The Project Gutenberg EBook of Lesestcke, by Ferdinand Hardekopf

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Title: Lesestcke

Author: Ferdinand Hardekopf

Release Date: January 6, 2012 [EBook #38506]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTCKE ***




Produced by Jens Sadowski





Aktions-Bcher der Aeternisten


Ferdinand Hardekopf

Lesestcke






Berlin-Wilmersdorf 1916
Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)






Alle Rechte insbesondere die der bersetzung vorbehalten
Copyright 1916 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf

Dieses Buch wurde gedruckt im Mrz 1916 von der
Buch- und Kunstdruckerei F. E. Haag, Melle in Hannover

Von Ferdinand Hardekopf ist erschienen ein kleines Gesprch:
Der Abend, 1913, bei Kurt Wolff in Leipzig









Vorwort


. . . Immerhin lege ich spielerischen Wert auf das Faktum, da ich
gestorben bin. Dies fiel mit der Morgenrte der groen Zeit zusammen. Somit
sieht man sich hier allerdings einem Spuk gegenber. Aber solche Phnomene
sind hufig, jedes ehrliche Gespenst schreibt seine mmoires d'outre-tombe,
und alles kommt nur auf die Vitalitt der Abgeschiedenen an. Da der
Selbstmord als Symptom pedantischer Lebensgier entlarvt ist, so wird man
begreifen, da in diesem Falle nur Genusucht das Motiv sein konnte. Schon
bei sogenannten Lebzeiten habe ich mich nie gern langweilen wollen. Den
Abgezogenheiten gab ich meine Vorliebe vor realen Details. Hchstens
bewog philologischer Sammeleifer zur temporren Erduldung jener
Beanspruchungen fr die man das infame Wort Liebe verabredet hat. Schnell
rettete ich mich ins Caf. Dort erwuchs einigen der sehr erwnschte Zustand
der dcadence: unsere beste Beute. Die Antwort des Iren George Moore auf
die Frage wie die Kunst zu frdern sei: Durch Grndung von Cafs, bleibt
mir aus der Seele gesprochen. Aber diese Einsicht, so beweisbar, ist
unzeitgem. Leider mu ich frchten, da die Antipathie gegen sie schlecht
stilisiert sein wird. Wir Gespenster sind Enthusiasten des Stils, und
vielleicht glauben wir an unsere Renaissance aus den Anspannungen der
Formung. Es war der Dichter einer entschwundenen Mentalitt: Goethe, der
das Stirb und werde! in den West-stlichen Divan diktiert hat.

      F. H.





Wir Gespenster




(Leichtes Extravagantenlied)


Wir haben all unsere Lste vergessen,
In Cinmas suchen wir Grauen zu fressen;
Erleuchtete Tore locken uns sehr,
Doch die Angst ist gering -- wir brauchen viel mehr.

Als Knaben sind wir ins Theater gegangen,
Nach gelben Actricen ging unser Verlangen;
Nur Herr Kerr geht noch hin, gegen Wunder geimpft,
Der Brger, der Nietzsche und Strindberg beschimpft.

Fr Haeckel-Vergngungen dankten wir bestens,
Da flohen wir zitternd ins Caf des Westens
Zu heiligen Frauen. Es gibt auch Hynen,
Die scharren nach goldenen Lwenmhnen.

Aus der Welt Dostojewskis sind wir hinterblieben:
Gespenster, die Lautrec und Verzweiflung lieben.
Wir haben nichts mehr, was einst wir besessen,
In Cinmas suchen wir Grauen zu fressen.




Der Unterprimaner


Ist die Nacht herangeschlichen,
Liegt das Schulhaus wie entgeistert.
Alles Gaslicht ist entwichen,
Und die Tr ist fest verkleistert.

Gleicht das noch den Korridoren,
Wo wir tags so stark geqult sind,
Wo wir linkisch, kahlgeschoren,
Zage meuternd --, tief verfehlt sind?

Geistergrn seh ich ein Schimmern,
Und der Schornstein wird so deutlich.
Aus den Gngen, aus den Zimmern
Quillt es neblig, s und brutlich.

Was umschleich' ich diese Rume,
Schleiche nicht in Liesbeths Garten,
Tief ins Dickicht -- ihrer Trume
Fernsten Seufzer zu erwarten?

Ahnt ihr es? . . . Ich bin ein Buhle
Von bereits geknickter Haltung.
Um das Nacht-Phantom der Schule
Schleich' ich -- trotz der Schulverwaltung.

Ahnt ihr meine Heimlichkeiten,
Nachmittags-Libertinagen?
Mde, etwas zu bestreiten,
Starr' ich auf die vier Etagen.

Diese klassische Kaserne
Ist erfllt von Abenteuern!
Grten sonst die weien Sterne
Sie mit ihren blassen Feuern?




Konzentrisch


Mdchen sprieen jung im Sturm,
Bald mu ich sie lieben;
Und es wchst ein Bcherturm,
Der wird jetzt geschrieben.

Aufgetrmt aus Hart und Weich,
Bald mu ich es lesen,
Wortgebirg was Tintenteich
Lieblich einst gewesen.

Blondes Haar was Sonntagsdrang
Abendlich gewesen,
Augenblick und berschwang
Mu ich fiebernd lesen.

Angst im Kreis der sie betrifft
Fhlt ihn eng geworden:
Gliederduft und Liedergift
Werden mich ermorden.

Ruhenden im tiefsten Tal
Macht ein Mitraun rege:
Weib und Buch und alle Qual
Sind schon auf dem Wege.




Caf


Die Zartheit einer Frau, gelb glimmt der Puder,
Ihr Kleid erregt sich sommergelb
   (Wir wollen nchstens, Nekromanten,
   Kornduft in facettierte Parfumglser einfangen!)
-- Die schmale Frau begnadet das Caf.
Gotische Spitzen, ein Filigrangewirr von Notre Dame,
bertndeln die Fesseln;
Der schwarze Hut taumelt ein bichen seitwrts -- schrg zum Marmorschwarz.
Eine Gondel ondulierten blonden Goldes schwebt das Haar.
Madames Kniee knicken --: sie sitzt;
Und nun ziehn die Muscheln ihrer Fingerngel
Zwei, drei Weihwasserwellen
Von den Brsten bis zu den Hften;
Dann arrangiert Madame ihren Popo.
   Sie ist die edelste der Frauen und nicht lyrisch;
Sie ist auch gar nicht jung und hat in manchem Schlafwagen getrumt.
Sich in grn rollende Fischaugenkugeln versenken und nur vermuten drfen,
ist fast ihr Glck --
Ist ein Glck, so malos,
Da der kstliche Atem der Welt
Fr sie innehlt,
Und dann losbricht, Weststurm auf bretonischem Felsen;
Eine Silhouette herrscht ber das Meer:
Hflichen Gischt, weien Tribut, schleudern die Wogen zum Herrscher.
   Oder wie wenn, nachts, dem belgischen D-Zug
(Der Kondukteur entstieg der galantesten Operette)
Von der anderen Weltseite ein D-Zug entgegenzngelt,
Und die beiden Schlangen verstricken sich ein paar bse Sekunden,
Und aus ihren Lokomotivkpfen
Brllt ein zischendes Pfeifen,
Taumeldumpf hingezogen,
Weh gedehnt,
Irr in der Nacht,
Das przise Heulsignal zum letzten Geisterkampfe,
Ein violetter Schleierfetzen im Nebel,
Ein bs gestreckter Raucharm,
Wegweiser er in keuchende Wege, --
Eine eiserne Klagemusik,
Die im Nebel verrostet,
Im feuchten, rostigen Nebel, --
Das Sthnen zweier Seelen,
Die, sich ahnend, einander vorbeibluten, --
Das hehre Maschinenkeuchen der Hlle,
Ein langes, banges Rcheln,
Schrill --:
Aus der Tiefe die Litanei
Der Lokomotiven.
   Oh, Madame, da wurden Sie glcklich
Auf der straffen Walstatt des wagon-lit,
Auf dieser weien Ebene der Geisterschlachten!
   Durch den Puderschmelz ebbt eine Zrtlichkeit,
Die opalenen Halbmonde Ihrer Fingerngel
Verfinstern die korngelben Halbmonde
Ihrer Augenbrauen,
Und Sie denken, erschauernd, all der rapiden
Entweihungen Ihrer Mysterien.




Nymphenburg


Ein Erzittern, glckliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht
in graugedehnte, rasengrne Parkavenuen.
Es war eine Beschwrung: die Gifttapete berste,
Die mir, seit ich whle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte
Scheidekraft verstellt.
. . . . . Es quoll ein grnes Auge;
In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen,
Rkelte sich Pierrot, der klgste, katholischste Amerikaner,
Grau das Wstlingshaar, das Jnglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem
Lorbeer und Frauen-Ngeln.
Aus Lackschuhen, glnzendster Eremitage, pltscherten die weiblauen,
wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins.
(Soviel Wsser, Toilettenwsser, soviel Zrtlichkeit!)
Ein dunkler Mund zerteilte hflich den behutsamen Dampf.
Und es wurde Orphisches doziert.
Ich versank -- lchelnd, vergiftet.
Da wute ich meine heiteren Gefahren,
Und, edlerer Brde nun gewrdigt, erschlo ich mir das volkgemiedne Land.
. . . Schon formt sich in der Stachelhlle,
Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kltere Erde gren wird;
Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbume, weite, bergige, spitzfindige
wie die Lust (. . . die Lust . . .),
Eine weie Fontaine zischelt Mdisance, Marquise in gepuderter Wellen
Percke,
Die Marmorgtter lauschen und kichern und schmiegen sich lchelnd aus ihren
Gewndern
(Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?),
Und, jenseits des Knigsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger
Teiche,
Schwne sind ihre Brste,
Brste,
Sich einbetten in Festungswlle,
Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern.



Halensee


(Da, MUSE, DU den Geist in diese Richtung schickst: --)
Man hat die Lichtung des Parquets neu-gelb gewichst.
Wei brennt der Saal.
Doch in den festlichsten Minuten
Verzischen hei der Bogenlampen Fluten;
Ein Dmmerlicht von grn und roten Birnen
Rckt nher die Privatbeamten an die Dirnen.
Und hoch und tief im Hinterraum
Wchst nun empor ein Tannenbaum,
Den vorher keiner sah --
Rauscht auf und ist mit Glhbewutsein da.

Aus Goldovalen weiht ein Frstenlcheln
Erlaubte Lust im Voraus zur Askese;
Der Siegerkranz wird noch die Narben fcheln,
Und ehrlos macht allein die Antithese.

. . . Wie hockt und knarrt, wachholderhaft gestrppig,
Das nette Unterholz an kleinen Tischen!
In Pftzen-Augen blinkt, gemigt-ppig,
Der Wunsch, reelle Kragenhhen aufzufischen.

. . . Die Saiten und die Tasten
Schrilln den Kommando-Takt,
Da sind die sen Lasten
Vom Faunengriff gepackt.
Sie setzen ein mit Wippen,
Mit Schwnzeln und mit Kippen.
Accentuiern ihr Rundes,
Als wr es ein Profundes;
Das ist ein Strecken, Haschen
Der Finger und der Taschen,
Als sollte schon im Stampfen
Die teure Gier verdampfen.

Dies Branden wird kein l vereiteln.
l glotzt verdummt von Herrenscheiteln,
Und -- unter prallen Knallgas-Garben --
Entfaltet es Petroleumfarben.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Schon zeigt ein jeder Bierglas-Pegel
Die Schmach des tiefsten Wasserstands,
Und rotgeschminkte Halbmond-Ngel
Vergilbung Cigarettenbrands.
Die Blusen mgen nicht mehr schlieen,
Der Oberkellner murrt mit Nadeln.
Ich schwur mirs zu, sie zu genieen!
(Denn nur die Pflicht kann es noch adeln.)

Ihn qult an seiner Blutverlustmaid
Des kaum erworbnen Rechts Bewutheit.
Und Lste, schon vorausverdammte,
Erledigt der Privatbeamte.




Notiz




nachts (2h 45 bis 2h 47 matin)


Bses Stampfen! (Vom Lauschen, vom Warten . . .)
Grnliches Hmmern, wie in der Chloroform-Narkose!
Ein Pumpwerk zerstt die Nacht,
Drhnt.
Mein Herz explodiert.
Die Angst arbeitet rhythmisch, exakt.
Aus einer Rhre, einem Trichter (einer Trompete?)
Fliet schleimiger Schein:
Das morastgelbe Licht der Welt -- meiner Welt.
Der Lichtkegel trifft mein Ohr.
Leider bin ich verdammt, aus diesem schmutzigen Licht Angst zu pulsen, den
Schein in Grauen zu transformieren, in Sentiments, in Elend-Quatsch.
Das dauert gewi bis zum Grauen der Dmmerung hinter den Gardinen.
(O: das gute Angelus-Luten!
Hirten auf dem Felde,
Kartoffelbauern auf dem Felde Millets!
Liebe Demut ihres gebeugten Rckens!)

