The Project Gutenberg EBook of Der brennende Dornbusch/Mrder. Hoffnung
der Frauen, by Oskar Kokoschka

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Title: Der brennende Dornbusch/Mrder. Hoffnung der Frauen

Author: Oskar Kokoschka

Release Date: July 9, 2014 [EBook #46231]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BRENNENDE DORNBUSCH ***




Produced by Jens Sadowski








                            OSKAR KOKOSCHKA
                             DER BRENNENDE
                               DORNBUSCH


                              SCHAUSPIEL
                                (1911)




                                MRDER
                          HOFFNUNG DER FRAUEN


                              SCHAUSPIEL
                                (1907)

                           KURT WOLFF VERLAG
                                LEIPZIG

                               Bcherei
                            Der jngste Tag
                                Bd. 41

             Bhnenvertrieb von Kurt Wolff Verlag, Leipzig
               Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917




                        DER BRENNENDE DORNBUSCH
                           SCHAUSPIEL (1911)


                               Personen:
                                 Mann
                                 Frau
                               Jungfrau
                           Mutter und Knabe
                            Mnner, Weiber


                             Erste Szene.

Zimmer der Frau, groe geteilte Fenstertr, durch welche Mondstrahlen
einfallen, so, da man auf das Dach hinaussehen kann.

Frau

(in weiem Bettlaken, zum Schlafen gekleidet, so langes Haar, da es am
Boden in Ringeln nachschleift. Sie kriecht geisterhaft aus den Bettchern
hervor und richtet sich gegen die Lichtstrahlen auf, elektrische Helligkeit
des Mondes.)

Frau

Ich trumte, ein Karren wr hei gefahren -- schleudert mich zum Himmel
auf. Es drckt nichts mehr nieder mein Gesicht im Schlummer. Um zu
schlafen, mich zuviel drstet; zu -- trinken!

(Sie geht zum Glockenzug -- vergit wieder!)

Wo kommen die neuen Strahlen her? Die zogen mich, -- wecken aus allen
Krften. -- Meinen Fen widerstand ich nicht mehr. Ich friere, sieht mich
wer?

(lauter)

(zur Tr hinaus)

Mein Rock und mein Hemd ist nicht hier, geben Sie es mir herein!

Sie schlafen immer noch und ich wache.

(Sitzt frierend im Stuhl mit offnen Haaren.)

Hngt die fruchtlose Wrme des unklaren Gestirns berall ber mir! Mann im
Mond, -- dreh dich um, schau nicht her. --

Deine Ausstrahlung flt Krfte ein solchen, die im Stiegenhaus mir
nachsteigen und aufs Zimmer kommen.

   Herr Adernrot gab mir ein Backenschlag.
   Herr Finstergesicht wnschte mir einen guten Tag.
   Ein Blmchen pflckte mir Herr Lendenkraft,
   was liegt mir an der gesamten Schlafgenossenschaft.

(man hrt unten das Lachen der betrunkenen Liebhaber. Sie wscht sich die
Hnde im Lavoir auf dem Eisentisch und geht zum Fenster, winkt.)

Komm auf mein Bett, Schatten, sollst mir liebes Wesen sein, -- pfui, --
eine Katze schwarz wie Pfeffer, warf sie der Wind mir zum Fenster herein.

(Sie ffnet die Glastre und geht aufs Dach.)

Kommt er noch, kommt er? --

Immer wieder die Bangigkeit in aller Natur, vom Dach zum Himmel hinauf.
Alles wartet auf ein Aufatmen. Meine Augen hngen an der Sichel, die meine
Schonzeit krzt.

Am Tage bin ich ein Zweifelswesen von Menschenhnlichkeit. Heut nacht blst
mir ein Mann den Atem ein und glaubt an die Gestalt.

(Oben Mondlicht wandernd)

   Wunderbare fremde Mnnerart,
   die Sterne in Kreisen sah
   und Schatten und Licht zu Freundschaften flicht.
   Wunderttige Mnnerart,
   die aus Gespenstern sich Gebrerinnen schuf.

Nicht lange ist meine Stunde und schon nah! Wie kurze Zeit darf jedes Ding
nur blhen. Schon will des Mondes Licht erlschen.

Unendlicher Genu! Bald nimmer wnsche ich mir etwas. Keine Wolke ist mehr.

Dem fiebernden Wind setz ich mich aus, bin herrlich eingesumt von
Haarstrahlen, am Rckenrand, ordentlich wie Wasserkmme laufen sie ber
meine Beine hinab und verschwinden in der Erde.

(Sie sieht jemanden unten schleichen, erschreckt und erfreut, sie winkt
ihm; eine Tr schlgt pltzlich auf, der Mann gleitet lautlos herein.
Brennende Kerze in der Hand.)

Frau

(bevor sie ihn sieht, singt)

   Ein alter Mann hielt Winter lang einen Vogel.
   Als es Frhling war,
   litt es nicht lnger den Vogel,
   Da er verga zu singen gar.
   Der Alte spannt ein grn Tuch ber Vogelbauers Eisenstbe;
   Noch sang nicht wieder froh der Vogel vor dem Alten.

