Project Gutenberg's Der Erbe. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Der Erbe. Zweiter Band.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: August 4, 2014 [EBook #46504]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ERBE. ZWEITER BAND. ***




Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
images of public domain material from the Google Print
project.)







[ Symbole fr Schriftarten: _gesperrt_ : =Antiqua= ]




  Der Erbe.

  Roman
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Die Uebersetzung dieses Werkes in fremde Sprachen wird vorbehalten.

  Zweiter Band.

  Jena,
  Hermann Costenoble.
  1867.




Inhaltsverzeichni.


                                     Seite
   1. Am Krankenbett                     7
   2. Zwei Glckliche                   24
   3. Frau Heberger                    54
   4. Neben der Werksttte              86
   5. Die Werbung                      112
   6. Staatsanwalt Witte zu Hause      136
   7. Bei der Leiche                   164
   8. Der Raubmord                     185
   9. Die Untersuchung                 222
  10. Verschiedene Eindrcke           248
  11. Rath Frhbach                    275
  12. Die Nachbarin                    296
  13. Das Gestndni                   323




1.

Am Krankenbett.


Ungleich der strmischen oder doch bewegten Unterhaltung im unteren
Theil des Schlosses verhandelten die Personen im oberen, in Benno's
Krankenstube, und Benno selber sa mit hochgertheten Wangen in seinem
Bett und lauschte der Erklrung Baumann's, der vor ihm auf einem kleinen
Tische die mitgebrachte Maschine stehen hatte und jetzt ihre Wirksamkeit
beschrieb.

Aber woher haben Sie das wunderliche Ding, Baumann? sagte der Knabe
mit blitzenden Augen, denn sein ganzes Interesse war geweckt worden.
Doch nicht selber gefertigt? Das sieht ja gerade so aus, als ob es
schon ber hundert Jahre alt wre.

Das ist es auch vielleicht, lieber Baron, erwiederte der junge
Mechanikus, und eine nicht ganz werthlose Antiquitt, die dem alten,
reichen Salomon gehrt.

Aber was, um Gottes willen, stellt es vor? Was bezweckt es? All' die
vielen Rder, die schwere Kugel dann und die Hebel!

Es sollte ein altes Problem lsen, lchelte Baumann, das =perpetuum
mobile=.

Um vielleicht durch ein =perpetuum immobile= zu beweisen, da es auch
das Gegentheil geben msse, lachte Benno, der seine Krankheit ganz
vergessen hatte. Wie komisch das ist! Es rhrt und regt sich ja gar
nicht.

Weil es noch nicht in Gang gebracht ist, erwiederte Baumann; wenn das
aber geschieht -- und wir wollen das gleich einmal thun--, so kann ich
Ihnen versichern, da es ununterbrochen fortluft und kein Aufhren mehr
zu berechnen ist, die Zeit natrlich ausgenommen, wo sich das Material
selber abnutzt und die Rder ausgeleiert werden -- ein Nachtheil, der
allen Menschenwerken anhngt, ob er sie nun spter oder frher ereilt.

Und wie kommen Sie dazu, Baumann?

Es war die erste Arbeit, die mir, seit ich mich selbststndig etablirt
habe, anvertraut wurde, sagte der junge Mechanikus, und ich glaube,
ich habe meine Aufgabe ehrenvoll gelst, denn der alte Salomon
versicherte mir, er htte das kleine Werk schon in alle greren Stdte
Deutschlands, zu den berhmtesten Arbeitern gesandt, ohne es je reparirt
zu bekommen. Die Antwort von Allen habe gelautet, sie wollten lieber
etwas Aehnliches neu herstellen, als den Fehler finden, der hier die
Rder verhinderte, fortzuarbeiten. Und doch lag das Ganze nur an einer
Kleinigkeit, an einem falsch eingesetzten Rdchen, das vielleicht
einmal eine ungeschickte Hand beim Reinmachen herausgenommen und, da es
Aehnlichkeit mit einem andern hatte, nicht wieder an die rechte Stelle
brachte. Das aber strte natrlich die Arbeit des ganzen Werkes, weil
seine Zhne etwas weiter aus einander stehen.

Und Sie fanden den Fehler?

Gewi, und Sie sollen sich jetzt selber berzeugen, wie gnstig und
glatt es geht. Drei Tage und drei Nchte habe ich es schon bei mir im
Zimmer in Gang gehabt; es arbeitet vortrefflich, und ein Ablaufen des
Rderwerkes ist, so lange die Rder selber in Ordnung bleiben, gar nicht
denkbar.

Er hatte dabei die Messingkugel auf einen bestimmten Punkt gelegt und
lie sie dort auf einen Hebel fallen; dadurch kam das ganze Rderwerk
in Gang, und die Kugel selber wurde langsam, aber in genau abgemessener
Weise nach und nach und von Zahn zu Zahn wieder hinauf an ihre alte
Stelle gebracht, um ihren Kreislauf dort von Neuem zu beginnen. Jedesmal
aber, wenn sie den Punkt erreichte und dann wie vorher ab und auf den
Hebel traf, brachte sie das Ganze von Frischem in Gang.

Kathinka, die sich noch im Zimmer befand, hatte der kleinen Maschine, an
der sich Benno nicht satt sehen konnte, mit vielem Interesse zugeschaut,
aber doch dabei manchmal aus dem Fenster gehorcht, denn es war ihr
fast, als ob sie unten die scharfe, keifende Stimme des Fruleins von
Wendelsheim hrte. Was war da wieder vorgefallen -- und sicher trug
wieder der Baron Bruno daran die Schuld, der eben dort zum Thore
hinaussprengte, oder hatte wenigstens die Ursache gegeben. Sollte sie
selber jetzt hinuntergehen? Es war wohl besser, sie wartete noch eine
kurze Zeit, bis der Sturm ein wenig ausgetobt; sie mochte der Tante
nicht muthwillig in den Weg laufen.

Eine Viertelstunde verging noch so, und Benno konnte nicht mde werden,
das kleine Kunstwerk zu beobachten, das, freilich immer nur eine
Spielerei, doch dem Verfertiger alle Ehre machte, als pltzlich die Thr
rasch geffnet wurde und Tante Aurelia einen Blick in's Zimmer warf.

So, rief sie dabei, und Du sitzest noch hier, die Hnde im Schoo,
und weit gar nicht, da unten Alles auf dem Kopfe steht? Und Benno soll
seinen Thee wohl ebenfalls kalt trinken, Mamsell, heh? Haben wir Dich
deshalb in's Haus genommen und die langen Jahre gefttert, um nur eine
Hofdame aus Dir zu machen, die sich Morgens in Staat wirft und dann den
ganzen Tag spazieren geht?

Ich wute nicht, da es schon so spt war, sagte Kathinka schchtern
und glitt an der Zornigen vorbei aus der Thr, whrend die Tante ihr
nachzankte: Und wozu hast Du Deine Augen, als Dich selber darum zu
bekmmern und nach der Uhr zu sehen, Du nachlssiges Ding Du! Den jungen
Leuten nachlaufen, ja, das kann sie, aber zu sonst ist sie auf der
Gotteswelt nichts nutz, und ich erlebe doch hoffentlich auch noch die
Zeit, wo wir die Brde hier vom Halse los werden!

Kathinka hatte wahrscheinlich nicht die Hlfte der harten Worte mehr
gehrt, denn sie war in Schreck und Scham die Treppe hinabgesprungen.
Benno aber, als sie die Thr wieder schlo, jedenfalls um ihr
nachzugehen und ihre Strafpredigt fortzusetzen, seufzte recht tief auf
und sagte traurig: Das arme, arme Mdchen! Sie ist so gut und brav,
arbeitet von frh bis spt und pflegt mich, wie es eine Mutter nicht
besser knnte, und nie ist die Tante mit ihr zufrieden; immer und ewig
zankt sie und macht ihr unser Haus zu einer Hlle. O, da ich nur gesund
wre und ihr beistehen knnte! Aber wenn ich nur laut reden will, sticht
es mich hier so in der Brust, und ich mu dann stundenlang regungslos
auf meinem Kissen liegen.

Ich glaube, sagte Baumann leise, das gndige Frulein Tante zankt
mit Jedermann und braucht tglich einen gesunden Skandal, um sich
bei frischen Krften zu erhalten. Es ist auch so eine Art =perpetuum
mobile=, das ich aber, aufrichtig gesagt, lieber nicht repariren mchte,
wenn es einmal aufhren sollte zu arbeiten.

Sie haben recht, Baumann, lchelte Benno, und ihre Zunge ist die
Kugel, die stets auf's Neue das ganze Rderwerk in Bewegung setzt, denn
schon nach den ersten Worten arbeitet sie sich selber in die grte
Aufregung hinein. Nur mit mir zankt sie nicht, so gern sie es auch
manchmal mchte, und da Sie mich besuchen, scheint ihr auch nicht
angenehm zu sein.

Ich habe wenigstens noch nie einen freundlichen Blick oder Gru von ihr
bekommen.

Dessen knnen sich berhaupt nur wenig Menschen rhmen, seufzte Benno.
O, warum sich und Anderen das Leben so schwer machen! Es ist doch so
schn und, ach, so kurz!

Kathinka trat herein und brachte den Thee, setzte ihn aber nur auf
den Tisch und verlie augenblicklich das Zimmer wieder. Sie hatte
rothgeweinte Augen und wollte die wahrscheinlich nicht vor den jungen
Leuten sehen lassen.

Baumann's Blick haftete auch mit innigem Mitleiden auf ihr; sie war so
jung und so unglcklich schon, stand so ohne Schutz und Freunde da,
und ertrug doch Alles mit so stiller Demuth, ohne ein einziges Wort
der Widerrede! Er hatte auch wirklich einen bittern Fluch gegen die
steinerne Tante auf den Lippen, verbi ihn aber, um Benno nicht wehe
zu thun, und setzte nun langsam die Maschine auer Gang und zurck neben
seinen Hut.

Sie wollen doch noch nicht fort, Baumann? fragte Benno rasch. Du
lieber Gott, dann bin ich ja ganz allein, denn Kathinka hat die Tante
weggejagt und Bruno ist ja auch wieder fortgeritten, er wre sonst gewi
noch einmal heraufgekommen.

Ich kann noch etwas bleiben, lieber Baron, aber ich frchte, Sie regen
sich zu sehr auf. Sie sehen jetzt schon so bla aus.

Weil ich mich ber die Tante gergert habe, sagte der Knabe. Weshalb
zankt sie immer mit der armen Kathinka -- ich bin ja auch gar nicht
krank mehr, nur noch schwach, wie mir der Doctor selber gesagt hat, und
nur ausruhen soll ich mich, recht ordentlich ausruhen, damit ich wieder
zu Krften komme -- knnt' ich nur fort von hier!

Aber wohin? fragte Baumann.

Bruno hat mir versprochen, fuhr der Knabe mit leuchtenden Blicken
fort, wenn er jetzt das viele Geld von seiner groen Erbschaft bekommt,
was ja nur noch wenige Wochen dauert, dann macht er mit mir eine Reise
nach Italien. Dort ist weiche, warme Luft, dort erhol' ich mich gewi
in so viel Tagen, wie hier in Monden, und dann nehmen wir Kathinka als
Krankenpflegerin mit -- ja, Baumann, gewi! Ich habe es schon Alles
mit meinem Bruder ausgemacht -- ich brauche noch Pflege unterwegs,
wenigstens in der ersten Zeit -- aber die Tante, setzte er lchelnd
hinzu, die lassen wir hier in dem alten, den Schlosse, wo es mir immer
ist, als ob die Mauern ber mir zusammenbrechen mten, und dann kann
sie nicht mehr mit Kathinka zanken, und sie wird wieder heiter und
glcklich werden und wieder lachen -- ach, Baumann, Sie sollten sie
einmal lachen hren, wie herzlich, wie lieb das klingt! Aber, setzte er
leise hinzu, es ist schon lange her, da ich es nicht mehr gehrt habe,
und es thut mir doch so wohl.

Er lag viele Minuten still und regungslos, und Baumann, das Herz
von innigem Mitleiden mit dem Armen erfllt, wagte selber nicht das
Schweigen zu brechen. Welchen Trost htte er ihm auch geben knnen?
Endlich sagte Benno wieder:

Wo nur der Vater heute sein mag, da er nicht ein einziges Mal zu mir
heraufkommt, und er wei doch, wie ich mich immer freue, ihn hier zu
sehen -- aber freilich, setzte er seufzend hinzu, bei mir hier oben
ist es so langweilig, und er hat so wenig Geduld -- da ist die Kathinka
besser, und wenn sie drfte, se sie halbe Tage lang an meinem Bett
und erzhlte mir ihre wunderhbschen Geschichten. Ach, sie kann so schn
erzhlen, Baumann, und wenn sie es thut, seh' ich all' die Personen, die
sie beschreibt, all' die Feen und Elfen mit ihren lieben Gestalten um
mein Bett stehen, und es wird mir dann so wohl, o, so wohl...

Er sank zurck, Todtenblsse deckte seine Zge, er war ohnmchtig
geworden, und Baumann zog jetzt die Klingel, um Hlfe herbeizurufen,
aber nur die Magd erschien. Das gndige Frulein Tante war unten in
den Stllen und zankte sich gerade mit einer der Viehmgde, Frulein
Kathinka war aber in den Garten geschickt, um dort die Blumen zu
begieen.

Benno erholte sich jedoch, wie ihm nur Baumann ein nasses Tuch um die
Stirn legte, rasch von selber wieder; aber er war jetzt so schwach
geworden, da er nach Ruhe verlangte.

Ich will schlafen, sagte er leise, indem er dem Freund die
Hand reichte -- heute bin ich recht elend, aber wenn Sie wieder
herauskommen, finden Sie mich von allen Schmerzen frei -- dann beginnt
eine glckliche Zeit. Leben Sie wohl, mein guter Baumann! Er drehte
sich ab und legte sich auf die Seite. Baumann sah nur noch die
eingefallenen Wangen, die hohlen Schlfe und geschlossenen Augen. Es war
ihm, als ob er einen Todten verlie, als er, seine Maschine im Arm, die
Thr des Zimmers hinter sich zudrckte.

Er stieg langsam die Treppe hinunter und betrat durch eine Seitenthr
den Garten -- es wurde unten im Park an dem einen Theile der Mauer
gebaut, und er wute, da er dort hinaus ein bedeutendes Stck seines
Weges abschneiden konnte--, aber er mute an dem Gartensaal vorber,
und als er die Thr desselben passirte, bemerkte er den alten Freiherrn,
der dort, die Stirn noch immer an die Glasscheibe gelegt, stand und
anscheinend hinaus in den Garten sah. Im ersten Momente wollte er ihn
auch anreden und ihm sagen, da Benno wieder eine Ohnmacht gehabt. Der
Kranke schlief aber jetzt gerade; wenn der Baron hinaufging, strte er
ihn nur wieder. Das vorher gerufene Mdchen wrde es schon der Tante
sagen; er selber beschlo, nichts davon zu erwhnen. Nur als er
vorberging, zog er seinen Hut ab und grte den alten Herrn, dessen
stieres Auge auf ihm haftete -- aber ob er ihn trotzdem nicht sah? Er
dankte wenigstens nicht, noch gab er irgend ein Zeichen der Erkennung.
Still und regungslos stand er an der Glasthr und starrte, wie in das
Leere, in die grnen Bsche und Strucher hinein. Dem jungen Mann wurde
es auch ganz unheimlich, als er ihn da so stehen sah. Was um Gottes
willen war vorgegangen, das den alten, sonst so strengen und kalten
Herrn dermaen erschttern und von seiner nchsten Umgebung ablenken
konnte!

Soll mich der Himmel vor Macht und Reichthum bewahren, flsterte
Baumann leise vor sich hin, als er durch die laubigen Gnge des Parkes
schritt, wenn ich sie solcher Art mit meinem Seelenfrieden erkaufen
mute! Wie kummervoll der Mann aussieht! Hat er vielleicht von dem
neuen Anfall des jngsten Kindes gehrt und sorgt sich darber? -- armer
Vater! -- Oder ist es etwas Anderes, das ihn drckt? Wenn so, dann
mte er es auch allein tragen, denn er hat keinen Freund, dem er sich
anvertrauen knnte oder wollte. Er war wohl ein vornehmer Herr, aber
er stand allein, trostlos allein in der weiten Welt, und Niemand half
ihm seine Lasten tragen, und doch war der Glanz und Prunk, der ihn
umgab, und das Meiste von alledem, nur noch gemacht, wie Baumann recht
gut wute. Ein bertnchtes Elend, um Rang und Stand mit den letzten,
fast erschpften Krften aufrecht zu erhalten, und das Alles ohne die
Spur von huslichem Glck und Frieden, und nichts in dem groen, den
Schlosse, als Stolz, Ha und Unfriede, und dazwischen den lauernden Tod
am Krankenbett des Sohnes!

Baumann war, in seine trben Gedanken vertieft, rasch durch den
Park jener Stelle zugeschritten, an welcher, wie er wute, die Mauer
niedergeworfen worden und eben neu aufgebaut werden sollte. Er hatte
auch auf seine Umgebung wenig oder gar nicht geachtet, als er pltzlich
ein lichtes Kleid durch die Bsche schimmern sah und gleich darauf
Kathinka erkannte. Sie kam gerade, eine groe, aber jetzt leere
Giekanne in der Hand, von den ihr anvertrauten Beeten her und wollte
nach dem Schlo zurck. Als sie Baumann bemerkte, war es auch fast, als
ob ihr Fu einen Moment zgerte; sie wre ihm in der That am liebsten
ausgewichen, denn ihre Augen zeigten noch Spuren von vergossenen
Thrnen, und sie scheute sich, die den Fremden sehen zu lassen; aber es
ging nicht mehr, er war schon zu nahe herangekommen, und Baumann selber
ging auf sie zu, um ihr den Unfall mitzutheilen, der Benno whrend ihrer
Abwesenheit betroffen.

Du lieber Gott, rief sie erschreckt aus, der arme junge Mensch! O,
nicht einen Augenblick sollte er allein gelassen werden -- sie wissen ja
gar nicht, wie krank er ist, sie knnen es nicht wissen, oder sie wrden
anders handeln. Ich will gleich zu ihm.

Lassen Sie ihn jetzt, sagte Baumann freundlich; er ist eingeschlafen,
und die Ruhe wird ihm gut thun; er bedarf ihrer.

Er wird bald von allen seinen Leiden ausruhen, sagte Kathinka traurig
-- bald und fr immer.

Halten Sie seinen Zustand wirklich fr so gefhrlich?

Ich frchte, ja. Er hat die letzten Tage an Krften in erschreckender
Weise abgenommen, und seine Augen haben einen so unheimlichen Glanz
bekommen.

Der arme, arme Benno, wie wenig Freude hat er noch im Leben gehabt, und
so jung schon sterben -- sterben jetzt, da vielleicht in dem Reichthum
seines Bruders und dem neu erwachenden Glanz des Hauses auch ein
besseres Dasein fr ihn beginnen knnte! Glauben Sie nicht? fuhr er
fort, als Kathinka leise mit dem Kopf schttelte. Bruno wrde gewi
freundlich mit ihm sein, er ist von Herzen gut und hat ihn lieb.

Ja, sagte Kathinka, Bruno schon, aber die Tante ist der bse Geist im
Hause, der kein Glck und keinen Frieden aufkommen lt, und ich selber
htte es auch schon lange verlassen, wenn ich nicht Benno's wegen
bliebe. Aber er hat sich so an mich gewhnt, da er ganz unglcklich
sein wrde, wenn ich ginge -- sonst lieber trocken Brot unter Fremden
essen, setzte sie leise hinzu.

Sie haben ein schweres Leben hier im Hause, mein armes Frulein, sagte
Baumann mitleidsvoll, und ich begreife da wirklich die Tante nicht,
denn sie hat Benno lieb, das zeigt sich in Allem, und doch krnkt sie
ihn so oft durch Sie. Er sagte mir selber heute, da ihn das Zanken
wieder krank gemacht.

Ich mu zum Hause zurck, erwiederte Kathinka ausweichend. Benno
knnte aufwachen und nach mir verlangen, und meine Arbeit ist hier
beendet. Leben Sie wohl, Herr Baumann! Und mit leichten Schritten eilte
sie den Gang hinab dem Schlosse zu.

Fritz Baumann verlie den Park heute mit recht schwerem Herzen. Er hatte
den kranken Knaben wirklich liebgewonnen, und wie lange konnte es noch
dauern, bis er in der khlen Erde ruhte! Dann kehrte auch er nicht mehr
in den Schatten dieser Bume zurck, dann war auch ihm der Weg hieher
abgeschnitten, denn er fhlte recht gut, da ihn der Baron wie die Tante
hier nur Benno's wegen duldeten. Er selber wrde sie auch nie aufgesucht
haben.

Er stand noch und sah zu dem Schlo nachdenkend zurck, das gerade hier,
bei einer Biegung des Weges, durch die dichten Wipfel sichtbar wurde,
als er pltzlich das schmerzliche Winseln und Heulen eines Hundes
und scharfe Peitschenschlge auf dessen Rcken hrte. Es war der
Revierfrster, der seinen Dachs an der Leine hatte und aus irgend einem
Grund jmmerlich abprgelte.

Du groer Gott, sagte Baumann fast unwillkrlich vor sich hin, ist
das ein trostloser Platz hier -- nicht einmal ein Hund kann sich da wohl
fhlen! Ich will dem Himmel danken, wenn ich ihn nicht mehr zu betreten
brauche! Und rasch ausschreitend, erreichte er bald darauf die
Parkbrcke und gleich dahinter die freie Strae, wo er ordentlich
aufathmete, als ob er einem Gefngni entwichen sei.




2.

Zwei Glckliche.


Bruno von Wendelsheim war in scharfem Trab in die Stadt zurckgeritten,
aber heute wahrlich in keiner so gedrckten Stimmung, als er sonst wohl
das vterliche Haus verlassen; denn jenes ruhige Gefhl berkam ihn
dabei, das uns immer ergreift und beherrscht, wenn wir nach langen,
peinigenden Zweifeln ber irgend einen wichtigen Abschied unseres Lebens
zu einem bestimmten und festen Entschlusse gekommen sind.

Liebe -- wann hatte er Liebe je in seinem Vaterhaus gefunden? Nie, nie!
Nur mit Furcht war er erzogen und geleitet worden, nur Furcht hatte er
vor dem strengen alten Herrn gekannt, bis er heranwuchs und auch diese
abschttelte. Dann war nichts geblieben, als das Bewutsein, da er dem
Manne, als seinem Vater, Achtung und Gehorsam schuldig sei -- aber nur
Gehorsam so weit, als es nicht sein eigenes Lebensglck, seine ganze
Zukunft betraf, die zu leiten er durch seine Hrte und Gleichgltigkeit
schon des Rechtes verlustig gegangen war.

Als er heute Morgen hinaus nach Wendelsheim ritt, war er denn auch nur
darauf gefat gewesen, nach seiner Erklrung einem Sturm von Vorwrfen
und Zornesworten zu begegnen, die ja auch kaum ausbleiben konnten, da er
zum ersten Mal es wagte, nicht allein vollkommen unabhngig seinem Vater
entgegenzutreten, nein, ihn sogar an seinem verwundbarsten Punkt, seinem
alten Adelsstolz, seinem unantastbaren Stammbaum zu verletzen. Da er
gnzlich unvorbereitet darauf war, ihn, statt aufbrausend und wthend,
nur weich und schmerzbewegt, ja, wie gebrochen zu finden, lt sich
denken; er wrde es nie im Leben fr mglich gehalten haben, und so
berrascht, so erschttert selbst fhlte er sich davon, da er sogar fr
einen Moment schwankend in seinem Entschlu wurde, um von dem alten Mann
den Schmerz zu nehmen, bis die Tante mit ihrem kalten, hhnischen Blicke
in's Zimmer trat und mit ihrem Augenblick Alles, Alles zurckrief, was
er in seinem Leben hier erduldet.

Seine ganze, ihm abgestohlene und mihandelte Jugend lag bei ihrem
Anblick vor seinen Augen; all' die Thrnen, die er im Stillen geweint,
all' der heimliche Ingrimm, den sie in die Kindesbrust gepflanzt und
mit ihm gro gezogen, aber immer nur genhrt, nie auch selbst durch
ein freundliches Wort gemildert hatte, und gerade das Bewutsein, ihrem
starren, keines guten Gedankens fhigen Herzen noch einmal einen Streich
zu versetzen, sie endlich einmal fhlen und wissen zu lassen, da ihre
Herrschaft vorbei sei und sie aufgehrt habe, den Knaben zu meistern,
warf alles Mitleid fr den Vater ber Bord. Er sah nur seine geopferte
Jugend, fhlte nur, zum ersten Mal in seinem Leben, das Bewutsein in
sich erwachen, zu _vergelten_, und in der wonnigen Empfindung, gerade
dieser Frau den Fehdehandschuh hinwerfen zu knnen, gerade ihr zu
zeigen, da ihr Regiment ber ihn aufgehrt und sie darauf verzichten
msse, ihn als Knaben zu behandeln, verga er selbst den Schmerz des
Vaters ber das ihm zugefgte Leid.

Jetzt war es geschehen, der Wrfel gefallen, und ihm blieb nichts weiter
brig, als nach seinem Gefhl zu handeln.

Damit trabte er auf seinem Weg dahin, und noch nie war ihm der Himmel so
blau, die Erde so frisch und maiengrn, die Luft so mild, der Vgel Sang
so lieb erschienen, wie gerade heute, wo er nicht allein zum ersten Mal
seinem Herzen folgen, sondern auch eine heilige Pflicht erfllen durfte,
die ihn lange gedrckt.

Da ihn Rebekka liebte -- wie konnte es ihm Geheimni bleiben, da des
Mdchens ganze Seele ja in dessen Augen lag? Und wenn es ihn bis jetzt
nur immer in das Haus, in das trauliche Stbchen des alten Salomon zog,
so verlie er es auch jedesmal mit den bittersten Vorwrfen gegen sich
selbst, da er eine Leidenschaft nhre und unterhalte, der er, wie
er damals dachte, nie gerecht werden durfte. Und doch war er nicht
im Stande, jenen Zauber zu meiden, den Rebekka schon selber auf ihn
ausbte, und der alte Salomon schttelte wohl oft, von ihm ungesehen,
den Kopf, wenn er mit dem Mdchen am Instrument sa und die Tochter
dann, glcklich in der Nhe des Geliebten, mit jubelnder Stimme ihre
Lieder sang.

Er, der alte Salomon, kannte die Verhltnisse der Menschen drauen auf
dem Schauplatz, den wir die Welt nennen; er kannte sie besser wohl als
tausend Andere, denn er hatte mit allen Schichten der Bevlkerung und
besonders mit den Groen und Vornehmen verkehrt, und er war von ihnen
geschmeichelt und auf Hnden getragen oder auch unter die Fe
getreten worden, gerade wie man ihn gebrauchte. Er kannte aber auch die
Ansichten, den Stolz und Hochmuth dieser Leute, die, was ihren Stammbaum
betraf, doch htten zu dem Juden mit Neid und Bewunderung aufsehen
mssen, denn keiner von allen leitete so weit zurck als dessen
Abstammung, die zu Abraham hinaufreichte. Aber ihre Standesvorurtheile
machten sie blind -- blind gegen Alles, nur nicht gegen ihren eigenen
Werth, und Salomon wute gut genug, da sie, so hoch sie sich selber
berschtzten, eben so tief den Juden verachteten, den sie wohl
gebrauchen und benutzen konnten, wo er ihren Zwecken diente oder ihnen
nthig wurde, dem sie aber sonst nie verstattet htten, auch nur in ihre
Nhe sich zu wagen, viel weniger denn auf gleichen Rang, auf gleiche
Stufe mit ihnen zu treten.

Und was sollte da aus einer Liebe werden, die er im Herzen der Tochter
gegen Einen jenes, ihnen stets fremd gebliebenen Stammes sich entwickeln
sah? Er frchtete das Hoffnungslose einer solchen Leidenschaft, aber
wagte, aus Liebe zu dem einzigen Kinde, nicht einmal einen Einspruch zu
thun, ja, ihr nicht einmal die Gefahr zu nennen, in der sie schwebe, aus
Furcht nur, die Gefahr gerade dadurch erst heraufzubeschwren.

Er mochte den jungen Officier wohl leiden: er war anders, als die
Uebrigen seines Standes und Gewerbes, und hatte sich seit der Zeit,
wo er zufllig einmal Rebekka im Laden ihres Vaters gesehen und kennen
gelernt, stets so achtungsvoll und dabei so einfach und herzlich
betragen, da er es nicht ber sich gewinnen konnte, ihn abzuweisen --
und doch wre es vielleicht besser, viel besser gewesen. Damals nun, als
er zu ihm um das Anlehen kam und er es ihm verweigerte, glaubte er den
Zeitpunkt gekommen, wo er ein Verhltni abbrechen konnte, das anfing
ihm Sorge zu machen. War einmal das Capitel Geld zwischen ihm und
Rebekka besprochen und verhandelt worden, dann wute er recht gut, da
der Zauber schwinden mute, der bis jetzt auf der seltenen Erscheinung
des Geliebten gelegen -- aber er hatte sich geirrt. Bruno fhlte das
selber; er wagte das Wort nicht auszusprechen, und wenn er auch fast
verzweifelnd das Haus verlassen mute, das einzige Wesen auf der weiten
Welt, das ihn wirklich liebte, sollte nie einen Schatten auf seiner Ehre
sehen.

Damit war der ganze Plan des alten Salomon in Trmmer gegangen und das
gerade beschleunigt, was er vermieden haben wollte -- eine Erklrung der
Beiden, ein Erkennen und Sichbewutwerden des Gefhls, das nun natrlich
nicht mehr zurckgehalten werden konnte. Was nun kam -- er mute der
Sache ihren Lauf lassen, sah aber die Zukunft, trotzdem da seine Frau
und Rebekka darin schwelgten, in einem trben, traurigen Licht -- und
er war ein Mann, der viel, viel erlebt hatte und sich nicht so leicht
in etwas tuschen lie. -- Aber wo blieb indessen der Baron? Seit jenem
Tage, an welchem er den Wechsel erhalten, waren acht, waren vierzehn
Tage verflossen, ohne da er sich im Hause Salomon's wieder htte sehen
lassen. Rebekka erwartete seine Rckkunft mit heiem Sehnen, der Vater
zhlte ebenfalls die Tage, aber aus einem andern Grunde; denn jeder
schwindende Tag besttigte nun mehr und mehr seine Ueberzeugung, da
Baron von Wendelsheim doch endlich selber eingesehen habe -- leider,
leider nur zu spt fr sein armes Kind--, der reiche Baron passe nicht
in die Familie des Juden.

Bruno von Wendelsheim ritt indessen frhlich seine Bahn entlang. Er war
mit sich im Reinen, und wenn er auch wochenlang gekmpft und das Fr
und Wider erwogen, jetzt kannte er nur ein einziges Ziel: das Haus der
Geliebten, und dem eilte er entgegen, so rasch ihn sein altes Pferd nur
tragen konnte.

An seiner Wohnung hielt er an, um vorher sein Thier einzustellen und
dann den Weg zu der Judengasse zu Fu zurckzulegen; der alte
Salomon hatte ja keine Stallung, und ein Officierspferd dort wre
nur aufgefallen. Dann reinigte er sich erst von dem Staub der Strae,
berraschte auch seinen Burschen etwas durch den Vorwurf, da er die
Knpfe der neuen Uniform lange nicht blank genug geputzt und den Rock
selber nicht sauber ausgebrstet habe -- denn sonst achtete er nie so
viel auf sein Aeueres, um deshalb je mit ihm zu zanken.

Haben Sie Ihre Mappe schon nachgesehen? Es sind auch heute Morgen
wieder ein paar Briefe gekommen, Herr Lieutenant, sagte der Bursche,
als Wendelsheim gerade das Zimmer verlassen wollte.

Bruno trat noch einmal zum Tisch zurck und ffnete die Mappe; es waren
drei Briefe -- zwei Rechnungen -- er konnte das liniirte Formular schon
durch das Couvert unterscheiden und kannte derartige Zuschriften nur
zu gut; der dritte -- kopfschttelnd und rasch brach er ihn auf --
wahrhaftig, er enthielt wieder den geheimnivollen Fnfthalerschein,
ohne weitere Andeutung, woher er kam, und auch das nmliche Siegel
wieder, mit einem Fnfgroschenstck zugedrckt. Auch die Handschrift der
Adresse war die nmliche wie frher. Wer, um Gottes willen, konnte nur
der Geber dieser sich regelmig folgenden Geschenke sein, und durfte
er sie lnger annehmen, ohne sich vielleicht fr sptere Zeiten eine
lstige Verbindlichkeit aufzuladen? Aber es schien jetzt eben so
unmglich, sie zurckzusenden, als frher -- denn wohin? Der Brief war
hier in der Stadt jedenfalls, ohne Angabe des Inhalts oder Namens des
Absenders, in einen Briefkasten geworfen und von der Post befrdert
worden.

Oft und oft hatte er auch schon daran gedacht, sich durch die Zeitung
gegen derartige Zusendungen, die ihm jedesmal ein unangenehmes Gefhl
hervorriefen, zu verwahren, sich aber immer gescheut, das ffentlich zu
thun. Brauchte er denn aber seinen Namen zu nennen? So viel Leute gab es
sicherlich nicht in der Stadt, die anonym fnf Thaler verschickten. Wenn
er nur den Anfangsbuchstaben seines Namens darunter setzte, gengte das.
Nicht einmal die Zeitungsexpedition brauchte zu wissen, wer die Annonce
einrckte -- sein Bursche sollte sie hintragen und nur abgeben -- das
Geld fr die Insertionsgebhren konnte er hineinwickeln -- das war das
Beste -- weshalb hatte er es nicht schon lange gethan? Ohne sich auch
weiter zu besinnen, setzte er sich an seinen Tisch und schrieb auf einen
Zettel:

  Der Unterzeichnete verbittet sich jede weitere Zusendung von
  Fnfthalerscheinen; das berschickte Geld ist wieder bei ihm
  abzuholen. Wo, wird der Absender wohl wissen.

    W.

So, sagte er, als er den ungefhren Betrag fr den Abdruck
hineinwickelte, das hier trgst Du gleich auf die Expedition des
Tageblatts und giebst es nur ab -- verstanden?

Sehr wohl, Herr Lieutenant.

Und wenn Dich Jemand dort fragt, von wem die Annonce kommt, so nennst
Du keinen Namen -- Du weit es nicht.

Sehr wohl, Herr Lieutenant.

Und wenn ich um acht Uhr noch nicht da sein sollte, brauchst Du nicht
lnger auf mich zu warten.

Sehr wohl, Herr Lieutenant.

Lieutenant von Wendelsheim verlie seine Wohnung und schritt, alle
anderen Gedanken von sich abschttelnd, als nur die lieben, glcklichen
an sein schnes Ziel, die Strae hinab.

Am Seitenwege, von seinem Hause gar nicht weit entfernt, grte
ihn wieder eine ltliche Frau, und er sah sie, gedankenlos den Gru
erwiedernd, von der Seite an. Er kannte sie auch, hatte sie wenigstens
oft auf der Strae gesehen; sie mute jedenfalls hier in der Nhe wohnen
-- was kmmerte ihn die Frau!

Die Frau blieb aber noch lange, als er schon die Strae hinab und um
die Ecke verschwunden war, stehen und sah ihm nach, und ein paar groe,
helle Thrnen glnzten dabei in ihren Augen. Doch sagte sie nicht ein
Wort, kein Laut kam ber ihre Lippen, und nur still und schweigend
wandte sie sich ab, drckte die zusammengefalteten Hnde auf die Brust
und verfolgte ihren Weg in entgegengesetzter Richtung, als die war,
welche der Lieutenant eingeschlagen hatte.

Lieutenant von Wendelsheim beschleunigte indessen seine Schritte, um aus
dem Menschengewhl der Hauptstrae zu kommen, und erst als er in die nur
zu gut gekannte Seitengasse einbog, ging er langsamer, denn bergroe
Eile wre hier zu sehr aufgefallen. -- Jetzt betrat er endlich
das Judenviertel wieder, mit seinem ekelhaften Schmutz und fatalen
s-suerlichen Geruch, der ihn jedesmal zwang, das Taschentuch an die
Nase zu nehmen, und mute hier wirklich Acht geben, um nicht an die
berall umher spielenden, schauerlich schmutzigen Kinder anzustreifen,
die allerdings nicht solche Rcksicht auf ihre Kleider nahmen. Scheue
Blicke voll Ekel und Abscheu warf er auch nach rechts und links in die
dsteren Spelunken hinein, die von Unrath strotzten und ihre faulen
Dnste aushauchten. -- Und diesem Volk entstammte Rebekka! -- wie ein
eisiges Gefhl zuckte es ihm durch's Herz -- aber kaum eine Secunde
lang. Das hier war ja nur der Abschaum der Masse, der Auswurf des
ganzen zurckgesetzten und durch Jahrhunderte hindurch mihandelten und
unterdrckten Stammes, und welche edle Blthen er treiben konnte, o,
sein Mdchen, seine Rebekka war ihm da ja der schnste, der herrlichste
Beweis!

Ohne weiter nach links oder rechts zu sehen, eilte er seine Bahn
vorwrts die Strae entlang und athmete erst wieder auf, als er die
Erweiterung und damit den besseren Theil derselben erreichte. Von da ab
hatte er auch nicht mehr weit zu dem Haus des alten Salomon, und wenige
Minuten spter stand er auf der Schwelle.

Als er die Thr ffnete, sah er den alten Mann, der in seinem Laden, den
Kopf in die Hand gesttzt, vor einem dicken Buche sa und darin las.

Als er das Oeffnen der Thr hrte, hob er den Kopf, fuhr aber im
nchsten Augenblicke schon erschreckt von seinem Sitze empor. Er hatte
den Lieutenant erkannt, und so unerwartet mute er ihm gekommen sein,
da er es ordentlich in den Gliedern fhlte und sich wieder hinsetzen
mute -- er hatte fr den Augenblick die Kraft verloren, aufrecht zu
stehen.

Mein lieber alter Freund! nicht wahr, ich bin lange geblieben, um
mein Versprechen einzulsen? rief Bruno und ging, ihm die Hand
entgegenstreckend, auf ihn zu.

Der alte Mann nahm die Hand, aber er sagte leise: Der Herr Baron hat
nur versprochen, wiederzukommen, wenn die Zeit um ist, um die Wechsel
einzulsen; ich wei von nichts Anderem?

Von nichts Anderem, Salomon? -- und Rebekka?

Der alte Salomon schwieg und schaute lange und still vor sich nieder;
er sah auch heute bleich und eingefallen aus -- oder machte das nur das
halbe Dmmerlicht des dstern, gewlbeartigen Ladens? Endlich stand er
langsam auf.

Setzen Sie sich, Herr Baron, sagte er ernst, aber nicht unfreundlich,
ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden; nicht Jude zu Baron, sondern Mann
zu Mann oder, wenn Sie lieber wollen, wie Mensch zu Mensch, wie Vater zu
Sohn -- ich bin alt genug dazu, Gott wei es, und Sie wissen, da ich es
immer gut gemeint habe mit Ihnen und Ihnen manchen guten, vernnftigen
Rath gegeben die letzten Jahre -- wollte der Herr, da er gefallen wre
auf guten Boden!

Aber, bester alter Freund....!

Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Baron, es ist gut, da wir
allein sind, unterbrach ihn der alte Mann; wir knnen auch keine
Strung gebrauchen und wollen keine. Ich werde den Laden schlieen,
Herr Baron -- wie hait Geschft, wir Beide haben auch ein Geschft mit
einander, was ist wichtiger, als ob ich einen alten saracenischen Dolch
oder einen Pfeifenkopf verkaufe.

Salomon lie keine Einrede gelten, zndete die Lampe an, ging vor die
Thr, schlo selber die eisenbeschlagenen Lden, verriegelte die eben
so verwahrte Thr oben und unten, drehte den Schlssel um und kam
dann langsam zu dem jungen Officier zurck, der ihn nach all' diesen
feierlichen und mit der grten Ruhe ausgefhrten Vorbereitungen doch
nicht ganz ohne Herzklopfen erwartete. Als er dann wieder zur Lampe
trat, zog er seinen Stuhl dem des Barons gegenber, setzte sich und
begann ohne weitere Umschweife.

So, Herr Baron, jetzt sind wir zu Dreien: der liebe Gott und Sie und
ich, weiter Niemand -- braucht auch nie ein Mensch weiter auf der Welt
zu wissen, was wir hier mitsammen haben gesprochen -- und nun will ich
Ihnen etwas sagen. Sie haben betreten mein Haus -- nicht meinen Laden,
mein' ich, wo ich mache Geschfte und verkehre mit aller Welt, nein, das
eigentliche innerste Heiligthum meines Hauses -- auch nicht als Baron
oder Cavalier, sondern als Freund vom alten Salomon, denn Barone oder
Cavaliere kommen sonst nicht dahin. Sie haben dort gesehen mein Kind,
meine Rebekka, und mein Kind hat Sie gesehen, und der Vater hat Sie gern
gehabt, weil Sie ein gutes Gesicht und ein gutes Herz haben, und die
Tochter hat Sie gern gehabt -- nicht als Baron oder Cavalier, sondern
als Freund vom Vater -- und als Freund von sich. Sie haben mit ihr
gemusicirt und gesungen -- schne Lieder, brave Lieder; mir altem Manne
ist dabei das Herz aufgegangen, und ich habe mir gesagt: Kein bser
Mensch kann so spielen, kann solche Musik machen, und der alte Salomon
ist eingeschlafen in seiner Wachsamkeit, bis es war zu spt. Jetzt ist
er aufgewacht, und er mu mit Ihnen reden, damit kein Unglck geschieht,
nicht im Laden oder Geschft, sondern im eigenen Hause.

Aber lieber, bester Salomon, deshalb bin ich ja gerade selber hieher
gekommen! sagte Bruno.

Sind Sie? wiederholte der alte Mann und sah ihn scharf und forschend
an. Nun, desto besser dann, um so leichter und schneller werden wir
damit zu Stande kommen. Aber lassen Sie mich ausreden -- ich mu reden,
denn ich habe es die ganzen langen Wochen auf der Seele gehabt und es
hat mir das Herz beinahe abgedrckt -- ich mu reden, meinet-, Ihret-
und Rebekka's wegen.

Und kann ich Euch nicht vielleicht vorher durch eine ganz einfache und
bestimmte Erklrung beruhigen? sagte Bruno.

Der alte Mann sah ihn rasch und forschend an. Durch welche? fragte er.

Ich bin heute hieher gekommen, um bei Euch um die Hand Rebekka's
anzuhalten.

Salomon schwieg; er war augenscheinlich im ersten Moment berrascht und
wute nicht gleich, was er erwiedern sollte. Aber der kalte Verstand
des alten Juden lie sich nicht so rasch durch ein erwachendes Gefhl
bewltigen; er hatte diesen Fall vorhergesehen, wenn auch vielleicht
nicht in so bestimmter Weise ausgesprochen, und mit ruhigen, fast
klanglosen Worten entgegnete er endlich:

Da haben wir's -- gerade wie ich vermuthet habe: heies Blut und
kleiner Verstand wirft den Wagen in den Sand. So hren Sie, Herr Baron,
was ein alter Mann zu Ihnen sagt: die Erklrung macht Ihrem Herzen Ehre,
und sie thut mir gut, weil sie mir beweist, da ich mich nicht ganz in
Ihnen geirrt. Sie glauben, Sie haben Ihr Wort gegeben, und Sie wollen es
halten. Als Cavalier wollen Sie es halten und als gewhnlicher Mensch
-- aber es geht nicht. Sie werden wohnen auf dem Schlosse Wendelsheim
-- wir werden wohnen in der Judengasse, und damit hab' ich gesagt Alles,
was zu sagen ist. Sie werden haben wollen die Rebekka zur Frau, aber Ihr
Herr Vater ist ein vornehmer, ist ein strenger Herr -- er wird lachen,
wenn Sie es ihm erzhlen zum ersten Mal -- er wird weinen, wenn Sie es
ihm erzhlen zum zweiten Mal, und er wird Ihnen seinen Fluch geben, wenn
Sie es erzhlen zum dritten Mal. Aber die Tochter des alten Salomon soll
einziehen in ihre neue Heimath nicht mit des Vaters Fluch, nein, mit
des Vaters Segen. Noch ist es Zeit, noch ist die Wunde nicht so tief
geschlagen, da nicht Jahre im Stande wren, sie zu heilen, und deshalb
habe ich heute mit Ihnen gesprochen. Sie sind jetzt -- lassen Sie mich
ausreden, Herr Baron, ich bitte Sie -- Sie sind jetzt nichts als ein
armer Lieutenant, der Schulden gemacht hat, und glaubt, er wre dem
alten Salomon eine Verbindlichkeit schuldig, weil er sie fr ihn
bezahlt. Es spricht das fr Ihr gutes Herz, aber nicht fr Ihren
Verstand. Sie werden sein in kurzer Zeit ein reicher Mann selber, ein
Baron von altem Adel und Stammbaum -- aber wenn Sie wirklich heiratheten
des alten Juden Tochter wrden Sie sich fhlen geschlagen und
unglcklich Ihr ganzes Leben lang. Ich freue mich, da Sie gekommen sind
zu mir und um die Hand meiner Rebekka angehalten haben -- wenn sie es
auch nie erfahren wird--, ich bin stolz darauf, aber damit lassen Sie
die Sache zu Ende sein. Ich liebe Sie, Herr Baron, ich glaube, Sie
sind ein guter Mensch -- aber ich liebe mein Kind mehr, und, Gott der
Gerechte, wer kann's mir bel deuten? Sie wrde sich unglcklich fhlen
und elend sein, wenn sie in das alte Schlo einzge und der alte Baron
sagte: Ich will nichts von ihr wissen -- es ist des Juden Tochter! Und
Sie wrden sich unglcklich fhlen, denn Sie sind der Sohn vom Vater,
vom alten Herrn Baron; und die Diener und Mgde im Schlosse wrden
die Achseln zucken, und die Pferdejungen im Stalle von der Miheirath
sprechen, und der alte Salomon wrde sich am unglcklichsten von Allen
fhlen, denn er hlt sein Kind lieb und werth, und wenn er einen
Stolz hat auf der Welt, so ist es Rebekka -- und sein ehrlicher,
unbescholtener Name.

Und darf auch _ich_ jetzt reden, Salomon?

Reden Sie, sagte der alte Mann resignirt: ich habe gesprochen, und es
ist nicht mehr als recht, da ich auch die Entgegnung hre.

Ihr wit, Salomon, erwiederte Bruno, ohne sich auf eine Widerlegung
des eben Gesagten einzulassen, ja, ohne sie nur zu versuchen, wie ich
in meines Vaters Hause erzogen, wie von dem Vater selber, wie von der
Tante besonders behandelt bin; ich habe Euch das schon manchmal, wenn
wir hier unten plaudernd saen, erzhlt -- Euch erzhlt, weil Ihr der
Einzige waret, zu dem ich Vertrauen fassen konnte.

Ich wei es, ich wei es, nickte der alte Mann -- ich wei es auch
von anderen Leuten, denn es konnte kein Geheimni bleiben und ist viel
gesprochen darber in der Stadt. Das Frulein Tante -- die Gndige mu
sein eine liebe Frau -- Gott der Gerechte soll mir behten -- aber das
ndert an der Sache nichts.

Doch, Salomon, doch, rief Bruno; mein Vater hat nie etwas gethan, um
sich meine Dankbarkeit und Liebe zu verdienen -- ich bin aufgezogen in
meines Vaters Hause nicht wie der lteste Sohn vom Hause, nein, wie ein
lstiger Fremder, dessen man sich nun einmal nicht entledigen kann.
Und Liebe? Niemand hat Liebe zu mir gehabt. Endlich aber ist die Zeit
gekommen, wo ich selbststndig in das Leben trete, und beim Himmel, ich
will selbststndig handeln! Ich habe ein Herz gefunden, das mit ganzer,
treuer Liebe an mir hngt, das einzige Herz auf dem weiten Erdenrund,
und das wenigstens soll mir nicht verloren gehen alberner Vorurtheile
und eines rostigen Stammbaumes wegen. Ich bin frei und mein eigener
Herr, sobald ich mein vierundzwanzigstes Jahr erreicht, also in wenigen
Wochen. Meinen Abschied hab' ich schon eingereicht und werde die
Ausfertigung desselben in den nchsten Tagen erhalten. Dann bindet mich
nichts mehr an diese Stadt, als die Regelung meiner Geschfte, die ich
mit gutem Gewissen Euch, meinem alten, bewhrten Freund, berlassen
kann; ich selber ziehe fort. Mag mein Vater, mag die Tante das alte,
de Schlo bewohnen, ich will meinem Gott danken, wenn ich die dsteren
Mauern nicht mehr zu sehen, nicht mehr zu betreten brauche. Weit hinweg
von hier ziehe ich, in ein fernes Land -- nach Italien -- aber nicht
allein. Meine Gattin fhre ich dorthin mit mir -- meine Rebekka. Gebt
mir Euer Kind, Salomon -- ich will es auf Hnden tragen mein ganzes
Leben lang -- gebt mir Rebekka, und Ihr sollt es nie, nie bereuen, mir
vertraut zu haben!

Der alte Mann sa schweigend und wie gebrochen vor dem Officier auf
seinem Stuhle. Er antwortete nicht -- er nickte nur still und traurig
vor sich hin mit dem Kopf; endlich sagte er leise:

Ich hab' es mir gedacht -- ich hab' es mir gedacht -- junges Blut,
junges Blut! Und wenn Sie nachher reich sind und vornehm, und andere
vornehme junge Damen sehen, die Sie htten heirathen knnen und mit
denen Sie auch glcklich und zugleich geachtet und hochangesehen gewesen
wren, dann kommt die Reue, und mein armes Kind, das fhlt das dann mit
und hrmt und grmt sich und sorgt sich ab -- und der Vater, der
das schon lange gesehen hat, rauft sich die Haare und den Bart und
verwnscht, da er damals nicht hart gewesen, hart wie ein Stein.

Gebt mir Euer Kind, Vater! drngte Bruno. Wollt Ihr es jetzt gewi
unglcklich machen, weil Ihr in dem Wahn lebt, da es spter einmal
unglcklich werden knnte? Rebekka liebt mich -- sie hngt mit ganzer
Seele an mir, und ihr reiches Herz mte brechen, wenn Ihr diese Liebe
aus ihrer Brust reien wolltet -- gebt mir Eure Rebekka, Vater!

Noch immer sagte Salomon kein Wort, und der dstere Schein der Lampe nur
warf sein Licht auf seine bleichen, wie von tiefem Schmerz durchfurchten
Zge. Endlich flsterte er leise:

Er hat recht -- ihr Herz wrde brechen -- es soll sein -- es soll sein,
der liebe Gott hat's so gewollt und der liebe Gott mag's weiter fhren.
Sie wird ihre Eltern verlassen und den Glauben ihrer Vter -- Du sollst
Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, aber sie wird Gott
nicht verlassen, wenn sie auch unter anderen Formen zu ihm betet -- er
hat's selber gewollt -- er hat's selber gewollt.

Salomon....

Der alte Jude stand auf; er hob den Lampenschirm zurck, da deren Licht
jetzt voll auf Bruno's Zge fiel, und sah dann lange und ernst in die
bittenden, aber guten und ehrlichen Augen des jungen Mannes; und jetzt
erst -- jetzt zum ersten Male flog ein leichter Schimmer ber sein
eigenes Antlitz. Bruno hielt auch den Blick fest aus, und whrend jetzt
sogar ein Lcheln um die feingeschnittenen Lippen des alten Mannes
zuckte, sagte er: Und der Baron will des Juden Tochter freien?

Des Juden Tochter, und er ist stolz darauf, Vater; er will glcklich
werden und sie glcklich machen!

Jehovah hat's gewollt -- _ich_ kann's nicht hindern, nickte der alte
Mann -- dann kommen Sie zu Rebekka und fragen Sie das Mdchen selber.
Sagt Sie Ja -- der alte Salomon wird nicht sagen Nein -- er hat es
leider nie gethan, wo es vielleicht besser gewesen wre. Kommen Sie, da
wir der Sache ein Ende machen.

Und die Lampe aufgreifend, trug er sie zur Hinterthr, ffnete dort,
lschte die Lampe aus, schlo die Thr wieder hinter sich, riegelte
sie, hing noch ein Schlo daran und schritt dann mit dem jungen Mann der
wohlbekannten Treppe zu.

Und wie klopfte Bruno das Herz, als er die Stufen hinanstieg, und wie
langsam ging ihm der Vater -- wie gern wre er ihm vorausgeeilt! Aber
Salomon, der sich das wohl denken konnte, hatte die Hand auf seinen Arm
gelegt und lie ihn nicht rascher vorwrts, als er selber ging.

Geduld, sagte er dabei, Geduld, junger Mann; es ist ein ernster
Schritt, den Sie thun, und da ziemt keine Hast -- der ernsteste
Schritt, den ein Mann thun kann -- Gott der Gerechte wei es, und kein
Rckschritt mglich -- auer durch ein Thor des Jammers und Herzeleids
fr zwei verfehlte Leben. Gehen Sie ihn langsam und mit Bedacht. Und
jetzt noch, fuhr er pltzlich fort, ist eine Umkehr mglich -- noch
wei Rebekka nicht, da wir kommen -- noch lt sich vielleicht....

Vater, bat Bruno, Gott will es, da sich zwei Herzen, die sich auf
ewig angehren sollen, finden -- wollen Sie da eingreifen?

Nein, sagte der alte Mann feierlich, es ist auch jetzt zu spt;
sie hat uns -- sie hat Ihre Stimme schon gehrt -- also wie Er will,
vorwrts denn.

Und oben ffnete sich die Thr. Vater, rief Rebekka's Stimme, bist Du
das?

Ich bin es, mein Kind, sagte der alte Mann.

Und kommst Du allein? Mit wem sprichst Du?

Ich komme nicht allein, Rebekka, ich bringe Dir Jemanden.

Wieder wollte Bruno voraus, aber der alte Mann lie ihn nicht; er hielt
ihn fest am Aermel, und oben wurde die Thr wieder zugeschlagen. Gleich
darauf hatten Sie die obere Etage erreicht.

Und darf ich jetzt hinein?

Gehen Sie, sagte der Alte, es hilft mir doch nichts. Einen Augenblick
knnt' ich es noch hinauszgern, nicht lnger -- was liegt an dem
Augenblicke -- 'sist ein Tropfen im Meere -- gehen Sie.

Bruno hatte sich schon lange von ihm losgemacht, die Thr geffnet und
den schmalen Vorsaal durchschritten. Dort im Zimmer stand Rebekka, wie
sie gewhnlich ging, in einem blthenweien Kleid, die rabenschwarzen
Locken auf den vollen Nacken niederfallend, und diese Art von Tunica
durch einen jener zierlichen russischen Platina-Grtel zusammengehalten.
So stand sie da -- ein Bild jungfrulicher Scham und Liebe -- die
Arme halb dem Nahenden entgegengestreckt, und doch auch wieder den
elastischen Krper wie scheu zurckgebeugt, als ob sie ihm entfliehen,
ihn meiden wolle.

Rebekka, rief Bruno, die Arme nach ihr ausbreitend, Rebekka -- ses,
herziges Lieb -- willst Du mein sein -- willst Du mir angehren fr Dein
ganzes Leben und Freud' und Leid mit mir tragen, Lust und Schmerz --
willst Du mein Weib sein und Dein Herz mir geben?

