Project Gutenberg's Reise in Sdamerika. Zweiter Band., by Ernst von Bibra

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Title: Reise in Sdamerika. Zweiter Band.

Author: Ernst von Bibra

Release Date: June 30, 2014 [EBook #46154]

Language: German

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  Reise in Sdamerika

  von
  Dr. Freiherrn Ernst von Bibra.


  Zweiter Band.


  Mannheim.
  Verlag von Bassermann & Mathy.
  1854.




  Inhalt.


                                                Seite

  VIII. Die Cordillera (Chile)                      1

  IX.   Valdivia (Chile)                           61

  X.    Letzter Aufenthalt in Valparaiso (Chile)  113

  XI.   Die Fahrt nach der Algodonbai (Bolivia)   145

  XII.  Die Algodon-Bai (Bolivien)                161

  XIII. Callao-Lima (Peru)                        261

  XIV.  Von Peru nach Europa                      301

        Meteorologische Beobachtungen             345




VIII.

Die Cordillera (Chile).


Man trgt sich in Chile mit vielfachen Gerchten ber die Gefahren,
welche mit Reisen in der Cordillera verknpft sind, und in der That ist
ein solches Unternehmen auch nicht ohne alle Gefahr. Abgesehen von
den halsbrechenden Wegen, und von -- obgleich selten -- streifenden
indianischen Rubern, kann selbst auf dem Wege von Santjago nach
Mendoza, welches die gewhnliche Strae ist, ein pltzlicher
Schneefall Bedenkliches hervorrufen.

Ein deutscher Kaufmann, mit welchem ich hufig in der Fonda inglesa
zusammentraf, ersuchte mich, als ich ihm meinen Entschlu mittheilte in
die Cordillera zu gehen, hchst artig, im Falle ich seine groe Zehe
fnde, welche er dort zurckgelassen, ihm dieselbe zu berbringen.
Ich erfuhr, da er mit einem Zuge von waarentragenden Maulthieren
von Mendoza nach Santjago reisend, pltzlich von heftigem Schneefalle
berrascht, Weg und Steg verloren und in Schluchten gerathen sei, aus
welchen die kundigsten Fhrer, welche ihn begleiteten, keinen Ausweg
mehr gewut. Ein Theil der Thiere war bereits aus Mangel an Futter
gefallen. Er selbst hatte in tiefem Schnee und heftiger Klte sich die
Fe und Hnde erfroren, da nirgends Feuerung zu finden; da auch
fr die Menschen kein Mundvorrath mehr vorhanden, und Alle bereits
der tiefsten Entmuthigung erlagen, so hatte man sich zum Sterben bereit
gemacht und erwartete, in die Satteldecken gewickelt, den Tod. Da fand
einer der Knechte in einer Satteltasche eine Flasche Portwein und einige
Krumen Maisbrod. Man vertheilte dieses unter die sechs Mnner der
Gesellschaft und wurde durch den Genu des Weins so belebt und
aufgeregt, da man beschlo, auf Tod und Leben einen letzten Versuch
zu machen. Man bestieg die Pferde, welche noch am krftigsten waren,
klimmte auf die Gefahr hin zehnmal im Schnee zu versinken oder von
den Felswnden zu strzen, aufwrts, und gelangte nach einer halben
Stunde auf ein Plateau, wo man Futter fand, und von welchem aus die
Maulthiertreiber sich alsbald orientirten. Es gelang, den grten
Theil der in der Schlucht befindlichen Thiere aufwrts und spter
auf die Strae zu bringen, und man erreichte nach einigen Stunden der
uersten Anstrengung eine entgegenkommende Caravane, welche Speisen
mittheilte und die Vollendung der Reise ermglichte.

Ein Englnder hatte einige Jahre vorher, ehe ich in Santjago war, sich
vorgenommen, zu Fue von dort ber die Cordillera nach Mendoza
zu gehen. Er machte sich trotz aller Abmahnung, mit einem Hunde und
Schiebedarf versehen, auf den Weg; aber spter nach Mendoza Kommende
trafen ihn nicht daselbst, und man glaubte ihn sicher verloren. Nach
etwa sechs Wochen erschien indessen der Reisende wieder in Santjago,
fast unkenntlich und ohne Hund. Er hatte denselben in der uersten
Noth verzehrt. Nachdem er eine schwere Krankheit berstanden, kaufte er
einen neuen Hund und machte sich wieder auf den Weg. Aber er erreichte
weder Mendoza, noch kam er nach Santjago zurck; er verschwand spurlos
in den Bergen.

Ich hatte mich besser vorgesehen als dieser Britte, und meine kleine
Expedition war ganz nett ausgerstet. Es begleitete mich der deutsche,
bei Segeth in Diensten stehende Jger, und auerdem hatte ich fr die
Dauer der Excursion zwei chilenische Knechte gedungen. Natrlich
waren wir alle beritten und namentlich hatte ich durch die freundliche
Geflligkeit Segeth's ein vortreffliches im Klettern gebtes Pferd
erhalten. Zwei Maulthiere trugen abwechselnd Mundvorrath und die
nthigen Instrumente; einige Reservepferde fehlten nach chilenischer
Sitte ebenfalls nicht.

Der eine meiner Knechte war schon frh mit den brigen Pferden und
den Maulthieren vorausgegangen, und des Nachmittags folgten wir andern.
Unser Aussehen mag so ziemlich die Mitte gehalten haben zwischen
dem eines Jgers und eines Rubers, hatte aber fr dort nichts
Auffallendes.

Wir ritten scharf durch die Ebene von Santjago, um noch vor Nacht die
Vorberge der Cordillera zu erreichen, und hielten nur einmal an, um
rasch ein Glas jenes rothen Weines von Conception zu trinken, dessen ich
bereits erwhnte. Die Gegend von Santjago ist wirklich reizend, indem
sie vollkommen den Charakter der Fruchtbarkeit und Cultur trgt, ohne
alles Romantische verloren zu haben, wie das sonst so hufig der
Fall. Einzelne Landgter, grere oder kleinere Besitzungen, erstere
Reichthum verrathend, letztere voll malerischen Reizes, bilden auch
dort, gegen das Gebirge zu, die Umgegend der Stadt, und sind hufig
halb versteckt in Gruppen von Feigenbumen und Pfirsichen, selbst die
Orange fehlt nicht, den Typus des Sdens vervollstndigend. Einen zwar
eigenthmlichen, indessen nicht eben angenehmen Anblick gewhren die
Lehmmauern, mit welchen fast alle Grundstcke eingefriedigt sind, und
welche sich mit hellbrauner monotoner Frbung allenthalben durch
die Landschaft ziehen, so da das Ganze in einiger Entfernung
Festungswerken hneln mag.

Aber auch abgesehen von den brigen Schnheiten der Landschaft,
berwiegt der groartige Rahmen, in welchen das Bild gefat ist, die
Cordillera, kleinere Uebelstnde desselben, und manchfache Staffage
belebt das Ganze. Zwar ist das Thierreich eben nicht zahlreich
vertreten, und selbst Vgel finden sich hier fast sprlich. Einige
Raubvgel waren noch die zahlreichsten Reprsentanten derselben, und
diese saen meist ruhig, kaum sich um den Vorberreitenden kmmernd,
auf den erwhnten Lehmmauern; hier und da liefen der Turco und
Tapaculo[28] mit Blitzesschnelle ber den Weg und der rothbrustige
Staar und einige andere weniger zierlich gefrbte seiner
Geschlechtsverwandten wiegten sich in den Zweigen der am Weg stehenden
Bume.

Desto hufiger aber begegneten wir Reitern auf Maulthieren und Eseln.
Ganze Zge von Maulthieren bringen Holz zur Stadt, Esel mit Futter
beladen, ziehen trotz des noch berdem zwischen demselben sitzenden
Fhrers, ziemlich rasch ihre Strae, und dazwischen galoppiren lustig
Mnner, Frauen und Kinder nach allen Seiten hin. Man sieht in Chile
kaum einen Fuwanderer, da jeder ein Pferd besitzt, und dort ist ein
ganz anstndig gekleideter Fureisender etwa so angesehen, wie bei uns
zu Lande ein Reisender, der barfu und ohne Rock seine Strae zieht,
und statt des Hutes etwa einen Knotenstock fhrt.

Als wir uns beilufig sieben bis acht Stunden von der Stadt entfernt
hatten, machte der freundliche Charakter der Gegend allmlig einem
ernsteren Platz. Selbst die kleineren Hacienden und Ansiedelungen wurden
immer seltener und verschwanden endlich pltzlich. Wald und Felsen
begannen, und wir hatten kurz vor Anbruch der Dunkelheit die Vorberge
der Cordillera erreicht. Wir hatten beabsichtigt, in einer am Fue der
Cordillera liegenden kleinen Ansiedelung zu bernachten, wo von den
Bergen gebrachte Silbererze verschmolzen werden, und woselbst der Jger
vor Jahren einmal eingekehrt war. Es zeigte sich indessen bald, da wir
den Weg verfehlt hatten.

Der Rio Mapocho strmt dort, aus den Anden hervorbrechend, mit
Heftigkeit durch seine felsigen Ufer, und wir muten fortwhrend
stromaufwrts seinen Lauf verfolgen, da weiter oben jenes kleine
Httenwerk liegen sollte. Bald aber waren wir gezwungen ber den
Flu zu setzen, indem das bischen Weg, auf dem unsere Pferde weiter
kletterten, aufhrte und zur steilen Wand wurde. Mittlerweile war
die Dunkelheit vollstndig eingebrochen, und trotz des klaren
Sternenhimmels war es in der Bergschlucht, in welcher wir ritten, so
finster, da man kaum den vor sich Reitenden unterscheiden konnte. Es
wurde deshalb der eine meiner Knechte, der einen Schimmel ritt, an die
Spitze des Zuges gestellt; aber es dauerte nicht lange, so mute wieder
der Flu passirt werden, da jetzt auf der andern Seite der Weg zu
schmal wurde, oder eigentlich besser gesagt, ganz aufhrte, und dieses
Uebersetzen wurde whrend der Nacht etwa 10 bis 12 mal wiederholt.

Der vorausreitende Knecht, der den Weg suchen mute, wurde nicht selten
eine Strecke im Wasser abwrts gerissen und mute dann eine andere
Stelle ausfindig machen, welche, besonders der Lastthiere halber,
leichter zu passiren war. Aber dies alles geschah von Seite des Knechts
unter Scherz und Gelchter, wenn gleich mit manchem Caramba, dem
scherzhaften und unschuldigen Fluchworte der Chilenen.

Der Flu strmt schnell dahin, und obgleich wir selten bis ber die
Kniee in's Wasser kamen, hatten die Pferde genug zu thun sich zu halten,
und verloren nicht selten den festen Grund, hatte gleich der Knecht die
seichtesten Stellen ausgesucht. Ritten wir lngs des Ufers, so muten
die Thiere im buchstblichen Sinne des Worts, sich durch die am Ufer
angeschwemmten Felsenblcke winden, andere berspringen, whrend sie
auf kopfgroen Geschieben des Flusses Fu zu fassen gezwungen waren,
wenn sie eine pltzlich erscheinende tiefere Stelle nicht bis an die
Kniee versinken lie.

Wir waren eine Zeit lang auf dem linken Ufer des Flusses fortgeritten,
als wir, wie uns dnkte, an die gesuchte Stelle gekommen waren, um nach
nochmaligem Uebersetzen des Flusses auf eine Art von Weg zu gelangen,
welcher zu dem ersehnten Httenwerk fhren sollte. Als wir aber uns
anschickten, in's Wasser zu reiten, fanden wir bald, da der Flu
so bedeutend angeschwollen war und so heftig strmte, da an kein
Passiren desselben mehr zu denken. Wir hatten nicht daran gedacht, da
fast alle die von der hohen Cordillera kommenden Flsse des Nachts
bedeutend anschwellen, da das des Tages ber durch die Sonnenhitze
geschmolzene Schneewasser ihre Masse bedeutend verstrkt.

Es stand uns jetzt die wenig trstliche Aussicht bevor, hungrigen
Leibes auf den Gerllen des Mapocho Nachtlager zu halten, und
vielleicht von dessen stets steigenden Fluthen noch einen Besuch zu
erhalten.

Da erinnerte sich der Jger, gerade zur rechten Zeit, da etwas weiter
oben sich die Schlucht ffnen msse und dort die Htten einiger
Landleute seien, bei welchen er frher einmal in dieser Gegend mit
einem deutschen Naturforscher jagend, eingekehrt war. Wir eilten weiter
und bald ffnete sich wirklich die Schlucht in etwas, und die Abhnge
derselben wurden flacher, so da die Pferde sie erklimmen konnten. Als
wir uns auf der Ebene befanden und einen Weg vor uns hatten, der fr
deutsche Pferde lebensgefhrlich gewesen wre, fr die chilenischen
aber analog einer Chaussee war, wurden Cigarren und Pfeifen angezndet
und im Galopp dem vorausleuchtenden Schimmel nachgeritten, in fast
gnzlicher Dunkelheit und ohne irgend eine weitere Kenntni des Weges
als die, da in einer gewissen Richtung hin menschliche Wohnungen
befindlich sein sollten.

Endlich begann der Jger sich etwas besser in der Gegend zurecht zu
finden, indem ihm einzelne Felsenparthieen erinnerlich waren, und
bald sahen wir Bume und zwischen denselben Feuerschein leuchten.
Das Unvermeidliche einer chilenischen Ansiedelung, eine Meute von etwa
zwanzig Hunden, umringte uns bald klffend und bellend und wir hatten
in Kurzem das Haus und seine Bewohner erreicht.

Es kamen uns die Mnner entgegen und boten uns auf unsere Frage, ob
wir bei ihnen bernachten knnten, freundlich ihr Haus und
ganzes Besitzthum an, mit jener in Wirklichkeit uneigenntzigen
Bereitwilligkeit, welche die berwiegende Mehrzahl jenes wackeren
Volkes charakterisirt.

Vor dem Hause war aus rohen Baumstmmen eine Art Vorhalle angebracht,
welche mit Baumzweigen[29] gedeckt war und dort brannte das Feuer. Eine
ltere Frau kauerte am Feuer, und vier bis fnf jngere Frauen, alle
in groe Umschlagtcher gehllt, waren, so wie mehrere Mnner rings
umher gelagert; Kinder, Hunde und Hhner, letztere durch unsere Ankunft
aufgestrt, durchkrochen die Winkel der Vorhalle, und das Ganze bildete
ein zwar zigeunerartiges, aber nicht unschnes Bild.

Unsere Pferde und die Lastthiere wurden abgesattelt und sich selbst
berlassen. Fast nie verluft sich in solchen Fllen ein Pferd und
die Thiere, welche nur ein paar Tage zusammen gelaufen sind, halten bald
gute Kameradschaft. Wir baten um eine Hhnersuppe und Eier, was
bald fertig war, als wir aber nach Wein frugen, war keiner vorhanden,
indessen hie es, da in einem nahen Orte welcher zu haben sei. Ich
gab einige Realen, und bald sprengte einer der jungen Leute mit einem
Schlauche auf dem Pferde in die Nacht hinaus.

Whrend nun auf solche Weise alle Anstalten zum Mahle getroffen wurden,
hatte ich Gelegenheit, den fast an Ostentation grnzenden Eifer meiner
Knechte zu bewundern, mit welchem sie mich zu bedienen bemht waren.
Sie hatten unseren Gastwirthen erzhlt, und hiebei half auch der Jger
getreulich, wie ich ein aus fremden Landen gekommener, ungeheuer
reicher und gelehrter Herr, =un mui grande caballero=, sei, welcher die
Cordillera zu besuchen gedenke, nachdem er schon alle anderen Lnder
der Erde bereist habe. Sie selbst reisten theils zum Vergngen mit mir,
theils weil sie von mir einen fabelhaften Lohn bekmen. Sie machten
sich nun tausend Beschftigungen um meine Person, zogen mir die Stiefel
aus, boten mir aus der geffneten Reisetasche ganz ungeeignete Kleider
zu grerer Bequemlichkeit, wie sie sagten, stopften meine Pfeife, und
hatten alle Augenblicke irgend eine Frage zu thun.

So dachten die beiden Schelme sich selbst in ein glnzendes Licht zu
setzen, indem sie einen so vornehmen und mchtigen Herrn als Diener
begleiteten[30].

Nach Beendigung des Schmauses kam der junge Mann mit dem Weine (rothen
Conceptionwein), und war bis ber den Grtel durchnt. Der nahe
gelegene Ort war sicher eine Stunde, wenn nicht weiter entfernt, und
er hatte irgend ein Wasser mit dem Pferde durchschwimmen mssen.
Bald kreiste nun der Schlauch unter Mnnern und Frauen, und letztere
verschmhten nicht die Zigarren, welche ich ihnen bot, so da wir
bald wie alte Bekannte ein munteres kleines Gelage hielten, und fast
bedauerten, als wir es aufheben und uns zur Ruhe begeben muten, weil
wir des andern Tages mit dem frhsten uns wieder auf den Weg begeben
wollten.

Wir, die Gste, schliefen im Freien, unweit des stets glimmenden
Feuers, auf unsern Satteldecken, obgleich wir auf's Beste eingeladen
waren, im Innern des Hauses Platz zu nehmen. Allein theils wollten
wir unsere Gastfreunde nicht vertreiben, oder wenigstens belstigen,
anderseits frchtete ich die Unzahl jener hpfenden Insekten, welche
ohne alle Uebertreibung wirklich eine Schattenseite Chiles genannt
werden darf, wenn es auf Comfort oder nur einigermaen auf Ruhe
ankmmt.--

Noch vor Tages-Anbruch waren wir wieder auf, tranken Kaffee von unserem
Vorrathe, da im Hause blos Paraguay-Thee vorhanden, und luden unsere
Wirthe zum Mittrinken ein, was angenommen wurde. Aber nur mit Mhe
konnte ich die Frau bewegen, einen Peso anzunehmen, indem sie sagte,
wir htten mit ihnen getheilt, und sie mit uns. So schieden wir als die
besten Freunde und einer der Mnner begleitete uns eine Strecke, um uns
eine minder tiefe Stelle des immer noch stark angeschwollenen Flusses zu
zeigen.

Ich sah jetzt, da man bei der Nacht leichter eine solche Passage
ausfhrt als bei Tage, denn mir wurde bei dem reienden und rasch
vorberstrmenden Wasser fast schwindlich, obgleich ich sonst wenig
zu dergleichen geneigt bin. Es verloren bisweilen die Pferde festen Fu
und wurden schwimmend rasch abwrts getrieben, bis sie wieder Grund
fanden, und so kamen wir fters aus der Reihe, welche wir eingeschlagen
hatten. Ein Hund, welcher uns begleitete, wurde fortgerissen, und wir
hatten ihn schon verloren gegeben, als er etwa nach einer halben Stunde,
nachdem wir lngst auf dem Trockenen, keuchend und triefend uns wieder
einholte.

Das Thal, in welches wir nach Uebersetzung des Flusses gekommen waren,
war am Anfange ziemlich breit und es standen dort ebenfalls einige
vereinzelte Wohnungen, bald aber wurde es enger, und wir folgten einem
seiner Abhnge, indem wir anfingen, ziemlich steil aufwrts zu reiten.

Bald sahen wir in der immer enger werdenden Schlucht nur noch hie und
da den Flu seinen Lauf verfolgen, und die Gegend nahm in kurzer Zeit
einen andern Charakter an.

Die unendliche Masse von scheinbar wild und ohne alle Ordnung
durcheinander geworfenem Gesteine, in manchfachen pittoresken Formen
hier ansteigend, dort eine tiefe Schlucht, wieder an einer andern Stelle
einen mauerartigen Kamm bildend, entzckt den Landschaftsmaler und
begeistert ihn, whrend der Geognost verwirrt wird, und anfnglich die
Hoffnung aufgibt, irgend eine anstndige Theorie zu finden, wie alle
diese unendlichen Abstufungen und Varietten von Porphyr, Diorit,
Dolerit und andere verwandte Felsarten so bunt durcheinander gewrfelt
dorthin gekommen sind.

Mit etwas Phantasie und einigem guten Willen lt sich Vieles leisten,
so ist denn endlich eine nothdrftige Erklrung fertig. Da tritt uns
pltzlich ein Granit entgegen, wir finden Gneis, Sienit an einer Stelle
so friedlich und unbefangen dastehen und leider so wenig in die eben
fertige Erklrung passend, da wir uns endlich gestehen mssen, ein
flchtiger Blick auf jene colossale Natur sei wohl halbweg hinreichend
uns ihre Gre erkennen zu lassen, keineswegs aber, sie nur
einigermaen gengend zu erklren.

Manchfacher Baumschlag decorirt die Landschaft, indem die Abhnge der
Schluchten meist bewaldet sind. So ritten wir einmal eine ziemliche
Strecke unter einem natrlichen Bogengange von Pfirsichbumen dahin.
Im Uebrigen aber waren verschiedene Laurusarten und einige Species von
Berberis das Einzige, was ich erkannte, indem mir, dem leider
ziemlich Unkundigen in botanischen Studien, deren Betrieb whrend
des Vorbergaloppirens noch schwerer fiel, als die Auffassung
geognostischer Verhltnisse.

An andern Stellen schien der groe, dort nicht selten eine Hhe von
20-30 Fu erreichende Cactus und einige andere kleinere ebenfalls
scharf mit Stacheln bewehrte Pflanzen, die ganze Vegetation zu bilden.
Dort aber fallen die Abhnge steil ab und man reitet nicht selten
auf einem Pfade, der links von einer senkrecht ansteigenden Felswand
begrenzt wird, whrend rechts ein tausend Fu tiefer Abgrund uns
entgegen ghnt. Hufig ist ein solcher Pfad, den meine verwnschten
Knechte einen ganz vortrefflichen Weg nannten, so schmal, da der eine
Fu an der Felswand streift, whrend der andere sammt dem Bgel
ber dem Abgrund schwebt. Bisweilen lsen sich durch den Hufschlag der
Pferde Steine und Gerll ab, und strzen neben uns in die Tiefe. Aber
all' das schadet nicht, man reitet vorwrts und macht aus der Noth eine
Tugend, denn Umwenden geht aus moralischen und physischen Grnden nicht
mehr an.

Weniger gefhrlich indessen als es aussieht sind diese Bergpfade
wegen der Gte und Sicherheit der chilenischen Pferde, aber sie werden
bedenklich in hohem Grade bei Begegnungen. Da nur in seltenen Fllen
ein Reisender jene Vorberge der Cordillera besucht, so sind die Wege
derselben meist nur von holztragenden Maulthieren und ihren Fhrern
betreten, diese aber halten bestimmte Tageszeiten zum Hin- und
Zurckgehen ein, weil fr alle blos Santjago das Ziel der Reise ist.
Gegenseitiges sich Entgegenkommen ist also bei diesen ein seltener Fall.
Ein anderes war es mit uns, die wir gerade entgegengesetzte Richtung mit
den zur Stadt ziehenden Holzverkufern hatten, und mir wre fast ein
Unfall begegnet der ble Folgen htte haben knnen.

Schon einige Mal waren wir solchen holztragenden Maulthieren begegnet,
aber stets an breiteren Stellen, wo man ausweichen konnte[31]. Jetzt
aber ritten wir einen der schmalsten Pfade, der noch dazu sich fters
um den Fels bog, und ich war eben der letzte im Zuge, als der vor mir
reitende Knecht mir zurief, rascher zu reiten. Ich gab dem Pferde die
Sporen, aber schon stand ein Maulthier vor mir mit den Holzbndeln,
die auf beiden Seiten des Rckens befestigt, seine Last bilden. Einige
hundert Schritte rckwrts war eine breitere Stelle des Weges, auch
vorn, durch die Felsenecke verborgen, mute eine solche sein, da die
Vorausreitenden den Lastthieren ausweichen konnten, aber zwischen
diesen und mir stand das Maulthier und der Kopf des zweiten war bereits
sichtbar. Umwenden schien mir unmglich. Links eine steile Felsenwand,
rechts ein jher Abhang, auf dem kaum Fu zu fassen. Mein erster
Gedanke war das Maulthier vor den Kopf zu schieen, aber dann, welcher
Scandal mit den nachfolgenden Treibern, und ferner wre mir das
vorwrts strzende Thier eben so gefhrlich als vorher gewesen. So
blieb ich unentschlossen einige Augenblicke haltend, ausweichend so
weit als mglich auf der Seite des Abhangs. Das Maulthier aber
rannte vorwrts und stie mich mit der Holzlast dergestalt an die
Kniescheibe, da ich fast sammt dem Pferde in den Abgrund geworfen
worden wre. Meine alten deutschen Jagdstiefel von starkem Rindsleder
und handbreit ber die Knie reichend, schtzten mich in so ferne, da
ich nicht argen Schaden litt, doch hatte ich durch das verwnschte
Holz eine ziemliche Contusion erhalten. Ich begriff jetzt, da ich
auf irgend eine Weise ausweichen mute, denn schon stand das zweite
Maulthier vor mir. So sprang ich denn auf der rechten Seite des Pferdes
herab und suchte mich auf dem steilen Abhange festzuhalten, so gut es
eben ging, und das zwar zuerst am Zgel meines Pferdes, den ich in
den Hnden behalten hatte. Das Maulthier aber rannte mit seinen
Holzbndeln so heftig wider dasselbe, da die zwei obersten Decken
in Stcke zerrissen, der Gurt gesprengt wurde und das Pferd das
Gleichgewicht verlor. Aber es strzte nicht, sondern bumte sich hoch
auf, drehte sich auf den Hinterfen, fute wieder auf dem Pfade
und lief rckwrts hinter den Maulthieren her, bis an die vorher
erwhnte, bereits passirte breitere Stelle des Weges, wo es, den
Lastthieren ausweichend, stehen blieb. Der Zgel, an dem ich mich
festgehalten hatte, war ein nach europischer Art gefertigter, und
bereits alt, er ri, und die war ein Glck, denn bei dem abhngigen
und lockeren Standpunkte, den das Pferd hatte, wre es ohne Zweifel
durch mein Gewicht hinabgezogen worden, und auf mich gefallen. Aber das
mir gehrige Zaumwerk nach der schweren und haltbaren Weise des Landes
gefertigt, war dem Pferde am Kopfe etwas zu enge, und dehalb entlehnte
ich von Segeth ein anderes, dessen Zerreien hier zu meinem Vortheile
stattfand.

Ich selbst kugelte hierauf, ohne mich irgendwie halten zu knnen, fnf
und zwanzig oder dreiig Schritte abwrts, fate aber dort einen
Strauch und kletterte oder kroch vielmehr dann wieder den Abhang
hinan. Zehn Schritte unterhalb des rettenden Strauchs fiel die Felswand
senkrecht ab. -- Dort, d.h. etwa 800 Fu tiefer, fliet der
liebenswrdige Mapocho zwischen zierlich zugespitzten Felsen, und hie
und da zerstreut zwischen ihnen bleichen fragmentarisch die Gebeine von
Menschen und Thieren, die oben ebenfalls das Gleichgewicht verloren und
zufllig nicht an einem Strauche hngen geblieben sind.

Einer der Knechte warf mir seinen Lasso zu, mit dessen Hlfe erreichte
ich die Hhe und dort war meine erste Beschftigung, eine Unzahl
von Stacheln aus den Hnden zu ziehen, Ueberbleibsel des rettenden
Strauches. Dann wurde Sattel und Zeug wieder in Ordnung gebracht und
weiter geritten.

Bald nachdem wir jene Stelle verlassen hatten, begann der Weg sich in
etwas zu verndern.

Statt da frher auf der einen Seite Felswand, auf der andern Abgrund
war, muten wir jetzt ber einen drei Fu breiten Felskamm reiten,
dessen beide Seiten senkrecht abfielen. Natrliche Stufen von
ebenfalls drei Fu Hhe bildeten die Strae und so muten die
Pferde sprungweise anklimmen. Ich war thricht genug, mich ber die
unschuldige Klippe zu rgern und mein Pferd erhielt wohl manchen nicht
nthigen Spornstich, indem ich auf den Unsinn schalt, ber Mauern
zu reiten, anstatt auen herum. Ich wei indessen nicht, ob dies
berhaupt angegangen wre.

Oben angelangt, wo die Felswand ein kleines Plateau bildete, legte sich
pltzlich unser lasttragendes Maulthier ganz ruhig auf den Boden, und
war auf keine Weise zu bewegen, wieder aufzustehen. Das Thier hatte die
Augen geschlossen und sein Kopf hing, sammt dem einen Packe der Last,
die es trug, ber dem Abgrund. Wenn Maulthiere ihren Fhrern erklren
wollen, da sie genug gearbeitet, und keine Lust htten, weiter zu
gehen, nehmen sie stets dieses Manver vor, und unsere Knechte sagten,
sie thten dies immer an der gefhrlichsten Stelle, wo sie keine
Schlge zu erwarten haben, da eine einzige unglckliche Bewegung sie
in den Abgrund strzen kann.

In der That wurden oben auf dem Plateau auch blos Schmeichelworte
angewendet, um das Thier zum Aufstehen zu bewegen, aber umsonst. Es
lag wie verendet und rhrte kein Glied. Nun blieb nichts brig, als
dasselbe mglichst auf die Mitte des Plateaus zu ziehen, abzuladen,
und so gut es ging, das andere Thier zu belasten. Ich leistete
hierbei hlfreiche Hand und bedauerte, in meiner Jugend neben andern
ntzlichen Knsten, nicht auch die des Dach- oder Schieferdeckers
erlernt zu haben, welche mir dort von bedeutendem Nutzen gewesen wre.

Als wir auf der andern Seite der Wand wieder auf festen, d.h. breiten
und gerumigen Boden gekommen waren, bearbeiteten die Knechte das
Maulthier nach Herzenslust mit ihren zusammengedrehten Lasso's, um sich
fr die oben an dasselbe verschwendeten Artigkeiten zu revanchiren, und
das Thier wute genau den Grund, denn es schlug schon aus, als sie
sich ihm nur von weitem nherten. Aber, als ich noch oben stand bei dem
widerspenstigen Thiere und auf die erstiegene Strecke abwrts blickte,
sie fast fr gefhrlich haltend, unbedingt aber wohl zufrieden, da
sie zurckgelegt, kam in sorglosen Stzen am uersten Rand, und
wie es schien auf einen nur mittelmigen Klepper reitend, ein
chilenisches Weib desselben Weges. Sie hatte die Zgel auf des Pferdes
Hals gelegt und liebkoste einen Sugling, den sie im Arme hielt. Ich
schmte mich, als ich eine Parallele zog zwischen des Weibes Reise und
meinem Bedenken.

Es war die Wohnung jenes Weibes die letzte im Gebirge und nun begann
die eigentliche hohe Cordillera, nachdem wir noch einige Stunden auf
ziemlich guten Wegen scharf fortgeritten waren. Wir machten hierauf
etwa gegen 1 Uhr des Mittags Halt, lieen die Pferde grasen und nahmen
selbst ein kleines Mahl ein. Dort schon sammelte ich geognostische
Handstcke und mehrere Insekten, worunter unter andern eine neue Art
=Proscopia tenuirostris, Sturm=. Auch eine Menge von Scorpionen wurde
gefunden und fast unter jedem Steine, den wir aufhoben, streckte uns
einer seine Scheeren entgegen.

Nach anderthalbstndiger Ruhe stiegen wir wieder zu Pferde, und setzten
nach einiger Zeit ber einen kleinen Flu, worauf wir mehrere Stunden
steil bergauf eilten und endlich auf einem ziemlich breiten Bergrcken
ankamen.

Der Charakter der Landschaft hatte sich allmlig bedeutend gendert.
Wir hatten vorher wohl Wald und pittoreske Felsenparthieen, gefhrliche
Bergpfade und strmende Gewsser in wilden Schluchten, aber immer
fehlte der Typus der tiefen Ruhe und Einsamkeit, der das eigentliche
Hochgebirge bezeichnet. Jetzt aber war auf der Hhe der Pflanzenwuchs
bereits verschwunden und nur in Schluchten tief unter uns zogen sich
noch in schmalen Streifen die Vorposten der Vegetation dahin. Drohende
Schneeberge hingen ber uns, whrend wir auf kahlem nacktem Gesteine
fortritten. Die Thler wurden groartiger, und hie und da ffnete
sich eine prachtvolle Fernsicht, um bald wieder durch einen schwarzen,
halb mit Schnee bedeckten Bergriesen verhllt zu werden. Es war die
hohe Cordillera, in welcher wir uns befanden, das sagte uns schon der
eisige Hauch, der bisweilen von den nchsten Bergen wehte, und uns
den Poncho umnehmen hie. Wir hatten whrend der Rast das Gepcke
vertheilt und die Reservepferde mit einem Theile belastet, so konnten
wir um so rascher reiten, denn das that jetzt Noth. Der Jger hatte
frher diese Gegenden besucht und einen passenden Platz gefunden zum
Lager. Wir muten diesen wo mglich noch heute zu erreichen suchen, um
Holz zur Feuerung, Futter fr die Thiere und Wasser zu haben. Kurz vor
Einbruch der Nacht lenkten wir wieder abwrts, meist auf Pfaden,
die das Guanaco getreten hatte, kamen wieder in eine wenigstens etwas
bewaldete Thalschlucht, und machten endlich an einer etwa 50 Schritte
breiten Stelle desselben, unweit eines rasch strmenden Bergwassers
Halt. Es wurde zur Entlastung der Thiere geschritten und rasch von
zusammengelesenem Holze ein Feuer entzndet, von unseren Satteldecken
ein Lager bereitet, und ein aus Maisbrod und rohem Charque bestehendes
Abendbrod eingenommen. Dann legten wir uns zur Ruhe, und als ich
des andern Morgens in meinen Mantel gewickelt, die Augen aufschlug,
verwunderte ich mich fast, im Freien und nicht unter Segeth's gastlichem
Dache zu Santjago erwacht zu sein.

Die Pferde hatten sich in jener ersten Nacht keine zehn Schritte von
uns entfernt, sondern waren dichtgedrngt in unserer nchsten Nhe
geblieben; als sie spter das Terrain kennen gelernt hatten, entfernten
sie sich stundenweit von unserm Lagerplatze, stets aber zusammenhaltend
und eine kleine Heerde bildend.

Sogleich nach unserm Erwachen wurden Anstalten zu grerem Comfort
getroffen. Die Schlucht, welche wir in Besitz genommen hatten, strich
direkt von Nord nach Sd, und war gegen Ost und West durch steile
Abhnge eingeschlossen. Der kleine aber reiende Gebirgsflu flo
auf der westlichen Seite, und wir brauchten auf diese Weise nur einige
Schritte zu gehen, um frisches Wasser zu haben. Ich vermag kaum zu
schildern, wie erquickend und strkend das tgliche Baden in diesen
lrmend und brausend dahin strmenden Fluthen auf mich eingewirkt hat,
welches ich sogleich nach dem Erwachen vornahm, whrend die Knechte den
Kaffee bereiteten.

Groe und zum Theile vollkommen abgerundete Steine, welche ringsum
zerstreut lagen, ohne Zweifel von mchtigen periodischen Anschwellungen
des Flusses dorthin gefhrt, wurden von uns als Tische bentzt, und
whrend Jose Maria, der die Rolle des Kochknstlers bernahm, einen
derselben als Kchentisch in Beschlag nahm, wurde der andere von
mir zum Prparir-Tisch bestimmt. Die Schlucht fiel gegen Sd ab
und theilte sich in mehrere andere Thler, whrend sie, gegen
Nord aufwrts steigend, einige Stunden von unserem Lager durch
schneebedeckte Felsmassen geschlossen wurde.

Der Jger und ich richteten uns ein grobes Tuch, in welchem ein Theil
der mitgebrachten Vorrthe eingeschlagen waren, zum Zelte zu, welches
zwar nur etwa den Kopf und einen Theil des Leibes bedeckte, und vorne
und hinten geffnet war, indessen doch in Etwas gegen den fallenden
Thau schtzte. Wir hatten von Santjago Ngel mitgenommen, welche in
einige Bume geschlagen wurden und zum Aufhngen der Instrumente,
des Barometers, Thermometers und Hygrometers, der Waffen und anderen
Utensilien dienten, und so war unsere einfache Einrichtung bald
vollendet.

Aehnlich wie in der Stadt wurde auch hier die Zeit eingetheilt, indem
ein Tag zum Sammeln, Jagen und Beobachten, der andere zum Prpariren
und Ordnen des Erworbenen bestimmt wurde. Bisweilen zusammen, meist aber
vereinzelt, oder von einem der Knechte begleitet, unternahmen wir unsere
Streifzge, von welchen wir manchmal bei Zeiten, oft aber erst spt
in der Nacht heimkehrten, denn wir hatten die Umgegend bald so kennen
gelernt, da an kein Verirren mehr zu denken war.

Groe Gelehrte, so wie auch andere Reisende haben die Cordillera
geschildert und die mchtigen Eindrcke, welche sie auf den
Besuchenden hervorbringt, und ich glaube nicht, da je einer derselben
zu viel gesagt hat von der Groartigkeit jener Massen. Der Charakter
des wild Pittoresken ist zwar stets der vorherrschende, aber in so
unendlich vielen Abstufungen und hufig in so rascher Abwechslung, da
eben wie mir dnkt, hierin einer der grten Reize jenes mchtigen
Gebirges liegt. Das Gebirge steigt fortwhrend terassenfrmig in die
Hhe. Man steht auf einer solchen Terasse und vor uns steigt eine mit
Firnschnee allenthalben bedeckte Felswand an, die man unbedingt fr den
hchsten Punkt der Umgebung halten mu. Endlich ist es gelungen, nicht
ohne Gefahr einen Ausweg zu finden, man klettert an steilen Felsen, man
geht ber tiefe, hart gefrorene Schneemassen, welche glcklicherweise
eine Schlucht ausfllen, und der Fels, der anfnglich immer hher zu
werden scheint, je hher man klimmt, ist endlich erstiegen. Man ist auf
einer Ebene, wo sich kaum Schnee befindet, ja wo vielleicht selbst hie
und da eine einzelne =Saxi fraga= am Gesteine wuchert. Aber in einiger
Entfernung steigt eine neue Felswand empor, mchtiger als die vorige
und spottend jedem Versuche, sie zu ersteigen. Ist aber bei einer oder
der andern dies vielleicht doch gelungen, so wiederholt sich oben
das Schauspiel und man sieht, da in einer unzhligen Menge solcher
Riesenstufen das Gebirge anwrts steigt. Hufig ist auf solchen Ebenen
der lachendste Sonnenschein und eine fast drckende Hitze, aber vom
Rande des Plateaus blickt man in ein Wolkenmeer, welches unterhalb
sich ausbreitet und aus welchem in der Sonne glnzend, nur einzelne
schneebedeckte Spitzen hervorragen. Pltzlich, man wei nicht
wie, denn nicht der leiseste Luftzug regt sich, sind die Wolken fast
smmtlich verschwunden, und nur in einer schwarzen kraterartigen
Vertiefung mit steil abwrts fallenden Wnden, ist eine dichte
Masse derselben geblieben. Ohne Zweifel sind solche Bildungen, die ich
mehrfach getroffen, ausgebrannte Krater, oder wenigstens solche, die
sich in tausendjhriger Ruhe befinden. Man wartet, um von oben herab
gemchlich in's Innere des zu unsern Fen liegenden vulkanischen
Kessels blicken zu knnen, bis die Wolken auch aus ihm verschwunden
sind, aber pltzlich gerathen dieselben in eine wallende Bewegung,
sie erheben sich, breiten sich aus und man ist rasch und ehe man es
vermuthet, selbst in eine Nebelschicht eingehllt, so da man kaum auf
einige Schritte zu sehen vermag.

Schwer wre in solchen Fllen der Rckweg zu finden, weilten jene
Wolkenschichten lange auf ein- und derselben Stelle, aber rasch wie sie
gekommen, verschwinden sie auch wieder.--

Einen eigenthmlichen Eindruck machen die oft mehrere Stunden langen
Felsenthler, die bald mehr erweitert, bald aber so enge geschlossen
sind, da ihre Sohle kaum zwanzig Schritte Breite hat. Whrend oben
auf den Felskmmen, welche die Thalwnde bilden, eine freundliche
Sonne ruht, ja, erlaubt es der Stand derselben, Sonnenblicke oft bis
in's Thal reichen, so ist nicht selten die Schlucht durch eine dichte
Wolkenmasse geschlossen, welche Stunden lang an ein und derselben Stelle
verweilt, bis sie sich gnzlich vertheilt oder verschwindet und ein
doleritischer Kegel vor uns steht, der halb mit Gletschereis bedeckt
ist, welches das tiefe Schwarz des Gesteins noch mehr hervorhebt.
Aus solchen doleritischen oder basaltischen Kegelbergen brechen stets
Quellen hervor, oder strzen sich von den schneeigen Wnden derselben
herab, wie denn wohl berhaupt die meisten dieser wild und tief
gefurchten Thler heftigen Wasserstrmungen frherer Zeit ihren
Ursprung verdanken mgen.

Auch der Proce der Verwitterung hat an manchen Stellen stattgefunden
und theilweise eine eigene Erscheinung hervorgerufen. Grere, hufig
von der Sonne getroffene, bald wieder von ziehenden Wolken berhrte
Flchen nicht ganz abschssiger Felswnde, sind mit verwittertem
und zersetztem Gerlle bedeckt. Durch eigenthmliche plattenfrmige
Spaltung mancher Gesteine hat das von oben herab kommende Wasser des
gethauten Schnees sich hier bisweilen gefangen, aus den verwitterten
Felsarten ist Erde geworden, stets befeuchtet durch nachsickerndes
Wasser und so sind grnende Oasen entstanden unweit der Grenze
des Schnees, und mitten auf einer kahlen und sonst allenthalben mit
Gesteinfragmenten bedeckten Flche. Eine mannshohe, gelb blhende
ginsterartige Pflanze, eine =Colletia=, die =Fabiana imbricata= und
einige Berberis-Arten bilden dort meist die Vegetation in dem sonst
nicht selten sumpfigen Grunde.

Whrend man aber lngere Zeit in einer der geschilderten Schluchten
gewandert, oder eine Felswand erstiegen hat, um von einer zweiten oder
dritten sich den weiteren Weg versperrt zu sehen und schon die Hoffnung
aufgegeben hat, fr den Tag etwas weiteres als Felsmassen, Wolken
und Schnee zu sehen, biegt man um die Ecke eines Felsens, und bleibt
pltzlich berrascht und entzckt stehen vor der prachtvollsten
Fernsicht die sich bietet. Weit weg ber das herrliche Chile bis an die
Kste des Meeres schweift der Blick, nur begrenzt durch den tiefblauen
Himmel der ber jenem gesegneten Lande lacht. Auf eine prachtvolle
Weise wird aber das in der Sonne glnzende Flachland gehoben durch
die schwarzen Felsenmassen des Vordergrundes und die Gletschermassen,
zwischen welchen hindurch sich jene Fernsicht ffnet. Der Mangel
der Lichtperspektive, von dem ich schon vorher gesprochen, kmmt dem
landschaftlichen Bilde hier unendlich zu statten, und man mchte fast
sagen, da bei der Groartigkeit des Ganzen die Natur hier keiner
beschnenden Tinten bedrfe.

Der unbegreifliche und fast erschtternde Zauber, der fr manche
Gemther in einer erhabenen und reizenden Fernsicht liegt, ist es aber
nicht allein, was in jenen Bergen so mchtig das Herz erhebt, es ist
das wohlthtige Gefhl absoluter Einsamkeit und Abgeschlossenheit, das
Bewutsein unbedingter persnlicher Freiheit und das Fernsein aller
strenden Einflsse, aller menschlichen Kleinlichkeit und Lge. Ich
habe mich dort sicherer und frhlicher gefhlt, als irgendwo, freilich
ohne daran zu denken, da man auch auf der Spitze der Anden getuscht
und betrogen werden kann, wenn gleichwohl nur =par distance=.

Auf diese landschaftlichen Skizzen mag mit wenigen Worten der
geognostischen Verhltnisse gedacht werden, und eines kleinen Theils
der Gesteine, welche jene malerischen Massen bilden. Es ist unmglich,
ein klares Bild zu geben von dem geognostischen Charakter des von mir
besuchten Theils der Cordillera, weil es unmglich ist, ein solches
aufzufassen in der kurzen Zeit meines Dortseins.

Im Allgemeinen mu ich wiederholen, was ich schon frher
ausgesprochen, da das Ganze den Eindruck macht einer unendlichen Menge
der verschiedenartigsten Formen von Porphyren, Doleriten, Dioriten,
Melaphyr und Trachyt-Gebilden nebst allen Verwandten ihres Stammes,
welche wild ber- und durcheinander aus der Tiefe empor geschoben
worden sind, sich theilweise durchdrungen haben, theilweise wieder
zusammen gestrzt, oder durch furchtbare Erschtterungen gespalten
worden sind, whrend aus diesen Spalten neue Massen hervor drangen,
welche stellenweise wieder ein hnliches Schicksal erlitten.
Granitisches Gestein, bisweilen verndert, manchmal aber vollkommen
normal, steht hie und da an, offenbar gehoben von den vulkanischen
Formen, fter aber auch eingeschlossen in dieselben, losgerissen von
unten und mit emporgetragen. Allgemeine weiter verbreitete Hebungen
und Senkungen, bedingt durch den Vulkanismus der Tiefe, und kolossale
Einstrzungen in Folge dieser, vermehren noch den Typus groartiger
Verworrenheit in der Cordillera.

Hufig habe ich basaltische Breccie getroffen und will eine solche
wirklich prachtvolle Felsparthie schildern, welche ich hufig besuchte,
da sie nicht sehr weit vom Lager entfernt lag, und in ihrer Nhe,
unweit des ewigen Schnees, Colibri zu schieen waren.

Eine ziemlich steil ansteigende Wand aus grau-rothem Dolerite, welche
sich aber mehrfach in terassenartige Plateaus abflacht, und vollkommen
gut erstiegen werden kann, bildet auf ihrer Hhe ein zweites Plateau,
eine zweite Felsparthie, die vollstndig mauerartig ansteigt, so da
sie kaum an einigen Stellen zu erklimmen ist, und selbst dort nur auf
eine kurze Strecke.

Jene Felsenmassen gleichen, von einiger Entfernung aus gesehen,
vollstndig den Ruinen eines alten Schlosses, und die Tendenz des
Gesteins, sich in greren Parthien sulenfrmig abzusondern,
wodurch thurmartige Formen hervortreten, erhht noch jene Aehnlichkeit.
Der untere Theil dieser Felsmassen, welche einen bedeutenden Umfang
haben, und wenigstens eine halbe Stunde Lngen-Erstreckung, besteht
aus Basalt, welcher indessen Olivinfrei ist. Auf diesem Basalte liegt,
scheinbar aufgelagert, eine basaltische Breccie, in einer wechselnden
Mchtigkeit von 80, 100, an manchen Stellen wohl 200 Fu. Diese
Breccie hat ein verwittertes, tuffartiges Ansehen. Sie besteht aus
scharfkantigen Basalt-Fragmenten von sehr verschiedener Gre, und aus
einem verwitterten Feldspathe, wohl Albit. Neben diesen Bestandtheilen,
welche die Hauptmasse des Gesteins bilden, liegen noch hie und da andere
Einmengungen von Felsarten zerstreut, welche indessen kaum zu bestimmen
sind.

Das Cement scheint selbst wieder aus einem Gemenge von hchst kleinen
und innig verbundenen Feldspath- und Basalttheilen zu bestehen. Nicht
weit von dessen Bildung steht eine stark hervorgeschobene groteske
Basalt-Masse, =la casa de Dios= meines poetischen Carlos. Jene
Breccien-Masse habe ich Reinholdstein geheien, und der Name wurde von
meinen Chilenen sogleich angenommen und gebraucht, wenn es sich
z.B. um die Bezeichnung einer Zusammenkunft handelte, aber schwer
verstmmelt in der Aussprache.--

Hoch oben auf dem Gebirge, wo schon zwanzig bis dreiig Fu hoher
fester Firnschnee lag, habe ich eine Morne getroffen, welche ein
wahres mineralogisches und geognostisches Kabinet der Umgegend bildete;
diese Morne war indessen noch ziemlich weit vorgeschoben in die jetzt
nicht mehr mit immerwhrendem Schnee bedeckte Region und gab Zeugschaft
von der Richtigkeit der Theorien, die unsere Geognosten aufgestellt
haben. Ich fragte den einen der Knechte, wie diese Menge von Steinen
wohl dorthin gekommen sei, und er gab mir zur Antwort: das thut der
Schnee! Mit Vergngen habe ich im fernen Lande und aus dem Munde
eines einfachen Mannes die Besttigung der Ansichten unserer Gelehrten
gehrt. Vernderungen der Form im greren Mastabe kommen
gegenwrtig auf der Cordillera nicht mehr vor. Da aber in der Nhe
der thtigen Vulkane alles das stattfindet, was sich unter hnlichen
Verhltnissen anderwrts ereignet, Einstrzen alter Krater,
Emporhebung neuer, mchtiger Lavastrme u.s.w. versteht sich von
selbst, und ebenso braucht kaum erwhnt zu werden, da die Schluchten
und Thler durch abwrts strmende Wassermassen fortwhrend, wenn
auch langsam erweitert werden. Auch die Erdbeben tragen zu kleinen
Vernderungen das Ihrige bei. Hufig finden sich in den Schluchten
groe abgeschliffene fast glnzend polirte Blcke der verschiedenen
Gesteine des Gebirgs. Aber nicht selten liegen mitten unter ihnen
scharfkantig und hchstens an einigen Stellen mit Anzeichen der
Verwitterung versehen, Felsentrmmer, welche unmglich wie die
ersteren vom Wasser dorthin gefhrt worden sein knnen. Ich hatte
das Vergngen durch den Augenschein hierber belehrt zu werden. Eines
Morgens, whrend der Jger und ich noch auf unseren Fellen lagen,
wurden wir pltzlich ziemlich fhlbar geschttelt, und zugleich
hrten wir den, bei jedem Chilenen unerllichen Ruf unserer Knechte
=il tiembla=. Es war ein nicht unbedeutender Erdsto, der, wie alle
derartigen Erschtterungen, im Flachlande strker gefhlt wurde als
auf dem hohen Gebirge, und unten auch, wie wir spter erfuhren, an
einigen Orten Schaden gestiftet hatte. Aber whrend des Stoes,
der etwa 5 bis 6 Sekunden anhielt, rollten Steine von nicht
unbetrchtlicher Gre in's Thal, welche wohl durch frhere
hnliche Vorgnge gelockert und allmhlig abgelst, jetzt vollkommen
losgerissen waren. Daher nun die scharfkantigen Felsfragmente in den
Sohlen der Thler und bisweilen auch auf den Plateaus, wohin sie
von einer hher stehenden Terrasse aus gestrzt sind. Die zu Zeiten
ansteigenden Wasser, welche die meisten dieser Schluchten durchstrmen,
fhren einen Theil dieser Felsstcke wieder mit sich hinweg, um sie
vielleicht weiter unten mehr oder weniger abgerundet abzusetzen, wohl
auch spter als Flugerlle gnzlich der Cordillera zu entfhren,
wenn eben ihre Wassermasse strker und anhaltender angeschwollen.

Schluchten und enge Thler, welche nicht von Wasser durchflossen sind,
werden oft auf eine nicht zu ermittelnde Tiefe mit solchen Fragmenten
angefllt getroffen, doch hat durch theilweise Verwitterung abgelstes
Gestein auch hier das Seinige beigetragen.--

Der Jagdfreund wird sich denken knnen, mit welchem Vergngen ich
meine Jagdzge auf der Cordillera vollfhrt, da dort doppeltes
Interesse im Spiel war, ganz abgesehen von dem alten Jagdteufel
frherer Zeit, der, ich leugne es nicht, doch auch dort wieder ein
wenig erwachte. Aber jedes erlegte Thier wurde mir, dem Naturforscher
dort zum _Exemplar_, whrend es abgebalgt im Lager von Jose Maria als
Wildpret in Empfang genommen wurde, war seine Ebarkeit nur halbwegs zu
vermuthen.

Hufig war der kleine zierliche Colibri, =Trochilus leucopleurus=,
der Gegenstand meiner Mordlust. Rcken und Flgel des Thierchens sind
graugrn, mit Metallglanz und die Kehle des Mnnchens ist prachtvoll
goldgrn gefrbt, whrend das Weibchen etwas bescheidenere Farben
trgt. In jenen bereits erwhnten Oasen schwrmt dieser Colibri um
die Blthen und kann so geschossen werden, wenn man sich ihm vorsichtig
nhert, doch ist er ziemlich scheu und fliegt so schnell, da man sein
Schwirren von einer Blume zur andern kaum mit den Augen verfolgen kann.
Zudem ist das erlegte Vgelchen schwer zu finden, da es bisweilen in
den sumpfigen Grund des Bodens fllt, nicht selten aber auch in den
Zweigen hngen bleibt an Stellen, wo man es am wenigsten vermuthet.
Blos auf den hchsten Gegenden der Anden, ich wei indessen nicht in
welcher Verbreitung gegen Nord und Sd, wird dieser Colibri unweit der
Schneegrenze getroffen. Der =Trochilus Sephanoides= hingegen kmmt blos
im Flachlande vor und nie in den Bergen.

Auch der groe in Chile sich findende =Trochilus gigas=, der fast
die Gre einer Hausschwalbe hat, wird ebenfalls in der Cordillera
getroffen, doch mehr noch in den Schluchten, als ganz oben in der Nhe
des Schnees. Alle diese Colibri leben von ganz kleinen Insekten, welche
sie mit der Zunge aus den Blthenknospen ziehen, und ihr Magen
ist stets mit denselben angefllt. Zufllig wird hiebei denn auch
Blthenstaub eingeschluckt, weshalb man wohl geglaubt hat, da sie
vom Blumenstaub lebten. Ich habe indessen in ihren Eingeweiden Zucker
nachgewiesen.

Ich will nach diesem kleinsten der Vgel sogleich des grten
in Chile lebenden, des Condor, erwhnen, der nur auf den hchsten
Regionen der Anden gefunden wird. Er soll zwar auch auf der
Ksten-Cordillera vorkommen, allein ich bezweifle dies bedeutend. Ich
habe nie dieses Thier dort gefunden, und so oft ich Nachricht erhielt,
da da oder dort sich ein Condor aufhielte, fand ich, wenn ich zum
Schusse kam, oder das Thier schon kannte, stets, da es andere Geier
waren.

Es braucht das Thier, welches man gegenwrtig in jeder halbweg
bedeutenden Naturaliensammlung sehen kann, nicht nher beschrieben zu
werden, und man kann sich dort berzeugen, da die Sagen, welche man
ber seine Strke und Gre verbreitet hat, groenteils in's Reich
der Fabel gehren. Kaum wird ein ausgewachsener Condor mehr als 15 Fu
Flugweite haben. Indessen thun sie den Viehherden dadurch Schaden, da
sie den Khen, welche oben Klber geboren, dieselben rauben; auch
verfolgen sie vereinzelte jngere Rinder. Es haben mir Landleute,
welche die Cordillera und ihre Thierwelt genau kannten, versichert, da
die Condore solche Thiere einschlieen und dann vereint den Angriff
machen, indem sie theils nach den Augen ihres Opfers hauen, vorzglich
es aber im Rcken anfallen, es zu verwunden suchen, und ihm dann die
Eingeweide aus dem Leibe ziehen. Ein krankes, oder vielleicht durch
einen Sturz verwundetes Thier wird aber unbedingt ihre Beute, sei es
auch noch so stark.

Legt man die Eingeweide eines getdteten Thieres an irgend einer
Stelle nieder, so kann man gewhnlich versichert sein, mehrere dieser
Riesengeier zum Schusse zu bekommen; ein derartiger Versuch mit dem
Ausbruche eines getdteten Guanaco milang uns indessen. Meist in
bedeutender Hhe, selbst ber den hchsten Gipfeln des Gebirges
schwebend, zieht der Condor bisweilen doch seine Kreise auch tiefer. Man
kann sich denken, mit welchem Vergngen ich den ersten mir auf diese
Weise nher kommen sah. Sie scheinen in solchen Fllen den unter
ihnen am Boden umherkriechenden Herrn der Schpfung vollstndig zu
ignoriren, kommen und entfernen sich wieder, ohne auf uns die mindeste
Rcksicht zu nehmen. Ich scho in einer Entfernung von etwa 30
Schritten auf den ersten, welcher sich mir so genhert hatte, und das
zwar mit einer guten Ladung des strksten Hagels. Es ist auch fr
einen wenig gebten Schtzen kaum mglich bei der groen Flugweite
des Vogels denselben zu fehlen. Ich hrte trotz der kurzen Entfernung
die Schrote am Gefieder des Vogels anschlagen, derselbe stie einige
zornige Schreie aus, schwenkte den Hals und senkte sich rasch einige
Schritte abwrts, als wolle er auf mich stoen. Ich hatte im zweiten
Laufe Vogeldunst, um vorkommenden Falles kleinere Vgel zu schieen.
Eine Kugel in den Lauf rollen zu lassen, wre es zu spt gewesen,
so blieb mir nichts anderes brig als das Thier in nchster Nhe zu
erwarten, wo dann auf schuhweite Entfernung auch der andere Lauf wirksam
gewesen sein wrde. Aber der Condor hielt es doch fr besser, das
Weite zu suchen und entfernte sich gravittisch. Dieses Stoen auf
den Schtzen zu, und die bezeichneten Aeuerungen des Aergers habe ich
meist an diesen Thieren bemerkt, wenn ich spter ohne sie ihres dichten
Gefieders halber zu verwunden, mit Hagel nach ihnen scho.

Des ersten, den ich mit einer Kugel verwundete, wurde ich nicht habhaft.
Ich lag hoch oben auf dem Gebirge hinter einem Felsblocke versteckt, um
vielleicht einen Guanaco erlauern zu knnen, welche dort wechselten,
als ich ohne vorher etwas gesehen zu haben, das ganz eigenthmliche
Schwirren hrte, welches der mchtige Flgelschlag jener Thiere
hervorbringt und welches schwer zu beschreiben ist. Aufblickend sah ich
den Condor langsam vorberschweben, kaum 30 Schritte hoch, den Hals
gesenkt und offenbar mich genau beobachtend. Ich hatte eine gute Kugel
im Rohr, und anschlagen und feuern war das Werk eines Augenblicks. Der
Vogel berschlug sich in der Luft und strzte in schiefer Richtung zu
Boden, woselbst er auf den Fen stehend in eigenthmlicher Bewegung
Hals und Kopf schwang. Ich rannte, soll ich es gestehen, in toller
Lust auf ihn zu, mich seiner zu bemchtigen, indem ich ein gutes,
wenn gleich etwas schwerklingiges Jagdmesser fhrend, den Condor nicht
frchtete. Aber als ich nher kam, wendete er sich und ergriff rasch
laufend die Flucht, jetzt blieb ich stehen und scho zum zweitenmal
mit starkem Hagel nach ihm, aber obgleich man auf solche Weise
stark befiederte Vgel leichter tdtet, weil die Federn geringeren
Widerstand leisten, und ich zugleich sicher war, nicht gefehlt zu haben,
so hatte doch mein Schu keine weitere Folge als die Flucht des Thieres
zu beschleunigen, welches mit ausgespannten Flgeln laufend, am Rande
des Plateau zu fliegen begann und mir das Nachsehen lie. Er schwebte
ber niederer stehende Felsen hinweg, und strzte dann endlich in eine
entfernte Schlucht, jedenfalls verendet, aber fr mich nicht mehr zu
erreichen, da ich sicher vier Stunden bedurft htte, um bis in die
Schlucht zu gelangen, ohne die Gewiheit zu haben, das Thier zu finden.

Das Exemplar, welches ich mit nach Deutschland brachte, scho ich in
einer bedeutenden Entfernung ebenfalls mit einer Kugel. Es strzte
momentan und blieb auf einem Felsenvorsprung liegen, wo ich seiner mit
leichter Mhe habhaft werden konnte.

Spter hatte ich Gelegenheit mich von der auerordentlichen Schrfe
des Auges dieser Thiere zu berzeugen. Ich trug eine rothe Schrpe,
wie es dort im Lande gebruchlich, diese befestigte ich einstens an
meiner Jagdtasche, legte dieselbe auf einen Felsen und versteckte mich
in die Nhe, indem ich mit einer Schnur die Vorrichtung bisweilen
in Bewegung setzte, so da das Ganze das Aussehen eines blutenden
zuckenden Thiers hatte. Obgleich anfnglich kein Condor zu sehen war,
schwebten doch bald einige, nur wie schwarze Punkte sichtbar, ober mir,
und kamen dann, Kreise betreibend, nher. Aber nur kurze Zeit bedurften
sie um zu unterscheiden, da kein wirklicher Kder oder kein Thier
sich unter ihnen befand und keiner nherte sich weiter als auf etwa
5 bis 600 Schritte, um sich hierauf wieder zu entfernen.

Unter den Jagden auf Vogelwild war fr die Kche die ergiebigste jene
auf eine wilde Taube, =Chamae pelia melanura Reichenb.=, welche unserer
Turteltaube sehr hnlich ist, und am Spiee gebraten oder mit Zwiebeln
und Pfeffer gednstet eine gute Speise abgab. Ich habe diese Species
nie im Flachlande von Chile getroffen, aber auf den Anden, und das zwar
so weit aufwrts, als sich nur noch sprlicher Graswuchs findet, ist
sie so hufig, da wenn der Jger und ich in Gesellschaft jagten, wir
nie auf eine allein schossen, sondern es stets so einzurichten suchten,
mehrere zugleich zu treffen.

Eine andere hchst mhsame aber dehalb anregende und interessante
Jagd war die auf eine sehr seltene, ebenfalls nur die Gebirgswasser der
hohen Cordillera bewohnende Entenart, =Merganetta armata=. Das Thier hat
an dem Flgelgelenke einen scharfen und fast dreiviertel Zoll langen
Sporn. Es schwimmt rasch und selbst gegen die reiende Strmung jener
Gebirgswasser und schwingt sich von Zeit zu Zeit auf aus dem Wasser
hervorstehende Felsblcke, wozu ihr die Spornen an den Flgeln
behlflich sind. Lngere Zeit verfolgt, taucht es unter und
verschwindet. Man mu hufig die Wasser durchwaten oder berspringen,
um der Ente folgen zu knnen, da oft die Ufer so steil werden, da man
auf der Seite, auf welcher man sich eben befindet, nicht mehr fortkommen
kann, aber hat man auch die Ente auf Schuweite, was oft der Fall ist,
wenn sie auf irgend einem Felsblocke ausruht, so ist es ganz nutzlos,
sie hier zu schieen, indem sie in das Wasser strzend, unbedingt
fr den Jger verloren ist, und stets von der heftigen Strmung mit
abwrts gerissen wird. Man mu ihr dehalb so lange folgen, bis sie
sich freiwillig erhebt und ber eine grere Felsenplatte oder das
Ufer hinwegfliegt und beim Strzen auf festen Grund fllt. Ich habe
blos ein Exemplar dieser Ente mit nach Europa gebracht.--

Andere Entenarten und verschiedene kleinere Vgel wurden eben so
in mehr oder minder groer Anzahl erlegt. Ich erwhne z.B.
der =Muscisaxicola maculirostris=, ein kleiner in der Frbung
lerchenhnlicher Vogel. Er ist, ehe man seine Art und Weise kennt,
schwer zu beschleichen, indem er sehr rasch fliegt und sich auf die
Spitze eines kleinen Strauches niederlt, aber nach einigen Sekunden
verschwindet. Geht man an den Strauch, so ist der Vogel nirgends zu
finden, denn wahrscheinlich um Insekten zu haschen, schlpft er rasch
von Zweig zu Zweig auf die Erde, luft auf derselben durch das Gras
verborgen fort, und erhebt sich dann, um auf einen andern Strauch
fliegend, dasselbe Spiel zu wiederholen.

Hufig und in Zgen von etlichen Hundert zusammenlebend, aber auch
nur auf den hheren Theilen des Gebirges, findet sich die =Chrysomitris
xanthomelaena Reichenb.=, eine neue von mir zuerst nach Europa gebrachte
Art, glnzend schwarz und hochgelb gefrbt und in der Gre eines
Zeisigs.

Auch der schon frher erwhnte und allenthalben in Chile anzutreffende
=Tapaculo= und =el Turco= leben auf der Cordillera. Ersterer hat
seinen Namen dehalb erhalten, weil er stets mit hoch aufgerichteten
Schwanzfedern einherluft, denn =Tapaculo= heit wrtlich: Bedecke
deinen Stei. Beide Vgel gewhren eine treffliche Speise, und
ihr Fleisch kommt jenem des Haselhuhns sehr nahe. Auch =Thinocorus
Orbignianos=, eine groe Wachtelart, und paarweise nur dicht an der
Schneegrnze lebend, war ein schtzbares Wildpret.

Es fehlte uns, wie man sieht, nicht an frischem Vogelwild, und abgesehen
von dem Interesse des Naturforschers und selbst der Nothwendigkeit,
Material fr unsere Kche beizuschaffen, bestand auch zwischen dem
Jger und mir eine Art Wettstreit, wer, jagten wir getrennt, des Abends
am meisten heimbrachte. Die Knechte waren stets auf meiner Seite, und
sahen es als eine Gunst an, wenn ich einen derselben, meist Carlos, mit
mir nahm.--

Von _Sugethieren_ bewohnen nur wenige Arten die hohe Cordillera, wie
denn Chile berhaupt arm an denselben ist.

Der Cordillera-Fuchs, =Canis Azarae=, soll dort hufig vorkommen, aber
ich habe nur ein einziges Exemplar erlegt. Oefters aber fanden sich des
Morgens Fhrten derselben um unser Lager, die Fchse umkreisten es,
ohne Zweifel angezogen von dem Geruche der Speisen und der geschossenen
Vgel. Der Cordillera-Fuchs ist etwas grer als der unsrige und
ein wenig heller, in's Grau spielend. Aber sein Benehmen und seine
Lebensweise gleicht ganz der des deutschen. Eben so vorsichtig,
liebenswrdig und geschmeidig wie diese, sprang jener, den ich
belauerte, von Stein zu Stein und drehte sich mit derselben Gewandtheit
zur Flucht, als er pltzlich meiner ansichtig wurde. Ja, es gleichen
sich alle Fchse, tragen auch nicht alle rothe Brte.

Auch die =Felis concolor=, der sogenannte amerikanische Lwe, wird
in der Cordillera getroffen. Als wir einstens schon bei vollkommener
Dunkelheit von der Guanaco-Jagd heimkehrten, fanden wir das Feuer fast
abgebrannt, die Speisen beinahe eingekocht, und Jose Maria verschwunden.
Wir waren ngstlich, allein da auf Rufen und einige Signalschsse
keine Antwort erfolgte, warteten wir in Geduld das Weitere ab.
Spter erschien er mit den Pferden. Er hatte unfern des Lagers eine
Lwenfhrte gefunden, und war gegangen die Pferde einzufangen, um sie
in der Nhe desselben zu versorgen.

Etwa gegen ein Uhr in der Nacht begann der Hund, den wir bei uns
hatten, unruhig zu werden und zu knurren. Es war Mondschein, doch in
der Thalschlucht ziemlich dunkel. Ich bedeutete durch Zeichen den Jger
nach der einen Seite der Schlucht hin aufmerksam zu sein, wand rasch
meine Binde mir um den Leib, steckte meinen Dolch in dieselbe und kroch
mit meiner Doppelflinte bewaffnet nach der Stelle zu, nach welcher hin
der Hund Laute gegeben hatte. Stille und lautlos war ich, meiner Idee
nach indianerartig, auf diese Weise etwa zwanzig Schritte weit in
ziemlich hohem Grase vorwrts gekommen, als ich pltzlich ein leises
Gerusch zu hren glaubte. Mein Herz pochte. Alle Indicien eines
heftigen Jagdfiebers waren vorhanden! Ich nahm mir vor, der Puma auf's
Blatt zu halten, um den Schdel nicht zu verderben. Da sah ich
pltzlich im schwachen Strahle des Mondes, und etwa zehn Schritte von
mir entfernt, zwei blitzende Augen, die mich anstarrten, wie ich sie.
Aber unter den Augen war nicht der Rachen eines Lwen, sondern ein
blitzendes Messer zwischen den Zhnen eines menschlichen, ziemlich
braunen Antlitzes festgehalten. Indianer!

Wenn ich in Kapiteln schriebe -- welch eine herrliche Gelegenheit hier
ein frisches zu beginnen! Einfach im Texte forterzhlend aber mu ich
berichten, da jene Augen Carlos gehrten, der durch den Hund geweckt,
ohne von mir zu wissen, denselben Streifzug wie ich unternommen hatte.
Er hob lautlos den Finger mit demselben die Richtung bezeichnend, ich
nickte, und wieder im Grase untertauchend, setzten wir unsere Wanderung
fort.

Der gnstige Leser entschuldige, da Alles blinder Lrm gewesen,
wenigstens sahen wir nichts und krochen vom Thaue bis auf die Haut
durchnt, wozu bei unserm Anzug nicht viel gehrte, in unsere Pelze
zurck.

Es mochte vielleicht die Puma gewesen sein, vielleicht aber auch
nur Fchse, welche das Lager umschwrmt hatten. Bessere Resultate
erzielten wir auf der Guanaco-Jagd. Der Jger berichtete eines Tages
Eines geschossen zu haben, welches aber, schwer verwundet in eine
unzugngliche Schlucht gestrzt sei. Zwar zogen hinter seinem
Rcken die Knechte schauderhafte Fratzen, welche Zweifel und Unglaube
beurkundeten. Aber es wurde doch beschlossen, des andern Tags eine
groe Jagd auf diese Thiere zu veranstalten.

Die Expedition wurde zu Pferde unternommen, einmal weil, wie die Knechte
und selbst der Jger sagten, es zu _gefhrlich_ sei jene Stellen zu
Fue zu besteigen, zweitens aber, weil wir ohne Pferde schwerlich in
einem Tage hin- und zurckgekommen wren.

Ich will nicht wieder jene verwnschten Pfade beschreiben, welche wir
zu reiten hatten, um den Jagdplatz zu erreichen. Es war jener schon
vorher geschilderte Felskamm, die Mauer mit Stufen in erhhter Potenz,
aber dabei oft so steil aufwrts gehend, da die Pferde sich
hufig zu besinnen schienen, ob sie anklimmen, oder sich rcklings
berschlagen sollten. Wir hatten fast vier Stunden zu reiten, bis wir
auf dem gewnschten Platz angelangt waren.

Hufig trifft man auf der Cordillera Schluchten, ja selbst freistehende
Ebenen mit zwanzig bis dreiig Fu tiefem, festem und krnigem Schnee
erfllt und bedeckt, welcher Jahre lang nicht schmilzt, ja es treten
ganze mit ewigem Schnee bedeckte Berge auf, aber in einiger Entfernung
weiter oben, trifft man wieder auf ein Plateau, welches Graswuchs
zeigt, und wo an den felsigen Wnden die zierliche Flora der hchsten
Regionen erst den letzten Markstein der Vegetation anzeigt.

