The Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1, by 
Wilhelm Hauff

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V1

Author: Wilhelm Hauff

Posting Date: September 25, 2014 [EBook #6890]
Release Date: November, 2004
First Posted: February 7, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN DES SATAN V1 ***




Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
Proofreading Team.










WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN



ERSTER TEIL.

EINLEITUNG.


  Marte, e' rassembra te, qualor dal quinto
  Cielo, di ferro scendi, e d'orror cinto.
               Tasso, befr. Jerusalem, V. 44.




ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.


Wer, wie der Herausgeber und bersetzer vorliegender merkwrdiger
Aktenstcke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war
und in dem schnen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird
gewi diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht
gerade das angenehmste, das man fhren kann, angenehm zu machen. Feine
Weine, gute Tafel, schne Zimmer htte man auch sonst wohl dort
gefunden, seltener, gewi sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich
erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,
einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und
dennoch schlang sich in jenen glcklichen Tagen ein so zartes, enges
Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner
den andern kannte oder seine nhere Verhltnisse zu wissen wnschte,
nie fr mglich gehalten htte.

Der schne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser
Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit
des Gemts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen fr die Gesellschaft
beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung
einem sonderbaren, mir nachher hchst merkwrdigen Manne zuschreiben
zu mssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor
Anker gelegen; htte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren
nicht gesehen hatte, auf den fnfundzwanzigsten oder dreiigsten
bestellt, ich wre nicht mehr lnger geblieben; denn die
schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war
anstndig, freundlich sogar, aber kalt. Man lie einander an der Seite
liegen, wenig bekmmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man
einander die schnen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die
Saladire darzubieten habe, wute jeder, aber das Genie, ich meine,
der Geist" wies sich nicht gehrig an der Tafel, noch weniger nachher
aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor
dem Hotel hinab und dachte nach ber meine Forderungen an die Menschen
berhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und
Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen ber
das Steinpflaster der engen Seitenstrae und hielt gerade unter meinem
Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens lie auf eine elegante Herrschaft
schlieen. Sonderbar war es brigens, da weder auf dem Bock, noch
hinten im Kabriolett ein Diener sa, was doch eigentlich zu den vier
Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepat
htte.

Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen mssen,"
dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des groen
stattlichen Oberkellners, der den Schlag ffnete.

Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltnende Mnnerstimme.

So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine groe, schlanke Gestalt schlpfte schnell aus dem Wagen und trat
in die Halle.

Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean
und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter
heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er
hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschttelt.

Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, wer war
denn--"

Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefllige und trat bald
darauf in mein Zimmer.

Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; ein schwerer Wagen
mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, ganz sonderbar,
ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,
denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein
Englnder von Profession, haben alle etwas Apartes."

Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich
schickte.

Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete
jener; haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wute zu meinem Verdru im Augenblicke nichts; er ging und lie
mich mit meinen Konjekturen ber den Einsamen im achtsitzigen Wagen
allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlpfte der Kellner an mir
vorber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum
gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor
mich hintrat, mir solche prsentierend.

v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. Hat er noch keine
Bedienung?" fragte ich.

Nein," war die Antwort, er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn
aber weder aus= noch ankleiden drfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon
niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenber sa Herr
von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir
jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nhe sah.

Das Gesicht war schn, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von
glnzendem Schwarz, die weien Zhne, von den feingespaltenen Lippen
oft enthllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weien Wsche.
War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb
schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lcheln, das ganz leise in dem
Mundwinkel anfngt und wie ein Wlkchen um die feingebogene Nase zu
dem mutwilligen Auge hinaufzieht, frh gereifte und unter dem Sturm
der Leidenschaften verblhte Jugend zu verraten; bald glaubte man
einen Mann von schon vorgerckten Jahren vor sich zu haben, der durch
eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren wei.

Es gibt Kpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Krperform passen und
sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, da es
Sinnestuschung sei, da das Auge sich schon zu sehr an diese Form,
wie sie die Natur gegeben, gewhnt habe, als da es sich eine andere
Mischung denken knnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,
wohlbeleibten Krper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,
schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die
gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem
Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,
drckte sich auch in dem Krper durch die wrdige, aber bequeme
Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der
Arme, berhaupt in dem leichten, kniglichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenber an der Abendtafel sa. Ich
hatte whrend der ersten Gnge Mue genug, diese Bemerkungen zu
machen, ohne dem interessanten _vis--vis_ durch neugieriges
Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien brigens noch
mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der
Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwhrender
Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie ber dem Mittagessen
hchstens mit bloem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzglichen
Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er
kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine
Mnzensammlung und flsterte dem berraschten Sammler etwas ins Ohr.
Mit drei tiefen Bcklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen
und schritt eilig zu seiner Kapelle zurck. Die Instrumente wurden
aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewhlt haben knnte; der Direktor
gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die
herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlssig in
seinen Stuhl zurck, er schien nur der Musik zu gehren; aber bald
bemerkte ich, da das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern
rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der
Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie
machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen gebten Menschenkenner zu
verraten. Zwar wre der Schlu unrichtig, den man sich aus der wrmern
oder kltern Teilnahme an dem Reich der Tne auf die grbere oder
geringere Empfnglichkeit des Gemts fr das Schne und Edle ziehen
wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tnen der
Flte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern
der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester
und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die
Gesichter der verschiedenen Personen bei den schnsten Stellen des
Stckes; ich machte dem Fremden mein Kompliment ber die glckliche
Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gesprch
ber die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die brigen Gste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in
der Ferne auf unser Gesprch gelauscht hatten, rckten nach und nach
nher. Mitternacht war herangekommen, ohne da ich wute wie; denn der
Fremde hatte uns so tief in alle Verhltnisse der Menschen, in alle
ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, da wir uns stille
gestehen muten, nirgends so tiefgedachte, so berraschende Schlsse
gehrt oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen
auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten
und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gste, die sich nie htten
einfallen lassen, lnger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen
sich an den immer grer werdenden Zirkel an und vergaen, da sie
unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden
zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die
Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit
seinen nchsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Matre de
plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflge in die herrliche
Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber
schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergngens sich alle Herzen
gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation
fhrte.

Jenes ergtzliche Mrchen von dem Hrnchen des Oberon schien ins Leben
getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen ffnen, so fhlte
jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf
leichten Schwingen schwirrte dann das Gesprch um die Tafel,
mutwilliger wurden die Scherze, khner die Blicke der Mnner,
schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in
so fessellosen Strmen, da man nachher wenig mehr davon wute, als
da man sich gttlich amsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit
entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinberzuspielen. Er griff irgend
einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzhlte Anekdoten, spielte
das Gesprch geschickt weiter, wute jedem seine tiefste
Eigentmlichkeit zu entlocken und ergtzte durch seinen lebhaften
Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von
dem tiefsten Gefhl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrche der Laune
streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostm auf der
feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es mchte weniger gefhrlich gewesen sein,
wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das
Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen htte; jener zarte,
geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhllte,
reizte nur zu dem lsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das
ppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Kpfchen unserer schnen
Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zrnen, nicht
widersprechen; seine glnzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich
hin, sie umhllten die Vernunft mit sem Zauber, und seine khnen
Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

*       *       *       *       *




ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.


So hatte der geniale Fremdling mich und zwlf bis fnfzehn Herren und
Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren
ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die
Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir
morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange
gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,
schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um
den Fu geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem
sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr
von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner
entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor
Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar
da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewhnt, da uns diese
Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als wrden uns die Flgel
zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gesprch kam, wie natrlich, auf den Abwesenden und auf seine
auffallende, glnzende Erscheinung. Sonderbar war es, da es mir nicht
aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern
Gestalt, schon frher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so
abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drngte er sich
mir immer wieder auf. Aus frheren Jahren her erinnerte ich mich
nmlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke
hauptschlich, groe hnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder
Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer
von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um
sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir brigens
fatal; denn man behauptete, da, so oft er uns besucht habe, immer ein
bedeutendes Unglck erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken
nicht los werden, Natas habe die grte hnlichkeit mit ihm, ja, es
sei eine und dieselbe Person.

Ich erzhlte meinen Tischnachbarn den unablssig mich verfolgenden
Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften
Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,
der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch
unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, da meine
Nachbarn ganz den nmlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter
einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen
zu haben.

Sie knnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,
die nicht weit von mir sa, Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum
ewigen Juden oder, Gott wei, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ltlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen
sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still
vergngt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte whrend unserer
vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich
hingelchelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose
zwischen den Fingern umgedreht, da sie wie ein Rad anzusehen war.

Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr lnger hinter dem Berge
halten," brach er endlich los, wenn Sie erlauben, Gndigste, so halte
ich ihn nicht gerade fr den ewigen Juden, aber doch fr einen ganz
absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und
da der Gedanke in mir aufblitzen: Den hast du schon gesehen, wo war
es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurck,
wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfate."

So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle
verwundert.

Hm! he, hm!" lachte der Professor. Jetzt fllt es mir aber von den
Augen wie Schuppen, da es niemand ist als der, den ich schon vor
zwlf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhltnissen?" fragte Frau
von Thingen eifrig und errtete halb ber den allzugroen Eifer, den
sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: Es
mgen nun ungefhr zwlf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses
einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten
Gasthfe und speiste auch dort gewhnlich in groer Gesellschaft an
der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das
Zimmer hatte hten mssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach
sehr eifrig ber einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit
die Mittagsgste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit
in allen Sprachen entzcke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur
ber seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen
machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die
dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die
Tre ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut
gefhrt zu haben; ich merkte, da der Besprochene sich eingefunden
habe und sah--"

Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--denselben, der uns seit
einigen Tagen so trefflich unterhlt. Dies wre brigens gerade nichts
bernatrliches; aber hren Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr
Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche
Unterhaltung die Tafel gewrzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs
unterbrach: Meine Herren,' sagte der Hfliche, bereiten Sie sich auf
eine kstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;
der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen
ein.'"

Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer
Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem
Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: Gerade dem
Speisesaal gegenber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem
groen den Haus; er ist Oberjustizrat auer Dienst, lebt von einer
anstndigen Pension und soll berdies ein enormes Vermgen besitzen.'

Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene
Gewohnheiten, wie z.B., da er sich selbst oft groe Gesellschaft
gibt, wobei es immer flott hergeht. Er lt zwlf Kuverts aus dem
Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der
andere unserer Markrs hat die Ehre zu servieren. Man denkt
vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!
Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchbltter, auf jedem ein groes Kreuz,
liegen auf den Sthlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er
unter den lustigsten Kameraden wre; er spricht und lacht mit ihnen,
und das Ding soll so greulich anzusehen sein, da man immer die neuen
Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper
war, geht nicht mehr in das de Haus.

Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwrt
Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinber. Den andern Tag
nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des
Oberjustizrats. Er fhrt morgens frh aus der Stadt und kehrt erst den
andern Morgen zurck, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest
verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr
tglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster
und betrachtet sein Haus gegenber von oben bis unten.

Wem gehrt das Haus da drben?' fragt er dann den Wirt.

Pflichtmig bckt sich dieser jedesmal und antwortet: Dem Herrn
Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

Aber, Herr Professor, wie hngt denn Ihr toller Hasentreffer mit
unserem Natas zusammen?"

Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,
es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer
beschaut also das Haus und erfhrt, da es dem Hasentreffer gehre.
Ach! derselbe, der in Tbingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er
dann, reit das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und
schreit: Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natrlich antwortete niemand, er aber sagt dann: Der Alte wrde es mir
nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,
schliet sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzhlung fort, waren sehr
erstaunt ber diese sonderbare Erscheinung und freuten uns kniglich
auf den morgenden Spa. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,
ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen kstlichen Scherz mit dem
Oberjustizrat vorhabe.

Frher als gewhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und
belagerten die Fenster. Eine alte, baufllige Chaise wurde von zwei
alten Kleppern die Strae herangeschleppt, sie hielt vor dem
Wirtshaus; das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tnte es von
aller Mund, und eine ganz besondere Frhlichkeit bemchtigte sich
unser, als wir das Mnnlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen
Rcklein angetan, ein mchtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen
sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schlo sich ihm an; so
gelangte er ins Speisezimmer.

Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als
damals; denn mit der grten Kaltbltigkeit behauptete der Alte,
gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im
Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mute Barighi
verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch
die brigen Gste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu
sehen.

Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem
Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenber schien de und
unbewohnt; auf der Trschwelle sprote Gras, die Jalousien waren
geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vgel eingebaut zu haben.

Ein hbsches Haus da drben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer
in der dritten Stellung hinter ihm stand. Wem gehrt es?'--Dem
Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

Ei, das ist wohl der nmliche, der mit mir studiert hat?' rief er
aus. Der wrde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine
Anwesenheit kund tte.' Er ri das Fenster auf: Hasentreffer--
Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer
beschreibt unsern Schrecken, als gegenber in dem den Haus, das wir
wohlverschlossen und verriegelt wuten, ein Fensterladen langsam sich
ffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der
Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weien
Mtze, unter welcher wenige graue Lckchen hervorquollen; so, gerade
so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fltchen
des bleichen Gesichts war der gegenber der nmliche wie der, der bei
uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit
derselben heiseren Stimme ber die Strae herberrief: Was will man,
wen ruft man? he!'

Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer
Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend
am Fenster hielt.

Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem
Kopfe; steht etwas zu Befehl?'

Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmtig, wie ist
denn dies mglich?'

Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herber. Sie sind der
Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herber in meine Behausung, da
ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,
und die Stimme schlich ihm in klglichen Tnen aus der hohlen Brust
herauf. In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--
vergngten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit
einem freundlichen Bckling zu uns wandte und dann den Saal verlie.

Was war das?' fragten wir uns. Sind wir alle wahnsinnig?'--

Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,
whrend unser gutes altes Nrrchen in steifen Schritten ber die
Strae stieg. An der Haustre zog er einen groen Schlsselbund aus
der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgltig zu--
riegelte die schwere, knarrende Haustr auf und trat ein.

Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurck; man sah, wie er
dem unsrigen an die Zimmertre entgegenging.

Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und
zitterten. Meine Herren,' sagte jener, Gott sei dem armen
Hasentreffer gndig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir
lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, da es ein Scherz
von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das
Haus gehen knnen auer mit den beraus knstlichen Schlsseln den
Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Grliche geschehen, noch an
der Tafel gesessen; wie htte er denn in so kurzer Zeit die tuschende
Maske anziehen knnen, auch vorausgesetzt, er htte sich das fremde
Haus zu ffnen gewut? Die beiden seien aber einander so greulich
hnlich gewesen, da er, ein zwanzigjhriger Nachbar, den echten nicht
htte unterscheiden knnen. Aber um Gottes willen, meine Herren, hren
Sie nicht das grliche Geschrei da drben?'

Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tnten aus
dem den Hause herber; einige Male war es uns, als shen wir unsern
alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am
Fenster vorbeijagen. Pltzlich aber war alles still.

Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag
hinberzugehen! Alle stimmten berein. Man zog ber die Strae, die
groe Hausglocke an des Alten Haus tnte dreimal, aber es wollte sich
niemand hren lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der
Polizei und dem Schlosser, man brach die Tre auf, der ganze Strom der
Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Tren waren
verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag
der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Rcklein, die zierliche
Frisur schrecklich verzaust, tot, erwrgt auf dem Sofa.

Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo
jemals eine Spur gesehen."

*       *       *       *       *




DRITTES KAPITEL.

Der schauerliche Abend. (Fortsetzung.)


Der Professor hatte seine Erzhlung geendet, wir saen eine gute Weile
still und nachdenkend. Das lange Schweigen ward mir endlich peinlich;
ich wollte das Gesprch wieder anfachen oder auf eine andere Bahn
bringen, als mir ein Herr von mittleren Jahren in reicher Jagduniform,
wenn ich nicht irre, ein Oberforstmeister aus dem Nassauischen,
zuvorkam.

Es ist wohl jedem von uns schon begegnet, da er unzhlige Male fr
einen andern gehalten wurde oder auch Fremde fr ganz Bekannte
anredete, und sonderbar ist es, ich habe diese Bemerkung oft in meinem
Leben besttigt gefunden, da die Verwechslung weniger bei jenen
platten, alltglichen, nichtssagenden Gesichtern als bei auffallenden,
eigentlich interessanten vorkommt."

Wir wollten ihm seine Behauptung als ganz unwahrscheinlich verwerfen;
aber er berief sich auf die wirklich interessante Erscheinung unseres
Natas. Jeder von uns gesteht," sagte er, da er dem Gedanken Raum
gegeben, unsern Freund, nur unter anderer Gestalt, hier oder dort
gesehen zu haben, und doch sind seine scharfen Formen, sein
gebietender Blick, sein gewinnendes Lcheln ganz dazu gemacht, auf
ewig sich ins Gedchtnis zu prgen."

Sie mgen so unrecht nicht haben," entgegnete Flahof, ein
preuischer Hauptmann, der auf die Strafe des Arrestes hin schon zwei
Tage bei uns gezaudert hatte, nach Koblenz in seine Garnison
zurckzukehren. Sie mgen recht haben; ich erinnere mich einer Stelle
aus den launigen Memoiren des italienischen Grafen Gozzi, die ganz fr
Ihre Behauptung spricht. Jedermann, sagt er, hat den Michele d'Agata
gekannt und wei, da er einen Fu kleiner und wenigstens um zwei
dicker war als ich, und auch sonst nicht die geringste hnlichkeit in
Kleidung und Physiognomie mit mir gehabt hat. Aber lange Jahre hatte
ich beinahe tglich den Verdru, von Sngern, Tnzern, Geigern und
Lichtputzern als Herr Michele d'Agata angeredet zu werden und lange
Klagen um schlechte Bezahlung, Forderungen usw. anhren zu mssen.
Selten gingen sie berzeugt von mir, da ich nicht Michele d'Agata
sei. Einst besuchte ich in Verona eine Dame; das Kammermdchen meldet
mich an: Herr Agata.' Ich trat hinein und ward als Michele d'Agata
begrt und unterhalten, ich ging weg und begegnete einem Arzt, den
ich wohl kannte. Guten Abend, Herr Agata,' war sein Gru, indem er
vorberging.--Ich glaubte am Ende beinahe selbst, ich sei der Michele
d'Agata."

Ich wute dem guten Hauptmann Dank, da er uns aus den ngstigenden
Phantasien, welche die Erzhlung des Professors in uns aufgeregt
hatte, erlste. Das Gesprch flo ruhiger fort; man stritt sich um das
Vorrecht ganzer Nationen, einen interessanten Gesichtsschnitt zu
haben, ber den Einflu des Geistes auf die Gesichtszge berhaupt und
auf das Auge insbesondere; man kam endlich auf Lavater und Konsorten;
Materien, die ich hundertmal besprochen, mochte ich nicht mehr
wiederkuen, ich zog mich in ein Fenster zurck. Bald folgte mir der
Professor dahin nach, um gleich mir die Gesichter der Streitenden zu
betrachten.

Welch ein leichtsinniges Volk," seufzte er, ich habe sie jetzt
soeben gewarnt und die Hlle ihnen recht hei gemacht, ja, sie wagten
in keine Ecke mehr zu sehen, aus Furcht, der Leibhaftige mchte daraus
hervorgucken, und jetzt lachen sie wieder und machen tolle Streiche,
als ob der Versucher nicht immer umherschleiche."

Ich mute lachen ber die Amtsmiene, die sich der Professor gab. Noch
nie habe ich das schne Talent eines Vesperpredigers an Ihnen
bemerkt," sagte ich; aber Sie sehen mich in Erstaunen durch Ihre
khnen Angriffe auf die bse Welt und auf den Argen selbst. Bilden Sie
sich denn wirklich ein, dieser harmlose Natas...."

Harmlos nennen Sie ihn?" unterbrach mich der Professor, heftig meine
Brust anfassend, harmlos? haben Sie denn nicht bemerkt," flsterte er
leiser, da alles bei diesem feinen--Herrn berechneter Plan ist? O,
ich kenne meine Leute!"

Sie setzen mich in Erstaunen, wie meinen Sie denn?"

Haben Sie nicht bemerkt," fuhr er eifrig fort, da der gebildete
Herr Oberforstmeister dort mit Leib und Seele sein ist, weil er ihm
fnf Nchte hindurch alles Geld abjagte und den Ausgebeutelten gestern
nacht noch fnfzehnhundert Dukaten gewinnen lie? Er nennt den
abgefeimten Spieler einen Mann von den nobelsten Sentiments und
schwrt auf Ehre, er msse ber die Hlfte wieder an den Fremden
verlieren, sonst habe er keine Ruhe. Haben Sie ferner nicht bemerkt,
wie er den konomierat gekrnt hat?"

Ich habe wohl gesehen," antwortete ich, da der konomierat, sonst
so moros und misanthropisch, jetzt ein wenig aufgewacht ist; aber ich
habe es dem allgemeinen Einflu der Gesellschaft zugeschrieben."

Behte. Er luft schon seit zwanzig Jahren in den Gesellschaften
umher und wacht doch nicht auf; auf dem Weg ist er, ein Bruder
Liederlich zu werden. Der Esel reist krank im Lande umher, behauptet,
einen groen Wurm im Leibe zu haben, und macht allen Leuten das Leben
sauer mit seinen exorbitanten Behauptungen, und jetzt? Jetzt hat ihn
dieser Wundermann erwischt, gibt ihm ein Plverlein und rt ihm, nicht
wie ein anderer vernnftiger Arzt, Dit und Migkeit, sondern er soll
seine Jugend, wie er die fnfzig Jahre des alten Wurms nennt,
genieen, viel Wein trinken &c., und das _et cetera_ und den Wein
bentzt er seit vier Tagen rger als der verlorene Sohn."

Und darber knnen Sie sich rgern, Herr Professor? Der Mann ist sich
und dem Leben wieder geschenkt--"

Nicht davon spreche ich," entgegnete der Eifrige, der alte Snder
knnte meinetwegen heute noch abfahren, sondern da er sich dem
nchsten besten Charlatan anvertraut und sich also ruinieren mu. Ich
habe ihn vor acht Jahren in der Kur gehabt, und es besserte sich schon
zusehends."

Der Eifer des Professors war mir nun einigermaen erklrlich, der
Brotneid schaute nicht undeutlich heraus.--

Und unsere Damen," fuhr er fort, die sind nun rein toll. Mich dauert
der arme Trbenau, ich kenne ihn zwar nicht, aber bermorgen soll er
hier ankommen, und wie findet er die gndige Frau? Hat man je gehrt,
da eine junge gebildete Frau in den ersten Jahren einer glcklichen
Ehe sich in ein solches Verhltnis mit einem ganz fremden Menschen
einlt, und zwar innerhalb fnf Tagen!"--

Wie? die schne bleiche Frau dort!" rief ich aus.--

Die nmliche bleiche," antwortete er, vor vier Tagen war sie noch
schn rot wie eine Zentifolie, da begegnet ihr der Interessante auf
der Strae, fragt, wohin sie gehe, hrt kaum, da sie _Rouge fin_
kaufen wolle (denn solche Toilettengeheimnisse auszuplaudern, heit
Bonton), so bittet und fleht er, sie solle doch kein Rot auflegen, sie
habe ein so interessantes _je ne sais quoi_, das zu einem blassen
Teint viel besser stehe. Was tut Sie? wahrhaftig, sie geht in den
nchsten Galanterieladen und sucht weie Schminke; ich war gerade
dort, um ein Pfeifenrohr zu erstehen, da hrte ich sie mit ihrer sen
Stimme den rauhhaarigen Bren von einem Ladendiener fragen, ob man das
Wei nicht noch etwas  t h e r i s c h e r habe? Hol mich der T-----!
hat man je so etwas gehrt?"

Ich bedauerte den Professor aufrichtig; denn, wenn ich nicht irre, so
suchte er von Anfang die Aufmerksamkeit der schnen Frau auf den schon
etwas verschossenen Einband seiner gelehrten Seele zu ziehen. Da es
aber mit Natas und der Trbenau nicht ganz richtig war, sah ich
selbst. Von der Schminkegeschichte, die jenen so sehr erboste, wute
ich zwar nichts; aber wer sich auf die Exegese der Augen verstand,
hatte keinen weiteren Kommentar ntig, um die gegenseitige Annherung
daraus zu erlutern.

Der Professor hatte, in tiefe Gedanken versunken, eine Zeitlang
geschwiegen; er erhob jetzt sein Auge durch die Brille an die Decke
des Zimmers, wo allerlei Engelein in Gips aufgetragen waren. Himmel,"
seufzte er, und die Thingen hat er auch. Sie glauben nicht, welcher
Reiz in dem ewig heitern Auge, in diesen Grbchen auf den blhenden
Wangen, in dem Schmelz ihrer Zhne, in diesen frischen, zum Ku
geffneten Lippen, in diesen weichen Armen, in diesen runden, vollen
Formen der schwellenden--"

Herr Professor!" rief ich, erschrocken ber seine Extase, und
schttelte ihn am Arm ins Leben zurck. Sie geraten auer sich,
Wertester. Belieben Sie nicht eine Prise Spaniol?"

Er hat sie auch," fuhr er zhneknirschend fort. Haben Sie nicht
bemerkt, mit welcher Hast sie vorhin nach seinen Verhltnissen fragte?
Wie sie rot ward? Jung, schn, wohlhabend, Witwe,--sie hat alles, um
eine angenehme Partie zu machen. Geistreiche Mnner von Ruf in der
literarischen Welt buhlen um ihre Gunst, sie wirft sich an einen--
Landstreicher hin. Ach, wenn Sie wten, bester Doktor, was mir der
Oberkellner sagte, aber mit der grten Diskretion, da man ihn
vorgestern nachts aus ihrem Zimmer...."

Ich bitte, verschonen Sie mich," fiel ich ein, gestehen Sie mir
lieber, ob der Wundermensch Sie selbst noch nicht unter den Pantoffel
gebracht hat."

Das ist es eben," antwortete der Gefragte, verlegen lchelnd, das
ist es, was mir Kummer macht. Sie wissen, ich lese ber Chemie; er
brachte einmal das Gesprch darauf und entwickelte so tiefe
Kenntnisse, deckte so neue und khne Ideen auf, da mir der Kopf
schwindelte. Ich mchte ihm um den Hals fallen und um seine Hefte und
Notizen bitten; es zieht mich mit unwiderstehlicher Geisterkraft in
seine Nhe, und doch knnte ich ihm mit Freuden Gift beibringen."

Wie komisch war die Wut dieses Mannes! Er ballte die Faust und fuhr
damit hin und her, seine grnen Brillenglser funkelten wie
Katzenaugen, sein kurzes, schwarzes Haar schien sich in die Hhe zu
richten.

Ich suchte ihn zu besnftigen. Ich stellte ihm vor, da er ja nicht
rger losziehen knnte, wenn der Fremde der Teufel selbst wre; aber
er lie mich nicht zum Worte kommen.

Er ist es, der Satan selbst logiert hier in den drei Reichskronen,"
rief er, um unsere Seelen zu angeln. Ja, du bist ein guter Fischer
und hast eine feine Nase; aber ein ----r Professor wie ich, der sogar
in demagogischen Untersuchungen die Lunte gleich gerochen und eigens
deswegen hierher nach Mainz gereist ist, ein solcher hat noch eine
feinere als du."

Ein heiseres Lachen, das gerade hinter meinem Rcken zu entstehen
schien, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich wandte mich um und
glaubte Natas hhnisch durch die Scheiben hereingrinsen zu sehen. Ich
ergriff den Professor am Arm, um ihm die sonderbare Erscheinung zu
zeigen, denn das Zimmer lag einen Stock hoch; dieser aber hatte weder
das Lachen gehrt, noch konnte er meine Erscheinung sehen; denn als er
sich umwandte, sah nur die bleiche Scheibe des Mondes durch die
Fenster dort, wo ich vorhin das greulich verzerrte Gesicht des
geheimnisvollen Fremdlings zu sehen geglaubt hatte.

Ehe ich noch recht mit mir einig war, ob das, was ich gesehen, Betrug
der Sinne, Ausgeburt einer aufgeregten Phantasie oder Wirklichkeit
war, ward die Tre aufgerissen und Herr von Natas trat stolzen
Schrittes in das Zimmer. Mit sonderbarem Lcheln ma er die
Gesellschaft, als wisse er ganz gut, was von ihm gesprochen worden
sei, und ich glaubte zu bemerken, da keiner der Anwesenden seinen
forschenden Blick auszuhalten vermochte.

Mit der ihm in eigenen Leichtigkeit hatte er der Trbenau gegenber,
neben der Frau von Thingen, Platz genommen und die Leitung der
Konversation an sich gerissen. Das bse Gewissen lie den Professor
nicht an den Tisch sitzen, mich selbst fesselte das Verlangen, diesen
Menschen einmal aus der Ferne zu beobachten, an meinen Platz am
Fenster. Da bemerkten wir denn das Augenspiel zwischen Frau von
Trbenau und dem gewandtesten der Liebhaber, der, indem er der Tochter
des konomierats so viel Verbindlichkeiten zu sagen wute, da sie
einmal ber das andere bis unter die breiten Brsseler Spitzen ihrer
Busenkrause errtete, das feingeformte Fchen der Frau von Thingen
auf seinem blankgewichsten Stiefel tanzen lie.

Drei Mcken auf einen Schlag, das heie ich doch--meiner Seel'--
aller Ehre wert," brummte der zornglhende Professor, dem jetzt auch
seine letzte Ressource, die konomische Schne, so was man sagt, vor
dem Mund weggeschnappt werden sollte. Mit tnenden Schritten ging er
an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich, breit wie eine
Mauer, neben seine Schne. Doch diese schien nur Ohren fr Natas zu
haben; denn sie antwortete auf seine Frage, ob sie sich wohl befinde,
bermorgen," und als er voll Gram die Anmerkung hinwarf, sie scheine
sehr zerstreut, meinte sie 1 fl. 30 kr. die Elle."

Ich sah jetzt einem unangenehmen Auftritt entgegen. Der Professor, der
nicht daran dachte, da er durch ein Sonett oder Triolett alles wieder
gut machen, ja durch ein Paar _ottave rime_ sich sogar bei der
Trbenau wieder insinuieren knnte, widersprach jetzt geradezu jeder
Behauptung, die Natas vorbrachte. Und ach! nicht zu seinem Vorteil;
denn dieser, in der Dialektik dem guten Kathedermann bei weitem
berlegen, fhrte ihn so aufs Eis, da die leichte Decke seiner Logik
zu reien und er in ein Chaos von Widersprchen hinabzustrzen drohte.

Eine lieblich duftende Bowle Punsch unterbrach einige Zeit den Streit
der Zunge, gab aber dafr Anla zu desto feindseligern Blicken
zwischen Frau von Trbenau und Frau von Thingen. Diese hatte, ihrer
schnen, runden Arme sich bewut, den gewaltigen silbernen Lffel
ergriffen, um beim Eingieen die ganze Grazie ihrer Haltung zu
entwickeln. Jene aber kredenzte die gefllten Becher mit solcher
Anmut, mit so liebevollen Blicken, da das Bestreben, sich gegenseitig
so viel als mglich Abbruch zu tun, unverkennbar war.

Als aber der sehr starke Punsch die leisen Schauer des Herbstabends
verdrngt hatte, als er anfing, die Wangen unserer Damen hher zu
frben und aus den Augen der Mnner zu leuchten, da schien es mir mit
einem Male; als sei man, ich wei nicht wie, aus den Grenzen des
Anstandes herausgetreten. Allerlei dumme Gedanken stiegen in mit auf
und nieder, das Gesprch schnurrte und summte wie ein Mhlrad, man
lachte, und jauchzte und wute nicht ber was. Man kicherte und neckte
sich, und der Oberforstmeister brachte sogar ein Pfnderspiel mit
Kssen in Vorschlag. Pltzlich hrte ich jenes heisere Lachen wieder,
das ich vorhin vor dem Fenster zu hren glaubte wirklich, es war
Natas, der dem Professor zuhrte und trotz dem Eifer und Ernst, mit
welchem dieser alles vorbrachte, alle Augenblicke in sein heiseres
Gelchter ausbrach.

Nicht wahr, meine Herzen und Damen," schrie der Punsch aus dem
Professor heraus, Sie haben vorhin selbst bemerkt, da unser
verehrter Freund dort jedem von Ihnen, nur in anderer Gestalt, schon
begegnet ist? Sie schweigen? Ist das auch Raison, einen so im Sand
sitzen zu lassen? Herr Oberforstmeister! Frau von Thingen, gndige
Frau! Sagen Sie selbst, namentlich Sie, Herr Doktor!"

Wir befanden uns durch die Indiskretion des Professors in groer
Verlegenheit. Ich erinnere mich," gab ich zur Antwort, als alles
schwieg, von interessanten Gesichtern und ihren Verwechselungen
gesprochen zu haben. Und wenn ich nicht irre, wurde auch Herr von
Natas aufgefhrt."

Der Benannte verbeugte sich und meinte, es sei gar zu viel Ehre, ihn
unter die Interessanten zu zhlen; aber der Professor verdarb wieder
alles.

Was da! ich nehme kein Blatt vor der Mund!" sagte er, ich
behauptete, da mir ganz unheimlich in dero Nhe sei, und erzhlte,
wie Sie in Stuttgart den armen Hasentreffer erwrgt haben, wissen Sie
noch, gndiger Herr?"

Dieser aber stand auf, lief mit schrillendem Gelchter im Zimmer
umher, und pltzlich glaubte ich den unglckbringenden Doktor meiner
Vaterstadt vor mir zu haben; es war nicht mehr Natas, es war ein
lterer, unheimlicher Mensch.

Da hat man's ja deutlich," rief der Professor, dort luft er als
Barighi umher."

Barighi?" entgegnete Frau von Trbenau. Bleiben Sie doch mit Ihrem
Barighi zu Hause, es ist ja unser lieber Privatsekretr Gruber, der da
hereingekommen ist."

Ich mchte doch um Verzeihung bitten, gndige Frau," unterbrach sie
der Oberforstmeister, es ist der Spieler Maletti, mit dem ich in
Wiesbaden letzten Sommer assoziiert war."

Ha! ha! wie man sich doch tuschen kann," sprach Frau von Thingen,
den Auf= und Abgehenden durch die perlmutterne Brille beschauend, es
ist ja niemand anders als der Kapellmeister Schmalz, der mir die
Gitarre beibringt."

Warum nicht gar!" brummte der alte konomierat, es ist der lustige
Kommissr, der mir die gute Brotlieferung an das Spital in D---n
verschafft."

Ach! Papa!" kicherte sein Tchterlein, jener war ja schwarz, und
dieser ist blond! Kennen Sie denn den jungen Landwirt nicht mehr, der
sich bei uns ins Praktische einschieen wollte?"

Hol mich der Kuckuck und alle Wetter," schrie der preuische
Hauptmann, das ist der verfluchte Ladenprinz und Ellenreiter, der mir
mein Lorchen wegfischte! Auf Pistolen fordere ich den Hund, gleich
morgen, gleich jetzt." Er sprang auf und wollte auf den immer ruhig
Auf= und Abgehenden losstrzen. Der Professor aber packte ihn am Arm:
Bleiben Sie weg, Wertester!" schrie er, ich hab's gefunden, ich
hab's gefunden, kehrt seinen Namen um, es ist der S a t a n!"

*       *       *       *       *




VIERTES KAPITEL.

Das Manuskript


So viel, als ich hier niedergeschrieben habe, lebt von diesem Abend
noch in meiner Erinnerung; doch kostete es geraume Zeit, bis ich mich
auf alles wieder besinnen konnte. Ich mu in einem langen, tiefen
Schlaf gewesen sein; denn als ich erwachte, stand Jean vor mir und
fragte, indem er die Gardine fr die Morgensonne ffnete, ob jetzt der
Kaffee gefllig sei?

