Project Gutenberg's Friedrich v. Bodelschwingh, by Gustav von Bodelschwingh

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Title: Friedrich v. Bodelschwingh
       Ein Lebensbild

Author: Gustav von Bodelschwingh

Release Date: October 4, 2014 [EBook #47038]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH V. BODELSCHWINGH ***




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                             Friedrich
                         v. Bodelschwingh

                         _Ein Lebensbild_
                               von
                       G. v. Bodelschwingh.


                      Durchgesehene Auflage.

                  Nicht im Buchhandel zu haben.
        Zu beziehen nur vom Pfennigverein der Anstalt Bethel
                      Bethel bei Bielefeld.


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                  Fr die Vereinigten Staaten
                  von Nordamerika: Copyright
                  1922 by Verlag des Pfennigvereins
                  der Anstalt Bethel
                        bei Bielefeld.




Inhalts-Verzeichnis.


  =I.=

  1831-1872.

                                                             Seite

  =I.= Voreltern und Eltern                                      5

  =II.= Die Jugendzeit
    =a)= Coblenz                                                12
    =b)= Berlin                                                 17
    =c)= In der westflischen Heimat                            29

  =III.= Die Ausbildung
    =a)= Als Eleve im Oderbruch                                 33
    =b)= Als Soldat in Berlin                                   39
    =c)= Als Landwirt in Pommern                                44
    =d)= Als Student
      1. in Basel                                               67
      2. in Erlangen                                            83
      3. in Berlin                                              89
    =e)= Als Kandidat                                           91

  =IV.= Im Amt
    =a)= Paris                                                 100
    =b)= Dellwig                                               124


  =II.=

  1872-1910

  Bethel.

  =I.= Die bernommene Arbeit und ihre Entwicklung
    =a)= Die neue Heimat                                       157
    =b)= Das Mutterhaus                                        162
    =c)= Die Epileptischen                                     172
    =d)= Die Brder                                            184
    =e)= Die brigen Mitarbeiter
      1. Unsere Mutter                                         189
      2. Mutter Emilie und Schwester Lottchen                  194
      3. Wilhelm Heermann                                      202
      4. Pastor Strmer                                        205
      5. Otto Mellin                                           210
      6. Die rzte                                             213
    =f)= Der Anstaltsvorstand                                  217
    =g)= Wachstum nach auen                                   222

  =II.= Neue Aufgaben
    =a)= Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf                      226
    =b)= Der Bau der Zionskirche                               238
    =c)= Arbeiterheim                                          244
    =d)= Das Kandidatenkonvikt                                 255
    =e)= Afrika                                                261
    =f)= Lutindi                                               276

  =III.= Die Ausgestaltung
    =a)= Als Pastor der Gemeinde                               282
    =b)= Frhlingszeit                                         292
    =c)= Gebet, so wird euch gegeben                           311
    =d)= Ruhezeiten                                            325
    =e)= Kaiser Friedrich                                      335
    =f)= Amrum                                                 338
    =g)= Metz, Hunsrck und Ems                                349
    =h)= Tante Frieda                                          351

  =IV.= Herbstfrchte
    =a)= Die theologische Woche                                356
    =b)= Freistatt                                             362
    =c)= Die Theologische Schule                               369
    =d)= Gastein                                               381
    =e)= Als Abgeordneter in Berlin                            383
    =f)= Das Wanderarbeitsstttengesetz                        392
    =g)= Hoffnungstal                                          396

  =V.= Das letzte Lebensjahr                                   409




Vorbemerkung.


Whrend der sommerlichen Ferienzeiten, die wir Geschwister vom Jahre
1883 ab mit unseren Eltern an irgend einem stillen Erholungsort
zubrachten, pflegte uns unser Vater Erinnerungen aus seinem Leben zu
diktieren. Sie umfassen die ersten vierzig Jahre seines Lebens und
reichen bis zu seinem Eintritt in die Arbeit in Bethel. Fr die
Darstellung der Zeit von 1831-1872 boten mir diese Erinnerungen, die
der Raumersparnis wegen nicht ganz gebracht werden konnten,
wesentlichen Anhalt. Sie erschienen vollstndig in der Monatsschrift
Beth-El, Jahrgang 1909, 1912-14 und 1918/19. (Verlag des
Pfennigvereins der Anstalt Bethel bei Bielefeld.) Da, wo diese
Erinnerungen im Text wrtlich angefhrt sind, sind sie durch
Anfhrungsstriche gekennzeichnet.




=I.=

1831-1872.

Voreltern und Eltern.


Die Heimat der Familie v. Bodelschwingh liegt zwischen Ruhr und
Lippe im Herzen des westflischen Industriebezirks, wo heute die
rauchenden Schornsteine den Tag dunkel machen und die grellen
Feuergarben der Hochfen die Nacht erhellen. Wer jetzt mit dem
eilenden Zuge jenes Gebiet durchreist, der ahnt kaum, da mitten in
dieser lrmenden, flammenden Welt noch manche stille Zeugen der
alten Zeit stehen. Zu diesen Zeugen gehrt auch die ehrwrdige
Wasserburg, die zwei Stunden westlich von Dortmund am Ausgange einer
kurzen, engen Waldschlucht sich aus breitem Wassergraben erhebt. Das
ist Haus Bodelschwingh, dessen Name um die Wende des 12. und 13.
Jahrhunderts zum erstenmal in alten Urkunden auftaucht.

Eine mrkische Familie Speeke, die hier wohnte, nimmt um diese Zeit
nach ihrem Wohnsitz den Namen Bolschwich, spter Bolschwingh und
Bodelschwingh an. Unter der alten Fehmlinde zu Dortmund, die erst
vor wenigen Jahren dem Bau des neuen Bahnhofes weichen mute, sollen
Herren aus dem Hause Bodelschwingh forterbend das Gericht der
heiligen Fehme gebt haben. Aber gewi ist das nicht. Die sprlichen
Urkunden melden nur, da ein Sohn des Hauses Bodelschwingh im Dienst
des deutschen Ordens ostwrts zog, um sich und seinen Nachkommen im
Baltenlande eine neue Heimat zu gewinnen. Ein anderer fiel im Kampf
gegen die Trken und liegt in Ungarn begraben. Im Dom zu Mainz
findet sich das Grabmal eines Wennemar v. Bodelschwingh mit der
Jahreszahl 1543, der nach den alten Berichten des Domkapitels seinem
frstlichen Bischof ein treuer Ratgeber gewesen sein mu, und um
die gleiche Zeit meldet das Kirchenbuch der Stadt Elberfeld, da
Friederike v. Bodelschwingh um ihres evangelischen Bekenntnisses
willen mancherlei Ungemach zu leiden hatte.

Ein Sohn aus dem Hause Bodelschwingh heiratete im Jahre 1633
Felicitas v. Oeynhausen, die wegen ihrer Herzensgte bei arm und
reich hochgeschtzte Erbin des zwischen Dortmund und Hamm gelegenen
Gutes Velmede. Aus diesem Hause Bodelschwingh-Velmede stammt Ernst
v. Bodelschwingh, der Vater des spteren Pastor Friedrich
v. Bodelschwingh.

Ernst v. Bodelschwingh, geb. 1795, hatte nach seiner Schulzeit die
nassauische Forstakademie in Dillenburg besucht und war dann im
Herbst 1812 zum Studium der Rechtswissenschaften nach Berlin
gegangen. Hier traf ihn im Frhjahr 1813 der Aufruf des Knigs
Friedrich Wilhelm =III=. An mein Volk. Wenn er sich zu den
preuischen Fahnen meldete, so war damit der elterliche Besitz in
dem damals unter franzsischer Herrschaft stehenden Westfalen
bedroht, und ein Freund warnte ihn, da er sich nicht leichtsinnig
um sein Erbe bringe. Aber, rief Bodelschwingh aus, was ist eine
Handvoll Erde gegen mein Vaterland! und eilte, kaum siebzehn Jahre
alt, nach Breslau. Um aber Eltern und Besitz mglichst zu schtzen,
lie er sich unter falschem Namen in die Liste der freiwilligen
Jger eintragen.

Er kmpfte in den Schlachten von Gro-Grschen, Bautzen und an der
Katzbach und war bei Leipzig in dem besonders blutigen Ringen des
Yorckschen Korps um das Dorf Mckern. Bei der Verfolgung der
zurckflutenden franzsischen Armee kam es hinter Freiburg auf den
Hhen ber dem Unstruttale zum Gefecht, und hier erhielt der junge
Jgerleutnant, hart ber dem Herzen, einen Schu durch die Lunge. Er
hatte am Tage dem bedrngten Stadtschreiber des Stdtchens
Lauchstdt beim Ausschreiben der Quartierzettel geholfen, und dieser
kleine Dienst rettete ihm das Leben. Denn als der Transport der
Verwundeten Lauchstdt passierte, holten der Stadtschreiber und
seine Frau den todesmatten jungen Leutnant, der den Transport bis
Halle an der Saale nicht berstanden haben wrde, in ihr Haus. Das
Bett war zu kurz fr den fast sechs Fu langen Kranken. So bekam er
sein Strohlager an der Erde, und sein treuer Bursche Schneeberg --
wie oft hat das spter der Sohn des Verwundeten den Pflegern und
Pflegerinnen seiner Kranken erzhlt! -- bettete sich zu den Fen
seines Herrn und sagte: Herr Leutnant, wenn Sie etwas wnschen,
dann treten Sie nur. Denn zum Sprechen war der Kranke zunchst zu
schwach.

Die Wunde des jungen Leutnants schlo sich nur langsam, und die alte
Frische wollte nicht wiederkehren. Die Eltern, die nach langem,
bangem Warten endlich die Nachricht des Stadtschreibers erhielten,
machten sich auf den Weg, um ihren Sohn zu holen. Im Angesichte der
Stadt eilte die Mutter dem Wagen voraus und trat unverhofft in die
Stube, wo ihr blasser Sohn in die Kissen gelehnt auf dem Stuhle sa.
Die bergroe Freude lie das Blut des Kranken aufwallen, soda sich
die Wunde aufs neue ffnete. Aber gerade das war der Anfang der
Genesung. Denn aus einem verborgenen Eiterherd kamen Reste der
Uniform zum Vorschein, die bisher die Heilung gehindert hatten.

Freilich blieben die Krfte noch lange geschwcht. Als 1815 der
Krieg mit Napoleon abermals ausbrach, verweigerten darum die Eltern
ihrem Sohn, sich bei der Truppe zu stellen. Da machte er sich zu Fu
von Gttingen, wo er studierte, querfeldein auf den Weg nach
Velmede, seiner Heimat. Mutter, ich kann wieder marschieren, so
trat er ins Zimmer und erkmpfte sich die Erlaubnis der Eltern.

An dem Tage, wo er von Unna aus zur Armee aufbrach, erlitt dicht vor
Unna das Gefhrt zweier junger Mdchen, der beiden Schwestern von
Diest, die denselben Weg zum Rhein reisen wollten, einen Unfall. Die
Pferde hatten gescheut, der Kutscher war schwer verwundet, und so
blieb den beiden nichts anderes brig, als zur Weiterreise den
Postwagen zu nehmen. Das war derselbe Weg und derselbe Wagen, den
auch der junge Leutnant v. Bodelschwingh benutzen mute, um die
Truppe zu erreichen. So lernte Ernst v. Bodelschwingh in einer der
beiden Schwestern seine sptere Lebensgefhrtin, Charlotte v. Diest,
kennen, und durch diesen Unglcksfall wurde der Grund gelegt zu
einer Ehe, durch die ein Strom von Glck ber ungezhlte
Unglckliche kommen sollte.

So sprlich die Nachrichten ber die Bodelschwinghs flieen, so reich
sind sie andrerseits ber die Familie v. Diest. ber Ort und Gau der im
Jahre 838 zum ersten Male erwhnten deutsch-niederlndischen Stadt Diest
erwarb Otto v. Diest im Jahre 1090 das Herrschaftsrecht und wurde zum
Stammvater eines Hauses, dem die Herzge von Brabant und Flandern und
manche andere alte und berhmte niederlndische Geschlechter ihre
Tchter zu Frauen und ihre hchsten mter zur Verwaltung gaben. In
Mnster, Lbeck, Utrecht und Straburg finden wir Bischfe v. Diest; und
Arnicus v. Diest, der in seiner Einsiedelei als ein Freund Gottes,
aber auch als Freund der Tiere, Kinder und Kranken lebte, wurde um das
Jahr 1200 heilig gesprochen.

Frh bekannte sich die Familie zum evangelischen Glauben. Johann
v. Diest, Prediger zu Antwerpen, wurde 1571 von seinem Krankenbett zum
Scheiterhaufen gefhrt, und sein Sohn wurde auf dem Heimwege von der
Synode in Dordrecht 1583 aufgegriffen und in einem Sacke ertrnkt.
Schlielich konnten sich die Evangelischen der belgischen Niederlande
nur noch durch die Flucht ihren Verfolgern entziehen; und so finden wir
von jetzt ab die Familie v. Diest im kurbrandenburgischen Staatsdienst
oder, wie einst auf den Bischofssthlen, so jetzt auf evangelischen
Kanzeln und Lehrsthlen der rheinischen Stdte. Samuel v. Diest,
Professor der Theologie und Philosophie an der Universitt Duisburg,
trat als ein entschlossener Kmpfer fr den Frieden der in bitterem
Streit liegenden Lutheraner und Reformierten hervor, um gegenseitige
Duldung und brderliche Gesinnung herbeizufhren, welche vor allem auch
bis zur Gemeinschaft des Wortes und Sakramentes gehen mte. Und doch
blieb solche edle Weitherzigkeit bei den Diests frei von feigem
Nachgeben. Denn als der preuische Resident v. Diest in Cln im Jahre
1714 von den dortigen Studenten durch Gewalt an der Abhaltung
evangelischer Versammlungen in seinem Hause verhindert werden sollte,
wandte er sich an Knig Friedrich Wilhelm =I.=, der mit zhem Nachdruck
sich hinter seinen Residenten stellte und Kur-Cln zum Nachgeben zwang.

Eins der wenigen briggebliebenen Glieder dieses alten Geschlechts
war der Tribunals-Prsident Heinrich v. Diest, der erst in Cleve,
dann in Burgsteinfurt gelebt hatte. Er und seine Frau aber waren vor
und whrend der Freiheitskriege gestorben und hatten ihre Kinder in
bescheidenen Verhltnissen zurckgelassen. Zu diesen Kindern
gehrten auch jene beiden jungen Mdchen, Charlotte und Angelie
v. Diest, mit denen Ernst v. Bodelschwingh in Unna zusammentraf und
von denen die ltere spter seine Frau wurde.

Nach seiner Rckkehr aus dem Feldzuge vollendete Ernst
v. Bodelschwingh sein Studium und arbeitete als Referendar in
Arnsberg, Berlin und Mnster. Die Ferienzeiten aber fhrten ihn
immer wieder zurck ins Elternhaus nach Velmede.

Nur anderthalb Stunden von dem vterlichen Gute entfernt lag
Kappenberg, der Wohnsitz des vielleicht besten deutschen Mannes des
ganzen Jahrhunderts, des Reichsfreiherrn vom Stein. Sein Auge fiel
auf den jungen Referendarius, und Stein zog ihn in seine Nhe. So
kam eine Freundschaft zustande, die bis zum Tode des Reichsfreiherrn
anhielt und die fr Leben und Amt Ernsts v. Bodelschwingh die grte
Bedeutung gewann.

1822 wurde er zum Landrat des Kreises Tecklenburg ernannt. Das
Landratsamt in dem Stdtchen hatte keine geeignete Wohnung. Aber
die Witwe des frheren Landrats, Frau v. Diepenbrock-Grueter, die
dicht unterhalb der Stadt Tecklenburg in Haus Mark wohnte, bot
einen Teil des Hauses zur Wohnung an. So konnte denn der Landrat
sein Lottchen, wie er zeitlebens seine Frau nannte, heimfhren.
Die junge Landrtin war freilich ihrer Schwiegermutter keine
willkommene Tochter. Die alte Frau v. Bodelschwingh stammte aus
dem Hause Plettenberg, das einst dem deutschen Ritterorden in Hans
v. Plettenberg einen seiner grten Ordensmeister gestellt hatte.
Sie war bei kleinem, zartem Krper eine stolze und sehr
willenskrftige Natur. Im Stillen hatte sie sich eine der Tchter
des Freiherrn vom Stein an die Seite ihres ltesten Sohnes
gewnscht. Darum blieb sie lange Zeit ihrem Sohne gram, obwohl er,
wie sie selbst sagte, ihr niemals Kummer gemacht hatte. Namentlich
aber mute ihre Schwiegertochter viele Jahre hindurch unter
schwerer Zurcksetzung leiden. Doch die junge Landrtin trug es
still und gewann dadurch das Herz ihrer Schwiegermutter in einer
Weise, da die alternde Frau schlielich niemand lieber um sich
hatte als ihr Lottchen. Kinder, verget es nie, was ihr fr
eine Mutter habt! rief sie einmal ihren Enkeln zu. Und als es zum
Sterben mit ihr ging, war es wiederum ihre Schwiegertochter, der
sie ihr ganzes Herz ausschttete, wie ein Beichtkind dem
Beichtvater, und von der sie sich Trost und Strkung holte fr den
letzten Gang.

Ihr Mann, der Franzherr, wie ihn seine Leute nannten, war ihr im
Tode lngst vorangegangen. Er war ein Mann von gewissenhafter Treue
und grter Herzensgte. Das Gut war zum Teil verpachtet, und der
Pachtzins mute jhrlich in bar bezahlt werden. Ein Pchter, der in
jenen schweren Zeiten die Summe nicht rechtzeitig hatte aufbringen
knnen, kommt zum Gutsherrn, um ihn um Stundung zu bitten. Der weist
ihn an seinen Rentmeister, dem die Einkassierung des Pachtgeldes
oblag. Dieser aber bleibt hart. So kehrt der bedrngte Pchter zum
Gutsherrn zurck und bittet ihn, ihm das Geld vorzustrecken, damit
er es dem gestrengen Rentmeister zahlen knne. Der Franzherr gibt
ihm das Geld, und der Pchter trgt es zum Rentmeister hinber. Aber
der findet unter der Summe ungngige Mnzen und lehnt sie ab. Und
noch einmal kommt der Pchter zu seinem Herrn, um sich die
gewnschten Mnzen einzutauschen und so mit dem Gelde seines eigenen
Pachtherrn die Pacht zu bezahlen.

Die Landrtin in Tecklenburg, seine Schwiegertochter, hatte nach
einer bengstigenden Nacht eines Morgens zu ihrem Mann gesagt: Ich
wei nicht, warum ich so unruhig bin, ich glaube, unserm Vater geht
es nicht gut. Noch denselben Morgen kam ein reitender Bote mit der
Nachricht, da der Vater krank sei. Sofort warf sich der Landrat
aufs Pferd. Aber als er Velmede erreichte und die Magd, die ihm
begegnete, fragte: Wie geht es dem Vater? sagte sie nur: Der ist
eingegangen zu seines Herrn Freude. Der Sohn dieses Vaters aber,
der Landrat von Tecklenburg, stand mit gleicher Treue und mit groer
Umsicht in seinem Amt. Noch nach Jahrzehnten haben die Augen der
Tecklenburger geleuchtet, wenn der Name ihres ehemaligen Landrats
genannt wurde.

Der Osten Deutschlands hatte in den Jahren 1813-15 den groen
Frhling vaterlndischen Erwachens erlebt. Jetzt erlebte der Westen
ein neues Erwachen des alten Glaubens der Vter. Statt des
Rationalismus, der keinen Menschen mehr befriedigte, wurde der
Geschmack an dem Evangelium lebendig. Auf vielen Kanzeln erstanden
Mnner, die den sehnenden Herzen und Gewissen den Snderheiland
predigten.

Die Kirche in dem Stdtchen Tecklenburg blieb freilich von diesem
neuen Frhlingshauch unberhrt; aber im benachbarten Lengerich
sprte man ihn und drben in dem kleinen Walddorf Ledde, nur eine
kurze Stunde von Haus Mark entfernt. So sehen wir auch die
Tecklenburger Landrtin mit ihrem Mann in Ledde unter der Kanzel des
feurigen jungen Predigers Walter wie auch in Lengerich, wo Pastor
Smend stiller, aber auch tiefer von dem neuen Leben erfat war.

Fnf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren, und jetzt, wo sie ihr
sechstes Kind erwartete, war es fr sie eine Zeit, wo ihr Herz unter
dem Wehen des Geistesfrhlings mehr als je in Sprngen ging und ihre
Liebe zu dem, der sie zuerst geliebt hatte, besonders hell brannte.
Nie vorher hatte sie einem ihrer Kinder mit solcher Freudigkeit und
Sammlung des Herzens entgegengesehen. So kam der 6. Mrz 1831 heran.
Es war ein Sonntag. Die Hausgenossen waren zur Kirche gegangen. Die
Landrtin hatte still fr sich eine Predigt des Wrttembergers
Hofacker gelesen. Nun weihte sie das Kind, das sie erwartete, noch
einmal, wie sie es frher schon getan, ihrem Herrn zum Eigentum und
Dienst. Am Abend desselben Tages hielt sie ihren kleinen Friedrich
in den Armen.




Die Jugendzeit.

Koblenz. 1832-1842.


Zwei Monate spter mute die Familie v. Bodelschwingh ihr
liebgewonnenes Tecklenburger Land verlassen. Es ging dem Rheine zu
nach Cln, wohin der Landrat als Oberprsidialrat versetzt worden
war. Noch in demselben Jahre wurde er Regierungsprsident von Trier.
Von hier schrieb spter seine Frau an ihre Schwester: Von Fritz
lt sich nur sagen, da er ein recht aufgeweckter Junge ist und das
Soldatenspiel so fleiig bt, als wenn es ihm damit schon ein groer
Ernst wre. Und der kleine Fritz selbst erinnerte sich aus dieser
Zeit an die groen Taubenschwrme, die um die Porta Nigra, das
uralte Rmertor, flogen, und -- an den Sarg, in welchem sein kleiner
Bruder Ernst lag. Die Krnze, so erzhlte er, hllten den Sarg
ein, die Lichter brannten, und als der Sarg aufgehoben wurde, da war
es mir, als wrde er gradeswegs in den Himmel getragen. So nah und
dicht ragte dem Kinde unter der Unterweisung der treuen Mutter die
unsichtbare Welt schon damals in die sichtbare hinein.

Dann, 1834, kam die Ernennung des Vaters zum Oberprsidenten der
Rheinprovinz, und der kleine Fritz wei noch, wie eines Tages die ganze
Familie auf der Eiljacht moselabwrts von Trier nach Koblenz fhrt.
Koblenz, so erzhlt er spter, wie freundlich blickst du aus
Kindheitstagen mich an! Wie haben die schnen Fluten der Mosel und des
herrlichen Rheinstroms, in denen ich schwimmen lernte, wie haben die
schnen Berge, in die so mancher frhliche Weg uns hineinfhrte, mich
erfreut und erquickt! Aber ganz besonders traut bleibst du mir, alte
Wohnung in der Oberprsidium-Strae! Welch ein Kinderparadies warst du
fr uns! Welche Schtze mancherlei Art, gruselige und heitere, botest du
uns dar: einen groen Flur, wo wir nach Herzenslust unsere Kreisel
treiben konnten, eine unbeschreiblich gemtliche Wohnstube, wo die
Mutter in allen Anliegen aufgesucht werden durfte; ein Hinterhaus nach
dem Garten zu, wo unser Hauslehrer wohnte und wir zu arbeiten hatten,
dazwischen ein langer, langer Gang mit einer Glastr, durch die es auf
die Rumpelkammer des Hauses mit ihren altertmlichen Truhen ging und von
da auf einen langen Boden, wo wir unsere Musefallen aufstellten. Vom
Ende dieses Bodens aber, das war unser Geheimnis, gelangten wir durch
ein losgelstes Brett mittels eines khnen Sprunges auf den Heuboden des
Kutschers Franz. Kein schneres Spiel, als hier von oben nach unten
Kobolz zu schieen oder, was noch viel schner war, oben in der
verborgensten Ecke des Heubodens sich ein Huschen zu bauen. Da wurden
die schnsten Geschichten erzhlt. Und, o Wonne, wenn es nun gar am
Schlo rappelte und Kutscher Franz den Heuboden betrat! Da hielten wir
alle den Atem an, bis er mit seiner Tracht Heu wieder verschwunden war.

Aber einmal, als wir Kinder an der Glastr vorbeikamen, klopfte es
von innen, und oben durch die Scheiben guckte ein Kerl. Eigentlich
war es gar kein Kerl, sondern ein alter Hut, der oben auf der
Rumpelkammer gelegen hatte und der nun auf einem mit einem weien
Tuche behangenen Stocke in die Hhe gehalten wurde. Natrlich ein
furchtbarer Schreck der kleinen Gesellschaft und Fersengeld, was nur
die Fe laufen wollten. Was half es, da der Bruder Ludwig die Tr
aufmachte und lachend den alten Hut auf dem Stocke zeigte. Der
Schreck blieb nun einmal. Und so oft der Spa wiederholt wurde in
wechselnden Gestalten, die durch das Fenster guckten, -- bald war es
eine groe ausgestopfte Puppe, bald ein ausgehhlter Krbiskopf --
die Furcht vor der Glastr verlor sich nicht.

Ganz besonders schn war unser Garten, der in zwei Terrassen zur
alten, dicken Stadtmauer hinunterfhrte. In dieser Mauer legten wir
unsere Ruberhhlen an und bargen unsere selbstgeschnitzten Waffen
darin: Sbel, Pistolen, Streitxte, Bogen und Pfeile. In der Mitte
des Gartens lief eine Allee von Linden, in deren prachtvoll
verschlungenen Kronen wir Kinder manche Stunde zubrachten. Von allen
Obstbumen bleibt der groe Birnbaum oben rechts in der Ecke des
Gartens besonders unvergelich. Er trug so treu jedes Jahr mehrere
Waschkrbe voll Birnen, da der Tag, an dem wir ihn abernteten,
jedesmal ein Familienfest war. Hinter dem Birnbaum war ein
Himbeerbeet, das beliebteste Versteck, wenn wir Anschlag spielten.
Unten im Garten aber hing an vier Balken eine lange Schaukel, auf
der wir Kinder alle zugleich Platz hatten. Oben links in der Ecke
stand eine Geiblattlaube, wo so manches Mal unser Vesperbrot
verzehrt wurde, und an der Mauer waren die prachtvollsten weien und
blauen Weintrauben. Das alles genossen wir nicht allein, sondern mit
treuen Spielgefhrten zusammen, die sich tglich bei uns
einstellten.

Besonders reich wurde unser Leben, als der Vater noch einen Garten
am Rhein hinzukaufte, dem Drfchen Pfaffendorf gegenber. Diesen
Garten, der unser eigentlicher Gemse- und Obstgarten war, halfen
wir Kinder bepflanzen und bestellen. Wir konnten alle klettern wie
die Katzen. Darum war es uns auch ein Kleines, ber den hohen
Gartenzaun zu kommen. Als das aber der Vater erfuhr, verbot er es
uns, damit wir es andern Kindern nicht vormachten. Wir sollten
fortan immer den Schlssel mitnehmen und nur durch die ordentliche
Tr aus- und eingehen.

Nun hatten mich einmal die Geschwister, als sie kurz vor Mittag nach
Hause gingen, aus Versehen in dem Garten eingeschlossen in der
Meinung, ich sei schon voraus, whrend ich ganz vertieft hoch in den
Zweigen eines Kirschbaums sa. Pltzlich merkte ich, da alles still
um mich her war. Ich stieg vom Kirschbaum und stand alsbald vor der
verschlossenen Tr. Es wre mir ja ein kleines gewesen, ber den
Gartenzaun hinberzuklettern, wie ich dies schon oft getan hatte.
Aber der Vater hat es ja verboten, so hie es in meinem Herzen. Da
mein Rufen nichts half, legte ich mich schluchzend auf die Bank in
der Gartenlaube, die ganz von Gebschen eingeschlossen war. Eine
Nachtigall, die dort in dem Busch ihr Quartier hatte, kam ganz
zutraulich auf den Tisch geflogen, der vor der Bank stand, auf der
ich endlich ber meinen Trnen einschlief.

Inzwischen war zu Hause groe Unruhe gewesen. Die Geschwister hatten
gesagt, ich msse gewi schon vor ihnen aus dem Garten gegangen
sein. Und wenn sie mich doch vielleicht eingeschlossen htten, so
wte ich ja, da ich zu Mittag zu Hause sein mte, und wre gewi
ber den Zaun gesprungen. So hatte man mich denn berall gesucht,
nur da nicht, wo ich zu finden war. Da, mit einemmal, hrte ich mich
beim Namen rufen. Der Vater stand vor mir und sagte: Mein Sohn, wie
konntest du uns das antun? Ich antwortete, aufs neue in Trnen
ausbrechend: Vater, du hast es uns doch verboten, ber die Mauer
zu klettern.

Sehr lebhaft stehen mir noch die schweren Erkrankungen meines Vaters
in Erinnerung. Zweimal lag er in Koblenz an seiner durchschossenen
Lunge todkrank, beide Male an Lungenentzndung. Das eine Mal kam es
so weit, da die rzte ihn aufgegeben hatten. Es war spt am Abend,
da holte uns die Mutter alle herein in das vermeintliche
Sterbezimmer. Wir Kleinen nahmen mit heien Trnen vom lieben Vater
Abschied, der noch in der Nacht das heilige Abendmahl empfing.
Nachdem die Mutter uns zu Bett gebracht hatte, suchte sie, wie sie
mir spter erzhlte, eine verborgene Stelle auf, legte sich dort auf
ihr Angesicht und bat Gott um ein ganz gehorsames Herz, mit dem sie
sagen knne: Herr, dein Wille geschehe! So hielt sie lange an mit
Beten und Rufen, bis es endlich ganz still in ihr wurde und sie ihr
Jawort geben konnte zu dem Opfer, das sie bringen sollte. Kaum aber
hatte sie in ihrem Herzen das Opfer vollbracht, da war es ihr, als
bekme sie einen freundlichen Zuspruch: Nun sollst du ihn noch
einmal behalten. Und siehe da, wie sie von leiser Hoffnung getragen
in das Krankenzimmer zurckkehrt, da merkt sie, da der
eigentmliche Schwei eingetreten ist, der eine Wendung zur Genesung
ankndigt. Noch ganz deutlich habe ich das glckliche Angesicht der
Mutter vor Augen, wie sie sich morgens ber unser Bett neigte und
uns Kleinen mit der Freudenbotschaft begrte: Liebe Kinder, der
Vater wird wieder besser.

War es bei dieser Krankheit oder bei der vorhergehenden, das wei
ich nicht mehr gewi, aber das wei ich, da ich oftmals auf dem
Bette des Vaters sa, als er in der Genesung begriffen war, und da
er ein kleines Buch in der Hand hatte, aus dem er mir den ersten
Leseunterricht gab. Auch meine lteren Geschwister hatten alle aus
demselben kleinen Buch lesen gelernt. Es enthielt zugleich den
ersten Religionsunterricht in kurzen Stzen mit lauter einsilbigen
Wrtern und fing an: >Mein Kind, Gott ist sehr gut, er hat dich sehr
lieb.<

Treue Hauslehrer -- einer von ihnen kam, von Zeller empfohlen, aus
der Anstalt Beuggen am Rhein -- setzten den Unterricht bei dem
kleinen Friedrich und seinen Geschwistern fort. Sie waren auch die
Begleiter der heranwachsenden Kinder bei den schnen Wanderungen den
Rhein aufwrts bis ins Nahetal oder den Rhein abwrts in die
westflische Heimat zu der zwar gefrchteten, aber doch zugleich
innig geliebten Gromutter. Vorbergehend wurde auch die
Brgerschule von Koblenz besucht und auf dem Heimweg zwischen der in
ein katholisches und ein evangelisches Lager geteilten Schuljugend
manch heier Strau ausgefochten.

Vornehme Gste kamen ins Oberprsidium, auch der preuische
Kronprinz und die Kaiserin von Ruland. Aber die Mutter blieb
dieselbe schlichte Frau und wurde es noch immer mehr. Einmal, als
die Kchin erkrankt war und die zum Diner geladenen Gste nicht mehr
abbestellt werden konnten, auch keine andere Hilfe sich zeigte,
blieb sie in der Kche und besorgte das ganze Essen, ohne sich ihren
Gsten zu zeigen.

Unvergelich blieb auch ihren Kindern, was sie von ihrer Reise nach
Berlin erzhlte, wo ihr Mann, der zur Huldigungsfeier des Knigs
Friedrich Wilhelm =IV.= an den Hof gerufen worden war, abermals an
Lungenentzndung krank lag. Als sie mit der Post bis Cassel gelangt
war, hie es: Zwlf Stunden Aufenthalt. Das war keine Kleinigkeit
fr die um ihren todkranken Mann gengstete Frau. Da ihr ein Paar
Schuhe fehlten, machte sie sich auf den Weg in die Stadt. Die
prunkenden Lden liebte sie nicht, und so suchte sie eine Nebengasse
auf, in der sie das Schaufenster eines Schusters fand, mit einem
einzigen Paar kleiner Schuhe besetzt. Sie trat ein und fand darin
das vergrmte Gesicht einer Frau. Sie merkte gleich, da sie die
Schuhe kaufen mute, ob sie ihr paten oder nicht, und fragte
teilnehmend, warum denn nur ein Paar Schuhe briggeblieben seien. Da
kam es heraus, da der Mann an der Schwindsucht darniederliege und
nicht mehr arbeiten knne. Bald sa die Oberprsidentin am Bette des
Kranken. Nachdem sie unten im Laden die Frau erfreut hatte durch den
hchsten Preis, den sie irgend fr die Schuhe anbringen konnte,
erquickte sie nun vollends den Mann aus dem reichen Schatz ihres
Herzens und strkte ihn fr seinen Weg aus der Zeit in die Ewigkeit.
Darber wurde ihr eigenes sorgenvolles Herz, das durch den langen
Aufenthalt in doppelte Unruhe gebracht war, still. Und als sie nach
zwei Tagen in Berlin ankam, fand sie ihren Mann schon auf dem Wege
zur Genesung. Gerade in der Stunde, wo sie am Bette des armen
kranken Schusters in Cassel gesessen hatte, war die Krisis
eingetreten.

Solche Erfahrungen machten es immer mehr zu ihrem inneren Besitz und
Grundsatz, durch keine Verlegenheit verlegen zu werden und durch
keine Verdrielichkeit verdrossen. Es ist alles gut, was wir nicht
selbst verschuldet haben, pflegte sie oft zu sagen; und wo etwas
besonders Schweres kam, sagte sie: Gott hat gewi etwas besonders
Gutes damit im Sinn. Darin war sie vollkommen eins mit ihrem Mann,
der von Natur noch glcklicher veranlagt war als sie und an dem
alle, die mit ihm in Berhrung kamen, mit einer unbegrenzten Liebe
emporsahen.

Schon ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt schrieb Professor
Clemens Perthes in Bonn: Ich fand in Koblenz viel verndert; statt
des alten guten, aber schwachen P. einen jungen beraus krftigen
Mann als Oberprsidenten, der mit eigener Hand berall eingriff und
schon ein gutes Ma Schmutz aus dem alten Schlendrian aufgewhlt
hat. Bodelschwingh ist aus Vinckes Schule, ebenso krftig und
sorgsam, aber gewi viel besonnener als dieser, dabei von einem
schnen, mnnlichen ueren, Meister in allen krperlichen bungen,
Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Durch sein einfaches
Auftreten pat er ganz vorzglich fr die Rheinlande, denen wohl
nicht leicht ein grerer Verlust zugefgt werden knnte, als wenn
der Oberprsident wirklich, wie es heit, Finanzminister werden
sollte. Es mu eine Lust sein, unter Bodelschwingh zu arbeiten. In
der Tat gelang es der hingebenden Treue und Umsicht Bodelschwinghs
im Bunde mit seinen von ihm hingerissenen Mitarbeitern, die
rheinische Provinz, um die Frankreich mit so heien Bemhungen
geworben hatte, wieder fest mit dem Mutterlande zu verknpfen.

Auch die Verhaftung des Clner Erzbischofs von Droste-Vischering,
die er infolge des Mischehen-Streites auf Befehl der Krone
persnlich zu vollziehen hatte, konnte dem evangelischen Mann das
Vertrauen der meist katholischen Rheinlnder nicht entziehen. So
tief waren alle trotz unvermeidlicher sachlicher Differenzen von der
Rechtlichkeit seiner Person berzeugt.


Berlin. 1842-1848.

Nach achtjhriger Ttigkeit in Koblenz wurde Ernst v. Bodelschwingh
1842 zur Leitung des Finanzministeriums nach Berlin berufen. Er
hatte eigentlich schon damals das Ministerium des Innern bernehmen
sollen, den wichtigsten Posten im preuischen Staate, doch hatte er
es beim Knig durchgesetzt, ihm das Finanzministerium zu geben, dem
zu jener Zeit noch auer den eigentlichen Finanzfragen ein groer
Teil der Aufgaben unterstellt war, die spter von dem Ministerium
des Handels und der ffentlichen Arbeiten erledigt wurden. Die
Erfahrungen als Landrat und in den verschiedenen mtern der
Rheinprovinz hatten ihm gerade diese praktischen Gebiete besonders
vertraut gemacht. Aber das Losreien in Koblenz war sauer. Und nicht
nur dem Oberprsidenten wurde der Abschied von seiner ihm so ans
Herz gewachsenen Provinz schwer, sondern auch seiner ganzen Familie.
Der Rhein hatte es ihnen allen angetan. Und als der damals
elfjhrige Friedrich lngst zum Mann und Greis geworden war, hrte
man ihn noch manchmal vor sich hinsummen:

    An den Rhein, an den Rhein,
    Zieh' nicht an den Rhein,
    Mein Sohn, ich rate dir gut.
    Da geht dir das Leben so lieblich ein,
    Da blht dir so freudig der Mut.

    Siehst die Mdchen so frank
    Und die Mnner so frei,
    Als wr's ein adlig Geschlecht.
    Gleich bist du mit glhender Seele dabei,
    So dnkt es dich billig und recht.

Whrend der Vater mit den lteren Kindern schon nach Berlin vorausgeeilt
war, reiste die Mutter mit den jngeren Geschwistern hinterher. Schon
seit Jahren war Karl, der um zwei Jahre ltere Bruder Friedrichs,
leidend, und der kleine Friedrich hatte whrend der Reise nicht nur den
Kanarienvogel, der in seinem Kfig an der Decke des Wagens hing, und die
Meerschweinchen, die in einer Kiste mitgefhrt wurden, zu versorgen,
sondern auch als Krankenpfleger dem leidenden Bruder Handreichungen zu
tun. Nach zehntgiger Fahrt in der Postkutsche wurde die neue Heimat
erreicht und das Finanzministerium, das bis heute, wenn auch in
vernderter Form, auf demselben Platze am Kastanienwldchen steht,
bezogen.

Von da war es ein kurzer Weg zum Joachimstalschen Gymnasium in der
Burgstrae jenseits des Lustgartens. Die Aufnahme ging glatt
vonstatten. Aber als es vom Lateinischen zum Griechischen vorwrts gehen
sollte und das Gymnasium mit den auerordentlichen Ansprchen an hchste
Leistungen auf dem Gebiete der klassischen Sprachen auch an den kleinen
Quartaner und Tertianer herantrat, da bedurfte es der grten Anspannung
der Willenskraft, um das geforderte Ziel notdrftig zu erreichen. Erst
nach zwei Jahren gab es ein Aufatmen. Statt des Finanzministeriums
bernahm der Vater das Kabinettsministerium und im Jahre darauf auerdem
auch noch das Ministerium des Innern. Damit war ein Wohnungswechsel
verbunden, erst in die Wilhelmstrae, dann in die Strae Unter den
Linden. Jetzt war der Weg zum Joachimstalschen Gymnasium zu weit
geworden, und Friedrich bezog mit seinen Brdern das damals in der
Kochstrae gelegene Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Mit wachsender Lust,
unter verstndnisvollen Lehrern, ging es an die Arbeit, und lange,
nachdem er die Schule verlassen hatte, verfolgte ihn das Heimweh nach
den Bnken seines lieben Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.

In der Freizeit wurde, wie einst in Koblenz, geturnt, geschwommen,
gerudert und Schlittschuh gelaufen. Jetzt kam auch das Reiten hinzu.
Einmal freilich setzte Cora, das Reitpferd seines Vaters, den jungen
Friedrich im Tiergarten ab und trabte ohne ihn durch das
Brandenburger Tor nach Hause. Von den lteren Brdern lernte er das
Fechten, das er so lieb gewann, da er bis zum Jahre 1854 sich nicht
von seinem doppelten Fechtzeug mit Rapier, Schutzhaube und Bandagen
trennen konnte. Und zeit seines Lebens fhrte er ber seinem rechten
Auge einen Denkzettel mit sich in Gestalt einer Narbe, die ihm sein
kleiner Bruder Ernst geschlagen hatte. Seiner berlegenheit sicher,
hatte der ltere Bruder, ohne sich durch Bandagen zu schtzen, dem
jngeren das scharfe Rapier in die Hand gedrckt, und dieser, nicht
faul, hatte ihm im khnen Dreinschlagen den Hieb gerade ber dem
Auge beigebracht.

Bald kam auch das edle Weidwerk hinzu. Der Knig hatte seinem
Minister fr die Stunden der Erholung vor den Toren Berlins ein
Jagdgebiet zur Verfgung gestellt. So liefen denn die Shne hinter
dem Vater her, erst um das geschossene Wild zu tragen, dann um auch
selbst die Flinte in die Hand zu nehmen. Auf Hasen und Hhner wagte
Friedrich den Schu, aber auf den Rehbock nur ein einziges Mal. Die
Augen des verendenden Tieres hatten es ihm angetan. Seitdem konnte
er nicht wieder darauf anlegen.

Noch grer waren die Freuden der gemeinsamen Wanderungen mit dem
geliebten Vater oder auch allein mit den Brdern und Freunden. Dem Vater
waren von Jugend auf weite Mrsche Lust und Erholung gewesen. Noch vor
den Freiheitskriegen war er einmal von Berlin nach Westfalen zu Fu
gegangen. Zugleich mit der Post hatte er Berlin verlassen, und eher als
die Post hatte er die Heimat erreicht. Spter, als Student in Gttingen,
war er in einem Tage auf den Brocken gegangen, hatte dort am andern
Morgen den Sonnenaufgang erlebt und war noch am selben Abend wieder in
Gttingen gewesen. Zehn Meilen hin, zehn Meilen zurck, d. h. etwa
150 Kilometer in zwei Tagen. Als Referendar war er sogar einmal in elf
Wochen von Westfalen durch Sddeutschland und die Schweiz an die
oberitalienischen Seen bis Mailand gewandert und wieder zurck, ohne
irgend ein Gefhrt unter den Fen zu haben als nur auf den
schweizerischen und italienischen Seen das Deck der Schiffe, die ihn von
einem Ufer zum andern trugen. So gab es auch jetzt mit den
heranwachsenden Shnen unter frohen Liedern eine Reise ber Rheinsberg
und Hohen-Zieritz mit den Erinnerungen an Friedrich den Groen und die
Knigin Luise nach der Insel Rgen. Eine Fureise nach Sddeutschland
machten die Brder zusammen mit einigen Freunden ohne den Vater. 87
deutsche Burgen wurden begrt oder bestiegen, und in sieben deutschen
Strmen bis hinunter zum Neckar wurde gebadet.

Unter solchen Freuden glitten die schalen Vergngungen der
Hauptstadt fast unbeachtet an Friedrich vorber, zumal schon damals
weitere und engere Freundschaftsbande ihn ganz in Anspruch nahmen.
Schon als Quartaner auf dem Joachimstalschen Gymnasium war er fr
einen flschlich angeklagten Klassengenossen, Gustav Bossart,
eingetreten. Ritterlich war er zum Direktor vorgedrungen und hatte
sich, wenn auch unter lautem Schluchzen, fr die Redlichkeit des
Beschuldigten verbrgt. Das hatte ihm zugleich das Herz des
Direktors und seines Kameraden gewonnen.

Bald darauf erschtterten tiefe Zweifel an der Gte Gottes das Herz
des jungen Bossart. Whrend sie unter dem Sternenhimmel miteinander
dahingingen, gestand er sie seinem Freunde Friedrich. Es handelte
sich um das alte Problem des ewigen Gerichtes und der ewigen Gnade.
Was konnte Friedrich sagen? Das Firmament strahlte zu ihnen
herunter, und whrend er sein Auge aufhob, kam es ber ihn wie eine
Erleuchtung: Ist nicht beides gleich unfalich, die Endlichkeit und
die Unendlichkeit des Himmelsraumes? Wenn es mir wirklich gelnge,
bis an sein Ende zu kommen, was wrde ich dann jenseits seines Endes
erblicken? So, sagte er seinem Freunde Bossart, ist es auch mit
den Fragen, die dich bewegen. Sie lassen sich beide nicht zu Ende
denken. Es gibt im Reich der Gnade und im Reiche der Natur eine
Grenze, die dem menschlichen Geist gesteckt ist, bei der das Denken
aufhrt und der Glaube anfngt, der, ohne die letzten Dinge
ergrnden zu knnen, Gott traut. -- Mit unermdlicher Treue hat der
Knabe, der Jngling und der heranreifende Mann an dieser
Freundschaft festgehalten; und wir werden ihr spter noch einmal
begegnen.

Unter den Husern, die denen Bodelschwinghs besonders verbunden
waren, stand obenan das Haus des damaligen Generals v. Diest. Der
General war der einzige noch berlebende Bruder der Ministerin. Nach
der Schlacht bei Auerstedt, an der er als junger Offizier teilnahm,
hatte er sich berzeugt, da nur von Osten her die Befreiung
Preuens kommen konnte. So war er ber Holland nach Ruland gegangen
und in russische Dienste getreten. Als Vermessungsoffizier hatte er
der russischen Armee ausgezeichnete Dienste getan, hatte die
Feldzge 1812 und 13 auf russischer Seite mitgemacht und war
schlielich so sehr in das Vertrauen des russischen Kaisers
hineingewachsen, da dieser alle Mittel aufwendete, um ihn in seiner
Armee zu behalten. Aber er konnte auerhalb der Luft seines
befreiten Vaterlandes nicht leben. In preuische Dienste
zurckgekehrt, war er schlielich Generalinspekteur der Artillerie
geworden und lebte jetzt als der schne Diest, wie die Berliner
Jungen ihn nannten, in Berlin. Er war in der Tat eine hervorragend
schne Erscheinung, aber in dem stattlichen Manne lebte ein kindlich
frommer, demtiger Sinn, der ganz mit dem Geist seiner Geschwister
Bodelschwingh bereinstimmte. Seine drei Kinder standen in gleichem
Alter mit den lteren Kindern des Hauses Bodelschwingh, und so oft
die beiden Geschwisterkreise sich zusammenfanden, was jede Woche
mehrmals geschah, gab es das frhlichste Leben. Denn die Diests
konnten lachen aus dem Effeff.

Zu dem innersten Freundeskreis gehrte in den ersten Berliner Jahren
besonders auch der westflische Ober-Prsident von Vincke, dessen
erste Frau eine Kusine des Ministers von Bodelschwingh gewesen war.
Klein und unscheinbar von Person, war dieser Mann vor und nach den
Freiheitskriegen einer der grten Wohltter seiner engeren und
weiteren Heimat geworden. Er hatte einen klaren Blick fr das
Kleinste und fr das Grte und entwickelte bei uerster
persnlicher Anspruchslosigkeit fr die wichtigsten wie fr die
unscheinbarsten Dinge den gleichen Eifer. An den Akten pflegte er in
echt preuischer Sparsamkeit jeden freien Streifen Papier
abzuschneiden, um ihn zu seinen schriftlichen Notizen zu benutzen.
Im blauen Kittel, um seinen darunter befindlichen guten Anzug zu
schonen, visitierte er in Westfalen die Landrte und Amtleute,
reiste auch in demselben blauen Kittel von Westfalen nach Berlin.
Immer fhrte er eines oder mehrere dieser Kleidungsstcke bei sich,
um sie seinen Freunden und Bekannten zu empfehlen oder zu schenken
und ihnen bei der ersten Anprobe behilflich zu sein, die bisweilen
nicht ohne Schwierigkeit vor sich zu gehen pflegte, da der Kittel
ohne Knpfe war und ber den Kopf fix und fertig auf den Krper
gezogen werden mute. Er konnte keine Reise von Westfalen nach
Berlin unternehmen, ohne sich mit allerlei Paketen zu beladen fr
die in Berlin studierenden Shne seiner westflischen Freunde und
Bekannten.

Eine Reise, auf der Friedrich mit seinem Vater den alten aus
Westfalen gekommenen Oberprsidenten nach Eberswalde begleitete,
blieb ihm unvergelich. Nachdem die Dienstgeschfte erledigt waren,
durcheilte der kleine ber siebzigjhrige Mann die Stadt, um die
westflischen Schler der dortigen Forstakademie aufzusuchen und
sich von ihnen Gre und Auftrge fr ihre Verwandten nach Mnster
zu holen. Als er 1844 starb und auf seinem Gute Haus Busch im
westflischen Lennetal begraben wurde, setzte man ihm auf seinen
Grabstein nur die Worte: =Vixit propter alios= -- er lebte fr
andere.

In demselben Sinne hatten auch Bodelschwinghs ihr Leben
eingerichtet. Darum ging es im Hause einfach und sparsam zu. Wenn es
freilich galt, bei festlichen Gelegenheiten den Staat zu vertreten,
wurde nicht gespart. Der junge Friedrich hatte den Kandidaten, der
seinen jngeren Bruder unterrichtete, bisweilen auf seinen Gngen zu
armen Leuten begleitet. Bei der Rckkehr nach Hause fiel ihm der
Abstand zwischen den behaglichen und stattlichen Rumen seines
Elternhauses und den Stuben der armen Leute schwer aufs Herz. Und
einmal, als die Tafel fr Gste des Finanzministeriums festlich
gedeckt und mit allerlei Prunkgeschirr und kstlichen Speisen
besetzt war, fing der Knabe bitterlich an zu weinen im Gedanken
daran, wie reichlich es hier zuging und wieviel statt dessen die
armen Leute entbehren muten. In beiden Fllen kostete es die Mutter
Mhe, ihn ber diesen Unterschied, unter dem er litt, zu beruhigen.

Bedeutsam fr Friedrich v. Bodelschwingh und seine sptere Arbeit wurde
es auch, als 1845 an einige Gymnasien und an die Kadettenanstalten die
Aufforderung kam, zu Gespielen des Prinzen Friedrich Wilhelm, des Sohnes
des Prinzen von Preuen, geeignete Altersgenossen vorzuschlagen. Unter
den Vorgeschlagenen war auch der junge Bodelschwingh. Mit sieben oder
acht Kameraden fand er sich von nun an wchentlich einmal, namentlich
Sonntags, bei dem jungen Prinzen ein, im Winter in Berlin, im Sommer in
Babelsberg bei Potsdam.

Er erzhlt darber: Wir waren zumeist zwischen 14 und 15 Jahren
alt. Jedesmal, wenn ein neuer Gespiele hinzukam, begrte ihn der
Prinz auf das zutraulichste und bot ihm gleich das Du an. Im Winter
tummelten wir uns in dem gerumigen Turnsaal. Im Sommer, in
Babelsberg, war unser Treiben meist noch viel freier und frhlicher,
weil wir nicht so unter den Augen des Generals von Unruh, des
Gouverneurs des Prinzen, waren. Hier wurden nicht nur die
gewhnlichen Laufspiele gespielt, sondern wir durften uns wohl auch
die Pferde aus dem Stall holen, groe und kleine, und so, beritten,
allerlei Spiele spielen, die sonst Knaben zu Fu zu treiben pflegen.
Am meisten Freude machte uns die kleine Flotte auf dem See, mit der
wir unsere Seeschlachten lieferten. Ich erinnere mich noch, wie wir
eines Tages den Prinzen Friedrich Karl angriffen, der eine kleine
Fregatte kommandierte. Aber bei dem Versuch, mit meinem Freunde
Zastrow zusammen die Fregatte zu entern, wurden wir von dem Prinzen
durch verschiedene Eimer Wasser in die Flucht geschlagen.

Unser Prinz Friedrich Wilhelm war wohl der gesittetste unter uns
Knaben, der in keiner Weise uns seine hohe Geburt fhlen lie,
sondern ganz wie mit seinesgleichen seine Spiele mit uns trieb und
sich von uns Kleinen etwas gefallen lie, da wir zumeist gelenkiger
und hurtiger waren als er. fter kam auch Emanuel Geibel, um mit uns
kleine Auffhrungen einzuben.

Aber die tiefsten Erinnerungen und Einflsse blieben doch auch in
dieser Berliner Zeit dem Elternhause vorbehalten. Die Ministerin sah
es bei dem mhevollen und unruhigen Leben ihres Mannes als ihre
Hauptaufgabe an, Frau und Mutter des Hauses zu sein. Darum hatte sie
sich schon bald nach ihrer Ankunft in Berlin, unter Hinweis auf
ihren krnker werdenden Sohn Karl, beim Knig und der Knigin die
Erlaubnis ausgebeten, den Hoffestlichkeiten fern bleiben zu drfen.
Ihr Mann konnte sich diesen natrlich nicht entziehen. Aber ehe er
ins Schlo fuhr, pflegte er vorher mit den Seinen die Abendandacht
zu halten. Dann meldete er sich beim Knig und der Knigin, ging
nacheinander, bald den einen, bald den andern anredend, durch die
Reihe der Festsle, und manchmal, noch ehe die Kinder eingeschlafen
waren, hrten sie den Wagen ihres Vaters wieder zurckkommen. Dann
fand ihn der Rest des Abends wieder an seinem Schreibtisch; und frh
um fnf Uhr war er aufs neue bei der Arbeit.

Nachmittags aber, nach dem einfach und eilig eingenommenen
Mittagbrot und der kurzen daran sich anschlieenden Ruhepause,
fand sich die ganze Familie zum Kaffee zusammen, im Sommer im
Garten, im Winter im gerumigen Saale. Dann gehrte der Vater ganz
seinen Kindern, scherzte und tollte mit ihnen in grter
Heiterkeit, als wenn niemals die ungeheure Last seines Amtes auf
ihm gelegen htte. Und wenn gelegentlich einmal sein Bruder Karl
dazu kam, der ihm spter im Finanzministerium folgte, dann mischte
auch dieser sich in das frhliche Spiel, und die Kinder sahen zu,
wie die beiden schon ergrauten Brder sich mit Kissen warfen. In
der Erinnerung an solche Stunden sagte spter der Sohn: Ich
glaube nicht, da es einen so edlen, glcklich veranlagten Mann
wie unseren Vater noch einmal gab. Die Brder unterhielten sich
einmal ber ihn. Der eine: Solchen Menschen wie Vater gibt es nur
einmal in Preuen! Der zweite: In Preuen? In Deutschland! Der
dritte: In Deutschland? Nein, in Europa! Und, fgte die
Tochter hinzu, dabei war er ein strenger Vater.

Auch die Dienstboten nahmen an diesem Glck des Hauses teil. Durch
den treuen Pastor Smend von Lengerich, der durch seine Briefe der
seelsorgerliche Freund des Hauses geblieben war, wurde die
Verbindung mit dem Tecklenburger Land wach erhalten, und mehr wie
ein Tecklenburger Kind trat in Berlin in die Dienste des frheren
Landrates und seiner Frau und wurde, auch wenn es sich verheiratet
hatte, nicht vergessen, sondern als bleibendes Glied des Hauses
angesehen.

Aber ohne seine Brde war das Glck des Hauses nicht. Das ernste
Leiden des dritten Sohnes Karl fhrte zu dauerndem Siechtum. Nie
dachte die Mutter, obwohl sie selbst die Kaiserswerther Schwestern
in die Charit eingefhrt hatte, daran, sich eine Diakonisse zu
Hilfe zu nehmen. Die Schwestern gehren den Armen, pflegte sie zu
sagen. Die Kranken im eigenen Hause pflegte sie selbst. So hatte sie
einen schwindschtigen Studenten aufgenommen und bis zum Tode
gepflegt und blieb nun auch die Pflegerin ihres Sohnes, der in
kindlichem Glauben sein Ende erwartete, bis seine Mutter ihm die
Augen zudrcken konnte.

Auch ihr Bruder, der General von Diest, siechte dahin, und auch bei
ihm, der seit langem Witwer war, hielt sie in treuster Pflege bis
zuletzt aus. An dem Tage, an dem er starb, schrieb sie in ihr
Tagebuch: Todestag? -- Gott sei Dank, da ich mit Gewiheit sagen
darf, nicht Todestag, sondern seliger Heimgang meines treuen, noch
einzigen Bruders Heinrich. Sein groes schweres Leiden machte ihn
keinen Augenblick zweifelnd an der Liebe seines Gottes. Des Herrn
Kraft ist in dem Schwachen mchtig, und wie er ihn bekannt hat vor
den Menschen als seinen Helfer, Erlser und Seligmacher, so wird der
Herr auch ihn jetzt bekennen vor seinem himmlischen Vater und sagen:
>Gehe ein zu deines Herrn Freude!< Seine Lagerstatt war mir ein
stilles Heiligtum, und sein letzter Atemzug war fr ihn der Anbruch
eines Tages, wo er zum Anschauen dessen gelangt, was er hier
geglaubt. Ich mute ihn mit den Worten begleiten: >Der Erlste des
Herrn ist nach Zion kommen mit Jauchzen, seine Zunge wird voll
Rhmens und sein Mund voll Lachens sein!<

Ernster noch, aber doch von hnlicher heiliger Freude begleitet, war
der Weg zum Grabe ihres ltesten Sohnes. Er war einst als kleines
Kind in Tecklenburg schwer krank gewesen. Da hatte ihn die Mutter in
leidenschaftlichem Gebet Gott abgetrotzt: Er sollte ihr das Kind am
Leben erhalten. Das Kind genas wirklich. Es war ein geweckter, fr
alle Eindrcke sehr empfnglicher Knabe geworden. Nun in Berlin
schlug die Verfhrung der groen Stadt ihre Krallen in den
hochbegabten, von Kraft und Schnheit strotzenden Studenten der
Rechtswissenschaft. Mit seinem Glauben verlor er die Kraft zu Kampf
und Sieg, schrieb spter sein Bruder Friedrich. Die Mutter sah ihn
bergab gleiten. Aber er lie sich nicht halten. Bittere
Selbstanklagen stiegen in ihr auf in Erinnerung an jene Krankheit
und jenes Gebet in Haus Mark. Dazu kam die Sorge um ihren
heigeliebten Mann, an dessen Herzen der Kummer nagte. Jede Nacht
blieb sie auf und wartete, bis ihr Sohn zurck war. Wenn sie endlich
seinen Schritt hrte, kam kein Wort des Scheltens ber ihre Lippen,
nicht einmal einen Gedanken des Vorwurfs duldete sie in ihrem
Herzen. Sie litt still um ihn und fr ihn und klagte sich selbst an.

Eines Nachmittags trat er ganz ruhig ins Zimmer. Seine Hand war
verbunden. In einem studentischen Lokal war er mit einem politischen
Gegner seines Vaters aneinander geraten. Es war zu einer Forderung
und zum Duell gekommen. Er wute, da sein Gegner, der ein sehr
guter Schtze war, ihn tten wollte. Er selbst hatte in die Luft
geschossen und hatte dann seine Hand mit der abgeschossenen Pistole
vor die Brust gelegt. So war ihm die Kugel des Gegners, der auf die
Brust gezielt hatte, in das Handgelenk gefahren.

Die Wunde schien ungefhrlich. Aber als Friedrich, der in der
dritten Nacht bei seinem Bruder gewacht hatte, um die Wunde, wie es
damals Sitte war, mit Eis zu khlen, dem Kranken mit anbrechendem
Morgen ins Gesicht sah, erschreckten ihn dessen vernderte Zge.
Eine Blutvergiftung hatte sich angebahnt, die schnell zum Tode
fhrte. Doch konnte er noch, so schreibt Friedrich, der Mutter
sein ganzes Herz in allen Stcken aufschlieen und dem Vater auch.
Am Morgen vor seinem Tode feierten Vater und Mutter und die beiden
ltesten Geschwister, Frieda und Franz, mit dem Sterbenden zusammen
das heilige Abendmahl. Der liebe Pastor Snethlage (Hofprediger
des Knigs) -- schreibt Friedrich -- konnte in solchen Stunden mit
seinem heiligen, stillen Ernst und seiner groen Einfachheit so nahe
ans Herz dringen. Ich erinnere mich, da es mir vorkam, als wre der
Himmel ganz nahe auf der Erde, wie ich es vorher nie gesprt. Am
Nachmittag ging ich wieder in die Schule, da wir das Ende nicht fr
so nah hielten. Aber kurz vor vier Uhr, ehe die Schule schlo, hatte
ich einen ganz besonderen Eindruck, den ich nicht beschreiben
konnte. Es war mir so, als wenn die Stunde des lieben Bruders nun
doch schon geschlagen htte. Ich eilte nach Hause und in das
Sterbezimmer hinein. Da sa die Mutter dicht an dem Bett, dem Bruder
gegenber. Sie hatte ihm eben die Augen zugedrckt, nachdem sie ihm
in seinem letzten Augenblick zugerufen hatte: Frchte dich nicht,
ich habe dich erlset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du
bist mein!

In dem Briefe, den Ludwig am Morgen des Duells an seinen Vater
geschrieben hatte, hie es: In wenigen Stunden werde ich nun doch
meinem Dir bekannten Gegner mit der tdlichen Waffe in der Hand
gegenberstehen, und nach dem, was vorausgegangen ist, ist nicht
daran zu denken, da die Sache ohne Unglck ablaufen knne. Ich
erkenne es daher als meine heilige Pflicht, mich darauf
vorzubereiten, da ich vielleicht heute noch vor meinem Richter
erscheinen und von meinem Leben Rechenschaft geben mu. Aber ich
fhle auch, wie wenig ich darauf vorbereitet bin. Die Schuld meines
ganzen Lebens lastet schwer auf mir, und ich kann mich nur zweifelnd
und mit Zittern fragen, ob ich Gnade und Vergebung hoffen darf. Ich
habe mich streng geprft, welche Gefhle ich meinem Gegner gegenber
hege, und kann aufrichtig versichern, da ich keinen Groll gegen ihn
empfinde. Das Duell wird daher in keiner Weise ein Akt der Rache fr
mich sein. Ich schlage mich, weil ich mich nicht stark genug fhle,
den herrschenden Standesansichten entgegenzutreten, weil ich
einsehe, da ich sonst eine ehrenhafte Stellung in der Welt nicht
behaupten kann.

Es kann und mu mich sehr beruhigen, da ich an dem Duell ganz
schuldlos bin. Mein Gegner zwingt mich dazu, und es ist von meiner
Seite durch meinen Sekundanten alles geschehen, was eine friedliche
Beilegung herbeifhren knnte.

Ich komme nun zu der schwersten Pflicht des Abschiedes von Dir,
treuer, bester Vater, von meiner lieben, guten Mutter und meinen
Geschwistern. So sage ich Euch denn, teuerste Eltern, in dieser
ernsten Stunde den wrmsten und aufrichtigsten Dank fr die groe
Liebe, die Ihr mir mein ganzes Leben durch bewiesen habt, und bitte
Euch, da Ihr mir verzeihen wollt, wenn ich sie so schlecht
vergelte. Ach, ich fhle es jetzt nur zu bitter, was ich an Euch
verschuldet, und alle Sorge, aller Schmerz, den ich Euch bereitet,
lastet schwer auf mir. Aus tiefstem Herzen und mit aufrichtigster
Reue flehe ich daher fr alle meine Verirrungen um Eure Verzeihung
und versichere Euch vor Gott, da in diesem Augenblick wenigstens
die wrmste Liebe und Dankbarkeit gegen Euch mein Herz erfllt und
da es mir unendlich schwer fllt, nur diesen schriftlichen Abschied
von Euch nehmen zu knnen. Ach, ich bin Eurer Verzeihung ja gewi;
mchte ich ebenso gewi der gttlichen Verzeihung sein knnen! Fleht
fr Euren armen sndigen Sohn, da ihm Gnade werde!

Meine Geschwister beschwre ich, da ihnen mein Tod eine ernste
Warnung frs ganze Leben sein mge, die Snde zu fliehen und einen
ernsten, Gott wohlgeflligen Wandel zu fhren. Ja, werdet Ihr alle
der Trost meiner armen Eltern, liebt und verehrt sie und bedenkt,
da Ihr das nie wieder gutmachen knnt, was Ihr an ihnen
verschuldet! Verget nie die letzte Bitte Eures Bruders, der Euch
beschwrt, da Ihr Euer ganzes Leben hindurch unsern teuern Eltern
Freude bereiten mget und dadurch einen Teil der groen Schuld
abtragt, die auf mir in dieser meiner letzten Stunde so schwer
lastet.

So lebt denn zum letzten Male wohl, mein lieber guter Vater, meine
innig geliebte Mutter, und Ihr alle, meine teuren Geschwister, und
betet fr Euren unglcklichen Sohn und Bruder Ludwig. Diesen
letzten Teil des Briefes schrieb sich jedes der Geschwister ab und
fhrte ihn in seiner Bibel bei sich.

Zum siebenten Mal seit der Verwundung 1813 erkrankte der Vater an
der Lungenentzndung. Neun Tage und Nchte hindurch brachte die
Mutter an seinem Bett zu. Mehrere Male fanden die Kinder sie nebenan
auf den Knien liegend. Der Knig schickte seinen Leibarzt. Am
neunten Tag, als die Krisis eintrat, glaubte der Arzt, da sich die
Krankheit zum Tode neige. Er trat in das Zimmer, wo die Kinder auf
die Nachricht des Arztes warteten. Der Arzt stand vorn, die Mutter
etwas hinter ihm. Whrend der Arzt den Kindern mitteilte, da ihr
Vater nur noch kurze Zeit zu leben haben wrde, schttelte die
Mutter hinter ihm leise lchelnd mit dem Kopf. Das sah Franz, der
lteste, und konnte sich eines zuversichtlichen Lchelns nicht
erwehren. Nicht wenig befremdet ber den gefhllosen Sohn verlie
der Arzt das Haus. Aber die Mutter, die aus vielfacher Erfahrung
heraus auf dem Gesichte des Kranken die Wendung, nicht zum Tode,
sondern zur Genesung gesehen hatte, behielt recht.

Kaum hergestellt, hatte der Minister auf dem ersten vereinigten
Landtage der preuischen Provinzial-Abgeordneten die Krone zu
vertreten. Heinrich von Treitschke, der Geschichtsschreiber
Preuens, sagt darber: Eben von schwerster Krankheit genesen, fast
allein, selbst ein parlamentarischer Neuling, bot v. B. dieser
strmischen Versammlung die Stirn. Es ergab sich, da er allein
unter allen Ministern ein ungewhnliches Rednertalent besa. Hchst
unscheinbar gekleidet, fiel er sogleich auf durch seine hohe
kriegerische Gestalt und durch den treuherzigen Blick seiner offenen
groen Augen. Ursprngliche Kraft, unschuldige Frische sprachen aus
seinem ganzen Wesen, und General von Gerlach, der einen liberalen
Minister durchaus nicht liebte, sagte wohl: So ungefhr mu Adam
ausgesehen haben. Der letzte hervorragende Vertreter des alten
absolutistischen Beamtentums, hielt er sich verpflichtet, die
Willensmeinung des Knigs, sofern sie nur dem Rechte nicht offenbar
widersprach, mit der ganzen Selbstverleugnung des altgermanischen
Vasallen zu verteidigen. Er hatte bei der Beratung des Patents immer
wieder und wieder Bedenken hervorgehoben, die ihm sein schlichter
Geschftsverstand aufdrngte, aber der Monarch hatte gesprochen, und
an seinem Willen liee sich nichts mehr ndern.


In der westflischen Heimat. 1848-1849.

Dreiviertel Jahre spter, 1848, brach die Revolution aus, und
Bodelschwingh erhielt seine Entlassung. In tiefstem Schmerz trat er
den Weg in die westflische Heimat an. In Minden auf dem Bahnhof
wurde der verabschiedete Minister erkannt, und ein Mann spottete
hinter ihm her: Oller Ex, oller Ex. Lat ihn spotten, sagte er
zu seinen Kindern, es ist uns gut so.

Der Knig erwog ernstlich, Bodelschwingh als leitenden Minister
zurckzurufen, und richtete eine Vorfrage an ihn, ob er bereit wre
zu kommen. Bodelschwingh aber lehnte in einem ausfhrlichen
Schreiben ab. Diese Tatsache widerlegt strker als alles andere den
spter gegen Bodelschwingh erhobenen Vorwurf, als htte er am
19. Mrz die Zurckziehung der Truppen veranlat. Nie wrde
Friedrich Wilhelm =IV.= einen Minister zurckgerufen haben, dem er
die tiefe Demtigung der kniglichen Wrde zur Last legen mute, die
eine Folge der Zurckziehung der Truppen war.

Zeitweise beschftigte den verabschiedeten Minister der Gedanke, mit
den Seinen nach Amerika auszuwandern. Aber dann entschlo er sich,
die heimatliche Scholle zu pflgen, und gerade jetzt nach den
schmerzlichen Erlebnissen brach die glcklichste Zeit fr die
Familie an. Das alte Gutshaus in Velmede war schon vor den
Freiheitskriegen abgebrochen worden und hatte lngst durch ein neues
ersetzt werden sollen. Da aber infolge des Krieges ein groer Teil
des Vermgens verloren gegangen war, so war der Neubau bis jetzt
unterblieben. Nur die alte, strohgedeckte Wagenremise stand noch,
die sich einst die Eltern des Ministers zum Wohnhaus eingerichtet
hatten und in der jetzt der Frster wohnte. Hier zog nun die Familie
ein.

Bald ging es an den Bau eines einfachen einstckigen Landhauses, an
das Zuschtten des alten Hausgrabens und an die Einrichtung des
neuen Blumen- und Obstgartens. berall legten der Vater und seine
Shne selbst mit Hand an. Dazwischen aber tauchten all die alten
Freuden aus Koblenz und Berlin wieder auf. In der Seseke, dem
kleinen Flu, der das Gutsland durchschnitt, wurde geschwommen,
gefischt und gerudert; auch die Jagdflinte wurde wieder ber den
Rcken geworfen und mit dem geliebten Vater um die Wette das Land in
die Lnge und Breite durchstreift.

Aber inzwischen muten weitere Schritte ins Leben hinein getan werden.
Der Konfirmationsunterricht bei dem Hofprediger Snethlage in Berlin war
unterbrochen worden. So brachte der Vater den nun schon siebzehnjhrigen
Friedrich nach Unna. Pastor von Velsen, als Mensch und als Christ eine
gleich anziehende Persnlichkeit, wollte den Primaner nicht mit den so
viel jngeren Konfirmanden zusammen unterrichten und gab ihm auf seinem
Zimmer die Konfirmationsstunden. Das waren selige Wege nach dem lieben
Unna hinaus, schrieb er, und tiefer als die Konfirmationsfeier selbst
blieben diese Stunden in der Seele haften.

Dann kam die Aufnahme in das Gymnasium zu Dortmund. Aber heimisch
wurde er hier nicht. Dazu war die Heimat zu nah. Einige Male machte
er am Sonntag zu Fu den weiten Weg von Dortmund nach Unna, um den
Konfirmator wiederzusehen, dessen Predigten ihm mehr zu Herzen
gingen, als es sonst ein menschliches Wort bis dahin getan hatte.
Aber fr gewhnlich ging es mit den Brdern Franz und Ernst jeden
Sonnabend Nachmittag auf Fuwegen quer durch die Felder die drei
Stunden weit zu Eltern und Geschwistern nach Velmede. Dabei
begegnete es mir einmal, erzhlt er, als das Elternhaus aus der
Ferne winkte, da ich mich wiederholt umblickte, weil es mir vorkam,
als ob ein Reiter auf dem schmalen Fupfade hinter mir her
galoppierte, bis ich erkannte, da es mein eigenes Herz war, welches
so laut vor Freude und Wonne klopfte beim Anblick des geliebten
Vaterhauses. Und am letzten Busch kamen Vater und Mutter und die
beiden Schwestern Frieda und Sophie den Brdern entgegen. Dann ging
es gemeinsam ins Elternhaus, das vorher nie so genossen worden war
als jetzt, wo die Shne nicht jeden Tag darin zubringen konnten.

Am Sonntagmorgen stand der Vater, der in gesunden Tagen nie den
Gottesdienst versumte, fr den Weg in die Kirche nach Methler
bereit, und die Kinder folgten ihm, whrend die Mutter sich alle
vierzehn Tage mit den Mgden abwechselte. Am Nachmittag ging es dann
unter die Eichen des Mhlenbruchs, wo die Shne einen lauschigen,
stillen Sitzplatz fr die Eltern und Schwestern errichtet hatten und
wo nun an dem flackernden Feuer die Kartoffeln gerstet wurden. Wie
konnte der Vater jubeln durch den Mhlenbruch wie ein Kind!
schreibt der Sohn. Und in einem Brief der Tochter Sophie heit es:
An jeder Blume, jedem Blatt und Strauch hatte er seine kindliche
Freude. Es ist ja auch ein wahrhaft erfrischender Anblick, den Mann
zu sehen, der durch alle Unnatur der Welt, alle Schlechtigkeit und
Niedrigkeit der Menschen, alle die erttendsten Geschfte des
tglichen Lebens und durch viel bittere Enttuschungen sich
hindurchgerettet und sich den reinen, heiteren, ungetrbten Sinn
eines Kindes zu erhalten gewut hat. So heiter, frisch und krftig
habe ich ihn eigentlich noch nie gekannt.

Ostern 1849 entlie das Gymnasium in Dortmund den jungen Friedrich
von Bodelschwingh mit dem Zeugnis der Reife. Da er nur ein halbes
Jahr in Berlin und nur ein Jahr in Dortmund die Prima besucht hatte,
so wrde er am liebsten noch ein halbes Jahr auf das geliebte
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium nach Berlin zurckgekehrt sein, um
trotz des guten Dortmunder Zeugnisses die klassischen Studien zu
vertiefen. Aber der Vater riet ab.




Die Ausbildung.


Als Eleve im Oderbruch. 1849-1851.

     Meine landwirtschaftliche Lehrzeit ist unzweifelhaft die reichste
     meines Lebens gewesen und wird mir auch wahrscheinlich immer die
     angenehmste Erinnerung bleiben, soda ich sie um keinen Preis
     missen mchte, sollte ich auch jede beliebige andere Karriere
     ergreifen. Wenn Zeit und Mittel es gestatten, so will ich einem
     jeden unbedingt raten, dem Juristen sowohl wie dem Forstmann und
     Bergmann, vor allem aber dem zuknftigen Soldaten, da er sich
     durch ein landwirtschaftliches Lehrjahr fr seinen spteren Beruf
     vorbereitet. F. v. B. an seinen Vater 1853.

Was nun werden? Schon whrend der Zeit in Dortmund hatte
Bodelschwingh gelegentlich ein Bergwerk befahren und als Hauer
mitgearbeitet. Eigentlich gefesselt hatte ihn diese Arbeit nicht.
Sollte er Jura studieren? Aber die unsicheren politischen
Verhltnisse schreckten ihn ab. Dagegen brachte ihn die vielfache
Beschftigung mit seinem Vater in Garten, Feld und Wald zu dem
Gedanken, zunchst einmal die Landwirtschaft zu ergreifen. Um sich
fr die praktische Ttigkeit als Landwirt vorzubereiten, ging er zum
Studium der Botanik und der Physik fr den Sommer 1849 nach Berlin,
wo er auer den beiden genannten Fchern Philosophie und Geschichte
hrte. Im Herbst 1849 brachte ihn dann sein Vater auf seine neue
Arbeitsstelle.

Ich besinne mich noch darauf, schreibt er, da es gerade die
Nacht vom 14. auf den 15. September war, wo wir in Begleitung meines
neuen Lehrherrn, des alten Koppe, zu Wagen von Berlin nach Kienitz
im Oderbruch fuhren. Die Nacht war fr mich sehr lehrreich, weil der
alte Herr meinem Vater, den er schon als frheren Finanzminister
kannte und liebte, viel aus seinem Leben erzhlte. Der alte Koppe
war in der Tat eine ausgezeichnete und in vieler Beziehung fr
meinen neuen Beruf vorbildliche Persnlichkeit. Er war auf einem
Gute in der mrkischen Lausitz Htejunge gewesen. Sein Gutsherr
hatte ihn als einen munteren, geweckten Knaben, der in allen Stcken
besonders treu war, kennen gelernt und liebgewonnen. Er hatte ihm
dann zu seiner weiteren Ausbildung verholfen, soda er spter zum
Gutsverwalter aufrckte.

Wir fuhren in jener Nacht durch die Gter eines der reichsten Herren
dort in der Mark. Diese Gter hatte der alte Koppe lange Zeit
verwaltet und hatte seinem Herrn in seinen Vermgensverhltnissen
durch groe Umsicht und Treue sehr fortgeholfen. Als dann die beiden
wertvollen kniglichen Domnen Kienitz und Wollup bei Kstrin
pachtfrei wurden, reichte ihm sein Herr gegen die Teilung des
Reingewinnes die Mittel dar, die Pachtung anzutreten. Mit groen
Opfern kaufte sich Koppe spter von dieser Verpflichtung, den
Reingewinn zu teilen, frei. Trotzdem brachte er es so weit, da er
seiner Frau das Gut, auf dem er als Htejunge gedient hatte, zum
Geburtstagsgeschenk machen konnte und da er seine smtlichen Shne
und Schwiegershne ebenfalls entweder mit einem groen Gut oder mit
groartigen Pachtungen auszustatten in die Lage kam.

Dies alles verdankte er nchst dem Segen Gottes seiner groen Treue
im Kleinen und seiner pnktlichen Sorgfalt. Er wurde der Begrnder
des landwirtschaftlichen Rechenwesens in seiner jetzigen
Genauigkeit, wodurch man in die Lage gesetzt ist, von jedem Zweige
der Landwirtschaft am Schlu des Jahres genau zu wissen, was er an
Gewinn oder Verlust gebracht hat. Whrend, wie Koppe in jener Nacht
erzhlte, sein Vorgnger z. B. keine Ahnung gehabt hatte, ob er bei
seiner Pferdezucht gewinne oder zusetze, -- das zweite war
tatschlich der Fall -- gab sich Koppe ber jeden einzelnen Betrieb
seiner Wirtschaft genau Rechenschaft. Bis in sein hohes Alter
behielt er die gleiche Pnktlichkeit bei: Punkt fnf Uhr stand er
fertig angezogen an seinem Schreibtisch und erwartete, da auch auf
denselben Glockenschlag die Inspektoren und Eleven hereintraten, um
die Arbeitseinteilung zu besprechen. Dabei sorgte er treulich fr
seine Arbeiter und ging ihnen auch in seinem kirchlichen Leben mit
gutem Beispiel voran.

Ich wurde zunchst seinem zweiten Sohn, dem er die Bearbeitung der
Domne Kienitz bertragen hatte, als Eleve anvertraut. Die Domne
Kienitz war damals zwar nicht eins der grten, aber doch eins der
bestbewirtschafteten Gter des Oderbruchs. Auch war sie das einzige
Gut des Oderbruchs, das eine Zuckerfabrik besa. Von den 2200 Morgen
wurden jedes Jahr 700 mit Zuckerrben bestellt. Der Viehbestand
setzte sich zusammen aus 40 Ackerpferden, 24 Khen, 100 Ochsen und
mehreren 1000 Schafen. Das Gut lag nur eine halbe Stunde von der
Oder entfernt. Die breiten mit Weiden bestandenen Wassergrben, die
das Gut durchzogen, und ein einziger Sandhgel von 2 bis 3 Morgen,
der mit Birken und Tannen bepflanzt war, bildeten die geringe
Abwechslung in dieser einfrmigen, aber beraus fruchtbaren Ebene.

Mein Prinzipal war in einiger Verlegenheit, was er mit dem etwas
ungewhnlichen Lehrjungen anfangen solle, der als Studiosus von der
Universitt kam und von dem er zu denken schien, er wrde besondere
Ansprche machen. Auf dem ersten Spaziergang mit ihm ins Feld hinaus
kamen wir zu den Ochsenpflgern, die den Acker fr die Rben, die im
nchsten Frhjahr gelegt werden sollten, aufbrachen. Es war eine
lange auerordentlich drre Zeit gewesen und darum der Acker so hart
wie eine Dreschtenne. Die sogenannten Rigolpflge waren jeder mit
fnf starken Ochsen bespannt, zwei hinten und drei vorn, und der von
ihnen umgebrochene Acker war anzusehen wie ein Feld voller
aufgebrochener Steinblcke. Die einzelnen Erdschollen waren zum Teil
zentnerschwer. Ein Mann mute den Pflug fhren, whrend ein anderer
die Ochsen langsam antrieb, die unter bestndigem Keuchen und
Sthnen einen Erdblock nach dem andern herausholten.

Ich fragte meinen Prinzipal, ob ich das Pflgen wohl lernen drfe.
Diese Frage schien ihm eine groe Erleichterung zu gewhren. Denn
ihm war nun aus der Verlegenheit geholfen, und ich war an der
Arbeit. Etwa vier Wochen lang habe ich dann einen solchen Rigolpflug
gefhrt. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Die Ochsen wurden
zweimal am Tage umgespannt, aber der Pflger mute von morgens fnf
bis abends acht Uhr aushalten, und es war damals in den
Septembertagen noch eine recht heie Sonnenglut. Die Knchel
schwollen mir vor Anstrengung dick an, und ich war bald von der
Sonne braun gebrannt trotz einer groen grnen Mtze, die ich auf
dem Kopfe trug. Hierauf lernte ich auch mit den Pferden pflgen,
deren immer sechs vor einen Pflug gespannt waren, drei in einer
Reihe, wobei ich gleichzeitig den Pflug fhren und die Pferde
regieren mute.

Nun ging auch die Herbstbestellung an, und ich lernte mit vier
Pferden die Eggen im Kreise herumschleudern, um die steinharte
Erdkruste zu zerkleinern. Inzwischen hatte auch die Rbenernte
begonnen, die bis tief in den November hinein dauerte. Alle Arbeit,
die vorkam, machte ich mit. Am sauersten wurde mir das Selaken, in
das ein halber Scheffel Roggen eingebunden war und mit dem ich den
tiefen Acker durchschreiten mute. Hierbei wurde ich vllig lahm.
Als das Frostwetter eintrat, bekam ich meine Arbeit auf dem groen
Pachthof, wo nun tchtig gedroschen wurde. Drei Drescher waren
jedesmal zusammen auf dem Scheunenflur. Drei Tage wurde gedroschen
und den vierten aufgemessen. Das Aufmessen hatte ich besonders zu
beaufsichtigen. Die Drescher bekamen von Roggen und Weizen jedesmal
den 15. Scheffel, von Hafer und Gerste jedesmal den 16. zum
Eigentum. Das war ihr Lohn. Geld bekamen sie nicht. Daneben hatte
ich die Futterausgabe und die Aufsicht ber die Stlle. Hier bei den
Ochsen, Schafen und Khen war es im Winter gar heimlich und
angenehm.

Mitunter galt es tagelang auf dem Kornboden stehen und das Getreide
einmessen, das auf die Oder-Khne verladen wurde, um nach Stettin
und anderen Hafenstationen ausgefhrt zu werden. Eine andere
Winterarbeit war das Kpfen der Weiden. Abgesehen von den
Gartenbumen ist fast der einzige Baum des Oderbruchs die Weide, die
die zahllosen Grben der Niederungen begrenzt. Jedes Jahr wurde eine
bestimmte Abteilung dieser Weiden abgeholzt, d. h. nur die drei- bis
vierjhrigen, und zwar ber dem Kopf des Stammes. Diese Arbeit wurde
mit einem kleinen scharfen Beil verrichtet und kostete mich erst
einige bung, denn die einzelnen ste durften nicht splittern.

Sobald der Frhling ins Land kam, ging es an die Vorbereitung der
wichtigsten Arbeit des ganzen Jahres, an die Rbenbestellung.
Hierbei lernte ich eine heilsame Kunst, nmlich die, treu auf dem
bestimmten Posten auszuharren. So verlangte es der alte Herr Koppe
von allen seinen jungen Leuten. Nachdem der Acker zubereitet war,
wurde zunchst der Same mit Hilfe einer sogenannten Hopser-Schnur
gelegt. Die Schnur hatte hundert Knoten in gleich weitem Abstande.
Je zwei Knoten, die mit bestimmten Bndern bezeichnet waren,
gehrten immer einer Samenlegerin. Diese hatte da, wo ihre beiden
Knoten waren, zwei Lcher zu graben, den Samen hineinzulegen, wieder
zuzuscharren und mit dem Fu daraufzutreten. An den beiden Enden der
langen Schnur aber standen zwei Leute mit dem Hopser. Diese riefen
jedesmal, wenn die Schnur weiterrckte, Hopp. Auf solche Weise
muten 700 Morgen mit Samen belegt werden -- eine Arbeit, die die
grte Sorgfalt erforderte. Es galt aufzupassen, da keine der
Samenlegerinnen zurckblieb und keine unordentliche Arbeit machte.
Die grte Freude machte es mir, in den langen, langen Streifen die
kleinen Rben regelmig aufgehen zu sehen, und der Kummer war gro,
wenn irgendwo schlecht gearbeitet worden war. Hatte man sich die
Reihenfolge der einzelnen Legerinnen aufgeschrieben, so konnte man
noch nach Wochen wissen, an wem die Schuld lag. Dann kam das
Verhacken und Verziehen und abermalige Verhacken der Rben. Vierzehn
Wochen habe ich so ununterbrochen aushalten mssen, ohne mittags
nach Hause zu kommen. Mein Mittagessen bekam ich in einem kleinen
Korb an irgend einen Grabenrand hinausgeschickt.

So eintnig diese Arbeit scheint, so machte sie mir doch groe
Freude. Ihre Eintnigkeit erleichterte ich mir dadurch, da ich in
der Frhstcks- und Mittagspause meinen armen Rbenhackerinnen
schne Geschichten vorlas. Auch fhrte ich in meiner Tasche entweder
Matthias Claudius oder eine andere Sammlung bei mir und lernte,
hinter meinen Arbeiterinnen auf- und abgehend, unbemerkt manches
schne Gedicht auswendig. Hiernach kamen die Klee- und die Heuernte
und dann die Getreideernte mit ihrer heien Arbeit und ihrer Freude
des Einfahrens, woran alle vierzig Pferde beteiligt waren.

Als wir eben die Rbenernte begonnen hatten, gab es fr mich ein
wichtiges Ereignis. Der Krieg gegen sterreich drohte auszubrechen.
Meine smtlichen lteren landwirtschaftlichen Mitarbeiter, auch der
erste Inspektor, ja selbst der ltere Bruder meines Prinzipals, der
Administrator von Wollup, wurden zu den Fahnen einberufen. So blieb
meinem Prinzipal nichts anderes brig, als mich zum ersten Inspektor
avancieren zu lassen. Die Not ist ja der beste Lehrmeister. Ich
bekam jetzt ein Reitpferd und hatte mich vom Morgen bis zum Abend
tchtig zu tummeln. Am Abend hatte ich die Lhne auszuzahlen, und
oft sa ich bis tief in die Nacht, um mit meiner Rechnung in Ordnung
zu kommen. Denn es war eine Haupttugend des alten Koppe, da er eine
so sorgfltige Rechnungslegung verlangte und von jedem Arbeiter,
jedem Ochsen, jedem Pferd jeden Abend genau aufgeschrieben haben
mute, was und worauf sie gearbeitet hatten.

Mitten in diese tapfere Arbeit, die mir viel Freude machte, kam die
Nachricht, da mein Vater, als die Kriegswolken sich dichter
zusammenzogen, sich zum Eintritt in die Armee gemeldet und sich sein
frheres Regiment als Oberst ausgebeten hatte. In einem seiner
Briefe kam es mir so vor, als ob er dchte, mir wre die Not des
Vaterlandes gleichgltig. Ich trat mit diesem Briefe zu meinem
Prinzipal und sagte: Es hilft mir nichts, ich mu mich heute noch
in Berlin als Soldat melden. Als ich in Berlin bei meinem Vater
eintrat, sagte er: Dein Bruder Franz hat sich bereits bei den
Garde-Jgern gemeldet; ich wnsche, da auch du dort eintrittst.
Ich fuhr sofort nach Potsdam, meldete mich beim Kommandeur des
Jgerbataillons und wurde als Freiwilliger angenommen. Um dies
meinem Vater mitzuteilen, kehrte ich noch einmal nach Berlin zurck.
Als ich bei ihm eintrat, war er sehr traurig. Denn soeben war die
Nachricht gekommen, da sich Preuen in Olmtz vor sterreich
gedemtigt hatte und das Schwert wieder in die Scheide gesteckt
wurde.

Nun sorgte mein Vater dafr, da meine Meldung fr ungltig erklrt
wurde und ich wieder auf mein Arbeitsfeld zurckkehren konnte. Noch
an demselben Tage langte ich um Mitternacht auf meinem todmden
Pferde in Kienitz an zur groen Freude meines Prinzipals, um am
andern Morgen wieder meinen Dienst zu bernehmen. Als nach einiger
Zeit auch meine Kollegen zurckkehrten, wollte mein Prinzipal mich
nicht wieder Lehrling werden lassen, sondern schickte mich fr den
Rest meiner Lehrzeit nach Wollup zu seinem Bruder, einem uerst
liebenswrdigen Manne, dem ich das Hauptbuch abschlieen half und
bei dem ich auch die in Kienitz nicht vorkommenden Zweige der
Landwirtschaft kennen lernte, namentlich die dort blhende
Branntweinbrennerei.

An herzlicher Freundlichkeit in beiden Familien Koppe hat es mir
nicht gefehlt. Im brigen aber war das Leben fr mich mit viel
Kampf und Not verbunden. Das Dasein der jungen Landwirte ist meist
sehr traurig, weil sie vielfach fr hhere Gensse keinen Sinn
haben. In die Kirche ging niemand. Das war insofern freilich kaum
recht zu ndern, weil es mit dem Geistlichen in Kienitz beraus
drftig aussah. Ich ging aber aus Trotz, um nicht als Feigling
dazustehen, und gerade weil ich darber ausgelacht wurde, mitunter
in die Kirche. Morgens beim Frhstck las ich meinen Tacitus,
rmische Geschichte. Im Hause war eine Schwester des Professors
Steinmeyer, ein vortreffliches Mdchen, die Frnzchen genannt
wurde. Mit ihr spielte ich, whrend die andern Karten spielten,
manche Partie Schach. Denn fr das Kartenspiel hatte ich mich nicht
erwrmen knnen; ich hatte es wohl einige Male versucht, wurde aber,
weil ich keinen Ernst bei der Sache zeigte, abgesetzt. Am liebsten
ging ich Sonntags still durch die Felder, die ich hatte bestellen
helfen, oder auch wohl an das Ufer der Oder, wo ich vom Deich eine
liebliche Aussicht ber die weiten fruchtbaren Fluren geno. Der
Abschied von diesem arbeitsreichen Ackerfeld wurde mir immerhin
nicht ganz leicht, als es im Frhjahr 1851 galt, des Knigs Rock
anzuziehen, um mein freiwilliges Soldatenjahr abzudienen.


Als Soldat in Berlin. 1851.

Am 1. April 1851 trat ich beim Kaiser-Franz-Grenadier-Regiment ein
und lie mich gleichzeitig in der Universitt als Student
einschreiben, diesmal als Jurist, whrend ich vor zwei Jahren
Philosoph gewesen war. Auf eine gemtliche Wohnung kam es mir ganz
besonders an, weil ich wute, wie wichtig das fr einen Studenten
ist, damit ihm sein Zimmer angenehmer bleibt als die Kneipe. Auch
liebte ich damals sehr die Romantik, soda es mir wichtig war, in
dem alten Berlin eine romantische Wohnung zu bekommen. Ich fand eine
solche in der Klosterstrae, gerade gegenber der alten
Klosterkirche.

Am Anfang waren meine Eltern noch in Berlin, da mein Vater Mitglied
des Landtages war. Aber bald kehrten sie nach Westfalen zurck. Ich
hatte sie zum Abschied auf den Bahnhof geleitet, von dem sie den
Nachtzug benutzten, und ich erinnere mich noch deutlich, da es mir
eigentmlich bange zu Mute war, als ich beim Schein der Laternen
durchs Brandenburger Tor zurckwanderte in die groe, bse,
versuchungsvolle Stadt, in der ich einen wirklich treuen Freund
nicht besa.

Mein frherer Freund, Gustav Bossart, war zwar auch Student in
Berlin. Aber unsere Wege waren weit auseinander gegangen, und fr
meine Seele hatte ich an ihm keinen Halt mehr. Ja, ich mied ihn
sogar. Meine Kameraden aber unter den Freiwilligen waren
meistenteils recht lose Gesellen, die nichts als Narrenteidinge im
Kopfe hatten. Nur einer war darunter, der Sohn eines armen Schfers
aus Pommern, der sich mit eisernem Flei durchgearbeitet hatte, um
Theologie zu studieren. Er stand leider bei einer andern Kompagnie.
Aber ich sah ihn doch mitunter, und er erzhlte mir einmal mit
groer Freude, da ihn sein Hauptmann habe zu sich kommen lassen,
weil er sein blasses und mdes Gesicht bemerkt hatte, -- er mute
sich damals aufs uerste durchhungern -- und wie er ihn aus eigenen
Mitteln aufs freundlichste versorgt und ihm einen Mittagstisch
verschafft habe. Auch fand ich einen unter unsern Unteroffizieren,
der sich vor der gewhnlichen Sorte auszeichnete und fr seine Leute
vortrefflich sorgte.

Mein Kompagniefhrer war mein Vetter, August von Witzleben, ein
strammer Soldat, der es mit der Ordnung sehr genau nahm, aber von
dem Einen, was not ist fr seine Soldaten, nichts wute. Interessant
war mir jedesmal der Wachdienst, und ich freute mich immer, wenn ich
an die Reihe kam. Am interessantesten war meine letzte Wache, die
mir mein Vetter offenbar aus besonderer Freundlichkeit ausgesucht
hatte, nmlich vor dem Palais des alten Kaisers, des damaligen
Prinzen Wilhelm. Es war die zweite Nacht vor der Enthllung des
Denkmals Friedrichs des Groen. Ich hatte den Vorzug, in der frhen
Morgendmmerung, ehe noch jemand auf der Strae sich blicken lie,
die Probe der Enthllung vornehmen zu sehen und frher als andere
das Bild des alten Fritz zu schauen.

An demselben Tage, vor meiner Ablsung, war ein gewaltiges Gedrnge vor
dem prinzlichen Palais. Viele fremde Offiziere fuhren in ihren Wagen
vor, und ich mute bestndig auf meiner Hut sein. Unter andern kam auch
mein alter Freund, Prinz Friedrich Wilhelm, und ich hatte die Freude,
auch vor ihm mein Gewehr zu prsentieren. Er sah mich einen Augenblick
scharf an, erkannte mich aber offenbar nicht in meinem Soldatenrock. Als
er fort war, kam mit einem Male mitten aus dem Getmmel des
zusammengedrngten Volkes mutterseelenallein ein kleines Stmpchen von
hchstens zwei Jahren die Rampe heraufgestiegen, gerade auf mich los. Da
es in Gefahr war, von den Wagen berfahren zu werden, nahm ich es bei
der Hand und fhrte es herunter, zum groen Jubel des zuschauenden
Publikums.

Am folgenden Tage stand das ganze Gardekorps teils auf dem
Schloplatz, teils auf dem Opernplatz in Parade, und ich erinnere
mich noch deutlich, wie ich des Knigs Stimme selbst vernahm, als
er laut rief: Achtung!, ihm nach dann die Generale: Achtung!
und so herunter bis zu unserm Regimentskommandeur immer eine
Stimme nach der andern: Achtung! und dann: Prsentiert das
Gewehr! In demselben Augenblick fiel der Vorhang vom Denkmal des
alten Fritz, und 101 Kanonenschsse donnerten zum Zeichen, da des
groen Knigs Andenken erneuert worden war, und in begeisterter
Stimmung marschierten wir im Paradeschritt vor des Knigs und
smtlicher Prinzen und Prinzessinnen Augen an dem Denkmal vorber
und die Linden hinunter.

Kurze Zeit danach hatten wir am Kreuzberg unser groes Feldmanver
zu Ehren des russischen Feldmarschalls Paskewitsch. Dieses Manver
war nach Gottes Fhren und Regieren fr meinen ganzen Lebensweg von
Entscheidung. Es war ein heier Tag. Nach lngeren, scharfen
Bewegungen, zum Teil im Laufschritt, hie es pltzlich auf dem
weiten zugigen Felde: Halt! Gewehr ab! Da standen wir. Von der
Stunde ab fhlte ich mich nicht wohl, ohne da jedoch sofort eine
Krankheit ausgebrochen wre. In meinem jugendlichen Trotz wollte ich
nicht nachgeben und machte an den folgenden Tagen noch die
Felddienstbungen mit. Aber es wurde mir immer saurer, und ich litt
an Atemnot. Die Atemnot glaubte ich am besten durch krftige
Anstrengungen der Lunge berwinden zu knnen. Es war gerade damals
ein kstliches Wellenbad in Moabit eingerichtet, wo ich gern mit
meinen Kameraden badete. Ich gewann noch eine Wette beim Schwimmen,
aber damit war auch meine Kraft zu Ende. Ich mute mich revierkrank
melden, da ich keine Kraft mehr zum Marschieren hatte und mein Atem
immer krzer wurde.

Zwei Tage lag ich recht elend auf meiner einsamen Stube in der
Klosterstrae, von meinen guten jdischen Wirtsleuten gepflegt. Da
besuchte mich mein Freund, Gustav Bossart, den ich sehr
vernachlssigt hatte, und bewies sich nun recht als Helfer in der
Not. Er brachte die Nacht an meinem Bette zu und schaffte mich dann,
da er sah, wie ernst die Sache wurde, in das Militrlazarett in der
Grnen Strae, wo ich mit zwei andern Freiwilligen, zu denen zu
meiner groen Freude mein lieber Schferssohn gehrte, ein Zimmer
teilte. Der Bataillonsarzt erkannte die Krankheit nicht sogleich;
als aber der Regimentsarzt kam, sagte er sofort: Hier will ich Blut
sehen, d. h. ich sollte zur Ader gelassen werden. Der junge
Militrarzt hatte noch wenig bung in der Kunst des Aderlassens;
darum flo wohl dreimal so viel Blut, als der Arzt bestimmt hatte.
Es mochte aber so Gottes Wille sein zur Rettung meines Lebens. Denn
es zeigte das Blut einen hohen Grad von Lungenentzndung, soda ich
am nchsten Tage trotz des starken Blutverlustes noch einmal zur
Ader gelassen wurde.

Die Lungenentzndung war mit einer Entzndung des Rippenfells verbunden,
und es folgten nun dunkle Fieberstunden, die mich fast drei Tage lang
ohne Besinnung lieen. Doch waren die Fieberphantasien meist
freundlicher Art. Es ist mir darin etwas von dem klar geworden, was
Paulus erfahren hat: Auer dem Leibe wandeln. 2. Kor. 12, 2. Es war
mir nmlich so, als ob ich selbst die Schmerzen gar nicht mehr erlitte,
die mein armer Leib zu tragen hatte. Ich sah in der Nacht, als meine
Krankheit auf dem Hhepunkt war, einen Menschen, in welchem ich mich
selbst erkannte, auf einem hohen Berggrat liegen. Die eine Hlfte des
Menschen war ganz ein Eisklumpen, die andere stand in rotglhender
Hitze. Zunchst nmlich war nur die eine Hlfte meiner Lunge entzndet.
Dies war die Seite, die ich in der Gluthitze schaute. Ich konnte den
Menschen in seiner Qual bedauern, whrend ich mich selbst ganz wohl
fhlte.

brigens war meine Pflege jmmerlich. Der gute flachskpfige Soldat,
der bei mir Nachtwache halten sollte, schlief die ganze Nacht durch,
und meine Bitte um einen Schluck frischen Wassers zur Linderung der
Gluthitze blieb vergeblich. Nur mein Freund Bossart sa tagsber
fter an meinem Bett. Eines Morgens aber, als ich eben aus einem
kurzen Fieberschlummer aufwachte, sa statt seiner mein guter Vater
da. Gerade in den ersten Tagen meiner Krankheit war des Vaters
Bruder Karl, mein spterer Schwiegervater, als Minister nach Berlin
versetzt worden. Er hatte mich zum Mittagessen eingeladen, und als
statt meiner die Nachricht kam, da ich krank im Lazarett lge,
hatte er meinen Vater benachrichtigt. Der Vater blieb drei bis vier
Tage bei mir, bis ihn die liebe Mutter ablste, die freilich die
Pflege besser verstand als die Lazarettgehilfen, zumal sie ja den
Vater so oft in der Lungenentzndung gepflegt hatte.

Die Krankheit ging aber nicht so schnell vorber. Durch den
bermigen Blutverlust bei den beiden Aderlssen war eine Art
Wassersucht eingetreten, zu der dann noch ein typhser Zustand
hinzukam. Doch erinnere ich mich noch mit Freuden daran, wie mich
einmal ein starker Grenadier auf die Arme nahm und die drei Treppen
hinunter in den Garten trug, wie er mich in einen Lehnstuhl, der
zwischen blhenden Blumen auf dem Rasenplatz stand, legte und wie
mich dann ein Gefhl des Dankes und der Freude ber meine Genesung
ergriff. Einige Wochen spter wurde ich zu meinem Onkel ins
Finanzministerium transportiert. Hier bekam ich mein Quartier in dem
schnen Gartensaal, wo wir als Kinder so glcklich gewesen waren.
Nach fnf Wochen hatte sich die Kraft so weit eingestellt, da ich
die Reise in die Heimat antreten konnte.

Diese ernste Krankheit blieb mir ein Zeichen der Erbarmung und
Freundlichkeit meines Gottes. Ich hatte ihn fter gebeten, wenn er
she, da die groe Stadt mit ihren Versuchungen mir gefhrlich
werden wrde, dann mge er mich selbst hinausfhren an seiner Hand.
Ich konnte seine Gnadenfhrung deutlich erkennen. Namentlich die
ersten beiden Tage im Lazarett, ehe ich die Besinnung verlor, hatten
einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich lag ja mit den
beiden Freiwilligen auf dem Krankenzimmer und zwar zwischen beiden.
Der eine, der Schferssohn aus Pommern, auch an der Brust leidend
wie ich, wenn auch nicht gerade an Lungenentzndung, war freundlich,
dankbar, still, ergeben, voll Lied und Lobgesang im Herzen. Der
andere, ein junger Kaufmannssohn aus Elberfeld, infolge seines
leichtsinnigen Lebens erkrankt, war bestndig am Schimpfen und
Fluchen, worber er von meinem Nachbarn zur Linken mit groer
Offenheit gestraft wurde. Als meine Krankheit zu schwer wurde, bekam
ich ein Zimmer allein. Von meinen beiden Leidensgefhrten habe ich
nie wieder etwas gehrt, aber der Eindruck blieb mir, was es doch
fr ein Unterschied sei zwischen einem gottlosen Menschen und einem
Kinde Gottes.

Weil meine Krankheit einen chronischen Charakter annahm, so hatte
ich, als ich in die Heimat reiste, einen langen Urlaub bekommen.
Aber auch jetzt wollten sich die alten Krfte nicht so schnell
wieder einstellen. Als ich mich darum nach abgelaufenem Urlaub bei
dem alten Regimentsarzt stellte, erklrte mich dieser fr dauernd
dienstuntauglich. Doch bekam ich meine definitive Entlassung erst
neun Monate nach meinem Diensteintritt und zwar, wie es in meinen
Militrpapieren hie, als ein mit der Muskete ausgebildeter
Halbinvalide.


Als Landwirt in Pommern. 1852-1854.

Nun war guter Rat teuer. Was sollte weiter aus mir werden? Als ich von
dem alten Doktor wieder auf die Strae kam und der Droschkenkutscher
mich fragte, wohin er fahren solle, sagte ich zu ihm, das wisse ich
selbst nicht. Er mge fahren, wohin er Lust htte. So fuhr er mich auf
die nahegelegene Post, und ich entschlo mich flink, da die Postpferde
gerade angespannt wurden, um nach Luckau zu fahren, einen kleinen
Abstecher zu meinem Freunde Ernst von Senfft zu machen, der damals auf
dem Hauptgute des alten Herrn Koppe in die Lehre getreten war.

Ernst von Senfft war in der Berliner Zeit, wo wir zusammen das
Friedrich-Wilhelms-Gymnasium besuchten, mein nchster Freund geworden
und seitdem auch geblieben. Die Freundschaft zu ihm war mit ein Grund
gewesen, weshalb ich den landwirtschaftlichen Beruf ergriffen hatte, in
der Hoffnung, mit ihm gemeinsam landwirtschaftliche Studien treiben zu
knnen. Whrend der Schlerzeit hatte ich von Berlin aus meinen Freund
einige Male auf das Gut seines Vaters, Gramenz in Hinterpommern,
begleitet, und es bestand ursprnglich die Absicht, da wir dort
gemeinsam unsere erste landwirtschaftliche Lehrzeit zubringen sollten.
Aber gerade als wir diesen Plan in die Wirklichkeit umsetzen wollten,
wurde mein Freund berufen, den Prinzen Friedrich Wilhelm (unseren
spteren Kronprinzen und Kaiser) nach Bonn auf die Universitt zu
begleiten. Auf diese Weise waren wir auseinander gekommen und freuten
uns nun um so mehr des Wiedersehens.

Ich brachte einige schne, stille Wochen mit meinem Freund zusammen zu
und lernte zugleich bei dem originellen alten Koppe manches, was ich im
Oderbruch nicht hatte lernen knnen. Die Abende aber las ich mit Ernst
Senfft, nach unserer gemeinsamen alten Jugendlust, Homers Ilias und
dergl. mehr. Whrend unseres dortigen Zusammenseins traf eine Einladung
des Vaters meines Freundes ein. Dessen Berufung als Oberprsident von
Pommern stand bevor. So konnte er sich wenig um seinen Besitz kmmern
und forderte uns auf, da wir im kommenden Frhling gemeinsam unsere
bisher in der Landwirtschaft erworbenen Kenntnisse auf den Gtern in
Hinterpommern verwerten sollten. Da die rzte vor der Hand bei dem
Zustand meiner Lunge ein wissenschaftliches Studium nicht fr geraten
hielten, so willigte mein Vater ein.

Um mich auf meine Ttigkeit noch weiter vorzubereiten, folgte ich
der Anregung eines andern Freundes, den ich in Kienitz kennen
gelernt hatte, und ging zu dessen Bruder Franz Bieler nach Machern
bei Friedeberg, einem trefflichen Landwirt, in dessen Hause ich
viele Freundlichkeit und Frderung geno.

In den ersten Tagen des April 1852 langte ich zugleich mit meinem
Freunde Ernst in Gramenz an. Wir bezogen miteinander das Vorwerk
Raffenberg, eine halbe Stunde von dem Hauptgute Gramenz entfernt.
Raffenberg sollte von meinem Freunde Ernst bewirtschaftet werden,
whrend mir zunchst die beiden andern Gter, Schoffhtten und
Zechendorf, zugeteilt wurden, die ich von Raffenberg aus inspizieren
sollte.

Der alte Herr von Senfft hatte Gramenz in den dreiiger Jahren fr
60000 Taler erworben. Er htte bei diesem gnstigen Ankauf ein
sorgenfreies Leben fhren knnen, denn das Hauptgut, das fr sich
allein 500 Morgen gro war, besa sehr alte fruchtbare Lndereien
und war darum recht wertvoll. Allein der rastlose Geist des alten
Herrn war darauf gerichtet, alles unbebaute Land urbar zu machen. Um
das dafr ntige Vieh halten zu knnen, legte er groartige
Rieselwiesen an, zu deren Bewsserung das Wasser in drei groen
Bassins durch aufgefhrte Dmme gesammelt wurde. Allein diese
Anlage, die Hunderttausende verschlang, brachte den gewnschten und
erhofften Ertrag nicht, zumal gleichzeitig ber 100 verschiedene
Huser gebaut wurden, sowohl fr die wirtschaftlichen Zweige als fr
die Tagelhner. Die Wasser des pommerschen Landrckens waren zu arm
und darum der Ertrag der Wiesen zu gering. Infolgedessen befand sich
der alte Herr bestndig in den drckendsten Sorgen. Da sollten wir
jungen Leute nun raten und helfen, und die Hoffnung, die er auf uns
setzte, ging dahin, da binnen kurzem alle Sorgen von ihm genommen
sein wrden.

Immerhin war, uerlich angesehen, Gramenz ein prachtvoller Besitz,
zwei Meilen (15 Kilometer) lang, eine halbe Meile (3 bis
4 Kilometer) breit, von rieselnden Bchen und anmutigen Tlern
durchzogen und an seinem Rande von lieblichen Seen umgeben, die mit
Buchenwald eingefat waren. Was aber die Hauptsache war, um den
Aufenthalt fr mich segensreicher zu machen als meine drei letzten
landwirtschaftlichen Orte Kienitz, Wollup und Machern: es bestand
von alter Zeit her ein kirchlicher Sinn in der Gemeinde, und der
Pfarrer Diekmann meinte es sehr treu. In der aufs freundlichste
ausgestatteten Dorfkirche wurden erquickende Gottesdienste gehalten,
zu denen wir uns regelmig Sonntags einfanden.

Wir beiden jungen Leute fhrten auf unserem Vorwerk ein eigenartiges
Junggesellenleben. Die Schfersfrau besorgte uns unsere Kche. Wir
hatten jeder unser Reitpferd. Das meines Freundes hie Soliman,
meins Dido. Ich hatte es bald so gewhnt, da es, wenn es auf der
Weide ging, auf einen Pfiff herankam und ich ihm blo die Gerte, die
ich in der Hand hatte, ins Maul zu legen brauchte. Dann lie es sich
ungesattelt in allen Gangarten reiten, indem ich es mit der Gerte,
deren beide Enden ich gefat hatte, lenkte.

