The Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten.
Band 1, by Johann Konrad Friederich

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Title: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten. Band 1
       Hinterlassene Papiere eines franzsisch-deutschen Offiziers

Author: Johann Konrad Friederich

Editor: Ulrich Rauscher

Release Date: November 17, 2019 [EBook #60712]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten

                              Erster Band

                            Sechste Auflage




                             Vierzig Jahre
                                aus dem
                           Leben eines Toten


                         Hinterlassene Papiere
                eines franzsisch-preuischen Offiziers

                             In drei Bnden

                              Erster Band


                          Egon Fleischel & Co.
                                 Berlin
                                  1916




                                 Inhalt
                           des ersten Bandes.


                                                                   Seite

                                    I.
   Eine Taufe. -- Frau Rat Goethe. -- Voltaire in strengem          1-16
      Arrest zu Frankfurt am Main; seine Percke. -- Der erste
      Luftschiffer in Deutschland. -- Sonderbarer
      Zwischenfall. -- Blanchard werden frstliche
      Ehrenbezeigungen zuteil

                                    II.
   Kleinkinderjahre mit groen Episoden. -- Die letzte deutsche    17-29
      Kaiserkrnung (Franz II.). -- Die franzsischen
      Emigranten. -- Die Frankfurter Juden. -- Der alte
      Rothschild und sein Vater

                                   III.
   Die Neufranken in Frankfurt. -- Cstine. -- Die                 29-39
      Kontribution. -- Die Mainzer Revolution

                                    IV.
   Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preuen und Hessen. --      39-51
      Franzosen durch den Pbel niedergemacht. -- Schreckliche
      Lage der Frankfurter Abgeordneten zu Paris, aus der sie
      mein Oheim befreit. -- Eindruck, den die Nachricht von
      der Hinrichtung Ludwigs XVI. macht

                                    V.
   Aufenthalt des Knigs von Preuen und seiner Garde in           52-71
      Frankfurt. -- Spielwut der Offiziere. -- Ein Jude mu
      einen Wechsel fressen. -- Eine Entfhrung. -- Errichtung
      einer stehenden Bhne in Frankfurt. -- Die erste
      Vorstellung der Zauberflte erregt ungeheures Aufsehen.
      -- Abermalige Belagerung Frankfurts (1796). -- Die Stadt
      wird mit glhenden Kugeln beschossen. -- Niederbrennen
      der Hlfte des Judenquartiers. -- Frankfurter Zustnde
      jener Zeit. -- Meine schne Cousine. -- Eine Scheidung.
      -- Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in
      Stuttgart

                                    VI.
   Das Institut zu Homburg vor der Hhe. -- Die Flegeljahre. --    72-88
      Homburg und seine Umgebungen. -- Der Hof. -- Eine
      Schweinsjagd im Schlogarten und eine Schildwache im
      Teich. -- Eine kaiserliche Stecknadel

                                   VII.
   Das Pensionat zu Offenbach. -- Die Gebrder Bernard. -- Eine   89-117
      groe Prellerei. -- Das Puppenspiel. -- Der
      Konfirmationsunterricht. -- Schinderhannes gefangen und
      hingerichtet. -- Allerlei Amoretten. -- Ich will mich
      schlechterdings dem Theater widmen. -- Eine Reise nach
      Weimar. -- Goethe und Schiller

                                   VIII.
   Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Hhe. -- Diverse    118-139
      Amoretten. -- Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat
      zu werden. -- Glnzende Folgen einer Ohrfeige. -- Eine
      Hanauer Zopfparade. -- Ich trete in franzsische Dienste

                                    IX.
   Mainz; seine Geschichte. -- Ich werde zu dem Regiment Y.      139-154
      versetzt. Formation desselben. -- Die Familie Jung. --
      Die Mitternachtsmessen. -- Eine tdliche Krankheit. --
      Das Regiment erhlt Ordre, nach Toul zu marschieren. --
      Ich gehe zu meiner Wiederherstellung auf Urlaub. --
      Chasttelers Mtresse, und eine Nacht im Bren. --
      Napoleon hlt eine Revue in Mainz. -- Ich bekomme einen
      Transport Rekruten nach Toul zu fhren

                                    X.
   Marsch von Mainz nach Toul. -- Abscheuliche Zusammensetzung   154-172
      des Transports. -- Oppenheim. -- Worms. -- Desertion und
      Diebereien. -- Die Pfalz. -- Drkheim. --
      Kaiserslautern. -- Die Familie Karcher. -- Landsstuhl.
      -- Homburg. -- Saarbrcken. -- Eine getrstete
      Strohwitwe. -- St. Avold. -- Courcelle. -- Ein
      schmutziger Vorfall. -- Metz. -- Ich werde in das
      Militrgefngnis gesetzt. -- Spitzbbereien des
      Quartiermachers. -- Die Sehenswrdigkeiten von Metz. --
      Pont  Mousson. -- Ankunft in Toul

                                    XI.
   Die Garnison zu Toul. -- Ich werde Kadett-Sergeant. --        173-190
      Schlechte Administration und Organisation des Regiments.
      -- Schlimmer Ruf desselben. -- Aufstand wegen des
      Handgeldes. -- Deutsches und franzsisches
      Liebhabertheater. -- Nancy. -- Eine Entfhrung. -- Ich
      werde Vorleser beim Frsten und erhalte Arrest. -- Ein
      Duell im Mondschein. -- Eine Klopffechterei. -- Abmarsch
      nach Avignon

                                   XII.
   Colombey. -- Neufchateau. -- Ein greulicher Vatermord. --     191-225
      Montigny. -- Komisches Miverstndnis. -- Langres. --
      Dijon. -- Chalons sur Saone. -- Wasserfahrt auf dem
      Coche d'Eau. -- Eine Nacht in Macon. -- Lyon. -- Ein
      vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes Duell. -- Das
      Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. -- Vienne. --
      Condrieux. -- Schiffbruch unter der Brcke St. Esprit.
      -- Orange. -- Avignon. -- Aufenthalt daselbst. -- Die
      Insel Bartelasse. -- Villeneuve. -- Madame Croizet und
      die Prozession. -- Eine Tour nach Vaucluse. -- Ewiger
      Friede. -- Eine gefhrliche berrumpelung. -- Abmarsch
      nach Montpellier. -- Tarascon. -- Bses Volk. -- Eine
      entwaffnete Wache. -- Ein Schferturnier. -- Nimes. --
      Lnel. -- Montpellier

                                   XIII.
   Die Garnison zu Montpellier. -- Der Peyron. -- Furcht der     225-270
      Soldaten vor der medizinischen Fakultt. -- Die
      Einwohner. -- Meine Hausdamen. -- Demoiselle Verteuil.
      -- Frst Y. mein Nebenbuhler. -- Ich falle in Ungnade.
      -- Die Fahnenweihe. -- Der souverne Frst in strengem
      Arrest. -- Folgenschwerer Ritt nach Cette. -- Nchtliche
      Spazierfahrt auf der See. -- Auch ich in strengem Arrest
      und verliere meinen Grad als Sergeant. -- Ich werde
      Unterleutnant. -- Abmarsch nach Toulon. -- St. Remy. --
      Orgon. -- Aix. -- Das Fronleichnamsfest daselbst. --
      Arles. -- Toulon. -- Stadt und Hafen. -- Das Arsenal. --
      Die Galeerensklaven. -- Wiedereinnahme von Toulon durch
      die Republikaner (1793). -- Bonaparte tut sich zuerst
      hervor. -- Verbrennung der franzsischen Flotte und des
      Arsenals. -- Verheerung der Stadt. -- Rauferei mit einem
      Marine-Offizier. -- Ein Skandal im Theater. -- La Seine.
      -- Die Familie Guige. -- Eine Hochzeit auf der Insel
      Porquerolles. -- Abmarsch nach Genua

                                   XIV.
   Marsch von Toulon nach Genua. -- Lc. -- Frejus. -- Cannes.   271-282
      -- Die lerinischen Inseln. -- Madame Grenet. -- Nizza.
      -- Landsleute. -- Seefahrt von Nizza nach Genua. --
      Finale. -- Savona. -- Der Anblick Genuas vom Golf aus
      gesehen

                                    XV.
   Beschreibung Genuas. -- Besuch bei einem Grafen Fiesco. --    283-324
      Ein sauberer Kanonikus. -- Soiree bei Dorias. -- Ein
      italienischer Sprachlehrer. -- Die Marchesa P... und ihr
      Cicisbeo. -- Signora Peretti. -- Mozarts Don Juan wird
      zuerst durch mich in Genua bekannt. -- Die
      Militrmessen. -- Komisches Miverstndnis. -- Ein
      geflliger Gitarre-Lehrer. -- Ein Mordanfall. --
      Maskenfest bei Dorias mit einer Episode. -- Abmarsch von
      Genua

                                   XVI.
   Marsch von Genua nach Mola di Gata. -- Beschwerliche         324-354
      Mrsche durch das Gebirge. -- Der Anblick von Italiens
      Ebenen. -- Parma. -- Reggio. -- Modena. -- Bologna. --
      Eine liebenswrdige Advokatenfamilie. -- Faenza. --
      Forli. -- Cesena. -- Rimini. -- San-Marino. --
      Sinigaglia. -- Loretto. -- La Casa-Santa und ihre
      Schtze und Reliquien. -- Macerato. -- Foligno. --
      Spoleto. -- Terni. -- Der Wasserfall. -- Narni. --
      Civita-Castellana. -- Roms Umgebung. -- Ein Tag in Rom.
      -- Marsch nach Mola di Gata. -- Besitznahme des
      Knigreichs Neapel durch die Franzosen

                                   XVII.
   Die Belagerung von Gata. -- Mola di Gata. -- Abmarsch nach  354-380
      Neapel. -- Sessa. -- Ein Dominikanermnch verfhrt zwei
      Korporale. -- Capua. -- Aversa. -- Neapel. -- Vetter
      Moritz. -- Der neue Knig und seine Regierung. -- Das
      Blut des heiligen Januarius wird zugunsten der Franzosen
      flssig. -- Scheuliche Exekutionen. -- Der Vesuv speit
      Feuer. -- Die Lazzaroni. -- Die italienischen
      Benefizvorstellungen. -- Aufstand in Kalabrien. --
      Abmarsch dahin

                                  XVIII.
   Erster Feldzug in Kalabrien. -- Portici. -- Salerno. --       380-418
      Eboli. -- Cosenza. -- Die Schlacht bei Maida. --
      Scheuliche Behandlung und Martern der den Briganten in
      die Hnde gefallenen Gefangenen. -- Die schrecklichsten
      Augenblicke meines Lebens. -- Grlicher
      Insurgentenkrieg und Verwstungen. -- Fra Diavolo. --
      Ich nehme seinen Adjutanten gefangen. -- Seine
      Galanterie gegen zwei franzsische Offiziersdamen. --
      Rckkehr nach Neapel. -- Fra Diavolos Gefangennehmung
      und Hinrichtung




                              Einleitung.


Es gibt heute nichts, was hher im Kurs stnde, als die Tatsache. Die
knappen Berichte des deutschen Hauptquartiers, die in wenigen, genauen
Worten den jeweiligen Stand der grten Erschtterung aufzeichnen, die
die Welt je erlebt hat, sind gepret voll mit Tatsachen, zwischen denen
keine Watte von Gefhl, Betrachtung, Ausmalung liegt. Die genaueste
Projizierung vom Geschehnis ist uns heute die liebste, weil sie die
reinlichste Aufzeichnung unserer Schicksalslinie darstellt. Was knnte
ein anderer hinzutun, das wir selber nicht tiefer und inniger empfnden!
Aber als Ergnzung dieser gewaltigen Nchternheit, die das Gesamtbild
haben mu, ist uns die Darstellung des einzelnen Erlebnisses willkommen,
in dem wir die Anfnge der groen Dinge spren und sehen. Die Tatsache
ist das Entscheidende; aber ihre Farbe und manchmal ihre Bedeutung
erhlt sie dadurch, da sie in Handlung oder im Unterlassen des
einzelnen Menschen wurzelt, ein einzelnes Menschenschicksal ist!

Hier ist ein Buch, das solch ein einzelnes Menschenschicksal erzhlt, in
dem sich aber der Zusammenbruch der alten Welt in den Revolutionsjahren
und der Aufstieg der neuen in Napoleon spiegelt, bis auch das Erdbeben
und sein Sohn keine Faktoren eines weltpolitischen Lebens mehr sein
konnten, sondern ihren Platz nchternen, aber gewaltigen Erscheinungen
abtreten muten: der allgemeinen Wehrpflicht, dem allgemeinen
Stimmrecht, dem neuen Nationalstaat.

Aber dies Buch eines franzsisch-preuischen Offiziers erzhlt eben
nicht von hoher Warte, sondern aus dem Gewimmel der vielen heraus, in
dem hier und da der Siebenmeilenschritt des kleinen Korporals auftaucht.
Ein Mann erzhlt ein ungewhnliches, aber auch unbekanntes Leben, Jahr
fr Jahr, Woche fr Woche, von seiner Kindheit in Frankfurt am Main,
ber der, landsmnnisch respektlos behandelt, der Name Goethe steht, von
seinem Eintritt in die glorreiche Armee, seinen Feldzgen in Italien,
Spanien, im Balkan und auf Korfu, von der preuischen Dienstzeit mit
Drill, Langerweile und letzten Erinnerungen an den Gamaschendienst, und
schlielich von einem freien Vagabondieren durch ganz Europa, das
Deutschland des Frankfurter Bundestags und das Frankreich Ludwigs
XVIII., um dessen zerbrechliche Herrlichkeit immer noch das Gespenst des
verbannten Napoleon spukt. Ja, als der Verfasser in seine Heimatstadt
zurckgekehrt ist und langsam in die Glorie des stimmberechtigten
Brgers einrckt, taucht noch einmal die bestimmende Gestalt seines
Lebens auf: der Kaiser! Er hat ihn bewundert, aber nie geliebt; noch
weniger liebt er seine Kerkermeister, die Englnder. So wird er das
ttigste Mitglied einer bonapartistischen Konspiration, die den
Gefangenen von Sankt Helena mit einem mrchenhaften, unwahrscheinlichen
und heut, hundert Jahre spter, uns so gelufigen Mittel befreien will:
mit einem Unterseeboot. Aber der Kaiser stirbt, eh das Wunder
verwirklicht werden kann. Und die Welt geht, des Gigantenkampfs mde, zu
neuen, etwas muffigen und saftlosen Spielereien ber. Das Leben eines
Toten kehrt in die Niederungen zurck.

Fnfundzwanzig Jahre durchstreift der Frankfurter Brgersohn, der mit
seinem wahren Namen Friedrich hie, Europa, und fnfundzwanzig Jahre
lang ist ihm Feldzug und Reise fast nichts anderes als der Flug von
einer Frau zu einer anderen Frau. Er wird wohl ein wenig bertreiben;
aber selbst nach dem Abzug eines migen Prozentsatzes bleiben noch
soviel galante Abenteuer ber, wie sich sonst nur bei Casanova finden
lassen. Und die erzhlt er nun mit heller Freude und dem ausgesprochenen
Genu des Nachkostens. Er erlebt all die Frauen noch einmal, die er in
Quartieren und im Salon errungen hat, und vergit bei keiner, die
Beweise seiner Kraft aufzuzhlen. Allerdings, mit tiefschrfender
Psychologie gibt er sich dabei nicht ab. Er ist auch hier ein
unbedingter Anhnger der Tatsache und wei sich nichts Amsanteres, als
den Weg zu ihr mglichst genau darzulegen. Er kennt hundert Arten der
Verfhrung, und die Frauen, denen er begegnet, kennen, -- das mu man
zugeben -- hundert und eine Art, sich verfhren zu lassen. Von der
Frstin bis zum Dienstmdchen kennt er die ganze weibliche Klaviatur des
damaligen Europa, und (er ist auch ein groer Musiker) seine
Lieblingsoper, die damals noch kaum ber sterreich und Deutschland
hinausgedrungen war, ist natrlich der unsterbliche Don Juan. Er wei
die Schnheit Mozartscher Musik wohl zu erfassen. Aber ganz
uneigenntzig ist seine Propaganda fr den Meister doch nicht, denn
seine grten Liebes-Triumphe erringt er immer wieder durch das Duett
Don Juans, das er mit geschickten Impromptus mit der Erkorenen
durchnimmt.

Aber die Abenteuer des Toten spielen sich im Rahmen napoleonischer
Heerzge ab! Es sind Feldpostbriefe aus einer Zeit, wo die
Kriegsschaupltze so zahlreich waren wie heute. Allerdings muten uns
diese Kmpfe, neben dem eisernen, zerfleischenden Ringen von heut, wie
Scharmtzel an, die mehr jugendlichem Tatendrang als weltgeschichtlicher
Notwendigkeit zu entstammen scheinen. Seltsam liest sich die bunte
Schilderung des Kleinkriegs am Ende des italienischen Stiefels, Sizilien
gegenber, wo die Englnder in schner Skrupellosigkeit Tag und Nacht
neapolitanische Banditen an Land setzen und mit ihrer Flotte den
Franzosen das Leben sauer machen. Die Freunde von heute benutzten damals
schon Mittel gegeneinander, die sie heut krftig miteinander gegen uns
ins Werk zu setzen trachten, und gaben einander an Sorglosigkeit in der
Wahl der Kampfmethoden nichts nach; das beweist vor allem die
ausfhrliche Schilderung der Land- und Seeschlacht bei Toulon. Aber viel
interessanter ist noch der Einblick in das Napoleonische Weltgebude,
das wir in der groen Geschichte sozusagen nur in der Verschalung kennen
lernen, whrend es hier blogelegt wird, mit dem Wurm im Geblk und
flchtig nur aufgenagelten Sparren. Was wissen wir von Napoleons Glck
und Ende? Da er etwa 1805 auf dem Gipfel seiner Macht stand, 1814 Land
und Krone verlor, zurckkehrte und am 16. Oktober 1815 als Gefangener
auf Sankt Helena landete. Hier aber, aus dem Leben eines Toten, erfahren
wir von einem hchstbeteiligten Augenzeugen, wie es um das Weltreich,
auch zur Zeit der grten Blte, bestellt war. Wir erleben mit, wie kaum
ein Quadratmeter ruhig und sicher gewesen ist, wie auch in den
unterworfensten Stdten und Lndern die Emprung zngelte und
emporschlug und stndige, blutige Gewaltherrschaft ntig war, um den
Schein der Macht nach auen aufrecht zu erhalten. In Neapel, Rom,
Venedig, Wien, Madrid, an allen Enden Europas war die Unsicherheit
napoleonischer Gre dieselbe. Gewi, unser Gewhrsmann ist ein ganz
kleiner Leutnant, aber er kommt berall hin, er ist, wenn auch ein
unbedeutendes, so doch ein Glied der Herrscherkaste, er findet seinen
Weg immer im Umkreis der Fustapfen des Titanen, und siehe da: auch
_dieser_ Kolo hat tnerne Fe. Nirgends ist seine Herrschaft
anerkannt, nirgends an der Peripherie klappen die militrischen Dinge so
richtig, nirgends kommt die Verpflegung und der Sold zur rechten Zeit,
fr nichts hat Napoleon die Zeit sachgemer Maregeln: er dekretiert
und sehr oft so, da seine glhenden Anhnger zu seinen Gegnern werden
mssen, weil seine Anordnungen fr das betreffende Gebiet tdlich
wirken. Tragisch geradezu und in ihrer Komik doch wieder lcherlich
wirkt die Liquidation dieses grten Weltreichs. Unser Erzhler sitzt
strafversetzt auf Korfu, von der Welt durch die englische Flotte
abgesperrt. Und whrend die Menschheit den Sturz Napoleons tragdienhaft
nach der Vlkerschlacht bei Leipzig erlebt, nimmt er auf Korfu die
Gestalt einer ganz gewhnlichen Geldklemme an, bis schlielich die
Englnder, Wochen nach Napoleons Ende, auch auf der kleinen Insel mit
einer lngst operettenhaft gewordenen Weltherrschaft Schlu machen. Die
kleine preuische Garnison, die unsern Helden spter aufnimmt, kann
natrlich nach den Abenteuern einer zehnjhrigen Kriegszeit nicht gut
wegkommen. Der groe Schwung der Befreiungskriege ist verflogen, die
heilige Allianz lastet auf Preuen, der Garnisondienst ist noch nicht so
recht der allgemeinen Wehrpflicht angepat, wenn auch die Fuchtel
verschwunden ist. Langsam erst konnte aus der Enge von Provinz und Drill
das herauswachsen, was damals in den Windeln lag und heut unser aller
Rettung und Stolz ist: das deutsche Volksheer!

Die Zeit vor hundert Jahren in einem deutschen Spiegel! Die Zeit, in der
die Wurzeln der unseren ruhen! Der Held erlebt sie, wie kaum ein
anderer, in fremder Uniform wie so viele, aber mit unverflschtem Blick
fr die Not seines Vaterlandes. Was pret sich alles in die
fnfundzwanzig Jahre seiner Wanderfahrt! Er erlebt die erste Auffhrung
der Zauberflte in Deutschland und bringt die erste des Don Juan in
Italien zustande; er verhaftet den guten Papst Pius VII. und beinahe den
nicht minder berhmten Fra Diavolo. Er ist der Liebhaber von Napoleons
schnster Schwester Pauline und drauf und dran, der Retter und Erlser
des Gefangenen von Sankt Helena zu werden. Er ist -- und das ist das
Beste an ihm, dem flotten Erzhler, unermdlichen Schrzenjger, mutigen
Soldaten -- eine der typischen Gestalten, in denen sich deutsche
Tatenlust ins Weltgedrnge mischte, seit Jahrhunderten fremde Geschfte
besorgte und heut im mchtigen Rahmen deutscher Herrschaft und deutscher
Ausdehnung sich im eigenen Haus, am eigenen Werk bettigen mu!

                                                           April 1915.
                                                      Ulrich Rauscher.




                                   I.

   Eine Taufe. -- Frau Rat Goethe. -- Voltaire in strengem Arrest zu
     Frankfurt am Main; seine Percke. -- Der erste Luftschiffer in
     Deutschland. -- Sonderbarer Zwischenfall. -- Blanchard werden
                  frstliche Ehrenbezeigungen zuteil.


Denselben Tag und zur selben Stunde, als die Kanonen bei der Erstrmung
der Bastille zu Paris donnerten, nmlich den 14. Juli 1789, kam in der
ehemaligen freien Reichsstadt des seligen heiligen rmischen Reichs, von
dem schwer zu ermitteln, was heilig und was rmisch an ihm war, zu
Frankfurt am Main, in einem in der alten Fahrgasse gelegenen Haus, zum
goldnen Schiff genannt, ein Knblein zur Welt, dessen Vater, Johann
Nikolaus Frhlich, ein wohlhabender Handelsmann und Brger dieser Stadt
war.

Zehn Tage nach dieser Begebenheit gewahrte man in einer langen, grnen,
braungetfelten Stube dieses Hauses einen dreieckigen, mit schneeweiem,
mit kostbarer Spitzenarbeit versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf
demselben stand ein sehr kunstreich gearbeitetes silbernes und
vergoldetes Taufbecken zwischen zwei wohlduftenden japanischen
Blumenvasen und vier schwere silberne Armleuchter von getriebener
Arbeit, das Patengeschenk fr den Neugeborenen. Um diesen so
geschmckten, eine Art Altar reprsentierenden Tisch stand in einem
Halbkreis eine hochachtbare Gesellschaft ganz honetter Spiebrger aus
den angesehensten Familien der alten Reichsstadt samt ihren Frauen. Alle
waren in stattliche Galakleider von Sammet und Seide, im Geschmack jener
Zeit gestickt, gekleidet, die Herren trugen prchtige Percken mit
stattlichen Haarbeuteln und die Frauen hochgetrmte, sehr knstliche
Haargebude auf ihren Huptern und waren trotz der heien Jahreszeit in
steifen, schweren Damast gehllt. All diese respektablen Personen hatten
sich hier eingefunden, um der Taufe des jungen Christen beizuwohnen, der
whrend der ganzen Dauer der heiligen Handlung gleich einem Neuntter
schrie.

Unter denen, welche diesen feierlichen Akt mit ihrer Gegenwart beehrten,
befand sich auch ein Herr Weller mit seiner Gattin, ein
Achtundvierzigstteil der damaligen Frankfurter Souvernitt, das heit,
er war als Schffe Mitglied des aus achtundvierzig Personen bestehenden
und Hochwohlgebornen, Gestrengen, Fest- und Hochgelahrten, Hoch- und
Wohlweisen, auch Wohlfrsichtigen, insonders Grognstigen,
Hochgebietenden und Hochzuverehrenden betitelten Magistrats[1]. Dieser
gewichtige Mann war der Pate und Gropapa des zu taufenden Kindes.

Auer ihm waren noch zugegen: der Stadtkommandant und Generalissimus des
aus vier- bis fnfhundert Mann bestehenden freireichsstdtischen Heeres,
nmlich der Herr Oberst Schulter nebst Gattin und Schwgerin, von denen
die erste die Tante und die zweite die Mutter Goethes, die Frau Rat
Goethe, waren. Letztere war eine etwas stolze und mitunter hochfahrende
Dame, welche nicht versumte, bei Gelegenheit anzubringen, da der
Verfasser Werthers und Gtz von Berlichingens ihr leiblicher Sohn sei.
Indessen war ihr Herz und Geist nicht abzusprechen, und ihre
vertrauteren Freunde behaupteten, da sie auch Gemt und Gutmtigkeit
besitze. Ferner befand sich noch ein Herr Fahrtrapp, Wellers Schwager,
ein reicher, gelehrter Buchhndler und Antiquarius, hollndischen
Ursprungs, ein geniales Original, in dieser ehrenwerten Gesellschaft.
Dieser Mann hatte groe Verbindungen und Gelegenheit gehabt, Voltaire
kennen zu lernen, als dieser in Frankfurt auf Befehl Friedrichs II. in
Gewahrsam gehalten und bei dieser Gelegenheit von einigen Gaunern
daselbst mihandelt und geprellt wurde. Der Antiquar war ein
wissenschaftlich gebildeter und geistreicher Mann, wenn auch, gleich
allen Sterblichen, mit einigen Schwachheiten begabt. Er hatte die Gnade
gehabt, whrend Karls VII. gezwungenen Aufenthalts zu Frankfurt am Main,
als dieser unglckliche Kaiser trotz dem Beistand, den ihm Ludwig XV.
von Frankreich leistete, seine Staaten hatte verlassen mssen, denselben
unangemeldet durch eine geheime Hintertreppe in seinem Kabinett
aufsuchen zu drfen, was er dem Umstand verdankte, da er dem Kaiser
mehrmals hochwichtige Nachrichten hinterbracht hatte, ehe noch die
diplomatischen Sprnasen Sr. Majestt eine Ahnung von denselben gehabt
und die der Buchhndler vermittelst seiner weitverbreiteten Verbindungen
in Erfahrung gebracht. Auch wollte ihn der Kaiser zum Edelmann und Baron
stempeln, was sich Franz Fahrtrapp jedoch verbat und, fr die hohe Gnade
dankend, Sr. Majestt antwortete: Ich mag ein leidlicher Antiquarius und
passabler Buchhndler sein, wrde aber allem Anschein nach nur ein
mittelmiger Baron und ein sehr schlechter Hfling werden, deshalb
geruhen Allerhchstdieselben mich in _statu quo_ zu lassen, -- und damit
hatte es auch sein Bewenden. Dagegen hatte Herr Fahrtrapp die
Schwachheit, da, eine Meinung oder Tatsache behauptend, er hufig
hinzusetzte: so dachte auch mein Freund Voltaire, oder ich hab' es
vom Kaiser Karl selbst!

[Funote 1: Dies war der Titel, der damals dem Frankfurter Senat gegeben
werden mute.]

Von den brigen mehr oder minder bedeutenden Taufgsten fhre ich nur
noch eine wunderschne junge Frau an, die sich Madame Scholze nannte,
die Schwester des Herrn vom Haus und die Gattin eines Millionrs aus der
Hansestadt Bremen war, der in der Nhe von Worms ein schnes Gut,
Niedesheim genannt, besa, wohin ihm die Ankunft des Neugebornen
vermittelst einer Stafette und blasendem Postillon gemeldet und die
Einladung zur Taufe durch einen Freund der Familie, Herrn Rasor aus
Worms, ebenfalls ein Taufgast, zugekommen war.

Als endlich der hochwrdige Pastor Stark in seinem
protestantisch-geistlichen Kostm mit breitem Lutherkragen, wie sie zu
jener Zeit die lutherischen Pfarrherrn in Frankfurt trugen, die
Taufhandlung beendigt hatte, bergab er den kleinen Schreihals dem
Paten, und dieser berreichte ihn der Wartfrau Greifenstein mit den
Worten: Wohlan, junger Weltbrger, suche deinen Weg in dieser Welt voll
Eitelkeit zu machen; es scheint, du bist mit einer guten Lunge begabt,
dies ist schon etwas, du kannst es einmal bis zum Stadtamtmann, wohl gar
zum einjhrig wohlregierenden und gestrengen Brgermeister in unserer
guten Republik bringen.

Nach beendigter Zeremonie empfahl sich der Pastor, nachdem er sich noch
durch ein paar Glser Malaga erquickt hatte. Die brige Gesellschaft,
von seiner etwas genierenden Hochwrden befreit, berlie sich nun
ungestrt den Genssen, welche ihr die Freigebigkeit des Herrn vom Hause
und Vaters des Getauften, Herrn Frhlich, bereitet hatte. Perlender
Niersteiner und uralter Hochheimer Domprsenz wurden reichlich kredenzt,
sowie flssige und kompakte Sigkeiten fr die Damen.

Man war eben im Zug, sich so recht _en_ Gevatter zu vergngen, als die
Frau Oberstin und Stadtkommandantin pltzlich ausrief: Ach, mein Herr
Jesus, wir sind ja zu dreizehn!

Hast du mich nicht erschreckt, sagte Frau Rat Goethe etwas rgerlich
zu ihrer Schwester.

Und was ist's denn weiter? Wir haben ja zu essen und zu trinken fr
mehr als dreiig, sagte der Antiquarius, Goethes Tante ein Glas
hundertjhrigen Hochheimer prsentierend, und setzte hinzu: Auf Ihre
Gesundheit, Frau Gevatterin!

Wir wissen schon lange, da Sie ein arger Freigeist sind, Herr
Fahrtrapp, erwiderte die Oberstin, das dargebotene Glas ausschlagend,
aber wer wei, was noch aus Ihnen dereinst werden wird.

Was aus uns allen, Frau Gevatterin; die Substanz meines Leibes
verspeisen meine Urenkel vielleicht einmal in einem saftigen
Hammelbraten oder gar in einem Spanferkel, und meine Seele -- je nun,
ein groer Bsewicht bin ich nie gewesen, so wird sich wohl auch noch
fr diese ein Pltzchen im Elysium finden.

Aber um Himmelswillen, Herr Bruder, fiel nun Schffe Weller dem
Sprecher in die Rede, la doch dies bei einem Tauffest so unpassende
Gesalbader.

Gerade bei einer Taufe mchte es am passendsten sein, denn jeder
Neugeborne ist doch nur ein Kandidat des Todes. Doch das beiseite, mu
ich selbst gestehen, da es mir eines Tages bei einem Mahl, bei dem wir
zu dreizehn waren, gewaltig unbehaglich wurde.

Wieso? fragte Herr Scholze.

Aha, Herr Freigeist, jetzt kmmt's, sagte die Stadtkommandantin.

Ja, jetzt kmmt's, fuhr der Antiquar fort, denn es war kaum fr
sieben zu essen da, und Sie werden mir allerseits eingestehen, da dies
eine groe Fatalitt ist. Es war bei dem seligen Senator Brenner.

Aber wie zum Henker kamen Sie dazu, bei diesem Filz zu speisen? fragte
der Oberst Schulter, diesem wahrhaften Hieronymus Knicker, dem grten
Geizhals auf hundert Meilen in der Runde. Der hat mir nie ein Glas Wein
angeboten, so oft ich auch in Kriegszeugamtsangelegenheiten zu ihm kam
und ...

Aber mit all dem Gerede sind wir noch immer zu dreizehn, unterbrach
Frau Schulter ihren Mann halb im Zorn.

Ja, wenn du uns verlassen wolltest, wren wir gerade noch ein Dutzend,
mein Schatz, erwiderte der Oberst seiner Ehehlfte.

Um Himmelswillen nicht, Frau Oberstin, rief der Antiquar, wer zuerst
weggeht, stirbt auch zuerst.

Die Oberstin war indessen von ihrem Stuhl aufgestanden und hatte bis zur
Hlfte den Weg zur Zimmertr zurckgelegt, unschlssig, was sie tun
sollte; endlich wandte sie sich an Frau Scholze und bat diese, sich mit
ihr zugleich zu entfernen.

Leiden Sie das nicht, Herr Scholze, sagte Herr Fahrtrapp, sonst
verlieren Sie Ihre schne Frau, die dann in Kompagnie mit der Oberstin
stirbt.

Herr Rasor, Herr Fahrtrapp, ich hoffe, da Sie so galant sind, mich zu
begleiten.

Oh, da ich ein Narr wre, antwortete der letztere, die Galanterie
gegen die Damen geht nicht bis zum Tod. Wenden Sie sich doch an Ihren
Herrn Gemahl, dann haben Sie auch das Vergngen, als Ehepaar das
Himmelreich zusammen zu betreten.

Nun, Kaspar, so komm, wir wollen gehen.

Mit nichten, liebes Weib, und am allerwenigsten, wenn ich bei altem
Hochheimer sitze, mchte ich diesen im Stich lassen, um in den -- Tod zu
gehen. Sei keine Nrrin und setze dich wieder zu uns.

Frau Schulter suchte noch einige andere Personen zu bewegen, sich mit
ihr zu entfernen, aber zu ihrem groen Verdru spielten alle die
Gefhllosen und die Tauben, namentlich auch die Frau Rat Goethe, welche
endlich zu ihrer Schwester sagte:

Schme dich doch, die Tante meines Wolfgangs, und so aberglubisch; du
machst der ganzen Familie Schande.

Die Oberstin nahm endlich mit einem ssauern Gesicht ihren Platz wieder
ein.

Dein Wolfgang, geh mir nur mit dem, das ist mir auch der Rechte, der
glaubt an keinen Gott und an keinen Teufel mehr, an dem werden wir noch
schne Dinge erleben.

Frau Schwester, das verbitte ich mir, sein Werther hat die ganze Welt
entzckt und gerhrt und mehr Trnen vergieen machen, als ... als ...

Als Wein in allen Kellern Frankfurts ist, fiel der Oberst ein.

Das wollte ich gerade nicht sagen, fuhr die Frau Rat fort, aber
Werther, Gtz von Berlichingen und Clavigo haben ihm in ganz Deutschland
einen Namen gemacht, wenn man in Frankfurt auch diese Werke nicht nach
Verdienst zu schtzen wei[2]. Kein Prophet gilt in seinem Vaterland,
und am wenigsten in unserer freien Reichsstadt, da kennt man keinen
andern Klang als Batzengeklimper und hchstens den der Posthrner, wenn
sie Passagiere verknden. Aber die Nachwelt, die Nachwelt wird noch
erkennen, was ich ihr fr ein Geschenk mit meinem Wolfgang gemacht, und
wenn wir lange nicht mehr sind, wird Frankfurt stolz auf meinen Sohn
sein!

[Funote 2: Man vergesse nicht, da Frau Rat Goethe im Jahr 1789
spricht.]

Mag sein, sagte der Antiquar, wnsche Glck dazu, aber was ntzt es
mir, da der Schornstein vom Bratendampf raucht, wenn ich nicht mehr
genieen kann.

Eigne Schuld, Herr Fahrtrapp, hatte Ihnen mein Sohn den Werther nicht
zu Verlag angeboten?

Ich befasse mich nicht mit so sentimentalen Produkten.

Aufrichtig, lieber Herr Fahrtrapp, wenn Sie gewut htten, was diese
Sentimentalitt einbringt, Sie wrden ihr gewi die Ehre Ihres Verlags
erwiesen haben.

Um Vergebung, nein, aber wre es sein Gtz gewesen, den mir Ihr Herr
Sohn angeboten, dann wrde ich sogleich mit beiden Hnden zugegriffen
haben.

Bei seiner letzten Anwesenheit las mir der Wolfgang einige Stellen aus
einem Manuskript, Faust betitelt, vor, sagte die Frau Rat, da htten
Sie hren sollen, welcher Gedankenflug des menschlichen Geistes, welche
sublimen Ideen ... und diesen Geist habe ich geboren.

Halt's Maul, Schwester, mit Respekt vor der ehrbaren Gesellschaft, da
hast du einen saubern Geist geboren! Er hat seinem Oheim, meinem Mann,
auch ein Stck von diesem Faust vorgelesen, das ist ein sndhaftes,
gottloses Werk, das mich aus der Stube getrieben hat; wenn er das
drucken lt, dann soll er nicht mehr sagen, da ich seine Tante bin,
ich mte mich zu Tode schmen; unsern lieben Herrgott lt er darin
eine Unterredung mit dem Teufel haben, gerade wie wenn er wie unsereins
wre; ist das nicht himmelschreiend? Ich wrde mich zu Tode grmen, wenn
ich so einen gottlosen Sohn htte. Unsern Herrgott mit allerlei
Lumpengesindel, Komdianten, Hexen, Dichtern und andern Hanswursten in
einer Komdie auftreten zu lassen! bewahre mich unser Heiland. Aber das
ist die Folge eurer freigeisterischen Erziehung. Schon als Kind hat der
Wolfgang immer mit Puppenspielen und dem gottlosen Komdienwesen zu tun
gehabt, da haben sie den Jungen in der Messe in die Marionetten gehen
lassen, und da hat er den Faust und all das Unwesen gelernt und
abgeguckt; wie oft habe ich dir nicht gesagt, da du dies nicht dulden
solltest, es wrde nimmer etwas Gutes daraus entstehen, und nun haben
wir die Bescherung.

Nimm mir's nicht bel, liebe Schwester, aber allen Respekt vor der
Gesellschaft, du bist eine alberne Gans. Was kann man auch anders von
Leuten erwarten, die sich frchten, zu dreizehn an einem Tische zu
sitzen. brigens begreife ich gar nicht, wie sich so fromme und glubige
Seelen wie du vor dem Tod frchten knnen, da ihnen doch das Himmelreich
mit all seinen Freuden gewi ist; sie sollten sich im Gegenteil freuen,
dieses irdische Qualtal je eher je lieber zu verlassen, um baldmglichst
der himmlischen Glckseligkeit teilhaftig zu werden; ihre Todesfurcht
und ihr Glaube sind schwer zu erklrende Widersprche, der letztere mu
eben nicht sehr kapitelfest sein.

Ja, wenn die geheimen Snden nicht wren, versetzte mit einem
boshaften Seitenblick Herr Fahrtrapp. Doch lassen wir das, die Frau
Oberstin mu sich nun schon drein geben, zu dreizehn zu bleiben, wenn
sie nicht zuerst sterben will, und wenn es ans Weggehen kmmt, will ich
ihr auch den Gefallen tun, zuerst zur Tre hinauszugehen, sollte ich
auch zuerst abfahren mssen. Einstweilen wollen wir aber noch wacker auf
die Gesundheit des neuen Christen trinken.

Sehr verbunden, lieber Oheim, erwiderte Herr Frhlich.

Und du wirst uns mit einigen Schnurren unterhalten, damit wir die
fatalen dreizehn vergessen, sprach Schffe Weller zu seinem Schwager.

Mit Vergngen, versetzte der Antiquarius.

Unterdessen war die Wartfrau Greifenstein wieder in das Zimmer getreten,
und Frau Schulter hatte sie gepackt und lie sie nicht mehr weg, indem
sie sagte, sie wolle selbst von Zeit zu Zeit nach der Wchnerin und
ihrem Kind sehen und diese versorgen. Der guten Frau war ein groer
Stein vom Herzen gefallen, denn sie waren ja nun zu vierzehn.

Nachdem Herr Fahrtrapp nochmals den groen silbernen Taufpokal mit
Hochheimer gefllt, auf das Wohl des Hausherrn und seines Erstgebornen
getrunken, ihn dann in der Reihe hatte herumgehen lassen, sprach er mit
erhobener Stimme: Damals, als Herr Franois Arouet von Voltaire in
unsern Mauern ...

Nichts von Voltaire, Herr Fahrtrapp, nichts von Voltaire, riefen
mehrere Stimmen zugleich, diese Geschichte haben wir schon zur Genge
gehrt.

Tut nichts, Sie knnen sie immer noch einmal hren, erwiderte der
Antiquarius etwas unwillig.

Und ich kenne sie noch gar nicht, sagte Herr Scholze, der Bremer
Millionr, was hat es denn fr eine Bewandtnis damit?

Ach, es ist eben nicht viel daran, murmelte Herr Weller.

Was, nicht viel daran? Ei, dich soll ja ... ja, wrest du nicht mein
lieber Schwager, so ... Voltaire, und nicht viel daran! Weit du, da
alles, was Voltaire berhrt, gro ist?

Dann mut du freilich auch ein groer Mann sein, erwiderte Herr
Weller, da auch du in Berhrung mit ihm gekommen bist.

Keinen unzeitigen Spa, Herr Schffe, ich wei recht gut, da euern
hochobrigkeitlichen Ohren die Geschichte nicht allzu wohl klingt, und
zwar aus sehr handgreiflichen Ursachen; aber da kehre ich mich nicht
daran, darum hren Sie, Herr Scholze, ich will Ihnen mit zwei Worten
sagen, was an der Sache ist. Als Herr von Voltaire auf Befehl des groen
Friedrich gezwungen ward, wohlbewacht in unserer kaiserlichen freien
Reichsstadt unfrei zu verweilen, hatte ich Gelegenheit, diesem damals
verfolgten groen Genie einige kleine Dienste zu erweisen. Die hiesigen
Behrden hatten sich, mit Gunst, Herr Schwager Schffe, eben nicht zum
ehrenvollsten bei dieser Gelegenheit benommen. Es war im Monat Juni des
Jahres 1753, als der selige Buchhndler Van Dren vom Herrn von
Voltaire, der wegen einem Manuskript Friedrichs des Groen auf dessen
Verlangen in Frankfurt festgehalten und von zwlf Soldaten unserer
achtbaren Miliz bewacht wurde, hundert Dukaten in Gold fr ein anderes
Manuskript von diesem Knig, das den Titel >Antimacchiavell< fhrte und
er auf Voltaires Veranlassung gedruckt hatte, forderte. Der in jenem
Jahr wohlregierende Brgermeister Fichard lie mich rufen, um mein
Gutachten in dieser verdrielichen Sache zu hren. Nachdem ich mich
genau von allen Umstnden unterrichtet hatte, fiel dasselbe dahin aus,
da Van Dren hchstens zwanzig Dukaten in Anspruch nehmen knne, und
Herr von Voltaire hatte es mir zu verdanken, wenn er mit dieser geringen
Summe und einigen Plackereien, denen die Fremden hufig bei uns
ausgesetzt sind, davon kam[3]. Bei dieser Gelegenheit hatte ich fters
Unterredungen mit diesem groen Manne und wurde dadurch instand gesetzt,
ihn gehrig zu wrdigen, auch entsinne ich mich noch jedes Wortes, das
zwischen uns gewechselt wurde, und besonders, was er ber unsere
Regierung uerte, was ich mich aber wohl hten werde zu wiederholen, um
die etwas empfindlichen Ohren unserer hohen Obrigkeit nicht zu
beleidigen.

Bei diesen Worten warf der Sprecher einen Blick auf den Schffen und
fuhr fort:

Was mich anbetrifft, so zeigte sich der groe Mann ungemein erkenntlich
fr die geringen Dienste, die ich ihm geleistet hatte, und bei der
letzten Unterredung, die ich mit ihm gehabt, sagte er, mich vertraulich
auf die Schultern klopfend:

>Mein werter Freund, Sie haben groes Unrecht, in einer Stadt zu
bleiben, wo man Ihre Verdienste so wenig zu wrdigen versteht; an Ihrer
Stelle wrde ich dieses Land verlassen und mich in der Hauptstadt der
zivilisierten Welt, zu Paris, niederlassen, dort ist das Feld fr Mnner
Ihres Schlages, und wenn ich Ihnen daselbst ntzlich sein kann, so
drfen Sie nur ber mich gebieten, mit Vergngen wrde ich fr Sie tun,
was in meiner Macht steht.<

[Funote 3: Voltaire selbst erzhlt die ihn betreffenden Frankfurter
Vorflle ganz hnlich, nur etwas zugespitzter.]

Ich bemerkte jedoch dem groen Geist, da meine Geschfte eine solche
Ortsvernderung nicht zulieen, dankte fr das gtige Anerbieten und
sagte ihm, da, wenn fr den kleinen Dienst, den ich so glcklich war
ihm erweisen zu knnen, er mir eine andere Gunst erzeigen wolle, mich
dies beraus glcklich machen wrde.

>Und was wnschen Sie, lieber Fahrtrapp, sprechen Sie, wenn es in meinen
Krften steht, mit Vergngen ... Was ist's?<

>Mein Begehren wird Ihnen ein wenig sonderbar vorkommen, aber Kaiser
Karl VII. hat mich auf gleiche Weise fr einige ihm erwiesene Dienste
belohnt.<

>Nun, so reden Sie.<

>Ich mag es kaum.<

>Wagen Sie immerhin.<

>Sehen Sie, Herr von Voltaire, ich wnschte ein kleines Andenken von
Ihnen zu besitzen, das mich zeitlebens daran erinnerte, das Glck gehabt
zu haben, Ihre Bekanntschaft zu machen.<

>Sehr gerne, Herr Fahrtrapp, ist Ihnen vielleicht mit einer meiner
Dosen, einer Uhr, einem Ring gedient, Sie drfen nur sprechen ...<

>Nichts von allen dem, ich bin viel bescheidener, unbescheidener wollte
ich sagen.<

>Nun, endlich heraus damit, was wnschen Sie?<

>Eine -- eine Ihrer Percken, eine von denen, die Sie schon oft
getragen.<

>Seltsame Grille! Doch es sei Ihnen gewhrt,< antwortete das Genie mit
einem etwas faunartigen Lcheln.

>Tausend Dank, wertester Herr von Voltaire, ich werde das kostbare
Geschenk hchst in Ehren zu halten wissen und mein Haupt nur bei den
allerhchsten Feiertagen, wie bei einer kaiserlichen Krnung oder dem
Begrbnis eines wohlregierenden Brgermeisters oder dem Leichenschmaus
eines brgerlichen Fhnrichs damit schmcken. Auerdem wird das teure
Andenken in meinem wohlverwahrten Schrank von Ebenholz auf demselben
Perckenstock ruhen, den schon eine kaiserliche Percke ziert, die ich
ebenfalls das Glck habe zu besitzen.<

>Wie, Sie sind im Besitz einer kaiserlichen Percke?<

>Freilich, der Monarch verehrte sie mir noch an dem Tage vor seiner
Abreise.<

Um der Sache ein Ende zu machen, meine Herren, ich war so glcklich, das
gewnschte Andenken aus Voltaires eigenen Hnden zu empfangen, es ist
eine der schnsten Percken, die ich je gesehen, von einem der ersten
Pariser Haarknstler verfertigt. Erst dreimal habe ich mich damit
geschmckt, einmal bei der Krnung unsers Kaisers Joseph II. im Jahr
1764, das zweitemal vor vier Jahren, als der weltberhmte Blanchard auf
unserer Bornheimer Heide die erste Luftschiffahrt in Deutschland machte,
und endlich heute zu Ehren des nun Getauften: sehen Sie, das ist sie.

Herr Fahrtrapp nahm nun die Percke von seinem Kopfe und lie sie der
Reihe nach von den Anwesenden bewundern. Als sie alle gehrig und nach
allen Seiten betrachtet hatten, nahm sie der Besitzer wieder zu sich und
setzte sie sich selbst auf das platt geschorene Haupt, indem er sprach:
Aber bei Blanchards Luftfahrt wre ich beinahe um diese kostbare
Reliquie gekommen.

Wieso, Herr Fahrtrapp? fragte Herr Scholze.

Bei diesem noch nie gesehenen Schauspiel, das aber an dem dazu
bestimmten Tage aus besonderen Ursachen, die Sie sogleich hren werden,
nicht stattfinden konnte ...

Hre, Bruder, fiel ihm Weller in die Rede, mache keine so lange Brhe
um diese ebenfalls schon hundertmal erzhlte Geschichte, oder erlaube
mir, da ich sie den Herren in wenig Worten mitteile.

Nach Belieben, mein hochweiser, grognstiger, auch wohlfrsichtiger et
cetera Herr Schffe.

Gut, also hren Sie, begann nun Weller. Den siebenundzwanzigsten
September siebzehnhundertfnfundachtzig, an dem Blanchard Deutschland
mit dem noch nie gesehenen Schauspiel einer Luftschiffahrt erfreuen
wollte, hatte sich eine unzhlige Menge Menschen aus allen Winkeln und
Enden des deutschen Reiches nebst vielen Standespersonen in und um
Frankfurt eingefunden, so da in der ganzen Stadt in keinem Gasthof und
in keinem Privathaus ein Unterkommen mehr zu finden war. Nur mit Mhe
hatten wir uns, mein Schwager und ich nebst unsern Frauen, Pltze im
ersten Rang des mit Brettern vernagelten Rondels zu einer Karolin in
Gold den Platz verschaffen knnen, der zweite Rang wurde mit einem
Dukaten und der dritte mit einem halben Dukaten bezahlt. Trotz dieser
hohen Preise waren alle Pltze schon mehrere Stunden vor der zum
Aufsteigen bestimmten Zeit besetzt, und auerhalb dieses Raumes harrten
wohl ber zweihunderttausend Zuschauer des nie gesehenen Schauspiels.

Endlich war alles zur Auffahrt bereit; da wollte der Erbprinz von
Hessen-Darmstadt durchaus und trotz allem Widerreden seiner hohen
Anverwandten die halsbrechende Fahrt mitmachen. Schon hatte er neben
Blanchard nebst noch einem Herrn in dem verhngnisvollen Schiffchen
Platz genommen und eben sollte der Ballon abgeschnitten werden, um sich
zu erheben, als ein pfeifenartiges Sausen dicht an dem linken Ohr meines
erschrockenen Schwagers vorbeistrich, und in demselben Augenblick
erhielt der Ballon auch ein Loch, aus welchem das Gas entstrmte, er
schrumpfte allmhlich zusammen und fiel endlich nieder. Blanchard selbst
war ber diesen Vorfall so erschrocken, da er die Sprache samt dem Kopf
verloren zu haben schien, und die Zuschauer, besonders die
nichtzahlenden auerhalb der Rotunde, gerieten in groen Aufruhr und
wurden fast wtend, sie glaubten, man habe sie nur foppen wollen und zum
besten gehabt. Ich sah den Augenblick kommen, wo man den armen
Luftschiffer in Stcke reien wrde. Nur durch die unerhrtesten
Anstrengungen einiger angesehenen Personen gelang es, ihn der Wut des
Pbels zu entziehen. Der Frst von Nassau-Weilburg nahm ihn in seinen
Wagen, der durch eine starke militrische Bedeckung geschtzt wurde, und
brachte ihn so mit heiler Haut in sein Quartier im Gasthof zum goldnen
Lwen zurck.

War Blanchard durch diesen Unfall sehr ergriffen, so war es mein werter
Schwager nicht minder, denn stellen Sie sich vor, da, als man, alle
Zucht und Ordnung beiseite setzend, die bretternen Schranken niederri
und in das Sanktissimum einstrmte, auch er von einem panischen
Schrecken ergriffen, gleich den andern in der allgemeinen Flucht mit
fortgerissen, niedergeworfen und mit Fen getreten wurde, und als es
ihm nach vielen vergeblichen Anstrengungen gelang, sich wieder zu
erheben, siehe, da war er hut- und perckenlos. Sie knnen sich nun
seinen Schmerz vorstellen, als er den nicht mehr zu ersetzenden Verlust
dieses Kleinods wahrnahm. Den kommenden Tag lie mein Schwager durch
Trommelschlag bekannt machen, da derjenige, der ihm seine Percke
wiederbringen wrde, eine Belohnung von fnfzig Dukaten in Gold erhalten
solle, und noch ehe sich der Tag neigte, brachte ihm ein ehrlicher
Fleischer gegen Empfang der Dukaten, die er diesem unter Freudentrnen
einhndigte, den unersetzlichen Haarschatz, wenn auch etwas bel
zugerichtet. Dies, meine Herren, der Hergang dieser merkwrdigen
Begebenheit.

Aber wie endigte es mit Blanchard? fragte Herr Schulze.

Dieser kndigte die Luftfahrt fr einen andern Tag an, sowie da er
diesmal das Schiffchen allein besteigen wrde. Dieselbe ging auch in der
Tat Montags den dritten Oktober ber alle Erwartung gut von statten. Um
zehn Uhr morgens erhob sich der Ballon majesttisch unter dem Jubel- und
Freudengeschrei von mehr als hunderttausend Kehlen und dem
Beifallklatschen von ein paarmal hunderttausend Hnden Blanchard, eine
weie Fahne schwingend, schwebte bald hoch ber uns, und in weniger als
vierzig Minuten legte er mehr denn fnfzehn Stunden zurck. Als er sich
in der Gegend von Weilburg herablassen wollte, nahmen mehrere Hirten und
Landleute die Flucht, whnend, da irgendein bernatrliches Wesen oder
der Gottseibeiuns selbst durch die Lfte herabfahre. Dies kann nicht
auffallen, wenn man bedenkt, da noch wenige Jahre frher man
denjenigen, der nur von der Mglichkeit einer Luftschiffahrt gesprochen,
fr nrrisch, und den, der sie wirklich vollbracht, fr einen Zauberer
gehalten haben wrde und ihm als einem solchen den Proze gemacht und
ihn wahrscheinlich verbrannt htte. Ein Schfer und ein Junge von
fnfzehn Jahren schnitten sogar die Stricke entzwei, mit denen Blanchard
die Anker geworfen hatte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe einiger
vernnftiger Leute, in der Nhe von Weilburg die Erde zu erreichen.

Den folgenden Tag fuhr er in einem frstlichen Wagen vierspnnig nach
Frankfurt, wo man so auerordentliche Vorbereitungen gemacht hatte, als
glte es ein gekrntes Haupt zu empfangen. Man fhrte ihn in das
Theater, wo ihm Pauken und Trompeten entgegenschmetterten und die Vivats
gar kein Ende nehmen wollten. Als der Vorhang in die Hhe gegangen war,
krnten die Schauspieler in phantastischen Feierkleidern seine Bste mit
Lorbeeren und deklamierten ihm zu Ehren ein in franzsischer Sprache
abgefates Festgedicht mit echt deutschem Akzent. Nach dem Schauspiel
wurde ihm ein herrliches Souper gegeben, das mein werter Herr Schwager
hier angeordnet hatte und dem viele hohe Standespersonen und Gesandte
beiwohnten. Auf den folgenden Tag wurde ein noch prchtigeres
Mittagsmahl im Gasthof zum rmischen Kaiser veranstaltet, dessen
Anordner ebenfalls Herr Fahrtrapp war, der, wie Sie wissen, jeden Sonn-
und Feiertag daselbst zu speisen fr gut findet.

Herr Bruder, ich verbitte mir dergleichen Anmerkungen, die nicht zur
Sache gehren, fiel hier der Genannte ein.

Man unterbreche mich nicht zur Unzeit, versetzte Herr Weller und fuhr
fort: Der Gefeierte wurde abermals mit Trompeten empfangen, und um ihn
zu belustigen, warf man vom Balkon unter das vor dem Haus versammelte
Volk Geld herab. Bis beinahe zur einbrechenden Nacht sa man zu Tisch,
von dem man aufstand, um den khnen Luftschiffer abermals in das Theater
zu fhren; diesmal waren es jedoch nicht Pferde, sondern Menschen, die,
seinen Wagen ziehend, die Viehdienste versahen und dafr reichlich aus
unserm Stadtrarium belohnt wurden. Mit noch grerer Feierlichkeit als
das erstemal wurde er im Schauspielhaus empfangen. Der Saal war auf das
prchtigste ausgeschmckt und erleuchtet, man fhrte ein Stck auf, das
man ihm zu Ehren eigens in der Eile verfat hatte, und ein kstliches
Nachtmahl, dem mehrere frstliche Personen und Prinzen beiwohnten und
das bis lange nach Mitternacht whrte, beschlo endlich das dreitgige
Fest.

Den kommenden Tag hatte sich der ganze Grognstige und Wohlfrsichtige
Magistrat samt den beiden einjhrig wohlregierenden Brgermeistern und
dem Herrn Stadtschulthei in dem Kaisersaal des Rmers versammelt, um
den glcklichen Luftschiffer in feierlicher Audienz zu empfangen. Man
hie ihn sich in einen karmoisinsamtnen Lehnsessel niedersetzen, machte
ihm ein Ehrengeschenk von fnfzig doppelten Krnungsdukaten und
erffnete ihm, da alle Kosten seiner Luftfahrt von der Stadt, die er
damit beehrt, getragen wrden.

Solange unsere gute Stadt steht, wurde noch keinem Sterblichen solche
Ehre zuteil, nicht einmal Voltaire, schlo etwas malitis lchelnd Herr
Weller.

Diesem hat man, zur ewigen Schande eurer Regierung sei es gesagt,
abscheulich mitgespielt, versetzte Herr Fahrtrapp.

Lassen wir das jetzt beiseite, sagte der Wirt vom Hause, wir wollen
lustig und guter Dinge sein und lieber einen Chor zur Ehre des
neugebornen Christen anstimmen.

Einverstanden, riefen mehrere Gste, und man sang das Lied >Bekrnzt
mit Laub den lieben, vollen Becher< aus voller Kehle; Scherz, Jubel und
Gesang whrten bis spt in die Nacht hinein, und mehrere von den Damen
machten Chorus mit, namentlich Frau Rat Goethe und Frau Scholze, wovon
die erste durch ihre geistreichen Einflle und die andere durch ihre
Anmut und Schnheit das Fest wrzten. Endlich machten sich die Taufgste
grtenteils mit etwas schweren Kpfen und schwachen Beinen, das heit
die Herren, auf und verlieen taumelnd und wohlgemut das Goldne Schiff.
Einigen von ihnen schienen sogar die freilich nicht sehr breiten Straen
Frankfurts zu enge. Doch gelangten alle glcklich und selig daheim an,
wo sie den sen Rausch bis zum hellen Tag verschliefen.




                                  II.

      Kleinkinderjahre mit groen Episoden. -- Die letzte deutsche
     Kaiserkrnung (Franz II.). -- Die franzsischen Emigranten. --
     Die Frankfurter Juden. -- Der alte Rothschild und sein Vater.


Der junge Schreihals, der in so heiterer Gesellschaft getauft worden war
und dem man den Namen seines Grovaters mtterlicher Seite, des Schffen
Weller, Karl Ferdinand, gegeben hatte, war kein anderer als der, welcher
diese Denkschriften niederschrieb, das heit, ich selbst, und die im
vorhergehenden Kapitel mitgeteilten Begebenheiten hrte ich wohl
hundertmal von meinen Verwandten als gewaltige Merkwrdigkeiten
erzhlen.

In dem verhngnisvollen Jahr siebzehnhundertneunundachtzig geboren, wre
es kein Wunder, wenn ich ein rechter Revolutionsmensch geworden wre,
doch mein guter Stern hat mich vor so heillosen Gedanken bewahrt.

Das erste Ereignis von Wichtigkeit, das mir noch aus meiner frhen
Kindheit, wenn auch in etwas verworrenen Bildern, vorschwebt, ist die
letzte deutsche Kaiserkrnung. Obgleich ich damals noch nicht vier Jahre
zhlte, sind mir doch mehrere Einzelheiten jener Begebenheit, die einen
besonders lebhaften Eindruck auf mich machten, vollkommen im Gedchtnis
geblieben.

Es gehrt nicht hierher, eine ausfhrliche Beschreibung der damaligen
Krnungsfeierlichkeiten zu geben, wer eine solche wnscht, findet sie ja
ausfhrlich und langweilig genug in den Krnungs-Diarien, auch hat sie
Goethe in Dichtung und Wahrheit anschaulich beschrieben; hier also nur
das Hauptschlichste und Interessanteste von der letzten deutschen
Kaiserkrnung.

Die Unruhen und die trben Aussichten auf den bereits erklrten Krieg,
eine Folge der franzsischen Revolution (der Landgraf von Hessen-Kassel
hatte zum Schutz der Krnung ein Lager von zehntausend Mann bei Bergen
aufgeschlagen), waren Ursache, da die Wahl- und Krnungszeremonien bei
weitem nicht mehr mit den bedchtigen und groen Weitlufigkeiten, wie
das bei den frheren Krnungen der Fall war, vorgenommen wurden, auch
hatten sich zum groen Leidwesen der edlen Brgerschaft weit weniger
Fremde von Rang und Reichtum als sonsten eingefunden. Man beeilte sich,
die Sache so schnell als mglich zu beendigen, als frchtete man, das
aufrhrerische Frankreich mchte sonst den guten Deutschen den ganzen
Spa verderben. Viele Dutzend der damaligen deutschen Souvernchen
blieben aus, und von den Kurfrsten hatten sich nur die geistlichen
Herren eingefunden. Das Leben und Treiben in den Straen und auf den
ffentlichen Pltzen war indessen immer noch lebhaft und tumultuarisch
genug, das Zusammenstrmen der Bewohner der Umgegend auerordentlich,
und dazu kamen fortdauernd starke Durchmrsche sterreichischer und
preuischer Truppen, die sich nach der Grenze von Frankreich begaben. In
den Familien, Gasthfen und Weinstuben sprach man zwar viel von der
bevorstehenden Krnung, allein die tglich von Paris kommenden
hochwichtigen Nachrichten machten, da man sie fast nur als eine
Nebensache betrachtete. Eine gewisse ngstlichkeit hatte sich der
aristokratischen Gemter der Reichen der Stadt bemchtigt, welche ihnen
die bevorstehenden Feierlichkeiten und Freudenfeste sehr verbitterte.
Die Meinungen der Bewohner Frankfurts ber die franzsische Revolution
waren zwar sehr verschieden, doch waren im allgemeinen die Patrizier und
wohlhabenden Spiebrger der guten Reichsstadt bis zu den geringern
Stnden herab gegen dieselbe eingenommen, nur einzelne Familienglieder,
unter denen viele Frauen, waren zum Teil enthusiastisch fr diese
Umwlzung und fr die neue Freiheit. So waren in unserer ganzen Familie
meine Mutter, deren beide Brder Franz und Fritz und eine hbsche
Cousine, Jakobine Fahrtrapp, die einzigen, welche sich fr die
Neufranken erklrten und die franzsischen Revolutionslieder >_a ira_<
und so weiter am Klavier spielten und sangen, was oft zu Neckereien
Veranlassung gab, die selten ohne Bitterkeiten abliefen. Obgleich mein
Vater die Notwendigkeit einsah, den heillosen Zustand der fast in
Sklaverei schmachtenden Vlker zu verbessern, und zugab, da es endlich
an der Zeit sei, einmal den Plunder veralteter Schnurrpfeifereien und
Vorurteile auf die Seite zu schaffen und die jedem Menschen zustehenden
Rechte geltend zu machen, so war er doch durchaus gegen jede gewaltsame
blutige Umwlzung, die meistens das bel nur verschlimmert, und wollte
alles nur durch heilsame Reformen bewirkt wissen. In vielen Husern
Frankfurts war es so, das Ansehen des Oberhaupts reichte nicht immer
aus, um den Hausfrieden zu erhalten, und hufig fanden unangenehme
Auftritte deshalb statt.

Indessen waren die frtrefflichen Herren Wahlbotschafter samt ihrem
zahlreichen Gefolge nach und nach in der alten Wahl- und Krnungsstadt
eingetroffen und durch die Deputationen eines hochedlen Magistrats
untertnigst und krummrckig genug bekomplimentiert und empfangen
worden, ebenso des Reichs Erbmarschall Graf von Pappenheim Exzellenz.
Die blichen feierlichen Auffahrten fanden statt, die Wahlkonferenzen
begannen, und nachdem die Staatswagen und Pferde des _nolens volens_ zu
whlenden Kaisers angekommen, wurde unter Trompetenschall verkndet, da
die Wahl, bei der man keine Wahl mehr hatte, vor sich gehen wrde.
Einige Tage vorher legte die ehrsame Brgerschaft sowie der ganze
Magistrat in Gegenwart der frtrefflichen, hchst ansehnlichen Herren
Wahlbotschafter den Schwur und Sicherheitseid mit der gebhrenden Demut
ab, und die Herren Kurfrsten, von denen nur die von Mainz, Kln und
Trier in hchst eigener Person gekommen waren, hielten ihre Einzge in
sechsspnnigen Galawagen unter dem Donner der Kanonen, wie dies so
gebruchlich, und der Paradierung der edlen Brgerschaft. Auch sie
wurden von einer Senatsdeputation mit untertnigstem Respekt
bewillkommt. Endlich verkndeten den fnften Juli, nachdem die Glocken
schon eine Weile die Mittagsstunde angezeigt, dreihundert
Kanonenschsse, da das schwere Werk der Wahl vollbracht und Seine
Majestt der Knig von Ungarn und Bhmen unter dem Namen Franz II. zum
Schutz und Schirm und Vermehrer des Reichs erwhlt sei, das er jedoch
weder zu schtzen noch zu schirmen und am allerwenigsten zu vermehren
vermochte. Zwei Tage darauf trafen auch die Reichsinsignien glcklich
und wohlbehalten von Aachen und Nrnberg ein, unter denen die
Reichskrone, die angeblich noch vom groen Karl herrhren sollte, sowie
dessen Schwert, ein Kstchen, in welchem sich Erde, mit dem Blut des
heiligen Stephan getrnkt, befindet und so weiter. Diese kostbaren
Reliquien wurden von einer Magistratsperson an der Spitze der
brgerlichen Reiterei in Empfang genommen. Den elften Juli abends kam
der Erwhlte selbst nebst seiner Gemahlin und hohem Gefolge in Frankfurt
an und wurde vom guten Volk wie herkmmlich mit erstaunlichem Jubel
empfangen, ungeachtet er im strengsten Inkognito angekommen sein wollte.
Den folgenden Tag verfgte sich ein hochedler Magistrat _in corpore_ zu
Seiner Majestt und bezeugte Allershchstderselben das Entzcken, in
welches die getreue Wahlstadt ob seiner glcklichen Ankunft geraten sei.
Hierauf beschwor Franz, auch unter dem Akkompagnement von hundert
Kanonenschssen und der Glocken, die Wahlkapitulation in der St.
Bartholomuskirche und schenkte dem Reichserbmarschall, Grafen von
Pappenheim, eine kostbare, goldene, reich mit Brillanten besetzte Dose,
deren Wert man auf zwanzigtausend Gulden schtzte. Derselbe war Seiner
Majestt entgegengeritten, ihr die glcklich vollbrachte Wahl zu
verknden. Diese Dose mute spter Hebrisch lernen und fiel in oder
ging vielmehr durch die Hnde des Juden Mayer Amschel Rothschild, Vater
der jetzigen Huser Rothschild, der ein ziemliches Profitchen an diesem
Kleinod machte und so in den Stand gesetzt wurde, seinen kleinen Negoz
mit Umwechseln verschiedener Geldsorten und mit alten Gold- und
Silbersorten, die er einhandelte, zu erweitern.

Whrend nun rasch die Vorbereitungen zur Krnung des neuen Kaisers
gemacht wurden, marschierten unaufhrlich preuische Truppen durch die
Stadt, in der Absicht, eine Promenade nach Paris zu machen, um den armen
Ludwig XVI. aus den Hnden der abscheulichen Jakobiner zu befreien, was,
wie man die guten Leute versichert hatte, nur ein Kinderspiel sein
sollte.

Endlich brach der Morgen des zur Krnung bestimmten und ersehnten Tages,
der vierzehnte Juli siebzehnhundertzweiundneunzig, an, der Jahrestag, an
dem drei Jahre frher das Pariser Volk die Bastille erstrmt hatte.
Mehrere schwachkpfige Aristokraten hatten sich stark gegen die Wahl
dieses Tages erklrt und behauptet, da er von einer schlimmen
Vorbedeutung fr das heilige rmische Reich sein knnte, und diesmal
hatten diese Unglckspropheten recht, dagegen hatten aber andere
starksinnige Geister eingewendet, man msse dem Volk gerade zeigen, da
man sich nicht frchte, und ihm zum Trotz diesen Tag whlen, und diese
Meinung drang durch.

Kaum fing der Tag zu grauen an, als in Husern und Straen auch alles
lebendig wurde, und das Gedrnge nahm nun von Minute zu Minute zu. Unter
dem unaufhrlichen Gelute aller Glocken versammelte sich die
buntgekleidete und bewaffnete Brgerschaft aller vierzehn Quartiere und
verfgte sich gehorsam an die ihr zur Aufrechthaltung der Ordnung
angewiesenen Pltze, die meisten von ihren Weibern, Kindern und
Schwestern begleitet, die da hofften, durch die Protektion der Vter,
Gatten und Brder ihre Schaulust besser befriedigen zu knnen.

Das Haus meiner Eltern, unser Schiff, lag glcklicherweise in einer der
Hauptstraen, der alten Fahrgasse, durch welche sich der Krnungszug
bewegte. Um zehn Uhr kam er denn auch an unserm Haus vorber, dessen
Fenster mit Bekannten und Verwandten bis in das fnfzehnte Glied
garniert waren, denn bei solchen Gelegenheiten entsinnen sich auch die
vergelichsten Vettern und Muhmen der alten Verwandtschaft, und alle
Bekannten werden zu intimen Freunden. Mein Vater hatte auerdem auch,
dem Beispiel anderer Hauseigentmer folgend, noch Brettergerste fr die
Zuschauer vor seiner Wohnung aufschlagen lassen. Unter bestndigem
Luten und Schieen nahte der Zug. Frsten und Reichsgrafen erffneten
ihn, diesen folgte der Wappenknig mit den Herolden zu Pferd, sodann
kamen die Wahlbotschafter nach ihrem Rang, einer hinter dem andern
geritten. Ihnen folgten ebenfalls zu Pferde und in spanischen Mnteln
der Reichserbschatzmeister mit der Krone, der Reichskmmerer mit dem
Zepter, der Reichserbtruchse mit dem Reichsapfel auf Kissen von rotem
Sammet, sodann der Reichserbschenk und der Reichserbmarschall mit dem
Schwert, alle zum letztenmal ihre Funktionen verrichtend. Endlich kam
der Kaiser unter einem Baldachin von gelbem Damast, auf dem der
sterreichische Doppeladler gestickt war, reitend. Zehn hochweise
Magistratspersonen eines edlen Rats, sie hatten schn gepuderte Percken
mit Haarbeuteln, trugen die Last des wandernden Baldachins mit
entbltem Haupt. Als der Kaiser in die Nhe unserer Wohnung gekommen
war, da insinuierte mir meine schne Tante Scholze, die ebenfalls von
Niedesheim gekommen war, der seltenen Feierlichkeit beizuwohnen, mich im
Arm haltend, jetzt msse ich Vivat schreien, und ich schrie mit den
andern aus vollem Hals mein Vivat Franziskus!, und zwar so lange, als
ich den Gegenstand sah, dem es galt. Dieser Augenblick und eine Szene
auf dem Rmerberg ist es, was ich mir noch am lebhaftesten von jenem
Ereignis vorstellen kann. Indessen hatte trotz allem Vivatrufen die
ganze Zeremonie einen etwas sehr dsteren Anstrich, und ein gewaltiger
Platzregen, der fiel, ehe der Kaiser noch den Dom erreicht hatte,
durchnte den ganzen Zug bis auf die Haut. -- Es gab Leute, die damals
prophezeiten, dies sei der Leichenzug des heiligen rmischen Reichs --
und auch diese Propheten hatten wahrgesagt. Um ein Uhr war endlich die
Krnungsfeierlichkeit vorber, und der Zug begab sich aus dem Dom in den
Rmer und schritt ber rotes, gelbes und weies Tuch, womit die Straen
belegt waren, durch die er kam. Der Gekrnte hatte jetzt die schwere
Reichskrone auf dem Haupte und war mit dem kaiserlichen Pontifikalium
bekleidet, er ging nun zu Fu und hielt in der einen Hand das Zepter und
in der andern den Reichsapfel. Das kurfrstliche Trifolium hielt die
Zipfel seines Mantels, und kaiserliche und kurfrstliche Garden machten
den Beschlu. Kaum war der letzte Mann derselben vorber, so fiel das
gute Volk ber das ihm preisgegebene Tuch her und ri es in Stcke. Der
schlieende Offizier mute bestndig rckwrts wie ein Krebs marschieren
und mit seinem Degen abwehren, wollte er nicht, da er und vielleicht
die ganze Prozession von denen, welche das Tuch abrissen und
abschnitten, ber den Haufen geworfen wrde.

Whrend die Salbung und die andern Verrichtungen im Dom vorgingen, hatte
mich mein Vater mit auf den Rmerberg genommen, und ich wurde daselbst
durch Vergnstigung eines brgerlichen Kapitns, der unser Haus mit
gutem Ochsenfleisch versorgte, auf eine von Trommeln errichtete Pyramide
gesetzt, von welcher Hhe herab ich das Gewhl der Menge, die bretterne
Htte, in welcher der mit Geflgel, Hasen und Spanferkeln gespickte
Ochse gebraten wurde, und den Springbrunnen mit dem doppelten Adler, aus
dem sehr christlich getaufter roter und weier Wein sprang, wohl
bersehen konnte. Als sich jedoch der aus der Kirche kommende Zug
nherte und die Tambours nach ihren Trommeln griffen, mute ich meinen
hohen Standpunkt verlassen und wrde schwerlich die weiteren Zeremonien
gesehen haben, wenn sich nicht wieder eine Dame, und zwar die Frau
Oberst Schulter, Goethes Tante, die wir schon bei der Taufe kennen
lernten, meiner angenommen htte. Die gute Frau befand sich nmlich in
einem auf dem Rmerberg gelegenen uralten Haus, welches wegen dem
reichen und knstlichen Schnitzwerk, mit dem seine ganze Fassade
verziert ist, eine der Merkwrdigkeiten Frankfurts ausmacht, hatte mich
bemerkt und lie mich zu sich in den zweiten Stock dieses Hauses holen,
von wo ich nun abermals den ganzen Zug von dem gegenberliegenden Markt
ankommen sah. Dafr mute ich aber auch meine Lunge wieder gehrig mit
Vivats anstrengen, als sich Franz dem Rmer nherte. Schon von weitem
begrte ihn hier die Kaiserin und der Erzherzog von einem Balkon des
Hauses Limburg. -- Ich sah nun zu meiner Freude recht gemchlich, wie
sich das gute Volk um den Hafer balgte, nachdem der Reichserbmarschall
dem Kaiser ein silbernes Ma voll davon vorgehalten und wieder
ausgeschttet hatte, wie der Reichstruchse ein Stck von dem gebratenen
Ochsen samt einem Spanferkel in einer vergoldeten Schssel fr die
kaiserliche Tafel empfing, worauf der berrest des Tieres von der
krftigen und ehrsamen Zunft der Fleischer, jedoch nicht ohne harten
Kampf erbeutet wurde; wie der Reichserbschatzmeister keinen Platz-,
sondern einen etwas dnngesten Gold- und Silberregen um sich her
verbreitete, den zu empfangen tausend Hnde sich in die Lfte erhoben,
sodann die als Gold- und Silbermnzen auf den Boden fallenden Tropfen
aufsuchten und sich darum ebenso sehr, wie endlich noch um den leeren
Beutel rissen. Auch ein Wagen voll weies Brot wurde unter das wilde
Volk geworfen, wonach es jedoch weniger gierig haschte als nach einem
Becher Wein von dem einzigen Brunnen, der solchen lieferte. Indessen
speisten Seine Majestt Franz II. mit echt sterreichischem Appetit in
dem Kaisersaal auf dem Rmer, was nach den gehabten Fatiguen sehr
natrlich war, ebenso die Herren Kurfrsten, die an besondern Tafeln
schmausten und von denen der geistliche Herr von Kln, seines
stattlichen Bauches wegen, eine wahre Kuriositt war. -- Es wurde auch
nicht vergessen, auf die Gesundheit des neuen Oberhaupts Deutschlands
gehrig zu trinken, und die Vivats und der Kanonendonner erschtterten
das glckliche Frankfurt in seinen Grundfesten. Da bei einbrechender
Nacht groe Illumination und allerlei Feuerwerk war, versteht sich von
selbst. Der Frst Esterhazy, der in der ganzen Stadt kein Haus gefunden
htte, dessen Fassade wrdig gewesen wre, mit der von ihm projektierten
Illumination zu prangen, lie zu diesem Zweck ein besonderes von
Brettern und gemalter Leinwand auf dem Romarkt erbauen und setzte die
guten Frankfurter dadurch in Erstaunen und Verwunderung.

Den folgenden Tag schwuren Magistrat und Brgerschaft, dem neuen
Herrscher treu, hold und gewrtig zu sein, und leisteten den
Huldigungseid, den Seine Majestt auf einem mit rotem Tuch behangenen
Balkon und einen mit Imperialfedern geschmckten Hut auf dem Haupt,
unter einem Baldachin allergndigst anzunehmen geruhten.

Trotz dem Verbot hatten sich dennoch mehrere von den in Koblenz ein
wstes Leben fhrenden franzsischen Emigranten bei der
Krnungsfeierlichkeit in Frankfurt eingeschmuggelt, namentlich auch die
Mtressen des Grafen Artois (nachherigem Karl X.), deren er ein halbes
Dutzend mit von Paris gebracht hatte. Er selbst fuhr in einer
illuminierten Gondel mit Musik bei Nacht auf dem Main und durch die
Bogen der Brcke mit diesen Damen. Die sauberen Herren fhrten in
Koblenz ein wahres Luderleben, der Kurfrst von Trier war nicht mehr
Herr in seinem Lande, und dabei benahmen sie sich auf das
unverschmteste. Der beste Wein aus den kurfrstlichen Kellern war ihnen
kaum gut genug, um sich mit ihren Mtressen darinnen -- zu baden! und
selbst die Kammerjungfern dieser Weiber besudelten die kurfrstlichen
Gertschaften auf das frechste. Dieser franzsische Adel, der hier ein
Frankreich auerhalb Frankreichs bilden wollte, erlaubte sich die
grten Ungezogenheiten und sogar Mihandlungen gegen die Einwohner des
Landes, wo er so gromtig und gastfreundlich aufgenommen worden war,
und mit Klagen gegen diese Herren war nichts auszurichten. Nichts war
ihnen gut genug, nicht selten warfen sie die Schsseln mit den Speisen
den sie darbringenden Dienern an den Kopf, indem sie sagten, dies wre
Kost fr deutsche Schweine, aber nicht fr franzsische Seigneurs. Sie
mibrauchten die deutsche Gutmtigkeit auf das schndlichste, sich alles
erlaubend, und doch waren es Almosen, die man ihnen reichte, denn man
war ihnen nichts schuldig. Sie waren meistens gratis logiert und ebenso
genhrt. Sie nannten sich nur den Hof, hielten ein paar Dutzend
franzsische Kche und gebrauchten fnftausend Livres tglich, welche
ihnen deutsche Dummheit lieferte, ohne das Fleisch, Brot, Wein und
Gemse zu rechnen, das man ihnen schenkte. -- Ein gewisser Dominique,
damals allmchtiger Minister des sonst eben nicht freigebigen Kurfrsten
Clemens von Trier, war es, der ihnen so zu hausen gestattete und die
Mittel dazu verschaffte. Aber diese Herren waren auch lauter Dcs,
Marquis, Grafen, Vicomtes, Barone und Chevaliers d'Industrie. Besser
hatte es der Kurfrst von Kln verstanden, sie sich vom Leibe zu halten,
er warf ihnen einen Zehrpfennig hin, den sie auch gtigst anzunehmen
geruhten, und schickte sie weiter. Schnell hatte sich aber auch das
Mitleid und die Teilnahme, die man anfnglich fr sie fhlte, in Abscheu
und Verachtung verwandelt. Dazu kamen noch ihre ebenso lcherlichen als
nichtigen Grosprechereien und das jmmerliche Aussehen dieser an Leib
und Seele gleich ausgemergelten Helden, welche Mhe hatten, die groen
Sbel zu schleppen, an die sie sich gebunden. Wenn man sie hrte, so war
ihre Rckkehr nach Paris nichts als eine Reihe von Triumphen, die damit
endigen wrden, da sie all die brgerlichen Kanaillen hngen lieen,
die sich unterstanden, einer hochadeligen Tyrannei ein Ende zu machen.
Werden wir uns diesen Winter zu Paris sehen? fragte einer den andern
und erhielt zur Antwort: das versteht sich, oder: _je ne vois point
d'inconvenient_, und begab sich einer von ihnen in eine andere Stadt,
so nahm er mit den Worten: Auf Wiedersehen zu Paris! von den brigen
Abschied. -- Sie sollten jedoch bald fr ihre Missetaten und fr ihren
bermut schrecklich gezchtigt und der Spott der deutschen Bauern
werden, und zeigten sich dann sehr dankbar, wenn man ihnen eine
Brotrinde zuwarf.

Mehrere dieser Herren, welche zu ihrer Zerstreuung oder Geschfte halber
nach Frankfurt gekommen waren, wuten sich daselbst durch einige
Bankiers und namentlich vermittelst gewinnschtiger Juden nicht
unbedeutende Summen zu verschaffen, indem sie ungeheure Zinsen
verschrieben und auerdem noch groe Belohnungen versprachen, sobald sie
wieder in ihre Gter und Rechte eingesetzt sein wrden, woran damals
fast niemand in Frankfurt zweifelte, und was man sehr nahe glaubte, da
man so viele stattliche Truppen nach der franzsischen Grenze
marschieren sah. Die Wucherer lieen sich dadurch blenden und schossen
die verlangten Gelder vor. -- Auerdem hatte man in Frankfurt viele
falsche Assignaten in Umlauf gesetzt, deren Ursprung, als die Sache
entdeckt war, man jedoch nicht erforschen konnte. Dies alles sowie die
Geflligkeit der Wucherer sollte die Stadt teuer bezahlen, wozu noch
kam, da auch die Frankfurter Zeitungen so unklug waren, sich sehr
unvorsichtig gegen die neue Ordnung der Dinge in Frankreich und gegen
das franzsische Volk auszusprechen, woran der Magistrat sie nicht nur
nicht hinderte, sondern sein Wohlgefallen zu haben schien.

Auch der Judenschaft in Frankfurt wurde die hohe Gnade zuteil, dem
kaiserlichen Ehepaar Geschenke zu machen und durch eine Deputation
untertnigst huldigen zu drfen, jedoch nahm ihnen diese Huldigung ein
kaiserlicher Hofrat im Namen seines Herrn ab und versprach ihnen in
demselben Namen Schutz und Gunst, weshalb die guten Hebrer eine groe
Freude hatten und ihre Augen von Trnen glnzten.

Dies war kein Wunder, denn die armen Juden waren damals zu Frankfurt
wirklich in einer hchst bedrngten Lage und bedurften allerdings eines
mchtigen Schutzes; sie wurden fortgesetzt von den intoleranten Christen
mihandelt, gegen die sie sich freilich auch gar manchen Betrug und
Spitzbbereien erlaubten. Jeden Augenblick war der Senat gentigt,
Verordnungen zu erlassen, in denen er bekannt machte, da in Zukunft
diejenigen, welche sich Mihandlungen gegen die Juden erlaubten oder sie
prgelten, auf das strengste bestraft werden sollten. Aber ungeachtet
dieser Drohungen wagte man es nicht, die Schuldigen zu bestrafen, und
die Juden wurden nach wie vor auf alle Weise mihandelt. Sie waren
damals gezwungen, ohne Ausnahme ihr jeden Abend geschlossenes Quartier
zu bewohnen, das fast nur aus einer einzigen, ziemlich langen, aber sehr
engen Strae bestand, in welcher an achttausend Seelen hausten, die
jeden Tag bei einbrechender Nacht sowie an allen Sonntagen und sonstigen
christlichen Feiertagen eingesperrt wurden. Die Luft in diesem Stadtteil
war daher verpestet, und wehe dem armen Juden, den man nach
Sonnenuntergang noch in den brigen Straen Frankfurts getroffen htte.
Zu keiner Zeit durften sich diese Unglcklichen in den ffentlichen
Spaziergngen der Stadt und auf gewissen Pltzen, wie dem Rmerberg und
so weiter, blicken lassen, der Pbel wrde sie halbtot geschlagen haben.
Sah man an Sonn- oder Feiertagen durch die Ritzen der geschlossenen Tore
des Judenquartiers, so stellte sich den Blicken ein scheuliches
Schauspiel dar. Die Strae wimmelte von unsauberen, ekelhaften Menschen,
die kaum Platz genug hatten, sich von der Stelle zu bewegen, und aus
jedem Fenster bis zu den Dachluken der ziemlich hohen Huser ragte Kopf
ber Kopf heraus und schien nach verdorbener und stinkender Luft zu
schnappen. Diese braun und schwarz gerucherten Huser gewhrten einen
grausigen Anblick und waren wahre mit Schmutz angefllte Kloaken. Die
Juden waren gezwungen, kleine Mntel mit einem gelben Lppchen zu
tragen, damit man sie schon von weitem als solche erkennen konnte, sie
hatten smtlich ein hchst elendes, krnkliches Aussehen, eine
braungelbliche Hautfarbe, und waren fast alle mit ekelhaften Krankheiten
und mit der Krtze behaftet, die natrlichen Folgen dieses Einsperrens
in ungesunder Luft. Auch whrend der Krnungsfeierlichkeiten durfte kein
Jude sein Quartier verlassen ohne eine besondere Erlaubnis des
Magistrats, und selbst mit einer solchen konnten sie sich nicht unter
die Masse des Volks wagen, das sie erdrckt haben wrde. Der alte
Rothschild hatte durch Vermittlung meines Grovaters, da er durch meinen
Vater empfohlen war, eine solche Erlaubnis am Krnungstag Franz II.
erhalten, und er sah dem Krnungszug aus einem Dachfenster unseres
Hauses zu; noch andere Juden muten sich begngen, aus den Kellerlchern
wenigstens die Beine der vorberziehenden Herrschaften betrachten zu
knnen. Rothschild war ziemlich gut in unserm Hause angeschrieben, er
kam in der Regel jeden Montag auf das Kontor meines Vaters, wo er kleine
Geschfte, namentlich mit Auswechseln von Mnzsorten, besonders Dukaten
und anderm Gold machte. Man bot ihm einen Stuhl an und ntigte ihn zum
Sitzen, eine Ehre, die ihm nicht leicht in andern Husern widerfuhr und
die er hoch anschlug; auch verehrte er mir eines Tages, als er gerade
durch meinen Vater ein gutes Geschftchen gemacht, ein kleines
Goldstckchen, etwa einen Gulden an Wert. Der Vater dieses Amschel war
frher ein gewhnlicher Schacherjude gewesen, der mit dem Zwerchsack auf
der Schulter in den Straen Frankfurts mit dem bekannten Ausruf: Hahnt
er was zu hahnle (habt ihr was zu handeln) vom Morgen bis zum Abend
herumstrich, whrend dessen Frau ebenfalls mit einem groen Sack, aber
mit einer goldgestickten Haube, wie sie frher die Judenweiber in
Frankfurt trugen, in die Huser der christlichen Brger ging, mit deren
Frauen schacherte und ihnen alte Kleider, Borden und so weiter
abhandelte. Ich entsinne mich, diese Frau fters bei meiner Gromutter
ihren Sack voll der seltenartigsten Dinge ausschtteln gesehen zu haben.
Dies waren die Groeltern der jetzigen Barone Rothschild.




                                  III.

   Die Neufranken in Frankfurt. -- Cstine. -- Die Kontribution. -- Die
                          Mainzer Revolution.


Bald nach Franzens Krnung erschien jenes berchtigte Manifest des
Herzogs von Braunschweig, der vom Kaiser und Knig von Preuen den
Oberbefehl ber die vereinigten Heere erhalten hatte, in dem man der
guten Stadt Paris mit einer exemplarischen Rache und gnzlicher
Vertilgung von dem Erdboden drohte, wenn sie nicht sofort zur alten
Untertnigkeit und unbedingtem Gehorsam gegen den Knig zurckkehren
wrde, ihr jedoch in diesem Fall versprach, eine kaiserlich knigliche
Verwendung bei Ludwig XVI. zugunsten der ungezogenen Pariser eintreten
zu lassen. Dieses Manifest war mit Beihilfe einiger franzsischer
Emigranten fabriziert worden, denen die guten Deutschen allen Glauben
schenkten, als sie versicherten, das Ganze werde nichts als eine
militrische Promenade sein, und Braunschweig riet den Offizieren, sich
nicht mit zuviel Pferden und Gepck zu belasten, denn der Spuk werde
nicht lange dauern! -- Auch in Frankfurt glaubte man fast allgemein an
die nahe Zerstrung von Paris, und da man bald nur noch von dessen
Ruinen sprechen wrde, niemand dachte jedoch daran, da der Ruin des
deutschen Reiches so nahe sei, nur wenige klgere Leute schttelten hie
und da die Kpfe beim Lesen dieses komisch heroischen Manifestes.

Indessen liefen vom Heer der Verbndeten und dem Herzog von Braunschweig
die allervortrefflichsten Siegesnachrichten ein, die Preuen und
sterreicher standen bereits auf franzsischem Grund und Boden, nach
ihren Berichten nahm der Feind Reiaus, sobald er eine preuische oder
sterreichische Uniform erblickte, und in der Tat schienen die ersten
Waffentaten solche Grosprechereien zu rechtfertigen. Das franzsische
Korps, welches unter General Dillon ber die Grenze gegangen war, hatte
bei der ersten Charge des Feindes unter dem Geschrei: Wir sind
verraten, wir sind verkauft! (dieses Geschrei hatten einige kniglich
gesinnte Offiziere und bestochene Soldaten absichtlich ausgestoen, um
die Reihen zu verwirren und mit Furcht und Schrecken zu erfllen[4]) die
Flucht ergriffen, sodann den General Dillon gettet und zu Lille in
Stcke gerissen und bei einem groen Feuer, das sie auf dem Marktplatz
anzndeten, verbrannt, indem sie schrieen, dies msse allen Verrtern
widerfahren. Die hintereinander folgenden Eroberungen von Longwy und
Verdun durch die Preuen besttigten die Nachrichten von dem geringen
Widerstand der Franzosen, und man machte groe Wetten zu Frankfurt, da
binnen sechs Wochen die vereinten Heere in Paris und Knig Ludwig
befreit und wieder in alle seine Rechte eingesetzt sein wrde.

Als man nun die vereinigten Heere im besten Zug auf Paris glaubte, da
kam mit einmal die ganz unerwartete Nachricht, da sich eine starke
franzsische Heeresabteilung vor dem nur vierzehn Stunden entfernten
Speier gezeigt habe. Man hatte frhere, fr die Verbndeten nachteilige
Gerchte vom Anrcken der Franzosen und so weiter als lgenhaft
ausgesprengt und bswillig erfunden erklrt. Bald aber kamen
zuverlssige Briefe und Berichte von Mannheim, die nicht mehr bezweifeln
lieen, da die Neufranken bereits im Besitz vieler speierischer Drfer
seien, die gebrandschatzt wrden, whrend sie die pflzischen
verschonten und gegen Mainz marschierten. Mit jeder Stunde lauteten die
Nachrichten jetzt ngstlicher, wobei, wie gewhnlich, manches
bertrieben wurde. Niemand wute dies mit der bevorstehenden Einnahme
von Paris zusammenzureimen. Die sterreicher und Kurmainzer, die in
Speier lagen, waren nach kurzer Gegenwehr geschlagen worden, hatten
sich, mehrere tausend Mann, zu Kriegsgefangenen ergeben und waren nach
Landau transportiert worden, ebenso die betrchtlichen Vorrte, welche
die Sieger in Speier vorgefunden hatten. Es hie zwar, da das unter dem
Obergeneral Cstine angekommene Heer nur ein unbedeutendes Streifkorps
sei, andere Nachrichten machten es aber zu einer furchtbaren Armee von
fnfzig- oder gar hunderttausend Mann und so weiter. Diese Ungewiheiten
und sich so oft widersprechenden Nachrichten versetzten die guten
Frankfurter in keine kleine Unruhe, indessen erzhlte man sich in
Frankfurt, da das in einem Lager bei Reims stehende franzsische Heer
von den Preuen eingeschlossen sei und sich an den Knig von Preuen
habe ergeben wollen, da dieser aber unbedingte Streckung des Gewehrs
verlangt und nur wenige Stunden Bedenkzeit gegeben habe; das Gewehr
msse nun schon gestreckt sein und der Kurier, der die Besttigung
berbringe, jeden Augenblick eintreffen. Statt dessen trafen jedoch
vierundzwanzig Stunden spter Hiobsposten von Mannheim ein, und auf den
Gesichtern der guten Reichsstdter, besonders denen der Reichen und
hhern Beamten, las man groe Bestrzung. Besonders unheimlich wurde es
nun auch denjenigen Husern, die sich allerlei Handel mit den
franzsischen Assignaten erlaubt und im Verkehr mit franzsischen
Emigranten gestanden hatten.

[Funote 4: Ich habe spter zu Paris einen Invaliden gekannt, der mir
erzhlte, da er damals zwlf Livres von seinem Kapitn erhalten habe,
um zu schreien: _Nous sommes trahis!_]

Den elften Oktober abends neun Uhr rollte eine vierspnnige
Reisekalesche vor unser Haus. Man klingelte heftig an der Haustr und
kndigte meinen Oheim Scholze an, der vor den anrckenden Franzosen die
Flucht ergriffen und mit seiner Familie Schlo Niedesheim eiligst
verlassen hatte. Er und seine junge Gattin wuten viel von ihrem
Abenteuer auf der kurzen Reise und Wunderdinge von den Franzosen bis
nach Mitternacht auszukramen.

Speier und Worms hatten groe Kontributionen erlegen mssen, und
auerdem hatten die Franzosen viele ganz neue Zelte fr mehrere tausend
Mann in Worms vorgefunden, welche den Emigranten gehrten, die diese
gegen bares Geld versetzt hatten. brigens htte Cstine sehr strenge
Mannszucht beobachtet und einige dreiig Soldaten erschieen lassen,
unter denen ein Offizier, weil sie sich eigenmchtige Erpressungen
erlaubt hatten, einer davon sollte sogar nur eine Traube entwendet
haben. Dies klang ziemlich beruhigend fr die ngstlichen Frankfurter
Gemter. Andere Leute, die aus jener Gegend kamen, erzhlten auch, da,
wer etwas franzsisch spreche und sich mit den ungebetenen Gsten
einigermaen verstndigen knne, nichts von ihnen zu befrchten habe,
nur drfe man ihnen weder das Tanzen um einen Freiheitsbaum, noch den
Ruf: _vive la libert!_ versagen. Sobald sie in einem Ort einrckten,
sei ihre erste Sorge, einen solchen Freiheitsbaum aufzupflanzen, diesem
eine rote Mtze aufzusetzen und dann _a ira_, die Carmagnole und so
weiter singend, um denselben wie besessen herumzuspringen, und da sie
dabei jedermann, der ihnen in den Weg komme, ohne Alter, Geschlecht oder
Stand zu bercksichtigen, mit in ihre Ronde zgen. So kam es hufig, da
in den Reihen der Soldaten der Freiheit Kaufleute, Kapuziner, alte
Weiber, ehrbare Magistratspersonen, junge Mdchen, Geistliche in ihrem
Ornat, Nonnen und Mnche von allen Farben, wie durch Oberons Horn toll
gemacht, in bunter Mischung Hand in Hand die komischsten Bockssprnge
machend, unter wildem Geschrei um die rote Mtze rasen muten, was einen
recht belustigenden Anblick gewhrte. Mein Oheim erzhlte, da er in
einem solchen Kreis einen Domherrn, zwei Freudenmdchen, ein Paar
Hofrte, eine ehrbare sechzigjhrige Matrone, ein halbes Dutzend feiste
Franziskaner, ebenso viele Karmeliterinnen samt der btissin und so
weiter recht vergngt mit den Shnen der neuen Freiheit habe
herumspringen sehen. Mancher dieser Dmchen geschah wohl auch ein
Gefallen damit, namentlich den jungen Nonnen, so zum Tanzen gezwungen zu
werden.

Die Nachricht, da Verdun schon wieder in franzsische Hnde gefallen
sei, machte wegen der weit nheren Vorgnge wenig Eindruck; denn mit der
schrecklichen Nachricht, da die Franzosen vor Mainz stnden, kam fast
zu gleicher Zeit die noch weit schrecklichere, da sich Mainz bereits
ergeben und Cstine sein Hauptquartier daselbst aufgeschlagen habe. Dies
war den einundzwanzigsten Oktober abends vorgegangen, und schon den
folgenden Morgen, als in Frankfurt noch jedermann mit dieser
Schreckensnachricht beschftigt war, stand pltzlich, wie durch einen
Zauber herbeigefhrt, schon ein Korps von achthundert Franzosen, von dem
General Neuwinger befehligt, vor den Toren der Reichs- und Wahlstadt und
begehrte Einla. Diese Truppen hatten sich einstweilen vor dem
Bockenheimer Tor auf den Rasen gelagert, ihre Toilette machend, whrend
die Einwohner auf die Wlle geeilt waren und ihnen erstaunt zusahen.
Einige Damen hatten Trme bestiegen, ihre Neugierde an den Fremdlingen
zu befriedigen. Als nach einigem Hin- und Herparlamentieren und nachdem
der franzsische General der aus der Stadt an ihn gesandten Deputation
erklrt hatte, er habe einen Brief vom Obergeneral Cstine an den
Magistrat, mit der Order, denselben nur auf dem Rathaus selbst zu
bergeben, man noch einige Schwierigkeiten machen wollte, ihn
einzulassen, kommandierte derselbe, sich gegen seine Truppen wendend:
Kanonen vor!, die gegen die noch aufgezogenen Brcken gerichtet
wurden. Bei diesen Worten fielen wie durch einen Zauberschlag die
Zugbrcken nieder, die Tore ffneten sich, und die Neufranken zogen mit
klingendem Spiel und dem Geschrei: Es lebe die Freiheit! in die Stadt
und quartierten sich bald darauf selbst zu zwei und zwei in die Huser
ein, die ihnen anstanden oder gerade in den Wurf kamen, denn ein
Quartieramt war erst noch zu schaffen.

Mein Vater brachte auch ein Paar dieser Gste mit heim, die ihn
angesprochen hatten, als ihn die Neugierde geplagt, die ersten
Freiheitskmpfer zu sehen.

Den ersten Abend lief noch alles so ziemlich gut ab, und die Wirte, die
sich ihren Gsten verstndlich machen konnten, fanden traktable Leute in
ihnen; als aber den folgenden Morgen bekannt wurde, da Cstine in
seinem Schreiben eine Kontribution von zwei Millionen Gulden von der
Stadt verlangt habe, weil, wie er in demselben sagte: der Vorschub, den
dieselbe den franzsischen Aristokraten geleistet, die Nation
berechtige, Frankfurt feindlich zu behandeln. Der Knig von Preuen und
der Kaiser haben viele Gelder in der hiesigen Stadt. Die Nation habe
ihren Feinden Rache geschworen, und er fordere zwei Millionen Gulden in
deren Namen als Vergtung des ihr zugefgten Schadens, -- da gab es
lange und greuliche Gesichter. -- Der Senat sandte nun in seiner
Herzensangst eine Deputation an Cstine ab, mit dem Auftrag, um einen
Nachla dieser Kontribution zu bitten, der ihnen in der Tat auch eine
halbe Million erlie. Hierdurch ermutigt, wurde sogleich noch eine
zweite Deputation abgeschickt, die jedoch nichts mehr herunterzuhandeln
vermochte, der der Obergeneral sehr unfreundlich begegnete und vorhielt,
da sie Schacherjuden seien, die erst vor ein paar Monaten das Zehnfache
bei der Krnung und an den Assignaten gewonnen, und die Brandsteuer, die
er ihnen als Strafe auferlegt, nicht nach seinem Willen verteilt htten.
-- Cstine erlie auch sogleich eine Erklrung, in welcher er sagte:
Brger, als ich mich entschlo, im Namen der frnkischen Nation
Frankfurt eine Brandschatzung aufzulegen, um diejenigen zu bestrafen,
deren Anschlge die unverjhrbaren Rechte der Vlker zu vernichten
zielten, glaubte ich nicht, da eure Vorsteher ihre Ungerechtigkeit so
weit treiben wrden, diese Auflagen von den Drftigen unter euch zu
erpressen. Nach den Grundpfeilern der Gerechtigkeit, die nunmehr die
Richtschnur unserer Politik ist, befehle ich dem General, den ich in
eure Mauern beorderte, das verlangte Geld nur von den Schuldigen und den
Reichen zu erheben, die ihre Gewalt und ihre Reichtmer mibrauchen, die
Armen zu unterdrcken, und die offenbaren Feinde aller Gerechtigkeit
sind, und so weiter.

                                       Der Brger-General, _Cstine_.

Cstine verlangte auch noch die Kanonen der Stadt Frankfurt und wollte
derselben unter dieser Bedingung noch fnfhunderttausend Gulden von der
Brandschatzung ablassen. -- Einstweilen gab die neue Garnison, die noch
verstrkt wurde, den Einwohnern hinlnglichen Stoff zur Unterhaltung;
sie betrug sich ziemlich manierlich und bestand teils aus franzsischen
Nationalgarden, teils aus Linientruppen. Die ersteren waren nicht alle
uniformiert, trugen Beinkleider nach eigener Wahl und Pistolen in den
Grteln. Die Kavallerie, _chasseurs  cheval_, war ziemlich gut
beritten, auch die Artillerie hatte gute Bespannung. Die Zahl der in
Frankfurt liegenden Truppen war nach und nach bis auf viertausend Mann
herangewachsen. Die Brger konnten sich nicht genug ber den ungeheuern
Unterschied zwischen diesen und den sterreichischen und preuischen
Soldaten wundern. Sie glaubten, fr die stmmigen, steifen,
kaiserlichen, wohlgenhrten und wie in eine Form gegossenen Grenadiere
mte so ein Haufen unansehnlicher Franzosen allerdings nur ein
Frhstck sein, und begriffen nicht, wie es mglich war, sich vor
solcher Bagage zurckzuziehen. Die Gemeinen sprachen mit ihren
Offizieren, ohne wie gelhmte Stcke und in hndischer Furcht und
Stellung vor ihnen zu stehen, rauchten oder pfiffen wohl auch in ihrer
Gegenwart; dies alles galt als ein Beweis von gnzlichem Mangel an
Subordination. -- Sie zogen auf die Wachen, ihre Lebensmittel auf die
Spitze der Bajonette spieend, verteilten ihre Fleischportionen auf
offener Strae auf einem Stein oder einer Bank, wenn gerade eine
vorhanden war, wuschen ihre schwarzen Hemden und Beinkleider selbst in
den gelben Fluten des Mains, das a ira frhlichen Mutes dabei singend
und _vive la libert!_ schreiend. Mit Stolz und Selbstgefhl sagten
sie: _Nous sommes les soldats de la rpublique franaise, les soldats
de la libert._ Dies alles stach freilich gewaltig gegen die
Krnungszeremonien ab, die erst vor drei Monaten stattgefunden hatten,
und kam den guten Frankfurtern recht spanisch vor. Ein hochweiser
Senator schrieb damals in allem Ernste an einen Freund: Oh, wie tief
kann der Mensch doch sinken! Die Franzosen, die alle Vlker frei machen
wollen, rauchen und singen in den Straen und auf den ffentlichen
Pltzen in Gegenwart ihrer Anfhrer und sind ihre eigenen Waschweiber!

Indessen hatten alle Manifeste und Erklrungen Cstines, auch bei den
unteren Klassen der Einwohner Frankfurts, wenig Anklang gefunden und
keinen Eindruck gemacht, man hatte dem Volk plausibel zu machen gewut,
da, wenn die Reichen kein Geld mehr htten, die Armen nichts mehr
verdienen knnten und Hungers sterben mten, und in Frankfurt war ein
guter Verdienst fr jede Art Arbeiter. Daher das Geschrei von Freiheit
und Gleichheit nur taube Ohren fand; zudem fing Handel und Wandel zu
stocken an, und die Lage der Einwohner begann milicher zu werden, was
man nicht mit Unrecht den Franzosen zuschrieb. Ganz anders war es in
Mainz, hier war wenigstens ein groer Teil der Bewohner enthusiastisch
fr die neue Ordnung der Dinge in Frankreich gestimmt, besonders
wissenschaftlich gebildete und tchtige Mnner verteidigten die neuen
Grundstze und Handlungen, schlossen sich denselben an und wurden die
Koryphen der Mainzer Revolution, freilich nicht ahnend, wie schnell die
Pariser in ein blutig scheuliches Ungetm und Morden ausarten wrden.
In Mainz hatte man, Paris nachffend, ebenfalls Klubs gebildet, in denen
die Freiheit und Gleichheit gepredigt wurde, und die berhmtesten
Gelehrten und Professoren, wie ein Forster, Wedekind, Metternich und so
weiter hatten sich an die Spitze gestellt. Auch die schnen Mainzerinnen
hatte dieser Revolutionstaumel ergriffen, sie bten sich sogar im
Pistolenschieen, tanzten nach Herzenslust mit den Soldaten der Freiheit
um die rote Kappe, hatten dabei Grtel, welche vorn und hinten
herabhingen; vorn las man das Wort >Freiheit<, hinten >Gleichheit<. Eine
rgere Satire auf diese Revolution htte wohl schwerlich der
eingefleischteste Aristokrat erfinden knnen. Manche Frauen hatten sogar
Sbel umgeschnallt, und man ging bald so weit, eine rheinische Republik
grnden zu wollen und so weiter. Alle Frsten und der Adel wurden ihrer
Rechte und Besitzungen verlustig erklrt und durften sich bei
Todesstrafe nicht mehr im Gebiete dieser neuen Republik sehen lassen.

Cstine stattete nun auch in eigener Person der Reichsstadt Frankfurt
einen Besuch ab. Den einundzwanzigsten Oktober kam er mit seinem
Generalstab und dem Doktor Bhmer in die Stadt geritten und hielt vor
der Hauptwache, vor welcher sich eine Menge Volks versammelt hatte, den
Wundermann zu sehen, vor dem sich die Tore der ersten deutschen
Festungen wie durch einen Zauberschlag ffneten. Der Feldherr fragte den
Haufen: Habt ihr den deutschen Kaiser gesehen? und erwiderte auf das
Ja, das ihm mehrere Stimmen zuriefen: Wohlan, ihr werdet keinen mehr
sehen!, und hierin hatte er recht. In Mainz hatte man hnliche Anreden
mit donnerndem Applaus und lautem Jubel begrt, hier aber blieb das
Volk muschenstill. Dies war aus dem so verschiedenartigen Charakter der
Bewohner dieser beiden Stdte leicht zu erklren. Die Mainzer haben ein
leicht aufzuregendes Blut, sind heiter und lebensfroh, whrend der
gewhnliche Frankfurter ein echter bedchtiger Kalkulationsmensch ist;
der Unterschied zwischen den Einwohnern dieser beiden Nachbarstdte ist
so gro, als lgen sie mehrere hundert Meilen voneinander entfernt.
Auerdem htten die Frankfurter gerne jedes Jahr so eine goldspendende
Kaiserkrnung gesehen, und es war ihnen schlecht damit gedient, da sie
keinen Kaiser mehr, aber statt dessen Millionen fordernde franzsische
Generle sehen sollten. rgerlich ber diesen Stumpfsinn des Volkes fr
seine Reden, wandte er sich gegen seine Begleitung und sagte: Diese
Menschen haben nur Sinn fr den Schacher und nur Liebe fr Geldscke,
wohlan, wir mssen sie bei dem, was ihnen am teuersten ist, packen. Er
lie die bisherige Garnison durch andere Truppen ablsen, denen er
strenge Mannszucht anbefahl, und begab sich sofort auf den Rmer, wo er
den Behrden tchtig die Meinung sagte. Dann lie er sich nun Geiseln
ausliefern, unter denen angesehene Kaufleute und zwei reiche Juden
waren. Bevor er wieder abreiste, stattete er auch den braven
Sachsenhusern einen Besuch ab und ersuchte sie um einen Baum aus ihrer
Waldung, worauf ihm diese Naturkinder erwiderten: er mge sich nur
einen holen, was er aber unterlie und die Reichsstadt nicht wrdig
fand, mit einem solchen zu schmcken. Ein Jude sagte damals, von diesem
Wahrzeichen der franzsischen Freiheit sprechend: 's is  Bmche ohne
Worzel und  Kpple ohne Kopp.

Der Landgraf von Hessen-Kassel hatte indessen bedeutende Streitkrfte
zusammengezogen, in der Hoffnung, vereint mit den preuischen Truppen
den Franzosen endlich ernstlichen Widerstand leisten zu knnen. Diese
hatten jedoch mehrere hundert Hessen bei Nauheim gefangen, die sie nach
Frankfurt brachten, und Cstine erlie eine Proklamation gegen den
Landgrafen, in welcher er unter anderm sagte: Denkt er denn nicht, da
der jngste Tag fr alle ungerechten Frsten erschienen ist! Er hofft
seinen wankenden Thron durch das Volk zu befestigen, dessen Blut er
verkaufte, um seine Schatzkammer zu fllen. Schon dieser einzige Umstand
mu das Schicksal dieses Tyrannen entscheiden. Ungeheuer! ber das sich
schon lngst der Fluch der deutschen Nation, die Trnen der Witwen, die
du brotlos, und das Jammergeschrei der Waisen, die du elend gemacht
hast, gleich schwarzen Gewitterwolken zusammentrmten[5], dich wird die
gerechte Rache der Franken erreichen, die Flucht wird dich derselben
nicht entziehen; wie wre es auch nur mglich, da ein Volk in der Welt
einem Tiger, wie du bist, Zuflucht gewhren knnte! und so weiter.

[Funote 5: Cstine spielt hier auf den Verkauf Hessen-Kasselscher
Untertanen an die Englnder an, fr welche der Landgraf einen bestimmten
Preis per Kopf erhielt, und die die Englnder als Soldaten in ihren
Kolonien verwandten. Das ganze Land hatte kaum 400000 Einwohner, von
denen mehr als 20000 der krftigsten Mnner fr den englischen Dienst
verhandelt wurden. Die englischen Seelenkufer kamen nach Kassel, wo sie
Mann fr Mann wie erkauftes Vieh untersuchten und betasteten, ob sie
auch tauglich seien! Eltern, die klagten oder murrten, wenn man ihnen
die Kinder mit Gewalt raubte, kamen sofort in Ketten oder ins Zuchthaus.
Daher stammte auch der reiche Privatschatz Georg Wilhelms, den er bei
seiner Flucht dem alten Rothschild in Verwahrung gab, den dieser so gut
verwaltete, da er selbst Millionen erwarb, und daher datiert sich der
ursprngliche Reichtum der Rothschilde.]

Frankfurt hatte nun eine Million von der Kontribution bezahlt, die
Geiseln wurden wieder freigegeben, und Cstine erlaubte dem Magistrat,
um den Erla des Restes derselben in Paris nachsuchen zu drfen, welches
derselbe auch bentzte und deshalb eine Deputation nach der unruhigen
Hauptstadt Frankreichs sandte, der er noch eine zweite, die erste zu
untersttzen, nachschickte.

Indessen ergab man sich in sein Schicksal, es war so ziemlich wieder
alles in sein gewohntes Gleis gekommen, und man war darauf gefat, die
unwillkommenen Gste noch lange beherbergen zu mssen, besonders da die
Franzosen infolge der Schlacht von Genappe rasch die sterreichischen
Niederlande erobert hatten.




                                  IV.

   Wiedereinnahme Frankfurts durch die Preuen und Hessen. -- Franzosen
   durch den Pbel niedergemacht. -- Schreckliche Lage der Frankfurter
       Abgeordneten zu Paris, aus der sie mein Oheim befreit. --
      Eindruck, den die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI.
                                 macht.


Die anscheinende Ruhe Frankfurts war nicht von langer Dauer. Gegen Ende
November verbreitete sich die Nachricht, da die Preuen und Hessen im
Anmarsch, schon in der Nhe der Stadt und im Besitz ansehnlicher
Streitkrfte seien. Die franzsische Besatzung Frankfurts war kaum
tausend Mann stark und hatte nur zwei Kanonen. Der Kommandant, General
Helden, erwartete Truppen und Artillerie, die ihm Cstine zur
Verstrkung versprochen und ihm zugleich befohlen hatte, sich im Fall
eines Angriffs des Zeughauses zu bemchtigen und die Frankfurter
Stadtsoldaten, die bis jetzt noch ihren Dienst in Gemeinschaft mit den
Franzosen versehen hatten, zu entwaffnen und sich auf das uerste zu
verteidigen. Dem Magistrat wurde bekannt gemacht, da man die Stadt mit
Feuer und Schwert verheeren wrde, wenn man sich beikommen liee, etwas
gegen die Besatzung zu unternehmen. Da aber die versprochene Verstrkung
ausblieb, so htte Helden wenigstens Moses' Wunderstab haben mssen, um
die erhaltenen Befehle zu vollziehen. Die Frankfurter Heeresmacht, etwa
sechshundert Sldner, aus aller Welt zusammengerafftes Gesindel, war
freilich nicht sehr zu frchten, aber man traute der Stimmung der
Einwohner nicht, und zwar mit Recht. Den achtundzwanzigsten November
erschien der preuische General von Kalkreuth an der Spitze der
preuisch-hessischen Avantgarde vor dem Friedberger Tor, stellte seine
Truppen in Schlachtordnung auf, sandte sodann einen Stabsoffizier an den
franzsischen Kommandanten, der von dem Volk mit Jubel begrt wurde,
und lie den General Helden auffordern, Frankfurt zu bergeben. Dieser
wies die Aufforderung mit der Erklrung zurck, er wrde sich bis auf
den letzten Mann verteidigen, und meldete, was vorgefallen war, sogleich
nach Mainz. Cstine nannte die Aufforderung eine preuische Impertinenz
und sagte: ein freier Republikaner drfe nicht mit Despotenknechten
unterhandeln. -- Helden hatte unterdessen die den Frankfurtern
gehrenden Kanonen aus dem Zeughaus (dem Rahmhof) daselbst wollen
wegnehmen lassen, da sich das Volk jedoch schwierig zeigte und
zusammenrottete, so gab er das Vorhaben auf und erklrte die Sache fr
ein Miverstndnis. Cstine kam noch an demselben Tage nach Frankfurt
und versprach dem auf dem Rmer versammelten Magistrat, da er die Stadt
im unglcklichsten Fall keiner Belagerung aussetzen wolle; auf diese
Versicherung erlie derselbe eine Proklamation, in welcher er die Brger
zur Ruhe und Ordnung ermahnte.

Unterdessen waren die wohlhabenderen Einwohner der Stadt in banger
Erwartung und sahen sorgenvoll den Dingen entgegen, die da kommen
sollten. Es war der zweite Dezember, ein Sonntag, die meisten Brger
befanden sich gerade bei dem Gottesdienst in den Kirchen, als man mit
einem Mal einen starken Kanonendonner ganz in der Nhe vernahm.
Jedermann verlie schnell die Kirche und eilte erschrocken nach Haus, wo
man erfuhr, da die Preuen und Hessen die Stadt mit Kanonen und Mrsern
beschssen und von zwei Seiten angriffen. Von allem, was in der Stadt
vorging, waren die Preuen auf das genaueste unterrichtet, da die
Einwohner bis zum letzten Augenblick die Freiheit gehabt hatten, vor den
Toren spazieren zu gehen, wo sie sich stundenlang mit den Belagerern
unterhielten, ohne da die Franzosen Notiz davon nahmen.

Das Schieen whrte ununterbrochen fort, meine Eltern saen noch bei
Tische und sahen sich nach dem eben beendigten Mittagsmahl mit banger
Bekmmernis an, als einer der Handlungsdiener nach Hause kam und
erzhlte, da bereits mehrere Brger verwundet worden und Kugeln und
Bomben in verschiedenen Husern niedergefallen seien. -- Gott bewahre
uns vor einem solchen Unglck! rief meine Mutter aus, die mich auf ihre
Knie genommen hatte. Kaum hatte sie das Wort ausgesprochen, als ein
furchtbarer Schlag ganz in unserer Nhe fiel, dem ein lngeres
Geprassel, wie von herabfallenden Schiefersteinen veranlat, folgte. In
demselben Augenblick strzte das Gesinde leichenbla in das Speisezimmer
mit dem Ausruf: Es hat bei uns eingeschlagen! Meine arme Mutter war
einer Ohnmacht nahe, und ich lag auf dem Boden. Schnell war das Zimmer
mit allen Hausbewohnern angefllt, die verzweiflungsvoll untereinander
schrieen, und jeder schien Rat und Hilfe von dem andern zu erwarten, sie
fragten sich untereinander, was zu tun sei, aber keiner war imstande,
ein vernnftiges Wort hervorzubringen, alle hatten den Kopf verloren.
Einige wollten, da man in die Kellergewlbe, andere, da man auf die
Strae flchten solle, und Frauen und Mgde weinten. Mein Vater, der
hinausgegangen war, um nachzusehen, was eigentlich geschehen, kam nach
einigen Minuten mit den trstenden Worten zurck: Beruhigt euch,
Kinder, ein Stck Bombe hat nur das Dach unsers Regenfasses im Hof
eingeschlagen, der Schaden ist nicht gro. Nachdem man sich berzeugt
hatte, da es wirklich so war, erholte man sich nach und nach von dem
Schreck, und da das Schieen immer schwcher wurde und bald ganz
aufhrte, so beruhigte man sich vllig, und das ganze endigte damit, da
man sich gegenseitig foppte, jeder dem andern den grten Teil der
gehabten Furcht in die Schuhe schob und sogar Gebrde und Mienen
vormachte, die er in dem Schreckensmoment gezeigt haben sollte.

In der Stadt waren indessen ganz andere und sehr ernsthafte Szenen
vorgefallen. Die wenigen Franzosen hatten sich auf den Wllen sehr
tapfer unter bestndigem Feuern verteidigt. Aber die beiden Geschtze,
welche der General Helden auf die Wlle beordert hatte, wurden von
zusammengelaufenem Pbel und Handwerksburschen, die dazu von mehreren
Bewohnern angereizt worden, angefallen, und da ihre Bedeckung sehr
schwach war, so bemchtigten sich die Volkshaufen derselben, schlugen
die Rder und Lafetten entzwei, hieben die Strnge der Pferde ab und
drohten, den Kommandanten, dem wirklich durch den Hut geschossen wurde,
zu ermorden. Das Volk ffnete nun die Stadttore mit Gewalt, die Riegel
mit Beilen und xten sprengend, whrend sich die Franzosen auf den
Wllen, von diesen Vorgngen nichts ahnend, noch immer tapfer
verteidigten. Preuen und Hessen strzten zu dem geffneten Friedberger
Tor herein, machten ohne Pardon zu geben nieder, was ihnen von Franzosen
begegnete, die jedoch, namentlich auch die Nationalgarden, ihr Leben
teuer verkauften, auch oft keinen Pardon begehrten. Die Truppen der
Verbndeten waren wegen des heftigen Widerstands, den man ihnen
geleistet hatte, hchst erbittert. Zweihundert Hessen bedeckten mit
ihren Leichen das Schlachtfeld vor den Toren, ber siebenhundert
Franzosen gerieten samt dem General von Helden in Gefangenschaft. Die
Krper der niedergesbelten Franzosen, die in den Straen lagen, waren
zum Teil schrecklich verstmmelt, einigen war der ganze Hinterkopf
abgehauen, anderen war der Schdel gespalten und so weiter. Alle wurden
schnell und ganz in der Stille beerdigt, nur ein kleiner Teil der
Garnison war entkommen und hatte sich nach Hchst flchten knnen. Auch
einem Brgerssohn hatte seine Neugierde das Leben gekostet.

Der Knig von Preuen, Friedrich Wilhelm II., gewhnlich der dicke
Wilhelm genannt, hielt nun mit dem Herzog von Braunschweig an der Spitze
seiner Generalitt und der Truppen seinen Einzug und wurde von den
Frankfurter Brgern, die sich jetzt befreit glaubten, mit groem
Vivatgeschrei freudig jubelnd empfangen. Fortwhrend blieb die Menge vor
dem Roten Haus, damals der erste Gasthof der Stadt, in welchem der Knig
abgestiegen war, versammelt, dem gndigen Knig unaufhrlich ein
Lebehoch bringend, so oft derselbe geruhte, sich dem guten Volk auf dem
Balkon zu zeigen. An selbigem Tage hatte eine halbe Stunde von
Frankfurt, zwischen den Flecken Bockenheim und Rdelheim, ein scharfes
Gefecht mit einer Abteilung von Cstines Truppen stattgefunden, bei dem
der preuische General von Eben verwundet wurde.

Der Knig von Preuen besuchte noch den nmlichen Abend das Theater, wo
er abermals mit groem Enthusiasmus empfangen wurde. Frankfurt erhielt
nun eine preuische und hessische Besatzung zur Einquartierung, unter
der sich besonders die preuischen Garden auszeichneten.

Nachdem jedoch der erste Sieges- und Freudenrausch verschwunden war und
die berlegung nach und nach zurckkehrte, fing man doch zu frchten an,
da die Geschichte wohl noch schlimme Folgen fr die gute Stadt
Frankfurt und ganz besonders fr die sich noch zu Paris befindliche
Deputation derselben haben knne. Was man im ersten Augenblick als eine
Heldentat sondergleichen, die man denen eines Horatius Cocles und Mutius
Scvola zur Seite setzte, angesehen, nmlich das Zertrmmern der
Kanonenlafetten und das Zerschlagen der Torschlsser, wollte bald
niemand mehr getan oder nichts davon gewut haben, und mit Grauen und
Schaudern dachte man an die Folgen bei einer mglichen Wiederkehr der
Franzosen. Dem Freudentaumel folgte schnell eine dstere Stimmung und
Grabesstille, und die Besorgnis der ngstlichen Gemter wurde noch um
vieles vermehrt, als man wenige Tage darauf in der >Mainzer
Nationalzeitung< vom sechsten Dezember einen Bericht las, der die
berschrift fhrte: >Frankfurter Adventsfeier, ein Gegenstck zur
Bartholomusnacht und zu der sizilianischen Vesper< und dessen Verfasser
ein Adjutant Cstines, Daniel Stamm, war. In demselben wurde unter
anderm gesagt:

>Der zweite Dezember, als der erste Adventssonntag, wurde zum Mordtag
ausersehen. Frankfurter! diesen Tag werdet ihr trotz euren feilen
Zeitungen nicht aus den Jahrbchern eurer Geschichte lschen! Buben
werden euch auf den Straen anspeien, der Name Frankfurt wird der
Nachwelt ein Abscheu sein, der Franke ist verabscheuungswert, der euch
ansehen kann, ohne euch zu wrgen! Euch und euern Namen zu vertilgen,
sei der Schwur, den jeder freie Mann auf dem Vaterlandsaltar ablegen
wird! Ich tue ihn freiwillig, und ich werde ihn halten.<

Doktor Bhmer in Mainz schrieb in dieselbe Zeitung: >Pltzlich wurden
sie (die Franzosen) von einem mit Mordgewehren aller Art versehenen
Haufen von Frankfurter Banditen berfallen, mit einer Wut, deren nur ein
Frankfurter Reichsstdter fhig sein kann, gemihandelt und in solcher
Anzahl gettet, da von zwei Bataillonen der grte Teil ein Opfer
dieser Henkersknechte wurde. Die franzsischen Krieger setzten sich
mutig zur Gegenwehr, waren aber zu schwach, um acht- bis zehntausend
bewaffneten Bsewichtern Widerstand leisten zu knnen. Kaum hrte dies
der General Cstine, als er morgens gegen elf Uhr mit einem groen Teil
seines Heeres und einer Menge von Belagerungsgeschtz vor die Stadt
rckte. Er hat erklrt, da er entweder selbst vor ihren Mauern sterben,
oder die Stadt in Staub und Asche verwandeln wolle.<

Die allgemeine Administration zu Mainz, um die Wut der franzsischen
Armee noch zu steigern, befahl, da fr die zu Frankfurt gemordeten
Franzosen ein groes feierliches Totenamt gehalten werden solle.

Man kann sich denken, welche Angst bei dem Lesen solcher Zeitungsartikel
-- die Mainzer hatten dafr gesorgt, da diese sogleich gehrig in
Frankfurt verbreitet wurden -- sich der armen Kaufmannsseelen daselbst
bemchtigte, die eigentlich an dem Vorgefallenen sehr unschuldig waren,
das auerdem ebenso entstellt wie bertrieben wurde. In allen Familien
war jede Lebenslust wie weggeblasen, und diejenigen, deren Angehrige
bei der fatalen Mission zu Paris waren, gaben sich der Verzweiflung hin.
Ein reicher Kaufmann, der uns denselben Abend, als die Preuen in die
Stadt eingerckt waren, einen Besuch gemacht und sich dabei gerhmt
hatte, aus seinem Haus habe man auf seinen Befehl siedendes Wasser auf
fliehende Franzosen gegossen und >die Kerls gehrig gebrhet<, wobei er
und seine Frau ttig gewesen seien, kam einem Gespenst gleich ein paar
Tage darauf zu meinen Eltern, um sie zu fragen, ob sie seine Fabel
weiter erzhlt htten, er habe dies alles nur im Scherz gesagt, es sei
nur ein dummer Spa von ihm gewesen, er selbst knne nicht begreifen,
wie er zu einem so elenden Geschwtz gekommen sei, seine alberne Gans
von einer Frau sei an dem ganzen Eselsstreich schuld. Mein Vater suchte
den reichen armen Teufel mglichst zu beruhigen, er hatte jedoch noch
lange an seinem Angstfieber zu laborieren.

Magistrat und Brgerschaft wetteiferten nun, diese grlichen
Beschuldigungen von sich zu weisen und sie fr abscheuliche
Verleumdungen zu erklren, was sie denn zum grten Teil auch waren.
Eine Unwahrheit war es, da ein frmliches Mordkomplott stattgefunden
habe, und eine groe Lge, da man zehntausend Mordmesser zu diesem
Zweck habe verfertigen lassen, von denen Cstine sogar eines an den
Konvent nach Paris sandte.

Um diesen furchtbaren Anklagen zu begegnen, machte der Magistrat
von Frankfurt bekannt, da derjenige eine Belohnung von
vierundzwanzigtausend Livres erhalten solle, der beweisen knne, da ein
Mordkomplott in Frankfurt stattgefunden und die Brger Franzosen mit
Mordgewehren oder Messern gettet htten. Aber niemand konnte
dergleichen dartun; das Wahre an der Sache war, da mehrere wohlhabende
Brger, der Hingebung des Augenblicks folgend, verschiedene Individuen
aus den niedern Stnden zur Zertrmmerung der Kanonen und zum Erffnen
der Tore aufgemuntert hatten, sowie, da aus einzelnen Husern siedendes
Wasser auf die Fliehenden gegossen worden war. Aber auch schon das war
hinreichend, um unter solchen Verhltnissen und in einem solchen Krieg
den Ruin und die Zerstrung einer Stadt herbeizufhren, und dies, fhlte
man wohl, wre auch das unvermeidliche Schicksal Frankfurts gewesen,
wenn der Feind damals schnell zurckgekehrt wre. Aller Enthusiasmus fr
die Sieger war indessen nach ein paarmal vierundzwanzig Stunden
verschwunden, und man hrte keine Vivats mehr.

