The Project Gutenberg EBook of Inselwelt. Zweiter Band. Australische
Skizzen., by Friedrich Gerstcker

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Title: Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen.
       Gesammelte Erzhlungen.

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: June 22, 2014 [EBook #46073]

Language: German

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  Inselwelt.

  Gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Zweiter Band.

  Australische Skizzen.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1860.




  Frau Marie Kinder
  zu Batavia
  widmet diese kleinen Skizzen
  in freundschaftlicher Hochachtung und Verehrung

       der Verfasser.




  Inhaltsverzeichni vom zweiten Bande.


                                             Seite
  I. Buschtreiben.
     1. John Mulligan                            1
     2. Die Flucht                              82
     3. Gentleman John                         105
     4. Die Knguruh-Insel                     173

  II. Bilder aus den Australischen Goldminen.
     1. John Newman                            279
     2. Im Australischen Busch                 360




I.

Buschtreiben.




1. John Mulligan.


In frheren Jahren war Australien nichts, als eine Verbrecher-Colonie,
und immer neue Schiffsladungen voll Missethter wurden von England aus
hinbergeschickt. Zugleich aber gingen auch einzelne _freie_ Ansiedler
mit in das ferne Land, die sich, unbekmmert um das rohe Gesindel umher,
bleibend da niederlieen und Ackerbau oder meist Viehzucht trieben. Ihr
Leben dort verlief aber nicht so glatt und einfrmig, wie das jetzt wohl
der Fall ist, wo sie sich um wenig mehr, als ihre Felder und Heerden, zu
kmmern haben.

Auch die Polizei -- obgleich sie in Australien selbst heute noch nicht
ruhen darf -- hatte mehr zu thun, als die unsrige -- wenn ich auch
nicht sagen will, da sie sich mehr beschftigte -- und die khnsten und
unternehmendsten Leute wurden ihr eingereiht. Es galt aber auch damals
nicht nur nchtlichen und scheuen Dieben aufzulauern, sondern oft den
entsprungenen und zur Verzweiflung getriebenen Strflingen drauen im
Freien zu begegnen, und in dem weiten, wilden Lande gehrte dazu nicht
allein eine zhe Ausdauer, sondern auch ein fester Muth, der vor keiner
Gefahr zurckbebte.

Die Polizei war deshalb auch -- und ist es dort bis auf den heutigen Tag
-- militairisch organisirt, und die Polizeiofficiere hatten vollkommen
freie Hand, nach eigenem Gutdnken mit hinreichender Mannschaft oft gar
nicht unbedeutende Streifzge zu unternehmen. Man mute sie eben von
leeren Frmlichkeiten entbinden, um ihr freie Hand zu lassen, dem
Augenblicke nach zu handeln; denn wie hufig kam es gerade vor, da
der Augenblick eben erfordert wurde, einen entscheidenden Streich gegen
irgend eine der im Walde zerstreuten Banden entflohener Verbrecher zu
unternehmen.

Unter diesen Polizeileuten zeichnete sich besonders ein gewisser
_Tolmer_ aus, der noch jetzt im Adelaide-District lebt und thtig ist.
Nicht allein keck jeder Gefahr entgegengehend, die sich ihm in den Weg
stellte, hatte er auch in dem Buschleben mit Schwarzen und Verbrechern
eine Menge werthvolle Erfahrungen gesammelt, und wo ein schwieriges
Unternehmen ausgefhrt werden sollte, wo irgend ein verzweifelter
Bursche verschwunden blieb und nun durch neue Verbrechen dafr sorgte,
da sein Andenken nicht ganz erlosch, da wurde gewhnlich der damalige
Polizeisergeant Tolmer abgeschickt, ihn aufzuspren. Wenn es irgend
mglich war, fhrte _der_ seinen Auftrag aus.

In Adelaide, oder wenigstens in der Nachbarschaft, hatte ich das
Vergngen, mit Mr. Tolmer bekannt zu werden, und die nachfolgenden
Skizzen eines abenteuerlichen Zuges, den er einmal nach einer unsern
dem australischen Festlande liegenden Insel unternahm, und der ihn zum
Lieutenant befrderte, habe ich aus seinem eigenen Munde. -- Ich will
versuchen, es so treu als mglich wiederzugeben.

Schon vor lngerer Zeit waren ein paar lebenslnglich verurtheilte
Deportirte aus dem Gefngnisse ausgebrochen und in den Busch geflohen.
Anstatt aber allein darin umherzuwandern, wo sie sich gewhnlich nicht
lange halten konnten, ging das Gercht, sie htten sich einem Stamme der
Schwarzen angeschlossen und hlfen diesem, die benachbarten und in ihrem
Bereiche liegenden Stationen belstigen.

Berittene Polizei wurde augenblicklich dorthin beordert, und es gelang
dieser auch, den bezeichneten Stamm Eingeborener aufzufinden und zu
zerstreuen, aber von den weien, sogenannten Buschrhndschern[1] fand
sich keiner bei ihnen vor. Die Burschen hatten sich jedenfalls, als sie
merkten, da ihr Aufenthalt bei den Schwarzen nicht mehr gesichert
war, irgend wo anders hingewandt, und ein volles Jahr lang blieb jeder
Versuch, sie wieder aufzufinden, vergeblich.

  [1] =Bush-ranger= werden in Australien die in den Wald entflohenen
  Strflinge genannt. -- =Bush= heit dort berhaupt der ganze Wald
  und =ranger= bedeutet einen umherstreifenden Menschen, also ein ganz
  bezeichnendes Wort fr derartige Leute, das wir deshalb, da es sich
  nicht einmal in diesem Sinne gut bersetzen lt, beibehalten wollen.

Tolmer hielt sich nach dieser Zeit wieder in Adelaide auf und hatte eben
wieder einen Transport von Flchtlingen eingebracht, die sich eine
Weile in den Dickichten der Hindmarsh-Smpfe umhergetrieben. Die frher
entsprungenen Verbrecher waren schon fast vergessen worden, da man nicht
anders glaubte, als da sie Mittel und Wege gefunden htten, mit einem
Boot in See zu gehen, um vielleicht nach Neuseeland hinberzufahren oder
auch ein unterwegs getroffenes Schiff anzurufen. Einzelne waren schon
auf diese Art entkommen.

Tolmer glaubte brigens _nicht_ daran. Wenn er auch keinen bestimmten
Platz wute, wo er sie suchen sollte, konnte er den Gedanken nicht
aufgeben, sie noch auf australischem Boden zu wissen, und unterlie in
der ganzen Zeit nicht, die sorgfltigsten Nachforschungen anzustellen,
wenn diese auch fortwhrend erfolglos blieben.

So sa er eines Abends in dem am hufigsten besuchten Hotel in Adelaide
bei einer Flasche Ale. Mehrere Stationshalter aus der Nachbarschaft, die
in die Stadt gekommen waren, theils neue Weidegrnde zu belegen, theils
Vieh und Pferde zu verkaufen, saen mit im Zimmer, und das Gesprch
drehte sich um das Land im Inneren, die muthmaliche Nutzbarkeit
und Besiedelung desselben, die jetzige Bevlkerung und -- wie das in
Australien damals nicht ausbleiben konnte -- um das Recht der Regierung,
noch weitere Strflinge herberzuschicken. Schon damals nmlich strebten
die australischen Colonieen danach -- was sie auch spter erreichten --
da das System, Verbrecher von England herberzusenden, aufgegeben und
Australien eine wirkliche Colonie von _freien_ Einwanderern wrde. Das
=pro= und =contra= wurde dann, sowie das Gesprch einmal auszweigte, auf
das Lebhafteste debattirt, denn es gab eine Menge von Ansiedlern, denen
die Strflingsarbeit sehr bequem und eintrglich war und die sie nicht
missen wollten. Diejenigen, die das Strflingssystem bekmpften, fhrten
dann nicht mit Unrecht zu ihrem Gunsten an, welche Massen schlechten,
nichtsnutzigen Gesindels sich, in entlassenen oder halb begnadigten
Verbrechern, ber das ganze weite Land verbreiteten und nicht allein die
Sicherheit der ehrlichen freien Bewohner gefhrdeten, sondern auch
dem unbemittelten Einwanderer eine schwere und kaum zu bekmpfende
Concurrenz bereiteten. Nur von dem _freien_ Einwanderer hatte deshalb
Australien einmal zu hoffen, da es ein mchtiges und reiches Land
werden knne.

Unter den Gsten befand sich auch ein Stationshalter von der sdlich vom
Adelaide-District liegenden Knguruh-Insel, die damals erst seit sehr
kurzer Zeit von den Englndern wirklich in Besitz genommen war. Auch
nur Einzelne hatten sich dort drben niedergelassen, und zwar nur in
der Hoffnung, da die ziemlich ausgedehnte Insel einmal spter grere
Bedeutung erlangen solle, wodurch ihre dort angelegten Besitzungen auch
an Werth und Wichtigkeit gewinnen wrden.

Dieser eiferte besonders gegen das Verbrecher-System, trotzdem da es
ihnen in der Schafschur, wie er gern eingestand, willkommene Arbeiter
lieferte. Jetzt aber sei man, wie er behauptete, selbst auf
diesem entlegenen und durch einen Seearm von den eigentlichen
Verbrecherstationen getrennten Theile der Colonie doch nicht sicher,
solchem Gesindel jeden Augenblick im Busche zu begegnen, und er gehe
immer mit Sorge und Angst von Hause fort, da einmal whrend seiner
Abwesenheit irgend etwas vorfallen knne, was die Sicherheit der Seinen
gefhrde.

Tolmer, als Regierungsbeamter, hatte sich nicht in das Gesprch
gemischt und nur schweigend den verschiedenen Bemerkungen und Ansichten
gelauscht; als sich aber die brigen Gste nach und nach verloren und
die Unterhaltung auch schon lange auf andere gleichgltige Gegenstnde
bergewechselt war, setzte er sich zu dem Ansiedler von der
Knguruh-Insel und unterhielt sich auf das Lebhafteste mit ihm ber die
dortigen Aussichten spterer Cultur, ber Weiden und Ackerbau und -- die
Mglichkeit, Arbeiter zu den verschiedenen und nthigen Verrichtungen zu
bekommen. Eine directe Frage ber das, was ihm eigentlich am Herzen
lag, that er aber _nicht_, und zwar aus Grnden, die wirklich nur ein
Australier begreifen wrde.

Der Mann sah vollkommen anstndig aus und Tolmer bezweifelte keinen
Augenblick, da er ein Stationseigenthmer von jenem Eiland sei, aber --
sie befanden sich in Australien und Tolmer hatte schon zu oft erfahren,
da man _Niemandem_, was seine _frhere_ Existenz betraf, trauen drfe,
besonders nicht in der damaligen Zeit. Die dem ueren Anscheine nach
anstndigsten Leute waren oft als Deportirte herbergekommen, und
wenn sie auch spter nicht mit den Buschrhndschern gemeinsame Sache
machten, hteten sie sich doch wohl, dieselben zu verrathen -- theils
vielleicht aus Mitgefhl, theils vielleicht auch wohl aus Furcht vor
einer mglichen Rache derselben.

Der Mann hatte allerdings mit dem grten Eifer _gegen_ das fortgesetzte
System gesprochen, verbrecherische und gezwungene Ansiedler nach
Australien zu bringen, das aber stellte noch gar nicht fest, da er
nicht in nherer Beziehung zu diesen stand, wie er jetzt vielleicht
eingestehen mochte. War das aber wirklich der Fall, so konnte eine
unbewacht hingeworfene Frage mehr verderben, wie sich leicht wieder
gut machen lie, und war es _nicht_ so, nun, so hatte er eben nichts
verdorben oder versumt.

In der Unterhaltung und durch geschickte Fragen bekam er brigens doch
heraus, da sich gerade in der Nachbarschaft von Mr. Lindsay's Station
einige Individuen aufhielten, die von der Jagd und vom Fischfang lebten
und keine feste Ansiedelung ihr eigen nannten, und ber diese etwas
Nheres zu erfahren, war er jetzt fest entschlossen. Das aber mute auf
andere Art geschehen, als durch einfache Fragen.

Tolmer hatte in Adelaide einen Polizeisoldaten Borris, auf den er sich
in jeder Hinsicht verlassen konnte. Borris war noch ein junger
Mann, aber in seinem Fach, dem er schon seit sechs Jahren vorstand,
ausgezeichnet und auerdem erst seit ganz kurzer Zeit von Sidney hierher
versetzt, also jenen Verbrechern noch vollstndig unbekannt.

Sein Plan war bald gemacht. Borris sollte als gewhnlicher
Bndelmann[2] nach der Knguruh-Insel hinbergehen und dort als
Schfer oder Httenwchter oder was immer, Beschftigung bei Mr.
Lindsay, und wenn das nicht anginge, ganz in der Nachbarschaft suchen.
Dort blieb es ihm dann selber berlassen, alle mglichen und ntzlichen
Erkundigungen ber seine Nachbarschaft einzuziehen, und wute er, was
er wissen wollte, so konnte er wieder nach Adelaide herberkommen und
selber Bericht abstatten. Tolmer warnte ihn aber besonders davor, einen
Brief zu schreiben, wenn sich nicht eine ganz gnstige Gelegenheit
fand ihn zu befrdern. Das Schreiben an und fr sich war berdies schon
gefhrlich, denn wurde er dabei von irgend Jemandem gesehen, so
mute Verdacht gegen ihn rege werden. Ein ordentlicher und richtiger
Bndelmann kann nie _mehr_ schreiben, als hchstens seinen Namen --
und selbst den nicht immer.

  [2] Bndelmann heien in Australien die Leute, die Arbeit suchend im
  Land umherziehen. Da sie natrlich kein groes Gepck mitnehmen
  knnen, und ihr Eigenthum meist immer in einem kleinen Bndel auf
  der Schulter tragen, hat man ihnen diesen Namen gegeben. Die Meisten
  derselben sind brigens entweder entlassene Strflinge oder solche,
  die mit einem =ticket of leave=, d. h. Urlaubsschein, die Erlaubni
  haben, sich selber ihr Brod zu verdienen. Ein solches =ticket=
  bekommen natrlich nur die, die den grten Theil ihrer Zeit schon
  verbt, und sich dabei musterhaft aufgefhrt haben.

Borris war brigens klug und gewitzt genug, um in dieser Hinsicht
vollstndiges Vertrauen zu verdienen. Er wute, was man von ihm
verlangte, und das gengte; das Weitere besorgte er schon selber.

Mr. Lindsay blieb noch einige Tage in Adelaide; die Zeit benutzte
Borris, seine nthigen Einrichtungen zu treffen, und schiffte sich dann,
mit einem =ticket of leave=, das ihm Tolmer ausfertigen lie, versehen,
nach seinem Bestimmungsorte ein. Mit einem solchen =ticket= wurde er
von allen Ansiedlern geduldet und bei _der_ Menschenclasse, unter der
er sich besonders umsehen sollte, galt es als vollstndiger Freipa, ihm
unbedingt zu vertrauen -- war er doch Einer der Ihrigen.

Borris war somit spurlos von Adelaide verschwunden, denn drben auf
der Insel nannte er sich, der Verabredung gem, _Jack_, und Monat nach
Monat verging, ohne da Tolmer wieder etwas von ihm gehrt htte. War
ihm am Ende gar ein Unglck zugestoen? -- Hatte er sich verrathen oder
ihn Jemand doch erkannt? -- Tolmer wurde schon unruhig und dachte daran,
einen zweiten Boten hinberzusenden, um Gewiheit ber das Schicksal des
ersten zu bekommen. Das war aber nicht nthig.

Eines Morgens trat Borris, in seiner Buschtracht, wie er eben ankam, in
des sehr erfreuten Tolmer Zimmer, und die Beiden blieben dort mehrere
Stunden eingeschlossen in eifrigem Gesprch.

Das Resultat seiner Entdeckungsreise war auch insofern ein gnstiges,
da er die Gewiheit brachte, da auf der Insel eine Anzahl verdchtiger
Individuen lebte. Ob es nun gerade jene Verbrecher waren, deren Spur
Tolmer schon so lange vergebens verfolgt, war schwer zu bestimmen. Die
Beschreibung des Einen von ihnen, der einen gewissen Einflu auf die
Uebrigen auszuben schien, pate aber ziemlich genau auf den
Verwegensten der Flchtlinge, einen gewissen John Mulligan, dem man
damals besonders auf der Spur gewesen, und hielt sich dieser jetzt dort
drben versteckt, so hatte er auch seine Genossen sicher in der Nhe.
Jedenfalls war es der Mhe werth, jene Gesellen aufzuheben und zur
Rechenschaft zu ziehen, denn sie brandschatzten in neuerer Zeit wieder
die Stationshalter, tdteten von den Heerden, was sie fr ihren eigenen
Bedarf brauchten, ohne sich viel um irgend ein Eigenthumsrecht zu
kmmern, und hatten sogar neulich einen Einbruch auf einer Station
versucht -- allerdings ohne Wissen und, wie Borris behauptete, _gegen_
den Willen ihres Fhrers, der kluger Weise Alles vermied, was die
Aufmerksamkeit der Regierung auf sie lenken konnte.

Tolmer selber war damals noch nie auf Knguruh-Eiland gewesen und kannte
das Terrain gar nicht; Borris beschrieb es ihm dabei als diesen, auer
den Gesetzen lebenden Menschen auerordentlich gnstig, so da es groe
Schwierigkeiten haben mchte, sie wirklich einzufangen, wenn sie vorher
gewarnt wren. Die grte Vorsicht blieb deshalb noch immer nthig.
Darnach handelte Tolmer.

Mit einem Regierungscutter durften sie nicht hinberfahren und drben
anlegen; die Kunde davon wrde sich blitzesschnell ber die ganze Insel
verbreitet haben. In Adelaide lag aber gerade ein kleiner Schooner, der
neuseelndischen Flachs von Aukland geholt hatte und den man recht
gut fr eine solche Fahrt bekommen konnte. Der Gouverneur gab auch
augenblicklich seine Erlaubni dazu und bewilligte die nthigen Mittel,
und drei Tage spter segelte der Schooner mit Mr. Tolmer und zehn
Leuten, auf die er sich vollstndig verlassen konnte, an Bord. Diese
hatte er theils als Bndelleute, theils als Matrosen gekleidet und alle
weiteren Plne aufgeschoben, bis er an Ort und Stelle selber das Terrain
kennen gelernt htte.

Der Schooner ging in Ballast, angeblich Wolle von drben abzuholen und
nach irgend einem der australischen Haupt-Stapelpltze, Sidney, Adelaide
oder Melbourne, hinberzuschaffen.

Borris hatte brigens seinen hiesigen Aufenthalt vortrefflich angewandt,
sich mit allen Schlichwegen im benachbarten Busche genau bekannt
zu machen. Von Lindsay dabei nur mit dessen Erlaubni auf Urlaub
fortgegangen, konnte es natrlich nicht auffallen, da er diese
Gelegenheit benutzt, mit diesem Schooner zu seiner Station
zurckzukehren. Er trat auch, so wie das kleine Fahrzeug landete,
augenblicklich wieder in seine Stelle ein und verabredete sich nur
vorher mit Tolmer, diesen wieder an Bord zu sprechen, wobei er sorgen
wolle, da Mr. Lindsay ebenfalls hinberkme.

Borris hatte Lindsay, ohne sich selber dabei zu verrathen, als einen
durchaus rechtlichen und thtigen Mann kennen gelernt, von dem sie nicht
zu frchten brauchten, da er sie verrathen wrde. Besser blieb es aber
immer, da er so spt wie irgend mglich in ihren Plan eingeweiht wurde,
und _die_ Zeit war jetzt gekommen.

Der Schooner ankerte gerade der Stelle gegenber, an der Lindsay's
Station lag, und Tolmer, ebenfalls in Matrosenkleidung und mit glatt
rasirtem Gesicht, um sich so viel als mglich unkenntlich zu machen,
fuhr an Land, lie sich bei Mr. Lindsay melden und frug an, ob der
Gentleman seine Wolle vielleicht auf dem Schooner nach Adelaide verladen
mchte.

Lindsay, der ihn nicht mehr kannte, nahm ihn mit in das Haus, und hier
entdeckte sich ihm Tolmer, erklrte ihm, da er gedenke, die Insel von
allem Gesindel zu befreien, und bat ihn um seine Hlfe.

Der Squatter schien erst keine rechte Lust zu haben, darauf einzugehen,
denn milang der Versuch, und wurde es bekannt, da er die Polizei
untersttzt hatte, so durfte er sich darauf verlassen, da die
Buschrhndscher sich an ihm rchten. Tolmer aber berredete ihn leicht,
diese unnthige Besorgni schwinden zu lassen, und Lindsay versprach
wenigstens, ihn gegen Abend auf seinem Schooner zu besuchen, dort --
vollkommen sicher vor jedem Horcher -- alles Weitere zu besprechen.
Borris wollte er dann mitbringen.

Das geschah. Lindsay hatte ein eigenes Boot und lie sich von Borris
hinberrudern, angeblich, etwas Tabak und einige andere Kleinigkeiten
zu kaufen, die im Busch gebraucht wurden. Von seinen Leuten gehrte
allerdings keiner mit zu den Buschrhndschern, oder wrde sich ihnen
angeschlossen haben. Sie Alle wuten aber, wo jene lagerten, und
htten sie nur den geringsten Verdacht geschpft, da das kleine
Handelsfahrzeug da drauen von Polizei bemannt sei, so wren die
=mates= im Busch augenblicklich gewarnt worden.

Das Nhere, was jetzt Tolmer ber die hier versteckten Verbrecher
erfuhr, war, da sie nicht mehr zusammen in einem Trupp wohnten, sondern
sich vor etwa acht Tagen in Folge eines Zankes getrennt htten.
Mulligan -- Lindsay kannte den Namen genau -- hauste in einer kleinen
Rindenhtte, etwa vier oder fnf englische Meilen von Lindsay's
Station entfernt, und die Uebrigen, wie Lindsay meinte und auch Borris
besttigte, buschten es -- d. h. sie hatten ihr Lager bei dem schnen
Wetter mitten im Busch und unfern von einem kleinen Bach aufgeschlagen,
da sie noch unentschieden sein mochten, welcher Richtung sie sich
zuwenden sollten.

Borris wute nur von fnfen, Lindsay behauptete aber, da es im
Ganzen sieben wren, John Mulligan mit zweien seiner Anhnger in der
Rindenhtte und die vier Anderen, die drauen im Walde lagerten.

Diese Trennung der Schaar mute ihrem Plan nur frderlich sein, denn
sieben entschlossene und zur Verzweiflung getriebene Menschen konnten
einem so kleinen Trupp Polizei schon einen gefhrlichen Widerstand
entgegensetzen, noch dazu, da sie Alle gut bewaffnet waren. In zwei
verschiedenen Trupps lieen sie sich aber weit leichter bewltigen,
und die Mnner beschlossen, am nchsten Morgen vor allen Dingen
der Rindenhtte einen Besuch abzustatten, um gleich im Anfang den
gefhrlichsten von ihnen, John Mulligan, unschdlich zu machen.

Zu diesem Zweck mute der Schooner aber wieder vor Tag unter Segel
gehen, damit die Besatzung nicht in Sicht der Station zu landen
brauchte. Lindsay bezeichnete ihnen weiter gen Osten ein kleines
Vorgebirge, wo sie wieder beilegen konnten. Dort befanden sie sich nur
hchstens anderthalb englische Meilen von John Mulligans Htte, und
Borris sollte sie an der Stelle erwarten, whrend Lindsay zu Pferde
sie spter im Busch selber traf. Je frher sie dabei aufbrachen,
desto besser, denn um so viel sicherer durften sie erwarten, die
Httenbewohner noch Alle zu Hause zu finden.

Nachdem dies verabredet war, fuhr Lindsay wieder mit Borris an's Land
zurck.

Am nchsten Morgen war der Schooner von seinem Landungsplatz
verschwunden, ohne da irgend Jemand Notiz davon genommen htte.
Derartige Fahrzeuge kamen oft an die Kste und hielten sich nie lnger
an einem Orte auf, als sie hoffen durften, ein Geschft zu machen.

Borris hatte noch am Abend von Lindsay zum Schein einen Auftrag
bekommen, mit einem Brief nach einer benachbarten Station hinber zu
gehen, und Mr. Lindsay lie sich, wie er das gewhnlich that, Morgens in
aller Frhe sein Pferd satteln und ritt in den Busch. Dem Koch[3] sagte
er, da er zum Frhstck zurck sein werde.

  [3] Auf fast allen australischen Stationen verrichten Mnner --
  gewhnliche Arbeiter -- das Kochgeschft, die dann =hutkeeper= oder
  Httenwchter genannt werden.

Genau nach der Verabredung hatte Tolmer auch gehandelt, traf mit Borris
an der besprochenen Stelle zusammen und schlug sich dann rasch mit
seiner kleinen, bis an die Zhne bewaffneten Schaar in den Busch, wo
ihnen Mr. Lindsay begegnete.

Nach kurzem Marsch erreichten sie die Gegend, in welcher die Htte
stand. Zu weiterer Fhrung wollte sich aber der Squatter nicht
verstehen.

Ihr wit nicht, sagte er, was fr ein verzweifelter Mensch dieser
Mulligan ist, und fangt Ihr ihn _nicht_, so fahrt Ihr nachher wieder
ruhig nach Adelaide hinber, und wir haben die Geschichte hier
auszubaden. Ich kann auch mein Pferd hier nicht anbinden, und nhme
ich es mit, hrten sie uns schon von Weitem. Dort gleich hinter jenem
Dickicht liegt die Htte -- ich selber will nach Cooley's Station
hinberreiten -- Ihr wit, wo das ist, Borris. _Habt_ Ihr den Mulligan,
so kommt und lat mich's wissen -- und damit wandte er sein Pferd und
hielt langsam quer durch den Busch der Richtung zu, wo er die Strae
wieder erreichen mute.

Tolmer murmelte einen Fluch zwischen den Zhnen durch. Fest entschlossen
aber, das einmal Begonnene auch durchzufhren, ob mit oder ohne fremde
Hlfe, gab er seiner kleinen Schaar die nthigen Befehle, und rckte
jetzt langsam und vorsichtig mit ihnen weiter, bis sie in Sicht der
Htte kamen.

Diese, wie tausend hnliche im Busch, bestand nur aus einem leichten
Gestell von Pfosten, mit Latten bernagelt, und mit breiten Stcken
Rinde des Stringybark-Baumes gedeckt. Eben solche Rindentafeln bildeten
die Wnde, und rauh genug sah solch ein Wohnhaus aus. Im Busch werden
aber keine Ansprche an Bequemlichkeit gemacht; Schutz gegen Wind und
Wetter gewhrte sie, und was weiter konnte man _hier_ von einer Wohnung
verlangen?

Sie lag dabei mitten im Dickicht drin, und war von dem benachbarten
Stationshalter erbaut worden, einem Schfer Unterkommen zu bieten.
Die Schafe vermehrten sich aber nicht so rasch, wie der Stationshalter
geglaubt. Die Htte wurde nicht benutzt, und John Mulligan, der sie auf
seinen Streifzgen durch den Busch entdeckte, fand sie passend, ihm zum
Aufenthalt zu dienen -- wenigstens eine Zeit lang dort zu leben.

Tolmer war vorangekrochen, vor allen Dingen die Gelegenheit zu ersphen,
und ein Blick auf die Htte verrieth ihm, da sie ihren Weg hierher
nicht umsonst genommen hatten. Zwischen den Rindenstcken, die das Dach
bildeten, wirbelte der blaue Rauch hervor, und die Insassen muten also
daheim sein.

Rasch war jetzt seine Disposition getroffen, und die kleine Schaar
so vertheilt, da aus der Htte Niemand mehr entkommen konnte, ohne
wenigstens ihrem Kreuzfeuer ausgesetzt zu sein. So vorsichtig aber
schlichen sie an, da sie von denen in der Htte nicht einmal bemerkt
wurden, und wie sie erst die Thr besetzt und die brigen Wnde umstellt
hielten, wuten sie sich ihrer Beute sicher.

Tolmer selber sphte jetzt durch einen schmalen Ritz der einen
Seitenwand, konnte aber nur _eine_ Person im Innern erkennen. Es war das
ein Mann der vor dem Kamin auf einer dort liegenden wollenen Decke sa
und sich gerade jetzt eine kleine Thonpfeife stopfte. Auerdem schien
er auch das Frhstck zu bewachen, denn eine Theekanne stand auf den
Kohlen, und die zusammengescharrte Asche verrieth, da ein Damper[4]
darunter backe.

  [4] Damper ist das im australischen Busch gewhnliche Weizenbrod, das
  ohne Hefe oder Sauerteig nur mit Wasser angeknetet und in der heien
  Asche gebacken wird.

Sonst war die Htte leer -- das kleine enge Gemach lie sich leicht
genug berschauen, da in der einen Wand zwei groe Rindenstcken
fehlten, und der leere Raum als Fenster diente. War _das_ nun Mulligan?
Hatten ihn seine beiden andern Gefhrten auch verlassen, und war er hier
allein zurckgeblieben? Jedenfalls muten sie sich seiner so rasch als
mglich bemchtigen, und Tolmer sah sich jetzt nur noch nach Waffen um.
Er konnte nichts erkennen als eine einzelne Muskete, die in der Ecke
lehnte.

Der Mann am Feuer war dabei so in seine Pfeife vertieft, da er keine
Ahnung von der ihm drohenden Gefahr hatte. Der Thr drehte er gerade den
Rcken zu, und da diese halb geffnet stand, glitten Tolmer, Borris
und einer ihrer Leute hinein und warfen sich -- zu verhindern, da der
Ueberfallene nach der Muskete springen knne -- pltzlich und
geruschlos auf den Buschrhndscher.

Na, zum Donnerwetter, rief dieser, der gar nicht Miene machte,
emporzuspringen, Ihr werdet mir die Pfeife zerbrechen. Prchtiges Stck
Arbeit nachher, und keine andere wieder zu kriegen in dem verdammten
Busch.

Hallo, der nimmt's kaltbltig, lachte Borris.

Bindet ihm nur die Arme auf den Rcken, sagte Tolmer ruhig, wenn er
glaubt, da er uns sicher machen will, irrt er sich.

Nur nicht ngstlich, =old cove= lachte der Mann, in dem sich der
Matrose nicht leicht verkennen lie. Halt da, =mate=,[5] schnrt mir
die Arme nicht in Stcken.

  [5] =mate= die gewhnliche Anrede im Busch und so viel wie Camerad --
  =old cove= alter Bursche.

Und was zum Henker machst Du hier, Camerad? sagte Tolmer, der mit
seinem Fang nicht besonders zufrieden schien, denn der Mann betrug sich
nicht wie ein ertappter Verbrecher, und das Gesicht war ihm vollkommen
fremd.

Was ich mache? sagte der Seemann vollkommen kaltbltig. Ich passe
auf, da der blutige, steinharte Damper da in der Asche nicht zum Teufel
geht, und htte jetzt meine Pfeife geraucht, wenn Ihr nicht wie die
Wilden ber Einen hergefallen wret. Steck sie mir einmal Einer von Euch
in's Gesicht, und lege eine Kohle darauf.

Wie heit Ihr? fragte Tolmer, whrend ihm Borris lachend willfahrte,
und der Gefangene indessen an der Pfeife zog.

Bill -- dank' Euch, Mate, lautete die Antwort. Weshalb zum Henker,
habt Ihr mir die Finnen hinten festgeschnrt? Mit den Fen kann ich den
Damper nicht aus der Asche nehmen.

Was treibt Ihr hier im Busch? frug aber Tolmer weiter, ohne seinen
Einwand zu bercksichtigen.

Verdammt wenig, brummte der Bursche, koche, wie Ihr seht --
Hutkeeper, glaub' ich, nennen's die Burschen hier im Land.

Das ist keiner von den Birds, flsterte Borris seinem Vorgesetzten
in's Ohr.

Ich glaub' es auch nicht, sagte dieser eben so leise zurck, und
setzte dann laut hinzu: Wer wohnt hier noch mit Euch?

Zwei Andere.

Und wo sind die jetzt?

Ausgegangen, ein Wallobi zu schieen -- wenn sie das nicht bekommen
knnen, bringen sie ein Schaf mit.

So? -- Haben sie eine eigene Heerde?

Der Matrose lachte und sah still vor sich nieder.

Wie lange seid Ihr schon auf der Insel? fuhr Tolmer fort.

Drei Wochen, lautete die Antwort.

Und wo kommt Ihr her?

Hm, brummte der Mann, der hier nicht recht mit der Sprache heraus
mochte, gehrt Ihr zur _Wasser_polizei?

Nein.

Gut, dann geht's Euch nichts an.

Von einem Schiff weggelaufen? fragte Tolmer.

Der Matrose schwieg und zog an seiner Pfeife.

Hrt einmal, Camerad, sagte Tolmer, der jetzt keinen Augenblick mehr
zweifelte, da er es blos mit einem weggelaufenen Matrosen zu thun
hatte. Seid Ihr nur einem Schiff ausgekniffen, so hab' ich damit
allerdings nichts zu thun, und es wird Euch nichts geschehen, aber wir
mssen die beiden andern Burschen fangen. Wollt Ihr uns dabei helfen?
Denn ich kann mir nicht denken, da Ihr mit den Verbrechern weiteren
Verkehr gehabt habt.

Mit gebundenen Armen soll ich Euch helfen.

Tolmer lste ohne weitere Antwort seine Bande, und Bill fhlte seine
Arme kaum frei, als er vor allen Dingen seine Pfeife etwas fester
stopfte.

Da es mit den Beiden nicht ganz richtig sei, sagte er dabei, ohne
seine Stellung zu verndern, hab' ich mir etwa gedacht. -- Hol' sie der
Henker, ich bin froh, da ich mit guter Manier von ihnen fortkomme.

Wie bald knnen sie zurck sein?

Jeden Augenblick. Das Beste ist dann, Ihr stellt Euch hier im Innern
der Htte auf, denn ich wei nicht, von welcher Seite sie kommen.

Ist die Muskete Euer?

Nein -- sie gehrt dem Einen -- John nennt er sich.

John Mulligan?

Was wei ich, wie sein ganzer Name ist; John gengt, um ihn zum Essen
zu rufen.

Da kommt Einer! flsterte in diesem Augenblicke Borris rasch, der
indessen schon an die verschiedenen Theile der Htte Wachen gestellt
hatte. Die Rinde war an unzhligen Stellen gesprungen, und man konnte
berall hindurch sehen.

Ist das John? frug Tolmer, der dem Matrosen winkte, den Ankommenden zu
beobachten. Dieser schttelte den Kopf.

Nein, sagte er, das ist der lahme Tom -- hat richtig ein Schaf
erwischt -- wird sich unendlich freuen, wenn er hier so angenehme
Gesellschaft findet.

Und wo ist der Andere?

Wei nicht -- sind Beide zusammen fortgegangen.

Bst -- er kommt -- ruhig jetzt! warnte Tolmer, und schweigend
sammelten sich die Polizeileute im Innern der Htte an beiden Seiten
des Eingangs, auf den der Buschrhndscher, ohne Ahnung dessen, was ihn
erwartete, langsam zuschritt.

Er war in die gewhnliche rauhe Buschtracht gekleidet, jetzt aber in
seinen Bewegungen gehindert, da er das schon geschlachtete Schaf auf den
Schultern trug und dabei mit der rechten Hand seine Muskete festhielt.

Holla, Bill! rief er, indem er, dicht vor der Thr, mit dem einen
Fu dagegen trat. Zum Teufel auch, mach Einem den Deckel auf -- oder
schlft die Canaille schon wieder?

Tolmer sagte kein Wort, aber wie er dem Matrosen winkte, die Thr zu
ffnen, zeigte er ihm ein gespanntes Pistol als Warnung, was ihm
selber drohe, wenn er sie verrathen wolle. Bill dachte aber an nichts
Derartiges, denn, selber ein ehrlicher Kerl, htte er schon lange
die Gesellschaft dieser Burschen, die ihn gewissermaen als Diener
behandelten, gemieden, wenn er nur gewut, wohin er sich wenden solle.
Jetzt, da es sich herausstellte, da seine bisherigen Gefhrten das
wirklich waren, wofr er sie seit den letzten Tagen heimlich gehalten,
wre er der Letzte gewesen, mit ihnen in einen Topf zu springen.
Ruhig ffnete er deshalb die Thr fr den lahmen Tom, wie der
Buschrhndscher von seinen Cameraden genannt wurde, weil er ein klein
wenig hinkte.

Da hier, sagte dieser, noch vor der Thr -- nimm mir einmal das Schaf
ab -- na, wird's bald? Soll ich's etwa noch eine Stunde auf dem Buckel
haben?

Tolmer winkte dem Matrosen, den Ankommenden in die Htte zu rufen, denn
war sein Camerad in der Nhe, so wurde er durch einen Lrm _vor_ der
Htte gewarnt.

So kommt doch herein damit, sagte Bill, oder habt Ihr Angst, da Ihr
den Fuboden schmutzig macht?

Damit man nachher die Decken im Blute herumschmiert, nicht wahr? sagte
der Buschrhndscher, der schon lange die Geduld verloren hatte. Hlle
und Verdammni, da holt's Euch selber, und mit einem Ruck warf er das
Schaf vom Rcken ab auf den Boden nieder. Jetzt war aber auch keine
Zeit mehr zu verlieren, und ehe er nur seine Muskete ordentlich fassen
konnte, stand Tolmer drauen neben ihm, packte ihn um den Leib und
schleuderte ihn zu Boden.

Hlfe, John! Teu--, er sagte nicht mehr, denn Borris hatte ihm mit
groer Geschicklichkeit ein Tuch in den Mund geschoben, jeden weiteren
Aufschrei zu ersticken -- aber zu spt. Tolmer's rasch umherschweifender
Blick erkannte eine dunkle Gestalt in den Bschen, die, wie sie
erschienen, eben so auch wieder verschwand, und rgerlich mit dem Fue
den Boden stampfend, rief er aus:

Das haben wir schlau gemacht -- da geht der Hauptfuchs zum Teufel, und
jetzt knnen wir den ganzen Busch von einem Ende zum andern umdrehen,
ehe wir ihn wiederfinden.

Habt Ihr ihn gesehen? rief Borris rasch.

Wie eine Erscheinung, gerade hinter jener Kasuarine, sagte Tolmer.
Aber nehmt _den_ Vogel wenigstens einmal in die Htte herein, da wir
sehen, was wir aus ihm herausbringen knnen.

Das geschah. Der lahme Tom machte aber, wenn sie auf _seine_ Hlfe
gerechnet hatten, ihre Hoffnung zu schanden, denn er beantwortete keine
ihrer Fragen.

Hol' Euch der Bse, knirschte er in die Zhne, als man ihm das Tuch
wieder aus dem Munde nahm. Ihr seid Alle ber Einen hergefallen, wie
ein Rudel feiger Dingo's ber ein einzelnes Schaf, das ich war -- jetzt
macht mit mir, was Ihr wollt, aber lat mich ungeschoren, denn verdammt
will ich sein, wenn _ich_ Euch auf weitere Sprnge helfe.

Aus dem Burschen war in der That nichts weiter herauszubringen und
Tolmer schickte ihn, in Handschellen und von zweien seiner Leute
bewacht, zu dem Schooner hinunter. Die ihn trausportirten, sollten dann
so rasch als mglich wieder zurck zu der Rindenhtte kommen, hier die
weiteren Anordnungen zu hren.

Tolmer frchtete, da durch die Flucht Mulligan's ihr ganzer
Plan vereitelt sei, und dieser wahrscheinlich den anderen Trupp
augenblicklich vor ihnen warnen wrde. Dem aber widersprach Borris.

Haben sich die beiden Parteien miteinander gezankt, sagte dieser, so
wird Mulligan weit eher glauben, da ihn jene verrathen htten, um ihn
los zu werden, und sich dann wohl hten, selber an ihr Feuer zu laufen.
War er das aber, den Ihr im Busche gesehen habt, und ich zweifle keinen
Augenblick daran, so frcht' ich, ist es ein hoffnungsloses Unternehmen,
ihn mit so wenigen Leuten auf der groen Insel einzufangen. Von den
Stationshaltern drfen wir nicht die geringste Hlfe erwarten, das haben
wir an Lindsay gesehen. Trotzdem da er selber viel Geld geben wrde,
die Schufte aus dem Wege zu haben, will er doch sein eigenes Haus nicht
der Gefahr aussetzen, von ihnen in Brand gesteckt zu werden. Und wo
sollen wir den schlauen Gesellen jetzt suchen? Am Ende wr' es am
besten, wir legten ihm hier in der Htte eine Falle; jedenfalls hat
er seine Munition und seine Decke hier und ohne Beides _kann_ er nicht
lange im Busche aushalten.

Da knnen wir lange warten, lachte Tolmer, ehe der alte Fuchs wieder
daran denkt, hier zu Bau zu kriechen. Wo er sich die jetzige Munition
verschafft hat, bekommt er auch mehr, und ebenso eine wollene Decke.
Uebrigens haben wir noch eine Weile Zeit, den Ort hier zu untersuchen,
und Bill kann uns vielleicht sagen, ob er wei, wo die Munition
versteckt ist.

Es verstand sich von selber, da der Verbrecher nicht ein so werthvolles
Ding, wie Pulver ist, wrde frei und offen liegen lassen. Bill wute
aber nichts davon. John Mulligan hatte sich wohl gehtet ihn zum
Vertrauten zu machen, und eine Nachsuchung in der Htte blieb ebenfalls
erfolglos.

Indessen waren die Leute hungrig geworden und Einer von ihnen holte
jetzt das Schaf in die Htte, ihr Frhstck damit zu bereiten. Der
Damper war unter der Zeit ebenfalls gebacken, und mit Thee und Zucker,
was sie in der Htte vorfanden, hielten sie ein vortreffliches Mahl.
Auch die beiden mit dem Gefangenen zum Schooner geschickten Polizeileute
kamen zurck und ein ordentlicher Kriegsrath wurde jetzt gehalten, ob
sie sich, die ganze Sache als verfehlt betrachtend, wieder einschiffen
oder erst noch einen Versuch machen sollten, den anderen Trupp von vier
Mann aufzuheben.

Fast Alle entschieden sich fr das Letztere, Tolmer aber wollte auch
nichts versumen, jenen Mulligan in ihre Gewalt zu bekommen, und da es
doch mglich war, da er sich noch in der Nhe aufhielt, um die Htte
wieder aufzusuchen, sollten zwei Mann von seinen Leuten hier versteckt
bleiben, und den Flchtigen todt oder lebendig in ihre Gewalt zu
bekommen suchen. Bill, der Matrose, erbot sich allerdings, mit
aufzupassen, Tolmer aber wollte das nicht riskiren, denn er war nicht
gewhnt, einem Fremden gleich nach der ersten Stunde Bekanntschaft
zu trauen. Dagegen konnte ihnen der handfeste Seemann von trefflichem
Nutzen bei dem Fang der Uebrigen sein, indem er seine kleine Schaar ja
ohnedem noch durch die Wache in der Rindenhtte schwchen mute.

Nach Lindsay's Beschreibung kannte Borris ganz genau die Stelle, wo jene
Buschrhndscher lagerten, aber es blieb unmglich, sie am Tage dort
zu berraschen. Erstlich war es kaum glaublich, da sie berhaupt bei
hellem Tageslicht ihren Lagerplatz einhalten wrden, und dann htte der
Trupp auch keinesfalls ungesehen an sie anschleichen knnen. Wrden sie
aber bemerkt, so kam es jedenfalls zu einem Kampf auf Leben und Tod,
den Tolmer, so lange es anging, vermeiden wollte. Blieb ihm keine andere
Wahl, gut, so mute selbst das versucht werden.

Damit im Reinen, hielten sie sich in der Htte, bis sich die Sonne gegen
den Horizont neigte, denn sie waren sicher, da die mit John Mulligan
verfeindeten Buschrhndscher nicht hierher kommen wrden, und drauen
htten sie ihnen leicht zu frh begegnen knnen. Nur ein Bote wurde
hinber nach Cooley's Station geschickt, Mr. Lindsay von dem bisherigen
Resultat in Kenntni zu setzen, denn Tolmer wute nicht, ob er seine
Hlfe vielleicht morgen in Anspruch nehmen msse. Lindsay war aber schon
wieder nach Hause geritten, und der zu ihm gesandte Polizist mochte ihm
dahin nicht folgen, um keinen unnthigen Verdacht zu erregen.

Borris, mit dem Busch vollkommen vertraut, fhrte zur bestimmten
Zeit die kleine Schaar sicher der Gegend zu, in der er das Lager der
Verbrecher wute. In der Nachbarschaft desselben angelangt, blieb
ihnen aber nichts weiter brig, als erst den vollen Einbruch der Nacht
abzuwarten; dann schlichen sie vorsichtig dem Lager der Strflinge zu,
bis sie in Sicht von deren Feuer kamen.

Es war aber immer noch nicht dunkel genug, und Tolmer lie seinen
kleinen Trupp in einem Dickicht versteckt, vorher selber den Platz
einmal zu recognosciren.

Auf Hnden und Fen, jeden Strauch und Baumstamm benutzend, die ihn
decken konnten, kroch er nher und nher zu dem Feuer, und da er auch
die Vorsicht gebraucht hatte, den Wind zu beachten, im Fall sie Hunde
bei sich haben sollten, kam er bald nahe genug, die sich um die Gluth
her bewegenden Gestalten deutlich zu erkennen. -- Es waren aber mehr als
vier Mnner, die sich dort gelagert hatten, denn von da aus, wo er sich
befand, konnte er klar und deutlich _fnf_ Personen unterscheiden, die
bald ausgestreckt am Feuer lagen, bald aufstanden und um die Flammen
herumgingen. War Mulligan doch zu ihnen gestoen, sie zu warnen? -- Aber
dann wren sie keinesfalls an ihrem alten Lagerplatz geblieben, und wer
konnte der Fnfte sein?

Mit gefangen, mit gehangen, murmelte aber Tolmer vor sich hin, und
fest entschlossen, sich die schon halb im Netz sitzende Beute nicht
wieder entgehen zu lassen, kroch er zu den Seinen zurck und theilte
ihnen den Plan mit, den er sich in der Schnelle entworfen hatte.

Die Dmmerung ist in Australien auerordentlich kurz, und fast
unmittelbar nach der sinkenden Sonne tritt auch die Nacht ein. Die
Polizeileute brauchten deshalb nicht lange im Hinterhalt zu liegen, und
Tolmer verlie jetzt seine genau instruirte Mannschaft, das beschlossene
Wagni auszufhren.

Er umschlich das Lager in einem weiten Bogen, bis er es zwischen sich
und die Seinen brachte, ging dann noch eine Strecke in den Busch
hinein, von den Buschrhndschern fort, und lie dort den in Australien
gebruchlichen und von den Schwarzen angenommenen Waldruf: Ku-ih! --
Ku-ih! erschallen.

Im Anfang war Alles ruhig, und Niemand antwortete ihm, endlich aber,
nachdem die Buschrhndscher wahrscheinlich mit einander berathen hatten,
da Jemand, der so laut im Wald herumschrie, ihnen schwerlich gefhrlich
sein knne, antwortete Einer von ihnen mit dem gleichen Laut, und Tolmer
brach jetzt, so viel Gerusch als irgend mglich machend, durch die
Bsche dem Lagerplatz zu.

Diesen erreichte er bald und fand hier die kleine Schaar von
Verbrechern, die Musketen im Anschlag, seiner harrend am Feuer.

Holla, redete ihn Einer von ihnen an, was habt _Ihr_ denn da bei
Nacht und Nebel im Wald herumzuschreien?

Gott sei Dank, sagte Tolmer, wie er nun den freien Platz erreichte,
da sind doch wenigstens Menschen mit einem vernnftigen Feuer. Ich
glaubte schon, ich mte die Nacht drauen allein unter einem Baume
liegen bleiben. -- Wie geht's mit einander?

Hm, gut, antwortete der Eine von der Schaar -- aber wo kommt Ihr
her?

Von dem Nordufer, sagte Tolmer, auf alle Fragen vollkommen
vorbereitet, und wollte nach Cooley's Station, habe aber den Weg
verfehlt und bin in den verdammten Knguruhdornen beinah umgekommen. Wie
weit ist's noch bis dahin, und fhrt ein Weg hin?

Verwnscht wenig, was Ihr von einem Weg bis dahin finden werdet,
brummte ein Anderer. Wenn Ihr nicht nach den Sternen marschirt, knnt
Ihr Euch ein Jahr lang im Busch herumdrehen.

Wie weit habe ich wenigstens bis zum Strande? frug Tolmer wieder, der
mit raschem Blick die Schaar berflogen hatte und sich jetzt mit dem
Rcken zum Feuer stellte, da sein Gesicht nicht zu hell beleuchtet
wurde. Er fhlte sich doch nicht so recht sicher, ob ihn nicht Einer
oder der Andere von den Burschen kannte. Ebenso hatte er schon bemerkt,
da es nur vier Weie und ein Schwarzer waren, den sie irgendwo
aufgelesen hatten.

Bis zum Ufer, sagte der Erste wieder, mag es etwa drei Miles sein,
wenn Ihr in gerader Richtung ausschreiten knnt.

Am Strande fhrt ein Weg hin, nicht wahr?

Ja; aber Ihr seid doch nicht mitten durch die Insel gekommen?

Mitten durch.

Da wundert's mich, da Ihr noch einen Fetzen Zeug auf dem Leibe habt,
sagte der Buschrhndscher, der von dem einzelnen Manne keine Gefahr
frchtete und sein Gewehr neben sich wieder an den Baum lehnte.

Wenn Ihr nichts dagegen habt, meinte Tolmer, indem er seinem Beispiele
folgte und seine Doppelflinte ebenfalls abnahm und neben die des
Burschen stellte, so ruhe ich mich hier bei Euch erst ein wenig aus.
Kann man fr Geld und gute Worte einen Becher Thee und ein Stck Damper
bekommen?

Fr Geld nicht, fr gute Worte ja, sagte der Buschrhndscher, der
den Gast aber noch immer aufmerksam betrachtete. Ihr seid ein Seemann,
wie?

Ein Stck von einem, lachte Tolmer.

Irgend wo ausgekniffen, he?

Mit franzsischem Urlaub, ja; von einem Handels-Schooner, der hier
anlegte. Hol' der Teufel das Wergzupfen an Bord! Findet sich denn wohl
einmal Gelegenheit, von hier nach dem festen Lande hinberzukommen?

Mglich, sagte der Buschrhndscher, habe mich noch verwnscht wenig
darum gekmmert.

Damper ist fertig, brummte jetzt Einer der Anderen, der das
Kochgeschft besorgte. Der, mit dem Tolmer bis jetzt gesprochen, wandte
sich wieder zu ihm und sagte:

Setzt Euch zum Feuer nieder und et mit, was wir haben.

Dank' Euch, meinte Tolmer, werde mir das nicht zwei Mal sagen lassen.
Wetter noch eins, ich habe den Rheumatismus in den Rcken gekriegt, und
grliche Schmerzen; vielleicht da es die Hitze wieder herauszieht. Mit
Euerer Erlaubni, und mit den Worten kauerte er sich ohne Weiteres beim
Feuer nieder, aber so, da er demselben den Rcken zudrehte und die bei
Seite gestellten Gewehre dabei im Auge behielt. Es war ihm aber auch
nicht entgangen, da der Schwarze, der etwas abseits vom Feuer sa, ein
paar Mal schon aufmerksam auf irgend ein Gerusch wurde und den Kopf
dann jedes Mal horchend emporhob. Glcklicher Weise nahm aber das gerade
fertig gewordene Abendbrod die Aufmerksamkeit der Buschrhndscher
fr den Augenblick in Anspruch, und Alle setzten sich zum Feuer, den
Wortfhrer ausgenommen, der zu dem Gewehre seines Gastes ging, es ohne
viele Umstnde in die Hhe nahm und genau betrachtete.

Hm, ein hbsches Stck, sagte er dabei, wie seid _Ihr_ dazu gekommen,
Mate, wenn Euch die Frage nicht etwa genirt? Matrosen fhren sonst nicht
so leicht solche Flinten.

Ich habe es einmal billig von einem Franzosen gekauft, sagte Tolmer
gleichgltig, wei aber jetzt nicht recht, was ich damit anfangen
soll, denn ich bin kein besonderer Schtze. Wenn ich das halbwegs dafr
wiederbekomme, was es mich gekostet hat, schlag' ich's los.

Und wie viel war das?

Dreiig Schilling, ein Spottgeld fr die Flinte, aber Geld kann man
hier im Busche eher gebrauchen, wie ein Gewehr.

Fr den Preis nehm' ich's Euch ab, sagte der Buschrhndscher schnell,
das ist ein Handel.

Meinetwegen.

Und Ihr nehmt Noten dagegen von den Squattern in der Nachbarschaft?

Noten? -- was ist das?

Nun, Anweisungen, so gut, wie baar Geld. Jeder nimmt sie Euch ab. Er
blinzte dabei seinen Cameraden hinter dem Rcken des Fremden zu, und
diese lachten still und hhnisch vor sich hin. Tolmer that aber, als ob
er es nicht bemerke, sondern sagte treuherzig:

Wenn sie so gut wie baar Geld sind, wr' ich ein Narr, wenn ich
was dawider htte. Gott sei Dank, jetzt brauch' ich doch das alte
Schieeisen nicht mehr mit herumzuschleppen. Heute im Busch hatt'
ich zwei oder drei Mal gar nicht so bel Lust, es in das erste beste
Wasserloch zu werfen.

Das wre Schade drum gewesen, meinte der Buschrhndscher, indem er die
Flinte zu den brigen lehnte und sich jetzt selber mit zum Feuer setzte.
Er war vortrefflicher Laune. -- Wit Ihr wohl, Mate, fuhr er nach
einer Weile fort, indem er sich ein groes Stck Damper und Schaffleisch
auf die Kniee nahm, da mir Euer Gesicht verdammt bekannt vorkommt,
und ich habe mir schon die ganze Zeit den Kopf zerbrochen, wo ich Euch
einmal gesehen haben knnte?

Hier noch nicht, sagte Tolmer, ruhig von dem Damper zulangend und sich
dem Feuer zukehrend. Dieses brannte jetzt ziemlich dster und der
Hut, den er trug, beschattete sein Gesicht ebenfalls. Drben am Lande
knnt's aber gewesen sein; freilich auch nicht in den letzten Jahren.
Frher war ich oft drben.

Das wre mglich! nickte Jener. Habt Ihr Euere Passage nach
Australien bezahlt?

Werde nicht so dumm sein, lachte der vermeintliche Matrose. Wo
sich's die Regierung so viel kosten lt, tchtige Ansiedler herber zu
bekommen, soll man ihr nicht in's Handwerk pfuschen.

Gescheidter Gedanke, Mate, verdammt gescheidter Gedanke, schmunzelte
der Buschrhndscher; aber was zum Henker hat denn die Schwarzhaut da zu
horchen? -- na, was gibt's, Schneeball?

Tolmer's Herz schlug, da es ihm die Brust zu zersprengen drohte. Er
wute, da seine Leute jetzt dicht am Lager waren, und jedenfalls hatte
der schwarze Bursche mit seinen viel schrferen Sinnen etwas von ihnen
gehrt oder gesehen.

=Me, make a light, flourbag=,[6] sagte der Eingeborene in seinem
englisch sein sollenden Dialekte.

  [6] =Make a light=, mach ein Licht, fr: sehen; =flourbag=, Mehlsack
  -- Alles was wei ist, in dem wunderlich gebrochenen und verstmmelten
  Englisch, das die Eingeborenen von den weien Arbeitern lernen.

Tolmer stand langsam auf und trat zum Feuer, um es ein wenig
zusammenzustoen. Er stand jetzt nur zwei Schritte von den Gewehren.

So? -- Du hast was Weies gesehen? sagte der Buschrhndscher, mit den
Augen der Richtung folgend, nach der der Arm des Schwarzen deutete.

Ich werde einmal hinschieen, sagte jetzt Tolmer, und mit den
Worten drehte er sich um, griff sein Gewehr auf und spannte zugleich
geruschlos die Hhne.

Bah, mach' keinen Unsinn, Mate, sagte aber der Buschrhndscher, der
keine Ahnung hatte, da ihnen hier Gefahr drohen knne. Wer wei, was
der Bursche gesehen hat.

Vielleicht war's ein Opossum, meinte Tolmer.

Mglich, sagte der Andere, setzt Euer Gewehr hin.

Habt Ihr schon gehrt, wie man ein Opossum lockt? frug Tolmer
jetzt. -- Er war todtenbleich geworden, denn er wute, da der nchste
Augenblick der entscheidende sein mute.

Ein Opossum? -- Was zum Donnerwetter hat denn nur der schwarze Bursche?
Etwas mu im Winde sein, und unwillkrlich machte er einen Schritt den
Gewehren zu, whrend der Eingeborene seine Lanze aufgriff und scheu und
vorsichtig vom Feuer zurckglitt.

Ich will's Euch zeigen, Mate, sagte Tolmer, und in dem Moment gellte
ein schriller Pfiff durch den Wald.

Verrath! schrie der Buschrhndscher und sprang nach den Gewehren.

Wer sich bewegt, ist eine Leiche! rief Tolmer mit Donnerstimme, die
eigene Waffe an den Backen reiend, und von allen Seiten sprangen
die Seinen auch schon herbei, whrend die Buschrhndscher, frmlich
berrumpelt, im ersten Schrecken nicht wuten, ob sie fliehen oder sich
vertheidigen sollten.

Tolmer, so viel wie mglich unnthiges Blutvergieen zu vermeiden, scho
nicht, und nur als der Anfhrer der Schaar an ihm vorbeifuhr, um seine
Waffe aufzugreifen, hielt er ihm sein Bein vor und der Buschrhndscher
strzte wie im Fluge nach vorn, alle vier Gewehre mit sich zu Boden
reiend. Im nchsten Augenblicke sa ihm aber schon Borris auf dem
Nacken, und whrend diesen der Matrose untersttzte, den wthend um sich
Schlagenden zu binden und unschdlich zu machen, fanden sich die anderen
drei von Bewaffneten umstellt und jede Flucht abgeschnitten. -- Was auch
htten sie im Busche ohne Gewehre anfangen wollen?

Der Schwarze war gleich bei dem ersten Anprall der Polizei -- vielleicht
auch schon vorher -- spurlos im Busche verschwunden.

Zehn Minuten spter staken die Buschrhndscher in Handschellen. Es war
aber zu gewagt, sie in dunkler Nacht durch den Busch zu transportiren,
wo doch Einer oder der Andere Gelegenheit gefunden htte, zu entkommen.
Tolmer beschlo also, die Nacht dort mit ausgestellten Wachen im Lager
zu bleiben und die Gefangenen erst am nchsten Morgen hinber zum
Schooner zu transportiren.

Jetzt wei ich auch, Mate, wo ich Euer blutiges Gesicht schon
einmal gesehen habe, zischte der alte Buschrhndscher durch die
zusammengebissenen Zhne, als er eine Stunde spter neben seinen
Cameraden und unter einer Aufsicht, die jeder Flucht spottete, am Feuer
lag.

Denk's auch, Tomlins, lachte Tolmer, ich hatte aber gleich vom
Anfange an ein besseres Gedchtni. Weil ich jetzt keinen Bart trage,
seid Ihr irr geworden.

Hol' Euch der Teufel, brummte der Gefangene und warf sich auf die
andere Seite.

Am nchsten Morgen mit Tagesanbruch war die kleine Truppe marschfertig
und erreichte etwa dritthalb Stunden spter den Schooner, in dem die
Gefangenen einquartiert wurden. Tolmer aber, jetzt fest entschlossen,
sein Aeuerstes zu versuchen, auch den noch flchtigen Mulligan wieder
einzubringen, wollte sich doch nicht der Gefahr aussetzen, da bei
einem lngeren Aufenthalte an der Insel die bisher gemachten Gefangenen
vielleicht Gelegenheit fnden, ihre Freiheit wieder zu erlangen.

Derartige Menschen, mit Nichts zu verlieren und Alles zu gewinnen,
hatten sich schon aus schwierigeren Lagen befreit, und er befahl dem
Schooner deshalb, mit zwei von seinen Leuten als Wache an Bord, ohne
Weiteres wieder unter Segel zu gehen und diese kostbare Ladung erst
einmal an das County-Gefngni abzuliefern. Dann sollte er ohne Zgern
wieder umkehren, sie selber abzuholen oder vor Anker zu bleiben, bis sie
an Bord kmen.

Tolmer behielt, nachdem er zwei von seinen Leuten der Schoonermannschaft
beigegeben, noch, mit Borris, sieben Mann und den Matrosen. Der Seemann
hatte sich freilich mit auf dem Schooner einschiffen wollen, Tolmer
war aber viel zu vorsichtig, das zuzugeben, denn er wute nicht, ob
er vielleicht mit ein oder dem anderen der Gefangenen schon frher
Bekanntschaft gemacht htte, und wollte sich nicht muthwillig selber
einen Helfershelfer fr die Schaar in das Fahrzeug setzen. Mit _ihnen_
versprach er ihm aber freie Passage nach Adelaide, wenn er sie dahin
begleiten wolle.

Nun galt es vor allen Dingen, den jetzigen Aufenthaltsort John
Mulligan's herauszubekommen, und das schien viel schwerer, als es Tolmer
im Anfange erwartet hatte.

Mulligan war mit allen Schlichwegen der Insel genau bekannt, und
Lindsay, an den er sich wieder wandte, versicherte ihm von vornherein,
da es ein verzweifeltes und vllig nutzloses Unternehmen sei, dem
kecken und verwegenen Burschen auf diese Weise nachzustellen. Er schien
es dabei nicht einmal gern zu sehen, da ihn Tolmer auf seiner Station
besuchte, denn wie leicht konnte Mulligan das durch irgend einen seiner
eigenen Leute erfahren und dann, in dem Glauben, der Stationshalter
stecke mit der Polizei unter einer Decke, Rache an ihm nehmen.

Tolmer sah bald, da mit dem Manne nichts anzufangen war, und doch
gewhnt fast stets auf eigene Hand zu handeln, schrak er auch vor einer
solchen Aufgabe nicht zurck.

So viel schien gewi, da Mulligan, nachdem sie die brige Bande
glcklich berlistet, keine weiteren Begleiter mehr hatte, auf deren
Hlfe er sich verlassen konnte.

In seine alte Htte war er brigens nicht wieder zurckgekehrt, und
Tolmer, um seine beiden Wachen nicht lnger dort unntz zu verwenden,
lie das Nest in Brand stecken. Hatte der Buschrhndscher dann noch
irgend etwas darin versteckt oder vergraben, so sollte es ihm wenigstens
schwer werden, es wiederzufinden.

Auerdem entwarf Tolmer einen anderen Plan. Er schickte nmlich
seine Mannschaft als Bndelleute vereinzelt auf alle Stationen in der
Nachbarschaft, sich dort zu zerstreuen und selber auf den verschiedenen
Stellen die Nachricht zu verbreiten, da die Polizei gelandet wre und
die Buschrhndscher aufgehoben htte. Whrend sie sich natrlich unter
die Arbeiter mischten, erfuhren sie dann vielleicht, ob der flchtige
Verbrecher wohl irgendwo gesehen worden.

Am zweiten Tage hatten sich aber Alle wieder in der Nhe der verbrannten
Htte einzufinden, um gemeinschaftlich zu operiren.

Der Plan mochte ganz gut sein, erwies sich aber als erfolglos.
Allerdings brachten die Leute von drei, vier verschiedenen Seiten
die Nachricht mit, Mulligan sei dort in der Nhe gesehen worden. Die
wahrscheinlichsten dieser Stellen wurden auch untersucht, doch ohne den
geringsten Erfolg. Nicht einmal die Spur des Flchtigen fand man, und
es blieb jetzt auerordentlich schwer, zu sagen, ob sich der
Buschrhndscher nach dem Osten oder Westen der groen Insel gewandt
habe.

Borris selber war dafr, nach dem festen Lande zurckzukehren und
lieber wieder hierher zu kommen, wenn Mulligan auf's Neue irgendwo einen
bestimmten Aufenthalt genommen. Tolmer aber, starr wie immer den einmal
gefaten Plan im Auge, wollte davon nichts hren und gedachte einen
anderen Versuch zu machen.

Er theilte seine Leute in zwei Trupps -- den einen von fnf Mann unter
Borris' Fhrung schickte er nach Osten zu und die anderen, wie den
Matrosen, der sich freiwillig erboten hatte ihnen beizustehen, behielt
er bei sich, um damit nach Westen hin die Insel abzusuchen. In vier
Tagen sptestens sollten Alle wieder am Schooner zusammentreffen, und
hatten sie den Flchtigen dann nicht eingefangen, so wollten sie die
Jagd fr dies Mal aufgeben.

Borris schttelte den Kopf zu dem ganzen Unternehmen, denn er
kannte besser wie sein Vorgesetzter, das Innere der Insel und die
Schwierigkeit, darin von einer Stelle zur andern zu gelangen. Tolmer
aber, Feuer und Flamme fr den jetzt entworfenen Plan, lie keine
Einrede gelten, und die beiden Parteien trennten sich noch an demselben
Morgen.

Einem schmalen Kuhpfade folgend, wanderte Tolmer mit seinen Leuten
ab, gerieth aber bald in ein so furchtbares Dickicht von jenen
nichtswrdigen Knguruhdornen, von denen das ganze Innere der Insel
berwuchert war, da sie sich nur mit Mhe und Noth einen Weg seitwrts
hindurch und mehr der Kste zu brechen konnten. Was sollten sie auch in
einem solchen Dickicht, in dem Mulligan selber nicht fortkonnte, sich
also auch wohl hten wrde es zu betreten.

Ziemlich erschpft und ohne den ganzen Tag ein lebendes Wesen
angetroffen zu haben, erreichten sie Abends einen kleinen Bach
und lagerten dort, und Tolmer sah jetzt die Unmglichkeit ein, das
eigentliche Innere des Busches, wie er beabsichtigt hatte, abzusuchen.
Es blieb ihm nichts brig, als sich auf die besiedelten oder doch
wenigstens zugnglichen Theile der Kste zu beschrnken.

Gegen Morgen hrten sie einen Hund bellen; schon am letzten Abend hatten
sie Schafspuren gefunden und es lie sich erwarten, da sie wenigstens
nach der Richtung und in der Nhe des Trinkwassers eine Schferhtte
finden wrden. Darin hatten sie sich auch nicht geirrt. Als sie nach
rasch eingenommenem Frhstck dorthin aufbrachen, fanden sie mitten im
Busch, aber an einer von Dornen vollkommen freien Stelle, eine kleine
Rindenhtte liegen, und Tolmer lie seine Leute noch zurck, erst selber
allein den Platz zu recognosciren.

Der Schfer war mit seiner Heerde schon vor einer Stunde ausgezogen, den
Hutkeeper oder Httenwchter fand Tolmer aber gerade beschftigt, die
gewhnlichen Damper zu backen, und lie sich mit ihm in ein Gesprch
ein.

Holla, Mate, sagte er nach einer Weile, als er am Feuer sa und
den fr ihn rasch warmgestellten Becher Thee trank, Ihr seid ja hier
auerordentlich fleiig mit Brodbacken. Da stehen, wie ich sehe, zwei
groe fertige Damper, hier unter der Asche liegt auch noch einer und Ihr
rhrt schon wieder frische an. Macht Ihr sie zum Verkauf?

Ja, schn zum Verkauf, sagte der eben nicht besonders appetitlich
aussehende Bursche mit einem Kernfluche, ein prchtiger Platz wr'
das hier im Busche zum Verkauf, wo man das ganze gesegnete Jahr keinen
blanken Schilling zu sehen bekommt. _Die_ Kufer, die hierher kommen,
soll berhaupt der Teufel holen, sobald er Lust hat, und wenn meine Zeit
um ist, will ich verbrannt werden, wenn ich nur eine Stunde lnger in
den blutigen Dornen sitzen bleibe.

Es treibt sich hier viel Gesindel im Busche herum, wie? warf Tolmer
hin.

Der Hutkeeper sah ihn mitrauisch von der Seite an und meinte dann:

O, Gott bewahre; es sind _lauter_ Gentlemen und noch dazu Menschen, wie
die Kinder; was sie sehen, wollen sie haben.

Seid Ihr krzlich belstigt worden? frug Tolmer, der nicht mit Unrecht
glaubte, da er von dem Hutkeeper fr nichts Besseres, als eben auch fr
einen Buschrhndscher gehalten wrde.

Ich will Euch was sagen, Fremder, meinte da der Bursche, indem er sich
von seiner Arbeit aufrichtete und die mehlbedeckten Fuste zur Seite von
sich hielt, es ist ein altes Gesetz, im Busche sich -- das Maul nicht
zu verbrennen -- an heien Blechbechern mein' ich -- Ihr versteht mich
schon.

Nichts fr ungut, Freund.

Bitte, bemht Euch nicht, meinte der Hutkeeper trocken. Es knnte
sein, da morgen Jemand kme und nach _Euch_ frge, und dann wr's Euch
auch vielleicht angenehm, wenn ich ein kurzes Gedchtni htte.

Tolmer lachte. Mit der Politik derartiger Buschleute aber vollkommen
vertraut, kannte er recht gut die Triebfedern, die ihn zum Schweigen
brachten, und er lenkte das Gesprch auf etwas Anderes, um erst einmal
herauszubekommen, mit wem er es hier zu thun habe. War es ein frherer
Strfling, dann lie sich freilich nicht viel von ihm erwarten, doch
sah er ihm zu jung dafr aus und vorsichtige Fragen konnten das bald
aufklren. Tolmer hatte sich auch nicht in seinem Manne geirrt. Jim
Riddle war erst vor zwei Jahren mit einem Auswandererschiffe als freier
Mann nach Australien gekommen, hier sein Glck zu machen -- nicht
Damper fr alles blutige Gesindel im Busche zu backen, wie er
hinzusetzte, und schien das ganze Land schon so satt zu haben, da er je
eher je lieber wieder nach Alt-England zurckgekehrt wre, wenn er eben
gewut htte, womit.

