The Project Gutenberg EBook of Ein Parcerie-Vertrag, by Friedrich Gerstcker

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Title: Ein Parcerie-Vertrag

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: October 5, 2013 [EBook #43892]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Ein Parcerie-Vertrag.


  Erzhlung
  zur Warnung und Belehrung fr Auswanderer und ihre Freunde.


  Volksbuch
  von
  Friedrich Gerstcker.


  Leipzig,
  Verlag von Ernst Keil.
  1869.




  Inhalt


                                    Seite
      Vorwort                         III
   1. Beim Schulmeister                 1
   2. Verschiedene Auskunft            17
   3. Herrn Kollboeker's Comptoir      29
   4. Die Abreise                      42
   5. Auf See und an Land              52
   6. In Brasilien                     64
   7. Die Reise in's Innere            78
   8. Der deutsche Consul              89
   9. Die Folgen des Contracts        105
  10. Der neue Besuch                 117
  11. Gerettet                        133
  12. In der Colonie Blumenau         141




Vorwort.


Ich habe versucht dem Leser in der nachstehenden Erzhlung eine, wenn
auch peinliche, doch treue Schilderung einer Familie zu geben, die sich
verleiten lie auf einen sogenannten Parcerie-[1]Vertrag hin ihr
Vaterland zu verlassen und ihr Glck in einem fernen Welttheil zu
suchen.

Das Land ist Brasilien, denn gerade mit den Pflanzern des heien und
nrdlichen Theils von Brasilien sind solche Vertrge abgeschlossen
worden, weil sich die freiwillige Auswanderung nicht jenen, fr den
Europer ungesunden Distrikten zuwandte. Der Hauptstrom der
sd-amerikanischen Auswanderung ging nach dem Sden von Brasilien, wohin
die Regierung selber deutsche Auswanderer wnschte und sie in vielen
Stcken begnstigte. Dort befanden sich die Colonisten wohl und
schrieben nach Deutschland zurck, wie gut es ihnen ging.

Diese Briefe wurden hufig von gewissenlosen Agenten benutzt um arme
unwissende Menschen in Deutschland, die keine Mittel besaen ihre
Passage zu bezahlen, zu tuschen, denn man versprach ihnen ja sie nach
Brasilien zu schaffen und von der ungeheueren Gre des Landes, und den
verschiedenen Klimaten und Bodenverhltnissen hatten die Unglcklichen,
mit ihren mangelhaften geographischen Kenntnissen keine Ahnung.

Sie sahen dann zu spt ein da sie betrogen waren, aber eben so wie sie
sich auer dem Schutz der deutschen Regierungen befanden -- denn unser
Consulats-Wesen lag entsetzlich im Argen und liegt =noch= darin, wenn
nicht die Norddeutsche Bundesregierung eine grndliche nderung
desselben vornimmt -- ebenso konnte auch die brasilianische Regierung
nur in solchen Fllen einschreiten, wo ihr Beweise gebracht wurden, da
die Pflanzer ihre Arbeiter wirklich betrogen. Wie schwer das aber in
einem so ungeheueren Reiche und in den abgelegenen Provinzen war, lt
sich denken.

Vor diesen und vielen hnlichen Contracten mchte ich nun den
Auswanderer nicht allein warnen, sondern auch ihm sowohl, wie Allen
solchen die sich fr fortziehende Familien interessiren oder von ihnen
um Rath gefragt werden, ein deutliches Bild vor Augen rcken, wie es,
leider in den meisten Fllen, mit derartigen Vertrgen steht.

Ich gebe zu da manche derselben ehrlich gemeint sind und ehrlich
gehalten wurden, und dadurch dem unbemittelten Auswanderer Vortheile
boten, die er auf eine andere Art nur schwer erreicht htte. Aber
nirgends ist ihm dafr eine Gewhr gegeben. Von dem Augenblick an wo er
das fremde Land betritt, ja lt er sich besonders mit englischen und
vorzglich =belgischen= Agenten ein, von der Stunde an wo er die
heimische Grenze berschreitet, bleibt er der Willkr fremder Menschen
preisgegeben, und zwar =ohne= Hlfe, =ohne= Schutz.

Wer einmal auswandern will mag es thun, aber er soll sich vorher, um
seiner selbst und seiner Familie willen, nicht durch ein Blatt Papier
Hnde und Fe binden lassen. Ein =freier= Mann findet berall in der
Fremde sein Brod, ein durch einen Contract gebundener ist dagegen der
Sclave seines Herrn und wer ihm hier in Deutschland vorredet, die Sache
wre gar nicht so schlimm -- sein rgster Feind.

In solchen Fllen aber, wo ein armer deutscher Familienvater gar =keine=
Mittel in Hnden hat, um ein fremdes Land zu erreichen und er doch sein
Elend hier vor Augen sieht, ohne im Stand zu sein sich herauszuarbeiten,
wo es ihm also wie eine Hlfe in der Noth erscheint wenn er in ein
fremdes Land auf fremde Kosten bersiedeln kann, da gehe er nicht etwa
unter =jeder= Bedingung, denn er hat sich die fr ihn und die Seinen
nachher vielleicht furchtbaren Folgen sonst selber zuzuschreiben,
sondern beobachte die folgenden Regeln.

Vor allen Dingen verlasse er sich nie und unter =keinen= Umstnden
allein auf das Wort eines Auswanderungs-Agenten.

Alle diese Leute die eine Auswanderungs-Agentur errichten, sind mit nur
=sehr= wenigen Ausnahmen, heruntergekommene Kaufleute oder sonst
Menschen die ein solches Geschft als =letzten= Erwerbszweig ergriffen
haben, und fast =ohne= Ausnahme nicht das Geringste von fremden
Welttheilen wissen oder verstehen.

Sie bleiben dabei einzig und allein auf den Gewinn des =Kopfgeldes=
angewiesen, das sie fr Alle solche bekommen, die durch sie befrdert
werden. Wohin! bleibt sich bei ihnen gleich, wenn sie ihre Kpfe nur
auf ein Schiff liefern, und was nachher aus den Unglcklichen wird,
kmmert sie wenig oder gar nicht.

Alle solche Contracte dabei, die auf Hlfte des Gewinns oder auch auf
einen Antheil lauten, sind fast =ohne= Ausnahme betrgerischer Art,
wenigstens ist der Auswanderer, der die fremde Sprache nicht versteht
und dem keine Einsicht in die Bcher seines Herrn zusteht (die ihm unter
solchen Umstnden auch Nichts ntzen wrde) jedesmal demselben auf Gnade
und Ungnade bergeben, und wenn er wirklich auch einmal =nicht= betrogen
werden sollte, hlt er sich doch sicher selber davon berzeugt.

Theilcontracte sind fr ihn annehmbar, wenn sie auf umgekehrten
Grundstzen beruhen, wie sie besonders in Sd-Australien von englischen
Grundeigenthmern zu ihrem eigenen, aber auch dem Nutzen der deutschen
Einwanderer, abgeschlossen wurden.

Nach diesen bernahm der Auswanderer eine Strecke Land, bekam von dem
Eigenthmer das nthige Ackergerth geliefert, und zahlte jhrlich fr
den Acker 4  also etwa 27 Thlr. Pacht, wobei er jedoch nach 14 Jahren
das =Vorkaufsrecht= auf das Land hatte.

Bei einem solchen Contract, obgleich in Amerika und auch in
Sd-Brasilien viel gnstigere Bedingungen fr den Einwanderer zu
erlangen sind, standen sich doch beide Parteien gut und der deutsche
Arbeiter blieb nicht allein sein eigener Herr, sondern sah auch selber
wie er langsam vorwrts rckte.

Es giebt aber auch Flle hier, wo der arme Tagelhner wirklich im alten
Vaterland im grten Elend lebt, und nur Gott dankt wenn er freie
Passage nach einem fremden Welttheil erhalten kann. Er ist also dann
gezwungen Verbindlichkeiten einzugehn, die aber nie einen solchen Grad
erreichen mssen, da er sich, wie bei diesen schurkischen
Parcerie-Vertrgen, fast bedingungslos einem Agenten und dessen
Helfershelfern verkauft.

Nur zwei Bedingungen =kann= er annehmen; er luft wenigstens keine
unmittelbare Gefahr dabei, und wenn ihn auch beide zur Arbeit zwingen,
bleibt er doch dabei sein eigener Herr, oder wird es wieder sobald er
die fr ihn wirklich ausgelegten Kosten bezahlt hat. Beide Arten habe
ich selber in Australien, in Brasilien und in Peru ausgefhrt gesehn,
und bei beiden befanden sich die Einwanderer wohl.

Die eine ist, da ihm ein bestimmter, den Preisen des Landes in das er
zieht angemessener Tagelohn bestimmt wird, fr den er so lange arbeiten
mu, bis er seine Reisekosten bezahlt hat -- und nicht eine Stunde
lnger. Dann ist er wieder sein eigener Herr, hat das Land in der Zeit
kennen lernen, und kann nun seinen Contract mit dem bisherigen Brotherrn
machen, um sich auch ein Stck Land als Eigenthum zu erwerben. Solche
Contracte sind viele nach Moreton-Bai in Australien und besonders nach
Sd-Brasilien abgeschlossen worden.

Die andere da er das ihm berwiesene Land, wohin man ihn bringt
entweder nach Jahr und Tag, wie es seine Erndten erlauben, langsam
abbezahlt, oder es auch ganz vom Staat geschenkt bekommt, denn eine
Regierung (und mit Privatleuten soll man sich unter =keiner= Bedingung
einlassen; es ist wenigstens stets gefhrlich) lt ja doch nur dann
Einwanderer passagefrei in ihr Land schaffen, wenn ihr daran gelegen ist
dasselbe cultivirt zu bekommen. Das kleine Stck das sie ihm dann
anfangs als Geschenk giebt, hat noch keinen Werth fr sie -- aber die
Nachbardistrikte =werden= werthvoll sobald sich fleiige Colonisten in
der Nhe niederlassen, denn nicht sie allein brauchen spter mehr Land
und mssen es von der Regierung kaufen, sondern sie ziehen auch
Landsleute und andere Ansiedler dorthin und erffnen damit in bis dahin
unbewohnten Distrikten Handel und Verkehr.

Aber selbst unter den anscheinend gnstigen Umstnden bleibt fr den
Auswanderer groe Vorsicht nthig, ehe er einen so wichtigen Schritt
thut und sein Vaterland, mit Allem was er eigen nennt, verlt.

Er soll sich auch um Gottes Willen nicht zu rasch dazu entschlieen und
besonders =nie= vorher einem Agenten sein Gepck bergeben bis er nicht
vollkommen mit sich im Reinen ist, Leute die etwas davon verstehn und
kein eigenes Interesse dabei haben, zu Rath gezogen und einen Contract
in Hnden hat, der nicht allein =ihn= bindet, wie ein solcher
Parcerie-Wisch, der weiter Nichts erklrt als da sich der Auswanderer
an den Agenten verkauft und zur Beglaubigung selber seinen Namen
darunter gesetzt hat -- nein, der auch dem fr den er arbeiten soll,
Pflichten auferlegt, welche ihm selber den Lohn seiner Arbeit sichern.
Er bekommt und will ja Nichts geschenkt; fr das was er erhlt leistet
er wieder, und wie beide Theile einen Nutzen dabei erhoffen, mssen sich
auch Beide gleichberechtigt gegenberstehn.

Auerdem mu er sich ber die geographischen Verhltnisse sowohl wie
ber die politischen des Landes, nach dem er befrdert werden soll genau
bei Leuten erkundigen die ihm auch wirklich Auskunft darber geben
knnen, denn gerade in neuster Zeit haben wir ein Beispiel wie dringend
nthig das ist. Dorfschulmeister sind aber nicht die passenden Menschen
dazu, denn sie werden so erbrmlich besoldet, da sie kaum das
Nothwendigste fr ihren Lebensunterhalt erschwingen, vielweniger denn
grere und besonders fremde Zeitungen halten knnen. Die Agenten
dagegen, wenn sie wirklich etwas wissen, verheimlichen das dem
Auswanderer Bedenkliche, um ihn ja nicht von der Reise abzuhalten.

Der Fall worauf ich Bezug nehme, ist der folgende:

Die Chilenische Regierung (eine der besten und zuverlssigsten in ganz
Sdamerika, wie sie sich wenigstens =bis jetzt= bewhrt hatte) hat einen
Contract mit einem Hamburger Schiffsrheder gemacht, ihr im ersten Jahr
hundert, im zweiten zwei, im dritten dreihundert und sofort bis zum
vierten Jahr, Familien hinber nach Chile zu schaffen, fr welche sie,
fr die Erwachsenen fr den Kopf 40 Dollar Passage zahlt. Sie will den
Ansiedlern dort gutes Land geben, verlangt auch Nichts fr ihre Auslagen
zurck, sondern wnscht allein ihr Land besiedelt zu bekommen.

Das =klingt= ausgezeichnet. Chile hat ein vortreffliches Klima, Tausende
unserer deutschen Landsleute leben dort glcklich und in guten
Verhltnissen, und die Regierung gilt berall als Vertrauen erweckend.
Ich selber wrde auch meinen Landsleuten mit Freuden gerathen haben, so
gnstige Anerbietungen zu benutzen. Aber sie sind eben =zu= gnstig, und
die Sache hat einen Haken.

In dem Contract steht nmlich da die Auswanderer nach Arauco geschickt
und in Lota ausgeschifft werden sollen -- Was sind das nun fr Orte?--

Araukanien selber ist bekannter. Der Distrikt liegt von Chilenischen
Regierungsbezirken im Sden und Norden begrenzt, und war bis jetzt --
und ist eigentlich noch bis auf den heutigen Tag, freies Indianisches
Land, in dem die Weien keine Macht haben, weil sie die Araukaner noch
nicht unterwerfen konnten.

Arauko ist ein kleiner Ort im Nordwesten des Staates -- Lota, nicht sehr
weit davon entfernt, an der Kste des stillen Meeres eine Chilenische
Kohlenstation, und bis jetzt der einzige Platz in Araukanien, auf dem
die Chilenen festen Fu gefat.

Neuerdings sind sie nun wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien
eingefallen, haben die Araukaner -- wilde kriegerische Indianer,
zurckgeworfen und sehen voraus da sie das eroberte Terrain nicht
selber besetzt halten knnen. Dazu pat ihnen aber eine deutsche
Einwanderung, die sie sich unter diesen Umstnden auch gern etwas kosten
lassen wollen. Unsere deutschen Familien sollen da hineingeschoben
werden, und wenn die Indianer bei ihnen einbrechen, ihre jungen Leute
erschlagen, ihre Weiber und Tchter mit fortschleppen -- nun so lt man
eben wieder Andere nachkommen.

Dem Contract selber sieht man das freilich nicht an, denn er lautet
unverfnglich genug. Wer aber die Verhltnisse jenes Landes kennt, mu
auch dem Auswanderer abrathen selbst diese scheinbaren Vortheile
anzunehmen, weil sie nur eben scheinbar sind. Im =gnstigsten= Fall ist
er jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt da die Indianer ber sein
Land brechen, ihm sein Vieh wegtreiben und seine Erndten zerstren und
er darf dort weder fr sein Eigenthum wie selbst fr sein Leben
Sicherheit erwarten.

=Jeder= Contract ist deshalb fr den Auswanderer gefhrlich, wenn er
sich nicht vorher nach =Allem= erkundigt hat was das Land betrifft, und
zwar bei Leuten, wie gesagt, die nicht wie der Auswanderungsagent ein
specielles Interesse haben ihn nur auf ein Schiff zu packen, damit sie
fr seinen Kopf ihr bestimmtes Geld bekommen.

Auerdem warn' ich aber meine deutschen Landsleute noch ganz besonders
vor dem =Antwerpener= Auswanderungs-Agenten, mit denen sie sich unter
=keiner= Bedingung einlassen drfen, wenn sie sich nicht der grten
Gefahr aussetzen wollen.

Sind sie entschlossen auszuwandern, so bietet ihnen =Bremen= vor allen
anderen Stdten reelle Schiffsgelegenheit nach =allen= Welttheilen und
neben Bremen Hamburg. Dort sind die Auswanderer noch auf deutschem
Boden, unter deutschem Schutz und deutschen Regierungen ist es mglich
ihre Einschiffung wie Befrderung zu berwachen, wie Betrgereien -- die
sie aber da wohl kaum zu frchten haben -- entgegenzutreten; in einem
fremden Land dagegen, dessen Sprache sie nicht einmal verstehn -- und
sie sollen nicht etwa glauben da in Antwerpen deutsch gesprochen wird
-- sind sie in den Hnden der Agenten, und haben sich, =was= sie
betrifft, selber zuzuschreiben.

Zum Schlu will ich aber noch hinzusetzen da diese Erzhlung nicht etwa
den Zweck hat Auswanderer von einer bersiedlung nach Brasilien selber
abzuhalten. Nur in die nrdlichen Distrikte drfen sie nicht gehen,
besonders nicht auf solche Theilcontracte hin. Sd-Brasilien dagegen,
und vorzglich die Provinzen Rio Grande do Sul, Santa Catharina und zum
groen Theil auch Parana eignen sich ganz vortrefflich zur deutschen
Auswanderung. Die dort angelegten, schon sehr bedeutenden deutschen
Colonien befinden sich wohl, und die Deutschen selber ordnen sich dort
keineswegs der verdorbenen Portugiesischen Rae unter, sondern =haben=
schon ein bergewicht erlangt, das mit einer vermehrten Einwanderung
dahin auch nur zunehmen mu.

Auerdem befinden sie sich in einem gesunden Klima und -- fr ihre
weitere Entwicklung besonders gnstig -- am Atlantischen Ocean, der
ihnen einen leichten und raschen Verkehr mit dem Mutterlande bietet. Und
somit bergebe ich dem Leser diese Bltter und hoffe da sie ihn in
Manchem aufklren, ihn auf Manches aufmerksam machen werden, was spter
entweder ihm selber, oder Leuten die sich bei ihm einen Rath erholen,
von Nutzen sein mag.

  Der Verfasser.




Erstes Capitel.

Beim Schulmeister.


Drauen im Land ackerten die Knechte und waren die Tagelhner emsig
beschftigt Kartoffeln zu legen, denn der Frhling hatte dieses Jahr
lang auf sich warten lassen und eine hohe Schneedecke die Feldarbeiten
bis zu einer ungewhnlich spten Zeit hinausgeschoben. Jetzt endlich
schien der kalte, strenge Nordost-Wind, der Monate lang geweht, seine
Herrschaft verloren zu haben. Er sprang nach Sdwesten um, warme Regen
setzten ein, und wie mit einem Zauberschlag warf die Natur ihre starre
Winterdecke ab, und kleidete sich in ein junges, frisches Grn.

Und wie die Lerchen jubelten, und die Bachstelzen, die bis jetzt
achselzuckend an dem gefrornen Bach umhergetrippelt waren, auf einmal so
geschftig herber und hinber sprangen; was sich die Rothschwnzchen
Alles zu erzhlen hatten, und wie eilig die Staare ihre alten Baupltze
aufsuchten und herrichteten. -- Aber die Menschen nicht minder, denn es
galt sehr viel nachzuholen, und die Arbeit hufte sich so in der Zeit,
da Arbeits=krfte= kaum gengend zu beschaffen waren.

Um so mehr mute es auffallen, da gerade heute Einer der fleiigsten
und ordentlichsten Arbeiter, Behrens mit Namen, in seinem
=Sonntags=rock, den groen ausgeschnittenen Hut auf, langsam durch das
Dorf ging, und gar nicht die Absicht zu haben schien, in die allgemeine
Thtigkeit irgend wie mit einzugreifen.

Die Chaussee herunter, vom Feld herein, kam im Trab auf seinem alten
Apfelschimmel der Rittergutspachter geritten. Er hatte drauen nach den
Arbeitern gesehen, und war eben nur zurckgekommen, um noch auf dem Hofe
selber einige nthige Anordnungen zu treffen. Als er aber einen seiner
Tagelhner -- oder sogenannte Husler, weil sie kleine, dem Gut gehrige
Huser bewohnen, -- in einem so ungewohnten Aufzug und mig sah,
zgelte er berrascht sein Pferd ein und rief ihn an.

Hallo Behrens! -- wo wollt =Ihr= denn hin? Ich glaubte, Ihr wret
krank, weil ich Euch nicht drauen bei den Knechten fand. Was soll denn
das heien? Warum seid Ihr nicht bei der Arbeit?

Ich werde hier wohl nicht mehr arbeiten, Herr Frommann, sagte der
Tagelhner, indem er achtungsvoll den Hut zog und neben dem Reiter
stehen blieb.

Nicht mehr arbeiten? rief der Pachter erstaunt. Habt Ihr eine
Erbschaft gemacht, Behrens, und seid Ihr ein reicher Mann geworden, da
Ihr ohne Arbeit leben knnt?

Ohne Arbeit mcht' ich gar nicht leben, Herr Frommann, sagte der Mann
freundlich, wenn ich auch wirklich so viel Geld htte, da ich alle
Tage Braten essen knnte, aber -- da wir nicht einmal alle Tage satt
Kartoffeln haben, so mu ich doch sehen wie ich das ndern kann, denn
der Jammer daheim frit mir das Herz ab.

Eure Frau ist noch krank?

Krank nicht mehr, Herr Frommann, Gott sei Dank, aber doch noch so
schwach, da sie auf Wochen, ja vielleicht auf Monate lang, nicht daran
denken darf schwere Arbeit zu thun. Das Kleinste macht ihr ohnedies
genug zu schaffen.

Und da versumt Ihr =auch= noch Euren Tagelohn?

Der Mann schwieg einen Augenblick. Er hatte augenscheinlich etwas auf
den Lippen, was ihm schwer wurde auszusprechen, -- endlich sagte er mit
leiser Stimme: Ich will nach Amerika, Herr Frommann.

Nach Amerika? rief dieser erstaunt, seid Ihr toll?

Nach Brasilien.

Nach Brasilien? Und mit Eurer ganzen Familie? Wo wollt Ihr das viele
Geld dazu hernehmen?

Da haben Sie Recht, Herr Frommann, nickte traurig der Mann, wenn
=ich= die Reise bezahlen mte, km' ich nicht einmal mit den Meinen in
die nchste Seestadt, viel weniger ber das weite Meer hinber, -- aber
vorige Woche war ein Herr aus der Stadt hier, der uns versprochen hat
da wir frei hinbergeschafft werden sollen, und es nachher dort drben
abverdienen knnen. Da will ich es denn in Gottes Namen einmal versuchen
-- und auf der Reise erholt sich auch vielleicht meine Frau wieder, denn
sie hat hier zu viel schaffen mssen und ist dadurch nur immer mehr
herunter gekommen.

Der Pachter schttelte mit dem Kopf und whrend sein Pferd langsam auf
der Strae hinging, schritt der Mann neben ihm her.

Behrens, Behrens, sagte er endlich, ich frchte, Ihr steht da im
Begriff, einen recht raschen und unberlegten Schritt zu thun, denn hier
zu Lande hrt man nicht viel Gutes ber solche Vertrge, und wenn Ihr da
drben zwischen die Fremden kommt, deren Sprache Ihr nicht einmal kennt,
so seid Ihr so gut wie verrathen und verkauft, und mt Alles mit Euch
geschehen lassen.

Wir haben aber einen Contract, Herr Frommann, sagte der Arbeiter,
indem er in die Tasche griff und ein Papier herausholte, da steht Alles
darauf und ich brauche ihn nur zu unterschreiben, und dann sollen wir
uns um gar nichts mehr bekmmern, sondern werden frei hinber in das
Land geschafft, wo so herrlicher Boden ist, da die kostbarsten Frchte
drauen frei im Walde wachsen. Auch haben wir dort immer Sommer und so
viel Holz, da man sich holen kann was man mag, ohne einen rothen Heller
dafr zu bezahlen. Mein Bruder ist ja auch seit langer Zeit dort
hinbergegangen und hat mir schon vor zwei Jahren geschrieben ich sollte
nur hinber kommen, denn es ginge ihnen =sehr= gut, und er wollte mich
dort schon einrichten. Ja, aber du lieber Gott, von unserem =Tagelohn=
hier htt' ich ja im ganzen Leben nicht das Reisegeld erschwingen
knnen.

Und wo ist Euer Bruder?

In der Colonie Blumenau.

Und dorthin wollt Ihr auch?

Ja das wei ich noch nicht, erwiderte der Mann, ich denke ja, denn so
weit werden die Pltze doch nicht von einander sein.

Zeigt einmal das Papier, Behrens, sagte der Pachter und streckte die
Hand darnach aus.

Behrens reichte ihm den Contract aufs Pferd hinauf und der Pachter las
ihn langsam durch. Dabei schttelte er aber den Kopf und sagte endlich:
Ja, Behrens, das ist eigentlich gar kein Contract, denn ein solcher
bindet beide Theile zu verschiedenen Verpflichtungen; hier aber sehe ich
nichts darin, als wozu =Ihr= Euch, fr Euch und Eure Familie
verpflichten sollt. Es steht auch weiter nichts drber, als:
=Verpflichtung=, und wenn Ihr es dabei mit einem ehrlichen Mann zu thun
bekommt, so mag die Sache vielleicht gehen; fallt Ihr aber gewissenlosen
Menschen in die Hnde, dann seid Ihr auch eben in ihre Hnde gegeben,
und sie knnen mit Euch machen, was sie wollen.

Aber das =soll= ein ehrlicher Mann sein, Herr Frommann.

Wer hat Euch das gesagt?

Der Herr aus der Stadt.

Ein Auswanderungs-Agent wahrscheinlich, nickte der Pachter, der so
und so viel Kopfgeld fr Jeden bekommt, den er hinber schafft. Wollt
Ihr nicht erst einmal Jemanden fragen, der mit den Verhltnissen genau
bekannt ist, und kein eigenes Interesse dabei hat?

Ich wollte eben zum Schulmeister gehen, Herr Frommann; der mu es
wissen, denn er hat erst noch in voriger Woche den Kindern von Brasilien
erzhlt und was es fr ein herrliches Land wre.

Ob =der= Euch gerade in einer so wichtigen Sache einen Rath geben kann,
Behrens, wei ich nicht, und bezweifle es fast, denn was er darber
sagen knnte, liest er doch nur aus seinen Bchern. In der Stadt findet
Ihr vielleicht Andere, die mehr Erfahrung darber haben, -- aber ich mu
fort, denn sie brauchen drauen noch Saatkartoffeln. Das Auswandern kann
Euch natrlich kein Mensch verbieten, wenn Ihr einmal fest dazu
entschlossen seid, aber leid sollte es mir um Euch thun, Behrens, wenn
Ihr in schlechte Hnde kmt. Brasilien mag ein schnes Land sein, aber
Ihr wit nicht was Ihr dort findet. Bleibe im Lande und nhre Dich
redlich! ist ein altes, braves Sprchwort.

Ja, Herr Frommann, das ist wohl wahr, nickte Behrens, wir wissen
nicht was wir in Brasilien finden, aber wir wissen leider was wir =hier
haben=: Jammer und Elend und schwere Arbeit, die nicht einmal so viel
abwirft, um uns bei Krften zu erhalten.

Aber Euer Lohn ist erst krzlich auf acht Groschen erhht worden.

Ja, seufzte der Mann, und fr einen ledigen Burschen mag es
ausreichen, wo aber =Einer= fr =Fnf= verdienen soll, denn das Hannchen
kommt jetzt gar nicht von der kranken Mutter weg, was sind da acht
Groschen; sie reichen nicht einmal fr's liebe Brod in den Wochentagen,
und am Sonntag, wo wir nichts verdienen =drfen=, wollen wir doch auch
leben.

Aber es giebt doch immer hie und da zu thun.

Als ich neulich am Sonntag im Wirthsfeld grub, sagte der Mann, hat
mich der Herr Pfarrer angezeigt, und ich mute fnf Groschen Strafe
bezahlen. Wir haben dafr den ganzen Montag gehungert.

Der Pachter seufzte, aber er erwiderte nichts darauf.

Na, Behrens, sagte er nach einer Weile, thut keinen unberlegten
Schritt. -- Es sollte mir leid thun, Euch hier zu verlieren, denn Ihr
seid ein braver, ordentlicher Arbeiter gewesen, die ganze Zeit, ich
mchte Euch aber auch nicht abrathen, wenn ich wte da es zu Eurem
Glck wre, und Ihr Eure Lage dadurch wirklich verbessertet. Das Papier
da sichert Euch aber gar nichts, und ehe Ihr das unterschreibt, besinnt
Euch lieber noch einmal, und seinem Pferd die Sporen gebend, trabte er
rasch in den Hof hinein, um dort die fr die Feldarbeiten nthigen
Anordnungen zu treffen.

Behrens aber faltete langsam das Papier zusammen, steckte es in die
Tasche und schritt ruhig dem Hause des Schulmeisters zu, der heute
Nachmittag, wo er keine Schule hatte, das warme Frhlingswetter
ebenfalls benutzte, und in seinem, freilich sehr kleinen Grtchen hackte
und schaufelte.

Auch der Schulmeister war berrascht, den Tagelhner Behrens in seinem
Geh zur Kirche Rock am Werktage bei sich zu sehen, und hrte erstaunt
mit arbeiten auf. Behrens lie ihn aber nicht lange ber die Absicht
seines Besuchs im Zweifel, und der kleine Mann, mager, wie eigentlich
nur ein Schulmeister sein kann (und mit der vollen Berechtigung dazu,
denn sein Gehalt stellte ihn nicht viel ber den Tagelhner, und dabei
hatte er eine Frau und sechs Kinder zu ernhren, und auerdem noch
sechszig zu unterrichten) wischte sich pltzlich die Hnde an den
fettglnzenden, alten schwarzen Hosen ab, ehe er das ihm dargereichte
Papier nahm, und sagte nun, vllig aufgelst in Bewunderung:

Nach Brasilien? -- ja, freilich, Behrens, wenn Ihr =dahin= kommen
knntet. -- Du lieber Gott, da mchte ich gleich selber mit. Aber wie
wollt Ihr das mglich machen?

Das steht Alles in dem Papier da, Schulmeister, sagte der Mann, und
ich wollte Sie nur einmal bitten es durchzulesen und mir Ihre Meinung
darber zu sagen.

Hm, nickte der kleine Mann, indem er einen flchtigen Blick ber das
Blatt warf, ich habe aber meine Brille drinnen. Kommt mit hinein,
Behrens, meine Alte hat mich doch eben zum Kaffee gerufen, und der
Rcken thut mir auch von dem vielen Schaufeln weh, -- kommt nur mit
hinein.

Ach, wenn Sie jetzt Kaffee trinken wollen, sagte der Mann
zurckhaltend, so komme ich lieber spter wieder; stren wollte ich ja
nicht.

Ach, was, nickte der Schulmeister, denn der Tagelhner hatte durch das
eine Wort Brasilien einen ganz neuen Nimbus bekommen, Ihr trinkt eine
Tasse mit, -- so viel wird schon da sein, und wenn Ihr erst in Brasilien
seid, schickt Ihr mir einmal gelegentlich einen Sack Kaffee herber, --
da kommt er ja her, Behrens, und dort giebts ganze Wlder von lauter
Kaffeebumen.

Wenn Sie's erlauben, sagte der Mann, indem er etwas verlegen den Hut
zwischen den Hnden drehte, denn es war das eine =Ehre=, die ihm
widerfuhr, und er nicht gewhnt, von irgend einem Menschen eingeladen zu
werden.

Schulmeister Peters, nachdem er sich vorher erst ein paar Mal gestreckt
und gedehnt und dabei ein sehr schmerzhaftes Gesicht geschnitten, weil
ihm der Rcken noch vom langen Krummstehen weh that, konnte endlich
wieder aufrecht gehen, und das Papier noch immer in der Hand haltend,
schritt er seinem Gast voraus in das kleine Huschen, wo ihn seine Frau
schon mit der dampfenden Kanne erwartete. Als sie freilich den
Tagelhner Behrens mit ihrem Manne eintreten sah, wollte sie die Kanne
wieder zurck auf den Ofen stellen, weil sie glaubte der Arbeiter htte
etwas mit Peters zu sprechen, und der Kaffee sollte indessen nicht kalt
werden.

Der Schulmeister aber, mit seinem Steckenpferd Brasilien im Kopf, rief
ihr lachend zu: La stehen, Alte, und gieb uns noch eine Tasse fr
Behrens her. Denk Dir einmal, der ist unterwegs nach Brasilien.

Nach Brasilien? sagte die Frau, setzte die Kanne wieder auf den Tisch
und schlug die Hnde zusammen, es ist doch die Mglichkeit.

Und nun setzt Euch, Behrens, -- da drben ist ein Stuhl, stellt Euren
Hut nur dort auf die Kommode, -- Alte, hast Du meine Brille nicht
gesehen? Ich habe sie doch vorhin hierher gelegt, -- ach, da ist sie, --
setzt Euch nur, und nun wollen wir einmal sehen was hier in dem Papier
steht. Das ist wohl der berfahrts-Contract? -- aber, Behrens, das wird
schmhliches Geld kosten. Brasilien liegt in gerader Richtung etwa
tausend deutsche Meilen von uns entfernt, und was fr einen Umweg mt
Ihr da noch vorher machen. Seht einmal her, hier ist Deutschland, sagte
er, auf eine kleine, an der Wand hngende Weltkarte zeigend, hier, wo
ich den Finger halte, und da mt Ihr nun erst nach Norden hinauf, damit
Ihr an die Nordsee kommt, und dann geht's hier hinaus, in gerader Linie
nach Westen, durch den britischen Canal -- La Manche heit er -- hinaus
in das weite Weltmeer, und dann geht's hier quer hinber, ber all die
Striche weg, immer da hinunter, bis Ihr da ganz unten an Brasilien
anfahrt. Da liegt's und unterwegs ist's so hei, da Euch die Butter vom
Brod herunterschmilzt. So eine Reise kostet vieles Geld.

Bitte, lesen Sie nur einmal das Papier durch, sagte Behrens, da drin
steht Alles, und dann wollte ich Sie um Ihren Rath dabei fragen, was ich
thun und wie ich mich verhalten soll.

Behrens tuschte dabei sich selber und den Schulmeister, denn im eigenen
Herzen war er schon fest entschlossen den Schritt, der ber sein ganzes
knftiges Lebensglck entscheiden sollte, zu wagen, und eigentlich nur
zum Schulmeister gekommen, um sich von diesem in dem gefaten Plan
bestrken -- nicht davon abrathen zu lassen, was er brigens auch kaum
zu frchten brauchte.

Na, meinte Peters, dann wollen wir also erst einmal sehen was hier
geschrieben steht. Schenk derweil ein, Alte, und trinkt nur, Behrens,
genirt Euch nicht, es ist gern gegeben.

Die Frau Schulmeisterin schenkte, noch immer den Kopf ber das eben
Gehrte schttelnd, dem Tagelhner den Kaffee, der eine frappante
Farbenhnlichkeit mit schwachem Thee hatte, in eine henkellose Tasse,
denn eine von ihren guten Tassen konnte sie doch nicht dazu von der
Kommode nehmen, wo sie zur Schau ausstanden. Behrens nahm aber auch
selbst das auf das Dankbarste an, -- besseres Geschirr war er ja zu
Hause auch nicht gewhnt, ja nicht einmal das, denn =seinen= Kaffee
trank er daheim aus einem kleinen Topf, und da er etwas dnn war,
merkte er ebenfalls nicht; er wute wahrscheinlich nicht einmal, wie
besserer Kaffee schmeckte.

Whrend er aber trank und der Schulmeister las, sah er sich ein wenig im
Zimmer um, wo ihm besonders die Bcher auffielen, von denen Peters wohl
zwlf bis vierzehn auf einem Regal zwischen den beiden Fenstern stehen
hatte. Auch die Landkarte an der Wand imponirte ihm. Darauf konnte der
Mann nur mit seinem Zeigefinger ber die ganze Welt herum fahren und
dabei jeden Platz und Ort mit Namen nennen, und beschreiben wie es dort
aussah. Sonst freilich bot das Zimmer nicht viel Besonderes. Die Mbel
bestanden aus einfachem, weitannenem Holz und waren nicht einmal
angestrichen; auf der Kommode stand noch eine kleine, blaugemalte
Glasvase mit einem Bschel Schilfblthen und Strohblumen darin, und ber
dem entsetzlich hart gepolsterten Sopha hing ein kleiner Spiegel, und
rechts und links davon die Bilder von Peters und seiner Frau, als Braut
und Brutigam, mit einer wahren Verschwendung von bunten Farben und
rothen Backen gemalt. Wo aber waren jetzt die rothen Backen hingekommen?
wo der ppige Haarwuchs des kleinen Mannes und das frische, frhliche
Gesicht? -- Nur die groe Warze ber dem linken Auge hatte er noch als
einzige hnlichkeit behalten, sonst war Alles verschwunden und
gebleicht.

