Project Gutenberg's Die schwarzen Brder. I. (of 3), by Heinrich Zschokke

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Title: Die schwarzen Brder. I. (of 3)
       Eine abentheuerliche Geschichte

Author: Heinrich Zschokke

Release Date: July 9, 2013 [EBook #43163]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SCHWARZEN BRDER. I. (OF 3) ***




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                                 Die
                          schwarzen Brder.


                   Eine abentheuerliche Geschichte
                                 von
                               M. J. R.


                         Berlin und Frankfurt,
                       bei Johann Andreas Kunze.




                                 An
                         Friedrich Behrends
                              in M***.



Mein Vetterchen,

Und fragen Sie tausendmal warum ich nichts bessers, nichts
allgemeinnzzigeres, als einen Roman geschrieben habe, so bekommen Sie doch
immer eine und eben dieselbe Antwort, da ich nmlich just einen _Roman_
schreiben wollte, er mgte so abentheuerlich werden, als er es wolle.
Zweitens, weil der grte Theil heutiger Leser nur nach dieser Waare am
liebsten zu fragen gewohnt ist, und sie theils in Privatbibliotheken,
theils in Lesezirkeln, theils in Lesebibliotheken aufnimmt. Drittens, weil
doch auch ein Roman, wenn er nur irgends seinen Mann zu unterhalten wei,
seinen Nuzzen haben kann, aut negative aut positive.

Frage: wie so? -- Antwort: weil er, erstlich, hin und wieder auf einen
guten Akker ein gutes Saamenkorn streuen kann. Zum andern dient er
wenigstens als ein Etwas wider die traurige Langeweile. Ein fetter Landrath
vergit vielleicht ber das Lesen einen neuen Anschlag auf die Kasse seiner
reichen Bauern, welchen er in langweiligen Minuten ausgegrbelt hatte. Eine
verliebte Donna besinnt sich vielleicht in Rksicht ihres Galans, der
unmglich ihr ehelicher Gemahl werden knnte, eines bessern. Ein runder,
orthodoxer Beisizzer des hohen Sinedriums lt vielleicht, vertieft in
meine Plaudereien, einen braven freidenkenden Schriftsteller
durchschlpfen, dessen zum Druk bestimmtes Manuscript sehnlich nach einem
vidi von der Hand des Zensors schmachtet. -- Eine alte znkische Tante
sieht vielleicht einem liebenden Mdchen durch die Finger zu, und willigt
von Herzen in Verlobung und Hochzeit, indem sie hoft, der arme Brutgam
werde mit Gottes Hlfe doch auch noch einmal ein Herr von Sorbenburg. --
Ein junger Autor nimmt sich vielleicht beim Lesen meines Romans vor ein
unsterblicheres Werk hervorzubringen, als das meinige ist. -- Ein Rezensent
erwirbt sich vielleicht, um die deutsche Litteratur ein unendliches
Verdienst, wenn er meinen armen, abentheuerlichen Roman zum
abentheuerlichsten Popanz, zum Vgelscheu und furchtbaren Merkzeichen fr
alle und jede macht, welche sichs einfallen lassen mgten ein Romnchen zu
verfertigen. -- --

O sehn Sie doch wie viel _Vielleichts_! wie einen groen Nuzzen mein Buch
bewirken _kann_! -- Doch der grte ist und bleibt, da ich Gelegenheit
habe Ihnen auch hier zu sagen, wie sehr Sie liebt, bewundert und achtet.

_Der Verfasser._




Inhalt dieses Bndchens.


Erster Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Der rothe Mantel.                               1
   Zweites Kapitel. O, der glcklichen Nachwelt.                   6
   Drittes Kapitel. Der Onkel beweis't, da er Graf sei.          16
   Viertes Kapitel. Und -- das ist Liebe! -- -- --                28
   Fnftes Kapitel. Ein langes Gesicht.                           36
   Sechstes Kapitel. Der Onkel in der Komdie.                    45
   Siebentes Kapitel. Ein Adelsbrief -- Ein Rittergut --
                      Verlobung und -- --                         51


Zweiter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Auch Prinzessinnen haben Herzen.               55
   Zweites Kapitel. -- -- Und wen? -- --                          64
   Drittes Kapitel. Der arme Florentin!                           69
   Viertes Kapitel. Einige Damen werden behorcht.                 75
   Fnftes Kapitel. Das Strumpfband.                              82
   Sechstes Kapitel. Ein sonderbares Phnomen.                   100
   Siebentes Kapitel. Eine Schferstunde.                        106


Dritter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Hofnungen von Italien her.                    115
   Zweites Kapitel. Das Wort an einen Frsten.                   123
   Drittes Kapitel. Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.       136
   Viertes Kapitel. Wer so stirbt, der stirbt wohl!              143
   Fnftes Kapitels Schwrmereien Augustens von Glden.          152
   Sechstes Kapitel. Der Donner aus der Ferne.                   162
   Siebentes Kapitel. Das Gewitter zieht nher heran.            172
   Achtes Kapitel. Eine Episode.                                 183


Vierter Abschnitt.

   Erstes Kapitel. Holder erscheint wieder.                      187
   Zweites Kapitel. Ein Traum.                                   195
   Drittes Kapitel. Zeitungen -- Thrnen, Flche, Marionetten.   205
   Viertes Kapitel. Der Traum hat ein Ende.                      210
   Fnftes Kapitel. Gute Nacht, Florentin. --
                    Auch ein Postscriptum an den Leser!          227





Die schwarzen Brder.




Erster Abschnitt.[A]





Erstes Kapitel.
Der rothe Mantel.


Es war ein frchterlicher Abend; ein Donnerschlag verjagte den andern; der
Sturm pfif ber die Felder und entwurzelte Eichen, der Regen schos so dicht
und hufig, da es ein Wolkenbruch zu sein schien.

[Funote A: In einer Gesellschaft von Freunden und Freundinnen erzhlte
ich einmal die Geschichte, welche izt vor den Augen meiner Leser liegt,
aber ich wute meist, da ein _Teufel_ mich belauschte, welcher so boshaft
war, das Schema meiner Erzhlung in seinem im Januar dieses Jahres
erschienenem Buche, dem _Schriftstellerteufel_, als eine ungeheure
Wichtigkeit wiederzuplaudern. Dies nur fr manchen Kritiker. Uebrigens mgt
ich doch den Herrn Verf. obengenannter satyr. Schrift nher kennen lernen,
denn solch ein Behemotsgesicht, als seinem Buche vorgestochen ist, hab' ich
nie unter meinen Freunden und Feinden erblikt.]

Mein Gott! keuchte der alte _Graf von Duur_, der sich auf der Jagd
versptet hatte, vom Sturm Regen und Donnerwetter plzlich berfallen war,
und nun um alles in der Welt gern auf seinem Landschlosse zu sein wnschte:
Mein Gott, das strmt ja alles auf mich armen Schach ein, als brche der
jngste Tag auf! -- Mein Odem ist weg, mein Seel, ich erstikke, wenn ich
nicht bald zu dem verwnschten Schlosse komme! Der Leser mus wissen, da
der alte Herr etwas schwer vom Leibe war.

Verwnscht, da ich auf die Jagd hinauswatschelte; aber wer konnte das
leidige Ungestm riechen? und obendrein keinen Sperling geschossen! was der
_Bastholm_ nun lachen wird!

Der gute, alte Mann hatte nmlich mit dem benachbarten Gutsbesizzer, dem
Herrn von _Bastholm_, um zehn Flaschen Tokaier gewettet, wer den Tag das
meiste von der Jagd heimbringen wrde.

Und die arme _Friedrike_! was das Mdchen sich ngstigen wird, wenn sie
mich nicht zurkkommen sieht in dem Ungewitter! Htt' ihr wohl die Sorge
ersparen knnen.

_Friedrike_ war die Niece des alten Grafen; Er erzog sie selbst, liebte sie
mehr als eine Tochter; denn er war ohne Kinder, und Friedrike ohne Eltern.

Ah, poz Henker und was mir da einfllt, _Florentin_ kmmt ja, nach seinen
Briefen, heut von der Universitt zurk! He, Alter 's war ein erzdummer
Streich mit deiner Jagd! da ist der Junge vielleicht schon in meinem
Zimmer, da liegt er wohl schon dem Mdchen in den Armen, die sich nicht
satt sehen und satt kssen kann an ihrem Bruder! -- 's ist doch der Mensch
manchmahl zu erzdummen Streichen geboren! --

Er verdoppelte jezt seine Schritte, um spornstreichs seinem Neveu in die
Arme zu fliegen, aber er rannte sich bald ausser Athem, und war gezwungen
mitten im Regen seinen gemchlichen Spazierschritt beizubehalten. Hier soll
er zum erstenmahl auf seinen stattlichen Bauch bse geworden sein.

Lnger halt ich's nicht aus! es ist zu arg, bin nas am ganzen Leibe und
die Strae ist ein wahrer Mordweg! -- Meine Perkke ist, Gott sei bei uns,
auch -- --

Hier schwieg er plzlich still, denn er gewahrte einer Gestalt, die dicht
hinter ihm herschritt. Ihm kam ein Grausen an. Es blizte -- er sah sich in
eben dem Augenblik um, und erblikte den hinter ihm Wandelnden von oben bis
unten blutroth.

Seine Angst vermehrte sich bei jedem Athemzuge, er sprang in einen
Nebenweg, den er entdekte, und der fremde Bluthrothe sprang ihm nach. --
Hier soll's irre gehn, ich hab's oft gehrt! dachte er bei sich, und
dehnte seine Fe von einander zur Flucht. Kaum war er vier Schritt
gelaufen, so glitschte er auf dem schlammigten Fusteig aus und fiel.

Es blizte. Die Gestalt stand neben ihm, fate ihm mitleidig unter die Arme
und hob ihn auf.

War der Fall hart? fragte der Fremde.

Ich fhle nichts!

Ist nicht ein Wirthshaus, oder ein Dorf in der Nhe wo man untertreten
knnte?

Ich denke -- ich denke nicht weit.

Es ist ein grimmiger Regen, doch bin ich solcher Witterung vielleicht mehr
gewohnt, als Sie. Sie dauern mich, Kann ich mit meinem Mantel aufwarten!

Wo wollen Sie hin?

Kann ich mit dem Mantel aufwarten?

Er -- oder Sie brauchen ihn ja selbst!

Wenn Sie ihn wollen, nicht mehr.

Sprachs, und ihn dem seufzenden Edelmann um, der tausendmahl dankte.

Nun werden Sie ja nas.

Meine Kleider verderben nicht!

So dialogisirten sie sich eine ziemliche Strekke Weges fort. Dem Grafen war
die Gespensterfurcht verschwunden, und der Fremde hatte nun einen
Leitsmann. -- Mit einemmale hrten sie einen Wagen auf sich zu fahren.

He da! guter Freund, wohin? rief der nunmehrige Manteltrger dem
Fahrenden zu.

Ach Gott, gndiger Herr, sind Sie's selbst. Steigen Sie doch ein, ich hin
schon eine halbe Stunde lang herumgefahren, um Sie zu suchen und nach Haus
zu bringen! antwortete der Kutscher. --

Keiner segnete den Himmel hierum mehr, als der alte Graf. Er stieg ein, und
zog den Fremden hinter sich her. Sie haben mir, sagte er, Ihren Mantel
geliehen, izt leih' ich Ihnen meine Kutsche. Hurtig herein!

Sie fuhren beide fort, und in wen'ger Zeit stiegen sie im Schlosse ab. Der
Graf zog den Fremden immer hinter sich her; schleppte ihn in sein
Schlafzimmer, lie durch den Bedienten zwei Schlafrkke, Pantoffeln, Mtzen
u. s. f. bringen; sie kleideten sich um und nun schob der Alte den Fremden
in das Visitenzimmer.




Zweites Kapitel.
O, der glklichen Nachwelt!


Hier war eine kleine, angenehme Gesellschaft vorhanden welche voller
Ungedult auf den braven _von Duur_ wartete. Nun trat er herein, und mit
einem wilden: O, mein Onkel! strzte ein schlanker Jngling ihm um den
Hals, indessen der Alte freudelallend tausendmahl stammelte: Mein
_Florentin_! -- Frulein _Friedrike_ war mit den andern Gesellschaftern
nher getreten; stillschweigend standen sie alle um die Gruppe des _Onkels_
und des _Neffen_, die lange unbeweglich in eins zusammengekettet blieben.
Dem Jngling flossen einige Thrnen vom Auge; der Alte fhlte es, ihm brach
das Herz, und er weinte; die Zuschauer wurden gerhrt.

Nehmt's mir nicht bel, hub der Greis an, indem er die grauen Wimpern
troknete, und sich zur Gesellschaft wandte: nehmt's mir nicht bel, alte
Leute sind so leicht, als Kinder zum Weinen zu bewegen. Ich hab' den Jungen
nun seit drei Jahren nicht gesehn; hab ihn nicht frher sehn wollen, um
meine Freude zu vergrern -- aber nun, wahrhaftig nun ist sie zu gros.

Worte machen das Herz leicht und Thrnen; man sah ein, da es nicht wohl
anging den ganzen Abend in dieser Attitde zu verbleiben -- also wurden
einige Komplimente gewechselt und Entschuldigungen hervorgebracht.

Unser freundschaftlicher Kreis ist unvermuthet heute vermehrt worden,
sagte nachher der _Graf_, und trat zu dem Fremden, der indes still an der
Thr stehen geblieben war: Seht hier Kinderchen, einen neuen Gast, einen
Reisenden, den ich unterwegs im Donnerwetter, oder vielmehr, der mich
antraf, und so brav dachte, mir altem Manne seinen Mantel aus freien
Stkken anzubieten, um mich wider den Sturm zu schzzen. Es ist, mein Seel,
brav gedacht!

Der _Fremde_ trat nher unter einigen modischen Verbeugungen, und stammelte
seine Entschuldigungen. Es war, beim Lichte betrachtet, ein edelgebauter,
sogar schner, junger Mann von ohngefhr sieben und zwanzig Jahren. Sein
Anstand verrieth Erziehung, seine Sprache Geist und Welt. Ein
unvergnglicher Ernst wohnte auf seiner Stirn, schimmerte selbst durch sein
freundlichstes Lcheln. Friedrike meinte, es wre Melankolie.

Gemach wurde der Ton lebhafter, die Gesellschaft gemischter: den _Fremden_
nahmen zwei ltliche Damen in ihre Mitte, _Friedrike_ hing an ihrem Bruder
_Florentin_, und der _alte Papa_ kapitulirte scherzend mit dem Herrn von
Bastholm wegen des Tokaiers.

Nun, und was haben Sie denn geschossen, Herr von _Bastholm_ zu
Bastholmshausen? Ha, ha, ha!

Immer doch mehr, gndiger Herr Graf von _Duur_ zu Duurshausen, ha, ha, ha,
doch immer mehr, als Sie!

Nun, mein Seel, ich hab' ja keinen Mkkenflgel geschossen -- und das
Gewitter -- --

Den Tokaier aus dem Keller!

In Ernst, Brderchen, sag mir doch, was hast Du denn ergattert?

Wie gesagt, immer mehr, als Du. -- Sieh doch her -- eine Schnepfe! ha, ha,
ha!

Ha, ha, ha, ha! ja, dann hab ich freilich die Wette verlohren!

Beide lachten sich beinahe ihrer Wette und Jagd willen krank. Inzwischen
war die Tafel gedekt; man sezte sich und as.

Apropos, fing der _alte Graf_ an, dem nichts lstiger war, als lange
schweigen: der Postmeister hat doch die Zeitungen schon herbergeschikt,
Rikchen?

Ja. Nur gelesen hab ich sie noch nicht.

Hre Bruder _Bastholm_, der Erbprinz ist total kurirt, reitet schon wieder
aus und manvrirt mit seinen Soldaten!

Weis wohl, lieber Graf; aber da die dasigen Aerzte sich durch einen
vorbeireisenden Fremdling muten beschmen lassen, das ist doch 'ne
schrekliche Blame fr sie. --

Nicht so sehr Blame, flsterte ein _junger Landedelmann_ ber die Tafel
herber: Wenn die rzte schon das meiste gethan hatten, konnte der
Reisende wohl sein Heil versuchen.

Um Verzeihung, rief der _Graf_: der Prinz verschlimmerte sich tglich,
und die Mediciner gaben, laut den Zeitungen, schon sein Leben auf. Und dazu
kmmt noch, da der Heiland des Prinzen sehr jung gewesen sein soll!

Ein alter, steinalter Mann war's, flsterte jener: ich hab's aus
Briefen. Er heit _Ludwig Holder_. Sie sehen, ich wei es genau.

Oho! fing eine der ltlichen Damen an, ein _Brgerlicher_, der Sr.
Durchlaucht kurirte? unmglich, daran sieht man's! wenns die Hof- und
Leibrzte, der Herr von _G**_, der Herr von _F**_ nicht im Stande waren --
--

Ganz recht, gndige Frau, brummte eine Basstimme von der andern Seite des
Tisches; ganz recht! berhaupt, sollte man solchen herumstreichenden
Quaksalbern nie das Leben einer frstlichen Person anvertrauen, und die
Renomme der brigen Aerzte verderben lassen. Wenn ich Herzog wre, so --
--

So wrden Sie lieber sterben, fiel _Florentin_ der Basstimme ins Wort:
als sich von einem unanseigen Arzt retten lassen! da thten Sie, wenn Sie
Herzog wren, sehr wohl daran!

Alle lachten, der _Baist_ selbst lachte, auch der _Onkel_, der den bittern
Scherz gern mit einem drohenden Finger bestraft htte, wenn ihm nicht der
Junge noch zu lieb und zu neu gewesen wre.

Man stand auf. Die Spieltische wurden vorgerkt; die Pfeifen angezndet;
das Fortepiano gefnet. Jeder suchte seinen Gesellschafter: alles mischte
sich von neuem durch einander. _Florentin_ unterhielt einige Damen mit
stdtischen Moden, und sezte sich zugleich zum L'Hombre nieder; _Bastholm_
und der _Onkel_ spazierten auf und ab; _Friedrike_ spielte ein Lied von
_Reichard_, und der _Fremde_ stand horchend hinter ihr auf den Stuhl
gelehnt. -- Kaum war der lezte Silberton des Gesanges verhallt: so lispelte
der _Unbekannte_ ihr ein: Sie spielen vortrefflich! zu. Das gute Mdchen,
das Modell zu einem weiblichen Bilde der Unschuld, errthete, und
erwiederte sehr naiv das Kompliment. Der _Unbekannte_ bat sie weiter zu
spielen, und das Mdchen konnt' es ihm nicht versagen.

Er ist ja fremd, dachte sie bei sich: und blos, weil er fremd ist, darf
ich ihm nichts abschlagen, warum er mich auch bte. Sie spielte; alles
wurde still im Zimmer; die mehrsten, welche in kein L'Hombre verflochten
waren, umringten den _Fremden_ und die Fortepianospielerin. Die Blike des
_Fremden_ ruhten auf des Mdchens Angesicht, und der alte _Onkel_
beantlizte indessen sehr gemchlich den neuen Gast.

Hren Sie, sagte der _Greis_, da _Friedrike_ ausruhete: hren Sie, Sie
mssen mir die Neugier nicht bse deuten: -- darf ich fragen, wie Sie
heien?

Der _Fremde_ ward verlegen und stokte.

Sehen Sie nur, der Himmel hat uns so wunderbar durch den _rothen Mantel_
einander bekannt und verbindlich gemacht, da es unverzeihlich wre wenn
ich nicht einmal nach Ihrem Namen fragte. -- Na, ich bitte Sie, wie beien
Sie?

Ludwig Holder.

I, Mordhimmeltausend noch einmahl! _Ludwig Holder_? Sie sind doch nicht --
--

Ich bins.

Alles war nun in eben der Minute aufgeflogen und um den _Fremden_ gedrngt.

Um Gotteswillen! rief _Florentin_ in eben dem Moment: lat mich durch,
er ists! eben der Holder ists, der mir das Leben gerettet hat! sprachs,
und hing dem erstarrten _Fremdling_ am Halse.

Der Teufel, was ists denn? rief die bewute Basstimme, und kam nher
heran.

Jeder stierte mit Augen der Verwunderung den _Unbekannten_ an -- alle
standen gro und klein in einem Kreise um ihn gedrngt, und man konnte auf
den Lippen eines jeden ein Duzzend bescheiden unterdrkter Fragen lesen.

Nun was hast Du denn mit Herrn _Holder_ zu schaffen gehabt? -- das Leben,
sagst Du, hat er Dir gerettet?

Das hat er: gab _Florentin_ dem _Onkel_ zur Antwort: und hren Sie nur,
wie? -- Im Winter vor zwei Jahren lokten mich einige gute Freunde auf das
Eis hinaus, um in ihrer Gesellschaft auf Schlittschuhen den zugefrornen
Flu hinunter nach einem benachbarten Dorfe zu laufen. Ich schlug es nicht
ab, allein eben dieses gefhrliche Vergngen, welches so mancher Jngling
schon mit seinem Leben bezahlt hat, kostete auch mir das meinige beinahe.
Als die andern schon ins Dorf gegangen waren, kreuzte ich nur allein noch
auf den Spiegelflchen des Eises umher, bald links bald rechts. -- Mit
einemmahle fhlte ich das Eis unter mir einbrechen, und sah ich von allen
Seiten durch die Spaltungen das Wasser hervorquellen. Ein Schauder berfiel
mich, meine ganze Besinnungskraft war verlassen -- ich sah ngstlich nach
Rettung umher, und gewahrte in der Ferne einen Menschen auf dem Eise, --
ich wollte ihm zuwinken, ihn um Hlfe anrufen, aber ich war schon
untergesunken und in dem Augenblik bewutlos. Und dieser Holder sah mich
sinken, mit der Gefahr seines Lebens erhielt er das meinige; kaum hatte er
aber dies gethan, als er sich entfernte, dem Dank auszuweichen. Aber izt
dank ich ihm in der Mitte meiner Verwandten, die mich durch ihn,
zurkempfangen.

Der _Onkel_ sprachlos vor Erstaunen und Freude umarmte den wohlthtigen
_Unbekannten_, jeder folgte ihm darin nach, die Damen lispelten ihm etwas
Verbindliches und Rikchen drkte ihm sogar die Hand.

Nu, was zu bunt ist, ist doch zu bunt! rief der alte Graf, nachdem der
erste Taumel vorber war. Wir mssen mehr davon plaudern; allons, Sthle
zusammengerkt und die Pfeifen wieder angezndet! -- I, i, in aller Welt,
wie htt' ich mir das trumen lassen knnen!

Mich wundert's nur, sagte die ltliche Dame; da Sr. Durchlaucht den
Herrn _Holder_, wegen der glklichen Kur, nicht in den _Adelstand_ zu
erheben geruht haben.

Ja wohl, sprach der Onkel treuherzig: in den _Grafenstand_ htt' ich den
wohl erhoben, der mir das Leben gefristet htte. Das nenn' ich mir doch
Undankbarkeit!

Was und wozu Adel- und Grafenstand? rief _Florentin_ enthusiastisch
dazwischen: all das Flittergepuz kann doch den Mann von Talenten nicht um
ein Haar grer machen. Ich gbe meine grflichen Insignien mit tausend
Dank obendrein hin, wenn ich mir auf solche Art Welt und Nachwelt
verpflichten knnte. _Holder_ fhlt sich gewi schon darum belohnt, weil
er, und kein andrer, _Holder_ ist. Und was es am Grabe unaussprechlich s
sein mu wenn man sagen kann: _die Welt ist mir mehr, als ich ihr
schuldig!_ --

Wie der Junge nun da schwrmen kann! fing der _Onkel_ an: aber trsten
Sie sich, Herr _Holder_, die Welt anjezt ist einmal so undankbar, so arg --
wir machen uns bei der Nachwelt Schande ber Schande. Nicht dumm, nicht
eigensinnig war das XVIII. Jahrhundert, werden unsre Nachkommen sagen:
sondern schnurgeradehin toll war's. Wenn ich's so recht bedenke, mein Seel,
so rgert's mich, da ich nicht vier, fnf hundert Jahre spter lebe --
dann mu es doch alles ganz anders geworden sein. O, die _glkliche
Nachwelt_!

So schwazte man den Abend hin; bis die Gesellschaft aus einander schied,
und jeder sich in die weichen Arme des Schlafes warf.




Drittes Kapitel.
Der Onkel bewei't da er Graf sei.


_Florentin_ schlief seit drei Jahren zum erstenmahle wieder in den
vterlichen Zimmern, wo er die Freuden seiner Jugend empfand, als Kind mit
der Puppe spielte, als Knabe den Nepos las, und als Jngling hohe
schwindelnde Entwrfe in seinen Trumen realisirte.

Als das Morgenroth durch die zitternden Gardinen seines Fensters spielte,
sprang er auf vom Lager, wikkelte sich in seinen Schlafrok und fnete den
Flgel eines Fensters.

Wie schn die Natur nun da ausgegossen lag vor seinen Bliken, erquikt durch
das vergangne Gewitter. Eine Sonne emporschwimmend hinter den fernen,
blauen Waldeswipfeln; eine Sonne an jedem bethauten Hlmchen! -- Jeder
Strauch, jeder Baum, jedes Gelnder war ein alter Bekannter; jedes Thal,
jeder Hgel, jedes umbschte Bchlein ein Mitkundiger seiner vergangner
Freuden.

      Nein, denkt er, nirgends scheint doch unsers Herrgotts Sonne,
   So mild, als da, wo sie zuerst mir schien.
   So lachend keine Flur, so frisch kein andres Grn!

      Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
   Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
   Sei immerhin unscheinbar, unbekannt,
   Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
   Fhlte berall nach dir sich heimlich hingezogen,
   Fhlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbann![A]

Jezt schmiegten sich an die rosigen Bilder seiner Kindheit die Szenen von
gestern. _Onkel_, _Rikchen_, und der unbekannte _Holder_! -- Alles alte
Bekannte und alte Lieblinge seines Herzens, und ihm izt noch so neu, so
lieb, als htt' er gestern erst mit diesen schnen Seelen den Liebesbund
geschlossen. --

Der _Fremde_ ging ber ihm schon auf und nieder; _Florentin_ sumte also
keine Minute, zu ihm hinauf zufliegen, und den wrmsten Morgengru zu
gren.

Florentin. Sie sind schon frh auf?

Holder. Nicht sehr frh -- ich habe seit einer halben Stunde aus dem
Fenster gesehen.

Florentin. Nicht wahr, ist es nicht ein schner Morgen und eine schne
Landschaft?

Holder. Sie haben recht; besonders wenn die Seele so hell, als dieser
Morgen, und so erquikt und heiter, als diese Landschaft ist. -- Ich empfand
sehr viel, als ich die prchtige Natur so in ihrem Erwachen belauschen
konnte. -- Und dennoch, glaub ich, nahmen meine Empfindungen einen ganz
andern Weg als die Ihrigen; -- ich bin _traurig_ geworden.

[Funote A: Der Oberon, neue Aufl. v. 1789, Stanze 21 und 22, Gesang IV.
Seite 75.]

Florentin. Kann Freude die Mutter des Schmerzes sein?

Holder. O wie so leicht, Herr Graf! -- Warum, dacht ich, leben in einer so
schnen Welt so hliche Seelen? Warum sind doch mit der grten
Vollkommenheit die grten Mngel verbunden! --

Florentin. Eben dies gehrt vielleicht mit zur Vollkommenheit -- und sind
diese Mngel Unvollkommenheiten, nun wohl, so drfen wir hoffen da sie, so
wie tausend Mngel vor uns, auch noch nach uns ausgemerzt werden. Wir
stehen zwischen Tag und Nacht -- die Nacht ist vergangen, der Morgen graut
schon, und den Genossen des knftigen, sptern Zeitalters ist's vielleicht
aufbehalten den Mittag in vollem Glanze zu sehn. --

Holder. Sie kommen auf die gestrige Idee Ihres gutmthigen Onkels, da er in
Entzkkung rief: o, die glkliche Nachwelt! -- Es ist eine angenehme
Grille, da die Bewohner des Erdenrundes sich noch gnzlich ihren
Unvollkommenheiten entreissen knnten, -- dennoch aber bin ich berzeugt,
da ein Jahrhundert so glklich und unglklich, als das andere sein werde,
es sei frh, oder spt in der Weltgeschichte vorhanden! -- Doch ich bitte,
fahren Sie in ihrer schnen Schwrmerei fort Herr Graf!

Florentin. Vielleicht was wir izt Traum, Schwrmerei nennen, da dieses
einst Wahrheit ist! -- Dann herrschen gute Frsten ber gute Unterthanen,
beide durch einander glklich gemacht. Die Staaten blhen allesamt,
Gerechtigkeit wird gehandhabt, wie sie es werden soll; Richter lassen sich
dann nicht vom Golde das Auge blenden, wenn es Schuld und Unschuld
erforschen soll. -- Frsten haschen dann nicht mehr nach dem Flitterglanz
kriegrischer Ehre; Stdte, friedsame Drfer, lachende Saaten zu verheeren,
nennt man Schandthat; wer Lnder und Familien unglklich macht, tausende
hinmorden lt, um einen Titel oder vergene Ansprche der Vorfahren auf
einen Strich Erde geltend zu machen, der heit ein _gekrnter Mordbrenner_,
sein Lohn harrt auf ihn in jenen Tagen, welche jenseits des Grabes dmmern.
-- Den Landmann seh ich freudig hinter seinem Pflug hertreiben, ohne da
Aberglaube ber den Nakken desselben die tirannische Geiel schwingt. --
Denk- und Drukfreiheit herrschen, nur von den Schranken gesunder Vernunft
begrnzt. -- Kein neidischer Zensor unterdrkt Schriften, die er, besser zu
verfertigen, nicht wagt. -- Der Biedre darbt nicht mehr, weil er bieder
ist; die Unschuld wird nicht gekrnkt, weil sie hlflos dasteht, und dem
trauernden Brger saugen keine Jahrlange Prozesse das Mark aus. -- Der
Edelmann sucht nicht mehr durch die Thaten der Ahnen zu glnzen, sondern
durch sich; schnellt nicht den armen Glubiger mehr um Hab und Gut, und
glaubt nicht geboren zu sein, in diesem und jenem Leben die brgerliche
Kanaille zu scheren.[A] -- Niedrigdenkende Pfaffen schleichen nicht mehr im
Dunkeln umher, sich um Beichtkinder und Seelen zu betrgen, denn ihres
Amtes heilige Wrde ist ihnen wohlbekannt; ber dergleichen Pbellaster
sind ihre Herzen erhaben. -- Die Psalmen _Klopstoks_ werden vom heiligen
Lehrstuhle gebetet werden; keine tolle Ostergelchter werden frder das
Gotteshaus entweihen; das Volk wird von der Kanzel und Bhne Religion
hren. -- Wollust, Knabenschnderei und Selbstschwchung werden allgemein
verflucht; und Schamhaftigkeit und Ehre eines Mdchens ist Mnnern und
Jnglingen heilger und werther, denn die kstlichste Mitgift. --
Leibeigenschaft ist des Staates Fluch; jeder Mensch, auch der rmste von
allen ist reich, denn sein ist der Gottheit goldnes Geschenk -- _Freiheit!_
geblieben. -- Unbrtige Junker, welche noch oft der Ruthe bedrfen, knnen
nicht mehr den Stoizismus der sklavischen Soldaten mit der Fuchtel
ermessen; denn _Soldatenstand_ ist nicht _Sklaven-_ sondern _Ehrenstand_.
-- Jnglinge beziehen Akademien und kehren nicht mit Lastern und Seuchen,
sondern mit Weiheit bereichert in das Haus der Eltern heim; erhalten
Aemter dem Staate zu ntzen, die nicht auctionis lege den Meistbietenden
verfeilscht werden. -- Gelehrte, welche Sanftmuth und ewigen Frieden
predigen, zanken sich eben so wenig zum Skandal vom ganzen zuschauenden
Publikum ber _leere Hlsen_, als Frsten privilegirte Diebe, durch
Huldigung des Nachdruks, machen! -- O _Holder_! _Holder_! mein Onkel hat
Recht, wenn er ausruft: _glkliche Nachwelt!_

[Funote A: Der Sohn eines M***schen von Adel gab seinem Diener einst aus
adlicher Laune eine Ohrfeige. Dieser klagts der gndigen Frau, und die
andchtige Dame trstet den Beohrfeigten damit, da wir dereinst im
Himmelreiche alle einander gleich sein wrden. -- Der Diener wars
zufrieden, und als der Junker ihm zum zweitenmale eine erschtternde
Maulschelle spendete, brachte ers sogleich an Mann: Junker, das soll so
lange nicht whren, im Himmel sind wir uns alle gleich! -- Was? schrie
der Knabe, indem er zum Papa lief: im Himmel wren wir uns alle gleich?
-- _Nein, mein Sohn,_ antwortete derselbe pochend: _das leidet die
Ritterschaft nicht!_]

Holder. (ihm froh die Hand drkkend) Sie sind ein vortreflicher junger
Mann, nicht Ihre Schwrmerei, aber das durch diese Schwrmereien
hervorschimmernde gute Herz macht Sie liebenswrdig -- Graf, bei Gott, Sie
verdienen -- ich weis Ihren ganzen Lebenslauf, all Ihre schne Thaten. --
--

Florentin. (errthend zurktretend) Holder! -- schmeicheln Sie mir nicht,
ich bin ein junger Mensch! -- Knnt ich mir durch schne Thaten etwas
verdienen, so wnscht' ich die Bewohner der Erde ber fnf hundert Jahren
noch einmal zu sehn.

Holder. (in glhender Ekstase) Bei dem Ewigen, Heiligen, Verborgnen,
schwr' ichs, -- handle schn, handle schn, junger Mensch, und ber fnf
hundert Jahren siehst Du mich wieder in Deutschland! --

Florentin sah bestrzt den Unbekannten an; sah sein glnzendes Auge
hochstarren bei dem frchterlichen, seltsamen Schwur; sahe seine Lippen
beben, seine ernsten Gesichtszge sich in himmlische Entzkkung verwandeln
-- und konnte sich nicht erklren, wer dieser _Holder_ sei, ob eine
Gottheit in menschlicher Gestalt, oder ein alltglicher Enthusiast.

Eine unbekannte Simpathie zog beide aneinander; _Holder_ lag um _Florentin_
und _Florentin_ um _Holder_ -- die sanfte Morgenstille, das auf beider
Antlizzen schwimmende Osten-Roth verfeierlichte die Szene.

Der erste der sich aus dem Taumel der Empfindungen ris, war der Fremde;
denn _fremder_ wurde dieser Mann dem Florentin in jeder Minute; je lnger
er ihn betrachtete, je rthselhafter derselbe erschien. Florentin warf sich
auf ein Sofa hin; Holder pakte zusammen und warf sich in seinen Reisehabit.

Graf, ich habe Dir viel versprochen, rief er nochmals dem trumenden
Jngling zu: aber bei der Wahrheit dessen der da ist und war und sein
wird, ich halte mein feierliches Wort, ber Jahrhunderte siehst Du mich in
Deutschland wieder!

In eben dem Augenblikke wurden sie beide zum Kaffeetische gerufen.

Sie fanden den _Onkel_ schon bei seiner Tasse, indem er das Morgenpfeifchen
mit Behaglichkeit rauchte. Friedrike fast neben ihm, in einem huslichen
Neglige, welches das schlanke Mdchen noch dreimal schlanker machte. --
Der _Onkel_, der den _Fremden_ in Mzze, Pantoffeln und Schlafrok
erwartete, verwunderte sich mchtig, als er ihn im weien Ueberrok, dem
runden Hute, gestiefelt und gespornt sah.

Was Teufel, da fehlte ja wohl nur noch der rothe Mantel, und Sie wren
_reisefertig_! Oho! so haben wir nicht gewettet, Herr _Holder_!

Ich will Ihnen nicht lnger beschwerlich fallen!

Was _beschwerlich_ fallen? Ein Mann, von dem man sogar in _Zeitungen_
schreibt, der kmmt nicht sobald wieder von mir, wenn er einmal in meiner
grflichen Gewalt ist. -- Na trinken Sie!

_Holder_ trank. Der _alte Graf_ eiferte fort.

Mit einem Worte, Sie bleiben bei mir, so lange es mir gefllt, und mir
wirds lange gefallen, Sie mgen nun wollen oder nicht; Sie mssen!

Verzeihen Sie, Herr Graf, ich kann --

Der Alte lie _Holdern_ nicht ausreden, sondern stand auf, sezte seine
Tasse unausgetrunken nieder, winkte _Florentinen_, und marschirte
stillschweigends mit ihm zur Thr hinaus.

Friedrike. (in einer Weile, nachdem sie bald auf Ihre Tasse, bald auf den
Fremden gesehn.) Warum aber wollen Sie uns denn verlassen, Herr _Holder_?

Holder. (verwirrt) Warum?

Friedrike. (wieder nach einer Pause.) Gefllt es Ihnen bei uns nicht?

Holder. (Rikchens Hand nehmend.) Ach, sowohl! sowohl -- aber (mit
niedergeschlagenen Augen) ob ich auch Ihnen -- Ihnen -- und Ihrem Onkel und
Ihrem Bruder gefalle! --

Friedrike. Je mein Gott -- warum sollten Sie denn nicht?

Holder. (ihr ins Auge blikkend.) Sollt ich wohl, liebes Frulein!

Friedrike. (von der Seite sehend.) Ganz gewi!

Holder. Wenn es wahr wre! wenn es wahr wre, so wnscht' ich, wohl ewig
hier zu sein!