Einmal darber im Reinen nahm Tolmer keinen Anstand lnger, dem
Hutkeeper zu sagen, wer er selber sei und weshalb er auf die Insel
gekommen wre -- diese nmlich von der Plage herumstreifenden Gesindels
zu befreien. Er rief dann seine Leute herbei, die der Hutkeeper aber
immer noch mitrauisch betrachtete, denn sie sahen ihm nicht aus wie
Polizei, und erst als ihm Tolmer seine Vollmacht vorlegte, die das groe
Regierungssiegel trug, wurde er berzeugt.

Dann ist's recht, sagte er, mit einem krftigen Hiebe die rechte
geballte Faust in die linke schlagend, da der Mehlbrei berall
umherspritzte, dann hab' ich nichts dagegen, und ich gnne Euch
die Gesellschaft des unheimlichen Burschen, der hier seit zwei Tagen
herumkriecht, von ganzem Herzen.

Und nun erzhlte er mit einfachen und kurzen Worten, da vorgestern ein
Mann, dessen Beschreibung Tolmer keinen Zweifel lie, Mulligan sei damit
gemeint, zu ihm in die Htte gekommen wre, und Essen und Tabak verlangt
htte. Der Fremde trug eine Muskete und sah wild und zerfetzt genug aus.
Jim Riddle gab ihm beides, um ihn nur loszuwerden. Gestern aber war er
wieder gekommen, sich neuen Vorrath zu holen, und hatte ihm mit allem
Mglichen gedroht, wenn er an irgend Jemand durch eine Sylbe verrathe,
da er bei ihm gewesen. Ja, noch mehr, er verlangte von dem Hutkeeper,
der selber keine Waffen hatte sich zu widersetzen, da er ihm von jetzt
an, die nchsten Tage wenigstens, einen besonderen Damper backe, und ihm
denselben mit Fleisch und Thee nicht weit von dort in den Busch bringe.
Er mute selber mit ihm gehen, da er ihm die Stelle zeigen konnte.

Wahrscheinlich wollte sich der Buschrhndscher nicht wieder der Gefahr
aussetzen, an eine fremde Htte anzulaufen, in der recht gut Feinde
versteckt sein konnten; wute er ja doch jetzt, da ihm die Polizei auf
der Fhrte war.

Jim Riddle hatte natrlich den verzweifelten Menschen gefrchtet, dessen
Ha und Rache er sich hier nicht allein und hlflos aussetzen mochte.
Mit der Polizei zum Schutz war er aber froh, solch einen lstigen
Brodverzehrer los zu werden und vielleicht unschdlich gemacht zu
sehen, und zeigte sich jetzt augenblicklich bereit, Tolmer zu der
Stelle hinzufhren, an der er die bestimmten Lebensmittel fr den
Buschrhndscher verbergen sollte.

Rasch hatte er alles Nthige zusammengepackt und wanderte jetzt mit den
Polizeileuten in den Busch hinein, etwa vier- oder fnfhundert Schritt
von der Htte, wo eine kleine Lichtung lag. Es standen dort nur wenige
Bume, dicht daran grenzte aber ein Dickicht, und der Platz war in
sofern vortrefflich ausgesucht, als der Flchtling, von den Bschen
gedeckt, unbemerkt herankommen und leicht bersehen konnte, ob ihm in
der Nhe irgend eine Gefahr drohe.

Tolmer beschlo ohne Weiteres auf ihn zu warten, denn es war
augenscheinlich, da der Buschrhndscher hier in der Nhe keine andere
Stelle hatte, an der er Nahrungsmittel zu bekommen wute. Er lie
deshalb die Speisen so hinstellen, da sie der Anschleichende von Weitem
sehen konnte, und verbarg dann seine Leute dem Dickicht gegenber
hinter Bumen und eingesteckten Bschen, so gut das irgend gehen wollte.
Auerdem gab er ihnen bestimmte Ordre, den Flchtling erst vollstndig
herauszulassen und nur im uersten Nothfall auf ihn zu schieen, da er
ihn lebendig zu fangen wnschte.

Er selbst legte sich hinter die Wurzel eines umgestrzten Gumbaumes, der
Stelle gerade gegenber, die er fr den wahrscheinlichsten Wechsel des
Rubers hielt, und erwartete nun geduldig dessen Nahen.

Der Hutkeeper war wieder in die Htte zurckgeschickt, und sehr
zufrieden mit der Aussicht, von einer Nachbarschaft befreit zu werden,
die ihm mit der Zeit nur verderblich werden mute.

Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein; er hatte sein Brodbacken
lange beendigt, die Laibe auf dem an der Wand stehenden Tisch
aufgestellt, seine Htte nothdrftig ein wenig ausgekehrt, und lag jetzt
auf einer alten wollenen Decke behaglich ausgestreckt am Feuer, das
langweilige Buschleben in Australien verwnschend, als er drauen vor
der Htte einen Schritt hrte.

Haben sie ihn schon? dachte er bei sich, als er rasch den Kopf der
Thr zudrehte -- drauen stand Jemand, aber er ffnete nicht. Wer ist
da? rief der junge Bursche, von seiner Decke emporspringend, aber er
sollte nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon im nchsten
Augenblick ging die Thr auf und -- der Buschrhndscher stand auf der
Schwelle.

Hallo, Jim, wie geht's? sagte der Mann, indem er einen gierigen
Blick nach dem Brod hinber warf -- habt wieder einen hbschen Vorrath
eingelegt. Das ist recht -- wollte nur noch einmal nachfragen, ob Ihr
meinen Wunsch nicht vergessen httet, da die Luft noch rein ist --
schaute nur erst einmal durch die Ritzen, ob Ihr allein wret.

Wer soll einen hier in dem blutigen Busch besuchen? sagte der junge
Bursch, der fhlte, da er erblat sein mute, und sich rasch zum Feuer
niederbog, seine Bewegung zu verbergen.

Nun, lachte der Buschrhndscher, gelt ich nicht als Besuch? Aber
das ist brav -- rckt den Theetopf zum Feuer, und lat mich 'was Warmes
haben. Ich bin so ein wenig in Eile und mchte wieder fort.

Er war wieder zur Thr gegangen, neben der er seine Muskete an die Wand
lehnte, und sah durch die Spalten derselben in's Freie.

_Doppelte_ Portionen? sagte Jim, der sich indessen wieder gesammelt
hatte. Erst lat Ihr Euch Euer Essen in den Busch tragen, weil's Euch
nicht gefllig ist, es hier zu verzehren, und dann kommt Ihr auch noch
hierher um eine andere Mahlzeit. Zum Henker auch, Mate, Ihr wit doch
eben so gut wie ich, da wir hier im Busch nicht aus dem groen Sack
leben, sondern vom Master unsere bestimmten Rationen bekommen, mit
denen wir haushalten mssen. Sind die verzehrt, wo hernehmen und nicht
stehlen?

Nur nicht hitzig, Mate, sagte der Buschrhndscher, whrend er sich
ruhig an den Tisch setzte, ein Stck von dem frischen Damper abschnitt
und sich den Teller herberzog, auf dem noch einige Scheiben kaltes
Hammelfleisch lagen. Ihr habt doch nicht heute schon das Brod
hinausgeschafft?

Gewi hab' ich, sagte der Hutkeeper. Es liegt an der Stelle, die Ihr
mir gestern angegeben, und Fleisch dazu und ein Becher Thee.

Hm, meinte der Buschrhndscher, mit vollen Backen dabei kauend -- das
mit dem Thee ist unbequem. Da, fllt mir einmal das kleine Sckchen mit
trockenem Thee -- einen Becher hab' ich selbst, und will ihn mir dann
lieber drauen kochen. Hier ist auch ein Beutel fr Zucker, bin gerade
jetzt ein wenig knapp mit Provisionen.

Und die Provisionen drauen? frug Jim Riddle, der unschlssig die ihm
berreichten kleinen Leinwandscke in der Hand behielt.

Die nehme ich auf dem Rckweg mit, sagte Mulligan vollkommen
kaltbltig, macht Euch keine Sorge deshalb, Mate, gegessen wird's und
ich wei, Ihr gebt's gern, wenn Ihr auch jetzt ein verdammt albernes
Gesicht dazu schneidet. Aber eilt Euch ein wenig, ich habe weder Lust
noch Zeit, mich hier eine Stunde zu Euch herzusetzen.

Jim wute wirklich nicht gleich, was er thun sollte. Drauen lagen die
Polizeileute auf der Lauer und hier sa der Bursche bei ihm in der Htte
so behaglich und daheim, als ob er der Stations-Eigenthmer wre und nur
eben einmal, auf Besuch, seine Heerden revidiren wolle. Bse durfte er
ihn aber auch nicht machen, und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab,
was that's? ging er doch dann hinaus, sich die anderen Lebensmittel
abzuholen, und mute dann jedenfalls der Polizei in die Hnde fallen --
nachher bekam er Alles wieder. Zeit war's aber in der That, da _dem_
frechen Gesellen das Handwerk einmal gelegt wrde.

Der Buschrhndscher blieb indessen nicht ruhig am Tische sitzen, sondern
warf immer dann und wann einmal wieder einen Blick hinaus, ob die Luft
noch rein sei, beendete aber nichtsdestoweniger in aller Ruhe seine
Mahlzeit und erst, als Jim ihm das Verlangte in die Leinwandbeutel
gegeben hatte, sagte er:

So, dank' Euch Mate, und zum Beweis, da ich es gut mit Euch meine,
noch eine Warnung. Es sind nmlich von drben eine Anzahl von Spionen
herbergekommen, die sich hier um lauter Sachen bekmmern, die sie
nichts angehen. Wenn sie hier zu _Euch_ kommen sollten, versteht Ihr
mich, _so wit Ihr nicht, da ich auf der Welt bin_. Soll ich Euch
deutlicher sagen, was ich meine?

Dank' Euch, das thut's, entgegnete mrrisch der junge Bursch.

Es freut mich, da Ihr so rasch begreift, sagte Mulligan. Ihr seid
gefllig gegen mich gewesen, und es wre mir unangenehm, wenn ich Euch
ein Leides thun mte. Fangen thun sie mich doch nicht, und wenn sie die
Insel wieder verlassen haben, sind _wir Beide_ immer noch zusammen.

Er war wieder aufgestanden, steckte das Erhaltene ohne Weiteres vorn in
sein Buschhemd, nahm seine Muskete auf und trat in die Thr.

Merkwrdig schwle Luft heute, sagte er, indem er erst nach dem Himmel
hinauf und dann auf den Hutkeeper sah. Ihr seid auch verdammt still
heute, Mate. Ich glaube beinahe, Ihr seid krank, denn Ihr seht ksewei
im Gesicht aus.

Ich? -- mir fehlt nichts, erwiderte der Hutkeeper, der um Alles in der
Welt den Buschrhndscher nicht mochte merken lassen, was in ihm vorging.

Ich will Euch was sagen, Mate, bemerkte dieser nach einer kleinen
Weile, in der er ihn scharf und mitrauisch beobachtet hatte, ein
kurzer Spaziergang wird Euch gut thun. Wie wr's, wenn Ihr mich ein
Stck begleitetet, nur bis dorthin, wo das Essen liegt?

Ich kann die Htte nicht verlassen, rief der junge Bursch,
unwillkrlich drehte er sich aber nach dem Buschrhndscher um -- hatte
dieser Verdacht geschpft?

John Mulligan fing den Blick auf und fhlte im Nu, da hier nicht Alles
in Ordnung sei. Gewohnt aber, jeder Gefahr kaltbltig zu begegnen, und
neu gestrkt von der tchtigen Mahlzeit, die er gehalten, lie er sich
nichts merken, sondern sagte nur gleichgltig:

Ich wei jetzt wahrhaftig gar nicht mehr, _welchen_ Platz ich Euch
fr die Provisionen bestimmt hatte. Zeigt mir nur die Stelle; die
Verantwortlichkeit, Euere Htte verlassen zu haben, nehm' ich auf mich.

Ihr habt gut auf Euch nehmen, brummte Jim.

Weshalb ist es Euch denn auf einmal so fatal, mit mir zu gehen, he?
frug da der Buschrhndscher, ihn scharf fixirend.

Fatal? -- gar nicht, sagte Jim, anscheinend gleichgltig, denn er
durfte den Menschen nicht mitrauisch machen. Meinetwegen, wenn _Euch_
ein Gefalle damit geschieht. Aber dann kommt auch, da ich bald wieder
zurck sein kann.

Erwartet Ihr Besuch?

Ja, den Schfer und seinen Hund, brummte Jim, das ist der ganze
blutige Besuch, den man _hier_ in der Wildni erwarten kann. Und mit
den Worten seinen alten Strohhut aufgreifend, schritt er der Thr zu,
den Buschrhndscher, wie er es verlangte, zu begleiten.

Jim hatte dabei aber auch seinen eigenen Plan entworfen. Die Sache war
zu einer Krisis gediehen, und in wenigen Minuten wute der Ruber, da
er von ihm verrathen worden. Jetzt galt es deshalb, ihn unschdlich zu
machen, und selber von derber Krperkraft, wenn auch John Mulligan
im Einzelkampfe vielleicht nicht gewachsen, wollte er jedenfalls
das Seinige dazu beitragen, ihn fest zu bekommen. Dicht neben dem
Buschrhndscher schritt er deshalb hin, sobald sie den im Hinterhalte
liegenden Polizeileuten nahe genug kmen, ihn zu fassen. So lange,
bis er Hlfe bekam, wute er recht gut, da er ihn halten konnte. John
Mulligan hatte aber einmal Verdacht geschpft und war nicht _so_ leicht
berlistet. Wie sie deshalb ein Stck vom Hause fort sich dem Busche
nherten, sagte er.

Wit Ihr was, Mate, geht Ihr voran. Ihr kennt den Weg besser.

Und Ihr mit dem geladenen Gewehre hinterdrein? entgegnete der
Hutkeeper, dem der Vorschlag nicht im Mindesten gefiel.

Ich thu' Euch nichts, habt keine Angst, lachte der Buschrhndscher,
aber jetzt schon mit vorsichtig gedmpfter Stimme. Ihr seid ja mein
_Freund,_ versteht Ihr, und bis ich nicht Beweise vom Gegentheil
erhalte, habt Ihr nichts zu frchten. -- Nun? -- wird's bald?

Jim Riddle mochte sich nicht widersetzen, denn sie waren noch zu weit
von Hlfe entfernt. Mrrisch steckte er deshalb die Hnde in die Taschen
und schlenderte voraus. Aufmerksam aber sphte er dabei berall umher,
ob er noch keinen der ausgelegten Posten erkennen knne -- sie _muten_
jetzt in deren Nhe sein.

John Mulligan gebrauchte indessen ebenfalls seine Augen, denn das ganze
Benehmen seines Fhrers fiel ihm auf. Er konnte aber nirgends etwas
Verdchtiges oder Auergewhnliches erkennen -- und doch lag einer der
Polizisten jetzt kaum etwa funfzig Schritt von ihm entfernt auf dem
Bauche, horchte den nahenden Schritten und wunderte sich, wer in aller
Welt von _der_ Richtung her zu ihnen kommen knne.

Jim Riddle sah jetzt den umgestrzten Gumbaum, an dessen Wurzel er den
Anfhrer der Polizei versteckt wute. Weiter durfte er nicht _vor_ dem
geladenen Gewehre des gefhrlichen Burschen an die Fremden herangehen,
denn wer wute, ob er _ihn_ nicht gerade aus Wuth und Rache am
allerersten niedergeschossen htte. Er blieb stehen und sich halb
trotzig, halb mrrisch gegen den Buschrhndscher wendend, sagte er:

Da, dort drben ist der Platz; jetzt knnt Ihr ihn allein finden;
berhaupt denk' ich, da Ihr im Busche besser Bescheid wit, wie ich.

Das knnte sein, mein Bursche, flsterte der Buschrhndscher, die
Worte aber, die er sprach, selber nicht beachtend. Sein Blick hing an
einem Gumbusche, der _so_ nicht gewachsen war, wie er da halb umgefallen
stand, und dicht daneben lag ein dunkler Fleck, aus dem er ebenfalls
nicht klug werden konnte. So nur den Arm gegen den Hutkeeper
ausstreckend, ohne sein Auge von dem verdchtigen Gegenstande
abzuwenden, fuhr er fort: Halt, bleibt einen Augenblick hier, Jimmy.
Seht einmal, was ist das dort drben, Camerad?

Jim Riddle warf einen Blick dort hinber. Der Buschrhndscher hatte
Verdacht geschpft, und das war vielleicht der letzte ihm gegebene
Moment, den Verbrecher zu fassen und sich selbst vor seiner Rache zu
schtzen.

Wo? fragte er und trat dicht an den Ruber heran.

Dort dr--

Er beendete seine Worte nicht, denn Jim, im Triebe der Selbsterhaltung,
warf sich auf ihn, ergriff mit der einen Hand die Muskete, mit dem
anderen Arme umschlang er den von ihm Abprallenden und stie dazu ein
gellendes Hlfegeschrei aus.

Tolmer hatte indessen von da, wo er lag, die Beiden kommen sehen und
ahnte leicht den Zusammenhang, war aber auch nicht im Stande, irgend
etwas Anderes zu thun, als still und regungslos liegen zu bleiben. Er
wute recht gut, da der Buschrhndscher augenblicklich einen Hinterhalt
vermuthen wrde, so wie er das Geringste sich bewegen she, und
seine einzige Aussicht auf Erfolg war, ihn so nahe als irgend mglich
herankommen zu lassen. Einmal erst nur an den Auenposten vorbei, und er
konnte ihnen doch nicht mehr entgehen.

Der schlaue Buschrhndscher lie sich aber nicht so leicht berlisten,
und nur erst der drohende und verzweifelte Angriff des Hutkeeper's
schien alle seine Vorsicht unntz gemacht zu haben.

Bei dem Hlfeschreien desselben sprangen nmlich die versteckten
Polizeisoldaten fast zugleich aus ihrem Hinterhalte in die Hhe. Tolmer
selbst lief, was er laufen konnte, der Stelle zu, wo Jim Riddle sich
an den Buschrhndscher angeklammert hatte und dieser ihn vergebens von
seinen Fen und auf die Erde zu bringen suchte. Dem Strfling lag vor
allen Dingen daran, sein Gewehr frei zu bekommen, und in der ersten
Ueberraschung des Angriffs hatte er nicht einmal die von allen
Seiten auftauchenden Feinde bemerkt. Ein einziger Blick auf die
herbeispringenden Gestalten gengte aber, ihm die ganze Gefahr seiner
Lage zu verrathen, und mit einem wilden Fluge den Hutkeeper mit der
Faust gegen die Stirn schlagend, da dieser halb betubt in
seinem Griffe nachlie, gelang es ihm wenigstens, sich von dem ihn
umklammernden Arme fr einen Augenblick frei zu machen -- aber das
Gewehr lie Jim nicht los.

Wieder fhrte der Buschrhndscher einen wilden Hieb nach den Schlfen
des jungen Burschen, der ihm htte verderblich werden knnen. Jim aber
verstand genug von der edeln Kunst der Selbstvertheidigung, den Schlag
zu pariren, und rechts und links sprangen jetzt die Feinde herbei,
ihm den Weg nach beiden Seiten abzuschneiden. Er _mute_ fliehen, und
whrend er die Muskete loslie und Jim, der mit aller Kraft daran zog,
hinten berstrzte, sprang der Buschrhndscher schrg ab den nchsten
Bumen zu, die er in wenigen Stzen erreichte und nun zwischen sich und
seinen Verfolgern behielt, um vor ihren Kugeln geschtzt zu sein.

Feuer! schrie Tolmer, der fr einen erfolgreichen Schrotschu noch zu
weit entfernt war, Feuer!

Die Polizeisoldaten hatten bis jetzt nicht schieen drfen, da sie eben
so leicht den Buschrhndscher, wie den Hutkeeper treffen konnten. Jetzt,
da sie Beide getrennt sahen, sprangen sie zur Seite, freies Ziel auf den
Flchtigen zu bekommen, und zwei oder drei Kugeln knallten hinter ihm
drein. Einmal war es, als ob er getroffen wre. Er zeichnete, wie die
Jger sagen, aber es war nur ein Moment; im nchsten Augenblicke warf
er sich in ein dickes Gebsch, das ihn vollstndig verbarg, und
alles weitere Suchen dort nach ihm blieb erfolglos. Er war und blieb
verschwunden.

Wohl hatte ihn Jim, da er ihm die Waffe entrissen, fr den Augenblick
unschdlich gemacht, aber wie leicht konnte sich der verwegene Mensch
eine andere Flinte verschaffen, und da er dann an dem armen Teufel von
Hutkeeper Rache nehmen wrde, war gewi. Jim Riddle stand auch, wie er
das Resultat erfuhr, rathlos und sich hinter dem Ohr kratzend neben dem
erbeuteten Gewehr und meinte:

Na ja, da haben wir die Geschichte, gerade wie ich's mir gedacht. _Ich_
sollt' Euch die Kastanien aus dem Feuer holen und verbrenne mir die
Pfoten dabei, und jetzt sitz' ich da und kann mich freuen. Gehangen will
ich aber werden, wenn ich eine einzige blutige Stunde in dem Neste hier
noch allein sitzen bleibe, da mich der Hallunke eines Morgens an meinem
eigenen Feuer ber den Haufen schiet, wie ein Opossum, und entweder
lat Ihr mir Wache hier, bis Ihr ihn fest habt, oder ich bin mit von der
Partie und fahre nach Adelaide hinber.

Jim Riddle beharrte auch auf seinem Vorsatz, und da Tolmer selbst
einsah, da es gut sein wrde, die Htte bewacht zu halten, da Mulligan,
wenn sie ihn wirklich nicht fnden, recht gut hierher zurckkommen
knne, sich zu rchen, so beschlo er, einen Mann hier zu lassen. Sehr
erwnscht kam ihm dabei das Anerbieten des Matrosen, bei dem Hutkeeper
auszuhalten, bis sie ihn wieder abholen wrden. Der Seemann hatte das
Herumkriechen im Busche schon lange satt bekommen und die Ruhe war ihm
ganz erwnscht. Durch das Gewehr des Buschrhndschers waren sie auch
bewaffnet; Tolmer lie ihnen Pulver und Blei dazu da und ging dann mit
seinem kleinen Trupp ernstlich daran, die Verfolgung des Flchtlings mit
allen Krften aufzunehmen.

Eine Strecke konnten sie ihn dort, wo er in die Dornen hineingebrochen
war, spren und an den grnen Stachelblttern fanden sie sogar an zwei
Stellen ein paar Tropfen Blut, aber nichts weiter. So wie er den mehr
offenen Wald erreicht hatte, war auf dem harten Boden kein Eindruck
mehr zu erkennen und vergebens suchten sie den Busch bis zur vlligen
Dunkelheit nach allen Richtungen hin ab.

Todesmde lagerte die kleine Schaar endlich an einem Wasserloche, das
sie mitten in einem Dickicht fanden, und zehrte von den mitgebrachten
Provisionen, am nchsten Morgen die Jagd von Neuem aufzunehmen. Aber
auch der nchste Tag brachte kein besseres Resultat und Tolmer behielt
jetzt nur die Hoffnung, da sie den Buschrhndscher vielleicht dem
anderen Trupp unter Borris in die Hnde trieben. Mulligan konnte
natrlich nicht wissen, da er zwei Parteien auf seinen Fersen habe.

Die Leute bekamen den entsetzlichen Busch an dem Tage herzlich satt und
Einer oder der Andere versuchte schon die Andeutung, da der Schooner
wahrscheinlich jetzt von Adelaide zurck sein und auf sie warten wrde.
Tolmer blieb aber unerbittlich und wollte von dem Schooner und einem
Aufgeben seines Planes nichts wissen.

Am dritten Tage Morgens passirten sie, einem kleinen Buschpfade folgend,
der nach der Kste zufhrte, wieder ein Wasserloch, und hier fanden
sie die ersten Spuren des flchtigen Strflings wieder. Er hatte dort
getrunken. Deutlich konnten sie am Rande der Pftze die Eindrcke
seiner Kniee und Hnde erkennen, und dicht daneben lag ein kleiner
blutbenetzter baumwollener Lappen. Er war also jedenfalls, wenn auch
nur leicht, von einer der ihm nachgesandten Kugeln verwundet worden,
und wenn sie ihn jetzt ohne Gewehr wieder antrafen, konnte er ihnen kaum
mehr entgehen.

So sehr sie das ermuthigte, in ihren Nachforschungen nicht zu ermatten,
so sehr fhlte sich Tolmer selber bald gehindert, die Verfolgung mit dem
alten Eifer fortzusetzen. Er hatte nmlich am Morgen in einen scharfen
Dorn getreten, und wenn er es auch im Anfange nicht besonders achtete,
verschlimmerte sich die Wunde durch die Anstrengung und den Staub mit
jeder Stunde dermaen, da er zuletzt kaum noch von der Stelle konnte.

In dem Pfade, den sie jetzt verfolgten, hatten sie noch mehrmals des
Buschrhndschers Fuspur gefunden, und Tolmer hinkte, auf den Arm eines
seiner Leute gesttzt, mit, so gut er konnte, bis sie endlich in
Sicht der Kste kamen und hier eine kleine, ordentlich von Stmmen
hergerichtete Htte, eine Art Blockhaus, fanden. Sie war allerdings
nicht bewohnt; Tolmer konnte aber nicht mehr weiter, und wie er von
seinen danach ausgeschickten Leuten hrte, da Mulligan's Spur hier und
da im Sande zu erkennen sei und der Strfling sich jedenfalls, um den
bsen Dornen des Inneren zu entgehen, hierher gewandt habe, seine Flucht
desto rascher nach einem entfernteren Theile der Insel fortsetzen zu
knnen, beschlo er, hier ein paar Stunden zu rasten und seine Leute
allein nach ihm auszuschicken.

Hatten sie bis Nachmittag um drei Uhr nichts weiter von ihm gefunden,
so sollte Einer von ihnen dem Strande folgen, um Borris und die Uebrigen
anzutreffen und herbeizuholen, und die Anderen zu ihm zurckkehren.

Die Leute wollten Tolmer mit dem bsen Fue nicht allein lassen, er
schickte sie aber fort. Wasser flo in der Nhe und er konnte die Zeit
dann benutzen, seinen Fu ordentlich auszuwaschen und zu verbinden.
-- Er hatte sich aber zu viel zugemuthet. Als er in die Htte trat und
seine Decke dort auf ein leeres Bettgestell warf, berkam ihn eine ganz
ungewohnte Schwche; der Kopf schwindelte ihm und er behielt eben
noch Zeit, seine Flinte an die Wand zu lehnen und sich auf der Decke
auszustrecken -- dann vergingen ihm die Sinne und er fiel in einen
bewutlosen Zustand, der mehrere Stunden gedauert haben mute.

Wie er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und
er ging jetzt ernstlich daran, nach seinem Fu zu sehen und ihn zu
verbinden. Dann wollte er sich einen Becher Thee kochen, aber er fhlte
sich noch zu matt, legte sich deshalb wieder auf das Lager und sah
trumend zu dem Dach der Htte hinauf, bis ihm die Augenlider zusanken
und er in einen leichten, strkenden Schlaf fiel. Bei seinem Erwachen
stand ihm eine Ueberraschung bevor.

Es war ihm, als ob er seinen Namen aussprechen hre, und wie er, die
Augen halb geffnet, unwillkrlich und ohne den Kopf zu wenden, einen
Blick nach der Thr warf, erkannte er dort die Gestalt eines Mannes, die
den Eingang verdunkelte.

Das Herz hrte ihm auf zu schlagen, aber der nchste Augenblick rief ihn
auch schon wieder zu voller Thtigkeit.

Mr. Tolmer, sagte die Stimme, und whrend er sich jetzt ganz langsam,
keinen Schreck zu verrathen, emporrichtete, sah er den Buschrhndscher
John Mulligan in der Thr stehen, seine eigene scharf geladene
Doppelflinte in der Hand, die Hhne gespannt und die Lufe auf ihn
gerichtet. Er hatte leichtsinniger Weise, als er sich wieder auf's Bett
warf, die Waffe neben der Thr stehen lassen, und sein Leben war in
diesem Augenblick in den Hnden des Verbrechers und hing an dem Druck
seines Zeigefingers.

So, Mulligan, sagte Tolmer, mit voller Geistesgegenwart die Gefahr
berschauend, in der er sich befand, indem er die Beine von dem
Bettgestell herunterlie, ohne jedoch aufzustehen -- _haben_ wir Euch
endlich? Den langen Marsch im Busch httet Ihr Euch und uns ersparen
knnen, denn das Ihr nicht fortkmt, sobald wir nur erst einmal auf
Eurer warmen Fhrte waren, _mutet_ Ihr wissen.

Ihr habt _mich_? sagte der Flchtling, indem ein hmisches Lcheln
ber seine bleichen Zge flog, wre nicht bel. Ihr seid in _meiner_
Gewalt, Tolmer, und was hindert mich, mit _einem_ Fingerdruck Euch Alles
abzuzahlen, was Ihr mir schon in diesem Leben angethan?

Die Furcht vor dem Galgen, Mulligan, sagte Tolmer, ohne eine Miene zu
verziehen, obgleich Ihr dem doch schwerlich entlaufen werdet. Aber
habt Ihr mich wirklich fr so bldsinnig gehalten, Euch ein _geladenes_
Gewehr dort an die Thr zu stellen, und mich in die andere Ecke auf's
Bett zu legen? Die List war plump genug, aber sie ist doch geglckt.

Was meint Ihr damit? rief der Buschrhndscher, das Gewehr fester
packend und einen scheuen Blick zurck ber die Schulter werfend.

Was ich damit meine? sagte Tolmer ruhig, indem er ein Bein ber das
andere legte, da Ihr umstellt seid, und ich hier nur auf dieser Pfeife
einen einzigen Pfiff zu thun brauche, um meine neun Mann da zu haben.
Fort _knnt_ Ihr nicht mehr. Herein haben sie Euch gelassen, hinaus
kommt Ihr nicht, und ich hatte mich doch nicht geirrt, als ich mir
dachte, Ihr wrdet der Lockung nicht widerstehen knnen, ein Gewehr auf
einen schlafenden Menschen anzulegen.

Mr. Tolmer, sagte Mulligan finster, Ihr werdet Euch erinnern, da
ich Euch _geweckt_ habe. Es lag in meiner Macht, Euch eine Kugel durch's
Hirn zu schieen.

Aus dem leeren Gewehr? lachte Tolmer. Es stecken nur Zndhtchen
darauf, da es besser aussieht. Aber hrt mich, Mulligan, fuhr er
pltzlich, als der Buschrhndscher das Gewehr mitrauisch betrachtete
und nicht bel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen,
ernster und mit einem mehr theilnehmenden Ton fort: Noch sind wir unter
uns. So viel ich wei, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur
Last gelegt worden, als die gelegentliche Erpressung von Provisionen,
die mit der Noth entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein _Blut_
vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschrhndscher, steht
Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahr geschrfte
Ueberwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und
ich werde Euch durch _meine_ Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt
einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, so lange
Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.

Mulligan sah ihn an und zgerte.

Soll ich das Zeichen geben? frug Tolmer, da meine Leute Euch _mit
der Waffe in der Hand_ ertappen?

Sie haben Recht, Mr. Tolmer, sagte der Mann, dem die Ruhe des
Polizeioffiziers imponirte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in
seiner Gewalt geglaubt, _mute_ wirklich Hlfe in seiner unmittelbaren
Nhe haben, er wre sonst wenigstens vor seinem Erscheinen erschreckt,
oder htte sich in anderer Weise verrathen -- und mit den Worten lehnte
er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber brachte jetzt seine Hand langsam
unter den Rock, der Brusttasche zu, wo er ein geladenes Pistol stecken
hatte. _Jetzt_ fhlte er sich sicher, denn er war im Stande, dieses
zu ziehen und abzudrcken, ehe der Buschrhndscher das Gewehr wieder
aufgreifen konnte.

So -- ich sehe, Ihr seid vernnftig, sagte er ruhig, ohne jedoch die
Waffe hervorzuziehen oder im Mindesten zu verrathen, da er sich nicht
vollkommen sicher fhle, aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan.
War denn das nun der Mhe werth, da Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um
ein solches Hundeleben im Busch zu fhren?

Es ist ein Hundeleben, knirschte der Mann leise vor sich hin, und
ein Hund mcht's nicht lnger fhren. Gehetzt wie ein Dingo[7], von den
Cameraden verrathen, fortwhrend nur auf der Wacht, das elende Leben in
Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht lnger fhren; nehmen
Sie mich mit nach der Colonie hinber; Mr. Tolmer. Ich habe das wilde
Treiben satt und bersatt.

  [7] Dingo: der australische wilde Hund oder Wolf.

Jetzt sprecht Ihr wie ein vernnftiger Mensch, sagte Tolmer, von
seinem Bett aufstehend. Er verga fast, da er einen wunden Fu hatte,
in solcher Aufregung befand er sich, sein Gewehr nur erst wieder einmal
in Hnden zu haben. Wer stand ihm dafr, da den Buschrhndscher nicht
in der nchsten Minute schon seine Unterwerfung gereute? Ihr sollt
auch unterwegs ordentlich behandelt werden -- wenn Ihr mir nmlich
versprecht, Euch auch ordentlich zu betragen.

Er ging dicht zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie
aber zu berhren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wute er,
da der Mann, mit dem er es hier zu thun hatte, seinen Vortheil rasch
genug benutzen wrde. Auerdem konnte er nicht einmal hart auf seinen
Fu auftreten, und wre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich
unterlegen. Nicht ein Laut rhrte sich drauen; seine Leute waren
vielleicht noch meilenweit entfernt.

Aber die -- Anderen sind noch drauen im Busch, sagte der Strfling
endlich nach einigem Zgern.

Keiner mehr, Mulligan, erwiderte Tolmer ruhig, wir haben sie Alle.

_Alle_? rief Mulligan erstaunt aus.

Alle mit einander -- d. h. fnf und den Matrosen, der noch bei Euch war
-- ich wei nicht, ob noch mehr im Busch herum liegen.

Nicht mehr wie die, sagte kopfschttelnd der Strfling, es mten
denn ganz krzlich _frische_ herber gekommen sein, die ich noch nicht
gesehen htte.

Also habt Ihr mir weiter nichts zu sagen, frug jetzt Tolmer, indem
er die Pfeife in die Hand nahm, als ob er das Zeichen geben wolle, und
kann ich meine Leute jetzt rufen?

Nichts weiter, Mr. Tolmer, sagte Mulligan fast demthig, aber Sie
werden mir bezeugen, da ich nicht das geringste Bse gegen Sie im Sinne
gehabt.

Darauf gebe ich Euch mein Wort, versprach ihm der Polizeimann, indem
er jetzt langsam den Arm nach dem Gewehr ausstreckte und es an sich
nahm. Ein Blick auf das Schlo versicherte ihn, da die Zndhtchen noch
darauf und zum Gebrauch bereit seien, und jetzt erst, als er ein paar
Schritte von dem Flchtling sich entfernte und das Gewehr gegen ihn
hielt, war es, als ob eine Centnerlast von seinem Herzen gewlzt wre.
Er holte aus voller Brust Athem und sagte dann, whrend ihn Mulligan
erstaunt betrachtete:

Jetzt seid so gut, Mate, und geht einmal dort in die Ecke des Hauses --
dort hinber, meine ich, ein Stck von der Thr fort.

Der Buschrhndscher zgerte -- eine Ahnung, da er sich habe berlisten
lassen, schien in ihm aufzusteigen.

Geht dort in die Ecke, John, sagte Tolmer, aber mit fester Stimme,
ich mchte Euch nicht gern ein Leides thun, aber ich mu es, wenn Ihr
die geringste Bewegung zur Flucht oder zum Widerstande macht.

Teufel, zischte der Buschrhndscher leise vor sich hin, so war das
Alles nicht wahr, was Ihr mir da gesagt?

Kein Wort davon, John, lachte Tolmer, das Gewehr fest dabei im
Anschlag, nur das Versprechen, das ich Euch gegeben, halt' ich. Was
_ich_ zu Eueren Gunsten aussagen kann, soll geschehen.

Und Ihre Leute?

Suchen Euch drauen am Strande oder in den Knguruhdornen, Gott wei,
wo -- aber sie kommen hierher zurck, und bis dahin mu ich freilich
Posten bei Euch stehen.

Der Buschrhndscher drehte sich ab, ging in die Ecke, setzte sich auf
den Boden nieder und drckte sein Gesicht in Scham und Ingrimm auf die
Kniee.

Tolmer dauerte der arme Teufel, und er sagte freundlich:

Seid guten Muthes, John, die Sache kann noch besser werden, wie Ihr
jetzt glaubt. Wenn Ihr Euch vollkommen ruhig verhaltet, bis meine Leute
kommen, und nicht den geringsten Widerstand leistet, will ich annehmen,
da Ihr Alles gewut und Euch mir freiwillig gestellt habt. Ihr werdet
verstehen, da Euch das beim Gouverneur hoch angerechnet wrde.

Und wollten Sie das wirklich thun, Mr. Tolmer? sagte Mulligan, rasch
den Kopf hebend.

Ich habe es Euch freiwillig zugesagt.

Dank Ihnen, Sir, sagte der Mann aus vollem Herzen, Menschenkrfte
htten's auch nicht lnger ausgehalten. Seit zwei Tagen habe ich keinen
Bissen, einen Trunk Wasser ausgenommen, ber die Lippen gebracht,
und mit einem Streifschu an der Schulter, gestern den ganzen Tag im
Wundfieber durch die Dornen brechen mssen. Das Gefngni selber ist
eine Wohlthat gegen ein solches Dasein.

Aber warum habt Ihr Euch nicht lange wieder gestellt?

Die Freiheit, sthnte der Mann, die Freiheit! Ihr, die Ihr da drauen
noch nie hinter den Eisenstben gesessen, noch nie gehrt habt, wie
es klingt, wenn die Riegel hinter Einem zugeschoben werden, _wit_ gar
nicht, was es ist, ein _freier_ Mensch zu sein.

Er sank mit den Worten wieder in seine frhere Stellung zurck, und
Tolmer, der sich jetzt ziemlich sicher fhlte, da er fr den Augenblick
keinen weiteren Fluchtversuch von seinem Gefangenen zu frchten habe,
ging an das Bettgestell, nahm das Brod und Fleisch, das er noch dort
liegen hatte, und brachte es Mulligan.

Im Anfang wollte er es nicht anrhren; aber nicht lange konnte er
es neben sich liegen sehen. Sein krftiger und jetzt bis zum Tod
erschpfter Krper _forderte_ Nahrung, und wie er nur einmal den ersten
Bissen gekostet, schlang er das Uebrige rasch und gierig hinunter.

Eine volle Stunde mute Tolmer noch warten, ehe die Seinen von ihrem
natrlich erfolglosen Streifzug zurckkehrten. Sie hatten aber dabei
ihre brigen Gefhrten getroffen, die eben im Begriff gewesen waren,
den Schooner, als den ihnen von Tolmer selber bezeichneten Sammelplatz,
wieder aufzusuchen.

Borris war brigens nicht wenig erstaunt, John Mulligan in Tolmer's
Gesellschaft zu finden, und das Unwahrscheinlichste von Allem war ihm,
da sich der Buschrhndscher freiwillig gestellt haben sollte. Tolmer
aber erklrte es in Mulligan's Gegenwart, und als er noch die Wunde des
Gefangenen hatte sehen lassen und indessen von der nchsten Station ein
Pferd fr ihn selber herbeigeholt war, denn mit seinem wunden Fu htte
er die Strecke nicht mehr marschiren knnen, setzte sich der kleine Zug
in Bewegung.

Ein nach Jim Riddle's Htte geschickter Bote holte indessen den Matrosen
von dort ab, brachte aber auch Jim mit, der sich selber berzeugen
wollte, ob sein Freund, der Buschrhndscher, wirklich in sicherem
Gewahrsam sei und ihm keinen unverhofften Besuch mehr abstatten knne.
Nur unter dieser Bedingung wollte er lnger auf Knguruh-Eiland bleiben.

Gerade der Stelle gegenber, wo der Schooner, der Polizeimannschaft
harrend, vor Anker lag, stieg Tolmer vom Pferde. Sie hatten das Zeichen
gegeben, da das Boot herber kommen solle, sie abzuholen, und Tolmer,
der noch die alten Schsse in seinem Gewehr stecken hatte, wollte diese
herausschieen, es frisch zu laden. Er trat einem dickstmmigen Gumbaum
gegenber -- John Mulligan, von vier Polizeileuten bewacht, stand neben
ihm -- zielte bedchtig und drckte ab. _Klapp_, versagte das rechte --
_klapp_, das linke Rohr.

Tolmer drehte sich langsam nach John Mulligan um, und Beider
Blicke begegneten sich, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort. Der
Polizeisergeant setzte ruhig frische Zndhtchen auf, drehte sich wieder
dem Baume zu und feuerte beide Rohre scharf hintereinander in den alten
Gumstamm hinein, da die Rehposten klappernd darauf schlugen.

Eine Stunde spter hatte der Schooner seine smmtlichen Passagiere an
Bord; der Anker wurde gelichtet, und das kleine Fahrzeug segelte mit
gnstigem Winde nach dem nicht fernen australischen Continent hinber.




2. Die Flucht.


In Lyndock Valley, nrdlich von Adelaide, arbeitete ein Gang von
Strflingen in Ketten.

Rechts an der Strae, wenn man dem damals noch wenig begangenen Weg von
Adelaide aus folgte, stand ein hoher Pallisadenzaun, fest eingerammt
mit scharfen Spitzen und oben noch mit drohend umgeschlagenen Ngeln
verwahrt, ber den nur hie und da einzelne aus unbehauenen Steinen
zusammengesetzte Schornsteine emporragten. Diese gehrten zu
gewhnlichen Rindenhtten, in denen die Deportirten, wenn sie ihr
Tagwerk vollbracht und Abends ihr Mahl gekocht und verzehrt hatten,
Nachts unter strenger Wacht gehalten wurden, bis sie die Sonne zu neuer
Arbeit rief.

Es war das eine Abtheilung von Leuten, die unter verschrfter Strafe
stand. Theils hatten sie sich Widersetzlichkeit, theils andere Vergehen
zu Schulden kommen lassen, theils waren sie sogar entwichen und wieder
eingefangen worden, und die Letzteren besonders bten ihr Verlangen
nach Freiheit durch massive Ketten, an denen sie schwere Kugeln bei
jedem Schritt nachschleppen muten.

Wstes verwildertes Volk waren die Meisten; in Snden und Verbrechen
aufgewachsen und seit ihrer Strafzeit noch auerdem dem Abschaum der
Menschheit beigesellt, in dem sie sich auch nur wohl und behaglich
fhlen konnten. Jetzt freilich war der alte Trotz gebrochen und so
zgelloser, gotteslsterlicher und obscner Sprache sie sich auch
untereinander bedienen mochten, sobald ihnen Einer der Wchter nahe kam,
krochen sie scheu in sich zusammen, und lieen ihren Grimm hchstens an
dem harten Erdboden aus, den sie mit Schaufel und Spitzhacke angreifen
und ebnen muten.

Und wahrlich sie wuten, da sie ihren Wchtern keine Ursache zu Strafe
geben durften, denn erbarmungslos wre die Peitsche auf ihre Rcken
herabgekommen, bis ihnen das blutige Fleisch in Streifen niederhing.
Wenig genug Rcksicht wurde in jener Zeit schon auf die Deportirten
berhaupt genommen, mit was sie sich auch im alten Vaterland vergangen
haben mochten. Wehe aber den Unglcklichen, die unter verschrfter
Strafe standen, denn diese waren der Willkr ihrer rohen Wchter
vollstndig preisgegeben und nur in hchst seltenen Fllen drang eine
Klage zu hheren Beamten durch, irgend eine ungerecht _vollzogene_
Strafe zu untersuchen.

Solche Strafgnger wurden dabei (und waren es auch eigentlich meist) als
zum Tod verurtheilte und nur halb begnadigte Verbrecher betrachtet.
Der Tod drohte ihnen noch aus jedem Gewehrlauf der Wachen, die sie
umstellten, denn diese hatten ausgedehnte Vollmacht, bei der geringsten
verdchtigen Bewegung Eines der Gefangenen, von ihren Feuerwaffen
beliebigen Gebrauch zu machen.

Dabei trug fast jedes Vergehen, was sie sich _jetzt_ wieder zu Schulden
kommen lieen, verschrfte und doppelt verschrfte Strafen, und auf
Widersetzlichkeit gegen die Wchter oder erneute Flucht stand der Tod.

Da sie aber auch gar nicht an erneute Flucht denken durften,
dafr sorgte schon die vortrefflich eingerichtete und bewaffnete
Polizeimannschaft, die mit der blanken und scharfgeschliffenen Wehr
an der Seite, die mit Ketten beladenen Verbrecher schon im Zaum
halten konnten. Nachts blieb dazu der ganze, mit festen Pallisaden
eingeschlossene Platz, whrend die einzelnen Trupps wieder ihre
besonderen Wchter hatten, von Militair umstellt und Flucht war von dort
mit einem Wort unmglich.

Unter den Gefangenen befand sich Einer, der sich nicht allein durch
seine reinlicher gehaltene Kleidung, sondern auch durch sein ganzes
Benehmen vor den Uebrigen auszeichnete.

Es war ein muskuls gebauter krftiger und breitschultriger Gesell,
der sich aber nicht so hatte gehen lassen wie die Uebrigen, und wohl den
Stempel der Snde, doch nicht den der Gemeinheit auf seiner Stirn
trug. In seinem ganzen Wesen hatte er berhaupt etwas, das fr ihn
interessirte, denn es schien fast, als ob er nicht in diese traurige
Umgebung, in der er sich befand, gehre. Mglich vielleicht, da dazu
gerade diese traurige Umgebung die Schuld trug, aus der er sich, so
viel dies anging, zurckzog. Man sagt ja: im Lande der Blinden ist
der Einugige Knig, und es bedurfte _hier_ allerdings nur einer sehr
geringen Anstrengung, sich ber _diese_ Masse emporzuarbeiten.

Selbst aber durch solche geringe Anstrengung fhlte sich diese Masse
beleidigt, die nun einmal Keinem von ihr gestatten wollte, da er sich
aus dem allgemeinen Schlamm erhob. John Mulligan, der durch Tolmers
Frsprache seine Strafe so hatte gemildert erhalten, da er dieser
Abtheilung nur auf ein Jahr eingereiht war, hie deshalb auch sehr bald
gar nicht anders wie der Gentleman, oder auch Gentleman John, der
sich sogar den Ha einer groen Zahl der Gefangenen zuzog, weil er an
einem trotz aller Gefahren verabredeten Fluchtversuch nicht Theil nehmen
wollte.

Allerdings hatte er damals den Kameraden vorgestellt, da sie auf solche
Art gar nicht entkommen _knnten_ und ihr Loos nur dadurch, ohne das
Geringste zu erreichen, verschlimmern wrden. Sie nannten ihn dafr
einen feigen Patron, der keinen Muth mehr habe, etwas fr seine Freiheit
zu wagen und fanden noch in derselben Nacht, da Gentleman John
vollkommen Recht gehabt.

Ihr Plan wurde nmlich vereitelt ehe sie nur einmal die Ausfhrung
ordentlich begonnen hatten. Drei fielen dabei durch die Schsse der
Wachen, zwei Andere wurden schwer verwundet und diese Beiden, mit einem
sechsten, der sich betheiligte, vierzehn Tage spter gehangen -- als
Beispiel den Uebrigen.

So verging wieder ein Monat, und John Mulligan, der nur selten mit
irgend Einem seiner Kameraden Verkehr hielt, weil er keinen von ihnen
kannte, arbeitete fleiiger wie je, betrug sich dabei bescheiden gegen
die Wchter und war, mit einem Worte, das Muster eines Kettengefangenen,
den man den Uebrigen fortwhrend als Beispiel ausstellte. -- Aber htten
sie nur sein Herz sehen, nur die Gedanken lesen knnen, die Tag und
Nacht in seinem Hirne brannten, und ihn fast zur Verzweiflung trieben.

Freiheit! -- Freiheit! das war das einzige Gefhl, das ihn noch am Leben
hielt, das ihm Herz und Seele erfllte, und wenn er nicht schon lange
einen Versuch gemacht hatte, dies hchste Gut wieder zu erringen, trug
die Schuld nur seine Vorsicht und Schlauheit, die nicht zugab, da er
sich in ein nur halbweg unsicheres Unternehmen einlie. Er wute, welche
Strafe seiner diesmal wartete, sobald es milang, und selbst der Gefahr
durfte er sich nicht aussetzen.

Dadurch brigens, da er mit fast allen seinen Mitgefangenen verfeindet
war, gewann er sich mehr und mehr das Vertrauen der Aufseher und es
geschah jetzt schon gar nicht selten, da John Mulligan da oder dort die
Aufsicht ber die Arbeit irgend einer kleinen Abtheilung der Kameraden
bergeben wurde. Allerdings trug er deshalb nicht leichter an der Kette
und Kugel, und war eben so wie alle Anderen von den scharfgeladenen
Gewehren der Wache bedroht, aber es zeigte doch, da die Wchter
sein Bestreben sich gut zu betragen, anerkannten, whrend es die
Mitgefangenen nur noch immer mehr von ihm entfernte.

Natrlich spotteten diese ber ihn. Gentleman John, hie es, wird
nchstens eine blaue Jacke mit blanken Knpfen bekommen, und lieb Kind
beim Lieutenant werden. Zum Teufel mit dem Schuft, und _uns_ hat er
vorgelogen, da er auf Knguruh-Eiland der Anfhrer einer ganzen Bande
Buschrhndscher gewesen wre.

John Mulligan hrte es, und achtete nicht darauf.

Nur ein Einziger von Allen schien sich mit John befreundet zu halten,
und das war ein Irlnder, dessen brennendrothe Haare ihm den Beinamen
_Rothkopf_ verschafft hatten. Ueberhaupt wurde fast keiner der
Strflinge von den Mitgefangenen bei seinem wirklichen Namen genannt,
weil sich sonst Niemand aus den ewigen Jacks und Johns und Jims
herausgefunden htte.

Rothkopf a mit Gentleman John aus einer Schssel, und so hufig ihn
sonst die Peitsche der Wchter, besonders seiner bsen Zunge wegen,
getroffen, so war jetzt, seit er mit John Mulligan nher befreundet
worden, eine auffallende Besserung bei ihm eingetreten.

Natrlich schrieben die Beamten das einzig und allein dem wohlthtigen
Einflu zu, den John auf ihn ausgebt, und dieser stieg dadurch nur noch
mehr in ihrer Achtung.

Das ging eine Weile so fort, bis der Oberwchter, unter dessen Aufsicht
sie bis jetzt gestanden, abberufen wurde, irgend eine andere Stellung
auszufllen. An seiner Statt trat ein Schotte ein, der, von einem andern
Gang hierher versetzt, die Ueberzeugung mitbrachte, an Kettengefangenen
sei jedes Wort verschwendet, und man thue am Besten, sich, wie bei
eingeschirrten Stieren, nur durch die Peitsche mit ihnen zu unterhalten.

John Mulligan oder Gentleman John, wie er jetzt allgemein
hie, arbeitete heute mit Rothkopf zusammen an einem mchtigen
Stringybarkbaum, der mitten in dem ausgesteckten Weg stand, und deshalb
ausgerodet werden sollte. Sechs oder acht ihrer Kameraden mhten
sich ein kleines Stck weiter unten mit Brecheisen ab, einen riesigen
Felsblock von der Stelle zu rcken, den sie in der halben Zeit mit
Pulver htten sprengen und aufrumen knnen.

Um sie her, mit geladenen Gewehren, standen die dazu bestimmten
Polizeisoldaten, und der neue Oberwchter, statt des Spazierstocks eine
tchtige Knute von ungegerbtem Leder in der Hand, ging von Gruppe zu
Gruppe, um die Lssigen nur durch seine Gegenwart schon zu uerster
Anstrengung anzutreiben.

In diesem Augenblick stand er bei denen, die an dem Stein whlten,
nichts destoweniger den Blick nach allen Seiten werfend.

Du, John, ich halte es jetzt nicht lnger aus. Deinem Zureden nach hab'
ich mich gestellt, als ob ich unterduckte, und von Tag zu Tag hast Du
mir versprochen, da wir ausbrechen sollten. Ich habe immer noch auf
Dich gewartet, nun ist's aber vorbei, denn mit dem neuen =cove= als
Wchter und Einpeitscher will ich verdammt sein, wenn ich mich lnger
halten lasse. Sie sollen mich meinetwegen todtschieen oder hngen,
wenn die Sache schief geht, aber fr jeden gesegneten Tag todtgeschossen
_und_ gehangen zu werden, _das_ ist mehr, als Menschennatur ertragen
kann.

Hast Du Dich unter Deinem Furing etwas wund gerieben, wie ich Dir's
gestern Abend sagte? frug John vorsichtig.

Das hab ich, aber was soll das ntzen? lautete die mrrische
Gegenfrage. Zum Henker auch, wenn Du glaubst, da sie dadurch Mitleid
fr Einen fhlen, so bist Du verdammt auf dem Holzweg.

So wie wir den Baum hier umgeworfen haben, fuhr aber John ruhig fort,
denn der Wchter wandte sich jetzt und kam auf sie zu, so werden wir
oben auf den Hgelkamm geschickt. Dort fang an zu hinken und zu winseln,
und thu', als ob Du groe Schmerzen httest; das Weitere berla mir.
Ich will schon dafr sorgen, da Dir der Ring abgenommen wird.

Aber _Deine_ Kette? sagte Rothkopf erstaunt -- willst _Du_ nicht
mit?

Es ist ein Hundeleben im Busch, knirrschte John vor sich hin, und
ich kenne es leider schon zu gut, aber -- den Teufel auch -- es ist doch
Freiheit, und diesmal sollen sie mich nicht berlisten wie das letze
Mal, wo ich ein Esel war und meine Strafe verdiente.

Und Du gehst also mit?

Mein Ring ist durchgefeilt, sagte John rasch, der geringste Schlag
mit einem Stein darauf, und ich bin frei.

Aber die verfluchten Musketen.

Vor denen mssen wir uns schon sichern -- aber jetzt still -- da kommt
unser Aufseher! und mit wuchtigen Schlgen hieb er die Axt in die
ziemlich weichen Wurzeln des schon fast unterminirten und vom Boden
losgetrennten Gumbaums ein, da dieser bis zum Gipfel hinauf erzitterte.

Ihr trdelt hier auch eine Ewigkeit mit der Stange, sagte der
Aufseher, der eben zu ihnen trat. Zwei baumstarke Kerle und einen
ganzen Vormittag an einem solchen Schling herum zu spielen. Ich
glaube, ich habe mit meiner _Leder_hacke gefehlt, Euch ein wenig dabei
zu helfen. Nun -- wird's bald?

Ay, Ay, Sir, sagte John demthig, indem er aus Leibeskrften auf die
Wurzeln einschlug. Rothkopf untersttzte ihn dabei nach Krften, und es
dauerte nicht lange, so neigte sich der Wipfel des riesigen Baumes
-- erst langsam, dann immer schneller, bis er zuletzt mit _einem_
gewaltigen Schlage, seine ganzen Aeste fast dabei in Stcken
schmetternd, zu Boden krachte.

So -- nun rasch das Holz aus dem Wege, befahl der Aufseher, dann
die Zacken noch weggeschlagen; ich werde gleich zwei Andere von unten
heraufschicken, die ihn ein paar Mal durchsgen. Kommt Ihr nachher Alle
zusammen, so rollt ihn gleich aus der Bahn. Bis Mittag darf keine Spur
mehr davon im Wege sein.

Ay, ay, Sir, klang wieder die einzige Antwort der beiden Leute zurck,
als Zeichen, da der Befehl gehrt sei und erfllt werden solle, und der
Wchter stand mit einem finsteren Blick, und seine Peitsche wie im Spiel
auf- und abschwingend, daneben, als ob es ihm leid sei, da er bei den
beiden Gesellen auch nicht die geringste Ursache zur Strafe hatte; --
aber er fand nun einmal Nichts zu strafen, und mute sich endlich einem
andern Trupp zuwenden, der vielleicht lssiger in seiner Arbeit gewesen
war.

Rothkopf sah ihm, als er sie verlie, mit einem tckischen Blick nach,
und zischte vor sich hin:

Da solch eine _Spinne_ von einem Menschen _solche_ Kerle, wie wir
sind, prgeln darf! John, den kleinen Finger von meiner linken Hand
gb' ich noch drum, wenn ich _dem_ Burschen vorher, eh' wir abgehen, den
Schdel einschlagen drfte.

Du wrdest den Hals auch dazu geben mssen, sagte John trocken.

Bah, der ist doch verfallen, sobald wir den ersten Versuch machen und
erwischt werden, rief Rothkopf trotzig, aber was thuts -- _ein_mal
werden wir doch gehangen, frher oder spter, und bis dahin wollen wir
das Leben noch genieen.

Im Busch? fragte John kopfschttelnd.

Bah, Kamerad, lachte dieser, Du denkst immer noch an Deine verbrannte
Knguruh-Insel, wo Du Hunger und Kummer leiden mutest, weil Ihr die
Sache eben ungeschickt anfingt. Pa einmal auf, ob ich Dich nicht an
eine Stelle bringe, wo wir ein fideles Leben fhren knnen.

Im Busch? wiederholte John noch einmal unglubig.

Ja, im Busch, bettigte der Ire, aber freilich drfen wir nicht wie
die Einsiedler in einer Rindenhtte hocken, und nur eben ausbrechen,
wenn wir am Verhungern sind. Finden wir aber den Stamm der Schwarzen,
mit dem _ich_ befreundet bin, dann sollst Du einmal sehen, ob ich Dir
etwas vorgelogen habe.

Und halten die sich hier in der Nhe auf?

Wir sind nicht zehn Miles von ihrem Jagdrevier, und nur erst einmal
_dort_, auch auer aller Gefahr. Mach' also jetzt Anstalt, da wir die
verdammten Eisen von den Beinen bekommen, oder ich begehe einen tollen
Streich allein.

Still, dort kommen die Sger, flsterte John, nachher beim Essen
verabreden wir unsern Plan.

Vielleicht gingen die mit?

Sie mgen nachkommen, wenn sie Lust haben, sagte der vorsichtigere
John, zu Viele in einem Geheimni, haben es noch jedes Mal verdorben,
und ich darf mich _dies_mal nicht der Gefahr aussetzen, entdeckt oder
verrathen zu werden.

Weil Du so lang den Frommen gespielt? lachte Rothkopf.

Allerdings, und die Uebrigen mich deshalb hassen. Holzkpfe, die sie
sind, da sie glauben konnten, John Mulligan wre im Ernst ein solcher
Tropf, vor einem schurkischen Wchter im Staub zu kriechen.

Und heute Mittag?

Nachher -- die da drfen nichts merken.

       *       *       *       *       *

Das Mittagsessen war vorber -- eine einfache aber doch reichliche und
auch nahrhafte Mahlzeit fr die Leute, die aus in der Asche gebackenem
Waizenbrod und Hammelfleisch bestand.

Von solchem Brod oder Damper hatte sich John auch in den letzten Wochen
aus abgesparten kleinen Stcken einen Vorrath gebildet, an dem er immer
ein paar Tage zehren mochte. Bei seiner Mahlzeit gelang es ihm heute,
diese Hlfsration mit Rothkopf zu theilen, da sie es Beide leichter in
ihrer Jacke verbergen konnten.

Whrend dem Essen, das innerhalb der Pallisaden verzehrt wurde, nahmen
die Soldaten allerdings auch ihr Mittagsmahl ein, aber eine Flucht war
in der Zeit doch unmglich, da der einzige Ausgang mit doppelten Wachen
besetzt stand. Irgend Einer, der auerdem am hellen Tage htte versuchen
wollen, die Pallisaden zu berklettern, wre augenblicklich herunter
geschossen, oder doch dabei ertappt, und _wenigstens_ halb todt
gepeitscht worden. John's Plan lag auch nicht darin, ein solches
Wagstck in einer Weise zu unternehmen, wie sie von den Beamten schon
vorbedacht und durch Maregeln verhindert war. Er wute recht gut, da
ihre Flucht nur durch Ueberraschung gelingen konnte.

Nach dem Essen bildete sich wieder die Colonne, in der sie zu ihrer
Arbeit, von Soldaten umgeben, hinaus marschirten. Rothkopf hinkte dabei
bedeutend, und sttzte sich auf Johns Arm, der ihn fhrte.

Auch John schien nicht ganz fest auf den Fen, und hatte sich in das
linke Eisen ein paar baumwollene Lappen hineingesteckt, von denen der
eine Blut zeigte. Rothkopf hatte sein Bein fest umwunden, und arbeitete
sich nur mit groer Schwierigkeit vorwrts, um in der Reihe Schritt zu
halten.

Sie wurden, wie es John vorher gewut, heute Nachmittag auf den Kamm
des Hgelrckens geschickt, um hier passende Steine fr die Strae
loszubrechen. Der Hgelkamm dachte an der Seite, an der die Strae lag,
ziemlich steil ab, und die oben gelsten Steine rollten von selber zu
Thal. An der andern Seite zog sich ein weniger schrger Abhang in den
Busch hinein, der oben mit einzelnen Bumen, tiefer unten aber mit
dichtem Gestrpp bewachsen war. Auf dem Kamm selber aber, mitten
zwischen den Arbeitern, standen die Wachen mit ihren geladenen Gewehren,
und wenn die Strflinge, mit ihren Ketten berhaupt, htten an Flucht
denken knnen, wrden sie die Kugeln der Soldaten bald eingeholt und
unschdlich gemacht haben.

Was zum Teufel hast _Du_ nun wieder? sagte der Oberaufseher, als
er dort oben die verschiedenen Arbeitspltze angewiesen hatte und zu
Rothkopf trat -- was ist mit Deinem Bein?

Ich kann nicht mehr, Sir, sthnte der Mann -- bis hier herauf hab'
ich mich geschleppt, aber _jetzt_ bin ich's nicht mehr im Stande. Das
Bein ist entzndet und geschwollen; wie mit Messern sticht's mich bis
hier herauf. Wenn Sie mir die Kette nur wollten an das andere legen
lassen, vielleicht knnt' ich dann doch noch weiter arbeiten, sonst bin
ich nicht einmal im Stande, wieder allein hinunter zu _gehen_.

Das wei der Henker, was mit Euch Schuften immer los ist, brummte der
Oberaufseher verdrlich vor sich hin -- konntest wohl nicht das Maul
aufthun, wie wir unten waren, da Dir der Wundarzt den Schaden nachsah,
heh?

S'ist weiter nichts, Euer Gnaden, als die Kette drckt ihn auf eine
wunde Stelle, sagte John ehrerbietig -- wenn Sie's erlaubten, wollt'
ich ihn bald wieder auf den Fen haben.

Und wir?

Machen ihm blos die Kette, wie er's verlangt, an's andere Bein, das
hilft jedesmal -- wenigstens bis _das_ wieder heil ist. Es sind ja
Soldaten genug hier, die es ihm umschlieen knnten.

Zum Henker auch, rief der Oberaufseher -- ich glaube, der Bursche
drckt sich nur von der Arbeit und _spielt_ den Lahmen. Auf mein Herz,
_das_ hilft Dir bei mir Nichts, und mit den Worten zog er ihm ein paar
tchtige Peitschenhiebe ber. Rothkopf krmmte sich unter den Schlgen,
und suchte dem Befehl nachzukommen, indem er sich aufrichten wollte,
aber es ging nicht. Er vermochte nicht auf den Beinen zu stehen, brach
wieder zusammen, und fiel gegen einen Baum, an dem er sich die Stirn
blutig ri.

Wenn Euer Gnaden befehlen, sagte John demthig, so trag ich ihn
lieber den Hang hinunter. Mein Bein ist auch wund, aber Einer der Herren
Soldaten hilft mir vielleicht. Der arme Teufel hlt's so nicht aus.

Ich will selber sehen, was an der Wunde ist, sagte der Oberaufseher
trotzig, obgleich ihn der letzte Fall des Gefangenen stutzig gemacht
hatte. Man _darf_ Euch Schuften ja gar nicht mehr glauben, denn Ihr
betrgt und hintergeht uns auf _jede_ Weise. Da leg' Dich hin, Rother!
-- hast Du's gehrt, oder soll ich Dich beweglich machen?--

Rothkopf kroch zu der ihm bezeichneten Stelle, und der Oberaufseher nahm
seinen Schlssel heraus, winkte zweien der Soldaten, die nher heran
kamen und neben ihnen stehen blieben, und bog sich dann nieder, den
angeblichen Schaden des Gefangenen selber zu untersuchen.

John war ungemein geschftig, ihn darin zu untersttzen; er schob selber
einen Steinblock zurecht, auf dem sich der Herr Oberaufseher bequem
niederlassen konnte. Nachdem er Rothkopf dann etwas weiter vor und sein
rechtes Bein dabei in die Hhe gehoben hatte, da der Beamte es bequem
erreichen konnte, stemmte er das eigene darunter und sttzte sich selber
mit dem rechten Arm auf den Boden.

Der Beamte ffnete vorsichtig das Schlo der Kette, und der Gefangene
sthnte und winselte dazu; whrend aber die Kette oben klirrte, prete
unten John Mulligan in wahrer Todesangst das breite Eisen, das seinen
eigenen Knchel fest und umspannt hielt. Heimlich in der Nacht, seit
langen, langen Monden, hatte er mit einem Stckchen Feile, das er sich
zu verschaffen gewut, an diesem Ring gefeilt -- oft nur ein oder zwei
Striche die ganze Nacht, weil er nicht wagen durfte, die Wchter durch
das Gerusch aufmerksam zu machen. Die ausgefeilte Rinne brachte er
zuletzt so dnn, als er glaubte, da sie dem geringsten Druck nachgeben
msse; ja er frchtete mehr daran zu arbeiten, weil ihm die Kette sonst
am Ende einmal _vor_ dem richtigen Moment vom Fu abfallen konnte. Jetzt
nun, im entscheidenden Augenblick, whrend er den Kameraden mit dem
einen Arm angeblich untersttzte, prete seine andere Hand unten gegen
das fast vollkommen durchgefeilte Eisen, da ihm das Blut unter den
Ngeln vorzuspritzen drohte -- aber vergebens.

Na -- jetzt pass' auf und halt' ihn fest, sagte der Beamte, whrend
er das Schlo aufbog und das Eisen von dem Bein des Gefangenen herunter
fallen lie -- wo ist denn nun die schreckliche Wunde? -- Aber halt,
Kamerad, erst wollen wir Dir den hbschen Ring doch lieber um den andern
Knchel legen, nachher knnen wir uns den hier mit Mue besehen.

Hat Nichts zu sagen, Sir, sthnte John -- der luft _nicht_ davon.

Wenn _Du_ um Deine Meinung befragt wirst, magst Du antworten. -- La
_das_ Bein einmal los und heb das andere herauf. Was zum Teufel? --
wie siehst Du denn aus? Du hast ja einen Kopf wie ein Krebs so roth --
herauf mit dem Bein.

Ay, ay, Sir! rief John, und die Verzweiflung gab ihm Riesenkrfte.
-- Noch ein Moment, und ihr ganzer Plan war, vielleicht auf immer,
vereitelt -- doch wie er noch einmal seine Finger ber den eisernen Ring
prete, fhlte er, da sich dieser seinem Griffe bog.

Nun, wird's bald? rief der Aufseher.

Einen Moment, Sir -- ich bin mit meinen Ketten hier unten hngen
geblieben -- mach' es gleich wieder los.

Er lie das angeblich wunde Bein Rothkopfs herunter, und whrend er
jetzt auch mit der andern Hand nach seiner Kette fate, brach der breite
Ring unter seinem Griff wie Glas entzwei. Im Nu hatte er ihn gepallt und
ausgebogen, wenn auch die scharfe Kante ihm die Finger blutig ri, und
der Aufseher, dem diese pltzliche Bewegung nicht entgehen konnte, rief
erstaunt aus:

Alle Wetter, was machst denn _Du_ da, mein Junge.

Ich kurire _mein_ Bein, Sir! lachte in diesem Augenblick John, whrend
Rothkopf mit Blitzesschnelle in die Hhe fuhr.

Ist es Zeit? rief dieser.

Fass' ihn, lautete die einzige Antwort, und Verrath, schrie auch
schon in dem Moment der erschreckte Aufseher, Hlfe! Hlfe! Und
wohl hatte er Grund dazu, denn vier strkere Arme gab es nicht in den
Colonien, wie die waren, die ihn jetzt gefat und im Nu auf ihren Rcken
geworfen hatten. Rothkopf packte ihn um den Leib, John um die Knie, und
whrend sie, nach frherer Unterredung, den leichten Burschen als Schutz
gegen sonst etwa ihnen nachgeschickte Kugeln auf ihren Nacken hoben,
sprangen sie dabei in wilden Stzen den Hang hinab und direkt auf das
nchste Dickicht zu.

Hlfe! Hlfe! schrie des Aufsehers Stimme, aber die Soldaten durften
ihren Posten nicht verlassen, weil sie ja nie wissen konnten, ob das
nicht vielleicht dem gemeinschaftlichen Plan der Gefangenen galt, eine
allseitige Flucht zu versuchen. Nur ihre Gewehre spannten sie und hoben
sie in alter Gewohnheit an den Backen -- aber schieen durften sie eben
so wenig, wenigstens nach _diesen_ Flchtigen. Die Kugeln muten ja
fast, wo sie auch einschlugen, den Krper ihres eigenen Befehlshabers
treffen.

