Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke

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Title: Geschichten vom lieben Gott

Author: Rainer Maria Rilke

Release Date: December 24, 2011 [EBook #38402]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT ***




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24. bis 28. Tausend




  Geschichten
  vom lieben Gott

  Von
  Rainer Maria Rilke

  1921

  Im Insel-Verlag zu Leipzig




MEINE FREUNDIN, EINMAL HABE ICH DIESES BUCH IN IHRE HNDE GELEGT, UND
SIE HABEN ES LIEB GEHABT WIE NIEMAND VORHER. SO HABE ICH MICH DARAN
GEWHNT, ZU DENKEN, DASS ES IHNEN GEHRT. DULDEN SIE DESHALB, DASS ICH
NICHT ALLEIN IN IHR EIGENES BUCH, SONDERN IN ALLE BCHER DIESER NEUEN
AUSGABE IHREN NAMEN SCHREIBE; DASS ICH SCHREIBE:

  DIE GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT
  GEHREN ELLEN KEY.

  RAINER MARIA RILKE
  ROM, IM APRIL 1904.




DAS MRCHEN VON DEN HNDEN GOTTES


Neulich, am Morgen, begegnete mir die Frau Nachbarin. Wir begrten uns.

Was fr ein Herbst! sagte sie nach einer Pause und blickte nach dem
Himmel auf. Ich tat desgleichen. Der Morgen war allerdings sehr klar und
kstlich fr Oktober. Pltzlich fiel mir etwas ein: Was fr ein
Herbst! rief ich und schwenkte ein wenig mit den Hnden. Und die Frau
Nachbarin nickte beifllig. Ich sah ihr so einen Augenblick zu. Ihr
gutes gesundes Gesicht ging so lieb auf und nieder. Es war recht hell,
nur um die Lippen und an den Schlfen waren kleine schattige Falten.
Woher sie das haben mag? Und da fragte ich ganz unversehens: Und Ihre
kleinen Mdchen? Die Falten in ihrem Gesicht verschwanden eine Sekunde,
zogen sich aber gleich, noch dunkler, zusammen. Gesund sind sie, Gott
sei Dank, aber--; die Frau Nachbarin setzte sich in Bewegung, und ich
schritt jetzt an ihrer Linken, wie es sich gehrt. Wissen Sie, sie sind
jetzt beide in dem Alter, die Kinder, wo sie den ganzen Tag fragen. Was,
den ganzen Tag, bis in die gerechte Nacht hinein. Ja, murmelte ich,
-- es gibt eine Zeit... Sie aber lie sich nicht stren: Und nicht
etwa: Wohin geht diese Pferdebahn? Wieviel Sterne gibt es? Und ist
zehntausend mehr als viel? Noch ganz andere Sachen! Zum Beispiel:
Spricht der liebe Gott auch chinesisch? und: Wie sieht der liebe Gott
aus? Immer alles vom lieben Gott! Darber wei man doch nicht
Bescheid--. Nein, allerdings, stimmte ich bei, man hat da gewisse
Vermutungen... Oder von den Hnden vom lieben Gott, was soll man
da--

Ich schaute der Nachbarin in die Augen: Erlauben Sie, sagte ich recht
hflich, Sie sagten zuletzt die Hnde vom lieben Gott -- nicht wahr?
Die Nachbarin nickte. Ich glaube, sie war ein wenig erstaunt. Ja --
beeilte ich mich anzufgen, -- von den Hnden ist mir allerdings
einiges bekannt. Zufllig -- bemerkte ich rasch, als ich ihre Augen
rund werden sah -- ganz zufllig -- ich habe ------ nun, schlo ich
mit ziemlicher Entschiedenheit, ich will Ihnen erzhlen, was ich wei.
Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, ich begleite Sie bis zu Ihrem
Hause, das wird gerade reichen.