Und auch die Frau Schulmeisterin.

Lieber Gott, seufzte Behrens in Gedanken vor sich hin, wie sich der
Mensch doch verndern kann, man sollte es nicht fr mglich halten.

Hm, Behrens, sagte da Peters, der das Blatt erst einmal leise fr sich
durchgelesen hatte, nach dem Schreiben scheint es, als ob die ganze
berfahrt fr Euch bezahlt wrde und Ihr den Betrag nur einfach
abzuarbeiten habt.

Ja wohl, Schulmeister, das sind die Bedingungen.

Hm -- und da knntet Ihr ohne einen Pfennig Geld und ganz umsonst nach
Brasilien herberkommen?

Ja so umsonst doch nicht, lchelte Behrens etwas verlegen. Was die
Herren jetzt fr uns bezahlen, mssen wir spter Alles wieder bei Heller
und Pfennig abverdienen.

Na, das versteht sich von selbst, sagte Peters, schenken werden sie's
Euch nicht. Wer schenkt einem Anderen heut zu Tage auch wohl noch was;
aber Ihr seid doch einmal nachher an Ort und Stelle, und wenn Ihr Euch
da nichts verdient, verdient Ihr Euch auf der ganzen Welt nichts.

Also meinen Sie da Alles in Ordnung wre, frug Behrens, dem die
Zustimmung doch fast ein wenig zu schnell kam.

Ja, wenn Ihr gar nichts zu bezahlen braucht, rief Peters und frei
hinbergeschafft werdet, was wollt Ihr denn noch mehr? Wenn =ich= nur
knnte wie ich wollte, meiner Seel, ich ginge heutigen Tages mit, denn
=die= Schinderei hier soll der Bse holen. Aber ich bin schon zu alt,
-- arbeiten wird mir schwer und mein Rckgrat will nicht mehr so recht
mit fort.

Aber der Herr Pachter Frommann meinte, fuhr Behrens fort, es wre
eigentlich kein rechter Contract und nur so eine Art Verpflichtung fr
=mich=.

Hm -- ja, sagte der Schulmeister, ein Contract ist es auch eigentlich
nicht, -- Alte, schenk dem Behrens noch einmal ein, -- aber sonst steht
nichts davon drin, da Ihr etwas zu bezahlen httet.

Nein -- aber ich werde auch nicht so recht klug daraus, fuhr Behrens
fort, wie es einmal werden soll wenn ich meine Schulden abgearbeitet
habe.

Hm, -- nein, nickte Peters, na, ich will Euch einmal etwas sagen. Ich
werde Euch die Geschichte laut vorlesen, dann kommen wir besser
dahinter.

Das wre recht.

Also -- =Verpflichtung!= das ist die berschrift, sagte Peters, und
las:

Verpflichtung[2] des Landarbeiters Carl Gottlieb Behrens aus
Gro-Emmen mit Familie, nmlich:

    seine Frau Sophie, 38 Jahre alt,
    seine Tochter Johanna Marie, 14 Jahre alt,
    sein Sohn Frchtegott Hans, 10 Jahre alt,
    seine Tochter Lisbeth Anna, 8 Jahre alt,
    sein Sohn Christian Leberecht, 5 Jahre alt,
    ein Sugling,

gegen Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen.

Der Endes-Unterzeichnete, der die Passage fr sich und obenstehende
Familienglieder nach untenstehenden Specificationen mit -- -- Thalern
vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich nicht nur Herrn Franz Berthold
Hoeker in Antwerpen Vollmacht zu ertheilen vermittelst seines Hauses in
Porto Seguro, fr sich und seine Familie, mit einem brasilianischen
Plantagenbesitzer Contract abzuschlieen, zur Verdingung seiner und
seiner Familie Arbeitskrfte auf eine Colonie der Provinz Minas Geraes,
sondern macht sich auch, durch Unterzeichnung dieses Contracts, fr sich
und seine smmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theil-Ertrag
ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschsse
abzuverdienen, dergestalt, da: da nach der Bestimmung derartiger
Arbeitsvertrge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn
getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hlfte des Ertrags
der Arbeit in usancemiger Abtragung zu ersetzen.

Indem Carl Gottlieb Behrens durch seine Namensunterschrift solidarisch
mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfllung der contractlich
eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich
ferner fr sich und seine Familienglieder, den gesetzlichen Befehlen
seiner Brodherren oder deren bevollmchtigten Vertreter getreulich
nachzukommen, und whrend der Dauer des Contractes seine ganze Zeit und
Aufmerksamkeit dem ihm bertragenen Dienst zu widmen.

    Antwerpen, den --ten Mrz 185--.

        =Passagegeld bis Porto Seguro:=

    Fr drei Erwachsene                   -- " -- "
    Fr drei Kinder unter zehn Jahren     -- " -- "
    Ein Sugling frei.
                                         -----------
                                 Pr. Cour. -- " -- "
                              Hier bezahlt -- " -- "
                                         -----------
                           Summa Pr. Cour. -- " -- "

Die Summe ist, wie ich sehe, noch nicht ausgefllt.

Nein, sagte Behrens, das knnen sie auch noch nicht, weil sie noch
nicht wissen wie viel wir auf der Reise brauchen werden. Das wird
nachher gemacht.

Hm, sagte der Schulmeister, ja wohl, -- da steht aber freilich nichts
weiter drin, als da Ihr das Geld, was Ihr vorgeschossen kriegt, wieder
abverdienen sollt. Das ist gerade wie bei uns.

Ja wohl, Schulmeister, und das wre auch ganz in der Ordnung, aber es
steht gar nichts vom Tagelohn darin, und was sich ein Mann wohl in der
Woche verdienen kann, damit man doch im Stande wre sich nur ein klein
wenig zu berechnen, wie lange man ungefhr fr die Herren arbeiten mu.

Ja, das wre freilich gut, sagte der Schulmeister, der sich vllig
auer seiner Sphre fand, sobald sich irgend etwas auf practisches Leben
erstreckte, aber den Kaffee habt Ihr da umsonst, und der Zucker wchst
ebenfalls in Brasilien; ja, in der heien Zone kommen sogar Milch- und
Butterbume vor, und immer Sommer, -- nie einen Ofen heizen und die
Finger erfrieren -- und Hte knnt Ihr Euch selber aus Palmbltter
flechten, und die Baumwolle wchst dort auch.

Ja, sagte Behrens und sah still vor sich nieder, das ist wohl Alles
recht gut, aber ob das Land auch wohl so gesund ist, da mir Frau und
Kinder nicht krank werden. Es mu dort schmhlich hei sein.

Das knnen wir gleich sehen, sagte Peters, stand auf und nahm eines
seiner alten Bcher vom Regal herunter, wartet einmal, Brasilien --
Brake -- Brandis -- Brasilien, Seite 470 -- da haben wir die ganze
Geschichte: Dieser einzige monarchische Staat, -- nein, das ist's nicht:
hier kommts! In Hinsicht der ueren Bodenbeschaffenheit bestehen
vielleicht zwei Drittheile aus Hoch- und Gebirgsland, -- seht Ihr wohl.
Halt, hier steht es: Das Clima ist der vielen Gebirge und Wlder wegen
milder, als man es bei der Lage des Landes, welches mit seiner
Hauptmasse zwischen dem quator und dem sdlichen Wendekreise liegt,
erwarten sollte. Seht Ihr wohl? -- In Rio Janeiro, ungefhr unter dem
Wendekreise des Steinbocks (nmlich unter 22 56' S. Br.) wechselt die
Hitze zwischen 16 und 30 Reaumur -- und so hei wird es bei uns hier
manchmal auch, denn im letzten Sommer hatten wir ein paar Mal 29 im
Schatten. -- An der Kste tragen berhaupt die tglichen Seewinde viel
zur Minderung der Hitze bei. Am heiesten sind die Ebenen im nrdlichen
Theil des Landes, -- aber dahin braucht man ja auch gar nicht zu gehen;
und was bauen sie da nicht Alles, hrt einmal zu, Behrens: Fernambuk
oder Brasilienholz, Campeche oder Mahagoniholz, ferner Palmen,
Tulpen-Rosenholz, Kampher-, Copal- und andere Bume, sodann Zucker,
Kaffee, Baumwolle, =Tabak=, Indigo, Cacao, Vanille, Reis, Mais, Waizen,
Gerste, Maniok, Melonen, Yams, europische Sdfrchte, Ananas,
Gewrzpfeffer, -- das Wasser luft Einem ordentlich im Munde zusammen.
Und dann hier die Beschreibung von dem Gold und den Diamanten, die dort
gefunden werden. Diamanten haben sie dort, von denen ein einziger so
viel werth ist, wie hier ein ganzes Knigreich.

Also meinen Sie, ich soll hingehen, Schulmeister?

Ich wollte ich knnte mit, seufzte dieser, den Augenblick schnrte
ich meinen Bndel, packte meine paar Bcher zusammen und setzte mich auf
ein Schiff, aber -- der Knppel ist an den Hund gebunden.

Peters, Du schmst Dich doch gar nicht, sagte seine Frau.

Ach, Alte, =so= war es ja nicht gemeint, seufzte ihr Mann, aber mein
verwnschtes Rckgrat.

Und da gar nichts davon in dem Contract steht, wie es einmal werden
soll, wenn ich das Geld abverdient habe, sagte Behrens, dessen Gedanken
nur allein auf diesem einen Punkt hafteten.

Darber macht Euch doch keine Sorge, antwortete Peters, schon das ist
ein Beweis, da es dort viel zu verdienen giebt, da man Euch so viel
hundert Thaler vorschiet, nur um Arbeiter hin zu bekommen. Hier knntet
Ihr hundert Jahre arbeiten ehe Ihr's fertig brchtet.

Ja, das ist wahr, nickte Behrens, zu verdienen mu es da geben, und
ich verstehe nur nicht was das heien soll, -- hier, da unten
Schulmeister; lest doch den Satz noch einmal.

Den? -- da: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsvertrge der
Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherren getheilt wird, --
nun, das ist doch deutlich genug: Ihr bekommt die Hlfte von Allem, was
verdient wird.

Aber das ist doch gar nicht mglich.

Aber hier steht's ja noch einmal, gleich dahinter: von der ihm als
Arbeiter zufallenden Hlfte des Ertrags der Arbeit in usancemiger
Abtragung zu ersetzen.

Was ist denn das?

Usancemig? das ist, wie es dort gerade Gebrauch ist, mit der
Abzahlung nmlich, denn zum Leben mt Ihr doch auch was haben, also
vielleicht die Hlfte oder das Viertheil von Eurem Verdienst. Begreift
Ihr?

Das wr Recht, nickte Behrens, aber da ist noch ein fremdes Wort, was
ich nicht verstehe -- solidarisch--.

Nun, das heit weiter nichts, als da Ihr fr Eure Frau und Kinder
einsteht, damit die auch helfen die Schuld abzutragen.

Nun, das versteht sich ja doch von selbst, sagte Behrens.

Aber wit Ihr was mir auffllt, bemerkte der Schulmeister. Erstlich
steht hier kein Wort davon, da Ihr die Sonntage frei bekommt, und wenn
das auch bei uns Sitte ist, so wei man doch nicht wie sie es drben
machen, und jedenfalls gehrt das mit in den Contract. Dann aber ist
auch noch das Wichtigste vergessen, und das knnte einen Haken haben.

Das Wichtigste, Schulmeister?

Jedenfalls eine Hauptsache, und die mu auch noch mit hinein, sonst
unterschriebe =ich= wenigstens den Contract nicht. Ein Haus werdet Ihr
natrlich kriegen, denn eine Wohnung gehrt dazu, wenn man irgendwo
arbeiten soll; die erhlt bei uns selbst ein Schulmeister, dem sie doch
alles Mgliche abzwacken, aber von einem =Garten= steht kein Wort darin.
Das verget nicht, -- den macht Euch noch vorher aus, denn ein Garten
ist die Hauptsache -- und wenn er noch so klein wre, wo Ihr Euch ein
paar Kaffeebume und Palmen und Zuckerrohr, und ein bischen Indigo
vielleicht, pflanzen knnt. Den geben sie Euch auch. -- Und dann noch
eins, Behrens, fuhr der Schulmeister fort, schreibt mir einmal, wie es
Euch geht, und was Ihr treibt, hrt Ihr wohl, das mt Ihr mir
versprechen.

Recht gern, Schulmeister, recht von Herzen gern, erwiderte Behrens,
wenn's auch bei mir nicht gerade vom besten mit Schreiben geht, denn
Sie wissen wohl, in =unserer= Zeit wurde noch nicht viel darauf
gehalten, so kann mein Mdel, die Johanna Marie, doch prchtig damit
fertig werden, und die soll schon einen Brief schreiben.

Gut, Behrens, und verget nur den Garten nicht; ein Stck Land mssen
sie Euch geben, das Ihr selber nur fr Euch bauen knnt, -- wenn nicht
=so= viel brig ist, wre es auch nicht der Mhe werth da Ihr hinber
ginget.

Ich will's nicht vergessen, Schulmeister, und ich dank Ihnen auch
vielmals fr den Wink. -- Ich wute wohl, da ich mich bei Ihnen an den
rechten Mann wandte. Nichts fr ungut, Frau Peters, da ich gestrt
habe, -- ich wollt's eigentlich nicht.

Recht gern geschehen, Behrens, sagte die Frau Schulmeisterin, die ganz
stolz darauf war was ihr Mann sagte. Mein Schulmeister hilft ja recht
gern, wo er irgend kann, mit Rath und That.

Werd's ihm nicht vergessen, -- und nun leben Sie wohl; ich will jetzt
gleich nach der Stadt hinein, da ich heute Abend noch was abmachen
kann, und im schlimmsten Fall bleib ich dort ber Nacht bei dem Andres,
dem Steffen seinem Jungen, der Kutscher ist und mir die Wohnung
angegeben hat. Recht vergngten Abend allerseits, -- und damit nahm er
seinen Hut, griff seinen Stock auf und wanderte mit rstigen Schritten,
das eben Gehrte dabei wieder und wieder berlegend, die Strae hinab,
die nach der Stadt zu fhrte. Drben im Feld arbeiteten die Leute, um
ihn her flogen und zwitscherten die Lerchen, die vaterlndische Sonne
schien hell und warm auf seinen Pfad, aber er sah und hrte weder
Kameraden, noch Sonnenschein, noch wirbelndes Lerchengeschmetter, denn
Auge und Ohr weilte bei anderen Bildern und sein Herz war in Brasilien.




Zweites Capitel.

Verschiedene Auskunft.


Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thringen -- lag ungefhr zwei
Stunden Wegs von Gro-Emmen entfernt, und Behrens, mit seinen Gedanken
beschftigt, konnte sich nicht erinnern jemals so rasch hineingekommen
zu sein, wie heute. Er sah sich ordentlich erstaunt um, als er sich
zwischen den ersten Husern fand, und doch erfate ihn auch wieder ein
ganz eigenes und beklemmendes Gefhl, das etwas Fremdes und
Unbehagliches fr ihn hatte.

War er bis jetzt je gewohnt gewesen selbststndig zu handeln? Nicht seit
der Zeit wo er seine Frau genommen, und selbst damals hatte =sie=
eigentlich mehr bei der Sache gethan, als er selber. Auerdem war er,
seit er die Schule verlassen, nur Tagelhner bei fremden Leuten gewesen,
der die Arbeit eben that, zu der er gestellt wurde, ohne die geringste
Verantwortlichkeit dafr. Morgens zur bestimmten Zeit begann er damit,
-- Abends eben so wurde Schicht gemacht und Sonntags gefeiert, -- weiter
kannte er keine Abwechselung in seinem Leben. Jetzt aber trat dieses
selber an ihn heran. Aus seiner gewohnten Beschftigung herausgerissen
und dadurch von dem bisherigen und regelmigen Einkommen abgeschnitten,
sollte er auf einmal selbststndig einen Entschlu fassen, der ihn weit
hinweg vom Vaterland ber das groe Weltmeer fhrte, und einer
ungewissen Zukunft in die Arme warf. Allerdings erfllten ihn dabei die
grten Hoffnungen, -- aber =wenn= es milang? wenn er dann mit Frau und
Kindern unter fremden Leuten im Elend sa, und nicht wieder zurck
konnte in die alten Verhltnisse? Wer trug nachher die Schuld an seinem
Unglck und dem der Seinen? Nur er selber, und welche Vorwrfe htte er
sich nachher machen mssen.

Diese Gedanken qulten ihn unterwegs, aber sein Schritt zgerte deshalb
nicht. Es war, als ob er durch eine innere, unwiderstehliche Gewalt
vorwrts gedrngt wrde. Wie von einem unbestimmten Etwas getrieben,
wanderte er die Strae hinab, und wollte eben in den Platz einbiegen,
auf welchem der Auswanderungsagent wohnte, als ihn eine Stimme von einem
Wagen herab anrief, da er stehen blieb und sich berrascht umsah.

Hallo, Gottlieb! rief es, wo kommt Ihr denn heute in die Stadt? und
wie gehts daheim?

Ei, Andres! rief Behrens erfreut, wie er den Kutscher erkannte, der
jetzt neben ihm am Wege hielt. Das ist mir lieb, mein Junge, da ich
Dich finde. Wie gehts?

Oh, gut geht's; aber wo wollt Ihr hin, Behrens?

Nach Brasilien, Andres.

Nach wohin?

Nach Brasilien.

Alle Wetter, sagte der junge Bursch erstaunt, weiter nicht?

Ne, Andres; -- wie wr's, wenn Du mitgingst? -- Reise und Alles frei,
und die Schinderei hier zu End.

Hm, Behrens, kommt doch einmal mit vorn auf den Bock; ich schaffe nur
den Wagen nach Haus und versorge die Pferde, und habe dann weiter nichts
zu thun, da wir noch ein Wort zusammen reden knnen, -- heute kommt Ihr
doch nicht mehr hin.

Nein, Andres, sagte Behrens, und morgen wahrscheinlich auch nicht,
aber ich fahr mit, denn es wr mir lieb, wenn Du mich nachher begleiten
knntest.

Und unterwegs erzhlt Ihr mir die ganze Geschichte, sagte Andres,
whrend Behrens zu ihm auf den Bock stieg.

So fuhren sie langsam der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn,
zu, und der Tagelhner theilte jetzt dem Kameraden Alles mit, was seine
knftigen Plne betraf, whrend dieser kein Wort dazu sagte, sondern nur
manchmal mit dem Kopf nickte oder schttelte.

Endlich langten sie bei der Wohnung des Doctors an. Behrens half die
Pferde mit ausschirren und in den Stall fhren, wo ihnen Andres ihr
Futter gab, whrend der Mann ein paar Eimer Wasser holte.

Wie sie fertig waren sagte Andres, der indessen in einem fort gepfiffen
hatte: Hrt einmal, Behrens, -- Ihr habt den Contract bei Euch, wie?

Ja, Andres.

Schn, -- mein Doctor ist zu Hause, ich habe ihn eben oben am Fenster
gesehen, -- der wei Alles, ist auch schon einmal drben in Amerika
gewesen, dem wollen wir das Papier zeigen, -- der kennt sich in solchen
Sachen aus.

Ja, aber, sagte Behrens, was wird sich der um unser Einen kmmern;
der hat mehr zu thun.

Lat Ihr mich nur machen, nickte aber Andres dem Freund zu, wartet
hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder da, und ohne eine weitere
Einrede anzuhren, ging er quer ber den Hof und in das Haus hinber,
und kam auch schon nach kaum zehn Minuten mit der Meldung zurck,
Behrens solle nur hinaufgehen, der Doctor wre oben und wolle sein
Anliegen hren.

Dem Behrens schlug das Herz, aber der Doctor empfing ihn freundlich und
sagte: Nun, mein Mann, Ihr wollt nach Brasilien hinber? Das ist ein
wichtiger Schritt; habt Ihr Euch die Sache denn auch ordentlich
berlegt? Jemand, der hier in Deutschland sein Brod hat, sollte nicht
gerade leicht mit Frau und Kindern so ins Ungewisse hinbergehen.

Ja, lieber Herr, seufzte Behrens, mit dem Brod ist das so eine Sache,
-- heute haben wir welches und morgen keins, und wenn ich einmal krank
wrde--

Dann glaubt Ihr wohl, giebt Euch Jemand in Brasilien was? unterbrach
ihn der Doctor. Aber Ihr sollt frei hinbergeschafft werden, wie ich
hre? Habt Ihr das Papier bei Euch?

Ja, Herr Doctor, -- dies hier.

Der Doctor nahm es, las es aufmerksam durch und sagte dann: Und =das=
Papier wollt Ihr unterschreiben? Wit Ihr wohl, da Ihr danach wie
verrathen und verkauft und einem ehrlichen Mann oder einem Schurken,
wie's gerade trifft, auf Gnade und Ungnade bergeben seid?

Ja, aber, Herr Doctor, sagte der Mann erschreckt.

Das ist ein sogenannter Parcerie-Vertrag, fuhr der Doctor fort, das
heit ein Vertrag, wonach Ihr angeblich Mittheilhaber an dem Ertrag des
Gewinnes seid, der durch Eure Arbeit erworben wird, und hier steht
sogar, Ihr bekmt die =Hlfte= des Verdienstes; da das eine Lge ist,
knnt Ihr Euch doch wohl denken.

Ja, aber da steht es doch schriftlich, sagte Behrens scheu.

Bah! rief der Doctor, wo arbeitet Ihr jetzt?

Beim Herrn Rittergutspachter Frommann.

Nun gut. -- Denkt Euch einmal, Ihr httet mit =dem= einen solchen
Contract gemacht. Nun beschftigt Euer Pachter eine Menge von Leuten,
nicht wahr?

Ja, Herr Doctor.

Auerdem hat er ein groes Capital in dem Gut stecken; er hat viel
Vieh, Pferde, Rinder und Schafe, und manchmal verdient er viel damit,
manchmal hat er auch Unglck. Es fllt ihm ein Pferd, ein Rind, oder die
Ernte gerth einmal nicht, kurz, er hat viel Risico bei der Sache, d.h.
er wagt sein Vermgen daran, oder er nimmt dann auch wieder in manchem
Jahre sehr viel ein, was den Schaden deckt, -- nun soll er Euch fr
=Eure= Tagelhner-Arbeit die Hlfte seines Verdienstes geben?

Ja, das ist aber auch wohl so nicht gemeint, sagte Behrens.

Gewi nicht, erwiderte der Doctor, aber trotzdem steht es da, und
auch nichts Anderes, nach dem man herausfinden knnte, =wie= diese
Hlfte gemeint ist, denn von einem bestimmten Tagelohn ist keine Rede.
Ihr seid also frmlich der Willkr Eures neuen Herrn berlassen, wobei
Ihr Euch noch auerdem verpflichten mt, und zwar fr Euch und Eure
Familie, seinen oder seines Verwalters =Befehlen= getreulich
nachzukommen. Der schlimmste Passus ist aber noch der letzte, wo es
heit, da Ihr whrend der Dauer des ganzen Contracts, also auf eine
ganz unbestimmte Zeit hinaus, denn es ist gar keine Dauer festgesetzt,
Eure =ganze= Zeit und Aufmerksamkeit dem Euch bertragenen Dienst zu
widmen habt, also nicht eine Minute derselben fr Euch selber arbeiten
und nur das Nothwendigste verrichten knnt. Unterschreibt Ihr =das=
Papier, so seid Ihr nichts als ein Sclave, und es kann Euch nachher
Niemand mehr helfen.

Ja, sagte Behrens schchtern, das hat unser Schulmeister auch
gemeint, da wir die Sonntage frei und einen Garten haben mssen, in dem
wir uns selber Kaffee und Zucker bauen knnten.

Lieber Freund, seufzte der Doctor, Ihr schleppt eine Menge
phantastischer Ideen im Kopf herum, und Euer Schulmeister scheint Euch
noch darin bestrkt zu haben.

Aber wenn das nun in den Contract kommt.

Aber bester Mann, =ist= das ein Contract? rief der Doctor. Ihr seid
unglckselige Menschen. Wenn Ihr nur ein beschriebenes Papier bekommt,
das Ihr unterschreiben knnt, so bildet Ihr Euch nachher gewhnlich ein,
Ihr httet einen =Contract= gemacht und knntet nun nicht mehr betrogen
werden. In diesem Papiere, obgleich hier flschlicher Weise steht
whrend der Dauer des =Contracts=, und hier oben der
=contractlich= eingegangenen Verpflichtung, ist von einem Contract
weiter gar nicht die Rede, als da jene Person, der Ihr berliefert
werdet, das Geld zahlt, um Euch in die Hnde zu bekommen, und dann
nachher mit Euch machen kann was sie will. -- Auerdem, fuhr der Doctor
fort, als Behrens betroffen schwieg, wit Ihr aber auch noch gar nicht
einmal, wie viel die Reise fr so viele Personen kosten kann, -- wie
viel Euch wenigstens dafr aufgeschrieben wird, und seid nicht sicher
eine Schuldenlast auf den Hals zu bekommen, an der Ihr Eure besten
Lebensjahre arbeiten mgt, um sie wieder abzuschtteln. Nein, Freund, --
es ist mir lieb da ich einmal einen solchen Parcerie-Vertrag in die
Hnde bekomme; ich habe bis jetzt viel darber gehrt und gelesen, aber
noch nie einen gesehen. Jetzt begreife ich die Entrstung die darber
herrscht, denn es ist in der That nichts, als ein Menschenhandel, und
Alle, die sich damit befassen, sollten als Seelenverkufer gebrandmarkt
werden.

Aber der Herr, mit dem wir es zu thun bekommen, soll ein ganz braver,
ehrlicher Mann sein, sagte Behrens leise.

Und woher wit Ihr das, oder woher wei =der= das, rief der Doctor,
der Euch das gesagt hat? denn hier in dem Wisch steht nur, da der
Agent in Antwerpen -- und Antwerpen gerade ist der verrufenste Ort fr
derartige Agenturen -- mit =irgend= einem Plantagenbesitzer einen
Contract ber Euch abschlieen soll, bei dem =Ihr= dann natrlich gar
nicht mehr gefragt werdet.

Ja, aber--

Das =kann= ein ehrlicher Mann sein, ja, fuhr der Doctor fort, ich
gebe auch zu, da ein solcher =Contract= in einzelnen Fllen ehrlich
gemeint sein mag: da manchem groen Plantagenbesitzer wirklich daran
liegt, gute und brauchbare Krfte auf sein Land zu bekommen, und der sie
nachher nicht allein gut behandelt, sondern ihnen auch einen
entsprechenden Lohn fr ihre Arbeit giebt, damit sie in einer bestimmten
Zeit, und zwar in einer Zeit, die sie selber berechnen, wieder frei und
unabhngig von ihm werden. Aber warum heit es da nicht: Du bekommst so
und so viel fr den Tag Arbeit, und machst Dich nur verbindlich bei
keinem Anderen in Dienst zu treten, bis Du das Geld, was ich fr Dich
ausgelegt habe, wieder abverdient hast? Aber das wollen die Herren gar
nicht. Es liegt ihnen nicht allein daran Arbeiter in ihr weites Land zu
bekommen, nein, sie wollen sich die Leute auch speciell sichern und an
ihnen =verdienen=, und das eben ist nachher das Unglck fr den armen
Arbeiter selber, der vielleicht etwas vor sich bringen knnte, wenn ihm
die Hnde nicht gebunden wren. Ja, selbst den Fall genommen =da= er es
ehrlich meint, wer steht Euch denn dafr, da er nicht pltzlich stirbt
und sein Besitzthum an einen gewissenlosen Verwandten oder Fremden
bergeht? =Ihr= seid dann fr =diesen= so gut gebunden, wie fr Jenen,
Ihr geltet nur als Inventar, denn Ihr habt Eure Schulden noch nicht
abbezahlt, und mt aushalten bis das geschehen ist, so lange es auch
dauern mag.

Aber Herr Doctor, sagte Behrens, der ganz bestrzt geworden war, denn
das, was ihm =der= Herr hier sagte, warf des Schulmeisters ganze
Lobreden wieder um, und er hatte nur noch das Eine, an das er sich
anklammern konnte -- mein Bruder ist ja auch die langen Jahre drben in
dem Brasilien, und dem geht's so gut dort. Er hat mir ja auch
geschrieben, da ich nur sobald als mglich zu ihm kommen soll.

So? -- frug der Doctor, wo ist denn Euer Bruder?

In der Colonie Blumenau sagte der Mann.

Und dann wollt Ihr Euch nach der Provinz Minas Geraes schicken lassen,
wie es hier in dem Contract steht? -- und wit dabei noch nicht einmal,
in welchen Theil desselben, denn die Provinz ist riesengro und luft in
die heiesten Districte hinauf. Das ist reiner Wahnsinn. -- Aber lieber
Freund -- es thut mir leid -- meine Zeit ist beschrnkt, und ich mu
jetzt einen Besuch bei einem gefhrlichen Kranken machen, den ich nicht
lnger aufschieben kann. Ich bin auch nicht im Stande Euch einen anderen
Rath zu geben als: Unterschreibt =das= Papier auf keinen Fall. Wollt Ihr
zu Eurem Bruder nach Blumenau, so msset Ihr nach der Insel Santa
Catherina gehen, von wo sich hufig Gelegenheit findet. In der Provinz
Minas Geraes seid Ihr beinah noch so weit von dort entfernt, wie hier in
Deutschland, knntet wenigstens eben so leicht oder so schwer dorthin
kommen, wie von hier ab auch. Dorthin wird Euch aber wohl Niemand
Passage geben, und wenn Ihr denn durchaus hinbergehen =wollt= und
denkt, da Ihr dort Eure Umstnde verbessert, so lat Euch auch einen
wirklichen Contract aufsetzen, in dem deutlich geschrieben steht, an
welchen Ort und zu welchem Herrn Ihr kommen sollt -- nicht auf's
Gerathewohl, wie hier steht: auf eine Colonie in der Provinz Minas
Geraes. Und wie viel =Tagelohn= Ihr fr Euch und Eure Leute zu erwarten
habt, bis das Vorgeschossene abverdient ist, mu ebenfalls fest und
deutlich in dem Papier angegeben werden. Nachher seht Ihr ein Ende vor
Euch, und knnt selber etwa berechnen, was Ihr verdient habt und wie
lange Eure Dienstzeit dauert.

Nun, ich danke Ihnen auch schn, Herr Doctor, fr Ihre Freundlichkeit,
sagte Behrens, ich will mir gewi merken was Sie gesagt haben, und mit
dem Herrn das ausmachen.

Thut das, sagte der Doctor, aber lat Euch auch nicht wieder breit
schwatzen, -- =solche= Contracte knnt Ihr alle Tage machen, und damit
nahm er seinen Hut und verlie das Zimmer, whrend Andres, der bei der
ganzen Unterredung kein Wort gesprochen und nur immer, wenn der Doctor,
sein Herr, etwas sagte, zustimmend mit dem Kopf genickt hatte, seinen
Landsmann beim rmel ergriff und mit ihm langsam die Treppe hinunter und
wieder auf den Hof ging.

Siehst Du, flsterte er ihm dabei zu, das ist ein Herr der Haare auf
den Zhnen hat, und der verstehts. Was =der= sagt hat Hand und Fu, und
man kann schnurstraks darauf hingehen. Das sind faule Fische mit dem
Papier; da darfst Du Dich nicht darauf einlassen.

Weit Du was, Andres, nickte da Behrens, der nachdenkend, sein Kinn
mit der rechten Hand streichend, im Hof stehen geblieben war und vor
sich niedergesehen hatte, Du hast doch Alles mit angehrt was der Herr
Doctor gesagt, und kannst es mir bezeugen, und nun komm einmal mit zu
dem Herrn der die Schrift besorgt, und dann wollen wir mit ihm sprechen,
und ihm die Sache auseinandersetzen, da es so nicht geht. Wie?

Meinetwegen, sagte Andres, ich geh' auch mit. Zwei sind immer besser
als Einer, denn was der Eine nicht wei, das fllt dem Anderen ein. Also
komm, Gottlieb, dem wollen wir die Sache gleich besorgen.

Und die beiden Freunde gingen langsam die Strae hinunter und dem Hause
zu, in welchem der besagte Herr wohnte.

Da hrten sie rechts von sich in einer engen Seitengasse lautes Jubeln
und Singen, und als sie erstaunt stehen blieben, um dem ungewohnten
Gerusch zu horchen, sahen sie einen kleinen Trupp Menschen den engen
Weg herunter kommen, die auf das Wunderlichste aufgeputzt gingen.

Es waren etwa zehn oder zwlf junge Burschen; von vielleicht achtzehn
oder neunzehn Jahren, Bauernshne wahrscheinlich ihrem ganzen Aussehen
nach, die, von irgend einem Gelage kommend, mit gertheten Gesichtern
und frhlich und keck blitzenden Augen Arm in Arm durch die Straen
wanderten. Sie trugen auch noch ihre heimischen Bauerntrachten, kurze
Jacken und lederne Hosen, aber dazu aufgekrmpte Hte mit knstlich
gemachten ordinren Blumen daran, mit Glasperlen und unchtem Schmuck,
und auf den Schultern einlufige Pirschbchsen oder Doppelflinten, und
Hirschfnger an den Seiten, als ob sie zu irgend einem Freicorps
gehrten und augenblicklich in den Krieg ziehen wollten. Dazu sangen sie
-- mit oder ohne Harmonie, was kam darauf an, -- ein wildes, jubelndes
Lied, und neugieriges Volk hatte sich ihnen von allen Seiten
angeschlossen, so da die Menschenmenge die ganze Strae fllte.

Behrens und Andres blieben stehen um sie vorbei zu lassen, und als sie
nher kamen, konnten sie auch Beide die Worte des Liedes unterscheiden,
die ihnen bald keinen Zweifel mehr lieen, wen sie vor sich htten.

   Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier,
    Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit.

klang der Refrain, und bald darauf setzte wieder eine tiefe Bastimme in
Solo ein:

   Ade, ade, mein liebes Vaterland,
    Ade, ade, nun lebe ewig wohl!
    Was fragen wir nach Gut und Geld,
    Wir wandern frhlich in die Welt,
    Brasi--lien ist unsre Seligkeit!
    Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier!
    Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!

Es war ein ganz eigenes Gefhl das Behrens durchzuckte, als er die Worte
hrte, die ihm wie aus der eigenen Seele heraustnten, und fast
unwillkrlich rief er die ihm Nchsten an: Heda, Kameraden, -- wollt
Ihr =auch= nach Brasilien?

=Auch= nach Brasilien? na, versteht sich, lachte einer der jungen
Burschen zurck, indem der Schwarm Halt machte. Gehst Du auch mit,
Kamerad? Das ist Recht. Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von
hier!

Na, seufzte Behrens, weit ist's doch wohl, aber was kann's helfen;
die Reise nimmt ja auch einmal ein Ende.

Da hast Du Recht, alter Junge! jubelte Einer der Burschen, und
nachher leben wir, wie der liebe Gott in Frankreich. Mit welchem Schiff
gehst Du?

Ja, ich wei noch nicht, sagte Behrens, ber die vertrauliche Anrede
des jungen Volks weniger erstaunt, als ber die bestimmte Voraussetzung
seiner Reise, denn des Doctors abmahnende Worte hatten ihn doch wieder
ganz schwankend gemacht.

Und von welchem Hafen aus?

Doch wohl von Antwerpen, wie der Ort heit.

Hurrah, ein Reisegefhrte! jubelte die Schaar. Komm her, da wir Eins
zusammen trinken. Nun hat die elende Schinderei daheim ein Ende, und wir
kommen ins Paradies.

Ins Paradies? Das stimmte freilich nicht mit dem, was Behrens von dem
Doctor gehrt, aber er konnte auch nicht der frhlichen Einladung
folgen, denn geschenkt mochte er nichts nehmen, und Geld zum Vertrinken
hatte er noch nie im Leben gehabt.

Ich kann nicht, sagte er deshalb freundlich, ich mu erst noch meinen
Contract in Richtigkeit bringen, da ich mit komme; aber wohin geht
Ihr?

In den Lwen; so komme nachher hin, da wir den Abend beieinander sind!
Hurrah, Brasilien soll leben!

Und mit dem Halli, Hallo! des neu beginnenden Liedes setzte sich die
Schaar wieder in Bewegung und marschirte die Strae hinab, dem ihrem
neuen Reisegefhrten bezeichneten Wirthshaus zu.

Behrens blieb mit seinem Begleiter, als ihn die Schaar verlassen hatte,
noch eine ganze Weile wie betubt auf der Strae stehen, denn wie ein
Traum, wie ein Gru aus der fernen, fabelhaften Welt, die er bis jetzt
nur in seinen Trumen gesehen, kam ihm das Ganze vor. Ein Paradies! --
und er selbst war im Begriff, dorthin aufzubrechen, -- aber wer hatte
nun Recht? Das junge, jubelnde Volk, vor dem das Leben noch offen lag
und ihm nur seine bunten Bilder zeigte, oder der alte mrrische Herr,
der voll Mitrauen hinausblickte? Behrens wute es nicht, und nur
unwillkrlich legte er seine Hand wieder in Andres Arm und schritt mit
ihm die Strae hinunter, dem Hause des Auswanderungsagenten zu.