Wir beiden Freunde sahen uns gewhnlich nur morgens und abends,
gnnten uns aber doch bisweilen in einer trauten Einsamkeit an
irgend einem Bachufer ein Ruhestndchen, um unsere klassischen
Studien fortzusetzen. Unsere Freundschaft war sehr innig, auch in
bezug auf die ueren Dinge. Wir waren beide genau gleich gro,
soda uns unser Zeug gegenseitig pate. So hielten wir denn auf
vllige Gtergemeinschaft, und jeder schaffte nach seinen Mitteln
etwas in den gemeinsamen Kleiderschrank an, wobei man mit Vorliebe
das anzog, was der andere angeschafft hatte.

So scharf und hei unsere Arbeit meist den Tag ber war, so fehlte
es doch auch nicht an Erquickungen. Abends ritten wir oft auf unsern
schnellen englischen Vollblutpferden nach dem nur eine Meile
entfernten Buchwald hinber, wo die lteste Schwester meines
Freundes an einen Herrn von Glasenap verheiratet war und wo damals
ein liebliches Familienleben aufblhte. Glasenaps hatten sich am
Ufer eines Sees ein gar freundliches Landhaus gebaut. In den schnen
Sommernchten fuhren wir oft noch spt unter frhlichen Liedern auf
dem See, nachdem wir vorher ein erfrischendes Bad genommen hatten.
Auch in Gramenz selbst, ehe der alte Herr nach Stettin bersiedelte,
gab es in dem lieben Familienkreise manche freundliche Stunde.

brigens merkten wir beide, Ernst und ich, bald, da die Sachen
nicht standen, wie sie stehen sollten. Waren in den frheren Jahren
groe Fehler begangen, indem man zu groe Flchen Wald urbar machte
und stattliche Gehfte auf ihnen aufrichtete, ohne die ntigen
Mittel zu haben, um das urbar gemachte Land auch ertragfhig zu
machen, so war es neuerdings ein besonders schwerer Migriff
gewesen, da man sich auf englische Pferdezucht und gar auf
Trainierung kostbarer Rennpferde eingelassen hatte. Vor allem aber
hatte der liebe alte Landeskonomierat Koppe, der sonst der
kundigste Ratgeber war, den man htte finden knnen, seinem Freunde
Senfft geraten, eine groe Zuckerfabrik zu bauen. Doch fr den
Zuckerrbenbau waren viele Flchen noch zu jung und zu arm.

Noch schlimmer war es, da der alte Herr von Senfft nicht nachlie,
seinen Pchtern immer neue Flchen zu entziehen in der Meinung, dadurch,
da er das Pachtland in eigene Bewirtschaftung bernahm, besser
abzuschneiden. Der Sohn war hierin mit seinem Vater gar nicht
einverstanden. In seiner romantischen Art konnte er wohl, wenn wir
abends ber einen der kleinen mit Eichen umstandenen Pachthfe ritten,
unter einer der alten Eichen still halten und sich dann in die Seele
solch eines alten vertriebenen Erbpchters hineinzudenken, wie er seine
mit ihm ausgetriebenen und zu Tagelhnern hinuntergesunkenen und
hinuntergestoenen Leidensgefhrten versammelte, um ihnen eine Rede zu
halten, in der er sie zum Aufruhr gegen ihren Bedrnger aufforderte, der
sie von ihrem vterlichen Herd verstoen und sie, voll unersttlicher
Gier nach erweiterten Grenzen, aus dem Schatten ihrer alten Eichen
verdrngt habe.

Der alte Senfft war in der Tat einer der wunderbarsten Menschen, die
ich je kennen gelernt habe. Schrfere Widersprche knnen kaum in
ein und demselben Herzen angetroffen werden. Voll inniger,
ungeheuchelter Frmmigkeit, sich seines Heilands niemals schmend,
auch am Hofe des Knigs nicht, fr seine eigene Person mit dem
Geringsten zufrieden, ja, ngstlich sparsam, ohne jeden Adelsstolz,
hatte er doch auf der andern Seite Eigenschaften, die einem geraden
Charakter, wie z. B. meinem Vater, unbeschreiblich schwer waren. Er
liebte heimliche Wege, um zu seinen Zielen zu gelangen, und lie
sich niemals hinter seine Geheimnisse schauen. Das schwerste aber
war uns Jungen seine Landgier. Diese besondere Gier verschlo ihm
die Augen gegen manche furchtbare Hrte, ohne die die bisherigen
Pchter sich nicht aus ihren alten Wohnsttten vertreiben lieen.

Dazu kam, da er in der Bewirtschaftung seiner Gter vielfach
Unmgliches forderte und darum von seinen Beamten, von deren
Vortrefflichkeit er oft geradezu kindliche Ansichten hatte, vielfach
hintergangen wurde. Unter solchen schwierigen Umstnden, in die sein
Sohn und ich ahnungslos hineinversetzt waren, konnte es wohl
vorkommen, da wir zueinander sagten: Wir mssen beten, sonst sind
wir verloren. So schwer legte sich mitten unter allerlei
Knabenscherzen die groe Sorge auf unser Herz.

Einige Wochen nach seiner Ankunft in Gramenz schrieb der junge
Inspektor Bodelschwingh seinem Vater:

          Raffenberg bei Gramenz, Himmelfahrtstag 1852.

            Lieber Vater!

Sei nicht bse, da ich Dich so lange auf einen vernnftigen Brief
habe warten lassen. Die unerwartete Bedeutsamkeit und Ausgedehntheit
meiner hiesigen Stellung hat mich bis jetzt bei einer steten
aufgeregten Ttigkeit kaum zur Besinnung kommen lassen. Die
Feiertage selbst waren bis jetzt teils durch notgedrungenes langes
Schlafen, regelmigen Kirchenbesuch und gezwungenen Gramenzer
Familienaufenthalt, teils mit weitlufigem Rechnungswesen und
reformatorischen Beratungen so ausgefllt, da ich bis jetzt
vergeblich nach einer ruhigen Stunde gespht habe, die mir nun
endlich ein feierlich schner Himmelfahrtsabend freundlich gewhrt.

Zuerst will ich nur gleich vorausschicken, da unter allen
Wohltaten, fr die ich dem lieben Gott Dank schuldig bin, kaum eine
mir grer erscheint, als da er mich hierher gefhrt hat. Ich mu
wirklich meine hiesige Stellung nach allen Richtungen hin, sowohl
was ihren Wert fr meinen Lebenslauf direkt, als fr meine ganze
geistige Ausbildung im allgemeinen anlangt, eine ausgesucht
glckliche nennen. Hier hast Du zuerst eine flchtige Beschreibung
meines landwirtschaftlichen Wirkungskreises.

Schoffhtten, das grere der beiden mir unterstellten Vorwerke,
Raffenberg, meinem Wohnort, am nchsten gelegen (3,8 Meilen
Entfernung), hat bei einer Viehhaltung von ca. 10 Pferden,
12 Ochsen, 20 Khen und 700 Schafen ein Areal von etwa 800 Morgen
Acker mit 100 Morgen natrlichen Wiesen, auerdem eine unberechnete
Flche teils verpachteten, teils noch nicht urbaren Landes, im
ganzen 2400 Morgen. Der bis jetzt unter den Pflug genommene Teil des
Schoffhtter Ackers ist seiner Bodenmischung nach unbezweifelt der
beste unter allen Gramenzer Lndereien, aber teils von den frheren
Pchtern ausgesogen, teils berhaupt noch ohne Kultur. Das Terrain
ist dabei im hchsten Grade unbersichtlich, unzhlige Grben und
steile Abhnge; die ganze Beackerungsweise ist mir vollstndig neu.
Dabei sind grere Entwsserungsarbeiten eines in diesem Jahre neu
hinzugenommenen Schlages, Roden, Planieren usw. im Gange.

Das zweite mir unterstellte Vorwerk Zechendorf (der Wirtschaftshof
liegt ber eine halbe Meile von dem Schoffhtter entfernt, sonst
sind beide Feldmarken nur durch einen kleinen Gramenzer Pchter
voneinander getrennt) hat 700 Morgen Acker, Wiese und Bruch,
6 Pferde, 12 Ochsen, die ntigen Khe und 3 bis 400 Schafe. Es ist
erst seit vorigem Jahre teils aus der Verpachtung genommen, teils
neu zugekauft und befindet sich noch auf allen Punkten im Zustande
gnzlicher Verkommenheit und Verarmung. Hier sind noch bedeutende
Meliorationsarbeiten in Angriff genommen.

berall handelt es sich um eine erste mhsame Bestellung, berall ist
Mangel an allem, darum aber herrscht auch ber jedes mhsam
neugeschaffene Stck Land desto grere Freude. Die Handarbeitskrfte
auf beiden Vorwerken sind mehr als zureichend, da auer 20 eigenen
Tagelhnerfamilien gegen 40 Pchter tglich einen Dienstmann stellen
mssen, soda ich tglich gegen 80 Leute zu beschftigen habe. Auf jedem
Vorwerk ist ein Hofmeister, beides recht gescheite, eifrige, tchtige
Mnner, die bis dahin direkt unter den angrenzenden Inspektoren von
Raffenberg und Ernsthhe gestanden hatten, auerdem aber und seit der
bedeutenden Erweiterung der Betriebe in diesem Frhjahr ganz
vorzugsweise unter dem Oberinspektor selbst. Der hat mich aber seit dem
groartigen Gramenzer Fabriktrubel vllig im Stich gelassen (es handelte
sich um eine Meinungsverschiedenheit ber Anlage und Betrieb der
Zuckerfabrik). ber eine Meile von Gramenz entfernt bin ich
selbstndiger, als mir lieb ist. Herr von Senfft kmmert sich eigentlich
gar nicht um die spezielle Bewirtschaftung; nach meinen entfernten
Vorwerken kommt er hchstens fnf- bis sechsmal im ganzen Jahr; mich hat
er erst einmal flchtig besucht.

Auer diesen beiden Vorwerken, von denen mir in ihren jetzigen
Verhltnissen jedes einzelne eine reichliche und angenehme
Beschftigung gewhren wrde, habe ich nun unser hiesiges
Raffenberg, ein Gut von 2200 Morgen schweren Weizenbodens mit
700 Morgen Wiesen, tglich selbst ttig mitwirkend, unter Augen, da
Ernst Senfft allein von der Arbeit erdrckt werden wrde. Namentlich
des hiesigen Rbenbaus, ber 200 Morgen (ich selbst habe auf meinen
Vorwerken aus Mangel an aller Kultur erst dreiig Morgen bauen
knnen), habe ich mich speziell angenommen.

Auer Raffenberg passiere ich nun auf meinem tglichen Ritt noch
Ernsthhe, 1500 Morgen leichteren Bodens, auch erst seit wenigen
Jahren aus der Wildnis emporgearbeitet, und auch hier bleibe ich mit
dem ganzen Wirtschaftsbetriebe bei dem ewigen Ineinandergreifen der
Vorwerke mit Leuten und Gespannen immer im Zusammenhange. Auerdem
mu ich mindestens ein- bis zweimal wchentlich, auer Sonntag, nach
Gramenz, wo mir 450 Morgen Zuckerrben unterstellt sind, dazu die
dortige Rieselwirtschaft und die Wsche und Schur von 5000 Schafen,
wovon die beiden letztgenannten Sachen mir noch ganz fremd sind. So
ist das Feld fr meine landwirtschaftliche Ttigkeit so unendlich
gro, da ich gar nicht im Stande bin, es auch nur einigermaen
auszunutzen und meine Pflicht, wie ich mchte, zu erfllen.

Gleichwohl hat diese ersten Wochen ber die eigentliche
Landwirtschaft nur den geringeren Teil meiner Aufmerksamkeit in
Anspruch genommen. Was mich viel lebhafter und inniger beschftigt
hat, war das Schicksal der Tagelhner, besonders auf meinen
entfernten Vorwerken, aber auch in Gramenz. Bei diesen Leuten, die
unter rohen Inspektorhnden auf etwas brutale Weise verkmmert und
verkommen waren, war es meine erste Sorge, wenigstens dem grbsten
Elend abzuhelfen, wobei mir brigens Herr von Senfft auf die
entschiedenste und freundlichste Weise zu Hilfe kam, da er
eigentlich von der Gre des Elends gar keinen Begriff hatte.

Schoffhtten und Zechendorf sind nmlich nicht, wie Raffenberg und
Ernsthhe, neue Vorwerke, sondern beides alte Drfer, mit
ehrwrdigen Bumen aller Art schn ausgestattet, die die alten
Pchterwohnungen nach westflischem Stil umgeben. Die Pchter sind
nun zum groen Teile aus ihren Wohnsitzen verdrngt, und statt
ihrer, soweit sie nicht selbst in Tagelhner umgewandelt und als
Tagelhner wohnen geblieben sind, ist allerlei Gesindel eingezogen,
das man aus Gramenz weggebracht hatte. Diese Leute, berschuldet wie
sie waren und daher nicht imstande, von ihrem Verdienst zu leben,
waren seit mehreren Monaten ohne Kartoffeln, ohne Getreide. Sie
trieben sich teils bettelnd umher, teils lagen sie faul zu Hause,
mimutig, etwas zu tun, weil ihnen doch all ihr Verdienst auf ihre
gemachten Schulden abgerechnet wurde. Da war es nun meine erste
Sorge, gewaltsam und eigenmchtig einzugreifen. Da dies aber nicht
geschehen konnte, ohne da ich mich auf das genaueste um die
Familienverhltnisse der Leute kmmerte, so bin ich fast tglich in
allen Sttten des groen Elends herumgekrochen und habe in vielen
Familien frmlich die Haushaltung gefhrt.

_Pfingsten._ Am Himmelfahrtstage zu frh unterbrochen und aufs neue
in den Strudel hineingetrieben, bin ich heute vom Gramenzer
Mittagstische direkt wieder nach Raffenberg umgekehrt, um endlich
den angefangenen Brief zu Ende zu bringen. Du kannst Dir denken, da
nach der Behandlung, die die Tagelhner bis dahin genossen, ich in
diesem Punkte eine unglaublich leichte und dankbare Stellung habe.
Obgleich ich mir eine Strenge und Hrte anzwinge, die ich mir bis
dahin nie zugetraut habe, sind mir alle meine Leute in so kurzer
Zeit so ganz zugetan und anhnglich geworden, da ich mich fast
tglich der Ausbrche ihrer Dankbarkeit gewaltsam erwehren mu.

Ich denke brigens, indem ich die Leute aus dem Elend gerissen, auch
Herrn von Senfft bedeutend genutzt zu haben. Indem ich die Krfte
der eigenen Leute aufs uerste durch Akkordarbeiten ausnutzte, das
Gramenzer Betteln durch Hilfe an Ort und Stelle zu Ende brachte,
Frauen und Kinder beim Rbenbau beschftigte, ist es mir mit der
Zeit mglich geworden, gegen 40 fremde Arbeiter und Pchterknechte
teils zu entlassen, teils nach Gramenz zu schicken und hier wieder
die Annahme von noch teureren fremden Leuten zu vermeiden. In
hnlicher Weise habe ich eine Menge kleiner Einrichtungen gemacht,
die ich erst in Zechendorf, dann in Schoffhtten ausprobte und von
da hierher nach Raffenberg verpflanzte. Ich habe den Leuten statt
des bloen teuren Roggens, von dem sie ausschlielich lebten,
Kartoffeln und Gerste angeschafft, womit sie ein Drittel billiger
auskommen. Ich zahle ihnen ihren Tagelohn statt vierteljhrlich
wchentlich aus, wodurch sie zu doppeltem Flei angefeuert werden.
Fr die ganz verkommenen Familien lasse ich Suppe kochen, die sie
fr ein billiges erhalten, damit auch die Frau ohne husliche Sorgen
tglich mitarbeiten kann. Manchen messe ich ihr Mehl fr ihre Suppe
zu und bestimme danach, wie lange sie mit ihrem Scheffel auskommen
mssen, weil ich erfahren hatte, da sie in der Not, aber wohl auch
zum Branntweinsaufen, das empfangene Korn teilweise wieder
verkauften.

Ich halte mich notgedrungen bestndig in Zusammenhang mit den
Speisekammern fast smtlicher Leute. Die Vorrte an Mehl,
Kartoffeln, Salz und Milch mu ich stets im Gedchtnis haben. Das
Ganze ist im eigentlichen Sinne des Worts meine eigene Haushaltung.
Denn indem ich das Schicksal smtlicher Leute von der Gramenzer
Inspektoren-Kamarilla losband, habe ich auch ihre ganzen Schulden,
gegen 300 Taler, persnlich auf mich genommen, zwar nicht mit der
Verpflichtung, sie der Gramenzer Gutskasse wieder zu bezahlen, aber
doch mit dem Versprechen, darin mein Bestes zu tun. Ich erhalte nun
wchentlich aus der Gutskasse meinen vollen Tagelohn fr alle Leute,
mit dem ich nach besten Krften fr die Leute wirtschafte. So habe
ich also auer meiner ausgedehnten landwirtschaftlichen Ttigkeit
auch eine groe Familienhaushaltung, die neben manchem andern
Lehrreichen auch fr mich das Gute hat, da ich im steten
Zusammenhange mit so groer Armut und so groen Entbehrungen mit
meinem eigenen Lose recht von Herzen zufrieden sein kann und mir
auch fr die Zukunft jede Entbehrung leicht werden wird.

brigens ist meine jetzige Lebensweise auch keineswegs ppig zu
nennen. Am frhen Morgen Raffenberg mit einer Tasse Milch und einem
Stck Brot im Magen verlassend, kehre ich der Regel nach erst abends
gegen zehn dahin zurck, zu mde, mehr wie einen Teller saure Milch
zu vertilgen. Den Tag ber auf meinen Vorwerken wird nach Umstnden
gelebt, mitunter ein Butterbrot, mitunter ein paar Kartoffeln oder
Eier, mitunter gar nichts. Dabei befinde ich mich aber so grndlich
wohl und krftig, da ich es nicht beschreiben kann.

Mein tglicher Ritt betrgt in gradester Richtung mindestens zwei
gute Meilen, wozu dann hufig noch die dritte und vierte kommt. Der
Weg ist indessen entweder so hart oder bei nassem Wetter so
schlpfrig, das Terrain so hgelig, so viel Moraste, Grben und
mhsame Pfade, da von scharfem Reiten selten die Rede ist und da
die Zeit zu Pferd mir immer eher eine angenehme Erholungszeit fr
Geist und Krper als eine Anstrengung ist. Die Szenerie ist zum
groen Teile wirklich so lieblich und wird fr mein Auge mit jedem
Tage so viel lieblicher, da ich Euch auf Eurer Reise im Thringer
Walde gar nicht zu beneiden brauche.

Jeden frhen Morgen fhrt mich mein Weg durch den im frischen ppigen
Grn prangenden Buchenwald, meist auf selbstgesuchten nheren Pfaden, wo
ich oft Zweig fr Zweig zurckbiegen oder gebckt durch Laubengnge
kriechen mu. Und des Abends, so wie gestern zum Beispiel, kehre ich im
Mondschein wieder zurck, am liebsten an den Bachufern entlang, wo die
Nachtigallen seit drei Wochen schon fleiig am Singen sind. Meine
Feldmarken selbst aber sind wie aus der schnsten westflischen
Landschaft herausgeschnitten, mit Eichengruppen, kleinen Wiesen, Hecken
und zerstreuten Pchterwohnungen mannigfach verziert; dazu dann eine
weite herrliche Aussicht ber das ganze Gramenzer Gelnde (denn
Schoffhtten und Zechendorf liegen wohl mehrere hundert Fu ber den
Gramenzer Wiesen). Da geht mir nicht selten das Herz so auf, da ich
laut aufjauchzen mchte vor Frhlichkeit.

Zu andern Zeiten kann ich dann freilich auch eine gewisse Wehmut
nicht zurckweisen, wenn ich die schnen alten Pchtereien, auf
denen oft ein und dieselbe Familie hundert Jahre gewohnt hatte, nun
verwaist und verlassen stehen sehe, und nicht selten trifft man auf
Leute, denen in Erinnerung an ihre alten Wohnsttten, die sie als
ihr Eigentum anzusehen sich gewhnt hatten, die Trnen in die Augen
treten. Wie weit da nun Recht oder Unrecht waltet, kann ich nicht
beurteilen, geht mich auch gar nichts an. So viel wei ich aber, da
so viele Leute ihres heimatlichen Landes beraubt sind, ohne da bis
jetzt Herrn von Senfft der geringste Nutzen daraus erwachsen ist.
Denn das den Pchtern genommene Land ist teilweise in Hnde geraten,
die es noch mehr mihandelt haben wie jene.

Der jetzige Oberinspektor aber, dahinter sind wir bald genug
gekommen, ist in der Tat ein hchst untchtiger Mann, der seiner
Stellung nicht im geringsten gewachsen ist. Er hat in sehr wilder
und leichtsinniger Weise darauf losgewirtschaftet, Land und Leute
verdorben und Herrn von Senfft groen Schaden gemacht. Es ist daher
auch bald ein drckendes Verhltnis zwischen Ernst und mir auf der
einen Seite und ihm auf der andern Seite eingetreten. Wir kamen
zuerst mit unsern Verbesserungsvorschlgen zu ihm. Aber da wir von
ihm zurckgewiesen wurden, hielten wir uns bald fr verpflichtet,
sie durch Herrn von Senfft selbst durchzusetzen, der uns in allen
Stcken ein fast zu groes Vertrauen schenkt. Dadurch ist nun der
Mann moralisch sehr heruntergedrckt, whrend unser Wirkungskreis
sich sehr erweitert hat. Einmal mitrauisch geworden, haben wir uns
bald verpflichtet gefunden, berall mit zuzusehen, haben in der
Fruchtfolge gendert, im ganzen Leutewesen reformiert, ohne des
Oberinspektors Einwilligung das Rechnungswesen umgestaltet usw.
Dadurch sind wir allmhlich sehr mchtig geworden und sind fast
wider unsern Willen in eine Stellung hineingeraten, der wir gar
nicht recht gewachsen sind.

Zum Schlu will ich nur noch sagen, da unser Familienleben, nmlich
Ernst Senffts und meins, einzig ist und da die Freude, mit dem
unvergleichlichen Jungen zusammen leben zu knnen, alle andern Freuden,
die mir hier Natur und Beruf reichlich gewhren, weit bersteigt. In
einem kleinen Zimmer, mit allem mglichen Studentenflitter ausgestattet,
hausen wir auf das lustigste, prsidieren bei Tafel ber zwei
Wirtschaftslehrlinge und einen Schulmeister, denen gegenber wir die
Wrde zweier Wirtschaftsprinzipale einzunehmen wissen. Da bei unserer
jetzigen Ttigkeit nicht viel von theoretisch-wissenschaftlichen Studien
die Rede sein kann, magst du leicht denken. Gleichwohl passiert es uns
gar hufig, da wir uns des Abends unwillkrlich aus bergroer
Mdigkeit aufrtteln und uns ber irgend einem unserer guten alten
Klassiker bis tief in die Nacht hinein ergtzen oder uns an
beiderseitigen reichen Erinnerungen aus den letzten Jahren, die wir noch
lange nicht alle ausgetauscht haben, beglcken.

In der leisen Hoffnung, wenn nicht Dich selbst, so doch eins der
Schwesterchen mit Herrn von Senfft von Berlin ankommen zu sehen, bin
ich freilich diesmal getuscht worden, hoffe aber doch noch einmal,
Dir und ihnen unsere Herrlichkeit hier zeigen zu knnen.

Verzeih mein wildes, unruhiges, unordentliches Geschwtz noch
einmal, indem ich hoffe, bald vollstndigere Nachricht geben zu
knnen, und gre die Mutter und die Schwestern

                              von Deinem gehorsamen Sohn

                                                      Friedrich.

Da der alte Herr, so heit es in den Erinnerungen weiter, die
gewhnlichen Tnzereien bei den Erntefesten nicht litt, so erlaubte
er meinem Freunde und mir, unsere Erfindungskraft anzustrengen, auf
welche Weise dennoch frhliche Volksfeste gefeiert werden knnten,
um den Tagelhnern und ihren Kindern nach der heien Sommerarbeit
einen Festtag zu gewhren. An irgend einem hochgelegenen Waldrande
unter Eichen und Buchen wurden eine ganze Reihe von Feldkchen
eingerichtet und ganze Krbe voll Kuchen und Obst hinausgeschafft.
Mit Lied und Lobgesang im Kirchen- und Volkston wurde begonnen. Dann
folgte eine Ansprache an die Versammlung, die auf die reiche Gte
Gottes hinwies. Jetzt ging's an die frhliche Mahlzeit, die von den
Gesngen der Kinder unterbrochen wurde. Dann wurde zu den
mannigfaltigsten Spielen eingeladen, die fr die Greren und die
Kleineren, fr die Burschen und fr die Mdchen besonders
eingerichtet waren. Am Abend wurde mit Gesang und Gebet geschlossen.

Eins dieser Feste, das wir an einem besonders herrlichen Platz
meines hochgelegenen romantischen Schoffhtten feierten, nahm
freilich ein trauriges Ende. Denn der Pommer liebt leider den
Schnaps ber alle Maen. Lieschen Senfft, die Schwester meines
Freundes, hatte den Honoratioren der Gesellschaft eine berraschung
bereitet. In einer besonders dichten Waldecke hatte sie einen
kleinen Platz aushauen lassen, zu welchem ein ganz verborgener Pfad
fhrte. Hier war knstlich eine schne Laube zurechtgeflochten, mit
Blumen geschmckt und mit Rasenbnken versehen, zwischen denen die
schnsten Kaffeetische mit allerlei Zubehr aufgeschlagen waren.
Whrend nun unsere Dorfbewohner frhlich schmausten und Kaffee
tranken, hatten wir uns hierher zurckgezogen. Da kam pltzlich die
Nachricht: Man prgelt sich. Irgend ein Nichtsnutz hatte in ein
anderes Waldgestrpp ein Schnapsfa eingeschmuggelt. Dem hatten eine
Anzahl junger Burschen so fleiig zugesprochen, da alsbald nach
pommerscher Weise auch das Prgeln begann. Denn Schnaps und blutige
Prgeleien waren hier alte Volkssitte. Die Mnner liefen mit langen
Kntteln bewaffnet herzu, um Frieden zu stiften. Da galt es denn fr
meinen Freund und mich, mitten zwischen die Knppel zu springen, und
nur mhselig gelang es uns, den Blutstrmen zu wehren. Der traurige
Abschlu unseres Festes war der Anla, da hinfort keins dieser
frhlichen Volksfeste mehr gefeiert wurde.

brigens diente whrend der Erntezeit dieses ersten Sommers ein
merkwrdiges Ereignis dazu, mir die Augen ber die ganzen
Verhltnisse noch mehr zu ffnen. Mein Freund und ich waren spt
abends noch zu einem Moorbrand gerufen worden, dessen Lschen uns
bis tief in die Nacht hinein beschftigt hatte. So hatte ich nur
wenig Schlaf gefunden, als ich am andern Morgen um fnf Uhr schon
wieder mein Pferd bestieg, um meinen gewohnten Weg nach meinem
Vorwerk einzuschlagen. Dort bin ich aber von niemand bemerkt worden.
Dagegen kam ich nach etwa sieben Stunden auf dem Pferde sitzend
wieder in Raffenberg an. Meine Dido hatte ihre beiden Knie und ich
meinen Kopf etwas wund. Ich stieg noch selbst vom Pferde und wollte,
wie ich es gern, wenn ich nach Haus kam, zu tun pflegte, das kleine
Tchterchen unserer Wirtin auf den Arm nehmen. Diese bemerkte aber
etwas Besonderes an mir, gab mir das Kind nicht, sondern geleitete
mich auf mein Zimmer, brachte mich zu Bett und sorgte fr kalte
Umschlge auf meinen Kopf. Erst mit hereinbrechender Nacht wachte
ich auf und sah den lieben alten Herrn von Senfft an meinem Bette
sitzen.

Offenbar bestand die Lsung des Rtsels darin, da ich infolge
meiner geringen Nachtruhe auf dem Pferde eingeschlafen war und da
meine Dido, durch keinen Zgel gehalten, gestrzt war. Da ich das
gelehrige Tier daran gewhnt hatte, sowohl frei hinter mir
herzugehen, indem ich ihm den Zgel ber den Hals legte, als auch
still zu grasen, wenn ich mich irgendwo ein wenig ausruhen wollte,
so hatte mich Dido auch nach unserm beiderseitigen Sturz nicht
verlassen, bis ich nach etwa fnf- bis sechsstndigem Liegen auf der
Erde wieder so weit zur Besinnung kam, da ich in den Sattel kommen
konnte. So hatte denn das Pferd von selbst seinen Weg nach Hause
eingeschlagen. Merkwrdig war nur, da von dem Vorgefallenen nichts
in meiner Erinnerung geblieben war.

Der Arzt stellte eine Gehirnerschtterung fest, und ich hatte etwa
vierzehn Tage vllige Ruhe ntig. Erst allmhlich lernte ich wieder
gehen und lesen, da mir beides anfangs schwer gefallen war. Fr
diese Ruhezeit nahm mich der alte Herr von Senfft mit nach Gramenz
und lie mich auf das treuste pflegen. Zugleich fand ich hier
Gelegenheit, tiefere Blicke in die auf mannigfache Weise zerrtteten
Verhltnisse zu tun und auch die Persnlichkeiten zu durchschauen,
die dem Bestehen des Ganzen gefhrlich waren. Zu meinem Freunde
zurckgekehrt, teilte ich ihm alles mit, was ich wahrgenommen, und
nicht ohne heie Kmpfe wurden nun einige Persnlichkeiten aus dem
Sattel gehoben, die bis dahin in der hchsten Gunst des alten Herrn
gestanden hatten, aber sonst als Tyrannen gefrchtet waren.

Damit brach nun allerdings fr mich eine sehr ernste Zeit an. Der
alte Herr forderte mich auf, und die Umstnde lieen es auch nicht
wohl anders zu, die Leitung des ganzen Gutes zu bernehmen. Da ich
von Kienitz her mit dem Zuckerrbenbau sehr genau vertraut war, so
glaubte er wohl, ein besonderes Recht dazu zu haben, mir die neue
Aufgabe zuzumuten. Denn an den Zuckerrben schien in der Tat die
Rettung der ganzen Lage zu hngen. Da er selbst, wie schon bemerkt,
nach Stettin bergesiedelt war und sich nur noch gelegentlich in
Gramenz aufhielt, so mute ich meinen Wohnsitz von Raffenberg nach
Gramenz verlegen.

Im Herbst 1853 verlie mich mein Freund Ernst, um in Berlin sein
Einjhrigenjahr abzudienen. Aber Gott schenkte mir ein paar tchtige
neue Gehilfen. Der eine war der Bruder meines frheren Lehrmeisters
in Mechern, Bieler, der schon in Kienitz mit mir zusammen gearbeitet
hatte, und der andere der Sohn meines frheren Religionslehrers, des
Dompredigers Snethlage, Moritz, der anstelle von Ernst Senfft die
Bewirtschaftung von Raffenberg bernahm.

Es war kein Geringes, was auf meine Schulter gefallen war. Im
ueren schenkte Gott gerade fr dieses Jahr viel Segen und Hilfe,
soda die materiellen Nte zu schwinden schienen. Aber um so grer
waren die Nte und Gefahren, die auf meiner Seele lagen, und oft
stieg ich an der Stelle, wo ich, wie ich vermutete, an jenem Morgen
bewutlos gelegen hatte, vom Pferde -- die Stelle lag an einem
schattigen Bachufer mitten im Walde verborgen --, um Gott um Hilfe
anzuschreien. Es waren im ganzen zwlf Inspektoren, ltere und
jngere, die alle der Leitung und Aufsicht bedurften. Dazu fhlte
ich aber keineswegs die Kraft in mir. Sonntagmorgens ging man wohl
nach alter Ordnung in die Kirche, aber den ganzen Sonntagnachmittag
pflegten wir auf der Kegelbahn zuzubringen, und an viel Leichtsinn
und Verirrungen mancherlei Art fehlte es unter uns nicht.

Doch wir jungen Leute fanden in unsern geistlichen Nten einen
besonders treuen Freund. Das war der Posthalter von Gramenz, ein
frherer Wirtschaftsinspektor, der aber, weil er leidend war, diesen
leichteren Posten bernommen hatte. Er hie Otto Mellin. Oft wenn
jemand einen Brief holte oder brachte, hrte er gleichzeitig dessen
verborgenste Klagen mit an und teilte Freud und Leid mit jedermann.
In besonderen Fllen aber, und wenn Zeit und Stunde es erlaubten,
nahm er den Betreffenden mit in sein kleines freundliches Stbchen,
das hinter dem Postbro lag. Dort schlug er in der Bibel die Stelle
auf, die ihm fr die besondere Not die rechte Arznei zu liefern
schien.

Unverhofft merkten wir, der eine wie der andere unter uns jungen
Leuten -- denn laut wurden diese Sachen nicht verhandelt --, da man
in Otto Mellin einen Freund gefunden und an derselben Quelle Hilfe
und Trost geschpft hatte. Unser lieber Pastor Diekmann, der krftig
und treu sein Amt verwaltete, war persnlich zu heftig, soda man
sich nicht zu ihm traute. So bot der liebe Mellin, der in unsern
schalkhaften Freundeskreisen immer Seine Majestt die Post hie,
einen Ersatz fr das, was wir bei unserm Pastor an Seelsorge nicht
fanden.

Durch Freund Mellin machte ich in einer Htte, die zu Gramenz
gehrte, die Bekanntschaft eines armen Kranken, die fr mich von
besonderem Wert wurde. Der Besuch in dieser Htte war um so
bedeutsamer fr mich, als er in groem Gegensatz stand zu einer
frheren Erfahrung. Der alte Herr von Senfft hatte mir einmal im
ersten Jahre eine Rolle mit 100 Talern geschenkt mit dem Auftrag,
sie zum Besten der Armen zu verwenden, und zwar in den beiden
Vorwerken, die mir zuerst anvertraut waren. Besonders in einem
dieser Vorwerke herrschte noch in ungezgelter Grausamkeit der
Branntwein. Von dieser Macht des Branntweins hatte ich gleich in
einer der ersten Katen, in die mich meine Armenbesuche fhrten,
einen besonders erschreckenden Eindruck. Bei den alten pommerschen
Katen waren die vier Pfosten der Htte ohne jede Schwelle einfach
auf vier Steine gesetzt. Je mehr nun diese Pfosten an ihrem unteren
Ende faulten, desto tiefer sank die Htte zur Erde herunter. Solange
der Branntwein in solch schornsteinlosen Htten nicht das Regiment
fhrte, lie sich ganz glcklich darin leben. Ja, es hatte frher
einen langjhrigen Krieg der Bewohner dieser alten Htten gegen die
modernen Schornsteinhuser gegeben.

Aber in der obenerwhnten Htte, in die ich nur mit gebcktem Kopf
hatte eintreten knnen, herrschte der Branntwein. Der Mann soff,
solange er etwas hatte, die Frau auch, und selbst ihren Kindern
gaben sie zur Betubung des Hungers von dem unseligen Na. Als ich
nun durch die niedrige Tr in den einzigen Raum, den der Katen
enthielt, hineingekrochen war, sah ich auf dem Strohlager an der
Erde eine Leiche liegen. Es war die Leiche der Mutter des Hauses.
Whrend ich noch, entsetzt von dem Anblick der Not und des Grauens,
dastand, bewegte sich die Decke, und ein schmutziger Kinderkopf und
bald noch einer guckten unter der Decke hervor, verkrochen sich aber
bald wieder, denn es war bitter kalt. Drauen lag Schnee und drinnen
brannte kein Feuer.

Bei dieser armen Familie versuchte ich zuerst mein Heil mit meinen
100 Talern, wurde aber grndlich zuschanden. Denn der Roggen, den
ich ihnen schenkte, und die Kleider, die ich fr die armen
zerlumpten Kinder kaufte, wurden, soweit es mglich war, wieder in
Branntwein verwandelt. hnlich ging es mir bei andern Familien.
Meine 100 Taler waren im Umsehen ausgegeben; aber ausgerichtet hatte
ich _nichts_. Und diese Lehre war mir nicht zum Schaden, denn ich
lernte, da mit blo menschlichen Knsten der Gutmtigkeit gegen
menschliches Elend und gegen Snde, von der das Elend stammt, nichts
auszurichten ist.

Wie ganz anders sah es aber in der Htte aus, in die mich mein
Freund Mellin fhrte! Auch in ihr wohnte groe Armut und Krankheit
und Elend dazu. Aber statt des Branntweins hatte hier der Friede
Gottes das Regiment! Seit 28 Jahren, fast von seiner Jugend an, lag
hier auf verhltnismig sauberem Lager ein Lazarus: der kranke
Fritz, so hie er im Dorf. Aber er besa, was mehr war als die
Schtze gyptens: er wute, was er an Jesus Christus hatte, nmlich
die Erlsung durch sein Blut, die Vergebung der Snden. Und das
machte ihn reich und glcklich. Der Vergleich mit den armen
Branntweinsufern, die mit keinem Mittel menschlicher Weisheit aus
ihrem Elend gerissen werden konnten, zugleich mit der Erinnerung an
meine vergeblich ausgegebenen 100 Taler -- und dem gegenber der
kranke Fritz mit seinem reichen Besitz der unvergnglichen
kstlichen Perle machten einen tiefen Eindruck auf mich. Der kranke
Fritz wurde von da ab im Verborgenen mein Freund. Gott allein wei
es, und die Ewigkeit wird es klarmachen, was ich ihm verdanke!

Mitten in diese fr mich so bewegte Arbeits- und Kampfeszeit fiel
ein Ereignis besonderer Art. Ich war eines Abends im Monat Mai 1854
nach Buchwald hinbergeritten, wo mir ja immer der Eintritt in das
liebe Glasenapsche Familienleben offen stand. Da wurde ein Brief
durch einen besonderen Boten von Gramenz hinter mir her geschickt.
Er war von der Hand meiner lieben Mutter und begann: Ehe Du diesen
Brief liest, mein lieber Sohn, bitte Gott, da es Dir zum Segen
werde, was ich Dir mitteilen mu. Und nun kam die Nachricht von dem
seligen Heimgang meines Vaters.

Der Vater hatte sich schon mehrere Jahre zuvor wieder eine Arbeit
vom Knig ausgebeten. Und zwar hatte er gewnscht, da ihm wieder
ein Landratsamt zugewiesen werden mchte. Er trachtete nicht nach
hohen Dingen, und solch ein geringer Posten wre ihm in der Tat das
liebste gewesen. Statt dessen hatte ihn der Knig im Jahre 1852 zum
Regierungsprsidenten in Arnsberg ernannt anstelle des jngeren
Bruders meines Vaters, der das Finanzministerium in Berlin bernahm.
Auch dieser Posten war ihm recht, und er hat ihn mit grter
Freudigkeit und Treue die zwei letzten Jahre seines Lebens
verwaltet.

Etwa ein Jahr vor der mir ganz berraschend gekommenen
Todesnachricht hatte mich schon einmal ein Brief der Mutter
pltzlich den weiten Weg von Gramenz nach Westfalen machen lassen.
Die Mutter schrieb, da der Vater tdlich erkrankt sei und die rzte
wenig Aussicht fr sein Leben lieen. Als ich nach Berlin zu meinen
Verwandten kam, war die dort eingetroffene Nachricht noch
hoffnungsloser, soda ich nichts anderes mehr erwarten konnte, als
des Vaters Antlitz hienieden nicht mehr zu sehen.

Ich kam von Soest mit der Post abends zehn Uhr in Arnsberg an, wo
das elterliche Haus dicht bei der katholischen Kirche an einem
freien Abhang gelegen war. Der Mond stand hell am Himmel. Ich traute
mich zunchst nicht in das Haus hinein, sondern ging von allen
Seiten herum, um an den etwa vorhandenen Lichtern zu erkennen, was
ich darin wohl vorfinden wrde. Noch stand ich einen Augenblick an
das Gelnder des Abhangs gelehnt, als pltzlich die Haustr aufging
und ein Mann heraustrat. Es war der Doktor. Ich lief ihm nach und
fate ihn beim Arm. Gehen Sie nur getrost hinein, sagte er, seit
heute mittag ist die Krisis zum Leben eingetreten.

Drinnen fand ich auer der Mutter und den beiden Schwestern auch
meine beiden Brder, die bereits vor mir eingetroffen waren, Franz
von seiner Oberfrsterei, Ernst, der den Soldatenstand erwhlt
hatte, von seiner Garnison in Frankfurt a. M. Ich war der weiteste
und letzte. Am Morgen nach meiner Ankunft hrte ich, an der Tr
stehend, den Vater zur Mutter sagen: Frau, was machst du fr ein
Gesicht! Ich glaube, der Friedrich ist auch da. So mute ich denn
hinein. Dann haben wir miteinander, wie schon so oft, die selige
Zeit der Wiedergenesung des Vaters mit innigster Dankbarkeit und
Freude gefeiert. Denn sobald die Krisis eingetreten war, ging es bei
der krftigen Natur des Vaters meist schnell wieder mit ihm
aufwrts. Es war dies das letzte Zusammensein, das ich auf Erden mit
dem teuren Vater hatte. Noch einmal kosteten wir alle mit vollen
Zgen das friedsame Glck unseres Familienlebens.

Bei Gelegenheit dieser seiner Erkrankung hatte Vater vor der Feier
des heiligen Abendmahls einmal gesagt: Herr, wenn du siehst, da es
mir und den Meinen heilsam ist, da ich noch bleibe, so will ich
wohl bleiben; wenn du aber siehst, da ich von dir abkommen sollte,
so nimm mich nur gleich dahin! Dem Pastor Bertelsmann aber sagte er
damals: Ein armer bufertiger Snder stirbt allezeit in Frieden.
Von dieser Zeit ab uerte er fter das Verlangen, da ihm Gott
doch ein langes unttiges Alter ersparen mchte und, wenn er nicht
mehr arbeiten knne, mit ihm eilen mchte aus der Zeit in die
Ewigkeit.

Besonders schwer lag meinem Vater meine Zukunft auf der Seele. Weil
er arm war und mir kein eigenes Gut kaufen konnte, mich auch die
Bewirtschaftung unseres kleinen Familienbesitzes Velmede nicht htte
befriedigen knnen, so hatte ich meinem Vater fter erklrt, da ich
gern mein Leben lang als Verwalter fremder Gter arbeiten wolle. In
der Tat erscheint mir das noch jetzt viel leichter, als selbst
Besitzer zu sein, wenigstens unter den Verhltnissen, in denen sich
die meisten Besitzer der stlichen Provinzen befinden. (1884
geschrieben.) Einmal ist es die Last der Sorge, die einen groen
Teil von ihnen drckt, da sie mit Schulden beladen sind. Aber noch
mehr sind die Umstnde qualvoll, da sie sich immer in den Gewinn
der Ernte gewissermaen mit den Tagelhnern zu teilen haben und
dabei der bestndige Kampf nicht aufhrt, wieviel sie diesen geben,
wieviel sie selbst behalten sollen. Fr einen Verwalter fremden
Gutes, der keinen eigenen Gewinn fr sich daraus zu ziehen hat, ist
dagegen die Lage unvergleichlich leichter, und die Sorgen sind so
viel geringer.

Gleichwohl war dieser Gedanke meinem Vater schwer; und er hatte den
Wunsch, da meine Gesundheit sich inzwischen wieder vollkommen
gekrftigt hatte, da ich noch einmal eine Universitt beziehen
mchte. Was ich aber nach seiner Meinung studieren solle, sagte er
nicht. Blo wenn vom juristischen Studium die Rede war, sagte er:
Junge, das ist fr dich zu trocken, das hltst du nicht aus. -- So
blieb diese Frage offen. Ich reiste von Arnsberg nach Pommern
zurck, um zunchst meine dortige Arbeit fortzusetzen, in der ich
dann, ein Jahr spter, durch die Nachricht von dem Tode meines
Vaters berrascht wurde.

Durch eine Hungersnot, die infolge einer Miernte im sdlichen Teil
des Regierungsbezirks Arnsberg herrschte, hatte Vater im Frhling
1854 eine ihn besonders bedrckende Last auf sich liegen. Er liebte
es nicht, solche Nte vom grnen Tisch aus zu bekmpfen, sondern
hatte sich persnlich nach dem armen Wittgensteiner Land aufgemacht.
Er hatte zu Fu die armen Ortschaften durchwandert und war selbst in
die Htten eingetreten, an deren Tr der Hunger klopfte, um nach
eigenem Augenschein desto leichter und grndlicher Abhilfe schaffen
zu knnen.

Eines Nachmittags wurde er von einem Regenschauer berrascht, soda
er durchnt in dem kleinen Stdtchen Medebach anlangte. Dort war
es, wo ihm Gott seine Sterbestunde bescherte. So wie er es sich
gewnscht hatte, wurde er mitten aus seiner frischen, frhlichen
Arbeit herausgerufen. Die Mutter konnte auf die Nachricht von seiner
Erkrankung noch zu ihm eilen und einige Tage das ihr allezeit
kstliche Glck genieen, ihn selbst pflegen zu drfen und mit ihm
stille, selige Stunden zu feiern. Sie war diesmal voller Hoffnung,
da es wieder zum Leben gehen wrde. Dann aber war pltzlich
Lungenschlag eingetreten, der beiden nur eben so viel Zeit lie,
voneinander Abschied zu nehmen, ohne da zu einem langen
schmerzlichen Scheiden Zeit geblieben wre.

Als beide Schwestern, Frieda und Sophie, die zuerst die
Trauernachricht erreichte, in das Zimmer traten, wo die Mutter neben
der Leiche des Vaters sa, da sahen sie zu ihrem Erstaunen nicht ein
von Schmerz zerrissenes, sondern von Dank verklrtes Antlitz, ebenso
voll Frieden als das verblichene Antlitz des Vaters selbst. Aber du
weinst ja nicht? fragt eine der Schwestern. Wie sollte ich
weinen, war ihre Antwort, da Gott ihn mir 28 Jahre lang gelassen
hat und wir so unbeschreiblich glcklich zusammen gewesen sind! Es
war freilich noch etwas Greres, das ihre Trnen stillte und ihre
Traurigkeit in Freude verwandelte: Sie wute, da sie nicht in
Ewigkeit geschieden waren, sondern vielmehr im Vaterhause ewig
verbunden sein sollten.

Ich mute manches entbehren von dem Segen, der meinen Geschwistern
in diesen Tagen geschenkt wurde. Der Brief meiner Mutter nach
Gramenz hatte nahezu drei Tage gebraucht, und wiewohl ich mich auf
der Stelle aufmachte und Tag und Nacht reiste, so fand ich doch nur
das bereits mit Erde zugedeckte Grab meines Vaters. Und doch waren
es Tage unerwartet reichen Segens und Friedens, die uns um das Grab
versammelten Geschwistern zuteil wurden, als wir noch einige Tage
bei der Mutter blieben. Bei unserer lieben Mutter war es immer so,
da gerade whrend der Zeit des ersten und tiefsten Schmerzes der
Glaube in ihr sich am sieghaftesten bewies und die Freude ber die
Trstungen Gottes viel grer war als der Schmerz. Besonders gro
aber war ihre Freude, als sie whrend unseres Beisammenseins merkte,
da wir fnf Geschwister alle uns mit ihr auf demselben Wege
befanden und ihren Glauben und ihre Hoffnung teilen konnten.

Jedes von uns Geschwistern hatte in jener Zeit in groer Versuchung
und Gefahr gestanden oder doch in ernster und schwerer Entscheidung
seines Lebens. Noch vor dem Tode des Vaters hatte sich meine
Schwester Sophie mit dem Landrat Julius von Oven, mein Bruder Franz
mit Clara von Hymmen verlobt. Mein jngster Bruder Ernst stand bei
den Jgern in Frankfurt a. M. Wir Geschwister waren nie gewohnt
gewesen, uns ber alles auszusprechen, was den tiefsten Herzensgrund
bewegte. Aber diesmal ffnete uns die ernste groe Stunde den Mund.
Mehr wie jemals sonst konnten wir einander ins Herz sehen lassen. Es
war uns allen zu Mute, als wenn der Vater, den doch keiner von uns
vor seinem Sterben gesehen hatte, noch vorher jedem seine Hnde aufs
Haupt gelegt und jedem einen ganz besonderen Segen mitgegeben htte,
und wir konnten uns vorstellen, da er das, was er leiblicherweise
zu tun nicht mehr vermocht hatte, doch im Geiste getan hatte und da
er jetzt im ewigen Vaterhause unser aller segnend und liebend
gedenke.

Acht Tage dauerte dies unser kstliches Beisammensein. Dann mute
ich in meine groe schwere Arbeit zurck. Whrend der Reise war es
nicht eigentlich meine Sorge, wie ich die noch brigen fnf Monate
bis zur Rckkehr meines Freundes Ernst die Verwaltung des groen
Gutes leiten sollte, sondern ein anderes bedrckte mich. Mehr wie je
vorher hatte ich ein Verlangen nach einer stillen Stunde der
Einkehr, zu der whrend der Arbeitslast der Woche keine Zeit war. Am
Sonntag htte es ja sein knnen. Aber es war ja unsere Gewohnheit,
da wir jungen Leute den ganzen Sonntagnachmittag auf der schnen
Kegelbahn zubrachten, die auf der Insel im Garten recht traulich
angelegt war. Und wer wollte uns jungen Leuten diesen Zeitvertreib
verargen? Trotzdem htte ich mich gar zu gern hiervon freigemacht,
um den Sonntagnachmittag still fr mich allein zu haben. So bat ich
Gott, er mge mir einen Weg zeigen, wie ich davon loskme, ohne eine
Unwahrheit zu sagen und ohne mehr von mir zu verlangen, als ich
damals ffentlich zu bekennen die Kraft hatte.

Da sah ich es denn als eine Erhrung meines Gebetes an, was mir
gleich bei meiner Ankunft in Gramenz widerfuhr. Mein Pferd, der
Soliman, ein ausgezeichnetes, ausdauerndes Ro, war whrend der
langen Ruhezeit bermtig geworden. In dem Augenblick, wo ich mich
zum erstenmal wieder in seinen Sattel schwang, stieg das Tier steil
in die Hhe und berschlug sich rckwrts, soda ich unter das Pferd
auf das Steinpflaster des Hofes zu liegen kam. Ich hatte weiter
keinen Schaden genommen, als da mein rechter Ellbogen krftig
blutete und der Knochen etwas verletzt war. Aber ich mute doch
meinen Arm mehrere Wochen lang in der Binde tragen; und whrend der
Gramenzer Zeit erstarkte er berhaupt nicht wieder so weit, da ich
eine Kegelkugel damit htte schieben knnen. So hatte ich den mir
erbetenen stillen Sonntagnachmittag.

Gott schenkt uns mitunter Zeiten in unserer Pilgerschaft, wo wir
nicht im dunklen Glauben, sondern im seligen Schauen seiner
Gnadenwege einhergehen knnen und wo jeder Tag uns ein neuer Beweis
seiner Barmherzigkeit und Treue ist. Solch eine Zeit brach jetzt fr
mich an. Ich benutzte sogleich meinen ersten Sonntag, um mich,
whrend die andern Kegel schoben, still in Gottes Wort zu vertiefen,
das mir seit meiner frhsten Kindheit ja genug gepredigt worden, mir
aber nicht wieder recht persnlich nahegetreten war. Ich stand auch
wochentags eine Viertelstunde frher als sonst auf, um unter den
alten Linden im Garten auf- und abzuwandeln und dort ungestrt meine
Morgenandacht zu halten. Jedes Wort der Schrift -- ich pflegte
jedesmal ein Kapitel aus dem Neuen Testament zu lesen -- sah ich nun
mit ganz andern Augen an als je zuvor.

Dazu kam noch ein Erlebnis eigener Art. Ich hatte seit einiger Zeit
die Gewohnheit, den Kindern, die mir beim Reinigen der groen
Zuckerrbenfelder halfen, auer ihrem Lohn einen der kleinen
Traktate zu geben, die entweder aus Stuttgart oder Straburg oder
auch aus Basel stammten und die ich von dem Kolporteur bezog, den
der alte Herr von Senfft angestellt hatte. Viele Tausende dieser
Traktate hatte ich schon verteilt, doch selbst gelesen hatte ich
noch keinen.

Eines Sonntagnachmittags aber, als die andern wieder am
Kegelschieben waren, fiel mein Blick auf einen dieser kleinen
Kindertraktate. Er hie: Tschin, der arme Chinesenknabe, und kam
aus Basel. Er erzhlte von einem armen Chinesenkinde, das englische
Soldaten whrend des bekannten Opiumkrieges der Englnder gegen
China in Schutz genommen hatten, nachdem des Kindes Vater, weil er
den Englndern Dienste geleistet hatte, von den Chinesen ergriffen
und hingerichtet worden war. Um das arme Waisenkind zu retten,
brachten es die Soldaten mit nach England. Hier nahmen sich
christliche Freunde des armen Knaben an, er wurde treulich
unterrichtet, kam zum kindlichen Glauben und wurde getauft. Dann
aber erkrankte er, wie so viele Kinder des Sdens, die in unser
kaltes Land kommen, an der Lunge und siechte langsam dahin. Er hatte
aber bestndig nur ein Verlangen, nmlich da er seinen Landsleuten
auch von dem Heiland sagen knnte, den er selbst gefunden hatte, und
er sprach es einmal mit groem, heiligem Ernst aus: Was soll ich
einmal am Tage des Gerichts sagen, wenn meine Brder mich fragen
wrden, warum ich, obwohl ich den Weg des Heils gewut, ihnen
solches nicht mitgeteilt htte?

In dem Augenblick, wo ich diese einfachen Worte las, war es
pltzlich, als ob mir in bezug auf meinen Lebensberuf die Schuppen
von den Augen fielen. Ich hatte bis dahin niemals auch nur einen
leisen Gedanken in meinem Herzen gehabt, noch hatten es weder Vater
noch Mutter noch irgend ein anderer Mensch mir je von fern
nahegelegt, da ich Pastor werden mchte. In diesem Augenblick aber
wurde es mir so vollstndig gewi, da mir Gott diesen Beruf
geschenkt habe, da auch kein leiser Zweifel von der Stunde an ber
mich kam, und ich konnte Gott mit Freudentrnen dafr danken.

Doch teilte ich zunchst keinem Menschen etwas von meiner Freude
mit, auch nicht meiner Mutter, auch nicht meinem Freunde Mellin,
sondern nahm mir vor, mir von Gott selbst weitere Fingerzeige geben
zu lassen. Daran fehlte es dann auch nicht. Im Anschlu an jenes
Bchlein hatten sich meine Gedanken zunchst auf die Arbeit unter
den Heiden gerichtet. Dahin ging meine Sehnsucht.

Inzwischen war die Erntezeit hereingebrochen. Es war eine gewaltige
Ernte, die in den fnf groen Gtern einzubringen war. Es trat
anhaltende Hitze ein. Das Korn reifte schnell und gleichzeitig,
soda es auch mglichst schnell hintereinander geerntet werden
mute. Es wurde mir sehr bange, wo ich die Arbeiter fr die Ernte
herbekommen sollte, damit sie nicht verdrbe.

Eines Tages hatte ich mich schon mit Tagesanbruch auf mein Pferd
gesetzt, um in einem Nachbardorf Arbeiter fr meine Ernte zu werben.
Als ich damit fertig war, ritt ich hinber nach dem kleinen
Stdtchen Bublitz, wo, wie ich wute, eben ein Missionsfest gefeiert
wurde. Die Feier neigte sich schon ihrem Ende zu. Ich band mein
Pferd drauen an und trat, um doch noch einiges zu hren, in die
Kirche ein. Ich merkte gleich, da der Pastor den Text hatte: Die
Ernte ist gro, aber der Arbeiter sind wenige; bittet den Herrn der
Ernte, da er Arbeiter in seine Ernte sende! Herzandringend
schilderte er die Not hinsiechender, sterbender, verderbender
Menschenseelen und des Herrn Jammer ber sie, und zuletzt fragte er
mit groem Ernst, ob denn unter der ganzen Gemeinde, unter allen,
die im Gehorsam gegen den Befehl Christi um Arbeiter in seine Ernte
bten, nicht auch ein solcher wre, der sich selbst fr diesen
Dienst stellen wollte. Da hie es laut in mir: Ja, ja, ich will
gern kommen. Frhlich, ja, frohlockend jagte ich heimwrts, um
zunchst die irdische Erntearbeit in Gang zu bringen.

In fliegender Eile gingen nun die letzten Monate meiner Gramenzer Zeit
zu Ende. Mein Freund Ernst Senfft kam, um mich abzulsen. Die ueren
Verhltnisse hatten sich auch weiterhin entschieden gebessert. So konnte
ich, da auch einige tchtige Wirtschaftsinspektoren gefunden waren,
meinem Freunde die Aufgabe getrost in die Hand legen. Am 11. Oktober
nachts schnrte ich mein Bndel. Das Andachtsbuch meiner Eltern, der
liebe Bogatzky, war inzwischen auch mein Freund geworden, und es war mir
eine nicht geringe Strkung meines Glaubens, was mir Bogatzky an diesem
Abend mit auf den Weg gab, Apostelgeschichte 26, 17: Ich will dich
erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt
sende.


Als Student.

1. In Basel. 1854-56.

Die kleine Schrift, die die groe Entscheidung fr Bodelschwingh
gebracht hatte, war aus Basel gekommen. Als es sich nun fr den
Beginn seiner theologischen Studien um die Wahl einer Universitt
handelte, fhlte er sein ganzes Herz nach Basel gerichtet. Da er
aber nicht lediglich einem Gefhl folgen wollte, so fragte er in
Berlin seinen alten Seelsorger Snethlage um Rat. Gehen Sie nach
Basel! sagte dieser, schickte ihn aber zu seinem Kollegen, dem
Domprediger Hoffmann, der bis vor kurzem Missionsinspektor in Basel
gewesen war, um auch dessen Meinung einzuholen. Auch Hoffmann sagte:
Gehen Sie nach Basel! Und so sah er seinen Weg entschieden.

Er eilte zur Mutter. Sie stimmte der Wendung, die sein Lebensweg
genommen hatte, aus tiefstem Herzen zu und sah darin die Erfllung
ihres verborgenen Herzenswunsches. Zugleich entdeckte sie ihrem
Sohn, da auch sein Vater, ohne es je seinem Kinde auszusprechen,
die Hoffnung gehegt habe, da einer seiner Shne einmal das Studium
der Theologie ergreifen mchte. Nur Ernst von Senfft war aufs
tiefste erschttert. Er hatte die geniale Begabung seines Freundes
fr das Praktische zur Genge erkannt, und nun beschwor er ihn, bei
dem alten Berufe zu bleiben. Er war berzeugt, da der Entschlu
seines Freundes nichts als das Aufwallen einer religisen Stimmung
sei, die ihn nur auf Abwege bringen knne.

Aber die Stimme des Freundes konnte nichts mehr ausrichten.
Wichtiger als seine eigene Entscheidung war ihm die Gewiheit, da
Gott ber ihn entschieden hatte. Und wenn es auch Jahre dauerte, so
erlebte er es doch schlielich bei seinem Freunde Senfft, da, wenn
jemandes Wege Gott gefallen, er nicht nur seine Feinde, sondern erst
recht seine Freunde mit ihm zufrieden macht.

So machte sich der im 24. Jahre stehende Student ber
Frankfurt a. M., wo sein Bruder Ernst stand, nach Basel auf.

Der Aufenthalt bei meinem Bruder Ernst, so heit es in den
Erinnerungen weiter, brachte mir eine besondere Erquickung. Ich war
ja so ganz mit ihm aufgewachsen, so viele Jahre lang hatten wir ein
Wohn- und Schlafzimmer geteilt, so viele Wege hatten wir miteinander
zur Schule gemacht. Aber nun erst konnten wir unsere Herzen ganz
gegeneinander aufschlieen. Ernst war von einem unbeschreiblich
kindlichen Zutrauen zu mir. Wir gingen in der Nacht am Ufer des
Mains auf und ab, und er erzhlte mir von den schweren Kmpfen, die
er habe, um seinem Versprechen nicht untreu zu werden, das er
zusammen mit seinem Freunde von Oidtmann Gott gegeben hatte, da sie
in ihrem Soldatenleben nichts tun wollten, was ihr Gewissen
befleckte. Er bat mich brderlich und herzlich, ihn in diesem
schweren Glaubenskampf zu untersttzen und gemeinsame Sache mit ihm
zu machen. Er sagte mir auch, da es ihm von ganz besonderem Segen
sei, den lieben Vater, der an ihm, seinem Benjamin, wie er ihn zu
nennen pflegte, mehr noch als an seinen andern Kindern gehangen
hatte, im Himmel zu wissen; denn er knne sich vorstellen, da der
Vater erfahre, wie er, sein Sohn, auf Erden wandele. Und dies sei
ihm eine Strkung im guten Kampf. Auch bat er mich, ihm von Basel
gute Schriften zu schicken, um mit ihnen den ihm unterstellten
Soldaten zu dienen.

Am andern Tage -- es war am 6. November 1854 -- langte ich abends
spt in Basel an, das mir nun fr anderthalb Jahre eine ganz
besonders reiche Segenssttte werden sollte. Ich stieg in einem
kleinen Gasthof ab, der dicht am Rhein lag. Hier wurde ich gleich
freudig berrascht, als ich auf meinem Nachttisch eine Bibel liegen
fand, die sich als Eigentum des Wirtshauses herausstellte, und als
ich von der alten Magd, die das Zimmer bediente, erfuhr, da der
Wirt in jedes Zimmer eine Bibel lege. Das war mir bis dahin auf
meiner Pilgerreise noch nicht vorgekommen.

Ich fand auf dem Petersplatz bei ein paar alten Frulein ein gar
freundliches Zimmer, das ich auch die anderthalb Jahre nicht wieder
verlassen habe. Die beiden alten Damen hatten eine wrttembergische
Magd, die auch schon bei Jahren war. Sie hie Rsli Schwarz. Es war
fr mich, der ich nach ernster Sammlung und stillem Studium
verlangte, eine groe Wohltat, durch diese Magd alle Mahlzeiten im
Hause bekommen zu knnen, auch mein Mittagbrot. Ich hatte aber auch
auerdem manchen Segen durch diese treue Person. Sie hatte eine
Schwester, die an einen Missionar in Afrika verheiratet war, und sie
trug die Heidenmission, die ja auch mir so sehr anlag, unablssig
auf betendem Herzen. Sie war eine von den Verborgenen und Stillen im
Lande, durch die Gott gewi nicht die kleinsten Taten tut.

So oft eine frohe Nachricht aus den Heidenlndern kam, konnte ich es
ihr gleich anmerken; denn dann glnzte ihr Angesicht vor Freude. So
oft aber auf dem Missionsfelde etwas Schmerzliches vorgefallen war,
ging sie gebeugt einher als eine, die selbst an solcher Niederlage
mit schuld war, weil sie, wie sie sich selbst anklagte, im Wachen
und Beten nachgelassen habe. Es ist selbstverstndlich, da ich bei
solchem Herzenszustande an ihr eine mtterliche Pflegerin hatte, und
bis auf diese Stunde (1887), wo sie als eine bald 80 jhrige
Pfrndnerin zu Fellbach bei Stuttgart lebt, bekomme ich von ihr
alljhrlich die rhrendsten Gaben und Liebeszeichen. Durch sie wurde
ich auch mit manchen Wrttemberger Zustnden nher bekannt,
namentlich mit dem lieben Korntal, wo sie lngere Zeit ihres Lebens
gewohnt hatte.

Ebenso angenehm wie mein kleines Zimmer und meine husliche
Verpflegung war auch die Umgebung meiner Wohnung. Dicht vor meinem
Fenster ragten die schnen hohen Ulmen und Linden des groen
Petersplatzes empor. An der linken Seite, von der die Treppe nach
der Unterstadt hinabfhrte, lag die Peterskirche, an der der wrdige
Pfarrer La Roche stand. Schaute ich rechts zu meinem Fenster hinaus,
so begrenzte hier der alte Wall meine Aussicht. Ich brauchte aber
nur den Kamm des Walles zu bersteigen, so sah ich auf der andern
Seite des Wallgrabens den groen Friedhof der Stadt liegen und
darber hinweg die Vogesen. Wenn ich quer ber den Petersplatz ging,
so hatte ich von der andern Seite des Platzes aus nur noch ein
kurzes Gchen zu durchschreiten, dann stand ich an dem schnsten
Tor der Stadt, dem alten Spalentor, vor dem jetzt das neue
Missionshaus liegt. Damals war jenseits des Tores noch freies Feld.
So suchte ich mir dort in der Frhlings- und Herbstzeit jeden Morgen
zwischen den grnen Matten die schnsten Wege auf, um in der Stille
ein Kapitel in meinem griechischen Neuen Testament zu lesen. Da habe
ich unbeschreiblich kstliche Feierstunden zugebracht.

Die alte Universitt von Basel lag dicht ber dem Rhein, oberhalb
der Rheinbrcke. Die Hrsle blickten fast smtlich vom steilen
Abhang herunter in den lieben Rheinstrom hinein, der in einem
prachtvollen Bogen die Stadt durchstrmt. Ein wenig oberhalb der
Universitt liegt das herrliche Mnster von Basel, aus rotem
Sandstein gebaut, in das ich oft und gern eintrat und in dem ich
manche wertvolle Predigt gehrt habe.

Es war damals gute Zeit in Basel, so gut, wie sie vorher und nachher
Studenten vielleicht kaum erlebt haben. Ein kleiner Kreis frommer
Mnner hatte seit lngerer Zeit aus freiwilligen Mitteln dafr
gesorgt, da immer ein entschieden biblischer Theologe an der
Universitt angestellt war. Als Nachfolger des trefflichen Beck, der
nach Tbingen gegangen war, stand damals Professor Auberlen in
seiner vollen Liebesglut. Er war einer von denen, die, wie
Woltersdorf und Hofacker, ihre Kraft im Dienste ihres Herrn
verzehrten. Denn nur bis in den Anfang seiner dreiiger Jahre hat er
seine Pilgerschaft gefhrt, und man merkte es ihm an, da er seinen
Lehrerberuf nahe vor den Toren Jerusalems trieb. Unangetastet von
allen kritischen Grbeleien, lie er die ganze Schrift von Anfang
bis zu Ende in herzlichster Freude stehen, wie sie stand. Er hatte
eine ungemein einfltige biblische Belesenheit, und seine frischen,
warmen Vortrge fanden lebendigen Widerhall in den Herzen seiner
Zuhrer.

Aber als entschlossener Freund biblischer einfltiger Theologie stand er
nicht einsam da. Da war unser lieber Professor Joh. Riggenbach, der
vorher whrend seines neunjhrigen Pfarramtes sich auf dem Boden der
Praxis aus den Irrgngen des Rationalismus zum frhlichen Glauben
durchgerungen hatte, eine rechte Johannesnatur, nicht streitbar, aber
reich an Liebe und Demut. Da war der alte Preiswerk, unser Hebrer, den
wir Levi nannten. (Da ich auf dem Gymnasium kein Hebrisch getrieben
hatte, so wurde ich ihm zu besonderem Dank verpflichtet, weil er mich
fast allein in die hebrische Grammatik einfhrte.) Er war neben seiner
Professur Prediger an St. Leonhard und predigte damals stets ber das
Alte Testament, kurz und kernig und immer so, da er zum Schlu mit
wenigen Worten von der Weissagung auf die Erfllung hinwies und aus dem
Schatten des Alten Bundes in das Licht und die Helligkeit des Neuen
Testamentes eintrat. Da war Hagenbach, der ausgezeichnete
Kirchenhistoriker, und schlielich der Lizentiat Stockmeyer, spter
Antistes der Baseler Kirche, dessen scharfsinniger und gewissenhafter
Auslegung paulinischer Briefe ich manches verdanke.

Auerdem war gerade damals ein junger Philosoph Steffensen aus Kiel
nach Basel gekommen, fast noch ein Jngling mit wallendem Haar und
ausdrucksvollem, schnem Gesicht. Er war von seinem Beruf durch und
durch ergriffen und trug die Geschichte der Philosophie mit einer
Glut der Begeisterung vor, da man aus den verschiedenen Fakultten
in sein Kolleg lief. Dabei hatte er eine prachtvolle Diktion, sprach
vllig frei und oft mit solcher Anstrengung, da er am Schlu ganz
erschpft war. Doch hatte ihn keineswegs seine Philosophie so
berckt, da er sich nicht htte gefangen geben knnen unter den
Gehorsam des Glaubens. Mit einigen von uns ging er gelegentlich
spazieren, wobei wir ber dies und jenes Problem disputierten.

Aber wieviel gesunde Speise damals auch die Universitt bot, noch
lieber war mir das Missionshaus. Auf die Frsprache von Hoffmann in
Berlin, dem frheren Missionsinspektor, war es mir gestattet worden,
an dem Unterricht der Missionszglinge teilzunehmen. Da ging es dann
freilich weniger gelehrt, aber doch noch inniger und zutraulicher zu
als auf der Universitt. Es war besonders der Pfarrer Ge, spter
Generalsuperintendent in Posen, der uns mit seiner Tiefe und
Einfachheit in die Heilige Schrift einfhrte. Wir lasen das Alte und
Neue Testament im Urtext, und zwar so, da wir nicht nur selbst
bersetzten, sondern auch selbst auszulegen versuchten, Ge uns aber
verbesserte.

Spter nahm ich an den Predigtbungen teil, die Inspektor Josenhans
leitete. Aber auch zu allen andern Gelegenheiten stand mir das
Missionshaus offen. Besonders lieb waren mir immer die Abschiedsfeiern
der ausziehenden Missionare. Ich lernte hier mit steigender Freude die
Seligkeit eines Dienstes in der Nachfolge Christi kennen, in der man um
seinetwillen Vater und Mutter, Vaterland und Freundschaft verlassen kann
und dabei in der Gewiheit eines bestndigen Beisammenseins vor seinem
Angesicht kurze irdische Scheidestunden nicht zu achten braucht. Wenn
ich an solche Feiern und berhaupt namentlich an meine Sonntage im
lieben Basel denke, so fllt mir ein, da ich oft am Abend so voll
Freude ber alles Erlebte war, da ich mit Jauchzen und Springen in
meine Wohnung eilte und ber dem, was Gott schon auf Erden schenkt,
manchmal in der Nacht vor Freude nicht schlafen konnte.

Unter denen, die zu dieser meiner Freude beitrugen, steht mir
besonders das Angesicht des lieben alten Missionars Graf Zaremba vor
Augen. Wir pflegten wohl zu sagen, da, wenn man ihn ansehe, man
unmittelbar in den Himmel hineinsehe. Sodann war es =Dr.= Ostertag,
der Bibelmann, der, schon an seinen Augen erblindend, sich doch noch
am Unterricht der Missionszglinge beteiligte und mit seinen
kstlichen Predigten viel dazu beitrug, da uns die Augen
aufgeschlossen wurden fr die Herrlichkeiten des Reiches Gottes.
Unter den Lehrern am Missionshaus war auch noch ein junger Kandidat
Haug, bei dem ich zwar keinen Unterricht hatte, der mich aber oft
aufsuchte und mit mir spazieren ging. Einmal an einem Pfingstmorgen
sagte er mir: Heute vor vier Jahren habe ich mein Augenlicht
wiederbekommen, und zwar auf das Gebet des lieben Pfarrers
Blumhardt. Durch Haug wurde ich auf solche Weise zuerst auf
Blumhardt aufmerksam.

Neben den Vorlesungen auf der Universitt und im Missionshaus
benutzte Bodelschwingh jede Gelegenheit, um mit seinen Lehrern in
persnliche Berhrung zu kommen. Namentlich auf ihren Spaziergngen
begleitete er sie und besprach sich mit ihnen. Auf peinlich
nachgeschriebene Kollegienhefte legte er keinen Wert. Dagegen fate
er zu Hause den Ertrag des Hrsaals und der Besprechungen, die er
mit seinen Lehrern gehabt hatte, in eigener Bearbeitung zusammen. So
begann er schon in Basel die selbstndige Ausarbeitung einer
Glaubenslehre.

Dazu kam nun ein reiches Freundschaftsleben. Mit der jngeren
Generation, schreibt er, hatte ich damals schon bemoostes Haupt
nicht sehr viel Umgang, weil ich niemals den Tabaksdunst der Pfeife
vertragen konnte und darum die studentischen Versammlungen gern
mied. Doch gab es in der Studentenverbindung Schwyzer Hsli eine
Anzahl lieber frischer junger Leute. Sie nahmen mich, wie es in der
Studentensprache hie, als Konkneipant bei sich auf, und mit einigen
von ihnen knpfte ich ein enges Freundschaftsband.

Ganz besonders aber zog mich ein Student an, der nicht diesem Kreise
angehrte. Er stand, wie ich, im ersten Semester und hie Jakob
Riggenbach. Er gehrte einer alten Baseler Kaufmannsfamilie an, hatte
sich zunchst dem Kaufmannsstande gewidmet und war erst spter, ebenso
wie ich, zur Theologie bergegangen. Er war eine hohe, Achtung
gebietende Gestalt, noch fnf Jahre lter als ich. Heie Kmpfe des
Leibes und der Seele standen in seinem Angesicht geschrieben. Da er in
der reformierten Kirche die persnliche Seelsorge vermite und
namentlich den Gebrauch der Lseschlssel in der Privatbeichte, so hatte
er sich eine Zeitlang zur irvingianischen Gemeinde geflchtet; doch
hatte er auch dort nicht gefunden, was er suchte, und sich mit groem
Mut wieder von ihr getrennt. Schlielich hatte der Friede Gottes aber
die Oberhand bei ihm gewonnen, und sein freundliches, mildes Auge hatte
etwas besonders Anziehendes fr mich. Er konnte es nicht viel und lange
in den Kollegien aushalten, und mir ging es ebenso. Deswegen streiften
wir miteinander oft in den nahen Bergen umher, manchmal mehrere Tage
ausbleibend, wobei wir auch befreundete Pfarrhuser in der Landschaft
besuchten. Immer fhrten wir die Schrift mit uns und besprachen sie
gegenseitig.

Bei einer solchen Wanderung kehrten wir auch einmal bei einem
Pfarrer ein, in dessen Gemeinde viel geistiges Leben war. Der
Pfarrer selbst aber hatte einen groen Schmerz, der damals schon
anfing, sein Vaterherz zu zerreien. Er hatte einen 15 jhrigen
Sohn, der sich auf das entschiedenste gegen den Geist des
Elternhauses auflehnte. Da der Sohn die hhere Schule in Basel
besuchte, so bat mich sein Vater, ihm doch nachzugehen. Ich wute,
da der Sohn Wege ging, die ihm sein Vater verboten hatte. Aber ich
war auch nicht einverstanden mit dem Vater, da er dem Sohn mehr
verbot, als er halten konnte.

Der Junge hatte einen glhenden Zug zum Theater und verwandte darauf
jeden Groschen, den er erbrigen konnte. Sein Vater aber hatte ihm
den Theaterbesuch verboten. Nun stellte ich mich eines Abends in der
Nhe des Theaters auf, wo der Junge durchkommen mute. Und richtig,
es dauerte nicht lange, da kam er mit scheuen, hastigen Schritten
dahergestrzt. Er erschrak, als ich ihn beim Arm fate. Flehentlich
bat er, ich mchte ihn doch nicht zurckhalten; er msse ins
Theater. Ich sagte ihm dagegen, da er nichts gegen das klare Verbot
des Vaters tun drfe, versprach ihm aber, mich bei seinem Vater zu
verwenden, damit er die Erlaubnis bekme, mitunter einmal mit gutem
Gewissen ins Theater zu gehen. Der Junge heulte laut, gab aber
endlich doch nach.

Leider erreichte ich beim Vater nichts. Die Schule in Basel schickte
schlielich den Jungen fort; und nun ging es immer mehr mit ihm
bergab. Ich hrte lange nichts von ihm, bis er mir eines Tages aus
einem jener schrecklichen Lazarette schrieb, in denen die Soldaten
der afrikanischen Fremdenlegion untergebracht sind. Als ich den
Brief an seinen Vater weitergab, antwortete er mir mit einem
durchdringenden Schmerzensschrei. Aus Ha gegen das Christentum ging
der unglckliche Mensch schlielich so weit, da er Mohammedaner
wurde. Er ist dann gestorben und verschollen -- ich wei nicht, wo.
Dies Erlebnis aber war mir ein schmerzliches Warnungszeichen dafr,
da christliches Leben niemals gewaltsam aufgepret werden darf, wie
es bei diesem unglcklichen Sohn seitens des Vaters geschehen war.

Unter den jngeren Freunden, mit denen ich in Basel zusammen
studierte, war auch Theodor Zahn, der, whrend Riggenbach mir um
fnf Jahre voraus war, mir um sieben Jahre nachstand, denn er war
damals erst 17 Jahre alt. Er wohnte ganz in meiner Nhe, und wir
arbeiteten fters zusammen. Doch war er mir an Tchtigkeit weit
berlegen, und ich konnte ihm in der Schnelligkeit seiner Auffassung
auf wissenschaftlichem Gebiete nicht folgen. Auch gingen unsere
Anschauungen, nicht sowohl ber das Eine, was not ist, -- denn er
war ein lieber, entschieden glubiger Jngling -- wohl aber ber die
Art der Vorbereitung auf das Predigtamt weit auseinander. Ihm war es
in Basel nicht wissenschaftlich genug. Wir sind spter zusammen nach
Erlangen gezogen, haben dort in einem Hause gewohnt und an einem
Tisch gegessen. Aber auch hier war mir sein wissenschaftlicher Flug
zu hoch. Er ist denn auch in der Tat nach den ihm von Gott
verliehenen Gaben einen andern Weg gegangen als ich. Er ist jetzt
Professor in Erlangen und steht als ein treuer biblischer Theologe
in rechtem Ansehen.

Auch mein Freund Gustav Bossart, der zuletzt an meinem Krankenbett in
Berlin gesessen hatte, stellte sich in den ersten Baseler Sommerferien
zu einer Fuwanderung ein. Er hatte sein Assessor-Examen gemacht und von
seinem Vater das Geld zu einer Reise in die Schweiz und nach Italien
bekommen. Unsere Wege waren inzwischen weit auseinander gegangen; nicht
nur uerlich, sondern auch innerlich. Als wir das Aare-Tal
hinaufwanderten, fragte ich ihn, ob er mir erlaube, jeden Morgen und
Abend ein Kapitel aus dem Neuen Testament mit ihm zu lesen. Er bat aber,
da ich ihm diese Qual nicht antun mge; er habe mit allem, was die
Schrift enthielte, vllig gebrochen. Dagegen gelobe er, da er
seinerseits whrend unserer Wanderschaft sein Kneipenleben aufgeben
wollte.

Auf dem Wege nach dem Rhonegletscher hinauf hatten wir unter emsigem
Gesprch nicht genau auf den Weg geachtet und uns verirrt. Umkehren
wollten wir nicht, weil wir weiter oberhalb einen Richtweg zu
erreichen hofften. Aufwrtssteigend und an den Bschen uns
festhaltend, schien uns der Weg nicht zu gefahrvoll. Aber bald kamen
wir an eine Stelle, an der ein weiteres Vorwrtsdringen ganz
unmglich war. Als wir rckwrts blickten, fing uns an zu
schwindeln. Denn unter uns ghnte der Abgrund, den wir beim
Hinaufklimmen bersehen hatten. Da klebten wir nun an der Felswand
und wuten weder vorwrts noch rckwrts zu kommen. In diesem
Augenblick fing mein Freund an zu fluchen. Ich gewann den Mut, ihn
ernstlich zu strafen. Es sei kein Augenblick zum Fluchen, sondern es
glte, zu Gott zu rufen. Mein Freund lie sich meine Strafe
gefallen, und Gott lie es uns gelingen, ohne da unser Fu glitt,
die sichere Strae wieder zu gewinnen.

Wir kamen auf diese Weise bis Mailand und Genua, wo wir von einem
kleinen Boot aus, das wir uns gemietet hatten, im Mittellndischen
Meer badeten. Der Rckweg fhrte uns ins Engadiner Land, wo mein
Freund Riggenbach in Vertretung eines Pfarrers einer kleinen
einsamen Gebirgsgemeinde in einem stillen Drfchen zu dienen hatte.
Mit groer Herzlichkeit wurden wir aufgenommen, und mit groer
Unbefangenheit hielt Riggenbach seine einfachen kstlichen
Andachten, bei denen er auf den Knien zu beten gewohnt war. Ich
merkte, da mein Freund sich hiervon nicht abgestoen fhlte; denn
es kam kein Wort des Widerspruchs ber seine Lippen. Nachts
schliefen wir zusammen in einem Bett, denn Riggenbach hatte nur
eins.

Riggenbach begleitete uns bis ins Rheintal und erzhlte unterwegs
ergreifend von einem Sterbenden, der noch etwas Schweres auf dem
Gewissen hatte und zum Frieden kam, als er es glcklich ber seine
Lippen gebracht hatte.

Als Bossart und ich in Zrich am schnen Seeufer entlang
schlenderten, traf mein Freund einen alten Bekannten aus Berlin, der
mit dem Zricher Leben und Treiben genau vertraut war. Dieser bat
ihn, ihn doch den Abend zu besuchen. Ich ahnte nichts Gutes. Und wie
ich es gefrchtet, so kam es. Mein Freund hatte versprochen, bald
wiederzukommen. Aber er blieb aus. Da ich mancherlei zu lesen und zu
schreiben hatte, legte ich mich nicht schlafen, sondern blieb auf.
Endlich um drei Uhr morgens polterte es die Treppe herauf. Ein
Mensch in jmmerlicher Verfassung kam herein, dem ich sogleich zu
Bett helfen mute, ohne da ich ihm natrlich ein Wort des Vorwurfs
sagte. Den andern Tag lag tiefe Scham auf seinem Angesicht; ja, mehr
als das.

Als wir abends in Basel ankamen, hrten wir, da die Cholera, die
schon bei unserer Abreise geherrscht hatte, noch immer neue Opfer
fordere. Trotzdem wollte mein Freund nicht gleich weiterreisen,
sondern noch einige Tage bei mir bleiben. So berlie ich ihm mein
Bett und machte das meine auf meinem Sofa. Als ich mich niederlegen
wollte, sagte er: Friedrich, gib mir eine Bibel! Und er las lange
darin, whrend ich mich schon zum Schlafen anschickte. Der andere
Tag war ein Sonntag. Ich gehe mit dir in die Kirche, sagte er
gleich. Auch bat er mich, jetzt abends und morgens die Schrift mit
ihm zu lesen, ging auch einige Male mit mir ins Kolleg zu Professor
Auberlen.

Bei seinem Abschied geleitete ich ihn eine halbe Tagereise weit in den
Schwarzwald hinein. Dann trennten wir uns. Es war ein stiller,
hoffnungsreicher Abschied, nicht mit viel Worten, aber voll inniger,
dankbarer Freude, da wir uns endlich wiedergefunden hatten. Er besuchte
noch einmal meine liebe Mutter in Velmede und brachte einige stille Tage
bei ihr zu. Bald danach starb er an einer kurzen Krankheit, und ich habe
auf Erden sein Angesicht nicht wiedergesehen.

Auf der Reise, die mich mit meinem Freunde Bossart durch die Schweiz
nach Italien fhrte, waren wir eines Tages infolge eines schweren
Gewitters ganz durchnt worden, soda wir uns, in unser Quartier
gelangt, gleich zu Bett legen muten, um unsere Kleider am Herde
trocknen zu lassen. Da hatte denn die Magd in meiner Tasche mein
kleines Neues Testament entdeckt, und ich hatte es ihr auf ihre
Bitte geschenkt. Wir waren mittlerweile bis zur Isola Bella im Lago
Maggiore gelangt. Whrend sich mein Freund mit andern Reisenden,
deren Bekanntschaft er gemacht hatte, unterhielt, ruhte ich im
Schatten der Lorbeeren aus. Da ich nun mein Neues Testament nicht
mehr bei mir hatte, so zog ich ein anderes Buch heraus, das ich noch
in meiner Wandertasche bei mir fhrte. Es war ein kleines Buch von
Dichtungen eigenen Fabrikats, die ich jetzt auf der Wanderschaft
hatte vermehren wollen. Aber als ich eine Weile hineingesehen hatte,
kamen mir im Vergleich zu dem, was Gott an kstlichen geistlichen
Liedern geschenkt, meine Lieder elend vor. Auch erschien mir die
Gefahr, mich in solchen eigenen Erzeugnissen zu sonnen, so gro,
da ich einen Stein suchte, einen Bindfaden darum band und das
Machwerk in die Tiefe des Sees schleuderte. Ich war froh, wieder ein
Stck des alten Adams abgetan zu haben und leichter weiterpilgern zu
knnen.

Mehr als einmal bin ich mit meinen Baseler Freunden den Weg zum
lieben Vater Zeller nach Beuggen am Rhein gepilgert. In den
Franzosenkriegen vor hundert Jahren war das Schlo von Beuggen
Kriegslazarett gewesen, und der Lazarett-Typhus hatte in furchtbarer
Weise darin gehaust. Zuletzt hatte man keine Wrter mehr bekommen
knnen, die sich in das entsetzliche Todeshaus hineinwagen wollten.
So hatte man schlielich den Sterbenden nur noch das Essen in die
Tr hineingeschoben und sie sich selbst berlassen. Noch lange Zeit
hatten in einzelnen Teilen des Hauses Knochengerippe umhergelegen.
So war das Schlo eine Sttte des Grauens, in die sich niemand
hineintraute, bis Zeller, getrieben von der Liebe Christi, es wagte,
sich vom Groherzog von Baden das Schlo auszubitten, um hier mit
verwahrlosten Kindern seinen Einzug zu halten. Da ist denn an der
Sttte des Todes ein frhliches, frisches Leben aufgesprot, das bis
auf diesen Tag nicht versiegt ist.

Auf seinem Arbeitspult hatte Zeller ein groes Corpus juris stehen,
daneben Goethes Faust und die Bibel. Ich habe, sagte er mir,
diese Bcher neben einander stehen lassen, um bestndig zum Dank
gegen Gott ermuntert zu werden, da ich von dem toten Buchstaben des
irdischen Gesetzes zum ewig lebendigen Gesetzbuch des Wortes Gottes
gefhrt wurde und von den verfhrerischen Grten des menschlichen
Geistes in ihrer hchsten Blte, wie wir sie in Goethes Faust
finden, zu dem einfltigen Evangelium von Christo.

Besonders erinnerlich ist mir ein Sommerabend, an dem ich mit meinem
mir vertrautesten Freunde aus dem Missionshaus, Hendrichs, von
Beuggen nach Basel heimkehrte. Wir saen, unter dem Schatten eines
Baumes ausruhend, am Ufer des Rheines, und mein Freund sprach von
dem unbeschreiblichen Glck und der Sicherheit, die er geniee, seit
er an den Heiland glaube. Es knne ihm nun gar nichts widerfahren,
als was ihm ntig und selig sei. Denn auch jeder Widersacher, der
ihm etwas anhaben wolle, helfe ihm nur dazu, sich selbst zu
verleugnen und sich zum Heiland zu flchten, und jeder Sto, den
sein alter Adam bekomme, sei ihm lieb, weil dadurch der neue Adam
desto mehr Luft bekomme. Es war mir dieses Gesprch von besonderem
Segen und ist mir unvergelich geblieben in Erinnerung an meinen
treuen Freund, der nun schon lange Jahre in Indien an der Kste von
Malabar schlft, wo er seinen Lauf mit Freuden vollendet hat.

Neben Hendrichs stand mir ein anderer angehender Missionar sehr nahe:
Gottfried Hauser. Da ich mit ihm verbunden wurde, hatte seine besondere
Veranlassung. Es bestand nmlich im Missionshause zu Basel die
Einrichtung, da die Missionare in dem letzten Jahre vor der Ausreise
auf das Missionsfeld zu zwei und zwei auszogen, um in den Drfern des
Baseler und badischen Landes Bibelstunden zu halten oder auch die Kinder
zu sammeln in der Weise der heutigen Sonntagsschulen, die man damals
aber noch nicht kannte. So war mir mit Gottfried Hauser zusammen das
Dorf Birsfelden, sdlich von Basel, zugeteilt worden. Eine Witwe, eine
fromme alte Bauersfrau, hatte hier ihr Haus fr die Versammlung
geffnet. Es waren vor allem Kinder, die hier zusammenkamen und die von
Hauser und mir in der Weise von Frage und Antwort unterwiesen wurden,
whrend einige ltere Personen zuhrten. Mit welchem Zittern und Zagen
habe ich mich auf diese Stunden vorbereitet, zumal dabei auch ffentlich
gebetet zu werden pflegte! Aber wie manchen Segen habe ich auch aus
diesen Stunden mitgebracht fr meine eigene Seele!

Von einem hchst merkwrdigen Mann mu ich noch einiges sagen, der
mir in besonderer Weise nahetrat: das war der Vater Spittler. Von
Beruf Buchhndler war Spittler zu Anfang des Jahrhunderts aus dem
Wrttemberger Land nach Basel gekommen. Er wohnte im sogenannten
Flkli, einem alten Gebude, das frher zum Augustinerkloster
gehrt hatte und einen Falken im Wappen fhrte. Das Flkli war die
Heimat der von Spittler gegrndeten Buch- und Traktatgesellschaft.
In innigster Dankbarkeit gegen jenes kleine Bchlein ber Tschin,
den Chinesenknaben, das von hier aus mir nach Gramenz geschickt
geworden war, konnte ich es nicht lassen, mir im Flkli immer neue
Traktate zu kaufen und nach allen Richtungen zu verteilen,
namentlich unter den Kindern. Auch versorgte ich von hier aus,
unserer letzten Verabredung entsprechend, meinen Bruder Ernst in
Frankfurt mit den Schriften, die er sich fr seine Soldaten von mir
erbeten hatte.

Das Zimmer des alten Spittler steht mir noch lebendig vor Augen. Es
erschien mir sehr ehrwrdig, wie das eines alten Einsiedlers, in
alter deutscher Weise ausmbliert. Die Wnde waren mit allerlei
Missionskarten behangen. Eine dieser Karten stellte die christlichen
Lnder dar. Auf ihr waren berall durch Lichter und kleine Fackeln
die Gegenden bezeichnet, in denen der eingeschlafene Glauben wieder
im Erwachen war oder wo fr die Ausbreitung des Reiches Gottes sonst
irgend etwas geschah. Zwischen diesen Lichtern und Fackeln aber lag
der grte Teil der Christenheit im Halbdunkel oder im schwarzen
Schatten.

Der alte Spittler erklrte mir die Karte selbst. Whrend das Baseler
Missionshaus unter den Heiden leuchtete, sah er es als seine
Hauptaufgabe an, in der abgefallenen Christenheit das Wort Gottes
wieder auf den Leuchter zu stellen. Durch ihn waren fast alle
Anstalten der christlichen Barmherzigkeit, die in und um Basel
blhten, ins Leben gerufen worden. Sobald er auf einem Punkt fertig
war, ging er wieder einen Schritt weiter. Augenblicklich galten
seine Liebe und seine Kraft ganz besonders der Pilgermission.
Jenseits des Rheins, auf dem letzten Vorsprung des Schwarzwaldes,
hatte er eine kleine alte Kirche gekauft mit einigen ckern umher.
Die Kirche samt ihrem Turm hatte er so ausgebaut, da darin seine
Zglinge samt ihren Lehrern Unterkunft fanden. St. Chrischona hie
das Kirchlein. Und ich bin manchmal auf die herrliche Hhe
hinaufgestiegen, von der man bei klarem Wetter ber den Jura weg die
Alpenkette berschauen kann.

Nun waren damals die Gedanken des alten Spittler besonders auf die
alte christliche Kirche in Abessinien gerichtet. Dahin hatte er
bereits seine Pilger geschickt, um diese alte eingeschlafene Kirche
wieder wachzurufen. Von Abessinien aus aber sollte es weitergehen zu
dem sdlicher wohnenden wilden afrikanischen Stamm der Gallas. Bald
merkte ich, da Vater Spittler sein Auge auf mich warf, ob ich wohl
bereit sei, nach Abessinien zu ziehen.

Durch meine Verbindung mit dem Baseler Missionshaus, das Inspektor
Josenhans leitete, standen aber meine Gedanken damals nicht nach
Abessinien, sondern nach Indien. Und wenn ich auch beschlossen
hatte, zunchst mein theologisches Examen in Preuen zu machen, so
wollte ich doch so bald wie mglich nach Basel zurckkehren, um
meinen Freunden Hauser, Hendrichs und dem dritten aus unserm engeren
Freundeskreis, namens Strobel, nach Indien zu folgen.

Jetzt aber wurde ich in meinem Vorhaben erschttert. Denn eines
Tages erschien in Begleitung meiner Dienstmagd, der Rsli Schwarz,
eine schwarze Mdchengestalt auf meinem Zimmer. Es war Pauline
Fatmele, die Tochter eines Gallafrsten aus dem Sden Abessiniens.
Sie war, nachdem ihr Vater neben ihr erschlagen worden war, von
einem Sklavenhndler zum andern schlielich an den Hof des
Vizeknigs von gypten verkauft worden. Dort war sie einem deutschen
Reisenden geschenkt worden, und dieser hatte sie nach Stuttgart
gebracht. Von da war sie nach Korntal in eine christliche Familie
gekommen. Hier war in wunderbarer Weise ein frhliches christliches
Glaubensleben in ihr erwacht. Der alte Spittler war ihr Taufpate
geworden und hatte sie nun nach Basel kommen lassen. Da meine Magd
ja auch aus Korntal war, so hatte Fatmele sie besucht, und auf diese
Weise kam es, da sie mit meiner Magd zusammen mein Zimmer betrat.

Das reine, kindliche, mchtige Glaubensleben der schwarzen
Frstentochter machte, obwohl sie nur eine Viertelstunde bei mir
blieb, einen groen Eindruck auf mich. Wenn ich jetzt Flgel
htte, sagte sie mir, dann mchte ich gern in meine Heimat
fliegen, um zu erzhlen, wie lieb Gott Europa hat. Ihr Wunsch wurde
ihr nicht erfllt. Wenige Tage darauf bekam sie Bluthusten, aus dem
sich die galoppierende Schwindsucht entwickelte, und im
Diakonissenhause zu Riehen, wohin sie der alte Spittler brachte,
starb sie nach wenigen Wochen seligen Leidenskampfes, vielen zur
Strkung des Glaubens. Chrischonabrder bliesen an ihrem Grab die
Posaunen. Auf ihrem Sterbebett aber hatte sie den Vater Spittler
gebeten, ihr Volk nicht zu vergessen, wenn sie selbst auch nicht
hinziehen knne.

So kam es, da der alte Spittler einen Beschlu des Komitees
herbeifhrte, durch den ich armer, junger Student berufen wurde, als
Bote der Pilgermission an den Hof des Knigs Theodorus nach
Abessinien zu gehen. Ich sollte zunchst bei Bischof Gobat in
Jerusalem das Abessinische lernen und mich von da mit einigen
Pilgermissionaren nach Abessinien und dann weiter sdwrts zu den
Gallas aufmachen. Solche Aussicht zog mein Gemt lebhaft an, und ich
stand im Geiste schon auf dem lberg, um von da aus mit dem Kmmerer
aus dem Mohrenlande meinen Weg anzutreten.

Jetzt aber erfuhr der Inspektor des Missionshauses, Pfarrer
Josenhans, von dem Plan des alten Spittler. Er lie mich auf sein
Zimmer kommen und ergo sich in einem Strom von Zorn ber meinen
lieben alten Freund und sein unberlegtes Handeln, mich mit solchen
Plnen zu umstricken. Jetzt kamen auch mir ernste Bedenken gegen den
Plan des alten Spittler. Aber als ich zu ihm ging, um ihm diese
Bedenken vorzutragen, da gab es nun auf Spittlers Seite eine solche
Schilderung der Verkehrtheit des Missionshauses, da ich gar nicht
wute, wie ich daran war.

Spittler vertrat ungefhr den Standpunkt des alten Vater Goner, der von
dem vielen Studieren und der Gelehrsamkeit seiner Missionare gar nichts
hielt, sondern sie einfach hinaussandte und sie drauen sich selbst
ihren Unterhalt verdienen lie. Deswegen bildete er seine
Pilgermissionare auch besonders in allen Handwerken und in der
Landwirtschaft aus, um ihnen so die Mglichkeit zu gewhren, sich ihren
Unterhalt in den Heidenlndern selbst zu erwerben. Josenhans dagegen
vertrat die Notwendigkeit einer grndlichen wissenschaftlichen Bildung,
auch in den alten Sprachen, und glaubte, seinen Missionaren durchaus ein
auskmmliches Gehalt geben zu mssen, damit sie ihre ganze Kraft dem
Dienste des Wortes widmen knnten.

Beide Anschauungen haben ihr Berechtigtes, und es wre auch wohl
mglich, auf demselben Missionsgebiet, je nach den verschiedenen
Gaben, beide zu vereinigen. Es wre darum auch nicht ntig gewesen,
da die beiden vortrefflichen Mnner sich um dieser verschiedenen
Anschauungen willen so ereiferten. Aber das Entscheidende fr mich
war, da ich merkte, da es bei beiden auf meine Person abgesehen
war und da hierdurch ihr Eifer ein falscher Eifer war. Es war
gerade Fastnachtszeit. Alles lief auf den Straen von Basel in
Fastnachtskappen umher, und ich wei noch, wie ich zu einem meiner
Freunde sagte, es wre mir lieber, da der alte Spittler und
Josenhans sich Schellenkappen aufgesetzt htten und auf der Gasse
von Basel miteinander herumgesprungen wren, als da sie sich in
solcher Weise um meine arme Person zankten.

An sich war mir die Sache gut. Denn ich hatte mich in der Tat zu
sehr an Menschen gehngt und zu hoch an Menschen hinaufgeblickt. Ich
wies die Versuchung von mir, mit halber theologischer Bildung ohne
weiteres in die Heidenwelt hinauszugehen, wie es der alte Spittler
wnschte; und die Dankbarkeit gegen das Baseler Missionshaus lie
den berwiegenden Wunsch in meinem Herzen bestehen, dereinst in die
Arbeit auf dem Baseler Missionsgebiet einzutreten.

Am 21. Mrz, kurz vor meiner Abreise aus Basel, am Abend des
Karfreitags, hielt ich meine erste ffentliche Predigt in der
kleinen Elisabethkirche ber Jes. 53, 11 und 12; es war mir eine gar
herzbewegliche Stunde. Am 22. Mrz nahm ich Abschied von meinen
Lehrern und Freunden und von der lieben Stadt, die mir eine zweite
Heimat auf Erden geworden war, um ber Frankfurt a. M., wo damals
meine Mutter wohnte, nach Erlangen zu gehen.


2. In Erlangen. 1856.

Erlangen stand in bezug auf die theologische Fakultt damals in sehr
hoher Blte. Hofmann, Thomasius, Delitzsch, Harnack zogen namentlich
aus Norddeutschland groe Scharen junger Theologen an, und es
herrschte ein reges wissenschaftliches Streben voller Ernst,
Frohsinn und Tchtigkeit. Bei Hofmann war es mir schwer, da ihn
viele Studenten und namentlich die, die ihn am wenigsten verstanden,
zu sehr vergtterten und da seine Ausdrucksweise durchaus eine
andere sein mute als die anderer Theologen. Ich habe mich am
meisten an seiner Auslegung der Psalmen erquickt, obwohl man ihm
gerade hier am wenigsten Tchtigkeit zuschrieb. Auch freute es mich,
da der hochgelehrte Mann fr Studenten ein Missionskrnzchen hielt,
in das ich mich auch aufnehmen lie und in dem ich vor einer
greren Studentenschaft einen Vortrag hielt.

Es war eine ganze Reihe meiner Baseler Freunde mit mir nach Erlangen
bergesiedelt, und es war merkwrdig, da wir Baseler uns ganz
besonders zu den Philadelphen hingezogen fhlten, die aus der
Leipziger Schule stammten und streng konfessionell-lutherisch
gerichtet waren. Die Baseler waren das Gegenteil. Trotzdem fanden
wir uns in der Woche mit den Philadelphen in einem theologischen
Krnzchen zusammen, wo einer von uns eine von ihm durchgearbeitete
theologische Frage vorzutragen hatte, ber die dann disputiert
wurde. Oft ging es hierbei sehr scharf her, soda es ntig wurde,
fr den andern Tag einen Vershnungsspaziergang anzuordnen.

Viel Freude machten uns unsere gemeinsamen Wege nach dem schnen
Nrnberg. Am liebsten zogen wir Sonntags ganz frh aus und kamen mit
dem Luten der Glocken in der Stadt an, um hier in einer der
prachtvollen Kirchen dem Gottesdienst beizuwohnen. Nachmittags
wurden dann die Herrlichkeiten der alten Reichsstadt grndlich
durchmustert, die alte Hohenzollernburg nicht ausgenommen, und
abends kehrten wir zu Fu zurck. Zu Himmelfahrt sind wir auch mit
den Philadelphen nach Neuendettelsau zu Lhe gepilgert, um ihn
predigen und nachmittags auf seiner Filiale katechisieren zu hren.

Meine Gefhrten kehrten am Tage nach Himmelfahrt wieder nach
Erlangen zurck, ich aber zog noch an demselben Abend auf das liebe
Schwabenland los, wo ich mir mit meinem Baseler Freunde, Gottfried
Hauser, ein Stelldichein gegeben hatte, ehe er nach Indien aufbrach.
Ich hatte mir zu dieser Reise einen Kittel von grauer Leinwand
machen lassen und mich zum Schutz gegen den Regen mit einem Stck
Wachstuch versehen, das ich mir um die Schultern legen konnte.

Auf dem Wege durch die frnkische Schweiz wurde ich von einem reisenden
Handwerksburschen eingeholt, der sich mir als Buchbinder zu erkennen
gab. Durch ihn erfuhr ich zum erstenmal die verschiedenen Regeln, welche
Handwerksburschen auf ihrer Pilgerfahrt und in ihrem Nachtquartier
befolgen. Auch kamen wir in Religionsgesprche hinein, und ich mute
staunen, bis zu welchem Grade schon damals grundstrzende Gedanken ber
Gottes Wort unter den Handwerksburschen verbreitet waren. Wir blieben
gemeinsam in einer kleinen Dorfschenke auf einer Kammer ber Nacht und
zogen auch des andern Tages noch einige Stunden miteinander weiter unter
manchen frhlichen und ernsten Gesprchen. An einem Scheidewege trennten
wir uns, der Buchbinder seinen Weg nach Frankfurt, ich den meinen nach
Stuttgart einschlagend. Zum Abschied schenkte ich ihm mein Neues
Testament, schrieb ihm auch von Stuttgart aus noch einen lngeren Brief,
um ihm eine Anleitung zum Lesen des Neuen Testamentes zu geben.

Als ich 32 Jahre spter im Vereinshaus in Leipzig einkehrte, wo ich,
wie vorher in den Blttern angezeigt worden war, einen Vortrag
halten sollte, wurde mir mitgeteilt, es sei etwas fr mich abgegeben
worden. Es war das Neue Testament, das ich meinem Reisegefhrten
geschenkt hatte, und mein Brief aus Stuttgart. Nach dem Vortrag
stellte sich dann richtig ein ehrwrdiger Buchbindermeister mit
langem, grauem Bart ein. Es war mein damaliger Reisegefhrte, der
mir sagen wollte, da jene kurze Pilgerfahrt samt meinem Briefe und
dem Bchlein ihre Frchte fr ihn und sein Haus getragen hatten.

Mein Weg ging ber Kirchheim unter Teck nach Welzheim. Dort traf ich
mit meinem Freunde Hauser zusammen, und hier wurde er bei
Gelegenheit eines Missionsfestes von Inspektor Josenhans ordiniert.
Von da ging es weiter nach Fellbach, dem Heimatsort meines Freundes.
Fellbach war damals einer der Orte im Wrttemberger Lande, an
welchem das christliche Gemeinschaftsleben grnte und blhte. Die
Fellbacher hatten ein eigenes Vereinshaus gebaut, wo sie unter sich
ihre Andachtsstunden hielten, doch so, da sie auch gern ihren
trefflichen Pfarrer zu sich einluden.

Ehe wir in diesem Vereinshaus den Abschied meines Freundes feierten,
machten wir noch eine gemeinsame Fuwanderung durch die Drfer in
einem greren Umkreise von Stuttgart, die der Mission besonders
zugetan waren. berall wurden wir von den lieben Bauersleuten
beherbergt und mit groer Liebe aufgenommen und verabschiedet.
berall steckten die Leute auch dem abziehenden Freunde Geld fr
seine Reise nach Indien in die Hand, und ich konnte es nicht immer
abwehren, da sie auch mir eine Gabe aufpreten. Sie werden es
schon brauchen, sagten sie; denn ich hatte immer noch meinen grauen
Reisekittel an. Auf diesem Wege kam ich auch nach Calw, wo ich den
merkwrdigen alten =Dr.= Barth, den Leiter des Calwer Verlages,
kennen lernte.

Die Reise nach Calw, auf der Inspektor Josenhans uns begleitete, ist
mir in besonders lebendiger Erinnerung geblieben. Denn Josenhans
erzhlte unterwegs von dem wunderbaren Gesicht, das er einmal in
Basel gehabt habe. Er sei etwas leidend gewesen, in fieberhaftem
Zustande, aber vllig wach. Pltzlich fangen vor seinen Augen die
Herrlichkeiten der Stadt, namentlich die Kauflden von Basel, an zu
tanzen und strzen nacheinander in den Abgrund. Dann sieht er, wie
die Trme der Stadt zu wanken anfangen und zusammenbrechen. Jetzt
sinken auch die Berge des Schwarzwaldes, des Jura und der Alpen in
sich zusammen. Vor sich sieht er nichts als eine unabsehbare Ebene.
Er macht sich auf und luft ber die Ebene weg auf Stuttgart zu. Da
begegnet ihm sein Sohn, ein zwlfjhriger Knabe, (er sa bei uns im
Wagen, whrend sein Vater dies erzhlte) und sagt: Vater, komm! Sie
warten schon alle. Und wie er aufblickt, sieht er eine unermeliche
Schar, die niemand zhlen kann, auf einem weiten, weiten Felde
stehen. Aber sie sind nicht alle gleichartig: die Freude auf den
Gesichtern der einen ist durcheinandergemischt mit dem Schrecken auf
den Gesichtern der andern. Da tritt einer auf -- Josenhans erkennt
in ihm den Kirchenvater Augustinus -- und ruft mit gewaltiger
Stimme: Kommt! Lat uns dem Herrn entgegengehen! Und eine
ungezhlte Schar macht sich strahlenden Antlitzes auf und folgt ihm.
Es sind die Glubigen aus der katholischen Kirche. Aber eine ebenso
groe Schar wird bla und grau, schrumpft zusammen und verkriecht
sich in die Lcher der Erde. Jetzt tritt ein zweiter auf: es ist
=Dr.= Martin Luther. Und Luther ruft wieder berlaut: Kommt! Lat
uns dem Herrn entgegengehen! Und wieder folgt ihm eine Schar, die
niemand zhlen kann, mit erhobenen Huptern. Aber wieder schrumpft
eine andere ebenso groe Schar zusammen und verkriecht sich in die
Mauselcher. Dann tritt Calvin auf und erhebt seine Stimme; und
noch einmal wiederholt sich dasselbe wie bei Augustin und Luther.
Jetzt aber stehen sie alle still und blicken unverwandt gen Osten.
Da mit einemmal wird es hell wie ein Blitz vom Aufgang bis zum
Niedergang -- --. In diesem Augenblick fiel der Sohn des Inspektors,
der der Erzhlung atemlos zugehrt hatte, seinem Vater laut
schluchzend in die Arme, soda dieser groe Mhe hatte, ihn wieder
zu beruhigen, und seine Erzhlung nicht zu Ende brachte; aber wir
wuten ja, wem die ungezhlten Scharen entgegengegangen waren.

Nach Fellbach zurckgekehrt, rsteten wir uns auf den Abschied
meines Freundes. Am letzten Abend versammelten sich noch einmal alle
glubigen Christen Fellbachs in dem Versammlungshause. Verschiedene
der alten Vter traten auf und gaben dem scheidenden jungen
Missionar einen Gru aus dem Worte Gottes mit auf den Weg. Andere
beteten aus tiefbewegtem Herzen. Er selbst mute ihnen ebenfalls ein
Abschiedswort sagen, und ich auch. Dann legten sie noch mehrere
hundert Gulden Reisegeld zusammen, und beim Hinausgehen aus dem Saal
war viel Schluchzens.

Am andern Morgen wanderten wir zu Fu nach Stuttgart. Bis zur Anhhe
ber dem Dorf gaben uns noch viele das Geleit. Dann wanderten mein
Freund und sein Vater, sein Schwager und ich allein weiter. Die
Mutter war schon lngst gestorben. Auf dem Bahnhofe in Stuttgart
stand der Zug zur Abfahrt nach Basel bereit. Der alte Vater hielt
sich tapfer bis zur letzten Umarmung und dem letzten Ku, den er
seinem Gottfried gab. Aber in dem Augenblick, als das Antlitz des
Sohnes, der am Wagenfenster stand, entschwand, wandte sich der alte
Mann zu mir, fiel mir um den Hals und schluchzte: Gottfried, mein
Sohn, mein Sohn, warum hast du mich verlassen?