Zu Paris hatten sich diese Vorflle, greulich ausgemalt und durch
grliche Zustze vermehrt, schon verbreitet, noch ehe ein offizieller
Bericht daselbst angekommen war. Als Cstines Berichte eintrafen,
beschlo der vollziehende Staatsrat vorerst, die Frankfurter Deputierten
in ihren Wohnungen in strengem Verhaft zu halten und auf das schrfste
bewachen zu lassen. Diese sahen sich nun mit einem Mal von all ihren
dortigen Bekannten verlassen und befanden sich in der Tat in einer
schrecklichen Lage, und dies zu einer Zeit, wo man in Paris
Menschenkpfe gleich Mohnkpfen abschlug. Unter ihren Fenstern verkaufte
man Extrabltter unter dem Ruf: >Getreue Erzhlung, wie durch die
Frankfurter Banditen tausend Franzosen ermordet wurden, Frankfurter
Mordgeschichten< und so weiter. Keine franzsische Zeitung wollte etwas
zur Verteidigung der armen Deputierten aufnehmen, welche jeden
Augenblick frchteten, zur Guillotine geschleppt zu werden. Unter den
vielen Mitteln, die man anwendete, jene gehssigen Anklagen zu
widerlegen und als nichtig darzustellen, wurde eines ergriffen, das
guten Erfolg hatte: man lie nmlich die franzsischen Gefangenen,
Offiziere und Gemeine der Nationalgarde und Linientruppen, Erklrungen
und Briefe schreiben, in welchen sie die treffliche Behandlung, welche
ihnen von der Frankfurter Brgerschaft und dem Magistrat zuteil wurde,
hochrhmten und auf das dankbarste anpriesen. Sie bekrftigten in
denselben, da sich der Magistrat alle mgliche Mhe gegeben habe, dem
Auflauf des Pbels zu steuern, und da Brger selbst vor den
eindringenden Hessen Pardon fr mehrere ihrer Landsleute erwirkt htten.
Man schob berhaupt die ganze Schuld auf fremde Handwerksburschen, diese
armen Teufel muten jetzt alles auf ihre Schultern nehmen. Dies
vermochte indessen nicht, die in Paris gefangenen Frankfurter
Deputierten, unter denen auch einer vom Senat war, aus ihrer
hochnotpeinlichen Lage zu befreien, was fr den Augenblick das
Wichtigste war, da sie in augenscheinlicher Lebensgefahr schwebten, denn
man spielte ja in Frankreichs Hauptstadt um Kpfe wie um Dreier, und die
Familien der Abgeordneten waren in unaufhrlicher Hllenangst, sahen in
banger Verzweiflung jeden Tag der ankommenden Post entgegen,
schreckliche Nachricht befrchtend, und gingen dem hochedlen Magistrat
Tag und Nacht zu Leibe, damit er die baldigste Befreiung ihrer
Angehrigen bewirken mge. Dies war eben keine leichte Aufgabe. Mein
Grovater Weller hatte den Herren des Rats den Rat gegeben, man msse
schleunigst suchen, jemand ohne allen offiziellen Charakter ganz
insgeheim und mit hinlnglichen Mitteln versehen nach Paris zu schicken,
um das Terrain daselbst zu rekognoszieren, die Deputierten gehrig von
allem zu unterrichten und von dem fatalen Vorfall und der Sachlage in
Kenntnis zu setzen, sodann aber deren Befreiung um jeden Preis zu
erwirken suchen. So einleuchtend es auch war, da sich nur einzig von
diesem Mittel einiger Erfolg erwarten lie, so waren doch mehrere
Hohlkpfe des hochgelahrten und wohlfrsichtigen Magistrats und selbst
einer der wohlregierenden Brgermeister dagegen und meinten, man msse
sich nicht in neue Fatalitten verwickeln, sondern, da es doch einmal
nicht anders sei, der Sache ihren Lauf lassen, das heit, die armen
Teufel zu Paris ihrem Schicksal berlassen. Glcklicherweise war der
bessere Teil der Herren anderer Meinung und drang, jedoch nicht ohne
einige derbe Kraftuerungen und sogar Drohungen ausgestoen zu haben,
durch. So weit war man nun gekommen, aber wen absenden? Von den
hochweisen Herren des Magistrats wollte sich keiner zu dieser Mission
verstehen, sie liebten alle zu sehr, was unter ihren Percken und
Haarbeuteln vegetierte, es mochte auch noch so unntzes Unkraut sein.
Alle hatten ihre triftigen Entschuldigungsgrnde, die brigens auch wohl
vollgltig sein mochten. Die einen schtzten ihr respektables Alter,
fast alle ihre Unkenntnis der franzsischen Sprache vor, was bei den
meisten auch der Wahrheit gem war, denn nur wenige der gebildeteren
Klasse der Einwohner Frankfurts sprachen damals auer ihrer
Muttersprache, dem abscheulichen Frankfurter-Deutsch, noch eine andere;
hchstens warfen einige hochgelahrte Herren mit ein paar Brocken
Kchenlatein um sich, mit dem freilich in Paris nichts anzufangen war.
Mein Grovater, der die Verlegenheit, in der sich die guten Vter des
Vaterlands befanden, sowie die traurige Lage, in der es sich selbst
befand, erwog und sich zu Herzen nahm, sprach zu ihnen: Ich bin zwar zu
alt, krnklich und schwach -- er hatte noch nicht lange einen
Schlaganfall gehabt -- um die Reise nach Paris unternehmen zu knnen,
sonst wrde ich mich der Sache gern unterziehen, aber mein Sohn Fritz,
das ist ein gewandter Bursche, spricht gelufig franzsisch, wei sich
zu drehen und zu wenden, der soll es wagen, nach dem Teufelsnest zu
reisen, unsern armen Landsleuten Trost und wo mglich Rettung zu
bringen.

Mein Oheim Fritz zhlte kaum einige zwanzig Jahre, bei jeder anderen
Gelegenheit wrden die hochweisen Herren (sie waren damals alle
gepudert, und die meisten trugen Percken) einen solchen Antrag unwirsch
zurckgewiesen haben, aber hier galt es, seine Haut zu Markte zu tragen,
und auch die Vorlautesten waren muschenstill. Nur einer unter ihnen,
ein Schffe, Wallacher, uerte: Da man doch niemand habe, der fhiger
sei, so msse man das Anerbieten des jungen Wellers wohl annehmen.

Die Sache wurde nun noch in geheimer Sitzung verhandelt und beschlossen,
da mein Oheim ganz insgeheim nach Paris reisen solle. Auf sein
Verlangen wurde ihm ein Pa von der Isenburger Regierung, um nicht als
Frankfurter bezeichnet zu sein, in der Eigenschaft eines spekulierenden
Buchhndlers ausgestellt, der sich in Privatgeschften nach Paris
begebe.

Als alles in gehriger Ordnung und mein Oheim mit Geld, Wechseln und
Empfehlungen reichlich versehen war, denn Gold durfte nicht gespart
werden, wollte man die Kerkertren sprengen, -- reiste er ganz in der
Stille ab, kam glcklich ber die Grenze und ohne besondere Zuflle in
der strmischen Hauptstadt Frankreichs an, wo er vorgab, gekommen zu
sein, um die merkwrdigsten Szenen der franzsischen Revolution an Ort
und Stelle zeichnen lassen, die dann spter in Kupfer fr ein deutsches
Werk gestochen werden sollten, das die Heldentaten dieser Revolution dem
deutschen Volk recht anschaulich machen und dasselbe zur Nacheiferung
aufmuntern werde. Dies war freilich nicht der Wille des Magistrats
gewesen, aber mein Oheim fand es der Klugheit gem, so zu handeln, um
jeden Argwohn zu entfernen. Indessen traf er auf manche groe, nicht
vorhergesehene Schwierigkeiten, doch bahnten ihm seine Empfehlungen,
eigene Geschicklichkeit und vor allem der mitgebrachte goldene Talisman
den Weg. Einmal lief er jedoch Gefahr, fr einen Spion gehalten, als
solcher verhaftet und folglich um einen Kopf krzer gemacht zu werden,
aber durch seine Geistesgegenwart wute er sich im kritischsten
Augenblicke aus der fatalen Lage zu ziehen. Er unterhielt sich nmlich
eines Abends mit einem andern Deutschen in seiner Muttersprache ber die
neuesten Vorflle der Revolution, wobei sie auch mehrmals die Worte:
Monsieur und Graf Artois hatten fallen lassen. Ein Jakobiner aus dem
Elsa, der hinter ihnen drein gegangen war und einen Teil dieser
Unterredung gehrt hatte, schrie pltzlich: _Voila des espions
autrichiens, qu'on les arrte._ Mein Oheim dreht sich um und sieht, wie
der Kerl auf ihn losspringt, um ihn zu packen, er gibt ihm jedoch einen
gewaltigen Faustschlag auf die Brust, der Jakobiner prallt ein paar
Schritte zurck, stolpert, strzt, und mein Oheim wirft ihm jetzt
schnell seinen Mantel ber das Gesicht, aus allen Krften _au voleur!_
schreiend. In einem Augenblick waren eine Menge Menschen um den
Gefallenen versammelt, unter die sich der junge Weller sogleich mit
seinem Begleiter mischte, sich gleich den anderen erkundigend, was da
vorgehe, und dann, den Mantel im Stiche lassend, unbemerkt wegeilte,
sich glcklich preisend, mit dem Verlust dieses Kleidungsstckes davon
zu kommen. Aus einiger Entfernung durch die Schatten der Nacht
begnstigt, sah er, wie der arme Teufel von Jakobiner, den die Menge
festhielt, ihn wirklich fr einen Dieb haltend, groe Mhe hatte, sich
zu rechtfertigen und den Leuten den wahren Hergang der Sache begreiflich
zu machen, worauf sich alle nach dem vermeintlichen Aristokraten
umsahen, den sie jedoch nicht mehr entdecken konnten.

Ein paar Tage nach seiner Ankunft zu Paris war es meinem Oheim gelungen,
sich mit den gefangenen Deputierten, die einen rettenden Gott in ihm
sahen, heimlich in Verbindung zu setzen. Man beriet sich
gemeinschaftlich ber die Art und Weise, wie ihre Befreiung zu bewirken
sei, und nachdem der junge Mann das Terrain hinlnglich sondiert, gelang
es ihm, einige einflureiche Mitglieder des Konvents fr sich zu
gewinnen, das heit, zu bestechen, indem er hier und da, wo es ntig
war, mit aller Vorsicht seine goldenen Minen springen lie, andere
gewann er durch eine der Wahrheit geme einfache und einleuchtende
Darstellung der Sache. Bei dieser Gelegenheit kam er auch mit Danton,
Robespierre Camille Desmoulin, Vergniaud, Brissot und anderen berhmten
Konventsmitgliedern in nhere Berhrung. Das Unternehmen gelang ber
alle Erwartung, der Konvent verfgte die Freilassung der Verhafteten,
und diese kamen gegen Ende Januar siebzehnhundertdreiundneunzig wieder
glcklich und wohlbehalten mit ihren, sich jetzt wieder auer Gefahr
befindenden Kpfen in Frankfurt an, whrend Ludwig XVI. unter der Zeit
den seinigen durch das Beil des Henkers verlor. Die Geretteten konnten
nicht genug rhmen, was der junge Weller fr sie getan, und sie und
deren Familien, unter denen auch die G...sche war, gaben ihm bei jeder
Gelegenheit Beweise ihrer Erkenntlichkeit. Nachdem der schwierige
Auftrag so glcklich vollzogen, hrte man von mehr als einer Seite, wenn
des jungen Wellers lobend erwhnt wurde von manchen superklugen,
hochweisen Lippen die Worte fallen:

Mit solchen Mitteln versehen, gehrte eben keine groe Kunst dazu!

Mein Oheim hatte seinen Freunden und Verwandten mehrere hbsche
Geschenke von Paris mitgebracht, darunter ein kostbares
Porzellanservice, das der unglcklichen Maria Antoinette gehrt und das
er verstohlen um einen hohen Preis erstanden hatte.

Die Frankfurter Vorflle hatten fr niemand ersprielichere Erfolge als
fr die franzsischen Gefangenen, die von jetzt an, so oft deren nach
Frankfurt kamen, von der Stadt und ihren Bewohnern reichlich beschenkt
und trefflich verkstigt wurden, was denn jedesmal in den Zeitungen
gehrig ausposaunt ward, da man im Geiste schon wieder die franzsischen
Heere und ihre erzrnten Krieger racheschnaubend vor den Stadttoren sah.

Die Nachricht von der Hinrichtung des unglcklichen Knigs von
Frankreich hatte einen hchst peinlichen Eindruck in Frankfurt sowie in
ganz Deutschland gemacht, man wollte lange nicht an die Mglichkeit
dieser Greueltat glauben und hatte Mhe, sich von der Wahrheit dieser
Tatsache zu berreden, die man sich nur mit dem Ausdruck des Schmerzes
und des Kummers mitteilte. Diese Begebenheit wandelte mehr als einen
Demokraten zum Aristokraten um, sowie berhaupt der Gang und die
Richtung, welche die Dinge in Frankreich nahmen, viele frhere Freunde
der franzsischen Revolution zu deren erbitterten Feinden umschuf; von
dem Glck einer Freiheit, die nur Mord, Raub, Brand, die blutigsten
Greuel und scheulichsten Wrger hervorrief, konnte sich kein Mensch,
der noch einen Funken gesunde Vernunft besa, einen Begriff machen,
dennoch behielt sie auch in Frankfurt manche Anhnger, und sogar in
unserer Familie.




                                   V.

   Aufenthalt des Knigs von Preuen und seiner Garde in Frankfurt. --
   Spielwut der Offiziere. -- Ein Jude mu einen Wechsel fressen. --
        Eine Entfhrung. -- Errichtung einer stehenden Bhne in
       Frankfurt. -- Die erste Vorstellung der Zauberflte erregt
        ungeheures Aufsehen. -- Abermalige Belagerung Frankfurts
     (1796). -- Die Stadt wird mit glhenden Kugeln beschossen. --
      Niederbrennen der Hlfte des Judenquartiers. -- Frankfurter
    Zustnde jener Zeit. -- Meine schne Cousine. -- Eine Scheidung.
      -- Eine Hochzeitsreise mit Unannehmlichkeiten in Stuttgart.


Die fortdauernde Gegenwart des Knigs von Preuen, der den ganzen Winter
in Frankfurt zubrachte, und seiner Garde machte doch, da die Furcht der
ngstlichen Gemter der guten Reichsstdter vor den Franzosen und ihren
Drohungen sich allmhlich verlor, wozu das joviale Leben und galante
Benehmen der Preuen nicht wenig beitrug, und bald machten die
Besorgnisse dem Vergngen Platz. Den gefallenen Hessen wurde auf Befehl
Friedrich Wilhelms II. ein Denkmal vor dem Friedberger Tor errichtet, zu
dem sein Hofbaumeister Langhans das Modell lieferte, und welches trotz
der, als alles zerstrende Vandalen verrufenen, Franzosen, die es im
Laufe der Revolutionskriege unversehrt lieen und achteten, noch jetzt
steht.

Seine preuische Majestt gefiel sich sehr in Frankfurt und war den
Einwohnern ein beraus liebreicher Herr, besonders den Damen, von denen
ihn manche nur unsern lieben, dicken Wilhelm nannte, denn der Knig
verschwendete viel, sehr viel Geld, war uerst freigebig und machte
allen denen, die sich seiner Aufmerksamkeit und seiner Huld zu erfreuen
hatten, reiche Geschenke. Diesem Beispiel folgten auch seine
Untergebenen, namentlich zeichnete sich das Offizierkorps der Garden,
das seinem Herrn keine Schande machen wollte, durch Gromut,
Freigebigkeit und galantes Benehmen aus. So kamen abermals groe Summen
zur Bereicherung der Einwohner Frankfurts in Umlauf. Besonders aber
waren die Herren gewaltige Spielratzen, und in den greren Gasthfen
wurden die Hazardspiele, namentlich Pharao, welches die Offiziere,
meistens vermgende Edelleute, leidenschaftlich liebten, auf eine
furchtbare Hhe getrieben. Diese Leidenschaft der preuischen Marsshne
wuten mehrere Spieler von Profession trefflich auszubeuten, unter ihnen
waren namentlich ein verabschiedeter hessischer Oberst von Willich, der
in Bockenheim wohnte, ein gewisser Kohl, ein Frankfurter Bckerssohn,
der eine sehr hbsche Frau hatte, die bei verschiedenen Spielen
pointierte, ein anderer Gauner namens Gimpel und so weiter, die sich
alle in kurzer Zeit ein groes Vermgen erspielten, von denen jedoch die
meisten spter wieder in bittere Armut gerieten, ja wohl in Spitlern
Unterkunft suchen muten. Diese Spielsucht der preuischen Offiziere kam
nebst den sauberen Bankhaltern keinem mehr zu statten als den
Frankfurter Juden, welche den Herren oft und gerne aus augenblicklichen
Geldverlegenheiten halfen und dafr so geners belohnt wurden, da sie
nicht selten Hundert vom Hundert in wenig Wochen erhielten. Ein
komischer Vorfall, der sich damals mit einem der berchtigtsten
Gurgelschneider in Frankfurt zutrug, durch ein solches Darlehen
hervorgerufen wurde und die ganze Stadt auerordentlich belustigte,
verdient, da ich ihn hier mitteile, um so mehr, da die Sache in dem
Hause meines Grovaters vorging. Derselbe hatte nmlich einen Major und
einen Leutnant von der Garde im Quartier. Beide waren sehr artige, feine
Leute, die man im Hause gerne sah; der Leutnant aber, ein Herr Baron von
D..., war ein Wstling, der selten zu Tische kam, oft ganze Nchte
wegblieb, die er grtenteils am Pharaotisch des Herrn von Willich
zubrachte. So bedeutende Summen und Wechsel der junge Mann auch jeden
Monat von Haus erhielt, er war der Sohn eines sehr reichen pommerschen
Edelmannes, so waren seine Taschen doch in der Regel leer, und mit
grerer Sehnsucht als er selbst warteten die Frankfurter Juden auf
seine Berliner Wechsel, die selten ausreichten, die gemachten Darlehen
zu decken; da er auch nicht sehr pnktlich im Bezahlen war, so wurden
die Kinder Israels hinsichtlich seiner etwas schwieriger, und er mute
ihnen noch hhere Zinsen bezahlen. Ein gewisser Samuel Rapp war damals
als einer der Hauptnothelfer des kniglich preuischen Offizierkorps
bekannt, an diesen wandte sich nun unser Leutnant, als er einmal wieder
ganz im Trockenen sa, und lie den Juden durch seinen Burschen rufen.
Rapp kam, stellte sich jedoch uerst schwierig, willigte aber endlich
ein, fnfzig Friedrichsdor auf vier Wochen vorzuschieen, jedoch unter
der Bedingung, da ihm der Offizier hundert verschreibe und einen
Wechsel ausstelle, in welchem Herr von D... sich durch sein Ehrenwort
verpflichtete, die hundert dargeliehenen Friedrichsdor an dem bestimmten
Tage zurckzuzahlen, da, wie bekannt, gegen das Militr kein
Wechselrecht gltig und ebensowenig eine Zivilklage angebracht werden
konnte. D... ging die Bedingung ein und erhielt die fnfzig
Friedrichsdor bar; der Jude hatte ihm zwar fr einen Teil des Geldes
mancherlei Ware, unter anderm auch eine Partie Katzenfelle zu einem
hohen Preis aufschmusen wollen, worauf sich der Offizier aber nicht
einlie, indem er sagte: Die hlt mir kein Bankier. Die Verfallzeit
des ausgestellten Wechsels rckte heran, und der Leutnant hatte kein
Geld; er hatte zwar whrend der Zeit wieder einen Wechsel von Haus
erhalten, aber die Coeur-, Treff- und andere Damen sowie Buben und so
weiter hatten es lngst verschlungen, auch hatte er ein paar andere
Juden, die ihm frher geliehen und ihn geqult, bezahlt. Als nun der
unglckliche Zahlungstermin herangekommen war, erschien Samuel schon in
aller Frhe und prsentierte seinen Wechsel zum Einkassieren auf des
Leutnants Stube, der jedoch zur Antwort gab:

Schmul, ich kann Euch nicht helfen, Ihr mt mir Frist geben, meine
Wechsel sind ausgeblieben.

Gottswunder, Herr Barohn, was tu ich domit, ich brach mei Geld, ich
kann net warte, ich hab' druf gerchent, ich mu doch ach heind zahle.

Seid vernnftig, ich habe viel Unglck gehabt und gestern nach Haus
geschrieben, in sptestens acht Tagen erhalte ich neue Wechsel.

Ich kann net, Herr Barohn, ich kann net warte, ich mu mei Geld hawe,
ich mu es heind hawe, ich mu es gleich hawe, ich mu ach bezahle.

Wenn ich nun aber keines habe, ich kann doch keines aus der Erde
stampfen oder Dukaten aus dem Aermel schtteln, gedulde dich nur acht
Tage.

Nah, ich kann net, kah acht Stunne, kah acht Minute, ich mu mei Geld
hawe, 's is heind der Zahltag, un ich mu ach zahle.

Hre, Jude, wie viel mu ich dir zahlen, wenn du noch acht Tage Frist
gibst?

Nix, gar nix, denn ich kann kahn Frist gewe, und ich kann ach net
warte.

So scher dich zum Teufel, denn ich habe nun einmal kein Geld.

So, Herr Barohn, de sin mer saubere Massematte, ich hab doch Ihrn
Wechsel mit Ihrm Ehrewort drinn; wenn Se mich net bezahle, so mach ich's
bekannt.

Jude!

Nu, Herr Barohn, ich kann mer doch net anners helfe, und wann Se mich
net zahle, so weis' ich de Wechsel vor uff der Parad, und dann sin Se de
Katze, weil Se kah Ehrewort hawe gehalte, de w ich recht gut.

Jude, dich soll ja der Teufel, warte ...

Der Leutnant ging an die Stubentr und schlo dieselbe ab.

Nau, Gottswunder, Herr Barohn, was soll mer de? Mache Se kahn Stu,
was wolln Se mache?

Das wirst du sogleich sehen.

Der Leutnant nahm nun eine ungeladene Pistole, auf der ein hlzerner
Stein war, von der Wand herab, stellte sich vor den zitternden Juden
hin, spannte den Hahn und sagte mit donnernder Stimme:

Jude, jetzt fri den Wechsel, oder du bist des Todes.

Auweih geschrie, Herr Barohn, was soll mer de, was mache Se vor n
dumme Stu.

Fri, sage ich, oder ...

Der Leutnant hlt ihm die Mndung gegen den Mund.

Aweih, aweih, wie kann ich fresse,  Wechsel is doch ka Matzes. Aweih
geschrie, Herr Barohn, ich kreisch.

Wenn du noch einen Laut von dir gibst, Jude, so drcke ich ab. Fri,
sag ich, oder ich schie.

Der Jude, todesbleich und schlotternd, wrgte nun den Wechsel nicht ohne
groe Mhe hinab, whrend der Offizier mit der drohenden Waffe vor ihm
stand.

So, sagte er, nachdem der Jude zum letztenmal geschlungen hatte,
jetzt sperre das Maul auf, damit ich auch sehe, ob dir nichts in den
Zhnen stecken geblieben ist.

Herr Barohn, Se wern mer doch net enei schiee wolle, ich haw en
warrlich gefresse.

Sei ohne Furcht und sperre das Maul auf, sag ich.

Der Jude sperrte nun das Maul weit auf.

Gut, nun kannst du gehen, aber das la dir gesagt sein, wenn du nur
eine Silbe von der ganzen Begebenheit gegen jemand erwhnst, so bist du
des Todes, denn ich schiee dich nieder, wo ich dich finde. brigens
kannst du, wenn du schweigst, in acht Tagen dein Geld bei mir abholen,
es ist jetzt eine Ehrensache fr mich, dich zu bezahlen.

Herr Barohn, is de wahr, dann will ich so stumm sein a  Fisch.

Du kannst darauf zhlen.

Der Offizier legte nun die Pistole hin, schlo die Tr auf, und der Jude
huschte, einen schweren Seufzer lassend, zur Stube hinaus.

Acht Tage darauf lie der Leutnant den Rapp wieder holen und zahlte ihm
hundert Friedrichsdor in Gold hin und noch obendrein einen doppelten
mehr, indem er sagte:

Hier, das nimm fr die ausgestandene Angst und weil du reinen Mund
gehalten, gestern erhielt ich meine Wechsel.

Gottswunder, Herr Barohn, Se sin doch  wohrer Ehrenmann, wie's kahn
mehr in ganz Frankfort, in der ganze Welt mehr gibt, wann Se widder was
brauche, Se drfe nor befehle, ich mach mer  Vergnge draus, Ihne zu
diene ...

Schon gut, wir werden sehen.

Aber ahns mach ich zur Bedingung.

Und das wre?

Wann Se mer widder  Verschreibung mache, schreiwe Se's uff n
Nernberger Lebkuche oder uff n Matzen, wann ich's dann widder fresse
mu, so haw ich doch net so schwer daran zu verdaue. Der anner Wechsel
is noch net recht verdaut un hat mer vierunzwanzig Stund schrecklich zu
schaffe gemacht.

Die Anwesenheit der Preuen und ihres Knigs hatte auch viel zum Glanz
des wenige Monate frher auf Aktien gegrndeten Frankfurter Theaters,
welches sich, Gott wei mit welchem Recht, den hochtrabenden Titel
>Nationaltheater< beigelegt hatte, beigetragen. Was an demselben
national war, konnte niemand ausfindig machen. Sechzig wohlhabende
Brger, fast lauter Kaufleute, hatten jeder fnfhundertfnfzig
Gulden, also eine Totalsumme von dreiunddreiigtausend Gulden
zusammengeschossen, um das Unternehmen zustande zu bringen; sie
erhielten Aktien fr ihren Einschu. Ein Advokat nannte dies >eine
wahrhaft nationale Handlung<, und so meinten die anderen Herren, diesem
Institut den Titel eines Nationaltheaters erteilen zu mssen, was
manchen Stoff zum Lachen und zur Satire gab. Erst im Jahre
siebzehnhundertzweiundachtzig hatte man ein Schauspielhaus in Frankfurt
erbaut, das zwei Jahre nach seiner Erbauung beinahe ein Raub der Flammen
geworden wre, da das im Kontor des Direktors mitten in der Nacht
ausgekommene Feuer anfnglich niemand lschen wollte und das auf dem
Komdienplatz versammelte Volk schrie: Lat nur das Teufelshaus
brennen, wir brauchen kein Komdienhaus, das nur Unglck ber die Stadt
bringt. Baut die Barferkirche aus. Nur die dringendsten Vorstellungen
einiger vernnftiger Personen, da die ganze Stadt Gefahr laufe
niederzubrennen, wenn man nicht lsche und den Flammen Einhalt tue,
vermochten endlich die Leute, Hand an die Spritzen zu legen, und in
kurzer Zeit war man Meister des Feuers geworden, das noch wenig Schaden
angerichtet hatte.

Als der Aktienverein dieser Nationalbhne gegrndet war, verschrieb man
aus allen Ecken und Enden Deutschlands und den angrenzenden Lndern
Knstler, unter denen manche sich durch Talent und nicht gewhnliche
Darstellungsgaben auszeichneten oder doch zu groen Hoffnungen
berechtigten. Ein Schauspieler, Bchner, der jedoch seinen Namen
umgedreht und sich Rennschb nannte, ward als Regisseur bei dieser
Truppe angestellt, aber unter der Bedingung, da weder er noch seine
Gattin Rollen bei diesem Theater bernehmen drften, und zwar aus dem
hochwichtigen Grunde, weil er ein Frankfurter Brgersohn und ein Bruder
des Senators Bchner, Vaters des spter wegen seines groen Scharfsinns
und glnzenden Verstands in ganz Frankfurt und eine Meile im Umkreis so
berhmt gewordenen Stadtamtmanns Bchner war; denn ein solcher Skandal,
da der Verwandte einer Frankfurter Magistratsperson ein Komdiant
geworden, war bis jetzt in der guten Reichsstadt noch nicht erhrt
worden.

Die neue stehende Bhne wurde mit Ifflands >Alte und neue Zeit<
erffnet, letztere ist seitdem ebenfalls lngst alt geworden. Noch in
demselben Theaterjahr kam Mozarts unsterbliches Meisterwerk >Die
Zauberflte< (den sechzehnten August 1793) zur Auffhrung und machte
sowohl in Frankfurt als in der ganzen Umgegend, aus der man bis auf
zwanzig Stunden Entfernung hinzustrmte, diese Oper zu sehen, ein
ungeheures Aufsehen, was jedoch mehr der Szenerie des Stckes, als der
herrlichen Musik des groen Meisters zuzuschreiben war. Von der
Schlange, dem Erscheinen der Knigin der Nacht und ihren Nymphen, dem
Vogelmensch Papageno, den Affen, Bren, Elefanten, Sarastros Lwen und
Triumphwagen, dem Wasser und Feuer und so weiter erzhlte man sich
Wunderdinge, whrend man der trefflichsten Tonstcke kaum erwhnte.
Diejenigen, die so glcklich gewesen, Pltze oder eine Loge zu erhalten,
konnten nicht genug von den Wundern erzhlen, die sie gesehen, wohl auch
von den Papagenoliedchen, die sie gehrt und die man bald allenthalben
nachtrillerte und sang, whrend die wahrhaft himmlischen Melodien und
Harmonien, wie der Chor >Isis und Osiris<, die herrlichen Stellen der
Finale, die dem Ohr fast als berirdische Klnge aus andern Sphren
ertnen, nur von wenigen Kennern beachtet wurden. Dagegen sah man bald
alle Knaben der Reichen in Papagenokleidern und die Mdchen in
Sternenkleidchen _ la_ Knigin der Nacht auf den Promenaden erscheinen.
Nie hat seitdem wieder eine Oper eine hnliche Sensation hervorgebracht.

Der Knig von Preuen hatte schon 1795 mit der franzsischen Republik
Frieden geschlossen, gegen das Ende desselben Jahres waren die
sterreicher in vollem Rckzug, die Franzosen rckten mit Macht heran,
und im Juli 1796 erschien eine franzsische Heeresabteilung, von dem
General Kleber befehligt, vor Frankfurt und forderte den
sterreichischen Kommandanten der Stadt, einen General Wartensleben,
auf, dieselbe zu bergeben, was dieser jedoch verweigerte. Hierauf
fingen die Franzosen an, Frankfurt in der Nacht vom zwlften auf den
dreizehnten Juli bis drei Uhr nach Mitternacht zu beschieen, ohne
jedoch einen sonderlichen Schaden anzurichten, indem sie nur gewhnliche
Kugeln warfen. Da indessen die sterreicher mit groer Ostentation alle
mglichen Anstalten zu einer hartnckigen Verteidigung trafen, auch
verlauten lieen, sie wrden sich bis auf den letzten Mann halten, und
man von der anderen Seite erfuhr, da die Franzosen sich zu einer
nachdrcklichen Belagerung vorbereiteten, ja sogar mit Sturm drohten, so
trafen die gengstigten Einwohner alle mglichen Vorkehrungen zu ihrem
Schutz. Die meisten Dcher wurden mit feuchtem Stroh oder Mist belegt
und bestndig mit Wasser begossen, um die Wirkung der Kugeln und Bomben
zu schwchen, die Feuerspritzen wurden in allen Quartieren aufgefhrt;
wer konnte, versah sich noch besonders mit groen Hausspritzen, alle
Kostbarkeiten und Dinge von Wert wurden in feuerfeste Gewlbe gebracht
und so weiter. hnliche Vorkehrungen wurden im Hause meiner Eltern
getroffen, und die ganze Familie und viele Bekannte flchteten ihre
kostbarsten Habseligkeiten in ein unterirdisches, bombenfestes Gewlbe,
das sich in einem zweiten Hof in dem Hause meines Grovaters Weller
befand. Mehr denn hundert Kisten, Kasten und Koffer wurden in dasselbe
hinabgelassen. In der Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten Juli
erneuerten die Franzosen gegen elf Uhr das Bombardement, und zwar mit
gefllten Haubitzgranaten und glhenden Kugeln. Mehrere Einwohner hatten
sich noch beizeiten mit Weib und Kindern aus der Stadt geflchtet, die
meisten aber verkrochen sich in die Keller und Gewlbe. Bald ertnte nun
das schreckliche Feuerjo durch die finstern Gassen der Stadt, und ehe
eine halbe Stunde verging, brannte es schon an mehreren Orten zugleich.

Im Hause meiner Eltern hatten sich smtliche Hausbewohner auf das zu
ebener Erde befindliche Kontor meines Vaters geflchtet. Man hatte uns
Kinder aus den Betten geholt, in Decken gewickelt, und die Mgde und
meine Mutter hielten uns auf ihren zitternden Knieen. Schrecken und
Angst malten sich auf jedem Gesicht und mehrten sich bei jedem Kanonen-
oder Bombenknall, die jetzt Schlag auf Schlag folgten; der alte
Buchhalter kniete neben der zitternden Mutter meines Vaters, beide
beteten unaufhrlich. Meine Mutter war noch die beherzteste und schien
auf alles gefat. Pltzlich wurde es unserer Wohnung gegenber ganz
ungewhnlich helle, der ganze Himmel schien in Flammen zu stehen, und
bald erfuhren wir, da der ganze vordere Teil der Judengasse, der nur
durch eine Huserreihe und den kleinen Platz von unserm Haus getrennt
war, in vollem Brand stehe. Hinter den uns gegenberstehenden Husern
sahen wir die Flammensulen hoch emporwirbeln und sich bald zu einem
schrecklichen Feuermeer, einer wahren Flammenwand vereinigen. Das
Prasseln dieses Feuers, der ewige Kanonendonner, das Luten der Glocken,
das Blasen der Trmer, das Anrufen der Patrouillen, der Feuerruf durch
die hohlschallenden Sprachrohre, welche Feuer an zehn Orten verkndeten,
das Rasseln der vorberfahrenden Spritzen und Wasserwagen, dies alles
machte um Mitternacht einen so schrecklich chaotischen Tumult, da den
Brgern Hren und Sehen verging, und gar manche von ihnen unter Heulen
und Zhneklappern der Welt Untergang und das jngste Gericht erwarteten.
Gegen ein Uhr lie das Schieen jedoch nach; Kleber hatte Mitleid mit
der unglcklichen Stadt und schickte sogar drei Feuerspritzen aus den
nahen Drfern und eine Kompagnie Franzosen ohne Waffen, denen jedoch der
Eingang verweigert wurde, um lschen zu helfen.

Nicht weniger als hundertundvierzig Huser waren bereits in der
Judengasse niedergebrannt, und sonderbar genug hatte sich das Feuer
gerade an dem Haus des alten Rothschild, das unversehrt blieb, und an
der Judenschule gebrochen und sich in dieser Gegend nicht aus dem
Judenquartier verbreitet, was man hauptschlich den hohen Mauern und
Brandmauern, welche die Wohnungen der Kinder Israels umgaben, zu
verdanken hatte, und wir und unsere Nachbarn kamen mit dem bloen
Schrecken davon. Unser ganzes Haus war mit geflchteten Habseligkeiten
der Juden angefllt, unter denen auch viele von der Familie Rothschild.

Am frhen Morgen begab sich eine Deputation der Brgerschaft zum
kommandierenden General der sterreicher, diesen zu bitten, doch den
vlligen Ruin der Stadt durch eine Kapitulation zu verhten.
Wartensleben, dem nichts erwnschter als ein Vorwand zur bergabe der
Stadt war, in der er sich noch Monate lang recht gut htte halten
knnen, lie sich schnell erweichen, erhrte das Flehen der guten Leute,
kapitulierte noch denselben Morgen, und in zweimal vierundzwanzig
Stunden mute die Festung den Franzosen bergeben werden, welche der
Stadt nun eine Kontribution von acht Millionen Franken auferlegten,
wovon sechs Millionen bar und zwei Millionen in Lieferungen von Tuch und
anderen Gegenstnden binnen drei Wochen entrichtet werden muten.

Diese Zchtigung hatte man hauptschlich den Unbesonnenheiten, die sich
ein Teil der Einwohner Frankfurts frher, und namentlich bei der
Belagerung von 1792 hatte zuschulden kommen lassen, zu verdanken, denn
so viel war erwiesen, da man den belagernden Hessen und Preuen, mit
denen man im Einverstndnis gewesen, versprochen hatte, die Stadttore zu
ffnen. Man mute zufrieden sein, noch so gelinde davonzukommen, und die
Einwohner konnten um so eher diesen Verlust verschmerzen, als sie trotz
aller Kriegsunruhen und oft gerade durch den Krieg groe Summen
gewannen, und alles dankte Gott, eine so furchtbar drohende Belagerung
glcklich berstanden zu haben.

Die Juden waren bei diesem Ereignis am schlimmsten weggekommen, aber was
sie und mit ihnen die ganze Stadt augenblicklich fr ein hartes
Migeschick der Kinder Israel hielten, fiel bald zu ihrem groen Heil
aus und war der Wendepunkt zu ihrer ertrglicheren und besseren Zukunft.
Man mute ihnen nun gestatten, wenigstens den Abgebrannten, ihre
stinkende, schmutzige Gasse zu verlassen, da das Niederbrennen eines
groen Teils derselben es unmglich machte, da alle Juden in dem ihnen
bestimmten Quartier wohnen konnten, und man war gezwungen, ihnen zu
erlauben, sich einstweilen in anderen Stadtteilen ein Unterkommen zu
suchen, was ihnen jedoch nicht so leicht wurde, da sich viele Christen
weigerten, dies >unreine Geschmei<, wie man sich ausdrckte,
aufzunehmen. Auch waren mehrere Mitglieder des Senats und manche Brger,
welche durchaus wollten, da die Unglcklichen in den unversehrt
gebliebenen Husern ihrer Glaubensgenossen einquartiert werden sollten,
bis ihre eigenen Huser wieder aufgebaut seien, und sie htten diese
Abscheulichkeit vielleicht durchgesetzt, wenn nicht der franzsische
General erklrt htte, da er eine solche Unmenschlichkeit nimmermehr
zugeben wrde. Von dieser Zeit an wohnten die Juden in verschiedenen
Quartieren der Stadt, und man mute ihnen auch nach der Wiederaufbauung
ihrer Gasse, womit man sich eben nicht bereilte, durch die Finger
sehen.

Das damalige Frankfurt war ohnehin mit Ausnahme einer einzigen Strae,
der Zeil, und einiger Pltze, wie Romarkt, Rmerberg und Komdienplatz,
eine finstere und sehr kotige Stadt, in welcher man mit jedem Schritt an
die Ungereimtheiten des Mittelalters erinnert wurde. Fast alle Huser
hatten stockweise berhnge, wodurch die ohnehin schon sehr engen
Straen in eine ewige Dmmerung gehllt wurden, und Sonnenschein und
reine Luft waren fast unbekannte Dinge. Die hohen bastionierten Wlle
und Stadtmauern und die mit faulem und belriechendem Wasser angefllten
Grben, die sie umgaben, verhinderten das Eindringen der frischen Luft.
ber Brcken und Zugbrcken, durch lange, dstere, von Feuchtigkeit
triefende Torgewlbe gelangte man in die alte Festung, in die nie ein
wohlttig reinigender Wind dringen konnte und in der Fieberkrankheiten
das ganze Jahr heimisch waren; auch hatten die meisten Einwohner ein
krnkliches Aussehen. Die meisten Huser waren brigens von auen mit
den buntesten Freskogemlden verziert, die Begebenheiten und Wunder aus
dem alten Testament oder auch Ansichten von Landschaften, Burgen,
Stdten und so weiter darstellten, so da die ganze Stadt einer
burlesken, mitunter auch recht unterhaltenden Gemldegalerie glich.

Mit Sonnenuntergang wurden jeden Abend die Stadttore geschlossen und die
Schlssel zu einem der wohlregierenden Brgermeister in Verwahrung
gebracht, ohne deren grognstige Bewilligung niemand mehr aus- und
einpassieren durfte. Aber nicht allein die leblosen Gegenstnde waren
es, die an barbarische Zeiten erinnerten, sondern die Menschheit
entehrende Zchtigungen, an Lebenden verbt, taten dies noch weit mehr.
Das Halseisenstehen am Rmer, dem Versammlungshaus des Magistrats,
besonders von liederlichen Dirnen, war etwas Alltgliches, wobei die
liebe Jugend ihr wahres Gaudium hatte; die aus aller Welt
zusammengeworbenen Stadtsoldaten wurden vor der Hauptwache tglich
geprgelt oder liefen Spieruten, muten einen vor derselben stehenden
hohen Esel besteigen und mehrere Stunden unter dem Hohn der
Vorbergehenden und des Pbels auf dessen scharfem Rcken reiten, und
zwar wegen des geringsten Vergehens, wenn sie zum Beispiel vor einem
Senator, den sie nicht erkannt, das Gewehr nicht prsentiert hatten! Das
rgste war indessen, da, wenn in dem Zuchthaus Verbrecher in den
sogenannten spanischen Bock gespannt wurden, eine Art Zwangsstuhl,
wodurch den Strflingen Hals, Arme, Hnde und Fe so eingezwngt
wurden, da jede Bewegung unmglich war, und sie dann in dieser Lage
eine schwere Tracht Prgel auf den Podex erhielten, jedesmal die armen
Waisenkinder herbeigeholt wurden, um diese Exekution mit anzusehen!!!

Noch einige Zeit nach dem Bombardement blieben wir Kinder in dem
grovterlichen Hause in der Buchgasse, wo wir uns wohl befanden, recht
artige Nachbarskinder zu Gespielen hatten, und bald hatte ich ein
kleines Liebhabertheater organisiert, wobei ein niedliches Mdchen,
Evchen, die Tochter eines Faktors, die Hauptrolle spielte. Die
Auffhrungen selbst fanden auf dem Boden des gegenberwohnenden Bankiers
Wanzel statt, whrend ich die Privatproben zwischen Eva und mir in der
stillen Puderkammer meiner Gromutter hielt. Stundenlang probierten wir
die heimliche Zusammenkunft Ludwig des Springers mit Adelheide von
Stade. Endlich muten wir zu meinem groen Bedauern wieder in das
elterliche Haus, in das Goldene Schiff zurckkehren, das indessen doch
auch nicht ganz freudenleer war und mir bald der Freuden mancherlei
bringen sollte. Einstweilen wurde ich der kleine Geliebte eines hbschen
Nhmdchens, das mich in besondere Affektion und statt zu nhen gar zu
gerne auf seinen Scho nahm, mich herzte und drckte und dabei meine
Hnde unter seinem Busentuch wrmte, auch sonst allerlei mit mir
vornahm. Die Abende brachte ich meistens allein und ohne alle Furcht in
der Gespensterstube, die sehr abgelegen im zweiten Stock unseres Hauses
war, mit ihr zu und war ein gelehriger Schler unter Amors Fahne.

Indessen hie es nun bald: genug gespielt, man nahm mich aus der
Mdchenschule und gab mir einen Kandidaten Jung zum Hauslehrer. Lesen
und etwas Schreiben hatte ich schon gelernt, nun aber wurde ich mit den
Anfangsgrnden der lateinischen Grammatik, der Arithmetik und andern
sehr trockenen Studien geplagt, die mir wenig zusagten, dagegen sprachen
mich Erdbeschreibung und Geschichte, die mir Jung erzhlend beibrachte,
weit mehr an, auch das Franzsische, das mich eine Dame lehrte, fiel mir
nicht schwer. Vor allem aber war es die Musik, in der ich die meisten,
fr mein Alter selbst auffallenden Fortschritte machte und bald spielte
ich alle beliebten Opernmelodien, Tnze und Mrsche auf dem Klavier nach
dem Gehr.

Eines Nachmittags, als ich mich gerade bei meinen Groeltern
vterlicherseits, die dasselbe Haus mit uns bewohnten, befand, sagte mir
meine Gromutter Frhlich, einen Brief in der Hand haltend: Freue dich,
lieber Ferdinand, morgen kommen deine Cousinen von Kreuznach, und
schilderte mir diese beiden lteren Tchter Scholzens, die ich nur als
ganz kleines Kind gesehen und deren ich mich durchaus nicht mehr
erinnerte, auf eine Art und Weise, die meine Neugierde und Erwartung
aufs hchste steigerte. Namentlich war es Henriette, das ltere Mdchen,
deren Liebenswrdigkeit und Schnheit sie mir nicht genug preisen
konnte. Sie werden die Messe ber bei uns bleiben, setzte sie hinzu,
und vielleicht fr immer, denn ich werde ihrem Vater raten, sie zu den
englischen Frulein in Pension zu schicken. Der von mir so sehnschtig
erwartete andere Tag kam heran, mit ihm Oheim und Tante Scholze von
Homburg, bald darauf fuhr ein zweiter Wagen vor, dem zwei junge Mdchen
mit einer schon ltlichen Dame entstiegen, die gleich darauf in das
Wohnzimmer traten, wo ein herzliches Bewillkommnen gar kein Ende nehmen
wollte. Ich aber konnte mich nicht satt an der schnen schlanken Gestalt
des elfjhrigen Mdchens sehen, auf die ich meine Augen starr und
unverwandt geheftet hatte. Henriette war fr ihr Alter sehr gro und
ausgebildet, verband mit einem zierlichen Nymphenwuchs eine im hohen
Grad einnehmende Gesichtsbildung und hatte eine unaussprechliche
Lieblichkeit in ihrem Blick, wodurch jedermann hingerissen und bezaubert
wurde; und so war es auch mir, dem kaum achtjhrigen Knaben, ergangen.
Endlich rief die alte Frau Frhlich, mein Staunen bemerkend, aus:

Seht nur den Jungen an, der ist ja ganz wie versteinert in seine
Cousine vergafft. Ich war in der Tat zur Statue geworden.

Henriette sprang nun auf mich zu, schlo mich in ihre Arme und kte und
drckte mich, da mir beinahe schwindelte. Ich hatte mich fest an das
reizende Mdchen geklammert und wollte sie gar nicht lassen, bis meine
Mutter endlich sagte: Aber nun ist's genug, du verdirbst Jettchens
ganzen Anzug.

Vorerst wurde zu meiner groen Freude beschlossen, da die Mdchen bei
den Groeltern zum Besuch bleiben sollten, bis das weitere ber sie
bestimmt sein wrde. Whrend der drei Wochen langen Messe wollten
diesmal meine Studien berhaupt nicht viel bedeuten, denn ich flanierte
mit den beiden Mdchen und meinem jngeren Bruder fast tglich unter
Jungs Aufsicht in der Budenstadt herum. So eine frhliche Messe hatte
ich noch nie erlebt, sie ist mir in ewigem Angedenken. Gleich darauf, es
war die Septembermesse, kamen die Herbstfeierlichkeiten, wo es nicht
minder lustig in den verschiedenen Grten unserer Bekannten zuging, und
so kam der Dezember und mit ihm der Nikolaustag, auch das uns Kindern
ber alles gehende Weihnachtsfest heran, das diesmal ungewhnlich reich
und berraschend ausfiel, da Scholzens eine beraus verschwenderische
Bescherung veranstalteten. Meine Mutter erhielt unter anderm einen
Zobelpelz von mehreren Tausend Gulden im Wert von ihrem reichen
Schwager. Auch diese Zeit gab Veranlassung zu mancherlei extemporierten
Freuden, und ich besuchte mit Jettchen an der Hand fast jeden Abend den
erleuchteten und aufgeputzten Christmarkt mit seinen vielen kleinen
Grtchen. Doch sollten gleich nach Neujahr diese vergngten Tage ein
nicht sehr glnzendes Ende nehmen. Scholze hatte Grnde, nicht sehr
zufrieden mit dem Benehmen seiner schnen Frau zu sein, und die ganze
Familie fuhr eines Morgens ohne weiteres nach Homburg ab, das mir so
teure Cousinchen mitnehmend. Die Kinder erhielten nun eine franzsische
Gouvernante und andere Lehrer im elterlichen Hause. Diese Abreise ging
mir ein paar Tage sehr nahe, um so mehr, da ich fr den Umgang mit
Henriette keinen Ersatz hatte.

Da wir indessen fters nach Homburg zum Besuch fuhren, auch whrend des
Sommers uns hufig auf dem Gut in Berkersheim sahen und daselbst recht
romantisch lndliche Promenaden machten, uns auf dem Heuboden und den
Wiesen herumtummelten, so dauerte das Einverstndnis zwischen Henrietten
und mir noch ungetrbt fort.

Eines Morgens, als wir noch behaglich beim Frhstck zusammensaen,
rollte pltzlich ein Wagen vor, und einen Augenblick darauf strzte
Tante Scholze mit verstrtem Antlitz und sehr nachlssiger Toilette, von
einem Kammermdchen gefolgt, mit den Worten in die Stube: Ich bin von
meinem Mann, dem Wterich, dem Tyrannen, fortgelaufen. Das ganze Haus
geriet in Alarm, die Groeltern kamen herab, und Frau Scholze erzhlte
unter Trnen, da sie ihr Mann mihandelt habe, weil er sie mit einem
franzsischen General in einem Gartenhaus gefunden, wo sie ganz zufllig
und in aller Unschuld mit diesem zusammengetroffen und wo durchaus
nichts Bses, sondern nur Gutes und Liebes vorgefallen sei, wie Annette,
das mitgebrachte Kammermdchen, bezeugen knne. Ihre Mutter nahm
sogleich ihre Partei gegen den Wterich von Mann, der so etwas rgen
knne, die brigen waren jedoch stumm oder meinten, man msse auch den
Mann hren. Dieser kam eine Stunde spter an, stieg in einem Gasthof ab
und lie seinen Schwiegervater bitten, sich zu ihm bemhen zu wollen; er
teilte demselben mit, da er seine schne Frau _en flagrant dlit_ mit
dem General de Rade ertappt habe, da sie schon lnger ein geheimes
Verstndnis mit diesem gehabt, der sogar zur Nachtzeit durch die Fenster
ihres in den Garten gehenden Schlafzimmers gestiegen sei, wie es der
Nachtwchter und mehrere Nachbarn gesehen und ihm berichtet htten. Das
Ende von der Geschichte war eine frmliche Scheidung. Madame Scholze
gestand selbst ihre Zuneigung zu dem de Rade, und ihr gromtiger Mann
bewilligte ihr ein Jahresgehalt von zwlfhundert Talern, so lange sie
sich nicht wieder verheiraten wrde.

Hier fllt mir eine Episode aus der Hochzeitsreise des Ehepaars Scholze
ein, die, da sie den Geist jener Zeiten trefflich charakterisiert,
erwhnt zu werden verdient.

Im Herzogtum Wrttemberg war wie in noch anderen Lndern des seligen
deutschen Reichs die Verordnung, da man vor jeder Schildwache
ehrerbietigst den Hut abzuziehen habe, da sie den Souvern selbst
reprsentiere, obgleich dieser Stellvertreter der allerhchsten Person
nicht selten, vom Posten abgelst, wegen eines fehlenden Gamaschenknopfs
Fnfundzwanzig oder gar Fnfzig, von zwei Gefreiten oder Korporalen
aufgezhlt, ffentlich erhielt. Einige Stunden nach ihrer Ankunft in der
herzoglichen Residenz wollten sie die Merkwrdigkeiten derselben besehen
und gingen an der Schlowache vorber, ohne der Schildwache daselbst den
gehrigen Respekt zu erweisen. Kaum hatten sie ein paar Schritte weiter
getan, als ihnen ein zornentglhtes, kupferrotes Fhnrichsgesicht
nacheilte und mit einer fast heiseren Fuselstimme zurief: Wollt ihr
gleich still stehen, ihr Flegel! Wer seid ihr, wo seid ihr her, wit ihr
nicht, da ihr die Schildwache salutieren sollt? Ich will euch lehren,
die Deckel von den Dickkpfen herunterzunehmen, ich werd' euch
arretieren, die Schildwache, die statt dem Herzog hier steht, htte euch
die Kolben in die Rippen stoen sollen. -- Gefreiter, lst gleich den
Esel ab und stellt einen andern fr den Herzog hin, der Kerl mu fnfzig
auf den A... haben. Und so ging das Gebrll des Fhnrichs noch eine
halbe Stunde fort, whrend sein langer Zopf den Takt dazu an seinem
breiten Rcken schlug, was sich recht possierlich ausnahm. Bald hatte
sich eine Menge Leute um die Wache versammelt, und Scholze und seine
arme Frau befanden sich in der peinlichsten Lage, ja letztere war einer
Ohnmacht nahe. Vergeblich bemhte sich mein Vater, der das Paar
begleitete, dem furchtbaren Stock- und Zopfhelden begreiflich zu machen,
da sie als Fremde und Reichsstdter, wo man dergleichen nicht kenne,
von dieser Verordnung nicht unterrichtet sein knnten und folglich in
aller Unschuld gesndigt htten. Der Fhnrich aber schrie und tobte nur
um so rger, er wollte von der Gelegenheit profitieren, seine Autoritt
einmal zeigen zu knnen, und als sich einige Umstehende der Fremden
annahmen und sie entschuldigten, befahl er dem Korporal, >das Gesindel<
mit Kolbensten auseinander zu treiben, was dieser auch sogleich
vollzog.

Scholze eilte nun mit seiner zitternden Gattin und seinem Schwager nach
dem Gasthof zurck und teilte dem Wirt den Vorfall und zugleich die
Erklrung mit, da er noch heute, sobald sich seine Frau etwas erholt
haben wrde, weiterreisen und von den Stuttgarter Herrlichkeiten nichts
mehr sehen wolle, womit dem ehrlichen Gastgeber jedoch nicht gedient
war. Die Reisenden, die mit Extrapost vierspnnig angekommen waren und
erklrt hatten, einige Tage in der herzoglichen Residenz verweilen zu
wollen, hatten ihm eine gute Zeche versprochen, und er bot alle seine
Beredtsamkeit auf, sie anderen Sinnes zu machen. Mein Vater hatte sich
indessen nach dem Namen des wachthabenden Fhnrichs erkundigt und
erfahren, da sich derselbe Kreischhuhn nenne und ein durch seine
Rohheit, aufgeblasene Plumpheit und krasse Unwissenheit berchtigtes
Subjekt sei, das er sich nun zu zchtigen vornahm.

Die Reisenden fuhren indessen noch denselben Abend nach Ulm ab zum
groen Verdru des Wirtes, der verdrielich seinen Abendgsten diese
Begebenheit mitteilte, so da die Sache sogar zu den allerhchsten Ohren
des Herzogs kam und Kreischhuhn einen Verweis erhielt. Nicht so gelinde
aber kam das Brschchen von seiten der Beleidigten weg. Scholze wollte
zwar die Geschichte auf sich beruhen lassen und meinte, mein Vater solle
es dabei bewenden lassen; dieser jedoch, einundzwanzig Jahre alt, im
vollen Jugendfeuer, war nicht so friedlich gesinnt und schrieb ohne
Wissen seines Schwagers einen derben Brief an den Fhnrich Kreischhuhn,
in dem er es an Beleidigungen nicht fehlen lie und der mit einer
frmlichen Herausforderung schlo. Die Antwort lautete ganz trocken: >Da
Herr Frhlich nicht von Adel sei, so knne man sich auch nicht mit ihm
schlagen.< Diese dumme Feigheit brachte meinen Vater noch mehr auf, der
den ganzen Hergang der Sache an einer ffentlichen Wirtstafel in Ulm
erzhlte und an den Herzog selbst schreiben wollte. Zuflligerweise
befand sich ein franzsischer Rittmeister, ein geborner Elssser, bei
Tische, den die Sache so emprte und den vielleicht auch die schne
Frau, der man so arg mitgespielt hatte, interessierte, da er nach
beendigtem Mahl zu Scholze ging und zu diesem sagte, er wolle ihm, bevor
zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen, eklatante Satisfaktion
verschaffen. Scholze wollte durchaus nichts davon hren, sein Schwager
und seine Frau untersttzten jedoch die Absichten des Rittmeisters, und
nach einigem Hin- und Herreden kam man berein, da mein Vater in
Begleitung dieses Offiziers nach Stuttgart zurckfahren und Scholze
deren Rckkehr in Ulm abwarten solle. In Stuttgart suchte der
franzsische Rittmeister, ein Graf Caguenek, den Fhnrich auf der
Wachtparade auf, nahm ihn auf die Seite, teilte ihm seinen Namen und
Stand sowie die Absicht seines Hierseins mit und lud ihn ein, nach der
Parade sogleich einen Gang mit ihm zu machen, um ein paar Kugeln zu
wechseln. Held Kreischhuhn wurde bleich, stammelte etwas von
Dienstpflicht, worauf der Rittmeister jedoch nicht hrte und ihm
ziemlich laut und vernehmbar sagte: In einer Viertelstunde erwarte ich
Sie unfehlbar in dem Bopserwldchen, verfehlen Sie nicht, sich mit einem
Sekundanten einzufinden, wenn Sie nicht wollen, da ich Sie ffentlich
beschimpfen und also dienstunfhig machen soll. Kreischhuhn fand sich,
jedoch ohne Sekundanten, mit etwas unsicheren Tritten und verstrter
Miene wirklich auf dem bezeichneten Platz ein, nur mit seinem Degen
bewaffnet, der jedoch noch kein Blut gesehen, sondern nur auf den Rcken
armer Soldaten herumgetanzt hatte. Er traf den Rittmeister schon in
Gesellschaft meines Vaters nebst einem Wundarzt an. Wie, Herr Fhnrich,
ohne Sekundant? rief ihm der erstere entgegen. -- Die Eile hat mich
verhindert, stotterte der zitternde Held. -- Ohne Sekundant knnen Sie
sich doch nicht schlagen -- Sie dauern mich -- ich merke wohl, da Sie
ebenso wenig ein Freund von Taten sind, als ich von viel Worten. Hier
mein Ultimatum: Bereuen Sie Ihr Benehmen, so geben Sie mir deshalb eine
schriftliche Erklrung, in welcher Sie die schwer beleidigten
hochachtbaren Personen um Vergebung bitten, wo nicht, so mssen Sie sich
mit mir schlagen. -- Der Fhnrich stammelte nun, da es durchaus nicht
seine Absicht gewesen, die respektabeln Fremden im mindesten zu
beleidigen, strenge Order und Miverstndnis htten diese
Unannehmlichkeit veranlat, und zeigte sich bereit, die geforderte
Erklrung zu geben, die er auch sofort in den demtigsten Ausdrcken,
wie sie ihm der Rittmeister diktierte, nieder- und unterschrieb und
dabei die ihm eigene Orthographie beobachtete. Man trennte sich nun
friedlich, mein Vater und der Rittmeister eilten nach Ulm zurck, wo
Scholze und seine Frau ngstlich ihrer harrten und nach
Berichterstattung dessen, was vorgefallen, sowie ber die schriftliche
Erklrung herzlich lachten.

Nachdem Frau Scholze geschieden, lebte sie mit dem General de Rade, der
die Ursache der Scheidung war und jetzt einen Gesandtschaftsposten in
Hessen-Kassel bekleidete. Unglcklicherweise war der Gesandte
verheiratet, und seine rechtmige Gattin hielt sich zu Paris auf. Da
sie eine krnkliche Frau war, so hatte er seiner Geliebten versprochen,
da er nicht geschieden werden konnte, sie gleich nach dem Tode jener zu
ehelichen. Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt, der General starb nach
ein paar Jahren, vor seiner Gemahlin, Frau Scholze kehrte nach Frankfurt
zurck, wo sie bald darauf einen der berhmtesten Advokaten der Stadt,
einen Doktor Feierlein, der ihren Scheidungsproze gefhrt hatte,
heiratete.

Mein Hauslehrer Jung hatte durch die Verwendung meines Grovaters Weller
eine Pfarrei im Hessischen erhalten, und man schickte mich nun in das
damals in Frankfurt blhende Kemmetrische Institut zur weiteren
Ausbildung meiner Kenntnisse, die eben noch nicht weit her waren. Aber
bald fand man, da dieses fr meine Anlagen von gar mancherlei Art nicht
genge, und auf Anraten meines Oheims Scholze kam man berein, mich zu
einem jungen Geistlichen namens Breidenstein, der soeben ein
vielversprechendes Erziehungsinstitut in Homburg vor der Hhe errichtete
und dem Scholze sehr wohl wollte, in Pension zu geben. -- Als mir dies
erffnet wurde, war ich hoch erfreut, denn Cousinchen Henriette war ja
zu Homburg, ich hoffte sie tglich zu sehen und sprang wie besessen
herum, einmal ber das anderemal ausrufend: Ach, das ist schn, das ist
charmant! --




                                  VI.

   Das Institut zu Homburg vor der Hhe. -- Die Flegeljahre. -- Homburg
       und seine Umgebungen. -- Der Hof. -- Eine Schweinsjagd im
    Schlogarten und eine Schildwache im Teich. -- Eine kaiserliche
                              Stecknadel.


Als der zur Abreise bestimmte Tag herangekommen war, holte mich mein
neuer Lehrer selbst ab; ich folgte ihm willig und gern und verlie das
vterliche Haus, in dem ich doch so manche Kinderfreuden genossen, ohne
groes Leidwesen, denn Homburg hatte einen Magnet, dessen
Anziehungskraft mich alles andere vergessen machte. Pfarrer Breidenstein
war ein noch ganz junger und lebhafter Mann, der, noch unverheiratet,
bei einem alten Schullehrer wohnte, dessen Frau die Wartung der Zglinge
bernehmen sollte. Als ich zu ihm kam, war ich der erste, der bei ihm
wohnte, die brigen, sieben bis acht an der Zahl, waren Kinder aus
Homburger Familien, die nur am Tage teil an dem Unterricht nahmen.

Auer meinem Oheim Scholze, den ich noch den Abend nach meiner Ankunft
besuchte, hatte ich noch einen Grooheim zu Homburg, der lutherischer
Oberpfarrer daselbst war. Meine Eltern hatten lange geschwankt, ob sie
mich nicht diesem braven Mann anvertrauen sollten, doch war man in der
Familie dagegen, indem man denselben als zu ernst und zu streng fr die
Erziehung eines so lebhaften Knaben wie ich schilderte, und entschied
sich fr Breidenstein, obgleich derselbe der reformierten Religion
zugetan, whrend unsere ganze Familie lutherisch war, weshalb manche
unserer Basen einen Anstand nahmen und dies fr eine gottlose und
sndhafte Handlung hielten. Die beiden Konfessionen standen sich damals,
besonders in Frankfurt, noch fast feindlich gegenber. Ein Reformierter
konnte ebenso wenig wie ein Katholik oder ein Jude in den Senat gelangen
oder ein Amt zu Frankfurt bekleiden, und die Reformierten muten in dem
hessischen Ort Bockenheim ihren Gottesdienst halten. Spter erlaubte man
ihnen Bethuser, aber ohne Trme, in Frankfurt. Bei diesem Lehrer nun
hatte ich mich fast unbegrenzter Freiheit zu erfreuen und war auerhalb
der Unterrichtsstunden so ziemlich ohne alle Aufsicht, denn des
Schulmeisters Frau, die eine solche ber mich ben sollte, achtete ich
nicht, und sie traute sich auch nicht, mir etwas zu wehren. Ich benutzte
nun diese Freiheit in vollem Ma und zum groen Verdru meines Oheims,
des Oberpfarrers, dem ich auf allen seinen Wegen begegnete, der sich
aber jedes Verweises enthielt, damit es nicht scheinen mge, als fnde
er sich zurckgesetzt, da man mich lieber einem Fremden als ihm
anvertraut habe. Obgleich Breidenstein ein Lebemann war, so hoffte man
doch, er wrde meine berschumende Lebhaftigkeit und frhzeitige
Entwicklung wohl zu zgeln wissen; dies war aber nicht der Fall, und ich
lernte bei ihm, was ich eben lernen wollte. Wie wir gesehen, hatten sich
bei mir allerlei Eigenschaften und Talenten besonderer Art weit frher
entwickelt, als dies bei anderen Menschenkindern gewhnlich der Fall
ist, und so traten denn auch die sogenannten Flegeljahre viel frher als
bei anderen Jungen bei mir ein.

Es war im Frhjahr, als meine Versetzung nach Homburg stattfand, die
Wiesen prangten mit den buntesten Blumenteppichen, auf den Feldern
schossen alle Pflanzen auf das ppigste empor, Bume und Wlder waren
mit dem frischesten Grn bedeckt, und mir war es vergnnt, jeden Abend
an Jettchens Hand durch Fluren, Auen und Wlder zu wandeln. Das
Scholzesche Haus war meine zweite Heimat, ja ich war fast mehr in diesem
als bei Breidenstein. Jeden Abend a ich da zu Nacht, und an Sonn- und
Feiertagen war ich ohnehin ein fr allemal auf den ganzen Tag geladen.

Die franzsische Gouvernante hatte fast zu gleicher Zeit mit ihrer
Herrin das Haus verlassen mssen, man hatte sie im Verdacht des
Einverstndnisses mit den Intrigen ihrer Gebieterin. Eine gewisse Frau
Bnig hatte ihre Stelle vertreten und stand der Erziehung der vier
Mdchen vor; sie war schon in etwas gesetzteren Jahren, mehrere dreiig,
und hatte sich bei Herrn Scholze fest einzunisten gewut, wurde aber von
den Kindern und dem Gesinde nicht mit Unrecht gehat.

Bald hatte ich alle Schnheiten, es hat deren wirklich nicht
gewhnliche, und Merkwrdigkeiten Homburgs kennen gelernt, denn ich
hatte ja einen gar lieben Fhrer. Die Lage dieser Stadt ist in der Tat
wunderlieblich, und mit vollem Recht sagt der Dichter:

   Wie lchelt mir so freundlich und so mild,
   Wenn ich hinunter in den Osten sehe,
   Mit weiem Turm und lieblichem Gefild
   Das Badertchen Homburg vor der Hhe.[6]

Die Stadt, die damals ungefhr dreitausend Einwohner zhlte, liegt am
Fu des Taunus, drei kleine Stunden von Frankfurt, und ist die Residenz
des Landgrafen von Homburg, der hier ein gerumiges Schlo hat. Die
Einwohner waren gewerbsame, fleiige, brave und sehr gengsame Leute,
die bei aller Drftigkeit doch eine glckliche Zufriedenheit besaen und
ihrem Landesfrsten, dem damaligen Landgrafen Friedrich V., einem
Ehrenmann im vollen Sinne des Worts und trefflichem Frsten, mit
unbegrenzter Liebe und Hochachtung ergeben waren. Die Umgebungen
Homburgs sind pittoresk und reizend, namentlich die herrlichen
Waldpartien. Der Schlogarten, halb im altfranzsischen, halb im
englischen Geschmack angelegt, die Anlagen jenseits des groen Teiches
in demselben, der groe und kleine Tannenwald, die hohe Pappelallee, die
zu beiden fhrt, und so weiter bieten die herrlichsten Spaziergnge ganz
in der Nhe. Namentlich war der kaum eine Viertelstunde von der Stadt
entfernte kleine Tannenwald, ein Park mit mannigfaltigen Anlagen, ein
reizender Aufenthalt, in dem sich uerst geschmackvolle Anlagen mit
japanesischen Husern, Grotten, dunklen Bogengngen und so weiter
befanden, nebst einem groen Teich, in dessen Mitte eine kleine
Roseninsel lag, aus deren Gebsch eine Tempelkolonnade malerisch
hervorragte. Diese stille, von der ganzen brigen Welt abgeschieden
scheinende Insel machte, als ich sie zum erstenmal betrat, einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mein junges, wenn auch nicht mehr sehr
unschuldiges Gemt; eine Brcke fhrte auf dieselbe zu der von einer
Kolonnade umgebenen Rotunde; es war schon in der Abenddmmerung, als ich
an Jettchens Hand diesen Ort betrat. Die tiefe feierliche Stille, die
hier herrschte, nur von dem Gezwitscher einiger Vgel unterbrochen,
erfllte mich mit einem namenlosen, fast heiligen Schauer, noch nie
gehabte Empfindungen bemchtigten sich meines sonst eben nicht zur
Schwrmerei geneigten Gemtes, und ich glaubte mich in eines jener
Feengefilde versetzt, die man mir in lieblichen Mrchen so oft
geschildert hatte. Lange hielt ich fast atemlos meine liebliche Fhrerin
umschlungen, und nur die sich durch Geschrei verkndende Ankunft ihrer
Schwestern weckte uns aus dem seligen Vergessen unserer selbst. Indessen
sollten diese Insel und der kleine Tannenwald mit seinen Grotten, Lauben
und so weiter noch gar manchmal Zeugen unserer eben nicht mehr ganz
kindischen Liebe sein.

[Funote 6: Leider ist aus diesem Badertchen, was es damals noch nicht
war, in neuerer Zeit eine schmachvolle Spielhlle geworden, in welchem
ehrlose Industrieritter die Gimpel zu jeder Jahreszeit rupfen drfen.]

Friedrich V., der an der Regierung war, als ich in die Pension nach
Homburg kam, war, wie ich schon erwhnt, von seinen Untertanen angebetet
und wie ein Vater geliebt, es war ein wahrhaft patriarchalisches
Verhltnis zwischen ihm und seinem Volke, und er frderte, so sehr es
nur immer die Umstnde gestatteten, das Wohl seines Landes. Achtzehn
Jahre alt, hatte er die Regierung angetreten und im einundzwanzigsten
sich mit einer Tochter Ludwigs IX., Landgrafen von Hessen-Darmstadt,
vermhlt, einer liebenswrdigen und sehr geistreichen, aber stolzen
Prinzessin, die jedoch ihre groen Schwchen hatte und den kleinen Hof
auf einen sehr groen Fu eingerichtet haben wollte. Da gab es alle
mglichen Hofchargen, ein Geheimer Rat von Saint-Clair war dirigierender
Minister, da gab es einen Oberhofmarschall von Kickebusch, einen
Oberstallmeister von Reizenstein, einen Oberforstmeister von
Brandenstein; ein franzsischer Abb, Herr de Roque, war Oberhofmeister
der Prinzen, ein paar alte Hofdamen, von denen die eine schief, die
andere buckelig, von Donop und von Ziegler, waren die Schnheiten am
Hof. Ein Hauptmann von B... war so eine Art von Oberkchenmeister und
zugleich Generalissimus der Homburger Armee, die aus ungefhr siebzig
Invaliden bestand, von denen der jngste hoch in den Fnfzigern war und
die der Hoffurier kommandierte und exerzierte, fast alle waren mit
Brchen oder anderen Leibschden behaftet, zwanzig davon trugen
Brenmtzen und stellten Grenadiere vor, die anderen fnfzig waren
Musketiere, sie trugen noch eine Uniform wie zur Zeit des siebenjhrigen
Kriegs. Alle die Regierungs- und Hofchargen wohnten weit rmlicher als
ein Frankfurter Handwerksmann und waren noch viel schlechter bezahlt als
der Kommis eines gewhnlichen Kaufmanns; aber alle diese Chargen sowie
die Geistlichen hatten die Ehre, hufig und besonders Sonntags zur
landgrflichen Tafel gezogen zu werden.

Da ich alles schnell auffate und begriff, ja fast leidenschaftlich
betrieb, nur zum Zeichnen fehlte es mir an der ntigen Geduld, so lie
mir Breidenstein weit mehr Freiheit als den brigen Zglingen.

Fast alle meine Muestunden, und ich hatte deren ziemlich viele, brachte
ich bei Scholzens zu, die zu jener Zeit auch die einzigen waren, die in
Homburg ein Haus machten, und obgleich es nach der Scheidung meiner
Tante und unter der reprsentierenden Frau Bnig bei weitem nicht mehr
den frheren Glanz hatte, so fanden sich doch alle Honoratioren durch
eine Einladung in dasselbe geehrt und freuten sich auf die Leckerbissen,
die da gespendet wurden und eine Abwechslung in ihre gewhnlich sehr
magere Hausmannskost brachten.

Leider gab es in dem Scholzeschen Hause einen komisch-unangenehmen
Auftritt, in den ich mit verwickelt oder vielmehr zu dem ich die
mittelbare Veranlassung war. Seit kurzem hatte sich unser Institut durch
zwei junge Englnder, Atkinson und Edwards, vermehrt, von denen der
erste siebzehn und der andere achtzehn Jahre alt war; sie sollten die
deutsche Sprache erlernen. Diese beiden jungen Leute hatten sich in zwei
von meinen Cousinen verliebt, die sie aber nur selten sahen und noch
weniger sprechen konnten, da diese kein Englisch und jene noch zu wenig
Deutsch verstanden, einstweilen aber suchten sie sich durch allerlei
Geschenke bei den Mdchen zu insinuieren und erzeigten mir die Ehre,
mich zum berbringer derselben und so zu ihrem _Postillon d'amour_ zu
machen. Die beiden jungen Leute waren immer reichlich mit Taschengeldern
versehen, und bald waren es seidene Strmpfe mit roten Zwickeln, die sie
dutzendweise kauften, ostindische Foulards, Spitzen, kostbare Bnder und
dergleichen, welche ich den Mdchen in ihrem Namen brachte, wozu ich
mich in aller Unschuld um so lieber hergab, da diese Englnder auch
gegen mich sehr freigebig waren und mir namentlich auf den Homburger
Jahrmrkten alle mglichen Spielereien kauften. Ich teilte nun diese
Sachen nach Gutdnken heimlich an meine vier Cousinen aus, wobei ich
natrlich Jettchen immer am besten bedachte. Die jungen Gnschen nahmen
alles, jedoch mit Zittern und Zagen an, denn sie frchteten, da Madame
Bnig oder ihr Vater dahinter kommen knnten, und versteckten die
Geschenke, die manchmal auch mit kleinen englischen Gedichten und
Briefchen mit Goldschnitt begleitet waren, in die Strohscke ihrer
Betten, wo sie sie am sichersten vor den Argusaugen der Gouvernante
verwahrt glaubten, denn ihre Kommoden und Schrnke wurden von Zeit zu
Zeit von derselben inspiziert und visitiert. Schon waren sie im Besitz
einer ziemlichen Quantitt solcher Schtze, als Frau Bnig eines Tages
zufllig beim Bettmachen ein Paar Handschuhe aus einem Strohsack fallen
sah, die das Bettmdchen, die in dem Geheimnis war und so wie alles
Gesinde die despotische Gouvernante verabscheute, schnell wieder
hineinstopfen wollte; aber zu spt, die Dame fiel ber den Strohsack her
und fand den ganzen darin verborgenen Plunder. Zornentglht rief sie nun
Vater Scholze, welcher sich nicht weniger ber den unvermuteten Fund
wunderte; man untersuchte nun auch die drei andern Strohscke und fand
sie mit gleicher Ware angefllt. Auf der Stelle ward ein peinliches
Verhr und strenge Untersuchung angestellt, die erschrockenen Mdchen
bekannten und gestanden, da ich der berbringer dieser Dinge gewesen.
Man lie mich sogleich holen, und als ich in das Schlafzimmer meiner
Cousinen trat und die schnen Sachen, wie in einem Laden, alle auf den
Betten ausgebreitet sah, erschrak ich nicht wenig und erblate. Frau
Bnig schnauzte mich an, mein Oheim zankte, und ich begriff wohl, da
hier kein Leugnen mehr helfen wrde, und sagte ebenfalls mein _pater
peccavi_. Man packte nun alle diese schnen Dinge zusammen, es gab einen
ziemlich dicken Pack, und schickte sie durch einen Bedienten mit mir zu
Breidenstein, wo mich ein neues Donnerwetter erwartete und mir verkndet
wurde, da, wenn ich mich noch einmal unterfinge, der berbringer
solcher Geschenke zu sein, ich das Haus meines Oheims nicht wieder
betreten drfe.

Mein Verhltnis mit Cousine Henriette fing seit einiger Zeit an, in
gewisser Hinsicht ernstlicher, wenigstens unserem Aussehen nachteiliger
zu werden; wir waren beide um ein paar Jahre lter geworden, und eine
auffallende Blsse, hohle Augen, blaue Ringe um dieselben verrieten, da
mir wenigstens etwas fehlen msse. Hofrat M... behauptete, ich habe
Wrmer, und verschrieb mir Wurmkuchen aus seiner Apotheke, denn er war
Doktor und Apotheker in einer Person; ich nahm sie jedoch nicht, sondern
ftterte seine Hhner und Gnse damit. Da nun seine Wurmkuchen nicht
halfen und nicht helfen konnten, so sagte er zu Breidenstein, es sei
nicht anders mglich, als ich msse der Onanie ergeben sein, und empfahl
diesem, zu suchen, doch ja hinter die Sache zu kommen. Mit einem Sohn
des Schullehrers Khnlein, der noch fort das Institut besuchte, stand
ich auf einem intimeren Fu als mit den anderen Zglingen. Dieser Junge,
der sich Konrad nannte, war so halb und halb in mein Verhltnis mit
Henrietten eingeweiht und wute, da ich bei den Spielen im Schlogarten
mich hufig mit dem Mdchen in eine dunkle Laube versteckte, in der er
uns einmal zufllig berraschte, als wir uns gerade recht innig kten.
Hierdurch sah ich mich gentigt, uns zu entschuldigen, ihn bis zu einem
gewissen Punkt in unsere Verhltnisse einzuweihen, und empfahl ihm dabei
die grte Verschwiegenheit. Als nun Breidenstein in der Absicht, durch
die brigen Kinder irgend etwas zu entdecken, was M...s Vermutung zur
Gewiheit machen knnte, diese ausforschte, so teilte der junge Khnlein
seinem schon erwachsenen Halbbruder Georg, der unser Schreiblehrer war,
mit, was er gesehen, und zwar mehr, als er wute, denn er machte zur
Gewiheit, was er nur vermuten konnte. Kaum hatte Breidenstein diese
saubere Entdeckung gemacht, so eilte er zu meinem Oheim, diesen von
allem zu unterrichtet. Das war nun Wasser auf die Mhle der Madame
Bnig, mit der ich ein paar Tage zuvor einen Strau wegen Henrietten
gehabt. Henriette wurde sogleich vorgenommen, leugnete jedoch anfnglich
hartnckig, gestand aber, als man ihr sehr zusetzte, endlich einen
kleinen Teil der Wahrheit ein, womit man sich begngte und fr gut fand,
nicht weiter zu forschen, um uns nicht auf Dinge aufmerksam zu machen,
von denen man hoffte, da wir noch keine Kenntnis htten. Ich aber
leugnete standhaft alles, und Breidenstein fand fr gut, nicht weiter in
mich zu dringen; die Sache hatte indessen zur Folge, da mir der Besuch
des Scholzeschen Hauses bis auf weiteres verboten wurde. Unterdessen
ward Breidenstein glcklicherweise der Aufenthalt in dem M...schen Hause
bald ebenso sehr wie mir zuwider; als eines Tages der ziemlich beleibte
Hofrat gerade vor seiner Haustr auf den Allerwertesten, es war
Glatteis, am hellen Mittag hingefallen war und ich sowie die anderen
Kinder, selbst seine eigenen, aus voller Kehle lachten, als es dem guten
Mann, der wie gewhnlich zuviel geladen hatte, trotz aller Anstrengung
nicht mglich war, wieder auf die Beine zu kommen, bis ihm sein Provisor
aus der Apotheke zu Hilfe sprang, geriet er darob in einen gewaltigen
Zorn, und da er es nun einmal auf mich gepackt hatte, verlangte er von
Breidenstein, da er mich, weil ich ihn ausgelacht, in seiner Gegenwart
tchtig mit einem Farrenschwanz, den er selbst gebracht, abstrafen
solle, was aber Breidenstein verweigerte; und nach einem kleinen
Wortwechsel kam es zu einer Aufkndigung der Wohnung, worber ich
seelenvergngt war. Dennoch lie M... seine Knaben Breidensteins
Institut fortbesuchen. Wir bezogen nun ein ganzes Haus am Ende der
Neugasse, wobei sich ein hbscher Garten und gegenber ein groes
herrschaftliches Baumstck mit einer gerumigen Scheune befand, wo wir
bei gutem und schlechtem Wetter den Tummelplatz unserer Spiele
aufschlugen.

Breidensteins Institut war in Homburg berhmt und gefrchtet, denn die
Zglinge desselben verbten alle mglichen Teufelsstreiche, aber ein
paar derselben bertrafen alle anderen und verdienen wohl, erzhlt zu
werden. Eines Tages kam das ganze Institut von einem Spaziergang, von
seinem Oberhirten gefhrt, zurck und begegnete ganz in der Nhe des
landgrflichen Schlogartens einer ebenfalls heimkehrenden Herde zahmer
Schweine, die auch ihren Hirten an der Spitze oder vielmehr an der Queue
hatten. Kaum hatten die beiden uns schon bekannten Englnder Satans
dereinstige Hllen erblickt, als sie mit einem lauten Hallo und Hussa
das ganze Institut in Alarm brachten und zu einer wilden Jagd auf die
zahmen Schweine anfeuerten, wozu es eben keiner groen Aufmunterung
bedurfte; in weniger als zwei Minuten waren die zweibeinigen Tiere
smtlich hinter den vierbeinigen drein, die auf nichts mehr, selbst auf
das Gebell des Schweinshirten-Adjutanten, eines gewaltigen
Bullenbeiers, nicht mehr achteten, sondern _ple-mle_ mit den
gengstigten Sauen durch das offene Tor des Schlogartens strmten,
welches die daselbst postierte Schildwache zwar verhten und das
Eindringen des wilden Haufens verweigern wollte, dabei aber so
unglcklich war, von einem der grten und fettesten Schweine umgerannt
zu werden, so da das ganze wilde Heer ber des Unglcklichen Krper
wegsetzte, der indessen mit dem bloen Schreck davonkam, da smtliche
Jger zu Fu und von leichtem Gewicht waren, er also nicht zu befrchten
hatte, von Rosseshufen zerstampft zu werden. Die Jagd hatte sich
unterdessen im ganzen Schlogarten verbreitet, die schrecklichsten
Verwstungen angerichtet und einen Lrm gleich dem wilden Heer im
Freischtz gemacht; der Kommandant der Schlowache sandte nun auf
Ersuchen des Hoffuriers zwei Mann starke Patrouillen nach allen
Richtungen, um die Urheber des Skandals zu fahnden. Man war auch so
glcklich, einen der beiden Englnder und noch ein paar andere der
ungezogenen Zglinge zu fangen und brachte sie in die Schlowache, wo
man sie _ vue_ bewachte. Auf des Hofmarschalls Befehl mute der
Hofgrtner sogleich einen Bericht ber den Schaden aufsetzen, welchen
diese extemporierte Schweinsjagd in dem herrschaftlichen Garten
verursacht hatte. Aus diesem ersah man erst, welche ungeheuren
Verwstungen dies Treibjagen angerichtet hatte. Da war keine Rabatte,
keine Hecke, kein Gebsch, kaum ein Baum, der nicht beschdigt worden
wre, alle Blumen waren zerknickt, alle Blumentpfe umgeworfen und
zerbrochen, ja sogar durch das Treibhaus und die Orangerie war das wilde
Heer gezogen und hatte da die schrecklichsten Spuren seiner
Zerstrungswut hinterlassen. Die meisten Fenster waren zertrmmert, die
Kbel umgeworfen, und Pisangbaum, Zuckerrohr, Kaffeebaum und so weiter
waren gleich Strohhalmen zerknickt, und alle Ananas hatten entweder die
Schweine oder die Zglinge gefressen. Der Verlust war unersetzlich und
in Jahren nicht wieder gut zu machen. Es war demnach kein Wunder, da
das Hofmarschallamt die Sache streng untersucht und bestraft wissen
wollte und die eingefangenen Arrestanten nicht nur auszuliefern sich
weigerte, wie Breidenstein verlangte, sondern auch noch den anderen
Englnder und einige der anderen Zglinge, unter denen auch ich war, auf
die Wache zu setzen begehrte. Man mute ihm willfahren. Wir waren nun
sieben, welche die Schlowache in Verwahrung hatte, und sannen darauf,
wie wir durch List unsere Selbstbefreiung erwirken knnten. Wir
konversierten dieserhalb in franzsischer Sprache, von der unsere
Wchter kein Wrtchen verstanden, sondern sie hielten es fr Latein und
uns fr sehr gelehrt. Bald waren wir einverstanden, da wir die ganze
Wache betrunken machen mten. Die Englnder lieen, als es Abend wurde,
durch den Tambour ein paar Dutzend Flaschen Wein und mehrere Krge
Branntwein holen und luden die Soldaten zum Mittrinken ein, was diese
sich auch nicht zweimal sagen lieen, sondern so fleiig zusprachen, da
sie bald alle samt dem Korporal-Wachtkommandanten nicht mehr gerade auf
den Fen stehen konnten und, als es Nacht wurde und die drei
Schloschildwachen abgelst werden sollten, der Gefreite mit seinen drei
Mann kaum mehr die Posten zu erreichen vermochte. Bald lag das ganze
Wachtpersonal samt seinem Kommandanten in Morpheus Armen auf den
Pritschen, ein greuliches Schnarchkonzert auffhrend. Wir htten uns
jetzt ganz gemchlich und unbemerkt entfernen knnen, aber sich so ruhig
auf echt spiebrgerliche Philisterart und ohne allen Spuk
davonzuschleichen, wie die Mehrzahl von uns Lust hatte, das pate weder
in meinen noch in der Englnder Kram, sondern wir wnschten die ganze
Begebenheit durch einen recht eklatanten Geniestreich zu krnen. Um uns
zu berzeugen, ob auch alle gehrig schliefen, zerschlugen wir zuerst
mehrere Flaschen und Krge mit groem Getse, aber es rhrte sich auch
nicht eine Seele von den Eingeschlafenen. Wir verlieen nun in aller
Stille die Wachtstube, fanden, wie wir erwartet hatten, die Schildwache
am Schlotor fest in ihrem Schilderhaus schlafend, und legten dies ganz
sachte samt seinem Inhalte um. Mit der zweiten Schildwache, die an dem
Tor postiert war, das zu dem Teil des Schlosses fhrte, den das
frstliche Ehepaar bewohnte, machten wir es ebenso; aber bei der
dritten, die an dem Gartentor stand, das in die Neugasse fhrte, waren
wir damit nicht zufrieden, denn dieser Soldat hatte uns bei der
Verhaftung am meisten mitgespielt und verdiente deshalb auch eine
besondere Gratifikation. Nachdem wir ihn samt dem Schilderhaus ebenfalls
recht sanft umgelegt hatten, trugen wir beide nicht ohne gewaltige
Kraftanstrengung an den groen Teich und stellten das Huschen einige
Schritte weit in demselben wieder aufrecht, so da die Fluten des
Wassers dem unverdrossenen Schlfer die Waden umsplten. Nach diesem
glcklich vollbrachten Streifzug kehrten wir mit schlammigen Fen, wie
Brunnenfeger aussehend, noch einmal in die Wachtstube zurck, schnitten
der ganzen Garde in Ermangelung eines anderen Instruments mit dem
ziemlich stumpfen Sbel des Korporals smtliche Zpfe ab, wobei wir die
Kpfe allerlei komische Bewegungen machen lassen muten, die aber
nichtsdestoweniger die Augen festgeschlossen behielten, und verlieen
sodann unsere bisherige Residenz, die erbeuteten Trophen mitnehmend,
kletterten ber das Hoftor in die Wohnung unseres Instituts, wo man uns
den kommenden Morgen, als die Sonne schon hoch am Horizont stand, noch
in den Federn fand. Aus der ber diesen die ganze Stadt in Aufruhr
bringenden Vorfall angestellten Untersuchung ging hervor, da gegen
Morgen einer nach dem anderen der berauschten Krieger aus dem Schlummer
erwachte, und als sie mit groem Erstaunen unser Verschwinden gewahrten,
sich gegenseitig perplex anstierten. Der Gefreite hrte zu seinem
Schrecken drei Uhr nach Mitternacht schlagen, hatte also die
Schildwachen nicht zur rechten Zeit abgelst, die schon mehrere Stunden
ber ihre bestimmte Zeit gestanden, sie wurden nur alle vier Stunden
sowie die ganze Wache nur alle drei Tage abgelst, und eilte, die
Mannschaft, an der jetzt die Reihe zum Ablsen war, vllig wach zu
rtteln. Aber welche Feder vermchte es, die Perplexitt dieser Helden
zu beschreiben, als sie inne wurden, da sie ihrer grten Zierden,
ihrer ellenlangen Zpfe beraubt waren! Alle brachen in ein lautes Heulen
und Wehklagen aus, das sich in eine stumme Verzweiflung auflste, wobei
sie sich mit den geballten Fusten so gewaltig auf die Stirne schlugen,
da es furchtbar hohl widerhallte, und dabei stieen sie die
grlichsten Flche aus. Um acht Uhr kamen der Hofmarschall von
Kickebusch mit dem Generalissimus des Homburger Heeres, Hauptmann von
B..., auf die Wachtstube und konnten kaum durch das sie umgebende Volk
dringen, das die stupende und mit hundert Varianten vermehrte Nachricht
von dem Spuk der verwichenen Nacht schon herbeigefhrt hatte, um sich
von dem Vorgefallenen zu berzeugen. Aber erst nach einer mehrwchigen
Untersuchung stellte sich der Zusammenhang der ganzen Spukgeschichte
klar heraus. Man fand die Sache indessen auch hchsten Ortes, wo man
sehr aufgeklrt dachte, so belustigend, da trotz dem Antrag des
Generalissimus, der das ganze Institut samt dem Lehrer auf wenigstens
drei Monate bei Wasser und Brot in den Turm des alten Rathauses gesetzt
wissen wollte, man smtliche beltter gromtig pardonierte. Nur die
beiden reichen Britenshne wurden verurteilt, die Kosten des im Garten
verursachten Schadens zu tragen und muten fr die zopflosen Soldaten
englische Patentzpfe kommen lassen, welche diese so lange hinter den
Ohren befestigen sollten, bis die wirklichen wieder gewachsen seien,
dies war so ziemlich auf Lebenszeit.

Noch immer aus dem Scholzeschen Haus verbannt, war es mir nicht mglich,
lange ohne Mdchenbekanntschaften zu bleiben. In unserer neuen Wohnung
war eine ziemlich bejahrte Kchin Breidensteins, welche die Haushaltung
fhrte, das einzige weibliche Wesen, dagegen befanden sich in der
Nachbarschaft einige allerliebste Kinder, unter denen ein Julchen
Zimmer, die Tochter eines ganz in der Nhe wohnenden Mllers, ein
Lisettchen Krh und ein Ktchen Burkhard, die schon fnfzehnjhrige
Tochter eines Beamten, zugleich meine Aufmerksamkeit fesselten und mich
mein schnes Cousinchen bald, wenn auch nicht ganz vergessen, doch
weniger vermissen lieen. Alle drei waren mir gleich teuer, mit Julchen
phantasierte ich auf den Wiesen und an der Kunzbach hinter der
Untermhle, mit Ktchen warf ich mich im Heu in der Herrnscheune herum,
und mit Lisettchen schaukelte ich beim Mondschein auf dem nahen
Zimmerplatz.

Unterdessen machte Breidenstein fters ziemlich groe Touren mit seinen
Zglingen in die umliegende Gegend und das Taunusgebirge zu Fu und mit
dem ntigen Gepck auf dem Rcken, was nicht nur eine sehr gesunde
Motion fr uns Knaben war, sondern auch unsere Krper gegen Hitze und
Frost, Wetter und Wind, Hunger und Durst, Nsse und Klte
auerordentlich abhrtete und fr die Eindrcke der wechselnden
Witterung unempfindlich machte, da kein Wetter von diesen Partien
abhielt. So besuchten wir nacheinander Friedberg, Nauheim, Hanau,
Wilhelmsbad, Kroneburg, Knigstein, Falkenstein, Selters, Eppstein,
Usingen, Wertheim, die Goldgrube und andere im Taunus liegende
Ortschaften, wobei es dann fast nie ohne allerlei oft sehr komische
Abenteuer abging.

Eine uerst interessante und angenehme Fureise war die Tour nach dem
durch sein mit Recht weltberhmtes herrliches Sauerwasser bekannten
Niederselters, dessen Brunnen man schon im neunten Jahrhundert kannte
und von dem man jetzt den Krug zu Paris mit drei Franken, in London mit
sechs Schillingen und in Ostindien mit einer Guinee bezahlt, ungefhr
soviel, als er nach dem dreiigjhrigen Kriege, whrend welchem er
verschttet war, Pachtzins abwarf. Jetzt trgt dieser Brunnen dem Herzog
von Nassau jhrlich ber hunderttausend Gulden ein. Er entquillt in
einer wild-romantischen Gegend.

Mit groem Vergngen sahen wir den schmucken, flinken Flldirnen zu, die
viele tausend Krge in einer Stunde unter bestndigen possierlichen
Bcklingen fllen. Die Krge tauchen sie auf ein Tempo, wie auf ein
militrisches Kommando, zugleich ein, und zwar eine jede zehn Krge
zumal; sind sie ermdet, so werden sie durch andere Fllmdchen abgelst
und verpichen nun die Krge. Es sind gewisse Stunden bestimmt, an denen
es jedermann erlaubt ist, Wasser zu holen und so viel zu nehmen, als
einer tragen kann, aber mit Eseln, Pferden oder gar Fuhren darf niemand
kommen. Von Homburg sind es sieben gute Stunden nach Niederselters, ein
sehr angenehmer Weg. Der Ort an und fr sich ist unbedeutend und hat
auer dem Brunnen, der nur von wenig Kurgsten besucht wird, keine
besonderen Merkwrdigkeiten aufzuweisen. Das Wasser, an der Quelle
getrunken, hat jedoch einen ganz anderen Geschmack und eine ganz andere
Kraft, als in Krgen versendet.

Die Sommersonntage aber brachte ich gewhnlich in Berkersheim zu, wohin
ein sehr romantischer Weg ber Niedereschbach und Harheim fhrte, wo ich
meine Eltern und immer groe Gesellschaft traf; das Weihnachtsfest und
einen Teil der Messe verlebte ich jedoch in Frankfurt, was mir wegen des
Theaterbesuchs besonders viel wert war.

In Homburg selbst gestaltete sich unterdessen das Leben etwas
geselliger. Breidenstein im Verein mit mehreren anderen Honoratioren
veranstaltete kleine Konzerte, die in dem Hause eines landgrflichen
Dieners namens Zorbuch und spter im Saal der herrschaftlichen Meierei,
die ein Franzose namens Hanguard gepachtet hatte, gehalten wurden. Bei
diesen Gelegenheiten war es, wo ich zum erstenmal wieder mit meinen
Cousinen zusammentraf, aber anfnglich wagten wir nur, uns verstohlen
einige Blicke zuzuwerfen, bis wir allmhlich dreister wurden und uns die
Tanztouren, denn nach diesen Konzerten wurden gewhnlich noch ein paar
Anglaisen, von den Englndern angefhrt, getanzt, in nhere Berhrung
brachten, als einige Zeit darauf ein erfreuliches Ereignis die alte
Vertraulichkeit wieder ganz herstellte.

Leider sollte es mit meinen Homburger Freuden jedoch bald zu Ende gehen,
was ich mir selbst und hauptschlich durch folgende Veranlassung
zuzuschreiben hatte.

Der Konrektor der Homburger Schule namens Zink hatte ein klavierartiges
Instrument, von dem Orgelbauer Brgy daselbst erfunden, das in drei
Klaviaturen bestand, eine ziemlich vollstndige Harmonie von
Blasinstrumenten bildete und ein angenehmes Fltenwerk hatte, an sich
gebracht. Mit diesem war der Schulmonarch nach Wien auf Spekulation
gereist, um es daselbst bewundern zu lassen und bestmglich zu
verkaufen. Bei dieser Gelegenheit war es ihm gelungen, eine Audienz bei
der Kaiserin zu erhalten, welche das Instrument fr eine namhafte Summe
erstand. Als der Konrektor von seiner Reise nach Wien zurckkam, von wo
er sogar eine Equipage mitbrachte, die er jedoch bald wieder veruern
mute, da die Pferde nicht von Harmonien, und wren es auch himmlische
gewesen, leben konnten, erzhlte er, da bei der Unterredung, die er mit
Ihrer Majestt gehabt, allerhchst derselben eine ganz gewhnliche
Stecknadel vom Busentuch gefallen sei, die er sogleich aufgehoben und
sich die Gnade erbeten habe, zum ewigen Andenken an diese Stunde und
diese Ehre das Kleinod behalten zu drfen, was ihm auch holdseligst
lchelnd und huldreichst auf der Stelle bewilligt worden sei. Der brave
Mann hatte die Nadel in einer kleinen Schachtel, an ein Sammetband
gesteckt, bestens aufbewahrt und zeigte nun die kaiserliche Reliquie
allen Homburgern, die er besuchte, der Kaiserin Worte immer
wiederholend. Zufllig befand ich mich gerade bei Silbereisens, als er
auch diesen das kostbare Kleinod zeigte, das von Hand zu Hand ging, und
whrend er mit dem gehrigen Pathos die Worte, welche er zu Ihrer
Majestt gesprochen, zum drittenmal nachdrucksvoll wiederholte, hatte
ich Silbereisens ltester Tochter, Riekchen, die Schachtel ab- und die
kaiserliche Stecknadel herausgenommen, an deren Stelle jedoch eine ganz
gemeine brgerliche, die aber gerade so aussah, substituiert, ohne da
es jemand bemerkt htte. Als der Konrektor weg war, machte auch ich mich
mit meinem Raub davon und verehrte die Nadel noch denselben Abend
Karolinen von Brandenstein, ihr meinen Diebstahl bekennend, whrend der
Bestohlene fortwhrend von Haus zu Haus mit der untergeschobenen Nadel
wanderte und diese vorzeigte. Aber weder Karolinchen noch ich hielten
reinen Mund, und whrend sie sich mit dem Besitz der Nadel brstete,
rhmte ich mich der Entwendung derselben. Die Sache kam bald zu des
Konrektors Ohren, der nun im grten Zorn zu Brandensteins rannte und
auf die Herausgabe der echt kaiserlichen Nadel drang. Karolinchen gab
auf Befehl ihres Vaters zwar eine Stecknadel heraus, jedoch nicht die
rechte, lie sich aber bald darauf wieder merken, da sie noch immer im
Besitz der echten sei. Abermaliges Drngen des Konrektors, das echte
Kleinod herauszugeben, worauf Karolinchen ganz naiv gestand, da sie
dies wenn auch sehr gerechte Begehren nicht zu erfllen imstande wre,
indem die Nadel unter die anderen ihres Etuis geraten sei, worauf sie
ihre ganze Nadelbchse ausschttete und dem Herrn Zink sagte, er mge
sich die kaiserliche Nadel nun selbst heraussuchen. Dieser geriet in
Zorn und rief aus: Wie ist es mglich, so wenig Ambition zu haben und
eine kaiserliche Stecknadel mit ganz gemeinen zu vermischen! -- Was
wollte aber der gute Mann machen, er konnte um so weniger die echte
Nadel herausfinden, als diese gerade nicht unter den vorgeschtteten
war. Auf mich aber, als den Urheber dieses Raubes, der ihm nach seiner
Aussage fr Millionen nicht feil gewesen, ging all sein Zorn ber und
sogar zum Teil auf meinen Lehrer, dem er vorwarf, einen wahren
Teufelsbraten aus mir zu ziehen. --

Unterdessen hatte diese Begebenheit, wie noch so manche andere Dinge,
meinen Grooheim Oberpfarrer doch endlich veranlat, meinen Eltern sehr
ernstliche Vorstellungen wegen meiner Erziehung in Breidensteins
Institut zu machen, wo ich durchaus nichts als Teufeleien lerne und
unter gar keiner Aufsicht sei, und es wurde beschlossen, mich von da weg
und zu einem Hofrat Scherer zu tun, der ein sehr besuchtes Institut zu
Offenbach am Main hatte, wo ich, wenigstens whrend der Sommerszeit,
unter elterlicher Aufsicht sei, da meine Eltern jetzt die Sommersaison
in Offenbach zubrachten.

Der Abschied von Homburg tat mir in mehr als einer Hinsicht weh, ob ich
gleich, auer einer fast ungezgelten Freiheit, in Breidensteins Haus
gerade nicht wie der Vogel im Hanfsamen sa, da die Frau Hofpredigerin
eine sehr strenge konomie eingefhrt, mich und andere auch im Sommer
und Winter in Dachkammern logiert hatte, wo Wind, Regen und Schnee durch
das Ziegeldach drang, im Winter ber meiner Bettdecke oft eine andere
von Schnee war und mir vor Frost und Klte die Zhne klapperten. Da ich
indessen schon frher im elterlichen Hause abgehrtet worden war, so
schadete mir dies nichts und bereitete mich zu den Strapazen, Fatiguen
und Entbehrungen vor, die mir spter in reichem Mae werden sollten.

Bald nach meiner Abreise verlie auch mein Oheim Scholze Homburg, um
sich mit seinen Kindern nach Bremen zu begeben. Die Ursache dieser
beschleunigten Abreise war, da sich Prinz G... sterblich in meine
schne Cousine Henriette verliebt hatte und ihr bei den Spielen im
Schlogarten und auch auf Spaziergngen hart zusetzte; das nun mehr als
fnfzehnjhrige Mdchen schien auch fr die Aufmerksamkeit des Prinzen
eben nicht unempfindlich, weshalb Herr Scholze fr gut befand, schneller
als er gewollt seinen Wohnsitz zu wechseln und seine Kinder in der alten
Hansestadt in Sicherheit gegen die verschiedenen Angriffe zu bringen.

Vor ihrer Abreise sah ich meine Cousinen noch einmal in Frankfurt, wo
sie Abschied von uns nahmen; zwei, Sophia und Johanna, sollte ich
gar nicht mehr und Henriette und Mina, die letztere in dem
beklagenswertesten Zustand, erst nach vielen Jahren wiedersehen.




                                  VII.

   Das Pensionat zu Offenbach. -- Die Gebrder Bernard. -- Eine groe
   Prellerei. -- Das Puppenspiel. -- Der Konfirmationsunterricht. --
   Schinderhannes gefangen und hingerichtet. -- Allerlei Amoretten. --
   Ich will mich schlechterdings dem Theater widmen. -- Eine Reise nach
                    Weimar. -- Goethe und Schiller.


Hofrat Scherer, der Direktor des Instituts zu Offenbach, war als ein
gestrenger und despotischer Schulmonarch bekannt, der nicht selten den
Farrenschwanz schwang, aber bei dem die Kinder doch etwas Tchtiges
lernten, soweit seine eigenen Kenntnisse zureichten, die sich aber nicht
ber das Alltgliche erstreckten. Mich hatte man ihm als einen wilden,
ausgelassenen Jungen geschildert, den man unter strengem Regiment halten
msse, und ihm dieses besonders anempfohlen; ich wurde daher sehr ernst
und mit gewaltigen Ermahnungen und Warnungen empfangen, wozu noch das
Neue und Unbekannte meiner Lage kam, was mich fr die ersten Tage
ebenfalls ernst und dster stimmte. Bald ward ich es jedoch inne, da
der Herr Hofrat auch seine schwachen Seiten habe, die ich mir vornahm
mglichst zu benutzen, und so kamen wir, einige Extraflle abgerechnet,
ziemlich gut miteinander aus. Indessen hie es hier anhaltend lernen von
morgens sieben bis mittag, und von nachmittags zwei Uhr bis abends
sieben. Franzsisch, Englisch, Arithmetik, Erdbeschreibung und was zu
dem merkantilen Wissen ntig ist, war die Hauptsache, alte Sprachen
wurden nicht gelehrt, der Herr Hofrat kannte sie selbst nur dem Namen
nach, Zeichnen und Musik waren extra und deren Erlernung willkrlich,
ebenso Tanzen, dagegen wurden wir whrend der Sommertage jeden Morgen,
manchmal auch noch des Abends, zur Schwemme, das heit zum Baden und
Waschen in den Main getrieben, wo wir schwimmen lernten und ich es in
dieser Kunst nach drei Wochen so weit brachte, da ich gemchlich von
einem Ufer des Flusses zum anderen und wieder zurckschwimmen konnte,
was mir jedoch streng untersagt wurde, nachdem ich es ein paarmal
versucht, da das Experiment wegen des starken Stroms in der Mitte des
Flusses und der vielen sehr tiefen Stellen allerdings gefhrlich war.
Dies war eine gesunde und heilsame Bewegung, die uns in Homburg fehlte,
wo wir aus Mangel an flieendem Wasser uns nur in groen Pftzen oder
kleinen Bchen von Zeit zu Zeit badeten. In dem Institut fand ich einige
zwanzig Knaben und ein paar Mdchen, des Hofrats nahe Anverwandte, er
war ihr Oheim, aber alle Kinder nannten ihn nur Onkel, was sie von den
Mdchen abgehrt hatten, es schien dem strengen Herrn nicht zuwider, und
so ward der Allerweltsonkel auch mein Onkel.

Damals war Offenbach in einem blhenden Zustand, viele reiche Familien
aus Frankfurt hatten hier Landhuser oder mieteten Sommerwohnungen
daselbst, so wie viele andere Fremde. Unter den letzteren war der
sogenannte Polackenfrst Frank, der seit mehreren Jahren mit einer
zahlreichen Dienerschaft und groem Gefolge aus Wien hierher gekommen
war und einen verschwenderischen Haushalt mit groer Pracht und
ungeheurem Aufwand entfaltete; er hielt sich anfnglich sogar eine
kleine Garde mit Erlaubnis der Isenburgischen Regierung. Dieser Mann,
seine Umgebung und sein ganzes Wesen und Treiben waren in ein
mysterises Dunkel gehllt; niemand wute, wer er eigentlich war, noch
kannte man seine Herkunft, ber seinen Stand schwebte ein tiefes
Geheimnis, man nannte ihn nur den Polackenfrsten, alle seine Leute
waren in russische und polnische Nationaltrachten, doch sehr reich
gekleidet, und hatten lange Brte. Indessen raunte man sich in die
Ohren, da er in krummer Linie von kaiserlich russischer Abkunft sei,
und als einst nach seinem Tode seine Tochter, die man das polnische
Frulein nannte, bei einer gewissen Gelegenheit ihre Unterschrift geben
sollte und um ihren Namen gefragt wurde, nannte sie sich Romanowna.
Diese geheimnisvolle Familie starb nach und nach aus oder verlor sich
spurlos in ziemlich drckenden Verhltnissen.

Unter den Offenbacher Brgern gab es einige auerordentlich reiche
Huser, unter denen die Schnupftabaksfabrikanten >Gebrder Bernard<
durch den groen Aufwand, den sie machten, hervorragten. Nicht weniger
als vier zum Teil sehr kinderreiche Familien lebten auf groem Fu von
dem Ertrag dieses Marokko genannten Nasenfutters, hatten alle glnzende
Equipagen, zahlreiche Dienerschaft, prchtig eingerichtete Wohnungen und
gaben groe Feste. Einer der Chefs dieses Etablissements, ein gewisser
Peter Bernard, tat es aber allen zuvor, hatte einen fast frstlichen
Haushalt und hielt sich sogar eine Kapelle, die fast aus lauter
Virtuosen bestand, bei der Frnzel Kapellmeister war, und die ihm eine
jhrliche Ausgabe von mehr als dreiig- bis vierzigtausend Gulden
verursachte. Er gab groe Konzerte, zu denen alle angesehenen Einwohner
Offenbachs gratis Zutritt hatten, und keine berhmten Tonknstler,
Snger oder Sngerinnen kamen durch Frankfurt, die nicht bei Bernard
gespielt oder gesungen htten und aufs generseste dafr honoriert
worden wren; die Damen, wenn sie liebenswrdig genug waren, hatten sich
noch obendrein der Ksse des Fabrikherrn als Zugabe der metallreichen
Belohnung zu erfreuen. Aus dieser Kapelle rekrutierte sich spter das
treffliche Orchester des Frankfurter Theaters. Aber Peters Associs, die
Herren d'Orville, waren eben nicht sehr von dieser wtenden
musikalischen Liebhaberei erbaut, die auer groem Zeitverlust auch
bedeutende Summen verschlang, namentlich war der alte Georg d'Orville
Gift und Galle, wenn das Musikantenvolk, wie er die Virtuosen zu
betiteln beliebte, in musikalischen Angelegenheiten oder auch Geld
fordernd auf das Kontor zu Herrn Bernard kam, was ihm jedesmal ein
konvulsivisches Beintrappeln verursachte. Diese Musikwut hatte fast ganz
Offenbach ergriffen, und es war beinahe kein einziges nur einigermaen
ansehnliches Haus, aus dem man im Vorbergehen nicht zu jeder Stunde des
Tages irgendein Instrument dudeln oder einen Gesang leiern hrte, wozu
auch die berhmte musikalische Anstalt und Verlagshandlung des Herrn
Hofrat Andre das ihrige beitrug. Auch ich fand hier die beste
Gelegenheit, mein musikalisches Talent vllig auszubilden, erhielt von
den besten Meistern Unterricht und hatte es bald so weit gebracht, da
ich so ziemlich alles _a prima vista_ auf dem Klavier abspielen und auch
singen konnte.

Der Grnder dieser berhmten Tabakfabrik war ein gewisser Nikolaus
Bernard, Vater des Peter, gewesen, der eine pikante Nasenbeize erfand,
den damit fabrizierten Tabak Marokko taufte, das Geschft mit nichts
begonnen hatte und als steinreicher Mann starb. Er hatte Hunderte von
Arbeitern beschftigt, denen er jede Frankfurter Messe am dritten Montag
derselben einen Feiertag gab, wo er jeden noch auerdem mit einem Taler
beschenkte. Die Leute gingen an diesem Tag scharenweise nach Frankfurt,
machten sich einen guten Tag, den sie nach ihrem Brotherrn den
Nickelchestag nannten, und kehrten beim Heimgehen in den Wirtshusern zu
Oberrad ein, wo sie sich unter Tanzen und Trinken bis zum hellen Morgen
vergngten. Dieser Gebrauch wurde nach und nach in der ganzen Umgegend
von Frankfurt nachgeahmt, wodurch der Frankfurter Nickelchestag
entstand, an dem das Gedrnge in den Straen fast ebenso gro als auf
den Boulevards zu Paris ist.

Bei diesen aufgeblasenen Familien bewhrte sich indessen das Sprichwort:
Hochmut kommt vor dem Fall, nur allzubald. Nicht zufrieden mit dem
reichlichen Gewinn, den ihnen alljhrlich der Schnupftabak abwarf, der
sich auf achtzig- bis hunderttausend Gulden belief, von dem freilich bei
dem gewohnten Aufwand wenig oder nichts brig bleiben konnte, fiel es
den Herren Gebrdern ein, auch in London ein Haus zu grnden, um in
Kolonialwaren ins Groe zu spekulieren, ohne zu berlegen, da ihnen,
die sich bisher nur mit der hchst einfachen Fabrikation ihrer
Schnupftabaksbeize befat hatten, die ntige Sachkenntnis und Einsicht
dazu vllig mangelte, wozu noch kam, da sie ein ganz unfhiges Subjekt
an die Spitze des Londoner Hauses stellten, und so mute das Unternehmen
natrlich fehlschlagen. Whrend dieses Haus in der Tat schon vllig
bankrott war, aber vor den Augen der Welt noch florierte, suchten die
Herren Gebrder Bernard, das heit Herr Peter Bernard und seine
Gesellschafter, die Herren George und Jakob d'Orville, um sich mglichst
aus der Schlinge zu ziehen, einen wohlhabenden Brger namens Wailand,
der in dem nahen Frankfurter Ort Oberrad wohnte, oder vielmehr dessen
Vermgen fr das bankrotte englische Haus zu gewinnen, was nichts
anderes als ein abgefeimter Beutelschneiderstreich war, der ihnen auch
vollkommen gelang, ohne jedoch die gehofften Frchte zu bringen, nmlich
das Offenbacher Haus vor allem Verlust zu bewahren. Da dieses indessen
noch in der ffentlichen Meinung sehr hoch stand und fr sehr reich
galt, so war es den Herren nicht schwer, den Wailand zu bertlpeln. Um
nun ber Wailands Kapitalien verfgen zu knnen, sandten sie einen ihrer
Bekannten, ein zu einem solchen Auftrag ganz geeignetes Subjekt, einen
gewissen Ewald, Weinhndler in Offenbach, an den Mann ab, der ihm nur so
wie von ungefhr beibringen mute, da die Gebrder Bernard noch einen
Teilnehmer fr ihr Londoner Haus, das einen unermelichen Gewinn
verspreche, suchten, der die noch ntigen Fonds einschieen wrde, die
sie dem Offenbacher Geschft nicht entziehen knnten, da sie ohnehin
schon so groe Kapitalien im Londoner htten. Da der Geldbedarf uerst
dringend war und das Feuer dem Bernard und Konsorten unter den Sohlen
brannte, so lieen sich die Herren Peter, George und Jakob so weit
herab, dem Herrn Wailand, als ihrem knftigen Gesellschafter,
nacheinander in hchsteigener Person ihre Aufwartung zu machen, luden
ihn zu sich nach Offenbach ein, wo ihm sogar die Ehre ward, da ihm Herr
Bernard ein Solo auf dem Violoncello vorspielte, das den Geladenen trotz
mancherlei Migriffen doch so bezauberte, da er sich noch in derselben
Stunde zu einer Einzahlung von einhundertfnfzigtausend Gulden
anheischig machte, sowie zu noch hunderttausend Gulden spter, was
ungefhr das ganze Vermgens des Mannes war. Der arme Teufel, dem der
vermeintliche Millionr Bernard noch mehr Solis vorspielte und der einen
Ehrenplatz in dessen Konzerten erhielt, berbrachte seinen Herren
Associs selbst die Gelder und versprach auch die strengste
Geheimhaltung dieser Beutelschneiderei, die um so niedertrchtiger war,
als sie ein fast blindes Vertrauen hinterging. Die Folgen blieben nicht
lange aus, und die Komdie mit dem armen Betrogenen wurde nur noch eine
kurze Zeit fortgespielt. Die Gebrder Bernard hatten zwar ein paar
Lcken mit dem erhaltenen Geld gestopft, dadurch neuen Kredit in England
erlangt, lieen nun ungeheure Quantitten Waren auf lngere
Zahlungstermine aufkaufen, verkauften diese sogleich wieder per comptant
in Hamburg und trieben nebenbei eine so arge Wechselreiterei, wie die
merkantilische Welt schwerlich eine zweite aufzuweisen vermag, whrend
sich Wailand laut Kontrakt in nichts mischen, ja kaum einmal anfragen
durfte, bis pltzlich an einem schnen Morgen ein Sohn des George
d'Orville wie toll in sein Zimmer strzte und hin und her rennend
ausrief:

Lieber Wailand, ich komme gestern per Kurier von London. Gott! Gott!
Alles ist verloren; was sind wir fr unglckliche Menschen, wenn nicht
gleich auf der Stelle drei- bis vierhunderttausend Gulden dahin
geschafft werden, um das dortige Obligo zu decken; was ist Andr (der
Geschftsfhrer) fr ein Spitzbube, es ist alles bei ihm in der grten
Unordnung und Konfusion, nichts eingetragen, nichts eingeschrieben; ich
habe viele Papiere mitgebracht, kommen Sie doch um Himmelswillen gleich
zu Herrn Bernard, er und meines Vaters Bruder sind hier, da werden Sie
alles hren.

Man kann sich die Wirkung denken, welche diese Anrede auf das bisher so
sorglose Gemt des unglcklichen Wailand machte. Der groe Bankrott war
in London bereits frmlich ausgebrochen und erklrt, und das Offenbacher
Haus stand auf dem Punkt, es dem Londoner nachzumachen, als einige noch
solvable Verwandte desselben auf den Einfall kamen, bei den reichsten
Frankfurter Kaufleuten eine Subskription zugunsten der Gebrder Bernard
zu erffnen, um vermittelst derselben ein Kapital auf eine bestimmte
Zeit zu erhalten, mit welchem man den vlligen Sturz des Hauses
verhindern knne. -- Das Projekt gelang, da man vermittelst Frauengunst
den reichsten Bankier Frankfurts, von Bethmann, dafr gewann, der sich
sogleich mit einer bedeutenden Summe an die Spitze stellte und
unterzeichnete. Indessen konnten sich die Bernard doch nie wieder ganz
von diesem Sto erholen und zu dem frheren Glanz kommen.

Der betrogene Wailand wollte sich freilich an das Offenbacher Haus
halten, aber die Bernards wuten dennoch die Sache auf die lange Bank zu
schieben, dem durch sie an den Bettelstab gebrachten Wailand fehlte es
jetzt an allen Mitteln, etwas Durchgreifendes zu unternehmen, und
kummervoll und trostlos mute er vorerst alles gehen lassen, wie es
ging, whrend das Offenbacher Haus, durch die Subskription aus der Not
gezogen, sich um den schndlichen Bankrott in London nicht weiter
bekmmerte, einen rgerlichen Aufwand in Equipagen und so weiter
fortsetzte und Bernard sogar einen Teil seiner Kapelle, und zwar den
besten, den er zum Schein verabschiedet hatte, wieder mit dem frheren
Gehalt anstellte! Dies war um so emprender, als der arme Wailand oft
nicht wute, von was er leben sollte.

Nach langen Jahren nahm sich jedoch einer der renommiertesten Advokaten
Frankfurts, der Doktor Klaus, pltzlich des armen Wailand an, machte
dessen Sache zu seiner eigenen, griff das Ding auf dem rechten Fleck an,
indem er damit begann, die Geschichte dieser Beutelschneiderei, mit
allen ntigen Beweisen, Briefen und anderen Dokumenten versehen, im
Druck herauszugeben, um hierauf den Proze gegen die Gebrder Bernard
einzuleiten. Da vorauszusehen war, da die Sache auf jeden Fall schlimm
fr das Haus Bernard ausfallen wrde, so suchte dies nun den
Rechtsstreit durch einen Vergleich zu beseitigen, den die Gegner auch
eingingen, da sie wuten, da es eben nicht zum Brillantesten mit jenem
Haus stand, und Wailand mute sich ungefhr mit dem sechsten Teil seiner
Forderung begngen, der ihm in Terminen ausbezahlt wurde. Die
Haupturheber dieser Prellerei waren schon lngst tot, und die Nachkommen
waren es, die nun in den fr sie sehr sauern Apfel beien muten.

In Offenbach war damals das gesellige wie das ffentliche Leben beraus
heiter und frhlich, die Fabriken hatten einen guten Absatz, die Gewerbe
blhten, und eine Albernheit der Frankfurter Behrden war dem Stdtchen
von groem Nutzen. Das Verbot, da in Frankfurt keine Maskenblle
gegeben werden durften, kam den Offenbachern sehr zustatten, wo whrend
des ganzen Winters jeden Sonnabend bei ziemlich hohen Eintrittspreisen
dieses Vergngen im dortigen Schauspielhaus gestattet wurde, wohin die
Frankfurter karawanenweise fuhren, um desselben teilhaftig zu werden,
und wodurch viel Geld von Frankfurt nach Offenbach geleitet wurde; denn
auer dem Eintrittsgeld und was in solchen Nchten verzehrt und
verspielt wurde, bezahlte man auch die brillanten Kostme und was zu den
Maskenanzgen gehrte, in dem damit reichlich versehenen Magazin der
Mamsell Niepold zu enormen Preisen. Als Ursache, da man diese Blle,
ausgenommen in Krnungszeiten, wo man nicht anders konnte, in Frankfurt
nicht dulden wollte, gab man an, da mehrmals den regierenden
Brgermeistern groe Unannehmlichkeiten bei solchen Gelegenheiten
widerfahren, ja einer sogar einmal beinahe ermordet worden wre.

In den Sommermonaten wohnte ich, wie gesagt, zu meiner groen Freude bei
meinen Eltern, wo ich weit mehr Freiheit als in Scherers Institut hatte.
Unser nchster Gartennachbar, ein Kaufmann O... aus Frankfurt, hatte
mehrere Kinder, mit denen ich bald eine nhere Bekanntschaft anknpfte.
Der lteste Junge, Adam, war indessen ein stupid-trauriges Subjekt, der
zweite, Fritz, ein ausgelassener Wildfang; sie hatten eine Schwester,
Lilli geheien, ein artiges Mdchen, der den Hof zu machen ich schon der
Mhe wert fand. In den Erholungsstunden setzte ich mit einem Sprung ber
die Planken, die unsere Grten trennten, und befand mich bei diesen
Kindern, wo ich indessen bald noch ein anderes sehr hbsches Mdchen,
ebenfalls die Tochter eines Kaufmanns aus Frankfurt, kennen lernte, der
ein naher Verwandter O.s und d'Orvilles war, die Karoline Th... hie.
Kaum hatte ich dieses liebenswrdige Kind erblickt, so hatte ich auch
keine Augen mehr fr Lilli, sondern bewarb mich eifrig um die Gunst der
ersteren, die mir auch bald in vollem Mae zuteil ward, und wir
verstanden es vortrefflich, die gute Lilli und ihren einfltigen Bruder
Adam unter allerlei Vorwand zu entfernen, namentlich wenn wir Verstecken
spielten. Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht, sondern bei den
Abendharmonien in Bernards Boskett machte ich die Bekanntschaft noch
mancher anderen liebenswrdigen Kinder, unter denen eine Jeannette, eine
Annette und eine Arkade, die letztere die Tochter eines reichen, in
Offenbach privatisierenden Hollnders namens Amerong, und reservierte
mir diese fr meine Winterschnheiten, da Lilli und Karoline wieder nach
Frankfurt zurckkehrten, sobald der Herbstwind die Bltter gelb frbte
und die Schwalben abzogen. -- Um mehr Gelegenheit zu haben, mit all
diesen Mdchen zusammen und in nhere Berhrung zu kommen, und auch aus
angeborener Liebhaberei, nahm ich wieder zu meinem erprobten alten
Mittel, dem Komdienspielen, meine Zuflucht, und wir spielten in
Bernards Garten, wo sich die beste Gelegenheit dazu bot und gar manch
heimliches, >stillvertrautes rtchen< war, Komdien jeder Art, in denen
auch manchmal die Eifersucht schon eine Rolle spielte, namentlich von
seiten der Aktricen.

Mit dem Ende des Sommers hatten auch unsere Garten-Komdien aufgehrt,
und ich glaubte schon, einen recht traurigen Winter in dem Institut
zubringen zu mssen, da fgte es sich, da sich meine Eltern
entschlossen, bis Weihnachten in Offenbach zu bleiben, und zu meiner
groen Freude fand sich eine Schauspielergesellschaft, deren Direktor
ein gewisser Badewitz war, fr die Wintersaison ein; meine Mutter nahm
ein Abonnement in einer Loge, das meistens mir zugute kam. Die
Gesellschaft war so bel nicht; Madame Badewitz, eine hbsche junge
Frau, spielte die Liebhaberinnen recht natrlich, eine Demoiselle
Sternfeld war leidlich, auch der erste Liebhaber, Herr Stahl, gefiel,
nur tobte und schrie er bisweilen gar zu arg.

Gar zu gerne htte ich im elterlichen Haus jetzt ein Liebhabertheater
etabliert, aber da sich diesem Vorhaben nicht zu beseitigende
Schwierigkeiten entgegensetzten, so mute ich mich begngen, ein
Puppentheater bestmglich einzurichten, auf dem ich mit Hilfe einiger
anderen Kinder gewhnlich Sonntags Vorstellungen gab. Dies Theater
stellte ich dann dicht an die Tre, die aus der Stube, in der wir
spielten, in ein anderes Zimmer fhrte, so da dasselbe samt den
Dirigenten vllig von den Zuschauern, welche meistens aus Kindern und
dem Gesinde bestanden, getrennt war und niemand hinter das Theater
konnte. Die Bhne hatte mir unser Tischler nach meiner Angabe
verfertigen mssen, mehrere Dekorationen hatte mir unser Zeichenlehrer
Herchenrder gemalt, andere hatte ich selbst nach denen des Frankfurter
Theaters, die zum Teil von dem berhmten Quaglio und Fuentes gemalt
waren, zusammengepfuscht, und meine Gehilfen bei der Auffhrung waren
meistens Mdchen, namentlich Jeannette und Arkade. Indessen glaube man
nicht, da wir uns begngten, kleine Harlekinaden aufzufhren, im
Gegenteil, die grten Maschinenstcke, wie eine Nymphe der Donau, der
Spiegel von Arkadien, die Teufelsmhle, das Sternenmdchen, die
Zauberzitter waren uns nicht zu schwierig, und sogar an groe
Ritterstcke und Opern, wie Maria von Montalban, Oberon, das
unterbrochene Opferfest, die Zauberflte, den Titus und so weiter wagten
wir uns und leierten sie ab, so gut es gehen wollte; freilich sangen wir
nur einzelne Lieder und Gesnge aus denselben, und alle Ensemblestcke
und die meisten Chre blieben weg. Ein Klavier, das wir abwechselnd
spielten, war das Orchester, aber gar oft waren Orchester und Snger um
zwanzig bis dreiig Takte und mehr auseinander. Wir sangen eben so gut
wir konnten und strengten uns dabei ganz gewaltig an. Indessen mu dies
Marionettenspiel doch nicht so durchaus langweilig gewesen sein, da es
nicht selten auch von erwachsenen Personen beehrt wurde, die den
Vorstellungen bis zu Ende beiwohnten. Eine der aufmerksamsten
Zuschauerinnen war Bettina Brentano, die damals mit noch zwei anderen
Schwestern bei ihrer Gromutter, der Schriftstellerin Sophia von La
Roche, zu Offenbach wohnte und unser Haus fters mit einem Besuch
beehrte. Dieses originelle Mdchen war ein ganz eigenes und geniales
Geschpf, welches in ihrem Wesen viel von Goethes Mignon hatte, dabei
ein etwas wildes, sehr naives und ungeniertes Naturkind war, unser
Puppenspiel mit groer Vorliebe gegen jede hmische Kritik verteidigte
und in Schutz nahm. Sie war damals schon eine auerordentliche
Verehrerin Goethes, und in Ermangelung des groen Dichters selbst
brachte sie ihre Huldigung einstweilen dessen Mutter, der Frau Rat, die
sie jedoch so sehr mit ihren Besuchen zu fast jeder Stunde bestrmte,
da sich dieselbe fters verleugnen lie. Bettina aber merkte dies und
lie sich dann nicht abweisen, sie klopfte an der Tr des Schlafzimmers,
in welchem sie die Dame vermutete, und rief ihr ganz naiv zu: Machen
Sie nur auf, Frau Rat, ich wei doch, da Sie zu Hause sind, oder
ffnete ein Fenster des Vorzimmers und schlug von auen mit einem
Stckchen an das Fenster der Stube, in der sie Goethes Mutter glaubte,
dieselben Worte wiederholend, bis endlich die gute Frau, durch diese
Beharrlichkeit erweicht, lchelnd ffnete, wo dann das Mdchen in die
Hnde patschend freudig herumsprang und ausrief: So mu man es machen,
Frau Rat, wenn man Sie sehen will. --

Bald darauf kehrten meine Eltern nach Frankfurt zurck, und ich mute zu
meinem Leidwesen wieder ganz in dem Institut wohnen, wo sich indessen
eine neue, sehr hbsche, kaum dreizehnjhrige Nichte des Hofrats,
Helenchen Valentin, eingefunden hatte, mit der ich nun meine Aufgaben in
den Abendstunden zusammen in der erwhnten Garderobe machte und
auswendig lernte, und man darf es mir aufs Wort glauben, da auch ohne
die Pestalozzische Methode, die wir nicht kannten, wir beide durch
gegenseitigen Unterricht erstaunlich schnelle Fortschritte machten.
Gegen das Frhjahr verlor ich meinen guten, schon lnger krnkelnden
Grovater Weller. Der Mann hatte sich bermig angestrengt und fast zu
Tode gearbeitet, whrend die meisten Rmerherren ihre Stellen als
Sinekuren betrachteten und es sich in trger Behaglichkeit wohl sein
lieen. Das edle Ro arbeitet unaufgefordert bis zum letzten Atemzug,
der Esel aber lt sich zur Arbeit prgeln und tut sich doch nicht weh.

Der gute Mann hatte noch vor seinem Tode geuert, da man mich doch in
den Religionsunterricht des Pfarrers Doktor Hufnagel nach Frankfurt
schicken solle, der ein berhmter Prediger und sein intimer Freund war,
um von diesem konfirmiert zu werden. -- Dies war Wasser auf meine Mhle,
denn nun mute mich Hofrat Scherer jede Woche ein-, auch zweimal zu
dieser Gebetstunde nach Frankfurt gehen lassen. Hier fesselte sogleich
nicht Doktor Hufnagel, sondern ein allerliebstes Mdchen, die
Wirtstochter aus dem Englischen Hof, Jungfer L..., wie sie sich nannte,
meine Aufmerksamkeit, ich hatte bald nur noch Augen und Ohren fr sie
und war taub fr die Lehren des wackeren Hufnagels. Bald hatten wir erst
nur durch Blicke, dann durch Zettelchen korrespondiert, die ich ihr beim
Verlassen der Gebetstunde zusteckte, worauf wir aus Mangel an
passenderen Orten uns Rendezvous hinter den einsamen Stadtmauern in der
Gegend des Eschenheimer Tors gaben; aber dies Einverstndnis hatte kaum
einige Wochen gedauert, als es durch die Unvorsichtigkeit meiner Teueren
pltzlich gestrt und mir der fernere Besuch der Religionsstunden in
Frankfurt untersagt wurde. Die L. lie whrend des Unterrichts ein
Zettelchen, das ich ihr beim Eintreten zugesteckt, indem ich sie auf den
Wall am Eschenheimer Tor beschied, und das mit einem: >einstweilen
tausend Ksse, mein lieblicher Engel< schlo, aus ihrem Gebetbuch
fallen, ohne es sogleich wahrzunehmen, ein anderes neben ihr sitzendes
Mdchen hob es auf und bergab es dem Doktor Hufnagel, der es zu unserm
beiderseitigen Schrecken las, zu sich steckte und nach der
Konfirmandenstunde das arme Kind vornahm, das, heie Trnen vergieend,
beichtete, ich habe sie zu all den gottlosen Dingen verfhrt. Meine
Eltern wurden von der gemachten Entdeckung in Kenntnis gesetzt, teilten
sie dem Hofrat Scherer mit, der ohnehin ber das Nach-Frankfurt-Laufen
als viel zu zeitraubend rgerlich war, und nun wurde beschlossen,
da ich den Frankfurter Religionsunterricht aufgeben, die
Konfirmandenstunden in Offenbach bei dem lutherischen Oberpfarrer
Waldeck fortsetzen und daselbst auch konfirmiert werden solle. So
unangenehm mir dieser unwiderrufliche Beschlu anfangs war, so wute ich
mich doch bald darein zu finden und fing in der neuen Gebetstunde da an,
wo ich es in Frankfurt gelassen hatte, nmlich statt auf die Lehren des
guten Herrn Oberpfarrers zu achten, suchte ich mit den hbschesten
Mdchen zu liebugeln, deren es auch hier gab, und eine schmachtende
Sophia, ein Kind der Liebe in jedem Sinn, hatte neben Rosettchen, die
gleichfalls diese Gebetstunden besuchte, schnell mein so empfngliches
Herz zu fesseln gewut, ich war getrstet, nahm mir aber vor, meine
Sache jetzt klger anzufangen und vor allem keine Zettel mehr zu
schreiben, dagegen unterstrich ich die mir gerade dienlichen Worte in
meinem Katechismus mit Bleifeder, machte ein kleines Zeichen an den Rand
der Zeilen, in denen sich die unterstrichenen Worte befanden, ein Kreuz
hinter dem Wort, das eine Phrase schlo, und machte mich so vollkommen
verstndlich. Beim Herausgehen tauschten wir die gleich gebundenen
Bcher gegeneinander aus, ich fand die erbetene Antwort auf dieselbe
Weise bezeichnet, denn ich hatte gar gelehrige Schlerinnen fr meinen
Unterricht, und auf diese Weise wurde gar manche Zusammenkunft
verabredet und zustande gebracht.

