The Project Gutenberg EBook of Die Tote und andere Novellen, by Heinrich Mann

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Title: Die Tote und andere Novellen

Author: Heinrich Mann

Release Date: July 1, 2014 [EBook #46157]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE TOTE UND ANDERE NOVELLEN ***




Produced by Jens Sadowski





                           Novellen in Gelb
                                Band 3




                             Heinrich Mann
                               Die Tote
                          und andere Novellen


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                    Titelzeichnung: Ottomar Starke




Die Tote


I.

Als am Ende des Sees der Zug hielt, stieg Leo Cromer, ohne die Gedanken an
die gehabte Beratung abzubrechen, aus, ging in dem Mondlicht um den
Schuppen herum, der eine Bahnhofshalle bedeutete, und betrat den dunklen
Baumgang. Einmal erhob er den Kopf; hinter den Stmmen das Wasser lag wei
wie Gewebe des Lichts, die Ufer schienen unwirklich, die Stille ein
Geschrei von Geistern . . . Dies war der dichtere Schatten seines eigenen
Grundes, er stand und atmete die verborgene Wrme, das tiefe Alleinsein.
Dahinten, zu Wolken versilberten Laubes hinab, stieg die flimmernde Treppe
seines Hauses, die Vasen rannen ber von Licht, die Stufen hernieder ging
es wie eine Schleppe. Sie ward bewegt! Aus ihren Falten neigte sich ein
Fu! . . . Was heit das? dachte Cromer. Jetzt habe ich also Gesichte?
Ich scheine nicht eben glcklich zu sein -- wenn gerade sie sich mir
zeigt? Er fragte noch: Wre ich es denn zufrieden, da sie, wie frher,
wenn ich aus der Stadt heimkam, bei dem Busch dort auf mich zutrte? Bin
ich schon alt und mde genug, um billig zu sein und mich zu bescheiden?
. . . Sie hat wohl gebt, sagte er; aber er hob die Schultern. Bue? Ein
Wesen wie sie, stirbt aus Zorn, seiner Selbstachtung zuliebe, oder einfach
um des guten Abgangs willen. Nicht fr mich ist sie gestorben! Ich habe ihr
nicht zu danken gehabt. Ich habe nichts bereut.

Auf der Terrasse angelangt, wendete er sich nochmals um; er sah aufwrts
und hinab, zu dem Garten, der dunkel duftete, und in die breiten
Sternenstrme des Augusthimmels. Wer schlafen geht, versumt viel, -- aber
auch, wer denken und handeln geht . . . Unsereiner wei dies von vormals;
ganz erfalich sind solche Nchte nicht mehr fr uns . . . Was fr Gedanken
brigens bei jemand, der geradeswegs aus einer Versammlung von
Machtmenschen kommt! Ich kenne mich lngst, die Fragen sind erledigt, ich
habe nichts versumt, was mir gegeben war. Erfolge: ich habe sie gekannt.
Ich habe mit Menschen bergenug zu tun gehabt, ich habe Frauen und Mnner
erobert und niedergekmpft, habe vielen die Spur meines Daseins
aufgedrckt, die mich hassen oder lieben muten. Ich habe selbst gehat,
selbst geliebt.

Er zog sich gegen die Fassade zurck, in den Schatten eines Pilasters. Wie
dies alles schal wird, sobald man es sich rhmen mchte! Wie es zerrinnt!
Menschen: habe ich denn mehr bei ihnen erfahren, als ein kraftloses und
schmerzliches aneinander Hingleiten? Das Leben ist vergangen wie eine
Diskussion im Klub; man hat einander amsiert oder weh getan, zum Schlu
aber steht jeder auf, mit seiner Meinung. In Wahrheit habe ich keinen Mann
berzeugt, keine Frau ganz gewonnen, habe niemand je zu mir
herbergebracht.

Angstvoll folgte sein Blick der Bahn der Sterne, die herabstrzten aus dem
wimmelnden Schein, und die, bevor das Auge sie erfate, schon im Dunkel
waren. Die Menschen halten einander nicht. Ich habe Lida nicht gehalten.
Woher der bittere Geist, der Seelen nehmen will und doch nicht an sie
glaubt! Ich habe lieber verworfen als standgehalten, und bessere Augen fr
den Verrat gehabt als fr die Hingabe. Lida wenigstens ist mir die Antwort
nicht schuldig geblieben, die Toten haben das letzte Wort. Da stehe ich nun
. . .

Und er dachte an die lngst Vergangene, so nahe, als triebe der
Geisterstrom des Mondlichts, in das er hinausstarrte, ihn bis zu dem Ufer,
wo ihr Schatten wartete. Sie war das glnzende Glck seiner ersten reifen
Jahre gewesen. Er hatte Erfolge gehabt, die bekannt wurden; diese Liebe,
die er entgegennahm, trug zum erstenmal Zeichen von Tribut und Lohn. Aber
auch er huldigte ihrer weltlichen Geltung, dem Reichtum an Bewunderung, dem
die schne Schauspielerin gebot. Sie liebten einander, wie Geist und Sinne
den Vollbesitz des Lebens lieben. Ihre Beziehungen waren unsentimental und
darum gefhrdet bei jedem Versagen. Monate lang getrennt durch ihre
Gastspiele und seine politischen oder Geschftsreisen, erwarteten sie
einander immer nur auf der Hhe und den Ereignissen berlegen. Probleme?
Jeder von ihnen hatte sie bei anderen abtun knnen; zwischen ihnen beiden
lagen keine, sie htten sonst, anstatt ihre Heirat zu erwgen, einen
raschen Strich gezogen. Warum nur, bei solchem Einverstndnis, die
unvermittelte Befangenheit seit ihrem letzten Gastspiel, das Erzwungene
jenes Briefes, und als sie zurckkam, das unklare Wesen? Er glaubte an
Mierfolg, Krankheit, Geldverluste, nur nicht an das, was dann in der
Abschiedsszene wund und verworren endlich aus ihr hervorkam, weil er es
hervorzerrte. Sie hatte ihn betrogen. Wozu betrogen? Sie war frei, war
stolz, nichts ntigte sie, zu berechnen und zu lgen. Sie war vor ihm
zusammengebrochen und weinte -- und er empfand, was er mit ihr, mit ihr nie
htte empfinden drfen, Mitleid, ein verachtungsvolles Mitleid. Er drehte
ihr den Rcken. Gleich nachdem er ihre Wohnung verlassen hatte, geschah das
Unglck.

Ein gewhnlicher Unglcksfall. Die Frau, die nun nicht mehr da war, hatte
sich selbst verloren, bevor er sie verlor. Ihr Ende war uerlich,
schattenhaft; ihn, der als Freund einer beliebten Knstlerin an ihrem Sarge
reprsentierte, ging es noch weniger an als die anderen. Was ihm brig
blieb, war Bitterkeit, Zorn und eine Vermehrung seiner Zweifel am Leben
selbst. Man konnte noch gewinnen, man konnte nicht mehr glauben, zu
besitzen . . . Dennoch hatte er wieder geliebt, Zwischenflle, die auch
schon dahin waren. Ebenso gut knnte ich der oder jener gedenken, warum
ihrer? Ist es, weil sie sterben mute, und weil solche se und weie Nacht
werben mchte fr den Tod? Es ist wahr, sie kam als Letzte, bevor ich
alterte. Aber noch jetzt bin ich weit von fnfzig.

Er trat in das Haus; es schien ihm erfllt von einem Duft, wie wenn das
Mondlicht geduftet htte. Durch das offene Fenster seines Zimmers fiel es
auf die Wand, scharf abgegrenzt und wei wie ein Spiegel. Er ging im
Dunkeln zu Bett, suchte aber nicht einzuschlafen. Es schien ihm
eigentmlich nutzlos, Verzicht zu leisten auf dieses ungewollte
Lebendigwerden toter Stunden, toter Augen. Sie waren da, viel eher konnten
Stunden und Gesichter des bevorstehenden Tages ausbleiben als sie. Sie war
da! Ihre Augen waren da, ihr Lcheln khn und lockend wie je! Aus der Tr
ihres Zimmers hervorgetreten, stand sie in einer fremden Helligkeit ihm
wirklich gegenber und sah ihn an! Er fuhr auf: Lida! -- und ihm setzte
das Herz aus. Da begriff er, da es nichts war als ihr Bild, die groe
Photographie, die er nach ihrem Tod aus seiner Nhe entfernt hatte. Das
Mondlicht war dorthin gerckt, scharf begrenzte es das Bild. Wie aber kam
das Bild auf die Tapetentr, genau auf die Tr? Cromer sah nach; Das Bild
war unbeweglich; unten versperrte es den Trgriff, man konnte nicht ffnen.
Er drehte die Beleuchtung auf. Durch zwei kleine Lcher in der Tapete lief
eine Schnur hin und zurck und in die Ringe am Rahmen. Er wollte einen der
Knoten lsen: da war es keine Schnur, es waren viele Fden, seltsam weich
und zh. Er ri; das Bild strzte, und in der Hand hielt Cromer eine lange
goldblonde Haarstrhne.

