupt herrschen schon bei den "einfachsten"
Vorgngen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, Hass,
eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. - So wenig ein Leser
heute die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite smmtlich
abliest - er nimmt vielmehr aus zwanzig Worten ungefhr fnf nach
Zufall heraus und "errth" den zu diesen fnf Worten muthmaasslich
zugehrigen Sinn -, eben so wenig sehen wir einen Baum genau und
vollstndig, in Hinsicht auf Bltter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fllt
uns so sehr viel leichter, ein Ungefhr von Baum hin zu phantasiren.
Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es noch ebenso:
wir erdichten uns den grssten Theil des Erlebnisses und sind
kaum dazu zu zwingen, nicht als "Erfinder" irgend einem Vorgange
zuzuschauen. Dies Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters
her - an's Lgen gewhnt. Oder, um es tugendhafter und heuchlerischer,
kurz angenehmer auszudrcken: man ist viel mehr Knstler als man
weiss. - In einem lebhaften Gesprch sehe ich oftmals das Gesicht der
Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den sie ussert, oder
den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so deutlich und feinbestimmt
vor mir, dass dieser Grad von Deutlichkeit weit ber die Kraft meines
Sehvermgens hinausgeht: - die Feinheit des Muskelspiels und des
Augen-Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet sein. Wahrscheinlich
machte die Person ein ganz anderes Gesicht oder gar keins.


193.

Quidquid luce fuit, tenebris agit: aber auch umgekehrt. Was wir im
Traume erleben, vorausgesetzt, dass wir es oftmals erleben, gehrt
zuletzt so gut zum Gesammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas
"wirklich" Erlebtes: wir sind vermge desselben reicher oder rmer,
haben ein Bedrfniss mehr oder weniger und werden schliesslich am
hellen lichten Tage, und selbst in den heitersten Augenblicken unsres
wachen Geistes, ein Wenig von den Gewhnungen unsrer Trume gegngelt.
Gesetzt, dass Einer in seinen Trumen oftmals geflogen ist und
endlich, sobald er trumt, sich einer Kraft und Kunst des Fliegens
wie seines Vorrechtes bewusst wird, auch wie seines eigensten
beneidenswerthen Glcks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und
Winkeln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu knnen glaubt,
der das Gefhl einer gewissen gttlichen Leichtfertigkeit kennt,
ein "nach, Oben" ohne Spannung und Zwang, ein "nach Unten" ohne
Herablassung und Erniedrigung - ohne Schwere! - wie sollte der Mensch
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht endlich auch
fr seinen wachen Tag das Wort "Glck" anders gefrbt und bestimmt
finden! wie sollte er nicht anders nach Glck - verlangen
"Aufschwung", so wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm,
gegen jenes "Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft,
gewaltsam, schon zu "schwer" sein.


194.

Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht nur in der
Verschiedenheit ihrer Gtertafeln, also darin, dass sie verschiedene
Gter fr erstrebenswerth halten und auch ber das Mehr und Weniger
des Werthes, ber die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Gter mit
einander uneins sind: - sie zeigt sich noch mehr in dem, was ihnen
als wirkliches Haben und Besitzen eines Gutes gilt. In Betreff eines
Weibes zum Beispiel gilt dem Bescheideneren schon die Verfgung ber
den Leib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und genugthuendes
Anzeichen des Habens, des Besitzens; ein Anderer, mit seinem
argwhnischeren und anspruchsvolleren Durste nach Besitz, sieht das
"Fragezeichen", das nur Scheinbare eines solchen Habens, und will
feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib nicht nur ihm
sich giebt, sondern auch fr ihn lsst, was sie hat oder gerne htte
-: so erst gilt es ihm als "besessen". Ein Dritter aber ist auch hier
noch nicht am Ende seines Misstrauens und Habenwollens, er fragt sich,
ob das Weib, wenn es Alles fr ihn lsst, dies nicht etwa fr ein
Phantom von ihm thut: er will erst grndlich, ja abgrndlich gut
gekannt sein, um berhaupt geliebt werden zu knnen, er wagt es, sich
errathen zu lassen -. Erst dann fhlt er die Geliebte vllig in seinem
Besitze, wenn sie sich nicht mehr ber ihn betrgt, wenn sie ihn um
seiner Teufelei und versteckten Unersttlichkeit willen eben so sehr
liebt, als um seiner Gte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener mchte
ein Volk besitzen: und alle hheren Cagliostro- und Catilina-Knste
sind ihm zu diesem Zwecke recht. Ein Anderer, mit einem feineren
Besitzdurste, sagt sich "man darf nicht betrgen, wo man besitzen
will" -, er ist gereizt und ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine
Maske von ihm ber das Herz des Volks gebietet: "also muss ich mich
kennen lassen und, vorerst, mich selbst kennen!" Unter hlfreichen und
wohlthtigen Menschen findet man jene plumpe Arglist fast regelmssig
vor, welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht macht:
als ob er zum Beispiel Hlfe "verdiene", gerade nach ihrer Hlfe
verlange, und fr alle Hlfe sich ihnen tief dankbar, anhnglich,
unterwrfig beweisen werde, - mit diesen Einbildungen verfgen sie
ber den Bedrftigen wie ber ein Eigenthum, wie sie aus einem
Verlangen nach Eigenthum berhaupt wohlthtige und hlfreiche Menschen
sind. Man findet sie eiferschtig, wenn man sie beim Helfen kreuzt
oder ihnen zuvorkommt. Die Eltern machen unwillkrlich aus dem Kinde
etwas ihnen hnliches - sie nennen das "Erziehung" -, keine Mutter
zweifelt im Grunde ihres Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum
geboren zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es seinen
Begriffen und Werthschtzungen unterwerfen zu drfen. Ja, ehemals
schien es den Vtern billig, ber Leben und Tod des Neugebornen (wie
unter den alten Deutschen) nach Gutdnken zu verfgen. Und wie der
Vater, so sehen auch jetzt noch der Lehrer, der Stand, der Priester,
der Frst in jedem neuen Menschen eine unbedenkliche Gelegenheit zu
neuem Besitze. Woraus folgt.....


195.

Die Juden - ein Volk "geboren zur Sklaverei", wie Tacitus und die
ganze antike Welt sagt, "das auserwhlte Volk unter den Vlkern", wie
sie selbst sagen und glauben - die Juden haben jenes Wunderstck von
Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank welchem das Leben auf
der Erde fr ein Paar Jahrtausende einen neuen und gefhrlichen
Reiz erhalten hat: - ihre Propheten haben "reich" "gottlos" "bse"
"gewaltthtig" "sinnlich" in Eins geschmolzen und zum ersten Male das
Wort "Welt", zum Schandwort gemnzt. In dieser Umkehrung der Werthe
(zu der es gehrt, das Wort fr "Arm" als synonym mit "Heilig" und
"Freund" zu brauchen) liegt die Bedeutung des jdischen Volks: mit ihm
beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral.


196.

Es giebt unzhlige dunkle Krper neben der Sonne zu erschliessen,
- solche die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein
Gleichniss; und ein Moral-Psycholog liest die gesammte Sternenschrift
nur als eine Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles
verschweigen lsst.


197.

Man missversteht das Raubthier und den Raubmenschen (zum Beispiele
Cesare Borgia) grndlich, man missversteht die "Natur", so lange man
noch nach einer "Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesndesten aller
tropischen Unthiere und Gewchse sucht, oder gar nach einer ihnen
eingeborenen "Hlle" -: wie es bisher fast alle Moralisten gethan
haben. Es scheint, dass es bei den Moralisten einen Hass gegen den
Urwald und gegen die Tropen giebt? Und dass der "tropische Mensch"
um jeden Preis diskreditirt werden muss, sei es als Krankheit und
Entartung des Menschen, sei es als eigne Hlle und Selbst-Marterung?
Warum doch? Zu Gunsten der "gemssigten Zonen"? Zu Gunsten der
gemssigten Menschen? Der "Moralischen"? Der Mittelmssigen? - Dies
zum Kapitel "Moral als Furchtsamkeit". -


198.

Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person wenden, zum
Zwecke ihres "Glckes", wie es heisst, - was sind sie Anderes, als
Verhaltungs-Vorschlge im Verhltniss zum Grade der Gefhrlichkeit, in
welcher die einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen ihre
Leidenschaften, ihre guten und schlimmen Hnge, so fern sie den Willen
zur Macht haben und den Herrn spielen mchten; kleine und grosse
Klugheiten und Knsteleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter
Hausmittel und Altweiber-Weisheit; allesammt in der Form barock und
unvernnftig - weil sie sich an "Alle" wenden, weil sie generalisiren,
wo nicht generalisirt werden darf -, allesammt unbedingt redend, sich
unbedingt nehmend, allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewrzt,
vielmehr erst ertrglich, und bisweilen sogar verfhrerisch, wenn
sie berwrzt und gefhrlich zu riechen lernen, vor Allem "nach der
anderen Welt": Das ist Alles, intellektuell gemessen, wenig werth und
noch lange nicht "Wissenschaft", geschweige denn "Weisheit", sondern,
nochmals gesagt und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit,
gemischt mit Dummheit, Dummheit, Dummheit, - sei es nun jene
Gleichgltigkeit und Bildsulenklte gegen die hitzige Narrheit der
Affekte, welche die Stoiker anriethen und ankurirten; oder auch jenes
Nicht-mehr-Lachen und Nicht-mehr-Weinen des Spinoza, seine so naiv
befrwortete Zerstrung der Affekte durch Analysis und Vivisektion
derselben; oder jene Herabstimmung der Affekte auf ein unschdliches
Mittelmaass, bei welchem sie befriedigt werden drfen, der
Aristotelismus der Moral; selbst Moral als Genuss der Affekte in einer
absichtlichen Verdnnung und Vergeistigung durch die Symbolik der
Kunst, etwa als Musik, oder als Liebe zu Gott und zum Menschen um
Gotteswillen - denn in der Religion haben die Leidenschaften wieder
Brgerrecht, vorausgesetzt dass; zuletzt selbst jene entgegenkommende
und muthwillige Hingebung an die Affekte, wie sie Hafis und Goethe
gelehrt haben, jenes khne Fallen-lassen der Zgel, jene geistig-
leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle alter weiser Kuze und
Trunkenbolde, bei denen es "wenig Gefahr mehr hat". Auch Dies zum
Kapitel "Moral als Furchtsamkeit".


199.

Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen giebt, auch
Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts-Verbnde, Gemeinden,
Stmme, Vlker, Staaten, Kirchen) und immer sehr viel Gehorchende im
Verhltniss zu der kleinen Zahl Befehlender, - in Anbetracht also,
dass Gehorsam bisher am besten und lngsten unter Menschen gebt
und gezchtet worden ist, darf man billig voraussetzen, dass
durchschnittlich jetzt einem jeden das Bedrfniss darnach angeboren
ist, als eine Art formalen Gewissens, welches gebietet: "du sollst
irgend Etwas unbedingt thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz "du
sollst". Dies Bedrfniss sucht sich zu sttigen und seine Form mit
einem Inhalte zu fllen; es greift dabei, gemss seiner Strke,
Ungeduld und Spannung, wenig whlerisch, als ein grober Appetit, zu
und nimmt an, was ihm nur von irgend welchen Befehlenden - Eltern,
Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheilen, ffentlichen Meinungen -
in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Beschrnktheit der menschlichen
Entwicklung, das Zgernde, Langwierige, oft Zurcklaufende und
Sich-Drehende derselben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des
Gehorsams am besten und auf Kosten der Kunst des Befehlens vererbt
wird. Denkt man sich diesen Instinkt einmal bis zu seinen letzten
Ausschweifungen schreitend, so fehlen endlich geradezu die
Befehlshaber und Unabhngigen; oder sie leiden innerlich am
schlechten Gewissen und haben nthig, sich selbst erst eine Tuschung
vorzumachen, um befehlen zu knnen: nmlich als ob auch sie nur
gehorchten. Dieser Zustand besteht heute thatschlich in Europa: ich
nenne ihn die moralische Heuchelei der Befehlenden. Sie wissen sich
nicht anders vor ihrem schlechten Gewissen zu schtzen als dadurch,
dass sie sich als Ausfhrer lterer oder hherer Befehle gebrden (der
Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, der Gesetze oder gar Gottes)
oder selbst von der Heerden-Denkweise her sich Heerden-Maximen borgen,
zum Beispiel als "erste Diener ihres Volks" oder als "Werkzeuge
des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich heute der
Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als sei er die einzig erlaubte
Art Mensch, und verherrlicht seine Eigenschaften, vermge deren er
zahm, vertrglich und der Heerde ntzlich ist, als die eigentlich
menschlichen Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rcksicht, Fleiss,
Mssigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht, Mitleiden. Fr die Flle aber,
wo man der Fhrer und Leithammel nicht entrathen zu knnen glaubt,
macht man heute Versuche ber Versuche, durch Zusammen-Addiren kluger
Heerdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen: dieses Ursprungs sind
zum Beispiel alle reprsentativen Verfassungen. Welche Wohlthat,
welche Erlsung von einem unertrglich werdenden Druck trotz
Alledem das Erscheinen eines unbedingt Befehlenden fr diese
Heerdenthier-Europer ist, dafr gab die Wirkung, welche das
Erscheinen Napoleon's machte, das letzte grosse Zeugniss: - die
Geschichte der Wirkung Napoleon's ist beinahe die Geschichte des
hheren Glcks, zu dem es dieses ganze Jahrhundert in seinen
werthvollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat.


200.

Der Mensch aus einem Auflsungs-Zeitalter, welches die Rassen durch
einander wirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfltigen
Herkunft im Leibe hat, das heisst gegenstzliche und oft nicht einmal
nur gegenstzliche Triebe und Werthmaasse, welche mit einander kmpfen
und sich selten Ruhe geben, - ein solcher Mensch der spten Culturen
und der gebrochenen Lichter wird durchschnittlich ein schwcherer
Mensch sein: sein grndlichstes Verlangen geht darnach, dass der
Krieg, der er ist, einmal ein Ende habe; das Glck erscheint ihm, in
bereinstimmung mit einer beruhigenden (zum Beispiel epikurischen oder
christlichen) Medizin und Denkweise, vornehmlich als das Glck des
Ausruhens, der Ungestrtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, als
"Sabbat der Sabbate", um mit dem heiligen Rhetor Augustin zu reden,
der selbst ein solcher Mensch war. - Wirkt aber der Gegensatz und
Krieg in einer solchen Natur wie ein Lebensreiz und -Kitzel mehr -,
und ist andererseits zu ihren mchtigen und unvershnlichen Trieben
auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit im Kriegfhren mit
sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst-berlistung hinzuvererbt
und angezchtet: so entstehen jene zauberhaften Unfassbaren und
Unausdenklichen, jene zum Siege und zur Verfhrung vorherbestimmten
Rthselmenschen, deren schnster Ausdruck Alciblades und Caesar (-
denen ich gerne jenen ersten Europer nach meinem Geschmack, den
Hohenstaufen Friedrich den Zweiten zugesellen mchte), unter Knstlern
vielleicht Lionardo da Vinci ist. Sie erscheinen genau in den selben
Zeiten, wo jener schwchere Typus, mit seinem Verlangen nach Ruhe,
in den Vordergrund tritt.- beide Typen gehren zu einander und
entspringen den gleichen Ursachen.


201.

So lange die Ntzlichkeit, die in den moralischen Werthurtheilen
herrscht, allein die Heerden-Ntzlichkeit ist, so lange der
Blick einzig der Erhaltung der Gemeinde zugewendet ist, und das
Unmoralische genau und ausschliesslich in dem gesucht wird, was dem
Gemeinde-Bestand gefhrlich scheint: so lange kann es noch keine
"Moral der Nchstenliebe" geben. Gesetzt, es findet sich auch da
bereits eine bestndige kleine bung von Rcksicht, Mitleiden,
Billigkeit, Milde, Gegenseitigkeit der Hlfeleistung, gesetzt, es
sind auch auf diesem Zustande der Gesellschaft schon alle jene Triebe
thtig, welche spter mit Ehrennamen, als "Tugenden" bezeichnet
werden und schliesslich fast mit dem Begriff "Moralitt" in Eins
zusammenfallen: in jener Zeit gehren sie noch gar nicht in das Reich
der moralischen Werthschtzungen - sie sind noch aussermoralisch. Eine
mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der besten Rmerzeit weder
gut noch bse, weder moralisch noch unmoralisch; und wird sie selbst
gelobt, so vertrgt sich mit diesem Lobe noch auf das Beste eine
Art unwilliger Geringschtzung, sobald sie nmlich mit irgend einer
Handlung zusammengehalten wird, welche der Frderung des Ganzen, der
res publica, dient. Zuletzt ist die "Liebe zum Nchsten" immer etwas
Nebenschliches, zum Theil Conventionelles und Willkrlich-Scheinbares
im Verhltniss zur Furcht vor dem Nchsten. Nachdem das Gefge der
Gesellschaft im Ganzen festgestellt und gegen ussere Gefahren
gesichert erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nchsten, welche
wieder neue Perspektiven der moralischen Werthschtzung schafft.
Gewisse starke und gefhrliche Triebe, wie Unternehmungslust,
Tollkhnheit, Rachsucht, Verschlagenheit, Raubgier, Herrschsucht, die
bisher in einem gemeinntzigen Sinne nicht nur geehrt unter anderen
Namen, wie billig, als den eben gewhlten sondern gross-gezogen und
-gezchtet werden mussten (weil man ihrer in der Gefahr des Ganzen
gegen die Feinde des Ganzen bestndig bedurfte), werden nunmehr
in ihrer Gefhrlichkeit doppelt stark empfunden - jetzt, wo die
Abzugskanle fr sie fehlen - und schrittweise, als unmoralisch,
gebrandmarkt und der Verleumdung preisgegeben. Jetzt kommen die
gegenstzlichen Triebe und Neigungen zu moralischen Ehren; der
Heerden-Instinkt zieht, Schritt fr Schritt, seine Folgerung. Wie viel
oder wie wenig Gemein-Gefhrliches, der Gleichheit Gefhrliches in
einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, in einem Willen, in einer
Begabung liegt, das ist jetzt die moralische Perspektive: die Furcht
ist auch hier wieder die Mutter der Moral. An den hchsten und
strksten Trieben, wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, den
Einzelnen weit ber den Durchschnitt und die Niederung des
Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, geht das Selbstgefhl
der Gemeinde zu Grunde, ihr Glaube an sich, ihr Rckgrat gleichsam,
zerbricht: folglich wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken
und verleumden. Die hohe unabhngige Geistigkeit, der Wille zum
Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden als Gefahr empfunden;
Alles, was den Einzelnen ber die Heerde hinaushebt und dem Nchsten
Furcht macht, heisst von nun an bse; die billige, bescheidene,
sich einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaass der
Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. Endlich, unter sehr
friedfertigen Zustnden, fehlt die Gelegenheit und Nthigung immer
mehr, sein Gefhl zur Strenge und Hrte zu erziehn; und jetzt beginnt
jede Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu stren;
eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst-Verantwortlichkeit
beleidigt beinahe und erweckt Misstrauen, "das Lamm", noch mehr "das
Schlaf" gewinnt an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter
Vermrbung und Verzrtlichung in der Geschichte der Gesellschaft, wo
sie selbst fr ihren Schdiger, den Verbrecher Partei nimmt, und zwar
ernsthaft und ehrlich. Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig,
- gewiss ist, dass die Vorstellung "Strafe" und "Strafen-Sollen"
ihr wehe thut, ihr Furcht macht. "Gengt es nicht, ihn ungefhrlich
machen? Wozu noch strafen? Strafen selbst ist frchterlich!" - mit
dieser Frage zieht die Heerden-Moral, die Moral der Furchtsamkeit ihre
letzte Consequenz. Gesetzt, man knnte berhaupt die Gefahr, den Grund
zum Frchten abschaffen, so htte man diese Moral mit abgeschafft: sie
wre nicht mehr nthig, sie hielte sich selbst nicht mehr fr nthig!
- Wer das Gewissen des heutigen Europers prft, wird aus tausend
moralischen Falten und Verstecken immer den gleichen Imperativ
herauszuziehen haben, den Imperativ der Heerden-Furchtsamkeit: "wir
wollen, dass es irgendwann einmal Nichts mehr zu frchten giebt!"
Irgendwann einmal - der Wille und Weg dorthin heisst heute in Europa
berall der "Fortschritt".


202.

Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hundert Mal gesagt
haben: denn die Ohren sind fr solche Wahrheiten - fr unsere
Wahrheiten - heute nicht gutwillig. Wir wissen es schon genug, wie
beleidigend es klingt, wenn Einer berhaupt den Menschen ungeschminkt
und ohne Gleichniss zu den Thieren rechnet; aber es wird beinahe
als Schuld uns angerechnet werden, dass wir gerade in Bezug auf die
Menschen der "modernen Ideen" bestndig die Ausdrcke "Heerde",
"Heerden-Instinkte" und dergleichen gebrauchen. Was hilft es! Wir
knnen nicht anders: denn gerade hier liegt unsre neue Einsicht. Wir
fanden, dass in allen moralischen Haupturtheilen Europa einmthig
geworden ist, die Lnder noch hinzugerechnet, wo Europa's Einfluss
herrscht: man weiss ersichtlich in Europa, was Sokrates nicht zu
wissen meinte, und was jene alte berhmte Schlange einst zu lehren
verhiess, - man "weiss" heute, was Gut und Bse ist. Nun muss es hart
klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir immer von Neuem darauf
bestehn: was hier zu wissen glaubt, was hier mit seinem Loben und
Tadeln sich selbst verherrlicht, sich selbst gut heisst, ist der
Instinkt des Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum
bergewicht, zur Vorherrschaft ber andere Instinkte gekommen ist und
immer mehr kommt, gemss der wachsenden physiologischen Annherung
und Anhnlichung, deren Symptom er ist. Moral ist heute in Europa
Heerdenthier-Moral: - also nur, wie wir die Dinge verstehn, Eine Art
von menschlicher Moral, neben der, vor der, nach der viele andere, vor
Allem hhere Moralen mglich sind oder sein sollten. Gegen eine solche
"Mglichkeit", gegen ein solches "Sollte" wehrt sich aber diese Moral
mit allen Krften: sie sagt hartnckig und unerbittlich "ich bin die
Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!" - ja mit Hlfe einer
Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-Begierden zu Willen
war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, dass wir selbst in
den politischen und gesellschaftlichen Einrichtungen einen immer
sichtbareren Ausdruck dieser Moral finden: die demokratische Bewegung
macht die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo fr die
Ungeduldigeren, fr die Kranken und Schtigen des genannten Instinktes
noch viel zu langsam und schlfrig ist, dafr spricht das immer
rasender werdende Geheul, das immer unverhlltere Zhnefletschen
der Anarchisten-Hunde, welche jetzt durch die Gassen der
europischen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz zu den
friedlich-arbeitsamen Demokraten und Revolutions-Ideologen, noch mehr
zu den tlpelhaften Philosophastern und Bruderschafts-Schwrmern,
welche sich Socialisten nennen und die "freie Gesellschaft" wollen, in
Wahrheit aber Eins mit ihnen Allen in der grndlichen und instinktiven
Feindseligkeit gegen jede andre Gesellschafts-Form als die der
autonomen Heerde (bis hinaus zur Ablehnung selbst der Begriffe "Herr"
und "Knecht" - ni dieu ni matre heisst eine socialistische Formel
-); Eins im zhen Widerstande gegen jeden Sonder-Anspruch, jedes
Sonder-Recht und Vorrecht (das heisst im letzten Grunde gegen jedes
Recht: denn dann, wenn Alle gleich sind, braucht Niemand mehr "Rechte"
-); Eins im Misstrauen gegen die strafende Gerechtigkeit (wie als
ob sie eine Vergewaltigung am Schwcheren, ein Unrecht an der
nothwendigen Folge aller frheren Gesellschaft wre -); aber ebenso
Eins in der Religion des Mitleidens, im Mitgefhl, soweit nur gefhlt,
gelebt, gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu "Gott":
- die Ausschweifung eines Mitleidens mit "Gott" gehrt in ein
demokratisches Zeitalter -); Eins allesammt im Schrei und der Ungeduld
des Mitleidens, im Todhass gegen das Leiden berhaupt, in der fast
weiblichen Unfhigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu knnen, leiden
lassen zu knnen; Eins in der unfreiwilligen Verdsterung und
Verzrtlichung, unter deren Bann Europa von einem neuen Buddhismus
bedroht scheint; Eins im Glauben an die Moral des gemeinsamen
Mitleidens, wie als ob sie die Moral an sich sei, als die Hhe, die
erreichte Hhe des Menschen, die alleinige Hoffnung der Zukunft, das
Trostmittel der Gegenwrtigen, die grosse Ablsung aller Schuld von
Ehedem: - Eins allesammt im Glauben an die Gemeinschaft als die
Erlserin, an die Heerde also, an sich......


203.

Wir, die wir eines andren Glaubens sind -, wir, denen die
demokratische Bewegung nicht bloss als eine Verfalls-Form
der politischen Organisation, sondern als Verfalls-, nmlich
Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als seine Vermittelmssigung
und Werth-Erniedrigung: wohin mssen wir mit unsren Hoffnungen
greifen? - Nach neuen Philosophen, es bleibt keine Wahl; nach
Geistern, stark und ursprnglich genug, um die Anstsse zu
entgegengesetzten Werthschtzungen zu geben und "ewige Werthe"
umzuwerthen, umzukehren; nach Vorausgesandten, nach Menschen der
Zukunft, welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten anknpfen, der
den Willen von Jahrtausenden auf neue Bahnen zwingt. Dem Menschen
die Zukunft des Menschen als seinen Willen, als abhngig von einem
Menschen-Willen zu lehren und grosse Wagnisse und Gesammt-Versuche
von Zucht und Zchtung vorzubereiten, um damit jener schauerlichen
Herrschaft des Unsinns und Zufalls, die bisher "Geschichte" hiess, ein
Ende zu machen - der Unsinn der "grssten Zahl" ist nur seine letzte
Form -: dazu wird irgendwann einmal eine neue Art von Philosophen und
Befehlshabern nthig sein, an deren Bilde sich Alles, was auf Erden
an verborgenen, furchtbaren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist,
blass und verzwergt ausnehmen mchte. Das Bild solcher Fhrer ist es,
das vor unsern Augen schwebt: - darf ich es laut sagen, ihr freien
Geister? Die Umstnde, welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen,
theils ausntzen msste; die muthmaasslichen Wege und Proben, vermge
deren eine Seele zu einer solchen Hhe und Gewalt aufwchse, um den
Zwang zu diesen Aufgaben zu empfinden; eine Umwerthung der Werthe,
unter deren neuem Druck und Hammer ein Gewissen gesthlt, ein
Herz in Erz verwandelt wrde, dass es das Gewicht einer solchen
Verantwortlichkeit ertrge; andererseits die Nothwendigkeit solcher
Fhrer, die erschreckliche Gefahr, dass sie ausbleiben oder missrathen
und entarten knnten - das sind unsre eigentlichen Sorgen und
Verdsterungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die
schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche ber den Himmel unseres
Lebens hingehn. Es giebt wenig so empfindliche Schmerzen, als einmal
gesehn, errathen, mitgefhlt zu haben, wie ein ausserordentlicher
Mensch aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das seltene
Auge fr die Gesammt-Gefahr hat, dass "der Mensch" selbst entartet,
wer, gleich uns, die ungeheuerliche Zuflligkeit erkannt hat, welche
bisher in Hinsicht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte -
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein "Finger Gottes"
mitspielte! - wer das Verhngniss, errth, das in der bldsinnigen
Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit der "modernen Ideen", noch mehr
in der ganzen christlich-europischen Moral verborgen liegt: der
leidet an einer Bengstigung, mit der sich keine andere vergleichen
lsst, - er fasst es ja mit Einem Blicke, was Alles noch, bei einer
gnstigen Ansammlung und Steigerung von Krften und Aufgaben, aus
dem Menschen zu zchten wre, er weiss es mit allem Wissen seines
Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschpft fr die grssten
Mglichkeiten ist, und wie oft schon der Typus Mensch an
geheimnissvollen Entscheidungen und neuen Wegen gestanden hat: -
er weiss es noch besser, aus seiner schmerzlichsten Erinnerung, an
was fr erbrmlichen Dingen ein Werdendes hchsten Ranges bisher
gewhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbrmlich ward. Die
Gesammt-Entartung des Menschen, hinab bis zu dem, was heute den
socialistischen Tlpeln und Flachkpfen als ihr "Mensch der Zukunft"
erscheint, - als ihr Ideal! - diese Entartung und Verkleinerung des
Menschen zum vollkommenen Heerdenthiere (oder, wie sie sagen, zum
Menschen der "freien Gesellschaft"), diese Verthierung des Menschen
zum Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprche ist mglich, es ist
kein Zweifel! Wer diese Mglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat,
kennt einen Ekel mehr, als die brigen Menschen, - und vielleicht auch
eine neue Aufgabe!....




Sechstes Hauptstck:

Wir Gelehrten.

204.

Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier als Das
herausstellt, was es immer war - nmlich als ein unverzagtes montrer
ses plaies, nach Balzac -, mchte ich wagen, einer ungebhrlichen und
schdlichen Rangverschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz
unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen Wissenschaft
und Philosophie herzustellen droht. Ich meine, man muss von seiner
Erfahrung aus - Erfahrung bedeutet, wie mich dnkt, immer schlimme
Erfahrung? - ein Recht haben, ber eine solche hhere Frage des Rangs
mitzureden: um nicht wie die Blinden von der Farbe oder wie Frauen
und Knstler gegen die Wissenschaft zu reden ("ach, diese schlimme
Wissenschaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt immer
dahinter!" -). Die Unabhngigkeits-Erklrung des wissenschaftlichen
Menschen, seine Emancipation von der Philosophie, ist eine der
feineren Nachwirkungen des demokratischen Wesens und Unwesens: die
Selbstverherrlichung und Selbstberhebung des Gelehrten steht heute
berall in voller Blthe und in ihrem besten Frhlinge, - womit noch
nicht gesagt sein soll, dass in diesem Falle Eigenlob lieblich rche.
"Los von allen Herren!" - so will es auch hier der pbelmnnische
Instinkt; und nachdem sich die Wissenschaft mit glcklichstem Erfolge
der Theologie erwehrt hat, deren "Magd" sie zu lange war, ist sie nun
in vollem bermuthe und Unverstande darauf hin aus, der Philosophie
Gesetze zu machen und ihrerseits einmal den "Herrn" - was sage ich!
den Philosophen zu spielen. Mein Gedchtniss - das Gedchtniss eines
wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! - strotzt von Naivetten des
Hochmuths, die ich seitens junger Naturforscher und alter rzte ber
Philosophie und Philosophen gehrt habe (nicht zu reden von den
gebildetsten und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und
Schulmnnern, welche Beides von Berufs wegen sind -). Bald war es der
Spezialist und Eckensteher, der sich instinktiv berhaupt gegen alle
synthetischen Aufgaben und Fhigkeiten zur Wehre setzte; bald der
fleissige Arbeiter, der einen Geruch von otium und der vornehmen
ppigkeit im Seelen-Haushalte des Philosophen bekommen hatte und
sich dabei beeintrchtigt und verkleinert fhlte. Bald war es jene
Farben-Blindheit des Ntzlichkeits-Menschen, der in der Philosophie
Nichts sieht, als eine Reihe widerlegter Systeme und einen
verschwenderischen Aufwand, der Niemandem "zu Gute kommt". Bald sprang
die Furcht vor verkappter Mystik und Grenzberichtigung des Erkennens
hervor; bald die Missachtung einzelner Philosophen, welche sich
unwillkrlich zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte.
Am hufigsten endlich fand ich bei jungen Gelehrten hinter der
hochmthigen Geringschtzung der Philosophie die schlimme Nachwirkung
eines Philosophen selbst, dem man zwar im Ganzen den Gehorsam
gekndigt hatte, ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfenden
Werthschtzungen anderer Philosophen herausgetreten zu sein: - mit
dem Ergebniss einer Gesammt-Verstimmung gegen alle Philosophie.
(Dergestalt scheint mir zum Beispiel die Nachwirkung Schopenhauer's
auf das neueste Deutschland zu sein: - er hat es mit seiner
unintelligenten Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte
Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang mit der deutschen Cultur
herauszubrechen, welche Cultur, Alles wohl erwogen, eine Hhe und
divinatorische Feinheit des historischen Sinns gewesen ist: aber
Schopenhauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialitt
arm, unempfnglich, undeutsch.) berhaupt in's Grosse gerechnet, mag
es vor Allem das Menschliche, Allzumenschliche, kurz die Armseligkeit
der neueren Philosophen selbst gewesen sein, was am grndlichsten der
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem pbelmnnischen
Instinkte die Thore aufgemacht hat. Man gestehe es sich doch ein, bis
zu welchem Grade unsrer modernen Welt die ganze Art der Heraklite,
Plato's, Empedokles', und wie alle diese kniglichen und prachtvollen
Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; und mit wie gutem
Rechte Angesichts solcher Vertreter der Philosophie, die heute Dank
der Mode ebenso oben-auf als unten-durch sind - in Deutschland zum
Beispiel die beiden Lwen von Berlin, der Anarchist Eugen Dhring
und der Amalgamist Eduard von Hartmann - ein braver Mensch der
Wissenschaft sich besserer Art und Abkunft fhlen darf. Es ist
in Sonderheit der Anblick jener Mischmasch-Philosophen, die sich
"Wirklichkeits-Philosophen" oder "Positivisten" nennen, welcher
ein gefhrliches Misstrauen in die Seele eines jungen, ehrgeizigen
Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind ja besten Falls selbst
Gelehrte und Spezialisten, man greift es mit Hnden! - das sind ja
allesammt berwundene und unter die Botmssigkeit der Wissenschaft
Zurckgebrachte, welche irgendwann einmal mehr von sich gewollt haben,
ohne ein Recht zu diesem "mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben
- und die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachschtig, den Unglauben an die
Herren-Aufgabe und Herrschaftlichkeit der Philosophie mit Wort und
That reprsentiren. Zuletzt: wie knnte es auch anders sein! Die
Wissenschaft blht heute und hat das gute Gewissen reichlich im
Gesichte, whrend Das, wozu die ganze neuere Philosophie allmhlich
gesunken ist, dieser Rest Philosophie von heute, Misstrauen und
Missmuth, wenn nicht Spott und Mitleiden gegen sich rege macht.
Philosophie auf "Erkenntnisstheorie" reduzirt, thatschlich nicht
mehr als eine schchterne Epochistik und Enthaltsamkeitslehre: eine
Philosophie, die gar nicht ber die Schwelle hinweg kommt und sich
peinlich das Recht zum Eintritt verweigert - das ist Philosophie in
den letzten Zgen, ein Ende, eine Agonie, Etwas das Mitleiden macht.
Wie knnte eine solche Philosophie - herrschen!


205.

Die Gefahren fr die Entwicklung des Philosophen sind heute in
Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln mchte, ob diese Frucht
berhaupt noch reif werden kann. Der Umfang und der Thurmbau der
Wissenschaften ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch die
Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Lernender mde wird
oder sich irgendwo festhalten und "spezialisiren" lsst: so dass
er gar nicht mehr auf seine Hhe, nmlich zum berblick, Umblick,
Niederblick kommt. Oder er gelangt zu spt hinauf, dann, wenn seine
beste Zeit und Kraft schon vorber ist; oder beschdigt, vergrbert,
entartet, so dass sein Blick, sein Gesammt-Werthurtheil wenig mehr
bedeutet. Gerade die Feinheit seines intellektuellen Gewissens lsst
ihn vielleicht unterwegs zgern und sich verzgern; er frchtet die
Verfhrung zum Dilettanten, zum Tausendfuss und Tausend-Fhlhorn,
er weiss es zu gut, dass Einer, der vor sich selbst die Ehrfurcht
verloren hat, auch als Erkennender nicht mehr befiehlt, nicht mehr
fhrt: er msste denn schon zum grossen Schauspieler werden wollen,
zum philosophischen Cagliostro und Rattenfnger der Geister, kurz
zum Verfhrer. Dies ist zuletzt eine Frage des Geschmacks: wenn es
selbst nicht eine Frage des Gewissens wre. Es kommt hinzu, um die
Schwierigkeit des Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass er von
sich ein Urtheil, ein ja oder Nein, nicht ber die Wissenschaften,
sondern ber das Leben und den Werth des Lebens verlangt, - dass er
ungern daran glauben lernt, ein Recht oder gar eine Pflicht zu diesem
Urtheile zu haben, und sich nur aus den umfnglichsten - vielleicht
strendsten, zerstrendsten - Erlebnissen heraus und oft zgernd,
zweifelnd, verstummend seinen Weg zu jenem Rechte und jenem Glauben
suchen muss. In der That, die Menge hat den Philosophen lange
Zeit verwechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religis-gehobenen
entsinnlichten "entweltlichten" Schwrmer und Trunkenbold Gottes; und
hrt man gar heute jemanden loben, dafr, dass er "weise" lebe oder
"als ein Philosoph", so bedeutet es beinahe nicht mehr, als "klug und
abseits". Weisheit: das scheint dem Pbel eine Art Flucht zu sein,
ein Mittel und Kunststck, sich gut aus einem schlimmen Spiele
herauszuziehn; aber der rechte Philosoph - so scheint es uns, meine
Freunde? - lebt "unphilosophisch" und "unweise", vor Allem unklug,
und fhlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und Versuchungen
des Lebens: - er risquirt sich bestndig, er spielt das schlimme
Spiel.....


206.

Im Verhltnisse zu einem Genie, das heisst zu einem Wesen, welches
entweder zeugt oder gebiert, beide Worte in ihrem hchsten
Umfange genommen -, hat der Gelehrte, der wissenschaftliche
Durchschnittsmensch immer etwas von der alten Jungfer: denn er
versteht sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten
Verrichtungen des Menschen. In der That, man gesteht ihnen Beiden,
den Gelehrten und den alten Jungfern, gleichsam zur Entschdigung die
Achtbarkeit zu - man unterstreicht in diesen Fllen die Achtbarkeit -
und hat noch an dem Zwange dieses Zugestndnisses den gleichen Beisatz
von Verdruss. Sehen wir genauer zu: was ist der wissenschaftliche
Mensch? Zunchst eine unvornehme Art Mensch, mit den Tugenden einer
unvornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht autoritativen
und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: er hat Arbeitsamkeit,
geduldige Einordnung in Reih und Glied, Gleichmssigkeit und Maass
im Knnen und Bedrfen, er hat den Instinkt fr Seines gleichen und
fr Das, was Seinesgleichen nthig hat, zum Beispiel jenes Stck
Unabhngigkeit und grner Weide, ohne welches es keine Ruhe der
Arbeit giebt, jenen Anspruch auf Ehre und Anerkennung (die zuerst und
zuoberst Erkennung, Erkennbarkeit voraussetzt -), jenen Sonnenschein
des guten Namens, jene bestndige Besiegelung seines Werthes und
seiner Ntzlichkeit, mit der das innerliche Misstrauen, der Grund
im Herzen aller abhngigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder
berwunden werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, auch die
Krankheiten und Unarten einer unvornehmen Art: er ist reich am kleinen
Neide und hat ein Luchsauge fr das Niedrige solcher Naturen, zu deren
Hhen er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie Einer,
der sich gehen, aber nicht strmen lsst; und gerade vor dem Menschen
des grossen Stroms steht er um so klter und verschlossener da, -
sein Auge ist dann wie ein glatter widerwilliger See, in dem sich
kein Entzcken, kein Mitgefhl mehr kruselt. Das Schlimmste und
Gefhrlichste, dessen ein Gelehrter fhig ist, kommt ihm vom
Instinkte der Mittelmssigkeit seiner Art: von jenem Jesuitismus
der Mittelmssigkeit, welcher an der Vernichtung des ungewhnlichen
Menschen instinktiv arbeitet und jeden gespannten Bogen zu brechen
oder - noch lieber! - abzuspannen sucht. Abspannen nmlich, mit
Rcksicht, mit schonender Hand natrlich -, mit zutraulichem Mitleiden
abspannen: das ist die eigentliche Kunst des Jesuitismus, der es immer
verstanden hat, sich als Religion des Mitleidens einzufhren. -


207.

Wie dankbar man auch immer dem objektiven Geiste entgegenkommen
mag - und wer wre nicht schon einmal alles Subjektiven und seiner
verfluchten Ipsissimositt bis zum Sterben satt gewesen! - zuletzt
muss man aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht lernen und
der bertreibung Einhalt thun, mit der die Entselbstung und
Entpersnlichung des Geistes gleichsam als Ziel an sich, als Erlsung
und Verklrung neuerdings gefeiert wird: wie es namentlich innerhalb
der Pessimisten-Schule zu geschehn pflegt, die auch gute Grnde hat,
dem "interesselosen Erkennen" ihrerseits die hchsten Ehren zu geben.
Der objektive Mensch, der nicht mehr flucht und schimpft, gleich
dem Pessimisten, der ideale Gelehrte, in dem der wissenschaftliche
Instinkt nach tausendfachem Ganz- und Halb-Missrathen einmal zum Auf-
und Ausblhen kommt, ist sicherlich eins der kostbarsten Werkzeuge,
die es giebt: aber er gehrt in die Hand eines Mchtigeren. Er ist
nur ein Werkzeug, sagen wir: er ist ein Spiegel, - er ist kein
"Selbstzweck". Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor
Allem, was erkannt werden will, zur Unterwerfung gewohnt, ohne eine
andre Lust, als wie sie das Erkennen, das "Abspiegeln" giebt, - er
wartet, bis Etwas kommt, und breitet sich dann zart hin, dass auch
leichte Fusstapfen und das Vorberschlpfen geisterhafter Wesen nicht
auf seiner Flche und Haut verloren gehen. Was von "Person" an ihm
noch brig ist, dnkt ihm zufllig, oft willkrlich, noch fter
strend: so sehr ist er sich selbst zum Durchgang und Wiederschein
fremder Gestalten und Ereignisse geworden. Er besinnt sich auf "Sich"
zurck, mit Anstrengung, nicht selten falsch; er verwechselt sich
leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eignen Nothdrfte und ist
hier allein unfein und nachlssig. Vielleicht qult ihn die Gesundheit
oder die Kleinlichkeit und Stubenluft von Weib und Freund, oder der
Mangel an Gesellen und Gesellschaft, - ja, er zwingt sich, ber seine
Qual nachzudenken: umsonst! Schon schweift sein Gedanke weg, zum
allgemeineren Falle, und morgen weiss er so wenig als er es gestern
wusste, wie ihm zu helfen ist. Er hat den Ernst fr sich verloren,
auch die Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern
aus Mangel an Fingern und Handhaben fr seine Noth. Das gewohnte
Entgegenkommen gegen jedes Ding und Erlebniss, die sonnige und
unbefangene Gastfreundschaft, mit der er Alles annimmt, was auf ihn
stsst, seine Art von rcksichtslosem Wohlwollen, von gefhrlicher
Unbekmmertheit um Ja und Nein: ach, es giebt genug Flle, wo er diese
seine Tugenden bssen muss! - und als Mensch berhaupt wird er gar zu
leicht das caput mortuum dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von
ihm, ich meine Liebe und Hass, wie Gott, Weib und Thier sie verstehn
-: er wird thun, was er kann, und geben, was er kann. Aber man soll
sich nicht wundern, wenn es nicht viel ist, - wenn er da gerade sich
uncht, zerbrechlich, fragwrdig und morsch zeigt. Seine Liebe ist
gewollt, sein Hass knstlich und mehr un tour de force, eine kleine
Eitelkeit und bertreibung. Er ist eben nur cht, so weit er objektiv
sein darf: allein in seinem heitern Totalismus ist er noch "Natur"
und "natrlich". Seine spiegelnde und ewig sich glttende Seele weiss
nicht mehr zu bejahen, nicht mehr zu verneinen; er befiehlt nicht;
er zerstrt auch nicht. "Je ne mprise presque rien" - sagt er mit
Leibnitz: man berhre und unterschtze das presque nicht! Er ist auch
kein Mustermensch; er geht Niemandem voran, noch nach; er stellt sich
berhaupt zu ferne, als dass er Grund htte, zwischen Gut und Bse
Partei zu ergreifen. Wenn man ihn so lange mit dem Philosophen
verwechselt hat, mit dem csarischen Zchter und Gewaltmenschen
der Cultur: so hat man ihm viel zu hohe Ehren gegeben und das
Wesentlichste an ihm bersehen, - er ist ein Werkzeug, ein Stck
Sklave, wenn gewiss auch die sublimste Art des Sklaven, an sich aber
Nichts, - presque rien! Der objektive Mensch ist ein Werkzeug, ein
kostbares, leicht verletzliches und getrbtes Mess-Werkzeug und
Spiegel-Kunstwerk, das man schonen und ehren soll; aber er ist kein
Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein complementrer Mensch, in dem das
brige Dasein sich rechtfertigt, kein Schluss - und noch weniger ein
Anfang, eine Zeugung und erste Ursache, nichts Derbes, Mchtiges,
Auf-sich-Gestelltes, das Herr sein will: vielmehr nur ein zarter
ausgeblasener feiner beweglicher Formen-Topf, der auf irgend einen
Inhalt und Gehalt erst warten muss, um sich nach ihm "zu gestalten",
- fr gewhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhalt, ein "selbstloser"
Mensch. Folglich auch Nichts fr Weiber, in parenthesi. -


208.

Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er sei kein Skeptiker,
- ich hoffe, man hat Das aus der eben gegebenen Abschilderung des
objektiven Geistes herausgehrt? - so hrt alle Welt das ungern; man
sieht ihn darauf an, mit einiger Scheu, man mchte so Vieles fragen,
fragen... ja, unter furchtsamen Horchern, wie es deren jetzt in Menge
giebt, heisst er von da an gefhrlich. Es ist ihnen, als ob sie,
bei seiner Ablehnung der Skepsis, von Ferne her irgend ein bses
bedrohliches Gerusch hrten, als ob irgendwo ein neuer Sprengstoff
versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht ein neuentdecktes
Russisches Nihilin, ein Pessimismus bonae voluntatis, der nicht bloss
Nein sagt, Nein will, sondern - schrecklich zu denken! Nein thut.
Gegen diese Art von "gutem Willen" - einem Willen zur wirklichen
thtlichen Verneinung des Lebens - giebt es anerkanntermaassen heute
kein besseres Schlaf- und Beruhigungsmittel, als Skepsis, den sanften
holden einlullenden Mohn Skepsis; und Hamlet selbst wird heute von den
rzten der Zeit gegen den "Geist" und sein Rumoren unter dem Boden
verordnet. "Hat man denn nicht alle Ohren schon voll von schlimmen
Geruschen? sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und beinahe
als eine Art von Sicherheits-Polizei: dies unterirdische Nein ist
frchterlich! Stille endlich, ihr pessimistischen Maulwrfe!" Der
Skeptiker nmlich, dieses zrtliche Geschpf, erschrickt allzuleicht;
sein Gewissen ist darauf eingeschult, bei jedem Nein, ja schon bei
einem entschlossenen harten Ja zu zucken und etwas wie einen Biss zu
spren. Ja! und Nein! - das geht ihm wider die Moral; umgekehrt liebt
er es, seiner Tugend mit der edlen Enthaltung ein Fest zu machen, etwa
indem er mit Montaigne spricht: "was weiss ich?" Oder mit Sokrates:
"ich weiss, dass ich Nichts weiss". Oder: "hier traue ich mir nicht,
hier steht mir keine Thr offen." Oder: "gesetzt, sie stnde offen,
wozu gleich eintreten!" Oder: "wozu ntzen alle vorschnellen
Hypothesen? Gar keine Hypothesen machen knnte leicht zum guten
Geschmack gehren. Msst ihr denn durchaus etwas Krummes gleich gerade
biegen? Durchaus jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat
das nicht Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufelskerle, knnt
ihr denn gar nicht warten? Auch das Ungewisse hat seine Reize, auch
die Sphinx ist eine Circe, auch die Circe war eine Philosophin." -
Also trstet sich ein Skeptiker; und es ist wahr, dass er einigen
Trost nthig hat. Skepsis nmlich ist der geistigste Ausdruck einer
gewissen vielfachen physiologischen Beschaffenheit, welche man in
gemeiner Sprache Nervenschwche und Krnklichkeit nennt; sie entsteht
jedes Mal, wenn sich in entscheidender und pltzlicher Weise lang
von einander abgetrennte Rassen oder Stnde kreuzen. In dem neuen
Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maasse und Werthe in's Blut
vererbt bekommt, ist Alles Unruhe, Strung, Zweifel, Versuch; die
besten Krfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander
nicht wachsen und stark werden, in Leib und Seele fehlt Gleichgewicht,
Schwergewicht, perpendikulre Sicherheit. Was aber in solchen
Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille:
sie kennen das Unabhngige im Entschlusse, das tapfere Lustgefhl im
Wollen gar nicht mehr, - sie zweifeln an der "Freiheit des Willens"
auch noch in ihren Trumen. Unser Europa von heute, der Schauplatz
eines unsinnig pltzlichen Versuchs von radikaler Stnde- und folglich
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Hhen und Tiefen, bald
mit jener beweglichen Skepsis, welche ungeduldig und lstern von
einem Ast zum andern springt, bald trbe wie eine mit Fragezeichen
berladene Wolke, - und seines Willens oft bis zum Sterben satt!
Willenslhmung: wo findet man nicht heute diesen Krppel sitzen! Und
oft noch wie geputzt! Wie verfhrerisch herausgeputzt! Es giebt die
schnsten Prunk- und Lgenkleider fr diese Krankheit; und dass zum
Beispiel das Meiste von dem, was sich heute als "Objektivitt",
"Wissenschaftlichkeit", "l'art pour l'art", "reines willensfreies
Erkennen" in die Schaulden stellt, nur aufgeputzte Skepsis und
Willenslhmung ist, - fr diese Diagnose der europischen Krankheit
will ich einstehn. - Die Krankheit des Willens ist ungleichmssig ber
Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grssten und vielfltigsten,
wo die Cultur schon am lngsten heimisch ist, sie verschwindet
im dem Maasse, als "der Barbar" noch - oder wieder - unter dem
schlotterichten Gewande von westlndischer Bildung sein Recht geltend
macht. Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man es ebenso leicht
erschliessen als mit Hnden greifen kann, der Wille am schlimmsten
erkrankt; und Frankreich, welches immer eine meisterhafte
Geschicklichkeit gehabt hat, auch die verhngnisvollen Wendungen
seines Geistes in's Reizende und Verfhrerische umzukehren, zeigt
heute recht eigentlich als Schule und Schaustellung aller Zauber der
Skepsis sein Cultur-bergewicht ber Europa. Die Kraft zu wollen,
und zwar einen Willen lang zu wollen, ist etwas strker schon in
Deutschland, und im deutschen Norden wiederum strker als in der
deutschen Mitte; erheblich strker in England, Spanien und Corsika,
dort an das Phlegma, hier an harte Schdel gebunden, - um nicht von
Italien zu reden, welches zu jung ist, als dass es schon wsste, was
es wollte, und das erst beweisen muss, ob es wollen kann -, aber am
allerstrksten und erstaunlichsten in jenem ungeheuren Zwischenreiche,
wo Europa gleichsam nach Asien zurckfliesst, in Russland. Da ist die
Kraft zu wollen seit langem zurckgelegt und aufgespeichert, da wartet
der Wille - ungewiss, ob als Wille der Verneinung oder der Bejahung -
in bedrohlicher Weise darauf, ausgelst zu werden, um den Physikern
von heute ihr Leibwort abzuborgen. Es drften nicht nur indische
Kriege und Verwicklungen in Asien dazu nthig sein, damit Europa von
seiner grssten Gefahr entlastet werde, sondern innere Umstrze, die
Zersprengung des Reichs in kleine Krper und vor Allem die Einfhrung
des parlamentarischen Bldsinns, hinzugerechnet die Verpflichtung fr
Jedermann, zum Frhstck seine Zeitung zu lesen. Ich sage dies nicht
als Wnschender: mir wrde das Entgegengesetzte eher nach dem Herzen
sein, - ich meine eine solche Zunahme der Bedrohlichkeit Russlands,
dass Europa sich entschliessen msste, gleichermaassen bedrohlich zu
werden, nmlich Einen Willen zu bekommen, durch das Mittel einer neuen
ber Europa herrschenden Kaste, einen langen furchtbaren eigenen
Willen, der sich ber Jahrtausende hin Ziele setzen knnte: - damit
endlich die langgesponnene Komdie seiner Kleinstaaterei und ebenso
seine dynastische wie demokratische Vielwollerei zu einem Abschluss
kme. Die Zeit fr kleine Politik ist vorbei: schon das nchste
Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, - den Zwang zur
grossen Politik.


209.

Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches wir Europer
ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch der Entwicklung einer
anderen und strkeren Art von Skepsis gnstig sein mag, darber mchte
ich mich vorlufig nur durch ein Gleichniss ausdrcken, welches
die Freunde der deutschen Geschichte schon verstehen werden. Jener
unbedenkliche Enthusiast fr schne grossgewachsene Grenadiere,
welcher, als Knig von Preussen, einem militrischen und skeptischen
Genie - und damit im Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich
heraufgekommenen Typus des Deutschen - das Dasein gab, der fragwrdige
tolle Vater Friedrichs des Grossen, hatte in Einem Punkte selbst den
Griff und die Glcks-Kralle des Genies: er wusste, woran es damals in
Deutschland fehlte, und welcher Mangel hundert Mal ngstlicher und
dringender war, als etwa der Mangel an Bildung und gesellschaftlicher
Form, - sein Widerwille gegen den jungen Friedrich kam aus der Angst
eines tiefen Instinktes. Mnner fehlten; und er argwhnte zu seinem
bittersten Verdrusse, dass sein eigner Sohn nicht Manns genug sei.
Darin betrog er sich: aber wer htte an seiner Stelle sich nicht
betrogen? Er sah seinen Sohn dem Atheismus, dem esprit, der
gensslichen Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen: - er
sah im Hintergrunde die grosse Blutaussaugerin, die Spinne Skepsis, er
argwhnte das unheilbare Elend eines Herzens, das zum Bsen wie zum
Guten nicht mehr hart genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht
mehr befiehlt, nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen wuchs in
seinem Sohne jene gefhrlichere und hrtere neue Art der Skepsis empor
- wer weiss, wie sehr gerade durch den Hass des Vaters und durch die
eisige Melancholie eines einsam gemachten Willens begnstigt? - die
Skepsis der verwegenen Mnnlichkeit, welche dem Genie zum Kriege und
zur Eroberung nchst verwandt ist und in der Gestalt des grossen
Friedrich ihren ersten Einzug in Deutschland hielt. Diese Skepsis
verachtet und reisst trotzdem an sich; sie untergrbt und nimmt in
Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich nicht dabei; sie
giebt dem Geiste gefhrliche Freiheit, aber sie hlt das Herz streng;
es ist die deutsche Form der Skepsis, welche, als ein fortgesetzter
und in's Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine
gute Zeit unter die Botmssigkeit des deutschen Geistes und seines
kritischen und historischen Misstrauens gebracht hat. Dank dem
unbezwinglich starken und zhen Manns-Charakter der grossen deutschen
Philologen und Geschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn,
allesammt auch Artisten der Zerstrung und Zersetzung waren) stellte
sich allmhlich und trotz aller Romantik in Musik und Philosophie
ein neuer Begriff vom deutschen Geiste fest, in dem der Zug zur
mnnlichen Skepsis entscheidend hervortrat: sei es zum Beispiel als
Unerschrockenheit des Blicks, als Tapferkeit und Hrte der zerlegenden
Hand, als zher Wille zu gefhrlichen Entdeckungsreisen, zu
vergeistigten Nordpol-Expeditionen unter den und gefhrlichen
Himmeln. Es mag seine guten Grnde haben, wenn sich warmbltige und
oberflchliche Menschlichkeits-Menschen gerade vor diesem Geiste
bekreuzigen: cet esprit fataliste, ironique, mphistophlique nennt
ihn, nicht ohne Schauder, Michelet. Aber will man nachfhlen, wie
auszeichnend diese Furcht vor dem "Mann" im deutschen Geiste ist,
durch den Europa aus seinem "dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so
mge man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm berwunden
werden musste, - und wie es noch nicht zu lange her ist, dass ein
vermnnlichtes Weib es in zgelloser Anmaassung wagen durfte, die
Deutschen als sanfte herzensgute willensschwache und dichterische
Tlpel der Theilnahme Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch endlich
das Erstaunen Napoleon's tief genug, als er Goethen zu sehen bekam: es
verrth, was man sich Jahrhunderte lang unter dem "deutschen Geiste"
gedacht hatte. "Voil un homme!" - das wollte sagen: Das ist ja ein
Mann! Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet! - -


210.

Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der Zukunft irgend ein Zug
zu rathen giebt, ob sie nicht vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten
Sinne, Skeptiker sein mssen, so wre damit doch nur ein Etwas an
ihnen bezeichnet - und nicht sie selbst. Mit dem gleichen Rechte
drften sie sich Kritiker nennen lassen; und sicherlich werden es
Menschen der Experimente sein. Durch den Namen, auf welchen ich sie zu
taufen wagte, habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen schon
ausdrcklich unterstrichen: geschah dies deshalb, weil sie, als
Kritiker an Leib und Seele, sich des Experiments in einem neuen,
vielleicht weiteren, vielleicht gefhrlicheren Sinne zu bedienen
lieben? Mssen sie, in ihrer Leidenschaft der Erkenntniss, mit
verwegenen und schmerzhaften Versuchen weiter gehn, als es der
weichmthige und verzrtelte Geschmack eines demokratischen
Jahrhunderts gut heissen kann? - Es ist kein Zweifel: diese
Kommenden werden am wenigsten jener ernsten und nicht unbedenklichen
Eigenschaften entrathen drfen, welche den Kritiker vom Skeptiker
abheben, ich meine die Sicherheit der Werthmaasse, die bewusste
Handhabung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, das
Alleinstehn und Sich-verantworten-knnen; ja, sie gestehen bei sich
eine Lust am Neinsagen und Zergliedern und eine gewisse besonnene
Grausamkeit zu, welche das Messer sicher und fein zu fhren weiss,
auch noch, wenn das Herz blutet. Sie werden hrter sein (und
vielleicht nicht immer nur gegen sich), als humane Menschen wnschen
mgen, sie werden sich nicht mit der "Wahrheit" einlassen, damit sie
ihnen "gefalle" oder sie "erhebe" und "begeistere": - ihr Glaube wird
vielmehr gering sein, dass gerade die Wahrheit solche Lustbarkeiten
fr das Gefhl mit sich bringe. Sie werden lcheln, diese strengen
Geister, wenn Einer vor ihnen sagte "jener Gedanke erhebt mich: wie
sollte er nicht wahr sein?" Oder: "jenes Werk entzckt mich: wie
sollte es nicht schn sein?" Oder: "jener Knstler vergrssert mich:
wie sollte er nicht gross sein?" - sie haben vielleicht nicht nur ein
Lcheln, sondern einen chten Ekel vor allem derartig Schwrmerischen,
Idealistischen, Femininischen, Hermaphroditischen bereit, und wer
ihnen bis in ihre geheimen Herzenskammern zu folgen wsste, wrde
schwerlich dort die Absicht vorfinden, "christliche Gefhle" mit
dem "antiken Geschmacke" und etwa gar noch mit dem "modernen
Parlamentarismus" zu vershnen (wie dergleichen Vershnlichkeit in
unserm sehr unsicheren, folglich sehr vershnlichen Jahrhundert sogar
bei Philosophen vorkommen soll). Kritische Zucht und jede Gewhnung,
welche zur Reinlichkeit und Strenge in Dingen des Geistes fhrt,
werden diese Philosophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie
drften sie wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau tragen, - trotzdem
wollen sie deshalb noch nicht Kritiker heissen. Es scheint ihnen keine
kleine Schmach, die der Philosophie angethan wird, wenn man dekretirt,
wie es heute so gern geschieht: "Philosophie selbst ist Kritik
und kritische Wissenschaft - und gar nichts ausserdem!" Mag diese
Werthschtzung der Philosophie sich des Beifalls aller Positivisten
Frankreichs und Deutschlands erfreuen (- und es wre mglich, dass
sie sogar dem Herzen und Geschmacke Kant's geschmeichelt htte: man
erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke -): unsre neuen Philosophen
werden trotzdem sagen: Kritiker sind Werkzeuge des Philosophen und
eben darum, als Werkzeuge, noch lange nicht selbst Philosophen! Auch
der grosse Chinese von Knigsberg war nur ein grosser Kritiker. -


211.

Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhre, die philosophischen
Arbeiter und berhaupt die wissenschaftlichen Menschen mit den
Philosophen zu verwechseln, - dass man gerade hier mit Strenge "Jedem
das Seine" und Jenen nicht zu Viel, Diesen nicht viel zu Wenig gebe.
Es mag zur Erziehung des wirklichen Philosophen nthig sein, dass er
selbst auch auf allen diesen Stufen einmal gestanden hat, auf welchen
seine Diener, die wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen
bleiben, - stehen bleiben mssen; er muss selbst vielleicht Kritiker
und Skeptiker und Dogmatiker und Historiker und berdies Dichter
und Sammler und Reisender und Rthselrather und Moralist und Seher
und "freier Geist" und beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis
menschlicher Werthe und Werth-Gefhle zu durchlaufen und mit vielerlei
Augen und Gewissen, von der Hhe in jede Ferne, von der Tiefe in
jede Hhe, von der Ecke in jede Weite, blicken zu knnen. Aber dies
Alles sind nur Vorbedingungen seiner Aufgabe: diese Aufgabe selbst
will etwas Anderes, - sie verlangt, dass er Werthe schaffe. Jene
philosophischen Arbeiter nach dem edlen Muster Kant's und Hegel's
haben irgend einen grossen Thatbestand von Werthschtzungen - das
heisst ehemaliger Werthsetzungen, Werthschpfungen, welche herrschend
geworden sind und eine Zeit lang "Wahrheiten" genannt werden -
festzustellen und in Formeln zu drngen, sei es im Reiche des
Logischen oder des Politischen (Moralischen) oder des Knstlerischen.
Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene und Geschtzte
bersichtlich, berdenkbar, fasslich, handlich zu machen, alles Lange,
ja "die Zeit" selbst, abzukrzen und die ganze Vergangenheit zu
berwltigen: eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren Dienst
sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zhe Wille befriedigen kann.
Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie
sagen "so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des
Menschen und verfgen dabei ber die Vorarbeit aller philosophischen
Arbeiter, aller berwltiger der Vergangenheit, - sie greifen mit
schpferischer Hand nach der Zukunft, und Alles, was ist und war, wird
ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr "Erkennen" ist
Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit
ist - Wille zur Macht. - Giebt es heute solche Philosophen? Gab es
schon solche Philosophen? Muss es nicht solche Philosophen geben?....


212.

Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philosoph als ein
nothwendiger Mensch des Morgens und bermorgens sich jederzeit mit
seinem Heute in Widerspruch befunden hat und befinden musste: sein
Feind war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle diese
ausserordentlichen Frderer des Menschen, welche man Philosophen
nennt, und die sich selbst selten als Freunde der Weisheit, sondern
eher als unangenehme Narren und gefhrliche Fragezeichen fhlten -,
ihre Aufgabe, ihre harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, endlich
aber die Grsse ihrer Aufgabe darin gefunden, das bse Gewissen ihrer
Zeit zu sein. Indem sie gerade den Tugenden der Zeit das Messer
vivisektorisch auf die Brust setzten, verriethen sie, was ihr eignes
Geheimniss war: um eine neue Grsse des Menschen zu wissen, um einen
neuen ungegangenen Weg zu seiner Vergrsserung. Jedes Mal deckten
sie auf, wie viel Heuchelei, Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und
Sich-fallen lassen, wie viel Lge unter dem bestgeehrten Typus ihrer
zeitgenssischen Moralitt versteckt, wie viel Tugend berlebt sei;
jedes Mal sagten sie: "wir mssen dorthin, dorthinaus, wo ihr heute am
wenigsten zu Hause seid." Angesichts einer Welt der "modernen Ideen",
welche Jedermann in eine Ecke und "Spezialitt" bannen mchte, wrde
ein Philosoph, falls es heute Philosophen geben knnte, gezwungen
sein, die Grsse des Menschen, den Begriff "Grsse" gerade in seine
Umfnglichkeit und Vielfltigkeit, in seine Ganzheit im Vielen zu
setzen: er wrde sogar den Werth und Rang darnach bestimmen, wie viel
und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, wie weit Einer seine
Verantwortlichkeit spannen knnte. Heute schwcht und verdnnt der
Zeitgeschmack und die Zeittugend den Willen, Nichts ist so sehr
zeitgemss als Willensschwche: also muss, im Ideale des Philosophen,
gerade Strke des Willens, Hrte und Fhigkeit zu langen
Entschliessungen in den Begriff "Grsse" hineingehren; mit so gutem
Rechte als die umgekehrte Lehre und das Ideal einer blden entsagenden
demthigen selbstlosen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter
angemessen war, einem solchen, das gleich dem sechszehnten Jahrhundert
an seiner aufgestauten Energie des Willens und den wildesten Wssern
und Sturmfluthen der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter
lauter Menschen des ermdeten Instinktes, unter conservativen
Altathenern, welche sich gehen liessen - "zum Glck", wie sie sagten,
zum Vergngen, wie sie thaten - und die dabei immer noch die alten
prunkvollen Worte in den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben lngst
kein Recht mehr gab, war vielleicht Ironie zur Grsse der Seele
nthig, jene sokratische boshafte Sicherheit des alten Arztes und
Pbelmanns, welcher schonungslos in's eigne Fleisch schnitt, wie
in's Fleisch und Herz des "Vornehmen", mit einem Blick, welcher
verstndlich genug sprach: "verstellt euch vor mir nicht! Hier - sind
wir gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das Heerdenthier allein
zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die "Gleichheit der Rechte"
allzuleicht sich in die Gleichheit im Unrechte umwandeln knnte:
ich will sagen in gemeinsame Bekriegung alles Seltenen, Fremden,
Bevorrechtigten, des hheren Menschen, der hheren Seele, der hheren
Pflicht, der hheren Verantwortlichkeit, der schpferischen Machtflle
und Herrschaftlichkeit - heute gehrt das Vornehm-sein, das
Fr-sich-sein-wollen, das Anders-sein-knnen, das Allein-stehn und
auf-eigne-Faust-leben-mssen zum Begriff "Grsse"; und der Philosoph
wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn er aufstellt: "der
soll der Grsste sein, der der Einsamste sein kann, der Verborgenste,
der Abweichendste, der Mensch jenseits von Gut und Bse, er Herr
seiner Tugenden, der berreiche des Willens; dies eben soll Grsse
heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit als voll sein knnen."
Und nochmals gefragt: ist heute - Grsse mglich?


213.

Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu lernen, weil es
nicht zu lehren ist: man muss es "wissen", aus Erfahrung, - oder man
soll den Stolz haben, es nicht zu wissen. Dass aber heutzutage alle
Welt von Dingen redet, in Bezug auf welche sie keine Erfahrung
haben kann, gilt am meisten und schlimmsten vom Philosophen und den
philosophischen Zustnden: - die Wenigsten kennen sie, drfen sie
kennen, und alle populren Meinungen ber sie sind falsch. So ist
zum Beispiel jenes cht philosophische Beieinander einer khnen
ausgelassenen Geistigkeit, welche presto luft, und einer
dialektischen Strenge und Nothwendigkeit, die keinen Fehltritt thut,
den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Erfahrung her unbekannt
und darum, falls jemand davon vor ihnen reden wollte, un glaubwrdig.
Sie stellen sich jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches
Folgen-mssen und Gezwungen-werden vor; und das Denken selbst gilt
ihnen als etwas Langsames, Zgerndes, beinahe als eine Mhsal und
oft genug als "des Schweisses der Edlen werth" - aber ganz und gar
nicht als etwas Leichtes, Gttliches und dem Tanze, dem bermuthe,
Nchst-Verwandtes! "Denken" und eine Sache "ernst nehmen", "schwer
nehmen" - das gehrt bei ihnen zu einander: so allein haben sie es
"erlebt" -. Die Knstler mgen hier schon eine feinere Witterung
haben.- sie, die nur zu gut wissen, dass gerade dann, wo sie Nichts
mehr "willkrlich" und Alles nothwendig machen, ihr Gefhl von
Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von schpferischem Setzen, Verfgen,
Gestalten auf seine Hhe kommt, - kurz, dass Nothwendigkeit und
"Freiheit des Willens" dann bei ihnen Eins sind. Es giebt zuletzt eine
Rangordnung seelischer Zustnde, welcher die Rangordnung der Probleme
gemss ist; und die hchsten Probleme stossen ohne Gnade Jeden zurck,
der ihnen zu nahen wagt, ohne durch Hhe und Macht seiner Geistigkeit
zu ihrer Lsung vorherbestimmt zu sein. Was hilft es, wenn gelenkige
Allerwelts-Kpfe oder ungelenke brave Mechaniker und Empiriker sich,
wie es heute so vielfach geschieht, mit ihrem Plebejer-Ehrgeize in
ihre Nhe und gleichsam an diesen "Hof der Hfe" drngen! Aber auf
solche Teppiche drfen grobe Fsse nimmermehr treten: dafr ist
im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die Thren bleiben diesen
Zudringlichen geschlossen, mgen sie sich auch die Kpfe daran stossen
und zerstossen! Fr jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher
gesagt, man muss fr sie gezchtet sein: ein Recht auf Philosophie -
das Wort im grossen Sinne genommen - hat man nur Dank seiner Abkunft,
die Vorfahren, das "Geblt" entscheidet auch hier. Viele Geschlechter
mssen der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner
Tugenden muss einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt
worden sein, und nicht nur der khne leichte zarte Gang und Lauf
seiner Gedanken, sondern vor Allem die Bereitwilligkeit zu grossen
Verantwortungen, die Hoheit herrschender Blicke und Niederblicke, das
Sich-Abgetrennt-Fhlen von der Menge und ihren Pflichten und Tugenden,
das leutselige Beschtzen und Vertheidigen dessen, was missverstanden
und verleumdet wird, sei es Gott, sei es Teufel, die Lust und bung
in der grossen Gerechtigkeit, die Kunst des Befehlens, die Weite des
Willens, das langsame Auge, welches selten bewundert, selten hinauf
blickt, selten liebt....




Siebentes Hauptstck:

Unsere Tugenden.

214.

Unsere Tugenden? - Es ist wahrscheinlich, dass auch wir noch unsere
Tugenden haben, ob es schon billigerweise nicht jene treuherzigen
und vierschrtigen Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsere
Grossvter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom Leibe halten. Wir
Europer von bermorgen, wir Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts,
- mit aller unsrer gefhrlichen Neugierde, unsrer Vielfltigkeit
und Kunst der Verkleidung, unsrer mrben und gleichsam versssten
Grausamkeit in Geist und Sinnen, - wir werden vermuthlich, wenn
wir Tugenden haben sollten, nur solche haben, die sich mit unsren
heimlichsten und herzlichsten Hngen, mit unsern heissesten
Bedrfnissen am besten vertragen lernten: wohlan, suchen wir einmal
nach ihnen in unsren Labyrinthen! - woselbst sich, wie man weiss, so
mancherlei verliert, so mancherlei ganz verloren geht. Und giebt es
etwas Schneres, als nach seinen eigenen Tugenden suchen? Heisst dies
nicht beinahe schon: an seine eigne Tugend glauben? Dies aber "an
seine Tugend glauben" - ist dies nicht im Grunde dasselbe, was man
ehedem sein "gutes Gewissen" nannte, jener ehrwrdige langschwnzige
Begriffs-Zopf, den sich unsre Grossvter hinter ihren Kopf, oft genug
auch hinter ihren Verstand hngten? Es scheint demnach, wie wenig wir
uns auch sonst altmodisch und grossvterhaft-ehrbar dnken mgen,
in Einem sind wir dennoch die wrdigen Enkel dieser Grossvter, wir
letzten Europer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen ihren
Zopf. - Ach! Wenn ihr wsstet, wie es bald, so bald schon - anders
kommt!.....


215.

Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen sind, welche die Bahn
Eines Planeten bestimmen, wie in gewissen Fllen Sonnen verschiedener
Farbe um einen einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte,
bald mit grnen Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn treffend
und bunt berfluthend: so sind wir modernen Menschen, Dank der
complicirten Mechanik unsres "Sternenhimmels" - durch verschiedene
Moralen bestimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in
verschiedenen Farben, sie sind selten eindeutig, - und es giebt genug
Flle, wo wir bunte Handlungen thun.


216.

Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt worden: es
geschieht heute tausendfltig, im Kleinen und im Grossen; ja es
geschieht bisweilen schon das Hhere und Sublimere - wir lernen
verachten, wenn wir lieben, und gerade wenn wir am besten lieben: -
aber alles dies unbewusst, ohne Lrm, ohne Prunk, mit jener Scham und
Verborgenheit der Gte, welche dem Munde das feierliche, Wort und die
Tugend-Formel verbietet. Moral als Attitde - geht uns heute wider
den Geschmack. Dies ist auch ein Fortschritt: wie es der Fortschritt
unsrer Vter war, dass ihnen endlich Religion als Attitde wider
den Geschmack gieng, eingerechnet die Feindschaft und Voltairische
Bitterkeit gegen die Religion (und was Alles ehemals zur
Freigeist-Gebrdensprache gehrte). Es ist die Musik in unserm
Gewissen, der Tanz in unserm Geiste, zu dem alle Puritaner-Litanei,
alle Moral-Predigt und Biedermnnerei nicht klingen will.


217.

Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen Werth darauf legen,
dass man ihnen moralischen Takt und Feinheit in der moralischen
Unterscheidung zutraue! Sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal
vor uns (oder gar an uns) vergriffen haben, - sie werden unvermeidlich
zu unsern instinktiven Verleumdern und Beeintrchtigern, selbst wenn
sie noch unsre "Freunde" bleiben. - Selig sind die Vergesslichen: denn
sie werden auch mit ihren Dummheiten "fertig".


218.

Die Psychologen Frankreichs - und wo giebt es heute sonst noch
Psychologen? - haben immer noch ihr bitteres und vielfltiges
Vergngen an der btise bourgeoise nicht ausgekostet, gleichsam als
wenn genug, sie verrathen etwas damit. Flaubert zum Beispiel, der
brave Brger von Rouen, sah, hrte und schmeckte zuletzt nichts
Anderes mehr: es war seine Art von Selbstqulerei und feinerer
Grausamkeit. Nun empfehle ich, zur Abwechslung - denn es wird
langweilig -, ein anderes Ding zum Entzcken: das ist die unbewusste
Verschlagenheit, mit der sich alle guten dicken braven Geister des
Mittelmaasses zu hheren Geistern und deren Aufgaben verhalten, jene
feine verhkelte jesuitische Verschlagenheit, welche tausend Mal
feiner ist, als der Verstand und Geschmack dieses Mittelstandes in
seinen besten Augenblicken - sogar auch als der Verstand seiner
Opfer -: zum abermaligen Beweise dafr, dass der "Instinkt" unter
allen Arten von Intelligenz, welche bisher entdeckt wurden, die
intelligenteste ist. Kurz, studirt, ihr Psychologen, die Philosophie
der "Regel" im Kampfe mit der "Ausnahme": da habt ihr ein Schauspiel,
gut genug fr Gtter und gttliche Boshaftigkeit! Oder, noch
heutlicher: treibt Vivisektion am "guten Menschen", am "homo bonae
voluntatis" an euch!


219.

Das moralische Urtheilen und Verurtheilen ist die Lieblings-Rache der
Geistig-Beschrnkten an Denen, die es weniger sind, auch eine Art
Schadenersatz dafr, dass sie von der Natur schlecht bedacht wurden,
endlich eine Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: -
Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres Herzens wohl, dass
es einen Maassstab giebt, vor dem auch die mit Gtern und Vorrechten
des Geistes berhuften ihnen gleich stehn: - sie kmpfen fr die
"Gleichheit Aller vor Gott" und brauchen beinahe dazu schon den
Glauben an Gott. Unter ihnen sind die krftigsten Gegner des
Atheismus. Wer ihnen sagte "eine hohe Geistigkeit ist ausser Vergleich
mit irgend welcher Bravheit und Achtbarkeit eines eben nur moralischen
Menschen", wrde sie rasend machen: - ich werde mich hten, es zu
thun. Vielmehr mchte ich ihnen mit meinem Satze schmeicheln, dass
eine hohe Geistigkeit selber nur als letzte Ausgeburt moralischer
Qualitten besteht; dass sie eine Synthesis aller jener Zustnde ist,
welche den "nur moralischen" Menschen nachgesagt werden, nachdem sie,
einzeln, durch lange Zucht und bung, vielleicht in ganzen Ketten
von Geschlechtern erworben sind; dass die hohe Geistigkeit eben die
Vergeistigung der Gerechtigkeit und jener gtigen Strenge ist, welche
sich beauftragt weiss, die Ordnung des Ranges in der Welt aufrecht zu
erhalten, unter den Dingen selbst - und nicht nur unter Menschen.


220.

Bei dem jetzt so volksthmlichen Lobe des "Uninteressirten" muss man
sich, vielleicht nicht ohne einige Gefahr, zum Bewusstsein bringen,
woran eigentlich das Volk Interesse nimmt, und was berhaupt die Dinge
sind, um die sich der gemeine Mann grndlich und tief kmmert: die
Gebildeten eingerechnet, sogar die Gelehrten, und wenn nicht Alles
trgt, beinahe auch die Philosophen. Die Thatsache kommt dabei heraus,
dass das Allermeiste von dem, was feinere und verwhntere Geschmcker,
was jede hhere Natur interessirt und reizt, dem durchschnittlichen
Menschen gnzlich "uninteressant" scheint: - bemerkt er trotzdem eine
Hingebung daran, so nennt er sie "dsintress" und wundert sich,
wie es mglich ist, "uninteressirt" zu handeln. Es hat Philosophen
gegeben, welche dieser Volks-Verwunderung noch einen verfhrerischen
und mystisch-jenseitigen Ausdruck zu verleihen wussten (- vielleicht
weil sie die hhere Natur nicht aus Erfahrung kannten?) - statt
die nackte und herzlich billige Wahrheit hinzustellen, dass die
"uninteressirte" Handlung eine sehr interessante und interessirte
Handlung ist, vorausgesetzt..... "Und die Liebe?" - Wie! Sogar eine
Handlung aus Liebe soll "unegoistisch" sein? Aber ihr Tlpel -! "Und
das Lob des Aufopfernden?" - Aber wer wirklich Opfer gebracht hat,
weiss, dass er etwas dafr wollte und bekam, - vielleicht etwas von
sich fr etwas von sich - dass er hier hingab, um dort mehr zu haben,
vielleicht um berhaupt mehr zu sein oder sich doch als "mehr" zu
fhlen. Aber dies ist ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein
verwhnterer Geist sich ungern aufhlt: so sehr hat hier bereits die
Wahrheit nthig, das Ghnen zu unterdrcken, wenn sie antworten muss.
Zuletzt ist sie ein Weib: man soll ihr nicht Gewalt anthun.


221.

Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und Kleinigkeitskrmer,
dass ich einen uneigenntzigen Menschen ehre und auszeichne: nicht
aber, weil er uneigenntzig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf
zu haben scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Unkosten zu
ntzen. Genug, es fragt sich immer, wer er ist und wer Jener ist. An
Einem zum Beispiele, der zum Befehlen bestimmt und gemacht wre, wrde
Selbst-Verleugnung und bescheidenes Zurcktreten nicht eine Tugend,
sondern die Vergeudung einer Tugend sein: so scheint es mir. Jede
unegoistische Moral, welche sich unbedingt nimmt und an Jedermann
wendet, sndigt nicht nur gegen den Geschmack: sie ist eine Aufreizung
zu Unterlassungs-Snden, eine Verfhrung mehr unter der Maske der
Menschenfreundlichkeit - und gerade eine Verfhrung und Schdigung
der Hheren, Seltneren, Bevorrechteten. Man muss die Moralen zwingen,
sich zu allererst vor der Rangordnung zu beugen, man muss ihnen ihre
Anmaassung in's Gewissen schieben, - bis sie endlich mit einander
darber in's Klare kommen, das es unmoralisch ist zu sagen: "was dem
Einen recht ist, ist dem Andern billig". - Also mein moralistischer
Pedant und bonhomme: verdiente er es wohl, dass man ihn auslachte, als
er die Moralen dergestalt zur Moralitt ermahnte? Aber man soll nicht
zu viel Recht haben, wenn man die Lacher auf seiner Seite haben will;
ein Krnchen Unrecht gehrt sogar zum guten Geschmack.


222.

Wo heute Mitleiden gepredigt wird - und, recht gehrt, wird jetzt
keine andre Religion mehr gepredigt - mge der Psycholog seine Ohren
aufmachen: durch alle Eitelkeit, durch allen Lrm hindurch, der diesen
Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er einen heiseren,
sthnenden, chten Laut von Selbst-Verachtung hren. Sie gehrt zu
jener Verdsterung und Verhsslichung Europa's, welche jetzt ein
Jahrhundert lang im Wachsen ist (und deren erste Symptome schon in
einem nachdenklichen Briefe Galiani's an Madame d'Epinay urkundlich
verzeichnet sind): wenn sie nicht deren Ursache ist! Der Mensch der
"modernen Ideen", dieser stolze Affe, ist unbndig mit sich selbst
unzufrieden: dies steht fest. Er leidet: und seine Eitelkeit will,
dass er nur "mit leidet"......


223.

Der europische Mischmensch - ein leidlich hsslicher Plebejer, Alles
in Allem - braucht schlechterdings ein Kostm: er hat die Historie
nthig als die Vorrathskammer der Kostme. Freilich bemerkt er dabei,
dass ihm keines recht auf den Leib passt, - er wechselt und wechselt.
Man sehe sich das neunzehnte Jahrhundert auf diese schnellen Vorlieben
und Wechsel der Stil-Maskeraden an; auch auf die Augenblicke der
Verzweiflung darber, dass uns "nichts steht" -. Unntz, sich
romantisch oder klassisch oder christlich oder florentinisch oder
barokko oder "national" vorzufhren, in moribus et artibus: "es
kleidet nicht"! Aber der "Geist", insbesondere der "historische
Geist", ersieht sich auch noch an dieser Verzweiflung seinen Vortheil:
immer wieder wird ein neues Stck Vorzeit und Ausland versucht,
umgelegt, abgelegt, eingepackt, vor allem studirt: - wir sind das
erste studirte Zeitalter in puncto der "Kostme", ich meine der
Moralen, Glaubensartikel, Kunstgeschmcker und Religionen, vorbereitet
wie noch keine Zeit es war, zum Karneval grossen Stils, zum
geistigsten Fasching-Gelchter und bermuth, zur transscendentalen
Hhe des hchsten Bldsinns und der aristophanischen Welt-Verspottung.
Vielleicht, dass wir hier gerade das Reich unsrer Erfindung noch
entdecken, jenes Reich, wo auch wir noch original sein knnen, etwa
als Pazodisten der Weltgeschichte und Hanswrste Gottes, - vielleicht
dass, wenn auch Nichts von heute sonst Zukunft hat, doch gerade unser
Lachen noch Zukunft hat!


224.

Der historische Sinn (oder die Fhigkeit, die Rangordnung von
Werthschtzungen schnell zu errathen, nach welchen ein Volk, eine
Gesellschaft, ein Mensch gelebt hat, der "divinatorische Instinkt"
fr die Beziehungen dieser Werthschtzungen, fr das Verhltniss der
Autoritt der Werthe zur Autoritt der wirkenden Krfte): dieser
historische Sinn, auf welchen wir Europer als auf unsre Besonderheit
Anspruch machen, ist uns im Gefolge der bezaubernden und tollen
Halbbarbarei gekommen, in welche Europa durch die demokratische
Vermengung der Stnde und Rassen gestrzt worden ist, - erst das
neunzehnte Jahrhundert kennt diesen Sinn, als seinen sechsten Sinn.
Die Vergangenheit von jeder Form und Lebensweise, von Culturen, die
frher hart neben einander, ber einander lagen, strmt Dank jener
Mischung in uns "moderne Seelen" aus, unsre Instinkte laufen nunmehr
berallhin zurck, wir selbst sind eine Art Chaos -: schliesslich
ersieht sich "der Geist", wie gesagt, seinen Vortheil dabei. Durch
unsre Halbbarbarei in Leib und Begierde haben wir geheime Zugnge
berallhin, wie sie ein vornehmes Zeitalter nie besessen hat, vor
Allem die Zugnge zum Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu
jeder Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; und
insofern der betrchtlichste Theil der menschlichen Cultur bisher eben
Halbbarbarei war, bedeutet "historischer Sinn" beinahe den Sinn und
Instinkt fr Alles, den Geschmack und die Zunge fr Alles: womit er
sich sofort als ein unvornehmer Sinn ausweist. Wir geniessen zum
Beispiel Homer wieder: vielleicht ist es unser glcklichster
Vorsprung, dass wir Homer zu schmecken verstehen, welchen die
Menschen einer vornehmen Cultur (etwa die Franzosen des siebzehnten
Jahrhunderts, wie Saint-Evremond, der ihm den esprit vaste vorwirft,
selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so leicht sich anzueignen
wissen und wussten, - welchen zu geniessen sie sich kaum erlaubten.
Das sehr bestimmte Ja und Nein ihres Gaumens, ihr leicht bereiter
Ekel, ihre zgernde Zurckhaltung in Bezug auf alles Fremdartige,
ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften Neugierde, und
berhaupt jener schlechte Wille jeder vornehmen und selbstgengsamen
Cultur, sich eine neue Begehrlichkeit, eine Unbefriedigung am Eignen,
eine Bewunderung des Fremden einzugestehen: alles dies stellt und
stimmt sie ungnstig selbst gegen die besten Dinge der Welt, welche
nicht ihr Eigenthum sind oder ihre Beute werden knnten, - und kein
Sinn ist solchen Menschen unverstndlicher, als gerade der historische
Sinn und seine unterwrfige Plebejer-Neugierde. Nicht anders steht es
mit Shakespeare, dieser erstaunlichen spanisch-maurisch-schsischen
Geschmacks-Synthesis, ber welchen sich ein Altathener aus der
Freundschaft des Aeschylus halbtodt gelacht oder gergert haben wrde:
aber wir - nehmen gerade diese wilde Buntheit, dies Durcheinander
des Zartesten, Grbsten und Knstlichsten, mit einer geheimen
Vertraulichkeit und Herzlichkeit an, wir geniessen ihn als das gerade
uns aufgesparte Raffinement der Kunst und lassen uns dabei von den
widrigen Dmpfen und der Nhe des englischen Pbels, in welcher
Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig stren, als etwa
auf der Chiaja Neapels: wo wir mit allen unsren Sinnen, bezaubert
und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr auch die Cloaken der
Pbel-Quartiere in der Luft sind. Wir Menschen des "historischen
Sinns": wir haben als solche unsre Tugenden, es ist nicht zu
bestreiten, - wir sind anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer,
voller Selbstberwindung, voller Hingebung, sehr dankbar, sehr
geduldig, sehr entgegenkommend: - wir sind mit Alledem vielleicht
nicht sehr "geschmackvoll". Gestehen wir es uns schliesslich zu:
was uns Menschen des "historischen Sinns" am schwersten zu fassen,
zu fhlen, nachzuschmecken, nachzulieben ist, was uns im Grunde
voreingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade das
Vollkommene und Letzthin - Reife in jeder Cultur und Kunst, das
eigentlich Vornehme an Werken und Menschen, ihr Augenblick glatten
Meers und halkyonischer Selbstgenugsamkeit, das Goldene und Kalte,
welches alle Dinge zeigen, die sich vollendet haben. Vielleicht steht
unsre grosse Tugend des historischen Sinns in einem nothwendigen
Gegensatz zum guten Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke,
und wir vermgen gerade die kleinen kurzen und hchsten Glcksflle
und Verklrungen des menschlichen Lebens, wie sie hier und da
einmal aufglnzen, nur schlecht, nur zgernd, nur mit Zwang in uns
nachzubilden: jene Augenblicke und Wunder, wo eine grosse Kraft
freiwillig vor dem Maasslosen und Unbegrenzten stehen blieb -, wo
ein berfluss von feiner Lust in der pltzlichen Bndigung und
Versteinerung, im Feststehen und Sich-Fest-Stellen auf einem noch
zitternden Boden genossen wurde. Das Maass ist uns fremd, gestehen
wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des Unendlichen,
Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vorwrts schnaubendem Rosse lassen
wir vor dem Unendlichen die Zgel fallen, wir modernen Menschen, wir
Halbbarbaren - und sind erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am
meisten - in Gefahr sind.


225.

Ob Hedonismus, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, ob Eudmonismus:
alle diese Denkweisen, welche nach Lust und Leid, das heisst nach
Begleitzustnden und Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind
Vordergrunds-Denkweisen und Naivetten, auf welche ein Jeder, der sich
gestaltender Krfte und eines Knstler-Gewissens bewusst ist, nicht
ohne Spott, auch nicht ohne Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit
euch! das ist freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist
nicht Mitleiden mit der socialen "Noth", mit der "Gesellschaft" und
ihren Kranken und Verunglckten, mit Lasterhaften und Zerbrochnen von
Anbeginn, wie sie rings um uns zu Boden liegen; das ist noch weniger
Mitleiden mit murrenden gedrckten aufrhrerischen Sklaven-Schichten,
welche nach Herrschaft - sie nennen's "Freiheit" - trachten. Unser
Mitleiden ist ein hheres fernsichtigeres Mitleiden: - wir sehen, wie
der Mensch sich verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! - und es giebt
Augenblicke, wo wir gerade eurem Mitleiden mit einer unbeschreiblichen
Bengstigung zusehn, wo wir uns gegen dies Mitleiden wehren -, wo wir
euren Ernst gefhrlicher als irgend welche Leichtfertigkeit finden.
Ihr wollt womglich - und es giebt kein tolleres "womglich" - das
Leiden abschaffen; und wir? - es scheint gerade, wir wollen es lieber
noch hher und schlimmer haben, als je es war! Wohlbefinden, wie ihr
es versteht - das ist ja kein Ziel, das scheint uns ein Ende! Ein
Zustand, welcher den Menschen alsbald lcherlich und verchtlich
macht, - der seinen Untergang wnschen macht! Die Zucht des Leidens,
des grossen Leidens - wisst ihr nicht, dass nur diese Zucht alle
Erhhungen des Menschen bisher geschaffen hat? Jene Spannung der Seele
im Unglck, welche ihr die Strke anzchtet, ihre Schauer im Anblick
des grossen Zugrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im
Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausntzen des Unglcks, und was ihr nur
je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, List, Grsse geschenkt worden
ist: - ist es nicht ihr unter Leiden, unter der Zucht des grossen
Leidens geschenkt worden? Im Menschen ist Geschpf und Schpfer
vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstck, berfluss, Lehm,
Koth, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schpfer, Bildner,
Hammer-Hrte, Zuschauer-Gttlichkeit und siebenter Tag: - versteht ihr
diesen Gegensatz? Und dass euer Mitleid dem "Geschpf im Menschen"
gilt, dem, was geformt, gebrochen, geschmiedet, gerissen, gebrannt,
geglht, gelutert werden muss, - dem, was nothwendig leiden muss
und leiden soll? Und unser Mitleid - begreift ihr's nicht, wem unser
umgekehrtes Mitleid gilt, wenn es sich gegen euer Mitleid wehrt, als
gegen die schlimmste aller Verzrtelungen und Schwchen? - Mitleid
also gegen Mitleid! - Aber, nochmals gesagt, es giebt hhere Probleme
als alle Lust- und Leid- und Mitleid-Probleme; und jede Philosophie,
die nur auf diese hinausluft, ist eine Naivett. -


226.

Wir Immoralisten! - Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu frchten
und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhrbare Welt feinen
Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des "Beinahe" in jedem
Betrachte, hklich, verfnglich, spitzig, zrtlich: ja, sie ist gut
vertheidigt gegen plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir
sind in ein strenges Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und
knnen da nicht heraus -, darin eben sind wir "Menschen der Pflicht",
auch wir! Bisweilen, es ist wahr, tanzen wir wohl in unsern "Ketten"
und zwischen unsern "Schwertern"; fter, es ist nicht minder wahr,
knirschen wir darunter und sind ungeduldig ber all die heimliche
Hrte unsres Geschicks. Aber wir mgen thun, was wir wollen: die
Tlpel und der Augenschein sagen gegen uns "das sind Menschen ohne
Pflicht" - wir haben immer die Tlpel und den Augenschein gegen uns!