Es war elf Uhr. Wo war denn die Zeit zwischen gestern und heute
hingegangen? Meine erste Frage war, wie ich denn zu Bett gekommen sei.

Der Kellner staunte mich an und meinte mit sonderbarem Lcheln, das
msse ich besser wissen als er.

Ah! ich erinnere mich," sagte ich leichthin, um meine Unwissenheit zu
verbergen, nach der Abendtafel...."

Verzeihen der Herr Doktor," unterbrach mich der Geschwtzige. Sie
haben nicht soupiert. Sie waren ja alle zu Tee und Punsch auf Nr. 15."

Richtig, auf Nr. 15, wollte ich sagen. Ist der Herr Professor schon
auf?"

Wissen Sie denn nicht, da sie schon abgereist sind?" fragte der
Kellner.

Kein Wort!" versicherte ich staunend.

Er lt sich Ihnen noch vielmal empfehlen, und Sie mchten doch in T.
bei ihm einsprechen; auch lt er Sie bitten, seiner und des gestrigen
Abends recht oft zu gedenken, er habe es ja gleich gesagt."

Aha, ich wei schon," sagte ich; denn mit einemmal fiel mir ein Teil
des gestern Erlebten ein. Wann ist er denn abgereist?"

Gleich in der Frhe," antwortete jener, noch vor dem konomierat und
dem Herrn Oberforstmeister."

Wie? so sind auch diese weggereist?"

Ei ja!" rief der staunende Kellner. So wissen Sie auch das nicht?
Auch nicht, da Frau von Thingen und die gndige Frau von Trbenau--"

Sie sind auch nicht mehr hier?"

Kaum vor einer halben Stunde sind die gndige Frau weggefahren,"
versicherte jener. Ich rieb mir die Augen, um zu sehen, ob ich nicht
trume, aber es war und blieb so. Jean stand nach wie vor an meinem
Bette und hielt das Kaffeebrett in der Hand.

Und Herr von Natas?" fragte ich kleinlaut.

Ist noch hier. Ach, das ist ein goldener Herr. Wenn der nicht gewesen
wre, wir wren heute nacht in die grte Verlegenheit gekommen."

Wieso?"

Nun bei der Fatalitt mit der Frau von Trbenau. Wer htte aber auch
dem gndigen Herrn zugetraut, da er so gut zur Ader zu lassen
verstnde?"

Zur Ader lassen? Herr von Natas?"

Ich sehe, der Herr Doktor sind sehr frhzeitig zu Bette gegangen und
haben eine ruhigere Nacht gehabt als wir."

Jean belehrte mich in leichtfertigem Ton: Es mochte kaum elf Uhr
gewesen sein, die Geschichte mit der Polizei war schon vorbei--"

Was fr eine Geschichte mit der Polizei?"

Nun, Nr. 15 ist vorn hinaus, und weil, mit Permi zu sagen, dort ein
ganz hllischer Lrm war, so kam die Runde ins Haus und wollte
abbieten. Herr von Natas aber, der ein guter Bekannter des Herrn
Polizeileutnants sein mu, beruhigte sie, da sie wieder weitergingen.
Also gleich nachher kam das Kammermdchen der Frau von Trbenau
herabgestrzt, ihre gndige Frau wolle sterben. Sie knnen sich
denken, wie unangenehm so etwas in einem Gasthof nachts zwischen elf
und zwlf Uhr ist. Wir wie der Wind hinauf; auf der Treppe begegnet
uns Herr von Natas, fragt, was das Rennen und Laufen zu bedeuten habe,
hrt kaum, wo es fehlt, so luft er in sein Zimmer, holt sein Etui,
und ehe fnf Minuten vergehen, hat er der gndigen Frau am Arm mit der
Lanzette eine Ader geffnet, da das Blut in einem Bogen aufsprang.
Sie schlug die Augen wieder auf, und es war ihr bald wohl; doch
versprach Herr von Natas, bei ihr zu wachen."

Ei! was Sie sagen, Jean!" rief ich voll Verwunderung.

Ja, warten Sie nur! Kaum ist eine Stunde vorbei, so ging der Tanz von
neuem los. Aus Nr. 18 lutete es, da wir meinten, es brenne drben in
Kassel. Des Herrn konomierats Rosalie hatte ihre hysterischen Anfalle
bekommen. Der Alte mochte ein Glas ber den Durst haben; denn er
sprach vom Teufel, der ihn und sein Kind holen wolle. Wir wuten
nichts anderes, als wieder unsere Zuflucht zu Herrn von Natas zu
nehmen. Er hatte versprochen, bei Frau von Trbenau mit dem
Kammermdchen zu wachen; aber, lieber Gott, geschlafen mu er haben
wie ein Dachs; denn wir pochten drei=, viermal, bis er uns Antwort
gab, und die Kammerkatze war nun gar nicht mehr zu erwecken."

Nun, und lie er der schnen Rosalie zur Ader?"

Nein, er hat ihr, wie mir Lieschen sagte, Senfteig zwei Hand breit
aufs Herz gelegt, darauf soll es sich bald gegeben haben."

Armer Professor!" dachte ich, dein hbsches Rschen mit ihren
sechzehn Jhrchen und dieser Natas in traulicher Stille der Nacht, ein
Pflaster ans das pochende Herz pappend."

Der Herr Papa konomierat war wohl sehr angegriffen durch die
Geschichte?" fragte ich, um ber die Sache ins Klare zu kommen.

Es schien nicht; denn er schlief schon, ehe noch Lieschen mit dem
Hirschhorngeist aus der Apotheke zurckkam. Aber es lutet im zweiten
Stock, und das gilt mir." Er sprach's und flog pfeilschnell davon.

So war auf einmal die lustige Gesellschaft zerstoben; und doch wute
ich nicht, wie dies alles so pltzlich kommen konnte. Ich entsann mich
zwar, da gestern bei dem Punsch etwas Sonderbares vorgefallen war;
was es aber gewesen sein mochte, konnte ich mich nicht erinnern.

Sollte Natas mir Aufschlu geben knnen? Doch, wenn ich recht
nachsann, mit Natas war etwas vorgefallen. Der Professor schwankte in
meiner Erinnerung umher--am besten deuchte mir, zu Natas zu gehen und
ihn um die Ursache des schnellen Aufbruchs zu befragen.

Ich warf mich in die Kleider, und ehe ich noch ganz mit der kurzen
Toilette fertig war, brachte mir ein Lohnlakai folgendes Billett:

Ew. Wohlgeboren wrden mich unendlich verbinden, wenn Sie vor meiner
Abreise von hier, die auf den Mittag festgesetzt ist, mich noch einmal
besuchen wollten.                                 v. Natas."

Neugierig folgte ich diesem Ruf und traf den Freund reisefertig
zwischen Koffern und Kstchen stehen. Er kam mir mit seiner
gewinnenden Freundlichkeit entgegen, doch genierte mich ein
unverkennbarer Zug von Ironie, der heute um seinen Mund spielte und
den ich sonst nie an ihm bemerkt hatte.

Er lachte mich aus, da ich mich vor den Damen als schwachen Trinker
ausgewiesen und einen Haarbeutel mir umgeschnallt habe, erzhlte mir,
da ich selig entschlafen sei, und fragte mich mit einem lauernden
Blick, was ich noch von gestern nacht wisse.

Ich teilte ihm meine verworrenen Erinnerungen mit, er belachte sie
herzlich und nannte sie Ausgeburten einer kranken Phantasie.

Die Abreise der ganzen Gesellschaft gab er einer groen
Herbstfeierlichkeit schuld, welche in Worms gehalten werde. Sie seien
alle, sogar der morose konomierat, dorthin gereist, ihn selbst aber
riefen seine Geschfte den Rhein hinab.

Die Zuflle der Trbenau und der schnen Rosalie ma er dem starken
Punsch bei und freute sich, durch Liebhaberei gerade so viele
medizinische Kenntnisse zu besitzen, um bei solchen kleinen Zufllen
helfen zu knnen.

Wir hrten den Wagen vorfahren, der Kellner meldete dies und brachte
von dem dankbaren Hotel eine Flasche des ltesten Rheinweins. Natas
hatte sie verdient, denn wahrlich, nur er hatte uns solange hier
gefesselt.

Sie sind Schriftsteller, lieber Doktor?" fragte er mich, whrend wir
den narkotisch duftenden Abschiedstrunk ausschlrften.

Wer pfuscht nicht heutzutage etwas in die Literatur?" antwortete ich
ihm. Ich habe mich frher als Dichter versucht, aber ich sah bald
genug ein, da ich nicht fr die Unsterblichkeit singe. Ich griff
daher einige Tne tiefer und bersetzte unsterbliche Werke fremder
Nationen frs liebe deutsche Publikum."

Er lobte meine bescheidene Resignation, wie er es nannte, und fragte
mich, ob ich mich entschlieen knnte, die Memoiren eines berhmten
Mannes, die bis jetzt nur im Manuskript vorhanden seien, zu
bersetzen? Vorausgesetzt, da Sie dechiffrieren knnen, ist es eine
leichte Arbeit fr Sie, da ich Ihnen den Schlssel dazu geben wrde
und das Manuskript im Hochdeutschen abgefat ist."

Ich zeigte mich, wie natrlich, sehr bereitwillig dazu. Dechiffrieren
verstand ich frher und hoffte es mit wenig bung vollkommen zu
lernen. Er schlo ein schnes Kstchen von rotem Saffian auf und
berreichte mir ein vielfach zusammengebundenes Manuskript. Die
Zeichen krochen mir vor dem Auge umher wie Ameisen in ihren
aufgestrten Hgelchen; aber er gab mir den Schlssel seiner
Geheimschrift, und die Arbeit schien mir noch einmal so leicht.

Wir umarmten uns und sagten uns Lebewohl. Unter warmem Dank fr seine
Gte, die er noch zuletzt fr mich gehabt, fr die schnen Tage, die
er uns bereitet habe, begleitete ich ihn an den Wagen. Die Wagentre
schlo sich, der Postillon hieb auf seine vier Rosse, sie zogen an,
und die interessante Erscheinung flog von hinnen; aber aus dem Innern
des Wagens glaubte ich jenes heisere Lachen zu vernehmen, das ich von
gestern her unter den Bruchstcken meiner Erinnerung bewahrte.

Als ich die Treppe hinanstieg, hndigte mir der Oberkellner einen
Brief ein. Der Professor habe ihm solchen zu meinen eigenen Hnden zu
bergeben befohlen; ich ri ihn auf--

Verehrter, Wertgeschtzter!

Ich bin im Begriff, mein Ro zu besteigen und aus dieser Hhle des
brllenden Lwen zu entfliehen. Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl,
weil Sie aus der todhnlichen Betubung, die Sie hrter als uns alle
befallen hat, nicht zu wecken sind. Da unser schnes Zusammenleben so
schauerlich enden mute! Nicht wahr, lieber Zweifler, jetzt haben Sie
es klar, da dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan
war!

Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblicke ber die Schulter und
liest, was ich sage: aber dennoch schweige ich nicht. Den armen
konomierat und sein Tchterlein, die blasse Trbenau, meine schne
Thingen, den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz.
Gott gebe, da er Sie nicht auch gekdert hat. Mich hat er halb und
halb; denn ich habe allzu tief eingebissen in seine mit chemischen
Ideen bespickte Angel. Ich reie mich los und mache, da ich
fortkomme.

Adieu, Bester! Montag, den 7. Oktober, frh 6 Uhr."

Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurck. Ja, es war der
Teufel, der sein Spiel mit uns gespielt hatte; es war der Teufel, dem
es gestern Spa gemacht hatte, uns zu ngstigen; es muten des Teufels
Memoiren sein, die ich in der Hand hielt.

Wer stand mir aber dafr, da diese Schriftzge mir nicht durch die
Augen ins Gehirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten; und konnte
ich mich nicht gerade dadurch, da ich den Dechiffreur und Dekopisten
des Satans machte, unbewut in seine Leibeigenschaft hineinschreiben?

Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor
nach, um ihn um Rat zu fragen. Aber in Worms traf ich keine Spur von
irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den drei Reichskronen.
Entweder hat sie der Satan eingeholt und in seinem achtsitzigen Wagen
in sein ewiges Reich gehaudert, oder er hat mich in den April
geschickt. Das letztere schien mir wahrscheinlicher.

In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen, der an der Domkirche
angestellt war. Ich trug ihm meinen Fall vor und erhielt den Bescheid,
ich solle so viele Messen darber lesen lassen, als das Manuskript
Bogen enthalte. Der Rat schien mir nicht bel. Ich reiste in meine
Heimat und schickte am nchsten Sonntag den ersten Satansbogen in die
Kirche. _Probatum est_; am Montag fing ich an zu dechiffrieren
und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch
an mir bemerkt.

Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehrt. Der
Professor fhrt fort, durch seine Entdeckungen in der Chemie zu
glnzen, und ich frchte, er ist auf dem Wege, dem Satan Gehr zu
geben, der ihn zu einem B e r z e l i u s machen will. Der Hauptmann
soll sich erschossen haben, Frau von Thingen aber, die schne Witwe,
hat nach einer Anzeige im Hamburger Korrespondenten vor nicht gar
langer Zeit wieder geheiratet.

*       *       *       *       *




DIE STUDIEN DES SATAN AUF DER BERHMTEN UNIVERSITT ......EN.

  Betrogene Betrger! Eure Ringe sind alle drei nicht
  echt! der echte Ring vermutlich ging verloren."
                           Lessing, Nathan. III. 7.




FNFTES KAPITEL.

Einleitende Bemerkungen.


Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren; in den Salons
der groen und kleinen Residenzen, in den Ressourcen und Kasinos der
Mittelstdte, in den Tabagien und Kneipen der kleinen spricht man von
Memoiren, urteilt nach Memoiren und erzhlt nach Memoiren, ja, es
knnte scheinen, es sei seit zwlf Jahren nichts Merkwrdiges mehr auf
der Erde als ihre Memoiren. Mnner und Frauen ergreifen die Feder, um
den Menschen schriftlich darzutun, da auch sie in einer merkwrdigen
Zeit gelebt, da auch sie sich einst in einer Sonnennhe bewegt haben,
die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von
Bedeutsamkeit verliehen.

Gekrnte Hupter, nicht zufrieden, sich aus ihrer frheren Grandezza,
wo sie, wie in der Bilderfibel, mit der Krone auf dem Haupt zu Bette
gingen, erhoben zu haben; nicht zufrieden damit, da sie auf
Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen, um
sich gegenseitig ihrer Freundschaft zu versichern, schreiben Memoiren
fr ihre Vlker, erzhlen ihnen ihre Schicksale, ihre Reisen. Die
Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden, man hat ihr einen neuen
Mastab, wonach sie die Handlungen richte, in die Hnde gegeben; es
sind die Memoiren.

Groe Generale, berhmte Marschlle, weit entfernt, das Beispiel jenes
Rmers nachzuahmen, der in der Mue des Friedens die Taten der
Legionen unter seiner Fhrung der Nachwelt wrdig zu berliefern
glaubte, wenn er von sich nur immer in der dritten Person sprche,
haben den bescheideneren Weg eingeschlagen, sprechen von sich, wie es
Mnnern von solchem Gewichte ziemt, als ich, bauen aus ihren Memoiren
ein Odeon in verjngtem Mastabe und treten herzhaft vorne auf der
Bhne auf. Mit Schlachtstcken im groen Stil dekorieren sie die
Kulissen; Staatsmnner und berhmte Damen, die groe Armee und ihre
lorbeerbekrnzten Adler, die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund
als Figuranten aus; sie selbst aber spielen ihre Sullas oder Brutus,
wrdig des unsterblichen Talma.

_Mundus vult decipi_, d. i. die Leute lesen Memoiren; was hlt mich
ab, denselben auch ein solches Gericht Gerngesehen" vorzusetzen?

Man wendet vielleicht ein: Der Schuster bleibe bei seinem Leisten,
der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben."

Ei! wirklich? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf htte,
Memoiren in die Welt zu streuen, wenn er doch so viel oder noch mehr
gesehen htte als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen
Krieger, welche die Welt mit ihrem l i t e r a r i s c h e n Ruhme
anfllen, nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwhnen aufgehrt
haben; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fhlte, auch
fr einen _homo literatus_ zu gelten?

Ja, ich gestehe es mit Errten, je lnger ich mich in meinem lieben
Deutschland umhertreibe, desto unwiderstehlicher reit es mich hin zu
schriftstellern; und wenn es den Damen erlaubt ist, die Finger mit
Tinte zu beschmutzen, so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt
sein?

Und da komme ich auf einen zweiten Punkt; man sagt vielleicht gegen
meine schriftstellerischen Versuche, ich sei kein Literatus, kein Mann
vom Gewerbe &c. Aber frs erste habe ich soeben die Damen, welche,
wenn sie noch so gelehrt, doch keine Gelehrten von Profession sind,
anzufhren die Ehre gehabt; sodann berufe ich mich auf jene Shne des
Lagers, die unter Gefahren gro geworden, unter Strapazen ergraut,
keine Zeit hatten, _Humaniora_ zu studieren, und dennoch so
glnzende Memoiren schreiben; ich behaupte drittens, da das
Vorurteil, ich sei ein unstudierter Teufel, ganz falsch ist; denn ich
bin in _optima forma_ Doktor der Philosophie geworden, wie aus
meinen Memoiren zu ersehen, und kann das Diplom schwarz auf wei
aufweisen.

Der Erzengel Gabriel, als ich ihn mit dem Plan, meine Memoiren
auszuarbeiten, bekannt machte, warnte mich mit bedenklicher Miene vor
den sogenannten Rezensenten. Er gab mir zu verstehen, da ich bel
wegkommen knnte, indem solche niemand schonen, ja sogar neuerdings
selbst Doktoren der Theologie in Berlin, Halle und Leipzig hart
mitgenommen haben. Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit, da das
Sprichwort _clericus clericum non decimat" _ fglich auch auf
mein Verhltnis zu den Rezensenten angewandt werden knne; werde ich
ja doch schon im Alten Testament S a t a n, _adversarius_, das
ist Widersacher, genannt, was auch ganz auf jene passe; den
schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament; dort
werde ich _diabolos_ oder Verleumder genannt; da nun _diaballein_
soviel als _acerbe recensere_, so msse er, wenn er nur ein wenig Logik
habe, den Schlu von selbst ziehen knnen.

Der Erzengel bekam, wie natrlich, nicht wenig Respekt vor meiner
Gelehrsamkeit in Sprachen und meinte selbst, da es mir auf diese Art
nicht fehlen knne.

Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren
vielleicht nicht jenes systematische, ruhige Fortschreiten der Rede
finden, das den Werken tief denkender Geister so eigen zu sein pflegt.
Man wird krzere und lngere Bruchstcke aus meinem Walten und Treiben
auf der Erde finden und den inneren Zusammenhang vermissen.

Man tadle mich nicht deswegen; es war ja meine Absicht nicht, ein
Gemlde dieser Zeit zu entwerfen, man trifft deren genug in allen
soliden Buchhandlungen Deutschlands.

Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht, wenn er sich und
seine Stellung zu der Zeit, welcher er angehrt, darstellt und darber
reflektiert, wenn er Begebenheiten entwickelt, die entweder auf ihn
oder die Mitwelt nhere oder entferntere Beziehung haben, wenn er
berhmte Zeitgenossen und seine Verhltnisse zu ihnen dem Auge
vorfhrt. Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfllt
zu haben; sie sind es wenigstens, die mich bei meiner Arbeit leiteten,
die meine Khnheit vor mir rechtfertigten, vor einem geehrten Publikum
als Schriftsteller aufzutreten. [Funote: Was der Satan hier ernsthaft
und gelehrt spricht, er gebrdet sich beinahe wie ein junger Kandidat
der Theologie, der seine erste Predigt drucken lt! Anm. des
Herausgebers.]

ber Persnlichkeit, ber berhmte Abstammung oder glnzende
Verhltnisse hat der Teufel nichts zu sagen. Was etwa darber zu sagen
sein knnte, habe ich in dem Abschnitt Besuch bei Goethe"
ausgesprochen und verweise daher den Leser dahin.

Fleiige Leser, d. s. solche, die Bogen fr Bogen in einer
Viertelstunde berfliegen, mgen daher doch diesen Abschnitt nicht
berschlagen, da er sehr zu besserem Verstndnis der brigen
eingerichtet ist; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierber
nichts zu sagen als: sie sollen das Buch weglegen, wenn sie sich
langweilen.


       *       *       *       *       *


Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurckkommt, hat
der Unterzeichnete noch Zeit, einige Bemerkungen einzuflicken. Es
scheint ihm nmlich, der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit;
man bemerke nur, wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht, worin er
ber sich einige Bemerkungen macht; es wre genug gewesen, wenn er nur
angedeutet htte, da dies oder jenes darin zu finden sei; aber dem
Leser zu empfehlen, er mchte doch den Abschnitt, in welchem jene
enthalten sind, nicht berschlagen, ist sehr anmaend.

Sodann die Unordnung, in welcher er alles vorbringt! Ein anderer, wie
z. B. der Herausgeber, htte doch, wenn auch nicht mit dem Taufschein,
was nun freilich beim Teufel nicht wohl mglich ist, doch wenigstens
mit der Begebenheit angefangen, die der Chronologie nach die erste
ist. Ich habe das Manuskript flchtig durchblttert (zu lesen, ehe
jeder Bogen hinlnglich geweiht, nehme ich mich wohl in acht) und
fand, da er mit Ereignissen anfngt, die der ganz neuen Zeit
angehren, und nachher im bunten Gemische Menschen und ihre Taten von
zehn, zwanzig Jahren auftreten lt; man sieht wohl, da er keine gute
Schule gehabt haben mu.

Zu grerer Deutlichkeit, und da der geneigte Leser trotz dem Teufel
whlen kann, was er will, habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel
vorausgesetzt. D e r  H e r a u s g e b e r.

       *       *       *       *       *




SECHSTES KAPITEL.

Wie der Satan die Universitt bezieht und welche Bekanntschaften er
dort macht.


Deutschland hat mir von jeher besonders wohlgefallen, und ich gestehe
es, es liegt diesem Gestndnis ein kleiner Egoismus zugrunde; man
glaubt nmlich dort an mich wie an das Evangelium; jenen khnen
philosophischen Wagehlsen, die auf die Gefahr hin, da ich sie zu mir
nehme, meine Existenz geleugnet und mich zu einem lcherlichen Phantom
gemacht haben, ist es noch nicht gelungen, den glcklichen Kindersinn
dieses Volkes zu zerstren, in dessen ungetrbter Phantasie ich noch
immer schwarz wie ein Mohr, mit Hrnern und Klauen, mit Bocksfen und
Schweif fortlebe, wie ihre Ahnen mich gekannt haben.

Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklrung so weit
hinaufgeschraubt sind, da sie, ich schweige von einem Gott, sogar an
keinen Teufel mehr glauben, so sorgen hier unter diesem Volke sogar
meine Erbfeinde, die Theologen, dafr, da ich im Ansehen bleibe. Hand
in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube
an mich, und wie oft habe ich das mir so se Wort aus ihrem Munde
gehrt: _Anathema sit_, e r  g l a u b t  a n  k e i n e n
T e u f e l."

Ich kann mich daher recht rgern, da ich nicht schon frher auf den
vernnftigen Gedanken gekommen bin, meine freie Zeit auf einer
Universitt zu verleben, um dort zu sehen, wie man mich von Semester
zu Semester systematisch traktiert.

Ich konnte nebenbei noch manches profitieren. Alle Welt ist jetzt
zivilisiert, fein, gesittet, belesen, gelehrt. Schon oft, wenn ich
einen guten Schnitt zu machen gedachte, fand es sich, da mir ein
guter Schulsack, etwas Philosophie, alte Literatur, ja sogar etwas
Medizin fehle; zwar als das Magnetisieren aufkam, habe ich auch einen
Kursus bei Memer genommen und nachher manche glckliche Kur gemacht.
Aber damit ist es heutzutage nicht getan; daher die elenden
Redensarten, die in Deutschland kursieren: e i n  d u m m e r  T e u f
e l,  e i n  a r m e r  T e u f e l,  e i n  u n w i s s e n d e r
T e u f e l, was offenbar auf meine vernachlssigte wissenschaftliche
Bildung hindeuten soll.

Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen, und ich bin vom Himmel
gefallen, aber nicht als gelehrt; darum entschlo ich mich, zu
studieren, und womglich es in der Philosophie so weit zu bringen, da
ich ein ganz neues System erfnde, wovon ich mir keinen geringen
Erfolg versprach. Ich whlte -----en und zog im Herbst des Jahres 1819
daselbst auf.

Ich hatte, wie man sich denken kann, nicht versumt, mich meinem neuen
Stande gem zu kostmieren. Mein Name war v o n  B a r b e, meine
Verhltnisse glnzend, das heit, ich brachte einen groen Wechsel
mit, hatte viel bar Geld, gute Garderobe und htete mich wohl, als
Neuling oder, wie man sagt, als Fuchs aufzutreten; sondern ich hatte
schon allenthalben studiert, mich in der Welt umgesehen.

Kein Wunder, da ich schon den ersten Abend hfliche Gesellschafter,
den nchsten Morgen vertraute Freunde und am zweiten Abend Brder auf
Leben und Tod am Arme hatte. Man denkt vielleicht, ich bertreibe;
wre ich Kavalier, so wrde ich auf Ehre versichern und Hol' mich der
Teufel" als Verstrkungspartikel dazu setzen (denn Auf Ehre" und
Hol' mich der Teufel" verhalten sich zu einander wie der Spiritus
lenis zum Spiritus asper), in meiner Lage kann ich blo meine Parole
als Satan geben.

Es waren gute Jungen, die ich da fand. Es begab sich dies aber
folgendermaen: Man kann sich denken, da ich nicht unvorbereitet kam;
wer die deutschen Universitten nur entfernt kennt, wei, da ein an
Sprache, Sitte, Kleidung und Denkungsart von der brigen Welt ganz
verschiedenes Volk dort wohnt. Ich las des unsterblichen Herrn von
Schmalz Werke ber die Universitten, Sands Aktenstcke, Haupt ber
Burschenschaften und Landsmannschaften &c., ward aber noch nicht recht
klug daraus und merkte, da mir noch manches abging. Der Zufall half
mir aus der Not. Ich nahm in F. eine Retourchaise; mein Gesellschafter
war ein alter Student, der seit acht Jahren sich auf die Medizin
legte. Er hatte das _savoir vivre_ eines alten Burschen, und ich
befli mich, in den sechs Stunden, die ich mit ihm der Musenstadt
zufuhr, an ihm meine Rolle zu studieren.

Es war ein groer, wohlgewachsener Mann von vier= bis fnfundzwanzig
Jahren, sein Haar war dunkel und mochte frher nach heutiger Methode
zugeschnitten sein, hing aber, weil der Studiosus die Kosten scheute,
es scheren zu lassen, unordentlich um den Kopf; doch bemhte er sich,
solches oft mit fnf Fingern aus der Stirne zu frisieren. Sein Gesicht
war schn, besonders Nase und Mund edel und fein geformt, das Auge
hatte viel Ausdruck; aber welch sonderbaren Eindruck machte es! Das
Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen; ein groer Bart
wucherte von den Schlfen bis zum Kinn herab, und um die feinen Lippen
hing ein vom Bier gerteter Henriquatre.

Sein Mienenspiel war schrecklich und lcherlich zugleich; die
Augenbrauen waren zusammengezogen und bildeten dstere Falten, das
Auge blickte streng und stolz um sich her und ma jeden Gedanken mit
einer Hoheit, einer Wrde, die eines Knigssohnes wrdig gewesen wre.

ber die untern Partien des Gesichtes, namentlich ber das Kinn,
konnte ich nicht recht klug werden; denn sie steckten tief in der
Krawatte. Diesem Kleidungsstck schien der junge Mann bei weitem mehr
Sorgfalt gewidmet zu haben als dem brigen Anzug; diese beilufig
einen halben Schuh Hhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich,
ohne ein Fltchen zu werfen, von dem Kinn inklusive bis auf das
Brustbein exklusive und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk,
auf welchem der Kopf ruhte; seine Kleidung bestand in einem weigelben
Rock, den er Flaus, in zrtlichen Augenblicken wohl auch Gottfried
nannte und welchem er von Speisen und Getrnken mitteilte; dieser
Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne ber das Knie und schlo sich
eng um den ganzen Leib; auf der Brust war er offen und zeigte, soviel
die Krawatte sehen lie, da der Herr Studiosus mit Wsche nicht gut
versehen sein msse.

Weite, wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Sammet schlossen
sich an das Oberkleid an; die Stiefel waren zierlich geformt und
dienten ungeheuren Sporen von poliertem Eisen zur Folie.

Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stckchen rotes Tuch in Form
eines umgekehrten Blumenscherbens gehngt, das er mit vieler Kunst
gegen den Wind zu balancieren wute; es sah komisch aus, fast, wie
wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein groes Kohlhaupt bedecken
wollte.

Ich hatte Zacharis unsterblichen Renommisten zu gut studiert, um
nicht zu wissen, da, sobald ich mir eine Ble gegen den Herrn Bruder
gebe, sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei; ich merkte ihm daher
sein Augenbrauenfalten, sein ernstes, abmessendes Auge, soviel es
ging, ab und hatte die Freude, da er mich gleich nach der ersten
Stunde auffallend vor dem Philister und dem Florbesen," auf deutsch,
einem alten Professor und seiner Tochter, welche unsere brige
Reisegesellschaft ausmachten, auszeichnete. In der zweiten Stunde
hatte ich ihm schon gestanden, da ich in Kiel studiert und mich schon
einigemal mit Glck geschlagen habe, und ehe wir nach ------en
einfuhren, hatte er mir versprochen, eine fixe Kneipe," das heit
eine anstndige Wohnung, auszumitteln, wie auch mich unter die Leute
zu bringen.

Der Herr Studiosus Wrger, so hie mein Gesellschafter, lie an einem
Wirtshaus vor der Stadt anhalten und lud mich ein, seinem Beispiele zu
folgen und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken. Die
ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mtzen
bedeckt; es war nmlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier
versammelt, um die neuen Ankmmlinge, die gewhnlich am Anfang des
Semesters einzutreffen pflegten, nach gewohnter Weise zu empfangen.
Wrger, der alte, lngst bemooste" Bursche, hatte sich schon
unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt, da seine Kameraden uns fr
Fchse" halten wrden, und wirklich traf seine Vermutung ein.

Ein Chorus von wenigstens dreiig Bssen scholl von den Fenstern
herab; sie sangen ein berhmtes Lied, das anfngt: Was kommt dort von
der Hh'?" Whrend des Gesanges entstieg mein Gefhrte majesttisch
der Chaise, und kaum hatte er den Boden berhrt, so erhob er sein
furchtbares Haupt und schrie zu den Fenstern empor:

Was schlagt ihr fr einen Randal auf, Kamele! Seht ihr nicht, da
zwei alte Huser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen?" (Auf
deutsch: Lrmt doch nicht so sehr, meine Herren, Sie sehen ja, da
zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen.)

Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner. Wrger! Du
altes fides Haus!" schrien die Musenshne und strzten die Treppe
herab in seine Arme; die Raucher vergaen, ihre langen Pfeifen
wegzulegen, die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand.
Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den
Angekommenen.

Doch der Edelmtige verga in seiner Glorie auch meiner nicht, der ich
bescheiden auf der Seite stand, er stellte mich den ltesten und
angesehensten Mnnern der Gesellschaft vor, und ich wurde mit
herzlichem Handschlag von ihnen begrt. Man fhrte uns in wildem
Tumult die Treppe hinan, man setzte mich zwischen zwei bemooste
Hupter an den Ehrenplatz, gab mir ein groes Paglas voll Bier, und
ein Fuchs mute dem neuen Ankmmling seine Pfeife abtreten.

So war ich denn in -----en als Student eingefhrt, und ich gestehe,
es gefiel mir so bel nicht unter diesem Vlkchen. Es herrschte ein
offener, zutraulicher Ton, man brauchte sich nicht in Fesseln der
Konvenienz, die gewi dem Teufel am lstigsten sind, umherzuschleppen,
man sprach und dachte, wie es einem gerade gefiel. Wenn man bedenkt,
da ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam, so wird man sich nicht
wundern, da ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation
zu finden wute. Denn einmal machten mir jene Kunstwrter (_termini
technici_), von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben
habe, viel zu schaffen; ich verwechselte oft Sau", was Glck, mit
Pech", was Unglck bedeutet, wie auch holzen", mit einem Stock
schlagen, mit pauken", mit andern Waffen sich schlagen.

Aber auch etwas anderes fiel mir schwer; wenn nmlich nicht von
Hunden, Paukereien, Besen oder dergleichen gesprochen wurde, so fiel
man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen,
von denen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand; ich merkte mir
aber die Hauptworte, welche vorkamen, und wenn ich auch in die
Konversation gezogen wurde, so antwortete ich mit ernster Miene:
Freiheit, Vaterland, Deutschtum, Volkstmlichkeit".

Da ich nun berdies ein groer Turner war und eigentlich t e u f e l s
m   i g e Sprnge machen konnte, da ich mir berdies nach und nach
langes Haar wachsen lie, solches fein scheitelte und kmmte, einen
zierlich ausgeschnittenen Kragen ber den deutschen Rock herauslegte,
mich auch auf die Klinge nicht bel verstand, so war es kein Wunder,
da ich bald in groes Ansehen unter diesem Volke kam. Ich benutzte
diesen Einflu so viel als mglich, um die Leute nach meinen Ansichten
zu leiten und zu erziehen und sie fr die Welt zu gewinnen".

Es hatte sich nmlich unter einem groen Teil meiner Kommilitonen ein
gewisser frmmelnder Ton eingeschlichen, der mir nun gar nicht behagte
und nach meiner Meinung sich auch nicht fr junge Leute schickte. Wenn
ich an die jungen Herren in London und Paris, in Berlin, Wien,
Frankfurt usw. dachte, an die vergngten Stunden, die ich in ihrem
Kreise zubrachte; wenn ich diese Leute dagegenhielt, die ihren
schnen, hohen Wuchs, ihre krftigen Arme, ihren gesunden Verstand,
ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz, nicht im
Tanzsaal, nur zu berschwenglichen Ideen und Idealen, nicht zu
lebhaftem Witz, zu feinem Spott, der das Leben wrzt und aufregt,
anwenden sah, wenn ich sie, statt schnen Mdchen nachzufliegen, in
die Kirche schleichen sah, um einen ihrer orthodoxen Professoren
anzuhren, so konnte ich ein widriges Gefhl in mir nicht
unterdrcken.

Sobald ich daher festen Fu gefat hatte, zog ich einige lustige
Brder an mich, lehrte sie neue Kartenspiele, sang ihnen ergtzliche
Lieder vor, wute sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten,
da sich bald mehrere anschlossen. Jetzt machte ich khnere Angriffe.
Ich stellte mich Sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtre,
musterte mit gebtem Auge die vorbergehenden Damen, zog dann, wenn
die Schflein innen waren und der Kster den Stall zumachte, mit den
Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenber und bot alles auf, die
Gste besser zu unterhalten als der Doktor N. oder der Professor N. in
der Kirche seine Zuhrer.

Ehe drei Wochen vergingen, hatte ich die grere Partei auf meiner
Seite. Die Frmmeren schrien von Anfang ber den rohen Geist, der
einreie, und gaben zu bemerken, da wir christliche Burschen seien;
aber es half nichts, meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan,
da sie sich am Ende selbst schmten, in der Kirche gesehen zu werden,
und es gehrte zum guten Ton, jeden Sonntag vor der Kirchtre zu sein;
aber bis hieher und nicht weiter. Die Wirtshuser waren gefllter als
je, es wurde viel getrunken, ja es ri die Sitte ein, Wettkmpfe im
Trinken zu halten, und, man wird es kaum glauben, es gab sogar
eigentliche Kunsttrinker!