Mein Herz? sagte Rebekka mit leiser Stimme, die aber wie ein Choral in
Bruno's Ohren klang. Mein Herz -- hab' ich es denn noch? Ist es nicht
lngst schon Dein? Und als er auf sie zuflog und sie in seine Arme,
an seine Brust drckte, da lehnte sie ihr Haupt wie mde an ihn und
flsterte: Bruno -- mein lieber, lieber Bruno -- o, wie danke ich Dir,
da Du gekommen bist -- wie werd' ich es Dir ewig danken!

Und die Mutter sa in der Ecke, und die hellen Thrnen liefen ihr ber
die Wangen nieder; und der Vater stand mit gefalteten Hnden vor ihnen
und sah mit Schmerz und Lust zugleich das junge, jetzt so glckliche, so
berselige Paar. Dann nahm er langsam ihre Hnde, legte sie in einander
und sagte freundlich:

So geht denn zusammen den Weg durch dieses Leben: Ihr werdet ihn nicht
glatt finden: Ha, Neid, Stolz und Ehrgeiz werden in Euren Pfad treten
und Euer Glck bedrohen. Lat sie -- seid Euch selbst genug und sucht
in der Familie, wie unsere Vorvter es schon gethan, allein den Frieden,
den Euch die Welt vielleicht weigern oder streitig machen mchte. Er,
der die Bitten eines alten Mannes gehrt, welcher stets, wo es seine
schwachen Krfte erlaubten, nach Seinem Willen oder Geiste gehandelt hat
-- -- segne Euch!

Und jetzt kam auch die Mutter herbei und kte die Kinder und setzte
sich dann wieder in ihre Ecke und fing von vorn zu weinen an, aber vor
lauter Freude und Seligkeit.

Freude und Seligkeit glnzte aber auch aus den Augen der Liebenden, die
jetzt, fest aneinander gelehnt, zusammen saen und von ihrer Zukunft,
von ihrem Glck sprachen. Vergessen war fr Bruno, was da drauen lag
-- vergessen das finstere Schlo mit all' seinen trben Erinnerungen
und berstandenen Schmerzen -- vergessen alles ertragene Leid nur in der
Wonne dieses Augenblicks. -- Und Vater und Mutter saen dabei, hrten
dem Plaudern zu und wurden selber wieder jung in der Erinnerung an ihre
eigene Liebe.

So verging ihnen mit Zauberschnelle die Zeit, und als es dunkelte
und Rebekka aufsprang, um Licht zu holen, da setzte sich Bruno an das
Instrument, und in jubelnden Tnen machte sich seine Seele Luft, bis
Rebekka zurckkam, zu ihm trat, ihre Hand auf seine Schulter legte und
glcklich, berglcklich ihre alten Lieder sang. Jetzt aber saen die
beiden Eltern zusammen in der Ecke, hatten Einer des Andern Hand gefat
und hrten zu, bis die Zeit kam, da die Mutter das Abendbrot bestellen
mute, denn Bruno sollte heute zum ersten Male mit ihnen essen.

Er blieb auch lange; er konnte sich nicht losreien von dem Glck dieser
ersten Stunden und geizte frmlich mit den Secunden, und als er endlich
gehen mute, als die Glocke auf dem alten, nicht fernen Dome die zehnte
Stunde schlug, da nahm er wieder und wieder Abschied von der Geliebten,
als ob sie sich fr's ganze Leben und nicht auf wenige Stunden nur
trennen mten.

Der alte Salomon gab ihm das Geleit durch den Hof.

Und wann darf ich wiederkommen, Vater?

Hab' ich jetzt ein Recht, darber zu bestimmen? sagte der alte Mann.
Lieber Himmel, was fr eine Frage! Mich besuchen Sie doch nicht, und
die Rebekka -- werden Sie kommen morgen frh um neun Uhr, wird es ihr
sein nicht zu frh. Gute Nacht, Herr Baron -- Gute Nacht!

Bruno trat hinaus auf die Strae, und von dem Lichte noch geblendet,
das er eben verlassen, konnten sich seine Augen nicht gleich an die
Dunkelheit gewhnen. Trotzdem war es ihm, als ob er eine menschliche
Gestalt, Schatten gleich, von einem der verschlossenen Ladenfenster
fortgleiten sah, und diese hielt, als ob unschlssig, wohin sie sich
wenden solle, an der andern Seite der Strae. Der junge Mann wre auch
gern darauf zugegangen, aber es lag ihm selber noch nichts daran, es
zu frh in der Stadt bekannt werden zu lassen, in welcher nchsten
Beziehung er zu Salomon stehe. Er schritt deshalb, ohne sich weiter
nach der Persnlichkeit umzusehen, die Strae hinab, bis er den ersten
Nachtwchter traf, und schickte diesen dann zurck mit der Weisung,
auf jene Gegend Acht zu geben, da sich dort ein verdchtiger Bursche
herumtreibe. Der Nachtwchter folgte auch der Weisung und suchte den
ganzen Weg ab, fand aber Niemanden mehr vor. Wer es auch gewesen, er
hatte sich nicht lnger dort aufgehalten und war verschwunden.




3.

Frau Heberger.


Oben in der dritten Etage eines der Huser in der Bergstrae von Alburg
sa der Schuhmacher Heberger mit einem Gesellen und drei Lehrjungen
bei der Arbeit und war emsig beschftigt, ein Paar sehr elegante
Damenschuhe, die einen auerordentlich kleinen Fu verriethen, frisch
zu besohlen. Er hatte seinen Tisch aber dicht an's Fenster gerckt, denn
schwere, graue Wolken lagen vor der Sonne und dumpf grollender Donner
verrieth ein nahendes Gewitter. Nichtsdestoweniger arbeitete er fleiig
fort und schien sich um das Wetter drauen wenig zu kmmern, bis
pltzlich ein greller Blitz die Stube hell erleuchtete und gleich darauf
ein so schmetternder Donnerschlag hinterdrein folgte, da der kleine
Mann ordentlich zusammenfuhr. Statt jedes andern Ausrufes setzte er
aber pltzlich mit gellender Stimme in einen Choral ein, da sich die
Lehrjungen unter einander ansahen und heimlich lachten, aber nur ganz
heimlich, denn es wre ihnen bs ergangen, wenn es der Meister gemerkt
oder nur Verdacht geschpft htte. Dieser aber, nur mit seiner Sohle
(denn er unterbrach seine Arbeit nicht) und dem Lied beschftigt, schrie
mehr, als er sang, whrend der Regen an die Fenster peitschte:

  O Mensch gedenk' an's Ende,
  Willst Du nicht Uebles thun--
  Der Tod bringt oft behende
  Das allerletzte Nun.
  Am Lebens-Augenblicke
  Hngt ewig Wohl und Weh',
  Drum denke wohl zurcke,
  Wohin Dein Ende geh'!

Und wieder ein Blitz -- wieder ein Schlag, als ob die Erde von einander
bersten wollte, und die Fensterscheiben zitterten und klapperten
ordentlich dazu. Der Schuhmacher lie sich aber nicht stren, und ohne
eine Miene zu verziehen, setzte er eben zu dem gerade so beginnenden
zweiten Vers ein:

  O Mensch, gedenk' an's Ende--

als es heftig an die Thr pochte und der Gesell, ohne dazu des Meisters
Befehl abzuwarten, laut Herein schrie. Fast zu gleicher Zeit wurde
dieselbe auch geffnet, und eine etwas corpulente Frau, einen triefenden
rothbaumwollenen Regenschirm mit Messinggriff in der Hand, den Hut
etwas zerdrckt und jedenfalls von dem Unwetter mitgenommen, das Gesicht
gerthet und eben nicht besonders freundlich ausschauend, trat in's
Zimmer und warf einen raschen Blick darin umher.

Der Schuhmacher schien dabei keine besondere Lust zu haben, sich in
seiner Andacht stren zu lassen, denn er fuhr, ohne auch nur den Kopf
nach der Thr umzudrehen, unverdrossen fort:

  Wer wei, ob nicht noch heut'
  Der Tod Dich treffen knnte,
  Drum mache Dich bereit--

Die Dame schien aber nicht gesonnen, das Ende des geistlichen Liedes
abzuwarten, denn mit einer ziemlich tiefen und derben Stimme rief sie
dazwischen: Na, bei mir knnt Ihr Eure Faxen lassen, Meister Heberger!
Ist Eure Frau zu Haus? Das fehlte auch noch, da ich in dem Hundewetter
den Weg umsonst gemacht htte!

Der Schuhmacher fuhr blitzschnell herum. Er kannte die tiefe Stimme
und sagte, von seinem Sessel emporspringend und den Schuh, an dem er
arbeitete, ziemlich rcksichtslos bei Seite werfend: Ach, Madame Mller
-- ist mir doch sehr angenehm, Ihre werthe Persnlichkeit wieder einmal
nach so langer Zeit condoliren zu drfen.

Reden Sie keinen Unsinn, erwiederte Madame Mller, gar nicht, wie es
schien, in der Stimmung, viele Worte zu machen. Was Ihnen angenehm oder
nicht, kmmert mich einen Quark. Ich will wissen, ob ihre Frau zu Hause
ist.

Bitte, Madame Mller, sagte Heberger, ich rede nur ganz hflich, und
eine Hflichkeit ist der andern werth; Madame scheinen aber -- oDu Herr
Jesus, der Donner! -- nicht guter Laune zu sein. Da wird sich meine Frau
ganz besonders daber scharmiren, pat ihr gerade -- sie ist drinne
-- bitte, treten Sie nher, demelliren Sie mir aber nur das Porzellan
nicht!

Madame Mller warf ihm einen nichts weniger als achtungsvollen Blick zu
und stieg dann, ohne es weiter der Mhe werth zu halten, ihm noch eine
Antwort zu geben, ber alles mgliche im Wege gestreute Schuh- und
Lederzeug, ber Leisten, Handwerksgerth und andere derartige Dinge
hinweg der Thr zu, welche, wie sie aus frheren Zeiten wute, das Wohn-
und Schlafzimmer der Heberger'schen Gatten von der Werksttte abschlo.
Sie klopfte auch hier nicht lange an, wartete wenigstens nicht einmal
den gewhnlichen Zuruf ab, sondern trat in demselben Moment in's Zimmer,
als wieder ein greller Blitz ber den Himmel zuckte und gleich
darauf, aber doch etwas spter als bisher, grollender, dumpfer Donner
hinterdrein rollte. Das Gewitter war jedenfalls vorbergezogen, und nur
der Regen go noch in Strmen nieder.

Mit dem Donnerschlag -- selber ein kleines Gewitter in sich -- stand
aber Madame Mller auf der Schwelle, und der barsche Gru schon, den sie
der Herrin vom Hause entgegenrief: Guten Tag, Frau Heberger, ich habe
'was mit Ihnen zu reden! deutete nicht viel Gutes.

Heberger, obgleich er keine Ahnung hatte, was die Frau, mit der sie
seit Jahren nicht verkehrt, hieher im Zorne gefhrt haben knne,
fhlte sich doch vielleicht nach verschiedenen Seiten hin nicht so ganz
sattelfest, und da er wute, da seine Frau bei irgend einer passenden
Gelegenheit, sehr laut sprach und die Frau Mller schrie, so bemhte er
sich bei Zeiten, wenigstens einen lstigen Zeugen zu entfernen -- kein
Mensch konnte ja sagen, was da verhandelt wurde.

Backhof, brummte er deshalb, eben nicht besonders heiter gestimmt,
Sie knnen Schicht machen und mir noch einen Weg besorgen.

Aber _ich_ mchte so gern noch den Schuh fertig machen, sagte der
Gesell, denn in der Nebenstube wurden die Stimmen schon etwas lauter,
und er wnschte vielleicht ebenfalls, einen etwa entstehenden Zank mit
anzuhren, der sicherlich der Mhe werth sein mute. Seine Meisterin
kannte er, was ihre Zunge betraf; die eben gekommene Frau sah auch nicht
so aus, als ob es ihr an den Sprachwerkzeugen fehle, und

  Es schwankt der Sieg, wenn Griech' auf Grieche trifft.

Sein Meister mochte aber Verdacht geschpft haben, da ein anderer
Wunsch, als nur den alten Schuh fertig zu bekommen, in seinem Herzen
lauere. Zeit war auch nicht zu versumen, denn Madame Mller schien
nicht viel zu verlieren, und er sagte deshalb hastig: Machen Sie ein
bischen zu -- die Stiefel sollten schon um drei Uhr beim Herrn Geheimen
Obergerichtsrath sein.

Ja, aber Meister, die bringen doch sonst immer die Jungen fort. Das ist
doch nicht meine Sache...

Das wei ich wohl; ich will es auch nicht for Plesir haben sagte
Heberger, der sich augenscheinlich die grte Mhe geben mute, hflich
zu bleiben. Hier sind fnf Groschen, da trinken Sie einmal auf meine
Gesundheit -- aber machen Sie ein bischen -- =alleh=, Backhof --
und hier, nehmen Sie dem Herrn Geheimen Obergerichtsrath gleich die
quintirte Rechnung mit.

Backhof, der Gesell, merkte wohl, da ihn der Meister unter jeder
Bedingung los sein wollte, und es wre doch jetzt hier so hbsch gewesen
-- gerade ging's da drinnen los. Aber er hatte auch nicht gut einen
Vorwand, da zu bleiben; die fnf Groschen lockten ihn ebenfalls. Er
stand auf, warf sein Schurzfell ab und zog den am Nagel hngenden Rock
an, dann nahm er Rechnung und Stiefel und ging damit hinaus, immer noch
in der Hoffnung, auch dort etwas zu hren. Darin sah er sich jedoch
getuscht, denn die dazwischen liegende Kche war wie gewhnlich
abgeschlossen.

Den Meister genirten jetzt noch die Lehrjungen, aber doch nicht so
viel, als es der Gesell gethan htte, denn die waren eine etwas lebhafte
Unterhaltung im Hause schon gewohnt und -- konnten nicht die Condition
wechseln, sie muten im Hause bleiben, durften also nichts daraus
schwatzen, oder -- der Teufel sollte sie bei lebendigem Leibe holen! Er
ging auch wirklich selber wieder zu seiner Arbeit zurck, aber es war
keine Andacht dabei. Die groen, schweren Tropfen schlugen drauen gegen
die Scheiben, da sie das Zimmer fast dunkel machten, und da drinnen
wurden die beiden Damen immer lauter und heftiger. Das ging nicht mehr,
er mute da einschreiten oder doch wenigstens erfahren, um was es sich
handelte; denn was ihn dabei beunruhigte, war, da er die Stimme seiner
Frau gar nicht so scharf hervorhrte; Madame Mller schien ziemlich
allein das Wort zu fhren, und das konnte unmglich ein gutes Zeichen
sein. Wenn die Frau Heberger eine gute oder doch wenigstens haltbare
Sache hatte, sprach sie auch gewhnlich mit -- und wie!

Er fhlte sich nicht mehr behaglich auf seinem Schemel. Er stand auf,
band sich anstandshalber das Schurzfell ab, wobei sich die Jungen schon
wieder unter einander anstieen, fuhr in den schwarzen, abgeschabten
Frack hinein, und dann sein fettglnzendes Mtzchen abnehmend und die
Haare vorn in die Stirn streichend -- es war dies die einzige Art, wie
er seine Frisur arrangirte--, drehte er sich noch einmal gegen die
Jungen um und sagte: Da mir keiner von Euch von seinem Schmbel
aufsteht, oder -- Ihr wit wohl... Und damit stieg er nach der Thr
hinber.

Als er sie ffnete, fand er die Damen in sehr lebhafter Unterhaltung.

Frau Heberger hatte friedlich, trotz Blitz und Donnerwetter, am Fenster
gesessen und eine etwas sehr schadhaft gewordene Unterjacke ihres
Gemahls ausgebessert. Sie beschftigte sich allerdings in geeigneten
Stunden vortheilhafter mit der hheren Magie, mit Kartenlegen und
Prophezeien, wofr sie, wunderbarer Weise, in Alburg ein sehr glubiges
Publikum fand. Aber die nothwendigen Hausarbeiten muten doch auch
erledigt werden, und Frau Heberger war die richtige Frau dazu, um das
zu besorgen.

Und dazwischen zuckte der Blitz und prasselte der Donner; aber wie eine
nur von metallenen Rdern abhngige Maschine sa sie dazwischen und
rhrte und regte sich nicht weiter, als es ihre Arbeit erforderte. Sie
blinzelte nicht mit den Augen, wenn das gelbe, grelle Licht durch das
Zimmer zischte, sie fuhr nicht zusammen, wenn der Donner das Haus in
seinen Grundfesten zu erschttern drohte -- sie hatte berhaupt keine
Nerven, die das mglich machen konnten.

Drinnen in der Werkstatt hrte sie eine Stimme, aber sie achtete nicht
darauf. Der Besuch, der zu ihr kam -- verschleierte Damen gewhnlich,
manchmal in Begleitung von jungen Herren -- traf erst in viel spterer
Stunde und bei vollstndig angebrochener Dunkelheit ein; was frher kam,
wollte nur Stiefel oder Schuhe haben.

Da klopfte es pltzlich, und wie sie ein halb erstauntes Herein!
rief, stand, auch schon mit prasselndem Donner, eine fremde Frau auf
der Schwelle, deren Zge sie sich nicht einmal, mit anderen Personen im
Kopfe, gleich zurck in's Gedchtni rief. Der Frau selbst schien aber
gar nichts daran gelegen, sie lange ber sich in Zweifel zu lassen,
denn sowie sie nur die Schwelle betrat, sagte sie schon mit ihrer etwas
tiefen Altstimme, den Raum dabei mit den Blicken berfliegend:

Guten Tag, Frau Heberger! Ich hab' mit Ihnen zu reden.

Madame Mller, so wahr ich einst selig zu werden hoffe! rief Frau
Heberger, und nicht einmal in geknsteltem Erstaunen aus, denn so gut
und genau sie die Frau kannte, so lange Zeit war verflossen, seit sie
dieselbe nicht gesehen. Ei, was verschafft mir denn die Ehre eines so
unverhofften Besuches? Freue mich doch wirklich sehr!

Wollen wir erst abwarten, sagte Madame Mller, noch immer den
triefenden Schirm in der Hand, mit dem sie schon eine lange nasse Gosse
ber Leder und Leisten gezogen und jetzt anfing, einen kleinen See in
der Stube zu bilden. Thut mir leid, da ich das Zimmer na mache, aber
ich wei nicht, wohin mit dem Schirm; geben Sie einmal einen von den
Blumenuntersetzern her -- das Wetter ist schuld.

Frau Heberger gehorchte wunderbarer Weise augenblicklich der
Anforderung und wrde dadurch besonders die Lehrjungen, wenn sie htten
Zeugen sein knnen, sehr in Erstaunen gesetzt haben; die Madame Mller
stellte deshalb ihren Schirm dort ein, denn sie war selber viel zu
reinlich und hielt bei sich zu Hause zu sehr auf Ordnung, um eine andere
Stube zu beschmutzen. Sobald sie ihr Regendach aber untergebracht sah,
drehte sie sich auch gegen des Schuhmachers Gattin um.

So -- und jetzt haben wir ein paar Worte mit einander zu wechseln,
Madame Heberger, wenn es Ihnen recht ist, sagte Madame Mller, aber
gleich in einem so entschiedenen Ton, da man ihm wohl anhrte, sie
wrde eben reden, ob es recht wre oder nicht.

Wir Beiden, Madame Mller? Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen? Sie
stehen ja da an der Thr....

Sagen Sie einmal, Frau Heberger, fuhr die Frau fort, ohne die
Einladung weiter zu beachten, was haben Sie denn von mir in der Stadt
erzhlt, wenn ich fragen darf?

Ich? Von Ihnen? sagte des Schusters Frau, doch nicht mit einem recht
reinen Gewissen, denn sie sprach gewhnlich sehr viel ber andere Leute
und nie etwas Gutes, und fhlte sich natrlich nicht so recht sicher,
da irgend eine oder die andere Bemerkung einem oder dem andern der
Betreffenden zu Ohren gekommen sein konnte. Jedenfalls mute sie erst
einmal hren, um was es sich eigentlich handle. Und was sollte ich
von Ihnen gesprochen haben? Was htte ich denn eigentlich sprechen oder
erzhlen knnen? Ich wei ja doch gar nichts von Ihnen!

Desto schlimmer, Frau Heberger, desto schlimmer, rief Madame Mller,
keineswegs gesonnen, sich auf solche summarische Weise abspeisen zu
lassen; auf anfngliches Leugnen war sie berdies gefat. Aber aus der
Luft greifen's die Leute nicht, das ist nicht mglich, und Ihre Zunge
kenn' ich, die ist in der ganzen Stadt bekannt!

Hren Sie, Madame Mller, sagte Frau Heberger, doch jetzt auch ein
bischen warm werdend, obgleich sie noch immer sehr zurckhielt, denn
sie mute erst wissen, auf was die Frau eigentlich abzielte, beleidigen
brauche ich mich hier in meinem eigenen Hause nicht zu lassen, denn wenn
ich in der Stadt bekannt bin....

So? Aber zu _mir_ schicken Sie die Leute in das eigene Haus! fuhr die
Frau Mller, den rechten Arm in die Seite stemmend, fort. Ich soll
mich im eigenen Hause beleidigen und verunglimpfen lassen, nicht wahr?
Dagegen haben Sie nichts, o, Gott bewahre, das ist ja nur die Frau
Mller, eine allein stehende Frau und Wittwe -- jawohl, die mu sich
Alles gefallen lassen! Aber der liebe Gott hat mir auch eine Zunge
gegeben, mit der ich mich wenigstens vertheidigen kann, und die will ich
denn auch gebrauchen, so lange mir der Herr die Kraft lt.

Da Sie eine gute Zunge haben, Madame Mller, hat Ihnen noch Niemand
abgestritten, sagte die Frau Heberger, jetzt ebenfalls gereizt.

Und Sie brauchen mir die wahrhaftig nicht vorzuwerfen, Frau Heberger,
Sie am allerwenigsten! rief der Gegenpart wieder, und zwar lauter, als
es die Umgebung eigentlich nthig machte.

Aber wr's Ihnen denn nicht gefllig, Madame Mller, jetzt einmal
zu sagen, was Sie von mir wollen? sagte die Frau Heberger mit einem
ironischen Knix.

Jawohl, Frau Heberger, erwiederte die Dame, gerade in der Stimmung,
ihr den Knix mit Zinsen zurckzugeben, wie Sie befehlen -- oder mchten
Sie mich lieber gleich hinauswerfen? Aber dann wollen wir doch einmal
sehen, ob die Gerichte nicht eine arme, allein stehende Frau schtzen!

So, Madame Mller, und wissen Sie, da ich jetzt gleich hingehen und
Sie verklagen kann, wenn Sie mir mit den Gerichten drohen?

Ja, gehen Sie nur, Frau Heberger, gehen Sie nur, rief die Frau Mller
in Eifer, wenn Sie Einem die Worte im Munde herumdrehen wollen! Aber
dann wird sich auch zeigen, was Sie dem alten Schlabbermaul, dem Herrn
Rath Frhbach, von mir und meinem Kinde erzhlt haben, da ich es
umgetauscht htte und da mein Kind nicht mein Kind, sondern ein Kind
vom Baron von Wendelsheim wre -- Sie schlechte Person Sie....

Was? sagte die Frau, jetzt wirklich erstaunt und in dem Gegenstand
ganz die schlechte Person berhrend (sie bemerkte auch in dem
Augenblicke kaum, da ihr Gatte im Frack in's Zimmer trat). _Ich_ htte
dem Rath Frhbach erzhlt, Sie htten ein Kind umgetauscht und Ihre
Tochter wre die Tochter vom Baron?

Wenn die Damen so freundlich sein wollten, sagte Heberger, der mit
seinem gewinnendsten Lcheln die alte Fettmtze zwischen den Fingern
zerdrckte, nur ein klein wenig leiser zu schreien -- die Lehrjungen
drin spitzen die Ohren und horchen, und brauchen doch wahrhaftig nicht
zu wissen, ber was wir hier conserviren.

Meinethalben kann's die ganze Stadt wissen, sagte Frau Mller mit
Wrde; ich habe ein reines Gewissen, und von Ihnen, Herr Heberger,
lasse ich mir den Mund noch lange nicht verbieten, Sie wren nicht der
Mann danach!

Heberger warf ihr, als sie vornehm ber ihn wegsah -- und sie war auch
wenigstens einen halben Kopf grer als er--, einen tckischen Blick
zu, htete sich aber wohl, sie noch mehr zu reizen, und sagte mit
seiner freundlichsten Stimme: Wrde ich mir auch gar nicht unterstehen,
verehrte Madame. Aber wollen Sie sich denn nicht platzen? Die ganze
Sache scheint mir brigens, so viel ich bis jetzt davon gehrt habe,
auf einem Miverstndni zu beruhen, denn meine Frau kann doch unmglich
etwas derartiges obschnes Gerede mit dem Herrn Rath Frh....

Ich habe berhaupt mit dem Herrn Rath Frhbach noch in meinem Leben
kein Wort gesprochen! rief hier die Frau Heberger dazwischen. Seine
Frau kommt manchmal zu mir -- eine liebe, gute Seele, die sich die Karte
legen lt und wissen will, ob sie 'was in der Lotterie gewinnt oder ob
ihr Mann eine Anstellung als Director kriegt, aber nie ist auch nur der
Name der Madame Mller in ihrer Gegenwart ber meine Zunge gekommen!

Und der Rath Frhbach soll aus freien Stcken zu mir hinaus nach
Vollmers kommen und sich noch dazu einen lebendigen, wirklichen Major
mitbringen, wenn an der ganzen Sache kein wahres Wort wre? Das machen
Sie einer Andern weis, aber mir nicht, verehrte Frau Heberger! Ich will
gar nicht behaupten, da ich zu den Gescheidtesten gehre, aber so dumm
bin ich denn doch, Gott sei Dank, noch lange nicht!

Was denn fr ein Major? sagte die Frau Heberger, aufmerksam werdend.

Ein Major von Hansen oder Halsen, wenn Sie's wissen wollen, ein alter
Herr, der ehrwrdig genug aussah, um gescheidt zu sein -- und von
solchen Leuten mu man sich solche Dinge sagen lassen! Aber damit ist
die Sache nicht abgethan, Frau Heberger, damit ist sie wahrhaftig noch
nicht abgethan! Ich bin eine ehrliche Frau, und Alles, was ich habe, ist
mein ehrlicher Name, und den lasse ich mir noch lange nicht von jeder
hergelaufenen Person abschneiden!

So, Madame Mller, rief jetzt des Schusters Frau, deren Geduld
ebenfalls scharf auf die Neige ging, jetzt mcht' ich nur wissen, ob
Sie mich etwa mit der hergelaufenen Person meinen, denn wenn Einer von
uns eine hergelaufene Person ist....

Entschuldigen Sie, meine Damen, fuhr hier Heberger dazwischen, der
alle Ursache hatte, einen drohenden Ausbruch zu vermeiden, wenn jener
Herr Geheimer Rath etwas Derartiges gegen Sie geuert hat, Madame
Mller, so sind Sie vollstndig berechtigt, bse darber zu werden, jede
anstndige Frau wrde das. Aber dann seien Sie auch so gut und
theilen uns genau mit, was er von uns gesagt hat, dann knnen wir uns
verdefendiren, und den Herrn Geheimen Rath wollen wir nachher schon
kriegen.

Madame Mller zgerte einen Moment. Sie fhlte vielleicht, da sie ein
wenig zu weit gegangen sein mochte. Das Verlangen des Schusters war auch
zu vernnftig, um eine Einwendung zuzulassen. Die Hebergers muten erst
erfahren, was sie gesagt haben sollten, und dann sich vertheidigen; das
war in der Ordnung, und Madame Mller auch nur eigentlich in der ersten
Hitze ein wenig wirr in die Geschichte hineingefahren. Sie sah sich
deshalb, als erste Einleitung in ein ruhigeres Geleise, nach einem Stuhl
um, den ihr Heberger bereitwillig hinschob, und sagte dann: Gut, ich
will Ihnen die Sache erzhlen, wenn mir auch die Galle noch einmal dabei
berluft; ach, da ich mir so 'was mu auf meine alten Tage gefallen
lassen, wo mir in der Jugend kein Mensch einen Vorwurf machen konnte!
Aber ich will wissen, ob der alte grauhaarige Schwtzer die Wahrheit
gesprochen oder ob er gelogen hat, und wenn ich damit bis hinauf zum
Knig gehen mte.

Und nun erzhlte sie mit ziemlich kurz gedrngten Worten, aber natrlich
noch immer in jener gereizten Stimmung, welche die Erinnerung an den
Morgen in ihr hervorrief, dem aufmerksam zuhrenden Heberger'schen
Ehepaare die Erlebnisse mit Rath Frhbach und dem Major, und Heberger
unterbrach oder strte sie darin nur ein einziges Mal, indem er
leise und vorsichtig an die Thr der Werkstatt schlich und diese dann
pltzlich aufri, ob er vielleicht einen seiner Jungen beim Horchen
ertappte. Die aber kannten schon sein Manver und hteten sich wohl,
etwas Derartiges zu versuchen. Wie angeleimt saen sie auf ihren
Schemeln, und darber beruhigt, schlo der Schuhmacher die Thr wieder.

Die Frau Heberger schttelte aber, whrend ihr Besuch erzhlte, immer
nur schweigend mit dem Kopf; denn obgleich sie sich von dieser Anklage,
dem Rath Frhbach etwas Aehnliches erzhlt zu haben, vollkommen rein
wute, so begriff sie doch in aller Welt nicht, wie der genannte Herr
erstlich zur Frau Mller kam, und dann auch nicht, wie er _sie_ auf
solche Weise da hinein bringen konnte. Aber der Major -- den kannte sie
gut genug, und der stak auch jedenfalls hinter dem Ganzen.

Ihr Mann mute hnliche Gedanken gehabt haben, denn wie die Frau einen
Augenblick schwieg, mehr um Athem zu schpfen, als weil es ihr an Stoff
gefehlt htte -- sie wrde einen Monat lang damit ausgereicht haben--,
sagte er artig:

Escusiren Sie, Madame Mller, behauptete denn der Herr Geheime Major
etwas Aehnliches?

Ja, ob es ein geheimer Major war oder nicht, sagte Madame Mller,
wei ich nicht -- eine Uniform trug er freilich nicht, wie sich's fr
einen Major gehrt, sondern einen alten grauen Rock und einen runden
Hut--, aber er sprach wenig oder gar nichts; der Rath fhrte ziemlich
allein das Wort und trank auch allein meinen Wein aus, der graue Snder
der... Aber nun, Frau Heberger, frage ich Sie, wie konnten Sie sich
unterstehen, etwas Derartiges von mir zu erzhlen? Habe ich je in meinem
ganzen Leben...

Ereifern Sie sich nicht unnthiger Weise, Madame Mllern, sagte die
Heberger mit Wrde, denn sie hatte Zeit genug gehabt, um sich Alles
genau zu berlegen. Ich kann es auf die Hostie beschwren, da Ihnen
jener Herr Rath, was mich betrifft, nichts als blanke Lgen erzhlt hat,
und wenn Sie mir ihn hieherbringen, will ich ihm das in's Gesicht hinein
sagen. Und was Ihren Major betrifft, so kenn' ich den gar nicht und habe
ihn wohl noch nicht einmal gesehen, viel weniger gesprochen, und noch
viel weniger ber Sie. Auerdem, fuhr sie fort, als sie sah, da Madame
Mller etwas darauf erwiedern wollte, steht hier die Frau, die von der
Geburt des Wendelsheim'schen Kindes an bei ihm war, und doch wohl wissen
mte, ob es vertauscht wre oder nicht, denn mir kann in der Hinsicht
Keiner ein X fr ein U machen. Ich habe aber den Jungen -- und ein
prchtiger junger Herr ist es geworden -- zuerst auf den Armen gehabt,
und Wochen und Monate und Jahre lang vor Augen, und wenn den htte Einer
auswechseln wollen, der htte es klug anlegen mssen. Aber ich wei,
woher das Alles kommt: der Major steckt dahinter; das ist derselbe,
der das Geld gekriegt htte, oder doch ein ganz Theil davon, wenn die
Wendelsheim'sche Familie ohne mnnlichen Erben geblieben wre. Jetzt
hat sie, Gott sei Dank, deren zwei, und da nun das Geld bald ausgezahlt
werden soll, kommt bei ihm die Wuth und der Aerger, da er nichts kriegt
und leer ausgeht, und er versucht's auf allerlei Art, um noch einen
Haken daran zu finden.

Aber, Hebergern, sagte die Madame Mller, das ist ja doch gar nicht
mglich! So schlecht kann doch ein Mensch gar nicht sein...

Lehren Sie mich die Menschen kennen, Madame Mllern! sagte die
Heberger, whrend der Schuster einen salbungsvollen Blick nach oben
warf und schwer aufseufzend mit dem Kopf nickte -- er schien sie
ebenfalls zu kennen. Mir sind schlimmere Dinge passirt, fuhr die Frau
fort, viel schlimmere, und die ersten Jahre -- Sie waren wohl damals
schon in die weite Welt gegangen und ber die See--, da hatten sie bald
dies, bald das Gerede, und Alles ber die arme Heberger, die konnte
herhalten, weil sie zu gutmthig war, fest gegen sie aufzutreten. Aber
zuletzt muten sie's doch aufgeben -- Wahrheit und Ehrlichkeit bleiben
immer oben, Madame Mllern, immer und ewig, und wie sie erst ausfanden,
da sie mir nichts anhaben konnten, lieen sie mich zufrieden.

Und dann wollen sie jetzt vielleicht mit mir dasselbe Spiel versuchen?
rief Madame Mller, deren ganzer Zorn sich nun gegen ihren neulichen
Besuch kehrte. Aber da sind sie an die Falsche gerathen! Ich bin
_nicht_ zu gutmthig, die Versicherung kann ich Ihnen geben, Hebergern,
und wenn mich neulich nicht der Aerger und Zorn so krank gemacht htte,
da ich mich niederlegen und volle zehn Tage das Bett hten mute, ich
wre augenblicklich auf die Gerichte gelaufen! Aber aufgeschoben ist
nicht aufgehoben, und dazu heute so gut ein Tag, wie gestern oder vor
acht Tagen!

Aber, beste Madame Mller, sagte Heberger sehr artig, da treten
Sie die Geschichte erst recht breit. Ich wrde solche Menschen mit
Verachtung strafen und laufen lassen. Die kommen Ihnen nicht wieder, so
viel kann ich Ihnen versichern.

Na, das fehlte mir auch noch, da die wiederkmen, sagte die Frau,
ganz resolut von ihrem Stuhl aufstehend und nach ihrem Schirm greifend,
den sie wie eine Waffe packte; ich wollte ihnen zeigen, wo der
Zimmermann das Loch gelassen hat! Aber so kommen sie nicht davon, so
viel ist sicher, denn ich will nicht umsonst die ganze Zeit vor Aerger
krank im Bett gelegen haben! Ich suche mir einen Advocaten, und dann
wollen wir doch einmal sehen, ob so ein paar Kerle zu mir hereinbrechen
und mir ihre Lgen unter die Nase reiben drfen!

Da mssen Sie schmhliches Geld blechen, sagte Heberger, und es
hilft Ihnen gar nichts.

Und wenn mich die Geschichte zwanzig blanke Thaler kosten sollte! rief
Madame Mller bestimmt und schlug sich mit dem nassen Regenschirm in die
linke Hand. Ich kenne freilich die Advocaten hier nicht, denn ich habe
mit derlei Leute nie in meinem Leben etwas zu thun gehabt; aber ich
gehe zu Eurem Schwager, dem alten Baumann, das ist ein ehrlicher, braver
Mensch, der den Kopf auf der rechten Stelle hat. Der wird mir schon
einen ordentlichen Menschen nennen knnen, der Einen nicht blos zum
Vergngen ber's Ohr haut.

Liebe Madame Mller, sagte da die Frau Heberger rasch, thun Sie das
nicht; mein Schwager ist ein seelensguter Mensch, aber was wei der von
den Advocaten! Wenn Sie denn absolut einmal Ihren Willen durchsetzen
wollen, so wohnt hier gleich nebenan ein sehr tchtiger Mann, der
Herr....

Lassen Sie mich nur machen, Frau Heberger, sagte Madame Mller, die
eben nicht besonders viel auf eine Empfehlung derselben zu geben schien.
Ich bin von klein auf in der Welt gewesen und wei selber, was ich zu
thun habe. Meister Baumann ist ein ganz tchtiger Mann, und ich will
auch gar keinen spitzfindigen Advocaten, sondern nur einen ehrlichen
haben. Wenn Sie dann vorgeladen werden, brauchen Sie nur auszusagen, was
Sie mir heute versichert haben, und dann wollen wir die beiden Herren,
den Herrn Rath und den Herrn Major, schon kriegen, darauf drfen Sie
sich verlassen!

Aber es regnet so sehr, meine gute Madame, sagte Heberger, der sie
jetzt merkwrdiger Weise noch gar so gern eine Weile da behalten htte.

Und wenn es Schusterjungen regnete, Herr Heberger, versicherte Madame
Mller, ich komme mit meinem Parapluie schon durch. Also guten Morgen
allerseits -- wnsche gesegnete Mahlzeit! und damit ffnete sie die
Thr der Werkstatt selber, schritt, ohne mehr nach rechts oder links
einen Blick zu wenden, hindurch und stieg dann langsam die etwas steile
und dunkle Treppe hinab.

Unten im Hausflur hatte sich indessen ebenfalls Gesellschaft
eingefunden. Der Staatsanwalt Witte war, gerade wie der Schauer begann,
ohne Regenschirm die Strae heruntergekommen und, da er sich besonders
vor Erkltung frchtete, dort untergetreten. Er glaubte natrlich, da
es, da es mit solcher Wuth und Heftigkeit einsetzte, auch eben so rasch
vorberziehen wrde, denn gestrenge Herren regieren nicht lange. Aber
der Donner folgte immer langsamer und in greren Zwischenrumen dem
Blitz, bis zuletzt noch kaum ein leises Grollen hrbar wurde, und immer
wollte der eigentliche Gu nicht nachlassen, ja, schien eher heftiger zu
werden.

Witte schttelte mit dem Kopf, fand sich aber darein, eine Weile
auszuhalten, denn ewig konnte es ja nicht dauern, und vielleicht kam
auch eine leere Droschke vorber, die er dann angerufen htte. Wer
aber hat schon je bei Regenwetter, und wenn er sie am nothwendigsten
brauchte, eine leere Droschke gefunden? Es kommt gar nicht vor, und
berhaupt scheinen die Droschkenkutscher in solcher Zeit einzukriechen
wie die Fliegen, denn man trifft nur in Ausnahmefllen einen von ihnen
auf der Strae. Der Staatsanwalt lauerte denn auch vergeblich eine volle
Viertelstunde und nahm sich schon ein paarmal vor, lieber mitten im
Regen hinauszuspringen und lieber scharf an den Husern wegzulaufen.
Jedesmal aber, wenn er zu solch einem halben Entschlusse gekommen war,
schien es, als ob es mit frischen Krften an zu gieen fing; es dachte
gar nicht daran, aufzuhren, und er gab jedesmal den Versuch wieder auf.

Wie er noch so dastand, arbeitete sich ein Herr mit einem groen
hellblauen seidenen Regenschirm an der Thr vorber; gerade aber als er
vor dem Thorwege war, kam ein pltzlicher Windsto die Strae herunter,
fate unter den Schirm und klappte im Nu die Fischbeinstbe nach oben,
whrend eine benachbarte Dachtraufe, welche ebenfalls durch den Windsto
eine andere Richtung erhielt, ihren vollen Inhalt ber den unglcklichen
und nun vollstndig wehrlosen Eigenthmer des Schirmes ausschttete.

Herr Du meine Gte! sagte der Mann und fuhr mit einem Seitensprung so
rasch in das Haus hinein, da ihm Witte kaum aus dem Weg kommen konnte.
Dort bog er sich dann vor, um wenigstens erst einmal das Grbste von Hut
und Rock ablaufen zu lassen; dann nahm er die Brille ab, um diese klar
zu wischen, denn er war vollstndig berschttet worden, und Witte
erkannte jetzt erst in dem Eingeregneten den Rath Frhbach.

Ei, ei, mein lieber Herr Rath, sagte er, Sie sind ja in ein ganz
gehriges Sturzbad hineingerathen. Das nenn' ich ja vollkommen unter
Wasser gesetzt. Es ist aber auch wirklich ein Hundewetter.

Rath Frhbach brauchte einige Zeit, bis er seine Sehwerkzeuge wieder
in Ordnung hatte, denn er erkannte den Staatsanwalt nicht gleich an
der Stimme. Whrend er aber die Brille noch abwischte, bog er den Kopf
herunter, als ob er sie auf der Nase htte und darber hinwegsehen
wollte, und rief pltzlich aus: Ei, mein lieber Herr Staatsanwalt,
das ist mir ja ein ganz besonderes Vergngen, Sie hier so zufllig zu
treffen! Das nehme mir aber kein Mensch bel, so ein Wetter ist ja noch
gar nicht dagewesen -- dreht Einem den Schirm ordentlich um. Aber so
ist es mir einmal in Schwerin gegangen. Da spaziere ich auch in aller
Gemthlichkeit, bei fast wolkenreinem Himmel, ein Stckchen vor die
Stadt hinaus, hatte aber doch den Schirm aus Vorsicht mitgenommen, als
pltzlich ein Gewitter ankommt, und ich war drauen auf freiem Felde,
und wenigstens auf tausend Schritte nach keiner Richtung hin ein Haus.
Na, ich spannte den Schirm auf, und nun dicke durch. Ja, aber du lieber
Gott, das wurde immer rger, das regnete, als ob es mit Mulden gsse,
genau so, wie jetzt da drauen, und es hrte auch den ganzen Nachmittag
nicht auf.

Wenn wir nur eine Droschke bekommen knnten, sagte der Staatsanwalt,
der ungeduldig indessen auf die Strae hinaus sah; ich habe gar nicht
einmal so lange Zeit, ich mu nach Hause, und nun das Wetter --
mit meinen dnnen Stiefeln -- wenn ich nur wenigstens Gummischuhe
mitgenommen htte!

Die helfen auch nicht viel, sagte der Rath. Da kam ich einmal Abends
in Schwerin aus dem Theater; es war auch nasses Wetter gewesen, und ich
hatte meine Gummischuhe mitgenommen. Whrend der Vorstellung mute sich
aber der Wind gedreht haben; es wurde bitter kalt und fror, und wie ich
nur hinaus auf die steinerne Treppe trete, fhle ich schon, da ich
an zu rutschen fange. Ich trete also sehr vorsichtig hinunter auf das
Pflaster, erst mit dem rechten und dann mit dem linken Fu, und immer
ein bischen weiter, und so bin ich den ganzen Weg nach Haus gegangen.

Der Staatsanwalt berlegte sich eben, ob er nicht lieber dem Regen
und einem jedenfalls darauf folgenden Schnupfen, als den endlosen
Erzhlungen des Raths trotzen sollte, als hinter ihnen eine Frau die
Treppe herunterkam, auf welche Rath Frhbach, da er gerade wieder seinen
Schirm in Ordnung brachte, gar nicht achtete.

Es regnete noch mit derselben Hartnckigkeit weiter, und die Frau
spannte unten im Flur, ohne sich um die Herren zu bekmmern, ihren
Schirm auf, wollte auch eben hinaus in den Gu treten, als ihr Auge
zufllig auf Rath Frhbach fiel, der ihr in seiner aufmerksamen Weise
Platz machte.

Ne, so 'was lebt nicht! rief sie pltzlich im grten Erstaunen aus.
Da ist er ja -- wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Ist auch ein
vortreffliches Pltzchen hier, um andere ehrliche Leute wieder schlecht
zu machen und zu bereden, nicht wahr? Jawohl, kann ich mir denken! Aber
jetzt wollen wir einmal sehen, ob die Gerichte das zugeben! Wenn noch
Recht und Gerechtigkeit im Lande ist, so will ich's schon finden, darauf
knnen Sie sich verlassen, und Ihren saubern Major, den kauf' ich mir
noch dazu!

Liebe, beste Frau, sagte der Rath, der zu seinem Entsetzen die Frau
Mller aus Vollmers erkannt hatte und jetzt nicht bel Lust zu haben
schien, seine ganze Existenz abzuleugnen, denn der Staatsanwalt durfte
um Gottes willen nichts von der Geschichte erfahren.

Madame Mller war aber nicht die Frau, irgend jemand Anderes reden zu
lassen, so lange sie noch etwas zu sagen hatte, und die wohlwollende
Anrede reizte sie ganz besonders: Der Teufel ist Ihre liebe, beste
Frau! rief sie zornig und schien nicht bel Lust zu haben, den schon
geffneten Schirm wieder zu schlieen. Sie sollen mir aber vor's
Messer, darauf knnen Sie sich verlassen, und wenn ich....

Heh, Droschke! Droschke! rief der Staatsanwalt auf die Strae hinaus.
Er begriff nicht recht, was Rath Frhbach mit der Frau haben oder gehabt
haben konnte, hatte aber auch keine groe Lust, einem etwaigen Streit
zuzuhren, und der Wagen, der gerade zufllig gegenber eine Fuhre
abgesetzt, kam ihm gut zu Statten. Der Kutscher hrte auch den Ruf
und lenkte um, und mit einem kurzen Gru gegen den Rath sprang der
Staatsanwalt mitten in den Regen hinaus.

Das war dem Rath aber zu viel. Mit der entsetzlichen Frau sollte er hier
im Thorweg, und auerdem noch durchaus na, das Unwetter abwarten?
Nein -- hier drinnen wthete es rger als drauen, und einen herzhaften
Entschlu fassend, spannte er mit einem pltzlichen Ruck seinen Schirm,
sagte Guten Morgen, Madame! und war mit drei Schritten wieder unter
der Traufe. Er hrte noch hinter sich her etwas von Gerichten und
Hausschleichern, aber der auf den Schirm schlagende Regen ertdtete
die Worte, und dem Sturm in die Zhne arbeitete er sich, Madame Mller
ihrem eigenen Schicksal berlassend, die Strae hinauf.




4.

Neben der Werksttte.


Neben der Werksttte des Schlossers Baumann befand sich das kleine, aber
ganz behaglich eingerichtete Wohnzimmer der Familie, und zwar nicht etwa
behaglich durch elegante Mbel oder sonstigen Zierath, sondern weit mehr
durch die wirklich auffallende Sauberkeit, die dort herrschte, so da
Baumann selber oft lachte, wenn er mit seinem rugeschwrzten Gesicht,
und eben solchen bloen Armen zum Frhstck oder sonst einmal hereinkam
und dann meinte, er passe da eigentlich gar nicht hin und msse immer
vorher an der Thr abgetreten werden. Er pate aber und gehrte
trotzdem da ganz besonders hinein, denn seinem unermdlichen Flei
sowohl als seiner Geschicklichkeit verdankte die Familie gerade diese
Behaglichkeit, die nur die Frau noch durch ihr ewig thtiges Schaffen
und Sorgen zu erhhen und zu erhalten wute.

Baumann htte sich auch in der That keine bessere Frau wnschen und sie
auf der weiten Welt finden knnen; eine sorgsamere fr ihn und seine
Bequemlichkeit gewi nicht, denn was sie ihm an den Augen absehen
konnte, das that sie. Dabei war in den langen Jahren ihrer Verheirathung
auch noch nicht ein einziger Zank zwischen ihnen vorgekommen, und
nur manchmal neckte sie der alte Schlosser mit dem Stckchen
Hochmuthsteufel, der in ihr stecke, und meinte dann wohl, es sei
jammerschade, da sie keine Grfin geworden wre und in Sammet und Seide
und mit langen Schleppkleidern htte umhergehen knnen, das wrde ihr
auerordentlich gut gestanden haben. Aber das war immer nur im Scherz
und wurde so gesagt und aufgenommen.

Heute sa sie allein in der Stube an ihrem Nhtisch und arbeitete ein
Kleidchen fr ihr kleines Tchterchen, das seit acht Tagen zum ersten
Mal in die Schule geschickt war und nun doch Manches brauchte, um
anstndig zwischen den brigen Kindern zu erscheinen. Wenn es auch blos
Kattunrckchen tragen durfte, denn der Vater litt das nicht anders,
konnten die doch wenigstens sauber und nett gemacht sein, und darin, wie
berhaupt in allen Dingen, besa sie eine besonders geschickte Hand.

Drauen wetterte es gerade, was vom Himmel herunter wollte; der Blitz
zischte, der Donner rollte und die ersten schweren Tropfen fingen an
zu fallen. Die Leute auf der Strae liefen, was sie laufen konnten, um
irgend ein schtzendes Obdach zu erreichen, und ein paar vorberfahrende
Droschkenkutscher hieben mit ganz ungewohnter Energie auf ihre Pferde
ein.

Die Frau Baumann warf einen besorgten Blick auf die Strae und nach
dem Himmel hinauf -- aber ihre Else sa jetzt schon lange sicher in der
Schule, und bis die aus war, hatte sich das Wetter auch gewi wieder
verzogen. Nur die Schmiede ngstigte sie etwas; dort lag so viel Eisen,
und sie frchtete immer, da der Blitz einmal da einschlagen knnte,
hatte auch ihren Mann oft und oft gebeten, nur doch wenigstens so lange
mit Arbeiten aufzuhren, als ein Gewitter dauere. Der aber lachte dazu
und meinte, der Blitz, wenn er einmal einschlagen wolle, knne ihn
berall treffen, jedenfalls eben so leicht in der Stube, wie in der
Werksttte, und der liebe Gott sei aller Orten. Die Arbeit drfe aber
nicht rasten, und nur wenn einmal ein Gewitter an einem Sonntag kme,
versprche er ihr, nicht dabei am Ambos zu stehen, was er berhaupt
nicht am Sonntag that. Es war mit dem Manne eben nichts anzufangen.

Baumann hmmerte denn auch, mit seinem zweiten Sohn, einem andern
Gesellen und dem Lehrjungen an seiner Seite, wacker darauf los, da
die Funken nach allen Seiten hinausspritzten, und warf nur einen
schmunzelnden Blick nach der Thr, als der Regen pltzlich mit voller
Wucht einsetzte und niederschlug. Wie die Menschen drauen sprangen,
um unter Dach zu kommen -- aber er stand trocken, und lustig schlug er
wieder auf das rothglhende Eisen ein.

Da fuhr pltzlich ein Schirm in die weit geffnete Thr, und als er den
Kopf dorthin wandte, tauchte sein ltester Sohn Fritz darunter auf und
rief ihm lachend einen Guten Morgen zu.

Na nu? sagte der Alte, indem er den Hammer ruhen lie und ihn
erstaunt betrachtete. Wo kommst Du bei dem Wetter her, und noch dazu in
Sonntagskleidern? Du -- trgst wohl wieder ausgebesserte Arbeiten aus,
mein Junge, he?

Nein, Vater, rief Fritz, aber doch ein wenig verlegen, denn er wute
recht gut, auf was der alte Mann anspielte, wegzutragen habe ich heute
nichts; aber ich wollte nur einmal zu Dir und Mutter kommen, um etwas
mit Euch zu reden.

In Sonntagskleidern?

Ich habe berhaupt noch einen Besuch zu machen -- Professor Anders,
der Astronom, hat mich gebeten, wegen einer greren Arbeit zu ihm zu
kommen, und da -- mochte ich doch nicht in meinen Arbeitskleidern gehen.
Uebrigens erwischte mich das Wetter, und ich bin nur eben noch glcklich
vor Thorschlu hier eingefahren, Ist die Mutter zu Hause?

Ja, sie sitzt drinnen -- geh' nur hinein; wenn ich hier mit dem
Schlssel fertig bin, komme ich gleich nach, denn in dem Aufzug kannst
Du mir doch nichts helfen -- Donnerwetter, Glachandschuh' -- na, und
das Alles, um einem Professor einen Besuch zu machen. Ich gehe bei
solchen Wegen allerdings auch in Leder, aber mit meinem Schurzfell.
Junge, Junge, Du wirst mir verdammt fein und geschniegelt, und ich habe
es bis jetzt gar nicht geglaubt, da zwischen einem Schlosser und einem
Mechanikus solch' ein Unterschied wre. Du, Karl, mach' einmal Deinem
Herrn Bruder die Thr auf, da er sich die Glachandschuh' nicht an der
vielleicht ruigen Klinke schmutzig reibt.

Danke, Vater, danke, lachte Fritz, indem er der Thr zusprang,
so gefhrlich ist's denn doch noch nicht, und das kann ich allein
besorgen.

Der Vater sah ihm, das Eisen in der Hand und den Hammer noch auf dem
Ambos ruhend, in einer etwas gebckten Stellung nach, so lange er ihm
mit den Augen folgen konnte, und ein leises, aber nicht unfreundliches
Lcheln flog ber seine ehrlichen Zge. Dann schttelte er still vor
sich hin den Kopf, und wieder hob sich der schwere Hammer, als ob es
eine Feder gewesen wre, und kam wuchtig auf das sprhende Eisen nieder.

Fritz, der seinen Schirm in der Werksttte abgestellt hatte, denn auf
dem Boden dort mochte er triefen, wie er wollte, trat zur Mutter
in's Zimmer und setzte sich zu ihr, und die Beiden sprachen lange und
angelegentlich mit einander -- ja, eine so wichtige Sache muten sie
wohl verhandeln, da die Mutter sogar ihre Arbeit ruhen lie und die
Hnde im Schoo faltete, bis der Vater zu ihnen herein kam.

Na, sagte er, als er sie da so sitzen sah, eine Hand kann ich Dir
heute nicht geben, mein Junge; Du bist mir zu fein, und zum Waschen hab'
ich keine Zeit, denn ich mu gleich wieder hinaus. Also was hast Du zu
sagen, und was ist denn berhaupt mit Euch Beiden? Ihr seht mir ja alle
Zwei so feierlich aus? Hr' einmal, Junge, ich glaube, Du willst _doch_
wieder eine fertige Arbeit austragen, he?

Eine Arbeit gerade nicht, Vater, lchelte Fritz, doch etwas verlegen;
aber weit vom Ziel hast Du allerdings nicht vorbeigeschossen.

Auf den Knopf getroffen, lachte der Alte, he? Dem Jungen steckt ein
Frauenzimmer im Kopfe!

Er will heirathen, Gottfried, nickte die Mutter, whrend ein
freundliches Lcheln ber ihre Zge flog.

Ob ich's mir nicht gedacht habe!

Und so ein sauberes Mdchen hat er sich ausgesucht!

Na, er wird keine Schmiergans nehmen, lachte der Alte. Und wie heit
sie? Alles natrlich schon fix und fertig gemacht, und jetzt nur noch
eine nachtrgliche Anmeldung bei den Eltern, die weiter nichts nthig
haben, als den blichen Segen dazu zu geben. Ist mir auch recht; habe
doch schon genug zu thun, und knnte mich mit derlei nicht mehr auf
meine alten Tage befassen.

Nein, Vater, sagte Fritz, fertig gemacht ist noch gar nichts; ich bin
im Gegentheil eben im Begriff, den allerersten Schritt dazu zu thun.

So--o? sagte der Vater, etwas erstaunt; das ist ja merkwrdig. Na,
hat die Sache etwa einen Haken?

Nein, Gottfried, sagte die Frau, ganz und gar nicht; es ist Alles
glatt und recht und wie sich's gehrt, und der Fritz ist ein braver
Junge, der uns nur bei einer so wichtigen Sache vorher um Rath fragen
wollte.

Bah, Alte, la Dir nichts wei machen, lachte der Schlossermeister
-- um Rath fragen. Sieht der aus, als ob er erst noch um Rath fragen
wollte, und steckt schon bis ber die Ohren in seinen Sonntagskleidern
drin? Nur hren will er, da wir sagen: Ei, mein lieber Sohn, das hast
Du brav gemacht -- geh' doch geschwind hin und hol' Deinen Schatz! Und
dann luft er von selber.

Aber Gottfried...