Gerne, sagte sie, als ich sie endlich zu Worte kommen lie, immer noch
erstaunt, aber wollen Sie nicht vielleicht den Kindern selbst?... Ich
den Kindern selbst erzhlen? Nein, liebe Frau, das geht nicht, das geht
auf keinen Fall. Sehen Sie, ich werde gleich verlegen, wenn ich mit den
Kindern sprechen mu. Das ist an sich nicht schlimm. Aber die Kinder
knnten meine Verwirrung dahin deuten, da ich mich lgen fhle ... Und
da mir sehr viel an der Wahrhaftigkeit meiner Geschichte liegt -- Sie
knnen es den Kindern ja wiedererzhlen; Sie treffen es ja gewi auch
viel besser. Sie werden es verknpfen und ausschmcken, ich werde nur
die einfachen Tatsachen in der krzesten Form berichten. Ja? Gut,
gut, machte die Nachbarin zerstreut.

Ich dachte nach: Im Anfang... aber ich unterbrach mich sofort. Ich
kann bei Ihnen, Frau Nachbarin, ja manches als bekannt voraussetzen, was
ich den Kindern erst erzhlen mte. Zum Beispiel die Schpfung... Es
entstand eine ziemliche Pause. Dann: Ja ---- und am siebenten
Tage... die Stimme der guten Frau war hoch und spitzig. Halt! machte
ich, wir wollen doch auch der frheren Tage gedenken; denn gerade um
diese handelt es sich. Also der liebe Gott begann, wie bekannt, seine
Arbeit, indem er die Erde machte, diese vom Wasser unterschied und Licht
befahl. Dann formte er in bewundernswerter Geschwindigkeit die Dinge,
ich meine die groen wirklichen Dinge, als da sind: Felsen, Gebirge,
einen Baum und nach diesem Muster viele Bume. Ich hrte hier schon
eine Weile lang Schritte hinter uns, die uns nicht berholten und auch
nicht zurckblieben. Das strte mich, und ich verwickelte mich in der
Schpfungsgeschichte, als ich folgendermaen fortfuhr: Man kann sich
diese schnelle und erfolgreiche Ttigkeit nur begreiflich machen, wenn
man annimmt, da eben nach langem, tiefem Nachdenken alles in seinem
Kopfe ganz fertig war, ehe er... Da endlich waren die Schritte neben
uns, und eine nicht gerade angenehme Stimme klebte an uns: O, Sie
sprechen wohl von Herrn Schmidt, verzeihen Sie... Ich sah rgerlich
nach der Hinzugekommenen, die Frau Nachbarin aber geriet in groe
Verlegenheit: Hm, hustete sie, nein -- das heit -- ja, -- wir
sprachen gerade, gewissermaen--. Was fr ein Herbst, sagte auf
einmal die andere Frau, als ob nichts geschehen wre, und ihr rotes,
kleines Gesicht glnzte. Ja -- hrte ich meine Nachbarin antworten:
Sie haben recht, Frau Hpfer, ein selten schner Herbst! Dann trennten
sich die Frauen. Frau Hpfer kicherte noch: Und gren Sie mir die
Kinderchen. Meine gute Nachbarin achtete nicht mehr darauf; sie war
doch neugierig, meine Geschichte zu erfahren. Ich aber behauptete mit
unbegreiflicher Hrte: Ja, jetzt wei ich nicht mehr, wo wir
stehengeblieben sind. Sie sagten eben etwas von seinem Kopfe, das
heit-- die Frau Nachbarin wurde ganz rot.