Drittes Capitel.

Herrn Kollboeker's Comptoir.


Sie brauchten nicht so lange mehr zu gehen, als sie das Haus, oder
vielmehr das Comptoir des Agenten vor sich sahen, denn er selber
wohnte drauen in einer kleinen Spelunke der Vorstadt, und hatte sich
nur im Geschftstheil der Residenz ein Local gemiethet, um inmitten
des Verkehrs zu sein und sich keine Gelegenheit entgehen zu lassen.

Die Thr war auch kenntlich genug durch eine Anzahl von Schildern
bezeichnet, die den verschiedensten Lebenszwecken zu dienen schienen.
Den Mittelpunkt derselben bildete freilich ein groes, ber der Thr
angebrachtes und in l ausgefhrtes Gemlde, das ein groes,
dreimastiges Schiff unter vollen Segeln aber bei dem Winde zeigte.
Pltschernde Wellen erhoben sich darum her, aber still und unbewegt
verfolgte das Fahrzeug seine Bahn und eine Anzahl von Personen in rothen
Hemden, die ber Bord hinaus auf das Meer sahen, sollten andeuten, da
es reichlich mit Passagieren besetzt sei, die eine ruhige Fahrt nach
einem fernen Welttheil hatten.

Das Schiff selber fhrte eine Bremer Flagge, -- die roth und weien
Streifen und Quadrate, -- darber aber im blauen Himmel stand deutlich
mit goldenen Buchstaben:

    =Schiffsgelegenheit nach allen Welttheilen=,

und wie um das zu illustriren, waren links und rechts von der Thr noch
groe Tafeln aufgehangen, auf welchen die verschiedensten Reisen nach
Nordamerika, Australien und Brasilien specificirt wurden.

Auerdem schien aber Herr Kollboeker, wie der Auswanderungsagent hie,
noch auerordentlich vielseitig in anderen Geschftszweigen. Er hatte
die Agentur fr Schsische Renten-, Berliner und Gotha'sche
Lebensversicherung, ebenso eine Niederlage von Daubitz's Kruterliqueur
und aromatischer Gichtwatte, und Behrens wurde ganz irr an den vielen
Schildern, die berall die Wand und sogar die aufgeschlagenen
Fensterladen bedeckten. Aber es konnte nichts helfen, hinein mute er
doch, denn die Zeit verging, und nachdem er und Andres -- whrend die
Beiden indessen von drinnen durch ein paar junge kichernde Leute
beobachtet waren -- eine Weile die verschiedenen Placate
durchbuchstabirt hatten, sagte Behrens, seines Begleiters Arm
ergreifend: So komm, Andres, hier werden wir doch nicht draus klug und
drinnen mssen wir ja erfahren woran wir sind. Da oben ist ja auch das
Schiff gemalt, mit dem wir fahren sollen, -- guck einmal wie gro es
ist; das sieht ordentlich gefhrlich aus -- und so weit bers Wasser mu
man damit.

Behrens schttelte freilich mit dem Kopf, als er das Haus betrat; es war
ihm noch so vieles bei der ganzen Sache, von der er sich gar keine
richtige Idee machen konnte, unerklrlich, und er fhlte ordentlich das
Bedrfni, endlich einmal Jemanden darber zu hren, der Alles ganz
genau wute.

Gleich rechts im Hausflur war eine Thr, an welcher auf einem ovalen
schwarzen Schild das Wort stand: Comptoir, aber weiter befand sich
kein Name oder sonstiges Abzeichen daneben, und die Beiden zgerten
noch, ob sie hier anklopfen sollten, als die Thr aufging und ein
blutjunger Mensch mit auf der Mitte gescheitelten fuchsrothen Haaren
heraussah.

Wollen Sie zu der Auswanderungs-Agentur?

Ja wohl, nickte Behrens.

Na, da kommen sie nur hier herein, -- hier ist's.

Beide betraten das Zimmer. Es war ein nicht sehr groes und etwas
dsteres Gemach. In der Mitte stand ein hohes, doppeltes Schreibpult aus
polirtem Erlenholz, an dem an jeder Seite zwei Menschen arbeiten
konnten, und an den Wnden waren eine Menge Gefache angebracht, in
welchen die verschiedenartigsten Dinge lagen: kleine Broschren,
Papiere, etiquettirte Flaschen, Packete und Gott wei was sonst noch. An
den Wnden aber hingen, wo nur noch irgend ein Platz frei geblieben,
Fahrplne von Eisenbahnen und Dampfschiffen, eine groe Karte mit den
beiden Erdhlften und andere von Australien, Sdamerika, Brasilien,
Nordamerika, Ruland und Ungarn, denn Herrn Kollboeker's Thtigkeit war
eine sehr ausgebreitete, und er schaffte Menschen fort, wohin sie eben
wollten, oder -- wohin er sie gerade bereden konnte. Hatte er doch
intime Verbindungen in allen Theilen der Welt, wenn er auch alle Theile
der Welt nur dem Namen nach kannte.

Herr Kollboeker selber war leider gerade nicht zu Hause, und die beiden
jungen Herren im Comptoir, -- wahrscheinlich ein paar Lehrlinge, junge,
aufknospende Auswanderungs-Agenten, die ihren Ehrgeiz darin setzten,
spter ebenfalls ein volles Schiff unter Segeln ber ihrer eigenen Thr
gemalt zu sehen, -- schienen die freie Zeit benutzt zu haben, um an die
Fenster zu hauchen und unmgliche menschliche Figuren darauf zu
zeichnen. Beide trugen aber Federn hinter den Ohren, als Zeichen, da
sie jeden Augenblick zu deren Dienst bereit wren, und der ltere von
ihnen, der den Beiden auch die Thr geffnet hatte, nahm jetzt das Wort
und sagte: Nun, Gevatter, wie geht's? Wollt Ihr nach Amerika oder nach
Australien und Gold graben? Jetzt ist die Gelegenheit gnstig; in der
nchsten Woche geht ein Schiff.

Ist Herr Kollboeker nicht zu Haus? frug Behrens, der durch die
vertrauliche Anrede Gevatter etwas stutzig geworden war, denn er hatte
den jungen Burschen, so weit =er= sich erinnerte, noch in seinem ganzen
Leben nicht gesehen.

Nein, Herr Kollboeker ist ausgegangen. Kann ich es nicht besorgen, wenn
Ihr ber irgend etwas Auskunft wnscht?

Ich wei doch nicht, sagte Behrens, ich -- ich komme wegen der Reise
nach Brasilien.

Nach Brasilien, so? Wo seid Ihr denn her?

Von Gro-Emmen.

Ach, das ist die Familie, die mit der Rosalie nach Porto Seguro soll,
sagte der Jngste, wie heit Ihr denn?

Behrens -- Carl Gottlieb Behrens.

Ja, ganz Recht. Ihr habt ja wohl noch Euren Contract zu
unterschreiben.

Ja -- aber -- ich wollte doch vorher gern erst noch einmal mit dem
Herrn Kollboeker sprechen.

Ach, das ist nicht nthig, sagte der junge Mann mit den rothen
gescheitelten Haaren, das knnen wir auch besorgen. Habt Ihr den
Contract mitgebracht?

Den htt' ich schon, meinte Behrens, indem er in die Tasche griff und
das Papier herausholte, aber--

Da kommt Ihr in ein prachtvolles Land, nahm der Kleinste die
Unterhaltung wieder auf, Donnerwetter, da mu es himmlisch sein, -- wo
haben Sie denn den Brief, Meier, in dem die Beschreibung steht?

Dort auf dem Pult liegt er, sagte Herr Meier, indem er selber darnach
unter einem Haufen von Papieren herumwhlte und auch bald einen groen,
auf blulichem, sehr dnnem Papier eng geschriebenen Brief zum Vorschein
brachte. Ja, allen Respect, das mu ein Land sein, Kaffee, Vanille,
Cacao, Alles wchst da wild, die Apfelsinen kann sich Jeder von den
Bumen schtteln, wo er nur will, und Ananas, wo hier das Stck drei
Thaler kostet, wachsen wie bei uns die Kohlrben und die Runkeln.

Und dort in den Bergen haben sie auch neulich die groen Diamanten
gefunden, und ein Deutscher soll beim Graben einen Goldklumpen von zwei
Pfund Gewicht herausgeschaufelt haben.

Hm, sagte Andres, der dem Allen aufmerksam zugehrt hatte, das ist
aber merkwrdig; und da zahlen Sie Einem noch Geld, wenn man nur
hingeht?

Jawohl, nickte Herr Meier, weil es dort an ordentlichen deutschen
Bauern fehlt, die was von der Landwirthschaft verstehen. Die Kerle sind
da so dumm, und wissen gar nicht, was sie mit ihren Feldern anfangen
sollen.

Behrens hrte das Alles wie in einem halben Traum; es war ihm, als ob er
von einem Zauberland sprechen, ein Mrchen erzhlen hre, und er konnte
es sich kaum denken, da er selber im Begriff stehe dort hinber zu
gehen und das Alles mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, -- aber
der Contract,--

Ja, sagte er verwirrt, das ist Alles gewi ganz wunderschn und
herrlich, aber ich -- ich mu doch vorher noch einmal mit dem Herr
Kollboeker sprechen, denn--

Ach, da kommt er selber, rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter
das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der
Kleine war blitzschnell an seinen Marterpfahl gefahren, wie er den
Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewhnlich nannte, wenn der Principal
nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im
nchsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger
Briefe beschftigt, da sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.

Herr Kollboeker, sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, da ist
Behrens aus Gro-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu
sprechen wnscht.

Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten
war und sehr eilig zu sein schien, sah ber die Achsel nach den beiden
Leuten hinber und nickte, whrend er ein Packet Schriften auf den Tisch
legte: Oh, Behrens, das ist gut da Ihr heute herein gekommen seid; es
wird die hchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die
Gelegenheit entschlpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu
werden.

Ja, Herr Kollboeker, -- ich mchte Sie nur noch um Eins fragen, sagte
der durch das geschftsmige Benehmen eingeschchterte Mann. Herr
Kollboeker hrte aber vor der Hand nicht auf ihn.

Sind Briefe angekommen whrend ich fort war?

Ja, Herr Kollboeker, sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult
liegenden deutend.

Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, -- einen davon warf er
wieder zurck. Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, da unfrankirte
Briefe refsirt werden.

Ich habe das Porto noch nicht dafr gezahlt.

Gut, er geht zurck, -- das fehlte auch noch: man hat mit den
Geschften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was
wolltet Ihr mir sagen? frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn
er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.

Ja, Herr Kollboeker, -- wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch
etwas sagen, -- denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern
nur eine Verpflichtung--

Nun, steht das nicht auch darber? frug der Agent, ohne von seinem
Brief aufzusehen.

Ja, allerdings, -- aber -- ich habe da mit einem Herrn Doctor
gesprochen, und der meinte--

So? mit einem Herrn Doctor? frug Kollboeker, den Mann ansehend, und
war der Herr schon einmal in Brasilien?

Nein, in Brasilien war er noch nicht.

Aha, und was wei er denn nachher davon? rief der Agent, etwa mehr
als =wir= hier, die tglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen,
und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?

Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter--

=Der= hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr? rief Herr
Kollboeker triumphirend aus, na, das versteht sich doch von selbst,
denn da es =den= Herren nicht recht ist, wenn ihre =Knechte= selber
einmal =Herren= werden, lt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die
Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, da sie nur ber See zu
fahren brauchen, um selbstndige Guts=besitzer= zu werden, nicht blos
Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch
wirklich merkwrdig, was es fr gescheidte Leute auf der Welt giebt,
und verchtlich mit dem Kopf schttelnd, fuhr er in der Lectre seines
Briefes weiter fort.

Abgeredet hat er mir eigentlich nicht, sagte Behrens, aber der Herr
Doctor meinte, es wre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders
die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht--

Kein Contract? fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf -- so soll ich mich
etwa heute auch noch mit Euch herumrgern, heh? -- Was ist denn das,
wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafr zu
arbeiten, bis es abverdient ist, heh? -- Was sind denn Eure
Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht
lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler fr's ganze =Jahr= bekommt und sich
dafr das ganze geschlagene Jahr von Morgens frh drei oder vier Uhr bis
Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen
herunterarbeiten mu? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur
einen einzigen von all den gromuligen Rittergutsbesitzern und
Pachtern, die Euch nur so viel hundert =Groschen= vorschssen, um Euch
zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier =Thaler= bekommt? Hab'
ich Recht oder nicht?

Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und lt sich Nichts dagegen
einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so
mu man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in
der nchsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.

Na also -- und was wollt Ihr sonst noch?

Ja, sagte Behrens verlegen -- eins liegt mir doch noch auf dem Herzen,
und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.

Und das ist? frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm
und aufbrach.

Ich wollte doch gern, fuhr Behrens der sich ein Herz fate, fort, so
nah wie mglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drben
ist.

So? Ihr habt schon einen Bruder drben? und wo steckt denn der?

In der Colonie Blumenau.

Na da geht doch hinber, meinte Herr Kollboeker kurz -- es hindert
Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.

Wo man seine Passage auch abarbeiten kann? frug Behrens rasch.

Ne, lachte Herr Kollboeker, da das kleine Comptoir drhnte -- wenn
Ihr direkt dahin wollt, mt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid
Ihr unbehlfliches Volk, rief er, indem er seinen Brief auf das Pult
warf und sich gegen die an der Wand hngende kleine Weltkarte wandte.
Seht einmal hier, fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen
Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber
ihm vollkommen unverstndliche Linien hier ist Blumenau wohin =Ihr=
gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darber, kaum
mehr wie ein =Zoll= davon entfernt, fngt die Provinz Minas Geraes an,
wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinbergeschafft
werdet.[3] Verlangt Ihr =noch= mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract
abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer,
die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust
habt? -- Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen
wollen, was =so= sonnenklar auf der offenen Hand liegt.

Aber der Herr Doctor, sagte Behrens schchtern, meinte, die Provinz
wre so sehr gro.

Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz gro oder klein ist, rief
Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, dann bleibt doch
meinetwegen in Deutschland -- was liegt =mir= dran. Der Herr Doctor wird
dann wahrscheinlich fr Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt
und Ihr leben knnt, wie der liebe Gott in Frankreich.

Ja du lieber Gott, seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus
erinnert wurde -- fr Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht
selber thun knnen. Also Sie meinen wirklich, da es nicht so weit von
da wre, wo mein Bruder ist?

Na, =ich= habe die Karte doch nicht gemacht, sagte Herr Kollboeker,
die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht,
=ist= richtig und mu richtig sein -- Und ist sonst noch etwas, das Ihr
auf dem Herzen habt?

Ja sehen Sie, Herr Kollboeker, sagte Behrens, da der Agent das Erstere
als beseitigt zu betrachten schien, wenn Sie nur einmal so gut sein
wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. --
Bitte schn.

Nun was ist mit dem?

Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit
einander fr unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?

Nun? -- versteht sich denn das nicht von selbst?

Ja, in der Woche gewi -- aber doch Sonntags--

Dummes Zeug -- glaubt Ihr denn, da in Brasilien Sonntags gearbeitet
wird? rief Herr Kollboeker -- das ist ja ein streng katholisches Land
und hat noch auerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls
zu Gute kommen--

Danke Ihnen, sagte der Mann -- aber von einem Grtchen steht kein
Wort drin, -- ein klein Stckchen Land mte unser Einer doch haben,
damit er sich selber ein wenig Gemse bauen und ein paar Hhner und
Schweine halten knnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland
gehabt, wo das Land so theuer ist.

Du lieber Gott, lachte Herr Kollboeker gerade heraus -- das macht
Euch doch etwa keine Sorge -- ein Stck Land, wo der ganze Acker ein
paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich
Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in
sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her -- da ist ja gleich
noch Platz. Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhlt von seinem neuen
Brodherrn auch noch ein Stck Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um
sich darauf einen Garten anlegen zu knnen. So, seid Ihr jetzt damit
zufrieden?

Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein
groer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines
Grtchen gewhnt, und es wrde uns hart anthun, wenn wir es in dem
fremden Land missen sollten.

Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber
Ihr mt mich entschuldigen -- ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr
also weiter nichts zu bemerken habt, so knnt Ihr ja den Contract
unterschreiben und da lassen -- da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen
schicke.

Ja, Herr Kollboeker, sagte Behrens etwas bestrzt, denn das kam ihm zu
rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er
berhaupt gehen wollte oder nicht, so geschwind geht's doch freilich
nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich
mit meiner Alten berlegen mchte.

Na ich dchte, Ihr httet Zeit genug zum berlegen gehabt, aber wie Ihr
denkt; =ich= wre der Letzte der Euch dazu drngte, denn was hab =ich=
dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So berlegt
Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr
selber abreist, und wenn Ihr wollt, knnt Ihr den Contract auch erst in
Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen
habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich
zu, aber in =einer= Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr berhaupt
mitwollt, -- heute ist Mittwoch, bis morgen Abend sptestens mu Euer
Gepck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d.h. die groen Kisten, hier
sein. Kleinigkeiten knnt Ihr bei Euch behalten, denn bermorgen frh
mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was =ich= zu befrdern habe,
nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.

Morgen Abend schon?

Ja, =sptestens=, sagte Herr Kollboeker, denn wegen Euch allein und
extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein.
Alles was spter kommt, mssen die verschiedenen Eigenthmer auf ihre
eigenen Kosten transportiren lassen, und =viel= spter hilft's ihnen
nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist,
dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts
wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. -- Sind Sie
denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine
wahre Ewigkeit.

Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.

Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, -- Maulaffen feil halten, wenn ich
den Rcken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin
ich wieder zurck, damit ich sie dann unterschreiben kann. -- Also bis
morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pnktlich um sieben Uhr wird
zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und mu auch bei einem
solchen Geschft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. -- Apropos,
will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?

Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein--

Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl, und ohne sich weiter um die
Beiden zu bekmmern, verlie der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend
seine weiteren Maregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, -- er wute,
da das Gift jetzt wirkte.

Behrens war das gar nicht recht, denn er htte am liebsten noch eine
lngere Zeit zum berlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit
dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch
nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging
auch mit zurck. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und
Niemand wute wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten
Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf
auch nicht thun konnte.

Es war dabei schon spt geworden und Behrens mute an den Heimweg
denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte.
Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Kse mit
Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nchsten Restauration
zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter
aufnthigte, -- dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln
geqult den langen Weg nach Gro-Emmen zurck, um mit seiner braven Frau
zu berathen, was sie nun thun, -- ob sie bleiben und das bisherige karge
Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortfhren oder
auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath
nie -- nie wiederzusehen.

Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber
Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, -- nur =leben= wollten sie,
-- nur nothdrftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und
Angst sein, um das Nothdrftigste fr sich und die Kinder
herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit --
und da noch ein Kind dazu gekommen -- nicht mehr im Stand gewesen, zu
erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier
zur drckendsten Last, whrend noch auerdem die Frau an zu krnkeln
fing, da sie in ihrem schwchlichen Zustand jeder strkenden Nahrung und
krftigen Kost entsagen mute.

=Schlimmer= kann es dort auch nicht sein, lautete auch zuletzt das
Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer
=kann= es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in
dem fremden Lande haben und -- wir brauchen nicht zu frchten, da
unsere Kinder =betteln= gehen mssen, wenn ihnen der Vater einmal
pltzlich wegsterben sollte.

Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren
Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie
schwerem Herzen gehen sie fort! -- O, wie gern, -- wie gern wren sie
daheim geblieben.




Viertes Capitel.

Die Abreise.


Am nchsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hnde voll zu thun,
um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen
wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des
Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwrfe fielen ihm wieder ein und
lieen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen -- aber das Gepck
=mute= fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze
Fracht dafr bezahlen wollte, und wie wre er das im Stande gewesen?
Mute er nicht sogar das mhsam aufgeftterte Schwein, seine paar Hhner
und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hnde zu
bekommen und die nthigsten Ausgaben damit zu decken?

Herr Frommann vom Gut lie ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab
ihm vielmehr einen Rstwagen und ein paar Pferde dazu, da er es selber
besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thr und wartete
darauf, besorgte auch sogleich, da sie mit anderen, schon dort
stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen
besonderen Waggon fr seine Gter genommen, die augenblicklich
eingeladen und noch mit dem nchsten Zug befrdert wurden.

Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte
Zeit und drngte nicht, denn =jetzt= waren ihm die Leute sicher genug.
Ihr ganzes Gepck htten sie doch nie im Stich gelassen.

Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der
Stadt einzukehren, nach Gro-Emmen zurck, und scheute sich fast seine
eigene Wohnung zu betreten, so wst und leer sah es an dem Abend darin
aus.

Nur die nothwendigsten Betten fr das Kind hatten sie zurckbehalten;
fr die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschttet worden,
das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven
Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, htete
sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaten Plan
abzureden, denn wre es ihm spter einmal schlecht gegangen, so htte er
sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwrfen ausgesetzt,
der Familie in ihrem Glck hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine
Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber
vertreten mute.

Den Freitag und Sonnabend htte Behrens gern noch mit auf dem Gut
gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen -- aber es
lie ihm keine Ruh. War es, da er jetzt ein paar Thaler in der Tasche
hatte -- war es das Gefhl, nun bald fr immer von so vielen lieb
gewonnenen Pltzen Abschied nehmen zu mssen, aber rastlos wanderte er
am nchsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum
Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren
gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang sa er auf dem
nchsten Hgel der das kleine Dorf berschaute, und blickte hinab auf
die Husergruppe mit ihren rothen Ziegeldchern, auf den alten
Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Htte, in welcher
er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche
glckliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren
Geiste vorber.

Am Feierabend kamen nachher viele der frhern Kameraden zu ihm, um mit
ihm ber Brasilien zu sprechen -- =er= mute es ja doch jetzt wissen,
denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu
weh ums Herz, als da er einem Andern htte zureden mgen, einen
gleichen Entschlu zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen,
und der Besuch ging unbefriedigt fort.

Es ist eigenthmlich, mit welcher fabelhaften Zhigkeit die menschliche
Seele an alt Gewohntem hngt, und wir verlassen mit fast eben so
schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefhlt, und aus dem wir
uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur
glckliche Erinnerungen fr uns trgt.

Am nchsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn
Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches ber
das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen
habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch frher ber
Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem
Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm
einzulassen.

Mein lieber Freund, sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl
von Papieren herumkramend -- Sie kommen mir heute =sehr= ungelegen. Die
Abfahrtszeit wissen Sie jetzt -- Sie mssen Sonntag Morgen Punkt halb
Zwlf =sptestens= hier am Bahnhof sein, denn um zwlf Uhr zwanzig geht
der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber fr jetzt nicht einlassen, denn
ich habe bis zur nchsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben
und zu dictiren.

Aber meinen Contract--

Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der
Sie empfngt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen
brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie,
damit wir das nur endlich fertig kriegen.

Behrens ging; er sah ein, da er den so sehr beschftigten Herrn
Kollboeker heute nicht stren drfe. Er schttelte den Kopf; der Mann
war frher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf
einmal so kalt und vornehm -- aber du lieber Gott, er hatte wohl den
Kopf voll -- zwanzig Briefe -- das war keine Kleinigkeit und er wute
recht gut, welche Mhe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken
Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben mssen.

Wie er die Strae langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem
Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte.

Heh? sagte er, indem er stehen blieb, ist das nicht unser
Brasilianer? -- Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht
unterschrieben?

Nein, Herr Doctor, sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren
roth, -- ich kann's mir noch eine Weile berlegen.

Das ist gescheut, nickte der alte Herr, und noch gescheuter wr's,
Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract
aufsetzen, so ist =hier= doch Deutschland und drben Amerika, und was
=hier= gilt, kann mglicher Weise dort drben auch nicht einen
Stecknadelknopf werth sein.

Ja sagte Behrens mit einem Seufzer, das ist wohl wahr. Nun ich soll
ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.

In Antwerpen? -- was wollt Ihr denn =dort=?

Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus
gegangen.

Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt? rief der Doctor in blankem
Erstaunen aus, und noch keinen ordentlichen und anstndigen Contract in
den Hnden?

Der Herr Kollboeker meinte das htte bis dort Zeit.

Natrlich, nickte der Arzt, weil sie Euch jetzt sicher genug in der
Tasche haben, denn =Ihr= lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann
glckliche Reise, Freund. Wer nicht hren will mu fhlen und ihm
zunickend ging er rgerlich die Strae hinab.

Behrens schaute ihm verdutzt nach. Wer nicht hren will mu fhlen,
hatte der alte Herr gesagt, -- sollte er denn wirklich einen dummen
Streich gemacht haben? -- Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte
allerdings keinen freien Willen mehr und mute nach, und da er von dort
nicht wieder zurck konnte, war ebenso gewi. Ein Gutes hatte aber
dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn
bis dahin immer noch geqult. Jetzt, nachdem die Wrfel gefallen, half
auch kein berlegen und kein Grbeln mehr, und zum ersten Mal, als er
weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fhlte
die Kraft in sich, seine Familie mit Flei und Ausdauer -- wo es auch
sei und unter welchen Verhltnissen, eben so gut -- und jedenfalls besser
durchzubringen wie hier im Vaterland. Es hat einmal so sein sollen,
trstete er sich, der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja
auch schon weiter helfen.

Von jetzt an betrieb er das Nthige vor der Abreise mit Ruhe und
Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrckte, und seine
Frau bitterlich weinend auf dem Wagen sa, den ihnen Einer der Bauern
zur Verfgung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau
fortzubringen, da liefen auch ihm die Thrnen an den wetterbraunen
Wangen nieder.

Ja, wr es ein strmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter,
wo die Windsbraut ber die Felder jagte und dstere Wolken den Horizont
beengten, Behrens htte sich vielleicht leichter hineingefunden, -- aber
der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft,
Glockengelute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren
Grber lie, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle
zunickten und den davon Ziehenden mit den Tchern nachwinkten. Das fate
ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath
und Freundesgru schwammen in seinen Thrnen zusammen, whrend es ihm
war, als ob bei dem Gelute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal
zu Grabe getragen wrde, was er je in der Welt verloren.

Aber auch das wich von ihm, -- weit in der Ferne verhallten die Tne,
ber das rauhe Straenpflaster der Stadt rasselte der Rstwagen, und
fremde, geschftige Menschen umdrngten ihn, als er den Bahnhof endlich
erreichte und nun fr sich und all die Seinen denken mute. Da war keine
Zeit mehr, sich dumpfem Brten hinzugeben; Herr Meier, aus Kollboeker's
Geschft, hatte die Befrderung der Auswanderer berkommen und schleppte
ihn bald da, bald dort mit hin, um zunchst das mitgefhrte Reisegepck,
dann ihn selbst und die Seinen unterzubringen. Und nicht lange, so
lutete die Glocke das Zeichen zur Abfahrt, -- die Maschine pfiff, und
fort wurden sie gerissen durch das weite Land, der unbekannten Ferne
entgegen.

Aber wie fremd kamen sich die Armen schon hier im eigenen Vaterland vor,
wie sie nur erst die Marken ihres heimischen Dorfes hinter sich hatten.
Da war kein bekanntes Gesicht mehr, auf das ihr Auge fiel, kein
menschliches Wesen, das sich um sie bekmmert htte oder nach ihnen
gefragt. Nur die Bahnbeamten schoben sie manchmal, wenn der Zug
gewechselt wurde, da und dort hinber, und wollten wissen, ob sie auch
ihre Fahrbillette htten; dann ging's weiter, immer weiter, in eine
endlose Ebene hinaus, mit Drfern und Wiesen und blauem Himmel wie
daheim, aber doch so fremd Alles, so entsetzlich fremd.

Tag und Nacht fuhren sie so durch; die Kinder, die sich Anfangs ber die
Reise gefreut, wurden ungeduldig und fingen an zu weinen, das Kleinste
schrie viel, und die Mitpassagiere rgerten sich darber und sprachen
oder lachten auch wohl untereinander. Endlich stiegen Leute ein die eine
ganz fremde Sprache redeten, und Canle durchzogen das Land, das fast
nur aus grnen Wiesen bestand, auf denen zahllose Heerden weideten, --
und zuletzt erreichten sie eine groe mchtige Stadt an einem Strom, so
breit, wie die Deutschen noch gar keinen in ihrer Heimath gesehen, und
von hieraus muten sie nun auf dem groen Wasser fahren, vor dem sich
die Frau im Stillen immer gefrchtet hatte.

Wie ihnen Herr Kollboeker daheim gesagt, sollten sie auch hier einen
Mann treffen, der sich ihrer weiter annehmen und ihre Befrderung auf
das Schiff besorgen wrde; wie der sie aber aus der ungeheuren
Menschenmenge, die da auf und ab wogte, herausfinden konnte, begriff
Behrens nicht, und noch stand er, das jngste Kind auf dem Arm, whrend
sich die anderen um ihn und die Mutter drngten, auf dem Perron, und sah
rathlos und scheu in das ihn umtobende Gewhl hinein, als ein junger,
sehr elegant gekleideter Herr auf ihn zukam und freundlich sagte:
Familie Behrens aus Gro-Emmen?

Ja, du lieber Gott, rief die Frau, ordentlich erschreckt, woher
wissen =Sie= denn das schon?

Der junge Mann lchelte und whrend er -- aber in einer Sprache, welche
die Auswanderer nicht verstanden -- einen der Packtrger, der eine Nummer
an der Mtze trug, herbeiwinkte, frug er Behrens nach seinem
Gepckschein, der Jenem bergeben wurde, und lud dann die Auswanderer
ein mit ihm zu kommen, da er sie in ein Wirthshaus fhre, wo sie
bernachten knnten, denn sie sollten erst morgen frh an Bord des
Schiffes gebracht werden.

Die Frau wollte allerdings den Bahnhof nicht verlassen, ohne ihre Sachen
mitzunehmen; der junge Fremde beruhigte sie aber darber, und brachte
sie auch endlich so weit, da sie ihm folgten.

Von jetzt ab gingen die Deutschen wie in einem Traum herum, denn wenn
auch noch in Europa, fanden sie sich doch in einer vollkommen fremden
Welt, in der sie sich nicht zu rathen und zu helfen wuten. Da sahen sie
rings um sich Menschen in einer anderen Tracht, die eine andere Sprache
redeten, -- selbst an den Husern die Schilder konnten sie nicht lesen,
und ordentlich erstaunt blieben sie stehen, als oben von dem einen Thurm
ein Glockenspiel die Stunde anzeigte.

Glcklicher Weise brachte sie ihr Fhrer zu Deutschen, und forderte dann
Behrens auf, mit ihm auf das Comptoir zu gehen, um dort ihre
Angelegenheit zum Schlu zu bringen.

Behrens folgte ihm willenlos, und wenn er auch manchmal gern stehen
geblieben wre, um sich in den Straen umzusehen, wo wunderliche
Frauengestalten mit langen Strickstrmpfen und hohen Mtzen in
Holzpantoffeln vor den Thren saen, und mit einander erzhlten und
plauderten, lie ihm sein Fhrer doch keine Zeit dazu.

Er hielt auch nicht eher, als bis sie wieder ein schmales, in der
unmittelbaren Nhe des Strandes gelegenes Haus erreichten, an dessen
Thr sich ebenfalls viele Schilder befanden, die Behrens aber auch nicht
lesen konnte. Dort traten sie ein, und der arme Tagelhner fand sich
pltzlich in einem langen, wenn auch ziemlich schmalen Saal, in welchem
wohl zwlf oder vierzehn Herren emsig schrieben und keine Seele sich um
ihn bekmmerte. Dort wurde er hindurch gefhrt, ohne da ihn auch nur
Einer angesehen htte, in ein anderes, kleines Gemach, in welchem
kostbare Mbel standen und zwei ltliche Herren an ihren Pulten saen.

Dem Einen von diesen meldete Behrens' Fhrer seine Ankunft, ohne da der
Herr aber nur den Kopf gehoben htte, so war er in ein Papier vertieft,
in dem er gerade las. Endlich sah er Behrens ber seine Brille an, und
ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er ihn wohl ber eine halbe
Minute, so da der arme Teufel ganz verlegen wurde. Endlich sagte er auf
deutsch, aber mit einem etwas fremdartigen Ausdruck: Wo ist Euer
Contract?

Hier, Herr, erwiderte Behrens, und berreichte ihm das Papier, in das
jener einen flchtigen Blick warf.

Ihr habt ja noch nicht unterschrieben.

Ja, sehen Sie -- sagte Behrens, und htte jetzt gern noch einige
Bedenklichkeit, ber die er unterwegs gegrbelt, vorgebracht, aber es
ging nicht. Erstlich fiel ihm nicht einmal gleich ein, was er eigentlich
sagen wollte, und dann hatte der Herr vor ihm mit der grnen Brille, dem
er nicht einmal in die Augen sehen konnte, so entsetzlich viel zu thun,
da er sich kaum mit ihm abgeben mochte. Der alte Herr lie ihn aber
auch gar nicht ausreden.

Leben die Personen noch alle, die hier auf dem Papier stehen?

Wer? frug Behrens erschreckt.

Nun, all diese Familienglieder.

Gott wolle verhten, da Eines davon gestorben wre, rief der arme
Mann, bestrzt die Hnde ber den Hut faltend.

Und sind sie Alle mit Euch hierher gekommen?

Jawohl, -- gewiߠ--

Gut -- dann unterschreibt einmal den Contract. Ihr knnt doch
schreiben?

Meinen Namen, ja.

Der alte Herr erwiderte nichts weiter, -- er trat einen Schritt zur
Seite und reichte Behrens eine von den auf dem Pult liegenden Federn,
die er vorher fr ihn eintauchte, und Behrens setzte mit zitternder Hand
und gar keine Widerrede mehr wagend, seinen Namen an die bezeichnete
Stelle auf das Papier.

Der alte Herr sah ihm zu, nahm dann, als Behrens fertig war, das
Document und streute blauen Sand ber den frisch und etwas dick
geschriebenen Namen, faltete es nachher zusammen und legte es auf sein
Pult.

Ja aber, sagte Behrens etwas verwundert, bekomme ich denn das Papier
nicht wieder?

Das mu der Capitn haben, um zu sehen ob die Anzahl der Personen
trifft, sagte der alte Herr, an Bord wird man es Euch nachher
wiedergeben, und als ob Behrens nicht weiter auf der Welt existire,
drehte er sich von ihm ab, und beschftigte sich wieder mit seiner
frheren Arbeit.

Der junge Mann zupfte dabei Behrens am rmel, da er ihm folgen mge,
und Beide schritten wieder, ohne da der Alte des Bauern Gru erwidert
oder nur bemerkt htte, durch den langen Saal hinaus ins Freie.

Von jetzt an hatte Behrens aufgehrt selbststndig zu handeln, und war
einzig und allein auf die Hlfe fremder Leute angewiesen. Aber gutes
krftiges Essen bekamen sie wenigstens in dem Wirthshaus, wie es die
Familie seit Jahren, vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht gehabt.
Eine gute Suppe, Fleisch im berflu, so viel sie davon genieen
wollten, und was fr ein herrliches Fleisch, und Kaffee mit Zucker und
Weibrod, ja sogar eine Flasche Wein lie sich der junge Mann geben, der
ihn dort hineingebracht und der viel anstndiger aussah als Herr Meier,
bei dem Auswanderungsagenten daheim -- und schenkte Behrens ein groes
Glas davon ein.

Es war jedenfalls ein neues Leben, das er damit begonnen hatte und wenn
das so fort ging, konnte er recht wohl zufrieden damit sein. Trotzdem
kam es ihm unheimlich bei den Fremden vor, denn wenn auch einzelne Leute
in dem Haus deutsch miteinander sprachen, so unterhielten sie sich doch
nur ber Dinge, von denen er kein Wort verstand: von Schiffen, von
Fracht und Ladung, von Havarie und anderen hnlichen Sachen. Aber die
Ruhe that ihm und den Seinen wohl, und wenn er sich auch nicht aus dem
Haus hinausgetraute, weil er frchtete, da er den Rckweg nicht wieder
finden wrde, erfreute er sich der regelmigen Mahlzeiten und war sogar
nicht bse darber, als sie am nchsten Tag hrten, sie knnten noch
nicht an Bord gehen, da das Schiff noch nicht ganz segelfertig sei, was
ihren Aufenthalt in dem Wirthshaus um einige Tage verlngerte.

Es kam ihm wohl dabei einmal der Gedanke, da er das, was er hier mit
den Seinen bei seinem gar nicht selber verschuldeten Aufenthalt verzehrt
habe, am Ende mit seiner Hnde Arbeit wrde wieder bezahlen mssen --
aber er gab sich dem nicht lange hin. Sie waren einmal unterwegs, und
jetzt mochte der liebe Gott weiter helfen.