Es predigte zwar mancher gegen das einreiende Verderben, aber die
Altdeutschen trsteten sich damit, da ihre Altvordern" auch durch
Trinken exzelliert haben; die Frmmsten lieen sich groe Humpen
verfertigen und zwangen und mhten sich so lange, bis sie wie Gtz von
Berlichingen oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten. Den
Feineren, Gebildeteren war es natrlich von Anfang auch ein Greuel;
ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul. Er sagt nmlich in
seinem unbertrefflichen Quintus Fixlein:

Jerusalem bemerkt schn, da die Barbarei, die oft hart hinter dem
schnsten, buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt, eine Art von
strkendem Schlammbad sei, um die berfeinerung abzuwenden, mit der
jener Flor bedrohe; ich glaube, da einer, der erwgt, wie weit die
Wissenschaften bei einem Studierenden steigen, dem Musensohne ein
gewisses barbarisches Mittelalter--das sogenannte Burschenleben--
gnnen werde, das ihn wieder so sthlt, da die Verfeinerung nicht
ber die Grenze geht."

Wenn ein Meister wie Jean Paul, dem ich hiermit fr diese Stelle
meinen herzlichen Dank ffentlich sage, also sich ausspricht, was
konnten die Kleinmeister und Jnger dagegen? Sie setzten sich auch in
die schwarzgerauchte Kneipe, verschlammten" sich recht tchtig in dem
barbarischen Mittelalter" und hatten kraft ihres inwohnenden Genies
meine lteren Zglinge bald berholt.

      *       *        *       *        *




SIEBENTES KAPITEL.

Satan besucht die Kollegien; was er darin lernte.


Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und Leben
machte, verga ich auch das _dic cur hic_ nicht und legte mich
mit Ernst aufs T h e o r e t i s c h e. Ich hrte die Philosophen und
Theologen und hospitierte nicht unfleiig bei den Juristen und
Medizinern. Ich hatte, um zuerst ber die Philosophen zu reden, von
einem der hellsten Lichter jener Universitt, wenn in der Ferne von
ihm die Rede war, oft sagen hren, d e r  K e r l  h a t  d e n  T e u
f e l  i m  L e i b. Eine solche geheimnisvolle Tiefe, wollte man
behaupten, solche berschwengliche Gedanken, solche Gedrungenheit des
Stils, eine so hinreiende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden
in Israel. Ich habe ihn gehrt und verwahre mich feierlich vor jenem
Urteil, als ob ich in ihm gesessen wre. Ich habe schon viel
ausgestanden in der Welt, ich bin sogar Ev. Matthi VIII., 31 und 32
in die Sue gefahren, aber in einen solchen Philosophen?--Nein, da
wollte ich mich doch bedankt haben!

Was der gute Mann in seinem schlfrigen, unangenehmen Ton vorbrachte,
war fr seine Zuhrer so gut als Franzsisch fr einen Eskimo. Man
mute alles gehrig ins Deutsche bersetzen, ehe man darber ins klare
kam, da er ebensowenig fliegen knne wie ein anderer Mensch auch. Er
aber machte sich gro, weil er aus seinen Schlssen sich eine
himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis
angepinselt hatte; auf dieser kletterte er nun zum blauen ther hinan,
versprach aus seiner Sonnenhhe herabzurufen, was er geschaut habe, er
stieg und stieg, bis er den Kopf durch die Wolken stie, blickte
hinein in das reine Blau des Himmels, das sich auf dem grnen
Grasboden noch viel hbscher ausnimmt als oben, und sah, wie Sancho
Pansa, als er auf dem hlzernen Pferd zur Sonne ritt, unter sich die
Erde so gro wie ein Senfkorn und die Menschen wie Mcken, ber sich--
nichts.

Sie kommen mir vor, die guten Leute dieser Art, wie die Mnner von
Babel, die einen groen Leuchtturm bauen wollten fr alles Volk, damit
sich keiner verlaufe in der Wste, und siehe da, der Herr verwirrte
ihre Sprache, da weder Meister noch Gesellen einander mehr
verstanden.

Da lobe ich mir einen andern der dortigen Philosophen; er las ber die
Logik und deduzierte jahrein, jahraus, da zweimal zwei vier sei, und
die Herren Studiosi schrieben ganze Ste von Heften, da zweimal zwei
vier sei. Dieser Mann blieb doch ordentlich im Blachfeld und wanderte
seinem Ziele mit grerer Gelassenheit zu als seine illustren
Kollegen, die, wenn ein anderer ihr Gewsche nicht Evangelium nannte,
Antikritiken und Metakritiken der Antikritiken in alle Welt
aussandten.

Ich gestehe redlich, der Teufel amsiert sich schlecht bei so
bewandten Dingen. Ich schlug den Weg zu einem andern Hrsaal ein, wo
man ber die Seele des Menschen dozierte. Gerechter Himmel! Wenn ich
so viel Umstnde machen mte, um eine liederliche Seele in mein
Fegefeuer zu deduzieren! Der Mensch auf dem Katheder malte die Seele
auf eine groe, schwarze Tafel und sagte: So ist sie, meine Herren!"
Damit war er aber nicht zufrieden; er behauptete, sie sitze oben in
der Zirbeldrse.

Ich quittierte die Philosophen und besuchte die Theologen. Um meine
Leute nher kennen zu lernen, beschlo ich, an einem Sonntag nach der
Kirche einem oder dem andern meine Visite abzustatten. Ich kleidete
mich ganz schwarz, da ich ein ziemlich theologisches Air hatte, und
trat meinen Marsch an. Man hatte mir vorhergesagt, ich sollte keinen
zu voreiligen Schlu auf den reinen und frommen Charakter dieser
Mnner machen, sie seien etwas nach dem alttestamentlichen Kostm,
vernachlssigen uere Bildung und fallen dadurch leicht ins
Linkische.

Mein Herz mit Geduld gewaffnet, trat ich in das Zimmer des ersten
Theologen. Aus einer blulichen Rauchwolke erhob sich ein dicker
ltlicher Mann in einem grogeblmten Schlafrock, eine ganz schwarze
Meerschaumpfeife in der Hand. Er machte einen kurzen Knix mit dem Kopf
und sah mich dann ungeduldig und fragend an. Ich setzte ihm
auseinander, wie mich die Philosophie gar nicht befriedige und da ich
gesonnen sei, einige theologische Kollegien zu besuchen. Er murmelte
einige unverstndliche, aber wie es schien, gelehrte Bemerkungen,
verzog beifllig lchelnd den Mund und schritt im Zimmer auf und ab.

Ich setzte die Einladung, ihn auf seinem Spaziergang zu begleiten,
voraus und schritt in ebenso gravittischen Schritten neben ihm her,
indem ich aufmerksam lauschte, was sein gelehrter Mund weiter
vorbringen werde. Vergebens! Er grinste hier und da noch etwas
Weniges, sprach aber kein Wort weiter, wenigstens verstand ich nichts
als die Worte: Pfeife rauchen?" Ich merkte, da er mir hflich eine
Pfeife anbiete, konnte aber keinen Gebrauch davon machen; denn er
rauchte wahrhaftig eine gar zu schlechte Nummer.

Ich habe mir schon lange abgewhnt, ber irgend etwas in Verlegenheit
zu geraten, sonst htte dieses absurde Schweigen des Professors mich
gnzlich auer Fassung gebracht. So aber ging ich gemchlich neben ihm
her, kehrte um, wenn er umkehrte, und zhlte die Schritte, die sein
Zimmer in der Lnge ma. Nachdem ich das alte Ameublement, die
verschiedenen Kleider= und Wscherudera, die auf den Sthlen
umherlagen, das wunderliche Chaos seines Arbeitstisches gemustert
hatte, wagte ich meine prfenden Blicke an den Professor selbst. Sein
Aussehen war hchst sonderbar. Die Haare hingen ihm dnn und lang um
die Glatze, die gestrickte Schlafmtze hielt er unter dem Arm. Der
Schlafrock war an den Ellbogen zerrissen und hatte verschiedene
Lcher, die durch Unvorsichtigkeit hineingebrannt schienen. Das eine
Bein war mit einem schwarzseidenen Strumpf und der Fu mit einem
Schnallenschuh bekleidet, der andere stak in einem weiten,
abgelaufenen Filzpantoffel, und um das halbentblte Bein hing ein
gelblicher Socken. Ehe ich noch whrend des unbegreiflichen
Stillschweigens des Theologen meine Bemerkungen weiter fortsetzen
konnte, wurde die Tre aufgerissen, eine groe, drre Frau, mit der
Rte des Zorns auf den schmalen Wangen, strzte herein.

Nein, das ist doch zu arg, Blasius!" schrie sie, der Kster ist da
und sucht dich zum Abendmahl. Der Dekan steht schon vor dem Altar, und
du steckst noch im Schlafrock!"

Wei Gott, meine Liebe," antwortete der Doktor gelassen, das habe
ich hlich vergessen! Doch sieh, einen Fu hatte ich schon zum
Dienste des Herrn gerstet, als mir ein Gedanke einfiel, der den
Doktor Paulus weidlich schlagen mu."

Ohne darauf zu achten, da er sich beinahe der letzten Hlle beraube,
wollte er eilfertig den Schlafrock herunterreien, um auch seinen
brigen Kadaver zum Dienste des Herrn zu schmcken. Sein Eheweib aber
stellte sich mit einer schnellen Wendung vor ihn hin und zog die
weiten Falten ihrer Kleider auseinander, da vom Professor nichts mehr
sichtbar war.

Sie verzeihen, Herr Kandidat," sprach sie, ihre Wut kaum
unterdrckend. Er ist so im Amtseifer, da Sie ihn entschuldigen
werden. Schenken Sie uns ein andermal das Vergngen. Er mu jetzt in
die Kirche."

Ich ging schweigend nach meinem Hut und lie den Ehezrter unter den
Hnden seiner liebenswrdigen Xanthippe. Ein schner Anfang in der
Theologie!" dachte ich, und die Lust, die brigen geistlichen Mnner
zu besuchen, war mir gnzlich vergangen. Doch beschlo ich, einige
Vorlesungen mit anzuhren, was ich auch den Tag nachher ausfhrte.

Man denke sich einen weiten, niedrigen Saal, vollgepfropft mit jungen
Leuten in den abenteuerlichsten Gestalten. Mtzen von allen Farben und
Formen, lange herabwallende, kurze emporsteigende Haare, Brte, deren
sich ein Sappeur der alten Garde nicht htte schmen drfen, und
kleine, zierliche Stutzbrtchen, galante Frcke und hohe Krawatten,
neben deutschen Rcken und ellenbreiten Hemdenkragen. So saen die
jungen geistlichen Herren im Kollegium. Vor sich hatte jeder eine
Mappe, einen Sto Papier, Tinte und Feder, um die Worte der Weisheit
gleich _ad notam_ zu nehmen. O Platon und Sokrates!" dachte ich,
htten eure Studiosen und Akademiker nachgeschrieben, wie manches
Wort tiefer, heiliger Weisheit wre nicht umsonst verrauscht; wie
majesttisch mten sich die Folianten von _Socratis opera_ in
mancher Bibliothek ausnehmen!"--

Jetzt wurden alle Hupter entblt. Eine kurze, dicke Gestalt drngte
sich durch die Reihen der jungen Herren dem Katheder zu, es war der
Doktor Schnatterer, den ich gestern besucht hatte. Mit Wonnegefhl
schien er die Versammlung zu berschauen, hustete dann etwas weniges
und begann:

Hochachtbare, Hochansehnliche!" (damit meinte er die, welche sechs
Taler Honorar zahlten).

Wertgeschtzte!" (die, welche das gewhnliche Honorar zahlten).

Meine Herren!" (das waren die, welche nur die Hlfte oder aus Armut
gar nichts entrichteten). Und nun hob er seinen Sermon an, die Federn
rasselten, das Papier knirschte, er aber schaute herab wie der Mond
aus Regenwolken.

Ich htte zu keiner gelegeneren Zeit diese Vorlesungen besuchen
knnen; denn der Doktor behandelte gerade den Abschnitt _de angelis
malis_, worin ich vorzglich traktiert zu werden hoffen durfte.
Wahrhaftig, er lie mich nicht lange warten. Der Teufel", sagte er,
berredete die ersten Menschen zur Snde und ist noch immer gegen das
ganze Menschengeschlecht feindlich gesinnt." Nach diesem Satz hoffte
ich nun eine philosophische Wrdigung dieses Teufelsglaubens zu hren;
aber weit gefehlt. Er blieb bei dem ersten Wort T e u f e l stehen und
da mich die Juden Beelzebub geheien htten. Mit einem Aufwand von
Gelehrsamkeit, wie ich sie hinter dem armen Schlafrock nicht gesucht
htte, warf er nun das Wort Beelzebub drei Viertelstunden lang hin und
her. Er behauptete, die einen erklren, es bedeute einen
Fliegenmeister, der die Mcken aus dem Lande treiben solle, andere
nehmen das Sephub nicht von den Mcken, sondern als A n k l a g e, wie
die Chalder und Syrier. Andere erklren Sephub als Grab, _Sepulcrum_.
Die Federn schwirrten und flogen, so tiefe Gelehrsamkeit hrt man nicht
alle Tage. Zu jenen paar Erklrungen hatte er aber volle drei
Viertelstunden verwendet, denn die Zitate aus heiligen und profanen
Skribenten nahmen kein Ende. Von Anfang hatte es mir vielen Spa
gemacht, die Dogmatik auf solche Weise getrieben und namentlich den
Satan so grndlich anatomiert zu sehen. Aber endlich machte es mir doch
Langeweile, und ich wollte schon meinen Platz verlassen, um dem
unendlichen Gewsch zu entfliehen, da ruhte der Doktor einen Augenblick
aus, die Schnupftcher wurden gebraucht, die Fe wurden in eine
andere Lage gebracht, die Federn ausgespritzt und neu beschnitten--
alles deutete darauf hin, da jetzt ein Hauptschlag geschehen werde.

Und es war so. Der groe Theologe, nachdem er die Meinungen anderer
aufgefhrt und gehrig gewrdigt hatte, begann jetzt mit Salbung und
Wrde seine eigene Meinung zu entwickeln.

Er sagte, da alle diese Erklrungen nichts taugen, indem sie keinen
passenden Sinn geben. Er wisse eine ganz andere und glaube sich in
diesem Stck noch ber Michaelis und Dderlein stellen zu drfen. Er
lese nmlich Saephael, und das bedeute Kot, Mist und dergleichen. Der
Teufel oder Beelzebub wre also hier der H e r r im D r e c k, der
U n r e i n l i c h e, _to pneuma akatharton_, der Stinker genannt,
wie denn auch im Volksglauben mit den Erscheinungen des Satans ein
gewisser unanstndiger Geruch verbunden sei.

Ich traute meinen Ohren kaum. Eine solche Sottise war mir noch nie
vorgekommen. Ich war im Begriff, den orthodoxen Exegeten mit dem
nmlichen Mittel zu bedienen, das einst Doktor Luther, welcher gar
keinen Spa verstand, an mir probierte, ihm nmlich das nchste beste
Tintenfa an den Kopf zu werfen; aber es fiel mir bei, wie ich mich
noch besser an ihm rchen knnte; ich bezhmte meinen Zorn und schob
meine Rache auf.

Der Doktor aber schlug im Bewutsein seiner Wrde das Heft zu, stand
auf, bckte sich nach allen Seiten und schritt nach der Tre. Die
tiefe Stille, welche im Saal geherrscht hatte, lste sich in ein
dumpfes Gemurmel des Beifalls auf.

Welch ein gelehrter Mann, welch tiefer Denker, welche Flle der
tiefsten Gelehrsamkeit!" murmelten die Schler des groen Exegeten.
Emsig verglichen sie untereinander ihre Hefte, ob ihnen auch kein
Wrtchen von seinen schlagenden Beweisen, von seinen khnen
Behauptungen entgangen sei. Und wie glcklich waren sie, wenn auch
kein Jota fehlte, wenn sie hoffen durften, ein dickes, reinliches,
vollstndiges Heft zu bekommen.

Sobald sie aber die teuern Bltter in den Mappen hatten, waren sie die
Alten wieder. Man stopfte sich die ellenlangen Pfeifen, man setzte die
Mtze khn auf das Ohr, zog singend oder den groen Hunden pfeifend
ab, und wer htte den Jnglingen, die im Sturmschritt dem nchsten
Bierhaus zuzogen, angesehen, da sie die Stammhalter der Orthodoxie
seien und _recta via_ von der khnsten Konjektur des groen
Dogmatikers herkommen?

So schlo sich mein erster theologischer Unterricht; ich war, wenn
nicht an Weisheit und Einsicht, doch um einen Begriff meiner selbst,
an den ich nie gedacht htte, reicher geworden.

Ich schwor mir selbst mit den heiligsten Schwren, keinen Theologen
dieser finstern Schule mehr zu hren. Denn, wenn der Oberste unter
ihnen solche krassen Begriffe zu Markte brachte, was durfte ich von
den brigen hoffen? Aber der orthodoxen Saephael= oder Dr--ck=Seele
hatte ich Rache geschworen, und ich war Manns genug dazu, sie
auszufhren.

*       *       *       *       *




ACHTES KAPITEL

Der Satan bekommt Hndel und schlgt sich. Folgen davon.


Indessen ereignete sich etwas anderes, das ich hier nicht bergehen
darf, weil es als ein Kommentar zu den Sitten des wunderlichen Volkes,
unter welchem ich lebte, dienen kann. Ich hatte schon seit einiger
Zeit fleiig die Anatomie besucht, um auch die rzte kennen zu lernen.
Da geschah es eines Tages, da ich mit mehreren Freunden um einen
Kadaver beschftigt war, indem ich ihnen durch Zergliederung der
Organe des Gehirns, des Herzens usw. die Nichtigkeit des Glaubens an
Unsterblichkeit darzutun suchte.

Auf einmal hrte ich hinter mir eine Stimme: Pfui Teufel, wie
riecht's hier!"

Ich wandte mich rasch um und erblickte einen jungen Theologen, der
mich schon in jener dogmatischen Vorlesung durch den Eifer und das
Wohlbehagen, mit welchem er die unsinnige Konjektur des Professors
niederschrieb, gegen sich aufgebracht hatte. Als ich nun diese
uerung:  Pfui Teufel, wie riecht's hier!" die ich in jenem
Augenblick aus des Theologen Munde nur auf mich, als den Herrn im
Kot", bezog, hrte, sagte ich ihm ziemlich stark, da ich mir solche
Gemeinheiten und Anzglichkeiten verbitte.

Nach dem uralten heiligen Gesetzbuche der Burschen, das man Komment
heit, war dies eine Beschimpfung, die nur mit Blut abgewaschen werden
konnte. Der Theologe, ein tchtiger Raufer, lie mich daher am andern
Tage sogleich fordern. Ein solcher Spa war mir erwnscht; denn wer
sein Ansehen unter seinen Kommilitonen behaupten wollte, mute sich
damals geschlagen haben, obgleich das Duell an sich, von meinen
Freunden als etwas Unvernnftige, Unnatrliches angesehen wurde. Ich
hatte meinen Gegner bestimmen lassen, die Sache an einem
Vergngungsort, eine Stunde vor der Stadt, auszumachen, und beide
Parteien erschienen zur bestimmten Zeit an Ort und Stelle.

Feierlich wurde jeder einzelne in ein Zimmer gefhrt, der Oberrock ihm
ausgezogen und der Paukwichs", das heit die Rstung, in welcher das
Duell vor sich gehen sollte, angelegt. Diese Rstung oder der
Paukwichs bestand in einem Hut mit breiter Krempe, die dem Gesicht
hinlnglichen Schutz verlieh, einer ungeheuern, fubreiten Binde, die
ber den Bauch geschnallt wurde. Sie war von Leder, gepolstert und mit
der Farbe der Verbindung, zu welcher man gehrte, ausgeschmckt. Eine
ungeheure Krawatte, wogegen Herrn Studiosus Wrgers ein Groschenstrick
war, stand steif um die Gegend des Halses und schtzte Kinn, Kehle,
einen Teil der Schultern und den obern Teil der Brust. Den Arm, vom
Ellbogen bis zur Hand, bedeckte ein aus alten seidenen Strmpfen
verfertigtes Rstzeug, Handschuh genannt. Ich gestehe, die Figur, in
diese sonderbare Rstung gepret, nahm sich komisch genug aus. Doch
gewhrte sie groe Sicherheit; denn nur ein Teil des Gesichtes, der
Oberarm und ein Teil der Brust war fr die Klinge des Gegners
zugnglich. Ich konnte mich daher des Lachens nicht enthalten, wenn
ich im Spiegel mein sonderbares Habit betrachtete. Der Satan in einem
solchen Aufzuge und im Begriff, sich wegen des schlechten Geruchs auf
der Anatomie zu schlagen!"

Meine Genossen aber nahmen dieses Lachen fr einen Ausbruch der
Khnheit und des Mutes, gedachten, es sei jetzt der rechte Augenblick
gekommen, und fhrten mich in einen groen Saal, wo man mit Kreide die
gegenseitige feindliche Stellung auf dem Boden markiert hatte. Ein
Fuchs rechnete es sich zur hohen Ehre, mir den Schlger" vorantragen
zu drfen, wie man den alten Kaisern Schwert und Zepter vorantrug.
Jener war eine aus poliertem Stahl schn gearbeitete Waffe mit groem,
schtzendem Korb und scharf geschliffen wie ein Schermesser.

Wir standen endlich einander gegenber. Der Theologe machte ein
grimmiges Gesicht und blickte mit einem Hohn auf mich, der mich nur
noch mehr in dem Vorsatz bestrkte, ihn tchtig zu zeichnen.

Wir legten uns nach alter Fechtweise aus, die Klingen waren gebunden,
die Sekundanten schrien: Los!" und unsere Schlger schwirrten in der
Luft und fielen rasselnd auf die Krbe. Ich verhielt mich meistens
parierend gegen die wirklich schnen und mit groer Kunst ausgefhrten
Angriffe des Gegners; denn mein Ruhm war grer, wenn ich mich von
Anfang nur verteidigte und erst im vierten, fnften Gang ihm eine
Schlappe gab.

Allgemeine Bewunderung folgte jedem Gang. Man hatte noch nie so khn
und schnell angreifen, noch nie mit so vieler Ruhe und Kaltbltigkeit
sich verteidigen sehen. Meine Fechtkunst wurde von den ltesten
Husern" bis in den Himmel erhoben, und man war nun gespannt und
begierig, bis ich selbst angreifen wrde. Doch wagte es keiner, mich
dazu aufzumuntern.

Vier Gnge waren vorber, ohne da irgendwo ein Hieb blutig gewesen
wre. Ehe ich zum fnften aufmarschierte, zeigte ich meinen Kameraden
die Stelle auf der rechten Wange, wohin ich meinen Theologen treffen
wollte. Dieser mochte es mir ansehen, da ich jetzt selbst angreifen
werde, er legte sich so gedeckt als mglich aus und htete sich,
selbst einen Angriff zu machen. Ich begann mit einer herrlichen Finte,
der ein allgemeines Ah! folgte, schlug dann einige regelmigen Hiebe,
und klapp! sa ihm mein Schlger in der Wange.

Der gute Theologe wute nicht, wie ihm geschah; mein Sekundant und
Zeuge sprangen mit einem Zollstab hinzu, maen die Wunde und sagten
mit feierlicher Stimme: E s  i s t  m e h r a l s  e i n  Z o l l,
k l a f f t  u n d  b l u t e t,  a l s o  A n s c h--." Das hie
soviel als: Weil ich dem guten Jungen ein zollanges Loch ins Fleisch
gemacht hatte, war seiner Ehre genug geschehen.

Jetzt strzten meine Freunde herzu, die ltesten faten meine Hnde,
die jngeren betrachteten ehrfurchtsvoll die Waffe, mit welcher die in
der Geschichte einzige und unerhrte Tat geschehen war. Denn wer, seit
des groen Renommisten Zeiten, durfte sich rhmen, vorher die Stelle,
die er treffen wollte, angezeigt und mit so vieler Genauigkeit
getroffen zu haben?

Ernsten Blickes trat der Sekundant meines Gegners herein und bot mir
in dessen Namen Vershnung an. Ich ging zu dem Verwundeten, dem man
gerade mit Nadel und Faden seine Wunde zunhte, und vershnte mich mit
ihm.

Ich bin Ihnen Dank schuldig," sagte er zu mir, da Sie mich so
gezeichnet haben. Ich wurde ganz gegen meinen Willen gezwungen,
Theologie zu studieren. Mein Vater ist Landpfarrer, meine Mutter eine
fromme Frau, die ihren Sohn gerne einmal im Chorrock sehen mchte. Sie
haben mit einem Male entschieden; denn mit einer Schmarre vom Ohr bis
zum Mund darf ich keine Kanzel mehr besteigen."

Die Burschen sahen teilnehmend auf den wackern Theologen, der wohl mit
geheimer Wehmut an den Schmerz des alten Pastors, an den Jammer der
frommen Mama denken mochte, wenn die Nachricht von diesem Unfall
anlangte. Ich aber hielt es fr das grte Glck des Jnglings, durch
eine so kurze Operation der Welt wieder geschenkt zu sein. Ich fragte
ihn, was er jetzt anzufangen gedenke, und er gestand offen, da der
Stand eines Kavalleristen oder eines Schauspielers ihn von jeher am
meisten angezogen htte.

Ich htte ihm um den Hals fallen mgen fr diesen vernnftigen
Gedanken; denn gerade unter diesen beiden Stnden zhle ich die
meisten Freunde und Anhnger. Ich riet ihm daher aufs ernstlichste,
dem Trieb der Natur zu folgen, indem ich ihm die besten
Empfehlungsbriefe an bedeutende Generale und an die vorzglichsten
Bhnen versprach.

Dem ganzen Personale aber, das dem merkwrdigen Duell angewohnt hatte,
gab ich einen trefflichen Schmaus, wobei auch mein Gegner und seine
Gesellen nicht vergessen wurden. Dem ehemaligen Theologen zahlte ich
nachher in der Stille seine Schulden und versah ihn, als er genesen
war, mit Geld und Briefen, die ihm eine frhliche, glnzende Laufbahn
erffneten.

Meine geheime Wohlttigkeit war so wenig als der glnzende Ausgang der
Affre ein Geheimnis geblieben. Man sah mich von jetzt wie ein hheres
Wesen an, und ich kannte manche junge Dame, die sogar ber meine
gromtigen Sentiments Trnen vergo.

Die Mediziner aber lieen mir durch eine Deputation einen prachtvollen
Schlger berreichen, weil ich mich, wie sie sich ausdrckten, f  r
d e n  g u t e n  G e r u c h  i h r e r  A n a t o m i e  g e s c h l
a g e n  h a b e" .

Die Welt bleibt unter allen Gestalten die nmliche, die sie von Anfang
war. Dem Bsen, selbst dem Unvernnftigen huldigt sie gerne, wenn es
sich nur in einem glnzenden Gewande zeigt; die gute, ehrliche Tugend
mit ihren rauhen Manieren und ihrem ungeschliffenen, rohen Aussehen
wird hchstens Achtung, niemals Beifall erlangen.

*       *       *       *       *




NEUNTES KAPITEL.

Satans Rache an Doktor Schnatterer.


Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurckbleibe, legte ich mich mit Eifer auf sthetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unntz angewendet. Ich besuchte ja jene
berhmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernhren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurckrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als mglich in jenen Knsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.

Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, ber die
Schnheit eines Gemldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln fr erbrmlich zu erklren, fr die Mnner einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich fr unumgnglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu knnen,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlnglich gelernt.

Ich habe mir nach dem Beispiel meiner groen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfgigsten Ereignisse
aufzufhren, wenn sie lehrreich oder merkwrdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzhlen.

Besagter Doktor hatte die lbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stndchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich fr ehrbare Mnner geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Tren ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Glschen ber Durst, was wenigstens die bse
Welt daraus ersehen wollte, da sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen lieen.

Der ehrwrdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine lngere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedchtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreiig
Schritte seitwrts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schnen Sonntagabend mit Fugngern beset war, der Doktor aber
die hhere Rte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.

So erklrten sich die Bsen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben fhrt."

Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich pate ihm an einem schnen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demtigem Bckling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten drfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nhe noch einmal so schn.

Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir ber die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergnger als die schne Luisel, die berchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! da Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wre! Welch
herrliche Originale fr frommen Unwillen, starres Erstaunen, hmische
Schadenfreude htte er in sein Skizzenbuch niederlegen knnen.

Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wlzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gercht:
Der Doktor Schnatterer mit der schnen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.

Wehe dem, durch den rgernis kommt!" riefen die Frommen. Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"

Ei, ei, wer htte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. Wenn der Skandal nur nicht auf
ffentlicher Promenade--!"

Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Snde spazieren."

So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Brger und Studenten, Mgde
und Straenjungen erzhlten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und Doktor Schnatterer" und schn Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole fr diesen Abend und manchen folgenden
Tag.

An einer Krmmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schlo mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.

Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drngen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelchter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, da einige fromme Weiber seiner zrtlichen
Ehehlfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Strae hrte man deutlich die
frchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltnend,
als da man htte denken knnen, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berhrt.

Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und lie mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinberblitzen lieb: Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"

Ich bckte mich geziemend und versicherte, da ich mir habe nie
trumen lassen, die Ehre zu genieen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.

Wie vom Donner gerhrt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelhmt zu haben: Zu Haus' gewesen?" lallte er. Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"

Was wei ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lchelnd zur Antwort. Mit mir auf keinen Fall!"

Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wtende Frau,
was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt wei; der alte
Snder, der Schandmensch! Man wei seine Schliche wohl; mit der
schnen Luisel hat er scharmuziert!"

Das hat mir der bse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; der Bse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."

Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zrtliche, ri
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."

Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den khnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalitt unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Mastab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unvershnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r  T e u f e l  e i n
E i  i n  d i e  W i r t s c h a f t  g e l e g t.

       *       *       *       *       *




ZEHNTES KAPITEL.

Satan wird wegen Umtrieben eingezogen und verhrt; er verlt die
Universitt.


Um diese Zeit hrte man in Deutschland viel von Demagogen, Umtrieben,
Verhaftungen und Untersuchungen. Man lachte darber, weil es schien,
man betrachte alles durch das Vergrerungsglas, welches Angst und
bses Gewissen vorhielten. brigens mochte es an manchen Orten doch
nicht ganz geheuer gewesen sein; selbst in dem sonst so ruhigen
------en spukte es in manchen Kpfen seltsam.

Ich will einen kurzen Umri von dem Stand der Dinge geben. Wenn man
unbefangen unter den Burschen umherwandelte und ihren Gelagen
beiwohnte, so drngte sich von selbst die Bemerkung auf, da viele
unter ihnen von etwas anderem angeregt seien als gerade von dem
nchsten Zweck ihres Brotstudiums; wie einige groes Interesse daran
fanden, sich morgens mit ihren Glubigern und deren Noten (Philister
mit Pumpregistern) herumzuzanken, nachher den Hund zu baden und ihn
schne Knste zu lehren, sodann Fensterparade vor ihren Schnen zu
machen usw., so hatten sich andere, und zwar kein geringer Teil, auf
Idealeres geworfen. Ich hatte zwar dadurch, da ich sie zum Studium
des Trinkens anhielt, dafr gesorgt, da die Herren sich nicht gar zu
sehr der Welt entziehen mchten; aber es blieb doch immer ein
geheimnisvolles Walten, aus welchem ich nicht recht klug werden
konnte.

Besonders aber uerte sich dies, wenn die Kpfe erleuchtet waren; da
sprach man viel von Volksbildung, von frommer deutscher Art; manche
sprudelten auch ber und schrien von der Not des Vaterlandes, von--
doch das ist jetzt gleichgltig, von was gesprochen wurde, es gengt
zu sagen, da es schien, als htte eine groe Idee viele Herzen
ergriffen, sie zu e i n e m Streben vereinigt. Mir behagte die Sache
an sich nicht bel; sollte es auf etwas Unruhiges ausgehen, so war ich
gleich dabei, denn Revolutionen waren von jeher mein Element; nur
sollte nach meiner Meinung das Ganze einen eleganteren, leichteren
Anstrich haben.

Es gab zwar Leute unter ihnen, die mit der Gewandtheit eines
Staatsmannes die Menge zu leiten wuten, die sich eine Eleganz des
Stils, eine Leichtigkeit des Umganges angeeignet hatten, wie sie in
den diplomatischen Salons mit Mhe erlernt und kaum mit so viel
Anstand ausgefhrt wird; aber die meisten waren in ein phantastisches
Dunkel geraten, munkelten viel von dem Dreiklang in der Einheit, von
der Idee, die ihnen aufgegangen sei, und hatten Vergangenheit und
Zukunft, Mittelalter und das Chaos der jetzigen Zeit so ineinander
geknetet, da kein Theseus sich aus diesen Labyrinthen herausgefunden
htte.

Ich merkte oft, da einer oder der andere der Koryphen in einer
traulichen Stunde mir gerne etwas anvertraut htte; ich zeigte
Verstand, Weltbildung, Geld und groe Konnexionen, Eigenschaften, die
nicht zu verachten sind und die man immer ins Mittel zu ziehen sucht.
Aber immer, wenn sie im Begriff waren, die dunkle Pforte des
Geheimnisses vor meinen Augen aufzuschlieen, schien sie, ich wei
nicht was, zurckzuhalten; sie behaupteten, ich habe kein Gemt; denn
dieses edle Seelenvermgen schienen sie als Probierstein zu
gebrauchen.

Mochte ich aber aussehen wie ein verkappter Jakobiner, mochte ich
durch meinen Einflu auf die Menge Verdacht erregt haben? Eines
Morgens trat der Pedell mit einigen Schnurren in mein Zimmer und nahm
mich im Namen Seiner Magnifizenz gefangen. Der Universittssekretr
folgte, um meine Papiere zu ordnen und zu versiegeln, und gab mir zu
verstehen, da ich als D e m a g o g e verhaftet sei.

Man gab mir ein anstndiges Zimmer im Universittsgebude, sorgte
eifrig fr jede Bequemlichkeit, und als der hohe Rat beisammen war,
wurde ich in den Saal gefhrt, um ber meine p o l i t i s c h e n
V e r b r e c h e n vernommen zu werden.

Die Dekane der vier Fakultten, der Rektor Magnifikus, ein Mediziner,
und der Universittssekretr saen um einen grn behngten Tisch in
feierlichem Ornat; die tiefe Stille, welche in dem Saal herrschte, die
steife Haltung der gelehrten Richter, ihre wichtigen Mienen ntigten
mir unwillkrlich ein Lcheln ab.

Magnifikus zeigte auf einen Stuhl ihm gegenber am Ende der Tafel,
Delinquent setzte sich, Magnifikus winkte wieder, und der Pedell trat
ab.

Noch immer tiefe Stille; der Sekretr legt das Papier zum Protokoll
zurecht und schneidet Federn; ein alter Professor lt seine ungeheure
Dose herumgehen. Jeder der Herren nimmt eine Prise, bedchtig und mit
Beugung des Hauptes; Doktor Saper, mein nchster Nachbar, schnupft und
prsentiert mir die Dose, lt aber das teure Magazin, von einem
abwehrenden Blick Magnifici erschreckt, mit polterndem Gerusch zu
Boden fallen.

Alle Hagel, Herr Doktor," schrie der alte Professor, alle Achtung
beiseite setzend.