Hlfe -- Hlfe! tnte dessen Ruf schon tief von unten herauf,
und seine Rechte hatte sich inde vergebens bemht, in eine
seiner Brusttaschen zu gelangen und die dort steckenden Pistolen
herauszubringen. Rothkopf aber litt das nicht; wie in einem Schraubstock
schnrte er ihm die Arme zusammen, und als ihm die Bsche jetzt noch
ohnedies in's Gesicht schlugen, war er nicht mehr im Stande, sich zur
Wehr zu setzen.

Im nchsten Moment hatte ihn aber schon der niederhngende Ast eines
alten Gumbaums gefat und ri ihn gewaltsam aus den Armen der beiden
Entflohenen, whrend ihm der Sturz einen lauten Schrei ausprete.

Hier mag er bleiben, lachte Rothkopf, denn durch das Dickicht knnen
wir ihn doch nicht weiter schleppen, aber seine Pistolen wollen wir uns
noch ausbitten.

Und das Pulverhorn mit den Kugeln nicht zu vergessen, rief John.

Nur rasch, denn die Teufel sind uns schon auf den Fersen.

In dem Dickicht vergebens, lachte John, her mit den Waffen,
Canaille.

Gnade, Gnade! flehte der Beamte auf den Knieen und in Todesangst.

_Das_ ist die Gnade, die _Du_ verdienst, rief Rothkopf, und in voller
Kraft und Wuth, mit der geballten Faust zum Sto ausholend, warf er
den Unglcklichen leblos in das drre Laub zurck. Im Nu hatten sie ihm
dabei den Rock ausgezogen, die Uhr aus der Tasche gerissen, und flohen
nun, als sie die Verfolger schon von oben herunter durch die Strucher
brechen hrten, gerade nach unten in den dicksten Busch hinein.

Wohl suchte eine rasch herbeigezogene Hlfstruppe noch an diesem Abend
und die nchsten Tage den Wald nach allen Richtungen hin ab.
Groe Belohnungen wurden dabei von der Regierung ausgesetzt, und
Polizeisoldaten wie Militair war Monate lang beschftigt, diese frechen
Flchtlinge wieder einzubringen -- galt es ja doch auch, an ihnen ein
Beispiel zu statuiren -- doch vergebens. Gentleman John wie Rothkopf
waren und blieben verschwunden, und riefen sich nur dann erst wieder
in die Erinnerung des Publikums zurck, als ein paar hinter einander
verbte freche und khne Raubanflle ihre Namen von Neuem auf die Lippen
der Buschbewohner und Reisenden brachten.




3. Gentlemen John.


Die Poststrae zwischen der Hauptstadt der jetzigen Colonie Victoria,
_Melbourne_, und der von Sd-Australien, _Adelaide_, war damals noch
gar nicht so lange erffnet, und einmal wchentlich fuhr in jener ersten
Zeit ein zweirdriger Karren (der eine Anzahl von Passagieren tragen
konnte) mit den Postbeuteln betraut, die lange, de, durch den dichten
Busch nur nothdrftig ausgeschlagene Bahn. Die Fahrt selber war eine
Marter fr den Reisenden, und auf Bequemlichkeiten unterwegs durfte er
eben so wenig rechnen. Nichts destoweniger wurde diese =Royal mail=
doch stark benutzt, da sie die einzige zu einer bestimmten Zeit
abgehende und eintreffende Verbindung zwischen den schon ziemlich
bedeutenden Stdten des australischen Continents bildete.
Dampfschifffahrt war nmlich noch nicht eingerichtet, und die Passage
auf einem gelegentlich abgehenden Segelschiffe viel zu ungewi und
langweilig, um sich ihrer zur Personenbefrderung gern zu bedienen.

Wie aber die Strae rauh und die Postkutsche selber nur ein hchst
primitives Fuhrwerk war, so diente noch die Unsicherheit der Gegend
damals bedeutend dazu, das Romantische einer solchen Fahrt zu erhhen.
Gar nicht etwa so selten kam es vor, da die Reisenden von in den Busch
entflohenen Strflingen angefallen und geplndert wurden. Doch galt es
dabei als Thatsache, da sie fr ihr Leben Nichts zu frchten hatten,
sobald sie sich gutwillig dem Unvermeidlichen fgten und -- keine Waffen
bei sich fhrten. Die sogenannten Bushrangers nahmen ihnen dann eben
ab, was sie selber brauchen konnten, untersuchten die Postfelleisen
nach Geld oder Geldeswerth und lieen die Passagiere meist ungehindert
ziehen.

Nur wenn sie dieselben gegen sich gerstet oder gar Widerstand fanden,
war es vorgekommen, da der so verbte Raub auch in einen _Raubmord_
ausartete, und es blieb bald kein Geheimni mehr, da der berchtigte
Fhrer dieser Schaar niemand Anderes sei als Gentleman John selber.

So keck und verwegen diese Bande nun aber auch sein mochte, so lehrten
sie doch endlich zahlreiche, gegen sie ausgesandte Streifpatrouillen,
da sie einer disciplinirten und bewaffneten Macht nicht gewachsen
waren, und wenn alle diese Expeditionen auch nicht von besonderem Erfolg
gekrnt wurden, trieben sie die Strauchdiebe doch weiter in das Innere
zurck und deckten einigermaen die stark bedrohte Strae.

Es war im April, da an einem ziemlich rauhen und unfreundlichen
Herbsttage, diese Royal Mail ungewhnlich stark mit Passagieren
besetzt, die vom Regen aufgeweichte Strae entlang rasselte, whrend
die wettermrrischen Reisenden, in ihre Mntel gehllt und von dem
unbehlflichen Fuhrwerk schlammbespritzt und zerstoen, erst wieder
anfingen aufzuthauen, als sie eine der seltsamen Stationen erreichten,
auf denen ihnen eine halbe Stunde Rast fr ein flchtiges Mittagsmahl
gegnnt wurde.

Das Gebude selber bestand aus kaum mehr als einer Rindenhtte, mit
einer Art von Anbau, der zugleich als Kche und Vorrathskammer diente,
und lag an einer der desten Stellen der Strae. Trotzdem enthielt es
aber weit mehr Bequemlichkeiten und Gensse, als sein etwas rauhes,
ungelecktes Aeuere versprach, und die Passagiere befanden sich bald, zu
ihrer hchst angenehmen Ueberraschung, an einem reinlich gedeckten
Tisch, von dem ihnen ein sorgfltig hergerichtetes Mahl entgegen
duftete. Auch die Getrnke waren vortrefflich und in grter Auswahl
vorhanden, und die Wirthin, eine echt englische Matrone, einfach aber
sauber und nett gekleidet, prsidirte an der Tafel.

Der Wirth selber hatte sich noch nicht sehen lassen und drauen auch mit
der Besorgung frischer Pferde und dem Kutscher zu thun.

Die Reisegesellschaft bestand aus lauter Mnnern, da sich Damen diesem
rauhen Befrderungsmittel nur im hchsten Nothfall, und dann auch
nur auf kurze Strecken und von einer Station zur andern anvertrauten.
Allerdings muten sie in dem Fall, wenn sie fr solche Fahrt die Post
benutzen wollten, warten, bis sich ein Platz fr sie fand, da die
Postverwaltung nicht daran dachte, einen Beiwagen zu geben, selbst wenn
sich genug Passagiere dafr gefunden htten. Was dem einmal vorhandenen
Karren von Reisenden mglicher Weise aufgepackt werden _konnte_, wurde
geladen, die Uebrigen muten abwarten, ob sie vielleicht in der
nchsten Woche mitgenommen werden knnten.

Wie aber nun in ganz Australien die Bevlkerung eine hchst wunderlich
gemischte ist, so schien auch auf dieser Post fast jede Schicht der
Colonial-Gesellschaft vertreten. Eine hchst anstndig aussehende
Persnlichkeit in schwarzen Tuchkleidern mit schwerer, goldener Kette,
weier Wsche und Glachandschuhen, die eigentlich nicht recht in ihre
ganze Umgebung zu passen schien, reprsentirte den Kaufmannsstand der
Colonien. Es war ein Mr. Warrel aus Melbourne, der mittelst Post
nach Adelaide ging, um eine kurz vorher von Melbourne per Segelschiff
expedirte Ladung von Waaren selber an Ort und Stelle zu verkaufen.

Die zweite ansehnliche Persnlichkeit war ein Squatter aus dem
Adelaide-District, mit vollem Bart, einen Kohlpalmenhut auf, mit
Rock, Hose und Weste aus sogenanntem englischen Lederzeug, mit derben
Buschschuhen und einem rothseidenen Halstuch, das, um den schneeweien
Hemdkragen geschlagen, den sonnverbrannten krftigen Hals entblt lie.

Ganz gegen den Gebrauch der brigen Passagiere schien es dieser aber
zu verschmhen, sich waffenlos der Gnade und Ungnade des etwa dort
umherstreifenden ruberischen Gesindels zu bergeben. In dem breiten, um
den Leib geschnallten Grtel, der ein kurzes schweres Buschmesser trug,
staken ein paar kurze feingearbeitete Pistolen, und auerdem fhrte
er auch noch eine, wie er sagte, mit Rehpfosten geladene englische
Doppelflinte bei sich, die er unterwegs zwischen den Knien und ziemlich
trotzig zum Gebrauch stets in Bereitschaft hielt.

Seinen Platz hatte er mit vorn auf dem Bock, und der dritte Passagier,
der zwischen ihm und dem Kutscher eingeklemmt sa, war ein drres,
bleiches, kleines Mnnchen, ebenfalls ein Englnder, aber jedenfalls
Israelit, der in ziemlich schbigen Kleidern, mit einem alten
abgetragenen Hut, bis dahin, trotz seiner anscheinenden Armuth, die
entsetzlichste Angst vor einem mglichen Ueberfall gezeigt, und
besonders seinen schwer bewaffneten Nachbar fortwhrend mit
mitrauischen Blicken betrachtet hatte.

Die Post fhrte nur zwei Sitzbnke -- die eine war die, auf welcher
der Kutscher sa, und die neben ihm befindlichen Passagiere hatten die
Aussicht nach vorn ber die Pferde hin. Auf der zweiten, dicht hinter
diesen angebrachten, nothdrftig gepolsterten und mit Leder berzogenen
Bank saen die brigen Reisenden, jedoch mit dem Rcken nach vorn, und
die niedere darum gezogene eiserne Lehne diente weit weniger zu ihrer
Bequemlichkeit als zu ihrem Schutz, sich daran festzuklammern, wenn der
Wagen einen steilen Hang hinaufgerissen wurde. Versumten sie es, so
wren sie rettungslos nach hinten zu bergestrzt.

Auf dieser hinteren Bank sa der schon vorher erwhnte Kaufmann aus
Melbourne dicht hinter dem Kutscher. Den Mittelsitz hatte ein etwas
ruppig aussehendes Individuum, schon von Melbourne her in Besitz. Es
war dies dem Anschein nach einer der gewhnlichen Arbeiter, in ordinren
aber trotzdem ziemlich reinlich gehaltenen Kleidern und mit hoffentlich
besseren Empfehlungen und Zeugnissen in der Tasche, als ihm das eigene
Gesicht gewhren konnte. Der Bursche, der die ganze Fahrt hindurch
verdrossen und strrisch auf seinem unbequemen Sitz kauerte und
ununterbrochen Tabak kauete, hatte mit seinen Mitpassagieren auch noch
keine drei Worte gewechselt, und alle an ihn gerichteten Fragen -- wenn
berhaupt -- mit Ja, Nein, oder wei nicht, beantwortet.

Den dritten Platz neben ihm und Rcken an Rcken mit dem Squatter
nahm ein Mittelding zwischen Squatter und Arbeiter ein. Es war ein
vierschrtiger, krftiger Gesell, mit sonnverbrannten, nicht hlichen
Zgen und etwas Keckem, Drolligem in seinem ganzen Wesen. Er war erst in
Manebat, bis wohin ein anderer Passagier mitgefahren, aufgestiegen, und
bis jetzt eigentlich der Einzige gewesen, der durch seinen Humor, trotz
Wetter und schlechtem Fuhrwerk einiges Leben in die trge Unterhaltung
gebracht. Dem letzten Regengu hatte freilich auch er schweigend und
mrrisch die Wetterseite geboten. Jetzt aber im Trockenen, mit einer
Flasche Sherry an der einen und einem Becher Porter an der anderen
Seite, thaute er rasch wieder auf und es gelang ihm auch wirklich
seine, sonst ziemlich schweigsamen Reisegefhrten zu einer lebendigen
Unterhaltung zu bringen.

Stoff hierzu gab vor Allem der kleine ngstliche Passagier, der
unterwegs zwischen dem Kutscher und Squatter sa, und sich an jedem
Anhaltspunkt jedesmal vor allen Dingen neue und meist immer entsetzliche
Nachrichten ber krzlich erst verbte Gruelthaten der Buschrhndscher
sammelte. Auch hier hatte er nichts Eiligeres zu thun gehabt, als sich
mit seinen Erkundigungen an eine Art von Hausknecht zu wenden, der
die angekommenen Pferde eben abschirrte, sie, zu beideseitiger
Bequemlichkeit, frei im Busch ihrer Weide nachgehen zu lassen.

Dieser aber, ein verschmitzter Ire, und jedenfalls auch nur ein mit
=ticket of leave= oder Urlaubschein freigegebener Strfling, sah bald,
mit welcher Classe von Menschen er es hier zu thun habe, und erzhlte
dem ihm ngstlich und bestrzt Zuhrenden in aller Geschwindigkeit ein
paar so entsetzliche und schaudererregende Mordgeschichten, da
Mr. Moses, wie der kleine Mann hie, mit bleichem Antlitz in das
Passagierzimmer strzte, seine furchtbaren Neuigkeiten so rasch als
mglich den Uebrigen mitzutheilen.

Lgen, Mr. Moses, Nichts als Lgen, parirte brigens Mr. Warrel, der
sich eben mit den Anderen zu der gut besetzten Tafel niedergesetzt,
ziemlich kaltbltig die schrecklichen Nachrichten. Von wem haben Sie
sich diese Geschichten aufbinden lassen?

Von wem? rief der kleine Mann entrstet, von dem Burschen, der die
Pferde versorgt.

Von Tom, dem Iren, lachte aber jetzt selbst die Matrone, die gerade im
Begriff war, ein saftiges Roastbeef zu zerlegen, ja mein lieber Herr,
_den_ drfen Sie ber so etwas nicht fragen, denn wenn er merkt,
da sich Jemand vor Buschrhndschern frchtet, erzhlt er ihm die
grlichsten Geschichten, die ihm nur einfallen.

Wie heit, frchten? sagte kopfschttelnd Mr. Moses, wer hat ihm
gesagt, da sich Moses frcht? wovor frchten? sind meine Kleidchen
doch alt und schlecht genug und knnen sie meine Haut nicht gebrauchen.
Weiter hab' ich Nichts bei mer auf der Gotteswelt, wie verzehn Schilling
bar Geld vor die Reisespesen.

Nun so gleichgltig wre _mir's_ gerade nicht, brummte der Squatter,
eben mit einem saftigen Stck Fleisch beschftigt, finster in den Bart,
und den blutigen Canaillen mchte ich diesmal gerade nicht in die Hnde
fallen. Aber -- hol' sie der Teufel, ehe sie mein Geld bekommen, sollen
sie erst mit meinem Pulver und Blei Bekanntschaft machen, und ich denke,
ich habe genug von dem bei mir, ihnen zu dem anderen den Appetit zu
versalzen.

Sie sind allerdings kein Mann fr die Buschrhndscher, bester Herr,
lachte da der Passagier von Wanebat, der sich Mr. Bush nannte, denn
von oben bis unten mit Stahl und Eisen gespickt drften sich die armen
Teufel bei Ihnen wohl mehr Schlge wie Geld holen; unser Freund in
Schwarz dagegen, den ich zugleich herzlich ersuchen mchte, mir einmal
die Sherryflasche herberzuschieben, scheint ihnen freundlicher gesinnt
zu sein, denn er trgt kein solches Mordgewehr und Gold genug zur Schau,
ihnen den Mund darnach wssern zu machen.

Soll mer Gott helfen, wenn's nicht wahr ist, stimmte diesem Mr. Moses
in etwas verkehrter Betheuerung bei -- wt' ich 'nen besseren Platz
goldne Kettcher und Uhren zur Firma zu tragen, als die Buschstrae
zwischen Melbourne und Adelaide.

Der Kaufmann lachte und a eine Weile ruhig weiter; endlich aber sagte
er, noch immer schmunzelnd:

Freut mich, da Ihr mich fr so grn haltet, mit solchem Firlefanz
hier paradiren zu wollen. Werden wir aber wirklich von Buschrhndschern
berfallen, so gnne ich ihnen die ganze Bescheerung vom Herzen. An Geld
hab' ich nur ein paar Pfund Sterling bei mir und wenn sie mir die, und
den Plunder abgenommen, sind sie seelenglcklich und bedanken sich am
Ende noch gar bei mir.

Tht da e silbernes Kettche dieselben Dienste, meinte aber der
Israelit, wozu den Hallunken das gute Gold in die Zhne werfen.

_Gold_, lachte der Kaufmann mit einem verschmitzten Blick nach Mr.
Bush hinber, die Uhr mit Kette kostet mich in Melbourne gerade
12 Shilling -- das Zeug hier ist Tomback und das Werk selber keiner
Sixpence werth.

Ha, ha, ha, ha, lachte Mr. Bush, das ist vortrefflich, und der
Plan ganz ausgezeichnet. Wenn die Strauchdiebe Uhr und Brse von einem
Gentleman haben, visitiren sie ihn nachher nicht einmal weiter.

Und wenn sie mich visitiren, lachte Warrel -- ich trage Nichts auf
der Gotteswelt weiter bei mir. Komm' ich dann auch ausgeplndert nach
Adelaide, so ist die Handschrift des alten Warrel bekannt genug an der
Bank, mir Credit zu verschaffen.

Mr. Warrel, in der That? sagte Bush, ihn rasch und ehrfurchtsvoll
grend -- ah das glaub' ich, da _Sie_ weder in Adelaide noch
Melbourne vier und zwanzig Stunden ohne Geld zu sein brauchen. Da
mu unser Freund Moses hier seine Barschaft allerdings sorgfltiger
verstecken!

Ich? rief der kleine Mann erschreckt, und lie die eben aufgenommenen
Messer und Gabel klirrend auf den Teller zurckfallen. Gott der
Gerechte, wo soll ich Barschaft versteckt haben? -- etwa in die
Tschchens hier, oder in die zerrissenen Stiefelcher? Soll mer Gott
helfen, wenn ich wei, wie ich die erste Woche meine Kost in Adelaide
zahlen soll, die so schrecklich theuer ist in die Gasthfe.

Nun, nun, lachte Bush, mir ist's ja recht und ich brauche nicht dafr
zu sorgen. Uebrigens haben wir keinesfalls etwas zu frchten, denn mein
wohlbewaffneter Nachbar hier wird uns das Gesindel schon vom Leibe
halten. Ihre Pistolen sind doch hoffentlich geladen, und nicht auch nur
ein falsches Aushngeschild wie Uhr und Kette, Mr. Warrels?

Ob sie geladen sind, erwiderte der Squatter, emsig mit dem vor ihm
liegenden Braten beschftigt, und ich will verdammt sein, wenn ich
nicht guten Gebrauch davon zu machen gedenke. -- Haben Sie gar keine
Waffen bei sich?--

Ich? ei gewi, rief Bush. -- Ich theile keineswegs die Ansicht der
Herren, die sich den Strauchdieben gutwillig berlassen mgen. Manchmal
ja, mag man es mit einem gutmthigen Exemplar zu thun bekommen. Es
bleibt aber stets ein fatales Gefhl, sich der Gnade und Ungnade solcher
Burschen zu berlassen. So lange ich mich noch meiner Haut wehren kann,
seh' ich nicht ein, wehalb ich den Versuch nicht wenigstens machen
sollte.

Dann sind Sie mein Mann! rief der Squatter, ihn augenscheinlich
beruhigt auf die Schulter klopfend. -- Und Ihr da drben, Freund,
wandte er sich an den schweigsamen Passagier, der an dem untern Ende
der Tafel keinen Blick von seinem Teller verwandt, und keine Silbe
gesprochen hatte -- wie steht es mit Euch?

Der Angeredete sah, ohne den Kopf zu heben, einen Moment nur durch seine
buschigen Augenbrauen nach dem Sprecher hinber, und schien erst keine
Antwort auf die an ihn gerichtete Frage geben zu wollen.

Wer -- ich? sagte er endlich, als der Squatter noch immer schwieg und
seinen Blick nicht von ihm nahm.

Ja, Ihr, Mate, seid Ihr bewaffnet?

Nein, brummte der Mann, sich neuen Fleischvorrath auf seinen Teller
hufend -- wozu?

Wozu? wollt Ihr Euch von den Buschlufern wehrlos mihandeln lassen?

Der Angeredete lie seinen Blick von dem Sprecher langsam und fast wie
hhnisch auf dessen Nachbar, Mr. Bush gleiten und sagte dann pltzlich,
indem er gleichgltig wieder seine Mahlzeit fortsetzte:

Wollen's abwarten, Mate!

Auf unsern schweigsamen Freund da unten, lachte Bush, scheint es,
als ob wir nicht besonders rechnen drften. Dann haben wir nur noch den
Kutscher, als dritte Hlfe!

Hol die Kutscher der Bse, brummte der Squatter, mit dem Erfolg seiner
Anrede nichts weniger als zufrieden. Wenn die es nicht geradezu mit den
Buschkleppern offen halten, passiren sie doch die Strae viel zu oft,
sie sich zu Feinden zu machen. _Die_ Kerle bleiben gewhnlich ruhig
auf ihrem Bock sitzen und sind froh, wenn ihnen nur die Pferde gelassen
werden, weiter zu fahren. Alles Uebrige kmmert sie wenig genug.

Bah, sagte Mr. Warrel, die ganze Geschichte ist ja doch nur ein
miges Geschwtz von Reisenden, die -- an dem Ort ihrer Bestimmung
glcklich und ungehindert angelangt -- nicht umhin knnen, mit irgend
einer berstandenen schrecklichen Gefahr zu prahlen. Hier im Land haben
wir keine Tiger oder andere reiende Bestien, und da mssen dann jahraus
und jahrein die Buschrhndscher den alleinigen wieder und wiedergekuten
Stoff liefern. Ich wette 100 . Sterl., da wir auf der ganzen Fahrt
keinen zu sehen bekommen.

Topp! rief ihm Mr. Bush pltzlich entgegen, ich nehme Ihre Wette an,
Sir, und kann dabei jedenfalls nur ein gutes Geschft machen.

Auch wenn Sie verlieren? rief Mr. Warrel.

Dann erst gewi, lachte der junge Mann. Ich habe eine Herde von
15.000 Schafen verkauft, fr die ich das Geld in Wechseln und Banknoten
bei mir trage, und will gern 100 Pfund davon bezahlen, wenn ich das
Uebrige sicher nach Adelaide bringe. Wird es mir aber abgenommen, so
sind Ihre 100 Pfund wieder ein ganz hbscher Anfang fr einen neuen
Beginn.

Hol's der Henker, rief der Squatter, wenn Sie die Sache von der
Seite betrachten, mcht' ich auch wetten, denn wenn _mich_ die Schufte
plnderten, machten sie ebenfalls kein schlechtes Geschft. Wie wr's,
Herr Warrel, wenn wir eine gleiche Versicherung abschlssen.

Danke Sir, wehrte aber dieser lachend ab, ich bekomme dafr
kein Aequivalent, denn das Vergngen, einen wirklichen lebendigen
Buschrhndscher zu sehen, ist doch kaum mehr als hundert Pfund werth,
und wenn es wirklich der berchtigte Gentleman John selber wre.

Dann nehmen Sie wenigstens eine von meinen Pistolen, sagte der
Squatter. Drei entschlossene und bewaffnete Mnner knnen sich einen
ganzen Schwarm der feigen, ruberischen Schufte vom Leibe halten.

Auch dafr mu ich danken, sagte der vorsichtige Kaufmann. Ich
habe Frau und Kind, wie ein recht hbsches Besitzthum zu Hause, und
keineswegs Lust, mein Leben oder meine gesunden Gliedmaen unnthiger
Weise auf's Spiel zu setzen. Was ich bei mir trage, bin ich jeden
Augenblick bereit, mit Vergngen herzugeben -- sollten die Herren uns
wirklich ganz gegen Erwarten einen Besuch abstatten. Mehr knnen sie
nicht verlangen und verlangen sie nicht. Wer mehr zu verlieren hat, mag
zu anderen Mitteln seine Zuflucht nehmen.

Der mit dieser Politik nicht besonders einverstandene Squatter murmelte
einen leisen Fluch in den Bart, erwiderte aber weiter Nichts, und der
Kutscher, der indessen drauen in der Kche sein Mittagsmahl verzehrt
hatte, erschien auch in diesem Augenblick in der Thr, den Passagieren
anzuzeigen, da ihre Ruhezeit verflossen und die =Royal Mail= gerade
wieder im Begriff sei abzufahren.

Drauen an der Thr stand der Wirth, den Hut auf dem Kopfe, die Hnde
in den Taschen, und nickte den Passagieren zu, als sie an ihm
vorbergingen.

Glckliche Reise, Gentlemen; kommen Sie gesund nach Adelaide. Und du,
Bill, wirf die Herrschaften nicht etwa hier gleich unten im Sumpf in das
Wasserloch, wie es James neulich gemacht hat. Es knnte nicht wieder
so gut abgehen, da sie mit ein paar Arm- und Beinbrchen davon kmen.
Einen Doctor haben wir jetzt berdies nicht mehr im Haus.

Habt keine Angst, Jones, lachte der Angeredete. Wenn wir nur
glcklich durch den Billibong drben kommen, im Sumpf selber hat's keine
Gefahr, und wenn wir umkippen, will ich uns schon eine weiche Stelle
aussuchen.

Das sind vortreffliche Aussichten, Mr. Bush, sagte der Melbourner
Kaufmann, als er neben diesem hin dem Wagen wieder zuschritt. Dagegen
wird Ihnen wohl keine Assecuranz helfen, wie?

Die Kerle fahren wie der Teufel, beruhigte ihn aber dieser, und haben
ihre Thiere sicher in der Hand. So lange der Karren selber hlt, haben
wir schwerlich etwas zu frchten.

Desto besser dann, sagte der Kaufmann, sich, so gut es gehen wollte,
wieder auf seinem schmalen Sitz zurecht rckend, und nun Kutscher,
fahrt zu; Wetter noch einmal, ist das eine unbequeme Bank. Man hat
wirklich alle Hnde voll zu thun, sich nur fest zu halten. Sucht Ihr
denn Euere Passagiere wieder zusammen, wenn Ihr einige davon einmal
verliert?

Manchmal, erwiderte der Mann trocken. -- He da -- Alle an Bord?

Alle -- so gut es eben geht.

=Well then= -- la geh'n davorn, Tom -- Halt' fest da hinten -- komm
Jerry, komm Bock -- hu -- pih! und mit krftigem Peitschenschlag auf
die bumenden Thiere einhauend, trieb er diese zu raschem Ansprung, da
sie den unbehlflichen Karren mit einem Ruck nach vorn rissen.

Um Gottes Willen, mein Hut! rief Mr. Warrel, der sich beinahe den Arm
in der eisernen Lehne ausgerenkt hatte, whrend ihm der Hut vom Kopfe
flog.

=Never mind, Bill!= rief aber Tom, der Hausknecht, an derartige kleine
Folgen wahrscheinlich schon gewhnt, indem er den Hut in der Luft
fing und seinem Besitzer mit auerordentlicher Geschicklichkeit wieder
zuschleuderte. Alles in Ordnung -- =go on=!

Der Kutscher, der von dem Zuruf auch nicht die mindeste Notiz genommen,
bedurfte dieser Beruhigung gar nicht, denn, ohne sich nach dem Passagier
oder dessen Hut auch nur umzusehen, gab er seinen Thieren nur wiederholt
die Peitsche, und der fest auf seinen Achsen ruhende Karren rasselte
rcksichtslos und wild ber die rauhe holprige Strae hin, seiner Bahn
entlang.

An eine Unterhaltung zwischen den Passagieren war unter solchen
Umstnden gar nicht zu denken. Jeder hatte vollauf zu thun, sich auf
seinem Sitz, und wie ein australisches Sprchwort ganz passend sagt,
die Zunge im Munde festzuhalten, bis der Weg wieder ebener und weicher
wurde, und der Karren, von den Flchen der mihandelten Passagiere
begleitet, wenigstens verhltnimig ruhiger auf seiner Bahn
dahinrasselte.

Der Weg zog sich hier, wo er schon das Murraythal berhrte, durch einen
Wald der mchtigsten Gumbume hin, und die Bahn hindurch war dabei
keineswegs in einer geraden Linie gehauen worden, sondern immer nur den
strksten Stmmen ausweichend und die lichtesten Stellen whlend. Hie
und da stand auch wohl noch ein tchtiger Stumpf mitten im Weg, und es
bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Kutschers, das allerdings
mit seinen zwei Rdern leicht zu wendende Fuhrwerk zwischen all' den
vorliegenden Hindernissen mit solcher Schnelligkeit hinzufhren.

Dem Squatter, der vorn mit auf dem Bock sa und dabei Zeuge war, wie
die Achsen oft nur in Haaresbreite an einem der alten Waldriesen
vorbergerissen wurden, war gar nicht wohl bei der Fahrt, und er hatte
seine ganze Kaltbltigkeit nthig, dem tollen Rennen so ruhig zuzusehen.
Einmal aber, als der Wagen wieder an einem alten Gumbaum so dicht vorbei
schnellte, da er noch ein Stck von der dicken weichen Rinde mit abri,
und dann gleich darauf mit dem einen Rad ber einen umgestrzten Klotz
fuhr, wonach der Karren sich wohl fnfzehn Schritt weit auf dem andern
eben noch balancirte, konnte er es doch nicht mehr so ruhig mit ansehen,
und sagte, sich zu dem Kutscher wendend.

Heda, Freund -- von _unseren_ Hlsen gar nicht zu reden, scheint Ihr
auch mit Eurem eigenen verwnscht rcksichtslos umzugehen. Wenn wir
hier umgeschlagen wren, htten wir die Hrte unserer Schdel an jenen
Gumbumen leicht versuchen knnen.

Knnt Recht haben, Mate, erwiderte ziemlich ungenirt Bill, der
Rosselenker, aber immer noch besser, als da wir den gesegneten
Buschkleppern in den Rachen laufen.

Und htten wir hier wirklich etwas von ihnen zu frchten? frug der
Squatter rasch.

Hier? -- habt Ihr den Kerl nicht gesehen, der etwa fnfhundert Schritt
zurck links vom Wege ab in den Busch hineinsprang?

Den Kerl? -- habt Ihr Jemanden gesehen?

Glaubt Ihr, ich treibe meine Thiere hier umsonst zu Schanden? brummte
der Mann mrrisch in den Bart. Hol' die Pest auch ein solches Leben,
und das soll die letzte Fahrt sein, die meiner Mutter Sohn auf dieser
vermaledeiten Strae hin und wieder fhrt.

Der Squatter erwiderte kein Wort weiter, griff aber nach seinen
Pistolen, ob sie ihm, der Hand bequem, im Grtel stken, und sah nach
den Htchen auf seiner Doppelflinte.

Der Kutscher warf seitwrts einen halb neugierigen, halb unzufriedenen
Blick auf die Waffen und sagte:

Schieen die Dinger sicher?

Das wollt' ich meinen, erwiderte der Squatter.

Und geh'n sie auch los?

Ich mchte ihnen nicht auf fnfzig Schritte im Wege stehn, lautete die
beruhigende Antwort.

Hm, brummte aber der Mann, noch keineswegs damit zufrieden gestellt,
ich wei doch nicht, ob Ihr nicht besser thtet, die Dinger in den
Kasten zu packen.

Damit uns die Schufte ungehindert plndern knnten, wie?

Ist eben nur noch die Frage, ob Ihr sie damit hindern _knnt_, lautete
die mitrauische Antwort. Die Schufte whlen sich eben Ort und Zeit
nach eigenem Gefallen, und wenig Gutes hab' ich bis jetzt von solchen
Schiedingern gesehen, die nie los gehen, wenn sie eigentlich
sollen. Alle, die ich bis jetzt auf dem Karren gehabt, haben sich die
Buschrhndscher selber mitgenommen, und noch nicht einmal so viel als
Danke dafr gesagt.

Und sind Sie hier schon einmal von den Rubern berfallen worden?
mischte sich der kleine Zwischenpassagier in das Gesprch, der demselben
bis dahin in fieberhafter Angst gelauscht.

_Einmal_? sagte der Kutscher, indem er einen halb erstaunten, halb
verchtlichen Blick nach dem an seiner Seite geklemmten Passagier
hinunter warf, _viermal_ haben mich schon die Herren von der Strae,
wie sie sich nach echt englischer Art zu nennen belieben, unter
den Fusten gehabt, und ich will seelensfroh sein, wenn ich die
Bekanntschaft dieser verdammten Canaillen nicht heute zum fnftenmal zu
machen habe.

Halloh, Camerad, rief da Mr. Bush, der sich auf seinem Sitz nach dem
Kutscher umdrehte, haben sie Dich so schlecht behandelt, da Du ihnen
solche Ehrentitel giebst?

Hol' sie der Bse! zischte Bill zwischen den Zhnen durch, wenn sie
mir auch noch Nichts zu Leid gethan, ist es doch nur eine blutige Bande
von Strflingen und dem Galgen abgestohlenes Gelichter, und je weniger
man mit den Schuften zusammen kommt, desto besser.

Das ist ein gefhrliches Urtheil fr eine gemischte australische
Gesellschaft, lachte der junge Mann, aber Ihr selber seid wohl
noch nicht lange im Land, und wohl gar einer der sogenannten freien
Einwanderer?

Bill warf einen zornigen Blick nach dem Sprecher zurck und sagte
finster:

Bin ich auch, Mate, wenn's Euch etwa kmmert, und fr mein eigen Geld
in die Colonie gekommen, und das ist mehr, als mancher _Gentleman_ von
sich sagen kann.

Mr. Bush lachte gutmthig vor sich hin und warf nur einen Seitenblick
auf seinen Nachbar. Dieser schien aber weder den Gentleman, noch die
andere Anspielung auf sich zu beziehen, und kaute nur ruhig an einem
riesigen Primchen weiter, das er fortwhrend aus der linken in die
rechte Backe und wieder zurck wechselte.

Das Gesprch wurde hier durch einen gotteslsterlichen Fluch des
Kutschers unterbrochen, der vor sich in dem hier ziemlich schmalen Weg
ein paar von einem Gumbaum niedergebrochene, sehr starke Aeste liegen
sah, die sich auf keine Weise umgehen lieen und erst fortgerumt werden
muten. Unfern davon, unter einem andern Baum, sa ein Fureisender, ein
sogenannter _Bndelmann,_ der sein Bndel und seinen Stock neben
sich gelegt, sein Frhstck vor sich auf den Knien, ganz ruhig und
unbekmmert da in freier Luft tafelte und den dicht neben ihm haltenden
Postkarren kaum eines Blickes wrdigte.

Halloh, Mate! rief ihm da der Kutscher, wie er nun seiner ansichtig
wurde, zu, macht's Euch was aus, wenn Ihr einmal einen Augenblick
aufstndet und das verdammte Holz da aus dem Wege rumtet? Ich kann die
Zgel hier nicht los lassen!

Hm, sagte der Bursche, ohne sich besonders auer Fassung bringen zu
lassen, Euere ganze Gesellschaft da oben hlt wohl die Zgel mit,
oder hat sich festgebunden, da sie nicht abgeschttelt wird? -- Na
meinetwegen; das nchste Mal, wenn ich fahre, knnt _Ihr_ mir vielleicht
das Holz aus dem Wege rumen-- und sein Frhstck neben sich
niederlegend, stand er langsam auf und stieg zu dem nchsten Ast
hinber, dicht vor dem die schumenden Pferde hielten.

Donnerwetter, Mate, das Holz ist schwer, rief er hier, als er
vergebens den einen Ast zu lften versuchte; na, Eure Pferde beien
doch nicht?

Bewahre -- lat sie nur los -- he da, Kamerad, Ihr drckt sie mir ja
ganz in den Busch hinein. Die Pest ber Euch, Ihr werdet mir den Karren
umwerfen.

O, bewahre! sagte der Bndelmann, der das Handpferd dabei beim Zgel
genommen und seitwrts in den einen Baumwipfel hineingedrckt hatte,
kommt gleich Alles in Ordnung, Mate. Da sind auch noch ein paar
Kameraden, die mir helfen knnen!

Halloh, Bush! rief da pltzlich der Squatter, der von rechts und links
unter den Bumen ein paar zerlumpte und drohende Gestalten auftauchen
sah, indem er sein Gewehr in die Hhe ri, jetzt giebt's Arbeit --
nehmt Ihr die _rechts_, ich will mit denen da links--

Vorsichtig, Kamerad, sagte da pltzlich Mr. Bush, der schon, wie der
Bndelmann zu den Pferden ging, ein Doppelpistol aus der Tasche gezogen
und die Hhne gespannt hatte, indem er mit der linken Hand die Schulter
des Squatters ergriff und drckte; ich mchte Euch etwas sagen.

Da kommen sie, bei George -- Wetter, Mate, Ihr drckt mir die Schulter
ein -- was ist -- he -- was--

Pst -- nicht ein Laut! rief aber Mr. Bush ruhig aus, und der Squatter
sah zu seinem Entsetzen das gespannte Pistol seines Reisegefhrten
mit der Mndung dicht an seinem eigenen Ohr. Der geringste Griff
nach Eueren Waffen -- eine weitere Bewegung nur, und ich schicke Euch,
grerer Bequemlichkeit wegen, ein Loth Blei durch's Hirn. -- Ihr
Anderen haltet Euch ruhig, und es soll Euch nichts zu Leid geschehen. --
Nur wenn sich Jemand widersetzt, mag er sich die Folgen dann auch selber
zuschreiben.

Von allen Seiten sprangen indessen wild genug aussehende Kerle, die
meisten von ihnen Gewehre in der Hand haltend, aus den Bschen und
hinter Bumen, hinter denen sie bis jetzt versteckt gelegen, vor,
whrend der Bndelmann, ohne sich weiter um die Passagiere zu kmmern,
die Strnge der Pferde durchschnitt und die Flucht unmglich machte.

Der Squatter knirschte mit den Zhnen, aber er wute sich auch so
vollstndig in der Gewalt seines jetzt hinter ihm stehenden bewaffneten
Feindes, da ein Widerstand vollkommen nutzlos gewesen wre und im
nchsten Augenblick sein Leben gekostet haben wrde.

Die brigen smmtlich unbewaffneten Passagiere hielten sich vollkommen
ruhig, das Unvermeidliche eben ber sich ergehen zu lassen. Nur Bill,
der Kutscher, konnte das Zerschneiden seiner Strnge nicht so geduldig
mit ansehen.

Hll' und Teufel, Mate! schrie er, die Pferde an den Zgeln
zurckreiend, vom Bock nieder, was ruinirt Ihr mir denn das Geschirr?
Seht Ihr denn nicht, da ich doch in dem vermaledeiten Holz bis an die
Ohren sitze und weder vor noch rckwrts kann?

Ruhig, mein Herz! rief ihm aber der vermeinliche Bndelmann entgegen,
der indessen eine ebenfalls dort versteckt gelegene Muskete aufgegriffen
hatte, bleib Du nur ganz still und geduldig auf Deinem alten
Klapperkasten sitzen, bis man Dich ruft. Mit Deinen Pferden wirst Du
wohl keine Sorge weiter haben.

Meine Herrschaften! sagte in diesem Augenblick der sogenannte Mr.
Bush, ohne jedoch seine drohende Stellung auch nur im Mindesten zu
verndern. Ich mu sie ersuchen, _einzeln_ und _langsam_ vom Wagen
abzusteigen. Sie haben fr Ihr Leben nichts zu frchten -- nur wer sich
widersetzt, ist ein Kind des Todes. Mr. Warrel, Sie haben wohl die Gte,
den Anfang zu machen.

Mit Vergngen, sagte der wrdige Herr, der nur an das selbstverrathene
Geheimni seiner unechten Uhr und Kette mit einiger Verlegenheit dachte,
indem er dem Befehl jedoch Folge leistete. Zugleich sah er sich unter
der Aufsicht Eines der Buschrhndscher, der mit gespannter Muskete neben
ihm stehen blieb.

Nun Ihr da, Freund, ich wei Euren Namen nicht, wenn's gefllig wre.

Dank' Euch, John, sagte der Mann, der bei dem ganzen Ueberfall auch
nicht eine Miene verzogen oder sich anders benommen htte, als ob ihnen
auch nur das Allergewhnlichste begegnete.

Ihr kennt mich? rief Mr. Bush berrascht aus.

Sollt' es denken, meinte der Andere, ohne auch nur die Hnde aus
seinen Taschen zu nehmen, indem er von seinem Sitz hinunterstieg und
langsam zu dem Kaufmann hinberging, habe schon frher einmal das
Vergngen gehabt.

So? lachte Gentleman John, der Anfhrer der Schaar, nun davon
nachher. -- Jetzt Ihr da, Kamerad, mit dem traurigen Aussehen und dem
geflickten Kittel. Hinunter mit Euch, habt Ihr mich verstanden?

Ach, gndigster Herr Buschrhndscher. winselte der arme Teufel, indem
er wie eine Schlange zwischen dem Kutscher und Squatter hindurch ber
den Rcksitz des Bocks hinweg und hinten hinunterglitt: ich habe ja
Nichts als mein elendes erbrmliches Leben, und wenn Sie nur so uerst
gndig sein wollten und mir--

Stopf dem Burschen einmal das Maul, Bob, wenn er nicht von selber ruhig
ist, rief Gentleman John ruhig vom Bock nieder, und Mr. Moses sah kaum
die furchtbare Muskete auf sich gerichtet, als er auch winselnd und
erschreckt in die Knie sank und keinen Laut weiter ber die Lippen
brachte.

Jetzt hierher, zwei von Euch! rief da der Befehl des Anfhrers wieder
Einige der Schaar zu dem Wagen, auf dem Gentleman John noch immer
neben dem Kutscher den bewaffneten Squatter mit der gespannten Pistole
bedrohte. Nehmt dem Herrn hier doch einmal die schweren Waffen ab
und bringt sie in Sicherheit. -- Lat geschehen, Freund, was Ihr nicht
hindern knnt, denn der geringste Widerstand -- halt -- bemht Euch
nicht selber -- so, Rothkopf, wenn Du genthigt sein solltest, auf den
Herrn zu schieen, so tritt ein wenig bei Seite, da ich nicht auch
einen Theil der Ladung bekomme. Nehmt das Gewehr hinunter, und nun die
Pistolen. Auch den Grtel schnallt ab, an dem das Messer sitzt, eine
vortreffliche Waffe, wie es scheint, die ich fr mich selber zum
Andenken behalten werde. So, meine werthgeschtzten Herren, und
nun, Mates, bindet ihm doch einmal die Hnde auf den Rcken, da wir
vorlufig keine weiteren Umstnde mit ihm haben.

Was wollt Ihr noch mehr von mir? rief der Squatter bei diesen Worten
entrstet, ich habe alle meine Waffen abgegeben.

Nur ruhig, Kamerad, nur ruhig. Das Andere wird sich weiter finden,
sagte Gentleman John mit freundlichem Kopfnicken. Euch vor allen Dingen
mssen wir sicher haben. Die andern Herren sind klug genug, sich auch
ohne das unseren Wnschen geduldig zu fgen.

Der Squatter, von mehreren Seiten dabei durch auf ihn gerichtete Gewehre
bedroht, mute vom Wagen hinunter, wo ihn einige von der Bande in
Empfang nahmen, und ihm die Ellbogen auf dem Rcken zusammenschnrten,
und Bill, dem Kutscher, wurde dann ebenfalls bedeutet, seinen Bock zu
verlassen.

Gentleman John bernahm jetzt, als er smmtliche Passagiere unter
sicherer Aufsicht sah, die Visitation oder vielmehr die Plnderung
der Ueberfallenen, und begann dabei mit dem Squatter, dem er eine stark
gefllte Brieftasche und eine wohlgespickte Brse, ohne den Inhalt fr
jetzt weiter eines Blickes zu wrdigen, abnahm.

Nach ihm kam Mr. Moses an die Reihe, der sich unter winselnden
Betheuerungen hoch und heilig verschwur, der rmste Mensch unter der
Sonne zu sein, und bereitwillig dabei selber seine Taschen umdrehte, aus
denen nur einige Schillinge und etwas Kupfergeld zur Erde fielen.

Das ist freilich wenig, sagte mit bedauerlichem Achselzucken sein
frherer Reisegefhrte, wer aber so bereitwillig Alles hergiebt, was
er hat, verdient auch dafr Belohnung. Hier, Rothkopf, zieht doch einmal
dem Kutscher seine Strmpfe und Schuhe und Hosen und Kleider aus. Er mag
mit Mr. Moses tauschen.

Gott der Gerechte soll mich bewahren, da ich dem Manne seine warmen
Kleider nhme, rief aber Moses, indem er bleich vor Schreck wurde, bin
ich doch zufrieden mit dem, was ich habe.

Nein, nein, lachte Gentleman John, wir wissen besser, was sich
schickt -- heda, helft ihm doch bei seiner Toilette. Zum Teufel auch,
Jungen, seid doch ein wenig galant und untersttzt unsere Gste.

Moses wollte sich noch lnger struben, aber es half ihm nichts. Ein
paar der Buschrhndscher sprangen zu, und whrend ihn Einer hielt, zog
ihm ein Anderer die Schuhe und Strmpfe aus, aus welchen Letzteren bald
verschiedene kleine Pckchen von Banknoten zum Vorschein kamen.

Der arme Teufel schrie und tobte, und verlangte Hlfe von den andern
Passagieren, aber es half ihm Niemand. Jede Naht, jede Falte, jedes
Stckchen Unterfutter der zerlumpten Kleider wurde unter dem Jubeln der
Ruber auf das Sorgfltigste untersucht, und die Beute zeigte sich weit
reichlicher, als selbst Gentleman John erwartetet hatte. Moses bekam
dann die guten warmen Sachen des Kutschers, whrend dieser, trotz all
seinem Fluchen und Schwren in die Lumpen des Israeliten hinein mute.

Nun, mein bester Herr Warrel, wandte sich jetzt der kecke
Buschrhndscher an den seine Zeit in voller Gemthsruhe erwartenden
Kaufmann, haben wir Beide ein kleines Geschft mit einander, das wir
hoffentlich zu beiderseitiger Zufriedenheit rasch beenden werden.

Sie wnschen? sagte dieser verbindlich, indem er mit einem kaum
bemerkbaren Lcheln um die Lippen Miene machte, die Uhr aus der Tasche
zu ziehen.

Bitte, bemhen Sie sich nicht, lachte aber Gentleman John, indem er
abwehrend die Hand gegen ihn ausstreckte. Ich kenne den Werth Ihrer
Kleinodien zu genau, um Sie derselben zu berauben. Auch das wenige
Geld, was Sie bei sich haben, werden Sie zur Fortsetzung Ihrer Reise
nothwendig brauchen. Dafr erlauben Sie mir aber, Ihnen einen Wechsel
auf fnfhundert Pfund Sterling vorzulegen, den ich Sie bitten werde zu
unterzeichnen. Da er seinen Bestimmungsort erreicht, ehe Sie selber
im Stande sind, dorthin Gegenbefehl zu schicken, mag dann meine Sorge
sein.

Mr. Warrel bi sich auf die Lippen, aber er wute auch recht gut, da er
gezwungen war, zu gehorchen, und erwiderte trocken:

Es bleibt mir nichts brig, als Ihnen zu danken, da Sie nicht eben so
viele Tausende verlangen, und ich freue mich, so wohlfeilen Kaufs davon
zu kommen. Wahrscheinlich haben Sie doch den Wechsel bei der Hand.

Jedenfalls finden wir einen unausgefllten in Ihrem Taschenbuch, sagte
Gentleman John, in derlei Geschften viel zu erfahren, irgend einen
Migriff zu machen, und an derselben Stelle auch vielleicht Ihre
Unterschrift zum Vergleich. Drfte ich Sie darum ersuchen?

Mein Taschenbuch?

Frchten Sie nicht, da ich Sie Ihrer Papiere berauben werde, sagte
der Mann, sie htten fr mich nicht den geringsten Werth. Wenn nicht
doch vielleicht geheim gehaltene Banknoten--

Ueberzeugen Sie sich selber, sagte der Kaufmann, indem er dem Ruber
seine Brieftasche berreichte. Dieser bltterte das Buch flchtig durch,
und nahm, als er wirklich kein Geld darin fand, nur einen unausgefllten
Wechsel heraus. Aus der eigenen Tasche brachte er dann ein Tintenfa
und eine Feder zum Vorschein, benutzte ohne weitere Umstnde den Hut des
Kutschers zum Tisch, und fllte mit fester und gebter Hand den Wechsel
aus.

So, sagte er dann, Mr. Warrel die Feder berreichend, und ihm den Hut
etwas nher schiebend, wenn ich Sie jetzt um Ihre Unterschrift ersuchen
drfte.

Der Kaufmann nahm die Feder; als er aber vorher noch einen flchtigen
Blick ber das Geschriebene warf, sah er rasch zu dem Buschrhndscher
auf und sagte:

Sie verlangten nur _fnf_hundert Pfund, hier stehen aber _sechs_!

Ich glaubte, erwiderte Gentleman John ruhig, da es Ihnen in dieser
Weise am bequemsten wre, zugleich die _verlorene Wette_ zu bezahlen.

Ach so, lachte Mr. Warrel, Sie haben Recht; an die Wette dachte ich
gar nicht mehr. Gengt Ihnen das?

John nahm den ihm dargereichten Wechsel, dessen Unterschrift er genau
prfte und mit einer in dem Taschenbuch gefundenen verglich, faltete das
Papier dann zusammen, schob es in die Tasche und sagte:

Ich danke Ihnen, Mr. Warrel, und hoffe, da wir spter noch bessere
Geschfte mit einander machen mgen.

Nun, ich wei doch nicht, ob ich _der_ Hoffnung gerade beistimmen
soll, meinte der Kaufmann; aber drfen wir jetzt unsern Weg
fortsetzen? Ich glaube nicht, da sonst noch etwas--

Nur noch einen Augenblick, unterbrach ihn Gentleman John, bis ich
die Briefbeutel revidirt habe. Gebt mir einmal den Schlssel zum Kasten,
Bill -- ja so, der steckt wohl in den Kleidern, die jetzt Mr. Moses
gehren. Drfte ich Sie wohl einmal darum bitten, verehrter Herr?

Der Schlssel fand sich brigens nicht, wenigstens nicht so rasch,
als es der Buschrhndscher wnschte, und der Kasten wurde deshalb
ohne Weiteres erbrochen, der lederne Briefbeutel aufgeschnitten,
und Gentleman John war wohl eine Stunde damit emsig beschftigt,
die verschiedenen Briefe und Packete zu erbrechen und nach Geld zu
durchsuchen.

Diese Ernte fiel ber Erwarten gnstig aus. So, als Gentleman John
Alles hatte, was er wnschte, stopfte er die mihandelten Briefe wieder
ziemlich rcksichtslos in den zerschnittenen Beutel zurck, hing sich
die Doppelflinte des Squattes mit dessen Pulverhorn und Kugeltasche um
und sagte:

Nun, Bill, habe ich Nichts dagegen, wenn Du versuchst, die nchste
Station so rasch als mglich zu erreichen. Es wird sich freilich nicht
sehr bequem in den nassen Wegen gehen.

Aber die Pferde, Sir!

Thut mir leid, Mate, die brauche ich selber viel zu nothwendig,
lautete die Antwort des Buschrhndschers, als da ich ein so
treffliches Paar verschenken knnte. Ihr mt Euch bis auf die nchste
Station schon so behelfen.

Wir sollen _gehen_? rief Mr. Warrel erschreckt.

Thut mir wirklich leid, Ihnen die Unbequemlichkeit fr die kurze
Strecke zu machen, sagte John, aber es lt sich nicht ndern. Sie
werden auch wahrscheinlich auf der nchsten Station etwas lnger als
gewhnlich auf die Pferde warten mssen, da ich sie ebenfalls fr meine
Leute nothwendig brauche. -- So leben Sie denn wohl, meine Herrschaften,
mein Freund hier, unser Squatter, wird die Gte haben, uns noch eine
Strecke zu begleiten und unser Gepck zu tragen -- kein Wort der
Widerrede, Sir, es wird fr Sie das nchste Mal eine Warnung sein, sich
mit hchst unnthigen und gefhrlichen Schiewaffen zu versehen. Und
Ihr, Bill, ich hoffe, Ihr denkt billig genug, Mr. Moses nicht zu einem
abermaligen Tausch zu zwingen.

Ich will verdammt sein--

Schon gut -- daran zweifle ich nicht im Mindesten. Aber bald htte ich
noch etwas vergessen. Mr. Warrel, ich habe noch eine Bitte an Sie!

An _mich_, Sir?

Mein Hut ist vom letzten Regen so sehr mitgenommen, whrend sich der
Ihrige, von gutem Filz, vortrefflich conservirt hat. Drfte ich Sie
bitten, mit mir zu tauschen?

Mit Vergngen, Sir, und er soll mir stets ein _theures_ Andenken
bleiben.

Sie sind gar zu gtig, lchelte Gentleman John, seinen Hut dem
Kaufmann berreichend, whrend er selber dessen weit bessern entgegen
nahm.

Einer von John's Leuten machte diesen jetzt auf die schwere goldene
Kette aufmerksam, die Mr. Warrel noch immer trug. Ein paar Worte des
Fhrers beruhigten den Burschen aber vollkommen. Die Pferde wurden dann
in den Busch gefhrt, und dem Squatter, der mit strrischem Gleichmuth
Alles ber sich ergehen lie, sein eigener wie der Reisesack des Mr.
Warrel aufgeladen, mit dem er den Rubern in den Busch folgen mute. Der
schweigsame Passagier wurde gar nicht belstigt.

Wenige Minuten spter waren Alle hinter den grauen Gumbschen
verschwunden und Bill blieb mit dem Reste seiner Passagiere neben
dem unbespannten und ausgeplnderten Postkarren mitten auf der Strae
zurck.

Allerdings lie er einen Theil seines Grimmes an dem unglcklichen Mr.
Moses aus, den er, trotz dem Abmahnen des Gentleman John, ohne weiteres
zwang, ihm seine eigenen Kleider herauszugeben. Ihre Lage wurde aber
dadurch um Nichts gebessert, und sie sahen sich endlich Alle gezwungen,
Bill, der den zerschnittenen Briefsack auf den Rcken nahm, zu Fu nach
der nchsten, etwa noch zehn englische Meilen entfernten Station zu
folgen.

Hier muten sie einen ganzen Tag verbleiben, um erst von weiter her
andere Pferde zu bekommen, denn Gentleman John hatte die Wahrheit
gesprochen, als er Mr. Warrel versicherte, da die dorthin gehrigen
Pferde von seinen eigenen Leuten weggetrieben seien, und erst am vierten
Tag erreichten sie in einem hchst traurigen Zustande die Hauptstadt
Sd-Australiens -- Adelaide.

Diese so kecke Beraubung der Post, wie die Wegfhrung eines der
Passagiere, der sich spter freilich von Dornen zerfetzt und von den
gehabten Anstrengungen zum Tode ermattet, wieder einfand, machte in
Adelaide nicht geringes Aufsehen.

Die Frechheit der Ruber war doch zu gro gewesen, sie diesmal
ungestraft hingehen zu lassen. Die ganze sdaustralische Polizei, ber
die im Augenblick verfgt werden konnte, wurde deshalb aufgeboten,
die Buschrhndschers auszuspren, und auf eine oder die andere Art
unschdlich zu machen. Auf den Kopf des Anfhrers, des berchtigten
Gentleman John, war berdies eine Prmie von hundert Pfund Sterling
gesetzt, und dem, der ihn lebendig einbringen wrde, sogar eine
Belohnung von zweihundert Pfund zugesichert worden.

       *       *       *       *       *

_Gentleman_ John, wie er von den Strflingen seines ihnen imponirenden
Wesens wegen genannt worden, hatte indessen seine Zeit vortrefflich
benutzt, nicht allein seine Wechsel und Papiere in Adelaide, ehe der
Raub bekannt wurde, zu verwerthen, sondern auch die andere reiche Beute
in Sicherheit zu bringen. Ueberall dort genau bekannt, wie auch mit
den einzelnen in jener Gegend heimischen schwarzen Stmmen befreundet,
benutzte er diese letzteren besonders zu Spionen, und was er ihnen
dafr an wollenen Decken und Lebensmitteln gab, machte sie zu seinen
willfhrigen und in dem den, wasserarmen Busch oft hchst ntzlichen
und brauchbaren Dienern.

Sogar eine der schwarzen Frauen hatte er sich genommen, und alle dabei
gebruchlichen Ceremonien im Stamme durchgemacht, wie auch seinen
Schwiegereltern ein reiches und bliches Kaufgeld fr die Frau gegeben.
Dadurch besonders fhlte sich der Stamm geehrt, und Gentleman John, der
ein ebenso wildes, gesetzloses Leben fhrte, wie sie selber, war ihnen
schon deshalb lieb geworden, weil die brigen Weien, die ihnen nur
Schaden zufgten und sie von einem Platz zum andern trieben, ihn
ebenfalls verfolgten. Sahen sie doch in ihm einen Leidensgefhrten,
dessen wohlbewaffnete Schaar sie gegen weitere Uebergriffe ihrer Feinde
schtzen und bewahren konnte.

Und Gentleman John selber? -- Ei, der benutzte, in wildem und
unbegrenztem Uebermuth, jede Hlfe, die sich ihm bot, komme sie von
welcher Seite auch immer, jeden gnstigen Augenblick, den er erhaschen
konnte. Jedenfalls in seiner Jugend zu Besserem erzogen, lag, Verfhrter
oder Verfhrer, ein dunkles Leben hinter ihm, und mit der neugewonnenen
Freiheit schien er entschlossen, diese zu genieen, allen menschlichen
Gesetzen zu Trotz und Hohn.

Rcksichtslos dabei Alles unter die Fe tretend, was nicht seinem Zweck
gerade diente, wute er sich bei der Bande, die sich ihm angeschlossen,
leicht in Respekt, bei der ganzen Umgegend aber in Furcht zu setzen, und
so, mit Kundschaftern an allen Seiten, hatte er schon manchen gegen
ihn unternommenen Angriff vor der Ausfhrung vereitelt, oder mit seiner
wohlbewaffneten und sogar nicht einmal schlecht disciplinirten Schaar
zurckgeschlagen, und wenig kmmerte er sich jetzt um die Folgen seines
kecken Streichs.

Nach allen Seiten hin aber von vortrefflichen Spionen bedient, konnte
es ihm auch nicht lange verborgen bleiben, da sich diesmal doch ein
schwereres Unwetter als gewhnlich ber seinem Haupte zusammenzog. Von
allen Richtungen kamen die Boten, die ihm Kunde brachten, da in den
verschiedensten Distrikten bewaffnete Mannschaft aufgeboten und ein
Schlag vorbereitet wrde, der ihn und seine zu gefhrlich gewordene
Bande mit _einem_ Wurf vernichten sollte. Auch der auf sein Einbringen
gesetzte Preis von zweihundert Pfund Sterling, der dem Verrther, wenn
es selber ein entflohener Strfling sei, noch auerdem vollen Pardon
sicherte, machte seine Stellung mehr und mehr gefhrlich, denn da er
nicht auf die Treue von _allen_ seinen Leuten zhlen durfte, wute er
recht gut. Wenige waren in der That unter ihnen, die ihn nicht gerne
verrathen htten, wenn sie nur ihr eigenes Leben nicht zu sehr dabei
gefhrdet wuten.

Solchem Zustande mute er ein Ende machen. Auerdem hatte er dies
trostlose Leben, die stete Gefahr, das rastlose Umherstreifen in
dem den Wald recht von Herzen satt, und schon den Plan entworfen,
Australien so bald als mglich zu verlassen.

An einer Biegung des Murray, und hoch genug an dessen Ufer hinauf, wo
das Wasser desselben nicht durch die Ebbe und Fluth des Victoria-Sees
ungeniebar gemacht war, hatten sie fr den Augenblick ihr Lager
aufgeschlagen, und die rings umher aufgeschichteten und mit Stcken
Rinde gegen das Wetter geschtzten Vorrthe schienen dabei auf die
Absicht eines lngeren Aufenthalts zu deuten. Unfern davon aber und im
Schilf versteckt, lag ein tchtiges Fischerboot, von denen einige den
Victoria-See befuhren, und unter der Hand hatte der Buschrhndscher
bis jetzt von seinen Leuten mehrere kleine Fsser mit Wasser fllen und
einigen Proviant an Bord schaffen lassen.

Allerdings drohte ihnen bei einem Fluchtversuch in offener See noch eine
keineswegs unbedeutende Gefahr, denn an der Mndung des Victoria-Sees
in die Encounter-Bay wlzt sich eine so furchtbare Brandung dem khnen
Schiffer entgegen, da die Durchfahrt durch diesen schmalen Meeresarm
schon von vielen Seeleuten als ganz unmglich geschildert wurde. Gefahr
aber, ob sie ihm von Menschen oder den Elementen drohte, konnte den
verwegenen Ruber nicht schrecken. Durch diese Brandung lag die Bahn zur
Freiheit, und durch sie hin war er entschlossen, seinen Weg zu suchen.

Die Einschiffung selber sollte auch schon am nchsten Morgen
stattfinden, und nur den Schwarzen hatte er bis jetzt noch den
eigentlichen Zweck dieser Flucht verheimlicht, da sich diese
wahrscheinlich derselben widersetzt, oder ihn gar im entscheidenden
Augenblick verrathen htten. Lie er sie doch schutzlos der Rache der
Weien allein zurck.

Der Morgen dmmerte eben. Auf die hchsten Wipfel der hier in der
Niederung zu riesiger Hhe wachsenden Gumbume lagerte sich der erste
Schimmer des anbrechenden Tages, und frbte das mattgraue Laub der
holzigen Bltter mit einem eigenen fast zauberhaften Duft. Zugleich
stand noch der Mond in voller Scheibe am Himmel, und warf sein
fahles Licht durch die nur sprlich belaubten Wipfel auf die niederen
Rindendcher und halb verglommenen Feuer, um die wunderliche Gruppen
fest in ihre Decken eingehllter menschlicher Gestalten und ganze
Schaaren halbverhungerter Hunde gelagert waren.

Die Insassen dieses wilden Bivouaks schienen sich brigens vollkommen
sicher zu fhlen, oder der Wachsamkeit der ausgestellten Posten genugsam
zu vertrauen, die nthige Zeit der Ruhe nicht durch nutzlose Sorge
zu unterbrechen oder zu stren. Nur hie und da hob Einer der Schlfer
manchmal den Kopf, aus mden Augenlidern nach dem dmmernden Tag
emporzuschauen und hllte sich dann fester in seine Decke, die kalten
Morgennebel von sich fern zu halten.

Da glitt eine dunkle, nackte Gestalt, mehr einem Schatten, als
menschlichem Wesen gleich, am Ufer des Stromes herauf und durch die
dichten Bsche hin dem Lager zu. Die Hunde hoben knurrend den Kopf,
und drckten ihn winselnd wieder gegen ihre Weichen, als sie, mit einen
Augenblick hochgehaltenen Nasen, den Bekannten gewittert. Dieser aber
sprang mitten zwischen ihnen hin, zum nchsten Feuer, schrte die Brnde
zusammen, bis sie zu heller Glut emporloderten, und wrmte daran die
halberstarrten nackten Glieder. Doch nur kurze Rast gnnte er sich an
der wohlthuenden Glut. Sein rasch umhergeworfener Blick hatte bald das
Rindendach des weien Huptlings unter den brigen heraus gefunden, und
zu diesem hinanschleichend, erfate er die dort ausgestreckte krftige
Gestalt Gentleman John's, und legte seine Hand auf dessen Schulter.

Im Nu fuhr der Buschrhndscher von seinem Lager empor, und die, in
demselben Augenblick auch aufgegriffene und gespannte Pistole bewies
deutlich genug, da er die ganze Nacht doch nur die Hand am Kolben
geschlafen.

Bst! flsterte aber der Schwarze, den Finger warnend gegen ihn gehoben
-- sie kommen!

Sie kommen? -- wer? rief John, sich wild die Haare aus der Stirn
streifend.

Die Weien, lautete die vorsichtige Antwort des Eingebornen. Mssen
die ganze Nacht bei Mondschein marschirt sein -- sind oben am Flu und
eben dabei herber zu kommen.

Und wie viele, Bukkul? rief John, der erst jetzt in dem Alten seinen
zum Kundschaften ausgesandten Schwiegervater erkannte.

Tausend, erwiderte dieser, mit dem Zahlwort, das in der Sprache der
australischen Wilden eine unbestimmte, aber sehr groe Anzahl bedeutet
-- Tausend. Haben Pferde und Gewehre und viele rothe Jacken und blaue
Jacken und lange Messer.

Alle Teufel! brummte John leise vor sich hin, das ist um
vierundzwanzig Stunden zu frh, lt sich aber jetzt nicht ndern. Die
Burschen sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden. Wecke die
Deinen, Bukkul!

Ein scharfer Pfiff, den er zugleich ausstie, schallte gellend durch den
stillen Wald und brachte im Nu die schlafenden Buschrhndscher auf die
Fe. War es doch das Alarmzeichen ihrer Schaar, und die Bande sich der
Gefahr, in der sie fortwhrend schwebte, viel zu gut bewut, die Warnung
auch nur fr einen Moment unbeachtet zu lassen.

Im Nu fuhren sie von ihren harten Lagern empor, und, ihre Taschen
umgehngt, die Gewehre in ihren Hnden, sammelten sie sich um ihren
Fhrer, der indessen schon einige der jungen Leute von den Eingebornen
ausgeschickt hatte, das Vorrcken der Feinde zu beobachten.

Gentleman John brigens, so viel persnlichen Muth er auch selber besa,
fhlte doch viel zu gut das Miliche seiner Lage, und war keineswegs
blind genug, sich ber das Gefhrliche derselben auch nur einen
Augenblick zu tuschen. Andere Kundschafter waren noch angekommen, deren
Berichten nach sich die wider ihn ausgesandte Macht auf nahe an hundert
Mann belief, und wenn er denen gegenber leicht eine gleiche Zahl in's
Feld stellen konnte, wute er doch recht gut, da er sich nicht einmal
ganz fest auf seine _weien_ Cameraden verlassen durfte, whrend die
Schwarzen bei der ersten Salve davon liefen, oder doch den sichern Busch
zur Deckung suchten.

Auerdem konnte, von dem Versprechen freien Pardons und der goldenen
Belohnung verblendet, selbst whrend des Kampfes leicht Einer der
Seinigen sein Verrther werden, und ihrer aller Untergang wre dann
gewi gewesen. Das ja ist das Unglck des Verbrechers, da er Niemandem,
selbst seinen Helfershelfern nicht mehr trauen darf, und in der ganzen
Menschheit seinen Feind nur sieht. Auf einen _gleichen_ Kampf mit
der Polizei htte er es dehalb auch gern und rasch gewagt; die
_Verzweiflung_ sthlt den Arm des Kmpfenden, und Verzweifelte waren es
hier, denen selbst der Sieg nur eine Galgenfrist bieten konnte. Jetzt
aber, wo er die Uebermacht auf Seiten seiner Feinde wute, und der Arm
eines einzigen Verrthers ihn leicht in ihre Hnde, in die Hnde des
Henkers liefern konnte, mute er sich den Rcken decken.

Rasch gab er dehalb seine Befehle, einen kleinen Theil der Vorrthe in
das versteckte Boot zu schaffen, whrend er die Schaar, auf die er sich
am sichersten glaubte verlassen zu knnen, in die Nhe desselben, hinter
eine rasch von herunter gebrochenen Zweigen und herzugewlzten Stmmen
aufgeworfene Barricade postirte. Seine ganze Mannschaft theilte er
dann in drei Trupps, die das Terrain nach besten Krften benutzen und
einander mit ihren Gewehren decken sollten. Solcher Art hoffte er den
Ueberfall, der jeden Augenblick stattfinden konnte, wenigstens so lange
aufzuhalten, bis er sein Boot flott und segelfertig hatte, und der
breite, hier ziemlich rasch strmende Flu mochte ihn dann der Freiheit
entgegen fhren.

Rasch und willig fhrten die Buschrhndscher selber die ihnen gegebenen
Befehle aus, denn auch ihnen lag weit mehr daran, ihre Haut in
Sicherheit zu bringen, als einen langen und ernsthaften Kampf mit
den disciplinirten Gegnern zu bestehen. Mit mitrauischen Blicken
betrachteten dagegen die Schwarzen das eilige Instandsetzen des Bootes;
denn rasch genug begriffen sie, da ihre weien Bundesgenossen
dasselbe zur Flucht benutzen wollten. Das kleine Fahrzeug konnte aber,
schwerbeladen wie es war, kaum diese alle aufnehmen, und was sollte
da aus ihnen werden. Der weie Huptling, ihrem Stamm durch eine ihrer
Tchter verwandt, durfte sie nicht verlassen, und doch traf er dazu
jetzt alle Vorbereitungen.

Bukkul, Einer der Burkas oder Stammltesten, der Vater von Lloko,
Gentleman John's Frau, wurde denn auch von seinem Stamm abgesandt, des
Weien Plan zu erfahren, und die erste Frage nur, die er an den schlauen
Ruber richtete, warnte diesen vor der neuen auftauchenden Gefahr.

Das Boot, Bukkul? sagte John, sollen wir das etwa den Rothjacken
berlassen? und eben so all' das Brod und Fleisch, und den Brandy, der
hier aufgehuft liegt? -- Wenn wir zurck mssen in den Busch, knnen
wir doch nicht Alles auf unseren Schultern tragen, und wenn wir wieder
hierher kommen, wollen wir wieder essen und trinken.