Na, mach' keine langen Geschichten, Also wie heit sie und wer ist's?
da ich wieder hinaus an meine Arbeit komme.

Ich bin vielleicht in meinen Ansprchen etwas keck gewesen, Vater,
sagte Fritz, aber jetzt schon lange nicht mehr so zuversichtlich, als
vorher; aber ich -- ich glaube glcklich zu werden.

Hm, das glauben wir gewhnlich Alle, lchelte der Schlossermeister
gutmthig; na, aber nun schlag' einmal los, das Eisen wird sonst kalt
-- wer ist's denn?

Ottilie Witte, Vater.

Die Tochter des Staatsanwalts?

Ja, Vater.

Der alte Mann war stehengeblieben und sah ihn ernst und forschend an.
Aber er erwiederte lange kein Wort, gab auch kein Zeichen des Beifalls
oder Mifallens; endlich fragte er langsam: Und will sie _Dich_ haben?

Ich wei es nicht, Vater, aber ich glaube es, sagte Fritz herzlich:
sie war immer so gut und lieb mit mir, und wir haben ja schon als
Kinder Braut und Brutigam mitsammen gespielt.

Ich will Dir 'was sagen, mein Junge, nickte der Alte, die Sache
gefllt mir nicht.

Gefllt Dir nicht, Gottfried? rief die Frau. Und htte er sich ein
netteres, hbscheres Mdchen in der ganzen Stadt aussuchen knnen?

Nein -- sie ist mir nur zu nett, erwiederte der Schlossermeister.
Wrst Du zu mir gekommen und httest gesagt: Vater, ich habe mir die
Tochter vom Schneidermeister So und So oder vom Schuster So und So zur
Frau ausersehen und will sie heirathen, so wrde ich geantwortet haben:
Bravo, mein Sohn, thu' das, und Gott gebe seinen Segen dazu -- meinen
hast Du. Aber die vornehme Tochter des Staatsanwalts, die groe
Gesellschaften mit lauter Adeligen geben -- das thut kein gut.

Aber, Vater, Ottilie ist so einfach erzogen -- so wirthschaftlich!

Und bist Du wirklich berzeugt, da sie Dich gern hat -- nein, nicht
so, fuhr er rasch fort, als Fritz darauf erwiedern wollte -- und was
wir so gewhnlich darunter verstehen -- ich meine, ob Du berzeugt
bist, da sie Dich so gern hat, um Dich wirklich zu heirathen und dem
Handwerker vor allen brigen vornehmen Bewerbern die Hand zu reichen?

Wenn ich es nicht fest glaubte, wrde ich sie nicht darum fragen,
Vater!

Ja, nickte dieser, denn ein richtiger Korb mu eine verflucht
unangenehme Geschichte sein -- mchte mir gerade keinen holen. Aber
mir ist die Sache doch nicht recht -- werde freilich nicht viel darum
gefragt werden. Aber Du pat in die Familie nicht hinein, und wir gar
nicht, und ich glaube selbst nicht einmal, da sich die Eltern -- die
Mutter wenigstens -- besonders erfreut darber zeigen wrden.

Aber, Gottfried, ich wei gar nicht, was Du immer fr Bedenken hast!

Keine anderen, als solche, fr die ich auch einen Grund htte. Wenn
sie wirklich an so etwas dchten, weshalb haben sie denn da den Fritz
neulich nicht zu ihrem Ball geladen, wie? Wenn er ihnen gut genug zum
Schwiegersohne wre, mte er es doch ganz gewi erst recht als Gast
sein. Es hat aber Niemand von ihnen daran gedacht, whrend es von
adeligen Lieutenants nur so geschwrmt haben soll.

Aber was Du auch nicht Alles heraussuchst!

Ich suche gar nichts heraus, Alte, als was einmal drin liegt, und so
viel ist sicher -- er mute einen Augenblick mit Reden aufhren, denn
so furchtbar drhnte der Donner, da die Worte lautlos verhallten --
so viel ist sicher, fuhr er dann fort, ohne sich weiter irre machen zu
lassen, da die Familie, meiner Meinung nach, mit ihrer Tochter weiter
oder hher hinaus will, als sie einem Handwerker zu geben!

Aber ein Mechanikus ist doch kein Handwerker, Gottfried!

Nenne es, wie Du willst, es bleibt immer dasselbe, beharrte strrisch
der Alte. Und haben wir nicht neulich schon einmal davon gesprochen, wo
ich dazu kam, wie ihr einer von den Lieutenants, ich glaube, es war
der Wendelsheim, so zrtlich die Hand kte -- und wie freute sie sich
darber! Das gb' nicht einmal eine Frau fr Dich, wenn sie Dich selber
wollte.

Aber, Vater, Ottilie ist gewi nicht coquet.

Gerade ist sie's, und recht sehr, sagte der Alte; Du siehst es nur
nicht, weil die Liebe, wie gewhnlich, blind ist. Richtig coquet ist
sie, und ihre Mutter hat sie dazu angelernt. Allen Respect vor dem
Vater. Der alte Witte gilt in der ganzen Stadt fr einen schlichten
und dazu braven und rechtlichen Mann; aber der Frau steckt der
Hochmuthsteufel noch viel rger im Kopfe als Dir, Alte -- die mchte mit
der Nase die Decke abreiben, und ber Unsereinen guckt sie nur immer so
hoch hinweg, als ob man seinen Kopf auf einer Stange trge. Geh' mir
mit der; ich hab' frher ein paarmal mit ihr zu thun gehabt und sie auch
einmal bei einer Gelegenheit recht tchtig ablaufen lassen. Nachher ist
sie etwas artiger oder herablassender geworden.

Aber der Fritz ist auch von guter Familie, sagte die Frau, und dazu
ein stattlicher Bursche.

Nicht was derartige Leute eine gute Familie nennen, Mutter, sagte
der Schlossermeister; das Wort gut heit bei denen nur immer sehr
vornehm oder sehr reich, und wo mglich beides zusammen -- das sind die
besten -- ein ehrlicher Handwerker wird nicht mit dazu gezhlt.

Aber wenn sich die Herzen nun zusammenfinden, Vater? sagte Fritz.

Das sind Bcherideen, rief der Alte; denn wenn die Familien
nachher nicht zusammenpassen, so giebt's Streit und Unfrieden, Ha
und Eifersucht. Ich wollte, Du httest Dir eine Schneiderstochter
ausgesucht, Fritz, oder noch viel tausendmal lieber eine von unserem
Gewerke; nachher solltest Du einmal sehen, wie lustig und vergngt ich
noch auf Deiner Hochzeit tanzen wrde; so aber ist's nichts, und wenn
uns die Madame Witte wirklich einlde, so mten wir's uns noch zur Ehre
schtzen und uns fein anstndig und ehrbar betragen.

Fritz Baumann's Mutter hatte still und schweigend vor sich nieder
gesehen, aber kein Wort mehr gesagt, und Fritz wunderte sich eigentlich,
da sie nicht seine Partei strker nahm; aber der Alte hatte auch
recht, denn sein Entschlu stand zu fest, um sich noch von seiner Liebe
abwenden zu lassen. Ottilie war schon seit langen Jahren sein Ideal
aller Weiblichkeit gewesen, und nur um sie zu gewinnen, hatte er sich
mit beispiellosem Fleie abgemht, sein Ziel so bald zu erreichen. Jetzt
stand er unabhngig da, nicht mit der Hoffnung, nein, mit der Gewiheit,
sich sein Brot gut und reichlich verdienen zu knnen und eine Frau und
Familie dabei zu ernhren. Er wollte keine Mitgift, er verlangte keine;
was sie brauchten, konnte er selber beschaffen, und die Mutter hatte ihm
schon versprochen, in der ersten Zeit, wenn sich die Ausgaben vielleicht
unerwartet zu sehr hufen sollten, beizuspringen. Was brauchte er mehr?
Er trat ja nicht als Bittender in Witte's Haus -- wie er bat, wollte er
auch bringen, der Tochter einen treuen Gatten, den Eltern einen wackern
Sohn.

Vater, sagte er deshalb, Du siehst die Sache zu schwarz. Ich gebe zu,
da es Ottiliens Mutter vielleicht lieber she, wenn ihre Tochter eine
vornehmere Partie machte; es ist das ja natrlich. Aber sie wird auch
nicht der Liebe derselben entgegentreten wollen, und ist mir Ottilie
wirklich gut...

Was Du noch nicht einmal zu wissen scheinst.

Was ich aber von Herzen hoffe -- dann, glaub' ich, wird sie sich auch
nicht struben, ihre Einwilligung zu geben. In unserer Stadt besteht
noch die alte Achtung vor dem Brgerstande, und dem gehren wir so gut
an, wie der Staatsanwalt Witte. Er ist eben so wenig adelig oder Baron,
als wir, und wenn seine Frau wirklich daran dchte, ihr Kind Einem aus
jenem Stande zu geben, so wre der Sprung weit grer, als von uns zu
ihr.

Ja, sagte der Vater, das klingt ganz vernnftig, ist aber nur einfach
nicht wahr, weil Sitten und Gewohnheiten die ganze Geschichte gewhnlich
herumdrehen. Aber was kann's helfen -- Du, als mein echter Sohn, hast
natrlich gerade einen solchen Dickschdel, wie ich, und der mu erst
ein paarmal irgendwo gegen rennen, ehe er gescheidt wird -- also lauf'.
Mit Vernunftgrnden ist bei Dir doch nichts auszurichten, Du mut durch
Schaden klug werden.

Vater...

Es ist nicht anders -- aber das Wetter warte erst ab, sonst kommst Du
wie eine gebadete Maus als Brautwerber, und na sieht ein Fisch recht
hbsch aus, aber kein Mensch -- der Gu kann ja doch nicht ewig dauern.
Jesus, wie das noch regnet; wie dicke Seile kommt's von oben herunter,
und auf der Strae knnte man beinahe mit einem Boote fahren -- Herein!

Der Ausruf galt einem starken und ganz entschiedenen Klopfen an der
Thr, die sich auch gleich darauf ffnete und das uns wohl bekannte
Gesicht der Madame Mller zeigte.

Guten Tag Alle mitsammen! sagte sie, ihren Regenschirm vorsichtiger
Weise drauen lassend. Jemine, meine Gte, ist das ein Wetter, und bei
dem wird man herausgejagt, wo man so ruhig zwischen seinen vier Pfhlen
sitzen knnte! Ich werde mir wohl wieder den Tod an einem Schnupfen
holen, denn aus den Schuhen hebt mich das Wasser bald heraus -- bis an
die Knchel geht's Einem ja da drauen!

Madame Mller, lachte Baumann, so wahr ich lebe -- na, Sie haben sich
eine schne Witterung zum Spazierengehen ausgesucht -- aber kommen Sie
doch nur herein! Sie wollen doch nicht in der Thr stehen bleiben?

Nein, sagte Madame Mller mit einem Blick auf das reinliche Zimmer;
aber ich triefe nur so, und mein verwnschter blauer Kittel frbt ab
-- ich werde Ihnen einen blauen Streifen in's Zimmer bringen. So
einen Regen hab' ich noch gar nicht erlebt; das ist ja ein wahrer
Wolkenbruch!

Aber Sie sind doch nicht von Vollmers herein zu Fu gegangen? rief
Frau Baumann, indem sie ihr behlflich war, das Tuch abzunehmen und
aufzuhngen.

Na, weiter fehlt mir nichts, sagte die Dame; aber ich hatte vorher
noch einen Besuch zu machen, und jetzt bin ich hieher gekommen, Herr
Baumann, um Sie in einer Sache um Rath zu fragen.

Mich? lachte der Schlossermeister. Da wren Sie wohl an der falschen
Thr; ich bin doch kein Advocat.

Ja, eben einen guten, anstndigen Advocaten will ich bei Ihnen
erfragen, sagte die Frau; es giebt derlei Volk genug in der Stadt,
alle drei Thren weit klebt ein Schild, aber wer sich da nicht auskennt,
ist auch gleich verrathen und verkauft.

Hm, sagte Baumann, und was haben Sie mit einem Advocaten zu thun? Wer
die nicht sehr nothwendig hat, soll die Finger um Gottes willen davon
lassen; mit denen ist nicht gut Kirschen essen.

Das wei ich, nickte Madame Mller entschieden mit dem Kopf, indem sie
sich auf den ihr hingeschobenen Stuhl niederlie. Ah, da ist ja auch
der Fritz -- alle Wetter, ist der gro und ein hbscher Junge geworden,
Baumann! Der ist ja einen halben Kopf grer als Sie, und Sie gehren
auch nicht mit zu den Kleinsten.

Ja, und jetzt Meister und selbststndig geworden, nickte der Vater mit
einem beiflligen Lcheln auf den Sohn; er hat 'was gelernt, der Junge,
das mu man ihm lassen, und wird sich schon durchhelfen in der Welt.

Dafr kann man Gott nicht genug danken, nickte die Frau, wenn man
Freude an seinen Kindern erlebt -- aber was ich gleich sagen wollte,
Meister, wissen Sie hier in der Nhe einen ordentlichen Advocaten, der
wei, was Rechtens ist?

Das sollten sie eigentlich alle wissen, lchelte der Meister, aber es
kommt darauf an, zu was Sie ihn haben wollen. Brauchen Sie einen recht
verschmitzten und durchtriebenen, so...

Nein, den brauch' ich nicht, rief Madame Mller; ich will einen
ehrlichen haben, der geradeweg ist, denn ich habe auch eine ehrliche
Sache!

Ja, liebe Madame Mller, sagte Baumann, sich den Kopf kratzend, mit
den Advocaten hier in der Stadt bin ich, Gott sei Dank, nicht besonders
bekannt; aber wenn Sie in der Sache einen guten Rath hren wollen, dann
gehen Sie zum Staatsanwalt Witte. Ob er sich selber damit einlt, wei
ich nicht, aber was der Ihnen sagt, knnen Sie getrost thun, denn das
ist ein ehrlicher Mann.

Gut, danke schn, weiter verlang' ich nichts; das Uebrige besorg' ich
mir dann schon selber, denn auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht,
und in meinem eigenen Hause brauche ich mich nicht beschimpfen und
beleidigen zu lassen.

Nein, das allerdings nicht, sagte Meister Baumann; und hat das
wirklich Jemand gethan?

Ih, denken Sie nur, rief die Frau, kommen da neulich -- ich habe zehn
Tage von dem Aerger krank im Bette gelegen -- so ein paar ganz anstndig
gekleidete Herren -- der eine war ein Rath und der andere ein Major --
zu mir in's Haus hinein und reden so zuckers und gehen immer wie die
Katze um den heien Brei herum, thun auch, als ob sie gar nicht zu mir,
sondern nur zu meinem Schwiegersohn gewollt htten, der gerade wieder
mit meiner Tochter fortgefahren war. Wie ich aber nicht anbi, denn wer
denkt denn in seiner Gutmthigkeit an so 'was, fingen sie an vom Baron
Wendelsheim und seinem ltesten Sohn zu reden.

Vom Baron Wendelsheim? rief Frau Baumann.

Ja wohl, nickte Madame Mller; und auf einmal sagte mir der eine von
ihnen, der Rath -- und ein Mundwerk hatte er, da Einem angst und bange
wurde -- sagte mir der Rath -- man sollte es gar nicht fr mglich
halten--, das Bild von meiner Tochter, das ber meinem Sopha hngt und
das der Maler Schrter hier gemalt hat, wie sie neunzehn Jahre alt war,
wre gar nicht meine Tochter, sondern das Kind vom Baron, und ich htte
das Kind vertauscht, und die Heberger htte es ihnen erzhlt.

Aber das ist doch ganz unmglich! rief Frau Baumann, von ihrem Stuhl
emporfahrend.

Na, ich hab' ihnen aber heimgeleuchtet, lachte Madame Mller ingrimmig
vor sich hin, die kommen so bald nicht wieder! Was ich ihnen eigentlich
gesagt habe, wei ich gar nicht mehr; aber Excellenz habe ich sie
nicht genannt, darauf knnen Sie sich verlassen. Ich wollte auch
gleich nachher auf's Gericht und das Lumpengesindel auf frischer That
verklagen; aber der Aerger war mir so in die Glieder geschlagen, da
ich mich wahrhaftig zu Bett legen mute, und da kriegte ich meinen alten
Rheumatismus in das linke Knie, da ich mich die ganze Zeit nicht rhren
konnte. Aber jetzt geht's wieder, und mein erster Gang war heute Morgen
zur Hebergern, Ihrer Schwester, Baumannen, um der einmal ordentlich
die Leviten zu lesen, da sie von einer ehrlichen Frau solche
Schandgeschichten erzhlt. Die leugnet aber Stein und Bein; kein Wort
will sie, weder mit dem Rath noch mit dem Major, gesprochen haben. Aber
ich trau' ihr nicht, Baumannen, wenn's auch Ihre Schwester ist; sie hat
immer ihre Hinterkniffe gehabt, so lange ich sie kenne, und da wollen
wir denn kurzen Proce machen. Ich mu der Sache auf den Grund gehen,
und wenn die Heberger recht hat, dann sollen mir die beiden Patrone,
der Rath und der Major, vor's Messer.

Aber, liebe Madame Mller, sagte Baumann kopfschttelnd, whrend seine
Frau aufstand und in die Kche ging, wegen eines solchen Klatsches
wollen Sie vor Gericht? Wenn Sie meinem Rathe folgen, so lassen Sie die
Hnde davon, denn dabei kommt nichts heraus, als hchstens Lauferei und
Geldkosten. Kennen Sie denn den Rath Frhbach?

Ich? In meinem ganzen Leben hab' ich den Menschen nicht gesehen.

Nun ja, der ist aber in der ganzen Stadt dafr bekannt, da er die
Leute auf der Strae anfllt und todtschwatzt.

Aber dann soll er mir nicht in's Haus kommen, und Ihnen kann es auch
nicht recht sein, Baumann, da er von Ihrer Schwgerin solche Sachen
erzhlt.

Liebe Madame Mller, sagte Baumann und sah sich vorher im Zimmer um,
ob seine Frau nicht da wre, von meiner Schwgerin wollen wir nicht
weiter reden; die schwatzt auch mehr, als sie verantworten kann, wenn
ich auch nicht gerade glaube, da sie das gesagt hat, und noch weniger
zum Rath Frhbach. Die Heberger hat ein bses Mundwerk, und je weniger
ich von ihr zu sehen bekomme, desto lieber ist es mir -- wenn ich's auch
meine Alte nicht gern merken lasse, da es ihr weh thut.

Nun ja, es sind Schwestern, sagte Madame Mller; so ungleich habe ich
aber noch gar keine Schwestern gesehen -- im ganzen Leben nicht. Ihre
Frau ist eine brave, ordentliche Hausfrau, und die Heberger -- na, ich
will mir das Maul nicht verbrennen. Hat sie mich aber wirklich auf eine
solche gemeine Weise hinter meinem Rcken schlecht gemacht, dann soll
sie auch dafr bezahlen, und hat sie's nicht, gut, dann kriegen wir den
Rath, denn Einer von Beiden hat gelogen, und bei der Mllern sind sie
nur unglcklicher Weise gerade an die Unrechte gerathen. =A propos=, wo
wohnt der Herr Witte?

Der alte Baumann sah Fritz an, der wie auf Kohlen sa und nur
das Aufhren des Regens erwartete. Was interessirte ihn der
Alteweiberklatsch! Der wollte jetzt hinber, und wenn ihm die Frau
Mller in die Quere kam, war nichts zu machen -- die mute er deshalb
noch eine Weile zurckhalten.

O, gar nicht weit von hier, sagte er nach einer kleinen Pause; aber
jetzt knnen Sie ihn nicht sprechen, Madame Mller. Der Mann hat so viel
zu thun, da er nur in bestimmten Stunden Fremde annimmt. Weit Du, in
welcher Zeit das ist, Fritz?

Ich wei es nicht, Vater, sagte Fritz, dem selber nichts daran lag,
da ihm die Frau jetzt zuvorkam. Vor halb Eins ist er, glaub' ich,
nicht zu sprechen.

Gut, dann geh' ich um halb Eins hin, nickte die Frau, die sich nun
einmal von ihrem Vorsatz nicht abbringen lie.

Dann bleiben Sie aber so lange bei uns, Madame Mller, sagte Baumann,
und essen mit uns, was da ist -- viel wird's so nicht geben, und ich
glaube, meine Frau ist auch deshalb schon hinaus in die Kche gegangen.

Schn, Herr Baumann, von Ihnen nehm' ich das an, denn ich wei, Sie
meinen's genau so, wie Sie's sagen.

Ich glaube nicht, da mich schon Jemand anders gefunden hat.

Nein, gewi nicht -- also, es bleibt dabei; und indessen trocknet mir
auch die Fahne ein bischen ab, da ich nicht gar so schlumpig aussehe,
wenn man zu fremden Leuten kommt.

Na, Fritz, dann knntest Du wohl indessen Deinen Weg abmachen, wandte
sich der Alte jetzt an diesen, und vielleicht bist Du zum Essen wieder
hier -- Du mtest denn gleich eingeladen werden, setzte er mit einem
eigenthmlichen Lcheln hinzu.

Wo will denn der Fritz hin, er ist ja in seinem Sonntagsstaat?

O, nur zu einem Professor wegen Instrumente, meinte der Vater; der
Regen hat ja auch jetzt aufgehrt, und da oben guckt schon wieder der
blaue Himmel durch. Das war aber ein Wetter!

Ein eigenes, schelmisches Lcheln flog ber die Zge des jungen Mannes,
als er eben an seinen Professor dachte. Aber der Vater hatte Recht, denn
wenn er gehen wollte, war es besser, er ging gleich, und lie sich nicht
von der alten Frau Mller zuvorkommen, da er doch den alten Staatsanwalt
selber gern einmal vorher gesprochen htte. Wo war nur die Mutter
hingerathen? Er suchte sie drauen in der Kche, konnte sie aber auch
dort nicht finden; er htte gern Abschied von ihr genommen, da er einen
so wichtigen Schritt seines Lebens thun wollte -- aber er sah sie ja
auch gleich nachher.

Also, Vater, ich gehe jetzt, sagte er, auf diesen zugehend und ihm die
Hand reichend -- der alte Baumann wischte aber die seinige erst an einem
dort liegenden Tuche ab -- und so wie ich etwas Genaueres erfahre,
komme ich her und theile es Euch mit.

Schn, mein Junge, schmunzelte der Alte, und -- gr' mir Deinen
Professor, setzte er hinzu, und sag' ihm -- wenn Ihr Euch ber die
Arbeit einigt, natrlich--, er mchte doch auch einmal zu mir herber
in die Werksttte kommen -- verstanden?

Gewi, Vater, sagte Fritz, whrend ihm das Blut in die Schlfe stieg,
und hoffentlich einigen wir uns ja. Gr' die Mutter noch einmal --
Adieu -- Adieu, Madame Mller! Und rasch wandte er sich und schritt zur
Thr hinaus.




5.

Die Werbung.


Es war doch ein ganz eigenes, beklemmendes Gefhl, mit dem Fritz die
Werksttte durchschritt; denn wenn er sich die Sache bis dahin auch in
den rosigsten Farben ausgemalt hatte, so fing ihm das Herz jetzt, da er
sich der Entscheidung gegenber sah, merkwrdig an zu schlagen und zu
klopfen, und er war eigentlich ganz zufrieden damit, da er an der auf
die Strae hinausfhrenden Thr noch einen Augenblick halten mute,
um das Regenwasser erst ein wenig ablaufen zu lassen, denn wie
ein Sturzbach kam es noch die Strae nieder. Das ging aber doch
verhltnimaig rasch, denn da kein neuer Zuflu mehr kam, hatten sich
die Dcher bald geleert, und die Schleusen sogen genug davon ein, um
wenigstens die Trottoirs frei zu machen.

Der Weg war auch nicht so weit; gleich in der andern Strae wohnte
der Staatsanwalt, und mit einem unwillkrlich aus tiefster Brust
heraufgeholten Seufzer schritt jetzt Fritz Baumann seinen Weg entlang.
Allerdings war er noch immer unschlssig, wie er es machen, ob er zuerst
Ottilie selber oder lieber ihren Vater aufsuchen solle. Der alte Witte,
das wute er, hatte ihn gern und sich oft mit ihm ber seine knftigen
Plne und Aussichten unterhalten. Aber ntzte ihm das bei der Tochter?
Wenn ihn Ottilie wirklich liebte, brauchte es da der Zureden des Vaters?
Und doch beschlich ihn wieder ein recht fatales Gefhl, wenn er an das
dachte, was sein eigener Vater vor wenigen Minuten zu ihm gesagt. Es war
nur zu wahr, da eine Menge adeliger Herren mit dem Hause verkehrten,
und als er am Abend jenes Balles unter den erleuchteten Fenstern
vorberging, gab es ihm selber einen Stich durch's Herz. Aber damals
konnte sie ihn eigentlich noch gar nicht einladen, und wie lieb hatte
sich Ottilie gegen ihn gezeigt, ja, wie deutlich bewiesen, welchen
Antheil sie an ihm nehme, als er ihr an jenem Tage mittheilte, da er
selbststndig geworden. War ihr in jenem Augenblick das Blut nicht in
einem wahren Strom in die Schlfe gestiegen, und wie gut, wie herzig
hatte sie dabei ausgesehen! Da auch gerade damals der alberne
Ballbesuch kam -- er war so auf dem besten Wege gewesen und htte
vielleicht damals schon die Gewiheit seines Glckes bekommen.

Aber es war selbst jetzt noch nicht zu spt, und heute, besonders
unmittelbar nach dem schlechten Wetter, kaum eine Strung zu befrchten.
Er wollte es auch ganz dem Zufall berlassen, mit wem er zuerst sprach,
mit dem Vater oder der Tochter, wen er zuerst traf -- nur nicht mit der
Mutter, denn zu der hatte er selber kein rechtes Vertrauen und nie recht
warm in ihrer Gegenwart werden knnen.

Aber, lieber Gott, wie rasch ihm diesmal die Zeit verflossen war! Er
befand sich schon im Hause, schon auf der Treppe, ehe er nur eigentlich
selber wute, wie er dahin gekommen. Und wie schwer ihm die Fe wurden,
als er die Stufen hinanstieg, so merkwrdig schwer, und sonst war er sie
so leicht hinaufgesprungen! Aber es konnte nichts mehr helfen; er mute
vorwrts. Wie hatte er sich auch nach dem Augenblick gesehnt! Jetzt war
er ja da, und er selber nur thricht und zaghaft, wenn er sich davor
frchtete. Er stieg auch mit festen Schritten die wenigen Stufen hinan,
die ihn noch von dem Vorsaal trennten, und wollte sich eben entschlossen
nach links wenden, wo er Ottiliens Zimmer wute, als der Staatsanwalt
selber von dort herauskam und auf seine eigene Stube zuging. Als er den
jungen Mann bemerkte, rief er freundlich aus:

Ah, lieber Baumann, wollen Sie zu mir? Kommen Sie hier herein! Und
damit, ohne eine weitere Antwort abzuwarten, schritt er in sein Breau,
dessen Thr er hinter sich offen lie.

Fritz Baumann konnte jetzt gar nicht anders, als ihm folgen, und nahm
das fr einen Fingerzeig, denn ein wenig aberglubisch sind wir ja
Alle mit einander. Er sollte zuerst mit dem Vater sprechen, und es war
vielleicht auch besser so.

Vorn im Breau saen und standen fnf verschiedene Schreiber in einem
nicht berhellen Gemach; die Leute kritzelten mit ihren Federn und
warfen kaum einen Blick darber hin nach dem Eingetretenen. Ihr Chef war
gerade wiedergekommen, und der mute sie thtig bei der Arbeit finden.
Gleich dahinter hatte der Staatsanwalt sein Privatzimmer, und als
Fritz Baumann das hinter demselben her betrat, drckte er die Thr in's
Schlo, denn die Schreiber brauchten gerade nicht zu wissen, um was es
sich hier handle.

Nun, mein lieber Baumaun, sagte der Staatsanwalt in seiner cordialen
Weise, was fhrt Sie zu mir? Setzen Sie sich -- Sie rauchen doch?

Ich danke freundlichst -- heute nicht, lehnte der junge Mann ab.

Heute nicht? lachte Witte, indem er sich die eigene Cigarre anzndete.
Es ist doch nicht etwa Ihr Geburtstag oder sonst eine feierliche
Gelegenheit?

Lieber Herr Witte, sagte Fritz, dem es jetzt fast die Kehle
zusammenschnrte, ich -- bin allerdings aus einer ganz eigenthmlichen
Ursache zu Ihnen gekommen.

So? Na, da lassen Sie einmal hren. Wie mir Ottilie neulich sagte, sind
Sie ja jetzt Ihr eigener Herr geworden, wie?

Allerdings, und das -- auch eigentlich die Ursache, weshalb ich zu
Ihnen komme...

So? Doch keine Schwierigkeiten in der Stadt? Die wollten wir bald klar
bekommen.

Nein, Herr Witte -- eine -- Familienangelegenheit....

Eine Familienangelegenheit? sagte der Staatsanwalt etwas gedehnt,
und zum ersten Mal flog sein Blick ber des jungen Mannes sonntgliche
Kleidung; auch die Glachandschuhe war er nicht an ihm gewohnt. Und die
betrifft, wenn ich fragen darf?

Sie selbst. -- Fritz war in Gang gekommen, und jetzt half ja doch kein
lngeres hinter dem Berge halten.

Mich selbst? lachte Witte. Sie wollen mich doch nicht selbst bei mir
selber verklagen?

Nein, Herr Witte, sagte Fritz ernst, aber freundlich; aber Ihre
Meinung wollte ich in einer Sache hren, die mich sowohl als Sie
betrifft.

Und die wre? fragte Witte, und sein erster Verdacht wurde durch die
Aeuerung nur bestrkt -- er hatte einen Freiwerber vor sich.

Ich wollte Sie um die Hand Ihrer Tochter bitten, platzte denn auch der
junge Baumann ohne Weiteres heraus.

Alle Wetter! rief Witte erstaunt. Und haben Sie mit Ottilien schon
darber gesprochen?

Nein, Herr Witte; ich bin allerdings deshalb heute herbergekommen,
aber da ich Sie zuerst traf, hielt ich es fr besser, vorher Ihre
Meinung darber zu hren. Ich brauche Ihnen auch nicht zu sagen, da ich
den Schritt gengend vorbereitet thue. Ich kann Ottilien eine zwar nur
bescheidene, aber vollkommen ausreichende Existenz bieten und sie von
allen Nahrungssorgen fern halten, ja, ihr aus eigenen Mitteln, ohne
irgend eine Mitgift zu beanspruchen, auch noch manche Bequemlichkeit
bieten. Mit nur einigermaen bescheidenen Ansprchen reichen wir dann
sicher aus, denn ich habe jetzt schon, besonders von auswrts, so viele
ehrenvolle Auftrge und Arbeiten bekommen, da ich, wenn sich dieselben
nicht einmal steigern, schon jetzt genthigt bin, einige Gehlfen
anzunehmen.

Lieber Baumann, sagte der Staatsanwalt, der bei den letzten Worten
still und nachdenkend vor sich niedergesehen hatte, ich wei, da Sie
ein braver, tchtiger Mann sind, kenne Sie auch die langen Jahre und
habe Sie von Herzen gern. Ihr Vater ist ebenfalls ein braver, geachteter
Brger in der Stadt....

Aber? sagte Fritz und sah erwartungsvoll zu ihm auf.

Erwarten Sie kein Aber von meiner Seite, fuhr jedoch der Staatsanwalt
mit dem Kopf schttelnd, fort. Htten Sie mit Ottilien schon gesprochen
und ihr Jawort erhalten, so wrde ich selber gegen ihre Wahl nichts
einzuwenden haben, ja, aufrichtig gesagt, wren Sie mir, mit Ihrem
einfachen, anspruchslosen Wesen, lieber als vielleicht mancher andere
Schwiegersohn. Das Aber liegt allein bei meiner Tochter, und mit
der mssen Sie vorher darber in's Klare kommen; denn das werden Sie
keinesfalls von mir erwarten oder wnschen, da ich meinem Kind in einer
so wichtigen Sache zureden oder sie gar bereden solle.

Lieber Herr Witte, Sie glauben mir wohl, da ich an etwas Aehnliches
nicht gedacht habe.

Gut, dann gehen Sie hinber zu meiner Tochter und fragen sie selber.
Sie treffen es gnstig, denn sie ist gerade ganz allein. Aber Eins
beantworten Sie mir erst: Haben Sie irgend eine -- wie soll ich gleich
sagen -- eine gegrndete Ursache, zu glauben, da Ottilie Sie wirklich
liebt?

Bester Herr Witte....

Ich will es nicht meinetwegen wissen, lieber Baumann, denn das ist Ihre
Sache; aber ich sage Ihnen ganz aufrichtig, da meine Idee, wenn ich
berhaupt einmal an etwas Derartiges dachte, nach einer andern Richtung
hin lag. Ich glaubte, Ottilie htte eine Neigung nach einer andern Seite
gefat. Aber, lieber Gott, wer kennt ein Mdchenherz aus, und noch dazu
ich, der ich mir die Stunden abstehlen mu, die ich in meiner Familie
zubringe!

Nach anderer Richtung hin?

Ich sage Ihnen, es ist das nur eine Vermuthung, und nichts, gar
nichts, worber ich selber mit mir in's Klare gekommen wre. Sie waren
Spielgefhrten zusammen....

Ja, und immer, seit der Zeit, habe ich Ottilie im Herzen getragen.

Also wirklich eine erste Liebe? Aber haben Sie noch nie eine Andeutung
davon gegen sie fallen lassen?

Neulich, als ich sie zum letzten Male sprach.

Und was sagte sie da?

Wir wurden gestrt -- es kam Besuch -- es war unmittelbar nach dem
Ball, den Sie damals gaben. Aber wenn ich nach ihrem Errthen und dem
Ausdruck ihrer lieben Zge gehen darf, so ist sie mir gut.

Na, dann versuchen Sie Ihr Glck in Gottes Namen, nickte der
Staatsanwalt; der Henker soll aus dem Mdchen klug werden! Von mir
haben Sie auch keinen Widerspruch zu frchten, wobei ich jedoch nicht
eben so sicher fr die Mutter einstehen mchte. Aber das lt sich am
Ende auch berwinden, und wenn sich ihr Kind glcklich darin fhlt, wird
sie auch nichts dagegen haben drfen.

Mein lieber Herr Witte, wie herzlich danke ich Ihnen....

Noch haben Sie fr gar nichts zu danken, lieber Baumann, sagte der
alte Herr; denn hoffentlich halten Sie mich doch fr einen vernnftigen
Mann, der sein Kind eben so gern, oder noch ein gro Theil lieber einem
braven Techniker, als irgend einem vornehmen Flieg' in die Luft giebt.
Reden Sie mit dem Mdel, und wenn Ottilie damit einverstanden ist
und Sie so lieb hat, wie -- ich es eigentlich wnsche, dann in Gottes
Namen!

Damit drckte er dem jungen Manne herzlich die Hand und ffnete ihm
selbst die Thr, und Fritz flog mehr als er ging -- sehr zum Erstaunen
der Schreiber -- durch die Stube und ber den Vorsaal hin.

Fritz klopfte herzhaft an -- jetzt war der Bann gebrochen, und als er
nach einem rasch folgenden Herein! die Thr ffnete, kam ihm Ottilie
schon auf halbem Weg entgegen, und es war fast, als ob sie die Hand nach
ihm ausstrecke. Aber wie verlegen wurde sie, als sie den jungen Baumann
erkannte und stotterte:

Entschuldigen Sie, Herr Baumann, ich dachte -- es ging gerade Jemand --
eine Freundin von mir -- unten vorber, und ich -- glaubte, sie wre zu
mir heraufgekommen.

Und bekomme ich keine Hand, Frulein Ottilie?

Gewi, warum nicht? sagte das junge Mdchen, aber immer noch befangen,
indem sie ihm die Hand reichte. Sie wute auch dabei gar nicht, wie
sonderbar ihr der junge Mann heute vorkam, ganz anders als sonst -- und
was wollte er nur? Eine Arbeit war doch nicht bestellt worden.

Fritz aber, dem ihre Verlegenheit nicht entgehen konnte, fuhr rasch
fort: Es thut mir leid, Frulein Ottilie, da Sie durch mein Erscheinen
vielleicht enttuscht wurden. Soll ich aber aufrichtig sein, so bin ich
froh, da Sie jetzt keinen Besuch bekommen haben, denn ich mchte ein
paar Worte mit Ihnen reden -- Sie um etwas fragen.

Mich?

Ja.

Nun, wenn ich Ihnen in irgend etwas Auskunft geben kann, von Herzen
gern.

Erinnern Sie sich noch der Zeit, Frulein Ottilie, wo wir zusammen
spielten und als Kinder so frhlich mit einander waren?

Sie holen weit aus; aber ich dchte, Sie htten mich neulich schon
darum gefragt. Gewi, und weshalb nicht?

Wissen Sie noch, was wir damals spielten, Ottilie?

Ottilie erschrak. Bei ihrem bloen Vornamen hatte sie Baumann seit
jener Zeit nie wieder genannt, und sie erinnerte sich auch, was sie
hauptschlich zusammen gespielt hatten: Braut und Brutigam. Jetzt wurde
ihr klar, was ihr frherer Spielgefhrte von ihr wollte, weshalb er so
feierlich auftrat. Wieder erblate sie auch und wurde dann feuerroth,
fhlte aber zu gleicher Zeit, da sie jeder Erklrung, so lange es noch
Zeit war, zuvorkommen msse, und sagte rasch:

Lieber Himmel, Herr Baumann, was spielen Kinder nicht oft mit einander!
Aber die Zeiten sind jetzt vorber, Sie ein gereifter Mann geworden,
ich bin ebenfalls aus den Kinderschuhen gewachsen; lassen wir die alten
Sachen ruhen. Was wollen Sie mich denn fragen? Sie entschuldigen, ich
mu zum Vater hinber.

Ihr Vater schickt mich gerade zu Ihnen.

Mein Vater? Aber weshalb?

Ich kann nicht lange Worte machen, Ottilie, brach jetzt Baumann durch
alle Hindernisse. Schon neulich sagte ich Ihnen, da ich selbststndig
geworden sei und jetzt beabsichtige, einen Hausstand zu grnden. Wollen
Sie mir darin helfen? Wollen Sie mein Weib werden? Seit meiner frhesten
Jugend trage ich Sie im Herzen, nie hat der Gedanke an ein anderes
Wesen meine Brust erfllt. Sehen Sie den Groschen hier, den Sie mir vor
einiger Zeit gaben? Wie ein Heiligthum trage ich ihn seitdem auf meinem
Herzen. Ich wei, fuhr er bewegt fort, als Ottilie erbleichend schwieg,
ich bin nicht aus vornehmem Stand, und Glanz und Rang kann ich Ihnen
nicht bieten, aber ein treues Herz, Ottilie, und einen geachteten,
ehrlichen Namen. Mein Auskommen habe ich auch; Sie sollen wahrlich an
meiner Hand weder Noth noch Sorge kennen lernen, und wenn Ihr Herz nur
ein klein wenig...

Halten Sie ein, Herr Baumann, unterbrach ihn Ottilie mit fast
tonloser, aber doch vollkommen deutlicher Stimme, Gehen Sie nicht
weiter und hren Sie mich erst an.

Baumann erschrak wirklich ber die Blsse, die pltzlich alle Farbe aus
ihren Wangen trieb, nur ihre Augen hatten einen ganz merkwrdigen Glanz
angenommen, aber ihr Ausdruck war nicht mehr so freundlich, als vorher.
Das Mdchen jedoch, whrend sie sich mit der Hand an dem nchsten Tisch
sttzte, fuhr mit immer fester werdender Stimme fort:

Ich danke Ihnen fr das Vertrauen, das Sie in mich zu setzen scheinen.
Man sagt ja, da ein jeder solcher Antrag ein junges Mdchen ehrt, und
ich darf mich deshalb nicht gekrnkt dadurch fhlen. Was aber Ihre Liebe
betrifft, so thut es mir leid -- ich kann sie nicht erwiedern.

Ottilie!

Es ist nothwendig, da wir offen gegen einander sind, fuhr die
Jungfrau fort, und ihr Auge blitzte dabei wie in verhaltenem Zorn,
schon deshalb nothwendig, um jedes Miverstndni fr die Zukunft
zu vermeiden: nehmen Sie daher die Versicherung, da ich niemals Ihre
Gattin werden kann und will.

Und weshalb nicht, Ottilie?

Sie haben kein Recht zu dieser Frage, erwiederte das junge Mdchen mit
eisiger Klte. Wenn ich als Kind nicht den Unterschied kannte, der
uns von einander trennt, so darf man das dem Kinde wohl verzeihen. Sie
werden mir gestatten, da ich mich jetzt in die Schranken, die mir von
der Gesellschaft geboten sind, zurckziehe.

Baumann sah das junge, wirklich selbst in ihrem Zorn bildschne Mdchen
gro und fast erstaunt an. Das war kein liebes, sanftes Herz, wie er
es sich in dieser Brust gedacht; das war nichts als eitler Stolz und
Hochmuth, der diese Worte sprach, und die Jungfrau, wenn sie auch ihre
Worte milderte, stand ihm in der That genau so gegenber, als ob er sie
auf das Tdtlichste beleidigt htte. Ihm selber stieg jetzt das Blut in
die Stirn, denn er schmte sich der Rolle, die er hier spielte, obgleich
er in der ehrlichsten Absicht hergekommen. Das war nicht die Tochter
ihres Vaters, das war die Tochter ihrer Mutter, und wie er nur
fhlte, da hier jedes weitere Wort vergeblich sei, ja, seine Lage nur
unangenehmer machen konnte, sagte er artig, aber jetzt ebenfalls nur
kalt und hflich:

Frulein Ottilie, ich mu Sie um Verzeihung bitten, ich wute nicht,
da Ihr Verstand schon so vollstndig Ihrem Herzen ber den Kopf
gewachsen war. Ich bin mir jetzt unserer beiderseitigen Stellung bewut,
und seien Sie versichert, ich werde Ihnen nie wieder lstig fallen.

Ottilie wurde blutroth. Das klang wie ein Vorwurf, und whrend sie
vielleicht fhlte, da sie ihn verdient hatte, emprte sich doch auch
wieder ihre Eitelkeit dagegen, auch nur Aehnliches von dem _Handwerker_
zu ertragen. Fritz Baumann lie ihr aber keine Zeit, zu irgend einem
Entschlu zu kommen. Er verbeugte sich kalt -- sein Hut stand neben ihm
auf dem Tisch--, und wenige Secunden spter schlo sich die Thr hinter
ihm.

Fritz Baumann dachte auch nicht daran, den Staatsanwalt wieder
aufzusuchen. Er konnte ihn jetzt nicht sprechen, denn die Thrnen
standen ihm in den Augen, und Hals und Kehle waren ihm wie zugeschnrt.
Aber nicht der Schmerz um eine verlorene Geliebte trieb ihm das Wasser
zwischen die Wimpern, sondern weit mehr verletztes Ehrgefhl.

Ottilie verachtete in ihm den Handwerker, der es gewagt hatte, zu
ihr, der vornehmen Dame, die Augen zu erheben, und was war sie? Eines
Advocaten Tochter, eines Brgers der Stadt, wie sein alter, braver, von
Allen geachteter Vater ebenfalls Brger war. Er bi die Zhne zusammen
und stieg langsam die Treppe hinab.

Ein Korb, murmelte er dabei, ein Korb in aller Form, und _wie_
ertheilt -- so hhnisch, so kalt, so herzlos! Was war ihr der
Jugendgespiele, was die Liebe, die er fr sie im Herzen trug!

So schritt er ber die Strae hinber, so die Bahn entlang nach seines
Vaters Hause, und erst als er dort auf der Schwelle stand, zgerte er
wieder, denn er schmte sich, dem alten Mann unter die Augen zu treten.
Hatte der es ihm nicht vorausgesagt? Aber das konnte er nicht wissen;
kein Mensch konnte hinter so lieben, treuen Augen solche Eitelkeit, eine
so herzlose Brust vermuthen. Und wie wrde jetzt das berstolze Mdchen
auf ihn herabsehen, wenn sie ihm je wieder begegnete! Und konnte er sie
denn hassen? Er schttelte traurig vor sich hin den Kopf. Ach, zu lange
hatte er jenes selige Gefhl der Liebe mit sich herumgetragen, um es
jetzt so rasch und pltzlich gegen Ha umzutauschen!

Aber da war er an der Schwelle, ja, er stand in der Werkstatt, ehe er es
selber recht wute. Und sollte er hineingehen?

Die Stube ffnete sich, und Madame Mller, die indessen die ganze Zeit
hier gesessen hatte, kam heraus. Sein Vater begleitete sie an die Thr.

Sie knnen gar nicht fehlen, Madame, sagte er; links gehen Sie
hinunter, und dann biegen Sie rechts hinein in die erste Strae. Es mu
etwa das sechste oder siebente Haus sein; Sie sehen schon das kleine
Porzellanschild an der Thr unten: Staatsanwalt Witte. Wenn Sie es
denn nun einmal nicht anders haben wollen; aber ich an Ihrer Stelle...
Holla, Fritz, schon wieder da? Junge, das ist schnell gegangen, fast ein
bischen zu schnell, setzte er langsamer hinzu. Na, komm nur herein; es
ist beinahe, als ob ich heute meinen Ambos gar nicht wieder warm kriegen
sollte.

Madame Mller grte, griff ihren, inde vollstndig abgelaufenen
Regenschirm wieder auf und verlie das Haus, whrend Fritz langsam dem
Vater in die Stube folgte.

Wo ist die Mutter, Vater?

Wei der liebe Gott, was sie vorhin angewandelt, sagte der Alte; sie
wurde auf einmal unwohl, und hat sich auf ihr Bett gelegt. Ach, das geht
rasch vorber! Wenn man in die Jahre kommt, packt Einen manchmal so
'was ganz pltzlich, dauert aber gewhnlich nicht lange. Mir wurde auch
neulich einmal sehr schlecht, wie ich den drei Centner schweren Krahn
auf den Wagen gehoben hatte; aber es ging gleich wieder vorber.
Altersschwche, mein Junge, weiter nichts. Aber was ist mit Dir? Du
schneidest gerade so ein Gesicht, als ob Dir der Hafer verhagelt wre.
Abgeblitzt, heh?

Ja, Vater, sagte Fritz mit fester und entschlossener Stimme, denn
er htte dem Vater gegenber nicht einmal Ausflchte suchen mgen. Du
hattest recht -- wr' ich Deinem Rath gefolgt!

Hm, und was sagte sie? fragte der Vater, indem er beide Hnde vorn in
sein Schurzfell schob.

Fritz sah eine Zeit lang schweigend vor sich nieder. Endlich flsterte
er: Sie sagte, Vater, da sie sich jetzt, wenn wir auch frher als
Kinder mit einander gespielt htten, in den Schranken halten msse,
welche die Gesellschaft fr sie gezogen.

Unsinn, brummte der Schlossermeister; das versteh' ich nicht. Was hat
die Gesellschaft mit Eurer Heirath zu thun?

Sie meinte damit, fuhr Fritz finster fort, da sie zu vornehm wre,
um einen Handwerker zu heirathen, wenn Dir das deutlicher ist.

Das ist allerdings deutlich genug, lachte der alte Schlosser ingrimmig
vor sich hin; aber nicht anders, als ich's mir gedacht hatte. Und die
Mutter war natrlich ganz damit einverstanden?

Die Mutter war gar nicht zu Hause.

Und der Vater?

Ist ein Ehrenmann. Ich sprach mit ihm vorher darber, und er war
freundlich und gut, und sagte mir, da er mit Freuden seine Einwilligung
geben wrde, wenn die Tochter es wnsche.

Also ich hatte wieder einmal recht?

Ja, Vater.

Armer Junge, nickte der Vater nach lngerer Pause, in der Beide ihren
Gedanken folgten. Das war freilich ein bser Gang, und ein miger
Ambo ist manchmal leichter zu tragen, als so ein Korb. Aber la Dir's
nicht leid sein, Fritz. Mir ist dabei, ich gebe Dir mein Wort, eine
Last vom Herzen, denn das Mdel htte nicht zu Dir gepat, und Ihr wret
Beide fr Euer ganzes Leben unglcklich geworden. Gleich und Gleich
gesellt sich gern; aber mit der Familie, den alten Staatsanwalt
ausgenommen, wrden wir nie zusammen gegangen sein. Es ist gegen die
Natur; und was wr' das nachher fr ein Leben, wenn man nicht einmal den
Sohn in seinem eigenen Hause besuchen drfte, und die Schwiegereltern
wie Hund und Katze zusammen lebten! Und pat Du etwa zu Bllen und
groen Mittagsessen, wo eine Menge vornehmes Pack zusammenkommt und
die Handwerker ber die Achsel ansieht? Da sich das Volk selber nicht
ernhren kann, und mit seinem Adelsstolz vom Staate gefttert werden
mu, sehen sie nicht ein! Das gehrt sich, das war in der Weltgeschichte
nie anders; aber der Plebs darf ihnen nicht in die Quere kommen!

Wittes sind ja aber doch gar nicht adelig, Vater...

Um so viel schlimmer, mein Junge. Mit einem wirklich vornehmen Manne
ist immer leicht verkehren, aber das unausstehlichste Gesindel sind
derlei Brgerliche, wenn sie sich in den Adel hineindrngen, und die
alte Frau Witte mitsammt ihrer Tochter gehren zu der Race, von der
Frisur oben bis zur Fuspitze hinunter.

Fritz hatte sich auf einen Stuhl geworfen und sttzte den Kopf in die
Hand.

Und Alles umsonst, sagte er leise; wie habe ich gearbeitet und
geschafft, wie gedarbt und gespart, nur immer mit der einen Hoffnung im
Herzen, und jetzt Alles vergebens!

Wenn ich nur so 'was nicht hren mte! rief der alte
Schlossermeister. Du redest gerade, als ob Du ein Greis von einigen
achtzig Jahren wrst und Dich nun ganz behaglich in die Grube legen
knntest. Du hast gearbeitet und geschafft, ja, aber nicht fr die
stolze Liese, die sich zu gut dnkt, eines braven Mannes Frau zu werden,
sondern fr Dich selbst, und was Du gethan und geleistet hast, kommt Dir
jetzt selber zu Gute. Erste Liebe -- ja, prosit die Mahlzeit! Wie wenig
Menschen giebt es auf der Welt, die ihre erste Liebe bekommen! Das ist
die Blthe am Baume, die Frucht kommt spter, und junges Volk glaubt
gewhnlich, wenn es sich in das erste glatte Gesicht vergafft hat,
da es sterben und verderben wrde und msse, wenn sie das nicht als
Eigenthum bekmen, 'sist aber nicht wahr, und sie leben ruhig fort, und
finden auch bald eine Andere, die sie eines Besseren belehrt. Glaubst
Du, da Deine Mutter meine erste Liebe gewesen wre, oder ich ihre? Gott
bewahre! Ich hatte ein Mdel gern, das mit einer Familie von England
gekommen war, ein blitzsauberes Ding, und ich htte mich damals mit
Vergngen fr sie todtschlagen lassen. Nachher hat sie den dicken Wirth
in Eichenbach geheirathet und jetzt zehn oder zwlf Kinder, lauter
Jungen, und ich danke meinem Schpfer noch heute, da ich Deine Mutter
und nicht sie bekommen habe, denn sie ist ein Drache, und der Skandal im
Hause hrt nicht auf, whrend Deine Mutter und ich in Frieden und Liebe
die langen, langen Jahre verlebt und nie den Tag bereut haben, an dem
wir unsere Hnde in einander legten und Ja sagten. Willst Du fort?

Fritz war aufgestanden und hatte seinen Hut genommen. Ja, Vater, sagte
er, ich will nach Hause und wieder mein Arbeitszeug anziehen, ich werde
die Gedanken sonst nicht los.

Da hast Du recht, nickte der Vater, das Gescheidteste, was Du thun
kannst, und wenn Du meinem Rathe folgen willst, mein Junge, so freie das
nchste Mal, wie ich um Deine Mutter gefreit habe, nicht in einem
feinen Rock und mit nichtsnutzigen Handschuhen an den Hnden, sondern im
Schurzfell. Die Ehen halten nachher, und wenn Ihr Euch Beide lieb habt
in der Arbeit, so habt Ihr Euch auch lieb im Glck und Ueberflu --
umgekehrt stimmt's nicht.

Adieu, Vater!

Hast Du denn schon gegessen?

Ist mir heute der Appetit vergangen, sagte der junge Mann, indem er
ohne weiteren Gru zur Thr hinausschritt.

Der alte Schlossermeister blieb noch eine Weile am Tisch stehen und sah
ihm nach. So lieb es ihm auch sein mochte, da aus der Verbindung, der
er nie etwas Gutes zugetraut, nichts geworden war, so rgerte es ihn
doch, da jenes stolze Ding seinen Fritz so hatte ablaufen lassen.
Aber das dauerte nicht lange; Meister Baumann war kein Charakter, der
stundenlang ber geschehene Dinge nachgegrbelt htte.

Wetterhexe! brummte er nur leise in den Bart, dann schob er sich das
Kppchen auf's linke Ohr, und zehn Minuten spter schallten die Schlge
seines Hammers wieder so lustig durch die Werkstatt, wie nur je.




6.

Staatsanwalt Witte zu Hause.


Der Staatsanwalt Witte war indessen durch den Antrag des jungen
Technikers ebenso berrascht worden, wie seine Tochter selber, ohne aber
auch nur fr Einen Moment seinen praktischen Standpunkt zu verlieren. Er
hatte allerdings keine Ahnung gehabt, da nach dieser Richtung hin bei
Ottilien eine Neigung im Aufkeimen wre -- weit eher nach anderer,
und das mute doch der Fall sein, sonst wrde der junge, sonst so
schchterne Mann nicht gleich mit einem directen Antrage vorgetreten
sein. Aber er wre nicht bse darber gewesen, denn er kannte Fritz
Baumann als einen strebsamen, ordentlichen und fleiigen jungen
Techniker, und gegen die Eltern war ebenfalls nichts einzuwenden.
Ein etwas vornehmerer Schwiegersohn wre vielleicht auch ihm recht
gewesen, aber er dachte doch zu vernnftig, um das ein Hinderni sein
zu lassen, wenn Ottilie selber ihr Glck darin sah -- that sie das aber
wirklich?

Er ging in seinem kleinen Zimmer auf und ab und dachte gar nicht an
Arbeiten, denn wichtigere Dinge kreuzten ihm jetzt das Hirn -- die
Zukunft seines einzigen Kindes. Allerdings wollte die Mutter -- das
wute er gut genug -- hoch mit ihr hinaus, und ihr wre eine derartige
Verbindung ein bedeutender Strich durch die Rechnung gewesen; bei ihr
fanden sie deshalb auch gewi noch hartnckigen Widerstand -- aber
neigte sich denn nicht Ottilie selber ganz den Ansichten der Mutter, und
sollte sie die so auf einmal und so pltzlich gewechselt haben?

Der Staatsanwalt blieb pltzlich in der Stube stehen. Wenn er nun selber
einmal zu seiner Tochter hinberging -- aber das verdarb am Ende mehr,
als es gut machte. Er htte auch nicht einmal zureden knnen und mgen,
denn -- eine brillante Partie war es immer nicht; aber er wrde auch
nicht abgeredet haben. Es war besser, er lie der Sache eben ihren
natrlichen Lauf.

Drauen auf dem Gang wurde eine Thr geffnet und hastig wieder
geschlossen; er hrte es deutlich, denn seine eigene, in das
Schreibzimmer fhrende Thr stand noch offen -- das konnte doch nicht
schon der Brautwerber gewesen sein -- vielleicht seine Frau. Er schritt
hinaus ber den Vorsaal in seiner Frau Wohnstube, um dort aus dem
Fenster auf die Strae zu sehen. Wahrhaftig, dort ging der junge Baumann
mit raschen Schritten gerade ber den Weg!