Darauf sah er in das Gesicht der Toten. Er fragte: Wozu dies, da es
unmglich ist. Wozu Rtsel aufgeben, die keine sein knnen . . . Dennoch
zgerte sein Gedanke, nicht anders als sie, die Tote, dastand und zgerte.
Sie hielt eine Hand, eine ihrer vielsagenden Hnde am Saum eines Vorhanges,
den sie nicht ffnete. Den Kopf verheiend zur Schulter geneigt, die Augen
so wissend in ihrer Umschattung, und dieses Lcheln der gelsten Lippen, --
aber sie ffnete nicht den Vorhang. Er zuckte die Achseln. Die Haarstrhne
lie er nochmals sachlich durch die Finger gleiten, dann warf er sie zu dem
Bild. Mochten es Frauenhaare sein, so waren es doch nicht ihre. Er hatte
sich keine von ihr zurckbehalten, er war weit davon entfernt gewesen. Sein
Diener, ein eifriger Mensch, hatte in der kurzen Zeit seines Hierseins
schon mehrere Zeichen von Selbstndigkeit gegeben. Er hat es richtig
gefunden, mich mit dieser Neuerung zu berraschen. Die Art der. Befestigung
ist auffallend. Immerhin ist er jung und offenbar romantisch. Ich werde ihn
auffordern mssen, es weniger zu sein. Er wollte luten, zog aber die Hand
zurck. Bin ich denn neugierig? Welchen Zweck htte es, in der Nacht ein
Gesprch vor diesem Bild zu fhren? Er zuckte die Achseln, strker als das
erste Mal, und ging ernstlich schlafen.


II.

Gleich beim Eintritt sah der Diener das Bild, das am Boden lehnte. Er
stutzte, sein eifriges, blondes Gesicht erschrak, und er schien dem Bilde
seine Mibilligung auszudrcken, weil es seinen ordentlichen Platz
verlassen hatte. Er mte schon ein guter Komdiant sein, dachte Cromer,
sonst ist er eine wohlgeratene Dienerseele. Er sagte: Philipp, Sie
bringen mir den Tee ohne die Schrze, die Sie anhaben. Der junge Mensch
betrachtete seine Schrze, blinzelte mit seinen gerteten Lidern und
erwiderte: Beim Herrn Grafen von Alten kam ich in der Schrze. Nein, er
verstellte sich nicht, die natrliche Erklrung des Vorfalles schien
milungen. Aber Cromer fhlte nicht das Bedrfnis, eine fernerliegende zu
suchen. Auf der Fahrt zur Stadt verlor er die Sache aus dem Gesicht.

Warum war er dennoch gegen Abend wieder drauen? Er versumte sogar eine
Verabredung zum Essen. Leichter Kopfschmerz? Ruhebedrfnis? Gewi; darum
schien es aber nicht ntig, den Garten zu durcheilen, als wartete Jemand.
Es war noch hell, Haus, Wege und Terrasse lagen nackt und klar unter blauem
Himmel. Im Zimmer an der Tapetentr -- nein, nichts, ganz
selbstverstndlich nichts. Aber wenn begreiflicherweise niemand und nichts
auf ihn gewartet hatte, blieb doch zu bemerken, da er selbst nicht frei
von Spannung gewesen war -- und vielleicht nicht frei von Hoffnung? Wre
es mehr als Kinderei, wenn ich etwas zu erleben wnschte, was eine
Fortsetzung des gestern Erlebten wre? . . . Ach! Das Beunruhigende ist
keineswegs, da ein Bild ohne erkennbaren Grund den Platz gewechselt hat,
sondern meine gleichzeitigen Gedanken. Indes sie kam, fhlte ich sie
kommen, sagte er halblaut und mit Kopfschtteln. Anderen soll ein
Sterbender von fern sich ankndigen, wenn sie ihn nur genug liebten. Ich
habe eine bevorstehende Rckkehr geahnt. Denn es lag in ihm, trotz seinem
besseren Wissen, als htte er ihre Spur berhrt und von ihrem sich wieder
belebenden Schatten ein Zeichen erhalten. Das bessere Wissen sagte:
Vorgefhl und Gesichte heien mit ihren ehrlichen Namen Sehnsucht und
Reue. Man lebt nicht ungestraft ein illusionsloses und unglubiges Leben --
nicht ungestraft, wenn man weder einen leichten Kopf noch ein stumpfes Herz
hat. Der Augenblick ist wohl gekommen, wo ein Wesen mir nicht unwillkommen
wre, das ich verachtet und verworfen hatte.

Er stand vom Stuhl auf, er wiederholte sich sein Gestndnis am anderen Ende
des Zimmers, als mte es dort anders klingen. Aber er vernahm nur immer
den Zweifel, ob es denn ntig war, da sie starb. Da hielt er schon das
lederne Kstchen in Hnden, mit ihren Briefen. Er las -- und er fand es
sonderbar, wieder ganz diesen Tonfall zu hren, als sei er erst gestern
ausgeklungen. Angesichts ihrer groen, raschen Schrift traten einem
unverhofft die wechselnden Mienen ihres im Ausdruck gebten Gesichtes
wieder vor Augen. Alle ihre frheren Mitteilungen waren offen, ohne
Rckhalt, und glichen so wenig diesen letzten, andeutungsvollen,
fieberhaften. Von dem ganzen Gastspiel nur der eine Brief -- und aus ihm
bebte die Hast des Zusammenraffens von Ruhm, Geld, Lebensgefhl.
Feststimmung jeden Abend, nach dem zweiten ihr Kontrakt verlngert, ihr
Auto vor dem Bhneneingang immer umlagert. Den Erfolgen entsprachen die
Huldigungen, und des Nachts hie es, Rollen lernen. Jagd des Vergngens,
Jagd der Arbeit, nie schnell genug, nie ergiebig genug -- aber mitten darin
etwas wie ein Atemstocken, verhaltenes Erschrecken: es ist nicht mehr weit
. . . Wie lange soll dies alles noch dauern? fragte sie. Manchmal habe
ich es satt zum Sterben -- und sehne mich nach etwas, das kein Erfolg wre,
kein Triumphieren, o, durchaus kein Triumphieren! Es mu Dinge geben, die
strker sind als unser Wille: hier, gestern, bin ich zum erstenmal darauf
gestoen worden; kann sein, da ich noch mehr erfahre, etwas wie eine
Niederlage; denn Erlebnisse, die wir weder beherrschen, noch verstehen,
sind doch Niederlagen?

Welch tiefinnere berreiztheit, diese verderbte Neugier nach der
Selbstaufgabe! Cromer ward geqult davon, wie damals, beim ersten Lesen. Er
sah lange durch die offene Gartentr hinaus in die grau dmmernde Luft. Als
er zu dem Brief zurckkehrte, lie sich im Zimmer nur schwer noch lesen. Er
entzifferte: Der Herr, der mich auf diese Gedanken gebracht hat, scheint
an sich selbst nicht sehr empfehlenswert. Er sieht aus wie . . . Hier ward
das Blatt geknickt von einem Luftzug, der so pltzlich einsetzte, als sei
auch die Tr im Hintergrund geffnet worden. Sie stand offen; Cromer, der
niemand eintreten sah, tat eine raschere Bewegung, sein Stuhl fiel um. So
finde ich doch Menschen hier? sagte eine Stimme, -- und von der Farbe des
Schattens und schlecht aus ihm herausgelst, zeigte sich eine Gestalt, die
auf hohen Beinen einen kaum erkennbaren Krper fortbewegte. Zwei lange
Schleichschritte, ein zuckendes Anhalten, und wieder ein Anlauf, mit
Verbeugungen ber jeden Schritt des linken oder rechten Beins: so kam es
herbei. Cromer, im unwillkrlichen Drang, es aufzuhalten, drehte die
Tischlampe an; der grelle Schein fiel genau auf die Gestalt, da stand sie.
Cromer sah einen groen und scharfen Kopf, der spttisch grte, und, mit
seinen Brillen funkelnd, sagte: Ich komme wegen des Hauses. Es ist zu
verkaufen. Und auf Cromers trockenes Nein: Wie, nicht zu verkaufen? Man
htte mich falsch berichtet . . .? Oder, die Wahrheit zu sagen. -- Der
Besucher spreizte die Hand, mit einer bedeutsamen Rundung zwischen Daumen
und Zeigefinger. Vielleicht hat niemand mich berichtet. Nur meine
Einbildung verhie mir, dies Haus, abseits und verschollen . . . Er
wiederholte: Verschollen . . . Genug, ich ziehe mich zurck. Es war dunkel
berall, kein Mensch trat mir entgegen, Verzeihung fr mein Eindringen, ich
bin . . . Er murmelte, sich abwendend, etwas wie einen Namen, wobei er den
gefalteten Sommermantel wieder hinaufschob auf die Schulter, die hher
schien als die andere. Dabei zgerte er und sphte die Wand hinan. Auch
Cromer wendete sich hin -- und er fuhr zurck, das Bild sah ihn an, ihr
Bild, mit ihrem khnen und lockenden Lcheln, an dem Vorhang, aus dem sie
kam, oder in dem sie verschwinden sollte.

Ihnen ist unwohl? fragte der Besucher. Cromer fate sich.

Nein. Seiner noch nicht sicher, setzte er hinzu: Sie scheinen das Bild
wiederzuerkennen?