Und wohin will Johnny mit dem Boote gehen? fragte der Alte.

Wohin? -- nirgendshin -- nur den Flu ein Stck hinab, bis dahin, wo
uns die Rothjacken nicht im Sumpf und Schilf folgen knnen.

Und Du selbst gehst mit hinein?

Kann _ich_ in's Boot? rief der Buschrhndscher, wo ich uns Alle hier
vertheidigen mu?

Gut, sagte Bukkul, dann la die Frauen und Kinder darin den Strom
hinabschwimmen, wo sie die Kugeln der weien Teufel[8] nicht erreichen
knnen. Lloko mag mit ihnen gehen und Bukkul wird dafr sorgen, da das
groe Canoe gesichert bleibt.

  [8] Der Name =toh= bedeutet in der Sprache einiger der Murraystmme
  zugleich _Teufel_ und _weier Mann_.

Wenn ich Dich entbehren knnte, Bukkul, erwiderte ausweichend John,
aber Du allein hast Ansehen bei deinem Stamm, und wenn Du fort bist,
laufen Deine jungen Mnner auch in den Busch, und lassen Johnny allein
hier zurck, das Lager zu vertheidigen.

Und sollen die Frauen und Kinder in das groe Canoe? frug der Wilde.

Nein, sagte John nach einigem Zgern. Sie sind sicherer im Busch.
Wenn sie darin springen und schaukeln, drehen sie das Canoe um, und
Alles was wir darin haben, wre verloren.

Es ist gut, sagte Bukkul finster, und schritt langsam zu den Feuern
der Seinen zurck.

John sah ihm mit fest auf einander gebissenen Lippen nach, aber
auf anderer Seite war seine Gegenwart zu nthig, ihm lange Zeit zum
Ueberlegen zu lassen.

Unter den Buschrhndschern selbst hatte sich nmlich ein Streit
entsponnen, da ein Theil die ihm zugewiesenen Pltze nicht behaupten,
und lieber mit den Uebrigen in der Nhe des Bootes bleiben wollte. Wer
brgte ihnen dafr, da die Andern sie nicht im Stiche lieen; wuten
sie doch recht gut, da _sie_ an deren Stelle das Nmliche gethan.

John war aber kaum unter sie getreten, den Streit zu schlichten, als
gar nicht weit von dem Lager entfernt ein Schu fiel, und gleich darauf
Einer der Eingebornen seinen Speer schwingend zum Lager strzte.

Wahnsinnige! schrie da John, den Augenblick benutzend. Jetzt, wo der
Feind im Begriff ist, uns von allen Seiten anzugreifen, streitet Ihr
Euch wie Kinder um Eueren Platz im Kampf. An Euere Posten, oder beim
Teufel, der Erste, der noch ein Wort der Gegenrede ber seine Lippen
bringt, stirbt von meiner Hand. Fort, Ihr da -- hinber hinter das
Verhau -- seht Ihr dort hinten die Rothjacken durch die Bume schimmern?
-- Die sind ein treffliches Ziel und an denen lat Eueren Grimm aus, so
viel Ihr wollt.

John hatte Recht. Schon konnten sie zwischen den schlanken und hohen
Stmmen der Niederung hin die rothe Uniform ihrer Feinde hie und da
vorschimmern sehen, und da die Buschrhndscher recht gut wuten, da sie
wenigstens den ersten Anprall der Gegner zurckweisen muten, um freie
Hand zu ihrer Flucht zu bekommen, folgten sie jetzt dem Befehl des
Obern, der ihnen mit seinem Beispiel voranging. An den Kampf im Busch
gewhnt, und besonders hier mit jedem Vortheil, den ihnen der Boden
gewhrte, bekannt, hatten sie auch bald die erste mehr zum Recognosciren
als zum wirklichen Angriff ausgesandte Abtheilung des Militrs in der
Flanke gefat, und ihre Kugeln trafen und berraschten den Feind von
allen Seiten.

Durch den Uebermuth der Buschrhndscher dazu getrieben, dem Unwesen
endlich ein Ende zu machen, und die Sicherheit des Eigenthums in der
Colonie doch einigermaen wieder herzustellen, waren in der That, wie
schon erwhnt, die uersten Anstrengungen gemacht worden. Hielten doch
diese Nachrichten, wenn sie nach Europa drangen, sonst zum Auswandern
vielleicht Gewillte davon ab, ihr Leben und Vermgen einer Colonie
anzuvertrauen, wo Beides in solchem Grade gefhrdet war, und wie es
schien, von den Behrden selber nicht einmal mehr geschtzt werden
konnte.

Der Oberbefehl war dabei wieder unserem alten Bekannten, Tolmer,
bertragen worden, der nicht allein den Busch, sondern auch diesen
kecken und gefhrlichen Ruber sehr genau kannte. Hatte er ihn doch
frher schon einmal als John Mulligan eingeliefert, und jetzt den
nachlssigen Behrden zu danken, da er auf's Neue sein Leben in die
Schanze schlagen durfte, den zum Aeuersten getriebenen Verbrecher
endlich unschdlich zu machen.

Es bedurfte aber auch eines solchen Fhrers, das mit dem Busch nur wenig
vertraute Militr alle die ihnen entgegen stehenden Schwierigkeiten
berwinden zu lassen, denn von den dort angestellten Squattern
und Schfern durften sie auf wenig oder gar keine offene Hlfe und
Untersttzung rechnen. Diese frchteten die Buschrhndscher und deren
Rache, wenn das Unternehmen miglcken sollte, mehr, als sie von dem
gegen sie unternommenen Zug erhofften.

Nur zu oft war es nmlich schon vorgekommen, da sich die Squatter
hatten verleiten lassen, den gegen die Strauchdiebe ausgesandten
Polizeibeamten thtliche und offene Hlfe zu leisten, ohne da die
Letzteren etwas Wesentliches ausgerichtet htten. Die Polizei zog
sich dann wieder zurck, aber die Squatter blieben auf ihren einzelnen
Stationen der Rache der gereizten Verbrecher preisgegeben, die dann auch
selten sumten, furchtbare Wiedervergeltungsrache zu ben. Mit solchen
Erfahrungen hielten es die auf viele Meilen von einander zerstreut
wohnenden Ansiedler viel gerathener, sich bei spteren Expeditionen,
wo das nicht ganz im Geheimen geschehen konnte, gar nicht mehr zu
betheiligen, ja untersttzten die in ihrer Nachbarschaft ihr Wesen
treibenden Buschrhndscher wohl noch gar mit Lebensmitteln und Kleidern,
wenn sie deren dringend bedurften, sich ihren guten Willen zu
erkaufen und sie abzuhalten, ihre Heerden fort zu treiben oder ihre
Stationshuser in Brand zu stecken.

Tolmer bedurfte ihrer nicht; mit ein paar treuen Schwarzen, die dem am
Murray lagernden Stamm ihrer Landsleute feindlich gesinnt waren, hatte
er am Abend vorher, ehe der Angriff stattfinden sollte, die Gegend
selber ausgekundschaftet, und sich von der Situation des Lagers, wie der
ungefhren Strke des Feindes berzeugt. Wre diese aber auch doppelt
so stark gewesen, Tolmer wute, da seine Leute siegen wrden, denn wenn
auch die Verzweiflung einer solchen Schaar ihre wackere Hlfe im Kampf
ist, wog das Bewutsein _ihrer_ guten Sache das auch doppelt wieder auf.
Uebrigens hatte er von dem im Schilf versteckten Boot keine Ahnung, und
an die andere Seite des Stromes nur einige Scharfschtzen postirt,
auf solche der Feinde zu feuern, die etwa in einem der erbrmlichen
indianischen Rindenschalen oder durch Schwimmen versuchen sollten, das
gegenberliegende Ufer zu erreichen.

Zwei Freiwillige hatten sich brigens seinem Zuge angeschlossen, und
zwar zwei alte Bekannte von uns, Bill, der Kutscher der Royal Mail,
der dem wrdigen Fuhrwerk Valet gesagt, sein Brod auf andere Weise zu
verdienen, und jener Squatter, Passagier der geplnderten Postkutsche.

Bill, der auf den Fahrten mit dem lebensgefhrlichen Karren seinen Hals
wochenlang der Wahrscheinlichkeit ausgesetzt hatte, ber kurz oder
lang gebrochen zu werden, sah auch in dieser Expedition eben nichts
Gefhrlicheres, und wollte, weil fr den Augenblick ohne bestimmte
Beschftigung, die Gelegenheit nicht vorbergehen lassen, den
verwnschten Buschrhndscher einmal wieder zu finden und zur
Rechenschaft zu fordern fr die erlittene Mihandlung.

Der Squatter kam in einer andern Hoffnung. Gentleman John hatte ihm
nmlich nicht allein seine erst theuer erkauften Waffen, sondern in der
Brieftasche auch sein ganzes Besitzthum abgenommen, das er erst wenige
Tage vorher zu Geld gemacht. Seine Absicht war gewesen, sich in der Nhe
von Adelaide niederzulassen, wehalb er seine Station mit all' seinen
Heerden am Nooratberg verkauft. Jetzt, von allen Mitteln entblt, blieb
ihm fast nichts Anderes brig, als hier einen letzten verzweifelten
Versuch zu machen, sein Geld vielleicht wieder zu bekommen, oder doch
wenigstens an dem frechen Ruber Rache zu nehmen.

Tolmer hatte indessen seine ihm untergebene Schaar in zwei Haufen
getheilt, von denen er den einen in die Flanke gesandt, whrend er
mit dem andern gerade vorrckte. Recht gut wute er dabei, da die
Buschrndscher an dem dort hohen Ufer des Stromes eine ziemlich gute
Stellung eingenommen hatten, und sie, oder wenigstens einen Theil von
ihnen, aus derselben herauszulocken, schickte er ein kleines Detachement
Militr voraus, das den gemessenen Befehl hatte, einige Schsse
abzufeuern und sich, so wie der Feind gegen sie anrcke, langsam hinter
den Schutz der Bume zurck zu ziehen.

Gentleman John war aber zu schlau, in diese viel zu offen liegende Falle
zu gehen, und wie die Soldaten dem scharfen Feuern der Seinen
wichen, rief sein Signal die siegesmuthigen Ruber wieder hinter ihre
Verschanzungen zurck.

Rothkopf, einer der wenigen Buschrhndscher, auf die er sich am besten
glaubte verlassen zu drfen, hatte indessen die Einschiffung der zu
einer langen Fahrt nothwendigsten Gegenstnde besorgt, und besonders von
den Schwarzen mehrere dazu verwandt, nicht allein die Provisionen in
das Boot zu packen, sondern auch noch verschiedene kleine Wasserfsser
anzufllen, da sie das Wasser den Strom weiter hinab seines Salzgehaltes
wegen nicht mehr gebrauchen konnten. Dadurch aber war der Verdacht der
Eingebornen zur Gewiheit geworden; denn wenn den Weien nur daran lag,
ihr Boot weiter unten am Strom in ein sicheres Versteck zu bringen, so
htten sie dazu nicht des vielen frischen Wassers bedurft. Gingen
sie aber wirklich in See, so war ihr Stamm hier der grten Gefahr
ausgesetzt, von den Feinden aufgerieben zu werden.

Tolmer wute allerdings Nichts von dieser Uneinigkeit im Lager der
Feinde, er hatte sie aber diesmal zu fest und sicher umstellt, um nicht
von einem entschiedenen Angriff seiner ganzen Macht Alles zu hoffen.
Ueber den Flu konnten sie nicht, ohne von seinen Schtzen drben
empfangen zu werden, der Weg in den Busch war ihnen durch seine
Constabler und berittenen Polizeisoldaten abgeschnitten, und ein Theil
der Letzteren mit der kleinen ihm mitgegebenen Abtheilung regulren
Militrs mute sie jetzt entweder aufreiben oder in das Uferschilf des
Murray jagen, wo ihnen zuletzt keine andere Wahl blieb, als sich auf
Gnade und Ungnade zu ergeben.

Kaum hatte sich deshalb der zum Recognosciren abgeschickte erste Trupp
vor dem heftigen Feuer der sich von allen Seiten auf sie werfenden
Buschrhndscher zurckgezogen -- wobei sie drei Todte auf dem Kampfplatz
lassen muten -- als Tolmer das Zeichen zum allgemeinen Angriff gab, und
jetzt besonders die regulre Truppe mit weit mehr Erbitterung ber den
heien Empfang als Vorsicht auf die Ruber eindrang. Sie erreichte auch
zuerst den Kampfplatz, und die Buschrhndscher, die im Anfang glaubten,
da sie die ganze Macht des Feindes hier vor sich htten, richteten auf
die rothen, leicht zu erkennenden und besonders im Buschkampf hchst
unzweckmigen Uniformen ihr ganzes tdtliches Feuer. Selbst die an
der rechten Flanke postirten Mnner schossen ihre Musketen nach jener
Richtung ab, und erhoben ein Siegesgeschrei, als sie sahen, welch
schlimme Wirkung ihre Kugeln in dem dicht gedrngten kleinen Trupp der
Soldaten anrichtete.

Diesen Augenblick, ehe die Ruber im Stande waren, ihre Gewehre wieder
zu laden, benutzten die Constabler, denen sich der Squatter und Bill
angeschlossen hatten, mit einem lauten Hurrah und bei dem Rasseln einer
von den Soldaten geborgten Trommel aus ihrem Hinterhalt zu brechen. Ohne
einen Schu zu feuern, drangen sie bis auf etwa zwanzig Schritte gegen
die bestrzten Buschrhndscher vor und hatten, erst jetzt in tdtlicher
Nhe, ihre Musketen und Doppelflinten auf sie entladend, im Nu den
Verhau gestrmt, der den Rubern bis dahin Schutz gewhrt.

Zu diesem Beistand war zwar von Gentleman John der ganze schwarze Stamm
bestimmt worden, der mit seinen Speeren einen dort angreifenden Feind
in der Flanke fassen sollte. Bukkul aber, nicht gesonnen, das Boot auer
Acht zu lassen, hatte seinen Leuten insgeheim Gegenbefehle gegeben, und
whrend die berraschten Buschrhndscher jetzt flchtig und in
panischem Schreck auf den Haupttrupp der Ihren zurckfielen, glitten
die Schwarzen, von den Frauen und Kindern gefolgt, der Stelle zu, wo
das Boot, nur von einigen berhngenden Bumen verdeckt, flott im Strome
lag.

Gentleman John bersah mit einem Blick die ber ihn hereinbrechende
Gefahr. Rothkopf, den er zum ersten Lieutenant seiner Schaar gemacht,
hatte freilich selbst fr diesen von dem schlauen Buschrhndscher
vorhergesehenen Fall seine Instruktionen, durfte er aber selbst diesem
trauen? -- Da antwortete eine Musketensalve vom Boote her seinem
ngstlichen Zweifel. Die dort gestrte Schaar hatte, dem Befehl des
Fhrers treu, und auch im eigenen Trieb der Selbsterhaltung, ohne
Weiteres auf die befreundeten Schwarzen Feuer gegeben, und laut
aufheulend in Schmerz und Wuth wich die dunkle Horde den wohlgezielten
Kugeln der Verrther.

Dies pltzliche Feuern im Rcken erfllte aber den vorderen Trupp der
Buschrhndscher, die von solchem Befehl keine Ahnung hatten und sich von
allen Seiten umzingelt glaubten, mit Entsetzen. Whrend daher John,
die augenblickliche Verwirrung benutzend, zurck, dem Boote zu, sprang,
warfen sich einige von seinen Leuten voller Verzweiflung und Alles
verloren glaubend, in den Strom, das gegenberliegende Ufer durch
Schwimmen zu gewinnen, whrend Andere neben den Feinden hin in das
Dickicht zu entkommen suchten.

Der Squatter sowohl wie Bill, die bei dem siegreichen Flankenangriff
betheiligt waren, hatten indessen unter den Rubern beide ihren
gemeinsamen Feind erkannt, und ohne sich um die Andern zu kmmern, deren
zersprengter Schwarm meist niedergeschossen wurde oder den Constablern
in die Hnde fiel, sprangen die beiden Mnner hinter der flchtigen
Gestalt des Rubers her, mitten in das Lager hinein.

John selber wute recht gut, da er keinen Augenblick zu versumen
hatte, sich und einige Wenige der Seinen in dem Boot in Sicherheit zu
bringen. Was kmmerten den herzlosen Ruber die Uebrigen, htten sie
doch an _seiner_ Stelle das Nmliche gethan. Jetzt gerade war da auch
der gnstige Moment, da die Feinde durch das Ausbrechen des
berrraschten Vordertrupps vollkommen beschftigt und aufgehalten
wurden. Ohne sich deshalb auch nur nach denen, die er befehligt,
umzusehen, und vollkommen gleichgltig dagegen, was aus ihnen wrde,
umsprang er die nchste, erst krzlich aufgeworfene Verschanzung, hinter
der noch der letzte Rest ihrer Vorrthe aufgeschichtet lag.

Von dort aus konnte er das Boot erkennen. Rothkopf stand im Spiegel
desselben, das Steuer in der Hand, sechs oder sieben seiner Schaar
hatten theils Ruder, theils Stangen aufgegriffen, das Fahrzeug, so wie
der Befehl gegeben wurde, rasch vom Ufer zu stoen, und zwei Andere
waren gerade beschftigt, eine dnne Ankerkette, die noch am Ufer um
einen Baum geschlagen lag, loszuwerfen. Es schien die hchste Zeit, da
er sich seinen Leuten zeigte, fhlte er sich doch nicht ganz sicher, da
selbst Rothkopf auf ihn warten wrde, wenn er, Gefahr fr sich sehend,
das Boot, von allen Hindernissen frei, im Strom erst hatte.

Kaum noch hundert Schritte war er von diesem entfernt, und wollte eben
einen im Weg liegenden Gumbaum berspringen, als sich ihm dort die
drohende Gestalt seines alten Bekannten, des Squatters, in den Weg warf,
der ihm mit auf ihn angelegtem Rohr ein donnerndes Halt, verdammte
Bestie! entgegen rief. Zu gleicher Zeit hrte er flchtige Schritte
hinter sich, und den Kopf scheu zurckschlagend, erkannte er Bill,
den frheren Conducteur und Postillon der Royal Mail, der sein
abgeschossenes Gewehr verkehrt in der Hand mit gehobenem Kolben hinter
ihm drein sprang.

Ergib Dich, Canaille, donnerte ihm dabei der Squatter zu, oder, beim
ewigen Gott, ich schicke Dir eine Ladung Blei durch's Hirn!

Schie und sei verdammt! knirschte aber der Buschrhndscher durch
die Zhne, denn hier lag nur die Wahl fr ihn zwischen Tod auf dem
Schlachtfelde oder am Galgen, und mit raschem Ansprung wollte er sich
auf den Gegner werfen. Da berhrte dessen Finger den Drcker, und um
John's Leben wre es geschehen gewesen, htte sich nicht in diesem
Augenblick ein Freund, der einzige vielleicht, den er auf dem weiten
Erdenrund so nennen durfte, zu seiner Hlfe an dem Kampf betheiligt.

Es war Lloko, sein schwarzes Weib, das er, mit Allen ihres Stammes,
gerade im Begriff gewesen, dem Feind zu berlassen. Wute er auch, wie
sie ihn liebte, wie sie mit all' der hingebenden Treue an ihm hing,
deren nur eben ein Frauenherz fhig ist, auch wenn es unter einer
dunkleren Hautfarbe schlgt, was kmmerte das ihn, den Gefehmten der
Gesetze. _Er_ kannte, liebte nur sich selbst.

Lloko dagegen, mit keinem Gedanken von Mitrauen im Herzen gegen den
Mann, dem sie sich einmal zu eigen gegeben, sah trotz den Kugeln, die
aus den Bchsen der verrtherischen Weien die Reihen ihres Stammes
lichteten, und Freunde und Brder an ihrer Seite nieder warfen, nur die
Gefahr des Gatten, sah ihn, der ihre Seele war, bedroht vom Feinde,
und mit der kurzen Kriegskeule in der Hand, die sie zu ihrer eigenen
Vertheidigung aufgegriffen, schmetterte sie in demselben Augenblick das
drohend auf ihn gerichtete Rohr zur Seite, als es seine tdtliche Ladung
gegen ihn entsandte. Der zweite blitzschnell dem ersten folgende Schlag
war gegen das Haupt des Weien selber gerichtet, und der ehrliche
Squatter brach, von dem harten Holz getroffen, bewutlos wo er stand
zusammen.

John, der sich jetzt nur noch von einem und zwar dem wenigst
gefhrlichen Gegner bedroht sah, schpfte wieder neue Hoffnung.

Brav, Lloko! rief er, indem er geschickt dem von Bill nach ihm mit
bestem Willen gefhrten Kolbenschlag auswich; Du verstehst es viel
besser, als der Tlpel hier. In gleichem Moment unterlief er den im
Buschkampf weniger gebten Rolenker, und Bill fhlte nur noch ein
paar unbestimmte dumpfe Schlge, die ihm der gebte Boxer auf Stirn
und Schlfe gab, als er, wie von einem Schmiedehammer getroffen,
zusammenknickte.

Drei, vier Schsse wurden jetzt von Einzelnen der Constabler, die den
Kampf aus der Ferne gesehen, herbergefeuert, und die Kugeln schlugen
links und rechts in die Bume ein. Unversehrt aber sprang John jetzt,
von Lloko dicht gefolgt, dem Boote zu, das in diesem Augenblick seine
Kette freibekommen hatte.

Hchste Zeit, da Ihr kommt, Johnny! rief diesen Rothkopf entgegen,
Teufel noch einmal, es wird Zeit, da wir abschieben -- an Bord, sag'
ich -- an Bord, oder wir haben die Rothjacken am Hals, ehe wir's denken.
-- Soll denn die Schwarze mit?

John blickte, noch selber zweifelhaft, nach seiner Frau hinber, Lloko
aber, ohne auf die Frage zu achten, warf sich in den Strom, schwamm
zu dem Boot hinber und kletterte an Bord. Zeit zum Ueberlegen blieb
berhaupt nicht, und Gentleman John mute ihrem Beispiel folgen, wollte
er nicht selber zurckgelassen werden. Seine Brieftasche zwischen den
Zhnen, stieg er in den Strom, und hatte kaum eine ihm zugereichte
Stange ergriffen, sich leichter hinber ziehen zu lassen, als die Ersten
der Feinde schon auf der Uferbank erschienen, und daran hinnrannten, das
Boot am Abfahren zu verhindern. In wenigen Sekunden war der Fhrer der
Buschrhndscher aber an Bord, und mit Stangen und Rudern arbeitete die
kleine Schaar, die Mitte des hier ziemlich breiten und tiefen Stromes zu
gewinnen.

Durch das Geschrei der Constabler angelockt, eilte jetzt auch ein
kleiner Trupp der bis zum verlassenen Hauptlager vorgedrungenen Soldaten
herbei, und diese feuerten, als sie das Boot im Wasser sahen, ihre
Gewehre darauf. Zwei der Buschrhndscher wurden getdtet, und selbst
John erhielt eine Streifwunde an der Schulter. Das schilfige Ufer
verhinderte hier aber, da ihnen die Feinde so rasch folgen konnten,
und ehe diese wieder geladen hatten, waren sie aus dem Bereiche ihrer
Kugeln.

Schweren Stand wrden die flchtigen Ruber freilich trotzdem gehabt
haben; denn Tolmer fhrte einen Theil seiner Leute auf einem ihm
bekannten Pfad den Strom eine Strecke hinab, wo sie, wenn sie vor dem
Fahrzeug eintrafen, den gerade an dieser Stelle wohl sehr tiefen
aber nicht breiten Strom sehr leicht berschieen konnten. Ein scharf
einsetzender Nordwestwind begnstigte aber die Verbrecher. Nachdem sie
die beiden Leichen der getdteten Kameraden ohne weitere Ceremonie ber
Bord geworfen und ihr kleines Boot dadurch wesentlich erweitert hatten,
setzten sie das schon bereit liegende Segel, und glitten jetzt, weit
rascher als ihnen das mit Rudern mglich gewesen wre, den leicht
gekruselten Strom hinab.

Als die Verfolger den vorerwhnten Platz erreichten, konnten sie eben
noch in der Ferne, gerade dort, wo der Murray breit und sumpfig in den
Victoria-See einmndet, das lichte Segel der Ruber erkennen, und an ein
weiteres Nachsetzen ohne Boote war nicht zu denken.

Zwar wurden solche so rasch als mglich vom Ufer des Sees her requirirt,
und der Anfhrer der Polizei hatte immer noch die Hoffnung, die
flchtigen Feinde wieder aufzuspren, die, wie er glaubte, es nicht
wagen wrden, die gefhrliche Einfahrt in die Encounterbay und offene
See zu forciren.

Was aber blieb den zur Verzweiflung getriebenen Mnnern anders brig,
als jetzt, mit den Mitteln ausgestattet, das Land ihrer Knechtschaft,
das fr sie entsetzliche Australien, zu verlassen, auch das Aeuerste
dafr zu wagen. Sie Alle wuten, da sie, einmal in die Hnde des
Gerichts gefallen, der Strick des Henkers rettungslos erwarte, und was
war dagegen die tosende Brandung, die ihnen am nchsten Abend ihren
weien Kamm entgegenwlzte.

Rothkopf, ein alter Matrose, der frher wegen versuchter und
wahrscheinlich auch schon ehedem ausgefhrter Seeruberei deportirt
worden, bernahm hier die Fhrung des kleinen Fahrzeugs, von dem aus
er erst eine Zeit lang den Gang der Brandung beobachtete. Dabei fand er
bald, da sie sich in ziemlich hohen und gefhrlichen Sturzwellen
gegen die einzige Ausfahrt heran wlzte. Zwischen den verschiedenen
Sturzwellen aber, und regelmig nach der dritten, trat eine kurze Ruhe
mit stillem Wasser ein, die ihnen die Mglichkeit lie, hindurch
zu kommen. Der Wind war ihnen gnstig, und benutzten sie ihre Zeit
kaltbltig und geschickt, so war, das sah er bald die Ausfahrt mglich.

Ohne Zgern wurden deshalb die nthigen Vorbereitungen getroffen. Mit
dem scharfen Bug glitt das kleine schwanke Fahrzeug zitternd der Fluth
entgegen, als ob es selber erbebe vor der nahenden Gefahr. Rothkopf aber
handhabte das schmucke Boot mit sicherem Blick. Das Segel war, als sie
die Brandung fast erreicht, eingenommen, und nur die ausgehende Ebbe
fhrte sie jetzt mit starker Strmung der furchtbaren Stelle zu. -- Ein
Rckgehen war schon nicht mehr mglich -- vor ihnen bumten sich die
glsernen Mauern und schttelten ihnen die weien, sonneblitzenden
Mhnen drohend entgegen -- es war die dritte Brandungswelle, die fast
ber ihren Huptern hing. Jetzt schmolz sie wie ein Hauch in sich
zusammen, und rechts und links vom Boot zischte und tanzte der
silberblinkende, wirbelnde, kochende Schaum.

Euer Segel auf!

Im Nu fate es der Wind und ri das Boot durch den ghrenden Strudel
hin. -- Schon hob sich die neue Woge wieder bumend auf, und hinter
dem Spiegel des kleinen Fahrzeugs selber quoll es empor in riesenhafter
Majestt -- noch wenige Sekunden, und es htte dem Schiff den Wind
entzogen und es hineingezogen in den Wasserberg -- aber die Ebbe half
den Rubern ber die Gefahr. Zischend scho das schlank und trefflich
gebaute Boot der offenen Fluth, der freien See, entgegen, und jauchzend,
jubelnd begrten die Geretteten das Meer!




4. Die Knguruh-Insel.


Es war im Monat Juli, als die letzten Streiftruppen von Militair und
Polizei, die im April die Buschrhndscher-Bande des Gentleman John
theils getdtet und gefangen, theils zerstreut hatten, nach Adelaide
zurckkehrten.

Trotz aller Energie ihres Fhrers, und trotz der wirklich
unvergleichlichen Ausdauer der Leute, war es ihnen aber doch nicht
gelungen, des Gefhrlichsten der Schaar, des berchtigten Gentleman
John, habhaft zu werden. Selbst in See ausgesandte Kutter, die an den
Ksten kreuzten und weite Strecken hinaus den Ocean absuchten, konnten
nichts von jenem Boot, das man zuletzt an der Mndung des Murray
gesehen, entdecken, und es blieb kaum mehr einem Zweifel unterworfen,
da die verwegenen Ruber, die damals dem Arm der strafenden
Gerechtigkeit entkommen, ihren Tod in der an der Einfahrt der
Encounterbai stehenden Brandung gefunden.

Was dieser Vermuthung noch mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, da man
gerade in jener Zeit die Trmmer eines zerschellten Bootes unfern jener
Stelle an der Kste entdeckt hatte. Jedenfalls mute es dasselbe sein,
das den Buschrhndschern gehrte, und wenn sie auch den Galgen also um
sein Recht betrogen, war doch wenigstens die Colonie von ihnen befreit,
und die einzelnen Stationshalter drauen im wilden Busch konnten freier
athmen.

Das war ziemlich die allgemeine Ansicht in der Colonie, die dadurch noch
mehr befestigt wurde, da man selbst wochenlang nach der Rckkehr der
Expedition Nichts mehr von einem neuen Ueberfall einzelner Reisenden
oder Stationen hrte. Die Wege im Busch waren so sicher, wie die Straen
von Adelaide im hellen Sonnenschein, und hatten sich wirklich Einzelne
der Scharr zu Land geflchtet, so schien Nichts wahrscheinlicher, als
da sie entweder in der trostlosen, wasserarmen Wildni umgekommen, oder
von den Schwarzen gespeert seien.

Nur Einer der Polizeibeamten, die sich damals dem Zuge angeschlossen,
theilte nicht die Meinung der Anderen, da nmlich Gentleman John sein
Ende in den Wogen gefunden, und das war Tolmer, der Chef jenes gegen die
Buschrhndscher ausgesandten Trupps selber. Er hatte das Boot gesehen,
er kannte auch die Gefahr der Brandung an der Victoriasee-Mndung,
aber er wute ebenfalls, da eine Ausfahrt zu Zeiten _mglich_ sei,
und traute dem tollkhnen Ruber recht gut zu, die Schwierigkeiten und
Gefahren derselben besiegt zu haben.

Die noch auf seinem Kopf stehenden zweihundert Pfund Sterling lockten
ihn dabei weit weniger, als die Ehre, den gefhrlichen und berchtigten
Ruber, trotz allen Kreuz- und Quersprngen desselben, noch einmal zu
berlisten und einzubringen, und mit unermdlicher Ausdauer, mit einer
Zhigkeit, die sich durch nichts entmuthigen und abschrecken lie,
durchritt er das halbe Murray-Thal und die Wildni bis zu den
besiedelten Distrikten der Nachbar-Colonie, und umsegelte die Ksten,
die sich nach rechts und links von Adelaide ausstreckten, die mgliche
Spur von dort gelandeten Fremden zu entdecken.

Umsonst -- Nirgends war auch nur das Geringste von den entkommenen
Rubern zu entdecken, und als letzte Mglichkeit fuhr er nach der der
Hindonoff-Landzunge gegenberliegenden Knguruh-Insel hinber. Er
wute recht gut, da Gentleman John bei seinem ersten Debt als
Buschrhndscher die Schlupfwinkel jener Insel genau kannte, und war es
ihm nicht gelungen, in See ein Schiff anzurufen und Australien ganz
zu verlassen, so blieb Nichts wahrscheinlicher, als da er sich wieder
dorthin geflchtet habe.

Ohne das geringste glckliche Resultat durchstreifte er aber die
ganze Wildni drben, kroch durch die ihm nur zu wohl bekannten
Knguruh-Dornen, dem flchtigen Ruber nur erst einmal wieder zu
begegnen. Auf den Stationen erhielt er -- das alte Leiden --
nur ungengende, ausweichende Nachrichten. Niemand wollte die
Buschrhndscher gesehen haben, Niemand etwas von ihnen wissen, und
er sah sich endlich genthigt, so ungern er es that, seine weitere
Verfolgung aufzugeben. -- Gentleman John war jedenfalls auf ein Schiff
entkommen, und dann freilich htten sie ihn hier wohl vergeblich suchen
sollen.

An Cap Borda, der Nordwestspitze der Insel, blieb er eine Nacht auf
einer von einem Mr. Bloome dort angelegten Station. Er wollte von hier
aus nach Adelaide zurckkehren, wurde aber in diesem Vorsatz durch ein
Gesprch mit Mr. Bloome selber wankend gemacht. Bloome nmlich erzhlte
ihm von einem sehr reichen Englnder, mit dem in Gemeinschaft er in
nchster Zeit einen Schooner ausrsten wolle, um an den australischen
Ksten und nach Neu-Seeland hin Handel zu treiben. Ein Bruder von ihm,
frher einmal Steuermann auf einem Ostindienfahrer, war zu dem Zweck
schon nach Sydney abgegangen, ein passendes Fahrzeug dort anzukaufen,
und er erwartete diesen mit jedem Tage zurck.

Stutzig machte ihn zuerst die Nachricht, da der Fremde als ein
Schiffbrchiger auf die Insel gekommen sei, an deren Kste er, wie
Bloome sagte, sein eigenes Fahrzeug verloren habe, und sein Verdacht
wurde zur Gewiheit, als er im Lauf des von ihm uerst vorsichtig
gefhrten Gesprchs erfuhr, da unter den wenigen, die sich mit ihm
gerettet, auch eine schwarze Frau gewesen sei.

Capitain Howitt, wie er sich nannte, sollte brigens, des Squatters
Bericht nach, erst gestern zu Land nach Point Marsden an der Nordseite
der Insel gegangen sein, wo er noch Geschfte, den Ankauf von Waaren
betreffend, abzuschlieen habe. Mr. Bloome erwartete ihn nicht vor der
nchsten Woche zurck.

Tolmers Entschlu war rasch gefat. Es war dies berhaupt seine letzte
Hoffnung, den flchtigen Ruber noch aufzufinden, und wenn er auch
jetzt, allein und ohne Untersttzung nichts Entscheidendes gegen ihn
unternehmen konnte, so wollte er ihn doch wenigstens erst einmal sehen,
wollte sich selber berzeugen, da es wirklich der vogelfreie Verbrecher
sei, und dann so rasch als mglich nach Adelaide zurckkehren, Hlfe von
dort herbeizuholen.

Mr. Bloome hatte, wie er bald im Gesprch merkte, keine Ahnung davon,
was fr ein gefhrlicher Charakter sein zuknftiger Compagnon sein
knne, und Tolmer war viel zu vorsichtig, ihm auch nur das Geringste
merken zu lassen, welchen Verdacht er selber habe. Ein unbedachtes Wort
des Squatters htte whrend seiner Abwesenheit den schlauen Verbrecher
nur zu leicht warnen, und all seine Mhe vergeblich machen knnen.
Die Nacht blieb er brigens noch bei seinem gastfreien Wirth, der ihn
berdies vor dem nchsten Morgen gar nicht fortgelassen htte, und
suchte whrend der Zeit Nheres von ihm ber die frheren Kameraden des
Schiffbrchigen zu erfahren. Diese befanden sich, Mr. Bloomes Meinung
nach, am andern Ende der Insel, vielleicht gerade dort, wohin jener
Mr. Howitt gegangen, wenigstens hatte er hier nichts weiter von ihnen
gesehen, und bekmmerte sich auch, wie er mit einem Seitenblick auf
Tolmer bemerkte, wenig oder gar nicht um das, was im Innern der Insel
vorging. Es sei das in Australien eine gar schlimme Sache, da man nie
wisse, mit wem man es eigentlich zu thun bekomme, und in wiefern die
Bekanntschaft vortheilhaft und angenehm sein knne.

Am andern Morgen brach Tolmer vor dem Frhstck noch mit dem dmmernden
Tage auf, und wanderte, so rasch ihn seine Fe trugen, dem ziemlich
fernen Point Marsden zu. Aber erst am vierten Morgen, durch Dornen,
Dickicht und vom Regen erweichte Wege aufgehalten, erreichte er etwa um
neun oder zehn Uhr die ersten Umzunungen des Platzes, der ihm von der
letzten Station als Eigenthum eines gewissen Rodwell -- derselbe, bei
dem sich jener Capitain Howitt aufhalten sollte -- bezeichnet worden.

Tolmer machte hier Halt, sich auf alle mglichen Flle, wenn er
da wirklich mit dem Buschrhndscher zusammentrfe, vorzubereiten.
Allerdings war er dabei im Vortheil, denn er kannte jenen sogenannten
Gentleman John schon von Ansehen genau, und hatte selber jede nur
mgliche Vorkehrung getroffen, nicht von ihm erkannt zu werden -- konnte
er ihn doch auch nicht hier vermuthen. Nichts destoweniger mute er dem
schlauen und abgefeimten Ruber gegenber jede Vorsicht gebrauchen, sich
nicht zu verrathen. Bei dem geringsten Verdacht, besonders wenn dieser
seine Helfershelfer in der Nhe hatte, war er verloren, oder der
Verbrecher doch jedenfalls gewarnt gewesen, ehe er sich seiner
bemchtigen konnte, und Mann gegen Mann blieb ihm auch nur geringe
Hoffnung, seiner Herr zu werden. Tolmer selber, wenn auch von krftigem
und durch Beschwerden gesthltem, zhem Krper, war doch dem riesigen,
schon seiner Strke wegen berhmten Ruber nicht gewachsen, und die List
fr ihn der einzige Ausweg. Ehe er also auf das Haus, dessen Dach er
schon von Ferne durch die Bsche konnte schimmern sehen, zuging, setzte
er sich noch vorher auf einen dort umgestrzten, unfern von dem schmalen
Pfad liegenden Baumstamm, und berlegte vor allen Dingen, auf welche Art
er sich am glaubwrdigsten bei jenem Mr. Rodwell einfhren knne.

Noch war er hierber zu keinem festen Resultate gekommen, als er Stimmen
im Busch hrte, die allem Anscheine nach gerade vom Hause her den Pfad
entlang kamen. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, glitt er hinter
den ziemlich starken Gumstamm, auf dem er bis jetzt gesessen, und
erkannte wenige Minuten spter einen Mann und eine Frau, die zusammen
langsam auf dem Pfad hinschritten. Ehe sie brigens dicht zu ihm kamen,
blieben sie auf einer etwas lichten Stelle stehen und sprachen leise mit
einander. Tolmer horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, war aber
nicht im Stande, Alles zu verstehen, denn nur einzelne Worte und kurze
Stze drangen bis zu ihm herber.

Es geht nicht, sagte die Frau, es geht wahrhaftig nicht -- was soll
aus dem Kinde werden?

Dann wieder schien sie der Mann zu etwas berreden zu wollen, denn sie
sah vor sich nieder und schttelte langsam, wie zweifelnd, den Kopf.

Es war ein junges, bildschnes Weib, in die einfache Tracht der
australischen Squatterfrauen gekleidet. Ihr Bonnet trug sie in der Hand,
und die vollen, lichtblonden Locken fielen ihr voll und reich um die
weie, fast zu bleiche Stirn. Nur das Antlitz des Mannes, der ihr den
Rcken zukehrte, konnte er noch nicht erkennen. Dieser beugte sich nach
der Frau vor, und hielt eine ihrer Hnde zwischen den seinigen.

Halte nur Alles bereit, sagte da endlich der Mann mit lauterer Stimme,
ich komme jedenfalls, und Du sollst es nicht bereuen. -- Er bog sich
zu ihr nieder und wandte sich dann rasch von ihr ab, den Pfad, den
Tolmer kurz vorher gekreuzt, zu verfolgen.

Die Frau blieb an der Stelle, wo er sie verlassen, noch eine
Weile stehen, Tolmers Augen aber hafteten auf dem jetzt an ihm
vorberschreitenden Manne, den er auf den ersten Blick als den gesuchten
Ruber erkannte.

Gentleman John hatte sich allerdings seit jener Zeit, wo er ihn zuletzt
gesehen, sehr zu seinem Vortheil verndert. Er trug statt der frheren
Buschtracht seine Tuchkleider, einen feinen schwarzen Hut und einen
Spazierstock in der Hand, den Tolmer rasch als Degenstock erkannte. Auch
sein Gesicht sah voll und blhend aus und gab den Beweis, da er von dem
geraubten Gelde vortrefflichen Gebrauch gemacht. Eine eigene Aufregung
schien sich aber seiner bemchtigt zu haben, seine Augen, mit denen
er rasch die Bahn vor sich berflog, leuchteten, und sein Schritt war
leicht und elastisch geworden. So eilte er, ohne den versteckten Feind
zu bemerken, schnell an Tolmer vorber und war, ehe dieser nur zu einem
Entschlu kommen konnte, ob er ihm folgen solle oder nicht, bald in dem
dichten Busch der Waldung verschwunden.

Die Frau schaute ihm wie sinnend nach, so lange sie ihn sehen konnte,
und faltete dann die Hnde, senkte das schne Haupt und sah still und
schweigend viele Minuten lang vor sich nieder. Dann drehte sie sich um,
und schritt mit zgerndem Gang dem Hause wieder zu.

Tolmer wartete, bis sie dasselbe etwa erreicht haben konnte, und wollte
dann ebenfalls sein Versteck verlassen, als er vor sich, kaum zwanzig
Schritte entfernt, etwas in den Struchen rascheln hrte. Es konnte
ein Vogel oder auch ein Wallobi[9] sein, von denen es viele dort in der
Gegend gab; Tolmer aber war viel zu sehr Buschmann, auch das Geringste
unbeachtet zu lassen, und in seiner noch geschtzten Stellung bleibend,
sah er vorsichtig eine Weile nach der Gegend hinber, aus der er das
Gerusch zuerst gehrt.

  [9] Wallobi, kleine Art Knguruh.

Im Anfang war Alles wieder ruhig, dann erkannte er aber pltzlich, da
sich da drben ein schlanker Theebuschschling bewege, als ob etwas
Schweres dagegen drcke, und wenige Secunden spter entdeckte er
die dunkle Gestalt einer Eingeborenen, die, in einen langen
Opossumfellmantel gehllt, aus dem gegenberliegenden Dickicht trat.
-- Nur einen Blick warf sie nach der Richtung hinber, in der die
Frau verschwunden war, dann folgte sie, die Augen fest auf den Boden
geheftet, den Schritten des weien Mannes -- ihres Gatten.

Tolmer fhlte sich vollkommen berzeugt, da sie keine Ahnung von seiner
Nhe gehabt, denn selbst wo sie seine Fhrten kreuzte, wandte sie den
Kopf weder nach rechts, noch nach links hinber, sondern schien nur das
eine Ziel im Auge zu behalten. Nichts desto weniger blieb er jetzt noch
eine geraume Zeit in seinem Versteck, um vollkommen sicher zu sein, da
er keinen weiteren Lauscher mehr zu frchten habe, und ging erst dann,
als er sich davon berzeugt, dem nicht mehr fernen Hause zu. Jetzt lag
ihm vor allen Dingen daran, Genaueres ber jenen Burschen zu hren, und
die beste Quelle dafr schien ihm jene fremde Dame, die jedenfalls ein
nheres Interesse an ihm nahm.

Tolmer hatte erwartet, auf dem nchsten freien Platze eine der
gewhnlichen Schafstationen mit Wohnhaus des Eigenthmers und einer
Anzahl daranstoender Gebude zu finden, und war eigentlich berrascht,
hier nur, als er die Lichtung betrat, ein einfach kleines, aber
unendlich sauberes und freundliches Huschen vor sich zu sehen, das
mit zierlichem Giebeldach gebaut, von einem trefflich gehaltenen
Garten umgeben, in ein wahres Dickicht von Frucht- und Bltenbumen
hineingeschmiegt lag. Reizend war dabei die Aussicht auf das offene
Meer, die =Investigator strait=, die hier die Insel von dem festen Lande
trennte, und bei klarem Wetter sogar die fernen Hhen desselben sichtbar
werden lie, whrend hie und da ein weies Segel auf der dunkelblauen,
leicht gekruten Flut dem Bilde Leben und Bewegung gab.

Um das Haus selber rankte sich eine frmliche Wand von Passionsblumen
und andern blhenden Schlingpflanzen, an denen Australien so reich ist,
und blitzend und blank schauten daraus die kleinen aber hellen, inwendig
mit reinlichen Gardinen behangenen Fenster vor.

Tolmer zgerte fast den Platz zu betreten, so still und friedlich lag
die liebe Wohnung vor ihm da -- und sollte er da zuerst Mitrauen und
Unheil sen? -- Bah -- die Gegend wollte er ja gerade von ihrer Pest
befreien, die Schlange aus dem Paradiese jagen, und gar willkommen mute
da sein Fu dem Boden sein.

Rasch und entschlossen wanderte er deshalb dem Hause zu, an dessen
Fenstern er vergebens die Gestalt der vorher im Busch gesehenen Frau zu
ersphen suchte, und klopfte, als er die Thr erreichte, leise an. --
Niemand antwortete ihm. Er klopfte lauter -- Alles blieb todtenstill
im Haus. Nichts desto weniger stand die Thr nur angelehnt, und er trat
endlich hinein, in der Hoffnung, doch jedenfalls irgend wen von der
Dienerschaft dort zu finden.

Im Vorsaal war Niemand, im nchsten unten gelegenen Zimmer aber hrte er
eine Kinderstimme, und da auch diese Thr nur angelehnt war, ffnete er
sie leise und sah hinein.

Mitten in dem kleinen, reinlichen Gemach stand ein Kinderbettchen, in
dem ein vielleicht jhriges Kind lag, auf dem Sopha aber in der Ecke,
das Antlitz in die Kissen gedrckt, das Bonnet neben sich am Boden, lag
die junge Frau regungslos wie eine Todte.

Tolmer trat erschreckt zurck -- er hatte nicht indiscret sein
wollen und kein Recht, sich dem geheimen Kummer einer Unglcklichen
aufzudrngen. Mit dem einen Ziel aber fest im Auge, konnte und durfte
er auch das Haus nicht wieder verlassen, ohne Nheres ber jenen Mann
gehrt zu haben, und leise nur wieder zurcktretend, da die junge Frau
sich nicht bemerkt glauben durfte, machte er drauen lautes Gerusch
an der Hausthr, die er stark zuschlug, trat dann fest auf, den Vorsaal
entlang, und klopfte endlich an die Kammerthr.

Wer ist da? rief in demselben Augenblick eine ngstlich erschreckte
Stimme, und zugleich ffnete sich die Thr, in der dem sonst ziemlich
kalten Polizeimann das reizendste Wesen entgegentrat, da er je gesehen
zu haben glaubte. Er brachte auch im Anfang wirklich nicht ein Wort
ber die Lippen, und fing schon an, sich selber zu rgern, als die junge
Frau, die sich zuerst gesammelt, ruhig fragte:

Was steht zu Ihren Diensten und wen suchen Sie?

Mr. Rodwell, erwiderte da Tolmer, rasch gefat, hab' ich vielleicht
das Vergngen Mrs. Rodwell vor mir zu sehen?

Die Frau neigte leise ihr Haupt, ohne ein Wort weiter zu erwidern, aber
ihr Blick flog indessen forschend ber des Fremden Zge. Wer war er, und
wo kam er so pltzlich her?--

Und knnen Sie mir sagen, wo und wann ich vielleicht Mr. Rodwell
treffen mchte?

Ich wei es nicht, erwiderte die Frau, und Tolmer kam es vor, als ob
sich die bleichen Wangen etwas rtheten, er ist nach Adelaide gefahren
und ich erwarte ihn erst morgen oder bermorgen wieder zurck.

S--o? sagte Tolmer, indem er fest dem auf ihm haftenden Blick
begegnete, bis die Frau den ihrigen zu Boden schlug.

Haben Sie Geschfte mit ihm? frug diese endlich, die sich gewaltsam zu
sammeln schien.

Ja und Nein, erwiderte der Polizeimann ruhig. Ich suche eigentlich
nur ein paar Stiere, die mir vom Sdufer der Insel fortgelaufen sind
und den Busch angenommen haben, und wollte ihn fragen, ob er nichts von
ihnen hier gesehen. Doch die Frage kann mir jeder Andere wohl ebenfalls
beantworten, und irgend einer Ihrer Leute oder Nachbarn wird mir gewi
darber Auskunft geben.

Unsere beiden Arbeiter sind im Feld, erwiderte Mrs. Rodwell, wenn Sie
sich vielleicht dorthin bemhen wollten.

Ihr nchster Nachbar wohnt wohl nach Westen zu? frug Tolmer.

Nach Westen zu -- wie so?

Ach, ich meine nur -- ich sah die frischen Spuren eines europischen
Stiefels dort im Pfad. Wie weit ist es in der Richtung bis zum nchsten
Haus?

Eine nicht unbedeutende Strecke, erwiderte Mrs. Rodwell, und wieder
entging es dem scharfen Blick des Polizeibeamten nicht, da eine leichte
Rthe ihr Antlitz, wenn auch nur momentan, berflog. Aber selbst von
dort her kommen sie manchmal verloren gegangenes Vieh zu suchen.

Ja -- kann ich mir denken, sagte Tolmer nachdenkend, hm, da war
der, von dem ich die Spuren gesehen, wohl gar am Ende auch in solchen
Geschften aus, und knnte mir die beste Kunde geben. Kennen Sie ihn,
Madame, und haben Sie gesehen wer es war?

Ich? -- nein, sagte die Frau ruhig -- er war nicht hier im Haus.

Dann bitte, entschuldigen Sie, da ich hier so ohne Weiteres
eingebrochen bin, sagte Tolmer, sich leicht verbeugend. Er wute
jetzt genug, und war berzeugt, da die Frau, die selbst ableugnete
den Fremden gesehen zu haben, ihm nie einen weiteren Aufschlu ber
denselben geben wrde. Wenige Minuten spter schritt er wieder langsam
durch den kleinen, mit sorgsamer Hand angelegten Garten einem anderen,
zu dem Haus gehrenden Gebude zu, das zu Stllen und Vorrathskammern zu
dienen schien, und wo er einen Arbeiter beschftigt sah, einen kleinen
Wagen auszubessern.

Der Polizeimann hatte erst von diesem weitere Erkundigungen einziehen
wollen, aber das Gesicht des Mannes gefiel ihm nicht. Der Bursche
gehrte jedenfalls zu der damaligen Hauptbevlkerung Australiens, der
der entlassenen oder beurlaubten Strflinge, und einem solchen durfte
er nicht ahnen lassen, was er hier suche. Deshalb seinen Vorwand
beibehaltend, sich nach entlaufenem Vieh zu erkundigen, frug er nur
oberflchlich nach der dortigen Nachbarschaft, und denen, die den Platz
zu Zeiten besuchten. Er bekam aber auch hier nur ausweichende Antworten,
denn Bradley, so hie der Bursche -- war in der That einer der wenigen
mit Gentleman John entkommenen Verbrecher, der sich hier als =groom=
verdungen hatte, seine Zeit abzuwarten. Tolmer schpfte aber erst
dann Verdacht gegen ihn selber, als er die angeblich gesuchten, in
Wirklichkeit gar nicht existirenden Zugstiere, genau so wie er sie auf
gut Glck beschrieb, vor einigen Tagen an der _Ost_spitze der Insel
gesehen haben wollte. Gentleman John war in _westlicher_ Richtung
fortgegangen.

Der schlaue Polizeibeamte lie sich jedoch nicht das Geringste merken,
dankte fr die Auskunft und verlie, der bezeichneten Richtung folgend,
den Platz. Sein Boot lag in der Wegranbay, und er war fest entschlossen,
ohne hier weiter einen Augenblick Zeit zu versumen, so rasch als irgend
mglich nach Adelaide zurckzukehren.

       *       *       *       *       *

In der Hauptstadt Sdaustraliens glcklich angelangt, stattete er
augenblicklich dem Gouverneur Bericht ab, und dieser war gern bereit,
ihm ein Detachement Militr mitzugeben, die flchtigen Verbrecher
aufzuheben. Tolmer dagegen erbat sich Freiwillige, denn er wute recht
gut, mit welchem Feind er es hier zu thun bekam, und da der in die
Enge getriebene Buschrhndscher wie ein Verzweifelter sich wehren
wrde. Auerdem kannte er die Hlfsquellen nicht, die ihm dort zu Gebote
standen, und ob sich im Innern der wilden Insel nicht am Ende noch eine
grere Zahl von Verbrechern versteckt hielt, als er jetzt vermuthen
konnte.

Zu gro durfte er seine Schaar aber auch nicht whlen, denn immer
noch mehr hoffte er von der List als von Gewalt, und als sich zwanzig
zuverlssige Leute gemeldet hatten, nahm er noch seinen Sergeanten,
einen gewissen Morris dazu, und lie die Mannschaft auf zwei ihm von der
Regierung berlassenen Booten sich nach der Knguruhinsel einschiffen.

Tolmer wollte seine Leute sdlich von Cap Borda landen lassen, von dort
aus dann seine weiteren Anordnungen zu treffen. Er hatte ihre Abfahrt
auch so viel als mglich beeilt, da er herausbekommen, da allerdings
vor einigen Tagen ein Schooner in Adelaide angekauft und, nach Cap Borda
bestimmt, abgegangen sei. Das mute derselbe sein, auf dem Gentleman
John seine Flucht bewerkstelligen wollte, und dem zuvorzukommen hatte er
keine Minute Zeit mehr zu versumen.

Die Boote lagen im Adelaide-Port mit Wasser und Provisionen versehen,
und Tolmer, der eben seine letzten Instructionen und Vollmachten
eingeholt, ging am Werft entlang, wo weiter unten sein Sergeant noch auf
ihn wartete.

Wenig achtete er dabei auf die Menschen umher, denen er begegnete, oder
die er berholte, er war zu viel mit seinen eigenen Gedanken und Plnen
beschftigt, als ihn pltzlich ein laut gerufener Name aufmerksam
machte.

Mr. Rodwell! rief eine feine Stimme hinter einem dicht vor ihm
hinschreitenden Manne her, der ein langes Teleskop umgehngt, sich nach
dem Rufe umdrehte. Es war eine hohe, mnnliche Gestalt, mit blondem,
gelocktem Haar, blauen Augen und unendlich gutmthigen, offenen
Zgen. Als Tolmer an ihm vorberschritt, hatte ihn der kleine, ihm
nachgelaufene Bursch erreicht und brachte ihm eine Cigarrentasche, die
er im Hotel hatte liegen lassen. Rodwell dankte ihm lchelnd und gab dem
darber sehr vergngten Burschen eine kleine Mnze, steckte die Tasche
ein und verfolgte seinen Weg.

Rodwell hie, wie Tolmer sich recht gut gemerkt, der Mann auf der
Knguruh-Insel, dem das freundliche Haus und die schne Frau gehrte,
und er beschlo, Nheres von ihm und seinen nchsten Plnen zu hren,
ehe er ihn wieder aus den Augen lie.

Rodwell blieb endlich dicht an einer der schmalen Landungstreppen
stehen, und der Polizeibeamte sah, da ein Boot mit zusammengerolltem
Segel und eingelegten Rudern dort augenscheinlich auf ihn zu warten
schien.

Guter Wind heute fr eine Spazierfahrt, Sir, redete er denn auch ohne
Weiteres den Fremden an, mu sich prachtvoll drauen segeln bei der
Brise.

Denke ja, erwiderte Rodwell, sich lchelnd zu ihm wendend, aber ich
will nicht spazieren fahren, sondern ich kehre nach Haus zurck.

Ah so, -- haben wohl Ihre Station hier irgendwo an der Kste.

Auf Knguruh-Eiland.

Ah, da drben -- ist ein famoser Platz -- war auch vor kurzer Zeit in
Geschften dort, und bin ebenfalls wieder im Begriff hinber zu fahren.

In der That? dann knnen wir vielleicht zusammen segeln, lachte
Rodwell, aber -- mein kleines Boot ist ein Klipper und springt bei
einer frischen Brise nur so ber das Wasser hin. Nicht alle Boote knnen
Schritt mit ihm halten.

Hm, sagte Tolmer, dem auf einmal ein neuer Gedanke durchs Hirn zuckte,
ich wollte nur, ich htte ein Boot, mit Euch wett zu fahren, aber ich
wei noch nicht einmal, wie ich hinber kommen soll. Bin eben nur an das
Werft hier herunter gegangen, zu sehen, ob ich mir irgend ein kleines
Fahrzeug miethen knnte. Die Leute wissen aber wahrhaftig gar nicht,
was sie fordern sollen, und liegen lieber mig am Strand, ehe sie einen
armen Teufel fr einen migen Preis hinberschafften.

Dann fahrt mit mir, sagte Rodwell gutmthig, ich habe vollauf Platz
im Boote, und Ihr sollt einmal sehen, wie wir hinberschieen. Nach
welcher Stelle der Insel wollt Ihr?

O das bleibt sich gleich. Wenn ich nur dort erst einmal festen Boden
unter mir habe, komm' ich schon wohin ich will. -- Und Ihr wrdet mich
wirklich mitnehmen?

Mit Vergngen, lautete die freundliche Antwort, schafft aber dann nur
Euer Gepck so rasch als mglich hier herunter.

Das soll bald geschehen sein, lachte Tolmer, und schwer wird es Euer
Boot auch nicht machen. Ich habe meine wenigen Sachen gleich dort unten
liegen, und wenn Ihr nur ein paar Minuten auf mich warten wollt, bin ich
gleich wieder da.

Rodwell nickte ihm lchelnd zu und Tolmer eilte jetzt, so rasch ihn
seine Fe trugen, den eigenen, schon seiner harrenden Booten zu. Hier
gab er Borris die nthigen Befehle, sdlich von Cap Borda, an einer
genau von ihm bezeichneten Stelle zu landen, und dort vor allen Dingen
auszukundschaften, ob der Schooner angelangt sei, und wann er in See
gehen wrde. Bis er selber wieder zu ihnen stie, hatten sie Nichts zu
thun, als dessen Abfahrt zu hindern; selbst mit Gewalt, wenn es nicht
anders mglich wre.

Tolmer selber hoffte dagegen im Point Marsden auf die Spur des
Buschrhndschers zu kommen, der, wie er vermuthete, die Abwesenheit
seines jetzigen Reisegefhrten wohl nach Krften fr seine eigenen
Zwecke benutzen wrde. Was lag dem gewissenlosen Ruber an der Ruhe
und dem Glck zweier Menschen. War er brigens auch dort nicht mehr zu
finden, so konnte er mit seinen Zurstungen fr eine lngere Seefahrt
unmglich so rasch fertig werden, und war leicht an Ort und Stelle zu
berholen. Uebrigens glaubte Tolmer, da er den Burschen, nach dem, was
er damals belauscht, wohl noch an Point Marsden finden werde, wo er denn
seine ferneren Plne formen mute. War dem Ruber doch durch seine
Leute die Flucht abgeschnitten, und einmal _mute_ er ihm dort wieder
begegnen.

Rasch packte er jetzt nur etwas Wsche und seine alten Buschkleider mit
ein paar guten, doppellufigen Pistolen in ein Packet, und eilte damit
zu seinem neuen Reisegefhrten zurck. Dieser hatte ihn, langsam dabei
am Werft hin und her schlendernd, geduldig erwartet und erst als er ihn
kommen sah, stieg er, ihm zunickend, die zu seinem Boot fhrende Treppe
nieder.

Auer ihm sa noch ein seemnnisch aussehender Bursche im Boot, der das
eine Ruder nahm, whrend Rodwell das andere aufgriff.

Knnt Ihr steuern? rief er, als Tolmer sie erreichte, diesem zu.

Gewi -- aber wollt Ihr mich nicht rudern lassen?

Ist nicht nthig; sobald wir ein Stck drauen im Kanal sind, knnen
wir doch unser Segel setzen. Nehmt nur Eueren Platz am Steuer, und fhrt
uns hier zwischen all den Fahrzeugen durch. Erst einmal freie See, und
wir fliegen nur so hinber.

Es wurde von jetzt ab nicht mehr zwischen den Mnnern gesprochen, als
nthig war, die Richtung und Bewegung des kleinen flchtigen Bootes zu
bestimmen. Das Fahrwasser, in dem sie sich befanden, erforderte brigens
ihre ganze Aufmerksamkeit, denn von Port Adelaide ab muten sie vorerst
einem langen, schmalen Seearm folgen, der sich herber und hinber wand,
ehe sie die offene See erreichen konnten. Die Seeleute sagen auch nicht
mit Unrecht, da ein Schiff den Wind erst um den ganzen Compa herum
haben msse, ehe es von dort auslaufen knne, und fr groe Fahrzeuge
sind oft viele Tage nthig, bis sie das Meer gewinnen knnen. Wo aber
das kleine, trefflich gebaute Boot nur eine Mtze voll Wind erfassen
konnte, setzten sie die Segel, und bald hinber und herberkreuzend,
bald vor der Brise dahinschieend, dann und wann aber auch wieder
genthigt zu den Rudern zu greifen, passirten sie endlich die
Torrens-Insel, umsegelten die nordwrts auflaufende Spitze des letzten
festen Landes, und steuerten mit einer frischen Nordwestbrise an der
Kste sdlich nieder, der etwa von da noch 15 deutsche Meilen entfernten
Knguruh-Insel zu.

Erst einmal drauen in freiem Wasser hatte der Bootsmann seinen Platz
im Bug vorn eingenommen, whrend sich Rodwell in die Spiegel des
Bootes neben Tolmer setzte. In der ersten Zeit war er allerdings noch
schweigsam, und schaute fortwhrend nur nach Sden hinunter, wo sie
in grauer Ferne vor sich Cap Jervis konnten seine blaue Landspitze
vorstrecken sehen. Da pltzlich sprang er von seinem Sitz auf und vorn
auf die Bank, durch die ihr kleiner Mast befestigt war und rief, seinen
Strohhut dem fernen Sden frhlich entgegen schwenkend:

Land! -- dort hinten, Fremder, liegt meine liebe alte Insel -- liegt
meine Heimat, liegt Alles, was ich mein Eigen nenne, und was mich zum
glcklichsten Menschen macht, von den blauen rollenden Wogen umschumt,
und wie unser Boot auch rasch und frhlich ber die Flut dahinzischt,
knnte meine Sehnsucht es treiben, es liee selber die flchtige Mve
weit hinter sich zurck.

Euere _Heimat_, sagte Tolmer, dem ein eigen wehmthiges Gefhl die
Brust zusammenzog -- ja, wohl dem, der eine glckliche Heimat sein
Eigen nennen darf. Ich ahne, wie wohl uns darinnen sein mu, obgleich
ich selber das Gefhl nicht kenne.

Ihr seid nicht verheirathet, Fremder? frug Rodwell mit fast
mitleidigem Tone seinen Reisegefhrten.

Nein, sagte Tolmer seufzend, und Ihr wit, welch' ein rastlos wildes,
ungeregeltes Leben ein Junggeselle in den Colonien fhren mu. Wre
uns nicht aus unserer Jugend noch die Erinnerung an den Segen
stillen Familienglcks geblieben, man mchte manchmal wahrlich fast
verzweifeln.

Ich zeig' Euch _meine_ Heimat, sagte Rodwell, und seine Augen
leuchteten, als er an den stillen Frieden seines eigenen kleinen Herdes
dachte, dem er mit frisch geblhtem Segel jetzt entgegenstrebte. Grad'
da vor uns taucht Point Marsden auf, und einen lieberen, freundlicheren
Platz, als dort zwischen den schattigen Fruchtbumen und blhenden
Bschen liegt, gibt es nicht mehr auf der weiten Gottes Welt. Es ist fr
mich ein wahres und wirkliches Paradies.

Dann halte Euch Gott nur auch die Schlange daraus fern, sagte Tolmer
leise.

Rodwell sah sich rasch und fast erschreckt nach ihm um; sich dann aber
mit frhlichem Kopfschtteln die Locken aus der Stirne werfend, sagte er
guten Muths, doch mit herzlicher, fast bewegter Stimme:

Das wird er auch, Fremder, denn wo zwei gute Menschen Hand in Hand und
fest zusammen stehen, da findet die Schlange keinen Boden fr sich, und
mu weichen. Aber-- setzte er, seinen Begleiter mit scharfem Blick
fixirend hinzu -- was seht Ihr mich so sonderbar an? -- _kennt_ Ihr
meine Heimat und -- Ihr waret schon auf Knguruh-Eiland?

Ja -- schon mehrere Mal, lautete Tolmers ruhige Antwort, aber immer
nur auf sehr kurze Zeit. Doch -- was ich Euch fragen wollte -- Ihr habt
wohl eine Station auf Marsden Point?

Nein -- nur ein Haus, das ich mir selbst gebaut, und ein paar Gespann
Pferde, sagte Rodwell, leicht beruhigt. Ich bin Zimmermann, meinem
Geschfte nach, und bin auch besonders damit beschftigt, Nutzholz zu
fllen und zuzuhauen und an den Strand zu schaffen, wo ich es den fr
fremde Hfen bestimmten Schiffen gut verkaufen kann. Auch Fuhren fr die
Stationshalter hab' ich gethan, theils in meinem Boot, theils mit meinem
Geschirr, und stehe mich gut dabei. Von jetzt ab will ich aber zu Hause
bleiben, und meine Fahrt nach Adelaide hatte eben zum Zwecke, nur eine
kleine Heerde Schafe und Rinder zu kaufen, mit denen ich beginnen kann
Viehzucht zu treiben, wie ein wirklicher Squatter. Ich habe das unruhige
Leben satt und will mein Weib und Kind nicht mehr so lange allein
lassen.

Daran thut Ihr wohl, sagte Tolmer, Australien ist dafr ein
gefhrlich Land, und eine Unzahl Menschen streifen darin frei umher, die
in andern Gegenden vorsichtig in Ketten und Banden gehalten wrden.

Dort drben wohl kaum, lachte Rodwell. Derlei Gesindel hat uns die
See bis jetzt ziemlich vom Leibe gehalten. Auerdem scheint es auch,
als ob sich in neuerer Zeit doch mehrere reiche Einwanderer auf unserer
kleinen Insel niederlassen wollten, die der Vortheile manche bietet, und
das vermehrt denn nur natrlich unsere Sicherheit.

Haben sich neuerdings Fremde dort niedergelassen? frug Tolmer
gleichgltig.

Allerdings, erwiderte Rodwell. Die Zeit wird gar nicht mehr so fern
liegen, da wir eine ordentliche Stadt dort drben grnden, und da uns
weder Buschrhndscher noch Schwarze etwas zu schaffen machen, drfen wir
die beste Hoffnung hegen, freie Einwanderer hinber zu ziehen.

Eine Stadt? -- das mchte doch wohl noch eine Weile dauern.

Und wehalb? rief Rodwell. So hat sich erst ganz krzlich ein
hchst liebenswrdiger und gebildeter Mann, ein Capitn Howitt bei uns
eingefunden, der ein groes Handelshaus dort etabliren will. Mit solchem
Anfang findet sich die Stadt von selbst, denn Eines zieht dabei das
Andere nach.

Ein Capitn Howitt? frug Tolmer, der Name ist mir bekannt.

Wohl mglich; er gehrt einer alten und geachteten Familie in England
an, und der Capitn selber, der Australien schon nach allen Richtungen
durchreist und das Land aus dem Grunde kennt, ist jedenfalls der Mann
dazu, ein derartiges Unternehmen im Groen durchzufhren.

Kennen Sie ihn genauer? sagte Tolmer, und bereute auch schon im
nchsten Augenblick, die Frage gethan zu haben, denn der vorn im Boot
sitzende Matrose wandte rasch den Kopf nach ihm um, und schien ihn
scharf und forschend zu betrachten.

Genauer gerade nicht, meinte Rodwell, aber er hat etwas in seinem
ganzen Wesen, das fr ihn einnimmt -- etwas Festes, Entschlossenes
in seinem Blick, und solche Leute knnen wir im Lande brauchen. Die
weichen, zaghaften Menschen passen nicht in unseren Busch.

Tolmer schwieg. So gern er den Mann vor jenem gefhrlichen Verbrecher
gewarnt htte, durfte er es in Gegenwart des Dritten nicht wagen, von
dem er ja nicht wute, ob er ihm trauen knne. Am Lande fand sich
dazu vielleicht eher Gelegenheit. Jedenfalls hatte er genug von seinem
Reisegefhrten gesehen, von dessen Ehrlichkeit berzeugt zu sein, und
diesem selber mute denn ja daran liegen, den gefhrlichen Menschen
sobald als irgend mglich unschdlich gemacht zu sehen.

Rasch verfolgte indessen das Boot seine Bahn. Immer hher und deutlicher
tauchte das ferne Land der Knguruh-Insel aus dem Meere auf, und schon
konnten sie die einzelnen Vorsprnge, ja bald darauf den Busch und die
daraus hervorragenden hheren Bume erkennen.

Die Brise lie gerade jetzt ein wenig nach, und Rodwell verging fast vor
Ungeduld, da das Boot nicht mehr so flchtig vorwrts scho. Bald aber
blhte sich das Segel wieder voll dem Wind, und als die Sonne sank und
Nacht das Meer deckte, waren sie dem Lande nahe genug gekommen, ihre
Bahn trotz der Dunkelheit fortzusetzen. Rodwell kannte hier berhaupt
jeden Vorsprung der Kste, jede Klippe, und steuerte den schlanken Kahn
mit sicherer Hand dem alten gewohnten Landungsplatze zu.

So, und nun kommt, Fremder -- ich habe Euch noch nicht einmal nach
Euerem Namen gefragt, sagte er, als er mit leichtem Schritt an Land
sprang, es dem Matrosen berlassend, das Boot auf der gewhnlichen
Stelle in Sicherheit zu bringen, und Segel und Ruder zu bergen.

Barner hei ich, sagte Tolmer, ihm etwas langsamer folgend, denn er
wollte sich durch seinen ziemlich bekannten Namen nicht vor der Zeit
verrathen.