Frau

(zum Mann)

   Mein Singen hie dich herzuhren?
   Sahst du mein Gitter offen?
   Du machst dem Kuckuck nach und fliegst ins
   fremde Nest.
   Um nachtschlafende Zeit siehst du mich!
   Wie schlichst du durch Mauer und Tr?

Mann

   Ich rate, wie wut ichs?
   Du bist immer einsam gewesen.

Ich war nicht bei dir. Deine Stimme rief in der Nacht die Fremden und du
meintest mich. Und du hast wahrhaftig Hunger und Geiz auf Liebeswerke und
so kam ich herauf zu dir.

Frau

   Du -- dreh dich zu mir! . . .
   Warum bist du nicht gut mit mir?

Klar habe ich dich getrumt und weinend erst im Morgengrauen gesehen --

   Habe ich unrecht getan, da ich dir winkte wie vielen?
   Jetzt stehst du im seligen Glanz der Gegenwart.
   Mein Wunsch mochte dich in der Dunkelheit herziehen.
   Ich hungere vor Liebe.
   Wenn ich nur mich erst dir hingegeben,
   soll durch deine reine Kraft allein ich leben.

. . . Meine Arme ziehen deine -- meine Beine machen dich gehen.

(Mann tritt nher, sie erschrickt.)

Frau

Du machst mir ordentlich Herzklopfen. Meine Stimme will sein deines Mundes
Se, meine Scham verdunkelt dein Errten, --

Schlfert dich auf einmal?

Hilf -- meine Ohnmacht fliet in deine Kraft herein. O weh!

(Der Mann nimmt ein Tuch und umhllt sie ganz, da nur ihr Kopf sichtbar
ist.)

Mann

(leise)

   Mach zu deine Augen,
   Mach zu deine Wunden,
   Ich hab dich gefunden.

(Mann geht zgernd zum Ausgang, es wird finster, sie nimmt ihren Leuchter
vom Tisch um ihm zu folgen, die offne Tr verlscht ihr Licht.)

Frau

Du -- la mich nicht aus, nicht allein -- o Herr.

(leise)

   Wie ich von dir die Augen wende,
   kommen langsam manche Zustnde.

Mann

(wird wieder in der Trffnung sichtbar.)

   Am Himmel leuchtet der Morgenstern,
   die Nacht her, streift ich aus weiter Fern!
   Rief mich dein Glaube zu dir!
   Darf nicht frchten schwcher zu sein
   Wo ich nun war dahier.

Frau

(reicht die Hand zgernd nach)

   Greif mich mit deinem Finger an,
   Damit ich noch dir glauben kann.
   Da wollt' ich fragen dich,
   bleibst du bei mir?
   Gehst du mir heraus
   und lt die Braut in der Versuchung sein!
   Meine Brust ist krank,
   wie eine Blume in der Lichtlosigkeit.
   Gib mir deine Hand noch einmal, Liebloser.

Du -- la mich noch einmal bei dir sitzen und die Augen schlieen und
verschlafen alles Geschehene.

O Herr -- ich frchte mich, so schwach bin ich, so sehr hnge ich an dir.

(Der Mann kniet vor der Frau und leuchtet ihr ins Gesicht, sie zndet ihre
Kerze an seiner an und schaut ihn an.)

Frau

Mein Liebster, ich hab vergessen, ich wei nicht wo ich war, sag du zu mir.

Mann

   Du zndest jetzt dein eignes Licht
   gleichsam an meiner Liebe an,
   Dein Leib gibt ihm die Nahrung dann.
   Des Suchens -- wer du wrest -- mde,
   Gabst du dich mir.
   So bist Du geworden.
   Und ziehe Ich mich jetzt leise, wie ein Schleier, von dir,
   So bleibst Du?
   Auf zur Geburt erwach' deine Seele, auf zur Geburt.
   Und wenn die Trennung dir bange Schwermut macht,
   erscheint mein Bild gespiegelt in der Nacht.
   Und deiner Eigenliebe Schein
   wird wieder von dem zarten Nachtbild angeleuchtet sein.

(Mann schlgt das Tuch ganz ber ihren Kopf zusammen -- sie will ihn sehen,
er drckt ihre Augen sanft zu, so, da sie zu die Knie sinkt, er flieht auf
den Korridor.)

(Frau, betubt, wacht auf, folgt ihm in den Raum, wo die betrunkenen
Liebhaber schlafen. Mnner erwachen, Frau sieht durch das Gitterfenster auf
den Flchtenden hinaus.)

Frau

(halb schlafend -- halb singend)

Wacht auf, Schlfer!

Ein weier Vogel fliegt im Zimmer, hat meine Augen ausgehackt --

Wacht auf, Schlfer!

Ein roter Fisch schwamm durch, hat mein Blut vollgetrunken --

Schlagt ein das Tor, Schlfer! Ein Wehrwolf rannte aus, hat mein Herz
abgefressen --

(Die Burschen werfen de Hte weg -- einer ist halb nackt, den das Mdchen
freundlich ansieht, und mit ihm dem Haufen nachrennt. Sie nehmen Stcke und
laufen dem Flchtigen nach -- neben einem hohen Steindamm eine Treppe
hinauf aus Eisensparren, strzen -- Aufenthalt -- Flchtling schpft Atem
-- wendet sich als Silhouette in der Hhe gegen die Verfolger um, wird matt
-- sie umringen ihn -- unter der Bahnbrcke -- ein Zug rollt vorbei --
Signalglocke. Der Flchtling nimmt die Gelegenheit wahr, um sich ins Wasser
von der Hhe fallen zu lassen. Man schiet ihm nach, ohne ihn zu
erreichen.)