Damals verbreitete sich in Offenbach und der Umgegend pltzlich die
Nachricht, da der berchtigte und allgemein gefrchtete Ruberhauptmann
Schinderhannes (Johannes Bckler) in Frankfurt im Roten Ochsen, dem
sterreichischen Werbhaus, gefangen worden sei. Anfnglich wollte
niemand daran glauben, bald besttigte sich jedoch diese groe
Neuigkeit, sowie, da man ihn an das franzsische Gouvernement nach
Mainz abgeliefert habe, da er hauptschlich das linke Rheinufer zum
Schauplatz seiner Untaten und Missetaten gemacht hatte, von denen viele
hchst originell waren, namentlich die, welche er an Juden, die er
besonders hate, verbte. Seitdem das linke Rheinufer franzsisch war,
hatten ihm die dortigen Gendarmen so gewaltig zugesetzt, da er sich
schon einigemal auf das rechte Ufer geflchtet und, um sich aus der
Klemme zu retten, bei sterreichischen oder preuischen Werbern
engagiert hatte. Da er noch ein sehr junger und wohlgewachsener Mann
war, so wurde ihm jedesmal ein schnes Handgeld ausgezahlt, worauf er
sich bei der ersten Gelegenheit wieder aus dem Staube machte und sein
Ruberhandwerk von neuem begann. Als ihm einst ein sterreichischer
Werbeunteroffizier vier Karolin Handgeld ausgezahlt hatte und beide
hierauf durch den Frankfurter Wald kamen, zog Schinderhannes pltzlich
zwei Terzerole unter dem Wams hervor und sagte zu dem Korporal: Jetzt
geht jeder seinen Weg, ich bin Johannes Bckler, und der Unteroffizier
mute ihn gehen lassen. Diesmal war er jedoch im Werbehaus selbst
erkannt, festgenommen und wohl geknebelt nach Mainz transportiert
worden.

Ich hatte schon so viele und seltsame Dinge von diesem Schinderhannes
erzhlen hren, da ich mir ein groes Genie, einen wahren Wundermann
unter demselben dachte, den zu sehen ich wei nicht was gegeben htte.
Zudem war meine Phantasie soeben durch das Lesen des Rinaldo Rinaldini
aufgeregt, und obendrein studierte ich die Rolle des Karl Moor aus
Schillers Rubern ein. Ich trumte und phantasierte wachend von diesem
Helden und dem Schinderhannes, von dem man allgemein glaubte, da er
sich selbst wieder befreien wrde, und tglich eine solche Nachricht
erwartete; unter dem Volk stand sogar der Glaube fest, da er sich
unsichtbar machen knne. Unterdessen aber wurde sein Proze und der
seiner Spiegesellen, von denen man die gefhrlichstem wie den schwarzen
Peter, den tollen Jonas und so weiter nach dem Habhaftwerden ihres
Hauptmanns ebenfalls eingefangen hatte, bei den franzsischen Gerichten
zu Mainz eifrigst betrieben, und nach mehreren Monaten kam die
Nachricht, da er samt seinen gefangenen Helfershelfern, dreiundzwanzig
an der Zahl, zum Tode verurteilt sei.

Schinderhannes sterben, ohne da ich dieses Genie gesehen, war mir ein
unertrglicher Gedanke. Unter andern Gaben, mit denen mich die gtige
Natur beschenkt, war auch eine gute Portion Leichtsinn, die mich gar oft
in die allerbedenklichsten Lagen brachte, und mehr als hundertmal setzte
ich gleich einem verzweifelten Spieler Existenz, Leben und Vermgen auf
einen einzigen Wurf und -- gewann meistens; dies ist allerdings das wenn
auch desperate Mittel, manches gefhrliche Wagnis durchsetzen zu knnen,
indessen mu man dabei auf alles, was kommen kann, gefat und resigniert
sein.

Als ich mit Bestimmtheit den Tag kannte, der zur Exekution meines Helden
festgesetzt war, erklrte ich dem Herrn Hofrat zwei Tage frher, da ich
den kommenden Morgen zur Geburtstagsfeier meines Vaters nach Frankfurt
gehen msse, was er mir nach einigen Einreden, die ich zu widerlegen
wute, zugestand. Ich hatte erfahren, da den Tag vor der Hinrichtung
auer dem jeden Morgen abgehenden Marktschiff noch eine Extrajacht von
Frankfurt nach Mainz fahren wrde, ich machte mich deshalb in aller
Frhe auf die Beine, kam nach sechs Uhr in Frankfurt an, eilte sofort an
die Ufer des Mains und schiffte mich auf der Jacht ein, wo ich nicht
eher ruhig war, als bis sie die Anker gelichtet, das heit die Seile,
die sie am Ufer hielten, losgebunden, denn ich frchtete immer noch,
eingeholt und zurckgebracht zu werden. Endlich fuhren wir mit Musik und
unter dem Jubel der Menge ab. Jetzt erst wurde es mir leichter ums Herz,
und ich freute mich innerlich ber das Gelingen meines Geniestreichs.
Das Schiff war mit Passagieren jeder Gattung bis zum Erdrcken
angefllt. Greise und Jnglinge, alte Weiber und blhende Mdchen,
wichtigtuende Beamte und sorglose Bnkelsnger, alles war in buntem
Gemisch durcheinander und vertrug sich bestens. Da fast nur von dem
berhmten Ruberhauptmann und seiner Bande die Rede und das dritte Wort
Schinderhannes war, von dem man sich die wunderlichsten Abenteuer und
Anekdoten, wahr oder erfunden, erzhlte, kann man sich denken, sowie da
ich jedes Wort und jede Meinung mit Begierde aufschnappte und das
Gesicht verzog, wenn sie mit meinem Ideal nicht bereinstimmten.
Indessen war die Fahrt lustig und unterhaltend genug, man sang, spielte,
schmauste und zechte, ich naschte Kuchen und Backwerk, was man zum
Verkauf ausbot, und verschenkte manch Stckchen an ein hbsches Mdchen.
Aber jedermann wunderte sich, da ich so allein, ohne alle
Kopfbedeckung, im bloen Hals, in dieser Jahreszeit, es war im Winter,
und ohne alle Aufsicht zu einer solchen Feierlichkeit nach Mainz reise.
Aber unbekmmert stimmte ich in das originelle Lied, das einige lustige
Brder sangen: >So geht es in Schnutzel-Putz-Husel, da tanzen die
Katzen und Musel< mit ein und fuhr heiter den Strom hinab. Erst gegen
Abend bekamen wir das alte ehrwrdige, ehemals goldene Mainz mit seinen
Trmen, Kirchen und Klstern zu Gesicht. Nach fnf Uhr wurde gelandet,
und whrend sich alle Passagiere nach Gasthfen und einem Nachtlager
umsahen, war, als ich ausgestiegen, meine erste Frage, ob ein Theater in
Mainz sei und ob man diesen Abend spiele, worauf mir eine bejahende
Antwort wurde, und zwar, da man franzsische Komdie spiele. Ein
franzsisches Stck hatte ich noch nie auffhren sehen, und nichts htte
mich, dessen Neugierde aufs hchste erregt war, abhalten knnen,
demselben beizuwohnen. Ich lie mir sogleich den Weg zeigen, der nach
dem Theater fhrte, nahm ein Parkettbillett und sah den >Kalif von
Bagdad< und noch ein paar franzsische Lustspiele auffhren. Als gegen
zehn Uhr das Schauspiel beendigt war und ich das Haus verlie, ergo
sich der Regen in Strmen, ich hatte noch an kein Nachtquartier gedacht,
befand mich zum erstenmal in einer mir ganz fremden und ziemlich groen
Stadt, fragte nun erst nach Gast- und Wirtshusern, lief, in allen
abgewiesen, von einem zum andern, denn niemand wollte sich mit dem
seltsamen Gast, der ohne Mantel, Binde und Hut, schon wie ein Pudel
durchnt, kein groes Vertrauen einflte, befassen, und zudem waren ja
alle Wirtshuser vom ersten bis zum letzten berfllt. So rannte ich nun
umher, ohne zu wissen wohin, und schon ging es auf Mitternacht zu, als,
zhneklappernd und vor Frost zitternd und schaudernd, durch die schon
lngst menschenleeren Straen irrend mich der Zufall an das
Judenpltzchen fhrte, wo ich eine vor dem dortigen Wachthaus stehende
franzsische Schildwache anredete und ihr meine Verlegenheit klagte. Sie
hie mich in die Wache eintreten, wo ich mich bei einem guten Feuer
trocknen und erwrmen knne, und da ich diesem Rat nicht sogleich Folge
leistete, so ffnete mir der Soldat selbst die Tr, rief den
wachehabenden Sergeanten, dem er mein Abenteuer mitteilte, der mich nun
in das Wachtzimmer ntigte, wo er und seine Leute warmen Anteil an
meinem Schicksal nahmen, mich scherzend bedauerten, nach franzsischer
Weise Witze und Bonmots ber mein Malheur machten, sonst aber sehr artig
waren. Sie halfen mir die nassen, triefenden Kleider ausziehen, mich
einstweilen in eine ihrer Kapotten hllend, und mir, whrend sie meine
Effekten am Feuer trockneten, ein Nachtlager auf der Pritsche mit
Soldatenmnteln und einem Tornister, der mir statt Kopfkissen diente,
bereitend, auf dem ich auch bald nach Herzenslust schnarchte. Als ich am
anderen Morgen erwachte, waren meine Kleidungsstcke getrocknet und
sogar gereinigt und ausgebrstet, man war mir beim Ankleiden behilflich,
und ich, fr die erwiesene Gastfreundschaft erkenntlich, regalierte die
ganze Wache _avec la goutte_ und eilte, nachdem ich Teil an dem
militrischen Frhstck und Abschied von meinen geflligen
Schlafkameraden genommen, mit fast ganz leerer Tasche, denn ich hatte
nur wenige Gulden, nach dem zur Exekution bestimmten Platz, auf dem
ehedem die prchtige kurfrstliche Favorite gestanden und den jetzt
wieder schne Gartenanlagen zieren. Die schon von allen Seiten dahin
strmenden Volksmassen zeigten mir den Weg.

Daselbst angekommen, fand ich einen groen Kreis durch ein militrisches
Spalier gebildet, in dessen Mitte die rot angestrichene Guillotine
stand. Gerne wre ich in den Kreis gegangen, aber das Militr lie
niemand durch, nur Offiziere und hhere Beamte hatten dieses Vorrecht.
Schon harrte die unermeliche Zahl der Neugierigen stundenlang, als man
endlich einen dumpfen Trommelschlag und gleich darauf ein: Sie kommen,
sie kommen! vernahm. Es fuhren nun mehrere Kutschen mit diensttuenden
Beamten in den Zirkus, ich pate einen gnstigen Augenblick ab und stahl
mich hinter einer solchen in denselben. Jetzt kamen die armen Snder auf
mehreren Leiterwagen, teils mit roten, teils mit weien Hemden
bekleidet, in Begleitung katholischer und protestantischer Geistlicher
angefahren. Noch immer dachte ich, da irgendein _Deus ex machina_
kommen msse, um die Ruberhelden zu befreien, aber vergeblich. -- Jetzt
herrschte eine Totenstille im ganzen Umkreis. Schinderhannes sprang
zuerst vom Wagen, stieg beherzt und mit Anstand auf das Schafott, sprach
noch einige Worte, die ich nicht verstand, machte eine kurze Verbeugung
gegen die Zuschauer, legte das Haupt auf den Block, den das
zentnerschwere Messer mit einem ringsum widerhallenden Schlag vom Rumpf
trennte, wobei mir ein tiefer Seufzer entfuhr, und ich lispelte:
Rinaldo Rinaldini ist nicht mehr! Ich hatte den einst so gefrchteten
Schinderhannes ganz in der Nhe gesehen und dessen Zge nicht ohne einen
Ausdruck, der einen gewissen Edelmut zu verknden schien, gefunden. Bis
zum letzten Augenblick zeigte er die grte Standhaftigkeit und
Entschlossenheit. Ihm folgten die Mitverurteilten der Reihe nach rasch
hintereinander, keiner jedoch zeigte den Mut des Anfhrers, einige
muten sogar ohnmchtig auf das Schafott getragen werden. Ich hielt es
nur bis zum zehnten aus, dann wurde mir die Schlchterei und das viele
Blut zuwider; ich eilte in die Stadt zurck, wo ich am Tor hinter einem
Tisch, auf dem eine blecherne Bchse war, mehrere Mnner stehend fand,
von denen einer ein einjhriges Kind auf dem Arm hatte; es war der Sohn
des guillotinierten Ruberhauptmanns, dem alle Vorbergehenden
reichliche Gaben spendeten; auch ich warf ein Sechskreuzerstck, die
Hlfte von dem, was ich noch brig hatte, in die Bchse, als Beitrag fr
den Nachkmmling des verunglckten Helden.

Indessen war die Mittagsstunde herangekommen, und mein leerer Magen
mahnte mich, da ich gewohnt war, ihn um diese Zeit zu fllen; als ich
so berlegte, da dies mit sechs Kreuzern eine ziemlich schwere Aufgabe
sei, begegnete mir gerade ein guter Freund unserer Familie, der in Mainz
wohnte, der Hofrat Jung, und fragte mich verwundert, wie ich nach Mainz
gekommen und ob ich allein sei. Ich teilte ihm nun mein Abenteuer mit,
ohne ihm zu sagen, da ich heimlich und ohne Erlaubnis den Abstecher
gemacht, worauf er mich zum Mittagessen einlud, mich mit sich nahm und
schmlte, da ich ihn nicht sogleich nach meiner Ankunft zu Mainz
aufgesucht und bei ihm logiert habe. Denselben Abend nahm er mich mit
seinen Kindern auf einen groen, im Schrderschen Kaffeehaus
veranstalteten Ball, und den anderen Morgen trat ich nach eingenommenem
Frhstck die Reise zu Fu nach Frankfurt an, da ich kein Geld hatte,
einen Platz in einem Wagen oder Schiff zu bezahlen, und Jung nicht darum
ansprechen mochte. Je mehr ich mich aber Frankfurt nherte, wo ich mit
groem Hunger und hchst ermdet ankam, desto mehr klopfte mir das Herz,
denn nicht ohne Grund frchtete ich ein schweres Ungewitter. Ich fate
aber Mut und betrat das Vaterhaus, wo ich ber alle Erwartung gndig von
meinen Eltern aufgenommen wurde, die in namenloser Angst, was aus mir
geworden, nur froh waren, mich gesund und mit heiler Haut wiederzusehen.
Scherer hatte den zweiten Tag nach meiner Abwesenheit fragen lassen,
warum ich nicht zurckkme. -- Nachdem ich mich gehrig restauriert
hatte, wurde ich noch denselben Abend nach Offenbach spediert, wo es
aber nicht so gelinde abging, sondern ich drei Tage lang in die
Rauchkammer und zwar bei Wasser und Brot gesperrt und mir verkndet
wurde, da ich in den ersten drei Monaten nicht mehr nach Frankfurt
drfe. Mein Trost in dieser Einsamkeit war: Du leidest dies alles um
Schinderhannes willen, hast den unsterblichen Helden des Jahrhunderts
sterben, eine Guillotine, ein franzsisches Theater, einen Ball und
Mainz gesehen und eine merkwrdige Reise gemacht.

Ein Trauerfall und dann eine frhliche Begebenheit waren Ursache, da
ich schon in den ersten vierzehn Tagen wieder das vterliche Haus
besuchen sollte. Meine jngste Schwester Auguste, ein beraus
liebliches, fast bei ihrem Leben schon verklrtes Wesen, starb nach
einem Krankenlager von kaum drei Tagen. Meine untrstlichen Eltern
wollten nun alle ihre Kinder um sich sehen, und auch ich wurde deshalb
nach Frankfurt geholt.

Sechs Wochen nach diesem Todesfall heiratete mein Oheim Fritz Weller
eine Tochter aus einem der angesehensten und reichsten Huser
Frankfurts, und nun gab es wieder Feste ber Feste. Um einen Begriff von
der raffinierten Gaumenschwelgerei einiger reicher Frankfurter Kaufleute
zu geben, will ich hier nur ein einziges Faktum anfhren. Dem Brautpaar
zu Ehren gab ein gewisser Fingerling, einer der reichsten Handelsleute
der Stadt, der besonders wegen der Erfindung pikanter Saucen und
mehrerer Gerichte, die seinen Namen trugen, berhmt war, einen groen
Schmaus auf dem Forsthaus, zu dem die ganze Verwandtschaft eingeladen
war. Unter der Zahl der endlosen Schsseln war eine, die er den >Kapaun
im Schlafrock< benannte, deren Erfinder zu sein er sich mit Stolz rhmte
und von deren Zubereitung er folgende schauderhafte Beschreibung machte.
Zuerst wurde der Kapaun mehrere Monate mit Markklchen gemstet,
sodann, wenn er fett genug war, lebendig gerupft, hierauf mit Butter und
Bordeauxwein am ganzen Krper eingerieben und sodann mit einer Peitsche
in einem geheizten Zimmer so lange herumgehetzt, bis sich Butter und
Wein mit dem Schwei des armen Tieres vermischten und in dessen Haut
gedrungen waren. Diese Operation wurde mehrmals wiederholt, bevor man
den Kapaun ttete, worauf er in die Haut eines frisch geschlachteten
Spanferkels genht und so gebraten wurde. Mehreren Gsten wurde es bei
dieser, an der Tafel selbst mit wohlgeflliger Prahlerei mitgeteilten
Erzhlung beinahe bel, und die meisten, unter denen auch das Brautpaar,
wollten nichts von dieser gerhmten Schssel genieen, whrend es sich
mehrere Hoch- und Gutschmecker mit schwabbelnden Buchen so trefflich
schmecken lieen, da sie den Braten allein mit Haut und Haar
aufzehrten. Auch zur ppigsten Zeit der Rmer haben deren grte
Schlemmer nichts Abscheulicheres ausgeheckt, ihre Gaumen zu kitzeln.

Gleich nach der Hochzeit wurde eine Rheinreise auf einer von meinem
Oheim eigens dazu gemieteten Jacht veranstaltet, an der auch meine
Eltern und wir Kinder teilnahmen. Die Fahrt ging nach dem alten Kln;
bei dieser Gelegenheit sah ich zum erstenmal die herrlichen Gegenden,
die sich lngs dem Vater Rhein auf beiden Ufern ausdehnen, und
bewunderte die alten, auf steilen Felsen hngenden Burgruinen, die
kstlichen Weinberge, die vielen freundlichen Stdte und Ortschaften,
die so malerisch gelegenen Kirchen, Klster, Villen und Meiereien, die
Gebirge, die in steter Abwechslung von Mainz bis Bonn an dem entzckten
Auge vorberschweben.

Nach diesen Festivitten kehrte ich wieder nach Offenbach in meine
Pension zurck, um bald darauf konfirmiert zu werden, ob ich gleich auch
nicht eine Seite vom Katechismus, gar keine Bibelsprche, ja nicht
einmal das Vaterunser, dagegen wenigstens ein Dutzend Theaterrollen bis
auf das Tipfelchen auswendig konnte. Der Herr Oberpfarrer war aber sehr
nachsichtsvoll und so gtig, mir nur solche Fragen vorzulegen, die ich
nicht anders als mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten konnte.
Dennoch erhielt ich bei dieser Gelegenheit reiche Geschenke von meinen
Verwandten, so wie der Herr Oberpfarrer auch gut bedacht wurde.

Nach der Konfirmation widmete ich mich mehr denn je den dramatischen
Studien. Bei dem Hofrat Andr waren ein paar junge Leute, namens Winter
und Reinwald, welche die Harmonie und den Generalba studierten, diesen
sang ich meine Opernrollen vor, und sie feuerten mich nicht wenig durch
ihren unverdienten Beifall an. Sie waren auch im Haus der als
Schriftstellerin bekannten Sophia La Roche eingefhrt, und durch sie und
Bettina Brentano, die ihrer Gromutter von mir gesprochen, ward ich
derselben vorgestellt, deklamierte ihr mehrere Gedichte vor, und als sie
meinen festen Vorsatz, mich dem Theater zu widmen, erfuhr, sagte sie:
Ich wte nicht, was ich tun wrde, wenn ich ein Kind htte, das diese
Karriere whlte. -- Was mich noch mehr in meinem Entschlu befestigte,
war, da ein anderer junger Mensch namens Eduard St..., der mein Vetter
und zwei Jahre lter als ich war, durchaus eine gleiche, ja noch grere
Neigung als ich zur Schauspielkunst, dabei eine einnehmende Figur, aber
wenig Talent hatte. Wir kamen jetzt in der Regel jeden Sonntag in einem
Garten des Wasserhofs, einer in der Mitte zwischen Offenbach und
Frankfurt am Main liegenden Meierei, zusammen, wo wir uns gegenseitig
unsere Plne und Hoffnungen fr die Zukunft bei einer Schale ser Milch
und Weck mitteilten und unsere Rollen berhrten.

Ich suchte nun auch Herrn Schmidt, den Kapellmeister des Frankfurter
Theaters, auf, dessen Bekanntschaft ich bei dem Herrn Geheimrat Willemer
gemacht, der ein groer Theaterfreund und Aktionr des Frankfurter
Theaters war und die Koryphen desselben hufig auf sein Landgut bei
Oberrad einlud. Ich deklamierte und sang den Herren vor, und sie
meinten, da ich allerdings nicht ohne Talent fr die Bhne sei; ich sah
mich schon im Traum ein Roscius, Garrik oder Iffland, auf dem Theater zu
Weimar und Berlin, die damals fr die ersten Deutschlands galten. Bei
dieser Gelegenheit in Willemers Garten lernte ich ein Frulein von W...
kennen, deren Vater ein Gut in Bockenheim gehabt und in Frankfurt bei
einer Spielbank interessiert war; dieses hbsche Mdchen, das auch den
Namen Henriette fhrte, hatte meine Deklamation und mein Gesang
angesprochen, sie bezeigte mir viel Teilnahme, und wir waren bald auf
dem Fu, da sie mir erlaubte, sie abends nach neun Uhr in ihrem Garten
in Bockenheim besuchen zu drfen; ich lie mir dies nicht zweimal sagen,
sondern begab mich unter dem Vorwand, wegen Unplichkeit frh zu Bette
zu gehen, gleich nach dem Abendessen in mein Schlafzimmer, das ich von
innen verriegelte; sodann stieg ich aus dem Fenster hinab, rannte nach
Bockenheim und suchte daselbst, ber W.s Gartenmauer kletternd, das
Pltzchen auf, an dem mir Frulein Henriette Rendezvous gegeben hatte.
Es war eine kleine, von dickem Gebsch umgebene Laube. Damit ich aber in
Zukunft nicht mehr zu klettern brauchte, hndigte sie mir den Schlssel
zu einem Hinterpfrtchen ein, den sie durch ihr Kammermdchen, das ihre
Vertraute war, hatte machen lassen. Die Mama dieses lieben Kindes, noch
eine schne Frau, hatte ein Einverstndnis mit dem Schauspieler Werdy,
dem ersten Liebhaber und Helden des Frankfurter Theaters, und dieser
befand sich gleichfalls im Besitz eines solchen Schlssels. Eines
Abends, als ich nach zehn Uhr den Garten verlie und eben den Schlssel
in das Schlo des Pfrtchens stecken wollte, ffnete sich dieses, und
ich stand Werdy gegenber, -- anfnglich waren wir beide ein wenig
frappiert, doch bald wieder gefat sagte Werdy zu mir: Ich wei,
welches Wildes Spur Sie hier verfolgen, wir gehen einander nicht in das
Gehege; ist mir die Tochter nicht beschieden, so suche ich die Mutter
auf, doch reinen Mund. -- Das Kammermdchen Henriettens, das, wie ich
spter erfuhr, Werdys Herz mit der gndigen Frau teilte, hatte diesem
geplaudert; da die Zofe indessen auch noch ein Einverstndnis mit dem
Jger des Herrn von W... hatte und dieser ihre Intrigue mit dem
Schauspieler entdeckte, so gab es bald Lrmen und Hallo, den Herr von
W... klug genug war zu vertuschen, mit dem Mantel die Liebe zuzudecken,
und dem Jger Wambold wie dem Kammermdchen gab er den Abschied. Aber
auch meine nchtlichen Besuche in W.s Garten hatten ein Ende, da auf
Befehl des Obersten derselbe sowie das Frulein strenge bewacht wurden.
-- Indessen war damit noch nicht unser Verhltnis abgebrochen. Henriette
fand Mittel, mir ein Billett zuzustecken, durch welches sie mich einlud,
mich abends nach dem Theater am Weien Schwanen einzufinden, wo sie oft
stundenlang allein im Wagen halten und auf den Papa, der oben spiele,
warten msse. -- Diese Gelegenheit pate ich ab, und so oft ich sah, da
meine Angebetete allein in der Loge war, fand ich mich nach beendigtem
Schauspiel am Schwanen ein, wo ich dann Gelegenheit hatte, mich zuerst
lange am Kutschenschlag mit ihr zu unterhalten; aber der wartende
Bediente mute mit in das Geheimnis gezogen und also bestochen werden.
Dies war eben kein schweres Stck Arbeit, und da ich auer meinem
Taschengeld noch viel von meinen Konfirmationsbatzen hatte, so lie ich
es an Trinkgeldern nicht fehlen und zahlte geners, was zur Folge hatte,
da der Bediente bald zu mir sagte: Aber warum wollen Sie hier am Wagen
stehen, steigen Sie doch ein, ich will schon aufpassen, wenn Papa
kmmt. Ich war mit einem Sprung in dem Wagen, verdoppelte das
Trinkgeld, denn er mute mit dem Kutscher teilen, und whrend unser
Figaro oben auf der Treppe stand und aufpate, wenn sich die Tr des
Spielzimmers ffnete, in dem Oberst W... die Karten zum Pharao oder
Rouge und Noir mischte und die gewonnenen Dukaten einstrich, spielten
wir im Wagen _ l'amour_ und auch Rouge und Noir. Wir verabredeten auch
einige Morgenzusammenknfte in Henriettens Garten, in den ich mich dann,
beinahe mit Sonnenaufgang, wenn wir noch alles in den Federn vermuteten,
wieder ber die Mauer kletternd, stahl. -- Aber eines Morgens war es
Papa W..., der nicht hatte schlafen knnen, eingefallen, ebenfalls mit
Tagesanbruch aufzustehen, um -- seine den vorigen Abend mit
heimgebrachten Dukaten zu wiegen, ein Geschft, das er jeden Morgen
vornahm, um die zu leicht befundenen den Abend wieder mit ins Spiel zu
nehmen; da fhrte ihn der Zufall gerade an das Fenster, als ich die
Retirade ber die Mauer antrat; er hatte mich aber nicht erkannt,
sondern in der Meinung, es seien Diebe, das ganze Schlchen
aufrhrerisch gemacht, das Gesinde aus dem Schlaf klingelnd und
herbeirufend. Henriette war eiligst wieder in ihr Bett geschlpft und
fand sich mit Mutter und Schwester ein, ganz erstaunt nach der Ursache
des gewaltigen Lrmens fragend. -- Von jetzt an unterblieben meine
Morgenbesuche.

Obgleich meinen Eltern und Verwandten meine Theaterliebhaberei lngst
bekannt war, so hielten sie solche doch nicht fr so ernsthaft und
eingefleischt, als sie es in der Tat war, und dachten noch weniger
daran, da ich mich ganz der Bhne widmen wolle; als sie aber endlich
durch Frau von La Roche und Geheimrat Willemers erfuhren, mit welchem
Eifer und Enthusiasmus ich fr die dramatische Kunst eingenommen sei, ja
da ich bei dem Kapellmeister Schmidt sogar schon Schritte getan, um
mich nach einem Engagement umzusehen, da wurde ihnen mit einem Mal klar,
da man diesen Hang, der zu einer wahren Leidenschaft geworden, bisher
viel zu wenig beachtet habe. -- Man hatte mich fr den Handelsstand
bestimmt, wie die meisten Eltern Frankfurts, welche diesem Stand
angehren, nur einzig und allein Glck und Heil in diesem fr ihre
Kinder erblicken und mit einer stupiden Verachtung auf fast alle anderen
Stnde herabsehen, sie brotlose Knste nennend, die Mediziner
ausgenommen, vor denen sie aus Furcht vor den Krankheiten und dem Tod
noch einigen Respekt haben. Aber gerade der Kaufmann war es, der mir vor
allem anderen zuwider war und vor dem ich einen wahren Ekel hatte.

Man drang nun immer mehr in mich, da ich mich fr einen Stand erklren
solle, indem es Zeit sei, einen Entschlu zu fassen, besonders wenn ich
mich dem Handelsstand widme, was wohl das beste fr mich sei, da fast
alle meine nheren Verwandten mit geringer Ausnahme diesem angehrten
und diese Karriere mit Glck betreten htten. Von allen Seiten gedrngt,
erklrte ich endlich rund heraus, ich wrde nichts anderes als
Schauspieler werden, wozu ich den hchsten Beruf in mir fhle. -- Jetzt
aber war Feuer in allen Ecken, weniger aber hatte ich von meinen Eltern
als von der brigen Verwandtschaft zu leiden, besonders dem weiblichen
Teil derselben: ich wolle die ganze Familie entehren und an den Pranger
stellen, hie es, und alle Basen hielten es fr ihre Pflicht und sich
berechtigt, mich deshalb herzunehmen und mir die Leviten zu lesen. Es
wurde mir unaufhrlich von allen Seiten so zugesetzt, da ich beschlo,
der ganzen Geschichte schnell durch einen Desperationscoup ein Ende zu
machen. Erst krzlich hatte ich Wilhelm Meisters Lehrjahre von Goethe
gelesen und wieder gelesen, mich ganz in das Buch und den Charakter
Wilhelms vernarrt und fate nun den Entschlu, den Schpfer desselben,
mit dessen Familie wir ohnehin liiert waren, aufzusuchen, in dem festen
Glauben, dieser, der selbst ein so groer Verehrer der dramatischen
Kunst sei, wrde und msse mich als ihren Jnger mit offenen Armen
aufnehmen. Ich steckte, was mir noch von meinen Konfirmationsgeldern
brig, zu mir, setzte mich auf den Postwagen und fuhr, ohne jemand ein
Wort davon zu sagen, nach Weimar, dem damaligen Sitz der deutschen
Musen, dem Geburtsort Kotzebues, dem Aufenthalt Schillers, Goethes,
Wielands, Herders und so weiter. -- Zum Tage meiner Abreise hatte ich
wohlberlegt das Fest des Bornheimer Lerchenherbstes, an dem die
Frankfurter so viel tausend Sperlinge fr Lerchen verspeisen und
bezahlen, gewhlt, weil da meine Abwesenheit weniger und erst spt in
der Nacht bemerkt wrde. Ich fuhr unaufgehalten ber Fulda, Eisenach,
Gotha und Erfurt, kam den zweiten Tag gegen Abend wohlbehalten, reich an
Hoffnungen und Erwartungen und unbekmmert ber die Bekmmernis, die ich
den Meinigen verursachen mute, in Weimar an, wo, kaum im Gasthof
abgestiegen, ich noch denselben Abend meinen berhmten Landsmann
aufsuchte, ihn jedoch nicht traf und auf den folgenden Morgen nach zehn
Uhr beschieden wurde.

Empfehlungsschreiben hatte ich zwar keine, hielt diese auch, als mit
Goethes Verwandten genau bekannt, fr unntig. Ziemlich von der Reise
ermdet, hatte ich trefflich geschlafen, kleidete mich schon in aller
Frhe recht sorgfltig an, und da ich doch den groen Dichter nicht wohl
in den ersten Morgenstunden inkommodieren konnte, so trieb ich mich
einstweilen in den eben nicht sehr schnen und krummen Straen Weimars
herum, besah das nicht sehr merkwrdige Schlo, den Exerzierplatz,
Thaliens Tempel, den ich mir ebenfalls weit imposanter vorgestellt
hatte, ging sodann in die schnen Anlagen des Parks, mit Sehnsucht
erwartend, da die Glocke die Stunde anzeigen mge, zu der es
schicklich, meine Aufwartung zu machen.

Es schlug endlich zehn, und ich eilte nun nach Goethes Wohnung, wo ich
mich als einen Landsmann und guten Bekannten seiner Familie melden lie.
Ich ward sofort vorgelassen, traf ihn jedoch nicht allein, sondern in
Gesellschaft einer ziemlich martialisch aussehenden Dame. Ich hatte ihn
nur ein paarmal und immer nur einige Augenblicke gesehen, wenn er auf
Besuch in Frankfurt war, und wute mir ihn infolge meines schlechten
Personengedchtnisses nicht mehr recht vorzustellen. Er sah der Frau
Rat, seiner Mutter, hnlich, war von ziemlich hoher Statur, kam mir
etwas breitschulterig vor, trug das Haupt hoch, und in seinen Minen
drckte sich ein mich abschreckender Ernst, ja sogar Strenge aus. Die
ganze Figur kam mir steif und abgemessen vor, und vergeblich suchte ich
in seinem Gesicht einen Zug, der mir den gemtlichen Verfasser von
Werthers Leiden oder Wilhelm Meisters Lehrjahren verraten htte. -- Bei
seinem Anblick erstarrte mir das Blut fast in den Adern, und das Herz
war mir, wie die Frankfurter sagen, so ziemlich in die Schuhe gefallen.
Nur stotternd und stockend konnte ich mein Anliegen vorbringen, bei dem
sein sich verfinsternder Blick mir eiskalt durch die Adern schauerte.
Ich stammelte, da ich, seine Werke lesend, eine unwiderstehliche
Neigung fr die Bhne geschpft, da sein Wilhelm meine Liebe zur
Schauspielkunst aufs hchste gesteigert habe, nannte ein Dutzend Rollen,
die ich schon einstudiert, verga aber in meiner Bestrzung
unglcklicherweise einige aus seinen Stcken zu nennen, obgleich ich
auch den Egmont auswendig gelernt. -- Als mich der finstere Mann endlich
fragte, ob ich keine Briefe an ihn mitgebracht, und ich ihm hierauf den
Geniestreich, den ich gemacht und zu dem mich hauptschlich sein Wilhelm
veranlat, eingestand, da legte sich seine Stirne noch mehr in Falten,
nur ein karges: so, so! entwischte noch seinen Lippen, und nachdem er
gefragt, wo ich wohne, verabschiedete er mich mit der Bedeutung, er
wrde mich das weitere wissen lassen, ich solle mich indessen ruhig in
meinem Gasthof verhalten.

Wie mimutig mich der gegen alle meine Erwartungen glaziale Empfang und
die unfreundliche Aufnahme gestimmt, kann man sich denken. Mehr Anteil,
so schien es mir, habe noch die neben meinem steifen Landsmann stehende
heroische Dame an mir genommen, wenigstens schienen dies ihre Blicke zu
verraten, denn sie war whrend der ganzen Szene stumm. Gar zu gerne
htte ich Goethe gesagt: Was sind Sie fr ein hlzerner Patron, Sie
knnen unmglich Wilhelm Meisters Lehrjahre geschrieben haben,
verschluckte es aber. -- Als ich mit einer stummen Verbeugung aus dem
Zimmer war, ward es mir wieder leichter ums Herz, und ich erkundigte
mich bei einem dienstbaren Geist, wer die Dame sei, die ich gesehen,
worauf mir der Bescheid wurde: Eine franzsische Frau, die sich Madame
von Stal nennt. Es war in der Tat Neckers berhmte Tochter, die ich
gesehen, welche sich gerade damals nebst Benjamin Constant in Weimar
befand, aber beide interessierten mich zu jener Zeit noch wenig, sie
hatten ja beide nichts mit meiner, der bretternen Welt zu schaffen.

Nachdem ich mich einigermaen von meiner moralischen Erkltung wieder
erholt hatte, dachte ich, du mut es doch auch bei Schiller versuchen;
dieser, obgleich schon sehr leidend, nahm mich doch weit freundlicher
auf und gestattete mir, ihm Ferdinands Monolog: >Verloren, ja
Unglckselige< sowie ein Stck aus der Glocke vorzudeklamieren, worauf
er mir sagte: Sie sind allerdings nicht ohne Talent fr die Kunst, wenn
Sie sich Mhe geben, so knnen Sie es weit bringen, ich will mit Goethe
sprechen, der allein kann hier etwas fr Sie tun. Von diesem herrlichen
Dichter schied ich nun etwas getrsteter, brachte den brigen Teil des
Tages zu, die nchsten Umgebungen Weimars zu besuchen, ebenso den
folgenden und noch ein paar andere Tage, besuchte einigemal das Theater,
wo ich Goethe und Frau von Stal sowie Wieland und Benjamin Constant in
Gesellschaft des Erbprinzen von Sachsen-Weimar sah. Und so hatte ich
wenigstens Deutschlands grte Genies bei Gelegenheit der Reise nach
Weimar von Ansehen kennen gelernt.

Schon war ich sechs Tage daselbst, ohne da ich weiter etwas von Goethe
oder Schiller gehrt htte, und fing an zu glauben, da mich ersterer
ganz vergessen habe, als sich am Morgen des siebenten pltzlich meine
Tre ffnete, und herein trat -- mein Grooheim, der Oberpfarrer von
Homburg; er grte mich mit den Worten: Du heilloser Galgenstrick, was
machst du fr Streiche, worauf noch eine lange Strafpredigt und die
Erklrung folgte, ich habe mich sofort reisefertig zu machen, da er noch
denselben Tag mit mir nach Frankfurt zurckkehren wolle, und wenn ich
nicht gutwillig gehorche, sich die hochlbliche Polizei in das Spiel
mische, wo mir es dann schlimm ergehen wrde.

Ich sah mich verraten und verkauft, hatte weder von Goethe noch von
Schiller noch von allen Musenshnen Weimars und Jenas etwas mehr zu
hoffen und trat gleich nach Mittag die Heimreise per Extrapost mit
meinem Oheim an. Schiller starb bald darauf, und Goethe habe ich auch
nie wiedergesehen, aber spter erfahren, da er mich gewissermaen unter
polizeiliche Aufsicht in meinem Gasthof hatte stellen lassen. Gleich
nachdem ich ihn verlassen, hatte er an seine Mutter nach Frankfurt
geschrieben und dieser meine Anwesenheit in Weimar und mein Begehren an
ihn gemeldet. Frau Rat Goethe aber war nach Empfang dieses Briefes zu
meinen Eltern geeilt, ihnen dessen Inhalt mitzuteilen, worauf in einem
Familienrat bestimmt wurde, da mich der Oheim in Homburg holen und zu
sich nehmen solle, um mir >den Komdianten aus dem Kopf zu treiben<.

Die Rckreise war so langweilig als einsilbig, die ganze Unterhaltung,
deren Kosten mein Oheim allein trug, drehte sich um das Nichtswrdige
des Komdiantenstandes und da jeder, der sich ihm ergebe, dem Teufel
verfallen sei und so weiter, jedoch wute der kluge Mann die Sache in
ein sehr verstndiges Gewand einzukleiden; indessen fanden alle seine
trefflichen Ermahnungen und Lehren wenig Eingang bei mir; nur die
Vorstellung, da ich dann jedem, der es sich ein paar Groschen kosten
lasse, jedem Schafskopf und Schuhputzer den Narren und Hanswurst machen
msse und dem Urteil jedes Einfaltspinsels ausgesetzt sei, was er mir
fters wiederholte, machte einigen Eindruck auf mich.

In Frankfurt angekommen, erklrte mir mein Vater, nach abermaliger
Strafpredigt und bitteren Vorwrfen ber mein liebloses, unbesonnenes
Verfahren, wodurch ich meine Eltern in so groe Unruhe versetzt und
worber meine arme Mutter so viele Trnen vergossen und schlaflose
Nchte zugebracht, was mir bei allem Leichtsinn doch so zu Herzen ging,
da mir bald selbst die Augen voll Wasser standen, da ich vorerst mit
dem Oheim Oberpfarrer wieder nach Homburg gehen und bei diesem unter
seiner Aufsicht wohnen wrde, bis man einen weiteren Entschlu ber
meine Zukunft gefat, da man aber auf keine Weise zugeben werde, da
ich mich dem Theater widme. Wenn ich durchaus kein Kaufmann werden
wolle, so mge ich irgendeinen anderen ehrenvollen Stand whlen.

Die Grnde meines Oheims, die Trnen meiner Mutter hatten zwar meinen
Vorsatz etwas erschttert, doch noch lange nicht wankend genug gemacht,
um ihn aufzugeben. Ich packte nun meinen Koffer mit Bchern und so
weiter und fuhr noch denselben Abend stumm und nachdenkend neben dem
guten Oheim sitzend nach meinem provisorischen Aufenthaltsort ab.




                                 VIII.

       Abermaliger Aufenthalt in Homburg vor der Hhe. -- Diverse
   Amoretten. -- Ich gebe den Schauspieler auf, um Soldat zu werden.
    -- Glnzende Folgen einer Ohrfeige. -- Eine Hanauer Zopfparade.
                 -- Ich trete in franzsische Dienste.


Die Pfarrwohnung meines Oheims lag klsterlich abgeschieden im
Hintergrund eines Hofes und hatte einen noch einsameren Garten, ganz
geeignet, sich in aller Ruhe und Stille allerlei Meditationen
hinzugeben. Die Fenster des mir angewiesenen Zimmers gingen in diesen
Garten und gestatteten mir die Aussicht in einen anderen benachbarten,
den des zweiten lutherischen Pfarrers, Herrn Schneider. Den Morgen nach
meiner Ankunft packte ich die mitgenommenen Bcher aus, beinahe lauter
Schauspiele, einige historische Werke und ein paar Romane. Gleich nach
dem Frhstck kam mein Oheim, musterte meine kleine Bibliothek und rief
aus: Lauter Komdien und nicht eine Bibel, doch dafr werde ich
sorgen! Nachdem er nach einigen Ermahnungen mein Zimmer verlassen
hatte, kam seine alte Kchin und brachte mir Merians Bibel in Folio, ich
durchbltterte die und vergngte mich bei dem Anschauen der oft gar
sonderbaren Bilder. Auf einmal hrte ich ein paar Mdchenstimmen unter
meinen Fenstern kichern und lachen. Ich sprang auf und erblickte zwei
schne schlanke Gestalten in des Nachbars Garten zwischen Blumenbeeten
lustwandeln. Die eine war Eleonore von Brandenstein, zur reizenden
Jungfrau emporgewachsen, und die andere Hannchen Schneider, des Pfarrers
niedliches Tchterchen, ungefhr von gleichem Alter. Hinter dem
Traubenlaub, das meine Fenster fast ganz verbarg, beobachtete ich
unbemerkt die beiden Mdchen, die sich dessen nicht vermuteten und sich
mit aller Naivitt gehen lieen, sich neckten und schkerten und endlich
zu meinem Bedauern den Garten verlieen. Ich steckte nun den Don Carlos
zu mir und machte eine Morgenpromenade in den Schlogarten. Als ich an
dem Haus vorberkam, in welchem mein Oheim Scholze mit seinen Kindern
gewohnt und in dem ich der Freuden so manche genossen, entfuhr mir ein
unwillkrlicher Seufzer. Jetzt bewohnte Frau von Brandenstein, die
unterdessen Witwe geworden war und ihre lteste Tochter, die schne
Karoline, ebenfalls durch den Tod verloren hatte, der die
wunderliebliche Blume gerade zur Zeit gepflckt, als die Knospe dem
Aufbrechen nahte, einen Teil desselben. Im Schlogarten selbst erinnerte
mich jedes Pltzchen, jede Laube, jeder Gang an Henrietten und die hier
gehabten Freuden. Ich wollte die Rolle des Marquis von Posa studieren,
die mir mehr als die des Don Carlos, welche ich schon kannte, zusagte,
aber es war mir unmglich, meine Gedanken genugsam zu sammeln, um auch
nur ein paar Zeilen mit gehriger Aufmerksamkeit durchgehen zu knnen.
Ich sa auf einer Bank an einem Rasenplatz in der Nhe des
Schloflgels, den die Landgrfin bewohnte, und hatte wohl schon zum
sechstenmal die Stelle durchgegangen, wo Posa die Knigin Elisabeth im
Garten zu Aranjuez spricht, als zwei Damen die Schloterrasse
herabstiegen, von denen die eine in ihrer ganzen Haltung etwas sehr
Edles und Majesttisches verriet, whrend auf ihrem Antlitz die
Lieblichkeit eines Engels thronte; es war die liebenswrdige Prinzessin
Auguste; die andere, auch recht hbsch, war ein Hoffrulein. Beide kamen
auf die Bank zu, auf welcher ich Platz genommen hatte, und als sie sich
in meiner Nhe befanden, stand ich auf und grte ehrerbietig. Die
Prinzessin erkannte mich und sagte:

Ah, Herr Frhlich, seit wann sind Sie wieder bei uns?

Seit gestern, Durchlaucht.

Werden Sie lange bleiben?

Das wei ich selbst noch nicht, Prinzessin.

Sind Sie wieder bei B...?

Um Vergebung, nein, bei meinem Oheim, dem Oberpfarrer.

Da sind Sie gut aufgehoben. Was haben Sie da fr ein Buch?

Es ist Don Carlos von Schiller, Durchlaucht.

Sie lieben Schiller?

Sehr, ich lerne die Rolle des Marquis von Posa auswendig.

Wozu?

Ich will mich dem Theater widmen.

Wie, Sie wollen doch nicht Schauspieler werden?

Doch, Durchlaucht.

Und Ihre Familie gibt es zu?

Sie wird am Ende wohl mssen.

Die Prinzessin wnschte mir nun einen ziemlich frostigen guten Tag und
lie mich stehen, whrend Frulein Amand, so hie die Kammerdame, noch
einen teilnehmenden Blick auf mich warf.

Am Hofe zu Homburg waren unterdessen manche Vernderungen vorgegangen,
die Prinzen waren bis auf den jngsten, Leopold, alle bei den Armeen, in
denen sie dienten, die schne Prinzessin Mariana war die Gemahlin des
Prinzen Wilhelm von Preuen geworden. Mehrere meiner lteren Bekannten
hatte der Tod weggerafft, andere hatten Homburg verlassen. Ich stattete
nun einige Besuche ab, namentlich bei meinem frheren Lehrer
Breidenstein und bei der Frau von Brandenstein, und wurde in beiden
Husern recht freundlich aufgenommen.

Als ich gegen Mittag nach Hause kam, examinierte mich mein Oheim, wo ich
gewesen, und da ich ihm sagte, da ich mit der Prinzessin Auguste
gesprochen, war auch er sehr freundlich. Den Inhalt des kurzen Gesprchs
hatte ich ihm freilich nicht mitgeteilt. Er machte mich jetzt mit der
Ordnung, die ich in seinem Haus einzuhalten habe, bekannt und
namentlich, da ich mich streng an die Stunden der Essenszeit, mittags
zwlf Uhr und abends sieben Uhr, zu binden habe, sowie da mir ein fr
allemal das Ausgehen nach dem Abendtisch untersagt sei, ich habe zu
bedenken, da ich in einem Pfarrhaus wohne. Dies letzte war mir der
fatalste Kasus von allen. Er wies mir nun auch meine Beschftigungen und
Lehrstunden an und stellte mir dabei seine Bibliothek zur Disposition.
Diese, welche gut assortiert war und namentlich auch fast alle
klassischen Werke der franzsischen Literatur enthielt, benutzte ich
fleiig, las viel von Voltaire, einiges von Rousseau, namentlich die
Heloise des letzteren, aus der ich heimlich jenen berhmten Brief
bersetzte, Lafontaines Fabeln, und vor allem Racines und Corneilles
Tragdien sowie Molires Lustspiele. Aber, wer sollte es glauben, in dem
Winkel eines Schrankes von Ebenholz fand ich sogar den Ritter Faublas
und die _Liaisons dangereuses_, die ich verschlang, und diese im Verein
mit Goethes Faust und Don Juan, den ich an einem alten Klavierkasten
tglich sang und dessen Musik meinem Oheim, wenn er sie zufllig hrte,
recht wohl gefiel, er kannte das Sujet nicht, machten mich zu einem
wahren Virtuosen in der Kunst, Weiber und Mdchen zu verfhren.

Frau von Brandenstein besuchte ich tglich, ihr und ihrer Tochter, mit
der ich das alte freundschaftliche Verhltnis erneuert hatte, Schillers
dramatische Werke vorlesend, die sie noch nicht kannten; bei diesen
Vorlesungen fand sich dann auch Hannchen Schneider ein. Da jedoch am
Tage diese Unterhaltungen oft unterbrochen wurden oder Zeit und Stunde
sich nicht eigneten, so kam ich mit Frau von Brandenstein berein, da
sie knftig in den Abendstunden von acht bis zehn Uhr stattfinden
sollten; da mir aber das Ausgehen zu dieser Zeit verboten, die Haustr
ohnehin verschlossen war, so stieg ich nach acht Uhr zum Fenster hinaus,
kletterte an den nicht sehr hohen Spalieren hinab in den Garten und
gelangte dann durch des Pfarrer Schneiders Garten auf die Strae, ging
auch auf diesem Wege wieder zurck, Hannchen in ihres Vaters Wohnung
begleitend, wozu Eleonore eben nicht gut sah und uns einigemal ihren
noch viel jngeren Bruder Karl mitgab, der sich jedoch bald weigerte,
ferner diese Aufpasserrolle zu bernehmen; ich machte dann mit dem
hbschen Pfarrerstchterchen groe Umwege durch das Boskett des
Schlogartens, wo wir in einer Marmorgrotte nebst den Dften der Blumen
den Hauch glhender Ksse einatmeten. Aber lange whrte das se Spiel
nicht, meines Oheims alter Drache, die Kchin Justine, hatte meine
nchtlichen Ausflge durch das Fenster erspht und ihrem Herrn verraten.
Als ich mich eines Abends wieder auf diesem Wege in meine Schlafstube
begeben wollte, fand ich die Fenster von innen nicht nur verriegelt,
sondern mit Kordeln zugebunden und sogar versiegelt. Ebenso fest war die
Tr verschlossen, die aus dem Garten in das Haus fhrte. Was blieb mir
anderes brig, wollte ich die Nacht nicht unter freiem Himmel
biwakieren, als ein paar Scheiben einzudrcken und die Fenster sodann
von innen zu ffnen, wobei natrlich auch das Siegel ldiert wurde; zum
Glck war es kein Amts- oder Gerichtssiegel, sondern nur das
Privatsiegel meines guten Oheims, der aber dennoch den kommenden Morgen
mit einer mehr als ernsten Amtsmiene in mein Zimmer trat und mir
verkndigte, da, wenn ich es so forttreibe, ich nicht lnger bei ihm
bleiben, sondern er an meine Eltern schreiben wrde, damit diese andere
Anordnungen hinsichtlich meiner trfen, eine solche Auffhrung sei in
einem geistlichen Haus nicht zu dulden. Auf meine Bemerkung, da ich
doch nicht mit den Hhnern schlafen gehen knne, erwiderte er mir, es
sei besser, mit den Hhnern schlafen zu gehen, als mit den Gnsen zu
wachen. Der gute Onkel war auch witzig; doch mit meinen Abendpromenaden
und Vorlesungen war es nun aus.

Als einige Zeit darauf zu Ehren des Vermhlungstages des landgrflichen
Ehepaares ein Ball auf der Meierei veranstaltet wurde, dem alle
Honoratioren Homburgs beiwohnten, und ich den Wunsch blicken lie,
denselben besuchen zu drfen, schlug es mir mein gestrenger Oheim mit
den Worten ab: Es pat sich nicht, da der Neffe des Oberpfarrers
Tanzbden besucht. -- Ich hatte auf der Zunge: Ei, so wollte ich, da
ich lieber der Neffe des Oberteufels wre, unterdrckte jedoch
glcklicherweise die Phrase. Aber alle meine Beredsamkeit vermochte
nicht den festen Willen des geistlichen Oberhirten zu erweichen, der
endlich mit den Worten schlo: Ich mchte gar nicht an einen Ort gehen,
wo ich der Letzte wre, dort findest du lauter graduierte und betitelte
Personen, und du bist gar nichts. Ich gestehe, da diese letzte
Bemerkung ein wenig meinen Ehrgeiz verletzte, und schwieg nun still. Als
ich diese uerung bei Gelegenheit meinem frheren Lehrer, dem
Hofprediger Breidenstein mitteilte, sagte dieser: Ein Mensch, der Herz
und Kopf am rechten Fleck hat, ist nie der letzte, wenn er auch gar
keine Titel aufzuweisen hat, und am allerwenigsten hier bei uns, wo
diese Titel nur die Aushngeschilde groer Erbrmlichkeiten jeder Art
sind. -- Nun rgerte ich mich wieder, da ich mich so hatte
einschchtern lassen.

Mein Leben in Homburg fing an, so einsilbig als langweilig zu werden,
kaum da ich mein hbsches Hannchen manchmal an der Gartenhecke
verstohlen sprechen konnte, denn die alte Justine pate auf wie ein
Drache und hinterbrachte meinem Oheim jeden meiner Schritte.
Glcklicherweise trat bald ein Ereignis ein, das mich aus dieser Lage
befreite.

Den Herrn Oberpfarrer, obgleich schon in den Fnfzigern, aber noch
Junggeselle, wandelte pltzlich die Lust an, in den Stand der heiligen
Ehe zu treten, und er hatte sich zu seiner Ehegefhrtin eine ehrsame und
wohlhabende Witwe aus dem nahen Friedrichsdorf erkoren; vor der
Vermhlung war er jedoch gentigt, noch eine mehrwchige Reise
anzutreten, um einige ihm wichtige Geschfte in Ordnung zu bringen. Er
schrieb daher an meine Eltern, da sie mich wieder zu sich nehmen
mchten, indem er mich unmglich whrend seiner Abwesenheit allein in
seinem Hause lassen knne, da ich imstande wre, die Mdchen bis in die
Pfarrwohnung zu bringen. Meine Eltern, die mich jedoch schlechterdings
nicht in Frankfurt haben wollten, indem sie frchteten, da durch die
Gelegenheit des Theaters meine Liebe zur Bhne wieder aufs neue erwachen
mge und Nahrung erhalte, zogen es vor, mich nochmals meinem frheren
Lehrer Breidenstein anzuvertrauen, mit der Bitte, er mge nur meinem
Hang zum Schauspieler entgegenarbeiten, mir aber sonst alle Freiheit
lassen. Diese benutzte ich auch in vollem Ma; nicht nur meine
Vorlesungen bei Frau von Brandenstein begannen wieder und mit ihnen die
Heimbegleitungen, sondern nun gab es auch Partien in den kleinen und
groen Tannenwald, auf das Jgerhaus und so weiter, die ich
veranstaltete und deren Kosten ich trug, wobei die Frau Hofkchenmeister
Silbereisen die Honneurs mit Schokolade und Sigkeiten, die ich
lieferte, machen mute, ich fuhr sogar einigemal mit den Mdchen
heimlich in das Theater nach Frankfurt. Doch blieb es dabei nicht; auf
einem anderen Ball, den ich, trotzdem ich keine Titel aufzuweisen hatte,
besuchte, machte ich die Bekanntschaft einer anderen jungen Hofdame,
eines Fruleins von Breidenbach, aus einer angesehenen Familie aus
Mainz, die zu den kurfrstlichen Zeiten daselbst eine groe Rolle
gespielt. Aber noch eine andere Bekanntschaft hatte ich auf diesem Ball
gemacht, die zu reelleren Genssen fhren sollte, nmlich die einer
jungen Frau, welche an den etwas rohen und plumpen Herrn von B.
verheiratet war, der ebenfalls eine Hofcharge bekleidete, und die hufig
zu der Frau Hofpredigerin zum Tee kam, wo mir dann das Glck zuteil
wurde, sie nach Haus fhren zu drfen. Der Weg fhrte uns durch den
Schlogarten, ich war noch etwas schchtern, denn es war das erstemal,
da ich mit einer jungen Frau in Berhrung kam, auch war es bei der
ersten Nachhausebegleitung bei einem ehrerbietigen Handku und sehr
leisen Hndedruck geblieben; einige Tage darauf aber, als sich gleiche
Gelegenheit bot, hatte ich schon mehr Herz gefat und wagte, aber erst
an der Haustr ihrer Wohnung angekommen, einen Ku auf die Wangen der
hbschen Frau, den man ruhig duldete. Als mir aber das drittemal die
Ehre zuteil wurde, Frau von B. zu begleiten, unterfing ich mich, als wir
durch das zweite Schlotor waren, meinen Arm um ihre schlanke Taille zu
schlingen, und auf der Terrasse angekommen, drckte ich sie fester an
mich, worauf sie ihr schnes Lockenkpfchen gegen mich drehte, als
wollte sie sagen: Was soll dies?, denn so lebhaft auch unsere
Unterhaltung in der Gesellschaft war, so stumm und einsilbig ward sie,
sobald wir uns allein befanden. Jetzt begegneten sich unsere Lippen, und
ein minutenlanger glhender Ku war die Folge. Statt nun den geraden Weg
nach dem in die Neugasse fhrenden Gartentor zu gehen, verirrten wir uns
in eine dunkle Kastanienallee des Bosketts auf eine Rasenbank in einer
Grottenlaube. Hier schlo ich die reizende Frau in meine Arme,
ungestmer als noch je rollte mir das Blut in den Adern, sie lie es
geschehen, da ich sie mit Kssen bedeckte, bald waren wir so innigst
verschlungen, da wir das Spalten des Erdballs und alle Donner des
Himmels nicht gehrt haben wrden, und zum erstenmal schwelgte ich so
ganz im Vollgenu der Liebeslust. -- Endlich aber war es hohe Zeit
aufzubrechen. Nachdem die ziemlich zerstrte Toilette wieder etwas
geordnet war, brachte ich Frau von B. nach Haus und lispelte zum
Abschied: Morgen, auf morgen mehr!, aber es vergingen drei Tage, bevor
ich sie wieder heimbegleiten konnte, der Schicklichkeit halber konnte
sie ihre Abendbesuche bei B.s nicht frher wiederholen. Vorlesungen
dienten auch hier zum Vorwand der Zusammenknfte, und so fand sie sich
von jetzt an dreimal die Woche ein. Der Herr Gemahl aber brachte jeden
Abend in einem Mnnerkrnzchen, in dem auch der Hofprediger war, mit
Tabakrauchen, Trinken und _ la bte_-Spielen zu. Eines Abends aber, wir
hatten kaum B.s verlassen, war es ihm eingefallen, sein teures Weibchen,
das schon mit mir auf dem Heimweg war, einmal abzuholen;
glcklicherweise lie er sich von der Frau Hofpredigerin und ihrem Mann
bereden, ihnen noch einige Zeit Gesellschaft zu leisten, aber dennoch
sahen wir ihn vor uns hergehen, als wir den Schlogarten verlieen,
ahnten aber nicht, da er bei B.s gewesen. Wir gingen nun in einiger
Entfernung hinter ihm, so da wir fast zu gleicher Zeit an seinem Haus
ankamen. Wo hat dich denn der Teufel gehabt? schnaubte er seine Frau
an, und diese wollte eben mit einem Ich komme gerade von B.s
herausplatzen, als ich, Unrat merkend, ihr noch zu rechter Zeit ins Wort
fallend, sagte: Herr von B..., da der Abend so schn ist, so gingen wir
noch ein paarmal auf der Schloterrasse zwischen den Orangen, deren
Blten so herrlich duften, auf und nieder. -- Zum Henker auch,
brummte der Eheherr, sie haben ja schon lngst keine Blten mehr. --
Mglich, aber sie duften dennoch. -- Dergleichen Promenaden verbitte
ich mir fr die Zukunft, sagte Herr von B. nun zu seiner Frau,
berhaupt wei ich nicht, warum du seit einiger Zeit fast jeden Abend
zu Hofpredigers lufst, was soll das? -- Ich wohne den Vorlesungen des
Herrn Frhlich bei, die mich auerordentlich unterhalten. -- So, es
wird besser sein, du unterhltst dich mit deinem Strickstrumpf. -- Das
tue ich auch. -- Komm jetzt ins Haus. -- Ich wnschte nun eine gute
Nacht, die mir Frau von B. freundlich, ihr Mann aber brummend zurckgab.
Noch einigemal ging ich vor dem Haus auf und nieder und glaubte ein
kleines Donnerwetter und allerlei eben nicht sehr schmeichelhafte
Epitheten, wie Rotznase, dummer Junge und so weiter, von denen die
einen der armen Frau, die anderen mir gelten mochten, zu hren. Die
Besuche der Dame bei B.s waren vorerst eingestellt, und ich sah sie nur
bisweilen im Flug, am Fenster vorbeireitend oder gehend.

Bald darauf war wieder ein Ball auf der Meierei, wo sie mir im
Vorbergehen zuflsterte: Fordern Sie mich ja nicht zum Tanze auf, denn
ich darf nicht mit Ihnen tanzen. Um jedoch in Berhrung mit ihr zu
kommen, suchte ich einen Kontretanz zu arrangieren, was nicht so leicht
war, da es Mhe kostete, vier Paar zusammenzubringen, welche diesen Tanz
nur einigermaen kannten. Kaum waren wir aber angetreten, als Herr von
B... aus dem Rauchzimmer in den Ballsaal trat, und seine Frau mir
gegenber stehen sehend, schnell zu dem Kandidaten ging und zu demselben
sagte: Erlauben Sie mir, da ich diese Tour mitmache. Jedermann
lchelte, da von B... sonst nie und am allerwenigsten Quadrille tanzte;
ich erlaubte mir auch, dem Eingedrungenen zu bemerken, da es ein
Kontretanz sei. -- Schon gut, hat nichts zu sagen, lautete die barsche
Antwort. -- Wir begannen, und Herr von B... machte einen Bock ber den
andern, benahm sich auch so ungeschickt, da jedermann lachte. Ich
wollte ihn belehrend hflichst zurechtweisen, es war gerade bei dem
_Queue de chat_, wofr mir mit einem >Naseweis< gedankt wurde, worauf
ich sogleich mit meiner Dame austrat, meinem Gegner zurufend: Das wird
sich finden. -- Ich begab mich in das Billardzimmer, wo ich auf ein
Stckchen weies Papier eine Herausforderung, und zwar auf Pistolen, an
Herrn von B. schrieb, ihm diese zuschickte und mich sofort entfernte.

Die Veranlassung zu einem Duell hatte ich mir schon lngst gewnscht,
ein solches schien mir so recht heroisch-romantisch, und ich freute mich
darauf, auf diese Weise Eklat und von mir reden machen zu knnen. Herr
von B... dachte aber nicht so, sondern gab das Billett dem Hofprediger,
indem er diesem sagte, er wrde es nicht dabei bewenden lassen, ich sei
ein naseweiser Junge, der, kaum hinter den Ohren trocken, sich schon mit
brtigen angestellten Mnnern messen wolle, ich msse auf die Wache
gesetzt werden, und dahin hoffe er es auch zu bringen. Es htte auch in
der Tat nicht viel daran gefehlt, da man mich auf die Schlowache
gesetzt htte, und nur aus Rcksicht fr meinen Oheim verweigerte der
Landgraf, bei dem Herr von B... klagte, seine Einwilligung. Mich rgerte
es, da aus dem Duell, ja nicht einmal aus dem Arrest etwas geworden
war, denn beides htte nach meinen damaligen Begriffen von Ehre und der
Lust, Aufsehen zu erregen, in meinen Kram gepat. Indessen trstete ich
mich mit dem Aufsehen, das die Sache dennoch in ganz Homburg gemacht
hatte, und ein preuischer Leutnant, der als Werbeoffizier daselbst war,
fand die Albernheit vortrefflich und hatte sich mir sogar zum
Sekundanten angeboten, wenn aus der Sache etwas geworden wre.

Unterdessen war mein guter Oheim wieder von seiner Reise zurckgekommen,
hrte von all dem Skandal, den ich verursachte, und schlug die Hnde
ber dem Kopf zusammen, wozu noch kam, da ich an einem Sonntagmittag,
als gerade seine Kirche aus war, in der ich mich nie sehen lie, auf
meinem Mietklepper in vollem Galopp durch die Leute, welche die Kirche
verlieen, sprengte und ihn fast selbst ber den Haufen ritt, da ich ihn
unter der Menge nicht bemerkt hatte. Dies war denn doch ein wenig zu
toll, und er schickte noch denselben Tag einen fulminanten Brief durch
einen Expressen an meine Eltern ab, worin er diesen ans Herz legte, mich
sofort von Breidenstein und von Homburg wegzunehmen, wo ich ihm und
ihnen die grte Schande und so weiter mache.

Den folgenden Tag kam mein Vater selbst nach Homburg, die Sache zu
untersuchen, aber Breidenstein meinte, dies seien nur Jugendstreiche,
die man nicht so genau nehmen drfe. Indessen drang mein Vater darauf,
da ich mich erklren und irgendeinen Stand, dem ich mich widmen wolle,
wozu es hohe Zeit, whlen msse, und setzte hinzu, da, im Fall ich bei
dem Theater beharre, ich auf alle und jegliche Untersttzung von seiner
Seite sowie von der ganzen Familie zu verzichten habe. Er nahm nun noch
Rcksprache mit dem Hofprediger und dem Oberpfarrer, welche Mittel zu
ergreifen seien, mich von dieser Idee gnzlich abzubringen. Breidenstein
meinte, man msse es versuchen, mich bei der Ambition anzugreifen, da
ein gewisser wenn auch falscher Ehrgeiz meine schwache Seite sei, und er
wolle sich deshalb mit dem Herrn Oberpfarrer besprechen, um
gemeinschaftlich mit diesem zu wirken, dies wrde gewi fruchten, und da
ich nun einmal einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen den
Kaufmannsstand hege, so mge man immer zugeben, da ich mich dem Militr
widme, weil er glaube, da ich zu diesem am ersten nach dem Theater
inkliniere und auch am meisten dazu passe.

Mein Vater berlie es daher den beiden Hochehrwrden, diese
Angelegenheit bestens zu betreiben, und sie taten ihr Mglichstes bei
der Sache, ja mein Oheim wandte sich deshalb sogar erzhlend an die
regierende Landgrfin, bei der er wie bei dem ganzen frstlichen Haus
hoch in Gnaden stand, indem er sagte, er wisse nicht, was er machen
solle, und wre auer sich, wenn ich zum Theater ginge. Die Frstin,
eine sehr geistreiche Dame, trstete den guten Mann, ihn auffordernd, zu
veranstalten, da ich mich den nchsten Mittag auf der Terrasse vor
ihrem Pavillon einfinde, sie wolle mir den Kopf gewi so waschen, da
mir der Komdiant vergehen solle, ich habe ohnehin den ganzen Hof vor
ein paar Tagen in Alarm und Uneinigkeit versetzt.

Dies hatte folgende Bewandtnis. Ich hatte aus Schillers Gedichten, von
denen damals noch viele unbekannt waren, namentlich in Homburg, das
Gedicht >Laura am Klavier< auf Velinpapier mit Goldschnitt abgeschrieben
und es dem Frulein von Brandenstein, Eleonoren, gegeben, ohne ihr zu
sagen, wer der Verfasser sei. Diese glaubte, das Gedicht sei von mir,
ich habe es ihr zu Ehren gemacht, und zeigte es auf dem Schlo, wo es
sogar bei der Tafel zirkulierte und als von mir verfat nach Herzenslust
kritisiert, bespttelt und heruntergemacht wurde, namentlich lie mein
Freund, Herr von B..., kein gutes Haar an demselben und meinte, Frulein
von Brandenstein htte so lppisches Zeug gleich verbrennen sollen;
indessen waren doch einige Damen, und namentlich Prinzessin Auguste,
anderer Meinung und erwiderten, es sei fr einen Anfnger so bel nicht,
aber die Majoritt machte sich lustig darber. Von B... hatte den
Vorfall gleich nach der Tafel dem Hofrat M... mit Schadenfreude
hinterbracht, und dieser, dem ich hierauf begegnete, hatte mir, was auf
dem Schlo vorgefallen, mit hmischer Freude wiedererzhlt und dabei
gesagt, auch er habe das Ding gelesen und knne nicht begreifen, wie ich
meine Zeit damit zubringen mge, solch abgeschmacktes Zeug
zusammenzuschmieren. Ich lie den guten, etwas begeisterten Mann ganz
ruhig ausreden und sagte dann trocken: Ich bedaure, mein Herr Hofrat,
da der Verfasser des Don Carlos, der Jungfrau von Orleans und so weiter
so abgeschmacktes Zeug schmiert, denn das Gedicht ist von keinem anderen
als von Schiller.

Unmglich, rief M..., Sie haben mich zum besten.

Wie wrde ich mich so etwas unterstehen!

Aus dem stupiden Gesicht des Hofrats war nun mit einem Mal alle
Schadenfreude verschwunden, und es zog sich ellenlang.

Also wirklich von Schiller? fragte er wieder.

In dem soeben erschienenen zweiten Band von Schillers Gedichten Pagina
so und so knnen Sie es nachlesen.

Ich lie den Hofrat stehen, eilte nach Haus, nahm Schillers Gedichte und
schickte sie dem Frulein von Breidenbach, der ich fortwhrend Bcher
zur Unterhaltung lieh; diese lie noch denselben Tag das Buch im Schlo
von Hand zu Hand gehen, und alle, die gegen das Gedicht so losgezogen
hatten, muten sich nun den beiendsten Spott gefallen lassen; aber
Eleonore grollte ein paar Tage mit mir, weil ich ihr den Verfasser nicht
gesagt und sie so die unmittelbare Veranlassung war, da sich mehr als
ein Hofgehirn gewaltig kompromittiert hatte.

Mein Oheim lie mich rufen und teilte mir mit, ich habe mich zur
Mittagsstunde des kommenden Tages auf der bezeichneten Terrasse
einzufinden, wo ich etwas Neues erfahren wrde, ich drfe aber ja nicht
fehlen. Auf weiteres lie er sich nicht ein. Meine Neugierde machte, da
ich seinen Willen pnktlich befolgte. Nachdem meine Geduld schon whrend
einer ganzen Stunde vergeblichen Wartens auf die Probe gestellt war, sah
ich die Landgrfin in Begleitung einer Hofdame und von einem Bedienten
gefolgt, wie sie um diese Zeit regelmig ihre Promenade zu machen
pflegte, die Terrasse herabkommen. Als sie mich erblickte, schickte sie
den Bedienten, ich mge mich zu ihr verfgen; ich eilte, dem Befehl
ehrfurchtsvoll zu gehorchen, und als ich vor ihr stand, sagte sie:

Was hre ich, Sie wollen Schauspieler werden, ist dies an dem?

Ja, Durchlaucht.

Der Neffe des Herrn Oberpfarrers von Homburg ein Komdiant! -- Was wird
die Welt dazu sagen?

Oh, der Oberpfarrer von Homburg ist auch etwas Rechtes!

Die durchlauchtigste Frau machte nun ein Rechtsumkehrt, trotz einem
preuischen Grenadier, und lie mich mit langer Nase und etwas verblfft
stehen. -- Erst nach einigen Augenblicken kam ich wieder zur vlligen
Besinnung und fhlte, welche Artigkeit ich der Landgrfin gesagt hatte.

Noch denselben Abend, als ich zu Brandensteins ging, erzhlte mir
Leonore, da sie die Landgrfin gefragt, ob ich noch ihre Mutter
besuche, und als sie dies bejaht, habe sich die Frstin geuert, sie
knne nicht begreifen, wie man einem Menschen, der ein Komdiant, das
heit ein Hanswurst werden wolle, den Zutritt gestatten mge; Leonore
habe darauf gestammelt, ich lese ihrer Mutter sehr gut vor, worauf ihr
die Dame gesagt: Was vorlesen, Komdianten darf man in keinem honetten
Haus dulden. Brandensteins und Frulein von Breidenbach drangen nun
auch in mich, doch einen anderen Stand und zwar den des Militrs zu
whlen, und letztere meinte, ich msse ein recht schmucker Offizier
werden, als Soldat knne ich eine ganz andere Karriere machen, ja zu
hohen Wrden gelangen, kur- und tafelfhig und allgemein geachtet
werden, ein solcher Entschlu wrde mich auch sogleich wieder mit der
zrnenden Landgrfin sowie mit meinen Verwandten ausshnen, und das Haus
Homburg knne mir sowohl in sterreichischen wie in preuischen
Diensten, wenn ich diese whle, sehr frderlich und zu schnellem
Avancement behilflich sein.

Aber noch konnte ich einen Plan, den auszufhren ich mir seit Jahren
alle erdenkliche Mhe gegeben, und einen Stand, fr den mich auszubilden
ich bisher fast nur allein rastlos und mit groem Eifer gearbeitet
hatte, nicht so rasch aufgeben, ob ich gleich schon wankte. Da beschied
mich abermals mein guter Oheim zu sich, empfing mich ungewhnlich ernst,
indem er mir mit einem feierlichen Tone sagte, da es nun die hchste
Zeit fr mich sei, einen Entschlu zu fassen, denn mein Vater habe
beinahe sein ganzes Vermgen verloren. -- Ich sah meinen Oheim mit
groen Augen und zweifelnd an, als wollte ich ihn fragen: Ist dies auch
wahr? -- Du scheinst die Sache in Zweifel zu ziehen, fuhr derselbe
nach einer Pause fort, und teilte mir sodann die nheren Umstnde dieser
nur zu wahren Begebenheit mit.

Ohne sein Verschulden hatte mein Vater eine groe Summe, ber
zweimalhunderttausend Gulden, verloren. Er hatte einem auswrtigen Haus,
mit dem er schon lange in Geschftsverbindung stand, auf ein Deposito
von sterreichischen Staatspapieren eine sehr bedeutende Summe auf
mehrere Monate vorgeschossen und zu diesem Zweck selbst noch fremdes
Geld aufgenommen. Kaum war diese Operation gemacht, so teilte er sie dem
alten Rothschild mit, dieser aber sagte ihm ganz bestrzt: Um
Gotteswillen, Herr Frhlich, was haben Sie getan, bevor acht Tage
vergehen, erklrt sich sterreich bankrott. -- Mein Vater erschrak,
wollte jedoch Rothschild keinen Glauben schenken, der ihm dagegen
versicherte, dies sei nur zu wahr, er habe es aus einer Quelle, die auch
nicht den mindesten Zweifel brig liee. Oh, warum haben Sie mir nicht
vorher etwas davon gesagt, setzte er hinzu. -- Mein Vater schrieb nun
gleich an das Haus, erhielt aber erst nach sechs Tagen zweideutige und
ausweichende Antwort, und schon den siebenten war die Finanzoperation,
welche die sterreichische Regierung (Ende 1804) vorgenommen, wodurch
sie ihr Papiergeld sehr bedeutend herabsetzte, also Bankrott machte, in
Frankfurt bekannt. Das Haus, von dem das unsrige die Papiere hatte, lie
diese im Stich und fallierte ebenfalls, so da mein Vater den ganzen
ungeheuren Verlust allein zu tragen hatte. Er hielt die Sache indessen
sehr geheim, und mein Oheim teilte sie mir unter dem Siegel der
strengsten Verschwiegenheit mit, wenn ich meines Vaters Kredit nicht
untergraben wollte.

Mein Oheim drang nun nochmals in mich, eine Karriere, und zwar eine
andere als das Theater zu whlen und meinen armen Eltern nicht noch mehr
Kummer zu machen, als sie jetzt schon htten. brigens, setzte er,
mich trstend, hinzu, bleibt ihnen noch immer so viel, da sie dich in
dem Stand, den du whlen wirst, vorerst noch untersttzen knnen.
Wrdest du dich der Theologie widmen, so kannst du auch noch auf meine
Hilfe zhlen und vielleicht dereinst meine Stelle bekleiden.

Ich erbat mir nun noch vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, obgleich ich
ihm hinsichtlich des theologischen Studiums -- ich wre ein sauberer
Theolog geworden -- gleich mit einem sehr positiven >Nein< htte
antworten knnen.

Noch den nmlichen Abend teilte ich der Frau von Brandenstein mit, da
ich mich nun fr den Militrstand entschlossen habe und da allerdings
die Worte der Frau Landgrfin nicht ohne Einflu auf diesen Entschlu
geblieben seien; am anderen Morgen erffnete ich dasselbe meinem Oheim
und schrieb meine Sinnesnderung an meine Eltern. Obgleich man auch
diesem Stand nicht sehr hold war, so war man doch froh, da >mir der
Komdiant aus dem Kopf war<, ergab sich darein und lie mich vorerst
noch in Homburg, um mich zu der neugewhlten Laufbahn vorzubereiten,
whrend man berlegen wolle, wie und wo ich am besten unterzubringen
sei.

Als die Landgrfin meinen Entschlu hrte, sowie da ihre Worte
denselben hervorgebracht, uerte sie sich wieder sehr gndig ber mich,
und der Herr Landgraf sagte: Unter den Soldaten wird man ihn schon
zurechtbringen. Indessen wurde mir die hohe Gnade, an den
Exerzierstunden des Prinzen Leopold, er lernte die Handgriffe und das
Marschieren bei einem ehemaligen preuischen Unteroffizier, teilnehmen
zu drfen, und da der junge Brandenstein auch zugelassen wurde, so
formierten wir eine ganze Rotte und konnten nach Verlauf von wenigen
Wochen schon ordentlich im Feuer exerzieren, marschieren, alle Wendungen
und so weiter machen. Meine Eltern hatten mir einige Werke ber Taktik,
Strategie und so weiter geschickt, in denen ich fleiig studierte, und
Prinz Leopold, der kleine Schanzen mit Wllen und Grben anlegte,
machte, da ich wenigstens einen Begriff von der Fortifikationskunst
erhielt, auch hatte er in Hlzer eingereihte Bleisoldaten, mit denen er
die Pelotonsschule bte, sowie Festungen von Pappe, die wir mit kleinen
messingenen Kanonen beschossen. War es schlechtes Wetter, so exerzierten
wir in den Schlogngen, wobei wir bisweilen die Gewehrkolben so
gewaltig aufstieen, da die Frau Landgrfin schickte und sich zu
menagieren gebot.

Meine Eltern beschftigten sich jetzt, eine passende Anstellung im
Militr fr mich ausfindig zu machen. Mein Vater hatte anfnglich den
Gedanken, mich nach Petersburg zu seinem Bruder Wilhelm, der Oberst in
der russischen Garde war, zu schicken. Eine Ohrfeige bewirkte, da er
den Handelsstand mit dem Soldatenstand vertauschte, in welchem er rasch
ein glnzendes Glck gemacht. Als er von Bremen wieder in das elterliche
Haus zurckgekehrt war, mute er auf dem Kontor seines Vaters arbeiten
und sollte sich dabei streng an die eingefhrte Hausordnung halten,
namentlich sich przis um acht Uhr zum Abendessen einfinden; da er sich
aber fters versptete, so zog ihm dies mehrmals Verweise zu, und als er
wieder einmal erst um halb neun Uhr kam, empfing ihn sein Vater mit
einer Ohrfeige vor dem ganzen Kontorpersonal. Wilhelm eilte zur Tr
hinaus, lie sich von der Kchin vier Kreuzer fr die Torsperre geben,
da er gar kein Geld zu sich gesteckt hatte, und eilte so zum
Allerheiligentor hinaus nach Hanau zu. Hier angekommen, wurde er nicht
eingelassen, diese Stadt war damals ebenfalls noch eine Festung, und
schlief die Nacht auf dem Glacis. Am folgenden Morgen verkaufte er seine
Uhr in Hanau und reiste weiter bis Leipzig, suchte daselbst einen
Geschftsfreund seines Hauses auf und schrieb nun seinen Eltern, was aus
ihm geworden, sowie da sein fester Vorsatz sei, nicht mehr nach
Frankfurt zurckzukehren, sondern sich nach St. Petersburg zu begeben,
den Kaufmann fr immer an den Nagel zu hngen und in russische
Militrdienste zu treten. Durch einen Bruder seines Vaters, der schon
eine hohe Militrcharge daselbst bekleidete, die er durch Verwendung des
russischen Generals Prinzen von Anhalt erhalten, nachdem er als
Rittmeister in dem Leibkrassier-Regiment des Grofrsten Paul gedient
und bald ein Liebling Pauls I. geworden war, machte auch Wilhelm rasch
sein Glck in Ruland und heiratete obendrein ein sehr reiches Frulein,
eine Anverwandte des Frsten Potemkin. Er fgte seinem Brief noch hinzu,
man mge etwas Geld und Wsche nach Leipzig schicken, womit er bis St.
Petersburg reisen knne, wo nicht, so wrde er sich so durchzuhelfen
suchen; man tat, was er wnschte.

Meiner Mutter aber lag Ruland zu fern, sie frchtete, mich nie
wiederzusehen, und so ward dieser Plan aufgegeben, ehe ich nur etwas
davon erfahren hatte. Man sprach von sterreichischen Diensten, gegen
diese hatte ich aber eine Abneigung, weil man die sterreicher so oft
zum Gegenstand des Spottes und des oft schalen Witzes und sich ber sie
lustig machte; sie standen mir nicht hoch genug in der ffentlichen
Meinung, eher neigte ich mich zu den Preuen hin, aber hier hatte ich
trotz aller Protektion nur wenig Aussicht auf Befrderung, da ich kein
gegerbtes und bekritzeltes Eselsfell vulgo Pergament aufzuweisen hatte,
welches bewies, da ich schon so und so viel faule Ahnen habe, die zu
jener Zeit, bei der Artillerie ausgenommen, erforderlich waren, um des
Tragens eines Portepees in der preuischen Armee wrdig zu sein. -- Also
auch hier nichts.

Mein Vater hatte einige finanzielle Relationen mit Hessen-Kasselschen
hheren Beamten und glaubte in diesem kleinen Staat mir eine Karriere
erffnen zu knnen, obgleich auch hier wie in allen deutschen Staaten
und Sttchen der Adel sehr bevorzugt war. Es wurde nun an diese Herren
geschrieben, die Antwort lautete ziemlich gnstig, wir wurden an einen
in Hanau garnisonierenden Obersten empfohlen, der mich dem Erbprinzen
daselbst vorstellen und zum Kadetten oder Junker vorschlagen sollte. Ich
fuhr an einem Sonntag mit meinem Vater dahin ab, wo uns der Oberst im
Gasthof zum Riesen erwartete, um uns mit auf die Parade zu nehmen und
die Gelegenheit abzupassen, mich Seiner Durchlaucht vorzustellen. -- Als
ich die steifen abgemessenen hessischen Soldaten, die mir gleich
hlzernen Maschinen vorkamen, mit ihren langen bis an die Kniekehle
reichenden Zpfen und weigepuderten Locken, mit ihren ausgestopften
Puppen hnlichen Offizieren, die aufs Haar den Nrnberger, von schwarzem
Brotteig geformten, gebackenen und lackierten Soldaten glichen, welche
die Kaufleute auf die Frankfurter Messe bringen, so bei mir
vorbermarschieren sah, da bekam ich einen Schauder, es wurde mir ganz
komisch zumute, und das Theater fiel mir wieder ein. -- Ich erklrte
auch sofort meinem Vater, da ich nicht in hessische Dienste treten
wolle und es besser wre, wir fhren gleich wieder heim. Er meinte aber,
da, da wir einmal hier seien, man auch das Ende abwarten msse, und man
knne nicht weg, bevor ich wenigstens vorgestellt sei, der Oberst von
M... knne sonst glauben, man habe ihn zum besten gehabt.

Als endlich die Parade vorber war, kam der Oberst und beorderte mich,
ihm zu folgen. Er fhrte mich zum Erbprinzen, der von mehreren
Stabsoffizieren mit hohen, lang bespornten Kanonenstiefeln, mit
ungeheuren Federhten auf den Kpfen, martialische Dienstmienen, aber
recht nichtssagende Gesichter machend, umgeben war. Als wir in der Nhe
des Erbprinzen waren, sagte mein Fhrer: Da bringe ich Eurer
Durchlaucht einen neuen Rekruten, den Sohn des Herrn Frhlich aus
Frankfurt, und gab mir ein Zeichen, vorzutreten.

Der Erbprinz und seine Offiziere musterten mich von oben bis unten und
betrachteten mich ungefhr mit der Miene wie ein Fleischer, der ein Rind
zum Schlachten kaufen will. Hierauf sagte der erste:

Man hat Lust, Soldat zu werden?

Ja, Durchlaucht.

Das gehrige Ma scheint man zu haben, auch kann man noch wachsen. Aber
man hat die verteufelte franzsische Jakobinermode mitgemacht, trgt
abgeschnittene Haare, wie steht es da mit dem Zopf?

Oh, der kann wieder wachsen, fiel der Oberst ein.

Ja, das wird lange whren, meinte der Erbprinz, und ein hessischer
Soldat ohne Zopf ist so viel wie gar nichts.

Hier wackelten smtliche Offiziere mit ihren Kpfen, gleichsam um durch
die Bewegung ihrer ellenlangen Zpfe anzudeuten, wie sehr sie mit der
Meinung Seiner Durchlaucht einverstanden seien. Dieser fuhr fort:

Wie alt ist man?

Ich stand wie auf Kohlen und platzte endlich heraus:

Man ist fnfzehn Jahre vorber.

Der Erbprinz sprach nun einige fr mich unverstndliche Worte zu seiner
Umgebung und entfernte sich, ohne mich weiter eines Blickes zu wrdigen.
Ich eilte zu meinem Vater zurck, der der ganzen Szene in einiger
Entfernung zugesehen hatte, und gleich darauf kam der Oberst zu uns und
sagte zu demselben, ich habe mich so sonderbar benommen, da der
Erbprinz sehr ungndig sei und er es nicht wage, ferner einen Schritt in
dieser Angelegenheit zu tun.

Ist auch nicht ntig, Herr Oberst, versetzte ich, ich werde um keinen
Preis hessische Dienste nehmen. -- Mein Vater hie mich schweigen, war
verlegen und suchte mich bei dem Obersten zu entschuldigen. Wir kehrten
in den Riesen zurck, wo uns ein Bekannter aus Hanau aufsuchte, der mit
meinem Vater ber die Sache sprach und diesen einigermaen beruhigte,
indem er ihn versicherte, da ich auf keinen Fall ein groes Glck bei
den hessischen Zopfhelden gemacht haben wrde, da ich, nicht von Adel,
noch htte von Glck sagen knnen, wenn ich mit dem fnfzigsten oder
sechzigsten Jahre eine Kompagnie erhalten htte, denn bei vielen heie
es: >Herr Leutnant, dir lebe und dir sterbe ich<, und man knne sich
nicht vorstellen, welch eine Misere es sei, einem kleinen deutschen
Souvern zu dienen. Das Elend sei nicht einmal ein glnzendes, sondern
ein ganz gewhnliches.

Ich stimmte dem braven Mann von Herzen bei und sagte meinem Vater, als
er bei der Heimfahrt uerte, er wisse nun gar nicht, was er mit mir
anfangen solle, es wre wohl das beste, wenn ich es mit den
franzsischen Diensten versuchte, wo man wenigstens weder nach albernen
Hirngespinsten, wie verfaulten Ahnen, noch nach Schnurrpfeifereien, wie
Zpfen, frage. Diese Sprache hatte ich Breidensteins Erziehung zu
verdanken, der uns wenigstens so viel als mglich von allen albernen
Vorurteilen frei zu machen suchte, dabei aber verga, uns die ntige
Klugheit anzuempfehlen, und seine Freude daran zu haben schien, wenn wir
uns recht derb deshalb auslieen, eine Freude, die ihm durch mich in
vollem Ma wurde. Diese Erklrung setzte meine werte Verwandtschaft, die
noch meistens gut kaiserlich gesinnt war und die Franzosen hate,
neuerdings in Alarm, und es gab abermals Debatten, die jedoch durch die
Furcht, meine Theaterlust mchte wieder erwachen, und da auch meine
Mutter Neigung fr den franzsischen Dienst zeigte, bald beseitigt
wurden; es ward nun beschlossen, da ich in franzsische Dienste treten
sollte. -- Ich fuhr ein paar Tage darauf mit meinem Vater nach Mainz, wo
Latour damals ein neues Regiment fr die franzsische Regierung
errichtete. -- Als wir ankamen, lie General Lefevre, ein Mllerssohn,
gerade ein Armeekorps von zwanzigtausend Mann auf der groen Bleiche,
die zum Heer Napoleons stoen sollten, die Musterung passieren. Als ich
diese wahrhaft martialischen und dabei doch gutmtigen Gesichter
defilieren sah, machte dies einen ganz anderen Eindruck als die Hanauer
Zopfparade auf mich. Das kriegerische Aussehen dieser Truppen, das
legere Marschieren, die ungezwungene und doch imponierende Haltung
derselben, das unaufhrliche Wirbeln der vielen Trommeln, mit denen eine
etwas wilde Janitscharenmusik wechselte, dies alles machte mein Herz
freudig pochen. Ich verga und versumte das Mittagessen ber dieser
Revue und kam erst nach drei Uhr in die drei Reichskronen zurck, in
denen wir abgestiegen waren. Noch denselben Tag besuchten wir Latour,
dem wir durch einen Mainzer Bekannten empfohlen wurden, und eine halbe
Stunde darauf war ich mit Unteroffiziersrang in dem neuen Regiment
angestellt. Am folgenden Tag kehrten wir wieder nach Frankfurt zurck,
um meine Equipierung instand zu setzen, die eben nicht sehr umstndlich
sein durfte; als Abzeichen meines Dienstes hatte ich schon eine
dreifarbige Kokarde, die ich aufsteckte, mitgebracht, kndigte mich
allenthalben und mit triumphierender Miene, namentlich auch in Homburg,
als angehender franzsischer Krieger an, was mir manche verdrieliche
Miene zuzog und mir namentlich der alte Oberst Schulter bel nahm, der
wie viele andere eine wahre Antipathie gegen die Franzosen hatte, ebenso
die Homburger, mit Ausnahme der Landgrfin, die fr die Franzosen
eingenommen war und sehr gut franzsisch sprach. -- Whrend ich so mit
meinen Abschiedsbesuchen bei allen meinen Lieben und mit meiner
Equipierung beschftigt war, kam Frau von Waldschmidt zu uns und teilte
uns mit, da der Frst Y... ebenfalls im Sinn habe, ein Regiment fr den
Kaiser Napoleon zu errichten, es knne sich nicht leicht bessere
Gelegenheit finden, meine Militrdienste anzutreten, ja ich knne ohne
Zweifel als Offizier in dieses Regiment treten, da der Frst junge Leute
von Distinktion fr dasselbe suche. -- Mein Vater entgegnete ihr jedoch,
da, da ich schon definitiv bei Latour d'Auvergne angestellt sei, dies
zu spt komme, ohnehin sei es nicht sein Wille, da ich gleich eine
Offizierscharge bekleide, die mir zu viele Freiheit lasse, was bei
meiner groen Jugend und meinem Hang zu einem wilden Leben gerade nicht
wnschenswert sei. Aber Frau von Waldschmidt meinte, ich knne gerade in
dieser Hinsicht nirgends besser aufgehoben sein als in dem Regiment des
Frsten Y..., der unsere Familie kenne und mich gewi unter seine
besondere Obhut nehmen wrde, eine Versetzung von dem einen Regiment zu
dem anderen liee sich ja leicht bewirken und so weiter. Mein Vater
dankte fr die Aufmerksamkeit, lie es indessen vorerst dabei bewenden,
und nach ein paar Tagen reiste ich allein nach Mainz ab, meine
militrische Laufbahn anzutreten, die wenigstens lustig genug werden
sollte.




                                  IX.

        Mainz; seine Geschichte. -- Ich werde zu dem Regiment Y.
       versetzt. Formation desselben. -- Die Familie Jung. -- Die
    Mitternachtsmessen. -- Eine tdliche Krankheit. -- Das Regiment
     erhlt Ordre, nach Toul zu marschieren. -- Ich gehe zu meiner
    Wiederherstellung auf Urlaub. -- Chasttelers Mtresse, und eine
      Nacht im Bren. -- Napoleon hlt eine Revue in Mainz. -- Ich
         bekomme einen Transport Rekruten nach Toul zu fhren.


Mit zwar etwas beklommenem Herzen, aber leichtem Sinn, leichter Bagage
-- mein militrisches Equipement sollte ich erst beim Regiment erhalten
--, ziemlich gefllter Brse, brigens frohen Muts verlie ich das
Vaterhaus und setzte mich in den nach Mainz abfahrenden Postwagen. An
meinen solideren Kenntnissen trug ich auch nicht schwer: Geschichte,
Erdbeschreibung und Franzsisch, das ich gut sprach und schrieb, waren
die einzigen Dinge, die ich ziemlich grndlich kannte, namentlich hatte
ich Plutarch, Csar und Titus Livius gut inne; meine Muttersprache, das
Deutsche, sprach und schrieb ich nicht einmal sehr korrekt, ebenso
sprach ich nur schlecht Englisch, und in der Mathematik wie im Zeichnen
hatte ich es auch nicht sehr weit gebracht, eine Hand schrieb ich, da
es zum Erbarmen war, dagegen aber hatte ich in frivoleren Knsten eine
ziemlich hohe Stufe erreicht; in der Musik, im Klavier und Singen war
ich ein Virtuose, dabei ein guter Reiter und ebenso guter Tnzer.
Von allen meinen Bchern hatte ich nur die, welche von den
Militrwissenschaften handelten, die ich erst krzlich bekommen hatte,
und sodann noch Schillers Don Carlos und Fiesko, Kramers Adolph der
Khne, Raugraf von Dassel, dies war mein Homer und Plutarch, und den
Klavierauszug des Don Juan eingepackt und mitgenommen.

In Mainz angekommen, stieg ich im Gasthof >Zur hohen Burg< ab, denn man
hatte mir gesagt, da sich dort ein allerliebstes Wirtstchterchen
befnde; ich fand mich aber getuscht, es war eine zwar jugendliche,
frische, rotwangige, aber ziemlich derbe Schnheit, fr die ich in
meinem Leben nie inklinierte, blieb indessen vorerst da wohnen. Am
nchsten Morgen stellte ich mich meinem Regimentschef vor, der mich
wohlwollend empfing und einer Kompagnie zuteilte. Der Dienst des kaum
errichteten Regiments war noch nicht geregelt, und ich hatte vorderhand
nichts weiter zu tun, als mich bei den Appellen einzufinden, benutzte
deshalb die mige Zeit, um mich in dem alten Mainz umzusehen, und nahm
bei einem Ingenieuroffizier Unterricht in der praktischen Feldmekunst
und Fortifikation sowie bei einem Unteroffizier-Maitre-d'Arme
(Fechtmeister) in der Fechtkunst, denn mir ahnte, da es mir an Hndeln
der besten Sorte nicht fehlen wrde. Glcklicherweise war damals kein
Theater in Mainz, das mich von meinen Berufsstudien htte abwendig
machen und zu sehr zerstreuen knnen.

In Mainz war es zwar sehr lebendig, denn die Festung wimmelte von
Militr jeder Waffengattung, aber die Stadt bot doch im ganzen einen
traurigen Anblick. berall stie man noch auf die Spuren der letzten
schweren Belagerungen, Huser, Klster und Palste lagen teilweise in
Ruinen, das Dalbergsche Palais, die drei Schweinskpfe genannt, alle
Gebude am sogenannten Hfchen, wo die schne tempelartige St.
Sebastianskapelle, die alte Jesuitenkirche stand, waren zum Teil halb
abgebrannt oder ganz von Kanonenkugeln zerschossen, und selbst der Dom
hatte ein melancholisches Ansehen, seine Trme waren dach- und
fensterlos. Das kurfrstliche Schlo war jetzt der Aufenthalt des
Jammers und Elends, und in den prchtigen Prunkgemchern, wo frher die
glnzendsten Feste gefeiert wurden, standen lngs den kahlen Wnden
Krankenbetten, in denen oft unheilbare Kranke und Verwundete ihr Dasein
verfluchten; die Frstenwohnung war ein Lazarett geworden. Noch stand
die alte Martinsburg, die vierzehnhunderteinundachtzig Erzbischof
Diether erbaut hatte, aber, de und leer, fenster- und trlos, war sie
der Aufenthalt von Eulen, Uhus und Unken und wurde bald darauf (1806)
von den Franzosen abgerissen. Das merkwrdige alte Kaufhaus, unter
Kaiser Ludwig von Bayern (1314-1317) erbaut, eines der seltsamsten und
kostspieligsten Denkmler jener Zeit, war ebenfalls noch vorhanden (das
franzsische Gouvernement lie es 1812 demolieren), und im deutschen
Ordenshaus wohnte ein franzsischer General. Eine meiner
Lieblingspromenaden war nach der hoch und herrlich liegenden uralten
Stephanskirche, zu der man durch einsame Mauerstraen und Weingrten, an
alten Gebuden vorberkommend, gelangte. Aber nirgends war ich heiterer,
als wenn ich, auf der langen Rheinbrcke stehend, nach Bieberich und dem
Rheingau hinabblickend, den kristallgrnen Wellen des majesttischen
Stromes folgte und mich in diesem Anschauen verlor. Es gibt nicht leicht
eine groartigere, das Gemt mehr erhebende Ansicht als die, wo der alte
Vater Rhein in seiner grten Breite die schnsten Gauen Deutschlands,
zwischen lachenden Weinbergen und sich trmenden Felsgebirgen,
hinabwogt. Noch eine lange Strecke sieht man die Fluten des
schmutziggelben Mains, dem einige berpatriotische Poeten eine blonde
Farbe angedichtet, in den grnen des Rheins, die sich nur ungern und
widerstrebend endlich mit ihnen zu mischen scheinen, abgesondert
dahinstrmen.

Den schnsten Anblick gewhrt aber Mainz von den Hochheimer Hhen herab;
hier bersieht man die herrliche Lage der uralten, ehedem golden
genannten Stadt und ihre Trme, Kirchen, Hgel und schnen Anlagen mit
einem Blick, sie liegt gleich einem zu unseren Fen aufgerollten
Gemlde vor den freudig bewundernden Augen.

Bis zur franzsischen Revolution war der kurfrstliche Hof zu Mainz
einer der glnzendsten Deutschlands, und die lteren Mainzer, die ihn
noch gekannt, wuten mir nicht genug von dessen Pracht und Herrlichkeit
zu erzhlen. Man war auch sehr freigebig gegen die Armen, und auf der
schnen kurfrstlichen Favorite, einem Lustschlo mit einem groen Park
auf einer Anhhe am Rhein, das whrend der Revolutionskriege zerstrt
worden war, wurden fast tglich Drftige gespeist. Auch in den
berreichen Klstern konnte sich der Arme jeden Mittag eine warme Suppe
holen, was freilich kein groes Verdienst war, da die im berflu
schwelgenden feisten Pfaffen das Mark des herrlichsten Landes von Europa
verzehrten, das sie inne hatten, und die abfallenden Brosamen noch
lieber an wohlgenhrte Hunde als an die bittere Armut verschenkten. Aber
nachdem die fetten Klostergter in arbeitsame und industrise Hnde
bergingen, verschwand das ekelhafte Heer der Bettler, und das Auge
wurde bald ebensowenig mehr durch den Anblick des schmutzigsten Elends
als durch den der trgen widerlichen Schmerbuche, der gemsteten
kupferroten Vollmondskpfe, der Pfaffen, beleidigt.

Unter den mancherlei Bekannten, die ich in meinen freien Stunden
besuchte, das franzsische Exerzitium, das wir jetzt zweimal des Tages
mit groem Eifer auf dem Glacis der Zitadelle betrieben, nahm tglich
vier bis fnf Stunden in Anspruch, war es hauptschlich das Haus des
Hofrats Jung, unseres alten Familienfreundes, bei dem ich schon bei der
Reise zu Schinderhannes Hinrichtung logiert hatte, das mich am meisten
anzog. Dies war eine hchst achtungs- und liebenswrdige Familie,
welche, in guten Vermgensumstnden sich befindend, besonders den
Wissenschaften und Knsten huldigte. Der lteste Sohn Eduard
beschftigte sich mit Malerei, die Tchter Mimi und Agnes mit Musik,
Zeichnen und auserwhlter Lektre, zwei kleinere Jungens besuchten noch
die Schule. Der Vater, ein hochwissenschaftlich gebildeter und sehr
vorurteilsfreier Mann, Witwer, widmete sich fast ausschlielich der
Erziehung seiner Kinder. Die Abende in diesem Haus wurden meistens in
einem vertrauten Familienkreis, abwechselnd mit kritisierenden
Unterhaltungen ber die neuesten ausgezeichnetsten literarischen
Erzeugnisse, mit Vorlesungen, Musik, Deklamation und so weiter auf das
angenehmste hingebracht. Bisweilen verlor man sich auch in das Feld der
Politik, das damals unermelichen Stoff bot, jedoch nur, wenn man so
ganz unter sich war, denn es war sehr gefhrlich, sich ber das Treiben
des damaligen allmchtigen Gewalthabers und seine Staatskunst selbst nur
bescheiden auszulassen, und nicht ratsam, seine Meinung offen zu uern.
Ich selbst war indessen zu jener Zeit ein blinder Verehrer des
neugebackenen Kaisers, in dem ich einen zweiten Csar erblickte, seine
glnzenden Siege hatten auch mich wie so viele tausend andere
verblendet, Jung aber fllte sehr richtige Urteile ber den korsischen
Machthaber, die sich auch spter vollkommen bewhrten und die ich
beinahe als in einem prophetischen Geist gesprochen ansehen mchte. Was
aber diesen unterhaltenden Abenden den meisten Reiz verlieh, war die
lteste Tochter des Hauses, Mimi, ein Mdchen, das bei krperlicher
Schnheit unendlich geistige Reize besa und bald der Gegenstand meiner
innigsten Verehrung ward, ohne da ich gerade ein sinnlicheres Vergngen
als ihre Unterhaltung gewnscht oder begehrt htte.

Vier Wochen mochte ich ungefhr in Mainz sein, dessen heitere,
lebenslustige und muntere Bewohner mich weit mehr ansprachen als die
griesgrmigen besorglichen Prozentgesichter meiner Vaterstadt, als mich
eines Morgens mein Oberst zu sich rufen lie und mir erffnete, da
meine Familie wnsche, ich mchte in das Regiment treten, welches Frst
Y... im Begriff sei, fr den Kaiser der Franzosen zu formieren, und da
er, wenn mir dies angenehm sei, nichts dagegen habe, ob er gleich
glaube, da ich in seinem Regiment wohl ebenso gut und vielleicht noch
besser als in dem des Frsten mein Glck machen wrde. Ich erwiderte
hierauf, da ich dies meinen Eltern berlassen wolle. Mir war die Sache
ziemlich gleichgltig, obgleich das Regiment Latour schon einen groen
Vorsprung hatte und beinahe organisiert war; indessen versprach ich mir
doch eine angenehmere Existenz im Regiment Y., in dem ich alte Bekannte
aus Offenbach anzutreffen hoffte, auch sagte mir dessen Uniform
(hellblau mit gelbem Kragen, weiem Paspel und Silber) mehr zu, als die
dunkelgrne mit Rot des Regiments Latour d'Auvergne. Noch denselben Tag
erhielt ich einen Brief von meinem Vater, in welchem er mir meldete, da
er den folgenden Tag nach Mainz kommen wrde, um mich dem Frsten Y.,
bei dem schon alles eingeleitet sei, und der in den >Drei Reichskronen<
logiere, vorzustellen. Gegen Mittag des bestimmten Tages kam mein Vater
an, und wir machten sogleich unsere untertnigste Aufwartung bei Seiner
Durchlaucht. Der Frst war auerordentlich gndig, erbot sich sogar,
mich sogleich mit Unterleutnantsrang anstellen zu wollen, was mein Vater
sich gehorsamst verbat, indem er wnschte, da ich von der Pike auf
dienen solle, was indessen gar nicht tunlich war, aus dem einfachen
Grunde, weil, auer einem Dutzend designierter Offiziere, das Regiment
erst auf dem Papier vorhanden war. Der Frst erteilte mir daher den Rang
eines Furiers und verwies mich an den Kapitn Quartier-Maitre, Herrn
Viriot, einen uerst humanen und liebenswrdigen Mann, um einstweilen
in dessen Bureau zu arbeiten und mich mit der militrischen
Komptabilitt zu befreunden.

Frst Y. setzte alles in Bewegung, das Regiment mglichst bald zu
formieren und vollzhlig zu machen, was um so schwieriger war, da keine
Franzosen in demselben aufgenommen werden durften, was aber nicht so
genau genommen wurde; indessen wrden doch Jahre damit hingegangen sein,
wenn nicht besondere Ereignisse die Komplettierung schnell mglich
gemacht htten. Erst ganz krzlich hatte der Krieg mit sterreich (1805)
begonnen, und soeben hatten dreiunddreiigtausend Mann sterreicher mit
sechzig Kanonen, vierzig Fahnen, achtzehn Generlen und so weiter bei
Ulm das Gewehr gestreckt und sich zu Gefangenen ergeben. Aus diesen
Gefangenen rekrutierte man nun so viel als mglich fr das Regiment Y.,
wobei man sich mitunter der gewissenlosensten Kunstgriffe und Kniffe
bediente, indem man die Leute betrunken machte und ihnen Gott wei was
alles vorspiegelte, um sie zu bewegen, franzsische Dienste zu nehmen,
ihnen groes Handgeld versprach, sechzig bis hundert Franken, das sie
nie erhielten, und so weiter. Im brigen hatten es diese Leute weit
besser in franzsischer Gefangenschaft, wo sie alle mgliche Freiheit
genossen, auf Arbeit gehen durften, gut genhrt waren und so weiter, als
in ihrem frheren Dienst. Noch weit schlimmer spielte man spter den bei
Austerlitz gefangenen Russen und sterreichern mit, um sie zu vermgen,
Dienste bei den franzsischen Fremdenregimentern zu nehmen. Man zwang
sie durch den Hunger dazu, indem ihnen die vom Gouvernement zugedachten
Portionen von den mit diesen Austeilungen beauftragten Beamten, im
Einverstndnis mit den Werbern, so sehr geschmlert wurden, da sie
unmglich dabei bestehen konnten und der rgste Feind des Menschen, der
Hunger, sie ntigte, zu dienen, um sich zu sttigen. Frst Y. selbst
hatte diese Schndlichkeiten zwar nicht befohlen, war aber schwach
genug, denen, die sie begingen und die von jedem angeworbenen Mann zehn
Franken erhielten, durch die Finger zu sehen; obendrein wurden die armen
Teufel noch um das ihnen versprochene Hand- oder besser Blutgeld
geprellt, das grtenteils nichtswrdige Speichellecker, die sich dem
Frsten angenehm zu machen gewut, unterschlugen und einsteckten. Frst
Y. hatte den Fehler begangen, viele Offiziere ohne weitere Prfung und
oft auf sehr verdchtige Empfehlungen hin bei dem Regiment anzustellen,
wodurch gar manche nichtswrdige Subjekte in dessen Reihen figurierten,
die wegen allerlei schlechter Streiche, Betrgereien und so weiter aus
anderen Korps fortgejagt worden waren, wodurch das Regiment in sehr
blen Ruf kam. So war zum Beispiel ein gewisser Wable, ein ehemaliger
Douanenleutnant, den man wegen Diebstahl zum Teufel gejagt und der nur
mit genauer Not der Galeere entgangen war, als Adjutant-Major
angestellt; der Kerl hatte ein so widrig konfisziertes Gesicht und
ueres und stand in einem so abscheulichen Ruf, da man ihn sogar in
ffentlichen Gast- und Kaffeehusern nicht mehr hatte dulden wollen,
allein er hatte dem Frsten Y. gewisse geheime, eben nicht sehr
ehrenvolle Dienste erwiesen, weshalb er sich dessen Protektion zu
erfreuen hatte. Als er spter einen Teil der Lhnung der Rekruten
unterschlug, kamen bei dieser Gelegenheit seine anderen Streiche zur
Sprache, und er mute dennoch fort, sich wo anders hngen zu lassen.
Spter suberte sich das Regiment allerdings nach und nach von seinem
Unkraut, aber der bse Ruf war einmal da und nicht so leicht
auszumerzen, besonders da auch die aus aller Welt zusammengerafften
Soldaten es nicht an Exzessen aller Art fehlen lieen.

Mein Dienst wollte immer noch wenig sagen, obgleich das erste Bataillon
von einem Bataillonschef namens Dret kommandiert, der frher Hauptmann
und Generalissimus des vierzig Mann starken Heeres des Frsten Y. und
dessen Gnstling gewesen, bereits vollstndig und ich der ersten
Kompagnie desselben zugeteilt war, aber es war weder gekleidet noch
bewaffnet und konnte also nicht einexerziert werden. Auf dem Bureau des
Quartiermeisters brachte ich des Tags nur wenige Stunden zu, hatte die
brige Zeit so ziemlich fr mich, meine Studien und andere
Angelegenheiten und benutzte sie bestens. Das Jungsche Haus
frequentierte ich fortwhrend, Mimis Umgang wurde mir tglich teurer,
obgleich er ganz platonischer Art war, vielleicht gerade deshalb, auch
schien ich dem liebenswrdigen Mdchen nicht zu mifallen, und wir
brachten manche Stunde mit wissenschaftlicher Unterhaltung oder
vierhndige Sonaten spielend zu. Da mir indessen mit einer blo
geistigen Liebe nicht gedient war, so suchte ich mich anderwrts dafr
zu entschdigen und fand auch bald, was ich suchte. Mimis lterer Bruder
hatte mich in Tanzstunden eingefhrt, die im Schrderschen Kaffeehaus
wchentlich einigemal gegeben wurden, und hier lernte ich wieder eine
Henriette, die Tochter vom Haus, und eine Luise, eine Anverwandte des
Kaufmanns Kretzinger, bei dem sie sich aufhielt, kennen. Beide Mdchen
waren katholisch, und bald war ich so weit mit ihnen, da wir uns in den
einsamen Kreuzgngen der abgelegenen Stephanskirche sprachen und dann
auch deren Turm bestiegen, um der herrlichen Aussicht, die man von
demselben in die paradiesische Umgegend von Mainz hat, teilhaftig zu
werden.

Als das Weihnachtsfest herangekommen war, verabredete ich mit Luise, uns
bei der Mitternachtsmesse in der Quintinskirche zu treffen, whrend mich
Henriette in die St. Stephanskirche beschied, ich selbst jedoch dieser
Feierlichkeit gerne im Dom, wo der Bischof fungierte und sie am
glnzendsten begangen wurde, beigewohnt htte. Es gelang mir indessen,
die den beiden Mdchen gemachten Versprechungen zu erfllen und auch das
Ende der Feierlichkeit im Dom zu sehen, auch hatte ich im Vorbergehen
sogar noch einen Blick in die Emeranskirche geworfen. Nachdem ich in St.
Quintin einige Minuten neben Luise gekniet, ihr die Hand gedrckt und
ein paar Worte zugeflstert hatte, verlor ich mich nach St. Stephan und
kniete hier neben Henriette, betete mit ihr ein kleines Weilchen und
ward wirklich von dieser mitternchtlichen Feier der Geburt des
Christuskindes ergriffen, da ich den eigentlichen Zweck meines
Herkommens ganz verga und, von der Feier des Gottesdienstes
hingerissen, nicht mehr an die neben mir kniende Schne dachte, die
ohnehin in Begleitung einer Tante der Feier beiwohnte. Als der grte
Teil derselben vorber war, flsterte ich ihr eine >Gute Nacht< zu und
eilte in den Dom; hier fand ich die weiten, dster beleuchteten Hallen
sehr de, nur hier und da kniete eine vermummte Gestalt einsam und
verlassen, whrend die anderen Kirchen zum Erdrcken voll waren, und nur
der Chor war belebt und mit einem Heer von Geistlichen aller Grade
angefllt, an deren Spitze der Bischof in seinem Ornat fungierte; ich
war kurz vor der Beendigung der Messe angekommen. In diesem Tempel war
der Eindruck auf mich ein ganz anderer als zu St. Stephan, das ganze
hatte etwas schauerlich Unheimliches; zum erstenmal in meinem Leben
hatte ich einem solchen nchtlichen Gottesdienst beigewohnt und konnte
lange die Bilder nicht aus meiner Phantasie verdrngen. Diese Feier
hatte von jetzt an immer etwas Anziehendes fr mich, und ich versumte
nie, ihr beizuwohnen, wenn sich Gelegenheit dazu bot.

Acht Tage spter wurde zur Feier der Neujahrsnacht ein groer Ball in
dem Schrderschen Kaffeehaus veranstaltet, den auch der Marschall
Lefebre und sein ganzer Generalstab mit ihrer Anwesenheit beehrten und
dem ich, obgleich mich sehr unwohl fhlend, dennoch in Zivilkleidern
beiwohnte; denn ich konnte unmglich die mit meinen liebenswrdigen
Freundinnen eingegangenen Engagements versumen und hatte zudem eine
neue Intrigue mit einer sehr pikanten Franzsin, der Frau eines
Kriegskommissars, Madame Nellier, angeknpft, von der ich mir viel
Unterhaltung versprach. Das Schicksal wollte es anders: schon nach ein
paar Quadrillen fhlte ich mich so unwohl, da ich gezwungen war, den
Ball zu verlassen; kaum zu Hause angekommen, rttelte mich ein starkes
Fieber, das in eine schwere, hitzige Krankheit, einen Lazarett-Typhus
ausartete, den ich mir im Dienst durch Ansteckung zugezogen hatte. Immer
noch auf dem Bureau des Quartier-Maitre arbeitend, wurde mir hufig der
Auftrag, die aus den Gefangenen angeworbenen Rekruten zur krperlichen
Visitation zu dem Regimentsarzt zu fhren, wo sie sich ganz nackend
auskleiden muten, und dann diejenigen, die krank befunden wurden, in
das Lazarett zu bringen, wo dieser Typhus herrschte und sehr viele Leute
und auch manche Einwohner von Mainz wegraffte. Hierdurch hatte ich mir
aller Wahrscheinlichkeit nach die Krankheit zugezogen, die mich in
zweimal vierundzwanzig Stunden an den Rand des Grabes brachte. Als der
Frst Y. von meinem Zustand unterrichtet war, befahl er, da man mich
sogleich ins Lazarett schaffen solle, wo ich durch seine Vermittlung in
den Offizierssaal gebracht wurde, in dem noch am nmlichen Tage ein
Dragonerrittmeister, mein nchster Bettnachbar, an derselben Krankheit
starb. Gerade nach dem Tag, als man mein Ende erwartet hatte, ffnete
sich gegen mittag die Tr unseres Zimmers, und mein guter Vater trat mit
bekmmerter Miene an mein Bett; er schien mir ein trstender Retter, tat
alles, was er konnte, mir Mut einzusprechen, und brachte jeden Tag
zweimal mehrere Stunden an meinem Krankenlager zu, so lange er sich in
Mainz aufhielt; erst als ich auer aller Gefahr war, reiste er ab, mich
reichlich mit Geld und was ich bedurfte versehend. Etwas hatte fr den
Augenblick denn doch diese Krankheit und der Anblick der Sterbenden um
mich herum, meinen angeborenen Leichtsinn verscheucht, der aber mit dem
allmhlichen Besserwerden sich auch wieder einstellte. Auch Hofrat Jung,
der wider mein Wissen und meinen Willen meine Krankheit an meine Eltern
berichtet hatte, besuchte mich einigemal, und das Bild seiner holden
Tochter Mimi war das einzige, das mich in dieser Periode fast immer
umschwebte, whrend mir alle anderen ganz aus dem Sinn gekommen waren;
auch mein Kapitn, St. Jst, ein sehr guter Mann und ein Verwandter des
Verfassers des Librettos des Kalifen von Bagdad, des Johann von Paris
und noch so mancher anderen Stcke, dem mich mein Vater noch besonders
empfohlen, kam einigemal, um nach mir zu sehen.

Whrend ich noch rekonvaleszent im Lazarett lag, erhielt das Regiment
Befehl, sich binnen wenig Wochen marschfertig zu machen, um seine
endliche Formation in Toul in Lothringen zu vollenden. Der Grund hiervon
war, da viele der neuangeworbenen Rekruten ein paar Tage nach ihrem
Engagement mit den erhaltenen Effekten wieder ber die Rheinbrcke
gingen und desertierten, was ihnen in Toul nicht so leicht war. Ich
erhielt jedoch, nachdem ich das Lazarett verlassen hatte, einen Urlaub
von vierzehn Tagen, den sich mein Vater vor seiner Abreise von dem
Frsten erbeten, um meine vllige Wiederherstellung im elterlichen Hause
abzuwarten.

Noch sehr schwach verlie ich das Krankenhaus, das frher das
Schnbornsche Palais am Tiermarkt war, in welchem zu den kurfrstlichen
Zeiten so manches Prunkfest gefeiert worden, und das sich jetzt in die
Herberge des Elends umgestaltet hatte, und bezog wieder meine Wohnung in
der >Hohen Burg<. Mein erster Besuch war bei Jung, dem ich
freundschaftlich vorhielt, da er an meine Eltern geschrieben, denen ich
keine unntige Sorgen habe machen wollen, sie sollten meine Krankheit
erst nach berstandener Gefahr oder nach meinem Tod erfahren. Mimi
schien ber meinen Anblick zu erschrecken, ich sah noch sehr leidend und
elend aus, mit einem: Ach, mein Gott! eilte sie auf mich zu, fate
mich bei der Hand und sagte endlich: Dank dem Himmel, da Sie dem Leben
wiedergeschenkt sind, lieber Freund, wir waren recht bange um Sie. In
diese Worte legte sie einen nicht zu beschreibenden Ausdruck. Als wir
uns bald darauf allein im Zimmer befanden, fiel sie mir um den Hals und
gestand mir mit Trnen, da sie recht sehr besorgt um mich gewesen; ich
drckte sie innig an mich, und Brust an Brust wechselten wir
minutenlange Ksse; erst durch das Kommen ihrer Tante wurden wir aus
unserem Vergessen erweckt. -- Meine Abreise nach Frankfurt war schon auf
den nchsten Morgen festgesetzt, was das liebe Geschpf viel zu frhe
fand und meinte, sie wrde mich nicht mehr wiedersehen. Ich lchelte bei
diesen Worten der blhend schnen Jungfrau, die behauptete, eine nur zu
sichere Ahnung sage es ihr, und klagte, da sie sich schon seit einigen
Tagen nicht ganz wohl befinde. Indessen konnte ich meine Abreise
unmglich lnger aufschieben; Mimi veranlate, da man mich fr diesen
Abend zum Essen einlud und ersuchte mich, doch ja beizeiten zu
erscheinen, da dies der letzte Abend sei, den wir in diesem Leben
zusammen zubringen wrden. Nochmals lchelnd, versprach ich gerne, was
das liebe Mdchen wollte, kam schon mit einbrechender Nacht wieder und
brachte noch ein paar selige Stunden mit ihr am Klavier zu, wo wir
abwechselnd vierhndige Sonaten spielten und uns kten. Um zehn Uhr
nahm ich mit bewegtem Herzen Abschied von der gastfreundlichen Familie
und fuhr am andern Morgen nach Frankfurt ab.

Meine guten Eltern hatten mich erwartet und empfingen mich wie einen vom
Tode erretteten Sohn mit unendlicher Liebe und Wohlwollen; nachdem man
mich nach den geringfgigsten Umstnden meiner Krankheit und deren
Behandlung mit groer Teilnahme gefragt hatte, fiel meine Mutter
pltzlich mit den Worten ein: Sieh, lieber Ferdinand, wrest du
Kaufmann geworden oder httest studiert, so wre dir dies gewi nicht
begegnet, und meinte, da, wenn ich wolle, es noch Zeit sei,
umzusatteln und in das ruhige brgerliche Leben zurckzukehren. Der
Meinung waren auch mehrere meiner Verwandten, ich aber beharrte darauf,
beim Militr zu bleiben, hoffend, unter Napoleon eine recht glnzende
Karriere zu machen, und lehnte alle Einladungen eines Heeres von
wibegierigen Vettern und Basen ab, die mich gerne zu Tode gefttert
htten, um ihre lbliche Neugierde zu befriedigen.

Zehn Tage mochte ich etwa im Vaterhaus sein, als meinem Vater gerade bei
Tische ein schwarz gesiegelter Brief bergeben wurde, der, die Adresse
lesend, erschrocken ausrief: Mein Gott, das ist ja vom Hofrat Jung!
Auch ich entsetzte mich, und ehe wir uns recht besinnen konnten, sagte
mein Vater, nachdem er einige Zeilen durchlaufen, mit bebender Stimme:
Mein Gott, Jungs Tochter, die Mimi, ist an derselben Krankheit
gestorben, die Ferdinand gehabt. -- Ich ward leichenbla, stand mit
verhlltem Gesicht vom Tisch auf und es war mir in diesem Augenblick,
als schwebe die verklrte Engelsgestalt dieses Mdchens an meinem Auge
vorber. Nachdem ich mich ein wenig erholt, erzhlte ich meinen Eltern,
ohne ihnen jedoch das nhere Verhltnis mitzuteilen, was mir das Mdchen
beim Abschied versichert hatte, worber sie, namentlich meine Mutter,
hchst erstaunt waren. Sie meinten, ich knne die Krankheit in dieses
Haus gebracht haben, was wenigstens mglich war und uns viel Kummer
verursachte, da der gute Jung so schrecklich fr sein Wohlwollen belohnt
wurde.

Die Zeit meines Urlaubs war um, und zum zweitenmal nahm ich vom
Vaterhaus und der ganzen verwandtschaftlichen Sippschaft einen
herzbrechenden Abschied; manche von ihnen glaubten, da Toul schon auer
der Welt liege, aber Sophia von La Roche meinte, sie wrde es noch
erleben, mich mit Generalsepauletts geschmckt zurckkehren zu sehen.
Nochmals reichlich mit Mutterpfennigen versehen, bestieg ich den Mainzer
Postwagen, in dem ich nur einen einzigen Passagier, und zwar ein
zierliches, niedliches junges Mdchen, antraf, mit der ich bald eine
interessante Unterhaltung anknpfte und von der ich erfuhr, da sie die
Geliebte des damals sich in Hanau aufhaltenden Marquis von Chastteler
sei und auf acht Tage nach Mainz gehe, um ihre daselbst wohnenden
Eltern, ganz ehrsame Brgersleute, zu besuchen. Nichts war wohl
geeigneter, meine durch den Abschied und Mimis Tod etwas dsteren
Gedanken zu verscheuchen, als eine so hbsche Gesellschafterin
_tte--tte_ in dem engen Raum eines Postwagens; auch kam mir die Reise
trotz des Schneckenganges eines Postwagens jener Zeit gewaltig kurz vor.
In Hattersheim, wo umgespannt wurde, nahmen wir ein kleines, aber
frhliches Mahl ein, nach dem wir uns wieder vergngt in den alten
Rumpelkasten sperren lieen, und waren bald einverstanden, da wir unter
dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit -- denn kme es an den Tag,
so wre Susannchen, so hie die kleine Lose, um ihre Stelle bei dem
Herrn Marquis gekommen -- beide in Kassel im >Schwarzen Bren<
bernachten wollten, wo wir uns zwar zwei Zimmer, die jedoch im Innern
miteinander kommunizierten, geben lieen. Erst gegen mittag des andern
Tages gingen wir mde und ermattet ber die Rheinbrcke, wo ich Susanna
an das Haus ihrer Eltern begleitete, und beim Abschied das Geheimnis zu
wahren und sie zu besuchen versprach; ich hielt in beiden Wort, bis
Chastteler lngst verfault, und die Gtter mgen wissen, was aus Susanna
geworden ist. Die nchste Nacht schlief ich wieder allein in meiner
hohen Burg und zwar so vortrefflich, da mich schwerlich eine Kanonade
aus dem Schlaf geweckt haben wrde. Ich meldete nun meine Zurckkunft
dem sich noch immer in Mainz befindlichen Quartier-Maitre Viriot, der
mich recht freundlich bewillkommte und mir ankndigte, da in einigen
Tagen ein Transport von etwa sechzig Mann Rekruten zum Regiment abgehen
msse, den er mir zur Fhrung bergeben wrde, da ich der einzige jetzt
noch in Mainz vorhandene Unteroffizier desselben sei. Ich fhlte mich
hierdurch nicht wenig geehrt und besuchte einstweilen meine Mainzer
Bekannten; aber mit beklommenem Herzen und nicht ohne ein peinliches
Gefhl von Wehmut betrat ich das Haus des Hofrats Jung, denn ich hielt
es fr ziemlich gewi, die Ursache des Todes dieses hoffnungsvollen
Mdchens zu sein, deren Schwester Agnes ich ebenfalls leidend, sowie
Vater und Brder sehr angegriffen fand. Jetzt glaube ich es aber nicht
mehr, denn ich bin bis zu einem gewissen Grad Fatalist geworden. Nur
zweimal wiederholte ich diesen Besuch vor meiner Abreise, dagegen fand
ich mich desto hufiger bei Susanna ein, die aber auf Befehl ihres
hochgebietenden Herrn Marquis noch frher als ich Mainz verlassen und
nach Hanau zurckkehren mute.

In Mainz hatten sich unterdessen immer mehr Truppen von allen
Waffengattungen gesammelt, deren Bestimmung jedermann noch ein Rtsel,
da der Friede mit dem fast vernichteten sterreich so gut wie
geschlossen war. Wenige Tage vor meinem Abmarsch kam der allgemein
bewunderte Sieger, Kaiser Napoleon, nach Mainz und lie die hier und in
der Umgegend liegenden Truppen die Musterung passieren. Hier sah ich den
Helden des Jahrhunderts zum erstenmal, und zwar ganz bequem in der Nhe,
indem ich ihm Schritt vor Schritt folgte, als er die lange Front der auf
der groen Bleiche und dem Schloplatz aufgestellten Truppen hinabritt
und deren Reihen musterte. Ich hrte, wie er hie und da einem Inspekteur
oder Stabsoffizier eine mifllige Bemerkung ziemlich schonungslos
machte, sah, wie er bei manchem alten Soldaten, der das Zeichen seiner
Tapferkeit im Angesicht trug, ein paar Augenblicke verweilte, sich
erkundigend, wo und bei welcher Gelegenheit er die Schmarren und Wunden
davongetragen. Er versicherte die Truppen, da sie bald Gelegenheit
erhalten sollten, sich neue Lorbeeren zu erwerben, worauf ein ungestmes
_Vive l'Empereur_ wie ein Lauffeuer durch die Reihen donnerte.

Ich mu gestehen, da mich Napoleons ueres nicht befriedigte,
namentlich verriet seine Gestalt und seine Haltung eben nicht, was man
sich gewhnlich unter einem Helden vorstellt, sie hatte nichts
Majesttisches, ja nicht einmal etwas Edles, dagegen war sein Blick so
finster imponierend, da er mehr erschreckte als anzog, hatte aber fr
die Soldaten dennoch etwas Aufmunterndes, so da derselbe auf den, der
ihn einmal gesehen, auch noch in seiner Abwesenheit einen magischen
Einflu ausbte und ihm gleich einem leitenden Genius bei den ernsten
Waffentaten und Kmpfen vorschwebte und begeisterte.

Zwei Tage nach dieser interessanten Musterung erhielt ich die Feuille de
Route fr mich und meinen Transport und trat mit demselben den Marsch
nach Toul an, nachdem ich die Nacht vorher noch einen brillanten
Maskenball in spanischem Kostme beigewohnt und mit Louise und Henriette
die Abschiedswalzer getanzt hatte.




                                   X.

      Marsch von Mainz nach Toul. -- Abscheuliche Zusammensetzung
        des Transports. -- Oppenheim. -- Worms. -- Desertion und
    Diebereien. -- Die Pfalz. -- Drkheim. -- Kaiserslautern. -- Die
     Familie Karcher. -- Landsstuhl. -- Homburg. -- Saarbrcken. --
        Eine getrstete Strohwitwe. -- St. Avold. -- Courcelle.
        -- Ein schmutziger Vorfall. -- Metz. -- Ich werde in das
    Militrgefngnis gesetzt. -- Spitzbbereien des Quartiermachers.
   -- Die Sehenswrdigkeiten von Metz. -- Pont  Mousson. -- Ankunft
                                in Toul.