Gut denn, Mr. Barner, sagte Rodwell freundlich, die Nacht mt Ihr
nun ohnehin mein Gast bleiben, da die Huser in meiner Nachbarschaft
noch gar sprlich geset sind, und morgen bleibt Euch Zeit genug, den
Wanderstab zu setzen, wohin es Euch beliebt.

Und ist hier Euer Haus? frug Tolmer, der sich in der Dunkelheit nicht
zurecht fand.

Gleich da drben, hinter den einzelnen Bumen, die Ihr dort gegen den
helleren Himmel knnt abstechen sehen. Eigentlich mten wir von hier
aus schon das Licht im Innern erkennen knnen, aber meine Frau hat mich
gewi heute noch nicht erwartet.

Er war, whrend er sprach, auf den bekannten Pfaden so rasch vorwrts
geschritten, da ihm Tolmer kaum zu folgen vermochte. Jetzt hatten
sie die Gartenthr erreicht, aber auch diese war ungewohnter Weise
verschlossen. Rodwell hob inde die leichte Gatterthr aus den Angeln
und fhrte seinen Begleiter den breiten kiesigen Gartenpfad entlang
dem Hause zu, da sie jetzt mit seinen dunklen Umrissen dicht vor sich
erkennen konnten.

Hier hatten sie bald die Hausthr erreicht, an die Rodwell dreimal leise
anklopfte. -- Niemand antwortete ihm. Er klopfte strker -- Alles blieb
todtenstill im Haus; kein Licht erschien, kein Schritt wurde laut.

Sie kann doch noch nicht schlafen, murmelte Rodwell vor sich hin, es
ist kaum acht Uhr-- und lauter, krftiger schlug er gegen die Thr,
da es durch das ganze Haus drhnte. -- Umsonst. Im Haus rhrte und
regte sich Nichts.

Rodwell sprach kein Wort. Still und regungslos stand er an seiner
eigenen Thr -- an der Schwelle seines Paradieses, und wie die Ahnung
etwas Entsetzlichen griff es ihm in die Seele und machte sein Blut in
den Adern stocken.

Da knarrte im obern Stock, gerade ber der Thr, ein Fenster, und eine
ngstliche Frauenstimme rief von oben nieder:

Wer ist da? -- Sind Sie es, Master?

Betsey! rief Rodwell, und holte tief Athem -- es war ihm, als ob
sich eine Centnerlast von seiner Seele wlze. Oeffnet denn Niemand, und
schlft mein Weib und Kind schon so fest, da sie mich gar nicht hren?

Ich komme gleich hinunter und mache die Thr auf, sagte das Mdchen
und verschwand vom Fenster.

Die beiden Mnner wechselten indessen kein Wort mit einander. Mit fast
krampfhaftem Griff hielt Rodwell die Klinke fest in seiner Hand, bis
sie im Haus die Schritte des Mdchens hrten, das langsam die
Treppe herunter kam, und jetzt innen die beiden Riegel von der Thr
zurckschob. Jetzt steckte sie den Schlssel ein und schlo auf, und im
nchsten Augenblick stand ihr Rodwell gegenber.

Ach du mein lieber Gott! rief da das Mdchen, whrend ihr die
Thrnen aus den Augen strzten, ich kann ja nichts dafr -- ich bin
ja wahrhaftig unschuldig, wenn ich es mir auch gedacht habe, da das
Unglck noch geschehen wrde.

Rodwell war leichenbla geworden. Er zitterte so, da er sich an Tolmer
halten mute, nicht umzusinken. Nur sein stierer Blick bohrte sich an
dem Mdchen fest, das ihr Antlitz in den Hnden barg und laut und heftig
schluchzte.

Was ist vorgefallen, Betsey? sagte er endlich mit leiser, vollkommen
tonloser Stimme -- wo ist -- mein Weib -- mein -- Kind?

_Fort_! sthnte da das Mdchen, oh du lieber Gott, fort -- fort --
Beide!

Die Schlange! hauchte Rodwell, und Tolmer sprang zu und hielt ihn,
denn er sah, wie der starke Mann in die Knie brach, und glaubte, da
er zu Boden strzen wrde. Aber der Unglckliche raffte sich mit
fast bermenschlicher Kraftanstrengung wieder empor, und Tolmers Arm
ergreifend, schritt er mit diesem langsam seiner eigenen Stube -- der
seines Weibes zu.

Langsam und nur zgernd folgte das Mdchen den beiden Mnnern mit
dem Lichte, und Rodwell's umherschweifender Blick hatte rasch auf dem
dunklen Tisch ein kleines zusammengefaltetes Billet erkannt. Er nahm
es hastig auf und wollte es erbrechen, hielt aber pltzlich wieder an,
legte es auf den Tisch, und sich daneben in das Sopha werfend, sagte er
mit ruhiger, fester Stimme:

Erzhle mir, was hier vorgefallen ist, Betsey. Ich brauche Dich nicht
zu ermahnen, mir die lautere Wahrheit zu sagen. Wenn Du einst selig zu
werden hoffst, sprich und mache mich mit _Allem_ bekannt, und sei es das
Schrecklichste.

Das Mdchen konnte vor heftigem Schluchzen kaum reden, nach und nach
aber brachte Tolmer, der seine ganze Ruhe behielt, und von Anfang an
schon ziemlich ahnte, was hier vorgegangen, Alles, wenigstens was Betsey
wute, aus ihr heraus.

Capitain Howitt -- Rodwell griff bei dem Namen fest und krampfhaft in
die Lehne des Sophas -- war whrend seiner Abwesenheit oft -- alle
Tage im Haus gewesen -- zu frher und spter Stunde, und hatte viel und
heimlich mit Mistre߫ gesprochen. Wenn er fort war, hatte Mrs. Rodwell
manchmal geweint, aber er sei immer wieder gekommen, und gestern Abend
seien sie mitsammen im Garten spazieren gegangen. Gestern Abend sei auch
der Capitain zum ersten Mal in einem Boot gekommen, und Mrs. Rodwell
habe gesagt, sie wolle ein wenig damit in die Bay hinausfahren. Sie --
Betsey -- habe das nicht zugeben wollen, und gemeint, es sei schon zu
spt, Mistre aber wre darauf bestanden, und mit dem Kind im Arme
und Capitain Howitt an der Seite in das Boot gestiegen. Wie sie darin
gewesen, habe die Mistre noch eine Flasche Milch fr das Kind verlangt,
wenn es etwa unruhig werden solle, dann seien sie mit Mr. Rodwell's
Knecht, der sonst die Pferde besorgt, hinaus in die See gefahren --
immer weiter, bis es dunkel geworden und sie das Boot nicht mehr habe
erkennen knnen. Dann sei sie aufgeblieben und habe bis zwlf Uhr in der
Nacht gewartet, da sie zurckkehren sollten -- aber sie kamen nicht --
weder Frau noch Kind kehrten zurck, und als sie im Zimmer das Briefchen
an den Herrn da auf dem Tische gesehen, da habe sie auch das Schlimmste
schon gewut, und sich die Augen fast aus dem Kopf geweint vor Scham und
Weh.

Es ist gut, Betsey, sagte da Rodwell, und winkte ihr mit der Hand,
hinauszugehen. Znde das Licht dort drben an und la uns dann allein.

Welche Richtung nahm das Boot? frug Tolmer, whrend das Mdchen dem
Befehl gehorchte.

Gerade fort am Ufer nach dem festen Lande zu, lautete die Antwort, und
froh, keiner weiteren Rede mehr stehen zu mssen, verlie das Mdchen
rasch das Zimmer, riegelte die Hausthr wieder zu und stieg in ihre
eigene Kammer hinauf.

Rodwell stand indessen von seinem Sitze wieder auf, erbrach den Brief,
trat damit zum Licht und berflog mit stierem Blick die Zeilen.

Da nehmt und les't, sagte er endlich, als er wieder und wieder
hineingesehen und immer noch das verhngnivolle Blatt nicht aus der
Hand legen wollte. Nehmt nur, Kamerad, und seht auch meine Schande da
Schwarz auf Wei. Das Schlimmste wit Ihr doch, und da Euch Gott einmal
in dieser schweren Stunde zu meinem Vertrauten gemacht, erfahrt auch das
Andere. Vielleicht gebrauch' ich ohnedies Euren Rath -- Eure Hlfe.

Tolmer nahm den Brief und las:

Charles, verzeihe Deinem treulosen Weib. Ein dunkles Verhngni zwingt
mich, den Frieden Deiner Schwelle, deren Segen ich nicht mehr verdiene,
zu meiden. Ich bin namenlos unglcklich, und doch nicht im Stande, von
dem Manne zu lassen, der meine Seele mit magischer Gewalt umstrickt hat.
Du siehst mich nie wieder. Versuche nicht, uns zu folgen. Von dem
festen Lande aus schiffen wir uns nach dem Continent ein. Versage Deinem
unglcklichen Kinde den vterlichen Segen nicht, und mge die Zeit einst
kommen, wo Du nicht mehr mit Ha und Bitterkeit derer gedenkst, die sich
einst so glcklich an Deiner Seite fhlte--

    Deiner unglcklichen

        Jenny.

Tolmer reichte den Brief schweigend zurck, den Rodwell fast bewutlos
nahm und in seiner Hand zusammendrckte.

Sie sind nach Adelaide hinber, sagte er mit so leiser Stimme, als ob
er sich vor den eigenen Lauten frchtete.

Tolmer schttelte den Kopf und meinte ruhig:

Sie sind noch auf der Insel, so gut wie wir.

Ihr glaubt? fuhr Rodwell rasch empor.

Ich wei es gewi.

Ihr? -- und woher?

Weil dieser Bursche -- Howitt oder wie er sonst heit -- bei Nacht und
Nebel, mit einer Flasche Milch statt Proviant, und einer Frau mit ihrem
Kind nie im Leben die Backstairs Passage passirt htte. Er so wenig
wie der Bursche, der mit ihm fort ist, sind Seeleute.

Ihr kennt ihn?

Ich denke ja, aber mehr noch als das, ich hoffe seine Bekanntschaft in
den nchsten Tagen zu erneuen.

Ich begreife Euch nicht.

Und doch ist Alles mit wenigen Worten erklrt, lchelte der
Polizeibeamte. Mein Name ist nicht Barner, sondern Tolmer.

Der Chef der sdaustralischen Polizei? rief Rodwell rasch und
erstaunt.

Derselbe, und dieser Capitain Howitt, wie er sich hier genannt, ist der
gefhrlichste Buschrhndscher, der bis jetzt noch unsere Wlder unsicher
gemacht, das Leben und Eigenthum unserer Brger gefhrdet hat. -- Es ist
der berchtigte Gentleman John.

Rodwell sah dem Sprechenden starr und entsetzt in's Auge, dann aber, als
jener schwieg, barg er das Antlitz in den Hnden und sthnte.

Mein armes, armes Weib -- mein armes Kind.

Tolmer brigens, so leid ihm der Schmerz des Unglcklichen that, kannte
zu gut den Werth seiner Zeit, diese mit leeren Klagen zu vergeuden.

Mit kurzen aber klaren Worten schilderte er deshalb auch jetzt dem ihm
mit steigender Aufmerksamkeit Zuhrenden die Begebnisse der letzten
Zeit, die Flucht des Buschrhndschers und seine Verfolgung, bis er hier
auf der Insel endlich seine Spur gefunden und den flchtigen Strfling
selbst gesehen habe. Eben so unbeschnigt erzhlte er auch die von ihm
belauschte Scene zwischen dem Verbrecher und der jungen Frau. Warum er
diese damals nicht gewarnt? -- _ihm_ lag Alles daran, den Entflohenen
einzufangen, und wie die beiden Leute zu einander standen, war es mehr
als wahrscheinlich, da _sie_ ihm die Gefahr verrathen haben wrde, in
der er, einmal entdeckt, schwebte. Zugleich gestand er dem jungen
Mann, da er nicht zufllig nur seine Bekanntschaft gefunden, sondern
dieselbe, als er einmal seinen Namen gehrt, gesucht habe, und da seine
beiden, von Bewaffneten besetzten Boote noch in dieser Nacht an der
Westkste der Insel landeten, dem Ruber die Flucht auf dem Schooner
abzuschneiden.

Rodwell wollte freilich noch immer nicht glauben, da die Flchtigen auf
der Insel geblieben wren; noch dazu, da das Mdchen gesehen, wie sie
bis tief in die Nacht vom Lande absteuerten. Tolmer jedoch, seit
Jahren daran gewhnt, nicht jeder Aussage leichten Glauben beizumessen,
schttelte mit dem Kopf. Wer wute denn, da die Dirne nicht mit im
Geheimni steckte? Und wenn wirklich nicht, hatte ihre Aussage doch, so
weit sie die wirkliche Richtung eines Fahrzeugs betraf, nur wenig
Werth. _Gestern_ Abend hatte auerdem Nordost- und Nordnordostwind
vorgeherrscht, mit dem ein kleines Boot, das nicht recht gut am Wind
lag, Cape Spencer nicht einmal erreichen konnte, whrend es, selbst ein
Stck drauen im See, mit Leichtigkeit abfallen und vor dem Wind irgend
einen Theil der Nordkste von Knguruh-Eiland erreichen konnte. Auerdem
lag flchtigen Personen gewhnlich daran, mgliche Verfolger auf eine
falsche Spur zu bringen, nicht ihnen die wirklich genommene Richtung
anzugeben, und demnach sprach denn Alles nur dafr, da Gentleman John,
berdies des neugekauften Schooners ziemlich sicher, mit seiner schnen
Beute noch auf der Insel selber weile.

Fr diese Nacht war freilich nichts mehr zu unternehmen, und Rodwell
auch so erschpft und niedergebrochen, da er kaum seine Glieder zu
regen vermochte. Tolmer bat ihn selber, sich niederzulegen, um fr den
nchsten Tag Krfte zu sammeln -- wrde er sie doch wahrlich brauchen.
Er selber band seine wollene Decke, die er stets bei sich fhrte,
auseinander, rollte sich hinein und legte sich ohne weitere Umstnde auf
das Sopha nieder.

Als Rodwell sein eigenes Schlafzimmer betrat und sein Blick auf das
leere ungemachte Bettchen seines Kindes fiel, da noch einmal brach all
der Jammer der letzt durchlebten Stunde, die Ahnung seines knftigen
freudlosen, einsamen Lebens, mit voller Strke ber ihn herein.
Neben dem Bett seines Kindes sank er auf einen Stuhl, und das mde,
sorgenschwere Haupt auf die kleinen Kissen gelegt, blieb er in der
Stellung, bis der Schlaf sich seiner erbarmte und ihm wenigstens fr
wenige Stunden Vergessenheit seiner Leiden Ruhe gnnte.

Es war ein trauriges Erwachen, und mit ngstlicher Hast betrieb er die
nthigen Vorbereitungen zu ihrem in seinem Erfolg so ungewissen Marsch.
Aber seine ganze alte Festigkeit hatte er wieder gewonnen, in seinem
Ziel war er sich klar geworden, und als ihn Tolmer frug, was er selber
zu thun gedenke, wenn sie die Flchtigen wieder eingeholt, erwiderte er
mit fester Stimme:

Ich will mein _Kind_ zurck. Die unglckliche Frau hat sich ihr Loos
geworfen. Als sie mich verrieth, der sie auf Hnden getragen und mit
abgttischer Liebe fast verehrt, da whlte sie sich ihre eigene Bahn und
mag ihr folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das
Kind, das _mein_ gehrt, da sie sich selber des Rechtes dazu verlustig
gemacht, von ihr zurckzufordern. Sie hat mich nie geliebt, oder sie
htte -- mein Herz nicht durch eine _solche_ Handlung brechen knnen.

Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir des Verfhrers habhaft
werden?

Gott mag sie schtzen und ihr verzeihen, sagte Rodwell ernst. Meine
treue Hand hat sie von sich gestoen, ich htte mit Freuden mein Leben
fr sie gelassen, sie hat es verschmht und die Folgen ber sie.

Gut denn, sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Grtel
unter dem weiten Buschrock, den er angethan, bergend, dann bleibt uns
nur noch brig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr
als ein friedlich Dach gebracht. Beim ewigen Gott, das Maa des
Burschen ist ber und ber voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung
abzuflieen.

Rodwell, der mit dem Entschlu zur That auch seine ganze Festigkeit und
Ruhe wieder erlangt hatte, war inde zum Stall gegangen, um seine
beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frhstck, andere
Provisionen hinter sich aufs Pferd gebunden, sprengten die beiden Mnner
der von Tolmer bezeichneten westlichen Richtung zu.

Die nchste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley,
auch eines frheren Strflings, der sich hier angesiedelt und jetzt der
Besitzer ansehnlicher Heerden geworden. Rodwell wollte hier die ersten
Erkundigungen einziehen, Tolmer verhinderte ihn aber daran. Es war nicht
wahrscheinlich, da die Flchtigen, wenn sie wirklich hier in der Nhe
gelandet wren, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berhrt
haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch in Frage, ob Motley ihnen
aufrichtige Antwort gbe. Je spter sie Anderen konnten wissen lassen,
welchem Ziel sie nachstrebten, desto besser war es. Ein Geheimni, das
mehr als zwei Personen theilen, ist eben kein Geheimni mehr.

Diesem Plane treu passirten sie noch zwei Stationen, ohne weitere
Erkundigungen ber die Flchtigen einzuziehen, als sie sich durch
eigenes Anschauen verschaffen konnten. Das wuten sie auerdem, da der
Ruber mit der Frau und dem Kinde nie in das Innere der Insel dringen
konnte, wo die verzweifelte Knguruh-Distel ein Fortkommen oft
unmglich machte. Lag ihm daran, Cap Borda zu erreichen, so war das sehr
wahrscheinlich zu Wasser geschehen, oder der kleine Zug genthigt, sich
auf dem am Seestrand hinauflaufenden Weg zu halten. Auf diesem hatten
sie aber bis jetzt noch keine Spuren finden knnen.

So kamen sie bis Cap Trony, unfern des Mount Torrens. Sie hatten die
Nacht wieder, wie sie gewhnlich thaten, im Busch geschlafen, und
hielten hier blos an, ihren Pferden ein ordentliches Futter geben zu
lassen.

Tolmer hatte hier zuerst den Strand abgesucht, ob sie kein Boot irgendwo
vor Anker shen. Sie konnten aber nirgends etwas Aehnliches entdecken,
und galoppirten eben der nicht mehr fernen Husergruppe zu, als Tolmer
pltzlich Rodwells Arm ergriff, und schweigend auf einen dicht am
Wege liegenden Gegenstand deutete. -- Es waren die Scherben einer
Glasflasche, die einst _Milch_ enthalten, und Rodwell fate krampfhaft
die Zgel seines Thieres und ri es zurck, da es in sein Gebi
schumte und knirschend in die Hhe stieg. -- Es waren die _ersten_
Spuren, die sie gefunden.

Jetzt sind wir auf der Fhrte, rief da Tolmer, hier ist der Abdruck
von unseres Wildes Schuhen -- nein, das mu der Bursche gewesen sein,
den sie mit in das Boot genommen. Gentleman John hat ihn nach Milch auf
die Station gesandt, whrend die beiden unten im Boote blieben, und der
ungeschickte Bursche die Flasche zerbrochen. Unser Capitain Howitt wrde
sie selber nie so leichtsinnig dicht am Pfade haben liegen lassen.

Glaubt Ihr, da wir sie im Hause finden? frug Rodwell, und er brachte
die Worte kaum ber die Lippen.

Hier? -- Gott bewahre, erwiderte Tolmer, die sind im Boote weiter
gefahren, und es ist sehr die Frage, ob die auf der Station mehr von
ihnen wissen, wie wir selber. Jedenfalls mssen wir hier sehen, was wir
von den Leuten herausbekommen, und haben wenigstens die Ueberzeugung,
da sich das Kind noch wohl und bei gutem Appetit befindet.

Gott sei gedankt! sthnte Rodwell aus tiefer Brust, und der Seufzer
sprach nur zu deutlich die Angst um das kleine unglckselige Wesen aus,
der er weiter keine Worte zu geben wagte.

Was die Spuren betraf, so hatte Tolmer brigens Recht. Nur die Fhrten
des einen Buschschuhes, die vom Wasser nach der Station und wieder genau
nach derselben Stelle zurckfhrten, waren dort zu erkennen, und davon
sich erst einmal berzeugt, sprengten die beiden Reiter rasch den
Stationsgebuden zu.

Ihre Vermuthung wurde hier zur Gewiheit. Am gestrigen Morgen hatte ein
Mann, der zu einem drauen am Strand auf ihn wartenden Boot gehrte,
eine Flasche Milch, eine Flasche Rum und zwei Damper, wie etwas Salz
geholt. Der Mann habe vorgegeben, die Milch sei fr eine kranke Frau,
die sie im Boote htten, und das bettigte Einer der Stockkeeper, dem
sie spter, ein Kind auf dem Arme tragend, nicht weit vom Torrensberg
begegnet sei. Sie begleitete, auer dem Burschen, der die Milch geholt
und jetzt das Gepck trug, noch ein fremder Herr, den er nicht kannte.

Die beiden Reiter hielten sich nicht lnger auf, als irgend nthig war,
ihren Pferden einige Ruhe zu gnnen. Dann sattelten sie wieder auf,
derselben Richtung wie bisher zu folgen. Da sie die richtige Fhrte
hielten, war berdies gewi, und Tolmer fand auch bald den Grund,
weshalb die Flchtigen das Boot verlassen und den weit beschwerlicheren
Landweg gewhlt hatten. Der Wind, der die letzten Tage ziemlich stt von
Nordnordost geblasen, war nmlich nach Sdwesten umgeschrahlt. Auch
sah das Wetter seit gestern Morgen schon ziemlich drohend aus, da Jene
nicht wagen durften, sich in so schwankem Fahrzeug weit vom Ufer zu
entfernen. Jedenfalls lag das Boot irgendwo in einer Bucht versteckt,
und wenn sich Gentleman John, worin er allerdings einige Fertigkeit
besa, nicht Pferde zu verschaffen wute, muten sie die Flchtigen
vielleicht schon am nchsten Morgen berholen.

Zu Wasser hatten diese brigens so raschen Fortschritt gemacht, da sie
ihnen noch immer einen Tagesmarsch voraus waren. Jetzt aber blieb den
Verfolgern auch dafr die Hoffnung, sie um so rascher einzuholen.

An demselben Abend erreichten sie die Station eines alten Bekannten von
Rodwell, den dieser wenigstens auf seinen verschiedenen Fahrten durch
die Insel schon manchmal besucht hatte. Hier war Gentleman John mit der
Frau, die der Stationsbesitzer fr seine eigene gehalten, ber Nacht
geblieben und mit dem Frhesten gegen Mount Torrens aufgebrochen. Das
Kind hatte viel die Nacht geschrieen, und die Dame vom Haus behauptete,
die arme Frau habe viel geweint, weil sie sich wahrscheinlich um das
Kind gegrmt.

Rodwell, obgleich er sein Geheimni nicht verrieth, war in furchtbarer
Aufregung, und Tolmer bei Seite nehmend, bestand er darauf, hier
keine Rast zu machen, sondern an demselben Abend trotz einbrechender
Dunkelheit noch weiter zu gehen. Die Strae bis zum Torrensberg, an
dessen Fu eine andere Station lag, war ziemlich gut, der Mond stand
ebenfalls am Himmel, und sie konnten dadurch recht gut, ohne ihren
Pferden irgend weh zu thun, einen weiteren Vorsprung gewinnen. Tolmer
war natrlich vollkommen damit einverstanden, und nach einem rasch
eingenommenen Mahl brachen die beiden Reiter, zum groen Erstaunen ihres
Wirths, wieder auf.

Zwei Stunden scharfen Rittes brachten sie in Sicht des nchsten Hauses,
dessen Licht ihnen schon von weitem durch die hier ziemlich dnn
stehenden Bsche entgegen schimmerte -- wenigstens konnten sie im Freien
einen hellen Feuerschein erkennen. Nher gekommen, entdeckten sie aber
bald, da der Schein nicht aus einem Gebude komme, sondern von einer
Fackel herrhre, um die drei oder vier Mnner unter einigen Gumbumen
geschaart standen.

Tolmer zgelte im Anfang sein Pferd ein, denn mglich war es ja doch,
da sie, anstatt die Station zu erreichen, vielleicht gar einem Trupp
von Buschrhndscher in die Hnde fielen. Cap Borda war von hier gar
nicht mehr so weit entfernt, und Gentleman John viel zu umsichtig, seine
Leute nicht gerade dort, sondern weit eher in der Nhe versteckt zu
halten. Das Gelute lagernder Heerden aber in der Nhe, und das Gebell
von Hunden verrieth doch auch wieder einen von weien Ansiedlern
bewohnten Platz, und deutlich konnten sie jetzt zwischen den um die
Fackel versammelten Mnnern auch einen etwa zwlfjhrigen Knaben
erkennen. Das waren keine Buschrhndscher.

Nach ein paar flchtig mit einander gewechselten Worten sprengten sie
wieder vor, whrend einige dort nach Opossums umhersuchende Hunde Wind
von ihnen bekamen und laut bellend gegen sie ansprangen. Wenige Minuten
spter hielten sie neben der kleinen, von dem flackernden Lichte der
Fackel grell beleuchteten Gruppe Menschen, die neugierig zu dem spten
Besuche aufschauten.

Guten Abend, Ihr Herren, sagte da Tolmer, sich an den Aeltesten der
Leute wendend, knnt Ihr uns Nachtquartier fr heute, und vielleicht
einen Hut voll Hafer fr unsere Pferde geben? Sie haben einen langen
Tagesmarsch gemacht und bedrfen einer Strkung.

Ja wohl, Fremder -- gern, lautete die gastliche Antwort. Steigt nur
ab und nehmt Eure Pferde am Zgel, denn von hier bis zum Haus stehen
eine Menge kurz abgehauener Baumstmpfe.

Was habt Ihr da gemacht? sagte Rodwell, der kein Auge von der Gruppe
verwandt hatte, mit heiserer, angstbeklemmter Stimme. -- Ihr habt--

Ein Grab gegraben fr ein armes Kind! sagte der alte Mann mit ernstem,
wehmthigem Ton.

_Euer_ Kind? frug Rodwell, und das Licht der Fackel begann vor seinen
Augen zu tanzen und wilde, wirre Kreise zu ziehen.

_Meines_? -- nein, Gott sei gedankt, da er mir bis jetzt solchen
Schmerz erspart. -- Es war das Kind einer armen Frau, die es todt auf
ihrem Arm zu unserm Hause trug, es wenigstens in der Nhe von Weien --
von Christen begraben zu lassen.

Rodwell glitt aus seinem Sattel, lie den Zgel seines Pferdes frei, und
taumelte mehr als er ging, dem frischen kleinen Grabe zu, ber das die
freundliche Hand der Fremden eben erst den niederen Hgel gewlbt.

Eine fremde Frau? rief Tolmer rasch und erschreckt, whrend sein
mitleidiger Blick den armen Vater streifte.

Sie kam mit ihrem Mann und einem Trger von Osten her, erwiderte der
alte Mann. Ihre Pferde waren ihnen im Busch abhanden gekommen, wie sie
sagten, und der Mann wollte die Frau nur nach Cap Borda bringen, und
dann zurckkehren, sie zu suchen.

Sein Name war --?

Lieber Gott, wir fragen die Leute, die zu uns kommen, nicht nach ihrem
Namen; aber ich dchte, ich htte den Mann schon vor einigen Wochen
einmal an Cap Borda gesehen. Ich glaube, sie nannten ihn dort Howitt!

Rodwell hrte nichts mehr -- vor den Augen flimmerte es ihm, seine Knie
zitterten und brachen unter ihm, und mit dem Schmerzensschrei: Mein
Kind -- mein armes, armes Kind! sank er an dem Grabe schluchzend
nieder. -- Die Mnner waren erstaunte Zeugen dieses ganz unerwarteten
Ausbruchs wilden, verzweifelten Schmerzes. _Sein_ Kind, das _fremde_
Leute hier begraben? -- dann der spte Ritt in dunkler Nacht -- das
sonderbare Benehmen jener Frau dazu -- da hier nicht Alles war, wie es
sein sollte, unterlag wohl keinem Zweifel. Die Bewohner Australiens sind
jedoch an solche auergewhnliche Familienscenen zu sehr gewhnt, einer
jeden nachzuforschen. Selbst das Geheimnivolle der Abstammung von mehr
als drei Viertheilen der damaligen Gesellschaft trug viel dazu bei,
ein verschlossenes Wesen bei Vielen zu entschuldigen und vor unbequemen
Fragen zu bewahren. Schweigend blickten deshalb die Mnner auf den
Unglcklichen nieder, der das Grab seines Kindes mit seinen Thrnen
netzte. Tolmer dagegen, der sein Pferd am Zgel genommen, fate des
Alten Arm und lie sich von diesem, whrend er mit ihm langsam dem Hause
zuschritt, die ihnen vorausgeeilten Fremden nher bezeichnen.

Bald blieb ihm auch nicht der geringste Zweifel mehr, da es wirklich
jener sogenannte Capitain Howitt mit der unglckseligen, verblendeten
Frau seines armen Reisegefhrten gewesen. Der Mann hatte, des Alten
Aussage nach, sehr geeilt und die Station gleich wieder verlassen
wollen, wie nur das arme kleine Ding, das ihnen am Wege gestorben, eben
unter die Erde gebracht war. Die Frau aber hatte sich geweigert, ihm
so rasch zu folgen, und er selber sie wohl nicht allein zurck lassen
mgen; denn er war mit ihr bis fast gegen Abend hier geblieben.

Was dem Kinde gefehlt haben konnte, wute Niemand. Wie es ihnen
vorgekommen, hatte die Frau dem Mann, ehe sie fortgingen, Vorwrfe
gemacht, er aber nur finster darauf geantwortet. Dann waren sie in dem
Dickicht, das die Station umschlo, verschwunden.

Tolmer suchte jetzt das Gesprch auf im Busch vielleicht zerstreut
wohnende Leute zu bringen. Er selber suche, wie er vorgab, Arbeiter,
und habe gehofft, die hier in der Gegend zu finden. Indessen hatten sich
aber noch einige der andern Mnner, Schfer und Httenwchter von der
Station ihnen angeschlossen, und der Alte gab ihm nur ausweichende
Antworten auf alle seine dahin abzweckenden Fragen.

Nur mit vieler Mhe konnte jetzt Rodwell bewogen werden, das Grab seines
Kindes zu verlassen und die Nacht in der Htte zu verbringen. Nahrung
nahm er gar keine zu sich, und am nchsten Morgen war er schon wieder
mit Tagesanbruch an dem theuren Platz.

Auch Tolmer rstete sich zu frhem Aufbruch; Rodwell weigerte sich aber,
weiter mit ihm zu gehen.

Jenny, sagte er mit resignirtem Schmerz, hat mir den Frieden meiner
Heimath zerstrt -- hat mir mein Kind gemordet, da die Beschwerden
dieser Flucht nicht ertragen konnte. Sie hat sich dadurch von mir selber
losgesagt. -- Was sie an _mir_ gethan, vergeb' ich ihr ja gern, aber da
sie unser -- da sie ihr eigen Kind so wenig lieben konnte -- das -- das
mag ihr _Gott_ vergeben -- ich bin nur ein schwacher, sndhafter Mensch
-- ich _kann_ es nicht.

Als ihn Tolmer frug, was er jetzt zu thun gedenke, erklrte er ihm, da
er die Leiche seines Kindes ausgraben und damit nach Hause zurckkehren
wolle. Alle Vorstellungen, die ihm Tolmer deshalb machte, blieben
umsonst. Er beharrte fest auf seinem Vorsatz, bat aber Tolmer, das
Pferd, das er von Marsden Point mitgenommen, so lange zu benutzen, wie
er wolle, und es ihm spter zurckzuschicken.

Tolmer dagegen, doch jetzt allein auf die Verfolgung angewiesen, bis er
sich mit seinen Leuten wieder vereinen konnte, beschlo seinen Weg zu
Fu fortzusetzen. Die Entfernung bis zur Point Borda war berdies nicht
mehr so gro, whrend das ganze Benehmen des alten Squatters, wie
seine Zurckhaltung fast vermuthen lie, da er in der That hier eine
keineswegs willkommene, aber doch gefrchtete Nachbarschaft habe.

Von Rodwell nahm jetzt Tolmer herzlichen Abschied, und versprach ihm von
dem Erfolg seines Unternehmens Nachricht zu geben. Nun erst, als er sich
nach dem nchsten Weg nach Cap Borda, den, wie er meinte, auch jener
Capitain Howitt eingeschlagen, erkundigte, erbot sich der alte Squatter,
ihn eine kleine Strecke zu begleiten, und ihm einen Pfad zu zeigen, dem
er leicht dahin folgen knne.

Von Allem, was ich von Euch gesehen, Fremder, redete er ihn da an, wie
sie das Haus eine Strecke im Rcken hatten, glaub' ich, da ich Euch
vertrauen darf. Ihr gehrt keinesfalls zu jenen Herren vom Busch, die
hier seit einiger Zeit ihr Wesen treiben.

Also doch, sagte Tolmer lchelnd, ich hab' es mir fast gedacht.
Ihr habt brigens Nichts von mir zu frchten, denn nur der Wunsch,
die nhere Bekanntschaft dieser Herren zu machen, hat mich hierher
gefhrt.

Nehmt Euch dann in Acht, warnte ihn der Alte, sie sind zahlreicher,
als ihr vielleicht glaubt, wenn sie sich auch bis jetzt, Gott wei aus
welchem Grunde, ruhiger und friedlicher verhalten haben, als das sonst
gewhnlich ihre Sitte sein mag. Wir Stationshalter, die wir hier einzeln
im Busch leben, sind ihnen auf Gnade und Ungnade preisgegeben und
mssen sie uns wohl zu Freunden halten. Merken sie einmal, da wir sie
verrathen oder gar der Polizei gegen sie beistehen, dann knnen wir uns
darauf verlassen, da wir dafr ben mssen.

Aber wovon leben sie hier im Busch? frug Tolmer.

Von dem, sagte der Alte achselzuckend, was sie sich _auf Rechnung_
holen. Zahlen thun sie dabei mit dem stillschweigenden Versprechen,
uns dafr unsere Stationen nicht anzuznden, unsere Heerden nicht zu
zerstreuen oder uns gar Abends beim Thee ihre Schrotgewehre in
die Fenster hineinzuschieen. Es ist jedenfalls eine unbequeme
Nachbarschaft, und wenn man den Gouverneur unter der Hand nur davon
benachrichtigen knnte, da er eine hinreichende Macht herber schickte,
liee sich vielleicht mit Erfolg ein Schlag gegen die ganze Bande
fhren.

Und wrdet Ihr Herren hier die Polizei dabei untersttzen? frug
Tolmer.

Das ist eine kitzliche Sache, meinte der Alte achselzuckend. Auf
unsere Leute knnen wir uns natrlich nicht verlassen; ja wissen kaum,
ob sie nicht mit der Bande in weit nherer Verbindung stehen, als uns
lieb ist. Treten wir daher offen auf Seite der Polizei, und richtet
diese, was sehr gewhnlich der Fall ist, nichts weiter aus, als da sie
ein paar deren wegfngt oder todtschiet, und dann wieder ruhig nach dem
festen Lande zurckfhrt, dann sitzen wir nachher erst recht im Unglck
d'rin, und knnen uns fest darauf verlassen, die sein zu mssen, an
denen die gereizten Verbrecher ihren ganzen Grimm und Unmuth auslassen.

Und wie viele sind es wohl, Eurer Meinung nach, die sich hier in der
Gegend umhertreiben? frug Tolmer.

Gott wei es, erwiderte der Alte, etwas Genaues erfuhr man ja
auerdem nie ber sie, und wei nicht einmal, wo auf der Insel herum sie
berall ihre Verbndeten und Hlfe haben. Zwlf aber, dcht' ich, wren
es gewi -- eher mehr als weniger.

Und ihr Hauptversteck?

Ist hier am Torrensberg, ganz in der Nhe. Etwa eine halbe Stunde von
hier kommt Ihr zu einer kleinen Schlucht, an der unten, dicht am Pfad,
eine einzelne Casuarine[10] steht. Drckt Euch dort so rasch als mglich
vorbei, denn in der Schlucht hinauf, nicht viele hundert Schritte vom
Pfad entfernt, steht schon eine einzelne Rindenhtte, und eine kleine
Strecke weiter oben ist das Lager. Ich bin dort einmal aus Versehen
hingekommen, weil ich ein weggelaufenes Pferd suchte, und fand da die
ganze Gesellschaft zusammen.

  [10] Die Casuarine, von den Englndern Sheoak genannt, ist ein in
  seinem Holz und seiner Rinde der Eiche hnlicher Baum, der aber statt
  Bltter schachtelhalmhnliche Nadeln trgt. Er wchst in Australien an
  Pltzen, wo sich Wasser findet, wie auch in tropischen Gegenden,
  selbst auf den Sdseeinseln.

Die Buschrhndscher? rief Tolmer rasch.

Pst-- sagte der Alte, sich vorsichtig dabei umsehend, es ist gar
nicht nthig, _den_ Namen hier so laut in den Busch hineinzuschreien.
-- Sie lieen mich allerdings ungehindert ziehen, gaben mir aber doch
zu verstehen, es wre ihnen lieb, wenn _keine_ Pferde hier nach dieser
Richtung wieder in den Busch liefen. Natrlich verstand ich, was sie
damit meinten, und habe mich seit der Zeit sorgfltig gehtet, noch
einmal in ihre Nhe zu kommen.

Und wielange ist das her?

Etwa vierzehn Tage.

Dann wundert es mich nur, da die an Cap Borda nichts von solcher
Nachbarschaft wuten.

Habt _Ihr_ sie darum gefragt?

Allerdings.

Dann werden _sie_ sich eben so gewundert haben, da _Ihr_ nach so etwas
fragen mochtet. Doch von hier aus knnt Ihr den Weg nicht verfehlen, und
-- wenn Ihr meinem Rath, dem Rath eines alten Colonisten, folgen wollt,
so gebt der Schlucht so weiten Seeraum, wie Ihr knnt.

Herzlichen Dank -- und wenn ich Euch Hlfe brchte.

Je mehr dabei _gethan_, und je weniger davon gesprochen wird, desto
besser, sagte der alte Mann, grte Tolmer freundlich und schritt dann
seiner eigenen Wohnung wieder zu.

Der Polizeibeamte verfolgte indessen rasch den Pfad, indem er hie und da
an weichen Stellen die kleinen Fhrten des zarten Frauenfues erkennen
konnte. Ziemlich sicher erwartete er auch, da dieser Capitain Howitt
die Entfhrte in das von dem alten Squatter bezeichnete Versteck
gefhrt haben wrde, dort vor jeder Verfolgung sicher zu sein. Zu seinem
Erstaunen fand er aber, als er die einzelne Casuarine erreichte, da
nur Einer der beiden Mnner, und zwar der Capitain selber, den Weg dort
hinauf zu eingeschlagen hatte, whrend die Frau mit dem Trger den Pfad
verfolgt zu haben schien.

Tolmer kannte recht gut die Gefahr, der er sich hier aussetzte, wenn er
sich allein, nur mit seinen beiden Pistolen bewaffnet, in die Nhe der
hier im Hinterhalt liegenden Buschrhndscher wagte. Nichts destoweniger
drngte es ihn auch, Gewisses ber den Aufenthalt dieser Menschen zu
erfahren, ehe er sich mit seinen eigenen Leuten wieder vereinigte.
Konnte er diese denn doch weit besser und sicherer dem Feind entgegen
fhren. Mit derlei Gefahren berdies schon seit langen Jahren vertraut,
reizten ihn dieselben weit eher, solchen tollkhnen Streich zu wagen.
Welche Vorsicht er dabei zu beachten hatte, wute er berdies genau.

Zu dem Zwecke folgte er vor allen Dingen noch eine Strecke lang dem
gewhnlichen nach Cap Borda zu fhrenden Pfad, damit in der lockern Erde
hier seine Fhrten nicht die Richtung verriethen, die er genommen, und
schlug sich erst dort links in die Bsche und den Hgelhang der Schlucht
zu hinauf, wo dichtes Gumlaub und Rindenstcke den Boden bedeckten und
ein Nachspren schwieriger machten. Solcher Art den steinigen Boden
benutzend, erreichte er bald die Schlucht, an deren ziemlich steilen
Hang er hinkletterte, bis ihn die zu schroff aufsteigenden Wnde
zwangen, sich dem Thal selber mehr zu nhern. Dadurch machte er
allerdings nur langsamen Fortschritt, bis er nach etwa halbstndigem
Marsch gerade unter sich das Dach einer Rindenhtte entdeckte.

Dies mute jedenfalls das von dem alten Squatter bezeichnete erste Haus
der Bande sein, gewissermaen ihr Vorposten in den Bergen, und eine
volle Stunde blieb er hier ruhig auf der Lauer liegen, ob er in der
Nhe irgend ein menschliches Wesen entdecken knne. -- Es war nichts
zu erkennen. Kein Rauch stieg aus oder neben dem Haus empor; kein Laut
unterbrach die Todtenstille um ihn her, das Kreischen eines Schwarmes
weier Kakadu's abgerechnet, die das Thal herunter kamen und in den
Wipfeln der hchsten Bume weiter unten wieder einfielen.

Jedenfalls hatte die Ankunft des Fhrers die ganze Bande weiter oben in
ihrem Lager versammelt, wo aller Wahrscheinlichkeit nach das Wichtigste
ihrer nchsten Plne verhandelt wurde. -- Wenn er sich dort als Zeuge
htte einschmuggeln knnen. -- Mit dem Gedanken war auch der khne
Schritt beschlossen, und Tolmer, persnlicher Furcht vllig fremd --
glitt von der ziemlich steilen Wand, ber der er gestanden, nieder,
umging das Haus, und wollte eben am Bach hinauf seinen Weg weiter
verfolgen, als er pltzlich dicht vor sich Stimmen hrte.

Ein kleines Gebsch verdeckte ihn allerdings fr den Augenblick, kamen
die Mnner aber nher, so muten sie ihn dort, wo er gerade auf einer
ziemlich offenen Stelle stand, entdecken. Nur wenige Schritte von
sich entfernt, bemerkte er eine mit ziemlich dichten Nadeln bedeckte
Casuarine, deren untere Aeste er leicht mit mit der Hand erreichen
konnte. Rasch war sein Entschlu gefat -- und wenige Sekunden spter
verbarg ihn der dichte Wipfel des Baumes. Von dort aus konnte er auch,
selber ungesehen, am leichtesten die Bewegungen der Feinde beobachten,
wie sich spter wieder unbemerkt zurckziehen, wenn das nthig werden
sollte.

Kaum zwei Minuten hatte er seinen versteckten Sitz eingenommen, als die
ersten Buschrhndscher auf demselben offenen Platz erschienen. Vorne
ging Howitt -- der berchtigte Gentleman John -- mit Rothkopf, seinem
ersten Lieutenant, und hinter diesen folgten etwa sechzehn oder achtzehn
wild und verzweifelt genug aussehende Gestalten, fast alle mit Musketen,
einige sogar mit Doppelflinten und Bchsen bewaffnet. Die beiden Ersten
waren in eifrigem Gesprch begriffen, das aber nicht eben freundlich
gefhrt schien. So kalt und ruhig Gentleman John selber dabei blieb, so
heftig schien Rothkopf etwas zu bekmpfen, ohne da Tolmer bis jetzt nur
mehr als einzelne abgerufene Worte davon verstehen konnte.

Genug -- genug, Rothkopf, sagte da der Fhrer, gerade als sie die
kleine Lichtung unterhalb dem Baum, auf dem Tolmer sa, erreicht hatten.
Es bleibt bei dem was ich gesagt, und ich glaube, ich habe mich Euch
bis jetzt als treuer Freund und Fhrer genug gezeigt, mir auch in dieser
Sache diesmal zu vertrauen. Acht von Euch, die Ihr durch das Loos oder
durch freie Wahl bestimmen mt, folgen mir _jetzt_, die Uebrigen
bleiben unter Rothkopfs Fhrung noch einige Tage hier, bis die
Ausrstung des Schooners beendet ist. Haben wir Alles klar, so mgen sie
drauen Verdacht schpfen wie sie wollen, es ist dann zu spt. Geschhe
das jetzt, so wre unser Aller Leben, unser Aller Freiheit gefhrdet,
und ich will nicht bis jetzt mit allen nur erdenklichen Aufopferungen
des Aeuersten gewagt haben, im letzten Augenblick vor der Entscheidung
unsern Rettungsplan scheitern zu sehen. Wen von Euch bestimmt Ihr also,
mir jetzt gleich zu folgen? Wen bestimmt _Ihr_ dazu, Rothkopf?

Er war, noch whrend er sprach, kaum fnf Schritte von der Casuarine,
die seinen gefhrlichen Feind versteckt hielt, stehen geblieben und die
Leute, unter einander berathend, sammelten sich um ihn.

Mir gleich, rief da Rothkopf, indem er sich, dem Baum gerade
gegenber, auf den Boden und sein Gewehr neben sich auf das Laub warf,
wenn ich meinen Willen nicht haben soll, dann macht's wie Ihr wollt.

Sein Auge haftete gedankenlos und mrrisch, wie er so sprach, an dem
Wipfel der Casuarine, und Tolmer durfte kein Glied rhren, wenn er sich
nicht verrathen wollte.

Es bleibt sich auch gleich, sagte da Gentleman John, denn die
Uebrigen folgen ja doch in wenig Tagen. Keiner von uns mag
zurckbleiben, wo es gilt, dies verwnschte Land auf immer zu verlassen.
Ist es Euch also recht, so whl' ich mir die, die ich jetzt bei mir
haben will, selber aus, und Ihr werdet es begreiflich finden, da ich
mir dazu _die_ nehme, die jetzt am anstndigsten und am wenigsten
verdchtig aussehen. Ich kann Euch nicht als Buschrhndscher, ich mu
Euch vor der Hand als _Arbeiter_ bei meinen Freunden einfhren. Ist
Einer unter Euch, der das Zimmerhandwerk versteht?

Das versteh' ich, Capitn, und der einugige Henry da drben, sagte
Einer der Burschen, indem er vortrat.

Vortrefflich -- Euch beide kann ich gleich an Bord beschftigen. Einen
Segelmacher haben wir wohl nicht unter uns?

Doch, Sir, lautete die Antwort von der andern Seite, wir sind hier
unserer drei Seeleute, die alle eine Segelnadel zu fhren wissen.

Dann tretet Ihr hier auch herber -- aber ein bischen zustutzen mt
Ihr Euch, ehe wir auf die Station kommen. Wetter noch einmal, Burschen,
Euch sieht man den Buschrhndscher gleich an der Stirne an.

Ich wrde ihnen einen Frack machen lassen, sagte Rothkopf, indem er
sein Messer aus der Scheide zog, und die um ihn her liegenden Gumbltter
damit anspiete.

Gentleman John antwortete nicht darauf, whlte sich noch drei der
bestaussehenden Individuen -- und die Wahl wurde ihm wirklich dabei
schwer -- zu seinen Begleitern, und gab den Uebrigen dann noch einige
gleichgltige Befehle, wie sie sich hier in der kurzen Zeit ihres
Aufenthaltes zu betragen htten, die Aufmerksamkeit der benachbarten
Stationshalter nicht zu sehr auf sich zu ziehen.

Und wie weit seid Ihr mit Euerem Schiff? frug da Rothkopf, als sich
Jener zum Aufbruch rstete.

Wie uns Hennigs heute gemeldet, lautete die Antwort, ist es an seinem
Ankerplatz eingetroffen. Die nthigen Provisionen knnen recht gut
in drei Tagen herbei und an Bord geschafft werden -- vielleicht noch
frher, wenn mein _Freund_ Bloome-- er sprach die Worte mit einem
hmischen Lcheln -- die mir gegebenen Versprechungen alle gehalten.
Nur das Einnehmen des nthigen Wassers wird uns noch aufhalten. Wir
mssen wenigstens genug davon an Bord haben, eine der Sdseeinseln zu
erreichen.

Und Munition?

Damit sieht's freilich bs aus, erwiderte Gentleman John, denn um
keinen Verdacht zu erregen, durfte ich nicht solche Auftrge dafr
geben, als ich sonst gewnscht, doch denk' ich, haben wir genug.

Genug an Bord, rief Rothkopf, das kann ich mir etwa denken, aber
nicht hier in den Bergen. Wir Alle sitzen hier mit kaum genug Pulver und
Blei, unsere Gewehre noch einmal zu laden, wenn wir sie abschieen, und
wrden wir jetzt von drei Polizeisoldaten mit Musketen angefallen, wren
wir verloren. Aus der Gefahr mach' ich mir nichts; ich denke das
habe ich bewiesen; aber ich mu wenigstens eine Waffe haben, mich zu
vertheidigen, und so wie jetzt bleib' ich keinen Tag lnger in den
Bergen, und wenn ich die nchste Station plndern mte, mir Pulver und
Blei zu verschaffen.

Das ist nicht rathsam, entgegnete aber John, und wrde uns die Leute
vor der Zeit auf den Hals setzen. Doch dem soll abgeholfen werden. Kommt
morgen frh mit Tagesanbruch an die leere Rindenhtte, die gleich dort
drben an der Grasbaum-Ebene steht, Rothkopf, und ich will Euch selber
genug Munition fr alle Flle bringen. Seid Ihr das zufrieden?

Meinetwegen, brummte der Lieutenant, wenn ich nur wieder Futter fr
meine Flinte bekomme. Die Wallobis tanzen Einem ja jetzt ungestraft auf
der Nase herum.

Gut denn, sagte der Fhrer, also morgen frh an der Rindenhtte. Und
nun lebt wohl. Ich mu heut Abend noch vor Dunkelwerden am Cap Borda
sein. Zur bestimmten Zeit schick' ich Euch Broadley, und folgt dem so
rasch Ihr irgend knnt.

Er wandte sich bei den Worten, von den von ihm ausgewhlten Leuten
gefolgt, das Thal hinab, und Rothkopf blieb, noch ganz in seiner
frheren Stellung, mit den Uebrigen unter der Casuarine zurck.

Und was nun? sagte da Einer der Leute, gehen wir nach dem Lager
zurck, oder habt Ihr sonst irgend etwas fr uns zu thun?

Ich? sagte Rothkopf, der Capitn hat Euch, denk' ich, Euere
Beschftigung deutlich genug angewiesen -- wiederkuen, bis er Euch
rufen lt.

Aber--

Kmmert Euch um Nichts, unterbrach ihn der Buschrhndscher-Lieutenant,
Ihr habt Zeit genug, Euerer Bequemlichkeit nachzugehen, wenigstens noch
fr 48 Stunden Provisionen, und Wasser bis zur nchsten Drre -- was
wollt Ihr mehr?

Branntwein, sagte Einer der Leute mrrisch.

Ja so; an den hatte ich nicht gedacht, lachte Rothkopf, aber beruhigt
Euch nur; der Capitn hat versprochen, Euch einen Korb Champagner
herberzuschicken, und dem wird er wohl ein Fchen Rum beifgen. Seid
Ihr damit zufrieden?

Mssen ja wohl! brummte der Sprecher.

Nun gut; sagte Rothkopf, dann seid so gut und geht jetzt zum Lager
hinauf, da uns das Mittagsessen nicht anbrennt. Ich will indessen
sehen, ob ich uns bis dahin ein Wallobi schieen kann -- verstanden?

Gut, Lieutenant, sagte der Bursche, Ihr sprecht jedenfalls deutlich
genug, und wenn das Abwarten auch langweilig sein mag, ist es jedenfalls
das Bequemste.

Die Leute wandten sich ab und schlenderten langsam den Weg zurck, den
sie vor etwa einer halben Stunde gekommen. Nur Rothkopf blieb noch, kaum
fnfzehn Schritt von der Casuarine entfernt, und das Gesicht dem Baum
zugekehrt sitzen, stie langsam sein Messer in die Scheide zurck, und
nahm dann seine Doppelflinte vor sich auf die Knie. Hieran untersuchte
er die Pistons, reinigte sie, schttete frisches Pulver hinein, setzte
trockene Zndhtchen auf, und schien sich solcher Art allerdings fr die
angekndigte Wallobijagd vorzubereiten. Seine Gefhrten waren indessen
schon lange das Thal hinaufgestiegen und Tolmer, der Alles erfahren,
was er nur gewnscht, hoffte jetzt sehnlichst, da der Bursche unter
dem Baum sein Gewehr endlich in Stand htte, und ihm ebenfalls Raum gab,
seine durch die Lnge der Zeit unbequem werdende Stellung verlassen zu
knnen.

Rothkopf schien aber keine derartige Absicht, wenigstens nicht fr die
nchste Zeit zu haben; denn, sein vllig in Stand gesetztes Gewehr
noch immer auf den Knien, blieb er ruhig in der vorhin eingenommenen
Stellung, und nickte nur manchmal, still vor sich hinlchelnd, mit dem
Kopf. Tolmer's Lage wurde mit jedem Augenblick peinlicher; Arm und
Knie schmerzten ihn, und doch wagte er nicht sich zu regen. Da hob der
Buschrhndscher langsam den Kopf zu dem Baum empor, an dem jener sa,
betrachtete den Wipfel eine Weile und sagte dann, so ruhig, als ob er
mit einem seiner Leute redete.

Nun, Mate, ich denke Ihr knntet jetzt da oben ausgeschlafen haben.
Donnerwetter, andere Vgel streichen mit Tagesanbruch ab, und Ihr bleibt
bis zum hellen Mittag in den Zweigen mit dem Kopf unter dem Flgel
sitzen.

Tolmer regte sich nicht -- das Herz schlug ihm wie ein Hammer in der
Brust. Noch aber blieb ihm immer die Hoffnung, da der Buschrhndscher
mit jemand Anderem, nicht mit ihm spreche, und er doch noch vielleicht
der Entdeckung entgehen knnte. Rothkopf machte aber seinen Zweifeln
bald ein rasches Ende. Er stand auf, nahm sein Gewehr in Anschlag, und
den Lauf gerade gegen den Wipfel der Casuarine richtend, sagte er mit
nicht lauterer Stimme als vorher, aber mit trockenem, spttischem und
doch auch wieder drohendem Ton:

Nun, wird's bald, Kamerad? oder soll ich Euch etwa Beine machen. Ich
habe nicht bermig Munition, und mchte die Ladung Schrot und die
Todtengrberkosten gern ersparen. Euch mein' ich da oben in dem Baum
d'rin -- habt Ihr mich verstanden?

Tolmer sah sich entdeckt, und wenn ihm auch die Hand im ersten
Augenblick nach den Pistolen zuckte, fhlte er doch auch zugleich, da
er mit seinen verklommenen Armen nicht im Stande sein wrde, sein Ziel
sicher zu treffen, und dann war er verloren. Auerdem konnte der Schu
die brige noch nicht so ferne Schaar herbeirufen. Die List blieb noch
seine einzige Hlfe.

Hallo, Mate, rief er dehalb, gute Miene zum bsen Spiel machend, vom
Baum nieder, nehmt das vertrackte Schieeisen weg, es knnte Euch aus
Versehen in der Hand losgehen, und Ihr wollt doch wahrhaftig nicht einen
Kameraden wie einen Papagei vom Baum herunterschieen.

Kameraden? wiederholte Rothkopf, ohne jedoch seine drohende Stellung
zu verndern, den mssen wir uns erst einmal in der Nhe betrachten.
Kommt Ihr?

Ei gewi, lautete die Antwort, bedenkt nur, da mir Arm und Beine
ganz verquollen sind. Ich habe da oben in keinem Lehnstuhl gesessen.

Er rutschte, whrend er sprach, vorsichtig an der glatten Rinde nieder,
und sah sich gleich darauf dem Buschrhndscher und dessen auf ihm
gerichteten Gewehr gegenber.

Nun, sagte er, als er den Boden berhrte und sich gegen den
Buschrhndscher umdrehte, ist das ein Empfang? Ihr habt doch von mir
wahrhaftig nichts zu frchten. Seht Ihr denn nicht, da ich unbewaffnet
bin?

Auswendig, ja, lachte Rothkopf, doch das Andere wollen wir nachher
untersuchen. Jetzt vor allen Dingen, wie kommt Ihr auf den Baum, und was
habt Ihr da oben gesucht? -- etwa Vogelnester ausgenommen?

Tolmer blieb nur eine einzige Ausflucht. Natrlich trug er keine
Uniform, sondern seine alten Buschkleider, die durch die Knguruhdornen
berdies arg mitgenommen waren. So glich er denn allerdings eher
selber einem Buschrhndscher, als einem Polizeiofficianten, und das zu
benutzen, war jetzt seine Sorge.

Wenn Ihr das von mir erfahren wollt, erwiderte er dehalb mit
angenommener Ruhe, so gebt mir erst etwas zu essen, denn wenn ein
Mensch, wie ich, tagelang in dem verdammten Busch da drben am festen
Lande umhergehetzt und dann in See beinahe verhungert und verdurstet
ist, nur um die Insel hier zu erreichen, hat er nicht viel Krfte mehr
brig, und braucht eine Strkung. Habt Ihr einen Schluck Brandy?

Nicht einen Tropfen. Aber wer hat _Euch_ gehetzt, mein Bursche, setzte
er hinzu, und betrachtete sich den Fremden aufmerksam vom Kopf bis
zu den Fen -- ich dchte doch, die Buschrhndscher sind _drben_
ziemlich dnn geworden, seit _wir_ fort sind.

Wer? -- nun die verdammte Polizei! sagte Tolmer rgerlich.

Oh, _die_ habt Ihr _hinter_ Euch gehabt? ja das kann ich mir denken,
lachte der Buschrhndscher, Mr. _Tolmer_ soll ein trefflicher _Fhrer_
sein.

Wer? sagte Tolmer mit angenommenem Erstaunen.

O, Ihr kennt den Mann wohl nicht, meinte Rothkopf trocken, schade,
da ich keinen _Spiegel_ hier habe, ich knnte Euch sonst eine
vortreffliche Beschreibung seiner Person geben.

Einen Spiegel? sagte Tolmer, und fast unwillkrlich suchte seine Hand
das versteckte Pistol, denn einmal erkannt, wute er sich auch verloren.

Lat die Waffen nur stecken, Mr. Tolmer, sagte da Rothkopf, in
aller Ruhe die Hhne seines eigenen Gewehres in Ruhe setzend, und dem
Polizeibeamten fest in's Auge schauend, Ihr seht, ich kenne Euch, und
schiee Euch weder ber den Haufen, noch rufe ich meine Leute, da sie
sich vielleicht einen besonderen Spa mit Euch machten. Aber -- die
Wahrheit ist, Ihr kommt mir da wie gerufen, und dem allein habt Ihr's
auch zu danken, da ich Euch nicht gleich, wie wir hier ankamen, und ich
Euch im Baum bemerkte, eine Ladung Posten durch den Leib jagte.

Und wenn ich nun _nicht_ jener Tolmer wre? sagte dieser.

Beruhigt Euch darber, erwiderte ihm der Ruber, ich habe Euch
_einmal_ gesehen, als ich vor vier Jahren, gerade frisch eingefangen,
vor Euch gebracht wurde, und ein verdammt gutes Gedchtni fr alte
Bekannte. Doch zur Sache. Ihr seid nach Knguruh-Insel gekommen, um
unsern Gentleman John einzufangen, wie?

Ja, sagte Tolmer nach kurzem Zgern mit entschlossener Stimme -- zum
Henker noch einmal, ich sehe jetzt keinen Grund mehr, Euch ein Geheimni
daraus zu machen.

Gesprochen wie ein Mann, lachte der Buschrhndscher, aber -- ich
kann mir nicht gut denken, da Ihr die Kleinigkeit allein solltet
unternommen haben.

Ich habe Hlfe erwiderte Tolmer, aber doch nicht ohne einiges Zgern.

Bei der Hand?

Nicht weit.

Hm, sagte der Buschrhndscher, aber Ihr wit, wie ungewi Euer Erfolg
ist, wenn John den geringsten Verdacht schpft.

Allerdings, erwiderte Tolmer, der den Plan des Burschen jetzt leicht
durchschaute, und freier Athem schpfte, aber _Ihr_ wit auch,
welchen Preis die Regierung _dem_ zugedacht hat, der uns den Verbrecher
berliefern hlfe. Fort _knnt_ Ihr nicht mehr; der Schooner ist schon
beobachtet und kann nicht mehr auslaufen, und die Insel hier nicht gro
genug, Euch lange Zuflucht zu gewhren.

Hm, ja, erwiderte Rothkopf, wenn's auch vielleicht noch nicht so
schlimm ist, als Ihr es macht; denn die Geschichte von dem Schooner habt
Ihr doch nur erst oben im Baum gehrt.

Er liegt an Cap Borda, erwiderte Tolmer ruhig, ist von einem Bruder
Bloomes, der das Fahrzeug navigiren soll, in Adelaide angekauft, und
Bloome glaubt, da es zwischen Sidney, Neuseeland und der Insel Handel
treiben soll.

Alle Teufel! rief Rothkopf berrascht, dann hat die Polizei also doch
Wind davon bekommen. Aber das, fuhr er, die Zhne auf einander beiend,
fort, wit Ihr _nicht_, da Gentleman John, Verrther der er ist,
beabsichtigt, _uns_ hier im Stiche zu lassen und ber Hals und Kopf den
Schooner in See haben will, um uns los zu werden.

Ich wei vielleicht noch mehr als das, lchelte Tolmer, aber das sind
Nebensachen, die hier mit unserem Geschft nichts zu thun haben. Wollt
Ihr mir beistehen, diesen Gentleman John einzufangen?

Ja! -- aber Ihr sichert mir freien Pardon? frug der Buschrhndscher,
ihn dabei scharf fixirend.

Den sichere ich Euch, und auerdem den halben Fangpreis, der auf seinen
Kopf gesetzt ist. -- Seid Ihr damit zufrieden?

Die Sache ist abgemacht! rief Rothkopf, ihm die Hand zum Einschlagen
hinhaltend, und nun an die That. Habt Ihr von Eueren Leuten Einige bei
der Hand?

Sie sind Alle an Cap Borda.

Hm -- mssen wir ihn _lebendig_ fangen?

Lebendig oder todt, erwiderte Tolmer.

Gut -- dann brauchen wir auch Niemand weiter. Ihr habt gehrt, da er
mir morgen frh an eine bezeichnete Stelle Munition bringen will. Wo
liegt Euer Gewehr versteckt?

Ich habe nur Pistolen bei mir, sagte Tolmer.

Das ist Nichts, rief Rothkopf, die sind nicht sicher genug, und
spaen drfen wir nicht mit ihm. Seid Ihr ein guter Schtze mit der
Flinte?

Ich treffe meinen Mann auf hundert Schritte mit der Kugel.

Gut, dann werdet Ihr ihn auch auf fnfzehn mit Rehposten nicht fehlen,
und mgt dazu _mein_ Gewehr nehmen. Jetzt geht in's Thal hinunter und
lagert irgendwo am Eingang der Schlucht. Mit hinauf darf ich Euch nicht
nehmen, denn Einer der Anderen knnte Euch so leicht erkennen wie ich,
aber ich werde dafr sorgen, da Euch Keiner von ihnen in den Weg luft,
und da _Ihr_ dort auf mich wartet, ist Euer eigener Vortheil -- deshalb
vertrau' ich Euch auch. Morgen frh mit Tagesanbruch bin ich an der
einzelnen Casuarine, die dicht am Pfad steht. Kennt Ihr den Baum?

Ich habe ihn heute passirt, erwiderte Tolmer.

Gut denn, auf Wiedersehen, sagte der Buschrhndscher, und schritt
rasch die Schlucht hinauf, den Polizeibeamten seinem eigenen Nachdenken
berlassend.

Tolmer wute aus eigener Erfahrung, wie ntzlich dieser Bursche, der
sich von seinem Kameraden vielleicht mit gutem Grund verrathen glaubte,
ihm werden konnte. Die Abfahrt des Schooners mochte er allerdings mit
seinen Leuten leicht verhindern, der Fhrer der Bande aber, und Einer
der schlauesten Ruber, die je die australischen Wlder unsicher
gemacht, war damit noch nicht gefangen, und htte mit einem Boot leicht
wieder das feste Land erreichen knnen. War Gentleman John aber erst
einmal in seiner Gewalt, oder berhaupt unschdlich gemacht, dann durfte
er hoffen, die Andern leicht zu bewltigen, und mit der Hlfe seines
neugefundenen Freundes hatte er jetzt die beste Hoffnung, dies am
nchsten Morgen in's Werk zu setzen.

Verrath brauchte er hier kaum zu frchten. Er war schon in der Gewalt
des Rubers gewesen, und dessen eigener Vortheil lag mit dem seinen
jetzt in einer Schale. Deshalb folgte er auch ohne Weiteres der
erhaltenen Weisung und lagerte die Nacht an der ihm vom Rothkopf
bezeichneten Stelle, um am nchsten Morgen bei der Hand zu sein.

Rothkopf lie auch nicht auf sich warten. Kaum dmmerte der Tag, als
ein leiser Pfiff Tolmer auf seine Nhe aufmerksam machte, und die beiden
Mnner schritten nach einem sehr frugalen, rasch eingenommen Mahl neben
einander der von Gentleman John selber angegebenen Htte zu. Unterwegs
machte der Buschrhndscher den Polizeibeamten mit seinem Plane bekannt,
und in der Htte selber angekommen, legte sich Tolmer mit des Rubers
Flinte in den Hinterhalt, whrend sich dieser, den Rcken gegen
die dnne Rindenwand gelehnt, auf einen dort zu einer Art Bank
hergerichteten Stamm setzte, und solcher Art ruhig die Ankunft seines
verrathenen Chefs erwartete.

Und seid Ihr auch sicher, da er wirklich kommt? frug Tolmer endlich,
als sie wohl schon eine Stunde regungslos in ihrer Stellung verharrt
hatten, aus dem Haus heraus, hol' s der Henker, mir wird die Zeit lang,
und ich frchte fast, Gentleman John war klger wie wir Beide zusammen.

Nur keine Furcht, Camerad, flsterte ihm sein Genosse zurck, wenn
ich nicht gewi wte, da unser Vogel auf die Leimruthe geht, htte ich
Euch wahrhaftig nicht hierher gefhrt. Da ihm der Bse das Licht halte,
thut er es doch nur, mich desto sicherer zu machen. Aber ich kenne ihn,
den Hallunken; setzte er mit fest zusammengebissenen Zhnen und wie mit
sich selber redend hinzu, der Rothkopf ist ihm nach und nach zu klug
geworden, und da der fragen konnte, was aus all dem Geld geworden, hat
ihm nicht gefallen. Aber warte, mein Bursch -- hast jetzt einen Seemann
an Bord, nicht wahr, der etwa ein Schiff in offener See zu halten wei
und glaubst, du knntest den Rothkopf entbehren. Was dann aus dem
hier und den Anderen auf der Insel wird, was kmmert's dich. -- Willst
dasselbe Spiel hier wieder spielen, das du drben am Murray den armen
Teufeln eingebrockt. O ich kenne dich, Hallunke, vergit aber, da der
Rothkopf damals selber mit dabei war und dir in die Karten gesehen hat.

Dort kommt Jemand den Hang herunter, flsterte Tolmer, der durch eine
Spalte der Wand, hinter der er versteckt lag, die offene Hhe vor sich
bersehen konnte.

Das ist er, flsterte Rothkopf, fast unwillkrlich zusammenfahrend,
geht es, fangen wir ihn lebendig, riecht er aber Lunte, dann haltet ihm
nur um Gotteswillen sicher auf den Bug, wir sind sonst Beide verloren.

Frchtet Ihr ihn? frug Tolmer spttisch.

Frchten? brummte der Buschrhndscher rgerlich in den Bart, wenn
Ihr, wie ich, Zeuge gewesen wret, wie der Mann da -- doch das ist
vorbei, brach er kurz ab, und zum Plaudern keine Zeit mehr. Habt jetzt
Acht -- es gibt kaum einen strkeren, und wahrhaftig keinen schlaueren
und verwegeneren Burschen in smmtlichen Colonien als den, der da so
sorglos den Hgel herab in sein Verderben geht -- und jetzt kein Wort
mehr. Er hat ein Auge wie ein Falke und ein Ohr so scharf wie ein
Knguruh -- macht Euch fertig.

       *       *       *       *       *

Rothkopf hatte ganz recht; es gab wohl kaum einen schlaueren und
verwegeneren Verbrecher innerhalb wie auer den Colonien, als diesen
Gentleman John, der jetzt gerade im Begriffe stand, mit einem von seinem
Raube angekauften Schiffe die Colonien zu verlassen, um jedenfalls sein
Unwesen in irgend einem anderen Lande auf's Neue zu beginnen.

So glcklich und erfolgreich er aber bis jetzt, jedes Mittel gut
heiend, das ihn seinem Ziele entgegen fhrte, diesen einen Zweck
verfolgt, so sollte er sich pltzlich aus seiner getrumten Sicherheit
aufgerttelt, und der frheren Verfolgung preisgegeben sehen. Sein
Lieutenant Rothkopf hatte ihn allerdings nur zu gut durchschaut;
Gentleman John war seiner berdrssig und wollte mit den Ausgewhlten
seiner Schaar so rasch als mglich die Knguruh-Insel verlassen. Was
aus den Cameraden, von denen sich ein groer Theil erst hier zu ihm
gefunden, werden wrde, kmmerte ihn nicht. Selbst auf diesen Abend
war die Abfahrt bestimmt. Der Schooner lag, mit Proviant und Wasser
versehen, vor seinem Wurfanker, und Mr. Bloome, der Squatter, ahnte
nicht, welch' gefhrlichem Compagnon er einen groen Theil seines
Eigenthums im Begriff war zu vertrauen.