Fnftes Capitel.

Auf See und an Land.


Am dritten Tag kam endlich ein Wagen vor die Thr, der ihre Sachen
abholen sollte. Es standen schon eine Anzahl groer unbehlflicher
Kisten darauf, wie sie die Deutschen gewhnlich mit in ein fremdes Land
schleppen, und dann, an Ort und Stelle angekommen, nicht wissen, was sie
damit anfangen sollen. Dem Wagen folgten sie zu Fu -- Geld wurde ihnen
dabei im Wirthshaus gar nicht abverlangt. Der junge Mann aus dem
Geschft kam nur wieder, lie sich die Rechnung geben, dann begleitete
er sie selber zu einem kleinen Dampfer, der bestimmt war sie an Bord
ihres Schiffes zu bringen, das schon weiter unten im Strom, in der
Schelde lag.

Von da an kamen sie eigentlich nicht mehr recht zu sich selbst; denn wie
sie nur das breitere Wasser erreichten und das Schiff an zu schaukeln
fing, waren sie kaum im Stande ihr Gepck zurecht zu rcken und sich
selber in ihrem Schlafplatz auf die ausgebreiteten Betten zu werfen.
Dann wurden sie krank und behielten nichts als das Gefhl ihres Elends
viele Tage lang.

Es war auch in der That eine bse Fahrt, bis sie den Canal hinter sich
hatten. Mit kleinen Segeln, bei einem ziemlich heftigen Nordostwind,
fuhr das Schiff aus der Schelde hinaus und drauen wehte schon an dem
nmlichen Abend ein fliegender Sturm und peitschte die See zu Schaum.
Die Wellen schlugen ber Deck, und das rasche Laufen der Matrosen auf
den Planken, die laut geschrieenen Befehle ngstigten die unglcklichen
Passagiere nur noch mehr. Aber der Sturm hatte wenigstens in so fern
sein Gutes, da er das Fahrzeug rasch hinaus aus dem gefhrlichen Wasser
des Canals und in die offene See hineinfegte. Dort ging die See
allerdings noch hoch, aber der Wind lie doch nach und die Wellen
beruhigten sich allgemach; ja es trat sogar am sechsten Tage -- wie das
nach einem sehr heftigen Unwetter hufig der Fall ist, Windstille ein,
und als sich die See glttete und die halbtodten Passagiere an Deck
hinaufschwankten, um zum ersten Mal wieder frische Luft zu schpfen,
waren sie aus Sicht von jedem Land und schwammen drauen auf dem weiten,
den Meer.

In dem ruhigen Wetter erholten sie sich aber rasch; der Krper hatte
sich auch indessen an das Schaukeln gewhnt und der so lang vollstndig
vernachlssigte Magen verlangte sein Recht. Auch Bekanntschaft konnten
die Reisegefhrten jetzt unter einander machen, denn bis dahin hatte
sich Keiner um den Anderen bekmmert.

Es waren noch viele Familien an Bord aus allen Theilen Deutschlands,
auch eine Menge junges Volk, und Behrens erkannte zu seinem Erstaunen
gerade einen Theil der Burschen wieder, die er damals hatte, mit buntem
Schmuck an den Hten, durch die Stadt ziehen sehen, und die so
bermthig und keck gewesen waren. -- Aber lieber Gott, wie traurig und
niedergeschlagen sahen sie jetzt, nach der berstandenen Seekrankheit,
aus, wie bleich und hohlugig, und nie im Leben wrde er aus diesen
Jammergestalten die rothbackigen munteren Gesellen von damals
wiedererkannt haben, wre es nicht eben an dem bunten Flitterputz
gewesen, den sie noch an den freilich zerknitterten und arg
mitgenommenen Hten trugen. Sie sangen und jubelten auch nicht mehr;
ineinander gebrochen saen sie an Deck umher, und es brauchte Tage lang,
bis sie sich nur in etwas wieder erholen konnten.

Besonders viel Familien waren an Bord und eine wahre Unzahl von kleinen
Kindern -- und alle wollten nach Brasilien, alle hatten hnliche
Contracte unterzeichnet wie Behrens und trugen die Herzen voller
Hoffnung dem fremden Land entgegen. Hier war auch Niemand, der sie mit
Sorge oder Verdacht erfllt htte; kein Mensch, der von unvollstndigen
oder zweideutigen Contracten oder von schlechten Bedingungen sprach. Die
alte Welt lag hinter ihnen, mit ihren pedantischen Ansichten und
kleinherzigen Rcksichten, und was sich vor ihnen ausbreitete, war ein
neues frisches Leben voller Glanz und Sonnenschein.

Sonderbar nur, da Keiner der Passagiere angeben konnte =wohin= er ging.
Es fiel ihnen jetzt allerdings auf, wo sie sich darber untereinander
aussprachen, da Keiner von Allen noch einen bestimmten Platz wute, und
eigentlich nur das Wort Brasilien der Sammelpunkt war, den sie sich
bis dahin gedacht -- aber wo in Brasilien wrde ihr knftiger Aufenthalt
sein?

Einer der Passagiere, ein wunderlicher Kauz mit einem ganz jungen
frischen Gesicht, aber schneeweien Haaren und einem eben solchen Barte,
hatte eine Karte mit und schien auch einen ungefhren Begriff von
Geographie zu haben. Er zeigte ihnen das brasilianische Kaiserthum und
berechnete ihnen die ungefhre Gre des gewaltigen Reiches nach den
angegebenen Graden.

Auch den Hafen fanden sie darauf angegeben, nach welchem sie bestimmt
waren; aber nicht alle Passagiere gingen dorthin. Einige sollten nach
Bahia, Andere nach Mucury geschafft werden, und man vermuthete
natrlich, da das Schiff an den verschiedenen Punkten anlegen werde,
wenn diese auch ziemlich weit von einander entfernt lagen.

Und wie es in dem fremden Lande werden wrde? -- Keiner der Auswanderer
hatte auch nur eine Ahnung davon, aber Alle soviel von dem herrlichen
Klima und den paradiesischen Frchten gehrt, da sie die Zeit kaum
erwarten konnten, in welcher sie den Platz erreichen, und Alles an Ort
und Stelle selber sehen wrden.

So vertrumten sie die Tage, mit Hoffnungen und Plnen, in die ihnen
Niemand einen Miton bringen konnte, und da auch von jetzt an warmes und
freundliches Wetter mit gnstigem Winde einsetzte, scheuchte der blaue
Himmel selbst die letzten Sorgen fort.

Eigenthmlich war, da smmtliche Passagiere ihre Contracte hatten in
Antwerpen abliefern mssen, und wenn auch gar nichts in denselben stand,
was die Arbeit=geber= im Geringsten htte gegen =sie=, die Arbeiter
binden knnen, so hngt doch der Deutsche nun einmal mit merkwrdiger
Zhigkeit an etwas Schriftlichem, und wiederholt waren die Gesuche an
den Capitn gewesen, ihnen die Papiere zurckzugeben.

Anfangs hatte dieser nur einfach gesagt, sie mten erst eingetragen
werden, und das htte noch Zeit, denn sie blieben noch eine lange Weile
zusammen auf der See, dann mischte sich aber auch noch ein anderer Mann
hinein -- ein langer, magerer Herr, den sie bis dahin nur fr einen
Cajtspassagier gehalten, der ihnen aber erklrte, da er der Supercargo
des Schiffes und Bevollmchtigter des Hauses in Antwerpen wre. Dieser
erklrte ihnen -- nachdem sie etwa vier Wochen in See waren -- da die
Contracte erst Jedem ausgeliefert wrden, wenn sie an Land kmen, um
sich bei ihren neuen Brodherren zu legitimiren. Hier auf See brauchten
sie dieselben doch nicht, und sie knnten nur vielleicht verloren gehn,
was nachher die grte Verwirrung herbeifhren wrde.

Das blieb der einzige Bescheid den sie erhielten, und sie muten sich,
wohl oder bel, damit begngen.

Wieder vergingen vierzehn Tage; der Wind war ihnen gnstig, denn sie
hatten jetzt lange die nordstlichen Passate erreicht, die sie der neuen
Heimath entgegenfhrten, aber diese wehten auerordentlich schwach und
sie machten wohl steten aber doch ziemlich langsamen Fortgang. Endlich
-- endlich bekamen sie das erste Zeichen, da sie sich wirklich dem
Festland nherten, denn das Loth oder Senkblei wurde geworfen, um zu
sehen ob sie Grund fnden, da sich an vielen Ksten, besonders an den
amerikanischen, die Entfernung des Landes ziemlich sicher und genau nach
der Tiefe des Meerbodens beurtheilen lt, die man findet.

Zwei Tage spter rief der Mann, der Morgens mit Tagesanbruch in den Top
gesandt wurde: =Land!= Wenn die Passagiere aber auch smmtlich an Deck
standen und dort hinber schauten, konnte doch Keiner von ihnen auch nur
das Geringste entdecken, was =ihrer= Vorstellung von Land nur
einigermaen entsprach. Da waren keine Berge noch bewaldete Hhen zu
entdecken, keine Stdte noch Drfer, und wo da =Land= sein sollte, wute
Keiner von ihnen. Nur am westlichen Horizont bemerkten sie endlich,
nachdem ihnen der Steuermann drei oder viermal die Stelle gezeigt, einen
lichtblauen niedrigen Streifen, der aber auch eben so gut eine Wolke
sein konnte, so dicht lag er auf dem Wasser, und so vollkommen
verschmolz er mit dem berdies dunklen Rand des Horizonts, der sich
stets gegen den blauen Himmel abspiegelt. Aber die Brise war ihnen
gnstig. Je weiter sie dabei nach Westen vorrckten, desto mehr hob sich
der Rand in die Hhe, und gegen Mittag konnten Alle schon die
Abzeichnung der Bergcontouren erkennen, die immer deutlicher
hervortraten und hher wurden.

Trotzdem segelten sie den ganzen Tag noch dagegen an, ohne es zu
erreichen, und erst mit einbrechender Nacht sahen sie ein helles,
funkelndes Licht von dort herberglimmen, -- den Leuchtthurm, der ihnen
die Stelle kndete, wo sie anzufahren hatten.

Und =alle= Passagiere standen in der wunderbar schnen milden Nacht an
Deck und schauten nach dem Licht hinber, das ihnen von der
brasilianischen Kste entgegen funkelte, und welch ein eigenthmlich
bengstigendes Gefhl war es, das dabei ihre Herzen erfllte! Dort war
das Land, dem sie ihre Zukunft anvertraut hatten, von dem
geheimnivollen Schleier der Nacht bedeckt, und dort, wo jetzt noch die
kleinen hellen Punkte am Ufer hervortraten und sich wie ein Streifen an
der Kste hinzogen, wohnten Menschen, -- wohnten wirkliche Brasilianer,
zwischen denen sie von nun an leben und wirken sollten. Dahinter aber
lagen die Berge mit ihren dsteren Waldungen und Schatten, mit wilden
Thieren, Indianern, bunten Vgeln und groen, giftigen Schlangen, und
das Alles sollten sie jetzt sehen, -- in dem Allen sollten sie mitleben,
das so ganz Anders wie die Heimath war.

Und wie wrde sich dort nun zwischen den fremden Menschen ihr Schicksal
gestalten? -- es war eine ernste Frage, die sie sich stellten, und
selbst die Schaar der jungen Burschen, die den Tag hindurch bermthig
und ausgelassen genug gewesen, schien recht still und nachdenkend
geworden zu sein. Sie alle lehnten schweigend oder leise mit einander
flsternd an Bord und schauten nach den Lichtern hinber, die ihnen von
dort drben entgegenwinkten.

Das Schiff selber hielt aber nicht mehr genau auf die Kste zu, sondern
kreuzte daran auf und ab, da der Capitn den Hafen zu wenig kannte, um
dort bei Nacht einzufahren. Das Wetter war ja auch so still und
freundlich, da er nichts dabei zu wagen hatte. Er konnte recht gut den
Morgen abwarten, um hinanzulaufen und nachher zu ankern.

Und der Morgen kam. -- Aus der verlassenen Heimath her sandte ihnen die
Sonne ihr Licht und bergo die Berge Brasiliens mit ihrem duftigen
Schimmer -- und dicht vor ihnen lag das Land, auf das der Capitn schon
von vier Uhr frh an scharf zugesteuert hatte. Deutlich konnten sie die
einzelnen lichten Wohnungen zwischen dem saftigen Grn der Bume
erkennen, und hie und da ragten daraus die hohen, phantastischen Kronen
der Palmen hervor und schttelten ihre gefiederten Bltter im Wind.

Jetzt aber, mit dem hellen Tageslicht, war auch der unheimliche Zauber
gebrochen, der in der Nacht auf den Herzen der Auswanderer gelegen.

   Was fragen wir nach Gut und Geld!
    Wir wandern frhlich in die Welt.
    Brasi--lien ist unsre Seligkeit.
    Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit von hier.
    Halli, Hallo! Brasilien ist nicht weit!

sangen die jungen Burschen jubelnd dem nahen Land entgegen, und selbst
von den Alten stimmten jetzt Viele in das Lied mit ein.

Brasilien war jetzt allerdings nicht weit; schon konnte man einzelne,
sich bewegende Gestalten am Land erkennen, und jetzt -- ein merkwrdiges
Gerusch drhnte durch das Schiff, wie das Rasseln einer schweren Kette.
Es war der auslaufende Anker und gleich darauf schwang das wackere
Fahrzeug herum, und die Reise war beendet.

Jetzt allerdings entstand eine scheinbare Verwirrung an Bord, denn Alles
lief durcheinander und die Auswanderer sahen sich schon bestrzt an,
weil sie glaubten, es knne irgend ein Unglck geschehen sein. Aber
jeder der Matrosen wute was er zu thun hatte, und whrend die Jngeren
an den Wanten hinaufliefen, um die Segel fest zu machen, waren Einige
mit dem Anker beschftigt, inde Andere des Capitns Jlle in See
herablieen. Aber dieser selber ging noch nicht an Land, denn er mute
vorher den Besuch der Hafenpolizei abwarten, die auch nicht lange
ausblieb.

Das Schiff, das man bald als ein Fahrzeug mit Emigranten erkannte, war
schon mit Tagesanbruch beobachtet worden, und kaum scho der Anker in
die Tiefe, als auch ein Boot vom Lande abstie, das ihm entgegenruderte.

ber den hintern Theil desselben war ein Sonnenzelt gespannt, da man
die darunter Sitzenden nicht erkennen konnte, vorn aber ruderten vier,
bis zum Grtel nackte Neger, die schwarzen Wollkpfe mit kleinen
Strohhten bedeckt, und zogen natrlich die Aufmerksamkeit der Deutschen
vor allem Anderen auf sich. Waren es doch die ersten Schwarzen, die sie
zu sehen bekamen.

Jetzt legten sie an, -- die Fallreepstreppe war schon vorher hinunter
gelassen, und nach einer vorherigen Anfrage, ob Alles wohl an Bord sei,
kletterten die Brasilianer daran in die Hhe.

Das waren wirklich chte, -- wie braun und sonnverbrannt sie aussahen,
und was fr breitrndige Strohhte und luftige, dnne, seidene, helle
Rcke und weite Hosen sie trugen -- und der Eine von ihnen -- die Frauen
kicherten untereinander -- ging sogar in gestickten Pantoffeln und hatte
doch ein groes Loch hinten im Strumpf.

Der Capitn verstand kein portugiesisch, aber der Herr, den er in seiner
Cajte mitfhrte, -- der sogenannte Cargadeur des Schiffes oder
Supercargo, wie er auch genannt wird, -- und dieser unterhielt sich eine
Weile mit den Brasilianern, und jedenfalls sprachen sie hauptschlich
ber ihre lebendige Fracht, die Auswanderer. Die Neger kamen indessen
nicht mit an Deck herauf, sondern blieben unten im Boot auf ihren
Pltzen sitzen, und als die Deutschen neugierig nach ihnen ber die
Schanzkleidung hinabsahen, lachten sie ihnen zu und schnitten ihnen so
furchtbare Gesichter, da sie die Frauen und Kinder frchten machten.
Sie kokettirten ordentlich mit ihrer scheulichen Hlichkeit.

Das dauerte aber nicht lange. Der Brasilianer mute doch wohl die ihm
vorgelegten Papiere alle in Ordnung befunden haben, denn er trank ein
Glas Wein mit dem Capitn und Supercargo, da der Cajtendiener rasch
Flaschen und Glser herbeigeschafft hatte, und stieg dann wieder in sein
Boot hinab, wo die Neger jetzt so ernsthaft und ehrerbietig saen, als
ob sie nie ein Wasser getrbt, oder ein Gesicht geschnitten htten, und
fort scho das schlanke Fahrzeug gegen die Stadt zu. Aber ehe ihm der
Capitn in seiner Jlle folgen konnte, wurde es von zwei anderen
abgelst, die, ebenfalls von Negern gerudert, herbeiglitten.

Die Passagiere der beiden stiegen fast zu gleicher Zeit an Deck, und
unter diesen befand sich auch ein Deutscher, -- er redete wenigstens den
Supercargo deutsch an. Von allen diesen nahm aber Keiner die geringste
Notiz von den Auswanderern, die doch dicht gedrngt um die
Fallreepstreppe standen. Sie grten nicht einmal etwas, das zum
Zwischendeck gehrte, sondern gingen glatt hindurch zum Quarterdeck,
wo sie den Leuten auf das Freundschaftlichste die Hand schttelten. --
Was gingen sie die deutschen Arbeiter an, die hier herbergekommen waren
um ihre Felder zu bebauen und ihre Ernten einzubringen, -- und doch that
es den armen Deutschen weh.

Sie hatten sich so darauf gefreut, hier herber zu kommen und in gutem
Einverstndni mit den Brasilianern zu leben; sie waren so fest
entschlossen, sich gut und ehrlich durch die Welt zu bringen und die
eingegangenen Verpflichtungen zu erfllen, und jetzt wrdigte sie Keiner
dieser Leute, -- nicht einmal der Landsmann, der mit an Bord gekommen
war, nur eines Grues oder selbst nur eines Blicks. Sie hatten auf einen
freundlichern Empfang in Brasilien gerechnet, und ein eigenes,
unbehagliches Gefhl bemchtigte sich ihrer. Es sang auch keiner mehr
von ihnen, oder lachte und plauderte; Alle schauten still und befangen
auf die Fremden, und es war, als ob ihnen eine Ahnung sage, da jetzt da
oben auf dem Quarterdeck ihr knftiges Schicksal entschieden werden
solle.

Hren konnten sie freilich nicht was da oben verhandelt wurde, und nur
einmal verstanden sie die lauter als gewhnlich gesprochenen Worte des
Capitns, da er die Passagiere aus dem Wege haben msse, um zu ihrer
Fracht zu kommen. Er knne sie nicht lnger an Bord behalten, denn sein
Contract wre erfllt, und weiter htte er nichts mit dem Volk zu thun.

Dabei blieb es auch, denn wie sie kaum ihr Mittagsessen verzehrt hatten,
was sie noch an Bord bekamen, wurde ihnen angekndigt, ihre Sachen
zusammenzupacken und sich fertig zu machen, da sie an Land gefahren
werden sollten.

Wie hatten sich Alle danach die vielen Wochen gesehnt, da sie erst das
enge Schiff einmal verlassen und das weite herrliche Brasilien betreten
knnten, -- jetzt war ihnen bnglich zu Muthe. Die Entscheidung ihres
Schicksals rckte an sie heran, und Viele, vielleicht Alle, -- htten
noch gern einen Tag zugegeben, um das hinauszuschieben, -- aber es ging
eben nicht. Man lie ihnen kaum Zeit, ihre wenigen ausgepackten
Habseligkeiten wieder in die Kisten zu thun und zu verschlieen, und
indessen arbeiteten die Matrosen schon scharf daran, Alles, was unter
ihre Hnde kam, mit Tauen zu umwerfen und nach oben zu hissen. Auch die
Betten wurden zusammengeschnrt, und kaum eine Stunde spter lag das
obere Deck so gedrngt voll Gepck, da man sich kaum dazwischen
durchbewegen konnte, und die Matrosen auch, rcksichtslos genug, ber
Alles hinwegkletterten. Was that es auch, wenn sie hier einmal in eine
Schachtel hineinbrachen oder einen schwachen Kistendeckel sprengten; die
Deutschen mochten sehen, wie sie das wieder in Stand setzten.

Dann kam eine groe Launch vom Ufer abgefahren, die langseit legte und
in welche die verschiedenen Frachtstcke eben so rcksichtslos
hineingelassen wurden. Die Matrosen fluchten nur dabei ber die groen,
schweren, unbehlflichen Kisten. Dann kam noch eine, die den Rest nahm
und Einzelne von den Passagieren, und zuletzt kehrte die erste zurck in
welcher smmtliche noch vorhandene Passagiere untergebracht und an Land
geschafft wurden.

Niemand an Bord nahm auch Abschied von ihnen; hie und da drckte wohl
ein Matrose Dem oder Jenem der Auswanderer, mit dem er sich unterwegs
befreundet und dessen Rum er ausgetrunken, die Hand. Capitn wie
Supercargo kmmerten sich nicht um die Leute, und waren sogar schon
vorher ans Land gefahren, wobei der Capitn, als er das Schiff verlie,
seinem Steuermann noch zurief, wenn er zurck kme, msse das Fahrzeug
=rein= sein.

Auf der Launch war auch Niemand, mit dem sie ein Wort sprechen konnten;
die Besatzung bestand aus ein paar halbnackten Negern, die sich in
einemfort unverstndliche Sachen zuschrieen und dabei mit einander
lachten. So glitten sie dem Ufer zu. Einer der jungen Burschen wollte in
einer Art von verzweifelter Lustigkeit wieder das Lied anstimmen:
Brasilien ist nicht weit von hier! -- aber schwieg ordentlich
erschreckt, als auch kein Einziger der brigen mit einstimmte. Es war
ihnen nicht wie Singen zu Muthe.

Jetzt liefen sie an den Platz an, wo sie ausgeschifft werden konnten.
Was da fr wundervolle Bume am Ufer standen und wie herrlich das fremde
Land aussah; aber die vielen fremden Gesichter bengstigten sie,
schwarze, braune, gelbe, und wie das Volk da umher lachte und plauderte,
und sich vielleicht ber sie lustig machte, -- wer konnte es wissen. Und
als sie endlich ausgestiegen und am Land standen, war da auch nur Einer
von Allen, der auf sie zukam und ihnen die Hand geboten oder einen Gru
entgegengerufen htte? Ja, um sie her drngten sie, um sie besser
betrachten zu knnen, so dicht, da sich die Kinder schon frchteten und
zu weinen anfingen; aber Niemand kmmerte sich um sie. Sie wuten nicht
einmal wohin sie sich wenden sollten, wohin man ihr Gepck gebracht --
und wie die Sonne dabei auf ihre Kpfe niederbrannte. Wie hei das hier
in dem fremden Lande war.

Ein alter Neger rief ihnen allerdings etwas zu und zeigte in die Stadt
hinein; sie verstanden ja aber nicht was er sagte, was er von ihnen
wolle, und schttelten nur die Kpfe.

Eine volle halbe Stunde mochten sie so rathlos und voll in der glhenden
Sonne dagestanden haben, als ihnen endlich Erlsung wurde.

Nun, Ihr Leute, rief der Supercargo ihres Schiffes, der sich durch die
Neugierigen zu ihnen drngte, weshalb geht Ihr denn nicht zu Eurer
Wohnung? Wollt Ihr hier am Strand bleiben?

Ja, aber wir wissen ja gar nicht wohin, sagte Behrens, es hat uns
noch kein Mensch ein Wort gesagt.

Du lieber Gott, was man nicht selber thut, wird Einem auch nie
besorgt, rief der Mann rgerlich, und Ihr seid auch so unbeholfen
dabei, wie nur mglich. Na, kommt, ich will Euch hinbringen, aber macht
ein wenig rasch, denn ich habe nicht lange Zeit.

Die Deutschen griffen ihr Gepck, die Frauen ihre Kinder auf, und manche
hatten schwer genug daran zu tragen, aber der Supercargo schritt so
rasch vor ihnen her, da sie ihm in der heien Sonne kaum zu folgen
vermochten. Er war ungeduldig geworden und schien die Zeit kaum erwarten
zu knnen, wo er seine ihm lstige Begleitung los wurde.




Sechstes Kapitel.

In Brasilien.


Mit dem Supercargo an der Spitze, der auerdem der portugiesischen
Sprache mchtig war, hatte sich die Menge dem Zug geffnet, und die
deutschen Auswanderer passirten zunchst eine Art offenen Marktplatzes,
unmittelbar am Meeresstrand, auf dem alle Schtze tropischen
Fruchtreichthums aufgespeichert lagen. Ach, was fr verlangende Blicke
warfen die armen seemden Wanderer, die sich bis dahin von Salzfleisch
und trockenen Erbsen genhrt, nach den goldglnzenden Orangen und Ananas
und all den sonstigen fremden Herrlichkeiten hinber; aber ihr Fhrer
lie ihnen keine Zeit, um auch nur mehr als einen flchtigen Blick
darauf zu werfen. Fort ging es -- hindurch, mitten in die Stadt hinein,
und eine heie, vollstndig schattenlose Strae entlang, die sich wie
endlos vor ihnen ausdehnte, bis ein paar der Frauen in ihren dicken
Kleidern ermattet niedersanken.

Jetzt erst wurde der langbeinige hagere Bursche vorn darauf aufmerksam
gemacht, da sie ihm in diesem Tempo nicht mehr folgen knnten, und
mrrisch und verdrielich fgte er sich endlich der Nothwendigkeit,
wenigstens langsamer zu gehen, -- von einem Aufenthalt wollte er aber
nichts wissen.

Doch auch dieser Weg nahm mit der Strae ein Ende. Gleich drauen, wo
wieder freundliche Grten lagen, erreichten sie eine Gruppe schattiger
Fruchtbume und Palmen, und dort hindurch brachte sie ihr Fhrer zu zwei
allein stehenden, halb verfallenen Husern, vor denen sie schon von
Weitem ihre Kisten und Koffer bunt und wild aufgeschichtet fanden.

Und was nun? -- Hier sollten sie die Nacht zubringen, sagte ihnen ihr
Fhrer, da weiter keine Rumlichkeit fr sie hergerichtet sei; morgen
oder bermorgen wrden sie dann sptestens zu dem Ort ihrer Bestimmung
abgefhrt werden.

Wo das sei? -- Wo sie bleiben, wohin sie geschafft werden sollten?
alle Fragen strmten auf ihn ein. Der Mann zuckte nur die Achseln.
Darber htte der hiesige Agent zu bestimmen, wie er sagte, und er
selber weiter nichts zu thun, als sie hierher zu schaffen. Sie mten
Geduld haben und kmen noch zeitig genug an ihre Arbeit.

Damit ging er fort und lie sie allein, um sich dort einzurichten, so
gut es eben gehen wollte.

Hatten sie brigens keine Zeit bekommen, sich am Lande Frchte
einzukaufen, so folgten ihnen die Verkufer derselben rasch genug
hierher, denn die Leute wuten aus Erfahrung, wie sich Reisende nach
einem solchen Labsal sehnen. Es dauerte nicht lange, so waren sie von
Negern und Negerfrauen ordentlich umschwrmt, die ihnen die herrlichen
Frchte des Landes zum Verkauf anboten, und die einzige Schwierigkeit
blieb nur die, da sie kein hiesiges Geld besaen, um dafr zu zahlen.

Die Neger betrachteten kopfschttelnd die ihnen gebotenen Mnzen, und
nur fr Silber lieen sich Einzelne, die wuten, da sie es an Bord des
Schiffes wieder einwechseln konnten, herbei, ihnen Apfelsinen und einige
andere Frchte abzulassen. Und wie gierig fielen die armen Menschen ber
dies einzige Labsal her, das ihnen geboten wurde, whrend sie das Beste,
die unreifen Cocosnsse, mit denen sie ihren Durst htten lschen
knnen, zurckwiesen, weil sie mit den groen, harten, grnen Kugeln
nichts anzufangen wuten.

Behrens indessen, der auch ein deutsches Zehngroschenstck daran gewandt
hatte, um seinen Kindern und seiner Frau ein paar von den Apfelsinen zu
kaufen, und sich dabei wunderte, wie theuer er sie bezahlen mute, da
ihm doch die Leute daheim gesagt, da man sie hier berall im Walde nur
auflesen knne, ging indessen daran mit seinem Jungen und der ltesten
Tochter, die Kisten in das Haus zu schaffen und sich einen Schlafplatz
herzurichten. Er frchtete allerdings nichts von dem Wetter, aber er
traute den fremden schwarzen Menschen nicht und wollte die Sachen gern
noch vor Dunkelwerden in Sicherheit schaffen.

Einige folgten seinem Beispiel, Andere aber, zu lssig, oder auch zu
erschpft, lieen ihr Eigenthum drauen stehen, und erklrten, die Nacht
im Freien schlafen zu wollen, denn in den Husern sei es doch zu dumpf
und schwl.

Aber wie rasch das dunkelte; kaum war die Sonne hinter den Palmenwipfeln
verschwunden, als sich auch schon die Nacht auf die Erde legte, und
indessen hatte Niemand nach ihnen hier drauen gesehen oder ihnen zu
essen und zu trinken gebracht.

Allerdings fanden ein paar junge Burschen, die in der Nachbarschaft
umhergestreift waren, einen Bach und konnten von dorther wenigstens
Trinkwasser holen, aber weiter bekamen sie nichts. Sie muten rein
vergessen sein, und nur der Schiffszwieback, den sich noch einige vom
Bord mitgenommen, stillte ihnen heute Abend den Hunger.

Eine wahre Unzahl von Mcken gab es ebenfalls, -- sie kannten den
spanischen Namen Mosquitos noch nicht dafr, -- die sie mit der
Dmmerung umschwrmten und empfindlich stachen. Besonders die Kinder
hatten darunter zu leiden, schliefen unruhig und manche schrieen die
halbe Nacht hindurch. Aber es sollte noch besser kommen.

Mitternacht mochte vorber sein, als sich der Himmel pltzlich umzog,
und gegen ein Uhr zuckte der erste grelle Blitz nieder, dem ein
Kanonenschlag hnlicher Donner folgte. Alle fuhren erschreckt in die
Hhe, -- da rasselte es auf das nur an wenigen Stellen vollkommen dichte
Bltterdach nieder; es regnete nicht, es schttete im wahren Sinn des
Wortes, und eine entsetzliche Verwirrung entstand jetzt, als die im
Freien Lagernden nicht allein in das Haus und zwischen die Schlfer
strmten, sondern auch noch ihre Kisten und Kasten dort im Trocknen
unterbringen wollten. Die Frauen jammerten dazu, die Mnner fluchten,
die Kinder schrieen und ein wahrer Heidenlrm entstand.

Auch die in den Husern Befindlichen waren nicht immer besser daran,
denn Einige von ihnen fanden sich mit ihren Betten unter einer
ordentlichen Dachtraufe und sahen sich dabei nicht einmal im Stande,
nach rechts oder links zu weichen.

Zu viel Unheil auf einmal bringt aber oft bei den davon Betroffenen die
entgegengesetzte Wirkung hervor, und das junge Volk unter den
Auswanderern, das sich auch weit eher unterbringen konnte, und weder mit
Gepck noch Kindern behelligt war, fiel pltzlich, mitten in den
allgemeinen Lrm, wieder in sein altes Lied Halli, Hallo! Brasilien ist
nicht weit von hier! ein, was den brigen auch noch die letzte
Mglichkeit raubte, an Schlaf zu denken.

So verging ihnen die erste Nacht und der nchste Morgen brachte ihnen
insofern eine Linderung, als der Regen mit Tagesanbruch aufhrte und die
heie Sonne ihnen verstattete, die ber Nacht etwa nagewordenen Betten
und Kleider leicht und rasch wieder zu trocknen.

Jetzt kam auch der Supercargo ihres Schiffes und entschuldigte sich, da
ihnen gestern Abend keine Nahrung gesandt worden. Er habe den Auftrag
gegeben, ehe er an Bord zurck ging, aber er sei miverstanden worden.
Es wrde nicht wieder geschehen und jeder Einzelne von jetzt an Morgens
seinen Kaffee und Schiffszwieback, und Mittags und Abends zu essen
bekommen.

Die Leute beklagten sich allerdings ber den schlechten Zustand der
Dcher, und frugen, wie lange sie noch hier liegen bleiben sollten. Er
zuckte die Achseln und behauptete, es nicht zu wissen, da noch zwei
Herren aus dem inneren Land erwartet wrden, die Arbeiter bestellt
htten. Was die Dcher betrfe, so lieen sich die ja leicht wieder in
Stand setzen; es gbe breite Bltter dort genug, und die Leute htten ja
auch nichts weiter zu thun.

Damit ging er, und ihre Nahrungsmittel bekamen sie von der Zeit an in
der That regelmig, aber auch eine Kost, an die sie nicht gewhnt
waren, und in die sie sich nicht so bald hineinfinden konnten: frisches
oder gesalzenes Schweinefleisch, Bohnen und Maniokmehl. Mit dem Mehl
wuten sie anfangs gar nicht umzugehen, und einige versuchten sogar,
Brod davon zu backen; aber es war zu grob und schmeckte nicht. brigens
wurden ihnen einige Fruchtbume in der Nachbarschaft -- die jedenfalls
zu den leerstehenden Gebuden gehrten, angewiesen, wo sie sich
unentgeltlich holen konnten, was sie wollten, und auch fleiig
benutzten. -- Aber die Zeit verging ihnen entsetzlich langsam, denn Tag
und Nacht verstrich, ohne da eine nderung in ihrer Lage eingetreten
wre. Dabei regnete es fast tglich und oft die ganze Nacht hindurch,
und wenn sie sich auch die grte Mhe gaben, die Dcher dicht zu
bekommen, so gelang ihnen das nur sehr unvollstndig.

Ein paar Frauen erkrankten noch auerdem, und ein brasilianischer Arzt
kam zu ihnen, den sie nicht verstehen konnten. Er gab ihnen aber
trotzdem Medicin, denn er wute vielleicht schon, welchen Krankheiten
frisch eingetroffene Europer am schnellsten ausgesetzt waren, und nahm
die Sache auerordentlich leicht.

Endlich, am elften Tage, nachdem das Schiff, das sie hierher gebracht,
seine ganze Fracht gelscht und neue Ladung dafr an Bord genommen
hatte, erfreute sie der Supercargo, der sie aber in der Zeit nur sehr
selten besuchte, mit der Meldung, da die erwarteten Herren eingetroffen
wren und sie wahrscheinlich schon morgen, sptestens bermorgen, ihre
Reise in das innere Land antreten knnten. Sie sollten sich auf morgen
frh nur Alle sauber anziehen und bereit halten, da die Herren hier
herauskommen wrden, um sie zu besuchen und selber mit ihnen zu
sprechen.

Behrens frug ihn jetzt, wie es denn eigentlich mit ihren Contracten
wre, die sie noch immer nicht wieder bekommen htten, obgleich ihnen
das an Bord versprochen wre.

Und was wollt Ihr damit? frug der Supercargo lakonisch, das sind nur
Contracte, durch die =Ihr= Euch Eurem zuknftigen Herrn gegenber
verbindlich macht, ihm treu zu dienen, bis Ihr das vorgeschossene Geld
abbezahlt habt, weiter nichts, -- sie knnen =Euch= gar Nichts ntzen.

Behrens schttelte erstaunt mit dem Kopf, denn er begriff das Alles
nicht, und gar nichts stimmte auerdem mit Allem, was ihnen Herr
Kollboeker -- der doch Alles gerade so genau wissen wollte, gesagt. Da
sich der Supercargo aber schon wieder zum Gehen wandte und ihm =eine=
Frage besonders noch schwer auf der Seele lag, so fate er sich ein Herz
und sagte:

Ach bitte, lieber Herr; mchten Sie mir wohl ber =eine= Sache Auskunft
geben?

Und die wre? frug der Mann, indem er stehen blieb und den Kopf nach
Behrens zurckdrehte.

Wie weit haben wir denn von hier nach Blumenau?

Nach Blumenau? sagte der Supercargo erstaunt -- nach welchem
Blumenau?

Nun, nach der deutschen Colonie, wo mein Bruder ist -- kann man da von
hier aus zu Land bequem hinkommen?

Ihr seid wohl nicht recht bei Trost, lachte der Supercargo -- durch
=den= Wald? Na, kommt nur erst einmal hinein. Blumenau liegt weit von
hier. Da mt Ihr erst wieder zu Schiff gehen und nach Rio Janeiro
fahren und von da wieder ein anderes Schiff nehmen, wenn eins da ist,
und das kostet viel Geld.