Ungeachtet ich die vorhergehende Nacht fast ganz durchschwrmt hatte,
stand ich doch am andern Morgen um sechs Uhr marsch- und reisefertig vor
der Wohnung des Quartier-Maitres, der mir noch einige Instruktionen
erteilte, an der Spitze meines, einige siebenzig Mann starken
Transports. Dieser bestand in aus allen Ecken und Enden
zusammengerafftem Gesindel, noch ungekleidet und unbewaffnet; da waren
preuische, sterreichische, bayerische, hessische Deserteure, Polen,
Russen, Bhmen und Ungarn, alles durcheinander, zum Teil noch die
abgenutzten Uniformen ihres frhern Dienstes tragend, zum Teil in Lumpen
gehllt. Das Ganze hatte ein recht abenteuerliches Aussehen und glich
eher einer Ruberbande oder einem zusammengelaufenen Vagabundenkorps als
einem militrischen Detachement; in der Tat waren auch ein paar Kerls
dabei, die frher unter der Bande des Schinderhannes gestanden und sich
dessen sogar gegen ihre Kameraden rhmten. Auerdem ward mir noch eine
ganz besondere Zugabe, nmlich die Frau und die vier Tchter des
Wagenmeisters des Regiments, die noch zurckgeblieben waren und die
nebst einigen Weibern verheirateter Rekruten den weiblichen und
wahrhaftig nicht am leichtesten zu dirigierenden Teil des Transports
ausmachten und mir berdies angelegentlich vom Kapitn Viriot empfohlen
worden waren. Von diesem war es jedoch eine leichtsinnige
Unvorsichtigkeit, einem noch so jungen, ganz dienstunerfahrenen, kaum
sechzehn Jahre zhlenden Menschen ein solches Detachement zur Fhrung zu
bergeben, bei dem sich die abgefeimtesten und verschmitztesten, mit
allen Hunden gehetzten Galgenstricke, die selbst einem unter den Waffen
ergrauten Krieger noch zu schaffen gemacht haben wrden, befanden; auch
machten sich die Folgen dieser Unberlegtheit nur zu bald fhlbar.

Um acht Uhr marschierten wir ab und zum neuen Tor hinaus. Noch manchen,
nicht ganz wehmutslosen Rckblick warf ich auf das alte Mainz, wo ich,
nur kurze Zeit dort, doch so manche vergngte Stunde hatte. Nach der
Marschroute war mir ein vierspnniger Wagen fr die Bagage und
allenfallsige Marode gut getan, diesen nahmen, kaum vor dem Tor,
Dewarts -- so nannte sich die Familie des Wagenmeisters -- in Besitz,
behauptend, da sie der Herr Quartier-Maitre darauf angewiesen habe; auf
dessen Empfehlung hatte ich auch einem gewissen Lamertz, einem
preuischen Deserteur, welcher vorgab Feldwebel in jener Armee gewesen
zu sein und wegen Hndeln mit seinem Hauptmann, der ihn zu ungerechten
Dingen habe ntigen wollen, dieselbe Verlassen zu haben, die Marschroute
bergeben, um die Quartiere machen zu knnen; Viriot hatte ihm auerdem
versprochen, da er bei seiner Ankunft bei dem Regiment wieder eine
Unteroffiziersstelle erhalten solle. Dieser Mensch war jedoch ein
Ausbund von Verschmitztheit und in allem, was man damals preuische
Pfiffe und Kniffe nannte, trefflich bewandert. Der erste Marsch, nach
Oppenheim, ging glcklich und munter von statten, wir hatten heiteres
Wetter, einige Rekruten sangen lustige Schelmen- und Soldatenlieder; wir
kamen durch die ihrer Weine wegen berhmten Orte Laubenheim, Bodenheim
und Nierstein, und in letzterm Ort, der sehr alt ist und ehemals eine
knigliche Burg hatte, lie ich halten und, um mir die Burschen
anhnglicher zu machen, jedem Mann einen Schoppen Niersteiner, der
freilich nicht von der ersten Qualitt sein mochte, verabreichen. Dieses
versetzte die Leute in die beste Stimmung, sie lieen mich hochleben,
aber auch zum Dank ein paar Glser verschwinden, die ich samt dem Wein
bezahlen mute. Vor Oppenheim kam uns Lamertz mit geschftiger Miene
entgegen, mir ein Quartierbillet mit den Worten: Ein frstliches
Quartier, Herr Fourrier, berreichend. Es war bei einem Apotheker, wo
ich aber nichts weniger als etwas Frstliches, ja nicht einmal etwas
Anstndiges fand, denn trotz meiner Ermdung vom Tanz und Marsch konnte
ich fast die ganze Nacht kein Auge vor Ungeziefer schlieen. Das
Detachement wurde aber in dem eine halbe Stunde von Oppenheim entfernt
liegenden Dorf Dienheim einquartiert, wohin auch ich eigentlich gehrt
htte, aber mein dienstfertiger Lamertz meinte, da dort gar kein
passendes Unterkommen fr mich sei, der Transportkommandant msse doch
etwas extra haben, dies gehre sich, und er wolle sorgen, da alles in
bester Ordnung abliefe. Ich fhrte die Leute nach Dienheim, und nachdem
ich den Sold, den ich ihnen nach Viriots Vorschrift Tag fr Tag selbst
auszahlen sollte, verabreicht und die Appelle gehalten, begab ich mich
nach Oppenheim zurck und sah mich in demselben und dessen Nhe um.
Oppenheim war ehemals eine freie Reichsstadt, ist aber ein
unansehnlicher und schlecht gebauter Ort, der jedoch eine der schnsten
gotischen Kirchen Deutschlands besitzt, deren eine Hlfte beinahe in
Ruinen zerfllt. So wenig ich mich damals noch um Gemlde, namentlich
wenn sie religise oder heilige Gegenstnde darstellten, bekmmerte, so
fiel mir doch eines in dieser Kirche auf, nmlich eine Darstellung der
Empfngnis Marias, wo Gott der Vater derselben den heiligen Geist ins
Ohr hineinblst. -- Hier sind auch an fnftausend spanische Totenkpfe,
welche die Schweden gemht, aufeinandergeschichtet, und auf dem
sogenannten spanischen Kirchhof liegen deren Krper begraben. Oppenheims
Lage soll hnlichkeit mit der von Jerusalem haben, um sich dies zu
denken, mag doch eine gute Portion Phantasie ntig sein.

Ich hatte zwar meinem Wirt empfohlen, mich ja mit Tagesanbruch wecken zu
lassen, weil ich, so mde wie ich war, zu verschlafen frchtete, aber
mein unseliges Quallager machte, da ich frher aufstand als einer der
brigen Hausbewohner, und ich diese wecken mute, wenn ich das Haus
nicht nchtern verlassen wollte. Nach schnell eingenommenem Frhstck,
das in einem Eierkuchen bestand, eilte ich nach Dienheim, wo beim Appell
zwei Mann fehlten, die auch nicht wieder zum Vorschein kamen; statt
ihrer aber fand sich ein Bauer ein, welcher klagte, da ihm seine
Einquartierung, die sich schon vor Tage davongemacht, zwei Gnse
mitgenommen. Dies waren meine beiden Deserteurs; ich gab dem Mann zwei
Taler fr seine geraubten Vgel, um seinem Jammer ein Ende zu machen,
und nahm mir vor, den Transport nicht mehr allein zu lassen, um
mglichst solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen, was ich indessen nicht
zu bewirken vermochte. Vor dem Abmarsch stellte sich auch noch Frau
Dewart mit ihren Tchtern ein, mir die Ohren vollschreiend ber das
schlechte Quartier, das sie gehabt, die Schuld auf Lamertz schiebend,
der sich selbst bei dem Herrn Pfarrer des Orts einquartiert hatte, wo
er, wie sie behaupteten, trefflich versorgt gewesen. Ich empfahl dem
Schlingel, doch in Zukunft galanter gegen diese Damen zu sein, was er
auch versprach, und lachend trollte er sich.

Nachdem diese Dinge beseitigt waren, brach ich doch ziemlich munter nach
Worms auf, wo wir ohne besondere Zuflle glcklich ankamen. Hier
kndigte mir unser Quartiermacher an, da wir abermals auf ein nahes
Dorf, Forchheim, an dem die Reihe sei Einquartierung aufzunehmen,
verlegt wrden, ich knne aber ein gutes Quartier in der Stadt haben,
was ich mir verbat, das Billett zurckwies und mit meinen Leuten nach
Forchheim marschierte, wo ich mich bei einem wohlhabenden Bauern
einquartierte, und nachdem ich alles gehrig angeordnet zu haben
glaubte, nach Worms zurckging, um die einst so berhmte und wohlhabende
Stadt, die jetzt kaum mehr ein Schatten ihrer ehemaligen Herrlichkeit
war, in Augenschein zu nehmen. Hier ist bekanntlich der Schauplatz der
Nibelungensage. Frher bis zum vierzehnten Jahrhundert fhrten viele
Wormser Familien den Namen Niebelung, und die hier wohnende Familie der
Dalberge war, wenn auch nicht ganz so alt wie die Montmorency, die schon
bei der Sndflut unsern Herrgott baten, ihrer zu schonen, wie ein
Gemlde ihres Hotels bis zur Revolution von 1789 bewies, doch immer noch
alt genug, da ein Dalberg in rmischen Diensten bei der Kreuzigung
Christi als Hauptmann zugegen war und die Jungfrau Maria demselben
zugerufen: Bedeckt Euch doch, Herr Vetter! Ein Sohn oder Enkel
desselben befand sich unter dem Heer des Titus bei der Zerstrung von
Jerusalem, kaufte eine Menge gefangene Juden, die er nach Worms
versetzte und Stck fr Stck mit einem Silberling bezahlte, daher die
vielen Juden in dieser Stadt, fr die ihm die brigen Einwohner wenig
Dank wissen.

Worms hatte in seiner Bltezeit und bis zum Dreiigjhrigen Krieg ber
vierzigtausend Einwohner, seine Mauern prangten mit mehr denn hundert
Trmen, und ein Dutzend wohlbefestigter Tore fhrten in die feste Stadt;
damals (1805) konnte es kaum fnftausend Bewohner aufweisen, unter denen
beinahe ein Fnftel Nachkommen der von Dalberg hierher geschafften
Kinder Israels waren. 1689 wurde die Stadt von den Franzosen fast
gnzlich zerstrt und an tausend Wohngebude lagen in wenig Stunden in
Asche; das Feuer hatten die Mordbrenner des jmmerlich groen Knigs
Ludwig XIV. angelegt und geschrt, whrend sie die Liebfrauenmilch und
andere kstliche Weine aus den zerschlagenen Fssern, nachdem sie sich
satt und dumm gesoffen, in die Straen rinnen lieen, Frauen und Mdchen
notzchtigten und raubten und stahlen. Fast nur der Dom war stehen, aber
nicht unversehrt geblieben, denn auch diesen hatten die Ruber
geplndert. Diese merkwrdige Kirche rhrt aus dem achten Jahrhundert;
noch ist ein Bildhauerwerk vorhanden, welches den Teufel und seine
Gromutter darstellt.

Bevor ich wieder nach Forchheim zurckkehrte, nahm ich ein paar Flaschen
von der echten Milch der Wormser Lieben Frauen mit; angekommen, kndigte
mir mein Wirt an, da, da seine Frau in den Wochen, er also deshalb
geniert sei und mir keine Stube geben knne, er mich in die Schenke
ausquartiert habe, ich mute mich fgen, denn er hatte das Recht dazu.
In der Schenke aber, die einer wahren Rauchhhle glich, waren schon die
Dewarts einquartiert, denen man die Wirtsstube eingerumt, wo man ihnen
eine Streu bereitet hatte; der Wirt erklrte mir nun, er habe kein
anderes Lokal und msse mir ein Lager in derselben Stube aufschlagen. Es
war schon spt, kein anderes Quartier aufzufinden, zudem waren zwei der
Mdchen nicht hlich, eine, die jngste, sogar recht hbsch, und ich
lie mir eine Streu in eine andere Ecke des Zimmers machen, bestellte
fr uns alle ein Abendbrot so gut man es haben konnte, dessen
Hauptsubstanz Speck und Eier war, und gab meine Liebfrauenmilch zum
besten. Dies machte die Damen frhlich und munter, sie sangen,
schkerten, ich erlaubte mir manche Freiheiten, kte abwechselnd die
beiden liebenswrdigsten, und erst gegen Mitternacht begaben wir uns
smtlich und ziemlich ent- oder vielmehr nur zur Hlfte bekleidet zur
Ruhe. Am andern Morgen war es schon hell am Tag, als der Bursche, den
ich auf Lamertz Rat zu meiner Bedienung auserwhlt hatte, klopfte und
mir zurief: Herr Fourrier, die Leute stehen schon vor der Tre und
erwarten Sie. -- Ich sprang schnell von der Streu auf, zog meinen Rock
an, hing den Sbel um, und als ich in den Hof trat, strmten ein halbes
Dutzend Bauern mit Klagen ber ihre Einquartierung auf mich ein, die
teils bestohlen, teils mihandelt worden zu sein vorgaben. Dem einen
waren ein paar Schinken, dem andern eine Speckseite und dem dritten gar
sein Sonntagsrock abhanden gekommen; einem vierten hatte man die Kuh mit
Gewalt gemolken und einem fnften die Frau geschlagen, und als ich ber
die Tter die Appelle zu machen suchte, waren die Kerls zum Teufel
gegangen und mein Faktotum Lamertz schon ber alle Berge. Dies war mir
ein sauberes Kommando, ich wute mir nicht anders zu helfen, als die
klagenden Bauern wieder mit Geld zu beschwichtigen, um Ruhe zu haben,
und dachte bei mir selbst: >Wenn so ein Transport solche
Unannehmlichkeiten verursacht, was mag es erst sein, wenn man eine Armee
zu kommandieren hat.< Ich befahl den Abmarsch, und das auserwhlte
Korps, mit dem ich auf der Stelle die trefflichste Ruberbande htte
bilden knnen, marschierte singend und jubelnd zum Dorfe hinaus und
freute sich, einen so nachsichtsvollen und humanen Fhrer zu haben.
Nachdem ich etwa eine gute Stunde marschiert und ziemlich mde war, denn
es war schon die dritte Nacht, die ich mehr wachend als schlafend
zubrachte, setzte ich mich zu den Mdchen auf den Leiterwagen, an Mimis
Seite, so hie die jngste von des Wagenmeisters Tchtern, und
unterhielt mich recht artig mit ihr. Bei dem schnsten Wetter fuhren wir
durch die Gauen der herrlichen Pfalz, ein schnes Land, dessen ppig
bebaute Fluren und Weinberge Herz und Gemt freudig erregen, und das
besonders zur Zeit eines guten Weinjahrs und im Herbst in groer Pracht
strahlt.

Unsere heutige Etappe war Drkheim, und diesmal wurden wir nicht
ausgewiesen, sondern blieben in der Stadt, welche der Mittelpunkt einer
der fruchtbarsten und schnsten Gegenden am Rhein ist. Auch hier kamen
wieder Klagen wegen Diebsthlen an mich, und diesmal nahm sich der Maire
selbst der bestohlenen Brger an, rief mich beiseite und riet mir, das
Gepck der Rekruten durchsuchen zu lassen; ich willigte sogleich ein und
lie diese Prozedur durch zwei Gendarmen vornehmen, die der Maire zu
meiner Verfgung stellte. Der Erfolg war, da man bei einem Ungarn drei
silberne Lffel, bei einem Polen mehrere feine Hemden und ber ein
Dutzend weie Tcher, bei einem Bhmen eine silberne Uhr und ein paar
Ringe, bei einem Russen einige zwanzig Talglichter und bei ein paar
Deutschen eine Menge Linnen fand; die letztern waren die Subjekte, die
sich gerhmt hatten, bei der Bande des Schinderhannes gestanden zu
haben. Mehrere dieser Gegenstnde gehrten Drkheimer Einwohnern, andere
hatten die Kerls wahrscheinlich schon frher gestohlen. Die Burschen
lie ich nun sofort ins Gefngnis abfhren, um durch die Gendarmerie von
Brigade zu Brigade zum Regiment gebracht zu werden.

Nachdem diese unangenehme Operation beendigt war, trat ich den Marsch
nach Kaiserslautern an. Mein dienstwilliger Quartiermacher hatte mir,
weil ich ber Ermdung geklagt, von jetzt an ein Reitpferd unentgeltlich
zu verschaffen angeboten, was er schon zu machen wissen werde, ich
lehnte dies jedoch ab, bat ihn dagegen mir eines gegen bare Bezahlung
fr jede Etappe zu mieten, was er auch tat, und ich trat nun den Marsch
beritten an. Der Weg fhrte zum Teil durch Wald und zwischen Felsgestein
an Abgrnden vorber, gleich hinter Drkheim hatten wir die Ruinen der
malerischen Hartenburg vor Augen, von der noch mehrere Trme hinter
dunkeln Tannen hervorragten. Beim Ausmarsch war das Wetter ziemlich gut,
die Leute sangen abwechselnd russische, bhmische und deutsche Lieder,
aber bald verdsterte sich der Himmel und es trat Regenwetter ein. Ich
hatte mehrere kranke Russen, die ich auf den hintern Teil des Wagens
plazierte, whrend den vordern die Frauenzimmer einnahmen, aber alle
wurden bald durch und durch na. Der Marsch war lang und erst gegen
abend trafen wir in Kaiserslautern ein, wo uns die Marschroute einen
allen willkommenen Rasttag gewhrte. Hier hatte mich Lamertz in ein eben
nicht sehr anstndiges Wirtshaus einquartiert, wo es mir nicht behagte,
und als ich mich nach guten Quartieren in der Stadt erkundigte, wurde
mir das Haus des reichen Kaufmanns Karcher als eines der besten
empfohlen, der noch obendrein eine hbsche Tochter habe. Ich ging nun
auf die Mairie, ein Billett auf dieses Haus verlangend, indem ich
vorgab, da Herr Karcher ein alter Geschftsfreund meines Vaters in
Frankfurt sei und es demselben gewi sehr willkommen wre, wenn ich bei
ihm einquartiert wrde. Man war auch so gefllig, meinem Ansuchen zu
willfahren, schrieb jedoch auf die Rckseite des Billetts, welche Grnde
ich angegeben, um es zu erhalten. Dies hatte ich nicht bemerkt, sondern
steckte das Billett, ohne es weiter zu besehen, in die Tasche. Als ich
zu Karcher kam, empfing mich dessen Frau, da der Mann verreist war, und
wunderte sich, da man ihr Einquartierung schicke, da sie schon einen
Offizier habe, indem sie aber das Billett umwandte, las sie, was auf der
Rckseite geschrieben stand, und sagte dann zu mir: Ach, Ihr Herr Vater
ist ein Geschftsfreund von meinem Mann, ja so, das ist etwas anderes,
darf ich um Ihren Namen bitten? Mein Name ist Frhlich, mein Vater
Kaufmann zu Frankfurt, und hat mir viele Empfehlungen an Herrn Karcher
aufgetragen. -- So so, das ist recht schn, zwar entsinne ich mich
nicht, den Namen Ihres Hauses gehrt zu haben, doch er wird wohl in
unsern Bchern stehen. -- Diese Antwort machte mich verlegen, und um
mich aus der Affre zu ziehen, erwiderte ich: Vermutlich, und setzte
hinzu: Aber es wrde sehr unbescheiden sein, wenn ich Ihnen noch zur
Last fallen wollte, da Sie schon Einquartierung haben, ich erbitte mir
also das Billett zurck und werde mich in das Gasthaus verfgen, in
welches man mich zuerst gewiesen, ich glaube es ist der >Schwan<. --
Ei, behte Gott, fiel jetzt Madame Karcher ein, das kann ich
nimmermehr zugeben, was wrde mein Mann dazu sagen, wenn ich den Sohn
eines Geschftsfreundes abgewiesen htte, und zudem genieren Sie uns
nicht im mindesten, wir haben noch zwei Gastzimmer frei. -- Diese
freundliche Einladung wre mir schon recht gewesen ohne die verdammten
Bcher, ich stellte mich jedoch, als nhme ich sie an und entfernte mich
unter dem Vorwand, mein Gepck bringen zu lassen, begab mich aber in
mein Wirtshaus, mich mit diesem Quartier begngend. -- Ich mochte etwa
eine gute Stunde daselbst sein, als ein junger Mensch eintrat, nach mir
fragte und mir sagte, da ihn Madame Karcher schicke, in deren Haus er
Handlungsdiener sei, und da mich die Dame bitten lie, doch ja in ihrem
Haus vorlieb zu nehmen, man htte in den Bchern nachgesehen und die
Firma unseres Hauses gefunden. Diesmal hatte mir der Zufall treffliche
Dienste geleistet, ich nahm die gtige Einladung vergngt an, folgte
sogleich meinem Fhrer und wurde von der Dame mit vielen
Entschuldigungen, da sie mich nicht sogleich mit offenen Armen
aufgenommen habe, empfangen. -- Bei Tische mute ich ihnen viel von
Frankfurt erzhlen, wo sie schon einigemal whrend der Messen waren, und
ich befand mich so wohl bei der Familie, da ich mich kniglich freute,
da mein etwas unbesonnener Kniff eine so glckliche Wendung genommen
hatte.

Den brigen Teil des Nachmittags brachte ich damit zu, mich in
Kaiserslautern, das an der Lauter liegt und etwa dreitausend Einwohner
zhlen mochte, umzusehen, wo das franzsische Gouvernement gerade die
alte Kaiserburg Friedrich des Ersten sprengen lie und die Steine davon
verkaufte! -- Doch waren die Hauptmauern dieser ehemaligen Residenz der
Hohenstaufen so fest und solid, da sie selbst dem Pulver noch
widerstanden; es tat mir wehe, da dieses Monument Barbarossas so
vertilgt wurde. Hier war auch frher ein groer Fischteich, den man den
Kaiserwog nannte, in welchem man 1497 einen beinahe zwanzig Fu langen
und ber viereinhalb Zentner wiegenden Hecht fing, den Kaiser Friedrich
der Zweite im Jahre 1230 in diesen Teich setzte, nachdem er ihm einen
goldenen Ring hatte umschmieden lassen, auf welchem in griechischer
Schrift die Worte zu lesen waren, da ihn der Kaiser den fnften Oktober
zwlfhundertunddreiig in das Wasser getan; er war demnach
zweihundertundsiebenundsechzig Jahre alt, als man ihn fing, billig htte
man ihn sollen leben lassen, aber Kurfrst Philipp verspeiste ihn an
seiner Tafel. Ich brachte den Abend recht angenehm im Familienkreis der
Damen Karcher zu, denen ich nach dem Abendbrot auf dem Klavier
vorspielte und sang, worber sie sich entzckt stellten, und wnschte
endlich meinen charmanten Wirtinnen eine freundliche gute Nacht, die mir
zurckgegeben wurde. Ich bedauerte recht sehr die Abwesenheit des Herrn
Karcher, ber die ich mich im Innern ebenso sehr freute, nahm herzlichen
Abschied und gab am andern Morgen beim Weggehen den Dienstmdchen ein so
gutes Trinkgeld, da mein erschlichenes Quartier damit reichlich bezahlt
war, wofr mir nebst dem Dank eine glckliche Reise von freundlichen
Gesichtern gewnscht wurde.

Mein Faktotum Lamertz hatte mir wieder eine Rosinante besorgt und
kndigte mir an, da sich nicht weniger als sieben Marode bei dem
Detachement befnden, die man auf dem Wagen fortschaffen msse, dagegen
gab es keine Deserteure und es kamen auch zum erstenmal keine Klagen
wegen Diebereien oder Exzessen vor, obgleich wir einen Rasttag gehabt.
-- Der kurze Marsch nach Landsstuhl war in drei Stunden zurckgelegt,
und da wir so frh daselbst ankamen und ich vollkommen ausgeruht war, so
besuchte ich noch vor Tisch die interessanten Ruinen von Sickingens
Burg, die gleich vor dem Flecken auf einem Berg liegen. Hier hatte einst
Gtzens treuer Waffenbruder gehaust und Ulrich Hutten und andern eine
sichere Freisttte gewhrt. -- Noch erzhlen sich die Landleute der
Umgegend gar manche seltsame Geschichten und Sagen von dem wackern
Haudegen, der Worms, Metz und Trier zittern gemacht, religise
Gewissensfreiheit wollte, sich wenig um Kaiser und Reich scherte und als
bloer Reichsritter Heere von zwanzigtausend Mann befehligte. Hutten
nannte seine Burg Die Herberg der Gerechtigkeit. Sein Grabmal wurde
erst 1792 von den Franzosen zerstrt. -- In Landsstuhl war ich in der
Post einquartiert, wo diesen Abend gerade ein kleiner Ball von den
Honoratioren des Orts veranstaltet wurde, an dem ich teilnahm und mit
den Tchtern des Hauses tanzte, von denen war die lteste wieder eine
Mimi und ein rotwangiges, hochbusiges Kind, das recht wild walzte und
mir nicht undeutlich zu erkennen gab, da sie mir nicht gerade abgeneigt
sei; ich hatte groe Lust, die Sache weiter zu poussieren, als mir eine
Dame, mit der ich Ecossaise tanzte, zuflsterte: Sie haben da an der
Tochter des Posthalters eine Eroberung gemacht, auf die Sie eben nicht
stolz sein drfen, die Jungfer hat schon ein Hufeisen verloren, Sie
werden leichtes Spiel haben. Dies khlte mich zwar etwas ab, indessen
konnte ich mich nicht enthalten, meiner geflligen Tnzerin, des Maires
Frau, zu erwidern: Ei, was Sie mir da sagen, wer wei, wie manche in
denselben Fall gekommen wre, wenn man es der Mhe wert gefunden htte,
sie zu versuchen. -- Nach Mitternacht verlie ich den Tanzsaal, warf
mich angekleidet auf mein Lager und marschierte um sechs Uhr nach
Homburg ab, das mich nur seines Namens wegen interessierte. Hier war ich
zum erstenmal bei einem Juden einquartiert, der mir aber ein so
schmutziges Zimmer und Bett anwies, da ich mich auf meine Kosten
ausquartierte. -- Auf dem nahen Karlsberg sieht man die Trmmer des
prchtigen Schlosses, das die Herzge von Zweibrcken mit ungeheuren
Kosten erbaut hatten, und welches erst 1784 vollendet wurde; an fnfzehn
Millionen wurden auf die Anlagen desselben Berges verwendet! Hauchard
hatte es in den Revolutionskriegen in Brand stecken und zerstren
lassen. Auf der linken Seite dieses Berges liegen die malerischen Ruinen
des schon im Dreiigjhrigen Kriege zerstrten Schlosses Kirki.

Von Homburg fhrte uns die Marschroute nach der freundlichen Stadt
Saarbrcken, ehemals die Hauptstadt einer Grafschaft dieses Namens.

Mein Glcksstern fhrte mich diesmal zu einer wohlhabenden Witwe, deren
Tochter noch nicht lange an einen franzsischen Employ verheiratet war,
der sich in diesem Augenblick in Dienstgeschften auf mehrere Tage nach
Zweibrcken begeben hatte, so da das junge Weibchen Strohwitwe war und
bei der Mama im Haus wohnte. Ich knpfte eine Unterhaltung mit den
gesprchigen Damen an und hatte bald heraus, da beide eben nicht
sonderlich von der Heirat mit einem Stockfranzosen eingenommen waren,
der kein Wort deutsch verstand und sich bestndig ber alles, was
deutsch, mokierte; auch scherzte die Mama ber die Strohwitwenschaft des
hbschen Tchterchens. Ich meinte, diesem bel sei doch wohl noch
abzuhelfen, und bedauerte von Herzen, da eine so schmucke junge Frau
schon die Erfahrung nchtlicher Langeweile machen msse. In der Stube
stand ein Klavier, und ich bat die Dame, mich doch etwas von ihrer Kunst
hren zu lassen, sie spielte und sang ein paar kleine Schmachtlieder mit
zwar reiner, aber schwacher Stimme. Whrend Mama ab- und zuging und sich
mit dem Hauswesen beschftigte, drckte ich der jungen freundlichen
Strohwitwe die Hand, wagte bald einen Ku auf die Wangen, dann auf den
Mund und endlich eine Umarmung, bei der ich sie so fest an mich drckte,
da ich mich vollkommen von der straffen Elastizitt zwei schn
geformter Halbkugeln berzeugen konnte. -- Man strubte sich zwar ein
wenig, machte Miene zum Schreien, aber ich lispelte: Wo ist Ihr
Schlafzimmer? Darf ich kommen? Es ist ja nur eine einzige, schnell
vorbergehende Nacht, die morgen um diese Zeit, so wie mich selbst, der
Wind verweht hat, und niemand ahnt etwas davon.

Mein Zimmer ist eine Stiege hoch, die erste Tre links, aber Sie drfen
sich nicht unterstehen zu kommen, stammelte mit hochpochendem Busen und
kaum hrbarer Stimme die junge Frau.

Aber ich komme doch, schlieen Sie nicht ab, erwiderte ich, sie
abermals umarmend.

Ich schliee niemals ab, aber Sie drfen doch nicht kommen.

Jetzt trat die Mutter wieder ins Zimmer, und ich wiederholte nur noch:
Doch. Ich speiste mit den Damen zu Nacht und wnschte ihnen dann wohl
zu ruhen; als aber die Glocke elf schlug und im Hause alles still und
stumm war, da schlich ich mich auf den Zehen und in den Strmpfen an das
bezeichnete Zimmer. Leise, leise drckte ich an die nachgebende Klinke,
ffnete die Tr und hstelte ein wenig, um meine Gegenwart zu verraten.

Bist du's, Louise, hrte ich mit Schrecken die Stimme der Mama und
machte mglichst leise die Tre wieder zu, vor der ich aber stehen blieb
und lauschte, was es weiter gebe.

Was war denn das? Was soll das heien? -- Ist jemand da? hrte ich die
Mutter wiederholen, blieb aber stumm wie eine Statue. -- Als ich endlich
nichts mehr hrte und sich die Alte auch nicht mehr regte, schlich ich
mich fort, berzeugt, da ich die rechte Tr verfehlt hatte, ich war an
die erste Tr rechts gekommen, von meinem Zimmer aus, das auf dem
nmlichen Gang, also links lag; ich suchte nun die erste Tre rechts von
der Treppe aus, ffnete auch diese so sachte als mglich, und lie ein
Bst, Bst! vernehmen, worauf ein kaum hrbares Stimmchen sagte:

Mein Gott, wer ist denn da?

Ich bin es, holder Engel.

Wie? sagte die Stimme noch leiser, und Sie sind doch gekommen?

Alle Pferde der Welt htten mich nicht zurckgehalten, sagte ich
ebenso leise, eilte auf den Ort zu, wo das Stimmchen ertnte, und
verhinderte dessen Lautwerden durch einen Strom der feurigsten Ksse und
eine lange, lange -- Umarmung. -- Erst gegen Morgen verlie ich das
gastfreundliche Zimmer und Ehebett, nachdem ich dem guten Weibchen mit
tausend Kssen ein herzliches Lebewohl gesagt und versprochen hatte,
da, wenn der Zufall mich wieder in diese Gegend fhre, ich gewi nicht
unterlassen wrde, sie zu besuchen. -- Ich sah sie nie wieder. -- Ich
hatte ihr gesagt, da ich mich zuerst in das Zimmer ihrer Mutter
verirrt, und frchtete, da diese etwas gemerkt habe, worber sie lachte
und ganz naiv sagte: Ach, wenn Mutter auch etwas gemerkt hat, so tut
sie doch, als htte sie nichts gemerkt.

Von Saarbrcken ging der Marsch nach St. Avold, die erste Stadt des
lteren Frankreichs. In dieser Gegend ist das Erdreich so hart und
steinig, da man, um es umzuackern, acht bis zehn Ochsen oder Pferde vor
einen Pflug spannen mu, auch sah ich hier zum erstenmal auf gut
gesattelten Ochsen reiten. -- Man baut meistens Wein. -- In dem
Stdtchen, das etwa 2500 Einwohner zhlen mochte, wird nur franzsisch
gesprochen, und man erlaubt sich hier, so wie berhaupt an der Grenze
von Deutschland, sich ber den ehrlichen Deutschen lustiger zu machen,
als im Innern von Frankreich. Sonderbar kam es mir anfnglich vor,
jedermann und auch die untersten Klassen nur franzsisch reden zu hren.
-- Der nchste Tag fhrte uns nach Courcelles, ein groes, schn
gelegenes und von Hgeln umgebenes Dorf, wo ich abermals mein Quartier
in einer Schenke mit den Dewarts teilen mute. -- Noch ruhte ich auf
der Streu, als der Bursche, den ich dem Lamertz zum Quartiermachen
whrend der Route mitgegeben hatte, vor mich trat und mir erffnete, da
er seinen Kollegen schon seit dem gestrigen Abend vermisse, der samt
seinen Effekten verschwunden, also aller Wahrscheinlichkeit nach
desertiert sei; er habe nichts als die Marschroute zurckgelassen, die
er mir bei diesen Worten zustellte. Da der Kerl desertiert war,
bezweifelte ich nicht, aber noch ahnte ich nichts von den andern
Streichen, die er gemacht hatte, und die mich schon in unserm heutigen
Etappenort, Metz, in eine arge Patsche bringen sollten. Ich gab dem
andern Burschen, einem ehrlichen Bayer, der ein paar Worte franzsisch
stottern gelernt, die Marschroute zurck und trug ihm auf, damit nach
Metz vorauszugehen und unsere Ankunft auf der Mairie anzukndigen. --
Eine Stunde darauf setzte sich der Transport in Marsch, von dem auer
Lamertz noch vier andere Burschen desertiert und mehrere marode waren.

Auf einem Halt dieses Marsches kamen die Damen Dewarts mit den beiden
andern Weibern dieses Transports und deren Mnnern in einen schlimmen
Konflikt, der fr die erstern sehr schmutzig endigte. Seitdem wir auf
altfranzsischem Boden waren, hatten wir statt eines vierrdrigen
Leiterwagens nur zweirdrige Karren fr die Bagage und Kranken bekommen,
auf denen natrlich der Raum weit beengter war. Dewarts, als des
Wagenmeisters Tchter, vom Kapitn-Quartier-Maitre empfohlen und
obendrein von mir protegiert, machten Ansprche nicht nur auf die besten
Pltze, sondern wenn der Raum zu eng war, wollten sie, um nicht geniert
zu sein, den andern Weibern nicht erlauben, den Karren zu besteigen;
diese, ohnehin schon wegen der Vorrechte, die jene hatten, neidisch,
wurden nun wtend, da sie bei allem Wetter hintendrein zu Fu laufen
muten. Als ich auf dem halben Wege nach Metz Halt machen lie und eines
dieser Weiber etwas von ihren Effekten von den Karren nehmen wollte,
wodurch die Mutter Dewart, die eben ihr Frhstck, Wurst und Brot,
einnahm, derangiert wurde, lie diese ein flamndisches Schimpfwort
fallen (Dewarts waren Flamnder, sprachen jedoch franzsisch), was die
Deutsche verstand und noch derber zurckgab, worauf sich ein sehr
heftiger Wortwechsel in flamndischer, franzsischer und deutscher
Sprache entspann, bei dem es an Kraftwrtern der drei Sprachen nicht
fehlte; das andere deutsche Weib und deren Mann hatten sich ebenfalls
darein gemischt und letzterer endlich geschrien: Was macht man viel
Umstnde mit den wlschen H..., er hob den Vorderteil des Karrens, ihn
bei der Schere fassend, so hoch, da das Hinterteil, auf dem die fnf
Frauen saen -- die Pferde waren ausgespannt --, das bergewicht bekam,
der ganze Kasten das Oberste nach unten kehrte, und alles, was er
enthielt, in eine sehr kotige Pftze ausleerte, aus der die Mdchen
unter dem Gelchter und Gesptte der Rekruten ganz beschmutzt
hervorkrochen und samt der Mama heulend und fluchend und ihre bittern
Klagen vorbringend zu mir in die Wirtsstube liefen, wo ich mein
Frhstck einnahm. Ich suchte sie mglichst zu besnftigen und zu
beruhigen, was mir hauptschlich durch ein kopises Frhstck gelang,
das ich ihnen auf meine Kosten servieren lie, ging hinaus, um den Kerl
zur Rede zu stellen, der sich diese Ungezogenheit erlaubt hatte, und
sich damit ausredete, da er es nicht so gemeint habe, die Schere sei
ihm aus den Hnden gerutscht und das Ganze nur Zufall. Ich versprach ihm
jedoch, da ich ihn zu Metz, wo wir den zweiten Rasttag hatten, fr
diesen Zufall wrde einstecken lassen, nicht ahnend, da mir dieses
Schicksal so nahe bevorstehe. -- Nachdem sich die Mdchen gereinigt und
durch reichliches Essen und Trinken gehrig gestrkt hatten, setzten wir
guter Dinge unsern Marsch fort und erblickten gegen Mittag die Trme der
ehemaligen alten Reichs-, jetzt Hauptstadt des Mosel-Departements; bald
marschierten wir zwischen den berhmten Obstgrten dieser Stadt, welche
kstliche Mirabellen, Reineklauden, Aprikosen usw., die treffliche
Konfitren geben, enthalten, den Toren zu. Aber schon vor einem
derselben erwartete mich der vorausgesandte Quartiermacher und meldete
mir, da man auf der Mairie beim Durchlesen der Feuille de Route
gewaltig die Kpfe zusammengesteckt und geschttelt und eine Menge Dinge
gekauderwelscht habe, von denen er kein Wort verstanden, aber es sei ihm
vorgekommen, als wren die Herren sehr bs geworden. Als ich kaum auf
dem Place d'Armes angekommen war und die Appelle gemacht hatte, erschien
ein Adjutant des Platzkommandanten, der mir andeutete, ich habe mich
sogleich zu seinem Chef zu verfgen. Er fhrte mich auf die
Kommandantur, wo mich der Platzkommandant mit den Worten: _Ah, Monsieur
le fourrier, vous avez fait des jolies choses_ anfuhr, _Monsieur le
Sous-Inspecteur va passer la revue de votre detachement, et gare a vous
si vous ne pouvez vous justifier_. Ich war ber diese Anrede sehr
erstaunt und erwiderte: _que je ne comprenais rien a ela_ usw. Der
Kommandant fiel mir aber ins Wort und sagte: _Eh bien je veux vous le
faire compendre, vous allez commencer par vous rendre en prison._ Ich
mute ihm meinen Sbel abgeben und wurde sofort durch den Adjutanten in
das Militr-Stadtgefngnis abgefhrt, ohne zu wissen warum und weswegen.
Hier traf ich in einem ziemlich gerumigen Lokal mehrere Unteroffiziere
wegen Dienstvergehen verhaftet, diese kamen bei meinem Eintritt auf mich
zu, hieen mich willkommen und verlangten, da ich die _bien venu_
bezahlen solle. Da ich nicht verstand, was sie eigentlich damit wollten,
so erluterte mir einer derselben, da es sich darum handle, sie zu
regalieren, wie dies Brauch und Sitte bei jedem neuen Ankmmling in den
franzsischen Militrgefngnissen sei, wenn er gut gehalten und
angesehen sein wolle. Ich gab an einen derselben, den man mir als den
Herrn Prsidenten des Prison bezeichnete, weil er schon am lngsten in
demselben sa, zwlf Franken, wofr er sogleich Wein, Brot, Wurst und
Kse holen lie, was den Herren trefflich schmeckte; dann, nachdem ich
ihnen mitgeteilt, wie ich zu der Ehre ihrer Gesellschaft gekommen,
sprachen sie mir Trost und Mut ein und meinten, die Suche msse sich
bald aufklren. Noch redeten wir darber, als der Platzadjutant wieder
eintrat und mir befahl, ihm zu folgen. Er fhrte mich vor den
_Inspecteur aux revues_, der die Rekruten musterte, die in einem Glied
aufgestellt waren, und an die er, die Marschroute in der Hand,
verschiedene Fragen tat, welche alle unbeantwortet blieben, da ihn
keiner der Leute verstand. Als er mich ansichtig wurde, sagte er zu mir:
_C'est donc vous qui commandez ce detachement?_ _Oui Monsieur._ _Eh
bien, vous n'tez pas blanc._ Er hielt mir nun zornig vor, warum ich
auf jeder Etappe vier Wagen unter dem Vorwand von Kranken und Maroden
requiriert habe, da ich ber sechzig Paar Schuhe in Kaiserslautern
empfangen und keiner der Leute ein Paar ganze Schuhe an den Fen habe,
da ich Brot und Quartiere fr einige siebzig Mann genommen und doch nur
sechsundfnfzig vorhanden seien, da sogar die Feuille de Route
verflscht sei, und er mich von hier weg ins _Cachot_ bringen lassen
wolle, um mich durch ein _Conseil de guerre_ verurteilen zu lassen. ber
alle diese Anschuldigungen war ich wie aus dem Himmel gefallen und wute
nicht, auf welche ich zuerst antworten sollte; erst als der mich scharf
ansehende Inspekteur hinzufgte: _Comment  votre ge tant de
perversit, c'est, terrible, cela vous menera droit aux galres!_ bekam
ich die Sprache wieder und erklrte in einem Strom von Worten, da ich
von allem, was er mir da gesagt, gar nichts verstnde und nicht wisse,
was dies heien solle, da ich nie weder Schuhe noch Wagen noch sonst
etwas requiriert und seit dem Abmarsch von Mainz die Feuille de Route
nicht eher als diesen Morgen, wo derjenige, der die Quartiere gemacht,
desertiert sei, wieder zu Gesicht bekommen habe. Der Inspekteur und der
Platzadjutant sahen einander und dann wieder mich an, und ersterer sagte
darauf zum andern: _Allez chercher un interprte._ -- Dies war in Metz
nicht schwer, und in ein paar Minuten war der Offizier mit einem
Dolmetscher, der ein Jude war, zurck. Durch diesen lie nun der
Inspekteur die Mannschaft befragen, konnte aber nur von den Deutschen
Auskunft erhalten, da ihn die Polen, Russen, Bhmen und Ungarn natrlich
nicht verstanden. Ich mute ergnzen, was die Leute gegen Lamertz
aussagten, und der Inspekteur sah bald ein, da dieser durchtriebene
Spitzbube, der alle Kniffe und Rnke des Soldatenwesens genau kannte,
meine Jugend und Unerfahrenheit benutzt und schndlich mibraucht hatte,
um sich zum Quartiermacher aufzudrngen und sich Geld zu machen, wo und
wie er konnte. Solange wir durch kleine Stdte kamen, war dies eben
nicht schwer, und die Herren Maires lieen sich leicht hinters Licht
fhren, statt der requirierten Wagen hatte er sich von den Brgern oder
Bauern, welche die Fuhren liefern sollten, etwas Geld geben lassen und
so weiter, aber wohl wute er, da sich in Metz eine militrische
Inspektion befinde, wo alles genau untersucht wrde, und nahm daher im
vorletzten Nachtquartier, gut mit Geld versehen, Reiaus. Wie ich spter
erfuhr, hatte man ihn eingefangen, aber er gab sich fr einen
entwischten Kriegsgefangenen aus und man lie ihn wieder laufen; dennoch
entging er seiner Strafe nicht, denn ich traf ihn bald darauf zu Toulon,
wo er wegen noch anderer Verbrechen auf zehn Jahre _aux travaux forcs_
verurteilt war.

Der Inspekteur, den Zusammenhang der sauberen Geschichte wohl einsehend,
tadelte es scharf, da man einem so jungen und unerfahrenen Menschen,
wie ich sei, einen solchen Transport von aus aller Welt
zusammengerafftem Gesindel zur Fhrung bergeben habe, und erteilte
Befehl, da mir von Metz bis Toul, es waren nur noch zwei Etappen, drei
Gendarmen beigegeben wurden, die Burschen, von denen ein halbes Dutzend
im Lazarett zu Metz zurckblieb, in gehrigem Respekt zu halten.

Am andern Morgen traten wir zu meiner groen Zufriedenheit den letzten
Marsch dieses fr mich ziemlich beschwerlichen Kommandos an und kamen
ohne weitere Un- oder Zuflle glcklich an dem Ziel unserer Bestimmung,
zu Toul, an, wo ich meinen Transport an den Kommandanten des bereits
formierten ersten Bataillons des Regiments Y. bergab. -- Ich hatte ein
gutes Lehrgeld fr meine Unerfahrenheit bezahlt, das mir aber spter
zustatten kam.




                                  XI.

    Die Garnison zu Toul. -- Ich werde Kadett-Sergeant. -- Schlechte
    Administration und Organisation des Regiments. -- Schlimmer Ruf
     desselben. -- Aufstand wegen des Handgeldes. -- Deutsches und
    franzsisches Liebhabertheater. -- Nancy. -- Eine Entfhrung. --
    Ich werde Vorleser beim Frsten und erhalte Arrest. -- Ein Duell
    im Mondschein. -- Eine Klopffechterei. -- Abmarsch nach Avignon.


Den Tag nach meiner Ankunft zu Toul meldete ich mich bei dem
Regimentschef, dem Frsten Y., der seine Residenz in dem ehemaligen
bischflichen Palast aufgeschlagen hatte und mich uerst gndig
empfing. Ich mute ihm alle Details ber die Fhrung meines Transports
wiederholen, und Seine Durchlaucht geruhten sich ber den Vorfall zu
Metz beinahe halb totlachen zu wollen und meinten, der Inspekteur
daselbst habe gut sagen, da der Quartier-Maitre denselben einem
gedienten und erfahrenen Unteroffizier htte bergeben sollen, da in
Mainz kein solcher dem Regiment angehriger mehr vorhanden gewesen. Der
Frst teilte mir nun noch mit, da er Kadetten kreieren und bei jeder
Kompagnie zwei einstellen werde, wobei er so gndig war, mich sogleich
zu einem solchen zu ernennen, sowie mir den Grad als Sergeant zu
erteilen, da sich der eines Fouriers wegen der Komptabilitt nicht gut
fr mich schicke, ich mge mich nur jetzt mit dem Dienst recht
befreunden, dann werde mein Avancement zum Offizier nicht lange auf sich
warten lassen, und damit war ich allergndigst verabschiedet. Ich
befolgte den mir gegebenen Rat, studierte fleiig das franzsische
Dienstreglement sowie die Soldaten-, Peloton- und Bataillonsschule und
tat bald meine erste Wache an der Porte-Royal.

Toul, das alte _Tullum Leucorum_, zur Zeit der Rmer die Hauptstadt der
_Leuci_, ist eine Festung vierten Ranges, deren schlecht unterhaltene
Werke einem Feind, der es ernstlich meint, nicht lange widerstehen
wrden. Die Wlle sind so niedrig, da viele Rekruten des Regiments, das
in der Stadt konsigniert war, von denselben herab und in die trockenen
Grben sprangen, um zu desertieren, weshalb die Unteroffiziere whrend
der Nacht mit scharfgeladenen Gewehren um dieselben von auen
patrouillieren muten.

Es wurde nun den ganzen Tag auf den Pltzen vor den Kasernen exerziert,
den Leuten die Handgriffe der franzsischen Waffen beigebracht und
sodann marschiert. Dies ewige geistttende Einerlei war mir bald in
hohem Grad zuwider: Gewehr auf, Gewehr ab, rechts und links in die
Flanken, rechtsum kehrt euch, Ladung in zwlf Tempi und achtzehn
Bewegungen, die Stellung, der Gnsemarsch usw. usw. waren drei bis vier
Stunden vor- und ebenso viel nachmittags die geistreiche Beschftigung,
die mir und allen andern zuteil ward. Der Frst hatte deutsches
Kommando, aus dem Franzsischen bersetzt, eingefhrt, weil er
behauptete, es sei ein deutsches Regiment, obgleich fast mehr Russen,
Polen, Ungarn, Bhmen als Deutsche bei demselben waren und ich hier alle
Gelegenheit hatte, eine gttliche Geduld auf die Probe zu stellen, um
mich bei dem Einexerzieren dieser Burschen mehr durch Mienen und Gesten,
als durch Worte verstndlich zu machen. Was aber noch schlimmer als das
deutsche Kommando, war, da man auch deutsche Prgelei bei dem Regiment
einfhrte, und zwar auf den Rat mehrerer Offiziere, die frher in
sterreichischen, preuischen und andern deutschen Diensten gestanden
hatten und behaupteten, die Disziplin bei dem Regiment sei durchaus nur
vermittelst deutscher Prgel zu erhalten, und diese wurden auch bald
hufig genug zu Portionen  fnfundzwanzig, fnfzig und hundert, je
nachdem die Vergehen waren, mit groer Freigebigkeit durch ehemalige
sterreichische Korporale, die am besten damit umzugehen verstanden,
erteilt. Dieses Verfahren hatte zwei wesentliche Nachteile fr das
Regiment: zum ersten wurde dadurch alles Ehrgefhl bei den Soldaten
erstickt, und zum andern wurde das Regiment von den franzsischen
Truppen, mit denen es im Feld oder in Garnison zusammenkam, deshalb mit
groer Verachtung angesehen und den Offizieren desselben nicht selten
von den Offizieren franzsischer und sogar italienischer Regimenter
diese Prgelei vorgeworfen, wodurch es dann natrlich zu Hndeln kommen
mute. Sicher ist es, da _salle de police_ und _salle de discipline_,
wie es die franzsischen Reglements vorschreiben, dieselbe und wohl noch
weit bessere Wirkung gehabt htten, denn der rohe Russe, Bhme und Ungar
frchten weit mehr Einsperrung, wenn auch nur auf wenige Tage, als eine
Tracht Prgel, die sie bald verschmerzen. Aber alle Vorstellungen
einiger vernnftigerer Offiziere halfen nichts und konnten bei dem
Frsten nicht durchdringen, es blieb halt bei den Prgeln. Freilich
bestand jetzt das Regiment schon aus beinahe dreitausend Mann
zusammengerafftem Gesindel aus allen Weltgegenden, und Diebsthle und
Exzesse aller Art wurden tglich in Masse begangen, aber durch das
Prgeln wurde es um kein Haar besser, eher schlimmer. Leider war auch
ein Teil des Offizierkorps nicht viel besser als die Soldaten. Da waren
bankerotte Kaufleute, gescheiterte Gastwirte, die mit dem, was sie aus
dem Schiffbruch gerettet, den sehr einflureichen Kammerdiener des
Frsten und einige andere seiner Umgebung durch Prsente bestochen und
sogar den Grad eines Kapitns erhalten hatten; auch verunglckte
Advokaten, Professoren, abgesetzte Richter, Brgermeister, franzsische
Schauspieler und Gott wei was alles fr Schiffbrchige aus allen
Stnden, hatten da einen Anker der Rettung, zum Teil auch als Feldwebel
und Fouriere, gesucht und gefunden, bis sich nach und nach das
Offizierkorps wieder reinigte und durch den Grungsproze von dem
Untauglichen befreite. Auf dem Exerzierplatz hrte man in allen Sprachen
reden, radebrechen und fluchen, und es war gewi nicht eine Nation
Europas, mit Ausnahme der trkischen, die nicht ihre Reprsentanten bei
diesem Regiment gehabt htte. Raufereien, Desertionen, Diebsthle und
andere Exzesse waren so sehr an der Tagesordnung, da die Rckseite der
tglichen Kompagnie-Rapporte ganz damit, sowie die Gefngnisse und
Arresthuser mit Delinquenten vom Regiment angefllt waren. Besonders
waren es auch die Unteroffiziere, zu denen man trotz des Verbots viele
Franzosen, und zwar solche Subjekte genommen hatte, die aus
franzsischen Regimentern wegen schlechter Streiche fortgejagt oder
desertiert waren, die nchtlichen Unfug in den Wirtshusern und auf den
Straen begingen. Die Folgen von all diesem waren, da das Regiment bald
eine sehr traurige Berhmtheit erlangte, auf Mrschen und in Garnisonen,
wo ihm ein schrecklicher Ruf voranging, gefrchtet, von den
franzsischen Truppen verachtet wurde, und vor dem Feind wenig
zuverlssig war. Aber an all diesen Dingen war nicht sowohl die
schlechte Zusammensetzung, als vielmehr die noch schlechtere oder doch
ebenso schlechte Fhrung desselben schuld. In keiner Beziehung hatte man
den Angeworbenen Wort gehalten, namentlich wurde ihnen das versprochene
Handgeld nie ausgezahlt, und dies gaben die meisten der
wiedereingefangenen Deserteure, sowie viel derer, die einen Diebstahl
begangen, als den Grund ihres Vergehens an; viele hatten nur gewartet,
bis sie mit Schuhen, Hemden und Kapotten versehen waren, um sich wieder
davonzumachen. Hierzu kam noch der Kontrast der Behandlung im Vergleich
mit den franzsischen Truppen; in Toul lag das Depot eines
Linienregiments, das sich einer uerst humanen Begegnung von seiten der
Vorgesetzten zu erfreuen hatte. In dem franzsischen Heer war damals ein
sehr menschenfreundliches Benehmen der Hhern gegen die Niedern
vorherrschend, wodurch die Untergebenen eine aufrichtige Zuneigung zu
ihren Vorgesetzten faten, und dies ging durch alle Grade durch. Dies
bildete einen grellen Kontrast mit der sklavischen und zum Teil
barbarischen Behandlung, die noch bei den deutschen Truppen beliebt war.
Ein Lieblingsausdruck der deutschen Offiziere und Unteroffiziere gegen
den Untergebenen, der eine, wenn auch noch so bescheidene Einwendung
vorbrachte, war in der Regel: Was will der Kerl noch rsonieren, ich
lasse ihn hauen, da ihm die Schwarte kracht, oder krummschlieen, da
er die Schwerenot kriegt usw. Freilich htte es sehr schlimm um jene
Heere gestanden, wenn sich Rson htte drfen geltend machen. Wie ganz
anders war dies jetzt im franzsischen Heer, wo selbst der Gemeine
seinem Obersten oder General ohne Bedenken alle mglichen Vorstellungen
machen durfte und gewi war, da sie nicht nur mit Gte und Wohlwollen
angehrt wurden, sondern auch Eingang fanden, wenn sie sich als bewhrt
oder begrndet zeigten, whrend unsere deutschen Stockhelden alles, was
nur nach Vernunft schmeckte, mit stieren Augen anglotzten, und nur
Meister im gemeinsten Schimpfen und Fluchen waren; fast nie hrte man
ein erniedrigendes Schimpfwort aus dem Munde eines franzsischen
Offiziers gegen seine Untergebenen.

Mit den Prgeln wurde es bald so arg, da ein jeder Kapitn deren nach
Belieben austeilen lie, ja sogar die Sergeant-Majors (Feldwebel) lieen
auf ihre eigene Faust prgeln, und bei jedem Rapport wurden Tausende von
Prgeln verordnet; der Frst, der frher ebenfalls in sterreichischen
Diensten gestanden, fand dies ganz in der Ordnung. Die Folgen waren
Vermehrung der Desertion, aber dies war gerade, was die Kompagniechefs
und Sergeant-Majors wollten, denn jedem Deserteur wurden sogleich
Schuhe, Hemden, Gamaschen, Polizeimtze und sogar Uniform aufgebrdet,
die er noch gar nicht erhalten und mitgenommen haben sollte, auch wurde
der Mann noch mehrere Wochen als prsent fortgefhrt, und so Brot, Sold
und andere Dinge fr ihn empfangen; das Geld teilte der Hauptmann mit
seinem Feldwebel, versteht sich so, da der erstere den Lwenanteil
erhielt, auch die Fouriere hatten ihren Anteil. Die Sache war um so
leichter tunlich, als die wieder eingebrachten Deserteure nicht in
Untersuchung kamen, sondern den Kompagnien zur willkrlichen Bestrafung
bergeben wurden, die dann in einer gehrigen Tracht Prgel und
Gefngnis bei Wasser und Brot bestand. -- Der Frst, der sich wenig oder
nicht um den Dienst bekmmerte, ihn auch nicht verstand, lie die
Bataillons- und Kompagniechefs nach Gefallen schalten und walten. Auf
der andern Seite durfte auch er nicht viel sagen, denn wie sah es mit
den versprochenen Handgeldern aus, da ihm das franzsische Gouvernement
doch sechzig Franken fr den Kopf gutgetan hatte? -- Frst Y. war kein
bser, aber was oft weit schlimmer, ein uerst schwacher Mensch, und
hatte dabei sehr kostspielige Liebhabereien, unter denen die fr gewisse
Damen nicht die am wenigsten kostende war, dazu war seine Suite fast
immer ein kleiner Hofstaat, und er fhrte viele Pferde, Bereiter,
Dienerschaft und so weiter mit sich. Wer seine Schwchen zu benutzen
verstand und Gelegenheit hatte, konnte von ihm verlangen, was er wollte,
vielen Offizieren hatte er Bons fr nicht unbedeutende Summen auf den
Quartier-Maitre-Tresorier abgegeben, sowie noch andere Bons, so da er
in einem Monat oft zwanzigmal mehr auf die Regimentskasse anwies, als
sein Gehalt als Oberst betrug. So war das den Rekruten zukommende
Handgeld, an zweihunderttausend Franken, bald erschpft, und was der
Frst aus seinem ohnehin schon mit Schulden belasteten Lndchen in
Person bezog, denn seine Gemahlin, die Prinzen, der Hof muten doch auch
standesmig unterhalten werden, reichte bei weitem nicht aus, seinen
Aufwand in Frankreich zu bestreiten. Da also das bel von oben kam, war
ihm schwer abzuhelfen, erst nachdem der Inspekteur mehrmals von Metz zur
Musterung des Regiments gekommen war und dabei empfindliche, harte und
drohende Worte hatte fallen lassen, kam etwas mehr Ordnung in die
Organisation, Administration und Fhrung desselben, doch fand immer noch
Unterschleif genug, nur mit mehr Vorsicht und Behutsamkeit statt.

Das nicht ausgezahlte Handgeld fhrte indessen eines Tages einen sehr
bedenklichen Vorfall bei der Wachtparade herbei. Kaum waren die Wachen
nach ihren verschiedenen Posten abmarschiert, als ber 300 Mann, von
einigen Unteroffizieren gefhrt, auf dem Paradeplatz erschienen und
deren Sprecher, ein Sergeant-Major, von dem Frsten verlangte, da er
ihnen sogleich das versprochene Handgeld auszahlen lasse. Der Frst Y.
und ein paar Stabsoffiziere wollten nun die Leute mit kurzen Worten und
Drohungen abspeisen, aber diese erklrten durch ihren Dolmetscher, da
sie nicht eher von der Stelle gehen wrden, bis man sie befriedigt habe.
Nach mehrerem Hin- und Herreden wute sich Frst Y. nicht anders zu
helfen, als ein paar tausend Franken bei dem Quartier-Maitre holen und
einem jeden dieser Leute sogleich einen Sechs-Livretaler auf Abschlag
auszahlen zu lassen, versprechend, das brige sowie das Handgeld fr das
ganze Regiment solle unfehlbar in den nchsten vierzehn Tagen ausgezahlt
werden. Die Leute begngten sich damit und gingen in die Kasernen
zurck, das _ conto_ Empfangene zu verjubeln und ihren Kameraden die
gute Nachricht zu hinterbringen. Aber kaum hatten sie den Paradeplatz
verlassen, als die Unteroffiziere, die sie angefhrt hatten, arretiert
und in das Militrgefngnis geworfen wurden. Man machte kurzen Proze
mit ihnen, und schon am andern Tage wurden sie bei der Wachtparade
angeblich wegen Meuterei degradiert. Der Sergeant-Major hatte jedoch
dabei furchtbar getobt und gedroht, er wrde alle seine Beschwerden und
Klagen wegen der Unterschleife und Betrgereien so vieler Kapitne an
gehrigem Ort vorzubringen wissen. Nachdem man ihn wieder ins Gefngnis
zurckgebracht, war er nach einigen Tagen verschwunden, niemand wute,
was aus ihm geworden war; spter habe ich in Erfahrung gebracht, da man
ihm den Mund mit Geld gestopft und einen Pa nach Deutschland gegeben
habe.

Nach diesem Ereignis war keine Rede mehr von der weitern Auszahlung des
Handgeldes, obschon die Leute nicht aufhrten deshalb zu murren.

Jetzt waren bereits die drei Bataillone des Regiments vollzhlig und das
erste ganz uniformiert, bewaffnet und ziemlich gut einexerziert. So
gerne aber auch die Einwohner von Toul, und insbesondere die Wirte, Geld
verdienen mochten, so war es den Inhabern der Speiseanstalten, Wein- und
Branntweinschenken doch jedesmal nicht wohl zumute, wenn Gste vom
Regiment Y. bei ihnen einsprachen, da sich diese in der Regel betranken
und dann, namentlich die Russen und Polen, Hndel anfingen, oft alles
zerschlugen und nicht selten Reiaus nahmen, ohne die Zeche zu
berichtigen. Auch wegen der Unmigkeit dieser Leute, von denen oft ein
einziger mehr Trank und Speise zu sich nahm als drei Franzosen, von
welchen manche Familie von vier bis sechs Personen mit anderthalb Pfund
zu einer Suppe konsumiertem Fleisch einen ganzen Tag lebt, mit Wein
rotgefrbtes Wasser trinkend, kamen wir in den besten Ruf als
Vielfresser und Trunkenbolde. Da ich indessen in der Pension, in welcher
ich mit noch einem Dutzend anderer Kadetten, meistens Shne aus guten
Familien aus Nancy und Metz, speiste, sehr wenig a, auch nur Wasser mit
uerst wenig Wein vermischt und gar keine Spirituosa trank, sehr
gelufig franzsisch mit wenig oder gar keinem Akzent sprach, so wollte
man mir durchaus die Ehre erzeigen, mich fr einen Franzosen zu halten,
wenn ich auch noch so sehr dagegen protestierte.

Der Frst hatte den Kadetten, sobald sie nicht im Dienst waren ganz
dieselben Uniformen wie den Offizieren gestattet, nur mit dem
Unterschied, da sie zwei silberne Kontre-Epaulettes statt eines
Epauletts mit Fransen auf der linken Schulter trugen, und diese selbst
im Dienst mit der Abzeichnung ihres Grades beibehielten, denn es
gab Gemeine-, Korporal-, Fourier-, Sergeant- und selbst
Sergeant-Majors-Kadetten.

Bald nach mir war auch der Quartier-Maitre Viriot in Toul angekommen und
brachte mir Briefe von meinen Eltern nebst der Nachricht mit, da er von
meinem Vater beauftragt sei, mir jeden Monat hundert Franken, also
Oberleutnantsgage, als Zulage auszuzahlen; dies machte mich
gewissermaen zum Mylord unter den Kadetten, von denen keiner so viel
hatte, und ich galt fr reich im Regiment. Da ich, wenn meine Dienste
vorber, kein alltgliches Philisterleben fhrte, wird man mir gerne
glauben. Ich suchte, kaum in Toul angekommen, mein altes Steckenpferd
wieder auf, und gab mir alle erdenkliche Mhe, ein Liebhabertheater
zustandezubringen, was mir auch gelang. Ein Herr Bertrand, Kaffeewirt,
hatte ein sehr niedlich eingerichtetes Theater mit zwei Reihen Logen,
das er gewhnlich an herumziehende Truppen vermietete, die sich
bisweilen nach Toul verloren, welches ich in Beschlag nahm, und unter
den deutschen Offiziersfrauen fanden sich auch einige recht willige,
sich zu Aktricen gut qualifizierende Damen, namentlich die
siebzehnjhrige Tochter des Adjutant-Majors Kramer. Bald waren wir so
weit, da wir Kotzebues >Wirrwarr< auffhren konnten; ich machte den
Fritz Hurlebusch, Mademoiselle Kramer war meine Babette, und deren Mama
die Frau v. Langsam. Der Frst hatte mit seiner ganzen Suite der
Vorstellung beigewohnt, sowie alle Offiziere und mehrere Einwohner, die
deutsch verstanden, auch viele Franzosen, die jedoch nicht aushielten,
und Seine Durchlaucht hatten sich sehr ergtzt. Wir verstiegen uns nun
hher und studierten >Kabale und Liebe< ein. Mademoiselle Kramer machte
die Louise, und ich bestieg mein theatralisches Paradepferd, den Major;
wir spielten auf jeden Fall unsere Rollen recht natrlich, denn die
Liebe hatte sich unserer bereits bemchtigt, und die Kabalen fehlten
nicht, sie wurden bald gesponnen, um meine Louise Sr. Durchlaucht
zuzufhren, die groen Gefallen an der jungen Aktrice zu finden schien.
Da indessen das deutsche Theater zu wenig Teilnahme fand und finden
konnte, so meinte Frst Y., man solle ein franzsisches zu organisieren
suchen und bertrug mir auch dieses Geschft, wogegen er mich zu meiner
groen Freude von dem Exerzierplatz bis auf weitere Ordre freisprach. Es
war weniger schwierig instand zu bringen, als das deutsche, und eine
Mad. Alphonse, die hbsche Gattin eines Kapitns, und die Tochter des
Eigentmers des Theaters, Mademoiselle Bertrand, waren bei diesem die
ersten Liebhaberinnen, whrend andere die Soubretten und so weiter
bernahmen. Madame Alphonse hatte ein eminentes Talent fr das
franzsische Lustspiel und Vaudeville, sie spielte und deklamierte in
der Tat bezaubernd, sang nicht schlecht, hatte eine allerliebste
niedliche Figur, viel Grazie und schien auf der Bhne in ihrem Element.
Wir fhrten zuerst Molieres >Geizigen< auf, in welchem sie Harpagons
Tochter und ich den Valre machte, worauf noch mehrere Vaudevilles
gegeben wurden; auch Boieldieus >Kalif von Bagdad< kam an die Reihe.
Madame Alphonse war auch bald meine franzsische Geliebte, doch konnte
ich mir auf diese Eroberung eben nicht sehr viel zugut tun, da die Dame
nichts weniger als geizig mit ihren Gunstbezeigungen war. Auch sie fand
bald Gnade vor Sr. Durchlaucht, die hier schnellere Erhrung fanden, als
bei Mademoiselle Kramer; ich hielt mich dagegen an Demoiselle Bertrand,
bei der ich es jedoch nie weiter als bis zu einem verstohlenen Ku,
hchstens zu einer flchtigen Umarmung bringen konnte, und kein Zureden,
keine Bitten, keine Geschenke wollten helfen, der ewige Refrain lautete:
_Mais finissez donc! Mais vous me feriez un enfant_, und wenn ich den
Aal zu packen vermeinte, husch war er mir wieder durch eine schnelle
Wendung entschlpft. Indessen waren dennoch die Proben dieser Stcke
uerst unterhaltend. Die deutschen Vorstellungen unterblieben nicht
ganz und wechselten manchmal mit den franzsischen ab. Dieses
Liebhabertheater hatte schnell einen gewissen Ruf erlangt, der sich
sogar bis nach dem nachbarlichen Nancy verbreitete, wohin Frst Y. sehr
oft mit seinem Bruder, dem Prinzen Wolf, fuhr, und wir hatten jedesmal
bei den franzsischen Vorstellungen Zuschauer und Zuschauerinnen aus
dieser Stadt. Auch ich begab mich fters nach dem schnen Nancy, wohl
einer der schnsten Stdte Frankreichs, und brachte in der Regel die
Sonntage daselbst zu, wenn ich nicht besondere Abhaltungen hatte. Dort
fand ich bald durch die Empfehlungen Viriots, der ein echter Gentilhomme
war und daselbst viele Bekannte und Verwandte hatte, in mehreren der
angesehensten Huser eine gute Aufnahme, obgleich die Hautevolee, aus
Adeligen bestehend, sehr aristokratisch und hochmtig ist. Aber man
glaubte, da alle deutsche Kadetten des Regiments mindestens Shne
deutscher Barone sein mten, und ich lie die guten Leute bei dem
Glauben, da es hier in meinen Kram pate. Man hatte mich schon auf dem
Theater gesehen und war >_charm de faire la connaissance du jeune
acteur_<, der zu gleicher Zeit deutsche und franzsische Komdie
spielte.

Unter den Schnen, die ich in Nancy hatte kennen lernen, war eine sehr
liebenswrdige junge Dame, deren Bekanntschaft ich in dem Hause eines
Herrn von St. Ange machte, in das mich ein junger Viriot, Neffe des
Quartier-Maitres und ebenfalls Kadett beim Regiment, eingefhrt hatte.
Diese hbsche Frau war die Witwe eines erst krzlich in dem Feldzuge von
1805 gebliebenen Bataillonschefs; noch war sie in tiefe Trauer gehllt,
obgleich eben nicht mehr sehr traurig, sondern an allen sich ihr
darbietenden Vergngungen lebhaften Anteil nehmend. ber ihrer Abkunft
lag ein mysteriser Schleier, und man sagte sich deshalb allerlei ins
Ohr. Frau v. St. Ange vertraute mir, da sie die natrliche Tochter
eines ebenfalls natrlichen Sohns des unglcklichen Stanislaus sei, den
dieser mit einer Marquise L... gezeugt habe; doch lagen fr diese
Behauptung keine Beweise vor, nur soviel war gewi, da sie mit einer
nicht unansehnlichen Leibrente dotiert war. An all diesem war mir wenig
gelegen, wer wird auch eine hbsche einundzwanzigjhrige Witwe viel nach
deren Abkunft fragen. Ich machte ihr eifrig den Hof, begleitete sie
manchmal in das Theater zu Nancy, das ich jetzt fters besuchte, und
wieder heim, und stand bald bei der schnen Adelade in Gunst, wute es
aber so anzufangen, da die Dame, die beinahe sechs Jahre lter als ich
war, glauben mute, sie habe einen in der Liebe ganz unerfahrenen
Neuling vor sich, der zuvorkommender Aufmunterung bedrfe, um ihn zu
verfhren. Ich lie sie gerne bei dem sie beglckenden Glauben, spielte
den unerfahrenen Menschen so gut, stellte mich so unschuldig naiv, da
ihr gewi nichts zu wnschen brig blieb, und lie mich von ihr in die
Geheimnisse der praktischen Liebe einweihen. Als sie aber spter
einigemal nach Toul kam, auch einer Vorstellung unsers franzsischen
Liebhabertheaters beiwohnte und vielleicht allerlei erfuhr, merkte sie
doch, da ich auch mit ihr eine Art Komdie gespielt hatte, und sagte
mir eines Tages, mit dem Finger drohend: _Vous tes un rou jeune._

Auch der junge Viriot, der aber schon zwanzig Jahre zhlte, hatte eine
Intrige, und zwar ernsthafterer Art, in Nancy mit einem der hbschesten
und reichsten Mdchen dieser Stadt angesponnen. Er war bis ber die
Ohren verliebt und beabsichtigte das Mdchen, das freilich in jeder
Hinsicht eine sehr gute Partie war, zu heiraten. Seine beiden Oheime,
der Kapitn d'Habillement und der Quartier-Maitre-Tresorier des
Regiments, wuten davon und wnschten die Heirat, von der aber die
Familie und die Eltern des Mdchens nichts wissen wollten, da der junge
Mann ohne Vermgen und seine nchste Aussicht eine Unterleutnantsstelle
war, der Papa aber einen reichen oder doch wenigstens einen
hochgestellten Mann, wie einen Obersten oder General, zum Schwiegersohn
wollte. Aber das Mdchen liebte den Kadetten von ganzer Seele, und seine
Oheime, auch ein paar lockere Zeisige, rieten ihm zu einer Entfhrung,
das brige wrde sich dann schon finden. Der Neffe lie sich das nicht
zweimal sagen, folgte dem guten Rat, berredete Mademoiselle, sich
entfhren zu lassen, und kam eines Abends gegen Mitternacht mit der
entfhrten Schnen, die er aus dem Theater zu Nancy abgeholt, mit mir,
der ich die Postpferde und Relais besorgt hatte, in Toul an, wo er die
Geraubte in der Wohnung seines Oheims versteckte. Am andern Morgen eilte
er, mit einem sechswchigen Urlaub in der Tasche, mit der Geliebten nach
Paris. Adelade hatte nicht nur um die Sache gewut, sondern war auch
mit Rat und Tat behilflich gewesen. Die Familie und besonders der Vater
waren anfnglich entsetzlich erbost, man sprach nur von Totschieen,
Enterben usw., aber die Zeit besnftigte die Leute mehr und mehr, die
Oheime knpften Unterhandlungen an, die Sache war geschehen und, wie
alle geschehene Dinge, nicht zu ndern. Der junge Viriot erhielt seinen
Abschied, eine Zivilanstellung, den Konsens der Eltern, und das junge
Paar kam spter nach Nancy zurck.

Frst Y. litt seit einiger Zeit heftig an Podagra, so da er das Zimmer
und oft das Bett nicht verlassen konnte; diese schmerzhafte Krankheit
suchte Se. Durchlaucht sehr oft heim, wozu wohl das Leben, das der Frst
fhrte, viel beitragen mochte, und da ihn jetzt noch obendrein die
Langeweile gewaltig plagte, so lie er mich eines Nachmittags holen und
fragte mich, ob ich ihm nicht jeden Tag ein paar Stunden vorlesen wolle,
wozu er mich sehr fhig halte, weil ich so gut Komdie spielen knne.
Ich fand mich gleich hierzu bereit und las dem hohen Patienten mehrere
Tage hintereinander jeden Nachmittag und Abend ein paar Stunden aus den
vorzglichsten deutschen und franzsischen Autoren, hauptschlich aber
Tragdien von Schiller, Lessing, Goethe, Shakespeare, Racine, Corneille
und Voltaire vor, was den Frsten auerordentlich zu amsieren schien,
besonders da ich meine Stimme bei jeder Rolle vernderte, damit die
Vorlesung soviel als mglich einer Auffhrung nahekam. -- Eines
Nachmittags, als ich gerade den berhmten Monolog aus Racines >Phdra<:
_A peine nous sortions des portes de Trzne_ und so weiter im vollen
Feuer der Begeisterung rezitierte, schlich sich jemand hinter mich und
zupfte mich beim Ohrlppchen. Ohne mich nur umzusehen, wer derjenige
war, der mich so unzeitig unterbrach, stach ich ihm mit all der Kraft,
in die mich das Feuer versetzt hatte, eine so derbe Ohrfeige im
frstlichen Schlafzimmer, da dasselbe laut davon widerhallte. Erst
nachdem es geschehen und der Frst schrie: Was soll das heien, welche
Impertinenz, gleich aus meinen Augen! sah ich, da es der ber und ber
rot gewordene Sekretr des Frsten war, den ich in dessen Gegenwart
geohrfeigt hatte. Es htte ebenso gut der Bruder des Frsten, Prinz
Wolf, sein knnen, der sich damals bei ihm in Toul zu Besuch befand, der
die Ohrfeige bekommen, die ihm kein Gott wieder abgenommen htte. Was
aber dann aus mir geworden wre, mgen die Gtter wissen.
Glcklicherweise aber war er es nicht, und ich kam mit zweimal
vierundzwanzigstndigem Arrest davon, durfte aber dem Frsten vorerst
nicht weiter vorlesen, der unterdessen wieder besser geworden war und
ausfuhr. Auf den Rat meines Kapitns, St. Jste, der die Sache vom
Frsten selbst erfahren hatte, schrieb ich an letztern noch ein
Entschuldigungsschreiben, was aber nicht hinderte, da er mir die in
seiner Gegenwart ausgeteilte Ohrfeige noch lange nachtrug und mich
empfindlich genug bestrafte, wie wir bald sehen werden. Etwa vierzehn
Tage nach diesem Vorfall reiste der Frst nach Paris ab, um, wie er
sagte, >die heiligsten Interessen des Regiments zu wahren<, und sich zu
zerstreuen und besser zu amsieren, als dies in dem stillen,
geruschlosen Toul mglich war.

Um diese Zeit wurde auf einer Anhhe bei Toul ein Volksfest gefeiert,
dessen Ursprung ich mich nicht mehr entsinne. Man spielte und tanzte bei
dem Gekratze einer schrecklichen Geige im Freien, meistens wurden
Kontretnze aufgefhrt. Der junge Dewart, der Sergeant-Major bei dem
Regiment war, hatte sich hier ebenfalls mit seinen vier Schwestern, die
in Toul ein so unanstndiges Leben fhrten, da ihr Haus in nicht viel
besserem Ruf als ein Freudenhaus stand, eingefunden, und whrend ich
mich mit einem Paar hbschen jungen Mdchen, der jungen Bertrand und
einer ihrer Freundinnen, unterhielt, schielten Dewarts und namentlich
Mimi bestndig auf uns herber, sich dabei in die Ohren zischelnd, so
da mich die Bertrand fragte, wer denn diese Frauenzimmer seien, und ich
erwiderte: _N'y faites pas attention, ce sont des coquines._ Diese
Worte hatte ein anderer Kadett namens Larbalestier aus Nuit, der
ebenfalls der jungen Bertrand den Hof machte und eiferschtig auf mich
war, gehrt und hinterbrachte sie sogleich dem Bruder und seinen
Schwestern, welche erstern aufforderten, mich sofort wegen dieser
uerung zur Rechenschaft zu ziehen, was er vorerst ablehnte, unter dem
Vorwand, da hier nicht der Ort dazu sei. Das Fest ging auch ungestrt
vorber, aber noch den nmlichen Abend traf ich mit dem Bruder, der sich
einen kleinen Rausch getrunken, zufllig in einem Kaffeehaus zusammen,
wo er mich nun zur Rede stellte. Larbalestier, der auch gegenwrtig war,
und noch ein paar andere schrten das Feuer, ich leugnete nicht, was ich
gesagt und was die ganze Stadt sagte, und erbot mich zu jeglicher
Satisfaktion. Man nahm mich beim Wort und, die Kpfe durch Glhwein
erhitzt, wollte man, da die Sache gleich abgemacht werde. Ich war es
zufrieden, aber Dewart meinte, es sei Nacht, die Tore bereits
geschlossen, und man knne sich doch im Finstern nicht schlagen, sondern
msse es auf den kommenden Morgen verschieben. Bah, es ist ja heller
Mondschein, fiel Larbalestier ein, und ein passender Platz wird sich
auch wohl in der Stadt finden lassen, was meinen Sie, Frhlich? -- Sie
haben Recht, besser man macht so etwas gleich ab, als den andern Tag,
man schlft dann viel ruhiger, und auf den Wllen und nach zehn Uhr ist
es allenthalben de und stille genug. -- Wir kamen nun berein, da das
Duell nach zehn Uhr in der Stadt vor sich gehen solle, und zwar auf dem
Platz hinter der gotischen Kirche in der Nhe der Kasernen. Als die
Stunde gekommen war, eilten wir auf das Terrain, nicht weniger als neun
an der Zahl, und da Dewart, der nicht Kadett war, keinen Degen trug,
kam man berein, da wir uns mit Briquets -- so nannte man die
gewhnlichen Infanteriesbel -- schlagen sollten. Wir zogen die
Uniformen aus, streiften die Hemdrmel hinauf und legten aus. Trotz dem
Mondschein war es nicht sehr hell, denn der Himmel war zum Teil bewlkt;
indessen fhrten wir mrderische Hiebe gegeneinander, so da das Klirren
der Klingen an den hohen Mauern der alten gotischen Kirche, unserer
stummen Zuschauerin, laut widerhallte, und hauten wie besessen in die
Nacht hinein. Pltzlich rief mein Gegner: _Ah je suis bless!_ und wir
ruhten. Er hatte in der Tat eine leichte Wunde an der Stirne erhalten,
die jedoch das ganze Gesicht mit Blut bergo, so da man sie im ersten
Augenblick fr sehr gefhrlich hielt, whrend es sich bei nherer
Untersuchung und nachdem man das Blut abgewaschen, fand, da wenig mehr
als die Haut geritzt war. Dies war allein die Tat des Zufalls und weder
mein Wille noch meine Geschicklichkeit, denn man konnte die Gegenstnde
nicht klar unterscheiden. Die Umstehenden erklrten nun, da der Ehre
genug geschehen sei, und nachdem Dewart gehrig abgewaschen und
verbunden war, begaben wir uns smtlich in das _Caf de la Comedie_ zu
Bertrands, wo auf Kosten der Duellanten die wiederhergestellte Eintracht
mit Champagner, Punsch und _vin chaud_ gefeiert wurde, aber mehr als
einmal auf dem Punkt war, wieder gestrt zu werden, wozu ein _mauvais
sujet_, ein gewisser Poireau, auch Sergeant-Major im Regiment, dabei ein
guter Fechtmeister und Raufbold von Profession, der aus einem
franzsischen Regiment wegen Betrgereien fortgejagt worden war, allen
mglichen Vorschub leistete. Dieser machte sich besonders an junge
Leute, von denen er wute, da sie bei Geld waren, um sie aus Furcht vor
seiner Klinge zu bewegen, ihn in Gast- und Kaffeehusern freizuhalten
und ihm auch Darlehen _ fonds perdu_ zu bewilligen. Ich kannte den
Patron, und es kam mir nicht unerwartet, da sich derselbe an mich und
noch ein paar andere Kadetten machte, die Dewartsche Sache immer wieder
aufwrmend und bemerkend, ihm htte so etwas nicht passieren drfen und
so weiter. Die Sticheleien wurden endlich so arg, da ich unmglich
lnger schweigen konnte und ihm sagte, ich wisse recht gut, da er ein
vollkommener Fechtmeister, ich aber wenig mehr als Anfnger in der edlen
Fechtkunst sei, aber wisse auch, wie ich mich gegen eine gewisse Gattung
von Kopffechtern zu verhalten habe, und wenn ich noch nicht deren
Fertigkeit im Spiel der Rappiere erlangt, so fehle ich doch auf zwanzig
Schritte meinen Mann nie mit Pistolen, wodurch die Gleichheit der Krfte
immer hergestellt wrde. Und dies war keine Lge, denn ich hatte mich
lngst im Pistolenschieen gebt und gut eingeschossen. Monsieur Poireau
lie sich dies nicht wiederholen, sondern zog von diesem Augenblick
andere Saiten auf und wurde sogar hndisch kriechend, denn der Bursche
war so feig, als es in der Regel alle seines Gelichters sind, sobald sie
glauben ihren Mann vor sich zu haben, und wagen sich immer nur an
unerfahrene Massetten; geht es gegen den Feind, so befllt sie nicht
selten das Lazarettfieber. -- Wenige Wochen nach diesem Vorfall wurde
auch er wegen schlechter Streiche vom Regiment gejagt, und ich sah ihn
spter in den Straen von Toulon die Galeerenketten schleifen.

Frst Y. kam um diese Zeit von Paris zurck, wo er allerdings die
Interessen des Regiments trefflich gewahrt hatte, denn in seinem Gefolge
kamen ganze Kisten grner, roter, gelber Epauletten, Federbsche,
Pompons, Dragoner, Fangschnre und so weiter an, von denen die fr die
Unteroffiziere sogar reich mit Silber besetzt waren. Die Staatsuniform
des Tambour-Majors, die er zu Paris hatte machen lassen, war von gelbem
Tuch mit hellblauen Aufschlgen, aber so reich mit Gold und Silber
besetzt, da man von dem Tuch gar nichts sah; seinem ebenfalls reich
bordierten Hut entquoll ein mchtiger Strauenfederbusch in allen Farben
aus einer goldnen Tulipane, und die Fransen der massiv goldenen
Epauletten hingen fast bis auf den Ellenbogen herab, sogar die Stiefel
waren reich mit Silber besetzt. Der Tambour-Major war ein groer
vierschrtiger Bhme, der mindestens sechs Schuh drei Zoll ma und sein
Rohr mit dem silbernen Riesenknopf gut zu schwingen verstand. Die
Paradeuniform des Musikkorps stand im Verhltnis damit und war von
derselben Farbe, ebenso die der Tambour-Maitres der andern Bataillone.
Diese Equipierung hatte ber achtzigtausend Franken gekostet, machte
aber dafr auch gewaltiges Aufsehen in den Stdten, durch die wir in
Parade defilierten. Das Musikkorps war jedoch auch durch seine
Virtuositt ausgezeichnet, man hatte aus den gefangenen sterreichischen
Regimentern die besten Hoboisten, meistens Bhmen, ausgesucht und ihnen
sehr hohe Gage bewilligt: die ersten Klarinettisten erhielten
hundertdreiig Franken monatlich, also beinahe die Gage eines Kapitns
dritter Klasse. Die auerordentlichen Ausgaben hie natrlich das
Gouvernement nicht gut, auch wollte sie Frst Y. aus eigenen Mitteln
bestreiten, und die Regimentskasse sollte nur einstweilen die Vorlage
machen, was spter zu schlimmen Hndeln Veranlassung gab und das Conseil
d'Administration des Regiments, oder vielmehr die Offiziere, aus denen
es bestand, und die aus Geflligkeit fr den prachtliebenden Oberst zu
solchen Ausgaben ihre Unterschrift gegeben, in eine fatale Lage
versetzte. So hatte ich spter, als ich Unterleutnant war und ein
krankes Mitglied dieses Conseils fr nur eine Sitzung supplierte, fr
eine einzige Unterschrift, die ich gab, weil auch alle andern dieselbe
ohne Bedenken gegeben, solange ich bei dem Regiment Y. war, einen
monatlichen Gagenabzug, da das Ministerium die durch diese
Unterschriften bewilligten Ausgaben fr >_Objets d'agrments_< nicht
anerkannte. Diese Unterschrift, in aller Unschuld und Unwissenheit
gegeben, kostete mich mehrere hundert Franken.

Der Frst hatte auch acht Offizierspatente fr Kadetten von Paris
mitgebracht, aber leider keines fr mich. Mein Bataillonschef, Herr
Dret, bei dem ich mich deshalb beklagte, sagte mir im Vertrauen, daran
sei die Ohrfeige schuld, die ich dem Sekretr des Frsten gegeben, ich
solle mich indessen trsten und ruhig verhalten, dann wrde ich bei der
nchsten, in ein paar Monaten stattfindenden Promotion unfehlbar zum
Offizier ernannt werden. Ich konnte indessen diese Zurcksetzung doch
nicht so leicht verschmerzen, zog mich von ffentlichen Vergngungen
zurck, und hing sogar das Theater an den Nagel, obgleich ich wute, da
der Frst noch ein paar Vorstellungen zu sehen wnschte, ja ohne das
Zureden Drets und meines Kapitns htte ich sogar um meinen Abschied
gebeten.

Wir waren noch nicht volle zwei Monate in Toul, als das Regiment Ordre
bekam, nach Avignon zu marschieren, alle drei Bataillone waren jetzt
vollzhlig und fhig ins Feld zu rcken. Die Nacht vor dem Abmarsch des
ersten Bataillons, bei dem ich stand, gab der Frst noch einen
glnzenden Ball im Namen des Offizierkorps, zu dem auch die notabelsten
Schnheiten Nancys und mehrere Damen von Metz eingeladen waren; das
Souper konnte aber, auer den Damen, niemand als Seine Durchlaucht
sitzend einnehmen, die andern Herren standen als dienende Kavaliere
hinter den Sthlen der Damen und genossen, was ihnen deren Gte reichte.
Wir nahmen gegen Morgen einen rhrenden Abschied von den Schnen Touls
und Nancys, warfen uns in das Marschkostm, und um sechs Uhr frh lie
der Bataillonschef durch den herkulischen Tambour-Major das Roulement
zum Abmarsch schlagen. Somit waren alle etwa noch unbezahlten Schulden
quittiert[7], und wir marschierten mit klingendem Spiel mit rechts in
die Flanken ab und frohen Mutes zum Tor hinaus, von den Trnen mancher
zurckbleibenden Geliebten, den guten Wnschen eines Teils der Einwohner
und den Verwnschungen verschiedener Ehemnner begleitet.

[Funote 7: Wenn einmal das Roulement (Wirbel) vor dem Abmarsch
geschlagen war, wurden keine Reklamationen wegen unbezahlter Schulden
von den Chefs mehr angenommen.]




                                  XII.

   Colombey. -- Neufchateau. -- Ein greulicher Vatermord. -- Montigny.
   -- Komisches Miverstndnis. -- Langres. -- Dijon. -- Chalons sur
      Saone. -- Wasserfahrt auf dem Coche d'Eau. -- Eine Nacht in
    Macon. -- Lyon. -- Ein vereitelter Gaunerstreich und beigelegtes
       Duell. -- Das Regiment wird auf der Rhone eingeschifft. --
   Vienne. -- Condrieux. -- Schiffbruch unter der Brcke St. Esprit.
      -- Orange. -- Avignon. -- Aufenthalt daselbst. -- Die Insel
    Bartelasse. -- Villeneuve. -- Madame Croizet und die Prozession.
   -- Eine Tour nach Vaucluse. -- Ewiger Friede. -- Eine gefhrliche
      berrumpelung. -- Abmarsch nach Montpellier. -- Tarascon. --
    Bses Volk. -- Eine entwaffnete Wache. -- Ein Schferturnier. --
                    Nimes. -- Lnel. -- Montpellier.


Es war damals ein sehr lustiges, unbekmmertes und sorgloses Leben, das
franzsische Soldatenleben, und wenn man so mit klingendem Spiel,
Sappeurs, Tambours, Musik an der Spitze, in eine neue Garnison einrckte
und die vielen hbschen Frauen und Mdchen in den Fenstern erblickte,
wie sie mit verlangender Neugierde die braungebrannten martialischen
Gesichter vorberdefilieren sahen, da waren alle ausgestandenen
Strapazen und Entbehrungen verschwunden und man freute sich der
bevorstehenden Abenteuer.

Ich hatte die Nachricht, da wir Toul in kurzem verlassen wrden, sowie
unsre Marschroute sogleich meinen Eltern mitgeteilt und noch vor unserm
Abmarsch Antwort und Empfehlungsschreiben an verschiedene Huser in
Dijon, in Chalons fr Saone, Macon und Lyon empfangen, nebst einem
Wechsel von vierhundert Franken auf Chalons als besondere Marschzulage,
den ich jedoch noch in Toul versilberte, um mehrere Rckstnde zu
berichtigen. Unser erstes Nachtquartier war Colombey, ein erbrmliches
Nest; zwei Dritteile des Bataillons muten in umliegenden Drfern
untergebracht werden. Da der Fourier der Kompagnie kein Franzsisch
konnte, so mute ich auf des Kapitns Gehei das Geschft desselben
hinsichtlich des Quartiermachens fr die Kompagnie versehen, womit mir
wohl gedient war, da smtliche Fouriere mit dem Adjutant-Unteroffizier
ein paar Stunden vorausmarschieren, daher viel freier sind und die
Unbequemlichkeiten des Marsches bei weitem nicht so empfinden, sich's
bequem machen, auch oft fahren oder auf Eseln reiten, wenn sie deren
haben knnen, und dabei sich nichts abgehen lassen, indem es ihnen auf
dem Marsch nie an Geld mangelt, das sie sich auf folgende Weise zu
verschaffen wissen: sie lassen sich nmlich immer fr den kompletten
Stand der Mannschaft Quartierbilletts geben, whrend sich doch niemals
eine Kompagnie ganz vollzhlig auf dem Marsch befindet, da es immer
Kranke, Detachierte und so weiter gibt, auch selten eine Kompagnie,
besonders nach langen Mrschen, Gefechten und so weiter komplett ist.
Die Billette, die ihnen brig bleiben, verkaufen sie an die Wirte, auf
die sie lauten, die gerne einen, auch wohl einige Franken bezahlen, um
der Last von ein paar Mann Einquartierung berhoben zu sein, so da in
grern Stdten und wo Rasttage sind, der Fourier sich nicht selten
fnfzig Franken und mehr auf diese Weise verschafft, von denen er aber
einen Teil an den ihm beigegebenen Korporal abgibt, der sich dafr
ebenfalls mit dem Billettverkauf, der natrlich viel Laufereien
veranlat, da die Quartiere alle aufgesucht werden mssen, befat.
Dieser Unterschleif mit den Billetten ist den Chefs bekannt, allein man
sieht durch die Finger, da dem Gouvernement und den Truppen kein Schaden
dadurch verursacht wird; viele Soldaten verkaufen ebenfalls ihre
Billetts und bringen dann die Nacht auf den Straen oder unter einer
Kirchenhalle zu, besonders in dem mittglichen Frankreich, wo es das
Klima gestattet. -- Der zweite Tag fhrte uns in das Stdtchen
Neufchateau an der Mouzon, die sich hier in die Maas ergiet, es zhlt
ber dreitausend Einwohner. Hier war den Tag vor unserer Ankunft ein
emprender Mord begangen worden. Ein Ungeheuer von einem Sohn hatte
seinen achtzigjhrigen Vater, den er unter irgendeinem Vorwand in den
Keller gelockt hatte, daselbst mit einem Beil erschlagen; der Alte lebte
dem Wterich und namentlich dessen Konkubine zu lange. Die scheuliche
Tat war den Abend um acht Uhr begangen, aber gleich darauf von einer
alten Magd des Hauses, die sie entdeckte, verraten und angezeigt worden,
so da der Mrder noch in derselben Nacht verhaftet wurde. Auf der
nchsten Etappe, dem Flecken Bourmont, hatte ich ein Quartier bei einer
alten Marquise, die, noch ein lebendiges Monument aus den Zeiten Ludwigs
XV., eine achtundachtzigjhrige hochgeschminkte Schne war und das
damalige Hofkostm trug, eine sehr ehrwrdige, andchtige Dame, welche
den alles zertrmmernden Revolutionsstrmen glcklich entging. Das
Quartiermachen brachte mir den Vorteil, da ich gute Quartiere fr mich
selbst aussuchen und auf dem Quartieramt immer nach solchen, in denen
sich liebenswrdige Schne befanden, erkundigen konnte; diesmal hatte
mich aber der die Billette austeilende Adjoint zum besten gehabt,
indessen war das Quartier sonst gut. -- Der folgende Tag brachte uns in
den Flecken Montigny-le-Roi in der Champagne, wo man noch berbleibsel
von ehemaligen Befestigungen sieht. Hier hatte ich einen komischen
Streit zwischen einem Leutnant, der kein Franzsisch verstand, und
seinem Wirt zu schlichten. Letzterer hatte dem Offizier gesagt, als ihm
dieser sein Billett prsentierte: _Qu'il ne pouvait lui donner qu'une
paillasse pour coucher._[8] In dem Ort spielten gerade Seiltnzer, als
das Bataillon einmarschierte, und der Offizier, glaubend, da der Mann
ihm von diesen sprche, erwiderte: _Oui, oui, monsieur, joli Bajazzo._
Als er aber bald darauf sah, da sein Bett nur in einem Strohsack
bestand, fing er Hndel mit dem Wirt an, der sich ein ber das andre Mal
entschuldigte, da er ihn prveniert und ihm gesagt habe: _Qu'il
n'aurait qu'une paillasse._ Ach was Bajazz, Bajazz, schrie der
Leutnant, ich htt' den Henker von seinem Bajazz, er soll mir ein
ordentliches Bett geben. Ich kam gerade dazu, als diese mit vielen
Gestikulationen begleitete Diskussion stattfand, und klrte die Sache
auf, worber nun beide Teile herzlich lachten, und der Leutnant auf mein
Zureden sich mit dem Strohsack begngte, da der Bauer keine Matratze
hatte.

Den kommenden Tag marschierten wir nach Langres, das alte _Audomatunum_
und sptere _Lingones_, dessen schon Csar erwhnt. Es ist fast die am
hchsten gelegene Stadt in Frankreich, nur Brianon liegt noch hher;
dem Berg, auf dem sie liegt, entquellen nicht weniger als drei Flsse,
nmlich die Marne, die Maas und die Vingeanne. Die Stadt gehrt zu dem
Departement der Haute-Marne und ist hauptschlich wegen ihrer
vortrefflichen Messerklingen und Stahlwaren in ganz Europa berhmt. Hat
man mhsam den Berg erstiegen, so wird man durch eine herrliche Aussicht
belohnt, die sich ber die Vogesen, in weiter Ferne ber die Alpen
verbreitet; ist der Himmel ganz heiter, so erblickt man sogar den
Montblanc. Den Rasttag, den wir hier hatten, brachte ich mit
Spaziergngen in die nchste Umgebung zu. Wir kamen nun nach dem nicht
unbedeutenden Flecken Selongey, und von hier in die alte Hauptstadt der
einst so mchtigen Herzge von Burgund, nach Dijon; jetzt ist sie die
Hauptstadt des Departements der Goldkste und liegt mitten zwischen
Weinbergen, in einer fruchtbaren Ebene an dem Flchen Ouche. Sie hat
zum Teil schne und reinliche Straen, groe Pltze und herrliche
Gebude, unter denen der Palast der alten Herzge von Burgund, in
welchem sich ehemals die Stnde dieses Landes berieten, das
interessanteste ist. Die Kirche Notre-Dame ist ein herrliches Monument
gotischer Baukunst, das Schiff derselben und die Halle mit ihren von
schlanken Sulen umgebenen Pfeilern gewhren einen erhabenen Anblick.
Auf einem Turm derselben war jenes berhmte Uhrwerk, welches Philipp der
Khne nach der Schlacht von Rosebecque der Stadt Courtray weggenommen
hatte, um diese zu bestrafen, weil sie sich geweigert hatte, die
goldenen Sporen Karls VI., der 1312 unter ihren Mauern gettet worden
war, herauszugeben.

[Funote 8: Da er ihm nur einen Strohsack zum Schlafen geben knne.]

Wir marschierten jetzt, bestndig die goldene Hgelreihe vor Augen,
welche das Land mit den gepriesensten Weinen beschenkt, nach Beaune. Als
wir durch Nuit kamen, hatte uns sowie dem ganzen Offizierkorps, ein
dortiger Weinhndler, der Vater des Kadetten Larbalestier, ein
treffliches Gabelfrhstck bereitet, wobei er reichlich Clos de Dougeot,
Volney, Chevalier-Monrachet, Chambertin und andere Sorten des
vorzglichsten Gewchses, die ihrer Seltenheit und Gte halber fast nie
in den Handel kommen, im berflu reichte; aber das klare Wasser mundete
mir auch hier besser als alle die burgundischen Nektare. Durch das gute
Dejeuner gestrkt und auf Wagen das Versumte wieder einholend, denn das
Bataillon war uns auf den Fersen, kamen wir bald in Beaune an. Diese
alte Stadt, die schon unter Csar belagert wurde, hatte noch Wlle und
liegt in einer lachenden Gegend, an dem Flchen Bouzeoise. Auch sie ist
eine Hauptniederlage der besten Burgunderweine.

Von hier brachen wir nach Chalons an der Saone auf, beim Ausmarsch
zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, Pommard und andere Orte,
welche die berhmten Weine dieser Namen liefern. Als wir in Chalons
angekommen waren, fand ich auf dem Quartieramt ein Einladungs- und
Einquartierungsbillett von dem Haus Bouill, an das ich empfohlen war,
fr mich vor, in dem ich vortrefflich aufgenommen wurde, da ein Sohn
desselben als Volontr in Frankfurt war; auch wirkte mir Herr Bouill,
sobald das Bataillon angekommen war, die Erlaubnis aus, einige Tage bei
ihm auf Besuch bleiben zu drfen, mit dem Versprechen, da er dafr
sorgen wolle, da ich in Lyon wieder bei demselben eintreffe. Ich
brachte nun ein paar Tage recht vergngt in dem heiteren Chalons zu, das
in einer schnen Ebene an dem rechten Ufer der Saone liegt, ber welche
eine Brcke von Quadersteinen zu der gegenberliegenden Vorstadt fhrt,
die auf einer Insel erbaut ist und anmutige Promenaden hat. Die Stadt
ist sehr freundlich und hat besonders am Kai geschmackvolle Gebude und
an fnfzehntausend Einwohner, sie ist gewissermaen der Stapelplatz
zwischen Sd- und Nordfrankreich, hauptschlich eine Niederlage fr
Marseille und Paris, auch verbindet sich hier der Zentralkanal mit der
Saone.

Die Familie Bouill tat ihr Mglichstes, mir den Aufenthalt in Chalons
angenehm zu machen, und ein anderer Sohn des Hauses war mein treuer
Begleiter auf allen Wegen, was mir aber gerade nicht sehr angenehm war
und mich genierte, denn ohne diesen jungen Hter, der mir nicht von der
Seite wich, htte ich gewi ein kleines Abenteuer in Chalons gehabt;
auch verschwor ich es, solche Einladungen wieder anzunehmen. Der junge
Mensch gab sich indessen viel Mhe, mich zu unterhalten, zeigte mir die
Kirchen, das Stadthaus, die Bibliothek, das Lorenzo-Hospital auf der
Insel dieses Namens, das Theater und so weiter, aber damit war mir nicht
gedient, und ich wre lieber mancher Schnen gefolgt, die mir auf
unseren Streifereien und Promenaden begegnete. Nach einem viertgigen
Aufenthalt reiste ich, herzlich fr die gute Aufnahme dankend, ohne
irgendein Abenteuer, mit dem Coche d'Eau, einer eleganten
Wasserdiligence, nach Lyon. Auf diesem Schiff traf ich auch den Offizier
_payeur_ unseres zweiten Bataillons, Herrn Madinier, und mehrere junge
Offiziersfrauen an, deren Mnner beim Heer waren, und die sich zu
Verwandten nach Lyon begaben und recht liebenswrdig waren. Zu jener
Zeit war berhaupt ganz Frankreich mit solchen jungen Strohwitwen
angefllt, deren Mnner sich im Feld oder als Employs, Kommissre und
so weiter bei den Armeen befanden, und auch mit wirklichen Witwen,
welche sich gerne ber die allenfallsige und vermutliche Untreue ihrer
verstorbenen Herren zu trsten und dieselbe bestens wettzumachen
suchten. Bald hatte ich eine interessante Unterhaltung mit der jungen
Gattin eines Gro-Majors[9], der bei den franzsischen Truppen in
sterreich stand, angeknpft; es war eine artige Pariserin und die
Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns. Die hbsche Frau hatte die feinste
Taille, die man sich denken kann, einen eleganten Wuchs, ein Paar fast
chinesische Fchen, frivol-schelmische Augen, ein prchtiges
kastanienbraunes Seidenhaar, Perlenzhne und eine Munterkeit, die
mutwillig, ja bisweilen ausgelassen war. Whrend ich mit ihr scherzte
und lachte, hatte Madinier mit einer anderen dieser Damen Bekanntschaft
gemacht. Ohne zu wissen wie, erreichten wir Macon, wo wir ausstiegen und
bereinkamen, da man hier bis zur Ankunft des nchsten Coche d'Eau, das
den folgenden Tag erwartet wurde, da eins tglich von Chalons abgeht,
bleiben wollten. Da ich weder das Haus, dem ich empfohlen, aufsuchte,
noch mich viel mit den Sehenswrdigkeiten Macons beschftigte, sondern
einzig und allein dem Dienst der liebenswrdigen Dame lebte, darf man
mir aufs Wort glauben. Ich hatte das Vergngen, Madame O... am Arm, auf
den schnen Kais an der Saone zu promenieren; wir lieen uns auch zu den
noch vorhandenen Trmmern eines Triumphbogens und eines Janustempels,
des alten Matiscos, fhren und kehrten dann in unser Hotel zurck, wo
wir uns nach einem delizisen Souper zu einer ziemlich unruhigen Ruhe
begaben.

[Funote 9: Gro-Major hie damals der erste Stabsoffizier eines
Regiments, der im Rang nach dem Oberst folgte.]

Den andern Tag fuhren wir mit dem ankommenden Schiff nach Lyon ab und
legten den Rest der Wasserreise vergngt zurck. Je nher wir unserer
Bestimmung kamen, desto pittoresker wurde der Anblick der Ufer der
Saone, die freundlichsten Ortschaften, die reizendsten Landhuser und
Landschaften wechselten unaufhrlich ab, bis wir endlich im Hafen zu
Lyon einliefen. Hier stiegen wir im Hotel d'Europe ab, wo wir wieder
einen recht vergngten Abend und eine noch vergngtere Nacht zubrachten.
Erst den kommenden Morgen meldete ich mich bei dem Bataillon, das diesen
Tag Rasttag hatte. Mein Kapitn teilte mir die angenehme Nachricht mit,
da wir den Rest des Marsches auf der Rhone eingeschifft zurcklegen und
deshalb noch einen Tag lnger hier verweilen wrden. Dies war mir zwar
erwnscht, aber doch suchte ich mich wieder frei von Madame O... los zu
machen, von deren Ketten ich schon genug hatte; ich kaufte bei einem
Goldarbeiter eine zierliche Allianz, die ich ihr, ins Hotel
zurckgekehrt, zum Geschenk machte, dabei mit schweren erzwungenen
Stoseufzern ankndigte, da die Stunde der Trennung geschlagen habe,
indem ich zur Kompagnie, bei der ich als Kadett stehe, -- sie wute sich
nicht zu erklren, was dies fr eine Charge sei, da die franzsischen
Regimenter dergleichen nicht hatten, und hielt mich fr einen Offizier,
-- einrcken msse und wir wahrscheinlich noch diesen Abend
abmarschieren wrden. Nach einer letzten feurigen Umarmung, herzlichem
Lebewohl und Versicherungen ewiger Liebe und Treue schieden wir fr
immer. Ich suchte jetzt das Quartier meines Sergeant-Majors auf, das ich
erst nach langem Umherirren durch die engen und finsteren Gassen Lyons
fand, und lie mir von demselben ein Einquartierungsbillett geben, das
auch in ein Hotel lautete. Da meine Brse anfing an der Auszehrung zu
leiden, obgleich ich mir von Bouill zu Chalons noch etwas Geld hatte
geben lassen, so suchte ich das Bankierhaus J. Boutoux auf, an das ich
empfohlen war, und lie mir fnfundzwanzig Louisd'ors auszahlen, lehnte
aber jede weitere Einladung und sogenannte Ehrenbezeigungen ab, und das
Haus Paul Pages _et neveux_, an das ich ebenfalls empfohlen war und das
mit dem unsrigen in Verbindung stand, besuchte ich gar nicht, sondern
streifte nun auf eigene Faust und planlos in den langen labyrinthischen
Straen Lyons herum; besonders gefielen mir die lebendigen und schnen
Kais der Rhone und der Saone, namentlich der Kai St. Clair. Auch die
prchtigen Pltze Bellecour und das Terraux, auf dem das Hotel de Ville
und andere schne Gebude stehen, sowie die Kathedrale St. Jean und so
weiter besuchte ich.

Den zweiten Abend nach meiner Ankunft besuchte ich das groe Theater, in
dem _Le tyran corrig_ nebst einem hbschen Ballett aufgefhrt wurde.
Hier traf ich mehrere Kadetten und auch ein paar Fouriere des Regiments,
die letzteren zwei Franzosen, von denen sich der eine Jean Roi nannte
und eines Pchters Sohn bei Nancy war, der andere Latouche, dessen
Herkunft unbekannt, der aber schon durch ein halbes Dutzend Regimenter
gegangen, waren _deux mauvais sujets dans toute la force du terme_.
Diese beiden Individuen hatten es namentlich auf die jungen Leute beim
Regiment abgesehen, von denen sie wuten, da sie mit Mutterpfennigen
versehen waren, und suchten diesen die Beutel auf alle mgliche Weise zu
fegen. Sie hatten sich auch schon einigemal an mich gewagt, aber die
Erfahrung gemacht, da sie mich trotz meiner Jugend nicht leicht zu
ihrem Dpe machen konnten, da ich weder zum Trunk noch zum Besuch
liederlicher Huser zu bewegen war. Diesen Abend hatten sie zwei ganz
junge und noch unerfahrene Leute aus guten Familien auf dem Korn, die
beide, der eine Dantrace aus Paris, der andere Roger aus Metz, Kadetten
ohne Grad waren. Ich war im Parterre hinter ihnen, merkte bald, wo es
hinaus wollte, und nahm mir vor, die jungen Leute nicht auer Augen zu
lassen. Man hatte sich zu einem Souper bei einem Restaurateur nach
beendigtem Theater verabredet, wo die beiden Fouriere, wie es schien,
schon bekannt waren. Ich folgte der Gesellschaft, die in einer engen
Strae in der Nhe des Platzes _des terraux_ in ein Haus von ziemlich
verdchtigem Aussehen ging, und trat fast zu gleicher Zeit mit den
Herren in das Speisezimmer, wo mich die Fouriere mit nicht sehr
gnstigen Augen ansahen. Sie lieen starke Weine auftragen und tranken
den jungen Leuten, die, obgleich lter als ich, doch noch Kinder waren,
tchtig zu, so da es bald schwere und schwindelnde Kpfe gab. Ich hatte
mich an denselben Tisch zu ihnen gesellt, aber nur ein paar Glser
Champagner mit Wasser vermischt getrunken. Als man die Kpfe nach dem
Dessert erhitzt genug glaubte, sagte Latouche: _Ah a, il faut que nous
allions voir les filles!_ Ich wollte die beiden Kadetten davon
zurckhalten; da mir dies jedoch nicht gelang, so beschlo ich, sie zu
begleiten, und wir brachen, nachdem die Zeche berichtigt war, auf. Die
Fouriere fhrten uns durch einen langen Korridor, dann eine Treppe hinab
ber einen Hof in ein Hinterhaus, wo wir wieder zwei Stiegen steigen
muten und in ein ziemlich gerumiges Gemach traten, in dem sich etwa
ein halbes Dutzend keuscher Priesterinnen der Venus _vul_ befinden
mochte, die uns entgegensprangen und auf das zuvorkommendste
bewillkommneten. Ich stie jedoch die, die sich an mich machen wollte,
so unsanft zurck, da sie ausrief: _Tiens qu'est ce que ce drle_,
worauf sich Latouche zu mir wandte und sagte: _Mais ce n'est point
ainsi qu'on traite les filles_; ich erwiderte lchelnd: _Mais bien les
g...s._ Nun aber nahm sich auch Jean Roi der Dirnen an und zeigte eine
drohende Miene. Ich gab mir jedoch gleich ein so imponierendes Ansehen,
da die beiden Herren es fr gut fanden, sich von ihren Freundinnen
besnftigen zu lassen, was ich spttisch lchelnd geschehen lie. Um den
Frieden herzustellen, wurde wieder Wein und Punsch gebracht, den die
Dirnen kredenzten, wobei ich aber das Angebotene ausschlug, und auch den
Kadetten, die ohnehin schon genug hatten, zuredete, nichts anzunehmen.
Eine der Dirnen machte sich an Dantrace, die andere an Roger, und
wollten beide mit sich fortziehen; ich aber protestierte dagegen, indem
ich sagte: ich gebe es nicht zu, da sich die jungen Leute ohne mich
entfernten. Roger bezeigte auch wenig Lust, aber Dantrace, den
diejenige, welche sich an ihn gewandt hatte, festhielt, indem sie zu ihm
sagte: _Mais ce Monsieur est il donc votre Mentor?_, wurde dadurch
gereizt, sagte mir: ich habe ihm nichts zu befehlen, und er wollte mit
dem Mdchen fort; ich versetzte: Gut, aber geben Sie mir erst Ihre
Brse. Ich wute, da er an hundert Napoleons in Gold bei sich hatte.
Er war im Begriff, es zu tun, als ihm Jean Roi lachend zurief: _Mais
vous tes donc un enfant?_, worauf er mein Begehren abschlug. Ich sagte
ihm aber, da er in diesem Fall nicht ohne mich das Zimmer verlassen
werde. Jetzt lie auch er einen _drle_ fallen, ich aber, an mich
haltend, erwiderte nur: _Vous m'en rendez raison demain_, und kndigte
ihm sogleich, sowie den beiden Fouriers, kraft meines Sergeantengrades,
Arrest an. Whrend dieses vorging, hatte sich ein anderes der Mdchen an
Roger gemacht, diesen auf einen Stuhl gezerrt, und whrend sie eine
ihrer Hnde sonstwo hatte, verlor sich die andere in dessen
Hosentaschen. Ich bemerkte dieses Manver und sah, wie ihm die Dirne den
wohlgefllten Beutel ganz sachte aus der Tasche zog. Jetzt tat ich einen
Seitensprung und fate das Mdchen bei dem Arm, mit dem sie den Beutel
hielt, den sie fallen lie. Ihn aufhebend, sagte ich mit lauter Stimme
zu dem Kadetten: Merken Sie denn noch nicht, wohin man Sie gefhrt
hat? und packte die Diebin so fest bei der Gurgel, da sie berlaut
aufschrie. Jetzt war endlich dem Dantrace ein Licht aufgegangen, und er
rief aus: _Nous sommes donc dans un rpaire de voleurs!_; er legte nun
so starke Hand an die Demoiselles, da ich gentigt war, ihn abzuwehren.
Es gab jetzt einen gewaltigen Lrm, so da die _mre abesse_ des Hauses
herbeieilte und sich eifrig nach der Ursache desselben erkundigte. Ich
sagte ihr ganz trocken, es handle sich um einen ertappten Dieb, worauf
sie ein: _Impossible_ erwiderte, ich aber ganz trocken erklrte, die
Possibilitt beweisen zu knnen, und mich hierauf mit den beiden
Kadetten, die mir nun gerne folgten, entfernte, den zurckbleibenden
Fourieren ein: _ demain_ verchtlich zuwerfend. Ich begab mich mit
meinen Begleitern in ein Kaffeehaus auf dem Terrauxplatz, wo wir mehrere
Offiziere vom Regiment antrafen, denen ich die saubere Geschichte
mitteilte, und die auf der Stelle in das verdchtige Haus gehen, die
Sache untersuchen und daselbst tolle Wirtschaft machen wollten.
Vergeblich suchte ich sie von diesem Vorhaben abzuhalten, frchtend, da
es zu argen Exzessen kommen knnte. Glcklicherweise war es uns, trotz
stundenlangem Suchen, unmglich, das Haus, von dem wir nicht einmal den
Namen der Strae wuten, in der es lag, wieder aufzufinden; wir trennten
uns um Mitternacht, indem ich zu Dantrace sagte, da ich ihn wegen des
_drle_ morgen besuchen wrde. Das schndliche Benehmen der beiden
Fouriere aber nahm ich mir vor, dem Bataillonschef, Herrn Dret,
anzuzeigen. Bei Tagesanbruch suchte ich einen Kadetten auf, dem ich das
Vorgefallene mitteilte, und den ich sodann zu Dantrace sandte, mit dem
Auftrag, diesen zu einem Dejeuner _ la broche_ einzuladen. Er fand sich
auch bald darauf in dem ihm bezeichneten Kaffeehaus ein, von wo wir alle
vier uns ins Freie jenseits der Rhone begaben. Auf dem Terrain
angekommen, hielt ich ihm sein Benehmen gegen mich vom vorigen Abend
vor; gerne gestand er sein Unrecht ein, sowie da er mir noch obendrein
groen Dank schuldig sei, und deshalb aus freien Stcken den _drle_
zurcknehme, mich um meine Freundschaft bitte, versichernd, da er sie
auf jede Weise zu verdienen suchen wolle, und ich in allen Fllen auf
ihn zhlen knne. Damit war die Sache abgemacht, und statt dem Dejeuner
_ la broche_ nahmen wir vergngt eins _ la fourchette_ ein, worauf ich
mich mit meinen Kameraden zum Bataillonschef begab und diesem, was in
der verwichenen Nacht vorgegangen, bis auf den kleinsten Umstand
mitteilte. Dret lie sogleich die Fouriere Latouche und Jean Roi holen
und stellte sie in den hrtesten Ausdrcken zur Rede, ihnen mit strenger
Untersuchung und Strafe drohend. Diese redeten sich aber damit aus, da
auch sie ganz fremd in dem verdchtigen Haus seien, das sie jetzt nicht
einmal mehr aufzufinden wten, da sie halb im Rausch und ebenso
unwissend wie wir in dasselbe geraten seien. Ob nun gleich auch Herr
Dret moralisch von der nichtswrdigen Absicht der beiden Individuen
berzeugt war, so lie er sie doch mit der Warnung gehen, sich nicht
wieder auf hnlichen Wegen erwischen zu lassen, schrfte den beiden
andern jungen Leuten ein, knftig vorsichtiger zu sein, und somit war
die Sache vorerst abgetan. Als wir das Quartier des Chefs verlieen,
sagte jedoch Latouche zu mir: dies wrde er mir gedenken, worauf ich
erwiderte: _Quand il vous plaira._ Ich schwrmte den Rest des Tages
noch in Lyon herum, besuchte den Abend das Theater Clestin, wo ich mich
mit einer schneewei gepuderten Schnheit, damals schon eine Seltenheit,
die wahrscheinlich die grau werdenden Haare durch den Puder verbergen
wollte, sonst aber gar nicht so bel war, recht angenehm in einer Loge
unterhielt. Man gab Agnes Sorel und noch einige kleine Piecen. Der
Vorhang dieses Theaters stellte eine sehr tuschend gemalte Ansicht
Lyons, von dem Kai der Rhone aus gesehen, dar.

Den kommenden Morgen schiffte sich das Bataillon auf fnf gebrechlichen
Fahrzeugen auf der Rhone ein; da diese Art Schiffe nie den Weg
zurckmachen, sondern, mit dnnen Brettern zusammengenagelt, an ihrer
Bestimmung angekommen, auseinandergeschlagen werden und das Holz
verkauft wird, so sind sie nicht von groer Soliditt. Unsere Kompagnie,
die erste, war mit der der Karabiniers, der Musik und dem Etatmajor des
Bataillons zusammen eingeschifft. Kapitn Alphons, der die
Karabiniers[10] kommandierte, hatte seine hbsche Frau bei sich, beide
aber schnitten verdrieliche Gesichter, saen stumm und traurig in einer
Ecke des Schiffes und maulten miteinander. Ich erfuhr bald von meinem
Kapitn den Grund dieses Umstandes: beide hatten eine galante Krankheit,
und jeder warf dem andern vor, sie von ihm bekommen zu haben; das Wahre
an der Sache mochte sein, da keines seiner Sache gewi war oder sein
konnte, denn beide waren eben keine Felsen ehelicher Treue. Wir stieen
nach acht Uhr unter dem Schall der Musik und dem Wirbeln der Trommeln
vom Ufer und flogen pfeilschnell auf dem reienden Strom dahin; rechts
und links schwanden Villen, Grten, Drfer, Hgel und Auen, whrend die
Soldaten jauchzten und zufrieden waren, so mhelos die Mrsche
zurckzulegen.

[Funote 10: Bei jedem Bataillon der leichten Infanterie befanden sich
damals eine Kompagnie Karabiniers und eine Kompagnie Voltigeurs, die
Kompagnien d Centre hieen Chasseurs. Die beiden erstern hatten eine
_haute paye_ von 5 Centimes per Mann und per Tag.]

Bald bekamen wir das uralte Vienne mit seinen gotischen Trmen, Mauern
und Zinnen zu Gesicht, eine der ltesten Stdte Frankreichs, die schon
fnfhundert Jahre vor Christi Geburt erbaut worden sein soll und die
Hauptstadt der Allobroger (_Vienna Allobrogum_) war. Keine Stadt am
Rhein, Kln ausgenommen, sieht so ehrwrdig grau, so imponierend alt
aus, wie Vienne an der Rhone; nur zu schnell entschwand sie unsern Augen
und wir kamen bald an jene hochberhmte Cte d Rhone, deren Feuerweine
mit dem besten Ungar rivalisieren knnen, namentlich der, den die Cte
rotie, dem Barometerberg Pila gegenber, erzeugt. So sahen wir
Rousillon, und endlich Condrieux, wo wir landeten, um zu bernachten;
ein Teil der Truppen schlief jedoch in den Schiffen. Das Stdtchen liegt
zwar nicht dicht am Flu, hat jedoch einen Hafen an demselben, und ist
meistens von Schiffern bewohnt, weshalb auch nur die Offiziere und ein
Teil der Unteroffiziere in demselben einquartiert werden konnten und der
Rest der Truppen auf den Schiffen blieb. Hier trug sich eine Begebenheit
zu, die dem Fourier Jean Roi den Hals brach. Alle Fouriere waren nmlich
samt dem Adjutant-Unteroffizier Gener in einer groen Stube
einquartiert, wo Jean Roi erwischt wurde, wie er in der Nacht einem
Kameraden achtzig Franken aus der Tasche der abgelegten Beinkleider
stahl; er wurde _cum infamia_ vom Regiment gejagt, da man es nicht der
Mhe wert erachtete, ihn vor ein Kriegsgericht zu stellen.

Mit Tagesanbruch schifften wir uns wieder ein und setzten die Reise gut
gelaunt und frhlich fort. St. Jste hatte eine gute Portion sen
Condrieux mit an Bord genommen, womit er seine ganze Kompagnie
regalierte, so da jedermann ein groes Glas voll davon zum Frhstck
erhielt, wodurch die Leute gewaltig munter wurden, whrend die
Karabiniers des Kapitn Alphons, die nichts erhielten, scheel dazu
sahen. Saint Vallier mit seinem alten Schlo, der platte Knigsfelsen,
der Berg Ventoux und so weiter glitten an unsern Blicken vorber, und
bald waren wir in der Nhe der berhmten Eremitage, welche den
kstlichsten der Rhoneweine, den perlenden weien Eremitage liefert, den
viele Weinkenner noch dem Tokaier vorziehen. Jetzt windet sich der
gewaltige Strom bald zwischen wandsteilen, ungeheuer hohen Felsen durch,
bald wogt er durch die herrlichsten Weinhgel dahin. In dieser Gegend
zeigt alles an, da einst zahlreiche Vulkane hier gewesen sein mssen,
die lngst ausgewhlt haben, und noch stt man auf ausgebrannte Krater.
Immer reiender wird nun die rauschende Rhone, je nher man der Pont St.
Esprit kommt. Bald zeigt sich diese majesttische, fnfundzwanzig schne
Bogen lange Brcke, ein Meisterstck der Architektur, dem erstaunten
Auge, man darf sie khn den grten Werken des Altertums der Art zur
Seite stellen. Im Jahr 1265 wurde ihr Bau begonnen und erst 1309
vollendet, aber sie wurde fortwhrend so gut unterhalten, da sie noch
so vllig unversehrt dasteht, als ob sie erst vor kurzem aufgefhrt
worden sei. Sie geht nicht in gerader Linie durch den Strom, sondern
biegt in der Mitte gegen denselben aus, dies macht, da sie besser den
tobenden Wellen widersteht und an Festigkeit gewinnt. Ihre Bogen sind
zirkelrund und sie ist bei aller Dauerhaftigkeit doch noch zierlich;
ihren Namen soll sie erhalten haben, weil der heilige Geist selbst den
Plan der Brcke dem Baumeister eingegeben hat. Die Beitrge, um das Werk
vollenden zu knnen, wurden weit umher gesammelt, bis auf zwanzig Lieues
in der Umgebung, man gab gerne, da die berfahrt hier, wo der Strom so
reiend ist, so gefhrlich war, und kein Jahr ohne bedauerliches Unglck
vorberging.

Wild wogen die Fluten an der Brcke und unter ihren Bogen, und es
erfordert eine groe Geschicklichkeit der Schiffer, um pfeilschnell
mitten durch einen derselben unversehrt durchzukommen; im Fall eines
Anstoes geht das Schiff unvermeidlich in Trmmer, wie es einem der
unsrigen erging. Als wir uns der Brcke nherten, auf der viele Menschen
standen, die Durchfahrt der kleinen Flottille anzusehen, schlugen die
Tambours Sturmschritt, die Musik spielte einen Pas de charge, und man
lie die Guides wehen, whrend die Schiffer Gebete hersagten. Die beiden
ersten Schiffe, worunter das unsrige, waren schon glcklich, unter dem
Beifallrufen der auf der Brcke stehenden Leute, _tambour battant_
durchgefahren, als das dritte, welches der Strom ein wenig zu weit
rechts getrieben hatte, mit groer Gewalt gegen einen Pfeiler anfuhr und
sich krachend spaltete, worauf sich sogleich ein furchtbares Geschrei
auf und unter der Brcke und an den Ufern erhob, aber auch in demselben
Augenblick stieen mehr denn zwanzig Nachen vom Ufer ab, die
Verunglckten aufzunehmen. Das so leicht gebaute Fahrzeug war wenige
Sekunden nach dem Ansto auseinandergegangen und die Oberflche des
Wassers war alsbald mit Menschen, Tschakos und Effekten bedeckt. Alle
ins Wasser Gefallenen, unter denen auch einige Frauen, wurden indessen
bis auf zwei Mann gerettet oder retteten sich mittelst der Seile, die
man ihnen zuwarf, und die fr einen allenfallsigen Unfall schon in
Bereitschaft waren. Die beiden andern Schiffe kamen, mitten durch die
Leute und Trmmer im Wasser fahrend, glcklich jenseits der Brcke an.
Vom Gepck ging manches, und namentlich viele Gewehre, verloren. Die so
wider Willen ausgeschifften zwei Kompagnien legten nun, nachdem sie sich
erholt und getrocknet hatten, den Weg bis Orange zu Fu zurck, wo auch
der Rest des Bataillons ausschiffte, und Dret beschlo, da wir die
letzte Etappe -- es war nur noch ein Marsch bis zur neuen Garnison -- zu
Land zurcklegen sollten.

Mit dem frhesten Morgen marschierten wir, von der aromatischen Luft der
provenzaler Sonne erquickt, nach dem Ort unserer einstweiligen
Bestimmung, nach Avignon, ab. -- Hier wird das Himmelsblau schon
lebhafter, Nebel bei Sonnenauf- und -untergang kennt man nicht,
freundlich heiter sind die Fluren, und die klimatische Vernderung fhlt
man durch den ganzen Krper.

Eine Viertelstunde vor Avignon wurde Halt und Toilette gemacht, man warf
sich in grande tenue, die Karabiniers setzten ihre Brenmtzen mit den
roten Federbschen auf und schmckten ihre Schultern mit den Epaulettes
von derselben Farbe, sowie die Voltigeurs mit gelben und die Chasseurs
mit grnen Epaulettes und Federn; da das Regiment ganz neu und schn
uniformiert war, so nahm es sich stattlich und imponierend aus und
marschierte gehrig geschniegelt und gestriegelt in schnster Ordnung in
die neue Garnison und alte Residenz so vieler Ppste ein, wo wir durch
sehr enge, winklige Straen mit altertmlichen Husern, aus denen aber
doch sehr moderne Damen auf uns herabsahen, auf den Waffenplatz kamen.
Das Bataillon wurde gleich in die gerumigen gewlbten Sle der alten
ppstlichen, auf hohen Felsen liegenden Burg kaserniert. Ich mietete mir
aber eine _Chambre garnie_, die recht schn mbliert war, fr den
uerst billigen Preis von acht Franken per Monat in der Nhe des groen
Platzes. -- Als ich in Gesellschaft mehrerer Kameraden nach Wohnungen
suchte, gerieten wir auch an ein Haus, an dessen Mauern mit groen
Lettern geschrieben stand: _Ici on loue des chambres garnies pour
hommes et non pas pour femmes_; bald wuten wir, was es damit fr eine
Bewandtnis hatte, eine solche Unverschmtheit kann man sich nur in
Frankreich erlauben. Eine andere Sache, nach der man sich eifrigst in
jedem Haus, wo wir Wohnungen suchten, erkundigte, war: ob wir keine
Kosacken, Tataren, Kalmcken oder Russen seien, und man wollte uns in
der Regel nicht eher Zimmer zeigen, bis wir zur Genge dargetan, da wir
Franzosen oder doch wenigstens _des bons allemands_ und Christen seien.
Den Grund dieser ngstlichen Erkundigungen erfuhren wir bald; man hatte
nmlich von unserm Regiment das Gercht, das uns vorausging, verbreitet,
da es fast aus lauter wilden und barbarischen Vlkern bestnde, die
nicht nur raubten und plnderten, sondern sogar die kleinen Kinder
wegfingen, wo sie deren habhaft werden knnten, um diese nach Umstnden
roh, gebraten oder auch in einem Fricot zusammengehackt zu verzehren.
Solche Dinge glaubten die Einwohner in allem Ernst und fluchten dem
Napoleon, da er solches Volk in Dienst nehme und ihnen zuschicke. Erst
nachdem ich hinlnglich beteuert hatte, da ich kein Kinderfresser sei,
willigte man ein, mir die erwhnte Wohnung bei einem Herrn Croizet,
einem kleinen Rentier, der eine hbsche Frau hatte, zu vermieten.

Die alte Stadt liegt in einer reizenden, fast immer grnenden, etwas
abhngigen Ebene, an dem linken Ufer der Rhone, und ist von gelbbraunen
Mauern und Trmen, nach der alten Befestigungsart, umgeben. Hier findet
man sich schon ganz unter dem sdlichen Himmelsstrich, wo Oliven und
andere Sdpflanzen gedeihen, die meistens der tropischen Zone angehren;
der Himmel hat schon den italienischen Anstrich, und die immergrnen
Fluren sind mit Limonen-, Orangen- und Feigenbumen bedeckt; die
herrliche Natur gibt in ppiger Flle, was den Lebensgenu verst, und
die blulichen Wasser der Rhone strmen majesttisch wild dem nahen
Meere zu. Unvergleichlich und entzckend ist die Aussicht von dem hohen
Felsen, auf dem die alte Residenz der dreikronigen Priester steht, von
wo man die blhenden Gefilde der Rhone auf eine unabsehbare Weite
berschaut, die der Flu zwischen romantischen Ufern durchstrmt.
Besonders reizend ist die Aussicht gegen das malerische Tal von
Vauclse, und nicht mit Unrecht wird diese Gegend als die schnste in
ganz Frankreich und als eine der anmutigsten Europas gepriesen.