Ein solches Plateau hatten wir erreicht. Dicht bei uns ansteigend auf
einer Seite steile Schneeberge, hufig ganz mit Wolken umhllt. Auf
der andern Seite kraterartige, stets mit Wolken verhllte Schluchten,
unter unsern Fen ziemlich ppiges Gras; nur stellenweise, wo sich
die Vertiefungen befanden, der Boden mit festem Schnee bedeckt,
gegen eine dritte Richtung hin ein fast endloser Blick ber die
schneebedeckten Gipfel des Gebirges, dann aber endlich auf der vierten
Seite die reizendste Fernsicht ber das Land bis an's Meer.

Wir lieen die Pferde und das Maulthier, welches wir vorsorglich
mitgenommen hatten, grasen und zogen uns hher in die Gegend der
Morne. Der Jger und Carlos umgingen dieselbe von der einen Seite,
indem sie theilweise in die Schlucht stiegen und vielleicht dort selbst
ein Guanaco zum Schu zu bekommen hofften, d.h. der Jger,
denn Carlos hatte kein Gewehr, ich aber stellte mich hinter einigen
Felsblcken an.

Wie wir hofften, sollten die Guanacos ber die Morne kommen, und
dann konnte ich in einer Entfernung von etwa 150 Schritten wohl eins
schieen. Mein alter deutscher Lehrer im edlen Waidwerk wre sonder
Zweifel wenig erbaut gewesen von der Art wie ich dort auf dem Anstande
lag. Statt ruhig still zu liegen, beschftigte ich mich mit den
Pflanzen der nchsten Umgebung, den zierlichsten Pflnzchen, welche
ich je gesehen, und mit einem goldgrn glnzenden Kfer, den ich
wirklich in fnf Exemplaren haschte und welcher in Deutschland als eine
neue Art erkannt wurde[32], und welcher auf einer =Saxi fraga= zu leben
schien. Pltzlich aber hrte ich den meckernden Ton, den die Guanacos
auszustoen pflegen, und der dem Rufe der sogenannten Himmelsziege
ziemlich hnlich ist. Aber die Thiere waren noch etwa 1500 Schritte
weit von mir entfernt, und flogen nach einigen Augenblicken Halt,
pfeilschnell ber die Schneedecke hinweg, nach einer tiefer gelegenen
Stelle zu.

Man darf, sobald diese Thiere ihren Ruf ausgestoen haben, alle
Hoffnung aufgeben, da sie sich noch weiter nhern. Sie haben in
diesem Falle bereits Verdchtiges bemerkt, und sind auf ihrer Hut. Ich
lag jetzt still hinter einem Felsenblocke, da ich auf einen spteren
Nachzgler wartete, und nach etwa einer halben Stunde kam auch wirklich
ein Guanaco auf der Hhe der Morne. Da ich keine Bchse, sondern nur
meine mit Kugeln geladene Doppelflinte hatte, mute ich das abwrts
steigende Thier nher kommen lassen. Endlich aber gab ich Feuer. Das
Guanaco machte einen Sprung, schttelte mit den Ohren und blieb dann
einige Sekunden ruhig stehen. Der Tragweite meiner Flinte nicht recht
vertrauend, hatte ich wohl zu hoch und ber das Thier hinweggeschossen.
Da ich aus Erfahrung wute, da ein Schu die Guanacos weniger
erschreckt als der Anblick eines Menschen, so blieb ich ruhig in meinem
Verstecke kauern, hoffend auf das Nherkommen meiner Beute. Da aber das
Thier sich nach einigen Augenblicken in raschen Galopp setzte, scho
ich zum zweiten Male, und jetzt strzte dasselbe sogleich zusammen,
raffte sich wieder auf, strzte nochmals und rollte dann einige
Klafterlngen abwrts, wo es verendet liegen blieb. Ich lie es, wo
es war und suchte Pflanzen und Kfer, von welchen ich wirklich eine
hbsche Ausbeute erhielt, bis nach einiger Zeit der Jger mit dem
Knechte erschien und nun zum Ausweiden der Beute geschritten wurde,
indem wir die Decke des Thieres dazu bentzten, die Keulen, den Rcken
und was uns brauchbar vom Fleische erschien, einzupacken. Das Thier war
feist und erreichte beinahe die Gre eines Maulthiers. Den Aufbruch
lieen wir, um Condore anzulocken, liegen, allein merkwrdiger Weise
ohne Erfolg. Whrend wir, durch Felsblcke geborgen, das Mittagsbrod
verzehrten, bemerkten wir pltzlich einen frischen Trupp Guanacos,
welche Lust zu zeigen schienen, auf das Plateau hinabzukommen. Sie
ziehen hiebei auf den von ihnen selbst getretenen Pfaden, eines hinter
dem andern, ganz hnlich einem Zuge beladener Maulthiere, und ziemlich
langsam weiter, und sobald das erste stehen bleibt, rhrt sich
ebenfalls keines der nachfolgenden von der Stelle.

Unsere Pferde waren nicht weit entfernt, Carlos brachte dieselben, und
wir nherten uns den Guanacos so vorsichtig und gedeckt als mglich,
in der Absicht eine Jagd nach Art der Chilenen zu machen, wobei man die
Thiere zu Pferde verfolgt, bis es gelingt, sie mit dem Lasso zu fangen.
Die Wahrheit zu gestehen, hatte ich mir vorgenommen, wre ich einmal
dem Wilde auf Lasso-Weite nahe gekommen, zu halten und nach ihm zu
schieen, denn obgleich ich den Lasso ein wenig werfen konnte, hatte
ich doch zu Pulver und Blei mehr Vertrauen. Als uns die Thiere erblickt
hatten, und zu meckern anfingen, jagten wir wie verrckt hinter
denselben her. Aber auf einem der Schneestreifen, welche sich von oben
herab auf das Plateau zogen, brach ich mit meinem Pferde ein und versank
bis ber die Brust in den Schnee. Unter mir hrte ich Wasser rauschen,
mein Pferd sank ersichtlich tiefer, und ich sah eben noch Carlos,
welcher mit seinem leichteren Pferde schlittschuhartig ber den Schnee
geglitten war, am Ende desselben seinen Lasso in Bereitschaft setzen,
ohne Zweifel, um mich im schlimmsten Falle mit demselben herauszufangen.

Ich glaube, da ich dort keine besonders geistreiche Miene zur Schau
gestellt habe, indessen spornte ich mein Pferd so gut es des Schnees
halber eben ging, und dasselbe fute unten wieder auf einem festen
Gegenstande, ob Eis, ob ein Felsen, ich wei es nicht, aber es
arbeitete sich in die Hhe, erreichte mit den Vorderfen die harte
Schneedecke, welche einige Male einbrach, aber doch immer etwas Halt
gewhrte, und war pltzlich mit einigen gewaltigen Sprngen oben, und
mit zwei oder drei weiteren Stzen ber den Schnee hinweg. Wir hatten
bald den vorausreitenden Jger eingeholt, aber die Guanacos waren
verschwunden und hatten sich in Klfte und auf Abhnge geflchtet,
wohin ihnen selbst ein chilenischer Reiter nicht zu folgen vermochte.

Ich habe an jenem Tage auf dem Plateau hbsche Kfer gefangen,
schne geognostische und fr die Hhe des Gebirgs bezeichnende Stufen
geschlagen und von jener zwergartigen Flora verschiedene Exemplare
mitgebracht, welche in Deutschland smmtlich spter als Novitten
bezeichnet wurden.

Whrend ich so meine eigenen Wege verfolgte, lag der Jger auf dem
Anstande, um ein etwa versprengtes Guanaco zu erlegen, aber fruchtlos.

Spt in der Nacht kamen wir unten im Lager an, und vor uns in der
Thalschlucht einige hundert Steine, welche unter den Fen der Pferde
wichen und abwrts rollten. Da wir dort nicht smmtlich die Hlse
brachen, ist mir heute noch ein Rthsel.

Dort habe ich gesehen, wie sehr die Thiere, welche wir bei uns hatten,
zusammengewhnt waren. Hoch oben, so da wir wenigstens noch eine
halbe Stunde zu reiten hatten, bis wir im Lager ankamen, hrte uns
eins der zurckgelassenen Pferde, welches sich in der Nhe des Lagers
befand; es wieherte, als es seine Kameraden kommen hrte und alle
unsere Thiere gaben sogleich freudige Antwort.

Die meteorologischen Verhltnisse von Chile berhaupt werde ich, was
das Flachland betrifft, mit einigen Worten spter berhren, hier aber
dahin Einschlagendes die Anden Betreffendes sogleich erwhnen.

Die Temperatur war in der Cordillera eine ziemlich wechselnde. An der
Stelle des Lagers, des Nachts, und besonders gegen frh, +5 bis
+6R., des Mittags aber im Schatten +15 bis +16R. Zu
verschiedenen Malen aber war des Nachts die Temperatur bis auf
+3R. gesunken. In der Sonne aber, und an den derselben am meisten
ausgesetzten Felswnden war +28R. und +30R. eine gewhnliche
Erscheinung.

Auffallend aber war der enorm wechselnde Feuchtigkeitszustand der
Luft. Ich hatte ein Fischbein-Hygrometer bei mir, welches freilich nur
relative Resultate giebt, die indessen vollkommen ausreichen, um das
eben Gesagte zu bethtigen. In dem Augenblicke, in welchem die Sonne
die Gipfel der westlichen Bergspitzen unserer Schlucht zu bescheinen
anfing, whrend sie noch eine halbe Stunde zu steigen hatte, bis sie
in die Tiefe der Schlucht zu unserm Lager gelangte, und wir also noch so
lange vollkommen im Schatten waren, begann das Hygrometer schon stark zu
steigen, so da der Unterschied, bis die Sonne auf die Sohle des Thales
kam, fters 35 bis 40 der Scala betrug, und das war tglich der
Fall.

In Betreff des Windes bin ich nicht im Stande eine allgemeine
Hauptrichtung desselben in der Cordillera anzugeben. So constant wie im
Flachlande von Chile der Wind zu einer bestimmten Stunde und von einer
bestimmten Richtung kommend auftritt, so constant tritt er in den
einzelnen Schluchten und Thlern der Cordillera und an den einzelnen
Felswnden ebenfalls auf, aber dies ist nichts anderes als eine locale
Luftstrmung, bedingt durch eine ungleiche Erhitzung und Abkhlung
jener gewaltigen Massen.

So begann z.B. regelmig des Morgens gegen 10Uhr in der Schlucht,
in welcher wir unser Lager aufgeschlagen hatten, der Wind direkt von
Sd zu wehen, indem er dem Streichen der Schlucht von Sd nach Nord
folgte und hielt bis gegen Mittag an, wo Windstille eintrat. Des Abends
aber um 7Uhr begann Nordwind in gerade entgegengesetzter Richtung und
hielt bis um Mitternacht an. Zufllig stimmt dies mit der Windrichtung
in Valparaiso auch zusammen, aber dies ist zufllig, denn in andern
Schluchten des Gebirges war die Richtung des Windes oft eine ganz
andere.

Die Wolken, die oberhalb der Cordillera standen, und bei hherem
Standpunkte des Beobachters unterhalb derselben hinziehen, gaben mir
ebenfalls keine Anhaltspunkte, um auf eine allgemeine bestimmte Richtung
des Windes schlieen zu knnen. In geringer Entfernung von einander
folgten diese Wolkenmassen oft ganz entgegengesetzten Richtungen,
und wurden mithin, wie es scheint, ebenfalls von den Luftstrmungen
getrieben, welche von den mehr oder weniger erwrmten Felsmassen
aufstiegen.

Ich habe fters in gleicher Hhe mit dem Standpunkte, welchen ich
einnahm, Wolkenmassen von zwei entgegensetzten Seiten auf einer mir
gegenberstehenden Felsenklippe herankommen sehen. Sie zogen mit
gleicher Geschwindigkeit, vereinigten sich, nachdem sie eine kurze
Strecke am Felskamme aufwrts gezogen waren und verschwanden hierauf,
offenbar als Niederschlag am Gesteine selbst. Sowohl bei schneebedeckten
als auch vollkommen schneefreien Bergspitzen habe ich die beobachtet.
Ich habe nur selten in bedeutender Hhe ber den Anden Wolken schweben
gesehen und es schien die Wolkenbildung, wenigstens zur Zeit meines
Aufenthalts auf der Cordillera, wo fast immer heiterer Himmel war, auf
das Gebiet der Andes-Kette selbst beschrnkt zu sein, indem von einem
Punkte aus aufsteigende Wolken lngere Zeit ber ein und demselben
Orte zu schweben schienen und dann wieder verschwanden, oder auch sich
zwischen den hchsten Gipfeln des Gebirges hindurch windend, sich
endlich dem Blicke entzogen.

Thau fiel tglich in der Cordillera, wenigstens in der Gegend des
Lagers, Regen nur einmal, allein nur in einzelnen Tropfen und ganz
vorbergehend.

Wie sehr die Temperatur der Gebirgswasser sich verndert, mag die
Angabe eines Mittels zeigen, welches sich aus einer lngeren Reihe
von Beobachtungen ergeben hat, die ich mit dem neben unserm Lager
flieenden Flusse angestellt habe. Es ergiebt sich fr Morgens 6Uhr
+4.12R., fr Mittags 2Uhr +8.15R. und endlich fr Abends
8Uhr +5.08R. Das frisch gethaute Schneewasser, welches gegen
Abend und whrend der Nacht jene Flsse verstrkt, bewirkt die starke
Abkhlung derselben.

Es sind die Nchte auf der hohen Cordillera wirklich reizend,
wundervoll zu nennen, und die vorzglich, wenn ein erhhter
Standpunkt und klares Mondlicht dem Blicke in die Ferne zu schweifen
erlaubt. Ich bin verschiedene Male, nachdem ich einmal die Wege genauer
kannte, lnger auf den hheren Theilen des Gebirges geblieben, so da
ich den vollen Anblick jener prachtvollen Mondnchte genieen konnte.

Keine Feder vermag in der That den feenhaften Zauber zu schildern,
der dort, hat man einen glcklichen Standpunkt gewhlt, ber die
Landschaft ausgebreitet ist.

Die phantastischen pittoresken Formen des nchsten Gebirges traten
doppelt imponirend und gehoben durch das Helldunkel unter und neben
uns aus der Tiefe hervor, und fast ist die Phantasie versucht, riesige
menschliche Formen, fabelhaftes tolles Gethier sich aus ihnen zu bilden.
Mitten unter diesem Chaos von dsteren schwarzen Gestalten heben
einzelne schneebedeckte Berge ihr Haupt blulich-glnzend im
Mondschein. Aber die diesseitige im Mondlichte zitternde, schwimmende
Ferne des Flachlandes bietet den mchtigsten Reiz. Sie spricht, gehoben
durch den Vordergrund, eine Mystik aus, die sich nicht schildern, mit
Nichts vergleichen lt. Dazu die lautlose Stille, die tiefste Ruhe
und das mchtig erregende und doch wieder so beruhigende Gefhl
absolutester Einsamkeit. Und ber die Alles ist ein Himmel gebreitet,
dessen Blau sich mit dem tiefsten Ultramarin vergleichen lt. Zwar
glnzen an ihm nicht die Sterne, die unsere Jugendzeit mit frommen
Trumen erfllten, aber auch die fremden, uns wenig bekannten
Sternbilder der sdlichen Halbkugel, sprechen in solchen einsamen
Nchten zu uns von der Unendlichkeit des Weltalls, und von
Dingen, welche kaum die Gedanken zu fassen, noch weniger aber Worte
auszudrcken vermgen.--

Ich will noch des Zodiakallichtes gedenken, von dem ich bereits frher
gesprochen habe, welches aber in der hohen Cordillera in einer ganz
auerordentlichen Intensitt auftritt.

Ich habe dort eine Erscheinung gleichzeitig mit demselben auftreten
sehen, von welcher ich kaum glaube, da sie irgendwo erwhnt worden
ist.

In allen wolkenfreien Nchten nmlich, in welchen das Zodiakallicht
in seiner ganzen Strke zu sehen war, zeigten sich etwa in der halben
Hhe des pyramidal ansteigenden leuchtenden Scheins helle Flecke,
hnlich den Maghellan'schen Wolken. Der eine dieser Flecke trat
sdlich auf, und war der grere, er hatte die scheinbare Gre
der kleineren Maghellan'schen Wolke und stand etwa um die Breite seines
Durchmessers entfernt an dem ueren Rande des Zodiakallichtes.

In gleicher Hhe mit ihm, aber nrdlich und auf der andern Seite der
leuchtenden Pyramide, standen zwei kleinere Flecke bereinander.
Die Lichtstrke dieser drei Flecke war unter sich gleich, aber etwas
schwcher, als die des Zodiakallichtes selbst. War das letztere nicht
in vollster Intensitt zu sehen, so waren diese Nebenflecke kaum oder
gar nicht zu bemerken.

Man darf also vielleicht annehmen, da dieselben als zu demselben
gehrig betrachtet werden knnen, und der Ausdruck hoher Intensitt
desselben sind, hnlich dem, wie die sogenannte Krone des Nordlichts
den hchsten Grad desselben, die vollstndigste bis jetzt beobachtete
Ausbildung der Erscheinung bezeichnet.

Hiedurch htte ich nun freilich gewissermaen ausgesprochen, da ich
das Zodiakallicht in einem Grade seiner Lichtstrke gesehen, wie
noch keiner der beobachtenden Reisenden, welche demselben ihre vollste
Aufmerksamkeit zugewendet haben. Aber selbst auf die Gefahr hin
unbescheiden zu erscheinen, darf dennoch in der Wissenschaft die
Wahrheit nicht verletzt werden. Findet sich aber meine Wahrnehmung
bereits irgendwo erwhnt, so habe ich mich zwar geirrt, wenn ich
glaubte eine Novitt zu bringen, aber die Sache selbst ist besttigt.

Ich fge bei, da ich anfnglich geglaubt, das sogenannte Leuchten
der Vulkane bedinge die Erscheinung, aber ich hatte spter Gelegenheit
dasselbe genauer zu beobachten und fand, da jenes Phnomen sich
einstheils ganz anders ausspricht, da aber auch schon dehalb eine
Identitt nicht mglich, weil in der Richtung, in welcher ich jene
leuchtende Flecke gesehen, sich gar keine Vulkane befinden.--

Es war endlich Zeit, von den Bergen Abschied zu nehmen. Zwar war wohl
Vogelwild vorhanden, aber das Mehl war bereits verzehrt und schon einige
Tage hatte jeder von uns sich statt des Brodes mit einigen Kartoffeln
begngt. Ich hatte den letzten Maiskuchen den Knechten berlassen, und
zuerst die Kartoffeln als Surrogat bentzt, indem ich ihnen sagte, wir
lebten zwar in Deutschland im Ueberflusse, und auch der Aermste
speise auf's Reichlichste tglich Waizenbrod, allein es sei bei uns
Ehrensache, sich abzuhrten und mit Freuden jede Entbehrung zu tragen.

Unter anderen ntzlichen Dingen, welche ich in meinen akademischen
Jahren erlernte, war auch der Grundsatz, da ein wenig Renomage zu
Gunsten der Landsmannschaft nicht schade, und seine Anwendung hat dort
bei beginnendem Mangel guten Dienst geleistet.

Der Heimritt auf denselben Pfaden, auf welchen wir gekommen waren,
bot keine weitere Abenteuer, nur waren wir froh unseren alten Weg
eingeschlagen, und nicht die entgegengesetzte Seite gewhlt zu haben,
da wir dort jener bereits erwhnten Viehheerde entgegengekommen wren.

Jenen Flu am Anfange des Gebirgs muten wir diesmal nur einigemale
durchreiten, wodurch sich vollkommen herausstellte, da wir hinwrts
den Weg verfehlt hatten. Am zweiten Tage nach unserer Ankunft in
Santjago fand in der Cordillera ein mchtiger Schneefall statt, und es
war das ganze Gebirge weit abwrts mit Schnee bedeckt. Wren wir noch
oben gewesen, htte ich reichliche Gelegenheit gehabt, jene Abhrtung
zu beweisen, von welcher ich den Knechten erzhlte, denn Schmalhans
wre dort ohne Zweifel Kchenmeister gewesen in hchster Potenz.

Ich hatte gute Beute erworben auf dem Gebirge. Neben schnen und meist
neuen Pflanzen von den hchsten Punkten, hatte ich an 30 Species von
tieferen Partien und aus der Nhe unseres Lagers mitgebracht. Einige
Exemplare von =Herpetodryas lineatus=, eine vier bis fnf Schuh lange,
nicht giftige Schlange und zwei Species von Eidechsen reprsentirten
die Amphibien. Von Kfern und Insekten wurden gefangen 25 Species,
worunter mehrere neue Arten, und auerdem einige Taranteln und
Skorpionen, welche beide bis weit hinauf, und an die Schneegrenzen
reichend, gefunden worden.

Vgel wurden etliche 20 Species, ebenfalls Novitten einschlieend,
erworben. Eine ziemliche Anzahl geognostischer Handstcke
vervollkommnete endlich die naturgeschichtliche Ausbeute auf der
Cordillera.

In Santjago hatte ich nach meiner Zurckkunft Gelegenheit, mit mehreren
angesehenen Mnnern Bekanntschaft zu machen, und mit Vergngen
die Besttigung zu erhalten, wie wohlgelitten der Deutsche bei der
chilenischen Regierung ist, was schon aus dem Eifer hervorgeht, mit
welchem man die Einwanderung unserer Landsleute begnstigt.

Auerdem habe ich verschiedene Bergwerkbesitzer kennen gelernt und von
denselben schne Mineralien aus ihren Gruben erhalten, unter welchen
ich nur anfhren will: ausgezeichnete Kobalt-Erze, gediegen Silber,
Jodsilber, Bromsilber und endlich Chlorsilber, derb und in zwei
zollgroen Stcken.

Nach einem zweiten, etwa dreiwchentlichen Aufenthalte in Santjago ging
ich nach Valparaiso zurck.




IX.

Valdivia (Chile).


Wollen Sie nicht ein wenig an's Steuer gehn, sagte der Kapitain,
nachdem ich fnf Minuten vorher das gute Barkschiff Dockenhuden als
wohlbestallter Supercargo bestiegen hatte.

Ich antwortete lakonisch, wie man es zur See liebt Ja Kapitain! und
trat wirklich an's Steuer.

Die Sache war die, da guter Landwind war, und alle Hnde beschftigt
waren, die Segel frei zu machen, um aus dem Hafen von Valparaiso zu
kommen, denn der Dockenhuden, auf welchem ich mich befand, war nach
Valdivia bestimmt und hatte keine Zeit zu verlieren. Dies war mir
einigermaen klar, weniger aber, oder gar nicht wute ich, wie ich
das Steuer handhaben sollte. Aber ich war ja Supercargo, und mute
als solcher doch wohl schon so hufige Seereisen gemacht haben, um ein
wenig steuern zu knnen!

Zu des Lesers Trost, welcher vielleicht nicht wei, was ein Supercargo
ist, will ich gestehen, da ich es zu jener Zeit selbst nicht wute.

Zwei Tage, ehe ich den Dockenhuden bestieg, frug mich Freundt: Wollen
Sie mit einem Schiffe, welches ich expedire, nach Valdivia?

Ja!

Wie viel Zeit brauchen Sie, um fertig zu werden?

Zwei Stunden!

Sie haben zwei Tage.

Die Geschichte war kurz abgemacht. Als ich gieng, sagte Freundt noch,
er habe mich als Supercargo fr den Dockenhuden eingeschrieben, und als
ich frug, was ich als solcher zu thun habe, erwiederte er. Nichts!
Der Grund, warum mich Freundt's vorsorgliche Geflligkeit mit diesem
Titularposten betraute, war aber der, um mir den Pa zu sparen, den
jeder von Valparaiso Abgehende haben mu, whrend der Ankommende
keinen bedarf. Die Polizei hlt strenge Controlle, und da jeder, der
einen Pa verlangt, 24 Stunden lang am Polizeigebude ffentlich
angeschlagen wird, ist es nicht wohl mglich, mit Schulden zu
entwischen. Ein solcher Pa aber kostet, irre ich nicht, drei Peso.
Aber Bedienstete auf einem Schiffe bedrfen keines Passes, und so war
mir ein fr allemal die Paplackerei erspart.

Spter erst erfuhr ich, da der Supercargo diejenige Person ist,
welche die kaufmnnischen Geschfte an Bord zu besorgen hat. Gott
wei, da unter allen Aemtern auf der Welt ich eben diesem am
wenigsten gewachsen war.

Was mein Steuern betrifft, so machte anfnglich der Kapitain Bewegungen
mit der Hand, welche Backbord und Steuerbord bedeuteten, und indem
ich hiernach das Steuerrad drehte, gieng alles vortrefflich. Aber es
entfalteten sich immer mehr und mehr Segel, der Kapitain begann sein
plattdeutsches Kommando, und ich wute nicht mehr, sollte ich rechts,
links, stark oder schwach, oder gar nicht drehen.

Ich drehte aber dennoch, und zwar nach Gutdnken, einmal Backbord,
dann Steuerbord, und da mich allmhlig die Wuth der Langweile erfate,
endlich so stark, da der Dockenhuden sonderbare Bewegungen begann.
Nun rief der Kapitain: Was Teufels machen Sie? Ich antwortete: Ich
steure! Hierauf folgten Erklrungen und der Kapitain stellte sich
lachend selbst an's Steuer, bis alle Segel klar und ein Matrose den
gewhnlichen Dienst bernahm. Aber als ich dort vom Steuer gieng,
fhlte ich zum erstenmale eine Anwandlung von Seekrankheit.

Der Dockenhuden fhrte wenig Ballast, und schwankte deshalb, vielleicht
auch in Folge meines Steuerns, ziemlich stark, ich aber war dieser
Bewegung theils ungewohnt, theils zu rasch in dieselbe versetzt worden.

Indessen lie ich mir nichts merken, legte mich in meine Koje und
nahm einen tchtigen Schluck Rum. Nach einer halben Stunde war
alles vorber, und ich hatte dort zum ersten und letzten Male einen
entfernten Begriff bekommen, wie es denen zu Muthe sein mag, die Monate
hindurch wirklich seekrank sind[33].

Der Dockenhuden war eine schne Barke von 400 Tonnen und gehrte einem
der bedeutendsten Rheder in Hamburg. Ich habe spter mit demselben
Schiffe die Rckreise nach Europa gemacht, und mich mit dem Kapitain
sowohl als mit der Mannschaft stets auf's Beste vertragen. Fr jetzt
aber waren wir nach Valdivia bestimmt, um dort Holz einzunehmen. Man
bedarf gewhnlich, um von Valdivia nach Valparaiso zu kommen, 3 Tage,
denn man benutzt den unausgesetzt wehenden Sdwind, und kann _vor dem
Winde_ und mit Leesegeln fahren. Bei der Hinreise aber mu man einen
Winkel machen, d.h. man mu fast 600 englische Meilen weit westlich,
dann aber wieder stlich halten, um _bei dem Winde_, d.h. mit
Seitenwind, fahren zu knnen. Man bedarf auf diese Weise 10 bis 14
Tage, oft noch lnger. Wir indessen kamen in 10 Tagen zum Ziele.

Es ergab sich auf der kleinen Reise wenig Merkwrdiges, doch will
ich eines Meteors erwhnen. Es zog nmlich eines Abends bei fast
wollkenleerem Himmel von Ost nach West eine Sternschnuppe mit so
intensivem Lichte, da, obgleich noch kein einziger Stern am Himmel zu
bemerken und es fast heller Tag war, dennoch das Meteor den Glanz der
Venus zeigte.

Eine andere Erscheinung, welche ich am Lande nie, wohl aber spter
fter auf See wahrgenommen habe, war eine Art Luftspiegelung, welche
ich auf jener Fahrt einige Tage nach jener Sternschnuppe das erstemal
bemerkte.

Etwa eine Stunde _vor_ Sonnenuntergang zeigte sich in der, der Sonne
gerade entgegensetzten Himmelsgegend, mithin am stlichen Himmel, in
den Wolken das Spiegelbild der Sonnenstrahlen, jedoch in verkehrter
Richtung, so da, whrend im Westen die sichtbaren Strahlen der Sonne
_abwrts_ divergirten, sie im Osten den Eindruck der aufgehenden Sonne
machten, und _aufwrts_ divergirten.

Die Spiegelung war klar und deutlich ausgesprochen und man htte zur
Morgenzeit wirklich an einen Sonnenaufgang glauben knnen.

Am 15.Januar hatten wir den ganzen Tag die Insel Mas a fuera
(wrtlich: meide auen) in Sicht. Ich habe die Felseninsel von
mehreren Seiten gezeichnet, und habe mich, nach Hause gekommen, ber
die Aehnlichkeit meiner Skizze mit der Zeichnung gefreut, die Anson vor
hundert Jahren entworfen hatte. An ein Landen war natrlich nicht zu
denken.

Mven, Seeschwalben und eine kleine schwarze Art Albatro waren unsere
fast steten Begleiter, auch sahen wir zahlreiche Quallen, worunter
mehrere von wohl zehn Fu Lnge bandartig und gegliedert. Diese
letzteren Arten sollen von den Wallfischen gespeist werden. Wirklich
sahen wir auch am 16.October mehrere Wallfische in nicht groer
Entfernung bei uns vorberziehen und des andern Morgens einen
Wallfischjger, aber die Hoffnung, einer Jagd beiwohnen zu knnen,
wurde zu nichte, denn jetzt lie sich kein Wallfisch sehen.

Wir indessen jagten auf schne Delphine mit weiem Bauche und
schwarzem Rcken, Springfische von den Seeleuten genannt, aber ohne
Erfolg, indem wir zwar die Thiere verwundeten, aber nicht an Bord
brachten.

Auch Hornfische[34] begleiteten ziemlich zahlreich lngere Zeit unser
Schiff. Ihre Gre betrug etwa einen Fu und ihre bunte Frbung, das
ganze prismatische Bild reprsentirend, machte sie zu einer lieblichen
Erscheinung.

Vor fnf Monaten hatte ich dasselbe Meer befahren und seine Fauna als
eine sprliche bezeichnen mssen, whrend wir jetzt keine viertel
Stunde segelten, ohne Thieren der verschiedensten Art zu begegnen,
aber wir hatten jetzt Sommer, und es bettigte sich, da mit wenig
Ausnahmen, etwa der Eisbren und einiger ihnen gleich gestimmten
menschlichen Seelen, jedes vernnftige und unvernnftige Thier die
Wrme mehr als die Klte liebt.

Am 22. des Morgens erblickten wir die Kste von Valdivia. Aus steilen
bergigen Abhngen bestehend und wohl in hnlicher Form auftretend wie
die nrdlicher gelegenen Kstenstriche, wird der Anblick derselben
modificirt durch den Waldwuchs, der sie allenthalben bedeckt. Ich habe
deutsche bewaldete Fluufer zu sehen geglaubt, als wir dicht am Lande
hinfuhren, und ich das stille Meer hinter mir, sammt seiner ziemlich
geruschvollen Brandung vor mir, absichtlich ignorirte.

Wir liefen Nachmittags in den Hafen ein, und bald betrat ich das Land,
mit dem eigenthmlichen Wohlbehagen, welches der Naturforscher fhlt,
wenn er den Fu auf einen ihm noch unbekannten Boden setzt.

Es war die Bai von Corral, der Hafen von Valdivia, vor Jahren einer der
wichtigsten Pltze der Westkste. Welche Bedeutung man auf den Hafen
gelegt, zeigen die Menge der Forts, welche zur Befestigung desselben
angelegt. Aber sie liegen in Trmmern diese Forts. Die Zeit und die
Strme der Revolution haben sie gebrochen und mehr vielleicht noch die
Nachlssigkeit, mit welcher die Spanier das von ihren Vtern Erworbene
beschtzten und unterhielten. Bume stehen innerhalb der Ringmauern,
Lianen wuchernd um die verfallenen Laffetten der Geschtze und der
Urwald[35], in nchster Nhe von Batterien, hat nicht seine Herrschaft
aufgegeben ber das jungfruliche Land.

Der Eingang des Hafens liegt gegen Norden wie fast alle chilenischen
Hfen, und bietet daher wenig Schutz vor den dorther kommenden
Strmen, whrend bei anderen Windrichtungen das Wasser der
allenthalben geschlossenen Bai oft kaum bewegt wird.

Die den Eingang beschtzenden Batterien, Fort Carlos und
Niebla-Batterie, liegen in Trmmern, eben so die Gonzalo-Batterie
und mehrere kleinere. Nur das Fort Corral steht noch nothdrftig
zusammengehalten da, Huser und Htten in seiner Nhe bilden den
Flecken Corral. Die Bai ist ringsum bewaldet. Ihre Breite betrgt
eine halbe englische Meile an der Stelle, wo sie sich gegen den See hin
ffnet, aber von dort geht ihre Lngenerstreckung ber zwei englische
Meilen in's Land, und das zwar in direkter Richtung gegen Sd. Aber
jener Theil derselben, die sogenannte St. Johns Bai, kann zum groen
Theile nicht mit greren Fahrzeugen befahren werden und verflacht
sich am Ende dergestalt, da zur Zeit der Ebbe die Bai wohl auf eine
Viertelstunde weit trockenen Fues berschritten werden kann.

In der Bai selbst mndet der Rio de Valdivia, welcher aber, weiter
gegen oben, andere Namen fhrt, Rio de Arige, Callse-Call Flu und
Rio de las ciruelas, der Pflaumenflu.

Der Flu ergiet sich in zwei Armen in die Bai und bildet so eine
Insel von etwa zwei englischen Meilen Breite und Lnge, die Isla del
Rey, und selbst hier wird dieser eine Arm wieder anders genannt, Rio
de poco commer, oder wrtlich Flu wo wenig zu essen. Kleine Flsse
ergieen sich noch mehrere in die Bucht, so der St. Johns Flu und
einige andere, welche wie ich glaube keine Namen haben.

Ziemlich mitten in der Bai liegt die Manzera-Insel. Die in die Bai
mndenden Flsse, die Inseln, die Bergabhnge, bewaldet, aber nicht
so steil abfallend wie jene gegen die See, machen einen freundlichen
Eindruck, der indessen den Charakter des Wilden und Romantischen nicht
verloren hat.

Die Grundform des Gebirgs ist die granitische, hier durch
Glimmerschiefer reprsentirt in allen Nancen. An einigen Orten von so
feinem Gefge, da letzteres kaum mit unbewaffneten Augen zu erkennen,
tritt nicht weit hievon wieder ein Gestein auf, in welchem mehrere Zoll
groe Tafeln von Glimmer und Quarzfragmente von entsprechender Gre
zu finden sind. Mittelstufen fehlen nicht. In der Nhe des Forts
Corral, und dort das Ufer bildend, an welchem man mit den Booten landet,
findet sich ein festes Conglomerat aus Fragmenten von Glimmerschiefer
und allen erdenklichen Gerllen der See zusammengesetzt. Diese Bildung,
jedenfalls eine secundre, und ein secundrer Swassersandstein mit
Versteinerungen, der an verschiedenen Stellen der Flu-Ufer vorkmmt,
bilden die geognostische Form der Bai und ihrer nchsten Umgebung. Aber
auch weit hinein in das Land tritt Glimmerschiefer auf, wie mir dort
wohnende Deutsche versichert haben. Ich habe der wenigen eigentlichen
mineralogischen Beimengungen, welche sich in dem erwhnten
Glimmerschiefer finden, in einer wissenschaftlichen Abhandlung, welche
in den Denkschriften der k.k. Academie in Wien erschienen ist, nher
gedacht, und will, um den Leser nicht zu ermden, hier nicht weiter
von denselben sprechen. Aber einer komischen Tuschung, einer
geognostischen Anekdote will ich gedenken, welche mich in nicht geringe
Aufregung versetzt hat. Mehrere Tage nach unserer Ankunft im Hafen, und
mit den einfachen Formen der auftretenden Gesteine schon fast vertraut,
ging ich einst streifend und Handstcke des Glimmerschiefers schlagend,
unweit der Kste, als ich pltzlich einige Gesteine fand, zerstreut
als Findlinge umherliegend, welche nicht entfernte Aehnlichkeit mit
den dort anstehenden hatten. Ich nahm einige auf und ging weiter. Neue
Seltenheiten, sich mehr und mehr hufend! Laven, Granite, Dolerite und
Porphyre aller Art und mitten unter ihnen Sandsteine und Kalkgebilde,
friedliche Kinder des Neptun unter jenen feuererzeugten Shnen der
Unterwelt. Schon begann ich an einer Theorie zu arbeiten, als ich der
Spur jener Raritten folgend, endlich an eine Stelle kam, wo eine ganze
Halde der fabelhaften Formen aufgethrmt lag.

Ich frug eine alte Frau, welche dort in der Sonne liegend ihre Cigarre
rauchte, woher die Steine, denn mir war wohl bekannt, da alte Weiber
Vieles wissen, und ich erhielt die Antwort: von den Schiffen!

Das Rthsel war gelst. Es war dort die Stelle, wo die Schiffer,
vielleicht so lange der Hafen bestand, ihren Ballast lschten und auch
wieder aufnahmen, und so war es nicht zu verwundern, da dort sich die
bunteste Musterkarte von Gesteinen vorfand, welche unschtzbar gewesen
wre fr den Geognosten, htten die Matrosen nicht vergessen die
Fundorte auf den Exemplaren zu bemerken.

Der ganze landschaftliche Charakter des Hafens von Corral und seiner
Umgebung ergiebt sich am besten aus einigen Excursionen, von welchen ich
sogleich unten berichten mu, nur will ich hier noch des Blickes auf
den 60 Stunden weit entfernten Vulkan von Villarica erwhnen, welcher
bei heiterem Wetter als eine glnzende weie Pyramide zu sehen ist,
wenn man nur irgendwie einen halbweg erhhten Standpunkt gewhlt hat.

Ohne Zweifel ist dieser Vulkan einer der hchsten in der ganzen Kette
der Anden und die trigonometrischen Messungen, welche in neuerer Zeit
von Englndern angestellt worden sind, haben hohe Zahlen ergeben,
welche ich aber nicht anfhren will, da mir bestimmte Angaben ber
jene Untersuchungen bis jetzt noch fehlen. Der Vulkan ist noch thtig
und von Zeit zu Zeit steigen von seinem Gipfel Rauchsulen in die
Hhe, welche vom Hafen aus gesehen werden knnen.

Einer meiner ersten Besuche galt einem Deutschen, Ernst Fricke,
einem sehr gebildeten und tchtigen jungen Manne, welcher dort eine
Sgemhle besitzt. Zur Zeit meines Aufenthaltes war seine Wohnung,
wenn gleich bequem und die Sgemhle gut construirt, doch nicht ohne
den Reiz des romantischen Ansiedlerlebens. Ein lterer Bruder von
Fricke, dessen Bekanntschaft ich einige Tage spter machte, wohnt
auf der Isla del Rey. Ich bin von den Brdern auf das Freundlichste
aufgenommen worden und es war mir ihre Bekanntschaft von groem Nutzen,
da beide mehrfache Reisen in's Innere gemacht hatten und schtzbare
Notizen ber das Land mittheilten.

Auch auf der Insel Manzera wohnte ein Deutscher, welcher indessen
dort nicht stabil war, sondern als Verwalter eines anderen Landsmannes
spter in's Innere abzugehen die Absicht hatte. Ich kam mit den
eingebornen Bewohnern von Corral weniger in Berhrung, doch machte
ich die Bekanntschaft zweier liebenswrdigen Damen, der Gattin und
Schwiegermutter des lteren Fricke, welche zur Zeit dort wohnten.

Am zweiten Tage unseres Aufenthaltes im Hafen fuhr ich zu Boote mit dem
Kapitain nach Valdivia, welches die Hauptstadt der Provinz ist, und
etwa drei oder vier Stunden vom Hafen entfernt liegt. Die mit Urwald
bedeckten Ufer des Flusses gewhrten einen prachtvollen Anblick, und
entsprachen den Schilderungen, welche man vom Innern Nordamerika's
entworfen hat. Dichtes Gebsch reicht allenthalben bis an die
Oberflche des Wassers, mchtige Stmme berragen sulenartig das
Unterholz und sind nur durch Schlingpflanzen mit demselben verbunden.
Die Alerze, der rothe Cederbaum, der bisweilen einen Durchmesser von
15 Fu erreicht, die Rotheiche, Pellin genannt, Roble, die Buche,
dann Ulmen und Lorbeerarten bilden dort, so wie in der Provinz Valdivia
berhaupt, vorzglich den Baumschlag. Zwischen ihnen steht die Quila,
ein Rohr, welches gegen oben ein so dichtes Flechtwerk bildet, da
dasselbe bequem einen Mann trgt, und die Colique, ebenfalls eine
Bambusce, die eine Hhe von 40 Fu erreicht, und aus welcher die
Indianer ihre gefrchteten, oft 20 Fu langen Lanzen verfertigen. Ein
Hauptschmuck jener Wlder aber sind die kleinen Bume der mehrfachen
Lorbeerarten, die Myrthen, Fuchsien und andere, welche fast alle mit
buntfarbigen zierlichen Blthen geschmckt sind und ein prachtvolles
Unterholz bilden.

Aber nicht allein am Lande und auf den Bergabhngen der Ufer stehen
jene riesigen Stmme. Sie sind nicht selten in's Wasser gestrzt und
von der Strmung des Flusses fest gerannt worden; so ist die Fahrt
nicht ohne alle Gefahr, versteht man nicht geschickt ihnen auszuweichen.
An manchen Stellen des Waldes haben Brnde stattgefunden, meist
absichtlich erzeugt, um vielleicht eine kleine Strecke zu cultiviren,
wohl selbst einen Weg zu bahnen, und jene den Stellen, mit den
mchtigen aber erstorbenen Stmmen, und je nachdem nur eben wieder am
Boden mit beginnendem Gebsche bewachsen, bilden einen eigenthmlichen
Contrast mit der ppigen Vegetation, welche neben ihnen wuchert.

Whrend wir so, bald dicht an den Ufern des Flusses, bald Baumstmmen
ausweichend, auf dessen Mitte dahinfuhren, machten wir Jagd auf
verschiedenes Vogelwild, das in reichlicher Flle vorhanden.
Wasservgel verschiedener Art, Enten, Taucher, Mven und am Lande
vorzugsweise eine schne groe Taube, die =Columba araucana=, und eine
Schnepfenart waren die vorzglichste Beute, welche nach der Heimkunft
redlich getheilt wurde zwischen meiner Sammlung und der Schiffskche.

So hatten wir eine frhliche Fahrt auf dem Flusse, gegenseitig
wetteifernd, wer das meiste Wild erlege, und ich fand, da der Kapitain
ein trefflicher Schtze.

In Valdivia angekommen, trennten wir uns. Fricke, welcher ein leichtes,
vortrefflich segelndes Boot hatte, war uns vorausgeeilt und empfing
uns, indem er mich in das Haus eines dort beim Schulwesen angestellten
Deutschen fhrte, wo ich so herzlich aufgenommen, wie allenthalben von
den deutschen Landsleuten, und sogleich mit einigen Insekten beschenkt
wurde. Doch blieb ich nicht lange bei jenen freundlichen Leuten, da
ich die Stadt besichtigen wollte, und aus der Unterhaltung mit den
anwesenden chilenischen Damen ist mir nur noch die Furcht erinnerlich,
welche dieselben vor einem Einfalle der araukanischen Indianer
bezeigten, welchen ein grundloses Gercht zu jener Zeit in Aussicht
gestellt hatte.

Die Stadt Valdivia hat ein sehr lndliches Ansehen. Die meisten Huser
liegen isolirt zwischen Grten, Gebsch und Rasenpltzen, und unfern
der Stadt beginnt wieder der Wald. Die Wohnungen, meist einstckig,
sind von Holzarbeit und haben den eigenthmlichen Styl des Landes,
der theils an alterthmliches Tfelwerk erinnert, doch auch
wieder Aehnlichkeit hat mit der Art und Weise, wie man moderne
Schweizerhuschen in Anlagen und Grten errichtet. Doch fehlen auch
grere Gebude nicht und eben als ich anwesend war, beschftigte
man sich mit dem Bau einer Kirche, deren Plan vom lteren Fricke
entworfen war. Ich hatte die vier Matrosen, welche das Boot gerudert
hatten, zum Mittagessen gebeten, und als wir uns in einem Gasthause
versammelt hatten, welches so ziemlich, wenn auch nicht ganz nach
europischer Art eingerichtet, und in welchem man nicht bel
aufgehoben war, staunte ich ber den Anstand und Takt, welchen diese
vier jungen Mnner entwickelten. Bescheiden ohne blde, heiter ohne
bermthig zu sein, waren sie so weit entfernt von dem Bilde, welches
man sich meist von dem Seemann am Lande zu entwerfen gewohnt ist,
da ich kaum mein Erstaunen bergen konnte. Ohne Widerrede hatten sie
meine Einladung angenommen, aber als sie nach einigen Tagen im Hafen
die Erlaubni erhalten hatten, an's Land zu gehen, unternahmen sie
in meinem Interesse einen Streifzug und brachten mir des Abends einige
Amphibien und schne Insekten, welche mich doppelt erfreuten.

Des Nachmittags besuchten uns mehrere andere in Valdivia lebende
Deutsche im Gasthofe, und manches austauschende Wort wurde dort
gesprochen ber Chile und das Vaterland. Alle waren gut gestellt
in ihrer neuen Heimath. Doch aber war eine leise Sehnsucht nach dem
Vaterlande, nach dessen Sitte und Brauch nicht zu verkennen. Mag jeder
es wohl bedenken, der das Land in dem er geboren fr immer verlassen
will. Es mag sich wohl treffen, da in der Fremde er nach Zustnden
sich zurcksehnt, die ihm hier gleichgltig, ja da er an
Persnlichkeiten mit Zuneigung denkt, welche er zu Hause kaum der
Beachtung werth gehalten. Aber mit welcher Macht drngt sich in manchen
Stunden die Sehnsucht nach verlassenen Lieben an's Herz, und mit welcher
Vershnlichkeit betrachtet man deren Fehler und Schwchen!

Spt des Abends und wohlzufrieden mit der kleinen Reise, kamen wir an
Bord zurck. Aber einige Tage spter, whrend der Kapitain und ich
zuflliger Weise am Lande, kamen einige Damen von Valdivia zu Boote auf
Besuch zu uns und brachten mir den sorgfltig verpackten Schdel eines
Araukaners zur Erinnerung an unser Gesprch in der Stadt, und um meine
Sammlung zu bereichern, wenn gleich, wie sie mir sagen lieen, mit
mchtigem Grausen.--

Vieles Vergngen verschaffte mir in der Bai von Corral die Jagd auf
Papageien. Ich habe nur eine einzige Species dort getroffen, von den
Einwohnern Choi genannt[36], aber diese in groer Anzahl. Sie hausen
auf den bewaldeten Hgeln, mit welchen die Bai umgeben ist, und leben
des Tages ber in Haufen von zehn bis zwlfen zusammen, wohl auch
vereinzelt, indem sie meist auf den hchsten Bumen sich aufhalten.
Gegen Abend aber versammeln sie sich in groen Schwrmen und fliegen
von einem der Hgel zum andern, indem sie, hnlich wie in Deutschland
die Dohlen, ein wahrhaft schauderhaftes Geschrei erheben. Stellt man
sich versteckt in eine der Schluchten, ber welche auf diese Weise der
ganze Schwarm hinwegfliegt, so kann man, wenn das Gewehr weit trgt
und man groben Hagel geladen hat, fters in einem Abende zum Schusse
kommen, und ich habe auf diese Art viele erlegt, da sie, wenn sie den
Schtzen nicht sehen, sich wenig um den Schu zu kmmern scheinen und
ihr Hin- und Herfliegen wiederholen. Indessen bietet es Schwierigkeiten,
das geschossene Thier zu finden, da seine grne Farbe sich kaum von der
des Grases unterscheiden lt. Nur _verwundete_ Thiere verrathen sich
hingegen selbst durch ihr furchtbares Geschrei und die Hast, mit welcher
sie zu entkommen suchen.

Dieser Papagei wird von den Einwohnern der Bai nicht selten als
Hausthier gehalten, und luft frei, aber freilich mit arg und hlich
beschnittenen Flgeln in den Wohnungen umher. Er scheint sich sehr
leicht zhmen zu lassen und ein zhes Leben zu besitzen. Ich habe
eines Tages einen derselben, der, wie sich spter zeigte, nur am
Flgel verwundet war, um ihn zu ersticken, mit aller Kraft unter den
Flgeln gedrckt, hierauf als er kein Lebenszeichen mehr von sich
gab, die Rachenhhle mit Lschpapier verstopft, um das Beschmutzen der
Federn mit Blut zu verhindern, und alsdann in eine Dte gewickelt in
die Pflanzenkapsel gelegt, da er zum Abbalgen bestimmt war. Aber als
wir noch einige Stunden Rast hielten und zufllig die Kapsel geffnet
wurde, stieg der Vogel munter aus derselben, und ergab sich so leicht
in sein Schicksal, da er schon nach einigen Tagen aus der Hand Futter
nahm, und allenthalben an Bord frei umher lief. Leider fiel er spter
in's Wasser und ertrank.

Das Fleisch dieser Thiere gewhrt eine vortreffliche Speise und
erinnert an jenes der wilden Tauben.

An den Ufern des Valdivia-Flusses, wo hauptschlich jene schon oben
erwhnte Sandsteinbildung vorkmmt, finden sich prachtvolle kleine
Buchten und hie und da im Gebsche versteckte Hhlen. Ernst Fricke
fhrte mich in mehrere derselben, in welche man nur mittelst des Bootes
gelangen konnte, und ich habe die romantische Lage dieser kleinen Asyle
bewundert, deren Zugang ich bald besser zu finden wute, als vielleicht
mancher im Hafen Geborene. Auch im Glimmerschiefer findet sich unweit
des Forts Corral eine Hhle, deren Wnde stets von durch Felsenspalten
eindringendes Wasser feucht und ganz mit Farrenkrutern berzogen
sind. Ich war so glcklich dort zwei neue Arten aufzufinden[37], und
mache absichtlich hier auf diesen Fundort aufmerksam, weil ich sonst
nirgends eine Spur derselben gefunden habe.

Whrend wir im Hafen von Corral lagen, kam die schon oben bezeichnete
chilenische Fregatte von Valparaiso aus dorthin, in Begleitung einer
Corvette. Beide Fahrzeuge hatten Soldaten am Bord, welche eine Zeit lang
im Hafen verweilen sollten.

Die Indianer von Araukanien hatten kurz vorher ein an ihrer Kste
gestrandetes Schiff geplndert, zugleich waren bei dieser Gelegenheit
einige Menschen verloren gegangen. Es hatten ohne Zweifel die
Gestrandeten und die Indianer sich nicht hinlnglich verstndigen
knnen. Die Letzteren hatten vielleicht allzu groes Wohlgefallen
an den Waaren gefunden, welche das Schiff fhrte, und die Europer
hielten allzu hartnckig an ihrem Eigenthume, oder es mgen auch
andere Miverstndnisse eingetreten sein, die Thatsache war die oben
bezeichnete. Aber in Chile sprach man nicht gerne von derselben, legte
indessen jene Truppen nach Corral und Valdivia, um eine Demonstration zu
machen, und etwaigen weiteren Gelsten der Araukaner Einhalt zu thun.
Es kam dadurch viel Leben in den Hafen, welcher sonst ziemlich verdet
war, indem zugleich mit jenen Schiffen auch noch eine Barke von Hamburg,
die Victoria, einlief. Der Kapitn der Victoria war ein Bruder des
unsrigen, und es war ein freudiges Wiedersehen der beiden Brder,
welche sich seit Jahren nicht gesehen, ja kaum sichere Nachricht von
einander erhalten hatten.

Das Leben am Bord war jetzt ein anderes geworden. Whrend ich sonst
frh mit Tagesanbruch meist allein an's Land ging, in den Bergen
streifte und spt des Abends wieder heimkehrte, wurden jetzt
gemeinschaftliche Jagden unternommen, und zugleich von meiner Seite das
Sammeln groartiger betrieben, da die Passagiere der Victoria, nach
Chile auswandernde Deutsche, mich zum grten Theile teilnehmend
untersttzten. Kugelbchse und Botanisirkapsel, Insektenschachtel
und Mineralienhmmer hatten wieder, wie frher in Valparaiso, ihre
freundlichen Trger gefunden, und es wurde mancher Tag frhlich in den
Bergen zugebracht. Kamen wir zeitig an Bord zurck, so statteten wir
uns hufig gegenseitige Besuche ab, von welchen wir oft spt in
der Nacht heimkehrten. Ich werde nicht leicht einer solchen Heimfahrt
vergessen. Ich war mit Kapitn Maier an Bord der Victoria gegangen,
aber whrend wir in der Kajte plaudernd und zechend fast vergessen
hatten, da wir uns nicht auf festem Boden befanden, hatte sich auen
ein heftiger Nordwind erhoben, und zugleich war Land und See mit solch
einer undurchdringlichen Finsterni bedeckt, da man buchstblich
nicht die Hand vor den Augen sehen konnte. Da es des Zolles halber
verboten war, Waaren, ja selbst eine einzige Flasche Wein von einem
Schiffe auf das andere zu bringen, so hatte ich jenen Abend benutzen
wollen, sechs Flaschen Portwein, welche ich auf der Victoria an mich
gebracht hatte, auf den Dockenhuden zu schaffen, mit anderen Worten: zu
schmuggeln. Man kann sich denken, da ich, diese sechs Flaschen in
den vielfachen Taschen meines Kapuzmantels geborgen, schon ziemlich
schwerfllig vom Fallreef aus in das Boot gelangte. Denn wie
schon bemerkt, bewegt heftiger Nordwind das gegen diese Seite nicht
geschtzte Wasser des Hafens oft auf bedenkliche Weise, und schon waren
die Wogen so hoch, da das Boot fnf bis sechs Fu gehoben wurde, um
im andern Augenblicke wieder eben so tief zu sinken. Mit den Hnden an
der Strickleiter mich festhaltend, suchte ich mit den Fen das Boot
zu ersphen, welches, fhlte ich es einmal einen Moment, im andern
Augenblicke wieder verschwunden war. Lie ich zur unrechten Zeit los,
so fiel ich natrlich in's Wasser, und war unrettbar verloren mit
meinem schweren Mantel und den sechs Flaschen. Dabei wurde kein Wort
gewechselt. Es waren noch, wie ich glaube, andere Gegenstnde im
Boote, welche man ebenfalls nicht der Besichtigung der Zollbediensteten
auszusetzen wnschte, und so vermied man unnthigen Lrm. Endlich
lie ich los und kam glcklich in's Boot. Es gelang unseren Matrosen
bald von der Steuerbordseite der Victoria zu kommen, aber nun tanzte das
Boot in solch verzweifelten Sprngen auf den Wogen, da ich ernstlich
an ein Umschlagen zu glauben anfing. Der Wind wuchs in bedrohlicher
Heftigkeit, eine See ber die andere schlug in's Boot und Wind und
Wetter lrmten dermaen, da man die Zollbedienten nicht mehr zu
frchten brauchte. Wirklich stand jetzt der Kapitain, der steuerte,
auf, und rief mit lautester Stimme den Matrosen seine Befehle zu.

Oefter habe ich in hnlichen Fllen empfunden, welch eine einfltige
Rolle der Passagier bei solchen Gelegenheiten zu spielen verdammt ist.
So gut wie der Seemann wird er ertrinken, tritt ein Unfall ein. Aber er
kann nichts thun, ihn abzuwenden, ja er ist allenthalben im Wege, sucht
er zu helfen. Seine Obliegenheit ist sich zu ducken, sich mglichst
klein zu machen, und wo mglich zu schweigen. Das Alles habe ich in
jener Nacht gethan zum allgemeinen Besten, in meinem eigenen Interesse
aber zog ich leise die Arme aus den Aermeln des Mantels und lste die
Riemen meiner Schuhe, um in einem Momente alles abstreifen zu knnen
und schwimmfertig zu sein.

Es war glcklicher Weise nicht nthig. Wir sahen endlich, denn nach
und nach hatte sich das Auge an die Dunkelheit gewhnt, in unbestimmten
Umrissen den Dockenhuden vor uns und waren bald am Fallreef. Man kmmt,
am Fallreef wenigstens, leichter aufwrts, als abwrts, so war ich
bald oben. Einige Sekunden war eine Laterne auf Deck, auch auf der
Victoria blitzte ein Licht auf und verschwand alsbald wieder. Man hatte
sich die Ankunft signalisirt, denn man mochte von beiden Seiten nicht
ohne alle Bedenklichkeit gewesen sein, und unsere Fahrt hatte fast eine
halbe Stunde gedauert, obgleich beide Schiffe nicht ganz vierhundert
Schritte entfernt von einander lagen.

An Bord wurde, wie gewhnlich, keine Silbe ber die Fahrt gesprochen,
nur sagte der Kapitain, nachdem wir etwa 10 Minuten angelangt, zu mir.
Portwein verstaut? Worauf ich antwortete. Schon verstaut. Er war
es auch bereits, der liebe Portwein, verstaut, d.h. ge- und verborgen
unter lebenden Taranteln, Scorpionen und Schlangen und zum Ueberflusse
von einigen menschlichen Schdeln bewacht, und kein chilenischer
Zollbediente htte ihn weder gesucht wo er war, noch angerhrt, htte
er ihn gefunden. Aber sie kamen nicht in jener Hllennacht, wohl aber
einige Tage spter bei hellem Sonnenscheine[38].

Ich will noch einer Jagdpartie gedenken, welche ich in Begleitung der
beiden Kapitne und des Ernst Fricke in die St. Johns-Bai unternahm.
Wir bentzten hiezu das mit einem guten Segel versehene Boot von
Fricke, und zogen des Morgens um 6Uhr aus, indem zwei Matrosen
ruderten, wenn der Wind nicht eben gnstig war.

Wir machten zuerst auf einer kleinen Landzunge Halt, welche mit hohem
Grase bewachsen war, um Schnepfen zu schieen. Die Schnepfenart,
welche sich dort aufhielt und berhaupt fast die Ufer der ganzen
Bai bevlkerte, ist etwas, jedoch unbedeutend, kleiner als unsere
Waldschnepfe, aber heller gefrbt als diese. Ich habe versumt, sie
mit nach Europa zu bringen, da sie so hufig war, und ich das Abbalgen
einiger Exemplare von einem Tage zum andern verschob, bis es endlich zu
spt war. Diese Thiere spazierten in Truppen zu fnfzig und hundert
Stck ganz ruhig am Strande oder flogen dicht vor uns aus dem hohen,
feuchten Grase auf, so da mit leichter Mhe einige Dutzende derselben
zu erlegen gewesen wren, htte eben ihre Menge uns anfnglich nicht
zu unbedachtsam schieen lassen, so da wir ohne sonderlichen Erfolg
den grten Theil unseres Wildes verjagten; erst spter, regelrecht
zu Werke gehend, scho ich etwa 10 Stcke derselben.

Nachdem wir jene Landzunge verlassen und in eine kleine wirklich
reizende Bucht gekommen waren, trennten wir uns, um einzeln unser Glck
zu versuchen.

Das Boot sollte ber die Bai fahren, dort am stlichen Ufer anlegen,
und wir uns des Nachmittags daselbst wieder versammeln, um heimzufahren.

Whrend die anderen vorlufig sich am Ufer der Bai hinzogen, drang
ich sogleich tiefer in den Wald ein. Ich hatte einen Compa bei mir und
konnte sicher sein, mich zurecht zu finden.

Es ist die Pracht des Urwaldes so vielfach und von so groen
Autoritten geschildert worden, da ich es nicht versuchen will, hier
ein Gleiches zu thun. Kaum braucht auch bemerkt zu werden, da hier
unter 40 sdl. Breite die glnzende Vegatation der Tropen natrlich
fehlt, aber dennoch der urwaldliche Typus nicht verloren gegangen
ist. Wie dort sind hier mchtige himmelanstrebende Stmme mit
Schlingpflanzen geziert, und die schon erwhnte Colique und die Quila
bilden nicht selten hoch oben ein so dichtes pflanzliches Gewebe,
da am Boden fast Dunkelheit herrscht. Dabei fehlen nicht Blumen und
Blthen, wenn auch nicht von brasilianischer Pracht. Aber etwas ist in
Chile, was das Durchstreifen jener Wlder sehr angenehm macht; es ist
die der vollkommene Mangel an giftigen Thieren. Der Scorpion und die
Tarantel werden zwar dort ziemlich hufig getroffen, in Valdivia zwar
auch kaum der erstere, aber beide sind nicht gefhrlich und namentlich
ist die Tarantel, welche in Valdivia mit ausgespannten Fen bis an
7 Zoll gro vorkmmt, vollstndig harmlos, wenn sie gleichwohl ein
ziemlich martialisches Aeuere zu affectiren sucht.

Ich machte an den mchtigen umgestrzten Stmmen, welche oft
berstiegen werden muten, gute Beute, indem ich verschiedene Insekten
fand und manches Schtzbare erwarb, da fast der dritte Theil der
gefangenen Individuen neue Arten waren. Endlich, nachdem ich weit
vorgedrungen in Schluchten und manchen Abhang erstiegen, wandte ich mich
wieder rckwrts, um an's Ufer der Bai zu gelangen. Ich durchwatete
den St. Johns-Flu und kam endlich an eine flache Stelle des Ufers, wo
ich die Bai bersehen konnte. Aber ich sah weder das Boot, noch eine
Spur von den Gefhrten. Ich ging weiter um die Bai zu umschreiten und
auf das jenseitige Ufer, den bestimmten Sammelplatz, zu gelangen,
indem ich richtig schlo, da das Boot hinter irgend einem schattigen
Felsenvorsprunge beigelegt habe.

Mittlerweile war eine ziemliche Hitze eingetreten, indem unferne des
Wassers die Sonne doppelt brannte, und zugleich wurde ich von einer
Unzahl Fliegen verfolgt. Es war vorzglich =Tabanus latus=, eine
schwarze und gelbe Bremse, welche in Schwrmen von mehreren Dutzenden
ber mich herfiel, und, wenn auch in geringerer Anzahl, zwei kleinere
graue Tabanus-Arten. Die Folgen des Stichs der beiden kleinen Arten
halten lnger an, als jene der greren, welcher zwar anfnglich
einigermaen belstigt, aber in einigen Minuten nicht mehr gefhlt
wird und keine Beulen hinterlt, wie die Stiche der deutschen
Pferdebremse. Ich fand bald, da je rascher ich mich fortbewegte, die
verwnschten Fliegen mich um so hitziger verfolgten, so ergab ich mich
in mein Schicksal, haschte eine gute Menge derselben und schritt langsam
weiter, indem ich auch einige Vgel scho, worunter eine schne
gold-grn glnzende Kibizenart. Endlich kam ich an menschliche
Wohnungen, Htten, welche aber leer standen, und zugleich an eine sich
in den Wald ausdehnende Fortsetzung der Bai, denn fr eine solche hielt
ich das Wasser an dessen Ufer ich stand. Leider aber fand ich, das Ende
und eine berschreitbare Stelle suchend, bald, da ich einen Flu vor
mir hatte. Ich mute ber denselben, denn abgesehen davon, da ich
ungerne unser Rendezvous versumte, konnte ich kaum rckwrts lngs
dem Ufer zurck in den Hafen von Corral gelangen, ohne endlose Umwege
zu nehmen, da an vielen Stellen die Ufer aus steilen Felsenwnden
bestehen, an welchen wir vorher zu Boote vorber gefahren waren.
Vorwrts also! Aber wie! Ich wute nicht, waren die Kapitaine und
Fricke schon hinber, oder waren sie vielleicht whrend ich im Walde
Insekten einfing, zu Boote ber die Bai. Also suchte ich den Lauf des
Flusses aufwrts verfolgend, nach menschlicher Fhrte, und fand auch
bald im gefallenen Laube Spuren von Futritten, denen ich folgte
und endlich an die Brcke kam. Dort fiel mir ein, welche vielfache
Anforderungen an einen reisenden Naturforscher gestellt werden. Denn
abgesehen davon, da er Zoologe und Ethnograph, Botaniker, Mineralog,
Geognost, Meteorolog und Zeichner sein soll, mu er auch, wohl oder
bel, fabelhafte fremde Sprachen sprechen, kochen, waschen, nhen,
reiten und schwimmen knnen. Hier aber stand die edle Turnkunst in
Aussicht, denn jene Brcke bestand aus einem verzweifelt glatten und
schlanken Baumstamme, der ber den etwa 25 bis 30 Schritte breiten
Flu quer bergelegt war, und sonder Zweifel von einem Eichhrnchen
mit vieler Bequemlichkeit berschritten worden wre, von mir indessen
mit wenig Behagen.

Aber ich mute hinber und war bald entschlossen. Mineralienhammer,
Insektenschachteln und alles Gesammelte wurde zu den Vgeln in die
Jagdtasche gesteckt und diese ber die Doppelflinte gehngt, welche
ich in der Hand hielt, um im Falle eines Sturzes schwimmen zu knnen
und nicht von all diesen Gegenstnden gehindert zu sein. Aber ich hatte
keine Lust ber den verwnschten Baumstamm zu _gehen_, --
_rittlings_ wollte ich bersetzen, vorsichtig, wie es sich fr einen
verheiratheten Mann, fr einen Familienvater geziemt. Es sah mich ja
kein menschliches Auge, und war ich einmal drben, -- nun es kriecht
mancher auf Hnden und Fen und spricht spter davon, wie er
aufrecht gestanden! Da, ganz zur Unzeit erschallte ein lautes Hallo! und
Fricke wand sich aus den Gebschen des jenseitigen Ufers, mir zurufend,
ich solle mich eilen, die beiden Kapitne seien schon voraus, denn er
habe in der Ferne schieen gehrt und wir mten noch vor Eintritt
der Ebbe bei'm Boote sein.

Groe Macht der Eitelkeit! Ich nestelte an meinen Schuhen, als wolle
ich sie besser befestigen, denn bereits sa ich rittlings auf
dem Stamme, dann stand ich auf und berschritt mit scheinbarer
Gleichgltigkeit den Stamm, der immer dnner wurde und hchst
widerwrtige Oscillationen verfhrte, je mehr ich mich seinem Ende
nahte. Ich schmte mich vor Fricke, dem rstigen Hinterwldler, wie
ich ihn nannte, hinber zu kriechen. Zuletzt mute ich noch einen
krftigen Sprung machen, um das Ufer zu erreichen. Jetzt erzhlte ich
Fricke meine Noth, welcher mich auslachte und die Brcke im Vergleich
zu andern eine knigliche nannte.

Wir gingen nun zusammen weiter und kamen bald wieder in hochstmmigen
Wald, wo wir noch einige Papageien schossen und bald darauf an eine
Htte, welche eine Cuncos-Indianerin[39] bewohnte. Das Weib knieete mit
ihren Kindern um ein Feuer in der Mitte der Htte, ohne Zweifel um
sich zu ruchern, denn auen war eine tchtige Hitze und man bedurfte
wahrlich keines Feuers, um sich zu erwrmen.

Ich dachte an den Besuch Reineckes in der Hhle der Meerkatze,

Welch ein Nest voll slicher Thiere, grer und kleiner!
Und die Mutter dabei, ich dachte es wre der Teufel.

und redete die Frau zwar nicht als Frau Muhme sondern mit Sanoritta
an, um etwas zu essen zu erhalten, aber es war nichts zu bekommen als
Milch. Ich habe selbst dort den Abscheu vor diesem Getrnke nicht
berwinden knnen, tauchte das Stckchen Zwieback, welches ich bei
mir hatte, in's Wasser eines unweit flieenden zweiten Flusses und
berlie die Milch den Gefhrten, welche sich mittlerweile zu uns
gefunden hatten. Nach einiger Ruhe setzten wir unsern Weg um die Bai
fort. Bald waren wir gezwungen, abermals mittelst eines Baumstammes
ber den zweiten Flu zu setzen, allein hier ging dies leichter, denn
der Stamm hatte noch einen Theil seiner Aeste und war theilweise mit
berhangendem Gebsche umgeben, so da man sich im Nothfalle anhalten
konnte. Wir bestiegen kurz darauf eine kleine Anhhe, und da dort eine
Lichtung war, sahen wir unser Boot in einiger Entfernung liegen, leider
im buchstblichen Sinne des Wortes, nmlich auf der Seite und etwa
zweihundert Schritte vom Wasser entfernt. Wir erriethen sogleich, was
sich spter besttigte. Die beiden Matrosen, nicht wissend, da
das Wasser der Bai dort sehr seicht war, legten sich zur Ruhe und
schlummerten sanft im benachbarten Gebsche, whrend sich die See
bescheiden zurckzog, und das Boot, wenn nicht auf dem Trockenen, doch
wenigstens auf schlammigem Grunde zurcklie.

Whrend wir nun beschlossen abwrts zu gehen und jene Stelle zu
besuchen, kamen wir immer dichter und verworrener in's Gebsche, so
da wir endlich blos auf Laub und Aesten futen. Mir fiel auf,
da Fricke, der uns vorschritt, langsamer als sonst ging, ja selbst
bisweilen die Haltbarkeit eines Astes prfte, doch dachte ich an nichts
Arges, als ich zufllig abwrts blickte und einen Sonnenstrahl sah,
der nicht _zu_, sondern etwa 30 Fu tief _unter_ meinen Fen die
Erde beschien. Wir gingen zwischen den Aesten hindurch, wie, da mir
eben kein poetischer Vergleich einfllt, wie Muse, welche durch einen
Wellenhaufen schlpfen, aber auch mit eben so wenig Gefahr fr uns
wie fr jene, denn ein Hinabstrzen war kaum denkbar. Wir erreichten
endlich den Boden und bald die Stelle, wo das Boot lag. Da nach Fricke's
Aussage die Fluth erst gegen neun Uhr des Abends so gestiegen sein
konnte, da an ein Flottwerden zu denken war, blieb das Fahrzeug an der
Stelle, wo es gegenwrtig lag, man schnitt deshalb Hebel und wlzte es
allmlig seewrts. Wir hatten das Segel aus dem Boote genommen, und um
gegen die Sonnenhitze einigermaen Schutz zu haben, uns von demselben
eine Art Zelt construirt. Die Gewehre aber hatten wir dafr in's Boot
gelegt um freier zu sein, im Falle wir etwa spter noch eine
Strecke durch das Wasser waten muten. Zudem hatten wir kaum noch
Schiebedarf, da die Schnepfen uns des Morgens viel Pulver und Blei
gekostet hatten.