Ich glaub es Ihnen leicht! erwiederte das unschuldige Mdchen, und ber
ihr ganzes Gesicht schwamm die liebenswrdigste Rthe.

Mit einemmale hrte man einen frchterlichen Tumult im Schloshofe; man
rannte durch einander her; die Thore wurden zugemacht; ein ewiges,
verworrnes Fragen und Rufen, und Klirren der Klingen wie Degenklingen,
fllte die Luft.

In eben der Minute trat der _Graf_ mit seinem _Neffen_ sehr ernsthaft
herein; er wandte sich zu _Holdern_ und sprach jezt will ich Ihnen
beweisen, da ich ein _Graf_ bin! kommen Sie her ans Fenster und sagen Sie
ob es Ihnen noch gelstet zu echapiren!

Sie traten alle ans Fenster -- Knechte, Mgde, Hirten und Bauern standen
bewafnet da, mit verrosteten Hirschfngern, alten Flinten, Sensen, Stangen,
Prgeln und Aexten, und sahn ngstlich bald aufs Schlos, bald auf die
verriegelten Pforten, als befrchteten sie eine frmliche Belagerung. Der
Verwalter lies sich als Kommendant unter ihnen sehn; er hatte in der Eil
den Degen an die rechte Seite geschnallt, und lief in seiner Angst auf und
nieder. Ein alter Bauer fragte ihn, was es zu bedeuten htte, da sie hier
stehn mten? Je, mein Gott, rief der Kriegesmann, und klapperte mit den
Zhnen vor Bangigkeit: bedenkt nur, ein rother Mantel will zum Thorwege
hinaus! -- Ein _rother Mantel_? stammelte der ehrliche Bauer: den regiert
ja wohl, Gott sei bei uns, der Kobolt! -- Das ist eben der Teufel, ich
begreifs selbst nicht!

Mit Wohlgefallen lchelte der _alte Graf_ auf sein Kriegesvolk hinab, und
lie dann _Holdern_ ein forschendes _Nun_ hren.

Herr _Holder_ bleibt -- gern bei uns, Onkelchen! sprach _Friedrike_ und
schmiegte sich freundlich an den Alten.

So bald mich nicht fremde Verhltnisse zu einem andern Vorsaz hinzwingen,
sezte _Holder_ hinzu: bleib ich, so lange Sie mir erlauben!

Nun das war doch ein Wort; entgegnete der Alte, mit einem herzlichen
Hndeschtteln: so mu man's machen wenn man was erpressen will! --
Allons, ihr tapfern Kriegesleute da unten, macht die Thore auf, und geht in
eure Stlle mit Frieden; der Rothmantel kmmt nicht!




Viertes Kapitel.
Und -- das ist Liebe! -- -- --


_Holder_ blieb nun. Je lnger man seines Umgangs geno, je interessanter
wurde der Mann, je mehr man ihn kennen lernte, je weniger wute man sich
aus ihm zu finden.

Er bat sich auf seinem Zimmer Schreibmaterialien aus; er erhielt sie. Mit
frhstem Tagesanbruch sa er schon in Papieren vergraben; zuweilen
arbeitete er in der Nacht; keiner aber erfuhr woran, oder worin! Er schikte
viel Briefe ab; und erhielt noch mehr zurk. -- _Florentin_ fand einst ein
zerrines, von seiner Hand beschriebnes Blttchen, aber die Schriftzge
darinnen waren ihm unbekannt.

Den Tag ber unterhielt sich _Holder_ mit dem _alten Grafen_ bald, und bald
mit _Florentin_, oder dessen _Schwester_. Bisweilen durchirrte man Arm in
Arm die Saaten; sah den geschftigen Landleuten in ihrer Arbeit zu; -- oder
man ging in den Wald, oder auf einen benachbarten Hgel, von welchem sie
oft alle viere der Sonne prchtiges Untersinken anschauten. In trben,
regnichten Tagen saen sie in einem Zimmer beisammen; _Florentin_ oder
_Holder_ lasen vor. Die Bcher gehrten meistens in _Friedrikchens_
Bibliothek, die sie von ihrem Bruder whrend seiner Universittsjahre
erhalten hatte. --

Bald las man _Wielands Simpathien_; bald schwrmte man in den neblichten,
wilden Thlern der alten Schotten umher, und hrte _Ossians_ Harfe zu
_Fingals_ Thaten tnen; bald war _Kronegk_, bald _Gellert_, bald _Klopstok_
oder _Gener_ ihrer Unterhaltung Stof.

Nach einigen Wochen mute sich der junge _Florentin_ von diesem
liebenswrdigen Zirkel trennen, an welchem sein ganzes Herz hing; mute die
benachbarten Edelleute, entlegen wohnende Tanten und Basen besuchen, welche
ihn nun wieder einmal nach drei Jahren zu sehen wnschten.

Man pakte alles Nothwendige fr ihn ein; _Rikchen_ stekte in jedem leeren
Winkel seines Mantelsaks kleine Naschwaaren, von welchen sie wute, da
_Florentin_ sie gern hatte; der Onkel beschwerte sein Gedchtni mit
hundert Gren und beilufigen Bestellungen an Verwandte und Bekannte, und
_Holder_ ermahnte seinen Freund eingedenk jenes schnen Morgens zu sein,
und eingedenk der Worte: _handle edel!_

Es war ein dunkler, trber Morgen, als Florentin von seinen Freunden
schied. Alle standen um ihn her in geheimer Wehmuth; jeder sah den guten
Jungen mit feuchten Augen an -- es war, als schwebte um ihnen eine dumpfe,
verborgne Ahndung. -- _Holder_ konnte sich lange nicht von dem
liebenswerthen Jngling trennen, leb wohl! lispelte er ihm, nach einem
Kusse, leise ins Ohr: vielleicht findest du mich nicht mehr, wenn du
zurkkmmst!

_Florentin_ selber wurde zulezt weichmthig. Er stieg mit Thrnen auf sein
vorgefhrtes Pferd, und ritte mit seinem Knecht von hinnen. Noch, da er
schon funfzig Schritt entfernt war, rief er mit gebrochnen Tnen zurk:
Ihr Lieben, lat mir _Holdern_ nicht fort -- _ich mu ihn wiederfinden!_
--

Alle riefen ihm ein lautes _Ja_ nach, und in dem Augenblikke verschwand er
aus ihren Blikken.

Jeder schlich bis in das Innerste bewegt zurk; dem _Onkel_ schmeckte den
ganzen Vormittag das Pfeifchen nicht; Rikchen konnte nicht strikken, nicht
lesen; -- _Holder_ whlte in den dumpfen Molltnen des Fortepiano's. --

Das Mittagsessen schmekte nicht; mismthig sezte man sich zum Kaffee
nieder.

Aber sagt einmal, hub endlich der _Onkel_ an; sind wir nicht recht groe
Narren, da wir da kopfhngrisch, jeder in seinem Winkelchen, sizen? Der
Junge kmmt ja in vier, sechs, acht Wochen wieder, und die vergehen bald;
wozu denn nun gemault? -- Was wird nicht endlich _dann_ geklagt, geseufzt,
geeinsiedlert werden, wenn ich ihn auf _Reisen_ schikke? 's mus doch so
sein!

Die Vorstellungen des _Alten_ gewannen Eingang bei den jungen Leuten; man
suchte sich zu zerstreuen, die Gesichter und Seelen wieder aufzuklren.

Ich verliere; fuhr der Onkel fort: ich verliere bei seiner kurzen
Abwesenheit so wenig, als ihr. Kmmts auf einen seelenvollen Discours an,
je nun, so hab ich einen Mann, von dem die Zeitungen sogar reden. Und will
sich Herr _Holder_ nicht mit einem alten Manne lnger unterhalten, so sucht
er _Rikchen_, und du, Rikchen, und du, wirst, denk ich, mit uns beiden auch
wohl zufrieden sein drfen. Nun also, was verlangt ihr mehr?

_Holder_ und _Rikchen_ warens zufrieden; sie stimmten vllig dem _Onkel_
bei, und wnschten dem Bruder _Florentin_ eine glkliche Reise.

_Holder_ hatte in der Zeit, welche er auf dem Duurschen Schlosse zugebracht
hatte, das unschuldige, schne Mdchen genug kennen gelernt, um sie -- zu
lieben, und _Rikchen_ war dem Herrn _Holder_, troz seines immer ernsten
Gesichts, schon in den ersten paar Tagen nicht bse gewesen. Also? -- --

Ach, sagte Rikchen in der Dmmrungsstunde des Abends, da ihr Oheim noch,
wie gewhnlich, auf der Jagd war: ach, Herr _Holder_, warum hat Sie das
Ohngefhr nicht frher zu uns gebracht! Sie glauben gar nicht, wie mir doch
manchmal die Zeit lang, und alles so leer, so unangenehm geworden ist?

Und izt nicht mehr, liebes Frulein?

Gewi nicht mehr. Es ist mir, als htte sich alles, alles hier, seit Ihrer
Ankunft, verwandelt. Jedes Zimmer, jeder Spaziergang, jede Tageszeit ist
mir izt angenehmer. Man sollt es sich nicht vorstellen, wie es mglich
wre, da eine neue Gesellschaft auch alle Gegenstnde verneuen knnte!

_Holder_ wurde roth, er la in dem Herzen des Mdchens; sie aber bemerkte
es nicht, denn es war dunkel.

Und wie das Ohngefhr so sonderbar spielt! just der rothe Mantel mute Sie
zu uns bringen.

Dafr ich dem Ohngefhre nicht genug danken kann.

Ist das Ihr Ernst?

Mein vollkommner Ernst.

Ach, wenn _das_ wre! aber Sie sagen das gewis nur aus Hflichkeit. Denn
was knnten Sie bei uns Intressantes antreffen, was Sie, ich sage, ein
Herr, wie Sie, nicht allenthalben antreffen sollten?

O doch, Frulein, doch manches, was ich nicht allenthalben gefunden habe.

Zum Beispiel?

So gute, liebenswrdige Karaktere -- eine solche schne Freundin, wie --
Sie.

Wie mich? Sie scheuen; haben Sie noch gar keine Freundin gehabt?

Gehabt? o ja, _gehabt!_ aber eine Freundin, von der ich wnschte, da sie
immer die meinige wre, noch nie!

Wnschen Sie das auch im _Ernst_? _Holder_ nahm _Rikchens_ Hand in die
Seine, und drkte sie schchtern; Sollten Sie zweifeln knnen?

Nun gut, so -- so will ichs sein, aber -- --

Aber?

Aber ich wnsche auch, da Sie immer mir -- Freund blieben.

So wahr ein Gott ber uns waltet, ja, ich werd es bleiben! -- -- O Frulein
-- o Rikchen -- doch werden Sie auch nicht bse, wenn ich Sie so
vertraulich nenne?

Wer ber solchen _Namen_ bse wird, ist gewis noch nicht gut gewesen.

Sie lieben -- lieben mich also? ist es gewis?

Rikchen erschrak bei dem Worte lieben. Ihr _Onkel_ hatte ihr oft gesagt;
Rikchen, liebe keine Mannsperson, ohne mein Vorwissen, oder du machst dich
unglklich. Freundin kannst du jedem, nur nicht jedem Geliebte sein! Dabei
malte der alte Mann ihr das Ding _Liebe_ mit so frchterlichen Farben vor,
da das unschuldige Mdchen mit Hand und Mund gelobte, nie die Snde der
Liebe zu begehen.

Lieben? stammelte sie _Holdern_, und wollte das Hndchen zurkziehn, und
konnt es nicht.

Und -- das ist _Liebe_? -- -- --

Verzeihen Sie, Frulein, ich habe Sie beleidigt, mit ahndet es -- verzeihen
Sie mirs! sagte _Holder_, lie ihre Hand selber lo, stand auf, und wollte
fortgehen.

Rikchen lief hinter ihm her, fate ihn mit beiden Armen um, ihn
festzuhalten, und freilich, solche Banden waren zu fest fr ihn, als da er
sich so leicht htte loreissen knnen.

Was wollen Sie denn? Sie haben mich ja nie beleidigt, aber wenn Sie von
mit gehn, so -- --

Ich bleibe.

Und sind doch nicht bse? sagte sie in langsamer, bittendem Tone, inde
sie ihn noch immer in der Umarmung festhielt.

Nicht bse! -- gab er zur Antwort und sank an ihren Hals. Sein Herz pochte
in ser Angst; seine Hnde zitterten, welche das Heiligthum umfaten;
seine ganze Seele war Gefhl der Liebe. Seine Stirn ruhte auf ihrer Achsel,
und ihr Mund war seiner Wange zu nahe, um nicht einen leisen Ku auf
dieselbe drkken zu sollen.

_Holder_ fhlte auf seiner Wange die Lippen des Mdchens; er bog sich
zurk, begegnete ihrem Munde -- die Dmmrung des Abende, die Stille der
Einsamkeit machten ihn khn -- er kte, wurde wieder gekt, und seine
Seeligkeit begrnzte die Seeligkeit der Engel.

Unter den tausend unglklichen Schiksalen welche das menschliche Leben
verherben, wei ich keines das _traurigste_ von allen zu nennen, aber von
den hundert frohen Loosen, welche wir aus der Urne des Fatums ziehen, ist
das schnste das _Loos der Liebe_, die Anzahl der Leiden ist gro, aber die
geringere Anzahl unsrer Freuden berwiegt dennoch jene am _innern_ Gewicht!




Fnftes Kapitel.
Ein langes Gesicht.


_Holder_ und _Rikchen_ hrten des _Onkels_ Stimme. Hurtig flogen sie
auseinander und dem Alten entgegen; der so eben ins Zimmer hereintrat.

Und noch so im Dunkeln? _Rikchen_, kommandire Licht!

Der _Onkel_ sprachs, _Riekchen_ hpfte zur Thr hinaus, und _Holder_ half
dem _Grafen_ beim Ausziehen.

Es darf Ihnen nicht gereuen, _Holderchen_, da Sie heut zu Hause blieben;
hab' mein Seel nichts, als eine wilde Ente geschossen!

Ich bedaure Sie.

Ja, sehen Sie, Freundchen, das mus sich ein Jgersmann, wie ich, nun schon
gefallen lassen. Nun, Sie haben doch keine Langeweile gehabt?

Im geringsten nicht, Herr Graf.

Nun, ich denke auch. Wovon haben Sie mit dem Mdel geschwazt? darf ichs
wissen?

_Holder_ war verlegen. Ich habe, sagte er; wir sprachen von -- von, wie
soll ichs nun gleich nennen, von -- von -- -- einer ziemlich
philosophischen Materie.

Philosophischen Materie? Poz Bliz, wei denn Rikchen da mitzuplaudern? 's
ist ja nur ein Mdchen! -- doch nicht etwan davon, worber wir uns gestern
beim Kaffee stritten, und da ich Recht behielt, von den Menschen im Monde?

Ich bitte um Verzeihung, der Stof war ganz neu.

Je, was Sie sagen! nun und der war? --

Eine Hypothese, von der Sie sich, Herr Graf, und kein Philosoph, so lange
es Philosophen gegeben hat, etwas trumen lie. --

_Holder_ suchte hierdurch Zeit zu gewinnen, sich auf etwas zu besinnen, und
des _Grafen_ Neugier wurde immer mehr gespannt. --

Nun so sagen Sie doch!

Ich behauptete, da unser Erdenball und wir lebendige Geschpfe auf
demselben, nicht sowohl um _unsrer selbst_ willen von der Gottheit
geschaffen waren, sondern da wir vielleicht _hherer Wesen_ willen
vorhanden sein knnten!

Wie war das? was? warten Sie, ich mu das noch einmal durchdenken. -- Aber
warum denn fr hhere Wesen?

Da dergleichen hhere Geschpfe vorhanden sind, ist so gewi, als unsre
Unsterblichkeit -- das heit, sie sind _hchst wahrscheinlich_. Da diese
Wesen edlere Freuden geniessen, und nicht wie wir, an bloe Sinnlichkeit
gebunden sein mssen, folgt schon uns dem Begriff _hherer Wesen_; es ist
also leicht mglich da wir ihnen das sind, was uns unsre Schauspieler
sind. Wir lernen von den selben Moral und gute Sitten, _sie_ von uns hhere
Einsichten in die Natur der Welt, der Gottheit, des Geisterreichs, _wie_
sie dies lernen, ist uns bei unsern kleinlichen, armseeligen Ideen eben so
unbekannt, als manchem lderlichen Komdianten, da man durch das
Schauspiel ein besserer Mensch werden knne.

Wir wren also fr andre geschaffen? wir nicht unsrer selbst wegen?

Sollt' es nicht mglich sein?

Das wre mir aber sehr ungelegen.

Und wenn es das ist, was wollen wir machen? wir sind ja zu schwach; wir
knnen uns ja so wenig wider den Schpfer unsers Daseins auflehnen, als der
Wurm im Staube wider uns sich empren kann, wenn wir Laune haben, ihn zu
zertreten. -- Und warum lies uns Gott jene Gegenden jenseits des Grabes
dunkel? weil wir auf solche Art derselben gar nicht bedrften. --

Das wre aber, mein Seel, schreklich!

Freilich wenn wir positive Gewisheit davon htten; aber so mssen wirs uns,
nach dem Willen des grsten Wesens, gefallen lassen, im dunkeln zu
schwanken, und die Hofnung zu unsrer Trsterin zu nehmen.

Aber knnt' ich nicht murren, knnt' ich nicht sagen? Warum schufst Du
mich zur Glkseeligkeit andrer Wesen, o Gott, warum machtest Du mich nicht
auch zu einem von ihnen? Du bist nicht der Allgtige! knnt' ich so nicht
sprechen?

Nein, Herr Graf, weil Ihnen doch immer die Gewisheit fehlt, weil Sie sich
doch von Ihrer Fantasie eine andre Hofnung geben lassen, und Ihre Klagen
Ihnen ber dies eben so wenig ntzen wrden, als dem Bauer, dem Bettler,
welcher beweint, da er nicht Knig geworden. Die Weisheit Gottes hat es so
angeordnet, da wir, auch wenn sich die Sache, wie oben gesagt, verhielte,
doch zufrieden mit unsrer Lage sein knnen, so wie der Vogel in der Luft
mit der seinigen.

Ein Bedienter brachte izt Licht; _Friederikchen_ tanzte hinter ihm, ging
zum _Onkel_ und zerstrte durch ein Duzzend Fragen beinahe die ganze
Aufmerksamkeit und Gegenminirung des grflichen Philosophen, htte dieser
nicht gleich bei der ersten Silbe seine Hand auf ihren Mund gelegt.

Rikchen wir sprechen izt von den ernsthaftesten Dingen, zu welchen
Nachdenken erfodert wird -- also, sei ein Weilchen still, und stopf' mir
inde eine Pfeife -- Sie aber, reden Sie doch weiter.

Das Frulein stopfte den Meerschaumkopf und schielte nach _Holdern_;
_Holder_ sammelte neue Gedanken und der _Onkel_ starrte sinnend vor sich
hin.

In dieser Hypothese, fuhr _Holder_ fort, lassen sich die philosophischen
Systeme vieler alten und neuern Selbstdenker vereinigen. Einige lugnen,
zum Beispiel, die _Freiheit unsers Willens_, und wie sichs von so groen
Mnnern nicht anders vermuthen lt, nicht ohne Grnde. Nur auf die
wichtige Frage, _zu welchem Ende sind wir Marionetten?_ wuten sie wenig
oder gar nichts zu antworten. Allein obige Muthmassung, da wir nicht fr
uns existiren, lt alles auf.

Wahrhaftig, da haben Sie wieder Recht!

Andre verwerfen die _Unsterblichkeit_ der Seele. Man sezt ihnen wichtige
Argumente entgegen, aber sie wehren sich durch; nur auf die Frage; wo
bleibt beim Mangel der Unsterblichkeit _Plan der Schpfung, Weisheit
Gottes_, hchste _Vollkommenheit_? verstummen die Herren gewhnlich. Nimmt
man aber meine Hypothese an, so ist, auch wenn unsre Seelen sterblich sind,
dennoch Plan in der Schpfung --

Hren Sie, _Holderchen_, vor izt sollen Sie Recht haben, aber nach dem
Essen nicht mehr, dann werde ich wider Sie und Ihre Hypothese streiten,
darnach richten Sie sich ein.

Der _Onkel_ zndete die Pfeife an und Rikchen trippelte nher.

Aber, hub der Graf von neuem an: wie haben Sie sich denn ber solchen
kritischen Gegenstand mit Rikchen unterhalten knnen?

Holder. Wir sprachen nur eine kurze Zeit darber.

Onkel. Kannst Du denn so was begreifen, Mdchen?

Rikchen. Wovon _Sie_ sprachen nicht ein Wort; wovon aber _wir_, (sie zeigte
auf Holdern) sprachen, ja. Wenn _Sie_ sonst von der Liebe redeten,
Onkelchen, da verstand ich nichts, aber -- --

Onkel. (nimmt die Pfeife vom Munde) Was? _Liebe?_

Holder. (hustet)

Rikchen. Aber mit Herr _Holdern_ lt sich darber viel deutlicher
sprechen.

Holder. (hustet strker.)

Onkel. Nun, sag mir nur, was soll denn das?

Rikchen. (sich anschmeichelnd) Sie -- sind doch nicht bse? Sie lieben ihn
ja auch, und ich bin auch -- auch -- --

Onkel. (legt die Pfeife hin) Was denn?

Rikchen. (ihr Gesicht an des Onkels Brust verbergend.) Verliebt.

Des _Grafen_ Gesicht verlngerte sich bei diesem Worte; mit ofnem Munde und
gefaltnen herabhangenden Hnden stand er da und konnte keine Silbe
hervorbringen. _Rikchen_ blieb in ihrer vorigen Attitde, und _Holder_
zupfte an seinen Manschettenspizzen.

Du bist verliebt? brachte endlich der Graf nach einer minutenlangen
Stille hervor; er war in der grsten Verlegenheit mehr zu sagen, denn auf
einer Seite schzte er _Holdern_ zu sehr, als da er ihn vor den Kopf
stoen sollte, ob er gleich _Holdern_ nicht in seine adliche Familie
heurathen lassen wollte, auf der andern Seite befrchtete er bei seiner
Pflegetochter alle Autoritt fr die Zukunft zu verlieren, wenn er zu einer
Sache schwiege, die er ihr so oft verboten hatte. Er sah bald das Mdchen,
bald den jungen Mann an und beschlos vors erste klglich seine Verlegenheit
auf die andern beiden zu wlzen: Nun, Herr _Holder_.

Die Sache betrift Sie ebenfalls, und Sie schweigen?

Holder. Gndiger Herr, wenn mich das Frulein liebt, dafr kann ich nicht,
und Sie verzeihen es mir, da ich gegen _Friederikchens_ Reiz nicht
unempfindlich bleiben konnte. Nur eins bleibt mir brig, wenn mich diese
That in ihren Augen verhat macht, Sie und Ihre Niece zu verlassen. Ich
fhle es, da es mir traurige Tage und traurige Jahre machen wird, aber ich
fhle es auch, da ich Mannes genug bin, endlich zu berwinden.

Rikchen. (schwermthig zum Grafen heraufblikkend.) Und Sie wollten ihn von
uns lassen?

Onkel. Aber mein Gott -- --

Holder. Ich darf hier nicht Einrede wagen, ich darf auch nicht bitten. --
Sie entscheiden und Ihrem Befehl mu ich mich untergeben.

Onkel. (in groer Verlegenheit) Aber was soll denn mit dem Lieben am Ende
werden?

Rikchen. Gar nichts, gar nichts, verlassen Sie sich darauf.

Onkel. Ich kanns doch nicht machen, wie Onkels in der Komdie. -- --

Rikchen. Wie machens denn die?

Onkel. Euch die Hnde in einanderlegen und sagen: der Himmel segne eure
Liebe, seid glklich und damit holla.

Rikchen. Je, warum denn nicht?

Holder. (ernsthafter) Ich verstehe Sie.

Man ging zum Abendessen. Der _Graf_ schwieg ber Tische. _Holder_
ebenfalls. _Rikchen_ fragte verschiednes und erhielt keine Antwort. Zulezt
standen sie auf; das gute Mdchen sezte sich in einen Winkel und weinte,
_Holder_ entfernte sich in sein Zimmer, und der _Onkel_, der seinen
Liebling nicht weinen sehen konnte, ging frhzeitig schlafen.




Sechstes Kapitel.
Der Onkel in der Komdie.


Wie die lieben Leutchen nach diesem Auftritte geschlafen haben mgen,
knnen sich die Leser leicht vorstellen. Der gutherzige _Alte_ kalkulirte
die halbe Nacht hindurch, entwarf hundert Plne, und verwarf sie wieder,
und konnte keinen festen Entschlus fassen.

Um ein Uhr in der Nacht hrte er drei Pistolenschsse fallen. Sie geschahen
oberwrts in _Holders_ Zimmer; man wars von ihm schon seit einigenmalen
gewohnt, und er gab vor, da er das Echo bemerken, oder nach Vgeln
schiessen wollte. Der _Onkel_ lies sich nicht stren und schlief ein.

Das arme _Rikchen_ wagte auch beim Frhstk folgenden Morgens nicht viel zu
sagen; der Graf blies nachdenkend seinen Kanasterdampf von sich und lies
oft seine Tasse kalt werden. _Holder_ war noch nicht erschienen.

Mit einemmale hrte man Pferde in den Schloshof hereinsprengen. Wenns doch
_Florentin_ wre! rief der Alte, und stand auf; wenn ers doch wre!
sagte das Frulein lebhaft, und flog und ris das Fenster auf.

Der Graf. (eilig) Ist ers?

Rikchen. (traurig.) Ein Knecht mit zwei Reitpferden. (Pause) Ach, Gott!
_Onkelchen_, er fragt nach _Holdern_! --

Der Graf. (bestrzt) Nach _Holdern_?

Rikchen. (mit Thrnen im Auge) _Holder_ will fort!

Holder. (der zur Thr vllig angezogen hereintritt) Ja, das will ich, mu
ich. -- Guten Morgen, Herr _Graf_, guten Morgen, gndiges _Frulein_! (kt
ihr die Hand.)

Der Graf. (bewegt) Herr _Holder_ -- --

Holder. Herr _Graf_, drft' ich Ihnen fr Ihre bisherige Freundschaft und
meine gtige Bewirthung hundert Thaler anbieten, _einigermaaen_ wieder zu
vergelten, so tht' ichs. Allein Sie schlagen es aus, und ich darf nur mit
Worten danken. Es thut mit weh -- o sehr weh -- --

Rikchen. Herr _Holder_, lieber Onkel, hat geweint, seine Augen sind roth --
--

Holder. Mag ihnen beiden dies ein Bewei sein, wie lieb mir dieser
Aufenthalt gewesen, wie ungern ich ihn verlasse. Ich habe in Ihrer
Gesellschaft seelige Stunden gehabt, wer wei, ob ich sie jemals schner
geniessen werde, denn ich war, wie in einem vterlichen Hause; all meine
Wnsche starben, all meine Hofnungen gab ich auf, meine weit hinaus
gehenden Entwrfe lie ich vergessen, um ganz Ihnen zu leben, oder vielmehr
in Ihren Armen meines Lebens froh zu sein. Izt hrt dies alles auf, und ich
schrnke mein ganzes Glk nur darauf ein, da Sie mich nicht vergessen
mgen.

Rikchen. (weinend seine Hand nehmend) Wir Sie vergessen?

Der Graf. (immer mehr gerhrt) Htt' ichs doch nimmer erfahren da Ihr Euch
geliebt httet, -- vielleicht -- wrs besser gewesen.

Rikchen. _Onkelchen_, ja, Sie haben Recht, izt seh ichs; Liebe macht
unglklich, o _sehr unglklich_! knnt es nur diemal, dies _einzige mal_
gut gemacht werden, ich wollte auch _nie_ wieder lieben.

Holder. Trsten Sie sich, gndiges _Frulein_, ein Jahr -- und ich bin
vergessen.

Rikchen. Ein _Jahr_? ach, in dem Jahre weint' ich mich tod. Freilich wrd'
ich Sie dann vergessen mssen, denn im Tode, sagt man, hren all unsre
Freuden und Leiden auf.

Holder. (kt ihr die Hand, indem er seine Augen abtroknet) Und nun,
Frulein -- --

Rikchen. (reit sich los von ihm und wirft sich dem Grafen um den Hals) O,
bester, lieber Onkel, lassen Sie _Holdern_ nicht, oder ich sterbe -- --
haben meine Bitten je bei Ihnen etwas vermogt, haben Sie je meine Thrnen
gerhrt: so hren Sie mich izt, so -- so erbarmen Sie sich Ihren
_Rikchens_!

Der Graf. (wehmthig stammelnd) Kind, la mich doch --

Rikchen. Nein, nein, Ihr _Rikchen_ wird nie ruhig werden, wird sich unter
die Erde grmen, wenn es izt verstossen ist. Sie werden mich nicht lange
mehr haben, gewis nicht lange! -- O _Holder_, einziger, liebster _Holder_,
bitten Sie doch!

Holder. Ich halt' es nicht aus! (schliet sie in seine Arme und kt sie)
Himmlischen Mdchen, lebe wohl! -- noch einmal lebe recht wohl!

Rikchen. Wollen Sie _dennoch_? Sie _selber_? --

Holder. O Gott!

Rikchen. Sie _selber_? ach, Sie haben mich nicht lieb gehabt -- knnen mich
nie geliebt haben!

Holder. (mit Schmerz-gebrochener Stimme) Frulein, Sie sehen nicht in mein
Herz, aber Gott sieht es! -- Herr _Graf_, leben auch noch _Sie_ wohl! (will
ihn umarmen.)

Der Graf. (indem er Holders Hnde drkt, und ihn mit nassen Augen
anstarrt.) _Holder_, _Holder_: was machen Sie? warum wollen Sie von uns?
Wer hat Sie beleidigt? that ichs, that ichs, thats mein gestriges Schweigen
so bitt ich um Verzeihung. Sehen Sie, die Sache war zu unerwartet, und da
ists doch wohl einem alten Mann, der fr das Wohl seines Lieblings sorgt,
leicht zu bersehen, wenn er die Begebenheit recht berlegte.

Holder. Allein, sollten Sie izt, durch des _Fruleins_ Thrnen bis zur
Schwachheit gerhrt etwas einwilligen, was Sie bei klterm Blute -- --

Der Graf. Nicht Schwachheit, nicht Uebertubung! nein, Sie sind mir zu lieb
geworden, als da ich Sie von mir lassen knnte. Ihr Karakter ist mir
unverholen, darum befrcht' ich von Ihrer Liebe zu _Friedriken_ nichts. Und
Sie wissen ja selber, wie nothwendig Sie mir geworden sind; wollen Sie also
nicht, da sich das arme Mdchen krank harmet, wollen sie nicht, da ich
alter Mann mir ewige Vorwrfe machen, mir selber mein Restchen Leben
verbittern soll, so bleiben Sie.

Rikchen. Null, lieber _Holder_? nun?

Der Graf. Da, nehmen Sie das Mdchen hin, nehmen Sie sie hin, ich will denn
nun einmal der Onkel in der Komdie sein, aber bleiben Sie.

Holder. (umarmt und kt den Grafen) Wohl, es sei; ich widerstehe nicht.

So lte, sich der Auftritt in allgemeine Freude auf; _Holder_ bestellte
den Reitknecht ab; _Rikchen_ sprang umher und kte dem frohen Alten Hand
und Mund; man sezte sich wieder zum Frhstk und fhlte nun ganz, wie sehr
man an einander gekettet sei.

Was wren unsre Freuden, wo kein Harm ihren Werth erhhte? Ein Edelgestein
ohne Folie, ermdendes Einerlei!




Siebentes Kapitel.
Ein Adelsbrief -- ein Rittergut -- Verlobung
und -- --


In der Nachbarschaft des Grafen von Duur lag ein ansehnliches Rittergut, zu
welchem das Dorf _Sorbenburg_ und eine vortreffliche Jagd gehrten. Der
Besizzer des Gutes war schon seit etlichen Jahren gestorben; die Erben
hatten seit eben so langer Zeit diesen Landsiz verpachtet und zulezt zum
Verkauf ausgeboten.

Unser _Onkel_ machte Spekulation darauf, aber er fand es immer zu theuer.

Herr Graf, sagte _Holder_ an einem Tage zu ihm; wenn _Sorbenburg_ mein
wr, und ich hielt um _Rikchens_ Hand an, wrde sie mir abgeschlagen
werden?

Der Alte schmollte und sagte: Mein Seel, wre _Sorbenburg_ Ihnen, so trg
ich Ihnen meine Niece selber an.

Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort! erwiederte _Holder_; nun mus ich
meine Baarschaft einmal nachzhlen!

Jezt arbeitete Holder msiger auf seinem Zimmer, als je. Tglich versandte
und bekam er Briefe, und weder der _Graf_ noch _Rikchen_ erfuhren wohin,
warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war _Holder_ sehr
schwermthig; weder die Naivetten des _Fruleins_ noch die Laune des Alten
waren vermgend ihm ein Lcheln abzugewinnen, in sich verschlossen sa er
dann da, theillos an den Gesprchen und Scherzen der brigen, und grbelte.
Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glk und
mein Unglck fliet aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.

Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der
grte Theil der Tage verflo im Duurschen Schlosse heiter. _Florentin_
wre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglk, oder soll man
es Glck nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem
_Herzog_ vorgestellt zu werden, da er nicht einmal einige Tage Zeit hatte,
nach Hause zu reisen.

Dieser _Herzog_ war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben
derjenige Prinz, welchen _Holder_ vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von
sieben und zwanzig Jahren. _Florentin_ gefiel ihm, und er gab ihm den
Karakter eines Kammerherrn. _Florentin_ meldete seiner Familie dies
unerwartete Glk; der _Onkel_ jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten
Minister am Herzoglichen Throne, _Rikchen_ hpfte, kte bald den _Onkel_,
bald den lieben _Holder_ -- alles war Freude.

Der _Graf_ stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte
Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner-
und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf _Florentins_
Wohlsein geleert zu werden.

Auch _Holdern_ war der Tag merkwrdig, denn der Frst hatte sich seiner
erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst
Verleihung des Gutes _Sorbenburg_. _Holder_ war bestrzt, der _Onkel_ noch
mehr. _Rikchen_, aber glaubte izt ihn weniger rkhaltend lieben zu drfen,
und berlie sich dewegen ganz dem sen Glkke.

Nun halt' ich Wort, sagte der _Onkel_ im Zirkel der ganzen Gesellschaft:
Nun halt' ich Wort, und gebe dem Herrn von _Sorbenburg_ die Grfin von
Duur zur Gemahlin! -- --

_Rikchen_ stand hocherrthend, neben ihrem Geliebten, in jungfrulicher
Schaamhaftigkeit. Sie hrte die Worte, hrte sie gern und senkte den
liebeschwimmenden Blick zu Boden. _Holder_ dankte dem Grafen, _Rikchen_
kte ihm die Hand, die Gesellschaft der brigen Herrn und Damen stattete
ihre Glkwnsche ab.

Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage
nur dies, da es eines der frlichsten in der Duurschen Familie war, da
jeder erst spt in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging,
und da am folgenden Tage -- ach! _Holder_ verschwunden war.

Man hatte um die Morgendmmrung die gewhnlichen Pistolenschsse wieder
gehrt, sodann einigen Tumult auf _Holders_ Zimmer, aber nicht weiter
darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu
Fu und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein
Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen;
alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde,
auf Sthlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flchtig
geschriebnen Worte standen: _Leben Sie wohl, ich komme wieder!_

Man wartete ein halbes Jahr auf ihn, und er sollte noch wiederkommen. -- --




Zweiter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Auch Prinzessinnen haben Herzen.


Die Schwester des Herzog _Adolf_, an dessen Hofe sich _Florentin von Duur_
befand, war ein schn gebautes, reizendes Frauenzimmer. Neunzehn Frhlinge
blhten kaum auf ihren Wangen; sie war feurigen, schwrmerischen
Temperaments; liebte gern und sah sich gern wieder geliebt und angebetet.
--

_Florentin_ war kaum am Hofe erschienen, als seine vorzgliche empfehlende
Gestalt die Damen aufmerksamer machte. Prinzessin _Louise_, so hie des
Herzogs Schwester, sah ihn zum erstenmale auf einem Balle, welchen ihr
Bruder gab; der _Herzog_ unterhielt sich oft mit ihm, dies war genug ihm
allenthalben Kredit zu gewinnen, -- auch bei der _Prinzessin_. Durch ein
beabsichtetes Ohngefhr kam sie ihm nher; sie fchelte sich mit einem
seidnen Tuche, lies ihn von ohngefhr fallen, der _junge Graf_ hob ihn auf,
berreichte ihn, und der _Herzog_ nahm Gelegenheit der _Prinzessin_ seinen
_Kammerherrn_ vorzustellen.

_Louise_ erlaubte dem _Grafen_ einen Handkus, und sie war so gndig, doch
nur wie durch ein Ohngefhr, _Florentins_ Fingerspizzen zu drkken.
_Florentin_ empfand die Allgewalt dieser schnen Ohngefhrs; eine liebliche
Rthe ergos sich ber sein Gesicht; er blikte der _Prinzessin_ schchtern
in die Augen, und _sie_ entfernte sich, ohne aber der Rthe des jungen
Mannes, und des Blikkes zu vergessen.