. . . Ich bin einer, der nicht in Betracht kommt.
Kein Leben, keine Schminke um mich.
Nur die Angst meine Dame.
(Blicke kratzten, stchen mich,
Ich schriee, stampfte -- hautlos ich.)

. . . . Nur verschrumpfte Gebete gelingen,
Keine Gebet-Kunstwerke.
Eine Schmach ists, von der Angst erlst sein zu wollen;
Eine Schmach ists, glcklicher sein zu wollen, als uerst unglcklich.
Es _irritiert_ die geringste geglckte . . . Harmonie.
. . . . Warum nicht das uerste?
Das isolierte Brennen heiliger Nervenspitzen, letzter Nahrung des Brandes?
Zuckende Reserven, zngelnd im Dampf, im Krampf.


-- -- -- brigens bin ich durchaus im Stande, den Ablauf solcher
Empfindungen brsk zu unterbrechen, Amerikanismus anzuordnen und, mit
einer Cigarette, khlsten Herzens weiterzulesen in Henri Beyles: Le Rouge
et le Noir. Selbstverstndlich.

Die Lampe brennt ja noch.





Genesung


Da Stund' um Stunde, selbst die bngste,
Wie silbergraues Pltschern kam,
Da ward's ein Tag, wo ich die ngste
Mit lssigstillem Lcheln nahm.

Da tropften alle Qualen linder,
Sie perlten kaum auf meiner Hand,
Soda ich, endlich berwinder,
Nichts mehr zu berwinden fand.




Rapiditt


Und voll Bewundrung fr den Dichter
Warf wieder eine Keks ihm zu. --
Der zndet Rennmaschinen-Lichter
Und jagt nach der privaten Ruh'.

Er drngt den Leib, den lssig-fetten,
Ins Rhrenwerk des schmalen Wolfs
Und gibt sich der rekord-koketten
Spazierfahrt lngs der Wonne-Golfs.

Nie war ein letzter Spurt gewrzter,
Nie flog die Disziplin so jach,
Nie war die Renn-Kritik bestrzter,
Und ser nah war nie ein Krach.

Es puffen aus dem Zisch-Ventile
Parfums von Kriminal-Chemie,
Im Kilometerfresser-Stile
Skandiert die Gift-Maschinerie.

Dies ist der schnellste Hllenwagen,
Der schlingernd ber Firnen fliegt,
Torpedo-Fisch mit Buffo-Fragen,
Den fernsten Graden angeschmiegt.

Am Mix-Benzin freun sich die Sterne,
Die Welt ist voll vom feinsten Schnaps,
Ein Sirup-Tank, Absinth-Cisterne;
Nun gehts durch sen Felder-Raps.

Und wie er ihn mit Lust beflgelt,
So stoppt der Dichter seinen Blitz,
Entsteigt, die Hosen sehr gebgelt,
Dem eleganten Pneuma-Witz.

Bald lchelt er im Bistro-Reiche,
Bla-kompliziert, in dunkler Box,
Erstaunt gebraucht er viele weiche
Algriennes und viele Grogs.

Vor seinem Gott wirft er sich nieder,
Der diesen Hetzreiz ihm geschenkt,
In halb schon kondensierte Lieder
Den Stampf-Rausch dieses Runs gelenkt.

DER faltet ruhig seine Rippen --:
Sieht ein Paar Hosen in Berlin,
Die, unter schminkgewohnten Lippen,
Sich inniger zusammenziehn.




Sublimierung


Ich sah dich Grenadine schlrfen,
dein Wildgeruch ergriff mich schon --
und hab nur stockend murmeln drfen:
Wer ist die scharfe . . . Attraktion?

Dann lie ich drucken: Komm, du Dirne!
Ein Spter wittert Dunst und Bau.
Du hast die hellste Kinderstirne
und bist die dunkel-tollste Frau!

Vergeblich. Doch der Nicht-Genehme
war schon phantastisch angesteckt --
Du hast mich vllig, Unbequeme;
Und . . . ich hab dich, als mein Objekt.

O: dein von Mrderhand gekrzter
Polaire-Wulst, du zerwhlter Kopf,
durchreizt das Dasein mir gewrzter
als jngster Judith Doppelzopf.

Was willst du, Fremde, noch verhindern?
Ich bau dich auf aus Kunst und Schaum.
Du wirst mir Unerhrtes lindern,
du bist ja mein in jedem Traum.

Wie gern in mystischer Verschwrung
dein Linien-Tiefstes sich mir gibt . . .
La uns allein! Du . . . Erd-Emprung,
bleib ferne, knbisch angeliebt!

chz unter Assessoren-Kssen -- --
Indes in Spuk- und Geisterwelt
mit zugespitztesten Genssen
dein kluger Schatten mich umstellt.





Das Caf-Sonett


      Fr L. R.

Den Marmortisch umsprhen Manieristen,
erregt vom Beichtwort Mauds, der Knstlerin:
Wei nicht, ob Weib ich, ob ich Knabe bin!
Sie steigern sich in berhitzte Listen.

Der Dame liegt die letzte Nacht im Sinn.
Dem John, dem dunkelsten der Morphinisten,
dem Welt-Abb, dem Dcadence-Artisten
hlt sie die gleiche klare Stirne hin.

Da: Jack, Gorilla, erster Fuball-Preis.
Der Geist bestellt die sechste Schnaps-Karaffe.
Wie Maud, erkannt, ihr ses Schicksal wei!

Es fllt die Festung vor dem Bild der Waffe.
Dem Football-Monstrum bringt man Huhn mit Reis.
Maud, sachlich: Schaufle was du kannst, mein Affe!




Bar


Ein Prunk-Salon, wie eine Schiffskajte.
Man sitzt in Club-Fauteuils bei Sekt und drinks.
Die schmalsten Mdchen tragen Riesenhte
Und lcheln sanft, wie Mdchen Maeterlincks.

An der Portiere zaudern blasse Frauen;
Wie fallen ihre Mntel blumenzart!
Es glimmen unter sehr geschminkten Brauen
Gazellenblicke rtselhafter Art.

Sie treten nher gleich verirrten Rehen -- --
Doch nichts Erdenkliches ist ihnen fremd.
Sie sind all right vom Kopf bis zu den Zehen,
Ihr blondes Haar ist in die Stirn gekmmt.

Der Oberkellner eilt mit grnen Flaschen,
Und rote Geiger (welch Effekt im Bild!)
Erhitzen sich am Tanze der Apachen,
Da werden alle Frauenmienen wild.

Liane tanzt -- und giebt die jungen Glieder,
Die sehr gepflegten, jedem Wagnis hin.
Sie biegt und rankt sich und entschmiegt sich wieder
Und ist ein Tier und eine Knigin.

Es ghrt Apachenblut in diesen Damen . . .
Doch ist Liane dann vom Rausch erwacht
Und blieb, als reiche Cavaliere kamen,
Natrlich nur noch aufs Geschft bedacht.




Spleen


Ein Bndel Mond erreichte mein Gesicht
Um 3 Uhr nachts, ein Quantum Butterlicht,
Und mahnte (3 Uhr 2): Ein Spuk-Gedicht,
Nervs-geziert, ist Literatenpflicht!

Die Kammer dehnte sich verbrecher-hell.
Der Mond, ein Dotterball, schien kriminell.
Da stieg die Dame Angst(-Berlin) reell
Auf ihr imaginres Caroussel.

Ein Schneiderkleid umprete mit Radau
Die Dame Angst: die Gift- und Gnadenfrau.
Doch das Citronen-Ei (um 3 Uhr 5 genau)
Versank in Bar-Fauteuils aus Dmmerblau. --

Nachhstelnd, matt-dosiert: Macabre-Bar!
Ihr lila Blicke! Schweflig Tulpenhaar!
Aus Puderkrusten Tollkirsch-Kommentar!
Ein Gru: du noctambules Seminar!
. . . So. 3 Uhr 10. Wie s verwirrt ich war!




Spt


Der Mittag ist so karg erhellt.
Ein schwarzer See sinkt in sein Grab.
Dies ist das letzte Licht der Welt,
Das bleichste Glimmen, das es gab.

Aus Smpfen schwankt Gestrpp und Baum.
Die Birken-Nerven steln weh.
Die Zeit erblat, es krankt der Raum.
Tot steht das Schilf im toten See.

Die Luft strmt grau ins Mndungs-All.
Der Rabe schreit. Der Wald schlft ein.
Mich trennt ein rascher Trnenfall
Vom Ende und der Flammenpein.





Ode vom seligen Morgen


      Fr Emmy Hennings

Seste aller Ausschweifungen: schon morgens im Caf zu sitzen,
wintermorgens.

Die Cigarette: blonder Honig, Opium wlbt mich ein. (Heimlich-gothische
Kapelle, Sicherheit.)

Es riecht nach Wrme.

Aus den Revuen knistern blaue Lust-Zungen. Links in mir sammelt sich eine
entzckende Angst. Liebe Gifte heizen, hetzen.

O ihr _guten Droguen_: ich bete euch sehr an. Lesen; blttern; man
entknspelt Zeitschriften wie Mdchen: fiebernd-sachlich,
weihevoll-zynisch.

Die Eine, die mit mir, mit dir ich _alles_ waren! Mir Vergangnes, unter
Hochdruck, explodiert. Das habe ich publiziert: diese lackierten
Teufeleien, geschminkten Qualen, ihr kleinen lila Neurosen.

Aber ein bichen verachte ich euch, ihr meine reizenden Gespenster.

Ich bin eine solide Bestie. Schwer zu tten.

Nur Kaffee und Cigaretten mu man uns natrlich garantieren. Dazu einige
erdige Parfums. Schon vormittags im Caf (wie einst --).

So inniglich verbummelt.

Und der Tag ist kompromittiert, der Tag ist s. Ermutigt (ach!) singe ich
dieser zuckenden Minuten Melodie; sing ich euch, ihr gebenedeiten Cafs;
sing ich die tiefgeliebte dcadence.

_Die_ lieben wir, _die_ streicheln wir mit gewrzten Caressen.

(Ihr sprecht sie mit falschem Nasal-Laut aus.) Wir pfeifen auf was ihr
stolz seid, euren Auszeichnungen weicht ein Achselzucken aus, und was ihr
hhnt ist unser maloser Stolz.

Weltenwild ist unser groes Glck und sehr privat. Wir sind vllig
verdorben und endlos selig; wir sind feine Tiere; die Mdchen nahe uns
werden bse und herrlich, werden sensitiv, instruiert und instruktiv.

Diese Souvernitt ist unangreifbar.

Alles knnen wir entbehren, natrlich auer dem Kaffee (bezaubernder
Oliven-Tinte, die Innenrnder beschreibend) und dem Caf.

Sehr spttische Herren sind wir weh schwankender Provinzen --

Selig in uns --

O: die geschmeckte Allmacht dieser Stunde!




Morgen-Arbeit


         Es ist die ewig selbe Qual! --
         Und wr sie das noch tausendmal!


Viel schonungsloser sei der Geist vernichtet! . . .
Ich wacht' in pudrigem Artistenzimmer auf -- --
Und nahm, der Geistesttung neuster Technik schon verpflichtet,
den Stacheltrieb zur Form erneut in Kauf.

. . . Bemerkenswerter Schlaf, in dem Films erglommen,
ein mattgetnter Zug freundlicher Erscheinungen.

Niederlndische Kinder auf der Landstrae, in Holzschuhen,
Windmhlen ferne,
diskret angeboten,
alles in zwei Dimensionen.

   (Nur flchig sei hinfort getrumt,
   die Leinwand mildem Spuk gesumt,
   des Raumes Alp hinweggerumt!)


Dann kam der kinematographische Traum in einen Park. Auf zarten Wegen
lustwandelten manche Cocotten. Leise bedeutete mir ein Mittelaltriger: die
schlankeren Frauen seien am hchsten notiert; er selbst habe es nie
begriffen; und er sage es nur fr den Fall eintretender
Rechtsstreitigkeiten. Ich dankte hflich, bereits unterrichtet. Mittels
einer Geste fgte jener Herr bei: brigens bin ich ohne Frauen
ausgekommen. Ich lchelte beipflichtend. Gleich darauf wischte ich eine
Dame weg, die etwas zu blulich ausgehhlt war, und die ich aus frheren,
noch stereometrischen Trumen wiedererkannte.