Gleichzeitig mit den letzten Worten der Frau stimmt eine
Heilsarmeemannschaft nach geistlicher Melodie folgenden Hymnus an:

   Wer himmlischer Liebe Schlssel hat,
   Dem nie erstirbt die Stund.
   Wie s wirds ihm erst sein.
   Ird'sche Liebe ist nur ein' Pein,
   Ein Rosendorn am Pfad
   Zum Gartentor von Golgatha.
   Seele, bleib noch nicht da . . . .

(Man sieht noch, wie sich das Mdchen mit dem Burschen von frher
wegschleicht.)


                             Zweite Szene.

Mondnacht. Zimmer wie frher, Frau, offene Haare, kriecht zum Fenster, das
gro und voller Schatten ist, die sich ndern und den Boden mit Figuren
berziehen.

Frau

(lockend, heiser lchelnd)

   O -- komme zu mir in der Nacht.
   Da du mir sollst zrnen -- bitte ich dich,
   weil bei mir ein Fremder mit im Bette liegt.
   Wr's besser nicht zu sein, als schlecht zu sein?
   Wenn Schlechtsein schon den Anschein, Wirklichsein, erregt?
   So lieb ich dich, wie du mich hat.
   _So bin ich doch_, wie du mich hast.

(mde, krank)

   Nein, ich schlafe still allein,
   Bettgewand ist mein Frauenhaar,
   aufgespannt bin ich noch auf deine Hnde.
   Und legte mein Ohr ans Tor,
   Und ein Vogel zog
   -- und hre dich?
   Und legte meine Augen ans Fenster
   -- Und der Mond log --
   Und umarme dich?

(unruhig)

   Und der Morgen log nicht,
   da ich mich sah allein und war eine Jungfrau wieder.
   Weine Trnen in mein Haar.

(Pause. Hebt die Arme wieder beschwrend)

   Ein Mdchen sagte dir einst ins Ohr --
   Hab mich dir in Ehren gegeben --
   Mu nicht von dir mir Ehre wiederkommen?

(trumend, sinnend)

   Was ich verloren, mich finde ich wieder in dir?
   Was ist finstrer als die Nacht, da ich nur neue Sehnsucht gebar!
   Was ist weier als die Nacht, da ich jetzt will Wunder tragen?
   Und was ist Erlsen und was Genesen,
   Warum sind den Frauen s die Rechten
   und sind die Frauen schtig nach dem Fremden.
   Der Rechte erkannte --
   der Fremde versuchte,
   wehe meinem Leib!

(Schreit wieder auf, angstvoll fragend. Man sieht beide Zimmer.)

Mann

(im anderen Zimmer, mit fremdem Ton singend ohne Bewegung, weiliches
Licht, offene Tr, die jetzt Licht einwirft, Lichtstrahlen kreuzen und
suchen sich aus den zwei Zimmern in der Mitte der Hhe.)

   Es schlief das Wassertiefe
   Es stand der Berg schattenleer
   Und es war keine Zeit
   Und da hrte kein Tier
   Und da wrmte kein Feuer
   Und verbrannte kein Flammen
   Als keine Liebe war.

Und wieder . . . .

(Lichtstrahlen heben sich und spielen und treffen sich wieder zur Ruhe.)

   Wasser rauschte Wasser nach,
   Und Berg verfinstert Berg
   _Zeit zog_ --
   Und das Tier schlug den Menschen und fra ihn und spie ihn.
   Und Flammen schlagen rote Wunden,
   Wo Liebe ward s Mann und Frau.

(Der Mann ruht auf dem Lager, starr und wendet kein Auge von der Frau.
Lichter verschwinden langsam im Zimmer der Frau, sie atmet kaum hrbar und
wird schwach. Das Folgende spricht sie furchtbar traurig, voll und warm.)

Frau

(wankt zur Tr)

   Von Liebe a mein Elternpaar; davon ward ich ein Mensch
   Du Mensch! Der mich erkannte.
   Hlfe . . . Fallen . . . .

(Sie fllt nieder)

Mann

   Mach dich Hoffnung aufstehn! Bald gehst du aus dem Hause.
   Wie du dich abhetzt, so schmilzt die trbe Lampe hin,
   die solcher Not das Wehtun, dem Flackern Leben borgt.
   Die Braut wird in der Kammer den Riegel aufgehn sehn.
   Schon bleicht die Lebensfarbe!
   Flgelschlagen das du selber bist, blst an den Docht.
   Das Feuer fragt, wo soll ich mich denn hinthun!
   Und legt sich in die Asche.

Schon seltsam und untraurig . . .

Frau

. . . Schliet ber mir Tagesschein.


                             Dritte Szene.

Szene im Wald, Frau im Hemd, krankes Gesicht, instinktmig eine bestimmte
Richtung suchend, weier Boden, Baumstmme schwarz, Himmel schwarz, kein
Licht auer der Reflexion des weien Bodens. Mnner und Weiber.

Frau

(jammernd wie eine Gebrende.)