Man ist am Hofe nicht immer so glklich, als im brgerlichen Leben, wo man
seinen Mann zu sehen ftere Gelegenheiten findet. Die _Prinzessin_ fhlte
diesen Mangel nur zu sehr, und ihn einigermaaen zu vergten, erlaubte sie
ihrer Fantasie jede verliebte Ausschweifung.

Kein Wunder also, wenn der schne _Florentin_ ihr zuweilen in Trumen vor
die Augen trat, sie da ihres frstlichen Ranges verga, einen blhenden
Jngling an ihren liebevollen Busen drkte, und eine Wollust ahndete,
welche kein Traum ihr gewhren konnte.

Nicht wahr, liebe Auguste, sagte sie an einem Morgen zum _Frulein von
Glden_, ihrer Kammerdame und Favorite: nicht wahr, du hast auch schon
geliebt?

Frl. v. Glden. (sanft errthend) Ich geliebt?

Louise. Warum nicht? -- du unschuldige Seele wirst ja so roth? Gewi du
hast auch schon geliebt!

Frl. v. Glden. Ich bitte um Verzeihung, noch nicht!

Louise. Hi, hi, hi! noch nicht? o, Kind, man errth, da du noch nicht
lange am Hofe gewesen bist, denn du weit dich herzlich schlecht zu
verstellen.

Frl. v. Glden. Warum sollt ich mich verstellen? gegen _Sie_ verstellen?

Louise. Da thust du Recht, liebes Mdchen. Allein offenherzig, hast du --
-- oder -- oder du liebst vielleicht izt.

Frl. v. Glden. Eben so wenig. (wendet sich weg)

Louise. So? nun da wirst du mir freilich eine schlechte Rathgeberin sein.

Frl. v. Glden. Ich bitte -- vielleicht --

Louise. Nun, auf dein _vielleicht_ will ich es wagen; also zur Sache. Ich
liebe, und zwar so heftig, als ich noch nie geliebt habe.

Frl. v. Glden. (lchelnd) haben Sie also schon -- --

Louise. O schon so oft geliebt, da ich meine Eroberungen und Amouretten
nicht mehr zhlen kann. Ich bin doch wenigstens achtzehn Jahr alt, und --
wie mir mein Spiegel sagt, auch nicht hlich, folglich. -- -- Doch sag
mir, Kindchen, rthst du mir diesmal zu?

Frl. v. Glden. Zu lieben? warum nicht? denn unglklich, ungeliebt werden
Sie nicht sein, und ich kenne kaum eine angenehmere Stimmung der Seele; als
eine solches -- Ich hatte vor Jahr und Tag einen jungen Freund, -- Freund,
nicht _Geliebten_ -- es war eine herrliche Seele, gut, unbefangen und
zrtlich. Der liebenswrdige _Gustaf_ war vierzehn Jahr alt; die Knospe der
Jnglingsschnheit brach izt schon auf bei ihm; ich sahe ihn gern und der
Knabe mich; ihm war nur wohl, wenn er mich sahe, meine Hand drkken durfte.
O, Prinzessin, ich gewann ihn lieb, und kann ihn noch izt nicht vergessen.

Louise. Erzhle doch weiter; ich lasse mir gern von Liebe und Liebenden
vorplaudern.

Frl. v. Glden. Jene Zeit war die glklichste meines Lebens, ob ich gleich
Stunden hatte, wo er mir fehlte, wo ich traurig umher wandelte, wohl gar
heimlich weinte. Aber eine solche Thrne, die damals von mir verweint
wurde, gewhrte mir mehr Wollust, als die rauschende Freude eines Balls.
Wenn ich in stillen Sommerabenden unter den Linden lag, vor dem
Landschlosse meinen Vaters, und der schlanke _Gustaf_ allein neben mir sas
und mit meinen Schleifen tndelte, oder mit meiner Hand, wie mirs da so
wohl war! dann schlang ich wohl meine Arme um seinen Leib, drkte ihn
heftig an mich und kte seine blhenden Wangen -- oft glaubte ich mich in
diesen Kssen satt zu schwelgen, aber meine Sehnsucht forderte noch immer
und war nie gestillt.

Louise. Und das nennst Du _Freundschaft_, _Augusta_? dann mgt' ich doch in
aller Welt wissen, was Du _Liebe_ nenntest?

Frl. v. Glden. Ich habe schon gesagt, _Gustaf_ war erst vierzehn Jahr alt,
-- zu jung um zu lieben und Gegenstand der Liebe zu sein. Und nennen Sie es
immerhin Liebe; so wars die unschuldigste, reinste, die man je gekannt bat.
Ich liebte _Gustafen_, bewunderte den schnen Knaben, und hegte zugleich
eine gewisse Ehrfurcht vor ihm, die sich nicht beschreiben lt. -- Einst
sa er am Abhang eines Hgels neben mir, beim Sonnenuntergange. Er sprach
viel Angenehmes, ich schwieg, aber meine Gedanken antworteten ihm. Ich
wollte mich einmal bse stellen, und wute nicht warum? vielleicht da ich
ihn gern schmeicheln sehn wollte. Die gute Seele lie sich tuschen, er
glaubte da ich auf ihn zrne, und sah betrbt vor sich nieder. Nach einem
langen Schweigen, da ich schon meine Verstellung zu bereuen anfing, sah er
endlich zu mir auf -- eine Thrne schwamm in seinem Auge, die untergehende
Sonne in ihr -- sein Antliz glnzte in der Abendrthe, -- es war eine
_Verklrung_. Du bist bse, Auguste? fragte er mit der Stimme einen
Engels und ich schauerte froh und beklommen zusammen: bin nicht bse! gab
ich zur Antwort, aber wagte es nicht ihn zu kssen. Ich schien mir eine
Snderin neben einem Geliebten Gottes.

Louise. (lchelnd) Du Schwrmerin!

Frl. v. Glden. Bald darauf wurde _Gustaf_ krank, sehr krank. Ich sa an
seinem Lager und sah ihn verwelken. -- O, Prinzessin, er war noch immer
schn; selbst als er so bla da lag, und sein Blik nur matt an dem Meinen
hing. Aber es jammerte mich -- ich weinte viel, sehr viel, nur an seinem
Bette lchelte ich. -- Er kte mich einst, und in dem Kusse entfloh sein
Geist --

Louise. Arme Auguste!

Frl. v. Glden. Lieben Sie nur, Prinzessin, es ist s zu lieben.

Louise. Ich selber bin deinen _Gustaf_ gut geworden, wenn er doch noch
lebte!

Frl. v. Glden. (zeigt mit dem Finger gen Himmel) O, ja, erlebt noch!

Louise. Und seit der Zeit hast du nie wieder geliebt?

Frl. v. Glden. So nie.

Louise. Auch an unserm Hofe findest du deinen _Gustaf_ nicht ersezt?

Frl. v. Glden. _Gustafen_ nicht.

Louise. Du bist vielleicht zu sehr fr das Bild eines Geliebten
enthusiasmirt, der nur noch in Deiner Einbildungskraft lebt; berdem hab
ich mir sagen lassen, da man den Werth verlorener Schzze mit jedem
Gedanken an sie versteigre. Doch las es sein. Was hltst Du vom Grafen
Duur?

Frl. v. Glden. (die Prinzessin anstarrend) Vom Grafen _Duur_? --

Louise. Nicht wahr, ein Meisterstk mnnlicher Schnheit? er hat mich
bezaubert.

Frl. v. Glden. Sie geruhen zu scherzen.

Louise. _Scherzen?_ wie so? findest Du ihn nicht schn?

Frl. v. Glden. Knnten Sie ihn lieben?

Louise. Warum nicht? _Knnen?_ sonderbar, ich bin ja ein Mdchen, liebe
_Auguste_, wie Du? Dich entzkte Dein vierzehnjhriger _Gustaf_ und mir
sollte der Graf nicht gefallen? --

Frl. v. Glden. Eine Frstin aus herzoglichem Geblt und ein Graf!
Prinzessin, bedenken Sie wohl! -- Lieben _knnen_, ja, da hab' ich unrecht
gefragt, aber lieben _drfen -- drfen_!

Louise. Ich verstehe Dich; allein Du mut wissen, da der Graf nicht mein
Gemahl, sondern mein Geliebter werden soll. Da man mein Herz nicht befrgt,
wenn meine Hand dem Staatsinteresse aufgeopfert wird; warum sollte mein
Herz fragen, wenn es sich zu verschenken Lust fhlt! Und das Herz sieht
nicht auf den Rang, sondern mit seine Hochachtung nach der innern und
uern Schne den Gegners.

Frl. v. Glden. Freilich wohl.

Louise. Mein einstiger Gemahl wird nie so bldsinnig sein knnen _Liebe_
von mir zu verlangen, wenn ich sie nicht geben kann, so wenig als ich sie
in gleicher Lage von ihm fodern wrde. Wir sind deswegen aber nicht
verpflichtet den Freuden der Liebe zu entsagen. -- -- Nun, _Auguste_,
findest Du den Grafen liebenswrdig?

Frl. v. Glden. (ernsthaft) O, sehr.

Louise. Und Du wirst mir doch zu einigen Entreven tapfer beistehn.

Frl. v. Glden. Sie befehlen.

Louise. Das so trokken hingesprochen?

Frl. v. Glden. Haben Sie denn auch schon Beweise von des Grafen
Gegenliebe?

Louise. (ihrem Spiegel zulchelnd) Und wenn auch noch nicht.

Frl. v. Glden. Ich halt' es doch aber fr nothwendig.

Louise. I nun, wrst Du mit einem schchternen, verworrenen, unendlich viel
sagenden Blik des schnen Mannes zufrieden?

Frl. v. Glden. Wie sollt' ich nicht?

Louise. Oder mit einem Errthen desselben, wenn er Dir die Hand kte?

Frl. v. Glden. (unruhig) Errthete er wirklich?

Louise. Nun ja.




Zweites Kapitel.
-- -- Und wen? -- --


_Florentin_, von einer _Prinzessin_ geliebt, von einem _Frsten_ geachtet
und hervorgezogen, befand sich am Hofe, wie man leicht errth, vollkommen
zufrieden. Man kannte ihn allgemein als den Favorit des neuen _Herzogs_,
und eben dewegen liebkosete ihn der Neid selber.

Aber ach! seine Freude war nicht ungetrbt, denn aus einem Briefe seines
guten _Onkels_ erfuhr er _Holders_ Verschwinden, und die vorhergehenden
Szenen der Liebe, Verlobung, des neuen Adels und Rittergutes. _Holder_ war
ihm zu lieb; er konnte nie jenes Morgens vergessen, da derselbe den
sonderbaren Eid schwur; er wnschte ihn izt, als Zeugen seines Glkkes und
nun war er verloren. Da _Holder_ ein ausgemachter Sonderling war, blieb
_Florentinen_ nicht unverholen, aber jezt schien ihm das Spiel doch etwas
zu weit getrieben, oder es muten schlechterdings geheime, wichtige
Ursachen den Mann zwingen sich aus den Armen eines _Mdchens_, das er nach
seiner Aussage ber alles liebte, aus den Armen des _alten Grafen_, der ihn
seinen Sohn nannte zu reissen.

Am meisten war das arme _Rikchen_ zu bedauern, welche sich ber den Verlust
ihres _Holders_ wenig trsten lies. Sie verbarg umsonst ihrem _Oheim_ die
Thrnen, welche sie weinte; denn die verschwindende Rosenfarb' ihrer
Wangen, die halberstikten Seufzer, die rothgeriebenen Augen, das seltne,
melancholische Lcheln, das einsame Umherwandeln sagten ihm genug, und er
litt doppelt, um den Gram seines _Rikchens_ und um den Verlust seines
_einzigen Freundes_.

Er suchte Zerstreuung und fand sie selten; auf der Jagd fehlte ihm der
sonstige, angenehme Begleiter, in frohen Gesellschaften sein liebster
Gegner. Dazu kam es, da die Geschichte allgemein bekannt geworden war, und
die alten und jungen Damen und Herrn in ihren Konversationen oft sehr bel
darber meditirten.

_Florentin_ suchte durch seine Briefe tropfenweis Linderung auf diese Wunde
zu giessen, aber umsonst; sie verharschte schwer und blutete leicht wieder
auf. _Rikchens_ Briefe an ihren Bruder waren rhrend; noch nie hatte die
leidende Liebe naiver geklagt, zrtlicher getrauert.

Wie gern mgt ich sterben, sagte sie, und mich trsten lassen vom Tode!
aber dann wrde unser _Oheim_ ganz verlassen sein, ohne seinen _Holder_,
ohne sein _Rikchen_! Er soll sich nicht grmen; ich will leben und weinen,
ach Gott, wer wei es, wie lange noch! O _Florentin_, htte ich nie geliebt
und des Onkels Gebot befolgt -- aber was konnt ich thun um _Holdern_ nicht
zu lieben? -- Es war ja unmglich, und die Unmglichkeit selber war mir
angenehm, ist mirs noch izt, da ich dies unter Thrnen schreibe. Aber weist
Du was mich beruhigte -- Unser Prediger sagte neulich, da Gott die Liebe
selber wre; wenn nun der alte Mann nicht Unrecht htte, denn das mus er
doch wohl aus der Erfahrung wissen: so wird Gott mir meinen _Holder_
wiedergeben! -- _Holder_ mir wieder! _Holder_! o _Florentin_, ich mus in
den Garten hinausfliegen und mich erst mde freuen, eher ich Dir weiter
schreiben kann.

So schwrmte das gute _Mdchen_ immerfort, und der _alte Graf_ mit ihr.
Nach Wochen und Monden konnte _Rikchen_ nicht mehr weinen; der heftige
Schmerz verwandelte sich in eine se Schwermuth, und diese umnebelte mit
ihrem Schleier die Bilder der Vorzeit. Alle Leiden.

      -- All die namenlosen Wonnen
   Sie waren izt in der Erinnrung Traum zerronnen,
   Und -- -- -- dieser noch ist schn;
   Denn ihm verschwistert sich die traute Hofnung gerne,
   Sie lt dem Trauernden in der Ferne
   Der bessern Zukunft Paradise sehn.

Der alte Graf und seine Nichte lebten izt wieder das ehmahlige, einfache
Landleben, wie es vor _Florentins_ Ankunft und _Holders_ Bekanntschaft war.
Auerdem da _Florentin_ sie unterweilen einmahl besuchte, waren ihrer
Freuden wenig, so wie ihrer Leiden.

Nur _Florentins_ Leben war nicht mehr das stille, friedsame; hineingezogen
in die groe Welt, suchte er sich nun an alle ihre Sonderbarkeiten zu
fgen; Von einem _Herzoge_ Liebling, wagte ers seine ehmahligen,
schmeichelhaften Ideale in Wirklichkeit zu sezzen. Er wnschte sich vllig
gleich bleiben zu knnen; er sann darauf nicht _sich_ hfisch gros zu
machen, sondern groe _Thaten_ zu thun, denn an Gelegenheiten zu erhabnen
Dingen ist die Zeit niemals arm. Vor allen Dingen bemhte er sich die Gnade
seines Frsten mehr zu verdienen, sich demselben immer unentbehrlicher zu
machen. Es geschah. _Der Herzog_ kettete sich tglich fester an den Grafen;
Beide sah man stets beisammen; sie betrachteten sich zulezt nicht mehr, als
Obrigkeit und Unterthan, sondern, als Freunde und Brder.

Seliges Volk, dessen Frst nicht an den Launen einer _Pampadour_ gefesselt
ist, welche mit einem wollstigen Blik die ganze Tugend eines Landesvaters
verzehren, mit einem erknstelten Seufzer den biedern Verdienstvollen um
Hab und Gut und zum Kerker bringen, durch eine buhlerische Thrne ein
ganzes Land entgtern kann!

Der _Herzog_ liebte alles, was von _Florentin_ gethan wurde; er nahm in
vielen Stkken dessen Prinzipe an und er fand sich dabei und sein Volk
glklich. -- Bis izt kannte dieser Frst den Werth deutscher Schriftsteller
nur wenig, der Graf lehrte ihn denselben schtzen; in kurzer Zeit besas er
eine geschmakvolle Bibliothek der vorzglichsten deutschen Werke; sowohl
Statistiker, Philosophen, als Dichter, wurden seine Lektre. Aber nicht
jene alltgliche Lektre, welche die Langeweile einger Stunden vertreiben
soll, war die des Prinzen, sondern die, sich durch gute Schriften gut zu
bilden, sich aufzuklren, und denken und handeln zu lernen. Das Land
empfand die wohlthtigen Folgen, welche nothwendig daraus entspringen
mssen, und segnete seinen Vater.

Unterdessen der edle _Graf_ so seine Stunden fr das Wohl des Ganzen
widmete; unterdessen er von tausend Zungen vergttert wurde, nagte ein
geheimer Wurm an seinem Herzen, welchen er nur zu wohl kannte, aber um
seines Glkkes willen nie verrathen drfte.

Er liebte -- und wen? -- --




Drittes Kapitel.
Der arme Florentin!


Der alte herzogliche Geheimerathsprsident _von Hello_, ein Mann von
namenlosem Stolze, und eben so groer Bigotterie, kam aus einer Seion, als
ihm unterwegs ein Gedanke beifiel, welcher seine nhere Aufmerksamkeit zu
verdienen schien; und dieser betraf nichts geringers; als da er den Grafen
zu seinem Schwiegersohne erwhlen wollte.

_Agathe_, sein Frulein Tochter, hatte oft des _Grafen_ sehr wohlwollend
erwhnt, bald seinen angenehmen Wuchs, bald seinen mnnlich-schnen Teint
gelobt, da sie brigens sehr ungern etwas gutes und liebenswrdiges auer
ihrer kleinen, etwas misgewachsnen Person zu finden glaubte.

Sie war das einzige Kind des _Prsidenten_, und hatte brigens alle
Lebensmaximen desselben geerbt, mit welchen sie eine halbvertuschte
Coquetterie verband; der Vater liebte sie daher mit Affenliebe, ihre
Gebrechen verwandelten sich in seinem schonenden Auge zu Schnheiten, die
Summe aller Tugenden seiner Ahnen und Ahninnen glnzten ihm von seiner
Tochter wieder entgegen.

Du scheinst mir, sagte er lchelnd, Du scheinst mir den Grafen von Duur
nicht zu hassen, Agathchen?

Agathe. Wie fallen Sie auf _den_?

Prsident. Heut zum erstenmahl zog ich seine Person genauer in Betrachtung.

Agathe. Und?

Prsident. Ich fand einen feinen, gesitteten Mann, der da Ehre zu geben
weis, dem Ehre gebhrt.

Agathe. Ein geringes Verdienst, wahrhaftig!

Prsident. Er benuzte meine Laune und unterhielt sich mit mir ber eine
halbe Stunde.

Agathe. Viel, sehr viel von einem herzoglichen -- Mignon!

Prsident. Unter andern fragt' er mich um Dein Befinden.

Agathe. Ergebne Dienerin!

Prsident. Nun sag mir, Agathe, sag mir, was urtheilst Du von diesem
Kavalier?

Agathe. Da er -- da er -- sehr artig ist -- da er zu leben weis.

Prsident. Blutwenig; allein er ist von sehr altem, unvermischten Adel.

Agathe. Zhlt er ber die _Hello's_ hinaus?

Prsident. Ueber unsre Ahnenzahl? Bestes Agathchen, Du bist unterweilen
mehr beissend, als wizzig! ha, ha, ha! ber die Hello's hinaus! ha, ha, ha!
-- Doch, beiseite dies; er gefllt mir; und _Dir_ --?

Agathe. (den Kopf zurkwerfend) Hm, ein andres ist es den Herrn, ein andres
den _Damen_ gefallen; -- indessen -- wie Sie wollen; nun ja, er mag mir
gefallen.

Prsident. So? -- nun, was hltst Du von -- ich rede offenherzig zu Dir --
war hltst Du von einer Mariage zwischen -- --

Agathe. (sinkt aufschreiend in einen nahestehenden Sessel.) Mon Dieu! --
ein Riechstbchen!

Prsident. (geht kaltbltig und summend das Zimmer auf und nieder.)

Agathe. (halbe Ohnmacht affektirend.) O, Himmel! -- nehmen Sie -- mir
alles, nur meine -- Freiheit nicht -- nur den elenden -- Grafen nicht zu
meinem Gemahl! --

Prsident. (lchelnd.) Wer dringt Dir denn den Graf auf? Der Graf, sagte
ich, wird sich mit einer unsrer Verwandtinnen, dem Frulein _Aldenau_
vermhlen.

Agathe. (erschrokken. Doch Heiterkeit heuchelnd.) Mit -- mit dem Frulein
_Aldenau_? -- Ist das sicher?

Prsident. So, da ich nicht daran zweifle.

Agathe. Es ist unmglich, sag ich Ihnen.

Prsident. Wie so?

Agathe. Eine _Aldenau_? -- Graf _Duur_ _eine Aldenau_ whlen? wahrhaftig
ich htte seiner Delikatesse mehr getraut; und berdem --

Prsident. Ueberdem? --

Agathe. Kenne ich den Graf zu wohl; auf der lezten Redoute, als er mich von
einer Angloise zurkfhrte, lies er einige vielsagende Worte fallen. Die --

Prsident. Nun?

Agathe. Von seinem edeln Geschmak zeugten. -- Er wich selten von meiner
Seite; sprach viel Ses -- und -- --

Prsident. (lchelnd.) _Agathchen_, gefllt Dir der Herr _von Duur_?

Agathe. Ist Ihre Nachricht von der _Aldenau_ gegrndet?

Prsident. Vllig gegrndet.

Agathe. Unerhrt! sollte man je die Mglichkeit eines so pbelhaften
Einfalls trumen knnen? o, erlauben Sie, ich mus auf mein Zimmer; mir wird
es -- ich befinde mich nicht ganz wohl.

Prsident. Wir haben heut Gesellschaft; man wird Dich doch sehen?

Agathe. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Prsident. Der Graf selber wird uns die Visite machen.

Agathe. O weh, desto schlimmer! erlauben Sie, da ich mich in die
Einsamkeit retirire; ich will Aesops Fabel vom Fuchs und dem leeren
Statenkopf lesen.

Prsident. Und (schlau lchelnd.) Die Geschichte mit dem Frulein von
_Aldenau_ ist so gut, als ein Mrchen.

Agathe. (mit plzlich aufgeklrter Miene.) Wie, sagen Sie, _wie_? ein
_Mrchen_? -- (kalt und stolz.) Doch seis auch, was intereirts mich?

Prsident. Schade, Schade, da Dir nicht wohl ist!

Agathe. Ich hoffe, es wird vorbergehn.

Prsident. Nein, nein, liebes _Agathchen_, hab wohl auf Dich Acht; opfre
Deine zarte Gesundheit nicht um der Gesellschaft willen auf!

Agathe. (schmeichelhaft) Nicht doch, Papachen, es wrde ja manchen
beleidigen, wenn ich in der Gesellschaft fehlte; erlauben Sie mirs nur; --
ich erscheine.

Prsident. He, he, he, he! und wer ist denn der _Manche_? he, he, he! wer
ist denn der _manche_?

Der _alte Prsident_ wollte wizzig, und _Agathchen_ gern roth werden, aber
Beiden gelang es nicht.

Es wurde Abend; die Karossen rollten herbei; der _Graf_ kam; _Agathchen_
ermangelte nicht anwesend zu sein. _Der Prsident_ sprach hin und wieder;
_Florentin_ horchte, verstand es nicht und lchelte. _Agathchen_ warf eben
so oft in ser, jungfrulicher Schaam den Fcher vor die Augen und
_Florentin_ verstand mehr; und scherzte wie in einem Scherze. Der _alte
Minister_ nannte den _Grafen_ zuweilen _Shnchen_; _Florentinen_ ging ein
Licht auf und er -- rieb sich die Stirn.




Viertes Kapitel.
Einige Damen werden behorcht.


Ich habe einen berhmten Pdagogen gekannt, dessen Schriften ber das
Erziehungswesen mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden, dessen eigne
Kinder aber Taugenichtse waren.

Einer unsrer grten Schriftsteller ber die Oekonomie und Landwirthschaft
wute selber so wenig wirthlich zu leben, da er bankerotirte.

Es ist also ein sehr alltglicher Fall, da groe Leute in ihrem Hause
selber fters die kleinsten sind, und da sie von ihrer hulichen
Unordnung auf das abstrahiren, war _besser_ sein _knnte_. Eben so ging's
auch dem in vieler Hinsicht sehr einsichtsvollen Staatsmann,
_Geheimerathsprsidenten v. Hello_. Er, der oft mit so vieler Schlauheit
fremden Hfen das wahre Interesse seines Frsten zu verbergen wute, beging
den groen Fehler seinen Freunden zu verrathen, da der _Graf v. Duur_
Absichten auf das liebenswrdige Frulein _Agathe_ geussert habe,
wenigstens zu ussern schiene, und da Frulein _Agathe_ so wenig, als _Sr.
Excellenz_, diesen Absichten entgegen zu arbeiten, geneigt wren.

Am folgenden Tage war die Residenz von dieser Novelle voll.

Der schne Graf die _Agathe v. Hello_? hiess es in brgerlichen und
adlichen Gesellschaften; -- der _Graf_ die _Agathe v. Hello_? Die beiden
Extreme der Natur, Schnheit und Hlichkeit verknpfen sich mit einander?
dachten die verheuratheteten und unverheuratheten jungen Damen bei sich in
der Stille, und sagten es zum Theil auch wohl laut. Er opfert seine
Delikatesse der Politik auf! gaben einige weltkluge Herrn sehr weislich
an. Vielleicht schliet der _Graf_ diese Heurath aus Liebe zum Kontrast!
wizzelten einige Wizjger.

Das _Frulein v. Glden_ erfuhr diese Nachricht, ging in ihr Kabinet und --
weinte.

Ich habe geliebt, sagte sie vor sich, ich habe geliebt, und werde nie
wieder lieben! o, was ein Mdchen unglklich ist, welches seine Liebe nie
verrathen darf! Er hat mich kaum bemerkt, seit er am Hofe ist; und wie
konnt er das, er der von allen Vergtterte? hat mich kaum bemerkt, und ich
habe ihn so sehr geliebt! -- Ja, ich habe ihn geliebt, liebe ihn noch; und
wre _Agathe v. Hello_ zehnfach reicher denn _Auguste v. Glden_, und wre
_Agathe v. Hello_ die Tochter einen Kaisers, sie knnte ihn nicht heftiger,
als ich, lieben. -- Aller Weiber Blikke buhlten um den seinen, nur der
_meinige nie_, und, ach, ihre Coquetterie trgt den Sieg davon! --
Vielleicht wr ich glklich gewesen, htt ich ihn mehr aufgesucht, und alle
die Reize aufgespannt, welche _Agathe_ aus ihren Romanen kennen gelernt
haben mag. -- Ein schmachtender, oder ein wollustbietender und
wollustverlangender Blik wirkt mehr auf Mnnerherzen, als das schaamvolle
zu Boden gesenkte Auge. -- Unseelige Erfahrung, die mich zu spt weise
macht! -- --

Doch nein, ich bin zufrieden in meinem Unglk; ich verachte den Sieg, wozu
die Snde Waffen bietet. (sie zieht ein Miniaturgemlde aus dem Busen,
sieht es mit nassen Augen an und drkt einen Kus darauf.) _Gustaf_,
seeliger _Gustaf_, sei _Du_; bleib _Du_ mein Geliebter! -- wie sehr diese
Zge den Zgen des _Grafen_ gleichen! -- Eben diese Harmonie ist die Quelle
meines Leidens. Zrne nicht, lieber schner _Gustaf_; _Duur_ konnte dich
nicht aus meinem Herzen verdrngen, aber wohl htte ich dich allein nur in
ihm geliebt. -- Du bist mein, und dieses Bildni soll mich ewig begleiten.
-- Lieg' ich einst im Sterbebette, seh ich die Trume dieses Lebens gemach
verschwinden, fhl ich mein Auge brechen, dann will ich das Heiligthum noch
einmal betrachten, und es mit sterbenden Lippen kssen! --

So schwrmte das Mdchen noch ein Weilchen hin, nahm dann ein Buch und las.
-- In eben dem Augenblikke trat die _Prinzessin Louise_ zur Thr herein;
das _Frulein_ legte das Buch zur Seite, und ging ihrer Gebieterin
entgegen.

Pr. Louise. Ich stre doch nicht, _Auguste_?

Frl. v. Glden. Wie knnten _Sie stren_?

Pr. Louise. Du hast ja geweint, liebes Mdchen? -- warum so schwermthig?
sehnst du Dich fort von hier nach den Landgegenden um deines Vaters
Schlosse? oder bist du beleidigt worden? sprich doch!

Frl. v. Glden. (die Thrnen weglchelnd) Keines von allen. Ich habe
gelesen.

Pr. Louise. So? ist denn das Buch so herzbrechend? -- la doch etwas daraus
hren, ich mgte auch wohl einmal weinen.

Frl. v. Glden. Sie werden sich -- --

Pr. Louise. Nichts; nichts! ich will mich hieher sezzen am Fenster und du
sollst mir etwas vorlesen. -- Es kmmt darin doch auch von _Liebe_ vor.

Frl. v. Glden. (mit angenommenem scherzhaften Tone) Allerdings, was knnte
sonst interessiren.

Pr. Louise. Ich denke auch. Also -- --

Frl. v. Glden. (lesend) Es war einmal eine Zeit, wo ich sehr glklich
war; es war einmal eine Zeit, wo mir alle Menschen Heilige, diese Welt ein
himmlisches Gefilde, dieses Leben ein schner Morgentraum schien! -- Es ist
s, sich noch an vergangnen, glklichen Tagen zu weiden, seelige Szenen in
das treue Gedchtni heimzurufen. O, kommt zurk ihr heiligen Stunden
meiner Kindheit und umgaukelt meine kranke Seele mit euern bunten Farben!
lebt auf ihr frohen Augenblikke, die ich an den Ufern eines Baches
vertrumte, und ihr verwelkten Jasminlauben blht auf, die ich einst fr
mich und den Geliebten hinpflanzte! -- Ihr seid verwelkt; ich welke mit
euch hin. Dieses Leben ist mir noch eine einsame Zelle, worin ich vergangne
Freuden beweinen mu.

Du trauerst, mein Liebling, und seufzest aus der Ferne zu mir herber? --
Kettengeklirr wekt Dich aus dem mitternchtlichen Schlummer? -- O, am Tage
des groen Weltgerichts wird Deine Unschuld ohne Schleier offenbar werden;
schne Stunden blhen fr uns in einer bessern Welt! Harre bis dahin und
dulde; hier verweinte Thrnen werden dereinst Rosen in Deinem Kranze. --
Lchle, lchle! mag die furchtbarste Stunde Dir erscheinen, sie wird Dich
nicht schaudern machen; denn Unschuld wandelt ja heiter ber sinkende
Welten; die schwarze Gefahr geht liebkosend ihr vorber; in schauerlichen
Mitternchten ist sie sich selber ein leuchtendes Gestirn! -- --

Pr. Louise. (ghnend) Hre auf, hre auf, wenn Du mich wachend haben
willst. -- Mein Gott wohin denken denn unsre heutigen Bchermacher; ist es
doch, als kmen sie alle aus dem Bildervollen Morgenlande gewandert. Willst
Du lesen, Auguste, so komm zu mir; ich gebe Dir die _Gedichte im Geschmak
des Grecourt_. Weit Du nichts Neues?

Frl. v. Glden. Wenig, und vielleicht etwas unangenehmes fr Sie.

Pr. Louise. (sinnend) Unangenehm? doch nichts vom Grafen _Duur_?

Frl. v. Glden. Eben von ihm.

Pr. Louise. (ngstlicher) Nun was ists?

Frl. v. Glden. Da er -- erklrter Brutigam -- des Fruleins von _Hello_
ist.

Pr. Louise. (ausgelassen lachend) Ha, ha, ha! wer band Dir das Mrchen auf?

Frl. v. Glden. Ich bitte um Verzeihung, kein Mrchen.

Pr. Louise. Wahrheit? -- lustig, liebes Mdchen, so ist es noch besser!

Frl. v. Glden. (erstaunend) Wenn ich fragen darf, wie so?

Pr. Louise. Du, Sonderbare, wie knnte der Graf die ekelhafte Puppe lieben?
Heurathen wird er sie, doch ohne Liebe; diese bleibt mir brig! -- Freue
Dich!

Frl. v. Glden. Sie sind Ihres Sieges so gewis ber ihn?

Pr. Louise. Du fragst sehr beleidigend?

Frl. v. Glden. (seufzend) Verzeihen Sie?

Pr. Louise. Warum seufzest Du? -- meinst Du vielleicht da ich zrne? nicht
doch, wie knnt ich das? komm, ksse mich!

Frl. v. Glden. (sie kssend) O, Prinzessin!




Fnftes Kapitel.
Das Strumpfband.


Es war an einem schnen Sommerabend, als die ganze herzogliche Familie in
dem Schlosgarten offne Tafel hielt. Unter den anwesenden Hofleuten befand
sich, wie man leicht erwartet, auch der Graf _v. Duur_, und das _Frulein
von Glden_ mit ihrer Gebieterin.

Der _Graf_ war ungemein heiter; eine liebliche Ahndung umschwebte ihn; er
wandelte bald einsam unter den hohen, finstergewlbten Linden, durch welche
das Licht der Abendrthe zitterte, bald nekte er die Damen.

Es wurde spter; die hohe Gesellschaft entfernte sich, der Herzog sowohl,
als seine Frau Mutter, und der Schwarm von Rthen, Kammerherrn, und
Hofdamen. Nur _Florentin_ blieb, und wute nicht warum? er fhlte sich
seeliger, als je, und wute nicht warum? -- --

Sinnend ging er durch die Alleen, an den Kanlen umher, unter den duftenden
Orangerien; oder er bestieg die Terrassen, verweilte bei den Fontainen,
oder besuchte das Chor der im Mondglanz schimmernden Marmorstatuen. Und
berall, wo er ging, wo er stand, umschwebte seine Seele ein ssser Name,
ein ssses Bild, welches beides er um kein Frstenthum gern verloren htte.
-- Er liebte, liebte vielleicht glklich; die ernste Vernunft wagte es
freilich wider diese Empfindung zu streiten, aber blieb gegen ihren Zauber
zu schwach.

_Florentin_ liebte die schne Schwester seines Herzogs, die Prinzein
_Louise_.

Wehe Dir, Florentin! rief oft sein _Genius_ ihm ins Ohr: Deine Liebe
wird schreklich enden. Warum schwindelst Du vermessen ber Stand und Wrden
hinweg? Wie manches Mdchen, gleich schn, wie _Louise_, und ganz zur Liebe
gebaut, wie sie, Dir im Range gleich, fnet ihre Arme Dir entgegen? --
Warum whlst Du von allen Wegen den Gefahrvollsten? -- Dein Herabsturz wird
eben so schreklich sein, als Dein Emporsteigen dir izt schmeichelhaft ist!

_Florentin_ hrte die Stimme des warnenden Geniusses; aber der dazwischen
tnende Name _Louisens_ fllte Ohr und Seele und lies fr alles brige
keinen Raum. Jedes im Abendwinde zitternde Laub schien ihn zu lispeln;
jeder Strahl des Mondes ihn auf die rinnende Welle mit Goldschrift zu
mahlen; jedes Blumenbeet absichtlich in einem _L._ die schnsten Blumen
blhen zu lassen.

Nein, nein, es ist nicht die Willkhr des Menschen in der Liebe, sondern
die Hand des Verhngnisses, welche gewaltsam die Fden unsers Schiksals
zerreisst und an einander knpft, und Seelen Seelen entgegenfhrt. Wer kann
dem Fatum widerstehen, und besonders wenn dasselbe uns in so weiche Fesseln
schlingt! -- -- Spreche doch keiner vom freien Willen; wer ist wohl frei in
der Wahl eines zu liebenden Gegenstandes und frei, wenn er liebt, der
sssen Leidenschaft zu entsagen?

_Florentin_, Dein schwarzer Dmon ruft Dir das Wehe! zu, ich spreche: Heil
Dir, der Du izt in angenehme Trumerein verstrikt, die ganze Seeligkeit des
Lebens fhlst, und in banger Wollust Freuden ahndest, welche die Freuden
des Himmels begrnzen. -- Deinen trben Stunden kannst Du doch nicht
entrinnen!

Es war neun Uhr vorber, und der Abend viel zu schn, als da die rasche,
feurige _Louise_ sich schon in ihr Kabinet htte einkerkern sollen.
Ueberdies erfuhr sie durch ein Ohngefhr, da der _Graf von Duur_ im
Schlosgarten geblieben sei, wo man ihn noch vor einer Viertelstunde gesehen
haben wollte. Dieser Zufall hatte mchtigern Reiz, als alle brige
Lokkungen des schwlen Sommerabends. Einsam war sie; der Flgel des
Palasts, den sie bewohnte, sties an den Garten, -- nichts war hier also ein
Hindernis um ungestrt dahin fliegen zu knnen; und eine sonst unbescholtne
Person _ihres_ Ranges ist ber niedrigen Verdacht erhaben.

In einem leichten Nachtgewande, eine Enveloppe um sich geworfen, ging sie
hinaus;

      Und wie ein Paradies, in rtselhafter Helle,
   Lag ihren Blikken izt der Garten ausgespannt;
   Ein ssser, wonnesamer Bltenregen
   Schlug ihr im Zug der Abendluft entgegen.