Schon einige Tage vorher hatte uns Fricke erzhlt, da eine Puma ihm
Besuch abgestattet habe. Sie war durch eine Lcke in den unteren
Raum des Hauses gestiegen und hatte dort befindliche Fleischvorrthe
geraubt. Fricke hatte Abrede mit seinen beiden indianischen Knechten
genommen, was im Wiederholungsfalle zu thun sei, obgleich er nicht
glaubte, da das Raubthier so bald wiederkehren wrde; allein schon
des andern Tages hrte er whrend der Nacht verdchtiges Gerusch.
Das Gemach, in welches die Puma eingestiegen war, hatte nur ein einziges
Fenster. An dieses, so hatte man verabredet, sollten mit einer in
Bereitschaft stehenden verdeckten Laterne sich die beiden Knechte
schleichen, und in demselben Augenblicke, in welchem Fricke die Thre
aufstoen wrde, die Laterne von auen auf das Fenster setzen. Die
Puma, glaubte man, wrde nicht wagen, durch das beleuchtete Fenster
zu springen und Fricke wrde jedenfalls einige Augenblicke Zeit haben,
dieselbe mit seinem Doppelgewehre zu tdten.

Auf jenes Gerusch hin weckte nun Fricke seine vor seinem Zimmer
schlafenden Knechte, man verfgte sich an seinen Posten und Alles wurde
in bester Form ausgefhrt, bis auf das Erlegen der Puma, welche im
selben Augenblicke, in welchem Fricke die Thre ffnete, ohne auf
die Laterne Rcksicht zu nehmen, von dem Tische, auf welchem sie Platz
genommen, mit einem gewaltigen Satze durch's Fenster sprang, Laterne und
Knechte ber den Haufen warf und im Dunkeln verschwand.

Des folgenden Tages oder vielmehr in der folgenden Nacht stahl das
Thier ein Kalb unweit Corral. Unter unserm improvisirten Zelte liegend
besprach ich eben mit Fricke das Abenteuer, welches er bestanden, als
wir ein groes gelbes Thier ber den vom Wasser verlassenen Grund der
Bai laufen sahen, indem dasselbe den Weg von der stlichen nach der
westlichen Seite zu einschlug und also auf uns zukam. Es blieb stehen,
und wir erkannten alsbald, da es eine Puma, ohne Zweifel Fricke's alte
Bekanntschaft war. Als sie uns erblickte, wendete sie sich etwas gegen
rechts, so da sie etwa 200 Schritte von uns entfernt den Wald erreicht
htte, war sie einmal am Ufer. Was htte ich in diesem Augenblicke
darum gegeben, htte ich mein Gewehr und ein Paar Kugelpatronen
gehabt. Aber es war nicht mglich, das Land zu erreichen und wieder
zurckzukommen, auch abgesehen davon, da man stellenweise bis an die
Hlfte des Schenkels htte im Moraste waten mssen und da es selbst
mit Munition schlecht aussah. Da ich aber doch wenigstens die Puma
sehen wollte, und wute, da dieselbe bei Tage kaum einen erwachsenen
Menschen anfallen werde, so lief ich ihr den Weg ab, indem ich mich in
der Eile mit einem kurzen Prgel bewaffnete, welcher am Boden lag.
Ich war dem Thiere bis auf etwa dreiig Schritte nahe, als es das Ufer
erreicht hatte, stehen blieb und mich in Augenschein nahm, whrend ich
von meiner Seite aus dasselbe that. Man kann in jeder Naturgeschichte
die Beschreibung einer Puma lesen, ich sage daher blos, da dieselbe
die Gre eines starken Fleischerhundes hatte, aber abgesehen von dem
runden katzenartigen Kopfe, mehr den Eindruck eines Wolfes als eines
Tigers machte, obgleich sie zierlichere Formen hatte. Die Farbe war
hellgelb, vollkommen lwenhnlich.

Nachdem ich diese Beobachtungen angestellt hatte, frug ich mich, was es
jetzt werden sollte. Das Thier rhrte sich nicht von der Stelle, fing
aber auf eigenthmliche mir etwas bedenkliche Weise mit dem Schweife
zu wedeln an. Eins von uns beiden mute nun davon laufen, die Puma oder
ich, das war mir klar; denn da ich nicht einmal meinen Dolch hatte, so
wre ein Kampf wohl schlecht fr mich ausgefallen. Da aber, lief ich,
die Puma mir ohne Zweifel nachgelaufen wre, so beschlo ich, _sie_ wo
mglich zum Fliehen zu bringen.

Ich ging also, mit kleinen Schritten zwar, aber heftigem Geschrei auf
das Thier los, indem ich den Arm nach Art der Lasso-Werfenden schwang,
und mich hchst kampflustig geberdete. Jetzt wendete sich die Puma,
schritt langsam und wrdevoll dem Gebsche zu und verschwand
in demselben, ohne Zweifel von dort aus meine ferneren Bewegungen
beobachtend. Ich aber zog mich ebenfalls zurck, und ging zu den
Gefhrten, welche sich anfnglich erhoben hatten, als ich auf die Puma
zuging, jetzt aber wieder Platz genommen hatten.

Das war mein Abenteuer mit dem chilenischen Lwen, bei welchem ich dem
Leser ernstlich verbiete, an ein gewisses anderes Abenteuer mit
Lwen zu denken, welches Miguel Cervantes in einem der besten Bcher
schildert, welche je geschrieben worden sind.

Hungrig und todtmde, doch aber wohl zufrieden mit der Expedition,
kehrten wir spt des Abends an Bord zurck.

Ich habe schon der Indianer erwhnt, und hoffe, da es dem Leser
nicht unangenehm sein wird, etwas ber diesen hchst merkwrdigen
Volksstamm zu erfahren, welcher ungleich seinen Stammverwandten sich
Jahrhunderte lang unverndert in nchster Nhe der weien Mnner
erhalten hat und welchen man nicht cultiviren und ausrotten konnte, wie
es fast allenthalben geschehen ist, mgen nun die fremden Eindringlinge
von Europa Grundstze zur Schau getragen haben, welche sie wollten.

Ich spreche hier nicht von den Cuncos-Indianern. Diese letzteren haben
sich in Folge von Streitigkeiten mit andern Stmmen zu Ende des
vorigen Jahrhunderts von ihren Landsleuten getrennt und leben zerstreut
allenthalben in Valdivia unter den Chilenen, doch sind sie denselben
noch jetzt an Zahl berlegen. Fast alle sind getauft. Aber ihre Zahl
scheint abzunehmen, je mehr sie europische Sitte sich aneignen, ist
auch ihr Aeueres dem der unbezwungenen Indianer sehr hnlich.

Die unbezwungenen, freien Indianer aber, die Araukaner, leben unter ganz
andern Verhltnissen.

Sie bewohnen den Landstrich zwischen Conception und Valdivia, der sich
unter 38 und 39 sdlicher Breite quer durch das chilenische Land
von der Andenkette herab bis an's Meer zieht.

Von der ersten Entdeckung ihres Gebiets durch die Spanier, bis auf den
heutigen Tag, hat diese Nation ihre Selbststndigkeit nie verloren und
ist auch in den blutigsten Kmpfen stets Sieger geblieben. Sie hat ihr
Gebiet mit einer Energie und zugleich mit einer Intelligenz vertheidigt,
von welcher sich bei keinem andern Indianer-Volke ein Beispiel findet,
aber nie hat sie dasselbe zu erweitern gesucht.

Es scheint ein lange festgehaltener Grundsatz der Araukaner zu sein,
von fremder Sitte und Kultur nur so viel anzunehmen, als ihnen eben
zweckmig scheint, und als nthig ist, nach und nach ihre Umstnde
zu verbessern, aber alles entfernt zu halten, was ihre ursprnglichen
Gebruche bedrohen knnte.

Die Geschichte der Missionen in Araukanien giebt hievon den deutlichsten
Beweis. Es sind hie und da wie es scheint, die Lehren der frommen Vter
auf fruchtbaren Boden gefallen, und es lieen sich einzelne Indianer
taufen; aber diese Getauften wurden von ihren Nachbarn nicht etwa
gehat oder verfolgt, sondern es wurde die sogenannte Bekehrung als
etwas vollkommen Gleichgltiges betrachtet.

Es will behauptet werden, als habe sich der einmal Getaufte noch fter
taufen lassen, kam gerade ein anderer Priester in die Nhe. Man msse
den Europern ihre Freude nicht verderben, sollen dann solche perfide
neue Christen gesagt haben. Ebenso soll vorgekommen sein, da ein
Indianer sich bei verschiedenen Geistlichen verschiedene Frauen antrauen
lie, doch =relata refero=.

Indessen ist es gewi, da so lange auch Missionen bei den Indianern
bestehen, sie dieselben blos begnstigten, um von den Missionairen
technische Vortheile zu erlernen, und wenn sich auch einige Huptlinge
taufen lieen, so geschah dies ohne Zweifel blos um von der
chilenischen Regierung einen gewissen Sold zu beziehen. Es hat nmlich
die letztere verschiedene solcher getauften Huptlinge mit dem
Generalstitel betraut, und man giebt ihnen einen gewissen jhrlichen
Sold. Brche nun Krieg mit den Indianern aus, so wrde dieser
araukanisch-chilenische General mit seinen Leuten nicht gegen Chile
fechten knnen, ohne seine Besoldung zu verlieren, und so hat Chile an
jedem getauftem General einen Feind weniger, wenn auch nicht eben einen
Freund mehr.--

Vor einiger Zeit verlangten die Araukaner die Herstellung einer Mission,
welche, verwstet in der Revolution, durch das Erdbeben im Jahre 1835
vollends zerstrt wurde. Die anfangs uneinigen Stmme einigten sich
durch das Loos, welches _fr_ die Mission entschied, und es wurde jetzt
alsbald einstimmig beschlossen, da das Kloster gebaut werden sollte,
aber eben so mit Bestimmtheit ausgesprochen, da nicht ein einziger
chilenischer Arbeiter bei dem Bau beschftigt werden sollte.

Der fr die Mission bestimmte Priester, ein Italiener, wenn ich nicht
irre, sagte. Aber Kinder, ihr knnt nicht bauen. Die Araukaner aber
antworteten Vater, Du wirst es uns lehren. Ein _einziger_ Mann zur
Verfertigung der Backsteine und Ziegel wurde dem Missionr zugestanden,
das Kloster wurde erbaut, die Araukaner nahmen Arbeitslohn ein, denn
sie lieen sich ihre Dienste bezahlen und obendrein lernten sie das
Backstein- und Ziegelmachen.

Was die eigentliche Religion und den Cultus bei den Araukanern betrifft,
so mag dieses Volk vielleicht einzig dastehen. Aus den kurzen Umrissen
ber ihre staatliche Einrichtung und ihre Sitten und Gebruche, die
noch folgen werden, sieht man, da sie durchaus auf keiner niedern
Stufe der Cultur stehen, aber sie haben Nichts, was einem Cultus gleich
sieht!

Von frhester Zeit an bis jetzt glauben die Araukaner an das Bestehen
hherer Wesen und an eine Unsterblichkeit der Seele, und wie die
Missionre behaupten, hat sich bis auf den heutigen Tag dieser Glaube
unverndert erhalten. Sie nennen den guten Geist Pillan, den bsen,
Cuecuban, und das Gute und Bse, was sich ereignet, schreiben sie
diesen beiden Mchten zu. Pillan hilft ihnen die Feinde schlagen und
begnstigt die Ernte, Cuecuban schickt dann und wann bermigen
Regen, regiert die bsen unfolgsamen Weiber und lt die Erde
erzittern. Aber der einzige Dienst, oder die Verehrung, welche diesen
beiden Geistern gezollt wird, besteht darin, da bei ffentlichen
Feierlichkeiten die ersten Tropfen des Getrnkes auf die Erde
geschttet werden und eben so die ersten Tropfen Bluts der Thiere,
welche bei diesen Gelegenheiten geschlachtet werden. Hchstens sucht
man noch bei Unglcksfllen durch Anrufungen den Zorn des bsen
Geistes zu vershnen. Aber sie haben keine Vermittler zwischen diesen
Geistern und sich, keine Priester und eben so keine Tempel, keine
Gtzenbilder, keine heiligen Haine, und auch die Huptlinge verwalten
auf keinerlei Weise das Priesteramt.

Durchschnittlich ist die Gesichtsfarbe der Araukaner braun, aber
nicht rothbraun wie die der amerikanischen Indianer. Das Gesicht ist
lnglich, die groen Augen sind schwarz, ausdrucksvoll, und die Brauen
gewlbt. Der Mund ist gut geformt, mit Ausnahme der Unterlippe, welche
bisweilen etwas hervorsteht. Die Nase ist oft gebogen und die Naslcher
sind nicht so weit geffnet, wie bei vielen andern Stmmen. Das
tiefschwarze Haupthaar ist straff, nie gerollt. Ihre Gre ist die
mittlere, indessen eher noch darunter als darber.

Nahrung und selbst Kochkunst ist bei den Araukanern hnlich wie bei den
Chilenen, welche auf dem Lande wohnen, doch wird Pferdefleisch bei allen
Stmmen, bei einigen aber kein Ochsenfleisch gegessen. Alle Speisen
aber sind scharf gewrzt. Ihr gewhnliches Getrnke ist der
Aepfelwein.

Die Kleidung der Araukaner besteht aus dem in der ganzen Westkste
allgemein eingefhrten Poncho, dann kurze Beinkleider und Strmpfe,
welche aber am Knchel abgeschnitten sind, so da die Sporen oft am
bloen Fue getragen werden.

Eine spitze Filzmtze ist die Kopfbedeckung der Mnner. Die Frauen
tragen eine Art Mantel, welcher in der Mitte des Leibes durch einen
Grtel festgehalten wird, und meist durch eine silberne Nadel von
ungeheurer Gre auf der linken Schulter in die gewnschten Falten
gebracht ist.

Die Verfertigung dieser Zeuge, das Frben derselben, das Schmieden von
Eisenwaaren, ihren Sporen und so weiter, auch die Fertigung silbernen
Schmuckes, wird von den Araukanern selbst betrieben.

Die staatliche Einrichtung der Araukaner ist eine modificirt
aristokratische zu nennen. Sie stehen dorfschaftenweise unter einzelnen
Huptlingen, so da manche derselben bisweilen ber grere
Gebiete herrschen, einzelne aber auch nur ber 10 bis 12 Familien.
Bei besonderen Gelegenheiten werden Volksversammlungen abgehalten, bei
welchen die mchtigeren Huptlinge den Ausschlag geben. Man scheint
zur Friedenszeit den Befehlen derselben nicht stets genaue Folge zu
leisten, zur Kriegszeit indessen und wenn ein feindlicher Ueberfall
droht, sind sie fast immer alle einig, und versammeln sich,
durch Feuerzeichen gerufen, schnell auf schon vorher bestimmten
Sammelpltzen. Die Huptlingswrde ist erblich, indessen trifft es
sich nicht selten, da Indianer, welche sich ein bedeutendes Vermgen
erworben haben, ebenfalls zu dieser Wrde gelangen. Manche dieser
Huptlinge haben fast ganz europische Gesichtszge und als vor
einigen Jahren einmal Englnder und Franzosen mit den Araukanern
Vertrge abschlieen wollten, ich glaube wegen des von den Indianern
ausgebten Strandrechtes, waren sie sehr verwundert, mehrere jener
Anfhrer ziemlich fertig ihre Landessprache reden zu hren und
zugleich eine diplomatische Gewandtheit entwickeln zu sehen, welche
ihnen zu schaffen machte.

Fast scheint es als seien solche Huptlinge wirklich europischer
Abkunft. Es hatten die Spanier gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts
in und um das Gebiet der Araukaner Stdte gegrndet und Festungen
angelegt. Aber pltzlich standen unter dem Oberbefehle des Paillamacha
smmtliche Indianer auf, zerstrten sieben Stdte und Festungen,
tdteten die Mnner und entfhrten Weiber und Kinder. Man will die
Spuren dieses Menschenraubes noch jetzt bei den Araukanern erkennen.

Wirft nicht Cultur und Luxus, welche man mit der Zeit in das Gebiet
jener Naturshne einschmuggelt, ihre Kraft zu Boden, so werden sie auch
lange unbezwungen bleiben, denn die Krfte der chilenischen Regierung
reichen schwerlich aus, sie im offenen Kriege zu unterjochen.

Es ist ihre Art Krieg zu fhren allgemein gefrchtet, und vor allem
ist es die lange araukanische Lanze, welche so mchtigen Respekt
einflt. Diese Lanze ist an 20 Fu lang und aus dem leichten und
biegsamen Stengel der Colique gefertigt. Der gegen den Feind anrennende
Indianer erhlt das dnne, mit der Spitze versehene Ende derselben
in fortwhrender vibrirender Bewegung, so da ein Pariren des
Stoes fast unmglich ist, whrend er selbst mit auerordentlicher
Sicherheit zu treffen wei. Hufig wird aber die Lanze auch so
gefhrt, da der auf den Feind ansprengende Indianer die Lanze im
Ricochet wirken lt, indem er sie mit der vordern Hlfte auf
die Erde schleudert, whrend er sie hinten fest hlt und mit der
aufschnellenden Spitze den Gegner durchbohrt.

Wenn man dabei bedenkt, da die Araukaner von frhester Jugend an alle
jene Fertigkeiten besitzen, welche wir nur gewohnt sind im Circus
von Kunstreitern ausfhren zu sehen, und da ihre Pferde sie auf's
trefflichste untersttzen und alle Strapazen mit Leichtigkeit ertragen,
so glaubt man wohl, da sie furchtbare Feinde sind. Whrend man noch
das Land in tiefer Ruhe glaubt, flammen ihre Feuerzeichen, und der
anrckende Feind sieht sich pltzlich von allen Seiten umgeben von
Indianern, die nackt und mit bemaltem Gesichte, mit aufgelstem, im
Winde flatternden Haare und mit einem thierhnlichen Wuthgebrlle auf
ihn einstrzen, keine Schonung mehr kennen, und Tod und Wunden nicht
achten in der Vertheidigung ihres Vaterlandes und ihrer Freiheit.

Aber dieser wthende und wilde Krieger ist nicht mehr zu erkennen, wenn
es Friede ist. Stolz zwar und hartnckig an seiner alten Sitte haltend,
ist auch der Araukaner dann gastfrei gegen den Fremden und herzlich,
wenn die steifen Frmlichkeiten des ersten Empfangs beendet sind.

Fast will es scheinen, als habe jenes Volk die Nothwendigkeit eines
gewissen Anstandes und einer continuirlichen ceremoniellen Lge
erkannt, die bei uns tglich ausgebt wird, ohne da sonder Zweifel
die Meisten daran denken, welch ein festes Bindemittel fr die
menschliche Gesellschaft sie ist.

Niemand, selbst der nchste Anverwandte der Familie, darf bei den
Araukanern sogleich dicht an das Haus reiten, oder dasselbe etwa gar
betreten. Es sind an der Grenze des Hofraums einige Pfhle angebracht,
an welchen man hlt und ruft, oder den Dollmetscher rufen lt,
welcher berhaupt, wenn der Reisende der Sprache[40] nicht mchtig
ist, die ganze fernere Verhandlung fhrt. Der Reisende giebt hierauf
an, was er fr Geschfte hat, woher er kmmt, wohin er geht, dann
tritt der Hausherr hinzu, reicht ihm die Hand, und ersucht ihn auf eine
hchst frmliche Weise und fast allein durch Zeichen und ohne ein Wort
zu sprechen, vom Pferde zu steigen. Hierauf beginnt ein umstndlicher
und fast eine halbe Stunde dauernder Austausch von Hflichkeiten. Der
Hausherr fragt, wie sich der Gast befindet, ob er gute Reise gehabt hat,
und erkundigt sich nach dem Wohlbefinden smmtlicher Anverwandten
im entferntesten Gliede, mag er sie kennen oder nicht. Aber die
Hflichkeit wird noch weiter ausgedehnt, denn er fragt nach dem guten
Stande der Ortschaften, durch welche die Reise gefhrt, nach Heerden,
Feldern, kurz nach Allem, was der Reisende nur entfernt berhrt oder
gesehen haben kann. Nun beginnt der Fremde alle diese Fragen im gleichen
Sinne zu beantworten, und giebt hnliche Fragen zurck. In der
weitlufigsten Form erkundigt er sich nach allen Genossen des Hauses,
deren Anverwandten, Nachbaren und Nachbarsnachbarn, nach dem Stande der
Ernte, der Heerden u.s.w. Beide Vortrge sind mit fortwhrenden
Wnschen begleitet, da Alles im besten Stande sein mge und werden
in einem eigenthmlichen nselnden Tone vorgebracht.

Sind die Ceremonien beendet, so nhert sich der Hausherr dem Fremden
und umarmt ihn, indem er sein Haupt abwechselnd ber die rechte und
linke Schulter des Gastes legt. Hierauf beginnt das Mahl, zu dem schon
whrend der Begrungen alle Vorbereitungen getroffen worden sind,
und bei welchem es, selbst nach europischen Begriffen, hchst
anstndig zugeht.

Die Ceremonien der Brautwerbung und der Verehelichung scheinen etwas
einfacher. Man kauft sich ein Weib vom Vater oder Bruder, und hat man
im Verlaufe des ehelichen Lebens das Unglck die treue Gefhrtin
zu verlieren, so mu man -- ist es erwiesen, da man dieselbe todt
geschlagen hat -- die Begrbnikosten, bisweilen selbst noch eine
nachtrgliche Entschdigung zahlen. Die besten Aufschlsse ber das
araukanische Weib geben Notizen, welche ich von Domeyko erhalten habe
und welche ich hier mittheilen will.

Das araukanische Weib ist klein, hat ein rundes Gesicht und eine
niedrige Stirn. Sein Auge hat einen gewissen Ausdruck, welcher Sanftheit
und Schchternheit bezeichnet, und der leise, weiche Ausdruck der
Stimme scheint Unglck und Sklaverei auszudrcken Ihre Sprache scheint
ein halber Gesang zu sein, und sie verlngern jede letzte Silbe mit
einem seufzenden und sehr hohen, feinen Tone. Der Gang der araukanischen
Frauen ist leise und schleichend, und ihre, bereits oben beschriebene
Kleidung hchst einfach. Sie flechten das Haar in Zpfe, welche sie
mit Glasperlen schmcken und hierauf turbanartig um den Kopf winden.

Thut man einen Blick in die Haushaltung eines Indianers, so berzeugt
man sich sogleich, da die Weiber nur die Sklavinnen der Mnner sind,
der Mann hat dieselben entweder erzogen (d.h. _vor_ der Verheirathung,
und als Kind) oder er hat sie von ihrem Vater gekauft. Er fhrt Krieg,
wohnt den Berathungen bei, geht auf die Jagd, oder raucht im Schatten
liegend Tabak, aber das Weib mu arbeiten. Arbeit und Liebe ist aber
bei vermgenden Araukanern unter mehrere Frauen getheilt, indem sich
diese mehrere Weiber kaufen.

Domeyko giebt eine Schilderung von einem Besuche bei einem Indianer,
welche ich hier anfhren will, da sie hchst bezeichnend ist.

Ich suchte, sagt er, einmal in einer strmischen, regnerischen
Nacht Schutz gegen das Unwetter in dem Hause eines Huptlings an
der Meereskste. Der Indianer nahm mich mit offener und herzlicher
Gastlichkeit auf, und noch unbekannt zu jener Zeit mit den bei'm
Eintritte in ein Haus gebruchlichen Ceremonien, suchte ich sobald als
mglich zum Feuer zu kommen, und in weniger als einer Viertelstunde
sa ich mit meinen Reisegefhrten an demselben. Es waren die zwei
Huptlinge und drei andere Araukaner. Bald hatten wir am Feuer den
auen wthenden Sturm vergessen, und das Gesprch belebte sich.
Die einen rauchten Cigarren, die andern trockneten ihre durchnten
Ponchos, whrend ein hbsches Weib mit groen schwarzen Augen und
einem bis auf die Knie reichenden Haare so schnell als mglich das
Abendessen bereitete.

Ohne da Jemand ihr geholfen htte, hatte sie bereits, als wir
eintraten, Holz herbeigeschafft und das Feuer entzndet, nun schnitt
sie das Fleisch, trug Wasser, schlte Kartoffeln und rstete die
Tpfe, aber Niemand half ihr, oder nahm irgendwie Notiz von ihr,
whrend sie geduldig und emsig ihrer Arbeit oblag, ohne ebenfalls
irgend Jemand anzusehen.

Ich sa, fhrt Domeyko fort, an der Seite des unbeweglichen und
nachdenklichen Hausherrn und fragte ihn, wie viele Weiber er habe. Er
antwortete mir: ein einziges. Auf meine weitere Frage, ob wohl dehalb,
weil er Christ sei, erwiederte er: nein, sondern weil gegenwrtig die
Frauen leider bei den Indianern sehr theuer wren. Sehen Sie, sagte der
andere Indianer, welcher mir als Dollmetscher diente, sehen Sie, welche
Ungerechtigkeit; wir mssen, wenn wir uns verheirathen, dem Vater nicht
nur acht oder zehn Prendas[41] fr das Auge geben, sondern auch noch
demselben Vater acht oder zehn weitere Prendas fr die Geschwister oder
Verwandte des Weibes, wenn sie stirbt. Aber doch begraben sie die Todte
nicht eher, als bis sie in Verwesung bergeht, und plagen den armen
Ehemann, da er nicht wei, was er anfangen soll.

Bei diesen Worten schrte der Huptling die Kohlen mit einem
Stbchen, und sagte: Hm! acht bis zehn Prendas, und wenn einmal ja
einer ein Weib todtschlgt, sind sie mit zwlf und fnfzehn Prendas
nicht zufrieden, so da der Mann auf zeitlebens zu Grunde gerichtet
ist.

Der erste Indianer aber fuhr fort zu klagen und sagte: Bisweilen knnen
sie es gar nicht beweisen, da die Frau gerade an einem Hieb oder einer
Wunde gestorben ist, welche ihr der Mann beigebracht hat.

Bisweilen, erwiederte der Huptling, knnen sie _gar Nichts_ beweisen,
und verdchtigen und chikaniren nur den armen, unschuldigen Indianer.

Stumm, schweigend und unterwrfig bediente uns das arme Weib whrend
dieser Unterredung, und nachdem das Essen beendigt war, streckte sich
der Huptling zuerst auf sein Bett von Colique. Die Gste folgten, und
hierauf die andern Hausgenossen, wobei sich jeder einen Platz suchte, so
gut als mglich. Das mchtige Feuer schwand allmlig, bis es nur noch
einen unsichern Schein verbreitete und mit einzelnen Streiflichtern die
krftigen und markirten Zge der liegenden Indianer beleuchtete.

Nur die Indianerin mit ihren prchtigen Haaren und ihren schnen, zu
Boden geschlagenen Augen allein blieb auf und sttzte ihre Rechte auf
das Kopfende des Bettes ihres tyrannischen Ehemannes. Sie blieb wach,
und suchte ihr Lager nicht eher, bis das Feuer erloschen und sie
vollstndig den Blicken der Fremden entzogen war.

Eben so barbarisch wie sich das Verhltni der Arauka-Indianer
gegen ihre Frauen gestaltet hat, sind ihre Sitten und Gebruche
bei Beerdigungen. Stirbt z.B. ein alter Huptling in Mitte seiner
Anverwandten und Kinder, so wird, je nachdem er Kstenbewohner war oder
mehr im Innern lebte, der Leichnam in ein Canoe oder eine Mulde
gelegt und in Mitte des Hauses unweit des Feuerheerdes an einen
Balken aufgehngt. Man hat dem Todten sein bestes Kleid angezogen und
berlt ihn ruhig seinem Schicksale, whrend man sich einzig mit
den Vorbereitungen zum feierlichen Begrbni beschftigt. Vor allem
wird eine unendliche Menge Chicha bereitet, berechnet auf ein drei- bis
viertgiges Zechgelage. Dann schafft man Mais und Weizen herbei, um
eine Anzahl von 200 bis 300 Nachbarn zu bewirthen.

Alle diese Gegenstnde werden neben dem Todten in der Htte
aufgehangen und spter mit demselben zur Begrbnisttte getragen,
aber es vergehen oft zwei bis drei Monate, bis alle diese Vorbereitungen
beendet sind. Der Leichnam ist mittlerweile in Fulni bergegangen
und verpestet die Luft auf solche Art, da man nicht selten in einer
Entfernung von tausend Schritten das Haus bezeichnen kann, in welchem
sich die Leiche befindet.

Endlich erscheint der Tag der Beerdigung, und mit ihm kommen mehrere
Hundert der geladenen Gste, alle zu Pferde und mit ziemlichem Lrm.
Die Leichenfeier beginnt mit einem groartigen Zechgelage und einer
reichlichen Mahlzeit, welche oft mehrere Tage und Nchte hindurch
dauern, und noch fortwhrend kommen Nachzgler, wild einhersprengend,
und wie zum Kriege gerstet mit wildem, flatterndem Haare und
bewaffnet.

Wird endlich die Leiche in das mittlerweile bereitete Grab gelegt, so
finden verschiedene Ceremonien statt, welche bewirken sollen, da der
Geist des Verstorbenen nicht in sein Haus zurckkehrt, und man giebt
ihm deshalb eine Menge Dinge mit, welche er im Leben gern hatte. So
z.B. seine Lanze und brigen Waffen, seinen Sattel, Zaum und Sporen,
sein Ballspiel und andere Kleinigkeiten. Aber man versumt auch
nicht, ihm Speise und Saatkorn mitzugeben und die Leiche reichlich mit
Getrnke zu bergieen.

Nun bedeckt man dieselbe mit Steinen und die Beerdigung ist beendet.

       *       *       *       *       *

Die Rckfahrt von Valdivia nach Valparaiso dauerte zwei und einen
halben Tag, und wir hatten fast immer die Kste in Sicht. Ich wte
nichts Besonderes zu berichten, was ich dort erlebt htte.




X.

Letzter Aufenthalt in Valparaiso (Chile).


Auch mein Aufenthalt in Valparaiso bot wenig mehr, was halbweg
interessant genannt werden drfte. Es war die weitere Richtung der
Reise bestimmt worden, ich wollte mit dem Dockenhuden nach Tocopilla
gehen, dann nach Peru, von dort aus aber um Kap Horn nach Hause. Ich
ordnete und verpackte die gesammelten Naturalien, unternahm Streifzge
in die benachbarte Gegend, so z.B. nach Quillota, etwa 24 Stunden von
Valparaiso, und in andere kleinere Orte, welche wohl im Stande waren,
mir den Charakter des chilenischen Lebens klarer zu entfalten, schrfer
einzuprgen, aber kaum verdienen, dem Leser vorgefhrt zu werden.

Doch will ich einer Persnlichkeit erwhnen, welche zu jener Zeit in
Valparaiso auftauchte. Es war die ein =Dr.=B., ein franzsischer
Schweizer, welcher sich lngere Zeit in Nordamerika aufgehalten hatte,
und von dort kommend nach Californien zu gehen beabsichtigte. Er gab auf
der Durchreise in Valparaiso Gastrollen auf dem Felde des thierischen
Magnetismus, und war ein wrdiger Vorlufer des edeln Tischrckens,
obgleich erst fast drei Jahre spter halb Europa sich durch diese
nordamerikanischen Schnurren bercken lie. B. rckte nun zwar keine
Tische, aber dafr zog er mit den ausgestreckten Fingern seiner
Hand Menschen an sich, lie dieselben durch seinen berwiegenden
Magnetismus nach Belieben sprechen, fechten, boxen, tanzen, kurz die
verrcktesten Dinge treiben, und die alles vor einem Publikum von 500
bis 600 Menschen, von welchen jeder, ein Hauptpunkt, einen Peso Entre
zahlen mute. Seine Mitspieler, etwa sechs oder sieben an der Zahl,
waren meist ebenfalls Nordamerikaner, oder doch wenigstens Leute, die
sich lngere Zeit dort aufgehalten hatten. Die ganze Erscheinung hatte
indessen etwas harmloses an sich, und ich glaube nicht, da von allen
Zuschauern nur zehn halbweg an die Wahrheit der Komdie geglaubt haben.
Man besuchte eben die sogenannte Vorlesung des Doctors, wie man
einen Taschenspieler besucht, oder einer anderen unschuldigen
Abendunterhaltung beiwohnt: man lachte und scherzte. Die scheint der
Geist zu sein, welcher berhaupt in der neuen Welt herrscht. In Europa
hingegen und namentlich in Deutschland belacht man anfnglich wohl auch
hnliche Possen, und hilft zum Scherze Andere zu tuschen. Bald aber
kommt der deutsche Ernst in's Spiel, man fngt an, selbst glubig zu
werden und blamirt sich nicht selten auf das Grndlichste.

Vielleicht bleibt das Wesen des wirklichen thierischen Magnetismus
fr immer in Dunkel gehllt. Der Weg aber zur wissenschaftlichen
Erforschung seiner rthselhaften Erscheinungen wird durch Kinder und
Damen schwerlich gefunden, durch Charlantanerie aber und Selbstbetrug
sicher versperrt.

Nun ich scheide von Chile, das mir werth geworden in der kurzen Dauer
eines etwa siebenmonatlichen Aufenthaltes, nehme ich auch Abschied von
den dort wohnenden deutschen Landsleuten, und wiederhole, da ich die
herzliche Aufnahme, die ich bei ihnen gefunden, dankbar und freudig
bewahre, und da sie mir eine der schnsten Erinnerungen geblieben ist
an meine Reise.

       *       *       *       *       *

#Meteorologische Notizen ber Chile.#

_Temperatur der Luft._ In den sdlichen Provinzen von Chile darf die
Temperatur als eine niedrige angesehen werden, wenn man die Breitegrade
in Erwgung zieht. Gegen Norden zu, z.B. in Copiapo und Coquimbo bei
Drre und anhaltendem Regenmangel ist eine ziemlich bedeutende Hitze.
Ich habe zwar eine Reihe von Beobachtungen angestellt, allein da sie an
verschiedenen Orten und Tageszeiten vorgenommen wurden, so haben sie nur
wenigen Werth, und nur bei einigen konnten Mittel gezogen werden.

So fand ich fr Valparaiso

  1849 August     vom 19. bis 31.   + 11.7 R.
    "  September   "   1.  "  28.   + 11.9 "
    "  October     "   8.  "  17.   + 15.9 "

Auf den Hhen bei den Windmhlen wurde gefunden vom 29. September bis
6. October +10.3R.

Fr Santjago vom 20. bis 30. October +13.8R.

Fr diese kleinen Reihen war die Beobachtungszeit des Morgens um 9, des
Mittags um 12 und des Abends 10Uhr.

Von Herrn Professor _Domeyko_ habe ich aber Beobachtungen mitgetheilt
erhalten, welche whrend der Jahre 1847-1848 und einem Theil des
Jahres 1849 angestellt worden, und jedenfalls werthvoll sind, da Domeyko
ein genauer und gewissenhafter Arbeiter ist. Der Ort der Beobachtung
war Santjago. Die Stunden wurden des Morgens zwischen 9 und 10, des
Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr bemerkt, und es wurde noch
auerdem der hchste und niedrigste Stand whrend des Tages und der
Nacht mittelst eines Thermometrographen abgelesen und mit berechnet. Die
Scala war die hunderttheilige.

Es ergaben sich folgende Mittel:

  fr Juni      1847 +11.2
   "  Juli        "  +11.2
   "  August      "  +11.2
   "  Septbr.     "  +13.0
   "  October     "  +16.4
   "  November    "  +22.6
   "  December    "  +22.6
   "  Januar    1848 +23.8
   "  Februar     "  +22.6
   "  Mrz        "  +20.3
   "  April       "  +17.7
   "  Mai         "  +13.3
   "  Juni        "  +10.4
   "  Juli        "  + 8.7
   "  August      "  +11.2
   "  September   "  +14.8
   "  October     "  +16.8
   "  November    "  +19.7
   "  December    "  +24.2

Die mittlere Temperatur fr das Jahr 1848 ergiebt mithin: +16.9C.

Die Beobachtungen fr das Jahr 1849 ergaben:

  fr Januar    1849 +23.2
   "  Februar     "  +21.7
   "  Mrz        "  +20.8
   "  Mai         "  +12.6
   "  Juni        "  +10.4

Was den Unterschied in der Temperatur zwischen Tag und Nacht betrifft,
so habe ich in Valparaiso die Nchte warm gefunden, und auch in
Valdivia keine sehr bedeutenden Unterschiede bemerkt zwischen der
Temperatur des Tages und der Nacht. In Santjago aber finden ziemlich
bedeutende Differenzen statt, wozu ohne Zweifel die Nhe der
Cordillera das ihrige beitrgt. Dies geht ebenfalls zum Theil aus
den Beobachtungen von _Domeyko_ hervor, und ich will einige derselben,
angestellt im Jahre 1849, anfhren:

                      Hchster Stand    Niederster Stand
                     whrend d. Tages    whr. d. Nacht
  Januar  1. bis 10.      +26.6              +17.5
     "   11.  "  20.      +27.8              +16.7
     "   21.  "  31.      +31.5              +19.2
  Februar 1.  "  10.      +28.5              +14.3
     "   11.  "  20.      +27.1              +11.7
     "   21.  "  28.      +31.0              +17.3
  Mrz    6.  "  10.      +28.3              +16.7
     "   11.  "  20.      +26.8              +15.9
     "   21.  "  31.      +23.1              +13.8
  Mai     1.  "  10.      +16.8              + 9.4
     "   11.  "  20.      +14.6              + 9.6
     "   21.  "  31.      +17.3              + 7.9
  Juni    1.  "  10.      +16.1              + 7.5
     "   11.  "  20.      +13.0              + 5.8
     "   21.  "  30.      +12.0              + 7.9

Schon aber habe ich erwhnt, welche bedeutende Unterschiede auf der
Cordillera selbst stattfanden.

_Die Temperatur der Quellen_ giebt in Chile wenigen Aufschlu ber
die mittlere Bodenwrme, da dieselbe zum grten Theil von ueren
Einflssen bedingt ist. Die Quellen von Apoquindo habe ich schon oben
erwhnt und ihre Temperatur angegeben.

Die Unterschiede, welche sich bei den Gebirgswassern auf der Cordillera
selbst ergeben, zeigen am deutlichsten, wie sehr uere Einflsse
einwirken, und man kann annehmen, da alle Flsse Chile's an der
Stelle ihres ersten Ursprungs die Temperatur des frisch geschmolzenen
Schnees haben, da sie von den Schneefeldern der Cordillera herabkommen
und durch das allmlige Aufthauen desselben entstanden sind.

Ueber den _atmosphrischen Druck_ habe ich eben so wenig eine
zusammenhngende Reihe von Beobachtungen anstellen knnen, als ber
die Temperatur. Doch haben die wenigen Beobachtungen, welche ich machte,
gezeigt, da die regelmigen periodischen Schwankungen dort tglich
stattfinden, und da sich regelmig des Morgens um 9 und Abends
um 10 die hheren Stnde, und des Morgens und Abends um 4Uhr die
niedersten beobachten lassen. Ganz dasselbe Resultat hat auch
_Domeyko_ durch eine groe Reihe von Beobachtungen erhalten, und nur
ausnahmsweise hat einigemal das Gegentheil stattgefunden.

Auch hier will ich in Betreff der mittleren monatlichen Stnde des
Barometers Beobachtungen von _Domeyko_ anfhren, da solche natrlich
mehr Werth haben, als die wenigen, die ich anstellen konnte.

Als mittleren monatlichen Stand fr Santjago fand dieser Gelehrte
  fr 1847 Juni       7177.2
   "    "  Juli       7169.1
   "    "  August     7180.7
   "    "  September  7174.4
   "    "  October    7167.5
   "    "  November   7136.5
   "    "  December   7150.3
   "  1848 Januar     7150.3
   "    "  Februar    7150.0
   "    "  Mrz       7147.4
   "    "  April      7155.6
   "    "  Mai        7180.2
   "    "  Juni       7160.0
   "    "  Juli       7171.7
   "    "  August     7174.0
   "    "  September  7174.0
   "    "  October    7174.9
   "    "  November   7180.3
   "    "  December   7159.2

Als Mittel fr 1847 ergab sich 716.51M.M., fr 1848:
716.44M.M. Als hchster Stand fr beide Jahre wurde gefunden
723.9M.M., als niedrigster 708.5M.M.

_Windrichtung._ Ich habe nur wenige Notizen in dieser Beziehung erhalten
knnen, was Santjago und berhaupt den inneren Theil des Landes
betrifft.

In Betreff der Winde und der Luftstrmungen in der Cordillera habe ich
bereits oben gesagt, da sie als vollkommen lokal angenommen
werden mssen. Es ist wahrscheinlich, da auch in Santjago
solche Luftstrmungen auftreten, bedingt durch die ganze Masse des
benachbarten Gebirges, und natrlich dort in grerem Mastabe.

Die regelmigen Winde, welche an der Kste herrschen, haben
ohne Zweifel einen hnlichen Grund und werden hervorgerufen durch
wechselweise Abkhlung des Landes und der See. In Valparaiso, so wie
von einem groen Theile der ganzen Westkste beginnt meist der Wind
des Morgens zwischen 9 oder 10Uhr von Sdwest oder Sd-Sdwest zu
wehen. Er dreht sich des Nachmittags gegen 3 bis 4Uhr und kmmt dann
von Nordwest oder Nordost. Meistens fand ich, da diese letzteren Winde
heftiger sind als die von Sd kommenden, welche des Morgens auftreten
und man kann bisweilen, besonders auf den Hhen von Valparaiso nur mit
Mhe in entgegengesetzter Richtung fortschreiten. Gegen den Abend legt
sich der Wind, und fast immer sind die Nchte still und heiter. Nord
und Nordost so wie Westwinde bringen in den Wintermonaten, Mai, Juni,
Juli und August meist Regen, dies scheint wenigstens in Santjago der
Fall zu sein.

_Wolken und Regen_ sind whrend des Sommers im Flachlande von Chile
eine Seltenheit, d.h. fr den mittleren Theil von Chile. Gegen Norden
wird Regen berhaupt immer seltener, whrend es gegen Sden so
z.B. in Valdivia, auch des Sommers regnet. Ausnahmsweise und als eine
Seltenheit zu betrachten, kmmt aber auch in Valparaiso bisweilen im
Sommer Regen vor. So fiel whrend meiner Anwesenheit daselbst am
4. December des Abends 6 bis 9 Uhr ein heftiger Regen.

Uebrigens findet eben daselbst auch im Sommer des Morgens Nebelbildung
statt, welche aber bald verschwindet und einem heiteren wolkenfreien,
tiefblauen Himmel Platz macht.

Ich habe in Valparaiso vom 18. bis 31. August 1849 7 heitere,
4 bewlkte und 3 Regentage verzeichnet. Im September 18 heitere Tage,
9 mehr oder weniger bewlkte und drei Regentage.

Beobachtungen von Santjago vom Jahre 1849 ergeben Folgendes:
Mrz 24 heitere Tage und 7 bewlkte, aber kein Regen.

_Mai_ 15 heitere Tage, 10 bewlkte, 6 Regentage; whrend aller
Regentage, mit Ausnahme eines einzigen, Nordwind.

_Juni_ 14 heitere Tage, 7 bewlkte, 7 Regentage und diese mit stetem
Nordwind.

In Valparaiso und auf der Cordillera habe ich tglich Thau getroffen,
auf dem Flachlande fllt wohl auch Thau, aber wie es scheint, nicht
tglich.

_Gewitter_ finden im Flachlande und an der Kste nie statt, und es
giebt in Chile Menschen genug, welche nie donnern hrten, das heit
oberirdisch, wenn man so sagen darf. Desto hufiger aber hrt man dort
das dumpfe Rollen unterirdischen Donners. Auf der Cordillera und in den
Vorbergen derselben hingegen treten Gewitter auf, und ich selbst habe
dort im November eines beobachtet.

Es geht aus diesen Notizen hervor, da der Trockenheitszustand der Luft
in Chile, namentlich whrend des Sommers, ein ziemlich hoher sein mu,
und dieser Trockenheit so wie den regelmigen Winden mag vielleicht
zum groen Theile zugerechnet werden knnen, da dort im Verhltni
zu anderen Lndern so wenige Krankheiten herrschen und Chile als eines
der gesndesten Lnder betrachtet werden darf.

Alle jene verderblichen Seuchen der alten und neuen Welt: Pest,
Cholera, gelbes Fieber, sind in Chile unbekannt; eben so kommen keine
Wechselfieber vor, und der Typhus, diese continuirliche Geiel so
vieler greren Stdte des alten Festlandes, fehlt ebenfalls. Doch
versteht sich wohl von selbst, da nicht alle Krankheiten fehlen;
so tritt Phthisis und Tuberkulose auf, Icterus und Gallenkrankheiten
berhaupt werden getroffen, und Entzndungen im Allgemeinen. Auch
jene Krankheitsform, deren Genius eigentlich lngst von der Erde
verschwunden und welche nur durch Leichtsinn und Unvorsichtigkeit
knstlich forterhalten wird, die Syphilis, wird dort getroffen, wie
allenthalben auf der Erde. Aber auch ihr Verlauf ist gutartig und die
primren Formen heilen hufig von selbst.--

Jedes Individuum vielleicht hat seinen moralischen Hemmschuh, sei es nun
eine Idee, welche strend ihm entgegentritt, wenn er sich auf
hheren Standpunkt emporzuschwingen versucht, sei es irgend eine
Persnlichkeit, welche wie Blei an seinen Sohlen hngt und hheren
Aufschwung verhindert. Diese wohlthtige Einrichtung ist von der
gtigen Vorsehung ohne Zweifel deswegen getroffen worden, damit der
Mensch nicht allzu glcklich und endlich auch allzu bermthig werde.

Auch ganze Landstriche und Vlkerschaften sind auf solche Weise,
gleichsam durch Compensation, gegen allzu groes Glck und hieraus
entspringenden Uebermuth geschtzt. Hier tritt das gelbe Fieber
oder die Cholera schtzend auf, dort reichliche Steuern und hchst
umsichtige Polizei, in einem dritten Lande sorgen wohlthtige Smpfe,
in einem vierten periodisch wiederkehrende grere Aufstnde und
Revolutionen dafr, allzugroes Glck zu modificiren. Chile hat
Nichts von allem dem. Dafr aber hat es die Erdbeben. Ich wei nicht,
ob irgend ein Land existirt, in welchem so hufige Erdste vorkommen
als eben dort. Viele Erschtterungen sind so leise, da sie nur
von denen empfunden werden, welche im Lande geboren sind, oder doch
wenigstens lngere Zeit sich dort aufgehalten haben, und solche
Erschtterungen sind vielleicht hufiger als man im Allgemeinen meint;
denn man spricht kaum von ihnen und zudem werden sie nicht an allen
Orten gleich stark gefhlt, so da in ein und derselben Stadt selbst
Kundige einen Erdsto gar nicht fhlen, whrend in einer andern
Strae die Menschen aus den Husern rennen mit dem gewhnlichen Rufe
=il tiembla!=

Strkere Erdste, welche in greren Bezirken allgemein gefhlt
werden, bei welchen Flaschen, Glser, Teller und andere Gegenstnde
auf den Tischen wackeln, wohl auch herabgleiten, und bei welchen
vielleicht auch irgend eine bereits schadhafte Mauer vollends
einstrzt, knnen im Durchschnitte etwa alle 14 Tage bis 3 Wochen
erwartet werden. Ich finde in meinem Tagebuche whrend meines
Aufenthalts in Valparaiso leichtere Erdste, welche aber allgemein
gefhlt wurden, und Schrecken erregten, folgende verzeichnet.

  Am 26. August,  Abends   6    Uhr.
   " 31.   "        "      5     "
   "  8. Septbr., Morgens 10     "
   "  2. October,    "     4    "

Dieser letzte Erdsto hielt sicher 5 bis 6 Sekunden an und war von
unterirdischem Donner begleitet. Der bedeutendste Erdsto aber, welchen
ich in Valparaiso empfand, war am 20. Januar 1850 des Abends 8Uhr.
Bei heftigem unterirdischem Donner fand zugleich eine so heftige
schttelnde Bewegung statt, da in einigen Husern die Lichter von
den Tischen fielen, und ebenso Glser und andere Gegenstnde. Auch
die im Hafen liegenden Schiffe empfanden den Sto bedeutend und der
Obersteuermann des Dockenhuden glaubte, das Ankertau sei gesprengt. In
Copiapo soll dieser Erdsto Schaden gethan haben; man geht indessen
leicht ber solche Unflle hinweg, sind sie einmal vorber, trotz des
Schreckens der sich der ganzen Bevlkerung bemchtigt, sobald nur ein
leises Beben der Erde gefhlt wird.

Aber dieser Schrecken ist sehr natrlich und leicht zu verzeihen, wenn
man bedenkt, da Niemand wissen kann, ob diesem leichten Erdstoe
nicht im andern Augenblicke ein heftiger folgt und vielleicht schon in
einigen Minuten die Stadt in Trmmern liegt und die halbe Bevlkerung
erschlagen unter denselben. So luft bei der leisesten Erschtterung
Alles unter dem Rufe: =il tiembla!= aus den Husern und bleibt auf
der Mitte der Strae stehen, um wenigstens fr den ersten Augenblick
vor dem Erschlagen durch das etwa einstrzende Haus gesichert zu sein.
Alle Arbeiten, alle Geschfte werden im Momente unterbrochen. Zarte,
zrtliche, aber auch hchst unzarte, wenn gleich nothwendige Dinge,
sind suspendirt mit dem Rufe =il tiembla= oder wohl auch =Santa
Maria purimissima!= den vorzugsweise das schne Geschlecht gebraucht.
Natrlich nimmt man auf das Kostm keine Rcksicht, und so finden
sich sonderbare Gruppen auf den Straen, wenn etwa des Nachts eine
Erschtterung sich kund giebt. Denn auch zur Nachtzeit und selbst
im Schlafe liegend, fhlt man leicht, ja besser als bei Tage, eine
unbedeutende Erschtterung der Erde, da eine solche auf den Liegenden
strker reagirt, als auf den, welcher steht oder sich fortbewegt, ohne
Zweifel weil eine grere Oberflche des Krpers direkt mit der Erde
in Berhrung ist.

Es ist brigens eine eigenthmliche Empfindung um einen solchen
Erdsto. Man ist gewohnt, die alte Mutter Erde wenigstens fest
und zuverlssig unter sich zu wissen, mag auch im Leben uns schon
mancherlei perfid gewankt und gewichen sein, auf welches wir ebenfalls
Huser bauen zu knnen vermeinten. Da bewegt sich pltzlich
convulsivisch der Boden unter uns, und der dumpf zu unseren Fen
grollende Donner giebt Zeugschaft von gewaltigen Krften, welche
vielleicht schon im andern Augenblicke zerstrend, ja vernichtend
auftreten. Das Unheimliche der Erscheinung wird durch den gleichzeitigen
Angstruf der ganzen Bevlkerung vermehrt, und durch das Heulen der
smmtlichen Hunde. Die dauert einige Sekunden. Dann lautlose Stille.
Folgt ein zweiter Sto? Wird ein wirkliches Erdbeben mit allen seinen
Schrecken, allen seinen Verwstungen eintreten? Aber schon nach einigen
Minuten ist scheinbar Alles vergessen und Jeder geht wieder an das
unterbrochene Geschft oder schickt sich an, das gestrte Vergngen
fortzusetzen. Es war nur ein Temblor, kein Terremoto, nur ein leichtes
Erzittern der Erde, kein _Beben_ derselben.

Die Ursache aller Erderschtterungen in Chile vom leisen, kaum
fhlbaren Erzittern der Erde bis zu Wochen, ja Monate lang anhaltenden
heftigen, Alles zerstrenden, wirklichen Erdbeben, ist unschwer zu
errathen. Das ganze Land ruht auf einem ungeheuern vulkanischen
Herde und die gegenwrtigen Erschtterungen sind Nachklnge jener
gewaltigen Katastrophe, whrend welcher Chile und wohl der grere
Theil der Westkste emporgehoben wurde.

Die Vulkane der Andeskette sind als die Feueressen zu betrachten, durch
welche jene unterirdischen Feuer mit der Atmosphre in Verbindung
stehen. Fast ununterbrochen sind sie in Thtigkeit und geben Zeugni
von den Reactionen, welche in der Tiefe vorgehen mssen.

Es sind in Chile zwei Erfahrungen in Betreff der Erdbeben gemacht
worden, wodurch man beilufig im Stande ist zu vermuthen, ob in der
nchsten Zeit ein Erdsto von einiger Intensitt erfolgen wird.
Die ist einmal das lngere Aussetzen irgend einer Erschtterung
berhaupt, und zweitens eine gewisse Ruhe der Vulkane. Obgleich
bei greren Erdbeben das Volk leicht geneigt ist, ein gttliches
Strafgericht in demselben zu erblicken, glaubt man doch allgemein, da
lngere Ruhe einen heftigeren Sturm verkndet.

Man kann annehmen, da durch irgend einen Vorgang jene Kanle
verstopft worden sind, welche aus dem Innern der Erde zu den Vulkanen
fhren, so da deren Thtigkeit gegen auen auf einige Zeit gehemmt
wird, whrend in der Tiefe indessen die colossale Wechselwirkung
chemischer Krfte keineswegs stille steht, sondern Massen von Gasen
anhuft, welche nicht mehr entweichen knnen, da ihre Abzugskanle
gesperrt sind. Ein gewaltsamer Ausbruch an irgend einer Stelle, und eine
mehr oder weniger heftige Erschtterung der Erdkruste, welche jenem
unterirdischen Feuer zur Decke dient, ist die natrliche Folge.

Es ist eine in Chile lange Jahre hindurch besttigte Erfahrung, da
durch keinerlei andere Vorlufer ein Erdbeben angezeigt wird. Kein
meteorologisches Phnomen, keine Schwankungen des Barometers zeigen sie
an. Unmglich kann ich hier auf Ursache und Wesen der Erdbeben nher
eingehen, aber ich will als Beweis des eben Gesagten die Beobachtung
anfhren, welche Herr Louis Troncoso in der Serena von Coquimbo in
den ersten Monaten des Jahrs 1849 angestellt hat. Domeyko hatte in den
Jahren 1838 bis 1842 den mittleren Barometerstand (reducirt auf 0)
fr dort auf 759.35 festgestellt.

Troncoso beobachtete nun whrend der Erdste folgende, ebenfalls auf
0 reducirte Barometerstnde:

  Erdsto am  7. Januar,  Morgens 11     Uhr:  759.70.
    "     "  29.   "      Abends   8      "    759.20.
    "     "   4. Februar, Mittag   1     "    759.20.
    "     "  21.   "      Abends   8     "    759.50.
    "     "   1. Mrz,    Morgens  3     "    759.80.
    "     "  18.   "      Morgens  5     "    760.60.
    "     "   8. April,   Morgens  5     "    759.50.
    "     "   9.   "      Morgens  6     "    759.90.
    "     "  23.   "      Abends   5      "    759.60
    "     "  30.   "      Abends   8      "    760.40.

Alle Erdste treffen also hier mit einem mittleren Barometerstande
zusammen, oder vielleicht sogar, wenn man will, mit einem der die
mittlere Hhe ein wenig bersteigt.

Ich gestehe, da ich egoistisch genug war, fr die Dauer meines
Aufenthalts in Chile mir einen etwas deutlich ausgesprochenen Erdsto
zu wnschen. Da aber blo ein einziges Haus einfiel, whrend der
Erschtterung vom 14. November, so kann ich nicht sagen, da mein
Wunsch erhrt worden und ich vermag nicht als Augenzeuge die Vorgnge
zu schildern, welche bei einem grern Erdbeben stattfinden.

Aber ich will einige Beobachtungen anfhren, welche =Dr.= Miguel in
Chile whrend des berchtigten Erdbebens vom Jahre 1822 angestellt
hat. Sie sind, wie ich glaube, in Europa noch wenig in ihrem Detail
bekannt, und vorzugsweise dewegen merkwrdig, weil jenes Erdbeben so
heftige Einwirkung auf den Gesundheitszustand der gesammten Bevlkerung
ausbte.

Es war, sagt =Dr.= Miguel, eine heitere, liebliche November-Nacht. Die
Atmosphre war klar und hell, und der herrliche Himmel von Santjago
erschien in seiner ganzen imponirenden Pracht. Der Mond stand in der
Mitte seines ersten Viertels, aber die Sterne leuchteten so hell und
glnzend, da man alles deutlich erkennen konnte. Das Barometer
stand 28''2''', und das Thermometer 70 Fahrenheit und zugleich war
vollstndige Windstille.

Da zeigte sich pltzlich um 10 Uhr und 37 Minuten, ohne da irgend
ein Gerusch oder ein anderes Zeichen vorangegangen wre, ein heftiges
Schtteln der Erde, mit einer starken, wellenfrmigen Bewegung
derselben von Ost nach West, und die Ste waren so heftig und
gewaltsam, da man nur mit Mhe festen Fu behalten konnte. Die
grte Strke der Erscheinung dauerte zwei Minuten und 30 Sekunden,
whrend welcher Zeit die Erde keinen Augenblick ruhig war, aber das
eigentliche Erdbeben dauerte fast an zwei Monate und es erfolgten
whrend dieser Zeit 20 sehr starke Erschtterungen und 150 nicht so
heftige.

Man kann sich denken, welcher Schreck, welche Verwstung entstand,
zudem da an andern Orten die Erscheinung mit noch grerer Intensitt
auftrat, so z.B. in Valparaiso, in Casablanca, Illapel und la
Ligua, welche smmtlich fast gnzlich zerstrt wurden, und wo ber
zweihundert Menschen ihr Leben verloren.

Bald nach den ersten Sten wurde die Luft trbe und dunstig, was
etwa 16 Stunden anhielt, und 6 Stunden lang fiel ein heftiger und
starker Regen; zugleich spaltete sich an vielen Orten der Boden und es
ergo sich aus den Rissen dunkelgefrbtes und belriechendes Wasser;
an andern Orten drang aus den Spalten auch Feuer hervor. Am 20.
November des Morgens um 3Uhr fuhr von der Cordillera aus eine groe,
hell-leuchtende Feuerkugel[42] ber das Land hinweg auf die See zu;
diese Erscheinung wurde allgemein beobachtet, da Niemand sich unter Dach
zu bleiben getraute, und Alles auf freiem Felde verweilte. _Whrend_
des Erdbebens wurde an mehreren Orten ein sehr bedeutendes Fallen des
Barometers beobachtet, zugleich zeigte die Magnetnadel die heftigsten
Schwankungen und drehte sich ohne stille zu stehen, mehrmals um ihre
eigene Axe, sobald sehr heftige Ste erfolgten. Hchst interessant
ist ferner, da whrend der zwei Monate, so lange das Erdbeben
dauerte, die Nadel eine ganz auergewhnliche Zunahme der Inclination
zeigte, und es wurde die nicht nur in Santjago, sondern auch im Hafen
von Valparaiso von mehreren Kapitnen bemerkt.

In den warmen Bdern von Cauquenes und Colina setzten mehrere Quellen
aus, vernderten seit jener Zeit ihre Temperatur betrchtlich, und
einige derselben blieben auch gnzlich aus; an andern Orten aber kamen
pltzlich neue Quellen zum Vorschein. Whrend aber allenthalben der
Boden Risse und Spalten bekam und berhaupt im Lande alles in Aufruhr
und die Natur in der lebhaftesten Action begriffen war, zeigten die
Vulkane, welche man von der Stadt aus beobachten konnte, nur eine
geringe Thtigkeit und _vor_ dem Erdbeben waren sie ganz ruhig.

Dies sind die vorzglichsten Erscheinungen, unter welchen das Erdbeben
auftrat, aber die interessantesten Mittheilungen macht =Dr.= Miguel, der
zu jener Zeit Hospitalarzt in Santjago war, ber den Einflu, welchen
die ganze Masse jener furchtbaren Ereignisse auf die ganze Bevlkerung,
und auf den Gesundheitszustand derselben hervorrief.

Fast zu allen Zeiten hat man die Erfahrung gemacht, da hnliche
Phnomene und Ereignisse, welche ein ganzes Volk in heftigen
Schreck oder Entmuthigung versetzten, theils eigenthmliche Seuchen
hervorriefen, theils den Charakter schon bestehender Krankheiten hchst
bedrohlich verschlimmert haben, und die sogleich folgenden Angaben von
Miguel besttigen jene Wahrnehmung vollkommen.

Dyssenterie, welche vor jener Zeit gutartig und selbst wenig verbreitet
war, nahm einen bsartigen Charakter an und wurde epidemisch. Das
Aneurisma wurde zur wahren Geiel von Santjago. Whrend der 48
Stunden, in welchen die heftigsten Erdste folgten, zeigten sich
in medicinischer und chirurgischer Hinsicht die eigenthmlichsten
Modificationen. Es zeigten sich heftige Fieber mit Schttelfrsten und
darauf folgenden Delirien. In verschiedenen chirurgischen Fllen,
wo blos leichte Geschwre vorhanden waren, traten pltzlich
rothlaufartige Flecken auf, welche sich rasch ber den ganzen Krper
verbreiteten und gewhnlich ging dieses Rothlauf in Gangrn ber und
es erfolgte der Tod.

Derselbe Fall fand statt, wenn nur irgend eine geringfgige Operation
gemacht wurde. Es erfolgten rothlaufartige Erscheinungen, Gangrn und
meist der Tod.

Vorzglich waren es die Wchnerinnen, welche diesem Uebel unterworfen
waren, und in ganz kurzer Zeit starben allein 67 Frauen, welche alle
den hheren Stnden angehrten. Die Neugeborenen folgten ihnen,
indem sich die Krankheit, von der Nabelschnur ausgehend, rasch ber
den ganzen Krper verbreitete. Kinder, welchen man kleine Lcher zum
Tragen der Ohrringe gestochen hatte, starben hufig und rasch unter
hnlichen Erscheinungen, kurz es zog die unbedeutendste Verwundung,
welche sonst in einigen Tagen vollkommen heil gewesen wre, zu jener
Zeit rasch den Tod nach sich. Ein ganz interessanter Fall ist aber
noch folgender. Die eigentliche Hundswuth war vor dieser Zeit in Chile
unbekannt. Es trifft sich wohl, da hie und da ein Hund oder ein
anderes Thier von einer hnlichen Krankheit befallen wird. Man nennt
in Chile das Thier alsdann nrrisch, es luft wie toll umher
und beit ohne Unterschied Thiere und Menschen. Aber diese Biwunden
zeigen nicht die eigenthmlichen Erscheinungen der Hundswuth und die
Gebissenen genesen vollstndig und ohne Folgen in kurzer Zeit. Zur Zeit
des Erdbebens indessen wurde ein Franzose in Santjago von einem Schweine
in den Finger gebissen. Die erwhnten rothlaufartigen Erscheinungen
traten nach 24 Stunden ein, nach drei Tagen bereits war Gangrn
eingetreten, und der Kranke starb unter allen Zeichen der vollstndig
ausgebildeten Hundswuth.

Sobald das Erdbeben aufgehrt hatte, verschwanden schnell alle
Krankheiten, welche whrend desselben aufgetreten waren und die, welche
schon vorher bestanden hatten, verloren vollstndig ihren bsartigen
Charakter.

Da alle diese furchtbaren Erscheinungen, zu welchen sich noch
Nervenleiden aller Art gesellten, eine Folge des Erdbebens gewesen,
unterliegt wohl keinem Zweifel; ob sie indessen durch einen
eigenthmlichen Zustand der Atmosphre whrend jener Zeit
hervorgerufen worden sind, oder ob sie, wenn man so sagen darf, durch
die moralische Einwirkung der Angst und des Schreckens auf das Gemth
entstanden sind, kann hier nicht untersucht oder nher errtert
werden.

Aber ich habe diese Schilderung mitgetheilt, um zu zeigen, wie allgemein
und bis zu welchem hohen Grade das Unglck des ganzen Landes gesteigert
werden kann beim Eintritt einer solchen Katastrophe, und da jeden
Augenblick sich solches ereignen kann, mag die Furcht, welche sich auch
bei einem leichten Erdstoe uert, wohl entschuldigt werden.--

Ich will noch kurz einer Erscheinung erwhnen, welche einigermaen
verwandt mit dem Erdbeben ist, ich meine das _Leuchten der Vulkane_.

Man hat, so viel mir bekannt ist, dieses Phnomen blos bei den
Vulkanen eines Theils der Andeskette wahrgenommen, und es ist noch
nicht erklrt, warum es nicht auch bei anderen Feuerbergen getroffen
wird[43]. Ich habe dieses Leuchten in Valparaiso und Santjago und selbst
auch von See aus gesehen. Spter beobachtete ich es auch in Bolivien.
Es lt sich ganz gut mit dem sogenannten Wetterleuchten vergleichen,
und es ist leicht mglich, da ein flchtiger Beobachter beide
Erscheinungen verwechselt. Indessen finden zwei Kennzeichen statt,
welche bei nherer Beachtung beide Phnomene gut unterscheiden lassen.
Das Leuchten der Vulkane, so gut wie das Wetterleuchten, ist eine
sekundenlange Erleuchtung des Horizontes, mehr oder weniger intensiv
und stets auf eine, nicht sehr bedeutend groe Stelle des Himmels
beschrnkt. Fast immer aber findet das Wetterleuchten am _Rande_ des
Horizontes statt, so da dasselbe scheinbar _hinter_ dem Walde, Berge,
oder dem Gegenstande, welcher eben die Grenze des Horizontes bildet,
herzukommen scheint, oder wenigstens hinter den Wolken, welche
vielleicht oberhalb jener Berge am Himmel aufgestiegen sind. Knnte man
die Erscheinung fixiren, so wrde sie mehr oder weniger einen Halbkreis
bilden. Das Leuchten der Vulkane aber an Intensitt und Zeitdauer einem
schwachen Wetterleuchten hnlich, tritt _abgegrenzt_ am Horizonte auf,
als eine Lichterscheinung, welche sich der kreisrunden Form nhert,
hnlich dem Wiederscheine einer nicht sehr entfernten Feuersbrunst.
Dies ist wenigstens der Fall, wenn man einen einigermaen entfernten
Standpunkt vom Orte des Entstehens hat, so etwa von Valparaiso aus gegen
die Andes-Kette zu; dicht am Gebirge selbst hingegen wird es hnlich
dem Wetterleuchten gesehen, und scheinbar hinter den Bergen ansteigend.

Der andere Unterschied ist die Stelle des Himmels, der Ort, wo das
momentane Aufblitzen stattfindet. Das Wetterleuchten, ohne Zweifel
entfernter Blitz oder wenigstens eine sehr verwandte hnliche
Erscheinung, findet nach allen Richtungen des Horizontes hin statt,
bald hier, bald dort, und eben in der Himmelsgegend, in welcher der
elektrische Proce auftritt. Aber das Leuchten der Vulkane ist stets
auf eine bestimmte Stelle des Himmels beschrnkt, und wird, in so
vielen Nchten man es auch beobachtet, stets an ein und derselben
Stelle gesehen, wenn der Beobachter seinen Standpunkt nicht verndert.

Befestigt man ein Rohr, etwa von Pappe, an irgend einen Gegenstand und
richtet dasselbe auf den Mittelpunkt der Lichterscheinung, so kann man
alle folgenden Nchte, in welchen sie berhaupt auftritt, auch genau
dieselbe wieder durch das Rohr beobachten.

Es geht also das Licht stets von ein und derselben Stelle aus.

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, wie sich die Erscheinung dem Auge
darstellt. Sie ist ein momentaner Lichtblitz, der sich oberhalb des
Kraters eines Vulkanes am Himmel zeigt. Durch Meyen, welcher in der
Nhe beobachten konnte, ist dies hergestellt, und durch die allgemeine
Stimme in Chile besttigt, indem man dort davon als von einer
ausgemachten Sache spricht. Meyen hat whrend des Aufleuchtens einen
feurigen Klumpen aus dem Vulkane emporschleudern und wieder in
denselben zurckstrzen sehen, zu anderen Zeiten hrte er ein dumpfes
Gerusch, welches er mit entferntem Donner vergleicht.

Da ich, wie schon gesagt, zu entfernt von dem Orte des Entstehens war,
bemerkte ich Nichts derartiges, aber ich habe anhaltend viele Nchte
hinter einander, und dies fast whrend meines ganzen zweiten und
dritten Aufenthaltes in Valparaiso, und eben so in Santjago, das
entfernte Leuchten selbst beobachtet. Spter in der Algodonbai in
Bolivien, habe ich es mit Ausnahme ganz heller Mondnchte ebenfalls
tglich gesehen, und dort wie in Valparaiso fand das Aufblitzen in
Intervallen von 10 bis 12 Minuten statt. Einmal war das Licht
strker, ein ander Mal wieder schwcher, indessen ohne alle bestimmte
Reihenfolge. Ich wurde in der Algodonbai durch den Wiederschein
aufmerksam gemacht, welchen das Licht am Tauwerke des Schiffes
hervorbrachte, und welchen ich wahrnahm, indem ich der leuchtenden
Stelle am Horizonte den Rcken zukehrte. Dort schien das Licht hinter
den Bergen hervorzukommen, da das Schiff sehr nahe am Lande, und dicht
an dem ziemlich hohen Kstengebirge lag, und es ging das Leuchten
wahrscheinlich von dem Vulkane Acongagua aus, welcher in jener Richtung
lag. In Valparaiso aber, wo es von der hohen Cordilla Chile's herkam,
betrug seine scheinbare Hhe oberhalb des Horizonts einige Grade.

Ich glaube, da die Erscheinung bedingt ist durch die feurigflssige
Lava im Innern des Kraters, welche von Zeit zu Zeit aufblitzt. Naumann
hat in seinem vortrefflichen Handbuche der Geognosie hierauf
hingewiesen und ich habe bereits in Chile gegen Landsleute das Gleiche
ausgesprochen. Vielleicht ist das pltzliche momentane Erglhen von
einem elektrischen Processe bedingt, welcher auf der Oberflche der
Lava vor sich geht, vielleicht aber rhrt es von Gasmassen her, welche,
von unten emporsteigend, die Lava durchdringen, dieselbe in Bewegung
setzen, und tiefere, heller erglhende Partien derselben an die
Oberflche bringen.

Unter allen Verhltnissen aber ist es immer interessant, da bis jetzt
blos bei den Feuerbergen der Andes-Kette dieses Leuchten beobachtet
worden ist. Es lt sich hieraus vielleicht auf eine hchst intensive
Thtigkeit des unterirdischen Gesammtherdes vulkanischer Thtigkeit
schlieen, vielleicht aber sind auch Ursachen im Spiele, welche man
bis jetzt nicht vermuthet hat, z.B. Detonationen von Gasarten, oder
Aehnliches.

_Kosmische Erscheinungen,_ welche ich in Chile beobachtet, habe ich nur
wenige anzufhren. Ich habe schon von der Intensitt berichtet, mit
welcher auf der hohen Cordillera das Zodiakallicht auftritt, ich mu
aber hier noch beifgen, da auch im Flachlande von Chile dasselbe
schn und leuchtend gesehen wird, wenngleich nicht in jener
Lebhaftigkeit und Lichtstrke wie auf dem Gebirge.

In Betreff der Sternschnuppen kann ich nicht behaupten, da dieselben
eben hufiger gewesen als bei uns, oder berhaupt in hheren
Breitegegenden. Aber sie schienen mir leuchtender aufzutreten und
zugleich niedriger zu gehen.