Abgelehnt, nickte er leise vor sich hin -- ob ich es mir denn nicht
gedacht habe -- armer Junge -- aber es ist, wie ich gefrchtet: das
Mdel hat, wie man so sagt, groe Rosinen im Topfe, und ihre Mama
quellt sie noch auf. -- Er zuckte mit den Achseln. -- Ich kann's nicht
ndern, und das Gescheiteste wird sein, ich thue, als ob ich gar nichts
von der ganzen Geschichte wte.

Damit drehte er sich um und glitt wieder -- dieses Mal mit geruschlosen
Schritten -- in sein Breau hinber, wo er sich an sein Pult setzte und
arbeitete. Er wollte das Ganze ruhig an sich kommen lassen.

Eine gute Viertelstunde, vielleicht etwas lnger, mochte er so ungestrt
geblieben sein, als einer seiner Schreiber den Kopf in die Thr steckte
und sagte: Herr Staatsanwalt, es ist eine Frau hier, die Sie selber zu
sprechen wnscht.

Wer ist es?

Die Frau Mller aus Vollmers.

Soll herein kommen, sagte der Staatsanwalt mrrisch; er hatte den Kopf
voll und die Strung war ihm nicht gelegen.

Guten Tag, Herr Advocat! sagte Madame Mller, indem sie sich in der
Stube nach einem Platz umsah, wo sie ihren Schirm abstellen konnte, denn
sie brauchte ihre Hnde fr den Strickbeutel.

Guten Tag, liebe Frau! Was wnschen Sie?

Sehen Sie, Herr Advocat, sagte Madame Mller, indem sie den Schirm
glcklich hinter dem Sopha anbrachte, ich bin die Frau Mller aus
Vollmers, und da mir kein Mensch 'was Bses oder Schlechtes nachsagen
kann, das will ich Ihnen beweisen. Da, hier, fuhr sie fort, indem sie
ein ganzes Paket Schriftstcke aus ihrem Arbeitsbeutel nahm, ist mein
Tauf- und Impfschein, mein Confirmations-Zeugni, mein altes Dienstbuch,
denn ich.....

Meine gute Madame, sagte Witte ruhig, Sie sind hier mit ihrer
Beschwerde am unrechten Platz. Da Sie eine brave, rechtliche Frau sind,
glaube ich Ihnen auf Ihr Wort, aber ich habe mit der Sache....

Na, aber dann brauchen auch so ein paar alte Schleicher nicht zu mir
in's Haus zu kommen, rief die Frau entrstet, und mir alle mglichen
Grobheiten und Injurien zu sagen!

Liebe Madame Mller, sagte Witte ungeduldig werdend, Sie sind hier an
den vollkommen unrechten Ort gerathen; denn wenn Sie, wie ich nach Ihren
Reden vermuthen mu, in Ihrem eigenen Hause beleidigt wurden, so gehen
Sie einfach auf die Polizei und beschweren sich dort. Einen Advocaten
haben Sie dazu berhaupt nicht nthig.

Aber ich will einen haben, sagte die Frau ganz entschieden, denn wenn
ich gegen ein paar so vornehme Herren auf die Polizei gehe, so steckt
die mit ihnen durch, und Unsereiner kann mit langer Nase wieder
abziehen.

Witte lachte. Sie haben gute Ansichten von der Polizei, aber Sie sind
im Irrthum; ob Sie ein Baron oder ein Graf oder wer sonst beleidigt hat,
bleibt dasselbe -- die Gesetze sind fr Alle gleich. Aber jetzt, liebe
Madame, bitte ich Sie, mich zu entschuldigen; ich bin sehr beschftigt
und habe auch mit der Sache gar nichts zu thun. Gehen Sie nur auf die
Polizei.

Nein, sagte die Frau -- Gott bewahre Einen vor der Polizei! Einen
Advocaten will ich haben, und wenn's auch kein Baron oder Graf war, so
war's doch ein Major und ein Rath, und den Rath besonders, den Herrn
Frhbach, den soll mir der Advocat drangsaliren, da er schwarz wird!

Rath Frhbach -- und ein Major? sagte Witte, pltzlich aufmerksam
werdend, denn er mute an den verbissenen Major von Halsen denken. Wie
hie der Major?

Halsen, sagte die Frau, Major von Halsen.

Und der soll Sie in Ihrem eigenen Hause beleidigt haben? sagte der
Staatsanwalt kopfschttelnd. Das ist wohl nur ein Irrthum, liebe Frau,
denn der alte Herr krnkelt fortwhrend und wre kaum zu Ihnen nach
Vollmers gekommen.

Irrthum? Ja, schner Irrthum! rief die Frau. Krnklich sieht er
aus, denn er humpelte an einem Stock herum. Aber wo soll da ein Irrthum
herkommen, wenn er mir in meinem eigenen Hause sagt -- das heit, der
Rath, nicht der Major--, das Bild, das ber meinem Sopha hngt, wre
nicht meine Tochter, sondern die Tochter vom Baron von Wendelsheim, und
da _ich_ die Kinder vertauscht htte, wo ich den jungen Baron selber
auf meinen eigenen Armen zehn volle Monate herumgetragen und genhrt
habe.

Von Wendelsheim? sagte Witte, der schon ungeduldig auf seinem Stuhl
herumgerckt war, jetzt pltzlich aufmerksam werdend. Dahinter stak
wieder der unglckliche Major, so viel war sicher, und hatte jetzt,
wie es schien, seinen tollen Verdacht so weit getrieben, um einen Eclat
herbeizufhren. Witte selber fing aber an, sich nach den Vorgngen von
heute Morgen mehr und nher fr den Namen Wendelsheim zu interessiren.
Seine Tochter mute eine andere Neigung haben, oder sie htte den
Freier nicht so rasch und entschieden abgewiesen, und er wnschte nun
wenigstens der Klagesache auf den Grund zu kommen, um wo mglich ein
Oeffentlichwerden der fatalen Rederei zu verhindern. Anstatt die Frau
deshalb abzuweisen, legte er die Feder hin, drehte sich auf seinem
Stuhl herum und sagte: Dann lassen Sie wenigstens einmal hren, was die
Herren von Ihnen gewollt haben; bitte, nehmen Sie Platz und reden Sie
ein wenig leiser.

Madame Mller verlangte nichts weiter, als einen Platz zum Sitzen und
eine Aufforderung zum Reden, und begann nun auch ohne Sumen mit
ihrer gewhnlichen Weitschweifigkeit nach allen Himmelsrichtungen hin
auszuholen. Witte war aber nicht der Mann, der ihr das hingehen lie.
Wie er nur erst einmal herausbekam, worauf es abzielte, hielt er sie
auch in dem Geleise, und wenn sie nach links oder rechts ausbrechen
wollte, schnitt er ihr augenblicklich den Faden ab und brachte sie
wieder in die richtige Bahn. So hatte er denn auch nach einer kleinen
halben Stunde, denn die Zeit gebrauchte Madame Mller doch, um
sich gehrig zu entwickeln, nicht allein den grten Theil
ihrer Lebensgeschichte -- so weit sich dieselbe nmlich auf das
Wendelsheim'sche Haus und die sptere Zeit bezog--, sondern auch die
genauen Vorgnge jenes Morgens erfahren, wo der Major und der Rath
Frhbach so schmhlich abgefahren waren. Wiederholt producirte dabei
Madame Mller jenen ganzen Sto von Papieren, der ihre Unschuld
bekrftigen sollte, wenn der Staatsanwalt berhaupt noch an derselben
gezweifelt htte. Witte wies sie jetzt auch nicht ganz zurck, sondern
bltterte sie durch, um den Tag zu erfahren, an welchem sie damals
zuerst in Wendelsheim'sche Dienste, und zwar als Amme, eingetreten war;
das Datum notirte er sich und schnrte das Paket dann wieder zusammen.
Uebrigens stimmte dasselbe genau mit ihrer Angabe, und das wute er
schon selber aus frheren Nachforschungen, da die Frau wirklich erst
in der Nacht, und zwar mehrere Stunden nach der Geburt des Kindes, durch
den herrschaftlichen Kutscher in einem verschlossenen Wagen aus ihrem
Heimathsort abgeholt worden sei und die Wartung des Suglings dann
bernommen habe. Die Madame Mller machte dabei den Eindruck einer zwar
etwas derben und berschwatzhaften, aber doch grundehrlichen Frau, und
der Staatsanwalt mute nur im Stillen fr sich lachen, wenn er sich die
Scene dachte, wo Frhbach und der Major einen Angriff auf sie versucht
hatten, es natrlich so ungeschickt als mglich anfingen und mit einem
Donnerwetter und vllig geschlagen wieder abziehen muten. So gern er
aber dem Major sowohl wie dem Rath eine kleine Lection gegnnt htte,
die nicht ausblieb, wenn die Sache vor Gericht kam, so durfte er es doch
nicht so weit gehen lassen, schon des unausbleiblichen Geredes wegen,
das darber entstanden wre. Er freute sich jetzt ordentlich, die Frau
nicht gleich abgewiesen zu haben, und es galt jetzt nur, sie von ihrer
Klage abzubringen. Uebrigens zeigte sich das gar nicht so leicht, denn
Madame Mller hatte einen ganz entschiedenen Charakter wie ihren eigenen
Kopf, und Witte wurde deshalb hflich.

Liebe Madame, sagte er, als sie ihren letzten Satz damit schlo, da
er jetzt eine ordentliche und tchtige Klage gegen die beiden Subjecte
aufsetzen solle -- die Anklage oder Verdchtigung der beiden Herren ist
viel zu ungeschickt und leer, als da Sie darauf das geringste Gewicht
legen knnten -- kein vernnftiger Mensch wird deshalb etwas Derartiges
von Ihnen glauben.

Und deshalb sollen sie mir gerade an's Messer, sagte Madame Mller,
indem sie auf ihren Strickbeutel klopfte: da drinnen steht's, da
ich mir von solcher -- Bagage meinen ehrlichen Namen nicht brauche
verschimpfiren zu lassen!

Davon rede ich nicht, sagte der Staatsanwalt, das ist eine Sache, die
sich von selbst versteht; aber Sie sehen mir gerade so aus, als ob Sie
auch praktischer Natur wren -- hab' ich nicht recht?

Na, ich sollte denken, sagte die Frau, wenn man sich einmal so lange
in der Welt herumgetrieben hat....

Nun gut, dann mssen Sie sich doch auch von einer solchen Klage einen
praktischen Nutzen versprechen, nicht wahr?

Ich will nichts fr mich davon haben, sagte die Frau, die ihn falsch
verstand; nur die Beiden sollen abgestraft werden, wie sich's gehrt
und wie sie's verdient haben.

Das meine ich nicht, sagte kopfschttelnd Witte; Sie selber haben
natrlich nichts davon, als Lauferei und Unannehmlichkeiten, und das
wre das Wenigste, denn denen mu sich jeder unterziehen, der vor
Gericht geht. Aber um ganz reine Sache zu haben und die Schuld allein
auf Ihre Gegner zu wlzen, frchte ich, sind Sie schon gleich von Haus
aus zu weit gegangen.

Ich -- wie so denn?

Sie scheinen mir etwas heftiger Natur, und wie ich vorhin aus Ihrer
ganzen Erzhlung vernommen, haben Sie den Herren nicht allein tchtig
die Wahrheit gesagt -- dagegen liee sich nichts einwenden--, sondern
Sie haben auch Schimpfworte wie Schafskopf und dergleichen gebraucht
und dadurch eine Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich
erwiedert.

Aber der Henker soll da ruhig bleiben, wenn Einem in seinem eigenen
Hause...

Ich gebe Ihnen ganz recht, verehrte Frau -- in meinen Augen sind
Sie vollkommen entschuldigt und wir Alle htten unter hnlichen
Verhltnissen vielleicht das nmliche gethan; aber die Gesetze sind
darin auerordentlich streng, und bedenken Sie selber, wie das aussehen
wrde, wenn Sie Jemanden gerade eines Vergehens wegen anklagen wollten,
das Sie ebenso gegen ihn verbt.

Ach bah -- was ist denn das, wenn ich einen Menschen einen Schafskopf
nenne?

Bitte um Verzeihung, Madame, einen gewhnlichen Menschen vielleicht
nicht, aber bedenken Sie, einen Rath! Sie beleidigen dadurch nicht
allein den Mann, sondern den Staat, ja, den Knig selbst, der ihn zum
Rath gemacht hat, denn Sie sagen damit, da er einen Schafskopf zum Rath
ernannt habe.

Na, und das kommt wohl nicht vor?

Witte zuckte die Achseln. Wir drfen es aber nicht aussprechen, sagte
er, und Sie knnten in den Fall kommen -- und kommen sicher hinein--,
da Sie den Herren noch ffentlich Abbitte thun mten.

Und das nennen Sie Gerechtigkeit? rief Madame Mller, den Arm
entrstet in die Seite stemmend. Der Wurm krmmt sich, wenn er getreten
wird, und eine arme, alleinstehende Frau, die nichts hat, als ihre
Zunge, soll noch nicht einmal Schafskopf damit sagen drfen?

Und auf was wollen Sie eigentlich klagen, Madame Mller? Der Herr Rath
hat behauptet, da das Bild in Ihrer Stube nicht das Ihrer Tochter,
sondern einer Tochter des Barons von Wendelsheim wre. Gut, das ist aber
noch immer keine Beleidigung, sondern nur ein Irrthum.

Aber der Baron hat ja gar keine Tochter, und er meinte damit...

Was er damit meinte, knnen wir Beide nicht wissen, und noch weniger
das Gericht. Wir vermuthen allerdings, was er damit meinen konnte; aber
darauf lt sich keine Klage basiren.

Aber er sagte mir auch direct auf den Kopf zu, ich htte die Kinder
umgetauscht.

Das wre allerdings eher ein Grund, um klagbar aufzutreten; aber
erinnern Sie sich noch ganz genau der Worte? Bedenken Sie wohl, so
genau, da Sie dieselben auch beschwren knnen; denn es wre ja wohl
sehr leicht mglich, da er eine Vertauschung behauptet und Sie dabei
genannt habe, ohne gerade zu sagen, da Sie die eigentliche Person
wren, welche die Vertauschung bewirkt htte. Auf das Setzen der Worte
kommt hier Alles an. Knnen Sie sich noch genau darauf besinnen?

Ja, Du lieber Gott, sagte Madame Mller, doch jetzt stutzig gemacht,
es sind nun zehn oder zwlf Tage darber hingegangen -- den Sinn wei
ich noch genau, und der war so...

Wie Sie ihn nmlich verstanden haben.

Nun natrlich -- aber die einzelnen Worte, wer kann die so lange und so
genau im Kopfe behalten?

Und doch kommt gerade auf die Worte Alles an, sagte Witte; wenn Sie
die nicht genau vor Gericht beschwren knnen, so fllt Ihre ganze Klage
zusammen und Sie werden abgewiesen. Rath Frhbach aber, der weit eher
im Stande ist, seinen Schafskopf eidlich zu erhrten, dreht den Spie
nachher um, und Sie haben auer Ihren Laufereien auch noch Kosten und
Unannehmlichkeiten.

Das nehme mir aber kein Mensch bel, rief Madame Mller entrstet aus,
da hrt doch die Gerechtigkeit auf, wenn sich eine arme, alleinstehende
Frau sollte ungestraft beleidigen lassen, blos weil sie nicht mehr genau
wei, was das Lumpenvolk gesagt hat! Denken Sie denn, da man in einem
solchen Augenblick, wo Einem die Galle berluft, auch auf jede Silbe so
genau passen und sie gleich aufschreiben kann? Und das glaub' ich auch
nicht, setzte sie bestimmt hinzu, indem sie von ihrem Stuhl aufstand
und einen Blick nach ihrem Schirm warf; das wollen wir doch erst noch
einmal sehen.

Wollen Sie mir die Sache berlassen, Madame Mller?

Dazu war ich von Anfang an hergekommen; aber wenn Sie mir gleich von
vorn herein sagen, da ich...

Erlauben Sie mir einmal, verehrte Madame -- Sie wollen doch nur
Genugthuung fr die angethane Beleidigung, nicht wahr?

Weiter nichts auf der Gotteswelt.

Also ist es Ihnen doch auch einerlei, ob Sie die vor Gericht oder
privatim bekommen?

Das wei ich nicht, sagte Madame Mller.

Die Sache bleibt doch immer dieselbe, nur mit dem Unterschiede, da Sie
auf privatem Wege Ihren Zweck gewi erreichen, aber auf gerichtlichem
Wege nicht; und auerdem haben Sie auf ersterem gar keine Kosten.

Hm -- und was wollen Sie thun?

Ich werde den Herrn Rath Frhbach und den Major von Halsen veranlassen,
da sie Ihnen schriftlich eine Ehrenerklrung geben, nicht gewillt
gewesen zu sein, Sie zu beleidigen.

Und da Alles, was sie gesagt haben, lauter Lgen sind.

Das lt sich Alles auf eine feine Art darin anbringen, und da die
beiden Herren ferner bedauern, Sie durch irgend ein Wort und eine
Andeutung gekrnkt zu haben.

Und von dem Schafskopf sagen wir nichts weiter?

Der bleibt unberhrt.

Und wenn sie's nicht thun?

Dann bleibt Ihnen immer noch die Klage offen, so gut, als heute. Aber
lassen Sie mich den Versuch machen, und ich glaube, Sie werden davon
befriedigt sein. Lieber Gott, ich habe ja doch wahrhaftig nichts dabei!
Sie hren, da ich nicht Einen Pfennig fr meine Mhe verlange; aber ich
sehe, da Sie eine brave, rechtschaffene Frau sind, und mchte Sie nicht
in Ungelegenheiten bringen.

Gut denn, Herr Advocat, sagte die Frau, indem sie ihm treuherzig die
Hand entgegenstreckte; ich sehe, Sie meinen es wirklich ehrlich, und
ich will Ihrem Rathe folgen.

Aber eine Bedingung habe ich noch dabei, sagte Witte: da Sie
nmlich den Brief der beiden Herren nicht ffentlich herumzeigen. Die
Ehrenerklrung ist nur fr Sie bestimmt. Und was htten Sie auch davon?
Andere Menschen wrden sich nur darber lustig machen, denn die Welt
liebt nichts so sehr, als Skandal und Klatschereien.

Nun, soll mir auch nicht darauf ankommen, sagte Madame Mller nach
einigem Bedenken.

Also es bleibt dabei?

Wenn ich einmal das Wort gesagt habe, knnen Sie ein Haus darauf
bauen, versicherte Madame Mller mit Wrde.

Dann knnen Sie sich auch darauf verlassen, da ich Ihnen die verlangte
Genugthuung schaffe. Ich schicke Ihnen den Brief oder bringe
ihn vielleicht selber. Ich mu so nchstens einmal nach Vollmers
hinauskommen.

Soll mir sehr angenehm sein, sagte Madame Mller. Und nun leben Sie
so lange wohl, Herr Advocat, und machen Sie's gut -- ich verlasse mich
ganz auf Sie!

Und sehr befriedigt griff sie ihren Schirm wieder auf und schritt, die
smmtlichen Schreiber, die ihr nachschauten, freundlich grend, zur
Thr hinaus.

Witte war an seinem Pult stehen geblieben und dachte eben ber das
Fatale der ganzen Angelegenheit nach, als einer der Leute wieder in's
Zimmer sah und sagte: Herr Staatsanwalt, Frau Gemahlin hat schon ein
paarmal nach Ihnen gefragt; mchten geflligst einmal hinber kommen.

Ja -- gleich, sagte Witte und kratzte sich am Hinterkopf. Er wute,
was ihm dort bevorstand; die Sache lie sich aber nicht ndern. Wenn
Frau Gemahlin etwas Derartiges vorhatte, wurde sie gewhnlich sehr bald
ungeduldig, und je eher er es also abmachte, desto besser.

Als er aber den Vorsaal betrat, hrte er weder bei seiner Tochter, noch
bei seiner Frau im Zimmer Stimmen, wonach er ganz richtig schlo, da
Beide nicht mehr zusammen sein knnten, sonst htten sie sich jedenfalls
ausgesprochen. Er ging also zu seiner Frau hinber und fand dieselbe
auch richtig, wie er vermuthet, allein in ihrem Gemach, in dem sie wie
eine gereizte Lwin auf und ab schritt. Das Barometer deutete auf Sturm.

Du hattest mich rufen lassen, Therese?

Ist es wahr, da Du den Sohn vom Schlosser Baumann zu Ottilien hinber
geschickt hast? fragte die Dame mit zorngertheten Wangen.

Allerdings, mein Schatz; er wollte mit ihr sprechen.

Und wutest Du, was er mit ihr sprechen wollte?

Auch das wute ich. Er wollte ihr einen Heirathsantrag machen.

Die Frau blieb mit nach unten gefalteten Hnden vor ihm stehen und
machte dabei ein so erstauntes Gesicht, als ob er ihr eben erzhlt
htte, da er am nchsten Sonntag zum Besten irgend einer armen Familie
auf dem Seile tanzen wrde.

Ist es denn mglich? rief sie endlich aus. Du, der Vater,
schickst den Schlossergesellen zu Deinem eigenen Kinde, um ihr einen
Heirathsantrag zu machen? Wenn ich es nicht mit meinen eigenen Ohren
gehrt htte, ich wrde es gar nicht glauben.

Nun, sagte Witte, immer noch in der Hoffnung, ein drohendes Ungewitter
von sich abzuwenden, denn er vermied am liebsten jede husliche
Aufregung -- und was ist da weiter? Jedem anstndigen jungen Mann steht
es frei, sich um ein Mdchen, das ihm gefllt, zu bewerben. Ob sie ihn
nehmen will, ist dann ihre Sache.

Und wenn sie ihn nun genommen htte, Dietrich, wenn sie nicht
vernnftiger gewesen wre, als Du, der Staatsanwalt Witte?

Bitte, sagte ihr Mann, Du redest einmal wieder in den Tag hinein.
Wenn sie ihn wirklich genommen htte, wre es auch noch kein Unglck
gewesen, denn der junge Baumann ist ein braver, anstndiger Mensch,
der gewi einmal eine recht gute Carrire macht und eine Frau ernhren
kann.

So? rief die Frau, die eigentlich hatte heftig werden wollen, aber vor
lauter Erstaunen ber das Unerhrte gar nicht dazu kommen konnte.
Und in unsere Gesellschaft wolltest Du den alten Schlosser, der im
Schurzfell in der ganzen Stadt herumluft, bringen?

Der alte Baumann ist ein so braver, tchtiger Mann, wie er in der
ganzen Stadt zu finden ist, sagte der Staatsanwalt mrrisch; ob er in
einem Schurzfell oder im Frack herumluft, ist mir ganz einerlei.

In der That, Herr Staatsanwalt, sagte seine Frau, die jetzt auf den
ironischen Ton umsprang, und der Schuhmacher Heberger als Schwher mit
seinem Gelobt sei Jesus Christus wre Ihnen auch wohl einerlei, wie?
Noch dazu, wenn die alte Kartenlegerin, die Heberger, uns ihren Besuch
als nchste Verwandte machte?

An das Lumpengesindel habe ich wirklich gar nicht gedacht, sagte der
Staatsanwalt doch etwas verlegen.

Nun, dann ist es nur ein Glck, rief seine Frau, da andere Menschen
mehr Ueberlegung haben. Das sag' ich Dir aber, Dietrich, wenn sich meine
Tochter so weggeworfen htte, nicht Einen Schritt wre ich ihr ber die
Schwelle gekommen oder htte geduldet, da Einer ihrer Sippschaft die
meine berschritte!

Der Staatsanwalt warf den Kopf ungeduldig herber und hinber, denn er
besa zu viel gesunden Menschenverstand, um nicht das Haltlose einer
solchen Behauptung einzusehen. Aber die Sache war einmal erledigt, wozu
also noch einen huslichen Zwist deshalb heraufbeschwren, was er durch
Widersprechen jedenfalls gethan haben wrde. Er setzte sich auf einen
Stuhl und sah aus dem Fenster.

Und diese Unverschmtheit von dem Menschen, fuhr aber Frau Witte fort,
die noch lange nicht alle ihre Trmpfe ausgespielt hatte, so etwas ist
mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen; da er nur die Stirn
haben konnte, dem Mdchen gegenber zu treten!

Na, das nimm mir aber doch nicht bel, liebes Kind, sagte jetzt der
Staatsanwalt, dem das ein wenig zu stark wurde, so gro ist denn doch
die Unverschmtheit nicht, wie Du Dich ausdrckst; er ist aus einer
brgerlichen Familie, und wir sind nichts Besseres.

Nichts Besseres? rief Madame Witte, die heute aus ihrem Erstaunen gar
nicht herauskam. Witte, ich begreife Dich nicht. Du, einer der ersten
Staatsbeamten, der geachtetste Rechtsgelehrte in der ganzen Stadt, zu
dessen Gesellschaften sich der Adel drngt, und Herr Fritz Baumann, der
Neffe vom Schuster Heberger, den man seines ekelhaften Tabaksgeruches
wegen nicht einmal in's Zimmer lt, wenn er ein paar geflickte Schuhe
zurckbringt!

Ach was, sagte der Staatsanwalt, Baumann ist nicht der Sohn von dem
Schuster, sondern nur der Neffe, und berdies die ganze Sache abgemacht.
Ottilie hat ihm einen Korb gegeben, und er wird sich jetzt nach einer
andern Frau umsehen.

Das hoffe ich auch, sagte die Frau Staatsanwalt, und warf den Kopf
so weit zurck, da sie auf ihren Gatten herabsehen mute; und er wird
jetzt doch auch aller Wahrscheinlichkeit nach so klug geworden sein, um
nicht wieder eine Familie wie die unsere mit seiner Zudringlichkeit
zu belstigen. Was aber der Mensch fr ein Glck hat, da ich nicht zu
Hause war!

Jetzt wurde es aber dem alten Witte doch zu bunt; er hatte schon
die ganze Zeit den Kopf geschttelt, nun hielt er es fr nthig,
einzuschreiten, und auf seinem Sitz herumfahrend, rief er aus: Und
was ist denn die unsere fr eine so grobrodige Familie, da ein braver
Techniker sie entehren wrde, wenn er hinein heirathete? Dein Vater war
ein Subaltern-Beamter mit vierhundert Thalern Gehalt, und der meinige
ein ehrlicher Schneider, der sich das Brot vom Munde abdarbte, um seinen
Sohn studiren zu lassen. Und was hatten _wir_ denn etwa, als wir uns
heiratheten, Therese? Hunger und Kummer in allen Ecken, und oft nicht
das Geld im Hause, um einen Laib Brot baar zu bezahlen. Da ich fleiig
war und nachher dabei Glck hatte, das ist mein ganzes Verdienst, und
da Du das Wenige zusammennahmst und wirthschaftlich sorgtest, das
Deine, und das thun andere ehrliche Handwerker auch.

Aber jetzt, Dietrich! rief die Frau, ordentlich erschreckt ber die
ganz ungewohnte Heftigkeit des Mannes.

Aber jetzt, fuhr der Staatsanwalt, der einmal im Zuge war, fort, geht
es uns besser; ich verdiene mehr, als wir brauchen, und wir haben
uns grere Lebensbequemlichkeiten angeschafft und in Kreise Zutritt
gewonnen, die uns sonst eben so ber die Achsel anschauten, wie Du jetzt
die Handwerker. Aber das ist falsch, das ist unrecht, und wenn Du nur
nicht einmal Deine Strafe dafr bekommst!

Das ist blos Deine grenzenlose Bescheidenheit, die aus Dir spricht,
lenkte die Frau in etwas ein, denn auf diese Wendung war sie nicht
gefat gewesen; jeder Mensch strebt nach etwas Hherem.

Und weshalb wirfst Du das also dem jungen Baumann vor?

Aber es mu erreichbar sein, Dietrich, sagte seine Frau; und Ottilie,
mit der Erziehung, die sie genossen hat, scheint denn auch schon ihre
Wahl nach einer andern Seite hin getroffen zu haben.

So--o, sagte der Staatsanwalt gedehnt, in der That? Und nach welcher,
wenn ich fragen darf?

Du weit doch, da der junge Baron von Wendelsheim sie entschieden
ausgezeichnet hat?

Davon wei ich gar nichts, sagte der Vater, und habe nichts davon
bemerkt -- war auch nicht bse darber.

Du hast nichts gemerkt, sagte seine Frau, weil Du immer Deine Acten
und Processe im Kopfe hast; ich habe es aber gemerkt, und als Mutter
mute ich es merken.

Er hat sich, so viel ich wei, seit einer Ewigkeit gar nicht bei uns
sehen lassen.

Er war vor acht Tagen bei uns zum Thee.

Weil er von mir etwas wegen der Erbschaftsangelegenheit erfragen
wollte und Du ihn so nthigtest, da zu bleiben, da er htte grob werden
mssen, um es auszuschlagen.

Er blieb sehr gern, kann ich Dir sagen.

Und hat nachher mit mir und dem Justizrath den halben Abend Whist
gespielt.

Aber er setzte sich immer so, da er Ottilien im Auge hatte.

Weil ihn der Justizrath bat, den Platz mit ihm zu wechseln, denn das
Licht blendete ihn so.

Du knntest eine Heilige rgerlich machen, Dietrich.

Weil ich nicht sehe, was nicht da ist?

Du hast immer etwas auf den armen Lieutenant gehabt.

Ich mu aufrichtig gestehen, da ich ihn frher nicht besonders leiden
konnte, sagte der Staatsanwalt; er hatte so etwas Rdes, oder -- ich
wei nicht, wie ich sagen soll -- Junkerhaftes in seinem ganzen Wesen.
Seit einigen Wochen aber hat er sich sehr zu seinem Vortheil gendert
und das letzte Mal sogar merkwrdiger Weise nicht eine einzige Silbe von
Pferden erwhnt.

Und wenn der nun um Ottiliens Hand anhalten sollte, wrde der Dir nicht
lieber sein, als Dein Techniker?

Der Staatsanwalt sah eine Weile still und schweigend vor sich nieder.
Allerlei wunderliche Gedanken gingen ihm im Kopf herum.

Ich wei es nicht, sagte er endlich; aber es ist auch nicht der Mhe
werth, sich jetzt schon den Kopf darber zu zerbrechen, denn er hat noch
nicht angefragt. Der alte Schlosser Baumann ist mir brigens lieber
als der alte Baron Wendelsheim. Hat sich Ottilie etwa gegen Dich
ausgesprochen?

Seine Frau zgerte mit der Antwort; endlich sagte sie: Nein -- nicht
direct; aber ich habe so meine Vermuthungen, und glaube nicht, da ich
weit am Ziel vorbeischiee.

Der Staatsanwalt war aufgestanden und ging mit auf den Rcken gelegten
Hnden im Zimmer auf und ab.

Soll ich Dir einen Rath geben, Mutter? sagte er endlich, indem er vor
seiner Frau stehen blieb und sie wohl freundlich, aber doch sehr ernst
ansah.

Nun, meinte diese, wenn es etwas Gescheidtes wre; ein guter Rath ist
Goldes werth, wie das Sprichwort sagt.

Aber die Leute glauben gewhnlich nie, da es ein guter ist, und thun
doch, was sie wollen; leider Gottes erleb' ich das fast alle Tage! Aber
es schadet nichts -- es ist einmal mein Amt. Wenn Du also meinem Rath
folgen willst, Mutter, so untersttzest Du Ottilien nicht in solchen
Ideen. Dir ist ein Handwerker nicht recht -- bei mir wre dasselbe
mit einem Adeligen, dessen Sippschaft uns vielleicht ber die Achsel
anshe.

Aber Vater...

Ich werde mein Kind nicht zwingen, fuhr Witte fort; hat sie ihr Herz
wirklich vergeben, und ist es nicht allein Rang und Reichthum, den sie
erlangen will -- in Gottes Namen; ob der Mann ein Wappenschild oder ein
Schurzfell trgt, wenn er nur brav und rechtschaffen ist, mir soll
er willkommen sein; aber ich habe mir nachher auch keine Vorwrfe zu
machen, wenn die Wahl nicht zum Glck meines Kindes ausschlug.

Aber Dietrich, Du wirst doch nicht glauben...

Meinen Rath hast Du gehrt, sagte ihr Gatte; jetzt thu', was Du nicht
lassen kannst -- ich habe einen Weg zu gehen. Wo ist denn Ottilie?

Drben in ihrem Zimmer; sie war ganz auer sich ber den Antrag.

Der alte Witte seufzte tief auf; aber er sagte kein Wort mehr, steckte
seine Brille in die Tasche und verlie das Zimmer.




7.

Bei der Leiche.


Fritz Baumann, als er seines Vaters Haus verlie, schritt, seinen trben
und bitteren Gedanken folgend, der eigenen Wohnung zu. Abgewiesen und
verachtet! Das war das Wort, das ihn am schmerzlichsten verwundete --
verachtet gerade von ihr, an der er seine ganze Jugendzeit mit so treuer
Liebe gehangen, so da nur immer, wenn er sich ein Glck der Zukunft
dachte, ihr Name in seinem Herzen freudig widerklang! Und jetzt sollte
er das Alles, was er die langen Jahre gehegt und gepflegt, herausreien
und zerstren.

Mit welcher Lust war er frher an seine Arbeit gegangen, wie hatte er
freudig ganze Nchte geopfert, um sich auszubilden und recht Tchtiges
zu leisten, nur immer in dem einen Gedanken, ihrer werth zu werden
und sie sich zu erringen! Das schwand jetzt Alles vor den kalten,
hochmthigen Worten des jungen Mdchens, und leer und ausgestorben lag
die Welt vor ihm. So in diese qulenden Erinnerungen vertieft war
er auch, da er gar nicht darauf achtete, als ein Reiter auf dem
Straenpflaster dicht an ihm vorbertrabte und den Kopf nach ihm wandte.
Erst als er sein Pferd einzgelte und an ihn anritt, sah er auf und
erkannte den Lieutenant von Wendelsheim.

Herr Baumann, rief dieser, ich hatte Sie im ersten Augenblick gar
nicht erkannt...

Herr Baron! sagte Fritz erstaunt, denn es war das erste Mal, da ihn
der Officier auf der Strae anredete.

Lieber Baumann, sagte der junge Wendelsheim bewegt, ich wei, Sie
haben meinen Bruder immer gern gehabt, und er hat auch viel von Ihnen
gehalten; seine Arbeiten waren ja die einzigen Lichtblicke seines Lebens
-- er ist todt.

Groer Gott! rief Baumann erschreckt aus.

Soeben habe ich durch einen Boten die Nachricht erhalten, fuhr
Wendelsheim fort, und reite jetzt selber hinaus. Wollen Sie ihn noch
einmal sehen, so kommen Sie nach. Und sein Pferd herumwerfend, setzte
er seinen Weg rasch wieder fort.

Armer Benno! seufzte Fritz, der in der Kunde fast sein eigenes Leid
verga. So ein reiches Leben so frh, so furchtbar frh dahingerafft!
Und wie wenig Freude hat er genossen, wie seine schne Jugendzeit
verbringen mssen! Htte ich so viel Ursache, dem Schicksal zu grollen,
wie er?

Er war an seiner Wohnung angelangt und blieb stehen. Aber wie htte er
jetzt wieder mit Lust und Liebe an seine Arbeit gehen knnen, wo ihm
der Kopf vom vielen Denken schmerzte! Der Lieutenant hatte recht -- er
wollte hinaus und den armen jungen Freund noch einmal sehen. Jetzt war
das auch mglich, im ersten Schmerz ein Besuch gerechtfertigt; spter
und bei der Beerdigung, wenn all' die adelige Verwandtschaft mit ihrem
Todtengeprnge zusammenkam, konnte und wollte er sich nicht eindrngen.

Sie sollen Dich nicht zum zweiten Male verachten, murmelte er finster
vor sich hin, und ich werde von jetzt ab Ottiliens Wort beherzigen
und in den Kreisen bleiben, in denen Niemand wagen darf, mich ber die
Achsel anzusehen. Ihnen gnne ich dann ihre vornehme Welt, es ist ja
doch nur Alles Schein, und sie mgen sich glcklich darin fhlen, wenn
sie knnen.

Er hatte indessen seinen Weg dem Wendelsheim'schen Schlosse zu rasch
verfolgt, und erst vor der Stadt drauen wurde ihm wohler, freier zu
Muthe, denn er fhlte sich allein, whrend es ihm in den engen Straen
immer so vorkam, als ob die Leute nach ihm aus den Fenstern shen und
zugleich wissen mten, welche Schmach ihm heute angethan. Er ging auch
von da an langsamer, und als er endlich in der Ferne das alte Schlo mit
den dsteren Baumgruppen seines Parkes vor sich liegen sah, da schwand
der bittere Groll in seinem Herzen in der Wehmuth ber den Verlust des
jungen Freundes, und die Scene dieses Morgens war fast vergessen.

So erreichte er das Dorf und schritt hindurch, so stieg er zum
Schlosse hinauf, und als er in das Thor trat, sah er die Leute dort
niedergedrckt stehen und mit einander plaudern, und einer der Mgde
liefen, whrend sie mit ihrer Hofarbeit beschftigt war, die groen
Thrnen an den Backen nieder. Hatten sie doch Alle den armen kranken
jungen Herrn, der immer so gut und freundlich mit ihnen war, von Herzen
gern gehabt, und jetzt, da er gestorben, kam ihnen das alte, de Schlo
noch einmal so wst, noch einmal so de vor.

Den Grtner traf er auf dem Hof. Gehen Sie hinauf, Herr Baumann, sagte
er zu ihm, als er ihn erkannte; oben liegt das arme junge Blut, aber
jetzt freut er sich nicht mehr, wenn Sie kommen, oder wenn ich ihm
Blumen bringe -- ich habe sie ihm eben wieder hinaufgetragen. Mir ist
jetzt gerade so zu Muthe, als ob es Winter geworden wre und der Schnee
auf den Beeten lge. Nun wird's hbsch hier im Hause werden. Und damit
wandte er sich ab und schritt wieder in den Park hinaus.

Fritz Baumann stieg die Treppe hinauf. Er begegnete Niemandem im ganzen
Hause; es schien Alles wie ausgestorben, und an des jungen Benno Zimmer
angekommen, scheute er sich ordentlich zu klopfen, aus Furcht, der Todte
knne allein darin liegen. Er drckte auch erst nach einigem Zgern die
Klinke auf, und als er die Thr ffnete, sah er sich dem todten jungen
Freund gegenber.

Dort lag er, so still und friedlich wie ein schlummernd Kind, so bleich
und wei fast wie das Kissen selber, auf dem er ruhte, und nur die
dunkeln vollen Locken beschatteten seine edlen Zge. Die Hnde hatte man
ihm auf der Brust gefaltet, aber eine freundliche Hand Blumen ber ihn
ausgestreut -- Rosen und Reseda, Astern und Camellien--, und Fritz
stand vor ihm, den Blick fest auf das liebe Antlitz geheftet, und
schaute ihn so lange ernst und sinnend an, bis ihm selber vorquellende
Thrnen die Augen fllten und das Bild des Todes in den blitzenden
Zhren verschwamm.

Mein armer, armer Benno, flsterte er dabei, so bist auch Du
hingegangen, und ich soll Dein gutes, treues Auge, Dein freundliches
Lcheln nimmer wiedersehen und nie mehr den Druck deiner Hand fhlen! So
leb' denn wohl -- ich selber bin ein Fremder in diesen Rumen und werde
sie und Dich nicht wiedersehen -- leb' wohl! -- Und dabei bog er sich
ber die Leiche und drckte einen Ku auf die bleichen Lippen. -- Gott
lasse Dir die Erde leicht sein!

Amen! sagte eine leise Stimme, und als er berrascht aufsah, denn er
hatte geglaubt, da er allein mit dem Todten im Zimmer wre, bemerkte
er Kathinka, die, halb von der einen Gardine verdeckt, am Fenster stand.
Ihr bleiches liebes Antlitz war aber von Thrnen berstrmt, und ihr
Auge hing mit tiefer Schwermuth an den Zgen der Leiche.

Frulein Kathinka, sagte Fritz bewegt, ich hatte Sie nicht gesehen --
o, wie weh mir der Verlust unseres armen Benno thut!

Ihm ist wohl, sagte das junge Mdchen mit leisem, traurigem
Kopfnicken; er hat Alles berstanden, und sein Tod war leicht und
schmerzlos.

Sie waren bei ihm?

Ja -- er starb heute Morgen in meinen Armen, gerade wie ich ihn
untersttzen wollte, um sich etwas hher zu legen, denn er klagte,
da es ihm an Luft fehle. Noch sterbend hat er mir einen Gru fr Sie
aufgetragen.

Mein armer Benno! Und sein Vater war nicht bei ihm?

Nein. Der Herr Baron hat in der letzten Zeit sein Zimmer fast nicht
mehr verlassen.

Und Frulein von Wendelsheim?

Sie kam auf meinen Hlferuf, und zum ersten Male habe ich sie bewegt
gesehen; aber sie frchtet sich vor Leichen: sie stand dort an der Thr
und winkte mir nur zu, bei dem Todten zu bleiben.

Und sein Bruder?

Er war lange bei ihm und hat heie Thrnen vergossen; jetzt ist er bei
dem Vater. Woher erfuhren Sie es so rasch?

Der junge Baron traf mich in der Stadt, und ich konnte dem Wunsch nicht
widerstehen, dem armen Todten Lebewohl zu sagen. Du groer Gott, fuhr
er dann fort, whrend er an das Fenster trat und hinaussah, wie de
wird das jetzt hier im Schlosse werden! Wie wird auch Ihnen der Knabe
fehlen, Frulein, der so mit ganzer Seele an Ihnen hing!

Ich habe hier im Schlosse Alles an ihm verloren, sagte das junge
Mdchen leise, denn er war nicht allein mein einziger Trost in der
Einsamkeit, sondern auch mein Schutz.

Ihr Schutz, Frulein?

Die Tante wird mich jetzt entbehren knnen, sagte Kathinka leise,
und ich selber wre auch nicht im Stande, allen ihren Anforderungen zu
gengen. Ich werde am Ersten nchsten Monats Wendelsheim verlassen.

Sie wollen auch fort?

Ja, und da wir uns wahrscheinlich nicht wiedersehen, so leben Sie wohl,
Herr Baumann -- ich mu fort und dem Herrn Baron das Frhstck bringen,
und -- die Tante wrde auch sonst bse. Nicht wahr, Sie bleiben nicht
lnger hier allein? Ich bekomme sonst gezankt.

Nein, liebes Frulein, sagte Fritz bitter, haben Sie keine Furcht,
da ich dem Frulein von Wendelsheim je Grund zur Unzufriedenheit geben
sollte. Ich werde ihr auch wohl schwerlich wieder in den Weg kommen, so
wenig wie sie mich suchen wird. So leben Sie wohl, und schtze Sie Gott
auf Ihrer einsamen Bahn! Damit reichte er ihr die Hand und verlie dann
mit einem letzten Abschiedsblick auf die Leiche das Zimmer.

Drben am Gang hrte er heftiges Reden -- das war die Tante--, und es
klang wie ein Miton in dem Hause des Todes; was es aber war, mochte
er nicht untersuchen. Ihn selber trieb es fort, um ihr aus dem Weg zu
kommen, denn er frchtete heute fr sich, da er ihren gewhnlichen
Hochmuth nicht so leicht und geduldig ertragen htte, als sonst. Er
gewann die Treppe und eilte hinab. Unten stand einer der Diener und
horchte nach dem Zank hinauf.

Gott soll uns bewahren, nicht einmal an einem solchen Tage hlt sie
Ruhe! Sind Sie ihr in den Weg gelaufen, Herr Baumann?

Nein, sagte Fritz; sie hat mich gar nicht gesehen.

Gar nicht gesehen? Na, dann haben Sie heute Ihren Glckstag, das mu
wahr sein!

Ja, meinen Glckstag in der That, nickte Fritz finster vor sich hin
-- ich werde ihn mir merken. Adieu, Freund! Und ohne sich weiter
aufzuhalten, verlie er das Schlo und schritt in die Stadt zurck.
Still vor sich hintrumend, ging er auch ziemlich rasch seinen Weg und
bemerkte gar nicht dabei, da er unterwegs einen Herrn berholte,
der, seine linke Hand auf dem Rcken, den Kopf etwas zurckgebeugt und
auerordentlich gerade, aber auch ein wenig steif, derselben Richtung
folgend wie er, nach der Stadt zuspazierte. Ohne zu gren oder ihn
anzusehen, passirte er ihn auch, als er sich pltzlich angerufen hrte
und natrlich schon unwillkrlich den Kopf dorthin wandte.

Ah, mein lieber Baumann, rief der Spaziergnger, wohin so eilig?
Warten Sie ein wenig, ich begleite Sie, und zu Zweien macht sich ein
langweiliger Weg immer besser!

Herr Rath Frhbach! sagte Baumann, halb berrascht, von dem Herrn
angeredet zu werden, der sich sonst in der Stadt gar nicht um ihn
bekmmerte. Er kannte aber den Rath zu wenig, dem vor der Stadt und in
einsamer Gegend jedes menschliche Wesen, und wre es eine alte Bauerfrau
gewesen, nur als gute Beute galt, um ein Gesprch mit ihr anzuknpfen
und seiner Suada freien Lauf zu lassen. Baumann wrde auch viel lieber
allein gegangen sein, aber er konnte jetzt nicht mehr gut ausweichen und
schritt, etwas langsamer als vorher, neben dem Rathe her.

Aber nun ein migeres Tempo, mein junger Freund, sagte der Rath,
indem er ihm mit seinem Stockknopf in den Arm hakte. Das glaub' ich,
wie ich noch in Ihrem Alter war, da konnte ich auch laufen, und es kamen
nur Wenige mit mir fort. Da bin ich einmal in Schwerin -- kennen Sie
Schwerin?

Nein, Herr Rath.

Ah, wie schade! -- wunderschne Stadt, und ungemein gemthlich -- da
bin ich einmal in Schwerin, wie ich Ihnen erzhlen wollte, eines
Morgens frh aufgestanden, um einen Spaziergang zu machen, denn ich mu
regelmig jeden Tag mein Quantum gehen, um ordentlich in Schwei zu
kommen, da meine Verdauung nie in Ordnung ist. Unterwegs traf ich denn
auch einen intimen Freund von mir, den Grafen Kotopshien, der in einer
geheimen Mission an unserem Hofe war -- ein liebenswrdiger Mensch,
sage ich Ihnen, so einfach und human -- wir haben kostbare Abende mit
einander verlebt. Das war ein famoser Fugnger, und der Arzt hatte ihm
auch das Gehen verordnet. Wir marschirten also zusammen los, und zwar in
keinem Paradeschritt, das versichere ich Ihnen -- ich fhrte sogar noch
dabei die Unterhaltung. Der Graf hielt es aber nicht lange aus. Nein,
lieber Rath, sagte er, wie wir eine Strecke zusammen gegangen waren,
Sie laufen mir zu rasch -- und so bog er richtig in die nchste Strae
ein.

Frhbach htte sich keinen besseren Gesellschafter auf der weiten Welt
wnschen knnen, als Fritz Baumann heute war; denn mit seinen eigenen
trben Gedanken beschftigt, schritt er nur schweigend neben ihm her,
und er hrte wohl Worte, verstand aber deren Sinn nicht, und mhte sich
noch viel weniger, ihn aufzufassen. Aber auch dem Rath, so sehr er
in seinen interessanten Erinnerungen schwelgen mochte, konnte die
niedergedrckte Stimmung seines Begleiters nicht entgehen.

Nun, sagte er nach einer kleinen Weile, indem er ihn von der Seite
ansah, was fehlt Ihnen denn eigentlich heute? Sie schneiden ja ein
ordentliches Trauergesicht.

Ich komme auch aus einem Trauerhause, Herr Rath.

So? Woher denn?

Aus Schlo Wendelsheim.

Alle Wetter, rief Rath Frhbach und drehte sich rascher nach ihm um,
als er sich sonst zu bewegen pflegte, der alte Baron gestorben? Und
unwillkrlich berkam ihn ein behagliches Gefhl, denn nach den letzten
Vorgngen in Vollmers und mit dem Bewutsein, was er dort angerichtet
und die entsetzliche Frau Mller gedroht hatte, wrde er auf gar
keine angenehmere Kunde haben denken knnen. Er sollte sich aber darin
getuscht sehen.

Nein, sagte Fritz, der alte Baron nicht, aber der jngste, der zweite
Sohn, Benno, ist heute Morgen verschieden. Ich komme eben von seiner
Leiche.

Hm -- so? sagte der Rath, indem er den Stockknopf im Gehen an seine
Lippen hielt. Also der junge Baron -- schade!

Ja, es war so ein lieber Knabe, seufzte Baumann, der ihn ganz falsch
verstand. Armes Kind!

Hm, fuhr der Rath fort, dessen Gedanken unter der Zeit mit ihm
durchgegangen waren, der Baron von Wendelsheim hatte nur die zwei
Shne?

Er hat jetzt nur noch einen.

Ja, der in den nchsten Tagen die groe Erbschaft macht. Sie wissen
wohl nichts Nheres ber die Sache?

Ueber welche Sache?

Nun, ber die Erbschaft, mein' ich -- oder ber den Erben. Es wurde
einmal eine Zeit lang so vielerlei erzhlt....

Ich habe nichts gehrt, sagte Fritz, kmmere mich auch in der That
nur wenig um den Stadtklatsch.

Ja, da haben Sie ganz recht, junger Freund, lenkte der Rath ein,
der wohl merkte, da er von seinem Begleiter nichts Neues ber diese
Angelegenheit erfahren wrde. Das ist auch genau dasselbe, was ich
immer meiner Frau sage. Was hat denn aber dem jungen Baron eigentlich
gefehlt?

Ach, ein bses, innerliches Leiden! seufzte Fritz. Rettung war wohl
nicht gut mglich, denn er krnkelte von frhester Jugend an. Es soll
ein Herzfehler gewesen sein.

Das ist schlimm, sagte Rath Frhbach, bedenklich mit dem Kopf
schttelnd, das ist sehr schlimm. Da wohnte in Schwerin ein sehr guter
Freund von mir -- er war frher Prsident der Ersten Kammer, aber
ein bischen hypochondrisch und, wie er glaubte, mit einem Leberleiden
behaftet. Er behauptete nmlich stets, seine Leber sei zu gro; es war
aber nicht wahr, sondern sein Herz. Oft und oft haben wir zusammen auf
dem Sopha gesessen, und er hat mir von seiner Krankheit erzhlt und ich
ihm von hnlichen Fllen, die mir zu Ohren gekommen waren. Lieber Gott,
wenn man lter wird, bekommt man ja auch nach verschiedenen Richtungen
hin Erfahrung, und ich rieth ihm damals -- ich wei es noch, als ob es
gestern gewesen wre -- wieder und wieder, er solle eine Aepfelwein-Cur
gebrauchen. Aber bewahre -- er blieb hartnckig auf seinem Kopf, und
nach vierzehn Tagen war er todt. Durch den Aepfelwein wre er vielleicht
zu retten gewesen; der htte ihm das Herz zusammengezogen.

Sie erreichten jetzt die Stadt, wenigstens die ersten Huserreihen
der Vorstadt, wo noch ziemlich viel Scheunen und Stlle zwischen
Wohngebuden standen; der Rath erzhlte aber immer fort. Jeder
Gegenstand, ob es ein Paar Ochsen im Zuge, ein von einem Dache
gefallener Ziegel, ein ohne Maulkorb herumlaufender Hund, ein vor der
Thr stehen gebliebenes Fa, kurz, was auch immer war, er knpfte eine
Erinnerung an Schwerin daran, und Baumann wurde die Gesellschaft
endlich lstig. Er hatte sich auch schon vorgenommen, unter irgend einer
Entschuldigung an der nchsten Seitenstrae einzubiegen, als gerade wie
er sich von dem Rath verabschieden wollte der Staatsanwalt Witte um die
Ecke bog und auf Frhbach einlenkte. Er hatte im ersten Augenblick auch
jedenfalls nur ihn erkannt.

Ah, mein lieber Rath, sehr erfreut, da ich Sie treffe -- habe Sie
schon in der ganzen Stadt wie eine Stecknadel gesucht!

Mich? sagte der Rath verwundert, denn sonst war er gewhnlich auf der
Suche.

Fritz Baumann war blutroth geworden, als er den Staatsanwalt bemerkte,
und wollte sich mit einer Verbeugung entfernen. Aber jetzt erkannte
Witte auch ihn und sagte, indem er ihm die Hand entgegenstreckte:

Herr Baumann, entschuldigen Sie, ich hatte hier unsern Rath so fest auf
dem Korn, da ich gar nicht auf seinen Begleiter achtete! Sein Blick
traf dabei den des jungen Mannes, und der herzliche, derbe Druck der
Hand bewies diesem wenigstens, da der Vater andere Gefhle hege als die
Tochter -- und wie dankbar war er ihm dafr!

Frhbach merkte aber natrlich von diesem Zwischenspiele gar nichts.
Dem glcklichen Sterblichen, der nur an der Oberflche herumschwamm und
Blasen fischte, war die Begrung der beiden Mnner eine gewhnliche
Hflichkeitsform, und er sagte deshalb auch, darber hinwegsehend: Aber
was um des Himmels willen wollten Sie von _mir_? -- Ah, Adieu, lieber
Baumann -- Adieu, auf Wiedersehen! -- Sehr netter junger Mann, der
Baumann, wie?

Der Staatsanwalt nickte und sah sinnend dem Davongehenden nach; aber die
Frage des Raths war doch zu direct gewesen, und sich wieder an diesen
wendend, indem er ihn unter den Arm nahm und die Strae hinabfhrte,
erwiederte er: Ja so, was ich gleich sagen wollte, den Major habe ich
heute vergeblich gesucht; ich war zweimal bei ihm drauen.

Den Major? wiederholte Frhbach, und Frau Mller stand in all' ihrer
Entsetzlichkeit leibhaftig vor ihm.

Jawohl, Eurer fatalen Geschichte wegen, besttigte der Staatsanwalt;
er war aber nirgends anzutreffen, und wie ich zu Ihnen kam, hie es
ebenfalls, Sie wren ber Land.

Ja, Sie wissen wohl, bester Staatsanwalt, meiner Verdauung wegen....

Na, das ist jetzt einerlei, und die Hauptsache bleibt, da ich Sie
erwischt habe.

Aber ich begreife gar nicht....

Ich werde Sie nicht lange zappeln lassen. Sie waren neulich mit dem
Major in Vollmers, wie?

Ich? -- Ah, ja doch -- ich erinnere mich jetzt.

Der Staatsanwalt lachte: Ah so, Sie sind wohl der Mann mit dem
schwachen Gedchtni? Nun, Scherz bei Seite, die Sache ist ernsthaft
genug. Sie haben da drauen einen dummen Streich gemacht....

Aber, lieber Herr Staatsanwalt....

Bitte, lassen Sie mich ausreden, denn ich habe nicht viel Zeit, und
auerdem meine besonderen Grnde, die ganze Geschichte ohne Eclat
beigelegt zu sehen. Also hren Sie mir einfach zu, was ich Ihnen sagen
werde.

Ich bin wirklich neugierig, log der Rath.

Die Frau Mller war bei mir und wollte Sie verklagen.

Mich?

Sie und den Major -- ich habe es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur
unter Einer Bedingung.

Aber die Frau mu wahnsinnig sein!

Ich gebe Ihnen mein Wort, da sie ihre Sinne vollkommen bei einander
hat, und das Gericht wrde sich der Meinung anschlieen. Sie haben einen
dummen Streich gemacht, lieber Rath -- Sie oder der Major, oder Beide
zusammen.

Wenn sich der Major in Thatsachen irrte, ist das _meine_ Schuld?