   Weh mir --
   er lebt mit meiner Kraft.
   Irgendwo.
   Weh ist mir --
   ich bin schwach.
   Als er bei mir war und ich hielt den Saum, fiebernd --
   wich ich zurck vor ihm.
   Du verfhrst mich, wohin?

(zornig, schreiend, langsam hher.)

   Und da ward er durchglht und durchleuchtet auf einmal
   und mein warmes Blut sprang in mir,
   mich fror und meine Zhne klapperten.

(Windet sich entsetzt.)

   Fort von hier, fort von hier --
   Unseliges Lager . . .
   Unraststtte!
   Opferstall.

Alter Mann

(hlt sie fr eine kranke Lgnerin.)

   Wir suchen die Spur,
   Wir gehen im Kreis.
   Mondeshelle Flammen wehen leis.
   Mit Laternen durch den Dunst
   durchhellen wir den Forst.
   Scheuer Geier wrgt im Horst.

Frau

(verzckt.)

   Allberall eine Menschenstimme -- Du --
   Irgendwo hr' ich deinen Anruf --

Ein zweiter alter Mann

   Wir suchen den Mann,
   Der eine Frau verlie.
   Ein jagendes Tier schrie.

(sie schlagen an die Bume, um ihn aufzuscheuchen.)

Frau

   Schau, er faucht mich an aus den Drnern!
   Er wacht auf zum Geschrei!
   Seht doch!
   -- Wie Wasserdonner immer tosender --
   Umher Umarmung!!
   _Das Gesicht des Menschen_ --
   Du im Traum dein ser Geruch . . .
   Dein feuerfarbener Kopf im Sonnenmantel erstickt?

Ein dritter Mann

(leise.)

Ein Blitz zitterte, und scherte ein die zahme Herde.

Frau

   Flutender, du umhorchst mich . . .
   Weh!
   Er brach ein.
   In mir weidet er.

Erstes Weib

   Hrt, was sie spricht;
   Die Morgenwrme steigt herauf,
   Der Sonnenstern dringt lichtklar durch den Dampf.
   Irre wird sie in der Natur --

Frau

   Fort, fort mit leisem Tritt,
   Da keiner seine Nhe scheucht.
   Wie geschieht mir Gutes von dir!
   Ich sende dir, ich sende dir meinen Brautwunsch entgegen!

(schreiend.)

   Bricht mein Auge --
   Bin ich gestorben?
   Da ich sein Wunder verspr,
   Friedhof wird sein mein Hochzeitsbett und Weinkrampf Hochzeitsschrei.

(Sie strzt in der Mitte der Bhne und bleibt wie ein Bndel liegen,
regungslos.)

Zweites Weib

   Der Engel leitet sie,
   durchweintes Haar bedeckt ihr Auge
   und sie sieht ihn?
   Ihr Geist ist verstrt.
   Ein Engel leite sie.

(Rastlos)

Drittes Weib

   Nach welcher Seite wenden?
   Drei Wege offen,
   Gehe jedes einen.

(Drei aus dem Chor, jeder geht getrennt von dem andern einen Weg; denen tun
sich drei Bilder auf. Beschreibend, langsam lauter, jeder nur so lange
beleuchtet, als er spricht.)

Erster Alter

   Ich sehe einen Mann sich hrmen am Boden.
   Sein Barthaar besudelt im Staub.
   Sein Herz klopft laut.
   Er drstet, weil du gereicht hast
   den Schwamm mit Essig getrnkt.

Zweiter Alter

   Ich sehe ihn undeutlich!

Er nahm mit dir den Leib aus einem Kelch -- und du hast gelstert.

   Ich sehe wieder --
   Rufen Irrende?
   Ein sehnendes Herz.
   Ist er es?

Dritter Mann

Ich seh einen metallenen Mann an ein brnstiges Tier gesperrt.

Habt ihr wohl gesehen, also, da das Tier a von seinem Herzen.

   Er regt sich.
   Seine gespannte Kette zerklirrt.
   Seine glitzernde Hand siegt im zweifelnden Kampf.

Sein metallener Ruf erweckt das Weib, das aus dem Balg des Tieres tritt.

   Frau, die mit dem Fu die Schlange tritt,
   dein Herz schwellt sich in Mutterfreud.

(strahlendes Licht. Unruhiges Getse, Mnner und Frauen greifen nach
offenen Hnden, rufen, schluchzen, man sieht momentan viele offne Hnde.)

Chor

(Mnner zu Frauen, unruhig, laut und leise.)

   Ich sehe dich anders als sonst,
   Du bist mir nicht mehr fremd!
   Ich verga dich und sehe dich wieder liebend.
   Dein Krper ist vielsagend geworden.
   Was ist geschehn, da ich Jahre neben dir lebte!

Und so oft du dein Herz geffnet -- ich war nicht wrdig, da ich einkehrte
in dir.

Wie wird mir . . .

Im Aufmerken wird lautlose Kunde mir und sonderbares Verstehen.

   Bange Lippen.
   Verlorene Worte kommen.
   Fremde Welt, Freude, Seligkeit.

(Es wird langsam dunkel.)

Chor

(psalmodierend in den Hintergrund gehend.)

   Ich glaube an die Auferstehung in mir
   Ich glaube an die Auferstehung in mir --
   Ich glaube an die Auferstehung in mir --.