Nur um seinen bisherigen Lieutenant zu beruhigen und die kurze Frist
zu gewinnen, in der dieser mit der erhaltenen Munition zu den Uebrigen
zurckkehren wrde, hatte er sich dazu verstanden, ihm selber das
Verlangte zu berbringen. Durfte er ja doch auch keinem seiner
anderen Leute trauen, die mit Rothkopf allein gelassen, vielleicht gar
gemeinschaftliche Sache mit ihm gemacht htten.

Da ihm die Polizei schon auf der Fhrte sei, ahnte er allerdings nicht,
trotzdem nherte er sich nur mit uerster Vorsicht dem von ihm selber
bezeichneten Hause, von dem er schon aus der Ferne seinen Lieutenant
erkannte. Er trug sein Gewehr in der Hand und die versprochene Munition
in einer umgeschnallten Tasche, und hing sich die bereit gehaltene
Waffe erst ber die Schulter, als er Rothkopf vollkommen unbewaffnet ihn
erwarten sah. Nur da dieser ruhig vor dem Hause sitzen blieb, und ihm
nicht entgegen kam, erregte wieder seinen rasch geweckten Verdacht.

Nun, Camerad, rief er ihn an, indem er, etwa fnfzig Schritt vom Haus
entfernt, Halt machte, seine Tasche auf den Boden warf und, das Gewehr
im Arm, daneben stehen blieb, da bin ich. Aber Ihr scheint es verdammt
kaltbltig zu nehmen. -- Hier ist Euer Pulver und Blei, das mir schwer
genug geworden -- ich dchte, Ihr knntet's die brige Strecke selber
tragen.

Dank Euch, Capitn, rief Rothkopf, der ihn gern nher zum Haus gehabt
htte, indem er jetzt von seinem Sitze aufstand und langsam auf ihn
zuging, ich wute im Anfang gar nicht, ob Ihr's wret. Aber kommt
herein -- ich habe ein Feuer darinnen angemacht und ein Stck saftig
Wallobi daran stecken -- oder -- habt Ihr keinen Hunger?

Gentleman John horchte hoch auf -- sein scharfes Ohr hatte das Knacken
eines Hahnes -- ein ihm nur zu wohlbekannter Laut -- erreicht, und im Nu
erkannte er die Gefahr, in der er sich befand.

Hunger? rief er zurck, gewi. Ich bin vor dem Frhstck vom Haus
fortgegangen und Euer Wallobi soll mir vortrefflich schmecken. Ist sonst
noch Jemand bei Euch?

Keine Seele, erwiderte Rothkopf, indem er zu ihm trat und auf die am
Boden liegende Tasche zuschritt.

Gut -- so nehmt Euer Pulver und Blei mit zum Haus, sagte der Capitn,
indem er sich so stellte, da er den Lieutenant fortwhrend zwischen
sich und dem vermutheten Hinterhalt behielt. Ihr httet Euch Jemanden
mitbringen sollen; das Zeug ist verwnscht schwer.

Allerdings, sagte Rothkopf, die Tasche etwas lftend und dann ber die
linke Schulter hngend, doch es ist nicht so weit bis zu unserm Lager
und ich werde sie schon fortbringen.

Rothkopf, sagte da Gentleman John, indem er ihm vertraulich auf die
Achsel klopfte, ich habe Euch nicht umsonst hierherbeschieden -- ich
habe noch ein Geheimni, das ich Euch anvertrauen mchte -- wenn ich
eben auf Euere Verschwiegenheit und Treue rechnen knnte.

Und das wre? rief Rothkopf, indem er berrascht zu seinem Hauptmann
aufsah.

Ich habe hier in der Nhe Geld vergraben, flsterte ihm dieser zu,
indem er sich wie scheu und vorsichtig dabei umsah.

Alle Teufel, rief Rothkopf mit unterdrckter Stimme, und wo da?

Wir wollen zum Haus gehen, dort will ich Euch den Fleck beschreiben.

Zum Haus? -- hm, sagte der Buschrhndscher, ja -- recht gern -- aber
knnt Ihr es mir nicht hier sagen?

Hab' ich Dich, Bursche? lachte da John, indem er einen Schritt von ihm
zurcktrat und sein Gewehr aufgriff, aber dabei noch immer vorsichtig
ihn zwischen sich und dem Hause hielt. Rhr' Dich jetzt von der Stelle
und Du bist--

Teufel! rief der also berlistete Lieutenant, indem er den sich dessen
nicht gleich versehenden Buschrhndscher unterlief und mit seinen Armen
umschlang, hierher zu Hlfe -- hierher -- verdammt wenn ich Dich
nicht--

Danke Dir, sagte Gentleman John ruhig. Mit raschem Griff hatte er
aber auch in demselben Moment ein Pistol aus seiner Tasche gerissen, und
whrend er es in das Ohr seines Lieutenants abdrckte, flog sein Blick
schon nach dem Haus hinber, aus dem jetzt Tolmer mit gespannter Flinte
herbeisprang, seinem Verbndeten beizustehen.

Gentleman John wollte rasch sein eigenes Gewehr aufgreifen, Rothkopf
aber ri es, durch das Gewicht seines strzenden Krpers, mit sich zu
Boden nieder, da sich beide Lufe entluden, und der Buschrhndscher
sah jetzt sein Heil gegen den besser bewaffneten Feind nur in rascher
Flucht. Den anderen Angreifer hielt er natrlich fr Einen der im Busch
verlassenen Bande, der nicht wagen durfte, ihm weit gegen die Ansiedlung
hin zu folgen, und in schnellem Sprung einen Baum zwischen sich und
den Verfolger bringend, floh er mit raschen Stzen den nur hie und da
bewaldeten Hang hinauf.

Tolmer feuerte allerdings sein Rohr auf ihn ab; das Gestrpp entzog
aber den Flchtigen gleich darauf seinen Blicken, und es blieb ihm jetzt
keine andere Wahl, als so rasch als mglich seine Leute zu erreichen und
den offenen Kampf gegen den Verbrecher und seinen Trupp zu beginnen.

Sein Schu war aber doch nicht ohne Wirkung geblieben, denn wenn er den
Ruber auch nicht in seiner Flucht hemmte, hatte ihn doch ein einzelner
Rehposten in die Seite getroffen. Trotzdem, und den Schmerz verbeiend,
gewann er bald die offene Stelle der Ansiedlung und eilte in die Htte,
in der er Jenny ihn erwartend wute.

Die unglckliche Frau sa am Kamin, das Haupt auf die Lehne des Stuhles
gedrckt, auf dem sie ruhte, und regte sich nicht, als er die Thre
ffnete.

Jenny! rief da John mit von Leidenschaft heiserer, nur gewaltsam
gedmpfter Stimme, komm -- der Augenblick zur Flucht ist erschienen --
mein Schiff liegt bereit, uns aufzunehmen. Komm, Herz, ermanne dich und
la das dumpfe Brten -- Todt ist todt, und alle Thrnen erwecken dein
armes Kind doch nicht zum Leben wieder.

Todt ist todt, sthnte da die arme Frau, indem sie das bleiche
Antlitz und thrnenlose starre Auge wild zu ihm erhob. Sagst Du mir
das, _Mrder_ meines Kindes.

Unsinn, Schatz! rief der Ruber, in aller Hast seine im Zimmer
umhergestreuten wenigen Habseligkeiten und Waffen zusammenraffend. Was
kann ich dafr, da das schwache Ding die Strapatzen unseres Marsches
nicht ertragen konnte. Hab' ich es nicht den halben Tag geschleppt? --
Aber eile Dich -- wei der Teufel, wie die Kunde so rasch ber die Insel
gekommen ist, aber Dein Mann, mein Schatz ist hinter uns her, und wir
mssen wahrhaftig machen, da wir an Bord kommen.

Dort liegt es, rief da pltzlich die Frau, den Arm von sich gestreckt,
das glanzlose Auge in die Leere starrend, dort, dort, in seinem armen
kalten Bett -- in der harten, erbarmungslosen Erde, die es hlt und
nimmer, nimmer wiedergeben will -- kein warmes Tuch dabei, seine zarten
Glieder einzuhllen -- kein Kissen selbst, das kleine liebe Haupt darauf
zu betten -- nicht einmal einen kahlen, harten Sarg fr das Wesen, fr
das ich mit Freuden mein Leben hingegeben htte. Fort -- fort von mir!
schrie sie pltzlich, seine nach ihr ausgestreckte Hand mit Abscheu
zurckstoend, fort, oder beim ewigen Gott da droben, ich schlage meine
Zhne in Dein Fleisch und wrge Dich, wie Du mein Kind gewrgt.

Wahnsinnig, bei Allem was da lebt, brummte der Buschrhndscher vor
sich hin, und der ganze Aufenthalt umsonst. Da bleibt mir freilich
nichts Anderes brig, als--

Die Thre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und Broadley's
erschrecktes, todtenbleiches Gesicht zeigte sich darin.

Unke, rief ihm der Capitn entgegen, was bringst Du?--

Der Schooner ist genommen! rief der Unglcksbote, den Verdacht
und sein Aussehen vollkommen rechtfertigend. Polizeiboote haben ihn
geentert und die Masten gekappt.

Die Masten gekappt? rief John erschreckt.

Es ist Alles vorbei, drngte aber der Bursche, und die Boote rudern
schon wieder an Land. Uns bleibt keine andere Zuflucht als der Busch.

John knirschte die Zhne wild auf einander, aber das einmal Geschehene
lie sich nicht mehr ndern, die solcher Art abgeschnittene Flucht zu
Wasser konnte nach dieser Richtung hin nicht mehr erzwungen,
sondern mute auf andere Weise versucht werden. Deshalb seine Waffen
aufgreifend, warf er noch einen Blick auf die wild und erstaunt zu ihm
aufschauende Frau, und winkte dann Broadley, ihm zu folgen.

Wie er nur vor die Htte trat, sah er schon, da sein Begleiter Wahrheit
gesprochen. Der Schooner drauen an der Point lag, ein Wrack, vor seinem
Anker, und whrend Bewaffnete aus einem schon gelandeten Boot an's
Ufer sprangen, eilten Andere von dem Hauptstationshaus auf seine eigene
Wohnung zu. Kamen sie als Freunde oder Feinde? -- er hatte nicht Lust
ihr Kommen abzuwarten, und flchtete, von Broadley dicht gefolgt, mit
langen Stzen dem nchsten Dickicht zu.

Schon hatte er dieses erreicht, schon verbargen ihn die nchsten
Gumbsche den Augen der Verfolger, als dicht vor ihm eine dunkle Gestalt
sich wie aus dem Boden hob, und ihm die Arme bittend entgegenstreckte.
Es war Lloko, sein schwarzes Weib, den Opossum-Mantel locker um die
Schulter geschlagen, die schwarzen Haare wirr die Stirn umflatternd.

Halt! rief sie ihm mit mehr drohend als bittender Stimme entgegen,
da er fast scheu vor ihr zurckweichen und an ihr vorbereilen wollte,
indem sie seinen Rock ergriff und hielt. Halt! falscher weier Mann --
wo ist dein ander Weib, mit den bleichen Wangen und dem lichten Haar --
wie? und wo ist das Kind, das Du ihr auf dem Wege todt und in den Boden
gedrckt hast -- wie? Wohin gehst Du jetzt? -- wieder zu meinem Stamm?
-- nimm mich mit, nimm mich mit. Lloko hungert hier und Niemand giebt
ihr zu essen.

Ist denn der Teufel heute in die Weiber gefahren? rief John, mit
eiserner Faust die schwache Hand der Frau ergreifend und von sich
werfend. Aber schon hatte Lloko die andere in seinen Grtel gekrallt und
schrie mit wilder, gellender Stimme:

Teufel -- ja, _das_ ist Euer Wort fr Alles, was bs und schlecht
--_Teufel_. Das ist Dein Name Gentleman John, und wenn da droben so ein
Wesen wohnt--

Fort mit Dir! rief zwischen den Lippen durchzischend der gereizte
Ruber, und sein Faustschlag traf die Unglckliche so rauh an die Stirn,
da sie den Grtel loslassen mute und halb bewutlos auf den Boden
zurcktaumelte. Im nchsten Augenblick waren die beiden Mnner auch im
Busch verschwunden.

Gentleman John htte brigens nicht in so groer Eile zu sein brauchen,
denn die aus der Station zu ihm hinber Springenden waren nur Bloome
und dessen Bruder gewesen, die ihr Fahrzeug im ersten Augenblick von
Buschrhndschern berfallen glaubten, und den vermeintlichen Capitn zu
Hlfe holen wollten. Nur zu bald sollten sie aber aus solchem Irrthum
gerissen werden, denn wenn sie schon die bereilte Flucht des vermeinten
Freundes stutzen machte, benahmen ihnen die rasch erkannten Uniformen
der Polizeisoldaten den letzten Zweifel.

Tolmer hielt sich jedoch nicht mit langen Erklrungen auf. Er glaubte
nmlich sicher, da sich der entflohene Ruber nach dem Tode Rothkopf's
auch ohne weiteres seiner Bande wieder anschlieen wrde, um mit dieser
vereint verzweifelten Widerstand zu leisten. Wute er doch nicht, da
ihn Gentleman John selber fr einen seiner eigenen Schaar gehalten, und
in jedem jetzt den Verrther glauben mute. Hier nun lag fr die
kleine Truppe Polizeisoldaten der einzige Vortheil darin, die erste
Ueberraschung der Buschrhndscher zu benutzen, einen entscheidenden
Schlag gegen sie zu fhren. Einmal zersprengt, hoffte er ihrer dann
schon leicht Meister zu werden.

Kaum im Busch angelangt, trafen sie da auf die noch immer halb
betubte Schwarze, an der die Leute, ohne sie weiter zu beachten, rasch
vorbeistrmen wollten. Tolmer erkannte aber augenblicklich in ihr das
frhere Weib des Rubers, und der Scene an dem Hause eingedenk, rief er
seinen Leuten ein Halt zu, das arme, hlflose Wesen erst wieder zu sich
zu bringen. Einer der Constabler hatte eine Flasche mit Brandy bei
sich, und Lloko, wie ihr die Schlfe damit gerieben und ein paar Tropfen
eingegeben waren, erholte sich bald genug, sich selber aufzurichten.

Erstaunt sah sie sich inmitten der vielen fremden weien Mnner, und ihr
erstes Gefhl war, in den Busch zu fliehen, um denen zu entgehen. Tolmer
aber trat ihr in den Weg und sagte freundlich:

Frchte Nichts von uns. Wir wollen das Land nur von denen subern, die
Ha und Feindschaft zwischen schwarzen und weien Stmmen sen, von Raub
leben und von Blut sich nhren. Weit Du, wen ich meine?

Das Weib sah ihn mit groen stieren Augen an und rief:

Ihr sucht Gentleman John!

Allerdings, sagte Tolmer rasch, weit Du, wo hinaus er ist?

Fluch ihm! rief da Lloko, whrend die Erinnerung an die erlittene
Schmach das Blut in ihre dunkle Schlfe jagte, er hat mich geschlagen,
und die Hand mge sein Gott dort oben verdorren lassen, die gegen meine
armen Schlfe traf.

Das soll _unsere_ Sorge sein, ihm das zu besorgen, lachte Morris.
Hier auf der Insel haben wir ihn sicher, und er kann uns nicht
entgehen.

Und wit Ihr, wo Ihr ihn findet? frug da Lloko pltzlich, whrend ihr
dunkles Auge rasch und forschend von einem der Mnner zum Andern flog.

Ich denke ja, erwiderte Tolmer, er wird wohl am Torrensberg wieder zu
seinen Freunden geflohen sein.

_Freunden_? rief Lloko, verchtlich den Kopf zurckwerfend. Der
_Verrther_ hat keinen Freund, seit er Lloko geschlagen. Kommt --
kommt! rief sie pltzlich, sich gewaltsam empor raffend, und den Arm
Tolmers ergreifend, ich will Euch fhren. Wie ein Dingo auf der Fhrte
des speergetroffenen Knguruh, will ich an seinen Schritten hngen. --
Kommt -- er hat mich geschlagen -- der Kopf brennt mir, wo mich seine
Hand traf -- wenn der Schmerz nachlt, hab' ich die Rache vielleicht
vergessen.

Ihren Mantel dabei fester um sich herschlagend, drckte sie die ihr
nachstehenden Mnner zurck, dort wo Gentleman John vorbeigesprungen,
die frischen Spuren wieder aufzufinden.

Morris hielt es nun freilich fr bedenklich, der Fhrung einer
Schwarzen, die sie eben so gut zum Besten haben konnte, zu vertrauen.
Tolmer aber kannte die Eingebornen besser. Er begriff, welche
Leidenschaft in diesem Augenblick in dem Herzen des armen, verrathenen
Weibes whlte, und bedachte sich keinen Augenblick, den, ihrem Zweck
gnstigen Moment zu benutzen.

Lloko hatte indessen, trotz des trockenen Bodens und darber gestreuten
drren Laubes die Spuren der beiden Mnner rasch aufgefunden, und folgte
ihnen, ohne sich nach den Weien auch nur weiter umzusehen. Diese waren
indessen durch den grten Theil des letzten Trupps der Polizeisoldaten
noch verstrkt worden, da der seeuntchtig gemachte Schooner den etwa am
Strand befindlichen Verbrechern keinen Weg zur Flucht mehr bot, und
nur erst, als Lloko an dem Pfad vorbei eilte, der, wie Tolmer recht gut
wute, nach dem Versteck des Torrensberges hinber fhrte, hielt er es
fr nthig, ihre schwarze Fhrerin darauf aufmerksam zu machen.

Lloko erwiderte aber kein Wort. Nur mit der ausgestreckten Hand deutete
sie auf den Boden vor sich, auf dem die Weien allerdings auch nicht
das Zeichen einer Fhrte mehr entdecken konnten, und schritt weiter.
-- Folgte doch kein Schweihund je der Spur des angeschossenen Wildes
sicherer als sie den Fhrten des Mannes, fr den sie einst Vater, Mutter
und Stamm verlassen, und der es jetzt gewagt hatte, sie zu _mihandeln_.

So blieben sie in den Spuren des Rubers bis der Abend dmmerte und eine
weitere Verfolgung unmglich machte. Das wildeste Dickicht hatten
sie dabei zu passiren, Stellen, an denen sich die Weien in den
Knguruhdornen oft nur so Bahn brechen konnten, da sie sich mit
Schulter und Rcken hindurch preten. Die halbnackte Indianerin achtete
nicht darauf. Ihren Fellmantel um sich geschlagen und rcksichtslos, ob
ihr die Dornen Arm und Fe wund rissen, war sie den Spuren gefolgt,
bis sie die Dunkelheit zwang, davon abzugehen, und in der Fhrte selber
kauerte sie nieder unter einen Baum, verhllte ihren Kopf mit dem
Opossum-Mantel und weigerte sich sowohl zu dem bald darauf von den
Weien entzndeten Feuer zu kommen, als irgend eine Nahrung von ihnen
anzunehmen.

Tolmer, der die Schwarze brigens sich vollkommen selber berlie,
begriff allerdings noch nicht recht, wo hinaus zu die beiden Verbrecher
geflohen sein knnten, denn da Gentleman John mit seinem Begleiter nach
Marsden Point zurckkehren wrde, war ihm nicht wahrscheinlich. Nichts
desto weniger vertraute er dem Scharfsinn der Schwarzen genug, nicht an
ihrer richtigen Fhrung zu zweifeln und beschlo, jedenfalls noch bis
morgen Mittag ihrer Leitung zu folgen.

Am nchsten Morgen waren sie schon vor Sonnenaufgang wieder gerstet,
und sobald nur der dmmernde Tag Licht genug in den Wald warf, die
Spuren wieder zu erkennen, folgte ihnen Lloko mit altem Eifer.

Kaum eine Stunde aber war sie darauf hingegangen, als sie pltzlich
stehen blieb und die Nase emporhob, wie ein Hund es thut, wenn er das
Wild wittert.

Komm, komm, Lubra,[11] sagte aber Morris, der es bemerkte, und dem das
nicht gefallen mochte, guck auf den Boden und la die Faxen. Da Du ein
Auge wie ein Falke hast, kann ich bezeugen, denn wo nur irgend der Boden
weich war, haben wir die Fhrten der beiden Schufte hinter Dir gefunden;
aber auf das _Riechen_ wollen wir uns doch lieber nicht verlassen.

  [11] Lubra, Name fr schwarze Frau.

Ich rieche Rauch, sagte aber die Frau, ohne die Worte des Fremden zu
beachten oder ihn auch nur eines Blicks zu wrdigen.

Das kann wohl mglich sein, flsterte Tolmer. In dem verzweifelten
Dickicht hier haben die Burschen auch nicht bei Nacht und Nebel
fortkommen knnen, und sind jedenfalls liegen geblieben. Vielleicht
treffen wir sie im Lager.

Vorsichtig setzten sie ihren Weg fort. Wenn aber auch Lloko den Rauch
richtig gesprt, fanden sie nur noch das halb niedergebrannte Feuer. Die
beiden Buschrhndscher hatten ihre Flucht wahrscheinlich, wie sie ihre
Verfolgung, mit anbrechendem Tage fortgesetzt. Von hier aus schienen sie
aber eine andere Richtung genommen zu haben, und Lloko, die derselben
eine Zeitlang folgte, fate pltzlich Tolmers Arm und flfterte:

Das Boot! -- Sie sind nach dem versteckten Boot!

Und so wird's auch sein! rief Tolmer, rgerlich mit dem Fue
stampfend, und _wir_ kommen nachher gerade zeitig genug an den Strand,
sie in der Ferne absegeln und uns auslachen zu sehen. Da ich an das
verdammte Boot nicht frher gedacht, und eines von den unseren hier
herum geschickt habe, ihre Flucht abzuschneiden.

Kommt, sagte da Lloko, die sich indessen nach allen Seiten umgesehen,
als ob sie erkennen wollte, wo sie sei, kommt mit mir.

Hallo, Schwarze, brummte aber Morris, als er sah, da sie links von
der Fhrte abbog, da hinaus geht's nicht. Hier im offenen Sande kann
ich die Spuren auch erkennen, und die fhren dort hinaus.

Kommt, rief aber die Eingeborene noch einmal, ohne sich an den
Widerspruch zu kehren. Wir treffen ihn, ehe er das Boot besteigt.

Die Schwarze ist nicht mit Gold zu bezahlen, lachte Tolmer, sich
vergngt die Hnde reibend, vor sich hin. -- Was meint Ihr, Bill?
es wre ein Hauptspa, wenn wir ihm die Flucht so vor der Nase
abschnitten.

Bill, der frhere Mailfhrer, der sich bei der Polizei hatte anwerben
lassen und die Expedition als Freiwilliger seinem alten Groll gegen den
Buschrhndscher zu Liebe mitmachte, nickte mit dem Kopf und brummte:

Bringt mich ihm nur in Sprungnhe, und verdammt will ich sein, wenn er
mir diesmal wieder aus den Klauen soll.

Dazu kann Rath werden, rief Tolmer, aber vorwrts mit Euch, Ihr
Leute. Die Schwarze, seit sie nicht mehr nach den Fhrten zu sehen
braucht, luft wie der helle Teufel.

Er hatte recht. Lloko glitt wie das Wallobi ihrer Wlder rasch und
behend durch das niedere aber dichte Gestrpp der Waldung, da ihr
die Weien wirklich kaum zu folgen vermochten, und Tolmer sie mehrmals
anrufen mute, nur so lange wenigstens zu halten, bis sie nachkmen.
Eine fieberhafte Ungeduld schien sich der Schwarzen bemchtigt zu
haben, die sie nur vorwrts, immer vorwrts drngte, bis sie endlich
das Seegestade erreichte, das hier seine niederen Gumbsche ber kurz
abgebrochene Felswnde bis fast zu den Flutwogen niederhing.

Eine kleine, drftige Quelle rieselte hier dem Meere zu, deren Lauf
Lloko die letzten zehn Minuten gefolgt war, und das Wasser des in der
Regenzeit wohl manchmal stark angeschwollenen Baches hatte hier eine
kleine Bucht ausgewaschen, in der das eiferschtige Weib damals, als sie
den Fhrten des Buschrhndschers und der unglcklichen Frau nachsprte,
das hier versteckte Boot des Gentleman John entdeckt hatte.

Fremd auf der Insel, fand ihr Fu doch leicht und sicher wieder mit
jenem wunderbaren Ortssinn der Eingebornen den Weg dahin zurck, und
ein triumphirendes Lcheln zuckte ber ihre Zge, als sie, auf einen der
vorragenden Felsen springend, das Fahrzeug noch dort entdeckte, wo es
der Ruber gelassen; aber kein Laut kam ber ihre Lippen.

Ist es da, Lkoko? rief Tolmer mit unterdrckter Stimme.

Bst! warnte aber die Schwarze mit aufgehobenem Finger, indem ihr
jubelnder Blick und der niederdeutende Arm den Fund verkndete.
Vorsichtig horchte sie dabei nach der Richtung hin, in der sie die
Flchtigen erwartete. Ihr Auge glhte, ihre ganze Gestalt zitterte, und
die angstvoll geffneten Lippen schienen die Luft einzusaugen, die von
dort herberwehte.

Sie kommen! flsterte Tolmer den ihm Nchsten zu, fort mit Euch --
drckt Euch hinter Stein und Busch.

Alle Teufel! brummte Morris, und glitt hinter einen der Ufersteine,
auf dem er gerade stand. Nur Lloko regte sich nicht, und das Weib, wie
es da lauschend dicht am Ufer stand, glich einer aus schwarzem Marmor
gehauenen Statue, einer dunklen Najade, die eben scheu und zitternd der
Meeresflut entstiegen.

Nieder mit Dir, Lubra, flsterte ihr da Tolmer zu, wenn er Dich
sieht, ist Alles verrathen und unsere ganze Arbeit umsonst.

Die Eingeborne antwortete ihm nicht, aber an der Stelle, wo sie bis
jetzt gestanden, sank sie in die Knie und barg ihr Antlitz in den beiden
Armen.

Zum Henker noch einmal, ich sage Dir aber ja, dies _mu_ die Stelle
sein, rief da eine rauhe Stimme ganz in der Nhe, oder ich habe den
ganzen Platz versehen und finde den verdammten Ort gar nicht wieder.

So weit sind wir aber doch gar nicht mit dem Boot gesegelt, wandte
Broadley's Stimme dagegen ein. Wir mssen wahrlich noch eine Strecke
voraus.

Und hier ist der Bach, rief da Gentleman John, nicht zehn Schritte
mehr von der Lichtung entfernt, an deren Rand seine Feinde versteckt
lagen. Ich _wute_, da ich recht hatte -- und da ist auch die See.
Gott sei Dank, da wir aus den vermaledeiten Dornen endlich herauskamen.
Das ist der Platz, ich kenne ihn an den Felsen, ha, ha, ha -- jetzt
mgen sie da drinnen herumkriechen und den Torrensberg und dessen
Nachbarschaft belagern wie sie wollen. Bis sie _uns_ auf die Fhrte
kommen, sind wir drben in Sicherheit. -- Ha, was ist das!

Halt! donnerte ihm da Tolmers Stimme entgegen, der mit dem von
Rothkopf erhaltenen Gewehr im Anschlag dicht vor ihm wie aus dem Boden
herausstieg. Ergib Dich, oder Du bist eine Leiche.

Ergeben? rief John, eine Pistole aus seinem Grtel reiend, fr den
Galgen, wie? -- In demselben Augenblick traf aber sein Blick auf rechts
und links aufspringende Gestalten, und die Pistole auf's gerathewohl
mitten hineinfeuernd in die Feinde, wollte er mit flchtigem Satz das
Dickicht wieder gewinnen. Hier aber verrannte ihm Bill, der Kutscher,
den Weg.

Mit allem Respect vor Feuerwaffen, mit denen er selber nur hchst
mittelmig umzugehen wute, bckte er sich allerdings bei dem Schu,
fuhr aber auch gleich in demselben Moment, einer frher erhaltenen
Lection eingedenk, in derselben Stellung auf den Buschrhndscher zu, den
er an dem einen Bein erwischte und mit sich zu Boden ri.

Wieder fiel ein Schu, aber diesmal aus Tolmers Rohr, dem davon
springenden Broadley nach, der einen wilden Schrei ausstie, seitab und
willenlos in den Busch hinein taumelte und dort zur Erde strzte. Tolmer
aber, ohne den Verwundeten weiter eines Blicks zu wrdigen, sprang jetzt
auf den gestrzten Buschrhndscher zu, ber den sich schon drei oder
vier der anderen Polizeisoldaten geworfen hatten.

Gentleman John machte indessen seinen Gegnern viel zu schaffen, denn mit
einem pltzlichen Ruck seinen Arm frei bekommend, hatte er ein breites
Messer gezogen, mit dem er rechts und links um sich stie und seine
Sieger zu verwunden suchte. Tolmer sah die Gefahr, in der sich die
Seinen befanden, und ri das Gewehr an den Backen, mit dem zweiten
Schu den zur Verzweiflung getriebenen Ruber unschdlich zu machen; im
nchsten Moment aber nderte er seinen Plan. Der Lauf des Gewehres
hob sich, der Schu donnerte in die Luft hinein, und den Kolben dann
umdrehend hieb er den wthend um sich Stoenden mit solcher Gewalt ber
den Schdel, da der Schaft in Splittern auseinanderfuhr, der Getroffene
aber bewutlos und wie todt in sich zusammenbrach.

Im Nu war er jetzt an Hnden und Fen gebunden, seiner Waffen beraubt
und in's Boot geworfen, wo zwei der Leute, Bill und noch ein Anderer, zu
seiner Bewachung blieben. Broadley, der zum Tod getroffen im Busch
lag, wurde dann ebenfalls hineingeworfen, und als die von dem Ruber
Verwundeten nothdrftig ihre Risse verbunden hatten, wollte Tolmer eben
vom Land abstoen, seine Beute nach Cap Borda hinber zu rudern. Da fiel
sein Blick auf Lloko, die bis dahin regungslos, wie sie das Nahen ihres
frheren Gatten erwartet, dicht am Ufer gekniet hatte.

Jetzt erst, als das Boot zur Abfahrt bereit war, richtete sie sich
empor, warf einen flchtigen Blick auf die Gefangenen und war mit einem
Sprung an Tolmers Seite.

Alle Wetter, das wird zu viel im Boot! rief Morris, der hinten am
Steuer sa und sich eben bemhte, das kleine schwanke Fahrzeug vom Lande
freizubringen.

Lat sie, erwiderte ihm aber Tolmer, der Bursche hat sie ihrem Stamm
entfhrt, und sie mag mit uns, wenn wir die brige Bande aufgerieben,
nach Adelaide zurckkehren. -- Alles klar da vorn?

Alles klar, Sir.

Gut, dann stot ab, und jetzt so rasch als mglich diesen Burschen in
Sicherheit gebracht; der andere Theil der Bande soll uns dann leichte
Beute werden.

Das kleine Fahrzeug scho in See hinaus, den Bug nach Westen wendend.
Mitten darin aber, des Rubers blutiges, bleiches Haupt auf dem Schoo,
sa Lloko, und groe, helle Thrnen rollten ihr die dunklen Wanden
nieder und mischten sich dem Blut auf des Gefangenen Stirn, den sie dem
Galgen berliefert hatte.




II. Bilder aus den Australischen Goldminen.




John Newman.


1. Welchen Entschlu John Newman fate.

Frhstck fertig, Jack! rief der Schreinermeister Newman, indem er die
Thr der Werksttte halb ffnete und den dicken gemthlichen Krauskopf
hereinsteckte -- Donnerwetter, Junge, wie vielmal soll man Dich denn
heute rufen? la doch die verdammten Zeitungen liegen und komm. -- Ich
wei so nicht, wie wir heute fertig werden wollen.

John, oder Jack wie er in den gewhnlichen freundlichen Abkrzungen von
den Seinen genannt wurde, warf die Zeitung rasch nieder, band sich das
Schurzfell ab, wusch in einem schon fr ihn bereitstehenden Becken die
Hnde und trat dann in die Nebenstube, wo das reinliche Theegeschirr
auf dem Tisch stand, und die Familie des Schreinermeisters ihr Frhstck
schon begonnen hatte -- Jack schien gar so lange auf sich haben warten
zu lassen.

Aber, Jack, wo bleibst Du denn heute nur? sagte die Mutter, indem sie
sich nach seinem Platz hinberbog und ihm die ausgehaltene Tasse aus der
blankgescheuerten Kanne fllte.

Dreimal hab' ich ihm gerufen, Mutter, lachte die Schwester, ein
freundliches sechzehnjhriges Mdchen, mit dunkelbraunen Haaren und
klaren lichtblauen Augen -- und er hat mir nicht einmal geantwortet --
ich glaube wirklich, da ihm die Minen im Kopfe stecken.

Die stecken mir auch im Kopf! erwiderte der Alte, mit einem tchtigen
Stck Beefsteak zwischen den Zhnen, da seine Worte kaum verstndlich
wurden -- und gute Ursache dazu; solcher Verdienst ist lange nicht da
gewesen, wir knnen jetzt kaum Waschmaschinen genug machen -- wenn's nur
lange anhlt -- ich traue der Sache nicht recht.

Habt Ihr schon von dem 300 Pfund schweren Klumpen gehrt, Vater, den
sie auf Mr. Karrs Station gefunden haben? frug Jack, und legte Messer
und Gabel nieder -- in der Zeitung steht heute die genaue Beschreibung
davon.

Hab' ich's denn nicht gesagt, da ihm das Gold im Kopf steckt,
lachte Marie, pa auf, Vater, er packt nchstens auf, zieht ein blaues
Buschhemd an, setzt einen californischen Hut auf und wandert in die
Berge.

Er wird kein Narr sein, sagte der Vater mrrisch, dem das Gesprch
nicht zu gefallen schien.

Heidewells Gesellschaft haben die acht Tage, die sie oben sind, jeder
sieben Unzen rein verdient, fuhr Jack, ohne der Schwester zu antworten,
gegen den Vater gewendet, fort: und Browns schreiben, es ginge ihnen
ganz ausgezeichnet und wollen, da ihre andern beiden Brder ebenfalls
hinaufkommen.

Die haben auch hier nichts zu verlieren, brummte der Alte, und stie
mit der Gabel heftig in das Pickles Glas, um aus dem engen Hals eine
schon sechsmal vergebens angestochene dicke Gurke herauszufischen --
ein Handwerk verstehn sie nicht, und Architekten gibts hier genug --
die knnen oben recht gut einmal ihr Glck versuchen; wir aber haben
hier die Hnde voll zu thun und verdienen schnes Geld. Stehen wir uns
nicht jetzt, wenn wir ordentlich arbeiten, jeder die Woche auf unsere
5--6 Pfund Sterling, und lt sich das von allen in den Minen sagen? und
dazu leben wir hier doch wenigstens wie Menschen -- die Gurke hier ist
ein wahrer Satan, und ich glaube wahrhaftig, die ist erst in der Flasche
so gewachsen -- und schlafen Nachts trocken unter Dach und Fach, whrend
sich die da oben in Regen, Schnee und Thau herumqulen.

Aber Vater, fiel im Jack in die Rede, es sind auch viele oben, die
nicht nur ein Pfund Sterling den Tag, die--

Oh, paperlapapp, unterbrach ihn der Alte -- wenn Einer Glck hat,
laufen auch wieder zehn nebenher und saugen Hungerpfoten -- jedes
Handwerk hat einen goldenen Boden, den man sicher findet, wenn man nur
fleiig darnach arbeitet, mit der anderen Geschichte ist's aber
noch verdammt ungewi, und ich meines Theils will gewi lieber die
Waschmaschinen machen, als selber damit schaukeln.

Aber, wenn nun einmal ein junger Mensch sein Glck versuchen will?
warf die Mutter, auf welche die zahllosen Erzhlungen der neu entdeckten
Schtze keineswegs verfehlt hatten, einigen Eindruck zu machen, zuredend
ein -- er kann ja doch zufllig--

Auf den Zufall hin handelt aber kein vernnftiger Mann, brach der alte
Schreinermeister rgerlich heraus, indem er die endlich erbeutete Gurke
auf seinen Teller stie, in zwei Theile schnitt und rasch verschwinden
lie -- alle Wetter mit dem dummen Zeug; Ihr setzt dem Jungen sonst
noch am Ende verrckte Sachen in den Kopf. Hier, Jack, wenn Du gegessen
hast, schaff' mir die Fenster hinauf in die Darling Nursery, das Schiff,
das die Blumen mitnehmen will, geht morgen frh unter Segel, und wir
drfen keinen Augenblick Zeit mehr damit verlieren.

Das Gesprch war hiemit abgebrochen, bei John aber hatte es
nichtsdestoweniger Wurzel, tiefe Wurzel geschlagen. Als er nun gar die
Fenster Georgestreet hinauf an den Ort ihrer Bestimmung geschafft hatte
und wieder zurck durch die Stadt schlenderte, als er berall Gruppen
traf, die von weiter nichts als dem eben entdeckten Mammuth Klumpen
Gold sprachen -- denn ganz Sidney war in einer wirklich fieberhaften
Aufregung, und die wahnsinnigsten Gerchte von Gold und Edelsteinen
wurden mit grter Bereitwilligkeit geglaubt und wieder erzhlt --
reifte sein Entschlu mehr und mehr, jenen Ort selber zu sehen, jene
fabelhaften Schtze selber mitfinden zu helfen.

Vor des Juweliers Hale Fenster drngte ein ganzer Kreis von Neugierigen,
welche die dort heut morgen neu ausgestellten Stcke Gold mit staunenden
Blicken betrachteten, und in dem Fenster eines Brokers wurde die
Einbildungskraft der Menge gar nicht mehr erfordert, sich Haufen Goldes
zu denken, denn dort stand eine hohe Blechbchse, die etwa vier Quart
oder Schoppen halten mochte, fast bis zum Rand mit blitzendem Gold
gefllt.

Wo _das_ herkommt ist mehr! rief ein Karrenfhrer, der sein beladenes
Fuhrwerk ruhig in der Mitte der Strae hatte stehen lassen, zu sehen
was es hier an den Fenstern wieder Neues gbe -- hol' mich dieser und
jener, wenn das nicht die letzte Ladung ist, die ich Georgestreet hinauf
fahre -- und damit schob er sich, die Peitsche hoch ber seinem Kopf
haltend, aus dem mehr und mehr hinzustrmenden Menschenschwarm zurck,
knallte den beiden mden, schon halb eingeschlafenen Pferden eines
um die Ohren, und trieb, frhlich dabei pfeifend, die breite,
menschengefllte Hauptstrae Sidney's hinauf.

John ging nachdenkend nach Hause, berall begegneten ihm beladene
Karren, die den Minen zuzogen -- nicht selten von Bekannten begleitet,
die ihn lachend aufforderten, sich ihnen anzuschlieen -- es schien
heute Morgen Alles zusammengekommen zu sein, ihm den Kopf zu verdrehen,
und wenn er auch wute, da sein Vater gerade jetzt unendlich viel, und
zwar schon versprochene Arbeit zu liefern hatte, und ihn kaum entbehren
_konnte_; wenn er auch vorhersah, da es zu Hause, sobald er nur seine
Absicht zu erkennen gbe, einen schweren Tag fr ihn setzen wrde,
so hatte der Goldschwindel zu viel und zu tief schon bei ihm Wurzel
geschlagen. Mit dem Bewutsein, da er alt genug sei, fr sich selber
handeln zu knnen, wenn er einmal eine Sache fr die beste erkannt
hatte, hielt er sich, zu Hause angekommen, deshalb nicht lange mit der
Vorrede auf, und stellte seinem Vater rasch und bestimmt die Sache wie
seine Absicht vor.

Der Alte hatte, als der Sohn begann, schweigend seinen Hobel
niedergelegt und ihm, ohne ein einziges Wort einzuwerfen, zugehrt,
whrend er ihn ruhig, ber die Brille weg, mit etwas vorn bergebogenem
Kopf betrachtete. Ganz gegen Jacks Erwartung fuhr er auch keineswegs
heftig auf, oder machte die geringste Einwendung, sondern sagte nur
als dieser geendet hatte und nun, ber das Schweigen des Alten etwas
verlegen, vor sich niederschaute, ruhig:

Hr' einmal, Jack, ich sehe Du hast das gelbe Fieber so schlimm wie
jeder andere -- mit dem ordentlich und vernnftig Arbeiten ist's nun
doch mit Dir vorbei, also glaub' ich, wird's das beste sein, Du packst
sobald wie mglich auf und bringst selbst Dein Lehrgeld oben an --
nachher bist Du mir dann desto ntzlicher und auch fleiiger -- wenn Du
erst einmal ausgetobt hast.

Aber Vater, ich kann ja doch auch so gut wie mancher Andere Glck--

Ich wei schon -- ich wei schon, unterbrach ihn der Alte mit der Hand
winkend seinen Hobel wieder aufnehmend -- das ist's ja gerade, was
Dich hinauftreibt. Diese Woche mut Du mir aber noch helfen, unser Wort
mssen wir halten, und bis Sonnabend finde ich schon einen Gesellen,
der, so lange Du fort bist, bei mir bleibt -- bis dahin kannst Du Dir
auch Alles was Du nthig hast, zurecht gemacht haben.

Es blieb dabei, Jack lie sich auf der Post einschreiben, und zum
nchsten Montag war er ebenfalls ein Candidat des Goldes, das in
so ungeheuren Quantitten, 3-4000 Unzen jede Woche, nach Sidney
hineingeschafft wurde, und dessen Gercht jetzt schon in alle Welt
hinausging, und die Auswanderer von allen Welttheilen hinberlocken
sollte.


2. Wen Jack unterwegs traf.

Jack hatte auf der knigl. australischen Post, ohne den Hals oder irgend
ein anderes Glied des Krpers zu brechen, Bathurst glcklich erreicht --
etwas was gewi nicht alle Passagiere dieses knigl. Fuhrwerks von sich
sagen knnen. Sein Werkzeug und Gepck war schon vor fnf Tagen von
Sidney mit einem Karren abgegangen, und er gedachte die dreiig Meilen
bis zum Innern leicht zu Fu zu machen. Er htte auch Reisegefhrten
genug finden knnen, die Gesellschaft derselben behagte ihm aber nicht
besonders, und er marschirte lieber allein nach seiner Bequemlichkeit
ruhig fort. Da er aber in der letzten Zeit nicht mehr so viel gegangen
war, wurde es schon spt am Nachmittag, ehe er den, etwa 19 Meilen von
Bathurst entfernten hohen Berg erreichte, diesen erstieg und sich oben,
ziemlich am Gipfel, auf einen Stein setzte, um ein wenig auszuruhen.

Er hatte kurz vorher einen beladenen mit vier Ochsen bespannten Karren
berholt, der sich den Berg gerade an dieser steilsten Stelle mhsam
hinaufqulte. Der Mann trieb die Ochsen, eine alte Frau ging mit einem
kleinen Jungen von etwa acht Jahren voraus, und ein junges Mdchen,
dessen Gesicht er des groen Sonnenbonnets wegen nicht sehen konnte,
ging mit einem groen Stein neben dem Rad her und legte, jedesmal wenn
die Ochsen rasteten, den Stein hinter das Rad, damit der Karren nicht
zurckrutschen konnte. Der Berg bildete hier eine ordentliche Kuppe, und
rechts und links ging es schauerlich steil an beiden Seiten hinunter. Es
war ein hchst fataler Platz fr heraufkommendes, wie hinuntergehendes
Fuhrwerk.

Der Karren war jetzt gerade zu der Stelle gekommen, wo Jack sa;
der Ochsentreiber, ein alter krftiger Bursch mit greisen Haaren und
gutmthigem Gesicht, hatte sich schon ganz heiser geschrieen, die Ochsen
den Berg hinauf zu berreden, und unser junger Freund wrde ihn wenig
beachtet haben, als er an ihm vorbeischritt, denn sein Blick war
gerade auf das liebe, freundliche Gesichtchen des dahinter herkommenden
Mdchens gerichtet, htte ihn der Alte nicht eben im Vorbeigehen ein
gemthliches wie geht's Jack? zugenickt. Der junge Mann war ganz
erstaunt, da der Fremde seinen Namen wute, und drehte sich rasch nach
ihm um.

Ein anderer Vorfall nahm aber in demselben Moment seine ganze
Aufmerksamkeit so in Anspruch, da er alles Andere total darber verga.

Das junge Mdchen war jetzt nur wenige Schritte von ihm entfernt;
gerade in diesem Augenblick scheuten die Ochsen, oder der Treiber hatte
vielmehr -- wie es sich spter herausstellte, einen der vordersten mit
seiner Peitsche ins Auge getroffen; das Thier, von dem unertrglichen
Schmerz gepeinigt, drngte zurck, ein paar krftig gefhrte Schlge,
welche die Leitochsen wieder in Ordnung bringen sollten, machten auch
die andern irre, und als die beiden vordersten jetzt, trotz allem
Schreien und Schlagen des Treibers, scharf abbogen, nach dem links
hinunterschieenden und nur schwach mit Bumen besetzten Abhang zu,
folgten auch die anderen; der Wagen drehte sich auf seine Achse,
stand einen Augenblick auf dem linken Rad und strzte dann, als das
hochaufgehufte Gepck das Uebergewicht bekam, langsam und unaufhaltsam
zur Seite ber.

Nicht allein das ganze Geschirr aber, sondern vor allen Dingen das
junge Mdchen, befanden sich in dem Augenblick des Umschlagens in der
dringendsten Gefahr, denn gerade ber ihr hing die drohende, strzende
Last des ganzen Wagens, und wre Jack nicht mit einem Satze zugesprungen
und htte sie fort und aus dem Bereich der niederschlagenden Ladung
gerissen, sie wre sicherlich arg beschdigt, vielleicht getdtet
worden. So kam sie mit fnf blauen Flecken weg, die des jungen Mannes
Finger auf ihr Handgelenk gedrckt, und auerdem noch mit dem Schreck,
sich auf einmal, whrend Kisten und Kasten um sie her rasselten und
strzten, in den Armen eines wildfremden Menschen zu finden.

Der Alte hatte indessen die grte Noth und Mhe, die Thiere, die nun
einmal absolut den Abhang hinunterdrngen wollten, zurckzuhalten, und
es wre ihm das auch allein im Leben nicht gelungen. Der umgestrzte
Wagen hakte aber hinter einem jungen Gumbaum und die Kette, die durch
den pltzlichen Ruck wie ein dnnes Thau abbrach, schnellte sich
glcklicher Weise um die nchsten Bume und hielt da fest. Die Thiere
wurden dadurch, wohl oder bel, wieder zum Stehen gebracht, und der Alte
bekam Zeit, sie zurck und auf die Strae zu treiben.

Wre das Mdchen aber auch nicht so hbsch gewesen, so war Jack doch
viel zu gutmthig, den Mann hier mit Frau und Kind und dem umgeworfenen
Geschirr allein und im Stich zu lassen. Ueberdies ging es schon auf den
Abend zu, viel weiter htte er doch nicht mehr marschiren, den Turon
wenigstens an dem Abend keineswegs mehr erreichen knnen, und so machte
er sich denn auch nun, ohne ein Wort weiter zu sagen, mit an die Arbeit,
half das Geschirr und Gepck abladen, den Karren wieder aufrichten, die
Ochsen frei machen, da sie fttern, wenigstens die hie und da sprlich
genug wachsenden Grashalme aufsuchen konnten, und setzte sich dann
mit zu dem unter der Zeit von den Frauen entzndeten und unterhaltenen
Feuer, als ob er nicht allein mit zur Familie gehre, sondern auch von
klein auf dazu gehrt habe, und das nun einmal gar nicht anders sein
knne.

Der Alte hatte gar nicht gesehen, in welcher Gefahr seine Tochter
geschwebt, wohl aber die Mutter, die oben am Berge vor lauter Angst und
Schrecken in die Knie gesunken war, und jetzt dem jungen Mann gar
nicht genug zu danken wute. Dieser wies das aber lachend von sich, und
entschuldigte sich nur, da er in aller Angst und Eile Jane, wie die
Tochter hie, beinahe den Arm abgequetscht, ihr das Fleisch daran
wenigstens blitzblau gedrckt habe. -- Er lie sich aber den Arm doch
noch einmal herberreichen -- zuflligerweise sa er nmlich gar nicht
weit von Jane -- nur um zu sehen wie gro denn eigentlich der Schade
sei, den er angerichtet habe, und streichelte zuletzt die Stelle und
meinte, es wrde schon wieder gut werden ehe sie -- ehe sie -- ehe sie
vier Wochen lter wre.

Jane schien sich vor dem jungen Fremden gar nicht mehr zu frchten.

Der Alte hatte im Sinn gehabt auf dem Gipfel des Berges, den er mit
seinen Thieren noch an dem Abend zu erreichen gehofft, zu lagern, und
deshalb ein kleines Fchen mit Wasser auf seinen Wagen genommen,
um Abends und am nchsten Morgen Thee davon zu kochen. Der nur lose
aufgelegte Spunt war aber abgegangen und das Wasser, beim Umstrzen des
Wagens, total ausgelaufen. Jack hatte die besten Beine, nahm einen Eimer
und Blechbecher und stieg den Berg hinunter, unten im Thal irgendwo
ein Wasserloch aufzufinden. Nach einer Stunde etwa und gerade mit
Dunkelwerden kehrte er wieder zurck; Thee wurde gekocht, das groe
Zelt, das der Alte bei sich fhrte, und das inwendig zwei Abtheilungen
hatte, gerade mitten auf der Strae, als dem einzigen nur halbweg
ebenen Platze aufgespannt, und die kleine Gesellschaft nahm vergngt ihr
Abendbrod ein.

Aber woher wutet Ihr denn eigentlich, da ich Jack hie, sagte der
junge Mann pltzlich, als ihm die fast schon vergessene Anrede des Alten
wieder einfiel -- ich wei doch nicht, da wir uns schon frher einmal
gesehen htten?

Die ganze kleine Gesellschaft lachte, selbst das Kind, und der Alte
sagte schmunzelnd:

Hat Euch noch Niemand sonst unterwegs mit Jack angeredet?--

Ja, erwiderte der junge Mann etwas verblfft -- auf der Post schon
ein paarmal, aber ich glaubte, die Leute kennten mich vielleicht von
Sidney her -- das eine Gesicht kam mir wenigstens bekannt vor.

Es ist die allgemeine Anrede hier drauen in den Bergen, fuhr aber der
Alte schmunzelnd fort -- wer, zum Henker, knnte auch all die Namen der
Leute wissen, denen er begegnet, und wenn er sie wte, wer knnte sie
behalten? da nennen wir denn alle einander Jack, und da _jeder_ Jack
heit, kann auch nicht leicht ein Irrthum oder eine Namensverwechselung
vorfallen, denn wenn man von irgend einem Jack spricht, so _mu_ der
rechte mit gemeint sein.

Hiergegen lie sich nichts weiter einwenden, und das Gesprch drehte
sich bald auf das Gold ber, das alle in die Minen Strmenden sicher
dort zu finden erwarteten.

Man _mu_ aber auch schon etwas finden, meinte der Alte dabei
kopfschttelnd, wenn man nur _das_ Geld wieder herausbekommen will, was
man selber allein beim Heraufziehen zusetzt. Und wie htte mir all das
Gold in Australien -- fuhr er pltzlich mit viel weicherer Stimme als
man dem alten Mann htte zutrauen mgen, fort -- wohl den Verlust des
Mdels da ersetzen knnen, wenn das mir heute zu Schaden gekommen wre?

Jack sah, wie Jane blutroth bei der neuen Erwhnung der Sache wurde und
sprang rasch auf den letztgefundenen groen Klumpen Gold ber. -- Der
Alte war hierbei gleich Feuer und Flamme, und es ergab sich jetzt,
da dieser wirkliche Klumpen ihm ebenfalls den letzten Gnadensto, mit
seinem Entschlu nach den Minen zu gehen, gegeben hatte. Von nun an
wurde den ganzen Abend von weiter nichts gesprochen wie von Unzen und
Pfunden, Lcher graben und =claims= aufnehmen, von Licenz zahlen und
Provisionspreisen, von neuentdeckten reichen Pltzen und erwarteten oder
gemunkelten Diamantengruben; kurz, es blitzte und funkelte den guten
Leuten den ganzen Abend wie lauter Gold und Edelstein vor den Augen
herum, und als sie endlich in ein und demselben Zelte fr die Nacht ihr
Lager suchten, schien die Sache noch nicht besser geworden zu sein, denn
der Alte versicherte Jack am nchsten Morgen, der Rcken thte ihm noch
von dem Gewichte weh, das er die Nacht aus seinem im Traum gegrabenen
Loche an Gold herausgewlzt habe. Jack hatte auch getrumt, und wie er
meinte, viel angenehmer und lange nicht so beschwerlich; wahrscheinlich
auch von dem Golde, doch sagte er es nicht.

Der Alte schien brigens Vertrauen zu dem jungen Mann gefat zu haben,
und da einer allein in den Minen, bei der allzubeschwerlichen Arbeit,
doch nicht so gut fortkommen kann, so beschlossen sie zusammenzubleiben
und mitsammen zu schaffen; die Frauen konnten ihnen dann unter der Zeit
die Wirthschaft halten, und Jack meinte, da sie dann auch natrlich
einen Antheil dafr von dem was die Mnner zusammen fnden, haben
mten. Der Alte versicherte ihm, das liee sich schon einrichten, denn
der Knabe knnte ihnen ja auch von groem Nutzen sein, und ihr Plan fr
die knftigen Arbeiten war jetzt mit einem Mal gemacht und beschlossen.
Fr den Augenblick fehlte nun weiter nichts mehr als eben nur das Gold.

Jack ging, whrend die beiden Frauen das Frhstck bereiteten, mit
dem Alten und dem Knaben aus, die Ochsen, von denen einer eine Glocke
umhngen hatte, aufzusuchen und einzutreiben. Sie fanden sie auch
glcklicherweise im Thal unten, und das Geschirr stand nach anderthalb
Stunden etwa zum Wiederaufbruch fertig. Jack war aber dabei sehr mit
seiner bisherigen Tagesarbeit zufrieden -- er hatte einem hbschen
Mdchen einen sehr groen Dienst erzeigt, ihr vielleicht das Leben
gerettet, dabei eine hchst liebenswrdige Familie kennen gelernt, und
-- auch zugleich das Praktische bei der Sache nicht zu vergessen, einen
tchtigen Mitarbeiter fr die Minen gefunden, und sich dort, gewi eine
Hauptsache, einen sehr angenehmen und damit auch zugleich in materieller
Hinsicht vortheilhaften Aufenthalt gegrndet.

Jack war, wie gesagt, mit dem Resultat des vorigen Tages ungemein
zufrieden.


3. Wie Jack die Minen fand, und wie es dort zuging.

Berge hatten sie in diesen Tag nicht mehr viel aufzuklimmen, wohl aber
einzelne, ziemlich steile Hhen hinabzufahren, und es wurde wieder
Abend, ehe sie die letzte Hhe, die sie vom Turon schied, erreichen
konnten. Hier bernachteten sie wieder und brachen am andern Morgen,
so frh sie nur das Vieh zusammentreiben konnten, auf, diesen Tag auch
nicht ganz zu verlieren und sich wenigstens noch einzurichten, damit sie
am nchsten gleich anfangen knnten, irgend einen fr gut erkannten Ort
zu bearbeiten.

Am Freitag Morgen fuhren sie denn auch den letzten Berg unmittelbar an
den kleinen Flu hinunter, und befanden sich hier gleich recht mitten im
bunten und chten Minenleben.

Auf der untersten flachen Abdachung des Hgels, der nach dem Turon
hinunterlief, standen eine Anzahl schmutziger berwachsener Store oder
Kaufzelte mit Waschmaschinen, Spitzhacken und Schaufeln davor, und
aufgehufte Mehl- und Zuckerkisten, und Thee und Rosinen, Seife und
andere Waaren darin -- darber hin wehten verblichene englische Flaggen,
und bepackte Karren, von Schaaren von Arbeitern begleitet, kamen, und
leere Karren, mit magerem, hungrig aussehendem Vieh bespannt, kehrten
zurck, und das Ganze bot allerdings ein bewegtes, lebendiges Bild,
dem die mit Goldtrumen gefllten Kpfe der Einwanderer gewi auch den
hchstmglichen Reiz abzugewinnen wuten.

Den Wagen lieen sie nun erst einmal vor allen Dingen am Hgelhang
halten, da sie ja noch gar nicht wuten, wohin sie sich wenden sollten,
und die beiden Mnner beschlossen erst einmal vor allen Dingen zu
recognosciren und sich die Sache anzuschauen. Fanden sie dann einen
Platz, der ihnen gut schien, so konnten sie den noch geladenen Karren
leicht dorthin schaffen und sich in ein oder zwei Stunden gleich
huslich einrichten.

Jack wollte nun zwar, da die Frauen gleich mitgingen, und da sie den
Wagen indessen allein dastehen lieen, denn allen Nachrichten zufolge
herrschte hier oben die grte Ehrlichkeit, und Diebsthle sollten auch
nicht in einem einzigen Falle vorkommen. Der Alte meinte aber, man drfe
Niemanden zu viel trauen -- Gelegenheit mache Diebe -- und es sei viel
besser, sollten sich wirklich schlechte Charaktere hier oben in den
Minen aufhalten, diese so wenig als mglich in Versuchung zu fhren.

Der Alte hatte vielleicht recht und Jack schlenderte mit ihm allein
fort. Vor allen Dingen gingen sie erst einmal nach dem Flu hinunter,
sich die Arbeit dort anzusehen und schon von weitem schallte ihnen
das monotone Klappern der Waschmaschinen und das Pltschern des
bergeschtteten Wassers entgegen. Es war aber das keineswegs ein
unangenehmes Gerusch fr sie -- sie hatten sich lange darauf gefreut,
das zu hren, und Jack wnschte sich nur, als sie so nebeneinander
hinschritten, die Zeit herbei, da er selber an einer Maschine sitzen
und sie so recht aus Leibeskrften schtteln knne. -- Es mu doch
prchtig aussehen, meinte er dabei treuherzig, wenn das Gold da so
unten drin liegt und einem entgegenfunkelt.

Als sie aber dicht zum Flu hinunterkamen, sah der Ort doch wilder und
-- ich mchte fast sagen -- bsartiger aus, als sie -- wenigstens Jack
-- erwartet hatten ihn zu finden. Ueberall waren tiefe Lcher gegraben
und theils verlassen, theils auch ausgearbeitet -- oder auch vielleicht
nicht ausgearbeitet: denn rechts und links und oben und unten war die
Erde manchmal noch gar nicht berhrt, oder es lagen schrecklich hohe
Steinhaufen obendrauf, die eine entsetzliche Mhe gekostet haben muten
von unten herauszuschaffen. Dicht am Flu aber -- das heit einem
kleinen schmutzigen, an manchen Stellen vielleicht tiefen Bergbach, an
dem man aber hie und da trocken hinbergehen konnte -- saen die Wscher
mit ihren Maschinen oder Wiegen, und andere, die vielleicht zwanzig oder
dreiig Schritt davon ihr Loch gegraben hatten, trugen ihnen in Eimern
die goldhaltige Erde zum Auswaschen zu, klappten hie und da einmal das
Sieb in die Hhe, um zu sehen, ob sich inwendig etwas erkennen liee,
oder blieben auch wohl ein paar Minuten stehen, wenn der Wscher
vielleicht gerade die Maschine ausrumte oder eine Probepfanne voll
auswusch.

Am meisten interessirte Jack aber eine Abtheilung von Leuten, die an der
andern Seite des Turon arbeiteten und ihre Lcher wohl zehn und zwlf
Fu ber dem Flu, an dem dort gerade ziemlich steilen Hang des Berges
eingegraben hatten. Die Erde hatten sie hier etwa vier Fu abgedeckt --
d. h. ein Loch, um zu der Golderde zu kommen, vier Fu tief gegraben,
und wuschen jetzt frisch drauf los. Um aber die Erde zum Waschen bequem
hinunter zu der schrg unter ihnen stehenden Maschine zu bekommen,
hatten sie lange Rinnen von Baumrinde gemacht und schaufelten jetzt nur
oben ein, whrend der an der Wiege Stehende die Erde unten wegnahm und
durchwusch. Die Leute sollten sich ziemlich gut stehen, und -- wie es
dortherum hie -- ein schnes Tagelohn machen.

Dicht daran war das sogenannte =golden point,= eine Biegung im Turon,
wo sich die reichsten =deposits= gesammelt zu haben schienen. Dieser
Platz und die einzelnen groen Stcke, die am Ophir gefunden waren,
hatten den australischen Minen eigentlich ihren Namen gegeben. Jack
betrachtete die dort Arbeitenden mit einer Art Andacht -- es waren das
in seinen Augen alles gemachte Leute, und er dachte auch gar nicht
daran zu versuchen, ob er hier in der Nhe noch einen Platz zum Arbeiten
htte bekommen knnen, sondern wanderte ein Stck weiter den Strom
hinauf. Es wre brigens hier auch vollkommen nutzlos gewesen, denn
schon arbeitete fast Mann an Mann, und alles, was an =claims= vielleicht
noch zu bekommen gewesen wre, war wenigstens mit dem Commissr
durchgesteckt und gehrte dessen =particular friends.=

Der Commissr schien hier berhaupt eine sehr bedeutende Rolle zu
spielen, und so kurze Zeit Jack erst oben gewesen war, so oft hatte er
diesen Namen schon nennen hren.

Was fr ein entsetzliches Thier ist denn das eigentlich? frug er
endlich seinen lteren Begleiter, was thut es, was treibt es und wovon
lebt es?

Der Alte lachte. Ja, wenn wir den Commissr nicht htten und einen
Lffel, sagte er, so mten wir unsere Suppe trinken. Der vertritt
hier alle kniglichen Beamten, Polizei und Mauth, Kreis-, District-
und Gott wei was sonst noch fr Gerichte. Er ist dabei der schwarze
Douglas, der die Kinder, aber auch die Alten frchten macht; er ist der
Hauptcassirer der Minen, und leider Gottes auch, wie ich gehrt habe,
die Bank, wo Hunderte das einzig ersparte Geld niederlegen, um es nie
wieder zu sehen, nmlich die, die mit allem Goldwaschen nur ebensoviel
erbrigen, zu leben und ihre Licenz zu zahlen. Der Commissr gibt die
Licenzen aus und streicht fr jede 30 Shilling ein. Dabei ist es gleich,
ob wir den Ersten oder den Zwanzigsten zu arbeiten anfangen, die _volle_
Licenz nimmt er doch, und bis zum sechs- und siebenundzwanzigsten,
sagen sie, geht er herum wie ein brllender Lwe, und sucht, welchen er
verschlinge. Nachher liegt er ein oder zwei Tage ruhig, und dann fngt
er wieder auf den nchsten Monat an.

Nun, wir werden dies Wunderthier ja wohl auch zu sehen bekommen,
meinte Jack.

Wenn wir so sicher Gold zu sehen kriegen wie den, sagte der Alte, so
knnen wir uns gratuliren.

Etwas weiter am Flu oben waren mehrere Strecken noch gar nicht
bearbeitet, und es sollte hier fr den Augenblick zu viel Wasser sein,
Lcher waren aber berall gegraben, vielleicht aber nicht vollstndig
untersucht. So wanderten sie bis zu einer Stelle, wo sich ein anderer
Creek in den Turon ergiet, d. h. wo wenigstens seine Mndung liegt,
denn der Creek selber, der Oakey -- war vorkommen trocken. -- Hier
begann wieder neues Leben, denn an dieser Stelle hatten sich sehr viele
der Zelte zusammengezogen und gewissermaen ein kleines Dorf gebildet,
in welchem mehrere Store oder Kaufzelte und die Schlachterei den
gerade nicht anziehenden Mittelpunkt bildeten.

Die Schlachterei bestand einfach aus einem hochaufgebauten Gerst, an
dem einige dreiig ausgeschlachtete Hammel hingen, und einer, vielleicht
einmal tief gewesenen Kuhle, die aber jetzt mit den Eingeweiden der
Geschlachteten und Verzehrten so gefllt war, da sie im wahren Sinne
des Wortes berzulaufen drohte, und einen pestilenzialischen Gestank
um sich her verbreitete. Zelte standen wild und unordentlich dort
umhergebaut, und hufig war auch nur von bloen zusammengesteckten
Bschen ein Obdach hergestellt, das die Inwohnenden wohl gegen die
Strahlen der Sonne, aber gewi nicht gegen einen recht guten gesunden
Regenschauer schtzen konnte.

Doch das waren husliche Angelegenheiten, fr die sich unsere beiden
Wanderer jetzt noch nicht besonders interessirten -- erst wollten
sie sehen, wie es mit den Goldwschereien stand; das andere fand sich
spter.

Auch nicht allein auf das unmittelbare Thal des Flusses, das heit die
nchsten Ufer dicht zum Wasser, beschrnkte sich das Suchen der nach
Gold Gekommenen: berall an den Bergen hingen sie herum, die einen mit
Messern vorsichtig zwischen den Steinen und Felsspalten herumkratzend,
hie und da ein sogenanntes Nugget (ein cht australisches
Minenwort, was auch selbst nicht von Californien herbergekommen war)
herauszuklauben, die andern mit Hmmern jeden unschuldigen, ihnen aber
hchst verdchtigen Quarzstein auseinanderschlagend, der ihnen in den
Weg kam, um vielleicht einer heimlich darin versteckten Goldader auf die
Spur zu kommen, und einen Karr'schen Klumpen darin zu finden.

Es gab aber auch eine Classe von Arbeitern, -- und dazu gehrten
keineswegs die eben Gekommenen, -- die das schon alles versucht hatten,
aber zu keinem besonderen Resultat dabei gekommen schienen, denn sie
unterzogen sich jetzt einer viel hrteren und keineswegs bedeutend
lohnenden Arbeit. Sie hatten aber wenigstens den Vortheil, da sie durch
kein Wasser in ihrer Arbeit gehindert wurden, denn sie schafften oben
von dem hchsten Rcken der vielleicht hundert Fu hohen Hgel die Erde
in Scken nach dem Flu hinunter, wo einer ihrer Compagnie an der Wiege
stand und das ihm gebrachte auswusch. Der Aussage anderer nach sollten
die Leute von acht bis sechzehn Shilling den Tag verdienen.

Hierzu fhlten aber unsere beiden Neuangekommenen natrlich nicht die
mindeste Lust, da man schlimmer als um Tagelohn arbeiten mute, und
deshalb waren sie nicht in die Minen gekommen. Sie hielten sich also
mehr nach dem Flu hinunter, und beobachteten eine Zeitlang die hier
Arbeitenden.

Dicht am Wasser stand ein Mann, ein rothwollenes Hemd ber die
englisch-ledernen Hosen gezogen, mit braunem breitrandigem Filzhut und
groben, schwer mit Ngeln beschlagenen Schuhen. Er wusch eine Pfanne
mit Erde aus, die er sich, Gott wei woher, geholt hatte, denn in seiner
Nhe war noch kein Loch gegraben. Vorsichtig schwenkte er die Pfanne hin
und her und im Kreise herum, das etwa darin befindliche schwere Metall
zu Boden zu bringen, fllte sie dann wieder mit Wasser, und lie dies
mit einem Theil des leichteren Kieses ablaufen. Er war dabei ungemein
frhlicher Laune, das ganze Verfahren geschah im Tact, und er sang sich
dazu das alte californische Goldlied -- ein klein wenig in den Worten
verndert:

  =Oh Susannah, don't you cry for me,
  I've come here to Australia
  With a washbowl on my knee,
  And when I've washed the precious stuff,
  Then come I back to thee,
  Therefore my dearest Susan
  Don't you cry for me.--=[12]

  [12] O du Susannah, weine nicht um mich,
       Ich kam hier nach Australien mit der Pfanne auf dem Knie;
       Und hab' ich das kostbare Gold ausgewaschen, dann kehr'
       ich zu dir zurck; darum, meine beste Susannah,
       weine nicht um mich.

=God damn it= rief er aber pltzlich, die leere Pfanne mit dem
kernigen Fluch weit von sich schleudernd, als er beim Schlu des Liedes
den letzten schwarzen Sand aus der Pfanne gesplt und wahrscheinlich
sehr wenig oder gar nichts von dem, was er =the precious stuff=
nannte, darin gefunden hatte, hol' doch der Teufel das ganze
Goldwaschen und Susannah dazu! und damit griff er die neben ihm
liegende Hacke und Schaufel auf, holte sich die Pfanne wieder, und
wanderte, ohne sich weiter umzusehen, den Flu hinunter.

=Oh Susannah, don't you cry for me,= lachte Jack still vor sich hin,
der Mensch hat keine Ausdauer, bei der ersten Pfanne voll darf man's
nicht gleich aufgeben.

Nun, wir wissen freilich nicht wie viel Pfannen er schon umsonst
ausgewaschen hat, sagte der Alte, aber die Pfanne selber brauchte
er es deshalb nicht entgelten zu lassen. -- Doch wir wollen einmal da
hinuntergehen, wo die viere zusammen arbeiten, die scheinen besser mit
ihrem Erfolg zufrieden zu sein.

Die beiden Mnner gingen noch eine kleine Strecke den Strom hinauf,
als ihnen ein rothbackiger junger Kerl mit einer Waschmaschine auf dem
Rcken entgegen kam.

Hallo Jack! rief er stehenbleibend, und sich an unsern jungen Freund
wendend -- wollt Ihr keine Wiege kaufen? kriegt sie billig.

Jack war indessen schon daran gewhnt, seinen Namen mibraucht zu sehen
und schttelte nur lchelnd mit dem Kopf.

Habe schon eine, sagte er, aber warum wollt Ihr sie verkaufen --
schon genug gefunden?

Gefunden? -- ja -- ein Haar in der Sache! lachte der Bursch --
ich kann meinen Tagelohn bequem in Sidney verdienen, und wenn ich so
arbeiten und so leben will wie hier, mach' ich auch wohl noch mehr.

Und wie lange seid Ihr schon oben? frug der Alte.