Das bleibt sich jetzt vollkommen gleich. Sie haben sich verleiten
lassen, da drauen Sachen zu behaupten, die Sie nicht beweisen knnen,
und die Madame Mller scheint nicht die Frau zu sein, etwas Derartiges
ruhig ber sich ergehen zu lassen.

Aber was verlangt sie nur?

Zuerst bestand sie darauf, eine Klage gegen Sie Beide anhngig zu
machen, und was das fr ein Gerede in der Stadt gegeben htte, brauche
ich Ihnen nicht zu sagen. Sie will sich aber zufriedenstellen, wenn Sie
ihr eine schriftliche Ehrenerklrung geben.

Ich?

Sie alle Beide -- Sie sowohl als der Major. Ich habe das Ding jetzt
aufgesetzt, und das mssen Sie unterschreiben.

Aber ich bitte Sie um Gottes willen, rief Frhbach erschreckt, denn
er hatte einen heiligen Respect vor allen Unterschriften -- ich wei
ja von der Frau gar nichts, weder ob sie irgend eines Vergehens schuldig
oder unschuldig wie ein Lamm ist, und nur dem Major zu Liebe....

Desto schlimmer fr Sie, unterbrach ihn der Staatsanwalt, da Sie
dann, wenn Sie gar nichts wissen, zu einer fremden Frau in's Haus gehen
und ihr ein Verbrechen vorwerfen. Aber machen Sie, was Sie wollen, und
glauben Sie um des Himmels willen nicht, da ich Sie zu etwas berreden
werde! Ich meine es gut mit Ihnen, und habe in der Sache weiter nichts
zu thun. Es ist jetzt vier Uhr; um fnf Uhr bin ich drauen bei dem
Major und lege Ihnen das Schriftstck vor, das Sie dann unterschreiben
knnen oder nicht -- wie Sie wollen.

Und wenn wir es nicht unterschreiben?

Gut, dann macht die Frau ihre Klage anhngig, und Sie knnen nachher
meinetwegen die Sache abschwren.

Aber, bester Staatsanwalt....

Sie haben eine volle Stunde Zeit, um sich Alles reiflich zu berlegen.
Ich werde mir den Kopf nicht weiter darber zerbrechen.

Aber, lieber Staatsanwalt, sagte Frhbach, mir fllt da ein ganz
hnlicher Fall ein. In Schwerin waren wir eines Tages....

Mein lieber Rath, es thut mir leid, Sie zu unterbrechen, denn ich mu
hier abbiegen. Vergleichen Sie im Geist indessen jenen analogen Fall aus
Schwerin mit der gegenwrtigen Situation und richten Sie es sich so ein,
da Sie bis um fnf Uhr zu einem Entschlu gekommen sind. Haben Sie mich
verstanden?

Vollkommen, Herr Staatsanwalt, aber....

Na, dann wnsche ich Ihnen einen guten Tag! Und ohne dem verblfft in
der Strae stehen bleibenden Rath einen weiteren Einwand zu gestatten,
nickte er ihm nur freundlich zu und bog in eine Quergasse ein. Er war
nicht in der Stimmung, lngere Auseinandersetzungen der Schweriner
Chronik mit anzuhren.




8.

Der Raubmord.


Fritz Baumann hielt sich in seiner eigenen Wohnung. Das Herz war ihm so
schwer, da er sich scheute, anderen Menschen zu begegnen. Er hatte auch
viel an Einem Tag verloren -- den jungen Freund und die Geliebte -- fast
zu viel fr Einen Tag; aber wenn in unserem wunderlichen Leben einmal
ein Gewitter ber ein Menschenherz hereinbricht, so folgt auch nicht
selten Schlag auf Schlag, bis das Schicksal mde wird und seine Sonne
wieder ber den verdeten Platz scheinen lt.

Fritz Baumann war aber keine Natur, die sich zu lange solch trbem und
nutzlosem Grbeln hingegeben htte. Eine Stunde brauchte er, um Alles
abzuschtteln, was ihn im Anfange fast zu Boden drckte; wie er
sich aber erst einmal auf seinem eigenen, kleinen Zimmer ordentlich
ausgeweint, da kehrte sein elastischer Geist auch wieder die trotzige
Seite heraus. Im ersten Moment, ja, und bei der Zusammenkunft mit dem
Vater meinte er, da jetzt all' sein Mhen und Ringen, da er das Ziel
verfehlt, nach dem er gestrebt, auch vergebens gewesen sei, und das
Leben, seine Zukunft lag schwarz und de vor ihm da -- aber wahrlich
nicht lange. Nein, jetzt erst recht mit frischen Krften wollte er seine
Arbeit wieder aufnehmen -- jetzt erst recht Ottilien beweisen, da er,
wenn er auch nicht ihre Liebe erringen konnte, doch wahrlich nicht ihre
Verachtung verdient habe.

Mit dem Gedanken, dem Entschlu durchstrmte ihn auch wieder ein
neues, frisches Leben, und trotzig vor sich hin lachend, warf er seine
Sonntagskleider ab und fuhr wieder in sein gewhnliches Wochenzeug.

Zum Arbeiten war es heute freilich zu spt geworden -- er fhlte sich
dazu auch nicht besonders aufgelegt--, aber andere Sachen blieben noch
zu erledigen, und morgen dann begann er wieder mit frischen Krften.

In seiner Stube stand, noch immer in rastloser Thtigkeit, das
=perpetuum mobile=, welches er damals Benno bei seinem letzten Besuch
gezeigt und noch immer nicht an den Eigenthmer abgeliefert hatte,
obgleich dieser schon ein paarmal danach geschickt. Das konnte er heute
selber hintragen, denn einem Andern mochte er es nicht anvertrauen. Aber
er mute vorher damit bei den Eltern vorgehen, denen er davon erzhlt.
Die Mutter wollte es so gern einmal selber sehen; auch der Vater
hatte mit ihm die Sache eifrig besprochen, wie es mglich sei, etwas
herzustellen, das sich selber in Bewegung halte und nicht auslaufe.
Ueberdies schmte er sich jetzt der Schwche, die er heute Mittag dem
alten Schlossermeister gegenber gezeigt; der Vater sollte wenigstens
sehen, da er nicht lange Zeit gebraucht, um darber Herr zu werden, und
das wrde ihn, wie er recht gut wute, freuen.

So nahm er denn das kleine Kunstwerk auf und ging damit zu den Eltern
hinber, fand auch den Vater, obgleich es schon stark auf den Abend
zuhielt, noch scharf bei seiner Arbeit.

Holla, Fritz, was bringst Du da?

Das =perpetuum mobile=, Vater. Ihr wolltet es ja gern einmal sehen, und
ich mu es jetzt wieder dem Eigenthmer hintragen.

Hm, sagte der Alte, der nur einen flchtigen Blick auf das Kunstwerk
warf, whrend die Uebrigen darum herdrngten. Sein Auge flog forschend
ber die Zge des Sohnes, und wie damit befriedigt, fuhr er fort:
Bravo, mein Junge, Du hast den schwarzen Rock und damit eine ganze
Menge anderer Dinge wieder ausgezogen, und das freut mich, freut mich
von Herzen! Geh' nur damit in die Stube -- la die Pfoten davon, Karl,
Du mut doch gleich Alles betasten. Setz' es nur drinnen hin, Fritz, ich
komme gleich nach.

Ist die Mutter drin?

Ja, ich glaube; sie war vorhin ausgegangen, ist aber wieder zurck.
Wei der Henker, was sie hat! Vorhin wurde sie doch auf einmal unwohl,
aber es mu wohl wieder vorber sein.

Fritz ging in die Stube und fand zu seinem Erstaunen die Mutter, die er
sonst nie ohne irgend eine Arbeit traf, wie in tiefen Gedanken auf und
ab gehen. Wie sie ihn erkannte, blieb sie stehen, und whrend sie ihn
ansah, traten ihr die Thrnen in die Augen.

Guten Abend, Mutter! sagte Fritz, indem er das Mitgebrachte auf den
Tisch stellte. Ich wollte Dir hier einmal die kleine Maschine
zeigen, von der ich Euch neulich erzhlt. Es ist wirklich eine Art von
Kunstwerk.

Fritz, mein armer, armer Fritz! sagte die Frau, ohne einen Blick
darauf zu werfen, indem sie auf ihn zuging, seine beiden Hnde ergriff
und ihm voll und traurig in die Augen schaute.

Hat Dir der Vater erzhlt? sagte der junge Mann scheu und leise.

Alles, Alles, nickte die Frau; o, das stolze, hochmthige Ding -- und
wenn sie wte, was sie an Dir htte!

Liebe Mutter, lchelte Fritz verlegen, denn er htte sich dieses neue
Aufreien der kaum geschlossenen Wunde lieber erspart, ich glaube, sie
hat, wenn nicht liebevoll, doch sehr vernnftig gehandelt. Ich war ein
wenig zu hastig -- ich bin noch nichts -- ich mu mir selber erst einen
Namen, einen Wirkungskreis schaffen, -- und wenn die Jahre auch fr den
Mann nicht so rasch dahinfliegen -- ein junges Mdchen kann darauf nicht
warten.

Und Du vertheidigst sie noch? sagte die Mutter. O, Fritz, da ich das
Herzeleid erleben mute! Und ihr Gesicht in die Schrze bergend, sank
sie auf einen Stuhl und schluchzte laut.

Mutter, bat Fritz und schlang seinen Arm um sie, meine liebe, gute
Mutter, aber so beruhige Dich doch; Du siehst ja, da ich gefat und
wieder ruhig bin! Was ist es denn auch weiter? Ich habe eben einen Korb
bekommen, was sich schon bessere Mnner gefallen lassen muten. Sieh',
der Vater kommt jetzt herein -- Du weit, da er die Thrnen nicht
leiden kann.

Die Frau stand auf, warf pltzlich ihre Arme um den Nacken des Sohnes,
drckte einen Ku auf seinen Mund und verlie dann durch die Kchenthr
das Zimmer in demselben Augenblick, als es der alte Baumann von der
Werksttte aus betrat.

Fritz sah ihr erstaunt nach und konnte sich gar nicht denken, weshalb
sich die Mutter gerade seine Abweisung so furchtbar zu Herzen nahm. War
es vielleicht deshalb, weil _sie_ gerade ihm zugeredet und ihn in seiner
Liebe und der Hoffnung, die er darauf baute, bestrkt hatte?

Was hat nur die Mutter, Vater? fragte er diesen. Sie weint, als ob
ihr Herz brechen msse, da mich Ottilie verschmht.

Wei der liebe Gott, erwiederte kopfschttelnd der Schlossermeister,
was ihr in die Krone gefahren ist! Aber sie war schon den ganzen
Mittag so aufgeregt und unruhig, wie ich sie noch nie gesehen habe --
eigentlich seit die Mller zu uns kam, die allerdings genug schwatzt, um
Einem den Kopf wirbelig zu machen. Aber la sie nur: sie wird sich schon
wieder zufrieden geben, ist ja sonst eine vernnftige, resolute Frau.
Und nun la einmal sehen, was Du mitgebracht hast -- ei, Du kleiner
Schelm, willst Du Deine naseweisen Finger davon lassen! -- Der Ausruf
galt der kleinen Else, die sich, neugierig wie Kinder sind, an die
Maschine gemacht hatte und mit ihren Fingerchen die Rder in Gang zu
bringen suchte. -- Du wirst dem Fritz die ganze Arbeit verderben; komm,
Schatz, setz' Dich mit dem Vater her, und nun wollen wir uns die Sache
einmal betrachten.

Damit nahm er die Kleine auf den Schoo und lie sich neben dem
Tische nieder, wo ihm Fritz, der die Maschine in Bewegung setzte, den
Mechanismus erklrte.

Der alte Mann begriff das auch leicht genug, schttelte aber doch
dazu mit dem Kopf und sagte: Hbsch ist das Ding, das lt sich nicht
leugnen, auch sinnreich erfunden und einfach ausgefhrt; aber mir thut's
immer leid, wenn ich solche Arbeiten sehe und an die Zeit und Mhe
denke, die darauf verschwendet wurde. Die Bewegung ist da, aber die
Kraft fehlt, um die Bewegung nutzbringend zu machen und Wasser und Feuer
bei unseren Gewerken ersetzen zu knnen; und so lange wir die Kraft
nicht hineinzulegen vermgen, bleibt die ganze Geschichte doch immer
weiter nichts als eine hbsche Spielerei.

Aber auf Weiteres macht sie ja auch keinen Anspruch, Vater.

Und wo willst Du jetzt damit hin?

Zum alten Salomon, dem das Werk gehrt, oder gehrte, denn er hat es,
wie er mir sagte, schon an einen Englnder, aber nur unter der Bedingung
verkauft, da es wieder vollkommen in Stand gesetzt wrde. Das ist jetzt
geschehen, und er mchte es gern so bald als mglich abliefern.

Wo warst Du heute den ganzen Nachmittag?

Drauen in Schlo Wendelsheim. Der junge Baron Benno ist heute Morgen
gestorben; ich wollte ihn gern noch einmal sehen.

Wer ist gestorben? fragte die Mutter, die in diesem Augenblick wieder
in's Zimmer trat und die letzten Worte gehrt hatte.

Der junge Benno von Wendelsheim, Mutter.

Und Du warst drauen bei ihm? Was hattest Du dort zu thun? fragte die
Frau rasch.

Ich bin oft bei ihm gewesen, Mutter, besonders in der letzten Zeit,
weil er selber groe Freude an mechanischen Arbeiten fand, und ich ihm
da oft aushelfen und ihn untersttzen mute. Es war ein herzensguter,
junger Bursche, auch voll Geist und Leben, und ich hatte ihn recht lieb
gewonnen. Jetzt ist er todt, setzte er leise hinzu, und ich kann Euch
gar nicht sagen, wie weh mir sein Tod gethan hat. Aber willst Du Dir
nicht einmal die Maschine betrachten, Mutter? Du wolltest sie ja gern
sehen, ehe ich sie fortbrchte, und ich bin gerade damit unterwegs.

Die Frau nickte still und schweigend vor sich hin und trat mit zum
Tisch; aber ihre Augen flogen ber das Kunstwerk hin und starrten wie
in's Leere.

Siehst Du, wie hbsch sie arbeitet? sagte Fritz. Und so geht sie,
ohne je aufgezogen zu werden, ununterbrochen fort, Jahr aus, Jahr ein.
Jedesmal, wenn die Kugel diesen Punkt erreicht hat -- aber Du achtest ja
gar nicht darauf, Mutter -- fehlt Dir denn etwas?

Nein, mein Kind, versetzte die Frau; nur im Kopf summt es mir so
sonderbar, und -- im Herzen thut mir etwas weh. Aber nimm es nur fort,
ich verstehe ja doch nichts davon und sehe nur, da es hin und her
geht.

Fritz mochte nicht weiter in sie dringen; er glaubte sicher, da der
heutige Vorfall bei Wittes sie so tief verletzt habe, und htete sich
deshalb wohl, noch einmal darauf zurckzukommen. Es wurde auch spt; im
Zimmer fing es schon an zu dmmern, und der alte Salomon schlo immer,
wie er recht gut wute, sehr zeitig seinen Laden.

Du willst fort, Fritz?

Ja, Vater, ich treffe den alten Mann sonst nicht mehr unten, und in
seinem Hause wei ich nicht Bescheid; auch sind die Wohnungen in der
Judenstrae immer Abends fest verschlossen.

Dann komm aber auf dem Rckweg wieder vor und bleib' den Abend bei uns
-- ich lasse nachher Bier holen. Was sitzest Du so allein zu Hause?

Ja, Vater, ich werde kommen, sagte der junge Mann, indem er die kleine
Maschine wieder sorgfltig aufnahm -- also auf Wiedersehen, Mutter --
Adieu, Else! Und seine Mtze nehmend, verlie er die Stube und schritt
auf die Strae hinaus.

Die Sonne mute lngst untergegangen sein, denn hier und da wurden schon
die Lichter in den Lden angezndet. Fritz schritt deshalb auch wacker
aus, um nicht zu spt zu kommen und den ganzen Weg umsonst zu machen,
schnitt durch ein paar kleine Seitenstraen und erreichte endlich die
Judengasse, durch welche er jetzt so rasch als irgend mglich vorwrts
eilte. Ueber die kleine Maschine hatte er nur sein Tuch gedeckt, damit
nichts daran geschehen konnte.

In der Erweiterung der Strae, die er jetzt betrat, sah er sich einen
Officier entgegenkommen, der in seinem ganzen Gang und Wesen dem
Lieutenant von Wendelsheim hnelte; um sein Gesicht zu erkennen, war es
aber noch zu weit und zu dunkel, und ehe er an ihn hinankommen konnte,
bog derselbe pltzlich nach links ein und verschwand in dem Hof, der zu
dem Hause des alten Salomon gehrte.

Was, um Gottes willen, hat denn der Lieutenant noch so spt bei dem
alten Mann zu thun, dachte Fritz, und warum geht er nicht in den Laden
-- oder sollte der schon geschlossen sein? Dann seh' ich, da ich den
Eingang dort ebenfalls finde, mitnehmen mchte ich das schwere Ding doch
nicht noch einmal.

Er hatte indessen das Haus fast erreicht und sah, da der Laden wirklich
schon geschlossen sein mute. Die Lden waren zu, ebenso die Thr;
aber jedenfalls befand sich der alte Salomon noch im Innern, denn der
Officier kam nicht wieder heraus.

War denn das wirklich Baron Wendelsheim gewesen, und schon so rasch vom
Schlo zurckgekehrt -- und ging gleich zu dem Juden, wo er doch nichts
Anderes suchen konnte, als Geld zu borgen? Fritz schttelte vor sich hin
mit dem Kopf und berlegte sich eben, da der Lieutenant gerade nicht
besonders erfreut sein wrde, wenn er ihn bei seinem Geldgeschft
berraschte; aber das lie sich jetzt nicht mehr ndern. Htte er nicht
das Werk bei sich gehabt, wre er vielleicht wieder umgekehrt.

Das Hofthor war noch offen, und gleich links hinein mute auch die
Thr zum Laden fhren; er erinnerte sich, da Salomon einmal dort
hinausgegangen war, als er sich im Laden befand, um irgend etwas aus
seiner Wohnung herunter zu holen.

Im Hofe war es fast noch dunkler als auf der Strae, denn das hohe
Nachbargebude schlo selbst den matten Widerschein des westlichen
Himmels ab; aber die Thr in dem helleren Gebude lie sich noch
deutlich erkennen, und als Fritz nher darauf zutrat, bemerkte er, da
sie nicht nur halb angelehnt, sondern auch noch Licht im Innern war.
Salomon war also noch drinnen, und ohne sich lange zu besinnen,
griff der junge Baumann nach der Thr und wollte sie eben ffnen, als
pltzlich eine dunkle Gestalt ihm dieselbe aus der Hand ri, ihn bei
Seite warf, da er fast gestrzt wre, und dann, ehe Fritz nur recht zur
Besinnung kommen konnte, mit wenigen Stzen aus dem Hof verschwand.

War das Salomon selber gewesen -- oder vielleicht ein Dieb? Wie ihn nur
der Gedanke durchzuckte, sprang er der Gestalt nach an das Hofthor und
schrie in die menschenleere Strae hinaus: Hlfe! Diebe! Haltet ihn! Er
wre auch selber nachgesprungen, aber er sah jetzt nicht einmal, ob
sich der Flchtige nach links oder rechts gewandt hatte -- und war es
wirklich ein Dieb gewesen? Er mute sich selber berzeugen und lief
deshalb in den Laden zurck.

Dort stellte er sein Werk rasch auf einen Tisch und wollte die Lampe
aufgreifen, um selber nachzusehen, als er vor sich auf dem Boden einen
leblosen Krper lang ausgestreckt erkannte. Er hob ihn auf und hielt
sein Gesicht gegen das Licht der Lampe -- groer Gott, es war der alte
Mann selber, mit Blut bedeckt -- ermordet vielleicht von Ruberhnden!
Aber hier konnte er nicht bleiben -- er mute Hlfe herbeirufen, nicht
allein fr den Ueberfallenen, sondern auch um dem Mrder so rasch als
mglich nachzusetzen.

Er legte den unglcklichen alten Mann so sanft als mglich wieder
auf den Boden zurck und eilte dann auf das Haus zu, das er aber
verschlossen fand. Salomon trug den Drcker dazu immer in seiner Tasche.
Aber dort hielt er sich nicht lange auf, klopfte nur heftig an, um die
Bewohner aufmerksam zu machen, und sprang dann der Strae zu, um dort
die Nachbarn zu alarmiren und Polizei herbeizurufen. Er war von Schreck
und Entsetzen so verwirrt, da er kaum selber wute, was er that.

Mit flchtigen Stzen erreichte er auch das Hofthor und wollte eben
hinaus auf die Strae springen, als er sich pltzlich von vier nervigen
Fusten gefat und gehalten fhlte.

Um Gottes willen, rief er, der Mrder ist entflohen -- ruft Leute,
die ihm nachsetzen!

Heda, mein Bursche, ich glaube nicht, da er so weit fort ist, schrie
ihn da ein derber Bursche an. -- Haltet ihn fest -- gebt ihm Eins auf
den Kopf, wenn er nicht still ist! Was ist hier vorgefallen? riefen die
Anderen.

Fritz Baumann rang aus Leibeskrften, um sich frei zu machen, denn durch
den Irrthum entkam der wirkliche Thter.

Setzt nur nach! rief er, als er sah, da das nicht mglich war, denn
immer mehr Leute kamen herbeigestrmt und warfen sich auf ihn. Schickt
Leute nach rechts und links die Strae hinunter -- ein Mann ist dort
hinaus geflohen -- er kann nicht gro sein!

Na, Du wirst ihn schon spter noch genauer beschreiben knnen! rief
ein corpulenter Bursche, ein Bierbrauer, der in der Nahe wohnte und mit
herbeigesprungen war, als er den Lrm hrte.

In dem Hause selber wurden unruhig hin und her fahrende Lichter
sichtbar. Baumann war in Verzweiflung.

Aber Ihr knnt mich ja meinetwegen hier festhalten, seht nur, da Ihr
den weggelaufenen Mrder fangt!

Mrder? schrie eine Frau aus dem Fenster in Todesangst.

Mrder? wiederholten auch die Leute unten im Hof erschreckt, und Einer
schrie: Mit der Laterne hieher -- kommt einmal her, Freund, leuchtet
einmal hieher!

Der Zuruf galt einem der schchternen Nachbarn, der mit einer Laterne
herausgekommen war, um zu sehen, was vorgehe, und eben damit in dem
Hofthor erschien. Der Mann kam auch, wenngleich ein wenig scheu, in
demselben Augenblick mit der Laterne heran, als die Hausthr geffnet
wurde und ein Officier heraussprang.

Was geht hier vor? rief er, und Fritz erkannte zu seinem Erstaunen den
Lieutenant Wendelsheim, den er indessen ganz vergessen hatte. Ehe er
ihn aber anreden konnte, rief Einer von denen, die ihn noch immer wie
in einem Schraubstock hielten, indem er die Laterne aufgriff und gegen
Fritz Baumann anleuchtete:

Mord! Bei Gott, seht, wie blutig der Kerl aussieht!

Herr Baumann! rief auch jetzt der Lieutenant erschreckt. Was ist
vorgefallen? Wie kommen Sie hieher?

Der alte Salomon liegt da drinnen ermordet, rief Fritz, und mich
haben die Menschen gefat, whrend sie den wirklichen Mrder entkommen
lieen!

Salomon ermordet? Um Gottes willen, ein Licht!

Oben an dem einen Fenster wurde der Aufschrei einer weiblichen Stimme
gehrt, und gleich darauf strzte des alten Mannes Frau, an allen
Gliedern zitternd, aus der Thr und dem Laden zu, aus dem ihr gellender
Hlferuf gleich darauf ertnte.

Der Hof hatte sich indessen mehr und mehr mit Menschen gefllt, und
Alles drngte nach dem Laden. Wendelsheim aber fhlte, da er hier,
so lange noch keine Polizei eingetroffen war, die Leitung des Ganzen
bernehmen msse, und deshalb der Thr zuspringend, wies er die Masse
zurck.

Nur drei oder vier von Euch mgen eintreten, sagte er, Ihr Anderen
wartet hier drauen. Ist schon Jemand auf die Polizei gelaufen? Noch
nicht? Schickt augenblicklich einen Boten dorthin ab; ich werde so lange
hier bleiben. Sie, Freund, wandte er sich dann an einen ordentlich
aussehenden Mann, der auch mit von der Strae hereingekommen war,
seien Sie so gut und fassen Sie an der Thr Posto, da Niemand weiter
eindrngt. Den jungen Mann da knnt Ihr ruhig loslassen; ich glaube
nicht, da er den Mord begangen hat.

Abwarten, sagte der Bierbrauer, der nicht die geringste Lust hatte,
sich die eingefangene Beute entgehen zu lassen. Wovon ist denn der
Bursche so blutig geworden? Wenn wir ihn jetzt loslassen, ist er in
einer Viertelstunde ber alle Berge. Gebt einmal einen Strick her, da
wir ihm die Hnde ein bischen zusammenschnren knnen.

Wendelsheim hrte schon nicht mehr, was er sprach, denn er war jetzt
ebenfalls in den Laden gesprungen, um dort zu sehen, was geschehen sei,
und die alte Frau zu untersttzen.----

Den Nachmittag um fnf Uhr war der Staatsanwalt Witte, pnktlich wie in
allen Dingen, drauen bei dem Major erschienen, um mit diesem und dem
Rath die Sache der Frau Mller in Ordnung zu bringen. Er that das auch
nicht etwa, wie Madame Mller selber vielleicht glauben mochte, allein
in ihrem Interesse, auch nicht, um dem Major und dem langweiligen Rath
Frhbach eine Unannehmlichkeit zu ersparen, sondern einzig und allein
seiner selbst wegen. Was er nmlich schon seit einiger Zeit, eben nicht
zu seiner Freude, vermuthet hatte, da Ottilie eine stille Neigung zu
dem jungen Wendelsheim hege, hatte er in der Unterredung mit seiner
Frau nur zu sehr besttigt gefunden, es konnte ihm daran kein Zweifel
bleiben, und hing die Frau Mller ihre Klage an die groe Glocke, dann
war des Geredes ber die Familie Wendelsheim nachher auch kein Ende
mehr.

Auerdem fhlte er sich fest davon berzeugt, da die Frau an dem ihr
von dem Major, nach Gott wei welchen Combinationen, untergeschobenen
Verbrechen vollkommen unschuldig sei. Es war bei dem alten Herrn nun
einmal zur fixen Idee geworden, jenem frher aufgetauchten Gercht, das
er fest und bestimmt fr eine Thatsache hielt, auf die Spur zu kommen,
und je nher der Zeitpunkt rckte, wo er alle seine Hoffnungen sollte in
nichts zerflieen sehen, desto eifriger wurde er darauf.

Er hate den alten Baron von Wendelsheim -- der ihm vielleicht nie etwas
Anderes zu Leid gethan, als da er einen Erben bekommen -- von Grund
seiner Seele, und immer in dem Wahn, da er die Hand bei einem Betrug im
Spiel gehabt, hielt er sich natrlich nur fr schlecht und nichtswrdig
behandelt. Da er dabei kein Mittel unversucht lie und scheute, um sein
vorgestecktes Ziel zu erreichen, hatte er schon wieder in diesem Fall
grndlich bewiesen, und es wurde deshalb wirklich Zeit, ihm seinen
Standpunkt einmal klar zu machen. Konnte er doch auf solche Weise fr
sich gar nichts erreichen, wohl aber die Familie Wendelsheim dermaen in
das Gerede der Leute bringen, da lange Jahre dazu gehrt htten, um
den Eindruck zu verwischen oder nur abzuschwchen, und das war dem
Staatsanwalt natrlich, wenn er sich die Mglichkeit einer nheren
Verbindung mit der Familie dachte, schon persnlich nicht angenehm.

Besonders rgerte sich Witte aber darber, da der Major auch den Rath
Frhbach in die Angelegenheit gezogen hatte; denn dessen Rednertalent
kannte er aus dem Grunde und zweifelte keinen Augenblick daran, da der
Rath schon in der ganzen verflossenen Woche von Haus zu Haus gegangen
sei, um das merkwrdige Erlebni zu erzhlen. Darin aber that er dem
Rath unrecht, denn Frhbach dachte gar nicht daran, mit den Erlebnissen
jenes Morgens Staat zu machen. Er hatte mit keiner menschlichen Seele
darber gesprochen, und selbst als er den Major einmal wieder in der
Zwischenzeit aufsuchte, kein Wort von der fatalen Angelegenheit erwhnt.
Die Rolle, welche er selber dabei gespielt, gefiel ihm erstens nicht,
und dann eignete sich der Gegenstand auch nicht zu seiner gewhnlichen
Unterhaltung, indem dort in Vollmers wirklich etwas geschehen war, er
aber nur solche Scenen schilderte, in denen gar nichts passirte.

Der Staatsanwalt rgerte sich aber trotzdem darber und betrat diesesmal
die Wohnung des Majors eben nicht in der besten Laune. Er htte aber
trotzdem beinahe gelacht, als er das Zimmer ffnete und das Bild des
Jammers sah, das sich hier entwickelte.

Der Major sa in seinem Lehnstuhl, den Kopf verbunden und an dem einen
Bein das Beinkleid aufgestreift, und vor ihm auf der Erde sa der
Christian, ebenfalls eingewickelt und mit dem klglichsten Gesicht von
der Welt, und rieb ihm Knie und Wade mit Kampherspiritus ein, der
einen penetranten Geruch im Zimmer verbreitete. Auf dem Sopha aber lag
ausgestreckt, mit Kopfkissen und Decke, Frau von Bleheim, und die alte
Liese, einen riesigen warmen Umschlag auf der linken, fest eingebundenen
Backe, brachte ihr eben eine Tasse des unvermeidlichen Camillenthees.

Zwischen den Allen aber sa Rath Frhbach auf einem Stuhl mitten in
der Stube, einen dicken grauen Rock an und die Brille auf, die
Schnupftabaksdose in der linken Hand und in Gedanken eine Prise nach
der andern nehmend, so da er schon auf dem, vorher mit weiem Sand
bestreuten Fuboden der Stube -- der alten Liese ewiger Aerger -- einen
braunen Fleck niedergefallenen Tabaks gebildet hatte.

Alle Wetter, rief der Staatsanwalt, als er in der Thr stehen blieb
und sich die Gruppe betrachtete, das sieht ja hier recht heiter und
vergngt aus, und der Jammer ist wieder in allen Ecken los! Nun,
Major, ich dchte, vor einigen Tagen wren Sie gut genug auf den Beinen
gewesen! Wo fehlt's jetzt wieder?

Machen Sie um Gottes willen die Thr zu, Staatsanwalt, rief der Major,
ohne die Frage gleich zu beantworten, denn bei dem Capitel nahm eine
Erwiederung zu lange Zeit in Anspruch; es zieht hier herein, und ich
kann den Tod davon haben!

Zieht? Wir haben sechzehn Grad Wrme drauen, sagte Witte, indem er
gleichwohl dem Wunsch Folge leistete; auerdem sind alle Fenster dicht
geschlossen, und das ganze Zimmer riecht wie ein Schmetterlingskasten.
Es scheinen mir aber freilich lauter Trauerfalter darin zu stecken --
complicirte Sammlung, das mu wahr sein! Herr Gott, da liegt ja auch
die gndige Frau, und die Liese hat wieder Zahnschmerzen! Der Christian
scheint heute der einzige Gesunde.

Ich? Ach, das Gott erbarm'! sthnte der Mann. Hingesetzt hab' ich
mich hier, um dem Herrn Major das Bein einzureiben; aber wie ich wieder
in die Hhe kommen will, wei der Himmel! Ich mu mir das Kreuz verrenkt
haben, denn das wird mit jedem Tag rger.

Und was fehlt Ihnen, Herr Rath? fragte der Staatsanwalt, denn ganz
gesund knnen Sie doch unmglich in diesem Lazareth sein.

Geistige Ruhe, verehrter Freund, erwiederte Frhbach; sonst, Dank dem
Aepfelwein, den ich tglich trinke, und meiner steten Transspiration,
nichts. Aber Sie sehen, ich habe mich pnktlich eingefunden.

Sehr wacker von Ihnen. Und Sie, Major, liegen wieder auf der Kante?

Er hatte eigentlich recht. In der neulichen Aufregung schien der alte
Herr, dessen Leiden berhaupt zum groen Theil nur eingebildet waren,
seine ganze Krankheit vergessen oder wenigstens fr den Augenblick
beurlaubt zu haben. Jetzt aber, nach dem letzten verzweifelten Versuch,
den er auch in der That als den letzten betrachten mute, hatte er es
aufgegeben, sein Ziel weiter zu verfolgen. Seine letzte Hoffnung war
verschwunden, und mit dem Aufhren der Erregung trat, wie nach allen
solchen Fllen, die gewhnliche Abmattung ein, so da er sich jetzt auf
einmal krnker als je zu fhlen glaubte.

Ja, sthnte er, und das wird auch wohl der letzte Ruck sein, den die
Krankheit thut; ich fhl's schon in den alten Knochen, lange kann das
Elend nicht mehr dauern -- oGott! Christian, Esel -- Er drckt mir ja
den ganzen Knochen ein! Der Mensch arbeitet gerade so auf meinem Fleisch
herum, als ob er ein Pferd striegelte. Setzen Sie sich, Staatsanwalt
-- wenn ich Jemanden lange stehen sehe, werde ich ganz nervs, denn ich
fhle das Ziehen und Ausdehnen in meinen eigenen Gliedern.

Und Sie wissen, weshalb ich komme? sagte der Staatsanwalt, indem er
seinen Hut auf den Tisch stellte und der Einladung Folge leistete.

Ja, knurrte der Major, der Rath da hat mir die ganze Geschichte
erzhlt, und ich wollte, da der Teufel die Madame Mller und den -- hm,
verdammt, wenn ich so einen Brief unterschreibe!

Na, dann lassen Sie's bleiben, sagte der Staatsanwalt, wieder von
seinem Stuhl emporfahrend; mir kann's recht sein, und nur Ihretwegen
bin ich herausgekommen. Also Gott befohlen, Major, mchte hier nicht
lnger stren!

So bleiben Sie nur in's drei Teufels Namen sitzen! schrie der Major.
Herr Gott, rgern Sie mir nicht auch noch die Galle an den Hals -- man
mu doch erst ber die Sache reden! Da, Christian, das ist genug, die
Haut mu ja schon herunter sein, und das brennt wie Gift -- macht, da
Ihr hinaus kommt, wir haben mit einander zu reden!

Ja, macht, da Ihr 'naus kommt, sthnte der alte Grtner, indem er
sich mit beiden Armen auf den Boden sttzte; mich reibt Niemand
ein, ich bin immer eingerieben, und jetzt soll man sich noch allein
aufrichten, wo Einem das ganze Kreuz aus dem Geschick ist. Uff! sthnte
er dabei und machte einen Versuch, aufzustehen, der aber miglckte.

Gott soll Einen bewahren! sagte Witte, indem er auf den Mann zutrat
und ihm unter den rechten Arm griff. So, Freund, nun hebt Euch einmal
-- ohoi! Geht's?

Danke schnstens, Herr Staatsanwalt, keuchte der Grtner, der sich
jetzt mit Mhe auf die Fe brachte, der Herr vergelt's Ihnen! Wenn ich
erst einmal in die Hhe bin und wieder in Gang komme, bring' ich mich
wenigstens von der Stelle -- wenn's nur nicht da hinten so stche!

Damit hinkte er, das linke Bein hinter sich drein schleppend, aus dem
Zimmer, und Witte sah ihm nach, so lange er ihm mit den Augen folgen
konnte. Nur erst, als er die Thr wieder hinter sich zugedrckt, sagte
er:

Aber um des Himmels willen, Major, weshalb schicken Sie den Mann nicht
in ein wirkliches Lazareth und nehmen sich einen gesunden, krftigen
Menschen, der Ihre Haus- und Gartenarbeit auch verrichten kann?

Geht nicht, knurrte der Major und schttelte dabei mit dem Kopf; halt
ich nicht aus -- kann keinen gesunden Menschen um mich herum haben --
geht mir wider die Natur. Ja, wenn ich nicht selbst so elend wre!

Der Staatsanwalt, der kein weiteres Interesse bei der Sache hatte,
sah sich im Zimmer um. Die Liese war auch mit ihrer Theekanne
hinausgegangen, die Frau von Bleheim lag nur noch auf dem Sopha und war
krank, und es deshalb das Beste, zur Sache zu kommen.

Eigentlich, begann er, haben wir gar nichts mehr mit einander zu
reden, denn wenn Sie mir gleich von vornherein sagen, da Sie den Brief
nicht unterschreiben wollen, so lt sich vor der Hand nichts in der
Sache thun, bis die Klage erst einmal anhngig gemacht ist.

Aber auf was, zum Teufel, will denn die alte Hexe klagen? rief der
Major rgerlich; wir haben ihr ja nichts zu Leide gethan.

Sie haben ihr weiter nichts gethan, als sie beschuldigt, ein Verbrechen
begangen zu haben, sagte der Staatsanwalt trocken, und da sie eine
solche Verdchtigung nicht auf sich sitzen lassen will, so werden Sie
einfach aufgefordert werden, Ihre Beweise zu bringen.

Aber wir haben keine, rief der Major, als die moralische
Ueberzeugung, da ich im Recht bin und ihre ganze Geschichte faul ist.

Eine moralische Ueberzeugung hat nur freilich vor dem Richter keinen
Werth, Major, und Sie fallen damit grndlich ab. Aber vielleicht kann
Ihnen der Rath Beweise bringen, da er, wie mir die Madame Mller erzhlt
hat, so entschieden in der Sache vorgegangen ist.

Rath Frhbach hatte wunderbarer Weise und ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit bis jetzt kein Wort gesprochen und nur, in seine Gedanken
vertieft, Tabak um sich her gestreut. Jetzt sagte er: Da fllt mir eine
Geschichte ein....

Lieber Rath, rief Witte, ihn rcksichtslos unterbrechend, ich bin
nicht hieher gekommen, um Ihre Geschichten mit anzuhren, sondern die
Angelegenheit zum Abschlu zu bringen. Hier ist der Brief -- und dabei
nahm er das Papier aus der Tasche--, ich habe ihn kurz und bndig
gehalten, und es steht nichts darin, was Sie nicht mit gutem Gewissen
unterschreiben knnen. Der Frau habe ich auch das Versprechen
abgenommen, das Document als vollkommen privatim zu betrachten; sie wird
es keinem andern Menschen zeigen. Nun lesen Sie es durch und sagen mir
dann kurz und bndig, ob Sie damit die fatale Sache erledigen wollen
oder nicht. Weiteres Reden ist vollkommen unntz, und ich habe auch
keine Zeit dazu.

Sie lassen Einen auch wirklich gar nicht zu Worte kommen, lieber
Staatsanwalt, meinte der Rath und nahm eine Doppelprise. Wie kann man
denn in einer so wichtigen Sache einen Beschlu fassen, wenn man sich
nicht erst gehrig darber ausgesprochen hat?

Ich dchte, Sie htten da drauen gerade genug gesprochen, nickte der
Staatsanwalt, und ich begreife Sie wirklich nicht, Major, wie ein
sonst so ruhiger, vernnftiger Mann so seine Leidenschaft kann mit sich
durchgehen lassen und in's Blaue hineinrasen.

Ich habe ja gar kein Wort gesagt! rief der Major; der Rath war aber
nicht zu halten und behauptete nur immer, wenn man es ihr auf den Kopf
zusage, wrde sie augenblicklich gestehen.

In Schwerin hatten wir einen ganz hnlichen Fall, und gerade durch
meine Geistesgegenwart....

Haben Sie sich hier so in die Patsche geritten, sagte der
Staatsanwalt, der fest entschlossen schien, dem unglcklichen Manne
jedesmal die Rede abzuschneiden, da Sie Vorspann brauchen, um wieder
herauszukommen. Den bringe ich Ihnen jetzt; da, lesen Sie den Brief
und seien Sie froh, wenn Sie so durchschlpfen; denn wenn die etwas
cholerische Frau wirklich klagt, so drfen Sie sich auf eine Scene vor
den Geschworenen gefat machen, an die Sie nachher ihr ganzes Leben
zurckzudenken haben. Ueberfllte Tribnen garantire ich Ihnen
jedenfalls.

Der Rath nahm den Brief und las ihn. Er war in der That in der mildesten
Form abgefat und fhrte die ganze Sache auf ein Miverstndnis oder
einen Irrthum zurck. Die beiden Herren erklrten nur zum Schlusse ihr
Bedauern, die Frau unverdienter Weise vielleicht durch irgend ein Wort
gekrnkt zu haben, und baten sie, ihrer in Zukunft wieder freundlich zu
gedenken, wie sie sich selber mit aufrichtiger Hochachtung zeichneten
etc.

Der Rath kratzte sich hinter dem Ohr, reichte aber den Brief dem Major
hinber und sagte dabei: Du lieber Himmel, das knnte man allenfalls
einer Frau gegenber unterzeichnen, nur um aus der unangenehmen Sache
herauszukommen!

Der Major hatte sich indessen das Bild mit dem Geschworenengericht, das
ihm der Staatsanwalt entrollte, ausgemalt, und er wrde lieber tausend
Thaler gezahlt haben, als sich einer solchen Blamage aussetzen. Er,
Major von Halsen, als Verklagter auf der Armensnderbank, und die Madame
Mller vor den Schranken, gegen ihn auftretend! Es war gut, da der Rath
in dem Augenblick nicht hren konnte, was er ber ihn dachte, denn
ihm allein verdankte er doch nur das Alles. Aber er las den Brief erst
einmal flchtig durch, dann noch einmal langsam und bedchtig, und der
Staatsanwalt betrachtete ihn dabei mit triumphirenden Blicken. Er wute
jetzt, da er ihn fest hatte und die Sache erledigen konnte.

Na denn meinetwegen, sagte auch der alte Soldat endlich, indem er das
Papier neben sich auf den Tisch warf; geben Sie einmal Dinte und Feder
von da drben her, Rath -- die Dinte wird wohl eingetrocknet sein, dort
auf dem Ofen steht noch eine kleine Flasche. Wenn sich der alte Drache
damit beruhigen will, mir kann's recht sein; aber meinen Hals mcht' ich
zum Pfand einsetzen, da sie die Lumperei doch begangen hat. Sie sollten
nur das Bild von ihrer Tochter sehen, Staatsanwalt, das ber ihrem
Sopha in Vollmers hngt, ob das nicht das leibhafte Conterfei der
Wendelsheim'schen Familie ist -- jeder Zug, whrend der Lieutenant von
Wendelsheim auch nicht die Spur von Aehnlichkeit mit dem alten Baron hat
-- nicht die Spur, sage ich Ihnen.

Aber das sind Alles keine Hauptbeweise, lieber Freund, und knnten
nur vielleicht als Nebenbeweise in's Gewicht fallen. Eine solche
Aehnlichkeit tuscht und ist oft nur zufllig, denn sie hngt von uns
unbekannten Ursachen ab. Damit kommen Sie also nicht vom Fleck, und
seien Sie so gut und machen Sie die Sache kurz, denn es wird schon
dunkel und ich mu nach Hause.

Der Major sah noch einen Augenblick still und verbissen vor sich nieder;
endlich sagte er: Na, mein lieber Rath, Sie nehme ich einmal wieder auf
eine Entdeckungsreise mit! griff dann die Feder auf, tunkte sie ein und
schrieb seinen Namen unter das Document; dann schob er es dem Rath hin,
und dieser, ohne sich lnger zu struben, unterzeichnete ebenfalls.

So, sagte der Staatsanwalt, der die beiden Herren indessen schweigend
beobachtet hatte, das war jedenfalls das Gescheidteste, was Sie thun
konnten, und ich hoffe die ganze Geschichte damit beizulegen. Wenn Sie
aber meinem Rath noch folgen wollen, Major, so geben Sie jetzt Ihre Jagd
auf und werden vernnftig, denn Sie mssen das Nutzlose derselben doch
nachgerade eingesehen haben. Wre wirklich in jener Zeit etwas dem
Aehnliches in der Familie Wendelsheim vorgegangen, wie Sie vermuthen,
so haben es die Jahre jetzt verwischt. Aber Alles, auf das Sie nur Ihren
bsen Verdacht grnden, ist leere Vermuthung, oder, noch schlimmer,
ekelhaftes Weibergeschwtz vergangener Jahre, und Sie knnen Ihrem Gott
danken, da diese Sache hier nicht dem alten Baron zu Ohren gekommen
ist; er htte Sie wahrhaftig nicht so leicht durchgelassen. Doch nun
Gott befohlen, meine Herren! Ich habe mich hier lnger aufgehalten,
als ich wollte. Was fehlt denn eigentlich der Frau von Bleheim auf dem
Sopha?

Ach, nichts, sagte der Major mrrisch; sie bildet sich immer ein, da
sie krank ist.

Und Du wohl nicht? rief die Dame, sich pltzlich sehr lebhaft aus
ihrer liegenden Stellung aufrichtend. Man mu ja allein schon davon
krank werden, wenn man das ewige Gejammer mit anhrt!

Na, wnsche allerseits einen recht angenehmen Abend! sagte der
Staatsanwalt, vergngt, aus der Gesellschaft fortzukommen, und seinen
Hut schwenkend, schritt er in die schon dmmernde Strae hinaus.

Es war in der That spter geworden, als er gedacht, und er ging rasch
den Weg hinab, der nach der Stadt zu fhrte; dabei zuckten ihm aber doch
die letzten Reden des Majors durch den Kopf, besonders was derselbe
von der Aehnlichkeit gesagt. Darin hatte der alte Major recht: der
Lieutenant von Wendelsheim glich seinem Vater, was das Aeuere betraf,
auch mit keiner Miene; er war erstlich kleiner als der alte Baron, und
seine Zge, seine ganzen Bewegungen trugen einen entschieden andern
Charakter. Aber was wollte das sagen? Wie oft kam das in der Welt vor,
und konnte nicht einmal gegrndete Ursache zu einem Verdacht, viel
weniger denn zu einer Klage geben! Merkwrdig blieb es freilich immer,
und der Staatsanwalt grbelte auf dem ganzen Weg darber nach, da
wieder der zweite Sohn so entschieden die Zge der Eltern trug, und
dadurch auch seinem Bruder nicht im geringsten hnelte.

Aber mit all' solchem Nachgrbeln gelangt man natrlich zu keinem
Resultat. Ob das Bild in der Stube der Frau Mller der Wendelsheim'schen
Familie mehr glich als der Lieutenant, war ziemlich einerlei;
deshalb blieb der Letztere doch der Sohn und Erbe, und mit dieser
Schlufolgerung betrat der Staatsanwalt wieder die eigentlichen Straen
der Stadt und schritt unwillkrlich etwas nach links hinber, um seinen
Weg nach Hause so viel als mglich abzukrzen. Es dunkelte allerdings
schon stark, aber wenn er die Seitenstraen benutzte, kam er doch
wohl noch bei Zeiten nach Hause, um einige nothwendige Briefe zu
unterzeichnen und vor Postschlu zu befrdern.

Den krzesten Weg hatte er durch die Judengasse, und wenn das
auch gerade kein Platz war, den man Abends gern passirte, weil das
Ausschtten von Gefen aus den Fenstern dort nur allzu hufig geschah,
schien er dieser Gefahr doch heute Abend trotzen zu wollen, oder dachte
auch vielleicht nicht einmal daran. Er bog ohne Weiteres in die Strae
ein, hatte aber erst wenige Schritte darin gethan, als er einzelne
Menschen rasch an sich vorberspringen und einem bestimmten Hause
zueilen sah, vor dessen Thr sie sich sammelten oder in den Hof
eindrngten.

Was ist denn hier geschehen oder was giebt's zu sehen? fragte er einen
der Leute, der eben dort wieder herauskam und ber die Strae wollte.

Sie haben den alten Salomon todtgeschlagen, sagte der Mann und sprang
in das nchste Haus, um noch eine Laterne zu holen.

Du lieber Gott, seufzte Witte, denn er kannte den alten Mann recht
gut und hatte schon oft selber mit ihm zu thun gehabt -- das ist ja
schrecklich! Und rasch trat er mit in den Hof hinein, wo er zu der
Stelle kam, an welcher die Nachbarn den jungen Baumann hielten und eben
dabei waren, ihm die Hnde auf den Rcken zu schnren.

Wen habt Ihr denn da, Ihr Leute? fragte der Staatsanwalt, indem er zu
ihnen trat, aber in der Dunkelheit nicht gleich die Zge der Einzelnen
erkennen konnte.

Den Halunken, der den alten Mann todtgeschlagen hat, und eben
auskneifen wollte, als er mir in die Finger lief.

Unwillkrlich nahm der Staatsanwalt dem Nchsten die Laterne ab und
leuchtete damit dem vermutheten Verbrecher in's Gesicht.

Herr Baumann! rief er aber auch schon im nchsten Augenblick
ordentlich entsetzt aus. Das ist doch nicht mglich!

Sind Sie von der Polizei? fragte ihn einer der Umstehenden.

Nein, aber ich gehre mit zu dem Fach -- ich bin der Staatsanwalt.

Na, dann gehen Sie lieber mit in den Laden hinein, wo der alte Salomon
liegt, bis ein Actuar oder sonst wer kommt, sagte der Mann wieder.

Aber, um Gottes willen, Herr Baumann, wie kommen Sie in diese Lage?

Ich hoffe doch nicht, sagte Fritz, der todtenbleich geworden war, da
Sie mich eines solchen Verbrechens fhig halten?

Nein, gewi nicht! rief Witte schnell.

So, und weshalb wollte er denn da ausreien und ist ber und ber
blutig, he? -- Ruhe, mein Bursche, das bitte ich mir aus; ob Du schuldig
oder unschuldig bist, wird dann wohl die Polizei aus Dir herausdrcken,
darauf verla Dich! Und jetzt machen Sie, da Sie hineinkommen, damit
Alles ordentlich zugeht! Es ist Niemand drin, wie ein Officier, und die
wissen sich bei solchen Geschichten gewhnlich nicht zu helfen.

Das war allerdings richtig. Witte konnte auch hier im Augenblick, mit
den nheren Umstnden gar nicht bekannt, nichts helfen, und mute den
jungen Mann vor der Hand seinem Schicksal berlassen. Die Untersuchung
stellte ja doch bald heraus, ob er schuldig wre oder nicht.




9.

Die Untersuchung.


Als der Staatsanwalt Witte den dstern, unheimlichen Raum betrat,
bemerkte er nur eine Anzahl dunkler Gestalten, die um einen auf dem
Boden liegenden Gegenstand geschaart waren und von dem ungewissen Licht
der Lampe mehr sichtbar gemacht als beleuchtet wurden. Mit dem Fue
stie er dabei an einen klirrenden Krper, der am Boden lag, und als er
ihn aufhob, fand er, da es ein Sack mit Geld sei, den der Mrder hier
jedenfalls auf der Flucht zurckgelassen. Die erste Person, die er,
allerdings zu seinem Erstaunen, erkannte, war der Baron von Wendelsheim;
denn er begriff nicht recht, wie dieser Abends noch so spt in die
Judengasse kam, wenn ihn nicht auch vielleicht, wie ihn selber, der
Zufall hier vorbeigefhrt. Aber es war jetzt wahrlich keine Zeit
dazu, um solche Betrachtungen anzustellen, und der Staatsanwalt, den
gefundenen Beutel auf den Ladentisch stellend, trat nher zu der Gruppe,
um vor allen Dingen den Zustand des gefallenen Opfers zu untersuchen.

Ah, Herr Staatsanwalt, rief Wendelsheim, als er ihn erkannte, ein
Glck, da Sie kommen -- hier ist ein schndliches Verbrechen verbt
worden!

Auf dem ausgestreckten Krper des alten Mannes lag, anscheinend leblos,
eine weibliche Gestalt.

Was ist das? sagte Witte. Sind Beide ermordet worden?

Es ist des alten Salomon Frau; sie mu ohnmchtig geworden sein --
Ursache genug, wahrhaftig, bei solchem Anblick!

Ist der alte Mann todt?

Jedenfalls. Er hat zwei furchtbare Wunden am Kopf.

Htten wir nicht besser die Frau fort und in ihre Wohnung geschafft, wo
sie die nthige Pflege finden kann? Nach Polizei ist doch geschickt?

Gewi -- fat an, Ihr Leute, aber vorsichtig, und tragt die arme Frau
drben die Treppe hinauf; ich werde Euch den Weg zeigen -- o, da kommt
noch eine Laterne! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, Herr Staatsanwalt.

Es fiel Witte wohl auf, da der Lieutenant so bekannt in dem Hause
schien, aber er achtete doch nicht weiter darauf. In diesem Augenblick,
und gerade als die Leute die in der That ohnmchtig gewordene alte Frau
nach oben trugen, langte die Polizei an: ein Actuar, zwei Polizisten und
zwei Gensdarmen. Der Actuar schien auch die Sache richtig zu behandeln.
Der Gefangene, da er doch gebunden war und nicht entwischen konnte,
wurde einem der Gensdarmen bergeben und der andere an das Hofthor
postirt, um die Neugierigen abzuhalten, denn die Strae war schon mit
Menschen angefllt. Hatte sich doch das Gercht, da der alte Salomon
ermordet sei, wie ein Lauffeuer durch die ganze Judengasse und den
benachbarten Stadttheil verbreitet! Dann wurde der Hof von allen nicht
hinein gehrenden Personen gesubert und nur ein paar noch zur Aufsicht
des Gefangenen zurckbehalten, wenn dieser ja einen verzweifelten
Fluchtversuch machen sollte. Jetzt verhielt er sich freilich vollkommen
ruhig, aber man wei nicht -- solche Leute passen manchmal ihre Zeit ab.

Eben so bedeutete der Actuar auch alle solche, welche Nheres ber die
That anzugeben wten oder vermutheten, drauen auf der Strae und in
der Nhe zu bleiben, um nachher ihr Zeugni abzulegen. Dann gingen sie
-- es waren jetzt nur noch der Actuar, die beiden Polizeidiener, der
Staatsanwalt und Lieutenant von Wendelsheim -- in den Laden zurck,
um die Wunden des alten Mannes selber zu untersuchen. Der Actuar
hatte brigens auch schon nach dem Polizei-Arzt geschickt, der jeden
Augenblick eintreffen konnte.

Der einzige Mensch, der wirklich Nheres ber den Ueberfall wute, stand
drauen gebunden unter Gensdarmerie-Bewachung.

Salomon lag auf dem Rcken, den rechten Arm noch wie zum Schutz gegen
die wahrscheinlich nach ihm gefhrten Schlge vorgestreckt. Er war aber
mit Blut ordentlich berdeckt, und sein Kopf zeigte, als der Actuar mit
der Lampe hinabreichte, zwei klaffende Wunden, aber schon mit geronnenem
Blute berklebt, so da man ihre Tiefe nicht gut erkennen konnte. Die
Untersuchung derselben mute aufgespart werden, bis der Arzt kam.

Wendelsheim fhlte indessen seinen Puls, aber dort war kein Leben
erkennbar, und die Hand selbst kalt und krampfhaft geballt: auch ein
Heben der allerdings noch warmen Brust lie sich nicht unterscheiden.

Armer Salomon, sagte der Actuar, indem er sich kopfschttelnd
aufrichtete -- schade um ihn, es war ein braver, rechtschaffener
Mensch, und verwnscht viel besser als tausend Andere, die sich Christen
nennen! Aber wir knnen jetzt nichts thun, meine Herren, als ihn liegen
lassen, bis der Arzt kommt, indessen aber den Laden untersuchen
-- mglich ja doch, da wir etwas finden, was der oder die Mrder
zurckgelassen haben, um dadurch auf seine Spur zu kommen. Mchte einer
von den Herren wohl so freundlich sein und die Lampe nehmen?