(Es wird ganz dunkel. Man hrt noch das Getse der Stimmen whrend des
folgenden Bildes. Spter schwcher und undeutlicher werdend. Raum leer.
Langsam fllt von oben Licht auf die Mitte der Bhne, man sieht jetzt an
der Stelle, wo die Frau lag, ein Mdchen. Es liegt verzckt am Boden und
spricht leise fr sich, voll unterdrcktem Jubel. Dnne Stimme -- die wie
eine Vogelstimme anschwillt.)

Jungfrau

Aus dem Tal zieht die Lerche in das Himmelsheim. Ich mchte meinen
Geliebten ungesehen mit den Armen umgeben, wie ein Strauch die neue Rose.

   Ich bin so froh, seit er mich heimsuchte.
   Warum sind nicht alle Menschen gut?


                             Vierte Szene.

Mann und Frau gegenber auf zwei Felskanzeln, im Dunkel des Grundes
undeutlich der Chor. Mann abwehrend, Frau gro. Wogende palmenartige Grser
und Farnbschel. Solange er spricht, weies Licht, das mit rotem
intermittiert, sobald sie antwortet.

Frau

   Ein Bann geht von diesem Weien aus.
   Mein Leib ist ein brennender Feuerstrauch,
   Du mein Mann. Nhrender Wind!
   Meine Brust zwei Feuerzungen,
   Du, widerwillige Stimme!
   Meine Hnde heie Flgel,
   meine Beine brennende Kohlen --
   wei und rot -- wei und rot brenne ich;

Im Feuerkleide langer Qual, in Scham recht Erglhte, brenne und verbrenne
nicht.

Tritt ein zu mir, auslsche und erlse mich.

Mann

   Kreiende, hoffnungslose Wchnerin!
   Die vor Schwachheit nicht Austragen wagt!
   Habe dazu keine bere Zeit vor --
   um dich nachher, gemach hinschauernd,
   zur Ruhe zu legen!
   La uns das Weh spter beschwichtigen,
   wann eins von uns mde ins
   Linnen gerollt.
   Angefacht ist schon was werden
   mchte ein Licht,
   anders als rauchend Feuer, drin das Auge bergeht.
   Feuer brennt zu Asche,
   Licht zuletzt ganz freundlich aussieht!

Frau

(erschreckt)

   Totsgestalt! Hast mir Fleisch, Blut vorgelogen!
   Rasend kamst du in mir aufgezogen!
   Sonne bleicht den Mond --
   Eisiger Reif
   Greift in mein Fleisch.
   Greift in mein Fleisch.
   Um mich der Mann, der mit mir rang,
   Der niederstt jeden Gedanken,
   Niederschlug
   Weichst mir nicht
   Aus Adern und Bein --

(hhnisch)

   Reiender der mich ausgesogen!
   Weh tust du Erlser, Auflser jetzt.
   Kann dich nicht gren lieber Mann,
   Der nicht annahm mich Opfer
   In der stummen Angstpause!
   O nimm mich aus der Marterwelt.

Mann

Wahrhaft bist du ein Mensch? Langhaarige!

Frau

   Warum bist du nicht gut --
   Mann, der mich mit Wnschen niederrannte.
   Ich wei du willst sein
   Mein Freier und Befreier,
   Mir Unreinen, Ungekannten --
   Und bist mein bser Feind
   Und Kerkermeister!

(Sie zuckt zusammen -- weinend.)

Mann

Meine verstrmte Liebeskraft, berall von dir aufgesaugt, nur in Spitzen --
leise verdunkelnd, leise verklrend, -- rhrt sie da dich, Fremdes,
widerspenstiges _Dugespenst_?

Das Weib ist unschuldig.

Aber der Mann -- in seinen Dornen einsamt der Friedlosigkeit Frost.

   Zeitweise in dir still wie nachtrumend.
   Ausgeweint, umgewendet,
   scheidend blickst du mir ins Gesicht . . .
   Mtterlicher Raum ffne dich!
   Himmelsheimat, ziehe den irren Sohn.
   Mde bin ich.
   Weib geh frei aus meiner Hand.

Frau

(wirft den Stein, der seine Brust trifft)

Ich kenne dich nicht mehr an.

Mann

   Barmherzigkeit!
   Du tust mir weh,
   durch die ich abgelset bin.
   Ach sieh hier mein Leben im Opferblut entschweben.
   Die Erde nimmt die Kraft kaum an,
   Die aus mir drang, die aus mir rann.
   Du lt mich nun zugrunde gehen,
   An dir, die so ich losgemacht.
   Im Todeskummer, wer ist da mein Trost?
   Schwester trockne meine Stirn!

Frau

(fllt auf ihn nieder und drngt die anderen zurck. Mit groer Liebe.)

   Lat mich.
   Mein Mann soll unberhret sein!
   Ich leide mit dir!
   Geh noch nicht, Eilender von mir.
   Sieh her, da komm ich schon zu dir.

Mann

Glaube mir, Frau, und deine Hand tut mit Versegnung verwachsende Wunde mir
zu -- Warum sind wir nicht gut!


                             Fnfte Szene.

Sterbezimmer. Mann, wund auf dem Bett. Frau ber ihn gebeugt. Stellung der
Pietagruppe. -- Mutter und Knabe gehen durch. Knabe halbwchsig.