Der alte ppstliche Palast ist eine auf hohen Felsen erbaute ungeheure
Steinmasse, einer Feste hnlich, ein ungeheures Gebude mit den
Gemchern und Zimmern, fast alle hochgewlbt. In dem weitlufigen
Schlohof stie man allenthalben auf Schutt und Trmmer, und die
imposanten Ruinen lieen noch die Herrlichkeit lngst vergangener Gre
bewundern. In den am besten erhaltenen Slen, Kirchen, Kapellen und
Gewlben lagen jetzt unsere Soldaten, und an der Stelle, wo einst, dem
Donnergott gleich, die Oberpriester der Christenheit ihre Blitze ber
das zu ihren Fen liegende Avignon, gegen Venedig und Mailand,
Deutschland und Italien, gegen Kaiser und Knige schleuderten, an dieser
Stelle putzten jetzt Russen und sterreicher, Ungarn und Bhmen, in
franzsische Uniformen gesteckt, ihre Gewehre und Patronentaschen und
aen mit hlzernen oder eisernen Lffeln ihre Menagesuppen. In den
Gemchern und Hfen, wo die Ppste die prchtigsten und glnzendsten
Feste mit ppiger Verschwendung gaben, wo einst die schne Johanna von
Neapel als Gebieterin von Avignon mit einem zahlreichen Gefolge von
Kardinlen und Bischfen, Rittern und Edelfrauen, in die kostbarsten und
reichsten Gewnder gekleidet, an der Seite ihres Gatten unter einem
Prachthimmel einzog und vom heiligen Vater in seiner ganzen Glorie
empfangen und bewillkommnet wurde, da ertnte jetzt das eintnige
Verlesen der barocksten russischen, deutschen, polnischen und bhmischen
Soldatennamen, und das dstere _Qui vive!_ (Wer da!) der
Schildwachen des in Kasernen verwandelten Prunkpalastes, in dessen
weiten Rumen und Hfen das einsilbige Kommando der Unteroffiziere
widerhallte, die den exerzierenden Rekruten die Soldatenschule und
Handgriffe einbluten.

Von einer uralten Brcke, die hier ber die Rhone fhrte und von dem
wilden Strom zerstrt wurde, sind nur noch einige Bogen mit einer
kleinen Kapelle brig, sie hatte deren neunzehn. Im Mund des Volkes der
Umgegend ist folgende, sie betreffende Sage: Ein sehr frommer Schfer
mit Namen Benedikt (Benezet in der dortigen Volkssprache) weidete eines
Tages seine Herden auf den Auen der Insel Bartelasse, wo ihm der heilige
Petrus erschien und ihm im Namen des Himmels befahl, die Bewohner
Avignons und der Umgegend aufzufordern, zum Besten der Pilger, die nach
Rom und Jerusalem wallfahrten, hier eine Brcke ber den Strom zu bauen.
Er fand jedoch die Leute nicht sehr willfhrig fr sein Ansuchen,
obgleich er im Namen des Petrus sprach, das Unternehmen war zu schwierig
und zu kostspielig; Benedikt aber war beharrlich und hrte nicht auf,
das Volk aufzufordern, den Willen des Himmels zu erfllen. Zuletzt
verlangte der Bischof, er solle seine Sendung durch irgendein Wunder
beweisen, und der Schfer hob ein ungeheures Felsenstck, das wohl viele
Tausend Pfund wog, so leicht auf seinen Rcken, als sei es eine Feder,
trug es auf seinen Schultern eine groe Strecke weit bis an den Flu,
auf dessen Oberflche er bis zur Mitte mit seiner schweren Brde
schritt, ohne sich nur die Knchel zu benetzen, und warf es dann mitten
in den Strom, sprechend: Dies sei der erste Grundstein zu der neuen
Brcke. Jetzt schrie alles Volk: Mirakel! und warf sich vor dem zum
Ufer zurckkehrenden Schfer auf die Knie. Der Bau der Brcke ging jetzt
schnell vor sich und war in wenigen Jahren vollendet, Benezet aber ward
nach seinem Tode unter die Heiligen versetzt und ihm zu Ehren in der
Nhe der Brcke ein Kloster erbaut, dessen Mnche verpflichtet waren,
die ankommenden Pilger zu verpflegen, die Brcke zu unterhalten. Man
nannte sie deshalb _fratres pontifices_ (Brckenbrder). -- Der Insel
gegenber liegt Villeneuve, wo noch die Ruinen eines ehemals wegen
seiner Pracht und Gre berhmten Karthuserklosters zu sehen sind,
sowie das alte Schlo St. Andr mit seinen ungeheuren Mauern und dicken
runden Trmen. Ludwig VIII. lie diese starke Feste im dreizehnten
Jahrhundert auf dem Hgel erbauen, der die Stadt beherrscht. Im Innern
des Schlosses sind noch die Gebude des ehemals so reichen
Benediktinerklosters vorhanden. Villeneuve war der Geburtsort unseres
Bataillonschefs Dret, der aus einer nicht sehr wohlhabenden Familie
stammte, die whrend der Schreckenszeit aus dieser Stadt ausgewandert
war. Nach mancherlei Schicksalen hatte er endlich zu Offenbach ein
Ruhepltzchen bei dem Frsten Y. gefunden, der ihn zum Kommandanten
seines fnfzig Mann starken Heeres ernannte und bei der Formation des
Regiments Y. zum Bataillonschef befrderte. Dret galt viel beim Frsten
und hatte ihn vermocht, beim Kriegsminister zu erbitten, da das
Regiment, um sich vllig einzuexerzieren, eine kurze Zeit in Avignon
garnisonieren drfe, was der Minister um so eher bewilligte, als er
dasselbe ohnehin schon zu diesem Zweck nach Montpellier auf einige
Monate bestimmt hatte. Also hatten wir es Drets Eitelkeit zu verdanken,
der sich seinen Verwandten und Landsleuten, die er seit vierzehn Jahren
nicht gesehen, gerne an der Spitze seines Bataillons in glnzender
Uniform zu Pferde zeigen wollte, da wir auf kurze Zeit in Avignon in
Garnison lagen, denn Montpellier war deswegen nicht aufgegeben. Ohne
diesen Umstand htte das Regiment wahrscheinlich Avignon nicht oder doch
nur im Durchmarsch gesehen. Dafr muten wir auch oft genug eine
militrische Promenade durch Villeneuve machen. Das Offizierkorps des
Regiments bestand, namentlich das des ersten Bataillons, meistens aus
zum Teil sehr hbschen jungen Mnnern, an denen die holden
Avignoneserinnen ihr Wohlgefallen zu haben schienen. Ich erinnere mich,
da nach der ersten Militrmesse, die wir hatten, eine junge hbsche
Dame ganz auer sich zu meiner liebenswrdigen Wirtin ins Zimmer trat
und mehrmals ausrief: _Oh le beau corps d'officiers, le beau corps
d'officiers!_ Schnheit war die beste Empfehlung bei dem Frsten Y.,
und er hatte die meisten Offiziere aus diesem Beweggrund angestellt.

Bei Croizets, meinen Wirtsleuten, lebte ich unterdessen wie der Vogel im
Hanfsamen, und Madame Croizet war eine der liebenswrdigsten und
muntersten Damen der Stadt, die mich gleich Rousseaus Mama in ihren
besonderen Schutz nahm und in allem wahrhaft mtterlich fr mich sorgen
wollte, aber kein sehr gehorsames Kind an mir fand. Da sie mit den
angesehensten Familien der Stadt bekannt und zum Teil verwandt war, so
bekam sie tglich Besuch von jungen hbschen Damen, denen sie mich
vorstellte und deren Bekanntschaft ich hierdurch machte. Da kein
Instrument im Haus war, so mietete ich ein Fortepiano, welches mir
Madame Croizet erlaubte, in ihren Salon zu stellen. Ich war somit
befugt, denselben zu jeder Stunde zu betreten. Herr Croizet, obgleich in
Avignon geboren, hatte eine gute Portion Phlegma, bei einer ziemlichen
Zahl von Jahren; er war Kaufmann gewesen, hatte sein Schfchen ins
Trockene gebracht und ruhte, wenn auch nicht gerade im berflu und auf
Lorbeeren, so doch gemchlich auf seinem Errungenen aus. Ich schien ihm
noch viel zu jung und unerfahren, als da er mich fr gefhrlich
gehalten htte, und da er alle Nachmittage und die Abende bis elf Uhr in
den Kaffeehusern meistens mit Dominospielen zubrachte, so hatten wir
vllig freies Spiel zu Hause. Der Dienst war nicht sehr beschwerlich;
auer dem Exerzieren und den militrischen Promenaden hatten wir fast
alle Zeit frei, und die Wachen kamen nur selten an mich.

Ein paar Tage nach unserer Ankunft hatte ich Briefe von meinen Eltern
mit Empfehlungsschreiben an das Haus Blavet _et frres_, von dem mein
Vater fters franzsische Sdweine bezogen, erhalten. Ich prsentierte
mich bei demselben und wurde mit der zuvorkommendsten Artigkeit
aufgenommen, erhielt hufige Einladungen zu Dejeuneurs, Diners und
_parties de Campagne_, lernte in diesem Haus die ganze _beau monde_ von
Avignon in ihrem Glanze kennen, und hatte auch bald, nach echt
franzsischer Art, ein halbes Dutzend Amouretten von mehr oder weniger
Bedeutung, mit mehr oder weniger Begnstigung. Madame Croizet war und
blieb mir jedoch lieb und wert, besonders solange ich noch nichts wie
einige Ksse im Vorbergehen von ihr erlangt hatte; um aber bald weiter
zu kommen, suchte ich die Eifersucht zu rechter Zeit in Bewegung zu
setzen, wozu mir ein besonderer Umstand gnstig war, der mich zu dem
Ziele brachte, das ich durch Bitten und Strmen noch nicht hatte
erreichen knnen. Eines Tages fand eine prchtige Prozession, ich wei
nicht mehr zu Ehren welches Heiligen, statt, die an dem Haus Croizets
vorbeikam. Hier fanden sich viele Zuschauerinnen ein, um die
Feierlichkeit bequem mit ansehen zu knnen. Unter ihnen war auch eine
Cousine des Prfekten des Departements, ein charmantes Mdchen; dieser
hatte ich zwar schon einigemal den Hof gemacht, aber heute stellte ich
mich, als htte ich nur Augen fr sie, und dies setzte Madame Croizet in
ble, mir aber gnstige Laune. Als die Vorlufer der Prozession ankamen,
wies Madame Croizet schnell jedem das Fenster an, durch welches er
schauen sollte; sie entfhrte mir meine Schne, und zwar in den zweiten
Stock, und ich war somit von ihr getrennt. Sie selbst aber begab sich
mit noch mehreren lteren Damen in mein Zimmer, das ebenfalls drei auf
die Strae gehende Fenster hatte, da alle andern schon in Beschlag
genommen waren, stellte sich mit mir unter eine der Fensterhallen,
whrend die brigen Damen die beiden andern zierten. -- Wohl, dachte
ich, diesmal wirst du mir nicht so ganz ungerupft davonkommen, denn
Aufsehen kannst du in dieser Lage nicht machen, Ksse und Umarmungen
hast du mir ja schon gewhrt, und kannst keinen Eklat machen, also
frisch gewagt. -- Nachdem ich mich nun umgesehen und berzeugt hatte,
da uns die andern, ebenfalls in den Fensterhallen stehend, nicht sahen
und alle ihre Aufmerksamkeit auf die sich nhernde Prozession gerichtet
hatten, schlang ich meinen linken Arm um ihre schlanke Taille, sie
fester und fester an mich drckend, und die Wangen der Dame glhten. --
Dies war mir fr jetzt genug und ich flsterte: _A ce soir?_ -- Keine
Antwort. -- _A quelle heure?_ -- Noch immer stumm. -- _A onze heures
ou a minuit?_ -- Noch immer kein Laut. -- _Mais pour l'amour de dieu
quand donc?_ -- Endlich ein: _Laissez moi tranquille pour l'amour de
dieu!_ -- Nicht eher bis ich wei, wann? -- _Eh bien  minuit, mais
finissez donc!_ Jetzt nahm ich ihre Hand, drckte sie fest an meinen
Busen, und sagte, ich hoffe, da sie Wort halten wrde. Da uns Herr
Croizet nicht im Wege stehe, wute ich, denn er hatte sein besonderes
Schlafzimmer in einer hhern Etage. Aber der Zufall wollte, da ich
nicht einmal so lange mehr auf die versprochene Schferstunde warten
sollte, sondern diese mir denselben Nachmittag noch wurde. Als das ganze
Haus, bis auf Madame Croizet und ich, die wir allein zurckgeblieben
waren, von allen Bewohnern verlassen war, um der Kirchenfeierlichkeit
beizuwohnen, erlangte ich auf der Ottomane des Salons, was ich wnschte,
und erschpft ruhten wir Arm in Arm, als uns das Klingeln der Haustre
aufjagte und trennte, und die Zofen heimkamen. Denselben Abend brachte
ich bei Blavets zu, wo ich wieder die hbsche Cousine des Prfekten,
Amelie, traf, und fortsetzte, wo ich es am Morgen gelassen hatte. Da
hier nicht viel zu erreichen war, wenn ich nicht ernstliche Absichten
blicken lie, wozu ich ebensowenig Lust hatte, als Aussicht dazu
vorhanden gewesen, denn die nchste zu einer Heirat war wohl ein
Kapitnspatent in noch unabsehbarer Ferne, war mir bald klar, und ob ich
gleich ewige Liebe und Treue versicherte, wurde mir auer einem
verstohlenen Hndedruck und einem Ku zum Abschied nichts gereicht.
Dagegen war ich weit glcklicher bei einer allerliebsten Grisette, die
_vis--vis_ von mir wohnte, aber schon einen Liebhaber hatte. Wir
wechselten erst Blicke, dann Kuhnde und endlich kleine Zettelchen, die
ich um einen kleinen Stein gewickelt in das offene Fenster gegenber
warf. Es kam bald zu einem Rendezvous und zwar zuerst in der stillen
Franziskanerkirche, wo wir uns verstndigten und sptere Zusammenknfte
in der Wohnung einer ihrer Freundinnen verabredeten, die ich aber bald
wieder zu vermeiden fr gut fand; nicht so das Mdchen, das diese
Intrige durchaus fortsetzen wollte, und es so auffallend machte, da
nicht nur die Nachbarschaft und Madame Croizet das Verhltnis merkten,
sondern auch ihr Liebhaber Lunte roch und eiferschtig ward. Ich war
dann abends mehr als einmal Ohrenzeuge von heftigen Szenen, die zwischen
beiden vorfielen, konnte aber wenig verstehen, da sie sich in dem Patois
Avignons, das schon ziemlich dem Provenzalischen gleicht, zankten; doch
merkte ich wohl, da Madame Croizet das Feuer geschrt haben mute;
jeder Streit endigte aber immer mit einer zrtlichen Vershnung, nachdem
Annette, so hie das Mdchen, ihrem Geliebten unerschtterliche Treue
und ewige Liebe geschworen hatte. Ich machte der Sache ein Ende, indem
ich Annetten ein kleines silbernes Krbchen, mit Orangenblten gefllt,
unter denen ein Billettchen verborgen war, zuschickte, in welchem ich
ihr den guten Rat erteilte, sich in Zukunft allein an ihren Liebhaber zu
halten, der sie auch ehelichen wolle. Mit Madame Croizet hatte ich aber
manchen Strau deshalb zu bestehen, bis wir bald darauf an der Quelle zu
Vauclse einen ewigen Frieden auf kurze Zeit schlossen.

Schon seit einiger Zeit hatte ich eine Partie nach Vauclse
beabsichtigt, die jetzt zustande kam. Ich wute es auch zu veranstalten,
da Amelie an derselben teilnehmen konnte, damit wenigstens doch auch
eine Laura dabei war, denn meine Haustyrannin, das war Madame Croizet
wirklich geworden, konnte mir keine solche mehr sein; freilich war auch
ich nichts weniger als ein Petrarka. --

An einem Sonnabend fuhren wir fast mit Sonnenaufgang von Avignon ab. Von
der Partie war auch noch eine jngere Schwester der Madame Croizet, eine
hbsche Witwe, die sonst nur selten in das Haus kam, und, wie ich spter
erfuhr, die Geliebte des Prfekten war. Auf dem Wege durch die reizende
Gegend bis zum Stdtchen l'Ile war Amelie mein Visavis im engen Wagen,
deren Knie zwischen die meinigen eingeengt, so da ich sie bei jedem
Sto ber eine holprige Stelle zusammendrcken mute und auch oft ohne
eine solche Veranlassung zusammendrckte, wobei die Blicke des holden
Mdchens jedesmal verlegen, sowie die der Dame Croizet, wenn sie etwas
bemerkte, finster und gewitterschwanger wurden. In l'Ile stiegen wir aus
und legten, nachdem wir vor dem Ort in dem Hotel, welches das
Aushngeschild >Petrarka und Laura< fhrt, ein gutes Diner fr den Abend
bestellt hatten, den brigen Teil des Weges durch das schne und wilde
Felsental Valla Clausa zu Fu zurck. Ungefhr eine Stunde von l'Ile
liegt das Drfchen Vauclse, das kaum ein Viertelhundert Huser zhlt.
Auf einem steil hervorstehenden berhngenden Felsen sieht man die
Ruinen eines alten Schlosses, das vor Zeiten der Familie von Sade
gehrte. Der Volksglaube hlt es fr Petrarkas Wohnung und nennt es mit
seinem Namen. Unter diesem Felsen liegt das Drfchen Vauclse, zu dem
man ber eine hlzerne Brcke durch ein dsteres Felsengewlbe gelangt.
Eine Papiermhle, welche fast smtliche Einwohner des Orts, kaum mehr
als hundert Seelen, ernhrt, steht alten Nachforschungen zufolge an der
Stelle, wo Petrarkas kleines Wohnhaus war, sein zweiter Garten aber, den
er den transalpinischen Parna nannte, lag unfern der Quelle. Es war im
Jahre 1357, als sich der treffliche Dichter hier niederlie; seine
Wohnung erbaute er ungefhr 250 Schritte von dem Felsental entfernt;
hier war er mit seinen Bchern, den Musen, einem treuen Hund und zwei
Personen zu seiner Bedienung und Gesellschaft, allein, lebte seinen
Trumen, seiner Sehnsucht, seinen Phantasien, und nannte sich selbst
>den Eremiten von der Sorgue<. Als Schfer gekleidet ging er auf den
Fischfang, pflckte Mandeln und Feigen, verschaffte sich so sein
Mittagsbrot und schrieb seine Lobrede auf die Einsamkeit, seine
Ansichten ber das Mnchsleben, sein Gedicht ber Scipio, seine _fastes
de Romae_ und so weiter, fhrte dabei ein beschauliches Leben und
schilderte in seinen Briefen die reizende Einsamkeit desselben mit den
verfhrerischsten Farben. Seine Laura sah er hier nie, sondern klagte
nur den Felsen der Valchiusa, in deren Echo seine Seufzer widerhallten,
sein Sehnen und seine Leiden; doch hatte er eine Gesellschafterin bei
sich.

Gerne htte ich mit Laura-Amelie diese wilden und manchmal gefhrlichen
Partien, wo der Dichter so sinnig schwrmte und dichtete, allein
besucht, aber meine gefllige Hauswirtin lie mich nicht auer Augen,
sondern wute es so einzurichten, da wir uns nicht allein sprechen
konnten. Unter dem Vorwand, mir noch eine ganz besondere Schnheit
zeigen zu wollen, fhrte sie mich den jhen Felsenpfad hinauf, der zu
der schauerlichsten Einsamkeit fhrt, und wollte mir hier eine strenge
Strafpredigt ber meine Unbestndigkeit, Treulosigkeit und Gott wei was
noch alles halten, aber ich hielt es fr das beste, den obgleich
zrnenden doch liebenswrdigen Mund mit Kssen zu schlieen und den
Friedenstraktat, wenn auch nicht mit der Feder, zu unterzeichnen,
versprach was man begehrte, und hielt was ich versprochen bis zur --
Heimfahrt, wo schtzende Finsternis wieder eine kleine Untreue
begnstigte. Nachdem die Gesellschaft lange genug geschwrmt, gekost und
mitunter auch gekt hatte, kehrten wir nach Vauclse und von da nach
l'Ile zurck, um das beorderte Mahl einzunehmen, dessen
Hauptbestandteile kstliche Forellen und noch trefflichere Aale
ausmachten, wrzten dasselbe mit Eremitagewein, Scherzen und Lachen, und
besuchten noch die Kirche zu l'Ile, in welcher Petrarka zum erstenmal
seine Laura gesehen und das ihn verzehrende Feuer gefangen hatte, das er
nicht zu lschen verstand. -- Die Heimfahrt war nicht minder angenehm
als die Hinfahrt, und trotzdem es Madame Croizet so einzurichten wute,
da Amelie nicht mehr mein Visavis, sondern in der andern Ecke des
Wagens war, whrend sie selbst mir gegenber sa, so hatte sie ihre
eigne, mir nicht minder gefhrliche Schwester, der ich ohnehin schon
Fleuretten genug erzhlt hatte, neben mich placiert. -- Mit
stockfinsterer Nacht kamen wir zu Hause an, uns alle nach Ruhe sehnend.
Am andern Morgen wurde ich durch eine unangenehme Geschichte aus dem
besten Schlaf in aller Frhe geweckt. Ich hatte einen ltern Soldaten
von der Kompagnie, namens Ro, zu meiner Bedienung genommen, eine
ehrliche Haut, die sich aber von Zeit zu Zeit dem Trunke ergab, wie die
groe Mehrzahl des Regiments, eine Leidenschaft, welche die Leute in
Avignon um so leichter befriedigen konnten, als eine Flasche starker
dicker roter Wein nur zwei Sous kostete. An den Zahlungstagen wurde dann
auch das Regiment immer in den Kasernen konsigniert, denn die Russen,
Polen, Bhmen und so weiter tranken sich toll und voll, begingen Exzesse
aller Art und wlzten sich zum Skandal der Einwohner in den Gossen
herum. Ro hatte sich den Tag, da ich zu Vauclse war, mit einigen
Kameraden einen tchtigen Zopf getrunken, und sie wuten dann nichts
Besseres zu tun, als in einer Schenke mehr denn dreiig groe
umflochtene Korbflaschen, wie man sie in jener Gegend hat, und von denen
eine jede ber fnfzig gewhnliche Flaschen hlt, in toller Vollwut mit
ihren Sbeln zusammenzuhauen, so da man bald bis an die Knchel in der
Schenke im Wein watete. Dabei schrien und schimpften die Kerls wie
besessen ber die _f..._ Franzosky, wie sie sie nannten. Der Wirt aber,
der den Skandal nicht hatte verhindern knnen, war zum Platzkommandanten
gelaufen, um Hilfe zu suchen, die er auch sogleich erhielt, indem starke
Wachtpatrouillen abgesandt wurden, die Trunkenbolde zu verhaften und in
das militrische Gefngnis abzufhren. Der Schaden wurde auf ber
hundertfnfzig Franken angeschlagen, und die Burschen, die ihn nicht
ersetzen konnten, sollten auf das strengste bestraft werden. Ro hatte
seinen Helfershelfern, nachdem er wieder nchtern geworden war, erzhlt,
da ich ihn fters an die Ecke der Gasse, wo ich wohne, als Lauerposten
aufgestellt habe, um mich beizeiten zu benachrichtigen, wenn der
Hausherr kme, mit dessen Frau ich mich einstweilen amsiere. Nun
meinten seine Sauf- und jetzt Leidensbrder: wenn dem so ist, so mu
dein Kadett auch die Zeche bezahlen, sonst soll ihn der Teufel holen.
Sie schickten hierauf einen Boten mit der Bitte an mich ab, ich mge
doch den Wirt befriedigen, das htte Ro durch sein Schildwachestehen
wohl an mir verdient. Der Abgesandte stie unglcklicherweise zuerst auf
Herrn Croizet, den er nicht kannte, lie sich mit ihm, da er etwas
Franzsisch verstand, in ein Gesprch ein, und letzterer lockte so von
dem dummen Teufel halb und halb den Grund heraus, warum die saubern
Patrone diese Forderung an mich machten. Er fhrte ihn nun zu mir, der
ich noch in den Federn lag. Ich lie den Burschen sagen, da ich die
Sache zu arrangieren suchen wrde, begab mich auch vor der Parade zum
Wirt, wo der Skandal vorgefallen war, und fand mich mit diesem fr eine
runde Summe ab, die ich zu bezahlen versprach, wenn der Mann dagegen die
Sache bei dem Platzkommandanten so abmachen wrde, da die Delinquenten
wenigstens mit einem blauen Auge, das heit mit einigen Tagen Arrest
davonkmen. Der Wirt brachte es in der Tat dahin, da die Leute dem
Regiment zu einer Disziplinarstrafe berlassen wurden, und ich zahlte
ihm dann neunzig Franken aus, mit denen er zufrieden war, da er sonst
gar nichts erhalten haben wrde; somit war von der einen Seite die Sache
abgemacht, aber nicht so von der andern. Croizet war jetzt argwhnisch
geworden und wollte sich von dem Grund der Aussagen des Soldaten und
seines Verdachts berzeugen. Ich hatte mit Madame Croizet, ihrer
Schwester und dem Kadetten Roger, der mich fters besuchte und mit von
der Vauclse-Partie gewesen war, abgemacht, da wir uns den kommenden
Abend alle vier verkleiden, die beiden Damen nmlich Uniformen von uns
und wir Kleider von den Damen anziehen, und so eine Abendpromenade in
den Straen der Stadt machen wollten. Croizet hatte das Haus wie
gewhnlich verlassen, wir waren mit der Toilette der Damen, die uns
schon in Weiberkleider gesteckt, beschftigt, zogen ihnen die Uniformen
unter Lachen und Schkern an, und eben machte ich der Madame Croizet die
Brusthaken zu, als sich pltzlich die Tre ihres Schlafzimmers, denn
dieses hatten wir zu unserm Ankleidezimmer gewhlt, ffnete und Herr
Croizet mit grimmiger Gebrde hereinstrzte. Er war durch ein
Hinterpfrtchen des Hauses, zu dem er allein die Schlssel hatte,
heimlich zurckgekehrt, whrend das Kammermdchen der Madame Croizet im
Salon am offenen Fenster aufpate, da uns niemand berrasche. Zum Glck
lag mein Degen in der Nhe, den ich bei des Mannes unvermutetem
Erscheinen schnell ergriff, und setzte mich in eine defensive Positur.
Herr Croizet aber wandte sich nur an seine uniformierte Gattin, die er
eben nicht mit den feinsten Epitheten anredete und bedrohte; aber die
Schwester, die, wie es schien, viel Gewalt ber ihn hatte, warf sich
sogleich zwischen beide, indem sie dem aufgebrachten Ehemann
versicherte, da ja das Ganze nur ein durchaus unschuldiger Scherz sei,
und er sich doch nicht durch eine wirklich unbegrndete Eifersucht
lcherlich machen solle, es sei in ihrer Gegenwart auch nicht das
mindeste Unanstndige vorgefallen und so weiter; wir alle machten Chorus
mit der jungen Witwe und berschrien den Mann so sehr, da er gar nicht
mehr zu Wort kommen konnte; er wendete jedoch dagegen ein, was er von
dem Soldaten herausgebracht, es war mir aber ein Leichtes, ihm glauben
zu machen, er habe den Burschen ganz miverstanden, der zu allem, was
man ihn frage, sein _Oui_ sage, und es gelang unsern vereinten
Krften, nicht nur den ehrlichen Ehemann vllig zu besnftigen, sondern
sogar zu bereden, mit von der Partie und des jungen Rogers, der ein sehr
hbsches unbrtiges Gesicht hatte, Ehrenkavalier zu sein, whrend ich
mich von den beiden weiblichen Kadetten, die mich in die Mitte nahmen,
fhren lie; so traten wir munter unsere Promenade an, kehrten in einem
eleganten Kaffeehaus auf dem groen Platz ein, wo wir uns Eis geben
lieen, und alles lief auf das beste ab.

Zwei Tage nach dieser Begebenheit erhielt das Regiment Ordre, nach
Montpellier zu marschieren; ich nahm Abschied von allen meinen Lieben,
lie mir noch eine Summe bei Blavet _et frres_ auszahlen, denn ich
hatte ziemlich groe Depensen in Avignon gemacht, und marschierte in
aller Frhe um sechs Uhr mit dem Bataillon ab, da ich keine Quartiere
mehr machte, seit wir einen franzsischen Fourier bei der Kompagnie
hatten. Manche jetzt verlassene Schne sah hinter ihren Gardinen wohl
mit Trnen in den Augen das Regiment dahinziehen, das sie anfangs
gefrchtet und spter gerne gesehen hatte.

Nur vier Etappen waren es von Avignon nach Montpellier, wovon die erste
nach Tarascon lautete. Tarascon mag ungefhr zehntausend Einwohner
zhlen, die jedoch ein bitterbses und hndelschtiges Volk sind, wie
alle niederen Klassen in der Provence und Languedoc, und uns whrend
unserm vierundzwanzigstndigen Aufenthalt einen Beweis lieferten, wie
sehr sie ihren guten Ruf verdienen, indem sie beinahe unsere Wache
steinigten, wozu aber das einfltige Benehmen des dieselbe
kommandierenden Offiziers Veranlassung gab. Als die Avantgarde des
Bataillons ankam, welche jedesmal die Wache in der Etappenstadt bildete,
in die man einmarschiert, versammelte sich sogleich ein Haufen Volk vor
dem Wachthaus und musterte die Angekommenen mit neugierigen Blicken;
auch sie hatten schon viel von den Wundertieren, aus denen das Regiment
bestehen solle, gehrt, und besahen sich die ungewhnlichen Uniformen
mit ziemlicher Zudringlichkeit. Den kommandierenden Unterleutnant, einen
gewissen Buchwald, ein kleines, unansehnliches Mnnchen, das frher ich
wei nicht bei welchem deutschen Duodezfrsten in Diensten gestanden,
verdro dieses Begaffen, und noch von dem deutschen Zopfdnkel
besessen, befahl er der Schildwache vor dem Gewehr, die Leute
auseinanderzutreiben. Der Posten, ein sterreicher, und von seinem
frhern Dienst ebenfalls gewhnt, alles, was nicht Uniform trage, msse
man als Bauer verachten, sich noch in Prag oder Olmtz in Garnison
glaubend, war nicht faul und wollte die Haufen mit dem Kolben
auseinanderjagen, dabei auf gut bhmisch fluchend; das Volk jedoch,
statt sich zu entfernen, fing an zu lachen, der Leutnant wurde erbost
und rief dem Soldaten zu: Sto zu auf das Lumpenpack! Aber noch ehe
der Mann einen Sto hatte anbringen knnen, war er auch schon beim
Kragen gepackt und ihm das Gewehr abgenommen. Der Leutnant zog jetzt den
Degen und rief der brigen Mannschaft, einigen zwanzig, zu, unter das
Gewehr zu treten, aber auch dazu lieen es die wtend gewordenen
Tarasconer nicht kommen, sondern hatten in einem Nu die Wache erstrmt,
und ein starker stmmiger Provenzale fate den kleinen Buchwald, der
wenig mehr franzsisch als die Worte _b... f..._ hervorzubringen
vermochte, um den Leib und hob ihn samt seinem Degen hoch in die Luft,
so da die kleine Figur mit Armen und Beinen, den Degen hoch in der Hand
haltend, in der Luft zappelte, was so possierlich anzusehen war, da die
ganze Menge und namentlich die Weiber in ein schallendes Gelchter und
lautes Applaudieren ausbrachen, wodurch gewi greres Unheil verhindert
wurde. Der provenzale Herkules setzte endlich das Mnnlein wieder auf
den Boden und lie ihn laufen. Glcklicherweise rckte jetzt gerade das
Bataillon ein, und als Dret von dem unglcklichen Wachtkommandanten
erfahren hatte, was vorgefallen, geriet er so sehr in Zorn, da er ihn
sogleich in strengen Arrest schickte, nachdem er ihn abwechselnd bald
deutsch, bald franzsisch vor der Front heruntergeputzt. Es wurde nun
eine andere Wache dahin kommandiert, und da sich die Haufen Volks noch
immer mehrten, so kam der Maire mit seiner dreifarbigen Schrpe und
forderte sie auf, auseinanderzugehen was sie auch befolgten. Aber Dret
war hiermit nicht zufrieden, lie durch alle Straen patrouillieren,
verdoppelte die Wache und verlangte vom Maire, da er die Schuldigen
bestrafen und dem Bataillon Satisfaktion geben solle. Dieser machte
jedoch Schwierigkeiten und erklrte, da, wenn sich die Truppen an den
Einwohnern vergreifen wrden, er fr nichts stehen knne, und diese
gewi sogleich das Tocsin (die Sturmglocke) luten und die Landleute
herbeiziehen wrden. Man lie jetzt die fatale Sache, welche auch den
beiden uns folgenden Bataillonen keinen sehr angenehmen Empfang zu
Tarascon bereitete, auf sich beruhen. Ich fhrte eine der Streifwachen
an, und wenn ich an einen dichten Haufen kam, wo nicht gut durchzukommen
war, so sagte ich laut: _Messieurs, de la place s'il vous plait!_,
worauf man mir hflich die Gassen ffnete und mich ungehindert und
ungeneckt mit meinen Leuten durchlie. Buchwald aber machte die Sache so
viel Verdrielichkeiten, da er bald darauf das Regiment quittierte, um
anderwrts ein Unterkommen zu suchen.

Tarascon hat ein schnes altes Schlo, das die Einwohner die Burg des
Knigs Ren nennen, der sich fters in dieser Stadt aufhielt. Es war
aber die Residenz der alten Grafen der Provence; es ist von gotischer
Bauart und dient jetzt zum Gefngnis; von seinen Mauern hat man eine
herrliche Aussicht in die unabsehbaren Ebenen von Languedoc. Unter dem
Knig Ren fand hier ein sehr sonderbares Tournier statt, welches man
das Schfertournier nannte, weil die demselben beiwohnenden Ritter auf
ihren herrlichen Tournierhengsten, ganz geharnischt und die Helme mit
purpurroten Federn geschmckt, nebst ihren Waffen auch einen
Schferrock, eine Schferschippe, eine Sackpfeife oder Flte und ein
Brotkrbchen nebst einer Wasserflasche bei sich fhrten. Die Preise
wurden dem Sieger von einer als Schferin gekleideten Dame, die auf
einem von zwei Edelknaben gefhrten und mit Goldstoff bedeckten Zelter
ritt, und der voran eine ganze Herde Schafe ging, ausgeteilt. Ihr grnes
Schferhtchen war mit Wiesenblumen geschmckt und ihr Schferstab war
von Silber, auch sie hatte ein Brotkrbchen und ein Wasserflschchen am
Grtel hngen. Whrend man tournierte, sa sie in einer Blumenlaube auf
erhhtem Sitz. Der Preis, den sie auszuteilen hatte, bestand in einem
Ku und Blumenstrau an goldenen Stengeln. Rechts von ihr sa der Knig
Ren und seine Gattin auf einer rot ausgeschlagenen Tribne, hinter
ihnen deren Gefolge, und links von ihr saen die Kampfrichter. Einer der
Ritter-Schfer, der den Preis erhielt, um den er lange verzweifelt
gekmpft, begngte sich mit dem Ku und zierte unter dem donnernden
Beifall der ganzen Versammlung die hbsche Schferin mit den Blumen an
goldenen Stengeln.

Zu Tarascon war auch der Hauptsitz der provenzalischen Galanterie und
Minne, hier wurden manche Liebeshfe abgehalten und prchtige Feste
gefeiert, und fast alle Troubadoure und Dichter der Provence haben die
Schlsser von Tarascon und Beaucaire, denn auch diese Stadt hatte eine
berhmte Burg, durch ihre Gesnge verherrlicht. Das Schlo von Tarascon
hat noch groe unterirdische Gewlbe und ungeheure Hallen und Sle; von
seinen Zinnen und Trmen sprangen einst ber fnfzig Gefangene in die
unten vorbeiflieende Rhone hinab, lauter Englnder, von denen die
meisten in den Wellen ertranken, whrend sich mehrere durch Schwimmen
retteten. Der Gouverneur lie nun auf allen Mauern zweischneidige
Schwerter, Sensen und Spiee befestigen, damit man nicht mehr versuchen
mge, sich auf diese Weise in Freiheit zu setzen.

Den zweiten Pfingstfeiertag wird hier ein seltsames Fest gefeiert; man
fhrt nmlich ein groes Ungeheuer, von Holz verfertigt, das man _la
Tarasque_ nennt, in den Straen der Stadt umher und lt es die Leute
niederwerfen und nicht selten beschdigen. Diese Art von Prozession
geschieht zum Andenken an einen Wasserdrachen, der in uralten Zeiten die
Schiffe in der Rhone umwarf, die Schiffer verschlang oder zerri, selbst
in die Straen von Tarascon drang, und was ihm an Menschen begegnete,
raubte und auffra. -- Unter Nero, so erzhlt die Sage, zogen bewaffnete
Kohorten gegen das Ungetm aus, aber dieses verschlang alles samt Schild
und Speer, die Ufer des Stromes waren mit Menschenknochen best, und es
war nahe daran, da alle Einwohner die Stadt auf immer verlassen
wollten, um sich ein anderes Vaterland, wo sie vor dem Drachen in
Sicherheit wren, zu suchen; da kam pltzlich eine schn geschmckte
Barke den Strom herabgefahren, in der ein wunderschnes Frauenbild sa,
das eine ehrwrdige mnnliche Gestalt begleitete. Die Jungfrau landete
in der Nhe der Hhle, in welcher sich der Drache aufhielt, der, als er
sie erblickte, sich winselnd zu ihren Fen wand und geduldig litt, da
sie ein Band um seinen schuppigen Hals befestigte. Dann aber folgte er
ihr zitternd. Sie fhrte das Ungetm mitten auf den Markt der Stadt
Tarascon und befahl den staunenden Einwohnern, es zu erschlagen, was sie
auch sogleich taten. Jetzt hielt der Begleiter der Jungfrau eine Predigt
an das Volk, um es zum Christentum zu bekehren, denn es waren noch eitel
Heiden, und brachte eine solche Wirkung hervor, da sich sogleich alle
und ohne Ausnahme taufen lieen. Die Retterin war niemand anders als die
heilige Martha selbst gewesen, und ihr Begleiter war ihr Bruder Lazarus,
der erste christliche Bischof in jenem Land. Der hlzerne Drachen, den
man jetzt noch alljhrlich am Pfingstfest und auch am Festtag der
heiligen Martha herumfhrt und den Tarasque nennt, hat ungefhr die
Gestalt einer Riesenschildkrte, die langgeschwnzt ist, und ist ein von
hellgrner, mit goldenen Schuppen bemalter Wachsleinewand berzogenes
hlzernes Gerippe, unter dem acht junge Burschen stecken, die es
sechzehnfig machen, leiten und lenken, und mit ihm sich gewandt
drehend, unter die dichtesten Haufen der Zuschauer rennen, sie zu
Dutzenden niederwerfen, und mit dem Drachenschwanz so derb schlagen, da
alle schreiend davonlaufen. Zugleich speit das Ungetm aus dem Rachen
und den Nasenlchern Feuer und schleudert Schwrmer unter die Menge. Am
Festtag der heiligen Martha wird das Ungeheuer von einem jungen
weigekleideten Mdchen an einem langen Bande gefhrt, wo es sehr
friedfertig ist, und wird zuletzt in die Kirche der heiligen Martha
gebracht, in der sich auch deren schnes Grabmal von Marmor befindet,
auf dem sie liegend dargestellt ist; hier leitet man es in das Chor, wo
es ein Priester mit Weihwasser besprengt, worauf es leblos niederstrzt,
und in dieser Kirche wieder bis zur nchsten Prozession aufbewahrt wird.
In der Revolution hatte man es zerschlagen, aber nach der
Wiedereinfhrung der christlichen Religion wurde auch ein neuer Tarasque
verfertigt, und das Volk begrte mit Jubel und Freudengeschrei die
Wiederauflebung seines alten Drachens.

Von dem uns so unfreundlichen Tarascon marschierten wir nach dem durch
seine berhmten rmischen Denkmler berhmten Nimes.

Da hier die Einwohner in einem gewissen Wohlstand waren, so fanden sie
sich meistens mit den Soldaten, die Quartierbillette auf sie hatten,
durch Geld ab und zahlten drei bis sechs Franken per Mann fr das
Billett; so kam es, da beinahe die Hlfte des Bataillons whrend der
Nacht auf den Straen kampierte. Nachdem die Leute das erhaltene Geld in
den Wirtshusern verzehrt, sich grtenteils betrunken hatten,
schlenderten sie lrmend in der Stadt umher, machten auch hie und da
einige Exzesse, bis sie endlich unter freiem Himmel, den Tornister statt
Kissen unter dem Kopf, einschliefen. Der Bataillonschef gab den andern
Tag eine strenge Ordre, durch welche er bei namhafter Strafe den
Soldaten das Verkaufen ihrer Quartierbilletts untersagte, um knftig
hnlichen Unordnungen zu steuern, was den Leuten eben nicht behagte.
Denn in den Quartieren im Innern von Frankreich hatten sie auer der
Schlafstelle auf nichts als Kochsalz und Licht Anspruch zu machen, und
das geringste, was man ihnen dafr gab, waren doch immer dreiig Sous,
wofr sie viel essen und noch weit mehr trinken konnten. -- Ich hatte
wieder das Glck, zu einer hbschen jungen Frau ins Quartier zu kommen,
deren Ehemann ihr jedoch, solange ich da war, nicht von der Seite wich,
ergo war jeder Versuch unmglich.

Den vierten Tag nach unserm Ausmarsch von Avignon rckten wir in unserer
neuen Garnison Montpellier ein. Je nher wir dieser Stadt kamen, desto
angenehmer wurde die hier im allgemeinem sehr kahle Gegend mit fast
kreideweiem Erdreich, welcher die vielen graugrnen Olivenbume zwar
ein sehr friedliches, aber auch totes Ansehen geben; auch um Montpellier
sieht man auer Granat-, Pomeranzen-, Maulbeer-, Feigen-, Mandel-,
Cypressenbumen und Weinstcken wenig andere Bume und Gebsch. Die
Stadt liegt in einer der fruchtbarsten Ebenen von Sdfrankreich, ist von
hbschen Landhusern umgeben und an einem Hgel amphitheatralisch
erbaut, was ihr ein groartiges Ansehen gibt. Aber im Innern ist sie
schlecht gebaut und hat meistens sehr enge und winklige Straen und
wenig freie Pltze; demungeachtet hat sie eine sehr gesunde Lage und
Luft. Sie ist die Hauptstadt des Departements Herault, Sitz einer
Prfektur, und zhlt vierzigtausend Einwohner; ihre Entstehung ist
neuerer Zeit; im elften Jahrhundert stand hier noch ein Flecken, den man
_Mons puellarum_ (junger Mdchenberg) nannte, weil er, wie die Sage
will, an der Stelle lag, wo sich frher eine Einsiedelei befand, in
welcher zwei sehr junge und wunderschne Jungfrauen, die sich Gott
geweiht, als Eremitinnen lebten.

Wir marschierten gleich auf die Esplanade, einen schnen, groen, mit
Bumen besetzten Platz, der zwischen der Stadt und der von Ludwig XIII.
als Zwinger fr die Protestanten erbauten Zitadelle liegt. Das Bataillon
wurde in den prchtigen und sehr gerumigen Kasernen untergebracht, in
denen die drei Bataillone des Regiments, die sich in wenig Tagen hier
wieder vereint fanden, hinlnglich Raum hatten.




                                 XIII.

   Die Garnison zu Montpellier. -- Der Peyron. -- Furcht der Soldaten
       vor der medizinischen Fakultt. -- Die Einwohner. -- Meine
    Hausdamen. -- Demoiselle Verteuil. -- Frst Y. mein Nebenbuhler.
     -- Ich falle in Ungnade. -- Die Fahnenweihe. -- Der souverne
    Frst in strengem Arrest. -- Folgenschwerer Ritt nach Cette. --
      Nchtliche Spazierfahrt auf der See. -- Auch ich in strengem
       Arrest und verliere meinen Grad als Sergeant. -- Ich werde
   Unterleutnant. -- Abmarsch nach Toulon. -- St. Remy. -- Orgon. --
    Aix. -- Das Fronleichnamsfest daselbst. -- Arles. -- Toulon. --
      Stadt und Hafen. -- Das Arsenal. -- Die Galeerensklaven. --
        Wiedereinnahme von Toulon durch die Republikaner (1793).
        -- Bonaparte tut sich zuerst hervor. -- Verbrennung der
   franzsischen Flotte und des Arsenals. -- Verheerung der Stadt. --
   Rauferei mit einem Marine-Offizier. -- Ein Skandal im Theater. --
     La Seine. -- Die Familie Guige. -- Eine Hochzeit auf der Insel
                 Porquerolles. -- Abmarsch nach Genua.


Die beiden ersten Tage hatte ich mich in ein Hotel logiert, suchte mir
aber schon am zweiten eine passende Privatwohnung, die ich auch bald in
der Nhe des Theaters und der Esplanade bei ein paar liebenswrdigen
Frauen fand, von denen die eine an einen bei den Armeen in Deutschland
angestellten Kommissr verheiratet, und die andere, ihre Schwester, noch
unverheiratet war; bei dieser Wohnung befand sich ein hbscher Garten
mit einem sehr eleganten Pavillon, der in dessen Mitte, von Zypressen
umgeben, lag. -- Ich erhielt ein elegant mbliertes Wohnzimmer und
ebensolches Schlafkabinett, das in den Garten ging, fr vierzig Franken
monatlich. Auch fr Montpellier hatte ich Empfehlungsschreiben an das
Haus Michel und Gayral bald nach unserer Ankunft daselbst von meinem
Vater erhalten und wurde von demselben mit zuvorkommender Artigkeit
empfangen. -- Ich besuchte schon den zweiten Abend das Theater, ein
Vergngen, das ich seit Lyon zu meinem Leidwesen entbehrte, da in
Avignon whrend unseres Aufenthaltes nicht gespielt wurde, und fand die
Oper wenigstens leidlich, das Lust- und Schauspiel aber ziemlich gut
besetzt; besonders war es eine Aktrice, Demoiselle Verteuil, die zum
Entzcken spielte, und deren ueres ganz mit dem Spiel harmonierte. Es
war Molires >Tartffe<, den ich zuerst hier sah und der sehr gut
gegeben wurde. Die Vorstellung hatte ein glnzendes Publikum, das ganze
Offizierskorps samt dem Frsten Y., der erst hier wieder zu dem Regiment
gestoen war, da er, als wir von Toul abmarschierten, abermals einen
Abstecher nach Paris gemacht hatte, wohnte derselben bei. Die Offiziere
muten sich nun fr ein Lumpengeld, einen Tag der monatlichen Gage, per
Monat abonnieren, die Kadetten bezahlten fr Unterleutnantsgage. -- Auch
die Damen von Montpellier hatten sich diesen Abend in der glnzendsten
Toilette eingefunden und schmckte die Logenreihen auf das eleganteste.
Ich war von dieser Vorstellung in jeder Hinsicht so enchantiert, da ich
mir vornahm, mich mglichst schnell in der hiesigen schnen Welt zu
orientieren, und um dies zu knnen, auf folgendes Mittel fiel, das sich
als vollkommen bewhrt erfand. Ich lie nmlich gleich den andern Morgen
den Friseur der Stadt holen, der in derselben an der Tagesordnung, das
heit in der Mode war, empfing ihn sehr artig, ihn bittend, mir doch die
Haare nach dem neuen Pariser Schnitt zuzuschneiden, mich nebenbei _au
fait_ der stdtischen Angelegenheiten, das heit der schnen Damenwelt,
zu setzen, und mit dem Treiben der eleganten Welt und der _Chronique
scandaleuse_ bekannt zu machen. Dabei spielte ich mit einem
Sechs-Livretaler zwischen den Fingern, was dem Haarknstler, der, wie
alle seines Handwerks in Frankreich, zugleich auch Barbier war, die
Zunge so trefflich lste, da ich in weniger als einer Stunde mehr
wute, als htte ich jahrelang in Montpellier gelebt und mich selbst um
diese Angelegenheiten bemht. Ich fand das Mittel so probat, da ich von
jetzt an beschlo, sogleich nach der Ankunft in jeder Stadt, in der wir
lnger verweilen wrden, dasselbe anzuwenden; der Erfolg war immer der
erwnschteste, und meine Kameraden, denen ich die Sache geheim hielt,
konnten gar nicht begreifen, wie ich nach den ersten vierundzwanzig
Stunden in einer Garnison schon alle in einigem Rufe stehenden
Schnheiten, deren Verhltnisse, Intrigen und so weiter wute und an den
Fingern herzhlen konnte.

Nachdem ich erfahren, was ich zu wissen begehrte, entlie ich meinen
Figaro, ihm den Sechs-Livretaler einhndigend, fr den er sich
tausendmal bedankte, machte Toilette und dann meinen liebenswrdigsten
Wirtinnen meine gehorsamste Aufwartung. Sie nahmen mich recht artig auf
und luden mich sogar zum zweiten Frhstck ein, was ich aber ausschlug,
die Parade vorschtzend. In dem Salon stand ein Piano, die Damen waren
beide ein wenig musikalisch, die eine spielte, die andere sang
franzsische Romanzen zwar etwas falsch, aber doch mit ziemlich
klangreicher Stimme und vielem Ausdruck, und die liebe Kunst wurde bald
wieder die gefllige Kupplerin. Madame Amiot war eine charmante
Brnette, die ein kleines, etwas verzogenes Mulchen hatte, das ihr
allerliebst lie, besonders wenn sie lchelte; ihre Schwester aber war
eine dunkle Blondine, eine geistreiche und sehr muntere Franzsin. Noch
an demselben Abend besuchte ich in Gesellschaft meiner Wirtinnen den
hochberhmten Peyron oder _lieu pierreux_, wie er im dortigen Patois
genannt wird, ein groer Lustgarten, zu dem drei steinerne Treppen durch
drei schne Gittertore fhren. Es ist ein groes lngliches Viereck, von
prchtigen Balustraden eingefat, an dessen einem Ende zwischen zwei
Reihen Bumen sich eine Terrasse mit einem sehr schnen achteckigen
Wassertempel befindet, zu dem zwei Prachtstiegen fhren. Dieser
Lustplatz ist ohne Widerrede eine der schnsten Promenaden Europas, mit
der groartigsten Aussicht, von ihm aus sieht man rechts die Pyrenen,
links die Gipfel der Alpen; das Amphitheater der Stadt liegt zu den
Fen, und ber demselben hinweg ragen zwischen Baumgruppen und
Zypressen schne Villen und andere Gebude hervor. Gegen Sden hat man
in geringer Ferne die schne, oft spiegelglatte, mit Schiffen belebte
Flche des mittellndischen Meeres vor Augen, das ich hier zum erstenmal
sah, und gegen Norden die lange Kette der Cevennen.

Ganz nahe bei dem Peyron liegt der erste botanische Garten, der in
Frankreich von Belleval im Jahre 1598, und zwar aus dessen eigenen
Mitteln, angelegt wurde; er verwandte die fr jene Zeit ungeheure Summe
von hunderttausend Livres darauf, da die ihm von der Regierung
bewilligten Gelder nicht hinreichten. Zweimal mute der Mann erleben,
da seine Schpfung in den Religionskriegen unter Heinrich IV. und
Ludwig XIII. wieder gnzlich verwstet wurde, und dreimal hatte er den
Mut, sie von neuem zu schaffen. Er wurde hier der erste Professor der
Botanik und Akademie. In einem entlegenen Winkel dieses Gartens befindet
sich das Grabmal der Adoptivtochter des berhmten Verfassers der
Nachtgedanken, Youngs, der reizenden Narcissa, die der Vater auf seinen
Schultern selbst hierher getragen und begraben, weil ihm die
katholischen Priester ein Grab auf dem Kirchhof fr das Mdchen
verweigerten. Meine beiden liebenswrdigen Fhrerinnen teilten mir diese
Begebenheit zwar gerhrt mit, meinten aber doch, es sei ja eine Ketzerin
gewesen, diese Narcissa, also das Unglck nicht so gro, nicht ahnend,
da sie mit einem sogar lutherischen Ketzer in Gesellschaft seien. Ich
brachte indessen den Nachmittag recht vergngt mit den Damen zu, die fr
das verschmhte Frhstck sich meine Teilnahme bei ihrem Souper
ausbaten, was ich jetzt nicht refsierte, und beide zur guten Nacht
kte.

Weltberhmt ist die Hochschule zu Montpellier, besonders hinsichtlich
der Arzneiwissenschaft, der Chirurgie und Anatomie. Unter dem Volk ging
aber die Sage, da die Herren Mediziner hier ein so gewissenloses Volk
seien, da sie nicht selten in stiller Nacht an einsamen Orten gesunde
Menschen wegfingen, um ihre Kunst an ihnen zu probieren, indem sie sie
tteten und dann im anatomischen Theater sezierten, namentlich seien sie
auch den abgelegen stehenden Schildwachen sehr gefhrlich, von denen
schon gar manche auf diese Weise schlafen gegangen. Diese letztere
Albernheit hatte sich bald im Regiment unter den Soldaten verbreitet,
die lange Zeit daran glaubten und gewisse Posten nicht ohne Widerwillen
bezogen, auch dann sehr auf ihrer Hut waren. Da nun der Zufall wollte,
da mehrere Schildwachen von ihren Posten desertierten, so lieen es
sich die Leute nicht ausreden, die Herren Doktoren htten sie
weggefangen und tranchiert, bis endlich einmal ein solcher Deserteur
wieder eingebracht und vor der Front des Regiments zur Schau auf- und
niedergefhrt wurde, um die Soldaten zu berzeugen, da ihn die Doktoren
nicht verschnitten hatten. Dies rottete aber dennoch den Khlerglauben
der Leute nicht ganz aus, besonders da der Bursche, diesen Umstand
benutzend, in seinem Verhr aussagte, er habe in der Tat seinen Posten
nur verlassen, weil mehr als ein Dutzend in schwarze Mntel und Kappen
verhllte Kerls auf ihn zugekommen seien und ihn htten fangen wollen,
weshalb er in der Angst sein Gewehr weggeworfen und zum Teufel gelaufen
sei. Dies hinderte nicht, da er hundertfnfzig Prgel in drei Portionen
in drei Tagen bekam und bei erster Gelegenheit wieder davonging.
Indessen ist es in frherer Zeit wirklich geschehen, da solcher
Menschenraub von der hiesigen medizinischen Fakultt verbt wurde.

Ich hatte gleich in den ersten Tagen dem Frsten Y. meine untertnigste
Aufwartung gemacht und wurde nicht nur sehr gndig von demselben
empfangen, sondern er geruhte mich auch zu versichern, da er jeden Tag
mein Offizierspatent mit denen von noch einigen andern Kadetten von
Paris erwarte, wo er uns bei dem Kriegsminister zu Unterleutnants
vorgeschlagen und auch dessen Zusage erhalten habe; ich dankte
gehorsamst fr diese Mitteilung und berlie mich der frohen Hoffnung,
nun bald der mir oft lstigen Sergeantendienste los zu werden. In meiner
Wohnung war ich unterdessen vllig der Hahn im Korb geworden und schon
nach einem zweiten Souper ruhte die verheiratete Schwester auf meinen
Knien und tndelte in meinen Armen, so da uns die ledige scherzend
zurief: _Modrez vous_! -- _Mais il ne me laisse pas, que veux -- tu
que je fasse_?, antwortete die Schwester, und ich setzte hinzu: _Me
laisser faire_, und: _Elle se laissa faire._ Von jetzt an war ich der
Herr vom Hause.

Froh, wieder in einer Stadt zu sein, wo sich ein Theater befand,
versumte ich nicht leicht eine Vorstellung, und besuchte diese oft in
Gesellschaft meiner beiden Hausdamen; aber bald interessierte mich die
hbsche Verteuil weit mehr als diese, so da ich noch lieber den Proben,
als den Vorstellungen, und diesen jetzt fast immer nur hinter den
Kulissen beiwohnte. Vermittelst einiger kleiner Geschenke und artiger
Galanterien, vielleicht auch weil man mich fr reich hielt, stand ich
bald auf einem sehr vertrauten Fu mit der liebenswrdigen Aktrice, und
brachte manche Stunde in ihrer und der andern Theaterprinzessinnen
Gesellschaft zu. Aufrichtig gestanden, habe ich in meinem ganzen Leben
die Erfahrung gemacht, da der Umgang und die Gesellschaft von
Schauspielerinnen, Sngerinnen und Tnzerinnen, die in der Regel nicht
ohne Geist, Witz und Verstand und mit der muntersten Laune begabt sind,
das Unterhaltendste von der Welt, whrend die vornehme Welt und
sogenannte gute Gesellschaft zugleich auch die zum Einschlafen
langweiligste ist, weshalb ich den Umgang mit hbschen Aktricen, wo
deren waren, allem andern vorzog; doch hat er auch seine unangenehme und
etwas kostspielige Seite und kann nach Umstnden gefhrlich werden und
viel Unheil anrichten, wie ich mehrmals die Erfahrung machte und wir
sogleich sehen werden. -- Madame Verteuil hatte zu meinem Unstern auch
wieder Gnade bei Seiner Durchlaucht unserm Regimentschef gefunden, den
sie ebenfalls nicht verschmhte, wovon ich aber ebensowenig wute, als
der Frst mein Verhltnis mit ihr ahnte. Eines Abends, nachdem ich mich
nach dem Theater noch eine gute Weile mit einem alten pensionierten
General aus der Zeit Ludwigs XVI. in dem Zelt der Esplanade unterhalten
und die Erzhlung von dessen Abenteuern, die er in seiner Jugend in
Deutschland, namentlich am Hof des Vaters unsers Frsten Y. mit einer
Prinzessin, dessen Tante, gehabt, geduldig zugehrt hatte, fiel es mir
nach zehn Uhr ein, der Verteuil noch einen Besuch _en passant_ zu
machen; sie wohnte ebenfalls in der Nhe des Theaters. Ich wurde aber
nicht von ihr erwartet, da wir in dem Theater davon gesprochen hatten,
da ich heute nicht kommen wrde, weil sie ber Kopfweh und Unwohlsein
klagte, was fters der Fall war. Ich fand die Haustre offen, schlich
mich leise die Treppe hinauf, ffnete ebenso leise die Zimmertre meiner
Prinzessin und fand Seine Durchlaucht den Frsten Y. halb entkleidet auf
einer Ottomane ausgestreckt liegen; die Verteuil, mich sogleich
erblickend, schrie: _Ah mon dieu qui vient si tard?_ Mit den Worten:
_Mille pardon je me suis tromp_, schlug ich die Tre wieder zu und
eilte von dannen und zur Kloster, der ich lachend mein Abenteuer
erzhlte, worauf mir diese versetzte: _Mais comment, vous ne saviez
donc pas qu'elle est entretenue par son Altesse?_ _Ma foi non._ Ich
trstete mich, ein Glas Punsch mit der Kloster trinkend, die, wie auch
ihr Name andeutete, deutschen Ursprungs war, jedoch kein Wort deutsch
verstand, und nahm mir vor, die Verteuil nicht wieder zu besuchen, denn
ich dankte fr die Ehre, auch >da mit dem Frsten zu teilen, wo er noch
unter den Menschen hinunterkriecht<, wie Schiller sagt. Indessen war mir
doch nicht so ganz wohl bei der Sache, und die Folge zeigte nur zu sehr,
da meine Furcht nicht unbegrndet war, denn Frst Y. warf jetzt einen
unverdienten Ha auf mich und sah mich schon den andern Tag auf der
Parade, der die Kadetten jedesmal, auf dem linken Flgel der Offiziere
stehend, beiwohnen muten, einigemal von der Seite mit einem zrnenden
Blick an, whrend er sonst selten an mir vorberging ohne ein paar
freundliche Worte an mich zu richten. Er sprach diesmal mit dem neben
mir stehenden jungen Prinzen Santa-Croce, der seit kurzem als Kadett in
das Regiment getreten war, ohne mich nur eines Blickes zu wrdigen. --
Noch denselben Tag erlie er eine Ordre _du jour_, welche den Kadetten
auf das strengste befahl, sich zu allen Appellen in den Kasernen
einzufinden, und da bei Kontreappellen deren Anwesenheit in den
Quartieren verifiziert werden solle; zugleich fgte er noch hinzu, da
sich die Herren Offiziere, sowie die Kadetten, nicht mehr unterfangen
sollten, die Bhne whrend der Vorstellungen zu besuchen, wie er sehr
mifllig wahrgenommen, da dieses stattgefunden. Auer mir und Seiner
Durchlaucht wute schwerlich jemand, wodurch dieser Tagesbefehl
hervorgerufen worden war, und wir schwiegen beide weislich. Der Prinz
Santa-Croce, den man trotz dieser Befehle eines Abends hinter den
Kulissen erblickte, erhielt sogleich acht Tage strengen Arrest. Frst Y.
htte dies alles nicht ntig gehabt, denn ich kam ihm nicht mehr ins
Gehege, ob mir gleich die Verteuil ein halbes Dutzend parfmierter
Entschuldigungs- und Einladungsschreiben auf Rosapapier zusandte. Ich
hielt mich an die Kloster.

Auf dem Landhaus des Herrn Gayral, wohin ich sehr oft eingeladen wurde,
hatte ich unterdessen auch die Bekanntschaft einer sehr artigen
Kaufmannsfrau, der Madame Cauchin, gemacht, die mich, so wie ihr Mann,
einlud, sie doch bisweilen zu besuchen, und mir sogar ihre Loge im
Theater zur Disposition stellte. In diesem Haus brachte ich von jetzt an
manche hochvergngte Stunde zu. berhaupt war bis dahin das Leben in
Montpellier ein wahres Gtterleben fr uns gewesen, und es fehlte uns an
Vergngungen und Zerstreuungen nicht. Barras, der auf Befehl Napoleons
hundert Lieues von Paris entfernt leben mute und sich damals hier
aufhielt, gab mehrmals groe Soireen, zu denen er das ganze
Offizierkorps des Regiments einlud, und die sehr glnzend waren, da sich
die Hautevolee und die ersten Schnheiten der Stadt hier vereinigt
einfanden. Ein groes Fest aber war die Fahnenweihe unsers Regiments,
dessen Bataillone hier ihre Fahnen erhielten, deren reich mit Gold
gestickte Krawatten ein Geschenk der Kaiserin Josephine waren, wie die
Inschrift mit goldenen Buchstaben besagte. Nach der groen Parade, bei
welcher die Fahnen den Bataillonen und den dazu bestimmten Trgern,
nachdem sie in der Peterskirche von dem Bischof unter Gewehrsalven
eingeweiht worden waren, eingehndigt wurden, fand ein groes Diner und
am Abend ein Ball auf Kosten des Offizierkorps statt, zu dem alle
Notabilitten von Montpellier eingeladen waren, und der bis zum Grauen
des Tages whrte. -- Wir hatten nun unsere Vereinigungszeichen, aber es
waren bunte seidene Lappen, statt Adlern, wie sie die franzsischen
Linienregimenter hatten; wahrscheinlich hielt uns Napoleon seiner Adler
nicht wert, und wir muten uns mit Latour d'Auvergne und andern
sogenannten Fremdenregimentern trsten, denen es nicht besser erging.

Im Theater hatte man seit einiger Zeit bei jeder Vorstellung drei sehr
hbsche Mdchen in einer Loge des ersten Ranges bemerkt, welche immer in
der elegantesten Toilette nach der neuesten Pariser Mode gekleidet
erschienen und aller Augen, namentlich auch die unsers Gromajors
Omeara, eines Irlnders, auf sich zogen. Diese Damen gaben sich fr
Pariserinnen aus, welchen das herrliche Klima Montpelliers von den
rzten verordnet worden, ihre etwas angegriffene Gesundheit wieder
vllig herzustellen; sie spielten brigens die Sprden, waren sehr
zurckhaltend und gaben namentlich Subalternoffizieren und andern
Herren, die sich bemhten, ihre Bekanntschaft zu machen, kein Gehr. Man
sprach viel von der strengen Tugend dieser Demoiselles, die einer der
ersten Familien der Hauptstadt angehren sollten, prchtig, aber
eingezogen mit einer lteren Gouvernante in einem eleganten Gartenhaus
wohnten, keine Gesellschaft frequentierten, auch eine Einladung auf
unsern Fahnenball zurckgewiesen hatten. Bald jedoch flsterte man sich
in die Ohren, da sie unser Gromajor mit nchtlichen Besuchen beehre,
andere sagten, es sei der Frst selbst, der sich um die elfte Stunde
nachts zu ihnen schleiche, und nun liefen allerlei mysterise Gerchte
auf Rechnung dieser Damen um, die das Gesprch der ganzen Stadt waren,
bis endlich der Zufall das geheimnisvolle Wesen derselben an den Tag
brachte. -- Ein Schauspieler vom franzsischen Theater zu Paris, der
nach Montpellier gekommen war, um hier Gastrollen zu geben, erkannte
gleich zwei derselben als zwar sehr schne, aber auch sehr kommune
Nymphen des Palais-Royal in Paris. Jetzt war ihre Rolle ausgespielt, und
als sie wieder in ihre Loge traten, zischte und pfiff man solange, bis
sie sich entfernt hatten, was sie erst dann taten, als der Tumult aufs
hchste gestiegen war. Schon am andern Tage waren sie aus Montpellier
verschwunden. Es war nun gewi, da sie den Frsten Y., den Gromajor
Omeara und einige reiche Gimpel in ihr Netz zu ziehen gewut und ihnen
tchtig die Federn gerupft hatten. Man lachte viel ber diese Aventre,
denn wer den Schaden hat, darf ja fr den Spott nicht sorgen. Dies war
nicht die einzige Unannehmlichkeit, die dem Frsten hier widerfuhr, eine
weit grere stand ihm noch bevor. Der General, Kommandant zu
Montpellier, namens Quesnel, der die neunte Division befehligte, war ein
alter Soldat, der von der Pike auf gedient hatte und seinen hohen Grad
einzig seinem Mut und seinen Verdiensten verdankte, war sehr unzufrieden
mit der Art, wie im Regiment Y. der Dienst versehen wurde, sowie auch
mit den Manvern bei dem Exerzieren, weshalb er uns jeden Tag ausrcken
lie und den bungen selbst beiwohnte. Eines Tages kam, als das Regiment
manvrierte, Frst Y. in einer mit vier Pferden bespannten Kalesche in
Begleitung zweier Damen auf dem Exerzierplatz angefahren, wo er aus
seinem Wagen den bungen bequem mit zusah; dies wurmte den alten
General, der einen Adjutanten an ihn abschickte mit dem Befehl, der Herr
Oberst mge die Gte haben, ihm sein Regiment vorzufhren und dasselbe
selbst zu kommandieren. Frst Y. mute nun wohl oder bel aussteigen,
und da er kein Reitpferd bei der Hand hatte, das Regiment zu Fu
anfhren. Er hatte von Natur eine unangenehme und gellende Stimme ohne
Kraft und Ausdruck beim Kommando, so da man ihn bisweilen nicht recht
verstand, wodurch dann Irrtmer entstanden; auch war er nichts weniger
als kapitelfest in den Evolutionen. rgerlich, sozusagen jetzt _par
ordre du_ Mufti kommandieren zu mssen, verlor er ganz die
Geistesgegenwart und machte einige arge Verste, die der General aber
nicht sogleich inneward, weil er das deutsche Kommando nicht verstand;
bald aber sah er doch ein, da die Fehler vom kommandierenden Oberst
ausgehen mten und stellte diesen deshalb zur Rede. Frst Y.
replizierte etwas unbesonnen, worauf Quesnel ein franzsisches
Donnerwetter loslie, ihm zu schweigen gebot, und da er dies nicht
sogleich befolgte, ihm befahl, sich auf der Stelle in Arrest zu
verfgen. Seine Durchlaucht wurden nun bla, wollten mehrmals etwas
entgegnen, aber der General drohte ihm, glhend rot, da, wenn er nicht
sogleich ginge, er ihn _par la force arme_, das heit mit der Wache
abfhren lassen werde. Hier blieb nun nichts anderes brig, als Ordre zu
parieren, wollte man sich nicht noch greren Fatalitten aussetzen und
wohl gar ein Kriegsgericht passieren sehen. Mit dem Ausruf: Dies einem
souvernen Frsten! entfernte sich Y. zu Fu, um acht Tage strengen
Zimmerarrest anzutreten, und die in dem Wagen sitzenden Damen, die dem
ganzen Skandal beigewohnt hatten, fuhren ganz verstimmt und unter dem
Hohnlachen der Soldaten in dem vierspnnigen frstlichen Wappenwagen vom
Exerzierplatz heim. Als die Zeit des Arrests um war, stellte sich Y.
noch mehrere Tage krank, mute aber endlich dennoch in den sauern Apfel
beien, dem bsen General aufzuwarten, um sich zu melden, den er zu
seiner groen Freude seinerseits an einem Halsgeschwr wirklich krank
darniederliegend fand.

Der Frst erschien nun wieder bei der Parade, wo er aber gleich das
erstemal noch eine Fatalitt anderer Art hatte. Es fanden sich bei
derselben jedesmal eine Menge Zuschauer, meistens aus den unteren
Klassen des Volks, ein, hauptschlich, um der Musik zuzuhren; diese
Leute drngten sich aber oft so unverschmt dicht an die aufziehende
Wachtmannschaft heran, da dieser kaum mehr Raum zum Abschwenken mit
Pelotons brigblieb. Der die Wachtparade kommandierende Bataillonschef,
ein gewisser Brge, ein Elssser, wollte das Volk mit Schreien und
Schimpfen zurckgehen machen, man lachte ihm aber ins Gesicht und drang
noch frecher vor. Brge lie nun mit Sektionen abschwenken, so da die
Soldaten rasch in die Haufen drangen, die nicht schnell genug
zurckweichen konnten, und Brge rief ihnen dabei noch auf deutsch zu:
Tretet die Hundsftter, die nicht weichen, nieder!, so da es beinahe
zu einem Handgemenge zwischen den Soldaten und dem hier so bsartigen
Volk gekommen wre, aus dem mehrere der Kecksten vortraten und den
kommandierenden Offizier frmlich herausforderten. Glcklicherweise trat
Dret hinzu, der so ziemlich das Patois dieser Menschen sprach, und dem
es gelang, die fatale Sache friedlich beizulegen. Aber der General, dem
der Vorfall rapportiert wurde, lie dem Frsten abermals einen Verweis
zukommen und schickte den Bataillonschef Brge vier Tage in Arrest.

In meiner Wohnung lebte ich indessen ganz behaglich, ich hatte auch die
Kost bei den Damen, und wir fhrten mit noch einigen andern Bekannten
derselben bisweilen kleine franzsische Lustspiele und Vaudevilles im
Gartensalon, aber mglichst geheim, auf, wobei nur wenige Eingeweihte
als Zuschauer zugelassen wurden. Ich fand dies um so ntiger, als Frst
Y. frher einmal bei der Parade zu mir gesagt hatte: Nun, wie steht's
mit unserm Theater, werden Sie bald wieder etwas zum besten geben? Sie
knnen auch nchstens wieder Ihre Vorlesungen bei mir beginnen. Worauf
ich erwidert hatte: Durchlaucht, ich stehe zu Befehl! Nach dem Vorfall
mit der Verteuil war aber von dem allem keine Rede mehr, ob ich gleich
berzeugt war, da mich Frst Y. whrend seinem Arrest und seiner
wirklichen oder fingierten Krankheit gerne wieder zum Vorlesen gehabt
htte.

So lebte ich denn noch einige Zeit so ziemlich sorglos und unbekmmert,
obgleich in Ungnade gefallen, in den Tag hinein, versah meinen Dienst,
bezahlte aber meine meisten Wachen, ausgenommen die, welche mich an den
Justizpalast kommandierten, wo ich mich amsierte, weil ich dann immer
den ffentlichen Verhandlungen der Tribunale beiwohnte, die oft im
hchsten Grad unterhaltend und komisch waren, besonders wenn sie
Ehestandszwistigkeiten, Liebesintrigen und so weiter betrafen, wo dann
jedesmal die Frauen die groe Mehrzahl des Auditoriums ausmachten und
sich desto besser unterhielten, je grer der Skandal war, auch ihre
Gesichter eine ungeheure Heiterkeit berzog. Aber bald wurde ich durch
ein Ungewitter, das sich ber meinem Haupt zusammenzog und pltzlich
losbrach, an dem ich freilich zum Teil selbst groe Schuld trug, aus
meinem Schlaraffenleben aufgeschreckt. Ein berhmter Snger von der
_Academie imperiale_ in Paris gastierte hier, und solange er weilte,
wurden nur Opern aufgefhrt, whrend das Schauspiel unterdessen
Vorstellungen zu Cette gab. Seine Durchlaucht war noch immer mit der
Verteuil liiert, whrend ich jetzt einer jungen, aber recht hbschen
Novize, die sich erst seit kurzem Thaliens Dienst gewidmet, den Hof
machte. Demoiselle Angely hatte ein allerliebstes Stumpfnschen _ la
Roxellane_, war dabei ein sehr ausgelassenes, wildes und naseweises
Ding, das seine Launen hatte, die Sprde spielte, aber fr die
Soubretten im Lustspiel ganz geschaffen war. Wenn ich glaubte, sie
endlich ganz gewi festzuhalten, war sie mir wieder entschlpft, und
schon fters hatte ich bis Mitternacht bei ihr zugebracht, ohne etwas
mehr als einige Ksse, und diese nur sparsam, erlangen zu knnen.
Jedesmal ging ich verdrielich mit leeren Versprechungen, die sie mir
nebst einem Ku beim Abschied fr den folgenden Abend gab, und nie
hielt, von ihr weg, mir vornehmend, das eigensinnige Mdchen ganz
aufzugeben; diesen Vorsatz fhrte ich auch immer mit groer Festigkeit
bis zum nchsten Abend aus, wo ich dann wieder das alte Spiel von neuem
mit ebenso geringem Erfolg begann, mich ber mich selbst rgernd, eine
solche Schmachtfahne geworden zu sein, und mich obendrein noch so an der
Nase herumfhren zu lassen. Endlich versprach mir Brigitte Angely, im
Begriff auf mehrere Tage mit dem Schauspiel nach Cette zu fahren, da,
wenn ich sie dort besuchen wolle, sie mich gewi erhren wrde. Da ich
ihr nicht traute, so sagte ich sehr ernst: Ich will nicht hoffen, da
Sie mich wieder zum besten haben und mich vergeblich nach Cette sprengen
wollen, was bses Blut setzen knnte. Mit einem, durch einen feurigen
Ku besiegelten: Nein, gewi nicht! beteuerte sie dieses, und ich
dachte, es ist eine von den nrrischen Launen des Mdchens, da sie mich
nur in Cette und nicht in Montpellier beglcken wolle, warum, das mgen
die Gtter wissen, und versprach ihr, schon den kommenden Tag zu folgen.
Nach der Parade bat ich meinen Kapitn um zwei Tage Urlaub, die er mir
auch gewhrte, doch dabei bemerkte, da es auch der Einwilligung des
Frsten bedrfe, wie ich wohl wisse, die er aber selbst einholen wolle.
Seine Durchlaucht lagen aber gerade diesen Tag wieder an ihrem alten
bel, dem Podagra, darnieder, Saint Jste wurde nicht vorgelassen, hatte
mein Anliegen dem Kammerdiener mitgeteilt, der ihm die Antwort brachte,
der Frst knne sich in diesem Augenblick nicht mit Dienstsachen
befassen, er wrde spter darber Bescheid geben. Am folgenden Tage, an
dem ich Brigitten nach Cette zu kommen versprochen, war noch nichts
entschieden, der Frst kam nicht zur Parade, ich hatte mir schon ein
Pferd gemietet, bat meinen Sergeant-Major, da, wenn ich bei den
Appellen fehlen wrde, er sagen mge, da ich mich krank gemeldet habe,
was er mir versprach. Ich ritt nun in gestrecktem Trabe nach Cette, wo
ich jetzt das Meer in seiner unendlich scheinenden Unermelichkeit zum
erstenmal ganz in der Nhe bewunderte und dann die Angely aufsuchte, die
zu meinem Erstaunen sich mit der Verteuil in derselben Wohnung, und zwar
so eingemietet hatte, da beide in demselben Zimmer schliefen, worber
ich ihr whrend der Vorstellung Vorwrfe hinter den Kulissen machte, die
sie aber mit einem: Was tut das, lassen Sie mich nur machen
beantwortete. Wir soupierten nun _ trois_, die Verteuil schien von der
besten Laune beseelt, welche spanische Feuerweine noch vermehrten, und
machte Witze auf Kosten des Frsten Y. Nach dem Souper schlug sie vor,
die herrliche stille Mondnacht zu einer kleinen Spazierfahrt auf der See
zu benutzen, was mir, der ich noch nie auf dem Meere gefahren, ganz
willkommen war. Wir suchten einen Schiffer an dem Hafen auf, der uns mit
einem Gehilfen in die gerade ganz spiegelglatte See, wie sie nur am
Mittellndischen Meer zu finden ist, und in welcher die silbernen
Mondstrahlen sich herrlich spiegelten, eine ziemliche Strecke fuhr. Die
ganze Natur war so still und ruhig, da es uns schien, als seien wir die
einzigen lebenden Wesen in derselben, man hrte kein anderes Gerusch
als das Niederschlagen der beiden Ruder unserer Barke. Brigitte wurde
ganz gegen ihre Gewohnheit ernst und stille, sprach wenig, seufzte sogar
bisweilen, und schmiegte sich fest an mich, whrend ich sie mit dem
linken Arm umschlang. Die Verteuil lchelte etwas ironisch und fragte
die Ruderer, ob sie kein languedozisches Lied zu singen wten, was
diese bejahten und gleich das in dieser Gegend so beliebte >_La Nisada
d'amour_<, das mit den Worten: >_Connonysss la bella Liseta_< beginnt,
anstimmten. Nach einer guten halben Stunde fuhren wir wieder ans Land
und begaben uns in unsere Wohnung zurck, wo sich die Verteuil in das
eine Bett und die Angely in das andere, in einem Alkoven stehende
verfgte, whrend ich mich angekleidet auf eine Ottomane warf, als aber
die Lichter gelscht waren, in den Alkoven schlich, wo man mich mit
offenen Armen, jedoch ganz leise ein Pst, Pst! lispelnd, empfing. Erst
als es zu spt war, erkannte ich, da es die Verteuil war, die ich
umschlungen hatte, lie aber nicht merken, da ich den Betrug entdeckt,
und schlich mich nach Mitternacht, als ich sie eingeschlafen glaubte,
davon und an das andere Bett, dessen Inhalt gleichfalls schlief, und den
ich mit Kssen bedeckte, auch schlaftrunken wieder gekt ward und
endlich wahrnahm, da es -- wieder die Verteuil war, die ich umarmte. Es
war, wie ich nun wohl einsah, eine abgekartete Sache zwischen den Damen,
mich so zu foppen, aber ich nahm mir fest vor, die schelmische Brigitte
dafr _ tout prix_ zu bestrafen, ging gegen Morgen auf mein Zimmer, das
Gemach der Aktricen verschlieend und den Schlssel zu mir steckend.
Angekleidet warf ich mich nun auf mein Bett, schlief bald ein und --
verschlief den halben Morgen, denn ich bedurfte der Ruhe. Als ich
erwachte und nach der Uhr sah, die schon zehn zeigte, fiel es mir hei
ein, da ich eigentlich ohne Urlaub von Montpellier fort sei und mir
dies einen schlimmen Handel bei der ungndigen Stimmung des Frsten
gegen mich zuziehen knne, wenn es an den Tag kme, da ich die Nacht in
Cette zugebracht. Ich lie also eilig mein Pferd satteln und jagte, ohne
Abschied von den noch Eingesperrten zu nehmen und den Schlssel ihres
Gemachs bei mir behaltend, _ventre  terre_ nach Montpellier, um
womglich noch zu rechter Zeit zur Parade einzutreffen; aber ich hatte
mich verrechnet, der elende Mietgaul hielt das tolle Rennen nicht aus
und strzte, als ich noch nicht den halben Weg zurckgelegt hatte,
keuchend unter mir zusammen. Ich raffte mich und dann die Mhre nicht
ohne groe Mhe auf, fhrte sie im langsamen Schritt, jeden Augenblick
frchtend, da sie auf der Stelle liegen bleiben wrde, bis zum nchsten
Dorf, wo ich mir so schnell als mglich einen Karren verschaffte und auf
diesem den Rest des Wegs, wenn auch _ fore des pourboires_, ziemlich
rasch, doch immer noch viel zu langsam, zurcklegte, denn als ich zu
Montpellier ankam, war die Parade lngst vorber und alle Donner gegen
mich losgelassen; der erboste Frst whnte nicht anders, als ich sei der
Verteuil zu Gefallen nach Cette, weshalb er auch Saint Jste so
abfertigen lie, als dieser Urlaub fr mich begehrte. Frst Y. hatte
wenigstens insofern recht, als sie ganz gegen meinen Willen und mein
Wissen in meinen Armen eine Untreue gegen ihn beging. Als ich in meiner
Wohnung ankam, erfuhr ich von meinen Wirtinnen, da schon dreimal ein
Unteroffizier nach mir gefragt und zuletzt mein Kapitn selbst gekommen
sei, sich nach mir zu erkundigen, und da er, als man ihm gesagt, da
man mich seit dem gestrigen Mittag nicht gesehen, geuert habe: Das
wird eine saubere Geschichte werden. Dies waren bse Omen; ich ging nun
sogleich in die Kaserne zu meinem Sergeant-Major, von dem ich erfuhr,
da er Ordre habe, mich sofort nach meiner Ankunft in den _Salle de
police_ der Unteroffiziere zu bringen, was er auch vollzog, und wohin
ich ihm, meinen Degen abschnallend, ganz geduldig folgte. Ich traf dort
ein halbes Dutzend Kameraden, unter denen noch zwei Kadetten fr
Disziplinarvergehen verhaftet waren, welchen ich sogleich die _bien
venue_ spenden mute. Bald darauf erschien auch mein Kapitn, der mich
beiseite nahm und mir verkndete, der Frst sei im hchsten Grad
aufgebracht gegen mich, denn er wisse, da ich ohne Urlaub mit der
Verteuil nach Cette gefahren, da ich bei den Appellen und der Parade
gefehlt und mich habe krank melden lassen, whrend ich _des parties de
plaisir_ mit Aktricen ausgefhrt, und ich msse mich auf seinen ganzen
Zorn gefat machen, was ich in der Erwartung der Dinge, die da kommen
wrden, tat. Am andern Morgen brachte mir der Fourier der Kompagnie das
Ordrebuch, in welchem ich las: >Der Kadett Frhlich ist seines
Grades als Sergeant verlustig und bis auf weitere Ordre wegen
vierundzwanzigstndiger unerlaubter Entfernung aus der Garnison und
Dienstvernachlssigung in strengem Arrest zu behalten.< Wre ich noch
zur Parade eingetroffen, so htte der Frst von meiner Abwesenheit
nichts erfahren, aber als ich da fehlte, schickte er ein- ber das
anderemal in mein Quartier. Ist der Teufel einmal los, so ist er es auch
gewhnlich in allen Ecken. Jetzt meldete sich auch der Eigentmer des
Pferdes, das ich gemietet hatte, und das ihm der Bauer zugefhrt, dem
ich diesen Auftrag nebst sechs Livres gegeben, und verlangte nicht
weniger als sechshundert Franken fr den Gaul, den man ihm ganz
unbrauchbar und halb tot zurckgebracht habe. Er war zu meinem Kapitn
gegangen, der mir riet, die Sache gtlich mit ihm abzumachen, damit das
Feuer nicht noch mehr geschrt wrde; ich schrieb nun an die Herren
Michel und Gayral, an die ich empfohlen war, dieselben bittend, diese
Sache aufs beste zu arrangieren, und sie fanden sich mit der Hlfte der
Summe, die er gefordert hatte, mit dreihundert Franken, mit dem
Spitzbuben ab. Das Pferd war keine hundert wert. Aber, was noch das
rgste war: der Frst schrieb oder lie an meine Eltern schreiben und
malte diesen ein schreckliches Bild von meiner Auffhrung aus, machte
ihnen Vorwrfe, da sie mir so viel Geld zukommen lieen, denn ich
vertue dreimal mehr, als die Gage eines Kapitns erster Klasse betrage,
meine Konduite sei dabei abscheulich (nicht abscheulicher war sie als
die Seiner Durchlaucht selbst, oder noch viel weniger abscheulich), ich
versume den Dienst und so weiter. Hieran erhielt ich sehr bald ein
nicht minder fulminantes Schreiben von Haus, in dem man mir mein
Betragen vorwarf und mir ankndigte, ich habe mich in Zukunft mit der
mir bewilligten Zulage von hundert Franken monatlich zu begngen und man
werde Ordres an die Bankiers geben, da mir keiner etwas darber
auszahlen drfe, ich solle mein ausschweifendes Leben einstellen, sonst
wrde man ganz seine Hand von mir abziehen und so weiter. In Frankfurt
hatte man die Sache noch weit mehr ausgeschmckt und vergrert, da war
ich kassiert und Gott wei was alles worden, whrend das Abnehmen eines
Unteroffiziergrades, oder Zurcksetzung um einen Grad, oder Suspension
eine sehr gewhnliche Disziplinarstrafe bei den Franzosen und besonders
in unserm Regiment war, wo dies oft sogar von den Kapitns, oder doch
auf deren Antrag geschah. Ich beantwortete den Brief meines Vaters so
gut ich vermochte, ihm die Sache mit Auslassung gewisser Punkte
auseinandersetzend. Vierzehn Tage waren schon beinahe verflossen und ich
noch immer im Arrest, ohne zu wissen, was am Ende daraus werden solle.
Frst Y. war bereits wieder nach Paris und von da mit Urlaub nach
Deutschland gereist, und das Regiment sollte ihn nicht wieder zu sehen
bekommen, als eines Morgens mein Bataillonschef Dret in das
Arrestzimmer trat und mich mit lachender Miene fragte: _Eh bien en avez
-- vous assez?_ Ein Seufzer war meine Antwort. Er nahm nun ein Papier
aus einem Portefeuille und bergab es mir mit den Worten: _Tenez lisez,
cela vous consolera._ Ich ffnete es, es war meine Ernennung zum
Unterleutnant, die ich mit Staunen las. Sie knnen von Glck sagen,
fuhr Dret fort, denn wren Sie nicht schon vor einigen Monaten vom
Frsten vorgeschlagen worden, jetzt wrde es sicher nicht so bald
geschehen. Diese Nachricht erfllte mich auf einmal wieder mit Freude
und frohen Hoffnungen, ich verlie mit Dret den _Salle de police_, war
frei und Offizier nach wenig Monaten Dienst, und eilte in meine Wohnung,
wo mich meine hbschen Wirtinnen recht freundlich mahnend empfingen,
indem sie sagten: Dies sind die Folgen, wenn man das _mauvais sujet_
mit Aktricen macht. Ich schrieb jetzt schnell die gute Nachricht nach
Haus, lie mir ein paar Epauletten von dem Kapitn d'Habillement geben,
und den andern Tag rckte das Regiment aus, dem ich mit noch vier andern
Kadetten, unter denen auch Prinz Santa-Croce, die ebenfalls zu
Offizieren avanciert waren, >_au nom de S. M. l'Empereur et roi Napoleon
I._< unter dem Wirbeln der Tambours und dem klingenden Spiel der Musik
als Offizier vorgestellt, von dem Bataillonschef und meinen Kameraden
umarmt wurde; ich whnte nun einen Riesenschritt zum Marschallsstab
getan zu haben. Omeara, der nach der Abreise des Frsten die Funktionen
des Obersten versah, lud uns zu einem Diner ein, ebenso General Quesnel,
an den ich mir schon vorgenommen hatte zu schreiben, um ihn um Befreiung
aus meinem Arrest zu bitten, aber so war es besser. Auch die beiden
Damen, die an der ganzen Geschichte schuld waren, suchte ich gleich auf,
um mich ihnen als Offizier zu prsentieren, wurde aber von diesen mit
Vorwrfen empfangen, weil ich sie eingesperrt, ohne Abschied verlassen
und sogar den Zimmerschlssel mitgenommen habe, weshalb sie die Probe
versumt und einen Schlosser htten mssen kommen lassen, sie zu
befreien; es sei mir daher ganz recht geschehen, da ich gestraft
worden, denn auch sie htten wegen der Versumnis Strafe zahlen mssen.
Ich aber stopfte Brigitten den Mund mit Kssen, sagte ihr, da sie wohl
wissen msse, da sie noch in groer Schuld bei mir stnde, und ich auf
Berichtigung drnge. Alle ausgestandenen Leiden waren jetzt rein
vergessen, aber das lange Einsetzen ohne Bewegung hatte doch meine
Gesundheit angegriffen, und ich machte eine nicht ganz unbedeutende
Krankheit durch, whrend welcher mich meine gutmtigen Wirtinnen recht
sorgsam pflegten.

Kaum war ich genesen, erhielt das Regiment Marschordre, und zwar so, da
das erste und zweite Bataillon nach Toulon und die beiden andern nach
Marseille gewiesen wurden. Den Tag vor unserm Abmarsch erreichte ich
noch meinen Zweck bei der Angely, halb durch berrumpelung, halb durch
berredung, auch sagte sie mir, da sie bereits mit dem Direktor des
Theaters zu Toulon in Unterhandlung stehe, dort ein vorteilhaftes
Engagement zu erhalten hoffe, und gab mir deshalb ein Schreiben an
denselben mit, mich bittend, mich in Toulon fr ihre Angelegenheiten zu
interessieren, was ich versprach. Es war vielleicht mit ein Grund ihrer
endlichen Ergebung. Den andern Morgen marschierte ich mit dem Bataillon
nach Toulon ab.

Wir kamen wieder ber Lnel, Nimes, bis Tarascon zurck und den vierten
Tag in Saint Remy an. An rmischen Altertmern fehlte es hier so wenig,
wie in der ganzen Gegend. Ein halb in Ruinen vor der Stadt liegender
Triumphbogen, ein noch gut erhaltenes Mausoleum, fnfzig Fu hoch,
dessen Basreliefs meisterhaft dargestellte Schlachtstcke bilden, sind
die bemerkenswertesten, auch viele rmische Mnzen, Urnen und so weiter
werden fortwhrend hier gefunden. Saint Remy ist die Vaterstadt des
berhmten Astrologen und Leibarztes Karl IV., Nostradamus, dessen
Prophezeiungen noch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei
Galeerenstrafe und Bann verboten waren, weil er den Untergang des
Papstes geweissagt hatte; aber gerade das vom Heiligen Stuhl neuerdings
ausgegangene Verbot machte die Leute wieder auf dieses Werk aufmerksam,
von dem ein Exemplar sogar fr zweitausend Livres verkauft wurde. Von
Saint Remy marschierten wir in das kleine Stdtchen Orgon; die nchste
Etappe nach dem Stdtchen Lambe war nicht von Bedeutung, auf diese aber
folgte Aix, das alte _Aquae Sextiae_. Aix war die erste Kolonie in dem
rmischen Gallien. Zur Zeit Karl Martels von den Arabern verwstet, aber
von den Grafen der Provence wieder hergestellt, war sie im Mittelalter
deren Hauptstadt. Diese hielten hier einen glnzenden Hof, an dem sich
die berhmtesten Troubadours befanden. Unter Ren, der den Titel eines
Knigs von Jerusalem und Sizilien fhrte, und 1480 als Graf von Provence
starb, blhten Wissenschaften und Knste aufs hchste in Aix; er
war es auch, der die hiesige so berhmte und berchtigte
Fronleichnamsprozession einfhrte, die eine der seltsamsten
Merkwrdigkeiten dieser Stadt ist. Die Teufel und heidnischen Gottheiten
spielen dabei eine groe Rolle. Das ganze soll den Sieg des Christentums
ber das Heidentum darstellen, dessen letzter Tag gekommen ist, und das
vor der aufgehenden Sonne gleich der Finsternis der Nacht verschwindet.
Das Fest beginnt schon mit dem Sonntag Trinitatis und dauert mehrere
Tage. Der ganze Olymp und die halbe Hlle figurieren bei diesem
religisen Mummenspiel. Ein alter Kster bernimmt gewhnlich die Rolle
des Zeus und hat ein Bndel Blitze von Goldpapier in den Hnden; seine
Gattin, die Frau Juno, ist ein derber Bckergeselle; die Venus stellt
meistens ein klapperdrres Schneiderlein und den Vulkan ein ruiger
Fleischer dar; ein dicker Fleischersjunge macht den Schalk Amor und
fhrt statt der Pfeile ein blankes Schlachtmesser; die keusche Diana ist
nicht selten ein rauhbrtiger Matrose und Mars ein invalider Krieger und
so weiter. Abends gegen zehn Uhr verlassen smtliche Gtter ihren Olymp,
das heit, das Rathaus, auf dem sie sich versammelten, und ziehen nun
beim Fackelschein mit Pauken und Trompeten, Zimbeln und Trommeln durch
alle Hauptstraen der Stadt. Diesen Gtterzug verkndigt eine zu Pferde
vorausreitende Fama, der Merkur, Pluto, Proserpina, Momus, Charon und
drei Hllenrichter, smtlich beritten, folgen; nach ihnen kommt der
christliche Frst der Finsternis mit ein paar Dutzend christlicher
Teufel, dann kommen Furien, Hexen, Faunen, Nymphen und so weiter, alles
durcheinander, die beim Klang der Schalmeien, Sackpfeifen und Basquen
tanzen. Bacchus sitzt auf einem ungeheuern Fa, Mars und Minerva, Apoll
und Diana, Vesta und Cybele und so weiter reiten phantastisch
geschmckte Rosse, whrend Ihre Majestten Jupiter und Juno, von der
Frau Venus und ihrem Shnchen begleitet, in einem vergoldeten, mit
vielen bunten Laternen erleuchteten Wagen fahren. Die unseligen Parzen
auf rabenschwarzen Tieren, und Tambourin spielende und dabei tanzende
Hllengeister schlieen den Zug.

Am Morgen des Fronleichnamsfestes versammeln sich in aller Frhe die zum
biblischen Zuge gehrigen Personen. Ein Knig, im Kostm des Kreuzknigs
der Spielkarten, erscheint an der Spitze von einem Dutzend groer,
hochgehrnter und langgeschwnzter Teufel. Vier Teufelchen folgen,
Bocksprnge machend, einem Engel, der eine gerettete Seele an der Hand
fhrt, dann kommt das goldene Kalb, durch eine mit Goldpapier
geschmckte groe Katze vorgestellt, ihm folgt ein zweigehrnter Moses
mit den Gesetztafeln, Aaron, die Knigin Saba und Herodes mit einem
Trupp von mehr als hundert weigekleideten Kindern, welche von Zeit zu
Zeit durch mit Keulen von Pappendeckeln oder Beilen von Blech
bewaffnete, blutrot gekleidete Henker niedergeworfen werden und sich
dann im Kot oder Staub, je nachdem das Wetter ist, heulend und winselnd
wlzen; auch wird sogar auf sie geschossen. Petrus, Judas, Johannes der
Tufer im Schafspelz und Christus unter dem Kreuz keuchend, die Schcher
und Phariser und Pontius Pilatus fehlen nicht. Diesen Zug, der sich
nach beendigter Messe aus der Hauptkirche durch die Stadt bewegt,
schliet ein lebendig Toter, in ein Leichengewand gehllt, eine Sanduhr
auf dem Haupt und eine Riesensense von blankem Blech in der Hand. Die
Teufel werden bestndig mit Weihwasser besprengt, damit sich der
wirkliche Teufel, Satanas selbst, nicht unter sie mischen kann, wie sich
dies einmal zugetragen haben soll; auch einige Teufelinnen befinden sich
bei der Prozession, und alle sind mit Schellen behangen. Wenn der vom
Teufel verfolgte Knig aus der Kirche tritt, fallen sie ber ihn her,
stoen und stechen ihn mit Mistgabeln oder Spieen, Seine Majestt
schlgt aber mit einem groen Szepter wtend um sich und versetzt den
Gehrnten eins, wo und wie er kann. Auch die arme Seele hat viel von den
kleinen Teufelchen zu leiden, die sie fortwhrend zu haschen suchen,
aber der mit einem gelbblechernen Heiligenschein und goldenen Flgeln
geschmckte Engel nimmt sie in Schutz, wobei er doch manchen derben
Schlag von den Teufeln erwischt. Das ganze Fest endigte mit Spiel und
Tanz; ein Teufelstanz, ein Tanz der Ausstzigen, einer von grlichen
Ungeheuern, halb Menschen, halb Pferde von Pappe, vermutlich Zentauren
vorstellend, wurde dabei aufgefhrt. Whrend der Revolution und der
Republik (von 1790 bis 1803) unterblieben diese grotesken
Feierlichkeiten, aber als die christliche Religion wieder Mode in
Frankreich ward, wurden auch sie wieder mit erneuertem Glanz und groem
Aufwand fortgesetzt, wie ich spter zu sehen Gelegenheit hatte.

In Toulon galt mein erster Weg dem Zeughaus. Dies ist wieder ein fr
sich bestehendes Ganzes, das in vielen Abteilungen und Magazinen alle
ganz fertigen Gegenstnde aufbewahrt, die zur Armierung eines
Kriegsschiffes jeder Gre ntig sind. Da sieht man einen Artilleriepark
von tausend Schiffskanonen zwischen kolossalen Pyramiden aus den
vertilgendsten Materialien erbaut, nmlich Kugeln, Kettenkugeln, Bomben
und Granaten von jedem Kaliber, zwischen Reihen von Kanonen,
Feldschlangen, Karthaunen, Mrsern und Haubitzen, die in unabsehbaren
Linien aufgeschichtet sind. In den Waffen- und Rstslen sind unzhlige
Flinten, Musketen, Karabiner, Sbel, Spiee, Pistolen, Dolche und so
weiter, welche oft die zierlichsten und seltsamsten Figuren, wie groe
Blumenvasen, Weinstcke, deren Trauben Karttschen sind, und so weiter
bilden, aufgestellt. Im Modellsaal ist eine vollstndige Sammlung von
Modellen aller mglichen Schiffe, von den ltesten bis auf die neuesten
Zeiten, von dem aus einem ausgehhlten Baumstamme bestehenden Kahn des
Wilden an, bis zu dem mit allem Luxus und aller Kunst ausgersteten
Admiralschiff von hundertundzwanzig Kanonen, ebenso Fle,
Maschinenwerke und so weiter.

Eine andere Sehenswrdigkeit dieses einzigen Arsenals ist das von dem
berhmten Ingenieur Grognard erbaute Bassin, welches am Ende des groen
Zimmerplatzes, ganz nahe an der See, liegt, in welchem sowohl neue
Schiffe erbaut, als alte ausgebessert werden. Sobald sie fertig, holt
sie das nun eingelassene Meerwasser ab und fhrt sie in den Hafen.
Grognard hatte mit unendlichen Schwierigkeiten und Hindernissen, die ihm
sowohl Natur als Neid, Migunst und Eigennutz von allen Seiten in den
Weg legten, zu kmpfen, bevor er dieses bewundernswrdige Werk zustande
brachte. So oft man ein Schiff aus diesem groen Bassin holen oder in
dasselbe fhren will, wird letzteres mit Seewasser angefllt, das, wenn
man dessen nicht mehr bedarf, durch, von einem halben Hundert
Galeerensklaven in Bewegung gesetzte, Pumpen in einer Zeit von sechs bis
acht Stunden wieder fortgeschafft wird. In den Hfen des Atlantischen
Meeres und der Nordsee ist dies unntig, weil dort die Natur mit Hilfe
der Ebbe und Flut die Schiffe von selbst holt und bringt.

Whrend unsers Aufenthalts in Toulon sah ich einen Dreidecker von
hundertzwanzig Kanonen, den >Commerce de Paris<, eine neue Fregatte und
eine Brigg vom Stapel laufen, was immer die Veranlassung zu einer groen
Feierlichkeit gibt; das Schiff ist auf das bunteste beflaggt und
bewimpelt, viele Personen und geladene Gste befinden sich auf
demselben, nebst einer rauschenden Musik, die, whrend es losgelassen
wird, Kriegsmrsche spielt. Wenn es glcklich im Meer angekommen ist,
endigt das Ganze mit Tafelfreuden und Tanz auf dem Schiff, wobei auch
Matrosen und sonstige Arbeiter, selbst die Galeerenstrflinge, mit
doppelten Portionen bedacht werden.

Bevor dieses Bassin vorhanden, war es eine sehr gefhrliche Operation,
ein so ungeheures Schiff vom Stapel laufen zu lassen, besonders fr
diejenigen, die die vordersten Sttzen desselben wegschlagen muten, da
alsdann das Schiff sogleich pfeilschnell abrutscht. Zu dieser
lebensgefhrlichen Operation nahm man gewhnlich einen lebenslnglich
verurteilten Galeerensklaven, der, unter der Bedingung, da, wenn er sie
glcklich vollbrachte, seine Freiheit erlangte, sich freiwillig dazu
verstand. War er nicht rasch und gewandt genug, um mit einem groen
Sprung auer dem Bereich des furchtbar schnell dahinschieenden Schiffes
zu kommen, so konnte leicht der Kiel desselben ber seinen Krper gehen
und ihn so zermalmen, da kaum noch eine Spur von seinem Dasein zu
finden war.

Diese Galeerensklaven, deren Zahl in Toulon in der Regel ber
viertausend betrgt, von denen wenigstens ein Dritteil auf Lebenszeit
verurteilt ist, haben zwar ein hartes Geschick, das jedem Menschen, in
dem noch ein Funken Gefhl vorhanden ist, furchtbar, ja unertrglich
sein wrde; aber die hierher verurteilten Verbrecher sind meistens
vllig gefhllos und durch und durch verhrtet, wie es die oft stupid
greulichen Physiognomien der Mehrzahl andeuten, und ist erst ein Mensch
ein paar Monate auf dieser Hochschule aller Laster und Verbrechen, dann
ist gewi auch der letzte Funken von Ehre und Gefhl fr immer in seiner
Brust erstickt. -- Aus dieser ebenso unsinnigen als scheulichen
Strafanstalt rekrutieren sich fortwhrend die Raub-, Mord- und
Diebesbanden durch die wieder frei gewordenen oder entwischten
Strflinge, die Paris und ganz Frankreich zu vielen Tausenden
investieren, die emprendsten Verbrechen begehen, da ihnen Raub und Mord
Kleinigkeiten und sie gewhnt sind, immer alles an alles zu setzen, und
die den Aufenthalt in der Hauptstadt so gefhrlich machen. Sie sind
teils in alten Galeeren und Schiffen eingesperrt, teils in den Bagnos
(besondere zu diesem Zweck erbaute schmale und lange Sle), wo sie auf
zwei Reihen Pritschen oder langen Bnken, zwischen denen ein schmaler
Gang hinfhrt, je zwei und zwei aneinandergekettet, liegen. Jeder hat
gerade so viel Raum, als er zur hchsten Notdurft bedarf, um liegen zu
knnen; des abends werden sie noch mit besondern Ketten angeschlossen,
die gerade so lang sind, da sich der Strfling bis zu dem
nchststehenden Nachtkbel, wohin ihn dann sein Kettenkamerad begleiten
mu, begeben kann, seine Notdurft zu verrichten. Das Licht dringt
sparsam durch kleine in der Hhe angebrachte, stark vergitterte
Fensterchen in die Bagnos, diese faulen und pestartigen Menschenstlle,
denn so oft auch diese Kbel geleert werden, so sind sie dennoch
bestndig mit Unrat angefllt. Auf diesen Pritschen nehmen die
Unglcklichen auch ihre elende Nahrung zu sich, die ihnen, gleich dem
Vieh, in hlzernen Trgen gereicht wird, und aus den grbsten Speisen,
schwarzem Brot und in Wasser gekochten dicken Saubohnen besteht. Zu
ihrer Bedeckung haben sie des nachts einige Fetzen, Rudera von Decken,
in denen es von Ungeziefer wimmelt; nicht viel besser ist ihre Kleidung
beschaffen.

Die neuen Ankmmlinge, die hierher verdammt sind, werden sogleich in
eine Schreibstube des Marinekommissrs gebracht, wo man die sie
betreffenden Papiere untersucht, um sich von der Identitt ihrer Person
zu berzeugen, worauf sie in das Register, aber mit keinem Namen,
sondern mit einer Nummer bezeichnet, eingetragen werden. Von hier werden
sie zum Baden in ein dazu bestimmtes Gemach gebracht, wo sie andere
Forats vllig entkleiden, in eine hlzerne mit Seewasser angefllte
Btte legen, mit groben Schwmmen reiben und reinigen und das Wasser
mehrmals erneuern, dann werden sie noch von einem Chirurgen visitiert,
und sind sie krank befunden oder haben sonst etwas an sich, in das
Galeerenlazarett gebracht, um geheilt zu werden. Die Gesunden erhalten
nach der Besichtigung des Wundarztes nun ihre Galeerenkleidung, aus
einer ganz groben Jacke von rotem Tuch, sackleinwandenen Beinkleidern,
nicht viel besseren Hemden, ein paar mit Hufngeln beschlagenen Schuhen
und einer grobwollenen Mtze bestehend, die mit der Nummer des Inhabers
bezeichnet und fr die auf eine bestimmte Zeit Verurteilten rot, aber
fr die auf Lebenszeit grn ist, wahrscheinlich eine Satire auf die
Farbe der Hoffnung. Auch das Haupt wird ihnen jetzt glatt geschoren.

Diejenigen unter ihnen, welche imstande sind, sich etwas nebenher zu
verdienen, irgendein Handwerk, eine Kunst verstehen, oder andere
Kenntnisse besitzen, sowie die, welche von ihren Familien eine
Untersttzung erhalten, knnen sich manches Bene tun und ihr Schicksal
um vieles erleichtern, namentlich auch ihre Nahrung verbessern. In
diesen Bagnos erblickt man die Menschheit in ihrer tiefsten Entwrdigung
und Verworfenheit. Die leiseste Bewegung eines solchen Strflings
verursacht ein widerliches Kettengeklirre, man glaubt sich in einer
Menagerie wilder Bestien oder angeketteter Raubtiere. Wenn sie zur
Arbeit abgefhrt werden, sind sie von der Pritsche losgeschlossen, aber
bleiben an der Kette, an der sie mit einem Kameraden zusammengeschmiedet
sind, die mit einem schweren dicken eisernen Ring an dem einen Fu
befestigt ist und ber einen Viertelzentner wiegt. Durch ihre Aufseher
und Wchter, Argousins genannt, die mit dicken, knotigen, mit Eisen
schwer beschlagenen Stcken versehen sind, werden sie hinausgefhrt und
drauen noch von Wachen mit scharf geladenen Gewehren empfangen und
begleitet. Das geringste Vergehen oder auch nur eine Miene des
Ungehorsams oder Murren wird auf der Stelle durch die Argousins mit
ihren Eisenstcken auf das fhlbarste und ganz nach Willkr bestraft.
Fr grere Vergehen folgen weit hrtere Strafen, vierfache Ketten,
doppelte Ringe, enges Schlieen, mit den Eisenstcken wohl aufgemessene
Prgel sind die gewhnlichsten.

Ohne Unterschied ihres frhern Standes und Verbrechens, sind hier alle
Stnde vermischt aneinandergekettet und reprsentiert. Whrend meines
Aufenthaltes zu Toulon, wo ich oft die Wache am Arsenal hatte, waren
Geistliche, sogar ein ehemaliger Bischof, hohe Militrchargen, zwei
Generle, Richter, Notare, Kriegskommissare, Advokaten, Adlige,
Kaufleute, rzte, Huissiers, Fabrikanten, Knstler, Handwerker, Bauern,
Tagelhner und so weiter alle durch- und aneinander geschmiedet, die
freilich Verbrechen der grbsten Art begangen hatten.

Trotz der strengsten Aufsicht und trotzdem sie, so oft man sie in die
Sle zurckfhrt, bis auf das Hemd durchsucht werden, gelingt es ihnen
doch hufig, in den Werksttten allerlei Dinge zu entwenden und durch
ihre Verbindungen mit auen heimlich zu verkaufen. Ngel, Hmmer,
Kupfer, Handwerkszeug, Segeltuch und so weiter sind die Gegenstnde, die
sie vorzugsweise zum Diebstahl reizen; sie hten sich aber, die
gestohlenen Sachen mitzunehmen, sondern verstecken solche in den
entlegensten Winkeln der Schiffe oder in der Nhe der Werksttten, in
denen sie arbeiten, und lassen sie dann durch freie Arbeiter, die im
Arsenale zu tun haben, mit denen sie im Einverstndnis sind und denen
sie durch Winke begreiflich machen, wo sie den Raub zu suchen haben,
verkaufen. -- Gelegentlich stecken ihnen dann die letztern einige Sous
dafr zu. Nicht selten wird durch diesen Handel der freie Arbeiter am
Ende selbst auf die Galeere geschmiedet. Durch diese Arbeiter
unterhalten die Strflinge auch fortwhrend Einverstndnisse mit
Personen in der Stadt, besonders mit feilen Dirnen, die sie schon frher
kannten, und deren es in Toulon wegen der Marine und der Matrosen
unzhlige der allerverworfensten Gattung gibt, wie in jedem groen
Seehafen. Vermittelst solcher Einverstndnisse gelingt es nicht selten
einem Galeerensklaven zu entwischen; in diesem Falle verbirgt er sich
gewhnlich mehrere Tage bei einer solchen liederlichen Dirne oder in
einem andern Schlupfwinkel der Stadt, whrend, durch Kanonenschsse in
Alarm gebracht, ihn die Gendarmerie und die Patrouillen in der Umgebung
suchen, vertauscht seine Sklavenkleidung, in welcher in jedem Stck die
Buchstaben _Gal_ gro eingebrannt sind, mit einer andern, welche die
Dirne lngst fr ihn in Bereitschaft gehalten, eilt nach Marseille, Lyon
oder Paris, um daselbst seine Laufbahn von neuem, nur mit grerer
Virtuositt, mehr Vorsicht und Erfahrung, wieder zu beginnen, denn der
Aufenthalt in den Bagnos, wo nicht selten falsches Geld, falsche
Abschiede, falsche Psse, falsche Bankbilletts und so weiter mit
erstaunenswerter Kunst und fast nicht zu entdeckender Tuschung
verfertigt werden, hat sie ja zu Meistern in den scheulichsten Lastern
und Verbrechen gemacht, und so treten sie als vollendete Schurken wieder
mitten unter die menschliche Gesellschaft, der sie ewigen Ha, Rache und
Verderben geschworen haben.

Wenn die Strflinge von der Arbeit zurck in ihre Sle gefhrt werden,
dann ist es ihnen erlaubt, fr sich zu arbeiten. Der eine schnitzt
allerlei Dinge aus Kokosnuschalen, der andere kopiert Schreibereien,
wohl auch Noten, ein dritter verfertigt Dosen, ein vierter macht
Tischler- oder Dreherarbeiten, ein fnfter schneidert oder flickt Schuhe
und so weiter. Geringere Vergehen werden mit dem Verbot dieser Arbeiten
bestraft, was den Strflingen sehr empfindlich ist, weil sie dadurch die
Mittel verlieren, sich ihre Lage zu erleichtern und manches Bedrfnis,
als Tabak, ein Glas Branntwein und so weiter befriedigen zu knnen.

Auf das Signal, das einer der Aufseher mit einer Pfeife gibt, mssen
diese Arbeiten augenblicklich aufhren, das Abendgebet wird verrichtet,
und jeder legt sich auf das ihm angewiesene Bretterbett nieder, wo ihm
ein etwas erhhter Holzblock zum Kopfkissen dient. -- Sobald sie liegen,
werden sie durch eine eiserne Stange, die man durch die Furinge zieht,
aneinandergekettet, und Wachen marschieren die ganze Nacht zwischen
diesen Pritschen auf und nieder.

Diejenigen Forats, die zu Prgeln frmlich verurteilt worden sind,
erleiden diese auf der sogenannten Bank der Gerechtigkeit, auf die man
sie, mit einem Strick umwunden und angebunden, legt, worauf sie die
bestimmte Zahl Prgel mit einem gedrehten, in Seewasser eingeweichten
Strick erhalten, der die Hiebe weit empfindlicher macht, weil er sich um
die Glieder schlingt.

Die zu hoffende Belohnung fr ein gutes und gehorsames Betragen macht,
da der Forat sich mehr deshalb als aus Furcht vor Strafe bemht, ein
solches zu haben. Bei einer guten Auffhrung von mehreren Monaten oder
nach Jahresfrist verordnet der Chef dieser Strafanstalt, da man ihn _en
chane brise_ tue, das heit, da man ihn von seinem Kettenkameraden
trenne, er behlt dann nur noch die Hlfte der Kette und den Furing,
kann jetzt wieder allein gehen und ist nicht mehr gezwungen, bei allen
Verrichtungen auf seinen Kameraden zu warten, was eine auerordentliche
Erleichterung ist. Er gehrt nun gewissermaen zu den vertrauten
Strflingen, aus denen man Kche, Barbiere, Krankenwrter in den
Lazaretten und sogar Schreiber in den Bureaus macht, man erlaubt ihm,
sich eine kleine Matratze anzuschaffen; spter bleibt ihnen nur noch der
Ring am Fu, und selbst diesen erlaubt man ihnen mit einem langen
Pantalon zu bedecken, sowie das geschorene Haupt mit einer Percke. Ein
entwichener und wieder eingefangener Galeerensklave wird mit einer
tchtigen Bastonade bewillkommt, eine Zeitlang in ein Loch gesperrt, wo
kein Tag hineindringt, und seine Strafzeit auf der Galeere verdoppelt.
Stirbt ein Strfling, so wird er von vier seiner Kameraden ohne Ketten,
die nur noch einen Ring am Fu haben, in einem Sarg in das Lazarett der
Marine getragen, wo die Wundrzte an seinem Krper ihre Studien machen;
wird aber einer wegen neuer, auf der Galeere begangener Verbrechen
hingerichtet, was in Gegenwart aller brigen, die in bloem Haupte sind
und auf den Knieen der Exekution beiwohnen mssen, geschieht, so
begraben ihn die grauen Brder der Benden in Toulon, ein Werk der
Barmherzigkeit bend. Die kranken Strflinge werden in dem fr sie
bestimmten Lazarett gut verpflegt und gewartet. Doch genug ber diesen
Gegenstand, einen der traurigsten, der die Menschheit berhrt.

In Toulon bei der Belagerung durch das Heer der Republikaner zeichnete
sich Buonaparte zuerst als geschickter Artillerieoffizier aus. Nach den
Begebenheiten vom 31. Mai zu Paris hatte Toulon an dem Aufstand der
Marseiller teilgenommen, und mit diesen einverstanden, riefen die
Einwohner von Toulon die Englnder herbei und bergaben ihnen Stadt und
Hafen. In letzterem lagen damals fnfundzwanzig der schnsten
Linienschiffe, mit tausend Kanonen bewaffnet, und im Arsenal war ein
unermelicher Vorrat von Material jeder Art. Die Verbndeten, Englnder,
Spanier, Piemonteser und so weiter, besetzten auch noch die Zugnge und
Engpsse, die nach Toulon fhren, auf mehrere Stunden in der Umgegend,
und namentlich die franzsischen Thermopylen, das Felsental von
Olioulles. Der franzsische General Cartaux hatte aber bereits dasselbe
wieder genommen, und seine Vorposten standen im Angesicht der Stadt, als
Buonaparte, Bataillonschef bei der Artillerie, im Hauptquartier zu
Beausset ankam, wo man mit dem Projekt umging, die feindlichen Flotten
in der Reede zu verbrennen. Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er, den
Obergeneral begleitend, die zu dem Zweck errichteten Batterien und war
nicht wenig erstaunt, als er eine derselben eine Viertelstunde von dem
Engpa von Olioulles mit sechs Einundzwanzigpfndern besetzt fand, die
nicht weniger als drei Kanonenschuweiten von den feindlichen Schiffen
und zwei von den Ufern entfernt lag. Dabei waren die Soldaten in den
umliegenden Bastiden (Landhusern) rastlos beschftigt, die Kugeln,
welche die Schiffe in Brand stecken sollten, glhend zu machen. Der
Kommandant der Batterie entschuldigte diesen Unsinn, vorgebend, da er
auf hheren Befehl handle. -- Buonaparte suchte nun einen Park von
zweihundert passenden Feuerschlnden und geschickte Leute zu deren
Bedienung herbeizuschaffen, und nach Verlauf von wenig Wochen waren
smtliche Batterien so nahe an dem Ufer der Reede aufgeworfen, da sie
die grten feindlichen Schiffe entmasteten und die kleineren zum Teil
in den Grund bohrten, daher der Feind gentigt wurde, diesen Teil der
Reede zu verlassen. Tglich vermehrte sich nun das republikanische
Belagerungsheer, und bald war man imstande, die Belagerung mit allem
Nachdruck zu betreiben. Buonaparte, der sich unterdessen genau mit dem
Terrain bekanntgemacht hatte, schlug den Angriffsplan vor, dem man die
Wiedereinnahme Toulons verdankt und der mit groer Sachkenntnis
entworfen war. -- Gleich anfangs hatte er erklrt, da, wenn man nur
drei Bataillone auf die Spitze der Vorgebirge Balaguier und Eguillette,
wo zwei Forts lagen, brchte, sich die Stadt in vier Tagen ergeben
msse. Dieser Plan wurde aber den Englndern verraten, die sich schnell
entschlossen, die hohe Wichtigkeit dieser Position begreifend, sie zu
besetzen und eiligst zu befestigen, sogar die Galeerensklaven bei dieser
Arbeit verwendend. Durch viertausend Mann lieen sie diese Posten nun
besetzen, alles Gehlz in der Umgegend umhauen, und nannten diese
Verschanzungen Klein-Gibraltar, weil sie sehr fest und schwer zu nehmen
waren. General Cartaux, frher ein Maler, der glcklich gegen die
Marseiller gewesen, weshalb ihn die Deputierten des Bergs an demselben
Tage zum Brigade- und Divisions-General ernannt hatten, der aber sonst
gar kein militrisches Talent besa, verlor jetzt das Kommando wieder,
das man einem General Doppet, einem armen Savoyarden, der frher Advokat
und jmmerlicher Rabulist gewesen, bertrug. Dieses Subjekt hatte noch
weit weniger Kenntnisse, war dabei ein Feind jedes fremden Talentes und
ein gewaltiger Hasenfu, so feig wie boshaft. Ohne seine Feigheit wrde
er durch einen sonderbaren Zufall Toulon in zweimal vierundzwanzig
Stunden nach seiner Ankunft genommen haben. Die Spanier hatten nmlich
einen Mann von den in den Laufgrben vor Klein-Gibraltar liegenden
Truppen gefangen genommen und mihandelten ihn im Angesicht der
Franzosen. Diese, darber wtend, griffen zu den Waffen und liefen im
Sturm gegen die feindlichen Schanzen. Als dies Buonaparte sah, eilte er
zum General und beredete ihn, diesen zuflligen Angriff und Enthusiasmus
seiner Leute zu benutzen, der auch auf seinen Rat alle Reserven in
Bewegung setzte, an deren Spitze Buonaparte marschierte. Die Sache
schien den besten Erfolg zu haben, als unglcklicherweise an Doppets
Seite ein Adjutant, durch eine Kugel getroffen, niedersinkt; da ergreift
den Advokat-General ein panischer Schrecken, in seiner Herzensangst lt
er eiligst, und zwar in dem Augenblicke, als die Grenadiere im Begriff
sind, in den Eingang der Redouten zu dringen, von allen Seiten zum
Rckzug blasen. Die Soldaten, wtend, riefen laut, da man ihnen
Advokaten und Hundsftter statt Generlen gebe. Doppet wurde zwar
abgerufen und zum Henker gejagt, und ein alter, schon mit Wunden
bedeckter Soldat, General Dgommier, an dessen Stelle ernannt, aber der
beste Moment war verpat. Jetzt nahm die Sache jedoch bald eine andere
Wendung, und mit groem Eifer bereitete man alles vor, um sich zum Herrn
jener Position zu machen. -- Der unverstndige Haufen, welcher die
Wichtigkeit derselben nicht einzusehen vermochte und nicht begreifen
konnte, warum man alle Streitkrfte konzentrierte, um ein abgesondertes
Fort zu nehmen und nichts gegen die Stadt selbst unternahm, murrte. Alle
Schreier in den Klubs beschuldigten die Kommandierenden des Verrats oder
doch der Unfhigkeit, man klagte ber die lange Dauer der Belagerung,
Mangel und Not fing an, sich in der Provence fhlbar zu machen, und die
Konvents-Deputierten Freron und Barras schrieben an den Konvent, es sei
besser, die Belagerung aufzuheben und das Beispiel Franz I. zu befolgen,
der sich bei dem Einfall Karl V. hinter die Drane zurckgezogen,
worauf die Hungersnot den Feind gentigt habe, die von ihm verwstete
Provence zu verlassen, und der dann mit desto grerem Erfolg
angegriffen und geschlagen wurde. Aber kurz nachdem dieses Schreiben,
welches die Deputierten spter fr unterschoben erklrten, nach Paris
abgegangen war, befahl Dgommier einen allgemeinen Angriff auf
Klein-Gibraltar, in welches Buonaparte nicht weniger als fnftausend
Bomben werfen lie, whrend dreiig Vierundzwanzigpfnder dessen
Brustwehr demolierten. Von dem Flecken La Seine, der in der Reede liegt,
lt Dgommier, ohnerachtet man es ihm mirt, um Mitternacht bei dem
schrecklichsten Sturm und Regenwetter die Truppen in zwei Kolonnen gegen
die Verschanzungen marschieren, die aber durch die vor den Redouten
placierten Plnkler mit einem sehr gut unterhaltenen Feuer empfangen
werden, so da die erste Kolonne zu wanken beginnt, und Dgommier an
ihrer Spitze ruft aus: Vorwrts! in's Teufelsnamen, oder ich bin
verloren!; denn das Schafott, das damals jeden geschlagenen General
erwartete, schwebte ihm vor Augen. -- In diesem Augenblick erklimmt ein
junger Artilleriehauptmann namens Muiron, der Buonaparte zugeteilt war
und den man mit einem Bataillon Chasseurs absandte, den Berg an der
Spitze seiner Truppen und kommt, von der zweiten Kolonne gefolgt und
untersttzt, glcklich an dem Fu des Forts an, springt durch eine
Schiescharte desselben, aus der man soeben eine Kanone abgefeuert hat,
und whrend man mit der Wiederladung derselben beschftigt ist, folgen
ihm seine Leute auf dem Fu und dringen mit ihm in die Schanze. Muiron
wird jedoch durch den Bajonettstich eines Englnders schwer verwundet,
whrend die Feinde bei den Geschtzen niedergemacht werden, welche die
Franzosen sogleich gegen dieselben wenden. Balaguier und Eguillette,
jetzt von den Englndern schnell gerumt, werden genommen, worauf eine
Batterie und eine Redoute nach der andern in die Hnde der Republikaner
fllt. Den kommenden Morgen spielte schon mit Anbruch des Tages all das
Geschtz der genommenen Redouten auf die Schiffe in der Reede; als aber
der englische General Hood von seinem Erstaunen zurckgekommen war und
sah, da die Franzosen Meister dieser Pltze waren, gab er das Zeichen
zum Lichten der Anker und zum Verlassen der Reede. Er begab sich sodann
noch nach Toulon, um den Einwohnern anzukndigen, da man die Stadt
verlassen msse, und nach reiflicher berlegung war der Kriegsrat
einstimmig der Meinung, da man unter diesen Umstnden die Festung nicht
lnger behaupten knne. Man nahm nun in grter Eile Maregeln, um sich
einzuschiffen, und die franzsischen Schiffe, die man nicht mitnehmen
konnte, wurden angezndet und verbrannt, auch das Arsenal, alle Magazine
und was zur Marine gehrte, wurden zerstrt, vernichtet oder unbrauchbar
gemacht. Zu gleicher Zeit machte man den Einwohnern bekannt, da alle
diejenigen, welche nicht in der Stadt bleiben knnten oder wollten, auf
den Schiffen der Englnder und Spanier aufgenommen wrden. Als dieser
Beschlu verffentlicht wurde, stieg die Bestrzung der Brger, die eben
noch mit ganz Frankreich so etwas fr unmglich gehalten, ja jeden
Augenblick die Aufhebung der Belagerung erwartet hatten, auf das
Hchste. Noch in derselben Nacht sprengten die Englnder das Fort Pon
in die Luft, und eine Stunde darauf steckten sie die franzsische
Flotte, was sie davon nicht fortbringen konnten, in Brand; nicht weniger
als zwlf Linienschiffe, viele Fregatten, Korvetten, Briggs und andere
Kriegsschiffe wurden ein Raub der Flammen, die in hundert Feuersulen
zumal gen Himmel wirbelten. Ein Augenzeuge hat mir versichert, da der
Anblick dieser vielen brennenden Schiffe mitten in der Reede ein so
furchtbar schnes Schauspiel war, da der, der es nicht gesehen, sich
unmglich eine richtige Vorstellung machen knne. Man glaubte eine im
Meer brennende ungeheure Stadt zu erblicken, die Maste mit ihren Tauen
schienen eben so viele brennende Trme, zugleich loderten auch die
Flammen und Feuersulen aus dem in Brand gesteckten Arsenale empor, wo
die Magazine so viel brennbare Materiale enthielten, da sie bald ein
Feuermeer bildeten, und der ganze Horizont war nur noch eine Rauchwolke,
mit Milliarden glhender Funken geschmckt. In der Stadt herrschte
unterdessen eine unbeschreiblich grauenvolle, grenzenlose Unordnung,
jeder suchte seine teuerste Habe zusammenzupacken, um sich damit auf die
englischen und spanischen Kriegsschiffe zu flchten. Alles lief, schrie,
heulte und rannte durcheinander, am Hafen standen Tausende, das
furchtbar schne Schauspiel in der Reede mit verzweiflungsvollen Blicken
anstarrend. Die Galeerensklaven suchten diesen Augenblick zu benutzen,
sich ihrer Ketten zu entledigen, und die, denen es gelungen war, sich zu
befreien, die groe Mehrzahl, rannten durch die Straen Toulons, um in
der allgemeinen Verwirrung zu rauben und zu stehlen. Die Franzosen
selbst, welche den Feind herbeigerufen, schmerzte es in der Seele, zu
sehen, wie so viele teure Gegenstnde, viele hundert Millionen an Wert,
in wenig Stunden ein Raub der Flammen und vernichtet wurden. Dabei
feuerten die Batterien der Republikaner unaufhrlich auf die Reede und
schossen viele Boote, die mit den sich zu den Englndern flchtenden
Einwohnern berfllt waren, in den Grund. -- Als endlich die Morgenrte
anbrach, sah man die englische und spanische Flotte schon auerhalb der
Reede nach den hyerischen Inseln segeln. -- Mehrere tausend Familien aus
Toulon, welche die Revolutionstribunale zu frchten hatten und ohne
Zweifel, wenn sie geblieben, dem Henkersbeil anheimgefallen wren, waren
mit dem Wenigen, das sie in der Eile hatten retten knnen, den
Englndern gefolgt, und doch wurden in den ersten Tagen der
Wiedereinnahme der Stadt durch die Republikaner viele hundert Menschen,
angeblich als Royalisten, ermordet; auch kam ein Befehl vom Konvent,
alle Huser der schuldigen Geflchteten niederzureien, womit man sofort
begann. Was von den dreiigtausend Einwohnern, die damals Toulon zhlte,
zurckgeblieben, etwa zwei Dritteile, war grtenteils die Hefe des
Volks und der raub- und mordlustige Abschaum der Stadt, alle besseren
Leute waren fortgezogen. -- Den anderen Morgen und noch mehrere Tage
nach jener grauenvollen Schreckensnacht sah man, wie mir derselbe Brger
erzhlte, mehr als tausend Leichname, Englnder, Franzosen und Spanier,
Mnner, Weiber, Kinder und Suglinge, zum Teil schrecklich verstmmelt,
auch viele abgerissene Gliedmaen, in der Reede und dem Hafen schwimmen.
Man fischte sie nach und nach auf und begrub sie in ungeweihter Erde.

Die Nachricht von der Wiedereinnahme Toulons durch die Republikaner, die
sich kein Mensch hatte trumen lassen, machte in ganz Frankreich und dem
brigen Europa eine groe Sensation. Buonaparte hatte hier den
Grundstein zu seiner knftigen Erhebung gelegt und seinen Ruf begrndet.
Kaum einen Monat spter wurde er schon zum Brigadegeneral der Artillerie
ernannt.