227.

Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht
losknnen, wir freien Geister - nun, wir wollen mit aller Bosheit und
Liebe an ihr arbeiten und nicht mde werden, uns in unsrer Tugend, die
allein uns brig blieb, zu "vervollkommnen": mag ihr Glanz einmal wie
ein vergoldetes blaues spttisches Abendlicht ber dieser alternden
Cultur und ihrem dumpfen dsteren Ernste liegen bleiben! Und wenn
dennoch unsre Redlichkeit eines Tages mde wird und seufzt und die
Glieder streckt und uns zu hart findet und es besser, leichter,
zrtlicher haben mchte, gleich einem angenehmen Laster: bleiben wir
hart, wir letzten Stoiker! und schicken wir ihr zu Hlfe, was wir nur
an Teufelei in uns haben - unsern Ekel am Plumpen und Ungefhren,
unser "nitimur in vetitum", unsern Abenteuerer-Muth, unsre gewitzte
und verwhnte Neugierde, unsern feinsten verkapptesten geistigsten
Willen zur Macht und Welt-berwindung, der begehrlich um alle Reiche
der Zukunft schweift und schwrmt, - kommen wir unserm "Gotte" mit
allen unsern "Teufeln" zu Hlfe! Es ist wahrscheinlich, dass man uns
darob verkennt und verwechselt: was liegt daran! Man wird sagen: "ihre
"Redlichkeit" - das ist ihre Teufelei, und gar nichts mehr!" was liegt
daran! Und selbst wenn man Recht htte! Waren nicht alle Gtter bisher
dergleichen heilig gewordne umgetaufte Teufel? Und was wissen wir
zuletzt von uns? Und wie der Geist heissen will, der uns fhrt? (es
ist eine Sache der Namen.) Und wie viele Geister wir bergen? Unsre
Redlichkeit, wir freien Geister, - sorgen wir dafr, dass sie nicht
unsre Eitelkeit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre Dummheit
werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede Dummheit zur Tugend; "dumm
bis zur Heiligkeit" sagt man in Russland, - sorgen wir dafr, dass
wir nicht aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und Langweiligen
werden! Ist das Leben nicht hundert Mal zu kurz, sich in ihm - zu
langweilen? Man msste schon an's ewige Leben glauben, um....


228.

Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral-Philosophie bisher
langweilig war und zu den Schlafmitteln gehrte - und dass "die
Tugend" durch nichts mehr in meinen Augen beeintrchtigt worden ist,
als durch diese Langweiligkeit ihrer Frsprecher; womit ich noch nicht
deren allgemeine Ntzlichkeit verkannt haben mchte. Es liegt viel
daran, dass so wenig Menschen als mglich ber Moral nachdenken, - es
liegt folglich sehr viel daran, dass die Moral nicht etwa eines Tages
interessant werde! Aber man sei unbesorgt! Es steht auch heute noch
so, wie es immer stand: ich sehe Niemanden in Europa, der einen
Begriff davon htte (oder gbe), dass das Nachdenken ber Moral
gefhrlich, verfnglich, verfhrerisch getrieben werden knnte, -
dass Verhngniss darin liegen knnte! Man sehe sich zum Beispiel die
unermdlichen unvermeidlichen englischen Utilitarier an, wie sie plump
und ehrenwerth in den Fusstapfen Bentham's, daher wandeln, dahin
wandeln (ein homerisches Gleichniss sagt es deutlicher), so wie er
selbst schon in den Fusstapfen des ehrenwerthen Helvtius wandelte
(nein, das war kein gefhrlicher Mensch, dieser Helvtius!). Kein
neuer Gedanke, Nichts von feinerer Wendung und Faltung eines alten
Gedankens, nicht einmal eine wirkliche Historie des frher Gedachten:
eine unmgliche Litteratur im Ganzen, gesetzt, dass man sie nicht mit
einiger Bosheit sich einzusuern versteht. Es hat sich nmlich auch
in diese Moralisten (welche man durchaus mit Nebengedanken lesen
muss, falls man sie lesen muss-), jenes alte englische Laster
eingeschlichen, das cant heisst und moralische Tartfferie ist,
dies Mal unter die neue Form der Wissenschaftlichkeit versteckt; es
fehlt auch nicht an geheimer Abwehr von Gewissensbissen, an denen
billigerweise eine Rasse von ehemaligen Puritanern bei aller
wissenschaftlichen Befassung mit Moral leiden wird. (Ist ein Moralist
nicht das Gegenstck eines Puritaners? Nmlich als ein Denker, der
die Moral als fragwrdig, fragezeichenwrdig, kurz als Problem nimmt?
Sollte Moralisiren nicht - unmoralisch sein?) Zuletzt wollen sie Alle,
dass die englische Moralitt Recht bekomme: insofern gerade damit
der Menschheit, oder dem "allgemeinen Nutzen" oder "dem Glck der
Meisten", nein! dem Glcke Englands am besten gedient wird; sie
mchten mit allen Krften sich beweisen, dass das Streben nach
englischem Glck, ich meine nach comfort und fashion (und, an hchster
Stelle, einem Sitz im Parlament) zugleich auch der rechte Pfad der
Tugend sei, ja dass, so viel Tugend es bisher in der Welt gegeben
hat, es eben in einem solchen Streben bestanden habe. Keins von
allen diesen schwerflligen, im Gewissen beunruhigten Heerdenthieren
(die die Sache des Egoismus als Sache der allgemeinen Wohlfahrt zu
fhren unternehmen -) will etwas davon wissen und riechen, dass die
"allgemeine Wohlfahrt" kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie fassbarer
Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist, - dass, was dem Einen
billig ist, durchaus noch nicht dem Andern billig sein kann, dass die
Forderung Einer Moral fr Alle die Beeintrchtigung gerade der hheren
Menschen ist, kurz, dass es eine Rangordnung zwischen Mensch und
Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral giebt. Es ist
eine bescheidene und grndlich mittelmssige Art Mensch, diese
utilitarischen Englnder, und, wie gesagt: insofern sie langweilig
sind, kann man nicht hoch genug von ihrer Utilitt denken. Man sollte
sie noch ermuthigen: wie es, zum Theil, mit nachfolgenden Reimen
versucht worden ist.

    Heil euch, brave Karrenschieber,
    Stets "je lnger, desto lieber",
    Steifer stets an Kopf und Knie,
    Unbegeistert, ungespssig,
    Unverwstlich-mittelmssig,
    Sans genie et sans esprit!


229.

Es bleibt in jenen spten Zeitaltern, die auf Menschlichkeit stolz
sein drfen, so viel Furcht, so viel Aberglaube der Furcht vor dem
"wilden grausamen Thiere" zurck, ber welches Herr geworden zu sein
eben den Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst
handgreifliche Wahrheiten wie auf Verabredung Jahrhunderte lang
unausgesprochen bleiben, weil sie den Anschein haben, jenem wilden,
endlich abgetdteten Thiere wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage
vielleicht etwas, wenn ich eine solche Wahrheit mir entschlpfen
lasse: mgen Andre sie wieder einfangen und ihr so viel "Milch der
frommen Denkungsart" zu trinken geben, bis sie still und vergessen in
ihrer alten Ecke liegt. - Man soll ber die Grausamkeit umlernen und
die Augen aufmachen; man soll endlich Ungeduld lernen, damit nicht
lnger solche unbescheidne dicke Irrthmer tugendhaft und dreist
herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff der Tragdie von alten
und neuen Philosophen aufgefttert worden sind. Fast Alles, was wir
"hhere Cultur" nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung
der Grausamkeit - dies ist mein Satz; jenes "wilde Thier" ist gar
nicht abgetdtet worden, es lebt, es blht, es hat sich nur -
vergttlicht. Was die schmerzliche Wollust der Tragdie ausmacht, ist
Grausamkeit; was im sogenannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar
in allem Erhabenen bis hinauf zu den hchsten und zartesten Schaudern
der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt seine Sssigkeit allein von
der eingemischten Ingredienz der Grausamkeit. Was der Rmer in der
Arena, der Christ in den Entzckungen des Kreuzes, der Spanier
Angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkmpfen, der Japanese von
heute, der sich zur Tragdie drngt, der Pariser Vorstadt-Arbeiter,
der ein Heimweh nach blutigen Revolutionen hat, die Wagnerianerin,
welche mit ausgehngtem Willen Tristan und Isolde ber sich "ergehen
lsst", - was diese Alle geniessen und mit geheimnissvoller Brunst in
sich hineinzutrinken trachten, das sind die Wrztrnke der grossen
Circe "Grausamkeit". Dabei muss man freilich die tlpelhafte
Psychologie von Ehedem davon jagen, welche von der Grausamkeit nur
zu lehren wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides entstnde:
es giebt einen reichlichen, berreichlichen Genuss auch am eignen
Leiden, am eignen Sich-leiden-machen, - und wo nur der Mensch zur
Selbst-Verleugnung im religisen Sinne oder zur Selbstverstmmelung,
wie bei Phniziern und Asketen, oder berhaupt zur Entsinnlichung,
Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen Busskrampfe, zur
Gewissens-Vivisektion und zum Pascalischen sacrifizio dell'intelletto
sich berreden lsst, da wird er heimlich durch seine Grausamkeit
gelockt und vorwrts gedrngt, durch jene gefhrlichen Schauder der
gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit. Zuletzt erwge man, dass
selbst der Erkennende, indem er seinen Geist zwingt, wider den Hang
des Geistes und oft genug auch wider die Wnsche seines Herzens zu
erkennen - nmlich Nein zu sagen, wo er bejahen, lieben, anbeten
mchte -, als Knstler und Verklrer der Grausamkeit waltet; schon
jedes Tief- und Grndlich-Nehmen ist eine Vergewaltigung, ein
Wehe-thun-wollen am Grundwillen des Geistes, welcher unablssig
zum Scheine und zu den Oberflchen hin will, - schon in jedem
Erkennen-Wollen ist ein Tropfen Grausamkeit.


230.

Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich hier von
einem "Grundwillen des Geistes" gesagt habe: man gestatte mir eine
Erluterung. - Das befehlerische Etwas, das vom Volke "der Geist"
genannt wird, will in sich und um sich herum Herr sein und sich als
Herrn fhlen: es hat den Willen aus der Vielheit zur Einfachheit,
einen zusammenschnrenden, bndigenden, herrschschtigen und wirklich
herrschaftlichen Willen. Seine Bedrfnisse und Vermgen sind hierin
die selben, wie sie die Physiologen fr Alles, was lebt, wchst
und sich vermehrt, aufstellen. Die Kraft des Geistes, Fremdes sich
anzueignen, offenbart sich in einem starken Hange, das Neue dem Alten
anzuhnlichen, das Mannichfaltige zu vereinfachen, das gnzlich
Widersprechende zu bersehen oder wegzustossen: ebenso wie er
bestimmte Zge und Linien am Fremden, an jedem Stck "Aussenwelt"
willkrlich strker unterstreicht, heraushebt, sich zurecht flscht.
Seine Absicht geht dabei auf Einverleibung neuer "Erfahrungen" auf
Einreihung neuer Dinge unter alte Reihen, - auf Wachsthum also;
bestimmter noch, auf das Gefhl des Wachsthums, auf das Gefhl
der vermehrten Kraft. Diesem selben Willen dient ein scheinbar
entgegengesetzter Trieb des Geistes, ein pltzlich herausbrechender
Entschluss zur Unwissenheit, zur willkrlichen Abschliessung, ein
Zumachen seiner Fenster, ein inneres Neinsagen zu diesem oder jenem
Dinge, ein Nicht-heran-kommen-lassen, eine Art Vertheidigungs-Zustand
gegen vieles Wissbare, eine Zufriedenheit mit dem Dunkel, mit
dem abschliessenden Horizonte, ein Ja-sagen und Gut-heissen der
Unwissenheit: wie dies Alles nthig ist je nach dem Grade seiner
aneignenden Kraft, seiner "Verdauungskraft", im Bilde geredet - und
wirklich gleicht "der Geist" am meisten noch einem Magen. Insgleichen
gehrt hierher der gelegentliche Wille des Geistes, sich tuschen zu
lassen, vielleicht mit einer muthwilligen Ahnung davon, dass es so
und so nicht steht, dass man es so und so eben nur gelten lsst, eine
Lust an aller Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, ein frohlockender
Selbstgenuss an der willkrlichen Enge und Heimlichkeit eines Winkels,
am Allzunahen, am Vordergrunde, am Vergrsserten, Verkleinerten,
Verschobenen, Verschnerten, ein Selbstgenuss an der Willkrlichkeit
aller dieser Machtusserungen. Endlich gehrt hierher jene nicht
unbedenkliche Bereitwilligkeit des Geistes, andere Geister zu tuschen
und sich vor ihnen zu verstellen, jener bestndige Druck und Drang
einer schaffenden, bildenden, wandelfhigen Kraft: der Geist geniesst
darin seine Masken-Vielfltigkeit und Verschlagenheit, er geniesst
auch das Gefhl seiner Sicherheit darin, - gerade durch seine
Proteusknste ist er ja am besten vertheidigt und versteckt! - Diesem
Willen zum Schein, zur Vereinfachung, zur Maske, zum Mantel, kurz zur
Oberflche - denn jede Oberflche ist ein Mantel - wirkt jener sublime
Hang des Erkennenden entgegen, der die Dinge tief, vielfach, grndlich
nimmt und nehmen will: als eine Art Grausamkeit des intellektuellen
Gewissens und Geschmacks, welche jeder tapfere Denker bei sich
anerkennen wird, gesetzt dass er, wie sich gebhrt, sein Auge fr sich
selbst lange genug gehrtet und gespitzt hat und an strenge Zucht,
auch an strenge Worte gewhnt ist. Er wird sagen "es ist etwas
Grausames im Hange meines Geistes": - mgen die Tugendhaften
und Liebenswrdigen es ihm auszureden suchen! In der That, es
klnge artiger, wenn man uns, statt der Grausamkeit, etwa eine
"ausschweifende Redlichkeit" nachsagte, nachraunte, nachrhmte, - uns
freien, sehr freien Geistern: - und so klingt vielleicht wirklich
einmal unser - Nachruhm? Einstweilen - denn es hat Zeit bis dahin -
mchten wir selbst wohl am wenigsten geneigt sein, uns mit dergleichen
moralischen Wort-Flittern und -Franzen aufzuputzen: unsre ganze
bisherige Arbeit verleidet uns gerade diesen Geschmack und seine
muntere ppigkeit. Es sind schne glitzernde klirrende festliche
Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe zur Weisheit,
Aufopferung fr die Erkenntniss, Heroismus des Wahrhaftigen, - es ist
Etwas daran, das Einem den Stolz schwellen macht. Aber wir Einsiedler
und Murmelthiere, wir haben uns lngst in aller Heimlichkeit eines
Einsiedler-Gewissens berredet, dass auch dieser wrdige Wort-Prunk
zu dem alten Lgen-Putz, -Plunder und -Goldstaub der unbewussten
menschlichen Eitelkeit gehrt, und dass auch unter solcher
schmeichlerischen Farbe und bermalung der schreckliche Grundtext
homo natura wieder heraus erkannt werden muss. Den Menschen
nmlich zurckbersetzen in die Natur; ber die vielen eitlen und
schwrmerischen Deutungen und Nebensinne Herr werden, welche bisher
ber jenen ewigen Grundtext homo natura gekritzelt und gemalt wurden;
machen, dass der Mensch frderhin vor dem Menschen steht, wie er heute
schon, hart geworden in der Zucht der Wissenschaft, vor der anderen
Natur steht, mit unerschrocknen Oedipus-Augen und verklebten
Odysseus-Ohren, taub gegen die Lockweisen alter metaphysischer
Vogelfnger, welche ihm allzulange zugefltet haben: "du bist mehr!
du bist hher! du bist anderer Herkunft!" - das mag eine seltsame und
tolle Aufgabe sein, aber es ist eine Aufgabe - wer wollte das leugnen!
Warum wir sie whlten, diese tolle Aufgabe? Oder anders gefragt:
"warum berhaupt Erkenntniss?" - Jedermann wird uns darnach fragen.
Und wir, solchermaassen gedrngt, wir, die wir uns hunderte Male
selbst schon ebenso gefragt haben, wir fanden und finden keine bessere
Antwort....


231.

Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle Ernhrung thut, die
auch nicht bloss "erhlt" -: wie der Physiologe weiss. Aber im Grunde
von uns, ganz "da unten", giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen
Granit von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und
Antwort auf vorherbestimmte ausgelesene Fragen. Bei jedem kardinalen
Probleme redet ein unwandelbares "das bin ich"; ber Mann und Weib zum
Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen, - nur
zu Ende entdecken, was darber bei ihm "feststeht". Man findet bei
Zeiten gewisse Lsungen von Problemen, die gerade uns starken Glauben
machen; vielleicht nennt man sie frderhin seine "berzeugungen".
Spter - sieht man in ihnen nur Fusstapfen zur Selbsterkenntniss,
Wegweiser zum Probleme, das wir sind, - richtiger, zur grossen
Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum, zum Unbelehrbaren
ganz "da unten". - Auf diese reichliche Artigkeit hin, wie ich sie
eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht eher
schon gestattet sein, ber das "Weib an sich" einige Wahrheiten
herauszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie
sehr es eben nur - meine Wahrheiten sind. -


232.

Das Weib will selbstndig werden: und dazu fngt es an, die Mnner
ber das "Weib an sich" aufzuklren - das gehrt zu den schlimmsten
Fortschritten der allgemeinen Verhsslichung Europa's. Denn was
mssen diese plumpen Versuche der weiblichen Wissenschaftlichkeit und
Selbst-Entblssung Alles an's Licht bringen! Das Weib hat so viel
Grund zur Scham; im Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflchliches,
Schulmeisterliches, Kleinlich-Anmaassliches, Kleinlich-Zgelloses
und -Unbescheidenes versteckt - man studire nur seinen Verkehr mit
Kindern! -, das im Grunde bisher durch die Furcht vor dem Manne
am besten zurckgedrngt und gebndigt wurde. Wehe, wenn erst das
"Ewig-Langweilige am Weibe" - es ist reich daran! - sich hervorwagen
darf! wenn es seine Klugheit und Kunst, die der Anmuth, des Spielens,
Sorgen-Wegscheuchens, Erleichterns und Leicht-Nehmens, wenn es
seine feine Anstelligkeit zu angenehmen Begierden grndlich und
grundstzlich zu verlernen beginnt! Es werden schon jetzt weibliche
Stimmen laut, welche, beim heiligen Aristophanes! Schrecken machen, es
wird mit medizinischer Deutlichkeit gedroht, was zuerst und zuletzt
das Weib vom Manne will. Ist es nicht vom schlechtesten Geschmacke,
wenn das Weib sich dergestalt anschickt, wissenschaftlich zu werden?
Bisher war glcklicher Weise das Aufklren Mnner-Sache, Mnner-Gabe
- man blieb damit "unter sich"; und man darf sich zuletzt, bei
Allem, was Weiber ber "das Weib" schreiben, ein gutes Misstrauen
vorbehalten, ob das Weib ber sich selbst eigentlich Aufklrung will
- und wollen kann Wenn ein Weib damit nicht einen neuen Putz fr sich
sucht - ich denke doch, das Sich-Putzen gehrt zum Ewig-Weiblichen? -
nun, so will es vor sich Furcht erregen: - es will damit vielleicht
Herrschaft. Aber es will nicht Wahrheit: was liegt dem Weibe an
Wahrheit! Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, widriger,
feindlicher als Wahrheit, - seine grosse Kunst ist die Lge, seine
hchste Angelegenheit ist der Schein und die Schnheit. Gestehen wir
es, wir Mnner: wir ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen
Instinkt am Weibe: wir, die wir es schwer haben und uns gerne zu
unsrer Erleichterung zu Wesen gesellen, unter deren Hnden, Blicken
und zarten Thorheiten uns unser Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe
wie eine Thorheit erscheint. Zuletzt stelle ich die Frage: hat jemals
ein Weib selber schon einem Weibskopfe Tiefe, einem Weibsherzen
Gerechtigkeit zugestanden? Und ist es nicht wahr, dass, im Grossen
gerechnet, "das Weib" bisher vom Weibe selbst am meisten missachtet
wurde - und ganz und gar nicht von uns? - Wir Mnner wnschen, dass
das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklrung zu compromittiren:
wie es Manns-Frsorge und Schonung des Weibes war, als die Kirche
dekretirte: mulier taceat in ecclesia! Es geschah zum Nutzen des
Weibes, als Napoleon der allzuberedten Madame de Stal zu verstehen
gab: mulier taceat in politicis! - und ich denke, dass es ein rechter
Weiberfreund ist, der den Frauen heute zuruft: mulier taceat de
muliere!


233.

Es verrth Corruption der Instinkte - noch abgesehn davon, dass es
schlechten Geschmack verrth -. wenn ein Weib sich gerade auf Madame
Roland oder Madame de Stal oder Monsieur George Sand beruft, wie als
ob damit etwas zu Gunsten des "Weibes an sich" bewiesen wre. Unter
Mnnern sind die Genannten die drei komischen Weiber an sich - nichts
mehr! - und gerade die besten unfreiwilligen Gegen-Argumente gegen
Emancipation und weibliche Selbstherrlichkeit.


234.

Die Dummheit in der Kche; das Weib als Kchin; die schauerliche
Gedankenlosigkeit, mit der die Ernhrung der Familie und des Hausherrn
besorgt wird! Das Weib versteht nicht, was die Speise bedeutet: und
will Kchin sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschpf wre, so htte
es ja, als Kchin seit Jahrtausenden, die grssten physiologischen
Thatsachen finden, insgleichen die Heilkunst in seinen Besitz bringen
mssen! Durch schlechte Kchinnen - durch den vollkommenen Mangel an
Vernunft in der Kche ist die Entwicklung des Menschen am lngsten
aufgehalten, am schlimmsten beeintrchtigt worden: es steht heute
selbst noch wenig besser. Eine Rede an hhere Tchter.


235.

Es giebt Wendungen und Wrfe des Geistes, es giebt Sentenzen, eine
kleine Handvoll Worte, in denen eine ganze Cultur, eine ganze
Gesellschaft sich pltzlich krystallisirt. Dahin gehrt jenes
gelegentliche Wort der Madame de Lambert an ihren Sohn: "mon ami, ne
vous permettez jamais que de folies, qui vous feront grand plaisir":
- beilufig das mtterlichste und klgste Wort, das je an einen Sohn
gerichtet worden ist.


236.

Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt haben - jener, indem
er sang "ella guardava suso, ed io in lei", dieser, indem er es
bersetzte "das Ewig-Weibliche zieht uns hinan" -: ich zweifle nicht,
dass jedes edlere Weib sich gegen diesen Glauben wehren wird, denn es
glaubt eben das vom Ewig-Mnnlichen...


237.

Sieben Weibs-Sprchlein.

    Wie die lngste Weile fleucht,
    kommt ein Mann zu uns gekreucht!

    Alter, ach! und Wissenschaft
    giebt auch schwacher Tugend Kraft.

    Schwarz Gewand und Schweigsamkeit
    kleidet jeglich Weib - gescheidt.

    Wem im Glck ich dankbar bin?
    Gott! - und meiner Schneiderin.

    Jung: beblmtes Hhlenhaus.
    Alt: ein Drache fhrt heraus.

    Edler Name, hbsches Bein,
    Mann dazu: oh wr' _er_ mein!

    Kurze Rede, langer Sinn
    - Glatteis fr die Eselin!


237.

Die Frauen sind von den Mnnern bisher wie Vgel behandelt worden, die
von irgend welcher Hhe sich hinab zu ihnen verirrt haben: als etwas
Feineres, Verletzlicheres, Wilderes, Wunderlicheres, Ssseres,
Seelenvolleres, - aber als Etwas, das man einsperren muss, damit es
nicht davonfliegt.


238.

Sich im Grundprobleme "Mann und Weib" zu vergreifen, hier den
abgrndlichsten Antagonismus und die Nothwendigkeit einer
ewig-feindseligen Spannung zu leugnen, hier vielleicht von gleichen
Rechten, gleicher Erziehung, gleichen Ansprchen und Verpflichtungen
zu trumen: das ist ein typisches Zeichen von Flachkpfigkeit, und ein
Denker, der an dieser gefhrlichen Stelle sich flach erwiesen hat -
flach im Instinkte! -, darf berhaupt als verdchtig, mehr noch, als
verrathen, als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich wird er fr alle
Grundfragen des Lebens, auch des zuknftigen Lebens, zu "kurz" sein
und in keine Tiefe hinunter knnen. Ein Mann hingegen, der Tiefe
hat, in seinem Geiste, wie in seinen Begierden, auch jene Tiefe des
Wohlwollens, welche der Strenge und Hrte fhig ist, und leicht mit
ihnen verwechselt wird, kann ber das Weib immer nur orientalisch
denken: er muss das Weib als Besitz, als verschliessbares Eigenthum,
als etwas zur Dienstbarkeit Vorbestimmtes und in ihr sich Vollendendes
fassen, - er muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft Asiens, auf
Asiens Instinkt-berlegenheit stellen: wie dies ehemals die Griechen
gethan haben, diese besten Erben und Schler Asiens, welche, wie
bekannt, von Homer bis zu den Zeiten des Perikles, mit zunehmen - der
Cultur und Umfnglichkeit an Kraft, Schritt fr Schritt auch strenger
gegen das Weib, kurz orientalischer geworden sind. Wie nothwendig, wie
logisch, wie selbst menschlich-wnschbar dies war: mge man darber
bei sich nachdenken!


239.

Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter mit solcher Achtung
von Seiten der Mnner behandelt worden als in unserm Zeitalter - das
gehrt zum demokratischen Hang und Grundgeschmack, ebenso wie die
Unehrerbietigkeit vor dem Alter -: was Wunder, dass sofort wieder mit
dieser Achtung Missbrauch getrieben wird? Man will mehr, man lernt
fordern, man findet zuletzt jenen Achtungszoll beinahe schon krnkend,
man wrde den Wettbewerb um Rechte, ja ganz eigentlich den Kampf
vorziehn: genug, das Weib verliert an Scham. Setzen wir sofort hinzu,
dass es auch an Geschmack verliert. Es verlernt den Mann zu frchten:
aber das Weib, das "das Frchten verlernt", giebt seine weiblichsten
Instinkte preis. Dass das Weib sich hervor wagt, wenn das
Furcht-Einflssende am Manne, sagen wir bestimmter, wenn der Mann im
Manne nicht mehr gewollt und grossgezchtet wird, ist billig genug,
auch begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass
ebendamit - das Weib entartet. Dies geschieht heute: tuschen wir uns
nicht darber! Wo nur der industrielle Geist ber den militrischen
und aristokratischen Geist gesiegt hat, strebt jetzt das Weib nach der
wirthschaftlichen und rechtlichen Selbstndigkeit eines Commis: "das
Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bildenden modernen
Gesellschaft. Indem es sich dergestalt neuer Rechte bemchtigt, "Herr"
zu werden trachtet und den "Fortschritt" des Weibes auf seine Fahnen
und Fhnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deutlichkeit
das Umgekehrte: das Weib geht zurck. Seit der franzsischen
Revolution ist in Europa der Einfluss des Weibes in dem Maasse
geringer geworden, als es an Rechten und Ansprchen zugenommen hat;
und die "Emancipation des Weibes", insofern sie von den Frauen selbst
(und nicht nur von mnnlichen Flachkpfen) verlangt und gefrdert
wird, ergiebt sich dergestalt als ein merkwrdiges Symptom von
der zunehmenden Schwchung und Abstumpfung der allerweiblichsten
Instinkte. Es ist Dummheit in dieser Bewegung, eine beinahe
maskulinische Dummheit, deren sich ein wohlgerathenes Weib - das immer
ein kluges Weib ist - von Grund aus zu schmen htte. Die Witterung
dafr verlieren, auf welchem Boden man am sichersten zum Siege kommt;
die bung in seiner eigentlichen Waffenkunst vernachlssigen; sich vor
dem Manne gehen lassen, vielleicht sogar "bis zum Buche", wo man sich
frher in Zucht und feine listige Demuth nahm; dem Glauben des Mannes
an ein im Weibe verhlltes grundverschiedenes Ideal, an irgend
ein Ewig- und Nothwendig-Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit
entgegenarbeiten; dem Manne es nachdrcklich und geschwtzig ausreden,
dass das Weib gleich einem zarteren, wunderlich wilden und oft
angenehmen Hausthiere erhalten, versorgt, geschtzt, geschont
werden msse; das tppische und entrstete Zusammensuchen all des
Sklavenhaften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes in der
bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt hat und noch hat
(als ob Sklaverei ein Gegenargument und nicht vielmehr eine Bedingung
jeder hheren Cultur, jeder Erhhung der Cultur sei): - was bedeutet
dies Alles, wenn nicht eine Anbrckelung der weiblichen Instinkte,
eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug bldsinnige
Frauen-Freunde und Weibs-Verderber unter den gelehrten Eseln
mnnlichen Geschlechts, die dem Weibe anrathen, sich dergestalt zu
entweiblichen und alle die Dummheiten nachzumachen, an denen der
"Mann" in Europa, die europische "Mannhaftigkeit" krankt, - welche
das Weib bis zur "allgemeinen Bildung", wohl gar zum Zeitungslesen
und Politisiren herunterbringen mchten. Man will hier und da selbst
Freigeister und Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne
Frmmigkeit fr einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen
Widriges oder Lcherliches wre -; man verdirbt fast berall ihre
Nerven mit der krankhaftesten und gefhrlichsten aller Arten Musik
(unsrer deutschen neuesten Musik) und macht sie tglich hysterischer
und zu ihrem ersten und letzten Berufe, krftige Kinder zu gebren,
unbefhigter. Man will sie berhaupt noch mehr "cultiviren" und, wie
man sagt, das "schwache Geschlecht" durch Cultur stark machen: als
ob nicht die Geschichte so eindringlich wie mglich lehrte, dass
"Cultivirung" des Menschen und Schwchung - nmlich Schwchung,
Zersplitterung, Ankrnkelung der Willenskraft, immer mit einander
Schritt gegangen sind, und dass die mchtigsten und einflussreichsten
Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter Napoleon's) gerade ihrer
Willenskraft - und nicht den Schulmeistern! - ihre Macht und ihr
bergewicht ber die Mnner verdankten. Das, was am Weibe Respekt und
oft genug Furcht einflsst, ist seine Natur, die "natrlicher" ist als
die des Mannes, seine chte raubthierhafte listige Geschmeidigkeit,
seine Tigerkralle unter dem Handschuh, seine Naivett im Egoismus,
seine Unerziehbarkeit und innerliche Wildheit, das Unfassliche, Weite,
Schweifende seiner Begierden und Tugenden..... Was, bei aller Furcht,
fr diese gefhrliche und schne Katze "Weib" Mitleiden macht, ist,
dass es leidender, verletzbarer, liebebedrftiger und zur Enttuschung
verurtheilter erscheint als irgend ein Thier. Furcht und Mitleiden:
mit diesen Gefhlen stand bisher der Mann vor dem Weibe, immer mit
einem Fusse schon in der Tragdie, welche zerreisst, indem sie
entzckt -. Wie? Und damit soll es nun zu Ende sein? Und die
Entzauberung des Weibes ist im Werke? Die Verlangweiligung des Weibes
kommt langsam herauf? Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit
Hrnern, welches fr dich immer am anziehendsten war, von dem dir
immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel knnte noch einmal zur
"Geschichte" werden, - noch einmal- knnte eine ungeheure Dummheit
ber dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott
versteckt, nein! nur eine "Idee", eine "moderne Idee"!.....