Aber du mein Gott! rief der arme Mann erschreckt aus, dann sind ja
das =lauter= Lgen, was uns der Herr Kollboeker daheim gesagt hat.

Der Supercargo hrte aber schon gar nicht mehr auf ihn; er hatte andere
Dinge zu thun, als sich mit dem Auswanderer in ein langes Gesprch
einzulassen, und schritt langsam nach der Stadt zurck. Behrens aber --
das Herz so entsetzlich schwer und mit einer noch unbegriffenen Angst,
die ihn dabei erfate, setzte sich auf einen dicht dabei liegenden
Baumstamm, sttzte die Ellbogen auf die Knie, das Gesicht in die offenen
Hnde und zum ersten Mal kam ihm eine volle und wie furchtbare Ahnung,
da sie wirklich verrathen und verkauft seien und jetzt ihr Schicksal zu
ertragen htten.

Den anderen Auswanderern war ebenfalls nicht gerade leicht zu Sinn, wenn
sie auch noch nicht vollkommen ihre Lage begriffen; es schien ihnen nur
so, als ob hier nicht Alles in Ordnung wre. Hatte man ihnen denn nicht
in Deutschland gesagt, sie brauchten in Brasilien so nothwendig
Arbeiter, und man wrde sie dort mit offenen Armen empfangen. Jetzt
lagen sie hier schon elf Tage mig und verzehrten jedenfalls ihr
eigenes Geld, da man ihnen das gewi anrechnen wrde, und kein Mensch
hatte sich um sie bekmmert oder ihnen auch nur die Hand zum Willkommen
geboten. Waren denn das Alles nur lauter Lgen gewesen?

Unter solchen, nicht eben freudigen Vermuthungen, die sich aber Einer
vor dem Anderen auszusprechen scheute, verging auch dieser Tag. Die
Nacht regnete es wieder tchtig, aber der nchste Morgen fand sie Alle
frh auf, denn er sollte ja, wie ihnen der Supercargo gesagt, ihr
nchstes Schicksal entscheiden. Schon mit Tagesgrauen nahmen die Frauen
ihre Kinder mit zum nchsten Bach, wuschen sie dort ordentlich ab und
zogen ihnen reine Wsche an. Sie selber suchten ihre Sonntagskleider vor
-- lieber Gott, sie wuten nicht einmal genau, ob es ein Sonntag oder
ein Werktag sei -- und um neun Uhr schon waren sie Alle bereit, den
Besuch zu empfangen.

Es wurde aber fast elf Uhr, ohne da sich irgend wer bei ihnen htte
blicken lassen, -- die Neger ausgenommen, die ihnen wie gewhnlich ihr
Frhstck brachten. Da wurde pltzlich Pferdegetrappel laut, und gleich
darauf sprengten einige zwanzig Reiter, von einer Menge Neger, ebenfalls
zu Pferde, gefolgt, die Strae herab und gerade auf die Htten zu, und
dort sprangen sie aus den Stteln, berlieen die Zgel ihren Dienern
und kamen dann lachend und plaudernd auf die Gruppe der Auswanderer zu,
die sich scheu aber doch neugierig vor ihren Husern gesammelt hatten,
um die Nahenden zu erwarten.

Der Supercargo war unter ihnen und auch der Deutsche, der gleich am
ersten Tag zu ihnen an Bord gekommen. Aber so wenig er sich an Bord um
die armen Landsleute gekmmert hatte, so wenig beachtete er sie jetzt
und hielt sich nur zu den Brasilianern, deren Sprache er gelufig
redete, whrend er auch ganz wie sie gekleidet ging.

Auch ein langer Herr, der einen schwarzen Rock trug und fast wie ein
Geistlicher aussah, nur da er einen Strohhut auf hatte, war unter ihnen
und ging auf die noch im Trupp stehenden Deutschen zu, denen er
zunickte, worauf ihm die Leute einen gemeinschaftlichen guten Morgen
boten, was ein halb freundliches, halb spttisches Lcheln ber seine
sonst ziemlich strengen Zge rief.

Er sprach dann einige Worte mit dem Supercargo, worauf dieser zustimmend
antwortete und sich dann an die Deutschen wendend rief: Nun will ich
Euch einmal etwas sagen, Ihr Leute, nun breitet Euch einmal ordentlich
aus, da man Euch Alle sehen kann. Stellt Euch in eine lange Reihe oder
in einen Bogen hier herum; Platz ist ja genug da, und richtet Euch so
ein, da die Familien immer zusammen kommen. Hier, Behrens, tretet Ihr
einmal dahin. Wo sind Euere Leute?

Die Frau ist nicht ganz wohl, -- sie liegt drinnen auf dem Bett.

Ist sie krank?

Nein, krank gerade nicht, aber--

Na, da lat sie nur herauskommen, sie kann sich nachher wieder
hinlegen. Wir mssen einmal sehen, wen wir hier haben, man wei ja sonst
gar nicht wer zusammen gehrt. So, das ist recht -- und die einzelnen
jungen Burschen alle hier hinber. Wer aber bei seiner Familie bleiben
will, halte sich zu der, es gibt sonst Verwirrung und ich stehe nachher
fr nichts.

Alle Wetter, lachte der eine junge Bursch, das sieht ja beinahe so
aus als ob wir verkauft werden sollten.

Der Supercargo wandte sich ab und ging zu den Brasilianern zurck, die
indessen auch etwas nher getreten waren, um die Auswanderer zu mustern.
Er unterhielt sich auch mit dem Deutschen, aber nur in der fremden
Sprache, so da die Leute nicht verstehen konnten, was er zu ihm sagte.

Indessen ordneten sich die Auswanderer, so gut es eben gehen wollte, auf
dem Plan vor den Husern, -- Familien immer beisammen und nur die Frauen
und Mdchen hielten sich noch schchtern hinter den Mnnern und wollten
nicht recht heraustreten. Es war ihnen ein gar peinliches Gefhl, hier
so von all den fremden Leuten angestarrt zu werden. Aber das half ihnen
nichts; so wie sich der Supercargo ihnen wieder zudrehte, zog er sie
eigenhndig vor.

Alle in eine Reihe, Leute, -- das Hinterkriechen hilft Euch nichts; wir
mssen sehen wen wir haben und ob Niemand fehlt. Erschwert uns die Sache
nicht, denn je williger Ihr Euch zeigt, desto rascher kommen wir damit
zu Ende.

Und nun, Senhores, wandte er sich an die Brasilianer, indem er sein
Taschenbuch und einen Bleistift herausnahm, bitte ich Sie, Acht zu
haben. Ich werde vorher die einzelnen Personen abrufen, um zu sehen ob
Niemand fehlt, und dann ersuche ich Sie, die Gebote auf
zusammengehrende Familien zu machen. -- Einzelne aus Familien heraus
knnen nicht abgegeben werden, Sie wrden auch selber nur Unruhe und
Last von ihnen haben, -- es mte denn sein, da sie sich freiwillig
dazu verstnden. Bleibt die Familie beisammen, so ist sie leicht
zufrieden gestellt und arbeitet dann auch mehr und williger: wird sie
getrennt, so bleibt sie mrrisch und verdrossen und bekommt eine
deutsche Krankheit, -- das sogenannte Heimweh. Also erlauben Sie, da
ich erst die Namen abrufe.

Ihr Leute, wandte sich der Supercargo dann wieder in deutscher Sprache
an die Auswanderer, ich werde jetzt einzeln Eure Namen ablesen, wie Ihr
in der Schiffsliste eingetragen waret, und Jeder von Euch, wenn er
seinen Namen nennen hrt, antwortet mir mit lauter Stimme: =hier!= Habt
Ihr mich verstanden? -- Gut, fuhr er fort, als ein halblautes Murmeln
durch die Reihen lief, und die Ablesung begann jetzt in der gewhnlichen
Art. Nur zwei fehlten, die drinnen in der Htte wirklich fieberkrank
lagen und nicht herauskommen konnten.

Die Brasilianer waren indessen an der Reihe auf und ab gegangen, um sich
die Einzelnen zu betrachten, und der lange Herr in dem schwarzen Rock
sagte endlich, als der Supercargo fertig war, zu diesem: Die Leute
sehen sonst gut aus, aber verwnscht viel Kinder haben sie mitgebracht.
Das wimmelt ja ordentlich von ihnen.

Mein lieber Herr, erwiderte der Angeredete lchelnd, Sie wissen recht
gut, da das kein Schaden fr Sie ist, denn erstlich knnen sie
dieselben, bis fast zu dem Kleinsten herunter, zum Baumwollpflcken und
Kaffeeauflesen verwenden, und dann halten die greren Unkosten, die Sie
fr Bekstigung haben, -- und die nicht einmal so bedeutend sind -- auch
die Eltern so viel lnger in Ihrem Dienst.

Der lange Herr nickte leise und wie berlegend mit dem Kopf und schritt
langsam weiter.

Der Supercargo indessen betrieb die Sache ziemlich geschftsmig, und
schien nicht gesonnen, viel Zeit damit zu versumen. Es war auch schon
ziemlich spt und damit hei geworden, und je eher die Herren in ihre
khlen Huser kamen, desto besser. Nach der Liste rief er jetzt die oben
anstehenden Namen aus, -- es war eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und
zwei erwachsene Shne, ein paar krftige, feste Burschen, wenn auch
jetzt etwas hohlwangig und bleich, und was er in portugiesischer Sprache
verhandelte, kam den armen Leuten fast so vor, als ob er sie anpries,
denn er zeigte oft auf sie und wandte sich dann wieder an die
Brasilianer. Von diesen sprach jetzt Einer, dann der Andere; sie kamen
auch heran und betrachteten sich die Vorgeschlagenen nher, und es
konnte diesen zuletzt nicht mehr entgehen, da sie hier ordentlich
verauctionirt wurden.

Hol mich Dieser und Jener, rief da einer der Burschen wieder, ein
etwas wst aussehender Gesell, der auch auf dem Schiffe fortwhrend
Streit gehabt, wenn wir hier nicht ordentlich ausgeboten werden wie
sauer Bier. Na, wer mich kauft ist betrogen.

Die brigen schwiegen erschrocken still, denn es war ihnen ein gar so
unheimlicher Gedanke, da sie hier nicht wie freie Menschen, sondern wie
Sclaven oder Vieh ausgeboten und dem Meistbietenden zugeschlagen werden
sollten, und da das in der That der Fall war, darber konnte keine
Tuschung mehr stattfinden. Aber was wollten sie jetzt machen? -- sich
widersetzen? Wie konnten sie das, da sie der Sprache nicht einmal
mchtig waren, und die Einzigen, mit denen sie sich htten verstndigen
knnen, gerade zu ihren Gegnern gehrten.

Oh, du lieber Gott, seufzte Behrens' Frau, die sich erschpft auf den
Arm ihres Mannes sttzte, wenn wir das in Deutschland gewut htten, --
lieber doch allen Jammer und alles Elend ertragen.

La gut sein, Mutter, flsterte ihr der Mann zu, wir knnen nur fr
das ausgemiethet werden, was wir abzuverdienen haben, und drfen nachher
gehen, wohin wir wollen. Wenn ich nur den Schuft, den Herrn Kollboeker,
hier htte.

Der =Verkauf= oder die Auction der Deutschen ging indessen ziemlich
rasch von Statten, da die Bietenden zahlreich zugestrmt waren, und
selbst viele Bewohner der Hafenstadt Dienstboten zu nehmen wnschten,
die sie hier unter so gnstigen Bedingungen erhalten konnten. Familien
konnte man freilich in der Stadt nicht gebrauchen, da man hier keine
Verwendung fr die Kinder hatte. -- Die wurden smmtlich den Facienderos
des Inneren berlassen, und die Familie Behrens erstand denn auch ein
Pflanzer, der allerdings erst lange an ihnen herummkelte, aber zuletzt
doch auf die gestellten Bedingungen einging. Der Supercargo kannte
seinen Vortheil und lie eben nicht nach.

Behrens' neuer Herr gefiel den Leuten nicht recht; er war nicht sehr
gro, aber entsetzlich mager, mit einer vollkommen lederartigen
Gesichtsfarbe, hatte auch um den Kopf, hinter den Ohren durch, ein
schmales schwarzseidenes Tuch gebunden, da er, wie sehr viele
Brasilianer, an Scropheln litt. Er sprach mit den Leuten gar nicht,
richtete nicht einmal ein paar freundliche Worte an sie, die ihnen doch
wohlgethan htten, wenn sie auch die Sprache nicht verstanden. Als der
Handel abgeschlossen war, winkte er einen groen, blatternarbigen
Mulatten heran, dem er die verschiedenen Familienmitglieder bezeichnete,
und wandte sich dann noch einmal an den Supercargo, der unfern davon bei
einer anderen Gruppe stand. Dieser betrachtete sich den Mulatten und
schien von dem gewordenen Auftrag nicht recht erbaut, konnte ihn aber
auch vielleicht nicht gut abweisen und sagte, sich wieder gegen die
Deutschen kehrend: Also dies, meine Leute ist Euer neuer Herr, Senhor
Almeira, wie er heit, auf dessen Plantage Ihr jetzt -- wahrscheinlich
morgen frh -- befrdert werden sollt. Dieser aber, der Mulatte, ist sein
Oberaufseher, dem Ihr, wenn der Herr nicht selber da ist, Eurem Contract
nach, zu gehorchen habt.

Dem gelben Kerl? rief die Frau erschreckt.

Mancal, sagte der Supercargo, ist ein braver, ordentlicher Mensch,
mit dem sich schon auskommen lt (er hatte ihn heute zum ersten Mal in
seinem Leben gesehen). Seid nur freundlich gegen ihn und thut hbsch,
was er Euch sagt. Je fleiiger Ihr dabei seid, desto frher seid Ihr im
Stande den Platz wieder zu verlassen, -- wenn er Euch spter nicht so
gefallen sollte, da Ihr ganz da bleiben wollt. Nachher aber macht Ihr
Euren eigenen Contract.

Spricht er denn deutsch? frug die Frau.

Das nicht, lachte der Supercargo, aber das bischen Portugiesisch
lernt Ihr bald; das ist eine sehr leichte Sprache.

Der Mulatte sagte jetzt selber etwas zu dem Supercargo und dieser rief:
Ja, das ist nothwendig. Wo habt Ihr denn Euer Gepck? Zeigt das doch
einmal dem Mann, weil die Sachen ins Innere transportirt werden mssen.

Kommen wir denn weit ins Land hinein?

Nein, nicht weit, -- nur ein paar Legoas. Dort wird's Euch schon
gefallen.

Sie zeigten jetzt ihr Gepck, und der Mulatte, der bis dahin keine Miene
verzogen hatte, lachte laut und hell auf, als er die drei groen,
riesigen Kisten sah. Er hatte auch vielleicht Ursache dazu, denn er
kannte die Wege und Befrderungsmittel des Landes und wute recht gut,
da es unmglich sein wrde, =solche= Collis auf Maulthieren ber die
schmalen und steilen Bergpfade zu schaffen.

Den Deutschen wurde das jetzt gesagt, und der Supercargo, der den Blick
umherwarf und berall hnliche Kasten bemerkte, erledigte die Sache
dadurch, da er versprach, noch heute Abend ein paar Matrosen vom
Schiff, von denen der eine sogar portugiesisch sprach, herber zu
senden, um das Gepck in Ordnung bringen zu lassen. Senhor Almeira
sollte dann auch einen von seinen Maulthiertreibern hersenden, und so
wrden sie Alles rasch in Ordnung bekommen.

Damit wandte er sich ab, denn seine Vermittlung wurde jetzt von allen
Seiten in Anspruch genommen. Es herrschte berhaupt eine entsetzliche
Verwirrung auf dem Plan, da die Deutschen durcheinander liefen und viele
der Frauen zu weinen und zu jammern anfingen. Aber was konnte das jetzt
helfen; die Sache war abgemacht, -- berdies brannte die Sonne und die
Herren eilten, um wieder in die Stadt zu kommen.

Nur den fr die Stadt gemietheten Leuten -- von denen man aber
natrlich Keinen gefragt hatte, in welcher Beschftigung er verwandt
werden wolle -- wurde aufgegeben, ihre Sachen zusammen zu packen, da sie
noch heute Abend einziehen sollten. Den brigen gab man Zeit bis morgen
frh.




Siebentes Capitel.

Die Reise in's Innere.


Das war ein recht trauriger, schmerzlicher Tag fr die armen Leute, die
hier, im wahren Sinn des Worts verrathen und verkauft, in dem fremden
Lande saen und Niemanden in der weiten Welt hatten, bei dem sie sich
Rath und Hlfe erbitten konnten.

Der Capitn des Schiffes? Wie durften sie sich an den wenden, den gingen
sie weiter nichts an, als da er sie hier herber befrderte. Und hatte
er je auf der ganzen langen Reise auch nur ein einziges freundliches
Wort mit ihnen gesprochen? Nie. Er betrachtete sie als Fracht, und noch
dazu als eine lstige Fracht, und wrde nie daran gedacht haben, sich in
ihre Angelegenheiten zu mischen oder ihnen gar gegen seinen
Cajtenpassagier, den Supercargo, mit dem er immer sehr befreundet
gewesen, beizustehen.

Und der Deutsche etwa, der schon bei ihnen an Bord gewesen? Das war ein
vornehmer Herr und hatte ihnen deutlich genug gezeigt, da er nichts mit
ihnen zu thun haben wollte. Ein paar von ihnen redeten ihn allerdings
an, -- er war der Einzige, der fr sie sprechen konnte, -- aber er
antwortete ihnen nicht einmal, zeigte nur auf den Supercargo, da sie
sich nur an den wenden sollten, und drehte ihnen dann den Rcken. Und
der war ein Landsmann, -- aber leider finden wir das gar hufig bei den
Deutschen im Ausland, da sie sich ihrer Nation und ihres Volkes
schmen. Wir knnen uns allerdings damit trsten, da alle Solche, =die=
es thun, auch jedesmal Lumpen sind, und von den Fremden, unter denen sie
leben, eben so verachtet werden, wie sie selber ihr Vaterland verachten;
trotzdem bleibt es immer traurig, da dem wirklich so ist.

So konnten denn die armen Leute nichts anderes thun, als sich in das
Unvermeidliche eben fgen und ber sich ergehen zu lassen was da komme.
Sie besaen nicht mehr die Macht es zu ndern.

Auch der Abend war noch bs, denn als die Matrosen eintrafen, die ihr
Gepck ordnen sollten, gingen diese entsetzlich rauh mit ihren Sachen
um, und die Brasilianer, die umherstanden, wollten sich noch dazu
todtlachen ber all den Plunder, den sie mitgebracht, und der jetzt wild
umhergestreut vor der Htte lag.

Es ist allerdings wahr, die Deutschen schleppen Dinge mit in die Fremde,
an die ein Anderer nicht einmal denken wrde; aber arme Leute, die genau
wissen, wie sauer es ihnen geworden, sich auch nur das Geringste in
ihrem Hausrath anzuschaffen, und die dann nachrechnen, wie viel
Arbeitstage an jedem Gegenstand hingen, trennen sich auch entsetzlich
schwer von ihrem Eigenthum, und haben viel zu wenig Erfahrung in der
Welt, um zu wissen, da sie nutzloses Gepck oft wieder doppelt und
dreifach bezahlen mssen, um es nur an Ort und Stelle zu bekommen.

Auch Behrens' Frau hatte eingepackt, was sie nur noch irgend jemals zu
benutzen glaubte, Tpfe und Tiegel, ja, sogar irdenes Geschirr
dazwischen, das schon in Scherben in der Lade herum lag, Quirle und
hlzerne Lffel, eine alte, zerbrochene Kaffeemhle, die hier Niemand
repariren konnte, schweres, eisernes Werkzeug dazwischen, und Hausgerth
bis auf den Wischlappen hinunter. Dazwischen rumten die Matrosen jetzt
mit ihren rohen Fusten und roheren Scherzen auf. Was zerbrach, zerbrach
eben und brauchte nicht mit verpackt zu werden, und die Arrieros oder
Maulthiertreiber schnrten dann noch das Ganze mit rohhutenen Riemen
derart zusammen, da Alles, was nur einigermaen ruinirt werden
=konnte=, auch seinem Schicksal sicher nicht entging.

Die Kisten selber wurden als vollkommen werthlos bei Seite geworfen; sie
mochten hchstens noch als Brennholz dienen.

Ein Trost war fr Behrens wohl noch der, da eine andere, ziemlich
ordentliche Familie denselben Herrn bekommen hatte und also ihr
Schicksal theilen wrde, aber der junge, wilde Bursch, der sich
vermessen, da, wer ihn kaufe, auch betrogen sein solle, begleitete sie
ebenfalls, und dessen Gesellschaft war Keinem von Allen angenehm, lie
sich aber auch nicht ndern und mute eben ertragen werden, wie das
brige.

Die Packen waren geschnrt, -- selbst, die Betten, obgleich die Frau sie
gern herausbehalten htte, weil sie jetzt nicht einmal wuten, wo und
wie sie die Nacht schlafen sollten. Nur fr das Jngste war ein kleines
Unterbett gerettet worden, und die Leute trsteten sich damit, da es ja
doch wohl nur fr eine oder hchstens zwei Nchte sein wrde.

An dem Abend nahmen noch die von ihnen Abschied, die in der Stadt
blieben und vor Sonnenuntergang mit ihrem Gepck abgeholt wurden. Sie
hatten es verhltnimig am besten, und doch schien ihnen das Herz
ziemlich schwer, als sie ihren alten Reisegefhrten Lebewohl sagen
sollten. Aber lange konnten sie sich auch dabei nicht aufhalten, denn
Jeder bekam gerade genug mit sich selber zu thun.

brigens wurde an dem Abend noch das eine Haus fast ganz geleert, denn
einen Theil der deutschen Arbeiter beorderte man sogar noch mit
einbrechender Dmmerung auf das eingelaufene kleine Dampfschiff, das die
Kste befuhr. =Wohin= das sie brachte und zu wem sie kamen, wuten sie
gar nicht; sie frugen darnach, erhielten aber keine Antwort, und man
schien sie eben in der That als nichts weiter wie Leibeigene zu
betrachten, bei denen von einer eigenen Meinung, einem eigenen Willen
keine Rede sein konnte.

Die Nacht regnete es wieder entsetzlich und besonders arg zeigten sich
die Mcken. Die armen Auswanderer verbrachten sie trb genug auf den
zusammengeschnrten Ballen ihrer Habseligkeiten und den Brettern ihrer
zerschlagenen Kisten -- man mute sich eben einrichten, und sie ging ja
auch vorber. Am nchsten Morgen trafen endlich die Maulthiere ein, --
nicht etwa frh, denn die Leute nehmen sich zu solchen Sachen immer Zeit
und es ging schon auf Mittag, ehe sie nur geladen waren und fort
konnten; Behrens erstaunte brigens, als er nicht die geringsten
Befrderungsmittel fr sich und seine Familie sah. Kein kleiner Wagen,
kein Pferd oder Maulthier. Sollten sie den ganzen Weg zu Fu gehen? Es
konnte eben nicht weit sein und dann ging sich's vielleicht auch besser
auf den schlechten Wegen, als sie gefahren wren.

Die Maulthiertreiber ritten aber smmtlich, -- auch der Mulatte mit den
Blatternarben, der sie hinauf begleiten sollte. Die Frau wre aber zu
schwach gewesen, das jngste Kind zu tragen, und Behrens schnrte es
sich selber in ein Tuch auf den Rcken; da sprte er die leichte Last
gar nicht.

Das war ein entsetzlich heier Marsch in dem flachen Land, das sich an
der Kste ausdehnte. Eine kleine Strecke im Inneren, als sie erst die
unmittelbare Nhe der Stadt und die offenen Felder verlieen, kamen sie
allerdings streckenweise unter schattige Waldbume, aber es dauerte
immer nicht lange, so muten sie wieder eine offene Plantage passiren,
und dort brannte die Sonne gar so arg.

Behrens frug den einen Maulthiertreiber ein paar Mal, wie weit sie
htten; aber der schttelte nur mit dem Kopf, er verstand nicht was der
Deutsche zu ihm sagte, und zeigte nur auf eine vor ihnen liegende
Plantage. War das schon ihr Ziel? Nein, sie sollten nur hier
bernachten. Ein besonderes Haus war freilich nicht fr sie
aufzutreiben, und sie muten in der Maniokmhle einquartiert werden,
aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig und reinlich, und sie
bekamen auch reichlich zu essen, Bohnen und Maniokmehl und etwas
getrocknetes Fleisch, da die Leute wahrscheinlich nicht frisch
geschlachtet hatten. Am nchsten Morgen aber wurde lange vor Tageslicht
zum Aufbruch gerufen, und es schien doch jetzt, als ob man die
Morgenkhle zu ihrem weiteren Marsch benutzen wolle.

Jetzt hatten sie aber auch die Berge dicht vor sich, nicht etwa sehr
hohe Gebirge, so weit sich von hier aus erkennen lie, sondern eine
niedere, bewaldete Hgelkette, in die sich der Weg hinaufzog, und die
zuletzt so eng und steil wurde, da sich Einer hinter dem Anderen halten
mute. Und wie schwer es sich da ging, -- aber es sollte noch schwerer
werden, denn mitten am Tag setzte der Regen wieder ein und die Frau war
zuletzt so erschpft, da sie kaum noch vorwrts konnte. Einer der
Maulthiertreiber fhlte wohl Mitleiden mit ihr und wollte sie eine
Strecke reiten lassen, -- aber das ging auch nicht, denn sie hatte noch
in ihrem Leben auf keinem Thier gesessen, und hier Berg auf und ab war
das noch auerdem schwierig genug, sich oben zu halten. Als sie das
nchste Haus erreichten, was in einem der Thler lag, muten sie
nothgedrungen Halt machen, und der Mulatte, der damit gar nicht
einverstanden war, schickte das Gepck voraus, ohne sich darum zu
bekmmern, was die armen Wanderer wohl noch unterwegs davon gebrauchen
wrden.

Am nchsten Tag derselbe Marsch, bei dem die Frau endlich ihre Krfte
verlieen. Sie kam nicht mehr zu Fu weiter und =mute= jetzt auf ein
Thier gesetzt werden, das der Mulatte am nchsten Platz fr sie
miethete. Behrens und seine Tochter gingen dann nebenher und hielten sie
im Sattel, bis sie nach und nach die Bewegung gewohnt wurde und sich
schon selber ein wenig helfen konnte. Aber endlos dehnte sich der Weg
aus, -- Tag nach Tag verging, und noch immer erreichten sie ihr Ziel
nicht. Die Kinder bekamen schon Blasen unter die Fe und wimmerten
unterwegs. Anfangs hatten sie sich ber den herrlichen Wald, die
prachtvollen Bume und die vielen bunten merkwrdigen Vgel und
Schmetterlinge gefreut, jetzt achteten sie gar nicht mehr darauf und
schleppten sich nur mhsam ber den nassen, klebrigen Boden hin.

Am siebenten Tag wurden die Auswanderer von zwei Reitern berholt, einem
Weien mit seinem schwarzen Diener hinten, der im Galopp heransprengte.
Es war Senhor Almeira, ihr Herr, der sehr erstaunt und auch unwillig
schien, sie noch auf der Strae zu finden. Er sprach heftig mit dem
Mulatten, und dieser entschuldigte sich, ebenfalls nicht in besonderer
Laune. Der Herr warf einen Blick auf die kranke Frau, redete aber die
Deutschen nicht an, sondern setzte seinem Thier die Sporen ein und
sprengte vorber.

An dem Tag wanderten sie bis spt in die Nacht hinein, die Kinder
konnten ihre Fe kaum noch vom Boden heben und weinten still vor sich
hin, und Hannchen, die lteste Tochter, obgleich selber mde genug,
huckte dennoch ihr jngstes Brderchen, den fnfjhrigen Christian, auf
und schleppte ihn weiter, bis sie, zum Tode erschpft, wieder die
Wohnung menschlicher Wesen erreichten, und dort die armen mihandelten
Glieder ein paar Stunden konnten rasten lassen.

Und =wieder= weiter ging es am nchsten Morgen, aber heute war der
Mulatte freundlicher mit ihnen, zeigte voraus und nickte und lachte, --
die Plantage seines Herrn konnte nicht mehr fern sein, und als sie, etwa
um 10 Uhr Morgens, wieder einen der jetzt immer steiler und hher
werdenden Bergkmme erreicht hatten, breitete sich ein weites,
herrliches Thal vor ihnen aus, und dort unten lagen eine Anzahl Gebude,
auf die jetzt ihr Fhrer deutete und ihnen etwas zurief.

Das endlich -- endlich war der so hei ersehnte -- und fast auch
gefrchtete Platz, der sich dort vor ihnen ausbreitete, -- das war der
erste Blick auf ihre neue Heimath in dem fremden Lande, -- dort sollten
sich alle die Hoffnungen erfllen, die sie weit weg ber das Meer, aus
ihrem Vaterland hierher gefhrt, -- dort sollte jede Sorge schwinden und
ein neues, frisches Leben fr sie beginnen? Und war der Anfang so
gewesen, da sie dem mit froher Zuversicht entgegen sehen durften? Hatte
sich bis jetzt auch nur =eine= dieser Hoffnungen, -- nur irgend etwas
besttigt, das ihnen im alten Vaterland von eigenntzigen oder
unwissenden Menschen versprochen worden?

Behrens war kein Mann, der, mit irgend welcher Phantasie begabt, dunkle
Bilder vor sich heraufbeschworen htte, und doch schnrte ihm ein
unheimliches Gefhl die Brust zusammen, als er ihrer letzten Behandlung
-- als er auch daran dachte, da von jetzt ab dieser gelbe, hliche und
rohe Mensch ihr Aufseher sein sollte. Aber er htete sich wohl, der
armen, noch berdies so schwachen Frau ein Wort zu sagen, -- er glaubte,
da sie das vielleicht nicht eben so scharf und peinlich fhle, als er
selbst, und schweigend, Jeder mit seinen eigenen trben Gedanken
beschftigt, schauten die Auswanderer auf das vor ihnen ausgebreitete
Landschaftsbild hinab.

Es wurde ihnen aber nicht lange Pause gegnnt, denn der Mulatte drngte,
den Platz endlich zu erreichen, da er wute da ihn sein Herr schon
ungeduldig dort erwarte. Auch die Deutschen rafften ihre letzten Krfte
zusammen, -- es war ja jetzt bald berstanden, und wanderten, so rstig
es gehen wollte, den schrgen Hang hinab, der sie hinunter in die Ebene
fhrte. Aber sie hatten die Plantage schon weit frher erreicht, als sie
glaubten, und fanden sich pltzlich in einem Wald, der nur aus
angepflanzten Bumen zu bestehen schien, da berall Reihen
hindurchliefen. Allerdings hatten sie schon unterwegs einige solche
passirt, aber in ihrer Ermattung gar nicht darauf geachtet.

Jetzt deutete der Mulatte mit einem Zweig, den er in der Hand hielt, um
seinem Thier die Fliegen damit abzuwehren, hinber auf die Bume und
sagte: _Caf!_

Kaffee? rief Behrens verwundert.

_Sim!_ -- _cafezal_.

Das sind ja Kirschbume, Vater, sagte Hannchen, und die Deutschen
betrachteten verwundert die mit kleinen, rothen und grnen Frchten
bedeckten Bume. Der Mulatte aber, der jetzt glaubte, ihnen jede nthige
Aufklrung gegeben zu haben, spornte sein Thier an und sprengte rasch
voraus, um jedenfalls die Ankunft des Trupps zu melden.

Jetzt lichtete sich der Kaffeewald, -- denn es waren in der That
Kaffeebume, durch welche sie hinwanderten und das Ganze ein sogenannter
Cafezal oder Kaffeegarten. Sie betraten wieder das offene Land mit einem
Baumwollenfelde zur Linken und einer Zuckerrohranpflanzung zur Rechten.
Voraus konnten sie schon die Gebude erkennen, -- ein niederes, breites,
aber luftig gebautes Haus mit einer groen Veranda, die ringsherum lief
und von einem Hain fruchttragender Orangen umgeben und zu beiden Seiten
desselben, aber durch das Gebsch vollstndig bedeckt, niedere, aus Holz
aufgefhrte kleine Huser, in denen, wie sie spter fanden, die auf die
Plantage gehrenden Neger ihre Wohnung hatten.

Zwei davon standen leer und wurden den beiden Familien angewiesen, wobei
Behrens auch noch den, freilich jetzt sehr kleinlauten Burschen
zugetheilt bekam. Behrens wollte dagegen protestiren, da er nicht mit zu
ihrer Familie gehrte, aber man verstand ihn entweder nicht, oder wollte
ihn auch nicht verstehen, und vor der Hand lie sich nichts weiter in
der Sache thun. Das regulirte sich doch wohl, wenn sie erst einmal an
Ort und Stelle waren.

Fr heute fhlten sich Alle so ermdet, und kaum im Stande ihr Gepck
selber in die ihnen angewiesene Wohnung zu schaffen. Und sollten sie
hier etwa fr immer bleiben? Wie wst und de der Ort aussah, mit weiter
keinem Fuboden, als der bloen, hartgestampften Erde, aus der sogar an
einigen Stellen, da er wohl lange nicht bewohnt gewesen, Grashalme
emporsproten, mit durchsichtigen Reisigwnden und keinem einzigen
Mbel, weder Tisch noch Stuhl, darin. Nur an der hinteren Wand waren ein
paar in den Boden eingerammte Bettgestelle aus rohen Pfosten und Stangen
angebracht, mit Riethstcken darber gelegt, und auf dem einen von
diesen lag eine alte, mit blauem Zeug berzogene, ziemlich harte
Matratze, aber so von Schmutz starrend, da sie Behrens nur gleich
hinaus vor die Thr zog, weil Niemand darauf liegen mochte.

Das war ein trauriger Aufenthalt inmitten dieser wunderbaren Vegetation,
-- und ein Garten? Hinter dem Haus lag ein Platz von vielleicht zehn
Schritt Lnge und Breite, den die frheren Bewohner dieser Htte zu
einem Dngerhaufen benutzt zu haben schienen, weiter nichts, denn
dahinter begannen schon die Orangenbume, und darin hatte Herr Meier in
Europa also doch Recht gehabt, denn von denen lagen hier so viel herum,
da sie den Boden fast bedeckten und dorten faulten. Und trotzdem
scheuten sich die Deutschen am ersten Tage davon zu nehmen, bis eine
alte Negerfrau zu ihnen kam, und den Kindern eine ganze Schrze voll
davon ins Haus schttete.

Und wie sollten sie sich jetzt mit irgend Jemandem verstndigen? Behrens
htte so gern gefragt, ob sie nicht einen Tisch und ein paar Sthle
wenigstens bekommen knnten, und er suchte der alten Negerfrau das
begreiflich zu machen. Sie verstand ihn auch vielleicht, denn er drckte
sich pantomimisch deutlich genug aus, schttelte aber mit dem Kopf und
begann dann eine solche Menge von wunderlichen Gesticulationen, da es
Behrens endlich in Verzweiflung aufgab, irgend einen Bescheid von ihr zu
erhalten. Die Kinder frchteten sich dabei vor ihr, und Christian schrie
gerade hinaus, wenn sie nur in seine Nhe kam. Aber sie lachte
gutmthig, nickte ihnen freundlich zu und ging dann wieder in ihre
eigene Wohnung hinber. Mit den Fremden war ja doch nichts anzufangen.

Essen bekamen sie heute gebracht, die nmliche Kost, die sie unterwegs
erhalten: Bohnen und Maniokmehl, aber ein Stck frisches Fleisch dazu,
-- Alles in einer groen hlzernen Schssel, in welcher blecherne Lffel
staken. Sie muten sich dann darum her auf die Erde niederkauern, um
daraus zu essen.

Behrens und seine Frau glaubten nun allerdings, da ihnen dies trostlose
Local nur fr den Augenblick zur Wohnung angewiesen sei, da man nicht
Zeit gehabt, eine bessere Behausung so rasch fr sie in Stand zu setzen,
und in dieser Vermuthung wurden sie dadurch bestrkt, da man sie auch
am nchsten Tag noch zu keiner Arbeit aufforderte, sondern ihnen
vollstndig Zeit lie, sich von dem beschwerlichen und ermdenden Marsch
zu erholen. Gewi bereitete man indessen ein neues kleines Haus fr sie
vor, an dem sich dann auch ein Garten befand, denn das hatte ja Herr
Kollboeker daheim dem Auswanderer noch ganz besonders in seinen Contract
gesetzt.

Am dritten Tag morgens, aber auch erst nach dem Frhstck, kam der
Mulatte und sagte ihnen etwas in seiner Sprache, auf das der junge
Bursch, der Plke hie, und der sich inde wieder vollstndig erholt
hatte, lachend erwiederte: Ich danke Dir, Du erbsenbedroschenes
Gelbfell Du; wir befinden uns vollkommen wohl.