Knabe

Sag, was sieht die Frau mit starrem Blick? Und leise dir ins Ohr; Mutter
sag, voller Snden sind, die so leiden?

(aufgeregt)

   Mutter, bist du ein Weib?
   Was du bist, verwirrt mich!
   Ich leide mit der schnen Frau, ich mchte zu ihr.

Mutter

   O weher Mutter-Tod und ahnend Kindlein-Wundern.
   Bewahre! Geh nicht hin und schau nicht hin,
   Wo die zahlen Blut und nicht einig werden.

Knabe

   Gib Frieden denen, die da zu Hause sind!
   Ein Grabhgel voll von Trauerleuten.
   Ich steh am Tor.
   Gott legt den Kopf in seine Hand und weint.

Mutter

   Ich kann es anders sehen!
   Ein Dornstrauch brannte auf einmal.
   Die Drre schleicht dem Wurm gleich weg.
   Gott lt zu sich das Licht empor.

(abgehend.)

Chor

(an der Wand stehend, Trauerkleidung.)

   Ihr im Herzen ist sein Bild mit glhender Kohle aufgerissen.
   Scheint sie ihm?
   Lebt er noch?

Ich gab ihm einen Apfel in die Hand und die Frucht ist schon ganz braun
geworden.

   Er hat die Augen vor dem Unsichtbaren geschlossen.
   Ich wei, Sterbende sind Gute, sie nehmen Sterbens Not.

(Der Lichtkranz hat sich mittlerweile ber der Hauptgruppe gebildet. Die
Sonne geht unter.)

(Gloriole -- Frau und Mann sprechen im Schlaf, hoch, ganz fremd, so, da
jeder Ton an die Nerven strt.)

Mann

Lebe ich denn -- Du und Ich,

Frau

   Verlorenes,
   Vergessenes besplt mich,
   verrinnt.
   Weigebrannt.

Mann

   Grauenhaft war die Zeit.
   Wunschlaufen -- Opfertier!

(leise sterbend.)

Und hinfallen in Vergessen!

Frau

Lautlos lst sich ein Gesicht.

(Mann tot. Summen hrt momentan auf. Lichtkranz ist gebildet, alle heben
die Hnde, geben Zeichen.)

Chor

(reiht sich in zwei Gruppen, halb singend.)

Und so starb ein Mensch, der sich begriffen hat.

Mnner des Chores

Du bist mein stilles Hinschaun

Weiber des Chores

(abwechselnd mit den Mnnern zum Bett.)

   Du bist mein Erschauern,
   Du bist mein Licht,
   Du lauter durchleuchtet
   Und ich kehre ein verborgen
   Und du wirst mir offenbar.
   Ich aber verlor mich
   -- und ich erinnerte mich . . .

Chor

(der Mnner.)

   Vergessen Rufen ohne Ton.
   Vergessen gnadloses Einmalsein.
   Vergessen irdische Seligkeit.

Weiber

   Vergessen rinnendes Blut ohne Genesen
   Vergessen bebender Zhne hungernde Lust.

Chor

(Frage.)

   Warum bist du nicht gut?
   Warum bist du nicht gut?

Cltor

(Antwort.)

   Weil _sein_ sie sollten,
   Im Schein verharren sie wollten.

Gesamter Chor

   Erzwungen, erscheint ein Gesicht,
   eine Welt dem Bewutsein.
   Und wieder lst vom Bilde,
   wo es haftet, sich das Erschaffne.
   Als Wasser, Luft und Erde formt sich der Raum.
   Feuer brennt ihn ewig und verbrannte ihn.




                      MRDER. HOFFNUNG DER FRAUEN
                           SCHAUSPIEL (1907)


                           Dem treuen Freund
                              Adolf Loos
                        gewidmet vom Verfasser

                               Personen:
                               Der Mann
                               Die Frau
                                Krieger
                                Mdchen

Die Handlung spielt im Altertum. Nachthimmel. Turm mit groer gitterner
Eisentr. Fackellicht. Boden zum Turm ansteigend.

Der Mann

(Weies Gesicht, blaugepanzert, Stirntuch, das eine Wunde bedeckt, mit der
Schar der Krieger, wilde Kpfe, graue und rote Kopftcher, weie, schwarze
und braune Kleider, Zeichen auf den Kleidern, nackte Beine, hohe
Fackelstangen, Schellen, Getse. Die kriechen herauf mit vorgestreckten
Stangen und Lichtern, versuchen mde und unwillig den fortstrmenden
Abenteurer zurckzuhalten, reien sein Pferd nieder. Er geht vor. Sie lsen
den Kreis um ihn, whrend sie mit langsamer Steigerung aufschreien.)

Krieger

Wir waren das flammende Rad um ihn.

Wir waren das flammende Rad um dich, Bestrmer verschlossener Festungen!

(Gehen zgernd wieder als Kette nach; er, mit dem Fackeltrger vor sich,
geht voran.)

Krieger

Fhr' uns, Blasser!

(Whrend sie sein Pferd niederreien wollen, steigen Mdchen mit der
Fhrerin die rechts liegende Stiege herab, die aus der Burgmauer fhrt.)