-- -- -- Berlin W. 50. Die Morgenfrische. Schmelzender Schnee,
halb-hbsches Getrief.
Schnell diese Nacht heimtragen, auf das Hochplateau des Schreibtisches.
Schon auf der Plattform der Trambahn beginnt die Arbeit.
Man ist leicht getzt, eindrucksbereit.
Junge Mdchen, in der Spannung dieses Vormittags, besteigen den Wagen.

Ein einzig Wort pack' eines Fruleins Sein!
Ich schon' mich nicht, ich setze Scharfsinn ein;
erschlrfs, ersaugs, ein Vampyr von Methode.
Das Weib ist neu mit jeder neuen Mode.


Wichtig ist der Augenblick, whrend dessen, von der Eisenstufe empor, das
Mdchen, neunzehn -- viel ernsthaftes Gesicht --, sich zur Plattform
aufhebt.

Der Ritus der zurckgekmmten Haare erhellt den Kurfrstendamm mit den
berreinen Stirnen perfekt losgesprochener Snderinnen, mit luxurisen
Triumphen ber weggebeizte Heimlichkeiten, und einer Duft-Cascade
sensationell wiederhergestellter Unschuld.

   Der Nord-Geist schlich in einen Sden:
   Verkauft mir, Dame, Pflichtvergessen!
   Er ward nicht md, sie zu entmden,
   von ihrem Schlaf noch pflichtbesessen.


Man wird fixieren alle diese Experimente, verfehlt vor der Unternehmung;
die Kurve dieses verderblichen Wechselfiebers von Geist und von Sinnen. Man
wird diese tragische Maskerade bannen, auf da sie vorbildlich werde und
erhaben-programmatisch.

Rebellion strzt in Ungesetzliches. Aber der Ausschweifung entsteigt,
hhnisch-grau im Zahnpasta-Rosa der Morgendmmerung, pedantisch und
unanfechtbar, ein Rckruf in die Pflicht . . . zur Formung eben dieses
Fluchtversuchs.

Man hat gebummelt. Man wird darber schreiben. In Kaethes, der Artistin,
pudriger Ruberhhle lauerte eine Sentenz ber den Flei. --





Morgendmmerung in Paris




(Nach Charles Baudelaire)


Man blies Reveille auf den Hfen der Kasernen,
Und Morgenwind durchfuhr die klirrenden Laternen.

Das war die Stunde wo der bsen Trume Schwarm
Den Jngling anfllt in des letzten Schlummers Arm;
Wo, wie ein Aug voll Blut das zuckt und sich zersetzt,
Die Lampe einen Fleck rot auf das Frhlicht tzt;
Und wo der Geist, vom Zwang des Krpers deprimiert,
Den Kampf der Lampe und des Dmmerlichts kopiert.
Wie Brisen im Gesicht die Trnen schwinden lassen,
So frstelt es im Raum von Dingen die verblassen.
Schreibmde ist der Mann und liebesmatt die Frau.

Von Husern hier und da steigt schmaler Rauch ins Grau.
Die Sklavinnen der Lust, bleifahl das Augenlid,
Mund offen, schlafen nun, und sind im Schlaf stupid.
Die Bettlerin schleppt hin der Brste Magerkeit,
Haucht auf die kalte Hand und haucht aufs Feuerscheit.
Das ist die Stunde wo, zerfroren, ungehegt,
Der Wchnerinnen Qual sich zu verschlimmern pflegt.
Als wrde ein Geschluchz durch Blutsturz abgeschnitten,
Zerreit jetzt Hahnenschrei das Nebelmeer inmitten.
Ein Schleierwogen wird die Bautenpracht umsplen.
Doch Sterbenden entflieht, tief in den Nachtasylen,
Der letzte Rchelhauch, verkrchzt und abgehackt.
Ein Wstling geht nach Haus, von seinem Tun zerplackt.

Das Morgenrot steigt auf, in rosa-grnem Flor,
Steigt aus dem leeren Strom, frostzitternd, still, empor,
Und dster greift Paris, noch halb im Traumeskreis,
Zu seinem Handwerkszeug, ein arbeitsamer Greis.




Besessen




(Nach Baudelaire)


Die Sonne ist umflort. Manon, mach es wie sie
Und mummele dich ganz ins Fell der Apathie.
Schlaf oder rauche viel; bleib still in Qualverbrmung
Und tauche auf den Grund der tiefsten Willenslhmung.
Ich lieb dich wie du bist. Doch: sollte es dir passen,
Die Finsternis, mein Stern, heut Abend zu verlassen,
Und aufzuleuchten da, wo bunte Tollheit lacht,
Das wre hbsch, Manon. Wir bummeln heute Nacht! --
Entznde deinen Blick am Strahl von tausend Lichtern!
Entznde die Begier auf schweinischen Gesichtern!
Du ganz bist meine Lust, ob strotzend, ob morbide;
Sei was du immer willst: Zerrttung oder Friede,
Sei Licht, sei Dunkelheit --; la mir nur eins gelingen:
Mich, Satan-Gttin, DIR als Opfer darzubringen.




Abneigung


Ich presse zu Linien die lstigen Bche
Und denk' die ent-lten in ebenen Plan;
Ich hasse den Raum, ich vergttre die Flche,
Die Flche ist heilig, der Raum ist profan.

Ich werde mich listig der Plastik entwinden
Und la euch geblht im gedunsenen Raum.
Ich denke die lieblichsten Schatten zu finden
Im geflligen Teppich, im flchigen Traum.




Xenien


Was wir waren,
Drfen wir nie erfahren.
Wie freundlich ist die Lehre:
Quita non movere.

Nie rhre den Brei der Erlebnisse
Ins Bewutsein wieder hinauf;
Die saure Tinktur der Ergebnisse
Fr' den Verstand dir auf.

(Goethisch)
Da sich aus den Traumgestalten
Fliegend weie Schatten lsen,
Mag sich wunderbar verhalten,
Wie im Guten so im Bsen.

Der Sptter zielt auf mich
Und kriegt den selben Stich;
Denn jeden Spottes Scheibe
Trgt jeder selbst am Leibe.

Wir sind ins Leben eingeengt
Wie in ein platzendes Kleid,
Aus dem heraus uns zu sich drngt
Jenseitigkeit.

Warum Jean-Jacques, der groe Pdagog,
Die eignen Kinder nicht erzog?:
Wr' er bei seiner Brut geblieben,
Nie htte er sein Werk geschrieben.

Das Leben: eine blague aus Schleim und Eiter.
Das Buch besteht und hilft euch weiter.

Nie gelingt ein Dasein richtig;
Nur der Dicht-Extrakt bleibt wichtig.

Will einer sich an Meinung binden,
So wird er immer gebunden sein;
Er wird sich immer schlecht befinden,
Denn er wird als schlecht befunden sein.

Ihr Leute, seht euch den Zauberer an,
Der sich aus nichts etwas machen kann!

Der Dinge Gutes: Verlabarkeit.
Frei -- das heit doch wohl: befreit.





Wintergarten


Mit Revolverschssen, Korsettgekrach und Schdelspalten, mit dem Feixen
irrer Clowns und dem grenwahnsinnigen Rasseln eines Dutzends Motorrder,
die, auf der steilschrgen Innenflche einer Holzschwellen-Kreisbahn, um
die Wette wirbeln, ist uns eine Viertelstunde Nervenruhe nicht zu teuer
erkauft. Hei -- unsere frhliche, zerkrampfte Hetzjagd nach der Ruhe, nach
der hehren, hochheiligen Stille, da wir den Willen abdanken (den
verstndigen, blden!), da die ngste schlafen gehen und die Begierden all,
eingelullt, ihre schlanken, sehr biegsamen Katzenrcken niederstrecken zu
blinzelnder Apathie! Dann stiehlt sich von fernher, aus der nebligen Nacht
am See, ein ganz matter Lichtstrahl auf die dunkle Weide unseres Traums,
ein gelber, feuchter, verschwommener Lichtstrahl, den die drstende Lunge
einsaugt als ein unendlich Khlendes, Trstliches und Kindliches. ber den
See braust, von Westen, der Sturm; in jedem Gertenast der Weiden wacht,
gepeitscht und peitschend, eine uralte Zrtlichkeit auf; und wir -- Pola,
meine Schwester: du und ich -- sind starr geneigt gegen den Weststurm,
bieten ihm, mit dem gellenden Schrei der Erlsung, die Brust dar. Dein
Haar, eine Seelenflut, jauchzt schwarzwellig in Lften, dein Antlitz,
wachsam und glcklich, springt vor zum gespannten Profil, aus Zisternen
herrschen nchtig deine Augen --, und wir trotzen, herrisch, majesttisch,
in tief-ewiger Ruhe, dieser Emprung, dem Chaos, daraus wir entsprungen
sind auf langer, todesschmerzlicher Reise, und das wir lieben mit schmaler,
gepreter, unabnderlicher Anbetung . . . Die Rebellion wollen wir: denn
sie ist unsere Ruhe; die Erregung um jeden Preis wollen wir: denn sie ist
unsere Heilung. Willkommen: ihr Sturmgeheul und Orgelgedrhn, ihr Schauer
in den Katakomben der Zerrttung, Revolverschsse, Feuersbrnste des
Atropins und ihr disziplinierten Verwirrungen Cancan tanzender Dessous!
Notre Dame und Folies Bergre -- ihr Sanatorien der Gipfel! Ihr
transzendentalen Rusche! Ihr Kultsttten, da eine harte Inbrunst
raffiniert geworden ist und sich przisiert hat in unerbittlich
triumphierenden Formen! Das in mittelalterlicher Zhigkeit gehkelte
Spitzenwerk gotischer Domtrme und das freche Eisengerippe des Eiffelturms
-- schieen sie nicht mit der gleichen nachtwandlerischen Mathematik in den
ther? Randleisten aber dieses Bildes, zeichnen schwarze Fabrikschlte die
schamlosen Linien des Satans und Seurats gegen den fahlen Horizont. In
geeinter Lust drfen wir all das genieen. Denn brsk und beseligend, wird
das Brllen der Glocken, das Schmettern der Carmagnole und die rhythmische
Barbarei der Dampfhmmer bertnt von der einen, harmonisierenden,
idiotischen Melodie: Tarara -- bumdih! Das Varit, ein Narkotikum, bringt
die Vershnung . . .




Franz Blei


Da pltzlich ein gelber Herr aus dem achtzehnten Jahrhundert (den linken
Lackschuh schleppt er ein bichen nach; und wenn er wollte, knnte er den
devoten Krper sehr leicht zu Korkzieher-Spiralen ringeln) in einen Kreis
Entwurzelter eintritt, dunkel lchelnd Guten Abend bietet und allsogleich
beginnt, durch viel Ordnung und Anordnung allerlei Seelchen nachdrcklich
zu verwirren --: das hat allen Schein und Anspruch so sehr gegen sich, da
ich kaum jemanden bitten mag, zu genehmigen, es sei geschehen irgendwann.
Ich selbst habe es gesehen; aber ich glaube es nicht und wnsche, alles
getrumt zu haben. Erleben sagt wenig fr den Erlebenden, und alles nur fr
das Erlebnis; der Trumende aber darf sich fast so hoch schtzen wie seinen
Traum . . .

Der Doktor Blei entwindet sich der Finsternis und ist, von der Taille
abwrts, hinter einem niedrigen Sulen-Oktogon schnell so sicher
verschanzt, da nunmehr eine Bste im Frack, aus bsem Stamme erwachsen,
vor einer schwarzen Leere schwebt und wirbt. In der Geste Eines, der dem
groen Brummel Diener und Vertrauter war. Eines, der das rhrende
Evangelium des Dandysmus in pflichtschuldiger Pedanterie ein bichen
forciert. Da dieser Getreue den entschwundenen Vorbildlichkeiten seines
Herrn melancholisch nachgrbelt, drngt sich ihm dermaen die
Unzulnglichkeit aller Spteren auf, da aus dem dnnen, blassen Kreis
seines Mundes ganz zerbrechliche O -- O -- O!'s in die Luft puffen, kleine,
mokant schillernde Seifenblasen, die nach kurzer Bahn zerplatzen und einen
slich-irritierenden Hauch hergeben. Und nun ist keiner mehr berrascht,
hinter dem grauen Dandy, auf dessen hoher Stirn die gravittische Heraldik
sechs paralleler Wellenlinien eingefurcht war, einen gelben Hfling aus
Kabale und Liebe wiederzuerkennen, hurtig dann auch den Doktor Coppelius,
hinter riesigen Brillenscheiben versteckt, und endlich Mephisto selbst,
der, wiederum lchelnd, die Maske des die Sinnlichkeit protegierenden
Privatdozenten ablegt und, ein arbeitsamer Systematiker, mit seinen
moralischen Anekdoten aus besserer Zeit einer sublimen Selbstgeflligkeit
frhnt. Er respektiert die Moral und distanziert sie. Darauf wird die
Beschrnktheit der Gottlosen geduckt. Diesem Doktor ist es nicht um die
Rationalisten zu tun. Er endet -- die Wachsmaske eines allzu durchwhlten
Goethekopfes -- als gemessener, orphisch tnender Fatalist. Aus der
Puderwolke starrt tief-trstlich und korrekt ein Totenschdel.