Ich besuchte nun mehrere Tage lang alle die Punkte und Orte, welche bei
dieser Belagerung von Wichtigkeit gewesen und wo der jetzige Kaiser und
seine Artillerie gestanden und gewirkt hatten; es wurde mir dadurch
klar, welchen scharfen und richtigen berblick Napoleon hier gehabt. Mit
mehr Ernst als bisher legte ich mich nun auf das Studium der hheren
Kriegskunst und deren Hilfswissenschaften, namentlich die, welche die
Artillerie erfordert, und hoffte wohl auch noch einmal eine Armee zu
kommandieren, wofr mich der gtige Himmel bewahrte, was ich ihm jetzt,
wo mir die lcherliche Nichtigkeit all dieser menschlichen, wenn auch
oft so blutigen Puppenspielerei beiend klar geworden, herzlich danke.
--

Die ersten Tage meines Aufenthalts in Toulon brachte ich in einem
Gasthofe zu, wohin mich mein Einquartierungsbillett gewiesen hatte, dann
aber suchte ich mir eine Privatwohnung, die ich recht angenehm am Kai
fand, wo ich zu jeder Stunde die unterhaltendste Aussicht auf das Gewhl
und Getriebe der Schiffe und Menschen in dem Hafen hatte. Indessen fing
mir der Aufenthalt in Toulon bald an langweilig zu werden, da das
Theater spottschlecht war und ich, nachdem vierzehn Tage verflossen, in
denen ich alles, was zu sehen war, zum berdru gesehen, noch keine
Bekanntschaft, die mich interessierte, gemacht hatte, was in Toulon
nicht so leicht war, da die besseren Huser sich vom Militr und von der
Marine fern zu halten suchen.

Glcklicherweise erhielt ich jetzt Briefe von Hause und mit diesen ein
Empfehlungsschreiben an einen der reichsten Kaufleute der Stadt namens
Kohn, der ein Elssser von Geburt war und mich in mehrere Familien
einfhrte. Zugleich meldete mir mein Vater mit groem Bedauern, da man
frchte, der Kaiser der Franzosen wolle der republikanischen
Herrlichkeit Frankfurts ein Ende und die Stadt zur Hauptstadt eines
Groherzogtums machen, nachdem ihr Augereau noch einige Millionen
Kriegskontribution abgenommen.

Unter den Bekannten, die ich durch die Familie Kohn erhielt, war eine
sehr artige Dame, eine Madame Guinet, deren Gatte Kaufmann und meistens
auf Reisen war und die im Ruf stand, galanten Aventren eben nicht
abhold zu sein. Es dauerte auch nicht lange, so stand ich auf einem
ziemlich vertrauten Fu mit ihr, merkte aber bald, da ich in einem
Marineoffizier einen Nebenbuhler und zwar einen recht eiferschtigen
habe, der wahrscheinlich schon vor mir bei der Dame in Gunst gestanden.
Wir trafen uns einigemal nach der Parade daselbst, und Madame Guinet
hatte mich ihm als einen Bekannten des reichen Herrn Kohn, der mich ihr
empfohlen, vorgestellt. Der Offizier brummte dabei mit einem nicht sehr
freundlichen Gesicht einige Gewohnheitshflichkeiten in den Bart. Als er
mich zum zweitenmal daselbst traf, lie er schon einige anzgliche Reden
fallen, jedoch so verblmt, da ich, ohne mir groe Blen zu geben,
keine Notiz von denselben nehmen konnte. Aber das drittemal, wir
speisten beide bei der Dame zu Abend, erlaubte er sich, mir im Laufe der
Konversation beim Dessert die Bemerkung zu machen: _Mais moi je ne
servirais jamais dans un rgiment qu'on mne, a coups de baton_, worauf
ich schnell versetzte: _Mais comment, Monsieur, toute la marine est
mene a coup coups de triques, c'est bien pis._ Hierauf wurde die
Unterhaltung pikanter, jeder verteidigte seine Sache nachdrcklich,
obgleich ich gegen meine berzeugung, und wir wurden dabei so heftig,
da Madame Guinet sich alle Mhe gab, uns zu besnftigen, aber mein
Gegner lie noch ein _tte quarre d'Allemand_ fallen, worauf ich ihm
schnell erwiderte, da es so ein deutscher Querkopf wohl noch mit einem
franzsischen Seehund wie er aufnehmen knne. Launey, dies war der Name
des Offiziers, geriet nun in eine solche Wut, da er sich nicht mehr
kannte, seinen Dolch, wie deren die Marine an einem Gehnge an der
linken Seite trgt, zog und mir ihn in die Brust stoen wollte; ich aber
fiel ihm in die Arme, noch ehe er seinen Vorsatz ausfhren konnte, rang
ihm den Dolch aus der Hand, wobei ich mir aber die meinige so verletzte,
da mehrere Finger stark bluteten, worauf ich den Dolch zur Erde warf,
darauf trat und ihm sagte, was er nun weiter begehre, meine Hand an den
Degen legend. Launey sah mich knirschend und grimmig an, konnte aber vor
Wut kein Wort hervorbringen. Madame Guinet, welche das Blut sah, mit dem
wir beide schon befleckt waren, schrie laut auf und weinte so heftig,
da ihre Dienstmdchen in das Zimmer strzten. Ich fate mich jedoch
schnell und sagte zu ihnen: _Ce n'est qu'une plaisanterie, mes enfants,
apportez nous seulement de l'eau pour nous laver les mains._ Ich suchte
auch in der Tat jetzt der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung zu
geben, wir wuschen uns die Hnde, wobei mir das nette Kammermdchen der
Dame das Becken hielt, und als uns die Zofen wieder verlassen hatten,
bot ich dem Launey Satisfaktion fr den nchsten Morgen an; dieser aber
schien jetzt ganz beschmt, steckte seinen Dolch friedfertig in die
Scheide und entfernte sich dann bald unter dem Vorwand, wegen
Dienstangelegenheiten frh an Bord seines Schiffes sein zu mssen. Als
er weg war, gestand mir Madame Guinet, da ihr der Mensch recht fatal
geworden sei, da er mit allen Herren, die sie besuchten, Hndel anfinge;
ich suchte sie bestens zu trsten und verlie sie erst nach Mitternacht.
Seit dieser Zeit begegnete ich dem Offizier nicht mehr bei ihr. Dies war
nicht das einzigemal, da ich und andere Offiziere wegen der bei dem
Regiment eingefhrten Prgel Unannehmlichkeiten auszufechten hatten,
wenn wir in einer Garnison mit anderen franzsischen Truppen standen.
Aus derselben Ursache verlor ein Kapitn von unserm zweiten Bataillon,
ein Hesse, der ein gewaltiger Prgelverehrer war, bald darauf das Leben
in einem Duell mit einem franzsischen Offizier von der Linie. Der gute
Mann wute freilich den Stock weit besser als den Degen zu fhren. Unter
den Kameraden im Regiment lie ich mich derb genug ber diese uns
infamierenden Prgeleien aus, whrend ich in Gesellschaft von Offizieren
franzsischer Regimenter sie, der Ehre des Regiments halber, bis auf
einen gewissen Punkt verteidigen mute.

Bald darauf brachte mir ein Vorfall im Theater wieder
Unannehmlichkeiten. Man fhrte nmlich ein Gelegenheitsstck, >Die
bergabe von Ulm< betitelt, auf, an und fr sich ein jmmerliches
Machwerk, das aber, weil es der franzsischen Gloire Weihrauch streute
und voll wenn auch oft fader Anspielungen auf die Deutschen und
besonders die sterreicher war, dennoch groen Beifall erhielt. Ich
befand mich unter den Zuschauern, neben einem Hauptmann von Caguenec aus
Hagenau, der frher in sterreichischen Diensten gestanden hatte, einem
sehr tapferen Offizier, der auch ein vortrefflicher Pianist war, aber
den abscheulichen Fehler hatte, sich von Zeit zu Zeit dem Trunk auf eine
fast viehische Weise zu ergeben. Neben uns saen drei franzsische
Offiziere, die wie das ganze Publikum bei jedem Bonmot ber die
sterreicher, die man mit dem Brutum fast in eine Kategorie stellte,
laut und beifllig lachten. Caguenec, der eben erst vom Diner mit
ziemlich erhitztem Kopf kam und ein tchtiger Haudegen war, fing die
Sache zu wurmen an, er wurde unruhig auf seinem Platz, den er einigemal
verlie, um einige Glser Likr oder Rum am Bfett hinabzustrzen, immer
erhitzter zurckkehrte und endlich dem neben ihm sitzenden Offizier ein
befehlendes: _Taisez vous!_ in barschem Tone zurief, indem er
hinzufgte, da sie eben keine Ursache htten, sich zu mokieren, denn
das Stck sei ein so erbrmliches Machwerk, da es eine Schande sei,
dessen Auffhrung zu dulden. Einer der Offiziere fiel ihm mit den
Worten: _Mais vous tez donc fou, Monsieur_, in die Rede. Caguenec
sprang nun auf, bedeckte seinen Kopf mit dem Hut, zog sogleich seinen
Degen, den er in der Luft schwang, und schrie dabei laut, jeder, der
etwas von ihm wolle, mge kommen. Und mit der Klinge um sich
herumfahrend, schuf er schnell einen leeren Kreis um sich. Dies
verursachte sogleich einen allgemeinen Aufstand im Theater, von allen
Seiten schrie man: _A bas le chapeau,  bas l'pe._ Der Tumult wuchs
mit jedem Augenblick, und der kommandierende General, der in einer Loge
sa, befahl, den Vorhang fallen zu lassen, sandte seinen Aide de Camp
ins Parkett und lie dem Caguenec befehlen, sich sofort in Arrest zu
begeben. Dieser aber nahm keine Rson an, sondern fuhr fort, mit seinem
Degen zu manvrieren, so da der leere Raum um ihn her immer grer
wurde. Jetzt lie der General die Wache mit einem Offizier an der Spitze
eintreten, dem es nicht ohne groe Mhe gelang, den Kapitn zu
entwaffnen und zu verhaften, der von Glck sagen konnte, da er mit
vierwchentlichem Arrest auf dem Fort davonkam und nicht ein
Kriegsgericht passieren mute. Ich wurde, als mit ihm gekommen und neben
ihm sitzend, verhrt und erhielt sogar auf Befehl des kommandierenden
Generals achtundvierzigstndigen Untersuchungsarrest, von dem ich noch
heute nicht wei, aus welchem Grund, da ich bei der ganzen Geschichte
nichts getan hatte, als den Caguenec in deutscher Sprache zu
beschwichtigen, was man mir wahrscheinlich im schlimmen Sinne ausgelegt,
weil ich mich ber die Ausflle in dem Stck gegen die franzsischen
Offiziere ebenfalls mibilligend geuert hatte.

Trotz der Bekanntschaft der Madame Guinet, die ich brigens bald wieder
aufgab, wollte mir der Aufenthalt in Toulon nicht gefallen; ich hatte
mich zwar bemht, wenigstens ein franzsisches Liebhabertheater zu
organisieren, aber es gelang mir nicht; unsere beiden anderen
Bataillone, bei denen sich die Damen befanden, welche die vorzglichsten
Aktricen gewesen, standen in Marseille und Genua; in der Garnison von
Toulon, wo viele Frauen und Tchter der Marine waren, hatte ich zu wenig
Bekanntschaft, und von den Damen der Einwohner, die ich kannte, war
keine dazu zu bewegen, Komdie zu spielen. Ich nahm einigemal Urlaub
nach Marseille, wo das Leben weit angenehmer und geselliger als in dem
dsteren Toulon, auch das Theater im Vergleich mit dem von Toulon
vorzglich war. Man sah daselbst berall Wohlhabenheit und Reichtum, im
dortigen Hafen schwang Gott Merkur seinen Stab, obgleich wegen dem Krieg
mit England nur mit groer Vorsicht und Bescheidenheit, whrend in dem
von Toulon der Kriegsgott sein Panier aufgepflanzt hatte, aber sich aus
der erwhnten Ursache ebenfalls nicht sehr mausig machen durfte.

Nachdem wir etwa sechs Wochen in Toulon waren, wurde die
Voltigeurkompagnie des ersten Bataillons, der ich seit meiner Ernennung
zum Offizier zugeteilt war und die ein Hauptmann Grenet befehligte, nach
dem an dem Ufer der groen Reede liegenden bedeutenden Flecken La Seine
detachiert, wo es mir weit mehr als in dem dsteren Toulon gefiel.
Dieser ber zweitausend Einwohner zhlende Ort hat eine sehr schne
Lage, und man erhlt daselbst die besten Seefische, Austern und
Muscheltiere aus der ersten Hand, namentlich die _moules noirs_, die
einen noch feineren Geschmack als die Austern haben und die man mit dem
kstlichen Wein de la Malgue hinuntersplt, womit man sich zur Not auf
einen ganzen Tag begngen kann, da sie sehr nahrhaft sind, ein uerst
billiges Mahl, das wenige Sous kostet. brigens kann man in der Provence
und Languedoc sehr gut und dabei sehr billig leben, nur mu man sich vor
Unmigkeit hten und des Guten nicht zu viel tun wollen, was nur auf
Kosten der Gesundheit geschehen kann und bittere Reue im Gefolge hat;
alle Nahrungsmittel und Getrnke sind hier vorzglich krftig und
wohlschmeckend. Fleisch, Fische, Geflgel, Gemse, Obst, Wein und
Likre, namentlich die letzteren aus den Fabriken von Montpellier, der
Ratafia und Crme de Mokka genannt, verfhren den Gaumen gar zu leicht.

In La Seine war ich bald mit den wenigen Honoratioren daselbst bekannt,
namentlich in der Familie Guige, deren Haupt eine gute Anstellung und
eine sehr liebenswrdige Tochter hatte, die mit einem Stabsoffizier, der
bei dem Heer in Deutschland stand, versprochen und also Braut war; die
Vermhlung sollte gleich vor sich gehen, wenn die Truppen nach
Frankreich zurckgekehrt sein wrden, wozu aber damals noch wenig
Aussicht war. Dieses Mdchen zhlte ungefhr zweiundzwanzig Jahre und
war ber ihren langen Brautstand, von dem sie das Ende noch nicht absah,
ziemlich ungeduldig; sie sang nicht bel und spielte zur Not etwas
Klavier. Die Musik bahnte mir auch hier wieder den Weg zu einer
intimeren Bekanntschaft, und manche Morgenstunde brachte ich musizierend
mit der hbschen Marie zu, mit der ich die neuesten Gesnge und Romanzen
durchging. Zwar war die Mama fast immer bei diesen musikalischen
Morgenstunden zugegen, doch konnte sie nicht umhin, uns manchmal allein
zu lassen, wo ich dann diese Augenblicke auf das beste benutzte, um in
nheren Rapport mit der Braut zu kommen, und wir verstanden uns schnell.
Eine Braut hatte immer etwas besonders Anziehendes fr mich und war mir
ein _morceau friand_, und gar zu gerne mochte ich den Brutigams Nasen
drehen, wenn ich es dahin bringen konnte. Mit dieser Familie machte ich
auch mitunter Promenaden in der Nhe des Orts, wo wir mehr als einmal
Gelegenheit fanden, uns, wenn es das Terrain erlaubte, auf einige
Augenblicke unsichtbar zu machen, die wir dann gut zu benutzen wuten.
fters fuhren wir auch in einem Boot nach Toulon, wo wir das Theater
besuchten und nach demselben beim Mondschein oder auch in dichter
Finsternis, wie es der Himmel eben wollte, heimkehrten. Einigemal traf
es sich, da sich whrend der Vorstellung Winde und Strme erhoben
hatten, so da die Wellen in der Reede bei der Rckfahrt hoch gingen und
wir ziemlich geschaukelt wurden. Dies war aber gerade das Angenehmste
bei diesen Lustfahrten, denn je wilder die See ging und je finsterer die
Nacht, desto hher wallte Mariechens Busen, die sich dann fester und
fester an mich schmiegte und das Kpfchen auf meine Schulter legte,
whrend ich sie mit dem einen Arm innig umschlang und die Hand des
andern bald da, bald dort ruhte, oder je nach Umstnden auch nicht
ruhte; dabei trillerte ich die Melodie des Liedes: >Das waren mir selige
Stunden.< Ich hatte Marien einigemal deutsche Lieder vorgesungen, und
sie bekam Lust, diese _langue barbare_, wie sie sagte, zu lernen. Gerne
verstand ich mich dazu, ihr Unterricht in derselben zu erteilen, aber
sie konnte es nie weiter als zu Ja und Nein bringen; in anderen Dingen
war sie weit gelehriger.

Als eines Tages eine Fregatte vom Stapel gelassen werden sollte, erhielt
die Familie Guige eine Einladung zu dieser Feierlichkeit und lud mich
ein, sie zu begleiten; der Schiffsbaumeister war ein naher Verwandter
der Madame Guige. Wir fuhren am Morgen nach Toulon und bestiegen das
Gerst, auf dem sich die ganze beau monde der Stadt sowie das
Offizierkorps der Marine und Landtruppen befand, die Festivitt mit
anzusehen. Die Admiralitt, die Generalitt, der See- und der
Landprfekt, der Hafenkommandant hatten fr sich und ihre Angehrigen
besondere schn ausgeschmckte Pltze. -- Als alle Arbeiter sowie die
knftige Bemannung desselben auf dem Schiff und auf ihren Posten um
dasselbe herum waren und das Zeichen zum Loslassen gegeben war,
herrschte eine ngstliche Stille. Jetzt gab der Erbauer das Signal zum
Abstoen, und in einem Augenblick waren alle Seile und Taue, die es noch
zurckhielten, zerhauen. Das Schiff setzte sich unter dem Schall der
Musik, unter Jubel und Jauchzen der auf demselben befindlichen
Mannschaft und vieler tausend Zuschauer in Bewegung, die mit jeder
Sekunde rascher wurde, so da bald Rauch und sogar Flammen unter
demselben hervorbrachen, die aber, sobald das Fahrzeug das Wasser
erreicht hatte, schnell gelscht waren. Ein splendides Dejeuner
_dansant_ beschlo die Feier, und die Fregatte war nun dem wilden
Element, das es aus dem Bassin abgeholt, berliefert, um seine
gefhrliche und verhngnisvolle Laufbahn anzutreten, die so oft mit
einer schrecklichen Katastrophe endigt.

Ein paar Tage spter machten wir auch einen Besuch auf der Fregatte
Mron, derselben, welche den General Bonaparte aus gypten
zurckgebracht hatte und deren Kommandant ein Freund des Herrn Guige
war, der uns viele Details ber Napoleon whrend seiner berfahrt
mitteilte und uns so recht angenehm unterhielt.

Der Aufenthalt in La Seine, wo der Dienst, das Exerzieren ausgenommen,
gar nichts heien wollte, wurde mir durch die Freundlichkeit der Familie
Guige sehr angenehm gemacht, und da Marie nicht nur sehr hbsch, sondern
auch sehr geistreich und witzig war, so wurde mir ihr Umgang von Tag zu
Tag lieber. Wir besuchten die Bastiden ihrer Bekannten in der Umgegend,
wo ich in einer ein Bild fand, das einen fatalen Eindruck auf mich
machte, den ich lange nicht loswerden konnte. Das Gemlde stellte
nmlich grliche Schreckensszenen der furchtbaren Pest vor, die im
Jahre 1721 hier und in Marseille wtete und die ein Matrose, der einen
Ballen Seide aus der Quarantne entwendet und heimlich nach Toulon
eingeschmuggelt, in diese Stadt gebracht hatte. In weniger als sechs
Monaten waren drei Vierteile der Einwohner von Toulon gestorben, so da
die meisten Huser leer standen und lange unbewohnt blieben. Das Bild
stellte Haufen verpesteter und schon in Fulnis bergegangener Leichen
dar, an denen die Pestbulen mit ekelhafter Tuschung nachgemacht waren,
so da man sich die Nase zuhalten zu mssen glaubte, um den Gestank
nicht zu riechen.

Ein andermal fuhren wir auf die naheliegende Insel Porquerolles, wo auch
eine Kompagnie von unserem Bataillon detachiert war, um die auf der
Insel liegenden Forts zu bewachen. Nachdem wir an das Ufer getreten,
kamen wir durch ein kleines Lustwldchen; als wir ungefhr in der Mitte
desselben waren, hrten wir pltzlich ein freudiges Jauchzen und
Vivatrufen, und bald darauf erblickten wir einen Haufen frhlicher
Menschen, die grtenteils in die Uniform unseres Regiments gekleidet
waren, an deren Spitze der schon ziemlich bejahrte Hauptmann Gasqui, ein
uerst liebliches, hchstens siebzehn Jahre altes weibliches Wesen am
Arm, marschierte. Es war seine junge Frau, mit der er soeben von der
Trauung kam, die Tochter eines reformierten Stabsoffiziers, Luise von
Argout. Mit der bezauberndsten Anmut schritt die junge Ehefrau an der
Seite ihres beinahe fnfzigjhrigen Gatten einher und wiegte ihr
reizendes Lockenkpfchen auf einem blendend weien Schwanenhals; Wuchs,
Haltung und Gang schien den Grazien entlehnt, und es war ein Jammer,
anzusehen, da der alte Snder einen solchen Engel heimfhrte und dabei
eine dreifache Dummheit beging, denn erstens ist es allemal eine
Dummheit, wenn ein Offizier heiratet, besonders in Kriegszeiten; doppelt
ist sie, wenn er schon bei Jahren noch heiratet; und dreifach, wenn die
Frau jung und schn ist, was hier alles der Fall war. Auch hatte Gasqui
bald Gelegenheit, die begangene Torheit zu bereuen, wie wir spter sehen
werden und wozu auch ich mein Scherflein beitrug. -- Das Gefolge des zu
der Hochzeitsfeier eilenden jungen Paares bestand aus mehreren
Offizieren, Einwohnern, und einem Dutzend weigekleideter Frauen und
Mdchen, denen die halbe Kompagnie, ihrem Hauptmann bestndig Vivats
bringend, folgte. Wir bewillkommneten uns gegenseitig, ich brachte meine
herzlichsten Glckwnsche dar und wurde mit meinen Begleitern von dem
zur Hlfte alten, zur Hlfte jungen Ehepaare so dringend gebeten, die
Hochzeit mit zu feiern, da wir, ohne unhflich zu sein, die Einladung
unmglich ausschlagen konnten. Tnze, Spiele und Schmausereien auf einem
schnen grnen Platze der Insel, unter freiem Himmel, verherrlichten die
eben geschlossene Verbindung, und wir hatten es nicht zu bereuen, die
Einladung angenommen zu haben, da wir uns trefflich unterhielten,
besonders bei den Kontretnzen, die bei dem Klange einer Violine und
einer Klarinette aufgefhrt wurden und bei denen ich bald die schne
junge Frau, bald Mariechen und andere hbsche Mdchen balancierte. Erst
spt in der Nacht verlieen wir die romantische Insel, nachdem wir,
herzlich dankend, freundlichen Abschied von dem jungen Ehepaar genommen,
und fuhren bei hellem Mondschein ber die ganz ruhige Seeflche nach
Hyres zurck; obgleich an Mariens Seite traulich sitzend, schwebte mir
doch das Bild der jungen Frau bestndig vor Augen. Was htte ich hier
nicht um das _droit du seigneur_ gegeben! Auch ich konnte die lebhafte
Vorstellung, da jetzt der alte Gasqui in all diesen Reizen schwelge,
nicht aus meiner Einbildungskraft entfernen. Da ich whrend der
Heimfahrt so ganz gegen meine Gewohnheit stille und einsilbig war,
fragte mich Marie einigemal, was mir fehle. Ich schtzte Mdigkeit und
Kopfweh vor und lie die Bilder auf der schnen Insel noch einmal vor
meinen geschlossenen Augen in der Phantasie vorberziehen. Am anderen
Tag erhielten wir Marschorder und Befehl, Toulon zu verlassen, um es mit
Genua zu vertauschen. Also nach Italien, dem Zauberland der Poesie und
Romantik, das ich schon in frhester Kindheit zu sehen gewnscht und
wohin die Sehnsucht durch Goethes und anderer Autoren Werke noch weit
mehr in mir gesteigert wurde; denn Genua war mir vor allem durch
Schillers Fiesko, eine meiner Lieblingsrollen, wert geworden. Obgleich
es nur noch ein paar Tage bis zum Abmarsch waren, so konnte ich doch
kaum diesen erwarten und brachte sie mit Abschiedsbesuchen in der Stadt
und auf den Schiffen in der Reede, auf denen ich Bekannte und Freunde
zhlte, den letzten aber noch im Scho der mir teuren Familie Guige zu,
der ich so manche frohe Stunde zu verdanken hatte. Marie konnte ihre
Trnen nicht unterdrcken, ich suchte sie zu trsten, versicherte ihr,
da, wenn ich eher Kapitn wrde, als der Oberst, ihr bestimmter
Brutigam, zurckkme, sie meine Frau werden msse, versprach, sie nicht
zu vergessen, und habe Wort gehalten, wie man sieht. Den Abend vor dem
Abmarsch nahm ich mit einem langen Ku Abschied von ihr; um vier Uhr des
Morgens rappelierten die Tambours, wir marschierten an ihrem Hause
vorber, wo sie schon hinter dem Fenster stand und ich ihr noch einen
letzten Ku, den sie, so lange sie mich noch sehen konnte, erwiderte,
zuwarf, auf das Marsfeld nach Toulon, wo wir uns mit dem Bataillon
vereinigten und dann frohen Mutes den Marsch nach Italien antraten. --




                                  XIV.

   Marsch von Toulon nach Genua. -- Lc. -- Frejus. -- Cannes. -- Die
   lerinischen Inseln. -- Madame Grenet. -- Nizza. -- Landsleute. --
   Seefahrt von Nizza nach Genua. -- Finale. -- Savona. -- Der Anblick
                      Genuas vom Golf aus gesehen.


Unser erstes Nachtquartier war das Stdtchen Cers, das etwa drei- bis
viertausend Einwohner zhlen mag. Den zweiten Tag kamen wir nach dem
Flecken Pignans und den dritten nach Lc, einer kleinen Stadt mit einem
alten Schlo, die durch ihre herrlichen Maronenwlder bekannt ist, deren
schne Frucht hauptschlich von den Pariser Konditoren gesucht wird und
die Prunktafeln der Reichen daselbst schmckt. Von Lc ging der Marsch
nach Le Muy, einem groen Flecken, und von da nach Frejus, bekannt durch
Napoleons Landung, als er von gypten zurckkam. Diese Stadt, die unter
der Rmerherrschaft sehr bedeutend war und ein Seearsenal hatte,
vergrerte und verschnerte Csar auerordentlich und nannte sie Forum
Julii. Ihr Hafen war in gutem Stand; sie hatte ein Tor, welches man das
goldene nannte, weil es mit Ngeln beschlagen war, deren Kpfe vergoldet
waren und von dem noch Reste vorhanden sind. Der Hafen ist jetzt
versandet und das Meer, welches frher die Stadtmauern besplte, eine
gute halbe Stunde davon entfernt. Hier schiffte sich 1814 der abgedankte
Kaiser nach seinem bescheidenen Reich, der Insel Elba, ein. Der
Hintergrund des Golfs von Frejus bietet einen schnen Anblick und ist
mit Pomeranzen-, Limonen- und Granatbumen berst. Man findet hier
sogar mehrere Edelsteine, namentlich Amethyste und weien und roten
Jaspis im berflu. Von Frejus marschierten wir nach dem Seestdtchen
Cannes, das an einem steilen Abhang, auf dessen Hhe ein altes Schlo
liegt, gelegen ist und herrliche Umgebungen hat. Neben Oliven sind seine
Sardellen als vorzglich bekannt und machen einen wichtigen
Handelsgegenstand der Stadt aus, da von diesen in gnstigen Jahren bis
zweitausend Zentner versandt werden. Ihr Fang wird auf folgende Art
bewerkstelligt. Sobald es Nacht geworden, znden die Schiffer auf ihren
Barken ein helloderndes Feuer mitten auf der See an, das die kleinen
Silberfische herbeilockt, die man dann zu Tausenden in den Netzen fngt.

Cannes gegenber liegen die lerinischen Inseln, ganz nahe an der Kste;
die grte derselben, St. Marguerite, ist keine zweitausend Fu entfernt
und hat ein Fort, in welchem unter Ludwig XIV. der Mann mit der eisernen
Maske gefangen sa, der fr jeden, der Richelieus Memoiren mit
Aufmerksamkeit gelesen hat, kein Geheimnis mehr ist. Auf der zweiten
dieser Inseln, St. Honorat, war ein sehr berhmtes Kloster, das der
heilige Honorat im Jahr 410 stiftete. Andreas Doria nahm diese Inseln im
Jahr 1536 weg, und die Spanier bemchtigten sich 1635 derselben. In
Gesellschaft einiger Kameraden und eines Einwohners von Cannes fuhr ich
gegen Abend in einer Barke diesen Inseln zu, wo wir die sich zu einem
Staatsgefngnisse allerdings vortrefflich eignende Zitadelle in
Augenschein nahmen. Man zeigte uns das stark vergitterte Fenster, hinter
welchem der unglckliche Bruder Ludwig XIV. sa. Zu Cannes landete
Napoleon den 1. Mrz 1815, von Elba zurckkehrend, um noch einmal Europa
auf kurze Zeit in Alarm und Unruhe zu setzen, den Wiener Kongre zu
beendigen und dann zu St. Helena jmmerlich klein zu enden.

Von Cannes nach Nizza, wohin wir den nchsten Tag marschierten, bietet
der Weg nichts Bemerkenswertes; zur Linken meistens Berge, zur Rechten
das Meer, an dessen Ufern viele groe, wildwachsende Aloestauden stehen.
Gleich nach unserem Ausmarsch begegneten wir etwa einem Dutzend ganz
schwarzer Schweine, die von mehreren Treibern begleitet waren, welche
ihnen Scke mit Eicheln nachtrugen und sie auf die Felder jagten. Zu
meinem grten Erstaunen hrte ich, da dieses abgerichtete
Trffelschweine seien, die man hier wie bei uns die Hunde abrichtet,
diesen Leckerbissen schnffelnd mit ihren Rsseln unter dem Boden
hervorzuwhlen; da aber die gefrigen Tiere diese kstlichen Knollen,
des Sprichworts eingedenk: >Jeder ist sich selbst der Nchste<, sobald
sie dieselben gewahren, verzehren wrden, so wirft man ihnen schnell
einen Haufen Eicheln hin, ber den sie nun herfallen, die Trffeln im
Stiche lassend, welche die Treiber dann vollends ausgraben.

Auf diesem Marsch hatte ich die Arrieregarde des Bataillons kommandiert,
mit welcher Madame Grenet, die Gattin meines Kapitns, eine allerliebste
junge Frau, erst zwei Jahre verheiratet, in ihrer Reisekalesche fuhr.
Neben dem Wagen hergehend, unterhielt ich mich recht angenehm mit ihr,
so da mir der Marsch fast zu kurz vorkam. Bei dem Halten frhstckte
ich mit der Dame kstlichen Thunfisch, den sie mitgebracht hatte und den
man in dieser Gegend ganz vortrefflich findet, dafr braute ich ihr ein
Getrnk aus sen Pomeranzen und Muskatwein, eine Art Orangeade, die
sehr erfrischend und strkend ist. Madame Grenet hatte die Gte, mir nun
einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, den ich auf ein paar Stunden
annahm und so hinter meiner Arrieregarde herfuhr. Sie teilte mir mit,
da sie sich zu Nizza, von wo der Weg ber sehr steile Gebirge, die
Meeralpen, gehe, samt ihrem Wagen einschiffen und von da aus den Weg bis
Genua zur See machen werde. Da ich wute, da auch die Armatur und das
Gepck des Bataillons daselbst unter dem Kommando eines Offiziers und
einiger Mannschaft ebenfalls eingeschifft werden sollte, so sagte ich
der freundlichen Dame, da ich den Bataillonschef um dieses Kommando
bitten wolle, was mir Dret wohl zugestehen wrde. Sie lchelte und
meinte: Dann bleibe ich unter Ihrem Schutz.

Den ich Ihnen gewi auf das krftigste angedeihen lassen werde,
erwiderte ich, ihre Hand kssend.

Vor der Etappenstadt stieg ich aus dem Wagen, Madame Grenet fr die
gehabte Gte dankend, und fhrte mein Kommando unter Trommelschlag auf
den groen, mit Arkaden umgebenen Napoleonsplatz zu Nizza, dessen
smtliche Gebude von ganz gleicher Bauart, Farbe und Hhe waren, so da
man sich eher in einem ungeheuren Schlohof, als auf einem ffentlichen
Platz glaubte. Nachdem ich die Bagagewagen der neuen Wache bergeben und
die Leute entlassen hatte, suchte ich mein Quartier auf, das mir der
Zufall wieder bei der jungen Strohwitwe eines sich in Mailand
befindenden Armeebeamten, einer Piemonteserin aus Turin, bescherte, die
aber leider kein Wort Franzsisch, whrend ich noch kein italienisches
konnte. Ich bekam sie auch erst spter zu sehen, da mir in Abwesenheit
der Gebieterin eine Zofe das Billett abnahm.

Ob ich gleich mehrere Tage in Nizza verweilte, so wurde ich doch wenig
mit den Schnheiten und Reizen der Umgegend bekannt, von denen so manche
Reisenden mit Entzcken phantasieren, ich war vielleicht auch noch ein
gar zu prosaisches Menschenkind, und zudem waren meine Gedanken mit
meiner hbschen Hauptmannsfrau zu sehr beschftigt, als da ich den
Naturschnheiten so viel Aufmerksamkeit htte schenken knnen; nur die
sich gegen Norden erhebenden Gebirgsterrassen, aus vier bereinander
ragenden Bergen bestehend, machten durch ihr imposantes Ansehen einigen
Eindruck auf mich.

Es befanden sich wie gewhnlich viele Fremde hier, welche hofften, da
ihnen die Luft von Nizza die durch Ausschweifungen oder andere Umstnde
verlorene Gesundheit wiedergeben sollte, betrogen sich aber meistens.
Nur die englischen Goldfische, Lords genannt, wenn auch oft nur
Bierlords, fehlten, da sich zu jener Zeit kein Englnder auf dem
Kontinent blicken lassen durfte, ohne als Kriegsgefangener behandelt zu
werden. Unter diesen Kranken waren auch ein paar schwindschtige
Landsleute von mir, Frankfurter, die, da sie gehrt, da sich junge
Leute aus ihrer Vaterstadt bei diesem Regiment befnden, mich
aufsuchten; es war ein gewisser Parrot aus der Antoniusgasse, der meine
Familie kennen wollte, von dem ich aber nie etwas gehrt hatte, und der
mir durchaus  hr antu wollte, wie er sagte, was ich mir aber verbat.
Noch andere meiner werten Landsleute erkannte ich an dem Akzent, den
sie, auf dem Korso spazieren gehend, hren lieen, wodurch man den
Frankfurter allenthalben errt. Ich htete mich wohl, den ein Duett
hustenden und ruspernden Kompatrioten meine Landsmannschaft zu
verraten, und eilte von ihnen weg, um in einem Kaffeehaus unter den
Arkaden einige Erfrischungen einzunehmen, wo ich in einiger Entfernung
ein Paar muntere Damen bemerkte, die sich, wie es schien, recht vergngt
miteinander unterhielten und auch manchmal zu mir herberschielten, so
da ich, aufmerksam auf sie geworden, sie besser ins Auge fate und
recht hbsch fand. Bald darauf brachen sie auf; ich wollte schnell meine
Zeche berichtigen und ihnen nachgehen, um zu sehen, wohin sie ihre
Schritte lenkten; eben hatte ich bezahlt und wollte fort, da fhrte der
Henker wieder meinen hektischen Landsmann herbei, der mich mit Gewalt
mit Kaffee oder Gott wei was regalieren und Frankfurter Neuigkeiten von
mir hren wollte, wodurch einige Augenblicke verloren gingen; und
obgleich ich mich unter dem Vorwand, da mich der Dienst rufe, mglichst
schnell von ihm losmachte, war es doch zu spt, ich hatte die beiden
Schnen schon aus den Augen verloren und konnte trotz allem Suchen keine
Spur mehr von ihnen auffinden. Verdrielich schlenderte ich endlich nach
Haus, der Abend brach herein, und ich legte mich ans offene Fenster, die
flimmernden Sterne und den azurnen Himmel des Sdens anstaunend. Kaum
hatte ich angefangen, einige beschauliche Betrachtungen ber das endlose
Firmament, das so schnell endende Leben und dessen so rtselhaften Zweck
anzustellen, als sich dicht neben meinem Fenster ein paar weibliche
Stimmen hren lieen, die mit Guitarrebegleitung eine zweistimmige
italienische Notturna in dem Nebenzimmer am offnen Fenster sangen. Es
war meine Hauswirtin mit noch einer anderen Dame, wie ich durch meinen
Burschen erfuhr, und ich beschlo, sogleich der ersteren, die ich bis
jetzt vernachlssigt hatte, meine Aufwartung zu machen. Ich lie mich
melden und ward angenommen. Aber wie sehr war ich berrascht, als ich in
den beiden Frauen meine Unbekannten unter den Arkaden erkannte, die ich
so lange vergeblich gesucht. Ich machte mein Antrittskompliment und
meine Entschuldigungen in franzsischer Sprache, wogegen mir aber ein:
_Non capisco, signor Uffiziale, non parliamo francese!_ erwidert
wurde. Dies war ein fataler Kasus, da ich noch nicht italienisch konnte,
wenngleich ich in dieser Sprache sang und die Worte gut aussprach. In
dieser Verlegenheit mute ich die Mimik zu Hilfe nehmen und gab, so gut
es gehen wollte, durch Zeichen und Gestikulationen zu verstehen, man
mge sich doch ja nicht stren lassen und fortsingen, wozu man sich auch
herbeilie, was unter solchen Umstnden, wo keine Unterhaltung durch das
Organ der Sprache mglich, wohl das Beste war. Die Damen sangen noch ein
paar Kavatinen, und zwar gut, denn sie hatten beide schne und reine
Stimmen, und von dem >_Solitario bosco ombroso_<, das die jngere mit
sehnschtigen Blicken vortrug, ward ich ganz bezaubert. Diese war die
Frau eines Schiffskapitns, der erst vor ein paar Tagen nach Marseille
abgefahren war. Als sie gesungen und mein Bravissimo bescheiden
hingenommen, gaben sie mir durch Zeichen zu verstehen, ob ich nicht auch
musikalisch sei. Ich bedeutete, da ich zwar snge und Klavier, aber
nicht Guitarre spiele. Man fhrte mich in ein Nebenzimmer, in welchem
sich ein Spinett befand, das ich probierte, jedoch schrecklich verstimmt
fand. Ich sang indes doch die Romanze des Pagen aus Mozarts Figaro im
italienischen Idiom. Die Damen hrten mir mit Verwunderung zu, und als
ich geendigt hatte, begriff ich von ihrem Gewlsche und aus ihren
Gestikulationen soviel, da sie glaubten, ich msse auch italienisch
reden; sie schienen nicht zu begreifen, da man in einer Sprache singen
kann, die man nicht verstehe und nicht spreche, und ich war nicht
imstande, ihnen dies klar machen zu knnen, wodurch ein komisches
franzsisches und italienisches Charivari, von drolligem Gebrden- und
Mienenspiel begleitet, entstand, das damit endigte, da ich ihnen noch
Figaros brillantes >_Non piu andrai_< vortrug, das sie nicht kannten und
das sie in Ekstase versetzte. Aber dabei blieb es, denn antworten auf
ihre Fragen konnte ich nun einmal nicht, wenn sie auch noch so unglubig
die Kpfe schttelten, mir nicht zu trauen schienen und mich mit
zweifelhaften Blicken ansahen. Dies war mir recht fatal, denn ich war
fest berzeugt, da, wenn ich mit der Sprache fortgekonnt htte, ich
hier wieder ein scharmantes Marschabenteuer gehabt haben wrde, so mute
es bei einem >_felicissima notte_< bleiben, mit dem ich mich unter
Bcklingen und Handku entfernte.

Den nchsten Morgen suchte ich Dret auf, ihn um das Kommando der sich
mit dem Gepck nach Genua einschiffenden Mannschaft zu bitten, wie ich
mit Madame Grenet bereingekommen war. Er gestand mir dies auch zu ohne
andere Einwendung als: Wahrscheinlich steigen Sie nicht gerne Berge,
und fuhr fort: Geben Sie nur auf die Armatur acht und lassen Sie sich
nicht von den Englndern erwischen. Ich versprach, da ich mein
Mglichstes tun wolle, beides zu befolgen, und eilte nun an den Hafen,
wo ich die Felukke aufsuchte, die zu diesem Zwecke in Beschlag genommen
war und den Namen >Proserpina< fhrte. Ich erkundigte mich bei dem
Patron derselben nach der Abfahrt, der mir sagte, er msse einen
gnstigeren Wind abwarten, man knne aber einstweilen immer die Gewehre
und Bagage einschiffen.[11] Ich beorderte den Adjutant-Unteroffizier,
dies zu besorgen, ging sodann zum Kapitn Grenet, ihn zu
benachrichtigen, da mir das Militrkommando der Felukke erteilt worden,
der sich darber freute und mir seine Frau und absonderlich seinen Wagen
dringend empfahl; ich versprach auch, da ich fr beide bestens sorgen
wolle, und bat Madame Grenet, ihre Effekten bereitzuhalten, damit ich
sie einschiffen lassen knne. Am anderen Morgen marschierte das
Bataillon, das in Nizza einen Rasttag gehabt, in aller Frhe ab. Den
Abend vorher hatte ich noch mit meinen italienischen Signoras
zugebracht, wo uns, wenn auch in unverstndlicher, doch sehr lebhafter
Unterhaltung, mit Musik untermischt, die Zeit schnell verflog. Ich hatte
sie gebeten, eine Promenade mit mir zu machen, wozu sie sich aber
durchaus nicht verstehen wollten; sie bedeuteten mir, da, wenn man sie
mit mir ausgehen sehe, die bsen Muler, die man hier sehr zu scheuen
habe, etwas zu reden bekmen und die Sache zehnmal verschlimmert ihren
Mnnern hinterbracht wrde. Wir blieben also zu Hause, ich soupierte mit
den Frauen und lie durch meinen Burschen Eis und Rosolio holen. Man
wurde nun lebendiger, und es kam dann noch zu allerlei Schkereien und
Kssen, versteht sich, alles in Ehren, und nicht weiter. Wir trennten
uns endlich vergngt, aber dennoch legte ich mich nieder, verdrielich,
es nicht weiter gebracht zu haben, und nahm mir fest vor, in Genua
sogleich italienisch zu lernen. Am anderen Morgen begleitete ich das
abmarschierende Bataillon noch eine Strecke, Dret und Grenet empfahlen
mir nochmals Bagage und Damen, denn es schifften sich noch mehrere
andere Offiziersfrauen mit ein; ich kehrte sodann um und begab mich zu
Madame Grenet, die ich noch in einem reizenden Morgenanzuge in ihrem
Bette fand, was sie aber nicht hinderte, mich zu empfangen. Sie schien
kaum erwacht zu sein, denn noch glhten ihre Wangen schlaftrunken, und
sie blhte wie eine eben aufbrechende Rose, die ich mir zu pflcken
vornahm. Nachdem ich ihr mit geringem Widerstreben einige Ksse geraubt,
schlich ich an die Tr und verschlo sie von innen. -- _Mais que faitez
-- vous donc_, lispelte sie. _Rien_, antwortete ich ebenso leise und
erstickte alle weiteren Fragen unter einem Strom von Kssen, nachdem ich
ihr versichert, da ich ihr gewi nichts Bses tun werde. Als ich sie
fest umschlungen, sanft mit dem linken Arm auf das Bett zurckgedrckt
und mit der rechten Hand die mir, obgleich recht feinen, doch lstigen
Morgengewnder zu entfernen suchte, da strubte sich zwar noch die Taube
ein wenig, aber schon fhlte ich das Schlagen und Pochen ihres Herzens
heftiger, purpurner wurden ihre Wangen, glhender ihr Hauch, aber trotz
Struben und Ach lie ich nicht nach, und bald drckte auch sie mich
fester und fester an sich, und alles Bewutsein schien ihr zu schwinden.
Etwas ermattet verlieen wir endlich das Lager, ich half ihr die
Toilette in Ordnung bringen, und nachdem sie die Verschmte genug
gespielt und der letzte Ku gegeben war, verlieen wir das Gemach und
nahmen Schokolade unter den Arkaden ein. Hierauf begaben wir uns zum
Hafen, um uns zu erkundigen, wann man wohl abfahren knne. Der Patron
der Felukke meinte, noch an demselben Tage die Anker lichten zu knnen;
ich lie nun schnell alle Bagage auf das Schiff bringen, befahl dem
Unteroffizier, die Leute einzuschiffen und die anderen Damen zu
avertieren, damit sie sich bereit halten mchten, und eilte sodann,
Abschied von meiner hbschen Wirtin zu nehmen, die mir erlaubte, sie
jetzt recht zrtlich zu umarmen. Bei einem Abschied sieht man manchem
durch die Finger, und man darf sich wohl etwas mehr herausnehmen und
zrtlicher sein, so auch ich, und wer wei, was noch geschehen wre,
wenn nicht gerade die Freundin zur rechten Zeit oder Unzeit dazugekommen
wre. Da ich aber jemand kommen hrte, verlie ich schnell meine Schne,
und als ich sah, da es ihre Freundin war, die in die Tre trat, so flog
ich auch dieser rasch an den Hals, um der anderen Zeit zu geben, ihre
etwas zerstrte Toilette wieder zu ordnen, und erdrckte die erstaunt
Eintretende fast mit Kssen, damit sie die Unordnung der anderen nicht
wahrnahm. Die List gelang vollkommen, und dann bald die eine, bald die
andere unter hundert Addios und >_Grazie tante_< umarmend, schlpfte ich
endlich zur Tre hinaus, eilte die Treppe hinunter und zu der mich
erwartenden Madame Grenet. Wir nahmen noch ein gutes Frhstck _ la
fourchette_ ein, begaben uns dann an den Hafen, wo schon Mannschaft,
Waffen und Gepck und noch fnf andere Offiziersfrauen eingeschifft
waren. Madame Grenet nahm Platz in ihrem Wagen und lud noch drei andere
Damen, die keinen hatten, ein, sich zu ihr zu setzen, whrend ich mich
auf den Bock placierte.[12] >Proserpina< lichtete die Anker, und wir
segelten mit gutem Wind davon. Auf dem Schiffe befanden sich auch zwei
marode Hautboisten vom Regiment, die aber doch nicht so mde waren, da
sie sich nicht ihrer Instrumente htten bedienen knnen; ich ersuchte
sie, ein paar muntere Melodien zum Besten zu geben, wozu sie sich willig
fanden, und so fuhren wir, die hohen Alpen bestndig vor Augen, immer
lngs der Kste dahin. Der uns gnstige Landwind wurde strker und blies
so krftig in die Segel, da wir bald an Monaco, St. Remo, Oneglia und
Albenga vorberflogen und mit der Dmmerung zu Finale ankamen, wo die
Damen, wie die meisten Passagiere, seekrank geworden, nachdem der Patron
Anker geworfen hatte, ans Land gehen wollten, was aber niemand gestattet
wurde, bevor der Syndikus des Orts unseren Schiffer eidlich verhrt
hatte, da er weder einen pestkranken Ort berhrt, noch einen derartigen
Kranken an Bord habe. Wir fuhren indes bald wieder weiter, denn der
Patron hoffte noch vor Nacht Savona, wo der Hafen weit sicherer als zu
Finale, und die Nachtquartiere weit bequemer seien, zu erreichen. Auf
der Fahrt dahin erzhlte er mir, da er aus Nizza sei, da diese Stadt
durch das Wegbleiben der Englnder seit mehreren Jahren auerordentlich
verloren und der Verdienst nicht mehr der vierte Teil wie frher sei,
gab mir auch nicht undeutlich zu verstehen, da man daselbst eben nicht
sehr vergngt ber das Glck sei, jetzt einen Teil des franzsischen
Kaiserreichs auszumachen, doch wollte er sich nicht weiter einlassen und
mit der Sprache nicht heraus, denn er traute mir wohl nicht.

[Funote 11: Je weiter ein Regiment marschiert, desto mehr hufen sich
die Gewehre, Sbel, Patrontaschen und so weiter desselben, weil die von
allen zurckbleibenden Kranken mitgefhrt werden.]

[Funote 12: Eine Felukke ist ein offenes Kstenschiffchen, mit einem
Mastbaum, aber ohne Vordeck, das auch durch Rudern in Bewegung gesetzt
wird.]

Die Fahrt bis Finale war uerst angenehm gewesen, und die Aussicht auf
die Kste bot viel Abwechslung dar, die Ufer waren mit Sdpflanzen jeder
Gattung bedeckt, und es ging an Buchten und Baien, Drfern, Flecken und
Stdten vorber, oft unermeliche Felsmassen und immer himmelhohe
Gebirge bildeten den Hintergrund. Auf der anderen Seite sah man nicht
selten groe Schiffe in der Ferne vorbersegeln, lange Silberstreifen
hinter sich lassend, und in den Wellen spiegelten sich die Feuerstrahlen
der Abendsonne. Von Finale aus begann es schon dunkel zu werden, und
erst mit der einbrechenden Nacht fuhren wir in den Hafen von Savona ein.
Smtliche Damen baten mich, ein Nachtquartier fr sie zu besorgen, das
ich dann in der besten Locanda bestellte, was freilich nicht viel sagen
wollte, aber darauf bedacht war, da ich ein Zimmer neben dem der Madame
Grenet erhielt, das mit diesem kommunizierte; die anderen Damen logierte
ich je zwei auf einem anderen Gang. Nach eingenommenem Abendbrot, das in
Fischen, Feigen und gutem Wein bestand, begaben wir uns smtlich zur
Ruhe. Nachdem ich meine Tr von innen abgeschlossen, ffnete ich leise
die mit dem Zimmer der Madame Grenet kommunizierende und bat sie, diese
Nacht in meinem Gemach zubringen zu wollen, weil die Stube auf der
anderen Seite besetzt war, deren Inhaber leicht das mindeste Gerusch
durch eine ebenfalls in dasselbe gehende Tr vernehmen konnten; sie ging
darauf ein, und wir brachten eine herrliche Nacht zu, die sich wohl
denken, aber nicht beschreiben lt. Gegen Morgen, das heit um zwei Uhr
nach Mitternacht, verlie mich meine reizende Alcine, um Ruhe in dem
eigenen Bett zu suchen, was uns beiden not tat; aber als wir gerade im
erquickendsten Schlaf waren, gegen vier Uhr, weckte mich mein Bursche
mit den Worten, da der Patron in einer Stunde abfahren wolle, um den
gnstigen Wind zu benutzen und diesen Morgen bei Zeit in Genua
einzutreffen. Hier blieb nichts anderes brig, als sich, so schwer es
auch fallen mochte, den Armen des so wohltuenden Schlafes zu
entreien. Ich lie nun auch die anderen Damen aufwecken, versah
Kammerjungferdienste bei Madame Grenet, damit sie schneller mit ihrer
Toilette fertig wurde, und gegen fnf Uhr waren wir wieder eingeschifft.
Die Damen endigten smtlich ihren unterbrochenen Schlaf in dem Wagen,
whrend ich auf dem Bock nickte. Gegen zehn Uhr vormittags wurden wir
alle durch das Geschrei: _Ecco Genova!_, das der Patron und seine
Leute erhoben, aus unserem Schlummer erweckt. Als ich die Augen
aufschlug, erblickte ich die prchtige Stadt, die von der Seeseite
angesehen in der Tat einen groartig imponierenden Anblick darbietet. Da
lag sie in ihrer ganzen Herrlichkeit, _Genova la superba_, die
Vaterstadt der Columbus, Andreas Doria und Fiesko, von den Strahlen der
goldenen Morgensonne prchtig beleuchtet, vor unseren staunenden
Blicken, und Schiller lt den Fiesko nicht zuviel sagen, wenn er
ausruft: Diese majesttische Stadt!, denn wahrhaft majesttisch lehnt
sie sich amphitheatralisch an den Fu der Apenninen, whrend ihr
Piedestal von dem schnen Golf benetzt wird, der ihren Namen trgt. Auf
ihren Marmorpalsten und herrlichen Gebuden sind Terrassen mit
Pomeranzen, Limonen, Gestruchen und Blumen in Prachtvasen angebracht,
so da, da sich die Huser stufenartig hintereinander erheben, man die
schwebenden Grten der Semiramis zu sehen whnt; und dann im Hintergrund
die Berge, die bis zur Mitte ihrer Hhe mit prchtigen Villen,
Schlssern, Meierhfen und so weiter bedeckt sind, die von der See aus
gesehen mit der Stadt ein Ganzes zu bilden scheinen, wodurch diese
unermelich gro wird. Sie bildet einen weiten Halbkreis, von dem zwei
Molos die uersten, mit Trmen versehenen Enden machen. Bis jetzt hatte
noch keine Stadt einen solchen Eindruck auf mich gemacht. Nach zehn Uhr
fuhren wir im Hafen ein und landeten am Ponte di Mercanti: einem kleinen
in denselben gehenden Damm, wie deren mehrere vorhanden, an denen die
kleineren Schiffe anlegen. Wir stiegen aus, und das erste, was mir
auffiel, waren die vielen Mnche von allen mglichen Orden und Farben,
die sich unter den gaffenden Zuschauern befanden, etwas ganz Neues fr
mich, denn in Deutschland und Frankreich sah man deren schon lange nicht
mehr. Ich lie nun alles ausschiffen und die Damen und mich in ein gutes
Gasthaus in der Nhe der Post fhren, wo wir sogleich sehr freundlich
aufgenommen wurden; als ich aber spter die Quartierbillets fr unser
Logis brachte, die ich mir auf der Mairie hatte geben lassen, da machte
der Wirt ein verdrieliches Gesicht, denn er hatte uns seine besten
Zimmer eingerumt, aus denen wir uns nicht mehr ausquartieren lieen.

Die Vorstellung, die ich mir auf dem Meer von dem prchtigen Genua
gemacht hatte, wurde gewaltig geschmlert und alle Illusion verschwand,
als wir durch die vielen engen dunkeln Straen wandern muten, wo nicht
einmal ein Fuhrwerk gehen konnte, die jedoch reinlich und alle mit roten
Backsteinen gepflastert waren und in denen oft die schnsten Gebude von
Marmor aufgefhrt standen.




                                  XV.

     Beschreibung Genuas. -- Besuch bei einem Grafen Fiesco. -- Ein
     sauberer Kanonikus. -- Soiree bei Dorias. -- Ein italienischer
    Sprachlehrer. -- Die Marchesa P... und ihr Cicisbeo. -- Signora
      Peretti. -- Mozarts Don Juan wird zuerst durch mich in Genua
     bekannt. -- Die Militrmessen. -- Komisches Miverstndnis. --
    Ein geflliger Gitarre-Lehrer. -- Ein Mordanfall. -- Maskenfest
          bei Dorias mit einer Episode. -- Abmarsch von Genua.


Es war in den ersten Tagen des Monats Februar, als wir zu Genua ankamen,
dabei hatten wir von Toulon aus das schnste Frhlingswetter, alles war
grn, und viele Bume und Pflanzen standen in ppigster Blte. Fnf Tage
hatten wir noch vor dem uns folgenden Bataillon voraus, die ich in dolce
giubilo mit Madame Grenet verlebte, und suchte auch meistens in deren
Gesellschaft die Sehenswrdigkeiten Genuas auf, die nicht zu den
alltglichen gehren. Die prchtigen Straen Balbi und Strada nuova mit
ihren Marmorpalsten, wie sie keine Stadt in Europa mehr aufzuweisen hat
und unter denen besonders die der Durazzo, der Doria, der Spinola, der
Pallavicini und so weiter durch ihre auerordentliche Pracht und
Schnheit hervorragen. In all diesen Palsten sind treffliche Gemlde
und ganze Galerien derselben, welche die Meisterstcke eines Rubens,
Tizian, Van Dyk und so weiter enthalten. Leider fand ich damals an
leblosen Gemlden, wenn sie auch noch so trefflich waren, wenig
Geschmack, besonders wenn sie sogenannte heilige Gegenstnde
darstellten; dagegen waren mir die lebenden desto teurer, und die
genuesischen Frauen mit ihren langen Schleiern, die sie so grazis
berzuwerfen, und ihren durchbohrenden Feueraugen, die sie so schelmisch
zu gebrauchen wissen, sprachen mich weit mehr an als das herrlichste
Gemlde im Palazzo Durazzo; und das lebendige Bild an meiner Seite,
Madame Grenet, fing bald an, mich so zu ermden, da ich nach ein paar
Tagen, soviel als es sich tun lie, Genuas Schnheiten allein zu sehen
suchte. Einige der schnen Bilder blieben jedoch nicht ganz ohne
Eindruck auf mich, namentlich entsinne ich mich, da ich das berhmte
Gemlde Solimenos, Hektors Leiche durch Achilles um Troja geschleift,
mit Wohlgefallen betrachtete.

Wir besuchten den zweiten Abend die Oper im _Teatro Augustino_, wo >_Gli
amanti in scompiglio_< recht brav gegeben wurden. In einem zweiten
Theater sahen wir Goldonis Bugiardo, das wir aber bald wieder verlieen,
da wir uns, kein Wort verstehend, langweilten, und nahmen in einem nahen
Kaffeehaus, dessen Saal eine Grotte, mit Moos und Seemuscheln tapeziert,
vorstellte, Sorbetti.

Schon in den nchsten vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft hatte
ich mich erkundigt, ob noch Nachkommen von der Familie der Fieschi
vorhanden seien und mit groem Vergngen erfahren, da noch Zweige
derselben existierten, die jedoch nicht mehr zu dem reichsten und
angesehensten Adel gezhlt wrden. Ich nahm mir vor, einen Grafen
Fiesco, den ich ausgekundschaftet hatte, zu besuchen. -- Nicht ohne Mhe
machte ich seine Wohnung, einen etwas alten, nicht im besten Zustand
befindlichen Palazzo, in einer schmalen, dsteren Gasse ausfindig und
wurde von einem Bedienten gemeldet und angenommen. Ich stand nun vor
einer langen, hageren, einige fnfzig Jahre alten, sehr trocken und
etwas grmlich aussehenden Figur, der ich auf franzsisch auf die
artigste Weise mglichst begreiflich zu machen suchte, warum ich mir die
Freiheit herausgenommen, den Abkmmling eines so hochberhmten Hauses
mit einem Besuch zu belstigen, und sprach dabei von Schillers
trefflicher Tragdie, die seinen Namen fhre. Der Herr Graf sah mich
starr und fast stupid an, erwiderte mir endlich mit ein paar gebrochenen
franzsischen Worten: _Je ne comprenner pas Monsju ke vous voulez._ Da
ich mich noch verstndlicher zu machen suchte, ihm von Schiller, unserem
grten Dichter, der sein Haus in Deutschland verewigt habe, und von der
Verschwrung sprach, fiel er mir mit einem: _Ma Signor Uffiziale non
capisco niente, cosa  questo Skiller!_ ins Wort. Da ich sah, da es
mir so ziemlich unmglich war, dieser grflichen Figur, die anfing, sich
ngstlich um- und mich mit mitrauischen Blicken anzusehen, begreiflich
zu machen, warum ich sie besuche, so stand auch ich, wie einst bei
Goethe, ziemlich verblfft da, entschuldigte mich noch mit einer
Verbeugung und war froh, als ich wieder zur Tr hinaus war. Ich nahm mir
nun vor, so bald weder berhmte Mnner noch berhmte Namen mehr
aufzusuchen.

Denselben Abend sollte mir noch ein ganz anderes Abenteuer begegnen: Ich
hatte mich unter allerlei Vorwand von Madame Grenet freigemacht, in
Zivilkleider gesteckt und wandelte durch die engen Gassen Genuas, die
schn gewachsenen Gestalten seiner weiblichen Kinder bewundernd; nachdem
ich ziemlich mde war -- ich hatte den Nachmittag auch die Kaserne
besucht, welche unser Bataillon aufnehmen sollte, die sehr hoch ber dem
Platz _dell' acqua verte_ lag und eine herrliche Aussicht ber Stadt und
Hafen hatte --, setzte ich mich in der Loggia, einem weitlufigen
Gebude auf dem Platz de banchi, das ein groes, khn gebautes, von
Marmorsulen getragenes Gewlbe hat und zu jeder Stunde von Personen
besucht wird, die auf den ringsherum stehenden Bnken ausruhen, auch auf
eine solche nieder. Kaum hatte ich mich niedergelassen, als ein feister
Pfaffe, ein Kanonikus, mit einem Vollmondsgesicht, mich freundlich
begrend neben mir Platz nahm und eine Konversation mit mir anzuspinnen
suchte, von der ich aber wenig oder nichts verstand, da er kaum drei
Worte Franzsisch und ich nicht mehr Italienisch konnte. Von den in der
Halle vor uns auf- und niederspazierenden Personen -- das Gebude ist
hauptschlich ein Versammlungsort fr Kaufleute, fr die es frher
ausschlielich bestimmt war, jetzt aber zur Bequemlichkeit fr jedermann
und zu Geschfts-Rendezvous eingerichtet, Frauenzimmer kommen nicht
dahin -- sahen uns mehrere mit seltsam neugierigen Blicken an, so da es
mir auffiel. Der feiste Kanonikus schien dies nicht zu bemerken und lud
mich auf das dringendste ein, ihm doch das Vergngen zu machen, eine
Sorbette mit ihm zu nehmen; ich lie mich nach einigem Weigern dazu
bereden, er fhrte mich durch viele enge und winklige Straen in ein
abgelegenes und wenig besuchtes Kaffeehaus, wo er mich mit Schnee-Eis
regalierte und mich dann einlud, einen _paseggio_ mit ihm zu machen,
wobei er sich keuchend an meinem Arm hielt und sich so sehr an mich
drckte, da er mir lstig wurde. Er fhrte mich zur Porta dell' Arco
hinaus, ber das Glacis, durch ganz einsame und isolierte Wege. Ich
wollte ihn mehrmals zum Umkehren bewegen, da ich nicht wute, was ein
solcher Spaziergang um diese Zeit, es war schon lngst Nacht, und in
dieser Jahreszeit fr Annehmlichkeiten haben sollte, mir auch endlich
der Gedanke kam, der Pfaffe knne wohl ein Erzfeind der Franzosen sein
und mich in ein _guet--pens_ locken. Eben waren wir an dem Eingang
eines kleinen Vorwerks angekommen, und ich war im Begriff, bel oder
wohl, mit oder ohne den _Signor canonico_ umzukehren, als ein barsches:
_Halte l_ -- hinter uns ertnte, ein Offizier mit einem Korporal und
drei Mann Wache den Pfaffen sogleich festhielt und ersterer mich mit
einem _Qui tez -- vous?_ anredete. Mit wenig Worten sagte ich ihm,
wer ich sei, und auf seine Frage, wie ich in diese Gesellschaft kme,
erzhlte ich ihm, wie dies zugegangen sei. Der Platzadjutant, denn dies
war der Offizier, lie nun den Kanonikus mit der Wache abfhren, und
mich beim Arm nehmend, erffnete er mir, da der saubere Pfaffe ein
sogenannter warmer Bruder sei, den er schon lange auf dem Korn habe, da
er sich besonders an junge Soldaten mache und diese zu verfhren suche;
als er mich zufllig mit ihm durch das Tor habe gehen sehen, wo ihn der
Dienst gerade hingefhrt, sei er mit der Wache nachgeeilt, in der
Hoffnung, den Patron, dem er schon lange aufpasse, einmal zu erwischen.
Ich war ber diese Aufklrung so beschmt als entrstet, und htte ich
nur die entfernteste Ahnung von den Absichten dieses Subjekts gehabt, so
wrde ich den Kerl schon heimgefhrt und in die Falle gelockt haben. Ich
bat den Platzadjutanten, den scharmanten Kanonikus, der keuchend und
schweitriefend zwischen den drei Lichtern, die ihm die Bajonette
anzndeten, neben uns hertrabte, ein ber das andere Mal um seine
Loslassung flehte, sich endlich sogar auf die Kniee warf, hundert Luigi
d'oro anbietend, wenn man ihn frei lassen wolle, und die Madonna und
alle Heiligen anrufend, da er sich in seinem ganzen Leben dergleichen
nicht mehr zuschulden kommen lassen wolle, der Polizei zur strengen
Bestrafung zu berliefern. Der Platzadjutant blieb auch unerbittlich und
taub und wurde durch dieses Anerbieten nur um so aufgebrachter. Die
Soldaten zerrten den Pfaffen bei seinem Rock in die Hhe und schleppten
ihn bis zur Torwache, ihm mit den Kolben drohend, wenn er nicht
gutwillig gehen wrde. Hier angekommen, ging das Gejammer von neuem an,
und wir beratschlagten, was wir tun sollten. Einen Eklat zu machen und
folglich eine Untersuchung zu veranlassen, in die ich natrlich mit
verwickelt worden wre, konnte mir nicht angenehm sein, hierin stimmte
mir der Adjutant bei; wir kamen nun berein, den Burschen bis gegen
Morgen, ihm die Hlle noch recht hei machend, in der Wache schwitzen zu
lassen und ihn dann gegen eine Vergtung von fnfzig Lire an die Wache
mit einem derben Wischer und der Warnung, sich ja nicht wieder erwischen
zu lassen, fortzuschicken, was der Platzadjutant auf sich nahm. Ich
eilte nun halb verdrielich, halb lachend ber dieses Abenteuer heim, wo
mich Madame Grenet ber mein langes Ausbleiben maulend und mit Vorwrfen
empfing. Ich teilte ihr den Vorfall etwas verblmt mit, sie schien aber
gar nicht begreifen zu knnen, was der Pfaffe eigentlich gewollt, und
ich konnte es ihr auch nicht ganz deutlich machen, weshalb sie die ganze
Sache bezweifelte, fr eine Finte hielt und meinte, es sei wohl ein
Kanonikus ohne Bart und im langen Kleid gewesen. Das letzte war an dem.
Noch lange vor dem Einschlafen wurde ich mit Explikationen geqult, die
ich geben sollte und nicht geben konnte; selbst mir war das Ding noch
nicht recht klar und nie vorgekommen, schon der Gedanke an eine so
ekelhafte und unnatrliche Wollust erfllte mich mit Abscheu, und doch
ist sie in Italien und noch mehr in Griechenland etwas sehr
Gewhnliches, man macht gar kein Aufsehen davon, nicht selten bieten
Mnner ihre Ehefrauen zur Kompensation fr einen solchen Liebesdienst
demjenigen an, der ihnen denselben erweisen will.

Am anderen Morgen sollte das Bataillon einrcken, dem ich eine Stunde
weit entgegenging. Auch die Damen, mit ihnen Madame Grenet, fuhren ihm
eine Strecke entgegen und bewillkommneten ihre Mnner auf das
zrtlichste. Ich war froh, meines Dienstes bei Madame Grenet jetzt
berhoben zu sein, der mir anfing beschwerlich zu werden, denn die
schnen Genueserinnen steckten mir im Kopf.

Nachdem der Dienst geregelt war, den wir gemeinschaftlich mit den
anderen franzsischen Truppen versahen, machte das Offizierkorps, Dret
an der Spitze, seine Besuche bei der Generalitt und mehreren der
angesehensten Huser, wie bei Dorias, Pallavicinis und einigen anderen,
in denen auch die Offiziere des schon lnger hier stehenden dritten
Bataillons eingefhrt waren. Glnzend waren die Soireen bei dem Chef des
Hauses Doria, wo wir nach ein paar Tagen, nachdem wir unsere Aufwartung
gemacht, eingeladen wurden, bei dem schon alles so ziemlich franzsiert,
das heit auf franzsische Art eingerichtet war. Hier lernte ich die
ersten Schnheiten Genuas kennen, und wirklich waren welche von den
seltensten Exemplaren unter ihnen, namentlich eine Marchesa P..., die
mit den regelmigsten, feinsten und dabei ausdrucksvollsten
Gesichtszgen eine Krperbildung verband, die selbst Praxiteles fr ein
Meisterstck der Schpfung erklrt und sich zum Muster erbeten haben
wrde und die, nachdem ich sie zum erstenmal gesehen, mich die brige
Nacht kein Auge schlieen lie, ein _caso rarissimo_. Sie war aus dem
Hause der Durazzi und an den Marchese P... verheiratet, hatte aber neben
ihrem Mann einen Cicisbeo, der nicht von ihrer Seite wich und schon in
reiferen Jahren war. Zu jener Zeit war das Cicisbeat in Genua noch
allgemein bei den Vornehmen eingefhrt. Auer ihr waren noch eine Gerai,
eine Tursi, eine Doria und eine Marchesa Costa wegen ihrer Schnheit zu
bewundern, und die hochtrabenden Namen Spinola, Centurione, Imperiali,
Somellini und so weiter ertnten fortwhrend in den Conversazioni bei
Dorias. Ich tanzte mit mehreren dieser Damen, namentlich auch mit der
ausgezeichnetsten derselben, der Marchesa P..., konnte aber mit keiner
derselben eine nur einigermaen zusammenhngende Unterhaltung anknpfen,
da die meisten fast gar kein Franzsisch oder es doch nur sehr gebrochen
sprachen und dann immer drei Vierteile italienischer Worte einmischten.
Dies brachte mich zur Verzweiflung, und schon den anderen Morgen nach
der ersten Soiree kaufte ich mir einen Veneroni und machte mich mit dem
grten Eifer an die Erlernung der italienischen Sprache, nahm meine
Grammatik mit zu Bett und auf die Wache, lernte vor allem die zur
Unterhaltung notwendigsten Phrasen auswendig und nahm zugleich einen
italienischen Sprachlehrer, einen gewissen Tommolo, an, der mich nicht
nur mit dieser Sprache, sondern auch mit den Familienverhltnissen der
vornehmen Welt ziemlich bekannt machte, was mir um so willkommener war,
als ich hier ein probates Mittel, das mir in Frankreich so behilflich
war, die Friseure, nicht bentzen konnte, weil ich sie nicht verstand,
da sie kein Franzsisch, ja nur ein sehr schlechtes Italienisch, das
kauderwelsche Genuesisch sprachen. Mein exzellenter Lehrer wute mir
auch Mittel und Wege anzugeben, um leicht Bekanntschaften mit den
Schnen von Genua anzuknpfen, ja er erbot sich sogar zur Besorgung von
Biglietti, wenn ich deren abzugeben htte, bemerkend, die genuesischen
Damen seien groe Liebhaberinnen der franzsischen Offiziere. Ich nahm
dieses Anerbieten dankbar an und versprach, seine Gte bei vorkommender
Gelegenheit in Anspruch zu nehmen. In vierzehn Tagen war ich schon
imstande, den Damen die gewhnlichen Schmeicheleien auf italienisch zu
sagen, und machte bald Riesenfortschritte in dieser so leichten als
schnen Sprache.

Bald nach unserer Ankunft erhielt ich Empfehlungsschreiben und einen
Wechsel auf ein deutsches, in Genua etabliertes Haus, und zwar das eines
Frankfurters namens Bansa. Der Brief und noch mehr der Wechsel kam mir
erwnscht, denn meine Kasse war ziemlich erschpft, und ohne Geld,
diesen _nervus rerum gerendarum_, kann man selbst in dem schnen Italien
nicht viel anfangen. Ich eilte auf das Kontor meines Landsmannes, wo ich
auf echt Frankfurter kaufmnnische Art empfangen wurde; man zahlte mir
den Wechsel, sechshundert Franken, und bat mich fr den nchsten Sonntag
zu einer langweiligen Abftterungsmahlzeit, die ich nicht ausschlug, da
ich nicht wissen konnte, ob ich das Haus spter nicht brauchen wrde;
damit war es aber auch abgemacht, und Herr Bansa war nicht imstande, mir
die mindeste Auskunft ber genuesische gesellige Verhltnisse zu geben
oder eine wissenschaftliche Unterhaltung zu fhren, ebensowenig war er
in der italienischen wie berhaupt in jeder anderen Literatur bewandert.
Er war eine der gewhnlichen merkantilischen Rechenmaschinen, die,
sobald von etwas anderem als ihren Handlungsbchern oder den in ihren
Kram schlagenden Spekulationen die Rede ist, verstummen, da alles andere
ber ihren Horizont geht. So war denn auch dieses Diner, dem auer der
Familie und mir noch ein paar andere Deutsche, gleichfalls
Merkursdiener, beiwohnten, eines der langweiligsten, denen ich je
beigewohnt; wo ich anklopfte, fand ich alle Pforten verschlossen, und
als ich gar die Politik und Tagesgeschichte aufs Tapet bringen wollte
und von Napoleons mutmalichen Absichten und so weiter sprach, da wurden
alle Gesichter ellenlang und verlegen. Ich war herzlich froh, als man
endlich vom Tisch aufstand, beurlaubte mich baldmglichst, dem Bedienten
eine reichliche _buona mano_, zu deutsch Trinkgeld, gebend, und erst im
Freien ward es mir wieder wohl. Ich betrat auch das Haus nur noch
einmal, um einen Hauptmann von Frth, der in Geldverlegenheiten war, zu
empfehlen, dessen Anliegen Herr Bansa jedoch abwies, der aber kurz
darauf einen Wechsel von hundert Louisdor von seinen in Frankfurt
etablierten Verwandten gerade auf dieses Haus erhielt.

Bei einer bald folgenden zweiten Soiree in der schnen Villa Doria vor
dem Thomastor, wo Musik und Tanz war, konnte ich mich schon zur Not den
Damen verstndlich machen, tanzte auch wieder mit der schnen P..., lie
es bei ihr an Occhiaten nicht fehlen und brachte von meiner reizenden
Tnzerin heraus, da in der Regel die Kirche Santa-Maria della Passione
diejenige sei, in welcher sie ihre Andacht verrichte, da sie aber auch
manchmal Sonntags die Militrmesse besuche. Ich war auf dem besten Weg,
noch mehr zu erfahren, als sich pltzlich ein Lrm und heftiger
Wortwechsel in dem angrenzenden Spielzimmer erhob, der bald so laut
wurde, da er die Aufmerksamkeit aller Tanzenden auf sich zog, von denen
die meisten ihre Quadrillen verlieen und den Tren zueilten, die in
jenes Gemach fhrten, wo sich der Tumult vernehmen lie. Ich benutzte
diesen Augenblick, meiner Tnzerin ein _Mia carissima Signora!_, von
einem leisen Hndedruck begleitet, zuzuflstern, was sie mit einem _Ma
che volete?_ erwiderte und dann ebenfalls nach jener Tr eilte, wohin
ich ihr folgte. -- Man strmte schon wieder aus derselben zurck, und
ich erfuhr von einem Kameraden, da sich ein Kapitn von unserem
Regiment namens Roy beim Spiel sehr undelikat benommen, obgleich er
vielleicht Veranlassung dazu haben mochte. -- Einer der Nobili hielt
eine Pharaobank, bei der viele Offiziere pointierten, fast alle spielten
fortwhrend unglcklich, und Roy hatte schon eine bedeutende Summe
verloren, wollte durchaus eine Coeurdame forcieren und behauptete, als
er sie mit zehn Louisdor besetzt hatte und wieder verlor, sie sei jetzt
schon zum fnftenmal in derselben Taille herausgekommen, zerri sein
ganzes Buch und warf die Kartenstcke mit groer Heftigkeit auf den
Tisch, den Bankhalter einen Betrger heiend. Der Nobile konnte sich
dies nicht gefallen lassen, geriet, sich rechtfertigend, in Zorn, auch
Roy wurde noch heftiger, wollte auf der Stelle Rson geben, weil es hier
nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, und wer wei, wie die Sache
abgelaufen wre, wenn sich nicht der gerade anwesende kommandierende
General ins Mittel gelegt und auch der Wirt des Hauses um Ruhe und
Frieden gebeten htte. Den Offizieren wurde das fernere Pointieren von
ihren Chefs untersagt und so die Ordnung unter den Gsten wieder
hergestellt, aber eine Mistimmung dauerte doch den ganzen Abend,
namentlich unter den Offizieren, fort. Ich eilte nun wieder, meine
Tnzerin am Arme, um die Quadrille zu beendigen, konnte aber nicht mehr
in dasselbe _tempo animato_ kommen; nach einigen Touren traten wir ab,
und es war mir nicht weiter mglich, mich meiner Angebeteten zu nhern,
die jetzt bestndig von ihrem _Cavaliere servente_, einem Ritter
Negroni, umschwebt und unter strenger Obhut gehalten wurde. Diese
Cicisbei sind hundertmal rger als die Ehemnner, die sich in Italien,
einmal vermhlt, wenig mehr um ihre Frauen bekmmern, whrend die
ersteren dieselben gleich ihrem Schatten verfolgen, begleiten und ihnen
nicht von der Seite weichen, und zwar vom Augenblick ihres Aufstehens
bis zu ihrem Schlafengehen. Diesmal galt es allen meinen Witz
aufzubieten, sollte mir diese Eroberung gelingen, und sie wurde mir in
der Tat schwer und sauer genug gemacht. Diesen Abend konnte ich nichts
mehr als noch einen flchtigen Blick im Vorbergehen erhaschen.

Vorerst hatte ich wenigstens erfahren, in welcher Kirche die Signora
betete, und das war mir schon etwas, auch fand ich mich jeden Tag, wenn
mich der Dienst nicht abhielt, in den Morgen- und Abendstunden, wo ich
die Schne erwarten konnte, in derselben fast immer in Zivilkleidern
ein; aber das Weihwasser konnte ich ihr nicht reichen, da sie Negroni
immer begleitete und diesen Dienst versah; erfahren hatte ich aber schon
durch meinen Maestro Tommolo, da, wenn man die nhere Bekanntschaft
einer Dame in Genua wie berhaupt in ganz Italien machen wolle, man
damit beginnen msse, ihr am Eingang der Kirche das Weihwasser
darzubieten; die Art und Weise, wie sie dasselbe empfngt, zeigt an,
welche Hoffnung man sich machen darf; schlgt sie es ganz aus oder tut,
als bemerke sie diese Artigkeit nicht und geht selbst zum Weihkessel, so
heit dies soviel als: >Ich will nichts mit dir zu schaffen haben.< --
Um die Aufmerksamkeit des Cicisbeo, der Argusaugen zu haben schien,
nicht rege zu machen, mute ich mich immer mglichst zu verbergen
suchen, und selbst wenn die Marchesa wegen schlechtem Wetter oder aus
anderen Ursachen in der Portantina (eine Art eleganter Snften, deren
sich in Genua, wo man wenig Gebrauch von Kutschen machen kann,
namentlich die Damen aus den hheren Stnden bedienen) ankam, trabte er
hinter ihr her. Dieser Cicisbeo war eigentlich kein Liebhaber der
Marchese P..., sondern vielmehr ein von ihrem Manne zur Htung
aufgestellter Cerberus. Lie sich die Dame bei schnem Wetter, wie alle
vornehmen Frauen Genuas, die Portantina nachtragen, so wich er ihr nicht
von der Seite. Fensterparaden brachten mich auch nicht weiter, denn die
Marchesa war fast nie allein und immer in Gesellschaft an einem Balkon
ihres Palazzos, auerdem aber durfte ich die Sache nicht auffallend
machen. Da war denn guter Rat teuer; mein Faktotum Tommolo selbst wute
mir fr den Moment kein Mittel anzugeben, in nhere Berhrung mit der
Donna zu kommen, da er keine Seele in ihrer Wohnung kannte, versprach
mir aber, Tag und Nacht darauf zu sinnen, irgendeinen Verbindungskanal
ausfindig zu machen.

Unterdessen machte ich bei einer Abendgesellschaft im Palast Spinola die
nhere Bekanntschaft einer Signora Peretti, die, ohne gerade schn zu
sein, doch ein wirklich angenehmes uere mit einem sehr geflligen
Benehmen verband, dabei mit einer klangreichen Stimme begabt war,
vortrefflich sang, sich mit der Mandoline oder Guitarre dazu begleitend,
und ziemlich fertig franzsisch sprach. Da sie ein recht munteres,
aufgewecktes Wesen hatte, ein sonst allerliebstes Schwarzkpfchen war,
so wurde ich bald mit Hilfe der Musik bekannter mit ihr, obgleich auch
sie ein Cicisbeo umgab, der ihr jedoch sehr ergeben war und demtig
ihren Befehlen gehorchte. Ich sang bei Spinola Mozarts herrliches
Duettino: >_La ci darem la mano_< mit ihr, nachdem sie es kaum einmal
durchlaufen hatte, denn sie war sehr fest in der Musik. Der Don Juan,
das heit der Mozartsche, war damals noch vllig unbekannt in Genua
sowie im brigen Italien, und ich brachte zuerst diese herrliche Musik
des unsterblichen Meisters dahin, namentlich nach Genua, Rom, Neapel,
Florenz, Venedig und so weiter, wo er noch nicht einmal dem Namen nach
bekannt war und von den wenigen, die ihn kannten, als eine viel zu
schwierige, ja unausfhrbare Musik verschrien wurde. Das Duett gefiel so
sehr, da wir es auf allgemeines Verlangen _da capo_ singen muten, ja
man wollte es sogar zum drittenmal hren, erkundigte sich emsig nach dem
Komponisten dieses Tonstcks, und als ich ihnen sagte, da es aus
Mozarts Don Giovanni sei, war man allgemein verwundert, viele kannten
den Namen noch gar nicht, andere aber nur seinen Figaro. Man wollte noch
mehr aus dieser Oper hren, und ich sang nun das rauschende Prestissimo:
>_fin ch'an del vino, calda la testa_<, das nicht minder Beifall
erhielt, ja die Gesellschaft in Enthusiasmus versetzte. Ich wurde jetzt
umringt, von Herren und Damen um Kopien dieser Tonstcke gebeten, und
mute wenigstens einigen zwanzig Personen versprechen, ihnen dieselben
abschreiben zu lassen, denn meinen Klavierauszug, der jede Nacht unter
meinem Kopfkissen lag, wollte ich nicht aus der Hand geben. Ich trug nun
auch etwas aus der Introduktion und den Finalen auf dem Flgel vor,
wodurch die allgemeine Begeisterung noch stieg. Mit der Signora Peretti
kam ich berein, da wir mehrere Duette zusammen einstudieren wollten,
und versprach, mich den anderen Morgen nach der Parade bei ihr
einzufinden. Da ich Wort hielt, kann man sich denken; ich lie schon am
anderen Morgen mit dem Frhesten einen unserer Regimentsmusiker rufen
und gab ihm den Auftrag, sogleich mehrere Musikstcke zu kopieren und
sie mir bei der Parade mitzubringen. Ich fand mich zur bestimmten Stunde
bei der Signora ein, und wir probierten diese nebst noch einigen anderen
Gesangstcken. Sie verbat sich auch schon in der ersten Stunde die
Gegenwart ihres Cicisbeo, eines Signor Gentili, sowie sonstiger
Besucher, weil man dadurch am Einstudieren verhindert und gestrt wrde,
man gehorchte ihr auch ohne Widerspruch. Unterdessen war bei der beau
monde in Genua von nichts als dem Don Giovanni die Rede, und ich ging
mit der mutwilligen Peretti das >_La ci darem la mano_< durch, nachdem
uns keine eiferschtige Donna Elvira durch ihr Dazwischenkommen hindern
konnte, noch ein >_dolce giubilo_< anzustimmen, dem wir uns bald genug
berlieen. Dies war einstweilen ein unterhaltender _passe-temps_, bis
ich mit der schnen Marchesa in nhere Berhrung kommen wrde, auch
hatte ich bei Spinolas noch die andere in Genua hochberhmte Schnheit,
die Marchesa Costa, nher kennen lernen, deren Eroberung weniger
schwierig war und die immer einen ganzen Schwarm von erhrten und
unerhrten Anbetern um sich hatte, mich daher eben nicht sehr rhrte.
Sie fand aber bei hohen Personen Gnade, und namentlich bei Mrat, der
sie auf einem Ball kennen lernte. Lange zu schmachten, ohne mich
wenigstens auf einer anderen Seite zu entschdigen, war nicht meine
Sache, und ohne den Zeitvertreib mit der Peretti wrde ich vielleicht
durch meine Ungeduld und den Ungestm alles bei der Marchesa P...
verdorben haben, so aber hatte ich Zeit, um recht systematisch, mit der
ntigen Strategie auf die Eroberung derselben auszugehen, und konnte die
Ergebung und Kapitulation der Festung in aller Ruhe und bequem abwarten.

Die Huser, in welchen Konversazioni gehalten wurden, und namentlich
Doria und Spinola, veranstalteten der Musik des Don Juan zuliebe
hufiger Soireen, in denen man das bereits Einstudierte vortrug, ja es
kam sogar ein Verein zustande, in welchem wir Ensemblestcke aus dieser
Oper, wie die Introduktion, das schne Quartett aus dem ersten, das
Sextett aus dem zweiten Akt einstudierten, uns endlich sogar an das
erste Finale wagten, und diese Stcke dann in den Abendgesellschaften
zum besten gaben. In ganz Genua sprach man nur, wie bemerkt, von dem Don
Juan und mitunter auch von dem _Uffiziale francese_ oder _tedesco_, der
ihn mitgebracht. Dies gab Veranlassung, da ich auch meine schne P...
hufiger zu sehen und zu sprechen bekam und, was die Hauptsache war,
auch mehr von ihr, wie berhaupt von den Damen, bemerkt und
ausgezeichnet wurde.

Damals vertauschte ich meine Charge bei der Voltigeurkompagnie mit einer
gleichen bei den Karabiniers, von welchen der Unterleutnant als
Oberleutnant in ein anderes Bataillon versetzt wurde; ich selbst hatte
bei Dret darum nachgesucht, und zwar aus folgendem Grunde. Es war immer
ein Grenadier- oder Karabinieroffizier, der das aus Grenadieren oder
Karabiniers bestehende Detachement in die Militrmesse kommandierte,
welche jeden Sonntag mittag zu Genua in der San-Lorenzo-Kirche sowie in
allen von franzsischem Militr besetzten Stdten in den von den
Platzkommandanten dazu ausersehenen Kirchen gehalten wurde. Mit
klingendem Spiel, mit den Sappeurs, dem Tambourmajor und allen Tambours
des Regiments marschierte man in groer Parade, mit der Brenmtze
geschmckt, die ich gerne trug, weil sie mir gut zu Gesicht stand, in
den mit der schnen Welt und den eleganten Damen, welche die Tribnen
und Galerien zierten und diesen Messen vorzugsweise gerne beiwohnten,
angefllten Tempel, durch das Schiff bis an das Chor. Daselbst
angekommen, wurde ein donnerndes >Halt!< und >Gewehr in Arm!<
kommandiert, bis die Generalitt mit ihrem Stab und die hchsten
Zivilbeamten, wie der Prfekt und so weiter erschienen, die ihre Pltze
auf karmoisinenen Sesseln in der Nhe des Hochaltars nahmen. Sobald die
Messe beginnt, schultern die in zwei langen, sich gegenberstehenden
Reihen aufgestellten Truppen das Gewehr, und wenn der Priester das
Sanctissimum zeigt, prsentieren dieselben, fallen auf das Kommando wie
niedergedonnert auf die Knie, wobei sie die Gewehrkolben, die Gewlbe
erschtternd, auf einen Schlag aufstoen, die Tambours schlagen _aux
champs_, die Musik fllt in eigens dazu komponierten Melodien ein, sowie
das aus den Opernsngern und Sngerinnen bestehende Personal auf dem
Chor, wo man oft die herrlichsten Stimmen hrt, und es ist nicht zu
leugnen, da diese Feierlichkeit im hchsten Grad ergreifend und
imponierend ist und auf die Andchtigen einen groen Eindruck macht. Der
kommandierende Offizier mu aber eine starke, sonore und durchdringende
Stimme haben, an der es mir nicht fehlte, denn wenn ich im Freien
kommandierte und drei Bataillone in einer Linie aufgestellt waren, so
konnte man doch jedes meiner Kommandoworte auf das deutlichste von einem
Flgel zum andern vernehmen. War es an unserem Regiment, das Kommando in
die Messe zu geben, so ersuchte ich jedesmal den Offizier, an dem die
Reihe war, dasselbe mir zu berlassen, so da alle vierzehn Tage meine
Tour kam, und mehr als einmal hrte ich beim Abmarsch die sich
Entfernenden flstern: Das ist der Offizier, der den Don Juan singt.

Meine musikalischen Kenntnisse brachten mir auch noch den Vorteil, da
das Musikkorps des Regiments jetzt unter meine spezielle Aufsicht
gestellt wurde, so da es mir nun nicht schwer fiel, dasselbe bisweilen
fr meine Privatinteressen zu verwenden, denn der Musikmeister mute es
mit mir halten, da ich ihm manchen Vorteil verschaffen und gewhren
konnte; auch berhob mich dies manches Dienstes, der gerade nicht zu den
angenehmsten gehrte. Ich lie nun fters Schnen Serenaden und Aubaden,
wie es sich am besten pate, von Blasinstrumenten trefflich ausgefhrt,
bringen, wozu sich die Herren Musici willig fanden, da ich sie jedesmal
nach denselben mit Wein und Erfrischungen regalierte. -- Um aber den
Ensemblestcken des Don Juan, die wir auffhrten, noch einen hheren
Reiz zu verleihen, instrumentierte ich, so gut es gehen wollte, den
Klavierauszug fr Violinen, Bsse, Klarinetten, Trompeten, Pauken und so
weiter, was keine Kleinigkeit war, da ich von dem Generalba und dem
Kontrapunkt wenig oder gar keine Kenntnis hatte; ich half mir aber,
indem ich mich mit dem Umfang und Schlssel eines jeden Instruments
bekannt machte und dann nach Gutdnken, nachdem ich auf einem Klavier
probiert hatte, welche Partie sich wohl fr die Violinen, welche fr die
Hautbois, welche fr die Hrner am besten eignen wrde, dieselbe den
Instrumenten zuteilte. Freilich mchte sich Mozart wohl im Grabe
herumgedreht haben, wenn er sein Meisterwerk so verstmmelt gehrt
htte, denn welche Verste gegen die Regeln der Harmonie mgen dabei
mit untergelaufen sein! Einige berichtigte mir der Musikmeister. Auf
diese Art komponierte ich auch Geschwind- und Parademrsche, von denen
viele in allen Regimentern der groen Armee aufgenommen wurden,
namentlich ein Sturmmarsch (_pas de charge_), den sogar die Musik der
kaiserlichen und der neapolitanischen Garden adoptierte und der diese
mehr als einmal ins Feuer fhrte. Auch viele Tnze, franzsische
Romanzen und italienische Kavatinen komponierte ich und verlegte manche
davon bei italienischen und franzsischen Musikalienhndlern. Eine
Aubade, die ich in Genua einer Schnen bringen lie, war jedoch Ursache,
da ich folgendes Billett von deren Ehemann erhielt: >Signore, ich bin
kein Freund von Musik, die meine Morgenruhe und meine Ruhe berhaupt
strt, am allerwenigsten aber von Hrnern, die bei Ihrer Musik
vorzuherrschen scheinen; verschonen Sie mich also in Zukunft damit. Ihr
und so weiter.< Ich schluckte die witzige Pille und lie mir nichts
merken, das Beste, was ich bei der Sache tun konnte.

Indessen ging alles vortrefflich in Genua, und ich hatte die beste
Hoffnung, auch mit der P... zum Ziel zu kommen, als mir einige
Fatalitten begegneten, die mich beinahe in groe Kalamitten gestrzt
und verwickelt htten, aus denen ich mich jedoch noch so ziemlich gut zu
ziehen verstand.

Eines Tages, als ich von dem Abendappell aus der Kaserne kam, sah ich
den Kapitn Caguenec, denselben, der den Skandal im Theater zu Toulon
veranlat hatte, in der Strae Balbi etwas schwankenden Trittes auf mich
zukommen und merkte bald, da er nach seiner lblichen Gewohnheit wieder
einmal des Guten viel zu viel getan hatte. Gerne wre ich ihm
ausgewichen, allein es war nicht mehr mglich, denn schon hatte er mich
gesehen, eilte auf mich zu und lud mich ein, ein Glas Rosolio im
nchsten Kaffeehaus mit ihm zu nehmen. Ihm in diesem Zustand etwas
abzuschlagen, daran war nicht zu denken, wenn man nicht sofort arge
Hndel mit ihm selbst haben wollte; ich mute also _nolens volens_
einwilligen, und noch ehe ich Ja gesagt, hatte er mich unter den Arm
gefat, zog mich mit sich in das nchste Kaffeehaus und lie
Vanille-Rosolio bringen. Nachdem er ein paar Glschen zu sich genommen,
fiel es ihm ein, eine Partie Billard mit mir spielen zu wollen, und als
ich ihm bemerkte, da das Billard bereits von jungen Leuten in Beschlag
genommen wre, schrie er: Ach, was tut das, wir werden doch mehr sein
als dieses Brgerpack, ich will sogleich rein fegen. Hierauf sprang er
auf, zog, ohne da ich es verhindern konnte, seinen Degen, fuchtelte mit
der flachen Klinge auf die jungen Leute los, es waren deren ber ein
halbes Dutzend, indem er ausrief: _Allez vous en tas de canaille!_ Sie
ergriffen eiligst die Flucht, und in einem Nu war das ganze Kaffeehaus
geleert, bis auf einen ltlichen Mann, der nicht schnell genug zur Tre
hinaus konnte und dem er noch ein paar Hiebe aufzhlte; hierauf strzte
er wieder einige Glser Rosolio hinunter, schimpfte auf den Wirt und die
Aufwrter, die sich zitternd in die Winkel und unter das Billard
verkrochen, auf das er nun mit scharfer Klinge ein- und das Tuch
desselben in Stcke zerhieb, und zwar mit einer solchen Gewalt, da er
den Sbel oft nur mit der grten Mhe aus dem Holz, in das er tief
eingedrungen war, herausziehen konnte. Sodann ging es hinter die
Flaschen und Glser des Kaffeezimmers, die er ebenfalls zertrmmerte, so
da der Rosolio und alle Liquide in Strmen flossen, dabei forderte er
mich bestndig auf, ihm bei dieser Arbeit zu helfen und tapfer mit
einzuhauen. Ohne gerade seinen Willen zu erfllen, zog ich doch auch vom
Leder, suchte aber seine vernichtenden Hiebe soviel als mglich zu
parieren, whrend ich tat, als hieb ich zu, und mute mehr als einmal
ein _maladroit_ von ihm hren. Nun machte er sich noch an Fenster und
Spiegel, und schon hatte der Skandal einen Haufen Leute herbeigezogen,
die mit Erstaunen diesen Heldentaten zusahen. Als er endlich des
Einhauens mde und auer den bloen Wnden nicht viel mehr zu vernichten
war, stellte er sich vor den zitternden Wirt und sagte ihm mit drohender
Stimme: Kerl, jetzt mache mir die Rechnung; aber unterstehst du dich,
einen Soldo zuviel anzurechnen, so haue ich dich in Stcke. Der Wirt,
bla wie eine Leiche und in Todesangst, stammelte: _Niente
illustrissimo, niente affatto eccellenza._

Kerl, das war dir geraten, sonst wre es dir schlecht gegangen,
versetzte Caguenec, nahm mich beim Arm und wollte mich fortziehen, als
gerade eine Patrouille, welche ein Aufwrter bei der nchsten Wache
requiriert hatte, in das Kaffeehaus trat, uns jedoch ehrerbietig
durchlie; ich sagte dem Wirt noch im Abgehen, er mge sich beruhigen,
ich wolle dafr sorgen, da ihm alles vergtet werde. -- Caguenec wollte
nun in diesem Zustand in das Theater, zu Dorias und Gott wei wo sonst
hin, aber ihm allerlei vorspiegelnd, brachte ich es durch List, indem
ich ihm immer nachzugeben schien, dahin, da er sich in seine Wohnung
begab, um vorerst ein wenig auszuruhen, wo er aber, nachdem er sich auf
das Bett geworfen, bald glcklich einschlief. Ich entfernte mich nun
schnell, eilte in das Kaffeehaus zurck, um wo mglich den Wirt zu
beschwichtigen; dieser war aber schon zu dem Platzkommandanten gelaufen,
hatte dort seine Klage angebracht und kehrte jetzt mit einem Adjutanten
desselben zurck, der beauftragt war, die Sache zu untersuchen. Das Haus
und der Platz waren so voll mit Menschen, da ich Mhe hatte, zu dem
Adjutanten zu dringen, dem ich den Hergang der sauberen Geschichte ganz
der Wahrheit gem mitteilte, mich dabei auf das Zeugnis des Wirtes
berufend, der mir aber nicht alle, sondern nur eine zweideutige
Gerechtigkeit widerfahren lie und gerne gewnscht htte, da es hiee:
mit gefangen, mit gehangen. Ich begleitete den Adjutanten zum
Kommandanten, der mir aber, nachdem er ihn angehrt, bis auf weitere
Order Zimmerarrest ankndigte, weil ich geschehen lie, was ich nicht
hatte hindern knnen, ohne da entweder ich oder der Kapitn auf dem
Platz geblieben wre, denn ich kannte meinen Mann, den jede Einsprache
und Abhaltung nur noch wtender gemacht haben wrde, obgleich ich, da
ich nchtern und jener betrunken, in groem Vorteil bei einem
Klingengefecht gewesen wre. Die Sache wurde sofort an den
kommandierenden General Montchoisy berichtet, der im ersten Zorn von
Kriegsgericht und sogar von Fsilieren sprach, sich aber durch Drets
und anderer Frsprache bewegen lie, den Caguenec auf sechs Wochen ins
Fort zu setzen und mir acht Tage Stubenarrest zu geben, obgleich ich
mich damit entschuldigt hatte, da Caguenec Kapitn, mein Vorgesetzter
und ein weit lterer Offizier sei als ich, der noch keine siebzehn Jahre
zhle und wenig Erfahrung habe. Da wir solidarisch zu allem
Schadenersatz verurteilt wurden, den der Wirt ber mehrere hundert Lire
ansetzte, offenbar das Doppelte des wirklichen Betrags, versteht sich
von selbst. Ich kam am schlechtesten dabei weg und mute fast die ganze
Summe zahlen, da Caguenec ein _panier perc_ war, dem fortwhrend zwei
Dritteile seiner Gage wegen frherer Exzesse schon einbehalten wurden.

Diese Geschichte, mit allen mglichen Zustzen und Vergrerungen
ausgeschmckt, machte in Genua groes Aufsehen, und ich hatte viel zu
tun, mich bei den Familien, in denen ich bekannt war, wieder rein zu
waschen. Whrend meinem Arrest lernte ich den ganzen Tag italienisch,
das ich nun anfing, ziemlich gelufig zu sprechen; doch machte ich noch
manchen und oft sehr komischen Bock. So fragte ich einst nach dem
italienischen Namen ich wei nicht mehr welches Medikaments, worauf man
mir sagte, es sei in der _Spezeria Galetti_ zu haben; ich aber hatte
verstanden, das Medikament hiee _spezeria Galetti_, und wurde von einer
Apotheke in die andere gewiesen, bis ich in die genannte kam, wo ich
durchaus _spezeria galetti_ haben wollte, whrend man mir bedeutete:
_Ma  qui, Signore._ -- _Eh bene datemi._ -- _Ma che cosa,
Signor?_ -- _Spezeria Galetti_, und man lachte, bis sich das komische
Miverstndnis aufklrte. Ich hatte die Apotheke statt dem Medikament
gefordert.

Mein erster Besuch nach meinem Arrest und nachdem ich mich gemeldet
hatte, war bei der Signora Peretti, die mich zwar freudig empfing, mir
aber mitteilte, da ihr die Geschichte groen Kummer gemacht, da man
sogar von Erschieen gesprochen habe; ich lachte und trstete sie, wir
musizierten und probierten zweierlei Gattungen von Duetten. Da ich ihr
den Hergang der fatalen Sache ganz zu meinem Vorteil erzhlt, so nahm
sie es auf sich, mich allenthalben zu rechtfertigen, und ich wurde nach
wie vor in den guten Husern Genuas gerne gesehen. Ja, die Marchese P...
fragte mich teilnehmend in einer Abendgesellschaft, wie es mir ergangen,
und sagte, sie wnsche wohl ein kleines zweistimmiges Lied, >_Nice so
piu non m'ami_<, mit mir durchzugehen, bei welcher Gelegenheit ich
erfuhr, da ein alter Musiklehrer namens Guercino, der gerade gegenber
wohne, ihr manchmal neue Kompositionen bringe. Mir schien es, als habe
sie mir dieses nicht ganz ohne Absicht mitgeteilt, besonders da sie den
Namen des Mannes einigemal nachdrcklich wiederholt hatte. Gleich den
andern Tag suchte ich diesen Guercino auf, der schon ein Sechziger war,
sich sehr freute, als ich ihm ankndigte, da ich Unterricht auf der
Gitarre bei ihm zu nehmen wnsche, und zwar in seiner eigenen Wohnung,
um ihm die Mhe zu ersparen, in meine etwas entfernt liegende gehen zu
mssen. Ich hatte schon lngst im Sinne gehabt, dieses Instrument, das
zum Akkompagnieren so bequem, nicht schwer und in Italien und Spanien so
allgemein im Gebrauch ist, zu erlernen. Der gute Mann meinte, es sei
zuviel verlangt, da ich zu ihm gehen solle, und glaubte vermutlich, da
ich dies um zu sparen tun wolle, weil er dann einen billigeren
Preis eingehen msse; ich nahm ihm den Wahn und gab ihm ein
Zwanzigfrankenstck, den Preis fr acht Lektionen, die man in Italien
gewhnlich antizipando bezahlt, nahm auf der Stelle die erste Stunde und
gab ihm den Auftrag, mir eine gute Gitarre zu kaufen. Er fand einen
gelehrigen Schler an mir, der ihm schon bei der ersten Lektion
mitteilte, da er es der Marchesa P... zu verdanken habe, da ich ein
Schler von ihm geworden sei, die ihn sehr gerhmt. _Oh  una
eccelentissima signora, la Signora Marchesa!_ rief er aus, sie war
auch meine Schlerin und hat eine hbsche Stimme, _ un vero angelo_.

Ich schielte fortwhrend ber die Gitarre weg, deren Tonleiter er mir
zeigte, nach dem Balkon jenseits der Strae, aber alle Fenster waren
verschlossen und verhngt; ich sah ein, da ich viel zu frh gekommen
sei, um meine Schne sehen zu knnen, und zeigte meinem Lehrer an, da
ich knftig meine Stunde nach der Parade um achtzehn oder neunzehn Uhr
(zwlf oder ein Uhr nach unseren Uhren) nehmen wolle, und zwar drei-
oder viermal die Woche. Wir trennten uns, einer mit dem anderen sehr
zufrieden. Den nchsten Tag kam ich zur festgesetzten Zeit und bemerkte,
als ich in das Haus trat, da die Marchesa hinter den Samtgardinen eines
Balkons stand und mich wahrgenommen hatte. Sie zeigte sich auch whrend
der Stunde mehrmals am Fenster, und zwar allein, ohne da sie mich
jedoch sehen konnte, da wir etwas weit zurck in der Stube saen, ich
ging aber einigemal unter allerlei Vorwand an das Fenster und grte die
Signora verstohlen; auch wurde der Gru durch eine leichte Verbeugung
erwidert.

Nachdem ich ungefhr zehn bis zwlf Lektionen genommen hatte, bei denen
ich die Marchesa fast jedesmal, wenigstens auf ein paar Augenblicke zu
sehen bekam, war ich schon so weit, mich mit einigen Arpeggis und
Akkorden begleiten zu knnen, da ich mich auch zu Haus fleiig bte und
die Gitarre ein leicht zu lernendes Instrument ist, besonders wenn man
schon Musik kennt. Eines Tages bat ich meinen Lehrer, doch ein leichtes
Tonstck fr zwei Gitarren mit mir durchgehen zu wollen, und hoffte ihn
dadurch in die Notwendigkeit zu versetzen, vielleicht eine zweite
Gitarre bei der P... entlehnen zu mssen; er holte aber ein anderes
Instrument dieser Gattung aus einem alten Schrank hervor und stimmte es.
Ich dachte: warte, der Gang ist dir doch nicht geschenkt, und da ich
wute, da er keine umsponnenen Saiten, sondern nur Cantinen (Quinten)
und G- und H-Corden im Hause hatte, so stimmte ich so lange an der
D-Saite, bis diese glcklich sprang.

_Ma che facciam Signore, non ho altre corde in casa._

Maestro, erwiderte ich, dem ist leicht abzuhelfen, leihen Sie
einstweilen ein anderes Instrument in der Nachbarschaft, vielleicht bei
Ihrer ehemaligen Schlerin?

Sie haben recht, versetzte der alte gute Narr, machte sich auf die
Beine und kam bald mit einer sehr eleganten Chitarra-Lira zurck, auf
der gewhnlich die schnen Finger der reizenden P... spielten. Wir
probierten nun ein paar leichte Stcke, und als sich die holde Marchesa
wieder am Balkon blicken lie, machte ich eine Pause, ging mit dem
Instrument an das Fenster, schlug einige Akkorde an, und da ich sah, da
ihre Blicke auf mich gerichtet waren, zog ich ein lngst in Bereitschaft
habendes Billettchen, auf Rosapapier geschrieben, aus dem Busen, hob es
in die Hhe, damit es Madonna wahrnehmen konnte, kte es und warf es
sodann in den Resonanzboden der Lyra. Dies alles hatte die Signora ganz
gut, mein lieber Lehrer, dem ich den Rcken zudrehte, aber gar nicht
bemerkt, da es das Werk eines Augenblicks war. Sie verlie errtend das
Fenster, ich aber, ganz vergngt, bat den geflligen Guercino, das
Instrument, verbindlichst dankend, doch gleich wieder seiner
Eigentmerin zurckbringen zu wollen, wozu er sich verstand und bald mit
der Nachricht zurckkam, da ihm die Marchesa selbst dasselbe schon oben
an der Treppe abgenommen habe. Ich verweilte nun noch eine kurze Zeit an
dem Fenster, aber der Gegenstand meiner Verehrung lie sich nicht mehr
blicken. Der alte Guercino war sehr gesprchig und suchte alles Mgliche
hervor, um mich zu unterhalten, indem er mir fters den Grad seiner
Verwandtschaft mit dem Maler Guercino, von dem mehrere Kirchen Genuas
gute Gemlde besitzen, recht ausfhrlich langweilig auseinandersetzte.
Endlich begab ich mich weg, indem ich ihm versprach, selbst neue
Silbersaiten mitbringen zu wollen, was ich wohlweislich verga; ja um
meiner Sache noch gewisser zu sein, lie ich durch meinen Burschen Louis
die eine Gitarre unter dem Vorwand, da an meiner etwas zerbrochen sei
und ich mich ben wolle, bei ihm holen, schickte sie nicht zurck und
erklrte meinem Maestro den anderen Tag beim Unterricht, da ich sie
behalten und ihm abkaufen wolle, bezahlte ihm sechzig Lire dafr,
obgleich sie keine dreiig wert war, worber besonders seine alte
Ehehlfte entzckt schien, die mich seitdem in besondere Affektion nahm
und ihren Mann ermunterte, die Gitarre hin- und herschleppend, den
_Postillon d'amour_ in aller Unschuld fortwhrend zu machen. Er holte
das Instrument wieder, das ich um und um drehte und schttelte; es
konnte aber nichts herausfallen, denn es war leider leer; auch sah ich
die Marchesa erst gegen das Ende der Stunde am Fenster, wo ich ihr nun
ein zweites Billett zeigte und sie durch die Zeichensprache, die man in
Italien zur hchsten Stufe der Vollkommenheit gebracht, welche ich neben
der des Mundes fleiig studierte und bald begriffen hatte, dringend bat,
mich doch mit einer Antwort zu beglcken. Sie schien mich nicht
verstehen zu wollen, indessen sandte ich das zweite Billett, in dem
dieselbe Bitte wiederholt war, auf dem Wege wie das erstemal ab.

Den andern Abend war groe Gesellschaft bei dem kommandierenden General,
wohin auch der Marchese P..., seine Gattin und deren Schatten, der
Ritter Negroni, eingeladen waren. Hier sollten zum erstenmal mehrere
Stcke aus dem ersten Finale des Don Juan mit der von mir arrangierten
Orchesterbegleitung, die unser Verein einstudiert hatte, vorgetragen
werden, worauf Souper und Tanz folgten. Alle geladenen Nobili trafen mit
ihren Frauen und Cicisbeen zur bestimmten Stunde im hchsten Glanz und
reich geschmckt zu dem Feste ein, unter ihnen ragte die Marchesa P...
in den ersten Reihen gleich einer Sonne unter Sternen hervor; bei dem
Vortrag der Musik sa sie mir gerade gegenber. Auer den Gesngen aus
dem Don Juan trug ich diesen Abend noch die bekannte italienische Arie:
>_Tu non sai da quanti moti_< vor, die ich wegen des vielsagenden Textes
gewhlt, hauptschlich an meine Herzensdame richtete, und bei jeder
bezeichnenden Stelle warf ich die Blicke auf sie, wo sie dann die
ihrigen niederschlug, doch, wie ich wohl bemerkte, bisweilen verstohlen
nach mir schielte. Es lief alles ziemlich nach Wunsch ab. Als der Tanz
begann, verfehlte aber der mir so fatale Negroni nicht, diesen Abend
aufmerksamer als je sein Amt zu versehen; dennoch aber konnte er nicht
verhindern, da ich zwei Quadrillen mit der unter seiner Aufsicht
stehenden Dame tanzte, ihr einigemal die Hand drckte und sie leise
fragte, warum sie mir keine Antwort auf meine Briefchen gebe, ob sie
denn wolle, da ich vor Kummer und Gram und aus Verzweiflung sterben
solle? und so weiter.

Nachdem sie sich allenthalben umgesehen, ob man uns nicht beobachte,
sagte sie mir auf franzsisch, >_Je n'ose._< --

Dies war mir hinreichend, ich arrangierte nun die zweite Quadrille, fr
die ich mit ihr engagiert war, so, da nur Offiziere in derselben
mittanzten, und bat einen Kameraden, mit dem ich genauer bekannt war,
den Negroni doch in einer anderen Quadrille whrend dieses Tanzes zu
placieren, was ihm auch gelang; ich hatte nun freieres Spiel, und die
Marchesa benahm sich weit ungezwungener und weniger ngstlich. Ich
wiederholte mndlich, was ich geschrieben, sprach von meiner feurigen,
innigen Liebe und erhielt das Versprechen, da sie mich mit ein paar
Zeilen Antwort beglcken wrde. Auf meine Frage, warum sie bisher so
streng und zurckhaltend gewesen, erwiderte sie: Sehen Sie denn nicht,
wie man mich bewacht und beobachtet? Der fatale Negroni, den mir mein
Mann zum Begleiter aufgedrungen, verfolgt mich bei Tag und bei Nacht,
deswegen hoffen Sie nicht viel.

Diesem wird doch auch noch eine Nase zu drehen sein, erwiderte ich.

Vielleicht, da der bevorstehende Karneval Gelegenheit dazu bietet,
versetzte sie, sonst wte ich nicht, wie es zu machen wre. Indessen
werde ich Ihnen schreiben, da Sie mich versichern, da dieses schon Sie
glcklich macht.

Tausend Dank, schnste Signora, oh, wenn nur erst wir beide uns
verstehen, dann ist es mir wegen dem brigen nicht bange.

Die Musik verhallte, der letzte Pas war gemacht, und ich fhrte die
Signora an ihren Platz zurck, wo sie Negroni in Empfang nahm. Bei
dieser Soiree befand sich auch Madame Grenet sowie viele andere
Offiziersdamen der Garnison, welche die Konversazioni der genuesischen
Familien in der Regel nicht besuchten, hauptschlich weil sie den
Aufwand der Toiletten scheuten, sich auch durch die mit Brillanten reich
geschmckten Genueserinnen zu sehr in den Schatten gestellt sahen. Wer
sieht schrfer als die Eifersucht? -- Madame Grenet, die ich bis jetzt
fast ganz vernachlssigt und nur einigemal besucht hatte, mit der ich
des Anstandes halber aber doch ein paarmal tanzte, hatte recht wohl
bemerkt, wie sehr ich der schnen Marchesa den Hof gemacht, und sich bei
einigen anderen Damen, die sie nicht kannten, nach dem Namen und den
Verhltnissen derselben genau erkundigt. Ich hatte ihr einige
Galanterien gesagt, die sie kalt genug aufnahm, und als der Tanz mit ihr
zu Ende war, ignorierte ich sie fr den Rest des Abends. Am nchsten
Tage eilte ich wieder zur bestimmten Zeit in meine Musikstunde, lie die
Gitarre holen und fand zwei Zeilen darin, die mich warnten: >ich mge
ums Himmelswillen vorsichtig und behutsam sein und mich nicht verraten,
sonst knne groes Unglck entstehen<. -- Ein Billettchen, das ich
morgens schon geschrieben und mit Schwren und Versicherungen ewiger
Liebe und Treue vollgeschmiert hatte, lie ich auf demselben Wege wieder
zurckgehen. Dieser Briefwechsel fand noch ein paarmal statt, und die
Billette der Marchesa wurden etwas lnger, zrtlicher und weniger
ngstlich. In dem letzten derselben, etwa vier Tage nach dem Fest beim
General, schrieb sie mir, ich solle mich diesen Abend ja _a due ore di
notte_ (zwei Stunden nach Sonnenuntergang) an der Kirche der Karmeliter
einfinden, wo ich mich der so sehr gewnschten Zusammenkunft endlich
erfreuen und sie verkleidet finden wrde. Auffallend war es mir aber,
da ich die Marchesa whrend der ganzen Stunde sowie beim Weggehen nicht
einen Augenblick am Fenster gesehen hatte, da sie mich doch bei Guercino
wute. Ich schrieb dies indessen ihrer Verschmtheit wegen des
zugesagten Rendezvous zu, erkundigte mich nach der benannten Kirche und
erfuhr, da dieselbe in dem entlegensten und einsamsten Winkel der
Stadt, an deren Mauern liege. Auch dies schien mir natrlich, da ihr
alles daran gelegen sein mute, von niemand gesehen oder erkannt zu
werden. Indessen waren wir in Italien, und ich wute, wessen man sich
hier zu versehen habe, wenn man Intrigen mit Frauen anknpfte; noch vor
wenigen Tagen war ein Artillerieoffizier bei der Heimkehr aus dem
Theater von mehreren Banditen angefallen und lebensgefhrlich verwundet,
ein anderer sogar von einer Frau, mit der er ein Verhltnis gehabt und
die er nachher vernachlssigte, in seinem Zimmer erdolcht worden. Ich
fand deshalb fr ntig, nachdem ich noch bei Tage den Ort des Rendezvous
rekognosziert hatte und zur Ausfhrung eines Banditenstreiches
vollkommen gut gelegen fand, meinen Burschen Louis gehrig bewaffnet
mitzunehmen. Als die dennoch von mir mit groer Sehnsucht
herbeigewnschte Stunde schlug, denn irgendein Abenteuer mute es ja
absetzen, sei es ein verliebtes oder blutiges, beide mir recht, eilte
ich in Begleitung meines Bedienten an den bezeichneten Ort, hie diesen
sich ruhig in einen Winkel postieren und nur erst, wenn ich ihn beim
Namen rufen wrde, herbeizuspringen. Ich begab mich in die Kirche, in
der ich keine Seele sah und nur hin und wieder dster brennende ewige
Lampen erblickte. Ich setzte mich in einen Stuhl, die Ankunft meiner
Madonna mit Ungeduld erwartend. Es mochte beinahe eine Stunde sein, da
ich da sa, und noch immer zeigte sich keine Marchesa, und auch sonst
kein Mensch lie sich sehen. Ich verlor die Geduld, ging vor die Kirche
und wollte die Runde um dieselbe machen; aber noch hatte ich keine
dreiig Schritte getan, als drei Kerls hinter einem hervorspringenden
Mauerpfeiler auf mich strzten, und einer von ihnen sagte: >_Eccolo, 
costui!_< Schneller als der Blitz hatte ich jedoch meinen Degen aus der
Scheide gezogen und mich _en garde_ gestellt; dies hinderte die Banditen
nicht, mit ihren langen Stiletten bewaffnet auf mich einzudringen, und
zwei derselben suchten mich im Rcken zu fassen, ich aber machte schnell
eine Wendung, so da ich mich mit dem Rcken an eine Mauer lehnen
konnte, und hieb nun nach allen Seiten wie ein Rasender um mich, so da
keiner mir auf den Leib kam, zugleich rief ich: _A moi Louis!_, der
nun auch mit gezcktem Sbel zusprang, und die drei vermummten Wichte
ergriffen jetzt das Hasenpanier. Wir verfolgten sie zwar eine Strecke,
verloren sie aber, nachdem sie um eine Straenecke gebogen, aus dem
Gesicht. Wahrscheinlich hatten sie sich in einen ihnen bekannten
Schlupfwinkel oder in ein offenes Haus geflchtet.

Dieser Streich brachte mich so sehr auf, da ich auf der Stelle in die
Wohnung des Marchese P... wollte, um dort Aufklrung ber diesen Vorfall
zu erhalten und Rechenschaft zu begehren; doch khlte sich mein Blut
mehr und mehr ab, whrend ich durch die engen Straen der Stadt meinem
Quartier zueilte, ich gab jetzt dies Vorhaben auf, fate aber den festen
Vorsatz, der Sache _ tout prix_ auf die Spur zu kommen, da ich die
Stimme und Figur Negronis erkannt zu haben glaubte. Die ganze Nacht
konnte ich kein Auge zutun und rannte fast mit Tagesanbruch in Guercinos
Wohnung, um ihm den Vorfall mitzuteilen. Dieser aber empfing mich mit
den Worten: _Oh Signor mio che avete fatto, m'avete rese infelice son
un uomo perduto._

Wieso, was ist Ihnen? rief ich ganz erstaunt.

Sie haben mich wider mein Wissen zum _Ruffiano_ gemacht, und der
Marchese P... wird mich verderben.

Ich suchte nun den alten Mann, dem die Trnen in den Augen standen, zu
beruhigen, als auch seine Frau aus dem Nebenzimmer, und zwar nicht im
reizendsten Neglig, heulend in die Klagen ihres Eheherrn einstimmend,
trat und ihre Worte immer mit dem Refrain schlo: Wir mssen so
unschuldig leiden und haben gar nichts davon; ja, wenn wir noch etwas
davon gehabt htten!

Ich gab mir alle Mhe, die beiden Alten mglichst zu beruhigen, indem
ich ihnen versprach, da ich alles wieder zu applanieren und gut zu
machen wissen werde, und drckte der Frau einstweilen zwei Goldstcke in
die Hand, ohne da ich noch wute, was hier eigentlich vorgefallen war.
Der Zauber des Goldes hatte denn auch die Wirkung, da beide Eheleute
sogleich ruhiger wurden, ohne ein niederschlagendes Pulver zu nehmen,
und jetzt imstande waren, meine Fragen vernnftig zu beantworten; ich
erfuhr nach und nach den Zusammenhang der ganzen Geschichte, soweit sie
solche betraf, woraus ich mir das brige schon erklren konnte.

Nachdem ich den Maestro den Tag vorher verlassen, trug er wie immer die
geliehene Gitarre zurck, die ihm aber diesmal nicht wie bisher die
Marchesa, die er gar nicht zu sehen bekam, sondern der Cavaliere
servente Negroni abgenommen hatte, worauf er sich empfahl. Bald darauf
hatte ihn aber der Marchese P... wieder rufen lassen, und als er in
dessen Zimmer trat, mit den Worten angeschnauzt: Alter Kuppler, habe
ich dich, dies soll dir nicht so hingehen! worauf ihn der sich
gegenwrtig befindende Negroni noch weit rger heruntergemacht,
geschimpft und beinahe ttlich mihandelt habe. Er, von gar nichts
wissend und nichts ahnend, habe lange vergeblich gefragt, um was es sich
denn handle, und noch vergeblicher seine vllige Unschuld beteuert. Nach
langem Hin- und Herreden und bestndigem Drohen und Schimpfen habe ihm
sodann Negroni das Billett gezeigt, das ich an die Marchesa geschrieben
und das die Herren schon das vorletzte Mal in der Gitarre gefunden
hatten, in dem ich die Signora P... auf das dringendste um ein
Rendezvous gebeten. Sodann habe man ihn in ein entlegenes Zimmer des
Palastes gefhrt, daselbst eingeschlossen und seiner Frau sagen lassen,
sie mge diesen Abend nicht auf ihn warten, da er bis spt in die Nacht
Musikstcke mit der Marchesa durchgehen msse. Endlich aber habe man ihn
nach fnf Uhr (elf nach unserer Uhr) in der Nacht wieder freigelassen
mit der Deutung, da, wenn er im mindesten schuldig befunden wrde, er
sich auf das Schlimmste gefat machen knne.

Ich trstete den armen Teufel, so gut ich konnte, versprach ihm meine
Hilfe in jeder Hinsicht, um ihm die ausgestandene Angst und den Arrest
reichlich zu vergten, ging vorerst wieder heim und kehrte zur
gewhnlichen Unterrichtsstunde zu Guercino zurck, dessen Frau ich
einstweilen eine genuesische Quadruppia auf Abschlag des versprochenen
Schmerzensgeldes gab, was machte, da die guten Leute, alle
ausgestandene und noch bevorstehende Gefahr vergessend, von der besten
Laune beseelt wurden und die Frau zu mir sagte: Aber warum haben Sie
sich nicht an mich gewendet, ich htte Ihnen die sichersten Mittel und
Wege gezeigt, wie Sie die Signora htten sprechen und ihr schreiben
knnen, ohne da man dahinter gekommen wre; einem so gromtigen Herrn
diene ich gern. Ich habe Bekanntschaft in dem Palazzo, die alte Wrterin
der Marchesa ist meine intime Freundin und gilt alles bei der Signora,
htten Sie sich nur mir anvertraut ... jetzt ist die Sache wohl ziemlich
verpfuscht, wenigstens weit schwieriger einzuleiten, doch wir wollen
sehen, was noch zu tun ist ...

Da ich die Alte so sprechen hrte, dachte ich: >Holla, du bist, was ich
brauche<, und bat sie, vorerst nur zu erforschen zu suchen, wie die
Sachen drben stnden und wie man die Marchesa behandle. Sie versprach
mir, womglich schon den andern Morgen Nachricht deshalb zu geben, indem
sie noch diesen Abend ihre Freundin zu sprechen suchen wrde.

Da ich in der Abendstunde meuchlerisch war angefallen worden, war
schnell publik, und schon den andern Tag fragten mich die Generale,
Chefs und andere Offiziere wegen den nheren Umstnden, die ich ihnen
mitteilte, dabei aber weislich die mir nun wohl einleuchtende Ursache
des Anfalls verschweigend, und schob ihn dem allgemein bekannten Ha des
Volkes gegen die Franzosen oder auch der Raubsucht zu; Dret aber, der
mich kannte, setzte, mit dem Finger drohend, hinzu: Und dem Ha gegen
die Verfhrer ihrer Frauen. Indessen mehrte sich durch diesen und
einige hnliche Mordanflle die schon bestehende Erbitterung zwischen
der Garnison und den Einwohnern noch bedeutend und wurde bald zu einem
unvershnlichen Ha.

Meine Musikstunden setzte ich nach wie vor fort, als sei nichts
vorgefallen, was wohl das Klgste unter so bewandten Umstnden ist, war
aber, besonders des Abends, auf meiner Hut, wenn ich allein aus dem
Theater oder von andern Orten nach Hause ging und lie mir niemand zu
nahe auf den Leib rcken.

Die Alte hielt Wort und konnte mir schon den nchsten Tag das Nhere
mitteilen; sie hatte, um allen Verdacht ferne zu halten, durch eine
dritte Person die alte Wrterin wissen lassen, da sie sie zu sprechen
wnsche, und diese sagte ihr noch denselben Abend ein Stelldichein in
einer Kirche zu. Hier erzhlte sie nun, da der Gatte Toninas, der
Taufname der Marchesa, ein Billett erhalten, in welchem man ihn vor mir
gewarnt und mitgeteilt habe, da ich seiner Frau nachstelle; dies habe
er dem Negroni gezeigt, der, ohnedies schon durch das ofte Leihen der
Gitarre aufmerksam geworden, beschlossen htte, die Gitarre das nchste
Mal zu untersuchen, in der er auch ein Billett von mir gefunden, worauf
ihre Gebieterin in strenges Verhr genommen worden sei; da aber in
meinem Briefchen glcklicherweise durchaus nichts gestanden, wodurch man
auf ein Einverstndnis zwischen uns beiden htte schlieen knnen,
sondern ich mich im Gegenteil beschwert habe, da sie grausam sei und
mich so lange um eine einzige Zusammenkunft betteln lasse, so sei es der
Signora nicht schwer geworden, sich, ihre Unschuld beteuernd, auf meine
Kosten von dem Verdacht der Teilnahme frei zu machen, indem sie nichts
dazu knne, wenn man ihr gegen ihren Willen Briefe auf diese Art
heimlich zukommen zu lassen suche, die sie weder gelesen noch gesehen
habe. Um aber ihre Unschuld zu beweisen, habe sie jenes Billett, wodurch
ich in die Kirche gelockt wurde und das man ihr in die Feder diktiert,
schreiben mssen. Im brigen stnde jetzt alles so ziemlich im Hause
wieder wie frher, nur drfe sie sich nicht am Fenster blicken lassen,
solange man mich bei Guercinos wisse, worauf man genau acht gebe; die
Marchesa sei aber ber das Verfahren ihres Mannes und Cicisbeos so
aufgebracht, da sie jetzt ihr Kpfchen aufgesetzt und geschworen habe,
den beiden Herren eine Nase zu drehen, es entstehe auch daraus, was da
wolle, sie msse nun die nhere Bekanntschaft des jungen Offiziers
machen. -- Echt italienisch. -- Fr diese Nachricht bekam die Alte
wieder ein Goldstck, und auerdem kam ich jetzt nie in das Haus, ohne
ihr einige Kleinigkeiten fr sie und ihre Freundin mitzubringen, um
beide in guter Laune und mir geneigt zu erhalten, und war so immer _au
fait_ von dem, was in der Wohnung des Marchese P... vorging. Signora
Guercino gab mir die beste Hoffnung, meine Madonna bald allein und
ungestrt sprechen zu knnen: Denn der Karneval ist vor der Tr,
setzte sie hinzu, darum _allegro Signor Uffiziale_!

Indessen war jetzt, gerade wo ich es am ntigsten bedurfte, meine Kasse
schlecht bestellt, und ich sah den leeren Boden derselben; denn auer
diesen Extraausgaben hatte ich auch ziemlich viel Geld im Spiel, wo ich
meistens unglcklich war, verloren. Bansa zahlte mir meine bestimmte
Zulage aus, aber mehr wollte ich von ihm nicht fordern, eine
abschlgige, mir sehr empfindliche Antwort befrchtend. Aus dieser
Geldverlegenheit ri mich Dantrace, der unterdessen auch Offizier
geworden war und immer eine wohlgefllte Brse besa, die er mir schon
einigemal angeboten hatte; er war sehr vergngt, mir fnfzig Louisdor
leihen zu knnen.