Von Stuttgart aus wanderte ich zunchst dem Hohenstaufen zu. Von da
htte ich es nicht weit bis zu dem damals schon so berhmten Boll
mit seinem Pfarrer Blumhardt gehabt. Aber ich hatte eine Abneigung,
solche Orte zu besuchen, die gewissermaen als Wallfahrtsorte galten
und zu denen die Menschen vielfach mehr aus Neugierde als eines
inneren Bedrfnisses wegen gehen. Doch whrend ich die einsame,
kahle Berghhe des Hohenstaufen hinaufkletterte, zog ein schweres
Gewitter herauf. Ich sah von oben schnell nach allen Seiten in das
schne Schwabenland hinein und eilte dann bergab in der Hoffnung,
das Stdtchen Gppingen noch vor Ausbruch des Gewitters zu
erreichen. Aber das Unwetter ereilte mich unterwegs in seiner vollen
Wut. Ich wurde durch und durch na und hielt es nun fr besser,
geradezu vorwrts zu marschieren, bis ich vor der Tr von Bad Boll
stand. Der liebe Vater Blumhardt nahm sich dann auch des wider
Willen zu ihm getriebenen Studenten aufs vterlichste an, und ich
gewann solches Zutrauen zu ihm, da ich ihm mein ganzes Herz
ausschtten konnte. Ich blieb einige Tage bei ihm, die mir von
groem, bleibendem Segen geworden sind und unser Gemeinschaftsband
knpften bis an das Ende der Tage.

Dann ging es ber Ulm und Augsburg, wo die prachtvollen Dome und
Kirchen besucht wurden, wieder zurck in die freundliche Musenstadt
an der Regnitz, wo freilich aus dem Studieren nicht mehr viel wurde,
da ich in diesem sehr heien Sommer viel an Kopfweh, Nasenbluten und
Schlaflosigkeit litt und schlielich so von Krften kam, da ich fr
drei Wochen das Studentenkrankenzimmer in der Universittsklinik
aufsuchen mute.

Nach Schlu des Semesters gab ich mir mit meinem lieben Freunde
Riggenbach in Wrzburg ein Stelldichein. Er hatte sich entschlossen,
als Pastor zu den Deutschen nach Nordamerika zu gehen, und wir beide
wollten die letzten Tage vor seinem Abschied noch miteinander
verleben. Wir suchten zunchst den Pastor Fabri auf, den spteren
Inspektor des Barmer Missionshauses, der mich schon in Erlangen
besucht hatte. Wir blieben einige Tage in dem kleinen lieben
Pfarrdrfchen, und Fabri gewann unser Herz durch seine uerst
anregenden Gesprche ber die tiefsten Fragen des Reiches Gottes. An
Leib und Seele erfrischt, zogen wir dann weiter dem Norden zu. Wir
wanderten viel zu Fu, wie einst in den schnen Schweizer Bergen,
und es war mir von groem Segen, zu erleben, mit welcher Einfalt und
Treue mein Freund abends und morgens eine Stelle aus der Heiligen
Schrift vornahm, sie mit wenigen Worten auslegte und dann
niederkniete zum Gebet. Wie war man fr den ganzen Tag dann gestrkt
und erquickt, und wie schn schlief's sich abends ein! Es gehrt
gewi mit zum Kstlichsten, was man auf Erden haben kann, mit einem
solchen Freunde durchs deutsche Vaterland zu wandern.

Unsere Pilgerschaft ging das Lahntal hinauf zu meiner Schwester
Sophie, die in Berleburg an den Landrat von Oven verheiratet war,
dann zu meiner lieben Mutter nach Velmede und von da nach Bremen, wo
wir bei dem Besitzer des Auswandererschiffes, das mein Freund
benutzen wollte, die herzlichste Aufnahme fanden. Der liebe Pastor
Mallet stand noch in ungebrochener Kraft, und die Kanzel, auf der
spter Schwalb, mein Studiengenosse von Basel her, den Unglauben
verkndete, hatte damals noch der treffliche Treviranus inne. Bei
Mallet gingen wir noch einmal gemeinsam zum heiligen Abendmahl.
Andern Tages geleitete ich meinen Freund nach Bremerhaven und von da
noch ein Stck auf dem Auswandererschiff in die See hinaus, von wo
ich ber und ber seekrank auf dem Lotsenboote wieder in den Hafen
gelangte. Dann ging es zur lieben Mutter nach Velmede.


3. In Berlin. 1856-57.

Nur zu schnell waren die kstlichen Ruhetage im lieben Velmede zu
Ende gegangen. Die Ferienzeit war vorber, und da man nach den
damaligen Bestimmungen mindestens ein Jahr auf einer preuischen
Universitt studieren mute, so richtete ich meinen Pilgerweg nach
Berlin. An der Ecke der Artilleriestrae, hart an der Spree, mit der
Aussicht auf den Monbijou-Garten, eroberte ich mir glcklich ein
stilles Stbchen, wo ich mein letztes Studienjahr zuzubringen
dachte.

Es war damals auch in Berlin schne Zeit. Neander, den ich in meinem
ersten Semester neben meinen physikalischen und botanischen Studien
gehrt hatte, war schon heimgegangen; aber Strau, Hengstenberg und
Nitzsch standen noch in frischester Kraft. Bei Nitzsch besuchte ich
das praktische Seminar, wo wir Predigtbungen zu halten hatten; und
ich besinne mich noch gut, wie er solche Studenten, die mit
oberflchlichen Redensarten und schnen Worten ihre Predigt fllten,
als eitle Gecken abzutun wute und ihnen den Hoffartsteufel
austrieb.

Ich blieb brigens bei meiner Predigt, die ich vor ihm zu halten hatte,
stecken und mute demtig mein Konzept herauslangen. Umgekehrt ging es
mir bei meiner Katechese in der Propstei-Schule an der Nikolaikirche so
gut, da mein lieber Nitzsch mich besonders in sein Herz schlo und mich
auch zu seinem regelmigen Studenten-Familienabend einlud.

Indessen wurde in diesem ersten Wintersemester aus meinem Studieren
nicht sehr viel. Denn fr meinen Dienst unter den Heiden mute ich
versuchen, mir einige Kenntnisse in der Krankenpflege und in der
Arzneilehre zu erwerben. Pastor Mllensiefen, den ich noch aus der
Zeit her kannte, wo er meine Vettern Diest als Hauslehrer
unterrichtet hatte, und der jetzt Pastor an der Marienkirche war,
machte mich mit seinem Freunde, dem Regimentsarzt =Dr.= Lauer, dem
spteren Leibarzt des alten Kaisers Wilhelm, bekannt. Dieser nahm
mich als Lazarettgehilfen in das Lazarett des Kaiser-Franz-Regiments
auf. Jeden Morgen besuchte ich zunchst mit dem Assistenzarzt die
einzelnen Kranken und lie mir von ihm zeigen, wie Verbnde angelegt
und die chirurgischen Dienstleistungen verrichtet werden. Hernach
nahm ich an der Visite des Regimentsarztes selbst teil und lernte
dann die angeordneten Arzneien in der Apotheke bereiten.

Auf dem Wege zum Lazarett begegnete mir eines Tages ein frherer
Schulkamerad vom Joachimstalschen Gymnasium, namens Blankenburg. Ich
sah ihm gleich an, da Schmalhans bei ihm Kchenmeister war. Er war
teils wegen seiner schlechten Ernhrung, aber auch wegen seiner
schlechten Wohnung an seinen Nerven krank geworden. Ich wute ihm
nicht besser zu helfen, als da ich ihn einlud, ob er bei mir wohnen
wollte. Das wurde mit Freuden angenommen. Aber die Aufgabe war nicht
klein; denn die Nerven meines Freundes wurden mir frmlich zu
Haustyrannen, nach denen ich mich in allen Stcken richten mute.

Trotzdem wurde ich meinem Stubengenossen bald zu groem Dank
verpflichtet. Er machte mich nmlich auf eine groe Lcke in meiner
Ausbildung aufmerksam. Was ich an Bibelsprchen und Kirchenliedern
auf der Schule und im Konfirmandenunterricht gelernt hatte, war ber
alle Maen wenig gewesen. Blankenburg zwang mich nun, sowohl
Kirchenlieder als auch ganze Stcke der Heiligen Schrift wrtlich
auswendig zu lernen. Ich war inzwischen mit dem Lazarettkursus
fertig geworden, und so wurde neben den brigen Studien diese Arbeit
in der Tat mit allem Flei betrieben. Jeden Morgen ging ich in den
einsamen Monbijou-Garten, und dort, auf dem schnen Wege, der an der
Spree entlang fhrt, prgte ich mir Kirchenlieder und ganze Kapitel
aus der Bibel ein, und wenn ich nach Hause kam, berhrte mich mein
lieber Blankenburg.

Inzwischen war mein letztes Semester -- Sommer 1857 -- herangekommen.
Der jngere Bruder meines Vaters, mein Onkel Karl, legte mir nahe, fr
den Rest meiner Studienzeit zu ihm berzusiedeln. Ich war in der Tat in
meinen Ernhrungsverhltnissen etwas zurckgekommen, da ich mit meinem
Freunde Blankenburg zusammen etwas zu sparsam hatte leben mssen, um uns
beide durchzuschlagen. Zudem wnschten meine Verwandten um ihrer beiden
jngsten Shne willen, die noch auf dem Gymnasium waren, meine
Gegenwart, da sie selbst den grten Teil des Sommers abwesend sein
muten. So zog ich denn gleich nach Ostern in meine alte Heimat, in das
Finanzministerium, hinber.

Von meinen Baseler und Erlanger Freunden hatte mich nur noch einer
nach Berlin begleitet. Es war ein Pfarrerssohn aus der Schweiz, mit
Namen Endres. Er hie gewhnlich nur der kleine Schwyzer und kam
meist am Nachmittag zu einer Tasse Kaffee und einer Partie Schach
ins Finanzministerium herber. Auch beteiligte er sich wohl an den
kleinen Futouren, die ich mit meinen beiden jungen Vettern in die
Umgegend von Berlin unternahm. Sonst war bei der strammen Arbeit,
die das letzte Semester mit sich brachte, kaum irgend ein anderer
Verkehr mglich. Nur einige Male ging ich in das theologische
Studentenkrnzchen, das hnlich wie in Erlangen auch hier seine
Zusammenknfte hatte. Hier feierten mein Freund Endres und ich auch
den Abschiedsabend unserer Universittszeit. Reiche, kstliche drei
Jahre lagen hinter mir, als ich Anfang August 1857 von meiner
letzten Musenstadt Abschied nahm und mit dem Nachtzuge nach Hamburg
hinberfuhr!


Als Kandidat. 1857-1858.

Mein Angesicht stand zunchst nach dem dicht bei Hamburg gelegenen
Wandsbeck, der Heimat des alten Matthias Claudius, der mir mit seinen
Schriften der treuste Freund meiner Jugend gewesen war und mir ber so
viel de Zeit, namentlich whrend meiner landwirtschaftlichen Laufbahn,
hinweggeholfen hatte und den ich fast auswendig konnte. Nach einer
kstlichen stillen Morgenstunde in dem Wandsbecker Waldtal wanderte ich,
der Stimme eines Glckchens folgend, in einer halben Stunde hinber zum
Rauhen Hause. Ich blieb den ganzen Tag unter der frhlichen Kinderschar
und ihren ebenso frhlichen Pflegern und lernte an der Hand meines
freundlichen Fhrers, des Hausvaters Pastor Riehm, die ganze Entstehung
und das Wachstum der Anstalt, Station auf Station, kennen. Am Abend aber
sa ich schon wieder im Postwagen und fuhr die Nacht durch hinber nach
Bremen und von da zu Schiff die Weser hinunter nach Geestemnde.

Denn zwei Stunden von Geestemnde war einer meiner Baseler
Studienfreunde Pastor geworden. Er war in Basel mein englischer
Lehrer gewesen. Jeden Nachmittag war er fr eine Stunde zu mir
gekommen, um mit mir englisch zu treiben. Er war dazumal schon
28 Jahre alt, und sein Lebensgang war sehr gewaltsam gewesen. Eines
Tages, kurz vor unserm ersten Baseler Weihnachtsfest, sagte er mir
einmal: Heute vor vier Jahren brachte ich die Nacht auf einer
Fleischerbank in Neu-Orleans zu. Diese Bank war damals fr lngere
Zeit mein Nachtquartier, denn eine Wohnung besa ich nicht. Ich
lebte von Spottgedichten, die ich fr die Zeitungen lieferte.
Zigarren und Branntwein waren meine Hauptnahrung.

Er war in der Schweiz als Hirtenbube in groer Armut aufgewachsen.
Freunde, die seine Talente bemerkten, hatten ihn untersttzt und bis
zur Universitt gefrdert. Mit eiserner Energie hatte er sich durch
Stundengeben auf der Universitt unterhalten, zu gleicher Zeit aber
in seinem Trotz und seiner Wildheit solche Streiche gemacht, da er
sich unmittelbar aus dem Karzer in ein Schiff flchtete, das ihn
nach Amerika brachte. In jener tiefsten Zeit seines Lebens, als eine
Bank auf dem Fleischmarkt sein Nachtquartier war, ergriff ihn Gottes
Hand. Er erkrankte am gelben Fieber und stand nahe vor der Todestr.
Da nahm sich ein unbekannter Fremdling, der aber ein entschiedener
Jnger des Heilandes war, des gnzlich Verlassenen an. In seinem
unbekannten Wohltter trat ihm das Erbarmen mit solcher Macht vor
die Seele, da er, als er von seinem Krankenlager aufstand,
entschlossen war, ein anderes Leben zu beginnen.

Da er Jurisprudenz studiert hatte, so bersetzte er nun in kurzer
Zeit das Gesetzbuch des Staates Indiana ins Deutsche und erhielt
dafr eine sehr bedeutende Geldsumme. Diese wollte er benutzen, um
Theologie zu studieren. Allein in seinem doch noch ungebrochenen
Sinn verstand er nicht, mit dem Gelde umzugehen, und als er auf
deutschem Ufer landete, war fast alles Geld schon wieder seinen
Hnden entschwunden. So war er gentigt, in Basel in einem
Studentenheim Quartier zu nehmen, wo man fr ein geringes Entgelt
Wohnung und Nahrung erhielt. Abgemagert, in drftigster Kleidung,
und, um durch die Klte das Einschlafen zu verhindern, ohne
wrmenden Ofen sa er oft bis drei Uhr nachts auf und arbeitete mit
einem wahrhaft staunenswerten Eifer, whrend er bei Tage
Unterrichtsstunden gab, durch die er sich das ntige Kostgeld
verdiente.

Er trieb vor allem das Studium der alttestamentlichen Propheten,
und ihre Donner gegen die Israeliten waren ihm ein besonderer
Ohrenschmaus. Das unverstndlichste Wort in der Schrift war ihm
das Wort Gnade. Mit diesen beiden Fusten mu es verdient
sein, rief er einmal aus, indem er seine hageren Arme
ausstreckte, die frostig aus dem dnnen Jckchen hervorguckten.

Ein anderes Mal tat er bei der Lektre des Wandsbecker Boten, den
ich unter seiner Anleitung ins Englische bersetzte, eine uerung,
die so wild und roh war, da ich ihm erklrte, ich wollte nun keine
Stunden mehr bei ihm haben und er solle mir nicht mehr auf mein
Zimmer kommen. In wildem Zorn hatte er mich verlassen. Da, gegen
Mitternacht, hrte ich, wie kleine Steinchen gegen mein Fenster
geworfen wurden. Mein Freund stand unten und forderte mich auf,
herunterzukommen; er habe mir etwas zu sagen. Ich tat es, und wir
gingen fast bis zum Anbruch des Morgens auf dem Petersplatz auf und
ab. Er bekannte, da er bei seinem Vorsatz, mit eigener Kraft und
mit eigener Vernunft Gottes Wort zu treiben und Gottes Reich zu
bauen, aus der Friedelosigkeit nicht herauskomme, und versprach, es
sollte anders mit ihm werden.

Vor seinem Abschied aus Basel versammelte er seine Kollegen aus dem
Studentenheim und forderte sie aufs ernstlichste auf, nicht so zu
studieren, wie er es gemacht habe; dabei wrden sie alle verloren
gehen. Er pries ihnen als das einzige Mittel der Seligkeit die freie
Gnade Gottes an. Als ich ihn spt abends an seinen Postwagen
brachte, sagte er zu mir: Du siehst mich nicht wieder, oder ich bin
ein anderer Mensch geworden.

Nun nach drei Jahren sollte ich ihn wirklich wiedersehen. Er hatte
in seiner ersten Stelle in der Schweiz gegen die Snden der
Regierung, namentlich ihre Sonntagsentheiligung, so geeifert, da er
infolgedessen seines Amtes entsetzt worden war. Aber Bremer
Kaufleute, die ihn hatten predigen hren, hatten seine Berufung in
jenes dem Staate Bremen gehrige Dorf durchgesetzt. Ich war
neugierig, wie ich meinen Freund, den ich als einen blutarmen Bruder
Studio verlassen hatte, nun als Pastor wiederfinden wrde. Man hatte
mich in Bremen schon darauf aufmerksam gemacht, da er seine
Schwester bei sich habe, ein armes Schweizer Landmdchen, das ihm
den Haushalt fhre, und da er mit ihr etwas tyrannisch verfahre aus
Angst, sie knne vornehm und hoffrtig werden.

Ich traf meinen Freund, wie er mit strahlender Freude eben seine
Hhner ftterte. Whrend er mich durch seinen groen Obstgarten
fhrte, kletterte er pltzlich auf einen Apfelbaum, der voll Frchte
hing, und mit gespreizten Beinen oben im Baum stehend, rief er:
Alle diese pfel sind mein. Dann sprang er in ein Kartoffelfeld
und rief wieder: Alle diese Kartoffeln sind mein. Den blutarmen
Schweizerknaben, der sein ganzes Leben mit Hunger und Not gekmpft
hatte, nun im Besitz eines so prchtigen Pfarrhofes zu sehen und all
seine Freude zu teilen, war wirklich schn. Seine Schwester hatte
uns mit aller Sorgfalt ein Mittagbrot bereitet, und ich hatte es
durchgesetzt, da sie, die sonst nur als Magd aufgewartet hatte, mit
uns zu Tische sa. Am Nachmittag sollte auf dem Filialdorf eine
Kindtaufe sein. Als ich nun bei Tisch die Schwester fragte, ob sie
uns nicht dahin begleiten wolle, war mein Freund mit seiner Geduld
am Ende. Er sprang wtend vom Tisch auf und schrie mich an: Ich
wollte, da du zu Hause geblieben wrest. Meine Schwester soll nicht
mit auf Kindtaufen gehen; dann will sie auch feine Kleider haben,
und das geht nicht. Ich war auch nicht faul und sagte: Ich kann
den Weg zu deiner Tr wohl finden. Geht deine Schwester nicht mit,
dann nehme ich Abschied. Da lenkte er ein.

Ehe wir uns zur Kindtaufe aufmachten, kamen noch Leute, die nach
Amerika auswandern wollten. Fr diese Auswanderer herrschte die
schne Sitte, da sie vor ihrem Abschied noch einmal im Pfarrhause
das Abendmahl feierten. Vom Nebenzimmer aus hrte ich die Beichtrede
meines Freundes ber die Worte: Die Wasserwogen im Meer sind gro
und brausen greulich. Der Herr aber ist noch grer in der Hhe. Da
zeigte sich die ganze gewaltige Gre des Mannes. Mit erschtterndem
Ernste konnte er Bue predigen und in die tiefsten Abgrnde des
menschlichen Herzens hinabsteigen, aber ebenso gewaltig dann auch
von der Gnade Zeugnis ablegen, die viel grer ist als unsere Snde.

Wir hatten dann einen schnen Weg durch Feld und Wald zur Kindtaufe
und einige friedsame Abend- und Morgenstunden, in denen mein Freund
ganz besonders kstlich und krftig den Reichtum der Gnade Gottes
zum Gegenstande seiner Andachten und Gesprche machte. Dann lie er
mich in Frieden pilgern. Gott hat an diesem merkwrdigen Mann noch
viel und ernst zu arbeiten gehabt, bis wirklich die Gnade das
stolze Herz zerbrochen und die Schlacken im Schmelztiegel
ausgeschmolzen hatte.

Als ich von da zu meiner lieben alten Mutter nach Velmede
zurckgekehrt war, fand ich einen Brief eines andern Baseler
Freundes vor, der mir mitteilte, da er eben in Straburg sein
Examen bestanden habe und bereit sei, meiner Einladung zu folgen und
mich in Westfalen aufzusuchen. Es war mein Freund Jules Steeg, mit
dem ich in Basel auf eine merkwrdige Weise zusammengefhrt worden
war. Fr jenen unglcklichen Pfarrersohn, der spter in der
Fremdenlegion so schmerzlich endete, hatte ich in demselben Hause,
wo ich in Basel wohnte, ein Zimmer gemietet. Ich hoffte, ihn so
etwas mehr unter Augen zu haben und ihm in seiner Not grndlicher
beistehen zu knnen. Aber die Sache hatte sich zerschlagen. Da
jedoch das Stbchen einmal gemietet war, so war ich in das nahe
Studentenheim gegangen und hatte gebeten, den ersten Studenten, der
eine Wohnung suche und sie im Studentenheim nicht mehr bekommen
knne, zu mir zu schicken.

Wenige Stunden darauf trat ein zartes Mnnchen bei mir ein,
brunlich wie David, mit schwarzen Haaren, aber herzinnig
freundlichen Antlitzes, das nicht nur groe Intelligenz, sondern
auch Feuer der gttlichen Liebe verriet, das aus seinen Augen
strahlte. Er fragte in seinem gebrochenen Deutsch nach dem leeren
Zimmer, und wir waren schnell eins, da er bei mir einziehen solle.
Sein Vater war im Nassauischen Schuhmacher gewesen und von dort nach
Paris gewandert. Dort war er hngen geblieben und hatte eine
franzsische Katholikin geheiratet. Das einzige Kind aus dieser Ehe
war dieser Jules. Er wre vermutlich, wie die meisten Kinder aus
gemischten Ehen, in der katholischen Kirche erzogen worden, wenn
nicht der rastlose Eifer des Pariser Pfarrers Meyer die Familie
entdeckt und die mittellosen Eltern bewogen htte, den munteren
Knaben in dem von Pastor Meyer geleiteten Pensionate der Kirche
Billettes aufziehen zu lassen. Er wurde von Pfarrer Meyer
konfirmiert, machte mit Hilfe einiger wohlttiger Freunde die hhere
Schule in Paris durch und langte nun auf seinem ersten Wege aus
seiner Heimatstadt voll glhenden Durstes, das Wort Gottes grndlich
erforschen zu knnen, in Basel an.

Es dauerte nicht lange, da waren wir beide innige Freunde. Whrend
er mir half, mein Franzsisch wieder aufzufrischen, wurde ich
hauptschlich sein deutscher Lehrer, und zwar besonders an der Hand
der deutschen Lutherbibel, die wir bei unserer tglichen
Bibellektion mit dem hebrischen und griechischen Text verglichen.
Die Herrlichkeit der Schrift nahm damals das ganze Herz meines
Freundes ein, und ich sehe ihn noch, wie er des Morgens einmal in
meine Stube gehpft kam, seine Bibel vor Freude und Lust fest an
seine Brust drckend, soda ich in ihm recht das Vorbild hatte von
dem, was Luther von sich sagt, da er ein Doktor gewesen sei, hurtig
und lustig zur Heiligen Schrift.

Zugleich war er ganz erfllt von der Schnheit des geistigen
Weinberges, den Gott in Paris, seiner Vaterstadt, mitten in die
Wste hineingepflanzt hatte. Er wurde nicht mde, mir von seinem
Pfarrer Meyer zu rhmen und von den durch ihn erweckten Seelen, die
in den elenden Gassenkehrer- und Lumpensammlerquartieren von Paris
Brunnen gegraben hatten, von deren sprudelndem Wasser es grnte und
blhte. Sein groes Verlangen war, dort einmal arbeiten zu drfen.
Er hatte auch seinem Pastor Meyer von unserer Freundschaft
geschrieben, und dieser hatte mir schon nach Basel durch ihn sagen
lassen, ob ich nicht, statt zu den Heiden in Indien oder Afrika zu
gehen, meinen Landsleuten, die im Pariser Heidentum zu versinken
drohten, helfen wolle.

Steegs Freund war der bereits oben erwhnte Schwalb (spter Pastor
in Bremen). Dieser stammte aus einer armen jdischen Familie, war,
wie Steeg, durch Pastor Meyer in das Pariser Pensionat aufgenommen
und von wohlttigen Gliedern der Gemeinde bis zum Studium der
Theologie gefrdert worden. Er hatte ein Jahr vor uns in Basel
studiert und war von da nach Straburg bergesiedelt, kam aber
einige Male zum Besuch seines Freundes Steeg herber. So lernte ich
ihn kennen, und wir machten einmal einen gemeinsamen Weg zu Vater
Zeller nach Beuggen.

Bei unserm Gesprch merkte ich wohl, da der frhliche Glaube, den
Schwalb aus Paris mitgebracht hatte und der in Basel tiefer
gegrndet worden war, ins Wanken gekommen war. Er konnte seine
Vernunft schlecht gefangen geben unter den Gehorsam des Glaubens,
und ich sah fter einen finsteren und fast verzehrenden Zug auf
seinem Angesicht, der seine inneren Seelenkmpfe anzeigte, whrend
unser gemeinsamer Freund Steeg ihn vielleicht schrfer, als es sich
ziemte, angriff, wenn er bei Schwalb eine Abweichung von dem
einfachen Kinderglauben bemerkte. Dies war berhaupt ein Fehler, den
ich an Steeg rgen mute, da er fter zu scharf war im Richten
gegen solche, die in irgend einer Weise von den Bekenntnissen der
Kirche abwichen.

Whrend ich dann nach Erlangen gegangen war, hatte Steeg seine
Schritte ebenfalls nach Straburg gelenkt und dort mit seinem
Freunde Schwalb zusammen sein Studium fortgesetzt. Die Briefe meines
Freundes zeigten bald, da er mehr und mehr von dem Schwalbschen
Geiste angehaucht worden war, und das hatte meine Seele tief
beunruhigt. Denn auch mich hatte mein Berliner Studium nicht aus
einer mehr und mehr zunehmenden Unklarheit herausgebracht, und es
war mir sehr schwer geworden, in diesem Zustande meinen alten heien
Wunsch, zu den Heiden hinauszugehen, festzuhalten. Denn ich war
meiner Sache nicht gewi, was ich den Heiden als geglaubte,
anerkannte und erfahrene Wahrheit verkndigen sollte.

Ich hatte meinem Freunde Steeg vorgeschlagen, da wir uns in Barmen
treffen wollten, wohin auch Pastor Meyer aus Paris kommen wollte, um
dort an der Festwoche teilzunehmen, die die verschiedenen
christlichen Vereine des Rheinlandes jhrlich veranstalteten.
Immerhin war im Blick auf meinen eigenen Herzenszustand und den
meines Freundes mein Herz banger Sorge voll, als ich ihm nach Barmen
entgegenreiste.

In Barmen angekommen, erfuhr ich, da mein Freund bereits im
Missionshause eingetroffen sei. Aber ich fand ihn nicht gleich.
Dagegen traf ich einen lieben alten Freund wieder, den Hausvater
Busch, den ich von Basel aus kennen gelernt hatte, als er noch im
nahen Wiesental Lehrer war. Jetzt stand er in Barmen dem Hause fr
Missionskinder vor. Er fhrte mich zu seiner Kinderschar, und
whrend ich ihn so herzlich mit den Kindern reden hrte, stieg
pltzlich in mir die Sehnsucht auf, ob ich nicht zunchst einmal
Lehrer armer Kinder werden knnte, um daran zu merken, wie viel und
wie wenig ich ihnen vom Glauben sagen konnte, ohne gegen mich selbst
unwahr zu sein.

Gleich darauf fand ich nicht nur meinen Freund Steeg, sondern auch
den lieben Pfarrer Meyer, und wir konnten ihm nun gemeinsam als
unserm geistlichen Vater unser Herz ausschtten und alle unsere Not
offenbaren. Dabei sprach ich ihm den Wunsch aus, der eben im Anblick
der Missionskinder in meinem Herzen aufgekommen war. Da schlug er
mit ganz entschiedener Freude ein. Er schilderte mir die Not der
armen kleinen Kinder in Paris und die tiefe Verborgenheit vor aller
Welt Augen, in der ich dort arbeiten knnte. So ging ich auf seinen
Vorschlag ein, ihm zunchst einmal nach meinem Examen fr ein halbes
Jahr zu dienen.

Um gleich alles ins klare zu bringen, begleitete der treue alte
Meyer mich zugleich mit Steeg zu meiner Mutter nach Velmede, wo wir
gemeinsam einige reiche, stille Tage zubrachten. Selbstverstndlich
war es der Mutter fr ihr mtterliches Herz ein Lichtstrahl, da
mein Weg zunchst statt nach Indien oder Afrika nur nach Paris gehen
sollte, und so hatte ich leicht ihr Jawort zu diesem Plane.

Nachdem Pfarrer Meyer uns verlassen hatte, entschlossen Steeg und
ich uns zu einer kleinen Fureise, die zu gleicher Zeit als erste
Kollektenreise fr die deutsche Mission in Paris dienen sollte.
Unser Weg ging zunchst in die Heimat meiner Kindheit, die ich
wenige Monate alt verlassen und in diesen 27  Jahren niemals
wiedergesehen hatte, ins Tecklenburger Land. In der Kirche in Ledde,
wo meine Mutter so oft gesessen hatte, wurde ich von dem alten
Kster an der hnlichkeit mit meiner Mutter erkannt, der ich in der
Tat von allen meinen Geschwistern am meisten hnlich sah. Von dieser
Stunde an glich unsere Wanderschaft durchs Tecklenburger Land fast
dem Triumphzuge eines Knigs, der in sein Reich wiederkehrt. Die
groe Liebe, die sich meine Eltern im Lande erworben hatten, wurde
nun auf mich bertragen, und ich konnte es erfahren, wie das
Gedchtnis des Gerechten im Segen bleibt und da seine Werke zwar
nicht ihm vorauslaufen, als ob sie ihm den Himmel verdienen knnten,
aber da sie doch als Zeugen seines Pilgerlebens hinter ihm
hergehen.

Von da durchwanderten wir das Ravensberger Land und klopften an
manchem Pfarrhaus an. berall wurden wir mit groer Herzlichkeit
aufgenommen und knpften die ersten Beziehungen fr das Werk in
Paris an. Steeg begleitete mich noch bis Velmede zurck und zog dann
wieder in seine franzsische Heimat. Es war das letzte Zusammensein
mit meinem Freunde. Wir hatten uns der Hauptsache nach noch einmal
zusammenfinden knnen. Aber dann kam doch die Stunde, wo er sich
berhob ber solche, die sich kindlich und einfach an Gottes Wort
halten, und sich mit Schwalb zusammen als vollberechtigter Richter
ber die Heilige Schrift einsetzte. Mehrere Jahre ist er noch Pastor
in Frankreich gewesen und dann in die Leitung des franzsischen
Schulwesens eingetreten.

Ich verlebte nun eine unbeschreiblich kstliche Zeit bei meiner
lieben Mutter, whrend welcher allerlei landwirtschaftliche Arbeit
auf dem vterlichen Gute sich mit fleiigem Studium zur Vorbereitung
auf mein Examen ablste. Als meine Mutter nach Erfurt zu meinem
ltesten Bruder zog, der dort als Forstmann stand, folgte ich ihr,
um in Erfurt den vorgeschriebenen Seminarkursus durchzumachen.

Mehr noch als durch die Arbeit auf dem Seminar wurde mir Erfurt auf
eine andere Weise zu einer Vorschule fr meine sptere Arbeit. Es
wurde nmlich an der Tr meines Bruders stark gebettelt, und ich
entschlo mich, die Bettler in ihrer Wohnung aufzusuchen. Da fand
ich denn unter anderem eine Bettlerniederlassung sondergleichen. In
einem entlegenen Hof der alten Stadt hatten sich die armen Leute aus
allerlei alten Wagen, wie sie von fahrenden Leuten benutzt und
spter als unbrauchbar verkauft worden waren, und aus Resten
abgerissener Huser usw. eine wahre Bettlerburg zurechtgebaut. Ich
erfuhr, da gerade dieser Winkel wegen seines furchtbaren Schmutzes
und wegen der Verkommenheit seiner Bewohner, unter denen sich leider
auch eine groe Schar von Kindern befand, weder von dem Geistlichen,
in dessen Sprengel die Bettlerburg lag, noch von den Armenvorstehern
aufgesucht wurde. Die rmsten waren von jedermann aufgegeben, und
ich war froh, wenigstens etwas fr sie ausrichten zu knnen, indem
ich einigen unter ihnen dauernde Arbeit verschaffte.

Von Erfurt aus ging es dann im April nach Mnster ins Examen. Mit
der =licentia concionandi= in der Tasche galt es am 21. April,
Abschied zu nehmen von der teuren Mutter und der lieben Heimat. Am
24. April 1858 abends langte ich in Paris an und fand zunchst im
Hause meines lieben vterlichen Freundes, Pastor Meyer, gastliche
Aufnahme.




Im Amt.


Paris. 1858-1864.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, also um die Zeit, als
Bodelschwingh nach Paris kam, hatte Paris unter seinen Einwohnern
etwa 80-100000 Deutsche. Scherzweise wurde Paris die dritte
deutsche Grostadt genannt, denn nchst Berlin und Hamburg waren in
keinem Ort der Welt so viele Deutsche versammelt. Knstler,
Studierende, Handwerker, Kellner und Dienstmdchen bildeten den
einen Teil dieser Einwanderer. Der andere, grere Teil aber bestand
aus ganz armen Leuten. Ihre Mittel hatten nicht gereicht, um nach
Amerika auszuwandern. So waren sie nach Paris gegangen, um dort
Arbeit und Verdienst zu finden. Jeder deutsche Stamm war unter ihnen
vertreten. Vor allem waren es Bayern, Elssser und Hessen.

Sie lebten durch ganz Paris zerstreut. Zu 10, 20 und 30 Familien
hausten sie in einer Gasse beisammen. In den Steinbrchen, auf den
Holzpltzen und in den Fabriken in und um Paris fanden sie ihre
Arbeit. Wer keine Arbeit hatte, mischte sich unter die franzsischen
Lumpensammler, die mit der Kiepe auf dem Rcken, die Laterne in der
linken und den Haken in der rechten Hand, nachts die Mll- und
Kehrichthaufen durchsuchten, die damals die Pariser Haushaltungen,
sobald es dunkel wurde, einfach auf die Strae zu schtten pflegten.
Von den erwachsenen Einwanderern lernten die wenigsten franzsisch.
Nur die notwendigsten Worte, soweit sie zur Arbeit und zum Einkauf
des tglichen Unterhalts ntig waren, eignete man sich an. Aber auch
dann blieb die Aussprache deutsch: Boulevard hie Bullerwagen,
Champs lyses Schandliese, rue de Svres rote Seif' u. s. f. Mit
den Kindern aber war es umgekehrt. Beim Spiel und in der Schule
lernten sie schnell das Franzsische und vergaen die deutsche
Muttersprache. So kam es, da viele Eltern sich nur noch notdrftig
mit ihren Kindern verstndigen konnten. Darunter litt die Erziehung
natrlich aufs schwerste; und die heranwachsenden Kinder versanken
oft erschreckend schnell in dem Sumpf der Grostadt.

Das Rckgrat unter den Deutschen in Paris bildeten die Einwanderer
aus Hessen-Darmstadt. Frher waren die Hessen vielfach in den Osten
gewandert, um in den polnischen Seen den Blutegelfang zu betreiben,
wie Glaubrecht es so anschaulich in seiner Volkserzhlung Anna, die
Blutegelhndlerin beschreibt. Dann hatte sich der Strom nach Paris
gewandt. Hier waren sie Gassenkehrer geworden. Die Straenreinigung
von Paris war allmhlich fast ganz in ihre Hand bergegangen. Um
vier Uhr morgens begann die Arbeit, ohne Unterschied von Sommer oder
Winter, Sonntag oder Werktag; Mnner, Frauen und Kinder arbeiteten
zusammen unter der Aufsicht von franzsischen Unternehmern. Um neun
Uhr hrten die Kinder auf, um zwlf Uhr die Frauen und am Nachmittag
die Mnner.

Der Verdienst war gering, aber regelmig. War die Familie sparsam,
so konnte nach fnf, acht oder zehn Jahren so viel zurckgelegt
sein, da nicht nur die in Deutschland zurckgelassenen Schulden
bezahlt, sondern auch die Grundlagen zu einem Neuanfang in der
Heimat gewonnen waren. Denn der Sinn dieser Gassenkehrer war darauf
gerichtet, in die Heimat zurckzukehren. Ihr Beruf schlo sie von
dem Verkehr mit den Franzosen ab und verband sie untereinander. So
blieb das Heimatgefhl bei ihnen wacher als bei den brigen
deutschen Landsleuten. Darum lag ihnen auch daran, fr ihre Kinder
deutschen Unterricht zu bekommen, damit sie bei der Rckkehr in die
Heimat die deutsche Schule und den kirchlichen Unterricht mit Erfolg
besuchen knnten.

Die geistliche Versorgung dieser deutschen Einwanderer, soweit sie
evangelisch waren, lag in der Hand der kleinen Kirche Augsburgischer
Konfession. Ihre Anfnge fhrten in die Zeit des Dreiigjhrigen
Krieges zurck, wo zahlreiche Deutsche und auch manche Schweden in
Paris Zuflucht gesucht hatten. Auch whrend der schlimmsten
Verfolgungen hatte diese kleine Gemeinde auslndischer Lutheraner
ihre Gottesdienste halten knnen. So kam es, da sich ihr auch
Franzosen anschlossen und da in der Zusammensetzung der Gemeinde
allmhlich die franzsischen und elsssischen Elemente berwogen.

Napoleon hatte die Gemeinde anerkannt und ihr eine katholische
Kirche fr ihre Gottesdienste berwiesen, der spter durch die
franzsische Regierung eine zweite hinzugefgt wurde. Um die Zeit,
als Bodelschwingh nach Paris kam, stand Pfarrer Louis Meyer an der
Spitze dieser kleinen Kirchengemeinschaft, die zusammen mit den
brigen lutherischen Gemeinden in Frankreich und dem Elsa sich die
Kirche Augsburgischer Konfession nannte.

Louis Meyer stammte aus Mmpelgard, einer alten wrttembergischen
Kolonie in der Nhe von Belfort. Durch den groen Pariser Prediger
Adolf Monod, in dessen Hause er eine Zeitlang lebte, war er der
theologischen Freigeisterei entrissen worden. Mit Klarheit und Tiefe
hatte er das Evangelium ergriffen, und mit deutscher Grndlichkeit
und franzsischer Glut diente er seiner Gemeinde und seiner Kirche
auf und unter der Kanzel. Die groe Verwahrlosung der deutschen
Einwanderer war ihm auf das Gewissen gefallen. So war ein besonderer
kleiner Missionsverein entstanden, der in engem Anschlu an die
Kirche Augsburgischer Konfession den Deutschen in Paris dienen
sollte. Einen jungen deutschen Kandidaten, namens Beyer, der sich
nur besuchsweise in Paris aufgehalten hatte, holte Meyer aus dem
Zuge, den er schon zur Heimreise nach Deutschland bestiegen hatte,
wieder heraus und gewann ihn zum ersten deutschen Missionar an
seinen Landsleuten. Ihm folgten andere deutsche Kandidaten und
Hilfsprediger, die meist von Meyer persnlich gewonnen wurden. Zu
ihnen gehrte nun auch der Kandidat von Bodelschwingh.

Napoleon hatte damals durch ganz Paris breite Straenzge, die
sogenannten Boulevards, brechen lassen. Dadurch hatten viele
Deutsche ihre Wohnungen im Sden der Stadt verloren und waren in den
Norden gezogen. Diese Leute, die auf ein Revier von drei Stunden
Lnge und einer halben Stunde Breite zerstreut wohnten, sollte
Bodelschwingh sammeln. Einige Wochen blieb er in der gastlichen
Familie Pfarrer Meyers, um sich nach allen Seiten in Paris
umzusehen, dann nahm er das ihm zugewiesene Arbeitsfeld in Angriff.
Auf dem Montmartre mietete er sich in einem groen kasernenartigen
Gebude, dem Chteau des Brouillards (Nebelschlo߫), zwei Zimmer,
schaffte das geringe Mobiliar, das einem seiner Vorgnger gedient
hatte, hinein und begann von dort seine Streifzge, um seine Herde
zu sammeln.

In einem Bericht an die Freunde der Arbeit in Paris aus dem Jahre
1865 schreibt er: Es war an einem schnen Frhlingsmorgen des
Jahres 1858, wo zwei kleine Mdchen in hessischer Tracht im Alter
von etwa sieben und zehn Jahren den steilen Abhang des Montmartre
hinaufstiegen und in das Chteau des Brouillards eintraten. Sie
kamen aus einer der Sackgassen, die sich an der Mauer des groen
Kirchhofes von Montmartre befanden. Dort hatte ich sie tags zuvor
bei meiner ersten Entdeckungsreise auf der Strae an ihrer deutschen
Tracht erkannt. Da Vater und Mutter, zu denen sie mich fhrten,
bitterlich klagten, da ihre Kinder ohne Unterricht aufwchsen --
denn zur nchsten deutschen Missionsschule war es quer durch die
Stadt fast anderthalb Stunden Weges --, so hatte ich sie zu mir
eingeladen und ihnen fr das erste Mal den Weg zu meinem Nebelschlo
gezeigt.

Inzwischen hatte ich das grere meiner beiden Zimmer zum
Schulzimmer und zugleich zur Hauskapelle eingerichtet. In einer
Nische der Wand hatte ich ein kleines Harmonium aufgestellt und
darber den bekannten schnen Holzschnitt von Gaber, Christus am
Kreuz, gehngt. So ausgerstet erwartete ich meine ersten geladenen
Gste. Und richtig, zur bezeichneten Stunde klopfte es an die Tr,
und die beiden kleinen Hessinnen traten herein.

Es wird mir fr mein ganzes Leben ein unvergelicher Augenblick
sein, als ich nun zum erstenmal die zwei kleinen Mdchen die Hnde
falten lie und Gott um seinen Segen bat. Es war mir vollauf so
feierlich zumute, als sollte ich in einer groen Pfarrkirche vor
Tausenden von Zuhrern meine Antrittspredigt halten, da ich nun
anhob, den beiden Kindern, unter Hinweisung auf das Bild, von dem
Mann mit der Dornenkrone zu erzhlen, der um unserer Snde willen an
das Kreuz erhht ward. Der Eindruck meiner hchst ungeschickten
kurzen Erzhlung -- denn ich hatte gar keine bung, mit Kindern von
den Geheimnissen des Kreuzes zu reden -- war namentlich bei dem
kleineren der beiden Mdchen so mchtig, da ich selbst dadurch
innerlich ganz ergriffen wurde. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck
innigsten Mitleides schaute die Kleine aus ihren dunklen Augen bald
auf das Bild, bald auf mich, und hin und wieder lief eine groe
Trne ber ihre braunen Wangen.

Es kann lcherlich oder anmaend vorkommen, da ich den Leser mit
dieser unbedeutenden Geschichte hinhalte. Aber mir war wirklich
nicht lcherlich zumute. Es ist ja doch etwas beraus Ernstes und
Groes um die Predigt vom Kreuz des Herrn. Und es ist doppelt und
dreifach gro und ernst fr einen jungen Menschen, der zum
erstenmal, und das in Paris, mit dieser Predigt auftreten soll. Wie
war mir doch so bange zumute gewesen, als einige Wochen vorher der
Zug spt abends auf dem Nordbahnhofe hielt und der Schaffner sein
fr den neuen Ankmmling wirklich unheimliches Paris in den Wagen
hineinrief! Whrend der Fiaker mit mir die lange Reise quer durch
die Stadt bis zum Hause meines vterlichen Freundes, Pfarrer Meyer,
machte, mute ich schlielich die Augen fest zudrcken, so sehr
ngsteten mich die breiten Lichtstreifen der verschiedenen
Boulevards mit ihrer bunten, wogenden, in die tiefe Nacht
hineintaumelnden Volksmenge. Hier sollst du armen Menschen von dem
Kreuze Christi predigen! so dachte ich; wie wird's dir gehen?

Die Universittszeit und die Examina sind an und fr sich selten
dazu angetan, einem jungen Menschen zum frhlichen Auftun des Mundes
zu verhelfen. Wie ich schon erzhlte, war mir die Freudigkeit zur
Predigt von Christo in dieser Zeit je lnger je mehr geschwunden.
Ja, ich war schlielich ber allem Studieren so konfus im Kopf und
so unklar ber die Grundwahrheiten des Christentums geworden, da
ich nicht wute, was ich mit gutem Gewissen den Leuten predigen
knnte.

Lediglich die Bemerkung in dem an mich ergangenen Rufe, da ich in
Paris besonders ganz armen Kindern zu dienen habe, hatte mir
Freudigkeit gegeben, diesem Rufe zu folgen. Denn ich dachte bei mir
selbst: Du willst einmal sehen, was du, ohne da sonst ein Mensch
es hrt und wei, solch einem armen Kinde von dem Evangelium sagen
kannst. Was du dem sagen kannst und was es begreift und fat, das
wirst du dann ja auch getrost weitersagen knnen.

Es ist ja ohne allen Zweifel die allergrte Not, in die ein
Menschenkind auf Erden geraten kann, wenn es in seinem Glauben
wankend wird, und ganz bejammernswert ist in diesem Fall ein armer
Prediger, wenn er noch halbwegs ehrlich ist. Die Hoffnung, aus
solcher Not herauszukommen, hatte mich, wie gesagt, nach Paris
getrieben.

Man begreift nun, da mir jene erste Stunde mit den beiden
Gassenkehrerkindern eine wichtige Stunde war und da mir, als die
beiden Kleinen wieder ihres Weges gezogen waren, das Herz in
Sprngen ging. Ich wute nun wieder, was ich vom Kreuze Christi zu
halten hatte, ich konnte mit Freudigkeit davon predigen; und von
dieser Stunde an ist mir auch nie wieder ein Zweifel gekommen.

Aber ich sollte durch Gottes Barmherzigkeit von meinen kleinen
Lehrmeistern noch mehr lernen. Ich hatte ihnen beim Abschied die
Weisung gegeben, sie sollten nicht allein wiederkommen, sondern auch
andere ihrer Gespielen von der Gasse mitbringen. Und richtig, sie
hielten Wort. Keuchend und schwitzend, aber mit triumphierenden
Gesichtern standen am andern Morgen meine beiden wackeren Erstlinge
wieder vor meiner Tr und hielten in ihrer Mitte mit ihren derben
Fusten einen kleinen Burschen von etwa sechs Jahren. Er hatte ihnen
Last genug gemacht, bis sie ihn oben hatten. Mehrmals war ihm die
Sache leid geworden. Er war ihnen davongelaufen, und sie hatten ihn
wieder einfangen mssen. So war bei ihm frs erste bitter wenig
Interesse fr das Kreuz Christi zu spren, die Gassen von Paris
zogen ihn weit strker an.

Auch bei einer Anzahl der sich nun einfindenden andern Kinder,
Knaben wie Mdchen, behielt die Liebhaberei fr das Herumtreiben auf
der Strae die Oberhand. Keineswegs bei allen kam ich mit der
Kreuzespredigt aus, sondern mute zu andern Mitteln greifen, um
ihren alten Adam in den gehrigen Schranken zu halten. Aber bei
alledem ging es doch weit ber all mein Bitten und Verstehn. Ohne
da ich mich weiter ans Suchen gab, mehrten sich von Tag zu Tag
meine kleinen Gste. Eins brachte das andere mit. Immer neue Kinder
klopften an meine Tr. Ich behielt dabei meine erste Lehrmethode
bei. Erst wurde ein kleines Lied gesungen und dann das Bild des
Gekreuzigten erklrt; seine Ngelmale, seine Dornenkrone, seine
Todesschmerzen gaben tglich fr einzelne der Neuangekommenen
Ursache zu der innigsten Teilnahme und Herzensbewegung ab, und
diejenigen, die die Geschichte bereits gehrt, hrten sie zum Teil
mit steigendem Interesse immer aufs neue.

Nicht allein aus dem nahen Batignolles und vom Montmartre selbst,
auch von Courcelles, aus dem Faubourg Saint-Honor, aus den
Ortschaften drauen vor den Befestigungswerken, ja ganz besonders
von der fernen Villette und selbst aus Pr-Saint-Gervais, von wo die
Kleinen fast zwei Stunden zu marschieren hatten, stellten sich meine
Schler ein, ungezwungen, eins von dem andern geladen. Es vergingen
wenige Wochen, da war mein Wohnzimmer und auch mein Schlafzimmer zu
eng, die immer neu Ankommenden aufzunehmen, und ich erschrak fast,
wenn es immer aufs neue klopfte, da ich die kleinen Gste nicht mehr
zu beherbergen wute.

Dieses unerwartete Sichsammeln der sehr zerstreuten Schar war mir
ein Wunder vor meinen Augen. Es wurde mir zur lebendigen Auslegung
und zur sichtbaren Erfllung der Verheiung des Herrn: Wenn ich
erhht sein werde von der Erde, so will ich sie alle zu mir ziehen.
Die wunderbare Anziehungskraft des Kreuzes Christi wurde mir
offenbar, und ich sah in dieser schnen Frhlingszeit meines
evangelischen Predigtamtes nach jener ersten seligen Erfahrung noch
manches liebe Kinderauge glnzen oder feucht werden bei den
allereinfachsten Erzhlungen von der Liebe Christi, der uns geliebt
hat bis zum Tode am Kreuz.

Freilich wei ich seitdem besser, als ich es damals wute, wie wenig
in den meisten Fllen auf eine Trne zu geben ist; und ich wei
leider auch, da viele jener Kinder, die mir so sehr zur Strkung
meines Glaubens dienten, die Welt lngst wieder liebgewonnen und die
Kreuzesfahne Jesu verlassen haben. Aber dennoch ist eine Trne,
eines armen Kindes Trne, ber das bittere Leiden Christi geweint,
etwas sehr Groes und Herrliches inmitten jener Taumelwelt, und sie
wiegt gewi schwerer, als man denken mag, in der Wagschale unseres
Gottes.

Darum hat mich auch meine erste frhliche Hoffnung beim Anblicke
dieser ersten Trnen nicht enttuscht. Denn aus den zwei armen
Kindern, die sich zuerst bei mir einfanden, sind durch Gottes
Wunderwege in den sechs Jahren, die zwischen jener ersten und der
Stunde liegen, wo ich dies schreibe, zwei Gemeinden geworden: die
Gemeinden zu La Villette und Batignolles.

Wer nun den Weg verfolgt, auf dem es zur Aufrichtung dieser beiden
blhenden deutschen Gemeinden kam, der beobachtet, da der junge
Missionsprediger Bodelschwingh keinen weitangelegten Plan in sich
trug, sondern da er lediglich die nchstliegenden Aufgaben in
einfltigem Glauben und mit tatkrftiger Liebe in Angriff nahm und
sich Schritt fr Schritt vorwrts drngen lie.

Die beiden Zimmer auf dem Montmartre boten schon nach kurzer Zeit
nicht mehr gengend Raum. Und das Ungeziefer, das die Kinder
zurcklieen, machte den Aufenthalt darin qualvoll. Nun hatten die
Besuche, die Bodelschwingh bei den Eltern seiner Schulkinder machte,
ihn immer wieder in die weiter stlich gelegenen Gegenden von Paris
gefhrt, die damals zum Teil noch jenseits der engeren Stadtgrenze
lagen. Denn von dort her hatte sich der grte Teil der Kinder im
Nebelschlosse eingestellt.

Am Abend eines heien Tages, den er wieder einmal auf der Suche nach
seinen verstreuten Landsleuten in jener Gegend zugebracht hatte,
entdeckte er in der Vorstadt La Villette einen kleinen grnen Hgel,
etwa sechzig Schritt lang und vierzig Schritt breit, vllig
unbebaut, nur mit einigen schattigen Bumen bestanden. Mde wie er
war, und in dem Verlangen, ein wenig auszuruhen, ehe er den weiten
Heimweg bis zum Montmartre antrte, stieg er die wenigen Meter
hinauf.

Es wehte da oben, so heit es in seinem Bericht aus dem Jahre
1861, eine khle, gesunde Luft, die mich erquickte. Einige arme
Kinder spielten friedlich miteinander. Es wurde mir ganz besonders
wohl und heimatlich zumute auf der stillen Anhhe. Und indem ich an
den Rand des Hgels trat und dicht zu meinen Fen die armen Htten
von La Villette erblickte, in denen mir bereits so viel leibliches
Elend und sittliches Verderben zu Augen gekommen war, ohne da ich
bisher eine Abhilfe aus solcher Not gefunden htte, war es mir
pltzlich, als hrte ich eine Stimme, die sagte: >Dieser Hgel
gehrt dem Herrn!<

Diese Stimme lie ihn nicht wieder los. Er forschte nach dem
Besitzer des Hgels und trat mit ihm in Verhandlung. Verkaufen
wollte er den Hgel nicht, wohl aber bei halbjhriger Kndigung
gegen einen geringen Preis vermieten. Auf einem gemieteten
Grundstck war natrlich an einen festen Bau nicht zu denken. So gab
Bodelschwingh einem Zimmermeister ein einfaches Blockhaus in
Auftrag, das noch heute steht. Ehe er aber seine Arbeit vom
Montmartre dauernd auf den Hgel verlegte, galt es fr ihn, den fr
den Fortgang seiner Arbeit und namentlich fr den Unterricht der
Kinder so ntigen Mitarbeiter zu finden.

Nachdem er am 29. August, vier Monate nach seinem ersten Examen,
durch Pastor Meyer ordiniert worden war -- der preuische
Oberkirchenrat hatte ihm mit Rcksicht auf die dringenden Aufgaben
in Paris das zweite Examen erlassen --, brach er nach Deutschland
auf. Auf dem Kirchentage in Hamburg berichtete er in der
Michaeliskirche von seiner Arbeit in Paris.

Am Schlu meines Berichtes, so erzhlt er, bat ich nicht ohne
Zagen um einen Lehrer fr meine Pariser Gassenkinder, dem ich zwar
bitter wenig Geld geben knne und dem es allein genug sein msse,
Kinderaugen glnzen zu sehen, wenn ihnen von der Liebe Jesu ans Herz
geredet wrde.

Nach der Versammlung erschien ein junger Lehrer auf meiner Stube und
sagte: Selber kann ich nicht kommen, aber eine Gabe sollen sie doch
haben. Damit zog er einen Taler aus der Tasche. Ich sagte: Wo der
Taler herkommt, kommt vielleicht auch der Geber her. Er erklrte
mir aber, er knne seine Arbeit in Glckstadt nicht verlassen. Doch
der Blick, mit dem er mich dabei ansah, nahm mir nicht jede
Hoffnung. Ich fragte ihn ber einige Umstnde seines Lebens und
erfuhr, da er bei dem bekannten Archidiakonus Versmann in Itzehoe
konfirmiert worden sei. Am andern Morgen fuhr ich nach Itzehoe und
fragte Pastor Versmann nach dem Geber der drei Mark. Den nehmen Sie
mit, war seine Antwort, dann haben Sie das Rechte getroffen. Kurz
darauf stand ich in Glckstadt in der Schule des jungen Lehrers und
hrte seiner biblischen Geschichtsstunde zu. Darauf war ich fertig,
und ich lie ihn nicht los, bis ich sein Jawort hatte.

Wenige Wochen spter trat _Heinrich Witt_[1] -- denn so hie der
junge Lehrer -- in Paris in mein Stbchen. Damit war mir eine
schwere Last vom Herzen gefallen. Inzwischen war unsere Schule nebst
unserer Wohnung bereits in Angriff genommen worden. Sie kostete
alles in allem fix und fertig aufgerichtet 800 Taler und war etwa
15 Meter lang und 6  Meter breit. Der erste Teil war die
Pfarrerwohnung, in der Mitte lag die Lehrerwohnung, und das lngste
Stck bildete die Schule, die durch Zurckziehen der hlzernen
Scheidewnde, durch die Lehrer- und Pfarrerwohnung von ihr getrennt
waren, am Sonntag auf das Doppelte vergrert und in einen
Predigtraum verwandelt werden konnte.

  [1] Siehe Lebensbild des Lehrers Heinrich Witt von Lehrer Witt,
      G. Ihloff, Neumnster i. H., 127 Seiten.

Am 11. Dezember 1858 zogen wir in unsere bescheidene Htte ein und
begannen unser frhliches gemeinsames Leben. Mein lieber Witt machte
jeden Morgen Feuer, worauf er sich vortrefflich verstand, whrend
ich den Morgenkaffee und das zweite Frhstck herrichtete, das wir
nach Pariser Sitte um 12 Uhr einnahmen. Das Abendbrot, das nach
unserer damaligen Gewhnung unsere Hauptmahlzeit bildete, bereitete
uns eine in der Nhe wohnende Witwe, Mutter Schnepp.

Von nun an hatte ich es unbeschreiblich gut. Ein ganz neues Leben
begann fr mich, nicht nur durch die Gemeinschaft, die uns beide bei
unseren tglichen Andachten und Mahlzeiten erquickte, sondern
besonders dadurch, da meine armen verwilderten Kinder nun einen
beraus sorgsamen Unterricht, namentlich auch einen grndlichen
Religionsunterricht empfingen, soda mir die Konfirmandenstunden
dadurch beraus erleichtert wurden. Aber nicht nur in der Schule,
sondern auch in der Gemeinde war mir mein Freund Witt ein sehr
treuer Gehilfe, teils durch die Bibelstunden, die er hielt, -- ich
hatte auer in der Villette noch an drei andern Orten Gottesdienste
und Bibelstunden zu halten -- teils dadurch, da er mit grter
Hirtentreue den armen verirrten Kindern nachging, deren es nur zu
viele gab.

Es ist mir namentlich unvergelich geblieben, wie er den Michel
Jakob gewann, einen auf den Gassen von Paris ohne jeden Unterricht
aufgewachsenen Knaben, der schon das zwlfte Jahr berschritten
hatte. Er trieb sich nachts gewhnlich vor den Theatern umher, um
sich dort durch ffnen und Schlieen der Kutschwagen Geld zu
verdienen. Das brachte er dann auf unntze Weise durch, soda er
schon oft mit dem Gefngnis Bekanntschaft gemacht hatte. Im Sommer
durchstreifte er die groen Stachel-, Johannis- und Himbeerbeete,
die in unserer Vorstadt damals noch reichlich standen und in denen
er schwer zu finden war. Sein armer Vater hatte es an Schlgen nicht
fehlen lassen, blaue Flecke gab es an seinem Leibe bergenug, und
mit dem Stock sollte er nun auch in unsere Schule gezwungen werden.
Da kam er dann wohl einen Tag, aber den andern war er wieder
verschwunden; denn Schulzwang gab es damals in keiner Pariser
Schule.

Was tat nun mein Freund Witt? Abends spt, wenn er hoffen konnte,
da Jakob von seinen Streifzgen heimgekehrt sei, erschien er in der
Wohnung der Eltern. Ohne ein Wort des Tadels setzte er sich neben
den armen Jungen: Jakob, du hast heute nicht in die Schule kommen
wollen, so mu ich zu dir kommen, nahm die Fibel vor und fing mit
aller Geduld und Sanftmut an, das ABC mit ihm zu treiben. Das tat er
nicht einmal, das tat er wieder und wieder. Diese Liebe hielt Jakob
nicht aus; sie war ihm doch zu stark. Nun kam er willig und
regelmig zur Schule.

Einmal an einem Karfreitagmorgen sah ich ihn, wie er vor Witts
Fenster einen langen Zweig einer wilden Rose anstarrte. (Wir hatten
uns in den Festungsanlagen wilde Rosen gesucht und vor unser Fenster
gepflanzt, um sie spter zu veredeln.) Als er mich erblickte, war er
einen Augenblick verlegen. Dann fragte er: Waren das solche Dornen,
Herr Pfarrer, die der Heiland am Karfreitag um sein Haupt hatte?
Ich sagte: Ja, Jakob, die Dornen an seinem Haupte waren noch
lnger; und sie sind an seinem Kopf hngen geblieben, als er das
verlorene Schaf suchte. Da blickte Jakob mich mit groen Augen an
und sagte: Ich war auch verloren. Dies war ein Beispiel von vielen
verlorenen Kindern unter der versinkenden Jugend der Weltstadt, an
denen mein Freund Witt mit unvergleichlicher Treue arbeitete und die
er, wie ich hoffe, am groen Tage wiederfinden wird.

So fing denn der kleine Hgel von La Villette an, eine Oase in der
Wste zu werden. Wer heute den Hgel besucht und die geordneten
Straenzge sieht, die ihn rings einschlieen, wer namentlich den
Park durchwandert, der wenige Schritt vom Hgel entfernt seinen
Anfang nimmt und der in seiner mrchenhaften Schnheit heute eine
der Hauptsehenswrdigkeiten der Stadt bildet, der kann sich kaum
noch eine Vorstellung davon machen, in welcher Wildnis damals die
beiden jungen Mnner sich niedergelassen hatten.

An der Stelle des heutigen Parkes befanden sich groe
Kalksteinbrche mit tiefen Gruben und Hhlen. Das Gesindel und die
Verbrecher von Paris hatten dort ihre Schlupfwinkel. Und rings um
die Steinbrche und den Hgel her standen armselige Buden und
Htten, teils aus Brettern, teils aus gepretem Kalksteinstaub
hergestellt. Hier wohnten mitten unter der armseligen franzsischen
Bevlkerung die deutschen Einwanderer. Und in diese Wildnis hinein,
durch die noch keine geordneten Straenzge fhrten, drangen jetzt
Morgen fr Morgen vom Hgel herunter die Lieder der Kinder, und am
Sonntagnachmittag, wenn die Gassenkehrer von ihrer Arbeit
heimkehrten -- denn einen Ruhetag gab es ja fr sie nicht --, lud
die kleine Glocke die Bewohner der grauen, elenden Htten zu Gottes
Wort in das kleine Blockhaus.

Durch die Teilung der Arbeit, die mit dem Eintreten Witts geschaffen
wurde, konnte sich Bodelschwingh nun auch in erhhtem Mae den
Kranken widmen, sowohl denen, die in ihren elenden Wohnungen lagen,
als auch denen, die in den groen Pariser Spitlern Aufnahme
gefunden hatten. ber diese Arbeit in den Spitlern schreibt er
1860:

Unter den unzhligen Sttten der Erde, an denen Deutschland seine
wanderlustigen und die Fremde liebenden Shne und Tchter zu suchen
und wohin namentlich die rettende Liebe ihre oft mutwillig aus
Heimat und Vaterhaus gegangenen Kinder zu begleiten hat, um sie
nicht ohne eine Freundesstimme zu lassen, -- unter diesen Sttten
verdienen die Hospitler der franzsischen Hauptstadt eine besondere
Teilnahme.

Wie Paris reich ist an ffentlichen Anstalten fr weltliche Lust und
Freude, so ist es auch reich an ffentlichen Husern des Elends und
der Schmerzen. Man zhlt heute -- 1860 -- im ganzen 28 ffentliche
Hospitler und Siechenhuser, die reichlich 17000 Kranke, Sieche
und Greise beherbergen. Es ist ganz gewi die unverhltnismig
groe Zahl der ffentlich gepflegten Kranken ein trauriger Beweis
von den gelockerten Familienbanden der franzsischen Hauptstadt.

Ein Kranker pat nicht wohl in das Pariser Familienleben hinein. Wie
man in Paris die Freude und den Segen einer deutschen Kinderstube
nicht kennt, sondern mit der grten Leichtigkeit die kleinen Kinder
von der Mutterbrust weg zur Amme aufs Land und von da nach kurzem
Aufenthalt im Elternhause in die Pensionen schickt, so kennt man
auch nicht die Heiligkeit und den Segen der Krankenstube. Man will
sich ja nicht gern zum Ernste mahnen lassen, und darum schafft man
den Kranken lieber von sich hinaus. Auf der andern Seite hat die
Leichtigkeit, mit der jeder Kranke ohne weiteres in ein Hospital
aufgenommen wird, und die Freigebigkeit, mit der er ganz umsonst
gepflegt wird, etwas Erfreuliches und Erquickendes.

Echt samaritermig wird an den Pforten der Pariser Hospitler
niemand gefragt: Wo kommst du her? Welches Glaubens bist du? Kannst
du bezahlen? usw. Jeder wirklich kranke Mensch, der sich morgens
zwischen acht und neun Uhr an der Tr eines Hospitals einfindet,
wird aufgenommen. Findet er in dem betreffenden Hospital keinen
Platz, so wird er nach dem Zentralbro der Hospitler gesandt und
bekommt dann sicher sein Bett angewiesen, einerlei ob er Franzose
oder Englnder, Deutscher oder Italiener, ob er schwarz oder wei,
katholisch, evangelisch oder mohammedanisch ist.

In allen Spitlern ist die Pflege der Kranken den Hnden der
katholischen barmherzigen Schwestern anvertraut, und im ganzen mu
ich sagen, da die meisten Schwestern ihren Namen barmherzige
Schwestern mit Ehren tragen und mit wirklich mtterlichem Herzen
fr ihre Kranken sorgen, und zwar mit gleicher Treue fr die
Fremdlinge und fr die Kinder der eigenen Kirche.

Im schmerzlichen Gegensatz dazu ist zu sagen, welche
Gleichgltigkeit, welche Frivolitt oftmals an diesen Sttten des
Schmerzes und des Todes anzutreffen ist, und zwar fast noch mehr bei
den Frauen als bei den Mnnern. Unmittelbar neben dem Bett eines
Sterbenden, der eben seinen letzten Kampf auskmpft, wird laut
gelacht, gespottet und leichtfertig geschwatzt.

Was nun die evangelischen Deutschen betrifft in den beiden
Hospitlern La Riboisire und St. Louis, die mir zugewiesen sind, so
habe ich darin im vergangenen Jahre 270 Protestanten gefunden,
darunter etwa 80 Deutsche. Diese deutschen Kranken sind zum grten
Teil einzelstehende junge Leute, vor allem Handwerker oder
Dienstmdchen. Dieses Huflein der Protestanten befindet sich in
diesen Spitlern in einer ganz eigentmlichen Lage. Es wird, wie wir
hrten, bei der Aufnahme der Kranken ebensowenig Rcksicht genommen
auf die Sprache wie auf das Bekenntnis, sondern allein auf die Art
der Krankheit. Wo eben ein Bett frei ist, da bekommt der Kranke sein
Zimmer angewiesen.

So geschieht es denn, da unsere deutschen Glaubensgenossen
zerstreut zwischen der fnfzigmal greren Zahl franzsischer
Katholiken liegen. Und da viele von ihnen des Franzsischen nicht
mchtig sind, so befinden sie sich in einer Art Einzelhaft, in einer
vlligen Abgeschlossenheit und Verlassenheit, bei der sie sich nur
durch Zeichen mit ihren Pflegerinnen und dem Arzt verstndlich
machen knnen. Und solche Einzelhaft wirkt um so strker, als diese
Kranken in der schmerzlichsten Weise von ihren eigenen Angehrigen
im Stich gelassen werden. So hatte eine hier verheiratete
Wrttembergerin ihre Schwester, die sie selbst nach Paris gelockt
hatte, sieben Monate unbesucht im Spital liegen lassen. Mehrmals
habe ich sie persnlich auf das dringendste ermahnt, sich nicht so
schwer zu versndigen. Namentlich in den letzten Tagen vor dem Tode
ihrer Schwester habe ich ihr wiederholt teils geschrieben, teils
gesagt, es sei der letzte Wunsch der Sterbenden, sie noch einmal zu
sehen und sich mit ihr zu vershnen. Sie kam dennoch nicht; sie habe
ihrer Schwester vergeben, aber ihr Geschft erlaube einen Besuch
nicht.

So kommt der Seelsorger in diesen Spitlern oftmals in die Lage, an
den Kranken Vater-, Mutter-, Geschwister- und Freundesstelle zu
vertreten. Dadurch wird ihm natrlich der Zutritt zu den Herzen sehr
erleichtert. Auch der Klang der Muttersprache kommt uns bei diesen
Kranken krftig zu Hilfe. Es ist nicht zu sagen, mit welcher
Freudenstimme diese Verlassenen oftmals den ersten deutschen Gru
erwidern, mit dem man an ihr Bett tritt. Da ist vielfach das Herz
vom ersten Augenblick an aufgetan, und die Worte der Ermahnung und
des Trostes knnen jetzt tiefer dringen und werden nicht
zurckgestoen, weil sie sozusagen in lieber Begleitung kommen.

Namentlich sind es die Klnge der Kindheit, die in der Jugend
gelernten biblischen Sprche und Liederverse, die hier wieder einmal
zu ihrem Rechte kommen. Es ist mir begegnet, da eine Todkranke, die
ich zum erstenmal sah und von der auf die verschiedensten Fragen
kein Zeichen des Verstndnisses herauszulocken war, soda ich nicht
einmal wissen konnte, welche Sprache sie eigentlich rede, pltzlich
lebendig wurde, als ich das bekannte deutsche Sterbegebetlein
Christi Blut und Gerechtigkeit anstimmte. Ihr Auge wurde hell;
ber dem Versuch zu sprechen zitterten ihre Lippen einen Augenblick,
dann brach die Stimme durch, und die Kranke sprach laut und freudig
die Worte zu Ende.

Einem jungen Mann aus Nrnberg gingen sofort die Augen ber, als ich
ihn deutsch anredete. Heimweh erfllte seine Seele, und besonders
ward das Verlangen mchtig, seine verwitwete Mutter noch einmal zu
sehen, zu der er eine herzliche kindliche Liebe an den Tag legte und
an deren Trauer er mit Trnen dachte. Es war aber deutlich, und der
Kranke selbst sprte es auch, da sein Wunsch auf Erden schwerlich
knne erfllt werden. Darum wies ich ihn hin auf die bessere und
gewissere Hoffnung des Wiedersehens in der oberen Heimat. Die
Sprche, die ich ihm vorsagte, waren ihm bekannt und ergriffen ihn
sichtlich. Namentlich war es der 23. Psalm, der ihm tief zu Herzen
ging, weil seine Mutter gerade diesen Psalm ihm in der Kindheit oft
vorgesagt hatte. Er gestand, es habe ihm daheim an christlicher
Unterweisung nicht gefehlt, aber er habe leider seit Jahren nicht
danach gelebt. Jetzt brachen die lange verschlossenen Quellen wieder
auf und berstrmten sein Herz noch zur rechten Zeit mit der rechten
gttlichen Traurigkeit und mit dem rechten Troste. Als ich ihn
fragte, ob er von Herzen wnschte, noch einmal kindlich wie einst
glauben zu knnen, da antwortete er mir mit einem Ausdruck, den ich
nie vergessen werde, er wnschte, ich mchte mit ihm beten, und der
Druck seiner Hand sagte mir, wie sein ganzes Herz dabei gewesen.

Da es nicht mglich ist, da ein Kranker fter als im Durchschnitt
einmal wchentlich von uns besucht wird, so kann man denken, da
besonders die, die noch gar kein Franzsisch verstehen, auch mit
rechter Freude zu den Bchern greifen, die wir ihnen mitbringen. Ich
wei, da gar manche schmachtende Seele in ihren einsamen Stunden
bald einen heilsamen Schrecken, bald Strkung im Glauben, bald
krftigen Trost in der Anfechtung aus diesen Schriften geschpft
hat.

Htten wir Zeit, die einzelnen Lebenswege niederzuschreiben, die in
den Pariser Spitlern entweder eine Haltestelle oder fr diese Erde
ihr Ende finden, so wrde manches an den Tag kommen, das vielen zur
Lehre, zur Warnung und zur Ermunterung dienen knnte. Wie manches
mit den goldensten Hoffnungen, mit den hochfliegendsten Plnen
hinausgezogene junge deutsche Blut liegt hier an Leib und Seele
verderbt, befleckt, bleich und kmmerlich auf seinem Siechbette und
merkt nun erst, wie grausam es von der Welt und dem eigenen Herzen
betrogen worden ist. Wie manche trnenreiche Bekenntnisse kann man
hier vernehmen: Ich bin meinen Eltern nicht gefolgt, ich habe den
Glauben meiner Kindheit vergessen, ich habe den schmalen Weg
verlassen, habe meine Zeit in der Fremde durchgebracht mit Prassen!
Wie manchen Vorsatz des verlorenen Sohnes kann man aussprechen
hren: Wenn ich noch einmal aufkomme, will ich umkehren ins
Vaterland und Vaterhaus und da sprechen: Vater, ich habe gesndigt
im Himmel und vor dir.

Aber freilich geht es auch hier, wie es mit den meisten durch die
Not der Krankheit abgetrotzten Gelbden geht: sie werden nicht
gehalten. Weitaus der grte Teil, besonders der jungen Leute, die
wir im Spital kennen lernen, verschwindet trotz ihrer freiwilligen,
oft sehr aufrichtigen Versprechungen wieder vllig aus unserm Auge,
und wir mssen hier meist nur auf Hoffnung den Samen ausstreuen,
ohne mit unsern Augen eine Saat hervorsprieen zu sehen. Aber es
gibt auch kstliche Ausnahmen. Der auf dem Krankenbett gefate
Vorsatz zur Rckkehr ins irdische Vaterhaus wird doch von etlichen
ausgefhrt, indem sie sich unmittelbar aus dem Spital auf den Weg in
die Heimat machen. Andere Angesichter bekommen wir in der Kirche
oder am Tisch des Herrn wieder zu sehen. Und, was besser ist als
dies beides, unter denen, die die Spitler nicht wieder verlassen,
sondern dort ihre irdische Laufbahn beschlieen, knnen wir denn
doch an viele mit ganz frhlicher Zuversicht denken.

Ich entsinne mich nur eines einzigen Falles, da mich ein
Sterbender, der wirklich selbst klar sein Ende kommen sah, bestimmt
abgewiesen hat und nichts von der Gnade Gottes in Christo wissen
wollte. Ein andermal fertigte mich ein armer, in unsglichen
Schmerzen liegender Mensch ganz in der Weise Hiobs sehr bitter ab:
Er habe solches Elend nicht verdient; Gott suche ihn ungerecht heim;
ich solle ihn zufrieden lassen mit meinem Trost von der Gnade
Gottes, der nur aus Liebe zchtige. Ich ging traurig weg; doch als
ich noch einmal auf dem Rckwege durch den Saal an seinem Bett
vorberging, reckte er mhsam seine abgezehrte Hand unter der Decke
hervor und reichte sie mir mit einem Blick entgegen, der wohl
deutlich sagen wollte: Vergeben Sie mir!

Dieser Arbeit in dem Hospital htte sich Bodelschwingh nicht so
hingeben knnen, wenn ihm nicht auf dem Hgel und in der Gemeinde
neue Hilfskrfte zugewachsen wren. Zwei arme Witwen, Frau Rech und
Frau Gtz, bernahmen den Diakonissendienst. Sie versorgten die
Kranken und trugen, was sie von der Sonntagspredigt behalten hatten,
zu denen, die nicht zur Kirche kommen konnten.

Ein eingewanderter Schweizer, Abraham Blanck, seines Handwerks ein
Schmied, tat von seiner elenden Htte aus, an die er durch die
Wassersucht gefesselt war, Evangelistendienste. Bei dem ersten
Weihnachtsfest, das auf dem Hgel gefeiert wurde, hatte
Bodelschwingh mit den Schulkindern dem alten einsamen Blanck ein in
einen Topf gepflanztes Weihnachtsbumchen gebracht und ihm
Weihnachtslieder gesungen. Das war fr den Alten der Anfang zu einem
neuen Leben geworden. Der kindliche Glaube und das kindliche Gebet
wachten in ihm wieder auf. Und wenn er auch whrend der letzten drei
Jahre seines Lebens seine Htte nicht mehr verlassen und niemals den
Hgel betreten konnte, so ging doch von dem Lager des alten treuen
Mannes eine Macht in die ganze Gemeinde aus.

Lehrer Witt verheiratete sich. Seine kluge, hingebende Frau bernahm den
Unterricht der Mdchen und machte bald auch der Junggesellenwirtschaft
ein Ende. Das junge Paar hatte zunchst die beiden Stbchen, die bisher
Pastor und Lehrer innegehabt hatten, bezogen, und Bodelschwingh hatte
sich wieder eine Mietswohnung in der Stadt gesucht. Aber auf die Dauer
lie sich die Errichtung einer besonderen Wohnung fr Pastor und Lehrer
doch nicht hinausschieben. Da der Hgel nach wie vor nur gemietet war
und darum auch jetzt noch an die Errichtung eines festen Hauses nicht
gedacht werden konnte, so kaufte Bodelschwingh ein Holzhaus, das bereits
in London auf einer Ausstellung gewesen war und nun binnen weniger
Wochen fix und fertig auf dem Hgel stand. So war fr Pastor und
Lehrerfamilie eine neue behagliche Unterkunft geschaffen.

Aber die Erweiterung der Arbeit forderte auch grere Mittel. Sie
muten, da es sich um Versorgung von Deutschen handelte, der
Hauptsache nach aus der deutschen Heimat kommen. Unermdlich rhrte
darum Bodelschwingh die Feder. Seine Mutter, seine Geschwister, die
Verwandten und Freunde waren die ersten, an die er sich wandte. Fr
die Kirchenbltter in Hamburg, im Wuppertal, in Minden-Ravensberg
schrieb er an der Hand von Tatsachen hochanschauliche, zu Herzen
gehende Aufstze. Seine alten Gastfreunde Volkening in Jllenbeck,
Klein-Schlatter in Barmen, Sengelmann in Hamburg erffneten
Sammelstellen; auch Louis Harms in Hermannsburg. Die 800 Taler, die
die erste Blockhtte gekostet hatte, schickte Volkening als Gabe des
Minden-Ravensberger Landes in einer Summe.

Den Dank fr solche Mithilfe stattete Bodelschwingh nicht immer nur
schriftlich ab. Er kam selbst. Jhrlich mindestens einmal reiste er
nach Deutschland. Bald hier, bald da sehen wir ihn auftauchen, im
Elsa, in der Rheinprovinz, in Brandenburg, Berlin, Potsdam und
besonders im Ravensberger Lande. Wohin der junge hagere Edelmann,
dem die Mhsal des Pariser Lebens im Gesicht geschrieben stand, mit
seinen Predigten, Ansprachen und seinen kurzen Besuchen kam, gewann
er im Fluge die Herzen. Ich suche nicht das Eure, sondern euch,
war der tiefe Eindruck, den man von ihm hatte. Aber mit den Herzen
flogen ihm auch die Gaben zu. Es konnte vorkommen, da am Schlu
einer Versammlung sich Broschen, Ringe und andere Schmucksachen auf
dem Teller fanden, weil die Leute die Empfindung hatten, da der
Inhalt ihrer Brse einfach nicht ausreichte.

Bei der Werbereise, die er im Herbst 1860 unternahm, reifte pltzlich in
ihm der Entschlu, sich zu verheiraten. So gut er es auch bei seinen
Freunden, den Witts, hatte, er fhlte sich doch oft abgehetzt und
bermdet. Dazu qulte ihn, wie er spter fter erzhlte, der Gedanke an
so manche junge deutsche Lehrerin und Erzieherin, die sich in den
Gottesdiensten auf dem Hgel einstellten mit leisen Hoffnungen im
Herzen. So mute auch bei der entscheidendsten Wahl seines Lebens die
Barmherzigkeit mit andern ihn zur Tat treiben; und im Sturm, sich
selbst, seinen Verwandten und vor allem seiner Braut zur berraschung,
eroberte er sich das Herz seiner Lebensgefhrtin.

Sie war die zweite Tochter seines Oheims, des damaligen
Finanzministers Karl v. Bodelschwingh. Wohl hatte er sie schon
mehrere Jahre im Herzen getragen. Aber solange es noch seine Absicht
war, nach Afrika oder Indien zu gehen, hatte der Gedanke an ihre
zarte Gesundheit keine ernsthaften Plne aufkommen lassen.
Inzwischen aber hatte ihn die Pariser Arbeit mehr und mehr
gefesselt. Er sah keine Mglichkeit, sich ihr so schnell wieder zu
entziehen, fhlte vielmehr die Verpflichtung, sich ihr mehr wie je
und in vollster Ausrstung zu widmen. Darum zgerte er nicht lange.
Unter heien Trnen gab ihm seine Braut das Ja. Nur zwei Tage blieb
er in Haus Heide, dem Gute der Schwiegereltern, dann machte er sich
wieder an die Werbearbeit fr seine Pariser Gassenkehrer. Aber als
er in den Wagen stieg und die Braut noch immer kmpfte zwischen
Trauer und Freude, rief er: Mein Herze geht in Sprngen und kann
nicht traurig sein, ist voller Freud' und Singen, sieht lauter
Sonnenschein.

So schnell sich der junge Brutigam auch entschlossen hatte, so
sorgsam hatte er doch gewhlt. Ida von Bodelschwingh war von klein
auf ein zurckhaltendes Kind gewesen. In dem groen Kreise von zehn
Geschwistern war sie vielleicht die Stillste. Frh war sie von dem
Strom ernsten religisen Lebens erfat worden, der in der Zeit
Friedrich Wilhelms =IV=. auch die vornehmsten Kreise ergriff. Aber
die Auswchse einer geknstelten, wortreichen Frmmigkeit waren ihr
fern geblieben. Sie hrte die treusten, entschiedensten Prediger,
aber geschwrmt hat sie nie fr einen von ihnen, sondern fhrte
einen selbstndigen Christenstand. Es war ihr schwer, die Blle und
Hoffeste mitzumachen, die sich nach der Stellung ihres Vaters als
Finanzminister nach der Meinung der Eltern nicht umgehen lieen, und
sie bat wohl mit Trnen, sie davon zu befreien, fgte sich aber ohne
Auflehnung, als der Vater fest blieb.

Sie hatte eine sehr sorgfltige Erziehung genossen. Curtius und
Wiese, die auch ihres spteren Verlobten Lehrer aus dem
Joachimstalschen Gymnasium gewesen waren, hatten ihr zusammen mit
ihrer lteren Schwester Luise und einem kleinen Kreise von
Freundinnen Unterricht gegeben. Fr die Ausbildung in der Musik
stellte der Vater ungewhnliche Anforderungen. Schon frh um sechs
begann fr sie das ben auf dem Klavier, damit die drei bis vier
tglichen bungsstunden durchgehalten werden konnten. Die Mutter,
sparsam und einfach, wie die damalige Zeit es war, hielt im Hause
auf groe Pnktlichkeit und Ordnung und legte gerade so die sichere
Grundlage fr die Heiterkeit und Sorglosigkeit des Hauses.

Wer als Gast ins Finanzministerium kam, so erzhlt ihre nchste
Freundin, Frau von Zacha geb. von Lwenfeld, fhlte sich von groer
Behaglichkeit und Frhlichkeit umweht. Und im Grunde war Ida von
allen ihren Geschwistern die Heiterste. Gerade weil sie von Jugend
auf je und dann im Kampf mit der Schwermut lag, hatte sie, sobald
der Angriff wieder berwunden war, etwas Befreites und Befreiendes.
Da sie selbst viel gelitten hatte, sah sie schnell, wenn andere
litten, und auch die Schwchen anderer entgingen ihr nicht. Aber je
schrfer sie sah, je tiefer fhlte sie mit Gesunden und Kranken, und
das hingebende, selbstverstndliche Mitleid, das sich nicht in
Zrtlichkeit, sondern in Frsorge uerte, machte sie schon damals
zur Wohltterin fr jeden, mit dem sie zusammentraf.

Dabei machte sie niemals irgend einen Unterschied des Standes. Sie
war gegen jeden gleichmig gtig. Hoheit blendete sie nicht, und
Niedrigkeit schreckte sie nicht. Auch verleitete sie ihr scharfes
Auge nie dazu, andern weh zu tun. So hat sie mir whrend unserer
fnfzigjhrigen Freundschaft immer die Wahrheit ins Gesicht gesagt,
oft mit verblffender Schrfe, aber ohne mich jemals zu verletzen.
Das ging auch Fernerstehenden so. Die Ehrlichkeit ihrer Liebe, auch
wenn sie scharf war, tat nicht weh, sondern beraus wohl.

Und ehrlich wie im Wesen war sie auch im Wort. Sie beschnigte
nichts; sie stellte die Dinge dar, wie sie waren. Nie hrte man von
ihr irgend eine Unwahrheit. Darum war auch ihr Urteil klar und
schnell gefat. Wenn andere sich zergrbelten, sagte sie: Was qult
ihr euch? Die Sache liegt doch so einfach. So sah sie auch ihren
eigenen Weg klar vor sich. Sie zersplitterte und zerstreute sich
nicht, sie lie sich nicht verwirren von dem, was andere taten und
trieben, und wenn es ihre Nchsten und Liebsten waren. Sie war nicht
fr das Weite und Groe veranlagt; darum trachtete sie auch nicht
danach. Aber in ihrem Kreise war sie von unvergleichlicher Treue und
Hingabe.

Im April 1861 wurde die Hochzeit in Haus Heide gefeiert. Die
Hochzeitsreise fhrte besonders zu den Freunden ins Minden-Ravensberger
Land. Volkening in Jllenbeck segnete sie zu ihrer gemeinsamen Arbeit
in Paris. Sie gehen unter die Lwen und Bren, sagte er der jungen
Frau.

In Paris wartete das Londoner Holzhaus auf sie. Achtmal acht Meter
hatte es im Geviert. Unten wohnten Lehrer Witt mit Frau und Kindern
und Witwe Schnepp mit ihrem Sohn, die beiden Familien als Magd
diente. Darber war die Pfarrwohnung. In den engen kleinen Stbchen
hatten natrlich nur die kleinsten Mbel Platz. Und es war gut, da
die damalige Mbelmode von Paris Gelegenheit gab, solche kleinste
Mbel zu erwerben. Das Klavier konnte nur durch das Fenster
hinaufgeschafft werden.

Die ungewohnten und unbehaglichen ueren Verhltnisse, zu denen
namentlich auch das harte Regiment von Frau Schnepp gehrte, wurden
tapfer ertragen. Pastor und Pastorin, die ja ihrer ueren Herkunft nach
die Vornehmsten innerhalb der Gemeinde und des Mitarbeiterkreises waren,
sahen darin desto mehr Verpflichtung, sich selbst und ihr Haus allen zu
Dienst zu stellen. So wurde der kleine stille Hgel mit seiner
Pfarrwohnung in den Sommermonaten fr die Familien der Mitarbeiter in
der Stadt und den Vorstdten zu einem Ausflugsort, wo man gern fr
einige Stunden aufatmete. Im Winter freilich, solange die Eisenbahn noch
nicht bis La Villette durchgefhrt war, waren die Wege fast
unergrndlich, und fr die Verwandten, die aus Deutschland zu Besuch
kamen, blieb als einziger Spazierweg nur der kleine Pfad brig, der
rings um den Hgel durch die Gebsche geschlagen worden war.

Noch im Laufe des Jahres 1861 konnte der Hgel endgltig kuflich
erworben werden. Nun war es auch mglich, Kirche und Schule aus
festem Material zu bauen. Beide wurden unter einem Dach errichtet,
und auch den franzsischen Gemeinden, die sich allmhlich unter der
Arbeit franzsischer Pastoren in den jungen Stadtteilen gebildet
hatten, wurde Gastrecht in der von deutschen Mitteln erstehenden
Kirche gewhrt. Unten waren die Schulrume, sowohl fr die Kinder
deutscher wie franzsischer Zunge, oben die Kirche. Fr den
franzsisch sprechenden Teil wurde ein besonderer Pastor angestellt,
der am Vormittag den Gottesdienst hielt, whrend der Nachmittag nach
wie vor den Deutschen vorbehalten blieb.

Aus dem verkauften Schmuck der Pastorin und andern Gaben erhielt die
Kirche eine Orgel, auf der die Pastorin statt des bisherigen
eintnigen Gesanges die rhythmischen Lieder mit der Gemeinde
einbte. Ein neues Gesangbuch und eine neue Gottesdienstordnung
wurden eingefhrt, und die Haupt- und Nebengottesdienste wurden
liturgisch ausgestaltet. Da die Massenbegrbnisse auf den Pariser
Friedhfen, wo Sarg auf Sarg in unaufhrlicher Reihenfolge versenkt
wurde, keine Stille aufkommen lieen, so wurde jeder Sarg der
Hgelgemeinde zunchst vom Trauerhause in die Kirche getragen und
hier in aller Sammlung die Trauerfeier gehalten, ehe der gemeinsame
Weg zum Friedhof angetreten wurde. Nicht nur den Erwachsenen,
sondern auch den Kindern der Gemeinde wurde diese letzte Ehre
erwiesen.

Das alte kleine Blockhaus wurde Kleinkinderschule, und zwei
Nonnenweierer Schwestern bernahmen die Arbeit darin. Zur festeren
Verbindung der Gemeindeglieder untereinander, namentlich auch derer,
die Sonntags nicht kommen konnten, schrieb Bodelschwingh Das
Schifflein Christi, ein kleines Monatsblatt, das zugleich die
Freunde in Frankreich und in der deutschen Heimat wach und warm
erhielt fr die Aufgaben an den Deutschen in Paris.

Die Feder seiner Frau kam Bodelschwingh bei allen seinen
schriftlichen Arbeiten sehr zu Hilfe. Wenn es auch innerhalb des
Kollegiums der deutschen und franzsischen Pastoren Augsburgischer
Konfession Brauch war, alles Schreibwesen mglichst zu unterlassen
und statt dessen in den vierwchentlichen Zusammenknften die
schwebenden Fragen mndlich zu erledigen, so blieb doch fr den
Schreibtisch immer noch eine Flle von Arbeit brig. Namentlich
besorgte Eltern und Verwandte, die ihre Angehrigen in Paris hatten
oder nach Paris reisen lassen muten, baten um Rat, Auskunft und
Hilfe.

Aber viel mehr Zeit und Kraft nahmen die Besucher selbst in
Anspruch. Das Gastzimmer oben im Giebel wurde zu einer Herberge zur
Heimat, in der es von seltsamsten Gsten aus- und einging. Schon vor
seiner Verheiratung hatte Bodelschwingh einmal eine ganze Karawane
von 23 Missionsfrauen und -kindern, die aus Indien kamen und in die
Schweiz weiterreisten, in geborgten Betten quartiert. Jetzt wurden
er und seine Frau vollends zu Herbergsleuten fr allerlei Volk.
Mehrmals waren es Angehrige vornehmer deutscher Familien, die sich
nach Paris geflchtet hatten, um dort sich selbst und ihre
Vergangenheit zu vergessen, die aber doch schlielich durch die Not
gezwungen wurden, nachdem sie alle andere Hilfe durchprobiert
hatten, an die kleine Tr des Hgelpastors zu klopfen.

Mancher von ihnen hat ihn belogen, betrogen oder auch bestohlen, und
oft war es fr die Pastorin nicht leicht, wenn ihr Mann bis spt in
die Nacht hinein auf den Auenstationen der Gemeinde war, mit irgend
einem ungewissen Herbergsgast allein gelassen zu sein. Aber da
beide sich belgen, betrgen und bestehlen lieen, ohne verbittert
zu werden; da sie wohl vorsichtiger wurden, aber doch ihre Herberge
nicht schlossen, sondern fortfuhren, den Verlorenen und Versinkenden
zu dienen, segnete Gott. Bisweilen gelang es, verlorene Shne, die
aus der Heimat nach Paris geflchtet waren, zu bewegen, sich den
deutschen Gerichten zu stellen, die erwirkte Strafe willig zu
ertragen und so den ersten Schritt zu einem neuen Anfang in der
Heimat zu machen. Und einige Male kamen aus deutschen Gefngnissen
rhrende Beweise des Vertrauens und des Dankes von solchen, die
nicht umsonst in dem Hgelpfarrhaus eingekehrt waren. Aber es waren
nicht nur solche gefhrdete Existenzen, die die Herberge benutzten.
Angehende Mitarbeiter in dem deutschen Missionswerk in Paris, alte
und neue Freunde, Bekannte und Verwandte stellten sich ein, und
manche dauernde Freundschaft wurde geschlossen, die zugleich
unmittelbar dem weiteren Ausbau der Hgelgemeinde diente.

Aber der helle Sonnenschein, der ber dem Hgel lag, wurde von
ernsten Schatten abgelst. Acht Tage nach der Geburt des ersten
Shnchens erkrankte Ida von Bodelschwingh. Die Freude nach der
berstandenen Angst war zu gro fr ihr zartes Gemt und schlug bald
in desto schwereren Gemtsdruck um. Der treue Arzt, der Bruder Adolf
Monods, riet zur Reise in die Heimat. Der Pariser Rothschild stellte
seinen Salonwagen zur Verfgung. Fr drei Monate wurde die kleine
Familie auseinandergerissen. Das Kind kam zur alten Gromutter, die
Mutter in die Pflege eines treuen befreundeten Arztes, und
Bodelschwingh kehrte allein in sein verdetes Heim zurck.

Aber die Arbeit litt unter seinem Schmerz nicht, und seine eigene
Seele versenkte er desto tiefer in die krftigen Trstungen Gottes.
Wenn er abends von seinen fernen Auenstationen nach dem Hgel
zurckkehrte, oft so spt, da er keinen Omnibus mehr benutzen
konnte, dann lernte er, von Laternenpfahl zu Laternenpfahl wandernd
und im Schein des Laternenlichtes sich den Inhalt des Verses
einprgend, ein Kirchenlied nach dem andern auswendig. Seine
Predigten, die er fr gewhnlich frei gehalten hatte, schrieb er
eine Zeitlang wieder auf, um sie seiner Frau zu schicken, sobald es
ihr Zustand erlaubte.

Aber ehe er im Mai Frau und Kind wieder zurckholen konnte, traf ihn
und die ganze Familie ein neuer schwerer Schlag. Sein jngster
Bruder Ernst, der Liebling der ganzen Familie, der jetzt als
Jgeroffizier in Cleve stand, wurde durch einen Hitzschlag seiner
Frau und seinen zwei kleinen Shnchen entrissen. Bei groer
soldatischer Tchtigkeit hatte er sein bewutes Christenleben
durchgefhrt, aber ohne irgendwie sich aufzudrngen, und sein
Freund, der sptere General von Oidtmann, rhmte es ihm nach, da
Ernst von Bodelschwingh wohl regelmig mit ihm die Bibel lse, aber
ohne je auch nur den leisesten Versuch zu machen, ihn aus der
katholischen Kirche herauszuziehen. Gerade das bewog dann Oidtmann
zum bertritt. So dunkel das Sterben dieses Bruders war, es kam kein
Ton der Klage in der Familie auf, und Bodelschwingh, der seinen
Bruder in Velmede beerdigte, schrieb an seine Frau:

            Meine teure Ida!

     Unser lieber Bruder ist genesen, genesen fr die Ewigkeit. Trumend
     hat ihn der Herr durch des Todes Tren gefhrt, ohne ihn seine
     Bitterkeit kosten zu lassen. Die arme Elise ist ganz wunderbar
     gestrkt, so auch unser Mutterchen. Sie hat noch am Abend vor
     seinem Tode sagen knnen: Halleluja! Willst du ihn erlsen, so
     will ich dir danken. -- Sie ist nicht hier, aber wir drei
     Geschwister sind beisammen, Franz, Friedchen und ich. Morgen,
     nachdem ich auf der Geschwister Bitte dem geliebten Bruder einige
     Worte des ewigen Lebens habe nachrufen drfen, eile ich mit den
     Geschwistern zur lieben Mutter. Die Leiche nehmen wir mit, sie nach
     dem Wunsche des Seligen an des Vaters Seite zu bestatten.

     Sei ganz getrost um mich, mein liebes Weib. Solch einen Bruder darf
     man ja getrosten Mutes in die Ewigkeit ziehen sehen. War doch
     seines Jesu Kreuz seit langem sein einziger Ruhm.

     Der Friede des Herrn sei mit dir!

                                                  Dein Friedrich.

Ende Mai zog dann die kleine Familie wieder auf dem Hgel ein. Die
Krankheitszeit ber war aus der Gemeinde heraus, namentlich auch von
den Kindern gebetet worden, da Mutter und Kind dem Hgelpastor
erhalten bleiben mchten. Darum war der Tag der Rckkehr fr die
ganze Gemeinde ein groer Freuden- und Danktag. Auf ihn folgte noch
fast ein Jahr neuer gemeinsamer Arbeit an den Aufgaben im
unruhvollen Paris. Nur der Sonnabend bildete einen Ruhepunkt. Wenn
irgend mglich, zogen dann die Eltern Bodelschwingh mit ihrem
kleinen Ernst zur stillen Vorbereitung auf den Sonntag hinaus in den
Bois de Boulogne mit seinen einsamen Inseln und schattigen Pltzen,
wo die Nachtigallen sangen und die stillen Schwne dahinzogen.

Aber die Krankheit seiner Frau hatte Bodelschwingh doch die Frage
aufs Gewissen gelegt, ob er ihr auf die Dauer das unruhige Leben in
Paris zumuten drfte. Als sich ihm in dem jungen Wrttemberger Vikar
C. Berg (dem spteren wrttembergischen Prlaten) ein Nachfolger
zeigte, dem er mit grtem Vertrauen das begonnene Werk bergeben
konnte, und als sich ihm in der Heimat ein Arbeitsfeld bot, das ihm
Raum genug lie, in Deutschland fr das Missionswerk in Paris weiter
zu werben, war sein Entschlu gefat.


Dellwig. 1864-1872.

Wer das Tal der Ruhr hinaufwandert, lt bei Schwerte die dunklen
Schornsteine und rauchgeschwrzten Huser des westflischen
Industriegebietes hinter sich und sieht, wenn er zwei Stunden durch
die lieblichen Weiden mit ihren schwarzbunten Herden fluaufwrts
gelangt ist, zu seiner Linken einen spitzen, hohen Kirchturm ragen:
das ist Dellwig, eines der ltesten Kirchdrfer der Grafschaft Mark.

Sein Turm hat schon seit 900 Jahren die Ruhr hinauf- und
hinuntergesehen, und all' die Geschlechter dieser 900 Jahre liegen
zu seinen Fen begraben, soda der Kirchhof allmhlich immer hher
wurde und man jetzt auf mehreren Stufen in die Kirche hinabsteigt.
Die Familie Neuschmidt aber, die am Rande des Kirchplatzes im
Schulhause wohnte, hat der Gemeinde vier Jahrhunderte hindurch die
Lehrer gestellt, indem immer der Sohn auf den Vater folgte. Es mu
ein zhes Geschlecht sein, das von einer solchen Lehrerfamilie
400 Jahre hintereinander unterrichtet und erzogen wurde; und es ist
es auch.

Wer aber den tief ausgewaschenen Talweg hinaufsteigt, bis er die
Wasserscheide des Haarstrangs erreicht, hat oben von der
Wilhelmshhe einen weiten Rundblick. Jenseits der Ruhr nach Sden zu
liegen die stillen Wlder des Sauerlandes, altes kurklnisches
Gebiet. Nach Norden geht der Blick in die Gegend der Lippe und bis
in die fruchtbare Soester Brde hinein. Der Westen ist verschleiert
durch den Dunst der Hochfen von Dortmund. Hart am Fue des Berges
aber, nach Nordosten zu, liegt das alte Stdtchen Unna, wo Philipp
Nicolai zur Zeit der Pest seinen Freudenspiegel des ewigen Lebens
schrieb und der Christenheit den Knig und die Knigin ihrer Chorle
schenkte: Wachet auf! ruft uns die Stimme und Wie schn leuchtet
der Morgenstern.

Dellwig hatte bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zwei Pfarrer
gehabt. Nachdem aber in der napoleonischen Zeit die Seelenzahl auf
1300 heruntergegangen war, beschlo man, die zweite Pfarrstelle
eingehen zu lassen. Der briggebliebene Pfarrer war ein gemtvoller
Mann, der in jenen wirtschaftlich vielfach so schweren Jahren seinen
Gemeindegliedern recht und schlecht zur Seite stand. Aber, wie die
meisten der damaligen Amtstrger dem Vernunftglauben verfallen, kam
er ber eine uere Erledigung seiner Amtsgeschfte kaum hinaus und
predigte meist vor leeren Bnken.

Einmal im Jahre hatte er smtliche Gemeindeglieder der sechs nach
Dellwig eingepfarrten Ortschaften zu besuchen. Das tat er treulich
zu Anfang jeden Jahres. Er sammelte bei dieser Gelegenheit die
Abgaben ein, aus denen ein groer Teil des Pfarreinkommens bestand,
und erhandelte die Khe, die den Sommer ber auf den Pfarrwiesen
jenseits der Ruhr fettgeweidet wurden. Der Lehrer und Kster
Neuschmidt begleitete ihn, und ein Knecht mit einem Wagen und den
ntigen Scken folgte.

In diese gemtlichen, aber fr das innerste Leben der Gemeinde doch
recht drren Zeiten kam erst ein Umschwung, als im Herbst 1854
Pastor Philipps in das niedrige alte Pfarrhaus in Dellwig einzog. Er
war ein Mann, der in der unsichtbaren Welt zu Hause war und tiefe
Einblicke getan hatte in die Geheimnisse der Menschenseele. Mit
Entschlossenheit verkndete er den Glauben an den Heiland der
Snder. So fing seit Herbst 1854 ein neuer Luftstrom an, durch die
Gemeinde zu wehen.

Zehn Jahre hatte Philipps die Arbeit in Dellwig allein getan. Da
begannen seine Krfte nachzulassen. Denn die Wege nach Billmerich
hinauf und nach der andern Seite bis Strickherdecke hinunter waren
weit, und Sonntags, wenn, wie es Sitte war, nicht in der Kirche,
sondern in den einzelnen Husern der Gemeinde die Kinder getauft
wurden, ging die Arbeit oft ber sein Vermgen, und ein ernstes
Halsleiden zeigte seine ersten Spuren. So entschlo man sich, die
eingegangene zweite Pfarrstelle wieder aufleben zu lassen. Der
erste, der fr die neu zu besetzende Stelle eine Gastpredigt hielt,
war der bisherige Gassenkehrer-Pastor aus Paris. Als er auf die
Kanzel kam und, wie das seine Art war, seine klaren, dunklen Augen
durch die ganze Kirche wandern lie, stie einer von denen, die oben
auf der Mnner-Prieche saen, seinen Nachbar an und sagte leise:
Wenn wir den doch zum Pastor bekmen! Den Mann hat man ja lieb,
noch ehe er ein Wort gesprochen hat.

Und so kam es. Im Frhjahr 1864 nahmen Bodelschwinghs, nicht ohne
heie Trnen der ganzen Gemeinde, von ihrem kleinen Hgel in Paris
Abschied und zogen mit ihrem Erstgeborenen in das Pfarrwitwenhaus
von Dellwig ein. Mit dem Aufhren der zweiten Pfarrstelle war auch
eines der beiden Pfarrhuser, das oben neben der Kirche gelegen
hatte, verkauft worden. Das Pfarrwitwenhaus aber, worauf seit langem
keine Witwe Anspruch erhoben hatte, war fr die Zwischenzeit einem
Schweinehndler berlassen gewesen. Seine Fachwerkwnde waren zum
Teil schon sehr windschief, und der Lehm war an manchen Stellen
herausgefallen. Aber zum Einzug des neuen Pfarrers wurde das Haus,
so gut es nur irgend ging, hergerichtet. Immerhin mochte es damals
wohl das bescheidenste Pfarrhaus sein, das in der ganzen Grafschaft
Mark zu finden war. Aber gegenber den engen Stbchen des Pariser
Holzhauses bedeutete es doch eine Verbesserung. Nach vorn, wo die
Brcke ber den Dorfbach auf die Strae und zum Haus von Pastor
Philipps fhrte, lag ein kleines Blumengrtchen, hinter dem Haus
aber und zur Seite erstreckte sich ein schner Obstbaumhof. Dort lag
auch die Scheune, wo die Pfarrkuh ihren Platz hatte.

Es war eine kstliche Zeit der Stille, die Bodelschwingh und seine
Frau nach der heien Pariser Arbeitszeit in den ersten Jahren in
Dellwig verlebten. Man sprt es den Briefen der Pastorin, die aus
der damaligen Zeit erhalten sind, ab, wie sie in dieser lndlichen
Zurckgezogenheit aufatmete und wie auch ihr Mann, auf dem die Not
der Weltstadt und der tgliche Anlauf bisweilen schwerer gelastet
hatten, als er selbst es zugeben wollte, heiterer und mitteilsamer
wurde. Er konnte wieder ein wenig studieren, er konnte auch bei
seinem lebendigen Teilnehmen an allen Geschehnissen wieder die
Kreuzzeitung lesen, und oft sa seine Frau bei ihm auf seinem
Zimmer, whrend ihr Mann ihr vorlas. Sonnabends aber brauchte er
nicht, um sich auf den Sonntag vorbereiten zu knnen, auf die
unruhigen Straen von Paris zu flchten, wo er doch immer noch
ungestrter gewesen war als auf seinem berlaufenen Stbchen im
Hgelhaus, sondern er konnte in die Hulmke gehen, einen schnen
stillen Eichenwald, der sich damals noch an der Ruhr entlangzog, und
seiner Gewohnheit nach, ohne Feder und Tinte zu Hilfe zu nehmen,
seine Predigt meditieren.

Lieblich blhte das Familienleben auf. Zu dem kleinen Ernst gesellte
sich noch eine Elisabeth, ein Friedrich und ein Karl. Von Velmede
her kam zu Wagen die alte Mutter mit ihrer Tochter, der Tante
Frieda, gefahren, und von dem noch nheren Heide stellten sich die
Eltern und Geschwister der Pastorin ein, um sich an dem reichen
Glck mitzufreuen, das sich in dem Witwenhaus von Dellwig
entfaltete. Und als zum ersten Dellwiger Geburtstag der Pastorin als
Geschenk ihres Vaters gar ein Paar Ponys vor der steinernen Treppe
standen, die ins Haus hineinfhrte, gab es manche erquickliche Fahrt
zu lieben Verwandten und Nachbarn in der Nhe und Ferne. Auch die
alten Pariser Freunde und Mitarbeiter stellten sich ein, bald
einzeln, bald zu zweien und dreien. Sie freuten sich, in dem
stillen Pfarrhause fr eine Weile dem Getriebe der Weltstadt
entrckt zu sein, und zogen auch wohl mit hinaus in eines der
Eichengehlze des Ruhrtales, um an den Rasenabhngen zu lagern,
whrend die Kinder die Abhnge hinunterkullerten und Blumen,
Erdbeeren und Brombeeren fr Eltern und Gste sammelten.

Wer aber heute durch die Gemeinde Dellwig wandert und nach den
frheren Pastorsleuten fragt, den umfngt nicht nur wie aus weiter
Ferne ein Sonnenstrahl jenes glcklichen Familienlebens im kleinen
Pfarrhaus, sondern berall umtnen ihn die Erinnerungen an die
stille, ernste Arbeit, die alsbald von dem Pastor und der Pastorin
in Angriff genommen wurde. Die Verkndigung des Evangeliums war
schon in Paris der Mittelpunkt der Arbeit gewesen. So wurde nun auch
in Dellwig in Frh- und Hauptgottesdienst, in Christenlehre und
wchentlichen Bibelstunden der Same reichlich ausgestreut.

Noch heute erzhlt man sich in Dellwig von den Predigten, die durch
Gleichnisse und Erzhlungen fr das Verstndnis so sorgsam
zugerichtet waren und durch heiligen Ernst und lockende Liebe tief
in Herz und Gewissen griffen. Ich wei, wie euch zu Mute ist, ihr
lieben Dellwiger, ich habe ja selbst das Selaken auf dem Rcken
gehabt, sagte der Pastor wohl gelegentlich. Und wie es den
Bergleuten, die von Billmerich herunterstiegen, zu Mute war, wute
er auch. Hatte er doch einst wie sie im Scho der Erde vor Ort
gelegen. Die Konfirmanden und Katechumenen aber hatten den ersten
Platz in der Kirche; und noch findet sich in Dellwig manch sorgsam
geschriebenes Heft, worin die Konfirmanden am Sonntag nachmittag die
am Morgen gehrte Predigt eintrugen.

Treu teilten sich die beiden Kollegen in die Arbeit. Aber die
Krankheit von Pastor Philipps wuchs, und nach zwei Jahren konnte er
eines Sonntags nicht mehr. Sein Hals versagte den Dienst. Er merkte,
da es zum Sterben ging. Unvorbereitet mute Bodelschwingh statt
seiner auf die Kanzel. Er nahm den Text von den Vgeln und Lilien,
die nicht sorgen; und manches Auge in der Kirche wurde feucht, als
er so kindlich und zuversichtlich von der sieghaften Freudigkeit
sprach, mit der der sterbende Pastor dem Tode entgegengehen drfe,
und als er der Gemeinde schon jetzt die Frau und die Kinder ihres
Abschied nehmenden Hirten so eindrcklich ans Herz legte.

Fortan bis kurz vor dem Tode des langsam hinsterbenden Kollegen
findet sich in den Kirchenbchern keine Aufzeichnung mehr von
Bodelschwinghs Hand. Alle schriftlichen Arbeiten berlie er Pastor
Philipps. Er sollte die Freude der Arbeit bis zuletzt genieen. Und
wie froh war Bodelschwingh, nun die Feder ruhen lassen zu drfen!
Sie war ja nie seine Freundin gewesen, und manchen herben Tadel des
Superintendenten mute er einstecken fr Berichte, die dem Schema
der Kirchenordnung nicht entsprachen oder zu spt abgeliefert waren.
Freilich mahnte ihn Pastor Philipps wohl in heiterem Ernst, er
mchte doch wenigstens fr seine Predigt sich an Tinte und Feder
gewhnen, damit er Zeit und Ma besser innehalte. Du hast recht,
lieber Philipps, war dann wohl die Antwort, du hast recht. Ich
will mir auch Mhe geben. Aber es wird mir so sauer. Doch schon bei
nchster Gelegenheit stand er wieder in der Tr und bat: Ach,
Philipps, la mich fr meine Predigt ein bichen in deinen Kuhkamp
laufen! Ich kann von meiner Pariser Art noch nicht lassen.

Kaum einen weiteren Weg aber machte er in die Gemeinde, ohne vorher
bei seinem kranken Kollegen einzukehren und mit ihm zu berlegen.
Auf dem Rckweg sprach er wieder vor, um ihm von seinen Wegen durch
die Gemeinde zu berichten. Die Kinder des Philippsschen Hauses aber
wissen sich noch zu erinnern, wie sein Rock einmal, als er in ihr
Haus kam, ganz mit Holzfasern bestreut war. Whrend sie ihn
abbrsteten, lieen sie ihm keine Ruhe, bis er gestand, woher die
Fasern kamen.

