The Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden Schlers
(Zweite Fassung), by Clemens Brentano

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Title: Aus der Chronika eines fahrenden Schlers (Zweite Fassung)

Author: Clemens Brentano

Posting Date: May 20, 2013 [EBook #4504]
Release Date: October, 2003
First Posted: January 26, 2002

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DER CHRONIKA EINES ***




Produced by Michael Pullen.  HTML version by Al Haines.










Aus der Chronika eines fahrenden Schlers (Zweite Fassung)

Clemens Brentano



Vorwort

Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
Geschichte niederzuschreiben.  Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
schner altdeutschen Erzhlungen sein, die sie mit mancherlei
Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
Trlingen und seiner drei Tchter unterbricht, mit deren Versorgung
und der Abreise des Erzhlers sie schliet.  So lieb ich das Gedicht
hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
fehlen.  Jetzt, da diese Erzhlung mehr, ja selbst die altdeutschen
Rcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hnde, und ich
versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, da sie zu
pdagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
Romantik noch wenig wute, und da sie daher neben den allerneuesten
Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Islndisches Moos verwhnt,
diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblte
nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mgdelein,
denen sie Gott gesegnen mge!



Im Jahr, da man zhlte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
am zwanzigsten Tage des Maimonats, hrte ich, Johannes, der
Schreiber, die Schwalbe in der Frhe an meinem Kammerfenster singen
und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vgeleins erbauet,
bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
Freude lebet, gegen den Winter in ferne wrmere Lnder ziehet und,
der Heimat getreu, gegen den Frhling wiederkehrt; also nicht der
Mensch, der arme fahrende Schler, der wohl viel gegen Sturm und
Wetter ziehen mu, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hnde
zu erwrmen, da er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
meinet, haucht er hinein.

Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwlblein
auch auf seine Weise fortphantasierte, wre ich schier wieder
eingeschlummert, aber der Wchter auf dem Mnster blies: "In sen
Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehret; denn ich
war zum ersten Male in Straburg erwacht.

Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
Sommerhuslein des Gartens.  Links stand der Mond noch bla am Himmel,
und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold.  Da fand ich mich
zwischen Nacht und Tag und faltete die Hnde, und es fiel mir freudig
aufs Herz, da heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mntelein empfangen
und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mute.  O Freude und Ehre!
dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
Schwalbe habe nur gesungen, mir Glck zu wnschen, und der Trmer
habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
doch nur gertet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
doch nur gesungen in Gottes Frhlingslust, und der Wchter nur
geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stndlein geschlafen
htte, so es ihm von den Mnsterherren verstattet wre.  Also wird
der Mensch leicht bermtig in der Freude, und glaubet, er sei recht
der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint.  Da lie
ich die Augen frhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gtiger Herr und Ritter
Veltlin von Trlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
und konnte ich meine Begierde nun nicht lnger zurckhalten, sprang
auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Trnen des
Dankes an.  Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
gefaltet und gestutzet, und rot und weies Beinkleid von lndschem
Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weiem Hauslinnen, am Halse
bunt genht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen.  Da
ward es mir fast leicht und frhlich zumute, und htte ich wohl mgen
einen Sprung tun, als htte ich einen neuen Menschen angezogen mit
dem neuen Kleide.

Aber meine Hoffart whrte nicht lange; denn mein zerrissenes
Mntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehngt
hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
Lcher waren so viele Muler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
die mich meiner trichten Hoffart zeihten.  Es war, als sage das
Mntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, da du,
angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergit, das dich in
denselben gefhret?  Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrchiger,
da du das Brett, welches dich mit Gottes Hlfe an ein grnes Eiland
getragen, mit dem Fue undankbar in die Wellen zurckstest?  O
Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
Gedchtnis, da sich Gott deiner erbarmet?"

Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mnteleins, und ich
nahm es mit Schmen von dem Fenster, und legte es um ber meinen
neuen Staat, und fate es fest mit den Hnden um die Brust, als
wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schler
gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schler bleiben;
denn auf Erden sind wir alle arm und mssen mannigfach mit unserm
Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schler, bis
der Herr sich unser erbarmet, und uns einfhret durch seinen bittern
Tod in das ewige Leben.

Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
gesehen--denn mein gndiger Herr und Ritter war den Abend spt mit
mir angekommen und ich im Finstern in mein Stblein gebracht worden--,
konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
auch nicht zum Gebete kommen.  Ich fand mich von den schnen
Laubgngen, Zierfeldern und Pflanzen und den blhenden Bumen schier
ebenso sehr berraschet als von meinem neuen Gewande.  Ich fand mich
gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Sigkeit
des Lebens seine Hnde zum Danke falten lernet.  Der blhende Mal,
das lustige Singen der Vgel, die vielen jungen Kruter und Blmlein,
die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der khle Wasserstrahl,
welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als htte ich
dergleichen niemals gesehen, und wute ich auch nicht, was aus allem
diesem werden sollte.

So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
Krnze winden und sich bei den Hnden fassen und mit den Krnzen im
Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
reichen Herbst, und des Todes in dem trben, tiefsinnigen Winter:
also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfltiges Kind ohne
Witz durch den Garten und konnte vor groer Bewegung ber mein neues
Glck, das mir gestern frh noch nicht getrumt hatte, nicht zum
Gebete gelangen.

Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
meine Augen ersttiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
ihm Gott darum nicht gesegnet.  Alle das husliche, wohlgepflegte
Behagen des schnen Ziergartens erfllte mich mit traurigen Gedanken,
und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
Grunde gemalet?

"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schner, und
feiner und edler als du, wer war wrdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte?  Standen
die Trnlein nicht auf den Wangen wie die Tautrpflein auf diesen
Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lftlein durch die
Blten, und waren deine Augen nicht getreu und s schauend wie die
blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein?  Aber du mutest
gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wste.  Ach,
warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
wohnest du zwischen fnf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
Lebens nicht froh geworden noch deines Todes?  Sie haben dir keinen
Kranz geflochten.  Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehret nichts als
die Armut, und ich habe keinen Sckel, aus dem ich dir das schnste
Grab knnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."

Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
konnte.  Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, da ich eines
Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen.  Trnen fllten mir
die Augen, und Unwill erfllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
durchlchertes Mntelein so um mich, da es noch mehr zerrissen.