Die letzte Beobachtung hat schon Meyen gemacht und er spricht von
einer Sternschnuppe, welche er am Fue der Cordillera von Rancagua
beobachtete, und welche so tief ging, da sie in den Schatten der
Gebirgskette trat, mithin niedriger als die Spitze des Gebirges selbst
ziehen mute. Ich selbst aber habe mehrmals von der Cordillera aus
Sternschnuppen ber das Flachland von Chile gehen sehen, welche
mindestens in gleicher Hhe mit dem Standpunkt, auf welchem ich mich
befand, dahinzogen. Dies knnte eine Tuschung sein, allein da nur
dieses niedrige Ziehen der erwhnten Meteore fr einen greren
Theil der Westkste stattzufinden scheint, so will ich hier gleich
einer Erscheinung erwhnen, welche ich im Hafen von Callao beobachtet
habe, und wo eine hnliche Tuschung nicht wohl mglich war.

Es senkt sich dort meistens des Abends eine wolkenhnliche Nebelschicht
abwrts, sowohl ber die See, als auch ber das Kstenland. Als
wir im Monate Mrz (1850) dort vor Anker lagen, und die Nebel, sich
in dichten Massen herabsenkend, bald die Gipfel der Felsen-Insel St.
Lorenzo erreicht hatten, zog etwa 8 bis 10 Minuten nach Sonnenuntergang
eine Sternschnuppe von Sdost nach Nordwest deutlich unterhalb der
Nebelschicht und zwar nicht mit funkensprhendem Schweife, aber
doch hell und mit rthlichem Lichte leuchtend dahin. Doch konnte die
Erscheinung, welche mit groer Schnelligkeit dahin fuhr, kaum lnger
als eine Sekunde beobachtet werden. Die Hhe der Insel Lorenzo ist mir
zwar nicht genau bekannt, aber wohl schwerlich war die Nebellage hher
als 3000 Fu vom Meeresspiegel entfernt, und es mute daher das Meteor
in dieser Hhe gezogen sein.

Wenn man dies, so wie die anderen niedrig gehenden Sternschnuppen, nicht
als eine Ausnahme betrachten will, so wei ich sehr gut, da es
nicht mit der herrschenden Ansicht ber den kosmischen Ursprung dieser
Meteore zusammenpat, an einem bestimmten Theile der Erde ein so nahes
Vorbergehn oder vielleicht hufigeres Herabstrzen auf dieselbe
anzunehmen, als anderswo. Ich selbst hnge jener Ansicht vom kosmischen
Ursprunge der Sternschnuppen an, aber nichts desto weniger mute ich
dennoch berichten, was ich wahrgenommen habe.

       *       *       *       *       *

Die geographischen Verhltnisse Chile's berhaupt und ein Theil der
meteorologischen Erscheinungen, welche dort auftreten, haben in mir die
Idee hervorgerufen, da Chile, so wie berhaupt ein Theil der brigen
Westkste, ein noch verhltnimig junges Land ist.

Es wird dies besttigt durch die sprliche Fauna, welche dort
angetroffen wird. Ich habe von Chile, mit Einschlu der hohen
Cordillera, 2 Echinodermen, etwa 10 Species von Molusken, Insekten an
100 Arten, 6 Krebse und eine geringe Anzahl von Amphibien mitgebracht.
Von Vgeln 70 und etliche Arten, Sugethiere hingegen nur 7 Species.

Selbst in den dichten und feuchten Wldern von Valdivia habe ich nur
einige Insekten gefunden, obgleich mir, dem frheren eifrigen Sammler,
die Fundorte wohl bekannt waren. Die Land- und Sdwasser-Schnecken, und
eben so die Amphibien, sind sprlich vertreten. Auch Sugethiere sind
nur wenige vorhanden. Nur die Vgel reprsentiren ziemlich zahlreich
das Thiergeschlecht.

Ohne weiter einzugehen auf das Entstehen der Thierwelt in einem neu
entstandenen, aus den Fluthen des Meeres durch vulkanische Krfte
gehobenen Lande, fllt doch sogleich in die Augen, da die
gegenwrtig in Chile bestehende Fauna die Ansicht von der nicht langen
Existenz des Landes untersttzt. Der Sugethiere sind wenige, und von
diesen mgen die Puma, das Guanaco, der Cordillera-Fuchs, und selbst
einige der auf dem Gebirge lebenden Rattenarten ber das letztere
selbst von der Ostkste hergekommen sein. Ihnen wenigstens waren jene
Schneemauern und Schluchten der Andes-Kette keine unbersteiglichen
Hindernisse.

Ein gleicher Fall findet mit den reichlicher vertretenen Vgeln statt,
und ein groer Theil derselben kann sehr wohl ber die Cordillera
in das neue Land gekommen sein. Die Insekten aber, die Amphibien und
Molusken, fr welche die Andes-Kette mit ihren Schneefeldern wohl
eine unbersteigliche Scheidewand gebildet hat, und welche in geringer
Anzahl gegen andere Lnder unter gleichen Breitegraden vorhanden,
besttigen jene Theorie von der Jugend des Landes, welche sich mir
unwillkrlich aufgedrngt hat.




XI.

Die Fahrt nach der Algodonbai (Bolivia).


Am 24. Jaunar verlieen wir den Hafen von Valparaiso. Da ich, wie man
wei, auf dem Dockenhuden bereits heimisch, war meine Einrichtung bald
getroffen. Doch wurde mit Vorsicht verstaut, und eine Menge Gegenstnde
muten zur Hand bleiben, da noch mehrere Hfen zu besuchen waren, und
namentlich in der Algodonbai gesammelt werden sollte.

Ich hatte eine ganz nette Koje fr mich allein, neben der
gemeinschaftlichen Kajte und der des Kapitains gegenber. In einem
Vorraum, durch welchen man in die Kajte gelangte, schliefen die beiden
Steuerleute und ein Kapitain Mller, welcher als Passagier mit uns die
Reise machen sollte, da er sein Schiff in Californien verkauft hatte.
Whrend ich noch mit zweckmiger Vertheilung von hundert Flaschen
Ale beschftigt war, die ich zu meinem Privatgebrauche an Bord
gebracht, entstand auf Deck und im Raume ein wahrer Hllenlrm.
Fluchen und Gelchter, Zank und Bitte, dazwischen Weibergekreische,
Alles zusammen halb spanisch, halb deutsch, bildete jenes verworrene
Toben, dessen Ursache ich, auf Deck eilend, alsbald erfuhr.

Wir hatten als Passagiere im Zwischendeck etwa 30 Chilenen, welche
als Arbeiter in die Kupferminen der Algodonbai gehen sollten. In den
dortigen Werken wird unter den Arbeitern kein Weib geduldet. Da in der
Bai berhaupt keine Pflanzen, also auch keine Blumen und Rosen wachsen,
welche in das Leben zu flechten wren, so hat man ohne Zweifel die
Anwesenheit der webenden Frauen fr berflssig gehalten. Vielleicht
hat man die auch prosaischer Weise dehalb gethan, da dort die Kost
und das Wasser schmal, weil alles zu Schiffe dorthin gebracht werden
mu, oder weil man den Frieden in der kleinen Kolonie zu erhalten
trachtet. Kurz -- das barbarische Verbot existirt. Aber whrend
smmtliche Weiber und Freundinnen der zuknftigen Bergleute Abschied
nehmend dieselben an Bord begleitet hatten, waren zwei Stcke dieser
verbotenen Waare im Raume versteckt worden. Einmal auf hoher See hoffte
man das Schmuggelgut an das Tageslicht bringen zu drfen; entdeckt
aber, noch ehe das letzte Boot von Bord ging, wurden die Unglcklichen
aus den leeren Mehlfssern, in welchen sie sich geborgen, gezogen, und
mitleidslos in jenes Boot gebndelt. Beide Opfer treuer Anhnglichkeit
an ohne Zweifel mehr als zwei Gegenstnde, waren etwas wohlbeleibten
Wuchses, und so sahen sie, ber und ber mit Mehl bestubt im Boote
knieend, zwei bayerischen Dampfnudeln nicht unhnlich, welche eben im
Begriffe sind, ihrer letzten Vollendung entgegenzugehen.--

Wir hatten guten Wind, und die Kste bald aus den Augen. Delphine
fanden sich bald ein, uns streckenweise begleitend, auch sahen wir einen
starken Zug Butzkpfe in See, am Bord aber lag das vor Kurzem noch
heitere Vlkchen der chilenischen Begleiter chzend und sthnend,
denn alle waren seekrank.

Am 29. nherten wir uns wieder der Kste und behielten sie im Auge bis
wir Cobija erreicht hatten.

Dort an der Kste von Bolivien tritt der bereits erwhnte sterile
Charakter derselben scharf ausgesprochen hervor.

Steile felsige Abhnge, von 1500 bis vielleicht 3000 Fu Hhe, an
welchen sich eine tobende, donnernde Brandung bricht, und welche
meist direkt in See abfallen, sind der Haupt-Typus derselben. Diese
Felsenberge sind meist rthlich und rthlich-grau, _scheinbar_
theilweise geschichtet und hie und da von Schluchten durchsetzt, deren
Sohlen mit Schutt und Gerll bedeckt sind. Bisweilen fallen aber
jene Berge nicht sogleich in See ab, sondern auf eine halbe oder ganze
englische Meile weit verflacht sich das Ufer der See, und diese Stellen
sind dann mit weien Muschelfragmenten und den gebleichten Knochen
von Robben, Delphinen und Wallfischen bedeckt, die durch Springfluthen
dorthin geworfen worden sind. Jene schwarzen kegelfrmigen Formen,
welche meist der groen Familie des Grnsteins angehren, und deren
ich schon frher erwhnte, stehen dann, sonderbar abstechend von dem
weien Grunde, in Gruppen und bisweilen so eigenthmlich geordnet
dort, da ich anfnglich Baureste einer alten lngst vergangenen Zeit
zu sehen glaubte. Aber auch wo die greren Felswnde direkt in
die See abfallend das eigentliche Ufer bilden, ragen mehr oder weniger
entfernt von denselben, jene spitzen, schwarzen Kegel aus dem Meere
hervor, und dann bricht sich die Brandung mit verdoppelter Heftigkeit
an der Kste, indem eine riesige Welle nach der andern jene Kegel
berstrmt.

Die Mexillones- und Moreno-Bai machen gewissermaen eine Ausnahme
hievon, wenn gleich auch dort keineswegs der Charakter der Wste und
Sterilitt fehlt. Bei der Moreno-Bai erhebt sich ein steiler, wohl
3000 Fu hoher Berg zwar dicht an der See, aber zu beiden Seiten sind
flachere Kstenstriche, welche eine wahre Felsenwste bilden durch
isolirt stehende und aus dem blendend-weien Boden von Muschelgras und
Sand hervorgeschobene Gesteinsgruppen.

Ein hnliches Bild giebt die Mexillones-Bai. Abwechselnd 1 bis
10 englische Meilen weit erstreckt sich hier die sandige Kste
landeinwrts, bis sie durch steilere Abhnge und Felsenhgel begrenzt
wird, wie sie sonst sich an der Kste finden. Es ziehen sich dort lange
Dnen am Ufer entlang, und zwischen ihnen liegt die Mexillones-Bai, in
welche nur selten Schiffe einlaufen um Guano zu laden.

Als wir vorberfuhren an der einsamen Bai, lag ein Schooner in
derselben. Das kleine, dster aussehende Fahrzeug machte einen fast
unheimlichen Eindruck, der noch dadurch erhht wurde, da durch unsere
Fernrohre keine Seele entdeckt werden konnte, und eben so Niemand am
Ufer.

Wohl bedarf es kaum der Erwhnung, welchen Reiz es gewhrt, auf solche
Weise das Bild einer Landschaft vor sich aufgerollt zu sehen, welche,
wenn gleich nur Kstengegend und wstenartig, doch dem Geognosten
vielfaches Interesse bietet. Aber auch abgesehen hievon ist es eine ganz
eigenthmliche Empfindung, im Fluge die lebenden Gebilde einer fernen
Gegend vor sich zu erblicken, von welcher man gehrt und gelesen, und
sich frher zu Hause wohl mancherlei Bilder entworfen. Es ist hier der
Phantasie der reichste Spielraum geboten, aber zugleich bleibt stets ein
gewisses Unbefriedigtsein zurck. Einmal gelandet, treten ganz andere
Motive auf. Alle Thtigkeit entwickelt sich, man hat figrlich und
in der That festen Boden unter sich, nimmt gewissermaen moralischen
Besitz von dem Lande, und etwa vorgefate Begriffe sind rasch
verschwunden vor der auftretenden Wirklichkeit.

Wir liefen am 30. Januar gegen Abend im Hafen von Cobija ein. Derselbe
ist, wie fast alle andern Hfen der Westkste Amerikas, gegen die
Nordwinde nur unzulnglich geschtzt, bietet indessen gegen andere
Winde ziemliche Sicherheit. Die Stadt selbst, der vorzglichste
Stapelplatz Boliviens, ist auf einer jener flachen Kstenparthieen
erbaut, welche etwa eine englische Meile weit vom eigentlichen Ufer der
See, bis an die dann rasch steil ansteigenden Kstenberge reichen. Der
Charakter der Stadt ist ein eigenthmlicher. Mit wenigen Ausnahmen
sind die Huser einstckig und von brunlicher Farbe, weil aus
ungebranntem, nicht bertnchten Lehm erbaut, und mit vollkommen
flachem Dache. Trotz der ziemlich starken Hitze[44] habe ich dort
Huser oder besser _Wohnungen_ gesehen, welche aus Blech construirt
waren, d.h. man hatte das Blechfutter alter Kisten, in welchen Waaren
ber See gebracht worden waren, an einzelne in die Erde gerammte
Pfhle befestigt, so die Wnde, und durch Einschnitte Thren
und Fenster zu Stande gebracht. Es schien zur Zeit meines Dortseins
brigens ziemlich lebhafte Thtigkeit zu herrschen, und an mehreren
Orten wurde gebaut.

Ich glaube nicht, da die Einwohnerzahl 3000 bersteigt und es ist
die Bevlkerung eine ziemlich gemischte. Die eigentlichen eingebornen
Bolivianer schienen mir brauner von Farbe als die Chilenen und Peruaner
zu sein. Indessen bewohnen auch Europer den Platz, und wir wurden von
einem Franzosen freundlich aufgenommen, der meine demnchstige Ankunft
in den Kupferwerken der Algodonbai im Voraus seinem Bruder, einem
dortigen Minenbesitzer, anzeigen lie.

Mit dem Frhsten des andern Tages hatten wir Besuch von den Zollbeamten
und es wurde zugleich die Erlaubni eingeholt, in der Algodonbai vor
Anker gehen zu drfen, denn nur Cobija ist ein Freihafen, und dort
allein knnen alle Handelsschiffe fremder Nationen ohne besondere
Erlaubni einlaufen.

Nach Entfernung der Zollbediensteten besuchten uns mehrere Boote mit
Neugierigen, welche Seltenheiten zu sehen und zu kaufen wnschten.

So hatte eine kleine kugelrunde, ziemlich braun tingirte Senorita, wie
es schien, ihr specielles Vertrauen zu mir, indem sie mich unaufhrlich
frug, ob ich keine =nienterias=, kleine Putzgegenstnde und derlei, zu
verkaufen habe. Ich hatte, wei Gott warum, von Europa aus einen Frack
mit auf die Reise genommen, ein ehrwrdiges Kleidungsstck, gebaut
vor sicher fnfzehn Jahren, und spter durch verschiedene Knstler
retouchirt, d.h. dem jeweiligen Bedrfnisse und den Anforderungen
der Mode angepat. Einige Versuche in Valparaiso in diesem Kleide als
Elegant zu glnzen, waren, ich konnte mir es nicht verhehlen, gnzlich
verunglckt, und so beschlo ich, rasch mit jener Dame einen Handel
abzuschlieen, und brachte den zweiten Reprsentanten europischer
Kultur auf Deck, nachdem ich vorher versichert, das Feinste und Neueste
holen zu wollen, was die Senoritas in Frankreich trgen.

Eine Jacke! sagte die Dame, eine Robe gab ich zur Antwort, die Jacken,
die Fracks haben breite Sche, aber die Roben, wie diese hier,
schmale, zierliche, lange, das ist der Unterschied. Und ich brachte sie
dazu ihn anzuprobiren, indem ich zuthunlich die Camarera machte.

Aber ich sollte nicht das Glck haben die Senorita im schwarzen Frack
an's Land zu schicken. Wie eine im Netze gefangene Lwin blieb sie
stecken in den Aermeln desselben und konnte nur mit Noth wieder befreit
werden. Das Kleid war zu enge fr die Wohlbeleibte, und so schieden
wir, gegenseitig bedauernd, ohne einen Handel abgeschlossen zu haben,
aber im besten Vernehmen.

Ich ging, nachdem uns die Senorita verlassen, ebenfalls an's Land und
machte mit Kapitain Mller einen ziemlich anstrengenden Spaziergang
auf die Berge und die Kste entlang. Es wurden von den schwarzen,
kegelfrmigen Gebilden, welche theils in See, theils am Fue des
Gebirges auftreten, schne Exemplare geschlagen, Grnsteinformen,
meistens aus Apharit und Diorit bestehend, mit wohl unterscheidbaren
Gemengtheilen. In den Aphariten fand ich ausgeschiedene Pyroxen-Partien
und diese umlagern bisweilen strahlenfrmig Granate, so da letztere
gleichsam die Kerne der Pyroxen-Massen bilden. Auch zeolithische
Partien treten auf und geben dem Gesteine alsdann ein mandelsteinartiges
Ansehen.

Es finden sich auch ganz feinkrnige Grnsteinformen ohne alle
Einsprengung und dicht neben den vorhergenannten in ein und demselben
Felsblocke. Aehnliche Erscheinungen aber treten in analogen Gebilden
allenthalben und auch bei uns auf. Als eigenthmlich aber fr jene
Gegend mag schon hier das Auftreten von Kupferchlorur bezeichnet werden.

Dieses in Europa so selten und blo in kleinen, unscheinbaren Stcken
oder als Anflug vorkommende Mineral, wird hauptschlich hier in
Bolivien, vorzugsweise aber in Atakama gefunden, wehalb es auch den
Namen Atakamit erhalten hat. Domeyko zeigte mir in Santjago ein kleines
Stckchen Atakamit als Seltenheit. Ich fand schon an der Kste in
Valparaiso kleine, grne Einsprengungen, welche sich spter
als Atakamit erwiesen, hier aber in Cobija traten schon hufiger
Kupferkiese und nesterweise auch Atakamit in den Grnsteinformen auf.
Auch abgerundete kristallinische Massengesteine z.B. Quarzfels werden,
eingeschlossen von den Grnsteinformen, getroffen. Sie sind ohne
Zweifel von jenem aus der Tiefe mit emporgehoben worden. Ich habe
Feldspath in ihnen gefunden, aber keinen Glimmer, welcher ohne Zweifel
bereits zersetzt worden.

Das hinter diesen Formen ansteigende Gebirge besteht zum grten
Theile aus deutlich ausgesprochenen Porphyren; so wird hufig ein sehr
harter quarzreicher Porphyr gefunden von grau-rother Farbe, auch Eklogit
und Diorit-Porphyr.

Es sind aber jene Massen hufig so wild und verworren durch einander
geschoben, so verschiedenartig in Bestandtheilen und Form, da ihre
nhere Entwicklung vielleicht Jahre erfordern drfte, whrend mir
kaum einige Tage gestattet waren.

Schon hier in Cobija fllt selten oder nie Regen. Man sagte mir, da
etwa alle zwei oder drei Jahre einmal ein leichter nebelartiger Regen
beobachtet werde. Gegen Abend ziehen sich indessen tglich nebelartige
Schichten um die Spitzen des Kstengebirgs, welche dann jene Gipfel
befeuchten. Natrlich ist es, da der Wassermangel, der weiter
gegen Norden an der Kste noch fhlbarer auftritt, auch hier bereits
empfunden wird. So viel ich erfahren konnte, sind blos zwei Quellen in
und um Cobija und die eine derselben soll noch dazu etwas kupferhaltig
sein. Die Flora so wie die Fauna sind in Folge dieser Verhltnisse auf
ein Minimum reducirt. Ich habe eine Libelle gesehen und einige Fliegen,
indessen keinen einzigen Kfer. Ein groer Cactus, der hufig an 20
Fu und wohl noch hher getroffen wird, und einen Durchmesser von
8 bis 10 Zoll hat, wchst sowohl in den Schluchten, als auch auf den
fortwhrend von der Sonne beschienenen Stellen der felsigen Wnde. Ich
glaube, da es weder =Cereus peruvianus= noch =chilensis= ist, sondern
eine andere, vielleicht noch nicht genau bestimmte Species. An den
Stmmen derselben fand ich zahlreich die Gehuse einer Landschnecke,
=Bulimus curtus=, indessen kein einziges lebendes Exemplar.

Hingegen lebt am Strande der See in groer Anzahl eine
Schuppen-Eidechse, welche bisweilen die Lnge eines Fues erreicht.
Diese Thiere sind lebhaft und beien heftig um sich, wenn sie ergriffen
werden. Sie nhren sich von kleinen Seethieren, welche das Meer
auswirft und verbreiten in Folge dessen einen hchst unangenehmen
Geruch. Wir muten mit unseren Stcken die Thiere vertreiben, um uns
an manchen Stellen den Weg frei zu machen, so dicht saen sie bisweilen
auf den Felsen an der Kste, und trotzdem war es nicht leicht eine
lebend zu fangen, da sie mit fabelhafter Schnelligkeit liefen, selbst
sprangen.

Die Schroffheit des Gebirges, der Mangel des Wassers, der Thiere und
der Pflanzen, selbst der Boden, auf dem man steht, und der aus spitzen
Steinen, Sand oder Gerllen besteht, lt schon die Nhe der
Steinwste von Atakama ahnen, welche in der That auch bereits oben auf
den Bergen beginnt, indem sie sich fast drei Breitegrade gegen Sden
und einen gegen Norden erstreckt.

Eine ganz natrliche Doppelfrage ist die, warum Menschen berhaupt
sich in jenem unfruchtbaren Landstriche angesiedelt haben, und von was
sie leben. Aber ich habe schon gesagt, da Cobija der Hauptstapelplatz
fr die Waaren ist, welche zur See nach Bolivien gebracht werden, und
so hat Gewinnsucht dort Fremde und Eingeborene vereinigt, welche ihren
Erwerb dadurch fanden, die dort angelandeten Waaren ber die Wste
nach Potosi zu schaffen.

Leibesnahrung so wie berhaupt Alles, was zum Leben nthig ist,
selbst das Futter fr die Thiere, Maulthiere und Pferde, wird zu Schiff
dorthin gebracht. Die immer mehr in Schwung kommende Dampfschifffahrt
an der Westkste, durch welche leicht und rasch frische Nahrungsmittel
transportirt werden, wird ohne Zweifel vorteilhaft auf den Handel von
Cobija einwirken, und schon jetzt wird ein groer Theil der Victualien
durch Dampfer in den Hafen gebracht. Aber immer noch scheinen enorme
Preise zu herrschen. Ich will nur ein Beispiel anfhren. In Valparaiso
verkauft man 18 bis 20 groe Wassermelonen fr _einen_ Thaler, ich
aber sah in Cobija 68 Stck dieser Melonen fr 114, sage einhundert
und vierzehn Thaler verkaufen. Ob fr Alles analoge Preise gelten, kann
ich indessen nicht angeben. Aber das Einzige, was in der Bai und deren
Umgebung selbst gewonnen wird, sind Fische, und ich glaube, da die
dortigen Fischer noch die Reprsentanten der Ureinwohnerschaft
bilden. Es ist die mnnliche Tracht derselben der bolivianischen und
chilenischen sehr hnlich. Die Frauen aber tragen ein bis an den Hals
reichendes und dort zugebundenes Hemd und einen einzigen Rock, dann noch
bisweilen ein Tuch ber dem Kopf.

Dies lt bei hbschen Gestalten ganz artig, und es ist unnthig
zu sagen, wie Faltenwurf und Formen, zierlich und klar ausgesprochen,
hervortreten.

Wir gingen am zweiten Februar wieder in See und steuerten nordwrts um
in die Algodonbai zu gelangen. Auch hier hielten wir uns stets in
Nhe der Kste, so da ich Profile und Ansichten zeichnen konnte, da
manches Geognostische mir jetzt leicht verstndlich war, weil in Cobija
die verwandten und gleichen Formen nher ermittelt worden waren.

In etwa 4 Stunden hatten wir die Algodonbai erreicht, warfen sogleich
die Anker, und gingen nach kurzer Zeit an's Land.




XII.

Die Algodon-Bai (Bolivien).


Kaum mag es eine angenehmere Art zu reisen geben als eine Kstenfahrt
auf dem Meere. Fr den Naturforscher zwar hinterlt der kurze
Aufenthalt theilweise das Gefhl des Unbefriedigtseins, entschdigend
aber tritt hiefr auf die Menge des Neuen, was auf der andern Seite
sich bietet. So wurde hier auf der Fahrt lngs der bolivianischen
Kste das geognostische Bild von Cobija theilweise ergnzt,
vervollstndigt aber durch den Besuch der Algodonbai. Ein von einer
riesigen Walze abgerolltes Bild der Kste, erklrende Haltpunkte:
Cobija, die Algodonbai!

Es mag eine landschaftliche Schilderung wohl zuerst am Orte sein, und
hier, wo Berge und Felsen das Vorherrschende, ja fast Einzige, darf auch
wohl von ihnen zuerst gesprochen werden.

Der landschaftliche Charakter der Algodonbai ist durchschnittlich jener
der Kste berhaupt, die schon mehrfach geschildert wurde. Aber er
tritt groartiger hervor, wenn man sich am Lande befindet[45]. Dort
erscheint das Gebirge hher und steiler, und die schwarzen, mehrfach
erwhnten vulkanischen Kegel bilden malerische Felsgruppen am Ufer, und
wild pittoreske, oft weit in die See ragende Klippen. Man landet in der
Bai bei Tocopilla, einem in chilenischem Geschmacke erbauten, meist aus
Holz gefgten Gebude, welches ein Nord-Amerikaner bewohnt, der die
Oberaufsicht ber einen Theil der Minen hat. Etwa tausend Schritte
weiter von hier gegen Sd liegt Bella Vista, von einem Minenbesitzer,
Thomas Helsby, einem Englnder, bewohnt. Eine Stunde entfernt von
diesen beiden Ansiedelungen hat sich ein Franzose, Maximien Latrille,
angebaut und seine Besitzung Minecal de Duendas genannt. Wie Bella Vista
und Tocopilla besteht auch sie, natrlich mit Ausnahme der Erzgruben,
blos aus einem Wohnhause und einigen Schuppen, in welchen die Arbeiter,
und wohl auch die Maulthiere und Pferde schlafen. Tocopilla und Bella
Vista liegen hnlich wie Cobija, auf einer flachen Stelle des Ufers,
welche sich vom Wasser bis zu den Bergen etwa hundert Schritte weit
erstreckt. Dann hebt sich rasch ansteigend das Gebirge, und an vielen
Stellen so steil, da das Aufklimmen unmglich. So ist gegen das Land
hin die Aussicht scharf abgegrenzt durch die allerorten sich erhebenden
Felsenwnde, und es scheint hier kaum die Sterilitt sich zu einem
pittoresken Momente erheben zu knnen. Nimmt man aber den Standpunkt am
Fue des Gebirges, oder klimmt wohl auch eine kleine Strecke aufwrts,
und blickt dann gegen die See hin, so entfaltet sich ein wild-schnes,
wenn gleich eigenthmliches Bild.

Schwarze, steile Felsgruppen, gerade in Nhe der Bai besonders mchtig
ausgesprochen, und nicht selten mauerartig aufgethrmt, reichen hinaus
in die See, die sich schumend und tobend an ihnen bricht. Mchtige
zwanzig ja dreiig Fu hohe Springfluthen steigen aus dem ruhigen
Meere auf, man sieht kaum wie sie sich thrmen, wie sie aus fast
spiegelglatter Flche der See entstanden sind. Aber sie wlzen sich
mit reiender Schnelle dem Lande zu, brechen sich donnernd an jenen
dunkeln Gebilden, die auf einen Augenblick berfluthet und bedeckt,
ja verschwunden erscheinen. In der nchsten Sekunde aber stehen sie
glnzend und schwarz wie Ebenholz, ruhig und unverndert da, bis sich
jenes riesige Spiel erneut.

Hat man einen Standpunkt gewhlt, der lngs der Kste einen weiteren
Blick erlaubt, so sieht man in der Ferne sich das gleiche Schauspiel
wiederholen. Scharf abgegrenzt an dem dort dunkelgrnen Spiegel der
See, ragt aus derselben in glnzendem Schwarz eine solche Felsenmasse,
pltzlich aber ist sie scheinbar hher geworden und blitzt auf im
blendenden Wei.

So lt sich beobachten, da wechselnd die anstrzende Brandung,
in Springfluthen von etwa 400 bis 500 Schritten Lnge und ziemlich
regelmigen Intervallen, die Kste bestrmt und es mu das
gewaltige Meer hier belebend die Staffage bilden fr die Steinwste
der Kste, indem auf der andern Seite seine eigene Gre wieder
gehoben wird durch jene selbst.

Es gewhrt einen eigenen Reiz, des Nachts beim Mondlicht dieses
Panorama zu beschauen und namentlich zur Zeit, wo der Mond noch nicht
ber das Kstengebirge emporgestiegen ist, und man sich mithin noch
selbst in tiefem Schatten befindet, whrend auf der unendlichen Flche
der See theils schon die volle Klarheit des Mondlichts herrscht, oder
in den Hhen und am Ufer noch zweifelhafte Streiflichter mit den
Nebelschichten kmpfen. Wandert man weiter der Kste entlang, so
tritt allenthalben derselbe Typus auf. Mchtig und steil ansteigend
das Gebirge, und an den in's Meer ragenden Felsen tobende Brandung.
Bisweilen aber mu man, um weiter zu gelangen, ber diese
seebesplten Felsen klettern, da dort das Hauptgebirge so weit
vorgeschoben ist, da es fast in die See abfllt. An andern Orten
sind wieder weitere Strecken zu finden und solche sind dann meist mit
Muschelgrus bedeckt und hufig werden die Knochen von Robben, Wallen
und Delphinen dort gefunden.

Seevgel beleben an manchen Stellen in etwas die Landschaft, und
whrend Mven die Felsen umkreisen, schreitet der schwarze Aasgeier
(=Cathartes atratus=) bedchtig am Strande oder sitzt auf vereinzelten
Vorsprngen, eine Nahrung erwartend, welche aus ausgeworfenen
Seethieren besteht.

Auch einige Arten Landvgel habe ich getroffen, doch nur wenige und ich
glaube nicht, da eine Art in der Bai oder deren Umgebung zu jener Zeit
lebte, welcher ich mit Ausnahme eines ziemlich scheuen Strandlufers
nicht habhaft geworden wre[46]. Aber auch diese Thiere leben in
nchster Nhe des Strandes, und fnfzig Schritte von demselben wird
kaum mehr ein lebendes Thier getroffen.

Schluchten durchsetzen allenthalben das Gebirge, theils steil und fast
unzugnglich durch Felsstcke, welche von oben in sie hinabgestrzt
sind, hufig auch bald wieder gnzlich geschlossen, und wohl nur
als mchtige Risse zu betrachten, theils aber auch sich als mehr oder
weniger enge Thler fortsetzend in's Innere. Ist man in diese Thler
so weit eingedrungen, da die Fernsicht auf die See oder etwa auf eine
der oben erwhnten menschlichen Wohnungen verschwunden ist, so tritt
vollstndig der Charakter der Wste auf. Man fhlt sich, nicht wie
z.B. auf der hohen Cordillera, in einer Einsamkeit, sondern in einer
Oede. Kein Thier, kein Strauch, kein Baum, keine Quelle. Nichts was
Leben reprsentirt, wird dort gefunden. Steil anstehende Wnde,
rthliche Felsen, mit hie und da grnlicher Frbung und dann Kupfer
verrathend, ragen empor zu beiden Seiten. Oben ein tief blauer Himmel
und eine glhende Sonne, unter unseren Fen manchmal das dunkle
Gestein so erhitzt, da man hellere Stellen suchen _mu_, um
fortzukommen. Dazu eine Stille, endlos und ununterbrochen, nicht die
des Friedens, sondern die des Todes, einer Natur die gestorben, oder
vielleicht besser, welche noch nicht zum Leben erwacht ist.

Wandernd in diesen Thlern und ihre Krmmungen verfolgend, welche
die einzige Abwechslung sind, die sie bieten, habe ich mir oft Peter
Schlemihls wunderbare Stiefel gewnscht, um die Wste mit einigen
Schritten zu durchmessen. Und einiges Anrecht hatte ich wohl auf sie,
denn ich schritt _ohne Schlagschatten_, da die Sonne fast im Zenith
stand.

Diese Zge mgen gengen, ein allgemeines Bild zu geben von dem
Typus jener Gegend, whrend speciellere Schilderungen sich von selbst
ergeben, wenn ich es unten versuchen werde, dem freundlichen Leser
einige Excursionen vorzufhren.

Auch hier, so wie in Cobija, drngt sich wohl die Frage auf, warum sich
Menschen angesiedelt in jenen wsten Regionen der Erde, und wie dort,
ist auch in der Algodonbai Industrie und Gewinnsucht die alleinige
Ursache.

Die reichen Kupferminen der Bai sind es, welche Menschen aus den
verschiedensten Lndern der Erde versammelt haben, dort Arbeit und
Vortheil suchend.

Der geognostischen Verhltnisse oder der mineralogischen
Zusammensetzung jener kegelfrmigen doleritischen Kstengebilde will
ich nicht weiter erwhnen, aber ich mu der Formen mit einigen Worten
gedenken, in welchen jene reichen Kupfergnge getroffen werden, und
auch von diesen selbst sprechen.

Wo nicht Muschelgrus am Ufer der See den Boden bedeckt, ist es ein
grau-grner oder rthlicher Sand, welcher besonders gegen das Gebirge
hin auftritt. Er ist offenbar durch Einstrzen der Felswnde und
theilweise Verwitterung entstanden, denn seine feinen und selbst
mikroskopischen Theile sind scharfkantig und kaum gerundet. Erbsen und
faustgroe Stcke der verschiedenen Gesteine des Gebirgs bilden
den Uebergang zu den greren Trmmern und Felshaufen, welche
oft grere Strecken lngs des Gebirges bedecken. Es findet sich
Magneteisen zwischen den Quarz- und Feldspaththeilchen dieser Trmmer
und des Sandes, theils in unkenntlichen Formen, theils aber auch in
wohlausgesprochenen Oktaedern und Dodekaedern.

Es kann vielleicht angenommen werden, da von unten an gegen aufwrts
gedacht, zwei Dritttheile des Gebirgs aus Formen bestehen, welche der
Reihe der Grnsteine, Felsitporphyre, Dolerite und hnlichen Bildungen
angehren, whrend das obere Drittel mehr syenitischem Gesteine
angehrt. Kaum aber darf hier eine speciellere Bezeichnung versucht
werden, denn jene, den unteren Theil des Gebirges bildenden Formen
treten so verworren auf, da nur selten ein klares Bild zu gewinnen
ist.

Einige flchtige Angaben, welche ich zu verantworten, und durch
mitgebrachte Handstcke theilweise zu belegen vermag, sind indessen
folgende:

Unten am Fue des Berges gegen Sd von Tocopilla, und ebenso an
mehreren Stellen in nrdlicher Richtung, tritt hufig ein rthlicher
Felsitporphyr auf. Bei dem ersteren herrscht Feldspath, bei dem
andern Quarz vor. Beide Einmengungen, welche wohl mit freiem Auge
zu unterscheiden sind, bedingen das porphyrartige Ansehen. In diesem
Porphyr findet sich kohlensaurer Kalk, doch nur in geringer Menge,
indessen ist derselbe sowohl durch das Aufbrausen bei der Behandlung
mit Suren zu erkennen, als auch in der Auflsung nachzuweisen. Auch
Eisenglanz wird hufig als Einsprengung gefunden. Wie die meisten der
dort auftretenden Gesteine hatten auch die beiden besprochenen starke
Neigung zu verwittern. Schlgt man mit dem Hammer auf grere
Stcke, so zerspringen sie leicht in kleinere Fragmente, und auf den
Bruchflchen zeigt sich meist ein kaolinhnlicher Ueberzug, bereits
ein Produkt der Zersetzung.

Dieses Gestein ist ziemlich weit hin in der Bai nachzuweisen, und das
zwar mit Sicherheit etwa 150 Fu ber dem Spiegel der See, da unten
am Fue des Gebirgs Schutt, grere und kleinere Gesteinstrmmer ein
weiteres Eindringen verhindern. Es variirt nicht selten streckenweise,
indem die Mengung der Grundmasse deutlicher wird, Quarz und Feldspath
in kristallinischen Krnern klar ausgesprochen auftreten und hufiger,
beigemengter Eisenglanz das specifische Gewicht desselben bedeutend
vermehren, ja es ertheilt diese Beimengung, die bisweilen in fein
vertheilten mikroskopischen Blttchen auftritt, dem Gesteine an manchen
Stellen ein grau-schwarzes Ansehen.

Bisweilen treten in diesem Felsenporphyre gangartige Bildungen auf,
welche mit Eisenglanz und hie und da mit Magneteisen ausgefllt sind.
Auch Quarz fllt bisweilen solche Spalten, und in Mitte des Quarzes
findet sich dann meist wieder eine Ausscheidung von Eisenglanz. Ich
glaube indessen nicht, da diese Eisenglanz- und Quarzmassen als
eine Spaltenerfllung _von unten_, als eine eigentliche aus der Tiefe
kommende Gangbildung zu betrachten sind, sondern vermuthe eher, da sie
Ausscheidungen sind, nesterweise Absonderungen, denn es finden sich auch
vollkommen drusige Absonderungen derselben im Felsitporphyr. Ein anderer
Felsitporphyr, braun-roth und mit schnen, glnzenden Kristallen von
Orthoklas, wird ebenfalls dort gefunden, und oft treten diese beiden
Gesteine, so wie noch andere porphyrartige Massen, dicht neben
einander auf, so da bisweilen an den Berhrungsflchen Uebergnge
stattfinden.

Ich erwhne noch eines hell-gelben, fast weien Felsitporphyrs, und
eines roth-braunen Gesteins, was fast den Uebergang von Felsitporphyr
zu Felsit macht. Es ist indessen unmglich, die Menge von Variationen
verwandter Gesteine zu beschreiben, und es mag gengen, da ich heute
noch in meiner Sammlung ber hundert verschiedene Exemplare
besitze, welche ich von dort mitgebracht habe, und die kaum noch ein
vollstndiges Bild der Vielfltigkeit zu geben vermgen, welche dort
auftritt.

Die meisten dieser Formen sind, so viel sich entwickeln lt, _neben_
einander aus der Tiefe emporgeschoben, etwa wie eine Menge groer
Mauern, oder colossaler aneinander gelehnter Lamellen. Es entstehen
hierdurch eine Menge Terrassen, da die eine dieser Lamellen am Abhange
des Gebirges meist die andere berragt, und die giebt, von einiger
Entfernung aus gesehen, dem Gebirge hufig das Ansehen der Schichtung,
doch komme ich hierauf spter zurck.

Die mag als der Grundcharakter des Gebirgs angenommen werden. Aber es
treten auch kegelfrmig und gangartig hervorgehobene Massen auf,
und das oft so verworren, und noch dazu durch Verwitterung und
Einstrzungen so unkenntlich gemacht, da es an vielen Orten
unmglich erscheint, ein klares Bild der Lagerungs-Verhltnisse zu
gewinnen, und speziell die Bestimmung, welche Form die ltere, und
welche als jnger, als durchbrechend schon abgelagerte Massen, hchst
schwierig.

Ich bergehe die einzelnen Mineralien, welche ich theils als Findlinge
erworben, theils eingesprengt oder nesterweise vertheilt in den
verschiedenen Felsarten der Bai gefunden habe und gehe zu den
Kupfergngen der Bai ber, welche deren eigentliche Bedeutung und ihre
commercielle Wichtigkeit bedingen.

Allenthalben fast an der Westkste und schon in Chile, selbst im
sdlichsten Theile desselben, in Valdivia, habe ich Spuren von Kupfer
gefunden, so da es scheint, als sei dieses Metall dort reichlich
verbreitet. Schon im nrdlichen Theile Chiles werden bekanntlich reiche
und ergiebige Kupferwerke wirklich betrieben, und ich glaube, da die
Minen der Algodonbai jenen kaum etwas nachgeben.

Man hat den Abbau der Gnge dort fast durchgngig nur da begonnen,
wo das Erz zu Tage ging und sich nicht viel mit unterirdischer
Schrfarbeit abgegeben. An vielen Orten mgen daher noch reiche
Schtze, vielleicht wenige Lachter tief unter der Erde liegen. In Chile
sowohl, als in der Algodon-Bai verluft die allgemeine Streichungslinie
der Gnge von Nord nach Sd, in Centralamerika hingegen streichen
dieselben von Ost nach West. Die meisten Gnge scheinen parallel
zu streichen und ich konnte kein gegenseitiges Durchsetzen derselben
bemerken. Ein Zertrmmern der Gnge kommt vor, aber so bald sich
einige dieser Trmmer auskeilen, verfolgt man dieselben meist
nicht weiter, sondern beginnt einen frischen Gang zu verfolgen. Die
Mchtigkeit der im Betriebe stehenden Gnge ist eine verschiedene,
sie mag durchschnittlich mit ein bis zwei Metres bezeichnet werden.
Das Fallen der Gnge findet, insoferne eine Beobachtung durch
hinlngliches Aufschlieen derselben zulssig war, meist in mehr oder
weniger senkrechter Richtung statt, selten in einem Winkel von 60 bis
70. Aber meist findet dann in diesem letzten Falle auch ein Abfallen
des Gebirges von West nach Ost statt, so da die Absonderungsflchen
des Gebirges im rechten Winkel von den Gngen geschnitten werden.

Auf den oben bezeichneten Porphyrformen des Gebirgs ist an vielen
Stellen, wo ein Aufschlieen nhere Untersuchungen erlaubt hat, ein
syenitisches Gestein ausgelagert. So habe ich eben bei den Gngen in
geringer Tiefe als Nebengestein denn auch einen deutlich ausgesprochenen
Syenit gefunden, der meist sehr quarzreich war, bei welchem aber
bisweilen auch die Hornblende fehlte, so da das Gestein dann blos aus
einem Gemenge von Quarz und Albit besteht, und letzterer ist hufig
stark mit Kupfer durchsetzt.

Die Mineralien, welche vorzugsweise die Gnge construiren, sind
Kupferglanz, Kupferkies, Rothkupfererz, Kupferindig und Atakamit.

Der Kupferglanz wird derb und in mchtig groen Stcken gefunden,
indessen sind mir keine Kristalle vorgekommen. Er kmmt schwrzlich
bleigrau und in's Eisenschwarze spielend vor, aber auch bunt angelaufen,
hat eine geringe Hrte und muschlichen Bruch.

Ebenfalls derb und ohne deutliche Kristalle findet sich der Kupferkies.
Er kmmt meist gemengt mit Schwefelkies vor und dieser letztere ist
bisweilen sehr schn kristallisirt. In den greren Stcken dieses
Kupferkieses, welche zu Tage gefrdert werden, ist nicht selten
Feldspath und Quarz eingesprengt und es scheint bisweilen ein Uebergang
in Kupferindig statt zu finden. Auch Gyps ist ihm beigemengt und
Ziegelerz nicht selten von vollkommen karminrother Farbe.

Der eben besprochene Kupferindig scheint vorzugsweise meist an den mit
dem Nebengestein in Berhrung stehenden Gangflchen vorzukommen.
Ich habe indessen die schnsten der erworbenen Exemplare in den
Erzvorrthen der Minenbesitzer gefunden. Seine Farbe ist tief
indigblau, mit starkem Fettglanze, und wohl ausgesprochene Kristalle
von Schwefelkies heben das prachtvolle Blau noch besser. Indessen kmmt
auch eine eigenthmliche Modification mit erdigem Bruche vor, welche
fast verwittert erscheint.

Der Atakamit endlich, dieses seltene Mineral, kmmt mit schn
smaragdgrner Farbe vor, derb kristallinisch, in rhombischen, dem
System des Orthotypes angehrenden Prismen, und ist, man kann sagen
fast allen Mineralien der Bai beigemengt, denn beinahe auf jedem Erze
findet man grere oder kleinere Adern, Nester oder angeflogene
Stellen von grner Farbe, und jedes Kupfererz, welches grn ist, ist
in der Algodonbai Atakamit. Allein nicht blos als Beimengung oder in
kleinen Parthieen wird dort Atakamit getroffen, sondern er fllt mit
wenig beigemengtem Rothkupfererz fr sich allein einen Gang aus.

Man hat jene Grube Atakamita genannt. Ein Schacht, der 1600 Fu ber
dem Spiegel der See ausmndet und etwa 200 Fu niedergeht, und von
welchem mehrere Stollen ausgehen, ist fast in reinem Atakamit getrieben.
Von Ort sowohl als auch am Tiefsten des Schachtes, steht der Atakamit
in mchtigen Massen an, und die zu Tage gebrachten und auf die Halde
gefrderten Erze bestehen aus demselben Mineral.

Ich glaube kaum, da es bezweifelt werden kann, da der Atakamit durch
Zersetzung anderer Kupfererze entstanden ist, und dies zwar hier wohl
vorzugsweise durch die Einwirkung des Seewassers.

Ich besitze ein Exemplar, welches fast gnzlich aus einem Aggregate
von pseudomorphen Octaedern des Rothkupfererzes besteht, indem die
einzelnen, drei bis vier Linien groen Individuen aus den rhombischen
Prismen des Atakamits zusammengesetzt sind.

Whrend nun bei diesem und hnlichem Vorkommen des Kupferchlorides
eine direkte Zersetzung der Masse des Kupferoxyduls angenommen werden
kann, ist bei andern Exemplaren kaum eine Sublimation zu verkennen.
Es findet sich dort der Atakamit in groen bschelfrmigen,
strahligbltterigen Massen auf einem etwas kupferhaltigen
Eisenoxyde aufgewachsen, oder erfllt in kleineren Individuen dessen
Zwischenrume, oder es berzieht und bekleidet die Drusenrume
anderer Mineralien. So kmmt dort ein Eisenocker vor, der bisweilen mit
einem dnnen Ueberzuge von Quarzkristallen bedeckt ist. Zwischen diesen
und auf denselben befindet sich der Atakamit in einem hchst dnnen
lauchgrnen kristallinischen Anfluge, so da die ganze Flche ein
glnzendes und wirklich prachtvolles Ansehen gewinnt. Abgesehen von
anderen chemischen Reactionen, die bei dem Aufzeigen der Kupfererze und
bei der Anfllung der Gangspalten vor sich gegangen sein mgen, reicht
vielleicht schon das Seewasser allein zur Erklrung dieser hufigen
Atakamitbildung hin. Wahrscheinlich ist das Heraufdringen der Kupfererze
noch vor der Hebung jenes Kstentheiles ber den Spiegel der See vor
sich gegangen. Submarine vulkanische Thtigkeit erhitzte und spaltete
gleichzeitig den syenitischen Meeresgrund und die tiefer liegenden, wohl
auch schon gebildeten Felsitformen. Die Kupfererze drangen durch die
gebildeten Spalten nach, whrend das von oben eindringende Seewasser
die Zersetzung bewerkstelligte. Vielleicht hat auch noch mit jener
Spaltenerfllung gleichzeitig eine Hebung stattgefunden.

Die bei dem damaligen hhern Atmosphrendrucke ebenfalls hhere
Temperatur des Siedepunktes, und jene der Wasserdmpfe erklrt leicht
die Umsetzung einiger Kupfererze, besonders des Oxyduls in Chlorr,
whrend eine Sublimation des neugebildeten Minerals ganz natrlich
erscheint, wenn man erwgt, welche Temperatur stattgefunden haben mu,
und selbst wie lange solche angehalten hat.

Viel zu lange habe ich mich bei diesem Atakamit und seinem Vorkommen
aufgehalten, allein die Seltenheit dieses Krpers in Europa und sein
so hufiges Vorkommen in der Algodonbai macht vielleicht hier auch dem
Nichtmineralogen das Vorgehende nicht ganz uninteressant.

Von Mineralien, welche die Kupfererze begleiten, und von seltener
vorkommenden Kupfererzen selbst will ich nur folgende angeben.

_Gediegen Kupfer_, plattenfrmig, manchfach gewunden, aber ohne
Kristalle und berhaupt selten. Ich habe Stcke von dort, die
sechs Zoll lang und vier breit sind. Sie tragen auf beiden Seiten die
Eindrcke des Gesteins, welches sie umschlo und auf ihrer Oberflche
sind Anflge von Atakamit, Pistazit und Gypsspath.

_Fahlerz_, selten. Ich habe eine kugelfrmige Absonderung gefunden,
welche aus Fahlerz, Kupferkies und Quarz bestand.

_Eisenglanz_ in kleinen schuppigen Kristallen und Eisenoxyde.

_Coquimbit_, dieses seltene Mineral wird hufig angetroffen, in derben
Stcken sowohl als auch gemengt mit Atakamit.

_Allophan_, oder wenigstens ein allophanhnliches Mineral, aber
durch Chlorkupfer grn gefrbt in verschiedenen Modificationen,
undurchsichtig bis vollkommen transparent.

Dann endlich _Gyps_ in schnen oft sechs bis acht Zoll groen
Kristallen, und mit dem Atakamit so manchfach gruppirt, da prachtvolle
Stufen gebildet werden.

Was den Bau der erzfhrenden Gnge betrifft, so habe ich schon vorher
gesagt, da man sich meist damit begngt, an Stellen, wo Kupfererze
zu Tage gehen, einen Schacht oder Stollen einzutreiben, und abzubauen so
lange der Gang ergiebig ist.

Ich habe weder Grubenzimmerung noch Mauerung gesehen, denn es steht das
Gestein gut, und bei Stollen gewhren bogenfrmige Firste hinreichende
Sicherheit. Die Form der Schachte ist die kreisrunde, aber die Fahrten
sind verzweifelt unbequem, ja wohl fast bedenklich fr den Ungebten.
Sie bestehen aus viereckig behauenen hlzernen Stmmen von etwa 8 bis
10 Zoll Durchmesser, in welche von 10 zu 10 Zoll Entfernung etwa 2 Zoll
tiefe Einschnitte eingehauen sind. In die Wandungen der Schachte hat man
Vertiefungen gehauen, in welchen die Stmme mit ihrem unteren Theile
aufstehen, whrend der nchste, weiter in die Tiefe fhrende Stamm
ebenfalls an dieselben angelehnt ist. So reicht also jeder einzelne
Stamm quer ber die Breite des Schachts und die Fahrt fhrt im
Zickzack abwrts. Bei jeder Bhne also, oder beim Ende des einen
und beim Anfang des andern Stammes, mu man sich, halb in der Luft
hngend, um die eben verlassene Fahrt herum schwingen, und abwrts
fahrend, den neuen Weg mit den Fen erkunden, whrend man bei der
Auffahrt sich mit den Armen aufwrts zu ziehen genthigt ist.

In der Teufe der Grube Atakamita schlug ich die herrlichsten Stufen
kristallinischen Atakamits, und meine lederne Gesteintasche enthielt
sicher zwanzig Pfunde des prachtvollen Minerals. Aber aufwrts fahrend
auf jenen verwnschten Stmmen, verzweifelte ich fast das Tageslicht
wieder zu sehen, so beschwerte mich mein Reichthum, und schien mich
abwrts ziehen zu wollen.

Da ich glcklich das Ende des Schachtes erreicht, wei der
freundliche Leser bereits, aber ich mu berichten, da auch kein Atom
jener mich belastenden Atakamite in der Grube geblieben und da sie
alle sich gegenwrtig an den Orten befinden, die ich ihnen schon dort
hngend und schwebend, ringend und kletternd, zugedacht.

Aber whrend ich mich abqulte um 20 Pfunde zu Tage zu frdern, wird
von den Arbeitern der Gruben eine Last von 130 Pfunden auf dem Rcken
gefrdert, und ich sah dort einen Knaben von 12 Jahren, der 100 Pfund
aufwrts schaffte. Im Uebrigen war dieses Kind als eine Ausnahme zu
betrachten, denn obgleich man als Mineros, so nennt man die Arbeiter
in den Gruben, meist junge Leute von 18 bis 25 Jahren am liebsten hat,
werden doch Kinder sonst nicht verwendet.

Ich habe mich von Europa aus wieder nach dem weiteren Schicksale des
Knaben erkundigt, welcher wirklich als eine Abnormitt anzusehen war.
Arme und Beine waren bei diesem Kinde so ausgebildet, da man die
Extremitten eines erwachsenen krftigen Mannes vor sich zu sehen
glaubte, und die ganze Erscheinung hatte fast ganz das Widerliche eines
europischen Wunderkindes an sich, welches Klavier oder Violine spielt,
rechnet oder andere Kunststcke ausfhrt, vielleicht sich auch nur
einfach durch starke Nasenweisheit auszeichnet. Es htte mich indessen
die weitere _krperliche_ Ausbildung dieses Individuums interessirt.

Die Gewinnung der Erze wird mit Schlegel und Eisen, aber nicht durch
Sprengarbeit betrieben. Die oberste Leitung des Baues fhren die
Grubenbesitzer selbst, doch haben sie meist einige europische
Bergleute an der Hand, welche die Aufsicht fhren, whrend die
Huerarbeit und Frderung durch Eingeborne, wie es scheint der ganzen
Westkste, betrieben wird. Das Fustel, welches diese Leute fhren,
wiegt sicher 16 bis 18 Pfd., und ihr Fimmel entspricht demselben.
Whrend der Minero dieses Rieseninstrument schwingt, stt er ein
eigenthmliches Geschrei, oder eigentlich ein Heulen oder Winseln aus,
welches mit tiefen Tnen beginnt und mit den hchsten endigt.

Die mit dem Frdern beschftigten Arbeiter thun ein Gleiches, und man
kann sich daher denken, da in einer solchen im Betrieb stehenden Grube
ein wahrhafter Hllenlrm sein mu. Ich bin in der That staunend zum
erstenmale in die Grube Rosario eingefahren, da ich den Grund dieses
grauenhaften Geschreies mir auf keinerlei Weise erklren konnte, und
zugleich dennoch aus den unbekmmerten Mienen der aus dem Schachte
Kommenden schlieen mute, da Alles in regelrechtem Gange und nicht
etwa ein Unfall vorgekommen sei.

Eine Wassergewltigung ist in den Gruben nicht nthig, da fast alle
wasserfrei sind und nur auf der Sohle der Mine Atakamita habe ich etwas
Wasser getroffen. Ich habe in den Gruben folgende Temperaturen gefunden:

Grube Rosario, auerhalb der Einfahrt, im knstlichen Schatten und bei
schwachem Winde +18.7R., bei etwa 20 Fu Tiefe +17.0R., bei
150 Fu Tiefe +19.0R. bei 300 Fu Tiefe +20.5R.

In anderen Gruben habe ich hhere Temparaturen gefunden, aber es
ist hierauf kein Werth zu legen, weil die Menge der Arbeiter dieselbe
jedenfalls gesteigert hat.

Es ist zu bedauern, da bei dem Reichthum der dortigen Gruben die Erze
nicht auch an Ort und Stelle verschmolzen werden knnen. Aber Mangel an
Brennmaterial macht die unmglich, und es werden alle gewonnenen Erze
nach Europa verfahren. Trotz ihrer Reichhaltigkeit wirft natrlich auf
solche Weise der Bau der Grube verhltnimig nur wenig Gewinn ab,
und erhaltenen Privatnachrichten zu Folge, wird gegenwrtig selbst
nach Europa nur noch wenig Erz gebracht. Bei regelmiger Schifffahrt
zwischen der Algodonbai und Valdivia wrde der Erzreichthum des
einen Platzes mit dem Ueberflusse an Brennholz des andern, sich zur
vortheilhaftesten Combination gestalten lassen.

Die Lebensverhltnisse der Menschen in der Bai gehen zum Theil bereits
aus dem hervor, was ber die Lage des Ortes gesagt worden ist. Es
mssen eben, so wie nach Cobija, alle Nahrungsmittel zu Schiffe dorthin
gebracht werden.

Die Minenbesitzer unterhalten kleine Lden und Vorrathshuser, in
welchen die Arbeiter ziemlich billig das Nthige erhalten knnen. Es
ist der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters etwa 20 Peso fr den
Monat, aber ich glaube, es werden auch noch einige Victualien hiezu
verabreicht, doch wei ich das nicht vollkommen sicher.

Einer der grten Uebelstnde ist der Wassermangel in der Bai. Eine
sprliche Quelle ist unweit dem Werke Minecal de Duendus, welche der
franzsische Besitzer benutzt, aber der ganze Reichthum derselben
reicht kaum aus fr Menschen und Thiere. Der Englnder in Bella Vista
lt tglich seinen Wasserbedarf aus einer kleinen Quelle von Mamilla
holen, von welcher ich spter noch sprechen werde. Der Besitzer von
Tocopilla aber, in der Bai selbst, gewinnt das fr seinen Bedarf
nthige Wasser durch Destillation von Seewasser, und es werden durch
einen hchst einfachen Apparat tglich etwa 500 Gallonen Wasser
erzeugt. Die Retorten sind von Eisen und die Vorlage ist ein Fa mit
Schlangenrohr. Man hat die vier Retorten mit Backsteinen ummauert und
das Ganze dicht am Ufer der See aufgestellt, aus welcher eine Pumpe
das Wasser in die Retorten bringt und auch den Khlapparat speist.
Die Pumpe wird zu gewissen Zeiten des Tags durch den Wind in Bewegung
gesetzt, zu andern, wo regelmig Windstille herrscht, durch eine
kleine Dampfmaschiene. Es sind vier Arbeiter Tag und Nacht bei dem
Apparate beschftigt und das gewonnene Wasser ist ganz ertrglich,
wenigstens bedeutend besser als das auf Schiffen in hlzernen Fssern
lngere Zeit hindurch aufbewahrte. Da die Destillation etwas strmisch
vor sich geht, so wird ohne Zweifel der fade Geschmack des destillirten
Wassers, der durch den Mangel an Kohlensure entsteht, hier etwas
verdeckt durch bergerissenes Salz. Unbedingt wird aber durch
jene Anstalt das ziemlich verbreitete Vorurtheil widerlegt, als sei
destillirtes Seewasser wegen der im Meere enthaltenen organischen
Substanz ungeniebar. Denn gerade dort in der Bai wimmelt das Wasser
von einer Unzahl kleiner Thiere und Algen. Auf der ganzen Strecke
aber zwischen Tocopilla und Cobija wird nicht eine einzige Quelle mehr
getroffen und ich mu bei diesem Wassermangel der Kste etwas lnger
verweilen, denn sicher hat es selbst fr den, welcher sich nicht mit
geologischen Studien oder mit Meteorologie beschftigt, Interesse,
etwas nheres zu vernehmen ber ein Land, in welchem es nicht geregnet
hat seit Menschengedenken, wie jeder dort Lebende und die Sage selbst
bezeugt, von welchem ich aber auch nachgewiesen zu haben glaube, da
es nie dort geregnet hat so lange das Land berhaupt besteht,
trotzdem, da mchtige Flubette durch dasselbe ziehen, und scheinbar
Ueberflu an Wasser gewesen sein mute.

Jener Beweis, da es nicht geregnet hat seit die Kste sich aus dem
Meere gehoben hat, ist folgender:

Etwa fnfhundert Schritte vom Ufer der See, d.h. von dem Punkte, an
welchen jetzt noch die hchsten Fluthen reichen, befindet sich eine
Felsgruppe, Dolerit und Felsitporphyr, deren ganzes Aussehen ergibt,
da sie im glhenden Zustande rasch abgekhlt worden, und, ohne
Zweifel in Folge dessen in eine unzhlige Menge kleinerer und
grerer unregelmiger aber noch vollkommen scharfkantiger
Bruchstcke gesprungen ist.

Diese Bruchstcke aber sind mit Seesalz verkittet, und die ganze
Bildung steht durch nichts geschtzt unter freiem Himmel. Diese
Salzmasse ist whrend der Hebung des Gesteins als Seewasser in die
Klfte desselben gedrungen, ist verdampft und hat so die Verkittung
bewerkstelligt.

Es lt sich der Beweis stellen, da die Hebung jenes Felsens
gleichzeitig mit dem Hauptgebirgszuge der Kste geschehen ist. Ich
habe die an einem andern Orte gethan, und spare hier die weitere
Entwicklung, aber ich mache darauf aufmerksam, da _ein einziger_ Regen
jenes verkittende Seesalz vollstndig aufgelst haben wrde. Da die
letzte aber nicht geschehen ist, so kann es nicht geregnet haben seit
der Entstehung jenes Felsens.

Jene Flubette aber, deren ich erwhnte, geben Zeugni von groen
Wassermengen, welche das Land in frherer Zeit durchstrmten, aber
diese Strme verdanken ihren Ursprung nicht regelmigen Quellen und
meteorischen Wassern, welche sich ber das Land ergossen haben, sondern
periodisch geschmolzenem Schnee der Andeskette, wie ich schon vorher
angedeutet habe.

Unweit Tocopilla findet sich ein solches Flubett. So weit mir die
Umstnden erlaubten jenes Thal zu besuchen, nmlich eine Strecke von
etwa drei Wegstunden, ist dasselbe mit Geschieben bedeckt, welche aus
Grnsteinformen und syenitischem Gesteine bestehen, dem schon vorher
geschilderten sehr hnlich. Man bemerkt aber deutlich, da diese
Gerlle keinen sehr weiten Weg zurckgelegt haben, sie sind von
nicht sehr entfernten Gehgen herabgestrzt, und nicht sehr
bedeutend abgerundet. Aber es zeigen sich an einigen Stellen des Bodens
Durchschnitte, welche beweisen, da zu gewissen Zeiten heftige
und verstrkte Strmungen stattgefunden haben mssen, denn sehr
wahrscheinlich sind die Furchen, an welchen man diese Durchschnitte
beobachten kann, durch die letzte grere Wassermasse gezogen worden,
welche ihren Weg durch das Flubett genommen hat. Es zeigen diese
Durchschnitte mehrfache Schichten in verschiedener Mchtigkeit, welche
von mehreren Zollen bis zu eben so viel Fu wechseln. Das Liegende
dieser einzelnen Schichten bilden grere, oft nur wenig gerundete
Gesteinsfragmente, die gegen das Hangende zu stets kleiner, abgerundeter
und kiesartig werden, bis sie endlich selbst in Sand bergehen, worauf
dann gegen oben dieselbe Reihenfolge einer neuen Schicht beginnt.

Es ist also eine pltzlich bedeutende verstrkte Wassermasse durch
das Thal gestrmt, sie hat anfnglich alle Gesteinsfragmente mit sich
fortgerissen, welche in ihrem Wege lagen, aber nach und nach schwcher
werdend, lie sie die greren Gesteinstrmmer liegen und dehalb
sind diese auch meist nur wenig abgerundet. Mit dem fortwhrenden
Fallen der Wassermenge blieben immer mehr und mehr Geschiebe liegen,
welche nicht mehr mit hinweggefhrt werden konnten, bis endlich der
Sand allein vom Wasser bewegt wurde.

Wohl verliefen sich dann die Wasser gnzlich, bis nach lngerer oder
krzerer Zeit eine pltzlich vom Gebirge strmende neue Wassermenge
die eben betriebene Reihenfolge der Schichten vergrerte, bisweilen
aber vielleicht auch einen Theil der bereits abgelagerten hinwegfhrte.

An einer Stelle jener Thler habe ich die sehr schn beobachten
knnen. Ein Felsblock von etwa 15 Fu Breite und 20 Fu Lnge geht
aus dem kiesigen Grunde des alten Flubettes zu Tage, und bildete zur
Zeit, als Wasser dasselbe durchflo, ohne Zweifel eine Klippe. Hinter
demselben, im Sinne der Stromrichtung, befindet sich eine solche in
Schichten getheilte Gerllablagerung, welche an der Seite, mit welcher
sie sich an den Felsen anlehnt, eben so mchtig ist als jene, weiter
hinaus aber sich abflacht. Es hat nun die letzte groe Wassermenge,
welche das Thal durchstrmte, um die Klippe her einen Theil der vorher
abgesetzten Geschiebe wieder entfernt, aber hinter der Klippe wurden
sie durch dieselbe geschtzt, und haben sich erhalten. Es geht
zugleich hieraus hervor, da diese letzte Fluth ohne Zweifel eine sehr
bedeutende gewesen ist.

Wre es mglich gewesen, Nachgrabungen anzustellen bis auf die Sohle
des mit Gerlle und Sand theilweise ausgefllten Flubettes, so
htte sich ohne Zweifel die Zahl der periodischen Fluthen, annhernd
wenigstens, errathen lassen, mir aber, der ich vereinzelt dastand, und
allein angewiesen war auf meine eigenen Mittel und Krfte, war solches
unmglich. Der Fall dieses Flubettes ist brigens ein sehr starker
gewesen, und an Stellen, wo ich Messungen anstellen konnte, fand ich
2-3.

Die Hauptrichtung, welche das Thal verfolgt, ist von West nach Ost,
indessen treten natrlich einzelne Krmmungen auf und auch die Breite
desselben ist eine verschiedene, an manchen Stellen dreiig bis vierzig
Schritte, an andern Orten wieder breiter.

Unweit der Bai dehnt sich das Flubett bedeutend aus, wie die bei
fast allen Flssen der Fall ist, welche sich in's Meer ergieen, und
es mu hier das von den Bergen kommende Wasser eine Ausdehnung von 500
bis 600 Schritten gehabt haben, wie die Gerlle und Geschiebe zeigen,
welche dort allenthalben verbreitet sind, und welche sich scharf
scheiden lassen von den Geschieben, welche die See an's Land geworfen
hat, da letztere stets mit einer Unzahl organischer Reste gemengt sind.

Es ist durch die oben erwhnte Verkittung der Gesteinsfragmente, welche
unter freiem Himmel stehen, wie ich glaube bewiesen worden, da es,
seit Hebung jenes Theils der Kste nicht daselbst geregnet hat.

Durch die Untersuchung des alten Flubettes aber hat sich ergeben, da
mchtige und periodisch wiederkehrende Fluthen das Land durchstrmten,
welche ohne Zweifel pltzlich geschmolzenen Schnee der Anden
ihren Ursprung verdankten, oder indirekt gewaltigen Ausbrchen der
Vulkanreihe jenes Gebirgs, durch welche theils Schnee und Gletschereis
geschmolzen, theils auch mchtige Regengsse, vulkanische Gewitter,
oberhalb des Gebirgs sich entleerend, hervorgerufen wurden.

Nachdem ich die Gesammtschilderung der Bai dem Leser vorgefhrt habe,
so gut es mir mglich gewesen, mag es mir erlaubt sein, von einigen
Excursionen und den Erlebnissen einzelner Tage zu erzhlen.

Diese Berichte mgen als Ergnzungen angesehen werden zu dem
Vorhergesagten, als erluternde Beitrge zum Leben und Treiben
in jenem entlegenen Winkel der Erde, und zu den Schilderungen der
Landschaft selbst, welche ich versucht habe.

Einen der ersten Ausflge unternahm ich zusammen mit Kapitain Mller,
der, wie ich, sich als Passagier am Bord des Dockenhuden befand,
indem wir die nrdlich an der Bai gelegenen Wohnungen einiger Fischer
aufsuchten.

Der Weg zu ihren Htten fhrt lngs des Strandes dahin, und der
bereits geschilderte Charakter der Bai selbst ist auch hier, in weiterem
Verlaufe der Kste derselbe. Am Ufer der See, und bisweilen ziemlich
weit in's Land reichend, besteht der Boden an mehreren Orten fast
einzig aus Muschelgrus, whrend an anderen Orten wieder mehr Geschiebe
vorherrschen, welche indessen stets mit Fragmenten von Schaalthieren
gemengt sind. An manchen Stellen findet sich auch magneteisenhaltiger
Sand, mit noch wohlerhaltenen kleinen Oktaedern von Magneteisenstein.
Die kegelfrmigen doleritischen Formen bilden lngs des Strandes
die einzige Abwechslung, indem sie hier den Boden durchbrechen und in
mehrerlei Gruppen aus demselben hervorgehen. Etwa auf dem halben
Wege von der Bai aus bis zu jenem Fischerdorfe, muten wir einen
mauerartigen Wall bersteigen, der von diesem Felsen gebildet wird, und
welcher von der See bis an das Kstengebirge reicht. Ich fand an jenen
Felsen zwei Species einer =Salsola=, und =Halana paradoxa=, welche in
einigen Exemplaren an den Klften des Gesteins kmmerten, und die
bescheidenen Reprsentanten der rmlichen Flora, sowohl der Bai als
auch der umliegenden Kstengegend waren, mit Ausnahme jenes bereits
erwhnten groen Cereus.

Durch einen Zufall fand ich dort zuerst einen hbschen Seestern,
=Asteracanthion helianthus=, welcher, wie sich herausstellte, ziemlich
hufig an den aus der See ragenden Felsen festsitzt. Ich scho
nmlich mit einer kleinen Kugelbchse, welche ich meist bei solchen
Excursionen bei mir trug, einen ziemlich hoch ber uns streichenden
schwarzen Aasgeier. Das Thier kmpfte eine Zeit lang in der Luft, und
strzte dann auf der Seeseite herab, indem es auf eine aus dem Wasser
hervorragende Klippe fiel, dort noch einige Augenblicke stehen blieb und
dann niederstrzte.

Wer je gejagt hat, wei, da es weniger rgerlich ist, gefehlt zu
haben, als ein erlegtes Thier verlieren zu mssen. So wadete ich denn
in's Wasser um die Klippe zu erreichen, da Ebbe war und ich das Wasser
nicht tief whnte. Als ich indessen bis an den Grtel im Wasser stand,
fing mich dasselbe zu heben an, und ich sah, da ich schwimmen mute.
Ich ging mithin zurck, entkleidete mich, und begann meinen Weg auf's
Neue. Ist die See ruhig und gerade keine starke Brandung, so mag auch
ein wenig gebter Schwimmer Aehnliches unternehmen. Ich selbst habe
spter fter solche Felsen schwimmend erreicht, bin nie in irgend eine
Fhrlichkeit gerathen, und denke noch mit Vergngen an jene Bder
zurck, welche das auerordentlich Angenehme haben, da namentlich
anfnglich das Wasser hchst behaglich warm ist.