Er hatte eine alte Frau getroffen, die sich mhsam mit ihrem
Holzbndel schleppte. Da hatte er nicht nachgelassen, bis sie ihm
ihr Bndel abgab und er es ihr nach Haus trug. Aber es war ihm
schrecklich, wenn aus dergleichen etwas gemacht wurde. Das verstand
sich ja fr ihn von selbst; und noch heute erzhlen die Leute von
Dellwig, da er berall, wo er jemand unter einem Sack oder irgend
einer andern Last mhsam dahingehen sah, mit zufate und nicht eher
nachgab, bis der andere sich helfen lie.

Aber es gab schwerere Lasten zu tragen als Holzbndel und Mehlscke.
Der Mrker ist aus hartem Holz gemacht. Einer, der ihn kennt, sagt
von ihm: Er schreibt seinen Ha oben in sein Hypothekenbuch, und
dieser Ha mu von Kind auf Kindeskind fortgeerbt werden.
Unermdlich war darum Bodelschwingh bemht, solchen Ha, wie er ihn
in Dellwig reichlich vorfand, im Keime zu ersticken. War der Termin
fr die streitenden Parteien vor dem Gericht zu Unna schon
angesetzt, so kam es fter vor, da Bodelschwingh durch einen Brief
oder einen persnlichen Weg zum Gericht einen Aufschub erwirkte.
Dann benutzte er die Zwischenzeit, um Frieden zu stiften.

Einmal sah man ihn vom Mittag bis zum Abend an der Arbeit, um mit
langen Bohnenstangen, an denen weithin sichtbare Papierstreifen
flatterten, eine strittige Grenze festzustellen. Aber als der Abend
kam, war man sich noch nicht einig, und Bodelschwingh sagte: Leute,
wenn wir uns aufs Recht steifen, kommen wir nicht zum Ziel; wir
mssen den gtlichen Weg nehmen. Und wirklich, die Leute gaben nach
und vertrugen sich.

Zwei andere Nachbarn stritten um eine Eiche, die auf der Grenze
stand und 30 Taler Wert hatte. Ehe entschieden war, wem der Baum
gehre, lie der eine, der ein besseres Anrecht zu haben glaubte,
die Eiche schlagen. Natrlich war dadurch der Kampf aufs uerste
verschrft. Was tun? Bodelschwingh schickte seinen Wagen und lie
die Eiche auf den Pfarrhof bringen, wo gerade das neue Pfarrhaus im
Bau begriffen war. Dann ging er zu den Streitenden und bat sie,
jeder von ihnen mchte ihm sein Anrecht an die Eiche zu Gunsten des
Pfarrhausbaues abtreten. Die beiden erklrten sich mit dieser
hheren Gerechtigkeit einverstanden. Obgleich keiner auch nur einen
Pfennig Geld bekam, war doch im Grunde die Eiche noch gut bezahlt,
da jeder von beiden nun die weiteren Prozekosten gespart hatte.

Auch von der Kanzel griff er in die jeweiligen Zwistigkeiten der
Gemeinde ein. Zwei Hfe in Altendorf, die nach Dellwig eingepfarrt
waren, lagen in Streit. Die eine Partei des Dorfes stand fr diesen
Hof, die andere fr den andern. Eide ber Eide wurden geschworen. Da
rief er von der Kanzel herunter, da es den Leuten noch nach
Jahrzehnten in den Ohren klang: Schmt ihr euch nicht, ihr
Altendorfer? Und auch hier gelang es ihm ber Jahr und Tag, dem Ha
der streitenden Parteien wenigstens die schrfsten Spitzen
abzubrechen. Denn seine Liebe hatte schon damals eine Geduld und
eine Glut, denen nur ein ganz verhrteter Sinn auf die Dauer
widerstehen konnte.

Diese Glut konnte gelegentlich auch in hellem, heiligem Zorn
auflodern. Es war eine sogenannte Gebehochzeit in der Gemeinde
gewesen, bei der es, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ganz
besonders ausgelassen und wst zugegangen war, weil E- und
Trinkvorrte als Gaben der einzelnen Festteilnehmer herbeigeschleppt
wurden. Bodelschwingh und seine Frau hatten getan, was sie konnten,
um das Brautpaar zu bewegen, eine stille Hochzeit zu feiern.
Umsonst. Das Fest ging in der gewohnten ppigen Weise vor sich. Auch
der Sohn einer Witwe nahm daran teil. Als er am Morgen in
jmmerlichem Zustande nach Hause kam, gab es einen heftigen
Zusammensto zwischen Mutter und Sohn. Der Sohn verlie das Haus und
kam nicht wieder. Als er am Abend noch nicht zurck war, machte sich
seine Mutter auf, um ihn zu suchen, und fand ihn erhngt im Holze.
Die Nachricht eilte durchs Dorf. Bodelschwingh war aufs tiefste
erschttert. Er litt mit der unglcklichen Mutter, als wenn er das
Schreckliche an seinem eigenen Kinde erlebt htte.

Noch stand die Leiche ber der Erde, als in der Nhe des
Trauerhauses ein Richtfest mit dem blichen Lrm und Branntweingenu
gefeiert wurde. Bodelschwingh hrte den Lrm, nahm seinen Stock,
strzte, aufs tiefste verwundet, zu der lrmenden Schar und rief:
Whrend die Witwe ber den Tod ihres Sohnes verzweifelt, seid ihr
hier am Tollen? Ich schlage jeden nieder, der nicht sofort nach
Hause geht. Die Kinder, die ihren Pastor nie so gesehen hatten,
kletterten, so schnell sie konnten, ber die Hecke und suchten das
Weite. Die jungen Burschen drckten sich still davon, nur einer
sagte im Davonschleichen: Herr Pastor, man lebt doch nur einmal.
Daran knpfte Bodelschwingh am nchsten Sonntag an: Man lebt nur
einmal, aber -- man stirbt auch nur einmal. Und dann gab es eine
Predigt, die bei vielen den Grund der Seele traf und noch durch
Jahre nachklang.

Im Anschlu an dieses Ereignis fhrte Bodelschwingh einen Beschlu
des Presbyteriums herbei, wonach jedem Brautpaar die Trauung versagt
wurde, das sich nicht vorher verpflichtete, auf eine Gebehochzeit
zu verzichten. Auch sonst hielt er das Presbyterium an, von seinen
Pflichten und Rechten in bezug auf die Zucht der Gemeinde
nachdrcklich Gebrauch zu machen. Einen notorischen Trinker schlo
das Presbyterium vom Abendmahl aus, und ber zwei streitende
Nachbarn, die sich nicht vertragen wollten, wurde derselbe Beschlu
verhngt. Aber nur im uersten Notfall schritt Bodelschwingh zu
solchen Maregeln. Er erwartete berhaupt nicht viel von ihnen, wenn
nicht gleichzeitig treue Liebe den also Gemaregelten zu Hilfe kam.

Da die Beichte am Sonnabendnachmittag stattfand, das Abendmahl aber
erst am folgenden Sonntag, so benutzte Bodelschwingh die
Zwischenzeit, um den einzelnen Abendmahlsgsten nachzugehen. Er sah
sich dann gern nach besonderer Gelegenheit um, damit er die
Betreffenden, auf die er es abgesehen hatte, wie zufllig auf dem
Felde oder bei der Arbeit trfe, um sie nicht vor ihren Hausgenossen
und Nachbarn zu beschmen. So ging er auch einer Frau nach, die in
der Beichte gewesen war und von der er wute, da sie in
unvershntem Streit mit ihrer Nachbarin lebte. Er traf sie drauen
bei der Arbeit. Sie wies ihn schroff ab; sie habe jetzt keine Zeit.
Dann wolle er warten, bis sie Zeit htte; ob er sich so lange auf
die Bank vor das Haus setzen drfe. Das konnte sie ihm nicht
abschlagen. Er hielt aus, bis sie ihn anhrte und bis er auch zu der
Feindin gegangen war und die Vershnung zustande gebracht hatte.

Einmal freilich wurde er bei einem solchen Friedenswege von einem
Trinker zur Tr hinausgewiesen. Er gab, um den Mann nicht zu reizen,
fr den Augenblick nach, ging aber nach einer Weile zur Niedertr,
wie man in Dellwig den zweiten Eingang ins Haus nennt, wieder
hinein, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Er bekmpfte das Bse am liebsten dadurch, da er so wenig wie
mglich davon sprach und statt dessen das Gute an seine Stelle
setzte. Dabei half ihm seine Frau treulich. Sie begleitete ihn am
Sonntagnachmittag auf die Kindtauffeste, auf denen bis dahin noch so
manche Unsitte herrschte. Oft ging die Pastorin auch allein in die
Huser, und ihr schlichtes, heiteres und doch so entschlossenes Wort
fand manche gute Sttte. In der Woche aber versammelte sie die
Frauen und Tchter der Gemeinde um einige groe Kannen Kaffee und
einige Teller mit Zwiebcken und nhte mit ihnen zusammen fr die
Armen und die Kinder ihrer frheren Pariser Gemeinde.

Als Pastorin der Gemeinde bewhrte sie sich besonders whrend der
Kriegszeiten 1866 und 1870, wo ihr Mann als Feldprediger bei der
Truppe war. In den einsamen und bangen Monaten waren ihr die
regelmigen Briefe ihres Mannes, durch die er sie in der Form eines
Tagebuches an allen kleinen und groen Erlebnissen eingehend
teilnehmen lie, ein trstlicher Ersatz.[1]

  [1] Siehe die Tagebuchaufzeichnungen aus dem Feldzuge 1870 von
      F. v. B., 1896, Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

In beiden Feldzgen war er den westflischen Infanterie-Regimentern
Nummer 15 und 55 zugeteilt, zu denen im Jahre 1870 noch das
8. westflische Husarenregiment hinzukam. Den Wagen, der zu seinem
Dienstaufwand gehrte, benutzte er nie, sondern stellte ihn stets
den Verwundeten, Kranken und Schwachen zur Verfgung. Er selbst war
immer zu Pferde. Es gibt noch eine Zeichnung von der halbgebten
Hand eines Fnfzehners, die den Feldprediger darstellt, wie er unter
den einschlagenden Granaten den Schtzengraben entlang reitet, um
den Kmpfenden Zuspruch zu bringen.

Fr Freund und Feind sorgte er whrend der Feldzge ohne jeden
Unterschied, wo er nur konnte. Wie mancher einsamen Franzosenfrau,
an deren Nahrungsmitteln sich die hungernden Soldaten schadlos
halten muten, hat er aufs sorgsamste den Requisitionsschein
ausgestellt! Fr das schne Kloster Peltre, das im Belagerungskampf
vor Metz dem Feinde immer wieder Rckhalt bot und darum in Flammen
aufgehen mute, sammelte er in seiner Gemeinde Dellwig eine
Kollekte, die dem Wiederaufbau des Klosters zugute kam.

Im Rckblick auf seine Kriegserlebnisse vor Metz schrieb er in sein
Tagebuch aus dem Jahre 1870: Es ist ein zweifaches Bild, das sich
meinen Augen darstellt. Das erste ist ein schmerzliches. Reichlich
zwei Meilen weit im Umkreise von Metz ist ein Gottesgarten in eine
Wste verwandelt. Alle cker liegen unbestellt, und wo sie nicht
gnzlich zertreten sind, sind sie hoch mit Unkraut bewachsen. Ein
ganzer Grtel von Drfern und Schlssern, der zwischen den
kmpfenden Armeen liegt, ist niedergebrannt, alles Vieh ist
geschlachtet oder weggetrieben, alles Futter und Korn ist aufgezehrt
oder in den Lagersttten verdorben. Die Bume, auch die schnsten
Obstbume, namentlich in der Nhe von Metz, sind abgehauen und
verbrannt oder von den verhungernden franzsischen Pferden ringsum
abgenagt, und statt der fehlenden Weizensaat ist eine andere Saat --
eine groe Grbersaat -- berreich ausgestreut. Und nun erst die
Lazarette mit all ihren Schmerzensbewohnern. Metz selbst ist ein
einziges groes Lazarett und rings ein groer Grtel von mehr als
dreiig deutschen Lazaretten in den Ortschaften umher.

Dies ist die eine Seite des Bildes. Aber nun die andere Seite! Da
erscheint mir mitten in den verwsteten Leichenfeldern ein
Gottesgarten, viel schner als der, den die Kunst der Grtner und
die ppigkeit des Bodens und die Wrme der Frhlingssonne
heranreifen lt. ber all dem Greuel der Verwstung wlbte sich
Gottes Himmel, und dieser Himmel war uns in jenen Tagen so viel
nher als in Friedenszeiten. berall auf den Hhen der Berge und in
den Tlern, in Feldern und Wldern, in Wiesen und Grten war
allezeit unser Gotteshaus fertig. Dazu hatten wir sozusagen _alle_
Tage Sonntag. Und, was das Schnste war, es gab alle Tage Menschen,
die gern und willig ihre Augen aufhoben zu den Bergen, von denen uns
Hilfe kommt. Es gab, was so viel kstlicher ist als alle Blten der
Grten, hie und da aufrichtig bufertige Herzen, bufertige Mnner
und Jnglinge, die da gelobten, fortan zu suchen, was droben ist,
und nicht, was auf Erden ist.

Ich habe in jenen heien Augusttagen auf den steinharten
ausgetrockneten Boden nicht nur Blutstropfen, sondern auch Trnen
fallen sehen, die kstlicher und fruchtbarer sind, als aller Tau des
Himmels. Ich wei, da mehr wie ein verlorener Sohn gesprochen hat:
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen. Da ist kaum ein
Pltzchen in jenem breiten Umkreis, wo unsere Truppen gekmpft und
geharrt haben, das nicht von Gebeten und Seufzern und Lobgesngen zu
sagen wei, die zu Gott emporgesandt worden sind.

Als der Friede geschlossen war, wurde auf dem Kirchplatz von Dellwig
die Friedenseiche gepflanzt, und die Festversammlung sang nach der
Weise Erhebt euch von der Erde:

    Ich hre Glockenklnge,
    Ich sehe Fahnen wehn
    Und mitten im Gedrnge
    Den schnen Eichbaum stehn.
    Was hat das zu bedeuten?
    Es ist mir wie ein Traum --
    Das ist ja Friedensluten!
    Das ist der Friedensbaum!
    Hier stehet die Gemeine,
    Die Eiche pflanzt sie ein,
    Die soll fr Gro' und Kleine
    Ein edles Denkmal sein.

Dann zog alles auf die Wilhelmshhe hinauf. Da gab es Kaffee und
Kuchen und auch manches gute Lied und manches gute Wort. Noch lange
Zeit hindurch hat sich von Mund zu Mund das eine oder andere Lied in
der Gemeinde erhalten, das der Pastor zu solchen frohen, harmlosen
Festfeiern dichtete. Er ritt mit den Kindern Steckenpferd und jagte
mit den jungen Burschen hinter dem Fuball her. Von Anfang aber bis
zum Ende wurde Gott die Ehre gegeben, und alt und jung zog dankbar
nach Haus.

berwinde das Bse mit Gutem! Das war die Regel, durch die
Bodelschwingh auch des Treibens in der Neujahrsnacht Herr wurde. Die
halbwchsige Jugend des Dorfes sah es als ihr Vorrecht an, in dieser
Nacht vom Kirchturm herunter zu lrmen und bis zum Morgengrauen mit
der Glocke zu klppen. Mit einer Schar von Jnglingen, die der
Pastor zu einem kleinen Verein gesammelt hatte, stieg er kurz vor
Mitternacht in den Turm hinauf und sang, als die Mitternachtsglocke
schlug, vom Turm herunter: Wachet auf! ruft uns die Stimme.
Diesmal schien alles ruhig zu verlaufen. Aber die Strenfriede waren
unbemerkt durch die offen gebliebene Turmtr nachgeschlichen und
hatten sich in der Kirche versteckt, um, sobald die Snger den Turm
verlassen hatten, zu den Glocken hinaufzusteigen und den gewohnten
Lrm aufs neue zu beginnen. Bodelschwingh aber drang mit einigen
handfesten Burschen abermals in den Turm und nahm die Lrmmacher so
ernst ins Gebet, da von da ab jede Neujahrsnacht statt unter dem
blichen Skandal mit den schnen Liedern begonnen werden konnte, die
vom Turm herunter in die stille Gemeinde schallten.

So nahm er berall mit groem Ernst den Kampf gegen das Bse auf.
Ohne Niederlage ging es dabei freilich nicht ab.

Einhundert und einen Soldaten mute Dellwig 1870 ins Feld ziehen lassen.
Vor dem Auszuge rief Bodelschwingh noch einmal die ganze Gemeinde zur
entschlossenen Umkehr zu Gott und gelobte dann in der gemeinsamen
Abendmahlsfeier mit allen 101 Ausziehenden, nach Sieg und Frieden und
glcklicher Heimkehr Gott die Treue zu halten. Nun war der Krieg
beendet. Der Kriegerverein hatte die Vereine der Nachbargemeinden zu
einem Fest auf die Wilhelmshhe geladen. Der Pastor sollte die Festrede
halten. Er erinnerte in der Vormittagspredigt an das Gelbde, das man
damals getan htte, und bat, diesmal von dem sonst blichen wilden und
ausgelassenen Feste abzustehen, damit nicht von den Dellwigern gelte,
was 5. Mose 32, 5. 6 geschrieben steht: Diese verkehrte und bse Art
fllt von ihm ab. Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder. Dankest
du also dem Herrn, deinem Gott, du toll und tricht Volk?

Bodelschwingh erklrte sich bereit, die Festrede zu halten, wenn er
nicht nur den Anfang, sondern auch den Schlu machen drfe. Mit
Freuden willigte man ein und versprach, die Feier um zehn Uhr enden
zu lassen. Das Fest begann so schn, wie man es sich nur wnschen
konnte. Aber als der Abend hereinbrach und die lteren Festgste
anfingen, sich zurckzuziehen, nahm das junge Volk die Zgel in die
Hand. Der wilde ausgelassene Tanz begann. berall erhitzte Worte und
erhitzte Gesichter. Die fr den Schlu verabredete Stunde kam, aber
der Vorstand mhte sich vergeblich, sein Wort einzulsen. So nahm
das Gelage seinen wsten Fortgang. Beschmt kam bald der eine oder
der andere an Bodelschwingh heran und bat, er mchte jetzt gehen; es
wre ja doch nichts mehr zu machen. Aber er blieb. Er sah, wie sich
von zwlf Uhr an das Zelt wieder zu fllen begann. Denn nachdem die
Eltern zur Ruhe gegangen waren, stiegen Kinder und Dienstboten
heimlich aus und eilten aufs neue zum Festplatz. Erst als der Morgen
herankam, begann sich die Menge zu zerstreuen, und hinter dem
letzten Mann her verlie auch er das Zelt.

Er hat es nie bereut, ausgehalten zu haben. Denn er hatte bei dieser
Gelegenheit in manche Schden des Gemeinde- und Familienlebens
tiefer hineingesehen als je vorher. Auch hielt er an der Hoffnung
fest, doch schlielich noch ber die verderblichen Ausartungen
derartiger Volksfeste Herr zu werden. Seine Abberufung nach Bethel
hinderte ihn an der Weiterarbeit. Doch blieb es bis zuletzt seine
berzeugung, da Landrat, Amtmann und Pastor nur dann an solchen
lndlichen Festen teilnehmen sollten, wenn sie entschlossen seien,
das Fest bis zu Ende mitzumachen. Sonst wrde ihr Erscheinen nur gar
zu leicht zu einem Deckmantel fr nchtliche Ausschreitungen
schlimmer und schlimmster Art.

Desto frhlicher wurde auf derselben Wilhelmshhe das Missionsfest
gefeiert, das Bodelschwingh schon im ersten Jahre, nachdem er nach
Dellwig gekommen war, eingerichtet hatte. Von einem Jahr zum andern
stellten sich immer grere Scharen zu Fu und zu Wagen von nah und
fern dazu ein, und whrend bis dahin die Synode Unna nur ein
einziges Missionsfest feierte, hatte bald jede Gemeinde ihr
besonderes Fest. Die gastlichen Dellwiger nahmen schon am Vormittag
die Festbesucher in ihren Husern auf, um dann den Nachmittag ber
oben auf der Wilhelmshhe sich mit ihnen zu erquicken. Bis in sein
hohes Alter hinein hat Bodelschwingh, so oft er nur konnte, dieses
Missionsfest besucht und manch frohes Wiedersehen mit seinen alten
Gemeindegliedern gefeiert.

Alle freie Zeit aber, die ihm die Gemeindearbeit lie, widmete er
neben dem Schifflein Christi, das ber die Pariser Arbeit
berichtete, dem Westflischen Hausfreund, den er ein Jahr nach
seinem Antritt in Dellwig begrndete, um jede Woche einmal gesunde
Kost in die Huser zu tragen als Gegengift gegen die verderblichen
Einflsse einer gottfremden Presse. An Feinden fehlte es freilich
nicht.

    Unser Hausfreund Bodelschwingh,
    Der liebe Bruder Kieserling,
    Velsen I und Velsen II,
    Selbst die Philipper sind dabei.

           *       *       *       *       *

    Zur Nieden und Herr Ptter,
    Nehmt alle zwlf ihr: Gtter!

So spottete man wohl auf die zwlf Mitarbeiter des Blattes.

Aber je mehr man spottete, desto mehr kam der Hausfreund unter die
Leute und desto trefflichere Mitarbeiter kamen zu jenen zwlf hinzu,
um Beitrge fr das Blatt zu liefern. Der geistreiche Pastor Niemann
in Hamm, hernach Konsistorialrat in Mnster, und nach ihm Pastor
Ptter, der sptere Generalsuperintendent von Pommern, lieferten in
ihrer urwchsigen Weise den politischen Teil; Pastor Philipps hatte
das groe weite Reich der Natur und Geschichte zu bearbeiten.
Bodelschwingh selbst schrieb ber das Reich der Gnade und die Arbeit
dieses Reiches auf der ganzen Erde, whrend der ehrwrdige Pastor
von Velsen in Unna, Bodelschwinghs Konfirmator, der der Druckerei am
nchsten wohnte, die Drucklegung besorgte.

Immer gute Speise bot das Blatt, aber nicht immer dieselbe Speise.
Bald begann es mit einem politischen Artikel, bald mit der
Besprechung eines Bibelabschnittes, bald mit einem patriotischen
Lied, bald mit irgend einem andern Stoff. So wurde es auch fr
solche schmackhaft gehalten, die fr die innerste Richtung des
Hausfreundes noch kein Verstndnis hatten. Und mancher wurde auf
solche Weise, kaum da er es selbst merkte, dem verderblichen
Einflu der seichten Tagespresse entzogen.

Neben der regelmigen Redaktionsarbeit blieb auch andere Arbeit in
der Gemeinde nicht aus. Der Bahnbau Schwerte-Arnsberg machte es
ntig, da das Pfarrwitwenhaus mit seinen Grundstcken an die
Bahnverwaltung abgetreten wurde, und so entstand aus dem Erls, den
die Bahnverwaltung zahlte, auf der Hhe ber dem Dorf das neue
Pfarrhaus. Bodelschwingh lie es nicht zu, da auch nur ein einziger
Backstein dazu gekauft wurde. Vielmehr wurde der fr die Kellerrume
ausgeschachtete Lehm unter seiner Anleitung an Ort und Stelle zu
Backsteinen geformt und gebrannt.

Dann kam auch die Kirche an die Reihe. Ihr Inneres sah mit den
aufeinander getrmten Emporen und den engen, halb zerfallenen Bnken
einem Speicherraum hnlicher als einem Heiligtum. Dazu war auch der
Platz zu klein geworden. Darum ging Bodelschwingh, als der Friede
geschlossen war, von Haus zu Haus, um die Gemeindeglieder zu einem
frhlichen Dankopfer fr den Kirchenbau zu ermuntern. Er trug ein
Buch bei sich, worin er die Namen der 400 selbstndigen
Gemeindeglieder verzeichnet hatte. Jeder Name hatte seine eigene
Seite. Darauf trug er die Summe ein, fr die der einzelne sich auf
drei Jahre hinaus verpflichtete. Aber keinem sagte er, wieviel der
andere geben wollte. Es war alles auf Freiwilligkeit gestellt.

Es galt, neben dem Chorraum nach rechts und links zwei Flgel
anzubauen. Dazu muten erst die alten Grabsttten entfernt werden.
Alle Beteiligten gaben ihre Einwilligung dazu. Nur die Familie von
G., die ebenfalls an der Kirchenmauer eine Grabsttte und ein altes
Grabdenkmal hatte, mute kirchenordnungsgem noch befragt werden.
Da kein Mitglied der Familie mehr in der Gemeinde lebte, so erbat
Bodelschwingh durch eine ffentliche Anzeige in der Zeitung die
Erlaubnis zur Verlegung der Grabsttte. Aber statt der Erlaubnis
lief ein flammender Protest eines der Familienmitglieder ein, die
Grabsttte drfe unter keinen Umstnden beseitigt werden. Dennoch
stand am andern Morgen das Denkmal auerhalb des Platzes, der fr
den Neubau gerumt werden mute. Dort steht es noch heute, hart
neben dem uersten Eckpfeiler des neugebauten Seitenschiffes. Trotz
des Protestes hatte Bodelschwingh es stillschweigend bei Nacht
wegrcken lassen.

Nun konnte es also an die Ausschachtung gehen. Viele alte Gebeine
kamen zum Vorschein. Der Pastor stieg selbst hinunter und fing an,
die Knochen in einen Korb zu lesen. Dann griffen auch die
Konfirmanden mit zu, und ein Korb voll gesammelter Knochen nach dem
andern wurde unter stillem Gebet drben auf dem neuen Kirchhof, zu
dem der schne Rundbogen ber den Talweg hinberfhrte, noch einmal
bestattet.

Ein Steinbruchbesitzer gab seinen Steinbruch frei, alle fr den Bau
ntigen Steine daraus zu holen. Die Bergarbeiter aus Billmerich und
andere Hilfskrfte brachen in ihrer freien Zeit und ohne
Entschdigung die Steine. Die Bauern aber schafften mit ihren
Gespannen die Steine herbei. Es war nicht immer leicht, sie zu den
freiwilligen Fuhren zu bewegen, und mancher verschwor sich: Wenn
heute der Pastor kommt, schlage ich es ihm ab. Aber wenn er kam und
bat, konnte ihm doch keiner widerstehen.

Noch lange nachher erzhlte einer: Man stand sich immer gut, wenn
man tat, worum Bodelschwingh bat. Nach langer Regenzeit wollte ich
am nchsten Tage, weil sich das Wetter endlich gebessert hatte,
Weizen einfahren, der aber noch recht feucht war. Da kam der Pastor
und bat um meine Pferde. Ich konnte ihm die Bitte nicht abschlagen
und fuhr, weil die Mauerleute an der Kirche sonst keine Arbeit
hatten, zwei Tage Ziegelsteine. Whrend dieser zwei Tage klrte sich
das Wetter auf, soda ich den Weizen schner einbekam als alle
andern.

Von zwei verfeindeten Nachbarn hatte der eine einen schnen Haufen
Steine auf seinem Hofplatz liegen. Er schenkte sie dem Pastor zum
Kirchbau. Aber fahren konnte und wollte er sie nicht. Auch litt er
nicht, da sein Feind, der Nachbar, auf seinen Hofplatz kam, um sie
mit seinem Gespann abzuholen. So spannte Bodelschwingh seine beiden
Ponys an und fuhr die Steine von dem hochgelegenen Hofplatz
herunter. Unten aber standen die Pferde des Gegners und schafften
die Fuhre weiter. Da mute auch der Feind, der von seinem Hause her
zusah, lachen, und sein Lachen war der Anfang zum Frieden mit seinem
Nachbar. Waren aber die Steine auf dem Kirchplatz, so sprang der
Pastor auf den Wagen und reckte sie selbst auf das Baugerst empor;
dann griffen wie von selbst auch die andern zu. Auch die Kinder
kamen aus der Schule gelaufen, um mitzuhelfen. So stieg der Kirchbau
in die Hhe. Und wenn Bodelschwingh auch seine Vollendung nicht mehr
an Ort und Stelle erlebte, so findet sich doch im Protokollbuch der
Gemeinde im Jahre 1875 die Notiz: Die durch den Erweiterungsbau der
Kirche entstandenen Kosten sind nunmehr durch freiwillige Gaben der
Gemeinde gedeckt. Gott sei Dank!

Zwischen solchen irdischen Aufgaben ging der Strom der stillen
Gemeindearbeit ungehindert weiter. Am strksten flo er wohl im
Konfirmandenunterricht. Es wurde nicht viel aufgegeben, und der Kopf
wurde nicht berbrdet, desto tiefer aber wurde das Herz angefat.
Das 53. Kapitel im Jesaias erschtterte und erhob das Herz, schreibt
eine Konfirmandin, und die Auslegung von Phil. 2, 5-11: >Ein
jeglicher sei gesinnet wie Jesus Christus auch war!< ist mir nie aus
dem Gedchtnis gekommen. Luthers kleiner Katechismus wurde ganz auf
die Schrift zurckgefhrt, wie wir denn berhaupt mit der Bibel
vertraut wurden und sie handhaben lernten. Es war ein lebendiger
Austausch zwischen Pastor und Schler, oft so in die Tiefe fhrend,
da Zeit und Stunde darber vergessen wurden und wir statt zwei
bisweilen fast drei Stunden zu den Fen unseres geliebten Lehrers
saen. Zwischenein aber erzhlte er unermdlich von Paris und seinen
Gassenkehrern dort, soda uns das Herz brannte, auch einmal an andern
Mitmenschen zu arbeiten. -- Die Denksprche der Konfirmanden suchte
der Pastor mit besonderem Eingehen auf das einzelne Kind aus, soda er
noch nach Jahren daran anknpfen konnte, und mit eigener Hand schrieb
er den Spruch auf den Konfirmationsschein.

Den Alten, Kranken und Einsamen der Gemeinde aber galt sein liebster
Weg, und manch friedvolles Sterbebett erquickte ihn neben mancher
Enttuschung. Leben, Frieden und heilige Freude -- so heit es in
einem Brief -- erblhte berall, wo unser Pastor eingriff; an den
offenen Grbern besonders empfand man, als ob ein Strom des Lebens
von ihm ausging.

Auf den Wegen durch die Gemeinde gab er jedem, der darnach begehrte,
Rat nicht nur in Herzensangelegenheiten, sondern auch in irdischen
Dingen. Er selbst aber ging auch in allen uern Stcken mit gutem
Beispiel voran, und der heutige Pfarrwald mit seinem krftigen
Bestande ist ein Zeuge davon, wie trefflich der Pastor das irdische
Gut seiner Gemeinde verwaltete. Er wute alles, und er kannte
alles, sagt man noch heute in Dellwig, und man tat gut, seinem Rat
auch in irdischen Angelegenheiten zu folgen.

ber Dellwig lag ein Wiesental, das von einem Bach durchschnitten
wurde. Hier htte Bodelschwingh gar zu gern eine kleine Talsperre
errichtet, um die darunter gelegenen Wiesen regelmig zu berieseln.
Aber diesmal gelang es ihm nicht, die Anlieger, denen die Talsperre
zugute gekommen wre, unter einen Hut zu bringen. Doch schafften
auch solche rein uerlichen Bemhungen seiner innersten Arbeit in
der Gemeinde besonderen Nachdruck. Da er auch im Irdischen alles so
grndlich erfate, gab seiner Predigt und Seelsorge doppelte Kraft
und immer tieferes Vertrauen.

Zwischen den Pastoren und Lehrern der Gemeinden, die Dellwig
benachbart waren, schuf Bodelschwingh eine Zusammenkunft, und auf
der Synode war er immer bemht, den Wagen des kirchlichen Lebens in
eine etwas schnellere Gangart zu bringen und neue Anregung zu geben.
So drckte er bei einer Synodalversammlung seinem Freunde, Pastor
Buschmann, das mrkische Gesangbuch in die Hnde, das so viele
verunstaltete und verwsserte Lieder enthielt. Buschmann mute ein
verflschtes Lied nach dem andern vorlesen, whrend Bodelschwingh
gegen jeden Vers des bisherigen Liedes den ursprnglichen Vers
setzte und so einen krftigen Ansto gab zur Einfhrung des neuen
Gesangbuches, wie es jetzt die Gemeinden von Rheinland und Westfalen
besitzen.

Aber so reich an Arbeit das Leben in Dellwig auch war, noch reicher
an Leid wurde es. Whrend Bodelschwingh im Sommer 1866 als
Feldprediger bei der Main-Armee stand, erhielt seine Frau die
Nachricht, da von ihren vier Brdern, die bei Kniggrtz
mitgefochten hatten, einer gefallen, ein zweiter verwundet war. Und
als auch von diesem zweiten nach vierzehn Tagen die Todesnachricht
kam, da war es doppelter Balsam, als unvermutet der Schritt ihres
Mannes vor der Tr hallte, der, um seine Frau zu trsten, fr einen
kurzen Urlaub herbergeeilt war.

1867 starb Pastor Philipps. Immer reicher und lieblicher hatte sich
von Jahr zu Jahr der Verkehr zwischen den beiden Pfarrhusern
gestaltet. Es gab keine Freude, die nicht miteinander geteilt wurde,
und die Philipps- und Bodelschwinghs-Kinder hatten in beiden Husern
und den zugehrigen Grten ihr gemeinsames Kinderparadies. Auch
mancher gemeinsame Spaziergang wurde unternommen, wobei
Bodelschwingh mit einer Schferschppe den Kindern Blumen ausgrub,
damit sie sie in ihre kleinen Grten pflanzten. Noch manchmal saen
die beiden Freunde nebeneinander und erquickten sich gegenseitig im
Vorblick auf das unvergngliche Reich, bis der Tod kam und die
Kinder der beiden Pfarrhuser in kindlicher Harmlosigkeit um die
blumengeschmckte Leiche des Pastors Philipps spielten.

Auf dies friedvolle Sterben aber folgte der erbitterte Wahlkampf um
den Nachfolger. Seit alter Zeit bestanden zwei Parteien in der
Gemeinde, und jedesmal bei einer Pfarrwahl entbrannte der
Parteikampf von neuem. Dieses Mal steigerte er sich zu ungeahnter
Heftigkeit. Jede Partei stellte einen trefflichen Mann auf, soda es
eigentlich ein leichtes htte sein mssen, sich auf einen der beiden
zu einigen. Aber das duldete die Parteiehre nicht. Man ging so weit,
da ein Jude gedungen und mit Geldmitteln versehen wurde, der in der
Stille unter den Mitgliedern der Kirchenvertretung fr den einen und
gegen den andern Kandidaten arbeiten mute.

Als der Wahltag kam, war die Erregung der Gemeinde schon bis aufs
hchste gestiegen. Nicht nur die kirchlichen Vertreter, sondern auch
ein groer Teil der Gemeindeglieder versammelten sich in der Kirche,
wo der Superintendent die Wahl leitete. Unter lautloser Spannung
wurden die Wahlzettel gezhlt. Es ergab sich Stimmengleichheit: 15
gegen 15. So mute gelost werden, und das Tchterchen von Pastor
Philipps griff in den Hut und zog den Namen Lange. Da ging ein
Tumult in der Kirche los. Anhnger beider Parteien strzten auf den
Turm. Die Unterlegenen schlugen die Feuerglocke, die andern die
Totenglocke. Etliche drehten ihre Jacken um und zogen durchs Dorf
und bis ans uerste Ende der Gemeinde zum rger fr die, die
gleichsam ihre Jacken gewendet hatten, indem sie bei der Wahl
umgefallen waren und einem andern ihre Stimme gaben, als sie
ursprnglich zugesagt hatten.

Bodelschwingh aber, der sich der Stimme enthielt, hatte gerade so
die Niederlage der einen Partei bewirkt. Darum wandte sich die Wut
der Unterlegenen auch gegen ihn. Am Abend des Wahltages flogen ihm
durchs Fenster Steine ins Haus, soda der Topf auf dem Herde
zersprang und die Suppe in das Feuer flo. Denjenigen aber, von
denen man mit Bestimmtheit annahm, da sie sich durch Geld htten
bestechen lassen, wurden noch denselben Abend als Anspielung auf die
dreiig Silberlinge des Judas dreiig Scherben vor das Fenster
gezhlt. Einer, dem man die Hauptschuld gab, wurde sogar von einem
gedungenen Bsewicht durch Monate und Jahre verfolgt und verleumdet,
soda man die Schuld an seinem Tode dem inneren Gram zuschrieb, der
ihn frhzeitig ins Grab gefhrt hatte.

Dann wurde Protest gegen die Wahl eingelegt, soda die Entscheidung
ein ganzes Jahr hingehalten wurde und Bodelschwingh die Last der
Gemeindearbeit weiter allein tragen mute. Ein halbes Jahr lang half
ihm der Hilfsprediger Strmer, von dem spter noch die Rede sein
wird, gegen ein Entgelt von fnfzig Talern, bis endlich Pastor Lange
besttigt wurde. Langes milde, treue Art lie ihm bald alle Herzen
zufallen, zumal ja berhaupt nicht eigentlich um seine Person,
sondern nur um die Parteiehre gekmpft worden war.

Kaum aber hatten sich die wildesten Wogen des Wahlkampfes gelegt, so
brach die dunkelste Zeit ber das Pfarrhaus in Dellwig herein. Im
Frhjahr 1868 war die heigeliebte jngste Schwester Bodelschwinghs,
Frau von Oven, ihren fnf kleinen Shnen entrissen worden. Aber
dieser Schmerz war nur das Vorspiel zu noch grerem Leid. Darber
heit es in dem von Bodelschwingh niedergeschriebenen Bericht Von
dem Leben und Sterben vier seliger Kinder:[1]

  [1] Der ungekrzte Bericht ist unter obigem Titel erschienen in der
      Schriftenniederlage der Anstalt Bethel.

Das Weihnachtsfest nahte heran. Frhlicher, erwartungsvoller als je
bisher hatten sich unsere Kleinen auf das frohe Kinderfest bereitet.
Wie freudig erklangen seit Wochen von ihren Lippen die Lobgesnge
dem Christuskinde entgegen! Selbst unser kleinster Sohn, der gerade
in dem lieblichen Alter stand, wo er seine ersten Lauf- und
Sprechversuche machte, konnte schon, wenn auch ohne Worte, in den
kindlichen Jubel einstimmen.

Welche Freudenstunde, die uns noch einmal mit diesen lieben Kindern
hienieden geschenkt wurde! Nur unser sonst so besonders frhliches
Ernstchen war am Weihnachtsfest schon viel stiller als die andern
Kinder. Er hatte seit einiger Zeit einen bsen Husten, der ihn an
das Haus fesselte. Sein letzter Ausgang war ein Liebesgang gewesen.
Die Mutter hatte ihm und Elisabethchen die Geschichte von den beiden
Kindern, die den Himmel suchen, vorgelesen, sie hatten mit
leuchtenden Augen zugehrt und sich darauf beide -- es waren etwa
zwei Tage vor Weihnachten -- allein aufgemacht, um einem schwer
kranken lieben Kinde in der Nachbarschaft, das sich auf den Heimgang
zum Himmel rstete, dies Bchlein als Weihnachtsgeschenk zu bringen.
berglcklich kehrten sie von diesem ihrem letzten Wege heim.
Ernstchens Husten stellte sich bald als Stickhusten heraus, und zwar
von sehr bsartiger Natur. Er fhlte sich binnen weniger Tage so
schwach, da er ganz das Bett hten mute. Er zeigte auch von
vornherein einen wehmtigen Ernst. Von Spielsachen wollte er nichts
mehr wissen, dagegen verlangte er immer wieder, da man ihm vorlesen
mchte, wobei ihm die ernstesten Geschichten die liebsten waren.
Ebenso bat er sich immer aufs neue aus, da die Morgenandacht an
seinem Bett gehalten werden sollte, und es war wehmtig anzuhren,
wie das Vaterunser, das von den drei ltesten Kindern gemeinsam
gebetet wurde, von ihm und gar bald auch von den andern beiden nur
noch mhsam mit zitternder Stimme gesprochen werden konnte, ja, wie
ein Stimmchen nach dem andern in der wachsenden Atemnot verstummte.

Der Arzt stellte fest, da bei Ernst eine Lungenentzndung hinzugetreten
und sein Zustand recht bedenklich sei. Die drei jngeren Kinder waren
inzwischen ebenfalls erkrankt, auch ihr frhlicher Jubel verstummte
schnell, und es zeigte sich, da bei ihnen der Stickhusten denselben
bsartigen Charakter annehme, indem heftige Fieber hinzutraten und die
Lungen angegriffen wurden. Whrend aber unser armer Ernst sehr groe und
lang anhaltende Schmerzen vor den Hustenanfllen zu leiden hatte, unter
denen er allmhlich zu einem rechten Leidensbilde zusammenschwand, so
war es den andern drei Kindern, wenigstens Elisabeth und Friedrich,
geschenkt, ohne besondere Schmerzen ihrer Todesstunde entgegenzugehen.

Unser lieber kleiner Friedrich, der mit seinem treuherzigen Wesen
und mit seinen tiefdunklen, fast schwermtigen Augen sich aller
Herzen stahl und der mit der ihm eigenen groen Entschiedenheit sich
lngst entschlossen hatte, er wolle Pastor werden, um Papa zu
helfen, machte den Vorgang unter der heimziehenden Schar. Ich werde
es nie vergessen, mit welch treuen Augen er in seinen gesunden Tagen
an des Vaters Lippen hing, um als der erste bei der Morgenandacht
mit krftiger Stimme sein Vater unser anzustimmen. Als seine
Mutter im Sptherbste leidend war und eine Zeitlang nicht zur
Morgenandacht kommen konnte, da bat er sich immer ein Lied aus: Fr
die liebe Mama! oder, was ihm auch besonders am Herzen lag: Ein
Lied fr die armen Heidenkinderchen. Sein Lieblingsvers in seiner
letzten Zeit, den er fter laut fr sich hersagte, war der letzte
Vers aus: Wachet auf, ruft uns die Stimme: Gloria sei dir gesungen
-- Mit Menschen- und mit Engelszungen, -- Mit Harfen und mit Zimbeln
schn! -- Von zwlf Perlen sind die Tore -- An deiner Stadt, wir
steh'n im Chore -- Der Engel hoch um deinen Thron. -- Kein Aug' hat
je gesprt, -- Kein Ohr hat je gehrt -- Solche Freude. -- Drum
jauchzen wir -- Und singen dir -- Das Halleluja fr und fr. Nun
durfte er als der erste sein himmlisches Gloria anstimmen und in die
Perlentore einziehen.

Gar bescheiden und still ging das liebe Kind in seinen Tod. Ein
Schlckchen Wasser, das war fast seine einzige Bitte, die er in den
letzten drei Tagen vorbrachte; freilich zuletzt fast jede Minute,
denn sein Durst war sehr gro. Er behielt seine Besinnung bis ans
Ende. Wie versuchte die Mutter, ihm noch die erkalteten Hndchen und
Fchen zu erwrmen, in der Hoffnung, es sei nur ein Krampf -- eine
Krisis. Wir beide waren allein an seinem Bettchen. Pltzlich hebt er
seine Augen auf gen Himmel, sie werden leuchtend, wirklich himmlisch
schn. Was siehst du, Friedemnnchen? fragt die Mutter. Keine
Antwort. Da brechen die Augen, und wir nehmen schon Abschied. Doch
nein, noch einmal schlgt er sie freundlich hell auf und bittet:
Mama, Scho! Die Mutter nimmt ihn auf den Scho, und die Trnen
flieen ihr ber die Wangen. Das sieht doch der Kleine noch, hebt
sein Hndchen auf, wie er so oft getan, die Trnen abzuwischen. Es
ist sein letzter Liebesdienst. Das kleine Haupt fllt vornber, und
noch keine Viertelminute ist vergangen, da sind die letzten schweren
Atemzge getan. Es war um elf Uhr nachts am 12. Januar.

Die Heimat, in die der kleine Pilgrim gezogen, war mit ihrem Frieden
auch uns nicht fern. Ich faltete ihm die lieben kleinen Hnde, und
die Mutter lie es sich nicht nehmen, ihm die letzten Liebesdienste
zu erweisen und ihm selbst das Sterbehemdchen anzuziehen. Dann
versammelten wir neben der lieben Leiche unser Haus, und Psalm 126:
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlsen wird machte die
mitternchtliche Trnenstunde zu einer Gnadenstunde, in der wir
schon etwas von der Freudenernte vorausnehmen durften.

Auch der erste Gang zum Grabe mit dem ersten geliebten Kinde wurde uns
Eltern ber Bitten und Verstehen erleichtert, nachdem uns Bruder Strmer
an dem offenen Sarge, worin die beraus liebliche Hlle, ganz wie ein
schlafendes Kind, in grnen Krnzen ruhte, das Wort Offenbarung
Joh. 7, 15-17 zum Pilgerstab gereicht hatte: Darum sind sie vor dem
Stuhl Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel. Und der auf
dem Stuhl sitzt, wird ber ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern
oder drsten; es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne oder irgend
eine Hitze. Denn das Lamm mitten im Stuhl wird sie weiden und sie leiten
zu den lebendigen Wasserbrunnen, und Gott wird abwischen alle Trnen von
ihren Augen. So wurde es uns geschenkt, auch in Hiobs Worte
einzustimmen, die uns Pastor Philipps aus Opherdecke am Grabe auslegte:
Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei
gelobt.

Ebenso lieblich war Elisabethchens Heimgang. Diese liebe einzige
fnfjhrige Tochter, ein Bild strahlender Freude und Gesundheit,
hatte ein gar zrtliches, sorgsames, williges Gemt. Der Mutter an
den Augen hngend, suchte sie ihr bereits mit tausend kleinen
Liebesdiensten an die Hand zu gehen in unermdlicher Geschftigkeit.
Rhrend, ja erbaulich war die Freundlichkeit und Herzensstille des
lieben Kindes bis zu ihrer Todesstunde. Kein Klageton kam ber ihre
Lippen. Wenn es ihr in ihrer Atemnot schwer wurde, so redete sie
sich selbst zu: So, so, nun ist's gut. Als in den letzten Tagen
ihr Stimmchen zu einem kaum hrbaren Lispeln zusammengebrochen war,
lag sie dennoch mit demselben freundlichen Gesichte da und
versicherte, so oft man sie fragte, wie es ihr gehe: Gut! Ja, als
sie nicht mehr sprechen konnte, nickte sie dem Fragenden diese
Antwort noch zu.

Es war in der Nacht vom 19. zum 20., da ich, an Ernstchens Bette
wachend, meine Frau rufen lie, weil ich glaubte, sein Todeskampf
sei angebrochen, wie es der Arzt bei jedem schweren Hustenanfall
erwartete. Statt seiner fhrt pltzlich Elisabethchen aus einem
leichten Schlummer, dem ersten seit drei Tagen, auf, versucht zu
husten, es gelingt nicht mehr, und augenblicklich bricht sie
zusammen, die Augen richten sich hellleuchtend himmelwrts, und der
Todeskampf ist da. In diesem Zustand, mitunter leise schlummernd,
aber mit glnzendem Angesicht, die Augen voll Klarheit der
zuknftigen Welt unverwandt gen Himmel gerichtet, aber fr diese
Welt ganz abgestorben, blieb sie bis fnf Uhr morgens, wo sie auf
des Vaters Scho die letzten bangen Atemzge aushauchte. Wir taten
ihr, wie bei unserm lieben Friedrich, die letzten Liebesdienste und
erquickten uns in der Morgenandacht an ihrem Bettchen mit dem
Evangelium von Jubilate, Joh. 16, 16: ber ein kleines. Schner,
als sie je im Leben gewesen, und wie pltzlich gereift zu einer
Jungfrau, als eine rechte Braut Christi, lag die liebe Tochter in
ihrem Todesschrein --, und der zweite Weg zum Friedhofe wurde uns in
gleicher Weise durch das verborgene Manna, das im gttlichen Worte
liegt, auf unbegreifliche Weise verst: Ps. 23; Jes. 40, 11; Joh.
10 am Sarge und 1. Kor. 10, 13 am offenen Grabe. -- O ja, ein treuer
Gott, dessen Verheiungen nicht Ja und Nein, sondern lauter Ja in
ihm und lauter Amen sind.

Eines besonderen Zwischenfalls mu ich hier Erwhnung tun. Wir
hatten einen sehr treuen und gewissenhaften Arzt, =Dr.= K., der auch
darin seine Gewissenhaftigkeit zeigte, da er uns die Todesgefahr
der Kinder nicht verheimlichte. Er hatte unser Ernstchen besonders
in sein Herz geschlossen und hrte gerne seinen kindlichen Reden zu.
Nun kam er einmal, da er allein an Ernstchens Bette gesessen, zu uns
in die andere Krankenstube und teilte uns mit sichtlicher Bewegung
mit, Ernst habe ihm erklrt: Du kannst mir mit deiner Medizin doch
nicht helfen, der liebe Gott mu mir helfen. Nicht ber Ernstchens
freimtiges Wort wunderte ich mich, sondern ber das Bekenntnis des
Arztes und noch mehr darber, da er in den folgenden Tagen das Wort
des Kleinen, wie ich nachher erfuhr, an einer ganzen Anzahl von
Krankenbetten wiederholt hatte, um das Vertrauen der Kranken von
sich auf den lebendigen Gott abzuleiten. Bei der groen
Verschlossenheit, die sonst =Dr.= K. im Gesprch ber gttliche
Dinge zeigte, und bei der Neigung zum Selbstvertrauen, das wegen
seiner groen Tchtigkeit und Tatkraft bei ihm verzeihlich war,
mute uns dies Benehmen sehr auffallen. Er hatte, als ich ihn vor
Elisabethchens Leiche fhrte, Trnen im Auge und lie sich mit
sichtlicher Rhrung Ernstchens mannigfache liebliche uerungen ber
den Tod und die selige Ewigkeit mitteilen. Es war sein letzter
Besuch. Als er sich am andern Morgen von seiner Wohnung wieder auf
den Weg zu seinen Kranken machte, vernimmt pltzlich sein Kutscher
das Klirren des Wagenfensters. =Dr.= K.'s Haupt hngt aus der
Fensterffnung heraus. Er ist eine Leiche. Der Schlag hat ihn
gerhrt, vermutlich, whrend er das Fenster zu ffnen versuchte.
Hatten vielleicht unseres heimziehenden Kindlein nach Gottes Rat
dazu dienen drfen, da dem im Irdischen so treuen Mann noch ein
Morgenglanz der Ewigkeit seine letzten Lebenstage erleuchtete?

An der Morgenrte, die er von seinem Bette aus sehen konnte, hatte
unser Ernstchen immer eine besondere Freude gehabt und gar oft sich
aufgerichtet, um ihren schnen Glanz zu bewundern, hatte auch ber
ihr Wesen und ihre Natur viele Fragen getan. Auch auf seinem
Sterbebette kam ein Freudenstrahl ber ihn, wenn die Morgenrte nach
einer bangen Schmerzensnacht auf sein bleiches Angesicht fiel. Und
wie anders verstanden wir jetzt unser Morgenlied, das wir auf seine
Bitte einige Male an seinem Bette anstimmten: Morgenglanz der
Ewigkeit, -- Licht vom unerschpften Lichte, -- Schick' uns diese
Morgenzeit -- Deine Strahlen zu Gesichte -- Und vertreib' durch
deine Macht -- Unsre Nacht! -- -- Leucht' uns selbst in jene Welt,
-- Du verklrte Gnadensonne, -- Fhr' uns durch das Trnenfeld -- In
das Land der sen Wonne, -- Da die Luft, die uns erhht, -- Nie
vergeht!

Unterschiedlich waren bei gleicher innerer Herzensstellung und
gleichem Frieden doch die uerungen der Kinder ber ihre Trennung
von uns und ber ihren Heimgang. Der kleine Friedrich, der Mutter
besonderes Trostkind aus der fr sie so schweren einsamen Zeit des
Kriegsjahres 1866, in dessen Anfang er geboren war, hatte sich denn
auch besonders fest an die Mutter geklammert, und sein einziger
Wunsch blieb: Bei Mama bleiben. Elisabeth hatte durchaus nichts
gegen das Sterben, das ihr ja ein gewisser Eingang zum Himmel war.
Aber Mama und Papa, die Geschwister und noch viele andere Lieben
sollten auch gleich mit. Ernst machte diese Bedingung nicht. Es war
merkwrdig, da dies lebensfrische Kind, das mit so natrlichem,
lebendigem Interesse auch an den Dingen dieser Welt und mit so
beraus inniger Liebe an Vater und Mutter hing, sich von vornherein
bei der ihm vorgelegten Frage, ob er lieber bleiben oder in den
Himmel gehen wollte, fr den zweiten Weg entschied, und man konnte
gewi sein, da er wute, was er sagte. Freilich, als ich ihm die
Geschichte von Gethsemane und des Heilandes dreifaches Gebet: Nicht
wie ich will, sondern wie du willst vorgelegt hatte, antwortete er
in der Folge bei hnlichen Fragen mit Magdalenchen Luther: Wie der
liebe Gott will. Indessen behauptete doch der paulinische Wunsch:
Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein, welches mir
auch viel besser wre das bergewicht in seinem Herzen. Am Abend
vor des kleinen Friedrichs Tode erklrte er unaufgefordert aufs
bestimmteste: Wenn Friedemnnchen diese Nacht stirbt, werde ich
doch nicht traurig sein, er hat es ja dann viel besser.

Ganz in diesem Geiste und mit der Wiederholung dieser Erklrung
nahm er dann auch die Todesnachricht hin. Und als ich in der
Todesnacht unserer lieben Elisabeth mich einmal mit der sterbenden
Tochter auf dem Scho neben ihn gesetzt hatte, soda er selbst in
das verklrte schne Antlitz seines Schwesterchens sehen konnte, da
erweckte in ihm ihr Scheiden keine Traurigkeit. Nur als er Trnen in
den Augen seiner Mutter sah, da fllten sich seine Augen auch mit
Trnen, denn er konnte die Mutter nie gut weinen sehen. Aber mit
einer Art von heiligem Unwillen strafte er sie: Was weinst du denn,
Mama? Du weit es ja doch, da es Lisabethchen viel besser bekommt.

Er und Elisabeth hatten sich ausgebeten, ihres kleinen Bruders
Friedrich Leiche noch einmal zu sehen. Als der offene Sarg
hereingebracht wurde, richteten sie sich mhsam in ihren Bettchen
auf, sahen still in das freundliche bleiche Antlitz und sagten dann
nur: Adieu, Friedemnnchen; aber Traurigkeit bemerkte man nicht.

Als aber nun auch Elisabeth abgerufen war und ihre Leiche vor dem
Wege zum Grabe aufs Ernsts Verlangen noch an sein Bettchen getragen
wurde und er ihr, selbst zum Tode matt, das letzte Lebewohl gesagt
hatte, da wurde sein Heimweh immer grer. Zwar willigte er wohl
noch ein, da er bleiben wollte, wenn die Mutter ihm vorstellte, da
der Vater doch an ihm einen Gehilfen haben mte, wenn er alt wrde,
und da der kleine Karl ja doch sonst ganz allein spielen mte. Als
aber nun vollends am nchsten Sonntagabend auch unser kleiner Karl,
der mit rhrender Stille seit vierzehn Tagen gekmpft hatte, ohne
einen Klageton von sich zu geben, sein freundliches kleines Haupt in
den Tod neigte und ich mir von Ernstchen, der mich in den letzten
Tagen nur ungern von seinem Bette lie, Urlaub ausbat, bis Karlchen
im Himmel sei, da rief er mit lauter Stimme und mit dem Ausdruck
tiefer Sehnsucht: Ich will auch mit, Papa! Wohin denn? Zu
Friedemnnchen und Elisabeth, lautete die Antwort. Von da ab klang
in mir aus der Seele des heimziehenden Sohnes das Wort Eliesers
durch und behielt die Oberhand ber alles natrliche Wnschen:
Haltet mich nicht auf, der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben,
und sein viel besser daheim sein bei dem Herrn, das er wiederholt
mit groer Bestimmtheit ausgesprochen hatte, wurde auch im eigenen
Herzen der berwiegende Wunsch fr den geliebten Sohn.

Es ist ja freilich in gewissem Sinne richtig, was ein treuer Freund
uns krzlich aus Paris schrieb, da der Herr die Kindlein krnt, ehe
sie gestritten, insofern als der Kampf des Fleisches und des Geistes
noch nicht zum rechten klaren Bewutsein gekommen ist. Aber ohne
Kampf geht es auch bei den Kleinen vor dem Sieg nicht ab.

Bei Friedrich und Elisabeth war der Streit zwischen Fleisch und
Geist in ihren gesunden Tagen doch schon sehr deutlich erkennbar,
und es hat ihnen manchen harten Strau gekostet, Eigensinn und
Selbstsucht niederzukmpfen. Es war uns aber eine Freude zu
bemerken, da gerade in den letzten Monaten solcher Kampf auch ohne
Strafe meist schnell und siegreich ausgekmpft wurde, wozu doch der
Geist der Gnade ntig ist.

Ernst aber vornehmlich hatte sein eigenes bses Herz recht viel zu
schaffen gemacht, und es war bei ihm auch bereits zum Bewutsein
gekommen, was Snde und was Gnade sei. Er kannte seine natrliche
Selbstsucht wohl, und es war rhrend zu sehen, wie er auf seinem
Sterbebette in den letzten Tagen nichts wollte fr sich aufgehoben
haben, sondern auch die schnsten Sachen immer gleich zum
Verschenken bestimmte und selbst sich eine besondere Freude daraus
machte, das aufgehobene Zuckerwerk, Bcher, Bilder und andere
Spielsachen auszuteilen. Es war uns aber doch auch dies trstlich,
da der kleine Streiter seinen Weg zum Vaterhause nicht auf seine
Gerechtigkeit hin wagen wollte. Als jemand uerte, Friedrich sei
immer so lieb gewesen und darum in den Himmel gekommen, da brachte
dies Wort einen Miton in ihm hervor, und er erinnerte daran, der
kleine Bruder sei doch auch sehr eigensinnig gewesen. Von ganzem
Herzen stimmte er ein, und ich sah, wie es ihn beruhigte, als ich zu
ihm sagte: Du weit ja wohl, warum wir in den Himmel kommen,
nmlich, weil der Heiland fr uns gestorben ist und uns unsere
Snden vergeben hat. Da nickte er mit tiefem Einverstndnis. Jeden
Sonntag lernte er bei seiner Mutter aus seiner Bibel einen
Wochenspruch. Als -- vor Weihnachten -- Psalm 103, 1-3 an der Reihe
war und die Mutter ihn fragte: Was hat der Herr denn dir Gutes
getan?, da antwortete er ohne Besinnen: Da er fr mich gestorben
ist. Und was weiter, mein Sohn? Da er mir alle meine Snden
vergeben hat. So hatte er sich denn nach eigener Wahl unter seinen
vielen Gebeten, die er auswendig konnte, fr die letzte Zeit ganz
feststehend das Gebetlein ausgewhlt: Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott besteh'n, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingeh'n. Nur
ein einziges Mal, etwa acht Tage vor seinem Tode, hat er noch
versucht, sein Lieblingsgebet, den 23. Psalm, zu beten, und hat es
unter groer Anstrengung zu Ende gebracht. Von da ab blieb er aber
bei dem erwhnten Sterbeseufzer, den er auch noch am letzten Abend
vor seinem Todestage gebetet hat.

Eine eigentmliche sinnige Bitte hatte er noch kurz vor seinem
Sterben. Da unser Pfarrhaus durch den Bahnbau neu aufgebaut werden
mute, so war bereits auf dem Hgel hinter der Kirche ein neuer
Brunnen gegraben worden, aus dem bis dahin noch nie ein Mensch
getrunken hatte. Mehrmals war Ernst selbst hinaufgewandert und hatte
dem Brunnengraben zugesehen. Jetzt kam ihm pltzlich der sehnliche
Wunsch, er mchte einen Trunk frischen Wassers aus dem neuen
Brunnen haben. Und siehe, es war wirklich gar kstliches gutes
Wasser, und es blieb das frische Wasser aus dem neuen Brunnen
seine beste irdische Erquickung bis in den Tod. Anknpfend an den
guten irdischen Lebensquell konnte ich ihm von dem lauteren Strom
des lebendigen Wassers erzhlen, der klar wie Kristall im neuen
Jerusalem unter Gottes Thron hervorquillt. Wie leuchteten da noch
einmal seine schon matten Augen, und wie freute er sich auf die
Stunde, da er auf den grnen Auen an den Ufern dieses kristallenen
Stromes unter den Augen des guten Hirten mit seinen geliebten
Geschwistern wrde spielen drfen!

Und die ersehnte Stunde kam ja auch endlich fr ihn, den allein
briggebliebenen kleinen Leidtrger. Die groen Schmerzen hatten ihn
in den letzten drei Tagen verlassen, und er konnte mitunter
stundenlang stille schlummern. Nur einigemal noch faltete er am
letzten Tage stille seine Hnde, doch so, da es seine Eltern nicht
sahen, und betete: Ach, lieber Gott, hilf mir doch! Gegen vier Uhr
am Montagnachmittag hatte ich ihn auf seine Bitte in ein ganz neues
Bettchen gelegt, das die Gromutter ihm zu Weihnachten geschenkt
hatte, das aber jetzt eben erst eingetroffen war. Das neue Bettchen
war, wie das Wasser aus dem neuen Brunnen, ihm ein besonderer
Gegenstand der Sehnsucht gewesen. Allein auch das neue Bett konnte
ihm die Ruhe nicht geben, nach der er sich sehnte.

Die glckliche Stunde war da, wo er in seines Hirten Arm und Scho
gebettet werden sollte. Vater und Mutter waren noch einmal neben ihm
niedergekniet und hatten das Schmerzenskind und sich dazu in die
guten Hnde gelegt, in denen man allein ewig wohl gebettet ist. Als
er mich darauf in der Atemnot etwas bange ansah, sprach ich zu ihm:
Frchte dich nicht, mein Sohn, der Herr hat dich erlst, er hat
dich bei deinem Namen gerufen, du bist sein. Darauf schlummerte er
ganz leise und ruhig ein, und whrend ich hinunterging, ihm aus dem
Teich frische Eisstckchen zu holen, um sein Trinkwasser damit zu
khlen, und die Mutter allein bei ihm war, fuhr er pltzlich mit dem
gleichen Husten, der Elisabethchens Todesstunde ankndigte, aus dem
Schlafe auf, -- er konnte nicht mehr aushusten, und seine Sinne
waren sofort hinweggerckt. Er erkannte mich nicht mehr, seine
groen, hellen Augen schauten leuchtend, so schien es uns, in eine
andere Welt hinein, und sein in langen Leiden abgemagertes Antlitz
wurde wiederholt whrend dieses letzten Kampfes ebenso schn und
glnzend, wie das der andern sterbenden Kinder. Ich hatte die
Hoffnung, da er nun bereits nichts mehr vom Todeskelch zu schmecken
hatte und da die Stunde schon da war, von der Paul Gerhardt in
seinem schnen Liede ber seinen heimgegangenen Sohn singt: Ach,
sollt' ich doch von ferne stehn -- Und nur ein wenig hren, -- Wenn
deine Sinne sich erhhn -- Und Gottes Namen ehren, -- Der heilig,
heilig, heilig ist, -- Durch den du auch geheiligt bist, -- Ich
wei, ich wrde mssen -- Vor Freuden Trnen gieen.

Es war uns so, als ob seine Sinne schon erhht seien, als ob seine
Augen herrlichere Dinge shen, seine Ohren lieblichere Klnge
vernhmen, als diese Welt sie bieten kann.

Wir legten abwechselnd das Haupt auf das Kissen des sterbenden Kindes,
whrend ein lieber Hausgenosse uns mit kurzen Unterbrechungen die
schnsten Lieder aus dem Gesangbuch und die kstlichsten Trostworte aus
der Heiligen Schrift vorlas, z. B.: Rm. 5-8; Joh. 17; 2. Kor. 4, 17 bis
6, 10. Ich kann es nicht aussprechen, wie sehr uns die letzten bangen
Stunden durch die wunderbare Kraft des Wortes Gottes abgekrzt und
erleichtert wurden. Er hatte gerade Offenb. Joh. 7 zu Ende gelesen: Sie
wird nicht mehr hungern noch drsten und wollte eben Offenb. Joh. 21,
vom himmlischen Jerusalem, beginnen -- da war's vollbracht, und wir
durften dem letzten geliebten Kinde die brechenden Augen zudrcken. Es
war elf Uhr nachts am 25. Januar.

Drei Tage darnach standen zwei Srge nebeneinander an der Stelle, wo
die beiden ersten gestanden hatten, mitten im Winter ber und ber
mit grnen Krnzen behangen, aus der Ferne und Nhe von liebenden
Hnden gespendet. Jerusalem, du hochgebaute Stadt, -- Wollt' Gott,
ich wr' in dir! -- Mein sehnend Herz so gro' Verlangen hat -- Und
ist nicht mehr bei mir! -- wurde angestimmt und klang uns tiefer
aus dem Herzen als wohl je bisher. Und: Selig sind, die nicht sehen
und doch glauben, dies von Pastor von Velsen mit wrmster Liebe uns
ins Herz geworfene Wort mute fester als je von uns ergriffen und zu
dem letzten Wege zum Friedhofe mit den beiden letzten Kindern
festgehalten werden.

Der kleine Karl, an dem Ernstchen mit besonders zrtlicher Liebe
gehangen, durfte nun noch im Grabe neben ihm ruhen, sein kleiner
Sarg wurde dicht an den Ernstchens gerckt. Da liegt nun die liebe
Schar auf dem schnen Friedhof zu Dellwig, dicht neben dem Grabe
meines treuen Kollegen, den wir hier auch zwischen drei seiner
Kleinen gebettet, und wartet der frhlichen Stunde der Auferstehung,
Ernst und Elisabeth in der Mitte, Friedrich an Elisabeths, Karl an
Ernstchens Seite.

Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn
hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und der
Seele, die nach ihm fragt. Es ist ein kstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein kstlich Ding, da
ein Verlassener geduldig sei, wenn ihn etwas berfllt, und seinen
Mund in den Staub stecke und der Hoffnung warte. Denn der Herr
verstt nicht ewiglich, sondern er betrbt wohl und erbarmt sich
wieder nach seiner groen Gte. Klagel. Jer. 3. Mit diesem
kstlichen Wort half uns der liebe Pastor Philipps von den teuren
Grbern in unser nun vereinsamtes Haus zurckkehren.

Damit schliet der Bericht des Vaters. Der Mutter fingen seit der
Zeit die Haare an auszufallen, und noch nach einem Jahre zitterte
ihre Hand beim Schreiben. Oft stand sie schluchzend an den Grbern,
und ihren Mann sah man eines Tages mit einem Brett und vier Pfhlen
zum Kirchhof gehen, um an der stillen Stelle, wo die vier Grber
lagen, eine kleine Bank zu machen, damit er dort mit der Mutter
zugleich nachdenken knne, was Gott ihnen durch solches Leid sagen
wollte. Die geheimnisvolle Tiefe ihres Schmerzes lie sie neue,
ungeahnte Blicke tun in die Geheimnisse Gottes. Damals, so sagte
Bodelschwingh spter einem trauernden Vater, als unsere vier Kinder
gestorben waren, merkte ich erst, wie hart Gott gegen Menschen sein
kann, und darber bin ich barmherzig geworden gegen andere.

Nicht nur als eine Heimsuchung, sondern als ein Gericht empfanden
beide Eltern den Schlag, der auf sie gefallen war. Und weil sie sich
so tief demtigen konnten, konnte Gott sie auch erhhen. Darum
wurden die letzten Jahre in Dellwig die schnsten. Und als die
tiefste Erfahrung, nicht nur aus den schmerzlichen Niederlagen, die
ihnen das harte Mrker Herz bereitete, sondern vor allem aus diesem
Sterben ihrer heigeliebten Kinder nahmen beide die Gewiheit in ihr
ferneres Leben hinein: Wenn du mich demtigst, machst du mich
gro.

Vier Monate spter mute Bodelschwingh auch seiner geliebten
76 jhrigen Mutter den Todesschwei von der Stirn wischen. In
zunehmender krperlicher Schwche, aber auch in zunehmender
Heiterkeit des Glaubens war sie durch die letzten Jahre ihres Lebens
gegangen. Jedem, der in ihre Nhe kam, welcher Richtung er auch
angehrte, pflegte sie mit grtem selbstverstndlichem Vertrauen zu
begegnen, ohne ihn irgend welchen Unterschied merken zu lassen. Das
war der Weg, auf dem sie aller Zuneigung gewann und auf dem sich
manches Herz ihr erschlo, dem sie dann aus der Welt des Unglaubens
in die Welt des Glaubens helfen konnte.

In Dillenburg, wo sie bei den verwaisten Kindern ihrer Tochter
Sophie und ihrem einsamen Schwiegersohn weilte, schlug ihre letzte
Stunde, auf die sie sich mit groer Sorgfalt und Demut vorbereitet
hatte. Dennoch bleibe ich stets an dir. Ob mir gleich Leib und
Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens
Trost und mein Teil waren die letzten Worte, die der Sohn von den
sterbenden Lippen seiner Mutter hrte und mit denen er in seine
beiden letzten Arbeitsjahre in Dellwig zurckkehrte. Dann kam der
Ruf nach Bielefeld.




=II.=

1872-1910.

Bethel.

Die bernommene Arbeit und ihre Entwicklung.


Die neue Heimat.

Wie zwei gewaltige ins Meer hinausgebaute Dmme schieben sich das
Wiehengebirge und der Teutoburger Wald in das niederdeutsche Land
hinein. Still legt sich die weite, unermeliche Ebene gleich dem
Meer, das sich nach dem Sturme zur Ruhe begeben hat, an den Fu der
beiden Gebirgszge. Das Land aber dazwischen sieht anders aus. Es
ist, wie wenn das Meer pltzlich mitten in seiner Bewegung zum
Stillstand gekommen wre. Wellenberge und Wellentler folgen
aufeinander. Durch tiefe Wiesengrnde rieseln die Bche, fruchtbare
cker wechseln ab mit waldigen Hgeln, und oben auf den Hhen recken
die Windmhlen ihre langen Arme aus. Das ist das alte Sachsenland,
die Heimat Hermanns, des Cheruskers, und Wittekinds, des
Sachsenherzogs.

Als Tacitus vor 2000 Jahren seine Germania schrieb, sagte er von dem
Bewohner des Landes: Wo irgend ein Hain, eine Quelle, eine Wiese
ihm wohlgefllt, da schlgt er seine Htte auf. Vielleicht nirgends
sonst im Vaterlande findet sich ein Landstrich, fr den bis heute
die Beschreibung des rmischen Geschichtsschreibers in solchem Mae
pat wie fr das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge.
Manches Gehft des Landes freilich ist im Laufe der Jahrhunderte zum
Dorf geworden, manches Dorf zur Stadt. Aber die meisten Huser
liegen noch heute vereinzelt, hin und her durchs Land gestreut, im
Kranze ihrer Obstbume und im Schatten der alten Eichen. Wer des
Nachts von den Hhen ins Land hinunterblickt, sieht weit und breit
die einzelnen kleinen Lichter der einsamen Huser und Gehfte
aufglnzen, als wenn sich die Sterne des Himmels auf der Erde
spiegelten.

Dieses Sachsenland zwischen dem Teutoburger Wald und dem
Wesergebirge, das sich heute zusammensetzt aus dem ehemaligen
Frstentum Minden, der alten Grafschaft Ravensberg, dem frheren
Frstentum Lippe-Detmold und Teilen des hannoverschen Landes, ist
von alter Zeit her die Heimat der Spinner und Weber gewesen. Vor
50 Jahren noch pflegte das Kind des Ravensberger Landes seinen Weg
zur Schule nicht eher anzutreten, als bis es in frher Morgenstunde
das vorgeschriebene Teil Garn gesponnen hatte, und bis spt in die
Nacht summten die Spinnrder und klapperten die Websthle. Der
Mittelpunkt der Leinenindustrie aber war die alte Stadt Bielefeld.
Auf der Sparenburg, die mit ihren vier vorgeschobenen Bastionen wie
eine schtzende Lwin ber Bielefeld Wache hlt, haben die Grafen
und Kurfrsten von Hohenzollern je und dann residiert, und sein
Spinn- und Webelndchen war ein besonderes Lieblingskind des
Groen Kurfrsten und seiner Gemahlin Luise Henriette gewesen.

In der Gegend von Bielefeld spaltet sich der Teutoburger Wald in
vier parallel laufende Hhenrcken, die durch drei freundliche
Waldtler voneinander getrennt werden. In dem ersten dieser Tler,
hart vor den Toren der Stadt, stand im Jahre 1867 ein Bauernhof zum
Verkauf. Ein kleines Komitee, dem die Not der Epileptischen im
Vaterlande auf die Seele gefallen war, erwarb den Hof. Am 14. und
15. Oktober 1867 zogen hier die ersten fnf epileptischen Kranken
ein. Zwei Jahre spter entstand durch die Arbeit eines zweiten
Komitees in Bielefeld selbst ein kleines Diakonissenhaus. Fr diese
beiden Anstalten wurde Vater zum Leiter berufen.

Am 23. Januar 1872 kamen die Eltern von Dellwig nach Bielefeld. An der
Detmolder Strae war fr sie eine Wohnung gemietet worden, und in dem
Garten, der das Haus umgab, pflanzte Vater die Obstbume, die er aus dem
Pfarrgarten von Dellwig mitgenommen hatte. An der andern Seite der
Strae lag das Grundstck, auf dem das neue Diakonissenhaus gebaut
werden sollte, das seit seiner Grndung im Jahre 1869 eine vorlufige
Unterkunft in dem alten Marienstift, dicht an der Neustdter Kirche,
gefunden hatte.

Die Pocken, die mit dem Krieg 1870/71 auch in Bielefeld ausgebrochen
waren, waren noch nicht erloschen, und auf dem Grundstck, welches
fr den Neubau des Diakonissenhauses bestimmt war, standen die
hlzernen Baracken, in welchen von einer Schwester des jungen
Diakonissenhauses die Pockenkranken gepflegt wurden. Eine der
Schwestern, die damals dort arbeitete, hat noch in ihrem hohen Alter
erzhlt, welch tiefen Eindruck auf sie und alle Insassen des Hauses
die Unbekmmertheit und Seelenheiterkeit gemacht habe, mit der der
neue Diakonissenpastor sich unter den Pockenkranken bewegte und
ihnen Zuspruch brachte.

Das fr das neue Diakonissenhaus bestimmte Grundstck hatte eine
auserlesene Lage. Es zog sich an dem Hang des Hhenrckens hinauf,
auf dessen Vorsprung die alte Sparenburg lag. Je hher man stieg, je
freier dehnte sich unter dem Auge des Beschauers Stadt und Land.

Dennoch sollte der Bau des Diakonissenhauses an dieser Stelle nicht
zur Ausfhrung kommen. Mit dem ersten Blick bersah der neue
Vorsteher, da sich mit dem Festhalten an diesem Grundstck eine
falsche Entwicklung anbahnen wrde, und griff sofort entschieden
ein. So schn auch die Lage des Platzes war, er neigte sich gegen
Norden und htte Kranken und Gesunden fr immer zu wenig Sonne
gebracht. Dazu kam ein anderes. An der andern Seite des
Sparenbergrckens, tief unten im Tal des Kantensieks, war, wie oben
gesagt, zwei Jahre frher als das Diakonissenhaus jener alte
Bauernhof Eben-Ezer gekauft worden, der fr Deutschland die erste
selbstndige Heimat der Epileptischen geworden war. Wohl hatte jede
Anstalt ihren Vorstand fr sich, aber die Mitglieder des einen
Vorstandes waren vielfach auch die Mitglieder des andern. Darum
drang Vater darauf, auch die Anstalten selbst rumlich so nah als
mglich miteinander zu vereinigen. Das alte Eben-Ezer unten im Tal
hatte lngst nicht mehr der wachsenden Zahl der Kranken gengt.
Dreihundert Meter oberhalb, am Rande des Buchenwaldes, mit dem Blick
nach Sdwesten, war ein groer Neubau fr die Epileptischen
entstanden, der den Namen Bethel fhren sollte. Zwischen Bethel und
Eben-Ezer aber lag ein unbebautes Gelnde, das nun auf Vaters Rat
zum Neubau des Diakonissenhauses und des Pfarrhauses bestimmt wurde.
So wurden die Anstalt fr Epileptische und das junge Diakonissenhaus
aufs engste miteinander verbunden. Im Herbst 1873 muten die
Dellwiger Obstbume noch einmal ihre Heimat wechseln, und mit dem
vierjhrigen Wilhelm und dem einjhrigen Gustav, der von der treuen
Magd Friederike im Kinderwagen gefahren wurde, zogen die Eltern ber
den Sparenberg hinber in das neue Pfarrhaus am Jgerbrink, in
welchem Anfang 1874 auch die kleine Frieda ihren Einzug hielt und
drei Jahre spter der jngste des Geschwisterkreises, Friedrich.

Einzelne Bilder tauchen aus dieser ersten Kinderzeit noch ganz
deutlich vor der Erinnerung auf. In der Schlafstube, die wir Kinder
bis zu unserm sechsten oder siebenten Jahr mit den Eltern teilten,
stand mein Bett unter der alten runden Wanduhr, die Vater
eigenhndig alle drei Wochen aufzuziehen pflegte. Die Wnde meiner
kleinen Bettstelle bestanden aus einem Holzgitter, soda ich
zwischen den Stben durch beobachten konnte, was in der Stube
vorging. Meist schliefen wir Kleinen ruhig weiter, whrend die
Eltern sich erhoben. Aber wenn ich einmal zeitiger als sonst
erwachte, war es ein unermeliches Vergngen, den Vater zu
beobachten. Er war bis auf Rock und Weste bereits angekleidet, aber
er hatte den Hemdkragen zurckgeschlagen und rieb sich mit dem
angefeuchteten Ende eines rauhen Handtuches den Hinterkopf und
Nacken. Dabei ging er an der Lngsseite des Schlafzimmers zwischen
seinem Waschtisch und der Stubentr auf und ab, ab und auf. Von Zeit
zu Zeit blieb er vor seinem Waschtisch stehen, tauchte das Handtuch
aufs neue ein und nahm dann seinen Weg wiederum auf, immer den
Nacken reibend. Auf dem Rckweg von der Tr zum Waschtisch konnte
ich Vaters krftigen Nacken beobachten, der unter dem Reiben
natrlich immer roter und roter wurde; aber noch viel mehr
interessierte mich sein Gesicht, in das ich unmittelbar hineinsah,
wenn er vom Waschtisch zur Tr ging. Er sah mich nicht, obwohl ich
mit weitgeffneten Augen gerade durch das Gitter hindurchguckte.
Vielmehr war sein Auge in die Ferne gerichtet auf Menschen und
Dinge, mit denen seine Gedanken beschftigt waren. Dabei pflegte er,
ihm selbst unbewut, seinen Gedanken in kurzen, abgebrochenen
Selbstgesprchen Luft zu machen. Alle Tne, von den krftigsten bis
zu den zartesten, kamen dabei zum Ausdruck. Bisweilen kam es
freilich auch vor, da sein Auge aus der Ferne zurckkehrte in die
Nhe und meinem geffneten Auge begegnete. Dann trat er wohl an mein
Bett, strich mit seiner groen, weichen Hand ber meine Stirn und
sagte: Mein herzgeliebtes Kind, -- mehr nicht, aber es war genug,
um mich bis ins Innerste zu beglcken.

Waren wir Kinder fertig angezogen, so pflegte die Mutter durch ein
kleines Sprachrohr, welches von der Schlafstube nach oben in Vaters
Arbeitszimmer fhrte, den Vater zur Andacht zu rufen. Dann kam
regelmig das Kleinste von uns, soweit es sich schon an der Andacht
beteiligen konnte, auf Vaters Scho; die Mutter sa am Harmonium,
und Vater sagte in ganz kurzen Stzen das Lied vor, soda auch die
Kleinsten sich schon an dem Gesang beteiligen konnten und wir so
unbemerkt allmhlich einen groen Teil des Gesangbuches auswendig
lernten.

Zwischen dem Singen trank Vater immer wieder einen kleinen Schluck
aus dem Glas ganz frisch gepumpten Wassers, das vor ihm stand, --
eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende beibehielt und der er
wahrscheinlich seinen gesunden Magen verdankte, der ihm nie den
Dienst versagte. Nach dem Gesang kam der Bogatzky, ein Andachtsbuch,
das schon in den Elternhusern von Vater und Mutter viel gebraucht
worden war. Uns Kindern blieb es, bis wir erwachsen waren, fast
unverstndlich, und doch bot es auch uns Erbauung genug, weil wir
merkten, mit welch tiefer Andacht Vater und Mutter aus dem Wort
dieses grndlichen Schrift- und Seelenkenners ihre Strkung fr die
Arbeit des Tages nahmen.

Von den Gebeten, mit denen Vater die Andacht schlo, ist mir eins in
besonderer Erinnerung geblieben. Der kleine Kanarienvogel, der uns
aus dem Hause an der Detmolder Strae in die neue Heimat begleitet
hatte, lag am Morgen tot in seinem Bauer. Er war verdurstet. Unser
ltester Bruder, dem die Pflege des kleinen Tieres anvertraut war,
hatte ihn vergessen. Nichts von Schelten oder Strafen. Aber in dem
Gebet, das sich an den Bogatzky anschlo, brachte Vater die Sache
vor Gott. Es ging durch Mark und Bein, wie er um Vergebung bat und
um Treue. Und wer unsern nun auch schon dem Vater in die Ewigkeit
nachgefolgten Bruder Wilhelm gekannt hat, wei, in welchem Ma
dieses Gebet erhrt worden ist. Er wurde die wandelnde Treue selber.
Nie verga er etwas, weder Dinge noch Menschen. Was ihm anvertraut
war, fr das stand er ein; und wenn es auch bisweilen schien, als
htte er etwas vergessen oder versumt, er holte es nachher mit
doppelter Treue nach.

Ein andermal kam es freilich doch zu einer Strafe. Diesmal war ich
der Attentter. Worum es sich handelte, besinne ich mich nicht mehr
gewi, doch mu es ein grblicher, bewuter Ungehorsam gegen ein
ausdrckliches Gebot der Mutter gewesen sein. Denn das wei ich
noch, da die Angelegenheit, die eigentlich lediglich die Mutter und
mich anging, von der Mutter dem Vater bergeben wurde. Auch wei ich
noch heute genau die Stelle in der Schlafstube, in der sich das
Strafgericht vollzog. Unsagbare Gefhle der Scham und Reue
beschlichen mich, als mein heigeliebter Vater, der so viel
Wichtigeres zu tun hatte, meinen Kopf zwischen seine Knie nahm und
mit einer Glut und Milde zugleich schlug, da Leib und Seele
einheitlich erschttert wurden. Es war das erste und das letzte Mal,
da ich meinen Vater in dieser Weise bemht habe.

Vor dem Einschlafen pflegte Vater regelmig laut mit der Mutter zu
beten. Das erlebten wir Kinder natrlich nur selten, da wir meist
schon lngst in festem Schlummer lagen. Aber einige Male habe ich es
doch erlebt. Das war dann jedesmal das Grte und Tiefste, das ich
mir denken konnte. Noch mehr als in der gemeinsamen Andacht mit
allen Hausgenossen quoll jetzt das Herz des Vaters ber in Dank und
Frbitte. Mit Namen wurde jedes einzelne Kind genannt und der
Bewahrung und dem Segen des Heilandes empfohlen. Er hatte wenig Zeit
fr uns brig, unser geliebter Vater, er strafte nur im uersten
Notfall, er schalt, soweit ich mich besinnen kann, nie; aber er
betete fr uns.


Das Mutterhaus.

Unser Haus lag im Schatten des Mutterhauses. Denn so wurde das
Diakonissenhaus Sarepta stets von Vater genannt. Er hatte den Bau
vom ersten Augenblick an berwacht. Um Kosten zu sparen, hatte er
aus dem nahen Lipper Land einen bewhrten Ziegler kommen lassen, der
mit einigen Gehilfen den Ton, der fr die Fundamente ausgehoben
wurde, an Ort und Stelle zu Ziegeln verarbeitete und die Ziegel
gleich unterhalb der Baustelle in einem Feldziegelofen brannte.
Auch der Plan des Hauses stammte in seinen Grundgedanken, soweit ich
mich besinne, von Vater. Es ist kein Winkel im Haus, sagte er
gelegentlich, den ich nicht selbst nachgemessen habe.

Wenn es mglich ist, das wahrhaft Mtterliche durch Steine und Holz
in einem Bau darzustellen, so war es bei dem Bau des Mutterhauses
gelungen. Schon die beiden Flgel des Hauses, die nach dem Walde zu
lagen, waren wie die weit ausgebreiteten Arme einer Mutter, und wenn
wir Kinder ber die frei vorspringende Treppe ins Innere traten, so
umwehte uns ein unbeschreiblich wohlttiges Gefhl mtterlicher
Behaglichkeit. Die Gnge, die nach der schattigen Waldseite zu
lagen, waren in ein trauliches Dmmerlicht gehllt. Um die Kranken-
und Schwesternzimmer aber lief den ganzen Tag vom Morgen bis zum
Abend die Sonne. Und im Winter sorgten schlichte gelbe Kachelfen,
die nur des Morgens angeheizt zu werden brauchten und den ganzen Tag
durchhielten, fr die behaglichste Wrme.

Fr alles war in diesem mtterlichen Bau Raum, fr die kleinen
Suglingskinder, die die Gemeindeschwestern von den verschiedenen
Stationen mitbrachten, fr die greren Kinder, kranke oder gesunde, fr
erwachsene Kranke, mit welcher Krankheit sie auch behaftet waren, fr
die jungen Schwestern, die lernten, fr die erholungsbedrftigen
Schwestern, die eine Zeitlang ausruhten, fr die Apotheke, die Kche,
die Waschkche und die Bckerei, und fr wer wei was sonst noch.

Das Herz des Baues aber war die kleine Kapelle, die den Mittelpunkt
des Hauses bildete. Hierhin nahmen die Gnge, die Treppen, die Sle
ihre Richtung, und zwei Brcken, die vom Walde aus ber den tiefen
Talweg in den ersten Stock des Hauses fhrten, sorgten dafr, da
auch von auswrts jedermann zu Fu oder im Rollstuhl mit
Leichtigkeit die Kapelle erreichen konnte. Sie lief durch zwei
Stockwerke, und ihre Fenster, unten und oben, gingen nicht nur nach
drauen, sondern auch in die anliegenden Krankensle, soda die
Kranken von ihren Betten aus dem Gottesdienst beiwohnen und durch
die geffneten Fenster die Predigt hren konnten.

Die wachsende Zahl der Schwestern, der Kranken und brigen
Anstaltsbewohner brachte es mit sich, da allmhlich eine Station
nach der andern aus dem Mutterhause verlegt wurde, bis schlielich
auch die alte, liebe Kapelle einem Neubau Platz machen mute. Aber
fr die ersten Anfnge einer Diakonissenarbeit wird der alte Bau von
Sarepta immer vorbildlich sein.

Der Entschlu des Vaters, das Diakonissenhaus so eng wie mglich mit
der jungen Anstalt fr Epileptische zu verbinden, zeigte sich von
groer Bedeutung fr die Ausbildung der Schwestern. Denn nun ergab
es sich von selbst, da auch die jungen Schwestern schon bald in die
Pflege der Epileptischen eintraten, ja, da manche von ihnen von
vornherein ihren Beruf in einem der Huser fr Epileptische
begannen.

Unter allen Kranken sind aber Epileptische am schwersten zu pflegen.
Die Pltzlichkeit der Anflle und die unberechenbaren Stimmungen der
Epileptischen auf der einen Seite und dazu die Geistesgegenwart und
krperliche Gewandtheit, die gerade whrend des Ausbruches des
Anfalles von seiten des Pflegers ntig sind, erfordern die grte
Anspannung aller geistigen und krperlichen Krfte. Auch die Nacht
bringt keine Ruhe. Denn in jener ersten, man mchte sagen, herben
Zeit war es Sitte, da die Pflegekrfte, die den ganzen Tag ber den
Dienst an den Kranken getan hatten, auch des Nachts auf den
Krankenslen schliefen und sich oft mehrere Male durch die Anflle
der Kranken aus dem Schlaf reien lassen muten.

So wurden gerade durch den Dienst an den Epileptischen die Krfte
der Aufopferung auf die hchste Probe gestellt, und die Lauterkeit
der Gesinnung fand hier ihre tiefste Bewhrung. Unter den
Diakonissen habe ich immer gern das Gesicht einer Schwester gesucht,
der von einer Kranken das Ohrlppchen abgebissen war, und die Stille
und Gelassenheit, die ber diesem Gesicht lag, tat in der Seele
wohl.

Eine Schwester, die sich im Dienste an den Epileptischen bewhrt
hatte, konnte der Regel nach auf jedem andern Arbeitsplatz gebraucht
werden, sei es in einer Kleinkinderschule, einer Gemeindepflege oder
einem der vielen Krankenhuser, die in rasch wachsendem Mae die
Hilfe des jungen Mutterhauses begehrten. Es war damals, nach dem
Kriege 1870/71, die Zeit, in welcher die rheinisch-westflische
Kohlen- und Eisenindustrie sich immer gewaltiger ausdehnte. Kleine
Siedlungen wurden zu Drfern, Drfer zu Stdten, Stdte zu
Grostdten; und das Mutterhaus Kaiserswerth, das bis dahin dort
allein die Arbeit getrieben hatte, rief immer lauter die junge
Tochteranstalt Sarepta zu Hilfe.

Hilferufe aber waren allezeit des Vaters Lust. Je grer das
Gedrnge der Hilfesuchenden wuchs, je hher stieg sein Glaube, je
glhender wurde seine Liebe, je munterer eilte sein Schritt, je
dringender wurde sein Wort. Hatte er des Morgens in der kleinen
Sareptakapelle gepredigt, so ging es oft des Nachmittags hinaus, zu
Fu, zu Wagen oder auch mit der Eisenbahn, um in Stadt und Land fr
den Dienst an den Kranken, Kindern und Notleidenden zu werben.

Oft haben wir Kinder mit der Mutter zugleich ihn auf seinen Wegen
begleitet. Dann sa er mit fest zugekniffenen Augen neben dem
Kutscher auf dem Bock, in seinen Text vertieft. Ging es bergauf, so
sprang er ab und eilte dem Wagen voraus, wir Kinder hinter ihm her.
Nur die Mutter behielt das Recht, im Wagen zu bleiben. Wenn dann
Vater bei der Feier das Wort ergriff, konnte man herzandringender
niemand sprechen hren. Handgreiflich malte er den Heiland vor
Augen, wie er in den armen blden Kindern, den elenden epileptischen
Knaben, den verstmmelten Bergmnnern des Industriegebietes oder in
einsame Bettler verkleidet den Dienst seiner Christenheit begehrte.
So stellte sich eine Kraft nach der andern ein, die vornehme
Bauerntochter und das geringe Mdchen aus dem Heuerlingshause, und
auch solche, die hhere Schulen besucht hatten, mischten sich
darunter. Oft kamen unmittelbar im Anschlu an eine Predigt des
Vaters die Meldungen zum Dienst. Einmal waren es sieben junge
Mdchen zu gleicher Zeit, die alle kamen und alle blieben.

Das Kind sieht nicht die Schatten. Sie haben gewi auch dem jungen
Mutterhause Sarepta damals nicht gefehlt. Ich aber sah nur einen
Strom hilfsbereiter, sterbenswilliger mtterlicher Liebe sich aus
dem Mutterhause in das Land ergieen.

Wie schnell aber kamen manche der Schwestern, die gesund aus dem
Mutterhause ausgezogen waren, todkrank zurck! Namentlich solche,
die sich bei einer Privatpflege am Typhus angesteckt hatten. Ohne
da wir Kinder es uns untereinander gestanden, schnitten uns die
vielen und tdlichen Erkrankungen der Schwestern immer wieder ins
Herz, und wir konnten es nicht verstehen, da Vater die Schwestern
nicht ernstlicher schonte. Aber er hatte lngst aufgehrt, den Wert
des Menschenlebens nach der Zahl der Jahre zu berechnen. Ihm waren
die kranken Tage einer Schwester noch wichtiger als die gesunden,
und zu den sterbenden Schwestern ging er am liebsten mit einem
Blumenstraue in der Hand wie ein Gratulant; denn das liebe letzte
Stndlein war gekommen.

Aber den Sieg des Sterbenden ber den Tod konnte er nur darum
feiern, weil er mit unermdlicher Treue den Sieg des Lebenden ber
sein eigenes Leben lebte und lehrte. Regelmig zweimal die Woche
gab er den Schwestern Stunde. Nur im uersten Notfalle lie er
solch eine Stunde ausfallen, und ich sehe immer noch, wie er, wenn
wir am Kaffeetisch oder beim Abendbrot saen, von Zeit zu Zeit
seinen Kopf zur Uhr wandte, um genau auf die Minute zur
Schwesternstunde aufzubrechen. Eine eigentliche Unterrichtsstunde
war es nicht. Ich bin kein Lehrmeister, sagte er fter in
richtiger Erkenntnis der ihm gesetzten Schranken. Darum berlie er
allen brigen Unterricht der Schwestern desto umfassender andern
geschulten Krften. Sein eigener Unterricht war im Grunde eine durch
kurze Fragen und Antworten unterbrochene Erbauungsstunde, in der er
in die Schrift und in das kirchliche Leben einfhrte und von da aus
die Linien zog fr die Aufgaben des Christen und die besondere
Aufgabe des Schwesternberufes. Der Grundton der Stunde blieb immer
das eine Thema: Seel' und Leben, Leib und Glieder, -- Alles gibst du
fr mich hin; -- Sollt' ich dir nicht geben wieder -- Alles, was ich
hab' und bin? Ich bin deine ganz alleine, -- Dir verschreib' ich
Herz und Sinn.

Den jngeren Schwestern gab er regelmig von einer Stunde zur
andern einige Verse eines Kirchenliedes oder auch Bibelsprche auf.
Er hrte das Gelernte ab, doch ngstete er nie, wenn es nicht
gekonnt wurde, sondern ermunterte immer wieder. Zwang, sagte er
einmal, ohne innere Ntigung richtet Zorn an; aber Ermunterung
macht frhliche Leute.

Etwas anders hielt er es bei den Kinderschwestern. Diesen, die in
den Kleinkinderschulen rings um Bielefeld arbeiteten, gab er
Freitagnachmittags eine besondere Stunde. Nach einem bestimmten
Lehrplan wurde in den Kinderschulen die Woche ber eine Geschichte
des Alten oder Neuen Testamentes behandelt, und diese Geschichte
wurde in der Freitagsstunde von Vater mit seinen Schwestern
durchgenommen. Hier hielt er darauf, da die Schwestern die
Geschichte auswendig wuten. So wie sie da stand, in ihrer
ursprnglichen Kraft und Frische, sollte sie zunchst auch den
Kindern erzhlt werden, und erst dann erlaubte er, die einzelnen
Teile der Geschichte auszumalen und Zug um Zug dem kindlichen Gemt
und Verstndnis nahezubringen.

Alle vier Wochen hielt er am Sonntagnachmittag den Schwestern einen
besonderen Schwesterntag, zu dem auer unserer Mutter niemand
zugelassen wurde. Und den Schwestern auf den auswrtigen Stationen
schrieb er zu diesem Tage einen Brief. Auf diesen Brief, der
vervielfltigt und jeder einzelnen Schwester zugeschickt wurde,
bereitete er sich immer mit besonderer Sorgfalt vor. Durch drei oder
vier Fragen wurde jeder Brief eingeleitet. Die Antwort auf diese
Fragen sollte jede Schwester selbstndig aus der Schrift, dem
Gesangbuch und der eigenen Erfahrung suchen. Dabei wnschte Vater,
da jede Schwester diese Fragen in einem vertraulichen Brief
beantwortete.

Seelsorgerliche Briefe an einzelne Schwestern schrieb er selten oder
nie. Aber er besuchte die Schwestern, sooft er nur konnte. Dabei
galt der Besuch nicht nur den Schwestern, sondern immer zugleich
auch den Kranken, an denen die Schwestern arbeiteten.

Die Stationen des Mutterhauses waren allmhlich in die Weite
gewachsen. In der groen Krankenanstalt von Bremen, in der
Universittsklinik und in der Charit von Berlin, in dem deutschen
Hospital von London, in Paris und Metz, in Frankfurt, in Nizza, in
Davos standen die Schwestern in der Arbeit, dazu vor allem an vielen
kleinen und groen Arbeitspltzen der westflischen Heimat. Kam er
auf eine Station, so galt sein erster Weg immer den Elendesten und
Sterbenden. Sie zu erquicken und aufzurichten, war ja zugleich die
wesentlichste Hilfe, die er den Schwestern in ihrem oft mhsamen
Dienst bringen konnte.

In der Charit von Berlin hatten die Schwestern die Station der
Kranken, die das Straen- und Nachtleben an Leib und Seele verdorben
hatte. Unvergleichlich, unvergelich waren der Ernst, die Milde und
die suchende Liebe, womit er zu diesen Kranken sprach, teils zu den
einzelnen, teils auch zu dem ganzen Saale. Daraus gewannen dann
zugleich auch die Schwestern neue Kraft und Freudigkeit fr ihren
sauren Dienst.

Waren die Kranken besucht, so versammelte er den Schwesternkreis.
Habt ihr Frieden untereinander? lautete immer wieder seine Frage,
auf die er keine Antwort erwartete, die er aber desto ernster auf
die Gewissen legte. Dann sprach er die einzelnen.

Ganz einsam stehende Schwestern, die nur unter groem Aufwand von
Zeit zu erreichen waren, bestellte er mit einer Postkarte auf irgend
eine Station der Bahnstrecke, nahm sie ein Stck Weges im Zuge mit
und lie sie dann auf ihren Posten zurckkehren. Unserer Mutter
schrieb er von solchen Reisen immer kurze Gre, lie sie auch nie
vergeblich warten. Konnte er es nicht anders einrichten, als nachts
nach Hause zu kommen, dann telegraphierte er: Schlssel heraus. So
wute die Mutter: Er kommt, und legte den Hausschlssel an eine
verabredete Stelle vor dem Fenster. Am Morgen aber durften wir
Kinder seine kleine schwarze lederne Reisetasche auspacken, in der
regelmig fr jedes von uns ein kleines Mitbringsel steckte, das
selten mehr als einen Groschen kostete, aber darum doch jedesmal die
grte Freude erweckte.

Fr alle Huser, in denen Schwestern arbeiteten, erwartete er von
den Vorstnden zweierlei: einmal, da von den Kranken nicht Karten
gespielt wurde, und dann, da die Schwestern die Freiheit hatten, in
den Slen der Kranken und auch an den einzelnen Krankenbetten eine
kurze Andacht zu halten. Den Schwestern im Londoner Hospital, in
welchem Protestanten, Katholiken und Juden durcheinander lagen,
stellte er ein besonderes Andachtsbuch zusammen, fr alle drei
Glaubensrichtungen passend.

Freie Ansprachen der Schwestern und freie Gebete erwartete er nicht.
Er widersprach und widerriet dem im einzelnen Falle nicht, aber die
keusche Zurckhaltung der Frau auf diesem Gebiet war ihm lieb.

    Wenig Wort' und viele Kraft
    Und ein stilles, sanftes Wesen,
    Mehr im Wandel als im Wort,
    Sei zu ihrem Schmuck erlesen.

Selten kam es vor, da er Schwestern des Mutterhauses ihren
Vorstnden gegenber in Schutz nehmen mute. War es dennoch ntig,
dann tat er es mit der ganzen Ritterlichkeit seines Wesens. Mit
einer hochgestellten Dame, die ein kleines Pflegehaus unterhielt,
es aber an der krperlichen Versorgung der Kranken und der
Schwestern mangeln lie, brach er nach einigen vergeblichen
Verhandlungen vollstndig und lie ihre Briefe unbeantwortet. Die
Schwestern, die unter Professor von Bergmann in der Berliner
Universittsklinik arbeiteten, zog er zurck, weil ihm die
natrlichen Empfindungen der Schwestern whrend mancher der
ffentlichen Operationen in Gegenwart der Studenten nicht gengend
geschtzt schienen. Die Trennung von dem von ihm hochverehrten
Professor von Bergmann war ihm tief schmerzlich, aber er blieb fest.
Die Vorwrfe, die von dem leitenden Arzt einer groen Krankenanstalt
ffentlich gegen die Schwestern erhoben worden waren, entkrftete er
bis zu ihrem letzten Austrag, der in die Entlassung des Arztes
auslief.

Im allgemeinen aber erwartete er von den Schwestern, da sie sich
auch in schwierige und schwierigste Verhltnisse geduldig schickten;
wie er denn auch umgekehrt erwartete, da man mit den Schwachheiten,
Schranken und Fehlern der Schwestern Geduld habe. Dabei blieb es
nicht aus, da er das gleiche Ma von Geduld, das er selbst an
einzelne Schwestern gewandt hatte, auch von andern erwartete. Aber
was er tragen konnte, konnten doch keineswegs immer auch andere
tragen. Hier hat er bisweilen dem Kreise der Schwestern, die eine
ungeeignete Mitarbeiterin in ihrer Mitte hatten, fast zu schwere
Lasten aufgelegt dadurch, da er immer wieder die Ablsung eines
solchen strenden Elementes hinausschob. Wurde er aber belehrt und
berzeugt, dann griff er streng durch. Das tat er namentlich auch in
den Fllen, wo er das innerste Leben einer Schwester an dem Platz,
wo sie stand, gefhrdet glaubte. Dann mochte der betreffende
Vorstand, der unter Umstnden mit der Schwester, um die es sich
handelte, in hchstem Mae zufrieden war, alle Mittel anwenden, die
Schwester zu halten, -- Vater blieb unerbittlich. Er lste sie ab.

Der Mittwoch wurde schon frhzeitig fr uns Kinder ein besonderer
Festtag. Denn da war am Nachmittag eine sogenannte Lehrprobe, die
bald in dieser, bald in jener Kleinkinderschule in und um Bielefeld
von Vater gehalten wurde und zu der er uns bisweilen mitnahm. Dann
waren alle Kleinkinderschul-Schwestern und ihre Gehilfinnen
versammelt. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren saen auf
ihren Bnkchen, die kleinsten vornan, und nun pflegte Vater eins
der Kleinen an die Hand zu nehmen, damit es sich unter der Schar der
Kinderschwestern eine aussuchte, die die biblische Geschichte
erzhlen sollte. Alles Struben half dann nichts; die von dem Kinde
Gewhlte mute heran und die Geschichte, die am Freitag vorher in
der Vorbereitungsstunde durchgesprochen war, behandeln. So gelang
es, da alle Teilnehmerinnen gleichmig fr die Lehrprobe
vorbereitet waren und alle an dem Verlauf das gleiche Interesse
hatten.

Hernach kam dann die Besprechung eines Bildes an die Reihe, das
ebenfalls vorher allen Teilnehmerinnen bekannt gegeben worden war
und das alle studiert hatten. Wieder war es ein Kind, das an der
Hand des Vaters die Auswahl unter den Schwestern traf. Zuletzt kam
das gemeinsame Spiel. Vater, der schon vorher beim Erzhlen immer
durch ganz kindliche Fragen und Antworten bald den Kindern, bald der
erzhlenden Schwester weitergeholfen hatte, war jetzt beim Spiel
vollends ein Kind unter den Kindern. Wenn die Riesenschlange gemacht
wurde, dann ging er mit in der Reihe, das Kind, das vor ihm
marschierte, an seinem Schrzchen haltend, whrend das Kind hinter
ihm ihn an seinem Rockscho gefat hatte. Und es war gar nichts
Gemachtes dabei, sondern es war, als wenn es sich ganz von selbst so
verstnde.

Das Wertvollste dieser Lehrproben bestand, wenn die Kinder nach
Hause geeilt waren, in der Kritik, die in groer Gemtlichkeit beim
festlich gedeckten Kaffeetisch abgehalten wurde. Diese Kritik
spielte sich in der Weise ab, da Vater alle Teilnehmerinnen nach
ihrem Urteil fragte, erst die jngeren, dann die lteren. So wurde
jede verantwortlich gemacht fr die andern. Erst am Schlu fate er
das Ganze zusammen. Die, die es am schlechtesten gemacht hatten und
am meisten Ermutigung bedurften, kamen oft am besten weg, und
andere, die in Gefahr standen, sich etwas auf ihre Leistung zugute
zu tun, senkten die Kpfe.

Noch lieber als die Mittwochnachmittage waren uns die
Mittwochabende. Da war Familienabend. Was irgend von Schwestern
abkommen konnte, versammelte sich am gemtlich gedeckten und
geschmckten Abendbrottisch im Schwesternspeisesaal des
Mutterhauses. Im Unterschied von der sonst klsterlich einfachen
Kost gab es an diesem Abend nicht nur Graubrot und Schwarzbrot,
sondern auch Weibrot mit Butter und Schinken, Kse und Wurst. Und
wir Kinder genossen diesen festlichen Tisch in vollen Zgen. Denn zu
Hause ging es bei dem uerst geringen Gehalt des Vaters sehr
sparsam zu.

Vater erzhlte an diesem Abend aus Vergangenheit und Gegenwart, aus
eigenen und fremden Erlebnissen, oder er las auch vor; in jener
Anfangszeit am liebsten aus Christophorus von Rocholl, aus Matthias
Claudius oder aus der Liedersammlung von Wackernagel. Sobald wir
Kinder einigermaen die Kunst des Lesens erfat hatten, muten wir
dem Vater beim Vorlesen helfen. Allmhlich wurde es Brauch, da
alles, was an Gsten in den Anstalten verkehrte, zu diesem
Familienabend eingeladen wurde, und wer irgend etwas zu erzhlen und
zu berichten hatte, durfte sein Pfund nicht im Schweituch behalten.
So weitete sich der Gesichtskreis des Mutterhauses, und der Strom
des Weltgeschehens, der sonst so leicht an Anstaltshusern
vorbeirauscht, besplte seine Ufer.

Einen Hhepunkt erreichte das Leben des Mutterhauses immer in den
vierzehn Tagen, die der Einsegnung der Schwestern vorangingen. Es
waren regelmig die Tage zwischen Palmsonntag und Quasimodogeniti,
die Zeit, wo ringsum in den Buchenwldern die Leberblmchen und
Anemonen den Frhling anmeldeten. Dann sah man jeden Nachmittag die
Schar der Schwestern, welche drei oder vier Jahre lang ihren
Entschlu geprft hatten und nun bewhrt und bereit waren, den
Dienst einer Diakonisse als Lebensberuf zu erwhlen, mit dem Vater
durch das Frhlingsland wandern. Auf diesen Wanderungen nahm er dann
Gelegenheit, jede Schwester an der Hand ihrer Familienverhltnisse
und ihres Lebensganges kennen zu lernen und zu beraten. Mancher
Schwester sind diese stillen Wege wichtiger und wertvoller geblieben
als die feierliche Einsegnung selbst vor der sich drngenden
Gemeinde.

Und diese Einsegnung zum Dienst blieb keine einmalige, sondern
wiederholte sich jedesmal, wenn eine Schwester das Mutterhaus
verlie, um auswrts eine Arbeit zu bernehmen oder um auf den alten
Arbeitsplatz zurckzukehren. Dann kam sie regelmig zum
Abschiednehmen bei Vater vor. Neben seinem Arbeitszimmer hatte Vater
ein Dachkmmerchen, in welchem die Mutter ihre Vorrte aufbewahrte,
dessen eine Wand aber freigelassen und mit einem groen, aus Holz
geschnitzten Kruzifix geschmckt war. Darunter stand ein kleiner
Tisch. Es waren immer nur ganz wenige Minuten, die Vater dort den
einzelnen Schwestern widmete. Was er sagte und fragte, ist
naturgem in den meisten Fllen Geheimnis geblieben. Aber hchst
schlicht und natrlich ging es allemal zu. Vielfach sagte er auch
gar nichts, sondern warf sich vor dem kleinen Tisch unter dem
Kruzifix auf die Knie, und whrend die Schwester an der andern Seite
kniete, befahl er sie und sich selbst der vergebenden und gebenden
Gnade dessen, in dessen Dienst sie beide standen. Und in seiner
harmlosen Art verga er oft, die Doppeltr, die in das Kmmerchen
fhrte, zu schlieen, soda, wer von uns nebenan zu tun hatte, es
nicht immer wehren konnte, da die Worte des Gebetes auch zu ihm
drangen. Trnen in den Augen und doch strahlenden Antlitzes haben
wir manche Schwester aus dem Zimmer kommen und ihren Weg in die
entsagungsvolle Arbeit antreten sehen.

Nicht immer hatte Vater in dem groen Gedrnge seiner Arbeit fr die
einzelne Schwester viel Zeit; und manche hat, bewut oder unbewut,
darunter gelitten. Aber wie er es bei seinen Kindern hielt, so hielt
er es auch bei den Schwestern: er betete. Wo ihm selbst die Zeit und
Kraft fr die einzelnen fehlte, da befahl er sie betend desto
inniger und zuversichtlicher dem segnenden Herrn. Und diese Gebete
sind erhrt worden. Als er eine Diakonisse begraben hatte, die
einzige Tochter eines groen Bauernhofes, sagte ihre Mutter, whrend
sie am Grabe stand: Herr Pastor, und wenn ich sieben Tchter htte,
ich gbe sie Ihnen alle; denn mein Kind ist zu glcklich gewesen.
Von wie vielen Diakonissen konnte dasselbe gesagt werden! Sie waren
in der Tat unter dem Segen ihres Herrn zu glckseligen Menschen
geworden.


Die Epileptischen.

Unter allen Kranken leidet der Epileptische am schwersten. Sobald
die pltzlich auftretenden Anflle zunehmen oder bekannt werden,
wird er gemieden. Das epileptische Kind mu die Schule verlassen,
der epileptische Erwachsene verliert seine Arbeit und seinen Beruf.
Aus Furcht, aufzufallen oder zu stren, meidet er ganz von selbst
alle ffentlichen Versammlungen, auch die Gottesdienste, oft sogar
den eigenen Familienkreis. Kann der Arzt nicht helfen, so treibt ihn
die Qual seiner Lage von einem Ratgeber zum anderen, von der ersten
vergeblichen Kur zur zweiten, dritten, vierten.