So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhuslein angebracht,
darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
Anbetung der heiligen drei Knige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen.  Da
zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
Knige dienten.  Wie fhlte ich mich in meiner Ungebrdigkeit
beschmt!  Und da ich mich mit Trnen angeklagt hatte, dankte ich von
ganzem Herzen dem Herrn, da er mich armen fahrenden Schler nicht
vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gndigen
Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
enthalten und die Knste, welche ich durch seinen Beistand mit
schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
anzuwenden.

Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
Herzen sprte, nahm ich ein glden gewirktes Band, worauf das Ave
Maria stand, aus meinem Gebetbchlein, und hngte es, durch das
Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria ber den Arm, als das
Opfer eines trichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
gefunden hatte.  Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
mir einst fr ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerhret
worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
Gebetbchlein gefhret.  Dann nahm ich auch mein Mntelein ab, und
rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
obern Stbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
Freud und Flle gewandelt hatte.  Nun wendete ich mich nach dem
Garten zurck, der mir ganz anders erschien als vorher.

So mag nichts vor dem Gemte des Menschen bestehen, welches alles
nach sich umgestaltet.  Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
alle die roten, leibfarben und weien Blmlein des Gartens jene
Blumen, durch die der Knig Ahasverus in seinem Schlogarten zu Ssan
gewandelt, seines Zornes zu vergessen.  Ja, es war mir, als sei der
liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
ber meine Ungebrde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
gesnftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
Frhling ein weiser Lehrer geworden.

Besonders aber hat mich der hohe Mnsterturm erschttert, als ich aus
einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn ber die Dcher der
Nachbarhuser auf mich niederschauen sah.  War mir es doch im Anfang
so bange vor ihm, wie es einer Grasmcke sein mu, wenn ein Riese den
Busch ber ihrem Neste ffnet und auf sie niederblickt.  Alles
Menschenwerk, so es die gewhnlichen Grenzen an Gre oder Vollendung
berschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man mu lange
dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genieen kann.

Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die beraus feinen und
natrlichen Gemlde des Malers Wilhelm in Kln, der von den Meistern
als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Kln gesehen, sind
dermaen zart, fein, scharf und lebendig, da man schier glauben
sollte, sie seien von Hnden der Engel gemacht, und erbebet man bei
ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben.  Man
fhlet da wohl, da der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
herrlicher ist als sein gewhnliches Sein und Schaffen, und man
erschrickt darber, da diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein mssen und wir
alle wohl tief herunter geworfen sind.

Die gewaltige Knstlichkeit des wunderwrdigen Mnsterturms htte
mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
Wldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgrnden und bei strzenden
Wasserfllen in einsamen Tlern recht in Einde, ja ganz verlassen,
auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefhlt
als bei dem Anblick dieses Turmes.  Wenn ich die Bltter und Zweige
der Bume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
Trmlein, Sulen und Schnrkeln, die immer auseinander heraustreiben
und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
erschrecken wrde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
Himmel ragen she; es sei denn, da er auf sein Antlitz niederfiele
und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hnde bedienet, mein ist
nichts daran als die Mngel, diese aber decke zu mit dem Mantel
deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Mae."
Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
den Baugersten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Grber
zu den Fen des Turmes gelegt, der nichts davon wei, und dasteht
ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
eigentlich ein recht unvernnftiger Turm ist, und doch dasteht, als
wre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
Menschen zu danken.  Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mhe und Andacht
von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
Verhltnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Khnheit
hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
mit seinem eigentlichen inneren Tode, so da er, der alles durch sein
Dasein im tiefsten Herzen rhret, doch gar nichts davon mitempfindet,
das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
Menschenwerke einen Schrecken beimischet.  Es ist, als frage er: Was
bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rhret in
mir?  Was knnen wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen ber
das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
sind gefallen in den Tod durch die Snde; du Turm aber stehe, als ein
Zeuge, da wir dunkel fhlen, was wir waren vor dieser Zeit, und da
wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
Trger unsrer Mhe und unsrer Bue zu Ehren unsres Heilands und
Seligmachers Jesu Christi, der uns erlset hat durch sein bittres
Leiden und Sterben.  Amen.

Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bumen
und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fhlet, im
Frhling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden.  Der Sinn des
Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
Ziel der Laufbahn und der Schlssel des Himmels; denn bewundern kann
der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
wieder verheien ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
teilhaftig machen.  Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
meine bittern Stunden waren nur die kalten, strmenden Tage des
Winters, denen der liebliche Frhling, angekleidet mit Blumen und
Gesang, folget, so ich se guten Samen und flle meine Seele mit dem
Lobe Gottes.

In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhuslein
gehn, sah aber meinen gndigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
gefalteten Hnden unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
traute nicht, ihm vorberzugehen, damit ich ihn nicht stre.  Ich
stellte mich darum in seiner Nhe bescheidentlich an die Laubwand,
und nahm mein Barett in die Hnde, erwartend, ob er seine Augen
vielleicht nach mir wenden mge.

Der Anblick meines Herrn erweckte eine groe Ehrfurcht in mir.  Ich
hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
mich am Wege barmherzig zu sich nahm.  Er hatte ein schneeweies Haar
am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen ber ihn hingeflogen
sein.  Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
Vertrauen in mein Herz senkte.  Gott gebe, da ich also in Ehren grau
werden mge! dachte ich bei mir und fhlte mich mit ganzer Seele zu
dem lieben Herrn hingezogen.  Er aber schien sehr betrbt zu sein,
seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vglein, die ber ihm in
dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trsten.

Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
zufllig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, da du so stille dastehest?"
Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stren, Herr;
Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."

Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefllt dir deine neue
Heimat; bist du zufrieden bei mir?"

Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein?  Da ich nun wei, wo
schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
wei ich nun auch, wen lieben, wem danken auer Gott, und fr wen
beten auer fr mich.  Herr, meine neue Heimat gefllt mir wohl; Gott
gebe, da ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer wrdig werde."  Da
lchelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefllt mir
wohl.  Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
geben, da du nichts hast?"

Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
denn ich kann Euch kein Wams geben fr das Wams, das ich durch Eure
Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
vor ihm schenke ich Euch mein Herz."

Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
geben wollte fr das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
wie dann, Johannes?"

Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so mu ich dann schon sagen,
da mein Herz gewi nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprfet
ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kmmt, da es
keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
machen vermag.  So nehmt es denn hin, wie es ist, und fget hinzu,
was man nicht mitgeben kann.  Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
Euch genieen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
allem Ernste nicht leicht verdrngen mgen; denn sie ist lieblich und
lustig anzuschauen, und knnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
so wrdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
ist sie."

Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
dem du so prahlest?"

Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
genieen lassen, wie ich kann.  Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei frhlichen Reden und
Gedanken."

Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl tricht und ein
schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
gndiger Herr ward nun sehr stille und finster.  Weil ich ihn an sein
Alter erinnert hatte, glaubte ich.  Da redete ich ihn schchtern an:
"Herr, ich habe Euch mit trichten Worten erzrnet."

Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
mir lange schon darauf liegt, mein Unwert.  Nun aber bedenke ich, ob
dein frhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
Grnen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
und angesungen von den unschuldigen Vgelein, nachdenklich und
betrbt?  Wirst du knnen, was der Frhling nicht vermag?  So du aber
Knste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
bleibe.  Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
sollst du ebenfalls von mir hren, warum ich betrbt bin."

Da ich die groe Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
vernommen hatte, fate ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
den Baum, und sprach also: "Mein gndiger Herr und Ritter, es gibt
keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam.  Aber
ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
unaussprechlich liebe Mutter; die lie mich an ihrem Herzen
schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
weckte sie mich nicht mit ihren Trnlein, die auf mich niederfielen,
so weckte sie mich mit Kssen, und lie mich ihr eignes Leben aus
ihren Brsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, da ich meiner
lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
mich in frhster Jugend einschlferte, und habe ich es nach ihrem
Tode in ihrem Gebetbchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
hret:


  O Mutter, halte dein Kindlein warm,
  Die Welt ist kalt und helle,
  Und trag es fromm in deinem Arm
  An deines Herzens Schwelle.

  Leg still es, wo dein Busen bebt,
  Und, leis herab gebcket,
  Harr liebvoll, bis es die uglein hebt,
  Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Trnen nicht,
  So weck ich dich mit Kssen;
  Aus deinem Aug mein Tag anbricht,
  Sonn, Mond dir weichen mssen,

  O du unschuldger Himmel du!
  Du lachst aus Kindesblicken,
  O Engelsehen, o selge Ruh,
  In dich mich zu entzcken!

  Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
  Mu ewig zu dir schauen,
  Und wenn mein Himmel trumend lacht,
  Wchst Hoffnung und Vertrauen.

  Komm her, komm her, trink meine Brust,
  Leben von meinem Leben;
  O, knnt ich alle fromme Lust
  Aus meiner Brust dir geben!

  Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
  Ach, du trinkst auch die Schmerzen;
  So strke Gott in Himmelshh
  Dich Herz aus meinem Herzen!

  Vater unser, der du im Himmel bist,
  Unser tglich Brot gib uns heute,
  Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
  Trnk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,
  Du taust aus Mutteraugen,
  Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,
  An deinen Brsten saugen!

  Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
  Mu ewig zu dir schauen;
  Du mut mir, die mich zur Welt gebracht,
  Auch nun die Wiege bauen.

  Um meine Wiege la Seide nicht,
  La deinen Arm sich schlingen,
  Und nur deiner milden Augen Licht
  La zu mir niederdringen.

  Und in deines keuschen Schoes Hut
  Sollst du deine Kindlein schaukeln,
  Da deine Kinder, so lieb, so gut,
  Wie Trume mich umgaukeln.

  Da trumt mir, wie ich so ganz allein
  Gewohnt dir unterm Herzen;
  Da waren die Freuden, die Leiden dein
  Mir Freuden auch und Schmerzen.

  Und ward dir dein Herz ja allzu gro,
  Und hattest nicht, wem klagen,
  Und weintest du still in deinen Scho,
  Half ich dein Herz dir tragen.

  Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!
  Khl dich in Liebeswogen!
  Da fhltest du dich so still, so fromm
  In dich hinabgezogen.

  So mutterselig ganz allein
  In deiner Lust berauschet,
  Hab ich die klare Seele dein,
  Du reines Herz, belauschet.

  Was heilig in dir zu aller Stund,
  Das bin ich all gewesen;
  Nun k mich, ser Mund, gesund,
  Weil du an mir genesen.

  O selig, selig ohne Schuld,
  Wie konnt ich mit dir beten;
  O wunderbare Ungeduld,
  Ans scharfe Licht zu treten!

  O Mutter, halte dein Kindlein warm,
  Die Welt ist kalt und helle,
  Und trag es fromm, bist du zu arm,
  Hin an des Grabes Schwelle.

  Leg es in Linnen, die du gewebt,
  Zu Blumen, die du gepflcket,
  Stirb mit, da, wenn es die uglein hebt,
  Im Himmel es dich erblicket.

  So lallt zu dir ein frommes Herz,
  Und nimmer lernt es sprechen,
  Blickt ewig zu dir, blickt himmelwrts
  Und will in Freuden brechen.

  Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,
  Bricht es uns allen beiden.
  Ach, Wiedersehen geht fern und weit,
  Und nahe geht das Scheiden!


Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
bichen stille.  Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
finden; das ist ein schnes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
wer hat es denn also gesetzet, da es am Ende so schmerzlich vom
Scheiden spricht?"

Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
war, da er von meiner Mutter scheiden mute, und hat sie ihn nie
wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht."  Da brachen mir die
Trnen aus, aber mein gndiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
ber das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut!  Ich will dein Vater sein,
das reicht auf Erden hin, Gott gebs!"  Da kt ich ihm die Hand und
fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
aller Snde und ward teilhaftig der Vershnung unseres Herrn Jesu
Christi.  Da ward ich erst reich ber alle Maen, da hatte ich das
ewige Leben und den Schlssel des Himmels geschenket.  Dann aber auch
ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben ntig
und lustig ist; denn ich ward gelehret, da der Glanz der Sonne all
mein Gold sei, der Spiegel der Flsse all mein Silber, die grnen
Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewlben und der grne hohe Wald
alle meine Gebude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
da mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
dessen Hnde ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne groe Makel zurckzugeben
hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwhlt--denn ich
bin eines Ritters Sohn--:


  Der Himmel ist mein Hut,
  Die Erde ist mein Schuh,
  Das heilge Kreuz ist mein Schwert,
  Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."


Da lchelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
mchtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
die dich sehen, haben dich lieb und wert.  Aber erzhl mir nun dein
Herkommen!"

Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
so recht ausfhrlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
Betrachtung; wie mir bewut ward, da es gewesen ist und gewesen sein
kann."  Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben?  Johannes, das
kann ich nicht, und bin ich begierig zu hren, ob du auch alles so
aufgeschrieben, da ich es wohl genieen mag; denn da die Schrift als
etwas Knstlicheres und dem Menschen Merkwrdigeres gegeben wird als
gewhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
Aufbehaltens wrdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
wohlgesetzt und deutlich sein.  Lies nun!"  Da hob ich an: Chronika
des fahrenden Schlers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn


  Dieses Buch ist mir wert und lieb;
  Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.


Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
Hof, der gehrt zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
Johannes.  Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Huslein vor
dem Hof, und nannte man sie die schne Laurenburger Els; mein Vater
aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
Kloster Arnstein gegenber an der Lahn liegt.  Was es aber fr eine
Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
selbst bekannt worden.

Das erste, dessen ich mich aus frhster Jugend von meiner Mutter
recht deutlich erinnre, ist, da sie mich lehrte, mich mit dem
Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hnde zu falten
und das Vaterunser und den englischen Gru zu beten.  Sie sagte mir
die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner groen Freude,
als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach.  Jetzt
noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
Lippen und sprche ihr nach.

Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich spter in
mancherlei Geschft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
betend, singend oder spinnend vor Augen.  Wenn sie mich manchmal
abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rhrenden Gesang;
denn sie sa spt auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.

Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
vor sich hinsang und spann, rhrte mich oft bis zu Trnen; warum, das
wei der liebe Gott gewi, zu dem ich wohl zuhrend mit kindischem
Herzen fr sie gebetet habe.

Einmal wei ich, da ich gar sehr weinen mute; als ich sie nachts
bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hrte, da fing eine
Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
spt, und der volle Mond schien klar und hell.  Meine Mutter aber
hrte nicht auf zu singen, und sang das Vgelein und sie zugleich.
Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fhle, aber nicht
auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
aufgerichtet und meiner Mutter zugehrt.  Sie sang aber ein Lied, das
lautete also:


  Es sang vor langen Jahren
  Wohl auch die Nachtigall;
  Das war wohl ser Schall,
  Da wir zusammen waren.

  Ich sing und kann nicht weinen
  Und spinne so allein
  Den Faden klar und rein,
  Solang der Mond wird scheinen.

  Da wir zusammen waren,
  Da sang die Nachtigall;
  Nun mahnet mich ihr Schall,
  Da du von mir gefahren.

  So oft der Mond mag scheinen,
  Gedenk ich dein allein;
  Mein Herz ist klar und rein,
  Gott wolle uns vereinen!

  Seit du von mir gefahren,
  Singt stets die Nachtigall;
  Ich denk bei ihrem Schall,
  Wie wir zusammen waren.

  Gott wolle uns vereinen,
  Hier spinn ich so allein;
  Der Mond scheint klar und rein,
  Ich sing und mchte weinen!


Besonders traurig aber kam es mir vor, da der Vogel und meine Mutter
zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und htte ich
damals wohl wissen mgen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen htte.
Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
die Nachtigall dazu?"

Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
auch.  Aber, Johannes, warum wachst du?  Schlafe, du mut morgen frh
heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schlfst,
so nehme ich dich nicht mit."  Da lschte sie die Lampe aus, und
trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
Stirne, Mund und Herz und kte mich, und da ich fhlte, da sie
weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drckte ihr Antlitz
fest an das meinige, und da weinten wir beide.

Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
machst du mir nochmals das Kreuz?  Ich habe ja schon gebetet."

"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
und ksse dich, wenn ich schlafen gehe, da dir Gottes und deiner
Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
schon geschlafen, wenn ich es tat, und wutest es darum nicht."  Aber
warum sie weine, sagte sie mir damals nicht.  Darauf entkleidete sie
sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
nach:


  Herr Jesus, ich will schlafen gehn,
  La vierzehn Engel bei mir stehn,
  Zwei zu meiner Rechten,
  Zwei zu meiner Linken,
  Zwei zu meinen Hupten,
  Zwei zu meinen Fen,
  Zwei, die mich decken,
  Zwei, die mich wecken,
  Zwei, die mich weisen
  Zum himmlischen Paradeise!

  Worauf wir ruhig einschliefen.

Am folgenden Morgen wachte ich frher auf als die Mutter.  Die
Schwalbe begann zu singen.  Ich kleidete mich leise an und trat an
das Bett meiner Mutter; die hatte die Hnde ruhig gefaltet, und der
junge Tag schien auf ihr Angesicht.  Ihr Anblick erfllte mich mit
Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
neulich also mit gefaltenen Hnden stille im Sarge liegen sehn, und
ergriff mich eine so tiefe Angst, da ich meine Mutter mit ungestmen
Kssen erweckte.  Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
Ursache meiner Trnen sagte, nahm sie meine Hnde von ihrem Hals und
faltete sie, und schlo sie in ihre lieben Hnde, und so beteten wir
zusammen zu Gott, und dankten ihm, da er uns diese Nacht erhalten
und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefrchtet, ich
sei tot, Johannes; sterben mssen wir alle, halte dich an unsern
Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
dich verlassen mu.  Und wenn ich einst die Hnde so schliee, um zu
beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schliee auch deine
Hnde so in die meinigen und bete mit mir, auf da uns der Heiland
zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
nach dem kommenden Tag.  Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
das du nie gesehen."  Whrend sie mir so die Augen zuhielt, fragte
ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann krftiger, und gefllt es
dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hnde so zusammen faltet,
wie du mit mir getan?"--"Gewi", sagte die Mutter, "wenn die, so es
tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
in die sie alle ihre Hnde gefalten haben.  Was habe ich dich von
der christlichen Liebe gelehrt?"  Da sprach ich: "Du sollst Vater und
Mutter lieben, auf da du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
Nchsten lieben wie dich selbst und Gott ber alles."--"Recht", sagte
die Mutter, "o wie selig wre die Welt, wenn alle Menschen so
vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
Gemeinde in der Kirche tut."  Da sagte ich kindisch: "Aber alle
Menschen knnen doch nicht ihre Hnde zu zwei Hnden zusammenlegen.
"--"O gewi, das knnen sie", erwiderte die Mutter, "und das in
unsers lieben Erlsers Jesus Christi Hnde, der berall und an allen
Orten ist, und seine heiligen Hnde fr uns am Kreuze ausgespannt hat,
uns zu erlsen von der Snde.  Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
und er ist die Hand, in welche wir unsre Hnde legen mssen, so
unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
"Alle Dinge sind mir bergeben von meinem Vater, und niemand
erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren.  Kommet her zu
mir, alle, die ihr mhselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
hat ihm alles in seine Hand gegeben.  Wir haben einen Frsprecher
beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Vershnung fr
unsre Snden, doch nicht allein fr die unsrigen, sondern fr die
Snden der ganzen Welt.  Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst fr
uns alle zur Erlsung hingegeben hat."  Ach, mchten nur alle ihre
Hnde in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
hoffend und liebend legen; dann wrden wir alle zusammen schauen in
das Angesicht Gottes."  Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
Hnde von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit groer Seligkeit in
den Glanz der Morgensonne, die ber dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
ber uns arme sndige Menschen scheinen lt; aber denen, die ihn
lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehrt
hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."

Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
ich so frh vorher nie aufgestanden.  Dieses Morgens und aller meiner
Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
groem Nutzen gedacht.  Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
Kloster zu verkaufen.  Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Strnge des Garns zu tragen,
welche ich mit einer groen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfltig
bis nach Arnstein getragen habe.  Wir kamen daselbst in des Abtes
Stube, die war mit schnen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
schnen Bilder an den Wnden so fleiig betrachtete: "Hans, dir
gefllt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
Ordensherr zu werden?  Wenn du fromm und fleiig bist, kannst du mit
der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
stillen Konvent unter der Kirche schlafe."

Da erwiderte ich: "Ich htte wohl Lust dazu, Abt in der schnen Zelle
zu sein, Hochwrdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
wohnen wollte."  Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
schne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen drfte, mchte wohl
das kleine Klosterpfrtlein zu enge werden, so viele sollten den
heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
ist noch viel lieblicher und milder als die deine."  Da sah ich bald
den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwrdiger Herr, zeiget mir sie!"
Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoe, und auch du; es ist
die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht."  Da sagte
ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
war St. Jrgen Bild, meines Vaters, Ritter Jrgen von der Laurenburg,
Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
mit dem glden Mund Bild, mein Patron, worber ich groe Freude
empfand, und als ich ihm den rmel kssen wollte, reichte er mir die
Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, da sie
dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
und fr jede Messe einen halben Heller von mir erhalten."  Da bat
die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
und er legte seine Hnde auf uns und betete.

Meine Mutter lie aber von dem Geld, das er ihr fr die Linnen
gegeben, zurck, eine heilige Messe fr ihr Anliegen in Sankt Jrgen
Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Trnen in die Augen, und
sie sprach mit Schmen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwrdiger Herr."
Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurck und wendet es Eurem Kinde zu;
ich wei, Ihr lebet bedrngt, ich will das heilige Meopfer selbsten
fr Euch halten und von ganzem Herzen fr Euch beten; aber ergebet
Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
allzu sehr nach."  Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwrdiger Herr, fr
Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
an, als knne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten."  Da sprach der
Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafr ein Kerzlein
vor St. Jrgen Bild aufstecken lassen.  Linnen und Garn gebet unten
im Kloster dem Bruder Sulpizius, da er Chorhemden daraus mache; denn
Eure Linnen sind gar fein."  Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
Korb zurck, bis wir aus der Kirche kamen.

In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
Altar St. Jrgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
Kloster getan, haben auch ihr Begrbnis in dieser Kapelle, wie ich
nachmals erfahren.  Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
war.  Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
ihm kniete, die Hnde auf das Haupt.  Meine Mutter sah oft und mit
recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter.  Ich betrachtete
ihn auch, und empfand eine groe Freude an ihm, htte ihm auch gern
etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grnen Kranz auf sein
steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
der Hand trug.  Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Trnen; da lie sie mich
los und senkte das Haupt auf den Betstuhl.  Ich empfand groe
Bangigkeit um ihre rhrende Gebrde.  Da trat ein Ordensbruder aus
der Sakristei mit einer schnen bunten Wachskerze; die zndete er an
der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
meiner Mutter und mir zu kssen, und als wir dies getan, steckte er
sie auf St. Jrgen Leuchter, der neben St. Jrgen Altar stand und
gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen.  Nun klang
das Glcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
groer Andacht.  Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hbsch
fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
dein Grovater, bete hbsch fr ihn!"  Nun hatte ich den Mut nicht
mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Grovater von
damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
frher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
deutlich entsinnen.

Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
Laurenburger da?"  Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
Augen den knienden Ritter an, dem ich das Krnzlein aufgesetzet.  Als
ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
Kreuze bezeichnete."  Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
Laurenburger auch schlafen gehn?"  Und sie sprach: "Ja, er will
schlafen gehn in die ewige Ruhe."  Ich aber fragte weiter: "Will denn
der kniende Ritter auch schlafen gehn?"  Da sprach sie: "Ach, Gott
gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schlft!" und ward wieder
sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
"Ksse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
Da kte ich ihn herzlich und setzte ihm das Krnzlein zurecht auf
seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen.  Meine Mutter aber
behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
htte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
Sulpizius stand.  Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
da war ein schnes weies Klosterbrot drinnen und ein Krglein voll
Weins, das schenkte uns der Herr Abt.

Sie dankte und ging ruhig mit mir links dem Walde zu, einen andern
Weg, als wir hergekommen waren.  Sie hatte den Korb am rechten Arme
und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, da ich nicht mde sei,
und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen.  Aber sie wollte
mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
zu tragen, und sie schlo mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
Brust, so da ich den Schlag ihres Herzens fhlte.  Da ward ich mir
so recht lebendig ihrer Liebe bewut, und geno ihrer Gte mit
kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
sie, wenn gleich gro und schlank, doch durch manche Sorge und
Nachtwache entkrftet war.  Sie war zart und wei mit langen blonden
Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern ber ihren reinen
blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
anblicken.  Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
Bewegung errtend und erbleichend zum Himmel schaute.  Ihr Mund aber
war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine zchtige Ehrfurcht.
Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
holdselig sie aussah, da sie mich so zrtlich durch die freie Luft
ber die grne Wiese hintrug, und meine Hrlein und ihre langen
blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche ber
uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang.  Da war mir unendlich wohl,
und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermden, ward so inbrnstig, da
ich glaubend fhlte, ich ermde sie nicht, und, mit ihren Haaren
spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
Mir ist, als trume ich, ich flge."  Sie aber antwortete nicht, als
mit einem zrtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
in Zpfe zu flechten, da ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
fallen mge, und sie lie es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
gern geschehen.  Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
unter den Bumen hintrug, brach ich einen grnen Eichenzweig ab, wand
ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
"Liebe Mutter, nun bist du geschmckt wie der kniende Ritter in St.
Jrgen Kapelle, nun hast du auch ein Krnzlein auf, und wenn er uns
nun durch den Wald entgegengeschritten kme, wrdet ihr euch beide
wohl sehr aneinander erfreuen ber die schnen Krnze?"  Meine Mutter
aber antwortete nicht und ging traurig fort, worber ich auch betrbt
wurde.