Nicht im geringsten. Der Besucher spreizte schon wieder bedeutsam die
Hand. Hchstens, da es mich erinnert hat, an eine berhmte
Schauspielerin, die ich kannte.

Die Sie kannten.

Will sagen, ich wei nicht einmal, ob sie berhmt war. Ich bin kein
Weltmann. Dabei lchelte er bescheiden und geistreich. Aber es gibt
Stunden, und eben Frauen, wie jene, die mir einmal begegnete, haben wohl
solche Stunden, da spricht man zu einem Erstbesten, was man nicht einmal zu
sich selbst sprechen wrde -- geschweige zu seinem Nchsten.

Hier schien sein Blick hinter den Glsern den Tisch zu streifen, mit den
Briefen darauf, ihren Briefen. Wollen Sie sich nicht setzen? sagte
Cromer.

Danke. Ich verweile nicht ungern ein Wenig. Der Zug fhrt erst in einer
halben Stunde hier vorber. Ich bin ermdet vom Reisen. Eine Reise, das
Leben, sagte er und legte, einer Anerkennung gewrtig, die rasierten
Lippen in Falten. Cromer wechselte ungeduldig den Platz. War es denn so
bemerkenswert, was die Dame Ihnen erzhlte? fragte er nachlssig. Der
Besucher machte es sich bequem, er sttzte den schwachen Krper gegen seine
umeinander gewundenen Beine, lie eine Hand, die schmale Hand eines
Verkrppelten, ber das Knie hngen, und lugte hervor unter seiner
niedrigen, aber umwlkten Stirn, in die Lckchen fielen.

Bemerkenswert? sagte er klangvoll und mit runder Aussprache. Keineswegs
fr den Freigeist, der ich bin. Aber wenn Sie es hren wollen, wohlan denn!
Ich glaube nicht, da die berhmte Schauspielerin mir zrnen wrde. Sehr
wahrscheinlich, da sie alles nur in der Phantasie erlebt und es lngst
wieder vergessen hat . . . Sie war damals der Gast eines kleineren
Theaters, dessen Spielplan sie unbedingt beherrschte. Sie hatte sich Rollen
mitbracht, darunter eine, die nirgends erprobt und niemanden bekannt war.
So wenigstens sagte sie mir -- und setzte hinzu, da trotzdem in einer
Gesellschaft ein Unbekannter ihr den Inhalt eben dieser Rolle deutlich
vorhergesagt habe, ihn ohne weiteres erraten habe aus ihrem Gehaben, aus
unmerklichen Zeichen, einem Lachen, einem Nichts . . . Eine
Taschenspielerei, wie? Die Knstlerin -- man begreift, eine Knstlerin --
kann es nicht so leicht nehmen, wie sie mchte. Der Unbekannte verfolgte
sie nun.

Der Unbekannte auf dem Stuhl dort lchelte durchdringend. Oben auf seinen
Wangen war ein wenig Rte erschienen. Sie spielt die Rolle, die er erraten
hatte, und glaubt ihn im Theater. Sie spielt matt, wie betubt! mit einem
Schlag wacht sie auf, legt los, erreicht alles, was sie will! Nachher
erfhrt sie . . . Der Unbekannte stie die Worte einzeln aus, er
punktierte sie mit seinen langen Fingern auf dem Knie, und sein spitzes
Gesicht ward unerbittlich anzusehen. Bei dieser Szene hatte er das Haus
betreten . . . Hier fat sie die Angst, zum erstenmal echte Angst; sie
schilt sich aus, weil sie versucht ist, abzureisen, nur um nie dem Menschen
wieder zu begegnen, -- der brigens persnlich nicht weniger unheimlich
gewirkt haben soll, als durch seine Taten. Das Lcheln des Unbekannten
ward feucht und krampfhaft, ein Lcheln, gemacht aus Bosheit, Eifer und
Scham.

Cromer sagte nach einer Pause: Natrlich ist sie nicht abgereist.

Weit entfernt! Menschen von Rasse sind nicht feige vor dem Unerklrlichen
-- vor dem scheinbar Unerklrlichen! Sie weicht ihm aus, jenem Wesen,
leider hilft es nichts. Ein Abend erscheint, an dem sie in ihrer Garderobe
sitzt, im ersten Stock des Theaters, dies ist wichtig, und bis ihr
Stichwort kommt, noch einmal ihre Rolle durchliest. Das Buch liegt im
vollen Licht der Lampe, die ber dem Toilettetisch hngt, aber auf einmal
ist ein Schatten darauf. Die Knstlerin erkennt eine Nase, eine gewisse
lange, gebuckelte Nase, ihr nur zu wohl gelufig. Und der Unbekannte
hielt, wie zur Erluterung, sein eigenes Profil hin. Aufspringen, schreien
-- das tut sie nur innerlich. In Wirklichkeit wendet sie ruhig den Kopf und
sagt: Wie kommen denn Sie dahin? Seltsam, er ist nicht da, niemand ist
da. Sie kehrt zu dem Buch zurck, das wei und leer ist. Kaum aber will sie
lesen, schiebt sich wieder der Schatten darauf. Da ist sie freilich vom
Stuhl gefahren, hat alles durchsucht in dem Raum, das Fenster aufgerissen,
aber es lag zu hoch und in einer glatten Mauer. Die Knstlerin wei nicht
mehr ein noch aus, ihr schwindelt, sie wre einfach davongelaufen; zum
Glck klopft der Inspizient an und holt sie. Er geht vor ihr her ber die
Treppe, es ist halbdunkel, und merkwrdigerweise wei sie, da soeben
jemand hinuntergehuscht ist, an ihr vorbei, wenn sie auch nichts gesehen
hat. Und sie ist nicht im geringsten berrascht, da auf der Bhne statt
ihres Partners ein anderer steht: man wei schon, wer. Sie spielt
wahnsinnig aufgepeitscht, wie vor einer Katastrophe, wie um das Leben. Man
sagte, da sie gut sei. Hinter der Szene trifft sie den Direktor, der
klatscht. Sie fragt ihn: Warum haben Sie mir denn im letzten Auftritt
einen anderen Partner hingestellt? Und er ganz verblfft: Einen anderen?
worauf sie macht, da sie fortkommt.

Der Unbekannte stand auf. Da wre wohl mancher gelaufen. Ich selbst,
nachdem ich Ihnen alle diese Mrchen aufgetischt habe, wei nichts anderes
mehr, als das Weite zu suchen. Leben Sie wohl!

Einen Augenblick! Cromer trat drohend auf ihn zu. So schliet die
Geschichte nicht.

Da sah er, da durch die Brillenglser des Unbekannten eine Flamme stach.

Mglich, da sie nicht so schliet. Die schne und berhmte Knstlerin
fiel gewi, je schner und berhmter sie war, um so unrettbarer in die
Macht jenes Unbekannten. Das sind Affren, zu denen kein Blick mehr
reicht.

Und er ging. Cromer kam ihm zuvor, stie die Tr auf und berraschte
dahinter seinen Diener. Geleiten Sie den Herrn hinaus, sagte Cromer; aber
der junge Mensch blinzelte fragend, rhrte sich nicht und sah nicht einmal
hin, als der Besucher vorberkam. Cromer selbst ffnete ihm das Haus und
auch drauen blieb er dicht hinter ihm.

Liebliche Nacht, sagte der Unbekannte. Man durcheilt sie, war da und
kehrt nie wieder. Aber ich habe nun doch auf Ihrem Stuhl gesessen; und von
jetzt an, so oft Sie in Ihrem Zimmer jenes Bild wiederfinden --. Ah!
Niemand hat das Recht, zu glauben, da die Menschen nur aneinander
vorbeistreifen und nichts sei geschehen.

Damit stieg er spinnenartig aus der Gartenpforte. Vor Cromer hielt er sie
zu. Ich hre meinen Zug schon. Wenn Ihr Haus zum Verkauf steht, sehen Sie
mich wieder. Und er verschwand im Schatten. Cromer ging schnell zurck, um
nach dem Polizeiprsidium zu telephonieren, man mge das Individuum im
Bahnhof erwarten. In der Nhe des Hauses zgerte er, er berlegte, da
nichts Greifbares vorliege; im Grunde aber wute er wohl, da er gar nicht
gewillt sei, einzugreifen in die Vorgnge um ihn her, nicht fhig, das
Geheimnis, das heranwuchs, vor der Zeit zu zerreien. Die Terrasse ward
soeben beleuchtet; der Diener hatte den Tisch gedeckt und stand eifrig
wartend. Cromer ging hinauf. Philipp, warum haben Sie den Herrn
unangemeldet eintreten lassen? . . . Nun?

Welchen Herrn meinen der Herr?

Den, der soeben mit mir fortging.

Ich habe niemand mit dem Herrn fortgehen gesehen.

Sie haben niemand gesehen?

Nein.

Cromer sah ihm in die Augen. Der Diener blinzelte fragend wie je. Da sein
Herr mit der Hand andeutete, die Sache sei erledigt, ging er voll
Beflissenheit an das Servieren.