Frau

(rote Kleider, offene gelbe Haare, gro)

(laut.)

Mit meinem Atem erflackert die blonde Scheibe der Sonne.

   Mein Auge sammelt der Mnner Frohlocken.
   Ihre stammelnde Lust kriecht wie eine Bestie um mich.

Mdchen

(lsen sich von ihr los, sehen jetzt erst den Fremden.)

Erstes Mdchen

(neugierig)

   Unsre Frau!
   Sein Atem hngt ihr an.

Erster Krieger

(darauf zu den andern.)

Unser Herr kommt wie der Tag, der im Osten aufgeht.

Zweites Mdchen

(einfltig.)

Wann wird mit Wonne sie umfangen!

Frau

(sieht den Mann fest an.)

Wer ist der Fremde, der mich ansah?

Erstes Mdchen

(zeigt ihn, schreit.)

   Der Schmerzensmutter verscheuchter Knabe,
   mit Schlangen um die Stirn, entsprang.
   Kennt ihr ihn wieder?

Zweites Mdchen

(lchelnd.)

   Untiefe schwankt.
   Ob sie den lieben Gast vertreibt?

Der Mann

(erstaunt, sein Zug hlt an.)

Was sprach der Schatten?

(Das Gesicht hebend, zur Frau.)

Sahst du mich an, sah ich dich?

Frau

(frchtend und verlangend )

   Wer ist der bleiche Mann?
   Haltet ihn zurck!

Erstes Mdchen

(gell schreiend, luft zurck.)

   Lat ihr ihn ein? Der wittert, da wir unbeschtzt?
   Die Festung offen steht!

Erster Krieger

   Ihm ist, was Luft und Wasser teilt,
   Haut und Feder, Schuppen trgt;
   haarig und nackt Gespenst
   gleich unterthan.

Zweites Mdchen

   Mit einer Falte weint und lacht die Goldgelockte da.
   Jger fang uns schon . . .

(Gelchter.)

Erster Krieger

(zum Mann.)

   Umarm sie!
   Das Wiehern hetzt die Stute irr.
   Gib dem Tier die Schenkel!

Erstes Mdchen

(listig)

Unsre Frau ist eingesponnen, hat noch nicht Gestalt erreicht.

Zweites Mdchen

(grotuend)

   Unsre Frau steigt auf und sinkt,
   Doch kommt nie auf die Erde.

Drittes Mdchen

   Unsre Frau ist nackt und glatt,
   Auch schliet sie nie die Augen.

Dritter Krieger

(zum dritten Mdchen, hhnisch.)

   An Haken fngt sich Fischlein.
   Fischin hakt sich Fischer!

Zweiter Krieger

(zum zweiten Mdchen; er hat verstanden.)

   Locken fliegen! Ihr Gesicht befreit . . .
   Die Spinne ist aus dem Netz gestiegen.

Der Mann

(hat der Frau den Schleier gelftet; zornig.)

Wer ist sie?

Erster Krieger

(aufreizend.)

   Sie scheint dir bange, fang sie!
   Verfngt doch nur die Angst.
   Bang du, was du dir erfangst!

Erstes Mdchen

(ngstlich.)

   Frau, la uns fliehen!
   Verlscht die Lichter des Fhrers!

Zweites Mdchen

(eigensinnig.)

   Herrin, hier la mich den Tag erwarten . . .
   Hei mich nicht schlafen gehen,
   Die Unruh in den Gliedern!

Drittes Mdchen

(flehend.)

   Er soll nicht unser Gast sein, unsre Luft atmen!
   Lat ihn nicht bernachten.
   Er schreckt uns den Schlaf!

Erstes Mdchen

Der hat kein Glck!

Erster Krieger

Die hat keine Scham!

Frau

   Warum bannst du mich, Mann, mit deinem Blick?
   Fressendes Licht, verwirrst meine Flamme!
   Verzehrendes Leben kommt ber mich.
   O nimm mir entsetzliche Hoffnung --

Der Mann

(fhrt wtend auf)

Ihr Mnner! Brennt ihr mein Zeichen mit heiem Eisen ins rote Fleisch!

(Krieger fhren den Befehl aus. Zuerst der Haufen mit den Lichtern mit ihr
raufend, dann der Alte mit dem Eisen, reit ihr das Kleid auf und
brandmarkt sie.)

Frau

(in furchtbaren Schmerzen schreiend.)

Schlagt die zurck, die bse Seuche.

(Sie springt mit einem Messer auf den Mann los und schlgt ihm eine Wunde
in die Seite. Der Mann fllt.)

Krieger

   Flieht den Besessenen, erschlagt den Teufel!
   Wehe uns Unschuldigen, verscharrt den Eroberer.

Der Mann

(Wundkrampf, singend mit blutender, sichtbarer Wunde.)

   Sinnlose Begehr von Grauen zu Grauen,
   Unstillbares Kreisen im Leeren.

Gebren ohne Geburt, Sonnensturz, wankender Raum.

   Ende derer, die mich priesen.
   O, euer unbarmherzig Wort.

Krieger

(zum Mann.)

   Wir kennen ihn nicht.
   Verschon uns!

Kommt, ihr Griechenmdchen, lat uns Hochzeit halten auf seinem Notbett.

Alle Mdchen

   Er erschreckt uns,
   Euch liebten wir, als ihr kamt.