So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
Wald, als wren wir die einzigen Menschen auf der Welt, und htten
nicht viel Freude.  Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
Lahntal senkte; hier kte mich die Mutter und lie mich an die Erde.
Wir standen aber auf einer grnen Waldwiese, die ein frischer Quell
erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
zu der Lahn hinabeilte.  Wo wir standen, war die Gegend sanft und
mild, ein groer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
um ihn her standen mehrere Vogelbeerbume, die mit ihren
feuerfarbenen Frchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
auerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
Fruchtstrucher, Haselbsche, Johannis--und Klosterbeerstrucher, und
ich hatte die Flle zu brechen und zu genieen.  Gegen uns ber
erschien die Gegend ernster.  Das Lahntal schliet, von diesem Punkte
gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krmme wie einen
tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
streng und finster um diesen her, als htten sie tiefsinnige
Gedanken ber ein Leid, das hier geschehen.  Die Mutter stand stille
und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnublttern bedeckt, und
sammelte mit ngstlichem Fleie die schnsten Brombeeren und
Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Trublein zu reichlicher
Lese sich darbot.  Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lchelte sie freundlich,
strich mir mit der Hand ber die Stirne und sagte: "Schnen Dank,
Johannes, du bist ein gutes Kind."

Dann fhrte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
Schritten vor einer kleinen verlassenen Htte standen; der Efeu hatte
frei die Wnde umrankt, und selbst die verschlossene Tr mit seinem
Gitter umzogen.  Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
die Hhe, der neben der Tre stand, und ich mute ihr aus einem Loche
in demselben einen Schlssel holen, mit welchem sie die Tre
aufschlo, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
ohne sie zu zerreien, von der Tre abzulsen.  Nun gingen wir durch
eine kleine, gertlose Kche in eine viereckte Stube.  Ich trat mit
Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei groe Vgel
an den Wnden in unbestimmtem Lichte.  Meine Mutter aber stie
sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schlo aus schwarzem Bergwald
hervorragte.  An den Wnden der kleinen Stube sah ich auf
eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vgel befestigt,
und besonders eine Reihe alter Falken; auerdem lehnten und hingen
mancherlei Jagdgerte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schner
Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
heiligen Hubertusbilde stand.  Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
Herz gerhrt.  Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich frher nie
gesehen, mit bangem Staunen, whrend meine Mutter, auf einem
hlzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
Laurenburg sah.  Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrcke in meiner Seele
unterbrochen, und wenn ich jetzt zurckgedenke, mchte ich meine
damalige Empfindung wohl dem Gefhl eines Rades vergleichen, wenn es
in der Mhle pltzlich lebendig werden und sehen knnte, wie es sich
selbst und alle die andern Rder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
doch gleich vorstellen zu knnen, was es selbst und die andern Rder
eigentlich sollen, und was berhaupt eine Mhle ist.  Besonders aber
befremdete es mich, da meine Mutter mit allem dem Gerte der Htte
ganz vertraut war, und in der Htte tat, als wre sie immer darin
gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
wir nun hier, ist dies auch unser Huslein?  Dann will ich uns einen
kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden."  Da entgegnete sie
freundlich: "Was willst du dann mit den Vglein anfangen?", worauf
ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren."  Da fragte sie:
"Weit du denn, wo dein Vater ist?"  Und ich antwortete: "Im Himmel."
Nun nahm sie mich zu sich, und ich mute mich zu ihren Fen
setzen, und da erzhlte sie mir ohngefhr das, was ich hier weiter
niederschreibe.

Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, drfte es doch nicht
viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
Gedchtnis gefat, und es mir oft wieder von ihr erzhlen lassen, so
da wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag.  Sie sprach aber:
"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
daran, wie ich heute alle die Wege gehen wrde, die du mit mir
gegangen bist.  Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
schlafen mchten.  Jetzt aber will ich dir vieles erzhlen; denn ich
glaube, es wird dir frommen, wenn du frh weit, wie auf Erden viel
Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
unwandelbare Treue und Strke in dem irdischen Leide allein verdienen
knnen.  Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
dich fhren lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit.  Auch sollst
du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
Leid ist.  Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
allein um die Leiden deines Erlsers am Kreuze, an dem er gestorben
ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
und zu dieser Vershnung sollst du dich wenden, und fest an sie
glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Snde,
damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
Erlser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
berwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkmpfen zu deinem
Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlset im Sohn und
geheiliget im Heiligen Geist."

Was mir meine selige Mutter, die schne Laurenburger Els, in dem
Huslein meines seligen Grovaters, des Voglers Kilian, auf der
Hirzentreu von sich und dem lieben Grovater erzhlt hat

Diese Berghhe heit die Hirzentreu, und dieses Huslein, worin wir
sitzen, gehrte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
Falkenmeister nannte.  Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein.  Er ist geboren
zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Huslein hier selbst erbauet,
da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
eines Jgers zurckgelassene Waise, zu seiner Hausfrau whlte, und
sich hier mit ihr niederlie.  Es stehet auch drauen im Garten noch
der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
verfolgte, fand das erzrnte Tier hier meine Mutter, welche als ein
armes Mgdlein Kruter fr die Klosterherren in Arnstein sammelte,
und fate der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, scho einen Bolz von seiner
Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
geblendet, nun grade entgegen; da fate mein Vater einen guten Mut,
und ri ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
jenen Baum und erquickte sie an dem Bchlein, das hier entspringt.
Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer groen
Verwunderung, da der Hirsch neben ihnen im Gebsche stand, und mit
Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
senkte.  Da rhrte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
geschehen lie.  Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
Wald nach, was sie beide sehr rhrte und ihrem Gesprche eine grere
Vertraulichkeit gab.  Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
Hnde, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
miteinander in christlicher Ehe zu leben.

Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Htte, und fhrte meine
Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein.  Der gute Hirsch war
durch die Hlfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
geworden, da er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
Htte mit der Mutter baute.  Mein Vater pflegte dabei immer des
Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
freundlich zu ihnen, und ich wei noch recht wohl, da er, wenn wir
aen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
ihm Brot gab.  Einstens aber hrte mein Vater ihn in der Nacht heftig
schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
sehen, was dem guten Tiere fehlte.  Er war aber im Kampf mit andern
Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen berlegen waren, so
heftig verwundet, da er mit anbrechendem Tage zu den Fen meiner
Eltern starb.  Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, da
es, zu ewigem Gedchtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
und hat mein Vater diese Htte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
genannt.

Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
kleines Mgdelein, da ich nicht recht wute, was Sterben ist.  Ich
erinnre mich noch recht wohl, da ich auf ihrem Bette sa, als sie
krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
und Sprche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag.  Da ich nun oft,
wenn meine Mutter Arzneikruter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
und sie mir dabei allerlei Heilkrfte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
so war meine Seele damals so erfllt von der Begierde, ihr zu helfen,
da ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
hinauslief, um ihr einige Kruter zu suchen, von welchen mir getrumt
hatte.  Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
die Kruter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
Htte verirrt, aber ich verga, vor Begierde, das Arzneikraut zu
finden, meinen Hunger, und als ich endlich in groer Ermdung
niederkniete und mit Trnen zu dem lieben Jesuskinde betete, es mge
mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
schenken, bin ich darber vor Mdigkeit entschlafen.  Nach einigen
Stunden erwachte ich, und sah eine schne edle Frau vor mir stehen;
ein Diener fhrte ihr Ro, auf welchem ihr Shnlein sa, und war sie
abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah.  Sie
fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
von der Hirzentreu, und heute frh ausgegangen, ein Krutlein fr die
kranke Mutter zu suchen, kte sie mich und sagte, da sie mich
heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Gromutter; von da wolle sie
mich ber die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen.  Sie setzte
sich nun auf das Ro und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
Shnlein aber, Jrg, sa hinter ihr und hatte sie mit den Armen
umfat.

So zogen wir ein Stck Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
Shnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschftigten
meine Seele.  Aber der Hunger fing mich an zu drcken, und ich
bemerkte mit Weinen, da ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
fand.  Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
und das Krutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Krutlein
verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie mge mich
in den Wald zurcklassen, das Krutlein zu suchen.  Ich mute der
Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wute ich
nicht.  Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
getrumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist gro, denn sieh, mein
Diener trgt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
in seinem Wadsack auf dem Rcken; dies Kraut aber wchst nicht hier
zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
war, von dem Grtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
Landen jenseits des Meeres hat."  Da mute der Knecht den Wadsack
ffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
Traume gesehen.  Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
bringen, und ihm zu erzhlen, wie ich es gesucht, und wie mich die
Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen.  Der Diener kannte meinen
Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Htte
zu.  Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Shnlein allein vollends
zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinber nach der
Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
meinen Eltern hieher zurckbrachte.  Die gute Edelfrau hatte mir
viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krglein mit altem Wein,
und einige strkende Gewrzkchlein fr die kranke Mutter mit, und
versprach, sie selbst morgen zu besuchen.  Ihr Shnlein aber, das
nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
aus seinem Grtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
Elslein, komm wieder!"  Da gab er mir die Hand, und wir schieden.

Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, da du verloren
seist; Gott aber hat mich wunderbar getrstet durch das, was
geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
der hat mich wunderbar erquicket."  Da gab ich dem Vater den
Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schnen neuen Krug neben
der Mutter Lagersttte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
den Wein und die Wrzkchlein dem Vater gegeben.

Es war darber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
Weine und der Wrze, und sie fand sich so gestrkt, da sie das
Abendlied mit dem Vater mit groer Andacht leise mitsang, worber ich
zu ihren Fen auf ihrem Lager entschlief.  Gegen Morgen aber weckte
mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
heilige Wegzehrung fr sie.  Halte dich still, so sie schlft, und
bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, da kein Unglck
entsteht."  Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?"  Da sagte die
Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Scho dessen,
der gesagt hat: "Ich will euch trsten, wie einen seine Mutter
trstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
Trost!"  Da kte sie der Vater und ging fort.

Ich aber redete leise zu Fen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
kommen?"  Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
darnach."  Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
schwer, da ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
die sagte: "Elslein, bete!  Der dir das Kraut gebracht, das mich so
erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu erffnen, so du ihm
vertrauest."  Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
Jesus mge mir die Truhe erffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
ffnete die Truhe mit kleiner Mhe und brachte der Mutter das kleine
Kreuz.  Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
hngt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe.  Die Mutter
nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hnde und kte es, und drckte es
an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
drckte meine Wange an die ihrige.  Sie sprach nicht, sie flsterte
betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
ihr, und ich hrte sie sagen: "Hter, ist die Nacht schier hin?  Wer
da?  Gut Freund!  Sei getrost!  Ich bins!  Frchte dich nicht!  Herr,
bist du es, so heie mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
diesen Worten bewegte sie sich mhsam im Traume.  Ich verstand sie
nicht, und weckte sie mit Kssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
Herz?"  Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
noch nicht bei dir!  Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?"  Ich verstand sie nicht, und
suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Hnden entfallen war,
und legte es ihr wieder in die Hnde mit den Worten: "Herzmutter, da
ist der liebe Heiland."  Da kte sie das Kreuz wieder, und sagte
dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem groen Wasser
eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise ber das
Wasser, wie ein Wchter durch die Flur, und da rief ich mit aller
Macht: "Hter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
"Wenn der Morgen schon kmmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen."  Da
kam es gegen mich ber die Wogen geschritten, und ich sah, da es
eine einsame Gestalt war.  Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
"Gut Freund!"  Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein?  Da sprach er: "Sei getrost,
ich bins, frchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
heie mich zu dir kommen auf dem Wasser."  Da winkte er mir, und ich
trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
glaubte, da er es gewi sei, da er sich meiner erbarmen werde und
einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
nah, da ich schon das Wehen der Seligkeit fhlte; dann kam aber
pltzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
verschwand.  Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
und ich wandelte mit Mhe zu dir hin, und sa bei dir im Kahn, und
herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme.  Ich aber wachte,
und die Nacht ward wieder so lang, so lang.  Da hrte ich den
Flgelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
groer Sehnsucht: "Hter, ist die Nacht schier hin?"  Es flog aber
ein Tublein ber meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flgel der
Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
auf der Sndflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
hineinzunehmen; aber achte, da dein Gefieder rein sei!"  Da sah ich
den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hnde, die Fe und die
Seite des Herrn, und die heiligen fnf Wunden leuchteten wie Rubin
und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
Flgel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
Blutes auf meine Flgel, und sie werden gereinigt sein."  Und es flo
nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
du lagst in meinem Scho; da wollte ich dich kssen und Abschied
nehmen von dir, da schlangst du die Hnde um mich und wolltest mich
nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."