Hebbels letzte Stunde


In dem hohen, altertmlichen Bchersaale stand der Examinator vor seinem
Schler, der, in mittleren Jahren, kein Enthusiast mehr war. Dieser Zgling
trug ein Gewand von schwarzem Sammet. Nach Schillers Werken mochte sich der
Examinator heute nicht erkundigen. Mrrisch zog er ein paar Bnde aus der
Bibliothek hervor: sie war wenig geordnet. Neben Maria Stuart prete sich
Casanova. Nein! Doch da schimmerten schilfig Hebbels Tagebcher, und der
Examinator fragte: Wo stehen die Stze reiner, lichter Prosa ber Hebbels
letzte Stunde? Der Examinand hatte die Antwort parat; behaglich-amtlich
nannte er Band und pagina. Und um nhere Auskunft ersucht, gab er
Einzelheiten:

An einem Sommernachmittag hatte das alternde junge Mdchen heimreisen
mssen in das Patrizierhaus der kleinen Stadt. Das Haus lag noch in seinem
Garten da, in Liebe und Ruhe. Vormittags war die Luft hei gewesen, und der
Garten hatte viel Sonne getrunken. Es wuchs darin eine einzige Art von
Pflanzen: Strucher mit flachen Riesenblttern, die waren wie die Bltter
der Wasserrosen. Jetzt war es grau und schwl geworden, nur linder in den
steinernen Gngen des Hauses. Nun trat auch Christian Friedrich H. Hebbel
in den Steingang (vielleicht war die Trglocke erklungen) und legte seinen
Reisesack an der Haustr nieder. Er warf einen Blick in die grne Wirrnis
drauen. Die Sonne schien nicht mehr; aber die Bltter leuchteten noch von
dem Licht das sie eingefangen hatten, einige matt, andere hielten dicke
Glhballen Leuchtens umwachsen. Da lie sich Hebbel nieder zum Gebet: Ich
danke dir fr diese letzte Stunde, die ist voll klarer Gedanken! Aus dem
grauen Garten kam Khle. Wollte ein gelber Blitz es tun? Hebbel empfand
keine Angst. Nur einer der nicht in dieser Stille war (und der von allem
viel spter erfuhr) dachte leise an ein bichen Angst. Drei Tage lang ging
Friedrich Hebbel in den grnen Gngen umher. Er erlebte seine letzte Stunde
-- Stunden glserner Reinheit. Drei Tage lang weilten Hebbel und Esther in
diesem Haus, ohne um einander zu wissen. Zur Seite des steinernen Ganges
lag ein Gartenzimmer: das eigentliche Zimmer der letzten Stunde. Obgleich
es offen stand, hat Hebbel selbst, aus Bescheidenheit und Wrde, es nie
betreten. Esther dagegen scheint in diesem Zimmer gewesen zu sein: von
einer Frau versprte es weniger Drangement. Die Frchte die im Zimmer
waren hat auch Esther nicht berhrt.

Dann verlieen beide das Haus, in dem sie neben einander gebetet hatten.
Die Umstnde wie sie spter zusammentrafen sind fraglich geblieben. Sicher
ist nur das eine: da die fremde Dame, die in rotgeblmtem Kleide erschien,
mit Frau Christine Hebbel auf eine passende Art bekannt gemacht wurde. Die
Fremde sah sich mit all dem Ernst aufgenommen den diese Sachlage erforderte
. . . Hebbel, sobald er nach Hause zurckgekehrt war, suchte die Stze ber
seine letzte Stunde in den Papieren: sie fanden sich schlielich auf seiner
Netzhaut. Dort glaubte er sie sicher --: allzu sicher. Denn als man sie
nach seinem Tode entdeckte, waren sie schon verwischt und wiesen die
Unklarheiten auf mit denen sie im letzten Bande der Tagebcher
wiedergegeben sind. brigens stand Hebbels eigenes Erlebnis auf seiner
linken Netzhaut und das Esthers auf der rechten. Er selbst soll noch
geuert haben, dies sei ein Beweis fr die unbeteiligte Seherkraft des
Dichters. Das ganze Vorkommnis erschien ihm wie eine Illustration des:
media vita in morte sumus. Friedrich Hebbel starb (viele Jahre nach
seiner letzten Stunde) mit einem Fluche auf den Lippen -- einem Fluche
gegen jene die in der Gartenhausaffre irgendwie Leid, Pathetik oder
aufdringliche Stilistik finden wrden.

Der Examinator mute diese Antwort in vollem Umfange gelten lassen. Und
lngst sitzt der Zgling auf einem Lehrstuhl fr visionre
Literaturgeschichte.




Mnchner Notizen




I: Absage an ein Caf


In Mnchen zu leben, erscheint mir verchtlicher, als die meisten anderen
Todesarten. Es ist der Selbstmord, ohne die Ehrlichkeit des Giftes. Diese
Damen und Herren mchten sich dem Amerikanismus versagen und erreichen
nicht einmal zum Kloster das asketische Pathos. Nun bilden sie, im Caf,
ein andchtiges Publikum der eigenen Verwesung; halten lockende Siesta bei
offenen Sargdeckeln; und die Ratlosigkeit von Geheimnissen, die keine sind,
formt, auf zerfallenden Gesichtern, ein blasses, wissendes, gequltes
Grinsen. In die gute Aufrichtigkeit der Angelus-Stunde plrren Castraten
ihr Coffen-Lallen. Wie anmaend sie sind, und wie unkeusch -- die Knaben!
In der Ecke aber zersetzt sich eine Portion ksiger Quallen: die hungrigen
Detektivs der Seelen-Zerlegung, sehr avanciert. Die glotzen auf die heie
Kalkwand, jenseits der Strae, und ertrumen den Mcen, der sich von ihnen,
in Monte Carlo, verfhren lassen wird. O: liebe, liebe Mnchner Nuance der
psychologischen Hochstapelei; bibliophile Rastas; se, schmierige Insassen
der ewig selben Polsterungen; virtuelle Helden ihr; wichtige, notwendige,
registrierte, acclamierte Dmonen --: mge ein Ekel, den ihr erregt und
nicht mehr empfindet, euch dennoch zerfressen. (Hymne der Abschttelung.)



II: Glck der Betrachtung


Meine Abende, meine Nchte gehren jetzt dem Bar royal. Wenn, in
ernsthaften Perlen, das Eiswasser auf den Pernod tickt, so denke ich Dein,
Geliebte. In Deinen Haaren ist ja die Sonne und das Kornfeld und der
Schwefel, die gelbe Tulpe und der Kiesstrand des Meeres, Gold mancher Arten
und der spte, nordische Sandweg zwischen Birken, aber auch viel kupfernes
Grn, oft fahle Asche und gilbendes Schilf. Doch Du bist mir fern, und ich
sammle Dinge, von denen ich Dir erzhlen werde. Ich sehe Frauen, schlanke,
entravierte Sulen; ihre Gesichter glimmen pudersanft im Schatten groer
und herrlicher Hte. Die Tne dieser locker fallenden Federn sind
aufeinander eingestimmt. Pleureusen: sind sie nicht wie das bleich
zerflieende Weidenlaub auf dem Grabe des armen enfant du sicle, des Herrn
von Musset? Oder gleichwie kokette Sternschnuppen sich ber den Nachthimmel
wiegen, so wallen sie auf im frechen Triumph der Snde: stolz erhobene
Siegeszeichen von Schlachten, die in der Tiefe gewonnen worden sind.

Und ich sehe die Wandlung einer prallen Heroine zur Buhlerin. Sicherlich
ist sie Gattin des kahlen, straffen Pensionierten, der berechtigt ihre
Augen durchsucht. Aber je mehr Wein er sie trinken lt, desto
unwiderstehlicher fhlt sie die holde Schmach, von einem hlichen Manne
bezahlt zu sein. Rasch gelangt sie zu den Zrtlichkeiten der unregelmigen
Frauen. Ach, Madame, Sie sind nur liebenswrdig, weil Sie, hier im Bar,
Ihre Erfindungen verffentlichen knnen! . . . Doch wie khl der
Pensionierte ihre schmeichlerische Hingabe quittiert. Ich ertrge es nicht,
den Schein geliebt zu werden so leichten Kaufes zu genehmigen; nicht auf
dem Divan, nicht am Schreibtisch knnte ich Erfolge Gensse Lobsprche
acceptieren, um die ich nicht lange Jahre gedient htte, zu denen die Wege
nicht verschlungen und voller Angst gewesen wren. Und noch das Glck, mein
Glck drfte nur sein wie eine Minute Rast im Versteck, auf der Flucht vor
den hartnckigsten, boshaftesten Verfolgern --: eine Minute irren
Vergessens, eine Minute Spleen:

   Der Flle des Gegebenen
   Entwchst das Schmale, Zarte;
   Die Betten sind die Ebenen
   Fr Smarte und Aparte . . .


-- -- --

Drauen herrscht, mit hieratischen Geberden, die Nacht. Doch ihr Reich ist
gefhrdet, und bald wird das Licht hereinbrechen -- das Licht mit seinen
berflssigen Vermutungen und Feststellungen, mit seinen Einzelheiten und
Indiskretionen. Noch schimmern die Faaden zurckhaltender Palste im
Gespenster-Grn des Canaletto; noch lauern, mystische Radierungen, die
florentinischen Kulissen der L . . . strae in brsk begrenzten Schatten,
durch welche Verschwrer schleichen mten, Satanskinder und lungenkranke
Ekstatiker. Sehr korrekt schreitet die Dachfirste entlang eine Prozession
mondschtiger Sonnen: die violetten Lichtballen der Bogenlampen. Sie
leuchten nicht, doch sie lassen grell eine Finsternis erkennen, die moorig
ist, asphaltiert und imaginr . . . Da dmmert der Tag: der Feind. Im
Priesterseminar ein Seitenfenster wirft gelbes Studierlicht ins Gebsch. O,
die Triumphe wie die Idyllen des Katholizismus enthlt diese Avenue. Die
Brunnen schweigen; Geranien blhen die Rasenbeete entlang: eine
unvershnliche Spur frisch verstrmten Blutes. Pltzlich erlschen alle
Bogenlampen. In sachlicher Landschaft finde ich mich wieder. Pappeln und
Grten. Die Erde giebt einen putriden Hauch her: den leisesten Vorduft des
Herbstes. Das beglckt mich tief. Den ganzen Horizont hat nun Botticelli
mit seiner lichtlosen Helligkeit bemalt. Aber von wo ich komme, schlft
noch im Dunkeln die Stadt, berstlpt von der Theatiner-Kuppel, und seit
Jahrhunderten bewacht von der erhabenen Nachtarbeit fiebernder Hirne.