O Jerum," chzte der Sekretr und warf das Federmesser weg; denn er
hatte sich aus Schrecken in den Finger geschnitten.

Bitte untertnigst!" stammelte der erschrockene Doktor Saper.

Diese alle sprachen auf einmal durcheinander, und der letztere kniete
auf den Boden nieder und wollte mit der Papierschere, die er in der
Eile ergriffen hatte, den verschtteten Tabak aufschaufeln.

Magnifikus aber ergriff die groe Glocke und schellte dreimal; der
Pedell trat eilig und bestrzt herein und fragte, was zu Befehl sei,
und Magnifikus, mit einem verbindlichen Lcheln zu Doktor Saper
hinber, sprach: Lassen Sie es gut sein, Lieber, er taugt doch nichts
mehr; da wir aber in dieser Sitzung einiges Tabaks bentigt sein
werden, glaube ich, dafr stimmen zu mssen, da frischer _ad
locum_ gebracht werde."

Doktor Saper zog schnell sein Beutelein, reichte dem Pedell einige
Groschen und befahl ihm, eilends drei Lot Schnupftabak zu bringen.
Dieser enteilte dem Saal. Vor dem Haus fand er, wie ich nachher
erfuhr, die halbe Universitt versammelt; denn meine Verhaftung war
schnell bekannt geworden, und alles drngte sich hinzu, um das Nhere
zu erfahren. Man kann sich daher die Spannung der Gemter denken, als
man den Pedell aus der Tre strzen sah. Die Vordersten hielten ihn
fest und fragten und drngten ihn, wohin er so eilig versendet werde,
und kaum konnte man sich in seine Beteuerung finden, da er eilends
drei Lot Schnupftabak holen msse.

Aber im Saal war nach der Entfernung des Gtterboten die vorige,
anstndige Stille eingetreten. Magnifikus fate mich mit einem Blick
voll Hoheit und begann:

Es ist uns von einer hchstpreislichen Zentral=
Untersuchungskommission der Auftrag zugekommen, auf gewisse geheime
Umtriebe und Verbindungen, so sich auf unserer Universitt seit
einiger Zeit entsponnen haben sollen, unser Augenmerk zu richten. Wir
sind nun nach reiflicher Prfung der Umstnde vollkommen darber
einverstanden, da Sie, Herr von Barbe, sich hchst verdchtig gemacht
haben, solche Verhltnisse unter unserer akademischen Jugend dahier
herbeigefhrt und angesponnen zu haben. Hm! Was sagen Sie dazu, Herr
von Barbe?"

Was ich dazu sage? Bis jetzt noch nichts. Ich erwarte geziemend die
Beweise, die mein Leben und Betragen einer solchen Beschuldigung
verdchtig machen."

Die Beweise?" antwortete erstaunt der Rektor. Sie verlangen Beweise?
Ist das der Respekt vor einem akademischen Senate? Man fhre selbst
den Beweis, da man nicht im strflichen Verdacht der Demagogie ist."

Mit gtiger Erlaubnis, Euer Magnifizenz," entgegnete der Dekan der
Juristen, Inquisit kann, wenn er eines Verdachtes angeklagt ist, i n
a l l e  W e g e  v e r l a n g e n, da ihm die Grnde des Verdachtes
genannt werden."

Dem medizinischen Rektor stand der Angstschwei auf der Stirne; man
sah ihm an, da er mit Mhe die Beweisgrnde in seinem Haupte hin= und
herwlzte. Wie ein Bote vom Himmel erschien ihm daher der Pedell mit
der Dose und berichtete zugleich mit ngstlicher Stimme, da die
Studierenden in groer Anzahl sich vor dem Universittsgebude
zusammengerottet haben und ein verdchtiges Gemurmel durch die Reihen
laufe, das mit einem Pereat oder Scheibeneinwerfen zu bedrohen
scheine.

Kaum hatte er ausgesprochen, so strzte eine Magd herein und richtete
von der Frau Magnifikussin an den Herrn Magnifikus ein Kompliment aus,
und er mchte doch sich nach Haus salvieren, weil die Studenten
allerhand verdchtige Bewegungen machten".

Ist das nicht der klarste Beweis gegen Ihre geheimen Umtriebe, lieber
Herr von Barbe?" sprach die Magnifizenz in klglichem Tone. Aber der
Aufruhr steigt, _videant Consules, ne quid detrimenti_--man nehme
seine Maregeln;--da auch der Teufel gerade in meine Amtsfhrung alle
fatalen Hndel bringen mu!--_Domine Collega,_ Herr Doktor
Pfeffer, was stimmen Sie?"

Es ist eigentlich noch kein Votum zur Abstimmung vorgebracht und zur
Reife gediehen, ich rate aber, Herrn von Barbe bis auf weiteres zu
entlassen und ihm--"

Richtig, gut," rief der Rektor, Sie knnen abtreten, wertgeschtzter
junger Freund; beruhigen Sie Ihre Kameraden; Sie sehen selbst, wie
glimpflich wir mit Ihnen verfahren sind, und zu einer gelegeneren
Stunde werden wir uns wieder die Ehre ausbitten; damit aber die Sache
kein solches Aufsehen mehr erregt--wei Gott, der Aufruhr steigt, ich
hre Pereat--so kommen Sie morgen abend alle zum Tee zu mir, Sie auch,
lieber Barbe, da dann die Sachen weiter besprochen werden knnen."

Ich konnte mich kaum enthalten, den ngstlichen Herren ins Gesicht zu
lachen. Sie saen da, wie von Gott verlassen, und wnschten sich in
Abrahams Scho, das heit in den ruhigen Hafen ihres weiten
Lehnstuhls.

Was steht nicht von einer erhitzten Jugend zu erwarten?" klagten sie.
Seitdem etzliche Lehrer von den Kathedern gestiegen sind und sich
unter diese himmelstrmenden Zyklopen gemischt haben, ist keine
Ehrfurcht, kein Respekt mehr da. Man mu befrchten, wie schlechte
Schauspieler ausgepfiffen oder am hellen Tage insultiert zu werden."

Vom Erstechen will ich gar nicht reden," sagte ein anderer; es
sollte eigentlich jeder Literatus, der nicht alle Wege ein gut
Gewissen hat, einen Brustharnisch unter dem Kamisol tragen."

Indessen die Philister also klagten, dankte ich meinen Kommilitonen
fr ihre Aufmerksamkeit fr mich, sagte ihnen, da sie nachts viel
bessere Gelegenheit zum Fenstereinwerfen haben, und bewog sie durch
Bitten und Vorstellungen, da sie abzogen. Sie marschierten in
geschlossenen Reihen durch das erschreckte Stdtchen und sangen ihr
_a ira, a ira," _ nmlich: Die Burschenfreiheit lebe" und das
erhabene Rautsch, rautsch, rautschitschi, Revolution!"

Ich ging wieder in den Saal zurck und sagte den noch versammelten
Herren, da sie gar nichts zu befrchten haben, weil ich die Herren
Studiosen vermocht habe, nach Hause zu gehen. Beschmung und Zorn
rtete jetzt die bleichen Gesichter, und mein bichen Psychologie
mte mich ganz getuscht haben, wenn mich die Herren nicht ihre Angst
entgelten lieen. Und gewi! Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen.
Magnifikus ging ans Fenster, um sich selbst zu berzeugen, da die
Aufrhrer abgezogen seien; dann wendete er sich mit erhabener Miene zu
mir, und er, der noch vor einer Viertelstunde mein wertgeschtzter
Freund" zu mir sagte, herrschte mir jetzt zu: Wir knnen das Verhr
weiter fortfhren, Delinquent mag sich setzen!"

So sind die Menschen; nichts vergit der Hhere so leicht, als da der
Niedere ihm in der Stunde der Not zu Hilfe eilte. Nichts sucht er
sogar eifriger zu vergessen als jene Not, wenn er sich dabei eine
Ble gegeben, deren er sich zu schmen hat.

Nach der Miene des Magnifikus richteten sich auch die seiner Kollegen.
Sie behandelten mich grob und mrrisch. Der Rektor entwickelte mit
groer Gelehrsamkeit den ersten Anklagepunkt. Demagog kommt her von
_demos_ und _agein_. Das eine heit Volk, das andere fhren
oder verfhren. Wer ist nach diesem Begriff mehr Demagog als Sie?
Haben wir nicht in Erfahrung gebracht, da Sie die jungen Leute zum
Trinken verleiteten, da Sie neue Lieder und Kartenspiele hieher
verpflanzten? Auch von andern Orten werden diese Sachen als die
sichersten Symptome der Demagogie angefhrt; folglich sind Sie ein
Demagog."--

Mit triumphierendem Lcheln wandte er sieh zu seinen Kollegen: Habe
ich nicht recht, Doktor Pfeffer? Nicht recht, Herr Professor Saper?"
Vollkommen, Euer Magnifizenz," versicherten jene und schnupften.

Zweitens, jetzt kommt der andere Punkt," fuhr der Mediziner fort.
Das Turnen ist eine Erfindung des Teufels und der Demagogen, es ist,
um mich so auszudrcken, eine vaterlandsverrterische Ausbildung der
krperlichen Krfte. Da nun die Turnpltze eigentlich die Tierparks
und Salzlecken des demagogischen Wildes, Sie aber, wie wir in
Erfahrung gebracht haben, einer der eminentesten Turner sind, so haben
Sie sich durch Ihre _Saltus mortales_ und Ihre brigen Knste als
einen kleinen Jahn, einen offenbaren Demagogen gezeigt.--Habe ich
nicht recht, Herr Doktor Bruttler? Sage ich nicht die Wahrheit, Herr
Doktor Schrag?"

Vollkommen, Euer Magnifizenz!" versicherten diese und schnupften.

Demagogen," fuhr er fort, Demagogen schleichen sich ohne bestimmten
uern Zweck ins Land und suchen da Feuer einzulegen; sie sind unstete
Leute, denen man ihre Verdchtigkeit gleich ansieht; der Herr
Studiosus von Barbe ist ohne bestimmten Zweck hier; denn er luft in
allen Kollegien und Wissenschaften umher, ohne sie fr immer zu
frequentieren oder g a r  n a c h z u s c h r e i b e n. Was folgt? Er
hat sich der Demagogie sehr verdchtig gemacht. Ich fge gleich den
vierten Grund bei. Man hat bemerkt, da Demagogen, vielleicht von
geheimen Bnden ausgerstet, viel Geld zeigen und die Leute an sich
locken; wer hat sich in diesem Punkte der Anklage wrdiger gemacht als
Delinquent? Habe ich nicht recht, meine Herren?"

Sehr scharfsinnig, vollkommen!" antworteten die Aufgerufenen
_unisono_ und lieen die Dose herumgehen.

Mit Majestt richtete sich Magnifikus auf: Wir glauben hinlnglich
bewiesen zu haben, da Sie, Herr Studiosus Friedrich von Barbe, in dem
Verdacht geheimer Umtriebe stecken; wir sind aber weit entfernt, ohne
den Beklagten anzuhren, ein Urteil zu fllen; darum verteidigen Sie
sich.--Aber mein Gott! Wie die Zeit herumgeht, da lutet es schon zu
Mittag; ich denke, der Herr kann seine Verteidigung im Karzer
schriftlich abfassen; somit wre die Sitzung aufgehoben; wnsche
gesegnete Mahlzeit, meine Herren."

So schlo sich mein merkwrdiges Verhr. Im Karzer entwarf ich eine
Verteidigung, die den Herren einleuchten mochte. Wahrscheinlicher aber
ist mir, da sie sich scheuten, einen jungen Mann, der so viel Geld
ausgab, aus ihrer guten Stadt zu verbannen. Sie gaben mir daher den
Bescheid, da man mich aus besonderer Rcksicht diesmal noch mit dem
Konsilium verschonen wolle, und setzten mich wieder auf freien Fu.

Als Demagog eingekerkert zu sein, als Mrtyrer der guten Sache
gelitten zu haben, zog einen neuen Nimbus um meinen Scheitel, und im
Triumph wurde ich aus dem Karzer nach Hause begleitet; aber die Freude
sollte nicht lange dauern. Ich hatte jetzt so ziemlich meinen Zweck,
der mich in jene Stadt gefhrt hatte, erreicht und gedachte weiter zu
gehen. Ich hatte mir aber vorgenommen, vorher noch den Titel eines
Doktors der Philosophie auf gerechtem Wege zu erringen. Ich schrieb
daher eine gelehrte Dissertation, und zwar ber ein Thema, das mir am
nchsten lag: _De rebus diabolicis_, lie sie drucken und
verteidigte sie ffentlich; wie ich meine Gegner und Opponenten
tchtig zusammengehauen, erzhle ich nicht, aus Bescheidenheit; einen
Auszug aus meiner Dissertation habe ich brigens dem geneigten Leser
beigelegt [Funote: Diesen Auszug habe ich nicht finden knnen, es
mte denn die Einleitung zum Besuch bei Goethe sein. Der
Herausgeber.].

_Post exantlata_, oder nachdem ich den Doktorhut errungen hatte,
gab ich einen ungeheuern Schmaus, wobei manche Seele auf ewig mein
wurde. Solange noch die guten Jungen meinen Champagner und Burgunder
mit schwerer Zunge prften, lie ich meine Rappen vorfhren und sagte
der lieben Musenstadt Valet. Die Rechnung des Doktorschmauses aber
berbrachte der Wirt am Morgen den erstaunten Gsten, und manches
Pochen des ungestmen Glubigers, das sie aus den sen Morgentrumen
weckte, mancher bedeutende Abzug am Wechsel erinnerte sie auch in
sptern Zeiten an den berhmten Doktorschmaus und an ihren guten
Freund, den Satan.

*       *       *       *       *




UNTERHALTUNGEN DES SATAN UND DES EWIGEN JUDEN IN BERLIN.


  Die heutigen dummen Gesichter sind nur das _boeuf
   la Mode_ der frheren dummen Gesichter."
                                 Welt und Zeit.




ELFTES KAPITEL.

Wen der Teufel im Tiergarten traf.


Ich sa, es mgen bald drei Jahre sein, an einem schnen Sommerabend
im Tiergarten zu Berlin, nicht weit vom Weberschen Zelt; ich
betrachtete mir die bunte Welt um mich her und hatte groes
Wohlgefallen an ihr; war es doch schon wieder ganz anders geworden als
zu der frommen Zeit anno dreizehn und fnfzehn, wo alles so ehrbar
und, wie sie es nannten, altdeutsch zuging, da es mich nicht wenig
ennuyierte. Besonders ber die schnen Berlinerinnen konnte ich mich
damals recht rgern; sonst ging es Sonntag nachmittags mit Saus und
Braus nach Charlottenburg oder mit Jubel und Lachen die Linden entlang
nach dem Tiergarten hinaus; allein damals--? Jetzt aber ging es auch
wieder hoch her. Das Alte war dem Neuen gewichen, Lust und Leben wie
frher zog durch die grnen Bume, und der Teufel galt wieder was, wie
vor Zeiten, und war ein geschtzter, angesehener Mann.

Ich konnte mich nicht enthalten, einen Gang durch die buntgemischte
Gesellschaft zu machen. Die glnzenden Militrs von allen Chargen mit
ihren ebenso verschieden chargierten Schnen, die zierlichen Elegants
und Elegantinnen, die Mtter, die ihre geputzten Tchter zu Markte
brachten, die wohlgenhrten Rte, mit einem guten Griff der
Kassengelder in der Tasche, und Grafen, Barone, Brger, Studenten und
Handwerksburschen, anstndige und unanstndige Gesellschaft--sie alle
um mich her, sie alle auf dem vernnftigsten Wege, m e i n zu werden!
In frhlicher Stimmung ging ich weiter und weiter, ich wurde immer
zufriedener und heiterer.

Da sah ich, mitten unter dem wogenden Gewhl der Menge ein paar Mnner
an einem kleinen Tischchen sitzen, welche gar nicht recht zu meiner
frhlichen Gesellschaft taugen wollten. Den einen konnte ich nur vom
Rcken sehen; es war ein kleiner, beweglicher Mann, schien viel an
seinen Nachbar hin zu sprechen, gestikulierte oft mit den Armen und
nahm nach jedem greren Satz, den er gesprochen, ein erkleckliches
Schlckchen dunkelroten Franzweins zu sich.

Der andere mochte schon weit vorgerckt in Jahren sein, er war
rmlich, aber sauber gekleidet, beugte den Kopf auf die eine Hand,
whrend die andere mit einem langen Wanderstab wunderliche Figuren in
den Sand schrieb; er hrte mit trbem Lcheln dem Sprechenden zu und
schien ihm wenig oder ganz kurz zu antworten.

Beide Figuren hatten etwas mir so Bekanntes, und doch konnte ich mich
im Augenblicke nicht entsinnen, wer sie wren. Der kleine Lebhafte
sprang endlich auf, drckte dem Alten die Hand, lief mit kurzen,
schnellen Schritten, heiser vor sich hin lachend, hinweg und verlor
sich bald ins Gedrnge. Der Alte schaute ihm wehmutig nach und legte
dann die tiefgefurchte Stirne wieder in die Hand.

Ich besann mich auf alle meine Bekannten, keiner pate zu dieser
Figur; eine Ahnung durchflog mich, sollte es--doch was braucht der
Teufel viel Komplimente zu machen? Ich trat nher, setzte mich auf den
Stuhl, welchen der andere verlassen hatte, und bot dem Alten einen
guten Abend.

Langsam erhob er sein Haupt und schlug das Auge auf. Ja, er war es, es
war der e w i g e  J u d e.

_Bon soir_, Brderchen," sagte ich zu ihm, es ist doch schnackisch,
da wir einander zu Berlin im Tiergarten wieder finden; es wird wohl so
achtzig Jhrchen sein, da ich nicht mehr das Vergngen hatte?"

Er sah mich fragend an. So, du bist's?" prete er endlich heraus.
Hebe dich weg, mit dir habe ich nichts zu schaffen!"

Nur nicht gleich so grob, Ewiger," gab ich ihm zur Antwort; wir
haben manche Mitternacht miteinander vertollt, als du noch munter
warst auf der Erde und so recht systematisch liederlich lebtest, um
dich selbst bald unter den Boden zu bringen. Aber jetzt bist du,
glaube ich, ein Pietist geworden."

Der Jude antwortete nicht, aber ein hmisches Lcheln, das ber seine
verwitterten Zge flog wie ein Blitz durch die Ruine, zeigte mir, da
er mit der Kirche noch immer nicht recht einig sei.

Wer ging da soeben von dir hinweg?" fragte ich, als er noch immer auf
seinem Schweigen beharrte.

Das war der Kammergerichtsrat Hoffmann," erwiderte er.

So, d e r? Ich kenne ihn recht wohl, obgleich er mir immer ausweicht
wie ein Aal; war ich ihm doch zu mancher seiner nchtlichen Phantasien
behilflich, da es ihm selbst oft angst und bange wurde, und habe ich
ihm nicht als sein eigener Doppelgnger ber die Schultern geschaut,
als er an seinem Kreisler schrieb? Als er sich umwandte und den Spuk
anschaute, rief er seiner Frau, da sie sich zu ihm setze, denn es war
Mitternacht, und seine Lampe brannte trb'.--So, so, der war's? Und
was wollte er von dir, Ewiger?"

Da du verkrmmest mit deinem Spott! Bist du nicht gleich ewig wie
ich, und drckt dich die Zeit nicht auch auf den Rcken? Nenne den
Namen nicht mehr, den ich hasse! Was aber den Kammergerichtsrat
Hoffmann betrifft," fuhr er ruhiger fort, so geht er umher, um sich
die Leute zu betrachten; und wenn er einen findet, der etwas Apartes
an sich hat, etwa einen Hieb aus dem Narrenhaus oder einen Stich aus
dem Geisterreich, so freut er sich ba und zeichnet ihn mit Worten
oder mit dem Griffel. Und weil er an mir etwas Absonderliches versprt
haben mag, so setzte er sich zu mir, besprach sich mit mir und lud
mich ein, ihn in seinem Haus auf dem Gendarmenmarkt zu besuchen."

So, so! Und wo kommst du denn eigentlich her, wenn man fragen darf?"

Recta aus China!" antwortete Ahasverus. Ein langweiliges Nest, es
sieht gerade aus wie vor fnfzehnhundert Jahren, als ich zum erstenmal
dort war."

In China warst du?" fragte ich lachend. Wie kommst du denn zu dem
langweiligen Volk, das selbst fr den Teufel zu wenig amsant ist?"

La das," entgegnete jener, du weit ja, wie mich die Unruhe durch
die Lnder treibt. Ich habe mir, als die Morgensonne des neuen
Jahrhunderts hinter den mongolischen Bergen aufging, den Kopf an die
lange Mauer von China gerannt; aber es wollte noch nicht mit mir zu
Ende gehen, und ich htte eher ein Loch durch jene Gartenmauer des
himmlischen Reiches gestoen, wie ein alter Aries, als da der dort
oben mir ein Hrchen htte krmmen lassen."

Trnen rollten dem alten Menschen aus den Augen. Die mden Augenlider
wollten sich schlieen; aber der Schwur des Ewigen hlt sie offen, bis
er schlafen darf, wenn die andern auferstehen. Er hatte lange
geschwiegen, und wahrlich, ich konnte den Armen nicht ohne eine Regung
von Mitleid ansehen. Er richtete sich wieder auf.--Satan," fragte er
mit zitternder Stimme, wieviel Uhr ist's in der Ewigkeit?"

Es will Abend werden," gab ich ihm zur Antwort.

O Mitternacht!" sthnte er, wann endlich kommen deine khlen
Schatten und senken sich auf mein brennendes Auge? Wann nahest du,
Stunde, wo die Grber sich ffnen und Raum wird fr den E i n e n, der
dann ruhen darf?"

Pfui Kuckuck, alter Heuler!" brach ich los, erbost ber die
weinerlichen Manieren des ewigen Wanderers. Wie magst du nur solch
ein poetisches Lamento aufschlagen? Glaube mir, du darfst Dir
gratulieren, da du noch etwas Apartes hast. Manche lustige Seele hat
es an einem gewissen Ort viel schlimmer als du hier auf der Erde. Man
hat doch hier immer noch seinen Spa; denn die Menschen sorgen dafr,
da die tollen Streiche nicht ausgehen. Wenn ich so viele freie Zeit
htte wie du, ich wollte das Leben anders genieen. _Ma foi_,
Brderchen, warum gehst du nicht nach England, wo man jetzt ber die
galanten Abenteuer einer Knigin ffentlich zertiert? Warum nicht nach
Spanien, wo es jetzt nchstens losbricht? Warum nicht nach Frankreich,
um dein Gaudium daran zu haben, wie man die Wnde des Kaisertums
berpinselt und mit alten Gobelins von Ludwigs des Vierzehnten Zeiten,
die sie aus dem Exil mitgebracht haben, behngt. Ich kann dich
versichern, es sieht gar nrrisch aus; denn die Tapete ist berall zu
kurz, und durch die Risse guckt immer noch ernst und drohend das
Kaisertum wie das Blut des Ermordeten, das man mit keinem Gips
auslschen kann und das, so oft man es wei anstreicht, immer noch mit
der alten b u n t e n Farbe durchschlgt!"

Der alte Mensch hatte mir aufmerksam zugehrt, sein Gesicht war immer
heiterer geworden, und er lachte jetzt aus vollem Herzen. Du bist,
wie ich sehe, immer noch der Alte," sagte er, und schttelte mir die
Hand, weit jedem etwas aufzubinden, und wenn er gerade aus Abrahams
Scho kme!"

Warum," fuhr ich fort, warum hltst du dich nicht lnger und fter
hier in dem guten und ehrlichen Deutschland auf? Kann man etwas
Possierlicheres sehen als diese Duodezlnder! Da ist alles so--doch
stille, da geht einer von der geheimen Polizei umher. Man knnte
leicht etwas aufschnappen und den ewigen Juden und den Teufel als
unruhige Kpfe nach Spandau schicken. Aber um auf etwas anderes zu
kommen, warum bist du denn hier in Berlin?"

Das hat seine eigene Bewandtnis," antwortete der Jude. Ich bin hier,
um einen Dichter zu besuchen."

Du einen Dichter?" rief ich verwundert. Wie kommst du auf diesen
Einfall?"

Ich habe vor einiger Zeit ein Ding gelesen, man heit es Novelle,
worin ich die Hauptrolle spielte. Es fhrte zwar den dummen Titel:
D e r  e w i g e  J u d e, im brigen ist es aber eine schne Dichtung,
die mir wunderbaren Trost brachte! Nun mchte ich den Mann sehen und
sprechen, der das wunderliche Ding gemacht hat."

Und der soll hier wohnen, in Berlin?" fragte ich neugierig. Und wie
heit er denn?"

Er soll hier wohnen und heit F. H. Man hat mir auch die Strae
genannt; aber mein Gedchtnis ist wie ein Sieb, durch das man
Mondschein giet!"

Ich war nicht wenig begierig, wie sich der ewige Jude bei einem
Dichter produzieren wrde, und beschlo, ihn zu begleiten. Hre,
Alter," sagte ich zu ihm, wir haben von jeher auf gutem Fu
miteinander gestanden, und ich hoffe nicht, da du deine Gesinnungen
gegen mich ndern wirst. Sonst--"

Zu drohen ist gerade nicht ntig, Herr Satan," antwortete er, denn
du weit, ich mache mir wenig aus dir und kenne deine Schliche
hinlnglich; aber deswegen bist du mir doch als alter Bekannter ganz
angenehm und recht. Warum fragst du denn?"

Nun, du knntest mir die Geflligkeit erweisen, mich zu dem Dichter,
der dich in einer Novelle abkonterfeite, mitzunehmen. Willst du
nicht?"

Ich sehe zwar nicht ein, was fr ein Interesse du dabei haben
kannst," antwortete der Alte und sah mich mitrauisch an. Du knntest
irgendeinen Spuk im Sinne haben und dir vielleicht gar mit bsen
Absichten auf des braven Mannes Seele schmeicheln. Dies schlage dir
brigens nur aus dem Sinn; denn der schreibt so fromme Novellen, da
der Teufel selbst ihm nichts anhaben kann.--Doch meinetwegen kannst du
mitgehen."

Das denke ich auch. Was diese Seele betrifft, so kmmere ich mich
wenig um Dichter und dergleichen; das ist leichte Ware, welcher der
Teufel wenig nachfragt. Es ist bei mir nur Interesse an dem Manne
selbst, was mich zu ihm zieht. brigens in diesem Kostm kannst du
hier in Berlin keine Visiten machen, Alter!"

Der ewige Jude beschaute mit Wohlgefallen sein abgeschabtes braunes
Rcklein mit groen Perlmutterknpfen, seine lange Weste mit breiten
Schen, seine kurzen, zeisiggrnen Beinkleider, die auf den Knien ins
Brunliche spielten. Er setzte das schwarzrote, dreieckige Htchen
aufs Ohr, nahm den langen Wanderstab krftiger in die Hand, stellte
sich vor mich hin und fragte:

Bin ich nicht angekleidet stattlich wie Knig Salomo und zierlich wie
der Sohn Isais? Was hast du nur an mir auszusetzen? Freilich trage ich
keinen falschen Bart wie du, keine Brille sitzt mir auf der Nase,
meine Haare stehen nicht in die Hhe _ la_ Wahnsinn. Ich habe
meinen Leib in keinen wattierten Rock gepret, und um meine Beine
schlottern keine ellenweiten Beinkleider, wozu freilich Herr Bocksfu
Ursache haben mag--"

Solche Anzglichkeiten gehren nicht hierher," antwortete ich dem
alten Juden. Wisse, man mu heutzutage nach der Mode gekleidet sein,
wenn man sein Glck machen will, und selbst der Teufel macht davon
keine Ausnahme. Aber hre meinen Vorschlag. Ich versehe dich mit einem
anstndigen Anzug, und du stellst dafr meinen Hofmeister vor. Auf
diese Art knnen wir leicht Zutritt in Husern bekommen, und wie
wollte ich dir's vergelten, wenn uns dein Dichter in einen
sthetischen Tee einfhrte!"

sthetischer Tee, was ist denn das? In China habe ich manches Ma Tee
geschluckt, Blumentee, Kaisertee, Mandarinentee, sogar Kamillentee,
aber sthetischer Tee war nie dabei."

_O sancta simplicitas!_ Jude, wie weit bist du zurck in der
Kultur! Weit du denn nicht, da dies Gesellschaften sind, wo man ber
Teebltter und einige schne Ideen genugsam warmes Wasser giet und
den Leuten damit aufwartet? Zucker und Rum tut jeder nach Belieben
dazu, und man amsiert sich dort trefflich."

Habe ich je so etwas gehrt, so will ich Hans heien," versicherte
der Jude, und was kostet es, wenn man's sehen darf ?"

Kosten? Nichts kostet es, als da man der Frau vom Haus die Hand
kt, und, wenn ihre Tchter singen oder mimische Vorstellungen geben,
hier und da ein wundervoll' oder gttlich' schlpfen lt."

Das ist ein wunderliches Volk geworden in den letzten achtzig Jahren.
Zu Friedrichs des Groen Zeiten wute man noch nichts von diesen
Dingen. Doch des Spaes wegen kann man hingehen. Denn ich verspre in
dieser Sandwste gewaltige Langeweile."

Der Besuch war also auf den nchsten Tag festgesetzt. Wir besprachen
uns noch ber die Rolle, die ich als Eleve von zwei= bis
dreiundzwanzig Jahren, er als Hofmeister zu spielen htte, und
schieden.

Ich versprach mir treffliche Unterhaltung von dem morgenden Tage. Der
ewige Jude hatte so alte, unbehilfliche Manieren, wute sich so gar
nicht in die heutige Welt zu schicken, da man ihn im Gewand eines
Hofmeisters zum wenigsten fr einen ausgemachten Pedanten halten
mute. Ich nahm mir vor, mir selbst so viel Eleganz, als dem Teufel
nur immer mglich ist, anzulegen und den Alten dadurch recht in
Verlegenheit zu bringen. Zerstreuung war ihm berdies hchst ntig;
denn er hatte in der letzten Zeit auf seinen einsamen Wanderungen
einen solchen Ansatz von Frmmelei bekommen, da er ein Pietist zu
werden drohte.

Der Dichter, zu welchem mich der ewige Jude fhrte, ein Mann von
mittleren Jahren, nahm uns sehr artig auf. Der Jude hie sich Doktor
Mucker und stellte in mir seinen Eleven, den jungen Baron von
Stobelberg, vor. Ich richtete meine uere Aufmerksamkeit halb auf die
schnen Kupferstiche an der Wand, auf die Titel der vielen Bcher, die
umherstanden, um desto ungeteilter mein Ohr und, wenn es unbemerkt
mglich war, auch mein Auge an der Unterhaltung teilnehmen zu lassen.

Der alte Mensch begann mit einem Lob ber die Novelle vom ewigen
Juden; der Dichter aber, viel zu fein und gebildet, als da er seinen
Gast htte auf diesem Lobe stehen lassen, wandte das Gesprch auf die
Sage vom ewigen Juden berhaupt und da sie ihm auf jene Weise
aufgegangen sei. Der Ewige schnitt, zur Verwunderung des Dichters,
grimmige Gesichter, als dieser unter anderem behauptete, es liege in
der Sage vom ewigen Juden eine tiefe Moral; denn der Verworfenste
unter den Menschen sei offenbar immer der, welcher seinen Schmerz ber
getuschte Hoffnung gerade an dem auslasse, der diese Hoffnung erregt
habe. Besonders verworfen erscheine er, wenn zugleich der, welcher die
Hoffnung erregte, noch unglcklicher erscheine als der, welcher sich
tuschte.

Es fehlte wenig, so htte der Herr Doktor Mucker sein Inkognito
abgelegt und wre dem wirklich genialen Dichter als ewiger Jude zu
Leibe gegangen. Noch verwirrter aber wurde mein alter Hofmeister, als
jener das Gesprch auf die neuere Literatur brachte. Hier ging ihm die
Stimme vllig aus, und er sah die nchste beste Gelegenheit ab, sich
zu empfehlen.

Der brave Mann lud uns ein, ihn oft zu besuchen, und kaum hatte er
gehrt, wir seien vllig fremd in Berlin und wissen noch nicht, wie
wir den Abend zubringen sollen, so bat er uns, ihn in ein Haus zu
begleiten, wo alle Montage ausgesuchte Gesellschaft von Freunden der
schnen Literatur bei Tee versammelt sei. Wir sagten dankbar zu und
schieden.

       *       *       *       *       *




ZWLFTES KAPITEL.

Satan besucht mit dem ewigen Juden einen sthetischen Tee.


Ahasverus war den ganzen Tag ber verstimmt. Gerade das, da er in
seinem Innern dem Dichter recht geben mute, genierte ihn so sehr. Er
brummte einmal ber das andere ber die naseweise Jugend" (obgleich
der Dichter jener Novelle schon bei Jahren war) und den Verfall der
Zeiten und Sitten. Trotz dem Respekt, den ich gegen ihn als meinen
Hofmeister htte haben sollen, sagte ich ihm tchtig die Meinung und
brachte den alten Bren dadurch wenigstens so weit, da er hflich
gegen den Mann sein wollte, der so artig war, uns in den sthetischen
Tee zu fhren.

Die siebente Stunde schlug. In einem modischen Frack, wohl parfmiert,
in die feinste, zierlich gefltelte Leinwand gekleidet, die
Beinkleider von Paris, die durchbrochenen Seidenstrmpfe von Lyon, die
Schuhe von Straburg, die Lorgnette so fein und gefllig gearbeitet,
wie sie nur immer aus der Fabrik der Herren Lood in Werenthead
hervorgeht, so stellte ich mich den erstaunten Blicken des Juden dar;
dieser war mit seiner modischen Toilette noch nicht halb fertig und
hatte alles hchst sonderbar angezogen, wie er z.B. die elegante, hohe
Krawatte, ein Berliner Meisterwerk, als Gurt um den Leib gebunden
hatte, und fest darauf bestand, dies sei die neueste Tracht aus
M o r e a.

Nachdem ich ihn mit vieler Mhe geputzt hatte, brachen wir auf. Im
Wagen, den ich, um brillanter aufzutreten, fr diesen Abend gemietet
hatte, wiederholte ich alle Lehren ber den gesellschaftlichen
Anstand.

Du darfst," sagte ich ihm, in einem sthetischen Tee eher zerstreut
und tiefdenkend als vorlaut erscheinen. Du darfst nichts ganz
unbedingt loben, sondern sieh' immer so aus, als habest du sonst noch
etwas _in petto_, das viel zu weise fr ein sterbliches Ohr wre.
Das Beifallcheln hochweiser Befriedigung ist schwer und kann erst
nach langer bung vor dem Spiegel vllig erlernt werden. Man hat aber
Surrogate dafr, mit welchen man etwas sehr loben und bitter tadeln
kann, ohne es entfernt gelesen zu haben. Du hrst z.B. von einem Roman
reden, der jetzt sehr viel Aufsehen machen soll. Man setzt als ganz
natrlich voraus, da du ihn schon gelesen haben mssest, und fragt
dich um dein Urteil. Willst du dich nun lcherlich machen und
antworten, ich habe ihn nicht gelesen? Nein! Du antwortest frisch
drauf zu: Er gefllt mir im ganzen nicht bel, obgleich er meinen
Forderungen an Romane noch nicht entspricht. Er hat manches Tiefe und
Originelle, die Entwicklung ist artig erfunden, doch scheint mir hier
und da in der Form etwas gefehlt und einige der Charaktere verzeichnet
zu sein.'

Sprichst du so, und hast du Mund und Stirne in kritische Falten
gelegt, so wird dir niemand tiefes und gewandtes Urteil absprechen."