Der Staatsanwalt machte den Actuar jetzt auf den Geldsack aufmerksam,
den er an der Thr gefunden; es waren noch Blutspuren daran, und
jedenfalls mute der Mrder gestrt sein, da er den im Stiche gelassen.
Der eiserne Geldschrank stand offen; was daraus geraubt worden, konnte
man natrlich nicht wissen. Der Actuar stellte den Beutel wieder in den
Schrank und verschlo ihn.

Sie untersuchten jetzt den Boden und fanden dicht vor dem Schrank die
ersten Blutspuren. Der Angriff hatte dort jedenfalls begonnen und der
alte Mann sich wohl gewehrt. Dort machte der Ladentisch eine kleine
Biegung, um die herum das Opfer wahrscheinlich nach der Thr flchten
wollte, als es den zweiten Schlag erhielt und zu Boden taumelte.

Eine Waffe oder irgend ein Instrument, mit welchem die Streiche versetzt
sein konnten, fand sich nirgends, eben so wenig irgend ein anderer
Gegenstand, der einem Fremden gehrt haben konnte. Nur ein Taschentuch
lag vorn im Laden am Boden, das in der Ecke die mit Roth gezeichneten
Buchstaben =F. B.= trug. Der Actuar steckte es in die Tasche.

Beim Herumleuchten bemerkten sie noch eine geffnete Schublade, an der
aber von auen der Schlssel steckte; sie enthielt mehrere Gold- und
Silbersachen. Es war mglich, da der oder die Diebe gewut hatten,
wo sich werthvolle Gegenstnde befanden, und auch daraus geraubt haben
konnten. Das lie sich vielleicht durch Salomon's Frau constatiren, wenn
sie sich wieder erholen wrde; heute Abend wohl kaum mehr.

In diesem Augenblick trat der erwartete Polizei-Arzt ein und untersuchte
den Krper des Erschlagenen; aber es war hier unten nicht viel zu
machen. Er glaubte noch Leben zu erkennen, aber so schwach, da es auch
jeden Moment wieder schwinden konnte, und wnschte deshalb, denselben
hinauf in seine Wohnung geschafft und auf ein Bett gelegt zu haben. Dort
sollte dann auch in Gegenwart der Leiche das erste Verhr stattfinden.

Der Actuar ging jetzt hinaus an das Hofthor, vor dem die Menschen noch
immer dicht gedrngt standen, und forderte Einzelne, die Nheres ber
das Verbrechen anzugeben wten, auf, hereinzukommen. Es meldeten sich
aber nur zwei oder drei, die etwas gesehen haben wollten. Sie wurden
herein beordert und dann gleich mit dazu verwandt, um den leblosen
Krper des alten Mannes nach oben zu tragen.

Der Lieutenant, der zurckgekehrt war, nahm wieder die Leitung, und
whrend er langsam mit der Lampe voranging, verschlo der Actuar zuerst
die Ladenthr und lie dann noch einen Augenblick den Zug halten, um
zuerst einen Streifen Papier ber das Schlo zu siegeln, damit
Niemand den Platz betrete, bevor morgen, mit Tageslicht, eine genaue
Untersuchung desselben stattgefunden htte.

Wie still und friedlich, wie wohnlich, ja, fast patriarchalisch hatte
sonst die Behausung des alten Salomon ausgesehen, und wie traurig
verndert lag sie heute! Fremde, rauhe Gestalten drngten die Treppe
hinauf und Tod und blutige Verwstung schienen ihre Fhrten in das
Heiligthum eingedrckt zu haben. Es war auch fast, als ob die alte
Dienerin des Hauses, die oben an der Treppe mit verweinten Augen stand,
den vielen Fremden den Eintritt wehren wollte -- aber brachten sie nicht
ihren armen Herrn? Und dann sah sie auch die gefrchteten rothen Kragen
der Polizei, gegen die sie am wenigsten gewagt haben wrde, einen
Widerstand zu leisten.

Jetzt hatten die Trger den oberen Rand der Treppe erreicht, und Witte,
der dicht hinter ihnen folgte, sah staunend auf, als ein bildschnes
Mdchen, die schwarzen Locken gelst, das Antlitz marmorbleich, auf die
Trger zustrzte und im ersten Moment sich auf den alten Mann werfen
wollte. Aber fast gewaltsam hielt sie sich zurck, ihre groen dunklen
Augen hingen an dem Grlichen, ihre kleine, weie Hand war fest auf dem
Herzen geballt; aber sie sagte kein Wort, durch keine Bewegung hinderte
sie den Fortgang der Leute, und das Licht aus der Hand der Magd nehmend,
winkte sie ihnen nur, ihr zu folgen.

Alle Wetter, wer ist das? flsterte der Actuar dem neben ihm stehenden
Staatsanwalt zu. Das war ja ein bildschnes Mdchen, und der Lieutenant
scheint hier sehr bekannt im Hause zu sein!

Wahrscheinlich die Tochter des alten Salomon, nickte der Staatsanwalt,
der die letzte Bemerkung ebenfalls gemacht hatte; ich wei, da er eine
Tochter hat, habe sie aber noch nie vorher gesehen.

Mir ist nie etwas Schneres vorgekommen....

Es mu in der That auergewhnlich sein, wenn sich selbst die Polizei
davon ergriffen fhlt, bemerkte der Staatsanwalt trocken -- aber
da sind wir. Wie elegant das hier aussieht! Ich htte wahrlich nicht
gedacht, im Judenviertel solch ein Haus zu finden, besonders wenn man
diese alten, rauchgeschwrzten Gebude von auen ansieht!

Die Trger folgten ihrer bleichen Fhrerin in ein Seitenzimmer, wie es
schien, das eigentliche Schlafgemach des alten Mannes, neben dem der
Arzt noch immer herging und seinen Kopf untersttzte. Dort winkte sie,
ihn auf das Bett zu legen.

Mchten Sie nicht vielleicht eine alte Decke unterlegen, bemerkte
der Arzt, als er das schneeweie Linnen sah, wir werden Alles mit Blut
beflecken.

Nein, hauchte die Tochter. -- Es war das erste Wort, das sie sprach.
-- O, sagen Sie mir um Gottes willen, ob er todt ist?

Ich glaube nicht, mein Frulein, erwiederte der Arzt theilnehmend dem
ungeheuern Schmerz gegenber, der in den Worten lag. Ich kann Ihnen
freilich fr nichts stehen, denn ich habe die Wunden noch nicht
untersucht, aber noch scheint Leben in ihm zu sein, wenn auch vielleicht
nur ein Funken. Es soll gewi Alles geschehen, was in menschlichen
Krften steht, um ihn, wenn irgend mglich, zu retten. Machen Sie sich
aber auf das Schlimmste gefat; das Resultat kann kein Mensch vorher
bestimmen.

Hat sich Ihre Frau Mutter wieder erholt? fragte der Staatsanwalt
jetzt, der ihr unwillkrlich nher getreten war. Der pltzliche Schreck
machte eine Ohnmacht ja natrlich.

Ich danke Ihnen, sagte Rebekka leise, sie ist wieder erwacht -- o,
dieser entsetzliche Abend!

Und haben Sie keine Vermuthung, wer der Thter sein knne? fragte der
Actuar wieder.

Keine, hauchte das junge Mdchen, traurig mit dem Kopf schttelnd;
mein Vater war ja so gut und brav, er hat keinem Menschen je ein Leides
gethan -- sie haben ihn nur berauben wollen.

Und wissen Sie nicht, ob in letzter Zeit vielleicht irgend Jemand
hufiger als sonst in den Laden gekommen wre?

Ich betrete den Laden nie oder doch nur so selten, da ich es nicht
wei. Selbst die Mutter kommt nicht hinunter.

Hm -- nun, wie steht es, Doctor?

Drfte ich um etwas lauwarmes Wasser und einen Schwamm bitten?

Es wurde rasch gebracht, und der Arzt ging jetzt daran, die Wunden
sorgsam auszuwaschen und zu untersuchen.

Wendelsheim hatte indessen leise mit Rebekka gesprochen und sie gebeten,
das Zimmer zu verlassen. Er selber glaubte fest, da der alte Mann todt
sei, und wollte ihr wenigstens den Schmerz der unmittelbaren Entdeckung
ersparen. Rebekka weigerte sich aber; sie wollte das Entsetzliche selber
hren -- sie war gefat, wie sie sagte, und frchtete keine Schwche.

Staatsanwalt Witte beobachtete Beide scharf, whrend sie mit einander
sprachen, und es htte auch wahrlich nicht des Auges eines Juristen
bedurft, um zu sehen, mit wie liebevoller Theilnahme des Barons Blick an
den Zgen des Mdchens hing, wie vertrauend, wie gut sie zu ihm aufsah.
Der Actuar glaubte aber seine Zeit indessen nicht unntz versumen zu
drfen, und sich im Zimmer umschauend, bemerkte er bald einen Tisch,
auf welchem ein Schreibzeug stand -- Papier wie alles Nthige fhrte
er berdies bei sich--, und er befahl jetzt, den Gefangenen herauf
zu fhren, und lie die Leute, die sich als Zeugen gemeldet hatten,
ebenfalls an die Thr treten. Um das Verhr kmmerte sich der Arzt
nicht, der sich nur immer mit dem Verwundeten beschftigte, whrend ihm
Rebekka hlfreiche Hand dabei leistete. Wohl schnrte es ihr das Herz
zusammen, und sie mute sich ordentlich Gewalt anthun, um nicht in
Klagen auszubrechen, als sie die furchtbaren Wunden sah, die des Mrders
Waffe dem Vater geschlagen; aber kein Laut kam ber ihre Lippen, und
mit sorgsamer, nicht einmal zitternder Hand wusch sie das Blut von dem
theuern Haupt und kte dann die bleiche, kalte Stirn.

Fritz Baumann wurde jetzt hereingefhrt, und mit Entsetzen hingen des
Mdchens Blicke an dem edlen, aber jetzt bleichen Antlitz des jungen
Mannes. Das war der Mrder? O, um Gott, was hatte er ihm gethan, da er
die blutige Faust gegen den armen schwachen alten Mann erheben sollte?

Wer sind Sie und wie heien Sie? fragte der Actuar, der sich an seinem
Tisch festgesetzt hatte und die Sache amtsmig zu betreiben begann.

Mein Name ist Friedrich Baumann, lautete die eben nicht sehr
freundlich gegebene Antwort; ich bin Mechanikus in hiesiger Stadt.

Schon einmal vor Gericht gestanden?

Nein.

Was hatten Sie heute Abend noch nach Dunkelwerden hier im Gehft und im
Laden des alten Salomon zu thun?

Ich habe ein Werk zurckgebracht, das ich fr ihn reparirt hatte,
fand aber den Laden schon verschlossen und sah nur eben noch in der
Dmmerung, da ein Officier vor mir den Hof betrat. Da ich demnach
vermuthete, den alten Salomon noch im Laden zu finden, folgte ich ihm
und fand auch die Ladenthr nur angelehnt und Licht im Innern. Wie ich
aber den Platz eben betreten wollte, sprang eine dunkle Gestalt gegen
mich an und floh zum Hofe hinaus. Ich hielt das Werk, das jetzt unten
auf dem Tisch steht, noch in der Hand und war auch in dem Moment zu
berrascht, um dem Flchtigen gleich zu folgen, that aber dann, was ich
fr den Augenblick thun konnte. Im Laden sah ich den unglcklichen alten
Mann am Boden liegen, und das Schlimmste frchtend, sprang ich hinaus,
fand die Hausthr verschlossen, klopfte dort scharf an und sprang dann
vor das Thor, um Hlfe herbei zu holen, als ich von diesen Mnnern
gefat und gehalten und selber des Mordes beschuldigt wurde.

Und wie kommt das Blut an Ihre Hnde und Kleider?

Ich wollte den Erschlagenen aufrichten, fand aber bald, da das
unmglich sei.

Ist dies Ihr Tuch? Es trgt die Buchstaben =F. B.=

Ja; ich hatte es ber das Werk gedeckt, und es mag im Hof herunter
gefallen sein.

Es lag im Laden.

Auch das ist mglich.

Was fr ein Werk war das, welches Sie brachten?

Ein mechanisches Kunstwerk, das ich reparirt hatte.

An der Thr lag ein Sack mit Geld; wie ist der dahin gekommen?

Das wei ich nicht; ich habe ihn nicht gesehen.

Haben Sie etwas fallen hren, als jene dunkle Gestalt, wie Sie sagen,
aus der Thr sprang?

Nein -- ich erinnere mich wenigstens nicht; ich war zu sehr
berrascht.

Der Actuar lie ihn bei Seite treten und fragte jetzt die verschiedenen
Leute aus, was sie ber den Fall wten. Das war allerdings sehr wenig.
Einige wollten einen Hlferuf gehrt haben und waren herbeigelaufen;
Andere, die sie laufen sahen, schlossen sich ihnen an.

Wer hatte um Hlfe gerufen? fragte der Actuar.

Ich selber, erwiederte Baumann, wie ich jene dunkle Gestalt
davonspringen sah. Ich hoffte, dadurch ihm Begegnende aufmerksam zu
machen.

Und weshalb liefen Sie nicht gleich selber hinter ihm drein? Ich
dchte, Sie wren jung und stark genug dazu.

Ich hatte das Werk unter dem Arm -- es kam Alles so schnell -- ich
wute ja auch damals noch nicht, ob wirklich ein Verbrechen verbt sei,
ja, im ersten Augenblick war es mir sogar, als ob der Laufende der alte
Salomon selber sei.

Sehr wahrscheinlich, lchelte der Actuar verchtlich. Und weshalb
liefen Sie da selber davon?

Ich habe Ihnen schon gesagt, da ich nicht gelaufen bin, erwiederte
Baumann finster; ich wollte auf die Strae springen, um Leute
herbeizurufen, als diese mich faten und natrlich den Verbrecher
entwischen lieen.

Also Sie leugnen, weiter etwas von der That zu wissen?

Ich habe Ihnen Alles gesagt, was ich wei, und bedauere, wenn Ihnen das
nicht gengt.

Schn. Gensdarmen, fhren Sie den Gefangenen in das Polizeigebude in
Untersuchungshaft -- er soll eingeschlossen werden -- ich komme gleich
selber nach! Lassen Sie ihn unterwegs nicht entspringen, und da er
mit Niemandem verkehrt oder sich unterhlt! Er wird auch vorher genau
untersucht, ob er keine Waffen oder sonst etwas Verdchtiges bei sich
trgt! Sind ihm die Hnde noch fest auf dem Rcken gebunden?

Die kriegt er nicht los, Herr Actuar.

Gut -- fort mit ihm; wir brauchen ihn heute hier nicht weiter.

Aber Sie knnen mich doch wahrhaftig nicht nur auf einen so
wahnsinnigen Verdacht hin einkerkern wollen! rief Baumann, bei dem der
Zorn auch jetzt die Oberhand gewann. Stehen denn hier nicht Mnner, die
mich kennen? Herr Staatsanwalt Witte, Herr Lieutenant von Wendelsheim,
knnen Sie glauben, da ich eines solchen Verbrechens auch nur fhig
wre?

Nein, das glaube ich nicht, sagte Witte.

Ich ebenfalls nicht, fiel Wendelsheim ein.

Meine Herren, sagte der Actuar, es thut mir leid, in dieser Sache
auf Ihren Glauben keine Rcksicht nehmen zu knnen. Die Person hier
ist unter verdchtigen Umstnden angetroffen, und wir mssen uns ihrer
jedenfalls so lange versichert halten, bis wir vollgltige Beweise ihrer
Unschuld finden.

Aber ich habe den Hof nicht drei Minuten nach dem Lieutenant von
Wendelsheim betreten -- kaum zwei, wenn so viel -- ich sah ihn in den
Hof gehen.

Haben Sie etwas von dem Herrn bemerkt, Herr Baron?

Ich mu gestehen, da ich mich gar nicht umgesehen, sagte der
Lieutenant. Ich erinnere mich, Jemanden in der Strae bemerkt zu haben,
als ich in den Hof einbog, aber es war schon dunkel und ich achtete auch
nicht darauf.

Und wie lange vor der Entdeckung des Mordes waren Sie im Hause?

Allerdings nur wenige Momente; als ich den Hlferuf hrte, hatte ich
eben erst das Zimmer betreten.

So? Na, das wird Alles die sptere Untersuchung ergeben. Also pat
mir gut auf ihn auf! Schultze mag lieber noch mitgehen, falls etwas
vorfallen sollte oder vielleicht einige seiner Spiegesellen Miene
machten, ihn zu befreien.

Mein lieber Herr Baumann, sagte der Staatsanwalt jetzt zu dem
Gefangenen, fgen Sie sich vor der Hand in das Unvermeidliche, denn
Ihre vorlufige Haft mu allerdings stattfinden; aber ich hoffe und
bin fest davon berzeugt, da Sie gengende Beweise Ihrer Unschuld
beibringen werden. Ihre Haft wird in dem Fall nicht lange dauern, und
ich ersuche Sie, Herr Actuar, dem Gefangenen jede Bequemlichkeit
zu gestatten, welche die Gefngniordnung erlaubt -- auf meine
Verantwortung und Garantie. Sorgen Sie dafr, Freund, wandte er sich
dann an den Gensdarmen, da das richtig bestellt und ausgefhrt wird.

Whrend die Leute den jungen Mann abfhrten, bog sich Witte zu dem
Actuar ber und flsterte ihm etwas zu, womit dieser nicht recht
einverstanden schien, denn er wiegte ein paarmal den Kopf hin und her,
schrieb auch noch erst Einiges nieder. Dann wandte er sich pltzlich an
den Lieutenant und sagte: Und drfte ich mir wohl erlauben, Herr Baron,
Sie zu fragen, was Sie so spt, oder vielmehr so frh in's Haus gefhrt
hat, da Sie doch schon hier waren, ehe der Lrm entstand, und eigentlich
an dem Laden mssen vorbergegangen sein, whrend der Mord im Innern
verbt wurde? Haben Sie nichts gehrt?

Keinen Laut, sagte Wendelsheim, von der Frage eben nicht erbaut, die
Gegenwart des Staatsanwalts genirte ihn. Als ich vorberging, war Alles
dunkel. Ob die Ladenthr angelehnt oder geschlossen war, wei ich nicht
einmal; ich habe mich nicht danach umgesehen, auch nicht das geringste
Gerusch darin gehrt, und glaubte deshalb, der alte Salomon befnde
sich oben in seiner Stube.

Und wie Sie oben in's Zimmer traten, hrten Sie den Hlferuf?

Ja.

War Jemand in dem Zimmer?

Allerdings; die Frau des alten Mannes und das Frulein da.

Sie wollten den alten Mann sprechen?

Ich wollte der Familie, mit der ich befreundet bin, sagte Wendelsheim
ernst, aber entschieden, eine Trauernachricht mittheilen, die mich
heute betroffen hat -- den Tod meines Bruders.

Der junge Baron Benno ist gestorben? rief Witte rasch. Ach, das thut
mir wirklich recht leid um Sie Alle!

Ja, sagte Wendelsheim leise, es war ein schwerer Verlust, obgleich
wir Alle schon lange darauf vorbereitet sein muten.

In so jugendlichem Alter! Wie alt war Ihr Herr Bruder?

Noch nicht achtzehn Jahre.

Er lebt! Er lebt! jubelte da pltzlich Rebekka, die neben dem Bett des
Vaters gekniet und ihr Ohr an sein Herz gelegt hatte -- was kmmerten
sie die Fragen des Beamten!

Es ist allerdings noch Leben vorhanden, nickte der Arzt, und die
Wunden -- wenn nicht im Innern der Hirnschale mehr Unheil angerichtet
ist, als man von auen beurtheilen kann -- sehen auch nicht gerade zu
bsartig aus, wenigstens nicht so, um Ihnen jede Hoffnung zu rauben.

Er lebt, Doctor? rief aber auch jetzt der Actuar. Das allerdings
wrde die Untersuchung sehr erleichtern, wenn wir erst seine Aussage
bekommen knnten!

Aber doch nicht heute Abend, Herr Actuar, sagte der Arzt ruhig. Ich
mu berhaupt die Herren bitten, dieses Zimmer jetzt zu verlassen, damit
der Verwundete kein Gerusch mehr hrt und, wenn er ja schneller, als
ich vermuthe, seine Besinnung wieder erhlt, nicht erschrickt -- ich
stehe sonst fr nichts.

O, er lebt! Er lebt! jauchzte Rebekka leise vor sich hin, und wie
ihrer selbst unbewut, lehnte sie ihre Hand auf den Arm des jungen
Officiers und schaute mit strahlendem Antlitz zu ihm auf.

Der alte Staatsanwalt nickte still vor sich hin mit dem Kopf, aber der
Arzt drang jetzt entschieden auf Rumung des Zimmers. Der Kranke mute
Ruhe bekommen, und nur die Tochter sollte bei ihm bleiben. Er selber
versprach aber, vor Mitternacht noch einmal nachzusehen, wie es ginge
-- er hatte noch einige Krankenbesuche zu machen und durfte die nicht
vernachlssigen.

Der Lieutenant von Wendelsheim zgerte, mitzugehen. Der Staatsanwalt
fate ihn aber am Arm und sagte: Kommen Sie einen Moment mit uns in ein
anderes Zimmer oder auf den Hof, Herr Lieutenant. Ich habe den Herren
einen Vorschlag zu machen, bei dem ich Sie ebenfalls betheiligt wnsche;
Sie knnen ja nachher immer wieder zurckgehen.

Einen Vorschlag? Welchen? fragte der Actuar.

Bitte -- unten; hier nichts weiter. Mein liebes Frulein, wandte er
sich dann an Rebekka, fassen Sie guten Muth; vielleicht und hoffentlich
wird das Schwerste noch von Ihnen abgewandt. Seien Sie aber versichert,
da wir den innigsten Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, und was
geschehen kann, jene verruchten Buben, welche die That verbt, zur
Strafe zu bringen, soll gewi geschehen.

Aber jener junge Mensch hat meinen Vater doch gewi nicht geschlagen,
sagte Rebekka mit tiefer Wehmuth im Ton.

Ich bin fest davon berzeugt, da er es _nicht_ gethan hat, besttigte
der Staatsanwalt; doch das wird die Untersuchung bald ergeben.

Und bedenken Sie, da Sie heute den Laden nicht mehr betreten drfen,
sagte der Actuar; er ist versiegelt.

Gott soll mich behten, da ich den Schreckensort in der Nacht
betrete! sagte das Mdchen zurckschaudernd.

Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, drngte der Arzt. Der Kranke
regt sich -- ich mache Sie sonst fr die Folgen verantwortlich -- und
die drei Mnner vor sich her schiebend, verlie er mit ihnen das Gemach.

Und was wollten Sie uns sagen, Herr Staatsanwalt? fragte der
Gerichtsbeamte, als sie unten im Hof zusammenstanden, whrend der eine
Polizeidiener noch drauen am Hofthor Wache hielt. Die alte Magd war
mitgegangen, um hinter ihnen das Thor zuzuschlieen.

Ich habe, sagte der Staatsanwalt, schon oben meine Ueberzeugung
ausgesprochen, da der junge Baumann unschuldig ist; ich wiederhole das
jetzt, und die Untersuchung wird es besttigen. Wir wissen aber noch
gar nicht, ob der alte Salomon den oder die Menschen, die ihn berfallen
haben, erkannt hat, wenn er wirklich wieder zum Bewutsein kommt, denn
derartige Schufte schwrzen gewhnlich ihre Gesichter oder brauchen
andere Kunstgriffe. Wir mssen sie also in den ersten Tagen sicher
machen, da sie nichts zu frchten haben, und das geschieht am besten
durch das Gercht von des alten Salomon's Tode. Die Stadt braucht
vor der Hand nicht anders zu wissen, als da der alte Mann wirklich
erschlagen oder seinen Wunden erlegen sei, und meinetwegen auch, da man
den Mrder gefangen und eingezogen habe; ein falscher Verdacht schadet
dem Namen des jungen Baumann, wenn er denn doch einmal abgefhrt ist und
gefangen gehalten wird, auch nicht mehr, und bekommen wir nachher die
wirklichen Thter heraus, so wollen wir ihn schon wieder wei waschen.

Ich begreife nicht, was Sie damit bezwecken wollen, sagte der Actuar.

Ich halte es auch fr das Beste, meinte der Arzt. Die Verbrecher
lassen sich dadurch mglicher Weise verleiten, mit ihrem Gelde gro zu
thun oder mehr zu verzehren, als ihre Bekannten an ihnen gewohnt sind
-- wie viele Diebsthle und Raubmorde sind schon dadurch an's Tageslicht
gekommen!

Gut, ich habe nichts dagegen, nickte der Actuar. Wir knnen
jedenfalls den Versuch machen, werden aber nichts dadurch erreichen,
denn wenn nach drei Tagen die Beerdigung des alten Mannes nicht erfolgt,
so wird man doch augenblicklich wissen, da er nicht gestorben ist.

Drei Tage sind eine lange Zeit, sagte der Staatsanwalt; wir wollen
wenigstens die uns gegebene Frist nach besten Krften benutzen, und Sie,
Herr Lieutenant, bitte ich, im eigenen Interesse der Familie, wenn
Sie dieselbe wiedersehen sollten, sie zu bitten, Alles zu thun, um das
Gercht aufrecht zu erhalten. Aber jetzt guten Abend, meine Herren! Es
ist spt geworden, und ich mu nach Hause, oder gehen wir Einen Weg?

Jedenfalls anfangs, sagte der Arzt; aber das Volk mu dort von dem
Thor fort, da wir keinen Lrm machen.

Ueberlassen Sie das mir, ich werde sie wegbringen, sagte Witte.

Sie hatten jetzt den Thorweg erreicht und traten hinaus.

Nun, wie steht's oben? fragten zahlreiche Stimmen. Wie geht's dem
alten Manne?

Geht nach Hause, Leute, sagte der Staatsanwalt, und strt die arme
Familie nicht in ihrer Trauer -- der alte Salomon ist todt.

Gott der Gerechte, und so ein Mann -- waih geschrieen! tnte es von
vielen Seiten. Und die Mrder?

Werden ihrer Strafe nicht entgehen, verlat Euch darauf; eine so
nichtswrdige That soll nicht ungeahndet hingehen.

Was ist der mehr, sagte ein alter Israelit, der daneben stand; werden
sie ihm auch nicht viel thun -- war es doch blos ein Jud', der alte
Salomon!

Er war ein Mensch, und wer Menschenblut vergiet, de Blut soll wieder
vergossen werden. Aber jetzt geht nach Hause -- Ihr seht, das Thor ist
geschlossen, und Ihr knnt durch unnthigen Lrm nur noch die Familie
beunruhigen, die so schon Schmerz und Sorge genug hat.

Das half. Jawohl, jawohl! riefen die Meisten, und wenig Minuten spter
war die Strae menschenleer.




10.

Verschiedene Eindrcke.


In Baumann's Haus, im Stbchen neben der Werkstatt, sa die Familie beim
Abendbrot; aber der sonstige frhliche Ton herrschte heute nicht in
dem kleinen Kreise. Der Alte selber war ernst oder doch wenigstens
nachdenkend und sprach nicht viel, und an wen er eigentlich die Zeit
ber gedacht hatte, verriethen die wenigen Worte, denen er endlich Laut
gab.

Jetzt kommt er nicht mehr, sagte er, whrend er sein leergetrunkenes
Glas wieder mit Bier fllte; es mu schon lange neun Uhr vorbei sein.
Er ist jedenfalls nach Hause gegangen und hat sich zu Bett gelegt.

Zu Hause ist er nicht, Vater, meinte Karl; ich war vorhin drben bei
ihm und wollte mir ein Stck Werkzeug borgen, aber der Schlssel lag,
wie gewhnlich, wenn er ausgegangen ist, unter der Strohdecke.

Er sollte auch etwas Gescheidteres thun, als ihn dahin legen, sagte
die Mutter; den Platz kennen die Diebe auch, und es ist schrecklich,
was in letzterer Zeit wieder in Alburg gestohlen wird.

Das macht unsere gute Polizei, Mutter, lachte der Schlosser; denn
wenn sich ein Dieb von der fangen lt, so verdient er schon seiner
Dummheit wegen Strafe.

Die Frau seufzte, sagte aber nichts weiter, stand dann auf, nahm sich
ein Gesangbuch von dem kleinen Bcherbrett und fing an, darin still vor
sich hin zu lesen.

Der alte Schlossermeister war aufgestanden und ging eine Weile im Zimmer
auf und ab. Er sah dabei manchmal die Frau an, als ob er sich mit ihr
beschftige -- schwieg aber noch immer. Er hatte beide Hnde vorn
in seinen Hosengurt geschoben und pfiff leise vor sich hin, wie er
gewhnlich that, wenn er in recht tiefen Gedanken war. Die Frau achtete
nicht auf ihn -- sie las immer weiter, und endlich sah er, als er
einmal hinter ihr vorberging, da ein im Lampenlichte blitzender
Thrnentropfen in das aufgeschlagene Buch fiel, ohne da sie ihn wieder
weggewischt htte.

Hre, Karl, sagte er, indem er vor dem Sohn stehen blieb, geh' jetzt
zu Bett; ich habe mit Deiner Mutter noch 'was zu reden.

Ja, Vater, sagte Karl, mir ist's auch recht; ich bin mde, und bei
Euch scheint's heute Abend langweilig zu sein. Die Mutter liest und Du
pfeifst, da will ich lieber unter die Decke kriechen; morgen mssen wir
doch wieder frh heraus -- Gute Nacht mitsammen!

Karl hatte schon lange das Zimmer verlassen, aber der alte Baumann
schwieg noch immer. Er war nur stehen geblieben, pfiff nicht mehr und
sah seine Frau an, die noch ber das Buch gebeugt sa. Aber sie las auch
jetzt nicht; ihr Auge flog darber hin, und es war fast, als ob sie die
Anrede des Mannes mit Zagen erwarte.

Sag' einmal, Alte, was dir eigentlich ist, begann der
Schlossermeister, indem er sich mit beiden Hnden auf ihre Stuhllehne
sttzte; Du kommst mir ordentlich wie verwandelt vor. Du sitzest in
Dich gekehrt, Du seufzest, liest in einem Gesangbuch, weinst sogar
dabei. Hast Du 'was auf der Seele, wem besser knntest Du es wohl
anvertrauen, als mir? Sorgt Dich aber 'was, ei, alle Wetter, dann bin
ich auch gerade der Mann, um es Dir abzunehmen! Bist Du krank, Mutter?

Nein, Gottfried, sagte die Frau leise, ich bin nicht eigentlich
krank; aber -- ich wei nicht -- es liegt mir etwas so schwer auf dem
Herzen, wie eine Ahnung -- als ob uns etwas recht Schlimmes passiren
msse, und ich wei doch eigentlich nicht, was.

Du lieber Gott, ja, nickte Baumann, indem er sich jetzt neben sie
niedersetzte und ihre Hand nahm, man hat ja wohl solche Stunden, und
die Doctoren sagen, es lge im Blut -- aber ist's das auch wirklich,
Alte? Sieh', wir sind jetzt die langen, langen Jahre mit einander
verheirathet -- unsere silberne Hochzeit liegt sogar hinter uns -- und
so glcklich mit einander gewesen, haben so zufrieden mitsammen gelebt,
und nie, nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen. Wenn Du
'was hattest, das Dich drckte, sagtest Du's mir -- wenn ich 'was hatte,
that ich ein Gleiches und sagte es Dir -- soll das jetzt anders werden!

Nein, Gottfried, nein -- es wre ja furchtbar! seufzte die Frau und
lehnte ihr Haupt an seine Brust; aber ihre Thrnen fielen strker.

Na, also dann heraus mit der Sprache, Mutter, lachte Baumann; es
drckt Dich 'was -- ich seh's Dir an, und wenn ich der Sache nur erst
einmal auf den Grund komme, wollen wir auch schon Rath schaffen.

Ja, aber was soll ich Dir denn sagen? klagte die Frau; ich wei es ja
selber nicht. Nur so ein dumpfes Gefhl liegt mir auf dem Herzen.

Hm, brummte der Schlossermeister, das ist genau so wie damals, als
wir noch nicht lange verheirathet waren und bald nach der Geburt des
einen Jungen -- war's der Fritz oder Karl? -- da machtest Du dieselben
Geschichten, und wie lange dauerte das, und wie hab' ich mich damals
gesorgt, und nachher war's doch nichts. Nach und nach wurde es besser,
und alle Deine Ahnungen, wie Du's damals auch nanntest, fielen in den
Sand.

Die Frau nickte leise mit dem Kopf, und Baumann fuhr nach einer Weile
fort:

Aber ich wei schon, wo das herkommt. Deine Schwester, die Heberger,
hat die ganze Zeit den Kopf voll solcher Schrullen, und mit ihrem
Kartenlegen und Prophezeien bildet sie sich am Ende selber ein, da sie
'was wte; und ein Wunder wr's nicht, wenn sie so viele Gnse findet,
die's ihr glauben -- und die hat Dich angesteckt. Mit all' ihren
berirdischen Ideen und Einbildungen macht sie die Leute rein verrckt,
und wenn man die ganze Geschichte bei Lichte besieht, so ist's nichts
als Schwindel und blauer Dunst. Mir ist die Verwandtschaft auch schon
lange leid, und ich war froh, da Ihr nicht mehr zusammenkamt; heute
Nachmittag war sie aber wieder ein paar Stunden da, und von der hast Du
Dich auch nur beschwatzen lassen.

Ach, Gottfried, Du magst einmal die Schwester nicht leiden, und sie
hat's doch so gut mit mir gemeint!

Das ist mglich, sagte der Schlossermeister kopfschttelnd, aber
wenn's wirklich so ist, jedenfalls verkehrt angefangen. Mit ihren
verdammten Schrullen sollte sie zu Hause bleiben, und der -- na, ich
will Dir nicht weh thun, Alte, aber unser Schwager -- wenn ich den
verfluchten Kerl mit seinem Gelobt sei Jesus Christus nur sehe, wird
mir schon steinbel.

Es ist ein seelensguter Mensch, sagte die Frau, und er thut meiner
Schwester, was er ihr an den Augen absehen kann; er hat freilich seine
Eigenheiten, und mir wr's auch lieber, wenn er nicht so viel in die
Kirche ginge und den lieben Gott immer im Munde htte. Aber es ist
einmal seine schwache Seite, und wenn er sonst brav und fleiig ist, so
haben wir doch gewi keine Ursache, uns ber ihn zu beklagen.

Meinetwegen, brummte der Schlossermeister, ich habe nichts dagegen;
wenn Deine Schwester mit ihm auskommt, mir kann's ja recht sein. Aber
mein Mann wr's nicht, und ich wei auch, da er mich nicht leiden kann
-- was ich ihm eben nicht besonders verdenke, denn viel freundliche
Worte hat er von mir noch nicht gehrt.

Du thust ihm gewi Unrecht, Gottfried.

Ich will's ihm wnschen, brummte der Mann -- aber wir sind ganz von
dem abgekommen, was ich Dich vorhin fragte. Also Du kannst mir nicht
sagen, was Dir auf dem Herzen liegt, Mutter? Du hast zu mir kein
Vertrauen?

Kein Vertrauen zu Dir, Gottfried? sagte die Frau herzlich. Wei ich
denn nicht in den langen, langen Jahren, wie gut und treu und ehrlich
Du es mit mir meinst, und hab' ich je Ursache zu einer Klage gegen Dich
gehabt? Ach, Gottfried, Du bist der beste Mann, den es auf der Welt nur
geben kann, und Alles, was mich niederdrckt und manchmal so weh und
traurig stimmt, ist nur das Gefhl -- nie solch ein Glck verdient zu
haben.

Unsinn, sagte der Schlossermeister halb verlegen; Du redest gerade,
Alte, als ob Du in mich verliebt wrst und mich zum Mann haben wolltest.
Ein Glck, da Niemand da ist, der uns hrt; er mte sonst Wunder
glauben, was Du an mir httest. Aber das wei ich denn doch besser...

Er horchte auf, denn drauen am Laden wurde gepocht. Die Werksttte war
schon verschlossen, und durch die in die Fensterlden eingeschnittenen
herzfrmigen Lcher konnte man von auen sehen, da noch Licht im Zimmer
war.

Holla, sagte der alte Baumann, kommt da noch Besuch? Wer ist da?

Ich bin's, Meisterchen, antwortete eine feine Stimme; machen Sie nur
einmal auf.

Ja, ich bin's, das kann ein Jeder sagen, brummte der Schlosser.

Das mu die Volkert, des Schneiders Frau, sein -- unsere Nachbarin,
sagte die Mutter.

Sind Sie das, Frau Volkert?

Ja, Meisterchen; ich habe Ihnen eine wichtige Neuigkeit zu bringen.

Das wird 'was Gescheidtes sein, was die alte Schwatzliese noch zu
nachtschlafender Zeit hinber jagt, brummte Baumann leise vor sich
hin, und setzte dann lauter hinzu: Na, gehen Sie nur herum an die
Werksttte; ich mache auf.

Damit verlie er kopfschttelnd das Zimmer und hob die Barre zurck, die
als einziger Verschlu vor der Werksttte lag. Kaum aber war die Thr
weit genug geffnet, um einem menschlichen Wesen Zutritt zu gestatten,
als ein kleines, schmchtiges Frauchen, ohne Crinoline, ohne Hut oder
Haube auf, ohne Ueberrock, ohne Schuhe und Strmpfe, nur einfach im
Unterrocke, als ob sie eben aus dem Bette aufgesprungen wre, und
ein altes, grn und roth carrirtes Tuch umgebunden, in die Thr
hereinschlpfte und sagte: Ach, Meisterchen, ist denn das Fritzchen
wohl zu Hause?

Und deshalb klopfen Sie uns heraus, um das zu erfragen? sagte Baumann
eben nicht besonders freundlich. Warum gehen Sie nicht hinber, wo er
wohnt?

Ach, Meisterchen, sagte die kleine Frau, ich bin ja nur so von Hause
fortgelaufen! Eben wollten wir uns in's Bettchen legen, denken Sie, da
kommt das Frnzchen von Homeiers an's Fensterchen und klopft und ruft:
He, Meisterchen, wit Ihr schon, da sie das alte Salomonchen in der
Judengasse todtgeschlagen und das ganze Ldchen ausgerumt und das
eiserne Geldkistchen weggeschleppt haben?

Den alten Salomon? rief Baumann, stutzig gemacht. Den Henker auch,
Fritz hat ihm ja noch heute Abend vor oder mit Dunkelwerden eine Arbeit
hingetragen!

Na ja, Meisterchen, das Fritzchen soll ihn ja auch todtgeschlagen
haben, und zwei Polizeidienerchen haben ihn fortgebracht. Ach, das
Unglck! schrie die kleine Frau und fing bitterlich an zu weinen.

Was ist das? rief Frau Baumann, erschreckt aus der Stube
herausstrzend. Was ist mit dem Fritz?

Ich wei nicht, sagte der alte Baumann, indem er sich mit der Hand an
den Kopf fate, bin ich verrckt, oder ist die Meisterin verrckt --
der Fritz soll den alten Salomon erschlagen -- aber Unsinn -- es ist zu
dumm, wie man auch nur einen Augenblick so 'was denken kann -- hahahaha,
und da kommt die Meisterin im Unterrock und mit bloen Fen mitten in
der Nacht herbergestrzt! Sie haben jedenfalls getrumt, Frau Volkert!

_Ach_ Du liebes Gottchen, winselte die Frau, ich wollte, es wre so!
Aber das Frnzchen hat selber gesehen, da sie das Fritzchen, mit den
Hndchen auf den Rcken gebunden, in die Polizei gebracht haben, und das
eine Polizeidienerchen sagte, er htte das Salomonchen umgebracht.

Wo willst Du hin, Gottfried? rief seine Frau erschreckt, als er in die
Stube ging und dort seinen Rock vom Nagel nahm.

Zum Fritz hinber, Alte, und sehen, ob er zu Hause ist, und wenn er
nicht da ist, auf die Polizei; ich werde sonst verrckt, wenn ich mich
mit dem Unsinn im Kopf die Nacht schlafen legen soll.

Die Frau erwiederte nichts; stumm und schweigend stand sie mit
gefalteten Hnden und starrte vor sich auf den Boden nieder. Baumann
aber, der nicht mit Unrecht frchtete, da des Schneiders Frau, wenn
sie allein hier blieb, noch ein Unheil mit ihrer Zunge anrichten knne,
sagte, gegen diese gewandt: Und Sie kommen mit, Meisterin; Sie knnen
sich ja auch auf den Tod in Ihren dnnen Kleidern erklten, denn die
Nchte werden schon frisch. Das ist jedenfalls ein leeres Geschwtz von
dem Franz, und wir wollen der Sache bald auf den Grund kommen.

Ach Gott, ja, Meisterchen, sagte die Frau, Sie haben recht; mein
altes Rheumatismuschen plagt mich so immer. Na, gute Nacht, Frau
Baumann! Machen Sie sich nur keine Sorge -- ach, Du liebes Himmelchen,
mir ist der Schreck ordentlich in die Gliederchen gefahren!

Und damit schlpfte sie wieder wie ein Aal, und auch nicht viel breiter,
zu der Thr hinaus, die der Meister fr sie offenhielt.

Baumann verlie sie aber nicht, bis er sich erst fest berzeugt hatte,
da sie wirklich wieder nach Hause zurckgekehrt sei; dann erst wandte
er sich und schritt zu der nicht fernen Wohnung seines Sohnes hinber.
Fritz war aber in der That noch nicht zu Hause, und jetzt wirklich
beunruhigt, ging er direct auf die Polizei. Es fiel ihm allerdings nicht
im Traum ein, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was das alte Weib
geschwatzt, denn da sein Fritz keinen Menschen -- noch dazu einen
alten, schwachen Mann -- umbringen wrde, wute er gut genug; aber er
wollte sich wenigstens die Gewiheit holen, da es eine Lge gewesen,
und dann der Schneidersfrau morgen frh schon seine Meinung sagen. Das
hatte auch noch gefehlt, da sie der Kathrine heute Abend solch einen
Schreck in die Glieder jagte!

Auf der Polizei fand er nur die gerade die Wache habenden Diener der
Gerechtigkeit, und er erschrak allerdings, als diese ihm besttigten,
da der alte Jude Salomon heute Abend mit einbrechender Dunkelheit --
eigentlich noch in der Dmmerung -- berfallen und erschlagen sei; auch
ein des Mordes verdchtiger Mann sei verhaftet worden; wie der aber
hie, konnten sie nicht sagen. Sie hatten seinen Namen nicht gehrt und
waren nicht da gewesen, als er eingebracht wurde.

Baumann verlangte jetzt ihn zu sehen; aber das ging natrlich nicht
an. Erstlich durfte berhaupt Niemand zu ihm, bis es der
Untersuchungsrichter erlaubte, und dann wre es auch jetzt zu spt
gewesen. Um zehn Uhr Nachts konnte man keinen Besuch mehr zu einem
Gefangenen lassen.

Aber wenn sie sich nur wenigstens erkundigen wollten, wie er hie und
wer er sei.

Das ginge auch nicht -- sie drften hier nicht von ihrem Posten,
um gleich bei der Hand zu sein, wenn etwas vorfiele, und der
Gefngniwrter schliefe schon lange. Der revidire seine Zellen
regelmig jeden Abend um neun Uhr und lge mit dem Schlage halb zehn
Uhr im Bett. Er solle morgen frh wieder vorkommen, dann knne er den
Namen erfahren.

Der arme Baumann ging wie in einem Traum nach Hause. Der alte Salomon
war in der Dmmerung ermordet worden, wie die Leute besttigten, und das
genau um die Zeit, in welcher Fritz bei ihm gewesen sein mute. Da
er die That nicht verbt, verstand sich von selbst -- aber welch
unglckseliger Zufall hatte hier gewirkt!

Er ging noch einmal bei Fritzens Wohnung vor; doch das Haus war jetzt
verschlossen, oben bei ihm aber auch kein Licht -- er konnte noch nicht
zurck sein -- und jetzt daheim -- welche Sorge wrde sich wieder die
Frau machen, und war das am Ende die Ahnung, die sie den ganzen Tag
geqult hatte? Jedenfalls wrde sie es sich einreden. Das verdammte alte
Weib, da die auch noch in der Nacht mit ihrer Hiobspost herberkommen
mute!

Er bekam auch in der That einen schweren Stand mit seiner Frau, denn
diese war so auer sich, da sie sich selber nur immer anklagte, als ob
sie an dem Allen schuld sei. Sie war furchtbar aufgeregt, und Baumann
dankte seinem Gott, als er sie endlich dazu brachte, zu Bett zu gehen.
Der nchste Morgen fand sie dann ruhiger und mute ihnen ja berdies
auch Gewiheit des Geschehenen bringen. Das Uebrige fand sich Alles von
selber.

Der Staatsanwalt Witte war, als er Salomon's Haus verlie, noch ein
Stck Weges mit seinen beiden Begleitern zusammen gegangen; dann bog er
ab, seiner eigenen Wohnung zu, und schritt sehr nachdenkend und in
eben nicht besonders freudiger Stimmung weiter. Es war auch in der
That Manches, was ihm durch den Kopf ging, und er berlegte sich dabei
hauptschlich, ob es wohl der Mhe verlohnt htte, da er sich mit
solchem Eifer der Sache der Frau Mller angenommen. Was ging ihn der
Major oder der Rath Frhbach an und die Familie Wendelsheim? Er nickte,
whrend er ging, immer still und nachdenkend vor sich hin; aber nicht
etwa als Besttigung eines frher gefaten Verdachtes, sondern nur
im Geist die verschiedenen bereinstimmenden Punkte der neu gemachten
Entdeckung constatirend.

So erreichte er sein Haus, wo ihn die Familie zum Thee erwartete, denn
mit der heutigen Expedition von Briefen war es zu spt geworden, und
die Schreiber hatten auch schon lange das Breau geschlossen und den
Schlssel drben bei der Frau Staatsanwalt abgeliefert.

Er legte drauen Hut und Stock ab und betrat das Zimmer; aber die
Frau Staatsanwalt konnte ihr Erstaunen ber sein sptes Kommen nicht
unterdrcken, denn es gab eigentlich kaum einen pnktlicheren Mann auf
der ganzen Welt, als ihren Gatten.

Liebes Herz, sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, ich
wre pnktlich gekommen, wenn mich nicht ein ganz auergewhnlicher Fall
abgehalten htte. Ich passirte ein Haus, in dem unmittelbar vorher ein
Raubmord verbt worden, und mute der Untersuchung mit beiwohnen.

Ein Raubmord -- bei wem? riefen beide Damen zugleich aus.

Ihr kennt die Leute nicht, Kinder; in der Judengasse beim alten
Salomon. Der Mann ist erschlagen und jedenfalls beraubt worden.

Das ist ja entsetzlich! Und hat man die Mrder gefat?

Man hat allerdings Jemanden gefat und abgefhrt, aber vor der Hand
nur auf einen Verdacht hin -- einen Bekannten von uns, den jungen Fritz
Baumann.

Den Fritz Baumann? _Das_ habe ich mir gedacht, rief die Frau
Staatsanwalt, mit der rechten Hand in ihre Linke schlagend, da der
noch einmal zu solch einem Ende kommen wrde. Das war vorauszusehen,
denn die Unverschmtheit, die der Mensch hat....

O Du groer Gott, sagte Ottilie, das wre ja schrecklich -- die armen
Eltern!

Hm, brummte der Staatsanwalt, ich hatte mir vorgenommen, bei
dem alten Baumann einzusprechen, habe es aber unterwegs schndlich
vergessen. Nun, eine unangenehme Nachricht erfhrt man nie zu spt.

Also der hat ihn todtgeschlagen? fragte die Frau weiter, die eine
grimme Genugthuung darin fhlte, den Menschen gedemthigt und bestraft
zu sehen, der es gewagt hatte, zu ihrer Tochter den Blick zu erheben.

Liebe Therese, Du urtheilst viel zu rasch, entgegnete Witte; ich habe
Dir gesagt, da er nur auf einen Verdacht hin eingezogen ist, weil er
dort betroffen wurde und Blut an den Kleidern hatte. Das Alles erklrt
sich aber vielleicht sehr natrlich, und ich persnlich glaube auch
nicht einmal an seine Schuld.

Der hat's gethan, rief die Frau Staatsanwalt pathetisch, der hat es
heilig gethan, denn nun er bei uns abgefallen ist -- und das wr' ihm
gerade ein warmes Nest gewesen, wo er sich htte hineinsetzen knnen--,
trieb ihn der Ehrgeiz, rasch ein reicher Mann zu werden, um uns zu
zeigen, was er knnte, und dazu war ihm kein Mittel zu schlecht; lehr'
_Du_ mich Menschen kennen!

Ottilie schwieg. Was die Mutter sagte, hatte eine Wahrscheinlichkeit fr
sich, aber widerstrebte doch ihren Gefhlen, es zu glauben. Sie konnte
sich nicht die Mglichkeit denken, da der immer so schchterne Mensch
ein solches Verbrechen begehen mochte; aber im Herzen war sie jetzt
doppelt froh, seine Bewerbung zurckgewiesen zu haben, und schon der
Gedanke daran ihr entsetzlich.

Hre, Therese, sagte der Staatsanwalt mit groer Ruhe, indem er sich
am Tisch niederlie und den fr ihn eingeschenkten Thee nahm, auf Deine
Menschenkenntni mchte ich doch nicht zu viel bauen. Was hltst Du zum
Beispiel vom Lieutenant von Wendelsheim?

Das ist ein durchaus braver, solider Mensch, sagte die Frau mit
Wrde, ehrlich und rechtschaffen, und wenn der einmal kme, statt des
hergelaufenen Vagabunden, und um Ottiliens Hand anhielte, mit Freuden
gbe ich meinen Segen -- ein solches Vertrauen setze ich in ihn.

Hm -- so? sagte der Staatsanwalt, seinen Thee langsam umrhrend und in
die Tasse sehend.

Aber Ottilie war aufmerksam geworden: der Vater hatte noch etwas auf
dem Herzen, das sah sie ihm an -- hing es mit Bruno von Wendelsheim
zusammen? Er lie sie inde nicht lange in Zweifel.

Der Herr Lieutenant von Wendelsheim, sagte er, war heute Abend
ebenfalls zugegen und befand sich merkwrdiger Weise, gerade whrend der
Raubmord im Hause des alten Salomon verbt wurde, oben bei den Damen.

Bei welchen Damen? sagte die Frau Staatsanwalt, hoch aufhorchend.

Nun, bei den Damen vom Hause, der Frau und Tochter des alten Juden, und
ich mu gestehen, da ich in meinem ganzen Leben kein wirklich schneres
Mdchen gesehen habe, als diese moderne Rebekka ist.

Das ist nicht wahr, sagte die Frau Staatsanwalt mit groer
Bestimmtheit und nur wieder eine von Deinen Erfindungen, um mich zu
rgern.

Wenn Du das so bestimmt weit, erwiederte Witte, so brauchen wir auch
nichts weiter darber zu reden. Bitte, Ottilie, reiche mir doch einmal
das Brot herber.

Der Staatsanwalt machte eine Kunstpause, denn er wute recht gut, da
es seine Ehehlfte jetzt nicht dabei bewenden lie; aber das so sehr
bestimmt ausgesprochene Das ist nicht wahr hatte ihn gergert, und er
wollte sie dafr wenigstens dem Zwang einer neuen Anrede unterwerfen.

Die Frau Staatsanwalt lie es aber ebenfalls an sich kommen, und da
Ottilie natrlich keine Frage in dieser delicaten Angelegenheit wagte,
so wurde eine ganze Weile nichts gehrt, als das Klappern der Messer und
Gabeln und das Klirren der Lffel in den Tassen. Endlich aber hielt es
die Frau nicht lnger aus -- ihr Mann war mit seiner Schweigsamkeit in
einer so wichtigen Angelegenheit gerade zum Verzweifeln. Mute sie denn
als Mutter nicht darum wissen?

Was hatte denn aber der Herr Baron von Wendelsheim in dem Hause des
Juden zu thun? brach sie endlich das Schweigen. Das ist doch nicht
Sache des Militrs, sondern nur der Polizei.

Ich glaube auch nicht, da er in militrischen Angelegenheiten dort
vorgesprochen ist, sagte Witte trocken.

Und was wollte er sonst da? Witte, Du bist heute in einer Laune, um
eine Heilige die Geduld verlieren zu machen!

Dann sei so gut und unterbrich mich knftig nicht, wenn ich Dir etwas
erzhle, mit Deinem kategorischen Das ist nicht wahr. Wenn ich einmal
eine Behauptung aufstelle, so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen,
da sie wahr ist, und so sage ich Dir denn noch einmal: der Lieutenant
von Wendelsheim war whrend der Katastrophe oben bei den Damen vom
Hause, bei der Frau und Tochter des alten Salomon.

Aber was, um Gottes willen, hatte er dort zu thun? War er vielleicht
aus Versehen in ein falsches Haus gekommen?

In der Judengasse? Sehr wahrscheinlich, nickte ihr Gatte. Uebrigens
kann das nicht das erste Mal gewesen sein, da er dort aus Versehen
hinaufgerathen ist, denn er wute auerordentlich gut Bescheid im Hause
und leuchtete den Leuten, die sich dort nicht zurecht zu finden wuten,
voran.

Der Baron von Wendelsheim?

Ist sehr intim in der Familie, die Versicherung kann ich Dir
geben, Therese, sagte der Staatsanwalt ernst, indem er ihr einen
bedeutungsvollen Blick zuwarf, und Deine Menschenkenntni hat Dich
dieses Mal, was etwa andere Voraussetzungen betreffen sollte, wie mir
scheint, im Stich gelassen.

Und ist die Tochter wirklich so schn? fragte Ottilie, die einen recht
wehen Stich im Herzen fhlte, obgleich sie sich die grte Mhe gab,
gleichgltig bei der Frage auszusehen.

Ich habe nicht bertrieben, versetzte der Vater. Sie war allerdings
in der Angst und Aufregung des Moments todtenbla, aber dennoch nehme
ich mein Wort nicht zurck: ich habe noch nie in meinem Leben ein so
vollkommen schnes und dabei in jeder Bewegung edles Wesen gesehen, als
jenes Mdchen.

Und das wird es auch gewesen sein, was ihn dort hingefhrt hat, sagte
die Mutter, aber doch unruhig auf ihrem Stuhl herumrckend; das hbsche
Gesicht hat ihn angelockt. Aber ein Baron kann doch wahrhaftig im Leben
nicht daran denken, ein Judenmdchen zu heirathen.

Witte warf ihr einen strengen Blick zu. Liebe Frau, sagte er mit
scharfer Betonung, sobald Du vermuthest, da er berhaupt bewogen
werden knnte, sein Ahnenschild zu vergessen, so wre das immer nur ein
Schritt weiter. Nach den Verpflichtungen aber, die er, allem Anschein
nach, in jener Familie eingegangen ist, hoffe ich, da er unser Haus
nicht mehr betreten wird. Du hast mich doch verstanden, Mutter?

Du gehst zu weit, Dietrich, sagte die Frau unruhig; man mu doch
Jemanden hren, ehe man ihn verurtheilen darf, und Dir brauch' ich das
wohl nicht einmal zu sagen.

Nein, aber in manchen Dingen gengt es auch, wenn man Jemanden sieht,
anstatt ihn zu hren, sagte der Staatsanwalt, und ich kann Dir
versichern, da ich nach dem, was ich heute Abend gesehen habe,
vollkommen befriedigt bin. Uebrigens ist das Thema kein so angenehmes,
um zu lange dabei zu verweilen; ich habe auch noch zu arbeiten. Gute
Nacht, Kinder, schlaft wohl! Ihr knnt mir wohl noch eine Flasche
frisches Wasser in meine Stube schicken.