Nur scheinbar ist der Zustand eines Bldsinnigen trauriger als der
des Epileptischen. Der Bldsinnige empfindet seine Lage kaum; seine
Stimmung ist gleichmig, oft sogar heiter. Die Leiden des
Geisteskranken dagegen sind wohl in manchen Fllen gesteigerter als
die des Epileptischen, aber sie sind vorbergehend: entweder tritt
verhltnismig bald Besserung und Heilung ein, oder aber es lst
der Tod auf der einen, der sich anbahnende Bldsinn auf der anderen
Seite das Leiden ab.

Der Epileptische dagegen sieht, wenn eine Kur nach der anderen
fehlgeschlagen ist, mit wachen Sinnen und mit ttigen krperlichen
und seelischen Krften ein Leben der Hoffnungslosigkeit, der
Verlassenheit, des Ausgestoenseins vor sich. In vielen Fllen
brechen die Anflle nur langsam, oft erst nach Jahren, ja,
Jahrzehnten den krperlichen und seelischen Widerstand des
Organismus. Und solange dieser Widerstand dauert, so lange dauert
auch das Leiden, soda der Tod oder die Verbldung, je frher sie
eintreten, die groen Befreier von einem Leben der Qual sind.

Bis in die 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts lag in Deutschland von
kleinen Anfngen abgesehen (1773 wurde ein erstes Asyl in Wrzburg
erffnet), die Frsorge fr die Epileptischen noch fast ganz im
argen. Soweit sich ihr Elend nicht in der eigenen Familie verbarg,
waren sie zumeist in den Anstalten fr Bldsinnige oder
Geisteskranke untergebracht. Aber nur im fortgeschrittenen Stadium
der Krankheit empfindet ein Epileptischer, der unter Blden oder
Geisteskranken lebt, seine Lage nicht mehr. In den frischeren Fllen
zeigt ihm der Zustand der Bldsinnigen, unter denen er lebt, den
Abgrund, dem auch sein Dasein entgegenrollt. Andrerseits lt der
Zustand des Geisteskranken, sobald er den Wendepunkt berschritten
und den Weg zur Genesung gefunden hat, den Epileptischen die Hhe
sehen, die fr ihn unerreichbar ist: der Geisteskranke kehrt in
seine frheren Verhltnisse zurck; der Epileptische bleibt Jahr um
Jahr an die Anstalt gebannt.

In Sddeutschland wurde die erste besondere Anstalt fr die
unglcklichen Kranken 1862 in Pfingstweide (Wrttemberg) gegrndet.
In Norddeutschland hatten sich die Augen der Freunde der
Epileptischen auf eine kleine Anstalt gerichtet, die durch den
evangelischen Pastor John Bost in der Nhe der kleinen franzsischen
Stadt La Force entstanden war und ausschlielich den Epileptischen
diente. Die von dort kommenden Anregungen brachten den Verein fr
Innere Mission in Rheinland und Westfalen zu dem Entschlusse,
getrennt von den Anstalten fr Geisteskranke und Bldsinnige eine
lediglich fr Epileptische bestimmte Anstalt ins Leben zu rufen. Der
junge Reisesekretr des Vereins fr Innere Mission, Hesekiel, der
spter als Generalsuperintendent der groe Wohltter der Provinz
Posen wurde, war unermdlich ttig, diesem Gedanken Freunde zu
gewinnen. Da neben den Anstalten in Kaiserswerth das Rheinland noch
eine weitere Anzahl von Sttten christlicher Barmherzigkeit besa,
so wnschte man, da die neue Anstalt womglich in Westfalen ihre
Heimat fnde.

Nun war der Rheydter Pastor Balke, ein Ravensberger von Geburt,
durch seine Arbeit als Seelsorger an der Bldenanstalt Hephata in
Mnchen-Gladbach in besonderer Weise mit dem Lose der epileptischen
Kranken vertraut geworden. Denn wie in anderen Anstalten waren auch
unter die Bldsinnigen der Anstalt Hephata epileptische Kranke
gemischt. Fr diese Epileptischen erhob nun Balke seine Stimme.

Land und Stadt in Minden-Ravensberg waren auf seinen Ruf nicht
unvorbereitet. berall, bald in kleineren, bald in greren Herden,
brannte das Feuer einer zur Tat bereiten Liebe. In Bielefeld waren
es vor allem einige Frauen aus den ersten alten Patrizierfamilien
der Stadt, die mit wachem Gewissen und geffnetem Herzen sich in den
Dienst Gottes gestellt hatten. Durch sie waren auch ihre Mnner und
Verwandten gewonnen worden. Die Funken eines Vortrages, den Pastor
Balke aus Rheydt im Jahre 1865 hielt, sprangen nach Bielefeld ber.
Das kurze Kriegsgewitter von 1866 dmmte wohl das Feuer eine Weile
ein, brachte es aber nicht zum Erlschen. Vielmehr zogen wirklich im
Jahre 1867 die ersten sieben epileptischen Kranken in dem kleinen
Bauernhofe ein, der am Fue der Sparenburg erworben war. Der
westflische Generalsuperintendent D. Wimann hielt die
Einweihungsrede der jungen Anstalt an der Hand des Wortes: Aus dem
Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mchtig
Volk. Ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten.
Jes. 60, 22. Mit den sieben Erstlingen beugte er seine Knie vor
Gott, um den Segen fr die junge Pflanzsttte zu erflehen.

Zwei Jahre spter kam, wie bereits erwhnt, die Schwesteranstalt
Sarepta hinzu. Beide standen unter demselben Prses, dem Kaufmann
Bansi in Bielefeld, und unter dem gleichen Vorsteher, dem Pastor
Simon. Als nach den ersten vier Jahren allmhlich wachsender
Aufgaben Pastor Simon sich vor die Wahl gestellt sah, sich entweder
auf seine ausgedehnte Bielefelder Ttigkeit zu beschrnken und dann
auf die Leitung der Anstalt zu verzichten oder umgekehrt, entschied
er sich dahin, dem Vorstand die Wahl eines neuen Vorstehers zu
empfehlen.

Nun war Vater ja lngst in Bielefeld kein Unbekannter mehr.
Namentlich von Paris war er wiederholt in Bielefeld eingekehrt und
hatte in dem Bansischen Hause Aufnahme gefunden. So war es Gottfried
Bansi, der den Blick des Vorstandes auf den Dellwiger Pastor
richtete. Mit Pastor Simon zugleich machte er sich persnlich nach
Dellwig auf, um die Berufung des Vorstandes zu berbringen. Vater
reiste nach Bielefeld, um alles an Ort und Stelle zu besprechen.
Nach Dellwig zurckgekehrt, setzte er selbst die Richtlinien auf,
unter welchen er bereit war, die Arbeit zu bernehmen, und als diese
vom Vorstand bewilligt waren, sagte er zu. Damit war er der
Vorsteher der Diakonissen und Epileptischen geworden.

Und nun sehe ich Vater in der Erinnerung unter seinen Epileptischen
stehen. Als ein Hoffender stand er unter ihnen, den Hoffnungslosen.
Durch seine persnlichen Erfahrungen war er ja dazu vorbereitet.

ber dem Bett der Eltern hingen die Bilder unserer vier verstorbenen
Geschwister. Sie umrahmten eine kleine Heliogravre von Mintrop.
Diese stellte eine Frauengestalt dar, die von den himmlischen
Heerscharen der Himmelstr entgegengeleitet wird. An der geffneten
Tr kommen mit Palmen in den Hnden vier Kindergestalten der Mutter
entgegen, um sie vor den Thron Gottes zu fhren. Das waren unsere
vier Geschwister, die erst die Mutter, dann den Vater abholten.

ber dem groen Schmerz, der die Herzen unserer Eltern getroffen
hatte, als ihnen alle vier Kinder genommen wurden, waren sie stille
geworden durch den Glauben an den auferstandenen Herrn, der auch fr
sie die Sttte bereitet hatte, da man zusammenkommen soll. Hinfort
lebten sie vor den Toren der hochgebauten Stadt. Ganz dicht vor
den Toren Jerusalems, wie oft haben wir Vater das sagen hren! Die
Hoffnung fr diese Zeit hatte den Eltern durch das Sterben aller
ihrer Kinder genommen werden mssen, damit sie den Anker ihrer
Hoffnung fest hineinsenkten in die ewige Welt Gottes. So waren sie
vorbereitet fr die Arbeit unter den Hoffnungslosen.

Man mag den Nachla des Vaters in seinen Briefen und Ansprachen oder
das Buch der Erinnerung an ihn aufschlagen, wo man will, berall
findet man seine Seele gestimmt auf den gleichen Ton der Hoffnung:
Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns
soll geoffenbart werden. Darum jammerte ihn wohl das Los der
Epileptischen, aber er bejammerte sie nicht. Krperliche Krankheit
und krperliche Gesundheit hatten fr ihn die groe Entfernung
voneinander und die groe Bedeutung verloren, die ihnen sonst so
gern beigelegt wird. Vielmehr galt ihm der krperlich Gesunde fr
krank, wenn sein Blick haften geblieben war an den armen
vergnglichen Dingen dieser Erde; der krperlich Kranke galt ihm fr
gesund, sobald er durch den Glauben den Zugang gefunden zu der
ewigen Hoffnung. Darum konnte er mit glhendster berzeugung einen
armen verbldeten Epileptischen, der mit seliger Hoffnung dem
Abschied aus der Welt entgegeneilte, glcklich preisen gegenber dem
andern, der mit gesunder Krperkraft ohne Ziel und Zweck ins Leben
hinausstrmte.

An der Ecke von Sarepta und beim Eingang in das Haus der
Epileptischen, Bethel, befand sich in jener Anfangszeit je eine
schlichte Gaslaterne. Unter der zweiten dieser beiden Laternen sehe
ich immer noch einen epileptischen Kranken stehen, namens Heinrich
Hudel, der unter der Laterne seinen Standplatz hatte. Er sagte
nichts, aber auf seiner Mundharmonika spielte er immer das eine
Lied, das ihm zum Lieblingslied geworden war: Weil ich Jesu
Schflein bin, -- Freu' ich mich nur immerhin -- ber meinen guten
Hirten, -- Der mich wohl wei zu bewirten, -- Der mich liebet, der
mich kennt -- Und bei meinem Namen nennt. -- -- Unter seinem sanften
Stab -- Geh' ich aus und ein und hab' -- Unaussprechlich se Weide,
-- Da ich keinen Mangel leide. -- Und so oft ich durstig bin, --
Fhrt er mich zum Brunnquell hin. -- -- Sollt' ich nun nicht
frhlich sein, -- Ich beglcktes Schfelein? -- Denn nach diesen
schnen Tagen -- Werd' ich endlich heimgetragen -- In des Hirten Arm
und Scho. -- Amen! Ja, mein Glck ist gro!

Das war, in die kindlichste Form gebracht, die Summe der Theologie,
in der Vater lebte und die er darum auch seinen Kranken brachte.
Jedes Jahr einmal kam Heinrich Hudels Mutter aus den Nassauischen
Bergen. Er war ihr einziger Sohn und sie selbst eine Witwe. Aber das
Glck, das in dem Herzen ihres kranken Heinrich lebte, strahlte von
dem Angesicht der Mutter wider. Als endlich der letzte Kampf
gekmpft war und Vater Heinrich Hudels Mutter an der Leiche ihres
Sohnes traf, da wute ich nicht, -- so hat er uns oft erzhlt --
was glcklicher aussah, das Angesicht des Heinrich oder das
Angesicht der Mutter.

Die Grabhgel und schlichten Kreuze der Epileptischen aus den ersten
Jahren, die sich oben auf dem stillen Waldfriedhof Reihe an Reihe
legten, sind mit den Jahren verschwunden und haben dem grnen Rasen
und dem Schatten der Lebensbume Platz gemacht. Aber der Hgel und
das Kreuz Heinrich Hudels sind noch heute zu finden mit dem Vers
darauf, den er nicht mde wurde zu spielen. Er ist, man mchte
sagen, der Vorsnger und Kapellmeister der Epileptischen von Bethel
geworden, und das Kreuz auf seinem Grabe mit der Inschrift darauf
wurde zur Losung und zum Feldgeschrei aller seiner Leidensgenossen.

Im Gegensatz zu Heinrich Hudel taucht eine andere Gestalt aus jenen
Tagen auf. Es war ein Landwirtssohn, der erst im beginnenden
Mannesalter epileptisch geworden war. Er war ein Hne von Gestalt,
und seine Anflle waren so heftig, da er mit Riemen an Hnden und
Fen gefesselt werden mute, weil die Pfleger sonst nicht
verhindern konnten, da der in wilden Zuckungen sich windende Krper
sich selbst und andern Schaden tat. Aber wie es bei solchen frischen
Fllen bisweilen vorkommt: die Krankheit tobte sich aus, der Kranke
genas und konnte entlassen werden. Am Krper war er gesund geworden;
aber seiner Seele hatte die furchtbare Krankheitszeit des Krpers
nicht zur Gesundheit geholfen.

Solch einen Gesundgewordenen sah Vater nur mit Schmerzen den Weg ins
Leben zurcknehmen. Sein Weg glich dem Wege, an welchem auf allen
Seiten der Tod lauert, whrend umgekehrt die Leichenfeier eines
Epileptischen, der im Glauben vollendet hatte, zur Lebensfeier, der
Leichenzug zu einem Triumphzug wurde. Am liebsten lie Vater bei
solcher Gelegenheit ein Loblied singen, und Lob und Dank war der
Inhalt seiner Leichenrede. Dem Leichenzug voran aber zog der
Posaunenchor. In leuchtendem Wei strahlte der blumengeschmckte
Sarg, den die Mitkranken trugen. Wir Kinder standen mit um das
geffnete Grab her, und fr Kranke und Gesunde wurde der Schauer des
Todes berflutet von dem seligen Rauschen der Ewigkeit.

Aber diese hohe Hoffnung des Glaubens wurzelte in der Tiefe. Nicht nur
als ein Hoffender unter Hoffnungslosen stand Vater unter den
Epileptischen, sondern als Schuldiger unter Schuldigen. Wir haben ihn
oft sagen hren: Ich tte meinen Kranken das grte Unrecht, wenn
ich ihnen die Verantwortung nhme und alles bei ihnen entschuldigen
wollte. Alle die Stimmungen, Launen und Leidenschaften, denen ein
Epileptischer mehr als andere Kranke ausgesetzt ist, erklrte und
entschuldigte Vater nicht aus ihrer Krankheit heraus. Vielmehr war die
Krankheit mit ihren Erschtterungen fr ihn nur wie das Erdbeben, das
das im Innern des Vulkans schlummernde Feuer weckt und zum Ausbruch
bringt. Jedes Menschenherz, einerlei ob im kranken oder gesunden Leib
wohnend, glich ihm dem Vulkan; und erst die Krankheit mit ihren
erdbebenartigen Erschtterungen ffnete, was sonst im Innern verborgen
geblieben wre. Nicht fr das Erdbeben, aber fr dies Innere machte
Vater den Kranken verantwortlich. Und eben darum wurde er zum Wohltter
fr die Kranken. Denn gerade so gab er ihnen die volle Menschenwrde.
Nichts ist feiger als die Entschuldigung, nichts grer als das
Zugeben der Schuld.

Aus falscher Barmherzigkeit hatten Eltern, Verwandte, Pfleger und
die Kranken selbst alle Eigentmlichkeiten der Epileptischen aus
ihrer Krankheit heraus erklrt und entschuldigt, ohne zu bedenken,
da sie dadurch nur desto haltloser ihren Stimmungen, Launen und
Leidenschaften ausgeliefert wurden. Vater aber erhob die Kranken zum
vollen Adel des Menschentums dadurch, da er ihnen half, sich fr
ihre Gedanken, Stimmungen und Taten vor Gott und Menschen
verantwortlich zu wissen. Und ihre Krankheit zeigte er ihnen nicht
als ihren Feind, sondern als ihren Wohltter, weil sie gerade durch
ihre Krankheit das eigentliche Wesen ihres Herzens erkannt hatten,
das ihnen ohne die Krankheit verborgen geblieben sein wrde.

So wurde gegenber dem frheren dumpfen Zustand der weichlichen
Entschuldigung das Verantwortungsgefhl zum erfrischenden
Morgenwind, das Schuldbewutsein zur Kraft, die Reue zur Freude und
die Krankheit zum Gehilfen der Wahrheit. Noch heute kann man kaum
etwas Ergreifenderes hren als das lautgesprochene Sndenbekenntnis
der Epileptischen, das sich seit jenen Anfangstagen bis heute in
jedem Gottesdienst wiederholt. Whrend drauen in der Welt die
Starken und Gesunden immer schwcher und morscher werden, weil sie
die Verantwortung ber sich selbst weggeworfen und die Zgel ihres
Geschickes aus der Hand verloren haben, steht hier eine Schar von
Ausgestoenen und Kranken, unter denen sich immer wieder solche
finden, die die Hhe des sittlichen Urteils ber sich selbst
erklommen und damit die Kraft gewonnen haben, gegen den Strom zu
schwimmen.

Darum spielten auch meine Geschwister und ich mit den epileptischen
Altersgenossen lieber als mit unsern gleichaltrigen gesunden
Spielkameraden. Denn unwillkrlich fhlten wir, da viele unter
diesen epileptischen Kindern auf einer greren sittlichen Hhe
standen als gesunde Kinder im gleichen Alter. Es befand sich unter
ihnen ja immer eine groe Anzahl von solchen, bei denen die
krperlichen und geistigen Krfte noch nicht wesentlich gemindert
waren, und wir teilten ihre Spiele und ihre Arbeit in groer
Unbefangenheit. Manche von ihnen waren uns beim Spiel und bei der
krperlichen Arbeit durchaus ebenbrtige Gefhrten. Und whrend der
Verkehr mit den gesunden Kameraden der stdtischen Schulen dunkle
Schatten ber unsere Kinderzeit zu werfen drohte, so waren wir im
Kreise unserer epileptischen Altersgenossen davor bewahrt und zogen
uns zeitweise ganz in diesen Kreis zurck.

Diese Hhe des sittlichen Standes aber und die Kraft des sittlichen
Urteils wurde bei den Epileptischen nicht erreicht durch irgend
welche Moralpredigt. Es war vielmehr das allgemein menschliche
Mittel: Jesus Christus, der mit seinem Leben, Leiden und Sterben und
seiner Auferstehungskraft vor die Augen gemalt und in die Herzen
hineingepflanzt wurde. Und das geschah von einem, der lebte, was er
glaubte. Die tiefe, wahre Demut, in der Vater vor Gott stand, und
das offene Bekenntnis seiner Snderschaft vor Kranken und Gesunden
ist mir als Kind oft nicht nur unverstndlich, sondern geradezu
rgerlich gewesen. Sahen wir Kinder doch an unserm Vater nichts als
Hingabe, Liebe, Aufopferung und eine unermdliche Geduld. Die
epileptischen Kranken aber, die vielfach gerade durch ihre Krankheit
eine leichtere Erkenntnis ihres eigenen Herzens hatten, fhlten sich
durch die Ehrlichkeit und berzeugung, mit der sich Vater unter die
Schuld stellte, vor das Angesicht der Wahrheit gefhrt und dadurch
bewogen, nun auch ihrerseits mit der Wahrheit, die ihnen aus ihrer
Krankheit heraus und aus dem Bilde Jesu Christi aufgegangen war,
Ernst zu machen.

Aber mit derselben Energie, mit der Vater vor den Augen und den
Gewissen seiner Kranken jedes Vertrauen auf sein eigenes Herz
fortwarf, ergriff er nun auch unablssig die Gnade Gottes in dem
vollkommenen Werke und der vollkommenen Person Jesu Christi. Er
lebte in dem Lieblingslied seiner Mutter: Einmal ist die Schuld
entrichtet, -- Und das gilt auf immerhin. -- Mosis Opfer stehn
vernichtet, -- Weil ich nun vollendet bin. -- Denn mit einer
Opfergabe -- Hat das Lamm so viel getan, -- Da das Volk von seiner
Habe -- Sich vollendet nennen kann.

So wurde er zum Fhrer eines Volkes, das fr Fernstehende lediglich
ein Volk von Elenden, Bemitleidenswerten, Hoffnungslosen und
Sterbenden war, das aber in Wahrheit eine vollendete Schar war, die
durch die Verurteilung ihrer selbst auf der einen Seite, durch den
Glauben an den Christus der Welt auf der andern Seite die
eigentliche Hhe und Vollkommenheit des Menschentums erklommen
hatte. Hier sitzen, sagte Vater einmal von den Epileptischen, die
Professoren auf ihren Lehrsthlen und bringen uns deutlich bei, was
Evangelium und was Gotteskraft zur Seligkeit ist.

Natrlich gab es innerhalb dieser Schar die grten Unterschiede und
die verschiedensten Grade. Aber beides, Snderschaft und
Gotteskraft, blieb durch alle Unterschiede und Grade das Gemeinsame.
Und je grndlicher einer auf diesem Boden unter sich wurzelte und
ber sich Frucht trug, je mehr kam es dem Ganzen zugute. Grundsatz
aber blieb es, da nicht durch Zwang oder Gewalt, nicht durch
Moralpredigten und Kopfwaschen fr dieses Heer der Snder und
Begnadeten geworben wurde, sondern durch den freien Geist der Liebe
und des Glaubens.

Es war unter den Kranken jener ersten Zeit ein reicher Bauernsohn,
der durch seine Aufgeblasenheit und Hoffart sich selbst, seinen
Mitkranken und seinen Pflegern zur Plage war. Einer seiner Pfleger
hatte sich allmhlich erlaubt, hart gegen hart zu setzen. Das endete
damit, da er eines guten Tages von jenem Kranken verprgelt wurde.
Entrstet eilte er zum Vater. Der sagte nur: Brderchen, die Prgel
hast du schon lange verdient. Wie aber behandelte Vater seinerseits
diesen in der Tat hchst schwierigen Kranken? Er hatte bei ihm eine
Freude an Blumen entdeckt und ermunterte ihn, die schnsten Strue
fr seine Mitkranken zu suchen. Fr jeden Sonntagmorgen aber erbat
sich Vater von ihm einen Strau fr unsere Mutter. Ich sehe den
Kranken noch immer glckstrahlend jeden Sonntagmorgen vor unserm
Fenster erscheinen und unserer Mutter den neuen Strau reichen. So
gewannen Vater und Mutter sein Herz. Von beiden lie er sich alles
sagen und sich Schritt fr Schritt auf den Weg leiten, der auch fr
ihn die Befreiung bedeutete.

So wurde die Gemeinde der Epileptischen zu einer Gemeinde der
Hoffenden, der Benden, der Glaubenden, der Liebenden und -- das
mu zuletzt noch gesagt werden -- der Arbeitenden. Arbeitslosigkeit
gehrt ja zu den besonderen Leiden der Epileptischen. Ausgestoen
aus Beruf und Werkstatt mssen ihre seelischen und krperlichen
Krfte allmhlich abstumpfen und absterben. Die Rckkehr zur Arbeit
aber bedeutet fr sie neue Lebensfreude und Lebensfrische. Darum
wurde die Anstalt fr Epileptische von vornherein auf dem Grundsatz
der Arbeit aufgebaut. Haus, Garten, Feld und Wald boten vom ersten
Entstehen an den Kranken mannigfache Gelegenheit zur Beschftigung.
Als Vater die Leitung bernahm, waren auch schon die ersten
Handwerkssttten im Entstehen begriffen.

Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, ob nicht aus den
frischesten Epileptischen die Meister fr einige kleine
Handwerkssttten genommen werden und die Kranken je nach ihrer
Leistung auch bezahlt werden knnten. Aber dieser Gedanke trat bald
wieder zurck. Seine Durchfhrung htte die schwcheren Kranken,
die kein leitendes Amt und kein Entgelt bekommen htten, ihre
Krankheit allzu empfindlich fhlen lassen. Hinfort herrschte in
diesem Stck Einheitlichkeit: ein Avancement im eigentlichen Sinne
und eine Bezahlung gab es nicht. Die Arbeit selbst wurde zur Ehre
und zum Lohn. Jener Epileptische, der zunchst zum Meister
ausersehen war, hat hernach, nachdem er hatte zurcktreten mssen,
unter seinem gesunden Meister und Hausvater noch nahezu dreiig
Jahre lang in der Tischlerwerksttte gearbeitet, immer mit
gleichmiger Treue und Heiterkeit, ohne je einen Pfennig Lohn sein
eigen zu nennen. Er bekam, was er an Nahrung, Kleidung und allem
brigen ntig hatte, aber das Geld spielte fr ihn keine Rolle mehr.
Da es in Bethel so viele glckliche Menschen gab und gibt, hat mit
darin seinen Grund, da der auri sacra fames, d. h. dem hllischen
Hunger nach Geld, und zugleich dem lockenden Silberton des
reizvollen Ruhmes so viel wie mglich der Boden entzogen wurde.

Natrlich gelang es nicht immer sofort, jeden zur Arbeit willig und
frhlich zu machen. Die erste kleine Ackerbaustation Hebron war
entstanden, aber der Weg, der von Hebron eine Viertelstunde weit zum
Mittelpunkt der Anstalt fhrte, war zunchst unausgebaut und im
Winter nahezu grundlos. Eines Tages verweigerten deshalb die beiden
epileptischen Kranken, die aus der Bckerei von Sarepta das Brot zu
holen hatten, den Dienst. Davon hatte Vater gehrt. Er verschaffte
sich eine Kiepe, lie sich die Zahl Brote, die fr Hebron bestimmt
waren, hineintun, nahm sie auf den Rcken, trug sie durch Dreck und
Unwetter nach Hebron hinber und lud mit groer Heiterkeit sein Brot
an Ort und Stelle ab. Damit war ein fr allemal das Widerstreben
gebrochen, und der Posten, das Brot zu holen, war zu einem
besonderen Ehrenposten geworden.

Bei der Verteilung der Arbeit galt der alte preuische Grundsatz:
=suum cuique=. Keine Einseitigkeit, sondern jeden mglichst nach
seinen Krften, Gaben und Neigungen einspannen! Nur so konnte ein
freudiger Geist gepflegt und erhalten werden. So entstand dann
Schritt um Schritt eine Arbeitssttte nach der andern. Die Kranken
selbst mit ihrer Arbeitslust und ihrem Arbeitshunger trieben die
Entwicklung vorwrts.

Auch solche Kranke, die von Haus aus krperliche Arbeit nicht
gewohnt waren, griffen frhlich zu Hobel, Axt und Spaten; andere
wiederum fanden in den Schreibstuben und bei mancherlei Botengngen
ihre Beschftigung. Mein Bruder Wilhelm und ich bekamen unsern
ersten Unterricht bei einem epileptischen Lehrer.

Vaters erster Schreibgehilfe war ein epileptischer
Eisenbahnsekretr. Er war verlobt und wurde whrend seines Dienstes
auf dem Bahnhof in Gtersloh durch ein Telegramm, das ihm den
unerwarteten Tod seiner Braut meldete, so erschreckt, da er auf der
Stelle im ersten epileptischen Anfall zusammenbrach. Seine geistige
Fhigkeit hatte schon gelitten, als er in Bethel Aufnahme fand.
Desto mehr war Herr Kneipp, so hie er, gehoben und beglckt, als
ihn Vater in seinen persnlichen Dienst zog. Unermelich mu die
Geduld gewesen sein, die Vater mit ihm hatte. Manchmal waren beide
Eltern im Arbeitszimmer des Vaters um ihn bemht, wenn ihm pltzlich
die Feder aus der Hand gefallen und er bewutlos zu Boden gesunken
war.

Die Erinnerung an diese Zeit, auch als sie schlielich um seiner
zunehmenden Schwche willen ein Ende fand, begleitete den Kranken
durch den Rest seiner Tage, soda ich sein von Glck strahlendes
Gesicht und seinen im Hochgefhl der Freude sich wiegenden Schritt
immer noch deutlich vor Augen habe. Man fand ihn eines Morgens tot
im Bett. Unbemerkt hatte er sich im Anfall herumgeworfen und war in
seinem Kopfkissen erstickt.

Aber was wurde aus denen, deren Arbeitskraft versagte? Wer nicht
mehr die Hnde rhren konnte, konnte sie doch noch falten und so das
Herz der Menschen und Gottes bewegen. Und das konnte auch der
Schwchste und Elendeste noch. Ihr knnt noch die Hnde falten --
wie oft hat das Vater gerade den ganz Schwachen zugerufen und sie
damit in die vordersten Reihen der Mitarbeiter gestellt!

So wuchs eine Gemeinde heran, die unter Gottes gewaltige Hand
gebeugt, beides war, still und ttig, demtig und hochgemut, elend
und doch gesund, als die Sterbenden, und siehe, wir leben.

Und wer will es dieser Gemeinde verdenken, da, wo sich Vater
zeigte, die Herzen rauschten, nicht aus Menschenvergtterung, aber
aus Dank gegen Gott? Und Vater lie es sich gefallen. Von Natur war
ihm jede Berhrung mit Kranken, sonderlich unsauberen, peinlich;
nicht einmal ein Butterbrot, das von einer andern als von unserer
Mutter Hand geschnitten und gestrichen war, a er ohne Widerstreben.
Aber kaum einer hat ihm das angemerkt. All den strmischen
Begrungen der Kranken gab er nicht nur nach, sondern gab sich
ihnen hin. Wie oft hat ein Kranker, der seinen Dank nicht in Worte
fassen konnte, seinen Kopf tief in seine Seite hineingebohrt oder
ihm unversehens einen Ku aufgebrannt! Er hat dem nicht gewehrt,
sondern zum Dank mit seiner linden Hand die Wange und die Stirn
gestreichelt.


Die Brder.

Der Dienst an den Epileptischen konnte natrlich nicht getan werden
ohne einen Kreis gleichgesinnter Pfleger und Pflegerinnen. Neben die
Diakonissen traten die Diakonen, neben die Schwestern die Brder.

Die ersten Brder kamen aus der Diakonenanstalt Neinstedt am Harz.
Sie bildeten den Grundstock einer kleinen Bruderschaft, die sich im
Jahre 1877 zu einer besonderen Diakonenanstalt zusammenschlo.
Zwischen dem Diakonissenhause Sarepta und dem Hause der
Epileptischen Bethel war noch ein Platz frei. Hier entstand die
Heimat der Brder, das Haus Nazareth.

Woher sie kamen? Ein Schustergeselle stellte sich aus dem
Hannverschen ein, dem sein Freund aus einer Predigt erzhlt hatte,
die Vater in dem kleinen hannverschen Bad Essen gehalten und in der
er fr den Dienst an den Kranken geworben hatte. Ein Landwirt
meldete sich, der im August 1870 als Paderborner Husar vor Metz
inmitten seines Regimentes im feindlichen Kugelregen gehalten und in
dieser Gefahr das Gelbnis getan hatte, er wollte Gott sein Leben
weihen, wenn er ihn gesund wieder ins Vaterland brchte. Der Sohn
eines der reichsten und grten Hfe aus dem Herzen des Ravensberger
Landes kam. Auch ein Kaufmann, der seinem Kompagnon seinen Anteil an
dem reichen Ertrage des Geschftes allein berlie. Und so einer
nach dem andern. Mehr noch als bei den Schwestern waren es meist
Angehrige der krperlich arbeitenden Stnde, selten, zu selten
jemand, der hnlich den Gliedern des alten Johanniter- und
Templerordens eine umfassende Bildung besa.

Aber die Herzensbildung war ja gerade im Dienst an den Epileptischen
das Entscheidende, der innere Friede, die Gelassenheit des Gemts.
Als eine Sule im Sturm stand Bruder Nispel als Hausvater unten in
Eben-Ezer unter den aufgeregten Kranken. Wie natrlich und gemtlich
ging es zu! Da kommt ein Kranker die schmale Treppe heraufgestrmt.
Irgend etwas mu zwischen ihm und einem Mitkranken vorgefallen sein,
das sein Gemt so in Wallung bringt. Zitternd vor Erregung steht er
vor dem Hausvater und kann kaum mit der Sprache heraus. Da langt
Hausvater Nispel zur Kiste mit Zigarren, die oben auf dem Schrank
steht. So, Wilhelm, nun wollen wir uns erst mal eine anstecken.
Und Wilhelm nimmt mit bebender Hand das kstliche Kraut, der
Hausvater hilft beim Anznden, und whrend die ersten hastigen Zge
des Kranken die Rauchwolken herausstoen, hat auch der Hausvater in
aller Mue seine Zigarre in Brand gesetzt. Nun qualmen die beiden
miteinander. Viel Worte sind nicht mehr ntig. Die kleine
Freundlichkeit und die groe Ruhe haben die Hauptsache getan, und
still und zufrieden geht Wilhelm wieder an seine Arbeit zurck.
Vater selbst rauchte nicht. Aber, so konnte er oft sagen, ich
danke Gott fr das gute Kraut. So wenig er fr seine Person den
Tabak schtzte, so war er ihm doch oft in der Pflege der aufgeregten
Kranken ein lieber Bundesgenosse, den er gegen Fanatiker in Schutz
nahm.

Als im Jahre 1872 das groe Haus Bethel fertiggestellt war, in
welchem 200 epileptische Kranke jeden Alters und Geschlechts
untergebracht waren, wurde das ganze Haus zunchst einem Inspektor
unterstellt, dem nun ihrerseits wieder die Brder und Schwestern
untergeordnet waren. Aber als der erste Inspektor, namens Unsld,
nach jahrelanger treuer Arbeit in seine schwbische Heimat
zurckkehrte, wurde seine Stelle nicht neu besetzt. Von jetzt an
stellte Vater die Kranken weiblichen Geschlechts ausschlielich in
die Obhut der Schwestern und die mnnlichen Geschlechts in die Obhut
der Brder. Station um Station wurden die mnnlichen Kranken aus dem
Hause hinaus verlegt, bis das ganze Haus nur den weiblichen Kranken
gehrte. Unter der geruschlosen Leitung von Schwester Luise hat so
das alte liebe Haus Bethel allen andern Husern vorangearbeitet in
Stille, Sparsamkeit und Flei.

Als weitere Huser fr weibliche Kranke ntig wurden, wurden
dieselben Wege innegehalten. Sie alle standen ausschlielich unter
der Leitung von Hausmttern, die dem Diakonissenhause angehrten.
Hausmtter, das war das entscheidende Wort. berall sollte der
mtterliche Sinn der Frau, so viel wie nur irgend mglich, das Haus
durchdringen.

Aus demselben Grunde aber muten die Brder heiraten. Neben den
Hausvater, der der einzelnen Station epileptischer Kranker vorstand
und sie mit einigen ledigen Brdern verwaltete, mute die Hausmutter
treten, die mit mtterlichem Geiste das Haus erfllte. Beide
Hauseltern aber konnten, wenn ihnen Kinder geschenkt wurden, an
ihren eigenen Kindern die rechte vterliche und mtterliche Art
lernen, mit der sie ihre Kranken versorgten und ihnen das ferne
Elternhaus und die verlorene Heimat ersetzten.

Aus den Diakonissen durften die Brder die Lebensgefhrtin nicht
whlen. Diese Ordnung wurde vom ersten Augenblick an durch Vater
aufgerichtet und durchgehalten. Nicht aus einer Mncherei heraus.
Aber bei den Schwestern wurde der Entschlu vorausgesetzt, ihr
Leben, ohne durch die Ehe gebunden zu sein, ungehindert dem Dienst
des Nchsten zu widmen, es sei denn, da Gott durch die Verhltnisse
ganz klar andere Wege zeigte. In diesem Entschlu sollten sie durch
ihre nchsten Mitarbeiter, die Brder, nicht wankend gemacht werden.
Es ist, soviel ich wei, auch niemals geschehen.

Nicht in der Pflege der Epileptischen, wohl aber auf den brigen
Krankenstationen arbeiteten Schwestern und Brder in jener ersten
Zeit zusammen, sowohl im Diakonissenhause Sarepta als auch in andern
Krankenhusern hin und her im Lande. Die Leitung des Hauses, auch
die der einzelnen Stationen fr mnnliche Kranke, lag in der Hand
der Schwester. Unter ihr, in mglichst groer Selbstndigkeit, aber
doch ebenso unter ihr wie die jungen Schwestern, arbeiteten die
Brder.

Denn auf dem Gebiete der Krankenpflege reichte Vater als etwas
Selbstverstndliches der Frau die Palme. Er hatte whrend seiner
Krankheit als junger Rekrut in Berlin und hernach whrend der
Feldzge 1866 und 1870 aus eigener Erfahrung erprobt, da die
Begabung des Mannes in diesem Stck hinter der der Frau
zurcksteht. Der Mann sieht auf das Ganze, die Frau auf das
Einzelne. Die Arbeit in der Pflege des Kranken aber besteht in
erster Linie aus vielen Kleinigkeiten. Doch ber diese Dinge wurde
von Vater keine Theorie aufgestellt. Er handelte aus unmittelbarem
Empfinden heraus, wenn er dem mtterlichen Blick und Herzen der Frau
die erste und letzte Sorge fr die Kranken, auch fr die mnnlichen
Kranken anvertraute, und wenn er von den Diakonen die Anerkennung
einer auf diesem Gebiete den Mann berragenden Wrde der Frau als
ganz selbstverstndlich erwartete.

Aber auf seiten der Schwester gehrte dazu, da sie solche Wrde sich
nicht zum Stolz und zur Herrschsucht gereichen lie; auf seiten des
Bruders, da die Einsicht in die Schranken ihm nicht zur Last wurde und
zur Fessel, sondern zum Antriebe, unter ehrlicher Anerkennung des
Tatbestandes doch zugleich sein Bestes daranzusetzen. Wo das geschah --
und es kam auf einzelnen Krankenstationen in dem Zusammenarbeiten
zwischen Schwestern und Brdern vor --, da erreichte die Pflege der
Kranken eine Hhe und die Atmosphre, die das Haus durchwehte, eine
Reinheit und Kraft, die fr Vater zu den schnsten Erfahrungen seines
ganzen Lebens gehrte.

Doch es konnte nicht ausbleiben, da er auf diesem Gebiete
Schwestern sowohl wie Brdern eine Hhe und innere Reife und eine
Zartheit des Taktes zumutete, hinter der bald der eine, bald der
andere Teil, bald beide zurckblieben. Kam doch bei Vater noch seine
ritterliche Art hinzu, die es ihm fast von Natur leicht und zur Lust
machte, sich der Frau auf diesem bestimmten Gebiete unterzuordnen.
Da hat er manchen Sohn und manche Tochter des Volkes zu sehr mit
seinem eigenen Ma gemessen, statt an jeden den Mastab anzulegen,
der der eigenen Entwicklung des betreffenden Bruders, der
betreffenden Schwester entsprach. So ist denn auch diese Art der
Zusammenarbeit immer mehr zurckgegangen und schlielich ganz
aufgehoben worden. Da, wo bisher Diakonen und Diakonissen zusammen
gearbeitet hatten, traten bezahlte Pfleger an die Stelle der
freiwilligen und, ebenso wie die Schwestern, nur gegen Taschengeld
arbeitenden Diakonen. Das ist Vater immer schmerzlich geblieben. Und
das hohe Ideal, dem in jener ersten Anfangszeit mit der Tat
zugestrebt wurde, sollte nie von der Christenheit aus dem Auge
gelassen werden.

Doch lag die Sache nicht so, da Vater, weil ihm diese Schranke in der
Begabung des Mannes klar war, nun die Brder etwa lieber so bald wie
mglich in einem geistlichen Beruf gesehen htte, statt in der
schlichten Pflege der Kranken. Womit htte er dann das immer strker
heranstrmende Heer der Notleidenden versorgen sollen? Nur durch die
Pflege des krperlichen Menschen kam er ja an den verborgenen inwendigen
Menschen heran. Darum waren ihm im Grunde diese Unterschiede zwischen
Mann und Weib gering gegenber der unermelichen an Schwestern und
Brder herandrngenden Not. Was lag schlielich daran, wenn der einzelne
von der Frau ein wenig besser, vom Mann ein wenig geringer versorgt
wurde, wenn er nur berhaupt versorgt wurde! Hier war wirklich keine
Zeit fr Schreibtischtheorien ber die Grenzen der Frau und die Grenzen
des Mannes. Sie wrden sich von selbst herausstellen, wenn nur jeder an
seinem Teil Hand anlegte an die unendliche Aufgabe, die sich auftat.

Nur wer Lust hatte und willig war, einerlei ob Weib oder Mann, sein
ganzes Leben im allergeringsten, verachtetsten, verborgensten Dienst
an der leiblichen Not des Nchsten zuzubringen, war in Vaters Augen
berhaupt fr irgend welche sogenannte geistliche Arbeit zu
gebrauchen. Wer aber aus solch geringem Dienst emporschielte nach
hheren geistlichen Aufgaben und den Dienst in der blauen Schrze,
wie Vater den Dienst des Diakonen so gern nannte, nur als
Sprungbrett ansah fr eine vermeintlich gehobene Laufbahn, den sah
er schon als innerlich ungeeignet an fr den Gesamtbereich der
christlichen Bruderhilfe.

Wenn der Mangel an geeigneten mnnlichen Pflegekrften besonders
hart drckte, kam es vor, da Vater wieder und wieder an die
Anstalten der ueren Mission schrieb mit der Bitte, man mchte doch
diejenigen mnnlichen Krfte, die sich in diesen Anstalten meldeten,
aber aus Mangel an Platz abgewiesen werden mten, auf den Dienst in
der blauen Schrze aufmerksam machen. Aber selten geschah es, da
jemand solchem Ruf folgte. Darin erblickte Vater ein ernstes
warnendes Zeichen fr den Tiefstand der Christenheit, deren erweckte
Glieder wohl den hohen Dienst des Wortes unter den Heiden begehrten,
doch den geringen Dienst unter den Kranken und Schwachen der Heimat
ablehnten.

Keineswegs aber war es so, da Vater dem Diakonen den Weg von der
blauen Schrze zum Gemeindehelfer, Jugendleiter, Stadtmissionar oder
Seemannspfleger verwehren wollte. In all diese Berufe sind spter
Mitglieder des Hauses Nazareth eingetreten und haben sich darin
bewhrt. Und standen sie auf einsamem Posten, so wuten sie, wie
schnell und gern ihr Leiter, Pastor Kuhlo, zur Stelle war, um mit
seinem kindlichen Glauben das Herz zu erquicken und mit den
seelenvollen Klngen seines nie rastenden Hornes Berge von Sorgen
hinwegzublasen und Tler voll Kleinmut mit Dank und Lob zu fllen.
Daheim in Nazareth aber fhrte whrenddem Pastor Gbel, der aus der
Brdergemeinde gekommen war, in stiller Weisheit und Treue das
Steuer der Brderschaft.


Die brigen Mitarbeiter.

1. _Unsere Mutter._

Ich hre noch aus den frhesten Kindertagen ihre schnelle Feder ber
das Papier eilen, wenn sie in unserer Wohnstube an ihrem kleinen
Schreibtisch sa und Vater, an unsern lieben gelben Kachelofen
gelehnt, mit fest zugedrckten Augen ihr diktierte. Er hatte eine
schwere Hand, die, wenn er beim Schreiben angestrengt nachdachte, so
undeutlich wurde, da die wenigsten sie lesen konnten. Hier hat
Mutter ihm geholfen, von der Pariser Zeit an bis lange in die ersten
Jahre von Bethel hinein. Denn Freund Kneipp, von dem oben die Rede
war, war doch nur zu gewissen Zeiten des Tages zur Verfgung. Und
wie mancher Tag fiel seiner Krankheit wegen ganz aus!

Aber auch abgesehen von dieser groen, oft sehr anstrengenden, bis
in die Nacht gehenden Schreibarbeit ergnzte sie mit ihrer Feder den
Vater. Vielfach war sie frher als das brige Haus auf, um in aller
Morgenstille den Briefverkehr mit den Verwandten und Freunden des
Hauses und spter auch mit den Kindern zu pflegen.

Whrend der Beruf des Vaters ihn naturgem aus dem Hause fhrte,
war Mutter immer daheim. Sie war in jedem Augenblick fr uns Kinder
da. Mit vlliger Sorglosigkeit berlie darum Vater uns Kinder der
Mutter. Auf allen ihren Wegen durchs Haus trabten wir hinter ihr
her, und berall leitete sie uns an, ihr zur Hand zu gehen und
keinerlei Arbeit zu scheuen. Wenn sie nachmittags still auf dem
niedrigen Sessel sa, auf dem sie alle ihre Kinder gewartet und
genhrt hatte, das kleine Arbeitstischchen vor sich, dann hockten
wir Kinder um sie her, und sie lehrte uns stricken und sticken, auch
uns Jungen, und erzhlte dabei am liebsten aus ihrer und des Vaters
Lebensgeschichte.

Wie eng und klein gegen ihre frheren Lebensverhltnisse war das
Haus geworden, wie bescheiden auch der Lebenszuschnitt! Aber es kam
ihr zustatten, da sie in einer Zeit gro geworden war, in welcher
auch in den hochgestellten Kreisen die Lebenshaltung eine sehr
einfache und sparsame blieb. So wurde es ihr nicht schwer, mit dem
geringen Gehalt, das der Vater bekam, -- es war in den ersten
20 Jahren seiner Ttigkeit nicht mehr als 2400 Mark jhrlich, zu
denen noch ein verhltnismig kleiner Zuschu aus ihrem vterlichen
Erbteil hinzukam, -- durchzukommen und noch immer brig zu haben fr
andere.

Sie selbst war ein Vorbild von Einfachheit. Die Mode machte sie
nicht mit. Nur einmal whrend der 22 Jahre ihres Lebens in Bethel
leistete sie sich einen neuen Hut und einmal einen neuen Mantel. Das
war ein Fest fr uns alle. Seit mit dem Tode ihrer vier ersten
Kinder ihr Kopfhaar sehr sprlich geworden war, trug sie eine hchst
kleidsame weie Rschenmtze. Drauen hatte sie darber nur selten
einen Hut, sondern statt dessen ein dreieckiges schwarzes Tchlein,
und statt des Mantels war ihr ebenfalls ein langes schwarzes
wollenes Tuch das liebste. So ging sie uns Kindern und der ganzen
Gemeinde in edler Einfachheit voran.

Als wir grer geworden und dem Schlafzimmer der Eltern entflohen
waren, versumte sie doch ohne besondere Not keinen Abend, mit uns
zu beten. Das alte, unendlich einfache und zugleich so tiefe
Zinzendorfsche Gebet bildete immer die Einleitung: Christi Blut und
Gerechtigkeit, -- Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, -- Damit will
ich vor Gott bestehn, -- Wenn ich zum Himmel werd' eingehn. Dann
kamen die einzelnen Anliegen. Wie hat sie uns gewhnt, im Gebet
insonderheit der einzelnen Verwandten und ihrer Kinder zu gedenken!

So lag unsere Erziehung im wesentlichen in ihrer Hand. Nur sehr
selten kam es vor, da Vater sich in die Erziehung mischte. Whrend
die Mutter mit ihren wachen Augen und ihrem schnellen Empfinden
rasch eingriff, hatte Vater eine unermeliche Geduld mit uns. Nicht
selten entgleiste unsere geschwisterliche Liebe in Gegenwart der
Eltern. Aber Vater tat meist wie Saul, als hrte und she er es
nicht. Bat ihn aber, wenn es gar zu arg wurde, die Mutter um sein
Einschreiten, dann wirkte es um so tiefer.

So wird es mir unvergelich bleiben, wie wir drei Brder eines
Sonntagmorgens in der kleinen Dachkammer, die wir miteinander
bewohnten und die gerade ber dem Wohnzimmer der Eltern lag, in
erbitterten Streit geraten waren und einen Heidenlrm machten.
Whrend wochentags die Schule uns keine Zeit lie, gab uns gerade
der Sonntagmorgen erwnschte Mue, uns einmal grndlich
gegeneinander Luft zu machen. Da, whrend einer kurzen Atempause
unseres Streites, hren wir Tritte die Treppe heraufkommen. Werden
sie in Vaters Studierzimmer verhallen? Nein, sie kommen den Gang
entlang, der auf unser kleines Arbeitszimmer fhrte, hinter welchem
die Kammer lag. Jetzt kommen auch schon die Tritte durch das
Arbeitszimmer; jetzt ffnet sich die Tr, nicht weit, sondern nur so
viel, da gerade Vaters vorgebeugter Kopf hineinsehen kann.
Kinder, sagt Vater, am Sonntagmorgen? Mehr sagt er nicht,
sondern schliet die Tr wieder und geht davon. Unsere Seele
zitterte, nicht weil wir ein Dreinschlagen des Vaters gefrchtet
htten, sondern weil uns der Frieden, die Stille, die groe Gte,
die sich mit dem vterlichen Ernst verband, bis in die Seele
getroffen hatte. Unser Streit war wie in einem tiefen Abgrund
versunken und vergessen. Gericht und Gnade Gottes, wie sie in eins
ttig sind, sind mir an diesem Erlebnis immer verstndlich
geblieben.

Noch freiere Hand als bei uns Kindern lie Vater naturgem der
Mutter in der Erziehung der Hausmdchen. Weil sie nicht weichlich
war gegen sich selbst, so war sie auch nicht weichlich gegen ihre
Angestellten. Wer ihre Schule bestand, hatte etwas Tchtiges
gewonnen. Einige bewhrte Hausfrauen und mehrere Diakonissen, die
von unserm Hause aus den Weg in das Mutterhaus fanden, haben ihr
ber das Grab hinaus gedankt.

Durch die schweren Fhrungen ihres Lebens war sie von Menschen
gelst worden und ganz auf Gott gestellt. Jedes Geprnge nach auen
hin, aber auch jedes fromme Getue war ihr fremd. Sie kannte aus
eigenster Erfahrung die Tiefe des Leides und hatte darum ein
unmittelbares beraus wohltuendes Mitempfinden mit jedem Leidenden.
Aber sie war ganz und gar nicht wehleidig. Sie beklagte niemanden.
Es lag ber ihrem Mitleiden der kstliche Humor, der im Schmerz die
Quelle der edelsten Freude ahnt und auf dem Grunde des bitteren
Kelches die glnzende Perle erblickt. Wie manchen, der mde an Leib
und Seele ins Haus kam, um sich bei Vater Rat und Hilfe zu holen,
hat sie erst durch eine kleine leibliche Erquickung erfrischt und
dann, ohne da sie in Versuchung kam, Herzensgeheimnisse zu
erforschen, durch ein klares, offenes, gtiges Wort die Seele
zurechtgerckt, soda Vater nur noch halbe Arbeit hatte.

Es gab Zeiten, wo Vater und Mutter regelmig um zwei Uhr
nachmittags einen gemeinsamen Spaziergang durch die Anstalt und die
Anstaltshuser machten, um berall an der Not teilzunehmen und nach
dem Rechten zu sehen. Auf solchen Wegen hat dann Mutter, ganz
unbewut und ungewollt, Vaters Augen und Urteil ergnzt. Bei der
groen Beweglichkeit und Glut, die Vaters Herz erfllte, und bei der
groen Tragkraft, die er besa, kam es oft vor, da Dinge und
Menschen ihm in einem Lichte erschienen, das doch der Wirklichkeit
nicht ganz entsprach. Nie hat dann Mutter mit ihrem ergnzenden
Urteil zurckgehalten. Unerbittlich, wie andern Menschen gegenber,
blieb sie auch gegenber ihrem Mann in der Wahrheit, und fr die
rechte Beurteilung von Menschen und Dingen, namentlich auch bei der
Wahl der Mitarbeiter, blieb ihr klares Auge und unbestechliches
Empfinden von hchstem Wert fr ihren Mann. Sie hat mir nie
geschmeichelt, hat er an ihrem Grabe gerhmt.

Siebzehn Jahre nach ihrem Tode kam ich einmal auf Reisen in eine
rheinische Stadt, gerade rechtzeitig zum Beginn des Gottesdienstes.
Es predigte ein Pastor, der frher eine Zeitlang in Bethel
gearbeitet hatte und mir befreundet war. Es war eine dreigeteilte,
tief zu Herzen gehende Predigt. Nachher ging ich in die Sakristei,
um meinen Freund zu begren. Da sagte er: Die Predigt habe ich
schon einmal in Bethel gehalten -- aber nur in zwei Teilen. Damals
hat mir deine Mutter gesagt: >Sie haben den dritten Teil vergessen.<
Den habe ich jetzt nachgeholt. So wirkte ihr offenes und klares
Wort ber Jahre hinaus.

Aber sie trug den reichen Schatz ihrer Seele in einem Gef, dessen
Wandungen sehr zart geblieben waren. Ihr an und fr sich so heiteres
Gemt konnte hie und da von ganz kleinen Dingen berrannt und in
eine Stimmung gebracht werden, die sich auf ihre ganze Seele und
damit auch auf unser Haus wie ein Nebel legte. Dann half kein
Zureden; der Zustand mute einfach seine Zeit haben. Darunter haben
wir Kinder manchmal gelitten, und die Mutter selbst am meisten. War
der Zustand der Verstimmung berwunden, dann strahlte die Sonne des
Glckes wieder desto heiterer ber unserm Haus. Vater selbst ertrug
sie in solchen Stunden mit unermdlicher Geduld. Wir haben nie ein
einziges hartes Wort gegen die Mutter von seinen Lippen gehrt.

Zu diesen vorbereilenden Schatten kamen lngere Ruhe- und
Krankheitszeiten der Mutter, namentlich in den letzten Jahren ihres
Lebens, als unter der groen Last, die auf ihr lag, die
Widerstandskraft der Nerven schwcher und schwcher wurde. Aber das
waren eigentlich besondere Feierzeiten fr unser ganzes Haus. Denn
der Strom der Fremden, die aus- und eingingen, stand dann still.
Vater hielt sich so viel wie mglich zu Haus. Und die einsamen Wege
durch Wald und Feld, die Mutter dann mit dem Vater, oft aber auch
bald mit dem einen, bald mit dem andern von uns Kindern machte,
waren wichtige Sammelstunden fr uns in dem sonst oft so unruhigen
und zerstreuenden Anstaltsleben.

In solchen Zeiten erquickte dann Mutter sich und uns durch ihr
Klavierspiel. Sie besa eine Weichheit und Kraft des Spiels, wie ich
es mit Bewutsein nie wieder gehrt habe. In den letzten Jahren
ihres Lebens war es nur noch Bach, den sie spielte, und der tiefste
deutsche Musikmeister war ihr durch die Tiefe des Leidens in
besonderer Weise verstndlich und trstlich geworden.

Vor dem Eintritt in ihre letzte Krankheitszeit wurden ihr noch
einige Monate vlliger geistiger und krperlicher Frische beschert.
Das war fr sie wie fr uns alle eine ganz unbeschreibliche Wohltat.
Alle Hemmungen waren verschwunden. Das Leuchtende, Sprudelnde,
Humorvolle und dabei so zrtlich Frsorgende ihres innersten Wesens
brach hervor, wie wir es in solchem Mae eigentlich nur in der
frhesten Kindheit gekannt hatten. Ein achttgiges Zusammensein im
schnen Beatenberg im Berner Oberland, das uns vier Kinder um die
Eltern vereinigte, war der Hhepunkt dieser Zeit.

Als wir im Sptherbst auf verschiedenen Wegen wieder in Bethel uns
zusammenfanden, hatte sich schon die letzte Krankheit der Mutter
angebahnt. Es zeigte sich, da in dem letzten hellen Feuer, das uns
so tief beglckt hatte, zugleich ihre Kraft ausgebrannt war. An ihr
Ende dachte freilich keiner von uns.

Um sie einmal ganz in die Stille zu fhren, brachte Vater sie in die
Anstalt eines ihm nahestehenden Arztes. Dort verschlimmerte sich der
Zustand schnell und steigerte sich zur Verwirrung der Gedanken. Ein
Brief, der Vater herbeirufen sollte, fand durch ein Versehen nicht
rechtzeitig den Weg zur Post. Er wurde berholt durch ein Telegramm
vom 4. Dezember 1894, das unsere Schwester ffnete. Es enthielt die
erschtternde Mitteilung vom Tode der Mutter.

Nur bei der Nachricht von dem Tode Kaiser Friedrichs hatten wir
Vater weinen sehen; jetzt, als wir beiden lteren Shne aus Berlin
heimeilten, hrten wir ihn bitterlich schluchzen. Dann aber konnte
er in groer innerer Stille vor der versammelten Gemeinde Gott und
Menschen danken fr dies nun abgeschlossene gesegnete Leben.

Unsere kleine Dachkammer oben, wo wir Brder unser Quartier behalten
hatten, hat damals manche stille Trne gesehen. Der tiefe Schmerz
schlo die Herzen fester denn je zusammen und berwand die zarte
Scheu, die sonst gerade uns Westfalen eigen ist, soda unser
ltester Bruder des Abends aus dem Herzen heraus mit uns und fr uns
betete. Einige Male wachte ich mitten in der Nacht an meinem eigenen
Wehklagen auf. Fortan bildeten wir Kinder enger denn je einen Kreis
um den geliebten Vater. Aber ersetzt werden konnte der Verlust nie
wieder.


2. _Mutter Emilie und Schwester Lottchen._

Sie sind in meiner Erinnerung beide unzertrennlich voneinander. Mutter
Emilie war Oberin des Diakonissenhauses. Sie wurde aber nie so genannt,
sondern hie einfach Mutter. Schwester Lottchen war die
Probemeisterin, d. h. die Leiterin derjenigen jungen Schwestern, die zur
Probe aufgenommen wurden. Mutter Emilie war Schwester des
Kaiserswerther Diakonissenhauses, Schwester Lottchen hatte dort ihre
Ausbildung erhalten. Darum behielten sie auch bis an ihr Ende ihre alte
Kaiserswerther Haube. Auch die Sarepta-Schwestern hatten ursprnglich
dieselbe Tracht. Da aber die Kaiserswerther Haube mit ihrer feinen das
Gesicht einrahmenden Rsche, die bei jeder Wsche losgetrennt und wieder
zusammengereiht werden mute, sehr viel Arbeit kostete, so fhrte Vater
nach dem Vorbilde des Diakonissenhauses in Neuendettelsau eine andere
Haube ein, die weniger Arbeit brachte und die bis heute beibehalten
wurde, obgleich auch sie Vater nie vllig praktisch genug erschien.

Mutter Emilie stammte aus einer schlesischen Pastorenfamilie. Sie
hatte schon eine reiche Berufsarbeit hinter sich. Fr uns Kinder war
es von ganz besonderem Interesse, da sie in Jerusalem und Bethlehem
gewesen war. Denn sie hatte jahrelang auf den Orientstationen des
Kaiserswerther Hauses gearbeitet, hatte auch die Maronitenverfolgung
miterlebt und in der Gegend des alten Tyrus und Sidon die
maronitischen Witwen und Waisen gepflegt, deren Vter von Drusen
erschlagen worden waren.

Besonders in Jerusalem hatte sie vielen mit ihren medizinischen
Kenntnissen geholfen und wurde von den Eingeborenen wie ein Arzt
geehrt. Als sich whrend eines Aufstandes in Jerusalem das Gercht
verbreitet hatte, sie sei fortgeschleppt oder gettet, da drangen
die Araber des Nachts in das Haus und lieen keine Ruhe, bis
Schwester Emilie aufstand und sich ihnen zeigte, damit sie sich
berzeugten, da sie unversehrt und zu Hause geblieben sei.

Sie war eine ungemein ttige Natur von grter Schlichtheit des
Wesens und auch der ueren Erscheinung. An die geringste uere
Arbeit wandte sie die gleiche Sorgsamkeit wie an jede andere
Aufgabe; und den Aschenhaufen im Hofe des Diakonissenhauses sah man
sie eines Tages durchsuchen, um die noch brennbaren Kohlenschlacken
herauszuholen.

Sie sprach nicht viel. Aber man fhlte, was sie dachte. Man konnte
es auf ihrem Gesichte lesen.

Jung eintretende Schwestern nahm sie am liebsten mit in den Garten
hinaus zum Bohnen- und Erbsen- oder Strauchobst-Pflcken. Dabei
lernte sie sie kennen. -- Es hatte sich ein Mdchen, das im Hause
von Pastor Strmer den Haushalt gelernt hatte, zur Diakonissin
gemeldet. Mutter Emilie ging zur Pastorin Strmer, und als sie deren
Urteil gehrt hatte, bat sie: Nun zeigen Sie mir doch noch das
Zimmer! Sie fand das Zimmer in musterhafter Ordnung und sagte nur:
Gut, die kann kommen.

In jeder Arbeit ging sie den Schwestern voran bei Tag und bei Nacht.
Nichts entging ihrem sorgsamen Auge. In dem bitter kalten Winter des
Jahres 1878 ging sie nachts von Bett zu Bett, um sich zu berzeugen,
ob Kranke und Gesunde auch gengend zugedeckt seien. Den
Schwerkranken und Sterbenden opferte sie immer wieder ihren Schlaf.
Es gab keine Stunde der Nacht, in der nicht Mutter Emilie den
Nachtwacheschwestern zu Hilfe eilte, um den Kranken und Sterbenden
die letzte Liebe erweisen zu helfen.

Den genesenden Schwestern galt ihre besondere Frsorge; und es war
fr sie eine lang ersehnte Wohltat, als es gelang, in einem
einsamen, eine halbe Stunde entfernten Waldtal ein Ruhe- und
Erholungsheim zu schaffen. Manchmal war sie schon um vier Uhr
morgens dorthin unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Und um
sechs Uhr, wenn die Schwestern zum ersten Frhstck kamen, war sie
im Mutterhaus wieder in ihrer Mitte. Ja, das war eine Mutter,
sagte noch krzlich aus tiefstem Herzen heraus eine der alten
Schwestern. Und wir, die wir wuten, was diese kleine, zarte Gestalt
an innerer und uerer Arbeit bei Tag und Nacht leistete, wunderten
uns nicht, wenn ihr je und dann im Gottesdienst der Sareptakapelle
vor bermdung die Augen zufielen. Aber das dauerte nur wenige
Augenblicke. Dann feierte sie desto inniger und aufmerksamer den
Gottesdienst mit.

Ich habe berhaupt aus jener Anfangszeit den Eindruck, da man in
Bethel die Hauptnahrung fr die Arbeit der Woche aus dem
Sonntagsgottesdienst holte und sich nicht auf das Lesen von
Sonntagsblttern und andern Schriften verlie. Diese wurden nicht
verachtet, waren aber doch in erster Linie fr die bestimmt, die den
Sonntagsgottesdienst nicht besuchen konnten. Auch wir Kinder nahmen
ganz regelmig an diesen Gottesdiensten teil. Das gehrte einfach
zur Sitte des Hauses.

Schwester Lottchen, die Probemeisterin, stammte aus Bielefeld und
war in Kaiserswerth vor allem in der Kleinkinderarbeit ausgebildet
worden. Aber ihrer Natur entsprach diese Arbeit eigentlich nicht.
Wir Kinder haben uns immer ein klein wenig vor ihr gefrchtet. Nicht
deswegen, weil sie uns einmal beim Naschen von Johannisbeeren im
Diakonissengarten ertappte. Da nahmen wir Reiaus vor ihr und
rechneten es ihr zeitlebens hoch an, da sie ber die Angelegenheit
als ber etwas Nebenschliches stillschweigend hinweggegangen war
und es nicht zur Anzeige gebracht hatte. Aber sie war uns zu straff
und zu kurz angebunden. Wenn sie Mittwochs beim Familienabend an der
Tr stand und die Schwestern empfing, um ihnen die Pltze
anzuweisen, dann taten uns jedesmal die jungen Schwestern ein klein
wenig leid. Wir htten ihnen nach des Tages Last und Hitze zu diesem
hchsten Freudenabend, den wir Kinder in der Woche kannten, einen
etwas herzlicheren Empfang gewnscht als den kurzen Hndedruck und
fast strengen Wink, mit dem Schwester Lottchen jeder einzelnen
Schwester ihren Platz anwies.

Aber wer Schwester Lottchen hiernach eingeschtzt htte, wrde ihr
unrecht getan haben. In Wirklichkeit trug sie die einzelnen
Schwestern nicht minder stark auf dem Herzen wie Mutter Emilie. Ihr
Gedchtnis war von einer geradezu staunenerregenden Treue und
Genauigkeit. Sie reiste nie, kannte darum die einzelnen Stationen,
auf denen die Schwestern arbeiteten, nicht aus persnlichem
Augenschein. Aber sie holte sich bei jeder Schwester so eingehenden
Bescheid ber die Umstnde, unter denen sie arbeitete, da sie ber
jeden einzelnen Fall deutlich im Bilde war. Sie wute genau ber die
Krankenhuser, Pflegehuser, Kleinkinderschulen Bescheid, in denen
die Schwestern arbeiteten: ob sie praktisch eingerichtet waren oder
nicht und darum der Schwester die Arbeit erleichterten oder
erschwerten. Sie wute, ob die Zimmer der Schwestern nach Sden oder
nach Norden lagen, ob sich die Kche im Keller oder zu ebener Erde
befand. Sie kannte jeden Zug, mit dem die Schwestern ankamen oder
abreisten, wute die Fahrpreise auswendig bis zu jeder einzelnen
Station und legte das Fahrgeld in Papier eingewickelt vor jeder
Abreise der einzelnen Schwester zurecht. Sie sorgte fr die Kleidung
und das Taschengeld der Schwestern, fhrte fr jede einzelne
Schwester ein besonderes Kontobuch und hatte auch ihre Urlaubszeiten
im Kopf.

Selbst nahm sie nie Urlaub. Statt dessen verlie sie jeden
Donnerstagnachmittag pnktlich zur festgesetzten Stunde das Haus und
ging in die Stadt zu ihrer Schwester, die dort eine eigene kleine
Wohnung besa. Da ruhte sie inmitten ihrer Verwandten aus und
erfrischte sich im Kreise des heranwachsenden Geschlechts der
Familie. Abends war sie dann wieder im Mutterhause. So ging es fast
vier Jahrzehnte durch bis zu ihrem Ende.

Diese beiden immerhin ungewhnlichen Frauen fand Vater vor, als er
seine Arbeit im Diakonissenhaus antrat. Sie haben gemeinsam dem
Diakonissenhause das Geprge gegeben. Sie waren der Feuerherd, um
den sich die Familie der Schwestern sammelte. Die Glut dieses Herdes
bestand nicht aus einer selbstbeschaulichen, sich selbst pflegenden,
mit sich selbst beschftigten Frmmigkeit. An diesen drei
Persnlichkeiten konnte man vielmehr in Wahrheit sehen, da das Ziel
des Christen im Dienst des andern besteht, nicht in der frommen
Ausgestaltung der eigenen Persnlichkeit. So konnte es nicht anders
sein, als da die stille reine Glut, die von diesem Herde
ausstrahlte, immer grere Scharen in ihren Bereich zog.

Vor dem Auge der Erinnerung steigt eine schier unabsehbare Reihe von
Frauengestalten in der weien Mtze auf, die, fast alle aus kleinen und
kleinsten Verhltnissen hervorgegangen, nun in den verschiedensten
Stellungen, sei es auf einsamstem schwierigem Posten, sei es als
Leiterinnen groer stdtischer Krankenanstalten, auf dem schlichten Wege
selbstverleugnender Hilfsbereitschaft und in mtterlicher Umsicht und
Weitherzigkeit bei hoch und niedrig, jung und alt Zeugnis ablegten von
dem Herrn, in dessen Dienst sie standen.

Es war ein Wachsen und Sichausbreiten, wie es in verhltnismig so
kurzer Frist kein Diakonissenhaus erlebt hat. An dem geruschlosen
Glhen Mutter Emiliens und Schwester Lottchens und an Vaters
loderndem Brennen entzndeten sich immer neue Flammen. Wer konnte
und wollte solches Wachstum hemmen? Aber damit entstand auch die
Sorge, ob mit dem Wachstum nach auen das Wachstum nach innen
Schritt halten wrde.

Es war schon in jenen Anfangszeiten so, da, wer in Vaters Nhe kam,
unwillkrlich in eine andere Hhenlage gehoben wurde. Durch den
Geist des Vertrauens, der Liebe, des kindlichen Glaubens, der von
Vater ausstrmte, wurde jeder ber sich selbst hinaus versetzt. Der
Betreffende hrte auf, er selbst zu sein. Er wurde fr den
Augenblick schon jetzt das, was er spter einmal werden konnte und
werden sollte. Darber konnten Selbsttuschungen nicht ausbleiben.
Man kam in Gefahr, sich fr etwas zu halten, was man noch nicht war.
Darum blieb bei mancher Schwester, die in Vaters Nhe kam, trotz
strkster innerer Erlebnisse die entscheidende innere Wendung oder
das echte innere Wachstum aus. Die auergewhnlichen Wirkungen, die
Vater ganz ohne Absicht ausbte, lockten bei allen, mit denen er
zusammenkam, alle Sonnenseiten des menschlichen Wesens heraus,
lieen alle Schattenseiten zurcktreten. Aber gerade so kam es, da
er in der Beurteilung von Schwestern sowohl wie in der Beurteilung
seiner brigen Mitarbeiter wieder und wieder vor tiefe und schwere
Enttuschungen gestellt wurde.

Und gerade auf diesem Gebiete, auf welchem Vaters Schranke lag, sah
er sich weder von Mutter Emilie noch von Schwester Lottchen in
ausreichender Weise ergnzt. Auch ihnen fehlte die Gabe der stillen
Seelenfhrung, wie sie eine Mutter in der Verborgenheit ihren
Kindern angedeihen lt, indem sie sich dabei der Eigenart jedes
einzelnen Kindes anpat. Das Wort Gottes und die Arbeit waren die
Erzieher der Schwestern; aber das Zwischenglied, die stille
persnliche Pflege, die sich in die Besonderheit der einzelnen
Schwester hineinversenkt, trat zu sehr zurck.

Mit dem Wachstum des Mutterhauses wuchs darum, wie bei Mutter Emilie
und Schwester Lottchen, so erst recht bei Vater das Verlangen nach
einer zunehmenden Zahl innerlich fhrender Persnlichkeiten. Aber
das groe Gedrnge der Not, das um Hilfe flehte, hemmte immer wieder
die ausreichende Erfllung dieses Wunsches und lie ihn ber andern
Aufgaben strker zurcktreten, als es gut war. Manche Persnlichkeit
von innerlich reicher Begabung, aber geringer uerer Kraft schied
wieder aus, weil sie den groen Anforderungen, die an die
krperlichen Leistungen gestellt wurden, nicht gewachsen war; und
der Korpsgeist, der die Strke, aber auch die Schranke einer
Schwesternschaft ist, wurde nicht immer der Eigenart der einzelnen
Mitarbeiterinnen gerecht und lie manche Schwester wieder in ihr
Elternhaus zurckkehren, die ein wertvolles Glied des Kreises htte
werden knnen.

Um diesem Mangel strker abzuhelfen, kam es vor, da Vater hier und
da, nicht gegen die Ordnung, aber doch ber die Ordnung des
Diakonissenhauses hinweg, ltere Persnlichkeiten, die nicht von der
Pike auf im Mutterhause gedient und nicht die sonst bliche Zahl der
Jahre bis zur Einsegnung abgedient hatten, in leitende Stellungen
einsetzte und ihnen die geistliche Pflege und Fhrung jngerer
Schwestern anvertraute.

Auch dadurch wurden die empfundenen Lcken bis zu einem gewissen
Grade ausgefllt, da sich allmhlich ein Kreis sogenannter freier
Hilfsschwestern um das Mutterhaus her bildete. Sie gehrten nicht
als eigentliche Diakonissen dem Mutterhause an, hatten aber in ihm
ihre Ausbildung gefunden und stellten sich, je nachdem ihre
Familienverhltnisse und ihre ganzen Umstnde es erlaubten, bald fr
lngere, bald fr krzere Fristen dem Mutterhause zur Verfgung. Aus
ihnen traten dann immer wieder einige ganz in die Schwesternschaft
ber.

Wenn ich mich recht besinne, geschah es auf diesem Wege, da in
Vater der Gedanke erwachte, dem Johanniterorden zu empfehlen, sich
fr seine Aufgaben in Krieg und Frieden aus den Kreisen der
gebildeten Mdchen mit einem Stab von Pflegekrften zu versehen, die
in den einzelnen Mutterhusern geschult werden sollten, aber dann
nicht zunchst diesen, sondern in erster Linie dem Johanniterorden
sich zur Verfgung hielten. So wurde der alte Gedanke des
Ritterordenswesens, da die fhrenden Kreise des Volkes sich
unmittelbar mit ihrer ganzen Person dem Dienste des Nchsten in
Pflege und Hilfsdienst widmen sollten, zu neuem Leben erweckt.

In bezug auf die Frage der gelegentlichen Verheiratung der
Schwestern hat es von Fall zu Fall zwischen Vater und den beiden
leitenden Schwestern wohl Verschiedenheit der Meinungen gegeben, --
wobei die beiden Schwestern das strengere, Vater das weitherzigere
Element vertraten --, aber grundstzlich stimmten alle drei darin
berein, da eine Diakonisse ihren Beruf als Lebensberuf ansah und
nicht mehr mit der Verheiratung rechnete. In diesem Entschlu sah
Vater nicht eine Knechtschaft, sondern eine groe Freiheit und
Sicherheit angesichts der mancherlei schwierigen Lagen, in die eine
Diakonisse bei Ausbung ihres Berufes kommt. Hher aber als der
Entschlu der Schwester stand ihm die gttliche Fhrung. Diese genau
zu erkennen, darauf kam es ihm an in jedem einzelnen Fall, in
welchem eine Schwester vor die Frage der Verheiratung gestellt
wurde.

Der Regel nach riet er aufs ernstlichste ab. Er hatte zu oft
erfahren, da es doch blo Menschenwege waren, die man fr gttliche
ansah, hatte auch zu oft festgestellt, da Diakonissen, die schon
lnger in einer selbstndigen Stellung sich befunden hatten, sich
selten ganz in die Beschrnktheit des Lebens an der Seite des Mannes
fanden. Er konnte auch dem um eine Diakonisse anhaltenden Mann es
ernst ins Gewissen schieben, ob es wirklich recht sei, bei der
groen Flle lediger Mdchen den Blick auf eine Kraft zu lenken, die
im Dienst der Kranken und Elenden bereits erfahren sei und deren
Lcke nicht so leicht wieder ausgefllt werden knnte.

Aber starr war er nicht. berzeugte er sich, da es nicht
Menschenwerk war, dann hat er mehr als einer Diakonisse seinen Segen
auf ihren Weg gegeben, ist auch in stndiger Verbindung mit ihr
geblieben und suchte sie, wenn er irgend konnte, in ihrer Familie
auf.

So eng Vater auch mit seinen beiden Mitarbeiterinnen verbunden war,
und so wenig er an Einrichtungen rttelte, die er bernommen hatte
und die durch die Verhltnisse geboten waren, so sah er doch das
Ideal der Leitung eines Mutterhauses in Sarepta nicht verwirklicht.
Vielmehr schwebte ihm dafr die ursprngliche Verfassung des
Kaiserswerther Diakonissenhauses vor, wo Vater und Mutter Fliedner
nicht nur Vater und Mutter fr ihre leiblichen Kinder, sondern auch
fr die Diakonissen gewesen waren. Wiederholt sagte er, das schnste
wre, wenn seine Frau, unsere Mutter, ihn auf allen seinen Reisen zu
Diakonissen begleiten knnte, um berall mit ihm zugleich nach dem
Rechten zu sehen. Darum blieb der Besuch des Ehepaares Dndlicker,
das gemeinsam als Vater und Mutter ihrem Diakonissenhause in Bern
vorstand, eine ganz besondere Herzenserfrischung fr unsere Eltern
und ebenso der Gegenbesuch, den sie nach Jahr und Tag in Bern
machten.

Eine erste Bedingung zur Aufrichtung eines solchen Ideals war
freilich, da die Diakonissenhuser nicht zu gro wurden. Darum hat
Vater, wo er nur konnte, zur Entstehung selbstndiger kleiner
Diakonissenhuser mitgeholfen und berall fr die Anfangszeit die
tchtigsten Schwestern zur Verfgung gestellt, so in Amsterdam,
Oldenburg, Kreuznach, Detmold, Arolsen und Miechowitz, wie denn
auch die Entstehung des zweiten westflischen Mutterhauses in Witten
und der rheinischen Anstalt Tannenhof bei Lttringhausen ihm eine
ganz besondere Freude und Entlastung war.

Grundlegende nderungen hat er bei keinem dieser neu entstehenden
Diakonissenhuser, die um seine Untersttzung baten, anbahnen
helfen. Es blieb bei gelegentlichen mndlichen kritischen uerungen
ber die Mngel des jetzigen Diakonissenwesens, sowohl was die
Durchbildung der einzelnen Schwester als die Zusammensetzung der
Schwesternschaft betraf. Ihn schmerzte es unablssig, zu sehen, wie
hohe und hchste katholische Familien immer wieder mindestens eine
ihrer Tchter in den Dienst der Kirche stellten, whrend die
evangelischen Diakonissenhuser eine Rekrutierung aus allen
Schichten der christlichen Gemeinde doch zu schmerzlich entbehren
muten.

Htte Vater, als er die Arbeit in Bielefeld bernahm, nicht schon
die festgelegte Grundlage des Diakonissenwesens vorgefunden, so
knnte man sich denken, da er fr die Heranbildung einer
evangelischen Truppe von Pflegern und Pflegerinnen des Volkes in
allen seinen krperlichen und geistigen Nten, ich mchte nicht
sagen freiere, wohl aber hhere Wege gesucht htte, auf denen in
ganz anderer Weise, als es jetzt der Fall ist, die Gesamtheit der
ihrem Herrn in Wahrheit ergebenen Christenheit sich vor den Wagen
des Elends gespannt htte. Aber zum Reformator von Instituten, die
bei allen Schranken, welche ihnen anhaften, doch schon einen Stempel
reichen gttlichen Segens an sich trugen, hat sich Vater nie berufen
gefhlt.


3. _Wilhelm Heermann._

Oft hat Vater den Gedanken abwehren mssen, da er der Begrnder der
Anstalt gewesen sei. Er war ja tatschlich erst eingetreten, als der
erste Anfang bereits fnf Jahre zurcklag. Wenn er aber gefragt
wurde, wer denn eigentlich der Begrnder gewesen sei, wen sollte er
da nennen? Er htte manche Namen aus Rheinland und Westfalen
anfhren mssen, die in den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts bei den ersten Fundamenten zusammengewirkt hatten und
fr die Pastor Balke aus Rheydt der ffentliche Sprecher geworden
war. Balkes Bild behielt darum in Vaters Zimmer seinen Platz.

Aber wenn Vater die Besucher durch die Anstalt fhrte, brachte er
sie gern auf den Friedhof und zeigte ihnen dort in der uersten
Ecke ein Grab, auf welchem geschrieben steht: Hier ruht ein treuer
Freund des Ravensbergischen Volkes, Friedrich Wilhelm Heermann, geb.
31. Mrz 1800, gest. 26. Jan. 1882 in Sarepta. Der Herr wird dein
ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende
haben. Jes. 60, 20.

Diesen Heermann bezeichnete er am liebsten als den eigentlichen
Grnder der Anstalt. Ich habe den achtzigjhrigen Mann noch deutlich
in Erinnerung, wenn er an unserm Mittagstisch sa oder wenn er sich
an meiner Hand von unserm Haus in sein Zimmer auf der Mnnerstation
von Sarepta zurckfhren lie. Dort stand auch seine kleine
Stubenorgel, zu der ich ihm einige Male den Wind gemacht habe. Es
war mir sehr feierlich in Gegenwart dieses Mannes zu Mut, aber nicht
eigentlich furchtsam; und das ist mir noch heute ein Zeichen, da in
dem Mann eine tiefe, lautere Frmmigkeit gewohnt haben mu und er
nicht zu den berfrommen gehrte, vor denen Kinder so leicht eine
Scheu empfinden.

Er stammte aus der Gemeinde Werther, zwei Stunden nordwestlich von
Bielefeld. Dort hatte sein Vater eine kleine Sttte besessen, d. h.
ein eigenes Haus mit einigen Morgen Acker, die er mit den Khen
bewirtschafte. Als etwa zwanzigjhriger Jngling war Heermann von
dem Boden auf die Diele gestrzt, und als Folge dieses Sturzes hatte
sich eine Strung seiner Sehkraft und schlielich vollstndige
Erblindung herausgestellt. Aber die Nacht, die sich ber sein
ueres Leben legte, wurde ihm zur Nacht von Bethlehem, von der es
heit: Dies ist die Nacht, da mir erschienen -- Des groen Gottes
Freundlichkeit. -- Das Kind, dem alle Engel dienen, -- Bringt Licht
in meine Dunkelheit. -- Und dieses Welt- und Himmelslicht -- Weicht
hunderttausend Sonnen nicht.

Die Zeit der vollstndigen Erblindung Heermanns fiel zusammen mit
der Zeit der Erweckung des geistlichen Lebens, die nach der de und
Drre des Vernunftglaubens wie ein erfrischender Lufthauch durch das
Land ging. Auch in Minden-Ravensberg waren in Stadt und Land die
Gewissen erwacht. In kleinen und greren Kreisen sammelte man sich,
um gemeinsam nach Gottes Wahrheit und Willen zu forschen und sich im
Glauben an den Vershner zu strken.

Heermann wurde einer der Pfleger dieser Kreise. Es kam ihm
zustatten, da er noch in den Tagen des gesunden Augenlichtes
gelernt hatte, im Sattel zu sitzen. Jetzt sah man den blinden Mann
mit einem Geleitsmann zusammen durch das Land reiten, um bald hier,
bald dort die Versammlungen der Glaubenden zu strken. Bald wute er
so genau auf den Straen des Landes Bescheid, da er, wenn er nicht
ritt, zu Fu ganz allein die weitesten Strecken zurcklegte, um
nicht nur die Versammlungen aufzusuchen, sondern auch die einzelnen
Familien, die den neuen Weg des Glaubensgehorsams beschritten
hatten, zu strken und zu frdern. Auch in mehr als einem adligen
Hof des Landes war er ein gern gesehener Gast.

Er blieb nicht bei der Gewinnung einzelner Seelen und einzelner
kleiner Kreise stehen. Sein inneres Auge war auf die Erfassung der
Volksseele, auf die Gewinnung der Gemeinden gerichtet. Darum lag ihm
daran, da die Kanzeln des Landes wieder mit Mnnern besetzt wurden,
die durch ihre Predigt das tiefste Bedrfnis stillen und zu dem
Heiland der Welt fhren knnten. Nach dieser Richtung hin leitete er
darum vor allem das Gebet derer, die mit ihm eines Sinnes waren.
Zugleich unternahm er alles, was zur Gewinnung tchtiger Pastoren
fhren konnte. Mehrmals reiste er deswegen nach Berlin, und man gab
ihm Gelegenheit, sich vor dem Knig Friedrich Wilhelm =IV.= ber
seine Gedanken und Wnsche auszusprechen.

Das war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Same,
der immer reichlicher ausgestreut wurde, ging auf. Ein Frhling
neuen Lebens fllte die Hgel und Tler des Ravensberger Landes, und
in das stille Rauschen der Bche, die die verborgenen Wiesentler
des Landes durcheilten, mischte sich das Rauschen des neuen Geistes,
der die Herzen erfllte. Aus solchen Herzen aber erwuchs die
Willigkeit, dem Rufe Gottes zu folgen, um den Elenden nicht nur die
Huser zu bauen, sondern sie auch in diesen Husern zu pflegen,
nicht um Geldes willen, sondern frei und umsonst aus Dank gegen
Gottes groe Heilandstat in Jesus Christus.

Spter folgte dann Heermann dem Rufe des Grafen Arnim-Muskau, um
dort lngere Jahre hindurch in hnlicher Weise ttig zu sein wie im
Ravensberger Lande. Als die Kraft nachlie, lud ihn Vater ein, fr
den Rest seines Lebens zu uns zu kommen. Er wurde dann in Sarepta
zum Seelsorger der Kranken, die aus Stadt und Land Aufnahme fanden.

Bei den Andachten, die er regelmig in den Krankenslen hielt, ging
ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied
Pppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas,
die dann von Heermann ausgelegt wurden.

Im Sterben lie sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches
Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: Die Strafe liegt auf
ihm, auf da wir Frieden htten, und durch seine Wunden sind wir
geheilet, rief er: Halleluja, Halleluja! Es ging uns schon als
Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder
tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes
erzhlte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade ber
diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem
Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem
beseligenden Glauben.

Bedeutsam aber bleibt, da Vater diesem schlichten Mann des Volkes
vor andern grundlegenden Einflu zuschrieb fr die Bereitung des
Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.


4. _Pastor Strmer._

Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe ntig. Zu
suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines
Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in
Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Strmer
kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit
ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort
der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps auer
allen andern Pflichten, die er bernommen hatte, die ganze
Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Strmer kam und erlebte
jene erschtternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre
vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein groer Trost
gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu
unlslicher Freundschaft.

Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch
manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der
Ordnung der Verhltnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich
aber nicht entschlieen knnen, selbst nach Ducherow berzusiedeln.
Statt seiner empfahl er seinen Freund Strmer. Nach siebenjhriger
Ttigkeit in Ducherow kam dann Strmer, der sich inzwischen
verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natrlich ein groes Ereignis
fr uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor
den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Tchtern
im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.

Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin
Strmer den grten Respekt entgegengebracht. In Strmers uerer
Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine
unerschtterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben.
Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit,
Milde und Herzensgte, da man sie nur zu sehen brauchte, um ihr
Verehrung entgegenzutragen. Da auch mit den Kindern dieser Eltern
uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von
selbst.

Vor allem entlastete Pastor Strmer unsern Vater in der Arbeit an
den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis
nicht mehr so, wie er es wnschte, gekonnt hatte, tat jetzt Strmer:
er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen
an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer
der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein
kurzes gtiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu
dmpfen, so nahm Pastor Strmer sich die Mue, dem Herde des Feuers
nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst
einen groen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem
Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er
hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch
fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war berhaupt seine
Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, fhrte
er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des
Epileptischen auf den festen, unerschtterlichen Grund der ewigen
Wahrheit und des ewigen Friedens.

Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um
sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie,
sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestt
Gottes, die er an der Hand irgend eines Schriftwortes vor die
Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.

Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte.
Auch hierin ergnzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet
nicht weiter gebracht hatte, als da er mit einem Finger eine
Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der
Hgelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau
berflssig geworden und stand nun im Speisesaal von Gro-Bethel. Um
diese Orgel sammelte Strmer den Chor der Epileptischen. Der
126. Psalm -- Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlsen wird --,
mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor
Strmer zuerst eingebt worden.

Auch die Aufnahme der Epileptischen bernahm Pastor Strmer,
insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten
Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des
Geldes willen abzuweisen. Aber seine Gte war doch nicht selten
mibraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die
sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten
und den Wohlttigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten.
Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur
Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen
verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es
nicht so. Und Pastor Strmer ging mit zher Treue allen Quellen
nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.

Whrend die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor
Strmer der Leiter der Brder. Doch blieb das feste Band dadurch
erhalten, da Vater bei den Brdern eine oder zwei Unterrichtsstunden
gab, Strmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drngte
Strmer zur Klrung und Entscheidung. Vaters unermdliche Geduld konnte
nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine
Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlate
zurckzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und
Diakonen, die Tag fr Tag mit solchen ungeeigneten Krften zu tun
hatten, oft Auerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre
Schultern im Tragen und Ertragen gesthlt und manche derartige Kraft mit
seiner unermdlichen Geduld innerlich berwunden und dadurch der Arbeit
erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wre.

Strmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den
Brdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das
war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur krzer ist als die
der Frau und die Brderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit
gehemmt worden wre, wenn Pastor Strmer nicht immer wieder schnell
die lauen Elemente abgewehrt htte.

Seine Entschiedenheit trug er natrlich auch in die
Schwesternstunden hinber und ergnzte so Vater in der Erziehung der
Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit gltten konnte,
die Strmers Arbeit an den Brdern mit sich brachte.

Strmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf
Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit
der berzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer
von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Strmers
Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der
epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde
zum groen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in
Witten, dem Strmer als vterlicher Freund nahe stand, hat mit dem
Titel Unter dem Rauschen des Gottesbrnnleins (erschienen in der
Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszge aus den Predigten und
Stunden Strmers herausgegeben. Wer Strmer ganz verstehen und einen
Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen
Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist,
der mu zu diesem Bchlein greifen.

Die Texte, ber die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden,
verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Strmer hielt sich
unerschtterlich daran. So waren einmal fr die Abendgottesdienste
der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden,
und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der
Passionswoche, fiel das erste Wort: Vater, vergib ihnen.

Nun traf es sich, da an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne
Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst
gehalten; am Abend sollte die Feier sein, in welcher Pastor Strmer die
Freude und die Wnsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man
erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Strmer blieb bei
dem, was einmal festgelegt war: Vater, vergib ihnen. Und es ergab
sich, da der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des
Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der
Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Snden heraus ja
in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. Denn wo Vergebung der
Snden ist, da ist Leben und Seligkeit. Auf diese beglckendste
Wahrheit stellte Strmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit
ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.

Die unerschtterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Strmer
gegen Vater erfllte, brachte es mit sich, da er bei Tag und Nacht
bereit war, Vater zu entlasten und zu ergnzen. Es gab keine Reise,
keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick,
wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn bertragen konnte.
Wie oft sind wir Kinder hinbergesprungen durch den Garten des
Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu
berbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit
aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten
Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen
hat man ihn nie hren.

Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu
jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er
sie dann Pastor Strmer zur grndlicheren Behandlung aller ihrer
Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Strmers mit Epileptischen
gefllt, die rings um ihn her saen. Er pflegte dann wohl in groer
Gemtsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern
mit dem Bleistift aufzurollen, -- denn um den Umschlag wieder
verwenden zu knnen, zerschnitt er ihn niemals -- und whrend dessen
hrte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch fr die gesunden
Anstaltsglieder blieb das Strmersche Haus ein stets weitgeffneter
Ruheport und fr die Gste, die kamen, eine nie sich schlieende
Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der
leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte,
eine groe Wohltat fr unsere Eltern.

In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft
groartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Strmers
Kraft. Whrend eines Familienabends bei den epileptischen Damen in
Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht
wieder erholte. Es ist schwer, nichts zu sein, seufzte der ttige
Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlst war, rief Vater
an seinem Grabe: Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich
habe groe Freude und Wonne an dir gehabt. Das ging uns durch Mark
und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schlielich zur
vlligen Lhmung fhrte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und
Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.


5. _Otto Mellin._

Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen
sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Strmer, war
ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in
Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin
verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und
bezog die beiden warmen Sdzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses.
Erst als er lngst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder
erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen
Versuchungen Onkel Mellin, wie wir ihn nannten, gegangen war,
lngst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn
Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf
seinem Angesicht und in seinem Wesen.

Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten
wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstcken seines
Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er
sich auch gar nicht mit uns beschftigte, so war es uns schon eine
Wohltat, in der Nhe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu
knnen. Als es sich zeigte, da die Kassenstube im unteren Teil der
Strmerschen Wohnung gnstiger lag als bei uns, siedelte Mellin
dahin ber, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen
und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund
geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstbchen in
Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.

Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten,
innerlichsten Persnlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen,
zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie lngst vorher in seinen
Lebensweg gestellt waren. Und da ihm gerade fr das scheinbar so
uerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persnlichkeit
Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von
unauslschlicher Bedeutung fr den Fortgang der Arbeit.

Wer die heutige Entwicklung der Anstalten berschaut, der fragt
sich, woher die Mittel kamen und wie es mglich war, da so groe
Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der
persnlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenber. Er
hatte fr seine Person kein Geld ntig. Er hatte nie Geld bei sich.
Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie
zurecht. Aber auch so kam es vor, da er es liegen lie. Dann borgte
er sich unterwegs das Ntige; und die Leute gaben es ihm. Als er
einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim
spteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mute und
auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lsen wollte,
entdeckte er, da seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er
die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter
ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr
und Fahrkarte einstecken.

Es war fr uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was
wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken
sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er lie sich
wirklich an Nahrung und Kleidung gengen und hatte darber hinaus
keine Wnsche und keine Bedrfnisse. Doch diese Freiheit den
irdischen Dingen gegenber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er
rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste
Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch fr uns
Kinder verstand es sich von selbst, da wir ber das kleine
Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch fhrten. Beides, die
sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenber und die groe
Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren lie, hatte bei Vater
in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen
um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam; denn
ihm gehrt beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch fr den
kleinsten Pfennig verantwortlich.

So sprte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter
Hand. Ihm knnen wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unntzen
Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier
wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch
zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein
Diener des Erbarmens.

Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der
Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen
Unabhngigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rcksicht auf das Geld
etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die
Liebe sollte regieren, nicht das Geld. Nie, sagte Vater einmal,
soll das Geld Knigin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei
werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen. Darum
wurde auch fr die einzelnen Haushaltungen kein bindender
Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu' und Glauben, wie beim
Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war
die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur
keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel
ergreifen und die Liebe darber sterben lie. Dem andern
Hauselternpaar wollte es trotz aller Mhsal nicht gelingen, mit dem
Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von
ngstlicher Sorge fassen lie und darber fr sich und die Kranken
den Frieden einbte.

So konnte es vorkommen, da Vater fr den geschickten Hauswirt am
meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rcksicht bte.
Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die
Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er
unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben
Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft
hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten
Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen,
sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet
sein lt.

In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenber dem
irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin
vllig eins zu sein, das bedeutete fr Vater und die ganze Arbeit
eine unermeliche Wohltat. Und dieser Sinn der unbedingten Freiheit
und ebenso unbedingten Treue gegenber dem ungerechten Mammon wurde
nun von Mellin durch seinen tglichen Dienst den einzelnen
vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer
Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu
einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer
Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte
und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der
Sparsamkeit hllt, nicht aufkommen lie.

Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine
und groe Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen
waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch
den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende
Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk
emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nchsten Tage besuchte
er auswrts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurck. Am
andern Morgen blieb seine Tr verschlossen. Als man sie ffnete,
fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der
kleine Bogatzky, der auch fr ihn, gerade so wie fr unsere Eltern,
der Freudenmeister der tglichen Bue und des tglichen Glaubens
geworden war. Ich bltterte darin herum und fand, wie er jeden Tag,
an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders
bezeichnet hatte: Heute zum Tisch des Herrn. Ein treuer Knecht
seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. Ei, du frommer und
getreuer Knecht -- gehe ein zu deines Herrn Freude! Zwischen den
Grbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.


6. _Die rzte._

Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder rzte, die nebenamtlich die
Kranken der Anstalt besuchten, erst =Dr.= Tiemann, dann, als seine
Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Mller-Warneck, beide alten
Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der
Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten.
Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige
Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden
nicht tglich, sondern, abgesehen von besonderen Fllen, nur zwei-
oder dreimal die Woche besucht. So waren die Besuche der rzte in
den Anstaltshusern verhltnismig schnell erledigt. Unsere lieben
rzte haben nicht viel zu tun, hrte man Vater in jener Anfangszeit
fter sagen, die Brder und Schwestern machen die Hauptsache.

Es ist spter wohl der Vorwurf erhoben worden, es wre in jener
ersten Zeit auf rztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals
waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle rztliche
Kunst sich bereits umsonst abgemht hatte. Allmhlich nderte sich
das, und namentlich das Gesetz ber die Frsorge fr Epileptische
und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, da mehr und
mehr auch die frischeren Flle der Epilepsie zur Behandlung kamen.
Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter
geschlossener Huser fr Epileptische und Gemtskranke gab vollends
dem Krankenbestand gegenber den ersten Anfngen ein ganz
verndertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter
rztlicher Krfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte
Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der
es ermglichte, auf der Hhe der wissenschaftlichen Forschung zu
bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu
bringen.

Doch liegt auch fr das Urteil des Arztes die Bedeutung des
Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in
der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen
Atmosphre, die sie umgibt. Das Leben der Zurckgezogenheit, der
Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat fr die
Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine
feste, rztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmigen Wechsel
von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und
Pflegerinnen sind fr den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das
Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach
angenommen wird, niederdrckend, sondern beruhigend und ablenkend.
Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand
zu gehen, bei den Schwindeln und Anfllen ihrer Mitkranken selbst
mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen,
soda sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewhrt: Drckt dich
eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter
tragen, als an deiner allein. Aber natrlich gehrt dazu, da die
Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation
vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend berwinden lassen,
sondern mit frhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und
Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn
er sagte: Die Schwestern und Brder tun die Hauptsache.

Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen
heraus genauen Bericht ber Stimmung und Zustand des einzelnen
Kranken geben knnen. Sie haben die fr die rztliche Behandlung
notwendige Liste ber die Schwindel und Anflle zu fhren, die bei
jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen
sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlssiges
Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen rztlichen
Behandlung.

Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater fr
die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ltere
Arbeiten hnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken
ergnzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und
jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als
Hilfsbuch bei den wchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat
darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame
Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl
Brdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen
zu wollen.

Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung
aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des
Arztes eingegriffen. Fr seine Person war er am liebsten sein
eigener Arzt. Seine grndliche Morgenwsche und sein Trunk frischen
Wassers vor dem Morgenfrhstck und dem Nachmittagskaffee waren
seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Mae bei ihm
bewhrten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen
Gebiet hat er je einem Kranken Ratschlge gegeben. Alle diese Dinge
berlie er ganz dem Arzt. Fr ihn war die Krankheit selbst im
Grunde das groe Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung
verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten
und schlielich dafr danken.

So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes vllig
getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einen Gebiete, dem
des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekmpft werden mute.
Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, fr
den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste
Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich
berwinden half und damit die tiefsten Krfte des Kranken weckte, so
da er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ngstlicher Sorge
oder stumpfer Gleichgltigkeit fgte, sondern mit der Gelassenheit
des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser
innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenste nicht denkbar,
und die sachliche Scheidung ermglichte die freundschaftlichen
Beziehungen auf persnlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen
zwischen Vater und den rzten bestanden.

Rckblickend darf hier wohl gesagt werden, da die groe Piett und
die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenber fr Vater ein
Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege
einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden
nicht und wollte er auch nicht sein. Das htte zu Kmpfen fhren
knnen, die mglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung
gefhrdet htten. Aber Kmpfen auf Gebieten, die ihm nebenschlich
erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen:
die innere Harmonie der gesamten Arbeit.

Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen
seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um fr die wachsende Zahl
seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die
Mglichkeit zu grndlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen,
erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden rzte noch um
weitere Mitglieder, so da ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist,
ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld
ihren Sitz haben und von dort aus ihre tglichen Sprechstunden in
Bethel abhalten.

Den Vorsitz im rzte-Kollegium fhrt seit nun 35 Jahren der
ehrwrdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu
werden, um eine Flle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er
war fr Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern
zugleich der frsorgendste Freund, und so ist er es fr viele Kranke
gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen
gefolgt.

Es ist fr die rzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in
die Tatsache zu finden, da die Oberleitung nicht in rztlichen
Hnden lag; aber der Verzicht, den sie bten, ist ihnen entgolten
worden nicht nur dadurch, da sie von den oft so zerreibenden
Verwaltungsgeschften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem
eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch,
da ihnen fr ihre hingebende Arbeit ein volles Ma von Liebe und
Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenstrmte. So wurden sie
vielfach in hherem Mae als die mit Nebenarbeiten berlasteten
Anstaltspastoren die hochgeschtzten Berater und Freunde der
Kranken.


Der Anstaltsvorstand.

Vater wurde einmal gefragt: Wem gehren die Anstalten eigentlich?
Er antwortete: Der ganzen Christenheit. Aber die Christenheit
brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und fr sie den Besitz
verwalteten. Das waren die Vorstnde der einzelnen Anstalten. Jede
Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand fr sich,
Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besa und
vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte
berufen, Kufe und Verkufe schlieen, Antrge auf Bewilligung von
Bauten und Kollekten stellen usw.

Warum -- so wurde des weiteren oft gefragt -- sind denn drei
Vorstnde ntig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander
liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und
warum vollends drei Vorstnde beibehalten, wenn doch, wie es in der
Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich
die Mitglieder des andern waren?

Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der
Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder
der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswrtige
Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab
Kreise, die von Anfang an fr die Epileptischen mitgearbeitet hatten,
aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch
solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber
von der Diakonenarbeit kaum etwas wuten. Diesen Kreisen jedesmal das
gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wre zu viel
verlangt gewesen. Die Schultern wren berlastet worden, und das
Interesse wre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr
als das Ganze.

Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische
Person konnte fr ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere
Antrge auf Gewhrung von Beihilfen aus ffentlichen und aus
privaten Mitteln stellen. Wre es, statt drei, nur eine juristische
Person gewesen, so htte die Einbue an Beihilfen aus ffentlichen
und privaten Mitteln eine betrchtliche sein mssen. Darum blieb die
Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewhrt.

Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, da die Vorstnde dieser
drei juristischen Krperschaften sich aus Persnlichkeiten
zusammensetzten, die mit grter Treue und Hingabe das Werk von
Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.

Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried
Bansi und Pastor Simon bereits erwhnt. Bansis Grovater stammte aus
dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als
Bcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach
Bielefeld gefhrt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus
seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der wrzigen Kruter
mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern
gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen
Geschftes fhrte. Unvergelich wird Bansis kleine, fast schchterne
Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten
zurckschauen knnen. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause
fhlte, weder in seinem Geschft noch in Bielefeld, sondern sich
immer heimlich zurcksehnte in die schlichteren Verhltnisse der
Heimat seiner Vter, und der den verborgenen Schmerz zu bertuben
suchte durch rastlose Hingabe an andre. Fr wie viele ist er im
Verborgenen ein Wohltter gewesen, und mit welch unermdlicher Treue
hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des
Vorstandes gefhrt!

Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der
spter Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war.
Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane
von Kopf bis zu Fu, wie ein Recke, mit einer Lwenstimme und dann
wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besa ein groes Geschick in
geschftlichen Angelegenheiten und hatte in den fnf ersten Jahren
von 1867 bis 1872, whrend welcher er die Anstalt leitete, eine
gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912
weiterbauen half.

Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine
patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser
Wilhelm =I.= trug, und an dem wir Kinder mit ehrfrchtiger Scheu
emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter
des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehrte zu jenen
Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in
besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich
auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des
Vorstandes zugute.

Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters
Kriegskamerad aus den Feldzgen 1866 und 1870. Er stand an der
Neustdter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter
der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner
Gemeinde der vterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und
behielt daneben immer noch Zeit brig, der jungen Anstalt in
unermdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu
stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang
auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.

Der geschftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit
er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfngen in den
Hnden des Kaufmanns Heinrich Bkenkamp. Er vereinigte in seiner
Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns
und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz
der Anstalt ausdehnten, ganz unschtzbare Dienste geleistet.

Es wren noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwrdige Kaufmann
Coesfeld, der erste Anstaltsarzt =Dr.= Tiemann, dessen Namen Vater
immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten
sind schon fast in der Erinnerung verblat oder gar verschwunden.
Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten
Zeit ist Direktor Mohr, ein Wrttemberger von Geburt, der aus
kleinen Anfngen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der
Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch
seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem
unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.

Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstnde nicht
mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Prses des
Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie
erwhnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der
die Beratungen der Vorstnde vorbereitete und fr die Ausfhrung
ihrer Beschlsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, da er bald,
nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des
Gesamtwerkes wurde.

Wenn aber hier und da das Verhltnis zwischen dem Vorstande und ihm so
dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschrnkter
Machtvollkommenheit unter bergehung des Vorstandes die Leitung in seine
alleinige Hand genommen htte, so wird dadurch das Bild getrbt. Es wird
mir vielmehr immer eindrcklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder
einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren
Vorstandes, die in kurzen Zwischenrumen stattfanden, als der
Versammlung der vereinigten weiteren Vorstnde, des Verwaltungsrats,
die jhrlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen,
eine vllige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Mnnern zu
erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.

Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, da seine ganze
berredungskunst dazu gehrte, um bei neuen Schritten einen
einheitlichen Beschlu zu erzielen. Aber solche Kraft der berredung
ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und
Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, da aus den
berredeten schlielich berzeugte wurden.

Auch das andere ist vorgekommen, da Schritte getan, z. B. Bauten in
Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung
dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurcksetzung des
Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn
der Vorstand nachtrglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es
nicht etwa, weil er wohl oder bel gute Miene zum bsen Spiel
machte und, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose
Versuche aufgab, sie wieder rckgngig zu machen, sondern weil er
spter, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von
grundstzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die
Richtigkeit der Sache einsah.

So oft es Vater zum Bewutsein kam, da er seinem Vorstande
gegenber in der ueren Form die Bahn der buchstblichen
Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht
gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst
recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und
er ungewollt jemand gekrnkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam,
so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fhlte, da hier
eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenber Verstimmung,
belnehmen, kleinliche Verrgerung ausgeschlossen waren.

Und doch lt sich nicht leugnen, da gegen Vaters Willen durch
seine berragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich
fortreiende Tatkraft und durch das groe Vertrauen, das er geno,
die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrckt wurde. Nicht da man
keinen Widerspruch gegen ihn gewagt htte. Es mag wenige Menschen
gegeben haben, die Widerstnde so vollstndig unpersnlich, so rein
sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum
hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem
Widerstand zurckgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wte
von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare berzeugung des
Vorstandes durchgedrckt oder aufrechterhalten htte. Bei
Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug hher
und suchte so in greren Tiefen oder hheren Hhen neue Wege der
Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade
diese innerste zarte Rcksichtnahme lie die Achtung und das
Vertrauen nur desto hher steigen.

So aber mute es kommen, da manche Vorstandsmitglieder sich
berflssig fhlten. Sie wuten die Sache in den besten Hnden;
warum noch weiter sich um jede Einzelheit kmmern? Warum nach neuen,
jungen Krften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf
die berragende Persnlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken
konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah
es, da namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Mnner
und Frauen das Werk ursprnglich getragen hatten, nicht mehr der
Nachwuchs fr den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich
entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu
schenken wird.


Wachstum nach auen.

Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen
nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer
wachsendem Mae um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen
Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Lndern. Immer
enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus
Sarepta stellte an Raum zur Verfgung, was es nur irgend entbehren
konnte. Aber schlielich mute doch an Erweiterung gedacht werden.
Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.

Zunchst wurde fr die epileptischen Handwerker, die im Keller des
Hauptgebudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet
mit zwei Rumen, einem fr die Anstreicher, einem fr die Tischler.
Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder,
die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebude. Nur
ihre Werksttten wurden in unmittelbarer Nhe in einem kleinen Bau
aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bcker waren die ersten, fr
die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bckermeister
Meise zogen sie in Bethlehem, dem Brothaus, ein, das zugleich
einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stnde Unterkunft
bot.

Erst fr das Diakonissenhaus, dann fr die Epileptischen entstanden
kleine konomien und damit notwendige und hochwillkommene
Arbeitsgelegenheiten fr die Epileptischen in Stall, Feld und
Garten. Zu den Grten, die rings um die Huser her lagen und von
weiblichen und mnnlichen Kranken bestellt wurden, kam eine
besondere Grtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflnzlinge und
die Blumen fr die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden
konnten.

So reihte sich in allmhlicher Entwicklung eins ans andere. Kein
vorgefater Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes
Programm. Keiner zog, keiner drngte vorwrts. Lediglich die Kranken
selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drngten und schoben. Es
htte schmerzliche Stauungen und Strungen gegeben, wenn man solchem
Schieben und Drngen nicht nachgegeben htte. Um so freudiger und
zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch
das ganze Vaterland um Hilfe bitten fr die Not, die aus dem ganzen
Vaterlande heraus sich vor die Tr von Bethel legte. Und die Hilfe blieb
nicht aus. In dem Mae, als die Erweiterungen notwendig wurden,
erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.

Der Besitz an Grund und Boden war ursprnglich nur klein gewesen.
Und der grte Teil davon bestand in steilen Berghngen, die mit
Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer
eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit
der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr
Eigentum an Wohnsttten und Lndereien zum Verkauf an.

In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren
durch berschuldung zum Verkauf gentigt. Wir wohnen, sagte Vater
einmal, zum groen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt
hat. In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die
Alkoholnot in erschreckendem Mae. Der Wohlstand ging zurck, die
Verschuldung fhrte zur berschuldung und zum Zwangsverkauf.
Teilweise waren es grauenhafte Umstnde, unter denen die frheren
Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem
Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen
Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst
abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld
versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu
Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da
schleppte der unglckliche Sufer eins seiner eigenen Kinder an das
Bett der Mutter und drckte dem Kind so lange den Hals zu, bis es
blau wurde und die gequlte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und
das Geld herausrckte. So waren es Sttten des Fluches, die rings um
die Anstaltshuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln
sollten.

Trotz der groen Nhe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt
Bielefeld blieben die Preise fr die zum Ankauf angebotenen
Besitzungen in ertrglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel
darum fort, weil man die Epileptischen frchtete und sich nicht in
ihrer Nhe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit fr die
Brger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz,
da ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Sden
gerichtete Tal als Stadtgelnde entzogen wurde.

Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt fr die Epileptischen
war unter Fhrung eines angesehenen Grogrundbesitzers eine von
vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklrung erschienen, die
gegen die Ansiedlung fallschtiger Kranker in der Nhe der Stadt
Einspruch erhob. Ihr Anblick msse die Spaziergnger erschrecken,
und die Huser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und
Sandhagens gelegen, wrden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um
nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen,
erklrte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung
einverstanden unter der Bedingung, da ein hnlich gnstiges
Grundstck in grerer Entfernung von der Stadt angeboten und die
Mittel dargereicht wrden zur Errichtung von Bauten, die dem
bisherigen Krankenbestand entsprchen. Das Anerbieten wurde nicht
angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.

Jetzt sieht man Sonntag fr Sonntag die Wege der Anstalt von
zahllosen Spaziergngern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von
Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nhe der Stadt mute mit
dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu
machen. Fernab in groer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem
Pulsschlag der Zeit, htten doch manche das Gefhl haben knnen,
dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.