      Rings suselts feierlich. Der Bume schwarzes Grn
   Lies sich auf Zefyrs Schwingen wiegen;
   Von keinem Fus berhrt, krmme sich in schnen Zgen
   Der breite, sandge Pfad durch Hekken von Jasmin.
   Von ferne murmelte, mit Golde berflogen,
   Der prchtigen Fontainen halber Bogen,
   Und in der Luft zerflos ein ssser Hall
   Der einsam fltenden Nachtigall.

Schchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden
gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die _Prinzessin_ in dies
angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den
_Geliebten_ zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald
entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder
der andre Gedanke sie lenkte. Bald wnschte sie von ihm erblikt zu werden;
es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch
Winkelzge, oder grade Wege sich Dir nhert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht
hast. Weicht er aus, so -- -- doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es
thte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt;
dann spiele Dich ihm von ohngefhr in den Weg, da er unmglich entkommen
kann. -- Allein wird er nicht argwhnen, da -- Du ihn aufgesucht habest?
wird er nicht daraus schliessen, da Du ihn liebest? -- Pfui! doch mag ers
immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem
erwiedert! --

Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs
Helle schlich, strte sie mit einemmahle ein sehr geringfgiger Umstand in
ihren verliebten Betrachtungen -- ein _Strumpfband_.

Dieses unbedeutende Stkchen in der Damenkleidung, welches schon so manche
wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten
englischen Orden gab, wurde _Louisens_ schnem Kniee treulos, lste sich
mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf
von seinem Dienste abspenstig, so da beide ganz unbemerkt, und sanft, als
mglich, ber die niedlichste Wade hinabschlpften, bis zum Knchel hin.

Das _liebeathmende Mdchen_ ahndete diese kleine Verrtherei so wenig, da
sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr
flatterte bald um die entkleidete Schnheit, und ein hervorragender Zweig
der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhllte
Wade einer schnen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte
durch seine khle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.

Sie sezte ohne Zaudern den Fu auf eine dabei stehende Rasenbanke, schrzte
das seidne Rkchen in die Hhe und war so eben im Begrif die kleine
Unordnung wieder herzustellen, als -- o weh! der _Graf_ unverhoft aus einem
mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie
versteinert, stehen blieb.

_Louise_ war eben so bestrzt, als der _Graf_, und war eben so wenig
vermgend ihre Attitde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu
verndern, als der _Graf_ seine Augen von dem schnen, seltnen Schauspiel,
von der weissen, sanftgerndeten Wade, von dem entblten Knie, u. s. w. u.
s. w. wenden konnte.

In allen Fllen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem
jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknpft, sobald
wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte
Wendung zu geben wei. Allein ob der _Graf_, welcher sich und die
Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum
besten nahm, la ich unentschieden. Er lag nmlich nach einigen
Augenblikken zu _Louisens_ Fen und -- bat um Verzeihung sie berrascht zu
haben.

Mgten alle Damen so tolerant sein, als hier es _die unsrige_ war. Es ist
doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Fen,
mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen -- folglich mag es ihm
verziehen sein. --

Sie zupfte den Rok etwas tiefer hinab und sagte lchelnd: Sie haben Ursach
um Vergebung zu bitten!

Liebe macht khn, und das _Halbdunkel_ der Nacht verwegen. Er drkte einen
brennenden Kus der Dankbarkeit auf ihre Hand, welche sie, absichtlich ober
nicht, wegzog, so da seine Lippen auf dem Orte ruhten, welchen Band und
Strumpf unbedekt gelassen hatten.

Erlauben Sie mir doch nur das Band umzubinden! sagte sie in einem Ton,
der gar nicht bse klang; allein der verzauberte _Florentin_ gehorchte
diesmal nicht, denn alle seine Sinne waren auf den Gegenstand seiner Ksse
hingezogen.

Sie werden mich aufbringen, _Graf_! sagte sie nach einer langen Pause, in
welcher sie wohlgefllig auf den schnen Liebetrunkenen hinabgesehen hatte;
Sie werden mich aufbringen und ich mich ber Sie beschweren. -- -- Diese
Worte flossen schon viel schneller und klangen schon zorniger, obgleich
noch immer die Stimme viel Bittendes hatte.

Schnell und besonnen sprang der _Graf_ auf, stammelte einige
Entschuldigungen und entfernte sich schchtern indem er wieder in den
Seitenweg zurkging.

_Louise_ sah ihn nicht so bald verschwinden, als sie auf sich selbst bse
ward, weil sie besorgte zu hart gesprochen zu haben. Sich selbst
vergessend, das verhaste Knieband noch in der Hand, eilte sie zum Eingang
des Nebenweges und rief ihn halblaut nach: Kommen Sie doch her, _Graf_!

Nie gehorchte _Florentin_ lieber, als izt.

Ich hoffe Sie werden die Achtung, die sie auch dem geringsten Frauenzimmer
schuldig sind, nicht vergessen und weder Wort noch Wink von der vergangnen
Szene fallen lassen. Da Sie Ihre Bescheidenheit vergassen, vergeb ich
Ihnen.

Er konnte nichts hierauf erwiedern, als eine stumme, ehrfurchtsvolle
Verbeugung.

Geben Sie mir doch Ihren Arm!

Er gab ihn. Die Hofnung regte sich wieder in ihm und lies ihn Muth fassen;
doch wagte ers nicht sobald ein Wrtchen zu sprechen. Neben einer zrnenden
Geliebten gehn, wie so qulend und doch wie so angenehm!

Beide wandelten, versunken in bangen Gefhlen der Liebe, schweigend durch
die hin und wieder vom Mondschein durchbrochne Dmmerung der Alleen; beide
schmachteten so lange nach diesem Augenblik, und izt entfloh er ungenzt;
beide wnschten sich ihrer Seele Geheimnisse zu entfalten und vermogten es
kaum ein schaales Wetter Gesprch anzuknpfen.

Louise. (leisen Tones) Ich htte Recht auf Sie zu zrnen -- aber -- izt,
glaub ich gar, sind Sie mir bse?

Graf. (ngstlich stotternd) Ich Ew. Durchlaucht bse sein?

Louise. Warum gehn Sie so stumm neben mir?

Graf. Ich weis nicht, ob ich darf -- --

Louise. Weswegen nicht? -- -- Nicht wahr, es ist ein gttlicher Abend?

Graf. Ein gttlicher Abend! -- es ist angenehm so in der Stille dieser
einsamen Schlosgegend seinen Gedanken einen freiern Flug zu erlauben; sich
aus einer Welt, die doch manches, -- manches Bittre in sich fat, mit
Adlers-Flgeln emporzuheben und seine Seele in glklichen Trumen zu
erquikken.

Louise. Verzeihn Sie also, wenn ich Sie unschuldiger Weise darin strte.
Ich weis es, es ist ss _allein_ zu schwrmen, aber _gesellschaftlich_ mit
einer harmonirenden Seele diese geistigen Ausflge zu wagen, ist zehnfach
ssser. Ich bedaure Sie, Graf, da Ihnen heut die Gesellschafterin fehlt,
wohl gar durch mich.

Graf. Mir fehlt, und durch _Sie_? Ich bitte um Verzeihung, sie hat mir
_nie_ gefehlt und heut just am _wenigsten_.

Louise. Es ist wahr, wie knnte sie jemals fehlen, da eben _sie_
gewhnlich, vielleicht auch bei Ihnen, den ganzen Himmel ausmacht, zu dem
sich die empfindsamen Werthers hinanschwrmen.

Graf. (etwas bedeutend) Halten Sie mich fr solch einen _Werther_?

Louise. Ihre _Lotte_ wenigstens ist mir nicht unbekannt.

Graf. Meine _Lotte_? Sie scherzen.

Louise. (sanft) Scherzen? nein doch, ich bin sehr ernsthaft, oder es wre
denn, da die _ganze Stadt_ scherzte.

Graf. (verwundert) Die ganze Stadt?

Louise. Was hilft hier allen Lugnen? kurz gestehen Sie nur:

   Der Liebe ssses Bildnis
   Umschwebt uns im Elysium,
   Umschwebt uns in der Wildnis.

Graf. Ich bitte um Aufschlus dieser ewigen Rthsel?

Louise. Wie Sie sich doch verstellen knnen! -- nu, der Aufschlus sei eine
Gratulation zu Ihrer, ich hoffe sehr baldigen, Vermhlung mit dem schnen
Frulein _v. Hello_.

Graf. Dem Frulein _v. Hello_? Ihr Spott ist bitter. Wenigstens hab ichs
nie gewagt meinen Stolz zu dem Besiz dieses Fruleins hinanschwindeln zu
lassen.

Louise. Vielleicht sind Sie ein Freund der _platonischen_ Liebe.

Graf. Ohne der Tochter eines Geheimerathsprsidenten wehe zu thun, kann ich
betheuren, niemals eine Liebe mit ihr getrumt zu haben.

Louise. Sie werden zu ernsthaft. Ich will glauben da mich ein falsches
Gercht getuscht habe; will es, wenn Sie es fodern, mir sogar einbilden,
da Sie ein erklrter Feind der Damen sind. -- --

Graf. Vielleicht wre lezteres allenthalben mglich, nur aber unmglich an
einem Hofe, an welchem eine Prinzessin _Louise_ glnzt.

Louise. Schade da die Prinzessin _Louise_ den geliebtern Namen einer
_Unbekannten_ verkappen mu!

Graf. Die mir gewi eben so unbekannt, als Ihnen, ist.

Louise. Meine, vielleicht nur durch den Rang erhobne, Wenigkeit wre in der
Residenz also nur die _Einzige_?

Graf. (ihren Arm dichter umschliessend) Nur die Einzige!

Louise. Wahrhaftig, Graf, sie treiben Ihre Galanterie auf Unkosten der
ganzen Damenwelt zu weit. -- Sie haben doch wahrscheinlich schon geliebt?

Graf. O, der Name _Liebe_ begreift viel in sich! doch so ganz geliebt, was
sich _lieben_ nennen lt, noch nicht.

Louise. Sie brden meiner Leichtglubigkeit zu viel auf. -- Und Sie kommen
hieher an den Hof, wollen hier noch keinen Gegenstand Ihres Gefhls
gefunden haben -- nennen mich noch als den einzigen -- --

Graf. Der von allen -- -- allen geliebet wird.

Louise. Das Wort Liebe, fat viel in sich, bedenken Sie ihr Gesagtes wohl!

Graf. Vielleicht wre: _angebetet_ besser gesprochen.

Louise. (indem sie um sich her sieht) Aber, _Graf_, wohin haben Sie mich
gefhrt? Mir graut in dieser Wildni, lassen Sie uns nach dem Schlosse
zurkgehn.

In der That waren beide jezt in einem zum Schlogarten gehrigen Wldchen,
das allein fr die Schwrmereien der Liebe oder Andacht da hingepflanzt zu
sein schien.

Vor ihren Fen dehnte sich ein kleines Thal; dessen Anhhen von allen
Seiten mit hohen und niedern Gebschen bedekt waren. Zur rechten hob sich
im Schimmer des Mondes eine Eremitage, auf deren mit Tannenreisern
bestreutem Giebel ein Kreuz glnzte.

Eichen, Fichten und Eschen sumsten im Abendwinde feierlich ihre eintnige
Melodie; eine Nachtigall hpfte im nahen Hollunderbusche von Zweig zu Zweig
und sang den Gesang der Liebe.

Der _Graf_ und die _Prinzessin_ standen still, beide einander gegenber,
Auge in Auge gesenkt, Hand in Hand geschlossen. -- Sie verstanden sich. Der
_Graf_ fhlte _Louisens_ Liebe in dem sanften Druk ihrer Hnde, welche halb
die seinigen einschlossen; ein leiser, kaum gewagter Gegendruk verrieth an
_Louisen_ Gegenliebe. Sie sprachen nicht; ihre Blikke waren getreuere
Dollmetscher ihrer Empfindungen. -- _Florentins_ Odem flog immer schneller;
sein Herz schlug heftiger; es wurde ihm alles zu eng. _Louisens_ Busen
stieg und sank, von der sen Leidenschaft emprt, welche sekundenweis
durch Einsamkeit und Anschaun des schnen geliebten Jnglings wuchs.

Ein halbunterdrkter Seufzer entschlpfte ihr; sie lehnte sich vertraulich
an den Grafen und sprach mit lispelnder Stimme, indem sie mit unnennbarer
Anmuth zu ihm heraufsah: ich bin ermdet! _Duur_ breitete ein seidnes
Taschentuch ber ein benachbartes Bnkchen und nthigte sie zum
Niedersizzen. Die Banke, durch Alter und mannigfach Witterung vermorscht,
war nur halb zum Ges tauglich, und lie dem _Graf_ keinen Platz brig. Er
sezte sich also auf die Erde zu _Louisens_ Fen nieder, ergrif ihre Hand
und lie die seine auf ihrem Schooe ruhen.

So sa ja wohl _Hamlet_, hub sie lchelnd nach einer Weile an, neben
_Ophelien_?

Eben damals, erwiederte _Duur_, eben damals als er sagte: hier ist ein
Magnet der strker zieht. -- Oh, da ich nicht _Hamlet_ bin, oder was er
war!

Warum?

Ihnen statt dieser Bank einen Thron anbieten zu drfen.

Wahrhaftig, die galanteste Naivett, welche mir je vorgekommen ist. Aber
wie wenn ich, zufrieden mit der Bank, den Thron ausschlge?

So wre auch ein kniglicher Thron fr Sie nicht belohnend; der Kaiser mag
es mir daher in Gnaden vergeben, wenn ich _seinen_ Thron Ihnen feil biete.

Graf, Graf, warum sind Sie so verschwenderisch mit Knigreichen, und warum
erlauben Sie mir nicht das schmale Pltzchen dieses Bnkchens? Macht denn
Titelpracht und Goldglanz seelig? Das sollten Sie doch wissen, wenigstens
von mir nicht glauben. Sehn Sie, diesen schnen Abend, die reinen
Empfindungen welche in mir die lieblichste Stimmung der Seele
hervorbrachten, und diesen Siz, vor welchem sich mir die reizendsten
Naturszenen entfalteten, wrd' ich um den Namen einer Knigin nicht
vertauschen.

Wie glklich Sie sein mssen mit solch einem Herzen! und wie glklich wr
ich, wenn ich mir schmeicheln drfte, auch ein Etwas zu Ihrer Zufriedenheit
beigetragen zu haben. -- _Darf_ ich hoffen?

Vielleicht!

Unter diesem Gesprche hatte _Duur Louisens_ Hand in die seinen
geschlossen; er drkte sie oft an seine Lippen, und die _Prinzessin_
duldete es.

Knnte Sie der vorige Wunsch nicht glklich machen, so wrd' ichs wagen
ihn umzukehren: wren Sie doch minder erhaben, wenigstens mit gleicher!
ach, drfte ich die _Durchlaucht_ mit dem sssern Namen _Louise_
verwechseln!

Ein Wunsch der mir schon der Neuheit willen gefllt. Ich weis nicht ob er
mich glklicher machen wrde; wre es indessen bei Ihnen der Fall, so kann
ich ihn Ihnen leicht gewhren. Nennen Sie mich immerhin da Louise_,_ wo uns
kein fremdes Ohr belauscht.

Florentin. (schwrmerisch zu ihr hinanblikkend) _Louise_, o _Louise_,
_Louise_!

Louise. (lchelnd) Ein sonderbarer Geschmak der sein Vergngen in der
Ausrufung eines leeren Namens findet.

Florentin. O nicht wahr, Sie sind _nur_ _Louise_; nicht mehr, nicht _jezt_
die Schwester eines _Herzogs_ -- nur allein, die sanfte, liebenswrdige
_Louise_ sind Sie?

Louise. (den Blik von der Seite wendend) Nun ja, ich will es ja sein!

Florentin. Hren Sie izt, schne _Louise_, ein Bekenntnis, welches die
Frstin, die herzogliche Schwester nicht wissen darf -- ich verehre die
Prinzessin mehr, als einer ihrer Unterthanen, aber -- _Louisen_ --
_Louisen_ _liebe_ ich. --

Louise. (die Hand zurkziehend) Graf!

Florentin. (sie wiedernehmend) O, _Louise_, hat es die _Prinzessin_ gehrt,
was ich _Ihnen_ nur sagte.

Louise. Graf!

Florentin. Wird die _Frstin_ zrnen, da ich -- _Louisen_ liebe? --

Sie antwortete nicht, so gern sie wollte. _Duur_ lag auf seinen Knien vor
ihr; sie starrte ihn mit schwimmenden Augen an, und neigte ihre Stirn gegen
die seine.

Ihre linke Hand ruhte auf seiner Schulter, die rechte hielt er fest in die
seinige geschlossen; Er wartete einer Antwort entgegen und sie kam nicht.
Seine Lippen berhrten ihre Wangen -- er kte -- und fhlte einen leisen
Gegenkus. --

_Amor_ siegte und schwang sich lchelnd ber das liebende Paar empor; er
sah eine Prinzessin in den Armen eines Grafen liegen, und das
wollustathmende Mdchen und der liebeglhende Jngling kannten keinen Rang,
keinen Unterschied.

Gefhllosen Seelen wrd ich mit dem Ausmahlen dieser glklichen Situazion
Langeweile erregen, und denen, die glklich geliebt haben, oder noch
lieben, rathe ich, um mir Raum zu ersparen, hnliche Szenen die sie selber
empfanden, dieser unterzuschieben.

Es wurde spter. Berauscht an allen ihren Sinnen merkten sie nicht den
Anzug der Mitternachtsstunde; nur das Ohngefhr einer dem Mond
vorbergleitenden Regenwolke, die plzlich daraus entstehende allgemeine
Dsternheit scheuchte die _Prinzessin_ in ihrem Liebestaumel auf.

_Florentin_ war inde Meister von dem Strumpfbande geworden, welches
_Louise_ noch immer in der Hand gehalten hatte. Sie verlangte es zurk,
_Duur_ aber versagte es schmeichelnd; er bat es sich als ein theures
Angedenken dieses Abends aus, oder wnschte es mit eignen Hnden selber dem
schnen Knie umwinden zu drfen, dem es zugehrte.

Behalten Sie es denn, sagte sie, bis ich Ihnen eine Stunde bestimme, in
welcher ich Ihnen auch das _leztere_ erlauben werde.

Und sie schieden auseinander.




Sechstes Kapitel.
Ein sonderbares Phnomen.


Eine Woche verstrich nach der andern, ohne da die _Prinzessin_ die seelige
Stunde angab, nach welcher _Florentin_ izt seufzte. Inzwischen konnte sie
ihre Liebe dem Hofe wenig verbergen; jedes Fest, in dem der _Graf_
mangelte, war fr sie ennuiant; nur seine Gegenwart erhhte ihren Reiz,
ihre Lebhaftigkeit, ihre frhliche Laune.

Am Herzoglichen Hofe hielt sich um diese Zeit Prinz _Moriz_ auf, ein
appanagirter Herr, der ehemals einer kriegfhrenden Macht im Felde gedient
hatte.

Sein Aeusseres entsprach dem Innern vollkommen. Denken Sie sich, meine
Leser, einen langen hagern Mann, der in den Zeiten des Faustrechts hchst
wahrscheinlich eine glnzende Epoche gemacht haben wrde. Er hatte grosse
graue Augen, die sich gewhnlich so majesttisch von der Seite wlzten, da
man Geld dafr gegeben htte, die Majestt der Augen nie gesehn zu haben.
Sein Gesicht war braun und von starken, groben Zgen; seine Nase bei den
Augenwinkeln tief eingebogen; seine Stirn klein, und von einigen Bscheln
schwarzer Haare berschattet. Seine Stimme rauh und herrisch.

Er hatte eine geraume Zeit in Italien gelebt und sein Karakter einen
merklichen Anstrich von dem der Italiner gewonnen. Er war tkkisch, und
verschlagen. Sanfter Empfindungen war seine Seele selten gewohnt; einen
vollen Pokal und ein Freudenmdchen nannte er die Seeligkeiten des
Friedens.

Und eben dieser Mann spielte am hiesigen Hofe den Liebhaber der _Prinzein
Louise_, aber, wie es sich leicht ahnden lt, uerst unglklich.

Der Kredit des _Grafen von Duur_ bei der _Prinzessin_ blieb ihm nicht
unbekannt; ein einziger Blik, welchen sie nachlig von der Seite auf jenen
warf, war genug _Morizens_ Argwohn zu entznden, ein unbedeutendes Lcheln
genug, seine Eifersucht in Flammen zu sezzen.

Pltzlich verwandelte sich der rauhe, wilde _Moriz_ in einen Sanftmthigen,
Herablassenden. Er suchte die nhere Bekanntschaft des Grafen, liebkosete
ihn, machte ihm frstliche Geschenke, gab allen seinen Bitten Gehr, seinen
Plnen und Rathschlgen Beifall.

_Florentin_ fand sich durch _Morizens_ Gnade geehrt, er suchte mit warmen
Herzen der Huld dieses Prinzen werth zu werden; ja, er verweigerte es sogar
nicht, um _Morizen_ ganz gefllig zu leben, sich unterweilen mit demselben
ein Ruschchen zu trinken.

_Moriz_ hatte nicht umsonst diese auffallende Metamorphose mit sich
vorgenommen, war nicht umsonst wider seine Natur zuvorkommend, schmeichelnd
gegen den Grafen geworden; er suchte gewisse Absichten durchzusezzen,
welche noch jedermann unbekannt waren; suchte besonders bei einem
Saufgelage vors erste _Florentinen_ um gewisse Geheimnisse zu bringen, um
welche nur dieser allein und die Prinzein _Louise_ wuten.

Das lezte schlug fehl. _Florentins_ Weinrausch war znkisch und
verwegenartig; Der _Prinz_ mute demnach andre Mittel ersinnen den schnen
Nebenbuhler sich durch sich selbst verrathen zu machen. Eine frchterliche
Gefahr schwebte ber _Duurs_ Haupt; er sah sie nicht, sondern taumelte aus
einem Arm der Freude in den andern.

Sein _guter Dmon_ zeigte sich ihm abermahls; er warnte und warnte zum
andernmahle vergebens.

_Florentin_ ging nmlich eines Abends aus dem Schauspielhause nach seiner
Wohnung zurk, als ihm in einer schmalen, menschenleeren Gasse ein Kerl in
den Weg trat.

Sind Sie der Graf _von Duur_?

Ich bins. Was ists?

Im Namen des bekannten _Ludwig Holder_ diesen Zettel an Sie.

_Florentin_ nahm das Papier und in dem Augenblik war der _Ueberbringer_
verschwunden.

Der _Graf_ stand bestrzt da, das Billet unbeweglich in der Hand haltend.
Der Name _Holders_ betubte ihn mit Freude und Schrek; er wollte den
_Brieftrger_ zurkrufen, dieser aber war schon lngst entwischt.

Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit
zitternden Hnden und las mit dem grten Erstaunen folgende Zeilen.

Graf!

Im Namen des Euch wohlbekannten _Ludwig Holders von Sorbenburg_ erinnern
wir Euch. -- Htet Euch vor den Nachstellungen des _Prinzen Moriz_ noch
mehr vor der Liebschaft mit einer wollstigen Prinzein! Im Namen _Ludwig
Holders von Sorbenburg_

_Florentin_ las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in
Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen
Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner qulenden,
ngstlichen Verwirrung zu entreissen.

Bald fiel er darauf, da sich _Holder_ wo nicht in der Residenz, doch gewis
in der Nhe derselben aufhalten msse; aber dieser Einfall hatte zu viel
Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.

Und doch im Namen des _wohlbekannten_ _Ludwig Holders_! -- Vielleicht hatte
jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den _Grafen_ zu
erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist _Holders_ _Namen_,
sondern in dem _Mitwissen_ um eine Liebe, welche _Florentin_ selber als das
heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen
Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz _Morizens_ Nachstellungen! -- Hier war
fr ihn eben so viel Licht, als Nacht.

Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein knnte, aber
errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der _Graf_ zu Bette; sorgenvoll stand
er am folgenden Tage wieder auf.

Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort
zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich fhrte; er unterlies
nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in
der Hofnung, da sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen
wrde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.

Die Zeit verwischte endlich all die ngstlichen, wenn auch wohlthtigen
Besorgnisse aus _Florentins_ Seele; er war nach kurzem wieder derselbe
Heitre, Harmlose, Liebende; nur, da er _Morizen_, troz aller wiederholten
Liebkosungen desselben, zu frchten anfing.

Der _Prinz_ beobachtete diese Vernderung des _Grafen_ mit schlauem Auge
und nderte diesemnach auch manches in seinen Plnen.




Siebentes Kapitel.
Eine Schferstunde.


Es war spt des Abends; das _Frulein von Glden_ sas noch einsam auf ihrem
Zimmer in dstre Schwermuth vergraben und las. -- Des kleinen _Gustafs_
Bildnis lag vor ihr, sie sah es oft mit nassen Augen an und las weiter:

Unsre Seelen liebten sich. _Seelenschnheit_ verwischt nicht der
Thrnenschleier des Grams; welkt nicht in den Hnden der Jahre, stirbt
nicht auf Todtenbaaren mit der verwesenden Hlle. Ewig ist ihre Schnheit
und ewig ihre Liebe. Des Lebens Strauch verduftet bald und welkt, aber mit
dem Leben verblhen noch nicht die Hofnungen unsrer Liebe. -- --
Vorangegangen bist Du, o wre ich mit Dir! -- Hand in Hand mit Dir zum
Tode; Leiche an Leiche mit Dir zum Grabe, Verklrung neben Verklrung
dereinst am Tage des Weltgerichts!

Oh! rief das _Frulein_ schluchzend aus, indem sie sich von ihrem Stuhle
erhob: es ist zuviel! -- _Gustaf_! _Gustaf_ und _Florentin v. Duur_! ich
habe euch geliebt, und unglklich geliebt! -- Ich bin doch nicht so _sehr_
hslich, mein Spiegel mte mir denn schmeicheln, meine Freunde mten
lgen, -- und doch bin ich unglklich und Liebe wird mir nicht mit Liebe
vergolten. Armes Mdchen, wohl Dir, wenn Du unter der Erde ruhst, wo kein
Harm Deinen Frieden strt, wo keine Thrnen ber Deine Wangen herabbrennen,
wo Du vergessen von allen liegst, und Du alle und alles vergessen hast, wo
Du den, welchen Du Dir zur Liebe auserwhltest, nicht Deiner Nebenbuhlerin
zufhren darfst!

Jezt strte sie das Klingeln der _Prinzessin_, sie troknete ihre Augen und
ging mit verstellter Heiterkeit zu _Louisen_.

Aber sag mir, liebes Mdchen, rief ihr diese beim Eintritt in das Zimmer
entgegen; Du siehst ja immer blsser und krnklicher? -- Was ist Dir? Ich
habe Dich zu meiner geheimsten Vertrauten gemacht, erwiedre mir Gleiches
mit Gleichem!

Frl. v. Glden. Sie qulen sich mit vergeblichen Sorgen, theure Prinzein;
mir ist wohl, sehr wohl. Vielleicht da eine kleine Unpslichkeit -- --

Louise. O die wandelt bald vorber. -- Wieviel ist die Uhr?

Frl. v. Glden. Auf dem Schlage eins; es liegt alles im Schlosse in dem
festesten Schlummer.

Louise. Desto besser! herrlich! -- Tummle Dich liebe, beste, einzige
_Auguste_; _Duur_ kann nicht mehr lange verzgern, er mus gleich da sein.
-- Hurtig geh, und besonders sieh von unten nach meinen Fenstern, ob das
Licht durch die herabgelassnen Gardinen sichtbar wird. -- -- Verriegle das
Pfrtchen nachher wohl!

Das _Frulein_ ging und harrte des Glklichen an einer abseitsgelegnen
Thr. Es verging eine Viertelstunde, ehe er erschien, und tausend
schwermthige Gedanken durchkreuzten indes ihre Seele.

Im Thurm der Schloskirche schlug es endlich ein Uhr, und von fernen her
wankte eine Gestalt, immer nher und nher.

Er ists! sagte das _unglkliche Mdchen_ bei sich selber und zitterte.
Er ists! -- o da er nie gekommen wre! Doch nein, _Louise_ wrde
unglklich sein, und ich vielleicht nicht glklich! -- -- Mag er doch
kommen, ich will leiden und dulden!

_Florentin_ schlich im Mondschatten, an den Mauern entlang, nherte sich
der Pforte, sah die weisse weibliche Gestalt, hielt sie fr die
_Prinzessin_ selber und flog an ihren Busen.

Beide wagten es nicht zu reden; er bestrmte sie mit Kssen, sie bebte in
seinen Armen, wagte kaum den leisen Gegenkus, sondern strebte zurk, und
offenbarte ihm die Tuschung.

Er erschrak, bat um Verzeihung; aber sie lchelte unter Thrnen, fhrte
ihn, indem sie zitternd seine Hand fate, durch verschiedne dunkle Gnge
und verschiedne Treppen hinauf zum Gemach der _Prinzessin_.

Hier, sagte sie mit gebrochner Stimme: treten Sie hinein. --

Er ging. Sie eilte auf ihr Zimmer, warf sich lautweinend auf das Lager und
klagte.

O _Duur_! -- O _Louise_! riefen sich die Liebenden entgegen und
strzten einander in die Arme.

Nie war _Louise_ schner gewesen, als in diesem Augenblik; und nie war ein
Frauenzimmer reizender zu den Freuden der Liebe geschaffen, als sie. Ihren
schlanken Wuchs, ihren schngeformten Busen wute sie durch die Magie der
geschmakvollsten Bekleidung doppelt schner zu bilden.

Ihr lichtbraunes Haar, angenehm derangirt, flos in lieblicher Verworrenheit
ber den schnen Hals und die schmalen Achseln herber. Den Busen wute sie
schlau hinter den nachlssig umgeworfnen Flor, so zu verstellen, da seine
Schnheiten mehr verrathen, als verberget wurden. Um ihren Leib schmiegte
sich ein leichtes, tafentnes Korsettchen;

      Nie wird die Bildnerin Natur
   Ein gttlicher Modell zu einer Venus bauen,
   Als diesen Leib. Sein reizender Contour
   Flos wellenhaft, dem feinsten Auge nur
   Bemerklich, zwischen dem genauen
   Und berfligen, so weich, so lieblich hin;
   Schwer wars dem kltsten Josefssinn
   Sie ohne Lsternheit und Sehnsucht anzuschauen!

Das leichte, flchtige Rkchen wogte bei jeder Bewegung auf, oder schmiegte
sich so dicht und ungefaltet an, da man ohne Fleis die glatteste Rndung
der Schenkel errathen konnte.

      So jung, so schn, so ganz aus Liebeszunder
   Gewebt, wer kann sie sehn und nicht vor Sehnsucht glhn?
   Wo sah man je so frische Wangen blhn,
   Je Augen funkelnder und Lilienarme runder?

Dicht in einander verschlungen, der Geist, aufgelst im reinsten Entzkken,
hingen sie sprachlos um sich.

O Gott! sagte _Florentin_: da ich je so seelig werden konnte -- ich
htte es nie getrumt! Louise, _Louise_ _liebt mich_!

Sprich leiser, Brausender! erwiederte sie mit einem unnachahmlich sssem
Ton: Ja, _Louise_ liebt Dich! -- und Du -- --

Ob ich Dich liebe? Einzige, ob ich Dich liebe?

Er antwortete mit Kssen, und zog sie neben sich auf einen Sofa nieder.

Florentin. O dies Strumpfband, (indem er es hervorzieht) sei mir eine
ewige, heilige Reliquie!

Louise. Dein Recht daran ist izt verfallen. Ich fodre es zurk.

Florentin. Nein, ich kann es nicht wiedergeben.

Louise. Wie leicht knnte unsre Liebe dadurch verrathen werden! eben das
Band, das uns zusammenfhrte, wrde uns auch wieder trennen.

Florentin. Trennen?

Louise. Gesezt es verlre sich aus Deinen Hnden. Mein Name ist darin
gestikt, und mehrern bekannt; denn das Frulein _v. Glden_ ist die Weberin
desselben, sie zeigte es schon vorher vielen Freundinnen, ehe sie mirs zum
Geschenk brachte.

Florentin. Ich will es unter drei Schlssern verwahren!

Louise. Dein eigner Stolz wrde die drei Schlsser wieder zerbrechen, was
vielleicht keine Gewalt des Diebes vermgte. Oh, ich weis es, wie sehr es
euch, ihr jungen sssen Herrchen, kzzelt, mit den Trophen zu prahlen, um
die ihr die armen, besiegten Weiber geplndert habt. -- Und Dir, lieber
Graf, wrde ich es kaum verdenken, wenn Du endlich der Versuchung
unterlgest; denn eine Prinzein besiegt zu haben, ist zu schmeichelhaft.

Florentin. (ernsthafter) Und so verkennt mich _Louise_ selber?

Louise. Ich lasse nicht ab. Ich verlange es zurk; es sei unter welchen
Bedingungen es wolle, ich verlange es zurk. -- Willst Du da ich Dir
tausend freiwillige Ksse dafr gebe?

Florentin. (sie sanft an sich drkkend.) O, _Louise_, die erhalt' ich
umsonst!

Louise. Fodre.

Florentin. Wohl, ich gebe es. Aber darf ich es selber um seine Stelle
binden?

Louise. (schamhaft zurkstrebend.) Beileibe!

Florentin. (schmeichelnd) O doch![A]

   Der Kampf der Liebe begann -- -- --

      Mit immer wilderm Ungestm
   Umschlingt er sie, und sie, so seelig und beklommen,
   Ach! sie verweigert ihm,
   Was er vorher mit leichter Mh genommen.
   Und beiden, bermannt von ssser Lust
   Wallt enger, immer enger nun die Brust,
   Mit zrtlich schwimmenden Blikken sehen
   Sie sich einander an, und weigern stumm und flehen.

      Verloren in entzkkenden Gefhlen,
   An _Arabellens_ Brust, ruht _Lyonnel_ geschmiegt;
   Er wagt es khner schon in seltnern Reizen zu whlen,
   Und unbekannt in _Amors_ schlauen Spielen
   Fhlt sie sich zwar zu frh, doch gern besiegt.
   Sie giebt den Kuss zurk -- er zupft indes den losen
   Durchsichtigen Schleier hinweg, der ihren Busen umfliegt;
   Kt bald den lanen Schnee, und bald der jungen Rosen
   Geheimes Paar, das sich auf Marmorhgeln wiegt.

      Sie kmpft, doch ach! ihr Kampf fhrt schneller nur zum Ziele,
   Das ihm die Liebe vorgestekt.
   Ermattet schwankt sie. Er erwekt
   Die Reizende zum wollustvollerm Spiele!
   Und, o! der keusche Grtel schlingt
   Sich selber auf -- die arme Tugend ringt
   Zum leztenmahle und erlieget,
   Von ihrem schnen Feind besieget.

      Allmhlich schwimmt der Kahn des Mondes seinem Porte
   Gen Abend nher zu, und immer blsser strahlt
   Er auf die Erdenwelt: _Aurorens_ Morgenpforte
   Erffnet sparsam sich und hin und wieder mahlt
   Ein Wlkchen sich in ihrem Rosenschimmer
   Als unser liebend Paar, noch immer
   Im sssen Rausche dicht verschrnkt,
   Nicht an den herbern Scheidekus gedenkt.

      Doch _Arabell_' ermannte sich des halben Schlummers
   Zuerst mit lieblicher Verworrenheit
   Und suchte ihren Puz, der berall zerstreut
   Am Boden lag, voll jungfrulichen Kummers;
   Wand hocherrthend dann um ihren schlanken Bau
   Das Grtelband; Herr _Lyonnel_ indessen
   Verhllt' den Busen ihr, doch wut' er schlau
   Noch hie und da ein Kschen hinzupressen

      Sie standen endlich da, und sahn
   Sich beide bald mit schwimmenden Blikken an
   Bald auf das Bett, bald auf den Boden wieder,
   Ach, Lyonnel, was haben wir gethan!
   Seufzt tief das holde Kind und schlgt die Augen nieder,
   Und spielt gedankenvoll an ihrem losen Mieder:
      Da wir just heute uns und hier uns sahn --
      O _Lyonnel_, was haben wir gethan!

[Funote A: Danken Sie meine junge Leser und Leserinnen einem wrdigen,
Ihnen unbekannten, Mann in der Stille, der mir hier die Hand vor den Mund
legte, als ich die ppigste wollstigste Szene zu erzhlen anhub, und der
Ihnen statt dessen ein Paar Stanzen aus einem noch ungedrukten
episch-romantischen Gedichte zu lesen giebt, welche fglich Lkkenbsser
sein knnen. _Der Verf._]

Eine in _der_ Lage sehr _gewhnliche_ Frage der Damen; htte lieber manche
manchen gefragt: o Lyonnel, was _wollen_ wir thun? es wre vielleicht
besser gewesen; doch das ist zu _ungewhnlich_!

Was unser liebendes Paar betrifft, so dient zur Nachricht; da sie sich
bald zu trsten wuten, und Freund _Florentin_ wohlgemuth zum
Nebenpfrtchen hinaus, nach Hause schlpfte, ohne von einem Auge bemerkt zu
werden.




Dritter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Hofnungen von Italien her.


_Duur_ war noch in mehreren Nchten bei _Louisen_ glklich, ohne da der
Hof etwas davon erfuhr; und um sich dieser Liebe ganz wrdig, seinem Herzog
sich immer werther, beim Volke sich immer beliebter zu machen, unternahm er
izt eine fr das ganze Land interessante Arbeit; nemlich Druk- und
Denkfreiheit einzufhren.