Sie tat mir aufrichtig leid, und so erzhlte ich schnell: Ja sehen Sie
also, solange nur die Dinge gemacht waren, hatte der liebe Gott nicht
notwendig, bestndig auf die Erde herunterzuschauen. Es konnte sich ja
nichts dort begeben. Der Wind ging allerdings schon ber die Berge,
welche den Wolken, die er schon seit lange kannte, so hnlich waren,
aber den Wipfeln der Bume wich er noch mit einem gewissen Mitrauen
aus. Und das war dem lieben Gott sehr recht. Die Dinge hat er sozusagen
im Schlafe gemacht; allein schon bei den Tieren fing die Arbeit an, ihm
interessant zu werden; er neigte sich darber und zog nur selten die
breiten Brauen hoch, um einen Blick auf die Erde zu werfen. Er verga
sie vollends, als er den Menschen formte. Ich wei nicht, bei welchem
komplizierten Teil des Krpers er gerade angelangt war, als es um ihn
rauschte von Flgeln. Ein Engel eilte vorber und sang: 'Der du alles
siehst...'

Der liebe Gott erschrak. Er hatte den Engel in Snde gebracht, denn eben
hatte dieser eine Lge gesungen. Rasch schaute Gottvater hinunter. Und
freilich, da hatte sich schon irgend etwas ereignet, was kaum
gutzumachen war. Ein kleiner Vogel irrte, als ob er Angst htte, ber
die Erde hin und her, und der liebe Gott war nicht imstande, ihm
heimzuhelfen, denn er hatte nicht gesehen, aus welchem Walde das arme
Tier gekommen war. Er wurde ganz rgerlich und sagte: 'Die Vgel haben
sitzenzubleiben, wo ich sie hingesetzt habe.' Aber er erinnerte sich,
da er ihnen auf Frbitte der Engel Flgel verliehen hatte, damit es
auch auf Erden so etwas wie Engel gbe, und dieser Umstand machte ihn
nur noch verdrielicher. Nun ist gegen solche Zustnde des Gemtes
nichts so heilsam wie Arbeit. Und mit dem Bau des Menschen beschftigt,
wurde Gott auch rasch wieder froh. Er hatte die Augen der Engel wie
Spiegel vor sich, ma darin seine eigenen Zge und bildete langsam und
vorsichtig an einer Kugel auf seinem Schoe das erste Gesicht. Die
Stirne war ihm gelungen. Viel schwerer wurde es ihm, die beiden
Nasenlcher symmetrisch zu machen. Er bckte sich immer mehr darber,
bis es wieder wehte ber ihm; er schaute auf. Derselbe Engel umkreiste
ihn; man hrte diesmal keine Hymne, denn in seiner Lge war dem Knaben
die Stimme erloschen, aber an seinem Mund erkannte Gott, da er immer
noch sang: 'Der du alles siehst.' Zugleich trat der heilige Nikolaus,
der bei Gott in besonderer Achtung steht, an ihn heran und sagte durch
seinen groen Bart hindurch: 'Deine Lwen sitzen ruhig, sie sind recht
hochmtige Geschpfe, das mu ich sagen! Aber ein kleiner Hund luft
ganz am Rande der Erde herum, ein Terrier, siehst du, er wird gleich
hinunterfallen.' Und wirklich merkte der liebe Gott etwas Heiteres,
Weies, wie ein kleines Licht hin und her tanzen in der Gegend von
Skandinavien, wo es schon so furchtbar rund ist. Und er wurde recht bs
und warf dem heiligen Nikolaus vor, wenn ihm seine Lwen nicht recht
seien, so solle er versuchen, auch welche zu machen. Worauf der heilige
Nikolaus aus dem Himmel ging und die Tre zuschlug, da ein Stern
herunterfiel, gerade dem Terrier auf den Kopf. Jetzt war das Unglck
vollstndig, und der liebe Gott mute sich eingestehen, da er ganz
allein an allem schuld sei, und beschlo, nicht mehr den Blick von der
Erde zu rhren. Und so geschah's. Er berlie seinen Hnden, welche ja
auch weise sind, die Arbeit, und obwohl er recht neugierig war, zu
erfahren, wie der Mensch wohl aussehen mochte, starrte er unablssig auf
die Erde hinab, auf welcher sich jetzt, wie zum Trotz, nicht ein
Blttchen regen wollte. Um doch wenigstens eine kleine Freude zu haben
nach aller Plage, hatte er seinen Hnden befohlen, ihm den Menschen erst
zu zeigen, ehe sie ihn dem Leben ausliefern wrden. Wiederholt fragte
er, wie Kinder, wenn sie Verstecken spielen: 'Schon?' Aber er hrte als
Antwort das Kneten seiner Hnde und wartete. Es erschien ihm sehr lange.
Da auf einmal sah er etwas durch den Raum fallen, dunkel und in der
Richtung, als ob es aus seiner Nhe kme. Von einer bsen Ahnung
erfllt, rief er seine Hnde. Sie erschienen ganz von Lehm befleckt,
hei und zitternd. 'Wo ist der Mensch?' schrie er sie an. Da fuhr die
Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
Linke gereizt, 'du wolltest ja alles allein machen, mich lieest du ja
berhaupt gar nicht mitreden.' 'Du httest ihn eben halten mssen!' Und
die Rechte holte aus. Dann aber besann sie sich, und beide Hnde sagten
einander berholend: 'Er war so ungeduldig, der Mensch. Er wollte immer
schon leben. Wir knnen beide nichts dafr, gewi, wir sind beide
unschuldig.'