Cromer suchte alsbald wieder sein Zimmer auf. Er nahm den Brief vom Tisch,
ihren letzten und traf mit dem ersten Blick die Stelle, bei der er
unterbrochen worden war. Er sieht aus wie eine Spinne, und so unheimlich
und unentrinnbar gebrdet er sich auch . . . Natrlich klingt dies, von mir
gesprochen, lcherlich. Nicht wahr, Lieber, was ist unentrinnbar fr
unsereinen. Meine Nerven, die neugierig sind, machen sich Erlebnisse vor,
mit denen mein bichen Wirklichkeit nichts zu schaffen hat. Ich spiele; und
mir geschieht nur, was ich will . . . Um zu dem bewuten Herrn
zurckzukehren, so soll er verschuldet und etwas wie ein Hochstapler, nicht
nur ein geistiger, sein. Es wrde stimmen zu meinen Eindrcken. Ich will
nachsehen, ob mir noch keine Wertsachen fehlen. Sobald ich Zeit habe,
Nheres. Aber das ist es, Zeit haben. Ich habe keine, und mir ist, als
sollte ich nie mehr welche haben.

Die berhasteten Stze keuchten das Papier hinauf, die Buchstaben brachen
zusammen. Hier endete ihr letztes Wort. Schweigend war sie dann an das Ziel
getaumelt, bis in eine bse, wirre Nacht, auf die fr sie kein Morgen mehr
gefolgt war. Cromer sah sich in der Friedhofskapelle, die Hndedrcke, die
er erwiderte, und gleich neben ihm, auf einem schwarzen Kasten, in Metall
geritzt, ihren Namen. Habe ich Schuld daran? Es war wohl ein unabwendbares
Schicksal, auch fr mich . . . Unabwendbar? So ist allein das Schicksal
derer, die nicht lieben. Ich htte anders zu ihr sprechen mssen damals.
Jene Nacht war gemacht, damit ich sie in Wahrheit gewinnen sollte! Mein
Gott, was habe ich versumt! Lida, du hast gelitten, unverstndlich dir
selbst; und ich, der verstehen mute, habe nur hingeblickt, um zu argwhnen
und zu entlarven. Ich war natrlich nicht ohne Feinheit, das war ich nie --
aber so trgen Gefhls, mitrauisch gegen mein eigenes Herz und ohne die
Gte, die keine Einsicht braucht. Verzeih' meiner Unglubigkeit. Wenn du
kannst, so komm' -- auf die Gefahr, da ich auch jetzt nicht an dich
glaube!

Hinter ihm raschelte es, er fuhr herum. Ihre Briefe auf dem Tisch bewegten
sich. In der offenen Tr war die Luft schwach und kaum zu spren, aber eins
der Bltter ward umgewendet, wie von einer Hand. Ihr letzter Brief: das
Innere des zweiten, halbleeren Bogens geffnet, und Worte darauf. Ich will
zu Dir! Ich will zu Dir! Leo Cromer fate sich an das Herz, er stand, sein
tiefster Gedanke wagte keine Regung. Pltzlich ein Griff nach der Lampe, er
strzte hinaus, er durchsuchte mit den Augen den Schein, den er in den
Garten warf. Heftig ausatmend kehrte er zurck, er hielt den Brief unter
das Licht. Diese beiden Zeilen waren frher nicht dagewesen . . . Waren sie
dagewesen? Ihre Schrift schien echt, klarer hchstens und wie besnftigt.
So wren sie nicht dagewesen -- und dennoch von ihr? Noch nicht gedacht,
emprte ihn sein Zweifel. Weit unerhrter war sein Zweifel, als das, was
hier vorging! Er durchma mit starken Schritten das Zimmer. Da hielt er an,
die Mienen gelst zu einem Lcheln des Selbstvergessens. Er lschte die
Lampe, setzte sich lautlos in den dunkelsten Winkel und sah, wie rufend
vorgeneigt, in jenes mondbleiche Gesicht, das lockte zu Geheimnissen, auf
die Hand am Vorhang, diese zweideutige Anmut einer Scheidenden, die
zaudert, ob sie umkehre.


III.

Nichts geschah mehr, nichts kam hinzu, aber Leo Cromer, der die Tage
verbrachte wie immer, trug an irgendeinem schweren Gefhl, wie von einer
Krankheit, die ausbrechen sollte, oder als wre er in Dinge verwickelt
gewesen, die den Gesetzen widersprchen. Etwas Auerordentliches ngstigte
und lockte. Zehnmal tglich und auch des Nachts zwischen dem Schlaf
erinnerte er sich ihres Briefes, des geflschten Briefes -- und war
glcklich, ihn dazuwissen. Er wartete nur darauf, da ihr Bild noch einmal
in sein Zimmer zurckkehre. Es war verschwunden, in derselben Nacht, als er
davorsa: kaum, da ihm die Augen zufielen. Er wartete darauf, wie auf das
Zeichen, da sie ihn ganz in Besitz nehme und ihm verbiete, noch
fortzugehen, noch Schmerzen oder Genugtuungen zu suchen, die nicht von ihr
kmen . . . Und eines Morgens beim Erwachen sah sie ihn an. Sie schien
erwacht mit ihm.

Da verlie er nicht mehr das Haus und den Garten. Die ersten Wochen ihres
Zusammenlebens waren einst hier vergangen; -- und die alten Stunden teilten
ihm jetzt nachtrglich mehr mit, als sie damals konnten. Unter den Augen
der Toten hatten sie sich angefllt mit Reiz, Sigkeit und Kraft. Ja, in
ihr Gesicht auch, in die vielsagende Hand am Vorhang schien eine neue
Unruhe zu kommen: als wollte sie reden, als drngte sie zu ihm. In solchen
Minuten wendete er sich ab, um das Geschehen des Rtselhaften nicht zu
stren; -- und kam er zurck, lag unter ihren Briefen ein neuer, einige
Zeilen auf einem Blatt, das frher halb unbeschrieben war, oder ein Zettel,
der herausfiel aus einem unscheinbaren Versteck. Das Erste, was er fand,
fgte sich ein in ihre alten uerungen; noch vor kurzem wrde Cromer
geglaubt haben, es sei ihm solange einfach entgangen. Er glaubte es nicht
mehr; jedesmal deutlicher sagte sie ihm Dinge, die sie frher verschwiegen
hatte. Ihre wahre Natur, immer verkannt von ihm, erffnete sie ihm nun, den
berdru am Weltlichen, am Ruhm, an den kaltherzigen Erregungen, und ihre
Sehnsucht nach Zrtlichkeit, die sich bekennt, nach Hingabe ohne
Zurcknahme. Er las Stze ihres Tonfalls und Wesens, unverkennbar, und doch
vom Klang des Unwirklichen, lngst Entrckten. Sie erwhnte die letzten
Wirren ihres Lebens, aber von fern und nachtrglich. Jener Mensch, der
damals die Hand nach ihr ausgestreckt hatte, sie wute jetzt, wozu sie ihm
gefolgt war. Es sollte zu Dir fhren, Lieber. Er war nicht als ein
Gleichnis der Macht, die mich und Dich berschattete, und die wir nicht
anerkennen wollten. Ich bin berzeugt worden, Du weit es, wie grausam; und
Du? . . . An dieser Stelle las er nicht weiter, trat vor sie hin und
antwortete ihr. Das Winken ihrer Augen vor dem geschlossenen Vorhang ward
dringlicher, sie sagte: Gib dich hin! Glaube! Sei gewrtig, da ich komme
und endlich dein sei! Komm! rief er.

Mit der Ermdung ergriff ihn wohl die Besinnung. Was tue ich! Ich wei,
da ich betrogen werde, -- und ich selbst helfe dazu! Ach, mein Bedrfnis
zu lieben, ist schon grer als das, die Wahrheit zu sagen. Diese Briefe
sind untergeschoben von einem Schwindler, es steht zu vermuten, von
welchem. Hier spricht er von sich, er droht. Wenn er Dir begegnen wrde,
Du knntest noch tausendmal besser als ich verstehen, da er Dich betrgt,
und wrdest doch nicht wollen, da es aufhrt. Er ist um Dich her, tuscht
Dir Erscheinungen vor, flscht Deine Eindrcke und Gedanken, wacht ber
Dir, lenkt Dich und wei allein wohin. Aber berraschtest Du ihn selbst in
dem Augenblick, wo er Dir eine neue Falle legt, Du httest doch nicht den
Mut, ihn zu entlarven. . . . Welche Herausforderung! sagte Cromer laut.
Wie er seiner Sache gewi sein mu! Er wei wohl, ich werde seine
geflschten Briefe weder einem Sachverstndigen noch dem
Untersuchungsrichter bringen. Ich werde das Zimmer meines Dieners, der fr
ihn arbeitet, nicht durchsuchen lassen, werde mich gar nicht wehren, ihm
nie in den Weg treten. Denn was wre mir seine Entlarvung? Eine Befreiung?
Leider nichts weniger als das. Oder ein Beweis? Da er betrgt, beweist
nichts gegen das Mysterium, auf das er sich beruft. Ich war ein zu sauberer
Geist, ohne Falsch, und darum ohne Verzcktheit. Das Mysterium ergibt sich
wohl in den Charlatanen, die es ausntzen, aber empfinden. Mir bleibt nur
brig, dem Charlatan zu folgen, wie sie selbst ihm gefolgt ist, -- wenn ich
denn reif bin fr das, was er verspricht. Die Liebe einer Toten: wre es
denn das uerste? Das Wunder der Ankunft aus der Ewigkeit, des
Sichfindens, Einswerdens und nicht mehr Zweifelns -- wie? Sollte alles dies
Unmgliche den Toten mglicher sein als den Lebenden? Sie komme, ich bin
bereit. Und wieder unter ihrem Bild: Ich liebe dich, Lida, so sehr, da
du wahrhaftig wiederkehren solltest. Ich wrde es dir glauben -- und auch
nicht glauben. Sieh! ich ksse dein Haar, und wei doch, es ist gar nicht
deins. Wenn es noch von deinem Nacken hinge und dein Atem noch warm wre,
wrde ich dich wohl wieder sterben lassen, wie das erste Mal. Diese
Sehnsucht ist ungeheuerlich, sie ist verworfen und lcherlich . . . Er
stie einen Schrei aus; hinter dem Rahmen des Bildes hervor glitt ein
Papier; in ihren Schriftzgen las er: Niemals habe ich Dich betrogen. Und
er, der ihr Gestndnis empfangen und ihren Tod gebilligt hatte, sagte: Ich
glaube dir! Verzeihe mir!