Als ich den Felsen erreicht hatte, und an demselben emporgeklommen war,
fand sich, da der Geier verschwunden und bereits etliche fnfzig
Schritte weiter auen in der See trieb. Er war ohne Zweifel unweit des
Randes der Klippe niedergefallen, und whrend des letzten Todeskampfes
in's Wasser gestrzt. Ich fhlte mich nicht berufen noch weiter
seewrts Schwimmbungen anzustellen, untersuchte statt dessen den
Felsen nher, und fand jenen Seestern in den Klften festsitzen.
Ich habe spter von dieser und von andern hnlichen Klippen schne
Exemplare geholt, mute aber fr diemal mich mit der Entdeckung
begngen, da ich die Hnde zum Schwimmen brauchte, und Nichts weiter
bei mir hatte um die Thiere an's Land zu schaffen.

Als ich mich eben anschickte, landwrts zu schwimmen, sah ich Kapitain
Mller auf eine ganz eigenthmliche Weise auf den Felsen der Kste
umherspringen. Offenbar haschte er nach irgend etwas, denn ich konnte
wahrnehmen, da er bisweilen die Botanisirkapsel ffnete, und dann
wieder seine Jagd fortsetzte. Am Ufer angekommen, sah ich hunderte von
Eidechsen, welche mit Blitzesschnelligkeit auf den schwarzen Felsen und
Gerllen der Kste umherliefen und diese waren es, welche der wackere
Kapitain verfolgte, um fr meine Sammlung einen Beitrag zu liefern. An
jenem Tage und spter gelang es mir, mehrere lebend zu bekommen und
ich habe sie bis nach Kap Horn erhalten, wo sie, trotzdem, da ich den
Behlter, in welchem ich sie verwahrte, mit in meine Koje nahm, dennoch
ohne Zweifel der Klte erlagen.

Es ist eine Schuppeneidechse, welche einen Schuh lang und wohl noch
grer getroffen wird. Sie ist grau und braun gefleckt, fnfzehig und
hat lange, scharfe Krallen. Ihre Nahrung besteht aus kleinen Muscheln,
aus Krabben, welche die See auswirft und aus einer kleinen Fliege,
welche ebenfalls am Strande lebt. Sie hascht ihren Raub mit vieler
Behendigkeit und raschen Sprngen, und beit heftig um sich, wenn
man sie fat, aber es dringt der Bi kaum durch die Haut und ist
vollkommen schmerz- und gefahrlos. In der Gefangenschaft fressen sie
noch einige Zeit Fliegen, bleiben aber stets wild und ungeberdig. Ich
habe spter an einigen andern felsigen Parthien der Kste ebenfalls
einige Exemplare derselben Species getroffen, aber nie in so ungeheurer
Menge als dort, wo der Boden buchstblich mit diesen Thieren bedeckt
war.

Wir erreichten endlich die Htten der Fischer, und ich hatte dort zum
erstenmal Gelegenheit die eigenthmliche und sicher hchst einfache
Bauart jener Leute zu beobachten.

Man rammt vier Pfhle in die Erde, die man entweder von irgend einem
Schiffer erworben, oder aus der See aufgefischt hat. Quer ber diese
werden vier andere Stangen gelegt, nicht selten die Stmme jenes
mchtigen Cereus; die Wnde und das flache Dach aber sind von alten
Hadern zusammengesetzt, welche man ber diese Stangen hngt und
legt. Friedlich hngen hier Reste alter Packtcher, fragmentarische
Kattunkleider der Senorita und allerlei, nach unsern Begriffen
wenigstens, unentbehrliche und unaussprechliche Kleidungsstcke der
Bewohner des Hauses, welche, abgelegt, sogleich ihre architektonische
Verwendung finden, statt den Zhnen des Hollnders anheim zu fallen.

Da es nie regnet, nie kalt wird, und man sich nur gegen die Sonne
zu schtzen hat, so erfllen diese Wohnungen vollstndig ihren
praktischen Zweck, obgleich sie in etwas geringerem Grade den
Anfordernden knstlerischer Schnheit entsprechen. Ich glaube, da
jene Fischer die ursprnglichen Bewohner der Bai sind, d.h. da sie
seit der Entdeckung der Westkste durch die Spanier dort wohnen,
aber ob sie Reste der indianischen Bevlkerung, oder Abkmmlinge der
Spanier sind, oder vielleicht Mischlinge von beiden, konnte ich nicht
erfahren und es mchte die auch schwer zu entwickeln sein. Da die
Bai selbst schon in den frheren Zeiten bewohnt war, vor der Zeit der
Spanier, und selbst vor der Zeit der Inka, werde ich brigens spter
zeigen, ohne Zweifel aber hat der Fischreichthum derselben, von den
frhesten Zeiten an, stets einige Menschen dort festgehalten.

Die spanische Sprache und Kattunkleider, welche die Weiber tragen, sind
die einzigen Anzeigen von Kultur, wenigstens von europischer, welche
bei diesen Leuten angetroffen wird. Sie sind Christen, d.h. angeblich
getauft, da aber ein Lehrer oder Priester, so viel mir bekannt, nie
an jene entlegene Stelle der Kste kmmt, so wei ich nicht, ob
Christenthum und Architektur dort nicht auf gleicher Stufe stehen.

Der Fischfang wird theils mit Netzen betrieben, meist aber auch auf
ziemlich patriarchalische Weise mittelst Harpunen. Man bedient sich
hiezu der sogenannten Balzen. Es sind diese eigenthmlichen Fahrzeuge
entweder aus zwei Stmmen des unendlich leichten Guayaquil-Holzes
zusammengesetzt, welche der Lnge nach nebeneinander durch einige
Querhlzer mittelst Ngeln verbunden sind, oder aus zusammengenhten
Huten von Robben, indem man zwei Schluche fertigt, welche ebenfalls
an einander befestigt werden, und welche man aufblst. Die auf solche
Weise construirten Fahrzeuge sind an der Vorderseite etwas schmler
als an der hinteren, und auf diese Weise, vorzglich aber wegen ihrer
Leichtigkeit, gleiten sie leicht auf der Oberflche des Wassers dahin.
Zwei Personen finden zur Noth auf ein und derselben Balze Platz, indem
sie mit gekreuzten Beinen hintereinander auf einer kleinen Decke sitzen,
und whrend der eine rudert, harpunirt der andere die Fische, welche
sich in den fangreichen Stellen der verschiedenen Buchten aufhalten.

Die Hauptnahrung jener Fischer ist eben diese ihre Beute, frisch und
an der Sonne getrocknet, indessen bringen sie ihre Fische auch den
Minenbesitzern und handeln von diesen Brod und andere unentbehrliche
Dinge, Kleidungsstcke u.s.w. ein. Wir bestellten jenesmal einen
der Fischer an unser Bord, und schon des andern Tages erschien derselbe,
und brachte uns wirklich prachtvolle Fische. Ich habe eine ziemlich
genaue Zeichnung der grern Art derselben entworfen und auch den
Schdel derselben mit nach Europa gebracht, hier aber will ich nur
erwhnen, da die einzelnen Exemplare 18 bis 20 Pfunde wogen, und
da Kapitain Mller und ich in Abwesenheit des Kapitains, fr
einige Stcke Schiffsbrod dem Fischer etwa 120 Pfunde seiner Waare
abhandelten, da er gebotenes Geld ausschlug. Auf den Felsen, unweit der
Wohnungen jener Fischer, halten sich hufig Robben auf, und bisweilen
gelingt es dieselben zu erlegen. -- Wir sahen eine solche auf den aus
der See ragenden Klippen sitzen und ich glaube, da es =phoca leonina=
und =proboscidea= war. Es war ein mchtiges Thier, braun-schwarz und
wohl 20 Schuhe lang.

Da ich gerne den Schdel eines dieser Thiere besessen htte, und
auf der andern Seite auch Gelste trug, eine Fahrt auf einer Balze zu
versuchen, lie ich mich auch vom Fischer auf seinem Fahrzeuge in die
See rudern.

Ich mag wohl gestehen, da jene Fahrt nicht eben besondere
Annehmlichkeiten bot. Ich hatte die Schuhe ausgezogen, um im Nothfalle
besser schwimmen zu knnen, und kauerte hinter dem Manne, indem ich
meine Bchse mglichst vor dem allenthalben spritzenden Wasser zu
schtzen suchte. Es gewhren die Balzen allerdings den Vortheil, da
man ber alle Wellen, und selbst ber die hchsten Wogen der Brandung
leicht hinwegkmmt, und eben so von dem an der Kste meist hufigen
Tange nicht gehindert wird. Bedenklich aber erscheint wohl jedem, der
eine solche Fahrt zum erstenmale mitmacht, die Nhe der See, und die
Art, wie man das Gleichgewicht halten mu, um nicht in's Wasser zu
fallen. Die Gefahr ist indessen nicht bedeutend, denn geschhe dies
auch, so kann man leicht die Balze wieder erreichen, da ein Untergehen
derselben unmglich ist, insoferne die Blasenbalze aus Robbenhaut nicht
etwa einen Leck bekme. Wir ruderten rasch etwa 200 Schritte in die See
und suchten uns dem Felsen zu nhern auf welchem die Robbe lag; diese
aber strzte sich weit auer Schuweite mit furchtbarem Gebrll
in's Wasser, und da eben kein weiteres Thier ersichtlich, und ich die
Balzenfahrt versucht hatte, bedeutete ich meinem Fhrmann umzuwenden.
Ich kam ziemlich durchnt an's Ufer, gab dem Fischer einige Realen
und die Hlfte meines Tabaks und versprach ihm fr den Kopf einer
Robbe einen Peso; indessen erhielt ich keinen, da die Thiere nur im
Schlafe zu berfallen und mit Piken zu tdten sind. Ich bedauere
jetzt, keinen der defekten Schdel mitgenommen zu haben, welche hufig
am Strande zerstreut umher lagen, welche mir aber jenesmal nicht gut
genug erschienen. Als wir am Abende am Bord kamen, hungrig und mit einer
ziemlichen Anzahl von geognostischen Stufen beladen, welche ich auf dem
Heimwege gesammelt, erffnete uns der Kapitain, da er auf den
andern Tag ein Picknick mit dem amerikanischen Minenbesitzer in Mamilla
verabredet habe und lud mich zur Theilnahme ein. Ich versprach sechs
Flaschen Ale beizusteuern und um 6Uhr des Morgens fertig zu sein und
legte mich vergngt zur Ruhe, indem ich hoffte, eine neue Stadt der
Westkste kennen zu lernen, da Mamilla fast auf allen Karten als solche
verzeichnet zu finden ist.

Wir verlieen des andern Tags das Schiff bei guter Tageszeit und fuhren
auf dem Boote des amerikanischen Minenbesitzers lngs der Kste
nach dem nordwrts gelegenen Mamilla. Die beiden Kapitaine, unser
Obersteuermann, der Englnder, der Amerikaner und die Frau seines
Oberaufsehers, das einzige Weib in den Kupferwerken, waren nebst mir die
im Boote Befindlichen, whrend der Oberaufseher und ein Zollbeamter,
welcher uns von Cobija aus zur Controlle beigegeben war, den Weg zu
Pferde machten. Ein kleines Segel und unsere vier rstigen Ruderer
lieen das Boot pfeilschnell ber die Wogen gleiten, und indem wir
uns immer so dicht als mglich zur Kste hielten, war es mir leicht,
mancherlei Beobachtungen anzustellen bezglich der Form und des
Verhaltens des Kstengebirges. Aber ich hatte dort auch Gelegenheit
eine psychologische Beobachtung anzustellen, welche ich mittheilen will,
so unbedeutend sie auch scheinen mag.

Neben unseren drei Matrosen war der vierte Ruderer ein Franzose, ein
frher, wie es hie, von einem Kriegsschiffe entflohener Matrose, und
ein starker, krftiger, ja schner Mann, aber ersichtlich verwildert
und nach dem Zeugni seines Brodherrn, des Amerikaners, ein wster,
wilder und unbndiger Geselle. Er schien betrunken, und als noch dazu
ihm unsere Matrosen eine schwere Sorte Kautabak gegeben hatten, gab er
nach Art der Seekranken sichtliche Zeichen des Uebelbefindens von sich
und man konnte wohl bemerken, da ihm jammervoll zu Muthe. Indessen
ruderte er unverdrossen fort und mit weit hinauf entblten Armen. Auf
einem dieser Arme aber war, wie es sich hufig bei Seeleuten findet,
mit blau und rother Farbe eine Zeichnung eingezt, indessen so deutlich
und zugleich so Skandalses darstellend, da die arme kleine Senorita,
welche uns begleitete und jenem Riesen gerade gegenber und in
nchster Nhe sa, nicht wute, wo sie die Augen hinwenden sollte.

Da fixirte ich nur mit _einem_ Blicke den Franzosen mit den Augen auf
seinen Arm, und dann kaum merklich auf die Frau blickend, und jener rohe
Mann, der wohl schon manches Wste erlebt und vollfhrt haben mochte,
_errthete_ und bedeckte augenblicklich seinen Arm. Er errthete, weil
er eine Frau verletzt zu haben glaubte! und auch ich fhlte, wie
mir das Blut in's Gesicht stieg, weil mich jener Zug von nationaler
Chevalerie doppelt erfreute an den wilden Burschen. Als wir an's Land
stiegen, grte er mich, und sagte unhrbar fr die andern: =Grand
merci Monsieur.=--

Man landet bei Mamilla in einer kleinen felsigen Bucht und das Boot
mu sich buchstblich durch die Felsen winden, welche scharfkantig
und gefhrlich, allenthalben aus der See ragen und am Lande selbst sich
fast grottenfrmig aufthrmen.

Dort ist die Vorstadt von Mamilla, welche aus einer jener bereits
beschriebenen und aus alten Lappen zusammengesetzten Htte besteht,
welche indessen malerisch genug an eine Felsenwand angelehnt ist. Wir
gingen zwischen den Felsen hindurch und kamen auf einen freien Platz,
wo sich das eigentliche Mamilla befindet. Es sind etwa sechs Htten,
ebenfalls den bereits bekannten gleich, welche die Stadt bilden, und ich
war einigermaen berrascht, mich dergestalt getuscht zu sehen.

Indessen ersetzte die Heiterkeit der Bewohner einigermaen die
Einfachheit der Gebude. Es war am 10. Februar, Fasching, und ich
bemerkte mit Vergngen, da nicht allein ernste Thorheiten sich
ansteckend ber den Erdkreis verbreiten, sondern da auch tolle Luft
und grndliche Possenhaftigkeit sich dieses Recht nicht nehmen lt.
Allenthalben Gelchter und Frhlichkeit, Scherz und Freude. Man tanzte
und zechte vor den Htten, auch zrtliche Gruppen schienen nicht
zu fehlen, vor allem aber sind mir zwei Gestalten im Gedchtni
geblieben. Die eine, ein groer starker Neger, welcher sich,
abenteuerlich vermummt, Gesicht und Hnde mit Mehl bestreut hatte und
unaufhrlich die furchtbarsten Sprnge und Verdrehungen vollfhrte,
welche er mit schauderhaftem Gesang begleitete, Alles zur Erheiterung
des Publikums und zur Erhhung der Festlichkeit. Die andere war ein
sanfteres Bild, eine Senorita von stark brunlicher Hautfarbe, welche
ohne Zweifel den berwiegenden Theil ihrer Kleidungsstcke nach
Landessitte zu architektonischen Verzierungen der Htte verwendet
hatte, und ziemlich oberflchlich nur mit dem Allerunentbehrlichsten
bekleidet war. Ueber ihre Gesichtszge vermag ich nichts zu berichten,
denn sie lag mit dem Antlitz gegen die Erde gekehrt, ein Bild der
Ruhe und Beschaulichkeit, vielleicht auch tiefen Kummers, oder einer
intensiven Arack-Narkose!

Wir wendeten uns von jenen Scenen, indem wir bergan stiegen, um in
die Schlucht zu gelangen, welche eigentlich den Namen Quebrada Mamilla
fhrt, ohne Zweifel von =mamila=, die nhrende Mutterbrust. Denn dort,
etwa in halber Hhe des Gebirgs, und 1200 Fu hoch ber dem Spiegel
der See entspringt eine kleine Quelle, welche befeuchtend und nhrend
die Schlucht zu einer Oase umwandelt, und an manchen Stellen derselben
eine wahrhaft ppige Vegetation hervorgerufen hat. Die Quelle wird vom
Fue des Berges durch eine improvisirte Wasserleitung bis an die
See gefhrt, und dort lt tglich, auf 4 Stunden Entfernung, der
englische Minenbesitzer in der Algodonbai seinen Wasserbedarf fr
Menschen und Thiere holen.

Die Wasserleitung selbst besteht aus alten Blechfragmenten, entnommen
aus unbrauchbar gewordenen Kisten, in welchen Waaren ber die See
gebracht worden sind, und welche man mit der Hand in Form von Rinnen
gebogen hat. Man hat durch kleine Steine diese Rinnen untersttzt, und
ich glaubte anfnglich das Ganze von spielenden Kindern erbaut, denn
ein leichter Sto mit dem Fue mag leichtlich Alles zerstren. Aber
der kunstlose Bau steht unter dem Schutze der Bevlkerung, und erfllt
seit Jahren ungestrt seinen Zweck.

Weiter oben in der Schlucht breitet sich die Quelle bewssernd aus,
dort hat sich Erde gebildet, und man hat kleine Grten angelegt. Der
Baumwollenstrauch stand dort in voller Blthe, ein ziemlich groer
Baum, dem Linzenbaum unserer Ziergrten hnlich in Blatt und Blthe,
Granatbaum und andere Kinder der tropischen Flora wucherten, man knnte
fast sagen bermthig in der nchsten Nhe ihrer tdtlichsten
Feindin, der Wste[47].

Es liegt an jenen Stellen eine schwarze fruchtbare Dammerde, entstanden
durch die Verwitterung des Gesteins und die Wechselwirkung des Wassers
und der Sonne, bedeckt mit dem ppigsten Grn, dicht neben schwarzem
doleritischen Gesteine, welches von der glhenden Sonne so erhitzt ist,
da man kaum die Hand auf dasselbe legen kann, und whrend die grne
mit Pflanzenwuchs bedeckte Flche bisweilen, steigt man aufwrts,
wohl zwanzig Schritte breit ist, findet sich anderen Stellen wieder kaum
einige Schuhe breit der Boden mit Erde und Vegetation bekleidet, wie
eben die launenhafte Quelle ihren Lauf genommen.

Wir machten unter einem mchtigen Feigenbaume, der mit einer Menge
reifer Frchte bedeckt war, Halt, und da unsere Reiter ebenfalls
angekommen waren, begannen wir zu schmausen.

Es war ein frhliches Fest, welches wir dort feierten, ein lustiger
Congre der verschiedensten Nationen der alten und neuen Welt, die ein
abenteuerlicher Geist ber die See gefhrt, und frhliche Laune hier
versammelt hatte. Deutschland, England und Frankreich, Nordamerika,
Peru und Chile waren reprsentirt, und es waren die Speisen fast alle
gewhlt und bereitet nach dem Geschmacke der Landsmannschaft.

Man erlt mir wohl den Kchenzettel, aber doch mu ich berichten,
da krzlich durch einen Dampfer in die Bai gebrachte Frchte aus
Peru den Reiz des Mahles erhhten durch Seltenheit und Wohlgeschmack.

Da war die mchtige Ananas, die groe peruanische Traube, die Duna,
die Cheremoya, dann die goldene Frucht des Granatbaums, und kaum
gedachten wir die Feigen vom Baume zu pflcken, die wir fast mit den
Hnden erreichen konnten.

Dankbarer Weise aber erwhnen wir der Weine aus verschiedenen Lndern,
die uns die heiterste Stimmung brachten, und mancher mag wohl dort tief
genug seine Lippen getaucht haben in das purpurfarbige Blut der Rebe.

Aber auch unser Festsaal war zu loben und trefflich gewhlt. Ringsum
die wilden und schroff ansteigenden Felsen der Steinwste von
Atakama, aber wir auf duftendem Grase, unter den Zweigen des riesigen
Feigenbaumes und dem schnsten Himmel der Erde. Vor uns aber, wo die
Schlucht sich ffnete, das unendliche Meer, gro, still und ruhig, ja
einsam wie die Wste hinter uns, denn es vergehen fters Wochen, bis
ein Schiff die Bai besucht, und kein Segel war auf der weiten Flche
zu sehen. Ich habe dort einen Toast ausgebracht auf die alte deutsche
Muttererde, den die ganze Welt erfahren darf, und einen andern auf
die lieben, theuern Herzen in der Heimath, der Niemand in der Welt
interessirt als jene und mich, dann warf ich mein Glas in die Felsen,
nahm meine Bchse und stieg in die Berge, da sich die Gesellschaft zur
Siesta anschickte, ich aber zu trumen frchtete von meinen Toasten.

Der Ursprung der Quelle war nicht genau zu ermitteln, indem der Theil
der Schlucht, aus welcher die Quelle kam, so steil und unzugnglich
war, da ich lngere Zeit bedurft htte, als mir zu Gebote stand,
um bis zur Quelle zu gelangen. Ich wandte mich daher nach einer
andern Seite, und stieg zwischen und ber doleritische Gesteine und
Grnsteinformen eine ziemliche Strecke aufwrts.

Schon an der Quelle und in der mit Pflanzwuchs bekleideten Schlucht fand
sich hufig die Losung der Guanacos, welche ohne Zweifel von den Bergen
herabgestiegen dort ihren Durst lschten, weiter gegen oben aber lag
der ausgetrocknete Koth dieser Thiere so hufig, da bisweilen auf
Stellen von einigen Ackern Landes der Boden buchstblich damit bedeckt
war. Die liee auf eine ungeheure Anzahl dieser Thiere schlieen,
wenn nicht der Umstand zu beachten wre, da in jenen Gegenden Nichts
fault, sich Nichts in der Art zersetzt, wie es bei uns der Fall ist,
sondern da Alles einem langsamen Austrocknungsprocesse, einer wenig
strmerischen Verwesung unterliegt, und da zugleich keine Insekten
vorhanden sind, welche diese und hnliche organische Reste verzehren.
So ist ohne Zweifel seit einer Reihe von Jahren von den zu Thale
ziehenden einzelnen Thieren jene Losung dort aufgehuft worden. Weiter
gegen oben trat in geognostischer Hinsicht dieselbe Reihenfolge auf, wie
es auch an andern Orten der Bai der Fall, und bereits berichtet worden.
Porphyre und Felsite folgten dem doleritischen Gesteine und oben auf lag
ein Syenit, jenem in der Bai sehr hnlich, wenn nicht gleich. Ich kam
auf kleine Plateaus, dann wieder auf steile, kaum zu erklimmende Wnde,
und es zeigte sich auch hier das terrassenartige Ansteigen des Gebirgs,
wie allenthalben an der Kste, ja wie auf der hohen Cordillera
selbst. Nebel, welche allabendlich die hchsten Spitzen des Gebirges
einhllen, und welche durch gnstige Lage des Gesteins, wohl auch
hier die Quelle bedingen, scheinen ebenfalls auch das Gedeihen jenes
mchtigen Cactus zu begnstigen, von welchem ich schon gesprochen
habe, und man trifft dort, wenn man so sagen darf, ganze Gehlze dieser
Pflanze. Ich habe ein lebendes Exemplar derselben mitgebracht und
sie wurde als =Cereus chilensis= bestimmt. Es wird aber der =Cereus
peruvianus= und =chilensis=, wie mir scheint, hufig verwechselt,
und ich mchte, vielleicht noch zu grerer Verwirrung der Frage,
beifgen, da sowohl hier als wie in Chile mehrere groe Cacteen
vorkommen, welche sich wohl sehr hnlich sind, aber keiner der beiden
genannten Arten angehren. =Jania rubens= fand sich hufig an den
alten, oft 30 Fu hohen Stmmen jener =Cacteen=, und auch =Bambusa
Guada= fand ich dort in einzelnen Exemplaren. Die war das einzige
Anzeichen von Vegetation in jenen sterilen Gehgen, whrend sich
nirgends ein lebendes Thier blicken lie, denn selbst der Condor
fehlte, der auf der hohen Cordillera doch bisweilen ber uns in den
Lften schwebt. Ich war lange aufwrts gestiegen im Gebirge, war auf-
und abwrts geklettert ber Schluchten und an abschssigen Wnden,
so da ich lngst die See nicht mehr sah, und als ich endlich an den
Heimweg dachte, die Mglichkeit vor mir sah, unser Lager nicht mehr
zu finden. Doch gab bereits die im Sinken begriffene Sonne mir die
Richtung, und ich langte nach etwa dreistndiger Abwesenheit im Lager
an.

Dort lagen alle Schlfer noch zerstreut in malerischen Gruppen und ich
wurde an die Schlferscene im Robert erinnert; da ich aber keinen Zweig
zu zerbrechen hatte, feuerte ich einen Schu ber ihre Kpfe hinweg.
Bald loderte nun ein Feuer, es wurde Kaffee bereitet und die Rstung
zum Heimweg betrieben. Ehe ich aber die wirthliche Schlucht verlasse,
will ich noch einiger Thiere gedenken, welche ich dort getroffen,
und welche ohne Zweifel einzig auf die grnende Parthie derselben
angewiesen sind. Es war ein kleiner finkenartiger Vogel, welcher, jedoch
selten, durch die Aeste der greren Bume schlpfte, dann einige
Eidechsen, welche zierlich und schlank gebaut und unserer =Lacerta
agilis= nicht unhnlich waren. Sie schienen den Menschen kaum zu
frchten, und haschten kleine Stckchen Brod oder Feigen, welche man
ihnen hinwarf, und flohen damit in ihre in den Steinen befindlichen
Schlupfwinkel, um bald darauf wieder zu erscheinen. Ich habe keines
dieser Thierchen getdtet, und auch keinen der Vgel, kann daher ber
Art und Gattung nichts weiter sagen.

Ferner fand ich noch zwei Arten von Fliegen und das vorzugsweise
unter dem groen Feigenbaume, auf Stamm, Blttern und Frchten
umherfliegend. Es hatten jene Fliegen Aehnlichkeit mit =Cynips Psenes=,
durch welche in Griechenland die sogenannte Caprification der Feigen
vermittelt wird, und es wre wohl mglich, da jene Fliegen dort in
Mamilla in hnlicher Beziehung zu den Feigen stnden, doch konnte ich
an den reifen und unreifen Frchten keine Spur eines Insektenstiches
finden. Auch kennt man weder in der Algodonbai noch in Chile die
Operationen, welche man im Oriente anwendet, um die Reife der Feigen
knstlich zu befrdern, und giebt es dort ein solches Insekt, durch
dessen Stich die geschieht, so findet die Caprification wenigstens
ohne Hlfe und Mitwissenschaft der Menschen statt.

Am Strande angelangt, wurde uns von einigen Bewohnern Mamillas ein
junges Guanaco zum Verkaufe angeboten, und der Kapitain erstand dasselbe
zu einen ziemlich hohen Preise, um es mit nach Europa zu zu nehmen.
Wir erfuhren dort, da die Guanacos eben nicht hufig auf den Bergen
seien, da aber doch welche getroffen wrden, und da die Thiere
hufig des Nachts an die Quelle kmen um zu trinken. Ganz = la=
Robinson wird dann bisweilen eines oder das andere von irgend einem
Verstecke aus mit dem Lasso gefangen. Das Junge, welches wir mitnahmen,
war nebenher gesagt, das boshafteste, strrigste und widerwrtigste
Subject (unter den vierbeinigen nmlich), welches mir seit langer Zeit
vorgekommen. Es hatte die Gre eines starken Rehbockes; wir brachten
es glcklich mit nach Europa, und ich habe spter vielleicht noch
Gelegenheit von ihm zu berichten.

Wir hatten heimwrts gnstigen Wind, und konnten abermals das Segel
bentzen; so kamen wir rasch vom Flecke und die Fahrt war bei der
lieblichen Temperatur des Abends in der That eine hchst angenehme zu
nennen. Als wir uns dem Felsen nherten auf welchem sich gewhnlich
die Robben aufhalten, lagen wirklich mehrere derselben dort, sich in der
Abendsonne wrmend.

Das giebt einen Scherz, sagten unsere Matrosen, geben Sie einmal
Acht, was die Burschen sich rgern, wenn man ihnen Seehund! zuruft,
denn weil es eigentlich _Seelwen_ sind, so verdriet sie die ganz
verzweifelt.

In der That hatte es ganz den Anschein als wollten die Seelwen die
Meinung der Matrosen in Betreff ihres Racen-Vorurtheils rechtfertigen.
Wir nherten uns dem ersten, der zu schlafen schien, und riefen
smmtlich aus voller Kehle das ominse Seehund. Da erhob sich das
Thier, stie ein wirklich schauderhaftes Gebrll aus, und rutschte,
mit den kurzen Stummelfen sonderbare Bewegungen machend, bis an den
Rand der Klippe. Jetzt lachten ihn die Matrosen aus, wiederholt Seehund
rufend, bis endlich unter wthendem Gebrlle das Thier sich kopfber
in die See strzte. Interessant war bei der Geschichte, da die kaum
fnfzig Schritte davon auf andern Klippen liegenden Robben nicht auch
sogleich die Flucht ergriffen, sondern wirklich warteten, bis auch sie
persnlich angegriffen und verhhnt wurden.

Ohne irgend einen strenden Unfall und sehr befriedigt von den
Ereignissen des Tages, erreichten wir ziemlich spt des Abends den
Dockenhuden, und versprachen uns gegenseitig einen zweiten hnlichen
Ausflug nach Mamilla, der aber in Folge anderer Excursionen unterblieb.

Einige Tage spter unternahm ich allein eine Excursion in die Berge um
geognostische Notizen zu sammeln, und vielleicht nebenher ein Guanaco zu
erlegen. Ich hatte eine kleine, wollene Decke mit mir genommen, wie
ich solches auch in Chile that, wenn ich im Freien bernachten wollte,
etwas Charque, d.h. an der Sonne getrocknetes Ochsenfleisch, ein wenig
Zwieback, und meine Feldflasche mit Rum gefllt. Da Berg-Compa,
Mineralienhammer und die Doppelflinte nicht fehlten, versteht sich von
selbst. Ich verlie des Morgens gegen zehn Uhr den Dockenhuden
und stieg rstig bergan. Die Ergebnisse der meisten geognostischen
Erfahrungen, welche ich auf dieser und andern hnlichen Touren
sammelte, habe ich theils in einer greren wissenschaftlichen
Abhandlung niedergelegt, theils aber auch in den gegenwrtigen
Reiseskizzen insoferne berhrt, als es fr dieselben von Interesse
ist. Ich will daher den freundlichen Leser nicht weiter mit solchen
behelligen, indessen mu ich von einer Erscheinung berichten, der ich
schon frher vorbergehend erwhnte.

Es ist die die scheinbare Schichtung des Gebirges, welche an mehreren
Stellen der Kste beobachtet wird und welche, wie sich bei nherer
Betrachtung ergibt, durch Verwitterung bedingt ist.

Ich habe schon fter des terrassenartigen Ansteigens erwhnt, welches
die dortigen Bergformen charakterisirt. An manchen Stellen nun haben
sich die einzelnen Parthien, kolossalen Mauern hnlich, neben einander
emporgeschoben, so da eine stets die andere berragt, und, wenn man
will, eine Art Riesentreppe gebildet wird. Durch Verwitterung nun,
und allmlige Zersetzung des Gesteins, hat sich ein Theil derselben
abgelst und ist von den steilen Wnden hinabgestrzt auf den ebenen
Theil der unteren Bildung, der hier ein greres oder kleineres
Plateau bildet. Da das zersetzte verwitterte Gestein fast stets eine
andere Farbe angenommen hat, so sticht seine Anhufung auf dem untern
Plateau meist ziemlich scharf ab gegen die steil ansteigende Wand des
unzersetzten Felsens, der mauerartig hinter dem Plateau ansteigt. Dies
bildet nun quer am Abhange des Gebirges hinziehende, verschiedenfarbige
Streifen und Bnder, welche an vielen Stellen der Kste, von einiger
Entfernung gesehen, fast tuschend den Eindruck der Schichtung machen.

Bei der Regenlosigkeit jener Kstenstriche mu eine solche Masse
verwitterten Gesteins auffallen, allein es tritt dort die intensive
Sonnenhitze wieder theilweise ergnzend auf, und das einmal abgelste
und auf die untere Flche gestrzte Gestein bleibt dort fr immer
liegen, eben da die Regengsse fehlen, welche an einem andern Orte mit
der Zeit diese Lagen mehr und mehr abwrts fhren wrden.

Whrend der ganzen Kstenfahrt interessirte mich diese scheinbare
Schichtung des Gesteins, und schon auf der hohen Cordillera in Chile
habe ich frher Aehnliches an entfernten und unzugnglichen Stellen
des Gebirges betrachtet. Ich fand hier pltzlich die einfache aber
vollstndig klare Lsung des Rthsels, und setzte erfreut meinen
Weg fort, denn das Vergngen, welches man bei solchen Gelegenheiten
empfindet, entschdigt fr die Entbehrungen von Wochen und Monaten.

Bis gegen Abend kletterte ich bald abwrts bald aufwrts, Handstcke
schlagend, Durchschnitte zeichnend, und berhaupt nach Krften
geognostische Studien betreibend. Dann stieg ich aufwrts so weit ich
konnte und ging eine Strecke in's Land, wenn der felsige, steinige
Boden so genannt werden darf, der von tausend Rissen durchzogen, und mit
mchtigen Felsenstcken bedeckt war. Aber stets war die Aussicht in's
eigentliche Innere versperrt durch neue aufsteigende Felsenhgel, und
ich sah ein, da ein weiteres Vordringen fr heute nicht mglich,
wenn ich morgen wieder an Bord sein wollte. Ich ging also gegen Sden,
wo sich das Gebirge etwas senkte, und so weit gegen die Kste zu, da
eben das Meer wieder sichtbar wurde. Dort suchte ich mir einen
Felsen aus, in dessen Nhe mglichst wenige frisch herabgestrzte,
scharfkantige Bruchstcke lagen, weil ich schlo und hoffte, da
auch whrend der Zeit, in welcher ich neben ihm liegen wrde, ein
Herabfallen nicht stattfinden wrde. Ein Vorsprung von einigen Fu
mute das schtzende Dach vorstellen, und indem ich grere Steine
hinwegrumte, bereitete ich mein Lager so gut es ging.

Spartanisch genug fiel es aus, das mag ich nicht verhehlen, und wenn
gleich die Mdigkeit mich die ersten Stunden ziemlich fest schlafen
lie, so brachte ich doch den grten Theil der Nacht schlaflos zu,
und diese Schlaflosigkeit war sicher nicht durch die allzu reichliche
Abendmahlzeit hervorgerufen, da ich die Hlfte meines Vorrathes fr
den folgenden Tag gespart hatte. Was ich indessen am meisten frchtete,
den Mangel an Wasser, empfand ich am wenigsten, und ohne Zweifel war
die schwache Nebelschichte, welche sich herabgesenkt hatte, die Ursache
hievon.

Als ich etwa gegen 1Uhr in der Nacht erwachte, war der Mond
heraufgestiegen und der Nebel auf den Bergen fast gewichen, so da
die Felsengruppen um mich beleuchtet waren, und auch ber den den
Flchen des Gebirges und der fernen See ungewisse Streiflichter
zitterten. Ich starrte dort wie im Traume auf jenes Chaos von Felsen,
Nebel und undeutlichen Lichtmassen hin, und es beschlich mich ein
solches Grauen, da ich deutlich mein Herz schlagen hrte. Wovor? Ich
wei es nicht. Warum? Ich vermag keine Rechenschaft zu geben, denn ich
hatte viele Nchte im Freien zugebracht eben so allein wie hier. Es
war keine Furcht vor etwas Lebendem, keine Scheu vor etwas Todtem,
Gespenstigem, es war ein tiefes, unbezeichenbares Grauen, ein Schaudern
bis in's innerste Mark, ein Alpdrcken im wachenden Zustande.

Mancher Sprung in's Wasser und mancher verhngnivolle Druck am
Schloe der Pistole mag vielleicht solche Momente geschlossen haben.
Ich hatte das nicht zu frchten. Hatte ich nicht den zweiten Toast
getrunken in der Schlucht von Mamilla!

Jenes furchtbare Gefhl dauerte indessen nicht lange. Schon eine halbe
Stunde nach dem Erwachen rauchte ich die vershnende Friedenspfeife
mit mir selbst, und schuf mir Theorien, wodurch jene Schauder entstanden
sein konnten. Ich will diese dem Leser erlassen, mu aber beifgen,
da ich mehrmals in der Nacht das Wiederkehren frchtete, hnlich
einer pathologischen Erscheinung.

Obgleich ich schon manche unangenehmere Nacht zugebracht unter Dach als
hier unter dem sogenannten Himmelszelte, so war doch die Erinnerung
an diese eben keine erfreuliche zu nennen, und ich nahm mir vor, ein
zweites Nachtlager auf hnliche Weise in der Folge zu versuchen, der
Probe halber und des Experiments wegen. Ich habe es einige Tage spter
ausgefhrt, und kann von jener Nacht dem Leser versichern, da
sie friedlich vorbergegangen und die Expedition nichts besonderes
geliefert, als Ergnzungen zu meinen geognostischen Studien.

An jenem Morgen aber brach ich schon vor Anbruch des Tages auf und hielt
mich in sdlicher Richtung das Gebirge verfolgend auf dessen Hhe, bis
ich endlich, als die Sonne zu steigen begann, abwrts schritt, um das
Ufer zu erreichen. Es waren bisweilen die Wnde und Gehge so steil,
da ich mich kaum zu halten vermochte, und da ich eine ziemliche Last
an erworbenen geognostischen und oryktognostischen Stufen mit mir trug,
welche durch neue Funde stets wuchs statt abzunehmen, so war ich froh
als ich den Fu des Gebirges erreicht hatte.

Meiner Rechnung nach mochte ich etwa drei und eine halbe Stunde von der
Bai entfernt sein, aber bei der bereits drckenden Sonnenhitze und dem
oft glhend heien schwarzen Sand der Kste, welcher hufig mit dem
weien, aus Muschelfragmenten begehenden, wechselte, war der Heimweg
immerhin ein beschwerlicher zu nennen. Zudem hatte ich Hunger, da bis
auf einen kleinen Rest von Zwieback mein Speisevorrath zum Frhstck
gedient hatte, um die Schauer der Nacht zu vertilgen. So gewhrte es
mir ganz besonderes Vergngen, als ich an den aus der See ragenden
Klippen pltzlich mehrere Mven sitzen sah, welche sich wenig um mich
zu bekmmern schienen. Ich scho eine derselben, und indem ich mir
dieselbe aus dem Wasser nahm ich ein Morgenbad und zugleich einen Mund
voll Seewasser[48].

Ich wute, da in den Auslufen der Schluchten nicht selten
vertrocknete Cactusstmme angetroffen werden, welche dort als
Feuerungsmaterial dienen, und so schritt ich weiter, auf solche wartend,
um meine Mve zu braten, wie ich es bereits in Chile mit einem guten
Theile geschossener Vgel gethan.

Wie ich schon frher bemerkte, wechselt hufig der Sand der Kste,
indem er einmal aus schwarzen magneteisenhaltigen Krnern, dann
wieder aus greren Geschieben, endlich aber an andern Orten blos aus
Muschelfragmenten oder thierischen Resten berhaupt besteht.

Es ist ohne Zweifel sowohl der nchste Meeresgrund, als auch die
Richtung der kleineren Buchten, gegen den vorzugsweise herrschenden
Wind, hieran schuld, und so kam ich bald, nachdem ich die Mve erlegt
hatte, an eine solche Bucht, die buchstblich bedeckt war mit Knochen
von Robben und Wallfischen, und mit Schdeln derselben, welche in
der Form wenigstens noch wohl erhalten, obgleich fast alle organische
Substanz aus ihnen verschwunden war, und ein weiterer Transport kaum
mglich erschien. Die flachen Ufer jener Bucht erstreckten sich wohl
hundert Schritte weit bis an den Fu des Gebirges und hatten die
vierfache Lnge, und es bedurfte ohne Zweifel mehrere Jahrhunderte,
um die Unzahl von Knochen aufzuhufen, welche sich dort befinden. Ich
zeichnete den Schdel eines Wallfisches, der etwa 7 Fu Lnge hatte
und verlie die Stelle, indem ich mich wieder den Bergen nherte, wo
ich endlich fand, was ich suchte, nmlich einige ausgetrocknete, zur
Feuerung tchtige Stcke von Cactusstmmen. Ein kleines Feuer war
bald entzndet und die zerstckte Mve kunstgerecht mit etwas Salz
bestreut, gebraten, oder vielmehr halb gerstet und halb verbrannt.
Obgleich ich stets Hammelfleisch und weie Rben als das
abscheulichste Essen erklrt habe, mu ich doch gestehen, da jener
Vogel noch verabscheuungswrdiger roch, und fast noch erbrmlicher
schmeckte als jenes genannte schmhliche Gericht.

Nach etlichen Stunden kam ich an Bord an, nachdem ich vorher die Ruinen,
oder wenn man will die Grundmauern von Wohnungen aufgefunden hatte,
welche einer alten und lngst ausgestorbenen Menschenrace angehrten.
Aber hievon werde ich spter berichten.

Ich habe so eben jener eckelhaften Speise des Hammelfleisches erwhnt,
und mu jetzt gestehen, da ich schon des folgenden Tages _dreimal_
Hammelfleisch genieen mute (glcklicher Weise indessen ohne
Rben), und da ich dieser auerordentlichen und kaum glaublichen
Thatsache halber ein Attest bei mir fhre, welches ich mir von unserm
Kapitain mit beglaubigter Zeugenunterschrift habe ausstellen lassen.

Dem Leser erlasse ich die Mittheilung dieses Attestes, welches indessen,
als ich den Kapitain um die Unterschrift bat, viel Scherz veranlate,
und hiefr erlt mir vielleicht der gnstige Leser die detaillirte
Aufzhlung der ganzen Reihe von merkwrdigen Begebenheiten, welche
jene unerhrte Thatsache hervorgerufen hat.

Direct aber an den letzten Hammelkopf mit Zwiebeln, der bei dem
englischen Minenbesitzer verzehrt wurde, mu ich die Schilderung einer
der romantischsten Parthien der Bucht anknpfen. Wir hatten nmlich
bei Herrn Thomas Helsby zu Mittag gegessen, und es fhrte uns derselbe
nach Tische in der Umgegend seiner Besitzung umher. Nicht weit von der
letztern befindet sich eine grere Gruppe jener fters erwhnten
dunkeln Felsgebilde, welche zusammenhngend und massiger als
gewhnlich, hier eine Halbinsel bilden. Das unregelmige Viereck,
aus welchem die Gruppe besteht, hngt eben nicht unmittelbar lngs der
ganzen dem Lande zugewendeten Seite mit demselben zusammen, sondern es
bildet die See hier einen Einschnitt in die Felsenmasse, eine schmale
etwa 10 bis 12 Fu breite Bucht, die ungefhr zwei Drittheile der
Lnge jener der Kste zugewendeten Seite der Felsparthie betrgt.

Die ganze Masse der Felsen steht senkrecht und mauerartig aus dem Wasser
hervor und ihre Hhe betrgt auf der Seeseite 36 bis 40 Fu. Auf der
Landseite aber sind sie etwas hher, so da vom Lande gegen See zu ein
Fall stattfindet.

Die Oberflche der kleinen Halbinsel ist mit einzeln emporstehenden
Spitzen, kegelfrmigen Erhhungen und Zacken besetzt, und dieselbe
erhlt dadurch ein phantastisches und groteskes Ansehen, dabei betrgt
ihre Breite dreiig und etliche Schritte, ihre Lnge aber etwa
zweihundert.

Was aber jener schon an und fr sich romantischen Parthie einen
wirklich und groartig pittoresken Reiz verleiht, ist die Brandung,
welche an jenem Theile der Kste, wie ich bereits erwhnte, bisweilen
in so ungestmer Heftigkeit und mchtiger Hhe auftritt.

Die Oberflche jener Felsgruppen ist bei gewhnlicher Brandung bis
auf einige mit Wasser gefllte Vertiefungen trocken und kann bestiegen
werden. Bei hherer Brandung aber steigen die Wasser ber die Felsen
empor und berfluthen dieselben.

Wir nahmen unseren Standpunkt hinter dem vorher erwhnten Einschnitte,
welcher einen Theil der Halbinsel von der Kste trennt, und sahen
ber erstere hinweg, wie mchtige Wellen der Brandung, wandelnden
Riesenmauern gleich, gegen die Felsen anstrmten. Aber dort brach sich
ihre Kraft, wir hrten blos das dumpfe Brllen der zerschellenden
Wassermassen und hchstens stiegen weie, zackige Kmme, die
Spitzen der strmenden Wogen, ber die Felswand empor, um im andern
Augenblicke wieder zu verschwinden.

Pltzlich aber rckte von der See her eine neue, strmende
Wassermasse an, eine gewaltige, mchtige Fluthenmauer; sie
erreichte die Felswand und dieses Mal berstrmte sie dieselbe. Mit
donnerhnlichem Brausen und Toben strzte von allen Seiten mit der
Schnelligkeit des Blitzes die siegende See aufwrts ber die schiefe
Flche des Fels-Plateaus. Zwischen uns und der anstrmenden Fluth war
jene Schlucht, und doch wichen wir unwillkrlich einen Schritt zurck;
aber die Wasser ergossen sich jetzt unaufhaltsam vorwrts strzend in
die Schlucht selbst, so da diese bis zum Rande gefllt erschien mit
dem weien, wild aufkochenden Elemente.

Auf der einen Seite ist die Schlucht gegen die See geffnet und bietet
einen schmalen Eingang, auf der andern Seite aber ist eine etwa 10Fu
breite Hhle in gleichem Niveau mit dem Wasser bei gewhnlichem
Stande. In diese Hhle strzen die Wasser, welche kurz vorher
die Schlucht erfllten und obgleich ein Theil derselben wieder
hervordringt, so bleibt doch die grte Menge im Innern und mu
jedenfalls einen andern Ausflu haben.

Es erneute sich das interessante Schauspiel stets nach einigen Minuten,
und obgleich fast betubt von der ganzen colossalen Erscheinung,
blieben wir doch fast eine Stunde lang in ihre Betrachtung versunken,
und unwillkrlich habe ich bei jenen wild aufkochenden Wogen, die dann
pltzlich in die geheimnivolle Hhle verschwinden, an Schiller's
Taucher gedacht.

Geheimnivoll aber ist die Hhle wirklich. Es bentzen sie
Schmuggler[49] als Zufluchtsort und Versteck, und ihnen allein sind die
Vortheile bekannt, mittelst welcher man ber und durch die unzhligen
Klippen und Felsenspitzen hinwegkmmt, welche aus dem stets heftig
bewegten Wasser der Schlucht hervorragen. Das Innere der Hhle hat ohne
Zweifel einen andern, blos ihnen bekannten Ausgang, und mu sichern
Raum bieten. Aber Niemand auer den Schmugglern hat je den Eingang
gewagt.

Zollwchter verfolgten vor einiger Zeit an der Kste ein
Schmugglerboot, welches die Schlucht gewann, und in dem tobenden
Wogen-Chaos derselben verschwand. Auch das Wachtboot folgte und
verschwand ebenfalls. Des andern Tages fand man einige Trmmer
desselben, und den zerschmetterten Leichnam des einen der sechs
Zollbedienten. Die andern hat kein Auge je wieder gesehen; aber die
Schmuggler erschienen ganz unbefangen nach einigen Tagen, verkauften
ihre Waare und besuchten auch spter die Kste wieder.

Nachdem wir die Schmugglerbucht verlassen hatten, ging der Kapitain
mit Herrn Helsby nach dessen Wohnung, um noch einige Geschfte zu
besorgen; Kapitain Mller und ich aber fuhren an Bord zurck, und
wir hatten das Glck, an jenem Abende eine interessante Erscheinung zu
beobachten.

Die Sonne war eben am Untergehen, und das Wetter war wie immer heiter,
obgleich die hchsten Spitzen des Kstengebirgs bereits fast seit
einer Stunde mit der gewhnlich des Abends erscheinenden Nebelschicht
bedeckt waren. Zugleich war auch in einiger Entfernung auf der See Nebel
aufgestiegen, und es erschien hiedurch und durch die verschwindenden
Strahlen der Sonne, der Horizont einige Grade hochrthlich gefrbt.

Wir waren etwa noch 6 Faden vom Schiffe entfernt, als ich pltzlich
scheinbar in Entfernung von etwa einer englischen Meile an einer Stelle,
welche sonst vollkommen frei war, einen dunkeln Fleck bemerkte, und
Kapitain Mller hierauf aufmerksam machte, da ich ein Segel zu sehen
glaubte; indessen wurden wir beide im nchsten Augenblicke gewahr, da
wir kein Schiff vor uns hatten, sondern da es ein Fels sein msse,
und zwar der ganzen Form nach einer jener spitz und kegelfrmig aus dem
Meer hervortretenden Grnsteinformen.

Aber noch indem wir die Sache besprachen, rief uns der Obersteuermann
zu, uns zu beeilen, indem sich etwas ganz Seltsames zeige. Ich sehe
Land mit einem Flaggenstocke -- rief er -- wo noch vor 10 Minuten keins
war!

Man kann sich denken wie die beiden Matrosen, die uns fuhren, mit ihren
Riemen auszogen, und wie rasch wir beide am Fallreef hinauf und auf
Deck flogen. Dort sahen sowohl wir als auch alle anwesenden Matrosen
allerdings etwas sehr _Seltsames_. An einer Stelle der See, an welcher
vor einigen Minuten keine Spur von irgend etwas Fremdartigem zu sehen
war, stand ruhig und vollstndig klar ausgesprochen ein spitzer
Felsenkegel, der etwa 100 bis 150 Fu hoch sein mochte, wenn die
Entfernung richtig war, in welcher wir ihn zu sehen glaubten, und welche
keinen Falls mehr als eine englische Meile betrug.

Whrend aber der Fels ruhig und fest aus dem Wasser ragte, befand sich
oben auf demselben ein anderer Gegenstand, der sich sichtlich bewegte,
sich bald nach rechts, bald nach links wendete, bald hher, bald
niedriger wurde. Dieses zweite Bild war unten schmal, oben aber breit,
und machte auf mich den Eindruck zweier Palmbume deren Stmme
dicht an einander standen, whrend nach oben die Kronen sich weiter
ausbreiteten und theilweise in einander bergingen.

Die Seeleute glaubten _Land_ zu sehen und einen _Flaggenstock_ auf
demselben. So jeder nach seinem Geschfte.

Mein erster Gedanke war eine Lichtspiegelung, das Abbild irgend eines
Felsens der Kste mit einem Palmbaum auf der Spitze. Aber es befanden
sich in der ganzen Umgegend keine Palmbume, mithin war die Theorie
nicht stichhaltig. Da tauchten rechts und links von dem zuerst sichtbar
gewordenen Felsenkegel kleinere auf, zwar kaum die halbe Gre des
erstern erreichend, aber wie er ruhig und unbefangen dastehend und sich
sichtlich nicht um uns kmmernd, whrend wir uns die Kpfe zerbrachen
ber ihr unerwartetes Erscheinen. Jetzt fuhr mir wie ein Blitz die Idee
einer vulkanischen Hebung durch den Kopf. Welch ein Glck! Ich fhlte
wie mein Herz schlug! Ich war also von einem gnstigen Geschicke
auserkoren einer weitern Hebung der Kste beizuwohnen. Jene
Grnsteinformen, welche mich bereits so vielfach beschftigt hatten,
sollten jetzt vor meinen Augen entstehen. Morgen schon vielleicht war es
mglich, mit dem Boote sich den neu entstandenen Bildungen zu nhern.
Durch Bimssteinstcke und durch Massen von Seefischen, die getdtet
von der Hitze um die vulkanischen Kegel schwammen, wird das Boot den
letzteren beizukommen suchen. Vielleicht kann irgendwo schon Fu
gefat und eine bezeichnende Stufe geschlagen werden!

Whrend die bewegliche vorhin geschilderte obere Parthie der
Erscheinung von den Seeleuten fr eine Flagge gehalten wurde, sah
ich jetzt in derselben eine Rauchsule, gegen oben sich fcherartig
ausbreitend, und allerdings war sie einer solchen sehr hnlich, und
selbst die Matrosen gaben mir jetzt recht.

Als ich aber den Steuermann, der allerdings Kenntni hatte von solchem
Entstehen neuer Inseln, meine Vermuthung mittheilte, fuhr derselbe
zurck wie von einer giftigen Schlange berhrt.

Wenn das wre! Zum Teufel, wie kommen wir aus den verdammten Klippen,
die vielleicht allerwrts um uns emporsteigen, sagte er und ich
begriff, da er Recht hatte, obgleich ich mich dennoch innerlich
ber das Phnomen freute. Aber es war mir mittlerweile mein Fernrohr
gebracht worden, ein Feldstecher von Plssel in Wien mit vier Ocularen.
Als ich jetzt die Erscheinung nher betrachtete, so zeigte sich,
da das Bild derselben zwar _grer_ wurde, aber _nicht schrfer_,
wenigstens nicht in dem Grade als es bei der gewhlten Vergrerung
htte werden mssen, und wir waren bald alle einig, da wir zwar
_Felsen_ vor uns hatten, aber keine wirklichen, sondern da das ganze
Phnomen eine Luftspiegelung war, oder wenigstens in die Reihe dieser
Erscheinungen gehrte. Vollkommen besttigt wurde jetzt diese Ansicht
dadurch, da durch das Instrument am Fue des Felsen keine Spur von
Brandung wahrgenommen werden konnte.

Die Bilder standen nicht weit von der anfnglich erwhnten
Nebelschichte entfernt, aber auch immer noch so weit, da zwischen
ihnen und der Stelle, wo der Nebel die See bedeckte, noch ein freier
Raum blieb, in welchem, also noch hinter dem scheinbaren Felsen, die
Oberflche des Meeres gesehen werden konnte. Wre also in Wirklichkeit
irgend ein Gegenstand in der See gestanden, so htte jedenfalls
die Brandung wahrgenommen werden mssen, da das Wasser in so weiter
Ausdehnung beobachtet werden konnte, und berdies wre ohne Zweifel
bei einer vulkanischen Hebung ringsum das Wasser ohnedem mchtig
emprt gewesen.

Aber allerwrts war die See ruhig, und man konnte durch das Glas
deutlich die friedliche kleinen Wellen um das Bild, oder vielmehr vor
demselben spielen sehen.

Nachdem die Erscheinung, so lange wir am Bord sie beobachteten, etwa 8
Minuten gedauert hatte, verschwand sie allmlig, indem sie zu versinken
schien und dieses Versinken fand vollkommen gleichmig statt, indem
die kleineren spter sichtbar gewordenen Kegel schon vollstndig
verschwunden waren, whrend die obere Hlfte des grten Kegels
noch vollstndig zu sehen war. Jenes zweite Bild oberhalb des grern
Kegels, des Obersteuermanns Flaggenstock und meine Rauchsule, hatte
sich allmlig oben weiter ausgedehnt, war aber zugleich schwcher
geworden.

Ich hielt es jetzt, und wie ich glaube mit Recht, fr eine verkehrte
Spiegelung des untern Bildes, und es war vollstndig verschwunden, ehe
noch das untere gnzlich untergesunken war.

Die See blieb, wie ich durch das Fernrohr beobachten konnte,
vollstndig ruhig whrend des Verschwindens und scheinbaren
Untertauchens aller jener Felsenkegel und es herrschte kein Zweifel
mehr, da wir eine Luftspiegelung beobachtet hatten.

Da die See eine niedere Temperatur als die sie umgebende Luft hatte,
so bewirkte sie eine strkere Abkhlung der ihr zunchst gelegenen
Luftschicht, und indem sich diese Abkhlung nach oben fortpflanzt,
bilden sich mehrere Schichten von verschiedener Dichte. Dies sowohl
wie die hierdurch veranlaten Nebel, sind bedingende Momente der
Luftspiegelung. Ohne Zweifel finden hie und da hnliche Erscheinungen
in der Bai statt, aber ich konnte keine Notizen erhalten, ob sie von den
Einwohnern beobachtet worden sind.

Wohl aber mag man sich denken, da ich hoch erfreut war, Zeuge der
Erscheinung gewesen zu sein, war gleich die Hoffnung, eine vulkanische
Hebung beobachten zu knnen, buchstblich zu Nebel geworden.

Ich komme jetzt zu dem glcklichsten und interessantesten Funde,
welchen ich in der Algodonbai gemacht habe.

Kaum einige Tage in der Bai angekommen, fand ich an mehreren Stellen
unzweifelhafte Spuren, da frher, und wohl ohne Zweifel lange vor
Entdeckung der Kste durch spanische Schiffe, dieselbe bewohnt gewesen
war. Aber welchem Volke jene Bewohner angehrt hatten, lie sich nicht
ermitteln.

Unweit jener Felsen, welche die Schmuggler-Bucht bergen, findet sich das
Plateau eines greren Grnsteinfelsens, und dasselbe ist offenbar,
um ihm eine grere Ausdehnung zu geben, durch eine Art Mauer oder
Damm fortgesetzt. Es ist diese Mauer theils aus groen Steinen und
Felsstcken ohne alles Bindemittel aufgethrmt, theils aber auch aus
kleinen Geschieben und scharfkantigen Gesteinfragmenten construirt,
welche durch Kalk-Cement verbunden sind. Das Plateau selbst ist gegen
Nord hin frei, und es herrscht unter den Grubenbesitzern die Ansicht, es
sei zum Sonnendienste bestimmt gewesen.

Es finden sich ferner etwa zweihundert Schritte weit entfernt vom
mittleren Stande der See die Ruinen alter Bauwerke, Reste, die wohl an
1000 Jahre alt sein mgen, die man indessen vollkommen zu zerstren
sich nicht die Mhe genommen hat. Man hat sich bemht, die Wnde
einzuwerfen, hat aber den andern Theil stehen lassen. Ich habe den
Grundri jener Htten gezeichnet, aber leider ist mir das Blatt, neben
einigen anderen Papieren auf der Rckreise verloren gegangen.

Die Basis ist ein in die Lnge gezogenes Viereck, etwa 15 bis 18Fu
lang und 12Fu breit, doch vermag ich diese Dimensionen nicht mehr
genau anzugeben. Bei zwei derselben habe ich neben dem Eingange die
Grundmauer eines kleinen Seitenbaues gefunden, welcher ebenfalls
lnglich war, aber auf der einen schmalen Seite eine runde Ausbiegung
hatte.

Die Mauern dieser Htten sind an der noch stehenden Basis einen bis
einen und einen halben Fu breit; wie die oben erwhnte grere
Mauer sind sie theils aus Gerllen, theils aber auch aus scharfkantigen
Fragmenten zusammengesetzt und mit Mrtel verbunden. Irre ich nicht, so
stehen in der Bai selbst, unweit Bella Vista, drei solche Ruinen. Weiter
ab aber an der Kste und gegen Sd habe ich ebenfalls eine gefunden,
welche wenigstens noch 3Fu hohe Mauern hatte. An verschiedenen Orten
in der Bai und auch weiter hin an der Kste sollen selbst noch vor
einigen Jahren solche Ruinen anzutreffen gewesen sein, indessen wurden
sie, wie man mir sagte, aus Muthwillen zerstrt.

Nie hatten die Spanier auf hnliche Weise ihre Mauern construirt, ohne
Zweifel also waren jene Baureste vorspanischen Ursprungs. Aber
welchem Volke gehrten sie an? Ich sollte bald hierber erfreuliche
Aufschlsse erhalten.

Hundert Schritte etwa von den erwhnten Ruinen der Htten liegt eine
Begrbnisttte und wahrscheinlich die der Bewohner der Htten
selbst, obgleich viele weiter sdlich lebende sptere Stmme der
Westkste Amerikas die Gewohnheit haben, ihre Todten sehr weit entfernt
von ihren Wohnungen zu beerdigen.

Es waren noch etwa 36 bis 40 Grabhgel sichtbar, indessen war ein Theil
derselben bereits geffnet und durchwhlt worden, in der Hoffnung
Gold zu finden, welches bei den Grbern der alten Peruaner, Inka-Race,
bisweilen der Fall ist. Hier indessen wurde nie etwas Aehnliches
gefunden und die archologischen Bemhungen der Bergleute und
zufllig an die Kste gekommener Matrosen waren fruchtlos.

Neben den noch sichtbaren Grbern mag aber durch hufiges
Darberhinweggehen und Reiten wohl ein anderer Theil derselben
vollkommen eingeebnet und unsichtbar geworden sein.

Ich schritt indessen zur Oeffnung der noch leicht erkennbaren Grber,
und da ich von frher her mir in Derlei einige Uebung erworben hatte,
war es mir ziemlich leicht zu bestimmen, welche der Hgel schon vorher
geffnet sein mochten und welche noch unberhrt waren, und ich fand
mich beim Nachgraben selten getuscht.

Mein freundlicher Kapitain gab mir mehrere Matrosen mit an's Land, um
bei dem Ausgraben behlflich zu sein, und ich will jetzt angeben,
was ich gefunden habe. Getrost mag der Leser nun einige Seiten
berschlagen, wenn es ihn nicht unterhlt, von einer alten
ausgestorbenen Menschenrace zu hren, von welcher ich dort Reste
aufgefunden habe und von denen ich ausfhrlicher sprechen mu, auf die
Gefahr hin, einem Theile meiner Leser langweilig, ja noch langweiliger
zu werden, als es bisher bei geognostischen und meteorologischen Notizen
der Fall war.

Alle Grber befanden sich in dem schon frher erwhnten Muschelgruse,
welcher theilweise lose daliegt, bisweilen aber auch durch ein
kalkartiges Bindemittel leicht zusammengekittet ist. Es ist die Form
derselben manchen keltischen oder germanischen hnlich, wenigstens
habe ich in Franken frher Grabhgel geffnet, welche unseren in Rede
stehenden sehr hnlich waren.

Sie sind ziemlich von kreisrunder Form, und haben im Durchmesser etwa
10 bis 15 Fu; gegen die Mitte zu sind sie 3 bis 4 Fu erhht, im
Centrum aber etwas eingesunken.

In den vorher noch nicht durchwhlten Grbern befanden sich die
Skelette aufrecht, in sitzender Stellung, die Knie an die Brust gezogen,
die Hnde an das Kinn gesttzt, und die Arme fest an die Schenkel
geschlossen. Das Gesicht war bei der Beerdigung _nicht_ nach einer
bestimmten Himmelsgegend gerichtet, sondern es war leicht ersichtlich,
da die Leichen ganz nach Zufall oder Belieben eingesenkt wurden.

Man kam meist nach drei, hchstens nach drei und einem halben Fu
Tiefe auf den Kopf der Leiche. Es war das Haar und die Kopfhaut bei den
meisten gut erhalten, und das erstere war straff und scheint bei beiden
Geschlechtern lang und theilweise in Zpfe geflochten gewesen zu sein.
Ich fand bei einigen einzelne kleine, zierliche Flechten, mit groem in
der Mitte befindlichen Hauptgeflechte, bei anderen grere Zpfe,
die in wollene Schnre eingebunden waren, und ich verwahre noch mehrere
dieser Zpfe mit all jenem Respekt und der Achtung, welche einem fast
vorhistorischen Urzopfe gebhrt.

Es ist unter diesen ein starker, stattlicher Zopf, der mehrere Zolle
lang ist, und ganz allein im Nacken eines Schdels sa, genau so, wie
ihn die christlichen Germanen zu Ende des vorigen Jahrhunderts trugen.

Mithin scheinen verschiedene Formen der Frisur schon zu jener Zeit Mode
gewesen zu sein, und Haarpflege gang und gbe. Die Haare selbst sind
bei allen Individuen schwarz-braun, aber sie waren ursprnglich
wohl dunkler, und haben durch die Lnge der Zeit ihre Farbe in etwas
verndert.

In allen altperuanischen Grbern, welche man geffnet hat, und eben
so in den Grabhgeln und Ruinen der Wste von Atakama hat man fast
vollstndig wohl erhaltene Mumien gefunden, hingegen fand sich bei
keinem der von mir ausgegrabenen Skelette ausgetrocknete Muskelsubstanz,
und es zeigten sich um die Knochen hchstens nur Spuren von Moder. Die
conservirenden Bedingnisse, welche bei jenen Mumien auftraten, finden
auch hier statt, es mag mithin schon hieraus auf ein hohes Alter
derselben geschlossen werden, denn es kann nicht wohl angenommen werden,
da die Todten skelettisirt in's Grab gebracht worden sind, indem
dieser Gebrauch nur bei einigen ganz sdlich wohnenden Stmmen im
Schwunge war.

Ich will jetzt kurz die Gegenstnde beschreiben, welche ich bei den
Skeletten in den Grbern gefunden habe, sie vermgen immerhin einigen
Aufschlu ber die Lebensweise und den Kulturgrad jenes Volks zu
geben, ja selbst ber den Stand der Flora und der Fauna, welche zu
jener Zeit in der Bai geherrscht hat.

Die meisten der Skelette waren mit einem Steinkranze umgeben, wie sich
solches auch bei alten deutschen Grbern findet. Indessen waren es
offenbar zu wenig Steine, um eine Mauer zu bilden, und sie scheinen
blos in die Grube geworfen worden zu sein, um den Raum um die Leichen
auszufllen. Dicht um diese selbst befanden sich die Gegenstnde,
welche man den Todten mitgegeben hatte.

So fand ich in einem Grabe zwei Geflechte, die nach Art einer Mtze das
Haupt bedeckten, eines ber das andere gelegt. Die Form derselben
ist eine einfache Halbkugel; sie sind etwa zwei Linien dick, von
sehr zierlicher Arbeit und wie ich unter dem Mikroskope fand, von
Cactusfasern geflochten.

Weiter wurde eine kleine Krbisschale gefunden. Sie ist an einer
Stelle gesprungen, und dort mit ganz feinen Lchern versehen, um sie
zu heften. Es resultirt hieraus, da sie als eine groe Seltenheit
betrachtet wurde, denn htte es zu jener Zeit Krbisse in der Bai
gegeben, wrde man ohne Zweifel sich diese Mhe nicht genommen
haben. In der Schale findet sich ein feines Netz mit kaum liniengroen
Maschen, und in demselben einige Stcke Eisenocker. Die Schale selbst
ist mit einer Schnur umwunden.

Ein ziemlich groes Stck eines Netzes mit strkeren Maschen, groe
keulenartige Stcke von Cactusstmmen und Streifen eines groben
Gewebes, in welches, wie es scheint, der Leichnam eingewickelt war, sind
die brigen in jenem Grabe gefundenen Gegenstnde.

In einem andern Grabe fanden sich blos die eben angefhrten Stcke von
Cactusstmmen, Reste eines greren Netzes und das grobe Gewebe, in
welches die Leiche eingehllt war.

Fragmente von Tpferarbeit fanden sich neben den so eben erwhnten
Gegenstnden in einem dritten Grabe. So viel sich aus der Form
derselben noch entwickeln lie, war dasselbe fast gnzlich gleich
jener, die sich allenthalben in Deutschland noch heute in alten Grbern
findet, und mithin auch gleich den schon oben geschilderten Tpflein,
wie sie noch heute in Chile im Gebrauch sind, und gefertigt werden[50].
Das Material scheint ebenso fast identisch mit dem der alten bei uns
gemachten Ausgrabungen zu sein, und es entscheiden vielleicht hierber
mitgebrachte Proben, welche ich an verschiedene alterthumsforschende
Gelehrte gegeben habe.

In demselben Grabe fanden sich auch dnne Stcke eines Holzes, welches
viel Aehnlichkeit mit einer Weinrebe hat, ein kleines, roh geschnittenes
Stckchen eines festeren Holzes, drei Zoll lang und an beiden Enden
mit einer kugelfrmigen Verdickung versehen, ohne Zweifel zu einem
Fischernetze gehrig.

In einer vierten und fnften Grube endlich wurde eine Waffe oder ein
Messer von Feuerstein gefunden, einen Zoll lang, zwei breit, drei
Linien dick und sorgfltig geschrft. Dann acht Zoll lange sauber
geschnittene und abgeschliffene Knochenstcke eines grern
Sugethiers, welche wahrscheinlich als Webeschiffchen zum Netzstricken
gedient hatten, und mehrere dnne Rhrenknochen von derselben Lnge,
an beiden Enden abgeschliffen. Endlich noch fnf bis sechs Zoll lange
Harpunen von Knochen, zum Theil mit einem starken, ledernen Riemen
versehen, aber alle an einem Ende mit Widerhaken von Horn, welche durch
fein geflochtene Schnre an den Knochen befestigt sind. Unzweifelhaft
haben diese Harpunen zum Fischfang gedient.

Fast in allen Grbern wurden bschelfrmig zusammengebundene Fasern
des Cactus gefunden, und degleichen grere Bndel desselben Tanges
(=Hymanthallea lorea=), welcher noch heute sehr hufig in der Bai
getroffen wird.

Was die verschiedenen Gewebe und Schnre betrifft, deren ich im
Vorhergehenden erwhnte, so bestehen dieselben aus drei verschiedenen
Stoffen.

Es wurde unter dem Mikroskope gefunden, da das Gewebe, in welches
die Leichen eingehllt waren, aus feinen Haaren gedreht ist, deren
Durchmesser Herr Professor Will auf 1/80 bis 1/100 Linien bestimmte. Es
ist in demselben nur selten ein Merkmal sichtbar, aber man findet Spuren
von der leiterfrmigen Zeichnung, welche die Haare vieler Neger haben,
und es wurde ein Haar gefunden, welches bestimmt dem Chinchilla[51]
angehrte.

Die feineren Schnre, z.B. jene mit welchen die Widerhaken an den
Harpunen befestigt, und die Zpfe zusammengebunden sind, sind aus
strkeren Haaren gedreht, welche 1/20 Linien Durchmesser haben.
Die meisten derselben haben einen starken Markkanal, indessen mit
wechselndem Durchmesser. Auch die grberen Gewebe, und die Schnur,
welche um die Krbisschale geschlungen ist, bestehen aus dieser
strkeren Wolle, welche ohne Zweifel dem Guanaco angehrt, und es
rhren mithin alle aufgefundenen, aus thierischem Stoffe gefertigten
Gewebe blos von diesen zwei genannten Thieren her.

Die Netze hingegen bestehen offenbar alle aus Pflanzenfasern. Ich habe
die in den Grbern gefundenen Bschel von Cactusfasern mit dem Faden
der Netze unter dem Mikroskope verglichen und gefunden, da sowohl
das ganz feine, in der Krbisschale befindliche Netz, als auch die
grberen, ohne Zweifel zum Fischfange dienenden Netze, aus eben diesem
Materiale geflochten waren.

Uebrigens werden gegenwrtig, nach Allem, was ich erfahren konnte,
nirgends an der Kste diese Cactusfasern mehr zu Flechtwerken bentzt,
sondern man gebraucht den Cactus berhaupt nur noch zur Feuerung, oder
zum Baue jener bereits geschilderten rmlichen Htten.

Aus dem bisher Gesagten aber geht jedenfalls hervor, da auch zu jener
Zeit, als jene lngst verschwundene Menschen-Race die Kste bewohnte,
die Flora und Fauna sich dort in demselben Zustande befunden haben, wie
gegenwrtig, und keine andere Hlfsmittel von der Natur dem Menschen
geboten worden sind, als eben jetzt.