Achtes Hauptstck:

Vlker und Vaterlnder.

240.

Ich hrte, wieder einmal zum ersten Male - Richard Wagner's Ouverture
zu den Meistersingern: das ist eine prachtvolle, berladene, schwere
und spte Kunst, welche den Stolz hat, zu ihrem Verstndniss zwei
Jahrhunderte Musik als noch lebendig vorauszusetzen: - es ehrt die
Deutschen, dass sich ein solcher Stolz nicht verrechnete! Was fr
Sfte und Krfte, was fr Jahreszeiten und Himmelsstriche sind hier
nicht gemischt! Das muthet uns bald alterthmlich, bald fremd, herb
und berjung an, das ist ebenso willkrlich als pomphaft-herkmmlich,
das ist nicht selten schelmisch, noch fter derb und grob, - das hat
Feuer und Muth und zugleich die schlaffe falbe Haut von Frchten,
welche zu spt reif werden. Das strmt breit und voll: und pltzlich
ein Augenblick unerklrlichen Zgerns, gleichsam eine Lcke, die
zwischen Ursache und Wirkung aufspringt, ein Druck, der uns trumen
macht, beinahe ein Alpdruck -, aber schon breitet und weitet sich
wieder der alte Strom von Behagen aus, von vielfltigstem Behagen,
von altem und neuem Glck, sehr eingerechnet das Glck des Knstlers
an sich selber, dessen er nicht Hehl haben will, sein erstauntes
glckliches Mitwissen um die Meisterschaft seiner hier verwendeten
Mittel, neuer neuerworbener unausgeprobter Kunstmittel, wie er uns zu
verrathen scheint. Alles in Allem keine Schnheit, kein Sden, Nichts
von sdlicher feiner Helligkeit des Himmels, Nichts von Grazie, kein
Tanz, kaum ein Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, die noch
unterstrichen wird, wie als ob der Knstler uns sagen wollte: "sie
gehrt zu meiner Absicht"; eine schwerfllige Gewandung, etwas
Willkrlich-Barbarisches und Feierliches, ein Geflirr von gelehrten
und ehrwrdigen Kostbarkeiten und Spitzen; etwas Deutsches, im besten
und schlimmsten Sinn des Wortes, etwas auf deutsche Art Vielfaches,
Unfrmliches und Unausschpfliches; eine gewisse deutsche Mchtigkeit
und berflle der Seele, welche keine Furcht hat, sich unter die
Raffinements des Verfalls zu verstecken, - die sich dort vielleicht
erst am wohlsten fhlt; ein rechtes chtes Wahrzeichen der deutschen
Seele, die zugleich jung und veraltet, bermrbe und berreich noch
an Zukunft ist. Diese Art Musik drckt am besten aus, was ich von den
Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von bermorgen, - sie
haben noch kein Heute.


241.

Wir "guten Europer": auch wir haben Stunden, wo wir uns eine
herzhafte Vaterlnderei, einen Plumps und Rckfall in alte Lieben und
Engen gestatten - ich gab eben eine Probe davon -, Stunden nationaler
Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand anderer
alterthmlicher Gefhls-berschwemmungen. Schwerflligere Geister, als
wir sind, mgen mit dem, was sich bei uns auf Stunden beschrnkt und
in Stunden zu Ende spielt, erst in lngeren Zeitrumen fertig werden,
in halben Jahren die Einen, in halben Menschenleben die Anderen,
je nach der Schnelligkeit und Kraft, mit der sie verdauen und ihre
"Stoffe wechseln". Ja, ich knnte mir dumpfe zgernde Rassen denken,
welche auch in unserm geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nthig
htten, um solche atavistische Anflle von Vaterlnderei und
Schollenkleberei zu berwinden und wieder zur Vernunft, will sagen
zum "guten Europerthum" zurckzukehren. Und indem ich ber diese
Mglichkeit ausschweife, begegnet mir's, dass ich Ohrenzeuge eines
Gesprchs von zwei alten "Patrioten" werde, - sie hrten beide
offenbar schlecht und sprachen darum um so lauter. "Der hlt und weiss
von Philosophie so viel als ein Bauer oder Corpsstudent - sagte der
Eine -: der ist noch unschuldig. Aber was liegt heute daran! Es ist
das Zeitalter der Massen: die liegen vor allem Massenhaften auf dem
Bauche. Und so auch in politicis. Ein Staatsmann, der ihnen einen
neuen Thurm von Babel, irgend ein Ungeheuer von Reich und Macht
aufthrmt, heisst ihnen `gross`: - was liegt daran, dass wir
Vorsichtigeren und Zurckhaltenderen einstweilen noch nicht vom alten
Glauben lassen, es sei allein der grosse Gedanke, der einer That und
Sache Grsse giebt. Gesetzt, ein Staatsmann brchte sein Volk in die
Lage, frderhin `grosse Politik` treiben zu mssen, fr welche es von
Natur schlecht angelegt und vorbereitet ist: so dass es nthig htte,
einer neuen zweifelhaften Mittelmssigkeit zu Liebe seine alten und
sicheren Tugenden zu opfern, - gesetzt, ein Staatsmann verurtheilte
sein Volk zum `Politisiren` berhaupt, whrend dasselbe bisher
Besseres zu thun und zu denken hatte und im Grunde seiner Seele einen
vorsichtigen Ekel vor der Unruhe, Leere und lrmenden Zankteufelei
der eigentlich politisirenden Vlker nicht los wurde: - gesetzt, ein
solcher Staatsmann stachle die eingeschlafnen Leidenschaften und
Begehrlichkeiten seines Volkes auf, mache ihm aus seiner bisherigen
Schchternheit und Lust am Danebenstehn einen Flecken, aus seiner
Auslnderei und heimlichen Unendlichkeit eine Verschuldung, entwerthe
ihm seine herzlichsten Hnge, drehe sein Gewissen um, mache seinen
Geist eng, seinen Geschmack `national`, - wie! ein Staatsmann, der
dies Alles thte, den sein Volk in alle Zukunft hinein, falls es
Zukunft hat, abbssen msste, ein solcher Staatsmann wre gross?"
"Unzweifelhaft! antwortete ihm der andere alte Patriot heftig: sonst
htte er es nicht gekonnt! Es war toll vielleicht, so etwas zu wollen?
Aber vielleicht war alles Grosse im Anfang nur toll!" - "Missbrauch
der Worte! schrie sein Unterredner dagegen: - stark! stark! stark
und toll! Nicht gross!" - Die alten Mnner hatten sich ersichtlich
erhitzt, als sie sich dergestalt ihre "Wahrheiten" in's Gesicht
schrieen; ich aber, in meinem Glck und Jenseits, erwog, wie bald
ber den Starken ein Strkerer Herr werden wird; auch dass es fr die
geistige Verflachung eines Volkes eine Ausgleichung giebt, nmlich
durch die Vertiefung eines anderen. -


242.

Nenne man es nun "Civilisation" oder "Vermenschlichung" oder
"Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung der Europer gesucht
wird; nenne man es einfach, ohne zu loben und zu tadeln, mit einer
politischen Formel die demokratische Bewegung Europa's: hinter
all den moralischen und politischen Vordergrnden, auf welche mit
solchen Formeln hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer
physiologischer Prozess, der immer mehr in Fluss gerth, - der Prozess
einer Anhnlichung der Europer, ihre wachsende Loslsung von den
Bedingungen, unter denen klimatisch und stndisch gebundene Rassen
entstehen, ihre zunehmende Unabhngigkeit von jedem bestimmten milieu,
das Jahrhunderte lang sich mit gleichen Forderungen in Seele und Leib
einschreiben mchte, - also die langsame Heraufkunft einer wesentlich
bernationalen und nomadischen Art Mensch, welche, physiologisch
geredet, ein Maximum von Anpassungskunst und -kraft als ihre typische
Auszeichnung besitzt. Dieser Prozess des werdenden Europers, welcher
durch grosse Rckflle im Tempo verzgert werden kann, aber vielleicht
gerade damit an Vehemenz und Tiefe gewinnt und wchst - der jetzt
noch wthende Sturm und Drang des "National-Gefhls" gehrt hierher,
insgleichen der eben heraufkommende Anarchismus -: dieser Prozess
luft wahrscheinlich auf Resultate hinaus, auf welche seine naiven
Befrderer und Lobredner, die Apostel der "modernen Ideen", am
wenigsten rechnen mchten. Die selben neuen Bedingungen, unter denen
im Durchschnitt eine Ausgleichung und Vermittelmssigung des Menschen
sich herausbilden wird - ein ntzliches arbeitsames, vielfach
brauchbares und anstelliges Heerdenthier Mensch -, sind im hchsten
Grade dazu angethan, Ausnahme-Menschen der gefhrlichsten und
anziehendsten Qualitt den Ursprung zu geben. Whrend nmlich jene
Anpassungskraft, welche immer wechselnde Bedingungen durchprobirt und
mit jedem Geschlecht, fast mit jedem Jahrzehend, eine neue Arbeit
beginnt, die Mchtigkeit des Typus gar nicht mglich macht; whrend
der Gesammt-Eindruck solcher zuknftiger Europer wahrscheinlich der
von vielfachen geschwtzigen willensarmen und usserst anstellbaren
Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden bedrfen wie des
tglichen Brodes; whrend also die Demokratisirung Europa's auf die
Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne vorbereiteten Typus
hinausluft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der starke Mensch
strker und reicher gerathen mssen, als er vielleicht jemals bisher
gerathen ist, - Dank der Vorurtheilslosigkeit seiner Schulung, Dank
der ungeheuren Vielfltigkeit von bung, Kunst und Maske. Ich wollte
sagen: die Demokratisirung Europa's ist zugleich eine unfreiwillige
Veranstaltung zur Zchtung von Tyrannen,- das Wort in jedem Sinne
verstanden, auch im geistigsten.


243.

Ich hre mit Vergngen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen
das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der
Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran,
wir guten Europer! -


244.

Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deutschen mit Auszeichnung
"tief" zu nennen: jetzt, wo der erfolgreichste Typus des neuen
Deutschthums nach ganz andern Ehren geizt und an Allem, was Tiefe
hat, vielleicht die "Schneidigkeit" vermisst, ist der Zweifel beinahe
zeitgemss und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem Lobe nicht
betrogen hat: genug, ob die deutsche Tiefe nicht im Grunde etwas
Anderes und Schlimmeres ist - und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit
Erfolg loszuwerden im Begriff steht. Machen wir also den Versuch, ber
die deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts dazu nthig, als ein
wenig Vivisektion der deutschen Seele. - Die deutsche Seele ist
vor Allem vielfach, verschiedenen Ursprungs, mehr zusammen- und
bereinandergesetzt, als wirklich gebaut: das liegt an ihrer Herkunft.
Ein Deutscher, der sich erdreisten wollte, zu behaupten "zwei
Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" wrde sich an der Wahrheit
arg vergreifen, richtiger, hinter der Wahrheit um viele Seelen
zurckbleiben. Als ein Volk der ungeheuerlichsten Mischung und
Zusammenrhrung von Rassen, vielleicht sogar mit einem bergewicht
des vor-arischen Elementes, als "Volk der Mitte" in jedem Verstande,
sind die Deutschen unfassbarer, umfnglicher, widerspruchsvoller,
unbekannter, unberechenbarer, berraschender, selbst erschrecklicher,
als es andere Vlker sich selber sind: - sie entschlpfen der
Definition und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen.
Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage "was ist
deutsch?" niemals ausstirbt. Kotzebue kannte seine Deutschen gewiss
gut genug: "Wir sind erkannt" jubelten sie ihm zu, - aber auch Sand
glaubte sie zu kennen. Jean Paul wusste, was er that, als er sich
ergrimmt gegen Fichte's verlogne, aber patriotische Schmeicheleien und
bertreibungen erklrte, - aber es ist wahrscheinlich, dass Goethe
anders ber die Deutschen dachte, als Jean Paul, wenn er ihm auch in
Betreff Fichtens Recht gab. Was Goethe eigentlich ber die Deutschen
gedacht hat? - Aber er hat ber viele Dinge um sich herum nie deutlich
geredet und verstand sich zeitlebens auf das feine Schweigen: -
wahrscheinlich hatte er gute Grnde dazu. Gewiss ist, dass es nicht
"die Freiheitskriege" waren, die ihn freudiger aufblicken liessen,
so wenig als die franzsische Revolution, - das Ereigniss, um
dessentwillen er seinen Faust, ja das ganze Problem "Mensch" umgedacht
hat, war das Erscheinen Napoleon's. Es giebt Worte Goethe's, in denen
er, wie vom Auslande her, mit einer ungeduldigen Hrte ber Das
abspricht, was die Deutschen sich zu ihrem Stolze rechnen: das
berhmte deutsche Gemth definirt er einmal als "Nachsicht mit fremden
und eignen Schwchen". Hat er damit Unrecht? - es kennzeichnet die
Deutschen, dass man ber sie selten vllig Unrecht hat. Die deutsche
Seele hat Gnge und Zwischengnge in sich, es giebt in ihr Hhlen,
Verstecke, Burgverliesse; ihre Unordnung hat viel vom Reize des
Geheimnissvollen; der Deutsche versteht sich auf die Schleichwege
zum Chaos. Und wie jeglich Ding sein Gleichniss liebt, so liebt der
Deutsche die Wolken und Alles, was unklar, werdend, dmmernd, feucht
und verhngt ist: das Ungewisse, Unausgestaltete, Sich-Verschiebende,
Wachsende jeder Art fhlt er als "tief". Der Deutsche selbst ist
nicht, er wird, er "entwickelt sich". "Entwicklung" ist deshalb der
eigentlich deutsche Fund und Wurf im grossen Reich philosophischer
Formeln: - ein regierender Begriff, der, im Bunde mit deutschem Bier
und deutscher Musik, daran arbeitet, ganz Europa zu verdeutschen. Die
Auslnder stehen erstaunt und angezogen vor den Rthseln, die ihnen
die Widerspruchs-Natur im Grunde der deutschen Seele aufgiebt (welche
Hegel in System gebracht, Richard Wagner zuletzt noch in Musik
gesetzt hat). "Gutmthig und tckisch" - ein solches Nebeneinander,
widersinnig in Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich leider zu
oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter Schwaben! Die
Schwerflligkeit des deutschen Gelehrten, seine gesellschaftliche
Abgeschmacktheit vertrgt sich zum Erschrecken gut mit einer
innewendigen Seiltnzerei und leichten Khnheit, vor der bereits alle
Gtter das Frchten gelernt haben. Will man die "deutsche Seele" ad
oculos demonstrirt, so sehe man nur in den deutschen Geschmack, in
deutsche Knste und Sitten hinein: welche burische Gleichgltigkeit
gegen "Geschmack"! Wie steht da das Edelste und Gemeinste neben
einander! Wie unordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt!
Der Deutsche schleppt an seiner Seele; er schleppt an Allem, was
er erlebt. Er verdaut seine Ereignisse schlecht, er wird nie damit
"fertig"; die deutsche Tiefe ist oft nur eine schwere zgernde
"Verdauung". Und wie alle Gewohnheits-Kranken, alle Dyspeptiker den
Hang zum Bequemen haben, so liebt der Deutsche die "Offenheit" und
"Biederkeit": wie bequem ist es, offen und bieder zu sein! - Es ist
heute vielleicht die gefhrlichste und glcklichste Verkleidung, auf
die sich der Deutsche versteht, dies Zutrauliche, Entgegenkommende,
die-Karten-Aufdeckende der deutschen Redlichkeit: sie ist seine
eigentliche Mephistopheles-Kunst, mit ihr kann er es "noch weit
bringen"! Der Deutsche lsst sich gehen, blickt dazu mit treuen blauen
leeren deutschen Augen - und sofort verwechselt das Ausland ihn mit
seinem Schlafrocke! - Ich wollte sagen: mag die "deutsche Tiefe" sein,
was sie will, - ganz unter uns erlauben wir uns vielleicht ber sie zu
lachen? - wir thun gut, ihren Anschein und guten Namen auch frderhin
in Ehren zu halten und unsern alten Ruf, als Volk der Tiefe, nicht zu
billig gegen preussische "Schneidigkeit" und Berliner Witz und Sand zu
verussern. Es ist fr ein Volk klug, sich fr tief, fr ungeschickt,
fr gutmthig, fr redlich, fr unklug gelten zu machen, gelten zu
lassen: es knnte sogar - tief sein! Zuletzt: man soll seinem Namen
Ehre machen, - man heisst nicht umsonst das "tiusche" Volk, das
Tusche-Volk...


245.

Die "gute alte" Zeit ist dahin, in Mozart hat sie sich ausgesungen:
- wie glcklich wir, dass zu uns sein Rokoko noch redet, dass seine
"gute Gesellschaft", sein zrtliches Schwrmen, seine Kinderlust am
Chinesischen und Geschnrkelten, seine Hflichkeit des Herzens, sein
Verlangen nach Zierlichem, Verliebtem, Tanzendem, Thrnenseligem, sein
Glaube an den Sden noch an irgend einen Rest in uns appelliren darf!
Ach, irgend wann wird es einmal damit vorbei sein! - aber wer darf
zweifeln, dass es noch frher mit dem Verstehen und Schmecken
Beethoven's vorbei sein wird! - der ja nur der Ausklang eines
Stil-bergangs und Stil-Bruchs war und nicht, wie Mozart, der Ausklang
eines grossen Jahrhunderte langen europischen Geschmacks. Beethoven
ist das Zwischen-Begebniss einer alten mrben Seele, die bestndig
zerbricht, und einer zuknftigen berjungen Seele, welche bestndig
kommt; auf seiner Musik liegt jenes Zwielicht von ewigem Verlieren und
ewigem ausschweifendem Hoffen, - das selbe Licht, in welchem Europa
gebadet lag, als es mit Rousseau getrumt, als es um den Freiheitsbaum
der Revolution getanzt und endlich vor Napoleon beinahe angebetet
hatte. Aber wie schnell verbleicht jetzt gerade dies Gefhl, wie
schwer ist heute schon das Wissen um dies Gefhl, - wie fremd klingt
die Sprache jener Rousseau, Schiller, Shelley, Byron an unser Ohr, in
denen zusammen das selbe Schicksal Europa's den Weg zum Wort gefunden
hat, das in Beethoven zu singen wusste! - Was von deutscher Musik
nachher gekommen ist, gehrt in die Romantik, das heisst in
eine, historisch gerechnet, noch krzere, noch flchtigere, noch
oberflchlichere Bewegung, als es jener grosse Zwischenakt, jener
bergang Europa's von Rousseau zu Napoleon und zur Heraufkunft der
Demokratie war. Weber: aber was ist uns heute Freischtz und Oberon!
Oder Marschner's Hans Heiling und Vampyr! Oder selbst noch Wagner's
Tannhuser! Das ist verklungene, wenn auch noch nicht vergessene
Musik. Diese ganze Musik der Romantik war berdies nicht vornehm
genug, nicht Musik genug, um auch anderswo Recht zu behalten, als
im Theater und vor der Menge; sie war von vornherein Musik zweiten
Ranges, die unter wirklichen Musikern wenig in Betracht kam. Anders
stand es mit Felix Mendelssohn, jenem halkyonischen Meister, der um
seiner leichteren reineren beglckteren Seele willen schnell verehrt
und ebenso schnell vergessen wurde: als der schne Zwischenfall der
deutschen Musik. Was aber Robert Schumann angeht, der es schwer nahm
und von Anfang an auch schwer genommen worden ist - es ist der Letzte,
der eine Schule gegrndet hat -: gilt es heute unter uns nicht als
ein Glck, als ein Aufathmen, als eine Befreiung, dass gerade diese
Schumann'sche Romantik berwunden ist? Schumann, in die "schsische
Schweiz" seiner Seele flchtend, halb Wertherisch, halb Jean-Paulisch
geartet, gewiss nicht Beethovenisch! gewiss nicht Byronisch! - seine
Manfred-Musik ist ein Missgriff und Missverstndniss bis zum Unrechte
-, Schumann mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Geschmack
war, (nmlich ein gefhrlicher, unter Deutschen doppelt gefhrlicher
Hang zur stillen Lyrik und Trunkenboldigkeit des Gefhls), bestndig
bei Seite gehend, sich scheu verziehend und zurckziehend, ein edler
Zrtling, der in lauter anonymem Glck und Weh schwelgte, eine Art
Mdchen und noli me tangere von Anbeginn: dieser Schumann war bereits
nur noch ein deutsches Ereigniss in der Musik, kein europisches mehr,
wie Beethoven es war, wie, in noch umfnglicherem Maasse, Mozart es
gewesen ist, - mit ihm drohte der deutschen Musik ihre grsste Gefahr,
die Stimme fr die Seele Europa's zu verlieren und zu einer blossen
Vaterlnderei herabzusinken. -


246.

- Welche Marter sind deutsch geschriebene Bcher fr Den, der das
dritte Ohr hat! Wie unwillig steht er neben dem langsam sich drehenden
Sumpfe von Klngen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher bei
Deutschen ein "Buch" genannt wird! Und gar der Deutsche, der Bcher
liest! Wie faul, wie widerwillig, wie schlecht liest er! Wie viele
Deutsche wissen es und fordern es von sich zu wissen, dass Kunst in
jedem guten Satze steckt, - Kunst, die errathen sein will, sofern der
Satz verstanden sein will! Ein Missverstndniss ber sein Tempo zum
Beispiel: und der Satz selbst ist missverstanden! Dass man ber die
rhythmisch entscheidenden Silben nicht im Zweifel sein darf, dass man
die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt und als Reiz
fhlt, dass man jedem staccato, jedem rubato ein feines geduldiges Ohr
hinhlt, dass man den Sinn in der Folge der Vocale und Diphthongen
rth, und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich frben
und umfrben knnen: wer unter bcherlesenden Deutschen ist gutwillig
genug, solchergestalt Pflichten und Forderungen anzuerkennen und auf
so viel Kunst und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat zuletzt
eben "das Ohr nicht dafr": und so werden die strksten Gegenstze des
Stils nicht gehrt, und die feinste Knstlerschaft ist wie vor Tauben
verschwendet. - Dies waren meine Gedanken, als ich merkte, wie man
plump und ahnungslos zwei Meister in der Kunst der Prosa mit einander
verwechselte, Einen, dem die Worte zgernd und kalt herabtropfen, wie
von der Decke einer feuchten Hhle - er rechnet auf ihren dumpfen
Klang und Wiederklang - und einen Anderen, der seine Sprache wie
einen biegsamen Degen handhabt und vom Arme bis zur Zehe hinab das
gefhrliche Glck der zitternden berscharfen Klinge fhlt, welche
beissen, zischen, schneiden will. -


247.

Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und mit den Ohren zu thun
hat, zeigt die Thatsache, dass gerade unsre guten Musiker schlecht
schreiben. Der Deutsche liest nicht laut, nicht fr's Ohr, sondern
bloss mit den Augen: er hat seine Ohren dabei in's Schubfach gelegt.
Der antike Mensch las, wenn er las - es geschah selten genug - sich
selbst etwas vor, und zwar mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn
jemand leise las und fragte sich insgeheim nach Grnden. Mit lauter
Stimme: das will sagen, mit all den Schwellungen, Biegungen,
Umschlgen des Tons und Wechseln des Tempo's, an denen die antike
ffentliche Welt ihre Freude hatte. Damals waren die Gesetze des
Schrift-Stils die selben, wie die des Rede-Stils; und dessen Gesetze
hiengen zum Theil von der erstaunlichen Ausbildung, den raffinirten
Bedrfnissen des Ohrs und Kehlkopfs ab, zum andern Theil von der
Strke, Dauer und Macht der antiken Lunge. Eine Periode ist, im Sinne
der Alten, vor Allem ein physiologisches Ganzes, insofern sie von
Einem Athem zusammengefasst wird. Solche Perioden, wie sie bei
Demosthenes, bei Cicero vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal
absinkend und Alles innerhalb Eines Athemzugs: das sind Gensse fr
antike Menschen, welche die Tugend daran, das Seltene und Schwierige
im Vortrag einer solchen Periode, aus ihrer eignen Schulung zu
schtzen wussten: - wir haben eigentlich kein Recht auf die grosse
Periode, wir Modernen, wir Kurzathmigen in jedem Sinne! Diese Alten
waren ja insgesammt in der Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner,
folglich Kritiker, - damit trieben sie ihre Redner zum ussersten;
in gleicher Weise, wie im vorigen Jahrhundert, als alle
Italiner und Italinerinnen zu singen verstanden, bei ihnen das
Gesangs-Virtuosenthum (und damit auch die Kunst der Melodik -) auf die
Hhe kam. In Deutschland aber gab es (bis auf die jngste Zeit, wo
eine Art Tribnen-Beredtsamkeit schchtern und plump genug ihre jungen
Schwingen regt) eigentlich nur Eine Gattung ffentlicher und ungefhr
kunstmssiger Rede: das ist die von der Kanzel herab. Der Prediger
allein wusste in Deutschland, was eine Silbe, was ein Wort wiegt,
inwiefern ein Satz schlgt, springt, strzt, luft, ausluft, er
allein hatte Gewissen in seinen Ohren, oft genug ein bses Gewissen:
denn es fehlt nicht an Grnden dafr, dass gerade von einem Deutschen
Tchtigkeit in der Rede selten, fast immer zu spt erreicht wird.
Das Meisterstck der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise das
Meisterstck ihres grssten Predigers: die Bibel war bisher das beste
deutsche Buch. Gegen Luther's Bibel gehalten ist fast alles brige nur
"Litteratur" - ein Ding, das nicht in Deutschland gewachsen ist und
darum auch nicht in deutsche Herzen hinein wuchs und wchst: wie es
die Bibel gethan hat.


248.

Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor allem zeugt und
zeugen will, und ein andres, welches sich gern befruchten lsst und
gebiert. Und ebenso giebt es unter den genialen Vlkern solche, denen
das Weibsproblem der Schwangerschaft und die geheime Aufgabe des
Gestaltens, Ausreifens, Vollendens zugefallen ist - die Griechen zum
Beispiel waren ein Volk dieser Art, insgleichen die Franzosen -;
und andre, welche befruchten mssen und die Ursache neuer Ordnungen
des Lebens werden, - gleich den Juden, den Rmern und, in aller
Bescheidenheit gefragt, den Deutschen? - Vlker geqult und entzckt
von unbekannten Fiebern und unwiderstehlich aus sich herausgedrngt,
verliebt und lstern nach fremden Rassen (nach solchen, welche sich
"befruchten lassen" -) und dabei herrschschtig wie Alles, was sich
voller Zeugekrfte und folglich "von Gottes Gnaden" weiss. Diese
zwei Arten des Genie's suchen sich, wie Mann und Weib; aber sie
missverstehen auch einander, - wie Mann und Weib.


249.

Jedes Volk hat seine eigne Tartfferie, und heisst sie seine Tugenden.
- Das Beste, was man ist, kennt man nicht, - kann man nicht kennen.


250.

Was Europa den Juden verdankt? - Vielerlei, Gutes und Schlimmes, und
vor allem Eins, das vom Besten und Schlimmsten zugleich ist: den
grossen Stil in der Moral, die Furchtbarkeit und Majestt unendlicher
Forderungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik und
Erhabenheit der moralischen Fragwrdigkeiten - und folglich gerade
den anziehendsten, verfnglichsten und ausgesuchtesten Theil jener
Farbenspiele und Verfhrungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute
der Himmel unsrer europischen Cultur, ihr Abend-Himmel, glht, -
vielleicht verglht. Wir Artisten unter den Zuschauern und Philosophen
sind dafr den Juden - dankbar.


251.

Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen
Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will -,
mancherlei Wolken und Strungen ber den Geist ziehn, kurz, kleine
Anflle von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute
bald die antifranzsische Dummheit, bald die antijdische, bald
die antipolnische, bald die christlich-romantische, bald die
Wagnerianische, bald die teutonische, bald die preussische (man sehe
sich doch diese armen Historiker, diese Sybel und Treitzschke und ihre
dick verbundenen Kpfe an -), und wie sie Alle heissen mgen, diese
kleinen Benebelungen des deutschen Geistes und Gewissens. Mge man mir
verzeihn, dass auch ich, bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr
inficirtem Gebiete, nicht vllig von der Krankheit verschont blieb und
mir, wie alle Welt, bereits Gedanken ber Dinge zu machen anfieng,
die mich nichts angehn: erstes Zeichen der politischen Infektion. Zum
Beispiel ber die Juden: man hre. - Ich bin noch keinem Deutschen
begegnet, der den Juden gewogen gewesen wre; und so unbedingt
auch die Ablehnung der eigentlichen Antisemiterei von Seiten aller
Vorsichtigen und Politischen sein mag, so richtet sich doch auch diese
Vorsicht und Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefhls selber,
sondern nur gegen seine gefhrliche Unmssigkeit, insbesondere gegen
den abgeschmackten und schandbaren Ausdruck dieses unmssigen Gefhls,
- darber darf man sich nicht tuschen. Dass Deutschland reichlich
genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche Blut Noth hat
(und noch auf lange Noth haben wird), um auch nur mit diesem Quantum
"Jude" fertig zu werden - so wie der Italiner, der Franzose, der
Englnder fertig geworden sind, in Folge einer krftigeren Verdauung
-: das ist die deutliche Aussage und Sprache eines allgemeinen
Instinktes, auf welchen man hren, nach welchem man handeln muss.
"Keine neuen Juden mehr hinein lassen! Und namentlich nach dem Osten
(auch nach streich) zu die Thore zusperren!" also gebietet der
Instinkt eines Volkes, dessen Art noch schwach und unbestimmt ist,
so dass sie leicht verwischt, leicht durch eine strkere Rasse
ausgelscht werden knnte. Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die
strkste, zheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie
verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Bedingungen sich
durchzusetzen (besser sogar, als unter gnstigen), vermge irgend
welcher Tugenden, die man heute gern zu Lastern stempeln mchte, -
Dank, vor Allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den "modernen
Ideen" nicht zu schmen braucht; sie verndern sich, wenn sie sich
verndern, immer nur so, wie das russische Reich seine Eroberungen
macht, - als ein Reich, das Zeit hat und nicht von Gestern ist -:
nmlich nach dem Grundsatze "so langsam als mglich!" Ein Denker,
der die Zukunft Europa's auf seinem Gewissen hat, wird, bei allen
Entwrfen, welche er bei sich ber diese Zukunft macht, mit den
Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunchst sichersten und
wahrscheinlichsten Faktoren im grossen Spiel und Kampf der Krfte.
Das, was heute in Europa "Nation" genannt wird und eigentlich mehr
eine res facta als nata ist (ja mitunter einer res ficta et picta zum
Verwechseln hnlich sieht -), ist in jedem Falle etwas Werdendes,
Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein
solches aere perennius, wie es die Juden-Art ist: diese "Nationen"
sollten sich doch vor jeder hitzkpfigen Concurrenz und Feindseligkeit
sorgfltig in Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie wollten - oder,
wenn man sie dazu zwnge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen
-, jetzt schon das bergewicht, ja ganz wrtlich die Herrschaft ber
Europa haben knnten, steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten
und Plne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wnschen sie
vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, von Europa
ein- und aufgesaugt zu werden, sie drsten darnach, endlich irgendwo
fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem "ewigen
Juden" ein Ziel zu setzen -; und man sollte diesen Zug und Drang
(der vielleicht selbst schon eine Milderung der jdischen Instinkte
ausdrckt) wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht
ntzlich und billig wre, die antisemitischen Schreihlse des Landes
zu verweisen. Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl; ungefhr
so wie der englische Adel es thut. Es liegt auf der Hand, dass am
unbedenklichsten noch sich die strkeren und bereits fester geprgten
Typen des neuen Deutschthums mit ihnen einlassen knnten, zum Beispiel
der adelige Offizier aus der Mark: es wre von vielfachem Interesse,
zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst des Befehlens und
Gehorchens - in Beidem ist das bezeichnete Land heute klassisch -
das Genie des Geldes und der Geduld (und vor allem etwas Geist und
Geistigkeit, woran es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt -)
hinzuthun, hinzuzchten liesse. Doch hier ziemt es sich, meine heitere
Deutschthmelei und Festrede abzubrechen: denn ich rhre bereits an
meinen Ernst, an das "europische Problem", wie ich es verstehe, an
die Zchtung einer neuen ber Europa, regierenden Kaste. -


252.