(Die Mdchen legen sich zu den Kriegern kosend rechts auf den Boden.)

(Drei Krieger machen aus Stricken und sten eine Bahre, und stellen sie mit
dem schwach sich Bewegenden, in den Turm hinein. Weiber werfen das
Gittertor zu und ziehen sich wieder zu den Mnnern zurck.)

Der Alte

(steht auf und sperrt ab. Alles dunkel, wenig Licht im Kfig.)

Frau

(allein, jammernd, trotzig.)

   Er kann nicht leben, nicht sterben,
   Er ist ganz wei.

(Sie schleicht im Kreis um den Kfig. Greift gezwungen nach dem Gitter.
Droht mit der Faust.)

Frau

(trotzig.)

Macht das Tor auf, ich mu zu ihm!

(Rttelt verzweifelt)

Krieger und Weiber

(die sich ergtzen, im Schatten, verwirrt.)

Wir haben den Schlssel verloren -- -- wir finden ihn -- --

Hast du ihn? -- -- sahst du ihn -- -- wir sind nicht schuldig.

Wir kennen euch nicht -- -- Was wissen wir von euch!

Der Streit ist unverstndlich und dauert eine Ewigkeit.

(Gehen wieder zurck. Hahnenschrei, es lichtet im Hintergrund.)

Frau

(langt mit dem Arm durchs Gitter, bswillig keuchend.)

   Blasser! Schrickst du? Furcht kennst du?
   Schlfst du blo? Wachst du? Hrst du mich?

Der Mann

(drinnen, schwer atmend, hebt mhsam den Kopf, bewegt spter eine Hand,
dann beide Hnde, hebt sich langsam, singend, entrckend)

   Wind der zieht, Zeit um Zeit.
   Einsamkeit, Ruhe und Hunger verwirren mich.
   Vorbeikreisende Welten, keine Luft, abendlang wird es.

Frau

(mit beginnender Furcht.)

   So viel Leben fliet aus der Fuge,
   So viel Kraft aus dem Tor,
   Bleich wie eine Leiche ist er.

(Schleicht wieder auf die Stiege hinauf, zitternd am Krper, wieder laut
lachend.)

Der Mann

(ist langsam aufgestanden, lehnt am Gitter.)

Frau

(schwcher werdend, grimmig.)

   Ein wildes Tier zhm ich im Kfig hier,
   Bellt dein Gesang vor Hunger?

Der Mann

(ffnet den Mund zum sprechen.)

. . . . . . . . .

(Hahnenschrei.)

Frau

(zitternd.)

Du, stirbst nicht?

Der Mann

(kraftvoll.)

   Sterne und Mond! Frau!
   Hell leuchten im Trumen
   oder Wachen sah ich ein singendes Wesen . . .
   Atmend entwirrt sich mir Dunkles.
   Mutter . . . Du verlorst mich hier.

Frau

(liegt ganz auf ihm; getrennt durch das Gitter, schliet langsam das Tor
auf)

Frau

(leise.)

Vergi mich nicht . . .

Mann

(wischt sich ber die Augen.)

Rostgedanken klebt sich auf die Stirn . . .

Frau

(zart.)

Es ist dein Weib!

Mann

(sanft.)

Eine Spanne scheues Licht! --

Frau

(bittend.)

Mann!! Schlaf mir . . .

Mann

(lauter.)

Ruhe, Ruhe Truggedanke, la mich . . .

Frau

(ffnet den Mund zum sprechen.)

Mann

(einsam.)

Ich frchte mich --

Frau

(immer heftiger, aufschreiend.)

   Ich will dich nicht leben lassen. Du!
   Du schwchst mich --
   Ich tte dich -- du fesselst mich!
   Dich fing ich ein -- und du hlst mich!

La los von mir -- umklammerst mich -- wie mit eisernen Ketten --
erdrosselt -- los -- Hilfe!

Ich verlor den Schlssel -- der dich festhielt.

(Lt das Gitter, fllt auf der Stiege zusammen.)

Der Mann

(steht ganz, reit das Tor auf, berhrt die sich starr Aufbumende, die
ganz wei ist, mit den Fingern der ausgestreckten Hand. Sie sprt ihr Ende,
spannt die Glieder, lst sie in einem langsam abfallenden Schrei. Die Frau
fllt um, entreit im Fallen dem aufstehenden Alten die Fackel, die ausgeht
und alles in einen Funkenregen hllt.)

Der Mann

(steht auf der obersten Stufe, Krieger und Mdchen, die vor ihm fliehen
wollen, laufen ihm schreiend in den Weg.)

Krieger und Mdchen

   Der Teufel!
   Bndigt ihn, rettet euch!
   Rette wer kann -- verloren!

Der Mann

(geht ihnen gerade entgegen. Wie Mcken erschlgt er sie. Die Flamme greift
auf den Turm ber und reit ihn von unten nach oben auf. Durch die
Feuergasse enteilt der Mann. Ganz ferne Hahnenschrei.)

                                _Ende_

                               Druck von
                   Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H.
                                Leipzig





End of the Project Gutenberg EBook of Der brennende Dornbusch/Mrder.
Hoffnung der Frauen, by Oskar Kokoschka

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BRENNENDE DORNBUSCH ***

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