So erzhlte mir die kranke Mutter, was ihr getrumt, und ich hrte
ihr mit noch grerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine
Geschichte erzhlte.  Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,
das war sehr schn, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube
wieder kmmt, so bitte sie, da ich auch mit fliegen darf, ich will
auch recht beten; der mir das Krutlein gegeben, und mir die Truhe
geffnet, der wird mir auch gewi Flgel geben, da ich mit dir
fliegen kann."--"Das wird er gewi, liebes Elslein, so es dir gut
ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das
Tublein kme wieder, und ich flge mit ihm fort, so wrdest du gewi
gern zurckbleiben bei deinem Vater, da er nicht allein sei, so ich
dich darum bitten wrde."  Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so
du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest."  Sie aber
antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir
nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hrst du,
Elslein, du mut mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den
Vater trsten, wenn er weinen sollte, und ihm erzhlen, wie ich dir
gesagt, da ihr mir nachkommen werdet; denn das Tublein wird bald
kommen, mir ist, als hre ich schon seinen Flgelschlag."  Da kte
ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein
gutes Elslein sein", und die Mutter kte mich wieder mit den Worten:
"O du gutes, gutes Elslein!"  Dann bat sie mich, ihr das Lied von der
Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:


  Hr, liebe Seel!  Wer rufet dir?
  Dein Jesus aus der Hhe:
  "Komm, meine Taube, komm zu mir!"
  Den Ruf ich wohl verstehe.

  Wenn ich soll deine Taube sein,
  Mut du mir Flgel geben;
  Die wasch in deinem Blut ich rein,
  Und werde glaubend schweben.

  Du rufest mir!  Wie arm ich bin,
  Darf ich zu dir doch kommen;
  Die Mngel hat dein treuer Sinn
  Ja all von mir genommen.

  Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein
  Fr mich bei dir gefunden?
  "Ja, meine Taube, komm herein,
  Wohn hier in meinen Wunden!"

  Mein Jesu, ach, was willst du mir
  In deinen Wunden geben?
  "Durch meine Wunden, sag ich dir,
  Fliegst sterbend du zum Leben."

  Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,
  Er wird mich nicht verderben;
  Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,
  Da werd ichs Leben erben.


Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder
eingeschlummert.  Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von
dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem
Kreuze in ihre gefaltenen Hnde.  Da flog auch die Turteltaube,
welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und
rief: "Ruckuck."  Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr
Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,
da kmmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich
soll ihr den Abschied nicht schwer machen.  So stand ich leise, leise
von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem
Bchlein in das Gras und betete fr sie.  Da hrte ich ein Glcklein
im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und
zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwrdige
Gut, und der andere das heilige l, und ihnen folgten einige fromme
Mnner und Frauen, die stille beteten.  Da lief ich meinem Vater
entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,
welche die Mutter abholen will; wir drfen aber nicht gleich mit, ich
habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trsten, bis
wir nachkommen in die Herrlichkeit."  Mein Vater verstand mich wohl
und trat mit dem Geistlichen in die Htte, ich aber blieb drauen und
betete mit den Begleitern.  Hernach kam die Edelfrau von der
Laurenburg mit ihrem Shnlein, dem Junker Jrg, ber die Lahn zur
Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe
alte Diener war wieder bei ihr.  Die Edelfrau ging zu meiner Mutter
hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an
der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben
fr meine Mutter; da erzhlte ich ihm von der Taube und von allem.
Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in
die Htte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an
ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,
und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er
legte der Mutter Hand auf mein Haupt.  Die Mutter aber sagte: "Gott
segne dich, trste den Vater, bis ihr nachkommet.  Elslein, ich
fliege schon."  Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und
wendete dann den Blick zum Himmel.  Ich sprach: "Geleit dich Gott,
lieb Mutter!" und weinte laut.  Da trug mich die Edelfrau hinaus zu
ihrem Shnlein, dem erzhlte ich alles, und da ein paar Tauben
hinber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hnde
aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,
liebe Herzmutter!"

Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb
bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein
begraben war.  Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,
und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des
Trostes der geistlichen Herren zu genieen.  Die Edelfrau ist auch
mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte
sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ltern Sohn,
Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau
gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin
ihnen auf der Heimkehr begegnet.  Der Ritter war mir freundlich und
gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau
ihm den frommen Tod meiner Mutter erzhlet, war er sehr mitleidig mit
meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch
von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen
Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen mssen,
den Vogler von ihm zu gren, und will er ihm nchstens einen kranken
Falken schicken, da er ihn pflege.  Komm, Elslein", sagte der Ritter
dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist
noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedrfen."  Da brachte
mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.
Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurck; der sollte ihr von dem
Wesen des Grafen von Nassau erzhlen.  Wir fanden aber meinen Vater
mit dem Laurenburger Knecht vor der Tre sitzen in stillem Gesprch,
und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den
steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater
aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte
mich unter Trnen.  Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und
getrstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf
die Bank und erzhlte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und
sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,
sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglck machet
Gesellen.  Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau
mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er
mit vieler Liebe.  Unter solchem Gesprch stand ich zwischen meines
Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in
dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,
unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte.  Dann sagte mir der
Vater ins Ohr, ich mge den Wein und die Wrze von der Mutter
Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders
geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das
Altrlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an
demselben der Mutter und des Vaters Brautkrnzlein, ihre Spindel aber
stand vor meinem Bnklein, und war alles gar verndert.  Das hatte
meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, da er
seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen mge.

Nachdem ich mich genugsam ber alles gewundert, nahm ich den Wein und
die Wrze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch brig war,
und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter.  Da
trank der Herr, und mute ihm der Vater Bescheid tun.  Auch sagte der
Ritter: "Das ist ein kstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten
drfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller?  Einem Edelmann
wchst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem
Krummstab."  Mein Vater lchelte und sagte: "Gndiger Herr, Ihr habt
von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;
denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur
Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so
ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket."  Da trank der Laurenburger
nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein
legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen
gedeiht der Wein auf allen Wegen.  Das Fa, aus dem Frau Ida diesen
Krug gefllt, mu mir ebenso gut werden; Ihr mt mir wohl erlauben,
da ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl
bei Euch geschmeckt."  Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und
sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmhet, will ich Euren
Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr mt dann auch von meiner
Wasserquelle hier trinken, da fliet auch Gottes Segen drin."  Nun
schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit
dem Vater in unser einsames Huslein, worin die Mutter nicht mehr war.










End of the Project Gutenberg EBook of Aus der Chronika eines fahrenden
Schlers (Zweite Fassung), by Clemens Brentano

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Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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