Damit ging er zur Thr hinaus und lie, seine Frau wenigstens, in einem
unsagbaren Zustand von Bestrzung zurck, da ihr in diesem Augenblick
eine ganze Colonie von Luftschlssern und Phantasiebauten durch und ber
einander gepoltert waren.

Der Lieutenant von Wendelsheim -- _ihr_ Lieutenant, den sie sich selber,
wie sie glaubte, sorgfltig herangezogen, den sie fr ihre Tochter
ausgesucht und bestimmt, und kein erlaubtes Mittel unversucht gelassen
hatte, um ihn heranzuziehen, in der Judenfamilie! Und die Schmach und
Schande, wenn sie an die Frau Appellationsgerichtsrthin dachte, die sie
zu ihrer Vertrauten in allen Herzensangelegenheiten gemacht, und _die_
Frau konnte nicht schweigen, das wute sie aus Erfahrung!

Ottilie war aufgestanden und zum Fenster getreten; das Herz schien ihr
zum Zerspringen voll, aber sie wagte nicht, ein Wort zu uern, und an
dem Fenster klopfte sie in Gedanken eine Melodie und schlug dann leise
mit der rechten Fuspitze den Tact, erschrak aber ordentlich und hrte
auf, als ihr einfiel, da das gerade die letzte Franaise sei, die sie
mit dem Verrther getanzt hatte.

Aber war denn die Sache wirklich so schlimm? Die Frau Staatsanwalt
konnte es sich noch nicht denken, aber darber auch freilich mit der
Tochter keine Rcksprache halten. Wer wute denn, ob er nicht nur ganz
flchtig durch die Schnheit jenes Mdchens geblendet gewesen und gar
nicht daran dachte, eine ernste Neigung fr sie zu fhlen! Er hatte in
der letzten Zeit viel Geld gebraucht -- die Erbschaft wurde erst in
den nchsten Wochen ausgezahlt; der alte Salomon verlieh aber Geld auf
Zinsen, und was war natrlicher, als da er sich, um den guten Willen
des Vaters zu erwerben, ein klein wenig hatte um die Tochter bemhen
mssen. Wenn sie nur Jemanden gewut htte, der ihr darber nhere
Auskunft geben konnte!

Und der Lieutenant sollte das Haus nicht wieder betreten? Lcherlich!
Wer htte es ihm denn verbieten wollen? Sie gewi nicht -- und ihr Mann?
Ja, er gab manchmal, wenn ihn der Hausherrndnkel berlief, wie es
die Frau Staatsanwalt nannte, solche Befehle; aber ob sie jedesmal
ausgefhrt wurden, war eine andere Sache. Sie selber erinnerte sich
wenigstens zahlreicher Beispiele, wo ganz entschieden befohlene
Anordnungen in das genaue Gegentheil umgeschlagen waren. Mglich, da es
auch diesmal der Fall sein konnte.

Anders traf Ottilie die Nachricht; sie war wirklich nicht allein im
innersten Herzen, sondern auch in ihrem Stolz und Ehrgeiz verwundet, und
selbst die Rckerinnerung an Vergangenes bot ihr keinen Trost. Sie
hatte geglaubt, da Bruno sie liebe; aber sie mute sich jetzt selber
gestehen, da er ihr nie Gelegenheit geboten habe, es bestimmt zu
wissen. Er war immer freundlich und artig gegen sie gewesen -- aber nie
mehr. Er hatte ihr Schmeicheleien gesagt, ja -- aber nicht anders als
all die gewhnlichen schalen Redensarten lauten, mit denen junge Herren
nur zu hufig eine Unterhaltung fhren. Wenn sie denen aber eine andere
Auslegung gegeben, war das nicht ihre Schuld gewesen? Und sie htte
jetzt weinen, bitterlich weinen mgen, wenn sie daran dachte, da sie
nur einen Augenblick den Falschen fr werth gehalten, ihm mehr zu sein
als eine flchtige Ballbekanntschaft.

Das Thema eignete sich aber heute Abend fr beide Theile nicht zur
Unterhaltung, und wenn auch Ottilie mit ihrem Urtheil ber den Baron von
Wendelsheim viel mehr im Klaren war als ihre Mutter, die noch immer nach
verschiedenen Seiten hin einen Anhalt suchte, so fhlte sich doch weder
Mutter noch Tochter dazu aufgelegt, die Sache augenblicklich weiter zu
errtern.

Ottilie ging noch zum Flgel, phantasirte anfangs etwas schwermthig,
und ging dann wie zum Trotz in Strau'sche Walzer ber. Die Mutter
dagegen sa still brtend in einer Ecke, hrte gar nicht auf das Spiel
und fing langsam an, die eingestrzten Schlsser wieder aufzubauen.




11.

Rath Frhbach.


Am nchsten Morgen war der alte Schlossermeister schon vor Tagesanbruch
auf den Fen; er hatte keine Ruhe, und die Minuten wuchsen ihm zu
Stunden, bis er hinaus und den verlorenen Sohn aufsuchen konnte.
Mit fabelhafter Schnelle hatte sich aber indessen das Gercht ber den
Raubanfall auf den alten Salomon und den vermeintlichen Mrder in der
Stadt verbreitet, und schon als Baumann vorher noch einmal nach
seines Sohnes Wohnung ging, in der kaum gewagten Hoffnung, ihn dort
anzutreffen, begegnete er Leuten in der Strae, die ihn zu trsten
versuchten und meinten, der alte Jude habe sich gewi ungebhrlich gegen
den jungen, heibltigen Mann gezeigt und dieser ihn nur im Jhzorn
verwundet.

Er durfte nicht mehr an der Wahrheit des furchtbaren Gerchts zweifeln,
noch dazu, da er auch in dem Hause die Gewiheit bekam, da Fritz
gestern Abend nicht heimgekehrt sei und auswrts geschlafen haben msse;
dort wuten sie nmlich noch nichts von dem verbten Mord und dessen
Folgen.

Mit flchtigen Schritten eilte er jetzt zum Polizeigebude, wo die
in Untersuchungshaft befindlichen Verbrecher saen. Er hrte hier
allerdings die Besttigung, da Friedrich Baumann, Mechanikus aus
Alburg, gestern Abend gefnglich eingebracht sei, wurde aber ganz kurz
und bndig abgewiesen, als er nur die Bitte aussprach, den Sohn zu sehen
und zu sprechen. Darber hatte der Untersuchungsrichter zu bestimmen,
der keinesfalls vor zehn Uhr kam; aber selbst dann, wie der
Gefngniwrter meinte, solle er sich keine Hoffnung machen, eine
derartige Erlaubni zu bekommen, bis nicht wenigstens der Angeklagte
bekannt htte. Nachher, jawohl, wrde es keine weiteren Schwierigkeiten
haben, und er mge sich dann wieder melden.

Der Schlossermeister lief jetzt in seiner Verzweiflung zu des alten
Salomon Haus, um dort vielleicht etwas Nheres zu erfahren; aber auch
dort wurde er nicht einmal eingelassen, denn die Thr war mit Polizei
besetzt, da gerade eine besonders dazu gewhlte Commission den gestern
versiegelten Laden untersuchte, um vielleicht noch weitere Spuren
aufzufinden. Ja, als er selbst seinen Namen nannte und sagte, er sei der
Vater des jungen Mannes, gegen den ein so furchtbarer Verdacht vorliege,
meinte der eine Polizeidiener, dann solle er nur ein klein wenig Geduld
haben, denn in dem Falle knne er sich fest darauf verlassen, da er
schon selber vorgeladen wrde, um ber das frhere Leben des Verhafteten
Aufklrung zu geben.

Ein letzter Versuch, den er machte, war beim Staatsanwalt Witte, denn er
hatte zufllig gehrt, da dieser gestern Abend mit in der Wohnung des
Ermordeten gewesen sei; aber er traf ihn nicht mehr zu Hause, er war
selber frh aus- und seinen Geschften nachgegangen.

Ganz gebrochen kehrte der alte Mann in seine eigene Heimath zurck,
und wenig genug Trost fand er dort. Seine Frau fiel ihm, als er nur
die Werksttte betrat, um den Hals und schluchzte laut; die kleine Else
weinte, weil sie die Mutter weinen sah, und Karl, sein zweiter Sohn,
stand verdrossen bei der Arbeit. Drei, vier verschiedene Leute
waren aber auch schon wieder dagewesen und hatten alle von der
Schreckensgeschichte gesprochen und Nheres darber natrlich in
Baumann's eigenem Haus erfahren wollen, und wie das die Mutter aufregen
mute, lie sich denken.

So verging der ganze Tag und die Nacht und der nchste Tag. Der
Gefangene hatte indessen zwei Verhre zu bestehen, war aber auf das
bestimmteste bei seiner ersten Aussage, von welcher er durch keine
Kreuzfragen abgebracht werden konnte, geblieben. Dann wurde auch sein
Vater vorgefordert, aber nicht mit dem Sohn confrontirt. Man wollte nur
hren, ob, was er ber des jungen Mannes Weg zum alten Salomon aussagte,
mit dem bereinstimme, was der Gefangene angegeben, und das war
allerdings genau der Fall. Zeit wie Angabe trafen mit der Aussage
berein, und da mehrere Bewohner der Judengasse erklrten, ihn in der
Dmmerung gesehen zu haben, wie er mehr gelaufen als gegangen sei und
etwas unter dem Arm getragen habe, sprach eben so wenig gegen ihn, denn
er leugnete das gar nicht ab und erklrte es einfach dadurch, da
er gefrchtet habe, den Laden des alten Mannes schon verschlossen zu
finden.

Auch das Alarmiren der Hausbewohner durch Anklopfen und Hlferufen
konnte auf keinen Andern zurckgefhrt werden, als auf ihn selber, und
hatte er das wirklich gethan, so war es natrlich nicht wahrscheinlich,
da er nach eben verbtem Verbrechen selber Lrm machen und die
Verfolger auf seine Fhrte hetzen wrde.

Nichtsdestoweniger zgerte man noch immer, ihn zu entlassen, denn die
Polizei gesteht nur sehr ungern und im uersten Nothfall zu, da
sie einen Migriff gemacht. Irgend Jemanden muten sie ja doch auch
einstecken, und er war der einzig Verdchtige, den sie finden konnten.
Jedenfalls beschlo der die Untersuchung fhrende Assessor, den
Angeklagten so lange in Haft zu halten, bis sich Salomon wieder so weit
erholt habe, um selber eine Aussage zu machen -- mglich ja doch, da er
den kannte, der ihn angegriffen, und der alte Mann schien sich wirklich
zu erholen, wenn man auch in der Stadt nichts davon erfuhr.

Witte's Rath war nmlich streng befolgt und das Gercht absichtlich
verbreitet und unterhalten worden, der Ueberfallene, der allerdings
noch immer in Lebensgefahr schwebte und selbst noch in den ersten
vierundzwanzig Stunden ohne Besinnung blieb, sei seinen Wunden erlegen.
In seiner eigenen Wohnung aber wurde er indessen mit der grten Liebe
und Sorgfalt gepflegt; Rebekka besonders wich Tag und Nacht nicht von
seinem Lager.

Die Polizei hielt allerdings die strengsten und sorgfltigsten
Nachforschungen nach allen Richtungen hin, um nur irgendwo eine andere
Spur zu finden, der sie folgen knne -- freilich ohne das geringste
Resultat. Wenn der Gefangene die That wirklich nicht vollbracht hatte --
und der Untersuchungsrichter zweifelte jetzt selber daran--, so schien
sich der wirkliche Thter dem strafenden Arm der Gerechtigkeit so
schlau entzogen zu haben, da sein Auffinden von Tag zu Tag schwerer und
unwahrscheinlicher wurde; denn wie rasch konnte er bei der Leichtigkeit
der Verbindungen Stadt und Land verlassen, und hatte das
mglicher Weise auch vielleicht schon lange gethan. Was half es, da
fortwhrend zwei Polizeibeamte am Bahnhofe stationirt blieben und alle
Reisenden scharf musterten -- jeden ausgehenden Koffer konnte man doch
nicht visitiren und am Gesichte auch nicht so leicht einem Menschen
ansehen, ob er ein Verbrechen begangen habe oder nicht -- es liefen
sonst nicht so viele Missethter frei umher!

Auch Rath Frhbach entwickelte in dieser Zeit eine ganz besondere, wenn
auch negative Art von Thtigkeit. Er lief nmlich von Morgens frh
bis Abends spt auf der Strae herum und hielt Unglckliche, denen er
begegnete, von ihren Geschften ab, indem er ihnen Criminalgeschichten
aus Schwerin erzhlte, die mit der jetzigen in sofern Aehnlichkeit
hatten, als sie smmtlich ohne Resultat blieben. Leider aber kam er
nur selten ber die Einleitung hinaus, denn er war schon in der Stadt
bekannt geworden, und wer irgend konnte, wich ihm aus. Ja, unter den
Hnden brachen sie ihm manchmal aus und lieen ihn mitten in einer
Erzhlung stehen, deren Pointe er gewhnlich selbst nicht wute, und
deren Anfang er vergessen hatte.

Dadurch wurde seine Laune aber nicht gebessert; er fing an, die Menschen
in seinem Herzen des Undanks zu beschuldigen und sich hnlicher Flle
aus Schwerin zu erinnern, und war froh, als es endlich Mittag wurde,
da er nun doch nach Hause gehen, essen und sich darauf wie gewhnlich
schlafen legen konnte. Er versumte auch nichts, wenn er schlief, und
andere Menschen gewannen Zeit, also war es ein doppelter Vortheil, den
er erzielte. Leider sollte er aber selbst in seiner Behausung heute
keine Ruhe finden.

Mnni, sagte die Frau Rthin, als er in's Zimmer trat und sich, wie
immer in Transspiration, die Stirn abwischte, der Schneider war wieder
da, um das Zeug abzuholen, wovon Du Dir die neuen Beinkleider machen
lassen wolltest -- ich habe es aber nicht finden knnen; gieb es doch
heraus.

Das Zeug? sagte der Rath, indem er verwundert mitten in der Stube
stehen blieb. Aber, mein liebes Herz, das habe ich Dir ja schon
vorgestern Morgen drauen in den Vorsaal gelegt und Dich dringend
gebeten, es augenblicklich fortzuschaffen, da ich so abgerissen bin, da
ich mich kaum noch auf der Strae sehen lassen kann! Die Leute weichen
mir berall aus.

Ja, ich erinnere mich wohl, Mnni, sagte seine Frau zrtlich, da
Du mir das gesagt hast; aber wie Du fort warst, konnt' ich es nirgends
finden, und nachher kam die schreckliche Geschichte mit dem alten
Salomon dazwischen, und ich habe gar nicht wieder daran gedacht.

Dann liegt es am Ende jetzt noch drauen?

Nein, gewi nicht; die Henriette und ich sind berall herumgekrochen,
aber es ist nirgends zu finden. Du hast es gewi wieder in Gedanken
eingeschlossen, Mnni -- Du bist manchmal so zerstreut.

Ja, lieber Schatz, sagte der Rath, der sich doch nicht ganz sicher
fhlte, mglich wre es allerdings, denn ich habe jetzt so viel zu
denken, da ich oft selber nicht wei, wo mir der Kopf steht. Die
Leute hier in Alburg sind furchtbar weit in der Cultur zurck; es ist
merkwrdig, sie wissen sich gar nicht zu helfen, und alle Augenblicke
werde ich bald von der, bald von jener Seite um Rath gefragt.

So sieh' nur einmal nach, Mnni, und nachher kann es die Henriette
gleich hinbertragen, da er es schnell macht.

Ja wohl, mein Tubchen, erwiederte Frhbach, indem er den Schlssel
aus einer seiner Taschen herausarbeitete und erst die oberste, dann die
zweite und dritte und vierte Schublade aufschlo, um das gesuchte Stck
Zeug zu finden -- aber es war nicht da. Er war niedergekniet und hatte
jetzt einige Mhe, sich wieder aufzurichten, schttelte aber dabei
ununterbrochen mit dem Kopf und ging, aber mit nicht besserem Erfolg, an
seinen Kleiderschrank, an den Schreibtisch, an eine andere Commode,
kurz berallhin, wo sich ein solches Stck Tuch mglicher Weise htte
aufbewahren lassen -- aber immer umsonst.

Die Henriette meldete, da das Essen aufgetragen wre und kalt und
der unvermeidliche Aepfelwein warm wrde -- umsonst. Der Rath Frhbach
suchte an den unmglichsten Pltzen, die man gar nicht einmal alle
nennen kann, nach seinem Stck Hosenzeug und kam zuletzt, aber auch erst
ganz zuletzt, zu der Schlufolgerung, da es entweder verschwunden oder
gestohlen sein msse.

Mit der Ueberzeugung setzte er sich zu Tisch, und da ihm dabei
kein Bissen und kein Trunk schmeckte, lt sich denken. Auch von dem
Nachmittagsschlaf sah er ab, denn das Hosenzeug, gro carrirt, mit
rothen, blauen und grnen Streifen, hatte drei Thaler zwanzig
Groschen gekostet und war nicht so leicht aufzugeben. Jedenfalls mute
augenblicklich die Anzeige auf der Polizei gemacht werden, um dem Dieb
wo mglich auf die Spur zu kommen.

Bei Tisch stellte der Rath aber noch eine genaue Untersuchung an, um
zu erfahren, wer in den letzten Tagen bei ihnen gewesen wre, und ob
vielleicht auf eine oder die andere Person ein Verdacht fallen konnte --
aber, Du lieber Gott, wie war es mglich, sich noch auf all' die Leute
zu erinnern, die in solch einer Wirthschaft ein und aus gingen!
Der Schneider war dagewesen und der Schuster, Leute, die Rechnungen
brachten, der Brieftrger, Bettler, die noch nicht wuten, da in der
ersten Etage nichts gegeben wurde, die Chorknaben, die Apfelsinen- und
Bcklingsfrau und eine wahre Unzahl von Obst- und Gemseweibern -- es
wre ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, zwischen denen nach einer
Spur zu suchen. Aber das war auch, wie er mit Bestimmtheit erklrte, gar
nicht seine Sache, sondern die der Polizei, und ihm blieb deshalb nichts
brig, als eben nur die einfache Anzeige zu machen. Sein Hosenzeug mute
ihm die Sicherheitsbehrde wiederschaffen, denn dafr zahlte er sein
Schutzgeld und seine Steuern.

Frhbach war wirklich in einer verzweifelten Stimmung; noch whrend des
Essens tanzten ihm fortwhrend die roth-blauen und grnen Carrs seines
Hosenstoffes vor den Augen umher, und er konnte die Zeit kaum erwarten,
wo er dem Actuar oben auf der Polizei erzhlen durfte, da er sich auf
einen ganz hnlichen Fall in Schwerin besinne, wo ihm ebenfalls noch
ganz neues Leder zu einem Paar Stiefel, das er sich besonders zu diesem
Zweck aus Ruland hatte kommen lassen, gestohlen worden sei. Er machte
denn auch augenblicklich die Anzeige, und es wurden vier oder fnf
Menschen, die nichts davon wuten, darber vernommen. Nachher war er
abgereist, aber sein Stiefelleder sollte er noch heute wiederbekommen.

Das Alles schadete aber nichts, die Anzeige mute gemacht werden, das
war er sich und seinen Mitmenschen schuldig. Die Unsicherheit in der
Stadt nahm ja auch wirklich einen so bedenklichen Charakter an, da man
seines eigenen Lebens nicht mehr sicher war: Einbruch mit Todtschlag,
Raub, Diebstahl in der eigenen, durch eine Vorsaalthr verschlossenen
und mit einer Klingel versehenen Wohnung -- das streifte schon an die
Grenze des Unerhrten, und er nahm sich deshalb auch wirklich kaum
Zeit, nach dem Essen eine Tasse Kaffee zu trinken, als er schon wieder
seufzend zu Hut und Stock griff und hinaus auf die Strae eilte.

Da Einen auch die Menschen nicht in Ruhe lieen! Legte er wohl je
irgend Jemandem etwas in den Weg? War er nicht freundlich und gutmthig
mit Allen, ja, opferte er ihnen nicht oft aus reiner Geflligkeit seine
Zeit? Und das war sein Dank -- Hosenzeug stehlen, was er noch nicht
einmal bezahlt hatte!

In der Entrstung dieses Bewutseins beschleunigte er seine Schritte
und schlug den geraden Weg nach dem Polizeigebude ein, als er pltzlich
einen kleinen, etwas corpulenten Mann vor sich hergehen sah, der -- er
nahm schnell die Brille ab und wischte sie aus, denn er glaubte, da er
sich geirrt haben msse; das Muster des Hosenzeuges war ihm die ganze
Zeit so vor den Augen herumgeschwebt, da er es jetzt wahrscheinlich an
allen ihm begegnenden Menschen entdeckte -- aber nein, beim Himmel! der
Mann da vor ihm trug, so wahr er lebte, _seine_ Hosen, und Glck oder
Zufall -- es war ihm jetzt ganz gleichgltig -- hatten ihn auf die
rechte Spur gefhrt, oder ihm vielmehr den Uebelthter gleich in die
Hnde geliefert.

Einige Schwierigkeiten hatte es allerdings noch, bis er den Ruber
seines Eigenthums einholen konnte, denn er schritt genau so rasch aus,
wie er selber -- sollte er ihn vielleicht schon erkannt haben und jetzt
absichtlich ihm aus dem Wege zu schlpfen suchen? Aber das gelang ihm
nicht: Frhbach war entschlossen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren;
und wenn er noch mehr schwitzte, als er jetzt schon that, der kam ihm
nicht mehr aus.

So waren sie etwa zwei Straen in einem gelinden Sturmschritt
hinabgelaufen, Frhbach immer etwa zwanzig Schritt hinter seiner Beute,
ohne im Stand zu sein, etwas an ihm zu gewinnen, als der vor ihm
Gehende pltzlich vor einem Schuhladen stehen blieb und das ausgestellte
Schuhwerk im Fenster betrachtete. In wenigen Secunden war der Rath
an seiner Seite und erkannte jetzt ebenfalls zu seinem unbegrenzten
Erstaunen in dem Trger seiner Hosen, wie er meinte, den Schuhmacher
Heberger, der auch fr ihn arbeitete und gerade in der letzten Zeit
fter in seinem Hause gewesen war.

Hallo, Meister, sagte der Rath, wirklich auf's uerste berrascht,
indem er neben ihm stehen blieb und ihn betrachtete, als ob er eben aus
dem Mond heruntergestiegen wre, wo kommen Sie denn her?

Ich? -- Ach, schnsten guten Morgen, Herr Geheimer Rath! Htte Sie
beinah' nicht erkannt! Herr Du meine Gte, schwitzen Sie -- tragen aber
auch noch so einen dicken, warmen Sirtut bis obenhin zugeknpft -- wo
ich herkomme? Von zu Haus. Ich bin ja nicht verreist gewesen. Hatte ja
noch gestern die Ehre, Frau Geheime Rthin ein Paar Negluschehschuhe zu
bringen -- passen doch hoffentlich, wenn ich fragen darf?

Der Rath wute nicht gleich, wie er die Sache anfangen solle, um den
nichtswrdigen Schuhmacher zu einem Gestndni zu bringen. Er hatte
allerdings im ersten Moment Lust, es ihm auf den Kopf zuzusagen; aber
die bittere Erfahrung, die er damit in Vollmers gemacht, schien ihn doch
ein wenig eingeschchtert zu haben. Er getraute sich nicht damit heraus
und begann nun hintenherum die Sache auf eine schlaue Weise anzufangen,
was allerdings seine schwache Seite war.

Ja wohl, Herr Heberger, sagte er deshalb vor der Hand auf die Frage,
die er nicht einmal recht verstanden hatte, von Herzen gern -- aber
-- wenn Sie mir erlauben -- Sie tragen da ein Paar famose Beinkleider,
prchtiges Muster -- so ein Paar habe ich mir eigentlich lngst
gewnscht. Sind die hier gekauft?

Sehr schmeichelbar, Herr Geheimer Rath, wenn sie Ihnen gefallen,
sagte Heberger mit selbstgeflliger Miene -- eigener Guh -- selber
ausgesucht. Wissen Sie, Unsereiner, der nur fr die Mode arbeitet, mu
doch auch ein bischen =pass= darin bleiben.

Ja wohl, Herr Heberger, gewi, sagte Frhbach, der aber geglaubt
hatte, den Schuhmacher durch diese Frage in Verlegenheit zu bringen, und
sich darin vollkommen getuscht sah. Heberger war unbefangen wie
ein neugeborenes Kind, der Rath aber nicht der Mann, sich so leicht
abschtteln zu lassen, und er inquirirte deshalb unverdrossen weiter,
wenn auch wieder auf einem Umweg.

Mchte mir wohl auch so ein Paar Hosen kaufen -- ganz famoser Stoff --
erlauben Sie, wohl Wolle, wie?

Halb und halb, denk' ich, sagte Heberger, durch das seinem
Kleidungsstck gespendete Lob ordentlich geschmeichelt -- etwas
Baumwolle mank. Eigentlich trage ich nicht so theure Kleider, aber man
kann doch nicht gut wie Preti und Kleti herumlaufen.

Und wo haben Sie dieselben gekauft, wenn ich fragen darf? sagte
Frhbach, denn er merkte wohl, da er auf Umwegen nicht in einer Stunde
zum Ziel gekommen wre.

Das Zeug? Hier gleich um die Ecke, Herr Geheimer Rath, beim Kaufmann
Magnus -- hat immer die besten Stoffe, und ich kaufe Alles dort, was ich
fr Damenschuhe brauche.

Das war wieder ein Strich durch Frhbach's Rechnung, denn er hatte
erwartet, da Heberger jetzt einen ganz entfernten Ort, vielleicht
sogar eine andere Stadt als Kaufplatz angeben wrde, wonach er dann
sicher gewesen wre, seinen einmal gefaten Verdacht besttigt zu
finden. Statt dessen gab er einen Ort an, der kaum fnfzig Schritt von
ihnen entfernt lag, eine Entdeckung irgend eines Betrugs also in
wenigen Minuten herbeigefhrt werden konnte. Aber selbst das hielt den
auerordentlich zhen Rath nicht ab, der Sache weiter nachzuforschen.
Hren Sie, lieber Herr Heberger, sagte er, htten Sie vielleicht
einen Augenblick Zeit, mit in den Laden zu gehen, nur damit ich den
Leuten dort das Muster zeigen kann? Ich werde Sie nicht lange aufhalten,
ich mchte mir nur gern ein ebensolches Paar bestellen.

Der Rath erwartete jetzt selbstverstndlich, da der Schuhmacher irgend
eine Ausflucht suchen wrde, um diesem Dilemma zu entgehen. Er konnte ja
Geschfte oder sonst etwas Derartiges vorschtzen. Aber Gott bewahre --
nichts dem Aehnliches geschah, sondern der kleine hfliche Mann sagte in
der unbefangensten Weise:

Mit dem grten Plesirvergngen, Herr Geheimer Rath, wenn Sie sich nur
geflligst hier mit herbemhen wollen. Sehen Sie, dort drben knnen Sie
schon das Schild von Magnussen absolviren -- werden gleich dort sein --
kann Ihnen auch das Geschft wirklich ehcommodiren, sehr curlante Leute.
Gleich da drben ist noch ein Laden von Peters und Emmermann, kaufe
da aber nie etwas; der Peters ist ein Mowh Schusseh, hat immer
die schlechtesten Waaren und die hchsten Preise und dabei ein ganz
constipirter Mensch, ein ordentlicher Fantist, der glaubt, man knne nur
bei ihm kaufen. Sehen Sie, da sind wir schon -- bitte, seien Sie so frei
und treten Sie nher -- sollen gleich bedient werden.

Rath Frhbach war ganz wie ausgewechselt. Sonst, wenn er mit Jemandem
ging, fhrte er immer allein das Wort; heute sprach er fast keine Silbe,
und Heberger mute _ihn_ unterhalten. Etwas Aehnliches war noch gar
nicht dagewesen. Das hatte freilich auch seinen Grund: frher zeigte
die Magnetnadel seines Geistes und Erinnerungsvermgens nur immer
ununterbrochen nach Schwerin, und er steuerte dabei unbesorgt
seinen Cours; jetzt aber hatten sich die grocarrirten Hosen
dazwischengeworfen, sein Pol war ihm fr einen Moment vollkommen
entschwunden; denn etwas Aehnliches hatte selbst er noch nicht erlebt,
und seine Nadel zeigte keinen Cours mehr.

Heberger dagegen benahm sich so unbefangen als mglich. Der Herr
Geheime Rath, sagte er, wnschen gern von dem Zeug zu ein Paar
Bandellongs zu haben, wo ich vorige Woche von gekauft habe -- bitte,
dieses Muster -- sehr geschmackvoller Stoff, so hammonische Farben.
Bitte, Herr Geheimer Rath, werden gleich bekommen.

Dem Rath Frhbach war es nicht ganz recht, fr sich in einem Laden,
wo er noch dazu Geheimer Rath genannt wurde, ein Paar Beinkleider nach
demselben Muster auszusuchen, wie es der Schuhmacher Heberger trug, und
was auch frher sein Geschmack gewesen sein mochte, er verleugnete ihn
jetzt und whlte, da ihm verschiedene Stcke vorgelegt wurden, etwas
Anderes. Er gab auch die Ordre, den Stoff, den er gleich bezahlte, in
sein Haus zu schicken, lie sich aber doch eine Probe von dem geben, was
Heberger anhatte, und steckte sie in die Tasche. -- Er war noch nicht
recht mit sich im Klaren, was er thun solle. Heberger wich ihm auch
dabei nicht von der Seite, und da sich Frhbach nicht einmal von
Schwerin her eines Beispiels erinnerte, da _er_ von einem Menschen
loszukommen gesucht htte, so war er dadurch vollkommen aus seinem
Fahrwasser gebracht, ja ertrug die Begleitung des kleinen geschwtzigen
Burschen noch wenigstens drei oder vier Straen lang, wo dann Heberger
selber glcklicher Weise Geschfte hatte und in eine Nebengasse
einbiegen mute.

Der Rath blieb mitten in der Strae stehen und sah ihm nach. Dort ging
der Bursche mit seinen Hosen so unverschmt wie mglich hin, und er
hatte sich ein Paar andere kaufen mssen. Und waren es auch wirklich
seine? In dem Laden benahm er sich genau so, als ob er sie dort gekauft
htte, und die Leute da drinnen widersprachen ihm auch nicht. Frhbach
war ganz irre geworden, und doch htte er darauf schwren mgen, da der
kleine verschmitzte Schuster, der sich gerade in der letzten Zeit hufig
bei ihm zu thun gemacht, das Zeug aus seinem Vorsaal mitgenommen.

Jedenfalls beschlo er auf die Polizei zu gehen und die Anzeige zu
machen; das war berhaupt seine Pflicht, denn wenn die Polizei gar nicht
erfuhr, da gestohlen wurde, so konnte sie auch nicht nachforschen, und
htte dann -- ein undenklicher Zustand -- nichts zu thun gehabt. Mit dem
Entschlusse bog er deshalb direct in die nchste Strae ein, um seinen
Vorsatz augenblicklich zur Ausfhrung zu bringen.




12.

Die Nachbarin.


Dies war der dritte Tag nach dem Ueberfall, und auf dem Judenkirchhof
hatte der Todtengrber, obgleich ihm merkwrdiger Weise kein Auftrag
dafr geworden, schon ein Grab fr den alten Salomon ausgeworfen; denn
selbst in der Judengasse wute man nicht anders, als da er dort drben
in seiner Stube, wo auch die Fenster den ganzen Tag ber geffnet
standen, ausgestreckt als Leiche auf dem Bett liege.

Am ersten Tage waren einige seiner nchsten Bekannten hinauf gelassen
worden, um ihn noch einmal zu sehen, und damals lag er auch in der That
wie ein Todter da und rhrte und regte sich nicht, und die Leute waren
an der Thr, ihre Gebete murmelnd, stehen geblieben. Spter aber lie
man Niemanden mehr ein; es hie, die alte Frau sei selber so krank
geworden und bedrfe der Ruhe, und etwas Natrlicheres gab es ja nicht.
Da sie es berhaupt so lange ertragen, war ein Wunder. Der Arzt ging
denn auch noch hufig aus und ein, und wenn er herauskam, fragten
ihn die Leute nur immer, wie es der alten Frau ginge -- nach Salomon
erkundigte sich Niemand mehr.

Uebrigens schien die Vorsichtsmaregel mit seinem fingirten Tode ganz
unnthiger Weise gebraucht zu sein, da Tag nach Tag verstrich, ohne da
die Polizei auch nur irgendwo den geringsten Anhaltspunkt fr die That
gefunden htte, und selbst Salomon, als er wieder zur Besinnung kam,
konnte ihr keine weitere Auskunft geben.

Am zweiten Tag schon schlug er die Augen auf und erkannte seine Frau und
Tochter, und der stille Jubel im Hause lt sich denken, als ihnen der
Arzt erklrte, er hoffe ihn jetzt, wenn nicht etwas ganz Besonderes
vorfiele, durchzubringen. Aber in den ersten Stunden durfte man ihn
natrlich nicht mit Fragen qulen, ja selbst die Erinnerung an das
Erlebte mute, so viel als irgend mglich, ferngehalten werden. Der
Actuar war allerdings noch an dem Abend da und wnschte ihn zu
sprechen; aber der Doctor lie ihn nicht hinein. Morgen vielleicht oder
bermorgen, wenn er eine recht ruhige Nacht gehabt, mchte er wieder
vorfragen, aber bis dahin nicht.

Diese Vorsicht erwies sich als ganz vortrefflich, denn der berhaupt
zhe Krper des alten Mannes krftigte sich durch die notwendige Ruhe
so rasch, da er schon am andern Morgen wieder in seinem Bett aufsa und
jetzt selber von dem Ueberfall jenes Abends zu sprechen begann.

Rebekka selbst schrieb jetzt ein paar Zeilen an den Actuar, der ihnen
schon zu dem Zweck seine Adresse dagelassen hatte, und dieser kam
ungesumt, um einen so gnstigen Zeitpunkt nicht zu verpassen. Aber
wenig genug war es, was ihm Salomon ber die Person des Rubers sagen
konnte, denn so genau er ihn im Gesicht kannte und erklrte, ihn unter
Tausenden herausfinden zu wollen, so wute er doch seinen Namen
nicht und konnte auch nicht sagen, ob er in Alburg selber oder in der
Nachbarschaft wohne. Drei- oder viermal war er allerdings schon bei ihm
gewesen; das erste Mal, um ihm eine Partie silberner Lffel zum
Kauf anzubieten, den er aber verweigert habe, weil er die Sachen fr
gestohlen hielt und keine Unannehmlichkeiten haben wollte. Das zweite
Mal war er unter dem Vorwand gekommen, selber ein silbernes Besteck
zu kaufen, und hatte sich dann verschiedene Sachen zeigen lassen --
natrlich nur in der Absicht, wie sich jetzt herausstellte, um die
Gelegenheit auszukundschaften. Er kaufte auch damals nichts, versprach
aber wiederzukommen, und erhandelte das dritte Mal wirklich einen
silbernen Serviettenring, wofr er eine Zehnthaler-Note auf den Tisch
legte. Das war an jenem Abend, kurz vor der Dmmerung. Wie aber Salomon
leichtsinniger Weise an seinen Geldschrank ging und ihn ffnete, um die
Note zu wechseln, sprang der Fremde pltzlich mit einem Satz ber den
Ladentisch und hatte ihn an der Gurgel. Er wollte schreien, aber er
konnte nicht, der Schreck und die eiserne Faust des Rubers verhinderten
ihn daran, und ehe er im Stande war, sich dem Griff zu entwinden, fhlte
er einen schweren, dumpfen Schlag auf seinem Kopf, und was dann weiter
mit ihm geschehen, vermochte er nicht mehr anzugeben.

Und wie sah der Mann aus?

Ja, genau konnte er das auch nicht sagen; er war die drei verschiedenen
Male -- wenigstens die beiden letzten, denn das erste Mal erinnerte er
sich nicht mehr deutlich -- nur in der Dmmerung zu ihm gekommen. Es
sollte eine nicht groe, aber ziemlich krftige Gestalt sein, mit einem
breiten Gesicht und kleinen verschmitzten Augen. Er trug -- ja genau
konnte er das auch nicht angeben--, er glaubte, einen grauen oder
schwarzen kurzen Rock; er wute nicht einmal, ob er einen Hut oder eine
Mtze aufgehabt, denn er versicherte, da er ihm immer htte in die
kleinen tckischen Augen sehen mssen.

Und sonst war er ihm nie hier in der Stadt begegnet?

Lieber Himmel, der alte Mann kam ja fast nicht vor seine Thr! Seit nun
zehn Jahren, wo er nach Alburg gezogen war und das Haus da kaufte, war
er kaum irgendwo anders hin, als zur bestimmten Zeit auf die Brse und
vielleicht einmal mit seiner Familie an einem schnen Tag hinaus in den
Wald gekommen. Wirthshuser besuchte er gar nicht. Geschftswege hatte
er ebenfalls nicht; wer Geschfte mit ihm machen wollte, kam zu ihm, und
bis dahin erinnerte er sich nicht, den Menschen je gesehen zu haben.

Und war der junge Baumann jemals mit dem Menschen zusammen bei ihm
gewesen?

Der junge Baumann -- der Mechanikus? Nie.

Und er glaubte also nicht, da jener Baumann bei dem Ueberfall
betheiligt gewesen?

Der junge Baumann? Gott der Gerechte, rief der alte Mann aus, wrd'
ich ihm anvertrauen meinen ganzen Laden mit Schlssel und Schrnken, als
ich hab' die Beweise, da er ist ein ehrlicher, braver Mensch, der junge
Baumann!

Der Actuar erzhlte dem Alten jetzt, da man gerade diesen in Verdacht
gehabt habe, der Mrder zu sein, da er im Hofe unmittelbar nach der That
und mit Blut bedeckt angetroffen worden sei; aber Salomon gerieth fast
auer sich, als er hrte, da man ihn noch auf den Verdacht hin gefangen
halte.

Der junge Baumann, rief er, wr' er dabeigewesen, der bse Mensch
htte nie wagen drfen, Hand an einen alten Mann zu legen! Er kam immer
allein, und wenn ich es htte fr mglich gehalten, da etwas Derartiges
knnte passiren mitten in einer groen Stadt und wo die Straen sind
noch belebt und die Huser offen, ich wrde gewesen sein vorsichtiger
-- aber der junge Baumann -- Gott soll behten -- wegen meiner im
Gefngni! Lassen Sie den Mann los, Herr Actuar, denn wer wei, wenn er
nicht wr' dazugekommen und den Ruber verjagt htte, ob ich noch lebte
und erzhlen knnte!

Das war nun Alles schon recht, aber dem Actuar nicht im mindesten damit
gedient, denn wenn er den Baumann loslie, hatte er keinen Andern dafr
und mute zugleich dabei eingestehen, da er sich geirrt. Und war der
alte Mann berdies auch wirklich ein gengender Zeuge, um den Gefangenen
von jeder Schuld loszusprechen? War es berhaupt denkbar, da irgend
Jemand allein einen solchen Ueberfall unternommen htte, wo er jeden
Augenblick von auen gestrt werden konnte und jeden Weg zur Flucht
dann abgeschnitten sah? Zwei Gehlfen wenigstens durfte man bei einer
solchen, jedenfalls vorher reiflich berlegten That annehmen, und
whrend der eine den Ueberfall ausfhrte, stand der andere natrlich
indessen Wache und half nur vielleicht im entscheidenden Augenblick. Da
Salomon dann den Zweiten, der anfangs vor der Thr stand, nicht gesehen
hatte, lie sich leicht erklren. Unter jeder Bedingung mute aber der
Versuch gemacht werden, den Gehlfen zu einem Gestndni zu bringen
und dadurch den wirklichen Mrder herauszubekommen. So leicht lie die
Polizei Niemanden wieder frei.

Morgens um zehn Uhr, an dem nmlichen Tag, wurde der Schlossermeister
noch einmal vorgeladen. Man hatte vergessen, ihm das Tuch zu zeigen,
welches im Laden gefunden worden; er sollte besttigen, da es seinem
Sohn gehre, und sagen, ob er es schon in seiner Werksttte, als er
an dem Abend von ihm fortging, ber die kleine Maschine, die sich
allerdings im Laden gefunden, gedeckt htte.

Schlossermeister Baumann mute auerdem, ehe er vorkam, eine volle
Stunde drauen auf der Galerie warten und konnte nachher auch nichts
Bestimmtes aussagen. Seiner schlichten Meinung nach blieb sich ja das
auch vollkommen gleich, ob das Tuch in der Werksttte oder auf der
Strae bergedeckt gewesen wre; er begriff sogar nicht, wie man ihn nur
einer solchen Bagatelle wegen wieder vorfordern und noch dazu so
lange warten lassen konnte. Aber auf den Gerichten hat das Alles seine
bestimmte Zeit, und die jungen Actuare, whrend sie selber nur fr die
gesetzlichen Stunden an das Breau gebannt sind, verfgen gewhnlich auf
das willkrlichste ber ihre vorgeladenen Zeugen. Drfen sich diese doch
nicht einmal darber beschweren, ohne sich gleich einer Miachtung des
ganzen Instituts schuldig zu machen.

Auf das dringendste erneuerte er aber dabei seine Bitte, den gefangenen
Sohn sprechen zu drfen -- es ging nicht an; der Gefangene hatte noch
nichts gestanden, und es war da sehr leicht mglich, da er von auen
her Warnungen oder Nachrichten bekam, die auf den Lauf der Untersuchung
strend htten einwirken knnen. Die Gefhle eines Vaters durften dabei
nicht in Betracht kommen.

Indessen wurde in ganz Alburg fast von nichts als dem Raubmord und
hauptschlich von dem Raubmrder Fritz Baumann gesprochen, denn als
solcher galt er den Leuten, wie sich das von selbst versteht. Den alten
Salomon persnlich kannten auch fast nur solche, die ihn in seiner
eigenen Wohnung aufgesucht, denn in der eigentlichen Stadt lie er sich
nie blicken. Alles, was man von ihm wute, war, da er ein sehr reicher
Jude sei, der aus Geiz ganz entsetzlich rmlich lebe -- zu welchem
Gercht vielleicht das unscheinbare Aeuere seines Hauses den Grund
gegeben -- und mehr aus Liebhaberei, als irgend eines besondern
Vortheiles wegen den Antiquitten-Laden gehalten und fortgefhrt habe.
Der war jetzt todt, und man interessirte sich nicht mehr viel fr
ihn, desto mehr aber fr den jungen Baumann; denn die Frau
Appellationsgerichtsrthin, der es die Frau Staatsanwalt, natrlich
unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, anvertraut, da der
junge Baumann gerade die Frechheit gehabt habe, um die Hand ihrer
Ottilie anzuhalten, schien sich verpflichtet gefhlt zu haben, der Frau
Prsident Beckhaus die wichtige Nachricht mitzutheilen, und da sich dort
zufllig an dem nmlichen Nachmittag ein kleiner, aber gewhlter Cirkel
von Damen aus den hheren Stnden zusammenfand, so konnte die Folge
davon nicht gut ausbleiben. An dem nmlichen Abend wute die
ganze Stadt, da der junge Mechanikus Baumann von der Tochter des
Staatsanwalts Witte einen Korb bekommen habe, da Frulein Ottilie
nchstens Baronin von Wendelsheim werden wrde, und die Comtesse
unterhielt sich ber dieses hchst interessante Thema nicht eifriger
beim Auskleiden mit ihrer Zofe, als die Mgde am Brunnen oder die
Nachbarsfrauen an den verschiedenen Parterrefenstern das nmliche Thema
besprachen.

Der kleinen Schneidersfrau neben Baumanns hatte es ebenfalls fast das
Herz abgedrckt, sich mit der Mutter des Gefangenen ber die Haupt- und
Staatsangelegenheit zu unterhalten; der alte Schlossermeister schnitt
ihr aber jedesmal die Mglichkeit dazu ab. Wie er ihrer nur ansichtig
wurde, fuhr er schon auf sie ein und fragte sie, ob sie nicht wieder ein
Unglck mit ihrem Maul anrichten wollte, und sie frchtete ihn wie
den Gottseibeiuns. Heute gegen Mittag sah sie ihn aber wieder in seinem
guten Rock am Fenster vorbeigehen; er mute sicher auf's Gericht, wo er
nicht so bald mehr herunterkam, und die Zeit durfte sie nicht unbenutzt
verstreichen lassen. Hatte sie doch auch in den letzten Tagen so viel
Stoff in der Stadt angesammelt, da sie eine volle Stunde davon erzhlen
konnte. Das mute sie von sich abwlzen und wenn ihr Meisterchen auch
ein wenig lnger auf das Essen warten sollte.

Kaum sah sie also die Luft rein, als sie wie ein Schatten hinaus aus
ihrem Haus und hinber in die Werksttte huschte, wo sie erst die
Gesellen fragte, ob sie es auch schon gehrt htten, da das Fritzchen
Alles eingestanden htte und am Freitag gekpft werden sollte; und als
ihr dort Karl drohte, er wrde ihr das Hmmerchen, ein Stck Eisen
von etwa drei Pfund Schwere, an den Kopf werfen, wenn sie den Mund noch
einmal aufthte, fuhr sie in die Stube selber hinein, wo die Meisterin
an ihrem Spinnrad sa.

Es ist eine traurige Thatsache in der Welt, da eine einzige Zunge
oft so viel Unheil anrichten kann. Wenn wir armen, kurzsichtigen
Menschenkinder nur berhaupt immer wten, was uns zum Unheil oder zum
Heil gereicht. Manches halten wir fr ein Glck, was sich in spterer
Zeit als unsern grten Fluch herausstellt, und dann wieder sehen wir
den Himmel nur mit schwarzen, drohenden Wolken umzogen, wenn dahinter
schon die helle, freundliche Sonne lacht und nur auf den Moment wartet,
wo sie das dstere Gewlk durchbrechen und unsern Pfad mit ihren lieben
Strahlen erhellen soll. Nur der Augenblick liegt uns erschlossen, alles
Uebrige aber in Gottes Hand.

Ach, liebe Frau Meisterin, sagte die kleine, frmlich eingetrocknete
Frau, indem sie wie ein Wiesel zur Thr hineinschlpfte, das Schlo
eindrckte und sich dann gleich auf eine dort stehende Fubank
niederkauerte, erschrecken Sie nur nicht; aber erfahren mssen Sie es
ja doch einmal, und das Unglck, ach Du liebes Gottchen, das Unglck!
Und die Schneidersfrau zog ihre Schrze ber's Gesicht und schluchzte
laut.

Hren Sie einmal, Frau Volkert, sagte die Frau Baumann, wenn Sie mir
etwas Bestimmtes mitzutheilen haben, so thun Sie es; aber schneiden Sie
mir das Herz nicht nach einander in kleinen Stcken ab. Mir ist so
angst und weh genug zu Sinn, machen Sie's nicht noch rger, und was ich
erfahren mu, je eher, desto besser, denn die Ungewiheit nimmt Einem
sonst noch das bischen Verstand ganz mit fort.

Ach, das Fritzchen, das Fritzchen, klagte die arme kleine Frau, nein,
da er auch so 'was nur thun konnte, da er auch so 'was nur thun konnte
-- und so braver Leutchen Kind, so braver Leutchen Kind!

Aber Sie glauben doch nicht etwa, da mein Fritz die furchtbare That
begangen haben kann, Meisterin? rief die Frau Baumann wirklich halb
auer sich.

Aber es hat's ja schon gestanden, klagte die kleine Frau wieder, es
hat's ja schon gestanden; die ganze Stadt wei es ja, und das Frnzchen
kam vorhin noch ganz besonders zu uns herber, um uns das schreckliche
Geschichtchen zu erzhlen. Ach Du lieber Gott, Du lieber Gott,
und bermorgen, noch dazu an einem Freitag, soll ihm das Kpfchen
heruntergeschlagen werden.

Volkert, sthnte die Meisterin, indem sie von ihrem Stuhl aufsprang
und ihr Herz mit beiden Hnden fate, treibt Ihr auch noch Euren Spott
mit mir? Aber der Verdacht war gewi unbegrndet, denn die kleine Frau
weinte selber so bitterlich, als ob ihr das eigene Herz darber brechen
sollte.

Des Schlossers Frau stand starr und unbeweglich neben ihr; das Antlitz
war ihr todtenfahl geworden, ihre Glieder zitterten, ihr Auge haftete
stier und glsern an der Unglcksbotin. Endlich sagte sie mit leiser,
heiserer Stimme: Aber es kann ja gar nicht sein, Volkert; wenn der
Fritz wirklich die schreckliche That verbt hat -- und es mte das in
der Verzweiflung geschehen sein, denn an dem Tage war er seiner Sinne
kaum mchtig--, wenn er den Juden wirklich erschlagen hat, so ist es im
Zorn, in der furchtbaren Aufregung geschehen. Wer wei auch, wie ihn
der Mann gereizt, ob er ihn nicht gar vielleicht seines Unglcks wegen
verspottet hat, da der Fritz gegen ihn die Hand erhoben, und dann --
dann knnen und drfen sie ihn doch nicht am Leben strafen. Es ist nicht
mglich! Denken Sie nur, Volkert, wie vor noch gar nicht so langer
Zeit jener Officier den Mann erstochen hatte, und der war nur vom Wein
aufgeregt gewesen, da bekam er zwei Jahre Festungsstrafe, wurde aber
nach dem ersten Jahre schon begnadigt und kam wieder frei. Sie knnen
und werden doch meinen Fritz nicht rger strafen als Jemanden, der eine
solche That im Trunk verbt?

Ja, aber liebe, beste Frau Baumannchen, winselte die kleine Frau
hinter ihrer nageweinten Schrze vor, das war doch auch ganz 'was
Anderes; das war ja doch auch ein Grfchen, das den armen Menschen
erstochen hatte, ein ganz vornehmes Grfchen, und sein Vater war
Ministerchen oder sonst so 'was. Ja, wenn das Fritzchen ein vornehmes
Grfchen oder ein Barnchen wre und sein Vater kein Schlosserchen, dann
knnten Sie recht haben, und er kme vielleicht ein Jhrchen oder so
in die Festung, und nachher wre das Geschichtchen aus und wrde kein
Wrtchen mehr darum gesprochen. Aber so, ach Du mein liebes Himmelchen,
wenn sie dem Herzen von einem Menschen das Kpfchen herunterschlagen!

Die Frau Baumann hrte gar nicht mehr, was sie zuletzt sagte, und wie
von einem neuen und pltzlichen Gedanken ergriffen, starrte sie die
Schneidersfrau mit einem Blick an, da diese jedenfalls darber zu Tode
erschrocken wre, wenn sie nur htte vor lauter Schluchzen aus den Augen
sehen knnen.

Und Ihr glaubt, Volkert, da er frei kme, wenn es ein Baron oder Graf
wre? sagte sie mit heiserer, fast tonloser Stimme.

Ach, gewi glaub' ich's, wimmerte die kleine Frau; und die Homeier
war auch heute Morgen bei mir, und wir haben darber gesprochen, und
der ihr Mnnchen hatte dasselbe gesagt, und der versteht es, denn er ist
Bote bei den Gerichtchen und hat immer die Actenstckchen von einem
der Herren zum andern zu tragen. Aber ein Handwerkerchen, ach Du liebes
Gottchen, das ist ja gar nichts! Deren giebt's die Hlle und die Flle,
und so ein armes Schlosserchen oder Schneiderchen, oder was es auch
sonst ist, mit dem machen sie keine Umstnde und lassen dem Gesetzchen
seinen Lauf.

Ja, ja, nickte die Schlossersfrau, es ist wahr; wir sollen Alle vor
den Gesetzen gleich sein, so steht's in den Bchern und so sagen's die
Leute. Aber es ist nicht so: den Vornehmen lassen sie eine Hinterthr
offen, und die schlpfen durch, und mit den Armen und Gedrckten fllen
sie ihre Zuchthuser und Gefngnisse -- und wer verdient mehr Strafe,
wenn er ein Verbrechen begeht, der Reiche und Vornehme, der Alles, was
er braucht, im Ueberflu hat und im Uebermuth braucht, oder der Arme und
Gedrckte, den oft Noth und Verzweiflung dazu treiben?

Aber wir machen's nicht besser, Frau Baumnnchen, klagte die Kleine;
wir ndern die Welt nicht, und drfen noch nicht einmal ein Muckschen
thun, sonst werden wir ebenfalls eingesteckt.

Ja, wenn es ein Graf oder Baron wre, sagte die Schlossersfrau, noch
immer vor sich hinstierend.

Aber er ist es nicht, winselte die Kleine; das Fritzchen ist ja nur
ein Mechanikuschen, und noch ein ganz junges, und wenn's auch nur ein
Jude war, den es todtgeschlagen hat, jetzt hetzen sie Alle dahinter
her, bis sie ihn unten haben. O, mein Mnnchen sollten Sie darber reden
hren, Frau Nachbarin, der kann's! Die Hrchen stehen Einem zu Berge,
wenn er davon spricht, da alle die Kaiserchen und Frstchen sterben
mten, und das Vlkchen allein zu sagen htte, was es will. Aber er
thut es nur immer, wenn wir allein mit einander sind, denn sie haben ihn
schon einmal deswegen eingesteckt. Ja wahrhaftig, 'sist wahr,
setzte sie hinzu, als die Frau sie mit ihrem stieren Blick wie fragend
anschaute; sechs Wchelchen hat er brummen mssen bei Wasser und
Rbensuppe. Ach, und wie er wieder herauskam, war er so dnn geworden,
man htte ihn durch ein Nadelhrchen fdeln knnen!

Und wer hat Euch gesagt, Nachbarin, da der Fritz am Freitag schon
hingerichtet werden sollte?

Wer? das Frnzchen; expre ist es zu uns herbergelaufen gekommen. Und
der Herr Staatsanwalt Witte hat sich die grte Mhe gegeben, um ihn
frei zu bekommen, und gleich von Anfang an versprochen, da er seine
Partei nehmen wollte; aber wenn das Fritzchen nun gestanden hat, da ist
freilich Alles vorbei.

Der Staatsanwalt Witte hat seine Partei genommen?

Ja, gewi; das Frnzchen war ja an dem Abend dabei in der Judengasse,
wo sie das Salomonchen im Laden fanden, und hat's mit seinen eigenen
Oehrchen gehrt.

Der Staatsanwalt Witte? wiederholte die Frau kopfschttelnd.

Das ist ein braver, rechtlicher Mann, besttigte die Schneidersfrau,
und wenn ein armes Teufelchen zu ihm kommt, dem Jemand Unrecht thun
will, da springt er mit beiden Fchen in die Sache hinein, und ruht
nicht, bis er ihn frei gemacht, und nimmt nachher auch noch nicht einmal
ein Grschchen Geld dafr.

Der Staatsanwalt Witte? murmelte die Schlossersfrau noch einmal.

Ja, und wie hat er sich neulich der Frau Mller aus Vollmers
angenommen, fuhr die redselige kleine Schneidersfrau fort. Sie war
noch bei uns, ehe sie wieder nach Vollmers hinausfuhr, und hat uns das
ganze Geschichtchen erzhlt. Da war ein Majorchen und ein Rthchen zu
ihr gekommen, lauter vornehme Leutchen mit groen Titelchen, und hatten
sie in ihrem eigenen Hause schlecht gemacht und ihr einen Kindertausch
bei Wendelsheims drauen und Gott wei was Alles vorgehalten. Aber sie
ging an die rechte Schmiede. Der Herr Staatsanwalt hat ihr gesagt, da
sie sich nicht vor den Leuten zu frchten brauchte; Abbitte mten sie
thun vor den Gerichtchen oder Beweischen bringen; und nun will er sie
vorkriegen, und das wird ein schner Skandal im Stdtchen werden, wenn
so ein paar groe Herrchen vorgefordert werden und Beweischen bringen
sollen -- Herr Du mein Gottchen, unterbrach sich aber die Frau
pltzlich, als sie zufllig aus dem Fenster sah und den zurckkehrenden
Baumann bemerkte, da kommt das Schlossermeisterchen wieder, und wenn
der mich hier findet, drckt er mich armes Weibsen todt. Er kann mich so
nicht leiden, und hat mir verboten, da ich wieder herberkomme.