Der liebe Gott aber war ernstlich bse. Er drngte beide Hnde fort;
denn sie verstellten ihm die Aussicht ber die Erde: 'Ich kenne euch
nicht mehr, macht, was ihr wollt.' Das versuchten die Hnde auch
seither, aber sie knnen nur beginnen, was sie auch tun. Ohne Gott gibt
es keine Vollendung. Und da sind sie es endlich mde geworden. Jetzt
knien sie den ganzen Tag und tun Bue, so erzhlt man wenigstens. Uns
aber erscheint es, als ob Gott ruhte, weil er auf seine Hnde bse ist.
Es ist immer noch siebenter Tag.

Ich schwieg einen Augenblick. Das bentzte die Frau Nachbarin sehr
vernnftig: Und Sie glauben, da nie wieder eine Vershnung zustande
kommt? O doch, sagte ich, ich hoffe es wenigstens.

Und wann sollte das sein?

Nun, bis Gott wissen wird, wie der Mensch, den die Hnde gegen seinen
Willen losgelassen haben, aussieht.

Die Frau Nachbarin dachte nach, dann lachte sie: Aber dazu htte er
doch blo heruntersehen mssen... Verzeihen Sie, sagte ich artig,
Ihre Bemerkung zeugt von Scharfsinn, aber meine Geschichte ist noch
nicht zu Ende. Also, als die Hnde beiseitegetreten waren und Gott die
Erde wieder berschaute, da war eben wieder eine Minute, oder sagen wir
ein Jahrtausend, was ja bekanntlich dasselbe ist, vergangen. Statt eines
Menschen gab es schon eine Million. Aber sie waren alle schon in
Kleidern. Und da die Mode damals gerade sehr hlich war und auch die
Gesichter arg entstellte, so bekam Gott einen ganz falschen und (ich
will es nicht verhehlen) sehr schlechten Begriff von den Menschen.
Hm, machte die Nachbarin und wollte etwas bemerken. Ich beachtete es
nicht, sondern schlo mit starker Betonung: Und darum ist es dringend
notwendig, da Gott erfhrt, wie der Mensch wirklich ist. Freuen wir
uns, da es solche gibt, die es ihm sagen... Die Frau Nachbarin freute
sich noch nicht: Und wer sollte das sein, bitte? Einfach die Kinder
und dann und wann auch diejenigen Leute, welche malen, Gedichte
schreiben, bauen... Was denn bauen, Kirchen? Ja, und auch sonst,
berhaupt...