Die Zeichnungen fr die kleinen Werksttten, fr die Umbauten der
neuerworbenen Besitzungen und auch fr die Neubauten machte Vater
der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem
Zubettgehen sa dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem
Scho, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem
abgerissenen Stck Papier, wie sich das alte Haus umbauen liee oder
wie das neue am praktischsten angelegt wrde. Der erste Entwurf
wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch
lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis
der Bauplan schlielich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt
und ausgefhrt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die
scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr
geringen Mitteln aus den alten Husern, die von den bisherigen
Besitzern gerumt waren, hchst bescheidene, aber doch oft auch
hchst gemtliche Heimsttten fr die Kranken errichtet werden.

Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit.
Vater stand immer unter dem Eindruck groer kommender Ereignisse.
Kinder, sagte er fter, was werdet ihr noch erleben! Er
rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. Es
wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.
Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des
Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, da der
Bau von massiven Husern sich wohlfeiler stellte als die
Fachwerkbauten, die schon nach verhltnismig kurzer Zeit groe
Ausbesserungen ntig machten.

Waren die Huser glcklich gerichtet oder vollends zum Einzug
hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der
Bckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in
unauslschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater
verfat und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegesprch
zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten,
der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Geblk des Baues. Und
zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran
schlo sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig
gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen
Bckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die
Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gste saen im engen Raum
frhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es
war ber alle Maen gemtlich. Aber was fr mich die Hauptsache war,
es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte,
und -- das war die Krone -- fr jeden ein Flschchen Bier, auch fr
die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.




Neue Aufgaben.


Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf.

Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen bergroen Tatendrang
auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die franzsischen
Goldmilliarden, die in das Land gestrmt waren, hatten viele Augen
geblendet. Es waren Grndungen aus der Erde gestampft worden, die
sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein groer
Rckschlag. Viele Arbeitskrfte, die in die neu entstandenen
Fabriken gestrmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhltnisse,
aus denen sie gekommen waren, zurckzuverpflanzen, gelang nur
schwer. Eine groe Zahl von ihnen bevlkerte die Landstraen. Es
waren meist die krperlich und moralisch Schwchsten, die am ersten
entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt,
suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn berall
stockte Handel und Wandel.

Man nannte dies fahrende Volk reisende Handwerksburschen. Aber
das, was der ursprngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der
alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte,
wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mute, wollte er sich in seiner
Heimat als selbstndiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt
gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen fr sein Handwerk
gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste
statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse
schnell verschlungen haben wrde, an seinem Wanderstab durchs Land,
von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen
leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb
er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schlielich, als
Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die
Schritte heimwrts lenkte.

Dabei war es Sitte, da der Handwerksbursche berall das Handwerk
grte, d. h. bei den Meistern, die mit ihm eines Handwerks waren,
um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine
kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem
Gesellenverdienst fr den ersten Anfang als Meister einen kleinen
Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der
Student auf den Universitten, so hatten auch diese wandernden
Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrcke, deren Sinn nicht jeder
verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gbe
waren. Wie beim Studenten, so hie auch bei ihnen das Geld Moos, das
Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hie
Flebbe, usw.

Aber je mehr das Handwerk zurckging und die Industrie aufkam, je
mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den
deutschen Wanderstraen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden
Handwerksgesellen wurde ein immer hher anschwellender Strom von
Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt
berzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen
Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald
verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Tren und
baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot,
der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung
zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strmpfe oder ein Hemd,
eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei
Mutter Grn, war es aber kalte Jahreszeit, so muten den Tag ber
so viele Pfennige zusammengesucht werden, da es zum Schlafgeld in
der Herberge reichte.

Auch an die Tr des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft
schpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschssel heraus,
und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich drauen gemtlich auf
der Stufe des kleinen Windfangs niederlie und sein Mittagbrot
verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den
Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhltnissen zu
erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte
Kleidungsstck hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.

Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus
hinber und fand da wieder einen solchen armen Reisenden, wie sie
sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein
Hemd gab, das er flehentlich erbeten hatte. Das Gesicht des Mannes
kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, da derselbe Mann
wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd
bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich
der Mann whrend der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anla,
der ganzen Frage der armen Reisenden nher nachzuforschen.

Es ergab sich ihm nun, da viele von ihnen das Reisen lngst
aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier
aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns mde geworden, weil an
andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld
auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen
Stadtteil, bald auch einen der ueren Bezirke fr ihre Streifzge
vor, um sich fr den Tag das ntige Essen und fr die Nacht das
ntige Schlafgeld zu verschaffen.

Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto dsterer wurde das Bild,
das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte
vor seinen Augen auf, die mit grter Schlauheit die Mildttigkeit und
Gutmtigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schtze von Lebensmitteln
und Kleidungsstcken durch die beweglichsten Reden erpreten. Oft
konnten sie nur das wenigste davon fr sich selbst verwenden. Alles
brige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, fr
ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps
umgesetzt. Vater stellte in der Nhe von Bielefeld solch eine berhmte
Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mstete allein
mit den Butterbroten, die seine Gste bei den gutmtigen Landbewohnern
zusammenkollektiert hatten und die sie nun, auerstande, sie zu
verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.

Es zeigte sich ferner, da die Zahl der Reisenden, die an unsere Tr
klopften, verhltnismig gering war. Unser Haus lag abseits der
groen Heerstrae. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der
stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht
nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger berall. Die Kinder
einer Witwe in Gtersloh hatten ein kleines Papphuschen geschenkt
bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhuschen statt mit Kuchen und
Sigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstcken beklebt war. Es
waren im ganzen 52 Geldstcke. Nun schlug die Mutter den Kindern
vor, sie sollten, statt das Geld fr sich zu verwenden, jedem armen
Reisenden, der an ihre Tr klopfte, jedesmal eins der Stcke von dem
Huschen loslsen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an
einem einzigen Tage waren smtliche 52 Stcke fortgegeben.
52 Bettler an einem Tage!

Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und
arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmige Bettler. Unter die,
denen das mige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein
geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt
nach Arbeit suchten aber keine fanden. berall, wo sie anfragten,
stieen sie auf Kopfschtteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten,
trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher
Schritt um Schritt das Betteln lieb, whrend er sich in gleichem
Mae der Arbeit entwhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen
erzog ihn zum Betteln!

Was aber war seitens der Behrden zur Eindmmung dieser Not
geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer
bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln
gefat wurde, wurde mit Gefngnis bestraft. Je fter sich der Fall
wiederholte, je hher stieg die Strafe. Da nun aber viele der
Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren,
schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so
entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein
regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der
List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine stand
Schmiere, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob
die Luft rein und kein Polizist in der Nhe sei, whrend der andere
an die Tren der einzelnen Huser klopfte und um eine milde Gabe
bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam
durchgebracht.

Natrlich kam es immer wieder vor, da die Polizei doch den einen
oder andern beim Betteln ertappte und abfhrte. Je nachdem wurde er
dann zu Haft, Gefngnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus)
verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja,
im Winter war es ihnen sogar erwnscht, verhaftet zu werden. Die
Klgsten unter ihnen suchten die Stdte auf, weil sie wuten, da es
dort im Gefngnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste
Essen gab. Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie
gefat und zu Gefngnis verurteilt wurden. In den Gefngnissen und
Korrektionshusern selbst aber saen gewohnheitsmige Vagabunden
zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und
nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz
des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. Die wenigsten
Menschen, schrieb Vater, wissen, was das heit, zum erstenmal in
ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe
fr eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum
Arbeitshaus.

So wurden diese Huser, die das Landstreicherwesen eindmmen
sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich
eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art ber das
Land ergo, krperlichen und seelischen Ansteckungsstoff berall
hintragend.

Aber lngst ehe sich fr Vater diese Einzelheiten ergaben, war er
zur Tat geschritten. Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht
essen, das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fgte
hinzu: Wenn wir barmherziger werden wollen, dann mssen wir hrter
werden. Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den
Jgerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war
Vater schon lngst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang
gleichmig nach dem Jgerbrink abzuschrgen und durch eine kleine
Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden
angeschafft, und als die nchsten Arbeitslosen an unsere Tr
klopften, sagte Vater, da sie gern Essen bekommen knnten, da es
aber keines Menschen wrdig sei, blo zu essen, ohne zu arbeiten,
wenigstens solange die Mglichkeit bestnde, sich sein Essen durch
Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drben
am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen
lehnten entrstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die
andern griffen zu Spaten und Hacke und lieen sich nach getaner
Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich
erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte
nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im
Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgefhrt. Sie steht noch heute,
und ber ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.

Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute
ihr bichen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben knnen, dann aber
muten sie ihren Weg auf den Straen und an den Zunen fortsetzen.
Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens berdrssig, bat Vater, ob
er ihn nicht dauernd behalten und beschftigen knnte. Ja, sagte
Vater, wenn Sie fallschtig wren, dann knnte ich Sie behalten.
Da stie der Mann heraus: Ich bin aber auch fallschtig.

Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage.
In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoenen
Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die
Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im
Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens.
Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als
eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit lie sie diese
Unglcklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der
Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die
Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stie, eine
in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer
weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch
einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fnf, zehn,
zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand.
berall wurde er abgewiesen. Wohl drckte man ihm ein paar Pfennige
in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anla neuen
Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das
waren in der Tat Fallschtige, deren Los noch schwerer war als das
Los der fallschtigen Epileptischen!

Was tun? Zunchst durfte der eine nicht wieder hinausgestoen
werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser
Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, grndlich zu
helfen.

Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von
den Tlern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden
hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in
dessen Sandbnken sich noch heute Muschellager und hin und her
zerstreut auch mal ein Stck Bernstein finden. In der Richtung der
alten Landstrae, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater
mit seinem getreuen Berater Bkenkamp in dieses einsame Land vor.
Nur hier und da ein rmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide,
stehende Wasserlachen, kmmerliche Kiefern, ein weites des Land.
berall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fu der Ort, eine
dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers
hinderte und weder fr Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen lie.
Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der
Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem
armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die
Flle fr die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle
Aufgaben fr die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden
Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld
entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof
entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen Brdern von der
Landstrae, wie Vater fortan am liebsten diese seine jngsten
Schtzlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.

Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel
vorbergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in
der Senne bersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole:
Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden.
Es ist Arbeit fr ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne! Das
brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drckten sich davon.
Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie
verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwnschte Parole
noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust,
versoffen, Mnner aus allen Gauen, allen Stnden und jeglichen
Alters; Jnglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und
solche, die kaum die Schule besucht hatten.

Wrde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander
schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind
immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in
langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines
Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die
Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten fr den Fall,
da eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der
zusammengewrfelten Schar ntig werden sollte. Aber sie wurde nicht
ntig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren,
durch nichts anderes gedrngt als die selbst empfundene, selbst
erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschlu und die
Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und
die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten
Brotes.

Gerade fr diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit
im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich
der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort
erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des
zweiten Grabens fllte den ersten, die des dritten den zweiten und
so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land fr Wiese
und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue
Hoffnung fr eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.

Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August
1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand
selbst mit im Graben, den Spaten fhrend, ein Bruder unter Brdern,
ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch
der Schwchste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft fr Leib und
Seele aus ihr schpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein
Aufstehen fr Fallschtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden
Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit
und lutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden
Leuten diese Sttte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine
Stimme. Dann wurde drauen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen
geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: Lngst vergess'ne
alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.

Es konnte nicht ausbleiben, da der Ruf der jungen Kolonie sich
schnell ausbreitete. Von allen Seiten strmte es herbei. Ein
Aufhalten gab es nicht mehr. Es mute gebaut werden. Die schwcheren
Krfte blieben beim Rigolen, die strkeren legten Hand an bei der
Aufrichtung der notwendigsten Rume fr Menschen und Vieh. Aber noch
ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, da mit dieser einen
Zufluchtssttte dem berall wogenden Elend nicht gedient war. Es
mute umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand,
die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden
entgegenstreckte?

Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner
Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sich seitdem
wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich
Wilhelm, den spteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern
Herz und Verstndnis fr den Geringen und Geringsten im Volke
gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im
Schlogarten von Potsdam wurde zwischen beiden Mnnern der Bund
geschlossen zum Wohl der Brder von der Landstrae.

Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen.
Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie
Sammlung in Hhe von einer halben Million Mark berreicht worden.
Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hlfte zur
Grndung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der
Kronprinz bot Vater die andere Hlfte an, um damit den Brdern von
der Landstrae grndlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem
Kronprinzen vor, jeder preuischen Provinz und jedem deutschen
Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prmie zur Verfgung zu
stellen zur Aufrichtung einer Kolonie fr Arbeitslose. Gleichzeitig
bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne
einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wnsche erfllte der
Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn
durch ganz Deutschland gebrochen.

In der Morgenfrhe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe
noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die
Blumenstrue, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem
Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen
und zu hren schien, sondern tief in das Gesprch mit dem hohen Gast
und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch
den Teutoburger Pa unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem
alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des
Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preuischen
Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der
evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des
Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoenen des
Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser Wilhelm =I.= bekam die Kolonie den
Namen Wilhelmsdorf.

Bald kamen von berall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und
Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichen Prmie in
ihrer Heimat hnliche Zufluchtssttten ins Leben zu rufen. Natrlich
konnte die Prmie, die in jedem einzelnen Fall nur 5-10000 Mark
betrug, nur fr die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere
Beihilfen aus ffentlichen und privaten Mitteln strmten der
Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.

Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel
kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen, war der
Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der berall
Verstndnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger
Bettler der Bevlkerung fr Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er
das Land ab, versoff sein Geld, lie sich im Winter im Gefngnis
oder in der Korrektionsanstalt durchfttern und zog, und das war das
teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter
sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern
von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine
groe Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Untersttzung zuteil
werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber
nicht arbeiten wollte.

berall waren es freie kirchliche Vereine, die die Trger des Gedankens
waren, evangelische und katholische. Es war fr Vater eine ganz
besondere Freude, da hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich
die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Hhen
herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die
Jahre hindurch bis heute geblieben. Da dabei Hemmungen und Widerstnde
zu berwinden waren, versteht sich von selbst.

Als Vater nach Mnster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer
katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, da der
Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei.
Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wute, ein Gegner der
Sache und machte dahin seinen Einflu beim Bischof geltend. Vater
hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem
zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular
zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn
verwundert ansahen, als wten sie nicht recht, ob sie einen
Bekannten oder Unbekannten vor sich htten. Und als nun einer vor
ihm den Hut zog und er den Gru erwiderte, merkte er, da er im
bischflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen
bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er
zurck, und lachend empfing ihn der Kastellan: Der Herr Bischof
warten bereits. Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die
Vater in der Zerstreutheit fter passierten, muten mithelfen,
grere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren
Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die
katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.

Die Asyle fr die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann
offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden
Schnapsgenu verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf,
das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es
also nicht mehr ntig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und
Vagabunden grozuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie
gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie
ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das mglich, ohne auf dem
Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien
zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinfhrten?

In der Tat: sollte dem Betteln grndlich gewehrt und dem Arbeitslosen
ganze Hilfe zuteil werden, so muten die Zwischenglieder geschaffen
werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber
hier war es nicht ntig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der
alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte
in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im
Gegensatz gegen die wsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen
wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und
Nahrung bot und den gnzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung
verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden.
Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit
auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und
durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.

So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur
Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und
greren Abstnden, zwei, drei, vier Stunden voneinander entfernt,
bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und
schlielich bis zur Kolonie fhrten. Gegen kurze Arbeit, die meist
in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die ntige Nahrung
gereicht, soda er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation
versehen, die nchste Etappe aufsuchen konnte.

Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden
getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze
aus der Erde. Und in demselben Mae, wie der Ausbau dieses
Zwischennetzes fortschritt, hrte das Betteln auf. Wo es vorher
gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die
Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrckt hatte,
konnte jetzt scharf ber die Ordnung wachen. Jeder ehrliche
Arbeitslose setzte mit Ernst alle Krfte daran, Arbeit zu finden.
Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die
Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drckte sich
seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen
noch Arbeitssttten gab, bis auch dort das berhandnehmen des
Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.

Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen
zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer
Monatsschrift, die unter dem Titel Die Arbeiter-Kolonie, spter
Der Wanderer, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mrchen
mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor
Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.

Charakterisiert aber wurde Vaters Ttigkeit an den Brdern von der
Landstrae durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der
Mnchener Jugend erschien:

    Ein Kunde war ich, duff und fein,
    Stets ohne Moos und Fleppe.
    Ich kehrt' in jedem Wirtshaus ein
    Und stieg jedwede Treppe.
    Als mir die Straen, die ich ging,
    Zum Hals herausgehangen,
    Bin ich zum Vater Bodelschwingh
    Nach Wilhelmsdorf gegangen.
    Das war ein Kerl! Wie vterlich
    Sprach er mir ins Gewissen,
    Und Bruder, Bruder nannt' er mich;
    Das hat mich fortgerissen:
    Zum Spaten griff die trge Hand,
    Die sonst nur Klinken drckte,
    Und grub und grub im Ackerland,
    Und die Bekehrung glckte.
    Nun ist der Patriarch zur Ruh'.
    Wie einst mit allem Volke
    Spricht er mit Petrus jetzt per Du
    Auf einer Himmelswolke.
    Der revidiert den Ankmmling
    Gestreng und sagt die Worte:
    Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,
    Herein zur Herbergspforte!

    Johannes Trojan.

(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln
Freistatt, Das Wanderarbeitsstttengesetz und
Hoffnungstal.)


Der Bau der Zionskirche.

Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen knnen.
Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und
Hessen-Nassau hatten zunchst von der Errichtung eigener Anstalten
fr Epileptische abgesehen und baten in steigendem Mae fr ihre
Kranken um Aufnahme. Da, wo in den brigen Teilen Deutschlands
Anstalten fr Epileptische im Entstehen waren, mute ihnen zu
richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, soda, auch abgesehen von
den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel
drngten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem
Ausland.

Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte,
darauf hinarbeiten, da jede Provinz, jeder grere Bundesstaat nach
der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie
bekam, sondern auch eine eigene Anstalt fr Epileptische? Er hat es
nicht getan!

Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast
ausschlielich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt fr
Epileptische aber mu ein vielgliedriger Krper sein, wenn sie
ihren Bewohnern grndlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren
nur Hafenpltze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen
und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur
Rckkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt fr Epileptische aber
sollte so viel wie irgend mglich dauernd jeden einzelnen Kranken an
den Platz stellen, der seinen Krften, Gaben und Neigungen
entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt mglich, die ihrer
Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten
Handwerke und Betriebe sich entfalten lt und auf diese Weise die
Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschftigung beschrnkt.

Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur
konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten fr Epileptische mithalf,
sobald er sah, da ein wirkliches Bedrfnis vorlag und ursprngliche
Liebe und urwchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten,
wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreuen,
Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch
auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Grndungen handelte,
die von vornherein nur fr einen kleinen Kreis von Epileptischen in
Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen
Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von
Arbeitsgelegenheiten begngen zu mssen. Dadurch aber war von
vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt,
ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drckend
ist.

So kam es denn, da Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflcke
seiner Zelte weiter und weiter stecken mute. Ein Handwerkshaus, ein
Ackerhof kam zum andern. Fr die epileptischen Frauen und Mdchen
mute mehr Raum gemacht und auch die Kinder muten gesondert werden.
Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Huser
berragend, entstand ein Haus fr die epileptischen Pensionre, wo
Russen, Dnen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich
mit den Deutschen zusammen wohnten. Und hnlich war es unten im Tal,
wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks fr die epileptischen
Pensionrinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen
wurde.

Aber auch die Grndung von Wilhelmsdorf brachte fr Bethel neue
Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur ein Vierteljahr lang in
Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin,
wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz
zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage,
ob die Widerstandskraft schon genug gesthlt sei, um allen
Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die
aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch
am leichtesten, ihnen zur Rckkehr in den frheren Beruf zu
verhelfen. Aber fr die Kaufleute und Akademiker war die
Schwierigkeit oft unbersteiglich. Darum mute sich ihnen Bethel in
seinen Arbeitssttten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen
brigen Mglichkeiten als bergangssttte ffnen und Raum fr sie
machen.

So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von
Sarepta sich zusammendrngten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei
zu empfangen. Schlielich gengten die Rume schlechterdings nicht
mehr. Fr die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bnke
aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten.
Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung
der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde
geblieben. Aber fr die kalte Zeit und die Regentage mute ein
Ausweg gesucht werden.

Auf dem schmalen Bergrcken unterhalb der Waldkirche, der sich steil
zum Kantensiek hinuntersenkt, whlte Vater den Platz fr die neue
Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar fr alle
Huser, die zu Fen des Berges in den beiden Tlern sich
hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am
16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde,
fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der
Kronprinz kam. Es war mitten im strmenden Regen einer der grten
Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz
whrend der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern
jngsten noch nicht sechsjhrigen Bruder geleitete er frsorglich
aus dem Regen unter einen schtzenden Schirm. Selbst wehrte er ab,
als man ihm einen Schirm berhalten wollte, und lie sich, wie Vater
spter immer wieder den Kranken erzhlte, fr uns naregnen. Krftig
klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei
Hammerschlge; Christus der Grundstein -- Christen die Ecksteine
-- Gott segne den Bau! Und welche tief-menschliche Gte ging den
ganzen Tag ber von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die
Gemeinde unlslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten
Knigsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.

Wenn brigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wre zwischen
Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das
irrig. Wohl hatte Vater gewnscht, da es bei der Mittagsmahlzeit, die
der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz
familienmig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und
den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen mchten. Aber die
Einwnde der Mutter hatten aus Grnden des Platzmangels gesiegt, und die
Eltern hatten sich dahin geeinigt, da wir Kinder im Nebenzimmer unsern
besonderen Tisch haben sollten, aber bei geffneter Tr. Von da aus
haben wir es dann mit erlebt, in welch beraus herzlicher Weise unser
hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater Friedrich und
Du nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im
mndlichen Verkehr, bei dem respektvollen Kaiserliche Hoheit.

Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im
frhesten Frhjahr -- wenn ich mich recht besinne, war es der erste
Februar -- begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen
Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater
auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte
er manche Stunde seiner Ferienzeit dafr gewidmet. Nur die Strke
der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, lie er der
Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover
berechnen. Hohe knstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau
nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus
konnte man die Kanzel sehen, und die fnf kleinen Ruhekammern an den
Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken whrend des Anfalls
gebracht wurden, gaben ihm das besondere Geprge eines Gotteshauses
fr Fallschtige.

Die tgliche Beaufsichtigung des Baues bergab er einem jungen
Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehrt
hatte und in achttgiger Wanderung, des Nachts immer in den
Heuhaufen schlafend, geradeswegs nach Wilhelmsdorf gekommen war.
Dort hatte er sich durchaus bewhrt. Es steckte ein gewisser Stolz
in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule
besucht hatte, sich Architekt nennen zu drfen. Die andern aber
nannten ihn statt dessen immer nur Arg-im-Dreck. Das nahm er aber
nicht bel, sondern zeigte sich wirklich bei unermdlichem Flei und
gutem Humor als ein berlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich
alles fgte, soda der Bau in groem Frieden und noch grerer
Freude vorwrtsschritt.

Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge
abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mdchen
lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf
den Bauplatz befrdert wurden. Andere trugen in ihren Schrzen den
Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die
erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer
aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters
Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit.
Rotkehlchen und Rotschwnzchen nisteten in grter Zutraulichkeit in
den Mauerlchern, aus denen eben erst die Gerststangen ein
Stockwerk hher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den
Maurern gehtet.

Ungezhlte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater
durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brder
schliefen damals nur mit den Schulbchern unter dem Kopfkissen, um
beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn
nachmittags und abends lie der Kirchbau beim besten Willen keine
Zeit dazu.

Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem
Dachreiter sollte ein bescheidenes Glckchen hngen. Davon hatte der
alte Missionar Lckhoff in Sdafrika gehrt und in seiner schwarzen
Gemeinde fr einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das
war Vater eine ganz besondere Freude, und er prfte sofort, ob sich
der Plan ausfhren liee. Es zeigte sich, da ein solcher grerer
Turm viel zu teuer geworden wre und die ganze Anlage der Kirche
gestrt haben wrde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren
zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Hhe gezogen
werden und sich zu zwei kleinen Trmen zu beiden Seiten des Chors
auswachsen konnten.

Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter
Hhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu
prfen, ob sie wirklich die Glockentrme tragen konnten. Es zeigte
sich, da sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden
kleinen Trme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und
Afrika.

Die Einrichtung der Kirche wurde zum grten Teil in den Werksttten
der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur
Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm Wenn der Herr die
Gefangenen Zions erlsen wird, der lngst zum Lieblingspsalm der
Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten
Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht
von Preuen, der sptere Prinzregent von Braunschweig, damals als
Gromeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher
Beziehung, schlo die Tr auf mit den Worten: Ich ffne die Tr mit
dem Wunsche, da alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen
und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben. Den Mittelpunkt der
Feier bildete naturgem Vaters Ansprache, und man kann sich denken,
wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz berflo von Dankbarkeit
gegen Gott und Menschen.

Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal berbrachte der
Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultt
Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren
sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht,
ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschtzung. Er
konnte sich gelegentlich redlich fr andere bemhen, wenn er wute,
da jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung
zuteil wurde. Aber fr ihn selbst war dies Gebiet menschlicher
Anerkennungen berwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder fr seine
Person noch fr seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht
eigentlich in die Reihe der Orden gehrt, legte er bei besonderen
Vaterlandsfesten und bei Besuchen im kniglichen Hause an.

Der junge Baufhrer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine
Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurck, und nach Jahr und Tag
fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinntzigen
Bauunternehmens.


Arbeiterheim.

                  Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen
                  Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde
                  steht und stehen mu, nur immer auf das Jenseits
                  vertrstet.

                                                            F. v. B.

Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren
andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft bernahmen.
Mit dem schnellen Wachstum, das nach auen alle Lebensverhltnisse
ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Krfte nicht Schritt
gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stnde
rckten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre
alte uneingeschrnkte Stellung, und ihnen gegenber drngten die
Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren
sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran
teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verstndigung
helfen zu knnen, stie aber auf khle Ablehnung, zum Teil auf
bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er
endgltig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine
parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich
auch bekannte.

In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunchst der Verdacht
festgesetzt, da Vater zu den Reaktionren gehre, die auch die
berechtigten Ansprche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen
von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken
und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden
Bevlkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straen als
geheime Agentinnen Bodelschwinghs ffentlich beschimpft.

Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste grere Streik aus. Die
Erbitterung wuchs in solchem Mae, da es zu Gewaltttigkeiten kam
und der Belagerungszustand erklrt werden mute. Mitten in die
Erregung der Gemter wurde die Nachricht geworfen, Vater htte der
Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von
Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war vllig aus der
Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und
lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mute auch das
friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogen
werden. Militr-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die
Anstaltshuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit
stndigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster
der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und
dem Prinzen Wilhelm, dem spteren Kaiser, geschenkt waren, wurden
durch Drahtnetze gegen Steinwrfe geschtzt.

Da erscholl eines Nachts Feuerlrm: Eben-Ezer brennt! Es war das
alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt fr
Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter
Schlafsaal, von blden epileptischen Mnnern bewohnt, dessen Dach
sich tief an den Berghang lehnte und durch bswillige Hand mhelos
von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war
schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die
Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen,
die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum
Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden
konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe
Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hrte man den
Ruf: So ist's recht, da Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus
unsern Husern vertrieben!

Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem
Ackerhofe fr Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle
Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklrt; nur da
alles darauf hindeutete, da in beiden Fllen ein heimlicher
Racheakt vorlag.

Aber Vater blieb jedes Gefhl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren
tnte jener nchtliche Ruf fort: So ist's recht, da Bodelschwingh
brennt; warum hat er uns aus unsern Husern vertrieben! Wie ein
Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte
gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als
ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der
Wohnungsfrage.

Worin lag das Berechtigte in jenem nchtlichen Anklageruf? In der
Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im
Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentmer dieser
Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter,
die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen
Kotten der aufgekauften Bauernhfe gewohnt hatten. Niemand, auch
Vater nicht, hatte sich darum gekmmert, wo sie geblieben waren. Das
fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer,
wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stie, fragte er zunchst
nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.

Er berdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich
frher einer Wohnung abseits der groen Stadt hatten erfreuen knnen
und dazu eines Stckes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und
Kinder miteinander die Frchte fr sich und ihr Kleinvieh ziehen und
den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schpfung zubringen
konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrngt,
ohne Licht und Luft fr Weib und Kind und ohne das liebgewordene
Stck Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die
Frommen, die fr die Kranken sorgten, aber die Gesunden darber
verkmmern lieen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft
machte!

Aber das war doch nur ein kleines Stck des weiten Gebietes, das
durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerckt worden war.
Das ganze Wohnungselend der Grostdte tauchte vor ihm auf. Wie viel
edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straen, in hohe,
unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne
Vogelsang, fern von Wald und Feld muten hier die Eltern ihre Kinder
aufwachsen sehen, whrend dicht vor den Toren der Stdte sich das
weite Land dehnte, wo ungezhlte Familien ihr eigenes Heim htten
finden knnen. Man hat gnzlich vergessen, schrieb Vater, da,
seitdem wir Pulver und gezogene Geschtze haben, die Zeiten lngst
vorber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu
gewhren, in feste Stdte zusammenpressen mute.

Aber was hatte berhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt
gedrngt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher
Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf.
Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die,
sobald sie sich gengend erbrigt hatten, die Abhngigkeit von der
Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbstndigkeit
getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Grostdte
zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehr
zugenommen. Statt da Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden:
Die groen Stdte mssen zerstrt werden -- im rechten Sinne
verstanden -- in die Wirklichkeit umgesetzt worden wre, hatte man
die Stdte immer mehr zu schrecklichen Wasserkpfen anwachsen
lassen, die den ganzen Volkskrper verunstalteten, dessen Glieder
gleichzeitig durch die bestndige Abwanderung vom Lande in die Stadt
immer mehr verkrppelten.

Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den groen
Stdten. Vater lie sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch
manchmal mit tiefen Gefhlen des Schmerzes kmpfen sehen im Gedanken
an die schmerzlichen Versumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen
der Grostdte Schritt zu halten, berall schnell und im voraus fr
geeignete Pltze fr Kirchen oder noch lieber einfache Bethuser zu
sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein
persnliches Verhltnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern mglich
gewesen wre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen,
Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine
Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegesttten fr einzelne.

Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer
wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versumt habe, was er
selbst wieder gut machen knne. Und hier mute er, der sich so
manchmal ber die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man frher
in Hinterpommern die Bauernhfe aufgekauft hatte und die
Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin
-- jetzt mute er sich ehrlicherweise gestehen, da er selbst das
gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er fr die Leute
getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingerumt
hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?

Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen
hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in
unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbumen,
die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frhesten Frhjahr
suchte er nach den treibenden Bltenkolben. Im Garten, vor seinen
Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die
ersten bungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster
hatten wir unsern Kaninchenstall und unsere Ruberhhle angelegt;
und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des
Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frhstckten, uns auf
Schultern und Armen saen und uns die Bissen aus dem Munde holten.
Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der
engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen
gemalt!

ber den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Hhen des
Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbrger von Bielefeld
und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Grten und Felder hatten. Dort
oben war auch der schne neue stdtische Friedhof entstanden, und
links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und
Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier,
weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstck von etwa sechs
Morgen Gre. Darauf blieb Vaters Blick hngen. Diesmal konnte er
nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt
es, verloren gegangenes Gebiet zurckzuerobern. Freund Bkenkamp,
der stille, vorsichtige, zuverlssige Mann, tat die entscheidenden
Schritte, und bald war das Grundstck oben am Berge gekauft. Damit
war neuer Heimatboden gewonnen fr Heimatlose, Vertriebene,
Verbitterte.

Das Grundstck wurde in acht gleich groe Baupltze eingeteilt, und
fr jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, fr jedesmal eine Familie
bestimmt, jedoch gro genug, da oben in den Dachzimmern noch die
erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und
die Besitzung bernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten.
Dann wurde der Platz ffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter
konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und
kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, da er
eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte
die Brgschaft liegen, da man es mit einem nchternen, fleiigen
Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmige Abzahlungen
leisten wrde.

Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schn es dort
oben sein msse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der
Grundstcke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald
mehr Bewerber, als bercksichtigt werden konnten. Das Los mute
entscheiden. Unter die acht, zu deren Gunsten die Entscheidung
fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Pltze verteilt.
Doch war keiner gezwungen, den fr jedes einzelne Grundstck
vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und
Bedrfnis ndern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt
antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das
kleine Besitztum an seinen neuen Eigentmer ber.

Was aber wurde aus den brigen Bewerbern, die nicht hatten
bercksichtigt werden knnen? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwrts
drngten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wre Unbarmherzigkeit gewesen.
So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstckes, des dritten u. s. f., und
in allmhlichem Fortschreiten legte sich ein groer Kranz von
Arbeiterheimsttten in nherer oder weiterer Entfernung rings um
Bielefeld.

Aber die rtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein
winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und
die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum lste, mute berall in
Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu
schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese
Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im
April 1885 der Deutsche Verein Arbeiterheim. In besonderen
Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald
meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils
einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die
Kaiserin und spter die Kronprinzessin Cecilie bernahmen das
Protektorat zum Zeugnis, da es sich hier um die wichtigste
Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie,
handle.

Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend groe Scholle fr den
Arbeiterstand! war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift
hinausgehen lie in Stadt und Land. In schlichtesten, tief
ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum
Schwingen. Herz, Gemt, Verstand, Gewissen fate er in gleicher
Weise an. Die stdtischen und lndlichen Behrden so gut wie die
einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir
haben sein Herz beben gehrt, zittern gefhlt ber der Frage: Wird
es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?

Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage
war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimsttte
beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes
eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein Arbeiterheim an
seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rckhalt gedient und ihnen
das ntige Kapital flssig gemacht. Aber seine Schultern wren zur
Durchfhrung im groen zu schwach gewesen. Es mute strkerer und
weiterer Rckhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?

Die staatlichen Rentenbanken halfen greren und mittleren Besitzern
mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer
Verzinsung zurckgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem
greren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es
dem kleinen nicht auch gewhrt werden?

Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wre, als beim kleinen
Mann, kein Kapital auch, das hhere Zinsen brchte. In allen
Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten.
Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters
zur eigenen Scholle. Er vertraute mit grter Zuversicht, da der
deutsche Arbeiter berall, wo man ihm die Hand dazu bte, alles
daran setzen wrde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern
auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu
lassen. Er wute auch, da es unter allen irdischen Mitteln kein
sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht
als das eigene Dach und den eigenen Herd.

Darum gelang es ihm auch in unablssigem Bemhen um die Herzen der
verantwortlichen Mnner und Behrden in Provinz und Staat, in
Schreibstuben und auf den Ministersthlen, da schlielich die
Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde.
Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerla ber Zwergrentengter,
wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem
halben Morgen Gre von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des
Gesamtwertes beliehen wurden.

Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in stdtischen und
lndlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften,
weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifende Anleitung der
Verwaltungsbehrden alle ttigen, sich selbst helfenden Krfte des
deutschen Vaterlandes knftig nicht eindmmten, sondern weckten und
frderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine
Gesundung des gesamten Volkskrpers. Der Arbeiter war nicht mehr
ausschlielich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder
gemeinntzigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an
die materiellen Hilfsquellen des Staates.

Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, da, wo
irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der
Umgebung der Siedlung in die Hhe schnellten und den nachfolgenden
Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier
grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter
Damaschke eine unermdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze
groe Gebiet lie Vater unberhrt. Ich fragte ihn einmal, wie er
ber die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dchte. Er
antwortete: Davon verstehe ich zu wenig. Es lag nicht in seiner
Natur, sich mit Fragen zu beschftigen, deren Lsung erst in weiter
Zukunft lag. Er fhlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum
Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich
ihm mit zwingender Gewalt aufdrngten, griff er an und suchte er
dadurch zu lsen, da er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und
diese Hilfsmittel so viel wie irgend mglich ausgestaltete.

Alles, was zunchst nur Theorie blieb, lag auerhalb seines
Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur ber die
sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was
seine unmittelbar jetzt lsbare Aufgabe betraf und ihn darin
frderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick
heraus und machte er sich zu eigen.

Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der sozialen Frage als
solcher beschftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in
Basel bat: Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken ber die soziale
Frage! antwortete er: Ich spreche nicht gern ber Dinge, von denen
ich nichts verstehe. Aber dann lie er den Fragesteller in
anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen
Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet
hatte.

Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit fr das, was geworden war,
die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates
lieen ihn nie in den Verhltnissen die Hauptschwierigkeiten
erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rckstndig diese
Verhltnisse oft auch sein mochten, immer mit groer Zuversicht
hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung
half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen.
Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er,
wohl aber unter denen, die von den Menschen herrhrten. Und gerade
auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit
wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit,
Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nchstenliebe
unterlassen und versumt wurde.

Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen
Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die
Stdte sich dem Gedanken ffneten, in ihrem Umkreise fr die
Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch
wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mute
das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch
hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht
allseitig genug. Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen
dadurch, da wir unsere Arbeiter selbstndig machen, mute er immer
wieder hren. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes
sagte er in einer Predigt, da die Besitzer alle im Grunde nicht
Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und da sie, um
als Verwalter bestehen zu knnen, wenn Gott einmal Rechenschaft von
ihnen forderte, die Pflicht htten, dem kleinen Mann zu einem Haus
und Stck Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als
selbstndiger Verwalter innehaben knne. Der Bauer msse sich
endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von
dem von den Vtern ererbten Besitz etwas abgebe fr den kleinen
Mann. Aber Vater stie auf khle Ablehnung und wurde auf lange Zeit
hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.

hnlich ging es ihm weiten Kreisen der Grogrundbesitzer gegenber.
Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen fr den
Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Mae
verbessert wurden und der Landarbeiter sich, wenn er seine
Einknfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie
Industriearbeiter der Grostadt. Aber eng und starr hielten vielfach
auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: Alles fr den
Arbeiter, nichts durch ihn, d. h. sie waren bereit, fr den
Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem
Mae ihrer Krfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in
abhngiger Stellung dem Gute gegenber blieb. Sobald es sich aber
darum handelte, den Arbeiter auf eigene Fe zu stellen, soda er
auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf
und dann durch freien Entschlu in ein neues Dienstverhltnis zum
Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurck. Man
wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.

Durch die immer mehr gesteigerte Ttigkeit der Volksschule wurde der
Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewutsein
gehoben, all seine Krfte geweckt. Aber man gab diesen Krften kein
Feld eigener Bettigung, eigener Entfaltung. Das mute schlielich zu
einer Katastrophe fhren. Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit, hrte
ich Vater zu einem Grogrundbesitzer sagen; wenn ihr dann nicht Ernst
gemacht habt, habt ihr die Revolution. Und ein anderes Mal: Vor den
Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor
der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr
helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle
wiederzugeben. Dabei ging fr ihn die Lsung der sozialen und der
religisen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongre fr
Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: Um reif zu werden fr die
himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist
es ntig, da man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen
hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem
irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch fr das Verlangen nach
einem ewigen Vaterhause abgestorben.

Es mu ehrlicherweise zugegeben werden, da Vater manchen
Grogrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er
seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte,
als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde
hatte er nie daran gedacht, da die vorhandenen Mietsverhltnisse
smtlich aufgelst werden sollten, damit jeder Arbeiter sein
eigener Herr wrde auf eigener Scholle. Er wollte nur, da dem
Arbeiter die Mglichkeit dazu verschafft und da seiner drngenden
Kraft Ventile geffnet wrden. Es war ja klar, da viele das
sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung fr ein eigenes
Besitztum vorziehen wrden. Aber denen, die nach dieser
Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.

Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geffnet werden sollte,
ging freilich Hand in Hand, da auch der Industrie Mglichkeit
gewhrt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so wrde das
Wachstum der Grostdte unterbunden werden. Namentlich die Kanle
sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land
zu ziehen. Unermdlich war er auch fr diesen Gedanken eingetreten.

Mit der Industrialisierung des Landes wrde ja auch mehr und mehr
dem Miverhltnis gesteuert werden, da die Bodenpreise in der Nhe
der Stdte bertrieben hoch, auf dem Lande unverhltnismig gering
waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so
sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des
Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nchterner
Berechnung sich sagen muten, da das Festhalten des Arbeiters auf
dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr
eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter fr den
erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Grogrundbesitz einen
Teil seiner Schulden abstoen. Durch die Zunahme der Landbevlkerung
war das Absatzgebiet fr die Landwirtschaft bereichert und die
Mglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskrfte nicht gemindert,
sondern vermehrt.

Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und
Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen groen Stdte war, in
denen sich der Umschwung der Dinge verhltnismig ruhig vollzog, wurde
als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt:
die verstndige Hand eines mavollen sozialdemokratischen Fhrers und
die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das
Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der
praktische Ertrag auch verhltnismig gering war, -- denn was bedeutete
die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden
im Einfamilienhaus gegenber der groen Masse, die in die Stdte
gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmglichkeit vor
sich hatten! -- Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften
Enttuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer
wieder hinauszurufen: Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend groe
Scholle fr den Arbeiterstand!

Als darum whrend des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen
Kmpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand
er berall lautes Echo. Grogrundbesitzer des Ostens stellten damals
weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfgung, damit der Gedanke in
die Tat umgesetzt wrde. Htten sie es zwanzig Jahre frher getan,
wie viel wre verhtet worden!

Zu spt ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins
Arbeiterheim haben sich inzwischen berall durchgesetzt. Das ganze
Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So knnte sich
der Verein in die Stille zurckziehen. Doch besteht er noch fort,
damit er berall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen,
mit seinen Erfahrungen helfen kann.


Das Kandidaten-Konvikt.

Der berschu an Kandidaten der Theologie war in den achtziger
Jahren gro. Manche von ihnen muten jahrelang auf feste Anstellung
warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese
Gelegenheit, um dafr zu sorgen, da die brach liegenden Krfte
whrend der Wartezeit nicht mig blieben, sondern eine grndliche
Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goler, ihm
zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zuknftiger Pastoren fr den
Dienst der inneren und ueren Mission die erforderlichen Geldmittel
darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunchst fr
vier, spter fr acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die
Mittel gewhrt. Ein Nebengebude des Hauses Hermon, Klein-Hermon,
wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.

Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, da sie des Vormittags
auf den verschiedenen Stationen der Anstalt ttig waren, whrend der
Nachmittag der besonderen Ausbildung auf den zuknftigen Beruf
vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Mnnerstation des
Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter,
Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das
Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch
an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar
bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron,
der Landstation der epileptischen Mnner, der vierte auf dem
Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwlf Wochen wurde
gewechselt, soda jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete
kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die
Ttigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat,
Trinkerheilsttte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brder
und der epileptischen Kinder usf.

Es verstand sich fr Vater von selbst, da ein zuknftiger Diener
des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken
und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei.
Darum stellte er sofort mit einer Selbstverstndlichkeit, gegen die
es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich
meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie
sich gleich den Schwestern und Brdern, die ihnen vorarbeiteten, die
blaue Schrze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie
nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat
die blaue Schrze unendlich leichter und lieber getragen als den
Talar.

Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach
kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken
zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die
allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur groen Wohltat, da sie
einmal die Gedankenarbeit mit der grndlichen Praxis vertauschen
konnten. Das alte Wort =Praxis epibasis theorias= (der Weg der
Gewiheit fhrt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit.
ber der ttigen Hilfe, die er leisten konnte, verga mehr als ein
Kandidat die Gedankengrbelei. Im Zusammenleben mit manchen Brdern
und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, da
Jesus Christus die eigentliche Gromacht in der Welt sei, von der
noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines
Menschen Macht stehen, und der kindliche Glaube eines am Geiste
schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von
Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles bertraf, was die
Universittszeit geboten hatte.

Dazu kam dann der persnliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die
Post kam schon frh, und Vater lie jede Sendung durch seine Hand
gleiten, um an der Handschrift zu prfen, ob die Rcksicht auf den
Briefschreiber es erfordere, da er allein den Brief ffnete. Alle
brigen Briefschaften bergab er dem Kandidaten. Natrlich kam es
vor, da auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den
Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches
Geheimnis ausgeplaudert worden. Das groe Vertrauen, das Vater vom
ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die
zartesten und tiefsten Krfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief,
wurde heilig gehalten.

War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat ber die
einzelnen Schriftstcke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je
klarer und krzer der Bericht ausfiel, je grer war fr Vater bei
seiner gedrngten Zeit natrlich die Wohltat. So berichtete einer,
der es besonders knapp machen wollte: Junger Mann, Offizier
gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung. Da sagte Vater
nur, aus tiefster Seele heraus: Arme Mutter. Der Kandidat hat
nachher erzhlt, von welch unauslschlichem Eindruck diese zwei
Worte auf ihn gewesen seien.

Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging
er in die einzelnen Huser, um sie dort zu besprechen oder auf den
Schreibstuben abzugeben. Was brig blieb, beantwortete Vater selbst,
und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretr, der
stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war,
diktierte. Nur nichts aufschieben war seine Losung. Aufschieben
macht Qual. Dann hrte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben
wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Krze aus jedem Briefe
sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne strksten Einflu
bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb
und bei manchem Kandidaten, der inzwischen lngst zu Amt und Wrden
gekommen war, Jahr um Jahr neue Frchte trug.

Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und
spter eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen
Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vortrgen
und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen
besprochen und auerdem die Geschichte der Inneren und ueren
Mission behandelt.

Die bungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater
selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden
Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims
gehalten wurden, nicht katechetische bungen nennen. Wie schon
einmal erwhnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum
erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische
Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte
erzhlen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in
hchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es
zu einer Kunst des Erzhlens gebracht, die Kinder und Kranke aufs
tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemtes,
sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzhlen, nur durch
gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten
gebt und ihnen selbst vorgemacht.

So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in
ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Sthlen vor und zwischen
den Kandidaten saen, die Geschichte von der kniglichen Hochzeit
erzhlte. Als er an die Stelle kam, wie der Knig hineinging, die
Gste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern
wandern lie, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er
vollends darstellte, wie der Knig den einen Gast traf, der kein
hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkrlich die
Augen nieder in der Sorge, er selbst knne vielleicht der eine sein.
Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts
Eingebtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schnheit,
Gre und Gewalt des Wortes Jesu.

Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle
nicht in Hast, aber in mglichster Krze. Lnger als hchstens eine
Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam
noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus
dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzhlen.

Am Freitag um fnf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen
Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich
so schwer gemacht wie nur mglich. So leicht, weil das Publikum, vor
dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Frchten war. Die Fenster, die
nach rechts und links in die Krankensle fhrten, waren geffnet,
und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Tne der
Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den
Bnken in der Kapelle selbst sa fr gewhnlich nur eine einzige
Station von epileptischen Mdchen unter der mtterlichen Fhrung der
alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprche,
sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu
ihnen gesprochen wurde.

Aber gerade hierin lag nun auch die groe Schwierigkeit der Aufgabe.
ber die hchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, soda Leidende,
Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten knnen, das
war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen
menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die
tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und
Gleichnisse fassen konnte, da sie allen Vlkern der Welt in ihren
einfltigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich falich und
unergrndlich sind.

In der kleinen Brderstube der Mnnerstation von Sarepta, in der der
alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im
unmittelbaren Anschlu an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die
Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung,
dann die Predigt. Wer sagt ihm etwas? fragte dann Vater die
versammelten Kandidaten. Bitte, sagt ihm etwas! Zum Schlu kam
dann Vater selbst. Er lie sich das Konzept nicht vorher geben, aber
er hrte sehr genau der Predigt zu.

Auch das uere lie er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit
der langen Schnurrbrte. Sieh mal, sagte er zum Trger eines
derartigen Schmuckes, die Kranken frchten sich, wenn du mit solch
einem langen Schnurrbart daherkommst, als wrest du ein
Unteroffizier. So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene
Eitelkeit.

An der Einteilung der Predigt rttelte er, wenn es ntig war, mit
krftigen Sten. Aber ihren Inhalt behandelte er immer mit der
grten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das
Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so grerer
Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Frchte
ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhrerschaft
dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulschen, sondern
durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoene Rohr
nicht zu zerbrechen, sondern zu strken, das bte Vater in diesen
kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war
es so, da das Lob ermunterte, aber zugleich demtigte, und der
Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten,
dessen Predigten er schon wiederholt zugehrt hatte, sagte er: Wenn
du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so
scharf das sndige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man mu
erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den
Hnden und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.

Sooft wie mglich lie er sich von den Kandidaten auf die Feste im
Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rckkehr von solch einem Feste
stellte es sich heraus, da die Kandidaten, die in einem zweiten
Wagen saen, an zwei Frauen, die zu Fu gingen, vorbergefahren
waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er lie sie alle
aussteigen und den Wagen zurckfahren, um die Frauen aufzunehmen.

Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet.
Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst
hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Shne untersttzt.
Schlielich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur
Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.

Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in grtem Segen an
der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige
Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nchste Beziehung
getreten. Er bernahm im Jahre 1895 die Fhrung der Kandidaten,
denen er, bis seine Krfte zusammenbrachen, ein vterlicher Freund
und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Grndlichkeit,
Treue und Hingabe geworden ist.


Afrika.

            Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, da wir
            da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die
            Not am grten ist.

                                                            F. v. B.

Obwohl sein Weg ihn nicht persnlich in die Heidenwelt hinausgefhrt
hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war
er, wie berichtet, fr die kommenden und gehenden Baseler Missionare
und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er
durch den Westflischen Hausfreund den Blick auch zu den Heiden
hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der
Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler
Mission, die ihm stndig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald
kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bckergeselle
der kleinen Bckerei von Sarepta, Dietrich Baumhfner, war als Kind
durch eine Kinderschulschwester innerlich angefat worden und der
gttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das
Berliner Missionshaus, das ihn nach Sdafrika aussandte.

Seine Briefe, die er von der Reise und aus den ersten Anfngen in
Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an
andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie
der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, da wir die Reise und
die Arbeit Baumhfners persnlich miterlebten. Im Anschlu an solch eine
Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der
Missionsbchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in
unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die
Bitte Baumhfners die ersten Posaunen fr seine kleine Gemeinde
hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, da er in Georgenholz dem
Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod
als einen groen persnlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission
blieb aber und wurde namentlich durch die sdafrikanischen Reisen des
Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.

Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknpfungen,
nicht nur durch die persnlichen Beziehungen zu deren Inspektor
Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamer Studienzeit in
Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, da
die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes
treuste Freunde hatte und Vater fter zu den Missionsfesten
eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit
berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebrtig, hatte sich in
Sumatra der Ausstzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen
gestoen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam
erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohlttigen Quellen den
Ausstzigen eine Heimat zu errichten. Das war natrlich eine Sache
nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte,
sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und
dafr die Herzen erwrmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den
Familienabenden und wchentlichen Missionsstunden und entfachte
damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Frsorge fr die
Ausstzigen, soda die Heimat der Ausstzigen auf Sumatra der feste
Sttzpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den brigen
Aufgaben der Barmer Mission lagerte.

Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der
Barmer Mission in Sdafrika, Missionar Lckhoff, der jene 2000 Mark
fr die Glockentrme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde
gesammelt hatte, nun nicht mde wurde, eine Sendung nach der andern
abgehen zu lassen mit sdafrikanischen Fellen, Frchten,
Straueneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem
kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick
in die Vlkerwelt hinauszulenken.

So war der Boden lngst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet
sich neue grere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt
einstellten.

1884 waren die ersten deutschen Sttzpunkte in Ostafrika auf der
Insel Zanzibar sowie im Kstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser
wies sofort darauf hin, da eine politische Besitzergreifung des
Landes nicht genge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr
auf dem Fue folgen msse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der
Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der
Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee
fr die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der
alte, in langjhriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar
Greiner und ein junger von der Berliner Mission bernommener
Missionar Krmer hatten die Arbeit drben begonnen.

Aber woher weitere Krfte nehmen? Sowohl fr den Pflegedienst an den
Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas
in ganz besonderem Mae solcher Hilfe bedurften, als auch fr einen
krftigen Vorsto in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub.
Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und
Vereinen der ueren und Inneren Mission die ntigen Krfte zur
grndlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren
milungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten
sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her,
fr die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der
Reinickendorfer Strae geschaffen hatte. Es gibt keine Pftze in
Berlin, in die er nicht springt, sagte Vater einmal, um damit die
groe Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen
Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu
kennzeichnen.

Diestelkamp sa in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater
ihm gegenber. Wer wollte es Vater verdenken, da er angesichts der
Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern
lagen, zgerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb
fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte
seine Bitte nur um so dringender. Schlielich erklrte er: Ich
stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.
Anhaltende Bitten aus glhendem Herzen machten auf Vater stets
tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.

Damit war es, als wenn ein Deich berstiegen und der Zionsgemeinde
nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen
geffnet wre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das
Rauschen der Vlkerwelt gehrt; jetzt sollten wir selbst mitten in
ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im
Schwestern- sowohl wie im Brderhaus regten und zeigten sich berall
die Krfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach
Afrika auf den Weg zu machen.

Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen
hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Manche der alten
Missionsgesellschaften erschraken. Fhrer der deutschen Mission
erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine
Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen
Missionskrfte. Vater blieb dem gegenber nicht taub. Er suchte sich
durch eingehende Nachforschungen zu berzeugen, ob nicht doch irgend
eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war
zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er
seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft
ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Gonerschen
Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen
Platz an der Sonne beanspruchte.

Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel
gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefhrtin und seines
einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein
wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewhnlichen
Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er
nach einiger Zeit sich entschlo, sein Schweigen zu brechen, zeigte
es sich, da er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die
Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wre, der
Fhrer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser
hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug fr die Arbeit
unter den Negern. Denn, so sagte er gerade im Blick auf Afrika,
die Untersten und Elendesten mssen die besten Pfleger haben. Und
Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam,
wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte,
griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich
die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und
einem Bruder aus Nazareth untersttzt, alle wiederum von Missionar
Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte
Arbeit des ueren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.

Inzwischen hatte auch Missionar Krmer in der nrdlichen Hafenstadt
der Kolonie, Tanga, Fu gefat, und nun entstand die Frage, in
welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater
hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann,
Baumann, Meyer teils persnlich Fhlung genommen, teils ihre
Reisewerke eingehend studiert.

Er hatte daraus die berzeugung gewonnen, da die Kstenbevlkerung
durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon
zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden fr junge
heidenchristliche Gemeinden abgeben zu knnen. Lediglich die Pflege
der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit
nicht.

Ebenso lagen fr ihn die Dinge im Hinterland der groen Hafenpltze.
Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflsse
angekrnkelt, als da ein gesundes Aufblhen heidenchristlicher
Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wre. Nur unter Widerstreben willigte
er darum in die Plne des Missionsvorstandes, da im Hinterlande von
Dar-es-Salam auf den Hhen von Usaramo ein Versuch gemacht wrde, und
lenkte fr seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von
Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen
hatten.

Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch
nicht berhrten Bauernstamm von 80000 Menschen und ein gesundes
Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde,
gleichmige Arbeit unter dem Volke sicherte.

Gleichzeitig boten sich ihm auch die ntigen Krfte: zwei Theologen,
Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung,
im Glauben gegrndet, in der Liebe glhend und von zher Gesundheit.
Im Frhjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.

Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen ber das Meer
gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten
Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder
zurckgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den
Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der lteste Sohn des
Gro-Huptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten
wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Hhen von Mlalo, die
Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung
ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz
Bethel geteilt, die erste Htte, die ersten Sprachstudien, die
ersten Schler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten
Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest,
das erste weie Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der
schwarzen Christen usf.

Vaters Herz ging in Sprngen. Das Volk, das Land, die unermeliche
Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont,
die blauen Berge von Pare, die herberwinkten, und das schneeige
Haupt des Kilimandscharo, der alles berragte, standen ihm so
lebendig vor Augen, wute er so glhend, so nah, so gegenwrtig zu
schildern, da Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder
in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er
denn eigentlich in Afrika gewesen wre. So konnte es nicht anders
sein, als da die Glut auf uns alle bersprang, auf Kranke und
Gesunde; und wenn Vater gefragt htte, wer von uns hinberziehen
wolle, dann htte keiner zurckbleiben mgen, weil wir alle lngst
drben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika
nach der alten Weise klang:

    Auch mir stehst du geschrieben
    Ins Herz gleich einer Braut;
    Es klingt wie junges Lieben
    Dein Name mir so traut.

Als darum die Zeltpflcke auf den Bergen von Usambara weiter
gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub
baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der
Kandidaten: Wer ist bereit zu ziehen? Sie waren alle bereit.
Keiner ist brauchbar fr den Dienst in der Heimat, der nicht von
ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen, das
war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun
zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers:
Zeig's an, wen du erkoren, -- Greif' in die Schar hinein! -- Dir
sind wir zugeschworen, -- Dein sind wir, Amen! Dein!

Natrlich waren bei manchen die huslichen oder die gesundheitlichen
Hindernisse so gro, da sie, oft mit schwerstem Herzen,
zurckstehen muten. Aber so viele Krfte von drben verlangt
wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brderhause
zur Stelle. Becker und Dring, Holst und Gttmann, Glei und
Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen.
Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine groe Schar von Mitarbeitern
und Mitarbeiterinnen. Als fast den letzten in dieser Reihe fiel
dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem
Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die grte
aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen,
die durch Gesundheitsrcksichten in der Heimat festgehalten wurden,
gehrte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich spter noch ein
Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der
aber doch die lngste Zeit seines Afrika-Dienstes in der
entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der
er mit nie ermdender Beweglichkeit und heiterer Zhigkeit bis heute
das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.

Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt
tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre
Stationen, die Brder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken
rmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbchsen hin. Die Kranken
schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der
Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden
und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Bltter, die
sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brdern
von der Landstrae gebracht hatten, fllten sich nun mit den ersten
Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel
selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der
Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe
leidende Schnheit Afrikas vor Augen. Schwarz bist du, doch bist du
lieblich, holdes, stilles Afrika.

Als nun vollends an den stillen Abhngen von Mtai die ersten beiden
Ausstzigen entdeckt wurden, als Becker und Dring wieder und wieder
zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die groe neue
Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen
Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die
Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: Hrt es, Leute, kein
Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute,
hrt es! -- da hallte die Stimme der Ausstzigen bis zu uns herber
und strkte die Leidenden, Ausgestoenen und Sterbenden von Bethel
aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Ausstzigen drben
so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte,
warf nchtlicherweile eine getragene Hose ber den Zaun unseres
Gartens mit einem Zettel daran: Fr den ausstzigen Kiase.[1]

  [1] Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel
      erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: Abraham Kilua,
      der schwarze Vikar von Neu-Bethel.

Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht
alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die,
die es nicht miterlebt hatten, da Vater sich auch diesmal nicht in
ein neues Arbeitsfeld hineingedrngt hatte, sondern sich vielmehr
vorwrtsgeschoben und ber alle Hindernisse und Schwierigkeiten von
hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschttelnd am
Wege, tadelten, hemmten und schtteten das Wasser der Kritik in
unsern Freudenwein.

Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der
Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10-12): Schwert und Kelle
in Sachen der ostafrikanischen Mission, eine kleine Schrift, die
aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. berhaupt blieb der
Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Fhrer der deutschen
Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschrnkt
und half mit dazu, da die Aufgaben in den neuen Kolonien immer
grndlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden
und in Angriff genommen wurden, soda eine Missionsgesellschaft nach
der andern ihr Zgern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit
eintrat und, um rascher vorwrts zu kommen, in strkerem Mae als
bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre
seminaristisch geschulten Missionare mischte.

So wurde es deutlich, da die Befrchtung, die neue kleine
ostafrikanische Mission entzge den bestehenden Missionsgebieten und
Missionsanstalten geistige und materielle Krfte, nicht richtig war.
Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der
sich nicht beirren lie, neue Ziele gesteckt, neue Krfte geweckt
und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es
sich, da ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher knstlichen
Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drngen der
Verhltnisse, niemals die natrliche Entwicklung der Dinge hemmt,
sondern frdert, whrend umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen
Wettkampf aufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskrfte
unterbindet.

Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der
organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu
berlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine
Geringschtzung der organisierten Kirche -- die Treue gegen alles
geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art
und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten
Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkmpfer stellte
--, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu
langgestreckt und schwerfllig fr ein Unternehmen, das zu seiner
gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit
aller beteiligten Krfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in
der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Krfte
gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.

Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach auen hin zu
berwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich
zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand,
obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet
beschrnkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in
Afrika gewesen. Jeder mute sich sein Urteil aus den Erfahrungen und
Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor
eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den
Eindrcken, die er mitbrachte, nicht fgen. Sie waren ihm zu jung,
zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persnlichem
Leiden und persnlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.

Tief setzte sich seitdem bei Vater die berzeugung fest, der er
immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles
daransetzen, nur solche Mnner in die verantwortlichen Stellen in
der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in
Reih' und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt
htten.

Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der
Kste oder Arbeit im Innern. An der Kste sa der Mohammedanismus, im
Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission
anfing, sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum
Mohammedanermission und Heidenmission, Arbeit an der Kste und im
Innern, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstnde
bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich
weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem
Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars,
jetzigen Superintendenten, Simon ber den Islam studiert. Aber fr die
Kstenpltze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den
Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Kste nicht. Aber hier
sollten nur kleine Sttzpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken
gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und
Handel aus dem Innern an die Kste gezogen waren, ein Halt gewhrt
wurde.

Der Hauptsto aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum
selbst gefhrt werden. Je schneller und krftiger dieser Sto
erfolge, desto besser. Nur so knne dem Vordringen des Islam Einhalt
geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Kste und Innerem sei
weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberhrten
Volksstmme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenber
dem Islam selbst.

Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die
notwendigen Krfte fr die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu
stellen. Forderte darum der Vorstand fr die Arbeit an der Kste
oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der
Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlsung dieses
Wortes, dann gab es fr Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir
oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. Wieder soll ich jemand
nutzlos hinschlachten, rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung
der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Krfte fr die
umstrittenen Gebiete begehrte.

Im Konvikt selbst, in der Brderschaft und Schwesternschaft konnte
man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht
hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn
der Kampf ganz hoffnungslos schien. Wehe euch, konnte dann Vater
wohl sagen, wenn ihr nicht bereit wret, jeden Augenblick im
Fieberland zu sterben, -- aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles
daran setzte, da euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!

Mit unermdlicher Treue reiste Vater, oft die Nchte zu Hilfe
nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine berzeugung
zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fulnis
des Mohammedanismus an der Kste, fr die jedes Salz weggeworfen
wre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberhrten
Vlkerschaften: Kommt herber und helft uns!

Seitdem ist die Arbeit an der Kste 25 Jahre lang mit zher Energie
fortgesetzt worden, oft so, da man gerade die tchtigsten Krfte an
sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III,
sondern auch der groen Berliner Mission, die spter die Arbeit in
Dar-es-Salam bernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat
die Mission unter der eigentlichen Kstenbevlkerung Fu fassen
knnen. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte,
fast ausschlielich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich
vor den Toren der Stadt als ein kleines, bestndig vom Islam
gefhrdetes Huflein behaupteten.

Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam
besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der
Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und ltesten Martin ihre kleine
Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach
Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, da auch
nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war;
sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstmmen, die von
Mohammedanern noch nicht berhrt waren.

Was es aber umgekehrt heit: sich nicht zersplittern, sondern mit
aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoen, zeigen die guten
Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden
Truppe von mnnlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen
Krften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so
tatschlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In
den Berglndern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es
nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder
in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mute das
kmmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen
des Islams an der Kste fhrte, dem Mohammedanismus den Mut strken
fr die mohammedanische Propaganda im Hinterlande. Um den Sieg
zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.

Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der
berzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft
haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn
gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der
kleinen Gesellschaft in eine grere in die Wege zu leiten oder aber
sie ganz nach Bethel zu bernehmen! Er sah fr beides die Wege nicht
gewiesen. Berlin hat unsere Arbeit ntig, konnte er wohl sagen.

Darum bemhte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur
Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er
dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine
kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station
bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin
begleitet. Er berzeugte sich, da der Platz neben der Kirche noch
Raum genug bieten wrde fr ein bescheidenes Missionshaus. Hier
sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur
Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit
ihrem stillen Dienst in den Husern die Arbeit in der Gemeinde
taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde ber
die eigenen Nte hinweg zu den groen Aufgaben an der Heidenwelt zu
richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber spter
in Gro-Lichterfelde zur Ausfhrung, wo wirklich ein Missionshaus
gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fu in
Berlin zu fassen, soda schlielich aus dem Vorstand selbst heraus
der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel
zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefgt. Er
empfand diesen schlielichen Ausgang als einen innersten Verlust fr
die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang
der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.

Aber schlielich lag in dieser Entwicklung doch eine innere
Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor
Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der
Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die
Ausbildungssttten der Arbeiter und Arbeiterinnen fr das
Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre
geistige Heimat. Von hier fhrte Vater, namentlich solange die
Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden
Briefwechsel, der eine Flle von vterlichen, seelsorgerlichen
Ratschlgen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet
der Arbeit umfate. Es wurde keine Station drauen angelegt ohne
Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so
wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf
Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.

Die Posttage fr Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt
er pnktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretr,
sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschftigt, um die
bertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.

Doch war es nicht so, da mit der bersiedlung nach Bethel im Jahre
1906 alsbald eine neue Bltezeit angebrochen wre, die an die erste
Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert htte. Whrend fr
Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die
Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander
berglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts
geworden war, die Blicke der Kandidaten bewut auf das Feld der
heimischen Arbeit zurck in der berzeugung, da fr den Dienst
unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf
gehre.

So kam es, da das Konvikt nicht mehr wie frher das starke
Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfgung
stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man msse auf die
Hoffnung verzichten, Krfte mit voller theologischer Ausbildung
immer in gengender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand,
ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die
Heranbildung seminaristisch geschulter Krfte gedacht werden mte.

Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nchsten
Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu
widersetzen. Er lie sie ausreifen und wartete. Fr seine Person
blieb er bei der Zuversicht: Wir haben Theologen genug, wir mssen
sie nur rufen. Als einmal der Leiter einer alten deutschen
Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm
die bestndigen pekuniren Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater:
Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, da Gott uns nicht mehr
Geld gibt, als er uns Geist gibt. Er lebte auch im Blick auf die
wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich fr die Arbeit
unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in
Betracht kamen, der berzeugung, da gerade so viele sich einstellen
wrden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.

Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und
ungewollt, im Jahre 1907 ein groes afrikanisches Arbeitsfeld sich
ffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das sdliche
Missionsgebiet Usaramo an die groe Berliner Missionsgesellschaft
abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam
ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die
sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschrnkt bleiben sollten.
Nun aber war der Usambara-Missionar Rhl auf einer Instruktionsreise
durch Sdafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz
unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Rhl auf die
starken Vlkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberhrt,
jene Gebiete bewohnten.

Jahr und Tag hatten diese Worte in Rhls Seele geschlummert, bis ihm
das Buch des Forschers Kandt in die Hnde fiel, in dem dieser unter
dem Titel Caput Nili seine Forschungsreisen zur Entdeckung der
Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des
sdafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der
Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen
Vorsto in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu drfen.

Mit grtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier
taten sich in der Tat neue groe Ausblicke fr die evangelische
Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach
Usambara hinber: Vorwrts nach Ruanda!

Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfnge in diesem
wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt.
Bis ber die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit
ausgedehnt werden.

Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und
des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zum Zeichen, da diese
Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer
starken, eigenartigen Bevlkerung die lebendige Brcke bilden sollte
zwischen den Vlkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskrfte
stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und
vor allem die, die berall mit mtterlichem Sinn im Kindheitszustand
des einzelnen Menschen wie der Vlker die tiefsten Wirkungen
ausben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.

Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf
dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person
Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der
Usambara-Mission in die treu bewhrten Hnde seines Freundes und
Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die
schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur
Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der
Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkrfte
ausbilden, das Brderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte.
Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen
kaufmnnischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit
ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen
verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus,
von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.

So schickten sich alle Krfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem
Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in
Usambara im Herzen Afrikas das groe Millionenvolk Ruandas zu
erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen
hatte, Krfte auszusenden, die in ihrem Fach so grndlich wie nur
mglich ausgebildet waren, verbrgte eine den Frieden der
Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegrndetsten
Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rstzeug fr die
allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens,
Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso
Landwirte, Kaufleute und rzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung
seiner Gaben und Krfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen
eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch
stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester
ausgebaut, immer frhlicher beschritten, immer dankbarer
zurckgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rckkehr schenkt,
aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.

brigens war es nicht so, da Vater durch die besonderen Aufgaben,
die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer
Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschrnkte. Im Jahre 1905
lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstrae den
Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewhnlicher
innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene
Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend,
nicht ohne festen Rckhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so
doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun.
Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine
Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche fr den Dienst
in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde fr die ersten Anfnge
in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren
Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf
fernem Vorposten im Osten fr Vater und die ganze Gemeinde wie der
ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die
der deutschen Christenheit gesteckt sind.


Lutindi.

(Der Afrika-Verein.)

Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika
mit endgltiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie
gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der rmisch-katholischen Welt
auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er
hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in
Algier, die rmisch-katholische Christenheit aller europischen
Vlker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen
Erkenntnis, da es nicht genge, wenn die europischen Weltmchte
den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrckten, sondern da
es vor allem darauf ankme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen.
Aus dieser Liga ging der Orden der weien Vter hervor, dessen Boten
und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen
Ozean mit Sttten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.

Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in
Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften
zersplittert. Wrden sie in diesen Fragen Stokraft genug besitzen,
in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der
Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch
Vlkertrmmer saen, neue Entwicklungsmglichkeiten zu tragen?

Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892,
unvermutet ein Frulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen
von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren.
Ihr Lebensweg fhrte sie nach Deutschland und spter nach England.
Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken
Verstndnis fr die Schwche nicht nur, sondern auch fr die Strke
Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers
Drummond ins Deutsche bersetzt, darunter die geistvolle
Beschreibung seiner Forschungsttigkeit in Inner-Afrika, der er auf
Frulein Sutters Wunsch fr die deutschen Leser noch ein besonderes
Kapitel ber die afrikanischen Sklavengreuel beifgte. Sie war eine
glhende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen
Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog
Vater an, denn auch er hatte die Ttigkeit Gordons im Sudan mit
tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte,
die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der
Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie
um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spt kam und
der edle Mann sein Leben lassen mute.

Nun stellte es sich heraus, da Frulein Sutter die katholische
Afrika-Liga genau studiert hatte und dafr brannte, da die
evangelische Christenheit doch nicht zurckstehen, sondern in
hnlich grozgiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der
Negerstmme mithelfen mchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift
ber den Sklavenhandel verfat, die in Hunderttausenden von
Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die fhrenden
Kreise aufgesucht und berall Verstndnis fr ihre Absicht gefunden,
aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefhle zu
einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die
auergewhnliche Glut, die in ihr fr alles Vergessene, Verachtete,
Verstoene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieser kinderlosen,
einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt sprte er den Pulsschlag
eines im hchsten Sinne mtterlichen Herzens, das fr Millionen von
armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.

Nie hatte Vater den Eindruck, da er selbst genug getan htte, da
in Bethel genug geschhe, da man berhaupt jemals genug tun knnte.
Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein
einziger kleiner khlender Tropfen auf die weite fieberheie
Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Frulein
Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz
in Berlin und unter einem dortigen Prsidium, der evangelische
Afrika-Verein.

Kulturelle, soziale, humanitre Pflege der Eingeborenen in allen
deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle
evangelischen Krfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert
waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und
Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen.
Kulturstationen sollten in Afrika gegrndet, in der Heimat geeignete
Krfte fr die Hebung und Frderung der Eingeborenen herangebildet,
zunchst aber in erster Linie fr die befreiten und zu befreienden
Sklaven gesorgt werden.

Das Blatt Afrika sollte alle diese Aufgaben vor der ffentlichkeit
vertreten. Pastor Mller, Grottendorf, spter Superintendent in
Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine groe Hingabe
bewhrt hatte, bernahm mit hchstem Flei die Herausgabe des
Blattes. Namentlich mit der Bekmpfung der Schnapseinfuhr in die
Kolonien setzte das Blatt sofort mit grter Energie ein.

Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer
selbstndigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im
Viktoria-Nyanza zwecks Grndung einer dortigen Kulturstation, auf
der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen
herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung
gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen
fhrte.

Das krftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den
befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhndler pflegten
ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den
ostafrikanischen Kstenpltzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote
wurde seitens der deutschen Kstenfahrzeuge Jagd gemacht, ihre
Inhaber wurden kurzerhand gehngt und die Sklaven in Freiheit
gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach
ungeheuren Entfernungen an eine Rckkehr in die Heimat denken, und
die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten,
sie in Pflege zu nehmen. So kam eine groe Schar befreiter Sklaven
auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und
eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verfhrungsreichen, ungesunden
Kstenplatz erwies sich aber je lnger je mehr als durchaus
ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen
Afrika-Verein die Grndung einer besonderen Freisttte fr befreite
Sklaven auf den gesunden Hhen von Usambara. In unvergleichlich
schner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbchen
umrauscht, mit freiem Blick in das grne Tal des Pangani und in die
weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegrndet.

Erwies es sich auch, da das Gelnde fr eine Ausdehnung der Station
zu abschssig war und da die Nhe des Urwaldes zu gewissen
Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so
zeigte es sich doch, da auch in einem geringen Gef edler Wein
geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven,
namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel
endgltig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen,
in ihre Heimat zurckgekehrt oder in der umwohnenden Bevlkerung
aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu
den Fen des Lutindi-Hgels angesiedelt. Und gerade fr diese hatte
sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine
Aufgabe von eigenartiger Schnheit und Bedeutung gefunden:

Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz fr
sich allein. Er nhrte sich von den Frchten und Wurzeln des Waldes,
schlief in irgend einer zerfallenden Htte und war nur noch mit
Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte fr
einige Augenblicke in Lutindi ein, a sich satt, lie sich ein Stck
Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er
wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet.
Auch fr Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen
bereit, und es gab sich, da er aus seiner eigenen Schssel dem
verstrten Menschen seine Mahlzeit aufschttete. Das wandelte dem
armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal
nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darber an Vater und
schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker,
die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwrungen
wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des
Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestrzt wurden.
Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen? fragte
Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort
lautete.

So wurde aus der Heimsttte fr befreite Sklaven eine Heimsttte fr
diese Gebundenen des Geistes und ist es bis heute geblieben. In
immer steigendem Mae hat sie sich das Vertrauen aller umliegenden
Stmme erworben. Oft Tagereisen weit werden die Kranken gebracht,
manchmal noch mit Fesseln aus Lianen gebunden, aber doch nicht mehr,
um sie dem Tode auszuliefern, sondern in der Hoffnung, sie einmal
genesen wiederzubekommen. Aus den befreiten Sklaven und ihren Frauen
sind einige der bewhrtesten und treuesten Pfleger und Pflegerinnen
geworden, die furchtlos sich in die kleinen Zellen der armen
Tobenden hineinwagen und sie mit der Ruhe und Gelassenheit
versorgen, in der sie vielfach uns unruhige Europer bertreffen.

Gleichzeitig hat sich rings um die Station her in kleineren und
greren Niederlassungen eine Christengemeinde aus den Waschambalas
gesammelt, die wie eine warme, schtzende Mauer die Pflegesttte der
Geisteskranken umgibt.

Diese Heimat der Geisteskranken ist begreiflicherweise ein besonders
geliebtes Pflegekind der Gemeinde der Kranken von Bethel und ihrer
Pfleger und Pflegerinnen geworden. Als der Oberpfleger Lutindis aber
steht in unserer Mitte der, dem Vater diese Arbeit besonders ans
Herz gelegt hat, unser lieber Bruder zur Heiden. Schon als Hausvater
des Hauses Zoar, wo er manchen Kandidaten in den Dienst an den
blden Knaben einfhrte, hatte er die Frsorge fr Lutindi als
Nebenaufgabe bernommen. Und als Frst von Zoar, wie er nach der
alttestamentlichen Geschichte von seinen Kandidaten genannt wurde,
waltet er noch immer seines Pflegeamtes an Lutindi; der einzige der
deutschen Frsten, wie er selbst feststellte, an den kein Umsturz
sich bis jetzt heranwagte.

Wenn auch die hohen Hoffnungen des Afrika-Vereins mit seinen ganz
Zentral-Afrika umspannenden Kulturplnen zunchst unerfllt blieben:
in Lutindi ist Saat fr die Zukunft ausgestreut. Denn hier ist ein
Vorbild geschaffen, wie unter Fhrung eines Unstudierten, der aber
Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat, und seiner gleichgesinnten
tapferen Frau ein Brennpunkt entstehen kann, der das Licht und die
Kraft barmherziger Liebe bis in weite Fernen trgt. Wenn es der
Bethel-Gemeinde vergnnt war, bald da, bald dort ein Licht im
dunkeln Afrika anzuznden, so habe ich whrend der unvergelichen
Zeit afrikanischer Arbeit keinen Ort gefunden, der so sehr an die
Muttergemeinde in Bethel erinnerte, als -- wie Vater sie so gern
nannte -- die herrliche Hhe Lutindi.




Die Ausgestaltung.


Als Pastor der Gemeinde.

Die Aufgaben, die sich auf Vaters Schultern legten, sah er nie an
als blo ihm persnlich, sondern als der ganzen Gemeinde gegeben. Er
konnte und wollte seine Arbeit nicht tun ohne ihre innere Zustimmung
und Mithilfe. Darum blieb die Gemeinde immer der Kern seiner
Ttigkeit, und die Verkndigung und Pflege der gttlichen Wahrheit
in der Gesamtheit und an den einzelnen hat er fr sich und seine
Mitarbeiter immer als den eigentlichen Mittelpunkt angesehen.

In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er
kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich,
wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und
vollends in Bethel lie ihn das Gedrnge seiner Arbeit selten vor
dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte
er nicht gut am Studiertisch nachdenken knnen. In Dellwig war er am
liebsten in den Wald und die einsamen Weiden lngs des Ruhrtals
gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller
Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurckzog. Dort zwischen
den Grbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden
ihm zu Auslegern und Zeugen fr das, was er der Gemeinde bringen
wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der
Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere
Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten
Bengel, Rieger und Lhe.

Je nher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je
gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich
auf ihn. Gib mir ein Trpflein fr meine arme Gemeinde! hrte man
ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte,
sondern Erlebtes, Erkmpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut
heraus Erbetteltes. Aber wenn er dann auf der Kanzel stand, dann
merkte man nichts mehr von den Kmpfen, die hinter ihm lagen. Dann
war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Hhen
kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im
Herzen, sa zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die
Kanzel trat und den Gru in die Gemeinde hinunterrief: Gnade sei
mit euch und Friede! Es sei ihm, erzhlte er spter, durch Mark und
Bein gegangen, htte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem
Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender
Gewalt habe er hier gesprt, das sei erfahrene Gnade, erlebter
Friede, die auch fr ihn erfahrbar und erlebbar seien.

Die Predigt, die auf solchen Gru folgte, konnte darum auch nur auf
Tatsachen sich grnden. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die
Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem.
Wenn ich nicht irre, ist es Professor Khler gewesen, der einmal
sagte: Die beste Art der Evangeliumsverkndigung ist nach
Gesichtspunkten geordnete Erzhlung. So war es bei Vaters Predigt.
Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten
und die Teile mit Geschichten gefllt; vor allem mit Geschichten der
Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich
diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine
Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die
Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen;
Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den
Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der
Krippe; wir saen mit im Boot auf dem strmenden See; wir lagerten
im Grase mit den Tausenden, und die Jnger teilten Brot und Fische
unter uns aus; wir sahen Jairi Tchterlein vor uns die Augen
aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und
von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.

So wurden angesichts der Grotaten Gottes die eigenen Sorgen,
Wnsche, Erlebnisse und Zweifel klein. Was ich besitze, seh' ich
wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten. Die
Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten berragend, stand
unmittelbar vor uns, den Ernst und die Gte Gottes auf der Stirn,
Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der
Glaube zustande, nicht durch berredung, sondern durch den Anblick
der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand,
trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das
sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen
Nachfolge willig wurde, und die Bue, die mit Petrus sprach: Herr,
gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sndiger Mensch!

Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Bue lockte
und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte,
solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Frsten
des Lebens uns aus ganzer Macht zu berlassen. Dann sandten die
Grber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre
Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann,
Pastor Strmer und der treue Mellin, und die Brder und Schwestern,
die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den
Tod. Und die Apostel und Mrtyrer mischten sich hinein und die
Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Ausstzige, rief:
Hrt es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein
Sterben mehr; hrt es, Leute, Leute!

So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von
einer Liebe, die sich auch zu dem Schwchsten herunterlie und sich
auch dem mdesten Kopf verstndlich machte. Denn diese aus der
Schrift und dem Leben geschpften Geschichten konnte jeder
verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und
wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht
auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der groen,
herrlichen Wirklichkeit, der ber ihnen lag, ging mit in die Woche
hinein.

Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende
Ereignisse, Erlebnisse, die ber alles andere Erleben hinausgingen,
darum brauchte auch der Gesundeste, Klgste, Nachdenksamste unter
uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken
geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehrt hatte,
angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin,
wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm pltschert. Nicht
hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die
ganze Zuhrerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefat.

Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wre es eine Rede
gewesen, so wren uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der
Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gesprch war, wo
Frage und Antwort wechselten, darum lieen wir ihm gern lange Zeit.
Er sprach mit allen, mit denen, die krperlich vor ihm saen, und
mit den andern, die im Geiste versammelt waren. Paulus, Paulus,
konnte er wohl fragen, was sagst du? Ich sterbe tglich? Ich
verstehe dich nicht, wie meinst du das? Und dann fragte er wieder
in die Gemeinde hinein: Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie
Paulus das eigentlich meint? Und wenn die Antwort noch auf sich
warten lie, dann ging er zu Luther hinber und fragte den, bis es
eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher
Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: Es bedeutet, da der alte
Adam in uns durch tgliche Reue und Bue soll ersuft werden und
sterben mit allen Snden und bsen Lsten und wiederum tglich
herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit
und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.

So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt,
alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden,
einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum
drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Bue ber den Kreis des
eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat fr den andern ein, einer
empfing fr den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere
Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere
Hilfe wuchsen schlielich nicht nur ber die Grenzen des eigenen
Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinber; wir lernten
teilnehmen an den Aufgaben drauen, fr die Vater der Kanal war, der
sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Frhlichen und weinen
mit den Weinenden.

Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das ber
diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, da die ganze Kirche hell
und aus vollem Herzen lachte, und im nchsten Augenblick, wenn der
Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war,
durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst ber der
Versammlung. Hrt ihr den Todesschrei? rief Vater dann wohl. Wir
knnen es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch fr uns
kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.

Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so
lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren
hatte Vater die Liturgie mit Rcksicht auf die Kranken in besonderer
Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt
in Bue, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald
im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang.
Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die
fr die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt,
erlebte er sie, whrend er sie las. Und so durchlebten wir sie mit.
Er war wirklich unser Anfhrer in Beugung, Bitte und Lobpreis
Gottes, soda trotz der regelmigen Wiederkehr die Liturgie uns
keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt fllte.

Groe Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches
gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen
Anhang beigefgt, der auer einer groen Zahl wertvoller Lieder die
ganze Liturgie enthielt, soda jeder Kranke und Gesunde, der neu in
die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd
teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und
die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den
Abend- und Wochenfeiern zwischen Mnnern und Frauen abwechselnd
gesungen wurden. Die Lieder lie Vater am liebsten ganz durchsingen
und zwar so, da ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor
die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte
u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es
galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen.
Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien
am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein. Und wer wird je
den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den
Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die
Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis
zu den hchsten Tnen sich schwingend und dann wieder, wenn alle
andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten
Saiten des Herzens rhrend und so die ganze Gemeinde auf den Flgeln
des Liedes vor Gottes Thron tragend!

Unvergelich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei
diesen Gottesdiensten mitwirkten.

Vater Scheele hatte den Ksterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm.
Erst im Alter war er zur Besinnung und grndlichen Umkehr gekommen. Nun
stand er Sonntag fr Sonntag, sein Samtkppchen auf dem Kopf, am
Haupteingang, um die Kirchgnger zu empfangen, den Glanz Gottes auf
seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber fr meine
Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir
haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur
rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: Ich will
lieber der Tr hten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen
Htten.

Der Glockenluter Waltemath! Er zog die Glocke whrend des
Vaterunsers am Schlu des Gottesdienstes und zog sie die Woche ber
dreimal tglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon.
Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht
wute, wohin fliehen, gefat und den fast zwei Zentner schweren
ungelenken Mann die 40  Treppenstufen hinunter und ins Freie
getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzhlige
Stunden Schlaf kostete, ihn oft mhsam um Atem kmpfen lie, aber
den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in
diesem Frieden seinen Kampf vollendet.

Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner
pflzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen
irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in
unvergngliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er
uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es strte uns nie, wenn
manchmal die Tne durch einen Anfall Eppelsheims jh abgerissen
wurden. Und auch auf ihn paten die Verse, die Martin, der
bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schnen Liede
auf den Mnch und seine Freundin sang:

    Liederleben, Geisterleben
    Bebte hin durch seine Adern,
    Feuer strahlten seine Augen,
    Tiefe, heil'ge Herzensglut.

    Jesuslieder waren's alle,
    Siegsgewaltig, liebesfeurig,
    Brautgesnge, Hochzeitsweisen,
    Gottesstreiter Schlachtgesang.

    Ei, wie brausten die Register,
    Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,
    Donnerten die tiefen Bsse:
    Ein' feste Burg ist unser Gott!

Der Kassierer Lahusen! Whrend Vater Scheele am Hauptausgang die
Kollektenbchse aufhielt -- es wurde bei jedem Gottesdienst eine
Sammlung gehalten --, stand er bescheiden Sonntag fr Sonntag mit
seiner Bchse an einer Seitentr, um dann am Schlu die gesamte
Kollekte zu zhlen. In Sdamerika, wo seine alte bremische Familie
Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hnde gefallen, das ber
Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er
in Vaters Stube und fragte: Knnen Sie mich brauchen? So trat er
erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in
die Arbeit ein. Ein Jngling im Silberhaar. Immer im Trab -- wohl an
die siebzig Mal strzte er whrend der Jahre seines Aufenthaltes im
Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer
hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot fr die Kinder
am Wege, ein verborgener Freund gengsteter Seelen, voll Lebenskraft
und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in
derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.

Und schlielich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des
Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste
des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das
Abkndigungsbuch. Sie hatte die Tcher auf den Altar zu legen und
ihn zu schmcken. Sie besorgte das Taufwasser, fhrte Tufling und
Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgste mit stillem
Wink an ihre Pltze. Und das alles tat sie mit einer Wrde, Demut
und Anmut, da ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war
eine glhende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Knigshaus
vereint mit anbetender Hingabe an das Knigreich Gottes. Mit engem
Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Snderschaft wurzelnd
und in die Hhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen
emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrmerin
Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13-15), die unter uns mit den
besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.

Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu
predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in
den Krankenslen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fllen
hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es
ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gnge
und Irrgnge der einzelnen Seele. Dazu htte es der Gabe der
Menschenkenntnis bedurft, und die besa er im eigentlichen Sinne
nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurckhaltend, fast
schchtern ist dem andern gegenber, voll angeborener Achtung vor
der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verstndnis, wenn auch
der andere Zurckhaltung bt.

Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil
man ihm in tiefster Not nicht vertraut htte. Aber die Last wurde
klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schmte sich in seiner Nhe der
kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine
Welt, in der Schwachheit und Verdru liegen unter unserm Fu. Man
war wie mit einem Ruck ber die Wolken gehoben in den Sonnenschein
des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht
konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die
tiefen Tler der Seele. Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag,
was uns alle bndigt, das Gemeine. Wesenlos wurde es im Lichte der
Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tlern der
Seele, das Gemt immer wieder zum Bsen weckend, immer uns anklebend
und trge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoen, der
einzelne sah es selbst.

So fhrte diese Art des Vaters, ohne da er sich dessen bewut war,
zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Hhe und zur klar
erkannten Snderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag
die groe Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe,
beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes
Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die
Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden
Gottesnhe gerckt. Das war aber nur darum mglich, weil Vater
selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Snderschaft, sobald
er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.

Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er
Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel hherem Mae in
seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem
Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein
groer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater
studierte ihn gern. Aber einmal fate er ein Kind, das gerade neben
ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: Solch ein einziges
Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.

An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten,
wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die
erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. Meine
geliebte Tochter, sagte er, vergib mir alles, was ich an dir
versumt habe! Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde
er ganz klein und ganz gro zugleich und lebte uns vor, da nur, wer
sich selbst erniedrigt, erhht werden kann.

Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht
weichlich; namentlich nicht mit krperlichen Zustnden. Ich kam
einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gtersloh nach Hause.
Der Krper wollte dem Geist nur noch mhsam gehorchen. Junge,
sagte er nur zum Abschied, nun kmmere dich nicht zu viel um deinen
armen Kadaver -- fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der
Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe
verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch
emporgehoben.

Verstimmungen berwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, da er
uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst
gekmpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit
elendem Nrgeln zur Plage geworden; schlielich hatte Mutter es
Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben?
Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu
helfen: Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den mu ich
einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben. Nichts weiter. Als die
Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche
und hnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden,
namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden
die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.

Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch ber die schwchste
Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schttete
seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom ber
uns aus. Schelten, sagte er, richtet Zorn an, aber Ermunterung
macht frhliche Leute. Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das
nicht ehrschtig war, sondern demtig blieb, darum machte es nicht
hochmtig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht
leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten
Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des
eigenen Herzens, soda Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.

Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns
hineingepret, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das
Verstndnis und in die Gemeinschaft seines Herrn gefhrt, den
einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am
ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es
war die einzige Gelegenheit, wo er vorher -- von besonderen Fllen
abgesehen -- uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer
vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem
von uns einen Ku. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle
vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwchste, Kleinste,
rmste, Sndigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns
vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfhrt:
Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so
hilfst du mir. Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer
Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit,
von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.

Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die
Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines
Wesens wiederzugeben. Nichts Frmmelndes, nichts Weichliches lag in
seiner Erscheinung, sondern urwchsige mnnliche Kraft, mit
harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt,
mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann
wieder ber alle Welt hinausblickend.

Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergtterung
daraus. Wo er sprte, da jemand fr ihn schwrmte, da zog er sich
zurck. Es kam ja allmhlich ganz von selbst so, da er als Vater
der Gemeinde alle Du nannte. Aber da, wo er merkte, da jemand
sich an ihn hngte, sagte er aus unmittelbarem Gefhl heraus Sie
und nicht Du. Hngt euch an keinen Menschen! Wie laut, wie
dringend hat er uns das oft zugerufen! So lste er die Gemeinde von
seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen lie:
Liebe, die mich hat gebunden -- An ihr Joch mit Leib und Sinn, --
Liebe, die mich berwunden -- Und mein Herz hat ganz dahin: --
Liebe, dir ergeb' ich mich, -- Dein zu bleiben ewiglich.


Frhlingszeit.

Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der grte Teil der
Huser von Bethel hinzieht, macht den Frhling immer besonders
schn. Schon Ende Februar kommen berall im Buchenwald die blauen
Leberblmchen hervor, und hinter ihnen her dringen im Mrz zwischen
dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten
von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen
wieder, Rotkehlchen und Rotschwnzchen kommen hinterher und all die
andern Snger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den
schnsten Akkord in das Konzert mischt.

Einem solchen Frhlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter
der Verkndigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der
Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach.
berall blhte und grnte es, und von berall her stellten sich, wie
die Snger in Wald und Feld, Krfte ein, um die Mauern Zions zu
bauen.

Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den
schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhusern in Schildesche und
Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am
Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des
Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens -- keine Fremden
also, sondern lngst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner
besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil
in westflischer Art und Zhigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde
einsetzend. Und hinter ihnen her strmten dem Diakonen- und
Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu.
Nie wrde Vater so treue, bewhrte Krfte fr die wachsenden
Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ngstlich bis ins
einzelne angeleitet und beaufsichtigt htte. Er kommandierte nicht,
sondern vertraute ihnen. Er lhmte nicht durch enge Regeln, wohl
aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei,
drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jngeren Mitarbeiter
schrieb nach Vaters Tode: Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen
und zur Bue gefhrt? Eigentlich nur dadurch, da er uns Liebe
erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so
manches Mal gewnscht, er mchte mir doch einmal grndlich die
Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, da er
mir gesagt htte: >Du bist doch eigentlich recht hoffrtig.< Nein,
er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schmte man
sich und fing an, innerlich zu weinen.

Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie
vorberziehende Snger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So
immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute
Frauengestalt, Tchter vornehmer Familien, die fr lngere oder
krzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die
Gste des von Frulein Heidsiecks frsorgender Hand geleiteten
Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und
ber die zunchst drngenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick
in die Weite lenkten.

Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich
immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen
Sngerchor bildend, der fr sich bte, aber nur um desto besser in
dem einen groen Konzert mitzuwirken. Was fr einen Frhlingschor
besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Tchtern des
Landes, die von nah und fern kamen, um fr eine Zeitlang zu helfen,
wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden
und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen
namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine
schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem gyptischen
Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft
wrde. Und als nun ein Jahr spter gar noch das zweite kleine
schwarze Mdchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine
Frhlingszeit ber dem Kinderheim an, wie es sie schner wohl nie
erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins,
Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hnde auf zu Gott!

Ganz verborgene Chre gab es auch, wie die Stimmen der Snger im
Walde, denen niemand zuhrt und die doch das Singen nicht lassen
knnen. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur
aus zwei oder drei, fnf oder sechs bestehend, die am Feierabend
zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum
Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Krfte der innersten Harmonie
gingen von diesen ungehrten und ungekannten Sngern aus!

Unter solchem Frhlingswehen konnte es nicht anders sein, als da
die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande
drauen, innerhalb und auerhalb der westflischen Grenzen, wurde
durch die Schwestern und Brder eine Station nach der andern
bernommen. Alle diese Auenstationen waren zugleich wie kleine
Sammelbecken, die mit dem berma ihres Elends auf Bethel angewiesen
waren. Wohin mit den Verkrppelten, Blinden, den Geistesschwachen
und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken
und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschlo? Immer
freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brdern die Regel
mit auf den Weg: Ihr drft niemals denken, als htten wir die
Barmherzigkeit fr uns gepachtet; d. h. sie sollten alles tun, um
in solchen Fllen der Not die nheren und entfernteren Angehrigen
der Kranken nach Mglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht
ging, sollten sie fr anderweitige Familienpflege sorgen, sollten
schlielich alle zunchst in Frage kommenden Pflegehuser und
sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen.
Aber wenn alles versagte: Dann drft ihr bei uns anklopfen.

Wie oft kam es vor, da eben wirklich alles andere versagte! So nahm
das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den
einzelnen Husern ein Zusammendrngen und Zusammenschieben, bis es
schlielich nicht anders ging und wieder gebaut werden mute.

Und nicht nur fr die Kranken mute gesorgt werden, auch fr ihre
Pfleger. Oft erzhlte Vater die Geschichte von der Kuh des alten
Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag. Klagend und jammernd
kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: Es wundert mich
gar nicht, da die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger
Zeit gemerkt, da du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum
hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie
gestorben. Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden,
innerhalb und auerhalb der Gemeinde, dann mute auch fr die
Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand fr die
Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des
Teutoburger Waldes und fr die Brder das auf der frischen Hhe
liegende Pella -- beides Zufluchtsorte fr Zeiten der Erholung und
inneren Sammlung. Ihr drft die friedsame Ruhe nicht verlieren,
hat Vater uns oft zugerufen.

Inzwischen waren drauen in der Senne durch die Kolonisten von
Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was fr
eine wertvolle Ergnzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel
ist schwer und fr die schwcheren unter den Epileptischen nur bei
gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der
Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im
Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und
Schwchsten immer wieder die Befriedigung einer ntzlichen Ttigkeit
gewhrt. So siedelte allmhlich eine Ackerbaustation nach der andern
aus Bethel nach der Senne ber. Die Krppel folgten, dann auch die
Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller
genasen als unter den krftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger
Waldes, und schlielich kamen auch noch mehrere Stationen der
Gemtskranken dazu.

Auch Wilhelmsdorf selbst mute sich dehnen, denn es zeigte sich
immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die
sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe
verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht mglich, sie
nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das htte nur geheien, sie
aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere
Trinkerheilsttte. Auch den Schiffbrchigen gebildeter Stnde, fr
die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich
nicht entziehen, soda auch fr sie eine Heimat geschaffen werden
mute.

Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200
Insassen zhlt, den Namen Eckardtsheim erhielt, schenkte in
Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem
Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller
Anstaltshuser in der Senne wurde.

Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der
Senne der Mutterkolonie drben im Teutoburger Walde bot,
verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen
die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den
von Wilhelmsdorf abgezweigten Husern bewhrt hatten, baten: Stot
mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in
Bethel eine meinem frheren Beruf entsprechende Arbeit, lat dort
meine Krfte allmhlich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu
neuer Fahrt in die strmische Welt! War es mglich, solche Bitte
abzuweisen?

Sollte sie aber gewhrt werden, so mute nun auch Bethel sich wieder
dehnen. Es mute seine Werksttten, seine kleinen Betriebe
erweitern, um Arbeit zu schaffen fr die, die nur unter zweckvoller
Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Krfte gewinnen konnten.
So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an
die Buchbinderei schlo sich ein kleiner Laden an mit Heften,
Bildern, Bchern; hnlich ging es bei der Tischlerei, der Grtnerei
und den andern Handwerken. Auch fr die Vorrte an Lebensmitteln,
die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene
kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen
hollndischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war,
mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem
Ladentisch stehen und seine Gste bedienen.

Es konnte nicht ausbleiben, da ber solchem Wachsen Teile der
Bielefelder Geschftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schne
Tal fr die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch
nicht einmal an dem geschftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen
htte bieten knnen, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder
in berzeugender Weise dartun, da die Entstehung und Entwicklung
der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wre, einen
Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, fr sich zu behalten,
sondern da es sich vielmehr fr die Anstalt darum handele, ihren
Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen
entsprechende Beschftigung recht zu dienen, und da fr solches
Dienen die Ausdehnung der kleinen Anstaltsgeschfte ganz
unentbehrlich sei. Nicht womit kann ich verdienen? sondern womit
kann ich dienen? sollte der Grundsatz dieser kleinen sich
entwickelnden Betriebe sein. Und wenn ber dem rechten Dienen auch
eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst fr die Anstalt abfiel,
so durfte ihr das gegnnt werden.

So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die
sonst rettungslos versunken wren, zu helfen. Hierfr nur einige
Beispiele. Fr gewhnlich wurde an der Regel festgehalten, da nur,
wer sich drauen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und
Karre bewhrt hatte und fr den sich andernorts kein sicherer
Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitspltze in Bethel Aufnahme
fand. Aber zum unabnderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte
sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos
dem Gefngnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit
hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch
eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen
vor; und durch dessen Frsprache wurde die Strafe niedergeschlagen.
Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die
Krfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an
dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre
hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters
Arbeitszimmer gestanden, nie ermdend, in tiefster Verschwiegenheit,
die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue
und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise
bewhrten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das
Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin
abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen
Treue gewesen.

Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer fr den Rest
seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herberkam, wo er zunchst
ein Jahr lang in Reih' und Glied rigolt, gerodet und die Karre
geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer
Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge
des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie bte die
Barmherzigkeit an ihm, da sie ihm alle Mittel entzog, durch die er
seinem unglcklichen Hang weiter htte frnen knnen, soda er sich
bemhen mute, in der Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht
widerstrebend, sondern freiwillig fgte er sich diesem Zwang und
wurde schlielich einer der glcklichsten Menschen, die in unserer
Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem frheren
Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber
gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein
Sterben ein Segen fr viele geworden.

So knnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll
Unruhe und Niederlagen schlielich zum Frieden und zum Sieg gelangte
und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben.
Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwhnt. Von einem
nchtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen
geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollstndig
erfroren, da sie abgenommen werden muten. Darber kam er zur
inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den
epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft,
die von ihm ausgingen, waren so stark, da die unruhigen Knaben
keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor
ihnen stand.

Nicht immer war es leicht, die richtige Beschftigung zu finden.
Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder
lie sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So
kam ein frherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher
krperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich
aber heraus, da er eine groe Kenntnis auslndischer Briefmarken
hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde
im Lande und auch im Auslande gingen, um auslndische Briefmarken.
Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strmten herbei, und Herr
v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfllte und die sich
schlielich so ausdehnte, da eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge
eine Ttigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur
Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.

Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemts- und Nervenkranken
fhrten dazu, da auch fr diese Leidenden sich ein Zufluchtsort
nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen
Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekrften, oft auch an
ausreichender seelsorgerlicher Beratung. Dazu kam, da die
berfllung der westflischen Provinzialanstalten die Verwaltung der
Provinz zu der Bitte veranlate, Bethel mchte ihr die unheilbaren
Kranken abnehmen.

Unheilbar, gerade solch ein Wort lockte Vater. Das Wort
unheilbar, sagte er oft, steht im Wrterbuch eines Christen nicht.
Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein
ganzes Leben in der Zelle zubringen mu.

Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den
verschiedenen Husern. In Magdala, dem Hause der gemtskranken
Frauen, hielt er jahrelang die wchentliche Bibelstunde. Im Anschlu
daran ging er regelmig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an
der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen
der Tobschtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen
Blumenstrau in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals
angegriffen worden.

Aber die Flut grauenhafter Lsterreden, die er dann und wann bei
solchen Gelegenheiten anhren und ber sich ergehen lassen mute,
befestigte ihn in der alten biblischen berzeugung, da bei diesem
Leiden nicht immer nur krperliche Anlsse zu Grunde lgen, sondern
auch die Mchte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. Die
Barmherzigkeit, sagte er, fordert es, an dieser berzeugung
festzuhalten. Ich kann nicht glauben, da solch eine Flut von
Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mdchens emporsteigt. Das stammt
aus einer anderen Welt.

Mit dem Leiter einer groen stdtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der
unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende
Auseinandersetzung ber die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie fhrte
dazu, da er die Seelsorger smtlicher deutscher Heil- und
Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die,
zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit grter
Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer
regelmigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger fr Gemts- und
Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.

Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der
Gemtskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die
Pflege derer, die nicht gemtskrank, aber auch nicht eigentlich
gesund waren, sondern mit ihren erregten Nerven schwer an sich
selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last
lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er
immer wieder zu sagen:

    Halbe Narren sind wir alle,
    Ganze Narren sperrt man ein,
    Aber die Dreiviertelnarren
    Machen uns die grte Pein.

Einer der ersten Gemtskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war
ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich
fr unwrdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags sa er an unserm
Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur
unter Vaters Zureden griff er zum Lffel, legte ihn dann aber hin,
ohne seinen Teller leerzuessen. Da hrte auch Vater auf zu essen.
Lieber Bruder, sagte er, ich habe nun den ganzen Morgen schwer
gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch it. Das half,
und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt fr Schritt
vorwrts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine
Predigt abzunehmen. Das war Krekelers grte Freude. Aber sie wurde
ihm nur dann gewhrt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund
zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfllt.
Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die
Nachricht, da er das Morgenfrhstck verweigert htte. Vater eilte
zu ihm und erklrte: Du predigst nicht, wenn du nicht it, und hast
die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt
deiner auf die Kanzel mu. Damit war der letzte Widerstand
gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel
holen, und er und seine Frau bernahmen das Haus der epileptischen
Pensionre, in welchem er genesen war.

Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem
Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem
besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte fr ihre
Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin
ihr vterlicher Freund, der sie regelmig besuchte und ihren
Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Krfte
mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder
eine kleine Gemeinde bernehmen konnte. Hier legte er den Grund fr
eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der Provinz
Westfalen einer eigentlichen Zufluchtssttte entbehrten und darum
zunchst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von
Bethel hatten gemischt werden mssen. Der kleine Zweig, der dort am
Fue des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blhte unter
seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum
geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder
ein glckliches Dasein fhren. Lange Jahre hat Krekeler als der
Glcklichste unter ihnen gelebt, bis pltzlich die alte Krankheit
wieder durchbrach. Er flchtete nach Bethel, und unter Vaters
Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.

Nicht eigentlich gemtskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr
Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibesttte bot. Er
war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und
war auch im Kassenwesen erfahren. So bernahm er einen Teil der
Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein
Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbcher
unter musterhafter Sorgsamkeit fhrte und mit einer Handschrift, die
zu den schnsten und charaktervollsten gehrte, die man sich denken
kann.

Nun geschah etwas Merkwrdiges. Unten im Diakonissenhause, links
neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die
ganzen Arzneien fr die Anstaltshuser bereitet wurden. Als sie
eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank
erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand
htte vllig gengt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die
Aufregung war gro. Den ganzen Tag ber wurden die umfassendsten
Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern
Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die fr Kranke seiner
Art immer ein besonderes Verstndnis hatte, soda Schnitger schon
vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr,
da er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um
sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der
Aufschrift Venena (Gifte) gesehen und gedacht: Die Gifte mssen
aus der Welt verschwinden. Denn er habe gesprt, da das Morphium,
das er von Zeit zu Zeit gegen seine groe Schlaflosigkeit erhalten
hatte, eine Gefahr fr ihn werden knne, die er abschneiden msse.
Nun knne er sich freilich durchaus nicht besinnen, da er das Gift
weggenommen habe, fr unmglich aber halte er es nicht, da er eben
an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: Das
Gift mu aus der Welt verschwinden.

Es stellte sich heraus, da die Nachtwachschwester in jener Nacht
eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die
Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte
gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war.
Das konnte natrlich die Vermutung Schnitgers nur aufs uerste
bestrken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen
vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr
Schnitger aber erklrte: Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu
stehlen, kann unmglich der Verwalter von Geld sein. So stellte er
seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschftigung.

Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er mchte wohl
Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel
Werte doch in all den kleinen Gegenstnden steckten, die die
Menschen so leichthin wegwrfen. Die beiden berlegten miteinander,
und es wurde verabredet, da Schnitger eine Liste aufstellte von
solchen Gegenstnden, die er wohl sammeln mchte. Es war ein langes
Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern,
Knpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos,
was folgen wrde, lie Vater die Liste vervielfltigen und legte sie
einem der vierteljhrlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde
drauen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die
Hnde ihrer Empfnger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken
zu regnen.

Nur fr den allerersten Anfang gengten Schnitgers eigene Krfte zum
Auspacken. Bald mute er sich Hilfskrfte suchen. Die Wagen der
Anstaltskonomie rumten ihren Schuppen, damit die eingehenden
Sendungen wenigstens vor dem Regen geschtzt wrden. Nach kurzer
Zeit war an Auspacken berhaupt nicht mehr zu denken, weil es an
gengendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mute wieder
gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte
als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus ber. Fr wie viele
ist er dort ein vterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie
viele im ganzen Vaterlande -- in Htten, Husern und Schlssern --
hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen
erzogen!

In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein
Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerksttten
entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus
verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den
Einzelgngern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt,
Bcher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knpfe hier
ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht,
beschdigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.

Was fr eine Flle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den
eingehenden Bchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat
da befreiende Ttigkeit gefunden! So bekamen die Klgsten und die
Beschrnktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste
Beschftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen
verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer.
Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher
Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.

Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und
frsorgende Liebe wandte, war ein sterreicher mit dunklen,
glhenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich spter heraus,
da er Marineoffizier gewesen war und ein sterreichisches
Torpedoboot im Adriatischen Meer gefhrt hatte. Er hatte die
Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter
falschem Namen nach Deutschland geflchtet. In seiner Abwesenheit
wurde ihm in Wien der Proze gemacht, der ihn zu mehreren Jahren
schweren Kerkers, wie der sterreichische Gerichtsausdruck lautet,
verurteilte.

Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den
Eindruck, da der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein
mochte, ber die er natrlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach
Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.

Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und
Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen.
Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Auftrge, bei
denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre
hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild, das die ersten
afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte
und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne
deutliches Geschick hergestellt hatte.

Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit
seiner Anerkennung nicht zurckgehalten. Das aber war ihm, dem noch
immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsfhrer vorschwebte, in
die Krone gestiegen. Er fing an, sich fr ein verkanntes Genie zu
halten, das niedergehalten, ausgentzt und mit dem bescheidenen
Taschengeld, das er auer freier Station erhielt, nicht gengend
bezahlt wrde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn;
andere wute er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines
Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein
giftgeschwollener Artikel ber die Zustnde in der Anstalt. Nicht
nur der alte Schnitger war in der hlichsten Weise angegriffen,
sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als
eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur fr ihre
eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen
wollten und offenbare Mihandlungen ruhig geschehen lieen.

Es war sofort deutlich, da der Anklger nur jene geheimnisvolle
Persnlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die
ganze ffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, da fr Vater gar nichts
anderes brig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu
bergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprft
werden knnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die
schlielich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter
Krfte, die der Leitung entgangen waren, die vllige Haltlosigkeit der
Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefngnis
verurteilt.

Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine
Vergangenheit bekannt, und das sterreichische Gericht forderte ihn
zur Abbung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe
abgebt htte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er
erkrankte im Gefngnis in Mnster an der Auszehrung und starb unter
der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um
Verzeihung gebeten hatte.

Fr den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung
einen schweren Sto. Er zog sich mehr und mehr aus der Arbeit
zurck und siedelte schlielich in einen Vorort von Berlin ber,
damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der groen Stadt seine
Nerven, die allmhlich zu fein und zart geworden waren, noch einmal
wieder wachsen knnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner
Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin
getroffen, bis er sich endlich berreden lie, in das Siechenhaus
von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Frsorge unserer
Schwestern die Augen schlo.

Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhnge der Dinge, mit seiner
lauteren Frmmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten,
verlassenen Brocken gegenber, sondern noch mehr gegen Menschen,
deren Leben trmmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters
Herzen ganz besonders nahegestanden.

Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltterin fr die
ganze Gemeinde, als sie fr all die kleinen Feste, Vorstellungen und
Auffhrungen eine unerschpfliche Fundgrube wurde, aus der sich
alles zu Tage frdern lie, was irgend an Verkleidungen und
dergleichen gebraucht wurde. An den vaterlndischen Gedenktagen,
namentlich an Kaisers Geburtstag, rckte sie jedesmal die alten
Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die
Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt
hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schnsten
Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren
vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen
Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die
Anstalt.