Das moralische Varit


In Marseille, dieser gefhrlichen Stadt, die fast schon Afrika ist, und auf
deren Straen die Hautfarbe tunesischer und algerischer Frauen das
Repertoire europischer Sinnlichkeit um eine wilde Irritation bereichert,
in dieser Stadt, zerwhlt von Sonnenglut, Verbrechen, Vergangenheit,
gehrten meine Abende dem caf-concert, dem Varit. Man geht spt hin, die
Vorstellung wird lange dauern, ber Mittemacht hinaus. Der weite, staubige,
sachliche Saal des >Palais de Cristal<, an der Alle de Meilhan, ward rasch
meine Heimat. Denn dieses Publikum kannte ich aus gelben Bnden des Herrn
Guy de Maupassant und andrer, um die Wirklichkeit besorgter Autoren --:
Reedershne, den steifen Hut im Nacken, abgehrtet durch Meerfahrten und
von erfahrenen Frauenhnden wieder verweichlicht; Brgerfamilien,
aufmerksam und mrrisch; junge Arbeiterinnen, ohne Hut, schwarze
Schlangenhaare zerweht im Gesicht und das saugende Kind an der Brust;
achtzehnjhrige Proletarier, die Fingerspitzen gelb vom Cigarettenrollen,
eigensinnig und schon verwhnt durch uerste Bereitwilligkeiten
parfmierter Damen, zerknitterte Sherlock-Holmes-Hefte in der Tasche und
reifende Apachen-Ideale im Herzen; Kokotten, steil und bunt und eng in ihre
Rcke gepret, mit den Ledertaschen schlenkernd, lssig und frech und
beabsichtigt, und, voll Einverstndnis mit jeder staatlichen,
gesellschaftlichen, kapitalistischen Ordnung, die Couloirs zwischen Parkett
und Logen durchschlendernd, Ware und Verkuferin durch Personalunion
kombiniert; Polizisten mit bertrieben stechenden Seitenblicken; ouvreuses,
die sitzenden Damen Fubnke unter Stckelschuh und Seidenbein stellen und
dann dem Kavalier eine Hand hinhalten; Bengels mit chronischer Heiserkeit
und deshalb Ausrufer von Orangen, Pistazien und frischen Feigen,
blulichen, noch mit vielen Blttern; Neger, blinkend, grinsend, wissend;
viel kleines Volk, das am Tage Schnecken verkauft hat und Austern und
Muscheln und mancherlei schleimige, gallertartige, quallige
>Meeresfrchte<; Pfandleiherinnen, die noch aus Balzac stammen, und
Zollbeamte von Dumas pre; und all die Matrosen, rote Troddeln auf blauen
Mtzen, solide Gese flott auf die Brstung des Parketts geschwungen,
baumelnde Beine und Kennergesichter, die den Effekt: >Weltmann< unter
elementarer Gleichgltigkeit verheimlichen. Doch, damit rechnen sie schon,
der vollkommenste Genu wird sich ihnen aufdrngen, die Kokotten >fliegen<
auf sie, Begeisterung ist Hingebung, und so requirieren gerade die tumben
Rekruten, die vertrumten Schiffsjungen in libidinsen Boudoirs viel
unbedenkliche, unvorhergesehene, unbezahlte Wonnen . . .

Vom Balkon des ersten Ranges betrachte ich diese unruhige Zuhrerschaft.
Seitlich erweitert sich der Saal zu einem riesigen Caf, und weil dessen
Wnde ganz aus Spiegeln bestehen, so entdeckt man eine unerhrte Folge
belebter Rume, durchsucht von milchigem Bogenlicht und verhngt mit den
zitternden Schleiern des Cigarettenrauchs, wie mit Fetzen eines sehr feinen
Nebels. Zur Linken der Eingangstr, an der promenade circulaire, diesem
Karussel von Gier und Verheiung, steht ein Likr-Buffet, und dessen
Inschrift lautet nicht: >Bar Thrse<, sondern: >Thrse's Bar<. Das ist
der verrterische Apostroph, der die Bedrohung der >Revue des deux mondes<
anzeigt . . .

Inmitten der wsten Bhne steht ein junges Mdchen, schmal, gehetzt,
drftig, trotzig. Es singt, vor Inbrunst plrrend, ein Lied, das ein
erotisches und revolutionres Lied ist. Auf den Festungswllen von Paris,
auf den >fortifes<, ist Flora aufgewachsen wie eine wilde Blume. Und kaum
verstand sie zu lieben, da gab sie sich Einem, der gefhrlich war, und der
hie: >Le grand Fris<. Dem verdiente sie Geld mit ihrem Leibe; und sie ist
tchtig um ihrer Liebe willen:

   Maint'nant j'ai du coeur comm' pas une,
   Quand il s'agit de s'occuper.


ER schlgt, zerblut, er zerstrt sie ganz: mais que voulez-vous, moi
j'aim' a. Und dann:

   Quand j'danse avec le grand Fris,
   Il a un' faon d'm'enlacer;
      J'en perds la tte,
      J'suis comme un' bte.
   Y a pas! je suis sa chose  lui,
   J' l'ai dans l'sang, quoi! c'est mon chri,
   Car moi je l'aime, je l'aim' mon grand Fris.


Krchzend stt sie diese Ekstase, diese Opferung heraus. Und irrer,
hemmungsloser schwillt die bse Litanei empor, bis hin zu triumphierender
Vezweiflung:

   Tout c'qui m'rest' maintenant
   C'est toi mon homme!


Darauf, schrill, ein Pfiff: das Zeichen des Berufs, der Verrufenheit
. . . Wie es diese Solidarittserklrung, dieses Kameradschaftsliedchen
(von der andern Menschheitsseite), dieses romantische und moralische
Couplet sang, da verklrte sich das schmale junge Mdchen innigst. Und das
Liedchen -- das bedeutete die spte Erfllung jenes frommen Gebets, das, im
Jahre Siebzehnhundertundneunzig, ein venetianisches >Dirnchen< dem
Kunstreisenden Goethe hingetrllert hatte.

>Notre Dame de la tune<: die nchste Chanson. Une tune -- das ist ein
Fnffrankenstck. Wieder sind wir jenseits der Konvention; denn diese
Sympathie mit der Straendirne ist nicht brgerlich, ist nicht lstern,
sondern romantisch, schwrmerisch, christlich. Ein der eigenen Sicherheit
mdes Publikum schlrft hier die Lyrik, die Moral, den Ehrenkodex der
>Feinde<, der Helden des Aristide Bruant, jener unbestimmten, aufgelsten,
hin- und hergeworfenen Schicht, die die Franzosen >la Bohme< nennen und
deren Bestandteile Karl Marx aufgezhlt hat in seiner Schrift: >Der
achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte<: neben zerrtteten Rous mit
zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben
verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden,
entlassene Soldaten, entlassene Zuchthausstrflinge, entlaufene
Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler,
Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lasttrger, Literaten, Orgeldreher,
Dirnen, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler. Das war
das Inventar von 1848. Heute wre das Wort >Apachen< beizufgen, in dessen
Nimbus nicht nur die Varits, sondern auch alle Journale verliebt sind. In
der Tat, lieber wollen die Franzosen nach wie vor ermordet werden, als auf
die Anbetung ihrer Mrder verzichten. Frankreich kokettiert mit denen, die
es sabotieren; neidisch schielt es nach der neuen Sittlichkeit, die
erwchst, sobald alle Grenzen berschritten sind, nach der Disziplin der
Entordneten, nach ihrer leidenschaftlichen Moral -- welcher das
caf-concert Hymnen dichtet in unermdlichen Variationen.

. . . Doch brsk wenden sich alle dem Eingang zu, durch den, schwitzend,
keuchend, eine Rotte Mnner eindringt, beladen mit Ballen von Zeitungen.
Denn es ist Mitternacht, und vor einer Viertelstunde hat der Rapidzug der
Linie P.-L.-M. die Pariser Morgenbltter auf dem Bahnhof abgeliefert. Man
reit sie den Camelots unter den Armen weg. Der Saal wird zu einem Ozean
aus schumendem Papier, er brandet nervs gegen die Logen. In Paris hat
Clmenceaus Florett das Ministerium erstochen, nie ging es auf dem
politischen Theater boshafter, entschlossener, geistiger zu, und das ist
eine Sache, die jeden berhrt. In diesem Lande, das ein Schauplatz ist
ertrotzter, gepfefferter, gesalzener Laufbahnen, braucht niemand seinen
Berechnungen und Anspannungen Einhalt zu gebieten. Ministerkrisen erregen,
berauschen, ermutigen -- und deshalb wirbt die Sngerin, deren schilfgrner
Arm das Weltall zerteilt, unerhrt um Teilnahme fr ihre idyllische >ronde
du soir<.

Erst die nchste Darbietung: eine Pantomime, setzt sich durch. Monsieur
Adams, der ein groer Knstler ist, hat sie erdacht, und er selbst spielt
den Pierrot, einen wunderschnen, pessimistischen, sehr gequlten Pierrot,
wie auf den Bildern des Watteau der >butte<: des Adolphe Willette. Pierrot
hat eine himmlische Seele in irdischem Krper, Colombinens Leib ist
himmlisch, und ihr Seelchen haftet an der Erde. Diese banale Antithese wird
in der Darstellung des Monsieur Adams zur Menschheitstragdie. Wie dieses
mehlige Philosophengesicht, dessen eingefallene Wangen der Mondschein
pudert, und dessen Lippen tollkirschenfarben erglhen, auf das Ersehnte
starrt, auf das Notwendige, nie doch Erraffte, nie Verstandene, nie
Verstehende, auf das Entgleitende: auf die Frau, wie es giert, bangt,
zergeht, ausbricht in Ha, Verachtung, Wahnsinn, Todeseinsamkeit -- das
konzentrierte alle Erkenntnis von der Inkommensurabilitt der Geschlechter,
das wiederholte und berholte alle Beweise des Mittelalters: mulieres
homines non esse, und das war eine hbsche, klare Randglosse zu jener
fundamentalen Ironie eines Gottes, der auf einander anwies Mann und Frau,
die in ihren besten Momenten wissen, da sie nichts von einander wissen
knnen. In dieser Pantomime waren Strindbergs Erfahrungen, war am letzten
Ende sein Satz: Als ich in diesen Tagen in der Zeitung las, in einer
Fabrik seien zwlf Frauen lebendig verbrannt, erfate mich eine grimmige
Freude: Zwlf Stck? Gut! Aber der Ritter Des Grieux und all seine
radikale Anstndigkeit zur Manon Lescaut war auch darin, vieler Symptome
Typisches wurde in ein grelles Plakat eingefangen, dessen fanatische
Geistigkeit noch den Feinsten beschftigen knnte, als wre er bei sich zu
Hause. So wirkte eine Harlekinsposse klrend, scheidend, ordnend, logisch
--: moralisch. Moral ist mnnlich und ist Ordnung; sie geht, glcklichster
Weise, die Frau nichts an, welche das Chaos ist und die Wildheit.

Aber die kleinen Spezialitten der Moralitt, wie sie einem Apachenmdel
sich bilden und einem ungeschickten Liebhaber, mnden in den ewigen Strom.
Monsieur Delmas tritt auf, von den >Ambassadeurs< in Paris, ein fast zu
groer Herr, voll Routine, und der verzichtet auf alle Requisiten
romantischer Seitentler, der gibt einfach, schlicht und gro, die
Ritterlichkeit, die Menschlichkeit des extremen Altruismus. Von aller Gier,
dieser so lcherlich und bedenklich verherrlichten Lust, ruft er zurck zur
Entsagung: Ne profanez pas la chair des femmes. Das hren die Leute voll
Ehrfurcht an. Sie begreifen rasch den Vorteil: wie der Ungenauigkeit ihres
Herzens Haltbares versprochen wird. Sie werden innerer Anordnung geneigt
und gewinnen pltzlich den Mut, einzugestehen, wie gar elend sie waren. An
diese Misere, da nun der Boden prpariert ist, darf sich Monsieur Delmas
heranwagen mit Trstungen, Aussichten, Vorstellungen, die das Varit zur
Kathedrale machen. Allen, die da mhselig und beladen sind, beschwrt er
die Golgatha-Vision -- l-haut, l-haut! -- und allen: Arbeitern, Matrosen,
Beamten, Huren und Statthaltern, verheit sein Lied, nach dem
Kalvarienberge ihres Alltags, das reine Sonntagskleid der Erlsung . . . Da
mute ich der Brettlsngerin Nine Pinson gedenken, wie sie, in der >Gat
Montparnasse< zu Paris, >la divine chanson< gegeben hatte, einem wilden
Parkett syndikalistischer Arbeiter diese Engelsmelodie hingeschenkt hatte,
diese frohe Botschaft schnerer Zukunft, mit vorgebreiteten Hnden, mit
preisgegebener Seele, voll schwesterser Gnaden: sie, eine Verzehrte,
Verzerrte aus der Gegend des Toulouse-Lautrec . . .

Gewi: das caf-concert enthlt ebenso schrfste Opposition gegen das
Christentum und zumal gegen die Geistlichkeit. Aber das ist die Opposition
Voltaires, ein geistiger Angriff, der nichts beweist, als da sich alle
Lager der Wirkungsmglichkeiten dieser Arenen bewut sind. Und gewi: die
Obsznitt wird, vielerorts, auf scharfe Spitzen getrieben. Aber gert sie
nicht eben dadurch in einen fahlen Schein von Gre, von Mut, von
Verantwortung? Wer so bleckend, so schleckend seine Raffinements bekennt,
hat vom Trotze des Bsen und bietet seine schlimmen Fieber ganz der
Vergeltung preis. Auf den Podien stlicherer Lnder serviert man die
Anstandsverletzungen in wohlerwogenen Dosen; ist deshalb auch des
Zusammenbruchs und des moralischen Arrangements nicht fhig. Nur
unanstndig ist da diese Sorte Literatur und sentimental, unmoralisch und
dumm.