So lange der Minister _von Hello_ am Staatsruder gesessen hatte, durfte
kein Buchhndler es wagen aufklrende Schriften ber Religion und Staat zu
verlegen, kein Prediger auf seinem heiligen Lehrstuhl nur auf _gute Werke_
und _rechtschafnen Lebenswandel_ dringen, ohne den alten, theologischen
Wort- und Sach-Schlendrian beizubehalten, keine ffentliche Schulanstalt
eine Reformazion in Rksicht des Unterrichts, der Bildung jugendlicher
Herzen, und ussern Sitten vornehmen. Ja, mancher ehrliche Mann, der hier
zum Besten seiner Untergebnen, dies und das gendert hatte oder gendert
wissen wollte, verlor durch _Hello's_ Orthodoxie Amt und Brod und Ehre.

Der _Graf_ unterfing sich vieles, besonders da er den
_Geheimerathsprsidenten_ schlechterdings wider sich hatte; allein da er
das Herz des _Frsten_ in seiner Hand trug, hofte er mit leichter Mhe
durchzudringen, und er freute sich schon im Stillen dieser guten That.

Allein ehe wir ihn zu diesem Werke begleiten, wollen wir vorher Theilnehmer
an einer groen Freude in dem lndlichen Wohnsiz des _alten Grafen von
Duur_ sein.

Dieser sowohl als sein _Rikchen_ versten sich die Tage ihrer Einsamkeit
wechselsweis, so sehr sie es vermogten. -- _Holder_ wurde noch eben so warm
und so innig geliebt, als ehmals, aber sein Verlust doch minder betrauert.
In der Dmmerungsstunde des Abends, wenn beide entweder in ihrem Zimmer
saen, und von den kleinen Tagsgeschften ausruhten, oder den
Sonnenuntergang von einem Hgel beschauten, oder wenn sie am Kaffetische
beisammen waren, erzhlten sie sich einander von dem geliebten Sonderling;
jeder kleine Umstand von ihm war ihnen merkwrdiger, als der Untergang
eines groen Staates; jedes Wort, was er einmal gesprochen hatte, wurde von
ihnen mit freundschaftlichen Anmerkungen wiederholt; jede Handlung von ihm
war der Stof eines stundenlangen Gesprchs.

Wie die Reliquien eines Heiligen verwahrte _Rikchen_ alles, was von
_Holdern_ herrhrte, alles, dessen er sich sonst vorzglich bedient hatte.
-- Sie erinnerte sich, da er seinen Kaffe gern ungezukkert trank; flugs
ahmte sie ihm nach, so schwer es ihr anfangs auch wurde, und zulezt glaubte
sie selber festiglich, da das ungeste Levantegetrnk ser schmekte.

Auch _Florentins_ Glk am Hofe machte sie froh, und der _alte, gute Onkel_
bildete sich vorzglich viel auf seinen weit ber ihn erhabnen Neffen ein.
Der ganze benachbarte Landadel suchte izt die Freundschaft des gutmthigen
Alten, keine Lustparthie wurde angestellt, von welcher nicht er und seine
schne Nichte Theilnehmer waren. Allenthalben rumte man ihm die erste
Stelle ein; sprach er, so schwiegen die brigen und hrten ihm zu.

Onkel! Onkel! ein Brief! rief _Friedrike_ eines Tage beraus freudig,
indem sie in den Garten hereinhpfte, wo der _alte Herr_ sein Pfeifchen
unter einer Jasminlaube dampfte.

Der _Greis_ lchelte sanft und fragte: worber freust Du Dich, nrrsches
Mdchen?

Ich weis es nicht; mir ist so wohl! antwortete sie und flog den Garten
wieder hinaus dem Postboten zu bezahlen und etwas gtlich zu thun.

Der _alte Graf_ erbrach das Siegel -- las und bekam an Hnden und Fssen
ein ungewohntes Zittern; er stand auf, warf die Pfeife hin, taumelte den
Gang zwischen den Hekken entlang zur Gartenthr, winkte einem Bedienten,
lies ihn das _Frulein_ rufen, und schwankte ausser sich der Jasminlaube
wieder zu.

Ehe er sie erreicht hatte, stand _Rikchen_ schon neben ihm, und fragte.

Erst in die Laube! sagte er matt: erst in die Laube, dann sollst du
etwas hren!

Sie traten endlich herein. Der _Greis_ sank dem lieben _Mdchen_ um den
Hals, und kte sie und lallte zu wiederholten malen mit Entzkken den
Namen _Holder_!

_Holder! Holder! Holder!_ rief _Rikchen_ und kte den _Onkel_, und sprang
umher und jauchzte.

_Holder_! ein Brief von _Holder_! mehr konnten beide nicht im ersten
Ausbruch der Freude sprechen; sie fielen sich wieder um den Hals, kten
sich, und riefen den Namen _Holder_, mit bethrnten Augen unzhlige mal
aus.

Nachdem der Rausch zum Theil verflogen war, sezten sie sich an ein Tischgen
und der _Onkel_ begann den Brief vorzulesen.

Bester, theuerster Herr _Graf_, Ewig geliebte _Friedrike_!

Ich schreibe Ihnen aus der Mitte von Italien, aus dem kleinen
republikanischen Gebiete _S. Marino_, um eine Pflicht zu erfllen, die mir
so heilig ist, und die eher zu vollbringen, bis izt noch unmglich war.

Zrnen Sie nicht ber mich, und ber meine dem Schein nach absurde
Auffhrung; zrnen Sie nicht ber meine plzliche Entfernung, welche, wie
ich leicht errathen, und nachher erfahren habe, Sie in die unangenehmste
Verlegenheit sezzen mssen. Halten Sie mich fr keinen
Sonderlingsschtigen, fr keinen Leichtsinnigen, fr keinen Bsewicht! Ich
bin das alles nicht, wenigstens gegen Sie nie gewesen. Ein _Bsewicht_
handelt nie ohne Intresse, er wiegt seine Schurkereien gegen den dadurch zu
hoffenden Gewinn ab, lt nie das Gewisse frs Ungewisse entschlpfen. Und
sagen Sie mir, welche Vortheile htt' ich wohl hier in Italien mit denen
bei Ihnen zu vertauschen gehabt? O der Liebende vertauscht die Geliebte
nicht gern, der Habschtige verliert sein Rittergut ungern! Eben so wenig
verlies ich Sie, meine Lieben, aus _Leichtsinn_.

Der Flatterhafte handelte immer nach Willkhr, ich nach den Gesezzen des
_Zwanges_. Htten Sie mich doch frher ziehen lassen, vielleicht wr' es
uns allen besser gewesen! --

Ich sage, verurtheilen Sie mich nicht zu frh; es wird gewis eine Stunde
schlagen, wo ich Ihnen einen befriedigendern Aufschlus ber das
Rthselhafte meines Betragens geben darf, wo Sie gern die zu frh
gesprochne Verdammung zurknehmen werden! -- Fr izt kann ich Ihnen zu
meiner Entschuldigung nichts mehr sagen, als da ich in gewissen
Verbindungen stehe, welche in gewissen Stkken meinen freien Willen
beschrnken. Mir obgelegene Pflichten sind mehrentheils erfllt, und ich
sehe mit unaussprechlicher Sehnsucht dem Augenblik entgegen, welcher mir
die Freiheit wieder schenkt, die vaterlndischen Gegenden zu sehn, und mich
Ihnen, vielleicht auf immer, in die Arme zu werfen.

Den Nachrichten zufolge, welche ich aus _Deutschland_ empfangen habe,
befinden Sie sich alle wohl, und Bruder _Florentin_ klettert muthig am Hofe
die steile Bahn des Glks hinan. Unterlassen Sie nicht den jungen, feurigen
Mann auf seiner schlpfrigen Bahn unterweilen an Vorsichtigkeit zu mahnen,
und besonders ihn fr die Liebe erhabenerer Personen des andern Geschlechts
zu warnen. Ich weis es gewis, da ihn die Prinzessin _Louise_ liebt, und
da er fr ihre Schnheit eine gleiche Leidenschaft fhlt. Noch einmal:
_warnen Sie Florentinen, wenn Sie ihn behalten wollen!_

Was mich selbst betrift: so lebe ich ein geschftvolles, unruhiges,
ngstliches Leben. Aber wohl mir, da ich so glklich bin, es zu knnen; es
gilt das Wohl meiner Mitmenschen fr welche ich arbeite; um des Glkkes
einiger Tausenden willen, kann ich ja wohl ein Weilchen des Lebens Freuden
entbehren! --

Und hab' ich mich denn oft den Tag hindurch mde gearbeitet; so verla ich
mein Zimmer, und trete aus meiner Wohnung hinaus in das freie Feld. Das
Huschen welches ich jezt, und zwar erst seit vier Wochen bewohne, denn
vorher hielt ich mich einige Zeit in _Neapel_ und in _Rom_ auf, hat eine
romantische Lage. Es ruht an dem Fue eines Hgels, von einem anmuthigen
Gebsche verdekt. Zur Rechten sehe ich in der Ferne _S. Marino_. Wie
gesagt, die Gegend ist schn, nur _fr mich_ nicht. Ich finde sie
einfrmig, traurig, die _deutschen Winterlandschaften_ haben in meinem Auge
ungleich mehreren Reiz, als die unter einem ewigen Frhling blhenden
Felder von Italien.

Auer einigen abwechselnd zu mir kommenden Bekannten und zwei Kerln, welche
mich bedienen, habe ich niemanden, in dessen Gesellschaft sich meine Seele
aufheitern knnte. Ein niedliches braunes Mdchen aus _S. Marino_ kam
einstmals auf einem Spaziergange mit ihrem Vater in meine Htte. Ihre
unschuldige Unterhaltung ist das einzige Vergngen gewesen, welches ich
seit langer Zeit genossen. Nachmals besuchte mich die Marinerin noch
einigemale und auch sie blieb dann aus. -- Doch der Gedanke, Sie, meine
Lieben, bald vielleicht zu umarmen, mag mir Erquikkung genug sein.
Vergessen Sie mich nie, Ihren Sie ewig liebenden

_Ludwig Holder_.

Geschrieben im Landhause bei _Santo Marino_.

Nie! -- nie vergessen! riefen der _Onkel_ und _Rikchen_ zu gleicher Zeit,
nach durchlesnem Briefe aus, und wischten ihre Thrnen vom Auge.

's ist doch ein braver, seelenguter Mann! sagte der tiefgerhrte, _alte
Graf_.

Ja, aber die niedliche, braune_ Marinerin_! hub das halb eiferschtige,
liebende Mdchen mit einer bedeutenden Miene an.

I, Du kleine Nrrin, meinst Du denn, da in _Santo Marino_ nicht auch
hbsche Mdchen leben knnen?




Zweites Kapitel.
Das Wort an einen Frsten.


_Florentin_ erhielt einige Tage darnach die Abschrift und einen Commentar
dieses Briefes vom _Oheim_; aber seine Freude erreichte beiweiten nicht den
Grad der Lebhaftigkeit, wie bei jenen guten Seelen. -- An eben dem Tage,
als er den Brief erhielt, war auch schon ein anderer im Namen _Ludwig
Holders_ eingelaufen, in welchem wiedrum von _unbekannter Hand_ vor
_Louisens_ Liebe und _Morizens_ Has gewarnt wurde. Das Schreiben schlos
sich mit den Worten: frchtet nichts von uns, wir sind Freunde. Das von
Euch in der wohlbekannten Nacht _wiedereroberte Strumpfband_ der Prinzein
_Louise_ ist in sichern Hnden aufbewahrt.

Der _Graf_ erschrak, ging zu seinem Schreibschrank, zog ein geheimes
Kstchen hervor, schlos es auf und sah das Heiligthum verschwunden.

Was ist das? sprach er in sich selber, indem er mit seinen Augen nach dem
leeren Orte des Kstchens hinstarrte: treibt man mit mir sein Spiel?
herrscht hier _Zauberei_ oder _Spizbberei_? Wer hat mir und _wie_ hat man
mir dieses Band entwenden knnen? Alle Schlsser sind heil und an dem Holze
ist keine Schramme zu erblikken. Wenn Geheimnisse selbst nicht mehr
Geheimnisse bleiben knnen, mein Eigenthum mir nicht mehr sicher ist, so
verwnsch ich das frhlichste Leben. Und wer der diebische Unbekannte sein
mag, oder die Unbekannten? -- Es ist fatal! meine eignen Bedienten mssen
mir treulos gemacht worden sein!

So monologisirte der Herr _Graf_ noch eine Weile hin; wurde immer
unwilliger, und schlos damit, seine Bedienten fortan zu verabschieden. Es
geschah; er nahm andre in Sold, unter denen sich besonders einer merkwrdig
machte. Dieser hies _Badner_, ein alter Held von vierzig Jahren, von der
ehrlichsten, biedersten Physiognomie wie auch mit den empfehlendsten
Zeugnissen versehen, -- der aber _stumm_ war. Diesen Mangel suchte er durch
sein gutes und schnelles Schreiben zu ersezzen. Er fhrte sich gleich im
Anfange so gut auf, da _Florentin_ ihn mehr zu schzzen anfing.

Sind die _Unbekannten_ dachte _Duur_: das wofr sie sich ausgeben; sind
sie brave Mnner, so werden sie mit dem unglklichen Strumpfbande keinen
bsen Gebrauch machen. Sie mgen es immerhin behalten, wieder erzwingen
kann ich es nicht.

So sehr, als mglich, ber diesen kritischen Punkt sich beruhigend, begann
er nun seinem vorliegenden Ziele, in Rksicht der Druk- und Denkfreiheit
immer nher zu treten. Er hatte den _Herzog_ schon seit eingen Tagen
vorbereitet; noch schwankte derselbe ungewis hin und her, _Florentin_,
unermdet, ging auf Befehl des Herzogs, endlich wieder zu ihm.

Nun, hub der _Graf_ nach einigen allgemeinen Gesprchen an: wessen haben
sich Ew. Durchlaucht der bewuten Sache wegen entschlossen?

Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafr, als dawider;
ein Beweis, da dergleichen Reformazion fr mein Land eben nicht von
berwiegenden Vortheilen sein mus, und da meine Unterthanen, auch bei
ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein knnen.

Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Grnde fr Druk- und Denkfreiheit bei ihnen
noch nicht die _Gegengrnde_ berwogen haben, so liegt nicht die Schuld in
der Schwchlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, da ich sie
nicht genau und einleuchtend genug darstelle.

Ich rede mit einem denkenden Frsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk
sei fr ihn, sondern er fr das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es
sei _Gnade_ von ihm, wenn er die Unterthanen glklicher macht, sondern
_Pflicht_; -- eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe fr
das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.

Eine Nazion ist noch nicht glklich zu nennen, so lange sie, bei der
ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbrger, dumm, aberglubig, bigott
ist. Dann ist ja nur erst ihre _thierische Natur_ befriedigt, aber nicht
die erhabnere, _menschliche_, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im
Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfltigen
Indianerhorden, als durch die grere Menge ihrer Bedrfnisse und
Befriedigungsmittel derselben.

Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber _Graf_. Ein Frst, welcher solch
ein wohlgemstetes, einfltiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn
man ihn mit irgend einem _Nabob_ vergleicht.

Graf. _Geistige_ und _sinnliche_ Vollkommenheit macht hienieden unsre
Glkseligkeit aus; beide mssen stets mit einander verknpft sein, beide
sind von stetem gegenseitigen Einflu; doch ist der Einflu geistiger
Vollkommenheit ungleich grer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav
kann nie usserlich glklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so
wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein
Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom
Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des
Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan
zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebhrt dem? --

Ein freies, am Geist und ussern Wesen freies Volk wird sich nie wider
seinen Frsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte
Autoritt und durch Gesetze die chte Nazionalfreiheit beschzt; nur
Sklaven empren sich.

Welches sind denn die herrlichen Frchte des Glaubenszwanges, des Verbots
aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Da das
Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen
Vollkommenheit zurkbleibt? ein elender Nuzzen! -- oder da die Leute nach
dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mgten, weil sie hin und
wieder die Religion ihrer Vter verbessert haben? -- O, theuerster Herzog,
wird das erhabenste, _allgtigste Wesen_ den, mit so einem kleinlichen Gran
der Vernunft begabten, Menschen strafen knnen, wenn er Menschensazzungen
nach bessern Ueberzeugungen nderte? -- Ist denn auch die Religion unsrer
Vter _unverbesserlich_? ist es die reine unverflschte Religion, wie sie
_Christus lehrte_ und wie er sie _selber bte_? Auch der orthodoxeste
Theologe wird nicht glauben knnen, da Christus _gttliche Verehrung_
verlangt, Ewigkeit der Hllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt
habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden,
wovon wir im Gegentheil sicher wissen, da es das Gemchte sptrer, an
Glauben und Schwrmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher
Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: Liebet Gott
ber alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst! Wer dieses Sazzes ganze
Wrde fhlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben
beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle brige Anhngsel sptrer
Zeiten verwirft. --

Ich sage nicht, da man darauf dringen solle, durch Edikte und
obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzufhren, dies wre
eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern da man
einem jeden zu denken und zu glauben gewhren mgte, was er seiner
Ueberzeugung nach, fr denk- und glaubwrdig hlt.

Ein aufgeklrter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwrdigen,
fters aber der unwissende, welcher durch ein andchtiges Abendgebet die
Snden des ganzen Tags gut machen zu knnen sich einbildet. Woher kmmt es
denn, bester Frst, da sich ihre Landesuniversitt noch so sehr vor vielen
andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalitt und Ignoranz der
dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in
Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trgheit des
Verstandes das Gefhl fr wahre Grsse und Ehre verstimmt und die Mutter
der Barbarei ist.

Doch vergeben Sie mirs, meine andchtigen Leser und Leserinnen, da ich
unsern _Grafen_ hier seine Apologie fr die Freiheit in Geistessachen so
trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, da sie vielleicht da ghnen
mgten, wo _Florentin_ am nachdrklichsten gesprochen zu haben meinte.
Ueberdies kann ich auch unmglich glauben, da dies Buch von irgend einem
gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher
nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklrung berzeugt
wre. Ich plauderte also unnz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede
fr die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren,
wiewohl es mit _Florentinen_ ein andres Bewandni hatte; denn Frsten mgen
dergleichen Sachen gern etwas bequemlich berdenken.

Inzwischen gelob' ich feierlich, mich nie ber einem solchen Fehler wiedrum
von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafr sind diese auch so discret,
mir noch eine kleine Plauderei fr gut zu halten, sie mgen sie nun
anhren, oder sich die Ohren verstopfen.

Das grte und eigenthmlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in
Rksicht der _Religion_ und _Wissenschaften_, der allgemeine _Geist des
Selbstforschens_, ein Verdienst, welches in den leztern manches System
umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen
Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der _Aufklrung_,
deren Vortheile fr die Menschheit so offenbar sind, da es beinah
unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.

Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen,
theils eine unmssige Vorliebe fr die Klugheit der Alten wurden die
Ursachen, da das Selbstforschen, vorzglich in der Theologie zum
Verbrechen ward. Allein da Aufklrung auch mit dem Interesse den Staates
bestehen knne, bewies _Friedrichs des Einzigen_ musterhafte Regierung und
da der grste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem
Vorurtheile zurkgegangen sei, welches das Alterthum ber seinen Werth
erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte
der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nzlichen?

Fast lt es sich mit Gewisheit behaupten, da unsre Nachkommen nicht da
stehn bleiben werden, wohin _wir_ sie fhrten, da sie, unserm Vorspiele
getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit
so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches
die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gems, der Menschheit vorgestekt
hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Vernderung
zu folgen, zu den Irrthmern und Schwchen zurkkehren wird, welchen man
sich vorher mit vieler Mhe entri. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten
und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmglich mit _dem_ gengen
lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glkseeligkeit des Geistes
grndet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches
Vergngen im stufenweisen Fortschreiten in den usserlichen
Vollkommenheiten beruht.

Trges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des
Menschen und vermindert seine Freuden.

Wenn denn auch ein Frst, oder sein Rath, verwhnt durch mystische,
altglubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in
frhen Kinderjahren einflte, und die er, wegen Menge andrer Geschfte,
nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die
frchterlich geschilderte Freigeisterei durch ffentliche Verordnungen zu
unterdrkken sucht: wird er dadurch viel fr sich erlangen? -- Bei der
_Nachwelt_ gewi nichts, denn diese verwirft die Autoritt der Vorwelt, und
bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, da die Schriftsteller
_ihren_ und den Namen des _Drukorts_ auf dem Titel der Aufklrung
befrdernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Groen wider
Aufklrung und Selbstforschen erreichen gewhnlich nicht nur nicht ihren
Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behlflich.

Wenn ich nicht zuviel wage, so mcht' ich das iztentstehende _moderne
Christenthum_ in Rksicht des erwhnten Verhltnisses, mit dem Entstehen
des _ersten Christenthums_ berhaupt vergleichen.

Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine
Verfolgungen von neuern _Deciussen_ und _Galeriussen_ bevor; aber
demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe _hier_ bewirken, als Foltern
und Verbannungen bei den ersten Bekennern _ehmals_, das ist:
Standhaftigkeit bis zur Schwrmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt
denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts;
Und, wenn sich dann plzlich einmal ein _Constantin_ zum ffentlichen
Beschzzer der izzigen Reformazion aufwrfe: so wrde dieselbe vielleicht
eben so schnell, aus allen Znften des Volks, von der obern bis zu der
niedern, Tausende der Bekenner aufstellen knnen.

Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die hchste
Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind,
und ber deren Erfllung oder Nichterfllung die Zukunft richtet.

Der Streit fr und wider _Aufklrung_,[A] fr und wider die Rechte des
Frsten in Glaubenssachen und besondere in Hinsicht der veralteten
symbolischen Schriften, scheint anizt lebhafter zu werden.

Nhern Anla gab hiezu die bekannte Schrift des Herrn _Rnnberg_ ber
symbolische Bcher im Bezug aufs Staatsrecht, eine Schrift, welche
beiweiten nicht das zu bewirken im Stande, ist, weswillen sie der _Herr
Professor_ vielleicht drukken, und ein Rescript vom Hofe sie den
Geistlichen im Preuischen Lande kommunizieren lie. --

Wrdige, einsichtsvolle Mnner schwiegen bisher ber den berhrten Punkt
nicht, besonders lesenswerth war Herrn Prof. _Trapps_ Untersuchung der
Gewalt protestantischer Frsten in Glaubenssachen, und das frher
erschienene Werk ber das Recht protestantischer Frsten unabnderliche
Lehrvorschriften festzusezzen, und darber zu halten, vom Hr. _Hufeland_.
Allein das _Rnnbergische_ Buch erregte ziemlich allgemeinen Unwillen wider
seinen Verfasser, und ich wei nicht, ob der _alte Preuische
Landprediger_, welcher sich, in seinem Sendschreiben an den Hr. Hofrath
_Rnnberg_, in einen feurigen _jungen Mann_ verwandelt, ganz Unrecht hat,
wenn er dessen Schwchen, deren Anzahl nicht gering ist, mehr mit Wiz
angreift, als sie einer ernsthaften Prfung werth zu halten.

[Funote A: Unter den vielen Definizionen von Aufklrung gefllt mir diese
am besten, da sie die Fhigkeit des Verstandes ist, das Wahre,
Wahrscheinliche, Falsche, Nothwendige und Unnzze der Begriffe zu
unterscheiden.]

Dies beiseite gesezt, wnscht jeder Biedre und Unpartheiische bei solchen
Zwisten unter den Gelehrten mehr Bescheidenheit, als Grobheit, mehr
Wahrheitsliebe, als Selbstsucht, und Toleranz auf beiden Seiten. Es entehrt
die Wrde des deutschen Schriftstellers, Kriege zu fhren, wie _Zimmermann_
und _Bahrdt_, welche das Uebel, statt zu verringern, nur vergrern, und in
andrer Hinsicht verehrungswrdige Mnner dem entehrenden Gelchter des
Pbels preisgeben.

Noch sind wohl nie die Schriftsteller unsers Vaterlandes, noch wohl nie die
Schriftsteller andrer Nazionen, so tief von ihrer Wrde herabgesunken, als
seit wenig Jahren die deutschen. Wer kann zum Beispiel das neulich
erschienene Pasquill: _Bahrdt mit der eisernen Stirne_, ohne Ekel und
Verdru durchblttern? Frwahr ein Zuchthusler wrde mehr Gefhl fr
Schande und Ehre, als der Sudler dieser Skarteke haben. O _Fischart_ und
_Rabner_, lebtet ihr noch!




Drittes Kapitel.
Supplement zum Vorigen. -- Ein Schrek.


_Florentin_ verlies den _Herzog_. Nach acht Tagen wurde er wieder zu ihm
berufen, wo er von diesem zu seiner lebhaftesten Freude seinen Sieg erfuhr.
--

Jezt unterhielten sich beide ber die zwekmigsten Mittel, das Volk zu
einem solchen wichtigen Schritt vorzubereiten; eine Unterhaltung, welche
nicht fruchtlos ablief.

Die erste Folge derselben war, da die vakante Stelle eines Predigers an
der Hofkirche durch einen gelehrten, helldenkenden, beredsamen Mann besezt
wurde, dem die Freiheit gegeben war von dem bisherigen Schlendrian
abzuweichen, nur _Christusmoral_ und nicht polemische noch dogmatische
Szze zu predigen.

Nach Verlauf eines Monats hatte er sein Amt angetreten, und von Neugier
oder berer Ueberzeugung hingerissen, eilte ein grosser Theil der
Residenzbewohner hin, die schnen Vortrge dieses Mannes anzuhren.

Plzlich stand die gesammte orthodoxe Geistlichkeit auf, den Landesherrn an
die alten Konstituzionen, Symbole und Confessionen zu erinnern, der
Geheimerathsprsident von _Hello_ suchte mit seinem ganzen Ansehn fr die
Sache der Orthodoxie durchzudringen, aber alles vergebens. Der _Frst_ war
Mann und blieb seinem Plane getreu.

Jezt hatte _Florentin_, ebenso viel Freunde, als Feinde; diese lsterten,
jene vergtterten ihn. -- Aber er hrte beide nicht, sondern ging seine
Strasse unerschtterlich fort, und fand sich durch die Gte seiner That
hinlnglich im Geheimen belohnt.

Weil er schon seit einiger Zeit der _Prinzessin_ weniger nchtliche Visiten
geben durfte, so blieb ihm auch Zeit genug brig den einmal entworfenen
Plan gnzlich, und sich selbst zum Danke, auszufhren. Da wir nur den Roman
einiger merkwrdiger Personen erzhlen; so berlassen wirs den
Statistikern, das bald darauf erschienene Religionsedikt, wie auch das
Edikt in Betracht der Denk- und Pre-Freiheit in den herzoglichen Landen,
zu notifiziren, wir aber erwhnen noch, da _Serenissimus_, mit seinem
Vertrauten, oft die Huser seiner begterten Unterthanen, seine Fabriken
besuchte, oft auch in die Htten der Armuth trat, und theils erkannt,
theils unerkannt half, und Wohlthaten und Freude verbreitete.

Der _Duur_, sagte der _Geheimerathsprsident von Hello_ zu seinem
Frulein Tochter _Agathchen_, indem er die goldne Tabattiere unwillig auf
den Tisch hinwarf: Der _Duur_ macht unsern Durchlauchtigsten Herrn zu
einem Atheisten, zu einem Fantasten, und jezt endlich ganz zu einem
_Romanprinzen_. Es ist ein Leiden, wenn solch ein gepuztes, eingebildetes
Fntchen, wie der Graf, Frst und Volk ins Verderben fhrt, und dann Leute
von Verdienst und grauem Haar nicht gehrt werden, wenn sie die Stimme der
Warnung erheben. Pfui! -- ndert sich die Lage der Sachen nicht bald, so.
-- -- --

Nein, guter _Hello_, frchte nicht des Frsten und des Volks Verderben,
wenn der Frst fhlt da er Mensch sei, und seinen Kindern sich, als Vater,
zeigt!

Es ist ein schwerer Beruf Frst zu sein, und das Glk von tausenden zu
befrdern. Nicht Assembleen, Redouten, kostbare Soupees und Dinees, Blle
und Festen versssen die bangen, mhsamen Stunden und Geschfte der Grossen
genug, oft im frhlichsten Gelchter ist ihr Herz ein Raub der Sorge, des
Verdrusses. Wo sollen sie sich belohnen, und belohnen lassen? in der Mitte
ihrer Unterthanen, auch der des niedern Standes.

Wie kann ein Vater, der seiner Stunden grsten Theil fr das Wohl seiner
Familie hinopfert, ausser derselben Erquikkung finden? Die Freude seiner
Kinder, vom lallenden Sugling bis zum Erwachsenen, ducht ihm gewis
angenehmer, als anderwrtige, rauschende Vergngungen.

Freilich bringen oft ganze Stdte unter Triumfbgen ihren Landesherrn Oden
und Hymnen entgegen, die aber oft nur das Kompliment der Ehrerbietung sind,
nicht der Zufriedenheit herzlicher Dankesergus.

Herzog _Adolf_ wute dies so gut, als wir, und achtete nicht des Helloschen
Geschwzzes. -- Der Unterthan lernte ihn izt nher kennen, und ihn doppelt
lieben; man vergo Freudenthrnen, wenn er so unverhoft erschien, und
einsame friedliche Familien in ihren huslichen Geschften berraschte.

Oft stand er, dem Grafen zur Seite, in der Mitte kniender Dankbaren, welche
er oft durch ein Kleines aus schreklichen Labyrinthen gerissen hatte; dann
entschwand er ihnen, wie ein guter Engel, der Frieden vom Himmel in ihr
Haus gebracht hatte; man zeichnete sich die glklichen Tage auf um noch
Kindern und Kindeskindern diese Ehre, welche ihren Voreltern wiederfahren
war, heilig zu erhalten.

Von einer solchen Wanderung kam _Florentin_ an einem Abend zu Hause, als
ihm gleich beim Eintritt der _alte Badner_ ein Billet entgegen brachte.
_Florentin_ erbrachs, erkannte die Federzge der _Unbekannten_, und
schauderte.

Graf!

Ihr habt dem Lande wohlgethan, da Ihr die Fesseln zerbrachet, welche der
Afterglaube fr den freigebornen Geist der Menschen schmiedete, wir danken
Euch dafr im Namen _Holders_, im Namen unsrer und im Namen der Einwohner
dieses Herzogthums. -- Aber wie stehts mit der Prinzessin? warum
verseltnern sich eure Besuche bei ihr? warum erscheint sie nicht mehr so
oft am Hofe ffentlich? -- Ahndet Ihr nichts? -- Sie sieht bleich, ihre
Gesundheit ist nicht mehr die vorige; ihre Lebhaftigkeit ist verloren
gegangen, und -- -- -- _Graf! Graf!_ was habt Ihr angerichtet? sehet Euch
vor, wir rathen Euch, im Namen des wohlbekannten _Ludwig Holder_!

Der _Graf_ strzte entnervt auf ein Ruhebette, eine frchterliche Ahndung
umflog ihn. Gott, Gott! rief er beklommen aus: sie ist -- sie ist -- --

_Badner_ trat mit der treuherzigsten Miene zu ihm, und stie seine
gewhnlichen Tne: Ho! ho! ho! hervor.

Heda, Kerl! rief der _Graf_, und fate den alten, erschroknen Mann vor
die Brust? Wer war der Ueberbringer dieses verdammten Blattes?

Badner. (den Kopf schttelnd und die Hnde auseinander werfend) Ho!

Florentin. Sag mir, hast Du's gelesen, weit Du den Inhalt? gesteh's nur!

Badner. (verneinend und auf das Siegel deutend.) Ho! ho!

Florentin. Kennst Du den Brieftrger?

Badner. (schttelnd) ho!

Florentin. Mensch, warum hieltest Du ihn nicht fest?

Badner. (zukt die Schultern) Ho! ho!

Florentin. (rgerlich) las mich allein.

Er wars. Nun las er das Brieflein der Unbekannten noch einmal, und fand
eben den schreklichen Sinn darin liegen, als zum erstenmal. Er suchte sich
zu fassen; ging mit starken Schritten das Zimmer auf und ab; nahm die
Flte, welche ihm sonst so manchen Augenblik verschnerte, so manche Grille
hinwegtnte -- aber alles umsonst. Er warf die Flte hin, bedekte mit
beiden Hnden sein Gesicht und murmelte einzelne abgebrochne Silben: Gott!
o Gott! -- verdammt! -- was soll nun werden?

_Florentin_ gehrte zu denen, welche der erste Moment der heranziehenden
Gefahr entgeistert, die aber, wenn der erste Schrek vorbergangen ist,
muthiger dastehn, und deren Khnheit sodann oft an Verwegenheit grnzt.

Wir wollen ihn seinen Ueberlegungen allein lassen; Kleinigkeiten sind
unfhig die Sicherheit groer Seelen zu zerstren, _Florentin_ zittert
wahrscheinlich also nicht vergebens.




Viertes Kapitel.
Wer so stirbt, der stirbt wohl!


Inzwischen alles dieses vorging, inzwischen _Florentin_ und _Louise_ bald
alle Seeligleiten, bald alle Leiden der Liebe empfanden, inzwischen
tausende sich im Vaterlande des braven Landesvaters freuten, welkte
unbemerkt, mit jedem Tage mehr eine schne, vortreffliche Blume.

Fehlgeschlagne Hofnungen, zweimal unglkliche Liebe, Hang zur dstern
Schwrmerei, ewiger Harm, bestrmten lange die Gesundheit des
liebenswrdigen _Fruleins v. Glden_, die endlich erlag. Ein Heer von
Uebeln, eine Kette von Krankheiten schien sich wider das Leben dieses guten
_Mdchens_ verschworen zu haben; sie sah ihr nahes Grab, allein ohne Quaal.

Vier Wochen htete sie schon ihr Krankenlager, abwechselnd mit dem Fieber
ringend, und noch hatte sie _Florentin_ nicht ein einziges Mahl besucht.
Dies schmerzte ihrem weichen Herzen mehr, als der Abschied von einer Welt,
welche doch auch fr sie manchen Reiz gehabt hatte. Sie sah kalten Blikkes
die ehmahls blhenden Wangen verbleichen, ihre Schnheit verschwinden, ihre
Augen erlschen, und murrte, klagte nicht. Freudenlos sah sie andre um sich
her glklich; ungeliebt, fand sie andre sich liebend; am Rande des
schauervollen Grabes schwankend, erblikte sie die Welt noch einmahl in
ihrer ganzen Pracht, und so viele Freunde, so viele Freundinnen in ihr, die
da heimblieben -- und sie blieb ruhig.

Sie sah nicht gern Gesellschafter um sich; am meisten aber waren die
Prinzessin Louise und ihr alter, tiefgebeugter Vater, der Herr _von
Glden_, an ihrem Lager. Am liebsten beschftigte sie sich aber ausser den
Fieberschauern, mit des schnen, geliebten _Gustafs_ halbverwischtem
Portrait, oder mit _Lavaters_ Aussichten in die Ewigkeit, welche sie sich
vorlesen lies. Aufmerksam hrte sie dann jedes Wort an, und beruhigt und
erheitert schwang sich ihr schner Geist im Gebet vor dem Thron des
Allerheiligsten empor.

Wie ss ist doch der Lohn des Weisen oder des Dichters, der einem
Scheidenden von diesem Erdeleben die herbe Trennung verst, und dem ein
Sterbender noch Dank lallet! --

Sie fhlte das Herannahen der lezten Stunde, der Stunde, in welcher ihre
unsterbliche Seele einer Welt entsagen sollte, deren sie nur auf einige
Augenblikke genossen zu haben schien, eine neue Gegend des Unermeslichen
begrssen sollte, wo ihr vielleicht kein Freund entgegenwandelte, wo nur
Gott ihr Bekannter war. Sie verlangte deswegen den Genus des Nachtmahls,
und trauernd wurde ihr die Bitte gewhrt. Der _Herzog_, die Prinzessin
_Louise_, der _alte Herr von Glden_ und einige Freundinnen waren Zuschauer
dieser feierlichen Szene. Sie umringten das Bett ihrer gemeinschaftlichen
Freundin, und weihten diese heilige Handlung mit ihren Thrnen ein.

Der _Geistliche_ bot der Scheidenden alle Trostgrnde dar, welche die
Religion verleiht; er beflgelte ihre Hoffnungen auf des knftigen Lebens
bessre Szenen; lies sie noch einmal einen Heimblik auf die vergangnen Tage
richten, und reichte ihr dann das Brod und den Kelch.

Ein Auftritt am Sterbebett ist die schnste Schule fr Lebende; darum lat
uns noch einige Augenblikke hier verweilen.

Warum weinen Sie, Prinzessin? sagte _Auguste_, die sterbende _Auguste_,
und lchelte ihre jammernde Freundin an.

Sollt' ich nicht, liebe, beste _Auguste_? _schluchzte_ _Louise_, und
fate die matte Hand derselben, und drkte sie: du wirst sterben, o
_Auguste_, du wirst sterben, dich trennen von mir, und Gott, der nur allein
die unbekannten Gegenden jenseits des Grabes kennt, Gott nur wei, ob wir
beide einstens uns wiedersehn werden! -- -- Du warst meine Schwester, meine
Gespielin, mein alles; ich sollte nicht weinen, wenn ich das verliere, was
mich glklich gemacht hat? Ich habe dich nicht so glklich gemacht als du
mich. -- --

O doch! sprach die fromme _Sterbende_ zu ihrer ehmaligen Nebenbuhlerin,
mit sanfter, trstender Stimme.