Vater mute dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der
Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzge 1866 und
1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit
der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskmpfer
gewesen, hatte spter dem Knigshause nahegestanden, und auch Vaters
eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Knigshause gebracht.
Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Flle
hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und fr Vaterland und
Knig auflodern zu lassen. In solcher Stunde sprten wir, da die Welt,
die weite groe Vlkerwelt, nur der lieben kann, der seinem eigenen
Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und da
Krieg und Kampf dem groen Ratschlu Gottes, den er zum Heil der Vlker
gefat hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich
hineinfgen.

Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: Nie haben
Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel
Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71. Wenn er das aus tiefster
berzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen,
das durch franzsische Mode, franzsische Literatur, franzsische
Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens ber Deutschland gekommen
war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut
langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am
Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder khnen
Schwerthieb gettet, sondern allmhlich vergiftet, unter den Trnen der
Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm
galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und
auch vor Gott. Und eine lange trge Friedenszeit hielt er fr weit
verderbenbringender als einen blutigen Krieg.

Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel
Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten
und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, ber den
Scheulichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht
zu vergessen.

Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzhlte er wieder und wieder
die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit
zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte
lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der
Brigade Goltz, die die Hhen ber Jussy besetzt hatte, brannten.
Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm
gesagt: Fllst du in die Hnde der Deutschen, dann machen sie
dich tot. Aber schlielich brachte ihn die schmerzende Wunde doch
zum Sthnen. Einige 55 er gingen dem Sthnen nach und fanden
schlielich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Krper zitternden
Menschen im Gebsch. Ich habe auf keine Preuen geschossen, rief
er, ich habe auf keine Preuen geschossen! Schnell war der
Notverband angelegt, im Gebsch wurden ein paar Stangen zur
Tragbahre geschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit
den Berg hinunter. Der arme Mensch wute nicht, wie ihm geschah.
Immer wieder rief er: Ich habe auf keine Preuen geschossen. --
Gewi߫, sagte Vater, der neben der Bahre herging, hast du auf
die Preuen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz
schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht
getan. Das konnte er nun nicht leugnen und rief: Ich werde aber
ganz gewi nie wieder auf die Preuen schieen; ich werde ganz
gewi nie wieder auf die Preuen schieen. -- So kam man unten in
Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im
Lazarett sorgsam gebettet war, hrte er auf zu zittern und fing
an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.

Wenn Vater solch eine Geschichte erzhlte, dann lste sich vor
unsern Augen der Schleier, der ber dem dunklen Geheimnis des
Krieges liegt. Jeder Franzosenha war aus dem Herzen getilgt; die
helle vaterlndische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf
blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit
einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und
liebt.

Es kam einmal zu Vater ein dnischer Schriftsteller, der den
Gedanken des ewigen Vlkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater
einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner
Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine berzeugung aus, da in
einer sndigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in
der Hand Gottes sei und da der sogenannte ewige Friede zu einem
fauligen Morast werden wrde, worin die ganze Vlkerwelt untergehen
msse.

Er erzhlte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die
Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder
infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese
Krankheitszeiten seien die grten Segenszeiten fr die ganze
Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die
ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott gefhrt.
Und nie, nie mchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im
Leben der Vlker. Die tdlichen Wunden, die sie sich untereinander
schlgen, muten ihnen doch schlielich zum Segen und zum Gewinn
gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.

Der Dne war aufs bitterste enttuscht. Er hatte etwas anderes bei
Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und
krftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kmpfen. Was dem
Dnen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und
Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit,
Verzerrung und Verirrung.

Schlielich sprang der Dne auf, stellte sich vor Vater hin und rief
erregt: Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir htten im
Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preuischer, ich auf
dnischer Seite, und ich htte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt
und jetzt begegneten wir einander am jngsten Tage vor Gottes
Angesicht! Was wrden Sie mir dann sagen? Da streckte Vater dem
Dnen die Hand hin und sagte: Hab' Dank, lieber Bruder, fr die
gute Kugel. Dem Dnen strzten die Trnen in die Augen, er schlug
in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen,
davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehrt.

Hhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der
drei Schwesteranstalten. Im Frhling das Fest des Diakonissenhauses, im
Herbst das Fest der Brderanstalt und dazwischen im Sommer das schnste
von allen, das Bethelfest. Bei den Brder- und Schwesternfesten erschien
mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schnste des Tages,
sondern das mittgliche Liebesmahl. Da war es Sitte, da die Eltern,
deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen
sich hatten zum Zeichen, da sie selbst mit eigenem Willen und mit
ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten,
nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst
des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater
immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens
zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses
aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht
trennten, sondern aufs engste aneinanderknpften.

Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer
unvergelichen Eindrcke nicht, namentlich wenn Vater die Jnglinge
und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und
fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den
Dienst an den Elenden einlud.

Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster
Linie der Anstalt fr Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem
Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bnke
drauen in der Waldkirche mute immer grer gezogen werden, um die
Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest
auch zu einer Feier der Jnglings- und Jungfrauenvereine des ganzen
Landes. Zu Fu, zu Wagen und mit Extrazgen der Eisenbahn kamen sie
unter Lieder- und Posaunenklngen gezogen.

Dann war es wunderschn zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte
des Platzes saen, und rings umher, wie ein starker Wall und die
Mauer einer Festung, hatten die Chre der Snger, Sngerinnen und
Blser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen
die andern Festfeiernden. Und noch schner war es zu hren, wie die
Lieder und Chre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten.
Tiefer aber als alles, was die Gste zu bringen hatten, ging uns
jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: Wenn der Herr die
Gefangenen Zions erlsen wird, dann werden wir sein wie die
Trumenden. Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gste
haften an den schwermtigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster
Seele die Schwermutsklnge kamen: Herr, wende unser Gefngnis, wie
du die Wasser gegen Mittag trocknest! Stets war ein auswrtiger
Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den
Schlu machte dann Vater. Zwei Klnge waren es, die er bei dieser
Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hie: Unsere Rechnung ist
schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf
unsere Versumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den
Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. Habt ihr je Mangel
gehabt? fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. Habt
ihr je Mangel gehabt dies Jahr ber? Herr, nie keinen! Und dann
gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den
Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus
den Bnken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen ber
dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und
darum war immer der zweite Klang: Jedes Jahr ein Klagelied weniger
und ein Loblied mehr.

Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebt hat,
war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die
Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in
ihrer wahrhaft mtterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett,
und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die
Augen bergingen. Whrenddessen fuhr der Kaiser in seinem schnen
Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart
entsprechend vertiefte er sich sofort mit hchstem Interesse in die
Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der
Brder von der Landstrae, gleichzeitig in hohem Mae angezogen
und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. Htten wir doch, so
rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, in
jeder Provinz einen solchen Mann, es stnde anders im Vaterlande!
Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach
Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde
zusammenfand. Zweitausend Blser, zehntausend Snger und Sngerinnen
der christlichen Jnglings- und Jungfrauenvereine des Landes
bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch
vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet
wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der
Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Tne
zur Ehre Gottes und seines unvergnglichen Reiches.

Weihnachten aber ging natrlich ber alles. Da war am heiligen Abend
in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt.
Wie wute Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen
Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen,
die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Mae der Gemeinde der
Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel
gingen wir heimwrts, um dann in den einzelnen Husern noch
besonders zu feiern.

Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden
Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich
freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von drauen
her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel
Mhe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der
Kranken miteinander zu erleben und die Gte Gottes zu preisen. Wir
werden es nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und
Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den
Elendesten und rmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von
Eben-Ezer, mit den Gemtskranken von Morija vor der Krippe kniete,
um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklren, und wie er uns alle,
Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: Gott ist
geoffenbaret im Fleisch.


Gebet, so wird euch gegeben!

Vaters bereits erwhntes Wort Die Anstalt gehrt der ganzen
Christenheit! war aus seiner innersten berzeugung heraus
gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine
eigene Aufgabe an. Er fr seine Person gehrte wirklich der ganzen
Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenber.
Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld
unbegrenzt. Lat es euch gern sauer werden! konnte er uns
gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von
aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden
und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darber. Er
lie es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine
Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht,
ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.

Wie konnte er uns unsere Wnsche, unsere kleinen und groen Nte
entlocken! Fr sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus
kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der
zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit
dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis
entlockt. Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; --
vielleicht nur ein Kmmerchen? ein ganz kleines Kmmerchen? Ich sage
es auch niemand. Manchmal wurde schon allein ber solchem Klang der
Kummer zum Kmmerchen, das Kmmerchen zum kleinen Kmmerchen und
verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.

Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch
herauskam -- ungetrstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er
konnte natrlich nicht alle Bitten erfllen, die an ihn herankamen.
Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen
sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab,
oder ein Ratschlag oder ein kurzer vterlicher Zuspruch -- etwas
bekam jeder mit.

Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der
Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. Liebes
Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe
Zeit. Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam
jemand mit ueren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu
leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte
es seit Paris zu oft erfahren, da man ihn immer wieder angeborgt,
ihm aber fast nie zurckgegeben hatte. Natrlich machte er auch
Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fllen.
Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder
auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug
konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! Lieber
Freund, knnen Sie mir wohl eine Weste machen? Als er seine Augen
geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll
von Westen!

Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natrlich nicht anders sein,
als da sein Schreibtisch sich immer aufs neue fllte mit
Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern
von nah und fern. Fr die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat
und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermdende
Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern
ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretrs und des
Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen
msse. Geh ins Stbchen! hie es dann. Ich komme.

Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, da er nicht kam,
sondern im Gedrnge der Arbeit den Wartenden verga. Sechs Stunden
lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stbchen unter
dem groen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans
Licht zu wagen, offenbar in dem Gefhl, da das geduldige Warten zum
ersten Teil der Hilfe gehre. Aber als er dann endlich entdeckt
wurde, ist er doppelt getrost seine Strae gezogen.

Natrlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine
Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde mchte eine
Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Frsprache beim
Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. ber ein
Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist
zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Auenbezirke von Bielefeld haben
Rat und Tat ntig zur Errichtung selbstndiger Kirchengemeinden. In
Ems sind die Kurgste ohne geistliche Versorgung und bedrfen einer
Kirche. Die Waisen und Witwen der sdafrikanischen Buren leiden
Mangel usw. Es ist unmglich, die groen und kleinen Nte
aufzuzhlen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er
sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter
Umstnden auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit,
namentlich wenn sie im ueren Gewande der Frmmigkeit kam, konnte
sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glhend,
bisweilen sogar wei machen vor Zorn.

Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel
erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die
Kirche gebaut war -- aber was einmal angefangen wurde, das wurde
auch durchgefhrt mit groer Zhigkeit und in dem ritterlichen Sinn,
der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf
nicht scheut.

Vaters unermdliche Liebe -- das konnte natrlich nicht ausbleiben
-- weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum
wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten lie,
darum gnnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.

Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg
Mller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen
Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fhlte sich diesem Mann des
Glaubens innerlich verwandt. Doch Mllers Meinung, da man nur Gott,
aber nicht Menschen bitten drfte, billigte er nicht. berhaupt
hatte er die berzeugung, da Mller sich tusche, wenn er meinte,
er bte Gott, aber nicht Menschen. Mllers ausfhrliche Berichte
ber den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten
Nachrichten ber die wunderbare Erhrung seiner Gebete waren in
Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet
wurden, wenn auch in verhllter Form.

Aber gerade diese verhllte Form liebte Vater nicht. Er mute an
seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er
nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Tren und an
die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets fr die Notwendigkeit
und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht mde, die
Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen
ihre Sammelwege gingen, fr ihren mhseligen, entsagungsvollen
Dienst zu ermuntern. Da er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen
anklopfen konnte, verstand sich fr ihn von selbst.

Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein
Fenster! Wir wuten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und
auch unser Geheimnis. Von seinem persnlichen Gebetsleben hat er nie
gesprochen. Er hat die groen Verheiungen, die dem Gebet geschenkt
sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen,
aber nie zum Gebet gedrngt. Er wute, da dies Grte, Heiligste,
Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles
Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die ffentlich
abgekndeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Fr ihn war das Gebet
das groe Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen
Christen und der kleinen verborgenen Huflein, aber eine ffentliche
Abkndigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an
diesen Veranstaltungen teil.

Die groe Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit
der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch
zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte,
warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen
und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld,
sondern Menschen. Ein Trpflein Liebe, sagte er oft, ist mehr
wert als ein ganzer Sack voll Gold. Um Liebe warb er. Hatte er sie
gewonnen, so waren natrlich Geld und Gut und jede Art irdischer
Hilfe auch gewonnen. Ich suche nicht das Eure, sondern euch, das
drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie
unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt.
Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert an sein armes,
totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben ber sein
Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und
hatte.

Dieser persnliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man
fhlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld
herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie
drangen ins Gemt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des
Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so
geschrieben, da auch der Geringste sie verstehen konnte.

Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So
fhrte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte
ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklrten sich bereit,
wchentlich fnf Pfennig fr die Pflege der Epileptischen
beizusteuern. Einer von den zehn bernahm das Einsammeln und die
Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krppelkind,
die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten,
wchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu
nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der
Arbeit in Bethel berichtete.

Nie ging Vater auf mchtige, wohlhabende, angesehene
Persnlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf
die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor,
der fr ein groes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste,
aber nur zu den Reichen ging, nur groe Gaben wnschte und auch
bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das
Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegrndet gewesen. Vater
konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz groe Gabe
bekam. Wie, wenn das bekannt wrde?! Dann wrden seine kleinen
Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken knnen, ihr
Dienst sei jetzt unntig, whrend doch gerade aus den kleinsten und
verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die
immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf
starkem Rcken trug.

Diese berzeugung, da die kleinsten Mithelfer die sichersten seien,
gab dann auch wieder und wieder die glckliche Form fr seine
Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte,
berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es
stellte sich heraus, da die neue Anlage tglich 50000 Liter
liefern wrde und da zu ihrer Fertigstellung rund 50000 Mark ntig
seien, also fr jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:

                      Ein Liter kalten Wassers!

Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns
schon einmal ein kstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt
eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen
und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als
zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Husern pltscherte! In
den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000
auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute
lngst nicht mehr. Aus vielen Husern dringt mir jetzt, sooft ich
mich sehen lasse, der Ruf entgegen: Wasser! Wasser! Wer jemals
diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den
heien Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergit ihn
nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches
Wasser ist namentlich fr Kranke eine sehr groe Wohltat.

Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir
haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge
zu legen beschlossen. Dazu aber muten wir in den sauren Apfel
beien und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das
Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben
wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der
Leitung mssen wir mindestens 50000 Mark dafr ausgeben, bekommen
dann aber auch tglich 50000 Liter kstliches Gebirgswasser, also
fr je eine Mark Anlagekapital tglich fr alle Zeit einen Liter
Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Huser hinein und
auerdem den kleinen Bauernhof mit drei Husern im Gebirge, die
wieder einem kleinen Teil der immer noch so groen Zahl wartender
Kranker eine so erwnschte Heimat gewhren knnen.

Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50000 Mark Schulden auf uns
zu laden. Damals haben uns etwa 12000 Geber je 50 Pfennig geschenkt
und uns so die groe Weihnachtsfreude bereitet. Wie wre es, wenn
jetzt jeder Leser sammelte, um fr alle Zukunft tglich unsern armen
Kranken einen Liter frischen Wassers zu reichen! Wre das nicht ein
liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht fr unmglich, da
Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten:
Frisch ans Werk!

Den Dank berlassen wir dem, der gesagt hat: Wer dieser Geringsten
einen mit einem Becher kalten Wassers trnket, wahrlich, ich sage
euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.

Einen Liter, das konnte jeder; diese Freude konnte sich auch der
Geringste bereiten. Aber gerade weil die Bitte sich so zu dem
Geringsten hinunterbeugte, war auch der Wohlhabende gefat. Konnte
der Kleine einen Liter geben, dann konnte der Vermgende zehn,
zwanzig, fnfzig, hundert Liter schicken. So flo bald die
Wasserleitung ber. Und viele neue Freunde, die bis dahin den
Aufgaben von Bethel fernstanden, waren hinzugewonnen.

Als die erste Nachricht ber die groe ostafrikanische Hungersnot
nach Berlin kam, lie sich Vater von Missionar Dring die soeben
eingegangenen Berichte auf dem Bahnhof in Berlin an den Zug bringen,
um sie auf der Heimreise zu studieren. Ich mute ihm einen Bericht
nach dem andern vorlesen. Dann sa er lange mit geschlossenen Augen
in der Ecke. Schlielich sagte er: Schreib mal! In kurzen
ergreifenden Zgen schilderte er die Hungersnot und ihre Folgen. Was
sollte geschehen? Sofort sollten die Missionare an der Kste
Nahrungsmittel und Kleidung aufkaufen und berall den Eingeborenen
gegen Arbeit abgeben. Steine sollten aus den Wegen geschafft, aus
den Feldern gerumt und auf Haufen getragen werden, damit Huser und
Schulen und Kirchen daraus gebaut werden konnten. Also Brot fr
Steine. Als er fertig war, sagte er: So, nun habe ich
100000 Mark. Er kannte die Herzen der Kleinen, der Armen, der
Schwachen, die selbst etwas von Not und Druck wuten. Den Lohn fr
einen Stein, der drauen in Afrika einem hungernden Kinde ausgezahlt
wurde, konnte auch das rmste Kind sich von seiner Mutter ausbitten.
Wer aber mehr geben wollte, dem waren ja keine Schranken gesetzt. In
der Tat kam gerade die deutsche Kinderwelt durch diese Bitte in
Bewegung. Jeder wollte helfen, damit fr Steine Brot gekauft und der
Hunger gestillt werden knnte. Und als schlielich die Hungersnot zu
Ende ging, blieb noch so viel brig, da auch die sterbenden
Familien der Buren in Sdafrika mit versorgt werden konnten.

Wenn solche Bitten in die Welt hinausgingen, gab es Anstalten, deren
Leitungen erschraken: Grbt Bodelschwingh uns nicht das Wasser ab?
Nicht immer blieb es nur bei solchen Schrecken und Befrchtungen
stehen; es kam auch zu Verwahrungen, zu Protesten. Vater hatte dafr
keine Empfindung. Er sah in solchen Befrchtungen einen verkehrten
Sorgengeist, eine geheime Fesselung durch den Mammon. Ihm lag ja gar
nicht am Gelde, ihm lag immer an der Liebe. Und die Liebe zu
entfachen, war nicht nur erlaubt, das war Pflicht, das kam ja aller
Welt zugut, nicht nur ihm und seiner besonderen Aufgabe. Er war
berzeugt, da diejenigen Missionsgesellschaften, die sich in ihrem
Gebiet abschlossen und andere ausschlossen, gegen ihr innerstes Wohl
handelten. Nur ja der Liebe keine Schranken setzen!

Und wenn man jetzt zurckschaut, so wird es in der Tat in den
letzten hundert Jahren wenige Menschen gegeben haben, vielleicht
keinen, die so wie Vater Liebe zu wecken wuten, Liebe, die nicht
nur irgend einem kleinen Sonderbereich zugute kam, sondern die
berall, wo in der Heimat oder in der Heidenwelt eine Not sich
zeigte, zur Hilfe willig war. Darum wollte er nichts davon wissen,
da wohlttige Unternehmungen oder Missionsgesellschaften bestimmt
umgrenzte Interessengebiete fr sich allein in Anspruch nahmen und
jedem andern den Zugang wehrten.

Das hat sich auch in der engeren Heimat Bethels, im Ravensberger
Lande, gezeigt. Als die Anstalt gegrndet wurde, stand mancher der
fhrenden Mnner des Landes mit Sorge beiseite. Wrden die Werke der
inneren und ueren Mission, die im Lande angefangen waren, nicht
durch das neue Unternehmen zu leiden haben? Das Gegenteil ist
Wirklichkeit geworden. Zu den bestehenden Anstalten im Lande sind
nicht nur die von Bethel hinzugekommen, sondern noch eine nicht
geringe Anzahl neuer Pflegesttten, wie die schon erwhnte Anstalt
Pastor Krekelers im Wittekindshof und die unter Pastor Siebold zu
einem selbstndigen Zweige gewordene Waisen- und Frsorgeanstalt
Eickhof in Schweicheln und viele kleine Pflegehuser in einzelnen
Gemeinden. Sie leben alle und werden leben, solange und in dem Mae,
als Glaube und Liebe da sind.

Fr die Freudigkeit und Willigkeit der Freunde im Lande war es
natrlich von groer Bedeutung, da sie wissen konnten: Man geht mit
der Hilfe, die wir bringen, in Bethel sorgsam um. Vater selbst htte
nicht mit solch freudigem Gewissen immer wieder bitten knnen, wenn
er nicht innerhalb der Anstalt unablssig zu grter Treue gegenber
dem anvertrauten Gut angehalten htte.

Und die Krfte der Freunde konnten nur wachgerufen und wachgehalten
werden, wenn auch in Bethel selbst immer wieder alle Krfte willig
und munter blieben. Als die Wasserleitung gebaut wurde, sah man
Vater, seinen ltesten Enkel an der Hand, beide mit dem Spaten auf
dem Rcken, an die Arbeit ziehen, um den Graben fr die
Wasserleitung ausgraben zu helfen. Natrlich wollte jetzt keiner
zurckstehen. Es war ein Helfen und Wetteifern von Kranken und
Gesunden, bis die ganze 2500 Meter lange Leitung aus dem Berge
herangefhrt und der Graben wieder zugeworfen war. Aber wenn dann
Vater abends die Leitung entlang ging und fand noch Arbeitsgeschirr,
das nicht weggenommen war, wie konnte er dann noch denselben Abend
an den Hausvater, der mit seinen Leuten an der betreffenden Strecke
gearbeitet hatte, ein Briefchen schicken, das durch Mark und Bein
ging!

Und doch war diese Sorgsamkeit im Kleinen nicht kleinlich. Ein enges
Gewissen und ein weites Herz blieben miteinander geeint. Er blieb
der Vater. Es war nichts vom Aufseher, vom Aufpasser in ihm. Er
erzwang nicht mit Gewalt eine Treue im Kleinen, wo er sah, da sie
Zeit haben msse zu wachsen. Und nie sollte die Sparsamkeit die
Freude und die Schnheit und den Frieden beschrnken. Htte er immer
Zeit gehabt, sich jedes einzelnen Baues anzunehmen, so wre mancher
einfacher ausgefallen. Aber er lie auch dem Baumeister Freiheit und
beschrnkte seine Freudigkeit nicht.

Fr das Vertrauen der einzelnen Mitarbeiter am Elend aber war es
schlielich von groem Wert, zu wissen, da ihre Schultern nicht mit
Aufgaben belastet wurden, die eigentlich von andern htten geleistet
werden mssen. Darum zog Vater von Anfang an und wo er nur konnte,
die staatlichen Organe zu Mitarbeitern heran. Aber auch seine
Eingaben an die Behrden trugen immer den persnlichen Ton, der an
die Herzen drang.

Und immer untersttzte er die schriftlichen Bitten dadurch, da er
selbst kam. So suchte er einige Herren des Provinzial-Landtages in
Mnster morgens frh in ihrem Hotel auf, noch ehe sie aufgestanden
waren, brachte ihnen ihre Stiefel ans Bett und gewann sie dann fr
seine Anliegen. Sie sind ein gefhrlicher Mensch, sagte ihm einmal
der Finanzminister Miquel, der pflichtgem immer die Sache vor die
Person stellte, aber sich doch der persnlichen Glut nicht entziehen
konnte, mit der Vater seine Angelegenheit vertrat.

Wie bei den Freunden im Lande, so war es auch, wenn er in die
Regierungsgebude, die Konsistorien und Ministerien kam, immer seine
Art, von unten anzufangen. Die Pfrtner, die Kanzlisten waren seine
besonderen Freunde. Sie kannten ihn alle, sie taten ihm alles zu
Gefallen. Sie wiesen ihm die Wege zu den Rten und Geheimrten, an die
er sich im einzelnen Falle zu wenden hatte, und von diesen stieg er dann
auf zum Prsidenten und Minister. Dieser Einfalt der Liebe, mit der
Klugheit der Schlange gepaart, konnte auf die Dauer niemand widerstehen.
Sie machte sich alle untertan, soda der Regierungsprsident von Minden
im Blick auf sich und seine Beamten einmal scherzend sagte: Wir haben
die Ehre gehabt, unter Herrn von Bodelschwingh zu dienen.

Einmal kam von Oberschlesien her ein epileptischer Knabe, Ferdinand
Hintze, ganz allein angereist, nur mit einem Schild auf der Brust,
auf dem die Bahnbeamten gebeten wurden, dem Jungen auf der Reise
behilflich zu sein. Der kleine Ferdinand war denn auch von allen
Zugfhrern und Schaffnern so freundlich behandelt und sicher
geleitet worden, da er bis an sein Lebensende nichts anderes werden
wollte als Zugfhrer. Dieses Pappschild schickte Vater dem
Eisenbahnminister ein, erzhlte ihm, wie es dem Jungen ergangen sei
und wie dankbar dieser wre fr alle ihm widerfahrene Hilfe, und
schlo daran die Bitte, da der Minister in den Futapfen seiner
liebenswerten Beamten nun allen Epileptischen die groe Liebe
erweisen mchte, ihnen eine Fahrpreisermigung zu gewhren. Die
Bitte schlug durch, soda seitdem alle Fallschtigen und andere
mittellose Kranke mit ihren Begleitern zu halbem Preise reisen
knnen, eine Wohltat, die Vater schon einige Jahre vorher allen
deutschen Krankenpflegern und -pflegerinnen beider Konfessionen
erkmpft hatte.

So wurde er der Bettelmann, von dem die Kinder deklamierten:
Edelmann, Bedelmann, Doktor, Pastor, Kutscher und Bauer und
Lumpenmajor. Und wenn er ein Bettelmann war, der immer wieder
kommen durfte, so lag das an seiner tiefen Dankbarkeit. Er durfte
bitten, weil er danken konnte. Und auch beim Danken dankte er immer
fr die Liebe, nie blo fr das Geld. Den Geber meinte er, nicht nur
seine Gabe. Ganz unabsehbar ist die Flle der Briefe, die er bittend
und dankend schrieb und die doch immer wieder einen neuen Klang
hatten, weil ihm Bitten und Danken nie zum Geschft wurde, sondern
zur tglich neuen Freude, die Gott ihm schenkte. So finden sich in
dem Heft der Stenogramme aus Dezember und Januar 1891/92 u. a.
folgende Diktate:

An Herrn Clemens Fischer, Bremen.                     16. 12. 91.

        Hochverehrter Herr!

Glauben Sie ja nicht, da ich mich durch Ihre und Ihrer Mithelfer
Gabe enttuscht fhle. Wenn die Wohlhabenden und Reichen dieser Welt
berall so willig wren, Becher kalten Wassers einzuschenken, wie
Sie es gehofft haben, so wrde das nicht gut fr uns sein. Wir
wrden aufhren, arme Leute zu sein. Das Armsein ist uns recht
ntig.

Ich habe neulich einmal an 57 Millionre geschrieben und einen
Beitrag erbeten fr ein Krankenhaus in Ostafrika, wo drckende Not
herrscht und das wir auch mit unsern Brdern und Schwestern
bedienen, die ihr Leben daran wagen. Aber von allen 57 habe ich
keinen Pfennig fr diesen Zweck empfangen. Da mu ich Ihre Ernte
doch noch als eine verhltnismig reichliche ansehen und danke
Ihnen doppelt fr Ihre Liebe. Gott schenke Ihnen ein frhliches,
seliges Weihnachtsfest und eine Liebe, die nicht mde wird, auch wo
man Enttuschung erfhrt.

Ihr Ihnen und allen Helfern Ihrer und unserer Freude
                              innig dankbarer   B.

Zusatz zur Weihnachtsbitte fr das Bielefelder Sonntagsblatt. 1891.

brigens mchten wir nicht allein fr uns hier bitten, sondern
ebenso fr alle andern Anstalten der Innern Mission, die einem jeden
der lieben Leser die nchsten sind. Auerdem mchte ich auch
wiederum gern unsere Westfalen an einen fernen Westfalen erinnern,
den Hausvater Meyer in Osterode in Ostpreuen mit seinen
ostpreuischen Waisenkindern. Er hat seit vielen Jahren sich
Weihnachten freuen drfen, da Westfalen ihn nicht vergessen hat.
Und der gleichen Liebe und alten Treue empfehle ich auch das
Waisenhaus Ducherow in Pommern.

An acht Geschwister in Berlin.                        16. 12. 91.

      Meine geliebten Kinder!

Wie freue ich mich, da Ihr auch in diesem Jahre wieder treu gewesen
seid. O ja, Treue ist eine ganz besonders kstliche Sache vor Gott.
Er wolle Euch alle acht treu machen in allen Stcken, in der Liebe
zu Gott und zu Euren lieben Eltern, aber auch in der Liebe zum
Nchsten. Er wolle Euch treu machen im Gehorsam, treu in der Arbeit,
treu im Glauben bis ans Ende. Wie freue ich mich auch, da ich am
Weihnachtsabend unsern lieben Kranken sagen kann, da Ihr wiederum
um ihretwillen ein Jahr willig den sen Zucker entbehrt habt, um
ihnen ein frhliches Weihnachtsfest bereiten zu helfen. Ich schicke
Euch hiermit einige Bchelchen und Bildchen von unserer Anstalt.
Grt mir auch Euren lieben Vater und Eure liebe Mutter und dankt
ihnen auch herzlich, da sie zu Eurer Gabe das gleiche zugelegt
haben.

          Es gedenkt Euer in dankbarer Liebe    Euer     B.

    An Fabrikarbeiter in Iserlohn.                    18. 12. 91.

Unter den mancherlei schmerzlichen Erfahrungen von Gleichgltigkeit
gegen die Not der Brder ist es mir eine ganz besondere Ermunterung
und Strkung in unserer Arbeit gewesen, da in Iserlohn unter denen,
die selbst nicht reich an Gtern dieser Welt sind, ein solches
Liebesfeuer erwacht ist, an unsere armen Kranken zu denken. Wer
selbst arm ist, wei auch am besten, wie es andern Armen zu Mute
ist. Ich will unter dem Weihnachtsbaum unsern Kranken erzhlen, was
Iserlohner Fabrikarbeiter fr sie tun. Das wird unsere Kranken
erfreuen und beschmen und dazu dienen, da sie desto stiller und
geduldiger ihr schweres Leiden tragen.

Es grt Sie alle in dankbarer Liebe und wnscht Ihnen ein reich
gesegnetes, friedevolles Weihnachtsfest

                                                        Ihr  B.

        Liebe Dorothea, liebe Gertrud!                24. 12. 91.

Ich habe Euer kleines Paket bekommen und danke Euch herzlich fr die
10 Mark, die Ihr fr 10 Liter Wasser Euch gespart habt. Und ganz
besonders danke ich Gertrud fr das Hemdchen, das sie in der Schule
genht hat. Ich will es heute gleich nach dem Kinderheim tragen. Da
will ich es einem kleinen schwarzen Heidenkind schenken, das vier
Jahre alt ist und dem es gerade pat. Es ist schade, da Ihr heute
nicht einmal eine Stunde in Bethel sein knnt. Da wrdet Ihr etwas
sehen, was Ihr noch nie gesehen habt. Da werden viele, viele hundert
Kinder und Kranke an dem schnen Kripplein um den Weihnachtsbaum
versammelt sein und viele schne Lieder singen, und am Schlu wird
die kleine Heidin, der ich das Hemdchen schenken will und die jetzt
Fatuma heit, getauft werden. Ein schwarzer Soldat hatte sie in
Afrika gestohlen und wollte sie wie den kleinen Joseph nach
gyptenland verkaufen. Das hat der Schiffskapitn gemerkt und sie
dem Soldaten abgenommen und uns mitgebracht. Und die kleine Fatuma
hat sehr schnell den Heiland liebgewonnen und ist sehr fleiig und
treu im Kinderheim, die andern kranken Kinderchen zu pflegen. Nun
soll sie heute abend den Namen Elisabeth bekommen.

    Es grt Euch und Eure lieben Eltern
                                Euer dankbarer

                                                      4. 1. 92.
  Mein teurer und geliebter Bruder und vterlicher Freund!

Ihre Simeonsgabe habe ich richtig erhalten, und unsere Kranken
danken auch fr diese Liebe auf das herzlichste. Der barmherzige
Gott wolle den Sptabend Ihres Lebens, wo die irdische Sonne nicht
mehr leuchten will, mit dem Morgenrot seines ewigen Lichtes hell
machen, bis der Tag anbricht, dem kein Tag gleicht und wo alles, was
hier noch dunkel ist, sich in volles Licht verwandelt.

    In alter dankbarer, treuer Liebe            Ihr       B.

An den wenigen Feierabenden, die ihm blieben, lie er sich von uns
vorlesen und unterschrieb whrenddessen die Dankkarten. Es war oft
nur ein einziger Satz, aber es lag ein Ton darin, der bis in den
Grund der Seele wohltat.

Wer aber einmal in den Kreis der Freunde und Mitarbeiter eingetreten
war, und wenn es auch nur mit der kleinsten Gabe gewesen wre,
dessen Liebe wurde festgehalten und gepflegt. Lassen Sie mich Ihre
Hand recht fest fassen, so bat Vater immer wieder. Aber er konnte
das nur, weil ihm viele treue Hnde zur Seite standen. Wie die
Baseler Mission ihm fr die geschftliche Leitung der Anstalt immer
wieder Mitarbeiter gab, deren Treue und Tchtigkeit auf dem
indischen und afrikanischen Missionsfelde erprobt war -- welche
Flle unermdlichster Arbeit schlieen auf diesem Gebiet die Namen
Ostermeyer und Kehrer in sich! -- so war es die Barmer Mission,
durch die Missionar Heienbrok nach Bethel kam. Als Leiter des
Dankortes blieb Heienbrok, untersttzt von einem Stabe treuer
Mithelfer, immer erfinderisch, den Kreis der Freunde im Lande zu
pflegen und sie durch die Schriften, die vom Dankort ausgingen,
immer fester und enger an die gemeinsame groe Aufgabe zu fesseln.

Die letzte Bitte, die Vater durch den Dankort aussandte, hie:

                              Weihnachten!

Ein von 37 Jahre langem Bitten fast mder Mann, der dicht vor seinem
80. Lebensjahr steht, stellt sich notgedrungen noch einmal an die
Spitze seiner groen Schar von Fallschtigen, Geisteskranken,
Obdachlosen und verlassenen Kindlein und bittet in ihrem Namen:
Verget unser auch zu Weihnachten nicht!

Unter unsern nahezu 4000 Pflegebefohlenen haben viele niemand mehr,
der zu Weihnachten an sie denkt. Darum darf ich ganz besonders fr
sie meine Hnde ausstrecken nach den alten treuen Mithelfern unserer
Weihnachtsfreude!

Ich freue mich, da ich noch einmal diese vielleicht letzte Bitte
fr meine lieben Pflegebefohlenen wagen darf, und bin dankbar auch
fr die kleinste Gabe. Auch Spielsachen, Wsche, Kleider, berhaupt
Gaben jeglicher Art sind, je frher desto lieber, mit Freuden
willkommen.

Es grt alle treuen Freunde in allen Landen, die im Namen des
groen Freudenmeisters Herzen und Hnde regen fr unseres kranken,
aber doch frhlichen Weihnachtsgste, und wartet auf die Stunde, wo
die ewige groe Weihnachtsfreude anbricht,

                                F. v. Bodelschwingh, =P. em.=
    Bethel, Weihnachten 1909.


Ruhezeiten.

Die groe Arbeitslast htte Vater nicht bewltigen knnen, wenn ihm
nicht seine Eltern eine ungemein sonnige Naturanlage mitgegeben
htten. Namentlich sein Vater konnte auch in den schwersten Lagen
frohgemut sein wie ein Kind. Seine Mutter neigte dazu, die Dinge
schwer zu nehmen. Aber wie erzhlt, war sie in der Zeit, in der sie
ihren kleinen Friedrich erwartete, von ganz besonderem Gleichmut und
innerem Frieden gewesen, soda Friedrich von Jugend auf unter seinen
Geschwistern der zufriedenste und glcklichste war.

Wie haben denn auch wir Kinder diese Freude und dies Glck genossen!
Wenn Vater abends von seinen Krankenbesuchen nach Hause kam, dann
packte er wohl den Kleinsten von uns, warf ihn in hohem Schwung ber
seine Schulter, setzte ihn rittlings auf seinen Kopf, sprang und
sang in der Stube herum, bis er den kleinen Reiter mit hohem
Kopsdebolder wieder auf die Erde befrderte. Oder er lie uns
Grere der Reihe nach antreten, stellte sich mit ausgebreiteten
Hnden hinter uns und lie uns dann in seine Arme fallen. Dabei kam
es darauf an, da man es wagte, sich ganz tief, ohne mit den Fen
rckwrts zu treten, fallen zu lassen, den sicheren Hnden des
Vaters vertrauend. Wer sich am tiefsten fallen lie, ohne zu zucken,
der hatte gewonnen.

Zuweilen des Sonntags baute er auch mit uns und unserm geliebten
alten Baukasten einen hohen Turm bis unter die Decke. Abends kam
dann die Hauptfreude: das Sisemnnchen. Er hatte aus der Zeit, wo er
in Pommern hier und da einmal einen Hasen geschossen hatte, noch
eine Schachtel mit Pulver brigbehalten. Daraus nahm er eine kleine
Menge, rhrte sie mit Wasser an und formte sie zu einer Pyramide,
die er dann hinter dem Kachelofen langsam trocknen lie. Abends,
wenn es dunkel geworden war, wurde ein Stckchen Feuerschwamm an
einen Stock befestigt, das Sisemnnchen oben auf den Turm gesetzt
und mit etwas frischem Pulver bestreut. Jetzt kam der feierliche
Augenblick, wo Vater den Feuerschwamm anzndete, den Stock mit dem
brennenden Schwamm dem Kleinsten in die Hand drckte und ihn in die
Hhe hob. Mit verhaltenem Atem standen wir andern um den Turm her,
langsam nherte sich das glhende Stckchen Schwamm der kleinen
Pyramide. Jetzt -- si ... i. i. i. i zischte das Pulver auf, und,
nach allen Seiten hin spuckend, sprhend und dampfend, verzehrte
sich das kleine Sisemnnchen in seiner eigenen Glut.

Zu Ostern gab es natrlich ein Osterfeuer mit den in der heien
Asche gersteten Kartoffeln, die die Eltern besonders liebten. Die
Krnung des Festes aber war allemal der Bllerschu aus der kleinen
Kanone. Sie war aus Messing und nicht lnger als ein Finger. Aber
das ganze Jahr ber freuten wir uns auf den Augenblick, wo sie am
Abend des Ostertages von Vater in Ttigkeit gesetzt wurde. Wieder
mute der Kasten mit Pulver herhalten, aus dem sie geladen und dann
mit Papier zugepfropft wurde. Dann kam wiederum ein kleines
Stckchen Feuerschwamm auf einen Stock, ber das Mundloch wurde ein
bichen Pulver geschttet -- und nun -- bumm -- knallte der Schu,
da es durch Mark und Bein ging. Aber ehe wir es uns versahen, war
Vater auch schon wieder verschwunden und sann ber seiner Predigt
fr den zweiten Ostertag. Uns aber blieb in Erinnerung an solche
kurzen Augenblicke ein unbeschreibliches Gefhl des Glckes und der
Dankbarkeit.

Denn wenn er sich uns gab, dann gab er sich ganz, dann waren alle
Lasten abgeschttelt, dann war er ein Kind unter uns Kindern, ein
Junge unter uns Jungen. Das machte ihm berhaupt sein Leben leicht,
da er bei allem ganz war. Wenn ein armer Kranker in die Stube kam,
dann konnte er sich von allem, was ihn beschftigte, losreien,
soda der Kranke sprte: Hier ist nun wirklich einer, der sich
meiner Sache ungeteilt annimmt, hier ist mein nchster Freund, mein
hingebendster Berater, dem mein Anliegen gerade so wie mir selbst
die eine groe Hauptsache ist, um die sich alles dreht.

Aber auch bei den kleinen und kleinsten Dingen ging es Vater so,
nicht aus einer berlegung, sondern aus dieser glcklichen
Naturveranlagung heraus, sich einem einzigen Gegenstand ganz
hinzugeben. Wenn im Vorfrhling die Stare kamen und auf dem
Rasenplatz vor unserm Fenster auf- und abstolzierten, dann war er
ganz versunken in sie, schwatzte mit ihnen, pfiff ihnen was vor und
jauchzte ber die Pracht ihres Gewandes, das in der Frhlingssonne
in allen Farben glnzte. Oder wenn die Grasmcke drauen vor dem
niedrigen Treppenfenster ihre Jungen ausgebrtet hatte, dann lag er
auf seinen Knien in dem geffneten Fenster, bog den Ast mit dem
Nest behutsam zu sich herber und unterhielt sich in den sesten
Tnen mit den Kleinen im Nest, als wenn er ihr Vater wre und nichts
anderes zu tun htte, als fr die Kleinen zu sorgen.

Aber im nchsten Augenblick war er schon wieder ganz in andere
Gedanken versunken. Und wie tief konnte er versunken sein in die
Sache, die ihn beschftigte. Dann hrte und sah er nichts um sich
her. Dann verga er Essen und Trinken. Dann suchte er seine Brille
und hatte sie auf der Nase, dann eilte er mit fremdem Hut und
fremdem Mantel davon, ohne es zu merken, wie ein glckliches
zerstreutes Kind, das ganz von einem einzigen Gegenstand gefesselt
ist und die Welt um sich her vergit.

Seine beste Ruhezeit blieb natrlich die Nacht, nicht nur die
Stunden des Schlafes, sondern auch die des Wachens. Und die
schlaflosen Stunden nahmen mit den Jahren immer mehr zu. Aber auch
sie geno er dankbar und nutzte sie aus. Wenn man, schrieb einer
seiner Kandidaten, des Morgens zu ihm in sein Arbeitszimmer trat,
machte er immer einen so frisch gewaschenen Eindruck, als wenn er
sich auch von innen gewaschen htte, nicht nur von auen. Die
wichtigsten Briefe, die er am andern Tage zu schreiben hatte,
durchdachte er des Nachts, soda es oft wie ein Strom flo, wenn er
morgens um sieben in sein Arbeitszimmer kam, wo sein treuer Sekretr
mit nie versagender Pnktlichkeit schon auf ihn wartete, um die
Stenogramme aufzunehmen. Aber war er des Nachts mit den Aufgaben des
kommenden Tages fertig, dann plagte er sich damit auch nicht ber
das Ziel hinaus, sondern suchte den Schlaf, indem er im Gedchtnis
ein Kapitel aus der Bibel wiederholte oder sich ein Kirchenlied
vornahm. Es lag ihm immer daran, das Kirchenlied ganz zu
beherrschen, ohne eine Strophe auszulassen, und er lie sich keine
Ruhe, bis alle Strophen beieinander waren. Wollte die eine oder
andere gar nicht auftauchen, so nahm er schlielich sein Gesangbuch
zu Hilfe, das immer neben der Bibel vor seinem Bette lag. Einmal war
das Gesangbuch verlegt. Da zog er sich an, und unsere Schwester, die
von dem Gerusch geweckt worden war, entdeckte ihn wie einen
Nachtwandler, als er unten im Ezimmer sich das Gesangbuch holte,
weil er ohne die vergessene Strophe keinen Schlaf finden konnte.

Stellte sich der Schlaf auch dann noch nicht ein, so vertiefte er
sich gern in irgend ein Buch, am liebsten Treitschke oder
naturwissenschaftliche Aufstze. berhaupt blieb das Weltall gerade
in diesen schlaflosen Stunden immer wieder der Gegenstand seiner
Betrachtungen und Berechnungen. Dabei nahm er einen Kubikzentimeter
Sand zu 100000 Krnern an und rechnete nun aus, wieviel Sandkrner
die Erde, die Sonne und andere Himmelskrper htten. Beim
Morgenfrhstck unterhielt er uns dann mit dem Ergebnis seiner
nchtlichen Berechnung und den vielstelligen Zahlen, die er fr die
Riesenhimmelskrper gefunden hatte, und beides war der Gegenstand
seiner Bewunderung: einmal wie unendlich gro die Welt sei und wie
klein doch auch wieder, weil sich ihr Ma in einer einzigen Reihe
von Nullen mit nur einer Eins davor ausdrcken lasse.

Auch im Gedrnge des Tages war sein Schlafzimmer oft sein
Zufluchtsort, wohin er sich zurckzog. Einmal erklrte er, er htte
nun keine Zeit mehr, sich zu rasieren, und lie sich ein paar Tage
lang die Stoppeln stehen. Aber schlielich gab er unsern vereinten
Bitten nach, und die stillen zehn Minuten, die ihn oben im
Schlafzimmer das Rasieren kostete, bildeten ihm allmhlich eine
immer liebere Unterbrechung im Getmmel des Vormittags. Frhlich
gingen whrend des Rasierens die Gedanken mit ihm durch, soda er,
wenn er wieder im Arbeitszimmer erschien, hufig aus vielen Wunden
blutete, die er mit kleinen Lppchen Papier zuzukleben pflegte.

Zur Mittagsruhe nach Tisch, whrend der er mit groer Aufmerksamkeit
die Zeitung las, und ebenso zu den Vorbereitungen auf die
Unterrichtsstunden suchte er gleichfalls am liebsten seine
Schlafstube auf, und dann immer wieder zur stillen priesterlichen
Arbeit fr die eigene Seele und fr die ganze Gemeinde. Einmal
wartete jemand auf ihn, und ich suchte ihn oben. Ganz leise ffnete
ich die Tr, um ihn nicht zu stren fr den Fall, da er ruhte. Da
lag er auf seinen Knien vor seinem Bett. Ich schlo die Tr wieder,
ohne da er es merkte. Seitdem wute ich mehr denn je, woher er die
Ruhe hatte in aller Unruhe und zugleich die unermdliche Ttigkeit,
die alle mit sich fortri.

In die Nchte hinein arbeitete Vater nur sehr selten. Die Abende waren
ja freilich meist auch noch nach dem Abendbrot besetzt. Aber wenn es
irgend ging, wurde doch noch eine halbe Stunde herausgeschlagen. Dann
lasen wir vor, und Vater unterschrieb die den Tag ber diktierten Briefe
und Dankkarten. Dabei war es erstaunlich, mit welchem tiefsten Interesse
er dem Vorlesen folgte, bis die Abendandacht den Schlu machte. Die
Sonntagabende aber waren die glcklichsten. Dann hockte unser jngster
Bruder auf dem Sofa zwischen Vater und Vaters Schwester, der geliebten
Tante Frieda, die einige Jahre nach der Mutter Tode zu uns gezogen war.
Wir andern drei Geschwister saen um den kleinen Tisch, und dann wurden
Vater und Tante Frieda geneckt! Alte und neue Erlebnisse wurden
hervorgekramt, an denen das entsagungsvolle Leben unserer geliebten
Tante und die sich drngenden Ereignisse in Vaters Leben so reich waren.
Alle wurden in das Licht des Humors, oft auch in das Salz der Kritik
getaucht. Dann schmunzelte die alte Tante vor innerstem Behagen, und
Vater prustete nach seiner Art in herzlichstem Lachen -- bis er
schlielich, wenn die Uhr zehn schlug, aufsprang: Gute Nacht, gute
Nacht, Kinderchen, ihr seid bse Buben!

Dieses Familienglck erhhte sich vollends, seit aus der
Ravensberger Familie von Ledebur-Crollage eine Tochter nach der
andern in unsere Familie eintrat. Die ritterliche Art, mit welcher
Vater seinen Schwiegertchtern begegnete, verwandelte sich mehr und
mehr in berstrmende zarteste Liebe als Dank fr alles, wodurch die
Lebensgefhrtinnen seiner Shne den Abend seines Lebens erhellten.
Er erlebte es noch, wie die Schar der Enkelkinder anfing, ihn zu
umspielen, und wurde nicht satt, sich an jedem einzelnen zu
erquicken. Solch einem geliebten kleinen Kindchen zu begegnen,
sagte er einmal, als ihm eins der Enkelkinder mit ausgebreiteten
rmchen entgegenlief, das ist mir geradesoviel wert, als wenn ich
auf einen hohen, freien Berg stiege.

Ruhepausen im tglichen Getriebe der Arbeit waren auch immer wieder
die Tage und Stunden, wo aus der Ferne Gste bei uns einkehrten,
durch die neue Anregungen kamen oder alte Zeiten wieder lebendig
wurden.

Schwester Eva von Tiele-Winckler! Es war jedesmal fr Vater ein
Trunk frischen Wassers, sooft sie kam. Immer strker wurde die
Hoffnung, sie ganz fr die Arbeit in Bethel zu gewinnen. Und
schlielich, als die Krfte der alten Mutter Emilie in Sarepta eine
Ergnzung verlangten, und nach deren Tode gab es wirklich mehrere
Jahre gemeinsamer Arbeit. Nie seit dem Verlust unserer Mutter hat
Vater glcklichere Jahre verlebt als die der gemeinsamen Arbeit und
des Verstehens mit dieser hochgemuten Frau. Aber schlielich siegte
bei ihr die Pflicht gegen die schlesische Heimat und die dort von
ihr begonnene immer mehr wachsende Arbeit.

    Land meiner Heimat
    In Nebel und Rauch,
    Dir bleib' ich treu
    Bis zum letzten Hauch.

Wie um ein fernes Kind hat Vater um sie gesorgt, fr sie gebetet und
sich an der Liebe erquickt, die sie wie eine Tochter ihm bis zuletzt
erwies.

Tante Caroline von Zacha! Die Jugendfreundin der Mutter, mit ihrem
jugendlichen Herzen, ihrem tiefen Verstndnis und ihrem klugen Rat,
der immer den Kern der Sache traf!

Hermann Wilm, der erste Senior des Konvikts, der, sooft er kam, mit
seinem herzerfrischenden Humor alle die lieben Erinnerungen wachrief
an die Frhlingstage der ersten Arbeit fr Afrika und der doch nicht
ruhte in der Erinnerung, sondern wie ein Sohn die gegenwrtige
Freude und Last mit dem Vater teilte und zugleich mit ihm den Blick
vorwrts richtete auf neues Hervorbrechen der Herrlichkeit Gottes.

Tage voll erfrischender Ablenkung brachte auch der Besuch des
Wassersuchers von Blow. Die Wasserleitung hatte schlielich doch
nicht mehr fr den immer strker werdenden Wasserbedarf ausgereicht.
So war an einer gnstig erscheinenden Stelle ein Bohrloch geschlagen
worden. Viel Zeit und Geld hatte man schon verbraucht, ohne da die
Bohrungen zum Ziel fhrten. Endlich bat Vater Herrn von Blow, ihm
die Liebe zu erweisen, uns aus der Verlegenheit zu helfen. Er kam
wirklich, lie seine Rute auf dem Felde arbeiten, wo bis dahin
vergeblich gesucht worden war, und fand nach kurzer Zeit eine starke
Quelle. Er stellte auch sofort die annhernde Tiefe fest, in der
dann wirklich das reichlich sprudelnde Wasser gefunden wurde.

Zwei stndige Freunde von seltener Treue hatte unser Haus. Das war
einmal unser Freund Nedden. Nedden stammte aus angesehener Familie,
hatte mit Pastor Strmer zusammen die Sexta des Gymnasiums besucht,
war dann aber in seiner krperlichen und geistigen Entwicklung
stehen geblieben. Er arbeitete den Tag ber unten in der konomie,
hauptschlich mit dem Waschen der Rben fr die Khe beschftigt,
und nur morgens und abends kam er zu kurzer Hilfeleistung in unser
Haus. Alle Glieder schienen ihm verkehrt angewachsen zu sein, mhsam
trug er den kleinen schweren Krper auf den schleppenden Fen, und
aus dem bergroen Kopf schielten ein paar glanzlose Augen hervor.

Aber welches Feuer lebte in dieser unscheinbaren Gestalt, immer bewegt
in Gedanken um die hchsten Dinge! Den Feierabend und Sonntag brachte er
ber seinen geschichtlichen Bchern zu, die er sich von uns holte. Die
Ertrge seiner Forschungen, in denen richtige und verkehrte
Beobachtungen in der komischsten Weise durcheinandergemischt waren,
teilte er dann in vertraulichem Gesprch teils unserm Vater, teils den
andern Hausgenossen mit. Die Worte seiner Weisheit waren all die Jahre,
die er bei uns aus- und einging, eine nicht endende Quelle der
Erheiterung. Auch als seine Beine ihn nicht mehr tragen konnten, blieb
er der Hausfreund, der allemal an seinem Geburtstag im Rollstuhl an
unserm Kaffeetisch erschien und mit grtem Behagen sich die kleinen
Zeichen unserer Freundschaft und Dankbarkeit gefallen lie.

Und dann Schwester Klara! Sie wohnte in dem kleinen Pfrtnerhause
der Anstalt, das hart an der Strae am Eingang in unsern Garten lag.
Sie war der Cerberus, den jeder Besucher zu passieren hatte. Es war
ein bestndiger friedlicher Krieg zwischen ihr und Vater. Vater
hatte ihren Dienst so gedacht, da sie allen fremden Besuchern der
Anstalt den ersten Weg zeigen, aber niemand abweisen sollte, der zu
ihm selber wollte. Sie aber sah ihren Hauptdienst darin, Vater vor
allem Anlauf zu schtzen und jeden nicht wirklich notwendigen Besuch
von ihm fernzuhalten. Dabei war sie grundstzlich eher zu scharf als
zu milde. Durch kein Bitten, durch kein Schelten, auch durch keinen
Zorn des Vaters, der gelegentlich aufflammte, lie sie sich von
ihrem einmal eingeschlagenen Wege abbringen. Nur sie selbst wei,
wieviel sie in unsagbar stiller Treue und mit ihrem von Jahr zu Jahr
krnker werdenden Herzen von Vater abgehalten hat.

Sie pflegte zwischendurch unsern kleinen Blumengarten und war vor
allem ganz in der Verborgenheit die mtterliche Freundin mancher
Epileptischen, die ihr Anliegen bei ihr ausschtteten. Nach Vaters
Tode siedelte sie ins Feierabendhaus ber, wo sie drei Jahre spter
unter schwerstem Leiden wie eine Heldin ein Leben der Treue
beschlo.

Jedes Jahr einmal kam fr Vater die eigentliche Ferienzeit. Das war
die glcklichste Zeit fr die ganze Familie, namentlich solange die
Mutter noch lebte. Meist ging es an die Nordsee, nach Norderney,
Wangeroog, Langeoog und schlielich immer wieder zum schnen Amrum.
Dazwischen gab es Ferienzeiten im Gebirge: im Harz, im Sauerlande,
auf dem Hunsrck, im Thringer Wald. Einige Male auch wurden wir von
Freunden in noch weitere Fernen gelockt: nach Holland, an die
Ostsee, nach Schottland und in die Schweiz.

Es waren keine Zeiten der Zerstreuung, sondern der Sammlung und der
stillen Arbeit. Hatten wir an irgend einem Ort erst einmal festen
Fu gefat, so wurde der Regel nach den ganzen Vormittag ber
gearbeitet. Denn Vater sagte immer wieder: Nicht im Nichtstun
besteht der Vorzug der Ferienzeit, sondern darin, da man einmal
arbeiten kann, ohne bestndig unterbrochen zu werden. Und fr uns
Kinder war es die hchste Freude, whrend der Ferienwochen ganz ohne
Konkurrenz die Gehilfen des Vaters zu sein.

Sobald unsere kindliche Handschrift auch nur den bescheidensten
Ansprchen gengte, diktierte er uns seine Briefe und Aufstze.
Zuweilen wurde, ehe wir stenographieren konnten, das Verfahren
dadurch beschleunigt, da jedesmal zwei von uns ein Diktat
aufnahmen, und zwar in der Weise, da der eine die erste Hlfte des
Satzes schrieb, der andere die zweite, und so fort. In Bethel
besorgte dann Freund Kneipp, Vaters epileptischer Sekretr, das
Zusammenstellen. Auf solche Weise wurden auch die Erinnerungen zu
Papier gebracht, die Vater, sooft die Vormittagsarbeit eine Lcke
darbot, aus seinem Leben diktierte. Es waren jedesmal nur kurze
Abschnitte dieser Erinnerungen, die wir aus den einzelnen
Ferienzeiten mitbrachten. Aber sie bereicherten unser ganzes Leben
fr die Zeit, die zwischen der vergangenen und folgenden Ferienzeit
lag. Nach zwlf Jahren waren die ersten vierzig Jahre bis zur
bersiedelung nach Bethel beschrieben. Zu einer Fortsetzung ber
die Zeit seit der bersiedelung von Dellwig nach Bethel konnte er
sich nicht entschlieen.

Nur ein kurzes Bad in der See oder im Bach pflegte die
Vormittagsstunden zu unterbrechen. Die strksten Wellen waren Vater
immer die liebsten. Manchmal schwammen wir in Wangeroog auf die
Sandbank hinber, um dort uns den krftigen Wellenschlag zu erobern.
Und in der Asbach auf dem Hunsrck halfen wir ihm, als Ersatz fr
die entbehrten Meereswellen mit Hilfe eines Schttes ein kleines
Wellenbad zu bauen.

Nach getaner Vormittagsarbeit wurden am Nachmittag Insel und Land
durchstreift, bald in kleinen Ausflgen mit der Mutter zusammen,
bald in krftigen Wanderungen durch Wald und Dnen, am liebsten ohne
Weg und Steg geradeaus auf ein Ziel zu, oft bis in die tiefe
Dmmerung hinein. Jede Kirche am Wege, jede Fabrik wurde besehen,
jeder Bewohner des Landes, der ein Stck mit uns wanderte, grndlich
nach Land und Leuten ausgefragt. Dazu erzhlte Vater uns Sagen und
Geschichten, ein Lied nach dem andern wurde angestimmt, auch die
frhlichen Studentenlieder. Am liebsten hatten wir es, wenn Vater
deklamierte. Das half ber jede Mdigkeit hinweg. Wohl blieb der
Gedanke an Goethe ihm im Blick auf Goethes italienische Zeit immer
schmerzlich; aber seine schnsten Gedichte waren Vater stets
gegenwrtig. Und daneben vor allen Strachwitz und Uhland. In unserm
Quartier hatte inzwischen die Mutter das Abendbrot bereitet. Was fr
ein frhliches Nachhausekommen gab es jedesmal und welch gemtlichen
Feierabend! Dann hatte jeder seine Handarbeit, und Vater las vor,
bis die Abendandacht den schnen Tag beschlo.

1881 hatte uns eine Ferienreise in den Harz und nach Gittelde-Grund
gebracht. Und als im September in Harzburg alles leer und wohlfeiler
geworden war, siedelten wir noch fr ein paar Tage dorthin ber, um
Goslar und den Brocken zu erreichen, von denen wir in Grund zu weit
getrennt gewesen waren.

In Goslar wurde Vater ganz von der Wunderuhr gefesselt. Wir erlebten
gerade die Mittagsstunde, wo das Uhrwerk seine volle Kunst
entfaltet. Aus einer kleinen Tr treten die zwlf Apostel hervor und
wandern am Herrn vorber, einer nach dem andern ehrerbietig sich
vor ihm verneigend; nur der letzte, Judas, bleibt ungebeugten
Hauptes. Dann wurde die Kreuzigung dargestellt. Ein Kriegsknecht,
auf der Leiter stehend, schlgt die Ngel durch die ausgebreiteten
Hnde, und ein anderer stt mit der Lanze in die Seite.

Der Meister hatte uns selbst alles erklrt, und Vater fate solches
Vertrauen zu seiner Tchtigkeit, da er ihn bat, sich doch einmal an
den Bau eines Flugzeuges zu machen. Er hatte als Junge sich
gelegentlich aus einem Stck Blech eine Flgelschraube geschnitten,
die mit Hilfe eines leeren Garnwickels und eines Bindfadens in
schnelle kreisende Bewegung gebracht wurde und so nicht
unbetrchtliche Hhen erreichte, bis sie schlielich ermattet wieder
zur Erde fiel.

Es war damals noch nicht die Zeit, da ein Ersatz des Luftballons
durch ein anderes Luftfahrzeug errtert wurde. Aber Vater baute auf
dieses sein Kinderspielzeug seinen Plan auf. An der Hand von
Zeichnungen setzte er dem Goslarer Meister auseinander, da es
darauf ankommen wrde, eine wagerecht und eine senkrecht kreisende
Schraube zwischen Tragflchen aus dnnem Stoff anzubringen, um so
eine Aufwrts- und eine Vorwrtsbewegung zu ermglichen. Die
Schrauben selbst aber sollten durch starke Stahlfedern in Betrieb
gesetzt werden, die dann whrend der Fahrt durch den Luftschiffer
nachgespannt werden mten.

Mehrere Stunden lang vertieften sich die beiden Mnner in das
Problem, soda wir viel zu spt von Goslar fortkamen, uns im Walde
verirrten, bis wir schlielich durch ein Licht, das auf dem
Harzburgberge brannte, auf den rechten Weg gelockt wurden und
glcklich unser Quartier erreichten. Der Goslarer Meister hat nie
wieder etwas von sich hren lassen, aber den Gedanken des
Luftfahrzeuges lie Vater seitdem nicht mehr los. Es gehrte zu
seinen Erholungsstunden, sich damit zu beschftigen und eine
Zeichnung nach der andern zu entwerfen. Wenn wir an die See kamen,
fesselte es ihn immer, die Mwen zu beobachten, wie sie, ohne die
Flgel zu regen, im starken Wind in der Luft standen. Seht einmal,
Kinder, sagte er immer wieder, wie still steht sie da, wie wenig
Kraft hat sie ntig! Und der Mensch sollte nicht fliegen knnen?
Ganz gewi, es geht, es geht!

Wo er mit Ingenieuren und Offizieren zusammentraf, setzte er ihnen
seine Tragflchen mit den eingesetzten Schrauben auseinander und
lie sich durch kein Kopfschtteln irremachen. Spter fgte er einen
Fallschirm hinzu, den er zu einem unbedingt ntigen Bestandteil
seines Flugzeuges machte. Als die Zeppeline aufkamen, konnte er sich
nicht viel von ihnen versprechen; sie wrden im Winde nicht lenkbar
genug sein und bald wieder abkommen. Er hielt an den kleinen
Luftfahrzeugen fest. Bis zu seinem Tode war er Bezieher der
Luftschiffszeitung und berechnete voll Sehnsucht, wie lange es
dauern wrde, bis das erste Flugzeug das Mittellndische Meer
berqueren und so den Weg nach dem geliebten Afrika abkrzen wrde.


Kaiser Friedrich.

Wie schon frher gesagt, blieb in der ueren Form die Entfernung
gewahrt, die den Pastor einer Gemeinde der Elenden von dem Erben des
Kaiserthrones trennte. Aber wenn Wahrheit und Treue das Wesen der
Freundschaft bilden, so wurde durch sie das in der Jugend geknpfte
Freundschaftsband bis zuletzt festgehalten.

Im Sommer 1885 wandte Vater sich Stckers wegen in einem
ausfhrlichen Briefe an den Kronprinzen. Es war in der Zeit, wo
Stcker die Niederlegung des Amtes als Hofprediger nahegelegt worden
war. Der Brief lie es dahingestellt, ob es fr Stckers Kampfnatur
berhaupt richtig gewesen wre, das Hofpredigeramt anzunehmen,
widerriet aber aufs ernstlichste, ihn jetzt, nachdem er das Amt
bernommen, fallen zu lassen. Ohne ihn von Fehlern freizusprechen
und ohne sich mit seiner Arbeitsweise in allem einverstanden zu
erklren, trat der Brief zugleich aufs wrmste fr die persnliche
Lauterkeit und Selbstlosigkeit Stckers ein. Nur der vielleicht zu
heien Liebe und Hingabe Stckers an Volk, Vaterland und Kaiserhaus
seien seine Fehler zuzuschreiben; und es sei erstaunlich, da einem
Manne, der mehr als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen im
ffentlichen Leben gestanden und gekmpft habe, nicht mehr angehngt
werden knne als die kleinen und kleinlichen Vorwrfe, mit denen seine
Gegner versuchten, ihn mundtot zu machen. Mit groer Entschlossenheit
tritt der Brief schlielich auf den christlich-sozialen Boden, der
jedoch nicht als eine Sache der Partei, sondern der Gesinnung aufgefat
wird. Mit dem Sieg der Gegner der von Stcker vertretenen
christlich-sozialen Parole seien die Tage des deutschen Kaiserreiches
und des Hohenzollernhauses gezhlt. Darum drfte Stcker jetzt nicht
gehen.

Eine Antwort auf den Brief erfolgte nicht, wurde auch nicht
erwartet. Aber Stcker blieb damals im Amte.

In den Ferien waren die Blumen immer Vaters besondere Freude. Er
pflegte mit der Mutter und uns die zartesten Blumen zu ganz kleinen
Struen zu binden, die dann den Briefen an Kranke und Freunde
beigelegt wurden. Solch einen kleinen Strau schickte er mit einem
begleitenden Briefe im Sommer 1887, als wir auf der Insel Wangeroog
waren, dem Kronprinzen, dessen Todeskrankheit sich damals schon
angebahnt hatte. Der Kronprinz antwortete:

                          Bareno, Lago Maggiore, 9. 10. 87.

              Lieber Freund!

Ich danke Deinen Kindern vielmals fr das Dnenstruchen, welches
aus Wangeroog wohlbehalten nach den Tiroler Alpen gelangte, aber
nicht minder Dir und Deiner Frau fr die Gesinnungen, mit welchen
die Blumen gebunden, nebst den guten Wnschen, von denen sie
begleitet wurden.

Es tut so wohl, aus der Heimat Gre der Teilnahme zu erhalten,
namentlich, wenn der Krper es ntig macht, lange fern zu bleiben!
Doch kann ich mitteilen, da die rzte das bel als bezwungen
ansehen, zumal seit Juli keine Nachwucherungen erfolgten. Dafr mu
ich aber mit vieler Geduld eine langsame Genesung in einem andern
Klima als dem heimatlichen mir gefallen lassen, weswegen ich den
Mund halten und mich mglichst vor Erkltungen bewahren soll.
Geschieht dies, und sollte es Gott fgen, so drfte ich im Frhjahr
als Genesener heimkehren.

Mich freut's, da Du Dir endlich einmal Ruhe und Luft gestattest,
denn angesichts Deiner unermdlichen Ttigkeit und Hingebung fr
Dein Liebeswerk knntest Du es ja fast gar nicht aushalten und bist
es der Sache und Deinen Freunden schuldig, auch an Dich zu denken.
Denn wir bedrfen Deiner auf mannigfachem Gebiet!

Gott segne und erhalte Dich, die Deinen und Deine Schpfungen.
Hoffentlich auf Wiedersehen im Frhjahr!

                    Dein alter Freund
                                      Friedrich Wilhelm.

Als im Februar 1888 die Besorgnis um das Leben des Kronprinzen immer
hher stieg, wurde Vater von seinem Schwager, dem Oberhofprediger
Kgel, gebeten, nach San Remo zu reisen. Kgel selbst glaubte, den
alten Kaiser Wilhelm nicht verlassen zu sollen, dessen Tage ja
ebenfalls gezhlt waren. Prinz und Prinzessin Wilhelm begrten den
Gedanken mit grter Freude und verabschiedeten Vater fr seine
Reise in groer Bewegung und Herzlichkeit.

Vater erzhlte spter, wie schwer ihm beim Aufbruch ums Herz gewesen
sei und wie wohl ihm auf dem Wege nach Italien die Lieder der
Epileptischen in der Anstalt bei Zrich getan htten und das kurze
Zusammensein mit dem alten Samuel Zeller in Mnnedorf am Zricher
See. Mitte Februar war er in San Remo. Professor von Bergmann
vermittelte die Audienz bei der Kronprinzessin. Freundlich, aber
bestimmt lehnte sie es ab, Vater zum Kronprinzen zu bringen. Er
sollte nichts vom Sterben wissen, war Vaters Eindruck. Fr zwei
Tage ging er nach Nizza, um dort die Diakonissenstation zu besuchen,
in der zwei Bielefelder Schwestern arbeiteten. Als er zurckkam,
erhielt er dieselbe Ablehnung. Traurig reiste er zurck.

Heimgekehrt, bat Vater die ihm befreundete Frstin-Witwe Elisabeth
von Lippe-Detmold, in Kunstschrift drei schlichte Strophen zu malen,
die dem Herzen eines schwer Leidenden entquollen waren (Ernst
v. Willich). Er schickte sie nach Charlottenburg mit der Bitte, sie
im Krankenzimmer des sterbenden Kaisers aufzuhngen. Soviel wir
wissen, wurde wenigstens diese Bitte erfllt. Die Strophen hieen:

    Wenn der Herr ein Kreuze schickt,
    Lat es uns geduldig tragen;
    Betend zu ihm aufgeblickt,
    Wird den Trost er nicht versagen.
    Denn es komme, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

    Ist auch oftmals unser Herz
    Schwach und will wohl gar verzagen,
    Wenn es in dem strksten Schmerz
    Keinen Tag der Freud' sieht tagen,
    Sagt ihm, komm' es, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

    Darum bitt' ich, Herr, mein Gott:
    La mich immer glaubend hoffen,
    Denn dann kenn' ich keine Not,
    Gottes Gnadenhand ist offen.
    Drum, es komme, wie es will:
    In dem Herren bin ich still.

Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im
Selbstgesprch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm
Wohnzimmer hing: Mein Friedrich, bist du wirklich tot?


Amrum.

Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwche des Halses und der Brust,
die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses
Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, da er
mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar
auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten
Gste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders
glckliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzhlten.

Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine
Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dnen die Leiche
eines jungen Mannes mit zertrmmertem Schdel gefunden und nicht
weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat
ausgefhrt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom
Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn
noch am Abend vorher bis spt in die Nacht hinein mit einem andern
Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum
anders sein, als da dieser andere der Mrder war. Sofort wurden
alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen
knnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen
bei der Suche nach dem Tter. Bald war denn auch der mutmaliche
Mrder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner
Wohnung die Geldbrse des Ermordeten fand und bis die am Strand und
in den Dnen gefundenen Fuspuren zeigten, da sie genau mit dem Ma
seiner Stiefel bereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Whrend
des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzhlt, da er der
Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trge und da er auch
jetzt seine ganze Barschaft in der Hhe von 80 Mark in der Tasche
habe. Das hatte den Mrder gereizt. Er lockte sein Opfer an den
Meeresstrand, ergriff dort einen groen Holzhammer, der den
Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflcke zur Herstellung eines
Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer
her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der
Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht
zum Strand herberleuchtete. Der Mrder aber war ihm mit langen
Stzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der
krzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den
tdlichen Streich versetzt.

Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese
Geschichte erzhlte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in
einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne
Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes berflutet. Und die
Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen
Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er
an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der
Fremden in ihrem innersten Leben eine tdliche Wunde empfangen
hatten.

Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male
nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war,
erklrte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die
eingeborene Bevlkerung durch die Badegste ihres Sonntags beraubt
wurde. Es war ihm fast unertrglich, in der Kirche zu sitzen und die
von den Ortseingesessenen verlassenen Bnke zu sehen. Am meisten
litt er unter dem Strom des Luxus und der Snde, der durch die
Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr
hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Vter
zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan
mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und
Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie
nur konnten, um Badegsten und Eingesessenen mit gutem Beispiel
voranzugehen. Sie standen Sonntags frher auf als alltags und
machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit
wir das gleiche tten und so das Frhstck nicht so lang in den
Sonntag hineingezogen wrde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag,
um dem Badewrter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang
er darauf, da Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern
gegessen wurde, damit den Mdchen die Arbeit des Splens erleichtert
wrde.

So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum
herbertnte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nmlich
von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach
Amrum zu kommen und zu helfen, da die Insel gegen die drohende
Welle des modernen Badelebens geschtzt wrde.

Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehrt und wute nicht, wo
es lag. Wir muten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da
lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im
Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Fhr,
und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den
letzten berrest des einst so blhenden Landes, das vor fast
dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen
worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem
groen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder
emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen
37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem
Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gste bis an die Stelle,
wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des
Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind
weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die
Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein
ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.

Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum
selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dnen und die dahinter
gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch
das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer
und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und
die Inschrift, die wir drben auf einem der Friedhfe der Insel Fhr
entdeckten, pat auch fr manchen, der an der Kirchmauer von Amrum
schlft:

    Mit gleichmiger Hand im wechselnden Laufe der Jahre
    Fhrte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer,
    Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar,
    Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie,
    Bis zu dem Greise, dem mden, der Tod als Freund ist gekommen,
    Fhrt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.

Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten.
Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemchtigen. So
sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der
Spekulation schtzte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden
sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm,
sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe
gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: Kinder,
telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.

Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach
Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der Freia die
Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Fhr, und zwei Tage
spter landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als
Festprediger fr das Missionsfest gekommen war, der aber infolge
einer Todesnachricht die Rckreise antreten mute, ohne seine
Predigt halten zu knnen. So ging Vater alsbald statt seiner auf die
Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in
krftige Verbindung mit der ganzen Inselbevlkerung zu kommen. Wie
jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der
Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der
Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es
ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt,
wie es sich am Missionsfest gehrt; drei liebliche Kinder waren da
und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glnzenden
schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon
die Vorboten eines frhen Todes zeigte, desto durchdringender
leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen fate
und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in
ernsten Gesprchen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von
Amrum.

Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer
umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern
wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf
das Wattenmeer und die Insel Fhr, deren drei hohe Kirchen wie aus
dem Wasser herauszuragen schienen.

Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der
Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem groen
alten Segel ein gerumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere
Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der grndlichen
Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzgen unser
Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu knnen, an
welchen Stellen sich am gnstigsten baden liee und welcher Teil der
Insel berhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht kme. Wir
badeten zunchst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen.
Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis ber die Knchel versanken,
zeigte sofort, da es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand
entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen.
Dann ging es ber Sddorf und den hochragenden Leuchtturm, den
stolzesten der ganzen deutschen Kste, an das Sdende der Insel. Auf
diesen Teil, so hie es, htten vor allem auswrtige Unternehmer ihr
Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und
der Wellenschlag so unbedeutend, da es Vater sofort klar war, da
kein Badegast, der krftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf
diesem Teil der Insel befriedigt sehen knnte und da alle
Unternehmungen, die sich hier festsetzen wrden, von vornherein mit
dem Bankerott wrden kmpfen mssen.

Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus
ging es durch die hohen Dnen geradeswegs auf den Strand zu. Aber
whrend frher die Wellen bis unmittelbar an den Dnenrand gesplt
hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine groe Sandbank
vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut bersplt wurde. Diese
Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu
durchqueren. Und wenn wir drauen auch einen vortrefflichen
Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, da wegen der groen
Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf
Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel brig.

Eine Stunde von Nebel entfernt stieen wir auf den Flecken Norddorf.
Es war, als wenn seine schilfgedeckten Huser sich noch tiefer als
die andern Huser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast
ngstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rcken des Dorfes
hinzog. Wohl blhten auch hier in den kleinen Grten schchterne
Blumen. Aber sie wagten sich nicht so khn hervor wie im
geschtzteren Nebel und im milderen Sddorf. Und die Stille und der
Ernst, die ja berhaupt bei den Leuten der Meereskste zu finden
sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Mae
Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits
des Ozeans eine neue Heimat suchen mssen, weil die alte Heimat
nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und
Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig
Drfer geben, wo dem Verhltnis nach so viele Witwen und Waisen zu
finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm
Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stie, die
in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saen, war ihm immer am
wohlsten.

Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwrts.
Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den
Sturmfluten berschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen,
Khen und Pferden und seinem saftigen Grn ein beraus lieblicher
Anblick. ber Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nrdlichen
Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Auenfort der Insel. Dahin
ging nun die Wanderung.

Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der
uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen
Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein
altes ehrwrdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Lhes
einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Lhes
Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille
von Amrum geflchtet hatte. Und whrend wir in dem engen Zelte
hockten, erfllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit
Begeisterung fr dieses schne und ernste Stckchen Erde. Hier hrt
man ordentlich die Stille, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und
tief aufatmend seine Augen ber den Strand und das einsam brausende
Meer schweifen lie.

Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein
Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Mwen schrien in
der Luft, und ein paar Schfchen weideten einsam am Fue der
Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dnen, die hier steiler
als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil
nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fu splt und ihre
Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren
freilich nicht so hoch und mchtig, wie man sie in Norderney findet
oder gar in Sylt, aber es waren doch krftige Wasserstrze, die
einem den Rcken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch
die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn.
Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte
er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen
Sand des Strandes, als wir klappernd vor Klte und Anstrengung
wieder in unsern Kleidern waren.

Schlielich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze grndlich
durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter
berechnet, ma Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im
Schutz der Dnen fr menschliche Niederlassungen eigneten.

An den folgenden Tagen berlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen.
Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche
eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz
und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von
einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine
Rcksicht auf die Bedrfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine
Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im
Norden der Insel ein Hospiz fr stille Badegste zu errichten, die
leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit
bten fr die Erhaltung der Vtersitte und des Vterglaubens auf
Amrum.

Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an
der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in
der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde
einmtig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht fr alle bebaubaren
Flchen im nrdlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war
der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in
die Heimat zurck.

Nun galt es, Freunde fr das junge Unternehmen zu gewinnen und das
unentbehrliche Kapital flssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen
und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem
Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus
die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter
persnlichen groen Opfern, das ntige Kapital vorstreckte. Freilich
ging ber den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen
Abmachungen zu genehmigen hatte, zunchst noch ein ganzes Jahr hin. Aber
als das Frhjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von
Amrum. Vater hatte durch schwedische Gste, die Bethel besuchten, von
der Bauart der schwedischen Holzhuser gehrt. Das hatte ihm
eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den
Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer
Backsteinbauten mglichst leicht bewegliche Huser zu errichten, die im
Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen
werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wnden drei fix
und fertig zugeschnittene Holzhuser, ein groes und zwei kleine, die in
wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweier Dachpappe gedeckt und mit
den notwendigsten Mbeln eingerichtet waren.

Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach
Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die
drei schlichten, anmutigen Huser, von denen das kleinste fr uns
bestimmt war.

Es begann ein ungemein glckliches Leben. Wir waren mit den
Insulanern und Hospizgsten wie eine groe Familie, die
zusammengehrte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb
der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht
ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehtten am Strand nur
auf das notdrftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline,
die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport
von Hamburg her frisch zu erhalten, -- aber Vaters Heiterkeit lie
keine Sorgen und Klagen aufkommen.

Der rmische Dichter Horaz sagt einmal: Es kommt darauf an, was zum
ersten Male in ein neues Gef gegossen wird, denn dessen Geruch
behlt es fr immer. So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und
Wesen strmte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel
schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben
Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berhrung kam,
bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch go er damals in die neuen Huser
auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.

Schon im nchsten Jahre zeigte es sich, da das erste Hospiz mit
seinen drei Husern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal
begonnen war, durchzufhren. Inzwischen waren nmlich auf der
Sdspitze der Insel mchtige Hotels entstanden. Eine umfassende
Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war
in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der
Sdspitze landeten, sahen sich enttuscht, und Vaters Voraussage
trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den
andern. Desto strker aber wurde nun das Gedrnge nach dem soviel
gnstigeren nrdlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gsten
gestrmt. Und um den Gsten zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab,
auch Speise und Trank darreichen zu knnen, blieb nichts anderes
brig, als an dem Dnenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein
zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar
das vierte und im Jahre 1911 das fnfte hinzukam.

An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten,
wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb
unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die
Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache
angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen
preisgeben. Er wute, da dann die ganze bisherige Arbeit verloren
und das schne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der
Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Tchter
Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tchtigen Hausfrauen
herangebildet werden. Was aber wrde sonst aus ihnen werden?

Schon allein dieser eine Gedanke gengte fr Vater, um die Treue,
die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten.
Und schlielich erlebte er es denn auch, da alle Bedenklichkeiten
berwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden.
Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender
Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Stnden und
Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und da es
meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des
unermdlichen Herrn Kehrer nicht nur die uere, sondern auch die
innere und innerste Arbeit taten, war fr Vater immer aufs neue eine
besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr
und mehr der alte Pastor von Wilucki. Vterchen Wilucki! wie oft
hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwrdigen Manne um den Hals
fiel, um ihm fr seine unermdliche Liebe zu danken, mit der er elf
Jahre hintereinander seine emeritierten Krfte vor den Hospizwagen
spannte.

Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes
Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum
konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften
schlieen. Und da ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue
Freundesherz schenkte, gehrte zu seinen besonderen Erquickungen.
Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der
Herausgeber des Baseler Volksboten, Theodor Sarasin, und seine
noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde
umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden.
Hier fand Vater zwei ihm in ungewhnlichem Mae gleichgeartete
Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fhlte.

Aus der Menge der Freunde und Gste ri sich Vater dann immer wieder
los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das
Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbnke zu segeln,
die weit drauen im Meere ihren schtzenden Grtel um Amrum legen.
Dann las er den Gsten, die mitfuhren, vor, oder er sa still fr
sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin.
Einmal, als eine Mistimmung unter den Hausmdchen des Hospizes
ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt
hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und
Eintracht wieder hergestellt.

Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergelich ist die erste
Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der
Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir
den Hotspur, einen starken Segelkutter des frheren australischen
Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage
vorher muten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu
sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus,
Schuhe und Strmpfe in den Hnden, an das einsame Eiland und suchten
uns durch die Dunkelheit an den grasenden Khen und Schafen vorbei
den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich
der Vorgnger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der
Sturmflut geflchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit
hinauf retten knnen, die andern Kinder trugen die Wellen davon in
den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine
Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen.
Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gesplt
worden.

Je fter Vater nach Amrum kam, desto wohler fhlte er sich in der
stillen Inselwelt, desto familienmiger schlossen sich die Bande
zwischen Insulanern und Hospizgsten. Mancher schne Familienabend
wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Mnner der Insel und in ihrer
eigenartigen Tracht die Frauen und Mdchen; und der Pastor und
Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte
Kantor Bandix Bonken, der drben von der kleinen Hallig Grde
stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch
der Hallig findet:

    Geboren eins.
    Gestorben keins.
    Kopulieret ein Paar,
    Welches des Ksters Tchterlein war.

Der Geboren eins aber war der sptere Kantor von Amrum.

Die Hospizgste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater
zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und
mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen
schnen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die
schnsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in
der Strandhalle, sei es an einer geschtzten Stelle in den Dnen, die
Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde
vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus
dem 2. Korintherbrief zu Grunde: Wir haben allenthalben Trbsal, aber
wir verzagen nicht. In der anschlieenden Besprechung kam die Rede
aufs Sterben, und Vater sagte: Das letzte Sterben ist das schwerste
nicht, aber den alten Adam tglich in den Tod geben, -- nichts ist
schwerer, aber auch nichts ist feiner. Auf das letzte Stndelein
aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn
es einmal da ist. Es ist mir wohl manchmal ein bichen bange, wenn
ich an die letzte Fahrt denke, aber -- mit dem Finger in die Hhe
zeigend -- mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt
berstanden, dann sind wir am lieben jngsten Tage alle zusammen vor
Gottes Thron und haben alle Vergebung der Snden. Dann wollen wir
danken und loben ohne Aufhren. Denn Dank und Lobgesang ist unser
Ziel, wie wir berhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.


Metz, Hunsrck und Ems.

Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den
Hunsrck reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Fen
der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein
Besitztum, die Asbacher Htte. Hier hatte die Wiege der groen
Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Htte selbst
war lngst auer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch.
Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu
wohlttigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prfen, in
welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden knne,
war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und
zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern
arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der
Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte
die Reise verschoben werden mssen; aber im nchsten Sommer, 1889,
wurde sie nachgeholt. Zunchst ging die Reise nach Metz.

Unvergelich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm
groe Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des
Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit bernahmen. Wir
haben da die edle, gtige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schlu der
Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der
Mutter kten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.

Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, fhrte Vater die
Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die
Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von
Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch
wirklich den Grabhgel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz
wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte
und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und
wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hrten die Granaten sausen, die
Kommandos tnen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden rcheln und
sahen die Stille der Nacht sich ber das blutige Schlachtfeld
senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rhmen des
eigenen Volkes, nichts von Feindesha, aber wir ahnten eine hhere
Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Vlker.

Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrck in der Asbacher Htte. Sie
erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunchst von
unserm Diakonissenhause Sarepta bernommen wurde und dann in den
Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach berging. Der
Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die
Flle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte,
war diesmal besonders gro. Die Feder von uns Kindern reichte nicht
aus. Auch die Mutter mute wie in alter Zeit wieder mithelfen. So
kamen beide Eltern mde in den Winter hinein und wurden von der
Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.

Seitdem litt Vater an einer Hinflligkeit der Stimme, die ihn
schlielich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr
abgespannten Krften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten
diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche,
die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen,
geistvollen Predigten des Ortspastors Vmel, eines Schlers Becks,
zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, da so viele
Badegste, denen der Weg durch das heie Flutal zu weit war, diese
Erquickung entbehren muten. Auf der andern Seite aber empfand er es
auch hier wieder als ein Unrecht, da die Badegste, die den
Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die
besten Pltze wegnahmen.

So entstand bei ihm und Pastor Vmel der Entschlu, am Badeort
selbst in unmittelbarer Nhe der Quelle und der Wohnungen der
Badegste eine Kirche zu errichten. In schnster Lage wurde ein
Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten
verursachte unendliche Mhe. Diesmal konnten nicht unbemittelte
Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und
verhltnismig auch reichlicher zu geben pflegen als die
bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgste zu
gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den
alten Kurlisten lie Vater die Adressen der ehemaligen Badegste
herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes
Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit fr die heilkrftigen
Emser Quellen ermuntert.

Auch an die Plne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt.
Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus
besuchte, hatten ihn in hohem Mae angezogen. Er zeichnete ihre
Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt
wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre
spter die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zhester Arbeit
hatten damit ihren Abschlu gefunden.


Tante Frieda.

Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer
Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin.
Nur unser jngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem
Vater teilte, hrte bisweilen nachts das stille Seufzen des
Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring
der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit
unserer Frsorge lstig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel
getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der
Gegnerschaft noch mit der Frsorge, die seine Person erfuhr, hielt
er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen
eigenen Weg.

Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde
vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie
und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda
war Vaters einzige noch berlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter
bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte
jngere Schwester, die Landrtin von Oven in Dillenburg, die ihr
sterbend ihre fnf unmndigen Shne hinterlie. Diesen fnf Kindern,
denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen
mute, hatte sie sich ganz gewidmet.

Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verstndnis
fr die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fnf Neffen sie geliebt,
und sie hat es mit demtigem Stolz erlebt, wie alle -- nur einer starb
frh -- in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Mnnern
ungewhnlicher Hingabe und Tchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem
andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg
eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.

Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat,
hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den
andern Tag setzten fr einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann
konnte sie nur in gekrmmter Haltung ihre husliche Arbeit
verrichten, zwischen den zusammengepreten Lippen von Zeit zu Zeit
einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene
Kuren gaben nur vorbergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang
dauerte das Leiden in fast ungeminderter Strke. Dann lie es
langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz.
So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid
gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zhe, starke Natur
war im Kampf mit dem Leiden nur noch zher und strker geworden,
aber zugleich wunderbar zart und mitfhlend.

Ihrem Bruder gegenber lie sie diese Zartheit freilich kaum merken.
Da war sie die um vier Jahre ltere Schwester. Sie war 71, als sie
zu uns kam, und Vater 67. Er blieb fr sie der jngere Bruder, an
dem sie bis zuletzt mit groartiger schwesterlicher Treue und
Offenherzigkeit ihr Recht als ltere Schwester geltend machte. Sie
hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere
Mutter. Nur fehlten ihr deren kstliche Unmittelbarkeit und
blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch
wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie
vulkanartig uerte. Und whrend Mutter meist den Kern der Sache sah
und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemt eher an Nebendingen
haften, an denen sie sich stie und um deren Abstellung sie sich
vergeblich bemhte.

So rgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und
Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin
er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch
die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu
stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise
Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte:
Was fr ein lieber Mensch, -- dann sagte sie: Ein grlicher
Peter. Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den
goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die
tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.

Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu,
soda er zunchst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten,
sondern ihr nahelegte, die Frsorge fr die alternden Schwestern im
benachbarten Feierabendhaus zu bernehmen und von da aus nur die
Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die
mtterliche Freundin der in heier Arbeit mde und alt gewordenen
Diakonissen. Ihnen gegenber trat die Herbigkeit, die sie ihrem
Bruder zeigte, zurck. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles
Verstndnis und ihre groe Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor
den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit
schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um
dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch sa, nur wieder
desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater lie solche Kritik ruhig
ber sich ergehen. Hchstens da er hier und da einmal das
Tischgesprch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen
nur sagte: Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte,
liebe Schwester.

Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, soda Vater die Furcht vor
seiner Schwester verga und sie sich einigten, da sie ganz zu uns
zog. Ihre Krfte hatten nachgelassen, whrend die Aufgaben im
Feierabendhaus zugenommen hatten. Ich baue dir bei uns ein
Sterbestbchen, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkmmerchen
wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante
Frieda ber mit den wenigen schnen, alten Mbeln, die sie noch fr
sich zurckbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre
Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und
ber ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nchsten und liebsten
Verwandten, alle auf dem Totenbett.

Sie hatte fr ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte
darum ganz fr die Lebenden da sein. In ihrem Sterbestbchen war
die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer vlligen
Offenheit fr alle natrlichen Dinge der Zeit und fr Menschen aller
Richtungen und Verhltnisse. Die Frmmsten und die Gottlosesten fhlten
sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie fr jeden das rechte Wort.
Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fhlte: So wie
die solltest und knntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da
einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand
bel, weil jeder sprte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst
fhlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war
als zu zart. belnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas
nachgetragen.

Fr Kinder behielt sie bis in ihr hchstes Alter eine ganz
unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie
war, durch keinerlei uerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend
umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: Tante Frieda, zeig' uns
mal deine Zhne! Dann berwand sie sich, holte schmunzelnd ihr
knstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin.
Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie fr die Reisen zu ihren
Neffen oder umgekehrt fr die Besuche, die ihre Neffen bei uns
machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld
bei einschlielich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem
Gepcktrger zu geben hatten. Blieb auerdem noch etwas brig, dann
gab es fr Groneffen und Gronichten von Zeit zu Zeit einen Weg in
die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.

Vater hatte bestimmt damit gerechnet, da er seine alte Schwester
berleben wrde; und manchmal kamen Zeiten so groer Schwche, da
wir ihr Abscheiden in nchster Nhe glaubten. Sie wollte aber allein
sterben und niemand dabei Mhe machen. Einige Male kam es vor, da
Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern
Morgen an der Tr ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzge hrte
oder ob wirklich alles still geworden wre. Sie lebte aber immer
wieder auf und berdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.

Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen
als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf
dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht
gefallen lassen: Ihr mt euch ja schmen, mit mir alten, hlichen
Person ber die Strae zu gehen. Dann willigte sie aber doch ein.
Auf dem Heimwege besuchte sie in Bckeburg die Witwe und die Kinder
ihres ltesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm
jngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd
hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu
Hupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.




Herbstfrchte.


Die theologische Woche.

          Es kann uns niemand eine grere Wohltat erweisen als die,
          da er uns die Heilige Schrift lieb und verstndlich macht.

                                                            F. v. B.

Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz.
Eines Sonntags, whrend wir in der Kirche saen, erschienen in der
Bank neben uns zu unserer groen berraschung fnf bekannte
Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus
Knigsberg, Feine aus Wien, Ltgert aus Halle und zu unserer groen
Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen,
unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in
Wernigerode gehabt, und jene fnf hatten sich am Schlu ihrer
Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie
beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen
nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb.
Mde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise
zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung
verbinden wollen. So bezog er fr acht Tage unmittelbar neben
unserer Waldwohnung ein Zimmer.

Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal
gesehen. Unser ltester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in
Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem
akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der
Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten
wurden und in der nun ein groer Teil der akademischen Welt
versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie
ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmhlich sich
selbst wiederfand und dann mit groer Zuversicht von den Aufgaben an
der Vlkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. Ich hoffe,
sagte er, auch noch in der jenseitigen Welt frhliche Arbeit zu
finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehrt haben.

Am andern Tage sa er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei
Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurckgezogen,
wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg schinden und nicht
wagen, einen gnstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner
Studentenzeit das erste Mal, da Vater wieder unmittelbar mit dem
wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in
Berhrung kam. So fleiig er bis zu seinem theologischen Examen
wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte spter die Flle anderer
Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum
eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen
ihn der Ernst und die Grndlichkeit, die er den beiden Mnnern
absprte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz
besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer nheren
Berhrung kam es damals nicht.

Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir
machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Frstin Clementine
Reu. Auf dem Rckwege im Wagen erzhlte Vater von unserm frheren
Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden
hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte Beikatze,
worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf ffentlichem Markte
eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter
warf ganz ahnungslos dazwischen: Ja, die alte Justiz war doch recht
grausam.

Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: Nein, unsere heutige Justiz
ist noch viel grausamer! Und nun entlud er sein Herz ber die
Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern gebt wurde. Statt
ihnen Arbeit zu geben, wrden sie arbeits- und mittellos zum Betteln
gezwungen; als Bettler wrden sie verhaftet, vor Gericht gestellt
und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefngnis bestraft; von
der ersten Gefngnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer
tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller
seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der
Beikatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine
vernnftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die
mittelalterliche an Hrte und Erbarmungslosigkeit weit bersteige,
abgestellt werden knne.

Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser
fr Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwnde
dazwischen, die zur weiteren Klrung beitragen, aber keineswegs
mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstrae
bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den khlen, sorgsam
abgewogenen Erwgungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz
von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den
Bruder von der Landstrae stie, kannte er keine Rcksicht mehr.
Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor, sagte er ein wenig
bitter. Und einmal htte nicht viel gefehlt, da er seinen Gegner
bei den Schultern gepackt htte, um zu versuchen, ihn durch einen
krperlichen Ruck in das gewnschte Geleise zu bringen.

Ohne da eine Verstndigung gefunden worden wre, stiegen wir in
dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war
die Stimmung noch gedrckt. Es grte und arbeitete unablssig in
Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es
Schlatter eigentlich angekommen war, da er ihn nicht hindern,
sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte
einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar
geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinber. Hier,
Professor, meinst du es so? -- Ja, antwortete Schlatter, so
meine ich es; so wird es gehen. So wurde Friede geschlossen und
damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft,
die fr Vater und fr viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden
wurde.

Fr die noch brigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden
fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken
wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter
anderem erwogen, wie die Kluft, die die Mnner der Praxis und die Mnner
der Wissenschaft trennte, berbrckt werden knne. Sie empfanden es
schmerzlich, da zwischen den Studenten, sobald sie die Universitt
verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede
persnliche Beziehung aufhre, und beklagten den Verlust, der dadurch
sowohl fr das kirchliche Leben als fr die wissenschaftliche Arbeit
entstnde. Beide Teile muten durch die mangelnde Verbindung fr ihre
Arbeit Einbue erleiden. Denn die wenigen Universittsjahre zu den Fen
der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde
wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Mnner der
praktischen kirchlichen Arbeit unablssig das Leben der Universitten
befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflchtige, die
ohne Verstndnis und ohne Bedeutung bleiben muten fr das wogende Leben
des Volkes und der Christenheit.

So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach
Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte,
fr das nchste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen.
Schlatter wnschte, da er nicht in einer Universittsstadt sein
sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein
klar zum Ausdruck gebracht, da die Besprechungen zwischen den
Mnnern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Kpfen
gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen
Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben.
Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.

So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die
groe Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem
Bedrfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die
Hauptvortrge bernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strmten
namentlich die alten Schler der beiden Professoren herbei, um
einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz
anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter
ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.

Die Vortrge selbst waren ffentlich. Es sollte jedermann sich
berzeugen knnen, da die theologische Arbeit keine Geheimniskrmerei
sei, sondern fr jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen
viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vortrgen teil, aus
der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die
Besprechungen aber, die den Vortrgen folgten, wurden im geschlossenen
Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von
ffentlichkeit und Vertraulichkeit bewhrte sich auch bei allen
spteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne
Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.

Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder
mit besonderer Bewegung begrte Professor Riggenbach von Basel,
Professor Khler aus Halle, Professor Schaeder, spter in Kiel und
Breslau, Professor Ltgert aus Halle, Professor Bornhuser aus
Marburg. Die Fhrung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das
darf wohl gesagt werden, neben Khler in Halle damals bedeutendsten
Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der
berzeugungen einander ergnzten.

Wie einer der Durstigsten sa Vater zu den Fen dieser
Wasserschpfer, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es
zu merken, da er seinerseits durch seine meist ganz kurzen
Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des
Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Tne immer
auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten
Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der
Zweifel schlft und das Bangen vor dem Unergrndlichen.

Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die bengstigende
Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinfhrt. Darum
blieb er barmherzig mit denen, die in hnlichen Kmpfen standen. Das
kam immer wieder whrend dieser theologischen Wochen zum Ausdruck.
Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vortrge
der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewiheit des
Glaubens fhren: die Demut der Bue und die selbstverleugnende
Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war fr
ihn das Haupthindernis des Glaubens. Das menschliche Herz ist so
hoffrtig, sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, da es
nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern
sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich
gestern hier predigen mute? Da sagte mir mein Herz: So, nun mut du
vor den groen, berhmten Professoren predigen; wie fngst du es nur
an, da du ihnen gefllst? So hoffrtig ist das Herz. Den
Hoffrtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren. Naturgem riefen
die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den
Husern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann
in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte
sich demtig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen
Gottes unbegreiflich erschien, und die Bue, die sich unter Gottes
Gericht beugt, lste ihm unbegreiflich scheinende Rtsel. Ich leide
auch zuweilen, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen
bange Frage, unter all dem Elend der Erde und kann es nicht
verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie wrde es sein, wenn
das Elend nicht da wre? Es wrde noch viel schrecklicher auf der
Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen
wrde. Das Menschenherz ist viel zu hoffrtig, als da es das Leiden
entbehren knnte.

Neben der Bue aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die
Erkenntnis Gottes schwingt. Wie kann nur, fragte ihn einer, all
dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott
zugelassen werden? Da sagte Vater nur: Man mu etwas zum Lieben
haben. Und als ein zur theologischen Woche gekommener
Gefngnispastor whrend der Besprechung darber klagte, wieviele
Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fnde, sagte Vater: Ich
habe noch nie einen Gottesleugner getroffen. Bebel! rief eine
Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster berzeugung
heraus: Und wenn Bebel hier wre, er wrde es nicht wagen, Gott zu
leugnen. Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und
berzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner
gefunden. In Debatten ber das Dasein Gottes hat er sich nie
eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in
gottentfremdeten Gemtern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie
sprten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller
Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese
andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten
Wortes: Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur. Gott wird nur
in dem Mae erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nchster
wird in dem Mae der Erkenntnis Gottes nher gefhrt, als er durch
uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.

Diese Liebe aber schpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten
Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche
und die Freundschaft mit den Wasserschpfern solch eine besondere
Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie fhrte
seine Studenten durch Bethel. Am Schlu machte er Vater einen
Besuch. Herr Pastor, sagte er, wieviel Gutes tun Sie den
Kranken, und wie gtig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie
zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit? Lieber
Professor, sagte er, ohne den alten Glauben knnte ich keinen
einzigen epileptischen Kranken pflegen -- und du auch nicht.


Freistatt.

Fnfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer
mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von
Bethel nach Eckardtsheim bergesiedelt waren, in frhlichen
Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einde war ein
Garten Gottes geworden. berall saftige Wiesen, prangende Grten,
wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem
durchrigolten Boden krftig gediehen. Aber so erfreulich diese
Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch
nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm
zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht mglich. Denn berall um
Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die
Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmiges
Rigolen und knstliche Dngung war der Wert der ganzen Umgegend um
ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Htte
Bethel doch kaufen wollen, so wre eine Rentabilitt unmglich
gewesen.

Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater
seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nrdlichen Kreise
Westfalens, Lbbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens.
Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf
eine neue Heimat geboten htte. Und doch wurde solch eine Kolonie
mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn whrend die Arbeitsmglichkeit
in Wilhelmsdorf immer beschrnkter wurde, nahm andererseits die Zahl
der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westflische Industrie hatte in
den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber
sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung
des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die
westflischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die
schwchsten und unzuverlssigsten Elemente auf die Landstrae. Dann
wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien
berflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu knnen.

Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel
vollgestopft gewesen. Hier mute also gesorgt werden. Es war auch
diesmal wieder kein Grndungsfieber, wie Fernstehende meinten,
sondern die zwingende Gewalt der Verhltnisse, die vorwrts trieb,
und das Erbarmen mit den Brdern von der Landstrae, die ohne
solches Erbarmen in Klte und Schnaps verdarben.

Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover,
der sich nach seinem Abschied mit all seinen Krften und Erfahrungen
zur Verfgung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats
Bansi Prses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb
von dland innerhalb der westflischen Grenzen keine Aussicht bot,
lenkte er im Frhjahr 1898 Vaters Augen auf das groe hannoversche
Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche
Ttigkeit ausgebt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus
drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt
Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.

Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um
Niederungsmoor, wie im westflischen Gebiet, sondern um Hochmoor
handelte es sich hier. In abflulosen, unermelich weiten Sandkesseln
hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht ber die
andere getrmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in
jedem neuen Frhjahr zur Geburtssttte der neuen Schicht geworden.
Whrend die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem
Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf
wurden, hob sich die Flche selbst mehr und mehr, bis sie als ein
riesiger lebendiger Schwamm ber den Rand des Sandbeckens hinauswuchs
und so als Hochmoor hher ragte als das umgebende Tiefland.

Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto
heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen
auf. Er stie seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis
zu stoen, bis an die Krcke hinunterglitt. Ha, sagte er, hier
habe ich Arbeit. Nach Westen und Osten und namentlich nach Sden
zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge
dehnte sich die Einde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und
des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind
aus dem Mrchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer
herberstrmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen
Befreier wartete.

Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden
sitzen, -- man findet noch heute in den Hnengrbern der Gegend
Urnen und Gerte, die sich mit den Funden der oberitalienischen
Ebene decken -- hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen.
Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut
hatte ihre Heidschnuckenherden genhrt, aber auf der andern Seite
waren die an das Moor stoenden cker immer wieder durch den
wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frhjahrswind die
Oberflche des Moores trocknete, fing das Moor, hnlich den Dnen
des Meeresstrandes, an zu wandern und berschttete die Grenzgebiete
mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hgeln
auftrmte und alles Leben unter sich begrub.

Durch die Regierung waren umfassende Plne ausgearbeitet worden, die
den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie wrden aber
Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor,
hnlich wie im Kstengebiet durch das Dnengras, so im Moorgebiet
durch schmale Kulissenwlder die Gewalt des Windes zu brechen und
durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen
aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Mae, als die
schmalen schtzenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie
Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstrende
Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.

Da aber aus dem bisherigen nur mhsam abgeschlagenen Gegner ein
starker Freund werden knnte, daran hatte freilich niemand gedacht.
Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging,
ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er berall
weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark fr den
Morgen. So wurden zunchst in dem tiefsten und aussichtsreichsten
Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Strke von sechs bis
sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und spter aus dem
angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen
hinzugefgt.

Fr Vater aber handelte es sich zunchst darum, die Mittel fr den
Neuerwerb aufzubringen. Unter der berschrift Wer schenkt uns einen
Morgen Hochmoor? lie er ein kleines Blatt drucken, worin er die
vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur
Grundsteinlegung der Kirche von Ems fhrte ihn fr drei Ruhetage auf
das Schlchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck.
Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift
eigenhndige Briefe an die Industriellen und Groindustriellen
Westfalens hinzuzufgen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: Helfen
Sie uns durch einen krftigen Ruck in den Sattel! Die Bitte war
nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend
ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.

In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von
einem Sandrcken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen
Zeit stammende Heerstrae luft. Hart neben dieser Strae, einem
freundlichen Kiefernwldchen gegenber, wurde im folgenden Frhjahr
die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und
die ersten Kolonisten zogen in Freistatt ein.

Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freisttten in
Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von
Blutrchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war
gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder
eigener Schuld Gehetzten sich retten drfen und eine Freistatt
finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und
niemand sollte zurckgestoen werden. Da ihr mir nur keinen
abweist! schrieb Vater einmal in der Zeit der grten berflutung,
und wir wuten, da der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem
Wort stand, das keine bertretung duldete!

Bei der Grndung der Arbeiterkolonien war zunchst der Grundsatz
durchgefhrt worden, da jeder fr lngere Zeit Arbeitslose
die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so
lange durchfhrbar, als ein festes Netz von Herbergen und
Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit
dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war
(vergl. den Abschnitt Wanderarbeitsstttengesetz), hatte dieser
Grundsatz nicht mehr befolgt werden knnen. Und so wurde gerade
Freistatt die Zufluchtssttte von Arbeitslosen aus allen Teilen des
Vaterlandes.

Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mute nach Freistatt
kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die
noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben
im Zuchthaus und Gefngnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit
und Bergung. Auch manche Shne gebildeter Stnde, die drauen im Leben
versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft ber sich
selbst ben zu knnen, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden
sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils
Frsorgezglinge, die von den Provinzen berwiesen wurden, teils solche,
die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele
verderbenden Lsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu
werden.

Wo die Schar derer, die nach Freistatt flchteten und geflchtet
wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, da
man sie in verschiedene Huser und verschiedene Arbeitspltze
gruppieren mute. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden
durch die gemeinsame groe, lockende Aufgabe, das bis dahin
unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es
war hnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden
ausgestoenes Land und ausgestoene Menschen miteinander verbunden
und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.

Zunchst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer
durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der
sichere Sttzpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der
Kolonie den Angriff auf das Moor erffnen konnten. Zweiggrben
wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Flche geebnet. Mit
Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe
unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und
Pflgen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die
Sure entzogen, durch Kunstdnger neue Nhrkraft zugefhrt -- und
dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der
Erde anvertraut.

Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevlkerung, von der
Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies
schwarze, modrige Land im nchsten Frhjahr anfing zu sprieen, zu
grnen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu
Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die
Weiden, von deren krftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne
Gefahr, im Moor zu versinken.

Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon
bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Mae zu
erhhen. Whrend der eine Teil des Moores zunchst fr die Kulturen
aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende
Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jngeren Kolonisten
Sommer und Winter ber abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen
Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne
Stcke und breiteten sie zum Trocknen auf der Flche aus. Der
darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen,
die auf Schienen lngs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu
langen Stangen gepret, zerteilt und auf Brettern in der Sonne
getrocknet.

Zu haushohen Mieten trmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden
entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit
Birken und Eichen bestandenen Napoleonstrae errichtet worden war,
zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und
Niederlassungen innerhalb und auerhalb der Kolonie als
Brennmaterial zugefhrt.

Um aber die weiten Heideflchen des Moores, die zunchst noch brach
liegen bleiben muten, krftiger ausnutzen zu knnen, wurde den
Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter
Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die
Moorsure vor dem Verfaulen geschtzt war, entstand ein groer Stall
und daneben auf einem knstlich aufgeworfenen Sandhgel, der
allmhlich durch den eigenen Druck bis auf die Oberflche des Moors
hinuntersank, ein gerumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten
Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schnsten. Hier ber dem ganz
freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frhesten auf und am
sptesten unter. Von hier aus konnte man am ungestrtesten das
Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust
fllen mit der reinsten, krftigsten Luft, die der Moorwind
herbertrug.

Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmhlich ber
eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel
und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengeflltem
Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet.
Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen
Husern herbeistrmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingefhrt, in
welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.

Natrlich konnte diese groe neue Aufgabe nur unternommen werden mit
Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mhe, Last und
Enttuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins
Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt
von Lepel kennen gelernt, der nun mit groer Willenskraft und
Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvtern,
Hausmttern, Brdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm
wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der
Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.

So sehr Vater als alten Landwirt die Erschlieung des Moors zu
Kulturzwecken beschftigte, so behielt er doch fest im Auge, da
nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die
Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet.
Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im
Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.

Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast
ausschlielich aus den Grostdten und dem Industriegebiet. Viele
von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und
manche waren nur deshalb vor dem Gefngnis bewahrt worden, weil man
nicht wute, wo die Grenze lag zwischen bewuter Bosheit und
ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die hchsten Anforderungen
an die Hauseltern und Brder. Hier galt es nicht nur, mit fester
Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und
mitleidender Freund.

Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brder in
Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezgelte
Pferde waren, bei deren Bndigung erst das rechte Ineinander
gefunden werden mute von unbeugsamer Festigkeit und mtterlicher
Zartheit. Denn:

    Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:
    So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.
    Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,
    So zwingst du schlielich den frechsten Dachs.

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen wrde.

Einmal erschien ein krftiger Angriff in der sozialdemokratischen
Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an
den Zglingen. Es sollten schwere bergriffe der Pfleger vorgekommen
sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn,
am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in
Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle
die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit
prften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstndiger
Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den
Sachverhalt, fuhren zusammen zurck, und am andern Tage gab der
Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen
Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von
Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen
und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt.
Heute kann Freistatt alle fen der Muttergemeinde in Bethel, soweit
es sich nicht um die Zentralheizungen der groen Krankenhuser
handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen.
Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre
Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen
umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedrfnisse aus den
Weiden, Feldern und Stllen von Freistatt.


Die theologische Schule.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten
ber das Apostolikum gesprochen. Die uerungen waren wider den
Willen Harnacks in die ffentlichkeit gedrungen, und darber war ein
heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften
hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkmpfe
ber Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch
jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte
er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hren, da nach
seiner berzeugung die Verkndigung des Evangeliums selten so
ungehindert im Vaterlande habe geschehen knnen als jetzt. Er war im
Jahre 1892 whrend eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr
herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium
getreten, dem damaligen nahezu allmchtigen Diktator bei allen
Fragen, die die Besetzung der Lehrsthle aller Fakultten betrafen.
Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne
Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich
bewhrten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der
Universitten zuzufhren.

Aber die ausschlieliche Beschrnkung auf die staatlichen
Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glck der Kirche an. Die
evangelische Kirche, sagte er, hat sich viel zu lange gewhnt, sich
auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darber ist sie
eingeschlafen. Er fr seine Person hatte die tiefsten
wissenschaftlichen und persnlichen Anregungen von Mnnern empfangen,
die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultten
hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Krperschaften. So
sah er in dem Dienst dieser freien Krperschaften, wie sie sich in der
Arbeit der Inneren und ueren Mission durch ein Jahrhundert bewhrt
hatten, eine wesentliche Ergnzung der kirchlich organisierten Arbeit
und der theologischen Fakultten. Warum sollte die Christenheit, wenn
sie freie Anstalten der Inneren und ueren Mission schuf, nicht auch
berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultt zu
schaffen, und zwar nicht in einer der verfhrungsreichen Grostdte,
sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden
christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen
kleinen Fakultt die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese
Gedanken legte er unter dem Titel Eine freie theologische Fakultt
in einem Aufsatz dar, der zunchst in der kleinen konservativen Zeitung
Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.

Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungen die
Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die
Gegenstimmen.

Es war das einzige Mal, da Vater, statt zu handeln, zunchst nur
einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. berall
stie er auf Bedenklichkeit und ngstlichkeit. Namentlich hatten
sich an dem Wort Fakultt viele seiner akademischen Freunde
gestoen. Er mute den Gedanken zurckstellen. Immerhin war sein Ruf
nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des
kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der
die Grndung eines Studienhauses an der Universitt Bonn in die Hand
nahm und auch rasch zur Durchfhrung brachte. Schon im Sommer 1896
stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jngster Bruder war
unter den ersten Studenten, die darin fr ihre Studien willkommene
Heimat und Anleitung fanden.

Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht.
Nun traf er im Jahre 1903 whrend einer Erholungszeit in Amrum mit
dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten
Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am
Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer
hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beitrge, die er zu den
gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegste lieferte,
taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem
bescheidenen, stillen Mann hin.

Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken.
Brderchen, was hast du? fragte er ihn. Und nun entlockte er
Speckmann die Sorge um seinen jngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als
Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte
Theologie studieren. Aber Speckmann wute nicht, zu welcher
Universitt er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden
Vertrauen zu einer groen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an
den verschiedenen Universitten drckte ihn der Gedanke an die
Unruhe und Verfhrung so vieler Universittsstdte und die Sorge,
seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer
von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.

Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es
zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte
Gedanke einer freien theologischen Schule aufs neue auf. Diesmal
vermied Vater die ffentlichkeit und sammelte in der Stille einen
ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und
mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht
besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor
Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld.
Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten
Lehrkrften der Schule um, besuchte persnlich Pastor Jger in
Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und lie
sich von diesem und von dem Sohn des Professors Khler in Halle das
Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.

Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904
trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. Ich frage euch
nicht mehr, sagte er, ob das Kind leben soll; es lebt schon, und
ihr sollt es blo aus der Taufe heben.

Gleichzeitig warf er in einer ausfhrlichen Schrift den Gedanken neu in
die ffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des
Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das
Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied
des Abgeordnetenhauses war, erwartet, da er im Landtag gegen die
Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten
ausschlo, Stellung nhme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift
Wie kmpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?[1] rechtfertigte
er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer
andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. Wir
haben die Gegner nicht gerufen, schrieb er darin, aber indem sie
heranrcken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns
ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rsten. Hier
gilt es nicht bermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern
Bue, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, da wir unsere Gegner
schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir mssen selbst besser
werden.

  [1] Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel
      erschienen.

Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der
Schrift eingehend auseinander, wo er die Grnde fr die Aufrichtung
der theologischen Schule errtert und folgendes sagt:

Gefhrlicher, grundstrzender, bis in das tiefste Mark hinein
vergiftender als die weiter geffnete Tr fr die Vter der
Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not,
die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen grozieht. Unaufhaltsam
ergiet sich eine Flut glaubensloser und oft piettloser Kritik von
den theologischen Lehrsthlen unserer deutschen Hochschulen ber
unsere arme theologische Jugend und rttelt an der Grundlage unseres
Glaubens, nmlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen
ziehen frhlich im Glauben auf die Universitt und kommen mit
zerbrochenem Glauben zurck. Es schreien viele Vater- und
Muttertrnen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen
Lehrsthlen. Ich wrde doch viel lieber Steine klopfen als solche
Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um
Glauben kmpfende, um Gewiheit ringende, wissenschaftlich fleiige
und grndliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit
eindringende Mnner der Schule kann ich gut leiden; aber nicht
solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffrtigen Fndlein als
sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schlern darbieten. Diese
Mnner stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.

Selbstverstndlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles
unsicher, was den Trost eines armen Snders im Leben und Sterben
ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg ber die Snde und Fortschritt in
der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht
nur in immer nebelhaftere Umrisse gehllt, sondern verschwindet
endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein fr uns gestorbener,
fr uns auferstandener, fr uns zur Rechten des Vaters thronender
Knig und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch fr
die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern
ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.

Der selige Martin Boos, Goners Freund, der bekanntlich bis in
seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb,
schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: Es rgert mich
vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, da sie dem
Evangelium so feindlich ist. So mchte ich vielmehr von der
evangelischen Kirche sagen: Es rgert mich vieles an meiner
Mutter, am allermeisten aber, da sie solche Feinde des Evangeliums
auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.

Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen
die Jesuiten in die Waffen rufen mchte, mchte ich ihn gegen diese
Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Sthlen
stoen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte:
Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Phariser, sondern
er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat
sie berwunden, indem er fr sie blutete, betete und starb.
Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch
polizeiliche Maregeln berwunden. Ich wei es wohl, da es kein
normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Mnner auf die
theologischen Lehrsthle setzt und sie unsern jungen Theologen zu
ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine
staatliche Prfungskommission prfen und durchfallen lt (ich habe
dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun
von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtrnkt sind und
sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat
da machen? Was knnen wir von ihm verlangen?

Wenn schon die staatliche theologische Prfungskommission von ihren
Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres
treuen Fleies und ihrer wissenschaftlichen Tchtigkeit, so kann der
Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen
rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtglubigkeit anstellen. Dann
wrde man in beiden Fllen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem
Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heie Kmpfe nicht zum Sieg.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich
wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitten
durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere
Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlgt und sie aus dem
Schlafe aufrttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.

Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam,
hnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke,
Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtglubigkeit
gegenbertrat. Ihre Fhrer und Glieder sind wenigstens der berwiegenden
Mehrheit nach das Salz unserer Gemeinden. Sie begngen sich nicht
damit, uerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfllen und einen
ehrbaren Wandel zu fhren, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen
der Heiligen Schrift, dringen auf grndliche Umkehr, wollen schriftgem
nicht nur einen Jesus fr uns, sondern auch einen Jesus in uns haben,
wissen, da ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine
Kopfhnger, sondern frhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in
Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Strae ziehen in den Futapfen des
Anfngers und Vollenders unseres Glaubens und keine grere Freude
kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres
Herzens Freude ist. Heilig, selig ist die Freundschaft und
Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben, -- so singen sie
auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich ber eine solche
Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Mnner in gesunden
Bahnen einhergeht!

Aber freilich lt sich nicht leugnen, da diese Bewegung in ihren
Auslufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja
nun ganz besonders, -- das mu man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen --
die gegen die Angriffe der Mnner der Wissenschaft fr unsere liebe
Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter
denen zweifellos treffliche, geisterfllte Mnner sich befinden,
denen an volkstmlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte
Pastoren nicht das Wasser reichen knnen. Solche Laienpredigt nach
dem Vorbild der beiden Tischdiener Stephanus und Philippus ist
sicher kstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlgt
vielfach ber die Strnge; sie fngt an, gegen jede Wissenschaft zu
eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von
der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische
Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind.
Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger
Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht
zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die
edelsten Fhrer dieser Bewegung nachffen und, ohne sich jemals
selbst bekehrt zu haben, als hchstens zu ihrem eigenen Ich, auf
Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser
wunderbarsten und kstlichsten aller Gottesgaben, die je durch
menschliche Werkzeuge zustande gekommen ist und die zu freier
Gotteskindschaft fhren soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur
Menschenknechtschaft fhrt, und werfen einfltigen Leuten Lasten auf
den Hals, die sie selber nicht tragen mgen. Wenn sie, mit vollem
Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als
Mrtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen
Baalspfaffen, lehren ihre Zuhrer auch jeden Christen, der sich
nicht zu ihrer Gemeinschaft hlt und in ihre Schlagworte nicht
einstimmt, fr einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten
und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der
edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und
die Nachfolge des Verklgers der Brder. Das ist eine schmerzliche
Tatsache.

So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die
piettlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre
unverstndigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.

Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein
Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den
Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den
letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, da sie
sich redlich bemht haben, nicht nur grndlich gelehrte, sondern
auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu
verschaffen. Und es wre Snde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen
dankbar sein sollten fr das, was seine Gte in den letzten fnfzig
Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfllten
Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur
Mnner wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck,
Mller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Khler, Cremer, Schlatter, zu
deren Fen ich mit meinen drei Shnen, teils als Student, teils als
Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser fr
meine Seele habe trinken drfen. Eine solche Bltezeit hat die
evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder
gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preuische
Hochschule auch jetzt noch Mnner, die unsere Jugend nicht nur zum
freien Jungbrunnen der demtigen theologischen Wissenschaft, sondern
auch zu dem freien offenen Born wider alle Snde und Unreinigkeit
fhren, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast
zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten
achtzehn Jahren hier in unserer groen Kolonie von Elenden aller
Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schrze der dienenden
Liebe sich umgebunden haben und von denen ber zwanzig zu den
schwarzen Brdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom
gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug
freuen, wie viele von ihnen nicht blo ein grndliches Wissen,
sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe ttig war,
von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.

Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen
des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an
Mnnern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das
Alte Testament) den Umstrzlern die Spitze bieten und ihnen
grndlich heimleuchten knnen. Aber solche Zeugen kann weder ein
Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode
noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten
gerne einen greren Einflu, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht
und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrsthle
erkmpfen mchte.

Fromme Lehrer der Kirche, so pflegte mein seliger Freund =D.=
Kgel zu sagen, sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie knnen nicht
von Menschen gefordert, sondern mssen von oben erbeten werden. Und
dies wre vor allem eine kstliche Arbeit unserer glubigen
Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den
theologischen Lehrsthlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit
sagen knnen: Sie sind vom Herrn erbeten, dann werden sie auch vor
falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstschtigen
Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche
bleiben und immer mehr werden.

Auf unserem schnen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, der
Freund des Ravensberger Volkes, den wir gern und mit Recht den
Begrnder unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt
nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch
nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er knne die Sache nun besser
machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine
Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue
Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhrt.

Auch unsere arme Gemeinde fallschtiger Kranker auf dem Zionsberge
zu Bethel mchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und
Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?

Zunchst in der Weise ihres lieben Begrnders auf dem Friedhof zu
Bethel, da sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums
fr Kirche, Schule und Haus bittet, gesttzt auf das Wort: Das
Verlangen der Elenden hrest du, Herr; ihr Herz ist gewi, da dein
Ohr darauf merket. Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet
auch eine Tat hinzufgen. Sie mchte es sehr gern.

Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultten zunchst
eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, spter mehrere)
freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die
Landeskirche und gegen die bestehenden Universitten, sondern
lediglich fr beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rstkammer
gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des gttlichen Wortes so
sthlt, da sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen
Universitten beziehen und da, will's Gott, aus ihnen tchtige
Lehrer und Seelsorger fr die Landeskirche erwachsen mchten. Es
wrde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden
Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt
mit Recht scheuen, ihre Shne sofort den groen Universitten
anzuvertrauen, wrden sie gern hierher senden.

Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife
Tretmhle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier
geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger
Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu
den Fen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Sthlen sitzen,
sondern mit denen sie tglich freien, zutraulichen Umgang pflegen
und denen sie alle ihre Not klagen knnen. Dieser Pflanzschule mte
man eine auch uerlich liebliche und geistlich gesunde Sttte
bereiten, in der die kstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung
ausgestreut werden kann, da sie nicht sofort wieder von wilden
Suen zerwhlt wird.

Es ist ja leider so, da fast alle Universittsstdte Deutschlands
keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grnt
und blht, sondern fast berall ist das Gegenteil der Fall, viel
wstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser
Richtung hin unsern jungen Anfngern auf der theologischen Laufbahn
keine Frderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.

Ohne uns vorzudrngen, mchte ich heute wohl glauben, da diese
Pflanzschule in der Nhe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom
Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch gnstigere Sttte
finden knnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schnheit
ist hier viel grer. Die jungen Studenten wrden nicht nur in kleinen
Konvikten, sondern auch in vielen Privathusern in den Familien unserer
Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grnt
und blht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner
eigentmlichen Gestalt. Sie sehen hier tchtige junge Theologen mit
glnzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schrze der
dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne,
der seinen Jngern die Fe gewaschen hat, fr sichtbare Frchte trgt.
Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerstet,
ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr
unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.

Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in
unserer Kolonie nieder und sind gewi bereit, ihre Erfahrungen und
ihre Krfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die
ntigen Mittel zum Bau fr die bescheidenen Hrsle und Wohnungen
der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es
kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses
Samenkrnlein an dieser Sttte wohl getrosten Glaubens ausgestreut
werden knnte und da der Herr der Kirche ihm den Frhregen und
Sptregen nicht versagen und vor allem die rechten Mnner schenken
werde.

Groe Dinge, die der Welt in die Augen fallen, haben wir nicht im
Sinn, sondern kleine und namentlich einen ganz kleinen Anfang.

An eine sofortige offizielle Anerkennung oder gar Untersttzung des
Staates denke ich auch nicht. Bewhren wir uns, wird man uns auch
nicht versagen, was man den katholischen Seminaren gewhrt (nmlich
die Anrechnung der auf solcher Schule zugebrachten Studienzeit).

Ich will diesen Gedanken also noch einmal in Gottes Namen
hinausgehen lassen und gebe es dem Herrn der Kirche anheim, ob er
ihm willige Herzen zuwenden und auch die Herzen der Leiter und
Regierer unserer Kirche fr uns gewinnen mchte.

Vor acht Jahren hat derselbe Gedanke die kleine Frucht getragen:
unser Studentenkonvikt zu Bonn, dem ich auch ferner frhliches
Gedeihen wnsche, das aber fr die Gre und Wichtigkeit der Sache
nicht allein ausreicht. Ich mchte, da sich gerade um die
theologische freie Pflanzschule auch die jetzt noch weit auseinander
gehenden Wnsche und Seufzer aller altglubigen Richtungen unserer
Kirche, namentlich auch der Gemeinschaftsleute, in einheitlichem,
frhlichem Wirken zusammenschlieen, um in der Hauptsache einig die
Mauern Jerusalems zu bauen und ihre Risse zu heilen.

Dem groen Haupt seiner Kirche auf Erden und im Himmel, unserm Herrn und
Heiland, sei vor allen Dingen diese Sache an sein hohepriesterliches
Herz gelegt. Gibt er sein Ja und Amen dazu, dann ist das Gelingen
sicher.

Im Herbst 1905 zogen die ersten Studenten in die junge theologische
Schule ein. Zwlf Jnger hatte der Herr; mehr als zwlf mchte ich
nicht gern haben, sagte Vater. Aber vier Wochen vor der Erffnung
hatte sich nur ein einziger gemeldet. Ich fange auch mit dem einen
an, sagte Jger. Da fiel ihm Vater um den Hals und sagte: Dafr
kriegst du einen Ku. Aber zum Erffnungstage waren elf junge
Studenten zur Stelle.

Vater selbst trat mit in den Unterricht ein. Whrend Pastor Jger
die systematischen Fcher nahm (Glaubenslehre, Sittenlehre usw.),
Khler das Neue Testament und der bald hinzutretende Pastor
Oestreicher das Alte Testament, gab Vater jede Woche eine
Abendstunde praktischen Inhalts, besonders ber Innere und uere
Mission.

Viele hundert Studenten sind seitdem durch die theologische Schule
gegangen. Neue Dozenten sind hinzugekommen, bezw. nach lngerer oder
krzerer Arbeit an der theologischen Schule in andere Arbeitsgebiete
eingetreten: =D.= Warneck, =P.= Johanssen, Superintendent Simon,
=D.= Schrenk, =D.= Michaelis, =P.= Schlatter. Die bayrische Kirche
war die erste, die von Fall zu Fall Semestern, die auf der
theologischen Schule verbracht waren, Gltigkeit gab. Die badische
Kirche rechnet sie grundstzlich an.


Gastein.

Im Frhjahr 1899 fhlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens.
Die sonstige Frische lie nach, und ein unerklrlicher Durst, der
mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu
qulen. Von den fr alte Leute so wohlttigen Bdern des Wildbades
Gastein hoffte er Strkung. So nahm er fr den letzten Kurmonat die
Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.

Von frsorgenden Freunden war uns in der Helenenburg das Quartier
bereitet worden. Sie lag an der einsamen Strae, die hoch ber dem
Orte am Abhang des Graukogls entlang fhrt. Frher hatte sie der
Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtssttte gedient. Von einer Burg
war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein
einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner
Badegsten seine Tr ffnete. Wie denn ja die unglckliche Kaiserin
die einsamsten Huser fr ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das
Getse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprngen in die Tiefe
strzt, drang aus der Ferne herber. Aus dem weiten, lieblichen Tal
unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das
Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die
Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen
Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel
vertrieb.

Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten
Schwarzen Liesl. Das war ein kleines Gasthaus nordwrts von der
Helenenburg, wohl hundert Meter ber den stolzen Hotels gelegen, die
sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schchternes
Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls,
um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu
sehen, die Gott ber diesen besonders schnen Fleck seiner Erde
ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der
katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur
Schwarzen Liesl heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die
an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die
Betglocke aus dem Tale herauftnte und die ganze frhliche
Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und
sich an den Heimweg erinnern zu lassen.

Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle
Ursache gehabt htte, hoffrtig zu sein. Denn vornehmerer Gste
konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rhmen.
Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen
seine groen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die
Stille der Gebirgswelt und die Nhe ihres kniglichen Herrn zu
genieen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen
zur Schwarzen Liesl. Dann hatte die schwarze Liesl -- so hie die
Frau des Wirts -- aufgetischt, was Kche und Keller bot. Wenn aber
der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die
Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schnsten Tassen und Glser, die
ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gsten den
erfrischenden Trunk zu reichen.

Aber das alles lag nun weit zurck. Nur eine Magd, die unter der
schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Huschen
des Tals. Sie wute unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu
erzhlen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der
Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze
Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers fr zwlf
Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser
und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste
aufgenommen worden sei.

Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprnglichen Zeichens ein
Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein
Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel
gehngt hatte. Whrend seine Frau uns nach Krften mit ihrer
Kochkunst versorgte, sa ihr Mann mittags und namentlich abends
unter seinen Gsten und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen
lauschte, dem entging nicht der wehmtige Ton, der durch alle Lieder
hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte
bald, da eine verborgene Last ihn drckte. Aber er kam nicht mit
der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne da sich der arme
Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief
nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu
helfen, da er von seinen Glubigern gedrngt wrde. Vater war
inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes
hatte sich eingestellt, die erst in Wildungen und dann in Bethel
sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der
Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an
seinem Lager, und die wehmtigen, sehnsuchtsvollen Klnge der Zither
tnten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er
entschlo sich, seinen getreuen Sekretr Behrendt nach Gastein zu
schicken, um grndliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich
eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden knnte. Aber
schlielich zeigte es sich doch, da alles umsonst war.

Es wrde zu weit fhren, die folgenden fnf Jahre mhsamer
Verhandlungen nher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen
Handels war, da Vater gezwungen wurde, die Schwarze Liesl ganz zu
bernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur
Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten,
schlo sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen
Kaiser-Wilhelm-Stiftung den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in
der Schwarzen Liesl eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.

Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war
der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten rzte des Bades
erklrte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein
vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur
Verfgung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so
reichlich dargeboten, da man den alten Helden freie Reise und
freies Quartier gewhren konnte.

Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder
Wochen in der Schwarzen Liesl unter seinen Kriegskameraden
zugebracht. Ein ganzes Jahr lang, sagte einer der Veteranen beim
Abschiednehmen, habe ich zu erzhlen, so schn war es hier. Und das
dumme ist blo, da es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man
uns hier aufgenommen hat.

Whrend der Jahre des groen Krieges mute die Schwarze Liesl ihre
Tren schlieen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geffnet und,
soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern
des letzten Krieges gedient.


Als Abgeordneter.

Als Stcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte,
blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-Ravensberger Land zog
sich von ihm zurck. Es hatte etwas Erschtterndes, zu sehen, wie
Stcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den groen Dielen
des Landes und in den weiten Slen der Stdte gesprochen hatte,
jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen
Anhnger sammelte.

Einer der bedeutendsten Fhrer der Freunde Stckers im Ravensberger
Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er
war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung
unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt
und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als
entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen
Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen
kirchlichen Selbstndigkeit gegenber der eigenen Pfarrgemeinde
verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen bernahm,
trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein
geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner
epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner
stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und grter
seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der
Dienstmdchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der
Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, da Pastoren und Lehrer nicht im Verhltnis von
Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenberstehen, sondern als
die nchsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergnzen
sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann
in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfllung. An den
Brderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, spter
Freitagabends hielt, war Budde der regelmige Teilnehmer. Er konnte
es nie verstehen, wenn Brder ohne zwingenden Grund die Stunden
versumten. Und wenn sie auf den Knien hinrutschen mten, konnte
er wohl sagen, dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie
nie wieder zu hren. Vater leitete die Besprechung in diesen
Stunden, Budde hatte regelmig das Gebet. Dieses Gebet war die
Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche ber freute. Zu der
ueren Form, in der Budde es vorbrachte, lchelte Vater oft, soda
er whrend des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hnde barg und
auf das Pult legte, um niemand zu stren, wenn ihn ber
eigenartigen Ausdrcken Buddes das Lachen berkommen wollte. Aber
der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen
waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte
Budde bestndig die lebhafteste Fhlung mit allen Schichten der
Bevlkerung, soda es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmhlich
gelang, die durch den Austritt Stckers aus der konservativen Partei
zersprengten Anhnger zu organisieren und um ein kleines
Wochenblatt, den Ravensberger, zu sammeln. Vater selbst hielt sich
auch jetzt, seinen Grundstzen treu, von aller einseitigen
Parteinahme, sei es fr die Konservativen, sei es fr die
Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stcker -- das sprach Vater immer
wieder aus -- zu schade fr einen Parteifhrer. Er war berzeugt,
da er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer htte dienen
knnen, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten
htte. Er hatte auch Stcker die Themata genannt, um die sich nach
Vaters berzeugung Stckers ffentliche Ttigkeit drehen sollte.
(Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, da
Stcker nicht darauf einging. Er hat doch etwas vom Volkstribunen
an sich, sagte Vater gelegentlich und meinte damit, da Stcker
sich doch nicht unabhngig genug hielt gegenber dem Einflu der
Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit
Stcker eins wute, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem
Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im
Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in
ganzer Unabhngigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur
Rechten und zur Linken. Einen konservativen Fhrer des Landes, dessen
Schrift ber die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand,
schonte er in einer persnlichen Besprechung nicht. Und als auf der
andern Seite sein Freund Budde eine fr den Druck bestimmte Darstellung
des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters berzeugung den tatschlichen
Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues l ins Feuer
gegossen haben wrde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen
Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es fr kurze Zeit zu einer
gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater eines Nachts im Bett an
Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlate, soda der
betreffende Abschnitt der Druckschrift berklebt und in spteren
Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmhlich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in
Minden-Ravensberg so gefestigt, da sie in den Wahlkmpfen eine
wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich
Stcker anfangs zurckgedrngt sah, wieder eine Macht geworden, mit
der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte
mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen
Christlich-Sozialen und Konservativen gefhrt. Im Jahre 1903 sahen
sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, da sie von den
Konservativen eine Kandidatur Stckers fr das Abgeordnetenhaus
verlangten. Aber Stcker blieb das rote Tuch fr die Konservativen.
Sie lehnten Stcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen
Jahren bereits die zerstrendste Wirkung auf das Land ausgebt und
im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefrdert hatte,
drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, da fr die Kandidatur
eine Persnlichkeit gefunden wrde, die beiden Richtungen genehm
war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den
Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen
Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter
der Bedingung, da er niemals gezwungen wrde, irgend eine
Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das
wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die
Verstndigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte
ihnen den gemeinsamen Sieg.

Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun,
hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie
gegeben, auf der er sich whrend der fnf Jahre als Abgeordneter
bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Flle der
Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst fr einen Abgeordneten
selbstverstndliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit
zugestanden.

Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des
Friedens gewhlt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause
nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. Um Anschlu zu
bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch
seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner berzeugung nach am
nchsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht
aufgelegt und lie er sich nicht auflegen.

Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der
Kanalvorlage -- es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals --
am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag
darin, da er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die
Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder
in Bethel, ihr und den Minister du. Die Versammlung selbst aber
hob er ber alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes,
als eine groe Krperschaft, deren Verantwortung und Ttigkeit sich um
das Wohl des ganzen Volkskrpers immer wieder sammeln und einigen
mte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wnschte er, die Frsorge
fr den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde
Ansiedlungspolitik bettigen und sollten schmerzliche Versumnisse
nachgeholt werden.

Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man
hatte dergleichen noch nicht gehrt. Und die Zeitungen aller
Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der Ulk,
das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der frher Vater in der
Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte
folgendes Gedicht:

    An Seine Ehrwrden, den Herrn Pastor.

    Mein lieber Pastor Bodelschwingh,
    Das nenn' ich brav gesprochen!
    Wo sonst so seicht das Reden ging,
    Ward frisch der Bann gebrochen.
    Ich greife -- ja, verehrter Mann,
    Zuvrderst mu ich fragen:
    Red' ich mit trautem Du Sie an?
    Soll Sie zu dir ich sagen?

    Erlsend klang im Sitzungssaal
    Aus dem Debattendusel
    Die Forderung: _Fr_ den Kanal!
    Doch _gegen_ jeden Fusel!
    Die Volksvertreter hrten zu --
    Dir, oder sag' ich Ihnen?
    Und jedes Wort bestrktest du
    Mit Ihren treuen Mienen!

    Man solle den Kanal nur bau'n,
    Doch bauen ohne Schnpse,
    So hilft man noch in deutschen Gau'n
    Dem allerrmsten Plebse.
    Ehrwrden gaben Kluges kund,
    Du standst am rechten Orte,
    Und alles hing an Ihrem Mund
    Und lauschte deinem Worte!

    Den Schnaps fort -- ein fr allemal!
    Ein Spirituosenhasser
    Ist zweifellos fr den Kanal
    Wie berhaupt fr Wasser.
    Schnaps drckt uns alle unters Vieh:
    Herr Pfarr', mit dem Bekenntnis
    Da findest du, da finden Sie
    Gleich unser Einverstndnis.

    Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,
    Der bleibe nicht verborgen:
    Die Landwirtschaft soll nicht so schrei'n
    Und mehr frs Landvolk sorgen!
    So riefen Sie ihr ins Gesicht, --
    Dir bangt vor keiner Fehde.
    So mahnte niemand noch zur Pflicht
    Wie du mit Ihrer Rede.

    Bei diesem Wink verstummten sie,
    Die hochfeudalen Schreier,
    Bei diesem Mahnwort brummten sie:
    Hol' dich -- hol' Sie der Geier!
    Ehrwrden, das ist der Humor
    Im ganzen Redestreite:
    Du nahmst die eig'nen Freunde vor,
    Die Herrn auf Ihrer Seite!

    Seltsam klang Ihre Liturgie,
    Du brauchst dich nicht zu schmen!
    Man mute lachen ber Sie
    Und mu doch ernst dich nehmen.
    Ehrwrden sind ein Kauz, und doch:
    Man huldigt dir, dem Alten,
    Der so mit vierundsiebzig noch
    Kann Jungfernreden halten!

    (Sigmar Mehring.)

Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich
auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war
durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten
geworden. Die Hhe, auf der er sich bewegte, bersprang alle
Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und fr den Augenblick
alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache
willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde
befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch
die Autoritt der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich.
Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nchster Gelegenheit
seine politischen Freunde noch krftiger angreifen wrde.

Nur einige wenige Male, in nebenschlichen Fragen, nahm er noch das
Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal
auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel
angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales
gerade der Tafel gegenber. Sein Name war zunchst an dritter oder
vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit
vor seinen Namen ein anderer Name eingefgt wurde, soda er immer an
letzter Stelle blieb. Es war deutlich, da die Sitzungszeit lngst
verstrichen sein wrde, ehe er an die Reihe kme Schlielich sagte er
traurig, aber ohne Bitterkeit: Junge, la uns gehen! Sie wollen mich
nicht. Aber die Niederlage wurde doch weit berwogen durch den Sieg.
Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populrsten
Persnlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz
Berlin, ja, es mu wahrheitsgem wohl gesagt werden, des Vaterlandes
geworden. Muten sich die Parteien ihm auch verschlieen, soda das
Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen
sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohne Unterschied der
Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht blo das Parteiinteresse
und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den
Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit
den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den
Wandelgngen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten
Gesprchen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn
bewegten, persnlich herantragen und sie ihnen persnlich ins Gewissen
schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Frsorge fr
die Wanderarmen.

Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewuten
Demut seines Einflusses auf die Gemter bewut war, desto strker
wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm
ihm etwas bel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses
konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Sthle
besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rckte er in die
Sofaecke und sagte: Mein lieber Direktor, hier ist fr dich auch
noch ein Pltzchen.

Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch
angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers drauen vor der Tr
und sahen die Strae entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und
ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natrlich zustatten, da er
sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei
verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fhlte.
Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer
Besprechung zusammensaen und es drauen klopfte, rief nicht der
Geheimrat, sondern Vater: Herein!, ohne da der Geheimrat das als
einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben
unwillkrlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen
kindlichen berlegenheit.

Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretr
in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch
die, die er an seinem Teile zu sprechen wnschte.

Mehr als fnfzigmal whrend der fnfjhrigen Legislaturperiode
reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im
St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstrae hatte er sein stndiges
Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretren, erst
Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beiden Zimmer
eingerumt wurden, die unmittelbar ber dem Quartier des
Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Frsorge des alten Frulein
Kreysern und Rothkirchs bersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das
ganze Haus, und Vater fhlte sich hier inmitten der aus- und
einziehenden Gste und stndigen Bewohner beraus wohl. Mit vielen,
die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue
enge Beziehungen geknpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frhere
Kultusminister und damalige Oberprsident von Schlesien, General von
Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf
E. von Pckler, der Grnder der St. Michaels-Vereinigungen,
Amtsgerichtsrat Klle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller
Unterdrckten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater
eingehend beriet und untersttzte, und schlielich die eigenartigste
und bedeutsamste Erscheinung unter den Gsten des Hospizes, Baurat
Schmidt, der bekannte Heidampf-Schmidt, mit dem Vater spter noch
im Stckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng
verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, der modernen Lokomotiven,
der vor allem fr geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat.

Kstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter
den vielen fremden und oft vornehmen Gsten bewegte. So stellte sich
ihm ein alter Herr v. N. vor. Herr v. N.? sagte Vater. In Paris
suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel.
Sind Sie das vielleicht? Den Zylinder seines Freundes Rothkirch
borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich,
dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt
weiter aufwrts in der Wilhelmstrae lag. Da der Zylinder zu klein
war, trug ich ihn Vater nach ber die Strae hinber, und erst im
Augenblick, wo er das Palais betrat, zwngte er ihn sich auf. Der
Besuch fhrte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das
auch anhielt, nachdem der Prinz lngst in groe Einsamkeit und
Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute
Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein
Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschnen Garten
des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster
Krankheit die erste Erholungszeit erleben.

Als die Legislaturperiode abgelaufen war, stand Vater im 78. Jahr.
Der Zweck, zu dem er vor fnf Jahren die Kandidatur angenommen
hatte, war erreicht, indem die Beziehungen zwischen Konservativen
und Christlich-Sozialen in der Tat sich nach und nach weiter
gefestigt hatten. So lehnte er im Blick auf sein hohes Alter eine
neue Kandidatur ab.

Der wichtigste Ertrag seiner Zeit als Abgeordneter aber lag einmal
auf dem Gebiet der arbeitslosen versinkenden Massen Berlins und dann
in der gesetzlichen Regelung der Wanderarmenfrsorge des ganzen
Vaterlandes.


Das Wanderarbeitsstttengesetz.

Nach Erffnung von Wilhelmsdorf waren namentlich in Westfalen die
Verpflegungsstationen in Verbindung mit den Herbergen zur Heimat
rasch emporgeblht, soda das Betteln nahezu erstorben war, da alle
mittellosen Wanderer von der Bevlkerung den Verpflegungsstationen
und Herbergen zugewiesen wurden.

Aber die Begeisterung, unter der die ersten Verpflegungsstationen
entstanden waren, wurde allmhlich gedmpft. Es sprach sich bald
unter den Wanderern herum, wo die beste und wo die geringere
Verpflegung geleistet wurde. Dadurch wurden manche Stationen
berlastet. Wer sollte die Kosten decken? Die einzelne Gemeinde, in
der die Verpflegungsstation lag, konnte es nicht. So trat der Kreis
ein. Aber auch hier stellte es sich nun wieder heraus, da die
Kreise, die am besten sorgten, auch wieder am strksten belastet
waren. Auch zwischen den katholischen und evangelischen Gegenden
zeigten sich Unterschiede. Im ganzen wurde in den evangelischen
Gegenden krftiger gegen den Bettel vorgeschritten als in den
katholischen, wo das Almosengeben als solches in Gefahr stand, als
gutes Werk angesehen zu werden, ohne Rcksicht darauf, ob der
Almosenempfnger selbst wirklich untersttzt oder nicht vielmehr
durch das Almosen entehrt und auf dem erniedrigenden Wege des
Betteln bestrkt wrde.

Es ergab sich also von einem Jahre zum andern in zunehmendem Mae
eine ungleiche Verteilung der Lasten, die im Interesse der
Wanderarmen von Gemeinde, Kreis und Bewohnern des Landes zu tragen
waren. Wohl bestand ein Paragraph, der grundstzlich die Verteilung
der Lasten regelte. Es war der Paragraph 28 des Reichsgesetzes ber
den Untersttzungswohnsitz, dahin lautend, da jeder Mittellose, an
welchem Ort er auch mittellos wrde, von der Gemeinde, in der die
Hilfsbedrftigkeit eintrat, vorlufig untersttzt werden msse. Der
Paragraph 28 aber war in einer Zeit (1870) entstanden, wo es zu den
Ausnahmen gehrte, da ein Mensch auerhalb seiner Gemeinde
untersttzungsbedrftig wurde.

Inzwischen hatten sich alle Verhltnisse gendert. Viele hatten ihr
kleines Dorf verlassen, um in den Stdten und Industriegegenden
Arbeit zu suchen. Ebbte der Arbeitsmarkt ab, so wurden aber gerade
die zuletzt Zugewanderten auch zuerst wieder aus der Arbeit
entlassen. Nach kurzer Zeit waren die Ersparnisse verzehrt.
Mittellos standen sie da. Der Paragraph berechtigte sie, sich als
untersttzungsbedrftig zu melden. Aber keiner Polizeibehrde fiel
es ein, den Paragraphen anzuwenden. Es war ja auch ein Ding der
Unmglichkeit fr sie, die Untersttzungsbedrftigen so lange zu
verpflegen, bis die Heimatbehrde die Untersttzung bewilligt haben
wrde. Wieviel Schreiberei, wieviel Zeit wre dazu ntig gewesen!

Aber auch die Heimatbehrde lehnte die Anwendung des Paragraphen 28,
wenn irgend mglich, ab. Was htte auch aus irgend einer kleinen
Gemeinde auf dem Westerwald werden sollen, wenn sie jedes ihrer
Gemeindeglieder, das in der Ferne und im Dienst einer fremden
Industrie untersttzungsbedrftig geworden war, htte versorgen
sollen? Sie htte sich einfach daran arm gegeben.

An diesem Paragraphen 28 setzte nun Vaters Arbeit nachdrcklich ein.
Ihn galt es sinngem zu ergnzen und die Last, die er der einzelnen
Gemeinde zuschob, auf die breiteren Schultern des Reichs oder der
einzelnen Landes- und Provinzialregierungen abzuwlzen. Es durfte
nicht dem guten Willen der einzelnen Gemeinde und ihrer
verantwortlichen Organe, auch nicht den einzelnen Kreisen berlassen
bleiben, ob und wie sie fr die einzelnen Wanderarmen sorgen
wollten, sondern es mute ein festes Verpflegungsstationsnetz
geschaffen werden und zwar durch gesetzliche Regelungen, die ganze
Gebiete umfaten.

Auserlesene Krfte aus allen Stnden und Teilen des Vaterlandes
stellten sich Vater zur Lsung dieser schwierigen Aufgabe zur
Verfgung. Keiner von ihnen, auch Vater nicht, ahnte, was es kosten
wrde, im Dienste der untersten Klasse, im Interesse des fnften
Standes, der aus seinen Reihen keine Wortfhrer stellte, sondern
stumm und vielfach stumpf seine Strae zog, die gesetzgebenden
Krper zu einer barmherzigen Tat zusammenzuschlieen.

Vor allem war es der Graf Botho zu Eulenburg, der frhere preuische
Minister des Innern, der seine ganzen Kenntnisse und Erfahrungen in
den Dienst der Sache stellte und einen Gesetzentwurf ausarbeitete,
der zum Ziele zu fhren schien. Vater hingegen bernahm es, die
einzelnen magebenden Persnlichkeiten fr den Entwurf zu gewinnen.
Aber die Sache fand noch keine Mehrheit, und der Entwurf wurde vom
Abgeordnetenhause abgelehnt. Das war schon im Jahre 1895.

Eine Zeitlang wandte sich Vater dem Reichstage zu, dann, als es gelungen
war, in Westfalen eine vorbildliche Wanderarbeitsstttenordnung
durchzufhren, aufs neue dem preuischen Abgeordnetenhause.

Es ist unmglich, die Last von Enttuschungen, Demtigungen,
Mhsalen, schlaflosen Nchten, immer erneuten schriftlichen und
mndlichen Bitten auszudenken, die Vater im Dienste seiner Brder
von der Landstrae auf sich nahm. Unaufhrlich standen ihm diese
armen Menschen vor der Seele, die mittellos auf die Landstrae
geworfen, zum Betteln gezwungen, von der Polizei wegen Bettelns
aufgegriffen, in elendem Polizeigewahrsam untergebracht, von den
Richtern verurteilt und nun im Gefngnis in den Sumpf der
gewohnheitsmigen Bummler und Verbrecher hinuntergestoen wurden.

    Ihr fhrt ins Leben uns hinein,
    Ihr lat den Armen schuldig werden,
    Dann berlat ihr ihn der Pein;
    Denn alle Schuld rcht sich auf Erden.

Oft hatte Vater im Gedanken an die Gleichgltigkeit und
Herzlosigkeit der gesetzgebenden Krper mit tiefster Erbitterung zu
kmpfen. Als wir eines Abends in jener Zeit, wo er selbst noch nicht
Abgeordneter war, am Abgeordnetenhaus vorbeikamen, sagte er mit
unterdrckter Stimme: Ich mchte mir am liebsten jetzt einen Stein
suchen und den Herren im Abgeordnetenhause die Fenster einschmeien.
Dann htten sie doch die Genugtuung, einmal einen Schuldigen ins
Gefngnis zu stecken, statt da sie jetzt immer wieder arme
schuldlose Leute abfhren lassen.

Nach einer fruchtlosen Auseinandersetzung mit Miquel, der als
Finanzminister natrlich ein entscheidendes Wort zu sprechen hatte,
bekam er unterwegs in der Droschke vor innerer Erregung eine
Blutung, die ihn dem Tode nahe brachte.

Doch keine Niederlage, keine Abweisung, keine Gleichgltigkeit
stumpfte ihn ab. Solange er fr das Ganze keine Regelung erreichen
konnte, setzte er doch, wo er nur konnte, die Lsung der Frage im
einzelnen durch. Zunchst wurde, wie gesagt, in Westfalen ein
gromaschiges Netz, das den dringendsten Bedrfnissen gengte,
geschaffen. Fr diejenigen Wanderarmen, die sich ohne geordnete
Papiere obdachlos meldeten, wurden besondere Steinklopfbuden
errichtet, in denen sie die Steine fr die Chausseebauten zursteten
und sich so Kost, Schlafgeld und Wanderschein erwarben. Mit dem
kurzen Stahlhammer in den Hnden, stand Vater unter den
Steinklopfenden, um selbst auszuprobieren, ob auch eine ungebte
Hand die Arbeit leisten knne.

Den Schein ber die geleistete Arbeit lie er in seiner eigenen
Schreibstube ausstellen, um so jede Gelegenheit zu benutzen, mit den
Brdern von der Landstrae in persnliche Berhrung zu kommen und
ihre Verhltnisse genau kennen zu lernen.

Seine Wahl in den Landtag im Jahre 1903 bedeutete dann einen
wesentlichen Fortschritt in der Sache. Jetzt hatte er regelmig
Gelegenheit, die Angelegenheit zu betreiben und sie nach allen Seiten
hin sicher zu fundamentieren. Kurz vor seinem Tode war der Sieg
erfochten. Sein Freund Pappenheim, der Fhrer der Konservativen,
telegraphierte: Gesetzentwurf angenommen. Damit war das
Wanderarbeitsstttengesetz fr Preuen geschaffen, das jeder Provinz,
die von sich aus die Regelung der Wanderarmen in die Hand nahm, eine
Untersttzung aus dem preuischen Dotationsfonds zusicherte und so jeder
Provinzialregierung, die guten Willens war, die Mglichkeit gab, nach
dem Vorbilde von Westfalen und Wrttemberg eine feste Wanderordnung zu
schaffen und dem willkrlichen Bettel das Handwerk zu legen. Zwischen
den krzeren Strecken wurden die alten Wanderstraen festgehalten. Bei
greren Entfernungen aber sollten die Arbeitslosen durch die Bahn von
einer Wanderarbeitssttte und dem damit verbundenen Arbeitsnachweis zur
andern befrdert werden. Sie konnten sich dann an jedem neuen
Arbeitsplatze nach Arbeit umsehen oder von einer Wanderarbeitssttte zur
andern sei es die Hauptzentren der Arbeitsgelegenheit, sei es die in
Betracht kommende Arbeiterkolonie zu erreichen suchen.

Man sagt von den Westfalen, da sie die dicksten Schdel der Welt
htten und unter allen deutschen Stmmen die Trotzigsten wren. Ein
zher Trotz hatte dazu gehrt, um durch Jahrzehnte hindurch in
diesem Kampf nicht zu ermden. Aber Trotz allein htte es nicht
ausgerichtet. Es kam das zerbrochene Herz dazu, das sich jede
Demtigung gefallen lie und das mit magnetischer Gewalt die
gttlichen Krfte der Liebe an sich zog. Ein harter Schdel und ein
zerbrochenes Herz und selbstlose Liebe, die drei im Bunde tun noch
heute Wunder.


Hoffnungstal.

Es war an einem Winterabend im Jahre 1905. Vater hatte fr diesen
Abend mit dem Berliner Stadtrat Mnsterberg, der ihm seit vielen
Jahren durch gemeinsame Arbeit nahe stand, einen Besuch in dem
stdtischen Asyl fr Obdachlose verabredet. Da er leidend war, war
ich ihm nachgereist, um ein wenig fr ihn zu sorgen. So kam es, da
ich das Nachfolgende miterlebte.

Es war eine lange Fahrt aus dem Sdwesten der Stadt durch das
Zentrum hindurch in den fernen Norden. Je weiter wir kamen, desto
sprlicher fiel das Licht der Laternen auf die Schilder der Straen,
durch die wir fuhren. Endlich tauchte das Schild auf, das den Namen
Frbelstrae trug. Damit waren wir dicht vor dem Ende unserer
Fahrt angelangt. Die Gestalten, die wir berholten, hatten alle das
gleiche Ziel wie wir. Mit unsicheren Schritten, wie sie der Alkohol
seinen Opfern gibt, schlichen die meisten von ihnen durch den
Winternebel die dstere Strae entlang. Jetzt hielt unser Wagen vor
dem stattlichen Gebude, durch dessen Tr vor uns und hinter uns die
Gestalten des Elends schwankten. Als wir in den Aufnahmeraum traten,
stand gerade ein Haufen von siebzig bis achtzig jungen und alten
Mnnern bereit, um in einen der groen Schlafsle, deren das Asyl
etwa vierzig bis fnfzig enthlt, gefhrt zu werden. Es waren noch
manche frische Gesichter darunter, doch die meisten zeigten die
Spuren der ueren Not und des inneren Elends. Der ganze Raum war
erfllt von dem Dunst des Alkohols, der den Tag ber in Pfennigen
und Groschen an den Tren der Berliner Brger zusammengebettelt war.

Wie ein Krieger, der in eine Schar von Feinden eine Bresche schlagen
will, so sprang Vater zwischen den Haufen und rief: Wer von euch
will Arbeit haben? Ich habe Arbeit: Hand in die Hhe! -- Alle
blieben stumm, und keine Hand rhrte sich. Es war, als wenn alle von
dem ungewohnten Ruf berrascht wren und sich erst eine Weile
sammeln mten. Jetzt rief Vater zum zweitenmal: Hand in die Hhe!
Wer von euch will Arbeit haben? Da reckte sich schchtern die erste
Hand empor, dann die zweite, die dritte, bis fnf oder sechs Hnde
in der Luft schwankten. Sehen Sie, Herr Stadtrat, sehen Sie diese
Hnde! Es heit immer, im Asyl fr Obdachlose will keiner mehr
Arbeit haben. Hier sind aber noch Leute, die arbeiten wollen, und
wir mssen ihnen Arbeit geben.

Dann lie sich Vater mit den einzelnen ins Gesprch ein, fragte nach
Heimat, Stand und Alter und setzte der ganzen Schar, die anfing,
immer aufmerksamer zuzuhren, auseinander, da er daran gehen wolle,
fr alle, die wirklich noch einmal in die Arbeit und damit in ein
neues Leben zurck wollten, drauen vor den Toren der Stadt
Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Dann sagte er, zu der ganzen Schar
gewandt: Ich brauche aber dazu auch Geld! Wer von euch kann mir
Geld borgen? Wiederum blieb alles stumm. Wer von euch kann mir
Geld borgen? Aber keine Hand ging in die Hhe. Nun fragte Vater den
Nchststehenden: Knnen Sie mir kein Geld borgen? Der Mann
schttelte mit dem Kopfe. Wie alt sind Sie? -- Achtzehn Jahre.
Da schlug ihm Vater mit seinen flachen Hnden auf die beiden
Schultern, da es durch den ganzen Mann schtterte: Dann knntest
du mir 500 Mark borgen! Wo hast du sie gelassen? -- Keine Antwort,
aber auch kein Widersetzen. Der junge Mensch sprte nicht nur die
Glut des Zorns, sondern auch die Glut des Erbarmens, die hinter
dieser Frage und hinter diesen Schlgen loderte.

Immer aufmerksamer und immer nchterner hrte die ganze Schar zu,
whrend Vater die Reihen entlang fragte. Jetzt kam er an einen
alten Mann mit triefenden Augen und zerrissenen Kleidern. Es
stellte sich heraus, da er frher Kutscher beim alten Kaiser
Wilhelm gewesen war. Vater fragte ihn: Nun sagen Sie mal, wie ist
es denn so weit mit Ihnen gekommen? Da stie der Alte bitter
zwischen den Zhnen hervor: Ich hab's gewollt. Vater fate ihn
mit seiner zarten Hand, drehte ihn der ganzen Gesellschaft zu und
sagte: Guckt ihn euch einmal an, unseren armen alten Freund!
Wollt ihr auch einmal so aussehen? Schon fingen die Wrter an,
den Haufen leise vorwrts zu drngen, da der Aufnahmeraum neuen
Scharen Platz machen mute. Aus der hintersten Reihe aber kam eine
zitternde Hand, die sich ber die Kpfe hinweg auf den Vater
zustreckte. Vater sah sie und griff nach ihr. Was wollten Sie
denn, mein alter lieber Bruder? Ach, sagte der Mann, ich
wollte Ihnen blo mal die Hand geben und Ihnen danken fr die
guten Worte. -- Nun schoben die Wrter immer dringender, aber nur
langsam und zgernd bewegte sich der Haufe vorwrts. Alle hatten
den Blick rckwrts auf Vater geheftet, als wollten sie ihm, wenn
auch stumm, noch einmal danken fr die guten Worte.

Dann ging Vater durch die einzelnen eng gefllten Sle. Der
energische, freundliche Direktor des Asyls begleitete uns. Hie und
da hatten sich schon die Obdachlosen auf ihre Pritsche ausgestreckt,
von denen eine eng neben die andere gerckt war. Aber jetzt
rappelten sich die meisten wieder in die Hhe und standen jeder
stramm vor seiner Lagerstatt. Wenn Vater oben in einer Reihe anfing,
jedem die Hand zu geben und einige Fragen an ihn zu richten, sah die
ganze lange Linie ihm entgegen. Unwillkrlich lenkte er aller Augen
zu sich hin. Und wenn er weitergegangen war, sahen ihm dieselben
Augen nach, bis er verschwand. Es war wie eine Heerschau, die ein
General ber seine Armee abhielt -- eine Armee von Bettlern.

Drauen auf dem Flur kosteten wir die Mehlsuppe, die aus groen
Gefen in das blecherne Geschirr geschpft wurde, das jeder in
seiner Hand hielt. Auch in die Badestube mit ihren sauberen
Duschapparaten gingen wir und auch in die Kammer, wo die mit
Ungeziefer behafteten Kleider gereinigt wurden. Schlielich kamen
wir in einen der Sle, die fr die obdachlosen Frauen und Mdchen
bestimmt waren. Aber whrend Vater in den Slen der Mnner lange
verweilt hatte -- in diesem Frauensaale sagte er nichts. Stumm ging
er an einem Ende hinein und am andern wieder hinaus. Das Bild war
fr ihn zu schrecklich. Denn fast alle Insassen dieses Saales waren
betrunken. So abschreckend der Anblick betrunkener Mnner ist -- der
Anblick dieser durch Trunkenheit und alle Art von Lastern
entstellten Frauenangesichte hatte etwas Bestialisches, ja
Diabolisches an sich. Darum konnte und mochte Vater nichts sagen.

Dieser Abend im Asyl fr Obdachlose aber war der Grndungstag von
Hoffnungstal. Von jetzt ab lie es Vater keine Ruhe mehr. Er
bereiste in kurzer Zeit mit unermdlichem Eifer die ganze Gegend um
Berlin. berall forschte er nach geeignetem Gelnde, um fr die
Obdachlosen Berlins eine Zufluchtssttte zu schaffen, wo sie nicht
nur Obdach und Brot, sondern vor allem Arbeit fnden. Schlielich
bot sich ihm im Norden der Stadt an den Grenzen der Berliner
Rieselfelder ein geeigneter Platz. Dort besa die Berliner
Stadtverwaltung ein kleines Gut mit angrenzenden weiten
Kiefernwaldungen, die sich auch durch die schwachen Krfte der
Berliner Obdachlosen mit Hilfe des leicht zu beschaffenden Dngers
der Berliner Pferde- und Kuhstlle in Obstanlagen verwandeln lieen.

Whrend nun Vater den Berliner Magistrat auf der einen Seite sehr
scharf angriff, da er in seinem Asyl Miggnger, ja schlielich
Verbrecher schlimmster Art groziehe, indem den Obdachlosen wohl
Almosen in Gestalt von Quartier und Mahlzeiten, aber keine Arbeit
angeboten wrde, hatte er gleichzeitig den Mut, denselben Magistrat
zu bitten, ihm bei der Anlage der neuen Kolonie behilflich zu sein
und ihm das Gut auf achtzehn Jahre zu verpachten. Wirklich ging der
Magistrat auf Vaters Wnsche ein. Und bald erklang Vaters frhliche
Bitte: Wer hilft uns mit zum Bau von Hoffnungstal? Whrend er aber
diese Bitte hinaussandte und seine Kollektanten in ganz Berlin
treppauf, treppab zogen, kehrte Vater zu immer erneuten nchtlichen
Besuchen in das stdtische Asyl zurck, um mit dem Direktor und den
Beamten des Asyls seine Plne bis ins einzelne zu berlegen. Bei
einem solchen Besuche war es, da einer der ltesten und
erfahrensten Aufseher zu ihm sagte: Herr Pastor, Ihre Arbeit ist
vergeblich. Wenn die jungen unverdorbenen Leute, die in unser Asyl
kommen, nur ein paar Tage neben den ausgelernten Taugenichtsen
liegen, so ist fast kein Unterschied mehr zwischen den beiden. Sie
mssen sie trennen, damit die Ansteckung nicht so leicht mglich
ist.

Das Wort schlug tief bei Vater ein. Es war ja immer seine Art
gewesen, auf guten Ratschlag anderer zu horchen, wie er sich
berhaupt nie etwas auf eigene Gedanken zugute tat, sondern bis an
sein Ende an der berzeugung festhielt, da er nie, so viel die
Leute ihn auch rhmten, eigene neue Wege eingeschlagen htte,
sondern immer nur in die Futapfen anderer getreten sei, die ihm mit
Rat und Tat vorangingen. So griff er denn auch den Rat des alten
treuen Aufsehers im Asyl fr Obdachlose auf. Hinfort war es sein
Feldgeschrei, das er immer aufs neue laut erhob: Kein
Massenquartier mehr, sondern Einzelquartier! Keine Anhufung dicht
gelagerter Menschen, sondern Einzelstbchen! Und bald war die erste
Heimsttte in Hoffnungstal fertig. Sie barg keine bereinander
gebauten Betten, wie in den Herbergen, in den Arbeiterkolonien und
vielfach auch in den Kasernen, sondern fr jeden mden heimatlosen
Gast der Strae einen stillen kleinen Raum, von drei Wnden
umschlossen, mit einem Bett und einem verschliebaren Schrankstuhl
mbliert, nach oben in den freien Luftraum geffnet und nach der
vorderen Seite zu durch einen dichten Vorhang verschlossen.

Kaum aber war die erste Heimsttte fertig, so eilte Vater zu seinen
Freunden in das Asyl. Wer will nun kommen? Die Arbeit wartet auf euch
und euer Stbchen auch. Da reckten sich wieder die Hnde empor; nicht
schchtern mehr, wie an jenem ersten Abend, sondern nun mit heiem
Verlangen: Herr Prediger! Ick, ick! nehmen Se mir mit, nehmen Se mir
ooch mit! Es waren die Stimmen und Hnde Versinkender, die im Begriff
waren, in dem Sumpf des groen Berliner Morastes unterzugehen, und die
sich nun dem Retter entgegenstreckten.

Darum konnte Vater sich auch an der einen Heimstatt nicht gengen
lassen, sondern bald kam die zweite und dritte hinzu, und die
vierte, fnfte und sechste folgte, alle mit fnfzig bis achtzig
Einzelstbchen eingerichtet.

Zur Einweihung der jungen Kolonie aber kam die Kaiserin mit ihrem
zweiten Sohne, dem Prinzen Eitel Friedrich, der das Protektorat
bernommen hatte. Tief bezeichnend fr den Sinn, mit dem die sonst
so schlichte kaiserliche Frau und ihr Sohn die Geringsten des
Volkes ehrten, war die kaiserliche Pracht, die sie bei dieser
Gelegenheit entfalteten. Sie kamen im Viererzuge mit Spitzenreitern
-- Reiter und Kutscher im friderizianischen Kostm mit Dreimastern
und langen weien Zpfen. Ihren Platz hatte sie sich inmitten der
Kolonisten erbeten. Die saen denn auch whrend der Feier in dichtem
Kranz um sie her und dahinter erst der groe Kreis der Festgste.

Am Abend vorher hatte Vater die Probe abgenommen ber das Lied, das
die Kolonisten whrend der Feier singen sollten. Er taktierte selbst
mit seinem Krckstock, und nie habe ich ein Konzert gehrt, das mir
mehr zu Herzen gegangen wre als der Gesang dieser von Schnaps und
Elend abgenutzten Kehlen: Lobe den Herren, o meine Seele! Ich will
ihn loben bis in Tod. Die Einweihungsrede hatte Vater vorher
aufgeschrieben, auswendig gelernt und sie seiner Schwiegertochter
aufgesagt. Aber als er dann vor der Versammlung stand, konnte er
doch nicht anders sprechen, als es ihm im Augenblick ums Herz war.

Wie viele frhliche Gesichter hat Vater fortan in Hoffnungstal
gesehen! Wer ihn einmal ein paar Stunden durch seine geliebten
Einzelstbchen mit ihren Bewohnern begleiten konnte, der erlebte
einen Anblick, wie er durch keine Pracht und keine Schaustellung der
groen Weltstadt, deren Dunst im Sden von Hoffnungstal ber dem
Horizont lagerte, ersetzt werden konnte. Wie mancher von diesen
gehetzten Leuten hatte hier zum erstenmal in seinem Leben eine
Sttte des Friedens gefunden, wo Leib und Seele ausruhen konnten, um
sich zu strken fr einen neuen und sieghaften Kampf. Mancher von
ihnen hatte nie eine Wand ber seinem Haupt gehabt, an der er das
Bild seiner Mutter oder seiner Kinder aufhngen konnte. Jetzt
endlich hatte er seine bescheidenen, wenn auch nicht vier, so doch
drei Wnde um sich und konnte sie sich mit den Erinnerungen an seine
Lieben schmcken. Und wie ruhte es sich des Abends in dieser
Einsamkeit! Da konnten sich unbemerkt und unverspottet die Hnde
einmal wieder falten wie einst in der Kinderzeit. Und manch einer
konnte hier seine Mannesehre und seinen Mannesmut wiederfinden,
indem er sich in der Stille seines Kmmerchens beugte vor dem
lebendigen Gott und dem Heiland der Snder. Aus solcher Stille aber
ging es doppelt frhlich hinaus an die gesunde Arbeit im wilden
Wald oder bei den frhlich heranwachsenden Obstbumchen. Darum
konnte es nicht anders sein, als da Vaters Gestalt, wo sie sich
auch nur blicken lie, verfolgt wurde mit vielen dankbaren Blicken
und manchem dankbaren Wort.

Bald stellten sich auch die Besucher ein, geringe und vornehme, von
nah und fern. Sie wollten die Stbchen sehen, die sie fr
Hoffnungstal und Lobetal, Gnadental und Neu-Gnadental gestiftet oder
auf manchem mhsamen Wege zusammenkollektiert hatten. Sie freuten
sich der dankbaren Piett, mit der jedes Stbchen und jedes Bumchen
den Namen seines Gebers oder seines Sammlers trug, und freuten sich
vor allem seiner glcklichen Bewohner. Unter den zahlreichen
Besuchern der Kolonie, die immer wieder aus Berlin kamen, war auch
eine jdische Frau gewesen. Vater begleitete sie durch die ganze
Kolonie. Als sie alles gesehen hatte, blieb sie stehen und sagte:
Herr Pastor, warum tun Sie das nur fr die Mnner von Berlin? Haben
es die Frauen und Mdchen nicht noch viel ntiger?

Wie das Wort des alten Aufsehers im Asyl, so schlug auch dies Wort
der menschenfreundlichen Jdin bei Vater ein. Es war ihm, als wenn
er an eine groe, lang vergessene Schuld erinnert wrde. Der Saal
mit den betrunkenen Frauen und Mdchen, den er bei seinem ersten
Besuch im Asyl fr Obdachlose gesehen hatte, trat vor seine Seele,
und es beunruhigte ihn tief, da er ber der Not der Mnner seine
Augen fr die Not der Frauen verschlossen hatte. Nun hie es: Wir
brauchen auch Heimsttten und Einzelstbchen fr die sinkende
Frauenwelt der groen Stadt. Und so erhob Vater noch einmal, kurz
ehe ihn das erste Mal der Schlaganfall traf, seine Stimme zur
Aufrichtung eines weiblichen Hoffnungstals. Bald hatte er auch
diesmal wieder den geeigneten Platz gefunden, und wenn seine Kraft
auch nicht mehr ausreichte, persnlich die Stelle zu besuchen, so
freute er sich um so mehr an den Nachrichten ber das frhliche
Aufblhen des neuen Zufluchtsorts, der unter einem von Liz. Bohn
geleiteten Komitee im Osten Berlins bei Erkner auf hnlichem Gelnde
wie Hoffnungstal den abgehetzten und abgehrmten Frauen und Mdchen
seine Einzelstbchen anbot.

Dann aber setzte der Schlaganfall Vaters Arbeit ein Ende. Er war
mehrere Wochen nahezu stumm. Es schien, als sollte es still dem Ende
zugehen. Statt dessen aber lie Gottes Freundlichkeit das glhende
Herz noch einmal wieder aufflammen, um fast fr ein ganzes Jahr die
Herrschaft ber den zerbrochenen Leib wiederzugewinnen. Sein ganzes
Arbeitsfeld konnte er noch einmal berblicken, um, wo es not tat,
fr die alten Geleise neue Ziele zu weisen. So trat ihm auch fr
seine geliebten Einzelstbchen noch ein groes neues Ziel vor die
Seele. Es war ihm nicht genug, darauf zu dringen, da alle deutschen
Herbergen und Arbeiterkolonien mit dem System der Massenquartiere
brechen mten, auch nicht nur fr alle Diakonissen- und
Diakonenhuser wnschte er die gleiche Wohltat, vielmehr trat es ihm
mehr und mehr wie eine groe gemeinsame Pflicht des Vaterlandes vor
die Seele, da jedem deutschen Manne, der im Dienste des Vaterlandes
fr zwei Jahre auf seine Freiheit und Heimat verzichtete, als Ersatz
dafr in seiner Kaserne solch eine heimatliche Sttte hergerichtet
wrde, deren unermelichen Wert Vater auf so mannigfache Weise
erfahren hatte.

Mit Offizieren und Soldaten sa er manchen Nachmittag zusammen und
berlegte hin und her, bis es ihm schlielich vllig gewi wurde:
Es geht, es geht. Er lud den Kronprinzen ein, einmal Hoffnungstal
zu besuchen, und schrieb an den Kriegsminister folgenden Brief:

                Euer Exzellenz

wollen einem ehemaligen Kaiser-Franzer und spteren Feldprediger von
1866 und 1870 erlauben, sein Herz auszuschtten. Er bittet desto
khnlicher darum, als er vielleicht bald zur oberen Armee
weiterziehen mu und es ihm keine Ruhe mehr lt, vorher noch das
Folgende vorgetragen zu haben.

Es ist jetzt dreiig Jahre her, da ich zum erstenmal einem
deutschen Ingenieur den Plan eines lenkbaren Flugschiffes
auseinandersetzte, ohne da ich damit durchdrang. Seitdem habe ich
denselben Plan alle die vielen Jahre hindurch vielen Ingenieuren und
Offizieren dargelegt, habe mir viel Kopfschtteln als ber einen
unausfhrbaren Plan gefallen lassen mssen, habe aber, wenn auch
durch wichtigere Aufgaben an praktischer Mitarbeit gehindert, doch
schlielich die Eroberung der Lfte erlebt.

In folgendem handelt es sich aber um ein ungleich wichtigeres,
hheres Ziel als blo um die Eroberung der Luft. Darum wird es erst
recht das Kopfschtteln vieler hervorrufen, ist eben darum aber auch
des Schweies der Edelsten wert. Worum es sich handelt, ist die
Rckeroberung der Armee aus der ansteckenden Luft der Kasernenstuben
und die Schaffung einer gesunden Atmosphre fr jeden deutschen
Soldaten in einem Einzelquartier.

Ich wei es aus meiner eigenen Militrzeit und habe es seitdem in
einem fast achtzigjhrigen Leben ungezhlte Male bezeugt gefunden,
welche Gefahren das Zusammenleben in den gemeinsamen Quartieren fr
die Soldaten mit sich bringt. Ein einziger unsauberer Bursche
verdirbt oft eine ganze Stube. Und je grer die Stuben sind, desto
grer die Gefahr. Es ist nicht in jeder Garnison und in jeder
Kaserne gleich. Es gibt auch Stuben, aus denen keine Klagen kommen.
Aber im allgemeinen sind die Verhltnisse so, da nicht dringend
genug auf eine Abhilfe gesonnen werden kann. Die Abhilfe aber wrde
eben darin bestehen, da jedem Soldaten statt des gemeinsamen
Quartiers ein Einzelquartier geboten wird. So ntig die gemeinsame
Erziehung der Soldaten ist, so ntig ist als Ergnzung dazu ein
bestimmtes Ma von Einsamkeit fr jeden einzelnen Mann, wo er sich
auf sich selbst besinnen kann. Es ist mir unzweifelhaft gewi, da
die innere Beschaffenheit unserer Armee um viele Prozente in die
Hhe schnellen wrde, wenn es gelingt, den einzelnen Mann zu einem
hheren Ma von Selbstachtung zu erziehen, indem man ihm ein
Einzelquartier gewhrt. Die mit solchen Einzelquartieren in der
Praxis bereits erzielten Erfolge sind so auerordentlich, da ich
Ew. Exzellenz nicht dringend genug bitten kann, diesem Gegenstand
eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen.

Ich weise dabei auf die unter dem Protektorat Seiner Kniglichen Hoheit
des Prinzen Eitel Friedrich stehende, von Ihrer Majestt der Kaiserin
eingeweihte Kolonie Hoffnungstal bei Bernau in der Mark hin. Whrend
alle brigen deutschen Arbeiterkolonien das Massenquartier eingerichtet
haben, ist die Kolonie Hoffnungstal die erste Kolonie, in der das
Einzelquartier zur strengen Durchfhrung gekommen ist. Der Unterschied
zwischen den Kolonien mit Massenquartieren und dieser Kolonie mit
Einzelquartieren ist berraschend gro. Whrend in den brigen Kolonien
trotz eines gleichwertigen Aufsichtspersonals und trotz einer gleich
guten Verpflegung die Haltung und der Ton unter den Kolonisten immer
noch zu wnschen briglt, ist beides in der Kolonie Hoffnungstal
geradezu mustergiltig zu nennen. Obgleich die Bewohner von Hoffnungstal
zum grten Teil aus den Berliner Asylen fr Obdachlose stammen, die mit
ihren Massenquartieren geradezu als Hochschulen des Schmutzes und der
Zote angesehen werden mssen, ist in Hoffnungstal jede Zote
verschwunden. Kolonisten, die nach Hoffnungstal kommen, haben immer
wieder ihrer Verwunderung Ausdruck gegeben, wie es nur mglich sei,
unter einer so groen Zahl aus aller Welt zusammengestrmter Menschen
eine solche Atmosphre des Anstandes und der Zucht zu erhalten. Das
Geheimnis sind unsere Einzelquartiere. Das Einzelquartier macht es,
besser als Worte es knnen, jedem einzelnen Mann klar, da er nicht nur
als Herdenmensch in Betracht kommt, sondern da er als Einzelperson vor
Gott und vor Menschen seinen besonderen Wert hat. So weckt das
Einzelquartier, das jeder Bewohner sich nach seinem eigenen Geschmack
ausschmcken kann, den Trieb zur Selbstndigkeit, zur Selbstachtung und
Selbsterziehung.

Meine Bitte geht nun dahin, da Ew. Exzellenz einige der
entschlossensten, um die Schlagfertigkeit unserer Armee wahrhaft
interessierten Offiziere nach Hoffnungstal entsenden mchten und
womglich selbst einmal Hoffnungstal mit seinen 450 Einzelquartieren
besuchten, wie es auch der jetzige Herr Kultusminister und sein
Amtsvorgnger und auch der Minister der ffentlichen Arbeiten getan
haben. Dann wrden sich Ew. Exzellenz davon berzeugen, da der
Einwurf, das System sei viel zu teuer, nicht aufrecht gehalten
werden kann und da auch der andere Gegengrund, das System des
Einzelquartieres gefhrde die bersichtlichkeit und die rasche
Orientierung des Wachthabenden, hinfllig wird. Von Offizieren
sowohl wie von Mannschaften ist mir gegenber das Einzelquartier als
durchaus durchfhrbar und erstrebenswert gebilligt worden.

Schlielich mchte ich noch meiner berzeugung Ausdruck geben, da
durch die Einrichtung des Einzelquartiers mancher Dienstpflichtige,
der sich jetzt aus Scheu vor dem Leben in der Kaserne mhsam zum
Einjhrigen durchqult, zu dem Entschlu kommen wrde, auf die
Einjhrigen-Dienstzeit zu verzichten und zwei Jahre zu dienen. Das
kme der Zusammensetzung der ganzen Truppe sehr wesentlich zugute.

Es wrde sich zunchst darum handeln, in einigen Armeekorps,
vielleicht nur jedesmal mit einer Kompagnie, Versuche anzustellen.
Ich zweifle nicht daran, da diese eine Kompagnie sich bald in so
hohem Mae vor den brigen ihres Regiments an innerer Qualifikation
des einzelnen Mannes auszeichnen wrde, da damit der Siegeszug des
Systems der Einzelquartiere gesichert wre.

Ew. Exzellenz wrden einen hellen Lichtstrahl auf das letzte Stck
meines Pilgerlebens werfen, wenn Sie dieser meiner Bitte ein gndiges
Ohr schenken und vielleicht schon bald einen Besuch in Hoffnungstal zur
Ausfhrung bringen knnten. Ob ich noch selbst in der Lage sein werde,
Ew. Exzellenz persnlich durch Hoffnungstal zu fhren, steht dahin, da
mein Krper seit einem im Frhjahr erlittenen Schlaganfall unter immer
erneuten Erschtterungen zu leiden hat. Ich wrde aber dann meinen Sohn,
der genau mit allen einschlgigen Fragen vertraut ist, an meiner Statt
entsenden. Noch bemerke ich, da ich den gleichen Gedanken auch dem
Oberhofmarschall Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen unterbreitet
habe, damit auch die Aufmerksamkeit des Thronfolgers auf diesen
Gegenstand gelenkt wird und er womglich ebenfalls zu einem Besuch in
Hoffnungstal Anla nimmt. Ich habe dabei Graf Bismarck-Bohlen darauf
aufmerksam gemacht, da in der in unmittelbarster Verbindung mit der
hiesigen Anstalt geleiteten Kolonie Freistatt, Kr. Sulingen in Hannover,
neuerdings das System der Einzelquartiere nach den neuesten Modellen zur
Ausfhrung kommt und da es nach Fertigstellung der Bauten in diesem
Frhjahr fr Seine Knigliche Hoheit den Kronprinzen, der Protektor
unserer hiesigen Arbeiter-Kolonien ist, vielleicht noch wertvoller sein
wrde, diese neuesten Einrichtungen zu besichtigen.

Gott aber schenke Ew. Exzellenz ein tapferes Herz und einige
entschlossene Mitarbeiter, damit diese groe Sache zu einem
frhlichen Sieg kommt. Das wre allerdings ein Sieg, der, mitten im
Frieden erfochten, vor Gott hher gilt und fr unser ganzes
Vaterland bedeutsamer ist als irgend ein Sieg, der in einem
irdischen Krieg erfochten werden kann.

                    Euer Exzellenz gehorsamster

                                F. v. Bodelschwingh, =p. em.=

Am 6. Mrz, gerade an Vaters Geburtstag, kam die ersehnte Antwort:

                                        Berlin, den 1. Mrz 1910.

                          Euer Hochehrwrden

beehre ich mich fr die Anregung im Schreiben vom 8. Februar 1910
auf Schaffung von Einzelstbchen fr Soldaten meinen verbindlichsten
Dank auszusprechen. Obwohl ich nicht verhehlen kann, da die
Durchfhrung der Anregung sowohl finanziellen wie militrischen
Bedenken begegnet, bin ich doch gern bereit, in eine nhere Prfung
der angeregten Frage einzutreten und zu diesem Zwecke zunchst
Vertreter der interessierten Abteilungen des Kriegsministeriums zu
einer Besichtigung der Kolonie Hoffnungstal zu entsenden.

Euer Hochehrwrden wrde ich fr eine kurze -- am besten an das
Armee-Verwaltungs-Departement zu richtende -- Mitteilung, welcher
Zeitpunkt fr die Besichtigung am geeignetsten wre, verbunden sein.

                              Der Kriegsminister: von Heeringen.

Am andern Tage antwortete Vater:

                    Euer Exzellenz

darf ich die Mitteilung machen, da nchst dem huldvollen Telegramm
der Majestten zu meinem gestrigen Eintritt in das 80. Dienstjahr
mir nichts solche groe Freude gebracht hat als Ew. Exzellenz
Schreiben vom 1. Mrz, das ebenfalls gestern zu meinem Geburtstage
in meine Hand kam.

Ich bin mir wohl bewut, da der Verbesserung der
Wohnungsverhltnisse unserer Armee sehr groe Hindernisse
entgegenstehen und da vielleicht eine Reihe von Jahren hingehen
werden, ehe mein Vorschlag zur Ausfhrung gelangen kann. Aber was
Ew. Exzellenz bereits an Hoffnung fr die groe Sache mir bieten,
bersteigt schon weit meine Erwartungen, soda ich nur mit
Freudentrnen Ihr gtiges Schreiben lesen konnte. Ich werde nun
sofort den von Ew. Exzellenz angezeigten Weg einschlagen und mich,
sobald ich mich mit der Verwaltung von Hoffnungstal verstndigt
habe, an das Armeeverwaltungsdepartement wenden und Mitteilung ber
den geeigneten Zeitpunkt machen. Ich halte es nicht fr
ausgeschlossen, da mir der barmherzige Gott noch die Freude
schenkt, persnlich nach Hoffnungstal zu kommen und fr diesen
Dienst, den ich fr den Rest meines Lebens als den wichtigsten
ansehe, noch meinen bescheidenen Rat und meine Kraft darbieten zu
knnen.

      Ehrerbietigst Ew. Exzellenz dankerfllter treu ergebener

                                F. v. Bodelschwingh, =p. em.=

Zugleich mit der Hoffnung, dem armen unglcklichen Kongo mit den
Sendboten von Bethel aus noch dienen zu knnen, kam es bei dem
Gedanken an die Neugestaltung der Kasernen wie ein letztes frohes
Abendleuchten ber den geliebten Vater. Sechs Jahre, sagte er,
mchte ich noch leben, dann habe ich die Sache durch. -- Doch
wenige Tage darauf trugen wir ihn zu seiner letzten irdischen Ruhe.

Ein Offizier aber, mit dem Vater ber die Frage der Einzelquartiere
in den Kasernen Briefe gewechselt hatte, schrieb: Es kennzeichnet
das Wesen des unvergleichlichen Mannes, da seine letzte Sorge den
Soldaten galt. Die Frage der Einzelquartiere fr die Soldaten, so
hoffe ich, geht nicht verloren. Wer das Wesen der militrischen
Ausbildung in der Charakterbildung des Mannes sieht, mu Feuer und
Flamme dafr sein.




Das letzte Lebensjahr.


Es war einsamer und einsamer um Vater geworden, Stcker, Siebold,
Kuhlo, Schmalenbach, die ihm durch Freundschaft und Verwandtschaft
des Geistes besonders nahe gestanden hatten, waren vor ihm
abgerufen. Nur der alte Generalsuperintendent Braun blieb als der
letzte brig. Schwer leidend, mit zerriebenen Nerven, hatte er sich
schlielich, Vaters unaufhrlichem Locken folgend, von Berlin nach
Bethel zurckgezogen, wo ihm Vater am Waldrande ein Huschen bauen
lie, so wie vorher schon Siebold, Kuhlo und die Familie
Schmalenbach ein solches Huschen bezogen hatten.

1907 war Stcker noch einmal zu uns gekommen, und die beiden
Kmpfer, die mit zunehmendem Alter einander immer nher gerckt
waren, hatten sich fr die letzte noch vor ihnen liegende
Lebensarbeit miteinander im Glauben gestrkt -- Stcker, wie
einer, der beiden nahe stand, schrieb, der Mann Gottes, der mehr
gearbeitet hat als sie alle und ber solcher Arbeit fast mde
geworden ist, Vater, das Kind Gottes, dem Barmherzigkeit widerfahren
ist (2. Kor. 4, 1) und das darum nicht mde werden kann. Vergeblich
hatte sich Stcker von Vater bitten lassen, er mchte doch seinem
treuesten Freunde aus der Berliner Zeit, Pastor Kuhlo vom
Elisabethkrankenhaus, folgen und den Rest seiner Fahrt in Bethel
endigen; er konnte sich nicht entschlieen, Berlin zu verlassen.

Der alte Pastor Siebold hatte schon im Jahre 1894 Schildesche mit Bethel
vertauscht und war, achtzig Jahre alt, noch Vaters Hilfsprediger
geworden, indem er ihm in unablssiger Bereitwilligkeit Stunden und
Krankenbesuche abnahm. Als es dann zum Sterben ging, hatten die beiden
in fast kindlicher Heiterkeit sich der Ewigkeit gefreut. Vater konnte
sich kaum trennen von dem Bett des Sterbenden. Bruder, sagte er,
was stirbst du fein!

Schmalenbach hatte bis zur letzten Faser seiner Kraft in seinem
geliebten Mennighffen ausgehalten. Er war nach Volkenings Tode die
berragende Gestalt des Ravensberger Landes geworden und hatte mit Wort
und Feder am tiefsten auf die Gemter gewirkt. Fast ngstlich hatte er
manchmal nach dem Berge Zion, wie er der auf dem Berge gelegenen
Zionskirche wegen die Bethelgemeinde nannte, hinbergeblickt,
ob nicht durch die dort sich dehnende Arbeit die Schultern des
Minden-Ravensberger Volkes berlastet wrden. Besonders seit dem Beginn
unserer ostafrikanischen Arbeit war er, der das Ravensberger Land in
wachsendem Mae dem Dienst der Barmer Mission zugefhrt hatte, noch
zurckhaltender geworden als vorher. Aber namentlich Budde hatte immer
wieder dafr gesorgt, da die Fden hinber und herber nicht zerrissen.
Als dann die Krfte Schmalenbachs zusammenbrachen, holte unser ltester
Bruder ihn nach Bethel herber. Seine Familie folgte ihm, und Vater
konnte noch an dem Lager des Sterbenden knien, der ihm wie ein ernster,
stiller lterer Bruder gewesen war.

Die bersiedelung des alten Pastors Kuhlo von seinem langjhrigen
Berliner Arbeitsfelde nach Bethel warf noch einen besonderen
Sonnenstrahl auf Vaters Lebensweg. Zu ihm hatte er sich, sooft er in
die Unruhe Berlins untertauchen mute, mehr als zu irgend sonst
jemand hingezogen gefhlt, und der tiefe Gottesfriede, der von der
geheiligten Natrlichkeit Kuhlos ausging, war namentlich in den
Zeiten, wo Vater als Abgeordneter je und je in seinem Stbchen im
Berliner Hospiz krank gelegen hatte, seine groe Erquickung gewesen.
Ganz in der Stille hatte sich Vater dort auch einmal vom alten Kuhlo
das heilige Abendmahl reichen lassen. Ein Jahr noch geno Kuhlo mit
seinen beiden Tchtern sein kleines mit ganz besonderer Liebe
gebautes Waldhaus. Dann mute Vater auch ihm das letzte irdische
Geleite geben.

Aber es lag nichts Wehleidiges in der Trauer, mit der er seinen
voraneilenden Freunden und Mitarbeitern nachsah. Die Einsamkeit, in
der ihn seine Freunde zurcklieen, sah er immer wieder voll
Dankbarkeit sich fllen mit neu nachdrngenden Gestalten, die bereit
waren, in die Lcken zu treten. Sein kindlicher Glaube hatte ihn
jung erhalten, soda er sich auch unter den jngeren Krften und
Mitarbeitern wohl fhlte, ja wie der jngste, heiterste und
arbeitseifrigste unter ihnen war.

Aber das auch fr ihn nher rckende Ende hatte er dabei nicht aus
dem Auge verloren, zumal sein Blasenleiden, das ihn seit dem Jahre
1899 nicht verlassen und ihm keine einzige ungestrte Nachtruhe mehr
erlaubt hatte, ein unablssiger Mahner geworden war. Wem sollte er
die Arbeit bergeben?

Seine drei Shne hatten alle den Wunsch gehabt, auerhalb der
Anstalt, sei es im Dienst der heimatlichen Kirche, sei es im Dienst
der Mission, ihre Arbeit zu tun, und alle hatten auch zeitweilig
einen solchen Dienst versehen. Aber schlielich hatte der Gehorsam
gegen die Bitten des Vaters und das Verlangen, seine Kraft zu
sttzen und zu erhalten, sie einen nach dem andern in die Arbeit von
Bethel zurckgefhrt. Schon im Jahre 1896 war unser ltester Bruder
in die Arbeit des Diakonissenhauses eingetreten und hatte
schlielich dessen Leitung bernommen. 1904 war unser jngster
Bruder gefolgt, war auf allen Gebieten der vielgestaltigen Arbeit
Vaters Gehilfe und von der Zeit ab, wo Vater in das Abgeordnetenhaus
eintrat, sein verantwortlicher Vertreter geworden. Schlielich als
Vater den Abschlu seiner Laufbahn herannahen fhlte, hatte er den
Vorstand gebeten: Gebt einem alten sterbenden Mann seinen Jungen
wieder! So war auch ich schnell, meine Gemeindearbeit in andere
Hnde legend, mit Frau und Kindern solcher Bitte gefolgt, um mit
unserer Schwester zugleich den Vater whrend seines letzten
Lebensjahres zu umgeben.

Immer wieder hatten wir Kinder Vater gebeten, sich nach einem Mann
umzusehen, dem er noch bei seinen Lebzeiten die Leitung der
Gesamtarbeit bergeben knnte. Und er hatte auch unablssig seinen
Blick durch das gesamte Vaterland schweifen lassen, ob sich ihm
solch eine Persnlichkeit zeigte oder zur Verfgung stellte.

Wieder und wieder hatte sich sein Auge auf den Superintendenten
Holzhausen in Freiburg an der Unstrut gelenkt, den er im Jahre 1903
kennen gelernt hatte, als ihn eine Feier zum Gedchtnis der bei
Freiburg im Oktober 1813 gefallenen und verwundeten Yorckschen
Jger, unter denen sich auch sein Vater befunden hatte, ins
Unstruttal fhrte. Die urwchsige Herzlichkeit, der kindliche tiefe
Glaube, die groe Arbeitsfreudigkeit und der vterliche und
kameradschaftliche Sinn, die in Holzhausen vereinigt waren, hatten
Vater ungemein angezogen. In ihm glaubte er wirklich einen Vater
seiner Gemeinde gefunden zu haben. Mehrmals reiste er zu ihm und
legte ihm in vertraulichstem Gesprch die ganze Aufgabe ans Herz.
Aber Holzhausen konnte sich nicht entschlieen. Eine andere
Persnlichkeit zeigte sich nicht.

So gab Vater allmhlich den Gedanken auf, von auswrts eine neue
Kraft zu berufen. Mehr und mehr glaubte er in den Persnlichkeiten,
wie sie allmhlich in die Arbeit hineingewachsen waren, diejenigen
sehen zu sollen, die zur Fortfhrung des Werkes berufen waren. So
strkte er unserm Bruder Friedrich den Mut, die Verantwortung fr
die Gesamtleitung, die er bis dahin schon als Vertreter des Vaters
getragen hatte, auch nach seinem Abscheiden auf sich zu nehmen,
whrend alle andern als seine Mitarbeiter auf ihrem Posten bleiben
sollten.

Waren diese Gedanken auch noch nicht ffentlich ausgesprochen und im
einzelnen festgelegt, so waren sie doch mehr und mehr das
selbstverstndliche Eigentum der ganzen Gemeinde geworden, soda
sowohl Vater wie die Gemeinde ohne qulende Unruhe in die Zukunft
blickten. Mit zitterndem Herzen freilich beobachteten wir, wie in
den ersten Monaten des Jahres 1909 sich die frischen Farben auf dem
Angesicht des geliebten Vaters verloren und sein sonst so munterer
Schritt mhsam und schleppend wurde. Aber als dann am 19. April die
Nachricht die Anstalt durcheilte, da Vater, der am Tage vorher noch
mit letzter Kraft 47 Schwestern eingesegnet hatte, von einem
Schlaganfall getroffen sei, da gab es wohl berall eine schmerzliche
Bewegung, doch kein unglubiges Erschrecken. Die Gemeinde war
bereit, das Opfer zu bringen, wenn es gefordert wurde, und war ohne
Erschrecken, weil sie wute, da Vater bei Zeiten das Haus seiner
ganzen Anstaltsfamilie bestellt hatte.

Doch noch ging es nicht zum Sterben. Vielmehr gab es noch ein ganzes
Jahr stillen Abendfriedens, dessen Glanz vielen zur tiefsten
Erquickung wurde. Die Zunge war durch den Schlaganfall gelhmt. Aber
sofort setzte Vater seine ganze Energie daran, ber die Sprache
wieder Herr zu werden. Er bte so lange, bis ein Laut nach dem
andern wieder deutlich wurde, soda seine Stimme allmhlich die
volle Verstndlichkeit wiedergewann.

Ende Mai konnten wir ihn noch einmal nach Wildungen bringen, wo er
sich unter der mtterlichen Pflege der Witwe =Dr.= Thilenius und
seines rztlichen Freundes Geheimrat Marc in den letzten Jahren
immer wieder so wohl gefhlt hatte. Die kleinen Wege zum Brunnen
konnte er zu Fu machen, und im Rollstuhl fuhren wir ihn weit hinaus
in die stillen Wald- und Wiesentler.

Dazu wurden bald wieder die gewohnten Arbeitsstunden aufgenommen.
Sie galten namentlich den Brdern von der Landstrae, deren Sache in
einem ausfhrlichen Aufsatz, der zugleich den Stoff zu einem
Volksfamilienabend bieten sollte, noch einmal verfochten wurde. In
jene Tage fiel auch der Besuch der englischen Kirchenmnner in
Bethel, die Vater in einem lngeren Schreiben begrte. Ende Juni
siedelten wir dann nach Eckardtsheim ber, wo die Hauseltern
Biermann im stillen Eichhof das Quartier bereitet hatten. Sinnend
sa Vater am Fenster, als wir von Paderborn her in die Senne
hineinfuhren. Was ist aus der Wste geworden! sagte er still vor
sich hin im Gedanken an die ersten Anfnge in der wilden Heide von
Wilhelmsdorf. Bald der eine, bald der andere kam von Bethel
heraufgewandert, um hier in der wohltuenden Einsamkeit mit Vater
zusammen zu sein. Und nachmittags wurden im Rollstuhl die Fahrten in
die Niederlassungen von Eckardtsheim unternommen. Die einzelnen
Huser der Epileptischen, der Trinker, der Kolonisten, der
Lungenkranken, der Geisteskranken, auch der Familien der Pfleger und
Handwerker wurden nacheinander aufgesucht, vor allem und immer
wieder der nahegelegene Fichtenhof mit seinen Frsorgezglingen, an
deren frischem Gesang sich Vater nicht satt hren konnte.

Einmal stand er unter den jungen Burschen, fragte sie der Reihe nach
nach Namen und Heimat und legte dabei einem, wie es gelegentlich seine
Art war, wie zum Segen die Hand auf den Kopf. Es war einer der wildesten
Jungen. Nach einigen Tagen war er verschwunden. Alles Nachforschen war
vergeblich, bis nach lngerer Zeit aus Bhmen ein Brief kam: Sucht
nicht mehr nach mir, ich komme nicht wieder. Aber seid ohne Sorge um
mich, der alte Bodelschwingh hat mich gesegnet. Wieder und wieder kamen
Lebenszeichen von dem jungen Burschen, aus denen hervorging, da er sich
in der Tat in der Fremde aufrechthielt. Schlielich meldete er, da er
in das sterreichische Heer eingetreten sei. Noch bis zum Jahre 1916
drang hier und da von dem stlichen Kriegsschauplatz ein kurzes Wort
durch, bis auch ber diesen Lebenslauf sich die Stille deckte, durch
die der Krieg so manches junge Leben geendet hat.

Der Fhrer des Rollstuhls bei diesen Fahrten in die Sennehuser war
der treue Bruder Liebusch. Er hatte ursprnglich Theologie studiert,
aber wegen nervser Schwche das Studium aufgeben mssen und war
schlielich in die Krankenpflege von Bethel eingetreten, in der sich
seine Krfte allmhlich hoben, soda er einige Jahre in der
afrikanischen Heilsttte fr Geisteskranke in Lutindi mithelfen
konnte. Doch hatten die Krfte dort aufs neue versagt, soda er
Afrika verlassen mute und jahraus, jahrein in hingebendster Weise
bald da, bald dort in Bethel Aushilfsdienste tat. Aber seine Seele
hing an der afrikanischen Arbeit. Sooft Vater whrend der
Rollstuhlfahrten dieses Thema anschnitt, quoll das ganze Herz des
treuen Liebusch ber. Er verga darber Weg und Steg, und einige
Male war es drauf und dran, da er Vater in den Graben gefahren
htte. Aber gerade das machte Vater Freude, weil es ihm das
sicherste Zeichen der inneren Glut des Mannes war.

Schon lange hatte er sich nach einer neuen Hilfe fr den einsamen
Bokermann und seine schwarzen Geisteskranken umgesehen. Jetzt reifte
in ihm der Entschlu, Liebusch noch einmal hinauszusenden. Fortan
ging Liebusch in Sprngen. Seine tiefste Herzenssehnsucht, die er
bis dahin nicht auszusprechen gewagt hatte, sollte sich noch einmal
erfllen.

Segnend legte ihm Vater zum Abschied vor versammelter Gemeinde die
Hnde auf: Zieh in Frieden deine Pfade! Nie ist irgend einer von
uns Missionsarbeitern in Afrika mit solchem Jubel empfangen worden
wie Bruder Liebusch. Freilich nur fr ein kurzes Arbeitsjahr. Dann
berfiel ihn ein heftiges Fieber. Bewutlos trugen ihn seine treuen
Schwarzen an die Bahn hinunter; whrend der Fahrt nach Tanga starb
er. Unter den rauschenden Palmen haben wir an seinem Grabe
gestanden. Ist er zu frh, ist er umsonst gestorben? Vater rechnete
nicht so.

Ende August waren wir aus Eckardtsheim nach Bethel zurckgekehrt.
Der letzte Herbst und Winter brach an. Eine wunderbare Stille lag
ber diesen letzten Monaten. Aber es war keine Stille, die nur Ruhe
bedeutet htte, kein bloes Warten auf die letzte Stunde. Wie in
gesunden Tagen blieb der Tag eingeteilt. Nur da der Morgen eine
Stunde spter begonnen und der Abend eine Stunde frher beschlossen
wurde. Ich darf dem alten Kerl nichts durchgehen lassen, sagte
Vater zu sich selbst. Und pnktlich um acht Uhr morgens sa er an
seinem Schreibtisch. Oft freilich bermannte ihn die Mdigkeit ber
dem Diktieren und Unterschreiben. Es will nicht mehr, sagte er
dann und lie der Mdigkeit freien Lauf. Aber nach kurzem Schlummer
raffte er sich wieder auf, nahm von dem Schrank die beiden
afrikanischen Stcke und wanderte diktierend oder berlegend im
Zimmer auf und ab.

Nachmittags wurden dann zu Fu oder im Rollstuhl, einerlei, ob es
strmte, regnete oder schneite, die einzelnen Huser besucht. Die
Geisteskranken hatten Vater von Jahr zu Jahr immer mehr am Herzen
gelegen. Ihnen galten auch jetzt vor allem seine Wege. Aber
gleichzeitig kam ein Haus nach dem andern an die Reihe. Wo er
Schwerleidende wute, Verstimmte, Verbitterte, Vereinsamte, da nahm
er sich besondere Zeit und Stille.

Im Sptherbst kam ein hollndischer Bildhauer, Mller-Khlenthal,
mit der Bitte, Vater zu modellieren. Wir neckten zunchst unsere
alte Tante Frieda damit, sie mchte doch dem Bildhauer sitzen. Aber
in ihrer sprden Art lehnte sie mit wachsender Energie ab. Ich will
nicht mal einen Kranz auf mein Grab haben. Schwesterchen, sagte
Vater, die Blmchen hat Gott auch gemacht, und die Grtner wollen
auch leben. Und wenn du dem Bildhauer eine Liebe erweisen kannst,
warum solltest du es nicht tun? Damit hatte er sich selbst
gefangen. Als Tante Frieda, wie zu erwarten war, bei der Ablehnung
blieb, willigte er statt ihrer ein, und am andern Morgen konnte der
Bildhauer seine Arbeit beginnen.

Aber noch ehe sie vollendet war, berfiel Vater eine
Lungenentzndung, die ihn fr Wochen ans Zimmer fesselte. Der Arzt
wnschte nicht, da er zu Bett bliebe; und mit grter Energie nahm
Vater den Kampf mit der Krankheit auf. An seinen geliebten Stcken
wanderte er, um den Atem kmpfend, im Zimmer auf und ab, lehnte sich
zwischendurch eine Weile in seinen Sessel, schlief einen Augenblick
und nahm dann aufs neue seine Wanderung auf.

Es war die Zeit, in der die Greuel am afrikanischen Kongo bekannt
geworden waren. ber den furchtbaren Leiden der Kongoneger wurde
Vater die eigene Krankheit gering. Abschnitt fr Abschnitt mute ich
ihm aus den Broschren vorlesen. Junge, sagte er immer wieder,
halt ein! Ich kann es nicht anhren; es ist nicht wahr, es kann
nicht sein. Aber dann wieder: Lies weiter! Wir mssen die Sache zu
Ende hren. Darber erwachte noch einmal seine ganze Glut fr das
arme Afrika. Der Gedanke wurde ihm schwer, da Bethel so wenig
weibliche Krfte hinbergesandt hatte zur notwendigen Ergnzung der
mnnlichen Arbeit in dem unermelichen Meer des afrikanischen
Elends. Nur nicht zu langsam! rief er dem Missionsinspektor
Trittelvitz zu. Nur nicht zu langsam; sie sterben drber. Und
wieder und wieder beschftigte ihn der Gedanke, da nach seinem
Abscheiden ich mit den Meinen mich bald aufmachen mchte in das
geliebte notleidende Afrika.

Die Lungenentzndung, als sie schlielich berwunden war, hatte ein
gewisses Aufleben der Krfte im Gefolge, soda Vater in der Zeit
nach Weihnachten mit grerer Frische als vorher seine Besuche in
den Husern wieder aufnehmen und auch im Arbeitszimmer sich noch
einigen Aufgaben widmen konnte, die ihm neben den tglichen kurzen
Dankschreiben an die Geber und Freunde besonders am Herzen lagen.
Durch den Amerikaner Buchmann, der einige Tage in Bethel zugebracht
hatte, hatte der bekannte Multimillionr Carnegie Verbindungen mit
Vater angeknpft in der Hoffnung, durch ihn mit dem Kaiser bekannt
zu werden.

Mit groem Interesse verfolgte Vater den Entwicklungsgang des aus
kleinsten Verhltnissen emporgestiegenen, hchst energischen Mannes
und lie sich seine Aufstze vorlesen. Aber den Gedanken des ewigen
Vlkerfriedens, der Carnegie besonders am Herzen lag, lehnte er als
eine Utopie ab. In einem ausfhrlichen Briefe setzte er ihm
auseinander, da die Kriege um der Bosheit der Menschheit willen
ganz unvermeidlich seien und da er fr seine Person erfahren habe,
wie auch diese furchtbaren Gottesgerichte fr Vlker und einzelne
einen Segen in sich schlieen. Carnegie aber wurde durch diesen
Brief bitter enttuscht und sprach das seinem Freunde Buchmann, der
inzwischen nach Amerika zurckgekehrt war, aus. Klagend wandte sich
Buchmann an Vater: Wenn dieser Brief doch nie geschrieben wre!
Jetzt sind Sie um die Million Dollar gekommen, die Carnegie drauf
und dran war Ihnen zu schenken. Das kmmerte Vater nicht. Die
groen Gaben waren ihm ja immer ein Schrecken gewesen, weil sie,
wenn die Kunde davon in die ffentlichkeit drang, gar zu leicht die
kleinen Bche der Liebe verstopften. Aber im Traum verfolgte ihn der
Gedanke, Carnegie htte doch eine groe Gabe geschickt, soda er im
Schlafe rief: Nimm mir die Millionen wieder ab! Nimm mir die
Millionen wieder ab!

Aber die Verbindung mit Carnegie sah er damit nicht als abgebrochen
an. Fr sich und seine Arbeit hoffte er nichts von ihm. Aber es lag
ihm daran, Carnegie womglich fr eine tiefere Auffassung der
sozialen Aufgaben Nordamerikas zu gewinnen. Mit Bestrzung hatte er
in einem Aufsatze Carnegies die Meinung vertreten gefunden, da man
nur die Aufwrtsstrebenden untersttzen, die Versinkenden aber so
schnell wie mglich untergehen lassen sollte. Die versinkende Masse
Nordamerikas zu retten, darin sah Carnegie lediglich eine
Verschwendung der nationalen Kraft. Vater umgekehrt erblickte die
Echtheit wahrer Humanitt, deren Carnegie sich rhmte, darin, da
sie sich gerade der Versinkenden annahm und an ihnen ihre Wahrheit
und Tiefe bewhrte.

Auf schriftlichem Wege Carnegie zu berzeugen, hoffte er nicht mehr.
Darum knpfte er mit dem Grokaufmann J. K. Vietor in Bremen an, der
Amerika kannte. Vietor kam mit seinem Bruder, dem Pastor, zu einem
ersten Besuch nach Bethel, und die herzhafte Energie der beiden
Brder tat Vater ungemein wohl. Namentlich die Lage der
amerikanischen Brder von der Landstrae, die nicht als Wanderer,
sondern als blinde Passagiere auf, unter und hinter den
Eisenbahnwagen in bestndiger Lebensgefahr das Land durchquerten,
hatte Vater aufs tiefste bewegt, und hier sollte Vietor in seinen
Verhandlungen mit Carnegie einsetzen. Aber noch ehe Vater durch
Buchmann eine Besprechung zwischen Carnegie und Vietor herstellen
konnte, setzte Vaters Tod diesem Plan ein Ziel.

Wieder und wieder galten Vaters Besuche seinem alten Freunde, dem
Generalsuperintendenten Braun, in seinem kleinen Hause am Waldrande.
Vater hatte sich nie dareinfinden knnen, da Braun seine Arbeit am
evangelischen Gymnasium in Gtersloh aufgegeben hatte und
Generalsuperintendent in Berlin geworden war. Er blieb der
berzeugung, da Braun damit seine eigentliche Lebensaufgabe
verlassen habe. Wir haben keinen wichtigeren Posten in der ganzen
evangelischen Kirche als den am Gymnasium zu Gtersloh, sagte Vater
gelegentlich. Nach dem Ausscheiden Pastor Mllers, der als Brauns
Nachfolger zum Segen fr viele bis zum siebzigsten Lebensjahr dem
Gymnasium gedient hatte, wurde ein neuer Geistlicher fr das
Gymnasium gesucht, und Braun bat Vater, unsern Bruder Friedrich
dafr freizugeben. Die Sache bewegte Vater aufs tiefste. Er blieb
bis zuletzt seinem Grundsatz treu, wenn es ntig und mglich sei,
das Liebste sich vom Herzen zu reien und an die bedrohtesten Posten
zu werfen. An einem Februarnachmittag fuhr er nach Gtersloh, um mit
dem Fabrikanten Wolf, der seit Jahren sein verstndnisvoller
Mitarbeiter geworden war und als Nachfolger des Forstrats Deckert
den Vorsitz des Anstaltsvorstandes fhrte, zu berlegen. Vater sah
das Gymnasium in Gtersloh, das in seiner Unabhngigkeit einzig in
seiner Art dastand, als das eigentliche geistliche Zentrum der
heranwachsenden deutschen Jugend an und war bereit, dafr jedes
Opfer zu bringen.

Aber er konnte die Freudigkeit des Prses seines Vorstandes nicht
gewinnen und mute sich davon berzeugen, da der gesamte Vorstand
die Ansicht des Prses teilte. So legte er den Gtersloher Plan mit
kurzer Entschlossenheit beiseite, um nun desto mehr unsern Bruder in
der Freudigkeit fr seine Aufgabe in Bethel zu strken. Aber nicht
in irgend einem Menschen sah er den eigentlichen Mittelpunkt der
vielverzweigten Anstalt. Das Wort Gottes mu euch zusammenhalten,
sagte er, und das eigentliche Herzblatt unserer ganzen Arbeit ist
die Heidenmission.

Aber zugleich blieb ihm die Mission an der Seele des eigenen Volkes
tiefstes Anliegen. Seit einigen Jahren hatten im Anschlu an die
theologische Schule regelmig Bibelkurse fr evangelische
Arbeitersekretre stattgefunden. Anfang Mrz 1910 waren wieder die
Sekretre zu einem solchen Kursus versammelt. Mit tiefstem Interesse
nahm Vater an den Besprechungen teil und trat im Einzelgesprch den
Sekretren nher, namentlich ihrem weitblickenden Fhrer Behrens.
Die durch diese Sekretre vertretene, von Liz. Mumm und Liz. Weber
mit zher Umsicht geleitete evangelische Arbeiterbewegung hatte seit
Jahren ihr Organ in einer von Stcker begrndeten, unter dem Titel
Das Volk erscheinenden Tageszeitung, aus der sich die Zeitung Das
Reich entwickelte. Da die letztgenannte alsbald in eine bedrngte
Lage geriet, bewegte Vater sehr. Er sah den Untergang des Blattes
kommen, wenn es in Berlin bliebe, und bat den Redakteur,
=Dr.= Oestreicher, Mitte Mrz, zu einer Besprechung nach Bielefeld
zu kommen. In herzandringender Weise legte er ihm dar, da der
Herausgeber eines Blattes, das die innerste Pflege der Seele des
Volkes zur Aufgabe habe, in der schwlen Grostadtluft Berlins nicht
frei und tief genug atmen knne und eine gesundere Atmosphre
aufsuchen msse. Oestreicher mge so schnell wie mglich eine
bersiedelung des Blattes aus Berlin nach Bielefeld in die Wege
leiten, um dort im Anschlu an das kleine von Budde begrndete
christlich-soziale Organ, den Ravensberger, seine Arbeit
fortzusetzen. Die Bitte war vergebens. Nach einem halben Jahre
stellte Das Reich sein Erscheinen ein, und die hingebende Kraft
Oestreichers war fr die Sache verloren. Der Gedanke selbst aber
lebte fort und fand, wenn auch erst neun Jahre spter, dadurch seine
Erfllung, da aus dem Ravensberger die noch heute in Bethel
erscheinende Tageszeitung Aufwrts hervorging.

Fr die Anstaltsgemeinde im besonderen beschftigte ihn unablssig
der Gedanke an die richtige Versorgung der im Dienst ergrauten
Schwestern, der alsbald durch die Errichtung eines schnen, groen
Feierabendhauses in die Tat umgesetzt wurde. Daneben lag ihm wieder
und wieder die rechte Pflege der heranwachsenden Kinder der
Anstaltshauseltern und Anstaltsbeamten am Herzen.

Einer der letzten ausfhrlichen Briefe Vaters galt, wie im vorigen
Abschnitt gezeigt, der deutschen Armee, und die verstndnisvolle
Antwort des Kriegsministers war eine der letzten groen Freuden, die
Vater erlebte.

Am 6. Mrz feierten wir mit der ganzen Gemeinde im schnen groen
Assapheumssaal seinen Eintritt ins achtzigste Lebensjahr. Gelassen
wie ein Kind ging er seinen Weg vorwrts, zuweilen mit einer
Verlngerung seiner Arbeitsfrist auf Erden rechnend, aber daneben
immer wieder an sein baldiges Ende denkend. Unbeschreiblich
gemtlich blieben unsere Abendstunden, in denen wir ein schnes Buch
nach dem andern lasen, zuletzt, als der zehnjhrige Sohn unseres
afrikanischen Freundes Johanssen seine Abende bei uns zubrachte, das
Leben Hagenbecks. Nicht nur den Jungen, dem zuliebe Vater das Buch
lesen lie, interessierte es aufs lebhafteste, sondern auch Vater
selbst, der immer wieder staunte ber die groe Liebe und Energie,
mit der Hagenbeck ber die wilden Tiere Herr wurde.

Wurde Vater mde, so rief er: Vorwrts, alter Kerl!, richtete sich
in seinem Sessel auf und ging an seinen beiden Stcken auf und ab.
Wenn die Uhr neun schlug, las unsere Schwester aus Wursters Buch die
Andacht, und Vater hielt das Schlugebet. Tagsber freute er sich
immer wieder an dem kommenden Frhling und seinen Blumen. Am
Todestage Csars, dem 15. Mrz, blieb er vor den sprossenden Primeln
im Garten stehen. Armer Csar, sagte er, hast an deinen Iden
gewi keine so schnen Blmchen gehabt. Und dann im Gedanken an den
schmerzlichen Untergang des groen Mannes: Wo mag er jetzt sein?
Wenn Gott dem nicht gndig ist, wem ist er dann gndig?

Mit den Frhlingsblumen in der Hand ist er dann noch von einem
Krankenbett zum andern gewandert. Zuletzt zu den gemtsleidenden
Frauen nach Magdala und zu seiner an schwerer Lungenentzndung
darniederliegenden Schwiegertochter.

Am zweiten Ostertage zogen wir noch einmal mit ihm durch das ganze
liebe Anstaltstal bis zum benachbarten Hof des Kolons Wllner, der
spter die Heimat der Volkshochschule werden sollte.

Am Mittwoch darauf war der letzte Abend, den wir ihn unter uns
hatten. Noch einmal las die Schwester die Andacht, und Vater betete
und schlo mit den Worten: Sorget nichts, Kinder! Alle eure Sorge
werfet auf ihn!

Im Schlafzimmer oben traf ihn dann ein neuer Schlaganfall. Das
Bewutsein war gleich verschwunden. Ohne zu leiden, lag er noch drei
Tage. Wie mit verhaltenem Atem ging die ganze Gemeinde dahin. Wir
wuten alle, da nun der Abschied gekommen sei. Einer nach dem
andern trat still an das Sterbelager, um noch einmal in das
schlummernde Angesicht zu sehen. Die Klnge aus Pastor Kuhlos
Flgelhorn strkten uns wieder und wieder.

In der Mittagsstunde des 2. April, whrend ich am Krankenlager
meiner Frau war, wurde ich gerufen. Die Stunde des Abscheidens stand
vor der Tr. Ich eilte von meiner Wohnung durch den Buchenwald
hinunter. Am Wege, den Spaten in der Hand, stand ein russischer
Baron von Obolianinoff, der seit vielen Jahren als epileptischer
Kranker in Bethel war und Vater sehr nahe stand. Ich sagte ihm,
wohin mein Weg ginge. Da floh der Glanz von seinen dunklen Augen,
und ich sah wie in einen dunklen Abgrund des Schmerzes hinein. Sagen
konnte er nichts. Aber sein erloschenes Auge sprach laut von dem,
was diese Stunde nicht nur fr diesen einen einsamen Kranken,
sondern fr ungezhlte bedeutete.

Die Geschwister fand ich schon versammelt. Wir knieten um das Bett
und hielten abwechselnd die erkaltenden Hnde. Als der letzte
Atemzug getan war, betete unser Bruder Wilhelm aus tiefstem Herzen
und brachte Gott den Dank dar ber diesem fr die Erdenarbeit
abgeschlossenen Leben.

Als ich am spten Nachmittag wieder durch den Buchenwald zurckging,
wehte von der Zionskirche die Fahne. Im hellen Schein der Abendsonne
leuchteten darauf die Worte: Lobe, Zion, deinen Gott! Jene in
Schmerz getauchten Augen des Kranken und diese hell leuchtende Fahne
gehrten zusammen. Darum waren auch die nun folgenden Tage, in denen
der Zug der Kranken und ihrer Freunde noch einmal still in das
friedliche Antlitz sah, bis wir mit vielen aus der Nhe und Ferne
Herbeigeeilten um den geschlossenen Sarg in der Zionskirche
versammelt waren, Tage, in denen das Klagen und Weinen berdeckt und
bertnt wurde durch das Lob, das die Gemeinde der Elenden Gott
darbrachte. Und als am 6. April die nicht enden wollenden Scharen
sich langsam vom Grabe verloren, sang durch den scharfen Abendwind
die Amsel ihr Frhlingslied.


                            Buchdruckerei
                          der Anstalt Bethel
                            bei Bielefeld.




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  | Anmerkungen zur Transkription                                    |
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  | Inkonsistenzen wurden nicht gendert, wenn beide Schreibweisen   |
  | gebruchlich waren, wie:                                         |
  |                                                                  |
  | hannoversche - hannversche                                      |
  | friedevolles - friedvolles                                       |
  | Pfarrersohn - Pfarrerssohn                                       |
  | Verstehn - Verstehen                                             |
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  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                  |
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  | S. 15  "Langenentzndung" in "Lungenentzndung" gendert.        |
  | S. 15  "Lieben" in "Liebe" gendert.                             |
  | S. 27  "meinen" in "meinem" gendert.                            |
  | S. 27  "voraufgegangen" in "vorausgegangen" gendert.            |
  | S. 35  "eizelnen" in "einzelnen" gendert.                       |
  | S. 42  "meine" in "meiner" gendert.                             |
  | S. 42  "seider" in "seiner" gendert.                            |
  | S. 72  "Anstregung" in "Anstrengung" gendert.                   |
  | S. 73  "Kmpfe Leibes" in "Kmpfe des Leibes" gendert.          |
  | S. 73  "Schielich" in "Schlielich" gendert.                   |
  | S. 91  "Kaffe" in "Kaffee" gendert.                             |
  | S. 100 "Champs Elyses" in "Champs lyses" gendert.            |
  | S. 127 "seinen" in "seinem" gendert.                            |
  | S. 135 "Kirchtum" in "Kirchturm" gendert.                       |
  | S. 173 "gleimig" in "gleichmig" gendert.                   |
  | S. 174 "franzschen" in "franzsischen" gendert.                |
  | S. 177 "wieder" in "wider" gendert.                             |
  | S. 201 "berkommen" in "bernommen" gendert.                    |
  | S. 250 "sichreres" in "sichereres" gendert.                     |
  | S. 281 "dunkeln" in "dunklen" gendert.                          |
  | S. 297 "war" in "was" gendert.                                  |
  | S. 366 "Kulturslebens" in "Kulturlebens" gendert.               |
  | S. 390 "Gespchen" in "Gesprchen" gendert.                     |
  | S. 411 "Yorkschen" in "Yorckschen" gendert.                     |
  | Inhalt Seitenzahl "411" in "409" gendert.                       |
  | Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.           |
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Gustav von Bodelschwingh

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any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

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outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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