Ja, nickte die Frau still vor sich hin, sie werden die Beweise
bringen -- aber zu spt, zu spt! Heute ist Mittwoch -- bermorgen,
omein Gott, mein Gott!

Nachbarin, ich rutsche durch die Kche auf das Hfchen, sagte
die Frau, die in dem Augenblick noch fast um sechs Zoll kleiner und
schmchtiger schien; wenn er mich findet, giebt's ein Unglck!

Und ohne eine weitere Erlaubni abzuwarten, fuhr sie durch die
Hinterthr in die Kche hinein und verschwand dort in demselben
Augenblick, als Baumann, seinen Hut noch auf dem Kopf und mit finster
zusammengezogenen Brauen in's Zimmer trat. Sie hatte auch in der That
recht gehabt, ihm in dieser Stimmung aus dem Weg zu gehen; freundlich
wre sie keinenfalls von ihm empfangen worden.

Wieder nichts! sagte er, als er selbst ohne Gru an seiner Frau
vorberging und an's Fenster trat. Es ist rein um verrckt zu werden,
da sie Einem nicht einmal erlauben wollen, ihn nur zu sehen oder zu
sprechen, und dabei erzhlt sich das wahnsinnige Volk in der Stadt schon
die tollsten und albernsten Geschichten!

Seine Frau war im Zimmer; er hatte sie gesehen, als er an ihr
vorberging. Aber sie erwiederte kein Wort, richtete keine Frage an ihn,
und mehr erstaunt als beunruhigt ber dieses Schweigen, drehte er sich
nach ihr um.

Seine Frau stand mitten im Zimmer; aber ihr Blick begegnete dem seinigen
und hing mit unendlicher Liebe, aber auch einem unsagbaren Schmerz an
ihm, so da er sie ganz verwundert deshalb anstarrte.

Nun, sagte er endlich erstaunt, was hast Du denn, Alte? Du siehst
mich ja so merkwrdig an. Ist etwas vorgefallen?

Gottfried, flsterte die Frau mehr als sie sprach, ging auf ihn zu und
lehnte langsam ihr Haupt an seine Brust, Gottfried, mein braver, braver
Gottfried, ich danke Dir fr alles Liebe und Gute, das Du mir gethan,
seit ich so glcklich wurde Dein Weib zu werden; ich danke Dir dafr
viel tausend- und tausendmal, und mge Dich der Himmel dafr segnen!

Aber was hast Du nur? sagte der Schlossermeister fast wie verlegen.
Was soll denn all' die Feierlichkeit? Und mit Bedanken? Ei, da glaub'
ich, hat Einer von uns gerade so viel Ursache als der Andere.

Nein, Gottfried, flsterte die Frau wieder, nein; Du weit es nicht,
und ich kann's Dir auch jetzt nicht sagen. Aber Du wirst's bald erfahren
-- bald -- vielleicht heute noch, und dann -- dann sei mir ja nicht so
bse -- denk' nicht, da ich schlecht war, Gottfried, denk' es nicht
-- ich bin's nie gewesen! Nur bergroe, thrichte Liebe hat mich dazu
getrieben. Wenn es mich aber auch die langen, langen Jahre gepeinigt und
geqult, und ich grere Strafe dadurch erlitten habe, als wenn sie mir
die Glieder mit Ketten zusammengeschnrt htten, an Dir hab' ich doch
gesndigt, an Dir und an ihm, und Alles, was jetzt in meinen Krften
steht, ist, das zu shnen.

Aber, Mutter, rief Baumann erschreckt, denn er glaubte im ersten
Augenblick nicht anders, als da sie ber die Angst um den Sohn den
Verstand verloren habe, so schlimm ist's ja noch gar nicht, es kann
noch Alles besser werden; habe nur guten Muth.

Den hab' ich, Gottfried, recht aus vollem Herzen, nickte die Frau, und
ihr Auge glnzte dabei von einem unheimlichen Feuer; recht guten Muth
hab' ich, denn ich bin jetzt auf dem richtigen Weg, und wollte Gott,
owollte Gott, ich wre ihn frher gegangen, viel Unheil wre dadurch
Allen von uns erspart worden!

Komm, Alte, sei gut, mach' Dir deshalb keine Sorgen, sagte Baumann
freundlich, denn er gedachte sie jetzt nur zu beruhigen, damit sie die
qulenden Gedanken fahren liee. Ist denn die Else noch nicht aus der
Schule zurck? Es mu doch schon lange zwlf Uhr vorbei sein. Du hast
auch noch nicht einmal den Tisch gedeckt?

Es mu sein, Gottfried, nickte die Frau, die auf die letzten Worte
gar nicht gehrt oder geachtet hatte; aber ich allein werde die Strafe
erleiden, weil ich sie verdient habe -- nicht Ihr -- nicht er -- es mu
sein! Leb' denn wohl, Gottfried -- Gott segne Dich viel tausendmal, und
wenn Du....

Die Aufregung war zu viel fr sie. Sie wurde todtenbleich, und Baumann
konnte sie noch eben mit seinem Arm auffangen, sonst wre sie zu Boden
gesunken. Jetzt wurde der alte Schlossermeister aber wirklich besorgt
um den Zustand der Frau. Ihr tiefsinniges, zerstreutes Wesen, das
entschieden nicht in ihrer Art lag, war ihm schon die letzten Tage
aufgefallen, und die Ursache dafr suchte er natrlich nur in der
Verhaftung des Sohnes. Aber er hatte nie geglaubt, da es bei der
nervenstarken Frau so gefhrlich berhand nehmen knne. Er selber wute
auch in dem Augenblick gar nichts mit ihr anzufangen, als sie eben auf
das Sopha zu legen; aber ein Arzt mute her, vielleicht half ein Aderla
oder irgend etwas Anderes, das der verordnen wrde. Rasch entschlossen
drckte er sich auch den Hut in die Stirn, rief dem in der Werksttte
arbeitenden Karl nur zu, einmal nach seiner Mutter zu sehen, es sei ihr
unwohl geworden, er selber kme gleich wieder, und eilte dann, was er
konnte, auf die Strae hinaus, um nach dem Arzt zu laufen und diesem
gleich selber unterwegs die Krankheits-Symptome anzugeben.

Den nchsten Arzt fand er nicht zu Hause; aber der Medicinalrath Bennigs
wohnte nur ein paar Straen weiter, und den traf er glcklich gerade
beim Frhstck an. Er mute auch hereinkommen und dem alten Herrn,
whrend er a, den Fall genau erzhlen, und der Arzt beruhigte ihn
dabei. Es sei, wie er sagte, eine Nervenberreizung, die sich wohl bald
wieder geben wrde; er wolle aber gleich selber mit ihm hinbergehen und
die Kranke untersuchen -- Sorge brauche er sich deshalb nicht zu machen.

Die beiden Mnner waren auch bald wieder unterwegs, und Baumann
beruhigte sich schon, als er, in der Nhe seiner Werksttte angekommen,
die Hmmer so lustig gehen hrte. Die Frau war jedenfalls wieder zu sich
gekommen. Er hielt sich auch gar nicht da drinnen auf, sondern wollte
gleich mit dem Medicinalrath durch die Werksttte in die Stube gehen,
als ihn Karl anrief.

Vater, die Mutter ist nicht drin.

Nicht drin? sagte Baumann erstaunt und sah sich nach ihm um.

Ach, meinte Karl, es war ihr vorhin ein bischen schlecht geworden,
und als sie wieder zu sich kam, meinte sie, sie wolle ein wenig an die
frische Luft gehen, sie kme bald wieder.

Was, rief Baumann erschreckt, allein ist sie fort?

Ja, sagte Karl, natrlich; aber sie war so sonderbar. Die Else, die
gerade aus der Schule kam, hat sie geherzt und gekt, als ob sie auf
ewig von ihr Abschied nehmen wolle, und auf mich ist sie auch zugegangen
und hat mich an sich gedrckt und mir einen Ku gegeben trotz meinem
schwarzen Gesicht.

Groer Gott, rief Baumann, jetzt zu Tod erschreckt, was ist da
vorgegangen und wo hinaus ist sie?

Ja, sie bog links um und ging die Strae hinunter.

Dort hinzu liegt der Flu! sthnte Baumann, whrend Leichenblsse
seine Zge deckte. Aber er war kein Mann, der sich lange einer Schwche
hingegeben htte. Fort, Karl, rief er rasch, setz' Deine Mtze auf
und lauf', was Du kannst, da hinaus zu und suche die Mutter, und wenn Du
sie findest, gehst Du ihr nicht von der Seite!

Aber, Vater....

Lauf', sag' ich, was Du laufen kannst -- und Ihr Uebrigen alle auch --
die Meisterin ist krank -- sie war vorhin ohnmchtig geworden -- es kann
ihr ein Unglck geschehen, wenn Niemand bei ihr ist! Wo ist die Else?

Drinnen in der Stube, Vater. Sie weint, weil die Mutter weinte, als sie
fortging.

Ich werde Sorge fr das Kind tragen, Meister, und es in der
Nachbarschaft unterbringen, sagte der Medicinalrath; sorgen Sie sich
nicht deshalb und eilen Sie, selber Ihre Frau aufzusuchen, denn in einem
solchen exaltirten Zustand kann man allerdings fr nichts einstehen.

Ich danke Ihnen, Herr Doctor, rief der Mann; aber wir drfen auch
keinen Augenblick Zeit verlieren! Und ohne weiter den Blick zu wenden,
sprang er zur Thr hinaus und eilte, von Karl und den Uebrigen gefolgt,
die sich bald nach verschiedenen Richtungen hin vertheilten, die Strae
hinab und jetzt vor allen Dingen dem Ufer des Flusses zu, denn er
frchtete das Entsetzlichste.




13.

Das Gestndni.


Die Frau des Schlossermeisters Baumann hatte, wie Karl auch gesehen, das
Haus verlassen und sich die Strae hinabgewandt; aber Baumann's Furcht,
da sie in Angst und Aufregung beabsichtigen knne, sich ein Leides
anzuthun, war unbegrndet. Sie folgte allerdings eine kurze Strecke
der Strae, die sich dem Flu und einer darber fhrenden Brcke zuzog,
drehte dann aber rechts ab in einen Seitenweg hinein, bis sie das Haus
des Staatsanwalts Witte erreichte. Aber schon unterwegs zog sie die
Blicke der Vorbergehenden auf sich, denn sie schien Niemanden zu sehen,
sprach dabei mit sich selber und nickte dazu, whrend sie sich mit
beiden Hnden die Ellbogen hielt, als ob sie frstele, ununterbrochen
mit dem Kopfe.

Erst auch in dem Hause angelangt, kam sie ordentlich wieder zur
Besinnung, denn bis dahin war sie wie in einem Traum fortgeschritten.
Sie blieb auf dem Hausflur stehen, strich sich die Haare aus der Stirn,
ordnete ihr Tuch etwas besser und sah nach ihrem Kleid, als ob sie
irgendwo einen Besuch machen wolle, und stieg dann langsam, aber ohne
irgend ein Zgern die Treppe hinauf.

Oben blieb sie stehen. Die eine Thr zeigte allerdings deutlich genug
durch ein Schild das Breau des Staatsanwalts an; aber sie wute auch,
da dort viele Schreiber saen, und sie wollte ihn allein sprechen. Ging
sie lieber hinber zu einer der in die Wohnung fhrenden Thren? Aber
nein, dort mute sie frchten, jenem Mdchen zu begegnen, das ihrem
Fritz so weh gethan und ihn vielleicht gar zu der schwarzen That
getrieben. Lieber zu den fremden Mnnern in die Stube -- dort wurde
sie doch nicht verachtet und zurckgestoen, und ohne sich lnger zu
besinnen, schritt sie auf die bezeichnete Thr zu und klopfte an.

Herein! rief die monotone Stimme des einen der Schreiber, und die Frau
stand auf der Schwelle und warf den Blick scheu in dem engen Raum umher.

Ist der Herr Staatsanwalt zu Hause?

Der Schreiber deutete, ohne eine weitere Antwort fr nthig zu halten,
mit der Feder nach der Stube desselben.

Ist er allein?

Ja, aber er wird nicht viel Zeit haben, er mu bald fort.

Ich _mu_ ihn sprechen.

Gut, versuchen Sie es -- da drinnen ist er -- und wieder kritzelten
die Federn ber das Papier.

Die Frau schritt der Thr zu, und einer der Leute blickte ber sein
Heft nach ihr hin -- wie merkwrdig bla sie aussah! Aber sie waren ja
gewohnt, hier von allen Leidenschaften bewegten Menschen zu begegnen --
wer wute denn, was sie hatte! Drinnen der Staatsanwalt wrde die Sache
schon in Ordnung bringen.

War das nicht die Baumann? flsterte einer der jungen Leute ber sein
Stehpult hinber, deren Sohn wegen der Salomon'schen Geschichte sitzt?

Ich glaube, ja, sagte ein Anderer. Der alte Salomon soll ja wohl
heute beerdigt werden -- so eine Judenleiche mchte ich gern einmal
sehen....

Ja, aber sie lassen Einen nicht dazu, meinte der Erste wieder; in den
Kirchhof darf man nicht hinein.

Und was machen sie mit dem Baumann?

Bah, sie haben ja gar keine Beweise gegen ihn und mssen ihn wieder
laufen lassen! In der Zeit, wo er vorher gesehen ist, kann er die That
gar nicht verbt haben, und ist auch sonst ein ganz anstndiger Kerl!

Die jungen Leute hatten weiter kein Interesse an der Sache und schrieben
weiter, denn der Staatsanwalt konnte jeden Augenblick herauskommen, und
es gab heute Morgen entsetzlich viel zu thun.

Drinnen im Zimmer des Staatsanwalts spielte inde eine andere Scene.

Frau Baumann? sagte Witte, als er sie erkannte und sich wohl denken
konnte, weshalb sie kam -- des gefangenen Sohnes wegen. Ja, es thut
mir leid, aber so schnell geht die Sache nun einmal nicht mit unseren
Gerichten. Uebrigens....

Kann ich ein paar Worte allein, ganz allein mit Ihnen sprechen, Herr
Staatsanwalt? unterbrach ihn die Frau, indem sie ihn mit ihren
groen Augen scharf und doch bittend ansah. Ich habe Ihnen etwas sehr
Wichtiges zu sagen, aber es darf mich Niemand weiter hren, als Sie --
und Gott, setzte sie leise und kaum hrbar hinzu.

Etwas sehr Wichtiges? sagte Witte erstaunt.

Etwas _sehr_ Wichtiges, wiederholte die Frau, und Sie werden die Zeit
nicht bereuen, die Sie darauf verwenden.

Hm -- Witte sah nach der Uhr; er hatte allerdings nicht viel Zeit,
weil er zu einer wichtigen Besprechung auf das Criminalamt mute. Wre
es aber wirklich etwas Wichtiges gewesen, so konnte er auch einen seiner
Schreiber hinaufschicken und die Sache um eine halbe Stunde aufschieben
lassen. Frauen hielten nur zu gewhnlich eine Menge von Dingen
fr wichtig, die an sich unbedeutend genug waren -- nun, er konnte
wenigstens hren, was sie wollte.

Fr solche Flle, die auch gar nicht etwa so selten vorkamen, benutzte
er gewhnlich eine kleine, hinter seinem Arbeitszimmer befindliche
Stube, in welcher nur eine Anzahl von Bcher-Regalen mit wenig
gebrauchten Bchern und alten Acten und ein Tisch wie ein paar Sthle
standen. Das Zimmer sah auf den Hof hinaus und lag so abgeschieden, da
kein darin gesprochenes Wort durch die Wnde drang.

Witte stand auf und ffnete die Thr der Schreibstube. Ich will jetzt
nicht gestrt werden, sagte er hinaus; wenn Jemand in der Zwischenzeit
kommen und nach mir fragen sollte, so lassen Sie ihn nicht in mein
Zimmer, sondern behalten ihn hier, bis ich selber herauskomme.

Sehr wohl, Herr Staatsanwalt.

So, Frau Baumann, sagte dann Witte, indem er die Thr wieder schlo,
haben Sie jetzt die Gte und kommen Sie hier mit herein. Da drinnen
hrt Niemand, was Sie mir zu sagen haben; aber seien Sie so gut und
machen Sie es so kurz als mglich, denn meine Zeit ist gemessen, und
wenn die Sache nicht wirklich _sehr_ wichtig ist, thten Sie mir sogar
einen Gefallen, wenn Sie lieber heute Nachmittag wieder vorkmen.

Es hngt Leben und Tod daran, sagte die Frau ernst.

Leben und Tod? Dann freilich geht das allem Andern vor -- bitte, treten
Sie nher, und nun setzen Sie sich und sagen mir, was Sie zu sagen
haben. Sie zittern ja an allen Gliedern -- ist etwas vorgefallen?

Lassen Sie mir nur einen Moment Zeit, Herr Staatsanwalt, sagte die
Frau, indem sie auf den nchsten Stuhl niedersank -- nur um meine
Gedanken zusammenzubringen -- es geht dann auch um so viel schneller.
Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.

Der Staatsanwalt sah nach der Uhr; es fehlte kaum noch eine
Viertelstunde an der bestimmten Zeit, in der er fort mute. Er wollte
aber doch wenigstens erst wissen, um was es sich hier handle, und
beobachtete deshalb ruhig die Frau, die aber seinem Blick noch auswich
und nur einen Anfang zu suchen schien, mit dem sie beginnen knne.
Endlich sagte sie:

Es hilft doch nichts -- es ist doch Alles vorbei und ich kann's
nicht mehr ndern, also brauche ich auch keine Vorrede mehr zu machen.
Erfahren mssen Sie's doch, und der liebe Gott mag's mir vergeben.

Aber was, liebe Frau? sagte der Staatsanwalt, der aus den
unzusammenhngenden Stzen nicht klug wurde.

Sie wissen eigentlich schon Alles, flsterte die Frau, aber nur noch
nicht recht -- die Mller war schon bei Ihnen, und es ist jetzt vor den
Gerichten.

Die Mller? Welche Mller?

Die Mller von Vollmers...

Aber was hat das mit Ihrem Sohn zu thun?

Es ist nicht mein Sohn! sthnte die Frau, indem sie sich krampfhaft an
der Lehne ihres Stuhles festhielt. Es ist -- der Sohn -- des -- Baron
von Wendelsheim!

Alle Teufel! rief Witte, fast unwillkrlich vor seinem Stuhl
emporspringend. Die Sache ist allerdings wichtig -- aber warten Sie
einen Augenblick. Fassen Sie Muth, liebe Frau Baumann, gestehen Sie
nur Alles aufrichtig, und was ich dann fr Sie thun kann, das seien Sie
versichert, da ich es thun werde -- ich bin gleich wieder bei Ihnen--
und rasch schritt er durch sein Arbeitszimmer der Schreibstube zu.

Gerber, sagte er hier, Sie mgen einmal hinauf auf das Stadtgericht
gehen und dort in Nr. =II= den Justizrath Bertling bitten, mich auf eine
halbe Stunde zu entschuldigen -- ich kann jetzt nicht fort. Ist frisches
Wasser in der Flasche?

Jawohl, Herr Staatsanwalt -- eben geholt.

Geben Sie mir einmal die Flasche -- ich danke Ihnen -- ein Glas habe
ich selber drben -- ich bin fr Niemanden zu sprechen.

Der Staatsanwalt eilte mit der Flasche und einem Glase zu der Frau
Baumann zurck, die sich aber in der Zwischenzeit vollstndig erholt
und jede Schwche niedergekmpft hatte. Sie trank allerdings ein
Glas Wasser, aber sie schien jetzt vollkommen ruhig und gefat. Das
Schlimmste war auch eigentlich berstanden, das Gestndni selber
abgelegt, das Geheimni gebrochen, und jetzt blieb ihr nur noch brig,
die nthige Aufklrung ber das Einzelne zu geben, und das mute ihr
leicht werden, denn sie sprach ja nur die reine, lautere Wahrheit.

Sie haben mir da vorher, meine liebe Frau Baumann, begann der
Staatsanwalt jetzt -- denn er wollte vor allen Dingen die Thatsache
constatirt haben -- eine wunderbare Erffnung gemacht, in der ich Sie
noch einmal fragen mu, ob ich Sie auch richtig verstanden habe. Sie
sagten nmlich, da Ihr Sohn -- Sie meinten damit den Friedrich Baumann,
nicht wahr?

Ja, Herr Staatsanwalt.

Nicht Ihr Sohn, sondern der des Barons von Wendelsheim wre. Ist das
richtig?

Ja, Herr Staatsanwalt.

Merkwrdig -- und wei der Baron Wendelsheim davon?

Nein, Herr Staatsanwalt.

Er wei es nicht? rief der Mann erstaunt.

Nein, Herr Staatsanwalt.

Aber wie ist das um des Himmels willen mglich? Wute es denn seine
verstorbene Frau?

Eben so wenig; sie wrde sich eher das Herz aus dem Leibe, als ihr
eigenes Kind haben nehmen lassen.

Dann mu ich Ihnen aber gestehen, da ich Ihre ganze Angabe nicht
begreife, beste Frau, denn wenn beide Eltern nichts davon wissen, sagen
Sie mir, wie es dann irgend mglich ist, einen derartigen Tausch -- denn
darauf hin luft doch das Ganze hinaus -- vorzunehmen?

Und doch ist es wahr, nickte ruhig die Frau. Wenn Sie mich aber
geduldig anhren wollen, so werde ich Ihnen Alles erklren -- Alles --
und dann -- mchte ich sterben, um die Schande nicht zu erleben, die
mich betreffen mu.

Ich bin wirklich begierig, sagte Witte, denn ich gebe Ihnen mein
Wort, da ich es nicht begreife.

Sie wissen, welche Clausel das Testament hat, das in den nchsten Tagen
fllig sein mu, sagte die Frau.

Darber beruhigen Sie sich; ich habe mich mit der verwnschten
Geschichte so viel und bis jetzt so nutzlos beschftigt, da ich den
Gegenstand durch und durch und bis in seine kleinsten Einzelheiten
kenne.

Der Baron von Wendelsheim, wie mir meine Schwester, des Schuhmachers
Heberger Frau, sagte, hatte Angst, da ihm kein Knabe, sondern ein
Mdchen geboren wrde, wonach die Erbschaft fr ihn verloren gewesen
wre, und meine Schwester ist eine kluge, aber -- Gott vergebe es ihr!
-- eine bse Frau. Der alte Baron zog sie zu Rathe, und sie wute Rath.
Mir sollte damals das erste Kind geboren werden, und sie war tglich um
mich. Es ging uns noch knapp -- wir muten uns mhsam durchhelfen, um
nur das tgliche Brot zu gewinnen. Baumann war ein junger Mensch, der
damals erst anfing selbststndig zu werden; es reichte hier und da nicht
aus, und ich sah fr das Kind, das ich erwartete, nur bittere Noth
und Sorge. Und doch war ich ehrgeizig. Ich wute, was Baumann fr ein
geschickter, braver Mann sei, wie er getrost den Ersten an die Seite
treten konnte, und wie doch Andere immer wieder durch Protection oder
andere Vergnstigung die Arbeit bekamen, die er htte eben so billig,
und viel, viel besser und tchtiger liefern knnen. Das fra mir
in's Herz -- aber das nicht allein, auch eine Snde, die sich meiner
bemchtigt hatte: ich war eitel -- ich rgerte mich, wenn andere
Handwerkerfrauen besser und vornehmer gekleidet gingen, als ich, und der
bse Feind gewann seine Macht ber mich.

Witte hatte ihr aufmerksam zugehrt, und htete sich wohl, sie auch nur
mit einem Wort zu unterbrechen. Die Frau, wie sie da vor ihm sa,
sprach jetzt die Wahrheit, und wenn er der Sache je auf den Grund kommen
wollte, so konnte er nichts Besseres thun, als sie eben ausreden lassen.

Meine Schwester, fuhr die Frau nach einer Pause fort, in der sie still
vor sich niedergestarrt hatte, kannte alle meine schwachen Seiten.
Sie versicherte mir, da ich einen Knaben bekommen wrde, und der Knabe
wrde in Lumpen und Jammer gro und sein ganzes Leben geknechtet und
herumgestoen werden; denn was haben die Armen fr Rechte auf der Welt!
Aber in meinen Hnden lge es, den Knaben, das Kind, fr das ich mich
schon sorgte und ngstigte, ehe es nur athmete, gro und vornehm zu
machen und ihm Alles zuzuwenden, nach dem die Menschen hier auf
Erden mit allen Krften streben und es zu erreichen suchen: Rang und
Reichthum. Kurz, sie schlug mir vor, den Knaben, wenn es ein Knabe
wrde, dem Baron von Wendelsheim zu berlassen, der ihn zu seinem Sohn
und Erben heranziehen wollte, whrend ich dagegen sein eigenes Kind,
wenn es ein Mdchen wre, wie mein eigenes pflegen und warten, aber ihm
nie im Leben verrathen sollte, wer seine wirklichen Eltern wren.

Lange strubte ich mich dagegen, sagte die Frau mit einem tiefen
Seufzer. Der Gedanke war mir zu furchtbar, mein Kind, mein eigenes Kind
herzugeben, um es von fremden Eltern erziehen und pflegen zu
lassen. Aber der Hochmuthsteufel, der seinen Sitz in meinem Herzen
aufgeschlagen, arbeitete auch in mir und lie nicht Ruhe. Er malte mir
vor, welch ein vornehmer, von allen Leuten geachteter Herr mein Knabe
werden knnte, fr den ich jetzt nur Noth und Armuth vor Augen sah, und
-- von dem Teufel geblendet, willigte ich endlich ein. Das Geld, was
mir die Heberger noch auerdem versprach, hatte keinen Werth fr mich,
reizte mich wenigstens nicht, oder machte mir die Sache leichter; nur
mein Kind wollte ich gro und vornehm wissen, und stolz auf es sein
knnen, und mich an ihm freuen, und das andere dafr pflegen und gro
ziehen mit meinen besten Krften -- Du groer Gott, ich war selber noch
jung und leichtsinnig, und hatte ja keine Ahnung, welche furchtbaren
Folgen das in der Zukunft haben knnte!

Und dann? fragte Witte, denn das Alles betraf nur Verabredungen und
Vorstze und hatte nicht den geringsten Werth fr ihn.

Dann, fuhr die Frau fort, dann schenkte mir Gott einen Knaben, ein
liebes, herziges, gesundes Kind, und ich herzte und kte ihn, und hatte
alle meine Plne und Hoffnungen vergessen, denn ich dachte es mir nicht
mehr mglich, da ich ihn je wieder freiwillig hergeben und aus meinen
Armen lassen knnte. Unglcklicherweise traf es sich aber gerade damals,
da mein Mann verreisen mute. Er hatte auf dem Gut in Vollmers ein
eisernes Gitter aufzustellen.

In Vollmers?

Ja -- wozu er drei oder vier Tage brauchte und auch dort natrlich
bernachtete, um am nchsten Morgen gleich wieder mit Tagesgrauen
anfangen zu knnen.

Und Ihr Mann wute von der ganzen Verabredung nichts? Sie hatten nie
mit ihm darber gesprochen, ihn nie um seinen Rath gefragt?

Nie. Ich htte es nicht gewagt, denn er wre schon bei dem bloen
Gedanken auer sich gerathen, und kannte auch die Menschen besser als
ich. Er mochte meinen Schwager nicht leiden, den er fr einen Heuchler
hielt, und verdachte mir sogar den Umgang mit der Schwester, obgleich er
zu gut war, ihn mir ganz zu verbieten -- o, wre ich ihm gefolgt!

Und wie wurde es weiter? fragte der Staatsanwalt, um sie von dieser
Abschweifung zurckzubringen.

An demselben Abend, erzhlte die Frau -- es wurde eben Dmmerung und
ich war mit meinem Kind allein--, kam pltzlich meine Schwester zu mir.
Sie trug einen weiten, dunkeln Mantel und war in groer Eile. Sie sagte
mir, da die Baronin von Wendelsheim drauen ein Mdchen geboren habe
und das sie hinausgerufen wre, um ihr beizustehen, und jetzt sei der
Moment, um das Glck zu ergreifen und festzuhalten. Ich bat und beschwor
sie, von ihrem Plan abzustehen; ich sagte ihr, da ich mich von dem
herzigen Knaben nicht trennen knne, da ich sterben wrde. Sie lachte
darber und meinte, mein Knabe solle ein groer und vornehmer Herr
werden, und um das zu erreichen, brauche ich nichts zu thun, als viel
Geld zu nehmen und still zu sein. Eine Entdeckung war auch nicht
zu frchten; sie allein hatte mir in meinen Nthen beigestanden und
Niemanden weiter dazu gerufen, mein Mann wute noch nicht einmal, da
uns ein Kind geschenkt sei, und sollte es erst bei seiner Rckkehr
erfahren. Sie lie mir auch gar keine Zeit zum Ueberlegen, und schwach
und erschpft, wie ich mich fhlte, konnte ich ihr nicht einmal
Widerstand leisten. Ich weinte und bat nur; aber sie fragte mich, ob ich
nicht glaube, da sie, als meine Schwester, es gut mit mir und dem Kinde
meine und mir zu etwas rathen wrde, was nicht zu unserem Besten wre.
Dann nahm sie das Kind, schlo die Thr von auen, da Niemand zu mir
konnte, und kam nicht wieder.

Welche furchtbare Zeit habe ich an dem Abend verlebt! fuhr sie endlich
nach einer Pause fort, whrend ihr der Schwei in groen Tropfen auf
der Stirn stand und der Staatsanwalt noch immer mit dem Kopf schttelte,
denn er sah keinen Faden durch das Ganze. Wo war das Mdchen
geblieben, da die Baronin geboren haben sollte? -- Welche furchtbare,
entsetzliche Zeit! fuhr die Frau fort. Ich knnte keine Worte finden,
und wenn ich Jahre danach suchte. Stunde nach Stunde verging, und ich
weinte nach meinem Kind, whrend drauen der Sturm die groen Tropfen
gegen das Fenster peitschte und der Wind durch den Schornstein heulte.
Wie lange ich so gelegen, wei ich auch nicht: ich mu ohnmchtig
geworden und wieder zu mir gekommen sein, ohne da mir Jemand beistand.
Da hrte ich pltzlich einen Schlssel im Schlo herumdrehen, und nicht
meine Schwester, aber mein Schwager trat zu mir herein. Sein Mantel
troff von Wasser, aber zitternd, vor Freude zitternd, streckte ich die
Arme nach ihm aus, denn ich hrte ein Kind darunter wimmern.

Mein Kind, mein Kind! rief ich ihm entgegen. OSchwager, bringt Ihr mir
mein Kind zurck!

Da habt Ihr's, sagte der Mann mit einem lsterlichen Fluch. Ist das
ein Wetter, um einen Menschen darin hinaus zu jagen? Es war nichts --
die Frau Baronin hat selber einen Knaben geboren -- da habt Ihr das
Eurige wieder, wir knnen's nicht gebrauchen.

Mit Jubel griff ich es und drckte es in meine Arme; aber ich wollte
es auch sehen. Es war dunkel im Zimmer, dunkle Nacht. Neben meinem
Bett stand ein Feuerzeug; ich machte Licht und entzndete die Lampe.
Heberger blieb neben meinem Bett stehen und hob mein liebes, liebes,
schon verloren gegebenes Kind gegen das Licht; aber ein furchtbarer
Schmerz zuckte mir durch die Brust.

Das ist es ja nicht! schrie ich, von Angst und Schrecken erfllt. Das
ist es ja nicht! O, glaubt Ihr, da ich mein Kind nicht wiederkennen
wrde?

Da wurde er ngstlich und bat mich, nicht so zu schreien, die Wnde
wren dnn, und die Nachbarn knnten am Ende die Worte verstehen.
Seine Frau wrde am nchsten Morgen selber herberkommen und mir Alles
erklren; nur bis dahin solle ich ruhig sein und das arme Wrmchen
pflegen, das ohnedies schon halb erstarrt vor Klte wre. Und Gott sei
es geklagt, er hatte recht! Der Mantel war in dem furchtbaren Wetter na
geworden; das arme, neugeborene Kind hatte kaum noch Leben in sich, als
er es zu mir in's Bett legte, und ich konnte ihm ja nicht bse sein. Ich
kt' es und herzt' es, als ob es mein eigenes wre, und nie die langen,
langen Jahre hindurch durfte es sich beklagen, da ihm eine Mutter
gefehlt htte.

Aber, beste Frau Baumann, sagte der Staatsanwalt, der sie ruhig hatte
ausreden lassen, jedoch die Hauptsache noch immer vermite, obschon ein
dunkler Verdacht ber das Geschehene in ihm aufstieg -- ich verstehe
das noch immer nicht; denn wenn die Frau Baronin wirklich einen Knaben
und kein Mdchen....

Hren Sie nur weiter, sagte die Frau, ich bin gleich zu Ende. Am
nchsten Morgen kam meine Schwester zu mir und wollte mir ebenfalls
einreden, das sei mein Kind, was ich in den Armen halte; aber sie konnte
das Mutterauge nicht tuschen, und wie sie denn endlich einsah, da all'
ihr Reden nichts half, da lenkte sie ein und meinte, sie habe mich
das nur glauben machen wollen, damit ich mich um so leichter beruhigen
solle. Aber jetzt mute Sie mir die ganze Geschichte erzhlen, oder ich
drohte ihr, es meinem Mann zu sagen, und den frchtete sie; so erfuhr
ich denn Alles. Der Baron hatte mit ihr vorher heimlich abgemacht, das
Kind, wenn es ein Mdchen sein sollte, gleich nach der Geburt gegen
einen Knaben einzutauschen, und ihr dafr nicht allein reichen Lohn fr
sich, sondern auch fr die Mutter des andern Kindes versprochen. Alle
Vorbereitungen waren dazu auch getroffen gewesen, und meine Schwester
hatte es so einzurichten gewut, da sie oben in der Wohnstube nur
eine Person um sich hatte, auf die sie sich fest und sicher verlassen
konnte.

Wer war das? fragte Witte, mit einer Idee an die Madame Mller.

Sie ist lange todt, sagte die Frau; eine arme Verwandte von uns, die
bei Heberger im Hause wohnte oder dort vielmehr diente. Sie zog aber
fort von hier nach Amerika, und wie meine Schwester mir spter erzhlte,
ist sie dort am gelben Fieber gestorben.

Und die war mit oben im Schlosse?

Ja; meine Schwester hatte auch im Schlosse, wie sie mir gestand, sehr
leichte Arbeit, denn weniger der Baron als des Barons Schwester, das
gndige Frulein von Wendelsheim selber, schien die Verabredung mit
ihr getroffen zu haben und untersttzte sie so vollstndig in der
Ausfhrung, da sie vllig freie Hand behielt. Mein Schwager Heberger
wartete mit meinem Knaben in einem kleinen Gartenhuschen, in dem ein
Ofen stand und das ordentlich erwrmt war, weil man ja doch die Zeit
nicht genau bestimmen konnte, und die Frau Baronin bekam ihr eigenes
Kind gar nicht zu sehen. Meine Schwester erschrak wohl, als sie sah,
da es auch ein Knabe sei; aber der Gewinn, den sie durch den Tausch
erwartete, blendete sie -- kein Mensch im Schlosse, weder der Baron,
noch das gndige Frulein erfuhren je, da ihnen ein Erbe geschenkt
worden. Meine Schwester trug das Neugeborene gleich fort, und als sie
mit meinem Kinde zurckkam, legten sie den Knaben der Frau Baronin in's
Bett, die ihn dann herzte und kte und Freudenthrnen ber ihr Glck
vergo.

Am nchsten Morgen erst kam die Amme, die jetzige Mller aus Vollmers,
die aber natrlich nichts von dem Tausch wissen konnte. Aber andere
Menschen muten doch Verdacht geschpft haben, denn es wurde in der
nchsten Zeit viel davon gesprochen, und manche Leute haben sich wohl
Mhe gegeben, um hinter die Wahrheit zu kommen. Aber die Heberger,
obgleich damals noch ein junges Weibsen, war ihnen Allen zu schlau, und
an mich dachte Niemand; denn wer htte sich auch denken knnen, da der
Baron den eigenen Knaben weggegeben, um einen andern einzutauschen? Im
Anfang weinte ich auch viel, und der Betrug schnitt mir in die Seele;
aber die Schwester wute mir Alles so golden hinzustellen, und wie
wir jetzt viel Geld kriegen und reich und mein Sohn ein vornehmer Herr
werden wrde, und als mein Mann nach Hause kam, mit keiner Ahnung
des Geschehenen, und mit dem Knaben auf dem Arme jubelnd in der Stube
herumsprang, da wute ich, da er ihn eben so lieb haben wrde, als ob
es sein eigenes Kind gewesen wre, und schwieg.

Also versteh' ich daraus, sagte der Staatsanwalt, dessen klares und
durchdringendes Auge fest, aber nicht unfreundlich auf der Frau haftete,
da der Baron von Wendelsheim, oder mehr noch seine Schwester, ohne
Vorwissen der Mutter einen Tausch des Kindes beabsichtigten, falls es
ein Mdchen sei, und da Ihre Schwester, trotzdem da dem Baron ein
Knabe geboren wurde, den Tausch ausfhrte und den Baron wie dessen
Schwester glauben lie, es sei eben ein Mdchen gewesen, nur um sich die
ausgestellte Belohnung zu sichern.

So war es, nickte die Frau still vor sich hin -- so war es.

Und hat sich der Baron selber spter nie um sein wirkliches Kind
bekmmert, nie es sehen wollen?

Doch, nickte die Frau. Da ich immer Angst hatte, da das Verbrechen
trotzdem an den Tag kommen knnte, beruhigte mich meine Schwester, indem
sie mir alle getroffenen Vorsichtsmaregeln erzhlte. Auf einem Dorfe
in der Nachbarschaft war wenige Tage nachher ein acht Tage altes Mdchen
gestorben -- dessen Todtenschein verschaffte sich meine Schwester und
brachte ihn dem Baron, der von da an glaubte, sein eigenes Kind sei
todt, und auch nie wieder seit der ganzen Zeit danach gefragt hat.

Das ist eine durchtriebene Person, nickte der alte Anwalt vor sich
hin. Und welchen Lohn erhielten Sie dafr?

Ach, viel, viel Geld! seufzte die Frau. Mein Theil betrug, wie mir
die Schwester sagte, dreitausend Thaler, und sie wute das ebenfalls
so einzurichten, da mein Mann -- ein gutes, ehrliches Herz auerdem --
glauben mute, es sei eine Erbschaft, die ich erhoben. Aber in so fern
habe ich wenigstens gut gemacht, was ich konnte, und Alles, was in
unseren Krften stand, und was wir besonders mit Hlfe jener Summe
ersparen konnten, auf die Erziehung des Pflegekindes gewandt. Fritz
hat gewi seine Mutter nie so vermit, wie ich nach meinem eigenen Kind
gejammert habe. Aber jetzt kann es nichts mehr helfen. Die Sache ist
allerdings schon vor den Gerichten, und wenn sie den alten Baron und
das gndige Frulein vorfordern, so mssen die wohl bekennen, doch sie
knnen den Fritz damit nicht mehr retten, denn das dauert zu lange, und
die Zeit verfliegt -- er soll den Mord schon bekannt haben und ist
zum Tode verurtheilt; aber er darf nicht sterben. Mit dem Sohn des
Schlossermeisters Baumann machen sie wenig Umstnde, das wei ich. Die
Volkert hat ganz recht: was liegt an solch einem armen Menschen und
daran, was ihn dazu getrieben! Anders wird es aber, wenn sie erfahren,
da es ein Baron von Wendelsheim, der Erbe von so vielem Geld ist, den
sie im Gefngni halten, und den werden, den drfen sie nicht tdten.

So, sagte die Frau, indem sie mhsam nach Athem rang, jetzt haben Sie
Alles gehrt, was ich verbrochen, was mich hiehergetrieben. Ich wei,
da ich damit Schmach und Schande auf mein eigenes Haupt lade; ich wei,
da mein eigener Sohn, den ich reich und vornehm machen wollte, arm und
niedrig wird, wie wir selber sind; ich wei, da ich Unglck ber
uns Alle bringe, aber Blut -- Blut soll nicht vergossen werden, nicht
meinethalben -- nicht meinethalben. Ich habe Snde genug auf dem
Gewissen, aber ich will kein Blut darauf haben -- um des Himmels willen
kein Blut!

Die Frau war erschpft in ihrem Stuhl zusammengebrochen, und Witte
sprang empor, denn er frchtete, da sie zu Boden fallen knnte; aber es
war nicht krperliche Schwche, sondern allein nur vollstndige geistige
Ermattung gewesen, die sie erfate, und dagegen glaubte er ein Mittel zu
wissen. Er hatte in seiner Stube eine Flasche mit gutem Rum stehen; den
holte er vor, go ihr einen Theil davon unter das noch brig gebliebene
Wasser und hie sie das trinken. Die Frau nahm es auch und that einen
Schluck; aber sie war geistige Getrnke nicht gewohnt und setzte es,
innerlich schaudernd, wieder ab. Der Staatsanwalt dagegen schenkte
sich ebenfalls ein Glas ein; er fhlte sich so aufgeregt, da er etwas
Derartiges bedurfte; aber er schttelte sich nicht, und erst in der
Stube ein paarmal auf und ab gehend, blieb er endlich wieder vor der
Frau Baumann stehen.

Und Ihr Sohn, sagte er, oder der Baron Friedrich von Wendelsheim, der
er eigentlich ist, hat noch keine Ahnung von seinem Stande?

Die Frau schttelte mit dem Kopf.

Und der Lieutenant eben so wenig?

Kein Mensch wei etwas davon, als Hebergers und ich -- und jetzt Sie.

Hm, sagte der Staatsanwalt, das ist bei Gott eine wunderbare
Geschichte und wird.... Er brach kurz ab, rieb sich mit der flachen
Hand den Kopf und setzte seinen unterbrochenen Spaziergang fort.

Wissen Sie, liebe Frau, sagte er endlich, als er nochmals stehen
blieb, da wir mit der Sache in ein wahres Wespennest hineingerathen,
denn wenn die Heberger'schen Eheleute leugnen -- und das thun sie
jedenfalls--, so glaubt uns nachher kein Mensch ein Wort von der ganzen
Bescherung. Es sind vierundzwanzig Jahre darber hingegangen, und der
alte Baron -- und sein Satan von einer Schwester erst recht -- werden
sich hten, auch nur eine einzige der angefhrten Thatsachen zuzugeben.
Sie werden es fr blanke Lge und Verleumdung erklren.

Ich habe die Wahrheit gesprochen, sagte die Frau feierlich, so mir
Gott in meiner letzten Stunde beistehen soll!

Ich glaube es Ihnen, liebe Frau, ich glaube es Ihnen, jede Silbe,
und ich durchschaue auch jetzt das Ganze gut genug, aber Beweise --
wo kriegen wir Beweise her? Die mssen wir schaffen, ehe wir nur damit
herauskommen knnen, oder wir verderben Alles.

Und indessen tdten sie mir den Sohn, den ich genhrt und erzogen und
so lieb habe wie den eigenen! rief die Frau in Angst und Aufregung.

Wen? Den Fritz Baumann?

Hat er denn nicht gestanden und soll er nicht schon bermorgen
hingerichtet werden?

Unsinn, sagte der Staatsanwalt mrrisch, altes Weibergeschwtz in
der Stadt. So schnell geht die Sache nicht, und wenn er den alten Mann
wirklich berfallen htte, was ich aber nicht einmal glaube. Nein,
setzte er hinzu, als ihn die Frau zweifelnd anstarrte, machen Sie sich
deshalb keine Sorgen; Sie haben deren schon auerdem genug. Er sitzt
allerdings noch im Gefngni, und mglich, da er auch noch ein paar
Wochen dort bleiben mu, denn die Herren Richter haben darber ihre
eigenen Ansichten, aber weiter wird ihm nichts geschehen -- verlassen
Sie sich auf mich.

Aber die Volkert hat mir doch gesagt, stammelte die Unglckliche ganz
verstrt -- denn jetzt erst kam ihr der Gedanke, da vielleicht das
ganze Gestndni unnthig gewesen wre -- da er bekannt htte und am
Freitag hingerichtet werden solle.

Der Staatsanwalt mochte vielleicht ahnen, was in ihrer Seele vorging,
und es lag ihm selber daran, das Gefhl jetzt nicht in ihr aufkommen
zu lassen. Ich wei nicht, woher die Frau Volkert ihre Nachrichten
schpft, sagte er deshalb, kenne die Dame auch nicht und glaube nicht,
da der junge Mann sich zu dem Verbrechen bekannt hat. Wre es aber
auch wirklich der Fall, so beruhigen Sie sich vollstndig, ber eine so
rasche Ausfhrung der Strafe. Das geschieht nicht und kann nach unseren
Gesetzen gar nicht geschehen, da selbst einem jeden Verbrecher, und sei
er der schwerste, der Weg zur Gnade des Knigs noch immer offen steht.
In diesem Fall aber und im Besitz des Geheimnisses, das Sie mir eben
mitgetheilt, wrde ich selber die nthigen Schritte thun, um eine ber
ihn verhngte Strafe hinauszuschieben, und deshalb brauchen Sie sich
keine Sorge zu machen -- Ihr Fritz soll nicht sterben.

Die Frau faltete die Hnde. Dann mag nachher mit mir geschehen, was
da will, sagte sie leise. Und wenn ich das Furchtbare nun erst noch
meinem braven Mann gestanden und seine Verzeihung erfleht habe, dann
glaube ich auch, da mir der liebe Gott die Snde vergeben wird. Die
Menschen mgen mich dann strafen -- ich habe es verdient und will es
gern ertragen.

Ihrem Mann wollen Sie es gestehen? sagte der Staatsanwalt. Hm --
ja....

Und mu ich denn nicht? fragte die Frau erstaunt. O, wenn ich es vor
langen, langen Jahren gethan htte, es wre vieles Elend abgewandt!

Die Sache ist nur die, meinte Witte verlegen, da wir damit
eigentlich nicht unter die Leute treten drfen, bis wir nhere Beweise
dafr bringen knnen. Haben Sie kein Zeichen, an dem Sie Ihr eigenes
Kind fest bestimmen knnten, kein Maal oder sonst etwas?

Die Frau schttelte mit dem Kopf. Nein, sagte sie, kein anderes
Zeichen als das Herz der Mutter. Er kennt mich ja auch selber nicht,
setzte sie traurig hinzu; wie oft habe ich mich ihm in den Weg
gestellt, um ihm in die guten, treuen Augen -- ganz wie sie sein Vater
hat -- zu schauen! Er kannte mich nicht einmal, sah mich kaum, dankte
nur manchmal vornehm oder auch gar nicht und ging vorber, und mir
htte das Herz dann in der Brust zerspringen mgen, da ich's mit beiden
Hnden halten mute.

Arme Frau....

Jawohl, arme Frau -- o, was ich geduldet und getragen habe die ewig
lange Zeit, und immer allein, immer allein, mit keiner Seele, der ich
mich vertrauen durfte -- ich knnt's nicht sagen. Jetzt zum ersten Mal
fhl' ich mich leichter, jetzt zum ersten Mal ist mir, als ob ich wieder
Frieden finden knnte. Aber mein armer Bruno, setzte sie seufzend
hinzu, wie wird er es tragen? Mu er nicht seiner eigenen Mutter
fluchen, da sie ihm allen Glanz der Erde zeigte, nur um ihn dann wieder
herauszureien und zu einem der Niedrigsten zu machen?

Das ist wirklich eine verzweifelte Geschichte, murmelte der
Staatsanwalt, dem indessen eine ganze Menge von Dingen durch den Kopf
fuhren. Nicht allein Herr Bruno von Wendelsheim wrde nmlich erstaunt
ber den Wechsel der Verhltnisse sein, sondern auch seine eigene Frau.
Aber was half ihm das Alles? Beweise brauchte er, weiter nichts als
Beweise; denn da das Zeugni einer einzigen alten Frau nicht
ausreichen wrde, um besonders in einer so wichtigen und bedeutenden
Erbschaftssache die ganze Erbfolge umzustoen, konnte er sich nicht
verhehlen. War es ja doch, wie das Gericht einwenden wrde, ihr eigener
Sohn, dem sie durch ein solches Gestndni das riesige Erbe zuwenden
wollte, und da man das nicht so ruhig hinnahm, lie sich denken. Und
was der Major dazu sagen wrde? Recht hatte er freilich gehabt, da
damals nicht Alles redlich zugegangen, wenn es bei ihm auch blos
Verdacht, nie Gewiheit gewesen; aber ihm half es trotzdem nichts,
wie die Sachen standen. Und seine eigene Frau? Er kratzte sich mit der
rechten Hand hinten am Kopf und lief noch immer mit schnellen Schritten
im Zimmer auf und ab. Auerdem konnte er der Frau nicht verdenken,
jetzt, da sie ihm das schwere Geheimni erffnet, auch ihr Herz gegen
ihren Mann auszuschtten, und da sie da einen harten Stand bekam,
lie sich denken. Aber ihm setzte sie damit ebenfalls das Messer an die
Kehle, denn wenn jetzt etwas in der Sache geschehen sollte, mute es
rasch geschehen; er wute nur nicht, wie.

Mitten im Herumlaufen fiel ihm sein Justizrath ein. Hilf Himmel, wie
rasch die halbe Stunde vorber war! Er mute jetzt fort, denn es
betraf einen wichtigen Fall, der nothwendig eine vorherige Besprechung
erforderte, und die Zeit war jetzt schon beinahe abgelaufen.

Liebe Frau Baumann, sagte er deshalb, ich mu fort, ich kann nicht
lnger ausbleiben. Gehen Sie indessen nach Hause und berlegen Sie sich
die Sache noch einmal ordentlich unterwegs. Treibt Sie Ihr Herz,
mit Ihrem Mann offen darber zu sprechen -- ich kann's Ihnen nicht
verdenken--, so thun Sie es, aber bitten Sie ihn, mit keinem Menschen
weiter darber zu reden, bis ich ihn selber gesehen habe. Ich komme
dann, wenn die Sitzung vorber ist, bei Ihnen vor. Wollen Sie mir das
versprechen?

Ja, Herr Staatsanwalt, sagte die Frau leise, denn ich glaube, da Sie
es gut mit uns meinen.

Sie knnen sich darauf verlassen, liebe Frau.

Und der Fritz? -- Es geschieht ihm gewi nichts Bses, wenn wir nicht
gleich erzhlen, da er vornehmer Leute Kind ist?

Es geschieht ihm nichts, die Versicherung kann ich Ihnen geben. Ich
werde dafr sorgen, da er in keine Gefahr kommt, und wenn irgend
eine Aenderung in der Untersuchung eintreten sollte, so komme ich
augenblicklich zu Ihnen oder schicke nach Ihnen und lasse es Sie
wissen.

Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, ich danke Ihnen recht von Herzen
-- auch fr die freundlichen Worte, die Sie zu mir gesprochen. Ich
hatte schon geglaubt und gefrchtet, alle Menschen, die mein Vergehen
erfhren, mten mich von jetzt an nur hassen und verabscheuen, und ich
trage doch wahrlich nicht die Schuld -- o, ich allein htte es nie, nie
gethan!

Seien Sie ohne Sorge, Frau Baumann, sagte der alte Herr, der aber
jetzt etwas ungeduldig wurde. Ich habe Sie nun kennen gelernt, und ich
glaube, ich durchschaue das Ganze. Wir wollen sehen, wie sich Alles zum
Besten wenden lt, und in sptestens zwei oder drei Stunden bin ich bei
Ihnen.

Damit ging er nach der Thr zu und nahm drin in seinem Zimmer Hut und
Stock. Frau Baumann folgte ihm auch, und mit gesenktem Haupte schritt
sie zwischen den Schreibern hin, die sich inde die Kpfe zerbrochen
hatten, was die Frau so Wichtiges mit ihrem Chef zu sprechen hatte, da
er einen besondern Boten auf das Amt hinaufschickte, um eine Verhandlung
aufzuschieben, und sie jetzt beinahe sogar versumte. Aber sie erfuhren
nichts. Der Staatsanwalt lief, ohne selbst seiner Frau Adieu zu sagen,
die Treppe hinunter, um noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein,
und langsam -- o, wie waren ihr die Fe so schwer geworden, als sie
diesmal ihrer Heimath entgegenschritt -- folgte ihm die Frau.


  Ende des zweiten Bandes.

  Druck von _G. Ptz_ in Naumburg a. d. S.




[Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Ein an den vorderen Buchdeckel angeklebter Zettel mit Verlagswerbung
wurde nicht in den Text aufgenommen.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden stillschweigend
korrigiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, mit
folgenden Ausnahmen:

  Seite 43:
  "," eingefgt
  (wie von dem Vater selber, wie von der Tante besonders)

  Seite 55:
  "peischte" gendert in "peitschte"
  (whrend der Regen an die Fenster peitschte)

  Seite 107:
  "senie" gendert in "seine"
  (whrend seine Frau aufstand und in die Kche ging)

  Seite 110:
  "schmelmisches" gendert in "schelmisches"
  (schelmisches Lcheln flog ber die Zge des jungen Mannes)

  Seite 127:
  "das" gendert in "da"
  (ich wute nicht, da Ihr Verstand schon so vollstndig)

  Seite 145:
  "Sie" gendert in "sie"
  (deshalb sollen sie mir gerade an's Messer)

  Seite 147:
  "erwidert" vereinheitlicht zu "erwiedert"
  (Beleidigung nicht allein erlitten, sondern auch gleich erwiedert)

  Seite 155:
  "," eingefgt
  (sagte ihr Mann, Du redest einmal wieder in den Tag hinein)

  Seite 182:
  "." eingefgt
  (es noch vor der Hand abgelenkt, aber nur unter Einer Bedingung.)

  Seite 251:
  "wie" gendert in "nie"
  (nie ist ein unfreundliches Wort zwischen uns gefallen)

  Seite 263:
  "," eingefgt
  (sagte dieser auf ihre deshalb gemachte Bemerkung, ich wre)

  Seite 268:
  "kamst" gendert in "kannst"
  (so kannst Du Dich auch fest darauf verlassen)

  Seite 280:
  "Reisensenden" gendert in "Reisenden"
  (und alle Reisenden scharf musterten)

  Seite 281:
  "," eingefgt
  (er fing an, die Menschen in seinem Herzen)

  Seite 284:
  "mlich" gendert in "mglich"
  (um dem Dieb wo mglich auf die Spur zu kommen)

  Seite 287:
  "Uebelhter" gendert in "Uebelthter"
  (ihm vielmehr den Uebelthter gleich in die Hnde geliefert)

  Seite 324:
  "Bureau" vereinheitlicht zu "Breau"
  (deutlich genug durch ein Schild das Breau des Staatsanwalts)

  Seite 324:
  "uud" gendert in "und"
  (dort wurde sie doch nicht verachtet und zurckgestoen)

  Seite 329:
  "." eingefgt
  (Mir wirbelt der der Kopf jetzt noch vom vielen Denken.)

  Seite 342:
  "das" gendert in "da"
  (meine Schwester hatte es so einzurichten gewut, da sie oben)

  Seite 343:
  "verga" gendert in "vergo"
  (und Freudenthrnen ber ihr Glck vergo)]






End of Project Gutenberg's Der Erbe. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ERBE. ZWEITER BAND. ***

***** This file should be named 46504-8.txt or 46504-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/6/5/0/46504/

Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
images of public domain material from the Google Print
project.)


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License available with this file or online at
  www.gutenberg.org/license.


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