Dein Gewsch behalte der Teufel," entgegnete der Alte mrrisch.
Meinst du, ich werde wegen dieser Menschlein, oder gar um dir Spa zu
machen, sthetische Gesichter schneiden? Da betrgst du dich sehr,
Satan. Tee will ich meinetwegen saufen, soviel du willst, aber--"

Da sieht man es wieder," wandte ich ein, wer wird denn in einer
honetten Gesellschaft s a u f e n? Wieviel fehlt dir noch, um
heutzutage als gebildet zu erscheinen! Nippen, schlrfen, hchstens
trinken--aber da hlt schon der Wagen bei dem Dichter, nimm dich
zusammen, da wir nicht Spott erleben, Ahasvere!"

Der Dichter setzte sich zu uns, und der Wagen rollte weiter; ich sah
es dem Alten wohl an, da ihm, je nher wir dem Ziele unserer Fahrt
kamen, desto bnger zu Mute war. Obgleich er schon seit achtzehn
Jahrhunderten ber die Erde wandelte, so konnte er sich doch so wenig
in die Menschen und ihre Verhltnisse finden, da er alle Augenblicke
anstie. So fragte er z. B. den Dichter unterwegs, ob die Versammlung,
in welche wir fahren, aus l a u t e r Christen bestehe, zu welcher
Frage jener natrlich groe Augen machte und nicht recht wissen
mochte, wie sie hierher komme.

Mit wenigen, aber treffenden Zgen entwarf uns der Dichter den Zirkel,
der uns aufnehmen sollte. Die milde und sinnige Frmmigkeit, die in
dem zarten Charakter der gndigen Frau vorwalten sollte; der
feierliche Ernst, die stille Gre des ltern Fruleins, die,
wenngleich Protestantin, doch ganz das Air jener wehmtig heiligen
Klosterfrauen habe, die, nachdem sie mit gebrochenem Herzen der Welt
ade gesagt, jetzt ihr ganzes Leben hindurch an einem groartigen,
interessanten Schmerz zehren; [Funote: Ganz in der Eile nimmt sich
der Herausgeber die Freiheit, den Aufri der Boudoirs dieser
protestantischen Nonne, wie er sich ihn denkt, hier beizufgen. Im
Fenster stehen Blumen, in der Ecke ein Betpult mit einem gueisernen
Kruzifix. Eine Gitarre ist notwendiges Requisit, wenn auch die
Eigentmerin hchstens _O Sanctissima_"  darauf spielen kann.
Ein Heiligenbild ber dem Sofa, ein mit Flor verhngtes Bild des V e r
s t o r b e n e n oder U n g e t r e u e n, von etzlichem, sinnigem
Efeu umrankt. Sie selbst in weiem oder aschgrauem Kostm, an der Wand
ein Spiegel.] das jngere Frulein, frisch, rund, blhend, heiter,
naiv, sei verliebt in einen Gardeleutnant, der aber, weil er den
Eltern nicht sinnig genug sei, nicht zu dem sthetischen Tee komme.
Sie habe die schnsten Stellen in Goethe, Schiller, Tieck usw., welche
ihr die Mutter zuvor angestrichen, auswendig gelernt und gebe sie hie
und da mit allerliebster Przision preis. Sie singt, was nicht anders
zu erwarten ist, auf Verlangen italienische Arietten mit knstlichen
Rouladen. Ihre Hauptforce besteht aber im Walzerspielen. Die brige
Gesellschaft, einige schne Geister, einige Kritiker, sentimentale und
naive, junge und ltere Damen, freie und andere Frulein [Funote:
Satan scheint hier zwischen Freifrulein und anderen Frulein zu
unterscheiden. Unter jenen versteht er die von gutem Adel, unter
letzteren die, welche man sonst Jungfer oder Mamsell heit. Ich finde
brigens den Unterschied auf diese Art zu bezeichnen, sehr unpassend.
Denn man wird mir zugeben, da die brgerlichen Frulein oft ebenso
frei in ihren Sitten und Betragen sind, als die echten.] werden wir
selber nher kennen lernen.

Der Wagen hielt, der Bediente ri den Schlag auf und half meinem
bangen Mentor heraus. Schweigend zogen wir die erleuchtete Treppe
hinan. Ein lieblicher Ambraduft wallte uns aus dem Vorzimmer entgegen.
Gerusch vieler Stimmen und das Gerassel der Teelffel tnte aus der
halbgeffneten Tre des Salons; auch diese flog auf, und umstrahlt von
dem Sonnenglanz der schwebenden Lsters, sa im Kreise die
Gesellschaft.

Der Dichter fhrte uns vor den Sitz der gndigen Frau und stellte den
Doktor Mucker und seinen Eleven, den jungen Baron von Stobelberg, vor.
Huldreich neigte sich die Matrone und reichte uns die schne, zarte
Hand, indem sie uns freundlich willkommen hie. Mit jener zierlichen
Leichtigkeit, die ich einem Wiener Incroyable abgelauscht hatte, fate
ich diese zarte Hand und hauchte ein leises Kchen der Ehrfurcht
darber hin. Die artige Sitte des Fremdlings schien ihr zu gefallen,
und gern gewhrte sie dem Mentor des wohlgezogenen Zglings die
nmliche Gunst. Aber, o Schrecken! Indem er sich niederbckte,
gewahrte ich, da sein grauer, stechender Judenbart nicht glatt vom
Kinn wegrasiert sei, sondern wie eine Kratzbrste hervorstehe. Die
gndige Frau verzog das Gesicht grimmig bei dem Stechku, aber der
Anstand lie sie nicht mehr als ein leises Gejammer hervorsthnen.
Wehmtig betrachtete sie die schne weie Hand, die rot aufzulaufen
begann, und sie sah sich gentigt, im Nebenzimmer Hilfe zu suchen.
Ich, sah, wie dort ihre Zofe aus der silbernen Toilette Klnisches
Wasser nahm und die wunde Stelle damit rieb. Sodann wurden schne
glacierte Handschuhe geholt, die Kppchen davon abgeschnitten, so da
doch die zarten Fingerspitzen hervorsehen konnten, und die gndige
Hand damit bekleidet.

Indessen hatten sich die jungen Damen unsere Namen zugeflstert, die
Herren traten uns nher und befragten uns ber Gleichgltiges, worauf
wir wieder Gleichgltiges antworteten, bis die Seele des Hauses wieder
hereintrat. Die Edle wute ihren Kummer um die angelaufene Hand so gut
zu verbergen, da sie nur einem huslichen Geschft nachgegangen zu
sein schien und sogar der alte Snder selbst nichts von dem Unheil
ahnte, das er bewirkt hatte.

Die einzige Strafe war, da sie ihm einen stechenden Blick fr seinen
stechenden Handku zuwarf, und m i c h den ganzen Abend hindurch
auffallend vor ihm auszeichnete.

Die Leser werden gesehen haben, da es ein ganz eleganter Tee war, zu
welchem uns der Dichter gefhrt hatte. Die massive silberne
Teemaschine, an welcher die jngere Tochter Tee bereitete, die
prachtvollen Lsters und Spiegel, die brennenden Farben der Teppiche
und Tapeten, die knstlichsten Blumen in den zierlichsten Vasen,
endlich die Gesellschaft selbst, die in vollem Kostm schwarz und wei
gemischt war, lieen auf den Stand und guten Ton der Hausfrau
schlieen.

Der Tee wies sich aber auch als sthetisch aus. Gndige Frau
bedauerte, da wir nicht frher gekommen seien. Der junge Dichter
Frhauf habe einige Dutzend Stanzen aus einem Heldengedicht
vorgelesen, so innig, so schwebend, mit so viel Musik in den
Schlureimen, da man in langer Zeit nichts Erfreulicheres gehrt
habe, es stehe zu erwarten, da es allgemein Furore in Deutschland
machen werde.

Wir beklagten den Verlust unendlich; der bescheidene lorbeerbekrnzte
junge Mann versicherte uns aber unter der Hand, er wolle uns morgen in
unsrem Hotel besuchen, und wir sollten nicht nur die paar Stanzen, die
er hier preisgegeben, sondern einige vollstndige Gesnge zu hren
bekommen.

Das Gesprch bekam jetzt aber eine andere Wendung. Eine ltliche Dame
lie sich ihre Arbeitstasche reichen, deren geschmackvolle und neue
Stickerei die Augen der Damen auf sich zog. Sie nahm ein Buch daraus
hervor und sagte mit freundlichem Lispeln:

_Voyez-l_ das neueste Produkt meiner genialen Freundin Johanna.
Sie hat es mir frisch von der Presse weg zugeschickt, und ich bin so
glcklich, die erste zu sein, die es hier besitzt. Ich habe es nur ein
wenig durchblttert, aber diese herrlichen Situationen, diese Szenen,
so ganz aus dem Leben gegriffen, die Wahrheit der Charaktere, dieser
glnzende Stil--"

Sie machen mich neugierig, Frau von Wollau," unterbrach sie die Dame
des Hauses, darf ich bitten--? Ah, G a b r i e l e von Johanna von
Schopenhauer. Mit dieser sind Sie liiert, meine Liebe? Da wnsche ich
Glck."

Wir lernten uns in Karlsbad kennen," antwortete Frau von Wollau,
unsere Gemter erkannten sich in gleichem Streben nach veredeltem
Ziel der Menschheit [Funote: Frau von Wollau will wahrscheinlich
sagen: nach dem Ziele der Veredlung" .--Der Herausgeber.], sie
zogen sich an, wir liebten uns. Und da hat sie mir jetzt ihre Gabriele
geschickt."

Das ist ja eine ganz interessante Bekanntschaft," sagte Frulein N a
t a l i e, die ltere Tochter des Hauses. Ach! wer doch auch so
glcklich wre! Es geht doch nichts ber eine geniale Dame. Aber sagen
Sie, wo haben Sie das wunderschne Stickmuster her, ich kann Ihre
Tasche nicht genug bewundern."

Schn--wunderschn--und die Farben! Und die Girlanden!--Und die
elegante Form!" hallte es von den Lippen der schnen Teetrinkerinnen,
und die arme Gabriele wre vielleicht ber dem Kunstwerk ganz
vergessen worden, wenn nicht uns er Dichter sich das Buch zur Einsicht
erbeten htte. Ich habe die interessantesten Szenen bezeichnet," rief
die Wollau Wer von den Herren ist so gefllig, uns, wenn es anders
der Gesellschaft angenehm ist, daraus vorzulesen?"

Herrlich--schn--ein vortrefflicher Einfall--" ertnte es wieder, und
unser Fhrer, der in diesem Augenblicke das Buch in der Hand hatte,
wurde durch Akklamation zum Vorleser erwhlt. Man go die Tassen
wieder voll und reichte die zierlichen Brtchen umher, um doch auch
dem Krper Nahrung zu geben, whrend der Geist mit einem neuen Roman
gespeist wurde, und als alle versehen waren, gab die Hausfrau das
Zeichen, und die Vorlesung begann.

Beinahe eine Stunde lang las der Dichter mit wohltnender Stimme aus
dem Buche vor. Ich wei wenig mehr davon, als da es, wenn ich nicht
irre, die Beschreibung von Tableaus enthielt, die von einigen Damen
der groen Welt aufgefhrt wurden. Mein Ohr war nur halb oder gar
nicht bei der Vorlesung; denn ich belauschte die Herzensergieungen
zweier Frulein, die, scheinbar aufmerksam auf den Vorleser, einander
allerlei Wichtiges in die Ohren flsterten. Zum Glck sa ich weit
genug von ihnen, um nicht in den Verdacht des Lauschens zu geraten,
und doch war die Entfernung gerade so gro, da ein Paar gute Ohren
alles hren konnten. Die eine der beiden war die jngere Tochter des
Hauses, die, wie ich hrte, an einen Gardeleutnant ihr Herz verloren
hatte.

Und denke dir," flsterte sie ihrer Nachbarin zu, heute in aller
Frhe ist er mit seiner Schwadron vorbeigeritten, und unter meinem
Fenster haben die Trompeter den Galoppwalzer von letzthin anfangen
mssen."

Du Glckliche!" antwortete das andere Frulein, und hat Mama nichts
gemerkt?"

So wenig als letzthin, wo er mich im Kotillon fnfmal aufzog. Was ich
damals in Verlegenheit kam, kannst du gar nicht glauben. Ich war mit
dem ...schen Attach engagiert, und du weit, wie unertrglich mich
dieser drre Mensch verfolgt. Er hatte schon wieder von den
italienischen Gegenden Sddeutschlands angefangen und mir nicht
undeutlich zu verstehen gegeben, da sie noch schner wren, wenn ich
mit ihm dorthin zge; da erlste mich der liebe Fladorp aus dieser
Pein. Doch kaum hatte er mich wieder zurckgebracht, als der
Unertrgliche sein altes Lied von neuem anstimmte; aber Eduard holte
mich noch viermal aus seinen glnzendsten Phrasen heraus, so da jener
vor Wut ganz stumm war, als ich das letztemal zurckkam. Er uerte
gegen Mama seine Unzufriedenheit; sie schien ihn aber nicht zu
verstehen."

Ach, wie glcklich du bist," entgegnete wehmtig die Nachbarin, aber
ich! Weit du schon, da mein Dagobert nach Halle versetzt ist? Wie
wird es mir ergehen!"

Ich wei es und bedaure dich von Herzen, aber sage mir doch, wie dies
so schnell kam?"

Ach!" antwortete das Frulein und zerdrckte heimlich eine Trne im
Auge,--ach, du hast keine Vorstellung von den Kabalen, die es im
Leben gibt. Du weit, wie eifrig Dagobert immer fr das Wohl des
Vaterlandes war. Da hatte er nun einen neuen Zapfenstreich erfunden,
er hat ihn mir auf der Fensterscheibe vorgespielt, er ist allerliebst.
Seinem Obersten gefiel er auch recht wohl, aber dieser wollte haben,
er solle ihm die Ehre der Erfindung lassen. Natrlich konnte Dagobert
dies nicht tun, und darber aufgebracht, ruhte der Oberst nicht eher,
bis der Arme nach Halle versetzt worden ist. Ach, du kannst dir gar
nicht denken, wie wehmtig mir ums Herz ist, wenn der Zapfenstreich an
meinem Fenster vorbeikommt; sie spielen ihn alle Abend nach der neuen
Erfindung, und der, welcher ihn machte, kann ihn nicht hren!"

Ich bedaure dich recht. Aber weit du auch schon etwas ganz Neues?
Da sie bei der Garde andere Uniformen bekommen?"

Ist's mglich? O sage, wie denn? Woher weit du es?"

Hre, aber im e n g s t e n Vertrauen, denn es ist noch tiefes,
tiefes Geheimnis. Eduard hat es von seinem Obersten und gestand es mir
neulich, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit. Sieh,
die Knpfe werden auf der Brust weiter auseinander gesetzt und laufen
weiter unten enger zu; auf diese Art wird die Taille noch viel
schlanker; dann sollen sie auch goldene Achselschnre bekommen, das
wei aber der Oberst und ich glaube selbst der General noch nicht ganz
gewi. Auch an den Beinkleidern geschehen Vernderungen--Eduard mu
aussehen wie ein Engel--siehe bisher...."

Sie flsterten jetzt leiser, so da ich ber den Schnitt der
Gardebeinkleider nicht recht ins klare kommen konnte. Nur so viel sah
ich, da schne Augen bei platonischen Empfindungen ein recht schnes
Feuer haben, da sie aber viel reizender leuchten, bei weitem
glnzendere Strahlen werfen, wenn sich s i n n l i c h e  L i e b e
in ihnen spiegelt.

         *       *       *       *       *




DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.


Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch
nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewhnlichen
Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch
der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle
Fassungskraft der beiden Frulein nicht genug bewundern; obgleich sie
nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehrt haben konnten, so waren
sie doch schon so gut geschult, da sie voll Bewunderung schienen. Die
eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, fate ihre Hand und drckte
sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte fr den Genu, den sie
allen bereitet habe.

Diese Dame aber sa da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die
Gabriele selbst zur Welt gebracht htte. Sie dankte nach, allen Seiten
hin fr das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht
undeutlich zu verstehen, da sie selbst vielleicht einigen Einflu auf
das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise
Anklnge an ihre eigenen Ideen ber inneres Leben und ber die
Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden
ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natrlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,
obgleich man allgemein berzeugt war, da die geniale Freundin nichts
aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgngen eine ganz sonderbare
Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als
traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemhen, nach
meiner Vorschrift sthetisch und kritisch auszusehen, nicht zu
verkennen. Aber weil ihm die bung darin abging, so schnitt er so
greuliche Grimassen, da er einigemal whrend des Vorlesens die
Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses
mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,
und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von
Wollau, die ihm gegenber sa, ihren Einflu auf die Dichterin
mitteilte, mute das prezise, geschraubte Wesen derselben dem alten
Menschen so komisch vorkommen, da er laut auflachte.

Wer jemals das Glck gehabt, einem eleganten Tee in hchst feiner
Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten
alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine
unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den
Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,
eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,
der den Anstand ihres Hauses so grblich verletzte, ohne Rckhalt
zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm
zugetraut htte, sich aus der Affre zu ziehen wute.

Ich hoffe, gndige Frau," sagte er, Sie werden mein allerdings
unzeitiges Lachen nicht miverstehen und mir erlauben, mich zu
rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewi auch schon begegnet, da eine
Ideenassoziation Sie vllig auer Kontenance brachte. Ist doch schon
manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lcherlicher Gedanke
aufgestoen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemht war, ihn
zu verhalten und zurckdrngen, desto unaufhaltsamer brach er auf
einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie wrden
mich unendlich verbinden, gndige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch
offenherzige Erzhlung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gndige Frau, hchlich erfreut, da der Anstand doch nicht verletzt
sei, gewhrte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:
Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhltnis zu einer
berhmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzhlt, wie sie in
manchen Stunden ber ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr
besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus
meinem eigenen Leben.

Auf einer Reise durch Sddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.
Meine Abendspaziergnge richteten sich meistens nach dem kniglichen
Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schne
Welt lie sich dort zu Fu und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich whlte
die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebschen
gegen die Sonne und strende Besuche verschlossen, auf weichen
Moosbnken mir und meinen Gedanken lebte.

Eines Abends, als ich schon lngere Zeit auf meinem
Lieblingspltzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ltliche
Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,
aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt
nicht fr ntig, ihnen meine Nhe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu
erkennen zu geben. Neugierde war es brigens nicht, was mich abhielt;
denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre
Reden hchst gleichgltig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen
vor, Verehrteste, als ich folgendes Gesprch vernahm:

Nun? Und darf man Ihnen Glck wnschen, Liebe? Haben Sie endlich
diese hartnckige Elise aus der Welt geschafft?'

Ja,' antwortete die andere Dame, heute frh nach dem Kaffee habe
ich sie umgebracht.'

Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und
gleichgltig von einem Mord sprechen hrte; so leise als mglich
nherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,
schrfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, da mir ja nichts entgehen
sollte, und hrte weiter:

Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewhnlich, durch
Gift? Oder haben Sie die Unglckliche, wie Othello seine Desdemona,
mit dem Deckbette erstickt?'

Keines von beiden,' entgegnete jene, aber recht hart ward mir
dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon
zwischen Leben und Sterben, und immer wute ich nicht, was ich mit ihr
anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich lie
sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Gelnder in den tiefen
Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen ber ihr zusammen. Man hat von
Elisen nichts mehr gesehen.'

Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf
die eine oder andere Art umgebracht?' Nun, das wird bald abgezhlt
sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten
Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige
mit mir konkurrierten.

Die Haare standen mir zu Berg. Also fnf unschuldige Geschpfe hatte
diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk
an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel
aufdeckte und die Mrderin zur Rechenschaft zog?

Die Damen waren nach einigen gleichgltigen Gesprchen aufgestanden
und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich
mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen
durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,
ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn
die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr bses Gewissen schien mir
erwacht, sie mochte ahnen, da ich den Mord wisse, sie will mich durch
die verschiedene Richtung der Straen, die sie einschlgt, tuschen;
aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen
die Glocke, man schliet auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der
Tre, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und
eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so
schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen mu, auf die Direktion
der Polizei.

Ich bitte den Direktor um geheimes Gehr. Ich lege ihm die ganze
Sache, alles, was ich gehrt hatte, auseinander, wei aber leider von
den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine
gewisse P a u l i n e  D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der
mrderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen
Fllen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir fr meinen Eifer,
schickt sofort Patrouillen in die Strae, die ich ihm bezeichnete, und
fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein
werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht whle er lieber dazu, da
er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen
womglich vermeide.

Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus
umstellt hatten, versicherten, da noch kein Mensch dasselbe verlassen
habe. Der Vogel war also gefangen. Wir lieen uns das Haus ffnen und
fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Tre des
ersten Zimmers hrte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstnde
ffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ltliche Dame als
die Verbrecherin an.

Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem
Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir
imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete
nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.
Doch dieser lie sich nicht so leicht verblffen. Mit jener ernsten
Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie ber ihren heutigen
Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie
gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah
sie schon als berwiesen an. Die Frau fing an, ngstlich zu werden;
sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer
mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestrme?

Der Mann der Polizei sah in diesem ngstlichen Fragen nur den
Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es fr das beste
zu halten, durch eine verfngliche Frage ihr vollends das Verbrechen
zu entlocken: Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis
angefangen? Leugnen Sie nicht lnger, wir wissen alles; sie starb
durch Ihre Hand, wie heute frh die unglckliche Elise!'

Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'
antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes
Lcheln berzugehen schien.

Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als htten Sie
zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der
Praxis eine solche Mrderin noch nicht vorgekommen sein mochte.
Wissen Sie denn, da Sie verloren sind, da es Ihnen den Kopf kosten
kann?'

Nicht doch!' entgegnete die Dame. Die Geschichte ist ja
weltbekannt.'--Weltbekannt?' rief jener. Bin ich nicht schon seit
zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen knne
mir entgehen?'

Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, da ich Ihnen die
Belege herbeibringe?'

Nicht von der Stelle ohne gehrige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf
jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--
zugestoen!'

Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die
Unglckliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald
jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte
sie, indem sie uns lchelnd das Buch berreichte.

Taschenbuch fr 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch
aufschlug und durchbltterte. Was, Teufel, gedruckt und zu lesen
steht hier: P a u l i n e  D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die
Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst
Schriftstellerin?'

So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen
aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen
sprachlos, auf mich deutete.

Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den
Zusammenhang der Sache und die Frhlichkeit der Mrderin und des
Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,
und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war
der Narr im Spiel, und jene Frau war die rhmlichst bekannte,
interessante Th. v. H. Die Erzhlung Pauline Dupuis' ist noch heute
zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes
Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, wei ich nicht.
Ich mute aus S. entfliehen, um nicht zum Gesptte der Stadt zu
werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine groe
Ditenrechnung ber Zeitversumnis, weil ich durch jene lustige
Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewhnlichen Abendbesuch in
einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von
Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gndiges
Lcheln der Hausfrau sagte ihm, wie glcklich er sich gerechtfertigt
hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Mnner aus
seiner unglcklichen Nhe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie
sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn
fter ins Gesprch, man befragte ihn ber seine Reisen, namentlich
ber jene in Sddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner
fr London und Alt-England berhaupt, so ist Schwaben fr die
Berliner, welche nie an den Rebenhgeln des Neckars und an den
frhlich grnenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,
herrlichen Lieder aus dem Munde eines luschtiga Bebles" oder eines
rstigen, hochaufgeschrzten Mdles" belauschten, ein Gegenstand
hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen ber jenes Land, selbst in gebildeten
Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hrte ich diesen
Abend zu meinem groen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften
Hgeln, von klaren, blauen Strmen, von blhenden, duftenden
Obstwldern, von prangenden Weingrten durchschnitten, wohne, meinten
sie, ein Vlkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der
Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrcken
verstnden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes
Deutsch sprchen. Ihre Mdchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen
Anstand. Ihre Mnner werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und
im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten
begangen, die allgemein unter dem Namen Schwabenstreiche" bekannt
seien.

Mir kam dieses Urteil lcherlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben
gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;
htte ich nicht befrchten mssen, aus der Rolle eines Zglings zu
fallen, ich htte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wute; so
aber ersparte mir mein Mentor die Mhe, welcher unglcklich genug die
gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu
schnell wieder verlieren sollte.

Ob die Berliner," sagte er, mehr innere Bildung, mehr Eleganz der
ueren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im
Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerstet auf die Erde oder
vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu
untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, da man
dort im Durchschnitt unter den Mdchen eine weit grere Menge
hbscher, sogar schner Gesichter findet als selbst in Sachsen,
welches doch wegen dieses Artikels berhmt ist."

_Quelle sottise!_" hrte ich Frau von Wollau schnauben, welche
abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der
Dichter einen freundschaftlichen Rippensto, ihn zu erinnern, da er
sich unter Damen befinde, die auch auf Schnheit Anspruch machten;
ruhig, als ob er den erzrnten Schnen das grte Kompliment gesagt
htte, fuhr er fort: Sie knnen gar nicht glauben, wie reizend dieser
verschrieene Dialekt von schnen Lippen tnt, wie alles so naiv, so
lieblich klingt; wie unendlich hbsch sind diese blhenden
Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, da sie schn seien, da man sie
liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig
errten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich
verschmt wegwenden und flstern: Ach ganget Se mer weg, moinet Se
denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur
Teegesichter, die einen Trost darin finden, sthetisch oder therisch
auszusehen; sie mssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je
der Mhe wert halten, ber dergleichen zu errten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das
zornblitzende Auge einer Dame vershnt, so begehest du den groen
Fehler, vor zwlf Damen die schnen Gesichtchen zweier Lnder zu loben
und nicht nur sie nicht mit aufzuzhlen, sondern sogar ihren
therischen Teint, ihre interessante Mondscheinblsse fr Teegesichter
zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,
die lteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und
auf die brigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu
einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Lffelchen
klirrten laut in den vor Wut zitternden Hnden der Mtter, die seit
zehn Jahren mit vieler Mhe es dahin gebracht hatten, da ihre Tchter
nobel und edel aussehen mchten--wozu heutzutage, auer dem Gefhl der
Wrde, etwas Leidendes, beinahe Krnkliches gehrt--welche die immer
wieder anschwellende Flle ihrer Tchter, die immer wiederkehrende
Rte der Wangen doch endlich zu besiegen gewut hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und
ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die
Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerflligen Bewohnerinnen
des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und
ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gndige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der ber
das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein ber
Schneegefilde herabglnzte: Ich mu Sie nur herzlich bedauern, Herr
Doktor Mucker, da Sie das schne Schwaben und seine naiven
Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"
fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingefhrt
hatte, wandte, ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr
zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er knnte bei unseren Damen
seine robusten Naturen und jene Naivett vermissen, die er sich so
ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mtter spendeten
Blicke des Dankes, die Frulein kicherten hinter vorgehaltenen
Sachtchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden
und machten sich lustig ber meinen armen Hofmeister. Doch der feine
Takt der gndigen Frau lie diesem Ausbruch der Nationalrache nur so
lange Raum, bis sie den Doktor hinlnglich gestraft glaubte. Beleidigt
durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch
seine rcksichtslose uerung ihren Unwillen verdient hatte; sie
beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen
so eigentmlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren
Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft
die lngst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon whrend des ganzen Abends meine
Aufmerksamkeit beschftigt. Er unterschied sich von den brigen jungen
Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch
Ernst und wrdige Haltung, durch gewhlten Ausdruck und kurzes,
richtiges Urteil. Er war gro und schlank gebaut, mnnlich schn, nur
vielleicht fr manche etwas zu mager. Sein Auge war glnzend und hatte
jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder
wenigstens einen Mann verrt, der das Leben und Treiben der groen und
kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr gnstig fr ihn stimmte, an dem Gesprch des
ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich mchte
sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen
Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lcheln, das sein
Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in
diesen Mann htte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Frulein
gewesen wre, unbedingt verlieben mssen; aber freilich, junge Damen
haben hierber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache
schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natrlich die glnzende
Gardeuniform und ihren khnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt
nicht aufwiegen.

       *       *       *       *       *




VIERZEHNTES KAPITEL.

DER FLUCH.

(Eine Novelle.)


Ich habe mich vergebens abgemht, gndige Tante," sprach der junge
Mann mit voller, wohltnender Stimme, eine artige Novelle oder eine
leichte, frhliche Erzhlung fr diesen Abend zu finden. Doch, um
nicht wortbrchig zu erscheinen, mu ich schon den Fehler einigermaen
gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem
eigenen Leben erzhlen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz
und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der
Wahrheit fr sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gtig, da die einfache Wahrheit oft greren
Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand
ihm, da sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der
Zurckkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, da man auf seine
Begebnisse recht gespannt sein drfe.

Die lteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser
Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzhlen:

Als ich vor fnf Jahren in diesem Saal von einer groen Gesellschaft,
welche die Gte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt
hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,
war Frau von Wollau mit davon--vor den schnen Rmerinnen, vor ihren
feurigen, die Herzen entzndenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung
dankbar an, noch krftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen
holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterlndischen
Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und
treuem Herzen aufbewahrt, mit ber die Alpen nahm. Und sie schtzten
mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Rmerinnen; wie
sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich
unverantwortlich zurckzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz
ohne Bedeckung lieen, will ich als bittere Anklage erzhlen.

Der s----sche Gesandte am ppstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche
eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;
mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Geflligkeit erwiesen
hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschlo ich mich,
hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;
statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte
ich einen Klagegesang mitanhren, der mir schon an und fr sich hchst
lcherlich vorkam. Nie hatte ich mich nmlich von der Heiligkeit
solcher Ritualien berzeugen knnen; selbst in dem ehrwrdigen Klner
Dom, wo die hohen Gewlbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen
Lichtes, die mchtigen, vollen Tne der Orgel manchen anderen ernster
stimmen mgen, konnte ich nur ber die Macht der Tuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der
Sixtinischen Kapelle kam. Die ppstliche Wache--alte, ausgediente,
schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher
Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstr. Der Glanz der Kerzen
blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den
dunkeln Chor, in den die Finsternis zurckgeworfen schien. Nur der
Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Mue genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu
mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Rmer, dagegen fast alles, was
Rom an Fremden beherbergte.

Einige franzsische Marquis, berchtigte Spieler, einige junge
Englnder von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nhe. Sie
zogen mich auf, da auch ich mich habe verfhren lassen, dem
Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,
es sei dies wohl der Schnen zu Gefallen geschehen, die ich
mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir
stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Strae und schien sehr
unglubig, als ich ihm damit nicht dienen zu knnen behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin nher; es war eine schlanke, hohe
Gestalt, dem Anschein nach keine Rmerin; ein schwarzer Schleier
bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und lie nur einen
Teil des Nackens sehen, so rein und wei, wie ich ihn selten in
Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Hflichkeit gegen den alten
Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte
eben--da begann der Klagegesang, und meine Schne schien so eifrig
darauf zu hren, da ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig
lehnte ich mich an eine Sule zurck, Gott und die Welt, den Papst und
seine Lamentationen verwnschend.

Unertrglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der
tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der
menschlichen Brust, Bupsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,
eine Kerze auf dem Altar verlschte. Getrstet, die Farce werde ein
Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der
Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem groen Jammer, da noch alle zwlf
brigen Kerzen verlschen mten, bis ich ans Ende denken knne. Die
Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu
denken. Ich empfahl mich allen Gttern und gedachte einen gesunden
Schlaf zu tun. Aber wie war es mglich? Wie Strahlen einer
Mittagssonne strmten die tiefen Klnge auf mich zu. Zwei bis drei
Kerzen verlschten, meine Unruhe ward immer grer.

Endlich aber, als die Tne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis
ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten
Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend
stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkrliche Rhrung
bemchtigte sich meiner, und Trnen entstrzten seit Jahren zum
erstenmal meinen Augen.

Beschmt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Trnen gesehen.
Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren
Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwlf Kerzen
waren verlscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,
herzdurchbohrenden Tne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,
immer leiser verschwebend. Da verlschte die letzte Kerze und zugleich
damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis
drang aus dem Chor und lagerte sich ber die Gemeine. Mir war, als
wre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoen in eine
frchterliche Nacht.

Da tnten aus des Chores hintersten Rumen se, klagende Stimmen. Was
jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor
diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der
Weinenden, vom Chore herber Tne, wie von gerichteten Engeln
gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit
unterzugehen und zu hren, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn
gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge
ergo sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch
zu rsten; da gewahrte ich erst, da meine schne Nachbarin noch immer
auf den Knien niedergesunken lag. Ich fate mir ein Herz.

Signora,' sprach ich, die Tore werden geschlossen, wir sind die
letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich fate ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,
sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit
vorgerckt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich
mute alle Augenblicke befrchten, vergessen zu werden. Ich besann
mich nicht lange, rief einen der Fackeltrger herbei, um mit seiner
Hilfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der dstere Schein der
halbverlschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem
herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glnzendbraune Locken
hatten sich aufgelst und fielen herab bis in den verhllten Busen und
umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine
durchsichtige Blsse gelagert hatte. Die schnen Bogen der Brauen
versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den
halbgeffneten Mund, umkleidet mit den weiesten Perlen, konnte Gram,
konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge
auf, dessen eigner, schwrmerischer Glanz mich so berraschte, da ich
einige Zeit mich zu sammeln ntig hatte. Sie richtete sich pltzlich
auf und stand nun in ihrer ganzen Schnheit mir gegenber. Welch zarte
Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewhnlicher Hhe des Wuchses.
Sie schaute verwundert in der Kirche umher und lie dann ihre Blicke
zu mir herbergleiten.

Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,
wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar
meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie
schien verwundert ber mein Schweigen.

Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich
untersttzt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spt.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlschen. Ich gab ihr den Arm.
Sie drckte zrtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht
mglich--das Mdchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war
offenbar. Aber sie wute mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so
ohne Arg.--Ich wagte es--ich bernahm die Rolle eines verstimmten
Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Strae sollte ich
whlen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm
allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Strae zu.

Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwrts, Otto,
wo sind Sie nur heute? Hier wren wir ja an die Tiber gekommen.'

O! Wie hrte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere
Sprache in einem schnen Munde! Schon oft hatte ich die Rmerinnen
beneidet um den Wohllaut ihrer Tne; hier war weit mehr, als ich je in
Rom gehrt; es mute offenbar ein deutsches Mdchen sein, ich sah es
aus allem; und doch so reine, runde Klnge ihrer Sprache! Als ich noch
immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr trnendes Auge
sah mich wehmtig an, ihre Lippen wlbten sich, wie wenn sie einen Ku
erwarteten.

Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, knntest du mir zrnen,
da ich die Lamentationen hrte? O! zrne mir nicht! Doch du hast
recht, wre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden
und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem
Grab entstiegen, schienen ber die Alpen zu wehen und mit Tnen der
Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'
weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nchtliche Blau des Himmels
tauchte. Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht htte, mein
Otto!--'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schnste, lieblichste Kind im
Arme und doch nicht sagen knnen, wie ich sie liebte! Als ihre Trnen
noch nicht aufhren wollten, flsterte ich endlich leise: Wie knnte
ich dir zrnen?'

Sie schaute freundlich dankbar auf--Du bist wieder gut? Und o! wie
siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme
klingt heut so weich! Sei auch morgen so und la nicht wieder einen
ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie nherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die
Glocke zog. Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, wie gerne
setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl
schon zu lange.' Ich wute nicht, wie mir geschah, ich fhlte einen
heien Ku auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Strae konnte ich nicht
erkennen. Nur einen Brunnen und gegenber von ihrem Haus eine Madonna
in Stein gehauen konnte ich als Zeichen fr die Zukunft anmerken. Ich
wand mich mit unsglicher Mhe durch das Gewirre der Straen und war
doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den
lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst lie mich der Mond nicht schlafen,
der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine
vorzog, schien gar der Engelskopf des Mdchens hereinzublicken.
Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und
ich verwnschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht
kostete.