Etwa drei Wochen im Ganzen -- aber ich will auch nicht etwa sagen, da
ich nichts gefunden htte, Gott bewahre, da ist es Hunderten noch viel
schlechter gegangen, und wenn ich bloer Taglhner wre, sollt' mich
kein Mensch hier oben fortbringen, so aber hab' ich ein Handwerk und
gerade jetzt genug Zeit mit Goldsuchen versumt. Ueberdies will ich mich
je eher je lieber wieder nach Sidney zurckmachen, denn jetzt kann man
noch dort ankommen, wird es aber erst einmal Sommer und trocknet die
Geschichte hier aus, dann strmt nachher alles hinunter, und die dann
unten im Nest und warm sitzen, haben den Vorrang. Ihr seid wohl eben
erst heraufgekommen?

Ja -- und das klingt gerade nicht trstlich fr neue Anfnger.

O lat Euch um Gottes Willen nicht bange machen -- wer wei, ob Ihr
nicht gerade besonders Glck habt -- kein Mensch kann das sagen,
und berdies seid Ihr nun einmal oben, und mt's auch von Grund auf
versuchen -- Ihr knnt ja sonst nachher gar nicht mitreden.

Aber wo fngt man denn wohl am besten an? frug Jack etwas kleinlaut.

Ja Freund, lachte der andere, das mt Ihr keinen Menschen fragen,
sondern selber versuchen. Wenn _ich_ einen Platz _wte_, wo Gold liegt,
dann ging ich selber hin und arbeitete dort, und so geht's mit allen
anderen auch -- man kann wohl _vermuthen_ und glauben, da irgend
eine Stelle eben darnach aussieht, aber lieber Gott, das ist eine sehr
unsichere Geschichte, und die Probe, ob das Exempel richtig sei, wie
sie bei uns in der Schule sagten, mu erst mit Spitzhacke und Schaufel
darauf gemacht werden. Also =good bye= und viel Glck -- das kann man
hier oben brauchen. Und damit wandte er sich und marschirte rstig den
Strom hinunter.

Bald darauf erreichten die beiden Mnner auch die Stelle, wo vier
Irlnder ziemlich dicht am Wasser arbeiteten. Sie schienen gerade eine
Maschine voll zu haben, denn das Sieb war heruntergelegt, der untere
Kasten leer gemacht und der Zapfen noch herausgezogen, einer der Leute
sa mit der noch halb vollen Pfanne und wusch den Ertrag von 20 oder
25 Eimern voll Erde aus, und die anderen standen dicht darum her, und
bemerkten nicht einmal die Fremden, so war ihre ganze Aufmerksamkeit
dem sich jetzt schon zeigenden schwarzen Sande zugewandt. Der Waschende
schpfte auch ruhig sein Wasser auf und schwenkte langsam und vorsichtig
die leichteren Steine aus, bis sich die ersten Spuren von Gold in beiden
Ecken zeigten. In diesem Augenblick sah er lchelnd zu seinen Gefhrten
auf, entdeckte aber auch zu gleicher Zeit die dahinterstehenden
neugierigen Fremden und sagte pltzlich ganz ruhig, die Pfanne dabei,
ohne sie weiter auszuwaschen, zur Seite stellend:

Wie geht's, Jack? wie gefllt's Euch hier in unserer Nachbarschaft?

Jack wurde feuerroth, und die anderen drehten sich rasch nach den beiden
um, schienen aber, nach einem flchtig gewechselten Gru, sich weder um
die Fremden noch ihre Pfannen weiter zu bekmmern, sondern gingen ruhig
wieder an ihre Arbeit.

Der Alte war mit Jack ein klein Stck weiter gegangen, und hatte
sich die Stelle indessen etwas genauer angesehen. Die vier Irlnder
behaupteten dort einen ziemlich breiten Platz, und es schien ihm, als
wenn da noch Raum fr einen Claim brig bleiben mte. Er sprach mit
seinem jungen Gefhrten darber, und sie gingen dann beide wieder zu
den Irlndern zurck, sich bei diesen selber nach dem von ihnen
beanspruchten Claim zu erkundigen.

Wie weit luft Euer Claim hier den Flu hinauf, Jack? frug er den an
der Wiege.

Der Mann hrte auf zu arbeiten und sah ihn ruhig an, als ob er die
Frage nicht verstanden habe. Der Alte wiederholte sie und der Irlnder
antwortete langsam.

Der Mann hat acht Fu breit und wir sind unserer sechse -- knnt's
selber ausmessen, Jack?

Sechs? -- Ihr seid ja nur viere? -- und dann bekommt ja auch jeder nur
sechs Fu!

Zwei sind krank, lautete die jetzt schon mrrischere Antwort, und das
andere macht mit dem Commissr ab.

By Jasus, mischte sich dabei einer der anderen in's Gesprch --
der Turon ist doch auch lang genug, da Ihr nicht in fremden Claimen
herumzuschaufeln habt? -- =damn'it= wir mssen unsere Licenz fr das
lumpige Stck Grund theuer genug bezahlen.

Die Beiden zogen ziemlich beschmt ab; sie kannten Grund und Boden auch
zu wenig dort, um sich auf einen weiteren Streit einzulassen, der Alte
meinte aber doch, er sei fest berzeugt, da die Leute dort mehr Grund
beanspruchten, als sie den einmal bestehenden Gesetzen nach beanspruchen
knnten, und er wolle deshalb jedenfalls einmal mit dem Commissr reden.

Hilft Euch nichts, Jack, lachte da ein Goldwscher, an dem sie, ohne
ihn weiter zu beachten, dicht vorbeigegangen waren. Ich bin schon
vierzehn Tage hier oben und habe mir die grte Mhe gegeben, in den
Claim hineinzukommen, denn die Kerle machen da gewi schmhliches Gold
-- sie halten aber fest, und der Commissr steckt mit ihnen unter einer
Decke. Er hat sich da einen breitmchtigen Claim selber vorbehalten, und
will ihn von den Irlndern fr sich ausarbeiten lassen, wenn sie erst
einmal mit ihrem eigenen Theil fertig sind.

Aber wie ist denn das mit acht Fu Claim, frug der Alte weiter, mir
ist gesagt, da sechs die gesetzliche Breite wre, und die Irlnder
behaupten acht per Mann.

Das setzen sie alles mit dem Commissr durch, erwiderte ihm der Fremde
-- in dessen Macht steht es, zu bestimmen, wie viel Fu sie haben
sollen; bei reichern Pltzen nimmt er gewhnlich nur vier Fu Breite an,
bei rmeren acht bis zehn und zwlf -- sechs ist das Durchschnittliche.

Aber wie kann er denn vorher wissen, was ein rmerer oder reicher Fleck
ist, sagte Jack.

Das wei er auch nicht! lachte der Fremde, und die vier oder acht Fu
hngen ganz davon ab, wie man sich mit ihm selber stellt.

Da schimpfen sie auf das amerikanische Lynchgesetz, brummte der Alte
vor sich hin, indem er mit Jack nach Oakeycreek hineinbog, und hier mit
ihren gepriesenen kniglichen oder gouverneurlichen Gesetzen herrscht
eben so viel, vielleicht noch schlimmere Willkr.

In Oakeycreek sah's wild aus -- berall waren Lcher gegraben und wieder
verlassen worden, und das ziemlich breite Bett des kleinen Bergstromes
lag total trocken, mit groen Kiesel- und Quarzsteinen berworfen, nur
weiter oben am Creek arbeiteten noch einige Leute, schienen aber auch
nicht besonders viel zu finden, und eine von den Parteien wollte ihr
smmtliches Werkzeug verkaufen und wieder zurck nach Sidney gehen.

Ueber den Hgelhang hinber, der hier den Oakeycreek von dem Turon
schied, kamen sie -- durch die Arbeiter hin, die von hier oben weg die
Erde nach dem nchsten Wasser hinunterschleppten -- wieder zum Turon.
Dort fanden sie, an einer Biegung, die der Flu machte, ebenfalls eine
Masse von Menschen emsig beschftigt die Erde aufzuwhlen, sich mit
riesigen Steinen abzuqulen, Wasser auszuschpfen, und die mhsam
gewonnene Erde nach dem Flu zu tragen, wo sie denn manchmal ihre Arbeit
bezahlt bekamen, manchmal aber auch um nichts arbeiten, und dann an
einer andern Stelle wieder von vorn anfangen muten.

Am Hgelhang hinein, und hier trocken, mit verhltnimig weniger Mhe,
hatten andere stollenhnliche Lcher gegraben; die harte Kieselerde
hielt sich auch in der Wlbung vortrefflich, und mehrere Parteien, unter
andern auch fnf Deutsche, standen sich ausgezeichnet gut.

Hallo, Jack, rief sie aus einer nicht weit davon entfernten Grube
einer der Arbeiter an, indem er sich auf seine Pickaxt sttzte und die
Zeit sogleich benutzte sich auszuruhen. -- Wollt Ihr mir das Loch hier
abkaufen -- Gold ist drin, ich hab' aber einen Brief gekriegt und mu
nach Bathurst.

Die beiden Mnner gingen hinunter zu ihm und setzten sich bei ihm
nieder.

So, also Ihr wollt verkaufen? frug der Alte -- nun der Platz sieht
gut aus, und ist brav vorgearbeitet -- was wollt Ihr denn haben?

Fnf Pfund, sagte der Mann, die Arbeit allein die ich daran gethan
habe, ist mehr als zehn werth, und ich bin fest berzeugt, wenn Ihr
noch einen Fu weiter hier hineingeht, findet Ihr auch die fnf Pfund
vielleicht in einer Stunde wieder. Was graben die Deutschen da nebenan
nicht fr schnes Gold heraus!

Ja, nun seht, Jack, sagte der Alte schmunzelnd, der recht gut wute,
da der, welcher das Loch verkaufen wollte, verwnscht wenig Hoffnung
haben mute, Gold darin zu finden, oder er wrde es sonst selber nicht
hergegeben haben. Das ist manchmal wunderlich auf der Welt, wie das
Gold sitzt -- was glaubt Ihr denn wohl durchschnittlich aus dem Platz
hier herausnehmen zu knnen?

Ja, wer kann das wissen, meinte der andere, aber wenn's nur halbwege
gut geht, drei bis vier Pfund Gewicht -- und der Platz ist gro.

Ahem, nickte der Alte, es ist aber schade, ich habe es mir zum
Grundsatz genommen, keinem Menschen sein Glck abzukaufen -- man macht
sich hernach Vorwrfe. Viel Glck, Jack -- ich wrde, in Eurer Stelle,
jedenfalls das Loch ausarbeiten, ehe ich auf den Brief nach Bathurst
ginge.

Und damit standen die beiden Mnner auf und gingen lachend weiter.

Hallo, was ist da los? rief Jack pltzlich, als mit einemmal ein
groer Theil der Arbeiter aus ihren Gruben sprang, und mit Maschinen und
Gerthschaften die steilen Hgel heraufsprangen. Viele blieben bei ihrer
Arbeit und wollten sich todt lachen, den anderen schien die Sache aber
gar nicht spaig zu sein, denn sie gaben sich die grte Mhe irgend
einer, sicherlich sehr bedrohlichen, aber jetzt noch nicht sichtbaren
Gefahr so schnell als mglich aus dem Wege zu kommen.

Was zum Henker haben die Leute? frug der Alte einen der Arbeiter,
der ruhig an seiner Wiege fortschaukelte, und sich wenig um die ihn
umgebende und so pltzlich entstandene Verwirrung zu kmmern schien --
warum laufen sie alle als ob der Bse hinter ihnen wre?

Nun der Bse ist's gerade nicht, lachte der, aber das bse Gewissen
und der Commissr. -- Der kleine Junge dort hat eben die Meldung
gebracht, da der Commissr den Flu herunter kommt, und jetzt kratzt
alles aus, was noch keine Licenz bezahlt hat, um sich diesen Monat
wenigstens so durchzudrcken. Eine Lumperei ist's, das ist wahr,
und noch fr seine paar Tage volle Monatslicenz bezahlen zu mssen
ungerecht; ehe ich aber so mit meiner Maschine in die Berge laufe, zahl'
ich sie doch lieber. Sie verlieren mehr an Zeit, und haben sie wirklich
etwas darin, so verstreuen sie auch mehr an Gold, als die ganze Bettelei
werth ist.

So schienen aber nicht alle zu denken, und die buntesten und oft
wirklich komischen Gruppen zerstreuten sich ber den Hgel; nach
allen Seiten waren dabei, wie in einer vollkommen abgeredeten Sache,
Wachtposten ausgestellt, und auf ein Zeichen derselben, nach welcher
Richtung hin sich der Gefrchtete wandte, hielten die Flchtigen ihren
Cours.

Der Alte schttelte mit dem Kopf und meinte, das Ausreien vor dem
Commissr gefiele ihm gar nicht, und zwar nicht etwa der Sache selber,
sondern des Goldes wegen, denn der Platz knne doch am Ende nicht so
entsetzlich reich sein, wie es die Zeitungen ausgeschrieen htten; die
Arbeiter wrden ja in dem Fall gar nicht daran gedacht haben, wegen noch
nicht einmal einer halben Unze wer wei wie oft ihre Arbeit aufzugeben
und dabei ihre Werkzeuge in die Berge hineinzuschleppen -- eine
jedenfalls hchst unprofitable Sache.

Whrend sie noch so mit einander sprachen, fand der Alte einen Bekannten
von Bathurst, der hier in dieser Biegung des Flusses arbeitete und
in der Zeit wenigstens, wie er sagte, sein Tagelohn gemacht hatte. Er
konnte den beiden Mnnern allerdings keinen Platz angeben, wo sie Gold
gewi finden wrden, aber er meinte, diese Biegung sei vielleicht so gut
wie jede andere; und so beschlossen sie denn auch, da noch Platz genug
war, mit ihren Sachen hier herber zu kommen und morgen einmal einen
Anfang in der Goldwscherei zu machen.


4. Wie Jack zu arbeiten anfing, und wie er sich amsirte.

An demselben Abend wurde der Wagen nach der Mndung von Oakeycreek
hinausgefahren, dort abgeladen, das Zelt aufgeschlagen, ein halber
Hammel von dem Fleischer geholt, Holz herbeigeschafft und ein Platz fr
die Kessel hergerichtet, kurz, alles gethan, was nur nthig war, das
Lager und ihren knftigen Wohnort so behaglich als mglich zu machen.
Beide Mnner wollten sich auch nicht dem Fortlaufen vor dem Commissr
preisgeben, und beschlossen schon am nchsten Morgen ihre Licenz
auszunehmen.

Die Gegend, in der sie lagerten, war allerdings nicht viel besser als
alle australischen Gegenden sind, deren monotoner Charakter den Wanderer
mit der Zeit frmlich niederdrckt. Nichtsdestoweniger gab das rege
Leben der rings umher Lagernden selbst den trostlosen Gumbumen etwas
Freundliches, und das Thal des Turon selber bot durch seinen schmalen
Streifen dunkelschattiger Casuarinen doch wenigstens einige Abwechslung.
Der Baumwuchs an den Bergen war brigens sprlich; besonders schlecht
zeigte es sich aber mit Gras fr das Vieh bestellt, und der Alte von
Bathurst, dessen Name Hall war, verkaufte auch schon zwei Tage spter
sein ganzes Geschirr, mit Ochsen und Wagen zu einem ziemlich migen
Preis, um nicht unaufhrliche Last und Mhe mit dem Vieh zu haben, und
es am Ende doch noch zu verlieren.

Am nchsten Morgen zahlten sie ihre Licenz, suchten sich einen Platz aus
und fingen an abzudecken; d. h. sie warfen die obere Erde ab, um zu
dem mehr goldhaltigeren Grund dicht auf dem Felsen zu kommen. Indessen
versuchten sie schon dann und wann einmal ein paar Pfannen voll, um zu
sehen, ob sich schon Gold zeigte, und fanden auch fast in jeder ein
paar Krnchen Gold, im Ganzen aber noch zu wenig, das Waschen zu lohnen.
Hall, der frher einmal ein paar Monate in Californien gewesen war,
meinte, das msse ein sehr gutes Zeichen sein, da sie Gold schon
so hoch oben fnden, denn das htten sie in Californien nur an den
reichsten Stellen getroffen.

Der Sonnabend ging brigens auch mit dieser Arbeit vorber, ohne da sie
zum Waschen gekommen wren; sie hatten aber doch schon mit regem Flei
ein sechs Fu tiefes, stattliches Loch gegraben, und hofften am Montag
auf die Golderde hinunter zu kommen.

Sie waren fast die letzten, die am Sonnabend ihre Arbeit verlieen;
denn die schon dort eingewohnten Miner hrten Sonnabend Nachmittags
gewhnlich frh auf, um ihre Provisionseinkufe zu besorgen, und
ihre Zelte ein wenig herzurichten. Die Sonne war eben im Begriff
unterzugehen, als sie, ihr Werkzeug in ihrer Grube lassend, langsam
heimschlenderten und sich ber die verschiedenen Gruppen freuten, denen
sie begegneten, oder die sie berall vor den Zelten sitzen sahen. Fast
vor allen Zelten brannten und loderten tchtige Feuer, und brodelnde
Pfannen und berlaufende Theekessel und Quarttpfe bezeugten den
vortrefflichen Appetit der Goldwscher. So weit sie sehen konnten,
zhlten sie fnfzehn Menschen zu gleicher Zeit, die, jeder mit einem
halben Hammel auf dem Rcken, ihrer einstweiligen Heimat zuzogen. Unter
einem halben Hammel schien hier gar niemand Fleisch zu kaufen, da auch
berdies billig genug war, und nur vier Pence das Pfund galt. Die Kpfe,
und Herz und Leber wollte dabei noch nicht einmal Einer umsonst, und sie
wurden meist alle, mit den Eingeweiden, in die Grube, oder vielmehr auf
den Haufen neben der Schlachtbank geworfen.

In den Storen herrschte besonders reges Leben, von denen ein deutscher
Jude, Austin, den bedeutendsten am Oakeycreek hatte, und sehr gute
Geschfte machte.

Jewell, sein Geschftsfhrer -- wahrscheinlich das etwas verdrehte
Schmul -- schien alle Hnde voll zu thun zu haben und lief herber und
hinber in seinem Zelt. Als Jack vorbeiging, versicherte er eben ein
paar Kufern, was er schon alles fr die Goldwscher hier oben gethan
habe, und wie er, _fr einen Freund_, im Stande sei alles aufzuopfern.
Er war dabei ausgezeichneter Laune und sang sogar den Tact zu
den Hammerschlgen, mit denen er das Quarz aus den ihm zum Handel
angebotenen Stckchen Gold herausschlug. Es war eine herrliche
Schabbesfeier fr ihn, denn er nahm ungemein viel Gold ein.

Halls Zelt stand gar nicht weit von Austins, nur etwas tiefer nach dem
Flu zu hinunter. Austins Zelt war das hchste nach den hier niedrigen
und offenen Hgeln zu.

Es war unter der Zeit dunkel geworden und die Lagerfeuer leuchteten roth
und glhend in die sonst stockfinstere Nacht hinaus. Ueberall von den
Bergen funkelten sie herber, hie und da einzeln, wie sich die Laune der
Goldwscher ihren Lagerplatz gesucht, hie und da in dichten leuchtenden
Gruppen, wo irgend ein gnstig gelegener Platz vielen Zelten zu gleicher
Zeit Raum, Holz und Wasser gestattete. Muntere Lieder tnten dabei
von manchen Orten her durch die stille Nacht, und Hundegebell und
Viehgeblck. Und die hellen Zelte standen wei und schimmernd, hie und
da von der flackernden Flamme grell beleuchtet, dazwischen, und dunkle
Schatten glitten daran hin und wieder, und an manchen Stellen, wo das
Abendbrod schon vorber war, wurden trockene Stcke Holz aufgeworfen,
da die glhenden Funken blitzend zum dunklen klappernden Laub der
Gumbume emporstieben, und hoch in die Nacht hineinwirbelten.

Da wurde der stille Frieden dieses Abends pltzlich durch einen rauhen
und wilden Lrm unterbrochen. Das Toben schallte aus Austins Zelt
herber, und Jewells Stimme, die noch vor kaum einer halben Stunde so
frhlich geklungen hatte, heulte und wehklagte:

Weh mir, weh mir, ich bin ein geschlagener Mann -- ich bin todt -- ich
bin todt!

Jack war einer der ersten mit, die sich oben am Platz einfanden, zu
sehen, was fr ein Unglck vorgefallen wre -- die Sache wurde bald
ruchbar. Irgend ein schlauer Dieb, wahrscheinlich mit anderen im Bunde,
die Aufmerksamkeit der Verkufer so lange im Innern zu fesseln, hatte
hinten die Zeltwand aufgeschnitten und etwa 5 bis 600 Pfd. St. in
Goldstaub, Silber und Banknoten entwendet; und dicht hinter dem Zelt lag
der dunkle Hgel, ber den hin der Dieb sich und seinen Raub wohl schon
lange in Sicherheit gebracht.

Der arme Teufel von Jude raufte sich indessen die Haare, warf sich
auf die Bndel wollener Decken nieder, die im Zelt lagen, und war in
Verzweiflung -- er hielt sich mit dem Verlust des Goldes, das er sich
nichtsdestoweniger rasch genug verdient hatte, fr rettungslos verloren.

An den Zelten wurden an diesem Abend, in der ganzen Nachbarschaft herum,
nichts wie Diebesgeschichten erzhlt, und Jack, der geglaubt hatte, da
dieser Platz hier oben ein Muster von Ehrlichkeit sei, erstaunte, von so
vielen Einbrchen und Diebsthlen zu hren -- er hatte das gar nicht
fr mglich gehalten. Er fate auch den Entschlu, das nchstemal sein
Werkzeug Abends mit nach Hause zu bringen, und lieber einen Stock mit
einem Zettel in die Grube zu stellen.

Am nchsten Tag war Sonntag, und die Leute gingen alle gar sauber in
rothen oder blauen Hemden und mit reingewaschenen Hosen und Filzhten
einher. Es herrschte ein ruhiger und stiller des Sabbaths wrdiger Ton,
und Hall meinte, es komme dies besonders daher, da die Regierung keine
einzige Licenz fr den Branntweinverkauf in den Minen ausgegeben habe,
und die Goldwscher berhaupt einstimmig dagegen seien, da spirituse
Getrnke in die Berge hinaufgeschafft oder wenigstens verkauft wrden.
Oeffentliche Spieler wurden eben so wenig geduldet, jedenfalls ein Segen
fr die Minen, und ein paar, die den Versuch gemacht hatten, damit
anzufangen, waren schnell eines besseren belehrt worden.

Es hatte sich aber auch sogar ein Geistlicher in diese unwirthbaren
Berge hinaufgefunden, und schon frh am Morgen lief das Gercht durch
das Lager, da um 11 Uhr offene Kirche gehalten werden sollte. Ein Zelt
hatte man dazu freilich nicht, die Predigt mute im Freien stattfinden.
Eine sehr groe Menschenzahl hatte sich gerade an der Stelle, wo
gepredigt werden sollte, eingefunden, und der Prediger, eine lange
dnne Gestalt, mit harten trockenen Gesichtszgen, berschaute mit
einem zufriedenen Lcheln die gewi nicht so zahlreich erwartete Schaar
frommer Glubiger, die herbeigestrmt waren, das Wort Gottes in der
Wste zu hren. Als er brigens, nach etwa einer Viertelstunde, in der
er allerdings vergebens gewartet hatte, da die zu einer richtigen,
eindrucksvollen Predigt nthige Ruhe und Stille eintreten sollte, seine
Predigt mit sehr lauter Stimme begann, die noch etwa Unruhigen darauf
aufmerksam zu machen, da von jetzt an der Prediger allein das Wort
habe, trennte sich die ganze Schaar in zwei, sonst an Zahl aber sehr
ungleiche Hauptmassen, von denen der Prediger leider das kleinste
Huflein um sich sah, und wenigstens drei Viertheile der brigen nach
Oakey-Point -- ein paar hundert Schritte davon entfernt, zudrngten,
wo gar rasch ein sicherlich sehr interessantes Schauspiel ihre
Aufmerksamkeit so fesseln mute, da manchmal in der wogenden
Menschenmasse Todtenstille herrschte, dann aber pltzlich wieder ein
so tolles Jubelgeschrei ausbrach, da der Prediger nicht einmal sein
eigenes Wort, viel weniger die fromme Gemeinde die Predigt hren konnte.

An Oakey-Point fand nmlich ein Boxerkampf zwischen einem alten und
jungen Cove statt, wie diese Leute in der australischen Flash-
Sprache genannt werden; der Alte hatte lngere Praxis und kaltes Blut,
der Jngere Strke und Gewandtheit fr sich, und der Kampf schien lange
unentschieden zu bleiben -- lnger wenigstens als die Predigt dauerte,
die zum Scandal der religis Gesinnten ziemlich kurz abgeschnitten
werden mute.

Der Kampf bot indessen insofern weit mehr Interesse fr die meisten, da
ziemlich bedeutende Wetten eingegangen waren, und wer auch nicht selber
mitgewettet hatte, sich doch sicher fr den einen oder anderen der
Wettenden so viel interessirte, da er seine unmittelbare Gegenwart im
innersten Ring fr unumgnglich nthig erachtete, und dadurch natrlich
zur Vergrerung des Lrmens und der Verwirrung sein mglichstes mit
beitrug.

Der Sieg entschied sich endlich fr den Jngeren der beiden Kmpfer,
der Alte wurde mit blau geschlagenen Augen und mit Blut bedeckt,
fortgeschleppt, und die Polizeidiener, die whrend der ganzen Zeit mit
zu den aufmerksamsten Zuschauern gehrt hatten, machten jetzt, da die
ganze Sache vorbei war, Miene, die beiden Kmpfer und einige der dabei
am thtigsten gewesenen Personen zu arretiren. Die allgemeine Stimme
war aber gegen sie, und sie hielten es wahrscheinlich fr besser, am
heiligen Sonntag, wo so schon Scandal genug gewesen war, nicht selber
noch greren anzufangen. Da doch nichts mehr zu sehen war, zogen sie
ruhig ihrer Wege.

Der Scandal war aber mit dem Schlu des Hauptkampfes keineswegs beendet,
sondern wucherte jetzt erst, da die Wetten eingefordert und bestritten
wurden, nach allen Seiten hinaus, da es ordentlich eine Lust und Freude
war; dabei entwickelte sich eine Eigenschaft, die man hier oben gar
nicht fr mglich gehalten htte, da scheinbar alle Mittel dazu fehlten
sie hervorzurufen. Es zeigten sich nmlich, und je spter es am Tage
wurde desto hufiger, Betrunkene. Hie und da tauchten Flaschen auf,
und wenn auch ein Uneingeweihter nirgends ein Local sehen oder finden
konnte, wo derlei spirituse Getrnke ffentlich verkauft wurden,
so muten doch solche Pltze bestehen, und die ffentliche Meinung
untersttzte sie heimlich.

Der Nachmittag brachte manche rgerliche Scene, und Hall schwor, er
htte es in Californien, wo zwanzig Schenkzelte zu gleicher Zeit offen
gewesen, nicht schlimmer und rger gesehen.

Nachmittags hatte auch gepredigt werden sollen, daran war aber gar nicht
zu denken.

Mitten in dem tollen Gewirr und Spectakel lief zu gleicher Zeit ein
dumpfes Gercht um, da, gar nicht so weit entfernt, neue Minen entdeckt
wren, die fabelhaft reichhaltig sein sollten. Niemand wute noch
irgend etwas Genaueres darber anzugeben, nur das erzhlte man sich,
Hargreaves, der erste Entdecker der Bathurst-Minen, habe sie aufgefunden
und das Gold liege dort in Nuggets an der Oberflche.

Die Nacht go es in Strmen von dem dicht und rabenschwarz berzogenen
Himmel nieder. Wohl denen, die Zelte hatten, sie konnten sich in
ihren trockenen warmen Decken nur etwas fester einrollen, und das
Vorberziehen des Unwetters abwarten. Wie mancher arme Wanderer mute
aber diese strmische Nacht im Freien zubringen, und Klte und Nsse
nehmen, wie es ihn gerade berkam. Mancher verwnschte in der Nacht die
Minen mit sammt dem Golde und, da er beides im ganzen Leben nicht zu
sehen bekommen htte.


5. Was fr Geschfte Jack und seine Nachbarn machten.

Am Montag fingen unsere beiden Freunde nun richtig an zu graben, und
wurden hierzu besonders von einer anderen Partei, die dicht neben ihnen
arbeitete und aus drei Mann bestand, aufgemuntert. Diese versicherten
sie, da sie viel Gold da fnden und sie sollten nur den Muth nicht
verlieren, wenn es sich vielleicht im Anfang nicht gleich so gut
anliee, wie man erwartet hatte. In dem ersten Loch, was sie gruben,
fanden sie auch wirklich nicht viel, das zweite, dicht daneben, bezahlte
sich aber schon besser und sie schafften unermdet darauf los.

So wie sie das Loch zusammen hinunter gegraben hatten und auf die Erde
gekommen waren, die sie als reich genug erprobt, gewaschen zu werden,
dann ging der Alte an die Maschine und wusch, und Jack schlug inwendig
die Erde los und trug sie ihm zu. Ihre Arbeit wre, da die Erde etwa
fnfzehn Schritt zu tragen war, mit drei Mann wohl leichter gewesen,
dann htten sie aber auch den Ertrag mit so vielen mehr theilen mssen
und sie behalfen sich deshalb lieber so.

In diesen Tagen fanden zwei Mann, die weiter oben im Creek arbeiteten,
ein groes Stck von einigen dreiig Unzen, und wer nur noch irgend dort
in der Nhe ankommen konnte, der drngte hinzu, und die Nachbarschaft,
wo der Klumpen gefunden war, wurde im wahren Sinne des Worts aufgewhlt.
Die meisten derer aber, die nachher dort suchten, machten sehr schlechte
Geschfte und muten wieder bessere Pltze aufsuchen, um nur etwas zu
verdienen. Es schien fast, als ob gerade an der Stelle all das kleinere
Gold in das groe Stck zusammengeschmolzen, und nun gar nichts mehr
weiter brig geblieben wre.

In diesen Tagen kamen auch einige Arbeiter von den Ophirdiggings zurck,
die damals, gleich nach dem ersten Gercht von den groen Karrschen
Klumpen -- der zufllig von einem Schwarzen unter der Wurzel eines
Gumbaumes gefunden wurde -- hinauf gestoben waren, dort hatten sie
mit schweren Hmmern jedes ihnen in den Weg kommende Stck Quarz
unbarmherzig zerschlagen und versicherten unsere beiden Freunde, die
ganze Gegend sei mit Goldsuchern berset gewesen, so da sie zuletzt
ihr Brod nicht mehr verdienen konnten. Zwei groe Stcke Gold sind
noch nie dicht neben einander gefunden worden, und man sollte fast die
Gegend, wo ein solcher gelegen, eher vermeiden als suchen.

Das groe Stck ging nach Sidney hinunter, wo es zur Schau wieder in
einen Juweliersladen kam und die Menschen aufs neue anregen sollte, nach
den Minen hinaufzustrmen.

Am Mittwoch, hie es, hatten drei Leute in einem benachbarten kleinen
Creek wieder ein sehr groes Stck gefunden -- es war ein Store dort in
der Nhe, und einige dreiig Menschen eilten hinber. Von dem Stck war
nichts zu sehen, und wenn auch der Bericht davon augenblicklich nach
Sidney gesandt wurde, fanden die, welche gleich an Ort und Stelle waren,
doch keins oder nur sehr wenig Gold, und muten unverrichteter Sache
wieder abziehen.

Jack und Hall hatten sich durch alles dieses keineswegs verleiten
lassen, und waren ruhig bei ihrer Arbeit geblieben, wo sie allerdings
keine groen Nuggets fanden, aber doch auch genug Gold auswuschen,
ihre Kost zu bezahlen und noch etwas brig zu behalten. Jack schttelte
aber doch schon mit dem Kopf und meinte, wenn das nicht besser kme,
so htte er so viel Gold allenfalls auch in Sidney verdienen knnen.
Indessen war er nun einmal oben, und da auch noch in derselben Woche
seine schon frher abgeschickten Sachen ankamen, beschlo er, die Sache
erst einmal zu Ende zu sehen.

Das Gercht, was am Sonntag nur erst dunkel und unbestimmt gewesen war,
da nmlich durch Mr. Hargreaves neue ungeheuer reiche Minen entdeckt
sein sollten, welche die Regierung, wie es jetzt schon hie, gar
nicht wollte erlauben ffentlich zu bearbeiten, fand mehr und mehr
Besttigung, und man nannte jetzt sogar den Platz, Louisens Creek,
keiner aber wute noch recht, wo der lag. Endlich schien sich auch das
herausgestellt zu haben, denn eines Nachts packte eine Gesellschaft von
Goldwschern, der wahrscheinlich heimlich der Bericht zugekommen war,
auf, und wanderte mit Sack und Pack den Flu hinunter.

Solche Geheimnisse nehmen aber immer ein schnelles Ende. Die Leute dort
knnen unmglich ohne Provisionen arbeiten, ein Storezelt mssen sie
haben, und die ersten Vorrthe werden wohl immer heimlich genug fort und
an Ort und Stelle gebracht. Der Kaufmann hat aber keinen Nutzen dabei,
da der Platz geheim bleibt, im Gegentheil, je mehr dorthin kommen,
desto besser ist es fr ihn, und wenn auch nicht ffentlich, so lt
er doch bald genug unter der Hand einen oder den anderen wissen, wo er
hingegangen ist, und das Resultat bleibt dann stets dasselbe Gewnschte.
In acht Tagen kennt die ganze Umgegend den Ort und alles was irgend
mit seiner Stelle unzufrieden ist, oder sich dort zu verbessern hofft,
strmt dahin.

So war es auch hier, und eines Morgens sah Jack zu seinem Erstaunen,
da Hunderte von Menschen mit ihrem Gepck, ja manche noch auerdem mit
Waschmaschinen und Werkzeug auf dem Rcken, den Flu hinunter wanderten,
und frug er sie wohin, so lautete die stete Antwort: Nach den neuen
Diggings, Jack, nach der Welt Ende -- wie die Gegend dort schon
frher, der traurigen Wildni von Gumbumen und Bergrcken wegen,
von den Stationshaltern genannt wurde. Es war fr sie der Welt Ende
gewesen, weil sie dort mit ihren Schaafen nicht hinein konnten.

Auch die Compagnie neben ihnen, von der man geglaubt hatte, da sie so
viel Gold fnde, wollte ihren Platz verkaufen. Es fanden sich auch bald
zwei Leute dazu, Gentlemen, wie sie oben genannt wurden, weil sie
Handschuh trugen, die eben von Sidney heraufgekommen waren. Durch die
vorher kluger Weise ausgesprengten Gerchte, einer sehr reichen Stelle,
glaubten sie einen ordentlichen Fund gethan zu haben, als sie den
Claim fr fnf Pfd. St. kaufen konnten, und sie gingen noch denselben
Nachmittag hinein, arbeiteten aber nur drei Tage darin und lieen ihn
dann, ohne ihn zu einem weiteren Verkauf auszubieten, unbentzt liegen.

Jack und sein Compagnon glaubten, da sie vielleicht nicht recht gewut
hatten, wie sie darnach graben mten, und gingen selbst einmal einen
Tag hinein, gaben es aber auch wieder auf. Mit der reichen Stelle war es
doch nicht so arg gewesen.

Hall und Jack wurden von mehreren Seiten aufgefordert, mit nach der
Welt Ende, oder dem sogenannten Louisens Creek zu gehen, wo das Gold
obenauf liegen sollte, sie waren aber vorsichtig genug, sich nicht
berreden zu lassen, und blieben ruhig bei ihrer einmal begonnenen
Arbeit. Der achtjhrige Knabe konnte ihnen dabei auch insofern
behlflich sein, da er Wasser auf die Maschine schpfte, und die Frauen
kochten im Zelt und wuschen ihre Sachen. Dafr hatte Hall mit seiner
Familie zwei Theile von dem Gold, was sie fanden, und Jack einen.

Das war auch ungefhr gleich genug vertheilt, die Provisionen trugen
sie aber in gleicher Hlfte und -- dagegen htte Jack schon lange
protestirt, wenn er sich nicht eben mit dem Gedanken trstete, ja darin
sogar eine Art Wohlbehagen fand, da er seinen und Jane's Theil
der Provisionen bezahlte, whrend der Alte fr sich und seine Frau
beisteuerte. Da Jack nichts dagegen einwandte, war Hall natrlich
vollkommen damit zufrieden, und die Sache blieb wie sie begonnen war.

Hall merkte dabei recht gut, da Jack besonders Jane zu Liebe so treu
bei ihm aushielt, so fleiig arbeitete und manches kleine Opfer brachte,
was ihm sonst sicherlich nicht eingefallen wre; er lie sich aber
nichts merken und schien, wenn er es merkte, auch gar nichts dagegen
zu haben. Jane konnte es ebenfalls nicht verborgen bleiben, und Frauen
haben ja auerdem ein weit schrferes Auge fr solch kleine Zge von
Aufmerksamkeit, die sie recht gut zu deuten wissen. Wenn sie ihn aber
auch nicht gerade aufmunterte, war sie doch immer freundlich gegen ihn,
und beim Essen sein Platz neben ihr gedeckt -- und sie hatte das
selber anzuordnen gehabt. Jack wute gewi, da er ihr auch nicht ganz
gleichgltig sei, und er dachte oft im Stillen, wenn er hier oben in
den Minen am Ende auch keine Schtze finde, habe er doch vielleicht
einen Schatz gefunden.

So arbeiteten sie etwa vierzehn Tage lnger, und was sie ber die
Diggings von der Welt Ende gedacht, schien in Erfllung zu gehen. Die
Sache war grtentheils Humbug gewesen, denn wenn sich auch Gold dort
fand, so bestand der kleine Creek, den sie Louisen-Creek nannten,
nur, wie die meisten Gewsser Australiens, selbst jetzt, mitten in der
Regenzeit, aus einer Reihe von Waserlchern, die durch die Maschinen
in kurzer Zeit in Schlamm verwandelt wurden. Auerdem waren die Stellen
auch lange nicht so reich wie man gewhnt hatte, und von den sechs bis
siebenhundert Personen, die den Turon allein nach den ersten Gerchten
verlassen hatten, kamen schon Massen wieder hierher zurck. Jack
hrte sagen, von sehr vielen, die schon vollkommen genug von den Minen
berhaupt hatten, und ganz und gar nach Sidney zurckgekehrt waren.

Das Wetter fing jetzt auch hier oben an hchst traurig einzusetzen;
Schnee und Regen wechselten mit einander ab, der kleine Flu stieg und
vertrieb viele von ihren Arbeitspltzen; es wurde ingrimmig kalt und
Provisionen stiegen der fast unfahrbar gewordenen Straen wegen zu einer
hier noch nicht gekannten Hhe. Sehr viele verlieen, durch stets neue
Tuschungen endlich doch entmuthigt, die Minen, wo sie das keineswegs
gefunden hatten, was ihnen, mit den Zeitungsberichten zusammen, ihre
eigene Phantasie vorgespiegelt, Hunderte aber kamen an ihrer Stelle
wieder dafr herauf und warfen sich mit Todesverachtung in die
verlassenen Gruben.

Dabei tauchten unaufhrlich andere Gerchte von neu entdeckten Minen
bald hier, bald dort auf, und hielten die Unzufriedenen stets in einer
gewissen wohlthtigen Aufregung, so da diese nie wuten, nach welcher
Seite sie sich zuerst hinwenden sollten, das flchtige Glck bei den
Haaren zu fassen und endlich einmal festzuhalten -- und immer und immer
wieder wollte es nicht gelingen.

Hall und Jack hatten indessen ruhig in ihrem Claim fortgearbeitet, und
wenn auch noch gerade ihr Glck nicht gemacht, doch so viel gefunden,
da sie ihre Arbeit gut bezahlt bekamen und zufrieden sein konnten. Von
allen Seiten drngten aber frische Goldwscher heran, und sie bekamen
ordentlich zu thun, ihren eigenen Claim zu behaupten, den ihnen der
Commissr schon zweimal gesucht hatte zu schmlern, aber immer glcklich
zurckgeschlagen war. Eine Menge von den erst heraufgekommenen Neulingen
konnte gar keinen Platz finden, und versuchte erst allerlei unntzliche
Stellen, wo sie entweder, sobald sie tief genug kamen, gleich wieder vom
Wasser vertrieben wurden, oder so weit von jedem Wasser entfernt
waren, da nur ein gar nicht zu erwartend reicher Boden die Arbeit des
Erdeschleppens bezahlt htte.

Smmtliche Goldwscher waren brigens fast nur Englnder, Irlnder,
Schotten oder hier geborne Australier. Auer diesen arbeiteten noch hie
und da Deutsche, aber doch nur sehr zerstreut, und dann und wann fand
man auch einmal einen Franzosen. Am seltensten sah man Amerikaner hier,
und die wenigen, die sich ja hierher verloren hatten, sollten bald den
Platz fr sich zu warm finden.

Um diese Zeit kamen nmlich gerade die Gerchte von San Francisco nach
Australien ber das Lynchen einiger Sidney-Coves, und die Leute hier
hrten zu ihrer unbeschreiblichen Entrstung, welchen Ruf sie dort
genossen, und wie die Mnner von Sidney in Californien alle ber einen
Kamm geschoren wurden. Des armen Capitn Harris Bericht, der seine
Behandlung in australischen Zeitungen gar nicht klglich genug schildern
konnte, fiel auf fruchtbaren Boden, und wenn Flche und Schimpfreden
die Amerikaner htten vernichten knnen, es wre nicht ein einziger von
ihnen leben geblieben.

Zwei Amerikanern, die dort am Turon arbeiteten, wurde es auch bald zu
hei da oben in den Bergen, trotz Regen und Schneegestber, und sie
waren auf einmal verschwunden. Es wurde eine Zeitlang von weiter nichts
als den amerikanischen Mordthaten, wie man sie nannte, gesprochen, und
wie viel Unschuldige schon in San Francisco hingerichtet wren, und
noch tglich hingerichtet wrden, wenn England nicht augenblicklich eine
Flotte ausrste, und das ganze Nest mit Stumpf und Stiel ausrotte. Den
einzigen Trost, den sie dabei hatten, war der, da es von selber zweimal
abgebrannt war. Darber war man aber ebenfalls vollkommen einig, da die
californischen Minen den australischen nicht das Wasser reichen konnten,
und sie freuten sich jetzt nur auf die Zeit, wo die Amerikaner zu ihnen
herberkommen mten.

Um diese Zeit war ein paarmal Besuch bei Halls gewesen, namentlich kam
ein junger Schottlnder, der einen Store in Bathurst hatte und sich hier
oben einen Platz aussuchen wollte, um auch Provisionen und Waaren hier
heraufzuschicken. Jack hatte ihn aber nicht zu sehen bekommen; er war
jedesmal, wenn er zum Essen kam, schon wieder fort gewesen.

Ihr Claim war indessen ausgearbeitet und sie muten sich nach einem
neuen umsehen. Das hatte im Anfang einige Schwierigkeiten, und sie
arbeiteten fast eine ganze Woche vergebens; endlich fanden sie aber doch
wieder einen ziemlich guten Platz, wo sie wenigstens etwas verdienten,
und wenn auch Jack gerade kein groes Rhmen dabei fand, schien Hall
doch ungemein damit zufrieden.

Jack, der indessen doch nicht umhin konnte, dann und wann das behagliche
Leben, das er in Sidney gefhrt, mit dem jetzigen voll Mhen und
Strapazen zu vergleichen, fing auch schon an Berechnungen ber das, was
er nun eigentlich hier oben verdient hatte, zu machen, und er mute sich
gestehen, da er bis jetzt, wenn er alles aufzhlte, was ihn die Sache
gekostet und was er sich an Kleidern und Schuhwerk abgerissen, die Zeit
dabei ebenfalls gerechnet, die er nothwendig hatte versumen mssen,
doch noch nicht so viel verdient habe, wie er in Sidney, in derselben
Zeit, aber mit weit weniger Mhe und Arbeit verdient haben konnte.
-- Und was war dann das Resultat? -- Aber er hatte dafr eine Familie
gefunden -- d. h. er meinte nicht die ganze Familie, sondern nur ein
einziges Glied derselben -- das auf sein spteres Leben und Lebensglck
vielleicht einen wesentlichen Einflu ausben mochte, und konnte er
seinen Eltern einen greren Gefallen thun, ihnen einen bessern Beweis
seiner knftigen Ausdauer bringen, als durch das zugleiche Zufhren
einer so liebenswrdigen Schwiegertochter?

Jack baute sich ein prachtvolles Kartenhaus zusammen, und arbeitete noch
volle acht Tage ruhig daran fort, als ihm eines schnen Morgens
einmal die ganze Geschichte, und zwar sehr unerwartet, ber dem Kopf
zusammenstrzte. Es fiel ihm nmlich unversehens ein Fremder hinein, und
das war der Schottlnder von Bathurst, der sich ihm, als er mit keiner
Silbe an solch eine Mglichkeit dachte, an einem Sonnabend Nachmittag
nicht mehr als Schwiegersohn in spe des alten Hall, sondern als
wirklicher angetrauter Gatte der jungen Jane Hall, jetzigen Mrs. Mac
Kelly -- vorstellte. Die beiden jungen Leute waren an demselben Morgen
von dem ehrwrdigen Mann mit den langen trocknen Gliedern eingesegnet.

An demselben Abend rechnete Jack mit dem alten Hall und wie sie zusammen
standen, und fand dabei zu seiner Beruhigung, da sein einst gehoffter
Schwiegervater keineswegs zu kurz kam.

Die Minen wollte er aber deshalb noch nicht gleich verlassen, er packte
deshalb, was er selber noch von Provisionen und Geschirr hatte, auf,
und ging mit einer Dray, welche Vorrthe nach der Welt Ende brachte, den
Flu etwa vier Meilen hinunter, wo er drei Bekannte von Sidney traf,
die eben mit einer Quecksilbermaschine und allem Zubehr heraufgekommen
waren. Diesen schlo er sich an; mit der Quecksilbermaschine wollte
es aber nicht recht gehen -- die goldhaltige Erde war zu schwer zu
gewinnen, die Lcher muten zu tief dazu gegraben werden, und es wollte
die Auslagen an Arbeit und Quecksilber nicht lohnen. Ueberhaupt sah
er, von all den Quecksilbermaschinen die an den Turon, und manche mit
schweren Kosten an Auslagen und Transport hinaufgeschafft waren, auch
nicht eine einzige mehr mit Quecksilber in Thtigkeit -- die meisten,
die noch benutzt wurden, gebrauchte man wie gewhnliche Maschinen.

Nachher versuchten sie es mit einem sogenannten langen Tom, der
nur aufgestellt wird ohne gewiegt zu werden, und das feine Gold mehr
zusammenhlt als die brigen Maschinen. Zu einem langen Tom gehrt aber
auch ein steter Wasserstrom und leicht zu gewinnende Erde, sonst mssen
zu viele Menschen dazu genommen werden, die Erde heranzuschleppen und
der Verdienst fllt dann auch auf zu viele Theile. Wasser hatten sie nun
wohl genug da, aber die Erde war, wie auch bei der Quecksilbermaschine,
zu schwer zu bekommen und sie wurden immer wieder auf die gewhnlichen
Wiegen reducirt. Dabei war ein anderer Uebelstand, der, wie Jack recht
gut einsah, mit jeder Woche nur noch fhlbarer werden mute; das Wasser
fiel, und wie sollte es hier oben im Sommer werden?

Jack hatte sich berhaupt die ganze Sache anders gedacht. Fr Taglhner
mochte das Goldgraben recht gut und auch eintrglich sein; der aber,
der eben ein klein wenig hher strebt, und sich unter der rohsten
Menschenclasse, mit der er hier nothwendig auf ein und derselben Stufe
stehen mu, nicht zufrieden fhlt, der soll die Minen nur ruhig Minen
sein lassen und seinen eigenen Geschften nachsehen -- er wird sich viel
besser dabei stehen.

Jack sah das jetzt ein -- einen groen Klumpen fand er nicht, und er
konnte sich dabei mit tausend andern trsten -- aber nur um gewhnliches
Taglohn zu arbeiten und bei dem Versuchen mit dem Umherziehen nach neuen
Claims noch nothwendig viele Zeit ganz nutzlos zu versumen, konnte
ihm in die Lnge nicht behagen. Er wute, da er sich in Sidney besser
stand, und beschlo, den Heimweg anzutreten.

Das einzige rgerte ihn, da ihn Hall's so bei der Nase herumgefhrt
hatten -- und Jane -- nein, die Frauen taugten alle nichts -- er
wollte nun auch im Leben nicht heirathen. -- Auf Jane htte er brigens
geschworen.


6. Wie sich Jack auf den Rckweg machte, und was
fr angenehme Reisegesellschaft er fand.

Jack hatte all sein Werkzeug fr einen Spottpreis verkauft. Es waren so
viele oben, die gern ihre Waschmaschinen und Schaufeln und Spitzhacken
wieder verkaufen wollten, da er zuletzt froh war, nur etwas dafr zu
bekommen und sich dann, allerdings frhlich, aber doch auch wieder mit
ein wenig Herzklopfen auf den Weg machte, denn er mute sich selber
gestehen, er war mit anderen Erwartungen hier heraufgekommen, und
frchtete, sie wrden ihn, wenn er zurckkehrte, zu Hause auslachen.
Jack kannte die Welt und die Menschen noch sehr wenig.

Jack ging nach Bathurst zu; allerdings htte er, wenn er zu Fu gehen
wollte, einen viel nheren Weg nach Sidney gehabt; er hoffte aber, dort
einen Platz auf der Post zu bekommen, und machte sich deshalb nichts
daraus, ein paar Meilen umzugehen. Er bekam aber keinen Platz auf der
Post -- Mittwochs nimmt diese die Regierung freundlicher Weise ganz
allein fr sich in Anspruch, und wenn Passagiere nothgedrungen an diesem
Tage nach Sidney mssen, so -- mgen sie zu Fu gehen, oder sonst sehen,
wie sie hinunterkommen.

Viel zu tragen hatte er nicht; lange in Bathurst, wo die Sachen alle
einen Minenpreis hatten, liegen bleiben wollte er auch nicht, also hielt
er es fr das Beste, sich gleich ruhig auf den Marsch zu begeben und das
Geld, was er sonst fr die Post bezahlt htte, zu sparen.

In den letzten Tagen hatte es allerdings nicht mehr geregnet, und an
den meisten Stellen waren die Wege wieder so ziemlich abgetrocknet, an
anderen dagegen, und besonders auf den Gipfeln einiger Bergrcken,
in der Nhe des grnen Sumpfes, war der Schlamm und zerfahrene
Straenkoth so entsetzlich, da er als Fugnger kaum durch konnte;
fr die Karren waren diese Stellen besonders schlimm. Ueberall staken
schwerbeladene Drays bis an die Achsen im Weg, manche mit der Deichsel,
manche mit einem Rad gebrochen, andere nur eben in den zhen Stoff fest
gefahren und keine Hlfe war fr sie zu finden. Wren sie auch mit acht
oder zehn Spann Ochsen aus dem einen Schlammloch herausgerckt worden,
so htten sie die doch nur in ein anderes wieder hineinziehen knnen.
Und wie sahen die armen Menschen aus, die sich hier im Wind und
Wetter mit ihrem Geschirr herumqulten -- sie bekamen jedenfalls einen
Vorgeschmack der Minen, und Jack dachte so bei sich im Stillen, solche
Mh und Arbeit liee sich rechtfertigen, wenn die Leute wieder zu Hause
gingen, aber blos um da hinauf zu kommen -- er schttelte dann sehr
stark mit dem Kopf und wanderte nur um so rstiger weiter.

Wo der Weg streckenweis gut war, fand er aber auch die Leute viel
lustiger und alle voll guter frhlicher Hoffnungen. Ganzen Karawanen
begegnete er, und manchmal schmte er sich ordentlich, da er dann
allein aus den Minen zurckkam -- die Leute konnten ja aber auch nicht
wissen, ob er nicht die Taschen voll Gold hatte, und berdies war er gar
nicht allein auf dem Rckweg: denn als ein rascher Fugnger hatte er
schon sehr viele, die mit ihm gleichem Ziele zustrebten, berholt, und
auch schon von einigen Fuhrleuten gehrt, da sie sehr vielen begegnet
seien, die auf dem Rckweg nach Sidney wren. Wo er aber so einen Zug
traf, riefen ihn auch meistens die Leute an, und wollten wissen, wie es
oben in den Bergen zuging.

Hallo, Jack, war dann das gewhnliche -- hast Du Deine Maschine
verkauft (=have you sold your cradle?=) wie steht's oben? -- wie viel
Pfund Gold? -- noch genug Wasser? -- keinen groen Klumpen wieder? --
nein? -- das ist gut, sie heben sie auf, bis wir hinaufkommen -- hurrah
fr die Diggings -- viel Gold ausgewaschen? -- O lat ihn gehen --
sagte dann ein anderer, er hat's mit der Post vorausgeschickt -- =good
bye, Jack, good bye=, riefen sie ihm dann noch zu, und zogen frhlich
vorber.

Den dritten Tag, am Nachmittag, berholte ihn die Post -- sie sa
vollgedrngt von Menschen, und die Passagiere sangen und hurrahten --
sie waren kreuzfidel, denn sie fuhren auf der knigl. Post.

Hallo, Jack -- schrieen sie unseren einsamen Wanderer an, als der
Wagen im vollen Galop an ihm vorbei einen Berg heruntersauste -- =have
you sold your cradle?=

Ehe er nur antworten konnte, war der Wagen schon auer Rufs Weite, die
Beine thaten ihm aber weh und er sah ihnen neidisch nach.--

Morgen frh um sieben oder acht Uhr sind die nun in Sidney, dachte
er so bei sich, und du mut nun noch drei Tage marschiren, ehe du dort
einrcken kannst -- ich wollte doch, ich htte einen Platz auf der Post
bekommen, wenn man auch ein Bischen unbequem sitzt, kommt man doch dafr
auch so viel rascher von der Stelle.

Als er eine halbe Stunde weiter marschirt war und unten an den Fu des
Berges kam, lag die Post da, und von den Passagieren hatte sich kaum
die Hlfte erst wieder auf ihre Beine gefunden; die andere schien mehr
gelitten zu haben, als sie sich selber noch gestehen mochte, und in den
betrbtesten Stellungen von der Welt lagen und kauerten sie umher. Nicht
ein einziger von ihnen frug Jack mehr, ob er seine Cradle verkauft
habe, und sie htten sich doch jetzt ganz genau und ausfhrlich bei ihm
darnach erkundigen knnen.

Jack half ihnen den Wagen wieder mit aufrichten -- und dem Kutscher lief
dabei fortwhrend das Blut am Kopf herunter. Die Passagiere sollten dann
wieder hineingepackt werden, damit hatte es aber seine Schwierigkeiten
-- ein alter Mann lag besonders halb bewutlos da, und mute sich
fortwhrend bergeben. Als sie ihn endlich auf den Wagen hoben, meinte
er mit leiser, von Schmerzen oft unterbrochener Stimme, er htte es sich
schon den ganzen Tag zugelobt, das solle das letztemal sein, da er auf
einer australischen knigl. Post fahre, und er frchte jetzt, er habe
wahr gesprochen -- er wrde wohl nicht viel mehr fahren.

Die Post kam endlich wieder in Gang, den alten Mann fand aber Jack in
dem nmlichen Haus, wo er die Nacht blieb -- er hatte das Fahren nicht
lnger ausgehalten und sie muten ihn zurcklassen. Jack war froh, da
er nicht auf der knigl. Post gefahren war, denn es ist nicht allein,
da man unbequem darauf sitzt, man kommt auch manchmal unbequem zu
liegen.

Am nchsten Morgen wanderte Jack durch einen Gumwald -- es ist das
nmlich das Eigenthmliche in Australien, da sich berall, wo nicht
gerade eine Plain -- d. h. eine Strecke Landes ohne Bume und viele
Monate im Jahr auch ohne Gras -- liegt, oder das Land cultivirt ist,
Gumwald befindet. Da ihm die Scenerie nicht das mindeste Neue bot,
und der schwere sandige Weg ihn ermdete, marschirte er still und ohne
aufzusehen weiter. Er achtete nicht einmal mehr viel auf die Karawanen,
die an ihm vorbei nach dem gelobten Lande hinaufzogen, holte auch
nicht mehr viel ein, denn er ging sehr langsam, und diejenigen, die ihn
berholten, schienen ebenfalls keine besondere Lust zu haben, sich in
lange Conversationen einzulassen.

Hallo, Ihr da, seid Ihr der Postbote, da Ihr solche Eile habt und ohne
Gru oder Wort an einem anderen vorbeischiebt? weckte ihn pltzlich
eine Stimme aus seinen stillen Betrachtungen, und als er aufschaute sah
er einen Mann, der dicht am Wege, mit einem sogenannten Swag -- einem in
seine wollene Decke eingehllten Packet -- auf einem gefllten Baumstamm
sa und sich auszuruhen schien; wollt Ihr nach Sidney?

Ja, sagte Jack, und Ihr--

Denselben Weg, Camerad, fuhr der andere fort, da knnen wir uns
ja die Zeit ein wenig krzen und zusammen gehen. Er stand bei diesen
Worten auf, nahm sein Bndel auf den Rcken, und schlenderte langsam
neben Jack her.

Es war ein breitschultriger aber magerer Gesell, mit etwas aufgestlpter
Nase, niederer Stirn und blauen Augen, das Haar braun und kurz
abgeschnitten, die Augenbrauen ziemlich buschig, es lag aber etwas
offenes in seinem Blick, und er hatte eine Art trockenen Humors, der
Jack fr ihn einnahm. Ein Gesprch konnte die Reise jedenfalls krzen
und ihm doch wenigstens in etwas die Langeweile des sonst so schauerlich
monotonen Gumwaldes und des Sandbodens vertreiben.

Der Fremde ging in die gewhnliche Minentracht gekleidet, hatte ein
blaues Hemd und eine englisch lederne Hose an, beides ziemlich neu und
gut aussehend, dabei aber einen alten Strohhut auf und ein baumwollenes
Tuch um die Ohren gebunden -- er hatte Zahnschmerzen, wie er sagte.
Die Fe staken in groben Schuhen und das blaue Hemd trug er, der Sitte
nach, als Rock und ber der Hose drauen.

Wie heit Ihr? frug der Fremde, nachdem sie eine kurze Strecke neben
einander hingegangen waren und er ihm schon gesagt hatte, da er
selber John Smith heie und ein geborner Londoner wre. Mit dem chten
Cockney-Dialekt, der vor jeden Vocal, wo es nicht hingehrt, ein h
setzt, und dafr sorgfltig jedes wirkliche h am Anfang eines Wortes
weglt, konnte er es auch gar nicht verleugnen, -- es ist nur der
Bequemlichkeit wegen, da man wei, wie man Euch anzureden hat--

Ich heie Jack, sagte sein Begleiter--

Ja so heien wir alle, meinte Smith trocken, es giebt hier oben eine
wahre Quantitt von Jack's -- aber den anderen Namen--

Newman -- Tischler aus Sidney -- Smith kannte seinen Vater recht gut
und wute, wo er wohnte -- er hatte frher dort dicht nebenan logirt.

Zwei Polizeigensd'armen ritten an ihnen vorber, und sahen sich nach
ihnen um, Smith beachtete sie aber nicht weiter, konnte es jedoch nicht
genug loben, wie sicher die Straen jetzt seien, da die Regierung so
viel Polizei darauf halte. Was ich an Gold habe, fhre ich auch selber
bei mir, meinte er treuherzig, was soll man fr den Transport auch
noch die schweren Procente bezahlen. -- Habt Ihr Glck in den Minen
gehabt?

Jack schmte sich, ihm zu sagen, da er nur mit ein paar Unzen wieder zu
Hause zurckkehre, und eigentlich kaum die Kosten seiner ganzen Fahrt,
wenigstens mit einem sehr geringen Verdienst gedeckt habe -- er gab
eine ausweichende Antwort, und meinte, es sei ihm besser in den Minen
geglckt, als er selber im Anfang erwartet habe.

Smith sagte, das freue ihn, und erzhlte nun, wie er selber in
Californien ebenfalls in den Goldminen gewesen sei, und dort gearbeitet
habe, und verschwor sich hoch und theuer, da die californischen Minen
den australischen das Wasser nicht reichen knnten. Natrlich kamen sie
nun auch auf die californischen Verhltnisse und auf das Lynchgesetz in
San Francisco zu sprechen, und Smith konnte das Ganze nicht schauerlich
genug schildern.

Die Amerikaner waren, seiner Aussage nach, das nichtsnutzigste Gesindel,
was es auf Gottes Erdboden gab, und ein ehrlicher Mann konnte unter
ihnen sein Fortkommen gar nicht finden. Er schien berall in ganz
Californien herum gewesen zu sein und versicherte Jack, er habe dort
recht gut ausgemacht und mit harter Arbeit schweres Geld verdient,
er sei aber fortgegangen, weil er es nicht mehr lnger habe mit anhren
knnen, wie man den englischen Namen dort beschimpfe, und ehrliche
Unterthanen mihandelte. Jack hatte den Mann indessen ordentlich lieb
gewonnen, da er so nationell gesinnt sei.

Sie waren whrend dieses Gesprchs zu einer Stelle gekommen, wo man
etwa 200 Schritt von der Strae ab eine Menge niederer steinerner
Schornsteine sah, von denen die meisten in Reihen standen, als ob sie
frher einmal eine kleine Ansiedlung gebildet hatten. Jack wute nicht
was das bedeutete -- er war mit den Seinen erst im vorigen Jahr nach
Australien gekommen; Smith blieb aber stehen und eine eigene Art von
Rhrung schien den alten Mann zu berkommen. Er sah die wunderlichen
Ruinen eine Zeitlang schweigend an, und sagte dann endlich, den Arm
gegen sie ausstreckend, ohne sich aber sonst zu Jack zu wenden:

Das waren schwere Zeiten, wo die hlzernen Htten an den Kaminen dort
noch standen, die das Feuer jetzt von der Erde vertilgt hat -- das
waren schwere Zeiten, und mancher arme Teufel liegt dort, wo die
drei einzelnen Bume stehen, begraben, den nicht Krankheit oder ein
gewaltsamer Tod von der Erde wegraffte, nein, den die _Peitsche_ langsam
unter den grnen Boden hinunter prgelte -- langsam und Zoll fr Zoll,
bis er es endlich nicht mehr ertragen konnte, und das Ende davon war
dann gewhnlich, da sie ihn zuletzt dort unter den drei grnen Bumen
einscharrten. Es ist merkwrdig, da sie an der Stelle gar nicht mehr
wachsen wollen.

Die _Peitsche_? frug Jack erschreckt, das ist ja frchterlich -- aber
-- das mu doch eigentlich schon sehr lange her sein, denn Neu-Sdwales
ist ja schon lange keine Verbrecher-Colonie mehr, und seit der Zeit hat
ja doch, wie ich glaube, alles derartige wohl aufgehrt?

Seit _der_ Zeit hat es aufgehrt, besttigte der alte Smith und sah
wieder still vor sich nieder, whrend ein ziemlich starker Zug von
Karren und Menschen an ihnen vorberging. Da diese nicht wuten, ob die
beiden Mnner herunterkamen, oder ebenfalls hinaufgingen, bekmmerte
sich niemand um sie; als sie vorbei waren, fuhr Smith wieder fort. Es
sind nun auch beinahe dreiig Jahre, da ich in dieser Colonie lebe,
und damals freilich sah das Land anders aus als jetzt, und man kann sich
jetzt kaum noch eine Idee davon machen. Die _Menschen_, die man
hier herberschickte, wurden auch eigentlich gar nicht wie Menschen
behandelt, es waren _Verbrecher_, gleich viel um was sie gegen die
Gesetze ihres Vaterlandes gesndigt hatten, ob sie vielleicht Brod
gestohlen, um nicht zu verhungern, oder den armen Wanderer auf der
Strae um seine paar Schillinge todtgeschlagen; ob sie vielleicht einen
Hasen auf ihrem eigenen Land geschossen, oder in fremder Leute Eigenthum
mit Gewalt eingebrochen waren. -- Hier galt das gleich, hier wurden sie
alle ber einen Kamm geschoren und wehe dem armen Teufel, der sich den
Zorn oder auch nur das Mivergngen des Oberaufsehers zugezogen hatte --
nicht einen Sixpence htt' ich fr seine Haut mehr geben mgen.

Und gehrtet Ihr auch mit zu jenen Unglcklichen? frug Jack
theilnehmend. Wre er lnger in Australien gewesen, so htte er sich
die Frage eben ersparen knnen. -- Ihr scheint sehr genau mit all den
damaligen Verhltnissen bekannt zu sein.

Ich war mit einem der ersten Emigrantenschiffe herbergekommen, sagte
Smith ruhig, mein Vater aber war Gefngniwrter in Port Macquarrie,
und da bekam ich eine Aufseherstelle bei den Deportirten -- es war ein
trauriger Posten, fuhr er nach einer kleinen Pause fort, und ich habe
unendliches Elend dort gesehen, aber doch auch viel Schmerzen lindern
knnen und manchem armen Teufel eine Tracht Schlge erspart, die ihm
vielleicht das Leben gekostet htte.

Das mu Euch doch jetzt noch ungemein viel Freude, selbst in der
Erinnerung machen, sagte Jack herzlich -- Smith antwortete ihm aber
nicht darauf; sich nach seinem jungen Begleiter umsehend, zeigte er auf
die einzeln stehenden drei Bume und sagte:

Dort an dem mittelsten Stamm, rechts von dem hohen Kamin, das
einzige was noch in seiner ganzen Lnge stehen geblieben, ist eine
Merkwrdigkeit, von der wenig Menschen jetzt hier noch etwas wissen --
Jack sah ihn neugierig an -- Dort verscharrten wir eines Morgens, denn
begraben kann ich das nicht gut nennen, fuhr Smith fort, einen jungen
Mann -- es hie er sollte wegen Wilddiebstahl deportirt worden sein,
die rechte Ursache erfuhr man aber nie, und hie und da wurde von
einer Liebesgeschichte gemunkelt. Der Oberaufseher hatte ihn wahrhaft
tyrannisch behandelt, und da schnitt er sich einmal eines schnen
Morgens die Adern auf -- als er geweckt werden sollte, war er todt.

Und was ist das Merkwrdige, was dort an dem Baum zu sehen ist? frug
Jack.

Ein kleines Kreuz von irgend einer bunten Art Steine, die eine
junge Dame aus Sidney, etwa sechs Monate nach seinem Tod, hat dort
einschneiden lassen -- wir wollen einmal dort vorbeigehen und es uns
ansehen, ehe es dunkel wird.

Wir kommen aber dann zu spt ins Nachtquartier, meinte Jack, und sah
sich nach der Sonne um -- die Strae ist auch schon leer, die Sonne
wird gleich unter sein.

Die Fuhrwerke sind unten beim Wasser geblieben, erwiderte Smith,
seinen Bndel wieder aufnehmend, wir schneiden uns aber sogar noch ein
Stck vom Weg ab, wenn wir hier hinuntergehen, denn die Strae macht
einen groen Bogen, den steilen Berg zu umgehen, und so wie wir, von den
Schornsteinen ab, ins Thal hinunterkommen, sind wir am Wirthshaus, das
da gleich am Wege steht.

Er hatte bei diesen Worten schon die Strae verlassen und war in den
Busch hineingegangen; es fhrte hier nicht einmal ein Steg hinber; der
Platz schien seit vielen Jahren gar nicht mehr besucht zu sein; Jack
folgte aber seinem Fhrer, der hier jedenfalls gut Bescheid wissen
mute, und dann interessirte es ihn auch, das Kreuz zu sehen, was
auf eine so rhrende und geheimnivolle Weise ber den Tod eines
Unglcklichen trauerte.

Der Busch war schauerlich dicht, nach einer Viertelstunde etwa
erreichten sie aber den Platz, und Smith ging gerade durch nach den drei
Bumen zu, die ziemlich hervorragend auf einer kleinen, sonst von keinen
hohen Bumen besetzten Anhhe standen. Sonst wucherte aber dort gerade
ziemlich dichter niederer Gumbusch, und in dem tiefer gelegenen Grund
fing es auch schon an, etwas dster zu werden. Die Sonne vergoldete nur
noch die hchsten Gipfel.

Wir werden das Kreuz kaum noch sehen knnen, sagte Smith -- es ist
Schade, da es schon so spt ist-- er bog die Bsche auseinander und
trat zu den Bumen -- dort unten liegt brigens das Wirthshaus, sagte
er, in das Thal hinunter zeigend, wo jedoch nichts mehr zu erkennen war
-- und hier ist auch das Kreuz.

Jack trat rasch vor und bog sich zu dem Baume nieder -- Smith hatte
seine rechte Hand unter seinem blauen Hemd am Grtel.

Ich kann nichts erkennen, sagte er, und drehte sich nach seinem alten
Begleiter halb um. -- Eben noch sah er, da dieser eine Bewegung gegen
ihn machte, und im nchsten Moment lag er, von irgend einem schweren
Instrument zu Boden gefllt, bewutlos auf der Erde.

Als er wieder zu sich kam, war es stockdunkel -- sein Gesicht und seine
Haare waren mit Blut bedeckt, und er fhlte einen dumpfen Schmerz am
Kopf. Er brauchte eine geraume Zeit, bis er sich nur erst wieder besann,
wo er war. Sein erster Griff war nach seinem Kopf -- und er blieb nicht
lange in Zweifel, wie er sich damit stand -- der zweite nach seinem Gold
-- John Smith hatte ihn der Mhe berhoben, weiter auf dasselbe Acht zu
geben.

Was fr ein verdammt heuchlerischer Schurke das gewesen war -- dachte
Jack, als er sich emporrichtete und mit beiden Hnden seine Schlfe
hielt.