Nein, nein, _Auguste_, so ist es nicht. Ach, vergieb, vergieb! Du
verlierst an dieser Erdenwelt nicht viel, eine _schnere_ harrt deiner, da
findest du vielleicht den Geist deines _Gustaf_ wieder, da vielleicht alle
Seeligkeiten wieder, welche du hier zurkliessest. Aber ich -- werde dich
suchen, und finde deinen Grabstein!

Weinen Sie nicht!

_Auguste_. Und wenn Du -- wenn Du wtest! o Gott!

Nein, Prinzessin, wenn ich bitten darf, so schweigen Sie. Ich habe mich
losgerissen von allem was irrdisch ist, mein Blik ist auf die Pforten der
Ewigkeit gerichtet, meine Wnsche, meine Hofnungen streben nach jenem
Jenseits.

Die Prinzessin schwieg. _Auguste v. Glden_ sank in einen sanften
Schlummer.

Am folgenden Morgen fhlte sie sich so heiter, so erquikt, da alle ihre
Genesung hoften.

Nein, sagte sie: freut euch nicht; es ist nur das lezte Auflodern des
verglimmenden Lebenslichtes.

Sie lies sich noch einmal zum Fenster hinfhren, wo sie eine vortrefliche
Aussicht ber einen Theil der Stadt und ber den ganzen Schlogarten hatte.

Nun lebt wohl: sagte sie, indem ihr schmachtender, matter Blik bei jeder
Staude, jedem winkenden Halme zu verweilen schien: lebet wohl, ihr schnen
glklichen Gegenden, an deren Reiz ich so oft mit trunkner Seele hing, die
ihr mich so oft in angenehme Hofnungen einwiegtet, mich so oft nach Leiden
und Thrnen beruhigtet! -- ja, Gott ist die Quelle des Schnen, darum freue
ich mich des gelobten, bessern Lebens nach dem Tode! -- -- Alles, alles ist
schn! alles, alles gut! --

Darauf lie sich die _Liebenswrdige_ zu ihrer kleinen Bchersammlung
fhren, wo sie fast jedes Buch noch einmal ansah und durchbltterte, dann
nahm sie einige Papiere aus dem Schreibepult, liess sich zu ihrem
Sterbelager tragen, wo sie denn von mehreren Freundinnen und Freunden den
zrtlichsten Abschied nahm, und jedem bei seinem Weggehn mit gebrochner
Stimme nachrief: weinet nicht, denn Gott ist unser, unser ist das Loos der
Freundschaft; was bedarf es mehr, um den Traum des Lebens schn zu
trumen?

Ihrem Wunsche zufolge, erschien auch nach einigen Stunden der _Graf
Florentin von Duur_. Sie hatte es so zu veranstalten gewut, da niemand
ausser ihrem _Vater_ bei dieser Szene zugegen war, und ihn mit den Worten
vorbereitet: Wundern Sie sich nicht, lieber Vater, ber das was Sie izt
hren werden.

_Florentin_ trat herein -- sie sah den _Jngling_, und ihre bleichen Wangen
frbten sich unter dem Rosenpinsel der Schaam und Liebe.

Er bat um Verzeihung einen nicht frhern Besuch abgestattet zu haben, aber
_Auguste_ selber entschuldigte ihn indem sie lchelnd sagte:

Sollten Sie jeden Bekannten am Krankenbette besuchen mssen, so wrden Sie
ja nie heiter werden. Aber mir verzeihen Sie es, da ich Ihnen vielleicht
einige trbe Minuten verursache.

Florentin. Sie beschmen mich, gndiges _Frulein_; meine Nachligkeit,
mein Leichtsinn sind mir kaum zu vergeben.

Auguste. Sehr gern zu vergeben, denn ich spielte eine unbedeutende Rolle in
der Geschichte Ihres Lebens; allein Sie in der meinigen eine grere, ohne
dass Sie darum wuten.

Florentin. Drft' ich darum nicht wissen, vortrefliches _Frulein_?

Auguste. Nein, so ist es und war es vielleicht besser. Aber ich hatt es mir
vorgenommen, Ihnen es einst -- und wr es auf meinem Todtenbette -- zu
bekennen, oder sollt' ich zu frh aus diesem Leben gegangen, sein, wrden
es diese Papiere gethan haben.

Florentin. (verwirrt) Gndiges -- -- Frulein -- --

Auguste. Ich stehe am Rande des Grabes, getrennt von allen Freuden, allen
Leiden dieser Welt, ohne Gram, ohne Sehnen; kein Wunsch keine Hofnung
bleibt hier zurk, und deswegen red' ich offen zu Ihnen, wie ich mirs lange
schon vorbehalten hatte.

Florentin. Mgten sie noch lange mit uns bleiben!

Auguste. Nein, so ist es besser; meine Wiedergenesung wrde mich nicht
glklich machen knnen.

Florentin. Vielleicht doch. O, da ich Sie nicht frher, nicht nher kennen
lernte!

Auguste (mit leiserer Stimme) Sehen Sie, Graf, _dies_ war der unglkliche
Punkt, welchen zu berhren Sie mir die Mhe berheben. -- (mit zitterndem
Tone) O Graf! vielleicht da ich dann nicht hier -- nicht jezt -- --

Florentin. (mit Thrnen) Gott!

Auguste. Nicht izt schon -- so frh -- --

Florentin. Knnen Sie mir auch das -- auch _das_ vergeben? -- -- (indem er
ihre Hand kt) Knnen Sie das?

Auguste. (die Duurs Thrnen auf ihrer Hand fhlt) Weinen Sie, Herr Graf? o,
zuviel fr eine Sterbende, weinen Sie nicht! --

Florentin. Vielleicht -- vielleicht bin ich Ihres frhzeitigen Verwelkens
-- -- --

Auguste. Nicht doch! so entwarf die heilige Vorsehung ihren Plan, so muten
Sie handeln, und so mut ich empfinden. -- -- Alles unergrndlich, mit
Leiden verwebt fr mich, aber das Wesen, welches fr uns eine so planvolle,
wunderbare, schne Welt erschuf, sollte dies Wesen allein planlos in unsern
Schiksalen handeln?

Florentin. Ein frchterlicher, trauriger Plan!

Auguste. Nein, Bester, glauben Sie es nicht! -- mir ist freilich noch izt
am Ende meiner Tage manches in denselben verworren und dunkel, allein
droben, droben erwarte ich Licht; warum sollte der Himmel unsern Eigensinn,
unsre Wisucht zu befriedigen gegen die Ordnung der Natur und des Schiksals
sein?

Florentin. Unnachahmliche, Sie -- Sie sind meine Trsterin, da Sie selber
Trostes bedrfen.

Auguste. Nein, ich bedarf keines Trostes; ich habe meinen Zwek erreicht;
Sie sollten mich noch ganz kennen lernen, eh ich die Erdenwelt verliesse,
sollten mir Ihr Mitleid gnnen, da ich nicht _mehr_ hoffen drfte; ich
glaubte in dieser gegenseitigen Entdekkung Beruhigung zu finden, und ich
fand sie.

Florentin. Da ich mehr zu Ihrer Beruhigung htte thun knnen!

Auguste. Genug gethan! -- wollen Sie noch eines, so bitt' ich Sie, diese
Bltter, welche ich zu Anfange meiner Krankheit unter ahndenden Gefhlen
des Todes schrieb, an _Sie_ schrieb, mir noch einmal vorzulesen, und
hernach, sie keinem andern Ohr und Auge, als den ihrigen anzuvertrauen. --
Es sind Trumereien, Schwrmereien, welche Sie als nichts mehr betrachten
drfen. Aber indem ich mich meinen Empfindungen und meiner Einbildungskraft
berlies, war ich doch glklich. -- --

_Florentin_, in die schwermthigste Seelenstimmung versunken, entsiegelte
die Papiere, und begann zu lesen. Oft zitterte, oft brach seine Stimme,
aber die _Sterbende_ lchelte holdseelig auf ihn hin, und er fuhr im Lesen
fort.

Wer vielleicht aus hnlichem Hang, vielleicht aus Neugier, oder wider die
Langeweile, der liebenswrdigen _Auguste_ Schwrmereien, mit _Florentin_,
zu lesen wnsche, wende sich zum folgenden Kapitel.




Fnftes Kapitel.
Schwrmereien Augustens von Glden.


Ich will mich hieherstellen und den Vollmond ansehn, wie er schweigend ber
den einsamen Thurm der Kirche hinschwebt; -- es ist ein feierliches
Schauspiel! die Gottheit erschuf diesen wiederleuchtenden Weltkrper, da
er ewig und liebend uns umschwebe, und nie unsern Stern verlasse, sondern
ihn immer begleite in seinem Kreislauf.

Was hier _Gesez der Natur_ heit, heit bei den Menschen _Liebe_; aber ist
Liebe vorherbestimmtes Gesez, ist Liebe _Zwang_? Ich mag es nicht
ergrnden, aber Heil mir da ich diesen sssen Zwang, oder diese
beseeligende Willkhr meines Herzens empfinde!

Fragt nicht, wo ist Gott und was ist die Gottheit? -- sehet ber euch die
zahllosen Gestirne, die liebend und treu sich umeinander hindrehn; sehet
die vernunftlosen Thiere, die Gewrme des Staubes welche sich mit einander
vereinen, und die Seeligkeit ihres Daseins in der Liebe finden. Dort ist
Gott und Gott ist hier, er webt und wandelt in und ber den erhabnen Sfren
des Weltalls und webt und wandelt in und ber den Blumen des Feldes. Gott
ist die Liebe; die Liebe ist Gottheit und allgegenwrtig!

Seid mir willkommen, ihr schmeichelnden, heiligen Gefhle, welche meinem
Herzen unbekannt waren, seit Gustaf heimkehrte zum Staube, woraus er
erschaffen war! Seid mit willkommen, ihr die ihr nicht mit seinem schnen
Geiste der Erdenwelt entflohn seid! Ich Unglkliche soll noch glklich
sein; meine erstorbnen Freuden blhn wieder auf, meine melancholischen
Klagen lsen sich in frohe Gesnge der Hofnung und Sehnsucht auf, o darum
Heil der Liebe, Heil der Gottheit!

Noch weis, noch ahndet er nicht, da ihn ein Mdchen liebt am Hofe; stolz
bieten ihm Rosen, und Tulpen sich an, an seiner Brust verblhn zu knnen;
wird er das unbekannte, einsame Veilchen verschmhen? -- Wird _Florentin_
_Augusten_ verschmhen?

O da er mich belauschte, wenn die Thrne der Sehnsucht meinem Auge
entquillt; da er mich belauschte, wenn ich sinnend die Zge seines schnen
Namens auf das Papier hinmahle; da er mich belauschte wenn ich:
_Florentin! Florentin!_ seufze, und meine Wangen schaamvoll errthen! -- --

Eine liebliche Ahndung umgaukelt meine Seele; die Hofnung strahlt mir
lchelnd entgegen: spt oder frh sinkt er an meinen Busen, spt oder frh
umschliessen den Geliebten meine Arme. -- Seelige, beneidenswrdige
Auguste, Dein Himmel wohnet auf Erden; Liebe wird Dir mit Liebe vergolten,
_Florentin_ Dir alles, und Du dem schnsten Jngling alles werden; o Loos
der Liebe, wie seelig bist Du! --

                   *       *       *       *       *

_Gustaf_, _Gustaf_, warum erschienst Du mir im Traume dieser Nacht? warum
lcheltest Du mir so wehmthig zu, und liessest Thrnen ber Deine
Engelswangen rinnen? -- Heiliger, Auserwhlter, zrnest Du?

Ach nein, wie knnte ein Geliebter Gottes zrnen? Dein Lcheln war das
Lcheln der Freude, Deine Thrne, die Thrne der Wonne Deine _Auguste_ nach
langen Leiden glklich zu sehn! -- o sieh herab auf mich, Verklrter, und
sieh _Augustens_ Glk! -- Ich bin Dir noch treu, treu, wie bei dem ersten
Kusse, welchen ich Dir, Engel, aufdrkte; und doch liebe ich einen
_Florentin_. Bin ich strafbar? nein, denn, wenn Liebe zum Verbrechen
geworden ist, so sind alle Meisterwerke der Schpfung Snde; im Hauch der
Liebe wurden sie erschaffen, und zur Liebe reizen sie wieder.

                   *       *       *       *       *

Hr' es, hr' es, wohlthtiger Geist der Liebe! hr' es Du ganze glkliche
Natur, hrt es alle, ihr seeligen Geschpfe auf Erden, da ich unglklich
bin! _Florentin_ liebet mich nicht! ach, Gott, er liebet mich nicht! --

Nun sinken sie alle ein, die schnen Fantome meiner hoffenden Liebe; nun
verdstern sie sich, die lchelnden Paradiese, welche meine
Einbildungskraft in frohen Augenblikken hinzauberte. Nun ist fr _Augusten_
keine Freude mehr! --

O _Louise_, Du hast ihn mir geraubt, Du, die sich meine Busenfreundin
genannt hat, ihn der den Traum meiner Tage allein versssen, konnte: Hast
ihn mir geraubt, die Du so vieles besizzest, von einem Herzogthume
angebetet wirst, hast ihn mir Armen geraubt, die da nichts, als ein
weiches, empfindendes Herz zum Eigenthume hat. Bist Du nicht reich genug
gewesen, mut Du auch die Bettlerin um ihren Schaz plndern?

Verlange nicht stolze Habschtige, da ich Dich noch liebe; fordre nicht
Besiz eines Herzens, nach dem Du mit giftigen Pfeilen zieltest. O mit
rubrischen Hnden entwandst Du mir ein Heiligthum, und ich soll Dich
lieben? -- Nein, nein, die khnsten Widersprche der Natur mgen sich in
Harmonien auflsen; der Raubvogel in den Lften seiner Antipathie
vergessen; liebend neigen die Bewohner des Paradieses die Behausungen der
verdammten besuchen, nur nimmer wird meine blutende Seele der Deinigen in
Eintracht begegnen!

Ha, Frchterliche, wisse, das Glk der Liebenden zerstren, heit den
Grundstein der Schpfung verderben. -- Heilige, reine Liebe konnte nimmer
in einem Herzen, wie das Deinige, ihre Wohnstatt aufschlagen, aber nimmer
msse Dich auch ihr leisester Odem beseeligen. -- Nie umarme dich eine
liebende Gestalt; finde nie deinen Himmel auf den Lippen eines Jnglings.
Geh, geh, suche bei der ewigen Gte Erbarmen, und finde es nicht; geh, geh!
-- --

                   *       *       *       *       *

Nein gute _Louise_, vergieb, ich habe gesndigt; habe Dich gelstert und Du
bist eine Heilige! -- Ich bin so unglklich, o, so, unglklich, dein Zorn
mache mich nicht elender!

Wie doch alles so wunderbar im menschlichen Leben an einander gekettet, und
durch einander gewirrt ist! und das alles, alles ist weiser Plan des
weisesten Wesens? --

Ich bin ja eine Sterbliche; Leidenschaft und zartes Gefhl sind mir
angeschaffen, die Schnheiten der Welt sind ja auch fr mich vorhanden; und
doch bin ich ausgestoen aus der Zahl froher Wesen? -- die Freude und das
Jauchzen der wonneberauschten Kreaturen ist ein Lobgesang auf die Gte des
Himmels, verherrlichen meine Thrnen den Himmel auch? -- was hat denn meine
Seele verbrochen, welches sie abbssen msste, warum bin ich so verlassen?

Ich ergrnd es nicht, und werd' es nie ergrnden!

Seid glklich, ihr schnen Seelen, Auguste findet ihre Ruhe in den Thrnen
der Schwermuth; euch umfasse ein blhender Busch, geheime Ksse zu
verbergen; mich verdekke ein sterbendes Gestruch, das sein trauriges
Lispeln in meine Seufzer mischet.

Bricht das Licht des Morgens empor, so verscheucht es melancholische Trume
von meinen Augenwimpern, und ladet zum Weinen ein; umschleiert die Nacht
mich, so sink ich an ihren Busen um ungestrter zu jammern. -- Seid
glklich, ihr meine Mitgeschpfe, ich bin es im Leiden. Ewigkeit ist unser
Loos nicht; meine Thrnen werden einst versiegen!

                   *       *       *       *       *

Nein, nein, ich will sie nicht mehr hren, jene bangen, furchtbaren
Ahndungen, ich will sie alle verbannen. Die Hofnung steigt vom Himmel
herab, lchelt und bringet mir Trost. Furchtlos sollen meine mattgeweinten
Blikke auf die Leiden hinsehn, die mir bestimmt sind, vergebens sollen sie
mich verfolgen. Eine Freisttte fnet sich mir, eine Freisttte, an deren
Pforte die Furien des menschlichen Lebens zurkbeben, und die ihnen
entrinnende Beute unverfolgt lassen. -- O, Tod, dies ist dein Tempel!

Die Nebel zerrinnen, mit welchen die furchtsame Einbildungskraft der
Sterblichen deinen Vorhof umlagerte; eine wohlthtige Gottheit schwebst du
aus diesen Finsternissen hervor, und strekkest dem zitternden Verlanen
deine Arme entgegen. Mit ewigem Lichte ist dein Thron umringt, ihm zur
Seite glnzt die majesttische Wahrheit, die holde Ruhe, der liebenswrdige
Friede herrschen hier, und bieten dem schchternen Ankmmling ihre
Zauberschaalen. Abgemattet von dem mhevollen Lebenslaufe trinkt der Mensch
den dargebotnen Trank, und weggeschwunden sind jeder Harm und selbst die
wehmthige Erinnrung.

O Menschen, Sonderbare, Unerklrliche! warum mahlet ihr der Gottheit
sssestes Geschenk mit so schauerlichen Farben? -- So manche Noth drkket
euern Miterschafnen, geheimer Kummer nascht mit gefrssigem Zahn an der
Wurzel seines Lebens und ihr weinet ber seinen Leichnam?

Freuet euch, meine Lieben, wenn der gefllige Tod des Lebens Brde von mir
nimmt; bedekket meinen Leichnam nicht mit einem dstern Tuche, worin die
Hand des Knstlers das Bild der Verwesung gezeichnet hat. Zndet um meiner
Baare keine Todtenfakkeln an, deren blasser, zitternder Glanz, wenn er sich
mit grauenvoller Dunkelheit gattet, die Seele des Zuschauers beben macht.
Begleitet mich nicht in langen Trauergewndern, mit erdwrtsgesenkten
Blikken zu Grabe. -- Nein, umkrnzet mir lieber das Haupt mit Blumen,
wnschet der Entschlummerten Glk, und senket mit Lobliedern auf den Tod
den Leichnam in die mtterliche Erde. So ehret ihr den Triumf eurer
Freundin! --[A]

                   *       *       *       *       *

_Louise_, Du fragst, warum _Augustens_ Wangen verblassen? -- verblassen sie
wirklich? wohl mir, dies ist der erste Kus des Todes. Ich fhl es, meine
Kraft ist vertroknet, meine Hofnungen glklicher Lebensszenen sind
verloschen, _Gustaf_ winkt. --

[Funote A: Jakoby.]

Lebt wohl, ihr die ihr mich lieb hattet, lebt wohl. Und Du, _Florentin_,
sei glklich. Dich nur liebt ich allein auf dieser Welt, -- Dich hatte ich
mir zum Ersaz vieler Thrnen auserkohren Dich htte ich nicht fr die ganze
Pracht einer kniglichen Krone vertauscht, und Dir entsage ich izt.

Sprach man von den schnsten Werken des ewigen Schpfers, so dachte ich
deiner; sollte sich meine Andacht vor heiligen Altren zum hhern Fluge
beflgeln, so dachte ich deiner -- nannte man die Freuden eines knftigen
Lebens, _Florentin_, so dachte ich deiner, und dir sag ich izt das
Lebewohl! Nur einen Wunsch gewhre mir das Schiksal, da _Florentin_ einst,
wenn ich schon von dem Irrdischen entfesselt, hinbergegangen bin in die
Wohnungen der Ruhe, diese Bltter lesen, mich noch mitleidig betrauern
mgte, oder da er mir an meinem Sterbebette noch diese Klagen vorlesen,
und ich seine Wehmuth sehen drfte! Oh, ich habe vielleicht zu viel
gebeten, vielleicht -- --

_Florentin_ konnte nicht weiter; er verhllte schluchzend sein Gesicht; der
alte Herr _von Glden_ zerflo in Thrnen und schaute in stiller
Verzweiflung auf sein Kind hin.

Es ist erfllt! lallte _Auguste_ -- ihr Auge war gebrochen, jezt brach
ihr Herz. Der alte Vater strzte sich ber ihren Leichnam; _Florentin_
kte die kalte Hand der Entschlummerten, und Jammer und Thrnen wurden
allgemein.




Sechstes Kapitel.
Der Donner aus der Ferne.


Ausgerungen hat die schne Leidende; ihr Fus durchwandelt jezt seligere
Regionen; ihr Auge kennt jezt keine Thrnen mehr; sie ruht vielleicht jezt
am Busen ihres _Gustaf_; ruht aus von berstandenen Leiden, indessen ich
Verlassne trben Bliks ihrem Flug nachstarre!

So sagte _Louise_ zu sich, als sie von dem Tode ihrer _Freundin_
benachrichtigt worden war; und in der That hatte sie Recht zu klagen.

Sie fhlte, ihre Lage sei, in jeder Hinsicht, schreklich, sie war in ein
Labyrinth verschlungen, aus welchem zu entkommen bis izt alle Mglichkeit
verloren schien. Und nun war sie auch ihrer Rathgeberin, Trsterin,
Mitweinenden -- ihrer Vertrauten, ihrer Schwester beraubt.

O unglkseelige Liebe! rief sie zu wiederholten Mahlen aus, indem sie
ihre Blikke zu Boden schlug und ngstlich die Hnde rang: Ich mus mich dem
unglklichen Grafen entdekken, es koste was es wolle. Vielleicht findet er
einen Ausweg, den mein Auge bisher nicht wahrnahm; vielleicht -- o
_Florentin_, wehe Dir und mir, wir sind Beide verloren!

_Augustens_ Tod war gleichsam das Signal, zu frchterlichen Ungewittern,
die sich izt ber unsre beiden Liebenden zusammenzogen.

_Louisens_ Freundin wurde feierlich begraben, und zwar so, wie sie es
ausdrklich auf ihrem Sterbelager gewollt hatte.

Einige Tage vor der Beerdigung stand ihr Leichnam in einem braungebeizten
kostbaren Sarge ffentlich zur Schau, damit Freunde und Bekannte und
Unbekannte noch einmahl die schne, zur Verwesung eingesunkne Hlle einer
noch schnern Seele sehen mgten. -- Sie war in ein weisses Gewand gehllt,
hin und wieder mit jungen Rosen berstreut; ein Kranz von eben diesen
Blumen, mit Vergismeinnichten durchwebt, umflos ihre Stirn. Alles was
schauerliche Vorstellungen vom Tode und Grabe erregen konnte, war hier
verbannt, keine schwarz berschlagne Wnde, kein langer Trauerflor, kein
Todtenkopf, waren hier zu erblikken.

Am Fusgestelle der Baare stand ein ovales, lebhaft umkrnztes Bildnis
errichtet, in welchem die Verstorbne vorgestellt wurde, wie sie von ihrem
Genius gefhrt, den Hallen des Lichts entgegenschwebte. Die Erde lag mit
falbem Grn bekleidet, leblos und vernebelt unter ihren Fersen; ihr
Gesichte strahlte im Wiederschein der therischen Gegenden, und ein Seraf,
mit den Zgen des schnen _Gustafs_, schwebte ihr entgegen, mit der
glnzenden Palme.

Ehe der Sarg in die Gruft hinabgesenkt wurde, sezte man ihn nach alter
Sitte zuvor in der Gegend des Altars in der Schloskirche nieder. Hier
sprach der neue Hofprediger vom Wiedersehn in der Ewigkeit, und der
Wohlthat des Todes fr die Sterblichen so vieles und so schn, da die
Augen der Leidenden und Frohen, die bei dieser Szene versammelt waren, von
Thrnen stiller Sehnsucht und Hoffnung glnzten; eine angenehme Ruhe wohnte
in jeder Brust, eine feierliche Stille herrschte berall, nur hin und
wieder hrte man die leisen Seufzer der trauernden Verwandten.

Plzlich erscholl _Klopstoks_

   Auferstehen wirst Du, auferstehen!

vom Chore herab; die Gemeinde stimmte mitempfindend in den herzerhebenden
Gesang; liebliche Wehmuth und Hoffnung vermischten sich in jeder Seele.

_Augustens_ Hlle wurde eingesenkt, unter den Gesngen unsrer besten
deutschen Dichter ber Wiedersehn in der Ewigkeit, Auferstehung, und
Seeligkeit der Entschlummerten Gerechten. Bekannte und Unbekannte, Mdchen
und Jnglinge eilten unterdessen zum Grabe, Blumen herunter zu streun, auch
die Prinzessin _Louise_, mit einem Krbchen voll junger Rosen, stand unter
ihnen, und warf sie der Asche ihrer _Freundin_ nach.

Heiter kehrten sie alle zurk, und, halbgetrstet ber den Verlust seiner
geliebten Tochter, auch der _Vater_ _Augustens_.

Man sprach noch lange von diesem Leichenbegngnis, und die einsichtsvollern
unter den Residenzbewohnern fhrten es bei sich ein, worauf auch der
gemeine Mann nicht lnger anstand es nachzuahmen.

_Florentin_ blieb einige Tage darauf stets in seinem Zimmer verschlossen;
er war trostlos um Augustens Tod, als dessen Ursach er sich betrachtete,
aber bald wurde er durch einen neuen Auftritt aus dieser Schwermuth gewekt.

Er erhielt nmlich Befehl vor der _Prinzessin_ zu erscheinen.

_Florentin_ ging zur bestimmten Stunde, wurde vorgelassen und fand
_Louisen_ auf ihrem Sofa blas, schwermthig, und wie aus tiefen Gedanken
aufgeschrekt, sizzen.

Er kte zitternd ihre Hand und fragte um ihren Befehl. Sie schwieg eine
Weile, bat ihn sich nieder zu lassen, ging darauf schweigend in dem Zimmer
auf und nieder und warf unterweilen einen traurigen Blik auf ihn.

Nicht wahr, sagte sie endlich, indem sie am Fenster stehn blieb, mit
weggewandten Gesicht: wir haben am Frulein _v. Glden_ viel verloren?

Florentin. (einen Seufzer unterdrkkend) Ja, bei Gott unendlich viel.

Prinzessin. Wer wird jezt ihren Plaz ausfllen knnen?

Florentin. Ich wte kein Mdchen von so sanftem liebenswrdigen Karakter,
von solcher Treue, solcher Verschwiegenheit.

Prinzessin. Sie haben Recht. Aber meinen Sie da wir jezt einer solchen
Vertrauten entbehren knnten? meinen Sie Graf?

Florentin. Eher vielleicht das Geheimnis unsrer Liebe einer Verrtherin
offenbart wrde, eher dcht' ich -- --

Prinzessin. Es wre wenigstens zu wagen; denn bester Graf, in kurzem sind
wir Beide verrathen.

Florentin. (erschrokken) Verrathen?

Prinzessin. Erschrekken Sie nicht; erwarten Sie alles mit gefater,
mnnlichen Entschlossenheit, was Ihnen und mir auch begegnen mgte.

Florentin. (einen Schritt nher tretend) Um Gotteswillen. Theure, wozu
diese Vorbereitung?

Prinzessin. Leider da man Sie vorbereiten mus!

Florentin. Verrtherei unsrer Liebe? -- o, htten Sie mir gesagt, da ich
in der folgenden Minute des unfehlbaren Todes wre, es htte mich nicht
erschttert.

Prinzessin. Unsre Liebe wird verrathen werden, ich sage ja: _wird_; noch
_ist_ sie es nicht.

Florentin. _Wird_? o, gndigste Prinzessin, sagen Sie mirs, durch wen?
_durch wen?_ -- ich bitte Sie um Gottes, um ihrer zeitlichen Wohlfahrt, um
alles Heiligen willen, _durch wen?_ --

Prinzessin. (die ihr Gesicht verhllt.) Oh!

Florentin. _Durch wen?_ ich flehe; nur um des verhaten Namens erste Silbe
flehe ich; und bei dem grossen, furchtbaren Gott, bei dem ewigen Geheimnis
unsrer Liebe beschwre ichs, ich bringe den Verrther um. -- Sie wollen
nicht? wollen sich unglklich machen, und mich? --

Prinzessin. (weinend) Verlassen Sie mich.

Florentin. Nein, ich ruhe nicht, bevor ich den Verrther entdekt habe. Sie
schweigen noch? o, Louise, gedenke jener seeligen Nchte, und bei diesen
sei beschworen: wer will --

Prinzessin. (seine Hand fassend und ihn zrtlich anblikkend) Eben -- eben
jene seeligen Nchte -- -- o, las mich nicht fortfahren.

Florentin. (sie anstarrend.) Eben jene seeligen Nchte, Louise -- --?

Prinzessin. (mit weiblicher Schaam an seine Brust sinkend) Oh, Florentin!

Florentin. Was ist das?

Prinzessin. Machten dich -- dich zum Entehrer des herzoglichen Geblts,
Dich -- -- zum Vater! --

Florentin. (hinsinkend) Oh, Gott! Gott!

(eine lange, ngstliche Stille.)

Prinzessin. Nun, mein Florentin?

Florentin. (starrt dster vor sich hin)

Prinzessin. Qule meine Seele nicht, Lieber. Wir sind unglklich, nicht so?
ohne Rettung, ohne Hofnung unglklich? --

Florentin. (schweigt, wie oben.)

Prinzessin. Htten wir uns nie gesehen, htten wir uns gehasset, statt zu
lieben, htten wir nie, ach nie den giftigen Kelch der Wollust genossen! --
-- Florentin, sieh mich an. Sieh nicht so starr vor dir hin, presse nicht
die Lippen so zusammen, -- komm, heitre dich auf, lchle. Ich bin
unglklich, aber doch nicht allein. Du bist elend aber es doch nicht
allein; zu jeder andern Stunde, ein frchterlicher Trost, jezt aber
namenlos ss.

Florentin. (giebt keine Antwort)

Prinzessin. Ein unglklicheres Loos konnte nicht auf mich fallen, als
gefallen ist. Wr' ich die rmste Drferin dieses Herzogthums, ich wre
glklicher; es wrde sich ein mitleidiger Hirt finden, der mich Verstone
aufnhme; wir wrden uns lieben drfen, ohne da die ganze Welt auf unsre
Liebe she; doch es ist geschehn.

Florentin. (sich ermannend) Es ist geschehn, theuerste _Louise_, es ist
geschehn. Ich stehe fest. Ich seh' es voraus, der Staat wird fr diese
Liebe mein Blut fodern, ich will es ihm nicht verweigern; nur _Louisen_
mgt' ich nicht leidend wissen.

Prinzessin. Sonderbarer, zittre nicht fr die Schwester eines Herzogs. --
Doch Du, Bester, Du --

Florentin. Ich bin jeder Gefahr gewrtig.

Prinzessin. (geht zu einem Schrank und zieht ein Kstchen hervor) Nimm dies
und entflieh.

Florentin. Nimmermehr.

Prinzessin. Entflieh!

Florentin. Nimmermehr; wo _Louise_ lebt, will auch ich leben, und soll ich
sterben, so will ich unter ihren Augen meinen Geist aufgeben. -- Ich fliehe
nicht, _Louise_ wre denn mit mir: dann hin in die unfruchtbarsten
Wsteneien, in die schauerlichsten Winkel eines Waldes, hin in entlegne
Welttheile, wo die Menschen noch Thiere sind, wo die Sonne nur halbjhrlich
hinblikt, oder wo sie ewig glhend sich um ihren Mittelpunkt wlzt, --
allenthalben blhete dann ein Paradies fr mich.

Prinzessin. (mit Stolz) Ich bin Frstin. -- (schmeichelnd) Entflieh!

Florentin. Ich kann nicht. Las mich, wenn es sein soll, sterben, nur
entfliehen nicht. Ein leidender Verbrecher erregt wenigstens Mitleiden; der
glkliche Flchtling schleppt den Has der Welt mit sich in alle Zonen
herum. Ich will bleiben.

Vergebens bat _Louise_ ihren Liebling mit Thrnen; er widerstand mit
Hartnkkigkeit. Lange dauerte der zrtliche Streit, bis die _Prinzessin_
mit heimlichem Schaudern in _Florentins_ Verlangen willigte. Er blieb in
der Residenz, bis zur Entwikkelung der Geschichte, sein Schiksal mge sich
dann entfalten, wie es wolle.

O! -- seufzt der unglkliche _Graf_, wie einst _Hon_:

   -- -- -- Das allgemeine Loos
   Der Menschheit, schwach zu sein -- ist mein Verbrechen blos.
   schwer b' ichs nun, doch klaglos, denn gereuen
   Des liebenswrdigen Verbrechens soll michs nicht!
   Ist Lieben Schuld, so mag der Himmel mir verzeihen.
   Mein sterbend Herz erkennt nun keine andre Pflicht.

Sie schieden von einander. In einer frchterlichen Angst hing _Louise_ an
seinem Halse; noch einmal, unter zahllosen Thrnen, unter zahllosen
Beschwrungen bat sie ihn, zu fliehn, er aber weigerte standhaft.

Ich bleibe, sagte er, und drkte einen Ku auf ihre Lippen: ich bleibe.
Und mu ich sterben, wohl so sterb' ich gern. Mein Tod wird meine Feinde
zum Mitleiden rhren, meine Flucht aber wre ihr Triumf; alle wohlthtige
Anstalten, welche ich zum Besten meines Vaterlandes traf, wrden vielleicht
dann ihren Werth verlieren, mein Tod kann aber noch eine Stzze derselben
sein.

Ohne noch ein Wort zu verlieren, entfernte er sich.




Siebentes Kapitel.
Das Gewitter zieht nher heran.


Prinz Moriz. (auf einem Ottomann) Es ist alles umsonst; indes kann ich mich
leicht darin ergeben. _Duur_, _Duur_ wir begegnen uns noch einmal auf einem
frchterlichen Gange; doch der Kerl ist einer so langen Erinnrung nicht
werth. -- (er klingelt)

Ein Bedienter. (kommt herein)

Prinz Moriz. Geh zur Signora _Biondine_; sie darf mich heute zum Nachtessen
bei sich erwarten.

Bedienter. (geht ab.)

Pr. Moriz. Prinzessinnen und Sngerinnen sind beim ausgelschtem Lichte
einander gleich. _Louise_ und _Biondine_! freilich eine grliche Kluft
zwischen beiden, aber _Biondine_ gehrt zu den weichherzigen Seelen, und
das macht alle ihre Fehler gut.

Sekretair Flimmer. (tritt herein)

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. O vortreflich!

Pr. Moriz. Teufel, du lgst!

Flimmer. Haben Sie die Gnade mich zu hren. Ich besuchte whrend Ew. Hoheit
sich hier am Hofe aufhielten, nach meiner alten Gewohnheit zum Zeitvertreib
die Tabagien; man findet an solchen Oertern die schnste Gelegenheit
Menschengesichter zu beobachten, physiognomische und politische
Betrachtungen aufzustellen. Unter andern frappirte mich ein alter,
schlichter Kerl, aus welchem niemand eigentlich klug werden konnte. Man
wute mir von ihm nicht mehr zu sagen, als da er tglich in den
Weinhusern herumlge, spielte, sffe und unserm Hergott die Tage absthle.
Dazu wollte man sich erinnern, das er ein verschmizter Gauch wre, welcher
schon manchen dummen Streich begangen htte. Das trolligste bei der ganzen
Sache ist, da der alte Schelm stumm ist.

Pr. Moriz. So. Wie beit der Tagedieb?

Flimmer. _Badner_. Ich bemerkte, da er Geld zu verschwenden hatte, drum
whrte es nicht lange, so saen wir neben einander und tranken
Brderschaft. Ich unterhielt mich fters ganze Abende mit ihm; seine
Bleifeder diente ihm statt der Zunge.

Pr. Moriz. Nun?

Flimmer. Dieser sonderbare Taugenichts ging vor einiger Zeit zum _Grafen
Duur_ in Dienste; seine Brse ist bankerot, vermuthlich gedenkt er sie
durch die Freigebigkeit seines jezzigen Herrn wieder zu spikken. Allein
seit einigen Tagen schien er mit seinem Schiksale nicht recht zufrieden zu
sein; flugs machte ich mich an ihn, lokte ihn aus, und ich hatte den
kzlichen Flek richtig getroffen. Ich lie einige Worte von Ihnen fallen,
von Ihrer Gte, Ihrer Mildthtigkeit. Der Kerl spizte die Ohren. Folgenden
Tages lie ich ihn merken, dass Ew. Hoheit ihn wohl in Dienst zu nehmen
gedchten. Mein _Badner_ war wie ausser sich vor Freude. Am dritten Tage
sprach ich von einem Werke, wodurch er sich Ew. Hoheit sogar verbindlich
machen knne. Er fragte um nhere Umstnde; ich konnte ihm weiter nichts
erwiedern, als da Ew. Hoheit dem _Grafen von Duur_ nicht wohl wollten, und
da, und so weiter. Und heut bring' ich Ihnen den Erzgauner, willig zu
jedem Bubenstk, her. Ein Wort von Ihnen selber kann ihn zum Vatermorde
stark machen. Er steht und wartet in der Antichambre.

Prinz Moriz. (lt sich eine Chatulle reichen.) Fhr' ihn her.

Der alte Badner. (tritt nach einer Weile mit dem Sekretair herein.)