Die Frau Nachbarin schttelte langsam den Kopf. Manches erschien ihr
doch recht verwunderlich. Wir waren schon ber ihr Haus hinausgegangen
und kehrten jetzt langsam um. Pltzlich wurde sie sehr lustig und
lachte: Aber, was fr ein Unsinn, Gott ist doch auch allwissend. Er
htte ja genau wissen mssen, woher zum Beispiel der kleine Vogel
gekommen ist. Sie sah mich triumphierend an. Ich war ein bichen
verwirrt, ich mu gestehen. Aber als ich mich gefat hatte, gelang es
mir, ein beraus ernstes Gesicht zu machen: Liebe Frau, belehrte ich
sie, das ist eigentlich eine Geschichte fr sich. Damit Sie aber nicht
glauben, das sei nur eine Ausrede von mir (sie verwahrte sich nun
natrlich heftig dagegen), will ich Ihnen in Krze sagen: Gott hat alle
Eigenschaften, natrlich. Aber ehe er in die Lage kam, sie auf die Welt
-- gleichsam -- anzuwenden, erschienen sie ihm alle wie eine einzige
groe Kraft. Ich wei nicht, ob ich mich deutlich ausdrcke. Aber
angesichts der Dinge spezialisierten sich seine Fhigkeiten und wurden
bis zu einem gewissen Grade: Pflichten. Er hatte Mhe, sich alle zu
merken. Es gibt eben Konflikte. (Nebenbei: das alles sage ich nur Ihnen,
und Sie mssen es den Kindern keineswegs wiedererzhlen.) Wo denken
Sie hin, beteuerte meine Zuhrerin.

Sehen Sie, wre ein Engel vorbergeflogen, singend: 'Der du alles
weit', so wre alles gut geworden...

Und diese Geschichte wre berflssig?

Gewi, besttigte ich. Und ich wollte mich verabschieden. Aber wissen
Sie das alles auch ganz bestimmt? Ich wei es ganz bestimmt,
erwiderte ich fast feierlich. Da werde ich den Kindern heute zu
erzhlen haben! Ich wrde es gerne anhren drfen. Leben Sie wohl.
Leben Sie wohl, antwortete sie.

Dann kehrte sie nochmals zurck: Aber weshalb ist gerade dieser
Engel... Frau Nachbarin, sagte ich, indem ich sie unterbrach, ich
merke jetzt, da Ihre beiden lieben Mdchen gar nicht deshalb soviel
fragen, weil sie Kinder sind-- Sondern? fragte meine Nachbarin
neugierig. Nun, die rzte sagen, es gibt gewisse Vererbungen... Meine
Frau Nachbarin drohte mir mit dem Finger. Aber wir schieden dennoch als
gute Freunde.

                   *       *       *       *       *

Als ich meiner lieben Nachbarin spter (brigens nach ziemlich langer
Pause) wieder einmal begegnete, war sie nicht allein, und ich konnte
nicht erfahren, ob sie ihren Mdchen meine Geschichte berichtet htte
und mit welchem Erfolg. ber diesen Zweifel klrte mich ein Brief auf,
welchen ich kurz darauf empfing. Da ich von dem Absender desselben nicht
die Erlaubnis erhalten habe, ihn zu verffentlichen, so mu ich mich
darauf beschrnken, zu erzhlen, wie er endete, woraus man ohne weiteres
erkennen wird, von wem er stammte. Er schlo mit den Worten: Ich und
noch fnf andere Kinder, nmlich, weil ich mit dabei bin.