Was die Skelette selbst betrifft, so war es nicht mglich ein
vollstndiges auszugraben, und es wre mir aus verschiedenen Grnden
wohl auch unmglich gewesen, ein solches an Bord mit mir nach Europa zu
nehmen, indessen habe ich zwei vollkommen wohl erhaltene Schdel, und
zwei etwas defecte, erworben und mitgebracht.

So viel sich brigens aus den noch erhaltenen Knochen schlieen
lie, waren jene Menschen zierlich gebaut, und ich mchte als mittlere
Gre fr dieselben etwa fnf Fu angeben, eher aber noch weniger,
als mehr. Dazu sind Hnde und Fe klein, selbst _ungewhnlich_
klein im Verhltni zum brigen Knochenbaue. Eine Hand, noch
ziemlich erhalten, und durch die eingetrockneten Bnder nothdrftig
zusammengehalten, welche ich noch besitze, beweist dieses.

Was die Schdel betrifft, so bemerkt man an ihnen Folgendes:

Die ganze Kapsel des Schdeltheils ist nach hinten und oben gezogen,
die Stirn ist ausnehmend schmal und weicht von der Glabella und den
Augenbraunbogen rasch zurck, ohne da jedoch die letzteren besonders
stark hervortreten. Die Seitenwandbeine sind meist nach hinten gerckt,
und das Hinterhauptbein ist mehr oder weniger abgeplattet.

Beide Schdel sind in ihrer ganzen Ausdehnung sehr schmal und eine
seitliche Hervortreibung der Hirnkapsel ist kaum merklich. Auffallend
aber ist eine stumpfe kammartige Erhhung, welche von der Glabella aus
mitten ber das Stirnbein bis zur Kronennath als ein einfacher
Wulst, und neben der Kronennath bis zur Spitze des Hinterhauptbeins
so verluft, da die Kronennath oder die Stelle, wo sich dieselbe
befinden sollte, in einer Vertiefung liegt. An der Spitze des
Hinterhauptbeins weichen die beiden leistenartigen Erhhungen etwas aus
einander und umschlieen so einen schwach vertieften dreieckigen Raum.

Die =Crista frontalis= oder der Anfang der =linea semicircularis
temporum=, ist an beiden Schdeln ziemlich scharf und wohl erhalten.

Bei dem einen Schdel ist die Kronennath an ihrem unteren Ende,
d.h. wo sich Stirnbein und Seitenwandbein an den groen Flgel des
Keilbeins und des Schuppenbeins anschlieen, in der Lnge eines Zolles
vllig obliterirt, eben so ist die Pfeilnath vollstndig verwischt
und der Hinterhauptstachel sehr breit, und durch eine tiefe Querfurche
unterhalb desselben gleichsam mehr hervorgetrieben. Das Hinterhauptbein
aber dieses Schdels ist fast ganz abgeplattet und zugleich
asymetrisch, indem nmlich der rechte Gelenkfortsatz weiter nach
rckwrts liegt und mehr als gewhnlich ber den normalen Stand des
Hinterhauptloches hineinragt. Auch der =pars basilaris= ist in etwas
schief gestellt, so da das hintere Ende ihrer Lngenachse nach links,
das vordere nach rechts steht.

Dieser Zurckweichung des rechten Theiles des Hinterhauptbeins
entspricht auch eine Verkrzung oder Zurckweichung der rechten
Gesichtshlfte. Betrachtet man nmlich den Schdel von der Basis, so
liegt das rechte Jochbein um einige Linien weiter zurck als das linke.
Der Gesichtstheil beider Schdel ragt indessen ziemlich stark vor.
Alle diese Verschiebungen sind indessen nur unbedeutend, und fallen,
beobachtet man nicht sehr genau, kaum in's Auge.

Die Nasenbeine sind betrchtlich entwickelt und lassen auf kolossale
Nasen schlieen, welche jene Gentlemen geziert haben mssen. Eben so
sind die Augenhhlen gro und rundlich, die Wangenbeine indessen nicht
besonders gro und ziemlich gerade. Bei dem einen Schdel ist der
Zahnfortsatz mehr noch nach vorn als nach abwrts gerichtet, bei dem
andern indessen fast perpendikulr.

Die Unterkiefer wurden bei allen Schdeln, welche ich ganz oder defect
ausgegraben habe, stark und krftig gefunden.

Merkwrdig und bezeichnend ist die starke Abntzung der Zahnkronen,
welche z.B. bei den drei ersten Backenzhnen des einen Schdels
so weit vorgeschritten ist, da die Hcker vollstndig verschwunden
sind, und die Zahnsubstanz nur von einem Schmelzsaume eingefat
wird. Eben so sind die Eckzhne stark abgentzt. Bei einem isolirten
Unterkiefer, den ich besitze, ist der zweite rechte und linke Backenzahn
gegen auen und schief abgeschliffen, und dies zwar dermaen, da
whrend innen die Hhe des Zahns ber dem Alveolarrande bis zur Krone
fnf Linien betrgt, auen dieselbe nur eine Linie hervorsteht. Die
Schneidezhne sind breit und schaufelfrmig.

Ein Schneidezahn des einen und zwei Backenzhne des andern Schdels
sind caris. Trotz der eben geschilderten starken Abntzung sind alle
brigen Zhne gesund.

Der ganze Habitus dieser Schdel spricht also deutlich aus, da die
Menschen, von welchen sie herrhren, der alten ausgestorbenen Race
der Amyaras, oder jenem Volke angehrt haben, welches vorzugsweise die
Gegend um den Titicaca-See bewohnte. Bis jetzt brigens wurden an der
Westkste von Amerika, so weit sdlich, solche Schdel noch nicht
aufgefunden, und es stellt sich durch meine Ausgrabung mithin eine
weitere Verbreitung jenes Volkes heraus.

Morton sagt, da man die meisten dieser Schdel an den Ufern und
Inseln des Titicaca-Sees und in den hohen Thlern der Anden zwischen
14 und 19 sdlicher Breite gefunden habe, aber die Algodonbai liegt
unter 226' sdlicher Breite. Es hneln zwar die meisten Mumien,
welche theils in Peru, theils auch in Bolivien gefunden worden sind,
jener Titicaca-Race und sind auch wohl mit derselben verwechselt worden,
indessen sind sie durchaus nicht identisch mit derselben.

So sind die Mumien, welche jetzt etwa vor zwei Jahren =Dr.= Ried
von Valparaiso nach Europa geschickt hat und jene, welche von =Dr.=
Korhammer bereits vor mehreren Jahren in der Nhe von Lima gefunden
worden sind, und welche hie und da als jener Titicaca-Race angehrig
betrachtet worden sind, offenbar ganz anderer Art.

Es weicht auch bei ihnen die Stirne oberhalb der Augenbrauen zurck,
whrend das =Os occipitis= abgeplattet ist, aber das Profil des ganzen
Kopfes gleicht immer noch einem nach hinten geschobenen Vierecke, und
lt sich mit der kaukasischen Race immer noch in eine Parallele
stellen, whrend der Schdel der Titicaca-Race nicht sowohl an einen
Affenschdel erinnert, als ihm vielmehr vollkommen gleich sieht.

Es liegen, wie es scheint, genaue Forschungen vor ber Sprache und
Mythus der Maya-Race und anderer Ureinwohner von Centralamerika.
Nichts destoweniger bin ich in groer Versuchung, als die Erbauer der
groartigen Bauten, welche Steffens in Centralamerika gefunden hat,
eben jene Titicaca-Race anzunehmen. Die Kupfertafeln, welche Steffens
seinem Werke beigegeben hat[52], scheinen dies ganz bestimmt anzudeuten.
Es finden sich Figuren und Kpfe auf denselben abgebildet, welche nur
jenen Flachschdeln angehrt haben knnen, so sehr entsprechen sie
ihren Formen!

Die Ornamentik aber, welcher wir bei jenen Bauten begegnen, erinnert uns
an die gyptische, wobei jedoch Reminiscenzen an griechische Cultur und
verwandte Vlker nicht fehlen, und die Beschreibung, welche d'Orbygni
von den Monumenten am Titicaca-See giebt, ist den Abbildungen von
Steffens so hnlich, da man kaum daran zweifeln kann, da beide von
einem und demselben Volke errichtet worden sind.

Ich spreche also die, wie ich glaube gegrndete Vermuthung aus, da
die Titicaca-Race eine weitere Ausdehnung gehabt haben mag, und da die
alten Bewohner von Centralamerika, wenigstens die Erbauer der dort sich
findenden monumentalen Ueberreste, mit jenen vom Titicaca-See identisch
gewesen sein mgen.

In Santjago fand ich in einem Hause einen alten Helm, von welchem man
mir sagte, da er von einer uralten Menschenrace herrhre, welche
gegen den Norden zu auf der hohen Cordillera gewohnt habe. Ich habe
diesen Helm mitgebracht, und mag denselben getrost als eine der
interessantesten Errungenschaften meiner ganzen Reise bezeichnen.

Seine Form zeigt unwiderstreitbar, da er nur allein fr einen jener
besprochenen Flachschdel pat, indem der innere Theil desselben
vollkommen so lang gezogen wie jene ist, und nur mit Mhe auf einen
ehrlichen europischen Kopf gepret werden kann. Das Material
desselben ist Holz, aus welchem die am vordern Theile befindliche Maske
geschnitten ist, mit an Stelle der Augen, eingesetzten Muschelstcken.
Der brige Theil des Helms ist aus Baumbast construirt, so der Kamm und
die Seitenflchen.

Der ganze Typus desselben aber ist so vollkommen _gleich_ den Helmen,
welche auf alten gyptischen Monumenten gefunden werden, da an eine
_zufllige_ Aehnlichkeit nicht wohl gedacht werden kann, so z.B. die
Maske am vordern Theile, welche ganz die Ornamentik der Mumiensrge
trgt, obgleich die flache und hinter dem Augenrande sogleich
zurckweichende Stirn wieder deutlich eine Nachahmung der
Gesichtsbildung eines Flachschdels erkennen lt.

Whrend also oben ausgesprochen wurde, da die ltesten Bewohner von
Centralamerika und jene der Ufer des Titicaca-Sees ein und demselben
Stamme angehrt haben, ergiebt sich durch die Betrachtung der von ihnen
hinterlassenen monumentalen Ueberreste, und vielleicht auch durch
die des oben erwhnten Helmes, eine wie es scheint, nahe und kaum
abweisbare Verwandtschaft, sprechen wir es aus, eine _Abstammung_ von
den ltesten Vlkern des alten Festlandes.

Um es nicht gnzlich mit dem strengen Archologen zu verderben, der
vielleicht indessen nur (Pardon!) noch wenige Studien ber Baureste,
Schdel und Aehnliches aus jener Gegend gemacht hat, berlasse ich
demselben hchst bereitwillig, eine Theorie zu bilden, wie jene Vlker
der alten Welt nach Amerika gekommen.

Als fragmentarische Notizen aber mchte ich noch Folgendes beifgen:

Die Monumente scheinen anzudeuten, da, wenn eine Einwanderung von der
alten Welt her statt gefunden hat, wie ich wirklich glaube, solche doch
nur _ein_ Mal geschehen, und die weitere Verbindung mit dem Mutterlande
verloren gegangen ist. Der ganze Typus tritt immerhin als ein
modificirter auf, wenn gleich noch hinlnglich charakteristisch.

Ferner mchte ich der alten Sagen erwhnen, welche sich bis auf die
Besitznahme der Westkste durch die Spanier hin bei den Inkas erhalten
haben. Wunderliche tolle Mythen, die berichten von einem fabelhaften
Ursprunge jener Amyaras oder Titicaca-Race und ihrer Vertilgung durch
die Inka selbst. Ein Herkommen der Amyaras aus fernen weit entlegenen
Landen leuchtet deutlich bei diesen Sagen durch.

Endlich aber mu ich eines Fundes gedenken, welchen der Conservator
der frstlichen Gallerie in Sigmaringen, Herr von Maienfisch, in der
neuesten Zeit gemacht hat. Er ffnete nmlich unweit Sigmaringen
Grber und fand in denselben Skelette, an welchen die Schdel nach
der ganzen Beschreibung den von mir in Sdamerika aufgefundenen so
vollkommen hnlich sind, da an einer Identitt der Race kaum zu
zweifeln ist. Jener Gelehrte wird ohne Zweifel seiner Zeit ausfhrlich
ber seinen Fund berichten und ich will daher die Notizen, die ich
mndlich von ihm erhalten, kurz berhren. Eins der Skelette wurde,
wie die von mir ausgegrabenen, in _sitzender_ Stellung angetroffen.
Die anderen aber lagen. Man fand eine Lanzenspitze von Eisen und einige
Schmuckgegenstnde, ebenfalls von Eisen und mit Silber verziert. Es ist
bis jetzt nicht mglich gewesen, aus dem Style dieser Schmuckreste auf
irgend ein Volk zu schlieen, von welchem sie herrhren mchten.

Nur so viel steht fest, da sie weder keltisch noch germanisch sind.
Zugleich wurden Seemuscheln, die sogenannte Pilgermuschel, in den
Grbern gefunden. Dies mag sicher nicht ohne Grund auf ein Herkommen
von weiter, entfernter Gegend hindeuten. Welcher Spielraum ist hier der
Phantasie geboten! Eine Urrace des Menschengeschlechts, eine neue, oder
vielmehr uralte, fast vorhistorische Vlkerwanderung! Aber eben weil,
vorlufig wenigstens, fast blos allein die Phantasie im Stande sein
wird, hnliche Theorieen zu bilden, will ich nicht weiter die Sache
berhren. Noch mag indessen der jngst in London aufgetauchten Azteken
gedacht werden. Ist die Sache kein nordamerikanischer Puff, so scheinen
wirklich noch lebende Reste jener fabelhaften Flachschdelrace zu
existiren. Ich mu indessen in dieser Beziehung auf die ber den
Gegenstand in London erschienene Schrift[53] hinweisen, in welcher
Steffen's Reise vielseitig bentzt ist. Fast aber scheint an der Sache
wirklich etwas mehr als eine bloe Spekulation zu sein.

Indem ich nun meinen vielleicht schon ber die Gebhr weit
ausgedehnten Bericht ber meine Ausgrabungen schliee, bemerke ich
noch, da ich mit den dort gefundenen Knochen zu Hause eine
chemische Analyse angestellt habe, welche bereits an einem andern Orte
verffentlicht wurde. Ich verschone mit den ausfhrlichen Ergebnissen
derselben den Leser und will nur anfhren, da sich durch dieselbe ein
_sehr hohes_ Alter jener Knochen herausgestellt hat, indem sie mit denen
der alten gyptischen Mumien und selbst mit manchen fossilen Resten in
eine Reihe gestellt werden knnen.

Ueberhaupt aber ist es an der Zeit, die Algodonbai zu verlassen und den
freundlichen Leser aus diesem Auslaufe der Steinwste von Atakama durch
kurze Seereise nach Peru zu fhren; doch mu ich vorher noch eines
Abenteuers erwhnen, welches sich ganz gut niederschreiben lt, in
der Wirklichkeit aber vielleicht htte schlimm ausfallen knnen.

Wir hatten Abschied genommen von den Grubenbesitzern, zugleich uns aber
bei Herrn Jose Mackenney in Tocopilla etwas versptet. Als wir nun
mit unserem Boote an Bord gehen wollten, war mittlerweile der Abend
herangekommen, und zufllig hatte sich die schon des Tages ber
heftige Brandung dermaen verstrkt, da ich mich kaum erinnere,
sie je heftiger gesehen zu haben. Tobend und brausend strmten in kaum
unterbrochener Reihenfolge mchtige Riesenwellen gegen die Kste, an
vielen Stellen dieselbe mit Tang bedeckend, was whrend unsers ganzen
Aufenthaltes nie der Fall gewesen war.

Da es Mhe macht mit dem Boote gegen eine solche Brandung anzukommen,
versteht sich von selbst; hier aber vermehrte noch der Umstand die
Schwierigkeit, da am Landungsplatze eine Menge jener spitzen Felsen
theils ober, theils unter dem Wasser standen, und eben nur so viel Raum
boten, da ein mig groes Boot hindurch konnte. Ueber die Brandung
hingegen selbst, oder ber die anstrmende Welle kmmt man gut, wenn
man dieselbe mit der Spitze des Bootes trifft. Man wird dann in die
Hhe gehoben und gleitet gleichsam ber die Wasserwelle hinweg[54].
Erreicht aber die Welle das Boot schief und von der Seite, so schleudert
sie leicht dasselbe vor sich her, oder fllt es mit Wasser.

Im Boote, welches uns an Bord bringen sollte, waren die beiden
Kapitaine, von welchen Kapitain Meyer steuerte, weiter gegen vorn sa
ich, dann kamen die beiden rudernden Matrosen.

Wir warteten bis eine Welle der Brandung zerschellt war, und stieen
dann rasch ab, um einen Vorsprung zu gewinnen, und erst weiter auen
in der See der zweiten Welle zu begegnen. Zuflliger Weise folgte aber
hier ganz ungewhnlich rasch eine zweite ungeheuere Welle der ersten,
so da pltzlich und kaum drei Bootslngen vom Lande entfernt in
nchster Nhe vor uns die aufgethrmte Fluth stand.

Unser Boot hatte, wei Gott wie, eine schiefe Richtung bekommen. Der
Kapitain handhabte krftig das Steuer, und rief dem Matrosen, dessen
Bootseite zurck war, zu: Hart an Heinrich! hart an! Aber schon
in diesem Augenblicke war das Boot mit Wasser gefllt, und zurck auf
einen jener spitzen Felsen geschleudert. Ich fhlte den Ruck und zu
gleicher Zeit sah ich, wie die beiden Kapitaine in's Wasser sprangen und
das Land erreichten. Auch der eine Matrose hatte ein Gleiches gethan,
doch erfuhr ich die erst spter, und bemerkte es dort nicht. Im
andern Augenblicke waren wir wieder etwa 30 Schritte weit in der See,
ein Ruder war verloren, der noch im Boote befindliche Matrose und ich
waren vollstndig unvermgend das Boot zu retten. Aber auen in der
See und von der dritten eben so rasch ankommenden Welle gehoben, sah
ich, da das Boot, welches vorher halb voll Wasser gewesen, jetzt
fast leer war. Es lag dasselbe auf der Steuerbordseite, aber auf der
Backbordseite hatte es einen mchtigen Leck erhalten, durch welchen
ohne Zweifel der grte Theil des Wassers fr den Augenblick
abgelaufen war. Ich hatte indessen kaum einen Moment Zeit die
wahrzunehmen, denn schon hatte uns eine andere Welle wieder so auf die
Klippen geworfen, da das Boot krachend sich zu schtteln schien. Ein
weiterer Augenblick und wir waren wieder in die See geschleudert, wo
schon eine andere Welle von auen auf uns zukam.

Die alles ging rasch mit Blitzesschnelligkeit und vom Augenblick
unseres ersten Zurckgeworfenwerdens bis jetzt waren keine 12 Sekunden
verflossen.

Verdammte Situation das! Die See schien wahnsinnig geworden! Ich aber
begriff, da, durch unser Gewicht beschwert, das Boot, ging es auch
zufllig nicht unter, doch jedenfalls kaum ganz an's Land geworfen
werden, sondern ohne Zweifel von der nchsten oder bernchsten
Welle an die verwnschten Klippen, vielleicht sammt unsern Schdeln
zerschmettert werden wrde. Also schwimmen! Wieder in die See
zurckgeschleudert, rief ich dem Matrosen, der mein Schicksal theilte,
zu. Heinrich, nun ist's Zeit, ber Bord! Keine zehn Schritte von
unserm Wrak war die wieder anstrmende Brandung. Teufelslrm rings um
uns. Vorwrts! Das Wasser schlug ber mir zusammen! Es war ordentlich
schn stille da unten, gegen jenen Hllenlrmen oben. Ich kann nicht
sagen, wie tief ich kam, Grund bekam ich nicht, aber was die Hauptsache
war, auch keinen Tang um die Fe, der dort fast allenthalben
vorkmmt.

Mit dem Kopfe wieder an der Oberflche, schickte ich mich eben an,
kunstgerecht das Schwimmen zu beginnen, als pltzlich abermals, wie im
Augenblicke vorher, sich alles dunkelgrn frbte und ich wieder vom
Wasser bedeckt war. Aber ich hatte nicht Zeit mich zu besinnen, denn im
andern Momente lag ich am Ufer, und das zwar auf dem, von der See des
Tages ber an's Land gesplten Tange, wohlbehalten, wenn gleich, wie
ein geprellter Frosch, von der letzten Welle dorthin geschleudert.

Gleichzeitig mit mir kam auf demselben Wege Heinrich an, und eine
Sekunde spter das Boot, letzteres glcklicher Weise _neben_, und
nicht _auf_ uns geworfen. Es hatte den Anschein, als wolle dieses liebe,
friedliche, sogenannte stille Meer Fangball mit uns spielen.

Heinrich und ich aber sprangen gleichzeitig auf und faten, ich mu es
leider gestehen, mit einem derben Fluche das durchlcherte Boot an,
um es der alsbald wiederkehrenden See zu entreien oder wenigstens vor
gnzlicher Zertrmmerung zu retten. Ich zerrte und ri dort mit einer
wahren Wuth an jenem Boote, und wenn ich genau analysire, weniger im
Eifer dasselbe fr das Schiff zu erhalten, als in einer Art
kindischer Bosheit, oder nobler ausgedrckt, in einmal aufgeregter
Kampfeslust.

In der That suchte die See uns auch wieder ihr Opfer zu entreien,
denn wir standen bald wieder bis an den Grtel im Wasser, aber die
herbeigeeilten Minenarbeiter halfen uns bald unser Wrak vollends an's
Ufer und in's Trockene zu bringen. Als ich so noch triefend mit am Boote
stand, und dasselbe landwrts ziehen half, frug mich Heinrich, ohne
Zweifel =pour parler quelque chose=, Sind Sie og na worden, Herr
Doctor? Ich antwortete bescheiden: En ltken! Der Kapitain aber
lachte und zeigte mir seine Kupferproben, welche vollstndig trocken
waren. Er hatte als Probe gepulverte Kupfererze mit an Bord nehmen
wollen, welche durchnt, unbrauchbar fr seine Zwecke[55] geworden
wren. Da er hinten im Boote sa, und gleich das erste Mal aus
demselben springen konnte, kam er nicht so tief in's Wasser, und erhielt
seinen Schatz trocken, indem er das Tuch, in welchem er befindlich, hoch
ber dem Kopfe schwang.

Eine zweite Frage aber war jetzt die, wie wieder an Bord kommen? Unser
Boot lag durchlchert auf dem Sande. Der Dockenhuden aber lag eines
Theils so weit in der See, da man das Rufen schon wegen des Lrmens
der Brandung unmglich gehrt htte, aber auf der andern Seite wre
es mit dem dort noch befindlichen greren Boote rein unmglich
gewesen uns zu holen, da dasselbe der tobenden See halber nicht htte
landen knnen.

Herr Mackenney besa zwar ein Boot, aber es lag etwa 150 Schritte
weit in See vor Anker, und Nichts stand zur Disposition als eine
Seehund-Balze, welche etwas weiter abwrts an einer ruhigeren Stelle
der Bai vor Anker lag.

Indessen konnte keiner der Arbeiter in den Minen mit der Fhrung
dieses eigenthmlichen Fahrzeuges umgehen. Jener Franzose aber mit der
unzweideutigen Zeichnung auf dem Arme, dessen ich schon oben erwhnte,
war kurz entschlossen.

Er bestieg die Balze, ruderte an's Boot, legte die erstere statt dessen
vor Anker, und ruderte mit dem Boote auf etwa dreiig Schritte bis
an's Ufer. Aber weiter anzukommen war unmglich, ohne das Boot der
augenscheinlichen Gefahr ebenfalls zertrmmert zu werden, auszusetzen.
Versuche, uns ein Tau zuzuwerfen, miglckten. Da sprang der Franzose
in's Wasser, schwamm durch die Brandung, und wurde endlich auf eine
kurze Strecke, hnlich wie ich auch, von derselben an's Ufer geworfen.
Aber er hatte das Tau zwischen den Zhnen, und an diesem schoben wir
uns endlich in's Boot.

Man kann sich einen Begriff von der lieblichen Milde der Nchte an
jener Kste machen wenn ich sage, da am Bord angelangt fr mich auch
nicht das mindeste Bedrfni vorhanden war, mich umzukleiden, sondern
da ich, nach all diesen verschiedenen unfreiwilligen Waschungen, noch
etwa eine Stunde auf Deck blieb, und als ich endlich zur Koje ging,
meine Kleider lngst vollstndig am Leibe getrocknet waren.

Wir verlieen Tags darauf die Bai, kehrten aber wieder zurck, da wir
vollstndigen Gegenwind hatten, welcher zugleich so schwach war, da
wir uns nicht in gehriger Entfernung von der Kste halten konnten.
Des andern Tages indessen segelten wir mit gnstigerem Winde unserer
neuen Bestimmung, dem Hafen von Callao zu.


#Meteorologische Notizen ber die Algodonbai.#

Die kurze Zeit meines Aufenthalts in der Bai (den Monat Februar 1850
hindurch), gestattete natrlich nicht, nur einigermaen ausfhrliche
Untersuchungen anzustellen. Indessen theile ich selbst diese wenigen
mit, da meines Wissens noch keine hnlichen Beobachtungen dort
angestellt, oder wenigstens bekannt gemacht worden.

_Temperatur der Luft_. Ich habe, wenn nicht weitere Ausflge mich
hinderten, dreimal des Tages auf dem Verdecke des Schiffes die
Temperatur genommen, und folgende Mittelzahlen erhalten:

                       9 Frh    12 Mittags  10 Abends

  Hchster Stand      + 21.0 R.   + 21.5    + 16.2.
  Niedrigster Stand   + 16.5 "    + 18.0    + 15.0.
  Mittlerer Stand in
  14 Beobachtungen    + 17.7 "    + 19.8    + 15.6.

Es sinkt indessen in der Bai die Temperatur whrend der Nacht und gegen
Morgens kaum noch tiefer als die angegebenen 15.0R.

Ueber die Temperatur am Lande ist es schwierig, besonders fr die kurze
Zeit meines Aufenthalts, eine sichere Angabe zu liefern. Theils der
Seewind, theils der Luftzug aus den einzelnen Schluchten, auf der andern
Seite aber auch wieder die Nhe von Felsen, welche durch die Sonne
stark erhitzt sind, verursachen zu bedeutende Schwankungen.

Vielleicht kann man fr den Sommer dort als hchste Temperatur
whrend des Tages +24R., und das niedrigste fr die Nacht,
+16R. annehmen, und nach dem was ich von den Bewohnern der Bai
erfahren konnte, sind die Unterschiede fr den Winter nur gering.

_Atmosphrischer Druck._ Die wenigen angestellten Versuche ergaben
Folgendes:

  Hchster Stand       757.3 M. M.
  Niedrigster Stand    754.0   "
  Mittlerer Stand      755.8   "

Die ist das Resultat von 16 Beobachtungen des Mittags um 12Uhr
angestellt. Die _stndlichen_ Schwankungen des Barometers trafen sehr
genau ein, doch war die Versuchsreihe zu klein, um irgend einen Werth zu
haben.

Da _Regen_ gnzlich in der Bai fehlt, indessen gegen Abend
Nebelschichten alle Spitzen der Berge bedecken, habe ich bereits
berichtet. Was die Feuchtigkeit der Luft betrifft, so stand mir freilich
nur ein Fischbein-Hygrometer nach de Luc zu Gebot. Relative Werthe
knnen aber immerhin mit demselben erhalten werden. Es stand mein
Instrument des Tags ber constant auf 32, und fiel whrend der Nacht
etwa auf 33 bis 34. Am Lande aber, nicht weit entfernt vom Ufer der See,
stieg derselbe stets um einige Grade.

Als vergleichenden Anhaltspunkt will ich beifgen, da bei Kap Horn
dasselbe Hygrometer auf 101 stand, whrend es auf der Cordillera
von Chile auf 0 und noch hher stieg, so da ich genthigt war
provisorisch die Scala zu vergrern.

_Windrichtung._ Ziemlich regelmig beginnt der Wind des Morgens
zwischen 9 und 10Uhr von Sd-West und Sd-Sd-West zu wehen, und
springt gegen 3 bis 4Uhr des Nachmittags in Nord-West, fter aber
in Nord-Ost um. Gegen Abend und die Nacht hindurch ist es stille. Sehr
selten weht starker Wind.

Eigenthmlich sind die warmen Luftwellen, die gegen Abend, wenn fast
schon vollstndige Windstille eingetreten ist, sich der Kste
entlang bewegen. Etwa 10 bis 15 Sekunden lang dauert ein solcher warmer
Luftstrom, der sich nicht immer der letzten Windrichtung nach bewegt,
und dessen Temperatur wenigstens 2 bis 3 Grade hher ist als die der
brigen Luft.

Die Erscheinung ist ohne Zweifel bedingt durch eine Ausgleichung der an
einigen Stellen des Gebirges mehr als an andern erhitzten Luft, und ich
habe an der Cordillera in Chile ganz dasselbe gefunden.

_Gewitter_ kommen auch hier so wenig wie auf dem Flachlande von Chile
vor.

_Erdbeben_ sollen nach Aussage der Einwohner etwa eben so hufig
vorkommen als in Chile. Es fand indessen whrend meines Aufenthaltes
in der Bai kein einziger Erdsto statt. Da Erderschtterungen
dort auftreten, davon geben aber schon die von den Abhngen der
Berge herabgestrzten Felsblcke und andere hnliche Erscheinungen
Zeugni. Hebungen und Senkungen der Kste aber, wie sie sich in Chile
fast allenthalben mit Sicherheit nachweisen lassen, haben, wie ich
glaube, seit langer Zeit in der Nhe der Bai nicht stattgefunden,
wenigstens fehlen alle Anzeichen, nach welchen man auf solche schlieen
kann.

       *       *       *       *       *

Ich fge diesen meteorologischen Notizen einige Nachrichten ber
die Wste von Atakama selbst bei, welche ich fast gnzlich der
freundlichen Gte meines geehrten Freundes, des Dr. Ried in Valparaiso,
verdanke, und welche um so interessanter sind, da Ried einestheils mit
einem scharfen Beobachtungsgeiste ausgerstet, andererseits aber die
Wste selbst nur wenig von Gelehrten besucht worden ist.

Es beginnt die eigentliche Wste sogleich hinter den von mir fters
erwhnten Kstengebirgen, deren hchste Hhe Ried, so wie ich, auf
etwa 3000 Fu angiebt. Hinter diesen Gebirgen kmmt Tafelland und
die Wste erstreckt sich durch die ganze Breite des Landes bis an die
Cordillera. Die _Lnge_ des zu Bolivien gehrigen Theils der Wste
ist etwa 150 Stunden, aber Ried giebt die Lnge der eigentlichen
Wste bedeutend grer an, ohne Zweifel, weil die gegen Nord und
Sd angrenzenden Theile von Peru und Chile ebenfalls analogen Charakter
tragen. Auf das die Wste bildende Tafelland kmmt man durch jene
Flubeete, welche ich oben bereits erwhnt, und als durch mchtige
und periodische Schmelzungen des Cordillera-Schnees entstanden,
bezeichnet habe. Das Tafelland ist hgelig und uneben, und mehrfache
jener Flubeete durchschneiden es; Spuren mchtiger Strmungen werden
an ihnen gefunden und nicht selten sind die steilen granitischen Wnde
derselben durch die Masse rasch vorbergefhrter Gesteinstrmmer
polirt und abgeschliffen. Jetzt sind sie trocken.

Dem Granite scheinen hier und da jngere Formen aufgelagert; so fand
Ried an einer Stelle Saurierreste.

Der beste Eingang in die Wste ist von Cobija aus. Von dort aus beginnt
man sogleich zu steigen, eine Hhe von 3000 Fu wird in vier bis
fnf Stunden berstiegen, und auch dort finden sich jene mchtigen
Wasserrisse. Etwa 22 Stunden weit von der Kste trifft man auf einen
Gebirgszug, der so ziemlich parallel mit der ersteren verluft. Die
hchsten Punkte dieser Kette schtzt Ried auf 7000 bis 8000 Fu. Ein
hnlicher Charakter der allgemeinen Bildungsform zeigt sich also auch
hier wie in Chile, nur groartiger wie es scheint.

Hat man diese Kette berschritten, so erblickt man im Hintergrunde
die hohe Cordillera, die oft beschriebene und dennoch unbeschreibbare
riesige Kette der Anden. Zwischen ihr und dem Wanderer liegt die Wste,
das Bild des Todes, wenn auch nicht der Verwesung, denn die lange
Strae von Leichen, welche sich durch dieselbe hinzieht, besteht aus
nur _vertrockneten_ Thieren. Pferde und Maulthiere sind mumificirt,
Haare, ja selbst die Augen noch erhalten an ihnen. Hunger, Durst
und Ermattung hat sie getdtet, aber die klimatischen Verhltnie
gestatten keine Fulni der Krper, whrend eben so wenig dort
irgend ein Insekt existirt, welches sie verzehrt.

Etwa nach 27 Leguas (40 Stunde) kommt man an einen Flu der Loa
heit. Er besteht aus geschmolzenem, von der Condillera kommendem
Schneewasser. Unferne von dort liegt ein indianisches Dorf, Chiuchia,
und dort tritt zu dem Loa ein vulkanischer Strom. Das Flubett ist 300
bis 400 Ellen breit und mchtig tief. Aber das Wasser des vulkanischen
Flusses enthlt Kupfer und eine Menge anderer Salze in Auflsung, es
verursacht Leibweh, wird aber dennoch getrunken. Die Wassermenge ist
nur gering, wird aber gegen die See hin noch geringer und verliert sich
endlich ganz.

Im Wasser selbst konnte Ried keine Spur irgend eines Geschpfes
entdecken, hingegen sah er in der Nhe desselben eine kleine Eidechse,
eine Fliegenart und Musquitos.

Hchst interessant sind die Beobachtungen ber die Temperatur, die
Windrichtung und den Regen.

Die Mittagshitze ist drckend. Ried giebt 96 bis 120 Fahrenheit an,
also +28 bis +39 Reaumur. Gegen vier Uhr des Nachmittags nimmt die
Hitze ab, und die Temperatur sinkt rasch. Nach Mitternacht tritt Frost
ein und der Thermometer stand auf 32Fh., also 0Reaumur, manchmal
noch tiefer.

Die natrliche Folge hievon ist Pneumonie und Pleuritis, und Thiere und
Menschen erliegen nicht selten derselben.

In der Wste selbst regnet es nie und man wird sich erinnern, was ich
im Vorhergehenden ber die Regenlosigkeit der Kste ausgesprochen
habe. Auf der Cordillera aber selbst und etwa 15 Stunden weit von
derselben gegen Westen fllt Regen, nie aber weiter. Aber jene Regen
fallen blos im Winter, d.h. vom Mai bis zum September. In Bolivien, in
so ferne es gegen Osten von der Cordillera aus liegt, regnet es hingegen
im Winter nie, aber im Sommer fast tglich, zugleich treten zwischen
Nachmittag und Mitternacht sehr hufig starke Gewitter auf.

In der Wste weht von Morgens 10 bis gegen Sonnenuntergang ein sehr
starker Westwind, also von der See _gegen die Cordillera_ hin und dieser
Wind, stets stark, wird manchmal so heftig, da man kaum gegen ihn
ankommen kann. Mit der Sonne zugleich sinkt auch der Wind, und es tritt
bis gegen 9 oder 10Uhr fast Windstille ein. Gegen Mitternacht indessen
beginnt der Wind von der entgegengesetzten Seite von Osten her, also von
der Cordillera _gegen die See_ zu wehen, und zwar erkltet durch den
Schnee und daher jenes oben erwhnte Frostphnomen.

Ried hat diese Erscheinungen vereinigt, und eine einleuchtende Theorie
derselben aufgestellt.

Die Wste, sagt er, liegt von der Cordillera aus gegen Westen, eine
ungeheure des Tags ber glhende Flche, noch weiter, in gleicher
Richtung gegen Westen, die Sdsee, deren Oberflche stets khler ist,
als die der Wste, es ist also bei Tage ein Ostwind nicht mglich.

Im Winter regnet es, whrend es im Gebirge schneit, und es bilden sich
von der ewigen Schneelinie herunter groe Schneelager. Die Sonne hat
nicht Kraft genug sie zu schmelzen, erst im Sommer ist sie die im
Stande. Steht man bei Sonnenaufgang auf der Ostseite der Cordillera, so
bemerkt man, da der Himmel auf dieser Seite hell, klar und blau ist.
Aber schon gegen sieben Uhr beginnt der Schnee zu schmelzen, es bilden
sich Dmpfe auf den Gipfeln der Anden, diese vereinigen und erheben
sich und es umwlkt sich der Himmel. Mittlerweile hat sich der vom
See ber die Wste kommende Westwind erhoben, jagt diese Wolken gegen
Osten und ber die vulkanische Reihe der Anden, und sie sind es, welche
als Gewitterwolken auf der Ostseite auftreten und die dort hufigen
Guregen erzeugen.

Von den _Erdbeben_ endlich bemerkt Ried, da sie in der Wste ziemlich
hufig sind, aber nur westlich von den Anden und bis an den Fu des
eigentlichen Gebirgs. Auf diesem und auf der stlichen Seite hren sie
gnzlich auf. -- In Chile sind diese Verhltnisse anders. Zwar sprt
man auf der hohen Cordillera Erdste weniger als im Flachlande,
wie ich schon oben erwhnte, aber sie treten auf der Ostseite wieder
deutlicher auf; indessen fehlen _gleichzeitige_ Beobachtungen, welche
sicher von hohem Interesse wren.




XIII.

Callao-Lima (Peru).


Vor einer neuen Seefahrt, d.h. vor einer umstndlichen Mittheilung
des auf derselben Erlebten, darf der freundliche Leser keine Besorgni
hegen. Ich werde bald fr die Rckreise von Peru nach Europa genug zu
thun haben, seine Geduld nicht allzusehr zu ermden.

Wir bedurften, um von der Algodonbai aus nach Callao zu kommen, 10 Tage
und bekamen bereits am 4.Mrz gegen Abend die Insel St.Lorenzo in
Sicht.

Es mu in der That ein furchtbares Erdbeben gewesen sein, welches diese
Felseninsel vom Festlande losgerissen hat. Sie liegt gegenwrtig zwei
und eine halbe Meile von der uersten Spitze des Landes entfernt,
und ohne Zweifel ist der sie mit dem brigen Lande frher verbindende
Theil versunken, d.h. von der See verschlungen worden.

Die grte Tiefe der See, welche jetzt die Durchfahrt zwischen Land
und Insel bildet, ist 60Fu, die geringste 24Fu und der Grund
besteht aus Felsen und Sand.

Kaum glaublich, dennoch aber sicher beurkundet, sind die grauenhaften
Erscheinungen, unter welchen jenes berchtigte Erdbeben (1746)
aufgetreten ist.

Die Erde hob und senkte sich dergestalt, da die ganze frhere
Hafenstadt Callao sammt ihren Bewohnern in Zeit von wenigen Sekunden
vollkommen vertilgt war. Natrlich trat die See mit einer furchtbaren
Schnelligkeit ber das fr den Augenblick gesunkene Land, und man kann
sich einen Begriff von der Heftigkeit dieses Vordringens des Meeres und
der Mchtigkeit der strmenden Fluth machen, wenn man erfhrt,
da neben einer groen Anzahl anderer an's Land geschleuderter und
zerschellter Schiffe, eine groe englische Kriegsfregatte ber eine
englische Meile weit in's Land geworfen wurde und dort liegen blieb. Ein
Denkstein bezeichnet noch heute die Stelle.

Es ist berflssig hier die bei solchen Gelegenheiten gebruchliche
salbungsvolle Formel einzuschalten: Und dennoch bewohnt der Mensch
sorglos jetzt wieder diese Gegenden, welche etc. -- Eine der grten
Gottesgaben, der Leichtsinn, wird glcklicher Weise nie die Menschheit
verlassen, selbst nicht im Zustande der hchsten Cultur, wenn der
Dollar einmal vollstndig und allgemein als hchstes Wesen anerkannt
sein wird; und wir alle laufen mit derselben Sorglosigkeit ber
Abgrnde und Schlnde hinweg, welche uns jeden Augenblick verschlingen
knnen, wenn gleich theilweise moralisch.

Wir hatten auf der Fahrt von der Algodonbai aus nach Callao noch fter
die Kste in Sicht, und daher noch den Eindruck derselben, das Wilde
und Sterile im Gedchtnis behalten.

Einen um so erfreulicheren Anblick gewhrte jetzt das landschaftliche
Bild der peruanischen Kste. Grn und bebuscht dehnt sich vom Ufer an
eine freundliche Flche aus. Einzelne hervorragende Palmen verfehlen
nicht den Typus der Tropen zu verleihen, und im Hintergrunde liegt
die Ciudad de los Reyes, das knigliche Lima, tausend Erinnerungen
erweckend an Alles was man gehrt und gelesen von demselben, und wohl
auch getrumt. Ein Gebirge[56], dessen Spitzen meist in Nebel gehllt
sind, schliet hier die Landschaft. Im Vordergrunde, und dicht an See,
liegt die Hafenstadt Callao.

Allen Reisenden ist die niedere Temperatur aufgefallen, welche das
Wasser im Hafen von Callao zeigt und man hat dasselbe, wie ich glaube,
sehr glcklich durch die Humboldt-Strmung erklrt. Ich will hier
kurz bemerken, da etwa 5 Meilen vom Hafen entfernt, die Temperatur des
Wassers +15.9R. war, im Hafen hingegen +14.0R. und die
der Luft 19.8, vollstndig also bereinstimmend mit frheren
Beobachtungen.

Kurz ehe wir in den Hafen einliefen, kam ein mchtiger Hai, wohl
12Fu lang, an Bord. Es wurde, da er die Angel nicht annahm, mit der
Harpune auf ihn Jagd gemacht, da Thier auch wirklich getroffen, aber
wie gewhnlich ging es beim Aufheben verloren. Auch Wallfische sahen
wir mehrere. Auerhalb des Hafens war eine Unzahl von Vgeln, im Hafen
jedoch weniger. Indessen behauptet man, da die Menge der Vgel in und
um den Hafen gegen frher sehr abgenommen habe, seitdem sie durch das
Holen des Guano allenthalben gestrt und verjagt werden. Auch Fische
scheinen dort in groer Menge vorhanden, und wir passirten an mehreren
Zgen vorber. Bei einem dieser Haufen war das Wasser, in welchem sie
sich bewegten, roth gefrbt, ich konnte keins davon schpfen, aber ich
glaube, da diese rothe Frbung von kleinen Thieren herrhrte, welche
den Fischen zur Nahrung dienen.

Am Lande selbst herrscht, wie allenthalben an solchen Orten, reges
lebendiges Leben, und bunt durcheinander klingen die Zungen aller
Nationen. Ich gefiel mir dort darin, den Seemann zu spielen, trug eine
weie Jacke mit rother Schrpe und sprach ein schauderhaftes Spanisch.
Wir wanderten durch die reich und einladend aufgestapelten Schtze
der Frchte des Landes, welche dort zum Verkaufe geboten werden, an's
Zollhaus, und da man mich wirklich fr einen Seemann hielt, machte man
Miene, mich einer etwas sorgfltigeren Untersuchung zu unterwerfen.
Aber die Zauberformel =Soy medico= und das Oeffnen meiner
Reisetasche, welche Verbandzeug, Aneroid-Barometer, Mineralienhmmer
und hnliche Dinge enthielt, verschaffte mir sogleich freien Pa.

Ich miethete mich hier einen Tag im Marine-Hotel ein, um flchtig
Callao zu besehen und dann nach Lima zu gehen. Die bescheidene Wohnung,
welche mir angewiesen wurde, bestand aus einem kleinen Huschen,
welches neben drei andern Collegen auf dem flachen Dache des Hotels
stand, in jeder Ecke des Daches eines. Ein schmales Bett, ein Tisch und
ein Stuhl nebst so viel Raum, um zwischen diesen Gegenstnden sich ohne
besondere Mhe durchwinden zu knnen, war die Bequemlichkeit, welche
mein Haus bot.

Die Unbequemlichkeit, welche es enthielt, bestand neben einer
drckenden Hitze aus einer Unzahl von Flhen und Ameisen. Ich nahm
daher vor meiner Hausthr Platz, lie mir eine Flasche Ale bringen
nebst einem Imbisse, und zeichnete so gut es ging whrend des Essens
einen Theil der Kste und des Hafens.

Einen Ueberblick ber die Stadt gewinnt man brigens auf einem solchen
Dache ganz vortrefflich, und es gewhrt einen eigenthmlichen Anblick,
die Menge von braunen, aus Lehm geschlagenen Vierecken zu sehen,
welche mit vergitterten Fenstern versehen sind und mit dem Schmutze von
Decennien bedeckt scheinen.

Auer einzelnen Aasgeiern, welche hie und da die sterblichen Reste
eines Hundes oder einer Katze aufzehren, sieht man indessen auf jenen
Dchern nichts Lebendes, und blos im Marine-Hotel hatte man die, -- wie
es schien -- wohlwollende Einrichtung getroffen, fr Flhe, Ameisen
und wohl auch fr Reisende jene kleinen Zufluchtsorte zu errichten.

Aehnlich wie in Valparaiso, wenn auch in kleinem Mastabe, verluft
auch hier die Stadt gegen auen in kleinere Gebude und Htten.
Gegen das Feld zu findet man dort lange, breite und einsame Straen,
in welchen nur hie und da eine Htte steht. Diese Htten sind
im nmlichen architektonischen Sinne construirt, wie die frher
erwhnten in Mamilla, aber bei den meisten bestehen die beweglichen
Wnde nicht aus fragmentarischen Kleidungsstcken wie dort, sondern
aus Flechtwerk und Matten, was nicht bel lt.

Ich hatte Gelegenheit dies zu bemerken, indem ich einige Stunden in
der Stadt umhergelaufen war, einige Skizzen gezeichnet, und ein Paar
herrliche Papageien gekauft hatte, welche ich, nebenher gesagt, auch
glcklich lebend mit nach Europa brachte.

Im Gasthause wieder angelangt wurde ich mit einer fabelhaften Achtung
und Aufmerksamkeit empfangen, Capitano und Sennor Baron genannt,
ein Ausdruck, den ich dort zum ersten und letztenmal an der Westkste
hrte, und zugleich wurde mir angezeigt, da meine Sachen in ein
wrdiges Zimmer gebracht worden seien. So war es in der That, aber ich
habe nie erfahren, welcher unbekannte Freund mich dort so in hhere
Potenz gestellt hatte. Indessen waren durch das einigemal ab- und
zufahrende Boot meine Kleider in's Hotel gebracht, und die erkauften
Vgel an Bord geschafft worden, so konnte der Abend sorglos zugebracht,
und im Gesprche mit einigen Deutschen manchfache Notiz ber das Land
erworben werden.

Es wurde jenesmal viel von der Unsicherheit des Landes gesprochen.
Richtig war allerdings, da der von Callao nach Lima gehende
Postomnibus fters beraubt worden war, und da fortwhrend berittene
Abtheilungen von Militrwachen jene Strae durchstreiften. Geschieht
dies vierzehn Tage nicht, sagte man mir, so kann man darauf rechnen,
da Rubereien vorfallen. Als ich aber meinen Vorsatz uerte, am
andern Morgen die Umgegend von Callao zu durchstreifen, versicherte man
mir ganz ernsthaft, dies wrde ich nicht thun, denn es sei zehn gegen
eins zu wetten, da ich ermordet werden wrde.

Ich war aber nicht nach Sdamerika gegangen, um hinter den Lehmwnden
einer kleinen Hafenstadt mich vor Rubern versteckt zu halten,
steckte des andern Morgens frische Htchen auf meine zuverlssigen
Taschenpistolen und machte mich, nachdem ich den Kaffee mit heroischen
Gedanken genossen, auf den Weg. Vor der Stadt indessen und im Gebsche
angelangt, fand ich, da ich meine Pistolen vergessen hatte.

Aber der Leser kann mich friedlich ziehen lassen, es wiederholte sich
nicht das Abenteuer mit dem Lwen, welchem ich unbewaffnet entgegen
treten mute, und ungefhrdet erreichte ich gegen Mittag wieder die
Stadt. Doch hatte ich auch wenig genug erworben. Wo nicht Pflanzenwuchs
die Erde bedeckt, finden sich Geschiebe mit Muschelfragmenten, und
etwa in einer Tiefe von 8 bis 10Fu unter diesen ein blauer thoniger
Letten, ohne Zweifel alter Meeresgrund, obgleich ich selbst unter dem
Mikroskope keine thierischen Reste in demselben entdecken konnte. Mit
Pflanzen wollte ich mich nicht befassen, da ich sie doch nicht htte
trocknen knnen, geognostische Studien waren aber keine weitere zu
machen.

Merkwrdig ist die Armuth der dortigen Gegend an Insekten. Ich
habe keinen einzigen Kfer getroffen, obgleich ich sorgfltig alle
gewhnlichen Fundorte durchsuchte, und nur einige Schmetterlinge,
Tachypteren, von unscheinbarer Frbung und den unserer Waldungen
hnlich, und einen kleinen Schwrmer, wahrscheinlich eine Zygaena,
habe ich gefunden.

Ziemlich hufig aber war ein groer Asilus, der ruberisch jenen
Schmetterlingen nachstellte, und einige andere Fliegen.

Kapitain Mller und ich fuhren des Nachmittags nach Lima. Zu jener Zeit
wurde die Fahrt im Omnibus gemacht, deren mehrere des Tags hindurch hin
und zurck gingen, und genau alle Unbequemlichkeiten boten, wie
die deutschen analogen Institute. Mehrere Damen waren unsere
Reisebegleiterinnen, und ich staunte ber die Masse des Schmuckes, mit
welchem dieselben buchstblich beladen waren.

Es htte sich in der That rentirt, einem solchen Omnibus einen Besuch
= la= Rinaldo Rinaldini abzustatten, und reitende Patrouillen, welchen
wir begegneten, schienen zu beweisen, da in Wirklichkeit hnliche
romantische Ideen Eingang gefunden haben mochten bei den Shnen des
Landes.

Jetzt ist eine Eisenbahn von Callao nach Lima gefhrt, an die
Stelle des wilden Rubers wird der sanfte Taschendieb treten und die
Nachkmmlinge der blutdrstigen Spanier werden der Segnungen der
Kultur und seiner Bildung mehr und mehr theilhaftig werden.

Der Weg von Callao bis Lima betrgt etwas ber drei Wegstunden, welche
wir aber in einer Stunde zurcklegten, und auch hier wurde, wie in
Chile, fortwhrend Galopp gefahren.

Einzelne Landhuser und Ruinen von solchen, Erinnerungen an die Kmpfe
der Revolution, stehen hie und da auf der weiten Ebene, und bei allen
scheint ungebrannter Lehm das vorherrschende Bau-Material gewesen zu
sein.

Die Reprsentanten der Pflanzenkultur waren vorzugsweise Kleefelder und
Zuckerrohr-Plantagen, auch Orangenbume fehlen nicht, zerstreute Palmen
aber gaben der Gegend jenen tropischen Anstrich, welcher fr den aus
hheren Breitegegenden Kommenden stets anziehend und reizend ist.

Lima selbst macht einen groartigen Eindruck. Die Kuppeln und Portale
der Kirchen, an altspanischen Styl erinnernd, wenn gleich oft mit
starker Zopf-Reminiscenz, treten immer imponirend genug aus der Masse
der brigen Gebude hervor, und die ganze Stadt dehnt sich weithin
aus. Man hat mir die Einwohnerzahl von Lima auf 80,000 angegeben, aber
fr den Flchenraum der Stadt giebt die nach unseren Begriffen
keinen sicheren Anhaltspunkt, da die meisten Huser nur ein Erdgescho
mit einem Stockwerke haben, und nur wenige Gebude mit drei Etagen
bestehen, ja viele Huser selbst nur ein Erdgescho haben.

Es ist mithin die Einwohnerzahl auf eine grere Grundflche
vertheilt als in unseren europischen Stdten, wo durchgngig hhere
einzelne Bauten eine grere Menschenmenge fassen.

Die Bauart selbst erinnert mehr an jene von Rio de Janeiro als an die
von Santjago, namentlich die besseren Huser, welche freundlicher
aussehen oder wenigstens nicht den klsterlichen Typus haben wie die
chilenischen, doch trifft man auch solche. Einen ganz eigenthmlichen
Eindruck haben die abenteuerlich construirten Dcher mehrerer Kirchen
auf mich gemacht, welche fast alle mit einer dichten Staubdecke belegt,
mich unwillkrlich an alte, sonderbare Spielwerke meiner Jugendzeit
erinnerten, welche bei Seite gestellt in irgend einen Winkel nach
lngerer Zeit wieder hervorgesucht wurden, und sich dann eben so
bestaubt wie jene zeigten. Auch auf Balkons und gedeckten Gngen der
Privatwohnungen liegt jene dicke Staublage, welche von den sprlichen
und selbst dann nur nebelhnlichen Regen nur selten vollstndig
entfernt zu werden scheint.

Die Schilderung oder Aufzhlung der vorzglichsten Kirchen und
ffentlichen Gebude erlt man mir wohl. Aehnliches hat kaum mehr
Nutzen als eine Stelle des Reiseberichts auszufllen, denn der Leser
bekommt doch schwerlich einen richtigen Begriff irgend eines Bauwerks,
wenn nicht mit knstlerischer Genauigkeit beschrieben wird. Die
statistischen Notizen, welche ich versucht habe im Vorhergehenden ber
Chile zu geben, mgen im Allgemeinen auch fr Peru gltig sein, die
Regierungsform eine gleiche oder sehr hnliche, das Unterrichtswesen
und der Stand der bewaffneten Macht auf gleicher Stufe, und auch fr
Handel, Gewerbswesen und Zollverhltnisse mag Aehnliches gelten. Aber
man fhlt in Lima die grere Nhe des Aequators, nicht in der
Temperatur allein, sondern auch im Leben und Treiben selbst. Man lebt
dort anders als in Chile. Ich mag mich nicht gerne vermessen, einen
Urtheilsspruch zu thun ber Charakter und Sitten eines Volkes nach
kurzer Beobachtungszeit von kaum einigen Wochen, so will ich denn dem
Leser nur einzelne Bilder vorfhren, aus denen er sich selbst Schlsse
ziehen kann.

Kapitain Mller und ich stiegen in der goldenen Kugel, einem der ersten
Gasthuser von Lima ab, und besuchten hierauf sogleich einen
deutschen Uhrmacher, der in nchster Nhe wohnte, und einen reichen
Verkaufsladen hatte. Er war ein alter Bekannter von Mller, und empfing
uns mit derselben Herzlichkeit wie alle Deutsche, welchen ich an der
Westkste begegnet bin, und da in seinem Geschfts-Lokale zugleich der
Versammlungsort der meisten Deutschen war, welche eben ein Paar mige
Augenblicke hatten, so lernte ich in der Folge viele derselben dort
kennen.

Wir gingen, nachdem es dunkel geworden, nach der Plaza, und ich staunte
ber das eigenthmliche Leben was sich uns dort darbot. Die Plaza ist
der Hauptplatz von Lima, wohl einige hundert Schritte lang und breit,
und gegen Ost von der Kathedrale begrnzt, welche ein wrdiges Bauwerk
ist, und im Innern vor der Revolution unglaubliche Schtze enthielt,
von welchen aber ein groer Theil seitdem verschwunden ist. Die
nrdliche Seite schliet das Rathhaus ein, gegen Sd und West aber
stehen Privathuser, unten mit gerumigen Gallerien versehen, in
welchen offene Kauflden mit den verschiedenartigsten Gegenstnden
gehalten werden. Tglich erlebt man auf der Plaza drei verschiedene
Perioden.

Des Morgens mit Tages-Anbruch herrscht der Lrmen und das Gewhle
von Viktualien-Verkufern aller Art, denn es wird dort zugleich der
Hauptmarkt abgehalten; bei steigender Sonne aber und des Tages ber
ist der Platz leer und gerumt, und fast im alleinigen Besitze der
glhenden Sonnenstrahlen; bei'm Beginne der Nacht hingegen entwickelt
sich dort das lebendigste Treiben. Hunderte von Verkufern bieten
Eiswasser (Fresco) und Limonade aus. Ihre Buden sind freilich nicht
glnzend, und bestehen meist aus alten Kisten, in welchen die Gefe
mit Eis stehen, beleuchtet von einem kleinen Talglichte, und aus einer
Anzahl niedriger Bnke und fuschemelartiger Sthlchen, denn man
liebt in Peru eben so wie in Chile, fast huckweise (kauernd) zu sitzen.

Aber um diese bescheidenen Etablissements hat sich der Luxus geschaart,
die schne und die feine Welt von Lima. In reichen Anzgen haben dort
die vornehmsten Damen Platz genommen, und lassen sich Fresco reichen von
ihren ebenfalls zierlich geschmckten Mnnern oder Freunden. Officiere
beleben die bunten Gruppen, und anstndig schreitet mitunter ein Mnch
zwischen ihnen.

Friedlich aber zwischen allen diesen Staatspersonen sitzt mitunter
leichte Waare, Priesterinnen der verrufenen, wenn gleich nicht
unbeliebten Gttin, die dereinst den Wellen entstiegen; bunte Vgel,
zwar nicht geschmckt mit fremden Federn, wohl aber mit lebenden,
blhenden Blumen. Man sagte mir, da die das selbstgewhlte
Abzeichen jener schwrmenden Damen sei. Vielleicht aber sind sie eben
dehalb geduldet mitten im Kreise der Tugend und des Anstandes, da sie
so hinreichend bezeichnet sind durch den duftenden Jasminkranz, den
zu jener Zeit wenigstens fast alle trugen. Jedenfalls fllt es
aber Niemand ein, Uebles zu denken oder sich aufzuhalten ber jene
Vermengung von Tugend und Leichtsinn.

So schlrft man behaglich einige Glser Fresco, die nebenher gesagt,
aus Eiswasser[57] besteht, gewrzt, je nach Wunsch des Consumenten, mit
fast allen Frchten die Peru bietet, und verlt gegen 10Uhr die
Plaza. In den Familien beginnt jetzt erst das eigentliche Leben, man
empfngt Besuche, musicirt oder spielt. Der Fremdling aber geht in's
Hotel und sucht sein einsames Lager. Er denkt ber die Versuchungen
nach, denen er auf der Plaza glcklich entgangen und preist seine
Tugend, -- aber, er bedarf ihrer noch ferner! Im Gasthofe, auf den
dunklen, oder wenigstens nur halb beleuchteten Gngen, die zu seiner
Schlafstube fhren, schwrmen Gestalten flsternd und lockend.
Sie mehren und mehren sich! Fhrt man Robert auf? Soll er in der
Kirchhof-Scene debtiren? Aber glcklich der erfahrene Mann! Die
Senoritas tragen _Jasmin_-Krnze, und er hat vor einer halben Stunde
auf der Plaza erfahren, was diese bedeuten. So gewinnt er sein Zimmer
und verschliet seine Thre, klopft man, so ruft er einfach =no
quiro=, und nachdem er zehn- oder zwlfmal an stets neue Klopfgeister
diese Zauberformel gerufen, kann er sich ruhig zu Bette legen mit dem
Kranze der Unschuld, statt mit dem von Jasmin geschmckt, und eine
willkommene Speise fr Tausende von Flhen, welche jetzt wie wthend
ber ihn herfallen, und gegen welche weder Tugend noch klnisches
Wasser, weder Essigsure noch mnnliche Festigkeit und Salmiakgeist
hilft.

Beilufig so wie eben geschildert, war mein erster Abend in Lima, auf
und nach der Plaza.

Den folgenden Tag lief ich in der Stadt umher, planlos in Hinsicht auf
die zu verfolgende Richtung, indessen in der Absicht, ein, wenn auch nur
oberflchliches Bild derselben und ihrer Bewohner zu erhalten. Erinnern
gleich die kuppelfrmigen Dcher der Kirchen, ihre eigenthmlichen
Portale und ganze Bauart, so wie die Balkons der Privatwohnungen stets
den Beschauer daran, da er sich in einem fremden Lande befindet, so
haben doch wieder die gangbarsten Straen viel europisches. Man sieht
allenthalben glnzende Buden, in welchen die Industrie-Gegenstnde
Deutschlands, Englands und Frankreichs ausgeboten werden und
Restaurationen, so viel als mglich in gleichem Sinne eingerichtet,
finden sich hufig.

Es herrscht ein reges Leben auf diesen Straen, was bedeutend abweicht
von der Ruhe, welche fast aller Orten in Santjago stattfindet, und
in der That zeigen sich interessante Gestalten genug, die Stoff zur
Beobachtung bieten. Fast gnzlich verschwunden ist gegenwrtig
die alte Tracht, von welcher frher Reisende so vieles zu berichten
wuten, und ich habe nicht viele Damen in der Saya und dem Manto
gesehen. Die Saya ist ein Rock von Wolle oder Seide, welcher unten an
den Fen sich wieder verengte, so da die Trgerin nur trippelnd
gehen konnte. Der Manto ist eine Art Schleier von dickem, schwarzen
Seidenzeug, welcher am Grtel befestigt und so ber den Kopf
geschlagen wird, da nur das eine, meist das linke Auge der Dame zu
sehen ist. In der unten engen Saya habe ich nur noch einige ltere
Frauen gesehen, whrend bei denen, welche noch jetzt die Saya und den
Manto tragen, die erstere in malerischen, wenn gleich knstlich durch
verschiedene Mittel hervorgebrachten Falten abwrts fllt.

Um die schlanke Taille noch mehr zu heben, wird das Unterkleid durch
einen zweiten Grtel in die Hhe geschoben und festgehalten, und dann
ber den Kopf die Saya und der daran befestigte Manto bergestrzt.

Ganz gut kann man begreifen, warum unter 12 sdl. Breite sich die
Damen so einhllen, da man blos ein Auge von ihnen sieht, denn
bei vorliegenden Grnden kann man sich fr jeden Unberufenen, oder
wenigstens Ungewnschten, unkenntlich machen, whrend ein kaum
sichtliches Zeichen zu dem Freunde deutlich genug spricht; aber es ist
mir nie recht klar geworden, warum man die allerschwersten und wattirten
Seidenzeuge zu diesen Verhllungen angewendet hat.

Doch -- wie gesagt -- nur wenige Damen werden jetzt mehr in
dieser Tracht gesehen, und franzsische Mode hat auch hier das
Landeseigenthmliche verdrngt. Doch mu ich gestehen, da immerhin
noch die Damen malerisch genug und wirklich mit Zierlichkeit auch jenen
franzsischen Tand um sich zu schlingen wissen, den sie gegenwrtig
tragen. Wunderbar und unglaublich klein sind die Hnde und Fe der
Damen in Lima, aber mir schien es fast, als sei man wenig eitel auf
diese Zierde, da sie Gemeingut.

Da ich von den Damen und ihrem Anzuge gesprochen, mu ich natrlich
auch der _Herren_ erwhnen. Gnzlich verbannt ist bei diesen, im
Stadtleben wenigstens, der Poncho und die ltere Landestracht, und die
Mode hat vollen Eingang gefunden. Man trgt den engen, schwarzen Frack,
um die Strahlen der Sonne aufzuhalten, bindet eine Cravatte um den Hals
da man bei +24R. sich sonst leicht erklten knnte, und trgt
den schwarzen, runden Hut um das malerische und zweckmige des ganzen
Anzugs zu vollenden. Der theure, aber fr jenes Klima so passende
Strohhut kmmt dort tglich mehr aus der Mode. So die Herren. Die
Mnner, d.h. die _Mnner_ aus dem Volke, tragen den Poncho, leichte
Schuhe und weite Beinkleider, nebst einem stets breitkrmpigen Hut, in
brigens sonst verschiedener Form. Sie haben die alte Tracht des
Landes beibehalten, so wie bei uns auf dem Lande an verschiedenen Orten
Deutschlands auch deutliche Spuren lterer Moden zu finden sind. Aber
ob sie nicht mit heimlichem Wunsche und mit Begehrlichkeit nach den
neuen Moden blicken, will ich nicht entscheiden.

So drngen sich in den Straen von Lima in buntem Gewhle der
europisch gekleidete Modeherr und der Arbeiter mit dem Poncho.
Dazwischen reitet ein Frchteverkufer mit mchtigen Krben und
Scken zu beiden Seiten des Maulthiers. Sein Poncho ist brennend roth
und seine Beinkleider von schnster Indigfarbe. Ihm folgt stolz auf
einem weien Rosse ein Neger, ein Lieblingssklave vielleicht, oder ein
Freigelassener. Seine Satteldecke ist blau, sein Poncho wei,
wei sein Hut, und ein weier Kragen, Andeutung des zuknftigen
Vatermrders, wenn er ganz Caballero geworden sein wird, dehnt sich bis
an die Ohren. Der _solide_ Neger liebt die weie Farbe.

Mit eben nicht berflssigen Kleidungsstcken ausgestattet, aber
rittlings nach Mnnerart im Sattel oder wohl auch auf ungesatteltem
Thiere sitzend, begegnet uns dort eine lndliche Senorita. Unter dem
blau-schwarzen Haare, welches wild ber die braunen Wangen hngt,
blitzen zwei kohlige Augen hervor, vielleicht nach einem Sohne des
Mars, der eben wohlgenhrt, wie fast alle seine Kameraden, und wei
uniformirt, mit der hohen, leichten Mtze durch die Straen schreitet.
Mnche in verschiedenen Ordenskleidern, ernst, wrdevoll oder
demthig, wohl nach der Regel des Ordens, durchwandern, grend
und gegrt das bunte Gewhl, was vervollstndiget wird durch die
Fremden, die eben angekommen sind, durch die Kapitaine und Seeleute
berhaupt, durch Neger und Negerinnen und Staffage der verschiedensten
Art, die zu schildern der Raum verbietet.

Verlt man die volkreichsten Straen, so treten wohl die von
ungebranntem Lehm erbauten und wei getnchten Huser, die an
Santjago erinnern, hervor. Dort zieht sich auch, wie in den meisten
Straen der genannten Stadt, ein schmaler Kanal der Lnge nach durch
die Mitte des Weges, und an diesem sitzt in stoischer Ruhe der schwarze
Aasgeier, der hufig sich nicht bewogen fhlt, dem vorbergehenden
Herrn der Schpfung auszuweichen, oder hchstens einen Schritt zur
Seite geht. Diese Thiere haben die Reinigung der Straen bernommen,
und erfreuen sich hiefr der allgemeinen Achtung und Sicherheit.
Abflle aller Art, Aas und Unrath, werden einfach und ohne Wahl von den
Bewohnern auf die Strae geworfen und mit eben so wenig Auswahl auf's
Schnellste von diesen Thieren verzehrt. Der Zweck ist edel, aber die
Ausfhrung streift hufig an's Unappetitliche.

Da Lima mit Lehmmauern umgeben ist, welche etwa 9Fu Hhe und
6Fu Breite haben, so findet nicht jener allmlige Uebergang in
immer kleiner und unansehnlicher werdenden Wohnungen statt, welchen ich
frher fr die sdamerikanischen Stdte berhaupt angegeben habe.
Geht man aber ber die wirklich schne Brcke, welche ber den Flu
Rimac fhrt, so kmmt man in die Vorstadt San Lazaro, welche meist
von rmeren Leuten bewohnt und wo allerdings der eben erwhnte Typus
gefunden wird.

Nach langer Wanderung durch die Straen Lima's mag mich der Leser in
die Fonda italiana begleiten, eine Restauration, wo man fast zu allen
Zeiten des Tages nach der Karte speisen, aber auf Abonnement auch festen
Mittagstisch nehmen kann.

Es ist ein schnes, ja vollkommen grostdtisch angelegtes
Etablissement, und man speist dort ziemlich billig, wenigstens nach
Westksten-Preisen und in zierlich ausgestatteten Rumen. Es waren
auf der Speisekarte 154 warme Speisen, 20 kalte und eben so viele Weine
und Spirituosen angegeben. Wirklich zu haben waren an jenem Tage 62
warme Speisen und alle kalten, nebst den verzeichneten Weinen. Da in der
Fonda italiana auf den Geschmack aller seefahrenden Nationen Rcksicht
genommen war, und sich die Lieblingsgerichte einer jeden vertreten
fanden, war dort auch stets ein Zusammenflu der meisten Fremden zu
finden, und nebenher zugleich auch starker Besuch von Limanern selbst.
Um einen kurzen Anhaltspunkt in Betreff der Speisen zu geben, fhre
ich Folgendes an: Suppen verschiedener Sorten  bis 1 Real. Rostbeef
1 Real. =Bifsteko a la parilla=, (auf dem Roste gebraten) 1 Real.
=Bifsteko a la francesca con papas=, (mit Kartoffeln) 2 Realen. Ein
Viertel Huhn 2 Realen. Ein Viertel Truthuhn 2 Realen. Kalbsbraten
1 Real. Hammel- und Lammsbraten 1 Real. Lendenbraten mit Spargeln,
Artischoken, Blumenkohl oder irgend einem andern Gemse 1 Real.
Von weniger bei uns bekannten Speisen, z.B. Seefische und Krebse
verschiedener Art, hnliche Preise von 1 bis 2 Realen. Die Weine
kosteten meist 1 Thaler, 4 Realen (3fl. 42kr.) die Flasche, so
z.B. =Bordeos= (Bordeaux) und ferner =Vino de Oporto, Madera, Jerez,
Moscatel, Hermitag, de Rhin, Suterne,= aber =Vino de Campanna= 2 Thaler.
Man sieht zugleich aus dieser kleinen Weinkarte, da die Limaner nicht
schchtern sind im Uebersetzen. Ich habe, so lange ich mich in Lima
aufhielt, hufig in jener Restauration gegessen und bin wie man sich
denken kann, bedacht gewesen, so viel als mglich die fremdlndischen
Speisen zu kosten, da ich eine se Ahnung hatte, da mir die
deutschen Kalbsbraten und die Bratwurst meines _engsten_ Vaterlandes,
spter immer noch bleiben werde. Besonders aber habe ich gesucht, die
Frchte des Landes kennen zu lernen.

Von diesen will ich nur eine ganz eigenthmliche, sehr angenehme Frucht
erwhnen, deren Namen ich leider vergessen habe. Sie hat die Gre
eines Gnseeies. Der unebare Kern ist in Farbe und Umfang einer
wilden Kastanie hnlich, aber hart und holzartig. Aber zwischen diesem
und der uersten grnen Schale liegt das weiche ebare Fleisch, es
wird reich mit spanischem Pfeffer und etwas Salz durchwrzt auf Brod
genossen und ist ohne Zweifel ein vegetabilisches Fett, oder wenn man
will, eine reich mit Oel durchsetzte Pflanzenfaser. Leider war die
Frucht nicht zu transportiren und die verschiedenen Exemplare, welche
ich mitzunehmen versuchte, faulten sammt dem Kern bald auf der See.