Er wartete, damit zwischen ihm und ihr der weite Raum geringer werde. Auch
empfing er Zeichen, als sei sie schon nahe. Halte Dich fertig, mit mir zu
kommen; ich darf nicht bleiben. Mit ihr? Wohin? Was nher kam in
Wirklichkeit, war also der Schluakt des Betruges, der ihn umkreiste, --
und schlo der Plan mit seinem Tode? Mu ich nun doch, mehr als ich
mchte, auf meiner Hut sein? . . . Ich hoffe es nicht. Ich und der
unbekannte Andere, wir haben viel seelische Kraft aneinander gewendet; ich
bin sicher, er wrde so ungern einen Revolver auf mich abdrcken wie ich
auf ihn. brigens war schon der nchste Brief deutlicher: Bereite alles
vor. Wir werden lange und weit fort sein; Du kannst nicht verstehen, wie
weit und wie lange. Nimm mit, was wir brauchen. Er nickte; man deckte das
Spiel auf. Er sollte bestohlen werden, im groen Stil, wie es schien, aber
doch nur bestohlen . . . An diesem Abend sa er ihr gegenber und dachte:
Nun hast du den Vorhang fast schon gehoben. Eine letzte Anstrengung!
. . . Denn sieh, dir glaub ich, unbeschadet dessen, da ich das Spiel des
anderen durchschaue. Cromer lachte leise. Er, der rmste, durchschaut
mich keineswegs. Nur du hast schon lngst begriffen, da man glauben, den
Abenteuern des Glaubens sich ergeben und doch klarsichtig bleiben kann;
lieben, sehr lieben, und dabei noch wissen . . . Was ich morgen in der
Stadt vorhabe, wrde dich laut auflachen lassen -- und nur dich! Dabei
lauschte er auf ein noch gedmpftes Lachen, das stolz, leichtsinnig und
nach geheimer Trauer klang.

In der Stadt blieb er einige Tage. Als er eines Abends heimkehrte, fuhr
soeben durch das stille Welken des Sommers der erste Sturm. Die Bltter des
Gartens sausten um ihn her, am Haus schlugen die Lden, Tren ffneten
sich, und dahinter das Dunkel leuchtete manchmal fahl auf vom letzten Licht
der fliegenden Wolken. Pltzlich stand vor ihm der Diener Philipp, wei im
Gesicht, so fassungslos, da er es verga, seinen Eifer zu bekunden. Cromer
beruhigte den jungen Menschen ber die Gefahren einer Nacht wie diese und
ging in sein Zimmer. Er machte Licht, legte ab -- da hielt er ein: sie
folgte ihm mit den Augen! Ihr Bild bewegte die Augen, ihre graublauen
Augen, die sachlich blickten und doch voll Spiegelungen schnerer Himmel
waren. Nie vergessen, da strahlten sie wieder; sie war da! Ein langer
Schauer durchlief Cromer mehrmals. Der Betrug vollendete sich, dieser
ungeheuerliche Selbstbetrug, der die tiefste Wahrheit seines Lebens war.
Ohne ihre Augen loszulassen, mit befangenen Gebrden, nahm er aus seinem
Rock die Brieftasche, ffnete sie, breitere die Wertpapiere, eigens
mitgebracht, auf den Tisch, zhlte sie den Augen vor, die allem folgten.
Eine Minute stand er noch, atmete schwer und hielt angstvoll den Blick
erhoben. Die Augen dort oben schlossen sich gewhrend: und Leo Cromer ging
leicht schwankend aus der Tr. Mit verhaltener Hast tastete er sich im
Dunkeln zur Schwelle des Nebenzimmers, des Zimmers der Toten. Ein
Lichtschein fiel heraus. Cromer zgerte lange, dann ffnete er wie im
Traum. Da lag nun ihr Zimmer; selten seit ihrem Verschwinden und nur
leichthin hatte er es betreten. Er htte nicht gedacht, da es ausshe, als
habe sie es auf Augenblicke verlassen; das Licht brannte, gleich mute sie
zurck sein. Ihr Schritt? Nein, noch nicht; nur sein Herz fhlte er gehen.
Die alten, leichten Tafeln von Rosenholz, deren zerbrechliche Schnitzereien
diese Wnde berzogen, nachdem sie hundert Jahre lang in einem unbekannten
Haus ihre Gltte verloren hatten, sie bebten noch wie sonst bei jedem
Windsto, wie Kulissen, aufgestellt um die schne, erfahrene Spielerin, die
hier zu Gast war. Ein strkerer Schlag des Sturmes, ein chzen im Holz --
und ein aufgestrter Duft. Ihr Duft! Ihr Fcherschlag! Die Sinne so sehr
gespannt, da er zu schweben meinte, hrte Cromer dicht hinter der dnnen
Wand das Rauschen ihres Kleides. Er wollte rufen; da ging das Licht aus --
und mitten im schwarzen Sausen des Wetters unterschied er das trockene
Klappen der Tr, der schwanken Kulissentr, durch die sie eintrat. Sie war
im Zimmer.

Lida? sagte er stimmlos, einen Arm ausgestreckt in das Unsichtbare. Und
auch die Antwort kam geflstert, wie aus einer tief erschtterten Brust.

Leo.

Endlich, sagte er. Du bist zurck. Ich wre sonst auch gestorben, wie
du.

Da ward ihre Stimme vernehmbar, ja, ihre klare und se Stimme hrte er
wieder. Lieber, sagte sie, ich war nicht tot. Nur wer nicht geliebt hat,
stirbt.

Ist es wahr? sagte er stehend. Ist es dies, was du erfahren hast? Er
trat rasch vor sie hin, auf ihre Stimme zu.

Ich bin gekommen, um es dir zu sagen, -- und in einem Schein, der
vorberflog, sah er, sah ihren Mund sprechen, ihre Augen leben und erkannte
ihr helles Haar. Der oft umfangene Flu ihrer Glieder bewegte sich, einen
Herzschlag lang, vor seinem Blick, ihre Hand stand vielsagend aufgerichtet.
Du weit noch nicht, Lieber, wohin ich dich fhren mu, und wie teuer es
ist, mich wiederzusehen. Bist du denn bereit?

Zu allem, sagte er, deine Lippen!

Noch nicht. Mach dich fertig, geh, und dann folge mir!

Eilig und geschftsmig fielen die Antworten.

Wir haben einen Wagen?

Wir haben einen Wagen. Du nimmst alles mit.

Ja.

Alles, was du besitzest?

Ja. Deine Lippen.

Komm!

Ein neuer Schlag, ein Schein, und darin ihr Gesicht, grell vorgestreckt,
tiefe Schatten um die fahlen Lider, worunter der Blick verging, und die
Lippen, geisterhafte Rosen, aufgeblttert zum berauschenden Zerfallen
. . . Er kehrte zurck aus diesem Ku, wie aus allen Abgrnden, ermattet,
blind, noch umwlkt von der Ewigkeit. Taumelnd fort in sein Zimmer, auf
einen Sessel hingebrochen, die Augen bedeckt und schweigen . . . bis
dahinten im Garten Schritte liefen und Rder knirschten. Das Gerusch eines
Autos: es verlor sich schon. Cromer stand auf. Ein Blick auf den Tisch:
alles, wie vorausgesehen, war fort. Er trat unter das Bild; die Augen waren
ausgeschnitten. Sie hatte glnzend gespielt, die Frau hinter den
ausgeschnittenen Augen, und war nun wohl von dannen mit ihrem Herrn, dem
Unbekannten. Auch Philipp, sein anderes Geschpf, war fort mit ihm. Gut
denn: der Mechanismus des Wunders hat sich bewhrt bis ans Ende. Aber auch
hier, sagte er, mit dem Finger auf seiner Brust . . . Er schlo die Lden
der Gartentr, der Diener hatte es sich erspart. Er war erregt, keiner von
uns hat es leicht gehabt heute. Ich werde nun schlafen drfen, ich werde
wieder gut schlafen und wohl in Frieden altern drfen. Jene drei mssen
leider durch die Sturmnacht fahren mit ihren Wertpapieren -- die wertlos
sind, die so wertlos sind, da man die Diebe nicht einmal festnehmen wird,
wenn sie sie vorlegen.