Ich antwortete, gleich nach Empfang, folgendes: Liebe Kinder, da euch
das Mrchen von den Hnden vom lieben Gott gefallen hat, glaube ich
gern; mir gefllt es auch. Aber ich kann trotzdem nicht zu euch kommen.
Seid nicht bse deshalb. Wer wei, ob ich euch gefiele. Ich habe keine
schne Nase, und wenn sie, was bisweilen vorkommt, auch noch ein rotes
Pickelchen an der Spitze hat, so wrdet ihr die ganze Zeit dieses
Pnktchen anschauen und anstaunen und gar nicht hren, was ich ein
Stckchen tiefer unten sage. Auch wrdet ihr wahrscheinlich von diesem
Pickelchen trumen. Das alles wre mir gar nicht recht. Ich schlage
darum einen anderen Ausweg vor. Wir haben (auch auer der Mutter) eine
groe Anzahl gemeinsamer Freunde und Bekannte, die nicht Kinder sind.
Ihr werdet schon erfahren, welche. Diesen werde ich von Zeit zu Zeit
eine Geschichte erzhlen, und ihr werdet sie von diesen Vermittlern
immer noch schner empfangen, als ich sie zu gestalten vermchte. Denn
es sind gar groe Dichter unter diesen unseren Freunden. Ich werde euch
nicht verraten, wovon meine Geschichten handeln werden. Aber, weil euch
nichts so sehr beschftigt und am Herzen liegt wie der liebe Gott, so
werde ich an jeder passenden Gelegenheit einfgen, was ich von ihm wei.
Sollte etwas davon nicht richtig sein, so schreibt mir wieder einen
schnen Brief, oder lat es mir durch die Mutter sagen. Denn es ist
mglich, da ich mich an mancher Stelle irre, weil es schon so lange
ist, seit ich die schnsten Geschichten erfahren habe, und weil ich
seither mir viele habe merken mssen, die nicht so schn sind. Das kommt
im Leben so mit. Trotzdem ist das Leben etwas ganz Prchtiges: auch
davon wird des fteren in meinen Geschichten die Rede sein. Damit grt
euch -- Ich, aber auch nur deshalb Einer, weil ich mit dabei bin.




DER FREMDE MANN


Ein fremder Mann hat mir einen Brief geschrieben. Nicht von Europa
schrieb mir der fremde Mann, nicht von Moses, weder von den groen, noch
von den kleinen Propheten, nicht vom Kaiser von Ruland oder dem Zaren
Iwan, dem Grausen, seinem frchterlichen Vorfahren. Nicht vom
Brgermeister oder vom Nachbar Flickschuster, nicht von der nahen Stadt,
nicht von den fernen Stdten; und auch der Wald mit den vielen Rehen,
darin ich jeden Morgen mich verliere, kommt in seinem Briefe nicht vor.
Er erzhlt mir auch nichts von seinem Mtterchen oder von seinen
Schwestern, die gewi lngst verheiratet sind. Vielleicht ist auch sein
Mtterchen tot; wie knnte es sonst sein, da ich sie in einem
vierseitigen Briefe nirgends erwhnt finde! Er erweist mir ein viel,
viel greres Vertrauen; er macht mich zu seinem Bruder, er spricht mir
von seiner Not.

Am Abend kommt der fremde Mann zu mir. Ich znde keine Lampe an, helfe
ihm den Mantel ablegen und bitte ihn, mit mir Tee zu trinken, weil das
gerade die Stunde ist, in welcher ich tglich meinen Tee trinke. Und bei
so nahen Besuchen mu man sich keinen Zwang auferlegen. Als wir uns
schon an den Tisch setzen wollen, bemerke ich, da mein Gast unruhig
ist; sein Gesicht ist voll Angst, und seine Hnde zittern. Richtig,
sage ich, hier ist ein Brief fr Sie. Und dann bin ich dabei, den Tee
einzugieen. Nehmen Sie Zucker und vielleicht Zitrone? Ich habe in
Ruland gelernt, den Tee mit Zitrone zu trinken. Wollen Sie versuchen?
Dann znde ich eine Lampe an und stelle sie in eine entfernte Ecke,
etwas hoch, so da eigentlich Dmmerung bleibt im Zimmer, nur eine etwas
wrmere als frher, eine rtliche. Und da scheint auch das Gesicht
meines Gastes sicherer, wrmer und um vieles bekannter zu sein. Ich
begre ihn noch einmal mit den Worten: Wissen Sie, ich habe Sie lange
erwartet. Und ehe der Fremde Zeit hat zu staunen, erklre ich ihm. Ich
wei eine Geschichte, welche ich niemandem erzhlen mag als Ihnen;
fragen Sie mich nicht warum, sagen Sie mir nur, ob Sie bequem sitzen, ob
der Tee genug s ist und ob Sie die Geschichte hren wollen. Mein Gast
mute lcheln. Dann antwortete er einfach: Ja. Auf alles drei: Ja?
Auf alles drei.