Sein Bndel lag unerffnet neben ihm am Boden und er tappte berall mit
den Hnden herum, ob ihm nicht auch vielleicht sein Goldbeutel aus
der Tasche gefallen wre, das war brigens nicht der Fall, und dieser
wahrscheinlich nur zu sicher aufgehoben.

Um der Sache brigens noch die Krone aufzusetzen, folgte er der
Anweisung, die ihm Smith gegeben hatte, zu dem nchsten Hause zu kommen,
und stieg in das Thal hinunter. Dort sah er sich -- oder sah er sich
vielmehr nicht, sondern fhlte er sich in einem tiefen Kessel, aus dem
er in der Dunkelheit gar keinen Ausweg fand. Die Nacht mute er da unten
verbringen, und erst mit Tagesanbruch suchte er seinen Weg zurck, wie
er hineingekommen war.

Jetzt mute er noch einmal an den drei Bumen vorbei, und er konnte
nicht umhin nach dem Kreuz zu sehen, was ihn in eine so fatale Lage
gebracht hatte -- natrlich war aber von einem Kreuz nicht die geringste
Spur zu finden -- der verwnschte Smith.

Ich kann hier meine Erzhlung ziemlich kurz abbrechen, denn der Leser
hat das Ende -- Jack war seine paar Unzen los und Smith, oder wie der
gute Mann sonst hie, ber alle Berge. Jack machte brigens gleich bei
dem ersten Gendarmen, den er traf, Anzeige ber das Vorgefallene, und
nannte seinen Namen und Wohnort in Sidney -- der Polizeimann erkundigte
sich besonders genau nach dem Tuch, was dieser Smith um die Ohren
gebunden gehabt, und ob er es nicht einmal abgenommen, oder ob es sich
vielleicht einmal verschoben habe, da er htte sehen knnen, was ihm
eigentlich fehle. Jack konnte ihm aber hierber keine Auskunft geben,
und dabei blieb die Sache fr jetzt -- von dem Kreuz erzhlte er nichts.

Den ganzen Weg bis Sidney hinunter durfte er aber jetzt zu Fu laufen,
und sogar noch den grten Theil seines Gepcks verkaufen, um nur
unterdessen leben zu knnen, und doch hatte er sich die ganze Zeit
darauf gefreut, wenigstens von Penrith hinein mit der Post fahren zu
knnen. Das hatte aber auch wieder _das_ Gute, da er es konnte Abend
werden lassen und die Leute ihn nicht auf der Strae frugen: =Hallo,
Jack, have you sold your cradle?= -- wie das wohl jedem ohne Ausnahme
in Sidney passirt, der jetzt mit einem blauen Hemd an und einer wollenen
Decke auf dem Rcken bei Tag durch die Strae gehen wollte.

In seiner Eltern Haus war aber groe Freude, als er einrckte; sein
Vater hatte mehr Arbeit denn je, und der neu angenommene Geselle war
ebenfalls in die Minen hinaufgegangen. Jack erzhlte ihnen auch ziemlich
aufrichtig, wie es ihm oben in den Bergen gegangen sei, er lie aber
doch vieles weg, was er schon htte ausfhrlicher beschreiben knnen. So
erzhlte er kein Wort von Jane und htte auch gewi Mr. Smiths Andenken
mit grndlicher Verachtung behandelt, wenn das nur eben gegangen wre --
Mr. Smith hatte sich aber zu deutlich in sein Stammbuch geschrieben.

Einige Wochen spter erwischte diesen brigens die Polizei in den
Ophirdiggings, wo er wieder in ein Zelt eingebrochen, oder vielmehr
eingeschnitten war. Mr. Smith hatte noch immer Zahnschmerzen, oder trug
das Tuch wenigstens noch immer um die Ohren, d. h. um den Platz herum,
wo seine Ohren einmal gesessen hatten. Von Californien war er mit dem
Verlust derselben wieder zurckgekommen, und man vermuthete, da er
vollen Grund habe, auf das amerikanische Lynchgesetz ungehalten zu sein.

Von seinem Gold bekam Jack brigens nie wieder etwas zu sehen, wollte
aber auch nichts mehr von den Minen wissen.




Im Australischen Busch.


Das Goldfieber war in Sidney in voller Wuth ausgebrochen. Fabelhafte
Berichte von riesigen gefundenen Goldklumpen, von Reichthmern, die
an einem Tage, in wenigen Stunden gewonnen, berauschten die Hrer und
machten auch dem Kaltbltigsten das Herz rascher und unbehaglicher
schlagen. Was Wunder also, da Alle, die gerade locker und ledig in
der Stadt herumliefen und keine bestimmte Beschftigung hatten, ohne
Weiteres aufpackten, ihr Glck in den Minen zu versuchen, da ja selbst
die Mnner in Amt und Wrden nicht einmal Alle von diesen gehalten
werden konnten und hier und da sogar eine gewisse Zukunft im Stich
lieen, einem hchst ungewissen Erfolg in den Bergen nachzujagen.

Besonders in die Seeleute war der Goldteufel im wahren Sinne des Worts
gefahren, und sie bekamen pltzlich Alle mit einander Lust, das Seeleben
mit der Arbeit in den Bergen zu vertauschen. So wenig sie sonst vom
Lande wissen wollen, und so rasch sie sich immer wieder an Bord ihrer
Schiffe zurcksehnten, sobald nur das mitgebrachte Geld in aller
Geschwindigkeit verthan war, so versessen schienen sie ganz urpltzlich
darauf zu sein, ihre Landbeine, wie sie's nannten, anzuschnallen,
und Salzwasser und Schiffszwieback fr lngere Zeit -- Viele dachten
vielleicht auf immer -- Lebewohl zu sagen. Ja nicht allein die Matrosen,
sogar die Steuerleute waren kaum zu halten -- juckte es doch den
Capitainen selber nach Schaufel und Spitzhacke in den Fingern, und alle
die Fhrer von Schiffen, besonders die, denen daran lag, den Hafen bald
wieder verlassen zu knnen, kamen oft in die schwierigsten, fatalsten
Lagen.

Matrosen sind gewhnlich von dem Hafen aus, von dem sie fahren fr _die
Reise_, bis zurck von da, wo sie ausgelaufen, verdingt, und drfen ihr
verdientes Geld nicht eher vom Capitain verlangen, als bis diese Reise
wirklich zurckgelegt ist. Nur kleine Abzahlungen werden ihnen in
den Zwischenhfen gestattet, hngen aber auch stets von ihrem guten
Betragen, d. h. vom Willen des Capitains selber ab und ob und wie viel
er ihnen Geld auszuzahlen denkt.

Was aber kmmert das den Seemann? Es giebt wohl kaum ein
leichtsinnigeres Volk auf der weiten Gotteswelt, als eben den Matrosen,
und was ihm nicht der Augenblick, die unmittelbare Gegenwart bringt,
hat fr ihn nicht den mindesten Werth, bt auf ihn nicht den geringsten
Einflu aus. Da viele der Capitaine deshalb ihren sauer verdienten Lohn
fr lange Monate in den Hnden hielten und ihn jetzt natrlich nicht
herausgeben mochten, kmmerte sie gar nicht, und wenn sie die Jacke vom
Leibe verkaufen muten, Brod unterwegs zu haben, was that's? Sobald sie
nur die Minen erreichten, wie sie dachten, war ihnen ja doch geholfen
und sie aller Noth und Sorge ledig.

Um diese Zeit lag auch ein englisches Schiff, die Jane Douglas, im Hafen
von Sidney. Der Capitain hatte seine Fracht gelscht und wollte eben
wieder beginnen, neue einzunehmen, als ihm eines Morgens die Kunde
gebracht wurde, die Hlfte seiner Mannschaft sei in der Nacht
durchgebrannt und die andere Hlfte wrde wahrscheinlich ebenfalls
bald nachfolgen. Frische Matrosen waren in Sidney zu jener Zeit gar
nicht zu bekommen, ein _sehr_ langer Aufenthalt wre jedenfalls die
unausbleibliche Folge gewesen, und der Capitain, ein resoluter
Mann, griff endlich, nach reiflicher Erwgung, zu einem anscheinend
verzweifelten, und doch, wie der Erfolg zeigte, gar nicht so blen
Entschlu. Er erklrte nmlich seinen Leuten, er wolle mit ihnen, da
sie doch jetzt nicht daran denken konnten wieder sobald in See zu gehen,
selber in die Minen hinaufziehen und mit ihnen arbeiten, der Ertrag
solle aber, da er aus seiner Kasse die Kosten bezahlen wrde, zum Theil
fr den Rheder, zum Theil fr sie selber angenommen werden. Der Steward,
der ohnedies lahm war, sich aber schon lange Jahre an Bord befand und
das volle Vertrauen des Capitains besa, sollte zurckbleiben und das
Schiff bewachen, dafr aber bei der Zurckkunft gleichen Antheil mit der
brigen Mannschaft erhalten.

Es lt sich denken, da die Leute mit Jubel auf den Vorschlag
eingingen, denn liefen sie auf ihre eigene Hand fort, blieben sie immer
der Gefahr ausgesetzt, wieder eingefangen zu werden, und hatten selbst
im glcklichsten Falle des Entkommens keinen rothen Heller in der
Tasche, ihren Weg in die Minen zu bestreiten. Schon am nchsten Tag war
denn auch Alles eingekauft, dessen sie zum Graben und Waschen da
oben bedurften, ein Karren gemiethet, ihr Werkzeug, wie ihre
nthigen Provisionen hinaufzuschaffen, und der wunderliche Zug,
ein Schiffscapitain an der Spitze seiner Mannschaft, setzte sich in
Bewegung.

In den Minen am Turonflu angelangt, begannen sie frisch ihre Arbeit.
Einer der Matrosen war schon frher in Californien gewesen (vielleicht
eine Ursache, da er diesmal nicht fortgelaufen) und konnte die Uebrigen
im Handhaben ihrer Wiegen unterrichten, und es wurde auch Gold genug
gefunden, wenigstens vor der Hand ihre Ausgaben damit zu bestreiten und
noch etwas zurckzulegen. Nach und nach kamen sie besser hinein, und
theilten sich jetzt in drei Parteien, um eine grere Strecke auf
einmal in Angriff nehmen zu knnen. Der Capitain selber arbeitete nicht,
sondern berwachte das Ganze, der erste Steuermann war mit dem Koch
und einem Schiffsjungen zusammen, der zweite Steuermann mit zwei
jungen englischen Matrosen, und der Zimmermann und ein anderer Matrose
arbeiteten ebenfalls zusammen. Das, was sie den Tag ber fanden und
auswuschen, wurde dann Abends gewogen und kam in eine gemeinschaftliche
Kasse, spter in dem bestimmten Verhltni vertheilt zu werden. Diese
Kasse hatte natrlich der Capitain.

Der Zimmermann war bis jetzt am glcklichsten gewesen und zwei Tage
hinter einander in eine ziemlich reiche Stelle hineingerathen, aus der
die beiden Mnner eine Anzahl Unzen Gold herausnahmen. Noch besser traf
es bald darauf der zweite Steuermann, der in einer Woche siebzehn, in
der andern sogar einundzwanzig Unzen mit seiner Partei ausgewaschen
hatte.

Es war jetzt die vierte Woche, da sie arbeiteten, und die Leute fingen
an, sich nachgerade zu berechnen, was sie etwa verdient, und was sie
davon abgeliefert htten. Da ihnen der Capitain dabei die Mittel an
die Hand gegeben, diese Stellen zu erreichen, und sobald zu beginnen,
brachten sie nicht in Anschlag, und der Zimmermann weigerte sich endlich
offen, unter den bisherigen Bedingungen lnger mit fortzuarbeiten. Da
ihm der Capitain bewies, wie er hier in der kurzen Zeit gerade etwa
das Zehnfache verdiene, als wenn er an Bord geblieben wre, brachte ihn
nicht von seinem Vorsatz ab, und eines Morgens war er verschwunden. Die
Uebrigen beharrten indessen bei der Arbeit, und dem Matrosen, der bis
dahin mit dem Zimmermann zusammen gegraben und gewaschen hatte, wurde
der Koch beigegeben.

Es war am Mittwoch, als der zweite Steuermann mit seinen beiden Leuten
wieder ein Loch bis ziemlich auf den Felsen niedergegraben hatte.
Er nahm jetzt eine Pfanne voll Erde, in der er schon mit bloem Auge
Goldkrner erkannte, heraus, und ging damit an den nchsten Bach, sie
zu waschen. Wie er damit zurckkam, stand der Capitain am Rand, ihren
Erfolg zu erfragen.

Nun, Jones? sagte er, als er diesen langsam mit der leeren Pfanne
zurckkommen sah, wie stehts? lohnt das hier?

Ich glaube nicht, Capitain, antwortete dieser mrrisch, in der Pfanne
war nicht fr einen halben Schilling, und das von der besten Stelle
weggenommen. Ich denke, wir fangen lieber auf einem andern Platze an.

Nur nicht so rasch verzagt, ermahnte dieser -- Ihr habt Euch die Mhe
des Abrumens gegeben, nun wascht auch die Grube aus, Tagelohn macht
Ihr doch jedenfalls dabei. Vielleicht ist's auch in der andern Ecke
da besser. Ich will nachher einmal wieder zufragen, wie's geht. Dabei
drehte er sich ab, und wanderte langsam den Flu aufwrts und der Stelle
zu, wo der erste Steuermann mit dem Jungen wusch.

Jones blieb in der Grube stehen und sah ihm eine Weile nach, dann aber,
als er sich berzeugt hatte, da er nicht zurckkehren wrde, drehte er
sich pltzlich nach seinen beiden Gefhrten um, griff mit seiner rechten
Hand in die Tasche seiner blauen Jacke, holte eine ganze Hand voll
schwerer Goldkrner, von denen einzelne eine halbe Unze wiegen mochten,
heraus und hielt sie den berraschten Mitarbeitern hin.

Hallo, was ist das? riefen diese, die Augen aufreiend, wo kommt
_das_ auf einmal her?

Aus der Pfanne da, lachte Jones.

Aus der _einen_ Pfanne? -- ich dachte es wre Nichts darin?

Nichts drin? -- weil ich es dem Alten nicht auf die Nase gebunden
habe? -- lachte aber der Steuermann hhnisch. -- Jungens, in der Grube
hier steckt unser Glck. In der _einen_ Pfanne voll, die ich nur hier
oben weggenommen, lagen wenigstens vier oder fnf Unzen Gold, und wenn
Ihr das dem Rheder, der daheim in London mit den Hnden in den Taschen
sitzt, in den Hals stopfen wollt, so hab ich Nichts dagegen; ich mache
mit, was Ihr beschliet, aber wenn Ihr _meinem_ Rath folgt, so behalten
wir das, was wir hier aus der Grube, und vielleicht aus der nchsten
nehmen fr uns, und suchen uns in den Bergen dann einen andern Platz, wo
wir weiter arbeiten. Finden wir aber hier schon, was wir _brauchen_, und
was ich jetzt fast glaube, so gehen wir nach England zurck und leben
dort wie die groen Herren.

Ich bin dabei, sagte Bob, ein junger Bursche von neunzehn Jahren, den
der Glanz des Goldes und die Aussicht auf so raschen und unerwarteten
Reichthum geblendet hatte. Hols der Teufel, die _Sklaverei_ fr andere
Leute htt' ich berdies dick und bersatt.

Erst wollen wir sehen, was wir finden, bemerkte indessen Ned,
der dritte von ihnen, vorsichtig. Es kann auch sein, da der ganze
Reichthum hier unten zufllig in dem einen kleinen Nest gelegen hat,
und damit ist uns dann auch so gut wie Nichts gedient. Darin bin ich
brigens mit Euch einverstanden -- finden wir etwas _Ordentliches_, dann
kneifen wir zusammen aus, und der Alte mag uns dann, wenn er wieder nach
Hause fhrt, beim Rheder krank melden.

Was wir ihm gekostet haben, ist lange abgezahlt, setzte Bob hinzu,
und Gewissensbisse brauchen wir uns darber nicht zu machen.

Gewissensbisse? lachte Jones, zum Teufel noch einmal, was hier in
der Erde liegt, gehrt dem ehrlichen Finder, der nirgend in der Welt
gebeten wird, das Verlorene gegen eine gute Belohnung in der Expedition
dieses Blattes wieder abzugeben -- wie sie's in den Zeitungen am Land
immer haben, und wenn das Schicksal absolut will, da wir reiche und
angesehene Leute werden und in Kutschen fahren sollen, dann wr' es mehr
als albern von uns, wenn wir uns mit Hnden und Fen dagegen wehrten.
Das hiee nachher nicht mehr _Ehrlichkeit_, das hiee _Dummheit_, und
der Rheder selber wre der Erste, der uns heimlich dafr auslachte.

Er hatte sich indessen niedergebckt, und mit seinem Messer in der
Erde herumgestochert, als er pltzlich einen kaum unterdrckten Schrei
ausstie und ein Stck Gold von wenigstens sieben oder acht Unzen
Schwere zu Tage brachte.

Die Aufregung, in der sich die drei Menschen jetzt befanden, war
unbeschreiblich. Mit vor Eifer zitternden Hnden gingen sie daran, die
wirklich ungemein goldreiche Erde auszuwaschen, und in kaum einer Stunde
hatten sie ihren groen Blechbecher bis zum Rand mit dem kostbaren
Metall gefllt. Vor allen Dingen galt es jetzt aber dem wahrscheinlich
bald zurckkehrenden Capitn den Fund zu verheimlichen, und das Gold
wurde deshalb in einer Ecke der Grube versteckt und mit einem Stein und
dann mit Erde bedeckt. Nur ein paar Krner lieen sie im Becher zurck
und wuschen dann weiter.

Der Capitn kam brigens an dem Nachmittag nicht wieder zu ihnen und sie
wuschen einen Reichthum aus, den sie frher in ihren khnsten Trumen
vielleicht nicht fr mglich gehalten. Das aber konnte sie natrlich nur
in ihrem gefaten Beschlu bestrken, und der morgende Abend wurde zur
Ausfhrung desselben bestimmt. Sie konnten heute nmlich nicht mit dem
Begonnenen fertig werden, und nahmen deshalb Abends etwa eine Unze mit
zum Lager, doch etwas abzuliefern. Ihren Schatz lieen sie in der Grube
zurck, fllten vorher aber die Ecke, in der er lag, mit Erde auf und
durften ziemlich sicher sein, da ihnen Niemand Nachts hineinging.
Es war dort Loch an Loch gemacht, und wer solcherart heimlich und im
Dunkeln die verschiedenen Gruben htte revidiren wollen, wrde -- selbst
die Gefahr abgerechnet, der er sich dabei aussetzte -- im Ganzen sehr
schlechte Geschfte gemacht haben; der Zufall htte ihn denn mssen an
einen solchen Platz fhren.

Am nchsten Morgen nach dem Frhstck gingen sie wieder an die Arbeit
und fanden noch sehr viel Gold. Mittags nahmen sie wieder eine Unze
davon mit zu ihrem Zelt, der Steuermann Jones verschaffte sich dann
einen kleinen Leinwandsack, den er heimlich mit heraus an die Arbeit
nahm, und in der Dmmerung wollten sie ihre Flucht mit dem erbeuteten
Raub antreten.

Das Gold war schon ausgewaschen und in den jetzt ziemlich schweren Sack
gethan, die Grube vollstndig untersucht -- eine Ader schien auch von
dorten nicht abzulaufen, und was sie gefunden, sich mehr hier in einer
Art von Felskessel, durch den Bach im Lauf der Jahre niedergesplt und
gesammelt zu haben -- in der Nachbarerde, wie das so oft geht, htten
sie vielleicht wenig oder gar Nichts gefunden. Nur zum Schein arbeiteten
sie jetzt noch weiter, damit sie bei einbrechender Dunkelheit nicht
etwa verfolgt werden konnten. Hatten sie aber erst einmal die Nacht
Vorsprung, dann wre es, wie sie recht gut wuten, in den wilden Bergen
unmglich gewesen, ihrer wieder habhaft zu werden.

Gerade vor Dunkelwerden kam der Capitn dort vorbei, und blieb bei ihnen
stehen.

Feierabend, Feierabend, lachte er, seid nur nicht zu fleiig, Ihr
Leute -- mit einem Male knnen wir doch nicht reich werden. Nun wie geht
es heute Nachmittag, Jones?

Etwas besser, Sir, sagte der Mann, wagte aber dabei nicht, seinem
Vorgesetzten, den er eben im Begriff stand zu hintergehen, ins Angesicht
zu schauen. Wir haben seit Mittag etwa wieder eine Unze gefunden, und
wollten noch gern, ehe wir aufhrten, die paar Pfannen voll auswaschen.
Es wird morgen frh doch nicht der Mhe lohnen, da wir hier wieder
anfangen. Er deutete dabei auf den oben am Rande stehenden Blechbecher
hin, in dem die drei Verschwornen absichtlich etwas Gold hatten stehen
lassen.

Der Capitn nahm ihn auf, sah hinein, stellte ihn wieder hin und sagte:

Nun gut Leute -- verget nur Nichts von dem Werkzeug, wenn Ihr heute
Abend zum Zelt kommt. Dicht neben uns ist gestern Abend wieder eine
Brechstange gestohlen worden. Es giebt hier oben doch mehr Gesindel,
wie man eigentlich glaubt. -- Und seine Hnde in die Taschen schiebend
stieg er den Hgelvorsprung hinan, an dessen andrer Seite ihr Zelt lag.

So Jungens, sagte der Steuermann, als er ihm wieder mit den Blicken
bis dort hinber gefolgt war; jetzt ist's Zeit. Der Alte kommt heute
Abend nicht eher wieder hieher als bis es stark dunkel ist, und
sie ernstlichen Verdacht geschpft haben -- und dann ist's zu spt.
Donnerwetter, der Sack ist schwer, sthnte er, als er das verborgene
Gold unter einer darber gelehnten Steinplatte herausnahm und aufhob.
Einer allein kann das gar nicht schleppen -- wir mssen's theilen. Die
Leute werden berdies Verdacht schpfen, wenn sie uns nur damit gehen
sehen.

Ach was, beschwichtigte ihn Ned, wenn uns Jemand jetzt fragen sollte,
wohin wir damit wollen, brauchen wir ihm ja nur zu sagen, zum Commissr,
dort wird ja doch das meiste Gold hingeschafft, und das findet Jeder
in der Ordnung. Uebrigens thun wir am Besten, wir kaufen uns im nchsten
Laden ein paar Lederscke, Provisionen mssen wir ja berdies auch
mitnehmen, und drauen im Walde knnen wir's dann theilen, da Jeder
sein Part nur zu tragen hat.

Das ist das Gescheiteste stimmte ihm Jones bei, und damit wir uns
dort nicht mit dem Golde aufhalten mssen, lauf Du Ned rasch hinber
zum nchsten Laden, kauf was wir brauchen, auch ein paar kleine leichte
leinene Scke und drei wollene Decken dazu, denn wir mssen Bettzeug
mitnehmen, und geh dann damit oben zu dem groen Gumbaum hinauf, der
dort drben steht. Wenn wir Dich dort sehen, brechen wir von hier auf.

Der Plan war soweit gut. Ned nahm zu den Einkufen das Gold aus dem
Blechbecher und noch einiges anderes, was in der Pfanne lag, und ging
raschen Schrittes zum nchsten kaum einen Bchsenschu entfernten Laden.
Jones und Bob aber wurde es indessen unheimlich so lange in der Grube zu
warten. Jones recognoscirte deshalb vor allen Dingen, ob er Niemand von
seinen Leuten rings entdecken knne, und hob, als er die Luft rein fand,
den Sack mit Gold auf den Rand der Grube. Rasch kletterten jetzt die
beiden Mnner ebenfalls hinaus, und whrend der Steuermann die Beute
auf den Arm nahm und damit bergauf der bezeichneten Stelle zuschritt,
schaute Bob indessen vorsichtig nach allen Seiten umher, jetzt nicht
dicht vor ihrer Flucht gesehen und entdeckt zu werden. Von der brigen
Mannschaft, die keine Ahnung von dem beabsichtigten Verrath hatte, da
noch besonders bei dieser Partei der Steuermann jedes Unrecht berwachen
mute, lie sich Niemand blicken. Erst als die drei Kameraden gar nicht
zum Abendessen kamen, und die vollstndig eingebrochene Dunkelheit jeden
Gedanken, da sie doch noch am Ende arbeiteten, verwerfen lie, fate
der Capitn Verdacht und ging selber zu der ihm wohlbekannten Stelle,
nach seinen Leuten zu sehen. Er brauchte auch nicht lange zu forschen;
das noch in der Grube gelassene Werkzeug verrieth ihm nur zu bald, da
irgend etwas nicht Gehriges vorgefallen, und wenn ihm auch Niemand
in den benachbarten Zelten, wo er sich zu erkundigen suchte, gewisse
Nachricht geben konnte -- denn wer bekmmerte sich dort in den Minen um
den Andern, -- brauchte er nicht lnger daran zu zweifeln, da sich
die Leute heimlich aus dem Staube gemacht, und auch wahrscheinlich
gefundenes Gold mitgenommen htten.

Allerdings ging er, nachdem er Rcksprache mit dem ersten Steuermann
genommen, augenblicklich und noch in der Nacht zu dem Polizeicommissr,
diesen von dem wahrscheinlich verbten Raub und der Flucht der drei
Matrosen in Kenntni zu setzen. Am nchsten Tage wurden auch Gendarmen
oder berittene Constabler nach verschiedenen Seiten hin abgeschickt, die
Flchtigen womglich in einer der andern Schluchten, an denen gearbeitet
wurde, wieder aufzuspren. Diese wuten aber selber recht gut, da ihnen
nur ein reiner Zufall die Geflohenen htte in den Weg und wieder in ihre
Gewalt bringen knnen, gaben sich deshalb auch nicht die mindeste Mhe
damit, und kehrten am zweiten Tag nach einem langsamen Spazierritt durch
die brigen Minen, unverrichteter Sache wieder zurck.

Die drei Flchtigen hatten sich indessen ihren Plan ganz vortrefflich
gemacht und fhrten ihn eben so durch. An dem bestimmten Baum traf Ned
mit den gekauften Sachen zu ihnen und gab einen Theil davon an Bob zu
tragen. Bald waren sie damit drin im Busch, wie der australische
Wald stets genannt wird, im Dunkel der jetzt rasch einbrechenden Nacht
verschwunden und auer jeder Gefahr, verfolgt und eingeholt zu werden.

_Wohin_ sie gehen wollten, darber hatten sie sich allerdings noch gar
keinen Plan gemacht. Erst muten sie aus dem Bereich des Turon sein, das
andere fand sich dann von selbst, und sie hielten auch in der That nicht
eher an, als bis sie, ihrer Berechnung nach, mehrere Meilen zurckgelegt
und in einem dort erreichten Dickicht nicht mehr weiter _konnten_. Jetzt
erst beschlossen sie, zu lagern, warfen ihre Last unter einen Baum,
zndeten vor allen Dingen mit dort im Ueberflu umherliegenden drren
Holz ein tchtiges Feuer an und gingen dann erst daran, ihr Abendbrod zu
bereiten und nachher ihren Raub zu theilen.

Das erste war bald geschehen. Ned hatte eine sehr zweckmige Wahl bei
den eingekauften Provisionen getroffen und mit frischem und geruchertem
Fleisch, trocknem Schiffszwieback und Zucker und Thee konnten sie schon
eine Weile im Busche aushalten. Der einzige Fehler war, da sie an ihrem
Lagerplatz kein Wasser hatten. Das lie sich aber nicht mehr ndern, und
zum Frhstck beschlossen sie, in das nchste Thal hinabzusteigen,
wo sie, wenn nicht eine Quelle, doch irgendwo schon ein Wasserloch zu
finden hofften.

Auf einem der untergebreiteten Leinwandstcke wurde dann das smmtliche
Gold ausgeschttet, und die drei Matrosen, die in ihrem ganzen Leben
einen solchen Reichthum noch nicht bei einander gesehen, jauchzten
und jubelten um den aufgehuften Schatz. Sie konnten den Gedanken kaum
fassen, da Alles das jetzt ihnen sei, und die wildesten, tollsten
Plne wurden unter dem alten Gumbaume entworfen, die fabelhaftesten
Luftschlsser in die stille Nacht hineingebaut. Und _waren_ das
Luftschlsser? Hatten sie nicht den soliden festen Grund da vor sich
liegen, und bedurfte es etwa mehr, als nur einer einfachen Berechnung,
was sie etwa mit dem gefundenen Schatze machen knnten? Jedenfalls
_hatten_ sie wirklich Jeder mehr, als es ihrer Meinung nach bedurft
htte, ein ganzes Schiff damit zu kaufen, und das war ja doch bei ihnen
Allen von je das hchste Ziel all ihrer Wnsche gewesen.

Die Theilung ging jetzt, wie man das Gold berhaupt ohne Waage theilen
konnte, so gut als mglich und nach dem Augenma vor sich. Der Haufen
wurde in drei ziemlich gleiche Theile geschieden, und dann so lange
davon herber und hinber, hier ab- und dort wieder zugeschoben, bis sie
alle drei bereinstimmten, da es sich nicht mehr verbessern lie. Dann
drehte sich Ned ab und den Rcken dem Golde zu, und Jones frug, indem er
nach Gutdnken einen der Haufen mit dem Messer berhrte:

Wer soll _den_ haben?

Ich! sagte Ned.

Ha, ha, ha, ha, lachte der Steuermann; er kann's nicht erwarten, bis
er sein Theil kriegt -- und den?

Ihr selber! sagte Ned, indem er sich wieder umdrehte, zu sehen,
welcher Antheil ihm geworden.

Gut, dann nimmt Bob also den, setzte der Steuermann hinzu, indem
er einen fr sich mitgebrachten Ledersack hervorholte, seinen Antheil
hineinzuschtten; groer Unterschied wird berhaupt nicht sein, und auf
eine halbe Unze kommt's nicht an. Jungens, Jungens, fr eine halbe Unze
haben wir sonst einen halben Monat arbeiten mssen. Na, das hat jetzt
aufgehrt, und der Esquire wird hinter meinem Namen gerade so gut
klingen, wie hinter dem von John Smith und Thomas Brown.

Jeder der Drei nahm jetzt seinen Sack mit Gold an sich, dann wurde das
Feuer noch einmal tchtig aufgeschrt und bald lagen die Seeleute,
in ihre neuen warmen, wollnen Decken gewickelt in so sanftem, festem
Schlaf, als ob sie an Bord in ihren Cojen, und nicht flchtig vor der
Polizei mit _gestohlenem_ Golde in der Wildni lgen.

Am nchsten Morgen waren sie frh wieder auf. Die Provisionen wurden
dann ebenfalls in drei, dem Gewicht nach ziemlich gleiche Parten
getheilt, und mit den zusammengerollten Decken auf dem Rcken, Jones
voran, der einen Brand in der Hand trug, am nchsten Wasser rasch ein
Feuer damit zu entznden, stiegen sie jetzt den Hang hinab. Dort unten
sollte denn auch berathen werden, wohin sie von hier aus ihre Richtung
nehmen wollten.

Die Schlucht erreichten sie bald, aber fanden dort kein Wasser, obgleich
sie ihr eine ziemliche Strecke weit folgten. Jones blieb zuletzt stehen
und meinte, sie drften nicht lnger an dem trockenen Bache abwrts
gehen, der sie am Ende gerade wieder zum Turon und ihren Verfolgern in
die Hnde fhrte, und das wre nachher, wie er meinte, ein gefundenes
Fressen fr den Capitain.

Ja, aber der Turon liegt ja _dort_ hinber, sagte Ned, sind wir denn
nicht gestern Abend auf der andern Seite des Berg's heraufgekommen?

Gott bewahre, rief Jones -- ich meinte ja noch, wir htten unten nach
Wasser suchen sollen -- hier in derselben verdammten trockenen Schlucht,
in der wir jetzt stehen. Nicht wahr, Bob?

Ja, und wenn Ihr mich todtschlagt, ich wei nicht, wo wir hergekommen
sind, sagte dieser, sich verlegen dabei umsehend, wnschte aber nur,
wir htten einen Trunk Wasser, denn mir klebt die Zunge am Gaumen. Die
Richtung wollen wir nachher schon finden.

Weit Du, was Du in den Laden gestern Abend noch httest kaufen
sollen, sagte Jones jetzt zu Ned -- einen Compa. Den htten wir gut
gebrauchen knnen. Sie haben dort so kleine Dinger zu verkaufen die ganz
vortrefflich die Richtung anzeigen.

Wenn Du das wutest, httest Du's auch frher sagen knnen, brummte
Ned; jetzt ist's zu spt, und wir mssen sehen, wie wir _ohne_
Compa fertig werden. Hol's aber der Teufel, ob hier nicht ein Baum so
aussieht, wie der andere, und _der_ Berg, wie der da drben -- und
kein Tropfen Wasser in dem verdammten Land. Das Gescheidteste ist, wir
machen, da wir an irgend einen Flu kommen, und folgen dann dem Lauf
desselben. Der bringt uns schon zu einem betretenen Weg und zu Menschen,
denn wo Menschen sind, da ist doch wenigstens Wasser.

Nun hier _sind_ Menschen und hier ist _kein_ Wasser, lachte Bob, aber
Kameraden, ich habe einen schmhlichen Hunger. Wie wr's, wenn wir hier
gleich an Ort und Stelle frhstckten. Wasser finden wir nachher schon
irgendwo.

Ich bringe ohne Wasser keinen Bissen hinunter, versicherte Jones; die
Kehle ist mir wie verdorrt und zugeschnrt. Wenn wir grad ber den Berg
hinber und auf der andern Seite wieder hinuntersteigen, _mssen_ wir ja
doch zuletzt an Wasser kommen.

Ja, an den Turon, brummte Ned. Ihr knnt Euch heilig darauf
verlassen, wenn wir _zurck_ gehen, kommen wir wieder an den Turon.

Da hat er Recht, lachte Bob, die einzige Frage ist nun, nach welcher
Richtung hin das _zurck_ liegt. Da auch keiner von uns gestern Abend
daran gedacht hat, nach den Sternen zu sehen. Jetzt wten wir genau, wo
wir wren.

Halt! rief da Jones pltzlich, indem er Ned's Arm ergriff. Wo ging
die Sonne Morgens auf, wenn wir in unserm letzten Claim mit dem Gesicht
nach dem Turon zu standen?

Grad vor uns, sagte Ned.

Gut, fuhr Jones fort, dann sind wir auch gestern Abend in einer
nordwestlichen Richtung fortgegangen und ich habe Recht. Dort steht die
Sonne jetzt, also liegt da drben der Turon.

Ja, das ist Alles recht schn, lachte Bob, aber wir sollen doch wohl
nicht die gestern Abend angenommene Richtung, in der wir eben nur aus
dem Bereich des Flusses kommen wollten, beibehalten, denn da kommen wir
jedenfalls in die schauerliche Wste hinein, die zwischen hier und den
Quellen des Murray oder Hume liegt. Unten im Lager hatten wir einen
Kalender, in dem das ganze Land beschrieben stand.

Suchen wir aber jetzt gleich wieder zurck in besiedelte Gegenden zu
kommen, warf Jones ein, so sind wir jedenfalls der Gefahr ausgesetzt,
irgend einem nach uns ausgeschickten Polizeidiener in die Hnde zu
laufen.

Bah, wer kennt uns denn? warf Ned ein. _Ein_ Matrose sieht den
Charlies wie der Andere aus, und selbst mit unserem Gold knnen sie
uns nichts beweisen. Wenn wir nur zwei Tage fort sind, soll uns einmal
Jemand entgegen treten und beschwren knnen, da wir Alles, was wir
hier bei uns haben, nicht unter einem oder dem andern Baum meinetwegen
hier in den Bergen gefunden. Hat nicht der Schwarze den Karr'schen
Klumpen auch mit einem Beil unter einer Gumwurzel herausgeschlagen?

Ja, das ist Alles recht schn, sagte Jones, der recht gut wute,
da er, wenn wieder eingefangen, als Steuermann auch die grte
Verantwortung wrde zu tragen haben; der Gefahr wollen wir uns aber
doch nicht unnthiger Weise aussetzen und jetzt einmal in Sicherheit,
nicht wie die kleinen Kinder gerade da wieder hinlaufen, wo wir nichts
mehr zu suchen haben. Mein Vorschlag ist der, da wir noch meinetwegen
heute bis gegen Abend, oder wenigstens einen _halben_ Tag lang, die
gestrige Richtung beibehalten, und dann etwa nach der Mndung des Turon
hin Cours nehmen. Dort kommen wir wahrscheinlich wieder an Minen und
knnen getrost unseren Weg direct nach Sidney einschlagen. Jetzt nur
vor allen Dingen _Wasser_, das Andere findet sich Alles, und treffen
wir einen guten Wasserplatz, bleiben wir eben so sicher einen Tag dort
liegen, ruhen uns ordentlich aus und knnen unseren Marsch dann mit
frischen Krften fortsetzen.

Dem lie sich nicht gut etwas entgegnen, und die Matrosen, berdies
gewohnt, an Bord dem Steuermann unbedingt zu vertrauen und sich nie
viel um den einzuschlagenden Cours zu kmmern, folgten auch jetzt ihrem
frheren Vorgesetzten, wohin er sie eben fhren wrde. Die Sonne fing
indessen an, ziemlich hei auf ihre Scheitel niederzubrennen, und
es wurde ihnen sauer, den eben niedergestiegenen Berg aufs Neue zu
ersteigen. Das ging jedoch nicht anders, und auf der entgegengesetzten
Seite lag ja auch die Hoffnung auf Wasser, dem sie alle jetzt
entgegenschmachteten. Selbst Bob war einsilbig geworden, und Jones
stieg, ohne da weiter ein Wort gewechselt wurde, schweigend voran.
Jetzt hatten sie endlich die andere Schlucht erreicht, wo eine Masse
wild zerstreuter Quarzblcke wohl die Nhe von Gold verrieth, aber --
kein Wasser bot. Gold -- was kmmerte sie jetzt Gold, sie hatten an
dem in ihren Scken schwer genug zu tragen -- _Wasser_ wollten sie,
und htten es gern theuer genug gekauft -- wenn es nur eben zu bekommen
gewesen wre.

Dieser Schlucht ber folgten sie wohl eine ganze Meile nieder, und
wenn sie sich auch jetzt drehte, und selbst nach Jones Meinung dieselbe
Richtung einschlug, als jene an der andern Seite des Berges, also
ebenfalls nach dem Turon zu, bedurfte es nur eines Blickes rechts und
links, die steilen, steinigen, sonngebrannten und fast schattenlosen
Wnde hinauf, und sie wanderten oder kletterten wieder ruhig und
unverdrossen weiter. Einmal _muten_ sie ja doch an Wasser kommen -- und
_wenn_ es der Turon gewesen wre.

Ned hatte zwischen seinen Provisionen allerdings eine gefllte
Whiskeyflasche mitgebracht, der brennende Trank, von dem sie schon Jeder
ein paar Mal einen Schluck genommen, lschte ihnen aber den Durst nicht,
wenn er auch fr den Augenblick half, und die Zungen klebten ihnen am
Gaumen.

Das ist doch ein gottverfluchtes Land, das Australien, lsterte Jones
endlich, whrend er seinen Pack zu Boden und sich selber in den Schatten
eines vorspringenden Felsstckes warf, kein Tropfen Wasser, wohin man
tritt -- aber ich kann nicht weiter und mu erst etwas essen, -- und
wenn ich's auch hinunter zu _wrgen_ habe.

Die brigen waren gern damit einverstanden. Erschpft und matt fhlten
sich Alle, und die Provisionsscke wurden geffnet, den Krper nach den
berstandenen Strapazen wenigstens in etwas zu strken. Das beendet,
brachen sie wieder auf, jetzt aber mit dem festen Entschlu, an dem
ersten Wasserloch, das sie erreichen wrden, einen vollen Rasttag
zu machen, und wenn sie ihre Lebensmittel bis auf die letzte Krume
aufzehrten. Die Minen konnten sie dann bald wieder erreichen.

Noch einmal folgten sie jetzt der trockenen Schlucht, in der
vergeblichen Hoffnung, einen Quell, oder doch wenigstens an irgend
einer Stelle vom letzten Regen bergebliebenes Wasser zu finden. Einmal
glaubten sie auch schon ihren Wunsch erfllt zu sehen, indem sie eine
feuchte Stelle im Bett des sonst trockenen Baches antrafen. Diese aber
enthielt nur dickflssigen, mit grnem Moder berwachsenen Schlamm, und
selbst Jones konnte sich nicht dazu entschlieen, die Lippen daran zu
bringen. Er bog sich allerdings darber hin, mute aber in Ekel davon
abstehen. Im weichen Schlamm war die Spur eines vierfigen Thieres
eingedrckt.

Zwei volle Stunden marschirten sie wieder weiter, immer der Schlucht
nach, und zwar jetzt genau der Richtung folgend, in der Jones den Turon
vermuthete. Wre das aber der Fall gewesen, htten sie ihn schon lange
erreichen mssen, und der Steuermann selbst fand jetzt, da er seinen
Cours verloren habe. Dort hinaus durften sie deshalb unter keiner
Bedingung weiter gehen, diese Schlucht fhrte sie wahrscheinlich mitten
in die furchtbarste Wildni hinein, und fielen sie dort, unbewaffnet wie
sie waren, den Schwarzen in die Hnde, so wren sie verloren gewesen.
Zu ihrer Rechten lief ein niederer Hgelrcken hin, der es ihnen allem
Anschein nach mglich machte, den dort liegenden hohen Berg zu umgehen.
Der Richtung beschlossen sie also einstimmig zu folgen. An einer anderen
Schlucht waren sie vielleicht auch glcklicher und trafen Wasser, oder
hrten nach irgend einer Seite zu das Klappern der Maschinen, das ihnen
die Nhe von Goldwschern verrathen htte. Es sollten ja hier berall in
den Bergen Leute stecken.

Ich frchte, ich frchte, sagte Bob, als sie wieder einmal im Schatten
eines kleinen Gumbaumdickichts ausruhten, wir sind bis jetzt in gerader
Richtung vom Turon ab und mitten in den tollsten Wald hinein gerannt,
wir htten ja sonst einzelne der dort in der Nachbarschaft zerstreuten
Goldsucher finden _mssen_. Hier die Gegend ist aber wie ausgestorben,
und die Spur des kleinen Knguruhs oder was es sonst fr eine Bestie
gewesen ist, die ich am Schlammloch gesehen habe, ist das erste und
einzige Zeichen irgend eines lebenden Wesens, das wir heute den ganzen
Tag gefunden. Nicht einmal ein Vogel ist zu sehen. Mir graut's vor
solcher Einde.

Wenn wir _der_ Richtung gefolgt wren, die ich einschlagen wollte,
sagte Ned und suchte eins der ihm nchsten Gumbltter zu kauen, so
wren wir jetzt an Wasser -- pfui Teufel, wie das Zeug schmeckt, bitter
und lig wie Gift.

Ja, bei Wasser und Brod vielleicht, brummte Jones.

Ned wollte etwas erwidern, verschluckte es aber und lehnte sich
erschpft auf die neben ihm liegende Decke, dort besser auszuruhen.

Wie schrecklich still das hier ist, sagte Bob nach einer ziemlich
langen Pause, nicht einmal ein Vogel zu hren oder zu sehen. Kein
Frosch quackt -- kein Schu -- kein Peitschenknall, kein Vieh, selbst in
den Bergen -- nicht einmal Wild. Wenn man aberglubisch wre, knnte man
wahrhaftig denken, man sei von irgend einem bsen Geiste ber Nacht ein
paar hundert Meilen ins Land hinein versetzt worden. So viel wei ich,
wenn ich den Turon oder einen andern Flu erst einmal wieder zu sehen
bekomme, bringt mich kein Teufel weg davon, oder wenigstens aus Sicht.
Die Qulerei mcht' ich nicht zum zweiten Mal durchmachen.

Wenn wir ihn nur erst zu sehen bekommen, brummte Ned.

Da sitzen wir nun, lachte Bob pltzlich, drei steinreiche Burschen,
mit ihren Scken voll Gold, und trocken wie ein Fisch am Land. Aber
zum Henker, das gehrt mit dazu, und wenn's uns am Ende gar zu leicht
gemacht wre, htten wir vielleicht noch Gewissensbisse bekommen. So
mssen wir's uns aber sauer genug verdienen und nachher schmeckt's desto
besser. Uebrigens will ich an diese verzweifelten trocknen Gumwlder
mein Lebelang denken. Sieht nicht einer von den saftlosen, steingrauen
Bumen gerade so aus, wie der andere, und werfen die Dinger berhaupt
einen Schatten? Der Stamm, ja, damit sind wir aber auch fertig, und das,
was man bei anderen Bumen _Laub_ nennen wrde, hngt hier wie lange
Stckchen Zink in Bscheln von den Zweigen nieder und _klappert_ --
und kein Grashalm dabei im ganzen Wald. -- Meine Mutter zu Hause klagte
immer ber ihre _feuchte_ Wohnung; _hier_ sollte sie sich anbauen, hier
wr's trocken genug. -- Na -- Ihr Beiden sitzt ja da, als ob Euch alle
Masten ber Bord geweht wren. _Hier_ knnen wir nicht bleiben, so viel
ist gewi, und je eher wir aufbrechen, desto frher drfen wir hoffen,
irgendwo in diesem verbrannten Lande Wasser oder wenigstens erst einmal
Menschen anzutreffen.

Seine beiden Gefhrten erwiderten Nichts darauf, standen aber doch auf.
Die Kehlen waren ihnen zu trocken, viel zu sprechen, und je eher sie
diesem Zustand ein Ende machen konnten, desto lieber war es ihnen.
Schweigend setzten die drei Mnner ihren Marsch fort, und zwar der
Richtung zu, in der sie die verlassenen Minen vermutheten. Und wenn sie
selbst wieder zufllig zu der Stelle zurckgekehrt wren, von der sie
geflohen, htten sie sich doch wenigstens nach Dunkelwerden satt trinken
und nachher dem Lauf des Flusses folgen, wenigstens in seiner Nhe
bleiben knnen. Vergebens aber legten sie Meile nach Meile zurck -- der
Schwei lief ihnen in groen, schweren Tropfen an der Stirne nieder, und
die Glieder vermochten sie kaum weiter zu schleppen. So brach die Nacht
an, und noch immer hatten sie keinen Tropfen Wasser, keine Spur eines
menschlichen Wesens gefunden und muten wieder lagern. Allerdings
machten sie einen Versuch im Dunkeln ihren Weg fortzusetzen, aber der
Himmel hatte sich umwlkt, es war so finster geworden, da sie keine
Hand vor Augen sehen konnten, und in den rauhen Felsgesteinen kamen sie
nicht fort.

Die Wolken hatten in sofern ihr Gutes, als sie dadurch auf Regen hoffen
durften. Freilich verloren sie damit auch wieder die letzte Mglichkeit,
ihre Richtung nach der Sonne zu verfolgen. Der nchste Morgen brach
trbe an. Am Himmel lie sich nicht einmal unterscheiden, wo die Sonne
eigentlich aufgegangen sei, und kein Tropfen Regen fiel. Schweigend und
finster nahmen die Leute ihre Packen wieder auf und wanderten weiter.
Wohin? -- sie wuten es selber nicht, und einer Schlucht jetzt aufwrts
folgend, erreichten sie endlich wieder eine kleine Stelle, in deren Nhe
ein paar Grashalme wuchsen und wo der Boden grn aussah -- wie bei dem
gestrigen Schlammloch.

Dort ist Wasser! rief Jones, und sprang darauf zu, aber -- umsonst.
Wasser hatte da jedenfalls einmal gestanden, aber der Grund war jetzt
trocken und aufgesprungen, und grne, aber ebenfalls trockene und schon
halb vergilbte Flechten zogen sich darber hin.

Heiliger Gott! rief da Bob pltzlich, als sie still und mrrisch
den Platz umstanden -- das ist ja dieselbe Stelle, an der wir gestern
waren. Dort ist der Stein, auf den ich meinen Packen warf -- da ist der
Eindruck selbst von Jones Hand noch, als er sich hinber bog den Schlamm
zu lecken.

Die Anderen warfen rasch und erschreckt den Blick umher; die Thatsache
lie sich nicht leugnen.

Dann folgen wir aber jetzt auch der Schlucht _aufwrts_ und ber den
Berg hinber! rief da Ned, von neuer Hoffnung belebt. Das ist der
entgegengesetzte Weg von dem, den wir gestern einschlugen und wird uns
zurck zum Turon bringen. Ich hab' es ja gleich gesagt, da wir irr
gingen.

Wie das in dem einen Tage ausgetrocknet ist, seufzte Jones, der kein
Wort mehr gegen die unbestimmte Richtung erwiderte. Gott gebe nur, da
wir bald wieder zum Flu zurckkommen. _Viel_ lnger halt' ich's nicht
mehr aus.

Ned fhrte jetzt den Zug an und kletterte, so rasch als es ihm seine
Krfte erlaubten, den Hang hinan. Er sah sich auch gar nicht mehr nach
den Andern um, ob sie ihm folgten oder nicht; nur vorwrts -- vorwrts
drngte er unaufhaltsam fort, aus dem Wald, zu Menschen, nur zu einem
betretenen Pfad wenigstens zu gelangen. So kletterten sie keuchend den
Berg hinauf, und wollten eben, ohne nur einen Moment anzuhalten oder zu
rasten, ber die Kuppe hinber und an der andern Seite wieder hinunter
steigen, als sie Jones' Ruf an die Stelle bannte: Land, bei Gott! --
dort liegt ein Haus!

Wo? schrie Ned, und folgte rasch mit den Augen der angegebenen
Richtung. _War_ das ein Haus? In weiter Ferne an einem der
gegenberliegenden Hgelhnge schien es fast, als ob eine Stelle vom
Wald gelichtet wre, und mitten drin stand ein heller viereckiger Block.
Es war jedenfalls eine kleine Farm, dort vielleicht an der Grenze des
Waldes.

Das ist ein Stein, sagte Bob endlich, der den Platz ebenfalls mit
den Augen gesucht und gefunden -- ein Stein und nackte Felswand drum
herum!

Ich kann die Fenster im Haus erkennen! rief aber Jones; und dort --
dort bewegt sich etwas -- das ist ein Mensch. Gott sei Lob und Dank, da
endlich ist ein Ende dieses Elends. Jungens, Jungens, jetzt kann ich es
Euch wohl sagen, mir fllt ein Stein vom Herzen, denn bei unserm Marsch
fing mir an, gar nicht wohl zu werden. Da drben liegt unsere Hlfe!

Es ist wahrhaftig ein Stein, sagte Bob; weshalb sollte sich auch ein
Mensch da oben an den nackten Berg hinsetzen. Gehen wir dort hinber, so
kommen wir ganz aus unserm Cours.

Das ist ein Haus, betheuerte aber auch Ned -- ich kann den blauen
Rauch aus dem Schornstein aufsteigen sehen. Cours oder nicht, ich gebe
berhaupt keinen Sixpence um unsern ganzen Cours, und das Beste ist,
wir steuern gerade auf die Farm da zu. Die Leute dort werden uns nachher
schon sagen, wo wir Weg und Steg aus dieser Wildni finden.

Bob schttelte den Kopf, da die anderen Beiden aber so fest auf ihrer
Meinung beharrten, fgte er sich ihnen und wanderte mit, jetzt die
Schlucht und den Abhang nieder, um an der andern Seite wieder gerade
aufzuklettern. Der Berg lag auch viel weiter entfernt, als sie im Anfang
vermuthet hatten, und mehrere dazwischen eindrngende Hgelrcken muten
sie vorher bersteigen.

Die Wolken brachen sich indessen wieder, die Sonne trat hell und klar
heraus und schien noch einmal so hei als frher niederzubrennen,
als sie endlich den Hang, wo sie das Haus gesehen zu haben glaubten,
erreichten und hinan stiegen. Aber keine Spur eines lebenden Wesens war
zu finden, nicht einmal der Platz, den sie fr die Farm gehalten, Wald
-- Wald -- rings um sie her; Nichts als der, grauer, schattenloser
Wald und scharfer Quarzstein, der ihre Schuhe zerschnitt und ihre Fe
verwundete.

Ich kann nicht mehr, sthnte Jones da, indem er sich, zum Tode matt,
unter einen Baum warf -- meine Leber steht in Feuer, und vor den Augen
fliegt's mir wie dunkele, blutige Wolken herum.

Wir werden den ganzen Weg wieder zurck mssen, den wir nach Euerem
Haus heraufgestiegen sind, sagte Bob endlich kleinlaut. Nach _einer_
Richtung _mssen_ wir aber doch endlich einmal wieder zum Flu kommen,
und ich denke, wenn wir hier jetzt weiter stiegen, wre es gerade so
gut. Keiner von uns wei doch mehr, wo er ist, und das dort kann gerade
so gut der _richtige_ Cours sein, wie der falsche.

Damit waren die anderen Beiden aber nicht einverstanden. Da sie die
Sonne wieder sehen konnten, und wenigstens wuten, wo Norden und Sden
war, wollten sie von keinem Cours aufs Geradewohl mehr hren,
sondern Jones schlug jetzt vor, nach Sden zu gehen und die Richtung
beizubehalten, wo sie dann endlich wenigstens an das Ufer des Meeres,
und jedenfalls vorher an Straen kommen muten. Schweigend wandten sich
die Beiden und schritten und stiegen schweigend weiter, bis endlich,
als sich die Sonne schon dem Untergange wieder neigte, Bob pltzlich
ausrief:

Aber um des Himmels willen, Menschen, wir wollen nach Sden hinunter
und laufen gerade nach Norden hinauf. Steht denn nicht in diesem
verzweifelten Lande die Sonne um Mittag im _Norden_?

Das hat noch gefehlt! sthnte Jones und sank neben seiner Ladung zu
Boden. Jetzt sind wir, Gott wei wie viel Meilen mitten in das wilde
Land hineingezogen, und _wenn_ wir hier Wasser trfen, knnten wir uns
auch darauf verlassen, da Wilde dabei wren.

Ja, das kann nichts helfen, sagte aber Bob entschlossen. Wir haben
uns einmal verirrt und mssen jetzt sehen, wie wir wieder hinauskommen.
Noch sind wir im Stande, zu gehen, wer wei, wie es morgen wird. Ich
denke deshalb, wir drehen hier, wo wir liegen, gerade um und gehen von
jetzt an den richtigen Sdcours, und ich glaube, besser auch ein wenig
stlich hinunter. Gerade im Sden ist die See weiter, als wenn wir uns
mehr links der Kste zu halten.

See -- Hlle! sthnte aber Ned -- ich bin nicht mehr im Stande,
mit _der_ Last hier die See zu erreichen. Wenn wir nicht frher Wasser
finden, bleib ich liegen.

Nur Muth, nur Muth! suchte sie aber Bob aufzurichten, htten wir
gleich von Anfang an einen richtigen und festen Cours beibehalten,
wren wir lange heraus, so aber, da wir berall nur immer nach _Wasser_
suchten, sind wir hin- und hergeklettert, und wahrscheinlich weiter und
weiter von dem Orte abgekommen, den wir eigentlich erreichen wollten.

Du hast jetzt gut predigen, brummte Jones mit einem Fluch in den Bart.
Da wir an keiner Chaussee sind, wissen wir selber. Und nun vorwrts;
in der Abendkhle knnen wir eher noch eine Strecke zurcklegen, als am
heien Tag.

Wieder hoben die Mnner seufzend ihre Last auf und wanderten weiter, den
Weg gerade zurck, den sie die letzten Stunden gekommen, als pltzlich
Ned stehen blieb und mit leiser, heiserer Stimme sagte:

Ich wei nicht; wird _mir_ nur auf einmal so hei und schwl; aber die
Luft hier kommt mir vor, als ob sie uns aus einem Backofen anwehte.
Ein paar Mal traf mich's jetzt in den Nacken, als ob mir Jemand seinen
heien Hauch hineingeblasen.

Mir ist's auch schon so vorgekommen, sagte Jones, indem er stehen
blieb und sich umdrehte, aber auch augenblicklich wieder den Kopf
abwandte -- da hinter uns kommt's her -- rief er dabei. Das hat uns
noch gefehlt -- das ist der heie Wind und nun sind wir verloren!

Der heie Wind war es allerdings, der in Australien wie der Samum der
Wste aus den heien Sand- und Salzebenen des Inneren herausstreicht,
und wohin er trifft, Schrecken und Verwstung trgt. Die drei
Unglcklichen, schon auerdem zum Tode erschpft und halb verschmachtet,
brachen fast unter der neuen Last zusammen, und wie sie sich auch mhten
vorwrts zu kommen, versagten ihnen zuletzt die erschpften Glieder
den Dienst. Jones blieb zuerst liegen und rief den Anderen zu, sich zu
retten, er knne nicht weiter und wolle dort sterben, wo er liege. Ned
drang darauf, noch weiter zu gehen -- sie knnten nicht mehr so weit
von Hlfe entfernt sein, und wenn sie hier blieben, wre ihr Verderben
gewi.

Bob machte jetzt den Vorschlag, ihr Gold, eine kleine Quantitt
abgerechnet, die sie recht gut mitnehmen knnten, hier zu verstecken,
die Bume dann in der Nachbarschaft zu bezeichnen, und wie sie gingen,
dann und wann ein Stck Rinde von einem Baum abzuschlen. Er hatte
einmal gelesen, da es amerikanische Jger so gemacht htten, ihre
vergrabenen Biberfelle wiederzufinden. Seine beiden Kameraden wollten
sich aber nicht dazu verstehen, ihren Schatz im Stich zu lassen. Das
Gold brachten sie schon noch fort, aber das andere Gepck mit den
Decken mochten sie nicht lnger schleppen. Die Hitze wurde dabei immer
drckender, und sie legten jetzt Alles unter einen der Bume, legten
Steine darauf, da es der Wind nicht fortwehen konnte, und bezeichneten
die benachbarten Bume mit ihren Messern. Jones hatte sich indessen
durch die kurze Rast auch wieder so weit erholt, da er wenigstens
vorwrts konnte, und an Gepck leichter, glaubte er schon mit
fortzukommen. Aber immer glhender wurde die Hitze, immer steiler und
steiniger ihr Pfad, und der Steuermann, der die letzte halbe Stunde
kaum hatte mit den beiden anderen gleichen Schritt halten knnen, griff
pltzlich den bis jetzt sorgfltig im Arm gehaltenen Sack mit Gold auf,
hob ihn in die Hhe und schleuderte ihn von sich, so weit er konnte.

Teufelsgold! schrie er dabei mit heiserer, fast rchelnder Stimme, da
lieg und faule, und mge der Erste, der dich findet und aufhebt, ber
dir verderben und verrotten. Fort mit dem Gift -- es ist kein Segen
darin, und so lange wir es bei uns haben, kommen wir aus dieser Wildni
nicht hinaus, in der uns ein bser Geist in der Irre umhergefhrt.

Der Mann war ganz rasend geworden; der Schaum stand ihm vor dem Mund,
die Augen glhten ihm im Kopf, und seine Glieder zitterten wie im
Fieberfrost.

Nein, sagte aber Bob, das geht nicht, so gerade fort in den Busch
wollen wir das Gold, das wir so lange geschleppt haben, auch nicht
werfen. Komm, Ned, wir machen's, wie ich vorhin gesagt habe, und der
Platz hier eignet sich vortrefflich dazu. Der kleine spitze Hgel, auf
dem wir uns gerade befinden, ist leicht kenntlich, wenn man je wieder in
diese Nachbarschaft kme, und etwas behlt jeder davon zurck.

Er machte sich jetzt daran, seinen Vorschlag auszufhren. Whrend ihm
Ned aber das Gold willenlos berlie, hatte sich Jones auf die Erde
geworfen und heulte nach Wasser und nach Menschen wie ein wildes Thier,
ja schlug und trat um sich, als ihm Bob endlich ein klein Pckchen von
seinem Gold wieder einhndigen wollte. Der junge Bursche steckte es dann
selber fr den Gefhrten ein, verscharrte das Uebrige, so gut es gehen
wollte, merkte sich, wie er glaubte, die Gegend vollkommen, und schnitt
dann in die benachbarten Bume quer ber den Hgel hinber Kerben. Das
beendet, wollten sie wieder aufbrechen, Jones war aber nicht von der
Stelle zu bringen. Er hob sich einmal auf die Fe, brach aber wieder
zusammen, sthnte nach Wasser und barg dann das Gesicht am Boden, dem
heien Luftzug, der immer drckender ber die Berge strich, Linderung
abzugewinnen. Die beiden Matrosen muten ihn endlich liegen lassen, wo
er lag. Bob schnitt aber vorher mit seinem Messer eine Anzahl Gumzweige
ab und deckte sie ber den Unglcklichen, ihn wenigstens gegen die
Strahlen der niederbrennenden Sonne zu schtzen. Sobald sie Hlfe
fanden, wollten sie mit Wasser hierher zurckkehren und ihn und das Gold
abholen.

Hlfe -- den ganzen Tag wanderten sie und keine Aussicht auf Rettung
zeigte sich. Die Sonne verdunkelte sich dabei mehr und mehr. Wie ein
Hehrrauch lag es ber den Bergen, der heie Staub zog in Wolken ber
sie hin, und das Taggestirn stand wie eine glhende, mattrothe Kugel am
Firmament, bis es endlich ebenfalls verschwand -- die Nacht brach an und
keinen Bissen zu essen hatten sie mehr, keinen Tropfen Thau selbst,
ihre brennenden, aufgesprungenen Lippen zu khlen. Anstatt da ihnen die
Nacht dabei Khlung brachte, wurde es eher noch heier und drckender;
sie athmeten den glhenden feinen Staub, und selbst ihre Augen brannten
wie Feuer. Die Nacht lag auch Ned in einem wilden, hitzigen Fieber, und
schrie in seinem tollen Traum, da sie verfolgt wrden und da der
ganze Wald in Brand stnde. Sein Ruf: Feuer! Hlfe! Rettung! gellte in
markdurchschneidenden Tnen durch den Wald, und Bob sa dabei, den Kopf
an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Hnden bedeckt und betete,
da ihn Gott nicht auch mchte wahnsinnig werden lassen.

So brach der Morgen an, aber keine Linderung mit ihm. Bob raffte sich
auf und schttelte den Kameraden; der aber kannte ihn nicht mehr, stie
ihn von sich und whlte wie Jones sein Antlitz in den Boden. Bob selber
fhlte, wie ihn die Krfte verlieen, aber die Angst der Verzweiflung,
hier rettungslos verderben zu mssen, lie ihn noch einmal seine
Mattigkeit berwinden. Es flirrte ihm, als er aufstand, Alles vor
den Augen -- er sah die Sonne nicht mehr, die, wie sie gestern
untergesunken, heute wieder matt und glhend emporstieg, und als sein
Blick endlich zufllig darauf fiel und er sich der Richtung bewut
wurde, die er einschlug, wunderte er sich nur, da sie heute, statt wie
immer im Osten, im Westen aufging. Er kannte keinen Cours mehr, und
als er fast unwillkrlich, wie er ging, die Bume mit seinem Messer
bezeichnen wollte, fiel ihm das aus der Hand, ohne da er es gewahr
wurde oder sich danach umgesehen htte. Nur weiter, immer weiter
taumelte er, jetzt aber immer nur zu Thale, denn einen Berg war er nicht
mehr im Stande zu erklettern, bis er endlich ebenfalls, an Kraft und
Muth gebrochen, zu Boden sank und nicht mehr weiter konnte.

Mit dem letzten Bewutsein, da ihm geblieben, wollte er sich eine Ader
ffnen und das Blut trinken -- nur noch einmal _trinken_, ehe er starb,
aber er fand sein Messer nicht mehr. Er brachte den Arm an die Lippen,
ihn aufzubeien, aber die Sinne schwanden ihm dabei, ein Schlaf kam
ber ihn und der Arm sank matt an seinem Krper nieder, der Kopf auf die
Wurzel des Baumes, unter dem er lag.

       *       *       *       *       *

Wie lange er in dem Zustand geblieben, wute er nicht, aber ein Gefhl
der Khle in seiner Kehle, ber seinen Schlfen brachte ihn wieder zu
sich. Es war Nacht und ein Mann kniete neben ihm und go ihm mit einem
Blechbecher Wasser in den Mund, whrend ein anderer ihm ein nasses,
kaltes Tuch ber Stirn und Schlfe legte. Neben ihnen loderte ein hohes,
flackerndes Feuer.

Bob trank -- oh, wie ihm das so khl und erfrischend durch Mark und
Adern strmte -- er trank und trank und wrde sich zu Tode getrunken
haben, htten ihn seine Retter nicht daran verhindert. Wohl einer Stunde
bedurfte es aber, ehe er seiner Sinne wieder soweit mchtig wurde, den
Leuten zu erzhlen, wie er sich im Wald verirrt und wo er hergekommen,
und er erfuhr jetzt auch, wo er sei, und wie er gerettet worden.

Das Letzte war einfach genug, denn kaum fnf oder sechs englische Meilen
vom Turon, wo er niedergebrochen, hatten zwei Goldwscher aus einem
entfernten Bach, die sich ebenfalls vor dem heien Wind nach dem Turon
retten wollten, den leblosen, wenigstens bewutlosen Krper des jungen
Mannes im Busch gefunden und mit der Gegend hier vollkommen gut bekannt,
ihn aufgepackt und bis zum nchsten Wasserloch, das dicht versteckt
unter einem Felsen lag, niedergetragen. Der Turon selber lag, wenn sie
dieser Schlucht folgten, keine zwei starke Stunden Wegs von da entfernt.

Bob erholte sich bald, und sein erster Gedanke war jetzt, die
zurckgelassenen Kameraden zu retten. Davon wollten nun die beiden
fremden Goldwscher allerdings Nichts hren, denn sie meinten, sie
seien nicht hier heraufgekommen, halbtodte Menschen im Wald herum zu
schleppen. Als ihnen aber Bob von dem Golde sagte, und ihnen gleiche
Theile mit ihnen zusicherte, gewann die Sache ein anderes Licht, und
ihre Wasserflaschen gefllt, machten sie sich jetzt auf den Weg, die
Verirrten aufzusuchen. Der heie Wind hatte berdies nachgelassen und
ein frischer Sdwind wehte khl von der See herauf.

Vergebens brachten sie aber zwei Tage wieder in den Bergen zu. Von den
zurckgelassenen Kameraden sowohl, wie von dem Golde war keine Spur mehr
zu finden. Auch die Goldwscher wollten keinen so spitzen Hgel in der
Nachbarschaft kennen, wie ihn Bob denselben beschrieb. Am zweiten
Tag war ihr Wasservorrath erschpft, und nicht gesonnen, sich einer
hnlichen Gefahr auszusetzen, kehrten sie trotz Bobs Bitten, nur noch
einen Tag daran zu wenden, zum Flu zurck.

Vier Wochen spter wurde von drei anderen Goldwschern, die vom Turon
aus eine kleine Excursion machten, neue Minen aufzufinden, ganz in der
Nhe des Flusses, und kaum eine englische Meile davon entfernt, der
halbvertrocknete Leichnam eines Matrosen gefunden. In seiner Nhe, und
zwar vom Flu fort, waren eine Anzahl Bume eingekerbt. Sie untersuchten
den Leichnam, aber er hatte nicht das mindeste Gold bei sich, und um ihn
nicht an der freien Luft lnger liegen zu lassen, gruben sie neben ihm
mit ihrem Handwerkszeug ein Grab und legten ihn hinein. Das dicht dabei
versteckte Gold hatten sie nicht gefunden. Ihrem Vermuthen nach mute
der Mann dort an der Stelle krank geworden und ohne Hlfe gestorben
sein.

Bob kehrte in die Minen zurck und begann an einer anderen Stelle wieder
zu arbeiten. Das damals gefundene Gold war zu verfhrerisch gewesen, die
Hoffnung auf weiteres Glck so rasch und pltzlich aufzugeben; als er
aber zwei volle Monate fast nur gearbeitet, sich selber am Leben zu
erhalten, bekam er es satt, ging nach Sidney zurck und dort wieder an
Bord des ersten Schiffes, das den Hafen verlie.

Der Capitain der Jane Douglas blieb noch einige Wochen in den Minen,
bis seine Leute ebenfalls der Arbeit mit Spitzhacke und Schaufel
mde wurden, engagirte sich dann gleich an Ort und Stelle unter den
fortgelaufenen Leuten von anderen Schiffen eine volle Mannschaft, und
konnte, whrend andere Capitaine noch im Hafen lagen und mit Schmerzen
auf nur wenigstens halbzhlige Bemannung harrten, seine Segel setzen und
die gefhrliche Nachbarschaft des Goldes wieder verlassen.




Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler
und uneinheitliche Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln wurde
der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen nderungen
befindet sich hier am Textende, die nderungen bei Satz- und
Anfhrungszeichen sind dort nicht aufgefhrt.


Liste der nderungen

  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite 51
  Er rief dann seine Lente herbei
  Er rief dann seine Leute herbei

  Seite 57
  und wenn er ihn jetzt das Verlangte gab
  und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab

  Seite 128
  unter einem andern Baum, sa ein Fureiender
  unter einem andern Baum, sa ein Fureisender

  Seite 164
  Da antwortetete eine Musketensalve vom Boote her
  Da antwortete eine Musketensalve vom Boote her

  Seite 228
  das er von Marsden Point mitgenommen, so lange zu benutzten
  das er von Marsden Point mitgenommen, so lange zu benutzen

  Seite 305
  Oh Susannah, dont you cry for me
  Oh Susannah, don't you cry for me

  Seite 305
  D'ont you cry for me
  Don't you cry for me

  Seite 306
  Oh Susannah, dont you cry for me
  Oh Susannah, don't you cry for me






End of the Project Gutenberg EBook of Inselwelt. Zweiter Band. Australische
Skizzen., by Friedrich Gerstcker

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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

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     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