Dumm: weil sie ganz unfruchtbar ist und nichts erreichen will. In
Frankreich will Geistigkeit wirksam sein und lt sich keine Szene
entgehen. Was hat das Theater vermocht! Des Beaumarchais >Mariage de
Figaro<, sagte Napolon, war schon die ganze Revolution. Heute gibt es
parteipolitische Cinma-Films. Im Grunde ist jede Tingeltangelvorstellung
ein propagandistisches Meeting. Dicht neben der >Gat Montparnasse<, die
sozialistisch ist, steht >Bobino<, und diese Perle von music-hall ist
nationalistisch. In einer Matrosenspelunke zu Brest, vor ein paar Jahren,
entwickelte ein Knstler, der elegant war und welkende Veilchen im
Knopfloch trug, als heie er Robert Graf von Montesquiou, so ziemlich das
Programm der >Guerre sociale<. Auf Wirkung verzichten: das wre ja Tod.
Deshalb sind unter den Themen des caf-concert diese: Politik und Religion
und Moral: welch letzte ihren Erregungen lngst alle Reize des
Oppositionellen beigefgt hat und durch Casuistik bewahrt bleibt, so
langweilig zu werden wie jede Art von Libertinage.




Der Gedanken-Strich




Eine Novelle


Um dieses wei man wohl: wenn erwnschter Halbschlaf, eine in Tiefen, wie
durch Mokka angeregte Betubung, mit einem Ruck, brsk, der Bewutheit
nher-springt? wenn wir hher, dem Lichten zu leider geschnellt werden?
Lind immer noch ist das Bett und das Gelstsein; doch den Verantwortungen
sind wir weniger entfernt, das entsetzt uns leise, denn wir fhlen, da wir
in jene imaginren Couloirs (o: die comfortabelsten!) nicht zurckschlpfen
knnen. Jener Luxus gab sich ohne Befehl, ohne Bezahlung. Der ist verloren.
Noch sind wir unterhalb des Erwachens --: selbst dieses uerste steht
bevor. Ein Gedanke, allzu besorgt, nicht zu verabschiedend, hat diese
Ent-Tuschung, Ent-Zckung, diesen dsenchantement verschuldet.

Dann erwachte ich. Weit geffnet das Fenster, jenseits einer Wildnis von
Frauenkleidern. Von drauen drang wohl Mondlicht ein, crme und grn, und
sanfte Ballen dieser Dfte: Myrrhen, die den Boulevardbumen abends der
Regen abgeschmeichelt hatte; eine erotische Art von Benzin, die gewisse
Auto-Sorten treibt; all die Gemse des atmenden Bodens; die naive Penetranz
der Strae; innere Mysterien der Frauen; und die lautlosen
Vorpostengefechte der Angst. Doch im Schlafzimmer gute Parfums beruhigten
mich und die weien Spiegel, zart-gelbe Kissen, viel verwhnendes Kostbare,
doch wie verboten und bezahlt aus Entschlossenheiten, die niemand
anerkennen wrde, auch Ihr, Entwurzelte, kaum . . . Holdest gespiegelt in
dem englisch kreidigen Rahmen erblickte ich Mama.

Frhe Nacht, und Du erwachst schon, Liebling? sagte sie.

Nicht sofort ward alles kenntlich. Jeder Schlaf flscht die Welt neu --
oder (weniger lgnerisch:) mancher Schlaf summiert, mancher beseitigt das
Ge-Wachte. Mama stand da, fast vllig angekleidet, aber so wenig wieder auf
der Brust, und drauen wrde es frisch sein, -- der lange Sammetmantel, der
keinen Besatz hatte, noch ber die Stuhllehne geschmiegt, so hinfllig, so
bewut dessen, was erreicht werden mute. Mama tupfte die Quaste in die
Puderdose, die silberne --, und Stift und Schminke muten dies Antlitz
verdchtigen: diese Bhne unendlicher Liebe.

An diesem Punkte begriff ich meine Ermattung, das Deplazierte auch der
Lyrismen. Ja, mde durfte ich --, _ich_ sein zu aller Zeit. Sie je schner,
ich gequlter . . . Doch das kannte ich ja, es hatte mir nichts an, ich
wies es weg. Betriebsqualen. Kein Fieber entzge mich der Pflicht noch, und
der Erkenntnis von Sensationen aus dieser Haltung. Mit Kolportageschrecken
hatten Brger, rzte, Dramatiker, Parlamentarier etliche Provinzen
gepflastert. Das lehnte ich ab.

Erdbeerfarben blhten die Lippen von Mama. Ihr Blick glomm aus blauem Eise.
Sie kam (ach) aus dem Winter, lngst war Frhling. Ein Reh. Ich liebte sie
unendlich.

Und Du versprichst mir --, sagte ich.

Sie, halb in der Tr: -- da ich nichts empfinden werde? Aber, Liebling,
das weit Du doch, ein fr alle Mal.

Sie war schon weg. -- --

Sollte ich ins Caf gehen, mit einem Buche? Am Nachmittag war im Caf de la
Mtempsychose eine helle Dame gewesen -- o: in den zarten Farben des spten
Renoir. Sicherlich war sie wrdig angebetet zu werden. Schon hatten meine
Nerven in den groen Rausch jagen wollen; aber ich zgelte sie: ein
erfahrener Bereiter. Kalt sei, wer das Chaos genieen will. Man prpariere
jeglichen Taumel, wie die Compagnie Gnrale du Travail einen Streik. Die
Hnde dieser Dame besagten, da sie die Tochter eines Eisenbahnknigs sei.
Sie mute viele reizende und nachahmenswerte Irrtmer begangen haben. Und
auf die Frage ob sie an Gott glaube wrde sie geantwortet haben: Das hngt
davon ab, ob Gott an mich glaubt. Vielleicht wrde ich diese Milliardrin
wiederfinden und ihr, aus anregender Entfernung, Hbsches in den Mund legen
drfen. -- --

Ich ging nicht ins Caf. Spt in dieser Nacht kam Mama zurck. Begleitet.

Liebling, ich habe Dir . . .

Ich ergnzte (denn soviel wuten meine Nerven vorher): -- einen neuen
Vater vorzustellen.

Ja.

Wie war sie s.

Eine korrekte Verbeugung des Gehrocks da, fast schon eingesetzt in groe
Rechte. Wohl ein Beamter, ein Philosoph, ein Prger notwendiger Worte ber
Schmach und Nationalismus und traditionelle Tchtigkeit.

Was jetzt geschehen wrde, mute ja das Heiligste sein -: das, was ich
_kannte und zurcknahm_, -- wiegleich ein Schpfer seine Welt in sich
_zurcksge_. --

. . . . Aber hier spaltet sich diese wahre Erzhlung in zwei Geleise. Die
abstoendere Lesart lt Schsse fallen von irgendwo, Mama ist tot. Ein
Drahtgerippe hat (in einem Rest von Hflichkeit) ihre Formen bewahrt und
prononciert meine leer tastende Verzweiflung. Mama ist tot fr den Gehrock
und in den besten Beziehungen auch fr mich, das war ja vorauszusehen. --

Gegen dem ber steht ein Idyll, als freundlichere, deutschere Fassung der
Legende. Er ward mir der liebevollste Papa. Jeden Wunsch las er meiner Mama
von den (lngst nicht mehr geschminkten) Lippen ab. Gelegentlich neigte sie
ihr Kpfchen schelmisch zu ihm und flsterte se Geheimnisse in sein immer
selbes Ohr. Dann barg er die Errtende an seine feste Brust. Und
expropriiert ward nach und nach meine Alleinherrschaft durch eine Schar
zahlreicher, allerdings blutarmer Geschwister.




Manon




Fragmente eines konventionellen Detektivromans




I Sitzendes Frulein


Sie sa . . . und wute (weil es ja zu ihrer Kriegsrstung gehrte), da
diese Tatsache: _Manon sitzt_, die Augen vieler feiner Herren zu
triefenden Sternen machte.

Sie wute das so nebenbei.

Jene Herren waren in Revolte, seitdem Manon ihnen zum erstenmal die Hand
hingehalten hatte.

Eine fleischige, saftige Hand, die viel wog, immer eine liebe Temperatur
hatte und weitere, treu innegehaltene Fleischlieferungen in Aussicht
stellte.

Alle jene dont la chair tait en volupt hatten kindlich diese
artischockenrunde Hand genossen, und diese Uniformierung des Genusses, des
Flirts und der Werbung war eine bemerkenswerte stilistische Eigenschaft der
Manon.

Das junge Mdchen war etwas zu ppig fr achtzehn Jahre. In D . . . war es
noch nicht aufs Pferd gestiegen, hatte es kein Auto mehr gelenkt. Dafr
zgelte es Herren, chauffierte es Existenzen, die sich lngst einen
Stundenplan approbierter kleiner Emprungen zurechtgelegt hatten.

Manon _entordnete_ diese Revolutionre, deren einzige Brgerpflicht
geworden war: gelegentlich sehr diplomatische Wendungen oppositioneller
Eleganz auf irgendeine ungefhrdete Tribne zu tragen.

Manons Geruch war der eines Rehs. Viele waren leise betubt, wenn sie ihr
nahe kamen. Sie erlagen der Andeutung einer Ohnmacht, und nichts konnte
ser sein. Das Parfm, in dem dieser Leib jung einherging, war leise
wrzig, von zarter Kraft, im Grunde aber nur zwei Generationen von den
Selbstanzeigen der Kuhmagd entfernt.

Man raffiniere die Buerin, und man wird eine lchelnde, boxende, duftende
Manon erhalten.

Sicherlich war sie ein freches Wunder. Wenn sie _sa_, so konnte man sie
_reifen sehen_, Ganz vorsichtig schwollen ihre Hften, schob sich ihre
Taille in die Breite. Manon war im Knospen.

Ihrer Hand folgte ein zuverlssiges Stck unbedeckten Arms, bis zum
Ellenbogen, wo es in den Tunnel des gesprenkelten Blusenrmels einfuhr. Um
den Hals kreiste ein gestickter Kinderkragen. Manons Haare, lieblich
gewellt, spielten wie dunkelblaue Nattern, die, etwas rechts auf diesem
Kpfchen, ungern des Scheitels nicht immer sauberen Grenzgraben
innehielten.

In der Tat, der Kopf der jungen Dame war zu klein fr ihre in prononcierter
Haltung gelegentlich junonischen Formen. Hier waren die Proportionen der
Venus aus dem Louvre in einen preuischen Vorort geraten, Doch berauschend
schn entschlo sich, zwischen dem reizenden Schwalbenflug der Augenbrauen,
der Nasenansatz, nach berechnetem Zgern, zum klassisch-reinen,
artig-starken Vorsprung.

In Ansehung ihrer Brust war Manon berzeugt: diese sei vor einem halben
Jahr voller gewesen als jetzt. Aber vielleicht glaubte Manon das nicht
wirklich; sie uerte es nur, damit ihrer Wohlhabenheit ein dokumentiertes
Kompliment nicht fehle, einmal zu einem Herrn, der Gelegenheit hatte, den
leichten Ausschlag, den sie vorne trug, rhrend zu finden, Schema Backfisch
und herzenswert.

Wie sie nun _sa_ (mit jenem Lcheln der Brandstifterin), erfllte diese
Jungfrau, deren einziger Herr _Napoleon_ war, ein wichtiges Geschft.

Sie schrieb einen Brief an ihren Onkel, den Abb, der gefragt hatte wie oft
sie zur Beichte gehe. Die Wahrheit war, da Manons Herz allzu beschftigt
gewesen war, als da sie auch nur im Beichtspiegel die Rubrik htte
aufsuchen mgen, in die sich ihre anmutig variierten Snden einreihen
lieen. Manon escamotierte geschickt des Onkels Besorgnis durch die
Unschuld einer heuchlerischen Stadtbeschreibung: La vie de D . . . diffre
bien de celle de Paris . . . Dieses Bekenntnis fanatisch abgelegt, war die
Strafarbeit in rettende Schwatzhaftigkeit gelenkt.

Dann strmte das Mdchen mit Dragonerbeinen ans Klavier.

Die Valse brune im Kreise Teltow!

Oh, la la.



II Spuren im Schnee


Man schrieb erst Anfang Dezember, aber es hatte schon mehrmals ergiebig
geschneit. Der Villenvorort bei D . . . sehnte sich nach weiem Schlaf und
schuldlosen Trumen. Dicht fielen die fetten Flocken in dieser Nacht und
breiteten Kissen ber die festeren Laken. Es ging gegen den Morgen. Die
letzten Autos hatten ihre raschelnde und duftende Fracht in ephemere
Hochzeitsbetten gekippt. Da und dort, aus dem ersten Stockwerk einer Villa,
irrte noch rotes Licht in den Schnee. Selbst die sptesten kleinen
Fuspuren, hingetippt nur von oft entdeckten und wieder verheimlichten
Frauenbeinen, vergingen jedoch unter der milde verwischenden Watte. Der
Schnee verrt alles und bereut jeden Verrat. Das deutet auf Geist, denn mit
dem Triumph des Detektivs ist alles lustige Spiel zu Ende. Wenn in diesem
reichlichen Gestber jemand aus der Tr eines Fruleins schliche: wie lange
wrden seine amerikanischen Schuhsohlen die Bequemlichkeit, auf der ein
guter Ruf nistet, erschttern? Immerhin mte man die eingeschneiten Huser
junger Mdchen vielleicht _rckwrts gehend_ verlassen? Oder man zge sich,
gelegentlich, von den Dchern der Deflorierten im Monoplan zurck, was?