Wir lehnten uns beide zugleich in unseren Sthlen zurck, so da unsere
Gesichter schattig wurden. Ich stellte mein Teeglas nieder, freute mich
daran, wie goldig der Tee glnzte, verga diese Freude langsam wieder
und fragte pltzlich: Erinnern Sie sich noch an den lieben Gott?

Der Fremde dachte nach. Seine Augen vertieften sich ins Dunkel, und mit
den kleinen Lichtpunkten in den Pupillen glichen sie zwei langen
Laubengngen in einem Parke, ber welchem leuchtend und breit Sommer und
Sonne liegt. Auch diese beginnen so, mit runder Dmmerung, dehnen sich
in immer engerer Finsternis bis zu einem fernen, schimmernden Punkt: dem
jenseitigen Ausgang in einen vielleicht noch viel helleren Tag. Whrend
ich das erkannte, sagte er zgernd und als ob er sich nur ungern seiner
Stimme bediente: Ja, ich erinnere mich noch an Gott. Gut, dankte ich
ihm, denn gerade von ihm handelt meine Geschichte. Doch zuerst sagen
Sie mir noch: Sprechen Sie bisweilen mit Kindern? Es kommt wohl vor,
so im Vorbergehen, wenigstens-- Vielleicht ist es Ihnen bekannt, da
Gott infolge eines hlichen Ungehorsams seiner Hnde nicht wei, wie
der fertige Mensch eigentlich aussieht? Das habe ich einmal irgendwo
gehrt, ich wei indessen nicht von wem -- entgegnete mein Gast, und
ich sah unbestimmte Erinnerungen ber seine Stirn jagen. Gleichviel,
strte ich ihn, hren Sie weiter. Lange Zeit ertrug Gott diese
Ungewiheit. Denn seine Geduld ist wie seine Strke gro. Einmal aber,
als dichte Wolken zwischen ihm und der Erde standen viele Tage lang, so
da er kaum mehr wute, ob er alles: Welt und Menschen und Zeit nicht
nur getrumt hatte, rief er seine rechte Hand, die so lange von seinem
Angesicht verbannt und verborgen gewesen war in kleinen unwichtigen
Werken. Sie eilte bereitwillig herbei; denn sie glaubte, Gott wolle ihr
endlich verzeihen. Als Gott sie so vor sich sah in ihrer Schnheit,
Jugend und Kraft, war er schon geneigt, ihr zu vergeben. Aber
rechtzeitig besann er sich und gebot, ohne hinzusehen: 'Du gehst
hinunter auf die Erde. Du nimmst die Gestalt an, die du bei den Menschen
siehst, und stellst dich, nackt, auf einen Berg, so da ich dich genau
betrachten kann. Sobald du unten ankommst, geh zu einer jungen Frau und
sag ihr, aber ganz leise: Ich mchte leben. Es wird zuerst ein kleines
Dunkel um dich sein und dann ein groes Dunkel, welches Kindheit heit,
und dann wirst du ein Mann sein und auf den Berg steigen, wie ich es dir
befohlen habe. Das alles dauert ja nur einen Augenblick. Leb wohl.'