Pr. Moriz. Hre _Badner_, Du willst des Grafen Dienst verlassen?

Badner. (schchtern mit dem Kopf winkend) Ho.

Pr. Moriz. So kannst Du in den meinigen treten, wenn Du ein ehrlicher
treuer Kerl bist. Ich bezahle meine Leute gut, aber sie mssen im Fall der
Noth auch wohl ihr Leben fr mich in die Schanze schlagen knnen. Bist du
das auch gewillt?

Badner. (sich verbeugend) Ho!

Pr. Moriz. Schade alter Bursche, da Dir das Maul vernagelt ist. (wirft ihm
eine Brse voller Geld entgegen) Da, nimms zum Handgelde. Wie lange wirst
Du noch beim Grafen bleiben?

Badner. (zieht eine Schreibtafel hervor und schreibt) Ein Monat noch.

Pr. Moriz. Ja, Bursche, das whrt zu lange. Doch mein Sekretair wird Dir
schon einige Winke gegeben haben, wie Du Dich zu verhalten hast.

Badner. (winkend) Ho, ho!

Pr. Moriz. Wird Dir auch wohl von den hundert Louisd'oren und von diesem
Flschchen gesagt haben, dessen Wasser Du -- --

Badner. (mit treuherziger Miene) Ho, ho!

Pr. Moriz. Du darfst dies Wasser nur unter seinen Wein, oder in eine Suppe
schtten. In ein, zwei, drei Wochen keucht das Junkerchen seinen
zukkersssen Geist von sich, und Du empfngst noch funfzig Louisd'ors von
mir. Funfzig hltst Du jezt schon der Hand.

Badner. (schreibt) Ew. Hoheit erlauben mir aber bei Ihnen Dienste zu
nehmen?

Pr. Moriz. Nicht anders; so bald der _Graf_ das Wasser verschlukt hat,
meldest du dich wieder. (er reicht ihm das Flschgen) Leb wohl. Mache dein
Probestk als Meister; mein Sekretair sage dir das brige.

Flimmer und Badner. (entfernen sich)

Ein Bedienter. (bringt dem Prinzen einen Brief, worauf sich derselbe wieder
wegbegiebt.)

Pr. Moriz. (bricht auf und liest:)

Prinz!

Da Ihr unsre Warnungen verachtet, unsern Rath verlacht, unsre Stimme tauben
Ohren schallen lasset; so rufen wirs Euch zum leztenmale zu: seid auf Eurer
Hut, entgehet der Rache beizeiten, ehe sie Euch unverhoft berfllt. --
_Giftmischer_ werden auf deutschem Boden nicht geduldet, schlaget Euch zu
den Banditen in Welschland! -- Entfernet Euch binnen vierzehn Tagen aus dem
Herzogthum, eine Stunde, so Ihr ber die gegebene Frist verzgert, bringt
Euch unfehlbaren Tod von dem Gericht der Euch _Unbekannten_.

Donner und Wetter was sollen die Mummereien? -- der dritte Brief schon den
mir die unbekanten Spione zuschikken und kann nicht erkunden von wem und
von wannen? -- Ists der _Herzog_ selber, der in dem richterlichen Tone zu
mir spricht und mir sein Land zum Aufenthalt versagt, oder ists der
vermaledeite _Graf_? -- Unmglich, wie wuten diese um all meine
Geheimnisse? -- Hier ist Verrtherei! (er springt vom Ottomann auf) Hollah!
ho! Flimmer!

Flimmer. (kmmt.)

Prinz Moriz. (ihn hart anfahrend) Bsewicht, oder Dummkopf! sprich was bist
Du von beiden?

Flimmer. (erstaunt) Ew. Hoheit verzeihn -- --

Pr. Moriz. Schurke, ich bin verrathen durch Dich!

Flimmer. Verrathen? Wie so? auf welche Art? was denn?

Pr. Moriz. He, weit Du nicht _mehr_ zu sagen? Ich bin verrathen, die
verfluchte Giftgeschichte -- alles ist bekannt!

Flimmer. (erblassend) Unmglich!

Pr. Moriz. Wohl mglich! wohl mglich! -- He, Schurke, mache Dich
allmhlich zum Strik gefat!

Flimmer. Ich bin ausser mir. Ich bitte unterthnigst mir zu sagen, wie kann
das verrathen sein? Badner ist nur jezt eben erst von mir gegangen; er
vermaas sich noch hoch und theuer, da er binnen heut und morgen dem Grafen
das Gift beiringen, oder sein Leben einbssen wolle. Eben, sag ich, ist er
erst fortgegangen, und Ew. Hoheit wollen schon so genau wissen, da wir
verrathen sind?

Pr. Moriz. Nun da. (er hlt ihm die Worte des Briefes dar.) Lies!

Flimmer. (liet.) _Giftmischer_ werden auf deutschen Boden nicht geduldet
-- schlaget Euch zu den Banditen in Welschland. -- Gndigster Herr --
dahinter stekt mehr, als gewhnlicher Menschenwiz; das ist Hexerei, oder
der Satan fft uns!

Pr. Moriz. Bedenke Dich, ob Du nicht hie oder da ein unberlegtes Wort
hingeplaudert hast.

Flimmer. Ich darf Ew. Hoheit nicht an so viele tausend Streiche erinnern,
welche ich ausfhrte, und wodurch mir Ihre Gnade erwarb. Kein einziger
verrieth einen Dummkopf, einen Stmperer und dieser einzige, einer der
allerleichtesten von der Welt, dieser elende Streich sollte durch mich
selber verrathen worden sein? --

Pr. Moriz. Vielleicht hat Dich Dein Weinglas, oder Dein Freudenmdchen
plauderhaft gemacht. Besinne Dich!

Flimmer. Ich selber weis ja erst seit gestern um die Vergiftung; wie konnte
mich in dieser Zeit ein Mdchen auslokken, da ich den ganzen Tag in dem
Zimmer Ew. Hoheit Briefe schrieb, und mir nur ein Stndchen fr _Badnern_
abmssigte! und selbst Badnern lies ich nur halb den Plan Ew. Hoheit
errathen.

Pr. Moriz. Donner und Wetter, ich knnte rasend darber werden! Wer hat
denn nun geschwazt? die Wnde werden doch nicht horchen und es den fatalen
Briefschreibern wiederposaunen? -- Und werden die unbekannten Sittenrichter
nicht auch dem Grafen die ganze Geschichte schreiben und ihn warnen? -- Es
ist alles umsonst!

Flimmer. Frchten Sie nichts, gndigster Herr, frchten Sie nichts; im
Nothfall sezz' ich meinen Kopf zum Pfande, da der stumme _Badner_
demungeachtet seinem Herrn den _Tofanatrunk_ beibringen wird.

Pr. Moriz. Ich fasse Dich beim Worte. Geh auf Dein Zimmer, man soll Dich
nicht eher herauslassen, bis es mir gefllt.

Flimmer. (kriechend) Allein Ew. Hoheit -- --

Pr. Moriz. Fort! fort! der Teufel soll auf jeden Verrther und auf die
frchterlichen Correspondenten fahren! fort, fort! -- --

_Florentin_ ahndete nichts von dieser Seite und blieb ruhig; allein seine
ganze Heiterkeit war verschwunden; dster und ernsthaft ging er vor sich
umher, verschlossen in seinen Zimmern lag er und sann er nach Rettung, aber
vergebens.

Zum Richtplaz! -- zum Richtplaz! wohl denn, ich bin ein Mensch; der Tod
ist einmal mein gewisses Ziel; -- ich gehe!

So sprach er oft bei sich, und fhlte in jeder Nerve khne
Entschlossenheit. Nur ein Gedanke war fhig ihn um diese schauerliche Ruhe
des Geistes zu bringen, der Gedanke an seinen _Onkel_ und seine gute
_Schwester_. --

Zuweilen wieder dmmerte ihm der Hofnung liebliches Morgenroth durch die
Finsternis; _Holder_ lebte ja noch, und _Holder_ knnte vielleicht helfen.
Aber haben nicht _Holder_ und die, welche in seinem Namen schrieben, ihre
Pflicht erfllt? warnten sie nicht oft genug, und, ach! nur zu spt? -- Wer
ist denn der Sonderling _Holder_, da er retten drfte? ein gemeiner
Unterthan des Herzogs, der fr seine Cur an dem kranken Frsten theuer
genug bezahlt worden ist! ein Flchtling, ein Abentheurer, der in der Welt
umherschwrmt, und nun es sich belieben lt aus Italien wieder nach
Deutschland zu wandern. -- Allein sein Karakter ist doch so edel, so schn!
wird er nicht alles fr den verurtheilten Freund _wagen_? -- wagen? und was
denn? was liesse ein erbitterter Frst wider sich wagen? O es ist alles
umsonst, und _Florentin_ in jedem Falle der baldige Gegenstand der Rache
eines beleidigten, tief beleidigten _Landesherrn_.

Inde verzagte der _Unglkliche_ nicht ganz. Flucht htte ihn vielleicht
vor dem Zorn des Richters sichern knnen, aber fliehn wollte _Graf Duur_
nicht. Besser ein _beklagter Unglklicher_ sein, rief er seiner Seele zu,
als ein _glklicher_ Bsewicht! --

_Badner_ trat zu ihm herein und grte freundlich. Noch nie sah der _Graf_
diesen Alten so vergngt; es fiel ihm auf, und er fragte.

_Badner_ lchelte und winkte bedeutend mit dem Kopf, zog dann ein Glschen
hervor, sezte es auf den Tisch vor seinem Herrn, zhlte funfzig Louisdor's
daneben und schrieb in die Schreibtafel: Das Gifttrnklein fr Sie, und
die Funfzig fr mich.

_Florentin_ starrte ihn verwundert an. _Badner_ lchelte und schrieb
weitet:

So will es _Prinz Moriz_, aber _Badner_ wills anders.

Hierauf fnete der Alte das Fenster, zerschmetterte das Glas an das
Strassenpflaster, und strich das Geld triumfirend ein.

Schikken Sie das Blutgeld an das Armenhaus, und bleiben Sie mir gut!
schrieb er auf das Pergament.

_Florentin_ drkte gerhrt seines treuen _Dieners_ Hand. Ich danke dir,
sagte er: ich danke dir fr deine Ergebenheit; bezahlen kann ich solche
biedre That nicht. Indessen httest du _Morizens_ Befehl immerhin ausfhren
knnen, ich wrde dir auch gedankt haben, und du httest mir vielleicht
gtlicher gethan. --

_Badner_ schien sich verwundern.

Nein, lieber Alter, verwundre dich nicht! Dein Herr ist unglklich. In
einem Monate hast Du vielleicht mehr erfahren!




Achtes Kapitel.
Eine Episode.


Es war des Morgens um vier Uhr, als _Pr. Moriz_ auf der Strae von vier
starken, verkleideten Kerlen angehalten wurde. Er kam so eben aus den Armen
der Signora _Biondina_, welche ihrem Galan eine seelige Nacht geschaffen
hatte.

Hr' Er, Freund, sagte einer von den Verkleideten, indem er den _Prinzen_
beim Arm fate: Er nimmts uns wohl nicht bel, da wir so dreist sind, mit
ihm ein Paar Worte zu plaudern.

Ein Andrer. Freilich, wir haben lange auf Ihn warten mssen.

Prinz. (einen Schritt zurktretend) Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?

Verkleideter. Wer wir sind? das kann man Ihm nachher sagen. Was wir wollen?
eine Bestellung wollen wir an Mann bringen.

Prinz. Warum fallt Ihr mich auf der Strasse an?

Verkleideter. Bewahre Gott, _anfallen_! Banditen fallen Leute an.

Ein Andrer. Hr Er, wer Er ist, wissen wir nicht, aber da Er beim Prinzen
_Moriz_ in Diensten steht, das wissen wir.

Prinz. (horchend) So ists; nun weiter? Ein Dritter. Wenn ich nicht irre; so
ist Er der Sekretair Flimmer.

Prinz. Ihr habts errathen.

Verkleideter. Grss' Er seinen Herrn von uns unbekannter Weise.

Prinz. Soll gern geschehn, wenn ihm anders mit Eurem Grus gedient sein
wird.

Verkleideter. Gedient oder nicht gedient; das ist einerlei.

Prinz. Nur zur Sache, Schurken.

Verkleideter. Sehr Verbunden. Vors erste rathen wir ihm wieder zu erzhlen
was ihm geschehen ist.

In dem Augenblik strzten die vier _Bravo's_ auf ihn zu. Ehe sich der Prinz
besinnen konnte, ward sein Mund verknebelt, jeder seiner Arme von einem
Kerl gehalten, sein Couteau de Chasse aus der Scheide gezogen und ihm auf
die Brust gesezt.

Der Prinz strengte umsonst alle Krfte an, sich lozureissen, er war
ohnmchtiger, als ein Kind, und die _Kerls_ lachten. Der, welcher ihm den
Stahl auf die Brust hielt, fing an zu reden.

_Prinz_! sagte er: wir kennen Euch wohl, nur zu wohl. Ihr habt dem
unglkseeligen _Grafen von Duur_ einen Gifttrunk zugeschikt; er hat ihn am
gestrigen Abend in einem Glase Brunnenwasser hinuntergeschlrft, und ihr
seid also sein Mrder. Ihr seid gewarnt von unbekannten Fingern, aber Ihr
habt gespottet, und in den Hnden der Verspotteten seid Ihr jezt! -- Was
erwartet Ihr von denen, welche nach dem Rechte richten, und vor deren Stuhl
Titel und Bettlergewand keinen Unterschied machen? -- --

Eine lange, schrekliche Pause erfolgte. Der _Prinz_ starrte den
frchterlichen Mann an, der die Todesworte so kalt hinsprach, und
schauderte. Rings umher herrschte nchtliche Stille; die Sterne funkelten
traurig durch die Lfte, und der Mond ging hinter einem Wolkengebirg unter.

Blutsnden, fuhr der _Mann_ fort, vor dem jezt ein _Prinz_ zittern mute:
Blutsnden knnen nur mit Blut wieder abgewaschen werden! -- --

Der _Prinz_ versuchte eine Bewegung und sthnte ngstlich.

Jedoch wisset, da Euch diese Schandthat vergeben ist. Vergeben ganz und
gar, ohne alle Rge und Ahndung, sobald Ihr binnen _dreizehn_ Tagen ausser
den Grnzen dieses Herzogthums seid, mit Eurem ganzen Gefolge. _Eine
Stunde_ Verzug ist Euch gefhrlicher, als dem Grafen das Giftflschgen! --
Und nun _Prinz_ verget bei jedem Plan der Bosheit nicht dieser Nacht zu
gedenken; vergesst nicht, da es in der Welt auch Augen giebt, die ins
Verborgne eindringen. -- Gehabt Euch wohl!

In dem Moment warf man ihm ein Pflaster ber das Gesicht, lie ihn lo und
verschwand.

_Moriz_ ri das Pflaster ab; entknebelte sich; sah mit funkelnden Augen
umher, und begab sich fluchend nach seinem Pallast.




Vierter Abschnitt.





Erstes Kapitel.
Holder erscheint wieder.


Ruhig wohnten der alte brave _Onkel_ und seine reizende Nichte _Friedrike
von Duur_ auf ihrem Landschlosse, indessen der arme _Florentin_,
hingeworfen in den groen Strom der Welt, auf ihren Wogen umhergewirbelt
wurde. Sie wuten nichts von dem unseeligen Geschik desselben, sie whnten
ihn glklicher, als sich, und ach, wie gern htte _Florentin_ seine
glnzende Rolle mit der Rolle des unbedeutendsten Landjunkers vertauscht!
-- Wie gerne htte er der Schmeicheleien des Hofs entbehrt, fr die
zrtlichern Schmeicheleien seiner _Schwester_; wie gern htte er den Ku
einen _Herzogs_ mit dem vterlichen Kue seines _Onkels_ verwechselt!
Allein jezt war alles zu spt; jeder Rktritt Unmglichkeit. Nur _einmal_
wnschte er noch die Fluren zu sehn, in welchen er den Traum der Kindheit
getrumt hatte; nur noch einmal die angenehmen Wildnisse zu durchirren, in
deren heiliger Dmmerung er oft begeistert in die Zukunft hinausstarrte,
und sich von tausend Zungen als den Wohlthter des Vaterlands ausgerufen
hrte; nur einmal noch in der Mitte seiner Verwandten ehmalige Freuden
wieder zu fhlen.

Sein Wunsch wurde ihm eher gewhrt, als ers glaubte. Er kam ein Brief vom
_Onkel_, welcher ihn ersuchte, _bermorgen_ in sein Schlos einzutreffen;
beileibe aber nicht _spter_. Der Brief des guten Alten hatte so viel
Geheimnisvolles an sich, da _Florentins_ Neugier nicht ungereizt bleiben
konnte. Er ging zum _Herzog_ und bat ihn um Erlaubni seinen _Onkel_
besuchen zu drfen.

Der _Frst_ war ausserordentlich gndig.

Wenn eher darf ich denn hoffen Sie wieder bei uns zu sehn?

Sobald es Ew. Durchlaucht befehlen.

Befehlen? Pfui, _Graf_, Sie wissen, da wir uns einander nicht befehlen.
Also, wenn darf ich Ihre Rkkunft hoffen?

Vierzehn Tage wenigstens wrd ich mir ausbitten.

_Vierzehn Tage?_ nun ja; aber ich bitte Sie, auch nicht eine Minute
lnger.

Wenn Sie wollen, so unterlass' ich die Reise gnzlich.

Nein, nein! das drfen Sie auch nicht. Ihr Onkel und Ihr Frulein
Schwester wrden mir bse werden. Nur vierzehn Tage! die durchleben sich
leicht.

Haben Sie noch einige Befehle!

Vor ihrer Wiederkunft erfahren Sie nichts, allein nachher desto mehr. Ich
habe einen vortreflichen Anschlag, bei dessen Ausfhrung Sie mir
schlechterdings beistehn mssen. -- O Graf, Sie haben mich auf eine
vortrefliche Bahn gefhrt; reden dereinst die Jahrbcher der Welt auch
nicht von mir, als dem _Eroberer_, dem _Heiligen_, vergit man mich auch,
weil ich keine auffallende Thaten that: so belohnt mich doch jezt schon die
Freude meines Volks.

Nein, Theuerster; _Vater des Vaterlandes_ wird die Nachwelt Sie nennen, ein
Beiname, der unendlich schmeichelhafter klingt, als der Name des _Grossen_,
des _Weltberwinders_.

Ich thue auf den einen, so wie auf den andern Verzicht. Eine Thrne von
der Dankbarkeit geweint, ist belohnender, als aller Weihrauch von der
Nachwelt. Und nennt man mich: so nenne man auch Sie. Denn Sie haben
gleichen Antheil an der Vervollkommnerung meiner Unterthanen. -- Graf, noch
eins, warum seh' ich Sie seit einigen Tagen so ernst, so schwermthig?

Mich, gndigster Herr?

Nun ja; Ihr Lcheln dnkt mich so erzwungen, Ihre Freude so erborgt. Was
ist ihnen? sagen Sie mirs. So wahr ich Herzog bin, und so weit sich meine
Gewalt strekt, helf' ich ihnen! Ich mag kein trauriges Gesicht sehn, am
wenigstens von Ihnen.

Verzeihn Sie, vielleicht ists Laune, vielleicht die Annherung einer
Krankheit, vielleicht -- --

Man hat Ihnen doch nicht einen Streich gespielt, wie dem Prinzen _Moriz_?

Ich wte nicht welchen?

Der Prinz wie Sie wissen, wird uns in kurzem verlassen, und zwar, weil er
in Gefahr steht umgebracht zu werden.

Umgebracht zu werden?

Ja, ja; so sagt ers selber. Vor einigen Abenden ist er von vier verlarvten
Kerln angehalten worden, die ihn um seine Brse plndern wollten.

Allein er hat sich durchgeschlagen, und da hat man ihm den Tod gedroht.

Unerhrt.

Freilich unerhrt. Indessen hab ich doch die Wachen verstrkt um
Sicherheit auf den Straen zu erhalten. -- Er wute berhaupt vielerlei
Klagen wider meine Polizei anzubringen, unter andern beschwerte er sich
ber gewisse _Unbekannte_, die ihm zuweilen Briefe zuschikt, worin sie sich
das boshafte Vergngen gemacht haben sollen, ihm seine heiligsten
Geheimnisse wieder zu erzhlen. Auch muthmat er stark, da ihm eben diese
unbekannten Briefsteller den Spa mit den vier Kerln gespielt haben
mgten.

Es ist sonderbar!

Das ists. Ich wei nicht, was ich hievon urtheilen soll; denn gesezt, da
in der That einige Menschen sichs zur Absicht machten, im Dunkeln
umherzuschleichen: wie soll man ihnen beikommen? -- Ich erinnre mich, da
schon vor einigen funfzig Jahren unter der Regierung meines Grovaters
solcher Unbekannten, als heimlicher Richter erwhnt sind. Man fand nemlich
eines Morgens einen Obristen ermordet, auf seiner Brust ein Blech; darauf
stand: Gericht der Unbekannten geschrieben, und in seiner Tasche einige
zusammengeheftete Bogen Papiers, worauf viel frchterliche Handlungen des
Ermordeten aufgezeichnet waren. Die Sache des Obristen und die ihm
aufgebrdete Schuld wurde untersucht, und man fand leider alles gegrndet.
Ich wnschte indessen doch nicht, da das alte, heimliche Unwesen wieder
aufleben mgte.

Der _Herzog_ sprach noch manches, umarmte sodann den _Grafen_, und
beurlaubte ihn.

_Florentin_ ging. _Wenn_ werd' ich dieses Schlos wieder betreten, und
_wie_ werd ichs? -- O, Gott, wie er mich noch so brderlich umschlos und
kte! -- wehe mir, wenn aus ihm der _beleidigte Bruder, der entehrte
Herzog, der hintergangne Freund_ spricht. In Has verwandelte Liebe ist
schreklicher, als jeder Has, der aus andern Quellen fliet. -- Jezt sprach
der Freund zum Freunde, und einst, o bald! der richtende _Herzog_ zum
Verbrecher der beleidigten Majestt. -- Sei es, ich will meinem Schiksale
nicht entrinnen, wenn ich es gleich knnte! --

Mit diesen Gedanken umgehend, kam der _Graf_ zu Hause. _Badner_ hatte alles
zur Reise fertig gemacht, und folgenden Tags in aller Frhe setzte
_Florentin_ sich in die Kutsche, _Badner_ ritte voran, so da sie zum
andern Tage gegen Sonnenuntergang die Kuppeln des Duurschen Schlosses in
der Abendrthe schimmern sahen.

Ho, ho, ho! -- rief plzlich der _Vorreuter_, und wekte _Florentinen_ aus
ernsten Betrachtungen.

Was ists? fragte dieser, und lehnte sich zum Flgel der Kutsche heraus.
_Badners_ vorwrtsdeutender Finger gab die Antwort.

Ein Chor Musikanten, mit blasenden Instrumenten, traten aus einem Gebsch
hervor, ihm folgten ein Trupp gepuzter Bauern und Buerinnen, welche
lachend und tanzend den Wagen umringten. Bald darauf hrte man sie ein
allgemeines, jauchzendes Vivat! rufen, wozu die Waldhrner einstimmten.

Ja, es lebe mein Neffe, der Kammerherr! --

Ja es lebe _Florentin_, mein Bruder!

Es lebe lange _Florentin_, mein Freund!

Froh-bestrzt sprang der _Graf_ aus dem Wagen, Vergangenheit und Zukunft,
alles war von ihm in diesem Augenblik vergessen, nur Thrnen freudiger,
inniger Rhrung, ach, vielleicht die lezten welche er vergo! entquollen
seinen Augen -- er sprang aus dem Wagen, und o! -- in die Arme den
_Onkels_, _Rikchens_ und _Holders_!

Mein _Florentin_! mein _Florentin_!

Meine Lieben!

Ueberrascht, verwirrt, gerhrt, lagen sich diese Guten endlich nach langer
Trennung, nach vielen berstandnen Leiden einander in den Armen; sie
vergaen alles; Liebe schwamm in jedem Auge; Freundschaft glhte auf ihren
Lippen; der Erde reinste Freude brannte in Ihrem Busen -- der Himmel schien
sie umfangen.

Im Triumf fhrte man den angekommenen Liebling in das vterliche Schlo;
unterwegs wurden tausend Fragen gefragt, tausend Glkwnsche gewnscht,
unterwegs erfuhr auch _Florentin_, da _Holder von Sorbenburg_ mit Frulein
_Friedriken von Duur_ morgenden Tags die Hochzeit feiern wrde.

Ja, ja! sagte der _Onkel_, und lchelte schalkhaft dabei; ja, ja, wir
mssen unsern Flchtling fr die Zukunft fester binden. Ha, ha, ha! er soll
uns diesmal, mein Seel, nicht entschlpfen. -- -- Aber hre, _Florentin_,
Herzensjunge, -- nun Du nimmst doch den _Herzensjungen_ nicht bel, Herr
Kammerherr -- hre, wie gefiel Dir Deine feierliche Einholung? he? -- ja,
ja! der Spas kam von dem alten, guten Onkel! ha, ha, ha, ha!




Zweites Kapitel.
Ein Traum.


Soll ich Ihnen, meine Leser, hier die frmliche Beschreibung eines
Vermhlungsfestes liefern? Ihnen etwa erzhlen, wie alles in trauter,
lndlicher Einfalt gehpft, gescherzt, gesungen, gekt, und gratulirt hat?
oder _wie_ und _was_ die Herrn vom Lande und von der Stadt beim Wein und
Knasterdampf kannegiesserten, philosophirten, und wizzelten, oder die
Damen, Tanten und Kousinen medisirten, beliebugelten u. s. w. oder wie das
sanfte _Rikchen_ an diesem schnen Tage dreimal schner als sonst war, und
wie sie um die Mitternachtsstunde errthend mit _Holdern_ dem Schlafgemach
entgegentrippelte? --

Um Gotteswillen nicht, rufen die Leser und Leserinnen, welche sich nun
seit Jahr und Tag im Stande der heiligen Ehe befunden haben: Sie machen
uns ghnen!

Beileibe nicht! lispeln einige unverheurathete Leserinnen, und halten den
Tuch vors Gesicht: Sie machen uns -- --

Vor der Zeit lstern! fallen die jungen unbeweibten Herrn ein.

Es sei denn. Nach vier Tagen war Saus und Braus vorber, _Holder_ ein Mann,
_Rikchen_ eine Frau, das junge Ehepaar im Schlo _Sorbenburg_ eingezogen,
und der Onkel, dems jezt in seinem Hause zu leer geworden, bei ihnen. --

O _Florentin_, sagte _Holder_ an einem Nachmittage zu seinem Freunde,
indem sie beide im Garten auf- und niedergingen; knntest Du izt doch mit
uns stets beisammen bleiben!

Ja wohl, wollte es Gott, ich knnte! Allein es ist unmglich. Ihr seid mit
einander in Eurer Ruhe beneidenswrdig! Mich ruft die Freundschaft meines
Herzogs in kurzer Zeit wieder in die groe Welt zurk, wieder zurk zu
allen glnzenden Mhseligkeiten des Hoflebens. O, Bruder -- mein Bruder!

Du wirst ja schwermthig mit einemmale!

Ehmals war ich glklich wie Ihr. Ehmals durchschweifte ich diese reizenden
Gegenden mit sorgenloser Brust; da schwebte das Bild der Zukunft vor meinen
Augen, da war ich in der Einbildung glklich. Jezt sind meine khnsten
Erwartungen befriedigt, meiner Hofnung ist nichts mehr brig geblieben zu
hoffen; ich bin der Liebling eines liebenswrdigen Frsten, an Ehre, Rang
und Gewalt ber jeden Nebenbuhler emporgestiegen -- ich bin alles, bin mehr
als ich als Jngling trumte und bin -- unglklich. Wohl dem der sich mit
geringeren Freuden sttigen lt, desto armer ist er an Leiden. Wehe dem,
der alle Pokle der Freude ausschlrft, denn fr ihn stehn auch alle Becher
des Elendes gefllt.

Du bist also unglklich? _Florentin_ kann _unglklich_ sein, der einstmals
mit Schiller sagen drfte: _Aussendinge sind nur die Farbe des Geistes --
Ich selbst bin mein Himmel und meine Hlle!_ Ist das _mglich_?

Leider, sag ich Dir eine frchterliche _Wirklichkeit_! Doch zu wem red'
ich? -- Du, Du selber, _Holder_, Du weit meine schreklichen Verhltnisse
am Hofe so haarklein, als ich. Du selber warntest mich durch die Federn
Deiner Freunde und warntest mich fruchtlos -- und Du stellst Dich
verwundert? Freilich, spotte nur des Elenden, der die Stimme des Freundes
in den Armen des lieblichsten Weibes vergas, -- spotte nur; elender kann
ich ja doch nicht werden, als ich es bin. --

Bei Gott, ich spotte Deiner nicht!

Und fragest doch, da Du jedes meiner Geheimnisse kennst? --

Hast Du nie Hofnung glklicher zu werden?

O, doch! binnen _drei Wochen_, denk ich!

Willst Du entfliehn?

O, pfui!

Einen Selbstmord begehn?

Noch weniger.

Nun.

Gehn wie mein Verhngnis mich fhren wird.

Gedenk aber Deines grauen Onkels, gedenke meiner Gattin, Deiner Schwester,
-- gedenke meiner, Bruder, ehe Du handelst!

O es ist schreklich! ich fhl' es, aber ndern kann ich nichts. -- -- Noch
eins. Sage mir, wer sind die Unbekannten, die sich in meine Auftritte
mischen!

Deine _Freunde_, sehr wahrscheinlich!

_Wahrscheinlich_? -- nein, gieb mir _Gewisheit_ fr dieses schwankende
_Wahrscheinliche_. Wer sind sie?

Es sind _Unbekannte_. Ich darf sie Dir nicht nher nennen; tht' ichs: so
wren sie Dir nicht mehr das, was sie noch izt sind.

O geh: Du bist einer von ihnen, und -- sie sind mehr, als Menschen.

Wie lange wirst Du noch bei uns bleiben?

Heut' ist der _elfte_ im Monat -- -- am _zwanzigsten_ verlasse ich Euch
alle.

Zeit genug, Dir, ber Deine Frage wegen der Unbekannten Licht zu geben. --
Du scheinst ja so schlfrig?

Es ist wahr, ich bin ungewhnlich mde. Der Tag war sehr hei!

Schlummre ein wenig, ich werde Dich in einem Stndchen wekken. Komm auf
Dein Zimmer!

Hier in den Schatten des Fliederbaums will ich mich hinlagern. -- Nun und
wegen der Unbekannten?

Sollst Du noch heute einige Notizen erhalten.

Besorge mir doch beim Erwachen frische Milch. Willst Du?

Es soll geschehn. -- Schlummre sanft, es wird Dich niemand stren.

_Holder_ verlies ihn; der _Graf_ warf sich ermdet unter den Fliederbaum
hin, und entschlief bald, eingewiegt von dem leisen Suseln der ber ihn
hernieder hngenden Zweige.

Einige Zeit darauf traten _Holder_, seine _Gattin_ und der biedre _Onkel_
herein. Sie stellten sich um den _schlummernden Geliebten_, und sahen
einige Zeit auf ihn gerhrt herab.

Nein, sagte _Rikchen_: es thut mir zu wehe um ihn, ich bitte Euch, ihr
Lieben, lat es ungeschehn.

Ei Poz! hub der Onkel an? ich sehe zwar den Nuzzen davon nicht ein,
aber sagts doch Freund _Holder_, und was der sagt, mu geschehn, was der
sagt, ist gut, weil er klger ist, als ich und Du und der Kammerherr.
_Rikchen_ schwieg; sie kniete neben ihrem _Florentin_ nieder, bog sich ber
ihn und kte ihn sanft.

Fort! fort; kommandirte der _Onkel_! Weit Du was Freund _Holder_ mir
sagte?

Und was denn? fragte Rikchen, indem sie aufsprang, und neugierig zu
ihrem _Onkel_ trat.

_Florentins_ Schiksal wre krank, todkrank und verdiente daher eine
wirksame Arzenei.

Verstehen Sie etwas von diesen Worten meines Mannes?

Nein, _Rikchen_, das nun wohl nicht, aber mir ists doch so _dmmernd_!

_Holder_ lchelte, schlang seine Arme um Beide und fhrte sie aus dem
Garten.

Der _Graf_ schlief noch immer. -- --

Ihm wars, als se er in einem Zimmer, von vielen Mnnern umringt, alle in
schwarzer Trauerkleidung. Es war Nacht. Einige Lampen brannten an den
Wnden, zwei Kerzen auf dem Tische, an welchem _Florentin_ sa und die
schwarzen Mnner.

Der _Graf_ kannte das Zimmer nicht und keinen von denen, welche sich mit
ihm hier befanden. -- Ihm ward bange, doch fate er sich, um zu sehn, was
geschehn wrde.

Man hrte mit einemmale die Thurmglokke luten, die _Mnner_ kamen unter
sich in Bewegung und einer von ihnen sagte! auf Brder, lat uns ihn
begraben, es eilt die Zeit!

Wessen Leichnam wollet Ihr begraben? fragte _Florentin_.

Den Leichnam des alten _Grafen v. Duur_

Des alten _Grafen von Duur_? unmglich, er lebt ja noch.

Er ist gestorben.

Seit wenn?

Seit dreien Tagen.

Es ist unmglich sag ich Euch, er lebt noch.

Der Dekkel des Sarges knnte aufgerissen werden, um Euch Lgen zu
strafen, allein es ist vor den Spionen des _Herzogs Adolf_ nicht zu
wagen.

Die Leute gingen fort, ein _alter Mann_ blieb nach zurk. Der _Graf_ war
wie versteinert. Er hrte das dumpfe Getn von einem Sarge, lehnte sich zum
Fenster heraus, sah sich in der Mitte eines Waldes, und die Trger mit der
Todtenbaare, beim blassen Schimmer der Windlichter unter den vielen Bumen
verschwinden. Ras' ich oder trum' ich! rief der Graf aus.

Wollte Gott, ihr trumtet -- dann trumt' _ich auch_, und ich htte beim
Erwachen nichts verloren.

_Florentin_ sah den Alten an und erkannte seinen treuen Diener _Badner_ in
ihm.

Du auch hier, _Badner_? -- wie, und Du kannst reden? Du warst nie stumm?

Was wollt Ihr von mir, Herr?

Kennst Du mich nicht?

Ich habe Euch nie gesehn, die andern, welche anizt den seeligen Graf von
_Duur_ beerdigen, nannten Euch _Vinzenz_.

_Badner_!

Was wollt Ihr von mir?

Sag mir um Gotteswillen sag mirs, rase ich?

Euern wundersamen Fragen nach zu urtheilen, knnt' es wohl sein.

Ich sehe also nicht recht, hre nicht recht, fhle falsch, alle meine
Sinnen hab ich verloren! -- Der Zustand des Wahnsinns, hab' ich mir sagen
lassen, gehre zu den angenehmen, bei mir aber ists nicht so. -- Sag nur,
wie berzeug ich mich von meiner Raserei? -- Nicht wahr, Du trauerst?

Wie Ihr sehet. Ja.

Und wer ist denn _Dir_ abgestorben?

Ihr thut ja so fremd, als httet Ihr so eben erst das Licht der Welt
erblikt. -- Wit Ihr denn nicht, da die ganze Duursche Familie unglklich
geworden?

Bei Gott, nein, ich weis nichts. Durch wen ward sie es?

Durch den Stolz, Leichtsinn und die Wollust des Grafen _Florentin von
Duur_, welcher die Prinzessin _Louise_, Herzog _Adolfs_ Schwester, entehrt
hat. -- Der unglkliche Graf hat schwer gebt: er ist heimlich
hingerichtet worden. Vorher aber schndete Sr. Durchlaucht aus Rache die
Schwester des Grafen, einen bildschnen Engel.

Wehe! wehe! Gott, Erbarmer, meine Schwester!

Was ficht Euch an?

Oh! --

Ihr habt Recht zu trauern; es geschieht doch so manches Unrecht in der
Welt, welches keine Obrigkeit rget und rgen darf. Was hatten denn der
Oheim und die Schwester _Florentins von Duur_ begangen, da sie um die
Snden dieses stolzen Wollstlings bssen muten?

Ich begreife den schnellen Wechsel dieser Schiksale nicht. Ich -- ich bin
doch _Florentin von Duur_, der Straffllige, aber noch nicht Hingerichtete;
ich htte sterben sollen -- und ich entzog ja dem Schwerdte meinen Nakken
nicht!

_Florentin von Duur_ ist heimlich hingerichtet worden.

Nun, so bin ich denn von den Todten erstanden.

Ich bedaure Euch, armer _Vinzenz_, um den Verlust Eures Verstandes.

_Badner_, und Du dieses Deinem Herrn?

Wir haben nie mit einander zu schaffen gehabt?

So stehe mir Gott bei, ich bin verwirrt!




Drittes Kapitel.
Zeitungen -- Thrnen, Flche, Marionetten.


Der schreklichste, ngstigendste Traum, welcher je ein Menschenkind plagte,
qulte jezt den _Grafen_: Es war ein Gewebe von Wahrheit und Betrug,
welches sich nicht von einander trennen lie.

Bald verlie ihn im Schlafe der Traumgott auf etliche Augenblikke, bald
reihten sich wieder andre frchterliche Szenen vor ihm hin, wovon er Theils
Zuschauer, theils Mitspieler war; doch blieb immer ein merkwrdiger
Hauptfaden durch das Ganze geflochten, so da alle untereinander
verschiedne Stkke einen gewissen Zusammenhang hatten.