Sehr frhe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner
Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine
rtselhafte Schne zu Haus brachte und schalten mich neckend, da ich
sie gestern gnzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,
dem grern Teile nach, erzhlte, wurden sie noch ungestmer und
behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen
zu haben. Immer klarer ward mir, da irgend ein Dmon sich in meine
Gestalt gehllt habe, da ja auch das Mdchen mich so genau zu kennen
schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mdchen, als das
leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die
beiden Englnder muten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor
dem Spott meiner Bekannten frchtete; zugleich versprachen sie auch,
mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lgen ersinnen muten, um
die erwachende Neugierde unserer Freunde zu tuschen, fanden wir
endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die
Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank
an der Tre, auf welcher ich htte selig werden sollen, aber hier ging
auch unser Weg zu Ende. Als Fremde htten wir zu viel gewagt, so weit
entfernt von den uns bekannten Straen, unter einer Menschenklasse,
die besonders den Englndern so gram ist, uns in ein fremdes Haus
einzudrngen. Wir zogen mehreremal durch die Strae; immer war die
Tre verschlossen, immer die Fenster neidisch verhngt. Wir verteilten
uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schne, noch mein
Ebenbild lieen sich sehen.

Geschfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir
sonst diese Reise gewesen wre, so war sie mir in meiner gegenwrtigen
Spannung hchst fatal. Unaufhrlich verfolgte mich das Bild des
Mdchens, im Traum wie im Wachen hrte ich die liebliche Stimme
flstern. Hatten mich die Gesnge in der Kapelle so weich gestimmt?
Hatte das flchtige Bild der Schnen vermocht, was der Geist und die
Schnheit so mancher andern nicht ber mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstnde,
die ernsten Geschfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine
Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurckkehrte. Durfte
ich hoffen, im Gewhle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht
herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte
niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich
mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter
die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der
Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amsiert
habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,
behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen
und begrt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder
verneinte. Aber pltzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die
Gesuchten wren?

--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein
prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten rmischen Husern
eine Rolle bernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich
gab dem Drngen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder
andern Zeit wrde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,
nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen
wre, sondern weil sich der Charakter der Rmer gerade hier am meisten
aufdeckt. Aber wenn ich sage, da von dem ganzen Abend, von allen
Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung
geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so
werden Sie vergeben, wenn ich ber das interessante Schauspiel Ihre
Neugierde nicht zur Genge befriedige.

Die lange, enge Strae war schon gefllt, als wir durch die _Porta
del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge
durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darber hinweg, weil
es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es
festhielt. Die Erwartung war gespannt. berall hrte man von dem
Maskenzug reden, der sich nun bald nahen msse. Ein rauschendes
Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herber und
verkndete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich
dorthin. Von den Balkonen und Gersten herab wehten ihnen Tcher und
winkten schne Hnde entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten
drngten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewi, ein
herrlicher Anblick! Die Gtter der alten Roma schienen wieder in die
alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.
Liebliche, majesttische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den
Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man
konnte es nicht fr Unbescheidenheit halten, sondern mute gerade
hierin den schnsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestm den
Gttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der
Beifall, als die Grfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes
unverhllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,
diese sanfte Gre htten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern
knnen.

Der Abend nahte heran, man rstete sich, die Gerste zu besteigen,
weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen
auf der Strae, mit sehnschtigen Blicken die Galerien und Balkone
musternd, ob meine Schne nicht darauf zu treffen sei. Pltzlich
fhlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. So einsam?' tnte in
der lieben Muttersprache eine se Stimme in mein Ohr. Ich sah mich
um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter
mir. Durch die Hhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich
damals so sehr berraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot
ihr schweigend die Hand, sie drckte sie leise. Du bser Otto,'
flsterte sie, den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie
mute ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'

Die Wache rckte die Strae herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu
suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein
heimliches Pltzchen hinter einer Sule bot sich dar, sie whlte es
von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schnheiten Roms waren fr
mich verloren, als mein stiller Himmel sich ffnete, als sie die Maske
abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schner war sie als an jenem
Abend. Die zarte Blsse, die sie damals aus der Kapelle brachte, war
einer feinen, durchsichtigen Rte gewichen; das Auge strahlte von noch
hherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmtige Ernst der
Zge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lcheln gemildert,
das fein und flchtig um die zarten Lippen wehte."

Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein
Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann
pltzlich: Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in
der Kapelle, den du mir so hartnckig leugnest! Gestehest du ihn
deiner Luise noch nicht?'

Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel pltzlich das Signal, die
Pferde rannten durch den Korso. Meine Schne bog den Kopf abwrts, und
ich, meiner Sinne kaum mchtig, flchtete hinter die nchste Sule, um
nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mdchen als ein Tor oder noch
etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich
mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mdchen,
was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene
Neugierde Frevel?

Whrend ich noch so mit mir selbst kmpfte, ob es nicht ehrlicher
sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein trichtes sein
konnte, bemerkte ich, da meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich
schlich nher herzu, um wenigstens zu hren, wer der Glckliche sei,
da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nhe zu verraten, nicht sehen
konnte."

Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, du selbst hast
mich ja heraufgefhrt.'

Ich htte dich gefhrt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?
Gestehe, du betrgst mich; wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie
vorhin sagte. Du bist auch wie unser Wetter ber den Alpen, soeben
noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: Ich bin nicht gestimmt, meine Gndige, das
Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, und wenn Sie sich in Rtsel
vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lstig werden.' Er brach auf
und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr
verlngern und trat hervor hinter der Sule, um mich als Auflsung des
Rtsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein
eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenber zu sehen. Die
berraschendste hnlichkeit--"

       *       *       *       *       *




FNFZEHNTES KAPITEL.

Das Intermezzo.--Der Trinker.


Ein schrecklicher Angstschrei, ein Gerassel, wie Blitz und Donner
einander folgend, unterbrach den Erzhler. Welcher Anblick! Der Jude
lag ausgestreckt auf dem Boden des Saales, berschttet mit Tee,
Trmmer seines Stuhles und der feinen Meiner Tasse, die er im Sturz
zerschmettert, um ihn her. Der rger ber eine solche Unterbrechung
war auf allen Gesichtern zu lesen; zrnend wandten die Damen ihr Auge
von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm
beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu
rhren, und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen; ich hob ihn auf und sah mich nach
einem andern Stuhle um, auf welchen ich ihn setzen knnte. Aber ein
Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich mchte machen, da
wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser
Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hte. Als ich mich von der
gndigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schnes und lud mich ein,
sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister wrdigte sie keines
Blickes. Sie neigte sich so kalt als mglich und lie ihn abziehen.
Gelchter schallte uns nach, als wir den Saal verlieen, und ich hatte
mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, da
mich dieses Lachen ungemein rgerte.

Wie gern htte ich die Erzhlung jenes interessanten jungen Mannes zu
Ende gehrt; wie viel Wichtiges und Psychologisches htte ich von dem
gardeuniformliebenden Frulein erlauschen knnen; und war ich selbst
nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein
junger, reicher, ich darf sagen, hbscher Mann auf Reisen findet, wo
er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die
Herzen einzieht--und dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des
alten Menschen verdorben; ich htte ihn wrgen knnen, als wir im
Wagen saen.

War es nicht genug," sagte ich, da du mit deinem scharfen Judenbart
die zarte Hand der Gndigen empfindlich brstetest? Mutest du auch
noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelchter beleidigen?
Und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles
gegen dich auf. Was gingen dich denn die S c h w a b e n m  d e l an,
da du ihre Schnheit an den Teetischen Berlins predigest? Darfst du
denn sogar in China einer Schnen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und
jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungndigen Frau eingesteckt
hattest, jetzt, als alles auf das erste vernnftige Thema, das diesen
Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fllst du, wie der selige
Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rcklings in den Saal
und zerschmetterst--nicht den eigenen hohlen Schdel, wie jener
wrdige jdische Papst--nein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und
eine Tasse von Meiner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerad,
wie fingst du es nur an?"

In Eurer Stelle, Herr Satan, wre ich nicht so arrogant gegen
unsereinen," antwortete er verdrielich. Ihr wit, da Euch keine
Gewalt ber meine Seele zusteht; denn seit anderthalbtausend Jahren
kenne ich Eure Schliche und Rnke wohl. Was aber die Elis-Geschichte
betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr
begleitet mich in eine Auberge; denn der lpperige Tee hier, mit dem
man in China kaum die Tassen aussplen wrde, mit dem noch schlechtern
Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich lie vor einem Restaurateur halten und fhrte den verunglckten
Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur
noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an
einen Tisch zu vier oder fnf solcher nchtlichen Gesellen; ich lie
fr den alten Menschen Burgunder auftragen, und in gelufigem
Malabarisch, wovon die Trinker gewi nichts verstanden, forderte ich
ihn auf, zu erzhlen.

Nachdem der ewige Jude durch etliche Schlcke sich erholt hatte,
begann er:

Ich glaube, es ist ein Teil des Fluches, der auf mir ruht, da ich,
sobald ich mich in hhere Sphren der Gesellschaft wage, lcherlich
werde; ein paar Beispiele mgen dir gengen.

Du weit, da ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu
vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suche--nun, verziehe dein
Gesicht nur nicht so spttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von
einem krftigen Fnfziger, und ein solcher darf sich schon noch aufs
Eis wagen. Nun hatte ich einmal in einem kleinen schsischen Stdtchen
eine Schne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt
in das elterliche Haus, und die kleine Kokette schien mir gar nicht
abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfltiger, um ihr zu gefallen, ich
scherwenzelte um sie her, wenn sie spazieren ging, kurz, ich war ein
so ausgemachter Geck, als je einer ber das Pflaster von Leipzig ging.
In dem Stdtchen gehrte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem
Haus seiner Schnen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit
Grazie der Hut gezogen und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt und zog nun pflichtgem, wenn die
Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorber, und ich hatte die
Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute
und huldreich lchelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der
Strae; ich ging also, um die weiseidenen Strmpfe zu schonen, auf
den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Hause
meiner Schnen war der Schmutz reinlich in groe Haufen
zusammengekehrt; denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und
mute den Einwohnern ein gutes Beispiel geben; wie freute sich mein
Herz ber diese Reinlichkeit! Ich konnte dort fester auftreten, ich
konnte mit dem rechten Bein, wenn ich mein Kompliment machte, zierlich
ausschweifen, ohne mich zu beschmutzen. Mein Engel schaute huldreich
herab, freudig ziehe ich den Hut von dem schnfrisierten Toupet,
schwenke ihn in einem khnen Bogen und--o Unglck--er entwischt meiner
Hand, er fhrt wie ein Pfeil in den aufgeschichteten Unrat, da nur
noch die Spitze hervorsieht.

Wie schn sagt Schiller:

  Einen Blick
  Nach dem Grabe
  Seiner Habe
  Sendet noch der Mensch zurck.'

So stand ich wie niedergedonnert an dem Unrat. Sollte ich in
zierlicher Stellung mit den Fingerspitzen den Hut herausziehen? Aber
dann war zu befrchten, da er ganz ruiniert sei; sollte ich vllig
_chapeau bas_ weiter ziehen, wie einer, der ohne Hut dem Galgen
oder dem Tollhaus entsprungen?

Wie ein silbernes Feuerglckchen schlgt jetzt das lustige Lachen
meiner Dulzinea an mein Ohr; brummend wie die schweren Totenglocken,
das Grabgelute meiner Hoffnung, antworten zehn Bsse aus dem
gegenberstehenden Kaffeehaus; Husarenleutnants, Schreiber, Kaufleute
brllen aus den aufgerissenen Fenstern, und Hussa, Sultan, such'
verloren!' tnt die Stimme meines furchtbarsten Rivalen, des Grafen
Lobau. Eine englische Dogge von Menschenlnge strzt hervor, packt den
verlorenen Hut mit gebter Schnauze, rennt auf mich zu, stellt sich
auf die Hinterbeine, tappt mit seinen Pfoten auf meine Schultern und
prsentiert mir das triefende _corpus delicti_.

Was ich dir hier mit vielen Worten erzhlte, mein Bester, war das
Werk eines Augenblicks; wie angefroren war ich dagestanden, und erst
die Zudringlichkeit des hflichen Hundes gab mir meine Fassung wieder.
Wieherndes, jauchzendes Gelchter scholl aus dem Kaffeehause, und auch
bei i h r waren alle Fenster mit Lachern angefllt; und als ich, einen
zrtlichen Blick, den letzten, hinauflaufen lie, sah ich, wie sie das
battistene Schnupftuch in den Mund schob, um nicht vor Lachen zu
bersten. Da verlor ich von neuem die Fassung; wtend ergriff ich den
Hut und schlug ihn der Dogge ins Gesicht; aber die Bestie verstand
keinen Spa, sie packte mich, an dem zierlichen Busenstreifen, ich
lie ihr diese Spolien und machte mich eilends davon, durch dick und
dnn galoppierend; aber die Bestie folgte, und andere Hunde und
Gassenjungen strzten nach, und die schreckliche Jagd nahm erst ein
Ende, als ich atemlos in das Portal meines Gasthofes strzte.

Da es mit meiner Liebe aus war, kannst du denken, besonders, da ich
nachher erfuhr, die Kokette habe alle ihre Anbeter um diese Stunde in
das Kaffeehaus bestellt, um meine tgliche Fensterparade zu
bewundern!"

Ich bedauerte den Armen von Herzen; er aber griff ruhig nach seinem
Glas, trank und fuhr dann fort:

Kann dich versichern, so hundsfttisch ging es mir von jeher,
besonders aber in der neuen aufgeklrten Zeit, wo man so ungemein viel
auf das Schickliche hlt und verzweifeln mchte, wenn der
vortreffliche Reifrock der Etikette ein wenig unsanft berhrt wird.
Darum ist es mir bei einem Gastmahl immer hllenangst. Wird fette
Sauce umhergegeben, so sehe ich schon im Geiste, da ich damit zittern
und sie verschtten werde. Kommt dann der Bettel an mich, so bricht
mir der Angstschwei aus, die Sauciere klappert in meiner zitternden
Hand frchterlich, sie schwankt, ich fahre mit der andern Hand darnach
und--richtig, meine freundliche Nachbarin hat die ganze Bescherung auf
dem neuen Drap d'or oder Genuesischen Sammetkleid, da alles im
schnsten Fette schwimmt. Habe ich aber endlich eine solche
Fegefeuertour durchgemacht, ohne Sauce zu verschtten, ohne ein Glas
umzuwerfen, ohne einen Lffel fallen zu lassen, ohne dem Schohund auf
den Schwanz zu treten, ohne der Tochter des Hauses die grten
Sottisen zu sagen, wenn ich hflich und pikant sein will, so fat mich
irgend ein Unheil noch zum Schlu, da ich mit Schande abziehe wie
heute."

Nun," fragte ich, und was warf dich denn heute mitten ins Zimmer?"

Als der langweilige Mensch seine Erzhlung anhub, wie er ein paar
Pfaffen habe singen hren und wie er einem hbschen Mdchen
nachgelaufen sei--was man berall tun kann, ohne gerade in Rom zu
sein--da bermannte mich die Langeweile, die eines meiner Hauptbel
ist, und so setzte ich, um mich zu unterhalten, meinen Stuhl rckwrts
in Bewegung und schaukelte mich ganz angenehm. Auf einmal, ehe ich
mich dessen versah, schlug der Stuhl mit mir rckwrts ber, und ich
lag--"

Das habe ich leider gesehen, wie du lagst," sagte ich; aber wie kann
man nur in honetter Gesellschaft so ganz alle gute Sitte vergessen und
mit dem Stuhle schaukeln."

Sei jetzt ruhig und bringe mich nicht auf mit der verdammten
Geschichte; ich habe heute abend kein Glck gemacht, das ist alles.
_Bibamus, diabole!_"  sagte der alte Mensch, indem er selbst mit
tchtigem Beispiel voranging und dann schmunzelnd auf das dunkelrote
Glas wies: Der ist koscher, Herr Bruder, guter Burgunder, echter
Chambertin und wenigstens zwanzig Jahre alt. Du magst mich jetzt
auslachen oder nicht; aber ein gutes altes Weinchen vom Sdstamme ist
noch immer meine Leidenschaft, und ich behaupte, die Welt sieht jetzt
nur darum so schlecht aus, weil so viel Tee, Branntwein und Bier, aber
desto weniger Wein getrunken wird."

Du knntest recht haben, Jude!"

Wie stattlich," fuhr er im Eifer fort, wie stattlich nahmen sich
sonst die Wirtshuser aus. Breite, gedrungene, krftige Gestalten, den
dreispitzigen Hut ein wenig auf die Seite gesetzt, rote Gesichter,
feurige Augen, ins Bluliche spielende Nasen, honette Buche--so
traten sie, das hohe, mit Gold beschlagene Meerrohr in der Faust,
feierlich grend ins Zimmer. Wenn der Hut am Nagel hing, der Stock in
die Ecke gestellt war, schritt der Gast dem wohlbekannten Pltzchen
zu, das er seit Jahren sich zu eigen gemacht hatte und das oft nach
ihm getauft war. Der Wirt stellte mit einem Wohl bekomm's' die
Weinkanne vor den ehrsamen Trinker, die gewhnlichen Bechernachbarn
fanden sich zur bestimmten Stunde ein, man trank viel, man schwatzte
wenig und zog zur bestimmten Stunde wieder heim. So war es in den
guten alten Zeiten, wie die Menschen sagen, die nach Jahren rechnen,
so war es, und nur der Tod machte darin eine nderung. Jetzt hngen
sie alles an den Putz, machen Staat wie die Frsten und sitzen den
Wirten um zwei Groschen die Bnke ab. Lustiges, unstetes Gesindel
fhrt in den Wirtshusern umher, man wei nie mehr, neben wen man zu
sitzen kmmt, und das heien die Leute K o s m o p o l i t i s m u s.
Hchstens trifft man ein paar alte weingrne Gesichter von der echten
Sorte, aber dies Geschlecht ist beinahe ausgestorben!"

Schau nur dorthin," fiel ich ihm ein, du Prediger in der Wste, dort
sitzen ein paar Echte. Sieh nur das kleine Mnnlein dort in dem
braunen Rckchen, wie es so feurig die roten Augen ber die Flasche
hinrollen lt. Er scheint mir ein rechter Kenner, denn er trinkt den
Nierensteiner Kirchhofwein, den er vor sich hat, in ganz kleinen Zgen
und zerdrckt ihn ordentlich auf der Zunge, ehe er schluckt. Und dort
der groe dicke Mann mit der roten Nase, ist er nicht eine Figur aus
der alten Zeit? Nimmt er nicht das Glas in die ganze Faust, statt wie
die Heutigen den kleinen und den Goldfinger zierlich auszustrecken?
Ist er nicht schon an der vierten Flasche, seit wir hier sind, und
hast du nicht bemerkt, wie er immer die Pfropfen in die Tasche steckt,
um nachher zu zhlen, wie viele Flaschen er getrunken?"

Wahrhaftig, diese sind echt!" rief der begeisterte Jude, ich bin
jung gewesen und alt geworden, aber solcher gibt es nicht viele; la
uns zu ihnen uns setzen, _mi fratercule_!"

Wir hatten nicht fehl geraten. Jene Trinker waren von der echten
Sorte; denn schon seit zwanzig Jahren kamen sie alle Abende in das
nmliche Wirtshaus. Man kann sich denken, wie gerne wir uns an sie
anschlossen. Ich, weil ich solche Kuze liebe und aufsuche, der ewige
Jude aber, weil der Kontrast zwischen dem eleganten Tee und diesen
Trinkern in seinen Augen sehr zugunsten der letzteren ausfiel. Er
wurde so kordial, da er zu vergessen schien, da er mit ihren
Urvtern schon getrunken habe, da er vielleicht mit ihren spten
Enkeln wieder trinken werde.

Die alten Gesellen mochten jetzt ihre Ladung haben; denn sie wurden
freundlich und fingen an, zuerst leise vor sich hin zu brummen; dann
gestaltete sich dieses Brummen zu einer Melodie, und endlich sangen
sie mit heiserer Weinkehle ihre gewohnten Lieder. Auch den alten
Menschen fate diese Lust. Er dudelte die Melodien mit, und als sie
geendet hatten, fing auch er sein Lied an. Er sang:

Wer seines Leibes Alter zhlet
    Nach Nchten, die er froh durchwacht,
  Wer, ob ihm auch der Taler fehlet,
    Sich um den Groschen lustig macht,
  Der findet in uns seine Leute,
    Der sei uns brderlich gegrt,
  Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude
    In seine sanften Arme schliet.

Wenn von dem Tanze sanft gewieget,
    Von Fltentnen s berauscht,
  Fein Liebchen sich im Arme schmieget
    Und Blick um Liebesblick sich tauscht;
  Da haben wir im Flug genossen,
    Und schnell den Augenblick erhascht,
  Und Herz am Herzen festgeschlossen
    Der Lippen sen Gru genascht.

Den Wein kannst du mit Gold bezahlen,
    Doch ist sein Feuer bald verraucht,
  Wenn nicht der Gott in seine Strahlen,
    In seine Geisterglut dich taucht;
  Uns, die wir seine Hymnen singen,
    Uns leuchtet seine Flamme vor,
  Und auf der Tne freien Schwingen
    Steigt unser Geist zum Geist empor.

Drum, die ihr frohe Freundesworte
    Zum wrdigen Gesang erhebt,
  Euch gr' ich, wogende Akkorde,
    Da ihr zu uns herniederschwebt!
Sie tauchen auf--sie schweben nieder,
    Im Vollton rauschet der Gesang,
  Und lieblich hallt in unsre Lieder
    Der vollen Glser Feierklang.

So haben's immer wir gehalten
    Und bleiben frder auch dabei,
  Und mag die Welt um uns veralten,
    Wir bleiben ewig jung und neu:
  Denn wird einmal der Geist uns trbe,
    Wir haben ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

Ob dies des ewigen Juden eigene Poesie war, kann ich nicht bestimmt
sagen, doch lie er mich zuzeiten merken, da er auch etwas Poet sei;
die zwei alten Weingeister waren ganz erfllt und erbaut davon; sie
drckten dem a l t e n  M e n s c h e n die Hand und gebrdeten sich,
als htte er ihnen die ewige Seligkeit verkndigt.

Es schlug auf den Uhren drei Viertel vor zwlf. Der ewige Jude sah
mich an und brach auf; ich folgte. Rhrend war der Abschied zwischen
uns und den Trinkern, und noch auf der Strae hrten wir ihre
heiseren Stimmen in wunderlichen Tnen singen:

  Und wird einmal der Geist uns trbe,
    Wir baden ihn im alten Wein,
  Und ziehen mit Gesang und Liebe
    In unsern Freudenhimmel ein."

       *       *       *       *       *




SATANS BESUCH BEI HERRN VON GOETHE

nebst

einigen einleitenden Bemerkungen
ber das Diabolische in der deutschen Literatur.

  Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."
                                       Goethe.




SECHZEHNTES KAPITEL.

Bemerkungen ber das Diabolische in der deutschen Literatur.


Die Idee eines Teufels ist so alt als die Welt und nicht erst durch
die Bibel unter die Menschen gekommen. Jede Religion hat ihre Dmonen
und bsen Geister,--natrlich weil die Menschen selbst von Anfang an
gesndigt haben und nach ihrem gewhnlichen Anthropomorphismus das
Bse, das sie sahen, einem Geiste zuschrieben, dessen Geschft es sei,
berall Unheil anzurichten."--So wrde ich ungefhr sprechen, wenn
ich es bis zum Professor der Philosophie gebracht htte und nun ber
die I d e e  e i n e s  T e u f e l s  mich breit machen mte.

In meiner Stellung aber frbe ich ber solche Demonstrationen, die
gewhnlich darauf auslaufen, da man mich mit zehnerlei Grnden hinweg
zu disputieren sucht; ich lache darber und behaupte, die Menschen, so
dumm sie hie und da sein mgen, merken doch bald, wenn es nicht g a n
z  g e h e u e r  u m  s i e  h e r ist, und mgen sie mich nun Ariman
oder das bse Prinzip, Satan oder Herr Urian nennen, sie kennen mich
in allen Vlkern und Sprachen. Es ist doch eine schne Sache um das
_dicier hic est_," darum behagt mir auch die deutsche Literatur
so sehr. Haben sich nicht die grten Geister dieser Nation bemht,
mich zu verherrlichen und, wenn ich's nicht schon wre, mich ewig zu
machen?

In meiner _Dissertatio de rebus diabolicis_ sage ich unter anderem
hierber folgendes:  8.  D i e  I d e e,  d a s  m o r a l i s c h e
V e r d e r b e n  i n  e i n e r  P e r s o n  d a r z u s t e l l e n,
m u  t e  s i c h  d a h e r  d e n  D i c h t e r n  h a l b
a u f d r  n g e n; diese waren, wie es in Deutschland meistens der
Fall war, philosophisch gebildet, doch war ihre Philosophie wie ihre
Moral von jener breiten, dicken Sorte, die nicht mit Leichtigkeit ber
Gegenstnde hinzugleiten wei; daher kam es, da auch die Gebilde
ihrer Phantasie jenes philosophische Blei an den Fen trugen, das sie
nicht mit Gewandtheit auftreten lie; sie stolperten auf die Bhne und
von der Bhne, machten sich breit in Philosophemen, die der Zehnte
nicht sogleich verstand, und drehten und wandten sich, als sollten sie
auf einer engen Brcke ohne Gelnder in Reifrcken einander
ausweichen.

Daher kam es, da auch die Teufel dieser Poeten gnzlich verzeichnet
waren. Betrachten wir z. B. Klingers Satan. Wie vielen Bombast hat
dieser arme Teufel zuerst in der Hlle und dann auf der Erde
herzuleiern!

Klingemanns Teufel! Glaubt man nicht, er habe ihn nur geschwind aus
dem Puppenspiel von der Strae geholt, ihm die Glieder ausgereckt, bis
er die rechte Gre hatte, und ihn dann in die Szene gesetzt? Man
begreift nicht, wie ein Mensch sich von einem solchen Ungetm sollte
verfhren lassen."

Es gibt noch mehrere solcher literarischen Ungetme, die hier
aufzufhren der Raum nicht erlaubt. Sie alle haben mir von jeher viel
Spa gemacht, und ich kam mir oft vor, wie der Policinello des
italienischen Lustspiels; ich war bei diesen Leuten eine stehende
Figur, die, wenn auch etwas anders aufgeputzt, doch immer wieder die
Hrner herausstreckte, und unter welche man zu besserer Kenntnis ein
_Ecce homo_, sehet, das ist der Teufel, schrieb.

Doch auch dem Teufel mu man Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagt
ein altes Sprichwort, folglich mu der Teufel zur Revanche auch wieder
gerecht sein. Ein jeder gibt, wie er's kann," fuhr ich in der
Dissertation fort, und wie sich in jenen Poeten das moralische
Verderben bei jedem wieder in andern Reflexen abspiegelte, so gaben
auch sie ihre Teufel. Daher kommt es, da Herr Urian bei Klopstock
wieder bei weitem anders aussieht.

Jener Abadonna ist ein gefallener Engel, dem das hllische Feuer die
Flgel versengte, der sich aber auch jetzt noch nobel und wrdig
ausnehmen soll. Aber leider ist dieser Zweck doch ein wenig verfehlt;
mir wenigstens kommt dieser Klopstocksche Gottseibeiuns vor wie ein
Elegant, der, wegen Unarten aus den Salons verwiesen, sich in den
Tabagien und spiebrgerlichen Klubs nicht recht zu finden wei und
darum unanstndig jammert."

So ungefhr sprach ich mich in jener gelehrten Dissertation aus, und
ich gebe noch heute zu, da die Auffassung wie jeder Idee, so auch der
des Teufels, sich nach den individuellen Ansichten des Dichters ber
das Bse richten mu; dies alles aber entschuldigt keineswegs jenen
berhmten Mann, der kraft seines umfassenden Genies, nicht den engen
Grenzen seines Vaterlandes oder der Spanne Zeit, in welcher er lebt,
sondern der Erde und knftigen Jahrhunderten angehren knnte, es
entschuldigt ihn nicht darin, da er einen so schlechten Teufel zur
Welt gebracht hat.

Der G o e t h e s c h e  M e p h i s t o p h e l e s ist eigentlich
nichts anderes, als jener gehrnte und geschwnzte Popanz des Volkes.
Den Schweif hat er aufgerollt und in die Hosen gesteckt, fr die
Bocksfe hat er elegante Stiefel angezogen, die Hrner hat er unter
dem Barett verborgen--siehe da den Teufel des groen Dichters! Man
wird mir einwenden: Das gerade ist ja die groe Kunst des Mannes, da
er tausend Fden zu spinnen wei, durch die er seine khnen Gedanken,
seine hohen, berschwenglichen Ideen an das Volksleben, an die
Volkspoesie knpft."--Halt, Freund! Ist es eines Mannes, der, wie
sie sagen, so hoch ber seinem Gegenstand steht und sich nie von ihm
beherrschen lt, ist es eines solchen Dichters wrdig, da er sich in
diese Fesseln der Popularitt schmiegt? Sollte nicht der knigliche
Adler dieses Volk bei seinem populren Schopf fassen und mit sich in
seine Sonnenhhe tragen?"

Verzeihe, Wertester," erhalte ich zur Antwort, du vergissest, da
unter diesem Volke mancher eine Percke trgt; wrde ein solcher nicht
in Gefahr sein, da ihm der Zopf breche und er aus halber Hhe wieder
zur Erde strze? Siehe! der Meister hat dies besser bedacht; er hat
aus jenen tausend Fden, von welchen ich dir sagte, eine Strickleiter,
geflochten, auf welcher seine Jnger suberlich und ohne Gefahr zu ihm
hinaufklimmen. Der Meister aber setzet sie zu sich in seine Arche,
gleich Noah schwebt er mit ihnen ber der Sndflut jetziger Zeit und
schaut ruhig wie ein Gott in den Regen hinaus, der aus den Federn der
kleinen Poeten strmt."

Ein wsseriges Bild!" entgegne ich, und zugleich eine Sottise.
Befand sich denn in jener Arche nicht mehr Vieh als Menschen? Und will
der Meister warten, bis die Flut sich verlaufe und dann seine
Stierlein und seine Eselein, seine Pfauen und Kamele Paar und Paar auf
die Erde spazieren lassen?

Will er vielleicht, wie jener Patriarch, die Erfindung des Weines
sich zuschreiben, sich ein Patent darber ausstellen lassen und ber
seine Schenke schreiben: Hier allein ist Echter zu haben,' wie Maria
Farina auf sein Klnisches Wasser, so fr alle Schden gut ist?"

Aber, um wieder auf den Mephistopheles zu kommen, gerade dadurch, da
er einen so beraus populren und gemeinen Teufel gab, hat Goethe
offenbar nichts fr die Wrde seines schnsten Gedichtes gewonnen. Er
wird zwar viele Leser herbeiziehen, dieser Mephisto, viele Tausende
werden ausrufen: Wie herrlich! Das ist der Teufel, wie er leibt und
lebt." Um die brigen Schnheiten des Gedichtes bekmmern sie sich
sehr wenig; sie sind vergngt, da es endlich einmal eine Figur in der
Literatur gibt, die ihrer Sphre angemessen ist.

Aber erkennst du denn nicht," wird man mir sagen, erkennst du nicht
die herrliche, tiefe Ironie, die gerade in diesem Mephistopheles
liegt?"

Ironie? Und welche? Ich sehe nichts in diesem meinem Konterfei als den
gemeinen Ritter von dem Pferdefu, wie er in jeder Spinnstube
beschrieben wird. Man erlaube mir, dieses Bild noch nher zu
beleuchten. Ich werde nmlich vorgestellt als ein Geist, der
beschworen werden kann, der sich nach magischen Gesetzen richten mu:

  Gesteh' ich's nur, da ich hinausspaziere,
  Verbietet mir ein kleines Hindernis,
  Der Drudenfu auf Eurer Schwelle;"

und dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,

  Bedarf ich eines Rattenzahns;"

daher befiehlt

  Der Herr der Ratten und der Muse,
  Der Fliegen, Frsche, Wanzen, Luse"

in einer Zauberformel seinem dienstbaren Ungeziefer die Kante, welche
ihn bannt, zu benagen. Auch kann ich nicht in das Studierzimmer
treten, ohne da der Doktor Faust dreimal Herein!" ruft. In andere
Zimmer, wie z. B. bei Frau Martha und in Gretchens Stbchen trete ich
ohne diese Erlaubnis. Doch den Schlssel zu diesen sonderbaren
Zumutungen finden wir vielleicht in dem Vers:

  Gewhnlich glaubt, der Mensch, wenn er nur Worte hrt,
  Es msse sich dabei auch etwas denken lassen!"

Doch weiter.

Ich stehe auf einem ganz besonderen Fu mit den Hexen. Die in der
Hexenkche htte mich gewi liebevoller empfangen; aber sie sah keinen
Pferdefu, und um mich bei ihr durch mein Wappen zu legitimieren,
mache ich eine unanstndige Gebrde:

  Mein Freund, das lerne wohl verstehen,
  Das ist die Art, mit Hexen umzugehen.

Auf dem Brocken in der Walpurgisnacht bin ich noch viel besser
bekannt. Das Gehen behagt mir nicht, ich sage daher zum Doktor:

  Verlangst du nicht nach einem Besenstiele?
  Ich wnschte mir den allerderbsten Bock."

Auch hier

  Zeichnet mich kein Knieband aus,
  Doch ist der Pferdefu hier ehrenvoll zu Haus."

Um unter diesem, gemeinen Gelichter mich recht zu zeigen, tanze ich
mit einer alten Hexe und unterhalte mich mit ihr in Zoten, die man nur
durch Gedankenstriche

      Der, hatt' ein-----
  So--es war, gefiel mir's doch"

anzudeuten wagt.

Ich bin selbst in Fausts Augen ein widerwrtiger, hmischer Geselle,
der

       --------kalt und frech
  Ihn vor sich selbst erniedrigt."--

Ich bin ohne Zweifel von hlicher, unangenehmer Gestalt und Gesicht,
was man, mit mildem Ausdruck markiert, intrigant, und im gemeinen
Leben einen abgefeimten Spitzbuben zu nennen pflegt.

Daher sagt Gretchen von mir:

  Der Mensch, den du da bei dir hast,
  Ist mir in tiefer innrer Seel' verhat.
  Es hat mir in meinem Leben
  So nichts einen Stich ins Herz gegeben
  Als des Menschen widrig Gesicht.--
  Seine Gegenwart bewegt mir das Blut,
  Ich hab' vor dem Menschen ein heimlich Grauen.--
  --Kommt er einmal zur Tr herein,
  Sieht er immer so spttisch drein
  Und halb ergrimmt.--
  Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
  Da er nicht mag eine Seele lieben" &c.

Daher sage ich auch naher:

  Und die Physiognomie versteht sie meisterlich,
  In meiner Gegenwart wird ihr, sie wei nicht wie;
  Mein M  s k c h e n da weissagt verborgnen Sinn,
  Sie fhlt, da ich ganz sicher ein Genie,
   Vielleicht wohl gar der Teufel bin."