Mit Hilfe der Guercino und ihrer alten Freundin war jetzt eine
regelmige Korrespondenz zwischen der Marchesa und mir in Gang
gekommen, der Karneval hatte begonnen und die Masken lieen sich bereits
in den Straen und auf den Promenaden blicken. Eines Morgens, nachdem
ich den Abend vorher die P... in einer Gesellschaft gesehen, aber weder
mit ihr gesprochen noch getanzt hatte, indem wir nur verstohlen Blicke
wechselten, um den Argwohn der Mnner nicht neuerdings rege zu machen,
empfing mich meine Alte mit triumphierender Miene und reichte mir zwei
Billettchen mit den Worten: Nun, Signor, blht Ihr Glck; morgen
sprechen Sie die Geliebte, und hier das anonyme Briefchen, das Ihnen
bald den Hals gebrochen htte. Hastig durchlas ich beide, das erste
enthielt die Besttigung dessen, was mir die Guercino gesagt, und das
andere, in sehr fehlerhaftem und gebrochenem Italienisch geschrieben,
warnte den Marchese vor mir. Trotz aller Mhe, die man sich gegeben,
seine Handschrift zu verstellen, erkannte ich dennoch die Hand der
Madame Grenet in derselben. Warte, das sollst du mir ben, kleiner
Satan, rief ich im ersten Zorn aus, der sich jedoch bald wieder legte,
indem ich mir sagte, da ich doch manches Unrecht gegen sie begangen,
und bald dachte ich an nichts mehr als an den kommenden Tag, der mich
beglcken sollte. In dem Billett der P... stand, da mir die Alte
mndlich sagen wrde, wie endlich unsere beiderseitigen Wnsche in
Erfllung gehen sollten, und diese teilte mir jetzt mit, da sich die
Signora am nchsten Tage in den Nachmittagsstunden, als eine alte
Sybilla maskiert, in einer Portantina zu einer vertrauten Freundin wrde
bringen lassen, die bereits in unser Geheimnis eingeweiht sei und gerne
die Hand biete, die beiden Mnner zu prellen. Sie selbst aber, die
Guercino, wrde sich schon frher zu der nmlichen Signora verfgen, um
dort einen ganz gleichen Anzug wie den der Marchesa anzulegen, in
welchem sie mit jener Freundin maskiert durch die Straen und Promenaden
Genuas bis zur Abenddmmerung wandern wrde. Negroni, welcher der Dame
in der Portantina bis zum Haus der Signora Maretti, so nannte sich die
Freundin, folgen mchte, aber dasselbe nicht betreten drfe, was bei
solchen Gelegenheiten gegen die Sitte sei, wrde dann wahrscheinlich
auch sie beide, seine Marchesa unter der Verkleidung der Guercino
whnend, auf allen Gngen verfolgen, whrend ich nun mehrere Stunden mit
der wirklichen P... ungestrt zubringen knne, jedoch nicht in dem Haus
der Signora Maretti, wo die Marchesa nicht bleiben werde, da ich ohne
Aufsehen zu erregen nicht in dasselbe gehen knne, weshalb sie sich
abermals umkleiden und einen Mesero (ein Schleier von Baumwollenzeug,
mit dem sich die Frauen aus geringerem Stande Kopf und Brust bis beinahe
an die Knie bedecken, so da fast nur die Augen frei bleiben, man weder
Taille noch Arme sieht und ziemlich unkennbar ist) umhngen, und sich
dann so verkleidet in die Wohnung der Guercino begeben werde, wo ich sie
erwarten solle; ich drfe aber, um allen Verdacht fern zu halten, erst
dann in dasselbe gehen, wenn ich, in einem nahen Kaffeehaus aufpassend,
gesehen, da die Portantina und Negroni den Palazzo P... verlassen haben
wrden. Dieser Plan schien mir gut und mit groer Schlauheit ersonnen,
und es bewhrte sich wieder, da nichts ber Pfaffentrug und Weiberlist
geht, doch nicht ganz gefahrlos, da ich frchtete, Negronis Scharfblick
mchte dennoch die Metamorphosen am Ende entdecken; aber die Alte
beruhigte mich deshalb, indem sie mich versicherte, da der gewhlte
Anzug einer betagten Wahrsagerin die Umrisse des Krpers vollkommen
verberge, da man krumm und gebckt gehen und sich obendrein noch einen
Hcker machen werde, so vermummt und eingehllt daher ein Erkennen
unmglich sei. Anreden drfe er sie auch nicht, wenigstens keine andere
Antwort als durch Zeichen und Kopfnicken erwarten, und so stehe sie fr
den Erfolg ein. -- Sie sprach dies mit solcher Zuversicht, da ich alles
Vertrauen in die Schlauheit dieser Weiber setzte und nun jeden
Pulsschlag bis zur Stunde, die mich beglcken sollte, zwischen der noch
eine lange Nacht lag, in welcher ich beinahe kein Auge schlo, zhlte.
Endlich brach der heiersehnte Tag an, an dem das Abenteuer bestanden
werden sollte, das mich seiner Sonderbarkeit halber schon mehr wie jedes
andere reizte, weil es mit so viel Schwierigkeiten und Gefahr verbunden
war und ich schon oft gezweifelt hatte, diesmal zum ersehnten Ziel zu
kommen. Gleich nach der Parade warf ich mich in Zivilkleider, begab mich
sodann in das bestimmte Kaffeehaus, keinen Blick von der Porta des
Palazzo P... verwendend, und harrte mit ngstlicher Erwartung, ein
Sorbetto nach dem andern verschlingend, dem Erscheinen des ersehnten
Gegenstandes; es waren sicher schon drei Stunden verflossen, als sich
endlich die Tore ffneten und die Portantina, die alle meine Wnsche in
sich fate, so wohl verwahrt, da kein Blick den Inhalt derselben
gewahren konnte, herausgetragen wurde, der Negroni unmittelbar folgte.

Als ich beide aus dem Gesicht verloren, begab ich mich in Guercinos
Wohnung, von der er mir den Schlssel bergeben, sich selbst entfernend,
damit ich ganz ungestrt sein sollte. Hier harrte ich nun abermals ber
eine gute Stunde, hinter einer Gardine lauernd, und sah manche
Frauengestalt, in einen Mesero gehllt, dicht an dem Haus
vorbergleiten, jedesmal die Heiersehnte darunter whnend. Wer je in
dem Fall war, auf ein solches Rendezvous zu warten, wird wissen, was
dies heit und in welcher Aufregung, Spannung und in welchen
Befrchtungen der Vereitlung man sich dann befindet. Jedesmal stampfte
ich mit dem Fu, wenn ich durch das Vorbeigehen einer solchen Gestalt
enttuscht war. Endlich aber schwebte mit leichtem Elfentritt ein Wesen
heran, das mir das Herz ungestmer pochen machte, und wenn gleich tief
verhllt, doch einen therischen Wuchs und unnennbare Grazie zu verraten
schien. Wenn es diese nicht ist, so ist es keine, dachte ich bei mir
selbst; aber sie war es, denn kaum hatte ich ausgedacht, so schlpfte
sie auch schon zur Pforte herein, leisen Trittes die Treppe hinauf, ich
machte die Stubentre auf, ffnete beide Arme, sie fest zu umschlingen,
aber man strubte sich, und als ich recht zusah, war es -- die alte
Guercino, die ich so feurig umfat hielt. Dies war zu toll: Was soll
das heien! rief ich zornig aus. Hat man mich zum besten? Aber die
Alte lachte und sprach: Nur nicht so bs, mein ungestmer Herr, es ist
freilich arg, wenn man einen jungen Engel zu umarmen whnt und dafr ein
altes Weib umschlingt, aber nur ein klein wenig Geduld, der Engel folgt
mir auf dem Fu nach, und ich bin nur der Sicherheit wegen, um eine
berrumpelung zu verhten, gekommen; wir haben es berlegt, da es
besser sei, wenn ich Wache halte, und eine andere Freundin der Signora
Maretti spielt einstweilen statt meiner die Rolle der Marchesa-Sybilla.
Sie sprach wahr, denn kaum hatte sie ausgeredet, so trat eine zweite, in
einen Mesero gehllte Gestalt ein, und diesmal war es die rechte.
Endlich lag Tonina in meinen Armen, und in endlosen Kssen sog ich ihren
Atem in vollen Zgen ein. Die Alte verlie uns, ihren Lauerposten
antretend, ich entschleierte die reizende Nymphengestalt vollends und
trug sie kssend in das anstoende Schlafzimmer Guercinos, wo ich ein
paar unvergeliche Stunden im hchsten Entzcken zubrachte. So war denn
meine Ausdauer und Beharrlichkeit endlich gekrnt und Negroni an der
Nase herumgefhrt: denn whrend wir im Hochgenusse schwelgten und ich
die rechte Sybilla im Arm hatte, lief der Cicisbeo der untergeschobenen
mehrere Stunden durch alle Gassen nach, sie auch nicht eine Minute aus
den Augen lassend; die beiden Damen fhrten ihn absichtlich in die
desten und entlegensten Orte der Stadt und kehrten erst mit
einbrechender Nacht wieder heim. Negroni hatte deren tolles, planloses
Rennen verflucht, das ihn, der eben nicht besonders gut auf den Beinen
war, sehr ermdete.

Als sich Tonina endlich aus meinen Armen wand, nachdem wir uns ber
alles, was wir bisher gelitten und ausgestanden, unterhalten und
ausgesprochen hatten und sie sich zum Weggehen anschickte, hatte es
schon zu dmmern begonnen; sie warf den Mesero ber und schlpfte nach
hundert Abschiedskssen zur Tre hinaus, whrend ich ihr so weit als
mglich mit den Augen folgte, sowie die Guercino in einiger Entfernung
zu ihrer Sicherheit; ich warf mich dann erschpft auf das Bett, auf
welchem noch vor wenig Augenblicken die Engelsgestalt geruht hatte. Vor
Ermdung war ich in dem immer finsterer werdenden Zimmer
eingeschlummert, als die Guercino zurckkam, mich weckte und auf mein
schlaftrunkenes >_Chi ?_< erwiderte: Nun, sind Sie zufrieden, nicht
wahr, dies waren Gtterstunden? Ich beantwortete die naseweise Frage,
indem ich ihr meine ganze Brse, etwa fnfzig Lire enthaltend, in die
Hand drckte. Sie berichtete mir, da die Marchesa wieder glcklich in
das Haus der Maretti gekommen sei, nun bald in ihr eigenes zurckkehren
und dann die Oper mit ihrem Cicisbeo besuchen werde. Ich beschlo,
ebendahin zu gehen, nahm einen Platz in einer Gitterloge dicht an der
Bhne, von der aus ich sie ziemlich unbemerkt beobachten konnte und ihr
bisweilen eine verstohlene Occhiata zuwarf.

Da wir nun einmal so weit waren, so wiederholten wir dasselbe Manver
mit einigen Variationen, so oft es sich tun lie, ohne Verdacht zu
erregen. Die Marchesa whlte dann jedesmal ein solches Kostm zu ihrer
Verkleidung, das die Formen jeden Wuchses unkenntlich machte und fr
alle Gestalten pate. Da indessen dieser wunderliche Geschmack ihrem
Eheherrn und dem Cicisbeo bald aufgefallen sein wrde, so zeigte sie
sich in der Zwischenzeit und an den Tagen, an denen wir nicht
zusammenkamen, in andern und sehr eleganten Maskenanzgen, in Begleitung
ihrer Freundin und immer von Negroni verfolgt, in den Straen, wo ich
ihr dann hufig begegnete, fters aber auch andere, mich intrigierende
Masken verfolgte, von denen mir einmal ein paar Dinge sagten, welche
mich in Erstaunen und Unruhe versetzten, da sie mein Verhltnis zu der
P... betrafen.

Eines Abends, nachdem ich wieder eine Zusammenkunft mit der Marchesa in
Guercinos Wohnung gehabt, traten, kurz nachdem sie weggegangen, zwei
andere weibliche Masken in das Zimmer, in dem ich noch verweilte. Es
waren zwei Zingarellen (Zigeunerinnen), die einen niedlichen Wuchs, ein
stolzes Einherschreiten hatten und noch junge, wahrscheinlich auch
hbsche Frauen zu sein schienen. Sie machten mir eine stumme Verbeugung,
lieen sich nieder und ich fing eine Konversation mit ihnen an, die von
ihrer Seite fast drohend gefhrt wurde. Bekannt schien mir die, wenn
auch schon verstellte Stimme der einen, und ich begrte sie bald mit
einem: _Buonissima sera Signora Peretti._ Sie nahm nun die Larve ab
und sagte: _Ah Birbone_, was machen Sie fast jeden Nachmittag hier?

Musik, Signora, ich lerne die Gitarre und studiere Partien ein.

So, und die Dame im Mesero, die Sie besucht?

Je nun, die studiert wahrscheinlich auch Partien ein, sagte ich
lachend, doch etwas verdutzt.

Allerliebst! Wahrscheinlich Don Juan und Zerline? Ich habe aber die
Partie der Verlassenen Donna Elvira noch nicht gelernt, _Signor mio_.

Die sollen Sie auch nicht lernen, mein schnes Kind, dazu sind Sie viel
zu liebenswrdig. Aber wer ist denn Ihre stumme Begleiterin?

Oh, die sollen Sie auch noch kennen lernen. Leider sind wir etwas zu
spt gekommen, um Sie ganz zu entlarven.

Diese Unterhaltung wurde halb im Scherz, halb in bsartigem Ernst
gefhrt. Ich wollte der Sache ein Ende machen, sprang auf, nahm die sich
strubende Peretti in den Arm, kte sie trotz allem Struben, indem ich
lachend sagte:

Seien Sie doch kein Kind, Sie sind meine einzige, meine ewige Liebe,
die Angebetete meines Herzens, ich schwre Ihnen, da ...

Sie ein Lgner sind, fiel mir der kleine Teufel ins Wort, dem ich
nicht nur die Augen auskratzen mchte, sondern ...

Hier zeigte sie mir ein kleines Stilet, das an einem silbernen Kettchen
an ihrer linken Seite herabhing und sie drohend aus der Scheide zog. Ich
suchte ihr das gefhrliche Instrument halb im Scherz zu entwinden;
whrend ich so mit ihr rang, nahm auch die andere Maske ihre Larve ab,
und ich erkannte die Marchesa Costa, der ich schon einigemal, aber es
nie ernstlich meinend, eine Liebeserklrung so _en passant_ gemacht und
ob ihrer Schnheit groe Schmeicheleien gesagt hatte. Beide schrien nun:
_Traditore_, bilden Sie sich nicht ein, da Sie in Frankreich oder
Deutschland seien, wir sind Italienerinnen, und zwar Genueserinnen, die
man nicht ungestraft zum besten haben darf und die solche Beleidigungen
zu rchen wissen. Wir wissen recht gut, welche Rendezvous Sie hier
haben, und wenn Sie die Sache nicht lassen, so wird es ein schlimmes
Ende nehmen. Gestehen Sie, wer die Schne ist, die Sie mit ihren
Besuchen beglckt. Ich nahm indessen alles auf die scherzhafte Seite,
fortwhrend meine Unschuld beteuernd und sie zu beruhigen suchend, und
war damit im besten Zug, als wir Tritte auf der Stiege hrten. Die Damen
nahmen schnell wieder ihre Larven vors Gesicht, empfahlen sich der
eintretenden Guercino und entfernten sich, uns beiden drohend.

Auf die Frage der Alten, wer dies gewesen, erwiderte ich: Ein
maskierter Besuch, der Gott wei wie erfahren hat, da ich hier eine
Zusammenkunft habe, aber nicht wei, mit wem, da man dies von mir zu
wissen verlangte. Wir mssen suchen, einen andern Ort ausfindig zu
machen.

Dies sei meine Sorge, versetzte die Alte, ich werde ein Haus whlen,
das niemand entdecken soll. Denn hier, dem Palazzo P... gegenber, ist
es allerdings zu gefhrlich.

Unsere Zusammenknfte wurden jetzt auf mehrere Tage ausgesetzt, und
diese Unterbrechung war mir aus manchen Ursachen nicht unangenehm; die
Sache hatte nun auch schon den Reiz der Neuheit fr mich verloren, und
dann war soeben Madame Gasqui von Toulon angekommen, jene hbsche
Kapitnsfrau, deren Hochzeit ich auf der Insel Porquerolles mit gefeiert
hatte, und da Madame Alphonse und noch einige andere Offiziersdamen der
Garnison wnschten, da wir wieder ein franzsisches Liebhabertheater
arrangieren mchten, so arbeitete ich mit allen Krften, dies
baldmglichst in Gang zu bringen; aber das Schicksal hatte es anders
beschlossen, und wenige Tage nach dem Abenteuer mit den beiden Masken
bei Guercino erhielt eines Morgens Dret eine Depesche auf dem
Exerzierplatz, die er sogleich ffnete, durchlas. Dann berief er die
Offiziere zu sich und teilte ihnen mit: soeben habe er die Order vom
Kriegsminister erhalten, da in drei Tagen das Bataillon Genua verlassen
und zu der in dem Knigreich Neapel bereits eingerckten Armee, und zwar
zu dem vor Gata stehenden Belagerungskorps stoen solle.

Wir lieen alle ein freudiges Vivat erschallen und riefen: Gottlob, nun
geht's endlich ins Feld, der Henker hole den Garnisondienst, womit ich
vollkommen einverstanden war. Im Heimkehren trillerte ich mein >_Non piu
andrai farfallon amoroso_< und ging zu Guercinos, diesen die groe
Neuigkeit mitzuteilen; die lieen mich aber kaum zu Worte kommen, indem
die Frau mir mit groer Freude verkndete, da sie ein vortreffliches
Gelegenheitshaus ausfindig gemacht habe. -- Zu spt, _mia cara_,
versetzte ich, in drei Tagen sind wir nicht mehr in Genua, und machte
sie mit der erhaltenen Order bekannt, die Bitte hinzufgend, sie mge
einstweilen die Neuigkeit der Marchesa P... beibringen und machen, da
ich wenigstens noch ein Abschieds-Rendezvous mit derselben haben knne,
was sie mir mit traurig-langem Gesicht versprach. Sie konnte sich nicht
genug wundern, da nicht auch ich der Verzweiflung nahe war.

Napoleon hatte ausgesprochen, da der Knig von Neapel zu regieren
aufgehrt habe, und den 24 Februar 1806 im Theater zu Paris durch Talma
dem Publikum verknden lassen, da die Franzosen in das Knigreich
beider Sizilien eingerckt seien. So viel Truppen, als man in
Oberitalien entbehren zu knnen glaubte, wurden ihnen nachgesandt und so
auch unser erstes Bataillon, dem bald die anderen folgen sollten.

Es war uns allen erwnscht, endlich vor den Feind gefhrt zu werden und
so Gelegenheit zu haben, unsere Sporen, das heit Epaulettes zu
verdienen; nur htten wir gewnscht, da es nicht gerade die
Neapolitaner gewesen, von deren Tapferkeit man eine gar zu schlechte,
vielleicht unverdiente Meinung hatte, obgleich es Tatsache war, da
wenigstens ihre Generle und Anfhrer keinen Schu Pulver taugten; aber
war es in dieser Hinsicht in anderen Armeen, die franzsische
ausgenommen, zu jener Zeit viel besser bestellt? Hchstens hatten die
Englnder und Russen ein paar gute und sterreich nur seinen Erzherzog
Karl aufzuweisen.

Schon wute man, da der Thron von Neapel Napoleons lterem Bruder, dem
kaum gebackenen Prinzen Joseph, bestimmt war, auf den ihn Massena
festsetzen sollte.

Denselben Tag, als uns diese Neuigkeit wurde, erhielten wir noch eine
Einladung zu einem Maskenfest in die Villa Doria vor dem Thomastor; ich
eilte zu Guercino, um dessen Frau zu bitten, auch dieses die Marchesa
wissen zu lassen und sie zu fragen, ob sie es nicht veranstalten knne,
diesem Fest beizuwohnen, und ob ich sie nicht wenigstens noch einmal
ungestrt sprechen knne. Ich erhielt noch den nmlichen Abend die
Antwort, da sie eingeladen sei und als Pilgerin verkleidet demselben
beizuwohnen gedenke, hoffe daher, sich so mit einer Freundin auf einige
Zeit entfernen zu knnen, das Wohin aber msse mir berlassen bleiben.

Ich verabredete nun mit der Alten, da sie in einiger Entfernung von der
Villa eine Portantina bereit halten solle, in welcher ich die Marchesa
weg, und zwar diesmal in mein Quartier, das nicht so weit vom Thomastor
in der Nhe der Piazza dell aqua verte war, bringen lassen wollte.
Tonina war alles zufrieden und hoffte, da das groe Gewhl und die
Menge der Masken es mglich machen wrde, sich in dem Gedrnge auf
einige Zeit absentieren zu knnen, ohne da es ihre Aufpasser bemerkten,
wenn sie sie auch suchen wrden; auerdem wrde man noch andere
Vorkehrungen treffen, dies zu bewerkstelligen.

Ich begab mich zeitig, als Eremit verkleidet, unter welcher Verkleidung
ich jedoch meine Uniform und meinen Degen trug, in die Villa, um alle
Masken und mit ihnen meine Pilgerin ankommen zu sehen, die mit einer
weien Rose in der Hand, das verabredete Zeichen, einer Portantina
entstieg, whrend aus der folgenden noch eine ebenso gekleidete
Wallfahrerin, aber mit einer roten Rose versehen, schlpfte. Mich
erkannten die beiden Masken an einem kleinen, fast unbemerkbaren weien
Kreuz, das ich mir auf der linken Schulter hatte anheften lassen; denn
der Eremiten und Pilgrime waren viele zugegen. Im Vorbergleiten
flsterte sie mir das einzige Wort _vengo_ zu.

Das Fest war brillant, die Gste sehr zahlreich und das Gewirre
ungeheuer; doch begegneten wir uns fters, ohne uns anzureden. Wir
hatten durch die Guercino verabredet, da ich sie fnfzig Schritte links
von der groen Tre um sechs Uhr nachts (elf nach unserer Uhr) erwarten
wollte. Ich warf auf eine Zeit den Eremiten ab und einen weien Domino
ber meine Uniform und pointierte im Spielsaal neben dem Marchese P...
an der Pharobank nicht ohne Glck, eine Seltenheit; denn ich gewann ber
dreitausend Lire an diesem Abend, eine Summe, die mir gut zu statten
kam, da ich schon so ziemlich wieder auf dem Trocknen sa und noch
obendrein Schulden hatte. Als endlich die Stunde des Rendezvous nahte,
entfernte ich mich, wahrscheinlich zu meinem Glck, denn ich wrde das
Gewonnene gewi wieder verloren haben, htte ich fortgespielt, und
suchte den Eremiten wieder hervor.

Nicht lange wartete ich an dem bestimmten Orte nebst der von mir
bestellten Portantina, als die beiden Pilgerinnen in geflgelten
Schritten herbeieilten und Tonina mir erklrte, da ihre Freundin, die
sie nicht habe allein auf dem Balle lassen knnen, was auch bei Negroni
Verdacht erregt haben wrde, wenn er sie getrennt von ihr wahrgenommen,
uns begleiten wrde. Dies machte mich erst ein wenig verlegen, denn ich
wute nicht, was ich mit der Gegenwart der anderen in meinem Zimmer
machen sollte, und dann hatte ich auch nur fr eine Portantina gesorgt.
Wir waren aber bald einig, uns alle drei zu Fu in meine Wohnung zu
begeben, ich nahm einen sehr groen weien Schleier, den die vorsichtige
Guercino in die Portantina gelegt hatte, aus derselben, bezahlte die
Trger reichlich und entlie sie. Beide Frauen hllten sich in den einen
Schleier, und wir eilten in meine Wohnung, wo wir glcklich und ohne
bemerkt zu werden ankamen, denn auch meinen Bedienten hatte ich bei den
brigen Domestiken in Dorias Villa gelassen. Ich zndete nun Lichter an
und fand mich allein mit den Schnen, die beide wirklich diese Benennung
verdienten. Tonina war untrstlich, da wir abmarschierten und dies
wahrscheinlich das letztemal sei, da wir uns shen. Ich suchte alles
Mgliche hervor, sie zu trsten, und bemerkte ihr, wir drften das
bichen Zeit, das uns jetzt noch bliebe, nicht mit unntzen Klagen
hinbringen, was auch ihre Freundin, eine Komtesse Spinola, sehr richtig
fand. Ich kte nun beide, umarmte Tonina und stopfte Mund und Trnen
mit Kssen; die Spinola, der bei diesem Spiel nicht ganz wohl zu werden
schien, sagte: Ich sehe nicht ab, zu was wir Lichter brauchen, lschte
sie aus und stellte sich an ein Fenster, den Himmel und die Sterne zu
bewundern, whrend die Marchesa P... einen langen, seligen Abschied in
meinen Armen nahm. Als es endlich Zeit zum Aufbruch war, befahl sie mir,
auch ihre Freundin zu umarmen, was, da sie sehr hbsch war, ich mir
nicht zweimal sagen lie, sondern auch diesen Engel mit aller Inbrunst
trotz ihrem nicht sehr gewaltigen Struben an den Busen drckte und
lnger in dieser Stellung blieb, als es Tonina gewi lieb war; doch sie
spielte die Gromtige und lie mich im Finstern gewhren, bis sie das
Sthnen der Freundin zu der Bemerkung veranlate, nun sei es genug. --
Genug, wiederholte ich stammelnd und schlo beide in meine Arme, bald
die eine, bald die andere kssend. Es war ja nur zum Abschied.

Jetzt war es aber hohe Zeit, aufzubrechen, denn wir waren schon ber
anderthalb Stunden von dem Ball abwesend, die mir freilich kaum eine
Viertelstunde dnkten. Wir eilten nun zurck, ich trat wieder mit meinem
weien Domino und Federhut in den Saal, mich in allen Gemchern und
besonders dem Negroni, den ich aufsuchte, zeigend, whrend sich die
Pilgerinnen ganz ruhig in einen Winkel des Tanzsaales niederlieen.
Negroni schien ngstlich nach ihnen zu suchen, aber ruhiger zu werden,
als er mich gewahrte, fand auch endlich die Gesuchte in ihrem Winkel
sitzend, die er, wie es mir vorkam, scharf zu examinieren schien.
Indessen lief alles gut ab, und ich sprach sogar die Marchesa noch
einmal vor dem Tage unseres Abmarsches bei Guercino, wo sie mich mit
einem in Rosetten gefaten Rubin und auf mein Verlangen mit einer
Haarlocke beschenkte, die ich zu den anderen, schon von mehreren meiner
Teuren erhaltenen legte, und nochmals einen seligen Abschied von ihr
nahm. Sehr gerne htte ich auch noch einmal die reizende Spinola
gesprochen, aber die Krze der Zeit machte es unmglich.

Den anderen Morgen um sechs Uhr wirbelten die Tambours das
Marschroulement, eine halbe Stunde darauf marschierten wir mit
klingendem Spiel durch die noch den Straen Genuas, vielleicht die Ruhe
mancher schlafenden Schnen strend, zur Porta del arco hinaus. Nicht
ohne ein wenig Bedauernis sah ich die Marmorstadt im Rcken; aber der
Gedanke, nun das schne, berhmte und berchtigte Italien fast der
ganzen Lnge nach zu durchstreichen und wahrscheinlich bald die ersten
feindlichen Kugeln pfeifen zu hren, machte, da ich mir Genua mit all
den darin gehabten Abenteuern aus dem Sinne schlug und leichten Herzens
davonmarschierte.




                                  XVI.

   Marsch von Genua nach Mola di Gata. -- Beschwerliche Mrsche durch
       das Gebirge. -- Der Anblick von Italiens Ebenen. -- Parma.
        -- Reggio. -- Modena. -- Bologna. -- Eine liebenswrdige
    Advokatenfamilie. -- Faenza. -- Forli. -- Cesena. -- Rimini. --
    San-Marino. -- Sinigaglia. -- Loretto. -- La Casa-Santa und ihre
     Schtze und Reliquien. -- Macerato. -- Foligno. -- Spoleto. --
   Terni. -- Der Wasserfall. -- Narni. -- Civita-Castellana. -- Roms
     Umgebung. -- Ein Tag in Rom. -- Marsch nach Mola di Gata. --
        Besitznahme des Knigreichs Neapel durch die Franzosen.


Es war Anfang April 1806, als wir Genua la superba verlieen, ber
Recco, unser erstes Nachtquartier, und dann durch die desten und
gebirgigsten Wildnisse, in den erbrmlichsten und elendesten Ortschaften
bernachtend, ber Borgo di Taro und Fornovo in sieben oder acht Tagen
nach Parma marschierten. Von Genua an wurden die Truppen nicht mehr bei
den Einwohnern einquartiert, sondern das ganze Bataillon jedesmal in
eine Kirche oder ein Kloster auf vierundzwanzig Stunden kaserniert, in
denen man den Soldaten Strohlager bereitete. Dies geschah aus zweierlei
Ursachen, erstens wollte man die ewigen Reibereien und Hndel zwischen
dem franzsischen Militr und den italienischen Brgern und Bauern
vermeiden, die zu bestndigen Klagen und Strafen Veranlassung gaben und
hauptschlich dadurch entstanden, da sich die Leute nicht miteinander
verstndigen konnten; sodann traute man dem Volk, dessen Stimmung den
Franzosen hchst ungnstig war, nicht und frchtete, da bei dem
Vereinzeln der Leute wohl einmal eine Metzelei, eine zweite
sizilianische Vesper veranstaltet werden knnte. Die Kirchen und
Klster, wovon jedoch die Nonnenklster dispensiert waren, muten das
Schiff, die Kreuz- und anderen Gnge gehrig mit Stroh belegen, und
sobald die Soldaten abmarschiert waren, wurden sie wieder gereinigt und
erstere als verunheiligt durch die Geistlichkeit jedesmal wieder von
neuem eingeweiht und heilig gemacht, was allerdings notwendig war; denn
man hatte an den heiligen Orten nicht nur gegessen, getrunken, gekocht,
sondern auch gespielt, gesungen, geflucht und Gott wei was sonst noch
fr Unfug getrieben. Es war aber nicht selten der Fall, da die Pfaffen
soeben die Einweihungszeremonien und das Ruchern beendigt hatten, als
schon wieder neue Truppen ankamen und die kaum gereinigten Orte abermals
verunreinigten, ja bisweilen mute in einer Woche das heilige Werk drei-
bis viermal vorgenommen werden. Die Offiziere wurden zwar meistens in
den zunchstliegenden Privathusern einquartiert, aber diese Quartiere
waren in den armseligen Drfern im Gebirge so elend, da auch viele von
ihnen das Stroh in den Kirchen vorzogen und sich ein Nachtlager auf
erhhten Orten oder in Tribnen, wenn deren da waren, bereiten lieen,
denn die Stuben der Bauern oder Schenken in diesen Nestern waren rger
als deutsche Viehstlle. Ich schlug in diesem Fall in der Regel mein
Lager bei der Orgel auf, wenn sich eine in der Kirche befand, und
spielte dann des Abends zur Belustigung des ganzen Bataillons allerlei
deutsche und franzsische Soldatenlieder, Mrsche und Tnze, wozu mir
die Karabiniers mit Vergngen die Balgen traten, die Leute unten oft
sangen und tanzten und bei dem Klang der Orgeltne dann einschliefen.
Ebenso spielte ich beim Erwachen einige erheiternde Melodien, weckte sie
so trotz des Tambours aus dem Schlaf, und sie machten sich frhlich
marschfertig. Indessen waren die Mrsche in diesen Gebirgen und
Wildnissen beschwerlich und nicht selten abscheulich. So kamen wir, die
letzte Etappe vor Parma, an einen fast senkrecht zu erklimmenden
Felsenberg, was fr die mit Gepck, Waffen und Patronen beladenen
Soldaten sehr mhsam war. Dret lie zuerst die Tambours und die Musik
hinaufklettern, und als sie oben waren, den von mir komponierten
Sturmmarsch spielen, die Truppen zu ermuntern. Unten, auf der linken
Seite des Felsens, wand sich ein reiender Waldstrom; durch diesen
wurden die Reitpferde der Offiziere sowie die, welche mit dem
Bataillonsgepck beladen waren, denn an Wagen war auf diesen Mrschen
nicht zu denken, gefhrt. Dieser steile Berg lag gerade an dem Ende
einer wilden Waldgegend, aus der wir traten; er berraschte uns seltsam,
da er gleich einer mchtigen Mauerwand sich unserem weiteren Vordringen
entgegenzustemmen schien, und es war fr die noch Zurckgebliebenen ein
komischer Anblick, ihre Kameraden so auf allen Vieren diese Wand
hinanklettern zu sehen. Aber oben angekommen, welche Aussicht! Man
erblickte nun mit einem Male die unabsehbaren Ebenen dieser Gegend
Italiens, endlos scheinend wie das Meer und aus den lachendsten Fluren
und den fruchtbarsten Gefilden bestehend.

Als wir diese reichen Ebenen hinabstiegen, da fielen mir Hannibal und
Napoleon ein, die beide durch diesen herrlichen Anblick ihre mden
Truppen neu belebten und sie in eroberungslustigen Enthusiasmus
versetzten. Nichts ist auch berraschender, als mit einem Male, aus fast
grauenvollen Wildnissen hervortretend, wie durch einen Zauberschlag vor
einem solchen Paradies zu stehen, das reichen Lohn fr die berstandenen
Mhseligkeiten verspricht, ihn aber nur selten gewhrt.

>Ihr habt nichts, und dort ist alles, was ihr bedrft!< lauteten
Napoleons Worte, zu denen er aber noch htte hinzufgen knnen: >das ihr
aber nicht erhaltet<; denn was kam von all diesen Eroberungen an den
gemeinen Mann und die untergeordneten Chargen? Nur einige Anfhrer
raubten sich reich.

Den Umweg ber Parma, Reggio, Modena und so weiter muten wir machen,
weil Toscana noch nicht franzsisch war und laut Konvention keine
franzsischen Truppen durch dasselbe marschieren durften, obgleich es
unter dem Namen des Knigs von Etrurien, von der Knigin Marie Louise,
jedoch gnzlich unter franzsischem Einflu, beherrscht wurde, und es
tat uns leid, das schne Land so auf der Seite liegen lassen zu mssen.
In Parma hatten wir der vielen Maroden wegen zwei Rasttage, die ich
benutzte, die Merkwrdigkeiten der Stadt in Augenschein zu nehmen.

Den vierten Tag nach unserer Ankunft zu Parma, wo ich in einem
Franziskanerkloster einquartiert war, marschierten wir nach Reggio, das
_Regium Lepidi_ der Rmer.

Hier besuchte ich das Theater, in welchem die Oper >Ludovica< und ein
groes fnfaktiges Ballett, >Alexander der Groe< betitelt, aufgefhrt
wurde. Die Vorstellung dauerte bis nach drei Uhr morgens, so da, als
ich das Theater verlie, das Bataillon schon ber eine Stunde
abmarschiert war (wir marschierten nmlich von Parma aus, der schon
eingetretenen groen Hitze wegen, immer bald nach Mitternacht ab, und
spter sogar zwei Stunden vor Mitternacht, um mit Tagesanbruch in den
Quartieren anzukommen, wo man dann ber die Mittagszeit schlief) und ich
demselben ber Hals und Kopf nacheilte, es jedoch erst auf dem halben
Wege nach Modena, wo es Halt machte, wieder einholte, aber unterwegs gar
manchen Nachzglern begegnete. Dieses frhe und nchtliche Abmarschieren
hatte den Nachteil, da das Bataillon immer kaum mit einem Dritteil
seiner Mannschaft in dem Etappenort ankam, da sich die Leute unterwegs
rechts und links in die Felder schlafen legten, weil sie in dem zum
Nachtquartier bestimmten Orte zu wenig Zeit zum Ruhen hatten. Denn kaum
angekommen, muten sie die Lebensmittel empfangen, oft lange auf
dieselben warten, dann selbst in den Klstern und Kirchen kochen; sie
konnten erst spt essen, muten sich dann wieder zum Appell einfinden,
so da die Momente der Ruhe gar knapp zugemessen waren. Die Soldaten
marschierten ohnehin viel lieber einzeln als in der Kolonne, weil dies
weit weniger ermdend und bequemer ist, obgleich, wie sich von selbst
versteht, die Kolonnen whrend dem Marsch nie geschlossen sind, sondern
die Glieder und Rotten in gehriger Distanz Mann vom Mann gehen.

Mehrere der Hauptleute und auch einige andere Offiziere, die bemittelt,
waren beritten, ich aber mietete mir von Zeit zu Zeit ein Cavallo samt
seinem Patron und schickte beide, an dem Etappenort angekommen, wieder
zurck, mir jedoch vornehmend, bei erster Gelegenheit ein Pferd
anzuschaffen, da dessen Unterhalt auf dem Marsch wenig oder nichts
kostete, indem man den berittenen Offizieren immer solche Quartiere
zuteilte, bei denen sich Stlle befanden, wo dann dem Pferd in der Regel
Gastfreundschaft erwiesen und dasselbe freigehalten wurde. Aber erst in
Neapel konnte ich zu einem eigenen Satteltier kommen.

Nach acht Uhr des Morgens kamen wir in Modena an; auch diese alte Stadt
liegt in einer schnen Flche zwischen der Secchia und dem Panaro. Sie
ist wohlgebaut, freundlich und auch reinlich gehalten; die meisten
Huser haben hier sowie zum Teil schon in Parma und Reggio und in fast
allen greren Stdten Arkaden oder auf Sulen ruhende Bogengnge,
welche sowohl gegen die Sonnenhitze als gegen den Regen schtzen, so da
man auch bei dem schlimmsten Wetter, ohne na zu werden, von einem Ende
der Stadt zum anderen gehen kann, wie dies namentlich in Bologna der
Fall ist, wo ich mich nicht entsinne, ein einziges Haus ohne
Sulenhallen gesehen zu haben. Hufig sind diese jedoch sehr niedrig und
haben dann ein dsteres Aussehen.

Bei unserem Abmarsch von Modena fiel eine ergtzliche Szene vor. Das
Bataillon war teils in einer Kirche, teils in dem Kreuzgang des zu
derselben gehrigen Klosters einquartiert gewesen. Die Soldaten hatten
sich auch hier allerlei Unfug erlaubt und namentlich allerhand Fratzen
und unanstndige Dinge mit Kohlen an die Wnde des Kreuzganges
geschmiert, wie sie dies schon fters getan. Als nun das Bataillon unter
dem Gewehr und zum Abmarschieren bereitstand, kamen pltzlich drei bis
vier feiste Mnche fast atemlos angerannt und verlangten den Chef zu
sprechen. Dret sa schon zu Pferd und fragte, was das Begehren der
Kutten sei. Die Patres baten seine _illustrissima eccelenza_ instndig,
sich doch mit ihnen ins Kloster begeben zu wollen, um die _Sporcherie_
(Schweinereien) zu sehen, welche die Signori Soldati an die Wnde
geschmiert hatten. Dret schickte den Adjutant-Major, Leutnant von
Hlsen, einen Preuen, mit zweien der heiligen Mnner ab, die Malereien
zu besichtigen. Er kam bald mit seiner geistlichen Eskorte zurck und
rapportierte, da die Soldaten nebst allerlei Unfltigkeiten unter
anderem auch einen Teufel mit Hrnern, Bocksfen, Krallen, und hinten
und vorn geschwnzt, gezeichnet, wie er einen dicken Pfaffen hole, ein
anderer Satan habe den Papst selbst beim Ohr und so weiter. Dret konnte
sich sowie alle, die es hrten, des Lachens nicht erwehren, sagte
indessen zu den Mnchen, sie mchten ihm die Tter bezeichnen, dann
wolle er sie bestrafen. Dies war aber den guten Fratres nicht mglich.
(Es waren ein paar Unteroffiziere, die ziemlich gut zeichnen konnten und
die man im Bataillon wohl kannte.) Der Bataillonschef bedauerte daher,
ihnen keine Satisfaktion geben zu knnen. Die Offiziere trsteten die
Herren von der Kutte und setzten ihnen unter dem Vorwand, da ihre
Glatzen zu khl haben mten, Polizeimtzen und einem einen Tschako auf
den Kopf, was sich so possierlich ausnahm, da das ganze Bataillon in
lautes Gelchter ausbrach. Dret gab nun das Zeichen zum Abmarsch, der
Tambour-Major lie das Roulement schlagen, und wir marschierten mit
rechts in die Flanken _pas acceler_ ab. Ich aber und noch ein paar
Kameraden nahmen jeder einen der Pfaffen unter den Arm und ersuchten
sie, uns doch wenigstens das Geleit bis an das nach Bologna fhrende Tor
zu geben, wozu sie auch ohne Widerstand einwilligten, und so muten die
wohlgenhrten Herren unter dem Gelchter der Soldaten im
Geschwindschritt nach dem Takt der Kalbsfelle in ihrem burlesken Kostm,
und zwar noch eine Strecke bis vor das Tor mittrollen, wo wir sie wieder
in Gnaden entlieen. Sie mgen schwerlich wieder hnliche Klagen bei
einem Kommandierenden gefhrt haben.

Der Marsch von Modena nach Bologna fhrte uns ber mehrere Flsse und
Brcken. Links von dem Flecken Forcelli kamen wir an der vom Lawino und
der Girando gebildeten Halbinsel vorber, welche durch den Bund der
Triumvirn, Octavius, Antonius und Lepidus so berhmt geworden, die sich
hier gegenseitig verpflichteten, rcksichtslos alle zu opfern, die einem
von ihnen dreien schaden knnten. Cicero und Lepidus' Bruder selbst
wurden ein Opfer dieses Versprechens.

Mit dem frhen Morgen standen wir vor den Toren von Bologna, auf
ehemaligem ppstlichen Gebiet, und bekamen das erste ppstliche Geld,
die Bajocchis zu sehen, die hier noch kursierten. berhaupt war es auf
dem Marsch von Genua bis hierher gerade wie in dem weiland heiligen
deutschen Reich, fast in jeder Stadt traf man andere Geldsorten, anderes
Ma und Gewicht an.

Bologna, das Bononia der Alten, ist nach Rom die bedeutendste Stadt des
Kirchenstaates und zhlt ber sechzigtausend Einwohner, sie ist
befestigt, und gerade ein Dutzend Tore fhren in das Innere der Stadt zu
den meistens schnen breiten Straen derselben. Sie liegt an zwei
Wassern, dem Flu Reno und dem Flchen Savena; ber den ersteren fhrt
eine schne, zweiundzwanzig Bogen lange Brcke; sie hat ber sechzig
Kirchen und wenigstens ebensoviele Klster, die alle mehr oder weniger
bedeutende Kunstschtze aufzuweisen haben. Fast alle Huser dieser Stadt
sind von Quadersteinen aufgefhrt und haben Bogengnge. Auf einem Platz
in der Mitte der Stadt stehen die beiden berhmten, aber eben nicht
schnen schiefen Trme, welche die Namen Asinella und Garisanda fhren,
ber deren Entstehen folgende Sage im Munde des Volkes geht.

Zwei junge Architekten verliebten sich in das wunderschne
fnfzehnjhrige Tchterchen eines reichen Goldschmieds, der demjenigen
von ihnen, welcher das knstlichste Bauwerk auffhren wrde, die
liebenswrdige Signorina zur Gattin zu geben versprach. Da baute der
eine einen schiefen Turm, aber der andere setzte einen noch weit
schieferen daneben, und dem letzteren wurde die Tochter samt dem reichen
Brautschatz; so weit die Sage. Die Wahrheit von der Entstehung dieser
Trme ist aber wo mglich noch alberner als die Fabel; denn da
Verliebte dumme Streiche machen, ist ganz in der Ordnung und liegt in
der Natur der Sache, da aber zwei sehr reiche Edelleute vor
siebenhundert Jahren ihren Reichtum nicht besser zu verwenden wuten,
als ein paar ganz unntze und das Auge beleidigende Baukunststcke
auffhren zu lassen, war ein alberner Streich; sie haben jedoch dadurch
wenigstens ihre Namen auf die Nachwelt gebracht, denn noch jetzt werden
diese Trme nach ihnen Asinella und Garisanda genannt, und Dante hat
ihnen sogar die Ehre erzeigt, ihrer in seinen Gedichten zu erwhnen. Der
eine ist so schief und berhngend, da er einen angsterregenden Anblick
gewhrt, wenn man ihn zum erstenmal sieht, dies verliert sich aber bald,
und den anderen Tag, wir hatten Ruhetag in Bologna, bestieg ich ihn
keck.

Bologna hat mehrere Theater, sie waren aber whrend unseres kurzen
Aufenthaltes daselbst geschlossen. Diese Stadt ist fortwhrend der
Sammelplatz aller sich auer Engagement befindlichen italienischen
Schauspieler, Schauspielerinnen, Snger, Sngerinnen, Tnzer und
Tnzerinnen, und die mimische Vorratskammer, aus der sich alle
Theaterdirektionen Italiens rekrutieren. Oft sind nicht weniger als ein
halbes Tausend dieser dramatischen Knstler hier, auf Engagement
wartend.

Ich war hier, zum erstenmal seit Genua, weder in einer Lokanda noch in
einem Kloster einquartiert, sondern wieder in einem Privathaus, bei
einem Signor Magnani, einem Advokaten, der zwei hbsche Tchter und eine
nachsichtige Frau hatte. Die Mdchen klimperten recht artig Gitarre, wie
fast alle Mdchen und Frauen in Italien bis zu den untersten Stnden
herab. Ich machte der Familie einen Hflichkeitsbesuch, und da ich mich
nun schon ziemlich gelufig italienisch auszudrcken wute, so war die
Unterhaltung bald animiert. Das Hauptthema war wie gewhnlich die Musik,
und die Damen erzhlten mir, da erst vor kurzem einige _tedeschi_ bei
der hiesigen Oper Furore gemacht htten, auch der eine in Mailand, der
andere fr die Bhne zu Neapel engagiert worden sei. Ich bat die
Mdchen, die ich schon vorher hatte musizieren hren, mich doch durch
ihr Talent erfreuen zu wollen, und die Jngste trug sogleich das damals
in Italien sehr beliebte Schalksliedchen >_Una povera ragazza, se
n'andie una mattina_< und so weiter _per confessarsi_ -- mit viel Feuer
und Ausdruck vor, worauf beide ein paar komische Duette von Guglielmi
und Cimarosa in echt italienischer Manier, das heit _parlando_ sangen.
Ich holte nun auch meinen Klavierauszug aus dem Don Juan hervor und
studierte mit beiden das Duettino: >_La ci darem la mano_<, das sie nach
einer halben Stunde, mehr dem Gehr als der Musik nach, denn sie waren
nicht sehr taktfest im Ablesen der Noten, so ziemlich sangen, welches
ihnen so viel Vergngen machte, da sie mich um die Erlaubnis baten, es
sogleich abschreiben zu drfen. Wir kamen hierauf auf die Stadt und ihre
Umgebungen zu sprechen, und ich uerte den Wunsch, da, da wir hier
einen Ruhetag htten, ich auch gerne etwas von der letzteren sehen
mchte. Das jngste Mdchen, Giuglietta, erwiderte mir, da sie den
nchsten Morgen mit ihrer Mutter die Madonna di San Luca besuchen wrde,
deren schne Kirche ein paar Miglien (eine kleine Stunde) vor der Stadt
liege und zu der ein Sulengang fhre, unter dem man vor Hitze und
schlechtem Wetter vollkommen geschtzt sei. Ich bat um Erlaubnis, die
Damen dahin begleiten zu drfen, aber die Signora _madre_ meinte, es
ginge schlechterdings nicht an, da Damen allein in Begleitung eines
Fremden, und gar eines Signor _Uffiziale francese_, ber die Straen
gingen, namentlich da sie ihr Mann wegen Mangel an Zeit nicht begleiten
knne. Ich wute indessen diesen Einwand zu beseitigen, sie bittend, in
Zivilkleidern vor der Stadt sie erwarten zu drfen, was mir dann auch
die Mama nicht nur zugestand, sondern meinte, ich knne ihnen in einiger
Entfernung, da ich doch den Weg nicht wisse, durch die Stadt folgen. Ihr
und den Tchtern dankend die Hnde kssend, empfahl ich mich, um meine
Streifereien durch Bologna zu beginnen, brachte aber den Abend wieder in
ihrer Gesellschaft plaudernd und musizierend zu. Den anderen Tag wurde
in der Morgenkhle die Wallfahrt zu dieser Madonna angetreten. Ich
folgte den Damen, so wie wir bereingekommen waren, in einiger
Entfernung durch die Stadt, und gesellte mich unter den ersten Bogen vor
derselben zu ihnen. Dieser Sulengang war unabsehbar und schien gar kein
Ende zu nehmen; es sind weit ber sechshundert Arkaden, und jeder dieser
Bogen ist von einer frommen Seele oder Familie, auch oft von einer
ganzen Krperschaft oder Zunft, wie Tischler, Schlosser, Bcker,
Schneider, sogar auch von Soldaten und Bedienten erbaut, jeder hat
andere Verzierungen, Malereien, Arabesken von sehr verschiedenem Wert,
was diesen Spaziergang recht unterhaltend macht; mehrmals sind die Bogen
auch durch durchbrochene Felsen gefhrt. Einige fromme Personen haben
auch mehrere, manche ein ganzes Dutzend dieser Bogen auf ihre Kosten
errichten lassen und dafr einen groen Extra-Abla auf Gott wei
wieviel Jahre erhalten; dagegen mssen ihre Erben oder ihre Familien
diese Bogen, von denen wohl manche einzelne ber tausend Taler kosteten,
gehrig unterhalten, sonst wrden die armen Seelen der Stifter um viele
Jahre lnger im Fegfeuer schmachten. Alle diese Bogen sind Heiligen, die
meisten aber der Jungfrau selbst und namentlich der Jungfrau vor und
nach den Kindesnten geweiht. Endlich waren wir in der Kirche und bei
der Madonna angekommen, deren Wunderkraft mir die Signora Magnani mit
vielem Eifer und groer Beredtsamkeit erklrte und mir dabei ganz
ernsthaft versicherte, das Bild habe der heilige Lukas selbst gemalt.
Wir hielten uns ziemlich lange dabei auf, denn die Damen wurden mit
Beten und Andachtsbungen nicht fertig, ich aber hatte diesen lebenden
Madonnentchtern schon lngst auf der Promenade hierher zu verstehen
gegeben, wie sehr ich sie anbete, und bedauerte nur, so wenig Zeit brig
zu haben, ihnen Proben von der Wahrhaftigkeit dieser Versicherung
liefern zu knnen, da uns das grausame Schicksal schon den nchsten Tag
trennen sollte. Doch hoffe ich bald wieder und auf lngere Zeit nach
Bologna zu kommen, und dann ...

Ach, sagte die Signore _madre_, den Herren Soldaten und besonders den
_Signori francese_ ist nicht weiter zu trauen, als man sie sieht.

Die Dame sprach wahrscheinlich aus frherer Erfahrung, denn ihre
Bltenzeit war lngst vorber.

Ja, setzte Lucilla, die ltere Tochter, hinzu, man hat uns sehr
ernstlich vor diesen Herren gewarnt, sie sollen den Mdchen nur die
Kpfe verrcken und, sich dann den Mund abwischend, lachend davongehen.

Lgen, lauter Lgen, das knnen Sie mir glauben, Illustrissima, und
zudem bin ich ja kein Franzose, sondern ein ehrlicher _tedesco_.

Die Damen sahen mich nun mit groen Augen an, und Giuglietta sagte
endlich: Ja, das habe ich immer sagen hren, da die _Signori tedeschi_
treu wie Gold und die besten Ehemnner seien.

Da hat man Ihnen vollkommen die Wahrheit gesagt, Signorina. -- Auf dem
Rckweg wurden wir nun schon weit vertraulicher, trennten uns aber
wieder vor den Toren der Stadt, und den Abend brachte ich bis zum
Abmarsch des Bataillons, der um zehn Uhr in der Nacht festgesetzt war,
bei der liebenswrdigen Familie zu; bei dem Abschied wurde mir
gestattet, die Damen, versteht sich Mama zuerst, zu kssen, und ich
wurde auch eingeladen, wenn mich der Zufall wieder nach Bologna fhre,
nicht vergessen zu wollen, sie zu besuchen, was ich feierlich versprach,
und schied, rgerlich, nicht ein paar Tage lnger hier weilen zu knnen.
Aber das ist ja das Los des Soldaten und war es besonders zu jener Zeit.
Ich eilte nun auf den Sammelplatz, mein >_Non piu andrai_< wieder
trillernd, und kam gerade noch zur rechten Zeit an, denn man hatte schon
lange rappeliert, als ich noch immer mit meinen Schnen plauderte.

Es war halb elf, als wir den nchtlichen Marsch durch die finsteren
Straen Bolognas zu dem nach Imola fhrenden Tor hinaus mit klingendem
Spiel antraten, welches manche Schne im Nachtkleid noch ans Fenster
lockte.

Da ich in Bologna wenig geruht und also ziemlich mde war, so blieb ich
gleich anfangs hinter dem Bataillon zurck, um bequemer marschieren und
von Zeit zu Zeit ruhen zu knnen. Bald hrte ich einen Wagen kommen und
erkannte ihn fr den der Madame Grenet; dieses Renkontre war mir gerade
nicht angenehm, und ich htte es gerne vermieden, aber die Dame hatte
mich trotz der Finsternis bereits erkannt und mir zugerufen: Herr
Leutnant Frhlich, gehren Sie auch zu den Maroden?

Um Vergebung, ich habe mich nur ein wenig versptet.

Nun, was machen Sie denn, Sie lassen sich ja gar nicht blicken. (Ich
hatte die Dame auf dem ganzen Marsch bisher mglichst gemieden.) Nicht
wahr, fuhr sie fort, Ihre Streiche in Genua, ja, da mu man sich
freilich verstecken.

Das gerade nicht, Madame, und ich glaube, da gewisse Damen, deren
Anschlge ich genau kennen gelernt, noch mehr Ursache htten, sich vor
mir zu verbergen, als ich mich vor ihnen. Ich bin noch im Besitz eines
Billetts, das ...

Wozu diese Znkereien? fiel mir Madame Grenet ins Wort. Ich bin nicht
so rachschtig, machen wir Frieden; es ist ziemlich khl, ich biete
Ihnen einen Platz in meinem Wagen an, es fhrt sich doch besser, als man
geht, und Sie kommen dann weniger ermdet auf der Station an.

Ich nahm das Anerbieten an, das mir gerade nicht so unwillkommen war,
und sa bald an der Seite der Dame. Noch hatte ich zwar die
liebenswrdigen Advokatentchter im Kopf, aber doch bereits Madame
Grenet im Arm. Ein ewiger Friede wurde frmlich geschlossen und durch
glhende Ksse besiegelt. Madame Grenet war ja hbsch und jung, ich
hatte heies Blut, dabei die Finsternis der Nacht, die Gelegenheit mit
einer liebenswrdigen Frau im engen Raume eines Wagens, da mag der
Henker kalt bleiben; alle Unbill war von beiden Seiten schnell in dem
Taumel des Genusses vergessen, und nach einer guten Stunde verlie ich
den Wagen, um mich dem nicht mehr sehr entfernt marschierenden Bataillon
wieder anzuschlieen.

Schon mit dem Grauen des Tages rckten wir in Imola ein, einer Stadt von
ungefhr achttausend Einwohnern, die ein festes Schlo, aber auer einem
schnen Spital wenig Merkwrdiges enthlt. Der damalige Papst (Pius
VII.) war hier lngere Zeit Bischof. Sie war auch der Schauplatz der
verruchten Schandtaten Csar Borgias. Julius II. brachte sie an den
heiligen Stuhl. Sie hat wenigstens ein paar Dutzend Kirchen und Klster.
Eine Stunde nach Sonnenuntergang wirbelten die Tambours abermals zum
Abmarsch; diese Nacht fhrte uns leider um Mitternacht durch das schne
Faenza, dessen Einwohner unser durch Trommeln und Musik geruschvoller
Durchmarsch aus dem Schlaf aufgeschreckt haben mag, nach Forli. --
Faenza ist ziemlich gro, soll bei sechzehntausend Einwohner, nicht
weniger als zwanzig Klster und dreiig Kirchen haben und ist eine der
hbschesten Stdte der ganzen Romagna. Von ihr hat das Tpfergeschirr
Fayence, das noch jetzt in vorzglicher Gte daselbst verfertigt wird,
seinen Namen.

Forli liegt am Fue der Apenninen, in einem fruchtbaren Tale, an der
alten _Via Aemilia_. Die Stadt ist nicht bel gebaut, hat einen sehr
schnen Marktplatz, und der Versammlungssaal ihres Stadthauses ist von
Raphael gemalt. Auch sie hat bei zehn- bis elftausend Einwohnern
Dutzende von Klstern und Kirchen. Manche ihrer Kirchen und Palste
sollen interessante Kunstschtze enthalten, um die ich mich aber immer
weniger auf diesem Marsch bekmmerte, da wir, von den Nachtmrschen
ermdet, einen groen Teil des Tages mit Schlafen zubringen muten, auch
war damals das Beste und Schnste im Louvre zu Paris.

Von Forli kamen wir ber Forlimpopoli, welches Gregor XI., weil alle
seine Einwohner Ruber geworden waren, 1370 gnzlich zerstrte, nach
Cesena, der Vaterstadt Pius' VI., dem man hier eine Bildsule errichtet
hat, sowie der Pius' VII., der aber damals noch keine hatte. Unter den
unzhligen Klstern dieser Stadt ist das der Benediktiner, welches auf
einem Berg vor dem Tor liegt, wegen seiner groen Pracht merkwrdig.

Ohne Csar zu sein, ging auch ich ber den Rubikon, ein kleines
Flchen, das jetzt Pisatello heit und kaum eine Stunde von Cesena
entfernt, auf dem Wege nach Rimini, unserem nchsten Nacht-, vielmehr
jetzt Tagquartier, vorbeifliet. Ein Papst hatte feierlich zu
entscheiden geruht, da der Luso der alte Rubikon sei, aber Seine
Unfehlbarkeit hatte hier, wie so oft schon, einen Fehlschu getan, der
lngst zur Satire geworden ist.

Auch wir gingen also ber den Rubikon, und auch nicht so ganz
bedeutungslos; denn es galt ja die schon begonnene Eroberung des
Knigreichs Neapel vollenden zu helfen und dessen Regenten zum Teufel zu
jagen.

Rimini erreichten wir wieder mit Tagesanbruch. Es liegt an der Mndung
des Marechia, nahe am Adriatischen Meer, das vor Zeiten dessen Mauern
besplte. Sein ehemaliger Hafen war jetzt in einen groen Garten
umgeschaffen, und der kleine, jetzt noch bestehende kann nur von
geringen Fahrzeugen und Fischerbarken besucht werden. Von rmischen
Altertmern ist noch die Brcke vorhanden, die unter der Regierung des
Tiberius vollendet wurde, Augustus hatte sie begonnen; ein diesem Kaiser
zu Ehren erbauter Triumphbogen ist auch noch vollkommen erhalten und
gleich der Brcke aus weien Sandsteinen erbaut. Auerdem sind noch
viele andere rmische Altertmer daselbst, und auf dem Marktplatz wird
eine Art Fugestell gezeigt, von dem herab Csar seine Truppen angeredet
haben soll, nachdem er ber den Rubikon gegangen war. berhaupt konnten
wir jetzt keinen Schritt mehr vorwrts tun, ohne jeden Augenblick durch
Monumente und historische Begebenheiten an das welterobernde Volk der
Rmer erinnert zu werden, dessen klassischen Boden wir betreten hatten.

Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so benutzte ich denselben, um
einen Ritt nach der von Rimini wenige Stunden entfernten, wegen ihrer
Unbedeutendheit berhmten und deshalb unangefochtenen Republik
San-Marino zu machen, deren Haupt- und einziges Stdtchen und Gebiet
wenig mehr als fnftausend Bewohner zeigt. Ein Maurer aus Dalmatien
namens Marin soll sie im sechsten Jahrhundert gegrndet haben, und zwar,
wie die Sage will, auf folgende Veranlassung.

Dieser Mensch hatte sein halbes Leben damit zugebracht, an den Werken
von Rimini zu arbeiten, hierauf fiel es ihm ein, sich dem beschaulichen
und erbaulichen Leben zu widmen und ein Einsiedler zu werden. Jetzt
lebte er ebenso keusch und fromm, als er frher ausschweifend und
sndhaft gelebt hatte, er legte sich selbst die schwersten Buen und
strengsten Strafen auf. Lngere Zeit wute man nicht, was aus ihm
geworden war, er trieb die Sache sehr geheim, endlich aber hatte ihn ein
ebenfalls reuiger Snder bei diesen Kasteiungen belauscht und bat den
frommen Mann, auch ihn in Gnaden aufnehmen zu wollen, worauf sich der
Geruch seiner Heiligkeit bald weiter verbreitete und er viele Jnger
oder Schler erhielt. Der Berg, auf dem er seine Einsiedelei angelegt,
gehrte damals einer Frstin der Umgegend, die ihm denselben zum
Geschenk machte, auf welchem er nun die kleine Republik, aus lauter
Frommen bestehend, grndete und die noch jetzt, wenn auch nicht mehr aus
Einsiedlern, doch aus sehr friedlich gesinnten Menschen besteht, denen,
um Krieg zu fhren, alles fehlt.

Das Stdtchen San-Marino liegt auf einem etwas steilen Berg, zu dem ein
ziemlich bequemer Fuweg fhrt, es hat sogar ein kleines Kastell mit
mehreren Trmen; in seinem Gebiet wchst ein guter Wein auf den Hhen
des Berges, der aber den Klstern der Republik gehrt und von deren
trgen Bewohnern fast ausschlielich in behaglicher Ruhe getrunken wird;
so klein dieser Staat auch ist, so mu er doch ein halbes Dutzend dieser
Faulnester nhren.

Ich war in Begleitung von mehreren Kameraden auf Mietpferden nach
San-Marino geritten, unter diesen befand sich ein erst krzlich vor dem
Abmarsch von Genua zum Regiment gekommener Offizier, der in
sterreichischen Diensten gestanden und sich kurz vor der Schlacht von
Austerlitz hatte fangen lassen. Er war Hauptmann gewesen und bei unserem
Regiment als Leutnant eingetreten, wozu ihm die Gnade des Frsten Y.,
dem er sich empfohlen, verholfen hatte. Dieser Mensch, der sich Baron
von Neumann nannte, dessen Bauch jedoch weit besser in eine Pfaffenkutte
als in eine Uniform gepat htte, war nur in der Hoffnung mit nach
Marino geritten, da es daselbst etwas Tchtiges fr seinen Schnabel,
das heit brav zu essen und zu trinken absetze, fing aber schon zu
fluchen an, als der Weg etwas steil und unbequemer zu werden begann; als
er aber erst das kleine Stdtchen sah und in demselben nichts als etwas
Kse und Brot zu essen fand, da sagte er ganz aufgebracht zu mir: Dos
is holter auch der Mh' wert g'wesen, uns in so n Nest z'fhren, wo's
halt nix z'nagen und nix z'beien gibt, ich dank fr d'Ehr. -- Als ich
ihm von der Seltenheit und Sonderbarkeit, die diesen Staat merkwrdig
machen, erzhlen wollte, lie er mich nicht endigen, sondern fiel mir
mit den Worten in die Rede: I' hob den Henker von so 'ner
Merkwrdigkeit, die grte Merkwrdigkeit fr mi is holt  gut's
Schweinsbrates und  gut's Glaserl Wein. -- Das letztere verschaffte
ich ihm auch, wodurch er bald zum Schweigen gebracht wurde, er fand das
Gewchs vortrefflich und war bald so selig, da er bei der Heimkehr sein
Ro nicht mehr ohne Hilfe zu besteigen vermochte; war es uns gelungen,
ihn auf der einen Seite mit aller Mhe hinaufzuheben, so fiel er auf der
anderen wieder herab. Glcklicherweise hatten wir sehr geduldige und
kraftlose Mhren, die sich alles gefallen lieen. Ich machte den
Vorschlag, den Kameraden auf seiner Rosinante festzubinden, aber es
fehlte uns an Stricken, und es war nicht so leicht, deren in San-Marino
aufzutreiben. Als wir uns endlich im Besitz der ntigen Bindemittel
befanden, legten wir den vollen Sack, der wenigstens ein halbes Dutzend
Pokale geleert hatte, quer ber das Tier, wie jeden anderen Sack, und
banden den schnarchenden aber ganz bewutlosen Leichnam auf demselben
fest. Wir waren noch keine fnf Minuten geritten, als die Bande durch
das Rtteln schon locker wurden und unser Freund Neumann unter sein Ro
rutschte; wir hoben ihn wieder auf, banden ihn nochmals fest, aber jetzt
kam er allmhlich wieder etwas zur Besinnung und wollte gleich den
anderen wieder zu Pferd sitzen. Man tat ihm den Willen; es ging nun in
kurzem Trabe den jhen Berg hinab, aber nach wenig hundert Schritten
strzte Neumann, der ohnehin nicht reiten konnte und das Pferd nicht in
der Hand hatte, sondern ihm die Zgel schieen lie, samt demselben und
fiel so unglcklich, da er ein Bein brach. Jetzt war die Not gro, und
nur mit schwerer Mhe und glnzenden Versprechungen brachten wir ein
halbes Dutzend Landleute, die wir aus Marino holten, zusammen, um den
Verunglckten auf einer Tragbahre nach Rimini zu bringen, wo er erst bei
sinkender Nacht ankam, ber sein hartes Geschick und ber mich, als die
erste Veranlassung zu demselben, fluchend und wimmernd. Den Trgern
gaben wir jedem einen Scudo romano; dies war ein teurer Lustritt. --
Neumann mute zurck- und im Lazarett bleiben, bis er geheilt war, wo er
so gut verpflegt wurde, da er sich bald von dem einen zum andern trug
und ein wahrer Spitalbruder ward. Die franzsischen Offiziere wurden
allerdings in den Lazaretten der Stdte, namentlich in dem Kirchenstaat,
wie die Herren gepflegt und behandelt. Ich sah den guten Neumann nie
wieder, denn er wurde zum Depot des Regiments geschickt, und habe spter
nur soviel erfahren, da nach dem Frieden von 1814 die sterreichische
Armee so glcklich war, den Helden wieder in ihren Reihen zu sehen.

Den folgenden Tag kamen wir nach Sinigaglia, das Beaucaire oder Leipzig
Italiens hinsichtlich seiner sehr besuchten hochberhmten Messen.

Sinigaglia ist an und fr sich keine sehr bedeutende Stadt, hat kaum
zehntausend Einwohner, treibt aber viel Handel und ist ziemlich gut
befestigt. Zu ihren Messen strmen die Fremden aus ganz Italien,
Griechenland, Dalmatien und der Schweiz herbei; ihr nicht sehr groer
Hafen ist fr Kauffahrteischiffe bequem und sicher. Die Huser dieser
Stadt sind alle gut gebaut, auch hat sie einige ausgezeichnet schne
Kirchen. In der fruchtbaren Gegend nach Urbino zu zeigt man noch
Hasdrubals Grab, das die Einwohner den Monte Asdrubale nennen.

Unsere folgende Etappe war Loretto, ein beschwerlicher und ermdender
Marsch; aber dafr sollten wir auch durch den Anblick des heiligen
Hauses der Jungfrau Maria und sogar durch das Betreten desselben mit
unseren unheiligen Fen belohnt werden. Die Stadt ist klein, zhlt kaum
sechstausend Einwohner, die fast alle von dem Schacher mit heiligem
Firlefanz leben; sie liegt auf einer Anhhe, von der man eine herrliche
Aussicht auf das Adriatische Meer und dessen Ksten hat. In der Haupt-
und einzigen bedeutenden Strae der Stadt sieht man Bude an Bude
gereiht, in denen nichts als Kruzifixe, Madonnenbilder mit dem
Jesuskind, Kreuzchen, Rosenkrnze, allerlei Reliquien, knstliche
Blumen, Medaillen zur Ehre der Jungfrau und anderer Heiligen geprgt,
Wachskerzen, Borden, Bnder und hnlicher Kram verkauft werden. Mitten
in der prachtvollen, groen und schnen Kirche der Madonna von Loretto
befindet sich das heiligste Haus der ganzen Christenheit, dasjenige, in
welchem die Jungfrau geboren und erzogen wurde. Es ist ein sehr
bescheidenes, von Backsteinen und Holz erbautes Huschen, das _la
santissima casa di Nazaretto_ genannt wird und welches die lieben
Engelein im Jahre 1291 aus Galila, aber ohne das Fundament, das ihnen
wahrscheinlich zu schwer war oder zu viel Mhe auszugraben kostete,
durch die Lfte nach Dalmatien entfhrten, um es vor den wilden Horden
der Unglubigen in Sicherheit zu bringen und zu schtzen, wozu
wahrscheinlich der allmchtige Gott nicht Macht genug im gelobten Lande
hatte; da es aber auch hier noch nicht sicher genug schien, so trugen
sie es drei Jahre spter in einen Wald unfern Racamati; aber auch dieser
Ort schien ihnen nach abermals drei Jahren nicht ganz passend, und nun
flogen sie Anno 1295 mit ihm nach Loretto und stellten es da nieder, wo
es noch steht. Diese erbauliche Geschichte mit allen dazu gehrigen
Umstnden, treu und ganz der Wahrheit gem ausfhrlich beschrieben,
verkauft man zu Loretto in allen Sprachen gedruckt. Das Haus ist nur
achtzehn Fu hoch, fnfundzwanzig lang und etwa zwlf breit und wrde in
unseren Tagen auch einem nur mittelmigen Bauern zu klein und zu eng
erscheinen; dagegen ist aber die Kirche, die es beschirmt, um so grer
und gerumiger, fast ganz in morgenlndischem Stil erbaut, mit kostbaren
Tren von Erz versehen und hat unzhlige Beichtsthle, fr alle Nationen
und Sprachen bestimmt, ber denen zu lesen ist: >Fr Polen, fr
Franzosen, fr Spanier, fr Deutsche, fr Englnder< und so weiter.
Hunderttausende von Pilgrimen aus allen Lndern Europas und der
Christenheit, jedes Ranges, Alters und Standes wallfahrteten frher zu
dieser Kirche, ihre Zahl hatte aber so sehr abgenommen, da sich kaum
der fnfzigste Teil von ehedem mehr einfand, und was das Schlimmste war,
meistens arme Teufel, die statt zu bringen, empfangen muten, welchen
man hier Wohnung und magere Kost, eine schlechte Suppe, so lange ihr
kurzer Aufenthalt whrte, verabreichte.

So klein das Huschen war, vielleicht eines der kleinsten Europas, so
wurde es doch bald eines der reichsten, wo nicht das reichste. Die
Schtze, die es noch vor der franzsischen Revolution aufzuweisen hatte
und die es grtenteils frommen Monarchen, Frsten und anderen reichen,
zum Teil auch armen Seelen verdankte, waren unermelich, ihr Verzeichnis
fllte ein ganzes Buch. Kolossale Engel von gediegenem Gold, ungeheure
Lampen von demselben Metall, noch weit grere von vergoldetem Silber,
Kronen mit Edelsteinen reich geschmckt, von ungeheurem Wert, fr die
Mutter Gottes und ihren Sohn, unter denen eine von Ludwig XIII., die er,
um das Gelbde, das er getan, wenn er einen Sohn erhielte (Ludwig XIV.,
dessen Vater er indessen nicht war), zu erfllen, der Madonna von
Loretto schenkte, mit mehr als dreitausend Diamanten verziert war;
unzhlige Reliquienkstchen von Gold, Perlen und Edelsteinen, in denen
man Gott wei was fr Knochen aufbewahrte, Pokale, Ketten und
dergleichen waren ohne Zahl vorhanden und die Mauern, Wnde und Nischen
mit Gold- und Silberplatten bekleidet. Pius VI. mute das Heiligtum
schon eines Teils seiner Schtze berauben, um den Franzosen die durch
den Frieden von Tolentino (1797) schuldig gewordene Summe bezahlen zu
knnen. Aber bald darauf nahmen diese ungebetenen Gste den noch brigen
Teil und plnderten Haus und Kirche, ihnen alles von Wert raubend, sogar
die Statuetten der Madonna mitnehmend, mit Ausnahme der von Zedernholz,
die der heilige Lukas selbst, obgleich ebensowenig Bildhauer als ich ein
Verschnittener, verfertigt haben soll, und die sie respektierten, ob aus
Achtung fr den Heiligen oder wegen des geringen Kunst- und materiellen
Wertes, den sie hat, will ich dahingestellt sein lassen. Indessen wurde
behauptet, da die Geistlichkeit, die von der bevorstehenden Plnderung
einigen Wind gehabt, denn man wei, da die Herren in der Regel gute
Nasen haben, doch einen groen Teil der Schtze, namentlich die
kostbarsten Edelsteine und Perlen, die sie durch falsche ersetzte, auf
die Seite geschafft habe. Dem sei, wie ihm wolle, wir fanden, als wir
nach Loretto kamen, wenig von den echten Schtzen mehr vor, die so
prchtig gewesen sein sollen, da das Auge ihren Glanz nicht zu ertragen
und der erfahrenste Juwelier sie nicht zu schtzen vermochte. Die
Jungfrau samt dem Jesuskind trugen nun Kronen mit falschen Steinen, doch
hingen schon wieder viele silberne und reich vergoldete, fortwhrend
brennende Lampen in der Kirche und dem Haus, das gerade unter der Kuppel
des Doms steht und von dem ewigen Lampenrauch ganz schwarz gefrbt ist.
Der Fuboden gleicht einem Damenbrett, und besteht aus weien und roten
viereckigen Platten. Die braune, zedernhlzerne Madonna steht in einer
Nische des Huschens, gerade unter dem Schornstein, das Jesuskind im Arm
und mit einem langen schwarzen Schleier behngt. Von diesem Schleier
erhalten alle frommen Glubigen ein kleines Stckchen, das auf einem
gedruckten Zeugnis aufgeklebt ist und ihnen zur schtzenden Reliquie
dienen soll; und -- o Wunder! -- soviel auch jahrein jahraus von diesem
Schleier abgeschnitten wird, so wird er doch nie kleiner, sondern das am
Tage Abgeschnittene wchst bei Nacht wieder nach. Auch die
Suppenschssel Marias wird gezeigt, in welcher man Rosenkrnze, Kreuze,
Medaillen und so weiter herumrhrt und einweiht. Man erhlt ferner
daselbst eine kleine viereckige Tte von Papier, auf welcher das heilige
Haus abgebildet ist, wie es die guten Engel durch die Lfte
transportieren, und die etwas von dem von der Mauer desselben
abgeschabten Staub enthlt, wofr man einige Paoli bezahlt. Auch diese
Reliquie gilt fr ein sicheres Amulett gegen alles Bse, gegen
Widerwrtigkeiten, Krankheiten, Zauberei und so weiter, man trgt sie an
einem Bndchen oder Kettchen um den Hals, auf die Brust herabhngend.
Auch ich versah mich mit einer solchen, zum Andenken an meine
Anwesenheit in Loretto, und hatte es wahrlich nicht zu bereuen, denn sie
bewirkte in der Tat kein geringes Wunder an mir, mich von einem grausam
schmhlichen Tod errettend, wie wir bald sehen werden. Auerdem kaufte
ich ein Dutzend kleiner Rosenkrnze von allen Farben, grn, rot, gelb
und so weiter, lie sie in der heiligen Suppenschssel umrhren und
schickte sie dann per Post meinem Vater, um sie an die brige
Verwandtschaft auszuteilen, die, obgleich es Ketzer waren, diese
Aufmerksamkeit doch gut aufnahmen. Auch die Kche der Jungfrau und das
Fenster, durch welches der Engel der Verkndigung zu ihr einflog, lie
ich mir zeigen.

Loretto verlassend, entfernten wir uns wieder von den Ksten des
Adriatischen Meeres und marschierten landeinwrts nach Macerata, einer
ansehnlichen, auf einem Berge liegenden Stadt, von der man das Meer noch
einmal erblickt, die fnfzehntausend Einwohner, mehrere sehr schne
Kirchen und ein merkwrdiges Tor, Porta Pia, eine Art Triumphbogen mit
drei Durchgngen hat. Sie steht auf der Stelle des alten _Helvia
Ricina_, das die Goten zerstrten, und hatte frher eine Universitt. --
Von hier kamen wir nach Tolentino, einem an sich sehr unbedeutenden
kleinen Stdtchen, das keine fnfzehnhundert Einwohner zhlt, aber
dennoch fnfzehn Kirchen hat und den Leichnam des heiligen Nikolaus
aufbewahrt, was dem sonst sehr toten Ort an dessen Festtag einiges Leben
verleiht. Hier wurde 1796 der Friede zwischen dem Papst und der
franzsischen Republik geschlossen, der dem erstern groe Opfer kostete
und wenig oder keinen Nutzen brachte. Durch das ebenso berchtigte
Col-Fiorilo, wohin der Weg eine ziemliche Strecke zwischen durchhauenen
Felsen fhrt und das so enge ist, da kein Wagen dem anderen ausweichen
kann, sondern derjenige, der am nchsten beim Ausgang ist, rcklings
zurckfahren mu, marschierten wir bei Nacht. Der Weg von hier bis
Foligno, besonders bei den sogenannten Steinbrchen, ist fortwhrend
sehr schmal und fr das Fuhrwerk uerst gefhrlich, da er lngs
schauerlichen Abgrnden hinfhrt, in die schon sehr viele Wagen samt
Pferden und Reisenden hinabstrzten, und doch wird nicht dafr gesorgt,
diese Gefahr durch tchtige Schranken zu beseitigen! --

Spoleto, unsere nchste Etappe, ist eine alte, an einem Berge liegende,
aber schlecht gebaute und befestigte Stadt, die im Altertum durch den
mutigen Widerstand, den sie dem Hannibal leistete, berhmt wurde, jetzt
aber kaum sechstausend Einwohner, nicht weniger als zwei Dutzend
Faulenzernester, vulgo Klster genannt, noch mehr Kirchen hatte; zwanzig
Einsiedeleien liegen obendrein auf einem nahen Berg, zu dem ein
anmutiges Tal fhrt. Hier ist die Faulenzerei und mit ihr die Bettelei
zu Hause, denn das trge Vieh in den Klstern speist das zerlumpte und
ebenso faule in den Straen mit den briggebliebenen Brocken. Jeder sich
meldende Bettler bekommt eine Klostersuppe.

Der Marsch von hier nach Terni ging ber die Somma, den hchsten Gipfel
der Apenninen in dieser Gegend, auf dem zur Heidenzeit ein Tempel des
Jupiter Summanus stand. Terni ist die Vaterstadt des berhmten
Geschichtsschreibers Tacitus und des Kaisers, der denselben Namen
fhrte. Es liegt zwischen zwei Armen des Flusses Nera, der hier eine
Insel bildet, und hat ebenfalls noch viele rmische Altertmer, unter
denen die Ruinen eines Amphitheaters und eines Sonnentempels. Diese
Stadt rhmt sich eines gleichen Alters mit Rom.

Da wir hier wieder einen Ruhetag hatten, so schlug ich mehreren
Kameraden vor, eine Partie nach dem berhmten Wasserfall von Terni, der
fnf Miglien (etwa anderthalb Stunden) von der Stadt entfernt liegt, zu
machen. Hauptmann Grenet und seine Frau waren mit von derselben. Der Weg
dahin fhrt durch einen Olivenwald und durch ein Dorf, von dem er sich
furchtbar steil, oft an schwindelnden Abgrnden vorber, auf dem Berg
hinzieht. Wir waren fast alle auf Eseln, nur einige, unter denen auch
ich, zu Pferde. In einiger Entfernung von der Kaskade stiegen wir ab und
legten den Rest des Weges zu Fu zurck, wurden aber bald von dem
Wasserstaub benetzt. ber hundertsechzig Meter strzt sich hier der
Velino von den Felsen in den jhen Abgrund herab und gibt dem erstaunten
Wanderer ein groartiges, ergreifendes Schauspiel, welches der Anblick
der Milliarden, in allen Farben spielenden Wasserperlen, die das wieder
emporspringende Wasser bildet, beim Sonnenschein so prchtig macht, da
das Blitzen aller Diamanten dagegen als fahl und matt erscheinen mu.
Das Gerusch, welches die fallenden Wassermassen verursachen, ist
donnerhnlich, und die sich wie Nebel wieder erhebenden Wasser formieren
einen groen Staubwirbel, der wie ein Tau abermals niederfllt und den
erstaunten Zuschauer durch und durch na macht. Dieser Wasserstaub
bildet unaufhrlich auf- und niedersteigende Brillantbogen, die man mit
Entzcken bewundert; es ist eines der schnsten Naturschauspiele der
Welt. Auf dem Rckweg nahmen wir in dem Dorf an dem Olivenwldchen eine
echt italienische Kollation, aus Brot, Kse, Orangen und Feigen
bestehend, so ziemlich alles, was man nebst einem Glas Wein in einem
solchen Ort in Italien haben kann.

Von Terni kamen wir wieder an unabsehbaren Abgrnden vorber nach Narni,
das auf einem Berg an der Nera liegt, kaum viertausend Einwohner zhlt
und von tausendjhrigen Olivenbumen umgeben ist. Das heitere Tal, durch
welches man zwischen Terni und Narni kommt, ist dasselbe, welches
Plinius als so auerordentlich fruchtbar schildert, da man hier viermal
des Jahres Heu erntet. Es wird von der Nera bewssert.

Von hier aus marschierten wir ber Otricoli und mehrere andere
unbedeutende Orte, kamen bald an die Ufer der Tiber, die wir zum
erstenmal erblickten, und lngs derselben nach Civita-Castellana, dem
alten berhmten Veja, das Camill bezwang und wo die dreihundert Fabier
fielen. Diese Stadt ist jetzt sehr klein, zhlt kaum ein paar tausend
Seelen und liegt auf einem steilen, die Umgegend beherrschenden Berg.
Die Hauptkirche derselben steht auf einem isolierten Felsen wie auf
einer Insel und ist vermittelst einer Brcke mit der brigen Stadt
verbunden.

Jetzt versprten wir schon die Nhe der alten Welthauptstadt. Ruinen,
Wasserleitungen, Tempelreste, Monumente jeder Art und hie und da eine
Villa verkndeten uns die hochberhmte Campagna, in welcher die
Hauptstadt der christlichen Welt liegt.

Monterosi, in dessen Umgegend sich noch etrurische Ruinen und Altertmer
befinden, sollte unser letztes Quartier vor Rom sein; da uns aber die
Marschroute keinen Rasttag in Rom selbst gestattete, so gab Dret dem
Wunsch der meisten Offiziere, unter denen auch ich war, nach, lie das
Bataillon nur wenige Stunden in Monterosi ruhen und dann nach Rom
aufbrechen, damit wir wenigstens einen Tag vollstndig und mit Ruhe
daselbst zubringen konnten, denn niemand war imstande, uns zu
garantieren, da wir jemals die berhmte Stadt wieder betreten wrden.

Indessen wurde uns dieser Doppelmarsch, der zum Teil ber die alte Via
Cassia ging, beschwerlich genug, es schien, als wolle er gar kein Ende
nehmen. Jeder Landmann, dem wir begegneten, wurde mit: _Quante miglie
ancora?_ von den Soldaten angeredet, und antwortete gewhnlich mit:
_Poche signore, strada romana, strada buona!_, und murrend und
fluchend, sich durch das Wenig immer getuscht zu sehen, ging der Marsch
weiter.

der und wster wurde aber jetzt die Gegend, wir waren in der verrufenen
Campagna di Roma und kamen hufig an Galgen und Pfhlen vorber, an
denen Kpfe gespiet und halb verfaulte Schenkel, Arme und Krper
hingen, von Legionen Raubvgeln umflattert und angenagt, lauter
berreste greulicher Raubmrder und Banditen. Wir waren die ganze Nacht
und fast den ganzen Tag marschiert, wenige Stunden Ruhe in der
Mittagszeit ausgenommen, und erblickten endlich gegen Abend die schon
lange und heiersehnte Siebenhgelstadt mit ihren Kuppeln, Domen und
Trmen, aus deren Husermeer vor allem Sankt Petri Dom wie ein Berg
hervorragte. -- Der Anblick dieser sogenannten ewigen Stadt, deren
Geschichte ich genau kannte, und in der seit Jahrtausenden so viel
Groes, Wunderbares und Auerordentliches vorgefallen, von der aus so
viel Unheil ber die ganze Erde, in alter und neuer Zeit, unter den
heidnischen Kaisern wie den christlichen Ppsten ergangen, erschtterte
mich tief und machte einen groen Eindruck auf mich. Lange staunte ich
diese toten Massen, Zeugen von so viel Untaten, wenig Helden- und noch
weniger guten Taten an. Es ging nun etwas bergab; bald kamen wir an dem
Grab Neros vorber, wo er aber schwerlich begraben liegt, und an die
Pontemolle, die alte _Pons Aemilius_, an der Cicero die Verschworenen
verhaften lie, als sie sich in das Lager Catilinas begeben wollten;
hier berwand auch Konstantin den Tyrannen Maxcenz. Erst wenige Monate
vor unserer Ankunft (1805) hatte Pius VII. diese Brcke wieder
herstellen lassen. Noch immer war die Gegend de und fast wie
ausgestorben. Von hier marschierten wir auf der _Via Flaminia_, erst
zwischen einsamen Gartenmauern, und dann an einer langen Huserreihe
vorber, bis vor die Porta Popolo, wo wir noch vor Sonnenuntergang, aber
durch den forcierten Marsch zum Umfallen mde, ankamen. Glcklicherweise
war das Gebude, eine Art Kaserne, in welcher das Bataillon einlogiert
wurde, gerade das letzte Haus rechts vor dem Tor, und alle Sle in
demselben fanden wir schon dick mit Stroh belegt, denn Betten gab der
heilige Vater den franzsischen Soldaten noch nicht. Die Leute waren so
mde, da sie sich kaum die Mhe nahmen, ihre Tornister, Patronen,
Gewehre und Patronentaschen abzulegen und sich angekleidet auf die
einladende Streu fallen lieen, den Henker nach Rom, seinen Denkmlern
und dem Papst fragend, worauf sie bald um die Wette schnarchten. Ich
nahm zwar das mir zukommende Quartierbillett an, das auf eine
Privatwohnung in der Stadt selbst lautete, versprte aber keine Lust,
dieselbe noch diesen Abend in deren vielleicht entferntesten Vierteln
aufzusuchen, sondern warf mich, es zu mir steckend und noch einen Blick
durch das Tor auf die Piazza Popolo werfend, wo ich den Obelisk und die
Eingnge zu drei unabsehbaren Straen gewahrte, ebenfalls unter die
Karabinier-Kompagnie auf die Streu. Mein Kapitn, ein Hauptmann Leclerc,
machte es ebenso, und die meisten Offiziere, die keine Pferde hatten,
folgten unserm Beispiel; wir schliefen fest und ungestrt, bis den
kommenden Morgen die Sonne schon hoch ber der ewigen Stadt stand,
hatten besser als auf den schwellendsten Polstern geruht, und machten
uns endlich aus dem Stroh und unsere Toiletten, uns in _grande tenue_
steckend, um uns durch die Porta Popolo, die alte _Porta Flaminia_, in
das Innere der merkwrdigen Weltstadt zu begeben und deren
hauptschlichste Sehenswrdigkeiten aufzusuchen.

Man wird hier keine ausfhrliche Beschreibung Roms und seiner
Merkwrdigkeiten erwarten, die allein dicke Bnde fllen wrde, und die
schon so oft beschrieben und wieder beschrieben worden sind, auerdem
brachte ich diesmal nur einen einzigen Tag daselbst zu, der kaum
hinreicht, das Interessanteste im Flug zu bersehen.

An das Tor dell Popolo stellten wir Schildwachen von zwei Karabiniers
auf, welche den Befehl hatten, nur die ganz reinlich und ordonnanzmig
gekleideten Soldaten unsers Bataillons in die Stadt zu lassen, auch
durften nicht mehr als zwanzig Mann der Kompagnie auf einmal in dieselbe
gehen.

Als ich den Korso entlangging, begegnete ich dem Kapitn Gasqui mit noch
einigen Offizieren, die mich einluden, sie zu begleiten und ihnen als
Dolmetscher zu dienen, da noch keiner von denselben zehn Wrter
italienisch konnte, sie auch wuten, da ich in der rmischen Geschichte
bewandert war und eine ziemlich genaue theoretische Kenntnis von Rom
hatte. Gerne schlo ich mich dieser Gesellschaft an, wir schlugen zuerst
den Weg nach der Sankt Peterskirche ein, wo uns der ungeheure
zirkelrunde, von vierfachen Sulenreihen umgebene Platz mit seinen
prchtigen zwei Springbrunnen und dem hchsten Obelisk Roms in der
Mitte, die Fassade des berhmtesten Tempels der Christenheit, neben dem
sich rechts der stolze Vatikan zu den Wolken erhebt, allerdings in
Staunen und Bewunderung versetzte. Nicht so das Innere der Kirche, das
diesmal, besonders auch hinsichtlich der Gre, hinter meiner Erwartung
zurckblieb, deren ungeheure Dimension man aber nach und nach, die
einzelnen Teile betrachtend und nher untersuchend, gewahr wird, weil
das Ganze eben durch das Kolossale derselben zu sehr gedrckt wird und
berladen scheint. Ich machte, soviel ich es imstande war, Vasis
Beschreibung von Rom, die ich mir schon in Bologna angeschafft hatte, in
der Hand, den erklrenden Ciceroni, und gab mir vorzglich viel Mhe,
die reizende Madame Gasqui auf die hauptschlichsten Schnheiten
derselben aufmerksam zu machen. Wir hatten uns hier schon eine ganze
Stunde verweilt, als ich die Gesellschaft erinnerte, da, wenn wir noch
mehr in Rom sehen wollten, es Zeit sei, weiterzugehen. Einige wnschten
noch den Vatikan zu besuchen, worauf sie aber auf meine Bemerkung, da,
um ihn nur flchtig zu durcheilen, was uns noch vom Tage brigbleibe
nicht hinreichen mchte, verzichteten, und wir verstndigten uns dahin,
fr diesmal nur noch das Pantheon, das Kapitol, das Kolosseum, das alte
Forum, jetzt Campo Vaccino, die Triumphbogen des Titus, Konstantins und
Monte-Cavallo zu besuchen, die alle in groer Entfernung von der
Peterskirche liegen, so da wir vollauf zu tun hatten, dies mglich zu
machen. Wir gingen nun wieder an dem nahen Castel St. Angelo vorbei, zum
zweitenmal ber die Engelsbrcke und nahmen, auf der groen Piazza
Navona angekommen, zwei Mietkutschen, wo ich es so einzurichten wute,
da ich mit Herrn und Madame Gasqui in der einen, die brigen Offiziere
aber in der andern fuhren; wir begaben uns zuerst in das Pantheon,
ehemals allen Gttern Roms und Griechenlands geweiht, und jetzt die
Kirche San Maria Rotonda, die mit Recht allen Architekten, die hnliche
Meisterwerke, denn sie ist ein solches, auffhren wollen, zum Modell
dient. Von hier fuhren wir zum Kapitol, das wir zwar bestiegen, aber
dessen Inneres wir nicht sahen, weil uns die Zeit dazu mangelte. Vom
Kapitol begaben wir uns auf das Campo Vaccino und zu dem Kolosseum,
dessen Gre allerdings kolossal genug ist, um berraschend zu
imponieren; es fate ber hunderttausend Zuschauer, und hier wurden die
grten Schauspiele der Welt aufgefhrt; in Europa kenne ich kein
zweites Gebude, das so in Erstaunen setzt, obgleich ein Teil desselben
mutwillig niedergerissen wurde, um dessen Steine zu andern Bauten zu
benutzen. Die schne Madame Gasqui am Arm, in Gesellschaft der brigen,
wanderte ich im Innern desselben von Station zu Station (es sind hier
die vierzehn Leidensstationen Christi in der Runde aufgestellt). Hierauf
sahen wir noch die beiden erwhnten Triumphbogen, fuhren nach
Monte-Cavallo, den von Seiner Heiligkeit bewohnten Palast zu sehen, und
von da auf die Piazza Colonna, wo ich die Gesellschaft beredete, noch
die Antoniussule zu besteigen, was aber Kapitn Gasqui wenigstens fr
seine Person ablehnte, weil ihm das Steigen zu beschwerlich war. Auf der
sehr engen Treppe, welche im Innern derselben zu ihrem Gipfel fhrte,
reichte ich der Madame Gasqui die Hand, um ihr das Steigen zu
erleichtern und den brigen den Weg zu zeigen; wir waren aber bald durch
ein Dutzend Stufen von den uns Folgenden getrennt, die uns aus den Augen
verloren, und um der Dame die Mhe noch weniger beschwerlich zu machen,
fate ich sie um ihre schlanke Taille, sie von einer Stufe zur andern
hebend, was sie auch lchelnd geschehen lie, sowie da ich sie bei
jedem Schritt aufwrts fester an mich drckte, was sie zu ignorieren
schien. Der Weg zu einem intimeren Verhltnis war dadurch gebahnt, das
sich auch spter zwischen uns entspann. Schon auf der Insel
Porquerolles, als ich die liebenswrdige junge Frau durch das Gebsch
kommen sah, hatte sie mein Herz strker schlagen gemacht, in Genua aber
sah ich sie nur wenig und war so sehr mit den dortigen Schnen
beschftigt, da mir keine Zeit brigblieb, noch an andere zu denken.
Erst auf dem Marsch von da bis hierher bekam ich sie fters, meistens
ritt sie im Gefolge des Bataillons, zu Gesicht, und hatte manchmal ein
paar Worte und Blicke mit ihr gewechselt. Den heiligen Paulus, der jetzt
statt des Kaisers Antonius Pius auf der Sule steht und diese
verunstaltet, bat ich heimlich, meine neue Inklination in Schutz zu
nehmen. Nachdem wir uns gehrig umgesehen und den Umfang der ungeheuern
Stadt bewundert hatten, verlieen wir die Sule, ohne da es mir mglich
gewesen wre, uns bei dem Herabsteigen von den brigen zu trennen, die
uns dicht auf den Fersen folgten. >Oh, wren wir doch allein gewesen!<
seufzte ich bei mir selbst. Kapitn Gasqui nahm uns unten in Empfang und
meinte, wir seien etwas lange geblieben.

Wir nahmen nun noch ein frhliches Mahl bei einem Restaurateur auf dem
Spanischen Platz ein und begaben uns jeder in sein Quartier, uns zum
nahen Abmarsch vorzubereiten. Die Sonne war bereits hinunter, und der
Abmarsch war fr die zehnte Stunde beordert; ich aber hatte mein
Quartier nicht einmal aufgesucht, begab mich wieder in meine Kaserne
zurck und ruhte noch ein paar Stunden bis zur ersten Rappelle des
Tambours. Bald stand das Bataillon unter dem Gewehr, aber bevor wir
abmarschierten, setzte es noch ein kleines Donnerwetter. Von mehreren
Orten, wo wir einquartiert gewesen, und namentlich auch von Loretto,
waren bei dem ppstlichen Gouvernement Klagen wegen des von den Soldaten
in Klstern und Kirchen verbten Unfugs eingelaufen, die das unfltige
Anschmieren der Wnde mit Kohlen, meistens Zerrbilder auf die Pfaffen,
und auch andere, die Keuschheit derselben beleidigende Dinge betreffend,
nicht unterlassen konnten, wegen deren man unsern Bataillonschef Dret
in Rom zur Rede gestellt hatte. Dieser erlie jetzt einen strengen
Tagesbefehl und verbot bei schweren Disziplinarstrafen, sich ferner
dergleichen zu unterfangen, er hielt auch noch einen Sermon vor der
Front an das Bataillon dieserhalb, sowie wegen der ziemlich zahlreichen
Deserteure, von denen man gerade ein halbes Dutzend wieder eingebracht
hatte, welchen man mit Erschieen drohte, wozu es indessen nicht kam.
Hierauf wurde mit rechts in die Flanken, und zwar in aller Stille, ab-
und durch die heilige Stadt ohne Trommelschlag und klingendes Spiel
marschiert, denn es durften laut Konvention damals keine franzsischen
Truppen bewaffnet durch die Residenz des Papstes marschieren, sondern
sie muten den groen Umweg um die Mauern derselben machen. Es war also
eigentlich eine Infraktion, die wir begingen, von der jedoch keine Notiz
genommen wurde. Heller Mondschein leuchtete durch die Straen der Stadt,
deren Gebude und Schatten uns wahrhaft riesig erschienen. Von Zeit zu
Zeit lieen die Blasinstrumente unsers Musikkorps eine sanfte Melodie
oder einen _pas redoubl_ ohne trkische Musik ertnen, was diesen
Marsch noch romantischer machte. Endlich kamen wir durch die Porta San
Giovanni, die nach Albano, unserem nchsten Quartier, fhrt, wo ich,
ermdet, den ganzen Tag verschlief. Von hier marschierten wir ber
Veletri durch die pontinischen Smpfe nach Terracina, wo wir einen
Ruhetag hatten. Von da nach Fondi, dem ersten neapolitanischen
Stdtchen, und durch ppige Gegenden nach Mola di Gata, wo wir uns
endlich auf dem Schauplatz der kriegerischen Ereignisse befanden, und
den neunten oder zehnten Tag nach unserm Abmarsch von Rom ohne besondere
Abenteuer, meist spottschlechte Quartiere habend, eintrafen.

Noch in einer ziemlichen Entfernung von Mola di Gata, das auf den
Ruinen des alten Formio erbaut ist, hrten wir schon den Kanonendonner
des Geschtzes der die Festung beschieenden Artillerie. Gegen neun Uhr
des Morgens kamen wir zu Mola an, wo unser erster Blick auf Verwundete
fiel, die man ins Feldlazarett transportierte, welche soeben bei den
Belagerungsarbeiten durch das Geschtz der Belagerten bel genug
zugerichtet worden waren, und von denen einige mit dem Tode rangen.

Bevor ich mit dem Bericht der Blockade und Belagerung von Gata whrend
unsers Aufenthaltes vor dieser Festung fortfahre, mu ich ein paar Worte
ber die damalige Besitznahme von Neapel durch die Franzosen
vorausschicken.

Napoleon hatte in den Feldern von Austerlitz beschlossen, der Herrschaft
der Bourbonen in Neapel ein Ende zu machen, weil der Knig Ferdinand
IV., gegen den Vertrag vom 21. Juli 1805, den Russen und Englndern die
Hfen seines Reiches geffnet hatte. Im Februar 1806 war das
franzsische Heer in drei Kolonnen unter dem Oberbefehl von Napoleons
Bruder, dem Prinzen Joseph, und dem Marschall Massena, der das Zentrum
befehligte, im Knigreich Neapel eingerckt. General Regnier, der den
rechten Flgel kommandierte, war vor Gata gerckt, whrend Massena
Capua fast ohne Widerstand nahm und die Franzosen schon den 14. Februar
in die Hauptstadt eindrangen; einen Tag spter hielt Joseph seinen
feierlichen Einzug in dieselbe. Einstweilen war der linke Flgel des
Heeres, meistens aus italienischen Truppen bestehend, unter dem General
Lecchi ber Itri vorgedrungen, und als wir im Mai nach Mola di Gata
kamen, war, Gata und einige andere, im Absatz und an der Sohle des
italienischen Stiefels liegende Gegenden ausgenommen, schon der grte
Teil des Knigreiches von den franzsischen Truppen besetzt, aber noch
weit entfernt, beruhigt zu sein. Der Tanz sollte im Gegenteil erst recht
angehen und lange und blutig genug werden. Unterdessen war durch ein
kaiserliches Dekret der Prinz Joseph zum Knig von Neapel ernannt
worden.




                                 XVII.

   Die Belagerung von Gata. -- Mola di Gata. -- Abmarsch nach Neapel.
   -- Sessa. -- Ein Dominikanermnch verfhrt zwei Korporale. -- Capua.
   -- Aversa. -- Neapel. -- Vetter Moritz. -- Der neue Knig und seine
      Regierung. -- Das Blut des heiligen Januarius wird zugunsten
       der Franzosen flssig. -- Scheuliche Exekutionen. -- Der
       Vesuv speit Feuer. -- Die Lazzaroni. -- Die italienischen
      Benefizvorstellungen. -- Aufstand in Kalabrien. -- Abmarsch
                                 dahin.


Der General Regnier hatte den Versuch gemacht, die starke Festung Gata
durch eine berrumpelung zu nehmen, der jedoch verunglckt war; denn der
Prinz von Hessen-Philippsthal, der in derselben kommandierte,
verteidigte sich auf das tapferste und hatte geuert: Gata ist nicht
Ulm und ich bin nicht Mack. Der General Grigny und mehrere Offiziere
und Soldaten hatten bei diesem Versuch das Leben verloren; doch war eine
Redoute weggenommen worden. Regnier hatte nun eine Abteilung seines
Armeekorps vor der Festung gelassen, um diese einstweilen im
Blockadezustand zu halten, und war mit dem berrest seiner Truppen
weiter in das Knigreich Neapel vorgerckt. Im Monat Mrz wurden die
Belagerungsarbeiten begonnen. Unterdessen hatten die Franzosen das
neapolitanische Heer, durch Insurgenten verstrkt, in den Engpssen von
San Martino berflgelt und auf das Haupt geschlagen, so da sich
dasselbe in zgelloser Flucht auflste; ein Bataillon von der
kniglichen Garde, mehrere tausend Gefangene, Geschtz, Pferde und
Bagage waren den Siegern in die Hnde gefallen. Der Rest flchtete sich
in die Gebirge von Kalabrien.

Schon lange vor unserer Ankunft hatte man angefangen, die Festung zu
beschieen, und fand fr ntig, das von Regnier zurckgelassene
Belagerungskorps, das anfnglich nur aus zweitausendfnfhundert Mann
bestand, bis auf fnfzehntausend Mann zu verstrken, sowie das ntige
Belagerungsgeschtz nicht ohne groe Beschwerlichkeiten, zum Teil sogar
von Mantua, kommen zu lassen. Die meisten Lafetten dazu wurden erst im
Lager selbst verfertigt.

Wir biwakierten grtenteils in Baracken oder Erdhtten und waren bei
den Schanzarbeiten dem feindlichen Feuer sehr ausgesetzt. Man hatte mir
oft gesagt, da selbst der unerschrockenste Mensch, der zum erstenmal in
das Feuer der Schlachten komme, sich des sogenannten Kanonenfiebers und
eines Herzklopfens nicht erwehren konnte, indessen habe ich bei dieser
Belagerung, wo ich zum erstenmal feindliche Kugeln zischen hrte, von
diesem Fieber nichts versprt, obgleich unsere Kompagnie an einem der
gefhrlichsten und dem Geschtz der Festung am meisten ausgesetzten Ort
arbeiten mute; dagegen verursachte mir der Anblick der oft schwer
Verwundeten und Verstmmelten eine schmerzliche Empfindung. Gewi ist
es, da ein passives Verhalten vor dem Feinde oder bei dessen Angriffen
am ersten geeignet ist, Herzklopfen zu verursachen, besonders wenn man
in einem hintern Treffen mig, das Gewehr im Arm, stehen mu, whrend
die vordern schon handgemein sind und man die armen Teufel mit
zerschmetterten Gliedern, Armen und Beinen, jammernd, sthnend, chzend
und Schmerzensgeschrei ausstoend, vorbertragen sieht; da gebe ich gern
zu, da auch der Mutigste nicht gleichgltig bleibt, er hat wenigstens
ein banges Vorgefhl, weshalb man immer die nicht gleich ins Feuer
kommenden Truppen womglich so zu placieren suchen sollte, da ihnen
dieser eine nachteilige Wirkung habende Anblick erspart wrde. Wenn
aber, kaum in Schlachtordnung gestellt, der Angriff sogleich beginnt, so
ist das Wirbeln der Trommeln, das Schmettern der Trompeten, das Wiehern
der Rosse, der Donner des Geschtzes und das Abfeuern der Gewehre, sowie
das betubende Schlachtgetse berhaupt, ganz dazu gemacht, den
Soldaten, wenn er auch nicht gerade zu den Tapfersten gehrt, zu
begeistern und zu ermutigen. Wenigstens erging es mir so, und wenn das
Getmmel des Gefechts am rgsten war, hatte ich am wenigsten Sinn fr
Gefahr, in die ich mich mit Enthusiasmus, ja mit einer Art von Wut
strzte, und nur der ausgemachteste Feigling kann dann noch Sinn fr
Flucht oder Angst haben.

Es waren besonders zwei Anhhen, von denen der Hauptangriff auf die
Festung gemacht werden mute. Beide waren durch eine Schlucht getrennt.
Auf dem einen Hgel stand ein altes Gemuer, _Terra attratina_ genannt,
in welchem man Pulver aufbewahrte, der andere Hgel hie _Monte secco_;
auf beiden wurden Batterien aufgepflanzt, nachdem man mit den Laufgrben
fertig war, die man anlegen mute, um die Leute dem feindlichen
Geschtz, das ein ununterbrochenes, furchtbares Feuer unterhielt, ohne
es erwidern oder sich verteidigen zu knnen, nicht zu sehr blo zu
geben, denn es setzte tglich eine bedeutende Zahl Toter und
Verwundeter. An der Kste hatte man ebenfalls mehrere Batterien
errichten mssen, um sich vor den Angriffen der feindlichen, namentlich
der englischen Schiffe zu sichern, da die Kanonierschaluppen und
Bombardierschiffe oft sehr nahe an das Ufer kamen. Die Arbeiten waren
berhaupt sehr mhsam, und es bedurfte einer groen Menge Sandscke,
Schanzkrbe, Faschinen und so weiter, wozu die Materialien und das Holz
sehr weit im Lande, bis bei Fondi, geholt werden muten; auch traf man
bei dem Graben der Laufgrben nicht selten auf alte Mauern und
Fundamente, die so fest und stark waren, da sie mit Pulver gesprengt
werden muten, selbst die zu den Parapets ntige Erde mute eine
ziemliche Strecke weit herbeigefhrt werden.

Gata selbst ist eine auerordentlich starke Festung, vielleicht mit die
strkste auf dem ganzen europischen Kontinent, und von der Natur
auerordentlich begnstigt, ein zweites Gibraltar. Sie liegt auf einer
Erd- oder vielmehr Felsenzunge, ist von drei Seiten vom Meer umstrmt,
durch steile Felsen geschtzt und hat einen trefflichen Hafen. Der
Strich Landes, durch den sie mit dem Festland zusammenhngt, ist kaum
zweitausend Schritte breit.

Die Stadt mochte etwa achttausend Einwohner zhlen, von denen jedoch
viele geflchtet waren.

Die Garnison der Festung bestand aus zirka siebentausend Mann, sie wurde
von der See aus durch die englischen, von dem tapfern Admiral Sidney
Schmidt befehligten Schiffe mit allem, was ihr Not tat, reichlich
versehen und ihr Verstrkungen zugesichert, auch schlug Philippsthal
jeden Antrag einer Kapitulation auf das entschiedenste aus. Es war keine
kleine Aufgabe fr eine Macht, die nicht Herr zur See war, unter diesen
Umstnden Gata zu bemeistern. Ein groer Fehler, den der dort
kommandierende Prinz begangen, war, da er die Vorstdte nicht hatte
abbrennen lassen, die uns einen bedeutenden Schutz und die Mittel,
manches Bedrfnis zu befriedigen, gewhrten, berhaupt von groem Nutzen
waren. Das Feuer aus der Festung war manchmal so heftig und anhaltend,
da es einem unaufhrlich rollenden Donner glich, aber die Munition
wurde meistens vergeblich verschossen, nachdem die Belagerungsarbeiten
weit vorgerckt waren; doch die Belagerten wurden ja damit auf das
freigebigste von den Englndern versorgt, es kam ihnen also nicht darauf
an, ein paar tausend Pfund Pulver und Kugeln in den Wind zu jagen.

Unser Bataillon blieb nicht lnger als siebzehn Tage vor der Festung,
whrend welcher es siebzehn Mann verlor. Diese ganze Zeit hatte ich mich
nur dreimal entkleiden und auf einer Matratze in Mola schlafen knnen,
so anstrengend war der Dienst; die brige Zeit schliefen wir auf harter
Erde, in Mntel gehllt, Tornister als Kopfkissen benutzend. Auch mit
den Nahrungsmitteln war es schlecht bestellt, oft bestand mein ganzes
Mittagsmahl in etwas Reis und Mais, in Wasser abgekocht und mit l
geschmolzen; nur Wein war immer im berflu vorhanden, an Fleisch
mangelte es. Man wird mir zugestehen, da mein Debt auf dem
Kriegsschauplatz nicht das angenehmste war. Unsere Damen, die in Mola
blieben, verlieen uns schon in den ersten Tagen, um es in Neapel
bequemer zu haben.

Die Gegend um Mola di Gata selbst ist sehr einladend, mit Lorbeeren,
Myrten, Orangen und so weiter bedeckt und sieht einem groen Garten
hnlich. Die Frauen und Mdchen sind hier zierlich gewachsen, verstehen
sich vorteilhaft zu kleiden, waren aber gewaltig franzosenscheu und
verbargen sich so viel als mglich unsern Blicken. Der Wein ist von so
guter Qualitt, da die meisten Soldaten und viele Offiziere sich
denselben weit mehr schmecken lieen, als es der Gesundheit zutrglich
war, wie die Folgen bewiesen; ich trank ihn immer nur mit Wasser
vermischt, wie es die Einwohner machen, und blieb gesund dabei. Nichts
ist dem Krper zutrglicher, als Migkeit im Essen und Trinken, er
vertrgt dann auch weit leichter alle Strapazen und Entbehrungen, und
selbst Exzesse anderer Art schaden ihm weniger, dabei ist es gut, sich
in jedem Lande mglichst bald die Gewohnheiten der Bewohner hinsichtlich
der Nahrung anzueignen; denn diese wissen lngst aus Erfahrung, was am
besten taugt.

Da ein paar Wochen nach unserer Ankunft wieder mehrere Bataillone aus
Oberitalien zu dem Belagerungskorps gestoen waren, so wurden andere,
unter denen auch das unsrige, zum Abmarsch nach Neapel beordert, was uns
sehr willkommen war; denn nichts ist unleidlicher als das lange
Biwakieren vor einer Festung, es ist ein wahrer Tantaluszustand, man hat
fortwhrend das Ziel vor Augen und kann es nicht erreichen.

Wir brachen nach Sessa auf, unser erstes Quartier, nachdem wir das
Lager, oder besser Biwak, denn Zelte hatte niemand gehabt, vor Gata
verlassen hatten. Hinter Mola kommt man bald ber den Flu Garigliano,
den alten Liris, der Latium von Campanien trennt. Das Stdtchen ist ein
elendes Nest von kaum dreitausend Einwohnern, in dem nichts zu haben war
und wir sehr schlechte Quartiere hatten, die uns jedoch kstlich dnkten
im Vergleich mit unsern Lagersttten vor Gata. Die Soldaten lagen auf
Welschkornstroh, wieder in einem Kloster, deren es nicht weniger als
sechzehn hier gab. Die Einwohner entschuldigten sich mit den
fortwhrenden Durchmrschen und dem Belagerungskorps, das alles in der
Umgegend aufzehre, so da sie uns selbst fr Geld nichts geben knnten.
Ein Ei bezahlte ich mit zehn Grani (acht Kreuzer).

In einem groen Stalle spielte diesen Abend eine wandernde Truppe eine
neapolitanische Farce, der ich bis zehn Uhr zuzusehen die Geduld hatte.
Als ich dieses prchtige Theater verlie, begegnete mir ein Sergeant,
der mir sagte, da mich der Bataillonschef schon allenthalben habe
suchen lassen. Ich eilte sogleich zu Herrn Dret, der mich mit den
Worten: Aber zum Henker, wo stecken Sie denn immer? empfing.

Ich komme aus dem Theater.

Das wei der Teufel, ich glaube, wenn man nur den blanken Hintern
zeigte, so mten Sie auch noch ins Theater laufen. Das mag mir eine
saubere Komdie gewesen sein.

_Mon Commandant_ da knnen Sie recht haben. Aber was steht zu Ihrem
Befehl?

Jetzt ist es fr heute zu spt: zwei junge Korporle, Deutschbhmen,
haben eine Szene mit einem Dominikanermnch des Klosters, in dem sie
einquartiert sind, gehabt, und wurden von einem Sergeanten, _les
culottes bas_, hinter dem Chor mit dem Pfaffen erwischt. Die ganze
Schweinerei wurde mir hierher gebracht, und da ich das Gewlsche des
Pfaffen nicht verstehe, so lie ich Sie suchen, um den Dolmetscher zu
machen; Sie sind aber nie zu finden, wenn man Sie braucht und somit fr
heute abend entlassen.

Der Pfaffe und die beiden Korporle waren arretiert und in verschiedenen
Behltern festgesetzt. Den andern Morgen, wir blieben diese Nacht in
Sessa, wurde der Dominikaner seinem Prior zur Bestrafung bergeben, die
beiden Korporle aber zu Gemeinen degradiert, mit einer Zugabe von
fnfzig Prgeln fr einen jeden. Mehrmals kam es vor, da die Mnche in
den Klstern sich junge Soldaten aussuchten, diese mit gutem Essen und
Trinken reichlich traktierten, auch wohl berauschten, und dann zu ihren
unnatrlichen Lsten zu verfhren suchten. Ich entledigte mich des mir
gewordenen Auftrags, dem Prior tchtig die Meinung zu sagen, mit so
groer Energie, da es diesem ganz schwl dabei wurde, indem ich ihm
versicherte, es knne leicht dazu kommen, da man sein ganzes Kloster
rasieren und die Mnche auf die Galeeren nach Frankreich schicken wrde.
-- Nachdem diese schmutzige Geschichte beendigt war, schickten wir uns
zum Abmarsch nach Capua an.

Das moderne Capua liegt wie das alte in der ppigsten Gegend der
heutigen _Terra di lavoro_, die man deshalb auch _il Paradiso del
Paradiso_ nennt, denn die Neapolitaner heien bekanntlich ihr Land _il
Paradiso_, das doch in mehr als einer Hinsicht auch ein _Inferno_ ist.
Die Stadt, welche etwa sechstausend Einwohner zhlen mag, ist eine
Festung, im ganzen schlecht und aus den Trmmern des alten Capua gebaut,
hat aber einige schne Kirchen, von denen eine, ich glaube die
Hauptkirche, eine groe, von goldgelb lackierten Ziegeln bedeckte Kuppel
hat, so da, wenn sie von der Sonne beleuchtet wird, sie ein goldenes
Dach zu haben scheint. Die Granitsulen, welche diese Kirche in groer
Zahl sttzen, sind verschiedenen heidnischen Tempeln entnommen und daher
sehr ungleich an Form und Dicke.

Die Festungswerke dieser Stadt sind von dem berhmten Vauban angelegt,
aber nichtsdestoweniger fiel sie den Franzosen fast ohne Widerstand in
die Hnde. Am Tage unserer Ankunft wurde in einem groen geschlossenen
Raume, einer Art Hof, ein Stiergefecht nach spanischer Manier, aber sehr
_en miniature_, aufgefhrt, das aber doch die Schnen Capuas
auerordentlich anzusprechen schien. Ein einziger Stier, der gerade
nicht zu den unbndigsten gehrte, wurde von einem halben Dutzend
wohlbewaffneter Kmpen gereizt, gehetzt, leicht verwundet und dann, ohne
gettet zu werden, nachdem er viele, mehr possierliche als zu frchtende
Sprnge gemacht, wieder abgefhrt, und zwar unter dem Jauchzen und
Beifall des Volks!

Von Capua brachen wir nach Aversa auf, das auf der Hlfte des Wegs nach
Neapel liegt. Was dieser Stadt einige Berhmtheit gibt, ist ihr
vortrefflich eingerichtetes Narrenhaus, in welches die angesehensten
Narren Neapels, freilich bei weitem nicht alle, eingesperrt werden. In
dem hiesigen Schlo hielten die alten Knige von Neapel fter ihren Hof,
und Johanna I. lie 1345 den Knig Andreas von Ungarn, ihren Gatten,
hier erwrgen.

Von hier marschierten wir endlich in die Hauptstadt des uns so gelobten
Landes, wo wir ein recht angenehmes Leben in Hlle und Flle, in Saus
und Braus fhren zu knnen hofften, denn von dem Ausmarsch aus Genua an
war fast nur die Rede von den Annehmlichkeiten, die uns zu Neapel
erwarteten. Ich hatte auerdem noch einen ganz besonderen Magnet, der
mich dahin zog, nmlich einen nahen Anverwandten namens Moritz aus
Frankfurt, der schon seit einer Reihe von Jahren hier etabliert war, als
Bankier ein groes und glnzendes Haus fhrte, und von dem ich die
berzeugung hatte, da er nichts weniger als eine jener gewhnlichen
Geldsackseelen war, wie man sie leider in der krperlichen Hlle der
groen Mehrzahl dieser Mammonsknechte findet, die keinen andern Sinn als
fr Batzenklang haben, und die deshalb in der Regel die unwissendsten
und langweiligsten Personnagen sind. Herr Moritz machte eine ehrenvolle
Ausnahme, er lebte den Knsten und Wissenschaften, ohne deshalb seine
Geschfte zu vernachlssigen, sein Haus war der Sammelplatz der
ausgezeichnetsten Mnner, mitunter auch der lustigsten Brder und
geistreicher Frauen, die aber nicht zu den angesehensten gehrten, aus
Ursachen, die wir sogleich anfhren werden, vielleicht eben darum um so
angenehmer waren, und folglich das unterhaltendste Haus von der Welt, in
dem keine Langeweile aufkommen konnte. Auch wute ich, da ich daselbst
einen freundlichen Jugendgespielen, einen Neffen meines Vetters, den
jungen Fritz Stock, der mit mir die Mdchenschule in Frankfurt besucht
hatte, treffen wrde, Aussichten, die machten, da ich mich Neapel
freudig nherte.

Seit mehr als einem Vierteljahr waren die Franzosen im Besitz dieser
Stadt, als wir daselbst ankamen; den 31. Mrz 1806 war Joseph zum
Herrscher des Knigreichs proklamiert worden. -- Die alte Knigin
Karoline, Gattin Ferdinands IV., ein bitterbses Stck von einem Weib,
hatte zwar, nachdem alle Versuche, den Marsch der Franzosen aufzuhalten,
vergeblich gewesen, dem Heerfhrer derselben wissen lassen: sie wrde
ihm, dem Reich den Rcken kehrend, nur dampfende Ruinen und Leichname
hinterlassen; da aber diese verruchte uerung sehr bald in Neapel
bekannt wurde, so hatten die bessern Brger schnell zu den Waffen
gegriffen, sich in hundert Kompagnien organisiert, um das von ihrer
wohlwollenden Knigin gedungene, besoldete Raubgesindel und die Banditen
im Zaum zu halten. Ihre Majestt berfiel nun selbst eine so gewaltige
Furcht, da sie alle Zugnge zum Palast eiligst vermauern lie und
zugleich bekanntmachte, es sei auch ihr Wille, da Neapels brave Brger
fr die Sicherheit der guten Stadt wachten. Sie lie aber zugleich in
aller Eile so viel Schtze wie mglich, und wo sie solche erwischen
konnte (sogar aus der Bank hatte sie zehn Millionen, die Privaten
gehrten, genommen), zusammenraffen, und entfloh samt ihrem Hofgesinde
damit nach Sizilien, von wo aus sie den Aufstand in Kalabrien schrte
und das glimmende Feuer zu hellen und blutigen Flammen anblies. Dieses
Weib war auch mit die Hauptanstifterin des Gesandtenmords zu Rastatt
gewesen.

Unser Bataillon wurde samt den Offizieren in die Fortezza nuova
kaserniert. Den Tag nach meiner Ankunft suchte ich sogleich meinen Herrn
Vetter auf, der in der Strae San Giacomo di Spagna wohnte, von dem ich
auf das herzlichste, ebenso von seinem Schwestersohn, dem jungen Stock,
mit offenen Armen aufgenommen wurde; man hatte mich schon seit einiger
Zeit nach Briefen von meinem Vater erwartet, von dem ich auch zwei
Schreiben an mich vorfand. Ich mute gleich zu Tische bleiben und wurde
gebeten, so lange unser Aufenthalt in Neapel whrte, mit demselben
vorlieb zu nehmen, was ich aber, den Dienst vorschtzend, ablehnte, weil
es mich jedenfalls geniert haben wrde; auch Maultiere und Pferde wurden
mir zu Exkursionen, sowie Pltze in Logen in San Carlo und der
Fiorentini, die beiden ersten Theater der Stadt, zur Disposition
gestellt. In Italien ist es nmlich der Brauch, nur noch ein kleines
Entreegeld an der Kasse zu bezahlen, wenn man Eintritt in die Privatloge
eines Freundes oder Bekannten hat, aus der man aber dann auf keinen
andern Platz gehen kann.

Moritz' gastfreies, splendides Haus wurde von der hohen Noblesse Neapels
sowie von der franzsischen Generalitt und den Stabsoffizieren
frequentiert, und in demselben lernte ich den Seeminister Pignatelli,
den Polizeiminister Salicetti, den Oberst Franceschi, den Duca del Campo
chiaro und eine Menge Ducas, Principi, Marchesen und so weiter kennen,
von denen freilich gar manche nicht viel mehr sagen wollten als unsere
armen deutschen Edelleute, die sich aber die kstlichen Ortolanen,
Trffelpasteten, den Lacrim Christi und Champagner meines freigebigen
Vetters trefflich schmecken lieen, und nicht selten noch obendrein
dessen Kasse in Anspruch nahmen. Dafr lieen sie sich aber auch vieles
gefallen, einige waren die Souffre-Douleurs und die Zielscheiben des
Witzes der Offiziere; der junge Stock, der dieser neapolitanischen
Schmarotzer-Clique, die seinen guten Oheim auszog, nicht sehr hold war,
ging oft auf das unbarmherzigste mit ihr um, was jedoch die Herren nicht
vom Wiederkommen abhielt und sie das Essen und Trinken nicht minder
wohlschmecken lie, ja sie fanden sich nicht selten ungeladen ein; als
eines Tages Herr Moritz ein _Diner fin_ auf seinem Kasino gab, aus den
ausgesuchtesten Leckerbissen bestehend und nur fr einen kleinen,
auserwhlten Kreis berechnet, sich aber dennoch drei dieser ungeladenen
neapolitanischen Schmeifliegen, deren vortreffliche Schnffelnasen den
Braten gerochen hatten, einfanden, sagte ihnen der junge Stock
geradeheraus, da fr sie kein Kuvert gedeckt sei, worauf sie mit
dreistlchelnder Miene erwidertem _Oh vi piace di scherzare, Signore!_
Stock wollte nochmals replizieren, aber sein zu guter Oheim fiel ihm ins
Wort und sagte: Mein Neffe ist ein Spamacher, das wissen Sie,
allerdings sind Sie geladen. Man kann sich keinen Begriff von der
Unverschmtheit dieser armen neapolitanischen Schlucker machen, die mit
der unverschmtesten Zudringlichkeit zugleich die grte
Niedertrchtigkeit verbinden; ich war Zeuge, wie einer dieser Herren,
dem Stock soeben auf das empfindlichste mitgespielt hatte, demselben
gleich darauf mit seinem Taschentuch den Staub von den Stiefeln wischte.
Da Moritz nicht verheiratet war, sondern eine Opernsngerin, Signora
Brunni, zur Geliebten hatte, die er jedoch von der Bhne weggenommen,
und die also nicht mehr auftrat, so konnte man in seinem Haus auch keine
neapolitanischen Damen vom ersten Rang kennen lernen, dagegen aber
brachten viele der geladenen Herren auch die von ihnen unterhaltenen
Geliebten mit, meistens Prinzessinnen der verschiedenen Bhnen Neapels,
was dann die Gesellschaft und Unterhaltung auerordentlich heiter und
belebt machte und alle Langeweile verbannte. -- Unter den Gsten war
auch in der Regel ein Maestro di Musika (Kapellmeister), ein
wohlgenhrter Dickwanst und Gutschmecker, der aber sein Essen durch das
Dirigieren der Musik, welche bei solchen Gelegenheiten meistens den
Schlu des Festes machte, wohl verdiente, aber den andern Gsten ganz
ungeniert, im Bewutsein seines hohen Verdienstes um die Gesellschaft,
die besten Bissen vor dem Mund wegschnappte, wohl dreiig Ortolanen zu
verschlucken und mit ein paar Flaschen Cyprier oder Lacrim
hinabzusplen wute. Unter den fast tglichen Tischgenossen befand sich
auch ein gewisser Metzler aus Frankfurt, der Bruder eines der reichsten
Bankiers daselbst, der den Titel Geheimerrat fhrte, er selbst aber war
blutarm und lebte ganz von der Gromut des Herrn Moritz, da ihm seine
reichen Verwandten auch nicht die mindeste Untersttzung zukommen
lieen.

Noch war den Franzosen in Neapel alles neu, und kein Mensch wute sich
recht in die Neuheit dieser Dinge zu finden, am allerwenigsten der
neugebackene Knig, der zwar ein ziemlich unterrichteter Mann, von
geflligen Sitten und Manieren war, aber wenig oder gar keine
Regententugenden besa, und dem die einem Herrscher durchaus ntigen
Eigenschaften mangelten, die hier, wo es galt, ein soeben erobertes und
sich noch in Grung und groen Unruhen befindendes Knigreich zu
beruhigen, neu zu organisieren und sozusagen umzugestalten, hundertmal
erforderlicher waren, als bei der Besteigung eines angeerbten Thrones.
Dabei besa Joseph, dieser ltere Bruder Napoleons, eine ziemliche Dosis
Eitelkeit bei wenig Charakterfestigkeit, und suchte seine unbedeutende
Herkunft durch einen bermigen Aufwand an Pracht und Pomp zu
bemnteln. Seine Tafel lie er mit lukullischer Schwelgerei servieren,
er affektierte, Knste und Wissenschaften zu beschtzen, war auch in der
franzsischen, italienischen Literatur ziemlich bewandert und hatte eine
oberflchliche Kenntnis von der englischen. Da auch die Deutschen eine
solche htten, schien er gar nicht zu ahnen oder glaubte wenigstens, da
es eine ganz barbarische sein msse, ein Vorurteil, das er mit der
groen Mehrzahl der gebildetsten Franzosen jener Zeit teilte. Er hatte
zwar zuerst seinem kaiserlichen Bruder gesagt, er mge ihn lieber im
Scho seiner Familie leben, als ber Vlker herrschen lassen; aber der
Glanz einer Krone und eines Thrones machten ihn schnell andern Sinnes.
Da er ohne seine Gemahlin, ein seltenes Muster der Tugend und
Weiblichkeit, eine ganz vortreffliche Gattin und Mutter, die noch in
Paris zurckgeblieben, nach Neapel gekommen war, so fhrte er daselbst
ein ziemlich ausschweifendes, manches ffentliche rgernis gebendes
Leben. Die Weiber muten ihm sogar bis auf die Jagd folgen, und man
nannte diese Damen nur seine Cacciatricen (Jgerinnen), wobei es weit
mehr auf eine ganz andere Jagd als das gewhnliche Wild abgesehen war.

Ein anderer, sehr schlimmer Umstand war, da kaum, nachdem sich die
Franzosen im Besitz von Neapel befanden, ganze Schwrme der
nichtsnutzigsten Subjekte von Paris kamen, gleich Heuschrecken sich ber
die Hauptstadt und das Land ergossen, alle um hier ihr Glck zu machen,
oder wenigstens doch eintrgliche Stellen zu erhalten, was auch den
meisten gelang. Diese Individuen, die los zu sein Frankreich froh, und
deren Moralitt und Verdorbenheit grenzenlos war, saugten nun, jeder so
viel es in seiner Gewalt stand, das neu eroberte Reich aus, und waren so
die Ursache, da die Franzosen, die anfnglich der bessere Teil der
Neapolitaner, welcher die liederliche Wirtschaft und Verwaltung des
frhern Hofs verwnscht hatte, schtzte, bald der Gegenstand des
allgemeinsten und bittersten Hasses wurden. Ein tchtiger und weiser
Regent, Mnner wie der Vizeknig oder Bernadotte, wrden in Neapel viel
Gutes ausgerichtet und ihre Regierung bald sehr beliebt gemacht haben,
denn die Umstnde konnten, wegen des Benehmens des entflohenen Hofes und
seiner verachteten und gehaten Knigin, nicht leicht besser sein, als
sie es bei Josephs Ankunft waren, dessen wenig einsichtsvolle Handlungen
aber alles verdarben. Besonders war es auch die so ganz widersinnige
Besetzung der hhern Zivilmter, die nur einzig mit Gunst und Protektion
stattfand, ohne da man die vorgeschlagenen oder sich meldenden Subjekte
im geringsten hinsichtlich ihrer Fhigkeit und Moralitt prfte, welche
den schdlichsten Einflu hatte. Der neue Monarch sah und hrte nichts
selbst, sondern verlie sich ganz auf seine Minister und nchsten
Umgebungen, so da der Intrige voller Spielraum gelassen war. Einen der
grbsten Fehler hat der sogenannte groe Napoleon begangen, indem er
seine, smtlich zu Regenten ganz untauglichen, Brder auf Throne setzte,
wo es nicht fehlen konnte, da es ihren eben nicht sehr starken Geistern
auf solchen Hhen schwindeln mute.

Das in Neapel vom Thron ausgehende bse Beispiel wirkte bis auf die
unbedeutendsten Chargen und steckte sogar die gemeinen Soldaten an,
alles wollte nur vollauf genieen und den gnstigen Augenblick benutzen,
als erwarte man das Ende der Herrlichkeit den kommenden Tag. An
vielversprechenden Proklamationen lie man es zwar nicht fehlen, in
denselben wurde unter anderm gesagt, da mit der notwendigen Verjagung
der alten Knigsfamilie Napoleons gerechte Rache vollkommen gesttigt
sei, da man alles Eigentum und die Kirche in besondern Schutz nehmen
werde, da alle wohlerworbenen Pensionen fortbezahlt wrden und alle
Spitler und wohlttigen Anstalten fr die Zukunft von allen Abgaben
befreit bleiben sollten; auch gab man die Fischereien am Posilippo und
sogar die Jagden im ganzen Reich dem Volk frei, etwas bis jetzt
Unerhrtes. Aber zu gleicher Zeit errichtete man eine sehr zahlreiche
Gendarmerie, die in Kompagnien eingeteilt, die ffentliche Sicherheit
befrdern sollte, jedoch sich oft unertrgliche Plackereien erlaubte,
die nicht nur straflos blieben, sondern sogar von oben herab
aufgemuntert und nach Umstnden belohnt wurden. Starke und zahlreiche
Patrouillen durchstreiften Tag und Nacht die Hauptstadt, zu deren
Gouverneur der Marschall Jourdan ernannt worden war, nach allen
Richtungen. Um das Volk zu beruhigen und dasselbe glauben zu machen, der
Himmel selbst habe den neuen Herrscher begnstigt, suchte man es durch
das Blendwerk einer groen Prozession, mit den Reliquien des heiligen
Januarius veranstaltet, zu gewinnen. Diese Feierlichkeit wurde mit der
grten Ostentation begangen. Mnche von allen Orden, eine unzhlige
Menge von Weltgeistlichen, das Kapitel mit dem Kardinal-Erzbischof an
der Spitze, Jourdan mit der ganzen Generalitt und dem Stab und groe
Abteilungen aller Regimenter der Garnison, die smtlich unter dem Gewehr
stand, folgten ihr. Es wurde dabei inbrnstig gebetet, alles fiel auf
die Knie nieder, als man das Blut des heiligen Januarius zeigte, das
jedoch erst nach einer guten Viertelstunde, als bereits die Knie zu
schmerzen anfingen und das Volk ngstlich zu murmeln begann, flssig
wurde. Aber jetzt erscholl auch aus tausend und abermal tausend Kehlen
der gleich dem Donner fortrollende Ruf: _Miracolo! Miracolo!_ und das
ganze Volk schien jetzt berzeugt, da der heilige Januarius ein Freund
der Franzosen sei und sie beschtze. Indessen sagte man sich im
Vertrauen, da die hohe Geistlichkeit nur durch die ernstlichsten
Maregeln und Drohungen zu dem Gaukelspiel der Flssigmacherei des
heiligen -- Ochsenblutes hatte bewogen werden knnen. Jourdan hatte
nmlich dem Kardinal-Erzbischof nur die Wahl gelassen, ob das Blut des
Heiligen oder sein eigenes flieen solle. Die Eminenz zog daher vor, das
erstere flieend zu machen.