Der Bruder


Peter Scheibel blieb nach dem Tode seiner Eltern zurck als ganz verarmter
Siebzehnjhriger und mit einer kleinen Schwester, die niemand hatte, als
nur ihn. Er sagte sich, da er auf der Schule und spter auf der Hochschule
wohl sich selbst noch wrde durchbringen knnen, unmglich aber ein
heranwachsendes Mdchen; und ohne Sumen ging er auf die Suche nach einer
bezahlten Arbeit. Er fand sie bei Flle und Sohn, Hute, zuerst als
Ausgeher, aber bald lieen sie ihn Briefe schreiben. Nach acht Jahren war
er Buchhalter und hatte ein Zimmerchen fr sich allein, auf einen Hof
hinaus, der nicht hell war, auer im Hochsommer mute man immer das Gas
brennen. Luft und Licht fand er zu Hause; ihm dnkte es oft, kein Mensch
knne zu Hause, die kurzen Stunden, in denen dies erlaubt ist, so viel
Sonne und frohes Herz finden. Sie wohnten hoch ber einem weiten Platz, mit
elektrischen Bahnen, Obstkarren, Soldaten. Ihr kleiner Balkon trug Blumen
und nne drinnen sang. Andere hrten sie nicht von drauen, ihre Stimme war
nicht stark; der Bruder aber blieb auf der Treppe stehen und hrte sie.

Sie war erwachsen in den acht Jahren unter seiner Pflege, seinen steten
Gedanken, als Lohn fr alle seine Mhen; aber noch blieb sie zart und
unsicher, nicht nur von Gesundheit, auch in ihren Formen, Farben und in
ihrer Art, das Leben zu nehmen oder es vorauszuahnen. Bei ihren wenigen
Bekannten galt sie fr langweilig oder hochmtig, manchmal argwhnten sie
Bosheit. Nur ihr Bruder kannte sie wirklich, er war stolz darauf, wie auf
eine treu erworbene Vertrauensstellung. Ihr ward es nur leicht bei ihm. Nur
bei ihr war er glcklich. Am Abend mitunter und dann, wenn sie ihm
Gutenacht wnschte, sah er auf zu ihr, staunte eine Weile und nannte sie
Beatrix. So hatte eine Prinzessin geheien, in einem Buche mit bunten
Bildern, das sie zusammen lasen, als er zwlf und sie fnf Jahre alt war.
Damals schnitt er Ihr aus Papier den goldenen Grtel, wie er von den Hften
der Prinzessin fiel. Wenn sie ber ihrem langen Hemdchen den Grtel hatte,
hie sie Beatrix. Ob sie ihn berzeugte? Ob er es entdeckte? Ihr
eigentlicher Name und ihr Wesen, das nur er sah, waren Beatrix. Ihm blieb
nichts brig, als ihr die Rechte zu erobern, die ihr natrlich waren.

Aber noch wollte sie nichts; sie lchelte schwach und wegwerfend zu seinen
Versprechungen von Kleidern und Schmuck, fr knftig, wenn sie reich sein
wrden, wenn seine Ersparnisse den Nutzen getragen haben wrden, auf den er
sann. Es kam unbemerkt, sie war damals zwanzig -- und als er es dann doch
sah, wie gern sie jetzt ihren bescheidenen Tand trug, begriff er noch immer
nicht, da etwas vorging. Ihre Kopfhaltung machte ihn aufmerksam, das
freiere Auftreten, die erwachte Anmut und dann dies Lcheln, das stolz
einlud: Sieh doch! Was er aber sah, ward dem Bruder nicht frher klar,
als bis er Fremde es nennen hrte. Sie sagten: Die nne Scheibel ist aber
schn geworden. Er hrte es und ward von einer solchen Freude erfat, da
er in der winterlichen Strae pltzlich eine laue Luft sprte und Rosen
roch. Beim Betreten des Hauses fand er endlich Worte. Jetzt haben sie es
heraus! sagte er. Jetzt sahen alle ihre wahre Natur, und nicht mehr nur
fr ihn war sie eine Prinzessin. Freilich verlor er dadurch einen Vorzug
und einen groen geheimen Stolz. Ihr aber tat die Besttigung so wohl!
Unter den Blicken, die sie bewunderten, entfaltete sich ihre Schnheit, ihm
schien, ins Ungemessene. Ihn blendete sie nur noch. Hiervon hatte er trotz
allem keinen Begriff gehabt: ein Gesicht, so klar, als sei er Fleisch
gewordener Edelstein! Und aufgeblht das Gold der Haare, in den
herangereiften Gliedern irgendein ungeahnter Saft -- die Hand aber, man
konnte sie unmglich noch nehmen ohne Demut, sie konnte sie unmglich
anders geben als mit Herablassung. Sie sprte es selbst, denn sie lachte
manchmal auf dabei, bermtig und wie zum Spott auf ihn und sich, weil
alles sich nun auf diese theatralische Art gewendet hatte. Er zahlte ihre
Kleider, die teuerer wurden, aber nicht sie hatte jetzt zu danken, sondern
er. Dazwischen zeigte sie ihm unversehens ein ernstes, vertrauliches Auge,
das sagte: Du verstehst natrlich, es ist meine Rolle. Im Grund bist du
alles. Was wre ich! Glcklich bin ich, weil du nun belohnt bist.

Aber sie hatte durchaus den Willen zu ihrer neuen Rolle. Sie ging aus, trat
auf, und trug Siege heim. Sie besuchte eine Schauspielschule, kannte
Kavaliere, schlug Heiraten aus, die ihr nicht angemessen waren. Er mute
hufig warten auf sie am Abend, und kam sie heim, brachte sie Unbekanntes
mit. Erlebnisse, Mglichkeiten und Fragen an das Schicksal, in die er nicht
immer wagte hineinzuhorchen. Sie a reichlich, wie ihre Schnheit es
erforderte; es geschah aber, da sie den Teller fortschob, die Arme wei
auf den Tisch stellte, und, zwischen ihnen kurz den Kopf rckend, ber das
zu geringe Zimmer hinsah, die drre Hngelampe, und auch ber ihn --
gereizt hinsah, auch ber ihn, und doch, als, sei sie abwesend. Da erschrak
er so tief wie noch nie. Sein alter Rock brannte ihm pltzlich auf dem
Rcken, und leise, aber angestrengt schob er sich mitsamt seinem Stuhl vom
Tisch fort, damit sie ihn nicht mehr rieche. Denn ein wenig, trotz aller
Vorsicht, roch er wohl nach Huten. Da er es nicht bedacht hatte,
krzlich, als ihre Freunde sie besuchten! In einer entsetzten Scham ward es
ihm fhlbar, da er zu viel da sei, und da er Ansprche mache,
unberechtigte Ansprche, indem er da sei. So begann er ins Caf zu gehen,
sa einsam und grbelte, weil in diesem Augenblick die Damen und Herren,
die mit ihr einen heiteren Abend verbrachten, sie in dem miverstndlichen
Rahmen des zu geringen Zimmers sahen. Konnte dadurch nicht ihre Ehrfurcht
leiden! Ach! es war klar, da dies nicht mehr weiter fhrte, und da er
selbst, nur er die Schuld daran trug. Er hatte eine Prinzessin bei sich
aufgezogen und zeigte sich nun unfhig, die Mittel zu beschaffen fr ihre
Hofhaltung. Seine Ersparnisse, die bisher ihre Toiletten bezahlt hatten,
waren schon dahin; was nun? Sie wartete, und die Jahre vergingen, die ihre
Jugend waren. Er stahl sie ihr, er war ihr Feind! Einst bekam er im
Geschft eine unerhrt groe Summe in die Hand und behielt sie eine Nacht
lang, obwohl sie schon abends wre abzuliefern gewesen. Es war die Nacht,
in der er mehrmals starb und mehrmals lebte wie noch nie. Als es Morgen
ward, war er dem Abgrund entronnen, und was er fhlte, war Erbitterung
gegen sie, die Glubigerin, die ihn so schwer bedrngte. Er wolle sie einem
braven Manne geben, beschlo er hart -- aber wie flehentlich bat sein Herz
es ihr ab, als sie am Abend vor der Tr seines Geschftes stand und ihn
abholte. Schn und vornehm wie keine, ging sie dennoch an seiner Seite
durch die glnzendsten Straen. Hinter der erleuchteten Glastr eines
Friseurladens sah man eingeseifte Herren sitzen, streng, wrdig, aber doch
abgerstet. Im Vorbeigehen beugte die Schwester sich vor das Gesicht des
Bruders. Da sitzen sie, sagte sie und hatte um ihren karminroten Mund
zwei Zge von Ha und Hohn. Noch beim Abendessen dachte sie wohl daran,
denn unvermittelt lachte sie auf, und wie er hinsah, war es wieder dies
Gesicht. Da sie merkte, er sah hin, verwandelte es sich, und ihre Augen
tauchten in seine, mit einer solchen Kraft von Mitleid, Dankbarkeit und
Wissen, da er fhlte: Geschehe was immer. -- Wir wollen doch noch
unsere Partie spielen, sagte sie, da ward ihm schon wieder bang, denn es
klang wie ein letztes Mal. Dann gab sie die Karten mit ihren Hnden, von
denen Duft wehte. Du schwindelst wohl? sagte sie heiter, da er gewann;
und langsam, mit verlorener Miene in die Lampe starrend: Ach nein. Am
schwersten wird man die Anstndigkeit los.