Das ist keine philosophische Rasse - diese Englnder: Bacon bedeutet
einen Angriff auf den philosophischen Geist berhaupt, Hobbes,
Hume und Locke eine Erniedrigung und Werth-Minderung des Begriffs
"Philosoph" fr mehr als ein Jahrhundert. Gegen Hume erhob und hob
sich Kant; Locke war es, von dem Schelling sagen durfte: "je mprise
Locke"; im Kampfe mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertlpelung
waren Hegel und Schopenhauer (mit Goethe) einmthig, jene beiden
feindlichen Brder-Genies in der Philosophie, welche nach den
entgegengesetzten Polen des deutschen Geistes auseinander strebten und
sich dabei Unrecht thaten, wie sich eben nur Brder Unrecht thun. -
Woran es in England fehlt und immer gefehlt hat, das wusste jener
Halb-Schauspieler und Rhetor gut genug, der abgeschmackte Wirrkopf
Carlyle, welcher es unter leidenschaftlichen Fratzen zu verbergen
suchte, was er von sich selbst wusste: nmlich woran es in Carlyle
fehlte - an eigentlicher Macht der Geistigkeit, an eigentlicher Tiefe
des geistigen Blicks, kurz, an Philosophie. - Es kennzeichnet eine
solche unphilosophische Rasse, dass sie streng zum Christenthume hlt:
sie braucht seine Zucht zur "Moralisirung" und Veranmenschlichung.
Der Englnder, dsterer, sinnlicher, willensstrker und brutaler als
der Deutsche - ist eben deshalb, als der Gemeinere von Beiden, auch
frmmer als der Deutsche: er hat das Christenthum eben noch nthiger.
Fr feinere Nstern hat selbst dieses englische Christenthum noch
einen cht englischen Nebengeruch von Spleen und alkoholischer
Ausschweifung, gegen welche es aus guten Grnden als Heilmittel
gebraucht wird, - das feinere Gift nmlich gegen das grbere: eine
feinere Vergiftung ist in der That bei plumpen Vlkern schon ein
Fortschritt, eine Stufe zur Vergeistigung. Die englische Plumpheit
und Bauern-Ernsthaftigkeit wird durch die christliche Gebrdensprache
und durch Beten und Psalmensingen noch am ertrglichsten verkleidet,
richtiger: ausgelegt und umgedeutet; und fr jenes Vieh von
Trunkenbolden und Ausschweifenden, welches ehemals unter der Gewalt
des Methodismus und neuerdings wieder als "Heilsarmee" moralisch
grunzen lernt, mag wirklich ein Busskrampf die verhltnissmssig
hchste Leistung von "Humanitt" sein, zu der es gesteigert werden
kann: so viel darf man billig zugestehn. Was aber auch noch am
humansten Englnder beleidigt, das ist sein Mangel an Musik, im
Gleichniss (und ohne Gleichniss -) zu reden: er hat in den Bewegungen
seiner Seele und seines Leibes keinen Takt und Tanz, ja noch nicht
einmal die Begierde nach Takt und Tanz, nach "Musik". Man hre ihn
sprechen; man sehe die schnsten Englnderinnen gehn - es giebt in
keinem Lande der Erde schnere Tauben und Schwne, - endlich: man hre
sie singen! Aber ich verlange zu viel.....


253.

Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittelmssigen Kpfen erkannt
werden, weil sie ihnen am gemssesten sind, es giebt Wahrheiten, die
nur fr mittelmssige Geister Reize und Verfhrungskrfte besitzen
- - auf diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade jetzt
hingestossen, seitdem der Geist achtbarer, aber mittelmssiger
Englnder - ich nenne Darwin, John Stuart Mill und Herbert Spencer -
in der mittleren Region des europischen Geschmacks zum bergewicht
zu gelangen anhebt. In der That, wer mchte die Ntzlichkeit davon
anzweifeln, dass zeitweilig solche Geister herrschen? Es wre ein
Irrthum, gerade die hochgearteten und abseits fliegenden Geister
fr besonders geschickt zu halten, viele kleine gemeine Thatsachen
festzustellen, zu sammeln und in Schlsse zu drngen: - sie sind
vielmehr, als Ausnahmen, von vornherein in keiner gnstigen Stellung
zu den "Regeln". Zuletzt haben sie mehr zu thun, als nur zu erkennen
- nmlich etwas Neues zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werthe
darzustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Knnen ist vielleicht
grsser, auch unheimlicher als man denkt: der Knnende im grossen
Stil, der Schaffende wird mglicherweise ein Unwissender sein mssen,
- whrend andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der Art
Darwin's eine gewisse Enge, Drre und fleissige Sorglichkeit, kurz,
etwas Englisches nicht bel disponiren mag. - Vergesse man es zuletzt
den Englndern nicht, dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen
Durchschnittlichkeit eine Gesammt-Depression des europischen Geistes
verursacht haben: Das, was man "die modernen Ideen" oder "die Ideen
des achtzehnten Jahrhunderts" oder auch "die franzsischen Ideen"
nennt - Das also, wogegen sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel
erhoben hat -, war englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln.
Die Franzosen sind nur die Affen und Schauspieler dieser Ideen
gewesen, auch ihre besten Soldaten, insgleichen leider ihre ersten
und grndlichsten Opfer: denn an der verdammlichen Anglomanie der
"modernen Ideen" ist zuletzt die me franaise so dnn geworden
und abgemagert, dass man sich ihres sechszehnten und siebzehnten
Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen Kraft, ihrer
erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben erinnert. Man muss
aber diesen Satz historischer Billigkeit mit den Zhnen festhalten und
gegen den Augenblick und Augenschein vertheidigen: die europische
noblesse - des Gefhls, des Geschmacks, der Sitte, kurz, das Wort in
jedem hohen Sinne genommen - ist Frankreich's Werk und Erfindung, die
europische Gemeinheit, der Plebejismus der modernen Ideen -Englands.-


254.

Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistigsten und
raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe Schule des Geschmacks:
aber man muss dies "Frankreich des Geschmacks" zu finden wissen. Wer
zu ihm gehrt, hlt sich gut verborgen: - es mag eine kleine Zahl
sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, welche
nicht auf den krftigsten Beinen stehn, zum Theil Fatalisten,
Verdsterte, Kranke, zum Theil Verzrtelte und Verknstelte, solche,
welche den Ehrgeiz haben, sich zu verbergen. Etwas ist Allen gemein:
sie halten sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit und dem
lrmenden Maulwerk des demokratischen bourgeois. In der That wlzt
sich heut im Vordergrunde ein verdummtes und vergrbertes Frankreich,
- es hat neuerdings, bei dem Leichenbegngniss Victor Hugo's, eine
wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung
gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen gemeinsam: ein guter Wille,
sich der geistigen Germanisirung zu erwehren - und ein noch besseres
Unvermgen dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in diesem
Frankreich des Geistes, welches auch ein Frankreich des Pessimismus
ist, mehr zu Hause und heimischer geworden, als er es je in
Deutschland war; nicht zu reden von Heinrich Heine, der den feineren
und anspruchsvolleren Lyrikern von Paris lange schon in Fleisch und
Blut bergegangen ist, oder von Hegel, der heute in Gestalt Taine's
- das heisst des ersten lebenden Historikers - einen beinahe
tyrannischen Einfluss ausbt. Was aber Richard Wagner betrifft: je
mehr sich die franzsische Musik nach den wirklichen Bedrfnissen der
me moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie "wagnerisiren", das
darf man vorhersagen, - sie thut es jetzt schon genug! Es ist dennoch
dreierlei, was auch heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und
Eigen und als unverlornes Merkmal einer alten Cultur-berlegenheit
ber Europa aufweisen knnen, trotz aller freiwilligen oder
unfreiwilligen Germanisirung und Verpbelung des Geschmacks: einmal
die Fhigkeit zu artistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die
"Form", fr welche das Wort l'art pour l'art, neben tausend anderen,
erfunden ist: - dergleichen hat in Frankreich seit drei Jahrhunderten
nicht gefehlt und immer wieder, Dank der Ehrfurcht vor der "kleinen
Zahl", eine Art Kammermusik der Litteratur ermglicht, welche im
brigen Europa sich suchen lsst -. Das Zweite, worauf die Franzosen
eine berlegenheit ber Europa begrnden knnen, ist ihre alte
vielfache moralistische Cultur, welche macht, dass man im Durchschnitt
selbst bei kleinen romanciers der Zeitungen und zuflligen
boulevardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und Neugierde
findet, von der man zum Beispiel in Deutschland keinen Begriff
(geschweige denn die Sache!) hat. Den Deutschen fehlen dazu ein paar
Jahrhunderte moralistischer Art, welche, wie gesagt, Frankreich sich
nicht erspart hat; wer die Deutschen darum "naiv" nennt, macht ihnen
aus einem Mangel ein Lob zurecht. (Als Gegensatz zu der deutschen
Unerfahrenheit und Unschuld in voluptate psychologica, die mit der
Langweiligkeit des deutschen Verkehrs nicht gar zu fern verwandt ist,
- und als gelungenster Ausdruck einer cht franzsischen Neugierde
und Erfindungsgabe fr dieses Reich zarter Schauder mag Henri Beyle
gelten, jener merkwrdige vorwegnehmende und vorauslaufende Mensch,
der mit einem Napoleonischen Tempo durch sein Europa, durch mehrere
Jahrhunderte der europischen Seele lief, als ein Aussprer und
Entdecker dieser Seele: - es hat zweier Geschlechter bedurft, um
ihn irgendwie einzuholen, um einige der Rthsel nachzurathen, die
ihn qulten und entzckten, diesen wunderlichen Epicureer und
Fragezeichen-Menschen, der Frankreichs letzter grosser Psycholog war
-). Es giebt noch einen dritten Anspruch auf berlegenheit: im Wesen
der Franzosen ist eine halbwegs gelungene Synthesis des Nordens und
Sdens gegeben, welche sie viele Dinge begreifen macht und andre Dinge
thun heisst, die ein Englnder nie begreifen wird; ihr dem Sden
periodisch zugewandtes und abgewandtes Temperament, in dem von Zeit zu
Zeit das provenalische und ligurische Blut berschumt, bewahrt sie
vor dem schauerlichen nordischen Grau in Grau und der sonnenlosen
Begriffs-Gespensterei und Blutarmuth, - unsrer deutschen Krankheit des
Geschmacks, gegen deren bermaass man sich augenblicklich mit grosser
Entschlossenheit Blut und Eisen, will sagen: die "grosse Politik"
verordnet hat (gemss einer gefhrlichen Heilkunst, welche mich warten
und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt -). Auch jetzt noch
giebt es in Frankreich ein Vorverstndniss und ein Entgegenkommen fr
jene seltneren und selten befriedigten Menschen, welche zu umfnglich
sind, um in irgend einer Vaterlnderei ihr Genge zu finden und im
Norden den Sden, im Sden den Norden zu lieben wissen, - fr die
geborenen Mittellndler, die "guten Europer". - Fr sie hat Bizet
Musik gemacht, dieses letzte Genie, welches eine neue Schnheit und
Verfhrung gesehn, - der ein Stck Sden der Musik entdeckt hat.


255.

Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vorsicht fr geboten.
Gesetzt, dass Einer den Sden liebt, wie ich ihn liebe, als eine
grosse Schule der Genesung, im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine
unbndige Sonnenflle und Sonnen-Verklrung, welche sich ber ein
selbstherrliches, an sich glaubendes Dasein breitet: nun, ein Solcher
wird sich etwas vor der deutschen Musik in Acht nehmen lernen, weil
sie, indem sie seinen Geschmack zurck verdirbt, ihm die Gesundheit
mit zurck verdirbt. Ein solcher Sdlnder, nicht der Abkunft, sondern
dem Glauben nach, muss, falls er von der Zukunft der Musik trumt,
auch von einer Erlsung der Musik vom Norden trumen und das Vorspiel
einer tieferen, mchtigeren, vielleicht bseren und geheimnissvolleren
Musik in seinen Ohren haben, einer berdeutschen Musik, welche vor
dem Anblick des blauen wollstigen Meers und der mittellndischen
Himmels-Helle nicht verklingt, vergilbt, verblasst, wie es alle
deutsche Musik thut, einer bereuropischen Musik, die noch vor den
braunen Sonnen-Untergngen der Wste Recht behlt, deren Seele mit
der Palme verwandt ist und unter grossen schnen einsamen Raubthieren
heimisch zu sein und zu schweifen versteht..... Ich knnte mir eine
Musik denken, deren seltenster Zauber darin bestnde, dass sie von
Gut und Bse nichts mehr wsste, nur dass vielleicht irgend ein
Schiffer-Heimweh, irgend welche goldne Schatten und zrtliche
Schwchen hier und da ber sie hinwegliefen: eine Kunst, welche von
grosser Ferne her die Farben einer untergehenden, fast unverstndlich
gewordenen moralischen Welt zu sich flchten she, und die
gastfreundlich und tief genug zum Empfang solcher spten Flchtlinge
wre. -


256.

Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitts-Wahnsinn
zwischen die Vlker Europa's gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls
den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute
mit seiner Hlfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die
auseinanderlsende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur
Zwischenakts-Politik sein kann, - Dank Alledem und manchem heute ganz
Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen bersehn
oder willkrlich und lgenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht,
dass Europa Eins werden will. Bei allen tieferen und umfnglicheren
Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammt-Richtung
in der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele, den Weg zu jener neuen
Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den Europer der Zukunft
vorwegzunehmen: nur mit ihren Vordergrnden, oder in schwcheren
Stunden, etwa im Alter, gehrten sie zu den "Vaterlndern", - sie
ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie "Patrioten" wurden. Ich
denke an Menschen wie Napoleon, Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich
Heine, Schopenhauer: man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard
Wagner zu ihnen rechne, ber den man sich nicht durch seine eignen
Missverstndnisse verfhren lassen darf, - Genies seiner Art haben
selten das Recht, sich selbst zu verstehen. Noch weniger freilich
durch den ungesitteten Lrm, mit dem man sich jetzt in Frankreich
gegen Richard Wagner sperrt und wehrt: - die Thatsache bleibt
nichtsdestoweniger bestehen, dass die franzsische Spt-Romantik der
Vierziger Jahre und Richard Wagner auf das Engste und Innigste zu
einander, gehren. Sie sind sich in allen Hhen und Tiefen ihrer
Bedrfnisse verwandt, grundverwandt: Europa ist es, das Eine Europa,
dessen Seele sich durch ihre vielfltige und ungestme Kunst hinaus,
hinauf drngt und sehnt - wohin? in ein neues Licht? nach einer neuen
Sonne? Aber wer mchte genau aussprechen, was alle diese Meister neuer
Sprachmittel nicht deutlich auszusprechen wussten? Gewiss ist, dass
der gleiche Sturm und Drang sie qulte, dass sie auf gleiche Weise
suchten, diese letzten grossen Suchenden! Allesammt beherrscht von
der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren - die ersten Knstler
von weltlitterarischer Bildung - meistens sogar selber Schreibende,
Dichtende, Vermittler und Vermischer der Knste und der Sinne (Wagner
gehrt als Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker,
als Knstler berhaupt unter die Schauspieler); allesammt Fanatiker
des Ausdrucks "um jeden Preis" - ich hebe Delacroix hervor, den
Nchstverwandten Wagner's -, allesammt grosse Entdecker im Reiche
des Erhabenen, auch des Hsslichen und Grsslichen, noch grssere
Entdecker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst der
Schaulden, allesammt Talente weit ber ihr Genie hinaus -, Virtuosen
durch und durch, mit unheimlichen Zugngen zu Allem, was verfhrt,
lockt, zwingt, umwirft, geborene Feinde der Logik und der geraden
Linien, begehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Ungeheuren,
dem Krummen, dem Sich-Widersprechenden; als Menschen Tantalusse des
Willens, heraufgekommene Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen
eines vornehmen tempo, eines lento unfhig wussten, - man denke zum
Beispiel an Balzac - zgellose Arbeiter, beinahe Selbst-Zerstrer
durch Arbeit; Antinomisten und Aufrhrer in den Sitten, Ehrgeizige und
Unersttliche ohne Gleichgewicht und Genuss; allesammt zuletzt an dem
christlichen Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und das mit Fug
und Recht: denn wer von ihnen wre tief und ursprnglich genug
zu einer Philosophie des Antichrist gewesen? -) im Ganzen eine
verwegen-wagende, prachtvoll-gewaltsame, hochfliegende und hoch
emporreissende Art hherer Menschen, welche ihrem Jahrhundert - und es
ist das Jahrhundert der Menge! - den Begriff "hherer Mensch" erst zu
lehren hatte Mgen die deutschen Freunde Richard Wagner's darber mit
sich zu Rathe gehn, ob es in der Wagnerischen Kunst etwas schlechthin
Deutsches giebt, oder ob nicht gerade deren Auszeichnung ist,
aus berdeutschen Quellen und Antrieben zu kommen: wobei nicht
unterschtzt werden mag, wie zur Ausbildung seines Typus gerade Paris
unentbehrlich war, nach dem ihn in der entscheidendsten Zeit die
Tiefe seiner Instinkte verlangen hiess, und wie die ganze Art seines
Auftretens, seines Selbst-Apostolats erst Angesichts des franzsischen
Socialisten-Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird man, bei
einer feineren Vergleichung, zu Ehren der deutschen Natur Richard
Wagner's finden, dass er es in Allem strker, verwegener, hrter,
hher getrieben hat, als es ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts
treiben knnte, - Dank dem Umstande, dass wir Deutschen der Barbarei
noch nher stehen als die Franzosen -; vielleicht ist sogar das
Merkwrdigste, was Richard Wagner geschaffen hat, der ganzen so spten
lateinischen Rasse fr immer und nicht nur fr heute unzugnglich,
unnachfhlbar, unnachahmbar: die Gestalt des Siegfried, jenes sehr
freien Menschen, der in der That bei weitem zu frei, zu hart, zu
wohlgemuth, zu gesund, zu antikatholisch fr den Geschmack alter
und mrber Culturvlker sein mag. Er mag sogar eine Snde wider die
Romantik gewesen sein, dieser antiromanische Siegfried: nun, Wagner
hat diese Snde reichlich quitt gemacht, in seinen alten trben
Tagen, als er - einen Geschmack vorwegnehmend, der inzwischen Politik
geworden ist - mit der ihm eignen religisen Vehemenz den Weg nach
Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu predigen anfieng. - Damit man
mich, mit diesen letzten Worten, nicht missverstehe, will ich einige
krftige Reime zu Hlfe nehmen, welche auch weniger feinen Ohren es
verrathen werden, was ich will, - was ich gegen den "letzten Wagner"
und seine Parsifal-Musik will.

- Ist das noch deutsch? -

    Aus deutschem Herzen kam dies schwle Kreischen?
    Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Entfleischen?
    Deutsch ist dies Priester-Hndespreitzen,
    Dies weihrauch-dftelnde Sinne-Reizen?
    Und deutsch dies Stocken, Strzen, Taumeln,
    Dies ungewisse Bimbambaumeln?
    Dies Nonnen-ugeln, Ave-Glocken-Bimmeln,
    Dies ganze falsch verzckte Himmel-berhimmeln?

- Ist Das noch deutsch? -

    Erwgt! Noch steht ihr an der Pforte: -
    Denn, was ihr hrt, ist Rom, - Rom's Glaube ohne Worte!




Neuntes Hauptstck:

Was ist vornehm?

257.

Jede Erhhung des Typus "Mensch" war bisher das Werk einer
aristokratischen Gesellschaft - und so wird es immer wieder sein: als
einer Gesellschaft, welche an eine lange Leiter der Rangordnung und
Werthverschiedenheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei in
irgend einem Sinne nthig hat. Ohne das Pathos der Distanz, wie es
aus dem eingefleischten Unterschied der Stnde, aus dem bestndigen
Ausblick und Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthnige und
Werkzeuge und aus ihrer ebenso bestndigen bung im Gehorchen und
Befehlen, Nieder- und Fernhalten erwchst, knnte auch jenes andre
geheimnissvollere Pathos gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach
immer neuer Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die
Herausbildung immer hherer, seltnerer, fernerer, weitgespannterer,
umfnglicherer Zustnde, kurz eben die Erhhung des Typus "Mensch",
die fortgesetzte "Selbst-berwindung des Menschen", um eine moralische
Formel in einem bermoralischen Sinne zu nehmen. Freilich: man
darf sich ber die Entstehungsgeschichte einer aristokratischen
Gesellschaft (also der Voraussetzung jener Erhhung des Typus "Mensch"
-) keinen humanitren Tuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart.
Sagen wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede hhere Cultur auf
Erden angefangen hat! Menschen mit einer noch natrlichen Natur,
Barbaren in jedem furcht baren Verstande des Wortes, Raubmenschen,
noch im Besitz ungebrochner Willenskrfte und Macht-Begierden,
warfen sich auf schwchere, gesittetere, friedlichere, vielleicht
handeltreibende oder viehzchtende Rassen, oder auf alte mrbe
Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft in glnzenden
Feuerwerken von Geist und Verderbniss verflackerte. Die vornehme Kaste
war im Anfang immer die Barbaren-Kaste: ihr bergewicht lag nicht
vorerst in der physischen Kraft, sondern in der seelischen, - es waren
die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit bedeutet
als "die ganzeren Bestien").


258.

Corruption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb der Instinkte
Anarchie droht, und dass der Grundbau der Affekte, der "Leben" heisst,
erschttert ist: Corruption ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem
sie sich zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel eine
Aristokratie, wie die Frankreichs am Anfange der Revolution, mit
einem sublimen Ekel ihre Privilegien wegwirft und sich selbst einer
Ausschweifung ihres moralischen Gefhls zum Opfer bringt, so ist
dies Corruption: - es war eigentlich nur der Abschlussakt jener
Jahrhunderte dauernden Corruption, vermge deren sie Schritt fr
Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben und sich zur
Funktion des Knigthums (zuletzt gar zu dessen Putz und Prunkstck)
herabgesetzt hatte. Das Wesentliche an einer guten und gesunden
Aristokratie ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des
Knigthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als dessen Sinn und
hchste Rechtfertigung fhlt, - dass sie deshalb mit gutem Gewissen
das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu
unvollstndigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrckt und
vermindert werden mssen. Ihr Grundglaube muss eben sein, dass die
Gesellschaft nicht um der Gesellschaft willen dasein drfe, sondern
nur als Unterbau und Gerst, an dem sich eine ausgesuchte Art Wesen zu
ihrer hheren Aufgabe und berhaupt zu einem hheren Sein emporzuheben
vermag: vergleichbar jenen sonnenschtigen Kletterpflanzen auf Java -
man nennt sie Sipo Matador -, welche mit ihren Armen einen Eichbaum
so lange und oft umklammern, bis sie endlich, hoch ber ihm, aber auf
ihn gesttzt, in freiem Lichte ihre Krone entfalten und ihr Glck zur
Schau tragen knnen. -


259.

Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der Ausbeutung enthalten,
seinen Willen dem des Andern gleich setzen: dies kann in einem
gewissen groben Sinne zwischen Individuen zur guten Sitte
werden, wenn die Bedingungen dazu gegeben sind (nmlich deren
thatschliche hnlichkeit in Kraftmengen und Werthmaassen und ihre
Zusammengehrigkeit innerhalb Eines Krpers). Sobald man aber dies
Princip weiter nehmen wollte und womglich gar als Grundprincip
der Gesellschaft, so wrde es sich sofort erweisen als Das, was
es ist: als Wille zur Verneinung des Lebens, als Auflsungs- und
Verfalls-Princip. Hier muss man grndlich auf den Grund denken und
sich aller empfindsamen Schwchlichkeit erwehren: Leben selbst ist
wesentlich Aneignung, Verletzung, berwltigung des Fremden und
Schwcheren, Unterdrckung, Hrte, Aufzwngung eigner Formen,
Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber wozu
sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters
her eine verleumderische Absicht eingeprgt ist? Auch jener Krper,
innerhalb dessen, wie vorher angenommen wurde, die Einzelnen sich als
gleich behandeln - es geschieht in jeder gesunden Aristokratie -, muss
selber, falls er ein lebendiger und nicht ein absterbender Krper ist,
alles Das gegen andre Krper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm
gegen einander enthalten: er wird der leibhafte Wille zur Macht sein
mssen, er wird wachsen, um sich greifen, an sich ziehn, bergewicht
gewinnen wollen, - nicht aus irgend einer Moralitt oder Immoralitt
heraus, sondern weil erlebt, und weil Leben eben Wille zur Macht
ist. In keinem Punkte ist aber das gemeine Bewusstsein der Europer
widerwilliger gegen Belehrung, als hier; man schwrmt jetzt berall,
unter wissenschaftlichen Verkleidungen sogar, von kommenden Zustnden
der Gesellschaft, denen "der ausbeuterische Charakter" abgehn soll:
- das klingt in meinen Ohren, als ob man ein Leben zu erfinden
versprche, welches sich aller organischen Funktionen enthielte. Die
"Ausbeutung" gehrt nicht einer verderbten oder unvollkommnen und
primitiven Gesellschaft an: sie gehrt in's Wesen des Lebendigen, als
organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens
zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. - Gesetzt, dies ist
als Theorie eine Neuerung, - als Realitt ist es das Ur-Faktum aller
Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich! -


260.

Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und grberen Moralen,
welche bisher auf Erden geherrscht haben oder noch herrschen, fand ich
gewisse Zge regelmssig mit einander wiederkehrend und aneinander
geknpft: bis sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen, und
ein Grundunterschied heraussprang. Es giebt Herren-Moral und
Sklaven-Moral; - ich fge sofort hinzu, dass in allen hheren und
gemischteren Culturen auch Versuche der Vermittlung beider Moralen
zum Vorschein kommen, noch fter das Durcheinander derselben und
gegenseitige Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Nebeneinander
- sogar im selben Menschen, innerhalb Einer Seele. Die moralischen
Werthunterscheidungen sind entweder unter einer herrschenden Art
entstanden, welche sich ihres Unterschieds gegen die beherrschte mit
Wohlgefhl bewusst wurde, - oder unter den Beherrschten, den Sklaven
und Abhngigen jeden Grades. Im ersten Falle, wenn die Herrschenden es
sind, die den Begriff gut- bestimmen, sind es die erhobenen stolzen
Zustnde der Seele, welche als das Auszeichnende und die Rangordnung
Bestimmende empfunden werden. Der vornehme Mensch trennt die Wesen von
sich ab, an denen das Gegentheil solcher gehobener stolzer Zustnde
zum Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke sofort, dass in
dieser ersten Art Moral der Gegensatz "gut" und "schlecht" so viel
bedeutet wie "vornehm" und "verchtlich": - der Gegensatz "gut" und
"bse" ist anderer Herkunft. Verachtet wird der Feige, der ngstliche,
der Kleinliche, der an die enge Ntzlichkeit Denkende; ebenso der
Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die
Hunde-Art von Mensch, welche sich misshandeln lsst, der bettelnde
Schmeichler, vor Allem der Lgner: - es ist ein Grundglaube aller
Aristokraten, dass das gemeine Volk lgnerisch ist. "Wir Wahrhaftigen"
- so nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. Es liegt auf
der Hand, dass die moralischen Werthbezeichnungen berall zuerst auf
Menschen und erst abgeleitet und spt auf Handlungen gelegt worden
sind: weshalb es ein arger Fehlgriff ist, wenn Moral-Historiker
von Fragen den Ausgang nehmen wie "warum ist die mitleidige
Handlung gelobt worden?" Die vornehme Art Mensch fhlt sich als
werthbestimmend, sie hat nicht nthig, sich gutheissen zu lassen, sie
urtheilt "was mir schdlich ist, das ist an sich schdlich", sie weiss
sich als Das, was berhaupt erst Ehre den Dingen verleiht, sie ist
wertheschaffend. Alles, was sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche
Moral ist Selbstverherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefhl der
Flle, der Macht, die berstrmen will, das Glck der hohen Spannung,
das Bewusstsein eines Reichthums, der schenken und abgeben mchte: -
auch der vornehme Mensch hilft dem Unglcklichen, aber nicht oder fast
nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den der berfluss
von Macht erzeugt. Der vornehme Mensch ehrt in sich den Mchtigen,
auch Den, welcher Macht ber sich selbst hat, der zu reden und zu
schweigen versteht, der mit Lust Strenge und Hrte gegen sich bt und
Ehrerbietung vor allem Strengen und Hrten hat. "Ein hartes Herz legte
Wotan mir in die Brust" heisst es in einer alten skandinavischen Saga:
so ist es aus der Seele eines stolzen Wikingers heraus mit Recht
gedichtet. Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf, nicht zum
Mitleiden gemacht zu sein: weshalb der Held der Saga warnend hinzufgt
"wer jung schon kein hartes Herz hat, dem wird es niemals hart".
Vornehme und Tapfere, welche so denken, sind am entferntesten von
jener Moral, welche gerade im Mitleiden oder im Handeln fr Andere
oder im dsintressement das Abzeichen des Moralischen sieht;
der Glaube an sich selbst, der Stolz auf sich selbst, eine
Grundfeindschaft und Ironie gegen "Selbstlosigkeit" gehrt eben so
bestimmt zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschtzung und
Vorsicht vor den Mitgefhlen und dem "warmen Herzen". - Die Mchtigen
sind es, welche zu ehren verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der
Erfindung. Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Herkommen -
das ganze Recht steht auf dieser doppelten Ehrfurcht -, der Glaube und
das Vorurtheil zu Gunsten der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden
ist typisch in der Moral der Mchtigen; und wenn umgekehrt die
Menschen der "modernen Ideen" beinahe instinktiv an den "Fortschritt"
und die "Zukunft" glauben und der Achtung vor dem Alter immer mehr
ermangeln, so verrth sich damit genugsam schon die unvornehme
Herkunft dieser "Ideen". Am meisten ist aber eine Moral der
Herrschenden dem gegenwrtigen Geschmacke fremd und peinlich in der
Strenge ihres Grundsatzes, dass man nur gegen Seinesgleichen Pflichten
habe; dass man gegen die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles
Fremde nach Gutdnken oder "wie es das Herz will" handeln drfe und
jedenfalls "jenseits von Gut und Bse" -: hierhin mag Mitleiden und
dergleichen gehren. Die Fhigkeit und Pflicht zu langer Dankbarkeit
und langer Rache - beides nur innerhalb seines Gleichen -, die
Feinheit in der Wiedervergeltung, das Begriffs-Raffinement in der
Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit, Feinde zu haben (gleichsam
als Abzugsgrben fr die Affekte Neid Streitsucht bermuth, - im
Grunde, um gut freund sein zu knnen): Alles das sind typische
Merkmale der vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die Moral
der "modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer nachzufhlen,
auch schwer auszugraben und aufzudecken ist. - Es steht anders
mit dem zweiten Typus der Moral, der Sklaven-Moral. Gesetzt,
dass die Vergewaltigten, Gedrckten, Leidenden, Unfreien,
Ihrer-selbst-Ungewissen und Mden moralisiren: was wird das
Gleichartige ihrer moralischen Werthschtzungen sein? Wahrscheinlich
wird ein pessimistischer Argwohn gegen die ganze Lage des Menschen zum
Ausdruck kommen, vielleicht eine Verurtheilung des Menschen mitsammt
seiner Lage. Der Blick des Sklaven ist abgnstig fr die Tugenden
des Mchtigen: er hat Skepsis und Misstrauen, er hat Feinheit des
Misstrauens gegen alles "Gute", was dort geehrt wird -, er mchte sich
berreden, dass das Glck selbst dort nicht cht sei. Umgekehrt werden
die Eigenschaften hervorgezogen und mit Licht bergossen, welche dazu
dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden,
die gefllige hlfbereite Hand, das warme Herz, die Geduld, der
Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren -, denn das sind hier
die ntzlichsten Eigenschaften und beinahe die einzigen Mittel, den
Druck des Daseins auszuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich
Ntzlichkeits-Moral. Hier ist der Herd fr die Entstehung jenes
berhmten Gegensatzes "gut" und "bse": - in's Bse wird die Macht und
Gefhrlichkeit hinein empfunden, eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit
und Strke, welche die Verachtung nicht aufkommen lsst. Nach der
Sklaven-Moral erregt also der "Bse" Furcht; nach der Herren Moral ist
es gerade der "Gute", der Furcht erregt und erregen will, whrend der
"schlechte" Mensch als der verchtliche empfunden wird. Der Gegensatz
kommt auf seine Spitze, wenn sich, gemss der Sklavenmoral-Consequenz,
zuletzt nun auch an den "Guten" dieser Moral ein Hauch von
Geringschtzung hngt - sie mag leicht und wohlwollend sein -, weil
der Gute innerhalb der Sklaven-Denkweise jedenfalls der ungefhrliche
Mensch sein muss: er ist gutmthig, leicht zu betrgen, ein bischen
dumm vielleicht, un bonhomme. berall, wo die Sklaven-Moral zum
bergewicht kommt, zeigt die Sprache eine Neigung, die Worte "gut"
und "dumm" einander anzunhern. - Ein letzter Grundunterschied: das
Verlangen nach Freiheit, der Instinkt fr das Glck und die Feinheiten
des Freiheits-Gefhls gehrt ebenso nothwendig zur Sklaven-Moral und
-Moralitt, als die Kunst und Schwrmerei in der Ehrfurcht, in der
Hingebung das regelmssige Symptom einer aristokratischen Denk- und
Werthungsweise ist. - Hieraus lsst sich ohne Weiteres verstehn,
warum die Liebe als Passion - es ist unsre europische Spezialitt -
schlechterdings vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich gehrt ihre
Erfindung den provenalischen Ritter-Dichtern zu, jenen prachtvollen
erfinderischen Menschen des "gai saber", denen Europa so Vieles und
beinahe sich selbst verdankt. -


261.

Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen vielleicht am
schwersten zu begreifen sind, gehrt die Eitelkeit: er wird versucht
sein, sie noch dort zu leugnen, wo eine andre Art Mensch sie mit
beiden Hnden zu fassen meint. Das Problem ist fr ihn, sich Wesen
vorzustellen, die eine gute Meinung ber sich zu erwecken suchen,
welche sie selbst von sich nicht haben - und also auch nicht
"verdienen" -, und die doch hinterdrein an diese gute Meinung
selber glauben. Das erscheint ihm zur Hlfte so geschmacklos
und unehrerbietig vor sich selbst, zur andren Hlfte so
barock-unvernnftig, dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme
fassen mchte und sie in den meisten Fllen, wo man von ihr redet,
anzweifelt. Er wird zum Beispiel sagen: "ich kann mich ber meinen
Werth irren und andererseits doch verlangen, dass mein Werth gerade
so, wie ich ihn ansetze, auch von Andern anerkannt werde, - aber das
ist keine Eitelkeit (sondern Dnkel oder, in den hufigeren Fllen,
Das, was `Demuth`, auch `Bescheidenheit` genannt wird)." Oder auch:
"ich kann mich aus vielen Grnden ber die gute Meinung Anderer
freuen, vielleicht weil ich sie ehre und liebe und mich an jeder ihrer
Freuden erfreue, vielleicht auch weil ihre gute Meinung den Glauben
an meine eigne gute Meinung bei mir unterschreibt und krftigt,
vielleicht weil die gute Meinung Anderer, selbst in Fllen, wo ich
sie nicht theile, mir doch ntzt oder Nutzen verspricht, - aber das
ist Alles nicht Eitelkeit." Der vornehme Mensch muss es sich erst
mit Zwang, namentlich mit Hlfe der Historie, vorstellig machen,
dass, seit unvordenklichen Zeiten, in allen irgendwie abhngigen
Volksschichten der gemeine Mensch nur Das war, was er galt: - gar
nicht daran gewhnt, Werthe selbst anzusetzen, mass er auch sich
keinen andern Werth bei, als seine Herren ihm beimassen (es ist das
eigentliche Herrenrecht, Werthe zu schaffen). Mag man es als die Folge
eines ungeheuren Atavismus begreifen, dass der gewhnliche Mensch auch
jetzt noch immer erst auf eine Meinung ber sich wartet und sich dann
derselben instinktiv unterwirft: aber durchaus nicht bloss einer
"guten" Meinung, sondern auch einer schlechten und unbilligen (man
denke zum Beispiel an den grssten Theil der Selbstschtzungen und
Selbstunterschtzungen, welche glubige Frauen ihren Beichtvtern
ablernen, und berhaupt der glubige Christ seiner Kirche ablernt).
Thatschlich wird nun, gemss dem langsamen Heraufkommen der
demokratischen Ordnung der Dinge (und seiner Ursache, der
Blutvermischung von Herren und Sklaven), der ursprnglich vornehme und
seltne Drang, sich selbst von sich aus einen Werth zuzuschreiben und
von sich "gut zu denken", mehr und mehr ermuthigt und ausgebreitet
werden: aber er hat jeder Zeit einen lteren, breiteren und
grndlicher einverleibten Hang gegen sich, - und im Phnomene der
"Eitelkeit" wird dieser ltere Hang Herr ber den jngeren. Der Eitle
freut sich ber jede gute Meinung, die er ber sich hrt (ganz abseits
von allen Gesichtspunkten ihrer Ntzlichkeit, und ebenso abgesehn von
wahr und falsch), ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet:
denn er unterwirft sich beiden, er fhlt sich ihnen unterworfen, aus
jenem ltesten Instinkte der Unterwerfung, der an ihm ausbricht. - Es
ist "der Sklave" im Blute des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit
des Sklaven - und wie viel "Sklave" ist zum Beispiel jetzt noch im
Weibe rckstndig! welcher zu guten Meinungen ber sich zu verfhren
sucht; es ist ebenfalls der Sklave, der vor diesen Meinungen nachher
sofort selbst niederfllt, wie als ob er sie nicht hervorgerufen
htte. - Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein Atavismus.


262.

Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark unter dem langen
Kampfe mit wesentlich gleichen ungnstigen Bedingungen. Umgekehrt
weiss man aus den Erfahrungen der Zchter, dass Arten, denen eine
berreichliche Ernhrung und berhaupt ein Mehr von Schutz und
Sorgfalt zu Theil wird, alsbald in der strksten Weise zur Variation
des Typus neigen und reich an Wundern und Monstrositten (auch an
monstrsen Lastern) sind. Nun sehe man einmal ein aristokratisches
Gemeinwesen, etwa eine alte griechische Polis oder Venedig, als eine,
sei es freiwillige, sei es unfreiwillige Veranstaltung zum Zweck der
Zchtung an: es sind da Menschen bei einander und auf sich angewiesen,
welche ihre Art durchsetzen wollen, meistens, weil sie sich
durchsetzen mssen oder in furchtbarer Weise Gefahr laufen,
ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes bermaass, jener
Schutz, unter denen die Variation begnstigt ist; die Art hat sich
als Art nthig, als Etwas, das sich gerade vermge seiner Hrte,
Gleichfrmigkeit, Einfachheit der Form berhaupt durchsetzen und
dauerhaft machen kann, im bestndigen Kampfe mit den Nachbarn oder
mit den aufstndischen oder Aufstand drohenden Unterdrckten.
Die mannichfaltigste Erfahrung lehrt sie, welchen Eigenschaften
vornehmlich sie es verdankt, dass sie, allen Gttern und Menschen
zum Trotz, noch da ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese
Eigenschaften nennt sie Tugenden, diese Tugenden allein zchtet
sie gross. Sie thut es mit Hrte, ja sie will die Hrte; jede
aristokratische Moral ist unduldsam, in der Erziehung der Jugend, in
der Verfgung ber die Weiber, in den Ehesitten, im Verhltnisse von
Alt und jung, in den Strafgesetzen (welche allein die Abartenden
in's Auge fassen): - sie rechnet die Unduldsamkeit selbst unter die
Tugenden, unter dem Namen "Gerechtigkeit". Ein Typus mit wenigen, aber
sehr starken Zgen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer,
geschlossener und verschlossener Menschen (und als solche vom feinsten
Gefhle fr die Zauber und nuances der Societt) wird auf diese Weise
ber den Wechsel der Geschlechter hinaus festgestellt; der bestndige
Kampf mit immer gleichen ungnstigen Bedingungen ist, wie gesagt,
die Ursache davon, dass ein Typus fest und hart wird. Endlich aber
entsteht einmal eine Glckslage, die ungeheure Spannung lsst nach; es
giebt vielleicht keine Feinde mehr unter den Nachbarn, und die Mittel
zum Leben, selbst zum Genusse des Lebens sind berreichlich da. Mit
Einem Schlage reisst das Band und der Zwang der alten Zucht: sie fhlt
sich nicht mehr als nothwendig, als Dasein-bedingend, - wollte sie
fortbestehn, so knnte sie es nur als eine Form des Luxus, als
archaisirender Geschmack. Die Variation, sei es als Abartung (in's
Hhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und Monstrositt,
ist pltzlich in der grssten Flle und Pracht auf dem Schauplatz,
der Einzelne wagt einzeln zu sein und sich abzuheben. An diesen
Wendepunkten der Geschichte zeigt sich neben einander und oft
in einander verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches
urwaldhaftes Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tropisches Tempo
im Wetteifer des Wachsthums und ein ungeheures Zugrundegehen und
Sich-zu-Grunde-Richten, Dank den wild gegeneinander gewendeten,
gleichsam explodirenden Egoismen, welche "um Sonne und Licht" mit
einander ringen und keine Grenze, keine Zgelung, keine Schonung mehr
aus der bisherigen Moral zu entnehmen wissen. Diese Moral selbst war
es, welche die Kraft in's Ungeheure aufgehuft, die den Bogen auf
so bedrohliche Weise gespannt hat - - jetzt ist, jetzt wird sie
"berlebt". Der gefhrliche und unheimliche Punkt ist erreicht, wo
das grssere, vielfachere, umfnglichere Leben ber die alte Moral
hinweg lebt; das "Individuum" steht da, genthigt zu einer eigenen
Gesetzgebung, zu eigenen Knsten und Listen der Selbst-Erhaltung,
Selbst-Erhhung, Selbst-Erlsung. Lauter neue Wozu's, lauter neue
Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverstndniss und
Missachtung mit einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die
hchsten Begierden schauerlich verknotet, das Genie der Rasse
aus allen Fllhrnern des Guten und Schlimmen berquellend, ein
verhngnissvolles Zugleich von Frhling und Herbst, voll neuer Reize
und Schleier, die, der jungen, noch unausgeschpften, noch unermdeten
Verderbniss zu eigen sind. Wieder ist die Gefahr da, die Mutter der
Moral, die grosse Gefahr, dies Mal in's Individuum verlegt, in den
Nchsten und Freund, auf die Gasse, in's eigne Kind, in's eigne Herz,
in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch und Wille: was werden
jetzt die Moral-Philosophen zu predigen haben, die um diese
Zeit heraufkommen? Sie entdecken, diese scharfen Beobachter und
Eckensteher, dass es schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt
und verderben macht, dass Nichts bis bermorgen steht, Eine Art Mensch
ausgenommen, die unheilbar Mittelmssigen. Die Mittelmssigen allein
haben Aussicht, sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, - sie sind die
Menschen der Zukunft, die einzig berlebenden; "seid wie sie! werdet
mittelmssig!" heisst nunmehr die alleinige Moral, die noch Sinn hat,
die noch Ohren findet. - Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral
der Mittelmssigkeit! - sie darf es ja niemals eingestehn, was sie
ist und was sie will! sie muss von Maass und Wrde und Pflicht und
Nchstenliebe reden, - sie wird noth haben, die Ironie zu verbergen! -


263.

Es giebt einen Instinkt fr den Rang, welcher, mehr als Alles, schon
das Anzeichen eines hohen Ranges ist; es giebt eine Lust an den
Nuancen der Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten
rathen lsst. Die Feinheit, Gte und Hhe einer Seele wird gefhrlich
auf die Probe gestellt, wenn Etwas an ihr vorber geht, das ersten
Ranges ist, aber noch nicht von den Schaudern der Autoritt vor
zudringlichen Griffen und Plumpheiten gehtet wird: Etwas, das,
unabgezeichnet, unentdeckt, versuchend, vielleicht willkrlich
verhllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prfstein seines Weges
geht. Zu wessen Aufgabe und bung es gehrt, Seelen auszuforschen, der
wird sich in mancherlei Formen gerade dieser Kunst bedienen, um den
letzten Werth einer Seele, die unverrckbare eingeborne Rangordnung,
zu der sie gehrt, festzustellen: er wird sie auf ihren Instinkt der
Ehrfurcht hin auf die Probe stellen. Diffrence engendre haine: die
Gemeinheit mancher Natur sprtzt pltzlich wie schmutziges Wasser
hervor, wenn irgend ein heiliges Gefss, irgend eine Kostbarkeit aus
verschlossenen Schreinen, irgend ein Buch mit den Zeichen des grossen
Schicksals vorbergetragen wird; und andrerseits giebt es ein
unwillkrliches Verstummen, ein Zgern des Auges, ein Stillewerden
aller Gebrden, woran sich ausspricht, dass eine Seele die Nhe des
Verehrungswrdigsten fhlt. Die Art, mit der im Ganzen bisher die
Ehrfurcht vor der Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist
vielleicht das beste Stck Zucht und Verfeinerung der Sitte, das
Europa dem Christenthume verdankt: solche Bcher der Tiefe und der
letzten Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem Schutz eine von Aussen
kommende Tyrannei von Autoritt, um jene Jahrtausende von Dauer zu
gewinnen, welche nthig sind, sie auszuschpfen und auszurathen.
Es ist Viel erreicht, wenn der grossen Menge (den Flachen und
Geschwind-Drmen aller Art) jenes Gefhl endlich angezchtet ist, dass
sie nicht an Alles rhren drfe; dass es heilige Erlebnisse giebt, vor
denen sie die Schuhe auszuziehn und die unsaubere Hand fern zu halten
hat, - es ist beinahe ihre hchste Steigerung zur Menschlichkeit.
Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebildeten, den Glubigen der
"modernen Ideen", vielleicht Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel
an Scham, ihre bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der von
ihnen an Alles gerhrt, geleckt, getastet wird; und es ist mglich,
dass sich heut im Volke, im niedern Volke, namentlich unter Bauern,
immer noch mehr relative Vornehmheit des Geschmacks und Takt der
Ehrfurcht vorfindet, als bei der zeitunglesenden Halbwelt des Geistes,
den Gebildeten.


264.

Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine
Vorfahren am liebsten und bestndigsten gethan haben: ob sie etwa
emsige Sparer waren und Zubehr eines Schreibtisches und Geldkastens,
bescheiden und brgerlich in ihren Begierden, bescheiden auch in ihren
Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von frh bis spt gewhnt lebten,
rauhen Vergngungen hold und daneben vielleicht noch rauheren
Pflichten und Verantwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der
Geburt und des Besitzes irgendwann einmal geopfert haben, um ganz
ihrem Glauben - ihrem "Gotte" - zu leben, als die Menschen eines
unerbittlichen und zarten Gewissens, welches vor jeder Vermittlung
errthet. Es ist gar nicht mglich, dass ein Mensch nicht die
Eigenschaften und Vorlieben seiner Eltern und Altvordern im Leibe
habe: was auch der Augenschein dagegen sagen mag. Dies ist das Problem
der Rasse. Gesetzt, man kennt Einiges von den Eltern, so ist ein
Schluss auf das Kind erlaubt: irgend eine widrige Unenthaltsamkeit,
irgend ein Winkel-Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei - wie diese Drei
zusammen zu allen Zeiten den eigentlichen Pbel-Typus ausgemacht haben
- dergleichen muss auf das Kind so sicher bergehn, wie verderbtes
Blut; und mit Hlfe der besten Erziehung und Bildung wird man eben
nur erreichen, ber eine solche Vererbung zu tuschen. - Und was will
heute Erziehung und Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthmlichen,
will sagen pbelhaften Zeitalter muss "Erziehung" und "Bildung"
wesentlich die Kunst, zu tuschen, sein, - ber die Herkunft, den
vererbten Pbel in Leib und Seele hinweg zu tuschen. Ein Erzieher,
der heute vor Allem Wahrhaftigkeit predigte und seinen Zchtlingen
bestndig zuriefe "seid wahr! seid natrlich! gebt euch, wie ihr
seid!" - selbst ein solcher tugendhafter und treuherziger Esel wrde
nach einiger Zeit zu jener furca des Horaz greifen lernen, um naturam
expellere: mit welchem Erfolge? "Pbel" usque recurret. -


265.

Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergngt zu machen, stelle
ich hin: der Egoismus gehrt zum Wesen der vornehmen Seele, ich meine
jenen unverrckbaren Glauben, dass einem Wesen, wie "wir sind", andre
Wesen von Natur unterthan sein mssen und sich ihm zu opfern haben.
Die vornehme Seele nimmt diesen Thatbestand ihres Egoismus ohne jedes
Fragezeichen hin, auch ohne ein Gefhl von Hrte Zwang, Willkr darin,
vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge begrndet sein mag: -
suchte sie nach einem Namen dafr, so wrde sie sagen "es ist die
Gerechtigkeit selbst". Sie gesteht sich, unter Umstnden, die sie
anfangs zgern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte giebt;
sobald sie ber diese Frage des Rangs im Reinen ist, bewegt sie
sich unter diesen Gleichen und Gleichberechtigten mit der gleichen
Sicherheit in Scham und zarter Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit
sich selbst hat, - gemss einer eingebornen himmlischen Mechanik, auf
welche sich alle Sterne verstehn. Es ist ein Stck ihres Egoismus
mehr, diese Feinheit und Selbstbeschrnkung im Verkehre mit ihres
Gleichen - jeder Stern ist ein solcher Egoist -: sie ehrt sich in
ihnen und in den Rechten, welche sie an dieselben abgiebt, sie
zweifelt nicht, dass der Austausch von Ehren und Rechten als Wesen
alles Verkehrs ebenfalls zum naturgemssen Zustand der Dinge gehrt.
Die vornehme Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem leidenschaftlichen
und reizbaren Instinkte der Vergeltung heraus, welcher auf ihrem
Grunde liegt. Der Begriff "Gnade" hat inter pares keinen Sinn und
Wohlgeruch; es mag eine sublime Art geben, Geschenke von Oben her
gleichsam ber sich ergehen zu lassen und wie Tropfen durstig
aufzutrinken: aber fr diese Kunst und Gebrde hat die vornehme Seele
kein Geschick. Ihr Egoismus hindert sie hier: sie blickt ungern
berhaupt nach "Oben", - sondern entweder vor sich, horizontal und
langsam, oder hinab: - sie weiss sich in der Hhe.-


266.

"Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht selbst _sucht_". -
Goethe an Rath Schlosser.


267.

Es giebt ein Sprchwort bei den Chinesen, das die Mtter schon
ihre Kinder lehren: siao-sin "mache dein Herz klein!" Dies ist der
eigentliche Grundhang in spten Civilisationen: ich zweifle nicht,
dass ein antiker Grieche auch an uns Europern von Heute zuerst die
Selbstverkleinerung herauserkennen wrde, - damit allein schon giengen
wir ihm "wider den Geschmack". -


268.

Was ist zuletzt die Gemeinheit? - Worte sind Tonzeichen fr Begriffe;
Begriffe aber sind mehr oder weniger bestimmte Bildzeichen fr
oft wiederkehrende und zusammen kommende Empfindungen, fr
Empfindungs-Gruppen. Es gengt noch nicht, um sich einander zu
verstehen, dass man die selben Worte gebraucht: man muss die selben
Worte auch fr die selbe Gattung innerer Erlebnisse gebrauchen, man
muss zuletzt seine Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb
verstehen sich die Menschen Eines Volkes besser unter einander, als
Zugehrige verschiedener Vlker, selbst wenn sie sich der gleichen
Sprache bedienen; oder vielmehr, wenn Menschen lange unter hnlichen
Bedingungen (des Klima's, des Bodens, der Gefahr, der Bedrfnisse, der
Arbeit) zusammen gelebt haben, so entsteht daraus Etwas, das "sich
versteht", ein Volk. In allen Seelen hat eine gleiche Anzahl oft
wiederkehrender Erlebnisse die Oberhand gewonnen ber seltner
kommende: auf sie hin versteht man sich, schnell und immer
schneller - die Geschichte der Sprache ist die Geschichte eines
Abkrzungs-Prozesses -; auf dies schnelle Verstehen hin verbindet man
sich, enger und immer enger. Je grsser die Gefhrlichkeit, um so
grsser ist das Bedrfniss, schnell und leicht ber Das, was noth
thut, bereinzukommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn, das
ist es, was die Menschen zum Verkehre schlechterdings nicht entbehren
knnen. Noch bei jeder Freundschaft oder Liebschaft macht man diese
Probe: Nichts derart hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass
Einer von Beiden bei gleichen Worten anders fhlt, meint, wittert,
wnscht, frchtet, als der Andere. (Die Furcht vor dem "ewigen
Missverstndniss": das ist jener wohlwollende Genius, der Personen
verschiedenen Geschlechts so oft von bereilten Verbindungen
abhlt, zu denen Sinne und Herz rathen - und nicht irgend ein
Schopenhauerischer "Genius der Gattung" -!) Welche Gruppen von
Empfindungen innerhalb einer Seele am schnellsten wach werden, das
Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet ber die gesammte
Rangordnung ihrer Werthe, das bestimmt zuletzt ihre Gtertafel. Die
Werthschtzungen eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner
Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigentliche Noth
sieht. Gesetzt nun, dass die Noth von jeher nur solche Menschen
einander angenhert hat, welche mit hnlichen Zeichen hnliche
Bedrfnisse, hnliche Erlebnisse andeuten konnten, so ergiebt sich
im Ganzen, dass die leichte Mittheilbarkeit der Noth, dass heisst im
letzten Grunde das Erleben von nur durchschnittlichen und gemeinen
Erlebnissen, unter allen Gewalten, welche ber den Menschen bisher
verfgt haben, die gewaltigste gewesen sein muss. Die hnlicheren,
die gewhnlicheren Menschen waren und sind immer im Vortheile, die
Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren, schwerer Verstndlichen bleiben
leicht allein, unterliegen, bei ihrer Vereinzelung, den Unfllen und
pflanzen sich selten fort. Man muss ungeheure Gegenkrfte anrufen,
um diesen natrlichen, allzunatrlichen progressus in simile,
die Fortbildung des Menschen in's hnliche, Gewhnliche,
Durchschnittliche, Heerdenhafte - in's Gemeine! - zu kreuzen.


269.

Je mehr ein Psycholog - ein geborner, ein unvermeidlicher Psycholog
und Seelen-Errather - sich den ausgesuchteren Fllen und Menschen
zukehrt, um so grsser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken:
er hat Hrte und Heiterkeit nthig, mehr als ein andrer Mensch. Die
Verderbniss, das Zugrundegehen der hheren Menschen, der fremder
gearteten Seelen ist nmlich die Regel: es ist schrecklich, eine
solche Regel immer vor Augen zu haben. Die vielfache Marter des
Psychologen, der dieses Zugrundegehen entdeckt hat, der diese gesammte
innere "Heillosigkeit" des hheren Menschen, dieses ewige "Zu spt!"
in jedem Sinne, erst einmal und dann fast immer wieder entdeckt, durch
die ganze Geschichte hindurch, - kann vielleicht eines Tages zur
Ursache davon werden, dass er mit Erbitterung sich gegen sein eignes
Loos wendet und einen Versuch der Selbst-Zerstrung macht, - dass
er selbst "verdirbt". Man wird fast bei jedem Psychologen eine
verrtherische Vorneigung und Lust am Umgange mit alltglichen und
wohlgeordneten Menschen wahrnehmen: daran verrth sich, dass er immer
einer Heilung bedarf, dass er eine Art Flucht und Vergessen braucht,
weg von dem, was ihm seine Einblicke und Einschnitte, was ihm
sein "Handwerk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem
Gedchtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile Anderer leicht
zum Verstummen: er hrt mit einem unbewegten Gesichte zu, wie dort
verehrt, bewundert, geliebt, verklrt wird, wo er gesehen hat,
- oder er verbirgt noch sein Verstummen, indem er irgend einer
Vordergrunds-Meinung ausdrcklich zustimmt. Vielleicht geht die
Paradoxie seiner Lage so weit in's Schauerliche, dass die Menge, die
Gebildeten, die Schwrmer gerade dort, wo er das grosse Mitleiden
neben der grossen Verachtung gelernt hat, ihrerseits die grosse
Verehrung lernen, - die Verehrung fr "grosse Mnner" und
Wunderthiere, um derentwillen man das Vaterland, die Erde, die Wrde
der Menschheit, sich selber segnet und in Ehren hlt, auf welche man
die Jugend hinweist, hinerzieht.... Und wer weiss, ob sich nicht
bisher in allen grossen Fllen eben das Gleiche begab: dass die Menge
einen Gott anbetete, - und dass der "Gott" nur ein armes Opferthier
war! Der Erfolg war immer der grsste Lgner, und das "Werk" selbst
ist ein Erfolg; der grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist
in seine Schpfungen verkleidet, bis in's Unerkennbare; das "Werk",
das des Knstlers, des Philosophen, erfindet erst Den, welcher es
geschaffen hat, geschaffen haben soll; die "grossen Mnner", wie sie
verehrt werden, sind kleine schlechte Dichtungen hinterdrein; in der
Welt der geschichtlichen Werthe herrscht die Falschmnzerei. Diese
grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset, Poe, Leopardi,
Kleist, Gogol, - so wie sie nun einmal sind, vielleicht sein mssen:
Menschen der Augenblicke, begeistert, sinnlich, kindskpfisch, im
Misstrauen und Vertrauen leichtfertig und pltzlich; mit Seelen,
an denen gewhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft mit
ihren Werken Rache nehmend fr eine innere Besudelung, oft mit ihren
Aufflgen Vergessenheit suchend vor einem allzutreuen Gedchtniss, oft
in den Schlamm verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtern
um die Smpfe herum gleich werden und sich zu Sternen verstellen -
das Volk nennt sie dann wohl Idealisten -, oft mit einem langen Ekel
kmpfend, mit einem wiederkehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt
macht und sie zwingt, nach gloria zu schmachten und den "Glauben an
sich" aus den Hnden berauschter Schmeichler zu fressen: - welche
Marter sind diese grossen Knstler und berhaupt die hheren Menschen
fr Den, der sie einmal errathen hat! Es ist so begreiflich, dass
sie gerade vom Weibe - welches hellseherisch ist in der Welt des
Leidens und leider auch weit ber seine Krfte hinaus hlf- und
rettungsschtig - so leicht jene Ausbrche unbegrenzten hingebendsten
Mitleids erfahren, welche die Menge, vor Allem die verehrende Menge,
nicht versteht und mit neugierigen und selbstgeflligen Deutungen
berhuft. Dieses Mitleiden tuscht sich regelmssig ber seine Kraft;
das Weib mchte glauben, dass Liebe Alles vermag, - es ist sein
eigentlicher Glaube. Ach, der Wissende des Herzens errth, wie arm,
dumm, hlflos, anmaaslich, fehlgreifend, leichter zerstrend als
rettend auch die beste tiefste Liebe ist! - Es ist mglich, dass
unter der heiligen Fabel und Verkleidung von Jesu Leben einer der
schmerzlichsten Flle vom Martyrium des Wissens um die Liebe verborgen
liegt: das Martyrium des unschuldigsten und begehrendsten Herzens, das
an keiner Menschen-Liebe je genug hatte, das Liebe, Geliebt-werden und
Nichts ausserdem verlangte, mit Hrte, mit Wahnsinn, mit furchtbaren
Ausbrchen gegen Die, welche ihm Liebe verweigerten; die Geschichte
eines armen Ungesttigten und Unersttlichen in der Liebe, der die
Hlle erfinden musste, um Die dorthin zu schicken, welche ihn nicht
lieben wollten, - und der endlich, wissend geworden ber menschliche
Liebe, einen Gott erfinden musste, der ganz Liebe, ganz Lieben- knnen
ist, - der sich der Menschen-Liebe erbarmt, weil sie gar so armselig,
so unwissend ist! Wer so fhlt, wer dergestalt um die Liebe weiss -,
sucht den Tod. - Aber warum solchen schmerzlichen Dingen nachhngen?
Gesetzt, dass man es nicht muss. -


270.

Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, der tief gelitten hat -
es bestimmt beinahe die Rangordnung, wie tief Menschen leiden knnen
-, seine schaudernde Gewissheit, von der er ganz durchtrnkt und
gefrbt ist, vermge seines Leidens mehr zu wissen, als die Klgsten
und Weisesten wissen knnen, in vielen fernen entsetzlichen Welten
bekannt und einmal "zu Hause" gewesen zu sein, von denen "ihr nichts
wisst!"....... dieser geistige schweigende Hochmuth des Leidenden,
dieser Stolz des Auserwhlten der Erkenntniss, des "Eingeweihten",
des beinahe Geopferten findet alle Formen von Verkleidung nthig, um
sich vor der Berhrung mit zudringlichen und mitleidigen Hnden und
berhaupt vor Allem, was nicht Seinesgleichen im Schmerz ist, zu
schtzen. Das tiefe Leiden macht vornehm; es trennt. Eine der feinsten
Verkleidungs-Formen ist der Epicureismus und eine gewisse frderhin
zur Schau getragene Tapferkeit des Geschmacks, welche das Leiden
leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige und Tiefe zur Wehre
setzt. Es giebt "heitere Menschen", welche sich der Heiterkeit
bedienen, weil sie um ihretwillen missverstanden werden: - sie wollen
missverstanden sein. Es giebt "wissenschaftliche Menschen", welche
sich der Wissenschaft bedienen, weil dieselbe einen heiteren Anschein
giebt, und weil Wissenschaftlichkeit darauf schliessen lsst, dass
der Mensch oberflchlich ist: - sie wollen zu einem falschen Schlusse
verfhren. Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und
verleugnen mchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare Herzen
sind; und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske fr ein
unseliges allzugewisses Wissen. - Woraus sich ergiebt, dass es zur
feineren Menschlichkeit gehrt, Ehrfurcht "vor der Maske" zu haben und
nicht an falscher Stelle Psychologie und Neugierde zu treiben.


271.

Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein verschiedener Sinn
und Grad der Reinlichkeit. Was hilft alle Bravheit und gegenseitige
Ntzlichkeit, was hilft aller guter Wille fr einander: zuletzt bleibt
es dabei - sie "knnen sich nicht riechen!" Der hchste Instinkt der
Reinlichkeit stellt den mit ihm Behafteten in die wunderlichste und
gefhrlichste Vereinsamung, als einen Heiligen: denn eben das ist
Heiligkeit - die hchste Vergeistigung des genannten Instinktes.
Irgend ein Mitwissen um eine unbeschreibliche Flle im Glck des
Bades, irgend eine Brunst und Durstigkeit, welche die Seele bestndig
aus der Nacht in den Morgen und aus dem Trben, der "Trbsal", in's
Helle, Glnzende, Tiefe, Feine treibt -: eben so sehr als ein solcher
Hang auszeichnet - es ist ein vornehmer Hang -, trennt er auch. -
Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem Schmutz des
Menschlichen, Allzumenschlichen. Und es giebt Grade und Hhen, wo
das Mitleiden selbst von ihm als Verunreinigung, als Schmutz gefhlt
wird.....


272.

Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre Pflichten zu
Pflichten fr Jedermann herabzusetzen; die eigne Verantwortlichkeit
nicht abgeben wollen, nicht theilen wollen; seine Vorrechte und deren
Ausbung unter seine Pflichten rechnen.


273.

Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet Jedermann, dem er auf
seiner Bahn begegnet, entweder als Mittel oder als Verzgerung und
Hemmniss - oder als zeitweiliges Ruhebett. Seine ihm eigenthmliche
hochgeartete Gte gegen Mitmenschen ist erst mglich, wenn er auf
seiner Hhe ist und herrscht. Die Ungeduld und sein Bewusstsein, bis
dahin immer zur Komdie verurtheilt zu sein - denn selbst der Krieg
ist eine Komdie und verbirgt, wie jedes Mittel den Zweck verbirgt -,
verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch kennt die Einsamkeit und
was sie vom Giftigsten an sich hat.


274.

Das Problem der Wartenden. - Es sind Glcksflle dazu nthig und
vielerlei Unberechenbares, dass ein hherer Mensch, in dem die Lsung
eines Problems schlft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt - "zum
Ausbruch", wie man sagen knnte. Es geschieht durchschnittlich nicht,
und in allen Winkeln der Erde sitzen Wartende, die es kaum wissen,
in wiefern sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten.
Mitunter auch kommt der Weckruf zu spt, jener Zufall, der die
"Erlaubniss" zum Handeln giebt, - dann, wenn bereits die beste Jugend
und Kraft zum Handeln durch Stillsitzen verbraucht ist; und wie
Mancher fand, eben als er "aufsprang", mit Schrecken seine Glieder
eingeschlafen und seinen Geist schon zu schwer! "Es ist zu spt" -
sagte er sich, unglubig ber sich geworden und nunmehr fr immer
unntz. - Sollte, im Reiche des Genie's, der "Raffael ohne Hnde",
das Wort im weitesten Sinn verstanden, vielleicht nicht die Ausnahme,
sondern die Regel sein? - Das Genie ist vielleicht gar nicht so
selten: aber die fnfhundert Hnde, die es nthig hat, um den kairs,
"die rechte Zeit" - zu tyrannisiren, um den Zufall am Schopf zu
fassen!


275.

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, blickt um so schrfer
nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist - und verrth sich
selbst damit.


276.

Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die niedere und grbere
Seele besser daran, als die vornehmere: die Gefahren der letzteren
mssen grsser sein, ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglckt
und zu Grunde geht, ist sogar, bei der Vielfachheit ihrer
Lebensbedingungen, ungeheuer. - Bei einer Eidechse wchst ein Finger
nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim Menschen. -


277.

- Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! Wenn man sich sein Haus
fertig gebaut hat, merkt man, unversehens Etwas dabei gelernt zu
haben, das man schlechterdings htte wissen mssen, bevor man zu
bauen - anfieng. Das ewige leidige "Zu spt!" - Die Melancholie alles
Fertigen!.....


278.

- Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines Weges gehn, ohne Hohn,
ohne Liebe, mit unerrathbaren Augen; feucht und traurig wie ein
Senkblei, das ungesttigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen
- was suchte es da unten? -, mit einer Brust, die nicht seufzt, mit
einer Lippe, die ihren Ekel verbirgt, mit einer Hand, die nur noch
langsam greift: wer bist du? was thatest du? Ruhe dich hier aus: diese
Stelle ist gastfreundlich fr Jedermann, - erhole dich! Und wer du
auch sein magst: was gefllt dir jetzt? Was dient dir zur Erholung?
Nenne es nur: was ich habe, biete ich dir an! - "Zur Erholung? Zur
Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich
bitte - -" Was? Was? sprich es aus! - "Eine Maske mehr! Eine zweite
Maske!".....


279.

Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, wenn sie glcklich
sind: sie haben eine Art, das Glck zu fassen, wie als ob sie es
erdrcken und ersticken mchten, aus Eifersucht, - ach, sie wissen zu
gut, dass es ihnen davonluft!


280.

"Schlimm! Schlimm! Wie? geht er nicht - zurck?" - Ja! Aber ihr
versteht ihn schlecht, wenn ihr darber klagt. Er geht zurck, wie
jeder, der einen grossen Sprung thun will. - -


281.

- "Wird man es mir glauben? aber ich verlange, dass man mir es glaubt:
ich habe immer nur schlecht an mich, ber mich gedacht, nur in ganz
seltnen Fllen, nur gezwungen, immer ohne Lust `zur Sache`, bereit,
von `Mir` abzuschweifen, immer ohne Glauben an das Ergebniss,
Dank einem unbezwinglichen Misstrauen gegen die Mglichkeit der
Selbst-Erkenntniss, das mich so weit gefhrt hat, selbst am Begriff
`unmittelbare Erkenntniss`, welchen sich die Theoretiker erlauben,
eine contradictio in adjecto zu empfinden: - diese ganze Thatsache
ist beinahe das Sicherste, was ich ber mich weiss. Es muss eine Art
Widerwillen in mir geben, etwas Bestimmtes ber mich zu glauben.
- Steckt darin vielleicht ein Rthsel? Wahrscheinlich; aber
glcklicherweise keins fr meine eigenen Zhne. - Vielleicht verrth
es die species, zu der ich gehre? - Aber nicht mir: wie es mir selbst
erwnscht genug ist."


282.

"Aber was ist dir begegnet?" - "Ich weiss es nicht, sagte er zgernd;
vielleicht sind mir die Harpyien ber den Tisch geflogen." - Es kommt
heute bisweilen vor, dass ein milder mssiger zurckhaltender Mensch
pltzlich rasend wird, die Teller zerschlgt, den Tisch umwirft,
schreit, tobt, alle Welt beleidigt - und endlich bei Seite geht,
beschmt, wthend ber sich, - wohin? wozu? Um abseits zu verhungern?
Um an seiner Erinnerung zu ersticken? - Wer die Begierden einer hohen
whlerischen Seele hat und nur selten seinen Tisch gedeckt, seine
Nahrung bereit findet, dessen Gefahr wird zu allen Zeiten gross sein:
heute aber ist sie ausserordentlich. In ein lrmendes und pbelhaftes
Zeitalter hineingeworfen, mit dem er nicht aus Einer Schssel essen
mag, kann er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich
dennoch "zugreift" - vor pltzlichem Ekel zu Grunde gehn. - Wir
haben wahrscheinlich Alle schon an Tischen gesessen, wo wir nicht
hingehrten; und gerade die Geistigsten von uns, die am schwersten
zu ernhren sind, kennen jene gefhrliche dyspepsia, welche aus
einer pltzlichen Einsicht und Enttuschung ber unsre Kost und
Tischnachbarschaft entsteht, - den Nachtisch-Ekel.


283.

Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbeherrschung, gesetzt,
dass man berhaupt loben will, immer nur da zu loben, wo man nicht
bereinstimmt: - im andern Falle wrde man ja sich selbst loben, was
wider den guten Geschmack geht - freilich eine Selbstbeherrschung, die
einen artigen Anlass und Anstoss bietet, um bestndig missverstanden
zu werden. Man muss, um sich diesen wirklichen Luxus von Geschmack und
Moralitt gestatten zu drfen, nicht unter Tlpeln des Geistes leben,
vielmehr unter Menschen, bei denen Missverstndnisse und Fehlgriffe
noch durch ihre Feinheit belustigen, - oder man wird es theuer bssen
mssen! - "Er lobt mich: also giebt er mir Recht" - diese Eselei von
Schlussfolgerung verdirbt uns Einsiedlern das halbe Leben, denn es
bringt die Esel in unsre Nachbarschaft und Freundschaft.


284.

Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; immer jenseits -.
Seine Affekte, sein Fr und Wider willkrlich haben und nicht haben,
sich auf sie herablassen, fr Stunden; sich auf sie setzen, wie auf
Pferde, oft wie auf Esel: - man muss nmlich ihre Dummheit so gut
wie ihr Feuer zu ntzen wissen. Seine dreihundert Vordergrnde sich
bewahren; auch die schwarze Brille: denn es giebt Flle, wo uns
Niemand in die Augen, noch weniger in unsre "Grnde" sehn darf. Und
jenes spitzbbische und heitre Laster sich zur Gesellschaft whlen,
die Hflichkeit. Und Herr seiner vier Tugenden bleiben, des Muthes,
der Einsicht, des Mitgefhls, der Einsamkeit. Denn die Einsamkeit ist
bei uns eine Tugend, als ein sublimer Hang und Drang der Reinlichkeit,
welcher errth, wie es bei Berhrung von Mensch und Mensch -
"in Gesellschaft" - unvermeidlich-unreinlich zugehn muss. Jede
Gemeinschaft macht, irgendwie, irgendwo, irgendwann - "gemein".


285.

Die grssten Ereignisse und Gedanken - aber die grssten Gedanken
sind die grssten Ereignisse - werden am sptesten begriffen: die
Geschlechter, welche mit ihnen gleichzeitig sind, erleben solche
Ereignisse nicht, - sie leben daran vorbei. Es geschieht da Etwas, wie
im Reich der Sterne. Das Licht der fernsten Sterne kommt am sptesten
zu den Menschen; und bevor es nicht angekommen ist, leugnet der
Mensch, dass es dort - Sterne giebt. "Wie viel Jahrhunderte braucht
ein Geist, um begriffen zu werden?" - das ist auch ein Maassstab,
damit schafft man auch eine Rangordnung und Etiquette, wie sie noth
thut: fr Geist und Stern. -


286.

"Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben". - Es giebt aber eine
umgekehrte Art von Menschen, welche auch auf der Hhe ist und auch die
Aussicht frei hat - aber hinab blickt.


287.

- Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch das Wort "vornehm"?
Woran verrth sich, woran erkennt man, unter diesem schweren
verhngten Himmel der beginnenden Pbelherrschaft, durch den Alles
undurchsichtig und bleiern wird, den vornehmen Menschen? - Es sind
nicht die Handlungen, die ihn beweisen, - Handlungen sind immer
vieldeutig, immer unergrndlich -; es sind auch die "Werke" nicht. Man
findet heute unter Knstlern und Gelehrten genug von Solchen, welche
durch ihre Werke verrathen, wie eine tiefe Begierde nach dem Vornehmen
hin sie treibt: aber gerade dies Bedrfniss nach dem Vornehmen ist von
Grund aus verschieden von den Bedrfnissen der vornehmen Seele selbst,
und geradezu das beredte und gefhrliche Merkmal ihres Mangels. Es
sind nicht die Werke, es ist der Glaube, der hier entscheidet, der
hier die Rangordnung feststellt, um eine alte religise Formel in
einem neuen und tieferen Verstande wieder aufzunehmen: irgend eine
Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele ber sich selbst hat,
Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden und vielleicht auch nicht
verlieren lsst.- Die vornehme Seele hat Ehrfurcht vor sich.-


288.

Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben,
sie mgen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hnde vor
die verrtherischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verrther
wre! -): schliesslich kommt es immer heraus, dass sie Etwas haben,
das sie verbergen, nmlich Geist. Eins der feinsten Mittel, um
wenigstens so lange als mglich zu tuschen und sich mit Erfolg dmmer
zu stellen als man ist - was im gemeinen Leben oft so wnschenswerth
ist wie ein Regenschirm -, heisst Begeisterung: hinzugerechnet, was
hinzu gehrt, zum Beispiel Tugend. Denn, wie Galiani sagt, der es
wissen musste -: vertu est enthousiasme.


289.

Man hrt den Schriften eines Einsiedlers immer auch Etwas von dem
Wiederhall der de, Etwas von dem Flstertone und dem scheuen
Umsichblicken der Einsamkeit an; aus seinen strksten Worten, aus
seinem Schrei selbst klingt noch eine neue und gefhrlichere Art
des Schweigens, Verschweigens heraus. Wer Jahraus, Jahrein und Tags
und Nachts allein mit seiner Seele im vertraulichen Zwiste und
Zwiegesprche zusammengesessen hat, wer in seiner Hhle - sie kann
ein Labyrinth, aber auch ein Goldschacht sein - zum Hhlenbr oder
Schatzgrber oder Schatzwchter und Drachen wurde: dessen Begriffe
selber erhalten zuletzt eine eigne Zwielicht-Farbe, einen Geruch
ebenso sehr der Tiefe als des Moders, etwas Unmittheilsames und
Widerwilliges, das jeden Vorbergehenden kalt anblst. Der Einsiedler
glaubt nicht daran, dass jemals ein Philosoph - gesetzt, dass ein
Philosoph immer vorerst ein Einsiedler war - seine eigentlichen und
letzten Meinungen in Bchern ausgedrckt habe: schreibt man nicht
gerade Bcher, um zu verbergen, was man bei sich birgt? - ja er
wird zweifeln, ob ein Philosoph "letzte und eigentliche" Meinungen
berhaupt haben knne, ob bei ihm nicht hinter jeder Hhle noch eine
tiefere Hhle liege, liegen msse - eine umfnglichere fremdere
reichere Welt ber einer Oberflche, ein Abgrund hinter jedem
Grunde, unter jeder "Begrndung". Jede Philosophie ist eine
Vordergrunds-Philosophie - das ist ein Einsiedler-Urtheil: "es ist
etwas Willkrliches daran, dass er hier stehen blieb, zurckblickte,
sich umblickte, dass er hier nicht mehr tiefer grub und den Spaten
weglegte, - es ist auch etwas Misstrauisches daran." Jede Philosophie
verbirgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein Versteck,
jedes Wort auch eine Maske.


290.

Jeder tiefe Denker frchtet mehr das Verstanden-werden, als das
Missverstanden-werden. Am Letzteren leidet vielleicht seine Eitelkeit;
am Ersteren aber sein Herz, sein Mitgefhl, welches immer spricht:
"ach, warum wollt ihres auch so schwer haben, wie ich?"


291.

Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, knstliches und
undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger durch Kraft als
durch List und Klugheit unheimlich, hat das gute Gewissen erfunden, um
seine Seele einmal als einfach zu geniessen; und die ganze Moral ist
eine beherzte lange Flschung, vermge deren berhaupt ein Genuss im
Anblick der Seele mglich wird. Unter diesem Gesichtspunkte gehrt
vielleicht viel Mehr in den Begriff "Kunst" hinein, als man gemeinhin
glaubt.


292.

Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der bestndig ausserordentliche
Dinge erlebt, sieht, hrt, argwhnt, hofft, trumt; der von seinen
eignen Gedanken wie von Aussen her, wie von Oben und Unten her, als
von seiner Art Ereignissen und Blitzschlgen getroffen wird; der
selbst vielleicht ein Gewitter ist, welches mit neuen Blitzen
schwanger geht; ein verhngnissvoller Mensch, um den herum es immer
grollt und brummt und klafft und unheimlich zugeht. Ein Philosoph:
ach, ein Wesen, das oft von sich davon luft, oft vor sich Furcht hat,
- aber zu neugierig ist, um nicht immer wieder zu sich zu kommen......


293.

Ein Mann, der sagt: "das gefllt mir, das nehme ich zu eigen und will
es schtzen und gegen Jedermann vertheidigen"; ein Mann, der eine
Sache fhren, einen Entschluss durchfhren, einem Gedanken Treue
wahren, ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und niederwerfen
kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert hat, und dem die
Schwachen, Leidenden, Bedrngten, auch die Thiere gern zufallen und
von Natur zugehren, kurz ein Mann, der von Natur Herr ist, - wenn ein
solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat Werth! Aber was
liegt am Mitleiden Derer, welche leiden! Oder Derer, welche gar
Mitleiden predigen! Es giebt heute fast berall in Europa eine
krankhafte Empfindlichkeit und Reizbarkeit fr Schmerz, insgleichen
eine widrige Unenthaltsamkeit in der Klage, eine Verzrtlichung,
welche sich mit Religion und philosophischem Krimskrams zu etwas
Hherem aufputzen mchte, - es giebt einen frmlichen Cultus des
Leidens. Die Unmnnlichkeit dessen, was in solchen Schwrmerkreisen
"Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, immer zuerst in die
Augen. - Man muss diese neueste Art des schlechten Geschmacks krftig
und grndlich in den Bann thun; und ich wnsche endlich, dass man
das gute Amulet "gai saber" sich dagegen um Herz und Hals lege, -
"frhliche Wissenschaft", um es den Deutschen zu verdeutlichen.


294.

Das olympische Laster. - Jenem Philosophen zum Trotz, der als chter
Englnder dem Lachen bei allen denkenden Kpfen eine ble Nachrede zu
schaffen suchte - "das Lachen ist ein arges Gebreste der menschlichen
Natur, welches jeder denkende Kopf zu berwinden bestrebt sein wird"
(Hobbes) -, wrde ich mir sogar eine Rangordnung der Philosophen
erlauben, je nach dem Range ihres Lachens - bis hinauf zu denen, die
des goldnen Gelchters fhig sind. Und gesetzt, dass auch Gtter
philosophiren, wozu mich mancher Schluss schon gedrngt hat -, so
zweifle ich nicht, dass sie dabei auch auf eine bermenschliche und
neue Weise zu lachen wissen - und auf Unkosten aller ernsten Dinge!
Gtter sind spottlustig: es scheint, sie knnen selbst bei heiligen
Handlungen das Lachen nicht lassen.


295.

Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Verborgene hat, der
Versucher-Gott und geborene Rattenfnger der Gewissen, dessen Stimme
bis in die Unterwelt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht
ein Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine Rcksicht
und Falte der Lockung lge, zu dessen Meisterschaft es gehrt, dass er
zu scheinen versteht - und nicht Das, was er ist, sondern was Denen,
die ihm folgen, ein Zwang mehr ist, um sich immer nher an ihn zu
drngen, um ihm immer innerlicher und grndlicher zu folgen: - das
Genie des Herzens, das alles Laute und Selbstgefllige verstummen
macht und horchen lehrt, das die rauhen Seelen glttet und ihnen ein
neues Verlangen zu kosten giebt, - still zu liegen wie ein Spiegel,
dass sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele -; das Genie des
Herzens, das die tlpische und berrasche Hand zgern und zierlicher
greifen lehrt; das den verborgenen und vergessenen Schatz, den Tropfen
Gte und ssser Geistigkeit unter trbem dickem Eise errth und eine
Wnschelruthe fr jedes Korn Goldes ist, welches lange im Kerker
vielen Schlamms und Sandes begraben lag; das Genie des Herzens,
von dessen Berhrung jeder reicher fortgeht, nicht begnadet und
berrascht, nicht wie von fremdem Gute beglckt und bedrckt, sondern
reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, von einem
Thauwinde angeweht und ausgehorcht, unsicherer vielleicht, zrtlicher
zerbrechlicher zerbrochener, aber voll Hoffnungen, die noch keinen
Namen haben, voll neuen Willens und Strmens, voll neuen Unwillens und
Zurckstrmens...... aber was thue ich, meine Freunde? Von wem rede
ich zu euch? Vergass ich mich soweit, dass ich euch nicht einmal
seinen Namen nannte? es sei denn, dass ihr nicht schon von selbst
erriethet, wer dieser fragwrdige Geist und Gott ist, der in solcher
Weise gelobt sein will. Wie es nmlich einem jeden ergeht, der von
Kindesbeinen an immer unterwegs und in der Fremde war, so sind auch
mir manche seltsame und nicht ungefhrliche Geister ber den Weg
gelaufen, vor Allem aber der, von dem ich eben sprach, und dieser
immer wieder, kein Geringerer nmlich, als der Gott Dionysos, jener
grosse Zweideutige und Versucher Gott, dem ich einstmals, wie ihr
wisst, in aller Heimlichkeit und Ehrfurcht meine Erstlinge dargebracht
habe - als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein Opfer dargebracht
hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden htte, was ich damals
that. Inzwischen lernte ich Vieles, Allzuvieles ber die Philosophie
dieses Gottes hinzu, und, wie gesagt, von Mund zu Mund, - ich, der
letzte jnger und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich drfte wohl
endlich einmal damit anfangen, euch, meinen Freunden, ein Wenig, so
weit es mir erlaubt ist, von dieser Philosophie zu kosten zu geben?
Mit halber Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um
mancherlei Heimliches, Neues, Fremdes, Wunderliches, Unheimliches.
Schon dass Dionysos ein Philosoph ist, und dass also auch Gtter
philosophiren, scheint mir eine Neuigkeit, welche nicht unverfnglich
ist und die vielleicht gerade unter Philosophen Misstrauen erregen
mchte, - unter euch, meine Freunde, hat sie schon weniger gegen sich,
es sei denn, dass sie zu spt und nicht zur rechten Stunde kommt:
denn ihr glaubt heute ungern, wie man mir verrathen hat, an Gott
und Gtter. Vielleicht auch, dass ich in der Freimthigkeit meiner
Erzhlung weiter gehn muss, als den strengen Gewohnheiten eurer Ohren
immer liebsam ist? Gewisslich gieng der genannte Gott bei dergleichen
Zwiegesprchen weiter, sehr viel weiter, und war immer um viele
Schritt mir voraus.... ja ich wrde, falls es erlaubt wre, ihm nach
Menschenbrauch schne feierliche Prunk- und Tugendnamen beizulegen,
viel Rhmens von seinem Forscher- und Entdecker-Muthe, von seiner
gewagten Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu machen
haben. Aber mit all diesem ehrwrdigen Plunder und Prunk weiss ein
solcher Gott nichts anzufangen. "Behalte dies, wrde er sagen, fr
dich und deines Gleichen und wer sonst es nthig hat! Ich - habe
keinen Grund, meine Blsse zu decken!" - Man errth: es fehlt dieser
Art von Gottheit und Philosophen vielleicht an Scham? - So sagte er
einmal: "unter Umstnden liebe ich den Menschen - und dabei spielte er
auf Ariadne an, die zugegen war -: der Mensch ist mir ein angenehmes
tapferes erfinderisches Thier, das auf Erden nicht seines Gleichen
hat, es findet sich in allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm
gut: ich denke oft darber nach, wie ich ihn noch vorwrts bringe und
ihn strker, bser und tiefer mache, als er ist." - "Strker, bser
und tiefer?" fragte ich erschreckt. "Ja, sagte er noch Ein Mal,
strker, bser und tiefer; auch schner" - und dazu lchelte der
Versucher-Gott mit seinem halkyonischen Lcheln, wie als ob er eben
eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier zugleich: es
fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham -; und es giebt berhaupt
gute Grnde dafr, zu muthmaassen, dass in einigen Stcken die Gtter
insgesammt bei uns Menschen in die Schule gehn knnten. Wir Menschen
sind - menschlicher...


296.

Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken!
Es ist nicht lange her, da wart ihr noch so bunt, jung und boshaft,
voller Stacheln und geheimer Wrzen, dass ihr mich niesen und lachen
machtet - und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit ausgezogen, und
einige von euch sind, ich frchte es, bereit, zu Wahrheiten zu werden:
so unsterblich sehn sie bereits aus, so herzbrechend rechtschaffen,
so langweilig! Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben
und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chnesischem Pinsel, wir
Verewiger der Dinge, welche sich schreiben lassen, was vermgen wir
denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk werden
will und anfngt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende und
erschpfte Gewitter und gelbe spte Gefhle! Ach, immer nur Vgel,
die sich mde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen
lassen, - mit unserer Hand! Wir verewigen, was nicht mehr lange leben
und fliegen kann, mde und mrbe Dinge allein! Und nur euer Nachmittag
ist es, ihr meine geschriebenen und gemalten Gedanken, fr den allein
ich Farben habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zrtlichkeiten und
fnfzig Gelbs und Brauns und Grns und Roths: - aber Niemand errth
mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr pltzlichen Funken
und Wunder meiner Einsamkeit, ihr meine alten geliebten - - schlimmen
Gedanken!



Aus hohen Bergen.

Nachgesang.

    Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit!
    Oh Sommergarten!
    Unruhig Glck im Stehn und Sphn und Warten: -
    Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,
    Wo bleibt ihr Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!

    War's nicht fr euch, dass sich des Gletschers Grau
    Heut schmckt mit Rosen?
    Euch sucht der Bach, sehnschtig drngen, stossen
    Sich Wind und Wolke hher heut in's Blau,
    Nach euch zu sphn aus fernster Vogel-Schau.

    Im Hchsten ward fr euch mein Tisch gedeckt -
    Wer wohnt den Sternen
    So nahe, wer des Abgrunds grausten Fernen?
    Mein Reich - welch Reich hat weiter sich gereckt?
    Und meinen Honig - wer hat ihn geschmeckt?....

    - Da _seid_ ihr, Freunde! - Weh, doch _ich_ bin's nicht,
    Zu dem ihr wolltet?
    Ihr zgert, staunt - ach, dass ihr lieber grolltet!
    Ich - bin's nicht mehr? Vertauscht Hand, Schritt, Gesicht?
    Und was ich bin, euch Freunden - bin ich's nicht?

    Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd?
    Mir selbst entsprungen?
    Ein Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen?
    Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,
    Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt?

    Ich suchte, wo der Wind am schrfsten weht?
    Ich lernte wohnen,
    Wo Niemand wohnt, in den Eisbr-Zonen,
    Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet?
    Ward zum Gespenst, das ber Gletscher geht?

    - Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich,
    Voll Lieb' und Grausen!
    Nein, geht! Zrnt nicht! Hier - knntet _ihr_ nicht hausen:
    Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich -
    Hier muss man Jger sein und gemsengleich.

    Ein _schlimmer_ Jger ward ich! - Seht, wie steil
    Gespannt mein Bogen!
    Der Strkste war's, der solchen Zug gezogen--:
    Doch wehe nun! Gefhrlich ist _der_ Pfeil,
    Wie _kein_ Pfeil, - fort von hier! Zu eurem Heil!.....

    Ihr wendet euch? - Oh Herz, du trugst genung,
    Stark blieb dein Hoffen:
    Halt _neuen_ Freunden deine Thren offen!
    Die alten lass! Lass die Erinnerung!
    Warst einst du jung, jetzt - bist du besser jung!

    Was je uns knpfte, Einer Hoffnung Band, -
    Wer liest die Zeichen,
    Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die bleichen?
    Dem Pergament vergleich ich's, das die Hand
    zu fassen _scheut_, - ihm gleich verbrunt, verbrannt.

    Nicht Freunde mehr, das sind - wie nenn' ich's doch? -
    Nur Freunds-Gespenster!
    Das klopft mir wohl noch Nachts an Herz und Fenster,
    Das sieht mich an und spricht: "wir _waren's_ doch?"--
    Oh welkes Wort, das einst wie Rosen roch!

    Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand!
    Die _ich_ ersehnte,
    Die ich mir selbst verwandt-verwandelt whnte,
    Dass _alt_ sie wurden, hat sie weggebannt:
    Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.

    Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit!
    Oh Sommergarten!
    Unruhig Glck im Stehn und Sphn und Warten!
    Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit,
    Der _neuen_ Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!

    _Dies_ Lied ist aus, - der Sehnsucht ssser Schrei
    Erstarb im Munde:
    Ein Zaubrer that's, der Freund zur rechten Stunde,
    Der Mittags-Freund - nein! fragt nicht, wer es sei -
    Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei...

    Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,
    Das Fest der Feste:
    Freund _Zarathustra_ kam, der Gast der Gste!
    Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
    Die Hochzeit kam fr Licht und Finsterniss...




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, JENSEITS VON GUT UND BOSE ***

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