Ich habe in jener Fonda italiana einen alten Spanier kennen gelernt,
keinen _Peruaner_, denn er selbst nannte sich so, und alle Welt
bezeichnete ihn nur mit dem Namen =il Espanol=. Ich habe von dem Alten
mehrere Notizen ber das frhere Verhltni von Peru erfahren, und
ich, der Fremde, war vielleicht der einzige Mensch, der seit langer Zeit
ihn freundlich behandelt hatte. Er war eine Ruine aus der vergangenen
Zeit, ein _Geduldeter_. Unter der spanischen Herrschaft war er ein
reicher, begterter Mann und allgemein geachtet. Da brach die Bewegung
aus und er hielt es mit der Sache des Knigs. Sie ging verloren. Einen
Theil seines Vermgens hatte er seiner Partei geopfert, er hatte
ihn auf die eine Seite des vaterlndischen Altars gelegt. Die neue
Regierung confiscirte den Rest seiner Habe, und legte ihn auf die andere
Seite des bekannten Opfersteins. Er war ein Bettler und stand allein.
Sein einziger Sohn war in der Revolution getdtet worden, noch ein
halbes Kind, sagte der Alte, indem er sein Gesicht verbarg; ob aber fr
oder gegen die Sache des Vaters, habe ich nicht erfahren. Er hatte sich,
nachdem Alles verloren war, verborgen, und erreichte endlich ein Schiff,
in welchem er spter nach Spanien flchtete, denn dort lebten ihm
Verwandte, und vor allem war dort die Regierung, der er Alles geopfert.
Man wrde ihn nicht sitzen lassen im Vaterlande, meinte er. Man lie
ihn auch wirklich nicht sitzen, sondern gab ihm den guten Rath, so
bald wie mglich wieder zu gehen, woher er gekommen, oder auch in
Gottesnamen anderswohin, aber nur fort. Wer hatte ihn geheien, dem
Dinge, welches er seine Ehre nannte, so leichtsinnig Alles zu opfern.
Niemand war ihm Etwas schuldig. Ein franzsischer Kapitain nahm ihn
aus Barmherzigkeit wieder mit nach Peru. Er hoffte, einen Theil seiner
Besitzungen wieder zu erlangen, indessen vergebens. Doch kmmerte sich
die Regierung, jetzt stark genug, nicht weiter um ihn, aber ein alter
Bekannter borgte ihm eine kleine Summe, und er begann einen Papierhandel
und hielt einen kleinen Buchladen, der ihn sprlich nhrte. Aber er
wute Herrliches zu berichten von der vorigen Zeit, von der Pracht,
die geherrscht und von dem Gelde, das im Ueberflu vorhanden. Zu jener
Zeit, sagte er, kam es wohl, wie allenthalben vor, da auch ein reicher
Mann fr den Augenblick kein Geld hatte. Er ging zu einem Freunde und
entlieh eine Kleinigkeit von 500 oder 1000 Thalern. Wollte er aber nach
ein paar Tagen oder Wochen das Geld zurckzahlen, so sagte der Andere:
Heilige Jungfrau! diese Kleinigkeit, wer denkt _daran_! Lassen Sie es
doch gehen, ich komme wohl auch einmal zu Ihnen, und Niemand sprach mehr
von der Sache! Wenn diese Liberalitt noch jetzt gebt wrde,
welch ein vortreffliches Land fr die Auswanderung wrde dieses Peru
abgeben. Aber man bekrftigte auch von anderen Seiten, da Aehnliches
wohl vorgekommen sei.

Ein anderer Beweis von dem Reichthum jener Zeit, der indessen wohl schon
bekannt, keinesfalls aber eine Fabel ist, ist der, da wenn ein neuer
Gouverneur aus Spanien kam und zum erstenmal ausfuhr, die Reichen aus
ihren Husern liefen, und spanische Thaler auf seinen Weg streuten,
nicht einzeln, so wie bei uns bisweilen Blumen gestreut werden, sondern
dicht. Pferde und Rder liefen auf Silber. Die Armen lasen dann
diese Thaler auf. War der Gouverneur beliebt, so wurde auch spter und
zum ftern dieses Streuen wiederholt. Dies ist eine Thatsache, welche
noch heute lteren Leuten dort wohl bekannt ist.

Auch der Luxus, der mit silbernen und goldenen Gerthschaften getrieben
wurde, grenzte in jener Zeit an's Fabelhafte. Alles war von edlem
Metalle, und ein gewisses Gerthe, so unentbehrlich im Schlafgemache,
wie unnennbar in guter Gesellschaft, war selbst bei Leuten, die nicht zu
den reichsten gehrten, stets von Silber, und gerade von diesem Artikel
soll man sich am schwersten getrennt haben, als das eiserne Zeitalter
viele Opfer nthig machte.

Aber noch heute glnzt dort Gold und Silber in den Zimmern der Reichen
und ich habe Nipptische gesehen, welche eine kleine Schatzkammer waren.

Gleich in den ersten Tagen meiner Ankunft besuchte ich das Museum,
=Museo national y latino= genannt. Diese Sammlung befindet sich auf
dem Standpunkte, auf welchem etwa vor 40 Jahren fast alle europische
hnliche Sammlungen waren.

Ohne allen Plan hat man alles Merkwrdige zusammengestapelt, dessen
man eben habhaft werden konnte, und so ist ein vereintes Kunst- und
Naturalienkabinet entstanden. Aber wie bei uns, so wird wohl auch in
Peru der Sinn fr die Schtze der Natur und Kunst geweckt werden
durch solche Sammlungen, es wird wenigstens einigermaen vorlufig der
blinden Zerstrungswuth entgegengewirkt werden, und wie beim einzelnen
Individuum das anfngliche Sammeln endlich zum Studium fhrt, so wird
hier der bessere Theil der Nation selbst zuerst zum Erhalten, spter
zum Beachten aufgefordert.

Man findet im Museum zu Lima die alten peruanischen Gefe und
Gtzenbilder ziemlich reich vertreten, wenn gleich ein bei weitem
grerer Theil derselben entweder bei zuflligem Funde zerstrt,
oder auer Land gebracht worden ist, wohl auch sich noch in
Privathnden befindet.

Die Wichtigkeit solcher Funde, wenn die Ausgrabung gehrig geleitet
wird, scheint jetzt bei uns erst in neuerer Zeit mehr und mehr anerkannt
worden zu sein, und es ist kaum glaublich, da bisher fast allgemein
die bei solchen Gelegenheiten gefundenen Schdel entweder zerstrt
oder wieder begraben wurden und da nur wenige daran gedacht zu haben
scheinen, wie wichtig ihre Erhaltung fr die Ethnographie gewesen
wre. Die im Museum befindlichen alten Gtzenbilder, meist von
Silber, einige von Gold und alle mit dem Hammer getrieben, scheinen mir
groentheils altperuanischer Abkunft, einige indessen scheinen lter
und auf die Titicaca-Race hinzudeuten, wenigstens ist die aus der
Gesichtsform einiger Figuren abzuleiten. Die aus Thon gearbeiteten Vasen
oder Tpfe stellen in einer gewissen Periode sehr hufig Menschen-
oder Thierformen dar, ein von diesen verschiedener Typus aber spricht
sich deutlich bei andern aus, mehr antiker Form sich nhernd, gehren
sie offenbar einer andern Zeit an. Welche Vortheile knnen aus der
nheren Erforschung und Entwicklung dieser Verhltnisse fr die
frheste Geschichte des Menschengeschlechts erworben werden!

Da sich ziemlich viele dieser Ausgrabungen im Privatbesitze befinden,
habe ich mehrere derselben erwerben knnen, und bin so ziemlich im
Stande das eben Gesagte nachzuweisen.

Die Mumien im Museum zu Lima sind vollstndig wohl erhalten und noch
mit den Decken versehen, mit welchen sie gefunden wurden. Sie
wurden ebenfalls in sitzender Stellung gefunden, wie fast alle dort
ausgegrabenen Leichen, und ganz so wie ich die der alten Titicaca-Race
fand, aber sie gehren nicht dieser Race, sondern der altperuanischen
an, wie sich deutlich aus der Form der Schdel ergibt.

Ueber diese Gegenstnde, vorzugsweise aber ber die Thongefe und
Idole von Metall, hat der frhere General-Director der Bergwerke in
Peru, Herr de Rivero, geschrieben, und ich bin im Besitz eines im
Jahr 1841 in Lima erschienenen Buches mit Illustrationen, in welchem
treffliche Aufschlsse gegeben werden.

Mitten unter den alten Resten dieses frheren Kunstfleies sah ich
pltzlich zu meiner Ueberraschung einen alten Bekannten stehen, den ich
seiner sonderbaren Gesellschaft halber anfnglich kaum zu erkennen mich
getraute. Es war eine Sicherheits-Lampe von Davy, die wie Saul unter den
Propheten, friedlich unter den alten Gtzen Platz genommen hatte. So
steht eben dort, wie ich vorher bemerkt, Alles bunt durch einander.

Unter den andern Dingen, welche ich getroffen habe, ist das Modell eines
chinesischen Schiffes hervorzuheben. Es ist chinesische Arbeit, ganz von
Elfenbein, vollstndig gut erhalten und auerordentlich zierlich bis
auf die geringfgigste Kleinigkeit ausgefhrt. Eine Unzahl Figuren
sind allenthalben angebracht, und nach Urtheil des Kapitains Mller,
der das Museum mit mir besuchte, gibt die Nachahmung des Tauwerks und
der Segel den deutlichsten Begriff von der Art und Weise, wie solches
noch heute bei den Chinesen construirt ist. Erinnere ich mich recht, so
betrgt die Lnge des ganzen Modells sicher nicht unter fnf Fu.

Die Fauna von Peru ist leider nur ungengend im Museum vertreten,
hingegen habe ich schlecht genug ausgestopfte deutsche Finken und
Sperlinge getroffen und auch einige brasilianische Vgel.

Eine Suite von Versteinungen aber, und schne Silberstufen, zeigen,
da der erste Anleger der Sammlung, Rivero, sein Fach gut vertreten
hat.

Ich habe mehrere Ausflge zu Pferde in die Umgegend von Lima
unternommen, wobei mich meistens Deutsche begleiteten. _Allein_ reitet
oder geht man ungern vor die Stadt aus Furcht vor Rubern, welche
allenthalben lauern sollen.

Auer einem Ueberblicke ber die Gegend habe ich aber bei jenen
berittenen Excursionen wenig erworben. Man reitet in Peru fast eben
so toll und besessen wie in Chile, so strmten wir im Galopp stets
vorwrts, und kaum waren die Genossen zu bewegen, irgendwo einige
Augenblicke zu halten.

Als ich aber eines Abends meinen Vorsatz uerte, des andern Tags
zu Fu die Umgegend zu besehen, lachte man mich geradezu aus und
versicherte mir, theils der Hitze halber, vorzugsweise aber wegen des
Raubgesindels, sei dies eine vollkommene Unmglichkeit.

Da ich mit der Hitze auf gutem Fue stehe und nicht zu jenen
unaufhrlich transpirirenden und schnaubenden Subjekten gehre, welche
lieber mit Eisbren verkehren, als unter Palmen wandeln, so ging ich
dennoch. Wegen der Ruber hoffte ich, da sich das Weitere ebenfalls
finden wrde. Ich durchstreifte zuerst einen Theil des alten
Flubettes des Rimac, welches dort nur selten bewssert erscheint
und mit 8 bis 10Fu hohen Bschen eines hiftenartigen Strauches
bewachsen ist, von welchem ich Saamen mitgebracht habe, der in Europa
trefflich anschlug.

Verdchtig aussehende Bursche traf ich allerdings gelagert in jenen
Struchern, aber keiner machte nur im Entferntesten Miene mich
anzufallen. Als ich dicht zu zwei derselben trat, und um sie
anzusprechen fragte, wohin der Weg zur Stadt gehe, hob einer von ihnen
den Fu, die allgemeine Richtung zu bezeichnen, und sagte: =aqui=
(hier) -- dann legte er sich auf die Seite, um, wie es schien, von der
Anstrengung auszuruhen, und wrdigte mich kaum mehr eines Blickes.
Mglich, da es ein verwegener Ruber gewesen, allein entweder war
er im Augenblicke nicht disponirt, befand sich nicht in der Lage wie
man sich auszudrcken pflegt, sein Metier zu betreiben, oder hielt es
nicht der Mhe werth, indem mein Aeueres eben nicht sehr glnzend
beschaffen war. Hierauf wendete ich mich gegen den Monte San
Cristoval und erstieg dessen kahlen Gipfel. Ich hatte nicht Zeit, die
geognostischen Verhltnisse des Berges nher zu untersuchen, doch
schien mir der Granit, aus welchem der grte Theil desselben bestand,
welchen ich bestieg, von Gngen anderer Gesteine durchsetzt. Ich habe
von dort einen Diorit, einen schnen Porphyr und zwei Stufen Granit
mitgebracht, von welchen der eine so feinkrnig ist, da man kaum mit
unbewaffnetem Auge die Gemengtheile zu erkennen vermag. Vom Gipfel aus
hat man eine reizende Aussicht und es macht Lima, von dort aus gesehen,
fast den Eindruck einer orientalischen Stadt, der begrndet durch die
vielen Kuppeln der Kirchen, noch verstrkt wird durch die zahlreichen
Palmen in der Nhe, und die eigenthmlichen Formen des aus der Ferne
herberblickenden Forts von Callao.

Vom Berge herabgestiegen, erbeutete ich einige schne
Farrenkruter[58] und einige Species einer Landschnecke. Auch mehrere
schne Tagfalter sahe ich, konnte aber mit dem Fang mich nicht
befassen, hingegen wurde ich auch nicht eines einzigen Kfers gewahr,
was mir eigenthmlich genug erschien. Indem ich durch eine Schlucht
gehend auf Umwegen die Stadt wieder zu erreichen suchte, hrte ich
pltzlich Schritte dicht hinter mir, und mein erster Gedanke war jetzt
wirklich ein ruberischer Anfall. Ich griff in die Tasche und spannte
den Hahn meiner einen Pistole, denn diesmal hatte ich sie nicht wie
in Callao vergessen, und drehte mich dann rasch um. Aber statt in das
tckische und mordlustige Gesicht eines braungelben peruanischen
Ladron zu sehen, blickte ich in ehrliche blaue Augen und das gemtliche
Gesicht eines Deutschen aus dem gesegneten Schwabenlande, den ich schon
einmal frher in Valparaiso gesehen hatte, und der sich nicht genug
verwundern konnte, wie ich _gerade_ hieher kme. Tausend! Tausend!
sagte er, die Deutschen kommen doch berall herum, und schlagen
berall _gut_ an. Er war auch wirklich gut angeschlagen, d.h. er
befand sich gut in Lima, und war Aufseher in einer Mhle. Wir aen
spter zusammen in einer unweit der Stadt gelegenen Fonda, und als
ich ihm von den Befrchtungen wegen Unsicherheit durch Ruber sprach,
versicherte er mir, da er in den acht Wochen, seit welchen er in
Lima sei, nicht das mindeste Verdchtige bemerkt habe, obgleich sein
Geschft ihn tglich, und oft noch spt des Abends, in ziemliche
Entfernung von der Stadt gefhrt habe. Die Unsicherheit des Weges nach
Callao bekrftigte er indessen.

In Valparaiso hatte ich mehrere Empfehlungen nach Lima erhalten und
wurde mittelst derselben von den dortigen Deutschen, an welche sie
gerichtet waren, ebenfalls auf das Freundlichste angenommen. Ich hatte
in einem dieser gastfreien Huser Gelegenheit, weitere Studien
zu machen in Betreff des Obstes sowohl, als auch der brigen
Culturfrchte, da man dort theils zum Vergngen die feinsten Sorten
von Frchten selbst zog, theils auch berseeische Geschfte in
grerem Mastab mit Landesprodukten berhaupt machte. So sah ich
dort alle Sorten des Kaffee, welcher im Lande gebaut wird, und
von welchen einige ganz ausgezeichnet sind. Ich erwhne, um einen
Anhaltspunkt zu geben, da das beilufige Gewicht von hundert Pfunden
eines solchen 40Thaler kostet, whrend eine geringere Mittelsorte
4Thaler kostet.

Auch von Zuckerrohr, Cacao, Vanille, Chinarinde und Baumwolle wurden mir
die verschiedenen Proben gezeigt, welche in den Handel gebracht werden,
desgleichen drei Sorten von Mais, Reis, Weizen, Bohnen, Manioc, Oliven
und analoge Dinge.

Unter den Frchten bemerke ich neben Weintrauben, welche dort an
khleren Stellen gezogen werden, der sen Kartoffel (=Batata=), der
Liebespfel, Granatpfel, der Pfirsiche, Aprikosen, Quitten, Melonen,
der Brodfrucht, der Palta und anderer. Lebhaft im Gedchtnisse ist mir
noch die Tuna und die Cheremoya. Der letzteren habe ich schon in
Chile Erwhnung gethan, aber in Peru wird sie noch schner und
geschmackvoller getroffen als dort. Die Tuna hingegen ist eine Frucht
von der Gre eines Gnseeies und kann am besten mit einer kolossalen
Stachelbeere verglichen werden. Ihr Fleisch hat dieselbe Consistenz wie
bei jener, und ist eben so wie sie mit einer Menge von kleinen
Kernen durchwachsen. Auch im Geschmacke ist eine nicht zu verkennende
Aehnlichkeit vorhanden, doch ist jener der Tuna gewrziger.

Sicher das unparteiischste Urtheil ber die Sklaverei in Peru habe ich
ebenfalls bei den dort wohnenden Deutschen erfahren. Es lautet gnstig
und wirft ein gutes Licht auf den Charakter der Limaner. Bei der
Herstellung der Republik wurde die Sklaverei gewissermaen aufgehoben.
Ich vermag nicht die Worte der Akte anzugeben, mittelst welcher dieser
Beschlu in's Leben trat, aber der Sinn derselben war der, da keine
neuen Sklaven eingefhrt, die alten aber beibehalten werden sollten.
Man hat dies treulich gehalten, und keine neue Zufuhr von schwarzer
Waare findet statt. Da hiedurch das Institut der Sklaverei nur
_modificirt_ wurde, versteht sich freilich von selbst, indessen hat
sich das Verhltni, selbst im philantropischen Sinne betrachtet,
ertrglich gestaltet.

Die Neger, aufgewachsen in den Husern ihrer Herren, gewhnen sich
leichter an sie und ihre Launen, und werden fast ohne Ausnahme von
diesen gut behandelt, wenn gleich, wie man mir sagte, namentlich bei
den schwarzen Damen, hie und da eine etwas lebhaftere Ansprache nthig
werden sollte.

Aber ich war nie Zeuge der Mihandlung eines Negers, wie in Brasilien
dies fast tglich der Fall war, und die Sklaven in Lima sehen so
zufrieden, ja selbst wohlhbig aus, da man von vornherein auf ein
nicht allzuschlimmes Loos schlieen darf.

Zur Zeit als ich in Valparaiso war, lag im dortigen Hafen ein Schiff
mit Chinesen vor Anker, welche nach Lima bestimmt waren, um dort den
Seidenbau einzufhren, oder vielmehr zu cultiviren. Da ich mehrmals
auf jenem Schiffe war, um verschiedene chinesische Gegenstnde, Waffen
u.dergl. zu kaufen, und die wunderlichen Gestalten der Chinesen
selbst, so wie der ganze abenteuerliche Typus derselben mir lebhaft im
Gedchtni geblieben waren, verfehlte ich nicht, ber deren weiteres
Loos Erkundigungen einzuziehen, aber man konnte mir nichts weiter
angeben, als da jene Menschen in's Innere gebracht worden seien.
Selbst spter habe ich nicht in Erfahrung bringen knnen, ob der
Seidenbau in Peru einigermaen Wurzel geschlagen, und es will fast
scheinen, als habe dessen Cultur nicht den gnstigsten Fortgang.

Ohne Zweifel hat mancher der Leser tadelnd und mibilligend auf die
sprliche und noch berdem ziemlich verworrene Reihenfolge der Notizen
gesehen, welche ich ber Callao und Lima gegeben habe. Aber die kurze
Zeit, welche ich mich dort aufhalten konnte, reichte nicht aus, ein auf
die strenge Wahrheit basirtes abgerundetes Ganze zu bilden. So habe ich
vorgezogen, die gemachten Wahrnehmungen und Erfahrungen so bunt gemengt
und abgerissen zu berichten, wie sie mir selbst vorgekommen sind,
anstatt durch eine knstliche Verbindung vielleicht allzusehr in
Ausschmckung zu verfallen.

In diesem Sinne mgen hier noch einige Bemerkungen ber den
religisen Cultus von Lima einen Platz finden.

Man _glaubt_ dort, wie man in allen warmen Lndern glaubt, ohne viel
zu untersuchen was und warum, und man hlt die Gebote der herrschenden
Kirche, im Falle sie nicht allzuschwer zu befolgen sind. Ohne Zweifel
hat dies seine Nachtheile, aber es hat auch sein Gutes. Es schtzt den
Laien einerseits vor einem gewissen geistlichen Hochmuthe, mit welchem
er auf Andersdenkende so gerne herabsieht, und auf der andern Seite den
Halbgebildeten gegen gnzlichen Unglauben.

Die glnzenden Feierlichkeiten der Kirche erbauen und beschftigen
zu gleicher Zeit den Limaner und er vergngt sich, indem er betet,
er betet also mit Vergngen. Processionen sind beliebte
Volksfestlichkeiten, und bei allen kirchlichen Ceremonien denkt man mehr
an den zuknftigen Himmel als an die Hlle.

Sicher ist ganz bezeichnend, was ich sowohl in Peru als auch in Chile
hufig gesehen habe: vor einem Muttergottesbilde brennt eine Lampe,
ein Caballero tritt an dieselbe und nimmt grend seinen Hut ab, aber
hierauf zndet er seine Cigarre an der Lampe an, und geht friedlich
rauchend weiter. Freilich aber betrachtet man in jenen Lndern das
Rauchen nicht als etwas Unanstndiges wie bei uns, trotzdem da hier
so wie dort fast alle Welt raucht.

Ein alter, aber heute noch wie frher bestehender Gebrauch findet beim
Abendluten statt. Mit dem ersten Schlage der Abendglocke ruhen auf
einige Augenblicke alle Geschfte. Der Arbeiter lt den Hammer
sinken, die Nherin die Nadel, und das bereits erhobene Glas, welches
der Durstige zu den Lippen fhren will, wird niedergesetzt. Jedermann
verstummt, auf den Straen steht jeder Fugnger stille, und Reiter
so wie Wagen halten an. Mancher murmelt wohl einige kurze betende Worte,
und die Senoritas bekreuzen sich. Aber nach einigen Momenten tritt
wieder die lebhafteste Bewegung ein. Man ruft jetzt auf den Straen dem
Nebenumstehenden einen freundlichen guten Abend zu, mag man ihn
kennen oder nicht, und geht dann seine Wege. Mag man diese Sitte recht
altvterisch oder aberglubisch finden, mir hat sie gefallen.
Sie ist eine _Form_, aber eine achtende gegen das Gttliche, eine
wohlwollende gegen den Nebenmenschen. Eine andere Sitte (die Bezeichnung
pat nicht recht, aber ich wei keine andere) ist so eigenthmlich,
zugleich aber so charakteristisch, da ich sie nicht bergehen
kann, obgleich sie manchem meiner Leser wohl kaum glaublich erscheinen
drfte.

Jenes rthselhafte und doch leicht erklrliche Kind der tollsten Ehe,
die je geschlossen wurde, die Eifersucht, ein Sprling des Hasses und
der Liebe, existirt auch in Lima.

So wie allenthalben, auch dort, und sonder Zweifel hchst irriger
Weise, glauben bisweilen eigenthmliche Ehemnner, da die Senorita
irgend einem Caballero mehr Aufmerksamkeit schenkt, als eben nthig
oder zutrglich fr den knftigen Frieden des Hauses ist. Hie und
da wollen solche verblendete Mnner selbst mit eigenen Augen solche
Aufmerksamkeiten gesehen haben.

Man wei, da in manchen Familien in Europa bisweilen rgerliche
Geschichten entstehen durch solche optische Tuschungen. Nicht so unter
jenem glcklichen Himmel. Es bestehen dort eigene Buklster fr
solche Flle, bewohnt blos von alten ergrauten Nonnen und beaufsichtigt
nur von einem _sehr_ alten, allgemein wrdig anerkannten Priester.

In ein solches begiebt sich, auf energisches Anrathen des scheinbar
beleidigten Ehemannes, die Senorita, und stellt dort Bu- und
Betbungen an, fastet und kasteit sich vielleicht mit Maa und Ziel,
ohne Zweifel aber hinlnglich und gengend, denn nach Verlauf
von vierzehn Tagen oder drei Wochen verlt sie in _aller Augen_
vollstndig entsndigt, das Kloster.

Und sie ist wirklich entsndigt, denn Jedermann hat den etwa bekannt
gewordenen Skandal vergessen, oder betrachtet ihn wenigstens als
ungeschehen. Die Verwandten der Frau, der Mann und seine Angehrige,
holen die Weigekleidete und kstlich Geschmckte an der Pforte des
Klosters ab, und fhren sie zurck in das ebenfalls verzierte Haus, wo
gleichsam eine zweite Hochzeitfeier statt findet.

Vielleicht mag es dort in der ersten Schferstunde mancher Frau
gelingen, den Mann von ihrem erlittenen Unrecht zu berzeugen, dies
vermuthe ich, nicht genau wei ich _wie oft_ diese Entsndigung mit
gengendem Erfolge vorgenommen werden kann; ganz klar aber ist
mir, da derselben sich in Europa unbersteigliche Hindernisse
entgegenstellen wrden, selbst in den glubigsten Lndern dieses
alten halsstarrigen Welttheils. Mit Vergngen aber fge ich bei,
theils vielleicht als einen Beweis der groen Milde und Nachsicht
der Frauen, theils auch als einen solchen fr das solide Benehmen der
Mnner, da hnliche Bu- und Entsndigungs-Anstalten fr Letztere
in Lima nicht bestehen.

       *       *       *       *       *

Groe Autoritten haben fr viele Theile von Peru umfassende
Berichte abgestattet, in Hinsicht auf meteorologische und klimatische
Verhltnisse. Die wenigen und unzusammenhngenden Versuche zu
verffentlichen, welche ich in Lima und Callao angestellt habe,
verlohnt sich daher auf keinen Fall der Mhe.

Es mag nur im Allgemeinen bemerkt werden, da die Temperatur keine
so hohe ist als man den Breitegraden nach glauben sollte. Es mag
+23R. bis +24R. im Schatten fr die erste Hlfte des Monat
Mrz angenommen werden, als hchster Stand whrend des Mittags.
Ich kann brigens nicht sagen, da die Nchte besonders erfrischend
gewesen wren, und in der Stadt wenigstens stand das Thermometer in
den Straen nicht unter +20, in den Stuben aber wohl hher. Mein
ganzes Leben hindurch wollte ich diese Hitze ertragen, vielleicht auch
ein paar Grade hher, wre es eben nthig.

Die Nebel, welche sich schon in Bolivien des Abends auf den Bergen
zeigen, treten in Lima und noch weiter in das Land hinein, ebenfalls
auf, und zwar hufiger und verbreiteter. Sie erscheinen namentlich
angeblich bei Mondwechsel, und sind whrend des Winters, vom Mai bis
November tglich, indem sie mit dem Westwinde des Morgens erscheinen,
Mittags verschwinden, aber des Abends mit dem stets auftretenden
Sdostwinde, wiederkehren. Ueber den unfern der Stadt liegenden Amancas
und den Bartholomus-Bergen schwebten auch whrend meiner Anwesenheit
in Lima fast immer Nebel und Wolkenschichten, und im Hafen von Callao
zeigte sich dieselbe Erscheinung.

Da es selten, ja fast nie regnet, so bedingen die Nebel ohne Zweifel die
Fruchtbarkeit, welche in den meisten Bezirken von Peru herrscht.

Vielleicht in Folge dieser Nebel treten in Lima hufige Wechselfieber
auf und zwar besonders im Mrz und April und im September und Oktober.
Auch Katarrhe und katarrhalische Fieber, so wie Lungenleiden, sind dort
nicht selten, doch mag das Klima von Lima im Allgemeinen als ein
sehr gesundes bezeichnet werden und man trifft dort Greise aus allen
Stnden, welche das hchste Alter erreichen.




XIV.

Von Peru nach Europa.


Am 14.Mrz des Nachmittags drei Uhr gingen wir bei flauem Winde in
die See. -- Es war eine lange Reise, die wir vor uns hatten, und es
hlt schwer fr eine solche die Zeit der Ankunft genau im Voraus zu
bestimmen. Man hatte in besonders gnstigen Fllen Hamburg von Peru
aus schon in 85 Tagen erreicht, aber man hatte auch schon 150 Tage
gebraucht und mehr, denn Kap Horn ist zu passiren, und Niemand kann mit
Sicherheit sagen, wie sich dort die Gelegenheit gestaltet[59].

In solchen Fllen giebt man sich der besten Hoffnung hin, arbeitet so
viel man kann gegen das Schlimme, und ertrgt das Unvermeidliche mit
stoischer Ruhe.

Wir hatten inde alle Aussicht, eine gute Reise zu bekommen. Der
Dockenhuden war ein neues und gut segelndes Schiff, der Kapitain ein
tchtiger und wohl erfahrener Seemann, eben so waren die Steuerleute,
von welchen nach unserer Ankunft der Obersteuermann ebenfalls ein Schiff
bekam, und die Matrosen, gewandte und krftige Leute mit dem besten
Willen von der Welt.

Schon oben habe ich mich ber das Verhltni zwischen Kapitain und
Passagier ausgesprochen, und brauche daher kaum zu wiederholen, da
fortwhrende Mihelligkeiten zwischen beiden das Leben am Bord zu
einer wahren Hlle machen. Aber mit desto grerem Vergngen und
mit aufrichtigem Herzen spreche ich hier aus, da sowohl whrend
der frheren Fahrten, welche ich mit Kapitain Meyer an der Kste
unternommen, als auch auf der Fahrt, welche wir jetzt begannen, nie
eine Strung in unserem guten Vernehmen stattgefunden hat. Lobend und
dankend mu ich besonders anerkennen, welchen Vorschub mir derselbe bei
allen wissenschaftlichen Untersuchungen und Arbeiten geleistet. Ich
bin auf dem Dockenhuden nicht nur auf jede eigenthmliche Erscheinung
aufmerksam gemacht worden, welche sich auf See oder am Himmel zeigte,
sondern es wurden mir, erlaubte es nur halbweg der Gang des Schiffes,
auch Alles aufgefischt und zugebracht, was von Seethieren nur irgendwie
zu erreichen war. Da mir berdies, mit Ausnahme der Zeit, wo die
Schiffrechnungen vorgenommen wurden, fast den ganzen Tag hindurch
der Tisch in der Kajte zur Verfgung frei stand, so hatte ich
berflssigen Raum, alle meine Arbeiten ungehindert vornehmen zu
knnen, und war so im Stande, spter im atlantischen Ocean eine ganze
Reihe von mikroskopischen Zeichnungen zu entwerfen, welche mir in Bezug
auf das Leuchten der See, wie auch in Hinsicht auf die Quallen,
von groer Wichtigkeit waren, wenn sie auch groentheils nur als
Privatstudien zu betrachten sind.

Fast alle Kapitaine der deutschen Handelschiffe sind gute und erprobte
Seeleute, sie haben von unten auf gedient, und kaum wird einer ein
Schiff erhalten, der nicht tchtig befhigt ist; aber sicher haben
eine weit geringere Anzahl den Takt, ihren Passagieren, ohne sich etwas
zu vergeben, das Leben am Bord angenehm zu machen. Kapitain Meyer hatte
hiezu den Willen und die Befhigung. Es ist dies nicht mein Urtheil
allein, gebildete Passagiere, welche frher mit ihm gereist sind, haben
dasselbe gefllt und aus vielfachen kleinen Anekdoten, welche ich von
der Mannschaft des Dockenhuden ganz unbefangen erzhlen hrte, sind
mir sichere und zuverlssige Beweise genug geworden, da Auswanderer
aus allen Klassen und von sehr verschiedenem Bildungsgrade, welche mit
ihm reisten, sich eben so lobend ausgesprochen haben.

Vielleicht am rechten Orte mag hier beigefgt werden, da die
Ausrstung der Schiffe fr Auswanderer von Godefroy in Hamburg alles
Lob verdient. So will ich nur einfach bemerken, da wir auf der
ganzen Reise stets reichliches frisches und gutes Wasser hatten, da wir
_eiserne_ Wasserbehlter fhrten. Wer lngere Zeit zur See war, wird
dies gehrig zu schtzen wissen. Auch die brige Verpflegung war
gengend und gut. Derjenige aber, welcher frische Austern und Fasanen
zu speisen wnscht, thut ohne Zweifel besser, zu Hause zu bleiben als
auf See dergleichen zu suchen.

Es ist fr den Reisenden auf See hchst nothwendig, sich eine
bestimmte Beschftigung zu schaffen. Die grenzenloseste Langweile
und Mibehagen an Allem und Jedem, ist die unausbleibliche Folge des
Mssiggangs, und auf See in verdoppeltem Mastabe als am Lande.

Ich habe mir in dieser Beziehung keine Vorwrfe zu machen, und habe,
so lange das Wetter oder besser das Klima es erlaubte, stets gearbeitet.
Vorzugsweise beschftigte ich mich mit spanischen Studien, und habe
namentlich Vieles vom Spanischen in's Deutsche bersetzt. Zur Zeit
hingegen, wo die Fauna der See sich mehrte, war ich fast den ganzen
Tag hindurch mit Untersuchung aufgefischter Thiere beschftigt und
mit Zeichnen derselben. Zugleich wurde tglich viermal der
Barometerstand[60] verzeichnet, einmal die Temperatur des Wassers,
und dreimal jene der Luft genommen. Aber ich gestehe, da auch ohne
seekrank zu sein, und selbst ohne das mindeste Unwohlsein zu spren,
man sich dennoch zwingen mu, eine wissenschaftliche Arbeit zu
unternehmen, wenn die See hoch geht, und das Schiff sich stark bewegt.
Unzweifelhaft ist dieses Gefhl der Arbeitsscheu bedingt durch eine
Verstimmung der Magennerven, und Aehnliches wird am Lande ebenfalls
getroffen, dort aber mehr durch zu langes Sitzen als durch zu starke
Bewegung

  Perser nennen's =Bidamay baden=,
  Deutsche sagen Katzenjammer.

Der Abend wurde dem Spiele gewidmet, ohne Zweifel auf die unschuldigste
Weise, Kapitain Meyer und ich lagen nmlich dann mit Eifer dem edlen
Sechs und Sechszig ob. Wir spielten umsonst, mit _einem und demselben_
Spiele Karten, von Peru bis Europa, und Niemand mag daher behaupten,
da irgend eine Verschwendung, oder ein strflicher Luxus bei dieser
harmlosen Unterhaltung stattgefunden habe. Und dennoch, ich gestehe es,
fehlte mir Etwas, unterbrach ein Zufall jenes Spiel, und ich rgerte
mich, wenn ich verlor, was hufig der Fall war.

Der Rest des Abends wurde in den Breitegegenden, wo es das Wetter
erlaubte, auf Deck zugebracht, und dort habe ich nicht selten die Rolle
des Mrchen-Erzhlers vertreten und Dichtung und Wahrheit gegeben
aus meinem und Anderer Leben. So rasch aber als mglich will ich das
stille Meer durcheilen, um an Kap Horn vorber in den atlantischen
Ocean und ber diesen nach dem Ziele der Reise zu gelangen, und nur
einzelne Notizen mgen Platz finden aus meinem Tagebuche, um den Leser
nicht ber die Gebhr zu ermden.

Der Anfang der Reise zeichnete sich nicht durch besonders gnstigen
Wind aus; wir hatten theils Stille oder waren gezwungen, mehr als
nthig gewesen wre, nach Westen zu gehen. Dabei hatten wir des
Morgens meist Nebel oder Regen, und der Hygrometerstand war 50 ja 62'
bis zum 22 sdl. Breite, dann nahm aber die Feuchtigkeit der Luft
ab, und begann erst gegen Kap Horn zu allmlig wieder zu steigen, doch
giebt die beigefgte Tabelle das Nhere, und immerhin bezeichnend,
wenn auch blos von relativem Werth.

Unter 1530' sahen wir einen Tropikvogel[61] in einer Entfernung von
etwa 200 Stunden vom Lande. Er umzog in weiten Kreisen das Schiff und
bot einen zierlichen Anblick mit seinen wohl anderthalb Fu langen
Schwanzfedern. Der Vogel ist wei, mit rothem Schnabel und hat die
Gre einer starken Taube. Da er sich nicht auf Schuweite nherte,
waren wir gezwungen, ihm freundliche Gre in sein Heimathland
mitzugeben. Im entgegengesetzten Falle wre er weniger gastlich
begrt worden, denn ich trug starkes Verlangen, ihn abzubalgen. Ich
habe zu jener Zeit zuerst genauer beobachtet, wie der Sturmvogel, der
so hufig auf allen Meeren getroffen wird, ber die Wellen luft. Das
kleine Thierchen, in Gre und Frbung einer Schwalbe sehr
hnlich, fliegt nmlich dicht ber dem Spiegel des Wassers, indem es
unaufhrlich mit einem seiner, mit Schwimmhaut versehenen Fe,
die Wellen tritt, ohne Zweifel um sich den Flug zu erleichtern. Dieses
Auftreten geschieht indessen stets mit dem auf der Leeseite befindlichen
Fue, d.h. wenn der Wind von Rechts kmmt tritt der Vogel mit dem
linken Fu und umgekehrt. Es scheint hiedurch ein doppelter Zweck
erreicht zu werden, indem einmal das Thierchen sich gewissermaen dem
Winde entgegenstemmt und zugleich leichter die vom Winde geglttete
Seite der Welle erreicht als die entgegengesetzte.

Ich habe etwa von 20 zu 20 Breitegraden Seewasser geschpft und in wohl
gereinigten und gut gekorkten Flaschen mit nach Hause genommen, um es
dort einer chemischen Untersuchung zu unterwerfen. Die Resultate dieser
Analysen sind bereits verffentlicht worden[62], aber ich will hier
ein Verfahren angeben, welches wir anwendeten, um aus grerer Tiefe
Seewasser zu erhalten. Ich wei nicht, ob dies Verfahren allgemein
bekannt, mir aber wurde es von Kapitain Meyer mitgetheilt. Es ist
nthig, da bei dem Versuche ganz vollstndige Windstille herrscht.
Man verkorkt mit einem festen Pfropf so dicht als mglich eine starke
Flasche und senkt dieselbe mit einem schweren Bleiloth versehen, rasch
in die Tiefe. Nach Verlauf von kaum einer halben Minute zieht man, so
schnell es geschehen kann, die Flasche wieder aufwrts und findet die
letztere durch den Kork hindurch vollstndig gefllt, und diesen,
selbst wenn er auch vorher ber den Hals der Flasche hervorragte,
dennoch meist etwa einen halben Zoll weit eingedrckt. Der Druck der
oben befindlichen Wasserschichten pret durch die Poren des Korks
hindurch das Wasser, und die niedere Temperatur des auf solche Art
geschpften Wassers zeigt, da die Flasche zum grten Theile sich
in der Tiefe gefllt haben mu. Ist nicht vollstndige Windstille,
so wird von den sich fortbewegenden Schiffen die Flasche in schiefer
Richtung nachgeschleift und die Tiefe, in welcher sie sich gefllt hat,
kann natrlich nicht ermittelt werden.

Wir hatten am 27. Mrz unter 2511' sdlicher Breite und 9324'
Lnge an der Oberflche des Wassers eine Temperatur von +18.9R.
gefunden, nach dem eben beschriebenen Verfahren fand sich in einer Tiefe
von 70 Faden (etwa 420 Fu), eine Temperatur von +16.5R., also
eine Abnahme von 2.4 Graden. Das specifische Gewicht des Wassers an
der Oberflche war 1.0260, in der Tiefe 1.0264. Die Bestandtheile aber
dieselben.

In diesen Tagen und auch noch spter wurden Tintenfische und Quallen
aufgefischt und Kapitain Mller und ich bemhten uns zugleich eines
Haies habhaft zu werden, welcher aber hartnckig die Angel verweigerte.
Der Quallen gedenke ich weiter unten, wo ich berhaupt einige Worte
ber dieselben sprechen werde, den Hai aber fertigte ich, als er seine
Rckenflosse koquettirend ber dem Wasser zeigte, mit einer Kugel ab,
die gut sitzen mochte, denn der Bursche machte einige wthende Sprnge
und verschwand. Selbst vor dem mildesten Herzen mag die der Hyne des
Meeres geschickte Kugel gerechtfertigt werden, weniger gut aber werde
ich vor einem Anti-Thierquler bestehen, wenn ich erzhle, da ich
nach einem Wallfische geschossen habe, einem zarten Jngling von
nur etwa dreiig Fu Lnge, der auf 40 bis 50 Schritte von Bord
vorberzog. Das Thier sprang hoch auf, so da es fast auf der Spitze
des Schwanzes zu stehen schien, berschlug sich dann und ging in die
Tiefe. Ich glaube nicht, da sie, mit der Harpune getroffen, sich eben
so toll geberden, und vermuthe, da die Kugel edle Theil getroffen
haben mu.

Bereits auf der Hhe von Valparaiso fingen die Wellen an hufig
ber Bord zu schlagen, zugleich aber kamen wir bei gutem Winde wacker
vorwrts. Der Skylight wurde jetzt mit dem Glassturze versehen und
alle Oeffnungen und Ritzen mit getheertem Werg verstopft. Zugleich
aber vermehrte sich die Gesellschaft in der Kajte. Mein einziges noch
lebendes Chinchilla nahm in meiner Koje Platz, degleichen wurden meine
zwei kleinen Papageien aus Peru, und ein groer, wunderschner roth
und grn gefrbter Papagei, den ich in Valparaiso bekommen hatte, um
ihn mit nach Hamburg zu bringen, in der Kajte aufgehngt. Auch das
Guanaco des Kapitains leistete uns Gesellschaft. Ich habe nicht leicht
ein eigensinnigeres und widerwrtigeres Thier gesehen, als eben
dieses Guanaco. Alles benagend was eben _nicht_ Nahrungsmittel war,
verschmhte es spter Kresse und Salat, welche wir in ein wenig Erde
geset und mhsam fr dasselbe gezogen hatten. Die wollenen Hemden
der Matrosen hingegen zernagte es hartnckig und unverbesserlich aller
Orten, wo es ihrer habhaft werden konnte, so da, wenn ein Matrose
irgendwo mit beiden Hnden bei der Arbeit beschftigt war, er sicher
sein konnte, von dem Thiere gezupft zu werden. Gegen mich schien es
bel gesinnt zu sein. Indessen kann ich nicht lugnen, da ich mir
auch bisweilen die Freiheit nahm, es ein wenig zu rgern. Ich durfte
zu diesem Behufe dasselbe nur mit einem Auge schielend ansehen, whrend
ich das andere zudrckte. Es suchte nun zu beien, drehte sich wohl
auch um und schlug wacker aus, und spuckte zuletzt den Gegenstand seines
Hasses an. Diese letzte Zornesuerung habe ich bei zwei Guanacos,
welche sich bei einer Menagerie in Deutschland befanden, ebenfalls
gesehen.

Ein heiterer Geselle aber war der junge Philipp, ein liebenswrdiger,
langschwnziger Affe, der in Lima an Bord gekommen war, um ebenfalls
nach Hamburg zu reisen. Man hatte denselben meiner speciellen Aufsicht
anvertraut, und so war ich denn endlich, nachdem ich schon Schiffsarzt
und Supercargo gewesen, noch zum Range eines Affenhofmeisters
befrdert. Wie alle Thiere am Borde leicht zahm werden, da man sich
viel mit ihnen abgibt, und sie sich stets in nchster Nhe des
Menschen befinden, so entwickelte auch Philipp merkwrdige Fortschritte
in Bildung und Kultur, und ich habe, ernsthaft gesprochen, oft gestaunt
ber die Beweise von Ueberlegung, welche dieses Thier gegeben hat.--

Bald begann jetzt das schlimme Wetter. Wechselnd eisige Regen und
Sturm. Jeden Augenblick gab es Arbeit auf Deck, Krzen der Segel
oder hnliche Dinge. Der Skylight wird mit einem hlzernen Gehuse
verdeckt und in der Kajte herrscht Grauen und Dunkelheit. Die Seeleute
speisen Grtze und Syrup, was unbedingt noch grauenhafter, die beiden
Passagiere aber, Kapitain Mller und ich, machen die Probe, wie viel
Stunden des Tages der Mensch zu schlafen vermag. Ich habe dort Perioden
gehabt, in welchen ich sicher 18 Stunden durchschlafen habe. Aber ich
habe auch gewacht und ble Stunden gehabt. Auf Deck Regen, Sturm und
jeden Augenblick Seen ber Bord, unten kalt und finster. So bin ich
nicht selten in meinen Mantel gehllt, in meiner Koje gesessen, umgeben
von Finsterni, frierend und mich kmmernd und hrmend ber die
Heimath, denn dort fiel mir's schwer auf's Herz, da ich whrend
anderthalb Jahren keinen Brief erhalten und keine Nachricht. Allein es
ist eben einmal nicht anders bei Kap Horn!

Auf der See war wenig zu sehen. Am 11.April unter 4449' Breite
beobachtete ich des Morgens bei Aufgang der Sonne jene Spiegelung der
Sonnenstrahlen am entgegengesetzten Horizonte, welche ich schon frher
beschrieben, so klar und deutlich, da, whrend die Sonne im Osten
aufging, eine zweite im Westen unterzugehen schien. Gleich darauf aber
bewlkte sich der Himmel wieder und es regnete den ganzen Tag.

Albatrosse und Kapische Tauben, die Staffage Kap Horns und seiner
Umgebung, fehlten indessen nicht, und wurden geangelt und abgebalgt,
so gut es eben ging, auch schwarz und weie Delphine zogen am 15ten
5313' sdl. Breite am Bord vorber.

Wie man aus der Tabelle ersieht, welche die Lnge und Breite
bezeichnet, kamen wir aber rasch vorwrts, wir berholten am 15. ein
englisches Schiff und passirten am 18. Diego Ramirez unter 5632'
sdl. Breite. So hatte ich das Glck, die beiden berchtigten
Sdspitzen Amerika's zu sehen, und dort war die Sonne so artig, auf
etwa eine halbe Stunde nothdrftig die Nebel zu zerstreuen, so da ich
die Felseninsel von verschiedenen Seiten aufzeichnen konnte.

Unwirthlich genug stehen sie dort, jene schwarzen Kegelberge, umtobt von
ewiger Brandung, schneebedeckt auf den Gipfeln und ohne alle Zeichen von
Vegetation. Aber doch immer Land und ein Anderes als jene Wasserwste,
die lnger als einen Monat schon uns umgab. Ein Raubvogel umkreiste
die Insel, stieg dann ziemlich hoch und verfolgte das Schiff. Wacker
Sturmvgel schmausend, welche sich fangen lieen, als msse es so
sein, begleitete er uns so weit, da uns, und ohne Zweifel auch ihm,
die Felsen auer Sicht kamen, denn pltzlich stieg er hoch auf,
entfernte sich eine Strecke vom Schiff, kehrte aber bald wieder und
lie sich wie vorher, als er seine Beute verzehrte, auf dem Tauwerke
nieder. Ich habe weiter oben bereits einmal von den Schwalben berichtet,
welche trotz dem, da sie so bedeutende Wanderungen machen, dennoch auf
einige Stunden Entfernung das Land nicht mehr zu finden wuten, und es
war mit unserm Raubvogel derselbe Fall. Vollstndig entmuthigt wich er
nicht mehr vom Schiffe, und es begann jetzt eine eigenthmliche Jagd,
indem einige Matrosen aufwrts gingen, um ihn zu fangen, der Vogel aber
stets nur einen oder zwei Fu weiter zu rcken, oder sich auf eine
andere Raa zu setzen brauchte, um wieder einige Zeit gesichert zu sein.
Man gab endlich die Verfolgung auf, aber nach Einbruch der Dunkelheit
hrten wir in der Kajte pltzlich ein klgliches Geschrei, und
der Untersteuermann brachte den Gefangenen. Er hatte sich die Stelle
gemerkt, wo er im Schlafe Platz genommen. Es war =Falco peregrinus=. Er
wurde des andern Tags abgebalgt und gewissermaen das Vergeltungsrecht
gebt, indem die Seevgel mit seinem Fleische gefttert wurden.

Da wir keinen gnstigen Wind hatten, muten wir lngere Zeit
stlichen Cours halten, und die Temperatur war stets noch keine
erfreuliche zu nennen, stieg sie gleich um etliche Grade; dabei
fortwhrend Sturm, Nebel und Regen. Auch bei dieser Umschiffung von Kap
Horn fanden wir nur wenig Tang, und nur hie und da wurden kleine
Stcke auf See treibend gesehen. Indessen begleiteten uns fast tglich
Delphine von sehr verschiedener Gre und Frbung; so sahen wir
schwarze mit weiem Bauche, ganz weie und weie mit schwarzen
Flecken auf dem Rcken. Erlaubten es die Umstnde, so wurde Jagd auf
sie gemacht, aber mit demselben ungnstigen Erfolge wie frher, indem
die harpunirten Thiere stets verloren gingen, wenn man sie ber Bord
holen wollte.

Endlich schien sich die Gelegenheit denn doch in etwas bessern
zu wollen, wir kamen vorwrts und es wurde mithin auch allenthalben
wrmer und behaglicher. In der Kajte wurde Licht, und die
paradiesischen Zustnde in derselben modificirten sich, indem Philipp
eine eigene Koje auf Deck bezog, und auch das Guanaco wieder dorthin
versetzt wurde. Der groe grne Papagei indessen war bei Kap Horn
gestorben, und auch unter meinen andern Thieren richtete der Tod arge
Verwstungen an, zwei Schlangen aus Chile, mehrere Eidechsen aus der
Algodonbai, Scorpionen und eine groe Vogelspinne (=Mygale=) erlagen
zu meiner Bekmmerni. Nur die zwei kleinen Papageien aus Peru
berstanden glcklich die schlechte Zeit, und geberdeten sich wie
unsinnig, als sie zuerst wieder auf Deck, in Luft, Licht und Sonne
gebracht wurden. Wir sahen in jener Zeit ziemlich hufig Wallfische,
so begegnete uns am 5.Mai unter 366' sdl. Breite und 2846'
Lnge ein wenigstens 70Fu messendes Thier. Der Wasserstrahl,
welchen dasselbe auswarf, war sicher 30Fu hoch, und ich beneidete
die Ruhe, mit welcher es an uns vorberzog. Ueberhaupt scheinen die
Wallfische nur wenig Notiz von den Schiffen zu nehmen. Am 8.Mai kam
ein sicher 60Fu langes Thier so nahe an Bord, da die Entfernung
kaum 15 Schritte betrug. Es kreuzte unsern Cours und blieb still liegen
als wir uns ihm nherten, als wolle es uns vorber passiren lassen.
Natrlich eilte Alles an Bord auf die Backbordseite, wo das Thier
lag, und da wir eben langsam segelten, so konnten wir dasselbe mit der
grten Bequemlichkeit beobachten. An der rechten Seite hatte es
eine Verletzung, indem die Haut etwa in Lnge und Breite von 10
Zoll abgeschunden war, fr einen Wallfisch freilich nur ein kleiner
Hautri. Als das Schiff fast vorber gesegelt war, beschleunigte er
seine Bewegung und tauchte pltzlich unter Wasser, indem er unter
dem Bugspriet hinwegging, noch eine kurze Zeit gesehen wurde, und dann
verschwand. Indem so das riesenhafte Thier durch das Meerwasser eine
tiefe dunkelblaue Farbe annahm, gewhrte es wirklich einen prachtvollen
Anblick. Am 13.Mai, 21 sdl. Breite, kam der erste fliegende Fisch
auf Deck, und in der Nacht beobachtete ich zugleich zum erstenmale
wieder das Leuchten der See, schwach zwar, aber mir immer eine
erfreuliche Erscheinung. Weniger erfreulich war eine heftige Boe, welche
sich so rasch erhob, da man alle Hnde voll zu thun hatte, die Segel
zu bergen. Die See geberdete sich, kurz nachdem dies geschehen,
ganz verrckt, warf unsinnige Wellen und schleuderte das Schiff auf
jmmerliche Weise nach allen Seiten. In hheren Breitegegenden blieb
ich bei hnlichen Ereignissen friedlich im Bette liegen, ja ich schlief
meistens, denn da mich die Sache Nichts anging, da ich nicht zu arbeiten
oder zu sorgen hatte, bewahrte ich meine vollstndige Ruhe, und
kmmerte mich wenig um den Hllenlrm, den hufig Wind und Wellen
vollfhrten. Da etwas Unangenehmes passiren wrde, dachte ich nicht,
und wre es wirklich passirt -- je nun, es ertrinkt sich ohne Zweifel
gleich unangenehm oben, wie unten. Hier aber, bei einer wirklich
angenehmen Temperatur von +19 oder 20R., setzte ich mich auf den
Hhnerkasten und sah, meine Cigarre rauchend, die Sache mit an. Eine
unsinnige Woge nach der andern wlzte sich einher, tobend und krachend
auf Deck schlagend oder gegen die Seiten des Schiffes, als wolle sie
alles zertrmmern. Da krachte es pltzlich am Bugspriet. Der Klver
war zum Teufel gegangen, d.h. eine Welle hatte den vordersten, wohl
ber anderthalb Fu dicken Mast zersplittert, den groen und kleinen
Klverbaum sammt den entsprechenden Segeln in die See geworfen und das
Vorstengstagsegel flatterte in groer Bedrngni in der Luft.

Mit innerem Wohlbehagen habe ich immer bei solchen Gelegenheiten die
Seeleute beobachtet. Dort zeigen sie sich als Mnner im chten Sinne
des Worts, ruhig, muthig, unerschrocken, und ihre Pflicht erfllend
mit einem Eifer, der Bewunderung erweckt. Jeder sucht das kleinste
Stckchen Tau zu erhalten fr das Schiff, als wre es Tausende werth
und scheint nicht im Mindesten zu beachten, ob er selbst dabei ber
Bord gehen knne oder nicht. Whrend man beschftigt war, einen Theil
des ber Bord gegangenen Tauwerkes wieder auf Deck zu holen, sa ich
ruhig auf meinem Hhnerkasten, getreu meinem Grundsatze, bei solchen
Gelegenheiten auf See nie zu fragen, und keine Verwunderung, kein
Erstaunen zu uern. Als mir einer der Matrosen im Vorbergehen
sagte: der Klver ist flten, Herr Doctor! nickte ich mit dem
Kopfe und brummte bejahend: Hm! Doch denke ich noch heute an den
Lrm der Elemente, welcher in jener Nacht stattfand.

Nachdem wir uns innerhalb der Wendekreise befanden, begann fr mich ein
neues und thtiges Leben. Die See belebte sich, und whrend bei Tage
buntfarbig und glnzend Quallen aller Ordnungen an Bord vorber zogen,
trat des Nachts das Leuchten der See mehr und mehr in der Pracht auf,
in welcher ich es schon frher geschildert habe. Zu jener Zeit habe ich
des Tags hindurch die gefangenen Individuen gezeichnet und Versuche
mit ihnen angestellt, whrend ich halbe Nchte hindurch auf Deck
beschftigt war, das Leuchten der See zu beobachten und namentlich die
kleinen Individuen, meist =Entomostraca=, herauszufischen, welche, dem
unbewaffneten Auge kaum sichtbar, dennoch auf kurze Zeit ein ziemlich
groes Gef mit Wasser leuchten machen knnen. Ich zweifle nicht,
da ich manches Neue dort gefunden und auf den 26 Tafeln, welche ich
dort gezeichnet, fixirt habe, aber dennoch sind meine Erfahrungen kaum
mittheilbar, und nur fr mich selbst als bildend und belehrend zu
betrachten. Zu wenig erfahren auf diesem Felde der Zoologie, wrde ich
lngst Bekanntes ohne Zweifel hufig als Neues berichten, vielleicht
aber wrde manches Neue, was ich gesehen habe, als eine Unrichtigkeit
betrachtet werden. So will ich also nur wenige kurze Notizen folgen
lassen.

Ich habe z.B. bei Quallen von etwa 6Zoll Lnge ein Organ gefunden,
welches sich regelmig ausdehnte und zusammenzog, und von welchem
Gefe ausgingen. Ich habe es fr ein Herz gehalten, aber ich bin aus
der mir zu Gebote stehenden Literatur nicht klar geworden, ob man bei
den Quallen irgend etwas berhaupt fr ein Herz halten darf. Auch bei
kleineren Quallen fand ich dasselbe Organ mit Dyastole und Systole. Die
Individuen, bei welchen ich dieses fragliche Herz und berhaupt noch
mehrere andere, bei verschiedenen Arten dennoch sehr bereinstimmende
Gefe fand, bestanden aus einer Rhre mit unten anstehender
Seitenrhre und die besprochenen Organe oder Gefe lagen in den
Wendungen, welche die grere der Rhren bildeten.

Diese Individuen bildeten bandfrmig zusammenhngende Reihen, einige
aus 30 bis 40, andere wieder blos aus 3 bis 4 einzelnen Individuen
bestehend, jedenfalls abgetrennte oder getheilte grere Gruppen, denn
ich sah auch einzelne und fischte deren auf, mit lebhafter Bewegung
und offenbar sich wohl befindend. Viele derselben hatten grere
Entomostraca in der zentralen Rhre eingeschlossen, letztere bisweilen
noch lebend, die meisten indessen todt und ohne Zweifel ihnen zur
Nahrung dienend. In der Gefangenschaft stieen sie aber dieselben bald
aus.

Das krftige Ausstoen von Gegenstnden, welche aus dem innern Theile
der Rhre entfernt werden sollen, hat mich auf die Annahme von Muskeln
gefhrt. Ich habe dieselbe auch, wie ich glaube, mit aller Bestimmtheit
nachgewiesen und will mittheilen wie, obgleich ich glaube, da
die Physiologen, welche sich mit Untersuchungen ber die Quallen
beschftigt haben, so gut wie ich, lngst auf diese Methode gekommen
sind. Man darf nmlich nur die Qualle je nach ihrer Gre in mehr
oder weniger verdnnte Salpetersure legen, um in kurzer Zeit die
Muskelbnder mit der eigenthmlichen gelben Frbung hervortreten
zu sehen, welche die ulbuminsen Verbindungen berhaupt durch diese
Sure annehmen. Hat man eine frische Qualle in einem Gefe mit
Seewasser und bringt einen fremden Krper in das Innere der Rhre,
so wird derselbe sogleich mit Heftigkeit ausgestoen, indem sich die
Rhre zusammenzieht.

Die wird durch ein System von Muskelbndern bewirkt, welche im Innern
der Rhre, ringfrmig, ber einander liegend und durch andere von
unten nach oben laufende Muskelstreifen verbunden sind. Am untern
geschlossenen Theile des Individuums sind diese Lngsstreifen
vereinigt. Von dieser -- =sit venia verbo= -- Hauptmuskulatur verlaufen
nach verschiedenen Seiten hin feinere, blos mit bewaffnetem Auge
erkennbare Muskelstreifen durch die gallertartige Substanz, welche,
wie ich denke, dazu dienen, jene greren Bnder in der letztern zu
fixiren, und zugleich die Bewegung derselben fortzupflanzen.

Die Bewegung des Thieres im lebenden Zustande rechtfertigt vollkommen
die Lage des Muskelsystems, denn man kann, beobachtet man aufmerksam,
so ziemlich vorher bestimmen, an welcher Stelle dieselbe durch
Salpetersure sichtbar gemacht werden wird.

Bringt man die mit Salpetersure behandelte Muskelsubstanz sogleich
unter das Mikroskop, so sieht man, da sie vollstndig dem Gewebe der
_quergestreiften_ entspricht, welches ich nicht nher zu bezeichnen
brauche.

In Bezug auf die oben erwhnten Gefe oder Organe bei den
rhrenfrmigen Quallen[63] will ich noch beifgen, da bei den
Exemplaren, welche einige Zolle Gre haben, sich deutlich drei
Modificationen unterscheiden lassen. Helle und ungefrbte, blaue und
brunliche. Das ungefrbte herzhnliche Gef steht mit den blauen
in Verbindung, aber eines dieser blauen Gefe verluft auch in den
braunen Kanal, welcher meist die ganze Lnge des Individuum durchzieht.
Bei allen rhrenfrmigen Quallen sehr verschiedener Art, welche
ich untersuchte, habe ich die eben angegebene Verbindung der Gefe
gefunden.

Vielleicht entschuldigt man auch, wenn ich hiebei an Blutgefe und
Verdauungs-Organe gedacht habe.

In Betracht der Geduld, mit welcher, wie ich hoffe, der freundliche
Leser meine Beobachtungen ber die Quallen gelesen oder berschlagen
hat, erlasse ich demselben eine populre Entwicklung dessen, was
eigentlich eine Qualle ist. Eine solche Entwicklung ist in der
dringenden Bedrfni-Literatur unserer Zeit ohne Zweifel schon
vorhanden, jedenfalls aber berlasse ich sie gebteren Hnden als die
meinigen sind[64].

Unter den mikroskopischen Beobachtungen, welche ich vorzugsweise in
Beziehung auf das Leuchten der See anstellte, will ich die einzige
erwhnen, da alle diejenigen kleinen Krebse und Entomostraca, welche
am strksten leuchteten, irgendwie eine _rothe_ Zeichnung an sich
trugen, welche auch bei Tage sichtbar war, entweder rothe Punkte,
Querstriche oder grere rothe Flecke, ja bei einigen waren die Fe
roth gefrbt und fast transparent.--

Da unter den Tropen ziemlich hufige Regen stattfanden, habe ich dort
mehrfache Versuche angestellt um das Regenwasser auf einen Gehalt
an Chlorverbindungen zu prfen. Ich habe zu diesen Versuchen sowohl
Regenwasser verwendet, welches bei beginnendem Regen gesammelt worden
war, als auch solches, das erst aufgefangen wurde, nachdem es schon
wenigstens einige Stunden geregnet hatte. Die Gefe wurden durch das
zuerst aufgefangene Wasser selbst gereinigt und stets auf der Luv-Seite
des Schiffes oder an einem ihr entsprechenden Orte z.B. am Steuer,
fuhr man vor dem Winde, das zur Untersuchung selbst bestimmte Wasser
gesammelt.

Das stehende und laufende Tauwerk eines Schiffes, so wie ein groer
Theil der Segel, sind wohl stets in mehr oder minder hohem Grade mit
Salzwasser durchtrnkt. Der Regen lst hievon einen gewissen Theil auf
und es kann durch den Wind leicht auf diese Weise eine Verunreinigung
des Wassers entstehen, wenn im Lee aufgefangen wird.

Trotz aller angewendeten Vorsicht aber habe ich bei allen Versuchen
stets ziemlich bedeutende Mengen von Kochsalz und selbst Spuren von
schwefelsauren Salzen und viel Kalkerde gefunden. Keiner dieser Versuche
wurde nher als 100 Stunden vom Lande entfernt angestellt, die meisten
in grerer Entfernung. Es wrde also hieraus hervorgehen, da das
Regenwasser auf See in den meisten Fllen mit einer gewissen Menge von
fremden Substanzen verunreinigt ist.--

Wir bekamen am 19.Mai die Felseninsel Fernando de Noronha, unter
417' sdl. Breite und 318' Lnge in Sicht, sie wird
bekanntlich als diejenige bezeichnet, auf welcher Robinson gelebt haben
soll; gegenwrtig bringen die Brasilianer ihre Verbrecher dorthin,
es scheint also immerhin, es habe die Insel etwas Bekehrendes und
bufertig machendes an sich.

Indessen htten wir noch am selben Abend fast ein Fahrzeug bersegelt.
Es entstund pltzlich auf Deck Lrm und zugleich wurde dem Kapitain
ein Schiff gemeldet, was gerade vor uns lag. Ich eilte natrlich
ebenfalls rasch auf Deck, und sah in einer Entfernung von kaum 40
Schritten, wahrhaft gespenstig unheimlich, vor uns einen kleinen
Schooner, der mit ziemlich flauem und fr ihn ungnstigem Winde gegen
Ost steuerte, whrend unser Kurs Nord war. Die Nacht war dunkel, und so
konnte man nur eben bemerken, da auf dem fremden, dster aussehenden
Schiffe ein einziges Segel, das Schoonersegel, in Activitt war, aber
kein Licht, keine lebende Seele lie sich blicken.

Wir hielten rasch gegen West, um das mystische Fahrzeug nicht zu
bersegeln, und da fr unsern Kurs der Wind gnstiger war, so lag es
bald hinter uns, indem es fast stille zu stehen schien. Natrlich wurde
es von uns mehrfach angerufen, aber keine Antwort wurde erhalten.

Entweder schliefen alle Mnner auf dem Schiffe, oder sie waren
todt, vielleicht hatten sie auch nicht das beste Gewissen und wollten
Ebenholz, lebendes nmlich, von der afrikanischen Kste holen. Wir
blieben jene Nacht lnger als gewhnlich wach, und mehr Faden
wurde gesponnen, von hnlichen unheimlichen Begegnungen, und von
Seeruberei, welche wohl noch hie und da stattfindet, wenn auch nicht
ganz in der Art, wie sie in Seeromanen geschildert wird. Aber die
einfache Erzhlung der Seeleute trgt das Geprge der Wahrheit, und
man lauscht ihr mit Behagen.

Gern htte ich bei dieser und andern Gelegenheiten irgend etwas
erfahren von Spuk- und Schiffsgespenstern, aber nur wenig war zu
erbeuten in dieser Beziehung. Dem Seemann ist meist sein Schiff zu lieb,
als da er solchen unheimlichen Gsten Passage gbe. Doch aber klopft
es und schlarrt es in manchen alten Schiffen im Raume, und, wenn es
nicht die Ratten sind, so mag der Teufel wissen, was es ist. Auch
Todte, die versenkt worden sind in's Meer, strecken bisweilen unsichtbar
die Arme aus der Tiefe, und halten sehnschtig das Schiff, das auf der
Heimreise wieder in die Nhe ihres nassen Grabes kmmt. Sie wollen
wohl heim zu ihren Lieben. Diese leichtsinnigen Verstorbenen aber denken
nicht daran, da ihre Lieben vielleicht sich recht gut befinden, und
gar nicht so besondere Sehnsucht hegen nach den reisenden Theuern.
Auf mehreren alten Schiffen (gesehen hat es keiner selbst, aber
glaubwrdige Zeugen haben es von andern, die es gesehen haben), luft
in gewissen Nchten ein alter Matrose, ein kleines Mnnchen, in
fast veralteter Seemannstracht und mit unhrbaren Schritten auf der
Schanzverkleidung vom Bugspriet bis zum Steuer, er sitzt auch wohl auf
der Schanzverkleidung und blickt mit bekmmerter Miene auf das Schiff.
Nhert sich ihm der Mann von der Wacht, so geht er kopfber
ber Bord, und wird lange nicht mehr gesehen. Solche und hnliche
Geschichten erzhlt man sich wohl bisweilen auf Deck, und man mag daran
glauben so viel und so wenig, wie man bei uns am Kamine erzhlend von
dergleichen glaubt. Das aber bin ich berzeugt, da jeder Seemann dem
Teufel selbst entgegengeht, wenn er sich unntz machen sollte irgendwie
an Bord, und wenig Bange hat.

Ich habe bei dieser Durchschiffung der Wendekreise oft die schnen
Sonnenuntergnge bewundert, welche sich hufig zeigten, und welche,
besonders je nher wir dem Aequator kamen, stets brillanter zu werden
schienen. Hoch aufschieend bis zum Zenith, wechselten die Strahlen in
tief Dunkelblau, Hochgelb und Grn, und bisweilen hatte die glnzende
Erscheinung viel von der Beweglichkeit des Nordlichts. Zehn bis zwlf
Minuten nach dem Verschwinden der Sonne waren die Farben der
Strahlen meist am lebhaftesten, um bald darauf indessen gnzlich zu
verschwinden. Auch mehrere Wasserhosen wurden unweit des Aequators in
der Ferne beobachtet. Wir passirten die Linie in der Nacht vom 22. auf
den 23.Mai unter 32 Lnge und bei sehr wechselndem Wetter, indem
einzelne Ben, Regen und Sonnenschein hufig wechselten.

Vgel sahen wir unter diesen Breiten wenige oder gar keine, von andern
Geschpfen aber wimmelte an manchen das Meer und oft, whrend ich in
der Kajte zeichnete, wurde mir von den freundlichen Seeleuten so viel
neuer Vorrath gebracht, da ich das Material nicht bewltigen konnte.
Auch Butzkpfe (=Delphinus gladiator=) wurden hufig in Zgen von
sicher mehr als hundert Individuen gesehen.

Was die Temperatur betrifft, so war dieselbe, wie man aus der Tabelle
ersehen kann, eine hchst angenehme. Wir hatten in der Kajte durch
ein Windsegel stets frische und reine Luft, und kaum stieg dort die
Wrme ber +25R. Die Nchte waren prachtvoll, obgleich fernes
Wetterleuchten und drohende Wolken hufig gegen Abend sich blicken
lieen. Auch mehrere Sternschnuppen, fast alle von West nach Ost
ziehend und meist zerspringend, wurden beobachtet. Dabei nherten wir
uns der Heimath! Es wurde kaum davon gesprochen, aber im Herzen trug
wohl Jeder irgend ein liebes Bild, das die Abwesenheit verschnerte,
und von welchem die Zeit trbe Flecken verwischt hatte. Die
Sehnsuchtsfden, die die Herzen verknpfen, benehmen sich gegen alle
physikalische Regel. Anstatt schwcher und unscheinbarer zu werden
durch das Ausspinnen in immer grerer Weite, werden sie dichter und
strker.--

Als am 27.Mai des Morgens Kapitain _Mller_ und ich uns eben auf
Deck befanden, sahen wir einen mchtigen Hai, der mit liebenswrdiger
Unbefangenheit uns das Geleite gab. Unverzglich wurde eine Angel
ausgeworfen, welche in einiger Entfernung nachschleifte, und mit welcher
sich der Fisch sogleich beschftigte. Er schien indessen blos den
Angenehmen zu spielen und bi nicht an, sondern umschwamm nur den
Kder, als scherze er mit demselben.