Knftig zeigte er sich noch seltener, er durfte nicht lnger sich
dazwischendrngen in den Lebenskampf, dem er sie nicht hatte entheben
knnen. Was sie fortan erlebte, gehrte nur ihr -- und wohl noch einem,
aber nicht ihm. Sein waren die Angst, die Sehnsucht und der Zorn, dies
gehetzte Herz, das anbetete und verwnschte in einem. Er wute gleichwohl
immer, was vorging; ihm schrien es Dinge zu, die kaum waren, ein Hauch in
der Luft, ein Schatten in zwei Augen. Er kannte den Mann -- hatte ihn nie
mit ihr gesehen, war ihm unbekannt, und stand doch unter einem Haustor, um
ihm entgegenzublicken, der Gestalt des Schicksals, um ihm nachzublicken,
dem Gang des Schicksals, unerbittlich wie es ging, und ganz fremd. Einmal
aber verlie er das Geschft zu einer ungewohnten Zeit, ein hohes Fieber
ntigte ihn; und zu Haus nahm er wahr, sie waren da. Er stand, atmete
nicht, und hrte. Ein entzckter Klang drang hervor, und ja, dieser Klang:
Beatrix. Da ging er fort, fiebernd, aber seine schnellen Pulse klopften wie
ein Glck -- ein Glck, sei es wie immer. Sie hatte von dem, den sie
liebte, genannt werden wollen, wie von ihm! Wenn sie sich von Liebe
verklrt fhlte, ging sie in das Mrchenwesen ein, das sein, sein war. Er
fhlte: Meine Schwester!

Tage zogen vorbei, da sie ihn wohl ganz vergessen hatte, und Tage, an denen
sie ihn nicht fortlassen wollte; aber er wute, wann es aus Gte und
ruhigem Sinn kam, und wann er sie retten sollte. Er rettete sie nie; sie
mute allein an sich tragen, er konnte ihr nur stumm und treu wie ein Hund
bedeuten, da er Bescheid wisse um ihre gekrampften Mienen, die Trennung
hieen, bevorstehender Zusammenbruch, Angst des Endes, um ihr Umherirren
und Seufzen, worin schon neue Hoffnungen sich meldeten, ein anderer Mann,
und wieder Leichtsinn und wieder Schmerz. Ihm schien die Zeit stillzustehen
in allem Hin und Her, das nur ablief und zu nichts fhrte, und dem er
beiwohnte in immer gleicher Demut und Ergriffenheit. Dennoch erschien ein
Abend -- sie hatte ihn nicht fortgehen lassen, und war selbst nicht
vorbereitet zum Ausgehen, setzte sich hin bei ihm, fand keine Ruhe, hatte
schon ihr Zimmer aufgesucht und kam noch zurck. Er sah auf, erstaunt wie
von jeher, wenn die Gunst des Augenblicks ihm ihren Anblick schenkte. In
ihrem Gesicht aber entstand nichts von der kleinen Freude, die sein Staunen
sonst ihr schenkte. Seltsam, sie hatte ein Gesicht, als she sie, nun sie
zu ihm sprach, nicht sich, sondern wie vor Zeiten, wirklich ihn. Sie sagte:
Hast du denn eigentlich nie daran gedacht, zu heiraten? Er bedachte, was
ihr denn einfiele. Um Zeit zu gewinnen, sah er an sich nieder, und er
murmelte: Jetzt doch wohl nicht mehr. Dies war es aber nicht: in ihm
stammelte es anders. Wer, wie ich . . . Und: Beatrix! Ihr Blick zog
sich schon zurck, sie sah nicht weg, und sah schon nicht mehr ihn.
Httest du geheiratet, sagte sie, vielleicht wrde ich dann ein Asyl
gehabt haben, wenn es mit mir aus ist. Er schrak auf, fassungslos: Mit
dir! Da schwieg sie zuerst gramvoll -- und sagte dann, mit einer Stimme
wie eine Kranke: Sieh mich doch an! Sieh mich doch nur wirklich an! Und
weil sie es wollte, sah er sie, sah mit einem Schlag alles. Sie hatte die
Lippen heute nicht gefrbt, die Haut des Gesichtes gelassen, wie sie war,
dem Blick nicht nachgeholfen, das Kleid umgehngt wie um irgendeine
Nebenperson, und stand auf einmal da, als sei sie entblt von einem
goldenen Nebel und in den Alltag versetzt. Die Augen erkaltet von
Enttuschungen und geschwcht von Verlusten, der Zug des Hohnes
eingewurzelt um den Mund, umgewhlt die Stirn wie ein Feld mit Leichen und
mde dies menschliche Wesen nach getragenen Lasten, entstellt das Antlitz
und der Leib durch Kampf, den tglichen Kampf um das Brot der Seele und um
ihr Dasein, den nie entschiedenen Kampf: so stand sie vor dem Bruder, der
die Hnde erhob, langsam aufhob und sie faltete. Da sie sah, er habe
begriffen, sagte sie: Diese acht Jahre waren eine lange, lange Zeit. Und
whrend ihre Stimme, kranke Kinderstimme, noch nachklang, strich sie
tastend ber ihre Hften, als seien sie wund oder als suchte sie nach ihrer
verlorenen Form. Da ri er sie an sich, und hinsinkend weinten sie.

Das Gesicht noch trocknend, eilte sie schon fort. Unter der Tr,
zurckgewendet, sagte sie: Morgen gehe ich auf eine Reise. Du kannst
unbesorgt sein . . . und sagte es instndig, als setzte sie hinzu: Glaub'
mir oder doch lass' mich es glauben! Morgen kam, und sie war fort, und er
in seinem Hofzimmer beim Gaslicht erdrckte mit beiden Hnden in seinem
Herzen, was er wute, sein ungeheures Wissen. Zwei Tage, da rief man ihn in
die Frauenklinik: tot sei sie, tot sei seine Schwester. Er ging und beugte
noch einmal seinen grauen Kopf vor ihrer unvergnglichen Schnheit.

Der Sarg schwankte hinaus, da war ein Mensch da und hielt dem Bruder die
Hand hin. Es war ihr erster Geliebter, jener, der an Gestalt und Gang dem
Schicksal geglichen hatte. Armes Schicksal, verstrt und bleich. Trotz der
trben Frhe standen drauen Leute, um den Sarg zu sehen. Der Bruder hrte
sagen: Sie war nur eine . . . Er sah sich nicht um nach dem Wort, er
dachte: Wit ihr denn gar nichts? und er fhlte Verachtung und Mitleid.




Die Verjagten


Seit gestern ist nun auch die sechzehnjhrige Linda Barocci gestorben.
Alle, die sie kannten, sagen, da sie glcklich zu leben verdient htte,
denn sie war gut und tapfer, was sie schon lange vor ihrem letzten Unglck
bewiesen hatte, drauen vor Porta Agnese bei ihrem Verwandten Nazzarri, der
ihr nachstellte. Nazzarri Umberto hatte seine Grtnerei gleich hinter dem
Heiligtum Santa Agnese. Er war ein stattlicher Mann mit lebhafter
Gesichtsfarbe. Die Linda, blond, wei und sehr zierlich, fand ihr Heil,
wenn die Laune ihn ankam, stets nur in ihrer Schnelligkeit. Denn der Garten
ist gro und geht in das offene Feld ber. Wenn der Nazzarri der Kleinen
lstig fiel, trat manchmal seine Gattin dazwischen, die Frau Amelia, oder
besser gesagt, sie rief ihrem Gatten von der Tr her Namen zu, die keine
Kosenamen waren; aber persnlich zur Stelle zu sein ward ihr schwer wegen
des Gewichts ihres Krpers. Diese beleibte Person hatte ein gutes Herz, das
die Linda die versuchte Untreue ihres Gatten nie entgelten lie. Vielmehr
bezeigte sie ihr das innigste Mitleid und warnte den Nazzarri vor allem
Unglck, das seine bse Lust nicht verfehlen werde heraufzurufen. Er aber
wollte nicht hren. Gereizt durch den Widerstand des Mdchens, hetzte er
sie oft umher wie toll, und besonders zu der Stunde, wo auf die Campagna
die Dmmerung herabsteigt. Dann sahen Nachbarinnen Linda dahin huschen ber
den Boden, klein und leicht wie eine Fledermaus, und irgendwo darin
verschwinden. Denn die Erde hat dort versteckte Lcher, die zu den alten
Katakomben hinabfhren, und in ihnen findet man schwer den, den man sucht,
wenn auch zuweilen solche, die man nicht gesucht hat, und die das Licht
scheuen. Der Nazzarri mute drauen warten, bis es der Linda gefiel,
zurckzukehren. Einmal, sagten sie, habe er achtundvierzig Stunden lang
warten mssen. So verzweifelt war das Mdchen, da es sich drunten verirrt
hatte und halb verhungert hervorkam.