Soll dies bei Gretchen Ahnung sein? Ist sie befangen in der Nhe eines
Wesens, das, wie man sagt, ihren Gott verleugnet? Ist es etwa ein
unangenehmer Geruch, eine schwle Luft, die ihr meine Nhe ngstlich
macht? Ist es kindlicher Sinn, der den Teufel frher ahnet als der
schon gefallene Mensch, wie Hunde und Pferde vor nchtlichem Spuk
scheuen, wenn sie ihn auch nicht sehen? Nein--es ist nur allein mein
Gesicht, das sie ngstlich macht, so ngstlich, da sie sagt:

  --Wo er nur mag zu uns treten,
  Mein' ich sogar, ich liebte dich nicht mehr."--

Wozu nun dies? Warum soll der Teufel ein Gesicht schneiden, das
jedermann Mitrauen einflt, das zurckschreckt, statt da die Snde,
nach den gewhnlichen Begriffen, sich lockend, reizend sehen lt.

Wer hat nicht die herrlichen Umrisse ber Goethes Faust von dem
genialen Retsch gesehen! Gewi, selbst der Teufel mu an einem solchen
Kunstwerk Freude haben. Ein paar Striche, ein paar Pnktchen bilden
das liebliche, sinnige Gesicht des kindlichen, keuschen Gretchens,
Faust in der vollendeten Blte des Mannes steht neben ihr; welche
Wrde noch in dem gefallenen Gttersohn!

Aber der Maler folgt der Idee des Dichters, und siehe, ein Scheusal in
Menschengestalt steht neben jenen lieblichen Bildern.

Die unangenehmen Formen des drren Krpers, das ausgedorrte Gesicht,
die hliche Nase, die tiefliegenden Augen, die verzerrten Mundwinkel--
hinweg von diesem Bild, das mich schon so oft gergert hat. [Funote:
Man erlaube mir hier eine kleine Anmerkung. Wenn ich nicht irre, so
ertappt man hier den Satan auf einer grern Eitelkeit, als man ihm
fast zutrauen sollte; gewi hat ihn nichts anderes gegen jenen
verehrten Dichter aufgebracht, als da er ihn mit etwas lebhaften
Farben als hlich darstellt; diese Bemerkung wird um so
wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, da er oben in dem zweiten
Abschnitt selbst gesteht, da durch seine Inkarnation einige Eitelkeit
in ihn gefahren sei; Meister Urian gibt sich brigens durch den
bertriebenen Eifer, mit welchem er seine Migestalt rgt, eine Ble,
die ihm nicht htte beigehen sollen.].

Und warum diese hliche Gestalt? frage ich noch einmal. Darum,
antworte ich, weil Goethe, der so hoch ber seinem Werk schwebende
Dichter, seinen Satan anthropomorphosiert; um den gefallenen E n g e l
wrdig genug darzustellen, kleidet er ihn in die Gestalt eines tief
gefallenen M e n s c h e n. Die Snde hat seinen Krper hlich,
mager, unangenehm gemacht. In seinem Gesicht haben alle Leidenschaften
gewhlt und es zur Fratze entstellt; aus dem hohlen Auge sprht die
grnliche Flamme des Neides, der Gier; der Mund ist widrig, hmisch
wie der eines Elenden, der alles Schne der Erde schon gekostet hat
und jetzt aus bersttigung den Mund darber rmpft; der Unschuld ist
es nicht wohl in seiner befleckenden Nhe, weil ihr vor diesen Zgen
schaudert.

So hat der Dichter, weil er einen schlechten Menschen vor Augen hatte,
einen schlechten Teufel gemalt.

Oder steht etwa in der Mythologie des Herrn von Goethe, der Teufel
knne nun einmal nicht anders aussehen, er k  n n e sein Gesicht,
seine Gestalt nicht v e r w a n d e l n? Nein, man lese:

  Auch die Kultur, die alle Welt beleckt,
  Hat auf den Teufel sich erstreckt;
  Das nordische Phantom ist nun nicht mehr zu schauen,
  Wo siehst du Hrner, Schweif und Klauen?

  Du nennst mich Herr Baron, so ist die Sache gut,
  Ich bin ein Kavalier wie andre Kavaliere."

Und an einem andern Ort lt er mich mein Gesicht ein Mskchen"
nennen; folglich kann er sich eine Maske geben, kann sich verwandeln;
aber, wie gesagt, der Dichter hat sich begngt, das n o r d i s c h e
P h a n t o m dennoch beizubehalten, nur da er mich von H  r n e r
n, S c h w e i f  u n d  K l a u e n" dispensiert.

Dies ist das Bild des Mephistopheles, dies ist Goethes Teufel, jenes
nordische Phantom soll mich vorstellen. Darf nun ein vom Dichter so
hochgestellter Mensch durch eine so niedrige Kreatur, die sich schon
durch ihre Maske verdchtig macht, ins Verderben gefhrt werden? Darf
jener groe Geist, der noch in seinem Falle die brigen hoch berragt,
darf er durch einen gewhnlichen Bruder Liederlich", als welchen
sich Mephisto ausweist, herabgezogen werden? Und--mu nicht d i e s e
Maske der Wrde jener Tragdie Eintrag tun?

Doch ich schweige. An geschehenen Dingen ist nichts zu ndern, und
meine verehrte Gromutter wrde ber diesen Gegenstand zu mir sagen:
Shnchen! Diabole! Bedenke, da ein groer Dichter ein groes
Publikum haben und um ein groes Publikum zu bekommen, so populr als
mglich sein mu."

       *       *       *       *       *




SIEBZEHNTES KAPITEL.

Der Besuch.


Bei diesem allen bleibt Faust ein erhabenes Gedicht und G o e t h e
einer der ersten Geister seiner Zeit, und man darf sich daher nicht
wundern, da ich ein groes Verlangen in mir fhlte, diesen Mann
einmal zu sehen. Ich htte ihm einen unerwarteten Besuch machen
knnen; ja, wenn ich oft recht rgerlich ber mein Zerrbild war, stand
ich auf dem Sprung, ihm einmal im Kostm des Mephistopheles
nchtlicherweile zu erscheinen, um ihm einigen Schrecken in die
Glieder zu jagen; aber eine gewisse Gutmtigkeit, die man zuweilen an
mir gefunden hat, hielt mich immer wieder ab, dem alten Mann eine
schlaflose Nacht zu machen.

Ich entschlo mich daher, als _Doctor legens_, ein ehrsamer Titel
auf Reisen, ihn zu besuchen, und als solcher kam ich in Weimar an. Es
ist mit berhmten Leuten wie mit einem fremden Tiere. Kommt ein
ehrlicher Pchter mit seiner Familie in die Stadt auf den Jahrmarkt,
so ist sein erstes, da er in der Schenke den Hausknecht fragt: Wann
kann man den Lwen sehen, Bursche?" Mein Herr," antwortet der
Gefragte, die Affen und der Seehund sind den ganzen Tag zu haben, der
Lwe aber ist am besten aufgelegt, wenn er das Futter im Leibe hat;
daher rate ich, um jene Zeit hinzugehen."

Gerade so erging es mir in Weimar. Ich fuhr von Jena aus mit einem
jungen Amerikaner hinber. Auch in sein Vaterland war des Dichters
Ruhm schon lngst gedrungen, und er machte auf der groen Tour durch
Europa dem berhmten Manne zu Ehren schon einen Umweg von zwanzig
Meilen. In dem Gasthof, wo wir abgestiegen waren, fragten wir
sogleich, um welche Zeit wir bei Herrn von Goethe vorkommen knnten?
Wir waren in Reisekleidern, die besonders bei meinem Gefhrten etwas
unscheinbar geworden waren. Der Wirt musterte uns daher mit
mitrauischen Blicken und fragte, ehe er noch unsere Frage
beantwortete, ob wir auch Frcke bei uns htten.

Wir waren glcklicherweise beide damit versehen, und unser Wirt
versprach, uns sogleich anmelden zu lassen. Sie werden wahrscheinlich
nach dem Diner, um fnf Uhr, angenommen werden. Um diese Zeit sind
Seine Exzellenz am besten ja sprechen. Zweifle auch gar nicht, da Sie
angenommen werden, denn wenn man, wie der Herr hier, eigens deswegen
aus Amerika nach Weimar kommt, wre es doch unbarmherzig, einen
ungesehen wieder fortzuschicken."

Dieser Patriotismus ging wahrhaftig sehr weit. Doch wir lieen den
guten Mann in dem Glauben, der junge Philadelphier komme _recta_
nach Weimar und gehe von da wieder heim. brigens hatte er richtig
prophezeit: _Doctor legens_ Supfer, wie ich mich nannte, und
Forthill aus Amerika waren auf fnf Uhr bestellt.

Endlich schlug die Stunde, wir machten uns auf den Weg. Der Dichter
wohnt sehr schn. Eine sanfte, geschmackvolle, mit Statuen dekorierte
Treppe fhrt zu ihm. Eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag auf dem
Hausgang, den wir betraten. Schweigend fhrte uns der Diener in das
Besuchszimmer. Behagliche Eleganz, Zierlichkeit und Feinheit,
verbunden mit Wrde, zeichneten dieses Zimmer aus. Mein junger
Gefhrte betrachtete staunend diese Wnde, diese Bilder, diese
Meubles. So hatte er sich wohl das S t  b c h e n  d e s  D i c h t e
r s nicht vorgestellt. Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien
auch die Angst vor der Gre des Erwarteten zu steigen. Alle Nancen
von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht. Sein Herz pochte
hrbar, sein Auge war starr an die Tre geheftet, durch welche der
Gefeierte eintreten mute.

Ich hatte indes Mue genug, ber den groen Mann nachzudenken. Wieviel
weiter, sagte ich mir, wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen
Gaben des Geistes als der zufllige Glanz der Geburt.

Der Sohn eines unscheinbaren Brgers von Frankfurt hat hier die
hchste Stufe erreicht, die dem Menschen nach dem gewhnlichen Laufe
der Dinge offen steht. Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen.
Geschftsmnner vom Fach haben vom bescheidenen Pltzchen an der Tre
alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen, bis endlich der Stuhl, der
zunchst am Throne steht, sie in seine Arme aufnahm. Mancher hat sich
auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkmpft--Goethe hat sich seine
eigene Bahn gebrochen, auf welcher ihm keiner voranging, ihm noch
keiner gefolgt ist. Er hat bewiesen, da der Mensch k a n n, was er
will. Denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie,
von einem Geiste, der sein Zeitalter gebildet, es stufenweise zu dem
Hheren gefhrt habe--das Zeitalter hat i h n gebildet.

Ich kann mir noch wohl denken, welch heilloses Leben Werther" in dem
lieben Deutschland machte. Die Lotten schienen wie durch einen
Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen. Die Zahl der Werther war
Legion. Aber was war hierin Goethes Verdienst? Hatte es wirklich nur
daran gefehlt, da er das Hrnchen an den Mund setzte, und bei dem
ersten Ton, den er angab, muten Pfaffe und Laie, Nnnchen und Dmchen
in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veitstanz beginnen? Wie heit
dieses groe schpferische Geheimnis? A l l e s  z u r  r e c h t e n
Z e i t. Der Siegwart" hatte die harten Herzen abgetaut und sie fr
allen mglichen Jammer, fr Mondschein und Grber empfnglich gemacht,
da kommt Goethe--

Die Tre ging auf,--er kam.

Dreimal bckten wir uns tief--und wagten es dann, an ihm hinauf zu
blinzeln. Ein schner, stattlicher Greis! Augen so klar und helle wie
die eines Jnglings, die Stirn voll Hoheit, der Mund voll Wrde und
Anmut. Er war angetan mit einem feinen, schwarzen Kleid, und aus
seiner Brust glnzte ein schner Stern.--Doch er lie uns nicht lange
Zeit zu solchen Betrachtungen. Mit der feinen Wendung eines
Weltmannes, der tglich so viele Bewunderer bei sich sieht, lud er uns
zum Sitzen ein.

Was war ich doch fr ein Esel gewesen, in dieser so gewhnlichen Maske
zu ihm zu gehen! _Doctores legentes_ mochte er schon viele
Hunderte gesehen haben. Amerikaner, die, wie unser Wirt meinte, ihm
zulieb auf die See gingen, gewi wenige. Daher kam es auch, da er
sich meist mit meinem Gefhrten unterhielt. Htte ich mich doch fr
einen gelehrten Irokesen oder einen schnen Geist vom Mississippi
ausgegeben! Htte ich ihm nicht Wunderdinge erzhlen knnen, wie sein
Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen, wie man in den Cabanen von
Louisiana ber ihn und seinen Wilhelm Meister" sich unterhalte?--So
wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil, und mein glcklicherer
Gefhrte durfte den groen Mann unterhalten.

Wie falsch sind aber oft die Begriffe, die man sich von der
Unterhaltung mit einem groen Manne macht! Ist er als witziger Kopf
bekannt, so whnt man, wenn man ihn zum erstenmal besucht, einer Art
von Elektrisiermaschine zu nahen. Man schmeichelt ihm, man glaubt, er
msse dann Witzfunken von sich strahlen, wie die schwarzen Katzen,
wenn man ihnen bei Nacht den Rcken streichelt. Ist er ein
Romandichter, so spitzt man sich auf eine interessante Novelle, die
der Berhmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem rmel schtteln
werde. Ist er gar ein Dramatiker, so teilt er uns vielleicht
freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit, den wir dann
ganz warm unsern Bekannten wieder vorsetzen knnen. Ist er nun gar ein
umfassender Kopf wie Goethe, einer, der so zu sagen in allen Stteln
gerecht ist--wie interessant, wie belehrend mu die Unterhaltung
werden! Wie sehr mu man sich aber auch zusammennehmen, um ihm zu
gengen!

Der Amerikaner dachte auch so, ehe er neben Goethe sa. Sein Ich fuhr,
wie das des guten Walt, ehe er zum Flitte kam [Funote: Jean Pauls
Flegeljahre], ngstlich oben in allen vier Gehirnkammern und darauf
unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher, um darin ein
schmackhaftes Ideenkrnchen aufzutreiben, das er ihm zutragen und
vorlegen knnte zum Imbi. Er blickte angstvoll auf die Lippen des
Dichters, damit ihm kein Wrtchen entfalle, wie der Kandidat auf den
strengen Examinator; er knickte seinen Hut zusammen und zerpflckte
einen glacierten Handschuh in kleine Stcke. Aber welcher Zentnerstein
mochte ihm vom Herz fallen, als der Dichter aus seinen Hhen zu ihm
herabstieg und mit ihm sprach wie Hans und Kunz in der Kneipe. Er
sprach nmlich mit ihm vom guten Wetter in Amerika, und indem er ber
das Verhltnis der Winde zu der Luft, der Dnste des wasserreichen
Amerikas zu denen in unserem alten Europa sich verbreitete, zeigte er
uns, da das All der Wissenschaft in ihm aufgegangen sei; denn er war
nicht nur lyrischer und epischer Dichter, Romanist und Novellist,
Lustspiel= und Trauerspieldichter, Biograph (sein eigener) und
bersetzer--nein, er war auch sogar Meteorolog!

Wer darf sich rhmen, so tief in das geheimnisvolle Reich des Wissens
eingedrungen zu sein? Wer kann von sich sagen, da er mit jedem seine
Sprache, d. h. nicht seinen vaterlndischen Dialekt, sondern das, was
ihm gerade gelufig und wert sein mchte, sprechen knne! Ich glaube,
wenn ich mich als reisender Koch bei ihm aufgefhrt htte, er htte
sich mit mir in gelehrte Diskussionen ber die geheimnisvolle
Komposition einer Gnseleberpastete eingelassen oder nach einer
Sekundenuhr berechnet, wie lange man ein Beefsteak auf jeder Seite
schmoren msse.

Also ber das schne Wetter in Amerika sprachen wir, und siehe--das
Armesndergesicht des Amerikaners hellte sich auf, die Schleusen
seiner Beredsamkeit ffneten sich--er beschrieb den feinen, weichen
Regen von Kanada, er lie die Frhlingsstrme von New York brausen und
pries die Regenschirmfabrik in der Franklinstrae zu Philadelphia. Es
war mir am Ende, als wre ich gar nicht bei Goethe, sondern in einem
Wirtshause unter guten alten Gesellen, und es wrde bei einer Flasche
Bier ber das Wetter gesprochen, so menschlich, so kordial war unser
Diskurs; aber das ist ja gerade das groe Geheimnis der Konversation,
da man sich angewhnt--nicht gut zu s p r e c h e n, sondern gut zu h
 r e n. Wenn man dem weniger Gebildeten Zeit und Raum gibt zu
sprechen, wenn man dabei ein Gesicht macht, als lausche man aufmerksam
auf seine Honigworte, so wird er nachher mit Enthusiasmus verknden,
da man sich bei dem und dem kstlich unterhalte.

Dies wute der vielerfahrene Dichter, und statt uns von seinem
Reichtum ein Scherflein abzugeben, zog er es vor, mit uns
Witterungsbeobachtungen anzustellen.

Nachdem wir ihn hinlnglich ennuyiert haben mochten, gab er das
Zeichen zum Aufstehen, die Sthle wurden gerckt, die Hte genommen
und wir schickten uns an, unsere Abschiedskomplimente zu machen. Der
gute Mann ahnte nicht, da er den Teufel zitiere, als er gromtig
wnschte, mich auch ferner bei sich zu sehen, ich sagte ihm zu und
werde es seiner Zeit schon noch halten; denn wahrhaftig, ich habe
seinen Mephistopheles noch nicht hinuntergeschluckt. Noch einen--zwei
Bcklinge, wir gingen.

Stumm und noch ganz stupid vor Bewunderung folgte mir der Amerikaner
nach dem Gasthof; die Rte des lebhaften Diskurses lag noch auf seiner
Wange, zuweilen schlich ein beiflliges Lcheln um seinen Mund, er
schien hchst zufrieden mit dem Besuch.

Auf unserem Zimmer angekommen, warf er sich heroisch auf einen Stuhl
und lie zwei Flaschen Champagner auftragen. Der Kork fuhr mit einem
Freudenschu an die Decke, der Amerikaner fllte zwei Glser, bot mir
das eine und stie an auf das Wohl jenes groen Dichters.

Ist es nicht etwas Erfreuliches," sagte er, zu finden, so
hocherhabene Mnner seien wie unsereiner? War mir doch angst und bange
vor einem Genie, das dreiig Bnde geschrieben; ich darf gestehen, bei
dem Sturm, der uns auf offener See erfate, war mir nicht so bange.
Und wie herablassend war er, wie vernnftig hat er mit uns diskuriert,
welche Freude hatte er an mir, wie ich aus dem neuen Lande kam!" Er
schenkte sich dabei fleiig ein und trank auf seine und des Dichters
Gesundheit, und von der erlebten Gnade und vom Schaumwein benebelt,
sank er endlich mit dem Entschlu, Amerikas Goethe zu werden, dem
Schlaf in die Arme.

Ich aber setzte mich zu dem Rest der Bouteillen. Dieser Wein ist von
allen Getrnken der Erde der, welcher mir am meisten behagt, sein
leichter, flchtiger Geist, der so wenig irdische Schwere mit sich
fhrt, macht ihn wrdig, von Geistern, wenn sie in menschlichen
Krpern die Erde besuchen, gekostet zu werden.

Ich mute lcheln, wenn ich auf den seligen Schlfer blickte; wie
leicht ist es doch fr einen groen Menschen, die andern Menschen
glcklich zu machen; er darf sich nur stellen, als wren sie ihm so
ziemlich gleich, und sie kommen beinahe vom Verstand.

Dies war mein Besuch bei Goethe, und wahrhaftig, ich bereute nicht,
bei ihm gewesen zu sein, denn

Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern
  Und hte mich, mit ihm zu brechen,
  Es ist gar hbsch von einem groen Herrn,
  So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen."

       *       *       *       *       *




DER FESTTAG IM FEGEFEUER.

Eine Skizze.

Das grte Glck der Geschichtschreiber
ist, da die Toten nicht gegen ihre Ansichten
protestieren knnen."
                         Welt und Zeit. I.




ACHTZEHNTES KAPITEL.

Beschreibung des Festes. Satan lernt drei merkwrdige Subjekte kennen.


Ich teile hier einen Abschnitt aus meinen Memoiren mit, welcher zwar
nicht mich selbst betrifft, den ich mir aber aufzeichnete, weil er mir
sehr interessant war und vielleicht auch andern nicht ohne einiges
Interesse sein mchte. Er fhrt die Aufschrift: D e r  F e s t t a g
i m  F e g e f e u e r" und kam durch folgende Veranlassung zu diesem
Titel. Es ist auf der Erde bei allen groen Herren und Potentaten
Sitte, ihre Freude und ihre Trauer recht laut und deutlich zu begehen.
Wenn ein aus frstlichem Blute stammender Leib dem Staube
wiedergegeben wird, haben die Kster im Lande schwere Arbeit; denn man
lutet viele Tage lang alle Glocken. Wird eine Prinzessin oder gar ein
Stammhalter geboren, so verkndet schrecklicher Kanonendonner diese
Nachricht. Landesvterliche oder landesmtterliche Geburtstage werden
mit allem mglichen Glanz begangen. Die Brgermilizen rcken aus, die
Honoratioren halten einen Schmaus, abends ist Ball oder doch
wenigstens in den Landstdtchen _bire dansante_. Kurz, alles
lebt _in dulci jubilo_ an solchen Tagen.

Um nun meiner guten G r o  m u t t e r eine Ehre zu erweisen, hielt
ich es auch schon seit mehreren Jahrhunderten so. Im Fegefeuer, wo sie
sich gewhnlich aufhlt, ist immer an diesem Tage allgemeine
Seelenfreiheit. Die Seelen bekommen diesen Tag ber den Krper, den
sie auf der Oberwelt hatten, ihre Kleider, ihre Gewohnheiten, ihre
Sitten. Was von Adel da ist, mu Deputationen zum Handku der Alten
schicken (_in pleno_ knnen sie nicht vorgelassen werden, weil
sonst die Prozession einige Tage lang dauerte). Ehemalige
Hofmarschlle, Kammerherren usw. haben den groen Dienst und schtzen
es sich zur Ehre, die Honneurs zu machen, die Festlichkeiten zu
leiten, die Touren bei den Bllen, welche abends gegeben werden, zu
arrangieren usw.

Ich erflle durch diese Festlichkeiten einen doppelten Zweck. Einmal
fhlt sich _chre Grande-Mama_ ungemein geschmeichelt durch diese
Aufmerksamkeit, zweitens gelte ich unter den Seelen fr einen honetten
Mann, der ihnen auch ein Vergngen gnnt, drittens macht dieser
einzige Tag, in Freude und alten Gewohnheiten zugebracht, da die
Seelen sich nachher um so unglcklicher fhlen, was ganz zu dem Zweck
einer solchen Anstalt, wie das Fegefeuer ist, pat.

An einem solchen Festtag gehe ich dann verkleidet durch die Menge.
Manchmal erkennt man mich zwar, ein tausendstimmiges Vivat der Herr
Teufel! _Vive le diable_!" erfreut dann mein landesvterliches
Herz; doch wei ich wohl, da es nicht weniger erzwungen ist als ein
H u r r a auf der Oberwelt; denn sie glauben, ich drcke sie noch mehr,
wenn sie n i c h t schreien.

In meinem Inkognito besuche ich dann die verschiedenen Gruppen.
_Tout comme chez vous_, meine Herren, nur etwas grotesker;
Kaffeegesellschaften, Tee von allen Sorten, diplomatische,
militrische, theologische, staatswirtschaftliche, medizinische Klubs
finden sich, wie durch natrlichen Instinkt zusammen, machen sich
einen guten Tag und fhren ergtzliche Gesprche, die, wenn ich sie
mitteilen wollte, auf manches Ereignis neuerer und lterer Zeit ein
hbsches Licht werfen wrden.

Einst trat ich in einen Saal des _Caf de Londres_ (denn,
nebenbei gesagt, es ist an diesem Tage alles auf groem Fu und hchst
elegant eingerichtet); ich traf dort nur drei junge Mnner, die aber
durch ihr ueres gleich meine Neugierde erweckten und mir, wenn sie
ins Gesprch miteinander kommen sollten, nicht wenig Unterhaltung zu
versprechen schienen. Ich verwandelte daher meinen Anzug in das Kostm
eines flinken Kellners und stellte mich in den Saal, um die
Herrschaften zu bedienen.

Zwei dieser jungen Leute beschftigten sich mit einer Partie Billard.
Ich markierte ihnen und betrachtete mir indes den dritten. Er war
nachlssig in einen gerumigen Fauteuil zurckgelehnt, seine Beine
ruhten auf einem vor ihm stehenden kleineren Stuhl, seine linke Hand
spielte nachlssig mit einer Reitgerte, sein rechter Arm untersttzte
das Kinn. Ein schner Kopf!

Das Gesicht lnglich und sehr bleich. Die Stirne hoch und frei, von
hellbraunen, wohlfrisierten Haaren umgeben, die Nase gebogen und
spitzig, wie aus weiem Wachs geformt, die Lippen dnn und angenehm
gezogen, das Auge blau und hell, aber gewhnlich kalt und ohne alles
Interesse langsam ber die Gegenstnde hingleitend. Dies alles und ein
feiner Hut, enger oben als unten, nachlssig auf ein Ohr gedrckt,
lieen mich einen Englnder vermuten. Sein sehr feines, blendend
weies Leinenzeug, die gewhlte, beraus einfache Kleidung konnte nur
einem Gentleman, und zwar aus den hchsten Stnden, gehren. Ich sah
in meiner Liste nach und fand, es sei Lord Robert Fotherhill. Er
winkte, indem ich ihn so betrachtete, mit den Augen, weil es ihm
wahrscheinlich zu unbequem war, zu rufen. Ich eilte zu ihm und stellte
auf seinen Befehl ein groes Glas Rum, eine Havannazigarre und eine
brennende Wachskerze vor ihn hin.

Die beiden anderen Herren hatten indes ihr Spiel beendigt und nahten
sich dem Tische, an welchem der Englnder sa; ich warf schnell einen
Blick in meine Liste und erfuhr, der eine sei ein junger Franzose,
Marquis de Lasulot, der andere ein Baron von Garnmacher, ein
Deutscher.

Der Franzose war ein kleines, untersetztes, gewandtes Mnnchen. Sein
schwarzes Haar und der dickgelockte, schwarze Backenbart standen sehr
hbsch zu einem etwas verbrannten Teint, hochroten Wangen und
beweglichen, freundlichen schwarzen Augen; um die vollen Lippen und
das wohlgenhrte Kinn zog sich jenes schne, unnachahmliche Blau,
welches den Damen so wohl gefallen soll und in England und Deutschland
bei weitem seltener als in sdlichen Lndern gefunden wird, weil hier
der Bartwuchs dunkler, dichter und auch frher zu sein pflegt als
dort.

Offenbar ein Incroyable von der Chaussee d'Antin! Das elegante
Neglig, wie es bis auf die geringste Kleinigkeit hinaus der
eigensinnige Geschmack der Pariser vor vier Monaten (so lange mochte
der junge Herr bereits verstorben sein) haben wollte. Von dem mit
zierlicher Nachlssigkeit umgebundenen ostindischen Halstuch, dem
kleinen blaroten Schal mit einer Nadel _ la Duc de Berry_
zusammengehalten, bis hinab auf die Gamaschen, die man damals seit
drei Tagen nach innen zuknpfte, bis auf die Schuhe, die, um als
modisch zu gelten, an den Spitzen nach der groen Zehe sich hinneigen
und ganz ohne Absatz sein muten, ich sage, bis auf jene
Kleinigkeiten, die einem Uneingeweihten geringfgig und miserabel,
einem, der in die Mysterien hinlnglich eingefhrt ist, wichtig und
unumgnglich notwendig erscheinen, war er gewissenhaft und nach den
neuesten Geschmack fr den Morgen angezogen.

Er schien soeben erst seinem Jean die Zgel seines Kabrioletts in die
Hand gedrckt, die Peitsche von geglttetem Fischbein kaum in die Ecke
des Wagens gelehnt zu haben und jetzt in mein Caf hereingeflogen zu
sein, mehr um gesehen zu werden, als zu sehen, mehr um zu schwatzen,
als zu hren.

Er lorgnettierte flchtig den Gentleman im Fauteuil, schien sich an
dem ungemeinen Rumglas und dem Rauchapparat, den jener vor sich hatte,
ein wenig zu entsetzen, schmiegte sich aber nichtsdestoweniger an die
Seite Seiner Lordschaft und fing an zu sprechen:

Werden Sie heute abend den Ball besuchen, mein Herr, den uns
_Monseigneur le diable_ gibt? Werden viele Damen dort sein, mein
Herr? Ich frage, ich bitte Sie, weil ich wenig Bekanntschaft hier
habe.

Mein Herr darf ich Ihnen vielleicht meinen Wagen anbieten, um uns
beide hinzufhren? Es ist ein ganz honettes Ding, dieser Wagen, habe
ich die Ehre, Sie zu versichern, mein Herr; er hat mich bei Latonnier
vor vier Monaten achtzehnhundert Franken gekostet. Mein Herr, Sie
brauchen keinen Bedienten mitzunehmen, wenn ich die Ehre haben sollte,
Sie zu begleiten; mein Jean ist ein Wunderkerl von einem Bedienten."

So ging es im Galopp ber die Zunge des Incroyable. Seine Lordschaft
schien sich brigens nicht sehr daran zu erbauen. Er sah bei den
ersten Worten den Franzosen starr an, richtete dann den Kopf ein wenig
auf, um seine rechte Hand freizumachen, ergriff mit dieser--die erste
Bewegung seit einer halben Stunde--das Kelchglas, nippte einige Zge
Rum, rauchte behaglich seine Zigarre an, legte den Kopf wieder auf die
rechte Hand und schien dem Franzosen mehr mit dem Auge als mit dem Ohr
zuzuhren und auch auf diese Art antworten zu wollen; denn er
erwiderte auch nicht eine Silbe auf die Einladung des redseligen
Franzosen und schien, wie sein Landsmann Shakespeare sagt,

  Der Zhne doppelt Gatter"

vor seine Sprachorgane gelegt zu haben.

Der Deutsche hatte sich whrend dieses Gesprches dem Tische genhert,
eine hfliche Verbeugung gemacht und einen Stuhl dem Lord gegenber
genommen. Man erlaube mir, auch ihn ein wenig zu betrachten. Es war,
was man in Deutschland einen g e w i c h s t e n  j u n g e n  M a n n
zu nennen pflegt, ein Stutzer; er hatte blonde, in die Hhe strebende
Haare, an die etwas niedere Stirn schlo sich ein allerliebstes
Stumpfnschen, ber den Mund hing ein Stutzbrtchen, dessen Enden
hinaufgewirbelt waren, seine Miene war gutmtig, das Auge hatte einen
Ausdruck von Klugheit, der, wie gut angebrachtes Licht auf einem
grobschattierten Holzschnitt, keinen beln Effekt hervorbrachte.

Seine Kleidung wie seine Sitten schien er von verschiedenen Nationen
entlehnt zu haben. Sein Rock mit vielen Knpfen und Schnren war
polnischen Ursprungs; er war auf russische Weise auf der Brust vier
Zoll hoch wattiert, schlo sich spannend ber den Hften und formierte
die Taille so schlank, als die einer hbschen Altenburgerin; er hatte
ferner enge Reithosen an, weil er aber nicht selbst ritt, so waren
solche nur aus dnnem Nanking verfertigt; aus eben diesem Grunde
mochten auch die Sporen mehr zur Zierde und zu einem wohltnenden,
Aufmerksamkeit erregenden Gang als zum Antreiben eines Pferdes dienen.
Ein feiner italienischer Strohhut vollendete das gewhlte Kostm.

Ich sehe es einem gleich bei der Art, wie er den Stuhl nimmt und sich
niedersetzt, an, ob er viel in Zirkeln lebte, wo auch die kleinste
Bewegung von den Gesetzen des Anstandes und der feinen Sitte geleitet
wird; der Stutzer setzte sich passabel, doch bei weitem nicht mit
jener feinen Leichtigkeit wie der Franzose, und der Englnder zeigte
selbst in seiner nachlssigen, halb sitzenden, halb liegenden Stellung
mehr Wrde als jener, der sich so gut aufrecht hielt, als es nur immer
ein Tanzmeister lehren kann.

Diese Bemerkungen, zu welchen ich vielleicht bei weitem mehr Worte
verwendet habe, als es dem Leser dieser Memoiren ntig scheinen
mchte, machte ich in einem Augenblicke; denn man denke sich nicht,
da der junge Deutsche mir so lange gesessen, bis ich ihn gehrig
abkonterfeit hatte.

Der Marquis wandte sich sogleich an seinen neuen Nachbar. Mein Gott,
Herr von Garnmacher," sagte er ich mchte verzweifeln; der englische
Herr da scheint mich nicht zu verstehen, und ich bin seiner Sprache zu
wenig mchtig, um die Konversation mit gehriger Lebhaftigkeit zu
fhren; denn ich bitte Sie, mein Herr, gibt es etwas Langweiligeres,
als wenn drei schne junge Leute beieinander sitzen und keiner den
andern versteht?"

Auf Ehre, Sie haben recht," antwortete der Stutzer in besserem
Franzsisch, als ich ihm zugetraut htte; man kann sich zur Not
denken, da ein Trke mit einem Spanier Billard spielt; aber ich sehe
nicht ab, wie wir unter diesen Umstnden mit dem Herrn plaudern
knnen."

_J'ai bien compris, Messieurs,_" sagte der Lord ganz ruhig
neben seiner Zigarre vorbei, und nahm wieder einigen Rum zu sich.

Ist's mglich, Mylord?" rief der Franzose vergngt, das ist sehr
gut, da wir uns verstehen knnen! Markr, bringen Sie mir
Zuckerwasser! O, das ist vortrefflich, da wir uns verstehen, welch
schne Sache ist es doch um die Mitteilung, selbst an einem Ort wie
dieser hier."

Wahrhaftig, Sie haben recht, Bester," gab der Deutsche zu; aber
wollen wir nicht zusammen ein wenig umherschlendern, um die schne
Welt zu mustern? Ich nenne Ihnen schne Damen von Berlin, Wien, von
allen mglichen Stdten meines Vaterlandes, die ich bereist habe; ich
hatte oben groe Bekanntschaften und Konnexionen und darf hoffen, an
diesem verfl------Ort manche zu treffen, die ich zu kennen das Glck
hatte; Mylord nennt uns die Schnen von London, und Sie, teuerster
Marquis, knnen uns hier Paris im kleinen zeigen."

Gott soll mich behten," entgegnete eifrig der Franzose, indem er
nach der Uhr sah; jetzt, um diese frhe Stunde wollen Sie die schne
Welt mustern? Meinen Sie, mein Herr, ich habe in diesem _dtestable
purgatoire_ so sehr allen guten Ton verlernt, da ich jetzt auf die
Promenade gehen sollte?"

Nun, nun," antwortete der Stutzer, ich meine nur, im Fall wir nichts
Besseres zu tun wten. Sind wir denn nicht hier wie die drei Mnner
im Feuerofen? Sollen wir wohl ein Loblied singen wie jene? Doch, wenn
es Ihnen gefllig ist, mein Herr, uns einen Zeitvertreib
vorzuschlagen, so bleibe ich gerne hier."

Mein Gott," entgegnete der Incroyable; ist dies nicht ein so
anstndiges Caf als Sie in ganz Deutschland keines haben? Und fehlt
es uns an Unterhaltung? Knnen wir nicht plaudern, soviel wir wollen?
Sagen Sie selbst, Mylord, ist es nicht ein gutes Haus, kann man diesen
Salon besser wnschen? Nein! _Monsieur le diable_ hat Geschmack
in solchen Dingen, das mu man ihm lassen."

_Une confortable maison_!" murmelte Mylord und winkte dem
Franzosen Beifall zu. _Et ce salon confortable_!"