Pltzlich aber geberdete er sich wie rasend und wir sahen, da er sich
gefangen hatte. Als er nher geholt worden war, konnten wir bemerken,
da die starke Angel durch seine Brustflosse gedrungen war, so da er
der Breite nach dem Schiffe nachgezogen wurde. An die Seite des Schiffes
gebracht, tobte der wenigstens 9Fu lange Fisch so stark, da wir
jeden Augenblick sein Abreien befrchteten. Indessen traf ihn der
Obersteuermann mit einem tchtigen Harpunensto, und er wurde mittelst
einiger umgeschlagener Taue glcklich an Bord gebracht. Ich
habe bereits oben die Art und Weise geschildert, wie man den dort
angekommenen Hai bewltigt, und so will ich hier nur bemerken, da ich
einen Theil des Fleisches verspeiste, wobei der Kapitain Gesellschaft
leistete, obgleich auch ihm die Speise nicht besonders mundete. Bei
den andern im Schiffe aber fand sie den schlechtesten Anklang. Am
Unterkiefer des Haies hatte sich eine Bohrmuschel eingebohrt und den
Knochen vollstndig durchlchert, auch mehrere Saugfische fanden sich,
wie gewhnlich an dem Thiere festsitzend.

Eine willkommenere Speise, ein wahres Manna in der Wste, zeigte sich
indessen einige Tage spter, nrdl. Breite 740' Lnge, 334',
indem Goldbrassen[65] erschienen und das Schiff begleiteten. Kapitain
Meyer harpunirte drei derselben. Ich habe ebenfalls bereits oben diese
Fische beschrieben, und will daher blo nachtrglich beifgen, da
deren Fleisch eine wirkliche Delikatesse ist, namentlich wenn man Monate
hindurch fast einzig auf Salzfleisch beschrnkt gewesen. Der Magen
dieser Fische enthielt nichts als fliegende Fische.

Wir sahen am 4.Juni, nrdl. Breite 2054', Lnge 4044', die
ersten Exemplare des in jenen Gegenden frei umherschwimmenden Tanges,
=Sargassum bacciferum=, welchen die Seeleute allgemein das Kraut
nennen.

Ich verweise in dieser Beziehung auf die verschiedenen Abhandlungen,
welche von gelehrten Reisenden und Andern erschienen sind, und worin
ausfhrlich ber die eigenthmliche Erscheinung gesprochen wird. Fast
will es indessen scheinen, als sei man noch nicht vollkommen einig
ber dasselbe, und in der neuesten Zeit wieder sind neue Meinungen
aufgetaucht, welche die Entstehung jenes Tanges aus dem persischen
Meerbusen ableiten.

Am 9.Juni, unter 300' nrdl. Breite und 4535' Lnge, wurde
der letzte Tang gesehen und aufgefischt, und whrend der zwischen
diesen Tagen liegenden Zeit war hufig die See, so weit man blicken
konnte, mit demselben bedeckt, doch stets nur in einzelnen, einige Fu
im Durchmesser haltenden Exemplaren, zehn bis zwanzig oder dreiig
Schritte weit von einander entfernt, und nie zu greren Gruppen
inselartig verbunden.

Ich habe in diesem Sargassum eine Menge von Individuen gefangen,
welche ich theils in Sublimat-Wasser mit nach Europa gebracht, theils
gezeichnet habe. Doch sind wohl die meisten derselben bekannt, da fast
jeder Reisende eben dieser Erscheinung seine Aufmerksamkeit schenkt.

Indessen will ich der Zoosporen, der Schwnesporen, gedenken, welche
ich hufig und in manchfacher Form dem Tange anhngend gefunden habe.
Kaum kann man sich anfnglich des Gedankens entschlagen, Infusorien
vor sich zu haben, beobachtet man unter dem Mikroskope die scheinbar
vollkommen willkhrliche Bewegung, mit welcher sich diese Zellen
gegenseitig ausweichen und an einander vorbergehen.

So habe ich eine schleimige Masse von einigen Zollen Lnge gefunden, in
deren Mitte sich ein schlangenartig gewundener Schlauch befand. Dieser
bestand, unter dem Mikroskop gesehen, aus einer glashellen Hlle, und
enthielt eingeschlossen kleinere, ebenfalls transparente Blasen, in
welchen sich 30 bis 36 Individuen auf das lebhafteste bewegten. Sie
waren mit Flimmerhaaren versehen, und ich glaubte deutlich an ihnen die
Organisation von Infusorien wahrnehmen zu knnen.

Auf hnliche Weise, aber fast immer in eine Schleimhlle
eingeschlossen, habe ich die verschiedensten Modifikationen solcher
schwimmenden Zellen gefunden, sowohl am Tange, als auch frei
schwimmende, und kleine kugelartige Formen, kaum grer als ein
Stecknadelkopf, gaben unter dem Mikroskope eine Unzahl solcher
Individuen. Es wre nutzlos, ohne Abbildungen hier dieselben betreiben
zu wollen, aber ich habe die mir am meisten in's Auge fallenden Formen
gezeichnet, und diese Zeichnungen stehen mit Vergngen dem ersten
Algenfreunde zu Gebot, welcher es der Mhe werth hlt, mir deshalb
einige Zeilen zu senden[66].

Am 9.Juni sahen wir scheinbar in nicht sehr groer Entfernung wieder
eine Wasserhose, welche in jener Gegend des Oceans sich berhaupt nicht
selten zeigen sollen. Es war des Mittags, und Gewitterwolken hufig
am Himmel. Der zapfenartige und unten zugespitzte Streifen der Wolke,
welchen die Wasserhose bildete, hing fest bis auf die Oberflche der
See und bewegte sich ziemlich schnell nach links und rechts, etwa als
wrde er oben irgendwo festgehalten und geschttelt. Der Spiegel der
See war unruhig und scheinbar in kochender Bewegung, wie ich durch das
Fernrohr beobachtete, aber eine eigentliche Erhellung des Wassers fand
nicht statt. Nach einer Dauer von 5 Minuten zog sich der Wolkenstreifen
in die Hhe, indem er krzer und dicker wurde, und endlich vollkommen
verschwand. Die Anlage zu hnlichen Bildungen, nmlich zapfen- oder
trichterfrmige Herabsenkungen der Wolken gegen den Spiegel der See
konnte man allerwrts am Horizonte bemerken, nach wenigen Stunden
verschwanden aber diese Bildungen.

Die Notizen in meinem Tagebuch bestehen bis zum 21.Juni fast einzig
aus Untersuchungen ber aufgefangene Seethiere, mit welchen ich den
Leser versprochener Maen nicht weiter behelligen will, doch mag
der Purpurschnecke[67] gedacht sein, mit ihrem schaumigen und mit
rosenfarbenen Eiern gefllten Deckel, welche vom 36 bis 40 nrdl.
Breite hufig eingefangen wurde, der =Scyllaea pellagica=, einer
prachtvoll blau gefrbten Schnecke ohne Gehus, welche auch hufig in
der Nhe des Tanges gefunden wird, und das Carcinium. Dieses Thierchen,
kaum zwei Linien lang, ist nur mit einem blitzenden und in allen Farben
leuchtenden Diamanten zu vergleichen, wenn es an der Oberflche des
Wassers in der Sonne schwimmt. Dieses prachtvolle Farbenspiel ist durch
Lichtbrechung auf der benetzten Auenflche des Thieres bedingt, und
verschwindet wenn man das Thierchen aus dem Wasser nimmt, zeigt sich
aber wieder, wenn man es in eine Schssel mit Wasser bringt, und es
von einer gewissen Richtung aus betrachtet. Aehnlich wie bei den
Daguerre'schen Bildern hat man bald die Uebung so weit gebracht, es
jeden Augenblick glnzend und bunt gefrbt zu sehen. Ich glaube
nicht, da wie beim Leuchten der Quallen, dieses Farbenspiel mit einem
speziellen vitalen Processe verknpft ist, sondern da die Struktur,
hnlich dem Perlmutter, dasselbe bedingt. Die von mir gefangenen
Exemplare zeigten die glnzenden Farben auch noch einige Zeit _nach dem
Tode_, und verblichen erst dann allmlig, als wahrscheinlich die feinen
Formen der Oberflche sich verndert hatten.

Beim Sonnenuntergange hatten wir am 21.Juni Gelegenheit, eine Art
Nebensonne beobachten zu knnen. Als die untergehende Sonne fast den
Rand des Horizontes erreicht hatte, zeigte sich etwa 6 Grade oberhalb
derselben ein heller Fleck von der scheinbaren Gre der untergehenden
Sonne auf der dort stehenden schwachen und nebelartigen Wolkenschicht.
Dieser Fleck war zwar nicht vollkommen scharf abgegrenzt, aber er blieb
rosenfarbig leuchtend beinahe 20 Minuten bis nach dem Verschwinden
unverrckt und mit gleicher Lichtintensitt an derselben Stelle
stehen. Kurz vor dem Erlschen der Erscheinung wurden die Conturen
derselben schrfer, und als schon der beinahe volle Mond sich in der
See spiegelte und die Nebensonne vollkommen verschwunden war, entstanden
dunkle Strahlen[68] an der Stelle, welche sie eingenommen hatte, und
diese blieben ber 5 Minuten sichtbar.

Wenn man die beigegebene Tabelle eines Blickes wrdigt, so fallen ohne
Zweifel die hohen Hygrometerstnde und die groe Trockenheit der
Luft auf, welche an einigen Tagen des Juni beobachtet wurden. So am
12.Juni, am 20sten und 21sten. Am 22sten wurden des Mittags 10 Grade
beobachtet, des Abends aber, und etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang
fiel bei vollstndig klarem Himmel ein so starker Thau, da alles
auf Deck durchnt wurde, wie bei einem heftigen Regen. Das Guanaco
triefte, meinen Mantel mute ich buchstblich auswinden und von den
mit Oelfarbe bemalten Seiten des Schiffes lief unaufhrlich das Wasser
auf Deck.

Das Thermometer stand auf 14.8. Der Barometerstand, ein ziemlich
constanter, doch etwas hher als in den vorhergegangenen Tagen, das
Hygrometer aber war auf 100 gesunken. Auch in den folgenden Tagen fielen
gegen Abend stets starke Nebel, doch nicht so intensiv als am 22sten.

Auch hufigen Zgen von Butzkpfen und Delphinen begegneten wir
in diesen Tagen und am 25sten wurde nach verschiedenen fruchtlosen
Versuchen endlich einer harpunirt und mit Hlfe eines zur Schlinge
geformten Taues glcklich an Bord gebracht. Er war auf dem Rcken
grau, am Bauche wei gefrbt und hatte 8Fu Lnge. Das Gehirn
wog 2 Pfund; die Leber bestand aus zwei groen Lappen und die
Gallenblase fehlte. Der Magen war vollstndig mit Dintenfischen
angefllt. Ich skelettisirte den Kopf. Mehrere derbe Stcke
des Fleisches wurden einige Stunden lang an einem Tau in der See
mitgeschleppt, um den grten Theil des Blutes zu entfernen, und dann
als Beefsteak, oder eigentlich Delphinsteak zubereitet. Es ist eine
zhe thranige Speise, aber immer als _frisches_ Fleisch auf See
erwnscht.

Whrend fast im ganzen atlantischen Ocean, mit Ausnahme von Kap Horn,
die Farbe des Meeres eine prachtvolle blaue gewesen war, begann jetzt an
einzelnen Stellen sich schon eine grne zu zeigen.

Ich habe, wie ich glaube, so ziemlich alle Farbennancen beobachten
knnen, in welchen das Wasser der See auftritt, und es sind meiner
Ansicht nach zwei Hauptmomente, welche dieselben bedingen.

Einmal die grere oder geringere Tiefe des Wassers und dann die
Frbung des Himmels. Blau ist das Wasser bei bedeutender Tiefe,
grn an Stellen, wo sich Untiefen befinden und an seichteren Orten
berhaupt.

Durch vollkommen klaren Himmel und glnzendes Sonnenlicht werden beide
Farben gehoben. So ist auf hoher See und unter den Wendekreisen
bei unbewlktem Himmel das Meer bis in die Spitzen der Wellen tief
ultramarinblau gefrbt.

In der Nhe der Ksten tritt fast immer grnliche Frbung auf, so an
der Kste von Brasilien, aber hier findet schon geringere Tiefe statt.
Ich glaubte anfnglich die sonst an allen Ksten bemerkbare grne
Frbung des Meeres vielleicht theilweise bedingt durch eine Art
Spiegelung des Landes im Wasser. Aber in der Algodonbai, wo in der
nchsten Nhe der Kste tief grne Frbung beobachtet wird, tritt
bald ein lebhaftes Blau auf, whrend das Land noch vollstndig in
Sicht. Allein dort hatten wir bei 80 Faden noch keinen Grund, und es
fand wohl noch eine bei weitem bedeutendere Tiefe statt, wie sich aus
der Form des Kstengebirges schlieen lt. Bisweilen ist die blaue
und grne Frbung scharf begrenzt und abgeschnitten. Im stillen Meer
an der Kste von Chile und diese in Sicht, unter 335' sdl. Breite
ist die Farbe des Meeres, etwa zehn bis funfzehn englische Meilen weit
vom Lande entfernt, vollkommen smaragdgrn; weiter in See, und zwar vom
Grnen scharf abgeschnitten, tief dunkelblau. Wir sahen dort im blauen
Wasser den grnen Streifen am Lande sich hinziehen, kamen aber bald
selbst in die grne Region, indem wir der Kste folgten und an einigen
Stellen die grne Farbe weiter hinaus in See reichte, als an anderen.

Beilufig auf fnfzig Schritte Entfernung waren klar und tief
abgegrenzt die Farbenunterschiede noch zu bemerken, dann kam etwa eben
so lange grnlich-blaue unentschiedene Frbung, nach ganz kurzer
Zeit aber, da das Schiff einen raschen Gang hatte, segelten wir in
vollstndig dunkelgrnem Wasser, und das Kielwasser hinter uns war
scharf abgeschnitten dunkelblau.

Am Eingange des Kanals hatten wir meist grnliche Frbung, bisweilen
aber auch schmutzig blau, ja fast ganz blau, spter bei 18 bis 14
Faden Tiefe eine reine Aquamarin-Farbe des Wassers. Hufig habe ich in
grnem Wasser, wenn die See etwas hoch ging, den Schaum der Wellen
und spritzende Tropfen in's Rthliche spielen sehen. Ohne Zweifel eine
complementare Erscheinung.

Whrend hier die grere und geringere Tiefe der See die Farbe
derselben bedingte, verndert sich oft bei trbem Wetter die schnste
blaue Farbe in ein schmutziges Blaugrn, wenn der Himmel mehr oder
weniger mit Wolken berzogen ist.

Hier bedingt die Frbung des Himmels die Farbe des Wassers, das Grau
des ersteren spiegelt sich im Meer, so wie vorher das glnzende Blau
des reinen tropischen Himmels jenes der Wellen gehoben hatte.

So ist also in vielen Fllen die Meeresfarbe als ein Spiegelbild des
Himmels zu betrachten, wenn gleich die _grne_ Farbe durchschnittlich
von Untiefen bedingt ist.

Bisweilen habe ich eine vollkommene glnzende Kupferfarbe des Wassers
gesehen, und die zwar bei wolkenfreiem Himmel und untergehender Sonne;
indessen nur auf der Schattenseite des Schiffes, wenn die Leesegel
aufgehit waren, und nur auf eine kurze Strecke in die See reichend.
Diese Kupferfarbe war bedingt von dem Widerscheine der weien Segel auf
dem Wasser und zugleich durch den Schatten, welchen Schiff und Segel auf
die sonst allenthalben beleuchtete Wasserflche warf.--

Noch ziemlich weit auen vor dem Eingang in den Kanal begegnete uns ein
Lootsen-Kutter. Mit der Schnelligkeit eines Raubvogels streichen diese
Boote ber die See hinweg, und den Schiffen entgegen, welche sich
zeigen, um sie durch den Kanal zu lootsen. Meist legen sie einige
Augenblicke an denselben an, werfen ein frisch gebackenes Brod den
Mnnern an Bord zu, und erhalten auf gleiche Weise eine Flasche Wein.
Erinnere ich mich recht, so kam dieser Lootse aber nicht nher, da
er unser Schiff als ein Hamburger erkannte, das wohlbekannt in jenen
Regionen, sich selbst durch den Kanal lootsen konnte.

Die brennende Frage an Bord war zu jener Zeit der Dnenkrieg. War
die Elbe frei, so konnten wir in einigen Tagen zu Hause sein, war sie
blockirt, so muten wir in England anlegen, und abgesehen von den
Kosten fr den Rheder, welche hieraus erwachsen wren, htte dort
ohne Zweifel der Dockenhuden eine andere Bestimmung erhalten, und keiner
von der Mannschaft wre nach Hause gekommen. Was mich betrifft, so
htte ich meine mitgebrachten Naturalien und mein Gepcke von 14 Ctr.
an Gewicht in England versteuern mssen, und wre gezwungen gewesen
auf einem andern Schiffe die Heimreise zu vollenden.

Als jener erste spitzbbische Lootse an unserm Borde vorberflog,
riefen wir ihm zu. Ist Krieg? Antwort: Dnenkrieg! Ist die Elbe frei?
Antwort: All' gesperrt! Und hiemit war er schon so weit, da man sich
nicht mehr verstehen konnte.

Keiner unserer Leute verzog bei dieser Nachricht eine Miene. Der Seemann
ist gewohnt, und sucht eine Ehre darin, dem Unvermeidlichen ruhig zu
begegnen und keine nutzlosen Worte zu verlieren.

Aber bald darauf kam ein zweiter Lootse, welcher auf einige Augenblicke
anlegte. Brod und Wein wurden getauscht, und der Sicherheit halber doch
die Frage nach Sperrung der Elbe wiederholt. Da erfuhren wir, da
die Elbe frei sei. Der erste Lootse hatte sich einen angenehmen Scherz
erlaubt.--

So rasch und glcklich wir mit der Reform _aus_ dem Kanal gekommen
waren, durchsegelten wir denselben auf der Heimreise mit dem
Dockenhuden. Als ich Dover sah und die entsprechende franzsische
Kste fhlte ich mich fast heimisch. Endlich die Nordsee! Immer
nher!

Am 6.Juli gegen 1Uhr des Morgens wurde ich geweckt. Man sah die
Leuchtfeuer von Helgoland und auf Schiffen, die heimkehren von weiter
Reise, wird da meist Kaffee getrunken, sobald der Feuerschein jener
Insel in Sicht kmmt. Es war eine frhliche Kaffeegesellschaft, welche
wir dort abhielten, wenn gleich keine normale, indem nicht gelstert
und geklatscht wurde.

Frh befanden wir uns bereits auf der Elbe. Die Orte, welche dort am
Ufer liegen, mag man auf der Karte lesen, ich kmmerte mich nicht um
ihre Namen, aber den ersten spitzen deutschen Kirchthurm und die grnen
Ufer habe ich mit jubelndem Herzen begrt. Wer nie so lange auf See
war, da er in stundenweiter Entfernung das Land _riecht_, wei nicht,
was eine solche Heimkehr bedeutet. Was war aber der Duft der tropischen
Blthen, der uns in Brasilien die Nhe des Landes verkndete, gegen
den Geruch des frischen Heues am deutschen Ufer und jenen der Obsternte,
welchen der Landmensch kaum bemerkt, den wir aber wollstig einsogen,
noch ehe wir die grnen Flchen erblickten!

Der Kapitain spazierte im Landstaate an Bord umher, denn auf der Elbe
commandiren Lootsen das Schiff, und die Kapitaine sprechen nicht darein,
auch ich hatte mich nothdrftig anstndig gekleidet, so weit es meine
ziemlich hart mitgenommene Garderobe gestattete.

Ich nahm jetzt vorlufigen Abschied von den Leuten der Mannschaft und
wurde von vielen mit Kleinigkeiten beschenkt, die sie frher auswrts
gesammelt hatten, und mir jetzt zum Andenken verehrten. Aber auch ohne
dieses htte ich stets ein freundliches Andenken an diese Mnner
bewahrt, mit welchen ich so lange Leid und Freud getheilt, und welche
sich mir stets wohlwollend bewiesen. Zerstreut auf allen Meeren der Welt
durchkreuzen jetzt wohl die Meisten von ihnen das bewegliche Element.
Mgen sie stets so glcklich ihre Heimath wieder erreichen wie
jenesmal![69]

In Hamburg angelangt, fuhren der Kapitain Mller und ich sogleich an's
Land. Wir hatten 116 Tage lang den Fu nicht auf festen Boden gesetzt,
denn so lange dauerte unsere Reise von Callao. Frau und Kinder des
Kapitains empfingen ihn am Lande. Lebten die _Meinigen_? Ach, ich wute
es nicht, denn seit ich Bremen verlassen, hatte ich keine Nachricht.
Aber es gibt Gefhle, die zur Coquetterie werden, wenn man sie drucken
lt -- und berdem war materielle Sorge jetzt berwiegend. Ich
mute ein anstndiges Aeuere zu erwerben suchen, mein bewegtes Herz
mute unter einem saubern Rocke schlagen. So fhrte mich Kapitain
Mller in ein Kleidermagazin und ein Friseur nebst obligatem Bade,
Ankauf von Pomade, klnischem Wasser und Gla-Handschuhen hatten
mich bald wieder zum Gentleman gestaltet, zur spteren Verwunderung
mancher meiner heimischen Freunde und Bekannten, die, wie es schien,
erwarteten, mich mit Bogen und Pfeilen bewehrt und einer Federschrze
bekleidet wieder zu sehen.

Von Valparaiso aus hatte ich Empfehlungen an einen Gelehrten in Hamburg,
und zu jenem freundlichen Manne, der mich auf das herzlichste empfing,
eilte ich jetzt.

Bei ihm lagen Briefe aus der Heimath fr mich, denn noch in Valparaiso
hatte ich nach Hause geschrieben, den Monat meiner Ankunft beilufig
bestimmt und die Adresse gesendet.

Man hatte wirklich geschrieben, roth, nicht _schwarz_ gesiegelt -- die
Meinigen lebten und waren gesund. -- Jenesmal hatte sich eine Periode in
meinem Leben geschlossen!

Ich habe wenig mehr zu berichten. Noch einige Tage blieb ich in Hamburg,
und war freundlich aufgenommen von einigen wackeren Gelehrten, deren
Bekanntschaft ich machte, und von einem alten Freunde aus frherer
Zeit, den ich unverhofft dort getroffen. Ich besah mir die Stadt
flchtig, wie es eben in so kurzer Zeit geschehen konnte, nahm Abschied
vom Kapitain Meyer und stattete noch dem Dockenhuden einen Besuch ab.
Dann zur Eisenbahn. In zwei Tagen war ich in Nrnberg.--


                  #Mannheim.#

  Schnellpressendruck von _Heinrich Hogrefe_.




Meteorologische Beobachtungen

auf der Reise von Peru nach Europa.


Angestellt auf dem #Dockenhuden# in den Monaten _Mrz_,
_April_, _Mai_, _Juni_ 1850.

  +--------++---------------------------++-----------------------+
  |  Zeit  ||      Barometerstnde      ||      Temperatur       |
  |        ||                           ||   Wasser      Luft    |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |  1850  ||  9   |  12  |  4   |  9   ||  9  |  9  | 12  |  9  |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |Mrz  15|| 756.3| 756.3| 756.0| 756.3|| 16.1| 18.3| 19.1| 18.0|
  |  "   16|| 757.0| 756.0| 754.8| 756.0|| 18.8| 20.3| 21.0| 19.5|
  |  "   17|| 756.5| 756.3| 755.0| 756.1|| 19.8| 19.8| 20.2| 19.3|
  |  "   18|| 756.4| 755.8| 754.8| 755.8|| 19.8| 19.6| 20.4|  -- |
  |  "   19|| 757.5| 757.3| 755.9| 758.0|| 18.4| 18.5| 18.0| 17.7|
  |  "   20|| 758.0| 757.8| 756.6| 758.0|| 18.5| 18.0| 19.1| 17.4|
  |  "   21|| 758.3| 758.0| 757.1| 757.8|| 18.2| 18.4| 18.8| 17.0|
  |  "   22|| 757.5| 757.0| 756.2| 757.4|| 17.8| 17.5| 18.3| 17.3|
  |  "   23|| 757.5| 756.5| 756.0| 757.5|| 18.0| 18.0| 18.6|  -- |
  |  "   24|| 757.5| 757.4| 756.5| 758.1|| 18.3| 18.0| 18.8| 18.1|
  |  "   25|| 760.0| 760.0| 759.0| 760.9|| 18.3| 16.6| 19.3| 18.2|
  |  "   26|| 762.1| 762.0| 761.0| 760.9|| 18.8| 18.8| 19.4| 18.0|
  |  "   27|| 761.5| 761.0| 760.0| 760.0|| 18.9| 18.9| 20.0| 18.1|
  |  "   28|| 760.3| 759.9| 759.7| 760.0|| 18.9| 19.1| 20.1| 18.3|
  |  "   29|| 763.0| 762.9| 762.9| 763.9|| 19.2| 20.1| 19.0| 17.8|
  |  "   30|| 766.2| 765.5| 765.5| 766.4|| 19.2| 19.5| 19.4| 18.1|
  |  "   31|| 766.7| 766.4| 766.0| 765.0|| 19.1| 18.8| 18.8| 17.9|
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+

  +--------+-----------+--------------+--------------------------------+
  |  Zeit  |    Ort    | Wind  Feuchte|         Wetter                 |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |        |     |Brei-|      |       |Als Mittel der Temperatur des   |
  |  1850  |Lnge| te  | Wind |Hygrom.|Wassers im Hafen von Callao.    |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |Mrz  15|7716|1206| S.O. |  + 49 |+ 14.3 R.                       |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   16|7834|1248| S.O. |  + 50 |Schwacher Wind.                 |
  |        |     |     |      |       |Bewlkt. Regen.                 |
  |  "   17|80 7|1356| S.O. |  + 51 |Regen.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   18|8141|1530| S.O. |  + 50 |Bewlkt.                        |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   19| --  | --  | S.O. |  + 52 |Des Nachts und den ganzen       |
  |        |     |     | Still|       |  Tag ber Regen.               |
  |  "   20| --  |1813| S.O. |  + 55 |Trbe. Neblig                   |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   21|8627|1939| S.O. |  + 58 |Bewlkt. Big.                  |
  |        |     |     | Still|       |Wind oft entspringend. Still.   |
  |  "   22|8823|21 3| S.O. |  + 60 |Regen. Big. Heiter.            |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   23|91 7|22 5| S.O. |  + 62 |Heiter. Bewlkt.                |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   24|9034|2255| S.O. |  + 54 |Heiter. Still.                  |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   25| --  |2323| S.O. |  + 38 |Schwacher Wind. Still.          |
  |        |     |     | Still|       |Bewlkt.                        |
  |  "   26| --  |2425| S.O. |  + 36 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   27|9324|2511| S.O. |  + 30 |Heiter.                         |
  |        |     |     | Still|       |Still.                          |
  |  "   28|9326|2522| S.O. |  + 32 |Heiter.                         |
  |        |     |     | Still|       |Still.                          |
  |  "   29|9332|2547| Still|  + 32 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |Still.                          |
  |  "   30|9340|27 6|S.O.O.|  + 42 |Bewlkt.                        |
  |        |     |     |      |       |Big. Regen.                    |
  |  "   31|9443|2848|S.O.O.|  + 40 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+


  +--------++---------------------------++-----------------------+
  |  Zeit  ||      Barometerstnde      ||      Temperatur       |
  |        ||                           ||   Wasser      Luft    |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |  1850  ||  9   |  12  |  4   |  9   ||  9  |  9  | 12  |  9  |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |April  1|| 763.6| 762.5| 761.3| 761.2|| 19.2| 17.8| 21.0| 18.0|
  |  "    2|| 758.0| 756.3| 754.5| 753.5|| 18.8| 18.0| 19.1| 17.0|
  |  "    3|| 754.3| 755.2| 756.0| 758.0|| 17.5| 16.8| 16.5| 15.0|
  |  "    4|| 759.0| 759.0| 758.1| 756.8|| 17.9| 17.0| 17.5| 16.2|
  |  "    5|| 754.4| 753.0| 753.0| 753.0|| 16.9| 16.0| 16.1|  -- |
  |  "    6|| 751.5| 753.4| 755.5| 759.0|| 15.2| 13.2| 13.0|  -- |
  |  "    7|| 761.8| 760.3| 758.0| 756.5|| 13.8| 12.0| 12.5| 11.1|
  |  "    8|| 753.0| 753.0| 755.3| 760.0|| 11.5|  9.2|  9.2|  8.2|
  |  "    9|| 764.5| 766.0| 766.0| 767.0|| 11.0|  9.8| 10.4|  8.8|
  |  "   10|| 767.8| 766.2| 765.0| 764.0|| 10.6| 10.0| 10.4|  8.7|
  |  "   11|| 755.3| 753.0| 751.5| 751.5|| 10.5|  9.0|  9.0|  8.5|
  |  "   12|| 749.5| 748.2| 747.0| 747.5||  8.5|  8.0|  8.6|  7.9|
  |  "   13|| 743.0| 742.5| 741.5| 740.0||  7.0|  7.8|  8.5|  6.2|
  |  "   14|| 739.0| 740.0| 740.3| 742.0||  6.5|  5.5|  6.5|  5.0|
  |  "   15|| 748.5| 750.4| 752.0| 753.0||  6.0|  5.0|  5.8|  4.0|
  |  "   16|| 753.3| 753.0| 752.5| 751.0||  6.0|  5.9|  6.1|  6.4|
  |  "   17|| 743.4| 742.2| 742.4| 743.0||  5.5|  5.8|  6.5|  -- |
  |  "   18|| 749.2| 751.2| 753.1| 758.2||  5.8|  6.0|  6.9|  6.0|
  |  "   19|| 760.5| 760.5| 760.5| 760.5||  7.0|  7.5|  7.0|  6.1|
  |  "   20|| 759.5| 758.4| 758.4| 758.4||  4.7|  4.6|  5.0|  5.0|
  |  "   21|| 757.5| 756.5| 756.2| 756.8||  5.3|  5.4|  5.8|  5.0|
  |  "   22|| 755.8| 755.3| 755.2| 755.6||  4.9|  5.8|  5.8|  -- |
  |  "   23|| 755.6| 755.1| 755.8| 755.8||  4.3|  5.6|  7.2|  6.3|
  |  "   24|| 757.3| 757.6| 759.0| 761.0||  5.8|  5.4|  5.5|  5.2|
  |  "   25|| 760.0| 758.9| 757.8| 757.8||  6.4|  6.0|  6.3|  6.1|
  |  "   26|| 758.0| 756.3| 755.5| 750.0||  7.1|  8.1|  9.0|  8.2|
  |  "   27|| 753.5| 754.8| 755.5| 758.5||  8.8|  8.8|  9.0|  8.7|
  |  "   28|| 762.6| 763.2| 763.6| 764.0||  9.9|  9.0|  9.8|  9.8|
  |  "   29|| 765.2| 764.0| 763.5| 763.5||  9.9| 10.1| 11.1| 10.9|
  |  "   30|| 760.8| 759.5| 757.6| 741.6|| 11.8| 12.5| 12.0| 11.7|
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+

  +--------+-----------+--------------+--------------------------------+
  |  Zeit  |    Ort    | Wind  Feuchte|         Wetter                 |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |        |     |Brei-|      |       |                                |
  |  1850  |Lnge| te  | Wind |Hygrom.|                                |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |April  1|9443|2946|  O.  |  + 34 |Heiter. Bewlkt.                |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    2|9444|3115|  S.  |  + 38 |Bewlkt.                        |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    3|93 7|3349|  S.  |  + 41 |Regen.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    4|9142|3412|  S.  |  + 32 |Strmisches Wetter.             |
  |        |     |     | S.O. |       |                                |
  |  "    5|9138|3539| N.W. |  + 42 |Etwas ruhiges Wetter.           |
  |        |     |     |      |       |Starke Dinnung. Abend strmisch.|
  |  "    6|9059|37 4| S.O. |  + 42 |Fliegender Sturm                |
  |        |     |     |  S.  |       |                                |
  |  "    7|8949|3845| S.W. |  + 38 |Etwas ruhiger.                  |
  |        |     |     |      |       |Starke Dinnung [70].            |
  |  "    8|89 6|41 1| S.W. |  + 48 |Fliegender Sturm.               |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    9|8746|4115| S.W. |  + 39 |Etwas ruhiger.                  |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   10|87 1|4245| S.W. |  + 44 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   11|87 1|4449| S.W. |  + 43 |Regen.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   12|8528|4613| N.W. |  + 43 |Bewlkt.                        |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   13|8348|4854| S.W. |  + 48 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   14|82 4|5148|W.S.W.|  + 45 |Frh Regen.                     |
  |        |     |     |      |       |Nachmittags heiter.             |
  |  "   15|80 0|5313|  W.  |  + 38 |Hagel.                          |
  |        |     |     | N.W. |       |Regen.                          |
  |  "   16|7645|5441|  W.  |  + 45 |Trbe.                          |
  |        |     |     | N.W. |       |                                |
  |  "   17|7256|5620|  N.  |  + 55 |Regen. Strmisch. Hagel.        |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "   18|6847|5632| N.O. |  + 58 |Nebel. Regen.                   |
  |        |     |     |      |       |Insel Diego Ramirez in Sicht.   |
  |  "   19|65 0|5538|  W.  |  + 51 |Vormittags still. Sonne.        |
  |        |     |     | S.W. |       |                                |
  |  "   20|6041|5520|  N.  |  + 59 |Strmisch. Regen.               |
  |        |     |     | N.W. |       |                                |
  |  "   21|5749|5426| N.W. |  + 58 |_Sehr_ strmisch. _Sehr_        |
  |        |     |     |      |       |  hohe See u. desgl.            |
  |  "   22|5415|5255| N.W. |  + 59 |Desgl.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   23|4935|5149| N.W. |  + 60 |Desgl.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   24|4536|4959|  N.  |  + 64 |Ruhiger Nebel.                  |
  |        |     |     | N.W. |       |Bei Nacht heiter.               |
  |  "   25|4413|49 9| S.W. |  + 79 |Nebel                           |
  |        |     |     | N.W. |       |Die Nacht heiter.               |
  |  "   26|4036|4735| N.W. | + 101 |Nebel.                          |
  |        |     |     |      |       |Stark strmisch.                |
  |  "   27|4135|4529| N.W. |  + 79 |Frh hohe See, ziehende Wolken. |
  |        |     |     |      |       |Sonne. Ruhiger.                 |
  |  "   28|4013|4332| S.W. |  + 61 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   29|34 9|4211| N.O. |  + 74 |Heiter. Stiller Wind.           |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   30|3028|4136|O.N.O.|  + 77 |Trbe. Abend Regen. Starker     |
  |        |     |     |      |       |  Wind. Strmisch.              |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+


  +--------++---------------------------++-----------------------+
  |  Zeit  ||      Barometerstnde      ||      Temperatur       |
  |        ||                           ||   Wasser      Luft    |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |  1850  ||  9   |  12  |  4   |  9   ||  9  |  9  | 12  |  9  |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  | Mai   1|| 754.5| 757.2| 758.0| 758.0|| 12.2| 12.1| 12.1| 12.1|
  |  "    2|| 758.5| 756.8| 756.6| 758.4|| 13.4| 11.8| 14.0| 13.5|
  |  "    3|| 761.0| 760.5| 761.5| 763.4|| 13.4| 13.0| 13.9| 13.0|
  |  "    4|| 764.0| 763.4| 762.0| 762.0|| 14.2| 15.5| 14.5| 14.2|
  |  "    5|| 755.5| 753.0| 754.0| 756.8|| 14.8| 14.9| 15.9| 15.0|
  |  "    6|| 760.0| 760.5| 760.0| 760.0|| 14.5| 15.1| 16.0| 16.0|
  |  "    7|| 758.3| 757.5| 755.0| 758.0|| 15.4| 16.3| 16.4| 16.1|
  |  "    8|| 757.9| 758.5| 759.0| 761.2|| 15.4| 15.8| 15.2| 15.0|
  |  "    9|| 764.5| 765.5| 766.3| 768.8|| 15.6| 15.0| 15.1|  -- |
  |  "   10|| 769.0| 767.6| 767.5| 768.1|| 17.8| 16.0| 16.8| 16.9|
  |  "   11|| 767.2| 766.0| 764.5| 765.0|| 18.7| 18.1| 18.3| 18.5|
  |  "   12|| 764.3| 762.5| 762.3| 763.0|| 19.5| 19.1| 19.5| 19.0|
  |  "   13|| 762.0| 761.0| 761.0| 761.8|| 19.5| 19.8| 19.5|  -- |
  |  "   14|| 762.0| 761.0| 760.0| 760.9|| 20.4| 20.8| 20.0| 20.3|
  |  "   15|| 760.1| 759.2| 758.5| 759.5|| 20.9| 21.0| 21.0| 20.7|
  |  "   16|| 759.0| 758.3| 757.0| 758.5|| 22.0| 22.0| 22.4| 21.2|
  |  "   17|| 757.5| 756.4| 755.0| 756.0|| 22.1| 22.4| 22.4| 21.8|
  |  "   18|| 755.5| 750.0| 754.0| 755.0|| 22.3| 22.8| 22.4| 22.0|
  |  "   19|| 756.0| 756.0| 755.3| 756.0|| 22.2| 21.5| 20.9| 21.3|
  |  "   20|| 757.5| 756.0| 755.5| 755.5|| 22.2| 22.8| 23.1| 22.9|
  |  "   21|| 757.0| 756.5| 756.0| 756.0|| 22.2| 23.0| 22.5| 22.5|
  |  "   22|| 756.5| 755.2| 755.0| 756.0|| 22.2| 22.8| 22.5| 22.5|
  |  "   23|| 757.0| 756.5| 755.0| 757.8|| 22.6| 23.5| 23.1| 22.8|
  |  "   24|| 758.0| 757.2| 756.2| 757.5|| 22.6| 23.2| 22.8| 22.5|
  |  "   25|| 757.5| 757.0| 756.0| 757.2|| 23.0| 23.2| 24.0| 23.1|
  |  "   26|| 758.8| 758.5| 758.3| 758.9|| 23.0| 22.5| 22.3| 22.1|
  |  "   27|| 758.8| 758.5| 758.0| 758.5|| 23.0| 22.0| 20.0| 21.6|
  |  "   28|| 758.8| 757.8| 757.0| 759.1|| 22.5| 25.0| 24.1| 24.0|
  |  "   29|| 758.0| 758.0| 756.5| 758.0|| 22.5| 22.9| 23.1| 22.8|
  |  "   30|| 757.7| 757.5| 756.5| 758.0|| 22.1| 22.3| 23.0| 21.9|
  |  "   31|| 758.1| 758.0| 757.0| 758.2|| 21.7| 21.8| 22.0| 21.0|
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+

  +--------+-----------+--------------+--------------------------------+
  |  Zeit  |    Ort    | Wind  Feuchte|         Wetter                 |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |        |     |Brei-|      |       |                                |
  |  1850  |Lnge| te  | Wind |Hygrom.|                                |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  | Mai   1|2812|4030|N.N.O.|  + 77 |Schwacher Wind. Heiter.         |
  |        |     |     | S.W. |       |Still.                          |
  |  "    2|2747|3946| Still|  + 66 |Still. Heiter. Wind. Regen.     |
  |        |     |     | S.W. |       |                                |
  |  "    3|3121|3749| S.W. |  + 66 |Heiter. Wind.                   |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    4|2924|3617|W.N.W.|  + 71 |Heiter. Bewlkt. Wind.          |
  |        |     |     |      |       |Abend Regen.                    |
  |  "    5|2846|36 6| N.O. |  + 94 |Regen, Strkerer Wind.          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    6|2827|3444|  N.  |  + 88 |Still. Heiter. Neblig.          |
  |        |     |     | N.W. |       |                                |
  |  "    7|2536|34 5| N.O. | + 100 |Neblig. Trbe. Wind.            |
  |        |     |     |      |       |  Regen. Sturm.                 |
  |  "    8|25 6|3341| N.O. |  + 98 |Schwacher Wind. Nebel.          |
  |        |     |     | N.W. |       |  Regen.                        |
  |  "    9|2822|3221| Still|  + 62 |Heiter.                         |
  |        |     |     | NWSW.|       |                                |
  |  "   10|2854|2939|S.S.O.|  + 55 |Trbe.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   11|29 2|2639|  O.  |  + 83 |Vorbergehn. Regenschauer.      |
  |        |     |     |      |       |Heiter. Regen.                  |
  |  "   12|2927|2345|  O.  |  + 70 |Einzelne Wolken. Heiter.        |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   13|30 5|2100|  O.  |  + 69 |Einzelne Wolken. Nachts B.     |
  |        |     |     |      |       |(Der Klver brach.)             |
  |  "   14|30 7|1800|  O.  |  + 70 |Einzelne Wolken. B.            |
  |        |     |     |      |       |Regenschauer.                   |
  |  "   15|3050|1455|  O.  |  + 65 |Windig. Heiter.                 |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   16|3047|12 6|  O.  |  + 54 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   17|31 1| 915|  O.  |  + 57 |Heiter. Bewlkt.                |
  |        |     |     |      |       |Regen.                          |
  |  "   18|31 6| 625|  O.  |  + 51 |Wenige Wolken, oben  dunstig.   |
  |        |     |     | S.O. |       |  B.                           |
  |  "   19|31 8| 417|O.S.O.|  + 89 |Regen. Heiter.                  |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   20|52 8| 340| Still|  + 50 |Heiter. Abend Regen.            |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "   21|3310| 249|O.N.O.|  + 40 |Heiter. Gegen Abend wenig       |
  |        |     |     |      |       |  Regen.                        |
  |  "   22|3220| 047| S.O. |  + 60 |Heiter. Nachts bewlkt.         |
  |        |     |     |  O.  |       |Passieren der Linie.            |
  |  "   23|3250| 042|  O.  |  + 57 |Heiter. Schwach bewlkt.        |
  |        |     |     |      |       |Nachts B. Regen.               |
  |  "   24|3233| 136| Still|  + 51 |Heiter. Schwach bewlkt.        |
  |        |     |     |  O.  |       |                                |
  |  "   25|3248| 3 5|  O.  |  + 44 |Heiter. Schwach bewlkt.        |
  |        |     |     |O.N.O.|       |B. Regen.                      |
  |  "   26|3259| 441|  O.  |  + 55 |Regen. Etwas helle.             |
  |        |     |     |      |       |B. Regen.                      |
  |  "   27|3248| 6 6|  O.  |  + 68 |Bewlkt. Keine Sonne.           |
  |        |     |     |      |       |Starker Regen.                  |
  |  "   28|3248| 620| Still|  + 60 |Abwechselnd heiter und Regen.   |
  |        |     |     |      |       |Abend starke B.                |
  |  "   29|3340| 740|  O.  |  + 60 |Bewlkt. B.                    |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   30|3514| 931| N.O. |  + 49 |Ziemlich bewlkt, doch hie      |
  |        |     |     |      |       |  und da Sonne.                 |
  |  "   31|3639|1144|  O.  |  + 56 |Ziemlich bewlkt, doch hie u.   |
  |        |     |     | N.O. |       |  da d. Sonne. Nchte hell.     |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+


  +--------++---------------------------++-----------------------+
  |  Zeit  ||      Barometerstnde      ||      Temperatur       |
  |        ||                           ||   Wasser      Luft    |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  |  1850  ||  9   |  12  |  4   |  9   ||  9  |  9  | 12  |  9  |
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+
  | Juni  1|| 758.5| 758.5| 758.0| 758.2|| 21.1| 21.1| 22.1| 20.2|
  |  "    2|| 759.5| 759.8| 758.9| 759.2|| 21.0| 21.5| 21.6| 20.0|
  |  "    3|| 761.2| 761.0| 760.5| 761.7|| 20.3| 20.8| 21.1| 20.2|
  |  "    4|| 763.2| 763.1| 763.1| 763.5|| 20.2| 20.0| 20.1|  -- |
  |  "    5|| 764.0| 764.0| 763.1| 764.0|| 19.1| 18.0| 19.1| 18.8|
  |  "    6|| 764.2| 764.2| 764.0| 765.0|| 18.5| 18.5| 18.5| 18.0|
  |  "    7|| 765.8| 765.5| 765.2| 766.0|| 18.2| 18.4| 18.5| 18.0|
  |  "    8|| 767.0| 767.2| 766.2| 767.0|| 17.8| 17.7| 18.8| 18.3|
  |  "    9|| 768.1| 768.5| 767.3| 768.0|| 18.0| 18.9| 18.5| 18.0|
  |  "   10|| 768.5| 769.0| 768.5| 769.0|| 18.0| 18.5| 19.0| 18.2|
  |  "   11|| 769.8| 770.1| 760.0| 760.5|| 17.8| 18.9| 20.0| 20.0|
  |  "   12|| 771.5| 771.5| 771.5| 772.0|| 17.8| 19.1| 20.2| 19.7|
  |  "   13|| 773.5| 773.5| 773.5| 773.8|| 17.8| 19.3| 20.5| 19.8|
  |  "   14|| 774.0| 774.0| 773.6| 773.0|| 18.0| 20.0| 20.4| 19.2|
  |  "   15|| 772.5| 772.5| 771.5| 771.0|| 18.0| 19.9| 20.6| 19.0|
  |  "   16|| 770.5| 770.0| 769.2| 769.0|| 17.6| 20.0| 18.9| 18.0|
  |  "   17|| 768.1| 767.3| 767.0| 766.3|| 17.8| 20.0| 20.3| 19.1|
  |  "   18|| 765.0| 764.0| 763.8| 763.5|| 16.6| 19.1| 17.9| 17.0|
  |  "   19|| 765.2| 765.0| 765.0| 765.0|| 15.3| 14.1| 15.1|  -- |
  |  "   20|| 765.0| 765.0| 764.5| 764.8|| 16.0| 15.0| 19.0| 18.2|
  |  "   21|| 764.9| 765.0| 765.0| 765.0|| 15.3| 16.3| 18.5| 16.3|
  |  "   22|| 765.5| 765.8| 766.0| 766.0|| 14.9| 17.4| 18.0| 14.8|
  |  "   23|| 766.3| 766.5| 766.5| 767.0|| 13.8| 15.5| 17.0| 14.9|
  |  "   24|| 767.2| 767.0| 767.0| 766.5|| 14.2| 15.8| 15.0| 14.2|
  |  "   25|| 766.0| 765.8| 765.8| 766.0|| 13.8| 14.2| 14.1| 14.0|
  |  "   26|| 765.5| 765.2| 765.2| 765.0|| 13.5| 13.0| 13.1| 13.0|
  |  "   27|| 765.0| 765.0| 765.0| 764.8|| 13.5| 13.4| 13.3| 12.5|
  |  "   28|| 765.0| 765.0| 765.0| 765.1|| 12.8| 11.8| 11.8| 11.0|
  |  "   29|| 765.1| 765.0| 765.0| 764.8|| 12.7| 13.7| 13.8| 12.2|
  |  "   30|| 764.5| 764.5| 764.5| 763.2|| 12.5| 13.8| 14.2| 13.7|
  +--------++------+------+------+------++-----+-----+-----+-----+

  +--------+-----------+--------------+--------------------------------+
  |  Zeit  |    Ort    | Wind  Feuchte|         Wetter                 |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  |        |     |Brei-|      |       |                                |
  |  1850  |Lnge| te  | Wind |Hygrom.|                                |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+
  | Juni  1|3755|1346| N.O. |  + 52 |Heiter. Schwach bewlkt.        |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    2|3720|1556|  O.  |  + 45 |Heiter.                         |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "    3|3935|1828|  O.  |  + 50 |Schwach bewlkt.                |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "    4|4044|2054|  O.  |  + 53 |Bewlkt. B.                    |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "    5|42 2|23 1|  O.  |  + 29 |Bewlkt. Keine Sonne.           |
  |        |     |     |      |       |B. Heiter.                     |
  |  "    6|4114|2456| N.O. |  + 22 |Heiter.                         |
  |        |     |     |      |       |Ganz bewlkt.                   |
  |  "    7|4413|2717|  O.  |  +  6 |Heiter. Schwach bewlkt.        |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "    8|4457|2851|  O.  |  + 34 |Heiter. Regen.                  |
  |        |     |     | N.O. |       |Heiter.                         |
  |  "    9|4533|3000|  O.  |  + 22 |Heiter.                         |
  |        |     |     | N.O. |       |                                |
  |  "   10|4517|3135| Still|  + 16 |Sonne hoch.                     |
  |        |     |     |  O.  |       |                                |
  |  "   11|4424|3236| S.O. |  + 12 |Heiter. Kaum einzelne Wolken    |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   12|4324|34 2| Still|  +  2 |Heiter. Still.                  |
  |        |     |     | S.O. |       |                                |
  |  "   13|4237|3524| Still|  +  7 |Heiter. Still.                  |
  |        |     |     | S.O. |       |                                |
  |  "   14|4041|36 8| S.O. |   --  |Heiter. Einzelne Gewitterwolken.|
  |        |     |     |      |       |  Eine Wasserhose.              |
  |  "   15|4218|3717| Still|  + 10 |Heiter.                         |
  |        |     |     | S.O. |       |                                |
  |  "   16|4058|3811| Still|  + 12 |Heiter.                         |
  |        |     |     |  S.  |       |                                |
  |  "   17|3913|3921|S.S.W.|  + 14 |Heiter, doch schwach bewlkt.   |
  |        |     |     |      |       |Mit Barom.-Fall: mehr Wind.     |
  |  "   18|3628|4118| S.W. |  + 16 |Bewlkt. Abend B.              |
  |        |     |     |      |       |Starker Regen                   |
  |  "   19|3410|4216| S.W. |  + 20 |Heiter, doch schwach bewlkt.   |
  |        |     |     |  N.  |       |Still.                          |
  |  "   20|3342|4233| N.O. |  +  3 |Heiter, kaum bewlkt.           |
  |        |     |     | Still|       |                                |
  |  "   21|3248|43 6| Still|  +  5 |Desgl.                          |
  |        |     |     | SWSO.|       |                                |
  |  "   22|3029|4415|  S.  |  + 10 |Heiter, schwach bewlkt.        |
  |        |     |     |      |       |Abend starker Thau 99 + 100     |
  |  "   23|2745|45 4| S.W. |  + 40 |Nebel. Keine Sonne.             |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   24|2534|4550|S.W.W.|  + 59 |Heiter. Still. Abend Nebel.     |
  |        |     |     | S.O. |       |                                |
  |  "   25|2543|47 1|  O.  |  + 50 |Bewlkt. Trbe. Keine           |
  |        |     |     |      |       |  Sonne.                        |
  |  "   26|2520|4723|  O.  |  + 47 |Trbe. Neblig.                  |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   27|2259|4649|O.N.O.|  + 43 |Trbe.                          |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   28|2030|4643| S.O. |  + 42 |Bewlkt. Big.                  |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   29|1730|4654|S.O.O.|       |Bewlkt, hie und da Sonne.      |
  |        |     |     |      |       |                                |
  |  "   30|15 7|4756|N.N.W.|       |Heiter, hie und da bewlkt.     |
  |        |     |     |  W.  |       |Regen.                          |
  +--------+-----+-----+------+-------+--------------------------------+




Funoten


[28] =Pteroptochos megapodius= und =P. albicollis=.


[29] Vielleicht ist manchem in Chile Reisenden aufgefallen, da alle
Zweige, welche auf solche Art zum Decken von Htten oder Aehnlichem
verwendet werden, halb verbrannt sind, ohne da er den Grund davon
erfahren hat. Ich habe erst in Valdivia vernommen, da hufig in
den Zweigen sich eine Art Blutegel aufhalten soll, welcher Thiere und
Menschen belstigt, und welchen man dadurch entfernt, da man die
Zweige kurze Zeit ber Feuer hlt. Trotz aller Mhe habe ich nie das
Thier, welches wohl kaum ein Blutegel ist, erhalten knnen.


[30] Um Carlos und dem wackern Jose Maria nicht Unrecht zu thun, mag
bemerkt werden, da, auch entfernt von jener Htte, und auf der ganzen
Reise, sich beide stets fleiig, willig und zuvorkommend in allen
Diensten benahmen, und vor allem ehrlich und uneigenntzig waren. Der
chilenische Diener ist fr eine solche Excursion vortrefflich, wie
berhaupt in Allem, wo ein wenig Abenteuerlichkeit mit unterluft.


[31] Auf der Strae nach Mendoza, mehrfach besucht von Reisenden,
ist es Gesetz, da jedes Maulthier eine Glocke trgt, um sich an
gefhrlichen Stellen gegenseitig zu hren und vorher ausweichen zu
knnen. Aus dem eben angegebenen Grunde, der Seltenheit des Begegnens
halber, hlt man es indessen an dieser Stelle des Gebirges fr
unnthig, die Maulthiere mit Glocken zu versehen.


[32] =Dicerea nivalis. Sturm.=


[33] Man hat in neuerer Zeit das Chloroform gegen die Seekrankheit
empfohlen. Lngere Zeit schon vor meiner Abreise aus Deutschland,
sowohl mit den Einwirkungen des Schwefelthers, als auch des
Chloroforms auf den Organismus beschftigt, habe ich bereits auf
der Ueberfahrt nach Chile im Jahr 1849 mehrfache Versuche in dieser
Beziehung angestellt, aber leider alle erfolglos. Ich habe Chloroform
innerlich, mit Wasser von fnf bis zu zehn Tropfen gegeben, ich habe
es einathmen lassen und sowohl rtliche Einreibungen in der Magengegend
machen, als auch Flanellstcke, mit Chloroform befeuchtet, tragen
lassen, aber alles umsonst. Natrlich fhlt der in Narkose Liegende
nichts von der Seekrankheit, aber sobald die durch Aether oder
Chloroform erzeugte Betubung verschwunden ist, kehrt auch der
beschwerliche Gast wieder.


[34] Wohl =Balistes vetula=.


[35] Bald wird ihn die Axt besiegen; nach Briefen, die ich seither
erhalte, erstehen allenthalben in der Bai deutsche Ansiedelungen.


[36] =Enicognathus leptorhynchus, Gray. Psittacus rectirostris, King.=


[37] =Hymenophyllum Bibraianum. J. W. Sturm= und =Blechnum acumiratum.
J. W. Sturm.=


[38] Wir hatten verschiedenen Schiffsbedarf von der Victoria geholt und
die Zollbedienten waren fnf Minuten spter an Bord, um Alles wieder
zu confisciren, und berdem sollten wir Strafe zahlen. Es stellte
sich spter heraus, da wir nicht im Unrecht waren, wir erhielten das
Vorzglichste jener Gegenstnde wieder, und es mag sich vielleicht
getroffen haben, da ich einigen Theil an dieser gnstigen Wendung
der Angelegenheit nahm. Das _Wie_ indessen ist zu umstndlich, um hier
nher entwickelt werden zu knnen.


[39] Cuncos-Indianer werden die Indianer genannt, welche in Valdivia
unter den Chilenen leben. Sie nhren sich, wie man zu sagen pflegt,
friedlich, und sind selbst halb und halb Christen, wenigstens vorlufig
getauft.


[40] Es wird in Araukanien noch die ltere Sprache des Landes
gesprochen, welche frher in ganz Chile allgemein war, gegenwrtig
aber durch das Spanische vollkommen verdrngt ist, und weiter gegen den
Norden, ber Conception hinaus, nicht mehr gehrt wird.


[41] Eine Prenda ist eine Kuh, ein Pferd, ein Poncho, ein Paar Sporen
oder auch mehrere dieser Gegenstnde zusammen. Es giebt groe und
kleine Prendas und bei einem Handel wird vorher bestimmt, aus was die
Prenda besteht.


[42] Wahrscheinlich eine glhende Lava-Masse, von einem der Vulkane mit
groer Heftigkeit ausgeschleudert.


[43] Es ist mir blos eine Erscheinung bekannt, welche Breislak in seinem
Lehrbuche der Geologie anfhrt, und nach welcher Gimbernat im
Jahre 1820 im Februar eine hellleuchtende, dem Nordlichte hnliche
Erscheinung des Vesuvs beobachtete.


[44] Cobija liegt unter 2216' sdl. Breite.


[45] Nach genauen, von Englndern vorgenommenen Messungen, liegt die
Bai unter 226' sdliche Breite und 706'20" westlicher Lnge
(Greenwich). Die Variation der Nadel ist 1145' westlich.


[46] Diese von mir mit nach Europa gebrachten Arten sind:

=_Achetorhynchus ruficans_, Meyen. (Cinclodes? ruficandus. Gray genera
of Birds.=)

=_Opetiorhynchus canceolatus_ Gould.= (Die Species wurde von _Gray_ mit
=Cinclodis= vereint.)

=_Muscicapa:_ Subgenus _Onychopentus gilviceps_. Reichenbach.= Bildet
die zweite der von Reichenbach aufgestellten Gattung.

=_Synallaxis melanopus._ Gray. (Escapullaris chorreada Dorwin,
Synallaxis dorsomaculata D'Orbigny.)=

Von Seevgeln brachte ich mit: =Larus glaucodes, Meyen. _Phalacrocorax
Gaimardii_, Garnet. _Phalacoran graulis_, Meyen,= diese Art aber nur
selten. Dann =Dyomedea fuliginosa. Gmel.= Es hat die geringe Menge
dieser ornithologischen Fauna erlaubt sie hier aufzuzhlen, was bei der
reichlichen Fauna in Chile nicht geschehen konnte und ich glaubte, die
um so eher thun zu mssen, da die Algodonbai meines Wissens noch nicht
naturhistorisch geschildert wurde.


[47] Die von mir aus jener Oase mitgebrachten Pflanzen, grtentheils
schwierig bestimmbar, gehrten den Gattungen Cassia in mehreren Spezies
an, den Cestrum, Convolvulus, Fabiana und mehreren Rubiaceen.


[48] Es kann Seewasser in kleinen Quantitten wohl getrunken werden und
verursacht keineswegs den argen Durst und die Uebligkeiten, von welchen
man fabelt. Schon auf der Reform hatte ich es mir zur Gewohnheit
gemacht, tglich ein miges Glas Seewasser zu trinken, und habe mich
gut dabei befunden, obgleich Matrosen und Passagiere mir anfnglich
das Schlimmste prophezeihten. Das Seewasser hat den Geschmack und die
_Wirkung_ des Bitterwassers, und namentlich hat dieser letzte Effekt auf
See seine besondere Annehmlichkeit. Ich glaube, da man sich mehrere
Tage mit Seewasser nothdrftig erhalten, und dem Organismus die
nthige Menge Wasser zufhren kann, und da das Vorurtheil gegen
dessen Genu vorzugsweise von dem Uebermae herrhrt, mit welchem es
genossen wurde, nachdem man lange gegen den Durst angekmpft hatte, in
welchem Falle freilich Kolik und Erbrechen die Folge sein werden.


[49] Sie bringen meist Spirituosen, deren Einfuhr, des Mibrauchs
halber, der damit getrieben wird, verboten ist.


[50] Streng geschieden ist bekanntlich diese Form von jener, welche
der Typus der in altperuanischen Grbern gefundenen Gefe
bildet. Whrend die hier zu Tage gebrachten die in Chile noch heute
gebruchlichen, und die in alten Grbern bei uns sich findenden,
einfache, ja oft edle Formen zeigen, sind jene aus altperuanischen
Grbern meist Nachbildungen von Menschen und Thierformen, von Frchten
u.dergl., und auch das Material scheint ein verschiedenes zu sein,
indem bei den peruanischen ein feiner Thon angewendet wurde.


[51] Die einzigen Sugethiere, welche noch heute in der Bai gefunden
werden, sind eben dieses Chinchilla (=Eriomys chinchilla=), ein
Nagethier, etwas kleiner als ein Kaninchen, dessen Pelzwerk hufig nach
Europa gebracht wird und welches auch in Chile hufig vorkommt. Ich
habe in der Algodon-Bai sieben lebende Exemplare bekommen, von welchen
ich aber blos ein einziges lebend mit nach Europa brachte, da diese
Thiere die Gefangenschaft durchaus nicht ertragen knnen. Ich lie das
letzte endlich frei auf dem Schiffe umherlaufen, wo es, trotzdem da
es durch Benagen aller Gegenstnde sich ziemlich unntz machte,
doch geduldet und zuletzt zahm, ja zudringlich wurde. -- Das andere
Sugethier ist das ebenfalls in Chile vorkommende Guanaco, von welchem
bereits gesprochen wurde.


[52] Siehe die Tafeln zu Seite 311, 314, 316, 318 und 353, so wie das
Titelkupfer.


[53] =The History of the Aztec-Liliputians= lautet der krzere Titel
des Umschlags, =London: printed by R. S. Francis, Chaterine VI. strand.
1853.=


[54] Kaum begreift man, befindet man sich in einem solchen Boote, wie
rasch man emporgehoben wird, whrend man noch einen Augenblick vorher
sich scheinbar in der Gefahr befunden hat, von der anstrmenden Welle
begraben zu werden. Dieses leise Emporheben aber wird dadurch erklrt,
da die mauerartig uns entgegentretende Welle in der That nicht eine
Wassermasse ist, welche wirklich, wie es den Anschein hat, von der See
gegen das Land zu mit der heftigsten Schnelle sich fortbewegt, sondern
da jene Fluthenmauern nur erzeugt werden durch eine sich rasch
fortpflanzende Erhebung eines Theils des Wassers. Man mag sich die
versinnlichen, wenn man ein Stck Linnen auf eine ebene Flche legt,
und mit einem Stabe das Linnen einige Zoll hebt, und rasch, stets
hebend, unter demselben hinwegfhrt. Auch hier scheint sich der
gehobene Theil der Leinwand rasch fortzubewegen. Aber ein kleines
Papierstck, welches man auf die Flche gelegt hat, wird nicht
_fortgeschoben_, sondern blos aufgehoben, so da dessen Bewegung
im Sinne der Fortbewegung des Stabes nur langsam, und durch ftere
Wiederholung des Versuches gelingt. Auf hnliche Weise wird ein
Boot oder irgend ein anderer leichter Gegenstand auf der See nur
_emporgehoben_ und nicht mit fortgeschleudert, wenn gleich durch ftere
Wiederholung jenes Emporhebens ein allmliges Fortbewegen stattfindet.


[55] Sptere Untersuchung in Valparaiso, durch eigene, hiezu bestimmte
Leute, um den durchschnittlichen Werth der Erze zu ermitteln.


[56] Das Bartholomus- und Amancas-Gebirge.


[57] Man bringt das Eis von der etwa 20 Stunden weit entfernten
Cordillera, indem man es dort zwischen trockenen Pferdemist packt,
Maulthiere damit beladet und des Nachts im Galopp, und mit stationsweise
stets erneuten Maulthieren in einigen Stunden Lima erreicht.


[58] =Gymnogramme trifoliata, Desveux. Aspidum patens, Swartz,= und
=Equisetum Bogatense. H. B. K.=


[59] Ein guter Wind wird von den deutschen Seeleuten hufig eine gute
Gelegenheit genannt.


[60] Ich lasse am Schlusse diese Tabellen ausfhrlich folgen, da
sie vielleicht nicht ganz ohne Nutzen, wenn gleich nur von einem
organischen Chemiker beobachtet sind.


[61] =Phaeton aethereus.=


[62] Liebig und Whler, Annalen der Chemie. N.R.B.I. Seite 90.


[63] Ich sage nicht _Rhrenquallen_, weil ich nicht wei, ob diese von
mir gefundenen Individuen, welche die Form einer Rhre haben, wirklich
zu der Ordnung gehren, welche man Rhrenquallen nennt.


[64] Die Forschungen, welche in _neuerer_ Zeit ber den
Generationswechsel angestellt worden sind, verdienen im hchsten Grade
die Aufmerksamkeit eines jeden Laien, welcher auf Bildung Anspruch
macht. Die Entdeckungen von Joh. Mller, v.Stein, v.Siebold, Braun,
Cohn und vielen Anderen gehren zu den interessantesten Erfahrungen,
welche, basirt schon vor Jahren, jetzt volle Geltung erhalten haben. Ich
habe mich auf See und namentlich unter den Tropen, umgeben von jener so
vielfltig und wunderlich gestalteten Thierwelt, nicht von dem Gedanken
trennen knnen, da _unter gnstigen Verhltnissen_ die Entwickelung
eines Individuum eine ganz andere ist, als die des gleichen Individuum
unter ungnstigen, und habe mir dort die erste Entstehung der Thierwelt
auf hnliche Weise gedacht. Es ist sehr richtig, da dieser Gedanke
fast an eine _naturphilosophische_ Theorie grenzt. Aber, stimmt er auch
nicht genau mit den Ansichten, welche die verschiedenen Forscher ber
ihre hieher gehrigen Entdeckungen hegen und mit den Formen, in welche
dieselben gebracht worden sind, so hat sich doch aus diesen Forschungen
das Resultat ergeben, da aus einem Thiere im gnstigen Falle sich
ein Individuum entwickelt, welches hher organisirt ist. So z.B. aus
einer Holothurie, eine Schnecke. Ich mache in diesem Betreffe auf
eine kurze und sehr bezeichnende Abhandlung aufmerksam, welche in
der Schrift: Aus der Natur etc. Leipzig, Abel. l852. Bd. I S. 224,
erschienen ist und welche sicher Jeden befriedigen wird, der eine
Uebersicht ber diese merkwrdigen Erscheinungen zu erhalten wnscht.


[65] _=Coryphaena hippurus=_, von den Seeleute gewhnlich Delphin
genannt.


[66] Infusorienfreunde sind nicht ausgeschlossen, denn, wer wei,
vielleicht mgen diese gegenwrtigen schnrunden Zellen in einiger
Zeit doch wieder einigermaen zu infusorie -- Ehren kommen. Das Glck
ist vernderlich!


[67] =Helix janthia=


[68] Dunkle Strahlen. Ich wei keinen anderen Ausdruck. Sie waren
farblos und dunkler als die Wolkenschicht, auf welcher sie sichtbar
wurden, hnlich einer Kreidezeichnung auf hellem Papier.


[69] Das Schiff ist spter gescheitert, doch die Mnner wurden
gerettet. Ein Bericht aus Hamburg, 15. December 1853 in der Weserzeitung
Nr. 3122, meldete ganz kurz: ... Die dem Hause J. C. Godeffroy und
Sohn gehrige Bark Dockenhuden (Capitain Meyer) gieng auf der Fahrt
von Melbourne nach Batavia am Catariff verloren. Der Capitain und die
ganze Mannschaft wurden gerettet. Passagiere waren _nicht_ an Bord.--


[70] Von etwa 30 Breite an stets starke Dinnung bis auf gleiche Breite
auf der anderen Seite im atlantischen Ocean.




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dieses Textes.

Ein Inhaltsverzeichnis ist im Originalbuch nicht enthalten und wurde
nachtrglich hinzugefgt.

Der Abschnitt "Meteorologische Beobachtungen auf der Reise von Peru nach
Europa" ist im Originalbuch doppelseitig gedruckt.


Aenderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 23
  und rohem Charque bestehendes Abendbrod eigenommen
  und rohem Charque bestehendes Abendbrod eingenommen

  Seite 25
  zum Aufhngen der Instrumente, des Barometes, Thermometers und
  zum Aufhngen der Instrumente, des Barometers, Thermometers und

  Seite 26
  Man wartet, um von oden herab
  Man wartet, um von oben herab

  Seite 36
  die Eingeweide eines getdten Thieres an irgend einer Stelle
  die Eingeweide eines getdteten Thieres an irgend einer Stelle

  Seite 49
  mit zwei oder drei weit teren Stzen ber den Schnee
  mit zwei oder drei weiteren Stzen ber den Schnee

  Seite 50
  smmtlich spter als Novitten bezeichnet wurdeu.
  smmtlich spter als Novitten bezeichnet wurden.

  Seite 72
  einer geognostischen Anekdokte will ich gedenken
  einer geognostischen Anekdote will ich gedenken

  Seite 81
  Hymenophylum Bibraianum. J.W. Sturm und Blechnum acumiratum.
  Hymenophyllum Bibraianum. J.W. Sturm und Blechnum acumiratum.

  Seite 92
  sondern mit Sancritta an, um etwas zu essen
  sondern mit Sanoritta an, um etwas zu essen

  Seite 96
  Eins von nns beiden mute nun davon
  Eins von uns beiden mute nun davon

  Seite 122
  wurde gefunden 723.9M.M., als niedrigster 708.5. M. M.
  wurde gefunden 723.9M.M., als niedrigster 708.5 M. M.

  Seite 131
  Herr Louis Ironsco in der Serena von Coquimbo in den
  Herr Louis Troncoso in der Serena von Coquimbo in den

  Ironsco beobachte nun whrend der Erdste folgende
  Troncoso beobachtete nun whrend der Erdste folgende

  Seite 139
  wenn der Beobachter seinen Standpunkt nicht verndet.
  wenn der Beobachter seinen Standpunkt nicht verndert.

  Seite 140
  Spter in der Algadonbai in Bolivien
  Spter in der Algodonbai in Bolivien

  Ich wurde in der Algadonbai durch den Wiederschein
  Ich wurde in der Algodonbai durch den Wiederschein

  ging das Leuchten wahrscheinlich von dem Vulkane Acongagna aus
  ging das Leuchten wahrscheinlich von dem Vulkane Acongagua aus

  Seite 141
  am Fue der Cordillera von Rancagna beobachtete
  am Fue der Cordillera von Rancagua beobachtete

  Seite 152
  Der Charakter der Stadt ist ein eingenthmlicher.
  Der Charakter der Stadt ist ein eigenthmlicher.

  Seite 157
  lt schon die Nhe der Steinwste von Adalkama ahnen
  lt schon die Nhe der Steinwste von Atakama ahnen

  Seite 158
  wie Faltenwurf und Formen, zierlich nnd klar ausgesprochen
  wie Faltenwurf und Formen, zierlich und klar ausgesprochen

  Seite 164
  von einem Minenbesitzer, Thomas Heloby, einem Englnder, bewohnt.
  von einem Minenbesitzer, Thomas Helsby, einem Englnder, bewohnt.

  Seite 193
  fressen sie noch einige Zeit Fliegeu
  fressen sie noch einige Zeit Fliegen

  Seite 197
  ein Picknick mit dem amerikanischen Minenbesitzern in Mamilla
  ein Picknick mit dem amerikanischen Minenbesitzer in Mamilla

  Seite 217
  bei Herrn Thomas Helsbey zu Mittag gegessen
  bei Herrn Thomas Helsby zu Mittag gegessen

  Seite 221
  ging der Kapitain mit Herrn Helsbey nach dessen Wohnung
  ging der Kapitain mit Herrn Helsby nach dessen Wohnung

  Seite 325
  bekamen am 19.Mai die Felseninsel Ferando de Noronha
  bekamen am 19.Mai die Felseninsel Fernando de Noronha

  Seite 329
  und mit welcher sich der Fisch sgleich beschftigte
  und mit welcher sich der Fisch sogleich beschftigte

  Seite 330
  nrdl. Breite 740 Lnge, 334, indem Goldbrassen
  nrdl. Breite 740' Lnge, 334', indem Goldbrassen]






End of the Project Gutenberg EBook of Reise in Sdamerika. Zweiter Band., by 
Ernst von Bibra

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN SDAMERIKA. ZWEITER BAND. ***

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is also defective, you may demand a refund in writing without further
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
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particular state visit http://pglaf.org

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