Dem konnte die gute Tante Amelia nicht lnger zusehen. Sie und die Linda
taten soviel und soviel, bis endlich der Nazzarri dem Mdchen zu gehen
erlaubte. Sie suchte sich eine Stelle als Magd in Rom, er war aber
dahinter, da es bei strengen Leuten wre und in einem Haus ohne Jugend.
Die Frau Grfin Marinotti hat ihren Palast in Via Argentina und bewohnt ihn
allein mit ihrer Zofe und Haushlterin Bona Chichetti, die bei Jahren ist
wie sie selbst und eine Gehilfin braucht, und diese war die Linda. Sie
erlangte die Zufriedenheit der beiden Alten, und so oft der Onkel Nazzarri
sich einstellte -- er stellte sich aber jede Woche zweimal ein mit seinen
Gemsen -- ward ihm geantwortet, da nichts Unrechtes zu merken sei an der
Linda. Denn sie gehe nur aus, wenn ihr Dienst es verlange, niemals am
Abend, und kein Mann komme ins Haus. Eines Tages aber sollten die guten
Alten einen kommen sehen. Er war erst achtzehn und war ein Kohlentrger,
Aldo Canta, von Montereale, Provinz Aquila, woher auch die Linda kam. So
trug er ihr das Sckchen mit dem Holz, das sie geholt hatte fr den Herd,
und folgte ihr bis vor das Haus. Schon beim zweiten Mal aber ging er mit
ihr die Treppe hinauf, zu dem Saal im Adelsstock, wo die Frau Grfin in
Gesellschaft ihrer Zofe Chichetti bei einem Kohlenbecken sa. Und als sie
die beiden jungen Leute auf der Schwelle sah, rief sie ihnen zu, herbei zu
treten, und sie taten es, und Aldo sagte, da er der Linda wohlwolle, und
sie sagte, da sie beschlossen habe, ihn zum Mann zu nehmen. Da aber die
beiden Alten erwhnten, den Fall mten sie dem Grtner mitteilen, fing das
Mdchen zu weinen an und der junge Mann weinte mit ihr aus Zorn, weil sie
ihm gesagt hatte, wie die Dinge standen. Die Trnen der jungen Leute
bewogen sowohl die Grfin wie die Zofe zum Mitleid, so da sie dem
Nazzarri, als er wiederkam, die Sache verschwiegen. Dennoch aber fate er
Verdacht, weil das Mdchen nicht mehr zaghaft schien, sondern den Kopf hob
und sang. So kam es, da der Aldo und die Linda, als sie eines Abends,
schon im Dunkeln, vor dem Haus hin und her gingen, um die Ecke der Via
Barbieri den Nazzarri erscheinen sahen, und dieses Mal ohne Gemse und in
der Haltung eines Sphenden. Das Mdchen, zitternd vor Furcht, griff nach
der Hand des Verlobten und zog ihn hinter die Haustr. Er hat uns schon
gesehen, flsterte sie. O mein Aldo, was jetzt? -- Er sagte: Ich will
mich nicht verstecken, la mich hinauf, Linda, und du sollst sehen wie die
Sache endet. -- Sie hielt ihn aber fest mit aller ihrer Kraft und beschwor
ihn, da er das, was er meine, um Gottes willen nicht tue, denn der
Nazzarri sei der Bruder ihrer Mutter. Und damit er nichts unternehmen
knne, zog sie ihn die Treppe hinauf. In die Haustr sprang schon der
Nazzarri und war sogleich hinter ihnen her. Sie liefen ber die erste
Treppe. Der Grtner, auf ihren Fersen, rief: Das sollst du mir bezahlen,
Verfhrer meines Kindes! und Aldo rief zurck, schon von der zweiten
Treppe: Bezahlen wirst du selbst! Da waren sie im Adelsstock und von dem
Geschrei kamen die beiden Alten hervor. Durch sie ward der Grtner
aufgehalten, die jungen Leute erlangten einen Vorsprung, sie erreichten ein
Zimmer unter dem Dach und sperrten sich ein.

Da atmeten sie nun nach dem Lauf, standen und sahen erregt einander an.
Ich wollte es nicht sagen, gestand Linda, aber ich wute es, denn ich
hatte einen Mnch von Sant' Agnese gesehen, der uns beobachtete, und so
wute ich, wir seien verloren. -- Das sind wir nicht, sagte Aldo. --
Aber er wird mich Dir fortnehmen. -- Das wird er nicht tun, sagte Aldo.
Und inzwischen hrten sie schon seinen Schritt vor der Tr. Er ri daran
und trat dagegen, obwohl die beiden Alten ihm zuredeten; aber er hrte
nichts und schrie nur immer nach dem Verfhrer seines Kindes. Wohin mit
uns, wenn die Tr zerbricht, sagte Linda. Aldo aber ffnete das Fenster
und sah, da das Zimmer in einem Winkel des Hofes lag. An der andern Wand
des Winkels war ein Balkon, dorthin dachte er zu entkommen mit seiner
Geliebten. Er sagte ihr, er wolle den Gang wagen ber den Abgrund, und dann
werde er ihr zu helfen wissen. Aber sie zeigte ihm die klaffenden Risse in
dem Stein des Balkons, seine lockeren Eisenklammern und dahinter das
verfallene Haus. Denn dort ist ein Haus, das seine Bewohner verlassen
haben, und die Arbeiter, die es wieder herstellen sollen, betraten es noch
selten. Der junge Kohlentrger sprach nichts mehr, er schwang sich, inde
Linda dastand ohne Regung, ber das Fenster, er fate ein Stck Eisen in
der Mauer, trat in eine Lcke zwischen den Steinen, dann in die nchste,
und so bis zu dem Balkon. Behutsam stieg er hinein, und aus dem Zimmer
dahinter holte er eine Leiter, die schob er hinber, in das Fenster zur
Linda. Komm! sagte er, und sie kam -- ber die Leiter, die er nicht auf
die unsichere Brstung des Ballons legte, sondern in seiner festen Hand
hielt. Wie sie aber mitten ber der Tiefe kniete, gab im Zimmer hinter ihr
die Tr nach und der Nazzarri strzte herein. Ein Blick, erstarrt waren
sein Geschrei und seine geschwungene Faust. Die beiden Alten kam eine
Schwche an. Der Aldo drben empfing in seinen Armen die Linda, und
gemeinsam traten sie in das Dunkel des verlassenen Hauses.

Wer sich nicht zufrieden gab, war der Grtner. Er machte Aufruhr im Hof und
auf der Strae. Die meisten lachten ihn aus, auch die Wchter glaubten ihm
nicht, denn das Haus war verschlossen von allen Seiten. Mehrere Neugierige
fanden sich immerhin, die im Hof bungen anstellten, um ein langes Seil bis
dort hinauf und ber den Balkon zu werfen. Zum Schlu gelang es ihnen, aber
wie man ein wenig daran zog, fiel ein Stein herab, und so lie man es. Erst
am Morgen konnte der Nazzarri den finden, der den Schlssel hatte, und das
Haus aufsperren. Hierbei drangen Viele mit ein, denn der Fall war in der
Strae umhergekommen, und sie sahen es als ein Abenteuer an, das nicht ohne
Grauen und Gefahr wre, fhrten einander irre im Haus, erschreckten
einander und ahmten die Stimmen von bsen Geistern nach. Die Liebenden
inzwischen zogen sich vor der nahenden Menge zurck, aus dem Innern des
Hauses, hin und her, bis in seinen uersten Winkel, und so fanden sie sich
am Ende wieder in dem Zimmer, durch das sie hineingelangt waren. Es sah so
wst und kahl aus im Tageslicht, als erffnete es ihnen, hier ende die
Welt. Nun geht es in Wahrheit nicht weiter, sagte Linda. Nur einen
Schritt noch, sagte Aldo. Mit Dir! sagte Linda, und sie traten auf den
Balkon hinaus, an seinen Rand, der schon wankte. Vom Hof die Leute sahen
es, welche ernsten Gesichter sie beide hatten, die Augen gro aufeinander,
und blauer Himmel nahm ihre Stirnen auf. Unter ihren Fen geschah ein
Krachen. Ihre Arme hoben sich, sie wollten wohl hingreifen, wo ein Halt
wre; und so faten sie Eines um das Andere. Umschlungen strzten sie
hinab. Aldo, der zuerst unten aufschlug, war sofort tot, die Linda fiel auf
ihn, sie brachten sie noch lebend in das Hospital Santo Spirito. Zu ihrem
Glck blieb sie ohne Bewutsein. In der Nacht starb auch sie. Sie war
sechzehn Jahre alt, ihr Aldo erst achtzehn. Sie hatte die Mutter in
Montereale, Provinz Aquila.




Inhalt


   Die Tote
   Der Bruder
   Die Verjagten

                             _Buchkunst_
                Druck- und Verlagsgesellschaft m. b. H.
                            Bad Reichenhall




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 21]:
   ... wieder ganz diesen Tonfall zn hren, als ...
   ... wieder ganz diesen Tonfall zu hren, als ...

   [S. 24]:
   ... Verschollen . . . Genug, ich ziehe mich zurck. ...
   ... Verschollen . . . Genug, ich ziehe mich zurck. ...






End of Project Gutenberg's Die Tote und andere Novellen, by Heinrich Mann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE TOTE UND ANDERE NOVELLEN ***

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