Gute Tafel, mein Herr?" fragte der Marquis, nun, die wird auch da
sein; ich denke mir, man speist wohl nach der Karte? Aber, meine
Herren, was sagen Sie dazu, wenn wir uns zur Unterhaltung gegenseitig
etwas aus unserem Leben erzhlen wollten? Ich hre so gerne
interessante Abenteuer, und Baron Garnmacher hat deren wohl so viele
erlebt als Mylord?"

_Goddam_! das war ein vernnftiger Einfall, mein Herr," sagte
der Englnder, indem er mit der Reitgerte auf den Tisch schlug, die
Fe von dem Stuhl herabzog und sich mit vieler Wrde in dem Fauteuil
zurecht setzte; noch ein Glas Rum, Markr!"

Ich stimme bei," rief der Deutsche, und mache Ihnen ber Ihren
glcklichen Gedanken mein Kompliment, Herr von Lasulot.--Eine Flasche
Rheinwein, Kellner!--Wer soll beginnen zu erzhlen?"

Ich denke, wir lassen dies das Los entscheiden," antwortete Lord
Fotherhill, Und ich wette fnf Pfund, der Marquis mu beginnen."

Angenommen, mein Herr," sagte mit angenehmem Lcheln der Franzose;
machen Sie die Lose, Herr Baron, und lassen Sie uns ziehen, Nummer
Zwei soll beginnen."

Baron Garnmacher stand auf und machte die Lose zurecht, lie ziehen,
und die zweite Nummer fiel auf ihn selbst.

Ich sah den Franzosen dem Lord einen bedeutenden Wink zuwerfen, indem
er das linke Auge zugedrckt, mit dem rechten auf den Deutschen
hinberdeutete; ich bersetzte mir diesen Wink so: Geben Sie einmal
acht, Mylord, was wohl unser ehrlicher Deutscher vorbringen mag. Denn
wir beide sind schon durch den Rang unsrer Nationen weit ber ihn
erhaben."

Baron von Garnmacher schien aber den Wink nicht zu beachten; mit
groer Selbstgeflligkeit trank er ein Glas seines Rheinweins, wischte
in der Eile den Stutzbart mit dem Rockrmel ab und begann.

       *       *       *       *       *




NEUNZEHNTES KAPITEL.

Geschichte des deutschen Stutzers.


Als mein Grovater, der Kaiserlich-Kniglich--"

Ich bitte Sie, mein Herr," unterbrach ihn der Incroyable, verschonen
Sie uns mit dem Gropapa und fangen Sie gleich bei Ihrem Vater an; was
war er?"

Nun ja, wenn es Ihnen so lieber ist; aber ich htte mich gerne bei
dem Glanze unserer Familie lnger verweilt; mein Vater lebte in
Dresden auf einem ziemlich groen Fu--"

Was war er denn, der Herr Papa? Sie verzeihen, wenn ich etwas zu
neugierig erscheine, aber zu einer Geschichte gehrt Genauigkeit."

Mein Vater," fuhr der Stutzer etwas mimutig fort, war
Kleiderfabrikant _en gros_--"

Wie," fragte der Lord, was ist Kleiderfabrikant? Kann man in
Deutschland Kleider in Fabriken machen?"

Hol' mich der Teufel, wie er schon getan!" rief der Stutzer unwillig
und stie das Glas auf den Tisch. Das ist nicht die Art, wie man
seine Biographie erzhlen kann, wenn man alle Augenblicke von
kritischen Untersuchungen unterbrochen wird; mein Vater hatte ein Haus
am Alt=Markt; darin hatte er ein Atelier und hielt Arbeiter, welche
Kleider fr die Leute machten!"

_Mon dieu_! Also war, er, was wir _tailleur_ nennen, ein
Schneider?"

Nun, in Gottes Namen, nennen Sie es, wie Sie wollen; kurz, er hatte
die Welt gesehen, machte ein Haus, und wenn er auch nicht den Adel und
die ersten Brger in seinen Soireen sah, so war doch ein gewisser
guter Ton, ein gewisser Anstand, ein gewisses, ich wei nicht was,
kurz, es war ein ganz anstndiger Mann, mein Papa."

Mich selbst erfate der Lachkitzel, als ich den _garon tailleur_
so perorieren hrte, doch ich fate mich, um den Markr nicht aus der
Rolle fallen zu lassen. Der Marquis aber hatte sich zurckgelehnt und
wollte sich ausschtten vor Lachen; der Englnder sah den Stutzer
forschend an, unterdrckte ein Lcheln, das seiner Wrde schaden
konnte, und trank Rum; der deutsche Baron aber fuhr fort:

Sie htten mich, meine Herren, auf der Oberwelt in Daumenschrauben
pressen knnen, und ich htte meine Maske nicht vor Ihnen abgenommen.
Hier ist es ein ganz anderes Ding; wer kmmert sich an diesem
schlechten Ort um den ehemaligen Baron von Garnmacher? Darum verletzt
mich auch Ihr Lachen nicht im geringsten; im Gegenteil, es macht mit
Vergngen, Sie zu unterhalten!"

_Ah! ce noble trait_!" rief der Incroyable und wischte sich die
Trnen aus dem Auge. Reichen Sie mir die Hand und Lassen Sie uns
Freunde bleiben. Was geht es mich an; ob Ihr Vater _duc_ oder
_tailleur_ war, Erzhlen Sie immer weiter. Sie machen es gar zu
hbsch."

Ich geno eine gute Erziehung; denn meine Mutter wollte mich durchaus
zum Theologen machen, und weil dieser Stand in meinem Vaterlande der
eigentlich privilegierte Gelehrtenstand ist, so wurde mir in meinem
siebenten Jahre _mensa_, in meinem achten _amo_, in meinem zehnten
_typto_, in meinem zwlften _pakat_ eingeblut. Sie knnen sich
denken, da ich bei dieser ungemeinen Gelehrsamkeit keine gar
angenehmen Tage hatte; ich hatte, was man einen harten Kopf nennt;
das heit, ich ging lieber aufs Feld, hrte die Vgel singen oder sah
die Fische den Flu hinabgleiten, sprang lieber mit meinen Kameraden,
als da ich mich oben in der Dachkammer, die man zum Musensitz des
knftigen Pastors eingerichtet hatte, mit meinem Brder, Buttmann,
Schrder, und wie die Schrecklichen alle heien, die den Knaben mit
harten Kpfen wie bse Geister erscheinen, abmarterte.

Ich hatte berdies noch einen andern Hang, der mir viele Zeit raubte;
es war die von frher Jugend an mit mir aufwachsende Neigung zu
schnen Mdchen. Sommers war es in meiner Dachkammer so glhend hei
wie unter den Bleidchern des Palastes Sankt Marco in Venedig; wenn
ich dann das kleine Schiebefenster ffnete, um den Kopf ein wenig in
die frische Luft zu stecken, so fielen unwillkrlich meine Augen auf
den schnen Garten unseres Nachbars, eines reichen Kaufmanns; dort
unter den schnen Akazien auf der weichen Moosbank sa Amalie, sein
Tchterlein, und ihre Gespielinnen und Vertrauten. Unwiderstehlide
Sehnsucht ri mich hin; ich fuhr schnell in meinen Sonntagsrock,
frisierte das Haar mit den Fingern zurecht und war im Flug durch die
Zaunlcke bei der Knigin meines Herzens. Denn diese Charge bekleidete
sie in meinem Herzen im vollsten Sinne des Wortes. Ich hatte in meinem
elften Jahre den grten Teil der Ritter= und Ruberromane meines
Vaterlandes gelesen, Werke, von deren Vortrefflichkeit man in andern
Lndern keinen Begriff hat; denn die erhabenen Namen Cramer und Spie
sind nie ber den Rhein oder gar den Kanal gedrungen. Und doch, wie
viel hher stehen diese Bcher alle als jene Ritter= und
Ruberhistorien des Verfassers von Waverley, der kein anderes Verdienst
hat, als auf Kosten seiner Leser recht breit zu sein. Hat der groe
Unbekannte solche vortrefflichen Stellen wie die, welche mir noch
aus den Tagen meiner Kindheit im Ohr liegen: M i t t e r n a c h t,
d u m p f e s  G r a u s e n  d e r  N a t u r, R  d e n g e b e l l,
R i t t e r  U r i a n  t r i t t  a u f.'

Wem pocht nicht das Herz, wem strubt sich nicht das Haar empor, wenn
er nachts auf einer den, verlassenen Dachkammer dieses liest? Wie
fhlte ich da das G r a u s e n  d e r  N a t u r!' Und wenn der
Hofhund sein Rdengebell heulte, so war die Tuschung so vollkommen,
da sich meine Blicke ngstlich an die schlecht verriegelte Tre
hefteten; denn ich glaubte nicht anders, als R i t t e r  U r i a n
t r e t e  a u f!'

Was war natrlicher, als da bei so lebhafter Einbildungskraft auch
mein Herz Feuer fing? Jede Berta, die ihrem Ritter die Feldbinde
umhing, jede Ida, die sich auf den Sller begab, um dem den Schloberg
hinabdonnernden Liebsten noch einmal mit dem Schleier zuzuwedeln, jede
Agnes, Hulda usw. verwandelten sich unwillkrlich in Amalien.

Doch auch s i e war diesem Tribut der Sterblichkeit unterworfen. Aus
ihrer Sparbchse nmlich wurden die Romane angeschafft. Wenn einer
gelesen war, so empfing ich ihn, las ihn auch, trug ihn dann wieder
in die Leihbibliothek und suchte dort immer die Bcher heraus, welche
entweder keinen Rcken mehr hatten oder vom Lesen so fett geworden
waren, da sie mich ordentlich a n g l  n z t e n. Das sind so die
echten nach unserem Geschmack, dachte ich, und sicher war es ein
R i n a l d o R i n a l d i n i', ein D o m s c h  t z', ein
a l t e r  b e r a l l  u n d  N i r g e n d s' oder sonst einer
unserer Lieblinge.

Zu Hause band ich ihn dann in alte lateinische Schriften ein; denn
Amalie war sehr reinlich erzogen und htte, wenn auch das Innere des
Romans nicht immer sehr rein war, doch nie mit bloen Fingern den
fetten Glanz ihrer Lieblinge betastet. Ehrerbietig trug ich ihn dann
in den Garten hinber und berreichte ihn; und nie empfing ich ihn
zurck, ohne da mir Amalie die schnsten Stellen mit Strickgarn ber
einer Stecknadel bezeichnet htte. So lasen und liebten wir; unsere
Liebe richtete sich nach dem Vorbild, das wir gerade lasen; bald war
sie zrtlich und verschmt, bald feurig und strmisch, ja, wenn
Eifersuchten vorkamen, so gaben wir uns alle mgliche Mhe, einen
Gegenstand, eine Ursache fr unser namenloses Unglck zu ersinnen.

Mein gewhnliches Verhltnis zu der reichen Kaufmannstochter war
brigens das eines Edelknaben von dunkler Geburt, der an dem Hof eines
groen Grafen oder Frsten lebt, eine unglckliche Leidenschaft zu der
schnen Tochter des Hauses bekommt und endlich von ihr heimliche, aber
innige Gegenliebe empfngt. Und wie lebhaft wute Amalie ihre Rolle zu
geben; wie gtig, wie herablassend war sie gegen mich! Wie liebte sie
den schnen, ritterlichen Edelknaben, dem kein Hindernis zu schwer
war, zu ihr zu gelangen, der den breiten Burggraben (die Entenpftze
in unserem Hof) durchwatet, der die Zinnen des Walles (den Gartenzaun)
erstiegen, um in ihr Gartengemach (die Moosbank unter den Akazien)
sich zu schleichen. Tausend Dolche (die Ngel auf dem Zaun, die meinen
Beinkleidern sehr gefhrlich waren), tausend Dolche lauern auf ihn,
aber die Liebe fhrt ihn unbeschdigt zu den Fen seiner Herrin.

Das einzige Unglck meiner Liebe war, da wir eigentlich gar kein
Unglck hatten. Zwar gab es hie und da Grenzstreitigkeiten zwischen
dem armen Ritter (meinem Vater) und dem reichen Frsten (dem
Kaufmann), wenn nmlich eines unserer Hhner in seinen Garten
hinbergeflogen war und auf seinen Mistbeeten spazieren ging, oder es
kam sogar zu wirklicher Fehde, wenn der Frst einen Herold (seinen
Ladendiener) zu uns herberschickte und um den Tribut mahnen lie
(weil mein Vater eine sehr groe Rechnung in dem Kontobuche des
Frsten hatte). Aber dies alles war leider kein ntigendes Unglck fr
unsere Liebe und diente nicht dazu, unsere Situation noch romantischer
zu machen.

Die einzige Folge, die aus meinem Leben und meiner Liebe entstand, war
mein hartes Unglck, immer unter den letzten meiner Klasse zu sein und
von dem alten Rektor tchtig Schlge zu bekommen; doch auch darber
belehrte und trstete mich meine Herrin. Sie entdeckte mir nmlich,
da des Herzogs (des Rektors) ltester Prinz um ihre Liebe gebuhlt und
sie aus Liebe zu mir den Jngling abgewiesen habe; er habe gewi
unsere Liebe und den Grund seiner Abweisung entdeckt und sie dem alten
Vater, dem Rektor, beigebracht, der sich dafr auf eine so unwrdige
Art an mir rche. Ich lie die Gute auf ihrem Glauben, wute aber
wohl, woher die Schlge kamen; der alte Herzog wute, da ich die
unregelmigen griechischen Verba nicht lernte, und d a f  r bekam
ich Schlge.

So war ich fnfzehn und meine Dame vierzehn Jahre alt geworden,
ungetrbt war bis letzt der Himmel unserer Liebe gewesen; da
ereigneten sich mit einem Male zwei Unglcksflle, wovon schon einer
fr sich hinreichend gewesen wre, mich aus meinen Hhen
herabzuschmettern.

Es war die Zeit, wo nach dem Frieden von Paris die Fouquschen Romane
anfingen, in meinem Vaterlande Mode zu werden . . ."

Was ist das, Fouqusche Romane?" fragte der Lord.

Das sind lichtbraune, fromme Geschichtchen, doch durch diese
Definition werden Sie nicht mehr wissen als vorher. Herr von Fouqu
ist ein frommer Rittersmann, der, weil es nicht mehr an der Zeit ist,
mit Schwert und Lanze zu turnieren, mit der Feder in die Schranken
reitet und kmpft wie der gewaltigen Whringer einer. Er hat das ein
wenig rohe und gemeine Mittelalter modernisiert aber vielmehr unsere
heutige modische Welt in einigen frommen Mystizismus einbalsamiert und
um fnfhundert Jahre zurckgeschoben. Da schmeckt nun alles ganz
slich und sieht recht anmutig, lichtdunkel aus; die Ritter, von
denen man vorher nichts anderes wute, als sie seien derbe Landjunker
gewesen, die sich aus Religion und feiner Sitte so wenig machten als
der Grotrke aus dem sechsten Gebot, treten hier mit einer
bezaubernden Courtoisie auf, sprechen in feinen Redensarten, sind
hauptschlich f r o m m und k r e u z g l  u b i g.

Die Damen sind moderne Schwrmerinnen, nur keuscher, reiner, mit
steifen Kragen angetan und berhaupt etwas ritterlich aufgeputzt.
Selbst die edlen Rosse sind glnzender als heutzutage und haben
ordentlich Verstand, wie auch die Wolfshunde und andere solche
Getiere."

_Mon dieu_! Solchen Unsinn liest man in Deutschland?" rief der
Franzose und schlug vor Verwunderung die Hnde zusammen.

O ja, meine Herren, man liest und bewundert. Es gab eine Zeit bei
uns, wo wir davon zurckgekommen waren, alles an fremden Nationen zu
bewundern; da wir nun, auf unsere eigenen Herrlichkeiten beschrnkt,
nichts an uns fanden, das wir bewundern konnten, als die _tempi
passati_--so warfen wir uns mit unserem gewhnlichen Nachahmungseifer
auf diese und wurden allesamt altdeutsch.

Mancher hatte aber nicht Phantasie genug, um sich ganz in jene
herrlichen vergangenen Zeiten hineinzudenken, man fhlte allgemein das
Bedrfnis von Handbchern, die, wie Modejournale neuerer Zeit, ber
Sitten und Gebruche bei unseren Vorfahren uns belehrt htten; da trat
jener fromme Ritter auf, ein zweiter Orpheus, griff er in die Saiten,
und es entstand ein neu Geschlecht; die Mdchen, die bei den
franzsischen Garnisonen etwas frivol geworden waren, wurden sittige,
keusche, fromme Frulein, die jungen Herren zogen die modischen Frcke
aus, lieen Haar und Bart wachsen, an die Hemden eine halbe Elle
Leinwand setzen, und Kleider machen Leute,' sagt ein Sprichwort,
_probatum est_; auch sie waren tugendlich, tapfer und fromm."

_Goddam_! Sie haben recht, ich habe solche Figuren gesehen,"
unterbrach ihn der Englnder; vor acht Jahren machte ich die groe
Tour und kam auch nach der Schweiz. Am Vierwaldsttter See lie ich
mir den Ort zeigen, wo die Schweizer ihre Republiken gestiftet haben.
Ich traf auf der Wiese eine Gesellschaft, die wunderlich, halb modern,
halb aus den Garderoben frherer Jahrhunderte sich gekleidet zu haben
schien. Fnf bis sechs junge Mnner saen und standen auf der Wiese
und blickten mit glnzenden Augen ber den See hin. Sie hatten
wunderbare Mtzen auf dem Kopf, die fast anzusehen waren wie
Pfannkuchen. Lange wallende Haare fielen in malerischer Unordnung auf
Rcken und Schultern; den Hals trugen sie frei und hatten breite,
zierlich gestickte Kragen, wie heutzutage die Damen tragen,
herausgelegt.

Ein Rock, der offenbar von einem heutigen Meister, aber nach antiker
Form gemacht war, kleidete sie nicht bel; er schlo sich eng um den
Leib und zeigte berall den schnen Wuchs der jungen Mnner. In
sonderbarem Kontrast damit standen weite Pluderhosen von grober
Leinwand. Aus ihren Rcken sahen drohende Dolchgriffe hervor, und in
der Hand trugen sie Beilstcke, ungefhr wie die rmischen Liktoren.
Gar nicht recht wollte aber zu diesem Kostm passen, da sie Brillen
auf der Nase hatten und gewaltig Tabak rauchten.

Ich fragte meinen Fhrer, was das fr eine sonderbare Armatur und
Uniform wre und ob sie vielleicht eine Besatzung der Grtli-Wiese
vorstellen sollten. Er aber belehrte mich, da es fahrende Schler aus
Deutschland wren. Unwillkrlich drngte sich mir der Gedanke an den
fahrenden Ritter Don Quichotte auf, ich stieg lachend in meinen Kahn
und pries mein Glck, auf einem Platz, der durch die erhabenen
Erinnerungen, die er erweckt, nur zu leicht zu trumerischen
Vergleichungen fhrt, eine so groteske Erscheinung aus dem Leben
gehabt zu haben. Die jungen Deutschen shnten mich aber wieder mit
sich aus; denn als mein Kahn ber den See hingleitete, erhoben sie
einen vierstimmigen Gesang in so erhabener Melodie, mit so wrdigen,
ergreifenden Wendungen, da ich ihnen im Gedanken das Vorurteil abbat,
welches ihr Kostm in mir erweckt hatte."

Nun ja, da haben wir's," fuhr der Baron Garnmacher fort, so sah es
damals unter alt und jung in Deutschland aus; auch ich hatte Fouqusche
Romane gelesen, wurde ein frommer Knabe, trug mich, wie alle meine
Kameraden, altdeutsch und war meiner Herrin, der wunnigen Maid', mit
einer keuschen, inniglichen Minne zugetan. Auf Amalie machte brigens
der Z a u b e r r i n g', die F a h r t e n  T h i o d o l f s' &c.
nicht den gewnschten Eindruck; sie verlachte die sittigen,
lichtbraunen, blauugigen Damen, besonders die B e r t h a  v o n
L i c h t e n r i e t h, und pries mir Lafontaine und Langbein,
schlpfrige Geschichten, welche ihr eine ihrer Freundinnen zugesteckt
hatte.

Ich war zu sehr erfllt von dem deutschen Wesen, das in mir aufging,
als da ich ihr Gehr gegeben htte; aber der lsterne Brennstoff
jener Romane brannte fort in dem Mdchen, das sich, weil sie fr ihr
Alter schon ziemlich gro war, fr eine angehende Jungfrau hielt, und
kurz--es gab eine Josephsszene zwischen uns; ich hllte mich in meinen
altdeutschen Rock und meine Fouqusche Tugend ein und floh vor den
Lockungen der Sirene, wie mein Held Thiodolf vor der herrlichen Zoe.

Die Folge davon war, da sie mich als einen Unwrdigen verachtete und
dem Prinzen, des Rektors Sohn, ihre Liebe schenkte. Ob er mit ihr
Lafontaine und Langbein studierte, wei ich nicht zu sagen, nur so
viel ist mir bekannt, da ihn der Frst, Amaliens Vater, einige Wochen
nachher eigenhndig aus dem Garten gepeitscht hat.

Ich sa jetzt wieder auf meinem Dachkmmerlein, hatte die hebrische
Bibel und die griechischen Unregelmigen vor mir liegen und auf ihnen
meine Romane. An manchem Abend habe ich dort heie Trnen geweint und
durch die Jalousien in den Garten hinabgeschaut; denn die zuchtlose
Jungfrau sollte meinen Jammer nicht erschauen, sie sollte den Kampf
zwischen Ha und Liebe nicht auf meinem Antlitz lesen. Ich war fest
berzeugt, da so unglcklich wie ich kein Mensch mehr sein knne, und
hchstens der unglckliche O t t o  v o n  T r a u t w a n g e n, als
er in Frankreich mit seinem vernnftigen, lichtbraunen Rlein eine
Hhle bewohnte, konnte vielleicht so kummervoll gewesen sein wie ich.

Aber das Ma meiner Leiden war nicht voll; hren Sie, wie aus
entwlkter Hhe' mich ein zweiter Donner traf.

Der alte Rektor hatte seinen Schlern ein Thema zu einem Aufsatz
gegeben, worin wir die Frage beantworten sollten, w e n  w i r  f  r
d e n  g r   t e n  M a n n  D e u t s c h l a n d s  h a l t e n.
Es sollte sein Wert geschichtlich nachgewiesen, Grnde fr und wider
angegeben und berhaupt alles recht gelehrt abgemacht werden. Ich
hatte, wie ich Ihnen schon bemerkt habe, meine Herren, immer einen
harten Kopf, und Aufstze mit Grnden waren mir von jeher zuwider
gewesen, ich hatte also auch immer mittelmige oder schlechte
Arbeiten geliefert. Aber fr diese Arbeit war ich ganz begeistert, ich
fhlte eine hohe Freude in mir, meine Gedanken ber die groen Mnner
meines Vaterlandes zu sagen und meine Ideale (und wer hat in diesen
Jahren nicht solche) in gehriges Licht setzen zu knnen.

Geschichtlich sollte das Ding abgefat werden. Was war leichter fr
mich als dies? Jetzt erst fhlte ich den Nutzen meines eifrigen
Lesens. Wo war einer, der so viele Geschichten gelesen hatte als ich?
Und wer, der irgend einmal diese Bcher der Geschichten in die Hand
nahm, wer konnte in Zweifel sein, wer die grten Mnner meines
Vaterlandes seien? Zwar war ich noch nicht ganz mit mir selbst im
reinen, wem ich die Krone zuerkennen sollte. H a s p e r a  S p a d a?
Es ist wahr, er war ein Tapferer, der Schrecken seiner Feinde, die
Liebe seiner Freunde. Aber, wie die Geschichte sagt, war er sehr stark
dem Trinken ergeben, und dies war doch schon eine Schlacke in seinem
frtrefflichen Charakter. A d o l p h  d e r  K  h n e, R a u g r a f
v o n  D a s s e l? Er hat schon etwas mehr von einem groen Mann. Wie
schrecklich zchtigt er die Pfaffen! Wenn er nur nicht in der Historie
nach Rom wandeln und Bue tun mte; aber dies schwcht doch sein
majesttisches Bild. Es ist wahr, O t t o v o n T r a u t w a n g e n
glnzt als ein Stern erster Gre in der deutschen Geschichte, dachte
ich weiter, aber auch er scheint doch nicht der Grte gewesen
zu sein, wiewohl seine Frmmigkeit, die sehr in Anschlag zu bringen
ist, jeden Zauber berwand.

Island gehrte wohl auch zum Deutschen Reich; wahrhaftig, unter allen
deutschen Helden ist doch keiner, der dem T h i o d o l f das Wasser
reicht. Stark wie Simson, ohne Falsch wie eine Taube, fromm wie ein
Lamm, im Zorn ein B e r s e r k e r--es kann nicht fehlen, er ist der
grte Deutsche.

Ich setzte mich hin und schrieb voll Begeisterung diese Rangordnung
nieder. Wohl zehnmal sprang ich auf, meine Brust war zu voll, ich
konnte nicht alles sagen, die Feder, die Worte versagten mir, wohl
zehnmal las ich mir mit lauter Stimme die gelungensten Stellen vor.
Wie erhaben lautete es, wenn ich von der Strke des Islnders sprach,
wie er einen Wolf zhmte, wie er in Konstantinopel ein Pferd nur ein
wenig auf die Stirne klopfte, da es auf der Stelle tot war; wie
gromtig verschmht er alle Belohnung; ja, er schlgt einen
Kaiserthron aus, um seiner Liebe treu zu bleiben; wie kindlich fromm
ist er, obgleich er die christliche Religion nicht recht kannte; wie
schn beschrieb ich das alles; ja, es mute das Herz des alten Rektors
rhren!

Ich konnte mir denken, wie er meine Arbeit mit steigendem Beifall
lesen, wie er morgens in die Klasse kommen wrde, um unsere Aufstze
zu zensieren. Dann sendet er gewi einen milden, freundlichen Blick
nach dem letzten Platze, wohin er sonst nur wie ein brllender Lwe
schaute, dann liest er meine Arbeit laut vor und spricht: Kann man
etwas Gelungeneres lesen als dies? Und ratet, wer es gemacht hat! Die
Letzten sollen die Ersten werden. Der Stein, den die Bauleute
verworfen haben, soll zum Eckstein werden. Tritt hervor, mein Sohn,
_Garnmachere_! Ich habe immer gesagt, du seiest eine Bte; konnte
ich ahnen, da du mit so vielem Eifer Geschichten studierst? Nimm hin
den Preis, der dir gebhrt.'

So mute er sagen, er konnte nicht anders, ohne das schreiendste
Unrecht zu tun. Eifrig schrieb ich jetzt meinen Aufsatz ins Reine. Um
zu zeigen, da ich auch in den neueren Geschichten nicht unbewandert
sei, sagte ich am Schlu, da ich nach Erfindung des Pulvers den
d e u t s c h e n  A l c i b i a d e s und nchst ihm H e r m a n n
v o n  N o r d e n s c h i l d fr die grten Mnner halte. Man knne
ihnen den R i t t e r  E u r o s, welcher nachher als D o m s c h  t z
m i t  s e i n e n  G e s e l l e n so groes Aufsehen gemacht habe,
was die Tapferkeit anbetreffe, vielleicht an die Seite stellen; doch
stehen jene beiden auf einem viel hheren Standpunkt.

Ich brachte dem Rektor triumphierend den Aufsatz und mute ihm beinahe
ins Gesicht lachen, als er mrrisch sagte: Er wird ein schnes
Geschmier haben, Garnmacher!'

Lesen Sie, und dann--richten Sie,' gab ich ihm stolz zur Antwort und
verlie ihn.

Wenn in Ihrem Vaterlande, Mylord, eine Preisfrage gestellt wrde ber
den wrdigsten englischen Theologen, und es wrden in einer gelehrten,
mit Phrasen wohldurchspickten Antwort die Vorzge des Vicar of
Wakefield dargetan, wer wrde da nicht lachen? Wenn Sie, werter
Marquis, nach der wrdigsten Dame zu den Zeiten Louis XIV. gefragt
wrden, und Sie priesen die n e u e  H e l o i s e, wrde man Sie
nicht fr einen Rasenden halten? Hren Sie, welche Torheit ich
begangen hatte!

Der Samstag, an welchem man unsere Arbeiten gewhnlich zensierte,
erschien endlich. So oft dieser Tag sonst erschienen war, war er mir
ein Tag des Unglcks gewesen. Gewhnlich schlich ich da mit
Herzklopfen zur Schule; denn ich durfte gewi sein, wegen schlechter
Arbeit getadelt, ffentlich geschmht zu werden. Aber wieviel stolzer
trat ich heute auf; ich hatte meinen besten Rock angezogen, den
schnsten, feingestickten Hemdkragen angelegt, mein wallendes Haar war
zierlich gescheitelt und gelockt; ich sah stattlich aus und gestand
mir, ich sei auch im ueren des Preises nicht unwrdig, welcher mir
heute zuteil werben sollte.

Der Rektor fing an, die Aufstze zu zensieren. Wie rmliche, obskure
Helden hatten sich meine Mitschler gewhlt: Hermann, Karl den Groen,
Kaiser Heinrich, Luther und dergleichen,--er ging viele durch, immer
kam er noch nicht an meine Arbeit. Ja, es war offenbar, meine Helden
hatte er auf die Letzt aufgespart--als die besten!

Endlich ruhte er einige Augenblicke, rusperte sich und nahm ein Heft
mit rosenfarbener berdecke, das meinige, zur Hand. Mein Herz pochte
laut vor Freude, ich fhlte, wie sich mein Mund zu einem
triumphierenden Lcheln verziehen wollte; aber ich gab mir Mhe,
bescheiden bei dem Lobe auszusehen. Der Rektor begann: Und nun komme
ich an eine Arbeit, welche ihresgleichen nicht hat auf der Erde. Ich
will einige Stellen daraus vorlesen!' Er deklamierte mit ungemeinem
Pathos gerade jene Kraftstellen, welche ich mit so groer Begeisterung
niedergeschrieben hatte. Ein schallendes Gelchter aus mehr als
vierzig Kehlen unterbrach jeden Satz, und als er endlich an den Schlu
gelangte, wo ich mit einer khnen Wendung dem furchtbaren D o m s c h
 t z e n noch einige Blmchen gestreut hatte, erscholl Bravo!
_Ancora_! und die Tische krachten unter den beifalltrommelnden
Fusten meiner Mitschler. Der Rektor winkte Stille und fuhr fort: Es
wre dies eine gelungene Satire auf die Herren Spie und Konsorten,
wenn nicht der Verfasser selbst eine Satire auf die Menschheit wre.
Es ist unser lieber Garnmacher. Tritt hervor, du _dedecus
naturae_, hieher zu mir!'

Zitternd folgte ich dem frchterlichen Wink. Das erste war, als ich
vor ihm stand, da er mir das rosenfarbene Heft einmal rechts und
einmal links um die Ohren schlug. Und jetzt donnerte eine Strafpredigt
ber mich herab, von der ich nur so viel verstand, da ich eine Bte
wre und nicht wte, was Geschichte sei.

Es begegnet zuweilen, da man im Traum von einer schnen, blumigen
Sonnenhhe in einen tiefen Abgrund herabfllt. Man schwindelt, indem
man die unermelichen Hhen herabfliegt, man fhlt die unsanfte
Erschtterung, wenn man am Boden zu liegen glaubt, man erwacht und
sieht sich mit Staunen auf dem alten Boden wieder. Die Hhe, von der
man herabstrzte, ist mit all ihren Bltengrten verschwunden, ach,
sie war ja nur ein Traum!

So war mir damals, als mich der Rektor aus meinem Schlummer
aufschttelte; ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort, die ich ihm
geben konnte. Ich war arm wie jener Krsus, als er vor seinem Sieger
Cyrus stand; auch ich hatte ja alle meine Reiche verloren!

Ich sollte bekennen, woher ich die Romane bekommen, wer mir das Geld
dazu gegeben habe. Konnte, durfte ich sie, die ich einst liebte,
verraten? Ich leugnete, ich hielt den ganzen Sturm des alten Mannes
aus, ich stand wie Mucius Scvola.

Der langen Rede kurzer Sinn war brigens der, da ich von meinem Vater
ein Attestat darber bringen msse, da ich das Geld zu solchen
Allotriis von ihm habe, und berdies habe ich am nchsten Montag vier
Tage Karzer anzutreten. Verhhnt von meinen Mitschlern, die mir
Thiodolf, deutscher Alcibiades und dergleichen nachriefen, in dumpfer
Verzweiflung ging ich nach Hause. Es war gar kein Zweifel, da mich
mein Vater, wenn er diese Geschichte erfuhr, entweder sogleich
totschlagen oder wenigstens zum Schneiderjungen machen wrde. Vor
beidem war mir gleich bange. Ich besann mich also nicht lange, band
etwas Weizeug und einige seltene Dukaten und andere Mnzen, welche
mir meine Paten geschenkt hatten, in ein Tuch, warf noch einen Ku und
den letzten Blick nach des Nachbars Garten, sagte meinem Dachstbchen
Lebewohl, und eine Viertelstunde nachher wanderte ich schon auf der
Strae nach Berlin, wo mir ein Oheim lebte, an welchen ich mich frs
erste zu wenden gedachte.

In meinem Herzen war es de und leer, als ich so meine Strae zog.
Meine Ideale waren zerronnen. Sie hatten also nicht gelebt, diese
tapfern, frommen, liebevollen, biederen Mnner, sie hatten nicht
geatmet, jene lieblichen Bilder holder Frauen. Jene bunte Welt voll
Putz und Glanz, alle jene Stimmen, die aus fernen Jahrhunderten zu mir
herbertnten, die mutigen Tne der Trompete, Rdengebell,
Waffengeklirr, Sporenklang, se Akkorde der Laute--alles, alles
dahin, alles nichts als eine lschpapierne Geschichte, im Hirn eines
Poeten gehegt, in einer schmutzigen Druckerpresse zur Welt gebracht!

Ich sah mich noch einmal nach der Gegend um, die ich verlassen hatte.
Die Sonne war gesunken, die Nebel der Elbe verhllten das liebe
Dresden, nur die Spitzen der Trme ragten, vergoldet vom Abendrot,
ber dem Dunstmeer.

So lag auch mein Trumen, mein Hoffen, Vergangenheit und Zukunft in
Nebel gehllt, nur einzelne hohe Gestalten standen hell beleuchtet wie
jene Trme vor meiner Seele. Wohlan! sprach ich bei mir selbst:

_O fortes, pejoraque passi
  Mecum saepe viri, nunc cantu pellite curas,
  Cras ingens iterabimus aequor._

Noch einmal breitete ich die Arme nach der Vaterstadt aus, da fhlte
ich einen leichten Schlag auf die Schulter und wandte mich um.--"

       *       *       *       *       *


Der Herausgeber ist in der grten Verlegenheit. Er hat bis auf den
Tag, an welchem er dies schreibt, dem Verleger das Manuskript zum
ersten Teil versprochen, und doch fehlt noch ein groer Teil des
letzten Abschnittes. Er ist noch nicht geweiht, die Messe ist schon
vorber, und eine eigene ber die paar Bogen lesen zu lassen, findet
sich weder ein gehriger Vorwand, noch wrde das Werkchen diese
bedeutende Ausgabe wert sein. Wir versparen daher die Fortsetzung des
Festtages in der Hlle auf den zweiten Teil.

       *       *       *       *       *










End of the Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des
Satan V1, by Wilhelm Hauff

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN DES SATAN V1 ***

***** This file should be named 6890-8.txt or 6890-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/6/8/9/6890/

Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
Proofreading Team.

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