Joseph hatte auch eine flchtige Reise bis nach Reggio gemacht, um sich
dem Volk als sein neuer Herrscher zu prsentieren und es fr sich zu
gewinnen, die Reise blieb jedoch in dieser Hinsicht erfolglos, aber der
Knig hatte doch wenigstens die lockenden Ksten Siziliens gesehen.

Unterdessen machte man fortwhrend die grten Migriffe bei der neuen
Organisation, kein Mensch stand am Ruder, der nur einige Ordnung in
dieses verwirrte Chaos zu bringen imstande gewesen wre, und Seine
Majestt war ein Spielball talentloser Intriganten. -- Miot von Melito,
den man zum Minister des Innern ernannt hatte, war zwar nicht ohne
Kenntnisse und einiges Verdiensts, aber diesem Posten durchaus nicht
gewachsen. General Dmas hatte man zum Kriegsminister gemacht, dieser
war zwar mehr an seinem Platz, wurde aber bestndig in seinem Wirken
durch Hofkabalen gehemmt. Die brigen Minister, teils Franzosen, teils
Neapolitaner, waren vllig bedeutungslos oder schlimmer. In die
Provinzen, man hatte das Reich in dreizehn solche geteilt, wurden
Militrkommandanten mit fast prokonsularischer Macht gesandt, die nach
Gutdnken und mit tyrannischer Willkr in denselben hausten. Ein
Staatsrat, aus zwanzig Gliedern bestehend, beschftigte sich fast
nur mit der Organisation des neuen Hofstaates, den man mit
Zeremonienmeistern, einem Heer von Kammerherren, Hofdamen und all dem
Trdel der alten Monarchien auf das berflssigste versah. Man wollte
zwar auch etwas fr die Verbesserung der sich in einem grlichen
Zustand befindlichen Schulen, fr die Kultur des Landes und so weiter
tun, aber griff die Sache so verkehrt an, da man nur verschlimmerte und
erbitterte, und auch die wohlmeinendsten Absichten unausfhrbar wurden.
Am allerschlimmsten aber war es mit dem Finanzdepartement beschaffen, wo
eine solche Verschleuderung der ohnehin geringen Mittel stattfand, da
alle Kassen ebensoviele Danaidenfsser wurden.

Ein Dekret, welches den Klstern untersagte, knftig Einkleidungen von
Novizen vorzunehmen, ohne vorher die Einwilligung der Regierung dazu
erhalten zu haben, wurde mit Strenge vollzogen, ebenso wurden alle
fremden Jesuiten, die sich im Knigreich befanden, des Landes verwiesen
und ber die Grenze gebracht. Die Gendarmerie wurde bis zur Unzahl
vermehrt und in alle Provinzen verteilt. Das Beste bei der ganzen Sache
war, da man in der Hauptstadt eine Art Nationalgarde errichtete, die in
vier Regimenter eingeteilt wurde und das meiste zur Ruhe und Handhabung
der Ordnung sowie viel zur Erleichterung des auerordentlich
beschwerlichen Dienstes der Garnison beitrug. In allen Forts und
Kasernen standen Tag und Nacht starke Piketts unter dem Gewehr, um auf
den ersten Wink zum Ausmarsch bereit zu sein, auerdem waren alle
Truppen bestndig konsigniert, und die Soldaten und Unteroffiziere
durften dieselben nur in geringer Zahl und mit Erlaubnis der
Kommandanten verlassen. -- Mehr als einmal passierte es mir und anderen
Offizieren, da bei der Nachhausekunft aus dem Theater oder von sonstwo
die Kompagnie oder das Bataillon schon seit Stunden ausmarschiert war,
und zwar in die nchste Umgegend, wie nach Nola, Aversa, Avelino und so
weiter, wo sich bewaffnete Insurgentenhaufen und Banditen gezeigt
hatten; die zurckgebliebenen Offiziere muten einzeln nachlaufen,
trafen nicht selten auch die Leute schon wieder auf dem Rckmarsch, da
die Sache nur ein blinder Lrm gewesen oder die Briganten, wie wir diese
Leute nannten, schon bei der Annherung der Truppen, von der sie durch
ihre Spione, die sie trefflich bedienten, unterrichtet wurden, die
Flucht ergriffen hatten. Durch einen Tagesbefehl wurde nun verordnet,
da jeder Offizier hinterlassen msse, wo er zu finden sei, damit er
durch einen Unteroffizier benachrichtigt werden knne, wenn seine
Kompagnie pltzlich Marschorder erhielte. Mit den eingefangenen
Briganten wurde kurzer Proze gemacht, sie wurden gewhnlich gleich oder
doch in den nchsten vierundzwanzig Stunden erschossen oder gehngt. In
der Regel waren jede Woche ein oder zwei Exekutionstage, an denen
wenigstens ein halbes Dutzend Briganten oder andere Verbrecher durch den
Strang hingerichtet wurden, und zwar auf eine hchst ekelhafte und das
Gefhl emprende Weise. Diese Exekutionen fanden nmlich auf einem
groen Platz (Largo del Mercato), zu dem alle Zugnge mit Kanonen, bei
denen brennende Lunten, besetzt waren, in der Nhe des Castello del
Carmine (Karmeliterfort) statt. Die Galgen waren von einem groen
Karree, drei Teile aus Infanterie und ein Teil aus Kavallerie bestehend,
umgeben. Die zu hngenden armen Snder wurden auf Karren, von Pfaffen
begleitet und Gendarmen eskortiert, herbeigefahren; man hing ihnen, an
den Leitern angekommen, die Stricke um den Hals, lie sie die Sprossen
zu dem ihrer harrenden Henker hinansteigen, der sie, sobald sie hoch
genug waren, mit einem krftigen Sto hinabschleuderte, aber sich in
demselben Augenblick auch auf ihren Nacken schwang, so da sich seine
beiden Beine auf der Brust des Delinquenten kreuzten; er ritt nun so
lange auf dessen Schultern, sich bestndig auf- und niederschwingend,
bis dem Gehngten die Zunge handlang aus dem Halse hing und er blau und
schwarz war, ein scheuliches Schauspiel! Hierauf schnitt er ihn, der
sogleich auf einen Schinderkarren geworfen wurde, ab, und ein anderer
kam an die Reihe, mit dem er dasselbe Manver wiederholte, und so fort,
bis alle auf diese Weise stranguliert waren, was manchmal mehrere
Stunden, ja bis zur Abenddmmerung whrte, worauf sich die Bataillone in
starke Patrouillen auflsten oder smtliche Waffen mit einbrechender
Nacht dreifach verstrkten.

Um sich das Volk geneigt zu machen, erlie der Knig pltzlich ein
Dekret, durch welches mit einem Male das ganze Feudalsystem ber den
Haufen geworfen und aufgehoben wurde; aller Gerichtsbarkeit der groen
Gutsbesitzer und Vasallen war somit ein Ende gemacht, ebenso wurde auf
den kniglichen Domnen auch das Heimfallrecht zugunsten des Fiskus
abgeschafft. Aber alle diese Maregeln, die zugunsten des Volkes
ergriffen wurden, waren weit entfernt, die gewnschte Wirkung zu haben,
sie brachten vielmehr das Gegenteil von dem, was damit beabsichtigt
wurde, hervor; das Volk, noch in der krassesten Unwissenheit, begriff
gar nicht, was man damit wollte, und es war dem dabei sehr
interessierten Adel und den Pfaffen, deren Privatinteressen dadurch
gewaltig litten, ein Leichtes, es glauben zu machen, dies alles geschehe
nur, um es vllig zu Sklaven des fremden Herrschers zu machen. Die
Aufhebung der Patrimonial-Justiz, die bis jetzt nur eine feile, sich dem
Meistbietenden preisgebende Hure und den sauberen Baronen eine
gutmelkende Kuh war, denen sie bedeutende Renten verschaffte, machte die
Einknfte dieser Herren pltzlich viel schmler und sie selbst zu groen
und gefhrlichen Feinden der neuen Regierung. Sonderbar, da das Wort
barone im Neapolitanischen auch einen Schurken oder Schuft bedeutet, was
viele veranlat, dessen Etymologie von der Nichtswrdigkeit dieser
Herren Barone abzuleiten.

Auch was die jetzige Regierung fr das Vergngen und die Annehmlichkeit
der Bewohner Neapels tat, wurde von diesen, statt anerkannt zu werden,
oft bitter getadelt; so fand man es unpassend, da man den Spaziergang
vor der Villa Reale bis zu dem Posilippo verlngerte, auch war ihnen das
Ausbessern und Anlegen bequemerer Landstraen ein Greuel, ebenso die mit
den Schulen vorgenommenen Verbesserungen, und als man aus einem
Mnchskloster zu Nola eine Kunstschule machte, kam es daselbst beinahe
zu einem Aufstand. Nach und nach hob man auch die reichsten Klster auf,
deren Bewohner ziemlich karg pensioniert wurden, so ging es den sehr
reichen Bernhardinern, Kamaldulensern und so weiter. Dies und ein
erzwungenes Darlehen von 1200000 Ducati sowie der Verkauf der
eingezogenen Klostergter an den Meistbietenden steigerten die schon
bestehende groe Unzufriedenheit in einem hohen Grade, und die Ankunft
einer Deputation des Pariser Senats, die Napoleon an seinen Bruder
abgesandt hatte, um ihn zu seiner Thronbesteigung zu bekomplimentieren,
die feierlich empfangen und der zu Ehren groe Festlichkeiten
veranstaltet wurden, bei denen besonders die Frauen und Tchter der
Neuangestellten sich in groem Glanz einfinden muten, da man auf die
neapolitanischen Edeldamen nicht zhlen durfte, war eben nicht geeignet,
die vorhandene Stimmung zu bessern.

Bis jetzt hatte ich noch wenig oder gar keine Zeit gehabt, mich auch nur
oberflchlich mit Neapels Sehenswrdigkeiten zu beschftigen und konnte
nur sehr selten von den Einladungen meines Vetters Moritz Gebrauch
machen; das einzige, was ich frequentierte, waren die Theater. Aber
unser guter Stern wollte, da wir whrend unseres diesmaligen
Aufenthaltes in Neapel ein ganz anderes, sehr seltenes und groartiges
Schauspiel, wie sie nur die Natur gibt und keine menschliche Kunst
nachzuahmen imstande ist, sehen sollten: der Vesuv hatte nmlich schon
seit lngerer Zeit alle Vorzeichen gegeben, da es demnchst zu einem
Ausbruche kommen wrde, und in der Tat konnten wir auch bald dieses
auerordentliche Naturschauspiel in seiner ganzen furchtbar-schnen
Pracht bewundern. Zuerst waren die Rauchsulen, die unaufhrlich dem
Krater dieses Berges entsteigen, mit jedem Tag dichter, strker und
dunkler geworden, und an einem Abend, ich glaube, es war anfangs Juni,
fing der Berg an, das erste Feuer auszuwerfen, das mit jedem Augenblick
zunahm, und mit der eingebrochenen Nacht sah man die Feuersulen in
ihrer ganzen Gre und Majestt; der Horizont ber dem Vesuv sowie die
spiegelnde See schienen glhend und ein Feuermeer zu bilden. Das
Feuerspeien whrte die ganze Nacht fort, und ich sah in derselben, einer
Juninacht in Neapel, dem prachtvollen Schauspiel von einem Balkon der
Fortezza nuova zu, die wir nicht verlassen durften, weil auch der
Volkshorizont mit Feuer schwanger zu gehen schien. Bald sah man die
Feuerstrme der glhenden Lava sich nach verschiedenen Richtungen hin
eine Bahn brechen, und einer derselben hatte diese so gut oder so
schlimm gewhlt, da er an hundert Landhuser und viele hundert Acker
bebautes Feld gnzlich verwstete und verbrannte; dabei war im Innern
des Berges ein so schreckliches Getse, ein so gewaltig fort und fort
rollender Donner, da viele Leute den Einsturz desselben erwarteten,
andere gar glaubten, das jngste Gericht sei im Anzug. Auf unsere
Soldaten, die nie von so etwas gehrt, machte dieses Phnomen einen ganz
besonderen Eindruck; sie hielten es fr eine sehr schlimme Vorbedeutung,
und es kostete groe Mhe, sie eines Besseren zu belehren. Das Wten und
Toben im Innern des Berges dauerte noch vierzehn Tage fort.

Das zweite Bataillon unseres Regiments war unterdessen auch angekommen,
whrend das dritte noch in Genua verblieb, und wurde zum Teil nach
Castellamare detachiert. Viele Offiziere, namentlich die verheirateten,
fr die zu wenig Raum in den Forts war, wurden aus denselben in das
schne, gerumige Kloster Giesu nuovo, aus dem die Jesuiten vertrieben
worden waren und aus dem man eine Offizierskaserne gemacht, einquartiert
und lebten daselbst recht gesellig zusammen. Madame Grenet, Madame
Alphonse, Madame Gasqui hatten nebst noch anderen Damen samt ihren
Mnnern ziemlich gerumige Wohnungen, und aus dem ehemaligen Betsaal der
guten Vter war ein Speise-, ein Spiel- und ein Tanzsaal geworden, in
den ich bisweilen die Regimentsmusik kommen lie, um ihre Proben
daselbst zu halten. Auerdem stellte ich ein Piano, das ich mietete, in
denselben, und fast alle Abende fanden oft bis nach den Theatern groe
Reunionen hier statt, man spielte ziemlich hohe Hazardspiele,
musizierte, tanzte und so weiter. Madame Gasqui sang, wie gewhnlich die
Franzsinnen singen, das heit, sie trug franzsische Romanzen mit viel
Grazie und einem ausdrucksvollen Parlando vor, hatte aber eine etwas
schneidende Stimme und distonierte bisweilen. Dies darf man bei einer
jungen, hbschen Frau nicht so genau nehmen, sondern mu im Gegenteil
alles ausgezeichnet finden. Ich war dann gewhnlich ihr Akkompagnateur,
wurde es aber auch bald auf Promenaden, in die Theater und an anderen
Orten. Herr von Gasqui war ein uerst geflliger Ehemann, der nicht
wute, was Eifersucht heit. -- Als alles gerade im besten Zug und ich
auch mit Madame Gasqui nahe am Ziel war -- verstanden hatten wir uns
schon seit der Sulenbesteigung in Rom --, muten wir ber Hals und Kopf
nach Kalabrien abmarschieren, wo unsere Angelegenheiten eine sehr
schlimme Wendung genommen hatten.

Nach Paris und London ist Neapel die grte Stadt Europas, hat ber
zwanzig Milgien im Umfang und zhlt nahe an eine halbe Million
Einwohner, unter denen ber vierzigtausend Lazzaroni sind, das heit
Menschen, die fast keine Bedrfnisse haben und kennen; wenn sie hungern,
sich mit der frugalsten Kost von der Welt sttigen; wenn sie drften,
den Durst mit reinem Wasser, manchmal mit ein paar Tropfen Wein
vermischt, lschen, und wenn sie Schlaf haben, sich da auf einer Strae
oder unter Sulenhallen auf das Pflaster oder die Platten niederfallen
lassen, wo sie sich gerade befinden, und in ihren kurzen leinenen
Beinkleidern und einem Hemd, das ihre ganze Garderobe und Habseligkeit
ausmacht, zu der im Winter noch eine Art wollener Jacke kommt, so lange
ganz sorgenlos schlafen, bis sie genug haben oder durch einen Zufall
geweckt werden. Schuhe und Strmpfe sind dem Lazzarone unbekannte Dinge.
Immer heiter, unbekmmert und lustig, lebt er in den Tag hinein, sich
wegen der nchsten oder entfernten Zukunft nie die geringste Sorge
machend. Mitten unter der zivilisierten Welt lebend, bleibt er dieser
doch ewig fremd und sieht mit der grten Gleichgltigkeit besternte
Herren und aufgedonnerte Damen in vergoldeten Staatskarossen an sich
vorberrollen, ohne da er sich etwas mehr oder vielmehr weit weniger
dabei denkt, als wenn er die Pulcinelli ihre Possen machen sieht. In der
grten Sonnenhitze lt er sich durch deren brennende Strahlen die Haut
kupferig frben, und Wind, Wetter und Regen scheinen ihn ebensowenig zu
berhren, veranlassen ihn hchstens, sich auf eine halbe Stunde einmal
in eine der vielen hundert immer offen stehenden Kirchen zu begeben. Die
Strae ist sein Speisesaal, sein Wohnzimmer und sein Schlafgemach, die
Steine seine Matratzen und Kopfkissen, der Himmel seine Bettdecke. Von
Sonnenaufgang an erfllt er die Lfte mit seinem oft melodiereichen
Gesang und dnkt sich dabei Herr der Schpfung, glcklicher als ein
Knig.

Eine der grten Sehenswrdigkeiten Neapels ist das Theater San Carlo,
nach dem zu Parma das grte der Welt und wohl auch das schnste, mit so
vortrefflich gemalten Dekorationen, da man kaum Tuschung von
Wirklichkeit zu unterscheiden vermag. Der Reichtum und die Pracht der
Kostme grenzt an das Unglaubliche, sowie die Maschinerie an das
Wunderbare; seinen hchsten Glanz erreichte es wohl unter Mrat, und ich
werde spter, wo ich gewissermaen demselben vorstand, Gelegenheit
haben, mehr davon zu sagen. Das Innere hatte sechs Galerien oder
Logenreihen, ein sehr gerumiges Parterre, in dem alle Sitze
ebensovielen Armsthlen glichen und sehr bequem waren. Jede Galerie
enthielt dreiig gerumige Palchi oder Logen, in einer jeden derselben,
die ein kleines abgesondertes Zimmer, meist mit einem Vorzimmer bildete,
war bequem fr zwlf Personen Raum; sie waren auf das geschmackvollste
mbliert, nach dem Belieben des Inhabers mehr oder weniger reich
ausgeschmckt und mit allem Komfort versehen, sogar Damentoiletten und
Spieltische fehlten nicht. In dem Vorzimmer harrten Bediente, man
wartete in den Zwischenakten mit allen erdenklichen Erfrischungen den
geladenen Gsten auf und soupierte nicht selten auch whrend der
Vorstellungen. Jeder dieser Palchi hatte zwei, auch vier Spiegel mit
Wandleuchtern, ebenso waren auerhalb und zwischen denselben Spiegel mit
drei- oder fnfarmigen vergoldeten Armleuchtern angebracht, was bei
einer vollstndigen Illumination, wo so viel tausend Kerzen durch den
Widerschein der vielen Spiegel millionenmal vervielfltigt wurden, eine
unbeschreibliche, feenhafte Wirkung hervorrief. Die Draperien dieser
Logen waren meistens von karmoisinfarbigem, genuesischen Thronsammet,
mit reichen Goldstickereien und Fransen von demselben Metall versehen.
Spter lie Mrat noch das Portal dieses Prachthauses durch ein aus fnf
Bogen bestehendes, herrliches Peristil verschnern; 1816 brannte es
jedoch ab, wurde aber ebenso prchtig wiederhergestellt. Hier wurden nur
die ganz groen Opern (_Opera seria_), Meisterwerke der Tonkunst und
Prachtballette gegeben.

In den brigen Theatern sah man die _Opera buffa_ und italienische
Lustspiele in hoher Vollendung auffhren. Das vorzglichste unter
denselben war Fiorentino, dessen Direktion damals eine Deutsche, Madame
Mller, hatte. Ich sah fter Kotzebuesche Lustspiele, recht gut
bersetzt, in demselben geben. Im Theater nuovo wurde spter franzsisch
gespielt.

Der Gebrauch, der in ganz Italien zu Hause ist, da mehrere Monate
hintereinander jeden Abend ein und dieselbe Oper und ein und dasselbe
Ballett aufgefhrt werden, scheint dem Auslnder anfangs unausstehlich,
und er begreift nicht, wie ein und dasselbe Publikum (in den Logen sind
fast immer dieselben Personen) das sich stets wiederholende Theater fast
jeden Abend besuchen mag. Aber auch diese Gewohnheit hat, wie alles,
ihre zwei Seiten; mir wollte ebenfalls dieser Gebrauch anfnglich nicht
zusagen, ich fand ihn fast unertrglich, aber fgte mich dennoch bald
darein, und zuletzt mute ich eingestehen, da er seine sehr angenehme
Seite hat und sogar das Vergngen der Unterhaltung vermehrt. Ist die
Musik der Oper gut, gediegen und gehaltvoll, so entdeckt man bei jeder
Wiederholung derselben neue Schnheiten, die man whrend den ersten
Vorstellungen berhrte und nicht auffate, mit denen man nun immer
vertrauter wird und sich im voraus darauf freut, diese lieblichen
Melodien, diese herrlichen Harmonien wieder, wenn auch zum
fnfzigstenmal zu hren; whrend der Rezitative oder wenig ansprechenden
Morceaus aber plaudert man mit seinen Nachbarn und unterhlt sich auf
das angenehmste, sobald man einmal den Inhalt und die Intrige des Sujets
kennt. So sah ich zum Beispiel Meyers vortreffliche Oper >_Ginevra di
Seozia_< mehr als sechzigmal hintereinander und mit immer steigendem
Interesse, und so erging es dem ganzen Publikum, ja als endlich eine
neue Oper in Szene gesetzt wurde und diese nach mehreren Vorstellungen
nicht sonderlich gefiel, mute _Ginevra_ wieder hervorgeholt und
abwechselnd mit jener gegeben werden. Auerdem mu das Theater in
Italien, wo die Gesellschaften und Soireen nicht in der Art wie in
Deutschland oder Frankreich florieren, diese und die gemtlichere
Geselligkeit ersetzen, und im Opern- oder Schauspielhaus wird
geplaudert, gespielt, soupiert und so weiter. Man besucht sich
gegenseitig in den Palchi, teilt sich daselbst die Neuigkeiten des Tages
und die Stadtklatschereien mit, schwatzt sich aus, und dies alles, indem
man von Zeit zu Zeit den herrlichsten Ohrenschmaus hat, wo alsdann eine
Totenstille im ganzen Haus eintritt.

Eine ganz eigene Bewandtnis hat es auch mit den italienischen
Benefizvorstellungen, und es ist wohl der Mhe wert, die bei demselben
stattfindenden sehr sonderbaren Gebruche nher kennen zu lernen.

Der Knstler, Snger, Schauspieler oder Tnzer, gleichviel, dem eine
Benefizvorstellung, hier _una serata_ genannt, zukommt, macht ebenso wie
eine Sngerin, Tnzerin, die sich in diesem Fall befindet, schon vier
bis sechs Wochen vor derselben in allen angesehenen Husern seine
Aufwartung und gibt dabei eine auf feinem, weien oder bunten Papier,
fr die Autoritten und vornehmsten Huser wohl auch auf Atlas gedruckte
Einladung ab, welche zu gleicher Zeit das Programm der Stcke enthlt,
die an jenem Abend aufgefhrt werden. Ist nun der feierliche Tag dieser
Auffhrung herangekommen, so setzt sich der Benefiziant oder die
Benefiziantin in ihrem brillantesten Kostm hinter einen schn
gedeckten, sich an dem Haupteingang des Theaters befindlichen Tisch, auf
dem zwischen vier silbernen Armleuchtern und Blumenvasen eine groe
silberne Schssel steht und der von zwei, manchmal auch vier
Grenadieren, welche Wache dabei halten, umgeben ist. Jeder Eintretende
wirft nun, je nachdem er mehr oder weniger gromtig oder wohlhabend
ist, ganz nach Belieben ein oder mehrere Stcke Geld in das Becken,
wofr ihm der Benefiziant oder die hbsche Benefiziantin mehr oder
minder grazis und verbindlich, je nachdem das hingeworfene Geld
bedeutend ist, dankt und dem Geber sehr freundliche Blicke zuwirft. Ist
die Benefiziantin eine berhmte oder schne Sngerin oder Tnzerin _en
vogue_, so regnet es Goldstcke und sogar Goldrollen in das Bassin und
wohl auch noch andere Geschenke, als Brillantnadeln, Ringe, Ohrgehnge
und dergleichen. So habe ich einmal in Florenz gesehen, da einer
solchen Prinzessin von einem schon bejahrten, aber sehr reichen
Lieferanten ein einfacher Blumenstrau dargereicht wurde, bei nherer
Untersuchung fand es sich aber, da dessen Kern, das heit Stengel, eine
Rolle von zweihundert Rusponi (Goldstcke von vierzig Franken an Wert)
enthielt. Aus anderen Buketts blitzen Sternblumen und Rosetten von
Diamanten, Rubinen oder Smaragden hervor, bei kleinen Struchen waren
die Blumen ganz von Edelsteinen, Stengel und Bltter aber von Gold und
letztere grn emailliert. So waren gewhnlich die Buketts beschaffen,
welche Mrat den Theaterprinzessinnen verehrte. Man kann bei solchen
Gelegenheiten zwar auch Billette an der Kasse lsen und das silberne
Becken ignorieren, was jedoch nicht leicht jemand tut, da der Tisch
immer von einer Menge kontrollierender Neugieriger umgeben ist. Die
Benefize des untergeordneten Personals werden aber wenig besucht, und
dieses ist zufrieden, wenn sich ein paar Hnde voll Silber in dem Bassin
befinden. Auch whrend der Vorstellung regnet es oft noch Gold, aber
besonders viel Blumen und Gedichte, welche das Lob der Benefizianten in
berschwenglichen Ausdrcken besingen, Krnze fallen von den Palchi und
aus den Ventilatoren herab, manchmal lt man auch weie, mit
Rosabndern geschmckte Tauben auf die Bhne fliegen, denen Billetts
oder Reime an den Hals gehngt sind; da eine solche Glckliche mit
einem endlosen Hallo und donnernden Bravos empfangen, wenigstens ein
halbes Hundert mal hervorgerufen und endlich harangiert und gekrnt
wird, versteht sich von selbst.

Sobald das Kommen der Zuschauer aufgehrt hat, verlt der Benefiziant
seinen Platz hinter dem Tisch, packt seine Einnahme zusammen, die bei
gefeierten Schnen bisweilen fnfzigtausend Franken und mehr betrgt,
und begibt sich auf die Bhne, wo fr diesen Abend jedenfalls einige
Extrastcke wenn nicht ganz neue Vorstellungen zum besten gegeben
werden. Nicht selten ist es auch der Fall, da sich bei solchen
Gelegenheiten Dilettanten und Dilettantinnen aus den angesehensten
Familien der Stadt zugunsten des Benefizianten, wenn dieser ein nicht
gewhnliches Talent hat, hren lassen und eine Partie in einer Oper
singen; ich selbst habe dies spter mehrmals, teils aus Liebhaberei fr
das Theater, teils der schnen Benefiziantin zuliebe in verschiedenen
Stdten Italiens getan, ohne da man bei den militrischen Behrden
irgendeinen Ansto daran gefunden htte, und ich war nicht der einzige
Offizier, der dies tat, im Gegenteil fanden es die franzsischen
Offiziere beneidenswert und genial, denn ber alle Gamaschen- und
Zopfpossen war man lngst hinaus.

Aus Unteritalien und namentlich aus Kalabrien kamen jetzt mit jedem Tag
schlimmere Nachrichten, fast stndlich trafen Kuriere und Stafetten von
den Kommandanten der Provinzen ein, welche die Lage derselben als
uerst schwierig schilderten, und alle Anzeichen schienen den Ausbruch
eines nahen und schweren Sturmes zu verknden. berall rotteten sich
Banden unter waghalsigen und unternehmenden Huptern, die nicht selten
Geistliche waren, zusammen; unter den letzteren war besonders ein
Pfarrer Petroli, der dem flchtenden Hof nach Sizilien gefolgt und
insgeheim wieder zurckgekehrt war, sehr wirksam, berhaupt spie
Sizilien, was es vom Abschaum der Banditen, Ruber und Mrder besa,
unaufhrlich an den Ksten von Kalabrien und Apulien aus; die
Geistlichkeit und Pfaffen schrten den Ha des Volkes und fachten ihn
zur verzehrenden Flamme an. Die Bandenanfhrer, die schon 1799 unter dem
Kardinal Ruffo die Unzufriedenen gegen die Franzosen gefhrt hatten und
sich noch in Sizilien befanden, wohin sie der Knigin Caroline, die sie
beschieden hatte, gefolgt waren, schickten fortwhrend ihre Emissre ab,
korrespondierten unausgesetzt mit ihren Anhngern im ganzen Reich und in
der Hauptstadt selbst, und man wute, da man in Sizilien die Landung
eines starken englisch-sizilianischen Heeres, durch alle Briganten und
Banditen Kalabriens und Apuliens verstrkt, die seiner Ankunft harrten,
vorbereitete. Die Franzosen hatten zwar einigen Anhang unter den
Gutsbesitzern und den sogenannten Patrioten, welche die verjagte
knigliche Familie tdlich haten und auf der anderen Seite den Ausbruch
der Volkswut zu befrchten hatten, aber diese, welche in einem solchen
Fall alles fr ihr Leben und Eigentum zu frchten hatten, waren um so
weniger imstande, den durch die Pfaffen wtend gemachten Pbel im Zaum
zu halten, da man von franzsischer Seite den unverzeihlichen Fehler
beging, diese der neuen Regierung gnstigen Personen nicht zu einer Art
Brger- oder Nationalgarde zu organisieren und zu bewaffnen, und
diejenigen Barone und Gutsbesitzer, von denen man wute, da sie dem
entflohenen Hof feind waren und dessen Rckkehr zu frchten hatten, an
ihre Spitze zu stellen, wodurch man sich einen festen Anhaltspunkt und
eine starke Sttze geschaffen haben wrde. General Regnier befehligte
jetzt in Kalabrien und hielt sich zu Reggio auf, um Sizilien daselbst
besser zu berwachen, konnte aber nicht verhindern, da fast jede Nacht
Hunderte der ehemaligen Streiter des Kardinals Ruffa bergesetzt wurden.
Es wurden nun bestndig Verstrkungen von Neapel nach Kalabrien
abgesandt, und so oft neue Truppen von Oberitalien in dieser Hauptstadt
eintrafen, sandte man eine gleiche Zahl weiter; so kam auch bald die
Reihe an unser Bataillon. Eines Tages erhielten wir bei der Wachtparade
in der Fortezza nuova den Befehl, binnen vier Stunden marschfertig zu
sein, um zu den Truppen zu stoen, welche der General Verdier in
Cosenza, der Hauptstadt Kalabriens, kommandierte, und die eingebrochene
Nacht traf uns schon auf dem Marsch dahin.




                                 XVIII.

   Erster Feldzug in Kalabrien. -- Portici. -- Salerno. -- Eboli. --
   Cosenza. -- Die Schlacht bei Maida. -- Scheuliche Behandlung und
    Martern der den Briganten in die Hnde gefallenen Gefangenen. --
      Die schrecklichsten Augenblicke meines Lebens. -- Grlicher
    Insurgentenkrieg und Verwstungen. -- Fra Diavolo. -- Ich nehme
       seinen Adjutanten gefangen. -- Seine Galanterie gegen zwei
      franzsische Offiziersdamen. -- Rckkehr nach Neapel. -- Fra
               Diavolos Gefangennehmung und Hinrichtung.


ber die Brcke della Maddelena, welche am entgegengesetzten Ende des
Posilippo ber das unbedeutende Flchen Sebeto fhrt, marschierten wir
nach dem wenige Miglien entfernten Portici, das unfern des Vesuv am Ufer
des Meeres liegt, ein knigliches Schlo hat, in welchem man eine
interessante Sammlung der zu Pompeji und Herkulanum ausgegrabenen
Altertmer aufbewahrte. Hier wurde ein halbstndiger Halt gemacht, und
die Soldaten und Offiziere freuten sich, das herrliche Neapel im Rcken
zu haben; denn der Dienst war ber alle Maen beschwerlich und ermdend
gewesen, man war fast nie aus den Kleidern gekommen, und auch ich konnte
mit vollem Recht >Keine Ruh bei Tag und Nacht< singen, hatte noch wenig
von Neapels Herrlichkeiten gekostet, und es war mir unmglich gewesen,
mich einen einzigen Tag ganz frei machen zu knnen, um nur den Vesuv zu
besteigen, ein Wunsch, der mir sehr am Herzen lag und jetzt in Portici,
so nahe an dem merkwrdigen Berg, von neuem erwachte und mich mit
Bedauern erfllte, ihn nicht befriedigen zu knnen, nicht wissend, ob
ich den wild-tobenden Gesellen je wieder erblicken wrde. Wir brachen
nun ber Torre del Annunciata nach Nocera auf, einem kleinen Stdtchen,
das unsere erste Etappe war. Hier ruhten wir den Tag ber, denn wir
marschierten gerade in der heiesten Jahreszeit, in der zweiten Hlfte
des Monats Juni, wo die Luft hier kochend ist. Die folgende Nacht
brachte uns nach Salerno; von Neapel bis hierher ist der Weg angenehm,
man kommt fortwhrend durch schn gelegene Ortschaften, so da man
selten eine halbe Stunde marschiert, ohne ein Dorf oder einen Flecken zu
passieren. Hier ist aber auch die Gegend und das Feld durch die Asche
des Vesuvs so auerordentlich fruchtbar geworden, da sie sechsmal
soviel Bewohner als die anderen Provinzen des Reichs ernhren kann und
auch ernhrt.

Salerno ist eine angenehme Stadt, die, von lachenden Fluren und Hgeln
umgeben, an dem Ufer des Meeres liegt und an achttausend Einwohner und
dreiig Klster hatte. Auch hier sind die Straen mit Lava gepflastert,
sonst aber schlecht gebaut.

Hier stieen wir auf einen kleinen Transport verwundeter franzsischer
Soldaten nebst zwei Offizieren. Diese teilten uns mit, da es in ganz
Kalabrien greulich aussehe, da man sich vor allem hten msse, den
Briganten (so wurden alle Insurgenten genannt) lebendig in die Hnde zu
fallen, da sie an den gefangenen Franzosen die entsetzlichsten und
unerhrtesten Grausamkeiten begingen, bevor sie solche tteten. Die
Knigin Caroline habe das ganze Land mit unzhligen Emissren
berschwemmt, welche das rohe und aberglubische Volk gegen uns
aufwiegelten, und selbst bis an die Tore von Cosenza habe sich der
Aufstand schon verbreitet. Die Geistlichkeit und die Mnche seien aber
unsere grten Feinde, sie versprchen dem Volk fr jedes Glied eines
Franzosen fnfzig Jahre weniger in dem Fegfeuer zu schmachten und fr
einen getteten Feind Absolution aller Snden, wer aber deren drei tte,
dessen Seele fahre schnurstracks in den Himmel, ohne die Hlle nur zu
berhren; dies alles glaubte das Volk wie an die Wunder der Madonna oder
an das Dasein der Sonne, auch machten uns diese Kameraden eine grliche
Schilderung von der Verpflegung und dem Mangel an guten und nhrenden
Lebensmitteln, dem wir entgegen gingen, da man selbst fr Geld nichts
erhalten knne und die Quartiere rger wie Viehstlle seien. Dies waren
saubere Aspekten, und nur zu bald sollten wir uns berzeugen, da diese
Berichte weder unwahr noch bertrieben waren.

Von Salerno kamen wir in das Stdtchen Eboli, in dessen Nhe bei dem
Dorf Buccino eine noch ganz gut erhaltene altrmische Brcke ber den
Flu Botta fhrt. Von hier wandten wir uns den Apenninen zu und
marschierten unaufhaltsam durch die Gebirge ber Lago negro, wo die
Neapolitaner erst vor wenigen Monaten von den Franzosen geschlagen
worden waren, und das mitten in Smpfen liegende Tarsia nach Cosenza, wo
wir gegen Ende Juni eintrafen. Der Weg ging fast ununterbrochen bis
Castrovillari ber Gebirge auf- und abwrts und war sehr lstig und
beschwerlich, namentlich der bergang ber den hohen Berg Gualda. Bis
hierher hatten wir indessen noch an nichts Mangel gelitten, im Gegenteil
alles im berflu gehabt. Von Tarsia aber ging der Marsch bis Cosenza,
noch zehn gute Stunden, durch Reisfelder, groe Morste und im Sommer
fast ganz ausgetrocknete Bche, die aber in der Regenzeit zu wilden,
reienden Waldstrmen werden, und war sehr unangenehm. Wir waren die
ganze Nacht durchmarschiert, ohne einen frischen Trunk Wasser, viel
weniger sonst etwas erhalten zu knnen, an einigen elenden Baracken
machten wir zwar fters Halt, aber da war fr alles Geld auch nicht das
mindeste zu haben. Erst gegen Mittag des kommenden Tages, bei der
unausstehlichsten Hitze, erblickten wir endlich, matt und mde, das
ersehnte Cosenza, das uns wie das gelobte Land erschien. Auf dem
Marktplatz daselbst angekommen, lieen sich die Leute auf das Pflaster
niederfallen und schliefen bald vor Mdigkeit auf ihren Tornistern ein,
bis sie, von den Fourieren und Sergeantmajors aufgeweckt, in ihr
Quartier, wieder ein paar Klster, gefhrt wurden.

In Cosenza schien sich brigens wider Erwarten alles ganz gut zu
gestalten, die Garnison war mit den Einwohnern ziemlich zufrieden,
besonders mit dem weiblichen Teil derselben; alle jetzt einlaufenden
Nachrichten schienen gnstig, nur in den unzugnglichen Bergschluchten
trieben die Brigantenhaufen noch ihr Wesen und verlieen ihre
Schlupfwinkel nur selten und mit der uersten Vorsicht, wo sie dann
kleine Detachements und vereinzelte Soldaten berfielen. Wir versprachen
uns in Cosenza ein weit angenehmeres, wenigstens nicht so fatiguantes
Leben wie in Neapel und bedauerten nur, keinen Feind zu sehen; aber
diese anscheinende Ruhe sollte schnell ein Ende nehmen, denn schon den
dritten Tag nach unserer Ankunft kam ein Kurier, von dem in Kalabrien
kommandierenden General Regnier abgesandt, der die Order berbrachte,
da alle in und um Cosenza stehenden Truppen bis auf tausend Mann, die
in der Stadt selbst bleiben sollten, sofort, hinlnglich mit Munition
versehen, sich ber Rogliano und Scigliano in Eilmrschen nach Nicastro
begeben sollten. Die englische Flotte war in dem Golf von Eufemia
angekommen und machte Miene, Truppen ans Land zu setzen. Noch vor
Sonnenuntergang waren wir auf dem Marsch, den wir trotz der groen
Hitze, aber teilweise auf Wagen und Karren, rastlos bis Nicastro
fortsetzten, wo wir gegen den folgenden Abend ankamen und uns auf dem
schnen Marktplatz dieser Stadt, die schon mit Truppen aller
Waffengattungen, welche Regnier eiligst an sich gezogen hatte, angefllt
war, aufstellten. Hier erfuhren wir, da der englische General Stuart
mit einer bedeutenden Heeresmacht, aus englischen und sizilianischen
Regimentern bestehend, die etwa sieben- bis achttausend Mann betrage,
schon seit sechsunddreiig Stunden in dem Golf von Eufemia gelandet sei
und sich stndlich durch den Zulauf der Kalabresen und Briganten
verstrke, deren man schon drei- bis viertausend zhle.

Noch in derselben Nacht, wir hatten kaum sechs Stunden geruht, erhielten
wir nebst den brigen Truppen Befehl zum Aufbruch und wurden smtlich
gegen die Hhen des Dorfes Maida dirigiert, wo wir zwei Stunden nach
Mitternacht ankamen und bis Sonnenaufgang biwakierten. Hier erblickten
wir das in der Ebene lngs der Kste in der Nhe der englischen Schiffe
kampierende feindliche Heer. Regnier erteilte an alle Korpskommandanten
Befehl, sich schlagfertig zu halten. Dies war am 4. Juli 1806. Die
ersten Strahlen der Morgensonne beleuchteten die Truppenmassen, Fahnen,
Schiffe und Flaggen der Feinde, und Dret, vor der Front unseres
Bataillons hersprengend, rief uns zu: Heute wird das Regiment die
Feuertaufe in offener Schlacht erhalten! Wir antworteten durch
freudiges Zujauchzen. Ich mu gestehen, da mir in diesem Augenblick
auch die Mglichkeit, hier mein Leben zu enden und Eltern und Heimat in
diesem Leben nie mehr wieder zu sehen, ins Gedchtnis kam, aber lange
hatte ich keine Zeit, solchen Gedanken Raum zu geben; das ungefhr
siebentausend Mann starke Heer wurde in Schlachtordnung gestellt, die
Position, die wir genommen hatten, war sehr gnstig, denn wir lehnten
uns an eine waldige Anhhe, hatten aber nur vier Kanonen und ungefhr
vierhundert Mann Reiterei. Die Englnder und Sizilianer dagegen waren
wenigstens zwlftausend Mann stark, hatten eine furchtbare Artillerie
ausgeschifft und konnten noch obendrein durch das Feuer ihrer kleineren
Schiffe, die auf Karttschenschuweite von dem Ufer vor Anker lagen,
untersttzt werden. Regnier hoffte, da der Feind durch seine bermacht
und seine Artillerie sich wrde verleiten lassen, uns in unserer
vorteilhaften Stellung anzugreifen, dieser hielt es aber vorerst fr
ratsam, sich nicht zu weit von seinen Schiffen zu entfernen, wrde es
jedoch vielleicht spter gewagt haben, aber Regnier verlor die Geduld,
er wute, da die Englnder schon im Besitz des Kastells St. Amantea
waren, frchtete auch, wegen der von allen Seiten einlaufenden drohenden
Nachrichten, da eine allgemeine Insurrektion ausbrechen und sich
schnell ber ganz Kalabrien und hinter unserem Rcken verbreiten knne;
er sah, wie jeden Augenblick neue Haufen Kalabresen, die alle rote
Kokarden aufgesteckt hatten, zu dem Heer des Generals Stuart stieen,
und hoffte durch einen raschen Angriff und Sieg diesem allem
vorzukommen, entschlo sich deshalb, nach acht Uhr des Morgens seine
vortreffliche defensive Stellung zu verlassen, um den Feind anzugreifen.

Ich zhlte damals noch keine siebzehn Jahre und hatte noch sehr wenig,
fast keine Kriegserfahrungen gemacht, als uns aber die Order zum
Herabmarschieren in die Ebene zukam, sagte ich zu meinem Kapitn, dem
Hauptmann Leclerc: Wir sind verloren! Dieser antwortete mir: Ich bin
Ihrer Meinung, aber was knnen wir machen! und setzten uns in
geschlossenen Reihen in Marsch. Dazu kam noch, da unsere Leute durch
die gehabten harten Strapazen noch sehr ermdet waren, ja Regnier war so
eilig, da er mehreren, soeben erst zu uns gestoenen Bataillonen nicht
einen Augenblick Ruhe gnnte, sich durch etwas Speise und Trank zu
strken. Wir rckten jetzt in zwei Treffen vor, wobei er die Truppen
sich wie auf einem Exerzierplatz durch Fahnen und Hauptfhrer richten
und so das Gewehr im Arm in Geschwindschritt vorwrts marschieren lie
und nicht einmal abwartete, bis die Reiterei den linken Flgel des
Feindes, gegen den sie beordert war, angegriffen hatte; die Voltigeurs
hatten kaum mit den feindlichen Schtzen geplnkelt, als ihnen das
Signal zum Rckzug gegeben wurde, und nachdem die Infanterie mehrmals
abgefeuert hatte, erhielt sie Order, im Sturmschritt mit geflltem
Bajonett gegen den Feind vorzurcken und denselben anzugreifen; dieser
aber, ein gut gerichtetes Feuer unterhaltend, streckte viele der
Unsrigen zu Boden. Bald hatte sich der Kampf mit blanker Waffe auf dem
linken Flgel entsponnen, die Englnder und Sizilianer umgingen ihn,
nahmen uns in die Flanken und brachten einen Teil des Heeres zum
Weichen, namentlich die Polen, von denen ein Bataillon, etwa
sechshundert Mann stark, dabei war, whrend das Bataillon der Schweizer
noch lange wie eine Mauer stand. Der rechte Flgel, von dem auch unser
Bataillon einen Teil ausmachte, leistete langen und tapferen Widerstand,
gegen eine groe bermacht kmpfend, obgleich ihn das zahlreiche
englische Geschtz verhinderte, vollstndig deployieren zu knnen.
Unsere Reiterei war unterdessen in vollem Galopp dem linken Flgel zu
Hilfe geeilt und hieb in die sizilianischen Bataillone wacker ein; aber
jetzt rckte ein soeben noch gelandetes englisches Regiment aus einem
Hinterhalt hervor und wurde so trefflich von dem Geschtz souteniert,
da bald darauf unsere Kavallerie geworfen wurde. Jetzt machten die
englischen Batterien ein so mrderisches Feuer von allen Seiten, da
bald das Schlachtfeld mit unseren Toten bedeckt war und wir den Rckzug
antreten muten, der sich in wenigen Augenblicken in eine vollstndig
unordentliche Flucht auflste. Unser Bataillon, das auf dem rechten
Flgel gestanden, war eines der letzten, welche die Retirade antraten,
die die plnkelnden Voltigeurs noch eine kurze Zeit zu decken suchten,
bis endlich auch hier die allgemeine Unordnung einri und sich die
Massen teilten. Nahe an zweitausend Tote und Verwundete muten wir auf
dem Schlachtfeld zurcklassen, unter den letzteren war auch der General
Compre und viele Stabs- und andere Offiziere, die in englische
Gefangenschaft gerieten.

Sicher hatte Regnier einen groen Fehler begangen, seine gnstige
Stellung aufzugeben und sich dem Feinde gewissermaen ohne Not in die
Arme zu werfen; denn wir waren durch Waldung, den Flu Amato und dessen
morastige Ufer geschtzt, hatten auch an Lebensmitteln keinen Mangel,
und vierundzwanzig Stunden spter wrden noch einige tausend Mann mehr
zu uns gestoen sein, die noch nicht eingetroffen waren, wie Stuart
flschlich in seinem Schlachtbericht angibt, auch wren die Englnder,
in der Ebene unter der Julisonne Kalabriens nur erst einige Tage
kampierend, schon allein durch die schlechte Luft, die in dieser
Jahreszeit in dem Tal von Eufemia herrscht und die bsartigsten Fieber
erzeugt, zum Wiedereinschiffen gezwungen worden, wollten sie nicht
dezimiert werden; und griffen sie uns in unserer guten Stellung an, wo
ihr Geschtz wenig oder gar nicht wirken konnte, so waren sie verloren.
Auch eine persnliche Rcksicht bewog den sonst behutsamen und
erfahrenen General Regnier zu diesem fast tollkhnen Angriff; derselbe
Stuart hatte nmlich schon in dem gyptischen Feldzug diesem
franzsischen General eine Schlappe beigebracht; er wollte sich deshalb
an ihm rchen und hoffte die Englnder gefangen zu nehmen. -- Als
Napoleon diese Niederlage erfuhr, rief er aus: Regnier ist immer
unglcklich! Diese verlorene Schlacht in dem kaum eroberten Reich hatte
uerst nachteilige Folgen fr uns und gab dem Nimbus der franzsischen
Unberwindlichkeit eine arge Ble. Auf der anderen Seite ist in
Erwgung zu ziehen, da jeden Augenblick ein allgemeiner Aufstand in
unserem Rcken zu befrchten war, wo wir dann zwischen zwei Feuern
standen. Der Rckzug wurde gegen Catanzano zu genommen und wre sicher
vllig miglckt, wenn die Englnder ihren Sieg gehrig zu benutzen
verstanden und die Flchtigen sogleich verfolgt htten; aber sie blieben
in bequemer Unttigkeit nach der Schlacht und berlieen die Verfolgung
den ganz undisziplinierten Insurgentenkorps, die sich ihrerseits wieder
mit der Plnderung der Toten und so weiter verweilten. Regnier gelang
es, mit einigen Trmmern des Heeres die Ksten des Golfs von Tarent zu
erreichen, er wurde aber auf diesem Rckzug bestndig beunruhigt, verlor
fortwhrend viele Leute, welche, sowie mehrere von dem Gros getrennte
kleine Abteilungen, meistens den Insurgenten in die Hnde fielen und
denen dann ein schreckliches Los ward. Die durch die Briganten verbten
Grausamkeiten gingen so weit, da sich Stuart selbst veranlat fand, die
Kalabresen in einer Proklamation zu mehr Menschlichkeit zu ermahnen;
dies half aber wenig; weit mehr ntzte es, da er fr jeden ihm lebendig
abgelieferten gemeinen franzsischen Soldaten fnf und fr jeden
Offizier fnfzig Ducati versprach. Diese Insurgenten nagelten gewhnlich
die ihnen in die Hnde fallenden Franzosen lebendig an Bume oder
Pfhle, durchstachen ihnen die Augen mit glhenden Eisen, rissen ihnen
die Zunge aus dem Halse, schnitten ihnen Nase und Ohren, ja die
Schamteile ab, die sie ihnen sodann unter den rohesten Scherzen in den
Mund steckten, brachen ihnen auch fters alle Zhne, einen nach dem
anderen aus, gossen siedendes Pech oder geschmolzenes Blei in die Wunden
der ganz entkleideten Krper und verbten noch namenlose andere Greuel
an den unglcklichen, oft schon ganz verstmmelten Schlachtopfern ihrer
Wut, die sie selbst dann noch fortsetzten, wenn der schrecklich
Gemarterte schon lngst seinen Geist aufgegeben hatte. Und nicht nur
Mnner waren es, die solche Untaten verbten und sich mit Lust an dem
grlichen Schauspiel weideten, sondern auch Frauen hatten fast noch
mehr ihre satanische Freude daran und halfen mit Rat und Tat neue Qualen
erfinden und vollziehen. Ein gleiches Schicksal hatten selbst diejenigen
ihrer Landsleute, welche als Anhnger der Franzosen bekannt waren.
Prinzen und Bischfen, Weibern und Mdchen, Greisen und Kindern, auch
wenn nur deren Verwandte fr Freunde der Franzosen galten, wurde
gleiche, den Mdchen und Frauen noch schrecklichere Schmach und
Behandlung, wenn sie ihnen in die Hnde fielen. Ganze Drfer und Stdte,
die man fr franzsisch gesinnt hielt, wurden unter dem Ruf: _Viva
Ferdinando quarto, la morte ai Francesi!_ niedergebrannt und der Erde
gleichgemacht. Diese fanatische Wut war durch die Mnche erzeugt worden,
die kein Mittel verabscheuten, das Volk dazu zu bringen.

Sehr gefhrlich waren die Retiraden durch die Drfer und Stdte, wo
Weiber und Kinder an der Ehre teilnahmen, dem fliehenden Feinde zu
schaden; Abteilungen von zwei- bis dreihundert Mann wurden nach der
Schlacht bei Maida in den Orten, durch die sie kamen, angefallen, und
unter den heftigsten Verwnschungen und Flchen go man auf die
durcheilenden Truppen siedendes Wasser oder warf Steine von den Dchern
und aus den Fenstern auf sie herab, und von den Insurgenten verfolgt,
wurde man jenseits des Ortes oft von einem anderen Haufen, durch den man
sich schlagen mute, erwartet, konnte also nicht daran denken, sich in
den Straen der Drfer gegen die Unbilden wehren zu wollen. Die
Briganten, die jeden Weg, jeden Schlupfwinkel kannten, verloren die
Fliehenden nie aus den Augen, umgaben sie bestndig unsichtbar von allen
Seiten, kamen ihnen oft zuvor und mehrten sich mit jedem Schritt
vorwrts, unendlichen Schaden zufgend. In den meisten Orten war man von
der Ankunft der fliehenden Franzosen und ihrer Niederlage schon
unterrichtet und empfing sie mit dem Wutgeschrei: _Ah cani francesi!_
Dabei hatten die Fliehenden nicht selten noch mit dem uersten Mangel
und Hunger zu kmpfen.

Auch mich htte um ein Haar breit beinahe das Schrecklichste getroffen,
und nur durch ein halbes Wunder entging ich dem martervollsten Tod. Ich
war einer mit von den letzten, die das Schlachtfeld verlieen, und hatte
versucht, wenigstens die Bagage unseres Bataillons zu retten, aber
vergeblich. Alles fiel in der Feinde Hnde, also auch mein Gepck,
dessen Verlust ich indessen gerne verschmerzt htte, wenn sich nicht
mein Klavierauszug des Don Juan, Schillers Fiesko, Don Carlos und
Cramers Adolph der Khne, Raugraf von Dassel, dabei befunden htten, ein
fr jetzt nicht zu ersetzender Verlust; Haarlocken und einige Billette
mehrerer meiner Schnen aber trug ich bei mir in einem Portefeuille in
meiner Brusttasche. Da ich mich endlich auch auf die Flucht begeben
mute, wenn ich den Englndern nicht in die Hnde fallen wollte, so
raffte ich noch einige sechzig Mann von unserem Regiment, grtenteils
Voltigeure, zusammen, die sich noch vorfanden, und warf mich mit diesen
in die nahe Waldung und die Gebirge, kam glcklich zu Nicastro an, brach
aber, da es hier mit jeder Minute unsicherer zu werden begann, noch in
der Nacht weiter auf und wieder in die Gebirge, denn in diesen
Wildnissen glaubte ich mich weit sicherer als auf den Landstraen und in
den Ebenen, wo mein kleines Detachement jeden Augenblick aufgehoben
werden konnte. Ich irrte mit meinen Leuten auf das Geratewohl, ohne
Munition und Lebensmittel, ohne Wegweiser, ohne Karten, ohne die
geringste Kenntnis des Landes in dem Waldgebirge umher, jeden Augenblick
frchtend, dem Feinde in die Hnde zu fallen. Wir begegneten endlich
einem Bauer, der aus dem Stdtchen Taverna kam, das in der Nhe lag, den
ich sogleich festhielt und durch Drohung des augenblicklichen
Niederstechens, wenn er mir die geringste Unwahrheit sage, von ihm
herausbrachte, da vor ein paar Stunden eine Abteilung Insurgenten aus
demselben abgezogen sei, um zu den Sizilianern zu stoen, da man aber
zu Taverna noch nichts von unserer Niederlage wisse. Ich traute dem
Bauer dennoch nicht, da wir aber beinahe vor Hunger umfielen und auch
keine uns so notwendige Munition mehr hatten, so beschlo ich nach
kurzer berlegung, einen gewagten Streich auszufhren, der, wenn er
glckte, uns aus der Not helfen und mich fr den Augenblick aus dieser
fatalen Lage ziehen mute; miglckte er, so waren wir nicht viel
schlimmer daran wie jetzt auch. Ich marschierte nun, von dem Bauer
gefhrt, gerade nach Taverna, lie aber den Fhrer unter strenger
Bewachung zweier Korporale vor demselben zurck, mit dem Befehl, ihn
niederzumachen, wenn sie Unrat merkten und er uns hintergangen habe. In
das etwa fnfzehnhundert Seelen zhlende Stdtchen eingerckt, lie ich
mich durch den ersten Einwohner, dem ich begegnete, zu dem Sindico
fhren und kndigte diesem an, da ich die Avantgarde eines mir
folgenden Regiments kommandiere, das noch heute von Neapel eintreffe,
befahl ihm, mir sofort die Krmer anzuzeigen, die mit Pulver und Blei
handelten, vorgebend, die strengste Order zu haben, mir dieses abliefern
zu lassen, bei Strafe des Erschieens desjenigen, der dessen Besitz
verheimliche. Dies hatte die gewnschte Wirkung, und in weniger als
einer halben Stunde erhielt ich ber achtzig Pfund Pulver und noch
dreimal soviel Blei und Schrot, hierauf requirierte ich Brot und Wein
und mehrere Pferde, die erhaltenen Lebensmittel zu transportieren, gab
ber alles gehrig Empfangscheine und verlie hierauf das Stdtchen, dem
geflligen Herrn Sindico anbefehlend, ja bestens fr die Quartiere der
demnchst ankommenden Truppen zu sorgen, damit er keine
Unannehmlichkeiten zu gewrtigen habe, was mir der gute Mann versprach;
ich entfernte mich nun, vorgebend, dem Regiment entgegenmarschieren zu
mssen, um dem Oberst desselben ber alles gehrig Rapport zu erstatten,
nahm vor dem Stdtchen den noch verhafteten Bauer wieder mit, der mir
den nach Cosenza einzuschlagenden Weg zeigen mute, worauf ich ihn mit
einigen Carlini fr seine gehabte Mhe und ausgestandene Angst entlie.
-- Es war hohe Zeit, da ich Taverna verlassen hatte, denn eine Stunde
darauf rckte ein Streifkorps von fnfhundert Insurgenten daselbst ein,
die sich jedoch wieder zurckzogen, als sie hrten, da man ein
franzsisches Regiment erwarte, das bereits angesagt und im Anmarsch
sei. Zur rechten Zeit hatten wir auch den Vorrat von Munition erhalten,
denn nachdem wir einen groen Teil der Nacht im Wald biwakiert hatten,
wurden wir den anderen Morgen von einem an hundertfnfzig Mann starken
Insurgentenhaufen angegriffen, durch den ich mich mit einem Verlust von
drei Mann schlagen mute, ihn aber in die Flucht trieb und dann weiter
retirierte, da sich der Haufen durch herbeieilende Bauern vermehrte. So
schlug ich mich, ohne einen anderen Wegweiser zu haben als bisweilen
einen aufgefangenen Kalabresen, noch mehrmals von Insurgenten
angegriffen, alle Ortschaften meidend, ohne andere Lebensmittel als hier
und da weggenommene Ziegen und Pferde, die schnell gettet und am Feuer
gebraten wurden, unter tausend Gefahren bis nach Palenza durch, wo ich
nach sieben Tagen, noch sechsundfnfzig Mann stark, in einem
bejammernswerten Zustand ankam und die erste Untersttzung und das erste
Brot wieder erhielt, da bis hierher noch keine Insurgenten gekommen
waren. Whrend dieser Zeit hatten wir unter keinem Dach geschlafen,
sondern biwakierten, wo wir ruhten. Die eine Hlfte der Mannschaft
bewachte die andere, wenn sie schlief, und wurde dann von dieser
abgelst. Aber noch einmal gerieten wir, und ich ganz besonders, in die
furchtbarste Lage.

Nur noch wenige Meilen von Cosenza entfernt, ohne es jedoch genau zu
wissen, hatten wir uns in einer Vertiefung des Waldgebirges Sila
gelagert, um neue Krfte zum Weitermarschieren zu sammeln und endlich in
der Hauptstadt des diesseitigen Kalabriens das Ziel unserer unsglichen
Leiden zu finden. Noch unentschlossen, welchen Weg ich einschlagen
solle, um dieses Ziel baldmglichst zu erreichen, ritt ich ganz allein
(ich hatte mich durch ein requiriertes Pferd beritten gemacht) auf eine
mit niedrigem Gestruch bewachsene Anhhe, um von dieser aus die
Umgegend berschauen und rekognoszieren zu knnen. Jenseits des Hgels
aber, den ich eine Strecke hinabreiten wollte, um noch eine andere
Anhhe zu erreichen, fing der Boden an sumpfig zu werden, worauf ich
anfnglich nicht achtete, aber mit jedem Schritt vorwrts wurde er
seichter, und pltzlich sank zwischen dichtem Gestruch das Pferd bis
beinahe an den Bauch in die Brche; ich stieg nun ab und geriet selbst
bis an die Knie in den Sumpf, und da ich weder mir noch dem Pferd helfen
konnte, so scho ich eine Pistole ab, in der Hoffnung, da es vielleicht
meine Leute hren und mir zu Hilfe kommen wrden. Aber in demselben
Augenblick fielen zwei Schsse, von denen mir der eine am linken Ohr
vorberpfiff, der andere aber mitten durch meinen Tschako fuhr. Gleich
darauf sprangen sieben bewaffnete Banditen aus dem Gebsch, packten mich
von hinten beim Kragen, rissen mir die Epauletten von den Schultern, die
Uniform vom Leibe und entwaffneten mich, ehe es mir mglich gewesen, in
meiner Lage nur die Hand an den Degen zu legen, um mich zu verteidigen.
Sie schickten sich an, mich auf kannibalische Art zu schlachten, indem
sie schrien: _Ah cane francese, sei fritto!_ Da ich wute, wie diese
Unmenschen mit den Gefangenen umzugehen pflegten, so schwebten mir in
diesem Augenblick alle diese grlichen Martern vor Augen; man kann sich
denken, in welchem Gemtszustand ich mich befand. Als die Briganten im
Begriff waren, mir auch das Hemd vom Leibe zu reien, da machte
pltzlich der, welcher gerade vor mir stand, das Zeichen des Kreuzes und
rief: _Santissima Madonna!_ Auch die anderen bekreuzigten sich, und
einige unter ihnen sprachen: _Ah  buon Christiano  di buona fede,
lasciamolo._ Dies hatte die Reliquie bewirkt, die ich zu Loretto
mitgenommen und noch immer auf der bloen Brust trug, ohne daran zu
denken, und welche die Ruber erblickt hatten und sehr gut erkannten.
Einige wollten sie mir abnehmen, die anderen aber stritten dagegen, und
es entspann sich ein ziemlich heftiger Wortwechsel zwischen ihnen, von
dem ich nur soviel verstand, da die einen meinten, der Himmel wrde sie
sogleich strafen, wenn sie jetzt noch Hand an mich legten, andere aber
meinten, das habe nichts zu sagen. Whrend sie noch so um mich und mein
Leben stritten, fielen mehrere Schsse, durch welche einer der Briganten
in den Arm getroffen wurde, und gleich darauf sprangen Karabiniers und
Voltigeurs von meinen Leuten aus dem Gebsch und befreiten mich aus den
Hnden meiner Henker, die mit Hinterlassung eines Teils ihrer Waffen die
Flucht ergriffen. Die Soldaten halfen mir und meinem Pferd aus dem
Morast, und ich dankte der Vorsehung und der Madonna von Loretto fr
meine wunderbare Rettung, nahm mir aber vor, nie mehr allein in
Kalabrien auf Rekognoszierung in die Bsche zu reiten. Ich war zwar
gerettet, allein wir waren noch lange nicht ber die Berge, obgleich wir
mit Hilfe eines aufgefangenen Bauern ohne weiteren Unfall glcklich
Cosenza erreichten, wo sich der General Verdier mit ein paar tausend
Mann befand.

Ich erstattete diesem General einen treuen Bericht ber das Vorgefallene
und auf welche Art es mir gelungen war, mich mit meinen Leuten bis nach
Cosenza durchzuschlagen; mit Verwunderung hrte er mich an, staunte
namentlich ber meine wunderbare Rettung aus den Klauen der Briganten
und lud mich mehrmals zu Tische ein, wo ich einige interessante
Bekanntschaften mit kalabresischen Edelleuten, Anhngern der Franzosen,
machte. Aber die Lage von Cosenza wurde mit jedem Tag schwieriger, die
Insurrektion immer drohender, der Aufstand wurde allgemein, die Flammen
des Aufruhrs loderten um uns her, und bald waren wir von Briganten und
Insurgenten umringt, die Bewohner der nchsten Umgegend und selbst die
mivergngten Einwohner der Stadt fingen an, ihre Hupter drohend zu
erheben, der Ruf: >_maladetti cani francesi_< wurde immer lauter, und
von den einlaufenden Nachrichten war immer eine schlimmer als die
andere. Von Sizilien aus wurde das ganze Land mit Proklamationen
berschwemmt, in denen man die getreuen Kalabresen zur Bekmpfung und
zum Morden der Franzosen aufforderte, ihnen alle mglichen
Versprechungen machte und Untersttzungen zusagte, sowie da Ferdinand
IV. sich bald selbst an ihre Spitze stellen wrde, auch sandte man
fortwhrend alles Raubgesindel, Mrder und Diebe Siziliens in Masse nach
Kalabrien. -- Reggio und das Kastell Scylla waren wieder in Feindes
Hnde gefallen, und die Schiffe Sidney Schmidts fhrten Munition und was
zum Kriegsbedarf gehrte, in groem berflu allen Orten der Kste zu.

Verdier entschlo sich nun, um nicht vllig eingeschlossen zu werden, so
lange noch eine Mglichkeit vorhanden war, die Hauptstadt Kalabriens zu
rumen. Wir verlieen Cosenza in ziemlich guter Ordnung, doch nicht ohne
allen Verlust, und zogen uns in der Richtung von Neapel in das Gebirge
zurck, wo wir einige Kanonen einbten. Lebensmittel wurden in den
Drfern und Ortschaften, in deren Nhe wir kamen, gewaltsam requiriert,
wobei es nicht selten zwischen den dahin gesandten Abteilungen und den
Bauern zu Ttlichkeiten und zum Blutvergieen kam. Wir biwakierten, wenn
wir ruhten, was jedoch nicht hufig der Fall war, unter freiem Himmel,
und jeden Tag kam es zu Neckereien mit den Insurgenten. Eine Abteilung
von fnfhundert Mann, bei der auch ich mich mit meinem Detachement
befand und die nach Ritorto, einem groen Flecken, beordert war, fand
sich pltzlich von drei Seiten von zahlreichen bewaffneten
Brigantenhaufen, unter denen sich mehrere Kompagnien sizilianischer
Infanterie, ein paar Schwadronen Reiterei und sogar einige englische
Dragoneroffiziere befanden, umringt. Von allen Seiten gedrngt, blieb
uns kein anderer Weg als der nach Cosenza fhrende offen, wir warfen uns
wieder in diese Stadt, wo man uns aber mit einem Hagel von Steinen und
dem Ausruf: _Maladetti cani!_ empfing und siedendes Wasser und l auf
uns go. Auch die Feinde waren fast zu gleicher Zeit mit eingedrungen,
und es entspann sich ein hartnckiger Kampf in den Straen selbst, bei
dem ich einen tiefen Sbelhieb in den rechten Arm von einem feindlichen
Dragoner erhielt, der aber fast in demselben Augenblick von einem
franzsischen Grenadier vom Pferde gestochen wurde. Die Wunde blutete
zwar stark, ich lie mir sie aber durch einen unserer Leute mit dem von
dem Hemde eines Toten abgerissenen rmel verbinden und schlug mich mit
den brigen durch die Straen wieder zum Tor hinaus, wo wir retirierend
uns fortwhrend auf das eifrigste unserer Haut wehren muten;
wahrscheinlich wrden wir dem uns verfolgenden, bald mehrere tausend
Mann starken Feind unterlegen sein, wenn wir nicht glcklicherweise
jenseits der Stadt, gegen Montalto zu, auf die Avantgarde eines
franzsischen Linienregiments gestoen wren, das von Salerno her im
Marsch war und die Garnison von Cosenza verstrken sollte. Ein Bataillon
dieses Regiments folgte bald seiner Avantgarde, dessen Chef sich nun uns
anschlo, und so waren wir instand gesetzt, nicht nur den verfolgenden
Feind wieder Face zu machen, sondern auch der angreifende Teil zu
werden und ihn zurckzuschlagen. Jetzt lie ich mir durch den
Bataillons-Chirurgus meine Wunde, die zwar nicht gefhrlich war, aber
doch bis auf den Knochen ging, kunstgerecht verbinden und hatte nahe an
drei Wochen zu tun, bevor ich den Arm wieder gehrig brauchen konnte.
Noch denselben Abend gelang es, uns wieder mit Verdiers Division zu
vereinigen, der sein Hauptquartier in einem groen Flecken, etwa zehn
Miglien von Cosenza, das nun mit Insurgenten und feindlichen Truppen
berfllt war, aufgeschlagen hatte. Unsere Lage war indessen immer noch
sehr kritisch, besonders da der so gefrchtete Brigantenchef oder
eigentlich Ruberhauptmann Fra Diavolo mit seinen zahlreichen Banden
rund um uns herum sein Wesen trieb. Wir muten uns die folgenden Tage
mit ansehnlichem Verlust durch Tarsio und Cassano, die sich in vollem
Aufstand befanden, schlagen und kamen endlich zu Matera, der Hauptstadt
der Basilicata, an, wo uns der daselbst kommandierende General, der noch
nicht beunruhigt worden war, alle ntige Hilfe zukommen lie. Hier
erfuhren wir, da die wichtige Festung Gata endlich bergegangen und
deren starkes Belagerungsheer bereits unter dem Oberbefehl des Marschall
Massena auf dem Marsch nach Kalabrien begriffen sei. Diese Neuigkeit gab
uns frischen Mut und Zutrauen und machte zugleich bei den Insurgenten
einen fr uns so vorteilhaften Eindruck, da diese es wenigstens nicht
mehr wagten, uns in offener Fehde anzugreifen; Gatas Fall paralysierte
so ziemlich die Wirkung der Niederlage von Maida. Durch frisch
angekommene Truppen verstrkt, rckten wir nun wieder vor, bald waren
die Insurgenten aus Cosenza und der Umgegend verschwunden, wir besetzten
die Stadt neuerdings, in der Verdier abermals sein Hauptquartier
aufschlug; die unter seinem Befehl stehenden Truppen waren wieder bis
auf sechstausend Mann angewachsen. Cosenza mute eine sehr bedeutende
Kontribution erlegen, und wir ergriffen allenthalben die Offensive.

Bald nach unserer Wiederbesetzung Cosenzas verlie ein Korps von
ungefhr dreitausend Mann, bei dem auch mein Detachement, diese Stadt,
die Insurgenten zu verfolgen; den dritten Tag nach unserem Ausmarsch
trafen wir in der Ebene von Cocozza auf ein bedeutendes
Insurgentenkorps, das zu umstellen uns so gelang, da es nach einer
kurzen, aber heftigen Gegenwehr fast gnzlich niedergemacht wurde, nur
etwa dreihundert Mann davon entkamen, die nach Amantea flchteten, wo
sie sich in ein Kloster warfen. Als wir aber schnell nach dem
erfochtenen Sieg in Amantea einrckten, ergaben sie sich, Pardon
erflehend, unter der Bedingung, ihnen das Leben zu schenken, was auch
zugestanden wurde, aber auch nichts weiter. Sie wurden smtlich
geschlossen unter guter Eskorte nach Neapel abgefhrt, wo man die
meisten zur Galeere verurteilte. Das Kastell von Amantea hielt sich aber
noch lnger und fiel erst nach einer fnfundzwanzigtgigen Belagerung.

Massena rckte jetzt in Eilmrschen heran; dies und der Fall von Gata,
dessen moralische Wirkung auerordentlich war, gab schnell den Dingen im
ganzen Knigreich eine andere Wendung. In Neapel selbst hatte man zu
gleicher Zeit eine groe Verschwrung entdeckt, die genau mit der
Landung der Englnder und Sizilianer und dem Aufstand in Kalabrien
zusammenhing. Man ging jetzt daselbst mit einer vielleicht zu raschen
Energie zu Werk, und tglich wurden nach sehr kurzen summarischen
Verhren eine groe Zahl der Verschworenen hingerichtet, welche durch
aufgefangene Briefe, geheime Korrespondenz und Polizeispione
ausgemittelt und entdeckt worden waren, aber gewi verlor auch mancher
ganz unschuldig sein Leben. Bald war nun keine englische Uniform mehr
auf dem ganzen festen Land des Knigreichs zu erblicken, die Englnder
berlieen die Kalabresen ihrem Schicksal, das traurig und furchtbar
genug war. Teuer muten sie die von den Pfaffen versprochene Befreiung
vom Fegfeuer und aus der Hlle bezahlen und erhielten statt der ihnen
ebenfalls versprochenen zeitlichen Gter einen oft sehr grausamen Tod.
Freilich waren die von ihnen besonders auch an den eigenen Landsleuten
begangenen Grausamkeiten scheulich genug gewesen, sie hatten vom
Sugling bis zum neunzigjhrigen Greis, von dem zartesten Mdchen bis
zur ehrwrdigsten Matrone alles, was sie den Franzosen geneigt glaubten,
unter teuflisch ausgesonnenen Qualen gemordet und die Mdchen und
Jungfrauen vom siebten Jahre bis zum blhendsten Alter aus den besten
und edelsten brgerlichen und adeligen Familien, bevor sie sie tteten,
geschndet und genotzchtigt, ja noch nach deren Tod ihre viehischen
Lste an den blutigen Leichnamen gesttigt. Besonders waren es die
Ruberbanden vom Handwerk, die sich diesen Teufeleien mit aller Lust
berlieen, und ein halbes Hundert befriedigte nicht selten der Reihe
nach seine Geilheit an ein und demselben unglcklichen Schlachtopfer,
das ihnen in die Hnde gefallen war, wobei diese Ungeheuer das
Hohngelchter der Hlle erschallen lieen.

Da jetzt fast ebenso scheuliche Repressalien angewandt wurden, war
zwar nicht zu verantworten, aber natrlich und nicht gut zu verhindern.
Wir verfuhren indessen bei weitem nicht so raffiniert, sondern mehr
summarisch, bergaben dem verzehrenden Feuer ganze Stdte und Drfer, in
welchen die Unsrigen ermordet worden waren, und alles, was sich lebendig
und tot in denselben befand, wurde ein Raub der Flammen. So gingen
hintereinander Lauria, San Pietro, Latronico, Raparo, Fondico, Scigliano
und so weiter mit allem, was sie enthielten, im Rauch auf. Entwaffnet
wurden alle Ortschaften, wo wir hinkamen, ohne Ausnahme, und jeder
Einwohner, bei dem man nach vierundzwanzig Stunden noch eine Waffe oder
ein Stilet vorfand, wurde auf der Stelle erschossen. Ganze Transporte
von Verdchtigen wurden in Ketten nach der Hauptstadt geschafft, wo sie
meistens ein schreckliches Los erwartete, und allenthalben hatten wir
Militrgerichte niedergesetzt, die mit den Angeklagten kurzen Proze
machten und diese zu Dutzenden erschieen lieen. Jeder Ort, der nur den
geringsten Anschein hatte, als wollte er es versuchen, Widerstand zu
leisten, wurde sofort geplndert und dann niedergebrannt. Da unsere
Soldaten dabei mit den jungen Mdchen und Weibern nicht viel besser
umgingen, als es die Insurgenten gemacht hatten, ist leider nur zu wahr,
doch badeten sie sich nicht in deren Blut nach gebter Lust und
schndeten auch keine zu Tod, auch bewies das Benehmen mancher dieser
Weiber, da ihr eine so abgezwungene Gunst gerade nicht ganz
unwillkommen war, und mehrere folgten sogar ihren gewaltsamen Verfhrern
nach dem Tod ihrer Mnner oder Vter.

Der strengste militrische Despotismus wurde berall eingefhrt, wo wir
die Herren waren, aber wir waren es noch bei weitem nicht allenthalben,
noch hatten die Insurgenten die strksten Positionen und die
bedeutendsten Engpsse in ihrer Gewalt, die nicht ohne groe Verluste
und immer mit der blanken Waffe genommen werden muten. Indessen hatten
wir es doch bald nur noch mit einzelnen Banden zu tun, auf die wir Jagd
machten und die sich meist in die unzugnglichsten Schlupfwinkel der
desten Wildnisse, in verborgene Felsenklfte und Tler zurckgezogen
hatten, namentlich in die Basilicata, mit die wildeste und unbekannteste
Provinz im ganzen Reich, in deren Schluchten und Wlder einzudringen
fast unmglich ist. Aus diesen Verstecken machten die Briganten
fortwhrend Ausflle auf kleine Militrabteilungen und in die nchsten
Ortschaften, vortrefflich durch ihre Spione unterrichtet, wenn sie es
gefahrlos tun konnten. Diese Banden trieben auch das Handwerk des
Straenraubs und verbten Raubmorde ohne Unterschied gegen alle
Parteien.

Noch immer stand ich mit meiner Abteilung, die jetzt bis auf einige
vierzig Mann zusammengeschmolzen war, bei der Division Verdiers, mit der
wir die meisten Strapazen und Gefechte teilten, wobei wir oft in acht
Tagen nicht unter Dach und Fach kamen, unser Bett die rauhe Erde, unsere
Decke das Himmelszelt war, und froh sein konnten, wenn wir etwas
Maisstroh zum Lager erhielten. Bei dieser Gelegenheit konnte ich recht
den Charakter der verschiedenen Nationen, denen meine Leute angehrten,
beobachten. Die Russen waren alles zufrieden, beschwerten sich ber
nichts, wenn ihnen nur der Aquavit nicht ausging, und sie etwas Fett,
Talg, l, gleichviel, zu ihrem Brot erhielten; da sie auch Braten nicht
verschmhten, wenn sie ihn haben konnten, versteht sich von selbst; den
Wein lieen sie wie Wasser die Gurgel hinabgleiten, und stahlen mit den
Ungarn um die Wette, was ihnen anstand, standen aber im Feuer wie Mauern
und Felsen. Die sterreicher und Bhmen waren besonders dem Mehl und dem
Tabak gefhrlich, hatten sie Kndel und berhaupt Mehlspeisen vollauf,
dann war alles gut, aber satt muten sie sein, wenn etwas mit ihnen
anzufangen sein sollte, ihr grter Greuel war, mit leerem Bauch
marschieren zu mssen, dem Wein waren sie hold, und war der Wanst voll,
so standen auch sie gut im Feuer, dabei gehorchten sie, ohne auch nur
eine Miene zu verziehen; werden sie gut angefhrt, so ist mit diesen
Truppen etwas anzufangen, der gemeine Mann und Unteroffizier ist dann
eine vortreffliche Maschine; weniger sind sie bei dem leichten Dienst im
Feld brauchbar, wozu ihnen in der Regel die ntige Gewandtheit abgeht,
namentlich den Bhmen. Die Preuen, von denen ich auch einige bei mir
hatte, waren in vielen Stcken ganz das Gegenteil, besonders gut zu
allen Kriegslisten zu gebrauchen, und bei vieler Windbeutelei besaen
sie doch viele persnliche Tapferkeit und waren Waghlse. Die Polen
kamen ihren Todfeinden, den Russen, am nchsten, waren aber womglich
noch schweinischer, namentlich immer voll Ungeziefer. Die Ungarn, sehr
tapfer, sprten hauptschlich den Speckseiten nach, mit deren Schwarten
sie sich den ganzen Krper und die Haare einschmierten und sich den Rest
vortrefflich schmecken lieen. Es gibt aber auch nichts Zarteres und
Kstlicheres, als so ein schwarzes italienisches Schwein, das mit
ausgepreten Oliven gemstet ist und ein uerst delikates Fleisch hat.
Am unverdrossensten waren jedoch die Franzosen, wenn sie vierundzwanzig
Stunden marschierten, nichts zu nagen noch zu beien hatten, waren sie
nichtsdestoweniger heiter und guter Dinge; schlugen sich, wenn es ntig
war, ebenso mutig, als kmen sie von einem sybaritischen Mahl, selbst
mit dem Teufel herum, und machten ihre Privathndel immer unter sich mit
der Klinge aus. Die Italiener waren Duckmuser, mrrisch, ewig
unzufrieden, im Dienst nicht zuverlssig, und zeigten den wenigsten Mut
in offener Schlacht; sich in sichern Hinterhalt legen war ihre Sache.

Eines Morgens, nachdem wir den Abend vorher in Squillaci eingerckt
waren, trafen die Rudera unsers ersten Bataillons, von Dret angefhrt,
ganz unerwartet daselbst ein. Der brave Mann schien ordentlich gerhrt,
als er mich sah, und bezeigte eine groe Freude; er hatte mich lngst
unter den Toten geglaubt, nahm groen Teil an dem Schicksal, das mich
seit unserer Trennung betroffen hatte, und hrte meinen Berichten mit
der grten Aufmerksamkeit zu. Mehr als einmal rief er aus: _Mais c'est
inoui!_ Am meisten wunderte er sich, da ich mich nach der Schlacht von
Maida so durchzuschlagen gewut, und meinte, ich wrde einst noch ein
tchtiger General werden. Indessen erfuhr ich von ihm und einigen andern
Offizieren des Bataillons, da sie whrend der Zeit ebenfalls nicht auf
Rosen gebettet waren, furchtbare Mrsche und Kontremrsche unter
bestndigen Gefechten mit den Feinden hatten machen und sich fortwhrend
durch zahlreiche Haufen von Insurgenten schlagen mssen, wobei sie viel
Leute und fast die Hlfte der Offiziere, unter denen auch mein Kapitn,
Herr von Leclerc, war, verloren. Zu Strongoli und Conigliano hatte man
ihnen das Durchmarschieren und die Lebensmittel verweigert, beides
muten sie durch blutigen Kampf erzwingen, und erst in Cassano hatten
sie einigen festen Fu fassen und sich etwas erholen knnen. Das
Bataillon, nun auch ein Teil von Verdiers Division, machte Jagd auf die
Briganten, was, wenn auch fast immer sehr beschwerlich war, doch
mitunter auch nicht ohne lustige Abenteuer ablief; gar manche
schwarzugige und schwarzhaarige Kalabresendirne, die uns in die Hnde
fiel, war uns doch nicht so abhold bei nherer Bekanntschaft, und ich
entsinne mich immer mit Vergngen eines allerliebsten blutjungen
Mdchens, Tochters eines Sindico, die zuerst gezwungen und dann
freiwillig und vergngt eine lngere Zeit Berge und Wlder mit mir
durchzog, auch uns manchmal von groem Nutzen in diesen unwirtlichen
Gegenden war. Als ich sie endlich in ihre Heimat, ein Dorf in dem jetzt
grtenteils niedergebrannten Silawald, entlassen wollte, hatte ich alle
Mhe, sie loszuwerden, trotzdem ihr ihr Beichtvater eingeprgt, da die
geringste, einem _francese_ zugestandene Gunst unfehlbar die ewige
Verdammnis nach sich ziehe; aber ich war ja ein _tedesco_, schade nur,
da dem Mdchen nicht begreiflich zu machen war, was das fr ein Wesen,
und welcher Unterschied zwischen diesem und einem Franzosen ist. Ich
versprach ihr beim Abschied, sie spter wieder aufzusuchen.

Noch manche Woche ging so unter Entbehrungen, mannigfaltigen Gefahren,
Strapazen und kleinen Scharmtzeln hin und man wute nie, wo man den
nchsten Tag zubringen wrde, gewhnlich unter freiem Himmel. Diese
Brigantenjagd war so ermdend als in der Regel undankbar, da die
Insurgenten nicht nur die rtlichkeiten genau kannten, sondern auch
immer im Einverstndnis mit den Einwohnern waren, die ihnen jeden
unserer Schritte verrieten und uns dagegen immer irrezufhren suchten.
Nur nach unerhrten Anstrengungen und Kreuz- und Quermrschen gelang es
uns bisweilen, diese wahren berall und Nirgends zu erreichen; aber
hatten wir sie auf einer Seite verjagt und versprengt, so spukten sie
schon wieder auf der andern oder hinter unserm Rcken um so frecher, und
hatte man sie endlich doch erwischt und ihnen viele Leute gettet, so
zeigten sie sich wenige Tage darauf wieder mit greren Streitkrften
und in doppelter Zahl. Dieses immerwhrend von Sizilien aus verstrkte
Volk lie sich natrlich auf einen offenen Kampf oder gar eine Schlacht
nicht ein, sondern fhrte den kleinen Krieg, den man bei dieser
Gelegenheit vollkommen gut lernte, wohl an fnfzig verschiedenen Orten
zumal, weshalb auch unsere Streitkrfte so sehr zersplittert werden
muten, da wir nirgends mit gehrigem Nachdruck operieren konnten,
wodurch sie bisweilen in groem Vorteil waren. Kanonen und Reiterei
waren ohnehin hier nicht anwendbar, sondern eher ein Hindernis; die
Briganten fgten uns durch das Abschneiden oder Wegnehmen von
Lebensmitteln, die nicht gehrig eskortiert waren, unendlichen Schaden
zu. So durchzogen wir fortwhrend die beiden Kalabrien und die
Basilicata von einem Ende zum andern, berall Verheerung und Verwstung
hinbringend oder findend.

Eines abends, wir hatten kaum ein paar Stunden in dem in einem
Waldgebirge liegenden Drfchen Stigliano, unweit Tricarico, geruht, kam
uns die Nachricht zu, da der furchtbare Fra Diavolo neuerdings, mit
einem groen Insurgentenhaufen aus Sizilien kommend, gelandet sei, sogar
Kanonen bei sich fhre und sich nach seiner Vaterstadt Itri begeben
habe, um daselbst abermals die Insurrektion zu organisieren. Aber gleich
nach seiner Ankunft vom General Hgo versprengt, habe er sich mit seiner
Bande in die Gegend von Tricarico und Potenza gezogen und schon mehrere
Ortschaften berfallen. In der Tat streiften Abteilungen seiner Bande im
nahen Wald in der Nhe von Stigliano.

Das Gercht hatte das Korps dieses gefrchteten Brigantenchefs zu einem
bedeutenden Heerhaufen gemacht, unser Bataillon war bis auf vierhundert
Mann zusammengeschmolzen und wute nicht, da, von Hgos Truppen
verscheucht, sich Fra Diavolo selbst gewissermaen auf der Flucht
befand. Dret lie jetzt alle Zugnge des Orts besetzen, in dessen Mitte
wir ein Biwak aufschlugen, stellte Lauerposten aus, um uns gegen einen
etwaigen berfall zu sichern, und so brachten wir die ganze Nacht in
Alarm zu.

Von diesem Fra Diavolo wurde so viel Fabelhaftes und Unglaubliches
erzhlt, da ich ihn fr einen wahren Rinaldo Rinaldini hielt und ihm
meine Bewunderung, wie einst dem Schinderhannes ruhmwrdigen Andenkens,
nicht versagen konnte, was mich jedoch nicht hinderte, bald darauf einen
seiner Adjutanten gefangenzunehmen und ihn selbst spter hinrichten zu
sehen. Sein eigentlicher Name war Michaeli Pezza oder Pozza, er war aus
der kleinen Stadt Itri in der Terra di Lavora gebrtig. Aus einem
gemeinen Straenruber hatte ihn Ferdinand IV. oder vielmehr dessen
Gemahlin, die Knigin Karolina, auf Veranlassung des Generals Ruffo, zum
Oberst der neapolitanischen Armee gemacht und ihm sogar den Titel eines
Herzogs von Cassano erteilt, nachdem dieselbe Regierung frher einen
Preis auf den Kopf des Ruberhauptmanns gesetzt. Whrend der Belagerung
von Gata leistete er dem Prinzen von Hessen-Philippsthal wichtige
Dienste, indem er die Franzosen zwischen dem Kirchenstaat und dem
Volturno beunruhigte, ja, beinahe htte er Lucian Bonaparte auf seinem
Landsitz bei Rom aufgehoben; der aber wurde noch zu rechter Zeit
gewarnt. Er warf sich sodann nach Kalabrien, wo er uns allen mglichen
Schaden zufgte. Seine Bande war weit ber zweitausend Mann stark und
der Ruf seiner Taten so auerordentlich, da die Kalabresen steif und
fest glaubten: er knne zaubern und hexen und da ihm nichts unmglich
sei. Philippsthal hatte ihn indessen wegen seiner Schandtaten, die er
nicht unterlie, endlich aus Gata gewiesen, von wo er nach Palermo
gegangen war, jedoch im September wieder mit seiner hauptschlich durch
freigelassene Galeerensklaven verstrkten Bande in Unteritalien landete,
alle Banditen und Mivergngte abermals an sich zog und sodann nach Itri
marschierte, um sich seiner Vaterstadt in seiner ganzen Herrlichkeit zu
zeigen. Joseph beauftragte den General Hgo, mobile Kolonnen gegen den
gefrchteten Brigantenchef zu bilden, wozu jener hauptschlich die
rabenschwarzen Soldaten des Regiments Royal africain, eine Abteilung der
Chasseurs von der korsischen Legion und einige andere leichte Truppen
verwandte, denen er auch etwas Reiterei zugesellte.

Fra Diavolos Haufen mochte jetzt etwas ber dreitausend Mann stark sein
und war voller Zuversicht; reich von der Knigin Karoline beschenkt, die
dem Brigantenchef unter anderm ein kostbares Armband mit ihrem Bildnis
und eine Fahne mit von ihr hchst eigenhndig gearbeiteten
Goldstickereien verehrt hatte, und auerdem noch mit einem englischen
Majorspatent versehen, hatte er sich eine kurze Zeit auf der Insel Capri
bei dem dortigen Kommandanten Hudson Lowe aufgehalten und seine
Operationen gegen die Franzosen mit kecker Verwegenheit begonnen. Bei
dem berfall eines Stdtchens waren ihm zwei franzsische Damen, die
Frauen zweier Stabsoffiziere, in die Hnde gefallen, die er lngere Zeit
mit seiner Bande auf seinen Streifzgen in den Gebirgen und Wldern
herumschleppte, deren Tugend aber nicht mehr sehr jung war und die er
endlich, wie sie und er behaupteten, unangetastet wieder nach Neapel
zurckschickte, nachdem er sich ein Zertifikat von denselben hatte geben
lassen, da er sie mit zuvorkommender Aufmerksamkeit behandelt habe und
ihrer Schamhaftigkeit und Keuschheit nicht zu nahegetreten sei. Von
diesem Zertifikat hatten die Damen eine Abschrift, die: >Michel Pezzo,
Herzog von Cassano, _per copia conforma_< unterzeichnet war, und die sie
in Neapel allenthalben vorzeigten. Was es damit eigentlich fr eine
Bewandtnis hatte, daraus konnte man nicht recht klug werden, die bse
Welt wollte wissen, da die Damen, obschon nicht mehr in der ersten
Jugendblte, dennoch der Bande oder deren Anfhrer manche vergngte
Stunde htten machen mssen.

Soviel ist gewi, da, als sie in Neapel ankamen, sie uerst bel
aussahen, was man ebensogut den berstandenen Strapazen als andern
Dingen zuschreiben konnte, sie muten sich bei all dem viel Neckereien
wegen ihres Aufenthalts unter den Banditen gefallen lassen. Wer den
Schaden hat, darf ja fr den Spott nicht sorgen.

Die mobilen Kolonnen des General Hgo setzten indessen bald dem Fra
Diavolo so gewaltig zu, da er sehr in die Enge getrieben wurde und sich
endlich gezwungen sah, seine Bande in mehrere Abteilungen zu zerstreuen,
von denen eine jede vorgab, von ihm in Person befehligt zu sein, eine
Kriegslist, um die Verfolger irrezufhren. Die Generle Dhesme und
Goul hatten den Auftrag, dafr zu sorgen, da ihm die Wege in den
Kirchenstaat versperrt wrden, whrend der jetzt in Gata kommandierende
General Valentin seine Wiedereinschiffung verhindern sollte und Hgo ihn
rastlos verfolgte, eine mhsame und gefhrliche Aufgabe, da er sich
immer, nachdem er einen Handstreich vollbracht hatte, in die
unwegsamsten und unzugnglichsten Wildnisse zurckzog. So oft die
Voltigeurs oder Jger mit Leuten seiner Bande plnkelten, zogen sie
immer den krzern, zum standhalten und zur Annahme eines ordentlichen
Gefechtes war er nicht zu bringen.

Damals war es, als wir zu Stigliano durch das angebliche Herannahen des
Fra Diavolo in Alarm gesetzt wurden, indessen verlief doch die Nacht
ohne da wir weiter beunruhigt worden wren. Nachdem jedoch der Tag
angebrochen, ward uns die Gewiheit, da sich eine Bande bewaffneter
Briganten, etwa vier Miglien von unserm Dorf, in einer wildbewachsenen
Schlucht aufhalte. Auf diese zuverlssige Nachricht setzten wir uns in
Marsch, und Dret gab mir das Kommando unserer kaum sechzig Mann starken
Avantgarde, indem er zu mir sagte: Ich kann dieses gefhrliche Kommando
niemand besser als Ihnen bertragen, da Sie sich nach der Niederlage von
Maida so gut durchzuschlagen gewut, berhaupt schon viele Erfahrung in
diesem gefhrlichen Krieg gemacht haben und den Gefahren zu begegnen
wissen, auch der einzige sind, der mit der italienischen Sprache
fortkommen kann. Seien Sie indessen vorsichtig, sorgen Sie besonders,
da man Sie nicht unvermutet berfallen kann und sichern Sie Ihre
Flanken durch Seitenpatrouillen.

Diese Vorschriftsmaregeln waren allerdings sehr notwendig, denn mehr
als ein halbes Hundert solcher kleiner Detachements franzsischer,
italienischer, korsischer, schweizer und politischer Truppen waren schon
von den Insurgenten berfallen, umringt und niedergemacht worden.
Allenthalben lagen die Briganten im sichern Hinterhalt und Versteck,
waren von allen Bewegungen der Truppen genau unterrichtet und durch ihre
Spione vortrefflich bedient. -- Nach der Schlacht bei Maida hatten sie
an zweihundert Mann, die sich in einen groen Maierhof retiriert und
denselben in der Eile mglichst verschanzt, ihn sogar mit Pallisaden
versehen hatten, von den Bauern untersttzt, frmlich belagert. Nachdem
die Truppen den Rest ihrer Patronen verschossen, strmten die Briganten
am dritten Tag, wo die Belagerten aus Mangel an Lebensmitteln schon halb
verhungert und folglich ganz kraftlos und matt, sich fast nicht mehr zu
verteidigen imstande waren, den Hof und machten die ohnmchtigen Leute
unter unsglichen Martern bis auf den letzten Mann nieder.

Nicht immer stand es in meiner Gewalt, Drets Instruktionen zu befolgen,
denn gar oft kamen wir durch so schmale und enge Wege, durch so wild
verwachsenes Gehlz und dichtes Gestruch, hinter denen sich Felsen
trmten, da nicht daran zu denken war, Seitenpatrouillen zu
detachieren, ja, nicht selten konnte man nur Mann vor Mann auf den
schmalen, kaum betretenen Fusteigen marschieren. Gegen die
Mittagsstunden kamen wir an einen kleinen Weiler, in dem wir zwar einige
Menschen, aber sonst auch nichts antrafen; hier erfuhr ich auf meine
Erkundigungen, da Fra Diavolo mit einem kleinen Teil seiner Bande in
der vergangenen Nacht dagewesen, erst diesen Morgen den Ort wieder
verlassen und den Weg nach Tricarico eingeschlagen habe. Ich wollte das
Bataillon hier erwarten, um neue Verhaltungsbefehle zu empfangen, es
traf auch nach einer guten Stunde ein. -- Dret befahl mir jetzt, einen
Fhrer aus Ferrandina, so hie das rtchen, mitzunehmen und mit meiner
Avantgarde gleichfalls nach Tricarico zu marschieren. Wir muten durch
das noch sehr seichte Flchen Basiento passieren, dessen Wasser uns
kaum bis an die Knie reichte. Aber am jenseitigen Ufer zeigten sich
pltzlich Insurgenten auf den felsigen Anhhen, welche ihre Gewehre auf
uns abfeuerten, mir einen Mann tteten und dann verschwanden, ohne da
ich daran denken konnte, sie zu verfolgen, da mein Fhrer mir
versicherte, in dieser Wildnis wisse er sich, einmal von dem Weg
abgekommen, nicht mehr zurechtzufinden. Erst mit einbrechender Nacht
erreichten wir das Dorf Grottola, wo aber kein Mensch etwas von dem Fra
Diavolo wissen wollte. Ich machte hier abermals halt, die Ankunft des
Bataillons zu erwarten, das aber nicht eintraf. Mein Fhrer gab vor, da
sich seine Kenntnis der Gegend nicht weiter erstrecke und bat mich, ihm
zu erlauben, nach Ferrandina zurckkehren zu drfen. Ich fand aber fr
gut, ihn die Nacht ber noch bei mir zu behalten, und versprach ihm,
da, wenn bis zum nchsten Morgen nichts Besonderes vorfiel, ich ihn
dann entlassen wrde. --

Meine Lage fing an bedenklich zu werden, ich glaubte mich umringt oder
doch wenigstens vom Bataillon abgeschnitten und biwakierte diese Nacht
auf einem freien Platz vor dem Dorfe, ringsum Posten auf Schuweite
aufstellend, um uns vor jedem berfall zu sichern. Auf mein Verlangen
brachten mir die Einwohner von Grottola etwas Reis, Welschkornmehl und
ein Krbchen mit Eiern, nebst Wein, so da wir uns ziemlich restaurieren
konnten und sogar so munter und guter Dinge wurden, da wir den Fra
Diavolo samt seiner Bande zitierten und sich zu zeigen aufforderten,
wenn er Mut habe. -- Die Nacht verging ohne irgendeine Beunruhigung, die
meisten Leute schliefen gegen Mitternacht ein. Als aber der Tag kaum zu
grauen begann, befahl ich aufzubrechen, teilte ein paar Flaschen Aquavit
unter das Detachement aus, die ich noch requiriert hatte, aber dem
Bauer, der sie brachte, bezahlte. Ich lie mich nun mit diesem, der
einige Worte, die ich nicht verstand, mit meinem Fhrer gewechselt
hatte, in ein Gesprch ein; auf meine Fragen, ob er nichts von Fra
Diavolo wisse, und nachdem ich ihm deshalb ziemlich drohend zugesetzt,
antwortete er endlich, wenn ich ihm zusichern knne, da er den Preis
von sechstausend Dukati, der auf den Kopf dieses Brigantenhaupts gesetzt
sei, wenigstens zur Hlfte erhalte, da mir die andere Hlfte gebhre, er
mir denselben in die Hnde liefern wolle. -- Erstaunend erwiderte ich
freudig, da er nicht nur die Hlfte, sondern die ganze Summe, die die
Regierung ausgesetzt habe, erhalten werde. Er blieb aber dabei, mit mir
teilen zu wollen, meiner Gromut, die er nicht begriff, mitrauend, was
ich dann auch zusagte, um ihm nicht das Vertrauen zu benehmen. -- Er
teilte mir nun mit, da sich Fra Diavolo, kaum zwei Miglien entfernt,
mit hchstens dreiig Mann seit gestern abend in einer Waldschlucht
gelagert befinde, indem er in der Gegend von Salerno durch die
franzsischen Chasseurs total versprengt worden sei, wir mten aber
eilen, wenn wir ihn noch treffen wollten, da er wahrscheinlich mit
frhem Morgen aufbrechen und sich dann noch tiefer in die Waldgebirge
flchten werde. Ich marschierte schnell ab, den Bauer samt meinem Fhrer
aus Ferrandina in die Mitte nehmend, ihnen beiden erklrend, da bei der
mindesten verdchtigen Anzeige sie zuerst niedergemacht wrden. -- In
aller Stille zog ich durch Grottola, kam jenseits des Ortes in einen
dicht verwachsenen Wald und stand, von dem Bauer gefhrt, bald an dem
Eingang einer in der Tiefe zwischen Felsen und Gestruch befindlichen
Schlucht; hier sah ich durch das Gebsch hinab in einem kleinen
Kesseltal einige zwanzig Mann um ein fast abgebranntes Feuer meistens
schlafend lagern; der Bauer sagte: _Eccoli!_ So geruschlos als
mglich besetzte ich den einzigen Ausgang dieser Schlucht. Unbemerkt
drang ich dann so weit vor, da ich die Briganten zhlen konnte, es
waren ihrer dreiundzwanzig. Ich wnschte, sie womglich alle lebendig zu
fangen, aber jeder Schritt vorwrts machte es wahrscheinlicher, da ich
von ihnen entdeckt wrde, sie dann noch Zeit htten, sich aufzuraffen
und eine verzweifelte Gegenwehr vorzubereiten. Ich beschlo nun, sie mit
einem Hurra und mglichstem Lrm zu berfallen, damit sie in dem ersten
Schrecken den Kopf verlieren sollten. An den Eingang des Kesseltals
postierte ich zehn Mann mit einem Korporal, stieg sodann mit den andern
mit gespannten Hahnen den schmalen Pfad hinab, die Briganten immer im
Auge habend; als ich endlich sah, da sich ein paar zu regen begannen,
gab ich dem Tambour das Zeichen pas de charge zu schlagen, und mit dem
Ruf: Vorwrts! die Gewehre auf sie abfeuernd, strmten wir hinab. Das
Manver gelang vollkommen. Die Briganten sprangen auf, griffen nach
ihren Waffen, eilten dem Ausgang zu, machten zum Teil kehrt, whrend
andere, den Kopf verlierend, uns in die Hnde liefen, dann auch wieder
umkehrten; wir folgten, ihnen die Bajonette in die Rippen setzend.
Mehrere, schon verwundet, warfen ihre Gewehre weg, whrend andere an dem
entgegengesetzten Ende der Schlucht auf Bume kletterten. Einigen gelang
das fast Unglaubliche, indem sie die beinahe senkrechten Felsenwnde mit
Hilfe der Gestruche, die sie erfaten, hinankletterten. Zwei davon
strzten jedoch, nachdem sie schon eine bedeutende Hhe erreicht hatten,
herab, wovon der eine das Genick brach und auf der Stelle tot war, der
andere aber das Bein verletzte und nicht mehr von der Stelle konnte.
Noch andere schossen meine Leute herab, whrend drei auf diese Art
wirklich entkommen waren, sich auch vielleicht in den Gipfeln hoher
Bume verborgen hatten, wo wir sie nicht entdecken konnten. -- Die
brigen, unter denen der Anfhrer, der aber nicht Fra Diavolo selbst,
sondern nur einer seiner sogenannten Adjutanten, namens Belardi, war,
nahmen wir gefangen und banden sie mit Gewehrriemen zusammen. -- Dieser
Belardi hatte sich allenthalben, wo er hinkam, fr Fra Diavolo selbst
ausgegeben, so wie dies noch andere Chefs der Bande taten, die in
Kalabrien umherirrten, wozu sie vom wahren Bruder Teufel ermchtigt
waren, damit man, wie oben bemerkt, irregeleitet, nicht auf dessen Spur
kommen sollte. -- Was aus ihm geworden, konnte ich von den Gefangenen
nicht erfahren, die, wie sie mich versicherten, ihr Oberhaupt schon seit
zwlf Tagen oberhalb Salerno verlassen hatten, ohne zu wissen, wo er
jetzt sei. So leid es auch mir und dem Bauer, der mich hierhergefhrt,
tat, nicht den rechten Mann erwischt zu haben, so war ich dennoch ber
den gemachten Fund froh und berzeugt, jetzt nicht mehr viel zu frchten
zu haben, da die Bande gesprengt und die Einwohner dadurch so mutlos
gemacht waren, da sie sich nicht trauten, etwas offen gegen uns zu
unternehmen.

Ich marschierte nun mit meinen Gefangenen nach Grottola zurck, den
Fhrer von Ferrandina entlassend, den Bauer nahm ich mit nach Tricarico,
wo ich das Bataillon vermutete, und wohin ich nach kurzem Halt aufbrach.
-- Unterwegs unterhielt ich mich mit dem gefangenen Belardi und fragte
ihn ber manches, was seinen Chef betraf, konnte aber nur ausweichende
Antworten oder sehr ungengende Auskunft von ihm erhalten; auf meine
Frage, warum er den Eingang zur Schlucht nicht besetzt und keine Wachen
ausgestellt habe, erwiderte er mit Ingrimm: Ich hatte es ja getan, aber
als der Morgen herankam, krochen die Schurken alle zum Feuer und
schliefen, auch dachten wir nicht, Verrter unter den Einwohnern zu
finden.

In Tricarico angekommen, war das Bataillon zu meinem Leidwesen schon
seit mehreren Stunden nach Potenza abmarschiert; ich folgte ihm und traf
es noch auf einem Halt, ehe es diese Stadt erreicht hatte. Ich zeigte
sogleich dem Kommandanten Dret meinen Fang an, der, darber
hocherfreut, mir sagte, da er abermals in nicht geringer Unruhe
meinetwegen gewesen, da er Order erhalten, sofort nach Potenza zu
marschieren, was man mir nicht habe mitteilen knnen. -- Der Bauer wurde
mit einer Belohnung von hundert Dukati heimgeschickt, deren er sich aber
wenig erfreuen konnte, da er ein paar Tage darauf ermordet war.

Schon war die Regenzeit eingetreten und unsere Mrsche und die
Brigantenjagd, die wir von hier aus in die Umgegend machen muten,
wurden immer beschwerlicher, wenn auch weniger gefhrlich, da wir nur
selten auf einen Feind trafen. Bche und Flchen, die man vor wenig
Tagen noch fast trockenen Fues passierte, waren zu reienden
Waldstrmen geworden, durch die man nur mit Lebensgefahr kommen konnte,
oft gingen uns die Fluten bis beinahe an den Hals. Eines Tages muten
wir bei der Verfolgung eines Insurgententrupps in der Gegend von
Duchessa und Auletta den sonst ganz unbedeutenden Sele passieren, der
aber nun zu einem wilden, reienden Strom angeschwollen und so mchtig
war, da wir mit enggeschlossenen Gliedern, pelotonweise
durchmarschierten, wobei die Soldaten Tornister und Patronentaschen auf
den Kpfen befestigt hatten, die Gewehre quer ber dem Wasser hielten,
und so in Masse durch das Wasser gingen, dennoch ertranken drei Mann,
die im letzten Glied eines Pelotons sich nicht eng genug angeschlossen
hatten und von den Fluten fortgerissen worden waren. Auf dem jenseitigen
Ufer angekommen, muten wir einen tiefen und engen Hohlweg passieren,
von dessen felsigen, mit Gebsch bewachsenen Hhen uns die Briganten mit
Flintenschssen empfingen und schon, als wir noch im Wasser waren, auf
uns herabschossen, mit sicherer Hand ihre Beute aussuchend, meistens
Offiziere. Nachdem sie abgefeuert hatten, verschwanden sie spurlos, so
da an ein Verfolgen nicht zu denken war.

Glcklicherweise war diese gefhrliche Passage nicht von langer Dauer
und die Abdachung der Berge bald sehr flach. Solche Mrsche und
Kontermrsche nahmen kein Ende, und selten hatten wir einen oder auch
nur einen halben Tag Ruhe. Die Regen und Gewitter wurden immer hufiger
und heftiger, die Nahrung immer schlechter und sprlicher, einmal muten
wir sogar elf Tage in der Gegend von Chiaromonte unter bestndigen
Regengssen biwakieren, wo, im Schlamm und Morast lagernd, oft nur noch
die auf Steinen und Tornistern ruhenden Kpfe frei vom Wasser blieben,
so sehr waren die Gewsser angeschwollen. Als wir endlich diese Stelle
verlieen, um uns in das ganz verwstete Dorf Rotonda zu begeben, brach
ein so furchtbares Gewitter gerade ber unsern Huptern los, da es zwei
Soldaten, deren Gewehre ganz schwarz angelaufen waren, mitten in den
Reihen des Bataillons erschlug; nur auf der Spitze des Gebirges lie der
Regen etwas nach, in den Tlern aber hrte er oft in vierundzwanzig
Stunden keine halbe Stunde auf. In fast jedem Ort, durch den wir kamen,
muten wir Kranke zurcklassen, deren Weitertransportieren unmglich
geworden war, mit dem Bedeuten an die Einwohner, da, wenn sie nicht die
uerste Sorgfalt fr diese Leute trgen, ihr Ort den Flammen
preisgegeben wrde, und sie selbst dem Tod verfallen seien. Dennoch
sahen wir nur sehr wenige von den Zurckgelassenen wieder. Immer mehr
schmolz unser Bataillon zusammen; Soldaten, die aus Mdigkeit
zurckblieben, sich dann oft verirrten, fielen den Bauern und Briganten
in die Hnde, die sich immer in der Gegend, die wir soeben verlassen,
hinter unserm Rcken zeigten. Oft muten wir auch mit Lebensgefahr auf
den schmalen und schlpfrigen Fupfaden marschieren, die lngs
schauerlichen Abgrnden hinliefen, auf denen ein Fehltritt das
Hinabstrzen unvermeidlich machte. So verloren wir einen Sergeanten der
Karabiniers, und einen strzenden Tambour rettete nur seine auf dem
Rcken hngende Trommel, bei der ihn zwei Chasseurs packten. Selbst die
sonst so sichern Maultiere muten mit groer Vorsicht gefhrt werden.

Das schlimmste war, da bei all diesen Entbehrungen und Gefahren auch
noch unsere Kleider und Schuhe sich allmhlich in Lumpen auflsten und
wir bald einem abgerissenen Banditenkorps hnlicher sahen als Soldaten;
lngst war an den Gamaschen kein Strupfen mehr, und die Hlfte der
Soldaten ging auf bloen Fen, hatte wenigstens keinen Schein mehr von
einer Sohle unter den zerrissenen Schuhen, die bei jedem Schritt
steckenblieben und mit den Hnden wieder ausgegraben werden muten. Den
Offizieren, die meistens Suwarowsstiefeln trugen, ging es nicht viel
besser, auch sie waren sohlen- und absatzlos. Daher war es immer das
beste, wenn wir in einen Ort kamen, Schuhmacher, Schuhe und Leder zu
requirieren, und die Kompagnieschuster und Soldaten flickten, so oft
halt gemacht wurde; an Wsche war nicht zu denken, ich hatte seit zwei
Monaten dasselbe Hemd auf dem Leibe und verfluchte doch jetzt auch
manchmal die gloire militaire und den Soldatenstand, obgleich ich dank
meiner migen Lebensweise, wenn auch von Fleisch sehr abgefallen und
drr wie ein Hering, doch noch immer so ziemlich gesund war. Ich trank
aber fast nie puren Wein oder Aquavit, sondern beides immer reichlich
mit Wasser vermischt, a, wenn ich deren haben konnte, in l gebackene
Eier oder Kuchen, deren Teig meistens aus Mais- oder Welschkornmehl
geknetet war.

Endlich, nachdem Dret wenigstens schon zehn Berichte nacheinander
abgesandt und darin gemeldet hatte, da sich das bis auf ein Dritteil
zusammengeschmolzene Bataillon unmglich lnger in Kalabrien halten
knne, ohne gnzlich aufgerieben zu werden, kam die Order zum Rckmarsch
nach Neapel, die mich, sowie uns alle, hoch erfreute und neu belebte.
Aber bevor wir diesen Hafen, in dem wir das Ende unseres Elends
erwarteten, erreichten, sollten wir noch einmal, und zwar indem wir
einen Waldbach, der sich unweit Muro in die Sele ergiet und jetzt auch
zu einem reienden Strom angeschwollen war, passierten, arg heimgesucht
werden. Das Wasser ging uns wieder bis ber die Brust; als sich das
erste Peloton mitten im Strom befand, erschien pltzlich auf den
Felsenhhen des Ufers ein Haufen von mehr als hundert Briganten, die von
ihrer sichern Stellung aus ein gut unterhaltenes Feuer auf uns gaben,
aber durch dasselbe keinen groen Schaden anrichteten, da ihre meisten
Kugeln in den schtzenden Tornistern, welche die Leute auf den Kpfen
hatten, steckenblieben; doch ri Unordnung in den Reihen ein, wodurch
mehr als zwanzig Mann in den Wellen umkamen und von dem Strom mit
fortgerissen wurden.

Dies war indessen das letzte Ungemach, das wir auf diesem Feldzug
erlitten, und wir marschierten nun ungestrt ber Muro, La Valva, Eboli,
Salerno und Nocera nach Neapel, wo unser Bataillon in der Fortezza del
Carmine kaserniert wurde; gleich nach unserer Ankunft gaben wir noch
einige sechzig Mann in das Lazarett ab.

Unterdessen war aber auch der Haupturheber unserer meisten
Mhseligkeiten, der berchtigte Fra Diavolo selbst, gefangen worden und
wurde ein paar Tage nach unserer Ankunft zu Neapel (im November 1806)
gehangen. Ich bin imstande, aus den zuverlssigsten Quellen von
Offizieren, die ihn bis zu seiner Gefangennehmung verfolgten, diese und
das Ende des berchtigten Brigantenchefs mitzuteilen.

Von Hgos mobilen Kolonnen allenthalben verfolgt, hatte Michel Pezzo
seine ganze Bande in zwlf Abteilungen unter zwlf Anfhrer verteilt und
jedem eine Provinz angewiesen, in welcher er auf seine eigene Faust
operieren sollte, whrend er den Kern seiner Leute und die verwegensten
Banditen, etwa sieben- bis achthundert Mann, bei sich behalten hatte.
Alle Anfhrer waren, wie ich schon erwhnte, angewiesen, sich fr den
Fra Diavolo auszugeben, dabei war ihnen gesagt, da, wenn sie zu sehr
ins Gedrnge kmen, sie einen kleinen Hafen zu erreichen suchen sollten,
um nach Sizilien berschiffen zu knnen, wo er ihnen Palermo als den
allgemeinen Sammelplatz bezeichnete. Hierdurch war es ihm gelungen, noch
eine Zeitlang den verschiedenen Kolonnen, die scharf hinter ihm waren,
zu entgehen, da diese, durch die von allen Seiten, wo man den Fra
Diavolo in der Nhe glaubte, einlaufenden Berichte irregefhrt wurden.
Endlich aber setzte ihm selbst eine Abteilung des schwarzen Regiments
Royal Africain und eine andere von Latour d'Auvergne so zu, da es in
der Gegend von Bojano, der alten Hauptstadt des Samniterlandes, zu einem
hitzigen Gefecht mit Fra Diavolos Haufen kam, wobei man wegen der Nsse
der Gewehre nicht feuern konnte, sondern sich mit den Kolben und der
blanken Waffe schlug. Der Sieg war lngere Zeit zweifelhaft, als noch
zum rechten Moment zwei Kompagnien eines franzsischen Linienregiments
den kaum vierhundert Mann starken Abteilungen zu Hilfe kamen und rasch
den Ausschlag gaben. Das Gemetzel war frchterlich, und Fra Diavolo
entkam mit noch etwa zweihundert Mann nur durch schleunige Flucht. Die
brigen blieben teils auf dem Wahlplatz tot und schwer verwundet, oder
wurden zu Gefangenen gemacht und erschossen; von den Fliehenden
ertranken auerdem noch viele in dem Biferno, den sie passieren muten.
Bei dieser Flucht wurde Fra Diavolo noch einmal von einer Abteilung der
korsischen Jger erreicht, die noch mehrere Gefangene machte und den
Rest seiner Bande vollends sprengte; als er eine kurze Strecke die nach
Apuglia fhrende Strae passieren mute, sah er einige Eskadronen
franzsischer leichter Reiterei dahergesprengt kommen, die ihn zwar
nicht erkannt, aber doch jedenfalls als verdchtig angehalten haben
wrden, auerdem waren seine Verfolger hchstens auf Kanonenschuweite
von ihm entfernt. Hier war weder zum Entfliehen noch zum Verbergen mehr
Gelegenheit, und ngstlich richteten seine wenigen Begleiter fragende
Blicke auf ihren Chef, der, gewhnt, sich auch aus den verzweifeltsten
Lagen zu ziehen, jetzt den Kopf nicht verlor und sich durch List und
Verschlagenheit auch diesmal, jedoch nur auf kurze Zeit, aus seiner
milichen Lage half. Er befahl seinen Spiegesellen, ihm und einem
seiner Offiziere die Hnde auf den Rcken zu binden, beide sodann in
ihre Mitte zu nehmen, dann auf der Landstrae fort an der Reiterei
vorberzumarschieren. Ihre Einwendungen schlug er schnell mit drohenden
Blicken nieder, indem er ihnen befahl, auf allenfallsiges Befragen zu
erwidern, sie gehrten der Brgergarde des nchsten Stdtchens an und
htten die beiden Gefangenen, die man im Verdacht habe, zur Bande des
Fra Diavolo zu gehren, nach Neapel zu transportieren. Die List gelang
vollkommen, der die Reiterei kommandierende Offizier lie den Fra
Diavolo nach kurzem Befragen samt seiner Eskorte vorber, und die
angebliche Brgergarde marschierte mit erhobenem Haupt durch die Reihen
der Kavallerie. Kaum waren sie ein paar hundert Schritte entfernt, so
schlugen sie einen Seitenweg ein, erklommen eine steile und gestruchige
Anhhe und gaben sogar eine Decharge gegen die langsam dahinreitende
Kavallerie, welcher der Brigantenchef nun hohnlachend und mit lauter
Stimme zurief: Ich bin Fra Diavolo! -- Der kommandierende Offizier
rgerte sich, und seine Leute lachten ber den Streich, den man ihnen
gespielt hatte. Ersterer wollte einen Teil derselben absitzen lassen, um
die Ruber zu verfolgen, diese hatten sich jedoch schnell, nachdem sie
abgefeuert, ins unzugngliche Dickicht geflchtet. Auch seinen andern
Verfolgern, die seine Spur verloren hatten, entging er und wrde sich
vielleicht gerettet haben, htte er nicht die Unvorsichtigkeit begangen,
in der Nacht ein Feuer anzuznden, was die Truppen aufmerksam machte und
ihnen seinen Aufenthalt verriet. Die korsischen Jger rckten nun
mglichst unbemerkt heran und suchten ihn zu umringen, aber ehe dies
noch vollstndig geschehen, wurden sie von den Briganten bemerkt, die
aufsprangen; die Jger gaben nun eine Decharge, welche mehrere derselben
und den Fra Diavolo selbst verwundeten, dem es dennoch gelang, sich
durch eine abermalige Flucht zu retten; ganz allein eilte er jetzt auf
dem Weg nach Salerno davon, in der Hoffnung, an der Kste eine Barke zu
finden und mit deren Hilfe auf der See zu entkommen; auch jetzt noch von
den Brgergarden verfolgt, entging er diesen nur mit genauer Not.

Die Nchte waren schon kalt und die Spitzen der Berge mit Schnee
bedeckt; der zweimal verwundete arme Bruder Teufel, seit zwei Monaten
rastlos herumgejagt, hatte den ganzen Tag nichts zu sich nehmen knnen
und war durch Mdigkeit und Blutverlust vllig erschpft, als er an die
einsam stehende Htte eines Hirten kam. Nachdem er sich berzeugt hatte,
da dieser allein war, bat er ihn um ein Nachtquartier. Er brachte von
demselben heraus, da sich in der Gegend weder Truppen noch Insurgenten
befanden und erstere sich niemals bis hierher verirrten; er legte nun
seine Waffen ab, wrmte sich bei einem Kohlenfeuer und a, whrend er
ruhte, einige am Feuer gebratene Maronen und Bataten (ein sehr
nahrhaftes, kartoffelhnliches Knollengewchs, das in jener Gegend
hufig wchst) und schlief darauf ruhig auf dem Boden an dem Feuer ein.
Sein Unstern aber wollte, da gerade in dieser Nacht vier wohlbewaffnete
Ruber mit Gewalt in die Htte des Hirten drangen, und diesem wie dem
von ihnen nicht gekannten Fra Diavolo befahlen, sich mit dem Gesicht auf
die Erde zu werfen, ihnen beiden bei Todesstrafe geboten, nicht
aufzublicken, sich dann in Besitz alles dessen setzend, was sich vorfand
und ihnen anstand. Fra Diavolo wagte es nicht, sich zu erkennen zu
geben, und die Ruber nahmen seine Waffen mit sich fort.

Bald darauf, nachdem sie weg waren, verlie auch er die Htte, in der er
sich nicht mehr sicher glaubte, und irrte wieder in dem waldigen Gebirge
umher, bis ihn seine Wunden so sehr schmerzten, da er kaum mehr
fortkonnte und froh war, als er in einiger Entfernung ein Licht
erblickte, zu dem er sich hinschleppte. Es war das Stdtchen San
Severino, in dem der Apotheker soeben seine Bude ffnete, als Fra
Diavolo ankam und sich auf einen Stein vor dessen Haus setzte. Er war
erstaunt, bei dieser Klte und um diese Zeit einen Menschen auf offener
Strae sitzend zu finden. Auf sein Befragen sagte der Brigantenchef, er
komme eben aus Kalabrien und erwarte noch Landsleute, mit denen er
zusammen nach Neapel gehen wolle. Der Apotheker schpfte jedoch
Verdacht, da der Unbekannte einen andern Akzent als die gewhnlichen
Kalabresen hatte, lud ihn ein, in seine Bude zu treten, wo er ihm, um
ihn treuherzig zu machen, ein Glas Branntwein einschenkte. Aber whrend
dies der Ruber trank, schickte er sein Mdchen heimlich fort, einen
Gendarmen zu holen. Bald darauf trat einer dieser Packfesten ein und
begehrte die Papiere des Fremden zu sehen, da er sich aber ber seine
Person nicht gehrig ausweisen konnte, sagte ihm der Gendarm, da er ihm
nach Salerno zu seinem Eskadronschef folgen msse. Hier wurde er zu
demselben, der zugleich Platzkommandant von Salerno war und Farrino
hie, gefhrt und wute sich so gut auszureden, da er auf dem Punkt
war, wieder auf freien Fu gestellt zu werden, als unglcklicherweise
fr ihn ein neapolitanischer Sappeur, der ihn sogleich erkannte, mit dem
Ausruf: Ah, der Fra Diavolo! in das Zimmer trat. Dieser will zwar
seine Person verleugnen, aber der Sappeur gibt solche Kennzeichen an,
die alles Leugnen unntz machen, und endigt mit den Worten: Ich mu
Euch doch wohl kennen, ich habe ja so oft das Gewehr vor Euch
prsentieren mssen. Nun wurde er auf der Stelle mit Ketten geschlossen
und unter einer starken Bedeckung nach Neapel abgefhrt. Hier bemhten
sich mehrere Personen, sogar franzsische Generle, seine Begnadigung
auszuwirken. Sie wollten, da er als Kriegsgefangener behandelt werden
sollte, aber vergeblich, und zwar mit Recht, denn wenn man seine
Feindseligkeiten gegen die neue Regierung auch ganz und gar als
rechtmig betrachten will, so verdienten doch seine Mord- und
Greueltaten als Ruber lngst den Tod. Er war schon unter der vorigen
Regierung als Mordbrenner und Straenruber von den Gerichten zum Strang
verurteilt, und es war ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden. Das
rgste bei der Sache war, da die Englnder, die fortwhrend im Golf von
Neapel kreuzten und von allem unterrichtet waren, ihn, als sie seine
Gefangenschaft erfuhren, durch einen Parlamentr als englischen Major
reklamierten. Eine groe Ehre fr die englische Armee! -- Salicetti, der
damals Polizeiminister in Neapel war, lie auf dieses Ansinnen erwidern,
>es tue ihm unendlich leid, allein man wisse von gar keinem Major in
englischen Diensten, der in Gefangenschaft geraten sei, habe auch keinen
solchen ausfindig machen knnen; verstehe man aber einen gewissen
Banditen darunter, der weder eine militrische noch politische Charge
bekleide und unter dem Namen Fra Diavolo bekannt sei, so sei dieser
vermge eines noch unter dem Knig Ferdinand von den Gerichten gefllten
Urteils, das ihn als Mordbrenner, Ruber, Schmuggler und Dieb bezeichne,
zum Tode verurteile, schon Tags vorher hingerichtet worden<. --
Salicetti hatte sich beeilt, ihn vermge dieses Urteils hngen zu
lassen, und ich sah ihn zum ersten- und letztenmal auf der Galgenleiter,
die er entschlossen bestieg. Er wurde gleich den andern vom Henker zu
Tode geritten, war von kleiner, untersetzter Statur, hatte aber einen
starken und nervigen Knochenbau, ein scharfes, durchdringendes Auge und
dabei etwas Wildes und Grausames in seinen Zgen. Sein von mir
gefangener Adjutant wurde gleichfalls gehenkt, und viele Exekutionen
fanden jetzt berhaupt tglich vor dem Castel nuovo statt.




                             Namenregister.
                              Erster Band.


   Artois, Graf 25
   Barras 233, 257
   Bernard, Gebrder 90 f.
   Bettina, Brentano 98 f.
   Blanchard, Luftschiffer 12 f.
   Bhmer, Doktor 44
   Braunschweig, Herzog von 29 f., 43
   Breidenstein, Pfarrer 72 f.
   Cartaux, General 255 f.
   Chastteler, Marquis von 152
   Cstine, General 31 f.
   Dillon, General 30
   Doppet, General 256
   Dgommier, General 256
   Esterhazy, Frst 24
   Fahrtrapp 2 f.
   Fiesco, Graf 284 f.
   Fra Diavolo 395, 402 f., 413 f.
   Franz II. 19 f.
   Friedrich Wilhelm II. 42 f., 52
   Goethe 114
   Goethe, Frau Rat 2, 6 f., 99
   Helden, General 39 f.
   Hessen-Kassel, Erbprinz von 135 f.
   Hessen-Kassel, Landgraf von 38
   Hessen-Philippsthal, Prinz von 354, 357 f., 403
   Homburg, Friedrich V. von 74, 75
   Hood, General 258
   Hgo, General 402 f.
   Joseph Bonaparte 353, 362, 365, 368 f., 404
   Jourdan, Marschall 367
   Jung, Hofrat 106, 142 f., 146 f.
   Kalkreuth, General 40
   Kleber, General 59
   La Roche, Sophia 98, 109
   Latour d'Auvergne 137-138, 414
   Lefevre, General 137
   Massena, Marschall 396 f.
   Moritz, Bankier 361 f.
   Mrat 294, 375, 378
   Napoleon 153, 254 f., 353, 387
   Neapel, Ferdinand IV. von 353, 362, 394
   Neapel, Karoline von 362, 382, 403, 404
   Neuwinger, General 33
   Pappenheim, Graf von 19
   Petroli 379
   Pius VII. 336, 348
   Quesnel 234 f.
   Regnier, General 353 f., 380, 383
   Rothschild, Mayer Amschel 20
   Salicetti 418
   Scherer, Hofrat 89
   Schiller 115
   Schinderhannes (Joh. Bckler) 101 f.
   Scholze 3 f., 65 f., 72 f.
   Scholze, Henriette 65 f., 73 f.
   Schulter, Oberst 2 f.
   Sidney Schmidt, Admiral 357, 394
   Stal, Frau von 115 f.
   Stark, Pastor 3
   Stuart, General 384, 387
   Verdier, General 393 f.
   Voltaire 9 f.
   Wartensleben, General 59
   Weller 2 f., 99
   Weller, Fritz 48 f., 107
   Willemer 109
   Zink, Konrektor 86


                     Anmerkungen zur Transkription

Diese Ausgabe von 1916 wurde gegenber der Erstausgabe von 1948/49 um
Weitschweifigkeiten und Wiederholungen verkrzt, wie der Herausgeber im
Nachwort konstatiert (Band 3). Die Krzungen im Text wurden in
der 1916'er Ausgabe folgerichtig in den Rubriken sowohl im
Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches als auch am Beginn der
jeweiligen Kapitel reflektiert. Wo dies versehentlich zu Diskrepanzen
zwischen den beiden jeweiligen Rubriken gefhrt hatte, wurden in dieser
eBook-Ausgabe nach eingehendem Vergleich mit der Erstausgabe die jeweils
berzhligen Rubriken entfernt. Darber hinaus wurde jedoch kein
weitergehender Versuch unternommen, die generelle bereinstimmung von
Krzungen im Text und im Inhaltsverzeichnis zu berprfen.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 1]:
   ... versehenen Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben ...
   ... versehenem Linnen gedeckten Tisch. Auf demselben ...

   [S. 193]:
   ... in denen sich liebenswrdige Schnen befanden, erkundigen ...
   ... in denen sich liebenswrdige Schne befanden, erkundigen ...

   [S. 195]:
   ... beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursauth, Chambertin, ...
   ... beim Ausmarsch zeigte man uns Volney, Meursault, Chambertin, ...

   [S. 231]:
   ... die Treppe hinauf, ffnete ebenso leise die Zimmertre meines ...
   ... die Treppe hinauf, ffnete ebenso leise die Zimmertre meiner ...

   [S. 241]:
   ... fr den Gaul, dem man ihm ganz unbrauchbar und halb tot ...
   ... fr den Gaul, den man ihm ganz unbrauchbar und halb tot ...

   [S. 253]:
   ... verordnet der Chef dieser Strafanstalt, da man ihm ...
   ... verordnet der Chef dieser Strafanstalt, da man ihn ...

   [S. 309]:
   ... diesmal nie wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu ...
   ... diesmal nicht wie bisher die Marchesa, die er gar nicht zu ...






End of the Project Gutenberg EBook of Vierzig Jahre aus dem Leben eines
Toten. Band 1, by Johann Konrad Friederich

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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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