Der Gelbe grinste, da ein paar Reihen blendend weier Zhne zum
Vorschein kamen, mochte sich aber doch auf keine weitere mndliche
Errterung einlassen, sondern winkte ihnen nur mit der Hand, ihm zu
folgen.

Behrens zeigte jetzt fragend auf sich; der Mulatte wiederholte aber die
frhere Bewegung fr Alle mit einander, -- nur die Frau nicht, die den
Sugling auf dem Scho hatte; =sie= und das kleinste Kind, der
Christian, sollten da bleiben.

Natrlich folgten sie Alle der Aufforderung und glaubten auch, sie
wrden nun zu dem Herrn gefhrt werden, um dort das Weitere mit ihm zu
besprechen. Das aber war nicht der Fall; der Mulatte brachte sie gleich
in das Feld hinaus, zwischen das Zuckerrohr, wo schon eine Anzahl von
Negern beschftigt war, den Boden aufzuhacken. Werkzeug lag dort
ebenfalls, und die neuen Arbeiter wurden angewiesen, sich den brigen
Sclaven anzuschlieen.

Weigern durften sie sich nicht, -- waren sie doch auch nur deshalb nach
Brasilien gekommen, um jede ihnen bertragene Arbeit auszufhren, und
mit gutem Muth und heute auch wieder frisch gestrkt, begannen sie ihre
neue Beschftigung. Lieber Gott, Arbeit waren sie ja von Jugend an
gewhnt -- und harte Arbeit dazu -- in Deutschland hatte man ihnen
ebenfalls nichts geschenkt, und hier sollten sie ja nur schaffen, um
freie und selbststndige Menschen zu werden. Je frher sie also damit
begannen, desto rascher lief auch ihre Dienstzeit ab, und wenn sie erst
einmal fr sich selber beginnen konnten, mute auch das Schwerste
berstanden sein.




Achtes Capitel.

Der deutsche Consul.


So verging Tag nach Tag, ohne da sich in ihrer sonstigen Lage etwas
gendert htte. Regelmig wurden sie zur Arbeit gerufen, und regelmig
mit Dunkelwerden wieder nach Hause geschickt, aber eine andere Wohnung
bekamen sie nicht, und auch weder Tisch noch Stuhl hinein. Behrens
versuchte noch einmal, mit ihrem Mulatten-Aufseher anzuknpfen. War er
aber frher nicht besonders gesprchig gewesen, so wich er jetzt
besonders jeder Unterhaltung oder Frage entschieden dadurch aus, da er
einfach mit der einen Hand schttelte, als ob er sagen wollte: Lat
mich zufrieden, ich verstehe ja doch nichts von Eurer Sprache.

Einmal trafen sie den Herrn, gerade Mittags, als sie von ihrer Arbeit
nach Hause gingen, und Behrens wollte ihm denn auch das mit dem Garten
begreiflich machen; der aber winkte ihm gleich von vornherein ungeduldig
ab und zeigte auf seinen Aufseher. Was hatte er mit den deutschen
Knechten zu unterhandeln. Er wollte nichts von ihnen wissen -- und dabei
blieb es.

Auch Plke wurde nicht anderswo einquartiert, obgleich der unruhige
Gesell der Familie nur zu lstig fiel. Es blieb eben Alles beim Alten
und die Leute muten sich zuletzt darein finden. Ja, Behrens begann
sogar an einem der Sonntage, wo sie in der That nicht zu arbeiten
brauchten, sich selber Tisch und Sthle herzustellen, denn wenigstens
den Negern hatte er zuletzt begreiflich gemacht, was er eigentlich
wolle, und sie fhrten ihn zu einer kleinen, verfallenen Htte im Wald
drinnen, in welcher die eine Wand aus zusammengenagelten Brettern
bestand. Allerdings schttelte er hier mit dem Kopf, weil er sich nicht
getraute etwas davon abzureien, aber die Schwarzen schienen nicht so
rcksichtsvoll. Im Nu waren ein paar von den Brettern losgebrochen.
Sge, Hammer und Ngel fhrte er selber bei sich, und er konnte doch
jetzt wenigstens einen Tisch und ein paar Bnke, und spter auch sogar
ein Bettgestell fr seine Frau und das Kind herrichten.

Die Arbeit ging indessen fort, Monat nach Monat, -- Zuckerrohr wurde
gehackt und geschnitten, Baumwolle gepflckt, Kaffee eingesammelt,
gereinigt und ausgemahlen, Cacao gesammelt und getrocknet, und die
Mnner erhielten nun ihre Hauptbeschftigung im Wald mit der Axt, da der
Besitzer der Plantage noch mehr Land urbar machen und besonders seine
Kaffeepflanzung erweitern wollte. Damit verging ein volles Jahr, und
wenn Behrens und seine Frau, wie berhaupt die lteren Deutschen, auch
noch fast so wenig von dem Portugiesischen verstanden, als an dem ersten
Tag, an welchem sie hier eingerckt, so hatten es die Kinder doch viel
rascher aufgegriffen, und die Jngsten besonders waren schon gar nicht
mehr dazu zu bringen, ein Wort deutsch zu reden. Sie verstanden es
natrlich, aber fortwhrend in Gesellschaft der Schwarzen, eigneten sie
sich vollstndig deren Portugiesisch an und sprachen es genau so
schlecht, wie diese.

Nur Hannchen, Behrens' lteste Tochter, hatte grere und bessere
Fortschritte darin gemacht als die Anderen, denn berhaupt ein begabtes
Kind, war sie auch hufig im Hause von Senhor Almeira und dessen Familie
verwandt worden, und die Senhora hatte solchen Gefallen an ihr gefunden,
da es ihr selber Freude machte, sie dann und wann zu unterrichten.
Anfangs schien auch Senhor Almeira gar nichts dagegen zu haben, denn es
lag ihm sogar daran, endlich einmal Jemanden zu bekommen, durch welchen
ein Verstndni mit den dickkpfigen Deutschen mglich wurde. Als sich
aber die Kinder so gelehrig zeigten und die Jungen schon bald zu
Dolmetschern verwandt werden konnten, zankte er oft, wenn er das junge
Mdchen im Haus bei einem Buch oder mit der Feder fand, und schickte sie
dann jedes Mal zu einer oder der anderen Arbeit.

Dem alten Behrens fra indessen der Gedanke an seinen ihm vorenthaltenen
Garten am Herzen. Vor der Arbeit scheute er sich nicht, -- sie war
schwer, ja, und wurde in der heien Sonne noch schwerer, und angenehm
war dabei ebenfalls nicht, da sie mit den Negern in einem Feld schaffen
muten und mit ihnen unter =einer= Aufsicht standen; aber auch das wrde
er willig ertragen haben und ertrug es ja auch, wenn ihm nur sein
=Recht= nicht dabei verkmmert wre. Wie deshalb nur die Kinder ein
klein wenig Portugiesisch verstanden, muten sie schon fragen, =wann= er
den Garten bekme, und fortwhrend darauf hinweisen, da er im
=Contract= stnde, -- aber ohne Erfolg. Der Mulatte nickte und lachte,
der Herr selber gab gar keine Antwort und es blieb beim Alten.

Weit ber ein Jahr waren sie solcher Art schon in ihrer Arbeit gewesen,
und Behrens' Frau hatte indessen, von ihrem Mann untersttzt, genaues
Buch ber die gelieferte Arbeit gehalten. Ungefhr glaubten sie ihre
Schuld auch etwa berechnen zu knnen, denn was die Passage auf dem
Schiff gekostet, wuten sie ja bei Heller und Pfennig und demnach muten
sie das ihnen vorgeschossene Geld, wenn sie wirklich den niedrigsten
Arbeitssatz fr Brasilien annahmen -- und darber hatte ihnen Herr
Kollboeker Manches erzhlt -- schon bald abgearbeitet haben. Es konnte
nur noch eine sehr kurze Frist daran fehlen. Sollte er der paar Wochen
wegen nun noch Streit um einen Garten anfangen? Es war nicht mehr der
Mhe werth, denn sobald ihre Zeit ablief, gedachte der Mann wieder einen
neuen Contract mit dem Herrn zu machen, um sich noch etwas baares Geld
zu verdienen, und dann endlich, wenn sie =noch= etwa ein Jahr so
gearbeitet htten, selbststndig zu beginnen.

Brasilien war wirklich ein auerordentlich fruchtbares und reiches Land,
=darin= hatten die Berichte nicht gelogen, und wer hier arbeiten wollte
-- und gesund blieb, konnte schon was vor sich bringen. Ein trauriges,
elendes Leben hatten sie freilich das erste Jahr fhren mssen, und
=da= sie eben gesund geblieben, konnten sie selber nicht recht
begreifen. Mit dem zweiten Jahr mute sich das nun aber auch bessern,
denn sobald Behrens einmal seine Schuld abverdient, gedachte er sich
selber ein kleines Huschen zu bauen und das wohnlicher einzurichten,
und dazu gab ihm der Herr auch gewi die Zeit oder er bedung sich
dieselbe noch besser gleich in dem neuen Contract aus.

So verging wieder ein Monat -- und noch ein Monat, ohne da sich das
Geringste in ihrer Lage verndert htte -- nur die Arbeit war schwerer
geworden, denn die Mnner wurden jetzt fast einzig dazu verwandt, Wald
urbar zu machen, um neuen Boden zu gewinnen.

Nur einen angenehmen Zwischenfall hatten sie; der junge Plke, ein
fauler und nichtsnutziger Gesell, der ihnen viel Kummer bereitet und
auch ewig Streit und Unfrieden anstiftete, war eines Morgens
verschwunden. Anfangs glaubten die Deutschen, da er im Walde vielleicht
verunglckt sei, bald aber stellte sich heraus, da er Behrens' besten
Rock und zwei gute Hemden mitgenommen hatte, und es blieb ihnen jetzt
kein Zweifel mehr ber sein Verschwinden. Er war eben fortgelaufen und
wenn Senhor Almeira, der sehr zornig darber schien, auch berittene
Neger nach verschiedenen Seiten aussandte, um ihn wieder einzufangen,
ja, Mancal, der Aufseher selber, fortritt und eine volle Woche ausblieb,
fanden sie keine Spur von ihm. Nach Porto Seguro war er wenigstens nicht
gekommen, und wenn ihm auf der Flucht kein Unglck zugestoen, hatte er
=seinen= Vertrag wenigstens gelst.

Behrens' Frau jammerte allerdings ber das Gestohlene, da sich die
Wsche gerade hier im Land so schwer ersetzen lie; im Grund aber waren
sie selbst um =diesen= Preis zufrieden, ihn los geworden zu sein, und
nach vierzehn Tagen wurde gar nicht mehr von ihm gesprochen.

Aber nahm ihr Contract denn gar kein Ende? -- Zur Arbeit wurden sie
tglich gerufen, aber nie ein Wort davon gesagt, =wann= ihre Zeit
eigentlich abgelaufen sei, und Hannchen bekam jetzt den Auftrag, ihren
Herrn zu fragen, wie sie mit ihrem Lohn stnden. Sie erhielt jedoch nur
eine ausweichende Antwort und scheute sich die Sache zu drngen. Und
noch ein Monat verging, und jetzt wurde der alte Behrens -- etwas sehr
Seltenes bei einem Deutschen -- ungeduldig.

Wieder mute Hannchen fragen und sollte sich jetzt an die Frau wenden,
die immer gut und freundlich gegen sie gewesen; aber die Frau des
Pflanzers wagte nicht sich in dessen Angelegenheiten zu mischen, -- er
war nicht gut mit ihr, wie Hannchen daheim erzhlte, er schalt oft und
zankte und behandelte sie rauh, -- die Frau krnkelte auch und frchtete
jede Aufregung.

Da fate sich Behrens eines Sonntags ein Herz, und mit seinem ltesten
Jungen Frchtegott, der die Landessprache jetzt vollkommen gut verstand,
ging er selber zum Herrenhaus hinber, um die Sache ins Reine zu
bringen. Der Herr wollte ihn allerdings nicht vorlassen, er habe keine
Zeit, wie er ihm durch eine Negerin heraussagen lie. Behrens aber,
einmal zu dem Entschlu gekommen, war nicht so leicht wieder davon
abzubringen. Er lie noch einmal hinein sagen, er =msse= den Herrn
sprechen, denn er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen, und
verdrielich willfahrtete dieser endlich dem Arbeiter.

Frchtegott war indessen vorher genau von seinem Vater instruirt worden,
was er zu sagen hatte, und selber ein ziemlich anstelliger Junge,
brachte er das auch richtig und ordentlich heraus. Das Gesicht des
Senhor Almeira aber, das schon bei ihrem Eintritt finster genug
ausgesehen hatte, wurde bei der Anrede nicht freundlicher, und als der
junge Bursche geendet hatte, sagte er, whrend sich seine Stirn in
dstere Falten legte:

Und wei Dein Vater auch, welche Summe ich fr ihn und Euch Alle
ausgelegt habe, da er jetzt schon, wo er kaum ein Jahr oder etwas
darber in meinen Diensten ist, davon spricht, sie abgetragen zu haben?
Wei er, was fr ein Risico ich gehabt habe, als ich Euch Alle aus Eurem
Lande herauskommen lie, wo Ihr das Brod kaum hattet zum Leben? Geht an
Eure Arbeit und kmmert Euch um nichts weiter; wenn Eure Zeit um ist,
werde ich's Euch selber wissen lassen.

Aber Senhor, sagte der kleine Bursch, wir haben ja doch Alle so viel
geschafft, da wir schon ein hbsches Stck Geld verdient haben mssen,
wenn Sie nur ganz geringen Tagelohn annehmen.

Tagelohn? rief aber der Brasilianer, was habt =Ihr= mit Tagelohn zu
thun? Euer Contract lautet auf Antheil an dem Verdienst, und die
Kaffeepreise sind im letzten Jahre so erbrmlich schlecht gewesen, da
ich, da uns auch eine ganze Ladung drauen in See verunglckt ist, eher
Verlust als Nutzen bei der ganzen Ernte gehabt habe. Wer ersetzt mir
jetzt den? =Ihr= etwa? Wahrscheinlich nicht, und ich werde es schwer
genug finden, nur das wieder aus Euch herauszubringen, was ich an Euch
selber verloren.

Aber verloren haben Sie doch gewi nichts an uns, Senhor!

Nichts, so? Wohl nicht die ganzen Unkosten, die mir der nichtsnutzige
Bursch verursacht hat, der noch dazu jetzt weggelaufen ist. Glaubt Ihr,
da Ihr das Alles in ein paar Monaten wieder abverdienen knnt?

Aber, guter Gott, rief der Knabe erschreckt aus, whrend der Vater
dabei stand und doch nichts von der Rede verstand, dafr, da der
fremde Mensch davon lief, knnen =wir= doch nicht leiden, und Sie werden
doch gewi nicht verlangen, da wir die vielen, vielen Monate umsonst
gearbeitet und Schuhe und Kleidung zerrissen haben sollen?

Was sagt er? frug der Mann.

Und seid Ihr denn etwa schlechter daran, als ich selber? frug der
Brasilianer hhnisch. Wenn =Ihr= nichts verdient, verdiene =ich= denn
etwas? Lat mich mit Euren ewigen Qulereien zufrieden, denn ich bin es
mde, fortwhrend gestrt zu werden. -- Dieses Jahr wird es auch besser
gehn, setzte er dann ruhiger hinzu, die Kaffeepreise sind gestiegen,
sag das Deinem Vater, und wenn Ihr fleiig seid, so bringen wir das
vielleicht in der nchsten Zeit ein, was wir in der letzten verloren
haben.

Was sagt er? frug Behrens noch einmal.

Lat nur sein, Vater, beruhigte ihn aber Frchtegott, ich erzhl es
Euch Alles nachher, drauen.

Und mit dem Garten? -- Er steht im Contract.

Ja, Senhor, begann der Knabe noch einmal, der Vater hat Sie schon
lange um ein Stck Land fr einen Garten gebeten. Es ist mit ausgemacht
und steht im Contract.

Ich dchte, er htte drauen gerade genug zu hacken und zu graben,
erwiderte mrrisch der Pflanzer, aber ich will sehen, -- er kann ein
Stck Land bekommen, -- wenn ich einmal Zeit habe, werde ich ihm einen
Platz aussuchen. Und nun geht, -- Ihr wit jetzt, was Ihr wissen
wolltet, -- ich habe zu thun, und damit wandte er sich ab und verlie
selber das Zimmer, so da den beiden Leuten nichts Anderes brig blieb
als seinem Beispiel zu folgen.

Drauen erzhlte Frchtegott dem Vater, was ihm der Brasilianer da
drinnen gesagt, und da sie ihre Arbeit gar nicht nach Tagelohn rechnen
drften, sondern, ihrem eigenen Contract nach, auf Theilung angewiesen
wren, im vorigen ganzen Jahre aber gar =nichts= verdient htten, und
der Mann schlug vor Entsetzen die Hnde zusammen, denn von diesem
Augenblick zuerst an sah er kein Ende ihres Contractes ab.

Er ging in die elende Htte, die schon die lange Zeit seine Heimath
bildete, setzte sich auf eine Bank, sttzte das Gesicht in seine Hnde
und weinte bitterlich, und die arme Frau vermochte nicht einmal ihn zu
trsten.

Was nun? =Wie= hatten sie hier gearbeitet, unverdrossen, von Morgens an
bis in die spte Nacht, und dabei nichts, gar nichts gehabt, was ihnen
auch nur die geringste Erholung oder eine Freude bieten konnte. Dieser
abgeschiedene Punkt der Erde war ihre ganze Welt gewesen; mit ihrem
sauren Schwei hatten sie den Boden gedngt, und nun Alles, Alles
umsonst, -- um nichts weiter, als da ihnen ihr =Herr= sagte, sie htten
nichts, gar nichts verdient, und mten von vorn wieder anfangen. Und
wenn er ihnen nun im nchsten Jahre die nmliche Antwort gab? Wenn er
sie auf ein drittes Jahr vertrstete?

Den Garten sollt Ihr haben, Vater, flsterte da Frchtegott, um ihn
wenigstens in etwas zu beruhigen, er hat's mir versprochen, er will
Euch selber den Platz dazu aussuchen.

Der Mann nickte nur schweigend und trostlos mit dem Kopf, und jetzt --
jetzt erst, und wie lange zu spt, fhlte er, da der Doctor daheim mit
jedem -- oh, mit jedem schweren Wort, das er ihm gesagt und ihn gewarnt
hatte, Recht -- furchtbar Recht gehabt.

Was wute er selber denn von der Welt? Er, ein armer und unwissender
Mann, aber ehrlich und brav und keinem Menschen etwas Schlechtes
zutrauend, weil er selber dessen unfhig gewesen; war es da so schwer
gewesen ihn zu betrgen? -- und wie hatte ihm der Agent, der doch seiner
Meinung nach die Verhltnisse hier genau kennen =mute=, wenn er so
viele Leute hier herberschickte -- er wre ja sonst ein ganz
gewissenloser Lump gewesen -- wie hatte =der= ihm zugeredet, hierher zu
gehen und sein Glck zu machen. Und was war es das er hier gefunden?
=Verkauft= wurden sie, wie sie nur das Land betraten, ffentlich
verkauft, wie eine Heerde Schlachtvieh, den Meistbietenden zugeschlagen,
dann -- genau so, wie gekauftes Vieh -- zu Fu in die heien Berge
getrieben, und nun? -- nun waren sie Sclaven, wie die anderen Sclaven
auch, und deshalb -- deshalb muten sie die alte, liebe Heimath, das
Grab ihrer Eltern, die Sttte ihrer Jugend verlassen?

Wie trb -- wie entsetzlich trb verging ihnen der Sonntag, und als die
Frau das Essen aufsetzte -- denn schon seit lngerer Zeit bekamen sie
nur Fleisch, Bohnen und Maniokmehl geliefert und muten sich selber ihre
Mahlzeiten kochen -- mochte Keiner von ihnen auch nur einen Bissen davon
anrhren. Aber was konnten sie thun? bei wem sich ber ihr geschehenes
Unrecht beklagen? Sie waren allein zwischen den fremden Menschen und
muten ertragen, was ber sie verhngt wurde; einen anderen Ausweg gab
es fr sie nicht.

Am nchsten Morgen begannen die Arbeiten von neuem, -- Monate lang, ohne
da die geringste Vernderung in ihrer Lage eingetreten wre. Der andere
Deutsche war allerdings einmal mit einem groen Transport Kaffee in
Porto Seguro gewesen, und hatte dort einen deutschen Kaufmann getroffen,
der sich da krzlich niedergelassen. Da er zwei Tage im Hafen blieb,
veranlate er auch denselben, bei dem dortigen Prfecten eine Klage
gegen ihren Herrn anzubringen, hatte aber nichts damit ausgerichtet. Die
Antwort lautete, da die in Deutschland abgeschlossenen Contracte hier
ihre Gltigkeit htten; wre etwas darin, das ihnen nicht gefiele, so
sei das ihre eigene Schuld, warum htten sie dieselben unterschrieben;
sie wren von keinem Brasilianer je dazu gezwungen worden.

Auch den Garten bekam Behrens nicht, ob es der Herr gleich versprochen
hatte; er erinnerte noch ein paar Mal daran, wurde aber immer auf die
nchste Woche vertrstet, und die nchste Woche wollte nie erscheinen.
Da kam eines Tages Hannchen nach Haus und berichtete, es sei von Porto
Seguro ein deutscher Consul eingetroffen, der hier hergekommen wre, um
sich nach den Verhltnissen der deutschen Colonisten zu erkundigen, und
jetzt zum ersten Mal brach ein Hoffnungsstrahl in die Nacht der Armen,
denn =der= Herr war von den deutschen Regierungen beauftragt worden,
sich seiner Landsleute anzunehmen, und der mute und wrde ihnen helfen.

Eine andere Trauernachricht brachte aber auch Hannchen mit, denn Senhora
Almeira war recht schwer erkrankt und sie konnte auch nur wenige Minuten
bei den Ihrigen bleiben, weil sie zurck mute, um die Leidende zu
pflegen. Sie war in der That nur auf einen Sprung aus dem Herrenhaus
fortgelaufen, um den Eltern anzuzeigen, wer der eben gekommene Fremde
wre, damit sie sich vorbereiten knnten mit ihm zu sprechen.

Ein deutscher Consul! Endlich -- endlich, jubelten die armen Leute. Sie
hatten sich schon von den deutschen Regierungen vollstndig verlassen
und aufgegeben geglaubt, und ihnen doch jetzt so groes Unrecht damit
gethan. Jetzt kam wirklich ein Beamter derselben hier in das fremde
Land, um zu sehen, da die armen Leute nicht ungerecht behandelt wrden,
-- das war brav und gut, und Behrens ihnen recht von Herzen dankbar
dafr.

An diesem Tage lie der deutsche Consul sich freilich noch nicht bei den
Auswanderern blicken, und sie wohnten doch eigentlich so dicht bei dem
Herrenhaus -- kaum etwa hundert fnfzig Schritt davon entfernt -- aber
freilich hatte er auch wohl viel mit Senhor Almeira zu sprechen, denn
solche Herren haben immer sehr viel zu thun und mssen sich nach Allem
ganz genau erkundigen, damit sie recht ausfhrliche Berichte abstatten
knnen: morgen kam er gewi, denn so viele Deutsche waren ja doch nicht
auf der Plantage, -- aber am nchsten Tag kam er auch noch nicht.
Frchtegott mute sich erkundigen, ob er vielleicht am Ende gar wieder
abgereist wre, =ohne= sie zu sprechen, das war aber nicht der Fall. Die
Herren sollten nur ber Land geritten sein, um eine andere Hacienda zu
besuchen, und hatten dabei einige Neger und Gewehre mitgenommen, --
mglich, da sie auch unterwegs jagen wollten.

Am dritten Tag kamen sie endlich zurck, mde von dem langen,
beschwerlichen Ritt, und schliefen bis zum Diner, nach welchem natrlich
keine Rede mehr von Geschften sein konnte. Endlich brach der =vierte=
Tag an, ein Sonntag, und Morgens um acht Uhr schon, noch in der Khle
des Tages, da die Sonne noch keine Zeit bekommen auf die Erde
niederzubrennen, sahen sie die drei Herren den Weg her, der vom
Herrenhaus zu ihnen fhrte, auf ihren =Pferden= angeritten kommen. Die
Entfernung war allerdings sehr gering, und wie gesagt, kaum
hundertfnfzig Schritte, aber in diesem Clima geht ein =Weier= nicht
gern auch nur die kleinste Strecke zu Fu, weil man jede Anstrengung
frchtet. =Arbeiter= machten natrlich davon eine Ausnahme, denn
Anstrengung war gerade ihr Beruf, und sogar den eben erst eingetroffenen
=weien= Frauen und Kindern hatte man damals zugemuthet, den entsetzlich
weiten Weg von Porto Seguro bis hier heraus zu Fu zurckzulegen.

Behrens hatte in der Thr gestanden und sie kommen sehen; aber er trat
in das Haus zurck, denn er wollte sie nicht da drauen anreden. Der
deutsche Consul mute ja doch auch einmal das Innere =dieser= Wohnung in
Augenschein nehmen, um dann selber beurtheilen zu knnen, wie man
deutsche Arbeiter hier in Brasilien behandelt.

Die Reiter kamen nher; jetzt hielten sie dicht vor der Thr, und als
sich da noch immer Niemand von den Deutschen zeigte, wurde ein Neger
abgeschickt, um sie herauszurufen. Er mute melden, da der Herr die
Leute zu sprechen wnsche.

Behrens schttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines
deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht,
aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloen
Kopf in die Thr, -- der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus,
sondern nach trockenem Holz in das nchste Dickicht gegangen, und Frau
und Kinder drngten sich neugierig nach.

Drauen vor der Thr hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer
Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich spter herausstellte, der Beamte
des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem
freundlichen: Guten Tag, ihr Leute, wie geht's? anredete.

Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem
leichten, hellen Rock und einen groen, feinen Panamahut auf. Er trug
eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere,
goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmthiges Gesicht und blaue Augen,
und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren
ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren
der armen Auswanderer drangen, und =der= Mann gerade sollte ihnen
helfen.

Ja, wie geht's, Herr, seufzte Behrens, was soll man da sagen. Gesund
sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir
rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.

Nun, ich denke, lchelte der Consul, dann liee es sich schon
aushalten, und Ihr knntet immerhin antworten: =gut!= Ist das Eure
Familie?

Ja, Herr, erwiderte Behrens, von dem =gut= ist's aber doch noch ein
groes Stck weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein
Ende absehen knnen, und neulich hat uns der Herr da gesagt, da wir im
ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig
verdient htten, und also noch immer, wie frher, in seiner Schuld
wren, und das ist doch entsetzlich hart.

Der Consul erwiderte ihm nichts hierauf, sondern wandte sich an den ihn
begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf
der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte.

Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten? frug er
dann weiter.

Ja, Herr, sagte Behrens, sie sollen uns auch wohl noch hungern
lassen?

Und berarbeiten werdet Ihr Euch nicht?

berarbeitet? man berarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am
nchsten wieder brauchen will -- brigens knnen wir's ertragen. Aber ein
Ende mchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende
kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar
auf Lebenszeit verkauft.

Aber, Leute, =verkauft= hat Euch Niemand, sagte der Consul; es war
doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein
Schiff gingt.

Das schon, sagte Behrens bitter, aber wir wuten damals freilich
nicht, da wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte
ausgeboten und verauctionirt werden sollten.

Verauctionirt?

Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch
noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen knnen.

Hm, sagte der Consul, das -- das hat vielleicht nur so schlimm
ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch ber
sonst noch etwas zu beklagen?

=Sonst noch etwas?= sagte Behrens, ber diese Ruhe und
Gleichgltigkeit erstaunt; aber ich dchte, =das= wre schon genug,
wenn man unter den fremden Menschen fr Nichts arbeiten soll, und noch
nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein;
in unserm Contracte steht, da ich ein Stck Land zu einem Garten soll
angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber
gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie
sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.

Ich werde mir den Contract zeigen lassen, sagte der Consul.

Und dann, fuhr Behrens fort, =wie= wohnen wir hier? Wenn sie nur
einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich
den Platz ansehen -- bei uns daheim haben ihn die Khe genau so, und wie
die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir
auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, da wir noch
nicht Alle krank geworden.

Aber das Dach scheint doch dicht zu sein, sagte der deutsche Herr,
indem er einen Blick ber das Gebude warf, ohne jedoch der Einladung
Folge zu leisten und nher zu treten.

Dicht ist's, sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor;
nur an der einen Ecke schlgt der Regen etwas herein; aber sonst
gehren keine Menschen hinein, das wei Gott -- aber Gott wei hier
eigentlich berhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir
nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns
krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben --
nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie
die Neger werfen.

Ihr guten Leute, sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel
umherrckte, Ihr scheint mir ber Alles unzufrieden zu sein. Da Ihr
mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mutet
Ihr doch vorher gewut haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu
schwer.

Ja, =wir= machen's ihm schwer, lachte der Mann bitter vor sich hin,
der hat sich zu beklagen. Sogar dafr, da der Junge, der Plke, ihm
weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine
Rechnung auf =unsere= Kosten ausgleichen -- aber da mte ja doch keine
Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.

Ihr drft keinen Streit hier anfangen, Leute, wehrte aber der Consul
ab, das kann Eure Lage nur verschlimmern -- ich will mit Senhor Almeira
ber all Eure Verhltnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig
denkender Mann; er wird sein Mglichstes thun, um Euch gerecht zu
werden; verlat Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in
Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.

Ja wohl, Herr Consul, sagte Behrens bitter -- ungefhr sowie ich's
mir gedacht habe -- es bleibt eben Alles beim Alten.

Das wollen wir erst sehen, sagte der Consul, indem er sein Pferd
wandte -- ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber
nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe, und zu den
beiden Brasilianern hinber reitend, die sich indessen mit einander
unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurck, wo
indessen, auf der schattigen Veranda, das Frhstck war servirt worden.

Nun, Senhor, lachte Almeira, als sie den Platz verlieen, haben sie
Ihnen die Ohren recht voll geklagt?

Lieber Gott, erwiederte der Consul, ich bin schon daran gewhnt. Die
Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu
groen Hoffnungen herber kommen. brigens lassen sie sich leicht
behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewi mit ihnen fertig
werden. Sie arbeiten doch fleiig?

Ich will mich darber nicht beklagen, sagte der Brasilianer
gleichgltig, wenn mir auch =ein= Neger gerade so viel fertig bringt,
wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlssig, und was die
Hauptsache ist, trinken nicht.

Drfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?

Ja wohl, mit dem grten Vergngen, -- aber jetzt lassen wir die
langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, da unser Frhstck bereit
ist.

In der luftigen Veranda des Hauses saen die drei Herren allein bei
allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten
und tranken den gekhlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhtte,
den Kopf in beide Hnde gesttzt, sa Behrens, der deutsche Arbeiter,
und stierte still und schweigend vor sich nieder, whrend Keines der
Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte -- hatte man ihnen doch
eben auch ihre =letzte= Hoffnung genommen.

Wie rasch der Herr Consul brigens seine Inspectionen beendet, sollten
sie schon am nchsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach
Hause brachte, da der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen
habe, um in der Khle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurck zu
legen. Aber in etwas schien er trotzdem fr die Deutschen gewirkt zu
haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Htte,
und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz
anweisen, den er fr sich benutzen und darauf bauen knne was er wolle.
Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein.

Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? -- ein Stck Wald neben der
nchsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Htte entfernt,
und noch mit vielen hohen Bumen bestanden. Wie mute er da erst
arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch
murrte er nicht; er war selbst fr das Wenige dankbar, und da ihm der
Aufseher sagte, da er sich da ausbreiten knne soweit er wolle, ging er
mit seinen Kindern schon am nchsten Sonntag an die Arbeit, um das
Ausroden zu beginnen.




Neuntes Capitel.

Die Folgen des Contracts.


Von da an gab es keine Sonntage mehr fr die Familie, denn jeder freie
Augenblick mute benutzt werden, um ihren Garten in Stand zu setzen,
und da sie Alle mit grtem Eifer angriffen, ja die nchste Familie
ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu
benutzen, rckten sie auch rasch vorwrts.

In zwei Monaten hatten sie schon die Bume, die nothwendig gefllt
werden muten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbume
konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und
noch zwei Monate, und ihr hei ersehntes Ziel war endlich erreicht, --
der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun beset und besteckt.

Die gewhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, --
aber die Frau fing an zu krnkeln, -- das feuchte und doch so heie
Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde hufig von Fiebern heimgesucht,
-- auch das jngste Kind wollte sich nicht recht krftigen und machte
ihnen viele Sorge.

Schweres Unglck hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus
betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven
und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, -- nur nicht von ihrem
Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekmmert, und
ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin
berlassen hatte.

Hannchen fhrte indessen drben die Wirthschaft im Hause, und zwei
Monate etwa schien das gut zu gehen, -- da kam sie eines Mittags zu ihren
Eltern mit verweinten Augen herber, und erklrte, da sie das
Herrenhaus nicht wieder betreten wrde.

Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag
herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken
wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklrte so bestimmt,
nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern
zu arbeiten, da er ordentlich scheu vor dem indessen hoch
aufgeschossenen, bildschnen Mdchen zurcktrat und sie in der Htte
lie. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen.

Senhor Almeira verlie am nchsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn
nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, da er nur einen seiner
gewhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurck. Woche nach
Woche verging, Monat nach Monat, und er lie sich nicht wieder da
drauen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch
auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher
zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die
Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem
Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl
hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rckkunft in der gewhnlichen
Art fortzufhren. Er knne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann
mge er mit ihm selber sprechen, -- bis dahin mten sie sich gedulden.

Die Frau wurde indessen krnker, und Behrens verlangte einen Arzt.
Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nchsten Tag
ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den
vorrthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, -- aber es dauerte
viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich
wirklich ankam, fand er Jammer und Thrnen in der Htte, aber keinen
Patienten mehr.

Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der
furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt.

Und wieder vergingen Monate -- Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor
Almeira eines Tages -- so pltzlich, wie er gegangen, auf sein Gut
zurckkehrte und eine neue Frau, eine junge Franzsin, mitbrachte.
Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und
Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die
Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo htte er Zeit gehabt
sie anzuhren; sie wurden auf spter vertrstet, und er lie ihnen nur
sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um -- wenn
sie es wre, wrde er es ihnen selber mittheilen.

Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten
nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu
bewaffnen und Militr aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das
frische Fleisch und Mehl zurckgehalten und die wenigen Menschen fhlten
wohl, da sie hier nichts mit =Gewalt= ausrichten konnten. Sie waren
auch schon geistig wie krperlich so gebrochen, da sie nicht wagten, es
auf das Schlimmste ankommen zu lassen.

Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder
erwiderte nur selbst ihren Gru, wenn sie ihm begegneten, und seine
junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur
selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte
ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie
da, bald dort hin und dann kamen groe Sendungen aus dem Hafen, ganze
Maulthierzge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen,
um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln.

Behrens der jetzt wohl fhlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte
auf Flucht -- aber er htte doch nicht mit seiner ganzen Familie
entfliehen knnen, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt
des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wre
es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne
die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wre ein
verzweifeltes und vllig nutzloses Unternehmen gewesen.

So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des
Brasilianers den hchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein
Aufseher -- denn er selbst lie keinen der Deutschen mehr vor sich --
nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht
die erhofften Preise gebracht, und sie mten sich noch gedulden.
Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten
in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid,
aber auch der war nicht im Stande etwas fr sie auszurichten, und sie
sahen in der That ihres Jammers kein Ende.

Da geschah das uerste, was Behrens bis jetzt fr mglich gehalten,
denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kndigte ihm an, da sein
Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu
der Kaffeeplantage geschlagen werden msse, an welche er stie. Die
Deutschen sollten aber dafr ein ebenso groes Stck Land dicht daneben
angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.

Behrens lief jetzt, wahrhaft auer sich, nach dem Herrenhause hinber,
und wre in =diesem= Augenblick vielleicht zu Allem fhig gewesen. Herr
und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht
Tagen nicht zurck erwartet, und schon am nchsten Morgen stellte der
Mulatte seine Neger an, um die als Umzunung dienenden Hlzer
fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und
junge Kaffeebume dicht neben einander dort einzupflanzen.

Als Behrens an dem Tag nach Hause zurck kam, ergriff ihn ein hitziges
Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte
dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, da ein paar Negerburschen
zu Hlfe gerufen werden muten, um ihn nur zu bndigen. Endlich, nach
einer der schlimmsten Nchte dieser Art, verhielt er sich ruhig, -- es
war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt fter, der
jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort
blieb, wieder besuchte, erklrte er ihn auer Gefahr und verordnete nur
noch gute Pflege.

Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Krper noch,
und er hatte mit den brigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So
sa er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn
mit einem Tuch umwunden, vor der Thr seiner Htte im Schatten, und sog,
seinen trben und dsteren Gedanken nachhngend, an einer Apfelsine, als
Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg
herabsprengte, der auf das Herrenhaus zufhrte. Als er den Mann dort vor
der Htte sitzen fand, zgelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor
Almeira zu Hause sei.

Ich wei es nicht, Herr, sagte der Deutsche in sehr gebrochenem
Portugiesisch, wir erfahren hier nichts davon.

Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann
pltzlich in deutscher Sprache: Seid Ihr etwa Einer von den deutschen
Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?

Leider, Herr, erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache
aus seiner Apathie aufrtteln konnte. Was lag auch daran, es war
vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige gentzt, hatten
sie erfahren.

Leider? frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen,
sondern stieg ab, hing den Zgel seines Thieres ber den nchsten
Baumzweig, und trat nher zu dem Deutschen. Ihr seid krank, Freund?

Ich =war= krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin
aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der
Htte zurckgeblieben.

Ist das Eure Wohnung?

Ja, Herr.

Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?

Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.

Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was
Ordentliches verdient?

Verdient? frug der Mann, und ein eigenes, trbes Lcheln zuckte um
seine Lippen, wenn wir nicht noch in =Schulden= wren, brauchten wir
wenigstens nicht lnger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie
die anderen Sclaven auch.

So? sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, und habt Ihr
fleiig gearbeitet in der Zeit?

Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, -- wir haben als
rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur,
da ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stck Papier setzte. Ich
wute wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte
einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darber sagten, glaubte
ich nicht, -- oder doch wenigstens nicht, da andere Menschen so
=schlecht= sein knnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich
und meine Familie fr ewige Zeit verkauft, -- verauctionirt wurden wir
auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.

So? sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, und
habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand,
auf da Ihr Euren Namen gesetzt?

Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich
nicht fr uns, sondern fr den =Kufer=; aber mein Name steht richtig
darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es
auch in Deutschland vorhergesagt. Wir =sind= einmal verkauft und bleiben
verkauft.

Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens -- sehr zu dessen
Verwunderung -- auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder,
endlich frug er: Wie viel seid Ihr Eurer?

Nun, sagte der Mann, ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich.
Jetzt sind wir noch unser Fnf.

Ist Jemand von Euch gestorben?

Nur die Mutter der Kinder, Herr, -- es hat nicht viel zu bedeuten,
lachte Behrens bitter vor sich hin, und dann das Jngste, -- war ein
kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, -- jetzt ist ihm
wohl; er hat's berstanden, und wir -- werden's ja mit Gottes Hlfe auch
einmal berstehen.

Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen
Schritten vor dem Mann auf und ab.

Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen? sagte er
nach einer Weile.

O ja, doch, lautete die Antwort, es war einmal ein deutscher Consul
hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an
derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und
wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich
freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und
konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekmmern.

Er stieg gar nicht vom Pferde?

O ja, doch, -- oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und
getrunken.

So? Ja, lieber Freund, sagte der Fremde, dann will ich nur auch
einmal zum Haus hinaufreiten, -- aber ich komme wieder, setzte er
hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf,
und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zgel ab und sprengte zum
Haus hinauf.

Das hat der Andere auch gesagt, nickte Behrens vor sich hin, ich
komme wieder, -- ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er
soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglckseligen
Tag nicht meinen Namen unterschrieben htte.

Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon
wieder hrte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei
ausrief: Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber
vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, -- er ist einmal
hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit knnen wir
mitsammen plaudern: brigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch
eine halbe Flasche Wein, -- ein Glas Wein, sollte ich meinen, mte Euch
gut thun, -- es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?

Eins mu noch da sein, sagte Behrens, ganz bestrzt ber das
Anerbieten, die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren
zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie
hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die
wachsen ja glcklicher Weise an den Bumen.

Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit
dem gefundenen Glas zurck und der Fremde betrachtete sich indessen, in
der Thre stehend, den den inneren Raum.

In diesem Augenblick kam ein junges Negermdchen, was es nur laufen
konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz auer
Athem, den Fremden an.

O, Senhor, -- die Senhora lt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der
Herr mu gleich zurckkehren; die Senhora ist sehr bse, da die anderen
dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.

Sage Deiner Senhora, mein Tchterchen, erwiderte der Fremde, da sie
mich gar nicht fortgeschickt htten, ich wre von selber gegangen, weil
ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora
erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.

Aber das Frhstck steht auf dem Tisch, Senhor.

Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrhstckt, und dabei
schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm.

Das kleine Negermdchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu.
Der fremde Senhor gab dem weien Nigger Wein; so etwas hatte sie noch
nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter
gekommen, lief sie dorthin zurck, um die merkwrdige Neuigkeit zu
erzhlen.

Der Fremde, ohne sich weiter um das Negermdchen zu bekmmern, trat mit
dem Deutschen in das Haus, und sich dort einen Stuhl zu dem roh
gearbeiteten Tisch rckend, sagte er ruhig und freundlich: Und nun,
Kamerad, wie heit Ihr gleich?

Behrens, Herr--

Also nun, Behrens, erzhlt mir einmal Eure ganze Lebensgeschichte,
wenigstens von der Zeit an, wo Ihr den Entschlu gefat habt, nach
Brasilien auszuwandern. Macht es so kurz und einfach wie mglich, denn
ich wei auch schon ein wenig Bescheid, und brauche die Einzelheiten
nicht alle zu wissen, und scheut Euch nicht im Mindesten, mir die
=volle= Wahrheit zu sagen. Ich meine es gut mit Euch, und es ist
mglich, da ich Euch ntzen kann.

Behrens schttelte dazu freilich den Kopf, der Fremde aber, indem er
seine Brieftasche und einen Bleistift herausnahm, drngte noch einmal:
Erzhlt mir nur, ich werde Euch nicht unterbrechen, aber ich mu eben
Alles wissen, und wir haben vielleicht nicht so sehr lange Zeit.

Behrens sah noch eine kleine Weile still vor sich nieder. Lang
vergangene, schon fast vergessene Bilder tauchten vor ihm auf, -- sollte
er noch einmal in die alten Wunden greifen? Und weshalb nicht? Whlte er
doch das ganze Jahr darin herum, und der Fremde sah ihn ja so gut und
freundlich an. So fate er sich denn ein Herz und erzhlte ihm von
Anfang bis zu Ende die Geschichte seiner Auswanderung, und wie es ihm
hier gegangen. Er setzte dabei nichts hinzu, ja, er ging sogar in einem
ganz richtigen Gefhl ber eine Masse von Nebensachen leicht hinweg, und
war deshalb im Stande, dem Besucher in kurzen aber scharfen Umrissen ein
Bild all ihrer Schicksale zu geben. Der Fremde unterbrach ihn auch mit
keinem Wort, -- nur manchmal, wenn er irgend eine Ergnzung brauchte,
warf er eine kurze Frage ein, die ihm dann Behrens eben so kurz und
bndig beantwortete.

So hatte er denn in kaum einer halben Stunde die Schicksale der armen
Auswanderer genau und vollkommen kennen gelernt, aber er hrte ihm nur
zu, und versprach ihm nicht etwa, da er ihm helfen und die Familie aus
ihrer traurigen Lage befreien wolle. Er war nur ein Reisender, wie er
sagte, der zufllig in diese Gegend gekommen, um das Land kennen zu
lernen und sich mit den Zustnden desselben bekannt zu machen. Was aber
in seinen Krften stand, versprach er zu thun, um den Leuten Recht zu
verschaffen, sie sollten nur nicht glauben, da das so schnell gehen
knne. Brasilien sei ein zu groes Land, und man msse immer eine weite
Strecke von einem Ort zum anderen reisen, wenn man irgend etwas
erreichen wolle.

In dieser Zeit kamen auch die brigen Leute von der Arbeit zurck, und
Behrens sah, wie Senhor Almeira ebenfalls an ihrer Htte vorber seinem
Hause zusprengte, pltzlich aber sein Thier herumwarf, als er das fremde
Pferd am Hause bemerkte.

Das ist der Herr, sagte der Arbeiter scheu zu seinem Gast, indem er
hinaus deutete, der wird Sie jetzt mit sich hinauf nehmen.

Ach, lchelte der Fremde, da werde ich mich ihm vorstellen mssen; --
also habt guten Muth, Freund; es ist allerdings eine schwere Zeit, die
Ihr hier durchgemacht, aber vielleicht wird doch noch einmal Alles
besser. Ist das Eure Tochter?

Ja, Herr, meine lteste.

Ein liebes, freundliches Kind. Nun, lebt wohl fr jetzt; der Herr da
drauen wird ungeduldig, und wir drfen ihn nicht bse machen -- und
damit nickte er den Deutschen zu und schritt hinaus zu seinem eigenen
Thier, neben welchem Senhor Almeira hielt und die Htte schon mehrmals
mit Hallo! He da drinnen! angerufen hatte. Der Brasilianer schien auch
eben nicht besonders erfreut, den fremden, sehr anstndig gekleideten
Herrn aus der Htte seiner Arbeiter kommen zu sehen. Was hatte er mit
denen zu schaffen, da er sich nicht vorher an ihn selber gewandt? Und
seine Stirn zog sich zuerst in dstere Falten. Der Fremde schien das
aber gar nicht zu beachten oder nur zu bemerken.

Habe ich das Vergngen, Senhor Almeira zu sehen? sagte er, indem er
hinaustrat und ihn hflich, aber auch nur leicht grte.

Das ist allerdings meine Name, sagte der Brasilianer, aber hier nicht
meine Wohnung, -- mein Haus liegt dort.

Ja, ich wei, lchelte der Fremde, knnte mir auch nicht denken,
verehrter Herr, da Sie selber in solch einem =Stall= wohnen wrden.

Es lag ein so eigener, trotziger Spott in den Worten, und doch war das
ganze Wesen des Fremden dabei so achtungsvoll und hflich, da Almeira
nicht gleich wute, was er aus ihm machen sollte. Jedenfalls mute er
aber herausbekommen, was der Fremde hier bei ihm wolle, oder ob sein
Besuch nur eben zufllig, vielleicht auf der Durchreise nach irgend
einer anderen Facienda sei; auch sprach er das Portugiesische so
flieend, da er ber seine Landsmannschaft ganz irre wurde. brigens
verstand es sich, der gastlichen brasilianischen Sitte nach, ganz von
selber, da jeder anstndig gekleidete Reisende auch ohne Weiteres in
das Herrenhaus geladen wurde, wo er so lange blieb, als es ihm gefiel.
Die Facienderos im Inneren, auf ihren einsam und vereinzelt gelegenen
Plantagen, freuen sich ja nur berdies, die Monotonie ihres tglichen
Lebens manchmal durch einen Besuch unterbrochen zu sehen; hren sie dann
doch auch immer wieder etwas von der Welt da drauen.

Darf ich Sie dann bitten, mich zu begleiten? sagte der Brasilianer
deshalb auch mit einer einladenden Bewegung seiner Hand nach dem Haus
hinauf, wir haben nicht weit.

Wenn Sie mir erlauben, Senhor, mit dem grten Vergngen, und der
Fremde ging zu seinem Pferd, das schon einer der rasch herbeigesprungenen
Negerburschen losgemacht hatte, whrend er ihm die Steigbgel hielt,
und gleich darauf sprengten die beiden Herren dem groen Hause zu.




Zehntes Capitel.

Der neue Besuch.


Es ist eine eigenthmliche Thatsache, da wir, gar nicht etwa so selten
im Leben, Menschen begegnen, die uns bei ihrem ersten Anblick abstoen,
ja, die wir =hassen=, ohne uns den geringsten Grund dafr angeben zu
knnen. Woher das Gefhl kommt, wer kann es sagen; sie haben uns noch
nichts zu Leide gethan, ja sind hflich, vielleicht gar freundlich mit
uns gewesen, und trotzdem schnrt es uns in ihrer Gegenwart das Herz
zusammen, und wir fhlen eine Last von unserer Seele genommen, wenn sie
uns wieder verlassen.

Sonderbarer Weise bleibt auch diese Empfindung fast stets gegenseitig,
und eben so ist es mit dem Gegentheil der Fall, mit Liebe und
Freundschaft auf =einen= Blick, auf einen Hndedruck geschlossen. Es
gehrt das jedenfalls zu den unbegriffenen Rthseln unseres
Seelenlebens, die uns verborgen bleiben sollen, und die kein Denker je
ergrnden wird.

Senhor Almeira hatte jedenfalls ein solches Gefhl, als er mit seinem
Gast dem Hause zuritt, und freundlicher wurde er dadurch wahrlich auch
nicht gegen ihn gestimmt, als er dort erfuhr, da der Herr schon vorher
am Hause gewesen, und trotz der Einladung der Senhora wieder zu der
Htte der deutschen Arbeiter zurckgeritten sei. Was kmmerten ihn die,
da er ihre Gesellschaft sogar suchte? Aber das mute sich bald
herausstellen, und vor allen Dingen durften die Formen der Hflichkeit,
die so Manches bertnchen, nicht auer Acht gelassen werden.

Der Gast lehnte indessen das noch immer seiner harrende Frhstck sehr
artig ab, da er erklrte, sich Provisionen von der letzten Facienda
mitgenommen und unterwegs sehr romantisch unter einer Palme gefrhstckt
zu haben. Nur ein Glas Wein konnte er nicht ausschlagen und eine
Cigarre, und unendlich liebenswrdig zeigte sich die junge Dame vom Haus
gegen ihn, als sie fand, da er eben so gut Franzsisch als
Portugiesisch sprach. Auerdem kam er, wie er erzhlte, direct aus der
Hauptstadt des Landes, aus Rio de Janeiro, -- =ihrem= Rio, wie sie
sagte, nach dem sie sich ewig und unendlich sehnte, und das Kleinste und
Geringste von dorther hatte ja das spannendste Interesse fr sie, die
sie hier weggesetzt in eine Wste sa, und, wie sie meinte, vor
Langeweile eines langsamen Todes strbe.

Auch darber freute sich Senhor Almeira nicht, und zog nur heftiger an
seiner Cigarre.

Und was bringt =Sie= in diese =Wste=, mein verehrter Senhor, sagte er
nach einer Weile, wenn meine arme Frau denn wirklich recht htte,
unsere sonst so sehr freundlich gelegene Facienda so zu nennen. Wollen
Sie noch weiter in das Innere?

Ich glaube kaum, mein verehrter Herr, erwiderte der Deutsche, habe
auch, wie Sie sehen, als einziges Gepck nur meine sehr kleine
Satteltasche mit etwas Wsche bei mir. Die einzige Absicht auch, Senhor,
in der ich hierherkam, war, um mich nach den Verhltnissen einiger
deutscher Landsleute zu erkundigen, von denen ich in Porto Seguro,
ebenfalls von einem Landsmann, gehrt, da es ihnen sehr schlecht
ginge.

Doch nicht bei mir, wie ich hoffen will, sagte Senhor Almeira mit
einem so finster drohenden Blick, da seine Frau ordentlich darber
erschrak.

Der Deutsche aber fuhr eben so hflich fort: Allerdings, Senhor. Unsere
Regierungen daheim fangen doch nachgerade an, auf die hier in Brasilien
mit deutschen Auswanderern abgeschlossenen Vertrge aufmerksam zu
werden, was ich ihnen nicht einmal zum Verdienst anrechne, denn sie
htten es schon lange thun sollen, und es bleibt da immer interessant,
sich einmal an Ort und Stelle nach den Verhltnissen derselben zu
erkundigen.

Und haben Sie eine =Vollmacht=, das zu thun?

Nein, Senhor, sagte der Deutsche freundlich, nicht die geringste,
denn die knnte auch nur, wie Sie selber recht gut wissen, von Ihrer
eigenen Regierung ausgehen, da keine andere hier im Lande Geltung haben
wrde.

Almeira lachte laut auf. Und was brachte Sie auf die wunderliche Idee,
rief er, zu glauben, da wir hier verpflichtet sind jedem
herge--kommenen Fremden die Verhltnisse unserer Arbeiter vorzulegen?

Verpflichtet gar nicht, verehrter Herr, lchelte der Deutsche, nur
Ihrem eigenen Ermessen soll es berlassen bleiben, ob Sie mir den
Contract und den gegenwrtigen Stand der Schulden der Familie vorlegen
wollen.

Ich danke Ihnen.

Bitte, gar nichts zu danken, -- die armen Leute sind nicht im Stande,
sich einen klaren Einblick in die ber ihre Schuld und ebensowohl ber
ihr Guthaben gefhrten Bcher zu verschaffen, und haben mich deshalb
gebeten, es fr sie zu thun.

=Sie?=

Allerdings, -- denn dazu sind Sie allerdings durch die Gesetze des
Landes verpflichtet, dem Arbeiter jeder Zeit --=wenigstens= doch jedes
Jahr einmal -- einen Abschlu Ihrer Bcher, so weit es die Arbeiter
selber betrifft, vorzulegen.

Und wer sagt Ihnen, da ich berhaupt Bcher darber gefhrt habe?

Sie scherzen, lchelte der Deutsche wieder, es wre die grte
Beleidigung, die ich gegen Sie aussprechen knnte, wenn sie auch nur die
=Vermuthung= enthielte, da Sie es =nicht= gethan. Sie wissen doch
gewi, da =Zuchthausstrafe= auf einem solchen Vergehen stnde.

Almeira erbleichte, denn es lag so etwas Bestimmtes, Entschiedenes in
dem Wesen des Fremden, da es ihm, wie er sich auch dagegen struben
mochte, imponirte.

Sie haben Recht, sagte er nach einer kleinen Pause, whrend welcher
ihn der Deutsche freundlich und wie erwartend ansah, allerdings ist
Buch ber jeden fr die Leute verausgabten Res, wie ber Alles, was sie
mir geleistet haben, gefhrt, aber ich glaube kaum, da ich Ihrem Wunsch
willfahren kann, Ihnen, einem vollkommen fremden Menschen, Einblick
dahinein zu gestatten, da es Ihnen zugleich einen Einblick in mein
ganzes Geschft gewhren wrde.

Wie Sie darber denken, verehrter Herr, erwiderte der Fremde mit
demselben Lcheln, es fllt mir auch nicht ein Sie darin zu drngen.
Sie haben mir nur einfach, ehe ich die Facienda wieder verlasse, zu
sagen, ob Sie mir den Stand der Ihnen berlassenen deutschen Arbeiter
vorlegen wollen, oder ob Sie es mir verweigern, -- weiter nichts.

Almeira war aufgestanden und ging mit untergeschlagenen Armen hastig und
finster vor sich hinbrtend ein paar Mal auf der Veranda auf und ab.

Und wenn ich es Ihnen verweigere? sagte er pltzlich, indem er vor
seinem Gast stehen blieb und ihn fest ansah.

Dann setze ich mich einfach auf mein Pferd, lchelte dieser, und
reite nach Porto Seguro zurck. Sie haben vollstndig Ihren freien
Willen.

Die Worte klangen so harmlos, wie nur mglich, aber selbst die Senhora
fhlte, da ein tieferer und drohenderer Sinn darin lag, und unruhig und
scheu flog ihr Blick von einem der Mnner zum anderen.

Weshalb auch nicht, sagte Almeira pltzlich leichthin und lachend,
die Zumuthung kam mir allerdings im ersten Augenblick sonderbar vor,
wenn es die Deutschen aber selber wnschen, sehe ich nicht den
geringsten Grund dafr, es Ihnen zu verweigern (der Fremde verbeugte
sich leicht) und wenn es Ihnen recht ist, knnen wir gleich daran gehen,
um die unangenehme Sache zu beseitigen.

Wie Sie es wnschen, Senhor, lautete die Antwort, ich mu Sie dann
noch bitten, Einen der Arbeiter dazu zu rufen, weil ich selber doch mit
den hiesigen Verhltnissen nicht bekannt bin.

Die Leute sind jetzt wieder an der Arbeit, sagte der Brasilianer kurz.

Der Eine, der Behrens, den ich vorhin gesprochen, ist zu Haus, weil er
sich noch nicht wohl befindet.

Das wei Gott, seufzte Almeira, die Familie kostet mich schon viel
Geld, und ich wollte, ich htte sie im Leben nicht gesehen.

Wren Sie vielleicht so freundlich, einen Neger hinber zu senden, es
wrde die Sache vereinfachen.

Die Senhora warf einen fragenden Blick auf den Brasilianer. Dieser
schien nicht recht mit der Zumuthung einverstanden, aber er sah auch
wohl, da es sich nicht mehr umgehen lie, -- er nickte, und ein kleines
Mdchen wurde augenblicklich abgesandt, um den verlangten Arbeiter
herbei zu holen.

Monsieur, sagte aber die junge Franzsin, Sie haben mich sehr
getuscht.

Ich wrde unendlich bedauern--

Ich erwartete und =hoffte= mit Ihnen eine langersehnte und angenehme
Unterhaltung fhren zu knnen, und statt dessen brechen Sie uns sogar
noch mit entsetzlichen Geschichten ins Haus, die Sie vielleicht eine
volle Stunde in Anspruch nehmen, whrend ich darauf brenne, mehr und
Ausfhrlicheres ber Rio de Janeiro zu hren.

Ich hoffe, gndige Frau, sagte der Fremde artig, da wir =sehr= rasch
ber unser langweiliges Geschft hinwegkommen werden. Ich verspreche
Ihnen sogar, es so viel als mglich zu beeilen, -- so weit das nmlich
in =meinen= Krften steht. Nicht wahr, Senhor, Sie fhlen auch kein
besonderes Bedrfni, sich lange damit zu befassen?

Ich mte es lgen, sagte der Brasilianer trocken, aber da kommt
unser Mann. Bitte, liebes Kind, la uns einen Augenblick allein, damit
wir die Sache beenden. -- Du interessirst Dich doch nicht dafr, und ich
mchte Dich der -- Gesellschaft entheben.

Wenn Sie es mir erlauben, Senhor sagte die junge Frau, so bleibe ich
hier und hre ein wenig zu. Man mu sich mit =allen= Verhltnissen ein
wenig bekannt machen und drben -- langweile ich mich nur =noch= mehr.

Der Brasilianer zuckte mit den Achseln; er wute recht gut da er nur zu
widersprechen brauchte, um die junge Frau noch mehr in ihrer Absicht zu
bestrken. =So= hoffte er, da sie es bald von selber satt bekommen
wrde.

So nickte er denn einem der Negerknaben zu, ihm zu folgen und kehrte
bald wieder mit diesem, der ein paar groe Bcher auf dem Arm trug und
auf den nchsten Tisch legte, zurck.

Auch Behrens war indessen herangekommen und blieb mit dem Hut in der
Hand unten an der Verandatreppe in der Sonne stehen.

Almeira mute ihn auch jedenfalls bemerkt haben, sagte aber nichts, und
der Fremde schien absichtlich darauf gewartet zu haben. Jetzt, sich
pltzlich gegen den Deutschen wendend, rief er diesem zu, herauf und in
den Schatten zu kommen. Sie wollten seine Rechnung durchsehen und er
sollte dabei sein, damit man ihn im Nothfalle ber Einzelnes fragen
knne.

Behrens folgte schchtern der Einladung und grte hflich nach allen
Seiten. Die Senhora dankte ihm auch mit einem freundlichen Nicken.
Senhor Almeira aber wrdigte ihn keines Blicks, und nur erst als ihm der
Fremde einen Stuhl hinschob, -- denn er sah, da der Mann vor Schwche
kaum noch stehen konnte, -- blitzte er ihn zornig mit den Augen an, --
lie sich aber auch =das= gefallen; es ging ja jetzt Alles in Einem hin.

Drfte ich Sie vor allen Dingen um den Contract bitten, Senhor?

Almeira zgerte einen Moment, nahm ihn aber gleich darauf aus einem
Couvert heraus und schob ihn auf den Tisch.

Der Fremde las ihn kopfschttelnd durch und sagte dann lchelnd zu
Almeira: Man sollte es kaum fr mglich halten, da irgend ein Mensch,
der nur noch einen Funken von Verstand in seinem Hirn herum trgt, einen
=solchen Contract= unterschreiben knnte. Ich brauche den Mann auch gar
nicht zu fragen, ob ihm Alles gehalten wurde was darin steht, denn es
ist ihm nichts versprochen. Nur eine Frage: hat Behrens denn seine
Arbeit ordentlich und stet gethan, Senhor?

-- Ich glaube, ja -- erwiderte der Brasilianer nach einigem Zgern,
unbehlflich sind die Leute zwar und entsetzlich langsam, aber doch so
ziemlich willig. Nur mit ihren vielen Krankheiten haben sie mir zu
schaffen gemacht und entsetzliches Geld fr den Doctor gekostet, der
jedes Mal fnfundzwanzig Milres fr einen Ritt hier heraus bekommt.

Hm, sagte der Fremde, und zahlt das der Arbeitgeber oder der Arbeiter
selber?

Wenn er nach dem Doctor verlangt, gewi der Arbeiter, lautete die
Antwort, wie kme =ich= dazu, fr Jemanden den Arzt zu zahlen, der bei
mir nur auf Theilung des Gewinns dient.

Ach ja, so. Entschuldigen Sie. Halt, hier ist dem Mann aber wirklich
etwas versprochen fr Gartenplatz. Habt Ihr den angewiesen bekommen,
Freund?

Ja, Herr, sagte Behrens, aber erst nach langer Zeit, und dann hat ihn
uns der Herr, als wir ihn urbar gemacht, wieder weggenommen und uns ein
anderes wildes Stck Land dafr gegeben.

Der Fremde zuckte die Achseln und sagte -- vielleicht absichtlich -- in
portugiesischer Sprache: Ja dagegen lt sich nichts machen, Freund.
Euer Herr ist da, =diesem= Contract nach, ganz in seinem Recht. Erstlich
ist gar nicht darin gesagt, =wann= Ihr das Land bekommen solltet, und
dann steht nur darin, da Euch ein Stck Land =angewiesen= wrde,
nirgends aber, da Ihr es auch zur steten Benutzung behalten sollt.

Versteht sich von selber, besttigte Almeira, aber das ist eben das
Unglck mit solchen Leuten, da sie nie an den Nutzen ihres Herrn,
sondern nur immer an den eigenen denken.

Aber wenn der Mann das Land doch fr sich selber bekommen, sagte die
Senhora erstaunt, und fr sich selber urbar gemacht hat, so sollte ich
denken--

Das verstehst Du nicht mein liebes Kind, unterbrach sie aber der
Brasilianer, der ganze Vertrag ist ja auf Gegenseitigkeit gegrndet,
und whrend der Garten zur Kaffeeplantage geschlagen wird, bekommt er ja
doch auch seinen Nutzen davon. Jos, bring noch eine Flasche Wein aus
dem Keller herauf.

Behrens verstand nur unvollstndig, was dort gesprochen wurde, aber so
nahe es ihn auch selber anging, er war in den langen Jahren abgestumpft
gegen Alles geworden, sah auch jetzt, da =der= Deutsche hier nicht viel
besser, als der frhere sei, wenn er sich auch mit ihm unterhalten
hatte.

Und welche Auslagen hatten Sie fr diese Familie? Sie entschuldigen,
ist es die einzige oder haben Sie deren mehr?

Ich war damals thricht genug, zwei anzunehmen.

In der That? Aber wir wollen uns vor der Hand nur mit dieser einzigen
beschftigen, -- also welche Auslagen hatten Sie, auer denen, die hier
auf dem Contract noch nicht einmal ausgefllt stehen?

Diabo! sagte der Brasilianer, mehr, als die Leute in der nchsten
Zeit im Stande sein werden, abzuverdienen, denn fortwhrend qulen sie
mich um Baumwollenzeug, Schuhe, Hte und tausend andere Dinge, von denen
ich kaum genug herbeischaffen kann. Dies sind hier die ersten Auslagen:
Schiffstransport, auch die Reise in Deutschland selber bis an Bord, und
der Aufenthalt dort im Gasthof vier Tage.

Entschuldigen Sie, waren die Auswanderer selber Schuld an dieser
Verzgerung von vier Tagen?

Wie soll =ich= das hier wissen? Diese Summe mute ich dem Agenten als
Auslagen zurckerstatten.

Ah so, das wre also Sache des Agenten gewesen -- und dann weiter?

In Milres gerechnet macht das die runde Summe von 520 Milres. Dazu
kommt nun noch der Aufenthalt in Porto Seguro, wo ich sie mute
bekstigen lassen, und der Transport hier heraus auf Maulthieren.

Wir sind zu Fu gegangen, sagte Behrens, der ruhig dabei stand und
zuhrte.

In der That, den ganzen Weg?

Aber Euer Gepck habt Ihr wohl etwa auf den Schultern getragen, wie?
sagte Almeira, ohne den Deutschen dabei anzusehen.

Wir hatten an den Kindern genug zu schleppen in der Hitze, seufzte
Behrens.

Aber Eure Frau ist geritten.

Gott hab sie selig, sagte Behrens scheu, ja, wie sie es endlich nicht
mehr ermachen konnte und zusammenbrach. Es war zu viel fr sie und die
Kinder, und sie hat den Marsch nie berwunden.

Die armen Leute, sagte mitleidig die junge Frau.

Der Fremde erwiderte aber gar nichts darauf, sondern ging nur weiter und
sagte: Und damit hrten Ihre Unkosten wohl auf?

Glauben Sie, da sie in den fnf oder sechs Jahren nichts gegessen und
keine Kleider gebraucht haben? lachte Almeira.

Aber das Essen, sollte ich denken--

So wie ich ihnen einen Antheil am Gewinn gebe, mu ich sie doch auch
mit den Kosten belasten, nicht wahr?

Allerdings, -- das klingt nicht mehr als billig.

Sie sehen selber, da sie niedrig genug angeschlagen sind, -- natrlich
nur das, was mich die Production selber kostet.

Versteht sich -- und das brige?

Fr Kleidung und Schuhwerk.

Alle Wetter, Ihr Leute, rief der Fremde, Ihr habt viel verbraucht,
ich dachte gar nicht, da Ihr hier einen solchen Staat im Lande macht.

Staat? sagte Behrens wehmthig und sah auf seine Lumpen nieder, ja,
wir gehen wirklich zum Staat herum.

Aber was ist denn das fr ein Posten? fuhr der Fremde, ohne weiter
darauf einzugehen, fort, da stehen ja noch einmal 130 Milres extra.
Wofr haben sie das gebraucht?

Das ist fr Einen der sauberen Gesellschaft, sagte Almeira finster,
fr einen jungen Burschen, der mir gleich im ersten Jahre davon lief,
und fr den die brigen natrlich mit haften mssen.

War das einer von Euren Shnen, Behrens?

Wer? frug der Deutsche, der das nicht Alles verstanden hatte.

Nun, der Weggelaufene.

Von meinen Shnen? Nein, wahrlich nicht, lieber Herr; ein
nichtsnutziger Gesell war es, den wir aber erst auf dem Schiff kennen
gelernt haben, und den sie uns mit in das Haus legten, so sehr wir auch
baten, allein zu bleiben.

So viel ich im Contract sehe, Senhor Almeira, sagte der Fremde, so
sind die Leute nur fr ihre eigene Familie solidarisch verpflichtet, der
junge Bursch war aber ein Fremder und geht sie nichts an.

Ich habe ihn als zu ihrer Familie gehrig mit berkommen, rief der
Brasilianer.

Auf der Auction erstanden, wie? Ist aber doch wohl ein Irrthum. Die
Summe werden Sie streichen mssen.

Ehe ich das thue, werde ich die Sache jedenfalls noch nher
untersuchen.

Gewi -- und das Andere? Wie viel hat die Familie nun wohl in den sechs
Jahren verdient?

Mein lieber Herr, sagte der Brasilianer achselzuckend, wir leiden da
Beide gemeinschaftlich, denn wenn Sie lnger in Brasilien sind, werden
Sie wissen, da der Kaffee noch nie einen so geringen Preis gehabt hat,
als in dieser Zeit. Und Bohnen waren gar nicht abzusetzen, sie sind uns
im Lagerhaus selber gefault.

In der That? Drfte ich mir erlauben zu fragen, was Sie hier fr Kaffee
bekommen haben? Ich verstehe selber auch nicht viel davon, interessire
mich aber sehr dafr.

Hier haben Sie die Preise ausgeworfen, sagte der Brasilianer
gleichgltig, indem er das eine Buch aufschlug.

In der That, rief der Deutsche erstaunt aus, das ist sehr wenig, da
hat ja die Arroba in Rio acht und neun Milres mehr getragen.

Rechnen Sie nur unseren Transport, -- auerdem ist mir in den Jahren
eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.

Welchen Verlust die Arbeiter natrlich mit zu tragen haben.

Natrlich, -- ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.

Der etwas unbestimmt mit =Hlfte des Gewinnes= ausgedrckt ist.

Allerdings sehr unbestimmt, sagte Almeira achselzuckend, denn man
wei nicht einmal von was die Hlfte.

Also wrde nach dieser bersicht die Familie wohl kaum die Aussicht
haben, in diesem Jahre frei zu kommen.

In =diesem= Jahre? rief Senhor Almeira erstaunt aus, sie schulden mir
jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda
kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in
ihrem eigenen Vaterland =nicht= hatten, sonst wrden sie es wohl
schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.

Es ist freilich immer hart fr die armen Leute, sagte der Deutsche,
wenn man bedenkt, da sie eigentlich sechs Jahre hier fr =nichts=
gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefhl mit sich herumschleppen
mssen, bis ber die Ohren in Schulden zu stecken. -- Hattet Ihr
Schulden in Deutschland, Behrens?

Nie einen Pfennig, Herr, sagte Behrens, der mit zitternden Lippen
seinem hier gefllten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe
dagegen eingewendet hatte. -- Was half es ihm auch, -- dort stand Alles
schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem
Contract, -- was war da zu machen? Sie =waren= verkauft und blieben
verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht
einmal den Tod durfte er sich dabei wnschen, denn was sollte dann aus
seinen Kindern werden.

Ich dachte es mir, nickte der Fremde. Recht traurig das, -- aber
wissen Sie wohl, Senhor Almeira, da Sie da ein gutes Werk thun
knnten?

Ich, Senhor? Inwiefern?

Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet
und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mifllen, welche Sie
betroffen.

Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten
lassen.

Sehr freundlich von Ihnen, nickte der Fremde, aber meiner Meinung
nach wrde es doch Zeit, da sie jetzt einmal fr sich selber anfingen,
wenn sie nicht elend hier verkmmern sollen. Auch das heie Klima dieser
Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als
einem lebenden Wesen.

Und was kann ich dazu thun?

Der Contract, fuhr der Deutsche fort, ist von schurkischen Agenten
zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in
Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glck entgegenzugehen,
und rannten dadurch in ihr Unglck. Die Mutter der Kinder, das jngste
Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebt: lassen Sie es
damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.

Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr, lachte Almeira, aber
so reich bin ich nicht, da ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche
tragen knnte und mchte. Ich gebe zu, da beide Theile unter dem
Contract leiden, aber -- ich glaube Ihr knnt jetzt gehen, Freund, --
unsere =Geschfte= sind so weit beendet, nicht wahr?

Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grte ehrfurchtsvoll
und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora pltzlich
aufstand und rief: Halt, Freund, -- Ihr seid sehr angegriffen, --
trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun. Sie schenkte
auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und
wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er
sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er
wute auerdem recht gut, da sich die Senhora nichts verbieten lie.

Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause
geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder
hin und dankte herzlich, htte auch gern der jungen Frau die Hand
gereicht, aber das wagte er nicht. Er fhlte, da er jetzt hier
berflssig war, stieg mhsam die Treppe der Veranda hinab, und
schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu.

Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene
gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er
freundlich: Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr;
Sie wollten etwas sagen, was der -- Alte da nicht zu hren brauche.

Es betrifft die Verhltnisse unseres Landes, erwiderte Almeira
gleichgltig.

Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den
Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?

Wir knnen uns nicht verhehlen, fuhr der Pflanzer fort, da in den
nchsten Jahren diesem ganzen Reiche Vernderungen bevorstehen. Der in
Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, -- wie sich nun
auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine
Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der
einen Hlfte gerade die Rechte abstreiten mchte, die sie fr die andere
verlangt. Mglich, da uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange
Jahre hinaus erspart bleibt, mglich aber auch, da er doch rascher
eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden,
wenn uns hier im Sden die Sclavenarbeit fehlt? Es mte zu einer
Wildni werden.

Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaen
ntzlichen oder vielmehr vllig nothwendigen Ersatz?

Allerdings.

Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf
betrgerische Weise hierher gelockt wurden, =weie= Sclaven machen?
frug die Franzsin, die selber mit uerster Spannung der
Auseinandersetzung gefolgt war.

Es scheint allerdings so, lchelte der Deutsche.

Liebes Kind, das verstehst Du nicht, sagte aber Senhor Almeira, denn
Euch Frauen luft gewhnlich das Gefhl mit dem Verstand davon. Thue mir
auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.

Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wnschen,
Senhor, rief die junge Frau, die sich in einer merkwrdigen Aufregung
zu befinden schien. Als ich Ihr Haus betreten--

Entschuldigen Sie mich, sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz
aufstehend, ich mchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der
ich nicht einmal unparteiisch bleiben knnte. Ich habe Alles erfahren,
was ich zu erfahren wnschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage
an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie =sechs=
Jahre fr ihre berfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?

Mein Herr, rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, in
thrichter Gutmthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung
eingegangen, den Arbeitern Auskunft ber den Stand ihrer Angelegenheiten
zu geben; ich mu mir aber jede weitere Einmischung in meine
Verhltnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn =ich= es an der Zeit
halte, den Leuten die Erfllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich
es thun, wnsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu
getrieben zu werden, und sehe auerdem -- vor der Hand wenigstens --
noch nicht die geringste Veranlassung dazu.

Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen, sagte der
Fremde, und nur Ihnen noch, gndige Frau, mu ich herzlich fr den
Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute
nehmen.

Bleiben Sie noch, Senhor, sagte die junge Frau leidenschaftlich, die
Bande, die mich an dieses Haus knpfen--

Senhora! rief Almeira fast erschreckt aus.

Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklrung ab. Er hatte seinen
Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem
Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt
war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem
Thier die Sporen einsetzend, die Strae hinab. Am Hause des Deutschen
war es einmal, als ob er einzgeln wollte, aber er mute sich eines
Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf
einer Biegung der Strae, in dem dichten Laub der Bume verschwunden.




Elftes Capitel.

Gerettet.


An dem nmlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen
hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr
ungewhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen
ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen
Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte.
Pltzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn
auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so
heftig darauf und drohte jetzt sogar =vor= den Leuten, =zu Fu= die
nchste Plantage zu erreichen, da ihr zuletzt gewillfahrtet werden
mute.

Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen
beschftigt, -- wie das kleine Mdchen nachher erzhlte, ihre Koffer zu
packen, -- jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer
Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht.

Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurckzuhalten. Sie
antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den
Sattel und schon im nchsten Moment sprengte der kleine, muthige
Schimmelhengst mit ihr die Strae hinab, da ihr die Mulattin kaum
folgen konnte.

Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nhe des Herrn befindlichen
Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen
verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie
grausam; jetzt lie er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das
Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus
Versehen die Chocolade ber das Beinkleid go, wurde zur Strafe den
ganzen Tag drauen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden.

So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen
wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte
Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange
gedrngt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem den Hause, denn
selbst die Kinder muten jetzt den ganzen Tag drauen im Baumwollenfeld
sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu
pflcken.

Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und
auergewhnlich viel in seinen groen Bchern geschrieben und gerechnet.
Sa er doch manchmal bis spt in die Nacht darber und Niemand durfte
ihn dann stren. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mute,
hatte der Diener strengen Befehl, nur eben drauen an die Thr zu
klopfen.

Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und
Sclaven -- wenn berhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand --
noch drauen im Feld beschftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern
auf der Strae sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon
entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grn der Kaffeebume
wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal
schchtern an die Thr desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten,
und dann natrlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt
sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zufhrte; der Herr
drinnen im Hause mute sie ja selber hren, und nun stiegen sie ab und
warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zgel zu. Und wahrhaftig,
der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus
verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von
Negern nicht wenig erschreckte. Da =der= dem Herrn keine Freude machen
wrde, fhlten sie schon heraus, und wer anders mute es nachher
entgelten, als ihr armer Rcken, -- an dem weien Senhor durfte er ja
seinen Zorn nicht auslassen.

Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so
stillen Platz gehrt und war in die Thr seiner Veranda getreten. Er
mute auch den Besuch von frher erkannt haben, denn er erbleichte und
trat unwillkrlich einen Schritt zurck, -- aber zu spt; die eben
Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte
aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte
Hflichkeit, mit der man ihn grte, denn es verrieth, da der Besuch
kein freundschaftlicher sein konnte.

Der Deutsche lie ihm aber nicht lange Zeit, sich mit Vermuthungen zu
qulen, denn die Treppe zu der Veranda ersteigend, sagte er, sehr
hflich aber auch sehr ernst: Senhor Almeira, ich war vor einiger Zeit
als flchtiger Besuch bei Ihnen und nahm da Gelegenheit, mit Ihnen ber
die Verhltnisse Ihrer deutschen Parcerie-Arbeiter zu sprechen.

Und was mit denen, Herr? fuhr Almeira heftig auf.

Bitte, ereifern Sie sich nicht unnthig, erwiederte ruhig der
Deutsche, Sie verweigerten damals ihre Freilassung. Jetzt komme ich --
in Begleitung dieser Gerichtsbeamten mit einer Anklage zu ihnen, die ich
selber in Rio anhngig gemacht, da Sie -- =falsches Buch= ber Ihre
Ausgaben und Einnahmen in Betreff dieser unglcklichen Menschen gefhrt,
und die mich begleitenden Gerichtsbeamten sind beauftragt worden, der
Sache auf den Grund zu gehen.

Almeira war bei der Beschuldigung emporgefahren, aber auch jeder
Blutstropfen hatte seine Wangen verlassen und nur mit fast tonloser
Stimme rief er aus: Das ist eine niedertrchtige Lge!

Es wird sich jetzt zeigen wer sie gesprochen, nickte der Deutsche,
Senhores, ich ersuche Sie, keine Zeit zu versumen und die Revision
vorzunehmen.

Und wer hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten zu drngen?
zischte der Brasilianer zwischen den Zhnen durch, regieren auf einmal
die Fremden hier im Land oder =wir= noch?

Seien Sie vernnftig Almeira, sagte einer der Beamten, der Herr hat
eine Vollmacht von Seiner Majestt selber unterzeichnet, und wir mssen
der Genge leisten. Wo sind Ihre Bcher?

Also sollen =alle= unsere Rechte untergraben werden? rief der Pflanzer
hhnisch aus, beim Himmel, es ist weit gekommen, wenn man das einem
brasilianischen Gutsherrn auf seinem eigenen Besitzthum bieten kann.

Der Beamte zuckte die Achseln, es war ihm aller Wahrscheinlichkeit nach
selber nicht recht, aber der Deutsche, der den Befehl mit dem letzten
Dampfer gebracht, schien genau zu wissen, was er thue, und das Schreiben
des Ministeriums war ebenfalls in so scharfen bestimmten Ausdrcken
abgefat, da selbst ein Verschleppen der Sache zur Unmglichkeit wurde,
-- sie wren auch sonst wahrlich nicht so rasch mit hier herausgeritten.

brigens hatte Senhor Almeira lange nicht mehr so viele Freunde als er
glaubte; denn schon ehe dieser Befehl aus der Hauptstadt eintraf, der
den Verdacht eines Verbrechens auf ihn warf, -- wenn das auch bei den
brigen Kaffeepflanzern wohl schwerlich sehr hoch angeschlagen wre --
hatte sich ein bis jetzt noch dumpfes und unbestimmtes Gercht in Porto
Seguro verbreitet, nach welchem die finanziellen Verhltnisse des
Pflanzers durch seine bergroe Verschwendung einen bedenklichen
Charakter sollten angenommen haben. Da jene junge Franzsin, die ihn
aus Rio hierher begleitet, gar nicht seine wirkliche Frau gewesen,
schien man ziemlich allgemein gewut zu haben, und es verhinderte das
gar nicht den Besuch der ersten und angesehensten Familien; aber da sie
ihn jetzt pltzlich verlassen hatte, bestrkte die Leute in dem schon
berhaupt gefaten Verdacht, denn den wahren, edlen Beweggrund traute
ihr Niemand zu.

So gingen denn die Beamten williger an ihre Pflicht, als sie es
vielleicht unter anderen Umstnden gethan htten, und zwei volle Stunden
lang bltterten und rechneten sie in Almeira's Bchern und verglichen zu
derselben Zeit mitgebrachte Preiscourante der verflossenen Jahre mit den
angegebenen Zahlen.

Das Resultat mute ein, fr den Brasilianer nicht sehr gnstiges sein,
denn sie schttelten dabei oft sehr bedenklich die Kpfe. Endlich stand
der Eine von ihnen auf, winkte dem Deutschen, ihm zu folgen und schritt
mit ihm drauen ein Stck die Strae hinauf, die in das Innere fhrte.

Senhor, sagte er hier, der von Ihnen angeregte Verdacht war nicht
ganz unbegrndet--

Ich wute es vorher.

Und Senhor Almeira--?

Wird ins Zuchthaus wandern mssen.

Der Brasilianer schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder,
endlich blieb er stehen, sah seinen Begleiter voll an und sagte:
Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich bei der Sache?

Welchen Zweck? Nun den, einen Schurken zu entlarven und seiner Strafe
zu berliefern.

Und diesen wirklich nur allein?

Ei, Gott bewahre; die Hauptsache ist, da diese armen, unglcklichen
Menschen, deren Arbeitskraft nicht nur, wie deren ganzes Leben der Bube
gemibraucht hat, wieder freie Menschen und fr ihre Arbeit bezahlt
werden.

Schn, sagte der Brasilianer, Sie scheinen mir ein vernnftiger Mann
und mit den brasilianischen Verhltnissen ziemlich vertraut, auch im
Ganzen =practisch= zu sein, eine Eigenschaft, die Ihren Landsleuten
sonst gewhnlich abzugehen pflegt. Ich glaube, wir bringen Senhor
Almeira, nach den heutigen Erfahrungen, ohne groe Schwierigkeit dazu,
seine Ansprche auf die Dienste der deutschen Arbeiter aufzugeben.

Ei, zum Teufel, Herr, das glaube ich auch, aber--

Bitte, lassen Sie mich ausreden: wir werden aber keine Vergtung fr
sie von ihm verlangen.

Ist auch gar nicht nthig; die Vergtung werden die Gerichte nachher
schon feststellen.

Also werden Sie wirklich einen Proce anstrengen?

Aber, verehrter Herr, ist denn das nicht eine sonderbare Frage? =haben=
denn die Gerichte die Sache nicht schon in die Hand genommen?

Wie man das so nimmt, sagte der Beamte achselzuckend. Dem Ministerium
liegt besonders daran, die deutschen Arbeiter -- da Sie selber scheinen
beim Kaiser Gehr gefunden zu haben -- von einer Ungerechtigkeit zu
erlsen und die Sache damit abzumachen. Sagt man jetzt Almeira, da er
noch das Ganze beilegen kann, ohne viel Lrm zu machen, so wird er nicht
so thricht sein und sich weigern. Verlangt man aber etwas von ihm, was
er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten =kann=, Geldzahlungen
nmlich, denn seine Vermgensverhltnisse sind in der That zerrttet, so
=mu= er es auf einen Proce ankommen lassen, der drei, vier Jahre
dauern mag, whrend die Arbeiter bis zu dessen Entscheidung gezwungen
wren, in ihren alten Verhltnissen zu bleiben. Doch das nicht allein;
wrde der Proce auch -- wie ich gar nicht bezweifle -- zu ihren Gunsten
entschieden, und die Passiva berstiegen die Activa, so gehen, wie Sie
recht gut wissen, die Hypotheken vor und Ihre Landsleute bekmen doch
keinen Res, -- trotz all ihren gerechten Ansprchen.

Aber damit deuten Sie nichts Geringeres an, rief der Deutsche, als
da der Verbrecher -- denn wahrlich, er hat ein Verbrechen an den
unglcklichen Menschen verbt -- vollkommen straffrei ausgehen solle.

ndern Sie Brasilien, sagte der Beamte zu dem Deutschen achselzuckend;
ich will auch eingestehn, da wir faule Schden im Lande haben, die
ausgeschnitten werden knnten, aber sie hngen innig und unzertrennbar
mit der Productionskraft des Landes zusammen, und es begegnen sich in
ihnen so viele und zahlreiche Interessen, da es Jeder gern so lang es
mglich vermeidet, die Hand daran zu legen. Folgen Sie deshalb meinem
Rathe. Ist es Ihnen ernstlich darum zu thun, den armen Deutschen =bald=
zu helfen, so berlassen Sie =mir= die Sache, und ich glaube, da ich
damit zu Stande komme; wollen Sie aber die strenge, unnachsichtliche
Verfolgung mit einer Entschdigungsklage fr Ihre Schtzlinge, so --
werden wir jetzt nach Porto Seguro zurckreiten und einen getreuen
Bericht ber den befundenen Thatbestand absenden; danach wird dort
berathen und nachher--

Ich bitte Sie um Gotteswillen, rief der Fremde, halten Sie ein; ich
habe vollkommen genug. Der Himmel bewahre uns Alle vor einem
brasilianischen Proce, -- die deutschen sind schlimm genug und ich
verspre nicht die geringste Lust, sie hier zu provociren. Wenn =Ihnen=
nichts daran liegt, einen anerkannten Lump und Betrger frei herumlaufen
zu lassen, =mir= kann's gewi recht sein, -- also bitte um Regulirung
der Sache sobald als mglich. Nur noch eins; was wird aus den armen
Familien, wenn sie hier, ohne die geringsten Mittel in Hnden zu haben,
fort sollen?

Dafr liegt ein specieller Befehl der Regierung bei, sagte der Beamte,
sie mit dem nchsten Dampfer nach Rio zu senden, von wo aus sie auf
Regierungskosten nach Santa Chatarina und Blumenau geschickt werden
sollen. Dem Schriftstck nach scheint es, als ob das der besondere
Wunsch der Deutschen wre.

Gut -- ich verlange nicht mehr, sagte der Deutsche, etwas bringen wir
auch in Rio fr sie zusammen. Wann kann ich also Antwort haben?

In einer halben Stunde, sagte der Beamte, augenscheinlich selber sehr
erfreut, die fatale Sache noch auf eine so ausgleichende Weise beigelegt
zu haben, verlassen Sie sich darauf.

Und ich kann mit den Deutschen sprechen?

Auf =meine= Verantwortung; sie sind von diesem Augenblick an frei.

Als sie zum Herrenhaus der Plantage zurckkehrten, suchte der Beamte
augenblicklich Senhor Almeira auf, whrend der Deutsche, ohne auch nur
das Gebude wieder zu betreten, so rasch er konnte, zu seinen armen
Landsleuten hinab eilte.

Und sollte ich versuchen, die Scene jetzt zu beschreiben, als er ihnen
mittheilte, da sie =frei= wren, -- da sie von jetzt an keinen =Herrn=
mehr htten, und die Regierung selber sie mit dem nchsten Dampfer in
ein gesunderes Klima, ja gerade dorthin senden wolle, wohin sie sich die
lange schwere Zeit immer gesehnt, und wo sie nun doch noch vielleicht
einen Theil der Hoffnungen verwirklichen konnten, die sie in die ferne
Land gefhrt?

Senhor Almeira schien auch in der That nicht die geringsten
Schwierigkeiten gemacht zu haben, denn die Grnde, die ihm der Beamte
vorgelegt, muten doch wohl zu berzeugend gewesen sein. Kaum eine halbe
Stunde spter erschien dieser selbst, um den Deutschen anzuzeigen, da
sie am nchsten Morgen ihr Gepck nach Porto Seguro verladen mchten, da
in den nchsten Tagen das vom Norden kommende Dampfboot dort erwartet
wrde. Kosten htten sie dabei nicht, ja, es sollte sogar Jedem ein
Reitthier geliefert werden, um den ziemlich entfernten Hafenplatz zu
erreichen.

Von jetzt an hatte die Noth der Armen aufgehrt. Eine schwere Stunde
stand ihnen freilich noch bevor: der Abschied von den Grbern ihrer
Lieben, von denen sie sich ja auf immer trennen muten, und bittere
Thrnen wurden dort geweint, aber auch das berstanden sie, wie sie so
Manches in diesem Aufenthalt der Qual berstanden hatten, und am
nchsten Morgen mit Tagesanbruch wurden die Thiere herbeigetrieben, auf
denen sie die Plantage verlassen sollten.

Senhor Almeira machte ihnen allerdings den Abschied insofern leicht, als
er sich nicht mehr vor ihnen sehen lie, aber sie verlangten auch nicht
nach ihm, und als sie im Hafen angelangt das eben eingetroffene
Dampfboot bestiegen, und mit diesem wieder hinaus in die offene See --
in die frische, khle Luft hinein hielten, war ihnen fast so zu Muthe,
als ob sie nicht einen anderen Platz in dem fernen Reich aufsuchen
wollten, sondern aufs Neue der Heimath entgegen steuerten.




Zwlftes Capitel.

In der Colonie Blumenau.

Schlu.


Der kleine Dampfer, der die armen mihandelten deutschen Arbeiter nach
dem sdlichen Theil des Reiches also in ein klteres und auch weit
gesnderes Land fhren sollte, brauchte doch mehrere Tage ehe er selbst
nur Rio de Janeiro, die Hauptstadt erreichte, und die Deutschen, die
dort an Land muten, sahen sich hier wieder in einer neuen und
vollkommen fremden Welt. Aber nicht mehr allein und freundlos standen
sie da, denn das Schicksal der Unglcklichen hatte schon die allgemeine
Theilnahme nicht allein vieler ihrer Landsleute, sondern auch mancher
Brasilianer selber wach gerufen, und whrend sie, bis der andere Dampfer
nach der Colonie befrdert werden konnte, von der Regierung am Land
einquartiert und bekstigt wurden, veranstaltete man in der Stadt
Sammlungen fr sie, um die vollkommen Abgerissenen und von Jedem
Entblten nur erst einmal in etwas wieder auszustatten.

Dann kam die zweite Reise. In Rio wurden sie wieder eingeschifft,
brauchten aber selbst von da an noch zwei und einen halben Tag, bis sie
ihr Ziel erreichten, und Behrens sah jetzt recht deutlich wie schndlich
und nichtswrdig sie jener gewissenlose Agent in Deutschland belogen,
als er ihnen auf der Karte zeigte, welche kleine Entfernung nur die
beiden Pltze von einander trennte. Er selber hatte auch zu gleicher
Zeit genug von dem Brasilianischen Urwald gesehn, um zu wissen, wie
vollstndig unmglich es gewesen wre, die Strecke durch diese =Wildni=
hin, zurckzulegen.

Und was hatte jener Mann in Deutschland dabei gehabt, seine eigenen
Landsleute so schndlich zu hintergehen und in die Hnde eines
gewissenlosen Fremden zu liefern? -- Nichts in der Gotteswelt als die
paar Thaler =Kopfgeld=, die er fr jedes seiner Opfer bekam und welchen
Gewinn er dann mit einem ebensolchen Schurken in Antwerpen theilte.

Von Rio de Janeiro aus bekamen sie noch Reisegesellschaft; frische
Auswanderer aus Deutschland, welche diese Gelegenheit benutzen konnten
um ihr vorgestecktes Ziel in Brasilien, die deutschen Colonien zu
erreichen. Das waren auch keine Leute die sich durch einen Contract
gebunden hatten; frei und unabhngig zogen sie hinber in das fremde
Land und wenn sie auch gerade nicht viel Geld in den Taschen trugen,
sahen sie sich doch nicht an Hnden und Fen gebunden und konnten sich
auf ihren Flei und ihre derben Fuste schon mit gutem Vertrauen
verlassen.

Und welch ein Unterschied zwischen ihnen und den armen
Parcerie-Arbeitern. Sie hatten noch ihre frischen rothen Backen mit von
Deutschland gebracht, und die Kinder sahen dick und gesund aus, whrend
die Deutschen die aus Minas Geraes herunterkamen, eher hohlwangigen und
nur mit gelber Haut berzogenen Skeletten glichen.

Und auch an Geist waren die Menschen gebrochen, denn sie hatten in den
langen elenden Jahren Hoffnung und Vertrauen verloren. Behrens selber
sa auf der ganzen Reise still und in sich gekehrt, grbelte ber das
Unglck nach das ihn =betroffen=, und das was noch fr ihn in Aussicht
stand. Sein Bruder? -- er hatte die langen Jahre Nichts von ihm gehrt;
wute er denn berhaupt ob er noch lebe, und wr' er selber jetzt, mit
zerstrter Kraft und Gesundheit, selbst unter gnstigeren Verhltnissen
noch im Stande wieder von Neuem eine schwere Arbeit zu beginnen?

Hannchen that ihr Bestes um ihn aufzuheitern, so weh ihr selber auch
dabei zu Muthe sein mochte. Es war vergebens. Der Mann hatte einmal die
feste Idee gefat da sie in Brasilien verloren wren und nur von einem
Sclavenaufseher zum anderen geschafft wrden. -- Und nach Deutschland
zurck? -- was htte er dort jetzt noch gesollt, wo er, mit Allem
verloren was er einst sein nannte, nicht einmal mehr in Tagelohn gehen
konnte. Nein -- es war vorbei mit ihm und leise nur murmelten die
bleichen Lippen:

Ach wenn ich doch drunten in der Erde bei der Sophie lge -- dann wre
Alles gut -- Alles.

Der kleine Dampfer -- allerdings kein besonderer Schnelllufer -- setzte
indessen munter seine Reise fort, aber selbst als er wieder vor dem Ort
seiner Bestimmung ankerte, als Behrens nun wute da sie endlich --
endlich, nach jahrelangem Sehnen ihr eigentliches Ziel erreicht, und
Frchtegott der indessen hochaufgeschossen war, wenn er auch ebenso wie
die anderen mager und gelb aussah, die Sachen mit an Land schaffen
wollte, sagte der alte Behrens:

La nur sein, Frchtegott, wir wissen ja noch gar nicht wo es hinkommt.
Erst mssen wir doch wieder verauktionirt werden. Er kmmerte sich
auch, in der Colonie selber angekommen, um gar nichts mehr und lie die
Kinder fr Alles sorgen; nicht einmal nach seinem Bruder frug er. Der
war todt -- so hatte sich ihm der Gedanken wenigstens in der letzten Zeit
in den Kopf gesetzt, und da man ihm von allen Seiten freundlich
begegnete, da ihm die Colonisten, die bald die Leidensgeschichte des
armen Mannes von den brigen erfahren, Lebensmittel in Masse brachten
und ihn in einem kleinen freundlichen Hause einquartierten, nahm er eben
ruhig, kaum dankend hin.

In der Leidenszeit hatte er noch, so viel es mglicher Weise ging, den
Kopf oben behalten und fr sich und die Seinen gedacht, jetzt aber, mit
dem vlligen Wechsel seines Lebens und der ruhigen Zeit an Bord war eine
Art Erschlaffung eingetreten, und es bedurfte starker Mittel ihn daraus
zu wecken -- aber es geschah.

Sein Bruder lebte wirklich noch und in den besten Verhltnissen auf
einer kleinen Seitencolonie, etwa zwei Stunden von Blumenau entfernt.
Frchtegott hatte das auch bald ausgekundschaftet und Hannchen indessen
die Sorge fr den Vater berlassend, war er hinausgeeilt um ihn
aufzusuchen.

Franz, wie dieser hie, eilte auch augenblicklich mit dem neugefundenen
Neffen zurck nach Blumenau und unterwegs mute ihm dieser die traurigen
Schicksale seiner Familie ausfhrlich erzhlen. Auch von dem Zustand des
Vaters sprach er dabei, der jetzt theilnahmlos und ineinander gebrochen
und nur still vor sich hinbrtend da sitze und von Nichts mehr wissen
wolle. Bruder Franz aber nahm das sehr leicht. Solche derbe Naturen
knnen gewhnlich wohl gebogen aber selten geistig gebrochen werden --
Carl Gottlieb war eben nur gebogen und den wollten sie schon wieder
gerade bringen.

Rhrend war das Wiedersehen der beiden Brder. Behrens selber weinte wie
ein Kind, und selbst dem wetterharten brasilianischen Landmann liefen
die Thrnen an den Backen nieder, als er die Jammergestalt vor sich sah.
Er htte ihn auch gewi im Leben nicht wieder erkannt, aber er war auch
praktischer Natur und gab sich nicht lange doch nutzlosen
Gefhlsuerungen hin.

Behrens mute mit ihm hinaus auf die Facienda oder Farm, und dort selber
ein Stck Land bekommen, da er wieder Lust am Leben und -- was bei ihm
bis jetzt ja gleichbedeutend gewesen -- am Arbeiten fand. Und was fr
rstige Krfte standen ihm dabei zur Seite. Frchtegott sah jetzt
allerdings elend genug aus, aber in vier Wochen sollte sich der schon
wieder herausfttern -- Hannchen war ein prchtiges Mdchen geworden,
und ja auch, selbst in Minas Geraes, immer gesund geblieben, der
Christian konnte ebenfalls schon tchtig mit zufassen, und die Lisbeth
versprach vollkommen in Hannchens Futapfen zu treten. Mit vier
=solchen= Kindern brauchte er hier Nichts zu frchten, und wenn er
selber auch keinen Schlag Arbeit mehr that. Hatte er frher fr =sie=
nach besten Krften geschafft, so durften und muten sie das jetzt auch
fr ihn thun, und Lust und Liebe dazu hatten sie ja Alle.

Und wie freundlich war das ganze Land hier, auf dem nicht die drckende
Hitze lag, die ihnen in Minas Geraes und mitten in jenem
engeingeschlossenen Thal, das Mark in den Knochen vertrocknet hatte. Es
war Winter -- Winter allerdings nicht wie bei uns mit Schnee und Eis,
aber ein Winter wie in Deutschland der Monat Mai, mit erfrischenden
Regen und khlen, herrlichen Nchten und doch wieder heiteren sonnigen
Tagen dazwischen.

Und wie heimelte sie das Land selber an. Nicht mehr von lauter
widerlichen Negersclaven sahen sie sich umgeben, die in der fremden
Sprache nur mit ihnen verkehrten. Nur deutsche so lang entbehrte
deutsche Laute grten hier ihr Ohr und wohin das Auge fiel traf es auf
freundliche, wohnliche Huser, auf blhende Grten, auf fruchtbare
gutgehaltene Felder die den Wohlstand ihrer Eigenthmer bezeugten, und
als sie endlich des Bruders Platz erreichten, wollten sie kaum glauben
da sie =jetzt= da wohnen sollten -- wohnen einmal wieder wie Menschen
und von wackeren Verwandten geliebt und gepflegt.

Die Colonie Blumenau ist in der That eine der bestgehaltensten und am
Besten bewirthschafteten in ganz Sd-Brasilien. Der Direktor dort, der
_Dr._ Blumenau hat auch fast sein ganzes Leben daran gewandt sie zu
pflegen und emporzubringen und da die brasilianische Regierung sogar ein
Verbot gegen Sclaverei in diesen deutschen Colonien erlassen hat, behlt
die freie Arbeit nicht allein ihren Werth, sondern die Deutschen sind
auch der unangenehmen Gesellschaft der Neger enthoben, von denen sich
nur Einzelne, aber ebenfalls frei, als Dienstboten unter ihnen
aufhalten.

Franz Behrens, whrend er den Bruder vor der Hand vollkommen sich selber
berlie, sorgte inde fr ihn und ging selber zum Direktor um mit
diesem zu berathen wie der Familie am Besten und Leichtesten geholfen
werden knne, und wo ein =Wille= ist, giebt es auch gewhnlich ein
Mittel.

Nicht weit von dort, wo sich Franz Behrens angesiedelt hatte, lag eine
kleine schon bebaute Facienda, mit einem wohnlichen Haus darauf, die der
jetzige Besitzer, der gern nach einer anderen Colonie bersiedeln
wollte, weil sich seine einzige Tochter dorthin verheirathet, zum
Verkauf ausgeboten. Die Summe war allerdings nicht unbedeutend und
Behrens besa durch die in Rio fr ihn veranstaltete Sammlung wohl ein
=kleines= Capital, aber nicht annhrend genug um das zu zahlen -- doch
das schadete Nichts. Der Eigenthmer war selber ein wohlhabender Mann,
der das Geld nicht nothwendig gebrauchte, und verstand sich gern dazu
dem Kufer lange Termine zu stellen, in denen er das erstandene
Grundstck abbezahlen konnte. Der Direktor ebenso, der ihnen jede in
seinen Krften stehende Hlfe zusagte, untersttzte sie im Anfang mit
allem nothwendigen Ackergerth, wie auch der Bruder in vielen Stcken
aushalf und ihnen mit Rath und That beistand. Und jetzt erst gewann
Behrens selber das vollstndig verlorene Vertrauen wieder.

       *       *       *       *       *

Die ersten Wochen allerdings war es fast als ob er gar keinen Theil mehr
an den Arbeiten der Kinder nehmen wolle, und nur erst, wie er das die
langen Jahre gewohnt gewesen, -- auf den Negertreiber wartete, der sie
zur gezwungenen Arbeit rief -- aber das hielt nicht lange an. Mit der
Zunahme seiner fast erschpft gewesenen Krfte, erwachte auch die alte
Lust zum Schaffen in ihm, und noch war kein Monat vergangen als er das
drckende Gefhl der Knechtschaft, das bis dahin auf ihm gelegen,
vollstndig abgeschttelt hatte. Er konnte freilich nicht gleich fassen
und begreifen da das Land auf dem er jetzt -- und nicht etwa mehr als
er je gethan, arbeitete, mit dieser Arbeit in kurzer Zeit sein Eigenthum
werden, und wenn er einmal starb, seinen Kindern gehren solle -- Du
lieber Gott, er war ja gar nicht gewohnt gewesen irgend etwas eigen zu
haben, als sein eigenes Elend, aber endlich lebte er sich auch selbst
dahinein, und mit welcher Lust und Liebe griff er von da an zu, und wie
rasch krftigte sich der fast aufgeriebene Krper.

       *       *       *       *       *

Und dabei blieb es nicht; Hannchen heirathete zwei Jahre spter einen
jungen deutschen Bauer, der eine der grten Facienden in der ganzen
Colonie hatte. Dieser aber untersttzte den Schwiegervater dafr auch
durch ein halb Dutzend Milchkhe, die er ihm eines Morgens auf den Hof
trieb und whrend die inde auch sechzehn Jahre gewordene Lisbeth jetzt
die husliche Wirthschaft fhrte, hatte der Flei des alten Behrens wie
seiner beiden Shne sie so rasch vorwrts geschafft da er, mit einigen
glcklichen Erndten und guten Preisen, schon nach fnf Jahren das ganze
Landgut freigearbeitet hatte.

Auch die andere Familie war in der Colonie untergebracht worden, und
wenn sie auch nicht so rasch vorrckte wie Behrens mit Hlfe seiner
erwachsenen Knaben, so lebten sie doch hier sorgenfrei und jedes Zwangs
enthoben und sahen dabei wie sich ihre Umstnde zusehens von Jahr zu
Jahr verbesserten.

So waren denn wenigstens diese zwei Familien vom augenscheinlichen
Verderben gerettet worden, dem sie sicher, in der Gewalt jenes
gewissenlosen Sclavenhalters, entgegen gingen. Die freien schnen
Colonien von Sd-Brasilien boten ihnen ein unbeschrnktes Feld fr ihre
Thtigkeit und in einem gesunden Klima sahen sie einer frohen Zukunft
entgegen.

Aber die Regierung konnte freilich nicht all den Unglcklichen helfen,
die auf falsche und betrgerische Versprechungen hin thricht genug
gewesen waren, derartige Vertrge mit den Sclavenhaltern der heien
Provinzen oder deren Helfershelfern, den hiesigen Agenten einzugehen. Wo
ihr bestimmte und motivirte Klagen vorgelegt wurden, war sie im Stande,
einzuschreiten, und das geschah nicht selten. Leider aber blieb das
hnliche Unglck von Tausenden, die in dem weiten Land zerstreut waren,
ihr verborgen, und sie that das Einzige, was ihr da noch brig blieb:
sie lie die Deutschen selber vor dem Abschlu solcher Parcerie-Vertrge
warnen.


Druck von Otto Wigand in Leipzig.




Funoten


[1] Das Wort Parcerie, was eigentlich in den brasilianischen Vertrgen
_Pararie_ heien sollte, nach dem portugiesischen Wort _pararia_, ein
Antheil, eine gemeinschaftliche Gesellschaft -- bedeutet eine Art von
Contract nach welchem sich hiesige Arbeiter gewhnlich verpflichten,
nach unentgeltlicher berfahrt in einen fremden Welttheil, so lange fr
ihren neuen Herrn zu arbeiten, bis sie die, durch ihren Transport
angewachsenen Kosten abverdient haben. Sie bekommen aber dafr keinen
bestimmten Tagelohn, sondern sind auf einen Antheil am =Gewinn=
beschrnkt, der in den betrgerischen Contracten gewhnlich so
hingestellt ist, da der Arbeiter glauben soll, er bekomme die Hlfte
vom Gewinn des Ganzen, whrend es aber doch nur meint da er die Hlfte
dessen bekommen soll was er etwa verdient. Aber selbst das ist
eingebildet, denn er verdient eben Nichts wenn sein Herr beweisen kann
da er selber keinen Nutzen in einem Jahr gehabt hat und in tausend
Fllen sind deshalb schon diese Vertrge von gewissenlosen Pflanzern
gemibraucht worden.

[2] Das betreffende Document ist =wrtlich= -- mit Ausschlu der Namen
-- einem derartigen Parcerie-Vertrag entnommen, und mag als Beweis
dienen, wie leichtsinnig zahllose Menschen derartige Schriftstcke
unterzeichnen, und sich dadurch binden, ohne eine Ahnung ber deren
Tragweite zu haben.

[3] Ich kann Auswanderer nicht genug davor warnen, sich von =irgend=
einem Agenten Entfernungen auf den Karten zeigen und erklren zu lassen.
Denn Nichts auf der Gottes Welt ist unzuverlssiger als ein solcher
Beweis, Leuten gegenber, die kein Verstndni ber die Schwierigkeiten
und Entfernungen in fremden, besonders wilden Lndern haben knnen. Ich
will hier nur =ein= Beispiel anfhren. Die deutsche Colonie Pozuzo in
Peru liegt auf der groen Weltkarte nur etwa drei Viertel-Zoll von Lima
entfernt, und ich gebrauchte =allein= und =ohne= Gepck nur mit meiner
Satteltasche und theils zu Pferd, theils zu Fu, weil die Wege zu
entsetzlich waren, unter den grten Beschwerden und selbst Gefahren
=achtzehn= Tage um sie zu erreichen. Solche Kunstgriffe, wie hier Herr
Kollboeker anwendet, sind aber nur zu hufig von schurkischen Agenten
gebraucht und benutzt worden, um arme unwissende Menschen dorthin zu
schaffen wo =sie= einen Nutzen von ihnen erwarteten. Was aus den Armen
nachher wurde, kmmerte sie wahrhaftig nicht.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Grogeschriebene
Umlaute waren im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden
durch ,  und  ersetzt. Offensichtliche Fehler und uneinheitliche
Schreibweisen wurden korrigiert, bei Zweifeln und in der Zeichensetzung
wurde der Originaltext beibehalten. Eine Liste der vorgenommenen
nderungen befindet sich hier am Buchende, nderungen bei falsch gesetzten
oder fehlenden Anfhrungszeichen sind dort nicht aufgefhrt.

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original nicht enthalten und wurde
hinzugefgt.




nderungen


  Seitenangabe
  originaler Text
  genderter Text

  Seite X
  wieder mit gewaffneter Macht in Aurakanien eingefallen
  wieder mit gewaffneter Macht in Araukanien eingefallen

  Seite 14
  unter dem Wendekreise des Steinbocks (nmlich unter 22 56" S. Br.)
  unter dem Wendekreise des Steinbocks (nmlich unter 22 56' S. Br.)

  Seite 17
  Die Stadt -- ein kleine Residenz in Thringen
  Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thringen

  Seite 19
  der Wohnung des Doctor Maller, Andreas' Brodherrn, zu
  der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu

  Seite 60
  die doch dicht gedrngt um die Fallreeptstreppe
  die doch dicht gedrngt um die Fallreepstreppe

  Seite 74
  eine Familie aus Hessen, Mann Frau und zwei erwachsene Shne
  eine Familie aus Hessen, Mann, Frau und zwei erwachsene Shne

  Seite 82
  aber der Aufenhalt war dort wenigstens luftig
  aber der Aufenthalt war dort wenigstens luftig

  Seite 118
  Auch daber freute sich Senhor Almeira nicht
  Auch darber freute sich Senhor Almeira nicht

  Seite 127
  denn wenn sie lnger in Brasilien sind
  denn wenn Sie lnger in Brasilien sind

  Seite 138
  Dem Ministerium liegt besondes daran
  Dem Ministerium liegt besonders daran

  Seite 139
  mit einer Entschdigungsklage fr Ihr Schtzlinge
  mit einer Entschdigungsklage fr Ihre Schtzlinge

  Seite 143
  dann wre Alles gut -- Alles
  dann wre Alles gut -- Alles.]





End of Project Gutenberg's Ein Parcerie-Vertrag, by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN PARCERIE-VERTRAG ***

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