So, zum Beispiel, behielt _Florentin_ immer den Namen _Vinzenz_; die
_schwarzen Herrn_ waren seine steten Gesellschafter, u. s. w.

Was erzhlen die Novellen? fragte einer von den _Schwarzen_ den andern,
welcher einzelne gedrukte Bltter auf den Tisch warf, und den _Wirth_ in
einer Bierschenke vorstellte.

Mancherlei! gab der _Wirth_ zur Antwort, und sezte _Florentinem_ Wein
vor.

Florentin ergrif ein Blatt und las mit Erstaunen:

Seit der Hinrichtung des _Kammerherrn von Duur_, und seiner Verwandschaft,
sind neue grliche Entdekkungen gemacht worden. Die Prinzessin L** hat
nmlich aus Eifersucht und Nebenbuhlerei das unlngst verstorbne Frulein
von G** mit Gift umgebracht, inde man vorgab, sie sei am Fieber eines
natrlichen Todes gestorben. Die Sache ist unterdrkt, und niemand ausser
dem Herzoge und dem Hofarzt hat anfnglich davon gewut. -- -- --

Gott im Himmel! rief _Florentin_ aus! in was fr eine Welt hast du mich
gesezt. Unerhrte, schwarze Thaten! die Unschuld wird gemordet, das Laster
wird gekrnt, Recht und Unrecht macht jezt keinen Unterschied mehr; die
Snden der Groen werden gepriesen; die Tkke der Finsternis nicht
gebranntmarkt. --

Unterdessen Florentin gelesen, und dies mit tiefem Unwillen gesprochen
hatte, waren mehrere _Schwarze_ hereingetreten; sie umringten ihn, und
schlugen ein gellendes Gelchter auf.

O entehrt euch nicht durch dieses Lachen, fuhr er fort und fhlte sein
Gesicht glhen: entehrt seid Ihr genug, da Ihr zum geschndeten Orden der
Menschheit gezhlt worden seid. Allein bei dem lebendigen, furchtbaren Gott
ber und um uns sei's geschworen, bei diesen meinen Thrnen, bei der Asche
meiner Schwester, bei der Asche meines guten Oheims sei's feierlich
geschworen, ich will die entadelte Menschheit rchen, will Bandit werden
gekrnte Teufel zu morden, Aufrhrer werden, die Kette zu sprengen, welche
die Tyrannei um meine Brder schlang, Mordbrenner werden, die vom Vermgen
der Witwen und Waisen erbauten Pallste niederzustrzen, niederzustrzen
auf den Schdel der Blutigel des Vaterlandes! -- Oh! meine Schwester, mein
Oheim, -- oh! --

Jezt trat ein Mann, schwarzgekleidet wie die brigen, in das Wirthshaus. Er
trug einen Kasten auf dem Rkken und bat die Anwesenden, die Zeche fr ihn
zu zahlen, wofr er ihnen die Knste seiner Marionetten zeigen wolle.

Wein her! Wein her! riefen alle aus einem Munde. Der _Wirth_ brachte dem
_Puppenspieler_ den Wein; dieser war sofort geschftig sein Theater zu
arrangiren, worauf er den Vorhang fnete.

Schaut's, Ihr Herrn, schauts! die Strassen der Stadt _Magdeburg_, wie sie
brennen und auflodern in der Glut, welche die Kaiserlichen Feldherrn Tylli
und Pappenheim angeschrt. Schaut's welch ein frchterliches Blutbad. --
Nun werdet ihr sehn, wie ein fliehendes Weib mit ihrem Tchterlein
auftritt.

Weib. Hieher, Kindechen, hieher.

Mdchen. O, Mutter, wohin flchten wir? siehst Du's wie dort unsre Wohnung
lichterloh brennt? Hu, wie da unten die Menschen durcheinander laufen --
da, da sind die Feinde; wie die Spiesse, und Gewehre und Degen am Feuer
blizzen!

Weib. Sei ruhig. Steh uns Gott bei.

Mdchen. Was haben wir beide aber dem Feind gethan, da er uns umbringen
will?

Weib. Nichts, gute Unschuld, nichts. -- Aber siehst Du, die grossen Herrn
dieser Welt verzrnen sich, und dann mssen die armen Unterthanen fr sie
bluten.

Mdchen. Ach, die bsen, grossen Herrn!

Weib. Aber ber uns, ber den Sternen wohnt ein Richter, vor dem auch die
Herrn dieser Weit erscheinen mssen. In dessen Hnden schwebt eine
furchtbare Waagschaale, darin wiegt er die Thrnen und Blutstropfen der
Unterthanen, und wehe den vergtterten Kriegshelden dort!

Mdchen. Ich habe auch viel Thrnen vergossen; die thue der Richter dort
ber den Sternen auch in die grosse Waagschaale!

Weib. (entfliehend) O, Wehe uns Unglklichen!

_Florentin_ strzte jezt vom Weine berauscht wthend gegen den Kasten und
zertrmmerte ihn mit einigen Faustschlgen. Nein! brllte er: _wehe,
wehe den blutdrstigen Frsten!_




Viertes Kapitel.
Der Traum hat ein Ende.


In einem dunkeln Gewlbe, von keinem sterbenden Lichtstrahl erleuchtet,
befand sich _Florentin_ belastet mit Zentnerschweren Ketten. -- Ihm
hungerte, und er fand keinen Bissen Brodtes, ihm drstete, und kein Tropfen
Wassers erquikte ihm die Zunge, welche am troknen Gaumen klebte. Er
versuchte es umherzutappen und fand sich angeschmiedet.

O Gott, sagte er; Welch ein Wechsel meines Lebens! Hier im dumpfen
Kerker soll ich es enden? o, da es lngst beendet wre!

Lange wirds wohl nicht dauern! brummte eine _Stimme_ durch die Dunkelheit
herber. _Florentin_ horchte hoch auf, und erstaunte hier nicht ohne
Gesellschaft zu sein.

Wer bist Du?

_Vinzenz_; eben der, der Ihr seid; ich schrieb ein Trauerspiel wider den
Despotism der Frsten, und Ihr, _Vinzenz_, Ihr _sprachet_ wider Frsten --
beide sizzen wir also auf frstliche Gnade, bis an unser Lebensende.

Frstliche Gnade! Ha! _frstliche Gnade!_ Gott erbarms, wir treffen sie
eher bei den Tigern. -- O, o! was hab ich in eingen Tagen erleben mssen?
Entlarvt liegt die Welt vor mir da; wo ehmals Elysium blhte, dampft mir
eine abscheuliche Mrdergrube entgegen, in dem Busen der tauben lechzenden
Geierherzen; -- o Gott, Schpfer, Vater und diese Welt -- diese Welt hast
du erschaffen? -- Philosophen nennen sie die _beste_? -- dieses Jahrhundert
ist das _aufgeklrte, verfeinerte_? ja doch, aufgeklrtes Jahrhundert, ich
erkenne dich, ah, wie fein du weit deine Laster zu verkappen!

Ihr seid sehr erbittert, Vinzenz.

Wenn mein Karakter nicht mehr derselbe ist: so bin ich nicht daran Schuld.
-- Ich bin frchterlich umgestimmt, verwandelt, wie die Welt um mich her.
Ich mgte glauben da ein Traum meine Seele ffe, aber ich fhle, empfinde
zu klar. Ein ngstlicher Wirrwarr, den ich nicht aufzulsen fhig bin!

Leider kein Traum, -- alles _Wahrheit_, sag ich Euch! je nun wir wollen
und mssen uns in die Zeit schikken. --

Wre mein Schiksal nur entschieden; Tod oder Freiheit; diese Ohnmacht,
diese Sklaverei ist mir eine Hlle!

Vielleicht begnadigt Euch der Frst!

Wenn er es thte, so lste er seinem Wrgengel die Ketten. Ich wrde nicht
ruhen bis die gemordete Unschuld gercht wre; das Schrekken der Groen
wollt' ich sein, ihre Geiel in der Hand Gottes.

Ha, ha, ha, Ihr schwrmt, Vinzenz! seid Ihr denn so lstern nach dem
Schnellgalgen, oder Euren Kopf und Rumpf auf das Rad geflochten zu wissen,
das wre denn doch in jedem Falle das Finale Eurer glorwrdigen Thaten.

Oh! oh!

Indessen trstet Euch, die Rcher der Unschuld schlummern nicht. Aus dem
Dunkeln hervor handeln sie; und ihre Streiche treffen gewi.

Wer sind die?

Ihr kennt ja die _Unbekannten_!

Ha! die, die der Unschuld Rcher? --

Nun ja!

O so heb ich meine Hnde empor zu Gott, der auch in diesen finstern
Gewlben wohnt, und danke ihm. Heil den Unbekannten, und gelobet seien ihre
Werke! -- da sie mich wrdigten der geringste unter ihnen zu sein, mein
ganzes Leben weihte ich ihren herrlichen Plnen!

Der Graf weinte jezt, er sezte sich auf den Erdboden nieder, den Ellnbogen
auf das Knie, lie er traurig seine Stirn auf die flache Hand sinken. --

Plzlich fnete sich eine Thre linker Hand, ein _ehrwrdiger_ Greis trat
herein und verkndete ihm seine Befreiung.

Ich bin frei? sagte _Florentin_ und umarmte zitternd den _Alten_, ich
bin frei?

Der _Alte_ erwiederte nichts, sondern fhrte ihn aus dem Kerker einige
Wendeltreppen hinan an die freie Gottesluft. -- Es war Nacht und freies
Feld um ihn her.

Jezt entflieht! hub der _Alte_ an, und reichte dem Grafen eine
Blendlaterne.

Entfliehn? bin ich nicht durch die Gnade des Frsten frei?

Nein, das wohl nicht!

Durch wen?

Durch die Unbekannten!

Durch die _Unbekannten_?

Wie Ihr hret. -- Auf entflieht!

Wohin?

Wohin Ihr wollt.

Eine Bitte vorher, lieber Alter!

Redet, Vinzenz!

Fhret mich zu den Unbekannten, da ich ihnen kniend danke!

Eures Dankes bedrfen die Edeln nicht.

Freilich nicht; aber sollte der Gottheit nicht das Lob des entkerkerten
Vgelchens gefallen, welches es in freier Luft zwitschert? wie nun
geschweige sterblichen, an Sinnlichkeit geflochtnen Menschen!

Gott hrt den Lobgesang des Vogels in der Luft, und die _Unbekannten_
vernehmen auch Euern Dank hier, wo wir allein sind.

Fhret mich zu ihnen, ich bitte Euch, ich will mich ihnen unterwerfen, ihr
Diener sein, ihre Plne ausfhren helfen.

Alles das waret Ihr schon und thatet Ihr schon, ehe Ihr vom Dasein der
Unbekannten wutet.

Ich bitte Euch fhret mich zu diesen wohlthtigen Schuzgeistern der armen
Menschheit. --

Seid Ihr einmal zu ihnen getreten: so hoffet Euer Lebelang nicht von
denselben wieder getrennt zu werden.

Wohl mir!

So kommt.

_Florentin_ folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thr
eines Hauses.

Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Fhrers warf nur
einen blassen Schein auf den Erdboden.

Hier gehts hinunter! sprach _Florentins_ Befreier und sties den _Grafen_
einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch
und _Florentin_ stand auf einer finstern Wendelstiege allein.

Ein jeder andre wrde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren
haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkhrlichen Schauern, empfand
auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewhnt an
ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine
Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche
bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und
seinem Muthe berlassen.

Es whrte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mute
er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drngen, welcher sich in
unzhlichen Krmmungen vor- und rkwrts und nach allen Weltgegenden
hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, da er sich mit
angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so gerumig, da er,
sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.

Endlich fhlte er das Getn vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies
gab dem Erschpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Gerusch
wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Mnnerstimmen
das ngstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Sthnen und verbissene
Schreien gemarterter Menschen. Er hrte das dumpfe Gerassel verschiedner
Instrumente -- und das alles ihm so nahe zur Seiten, da er fast jedes Wort
verstehen konnte.

Jezt flos ein kaltes Grausen ber seinen Leib herab; er schwankte, ungewis
ob er vor- oder rkwrts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann
den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.

Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thre, die sich vor ihm aufthat und
wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in
welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der
einen las er die Ueberschrift: _Zum Tode Verurtheilte_, auf der andern:
_zum Glk Bestimmte_. Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den
seinigen halb verwischt.

Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! _Jesus sei
Dein Trost, Wahrheit Dein Hort_ mit goldnen Lettern, und darunter die
Jahrzahl 1054.

Weil der _Graf_ hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht fhren konnte,
so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer -- in eine
_Todtenkammer_. Schdel, und Kpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier
auf der Erde schichtweis hingethrmt; alle Wnde waren mit Skeletonen
behngt, auf deren braungelben, glnzenden Stirnknochen Namen und
Jahrzahlen standen. Das ltste derselben war bezeichnet: _Bischop
Luytbrandt_, 1385. das jngste: _Carolus XII. Rex 1718_.

_Florentin_ fand kein Behagen lange in dieser schauerlichen Wohnstatt der
Verwesung zu zaudern, und begab sich nach einem daranstossenden andern
Zimmer, dessen Eingang: _Blutkammer_, berschrieben stand.

Er fnete die Thr und prallte bentzt vor dem grlichsten Anblik, welchen
je die tiefsten Mrtergewlbe der Spanischen Inquisition darbieten knnen,
zurk. In allen Winkeln wimmerten Halbnakte; Foltern mancherlei Art waren
hier in Bewegung gesezt; dort wurde Pech gekocht, hier Eisen geglht;
warmes Blut dampfte vergossen vom Boden auf. Todte und Halbtodte lagen in
schauderlichen Gruppen durch einander hingeworfen, und Unmenschen whlten
mit blutigen Fusten unter ihnen.

Was ist das? wo bin ich? rief erbleicht der Graf aus.

_Vinzenz_! antworteten die _Foltrer_: Ihr seid in der Blutkammer der
_schwarzen Brder_?

Wer sind die _schwarzen Brder_?

Die Ihr unter dem Namen der _Unbekannten_ kennt!

Wes ist das Blut, das unter mir fliet?

Tyrannenblut, _Vinzenz_, Tyrannenblut und Blut der heimlichen Verbrecher!

Ha, Heil dem Gerichte der _schwarzen Brder_!

Einer der _Foltrer_ fhrte _Florentinen_ stillschweigends in ein
Nebenkmmerchen; hier lag ein schwarzer Habit, welchen der _Graf_ anzuziehn
bedeutet ward, darauf fneten sich zwei Flgel einer Thr; _Florentin_
schritt hinein und stand wie durch ein Wunderwerk verzaubert plzlich in
dem schnsten, gerumigsten Saal, von tausend Lampen und Wachskerzen
erleuchtet, von lieblichen, romantischen Dften durchbalsamirt.

An den kostbaren Wnden standen symmetrisch einige Tische, mit
Erfrischungen besezt, welche _Florentinen_ am meisten lokten, weil ein
unbeschreiblicher Hunger, ein siedender Durst seine ngstlichen Lagen noch
ngstlicher gemacht hatte. Der, welcher ihn schwarz bekleidet hatte, gab
ihm auch die Erlaubnis zu Essen, wozu sich denn _Florentin_ nicht zweimal
nthigen lies.

Die _erste ssse Empfindung_ nach langen, frchterlichen Augenblikken --
die Stillung seines Durstes und Hungers, und zwar hier, in einem so
angenehmen, kniglich-schnen Aufenthalte, sicher vor dem Zorn und der
Rachsucht des Frsten! -- -- Eine kindische Freude bemannte sich in dieser
Minute des durch tausend Labyrinthe, tausend Schreknisse hieher gefhrten;
Thrnen fielen in den Wein; ein gottdankendes Lcheln schwebte in seinem
Antlizze.

Habet Dank, Ihr schwarzen Brder! Ihr seid auch meine Brder! sagte er
und erhob sich vom Tische, gesttigt, erquikt und berstrmt von den
sesten Empfindungen. Mit einemmale traten von einer andern Seite _sieben
und siebzig_ Mnner, alle in saubrer, einfrmiger, schwarzer Kleidung, in
den Saal. Der Angesehenste unter ihnen bestieg einen fnf Stufen erhabnen
Thron, berschirmt von einem goldgestikten Baldachin, ausgeschmkt mit
einer Pracht, welche nie gesehen worden ist und werden wird, eine Pracht,
welche derjenigen nahe kmmt, die wir in _Wielands_ Feenwelten erblikken.

_Florentin_ staunte ber diese neue Erscheinung nicht wenig, am meisten
aber, als er von ohngefhr das Gesicht dessen erblikte, welcher auf dem
prachtreichen Throne sas, und er in ihm -- seinen _Holder_ leibhaftig
erkannte. Allein er wagte es doch nicht sich ihm zu nhern.

Einer der Schwarzen, welcher unserm Grafen am nchsten stand, und ihn lange
vom Wirbel bis zu den Zehen mit seinen Augen gemessen hatt, trat dem Thron
nher und erhob seine Stimme zu dem Obersten in folgenden Worten:

_Julius_, so lange die Menschen noch Menschen sind, werden die Frsten
immer Despoten bleiben, und ihre Unterthanen, zitternd vor dem Gesez,
Snden im Finstern treiben; nie wird die goldne Zeit tagen, in welcher
unser Gericht der Welt kein nzze mehr ist. -- Doch sind auch unter den
Frsten Edle, und unter den Unterthanen Mnner, welche die Tkke hassen, so
in Finsternis gehllt schleicht. Siehe, Regent, dort steht _Vinzenz_ der
sich mit uns verbrdern will, ein Unglklicher, der sich in unsre Arme
wirft.

Der _Regent_ befahl dem _Vinzenz_ nher zu treten; _Florentin_ gehorchte,
und starrte sprachlos das Gesicht an, welches nicht dem _Regent Julius_
sondern seinem _Holder_ angehrte.

Seid Ihr ein Unglklicher? sagte der _Regent_ zum _Grafen_: wollt Ihr
Euch mit an die Kette der schwarzen Brder schliessen?

Wohl bin ich ein Unglklicher, und wenn Ihr diejenigen Unbekannten seid,
welche sich in meine Plne mengten, meine Geheimnisse mit selber aufdekten,
und mir jene Warnungen zuriefen: so flehe ich Euch an, da Ihr mich
aufnehmen wollet!

Die _schwarzen Brder_ schlossen jezt einen engem Kreis um den _Grafen_
oder _Vinzenzen_, und derjenige, welcher von allen brigen nchst dem
_Regenten_ am meisten geachtet wurde, den sie _Anselmo_ nannten, eben der
welcher _Florentinen_ aus dem Kerker erlset, und auf den Wendelstiegen
allein gelassen, nachmals ihn dem _Regenten_ vorgestellt hatte, dieser,
sage ich, trat aus den Siebzigen hervor gegen _Florentinen_ gewandt, und
redete ihn also an:

_Vinzenz_, bei Gott, es ist kein Knabenspiel, wozu Ihr Euch jezt
verpflichtet, es verlanget Mnner von ungewhnlicher Art. Knnt' Ihr allen
Bequemlichkeiten des Lebens entsagen, knnt' Ihr Verwandten- Bruder-
Schwester- und Weiberliebe vernichten in Eurer Brust, knnt' Ihr der Gefahr
ins drohende Antliz lachen, und den Tod mit kaltem Blute erwarten: so seid
Ihr erst halb der Unsrige!

Seht, die Richter liessen sich, so wie heutiges Tages, auch ehmals durch
den Schimmer des Goldes verblenden; die Pfaffen fhrten Inquisizionen ein,
Reinigkeit des Glaubens zu erhalten, und sie selber waren, troz ihrer
Reinglubigkeit, unreinen Herzens, Volkstuscher, kanonisirte Bsewichter;
die Frsten gaben Gesetze und bertraten sie zuerst, sie raubten den
Menschen der Menschheit erstes und einziges angebornes Glk, raubten die
Geistesfreiheit, damit die dummkpfigen Vasallen und Sklaven ihrer
tyrannischen Kniffe nicht inne wrden; die Weiber kokettirten und lenkten
Volk und Frsten an _einem_ Zaum, Landstreicher und Avanturiers erschlichen
entweder Privilegien fr ihre Quaksalbereien, oder sie machten in den
untersten Volksklassen den Geist des Fanatismus rege, oder sie
pasquillirten auf die gesunde Vernunft und guten Sitten, oder sie prellten
reiche Hohlkpfe mit Taschenspielerwundern, Goldmachereien, geheimen
Ordensvorspielungen und andern Schmarozzerknsten. -- Kurz alles war es
einst, wie jezt, und darum traten schon frh Mnner von Einsicht und Muth
zusammen; enthusiasmirt fr Recht, und Wahrheit und Bruderglk, dem
geheimen und ffentlichen, von keiner Obrigkeit gergten Unwesen zu
steuern. Zeloten nannte man sie in Christus Zeitalter, und spterhin in den
mittlern Jahrhunderten die Mnner des heimlichen Gerichts. --

Meint Ihr, _Vinzenz_, die Zeiten des heimlichen Gerichts wren vorber?
nein, _Vinzenz_, die Zeiten nicht und auch nicht das Gericht. Sehet diese
Siebenzige sind Mitglieder desselben aus einem Herzogthume; gehet hinaus in
die weite Welt und Ihr werdet sie finden an den ussersten Spizzen Europas.
Alle die Ihr um Euch stehn seht, sind Mnner von der erprobtesten
Verschwiegenheit, dem rechtschaffensten Karakter, der tiefsten
Verschlagenheit, zerstreut in allen Gegenden unsers Vaterlands wohnhaft,
aus allen Stnden des Volks gehoben. Bediente, Aerzte, Prediger, Advokaten,
Schriftsteller, Buchhndler, Rthe, Generale, Offiziere, Landwirthe sind
hier Brder, ohne Unterschied des Ranges.

Unsre Religion ist: thue Gutes und mache glkseelig, wo mglich, stets im
Verborgnen; opfre Dich im grossen Fall der Noth fr die Glkseeligkeit des
Ganzen hin; liebe Gott ber alles, Deinen Nchsten _mehr_ als Dich selbst!
Islamismus, Kalvinismus, Lutherthum, Katholizismus, Herrnhuterei -- sind
eins und dasselbe, sind nur Farben fr den sinnlichen Menschen! --

Und habt Ihr Euch einst mde gerungen fr Eurer Brder Wohl, sodann drfet
Ihr gerechte Ansprche auf Ruhe und eignes Glk machen, welches Euch
gewhrt wird, wie und wo Ihr es verlanget. Ein weiser findet sich nicht in
hohen Ehrenmtern belohnt, darum rechnen wir diese nicht zu den Arten einer
Dankbarkeit von uns; wir selber befrdern uns zu den wichtigsten Posten um
wichtige Unternehmungen vollfhren zu knnen.

Noch einmal, _Vinzenz_, bedenket wohl, da Ihr Euch zu keinem Knabenspiel
verpflichtet. -- Reue ist nachmals zu spt und umsonst, und wird Euch mit
dem Tode vergolten. -- -- Gehet, ich bitte Euch, gehet zurk!

Nimmermehr! entgegnete Florentin.

Alle. (rufend) Gehet, gehet zurk.

Florentin. (unerschttert) Ihr grossen Mnner, behaltet mich.

Anselmo. Sptre Reue ist Euer Tod!

Florentin. (flehend gegen alle gewandt) Ich bleibe Euch treu, Tod mir, wenn
ich diesen erhabnen Schritt je bereue.

Es erfolgte eine allgemeine Stille. Der _Regent_ stieg von seinem Throne
und entband dem Grafen eines schreklichen Schwurs. Der _Graf_ schauderte
und -- schwor.

Kaum war das Amen von seinen Lippen gehrt: so trat der Regent ihm nher
und kte ihn und weihte ihn zum _schwarzen Bruder_; alle brige thaten ein
Gleiches und, o Wunder! auch der alte _Badner_ trat herzu.

Jezt wurde die Freude lauter, die Brder wandelten durcheinander,
plauderten, lachten, tranken; _Florentin_ fhlte sich seeliger, als je, er
besprach sich mit allen, alle jubelten beim frohen Klange der Glser ein,
Vivat _Vinzenz_! und unter diesem Lrmen -- -- -- -- _erwachte_
_Florentin_ von seinem Traume.

Hilf Himmel! wie erstaunte er, als er sich, nachdem er die Augen genug
gerieben, in dem _Garten_ noch liegen sah unter dem Schatten des
_Fliederbaums_.

_Rikchen_ trat in den Garten, lchelnd brachte sie ihrem Bruder die
verlangte _frische Milch_.

Wie lange hab ich denn geschlafen? fragte er und schwebte ungewi, wie im
Traume.

Zwei Stunden wohl! antwortete seine reizende _Schwester_, die das
Milchnpfchen neben ihm niedersezte.

O Gott! rief er entzkt aus, sprang auf und umarmte seine _Schwester_:
du lebst noch!




Fnftes Kapitel.
Gute Nacht, Florentin! -- Auch ein Postscript
an den Leser.


Ei, ei, sagte der _Onkel_: ei, ei, Du mut einen bsen, bsen Traum
erschlafen haben!

Freilich! entgegnete _Florentin_, und zweifelte, ob er nicht eben jezt
trume?

Nun, was hat Dir denn getrumt? hub _Rikchen_ an zu fragen, allein sie
erhielt von ihrem Bruder eine unbestimmte Antwort. Er frchtete ein Wort zu
sagen, denn der Eid schwebte ihm noch immer auf der Zunge, welchen er im
Angesichte der _schwarzen Brder_ geschworen.

Nie hatte er hnliche Qualen ausgestanden, und nie hatte er eine so reine
himmlische Freude gefhlt, als in diesem Traume. Eine stille Sehnsucht war
in seinem Herzen zurk geblieben nach den schwarzen Freunden; sich von
siebenzig uneigennzzigen Mnnern umarmt zu sehn, welche Wonne fr Seelen,
die den Werth der Freundschaft kennen! -- Er konnte seine Sehnsucht nicht
verbannen, sich nur noch einmal in ihrer Mitte zu sehn; der Gedanke, da
Hunderte ihr Leben fr ihn lassen wrden, hatte zu viel Beruhigendes fr
ihn. Wahrscheinlich trug hiezu seine jezzige, kritische Lage nicht wenig
bei; was hatte er dann vom Herzoge zu befrchten, wenn die Durchspher
aller Geheimnisse sein Intresse zu dem ihrigen machten? --

Und ists auch nur ein _Traum_, o so soll er mir dennoch heilig bleiben,
ich habe nie in der wirklichen Welt seeliger geathmet.

So dachte er oft in sich, aber niemanden verrieth er das schauerliche,
schne Meisterstk seiner Fantasie, welches den tiefsten Eindruk auf ihn
gemacht hatte.

Noch einige Tage blieb er in der Mitte seiner Lieben; die ihm vom Herzoge
gegebne Frist war ihm schneller verflossen, als das Hirngespinst von zween
Stunden.

Eines Abends, da der _Onkel_ schon und _Rikchen_ lngst in den Federn
vergraben lagen, saen _Florentin_ und _Holder_ noch spt auf. Sie
unterhielten sich ber manche intrikante Materien, ber die Reise des
leztern nach Italien, ber das Verhltni des erstern am Hofe, und endlich
auch ber die Unbekannten.

Pltzlich, wurden sie durch ein lautes Pochen gestrt. In wenigen Minuten
traten drei _Offiziere_ von der Herzoglichen Garde herein, die sich mit
drei Worten wegen ihres spten Besuches entschuldigten, und dem _Grafen_
ein versiegeltes Papier im Namen _Sr. Durchlaucht des Herzogs_
berreichten.

_Duur_ las und wurde bla.

Holder. Was ist dir, da Du Dich entfrbst?

Duur. (gab ihm den Brief, ging zur Thre und rief nach Badner.)

Holder. (lesend) Gott im Himmel!

Badner. (hereintretend) Ho, ho!

Duur. La sogleich meinen Wagen anspannen, meine Sachen einpakken, und
alles binnen einer Viertelstunde zur Abreise fertig seyn.

Holder. Aber alles geschehe in der grten Stille; auch befiehl meinen
Bedienten, da sie Wein und Speisen hieher bringen.

Badner. (entfernte sich hochverwundert.)

Holder. Sezzen Sie sich, meine Herrn.

Duur. In einer Viertelstunde reise ich mit Ihnen, belieben Sie indessen
einige Erfrischungen anzunehmen.

Ein Offizier. Wir danken Ihnen unterthnigst.

Ein Andrer. Sie verzeihn es uns, da wir Sie, Herr Kammerherr, so schnell
und so frh aus den Armen Ihrer Freunde entfhren.

Holder. (kalt) In vier Wochen wird uns der Herr Graf wieder besuchen
knnen.

Die _Offiziere_ tranken, _Holder_ und _Duur_ schwazten mit ihnen von
Neuigkeiten aus der Residenz. -- Die Viertelstunde war bald verflogen und
dem _Grafen_ immer weher ums Herz. _Badner_ trat endlich reisefertig herein
und bedeutete da alles zum Abmarsch bereit wre.

Nun denn, meine Herrn! sagte _Duur_ zu den _Offizieren_ und stand auf:
wenn es Ihnen gefllt: so lassen Sie uns aufbrechen! die Offiziere
entfernten sich.

Bebend wandte er sich zu _Holdern_, der vergebens seine Bestrzung
verbergen wollte.

Florentin. Nun _Holder_?

Holder. (gerhrt) Mein _Florentin_.

Florentin. Weit Du, wohin ich gehe?

Holder. Wohin, Bruder?

Florentin. Zum Tode.

Holder. (erstarrend) Bruder!

Florentin. Zum Tode!

Holder. Ists gewis?

Florentin. Unvermeidlich gewis. -- Jezt ist dem Herzog alles offenbar, und
ich bin seiner Rache Gegenstand.

Holder. Das ist schreklich!

Florentin. Kannst Du -- kannst Du mich noch retten?

Holder. Ich -- kann es nicht.

Florentin. Kannst Du mich noch retten.

Holder. Ich kann es nicht. Allein wir werden uns wiedersehn!

Florentin. Nach dem Tode?

Holder. Ja, in Deutschland ber zweihundert Jahren! -- verlangst Dus noch
da ich meinen Eid Dir halte? verlangst Du noch einmal ein Erdenleben zu
leben?

Florentin. Wunderbarer! Schwrmer!

Holder. Bei Gott, ich schwrme nicht!

Florentin. So seis. -- Leb wohl! (er umarmt ihn heftig.)

Holder. (mit gebrochener Stimme) Leb wohl!

Florentin. (indem er sich losreit) Leb wohl! (er kehrt noch einmal um und
mit langsamen Schritten auf Holdern zu gehend) Regent -- Regent!

Holder. (unter Thrnen) Was sprichst Du?

Florentin. (abgehend) Regent Julius! -- lebe wohl!

Holder. (nachrufend) _Vinzenz_, lebe wohl!

Die _Offiziere_ sassen schon auf ihren Pferden; der _Graf_ stieg in den
Wagen und so gings fort.

Als die Morgenrthe emporstieg langten sie in einem Stdtchen an; hier
blieben sie den Tag ber, in der Nacht verfolgten sie ihre Reise.

Mit Anbruch des zweiten Tages kamen sie in die Residenz. Der _Graf_ fuhr
nach seiner Wohnung und die _Offiziere_ verliessen ihn schon vor der Stadt.

An ihrer Stelle fand er einen andern in seinem Hause, welcher ihn bis zum
Abend bewachte, und sodann in der Dunkelheit zum Herzoglichen Palais
fhrte.

Bleich und entgeistert schwankte der _Unglkliche_ seinen Todesgang hin.
Man brachte ihn in ein schwarz ausgeschlagnes Kmmerlein, bis auf weitern
Befehl des Herzogs.

In frchterlicher Angst durchirrte der _Graf_ das Zimmer, in welchem eine
Wachskerze brannte. Tausend Gedanken durchkreuzten seine Seele, der eine
schreklicher als der andre.

Eine Viertelstunde verging, die andre schlug, ohne da sich jemand zeigte.
Mit immer grerer Unruhe ging er auf und nieder, rang er die zitternden
Hnde, stellte er sich ans Fenster und zhlte er mit Bangigkeit die
Minuten.

Dstre Bilder drngten sich um seine Seele, und entwafneten seinen Geist.
Nichts blieb ihm in der bangen Stunde brig; jeder Strahl der Hofnung
erstarb; jeder Trost wich zurk, und jedes Grausen, welches die Natur in
ihrem Schooe trgt, lagerte sich vor ihm hin. Seine Knien schlotterten;
Fieberfrost rann ihm durch das erstarrende Geblt; er strekte die
gefalteten Hnde schweigend empor zum Himmel, aber seine Krfte versagten
ihm den Dienst weiter.

Schaudernd stand er in einem einsamen Winkel, und warf seine Augen im
Geiste auf die nahen Pforten der Ewigkeit.

O lallte er mit gebrochnen Tnen! der Tod ist furchtbar, vergebens mahlt
ihn die Fantasie schn; aber wir philosophischen Geschpfe thrmen uns da
Systeme und Hypothesen hin, die unter einem leisen Hauch der wahren Natur
zusammenstrzen, all' unsre Weisheit ist Spinngewebe der Einbildungskraft,
aus leichten lokkern Federn zusammengesponnen.

Es erfolgte eine lange, dumpfe Pause, in welcher er ernsthaft vor sich
hinschritt. Dann stand er wieder still und starrte zum Himmel auf:

Gott, heilges, gerechtes, allgemeines Wesen, mit welchem Antlizze werd'
ich vor dir erscheinen? Als ein Missethter sterb' ich; Menschen knnen mir
nicht verzeihen; -- Gnade gieb, o Erbarmer, wenn mir Gnade mglich ist!

Indem der Graf noch betete, fnete sich ein Seitenthre. Die Prinzessin
_Louise_, todtenbleich, in ein Reisegewand verhllt, trat herein. _Duur_
prallte zurk. Sie sprach kein Wort, sondern umhalste schluchzend den
geliebten Verbrecher, kte ihn unzhlige male, und eilte schweigend wieder
von ihm.

Kurz darauf vernahm _Duur_ das dumpfe Donnern einer fortrollenden Kutsche
-- er hrte es, stie einen tiefen Seufzer aus, Dunkelheit umflo sein
Auge, und ohnmchtig strzte er -- dem _Herzog_ in die Arme.

Inzwischen trumten der alte, brave _Onkel_ und seine, liebenswrdige
_Nichte_ nichts weniger, als dieses entsezliche Schiksal ihres
_Florentins_. _Holder_ trat am folgenden Morgen nach seiner Wegfhrung zu
ihnen, und sagte mit erzwungnem Lcheln: _Florentin_ hat Euch, um Thrnen
zu ersparen, gestern Abend schon verlassen.

Gestern Abend ist er fortgefahren? entgegnete erstaunt der _Alte_: drum
wunderte ich mich noch ber das spte Kutschieren. Hm, hm! der Blizjunge,
kmmt er mir noch einmal so, so werde ich ihm ba den Text lesen. Warte!
warte!

Und in der Nacht auch zu reisen! sagte _Rikchen_ halb bse.

Freilich, freilich! erwiederte der _Onkel_: er wird sich verklten
wollen! -- doch las ihn; im Grunde genommen dauert mich der gute Junge, er
hats nicht bse gemeint. Na _Florentinchen_, wir vertragen uns wieder; ich
sage Dir gute Nacht, _Florentin_! -- -- -- --

                   *       *       *       *       *

Und nun, meine _Leser_ und _Leserinnen_, hab' ich Ihnen fr diesmal genug
vorgeplaudert; allein mich plagt doch eine kleine Neugier, zu wissen, wie
Ihnen meine Erzhlung behagt hat.

Sonderbar!

Sonderbar sagen Sie? wie denn so?

Kein Plan, kein Ganzes! wir wissen aus so manchen nicht klug zu werden;
zum Ueberflus fhren Sie den Grafen von _Duur_ noch an die Schlachtbank und
lassen uns in einer qulenden Ungewisheit ber seinen Tod.

Ich sollte doch denken, meine Herrn und Damen, da Sie mit dergleichen
Autorfinten schon bekannter sein mssen, als Sie es sich zu sein stellen
wollen.

Unverzeihlich! indes werden wir Ihnen von ganzem Herzen verzeihn, wenn Sie
uns noch _dies_ und _das_ beichten wollten!

Und was denn zum Beispiel?

Wie es dem sssen _Florentin_ geht.

Und war fr ein Bewandnis hat es denn mit den _schwarzen Brdern_?

Wird _Holder_ nicht noch Anstalten zur Rettung seines Freundes machen?

Apropos, was that denn _Holder_ in _Italien_? nahm er etwa die Tonsur an?

Wohin ist denn die Prinzessin _Louise_ zur Nachtzeit gefahren? hat sie ihr
_Bruder_ etwa in ein Kloster gebracht?

Noch eins, eh wir auseinander gehen: werden Sie uns nicht den weitern
Verlauf der Sache erzhlen?

Alles das, meine Herrn und Damen, alles das im _folgenden Bndchen_ wenn
Sie wollen!




Anmerkungen zur Transkription


Die krftig variierende Schreibweise, Grammatik und Interpunktion des
Originales wurden unverndert beibehalten. Lediglich offensichtliche
Druckfehler wurden korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Die schwarzen Brder. I. (of 3), by 
Heinrich Zschokke

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