Whrend solcher Entwrfe _Ostaps_, eines Jnglings, schlank und nicht
gefallend, der bis 3 Uhr morgens gearbeitet hatte und in der leichten Klte
froh wurde, fielen die weien Flocken dichter und dichter. In der Tat, es
fehlte nicht viel, so htten sie sich _wie ein Leichentuch ber die
schweigende Erde gelegt_. -- -- --

(An dieser Stelle beglckwnscht sich der Autor: er hat das vollkommene
Clich erreicht. Er wnscht sehr abgegriffene Stze zu schreiben, etwas
verdrossen dahinzuleben, bis zu jener Generalinfektion, deren Erwartung
allein allerdings seine himmelschreiende Langeweile im Voraus ein wenig
verklrt. Ein Gesottener der Skepsis, giebt er sich das Recht zu nichts als
zur Konvention, kaum die Freiheit zu einem Seufzer, und verdchtigt noch
seine Krankheiten, als Nachahmungen ohne Wert.) --

. . . Indessen fiel der Schnee dichter und dichter. Die Wolken hingen voll
grauer Reize. Ostap berging eine Brcke. In der Tiefe fror der See.
Birken, zitternd, flchteten die Abhnge hinauf. Ein Schwan zerteilte, vor
Klte eilig, diese schwarze Nacht. Das Gaslicht, in hohen Lampen stampfend,
betonte eine Finsternis, die moorbraun war, kostbar und imaginr. Die
Alleen frstelten auf eine distinguierte Art. An den Fensterreihen des
Postamts verblhte Geranien leuchteten geringfgig. Ostap liebte zrtlicher
der Ebereschen Bschel dunkelroter Beeren. Das Licht vor dem Feuerwehrhause
aber, in Bonbonrosa gehalten, htte besser in englische Sensationsprosa
gepat, als in Ostaps, eines Vielspltigen von bizarrer Bildung,
verdchtige Monologe. Die fast ganz aussichtslos gestreckten ste eines
schmutzigen Baumes, der sommers ein Kastanienbaum war, machten Ostap
schutzbedrftig nach heiem schwarzem Kaffee. Er streifte hngende Zweige
sehr bleichen Weidenlaubs, und da war um ihn die Seligkeit millionenfach
zerstubenden Puders, himmlisches Glitzern und aller Glanz der
Weihnachtsnacht. Im Osten jedoch, ber der Bundeshauptstadt, troff der
Wolkenhang schlimm. So trbe glimmt Waschwasser, das von einem abgespannten
Mdchen mit bermangansaurem Kali vermischt worden wre.

Und Ostap, jeden Schritts die bltenhelle Reinheit des jungen Schnees
unerhrt entjungfernd, nahm den Weg zu dem netten Hause, in dem Manon
wohnte und die anderen. Er ging Wege, die er wute. Kein Laut. Nur ein
Rabe, aufgestrt, krchzte und schttelte sein Gefieder. Das sprhte. O,
diese Winterfrhe, niemandem auer ihm so schimmernd aufgebaut mit
gespensterwei umhllten Zunen, war s und war ein Geschenk! . . .

Als Ostap das Gartentor ffnen wollte, erblickte er, von der Haustr
ausgehend, die _frischen Fuspuren eines Kavaliers_.



III Sachliche Angaben


Manons Vater, vollbltig, lebensrosa, traditionell-egoistisch, unpolitisch,
brav, war der reichste Kaufmann am Platze. Er wute was seine Tochter wert
war, denn er unterschied die Frauen. Manons Mutter war die in der Provinz
bliche Kapotte-Trgerin. Manon, in frhe Mannbarkeit eingerckt, warf sich
heftig in die Passion, ja in die Raserei zu einem gewissen _Marcel_, einem
jungen Schnling aus guter Familie, den praktische Rcksicht hinderte, bei
der Manon ber die gelufigsten, der Reputation unschdlichen Hflichkeiten
hinauszugehen. Fr das gewollt Fragmentarische seiner Empfindungen
entschdigte er sich an einer Routinire, bei der nichts zu befrchten war.
Und weil Manon, strmisch hingestrecktes und doch der Klugheit versagtes
Terrain, unbequem wurde, machte Marcel, da sie nach Paris kam, in eine
Mdchenpension, in eine fromme, streng verschlossene Kiste, aus der nur an
Sonnen-Nachmittagen sehr reglementierte und von den Studenten quer durch
den Luxembourg zwanglos verspottete Collektivmrsche hinausfhrten.
brigens erledigte Manon die Reise aus ihrer Stadt nach Paris im Auto,
selbst lenkend, denn sie besa das Diplom. In jener bote nun, gegenber
der uralten Kirche von Saint-Germain-des-Prs, lernte Manon vieles Wichtige
in Hinsicht geheimer Korrespondenzen, verabredeter Zeichen, unaufflliger
Signale, nchtlicher Anschlge. Sie ersah klug, da besser als die
Unschuldsmiene ein kleines, herzig feilgehaltenes Schuldbewutsein wirke.
So _spielte_ sie das Kind, das sie _war_ -- aber das sie nur noch unter
gefhrlichen Irritationen war. Sie gab ihren geistlichen Patroninnen das
verwhnte Mdchen, auch das unartige, selbst verliebte, kecke Mdchen, aber
das alles nur, um wirklich Unerlaubtes zu verdecken. (In Wahrheit war
freilich auch dieses Schlimmere, von Manon fr unerlaubt gehaltene, nicht
schlimm. Ja, selbst als Manon, ein Jahr spter, mit aufrichtig gereizter
Physis in die Wohnung eines Garons aus Uruguay lief, da war nicht einmal
_das_ schlimm. Denn fr reiche Mdchen gibt es nichts Schlimmes. Dies ist
der Grund weshalb alle Romane Dramen Essais unter armen Leuten vorgehen.)

In ihrer komplizierten Seelenkunde heiter vervollkommnet, kehrte Manon ins
Elternhaus zurck und ward ihrem angebeteten _Marcel_ von neuem so tonisch,
da der, so-oft Manon sich ihm angesagt hatte, immer gleich ins Nebenzimmer
die Routinire engagierte, die dann, kaum war die Brgerstochter fort, alle
Stimmung geruhsam empfing. So sehr verwirrten schon damals kindliche
Besuche der Manon jene die hufig keinen sehnlicheren Wunsch hatten, als
von ihr in Ruhe gelassen zu werden.

Als, bald darauf, die Routinire, von der Behrde leicht ausgezeichnet,
nach Montpellier siedelte, ersann Marcels unertrgliches Gereiztsein das
Meisterstck. Er berredete Herrn Camargue: zum Chic einer patrizischen
Tochter gehre die deutsche Sprache. Und so sah sich Manon eines Tages nach
D . . . eingepackt.



IV Olafs Glck und Ende


Manons erstes Opfer in der Pension des Villen-Vororts bei D . . . war ein
junger, wegen der Lungensucht beurlaubter Bankbeamter. Whrend des Diners
bewarfen sich die beiden lchelnd mit Apfelschalen. Die Orakelform der sich
hinkruselnden Schlange bedeutete den Anfangsbuchstaben des nchsten
Liebhabers. Es war ein O, und die Weissagung traf ein.

Olaf, Student, Sohn des Pensionats, kam durch die Manon in Trnen. Sie gab
ihm viele Ksse, vor aller Augen, um den Anschein zu erzeugen, das seien
kindliche Spielereien. Und wie, bei Poe, niemand den offen daliegenden
Brief findet, so fand niemand etwas in diesen offenbar harmlosen
Zrtlichkeiten. Olaf, vllig aufgewhlt, bereicherte sich enorm, obgleich
Manon ihn nicht zu allem was sie wute hinzulenken wagte. Immerhin
unterhielt sie sich eine Zeit lang bei dieser Freiheit, die nur durch die
psychologische Faulheit ihrer Umgebung ermglicht wurde. Der Fall lag so:
Manon verheimlichte hier, eben durch diese Offenheit, nichts was ihr ein
Vergngen bereitet htte, aber etwas was, unbegreiflicherweise, als Lust
und deshalb als verboten galt. Zugleich schien es Pflicht jedes jungen
Mdchens, dieses Verbotene dennoch zu tun. Das bewiesen alle Romane. So tat
denn Manon, die Zuverlssige, das Verbotene aus Pflicht- und Stilgefhl,
aus jenem rhrenden Ordnungssinn der schon die dnnbeinigen Neunjhrigen am
Strande von Saint-Malo Stze von Dumas fils sprechen lt. Manon kte,
weil es ihren achtzehn Jahren entsprach, und weil alle Welt es zu fordern
schien. Schade nur, da man ihr die Erfllung dieser verlangten bertretung
all zu leicht machte.

Zwischen ihr und Olaf stand das Hemmnis einer vollkommenen Ungehemmtheit.
Es fehlte der Zwang zu jenen Geheimnissen Verwicklungen Gefahren die
auszukosten sie in der verschlossenen Pariser Kiste gelernt hatte. Schon
erwog Manon, knstliche Hindernisse zu schaffen, da entdeckte sie, da ihr
der ganze Olaf langweilig geworden war. Sein Glanz hatte drei Wochen
gedauert.

Entlassen, geriet Olaf in die bliche Krise. Weinend legte er der
Ungetreuen ein Marzipanschwein ins Zimmer, mit diesem Zettel: Fr Manon
vom lieben Olaf. Abends fand sie das Schwein und verzehrte es naschhaft,
sich auskleidend. Sie vergtterte Marzipan und schluckte dicke Bissen,
nicht gut zerkaut, hinunter. Kniete nieder, murmelte ihr Nachtgebet, legte
sich zur Ruhe, mde wie ein Tier und den Mund noch halbvoll von der
leckeren Opfergabe.



V Beisammensein


Das Theater stellt ein kleines Zimmer dar, das (mit hellen Eichenmbeln)
etwas zu einfach ausgestattet ist, als da man es ganz behaglich nennen
knnte. Im Hintergrunde ein Fenster, auf einen Balkon fhrend (den man
durch eine Tr vom Nebenzimmer aus betreten kann). Schrank, offenstehend,
angefllt zur Hlfte mit Mdchenkleidern, zur Hlfte mit Wsche. In der
hinteren Ecke links das Bett. An der Wand, besonders um das Bett herum,
zahlreiche Bilder Napoleons, zum Teil auf Postkarten. In der rechten Ecke,
dem Bett gegenber, steht ein Schreibtisch, auf dem eine elektrische
Leselampe mit grnem Schirm ein gedmpftes Licht gibt. Am Tisch, in einem
einfachen Korbsessel, sitzt MANON. Sie ist eingeschlafen. Ihr Kopf, mit
aufgelstem schwarzem Haar, liegt auf dem Tisch, in die Arme vergraben. Sie
trgt einen weien Peignoir. Drauen ist eine regnerische Sptherbstnacht.
Man hrt Bume rauschen.

Genau um 12 3/4 Uhr nachts ffnet sich leise die Tr, und OSTAP betritt das
Zimmer. Dunkelblauer Straenanzug. Er verriegelt die Tr und nhert sich
der Manon mit sehr vorsichtigen Schritten. Er dreht die Leselampe ab und
setzt sich dem jungen Mdchen gegenber auf einen Stuhl; die Bhne ist
dunkel; nur von der Strae her ein schwankendes Laternenlicht.

MANON (erwacht; hebt dem Kopf, sieht sich erstaunt um, reckt sich,
lchelt): Das sind Sie.

OSTAP (leise, wie das folgende): Ich habe das Licht ausgelscht, damit man
vom Korridor aus nichts durchschimmern sieht. Da ist dieser Tituskopf,
dieser Blaustrumpf, der manchmal des Nachts spioniert. (Er lchelt . . .
und leidet. Seine Stimme hat gezittert.)

MANON: Das ist wahr, und dann kommt sie herein und plaudert mit mir, und
das mopst mich. (Sie zieht ihren Peignoir fester zusammen, als ob es sie
frre, und ist verwirrt. Schweigen. Von der Strae Bruchstcke eines
Gesprchs.)

OSTAP: Hier, dies Buch habe ich Ihnen gebracht.

MANON: Oh, lassen Sie sehen. (Sie macht wieder Licht und neigt den Schirm
der Leselampe so, da nur ein ganz schwacher Schein nach dem Vordergrunde
und der Tr zu fllt.) Ah, von Gyp: Napolonette. Das ist ein Titel
expre fr mich. Danke; das ist sehr chic. (Sie sucht, um ihre Verlegenheit
aufzulsen, ein heiteres Gesicht zu bilden.)

OSTAP: Heute abend um 10 Uhr 25 vernahm ich in meinem Zimmer ein Rascheln.
Dann leichte Schritte, die . . . etwas Ses entfernten. In den letzten
Wochen habe ich den Wert dieser kleinen Gerusche kennen gelernt. Dieses
ganze Haus ist vergiftet mit verstohlenen Signalen, bedeutenden
Mienenspielen, verabredeten Zeichen, mit den entzckenden Berechnungen der
Klopfsprache und mit verbotenen Billets, die das einzig Wichtige der Welt
enthalten. Durch die untere Spalte meiner Zimmertr schob sich etwas
weies. Ich strzte hin: _Ich will wissen, warum Sie die Miene so traurig
haben. Bringen Sie mir heute abend gegen Mitternacht 3/4 ein Buch_. Den
Zettel hatten Sie geschrieben, mit Ihrer berauschenden Pensionatshand, die
macht, da ich andere Handschriften berhaupt nicht mehr werde lesen
wollen.

MANON: Ach, werfen Sie mir nicht meine Jugend vor.

OSTAP: . . . Sind Sie neulich nachts wirklich ohnmchtig gewesen? Kossinka
war so besorgt.

MANON: Nein, ich habe nur geschlafen . . . (Sie belebt sich. Schwarz glhen
aus ihrem Brandstifterinnengesicht, das etwas zu weich und zu voll ist, die
Augen. Die Haare ringeln sich bse um ihren Hals: ondulierte Nattern im
Nest. Lauernd und voraussehend:) Also warum hatten Sie die Miene so
traurig?

OSTAP (heiser): Das ist nicht wichtig.

MANON (mit leuchtenden Augen): Doch!

OSTAP: Vielleicht . . . liebe ich . . . Sie . . . ein wenig. Aber das ist
nicht wichtig. Es geht Sie nichts an. brigens wrde es verdammt gegen Sie
sprechen, wenn Sie meine Liebe etwa erwiderten. Man liebt mich nicht
. . . Lieben Sie mich?

MANON (lchelt auf eine gnadenreiche Art und nickt).

OSTAP: Nein! . . . Vraiment?

MANON: Tres vraiment.

OSTAP (mitrauisch): Seit wann?

MANON: Seitdem Herr Marcus begann, in mich verliebt zu sein. Da amsierte
er mich nicht mehr so.

OSTAP (zieht die Manon zu sich und kt sie auf den Mund, was sich etwas
verzgert dadurch, da Manon zunchst ihre Wangen hinhlt. Man hrt auf dem
Korridor leise Schritte, die vor Manons Tr innehalten. Es scheint jemand
an der Tr zu lauschen.)

MANON (totenbla, flstert): Das ist Olaf der . . .

OSTAP (hlt ihr den Mund zu, flstert): Kein Wort mehr!

MANON (mit unbewuter Anerkennung): Ah, er macht den Herrn!

OSTAP: Sei ruhig! (Er dreht die Leselampe ab.)

(Schweigen. Von der Tr her ein Scharren, ein Zgern, dann -- etwa -- ein
Seufzen aus der Brust eines Studenten. Darauf schlrfende Hausschuhe,
verhallend. Manon und Ostap halten den Atem an. Von der Strae die Huppe
eines Autos, zerflieend. Regen gegen das Fenster.)

MANON (flsternd): Wenn jetzt mein Vater -- Er wrde dich tten! Du siehst
wie sehr ich dich liebe.

OSTAP: War Olaf --

MANON (emprt): Niemals! Was willst du, er hat mich amsiert. Zuletzt wurde
er immer reizbarer, ich hatte die Idee, da er etwas mit dir vermute.
brigens wrde ich niemals die vllige Geliebte jemandes sein knnen. Du
verstehst: die ganze, vollkommene Geliebte.

OSTAP: Vollkommen . . . Was wrden wir tun, wenn jetzt Frulein Fllfeder
wieder einmal keine Ruhe htte finden knnen? Schlielich ist sie deine
Lehrerin, wenn sie auch Coopers Lederstrumpf zur Basis deines Unterrichts
in der deutschen Salonsprache gemacht hat.

MANON: Ich stelle mich schlafend.

OSTAP: Sie rttelt und ruft.

MANON: Ach, Frulein Fllfeder, ich bin so mde!

OSTAP: Machen Sie auf, Maninka; ich mu mit Ihnen plaudern! Zrtlich
. . ., vielleicht argwhnisch. Ich wre schon auf dem Balkon. Keine Spuren
zurck? . . . Hut hatte ich nicht. Im Regen hre ich eure Plauderei,
bewundere die Sicherheit deines Spiels. Aber vom Balkon ist kein Ausgang,
das Skelett im Nebenzimmer wrde schn quietschen, wenn ich durchzugehen
versuchte. Wie lange pflegt der Tituskopf Gute Nacht zu sagen?

MANON: So zwei Stunden.

OSTAP: Natrlich wrde ich mehr fr dich tun, als zwei Stunden im Regen
stehen . . ., (zgernd) alles. Aber wie interessant ist es, da wir von
Gefahren umgeben sind . . . und nichts tun werden, um sie zu rechtfertigen,
selbstverstndlich.

MANON (enttuscht und befreit): Selbstverstndlich. (Sie schaltet die
Leselampe wieder ein. Ku, beeintrchtigt dadurch, da die beiden mit den
Nasen aneinanderstoen. -- Schweigen.)

OSTAP (denkt: Sie hat recht, ich hatte die Miene sehr traurig alle diese
Zeit, ich ging in Qual, weil ich dieses Mdchen lieben mute, diese
Achtzehnjhrige: die ihre Leidenschaften hufiger wechselt als ihren Stuhl,
die von drei Rasereien gleichzeitig befallen wird, und die Erledigtes
vergit, wie das Kopfweh vom vorigen Tage. Ich liebe dieses mehr
gefhrliche als gefhrdete Kind, das, in den Intervallen seines Glcks, die
beste Kameradin von der Welt ist. Was aber ist es mit dieser Szene? Die
Pflicht, von ihr zu erfahren: Ich liebe dich, trieb mich in dieses
Zimmer, Mitternacht 3/4. Geno ich wirklich eine Sekunde lang Genugtuung,
als sie mir's gesagt hatte? Ich erinnere mich nicht daran. Denn es sind
neue, qulendere Pflichten gefolgt. Zunchst: dieses Beisammensein sehr
herrlich zu finden. Und, das schlimmste: dieses Kind zu unterhalten. Sie
hat meine Liebe erwidert. Was biete ich ihr schnell als Gegenleistung? Sie
hat ein Recht, alles zu erwarten, und sicherlich langweilt sie sich schon
frchterlich. Von der Gefahr, in der wir stecken, ist schon genugsam die
Rede gewesen. Nur die _Rede_: nicht die _Tat_. Immerhin ist diese Lage
sozusagen kinematographisch reizvoll. Wenn wir berrascht wrden! Das ganze
Haus betet sie ja an, achtet einzig auf sie. Noch ihr Schlaf ist belauert,
beneidet, mit Eifersucht umstellt, und alle wollen Einflu auf ihre Trume
haben. Sie braucht Abenteuer, weil sie Rasse hat. Und sie verlt sich
darauf, da ihre Klugheit, nachtrglich herbeigerufen, einen Skandal immer
wieder verhte. So bietet sie mir diese explosiven Umstnde, legt sich
selbst diese Gefhrdung auf, in der Berechnung, der Reiz werde es lohnen,
ein gewrztes Behagen alle hbsche Angst bertuben. Was kann ich ihr
sagen, das ihren Erwartungen gleichkomme? Gibt es denn in allen Bnden des
Konversationslexikons kein einziges Thema, das uns fr eine Minute
zusammenhielte? . . . Ich werde von dem kleinen Leo Ukraner anfangen
mssen, der freilich noch nicht im Konversationslexikon steht, . . . und
mich damit erledigen.)

MANON (denkt: J'aurais bien envie de l'embrasser un peu plus follement,
mais j'ose pas, ce type est trop difficile.)

OSTAP: Liebst du den kleinen Leo Ukraner?

MANON (angenehm berhrt; vorsichtig): Lieben? . . . Er amsiert mich.
brigens wei man ja im Anfang nie, ob man jemanden lieben wird.

OSTAP (tief geqult): _Worauf beruht es?_

MANON (ohne zu antworten): Er hat fr Hanka und mich Billette geschickt fr
seinen Quartettabend. Das ist sehr nett.

OSTAP (sieht umher): In diesem Zimmer habe auch ich einen Winter lang
gewohnt. Sie werden in Ihr Land zurckkehren, und man wird mir wieder
dieses Zimmer anweisen. Ich sehe mich schon darin. Irgendwelche lustigen
Gefahren wird es dann nicht mehr geben. Man kehrt berallhin zurck, sogar
an die Sttte seines grten Verbrechens: seiner Geburt. Deshalb sollte man
seine Biographie, anstatt chronologisch, vielleicht lieber . . .
topologisch empfinden, nach Stdten, Grten, Korbsesseln, was?

MANON: Wie Sie wollen werden. Aber jetzt mssen Sie gehen; es ist 1 Uhr.

OSTAP (empfindet: Ich habe nicht ein Tausendstel von dem erreicht, was zu
erreichen meine Pflicht war . . . und worauf ich dann hatte verzichten
wollen. -- Sagt): Wann werden wir uns wiedersehen?

MANON (rechnet nach): Morgen soll ich Georg treffen. Glauben Sie, da ich
seine Geliebte werden mu, wenn er es verlangt?

OSTAP: Sind Sie des Teufels? Lieben Sie denn Georg?

MANON: Nein, aber er knnte mich vielleicht amsieren . . . Also wir knnen
uns ja fter sehen. Aber nicht hier. Und nicht vor Ende der Woche. Und
nicht jeden Tag.

OSTAP (grinst): Natrlich nicht. Aber ins Caf zur Seelenwanderung bringen
mich keine zehn Pferde mehr.

MANON: Also irgendwo. On s'arrangera; faut tranquilliser l'histoire. Gute
Nacht! ffnen Sie ganz leise, und gehen Sie nicht direkt in Ihr Zimmer
zurck.

OSTAP (grinst, durchaus verfallen): Natrlich nicht. Schlafen Sie gut. (Er
schleppt sich zur Tr, riegelt behutsam auf und verschwindet lautlos:
erledigt.)

MANON (reckt sich; lchelt; ghnt; wird zuinnerst sehnschtig): O mein
Marcel! Wrest du hier!

(Man hrt im Korridor schleichende Schritte, verhallend. Von der Strae her
die Huppe eines Autos, zerflieend.)

MANON (nimmt von einem Kuchenteller eine Makrone und kaut sie ausfhrlich
durch. Kniet vor dem Bette nieder und betet. Dann stellt sie die Leselampe
auf den Nachttisch, nimmt das Buch der Madame Gyp und legt sich bequem
nieder. Sehr zufriedene Miene. Sie schlgt das Buch auf und beginnt zu
lesen. Murmelnd): Napolonette; chapitre premier . . .

.center _Der Vorhang fllt rasch._






Tafel der Lesestcke


Vorwort
Wir Gespenster
Der Unterprimaner
Konzentrisch
Caf (1910)
Nymphenburg (1910)
Halensee (1911)
Notiz; nachts (1911)
Genesung
Rapiditt
Sublimierung
Das Caf-Sonett
Bar
Spleen
Spt
Ode vom seligen Morgen
Morgen-Arbeit
Morgendmmerung (nach Baudelaire)
Besessen (auch)
Abneigung
Xenien
Wintergarten (1910)
Franz Blei
Hebbels letzte Stunde
Mnchner Notizen (1911)
   I: Absage an ein Caf
   II: Glck der Betrachtung
Das moralische Varit (1912)
Der Gedanken-Strich (1912)
Manon, Fragmente eines Detektivromans
   (1913-14)
   I: Sitzendes Frulein
   II: Spuren im Schnee
   III: Sachliche Angaben
   IV: Olafs Glck und Ende
   V: Beisammensein






End of the Project Gutenberg EBook of Lesestcke, by Ferdinand Hardekopf

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LESESTCKE ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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particular state visit http://pglaf.org

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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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