Die Rechte nahm von der Linken Abschied, gab ihr viele freundliche
Namen, ja es wurde sogar behauptet, sie habe sich pltzlich vor ihr
verneigt und gesagt: 'Du, heiliger Geist.' Aber schon trat der heilige
Paulus herzu, hieb dem lieben Gott die rechte Hand ab, und ein Erzengel
fing sie auf und trug sie unter seinem weiten Gewand davon. Gott aber
hielt sich mit der Linken die Wunde zu, damit sein Blut nicht ber die
Sterne strme und von da in traurigen Tropfen herunterfiele auf die
Erde. Eine kurze Zeit spter bemerkte Gott, der aufmerksam alle Vorgnge
unten betrachtete, da die Menschen in den eisernen Kleidern sich um
einen Berg mehr zu schaffen machten als um alle anderen Berge. Und er
erwartete, dort seine Hand hinaufsteigen zu sehen. Aber es kam nur ein
Mensch in einem, wie es schien, roten Mantel, welcher etwas schwarzes
Schwankendes aufwrts schleppte. In demselben Augenblicke begann Gottes
linke Hand, die vor seinem offenen Blute lag, unruhig zu werden, und mit
einem Mal verlie sie, ehe Gott es verhindern konnte, ihren Platz und
irrte wie wahnsinnig zwischen den Sternen umher und schrie: 'O, die arme
rechte Hand, und ich kann ihr nicht helfen.' Dabei zerrte sie an Gottes
linkem Arm, an dessen uerstem Ende sie hing, und bemhte sich
loszukommen. Die ganze Erde aber war rot vom Blute Gottes, und man
konnte nicht erkennen, was darunter geschah. Damals wre Gott fast
gestorben. Mit letzter Anstrengung rief er seine Rechte zurck; sie kam
bla und bebend und legte sich an ihren Platz wie ein krankes Tier. Aber
auch die Linke, die doch schon manches wute, da sie die rechte Hand
Gottes damals unten auf der Erde erkannt hatte, als diese in einem roten
Mantel den Berg erstieg, konnte von ihr nicht erfahren, was sich weiter
auf diesem Berge begeben hat. Es mu etwas sehr Schreckliches gewesen
sein. Denn Gottes Rechte hat sich noch nicht davon erholt, und sie
leidet unter ihrer Erinnerung nicht weniger als unter dem alten Zorne
Gottes, der ja seinen Hnden immer noch nicht verziehen hat. Meine
Stimme ruhte ein wenig aus. Der Fremde hatte sein Gesicht mit den Hnden
verhllt. Lange blieb alles so. Dann sagte der fremde Mann mit einer
Stimme, die ich lngst kannte: Und warum haben Sie mir diese Geschichte
erzhlt?

Wer htte mich sonst verstanden? Sie kommen zu mir ohne Rang, ohne Amt,
ohne irgendeine zeitliche Wrde, fast ohne Namen. Es war dunkel, als Sie
eintraten, allein ich bemerkte in Ihren Zgen eine hnlichkeit-- Der
fremde Mann blickte fragend auf. Ja, erwiderte ich seinem stillen
Blick, ich denke oft, vielleicht ist Gottes Hand wieder unterwegs...

Die Kinder haben diese Geschichte erfahren, und offenbar wurde sie ihnen
so erzhlt, da sie alles verstehen konnten; denn sie haben diese
Geschichte lieb.




WARUM DER LIEBE GOTT WILL, DASS ES ARME LEUTE GIBT


Die vorangehende Geschichte hat sich so verbreitet, da der Herr Lehrer
mit sehr gekrnktem Gesicht auf der Gasse herumgeht. Ich kann das
begreifen. Es ist immer schlimm fr einen Lehrer, wenn die Kinder
pltzlich etwas wissen, was er ihnen nicht erzhlt hat. Der Lehrer mu
sozusagen das einzige Loch in der Planke sein, durch welches man in den
Obstgarten sieht; sind noch andere Lcher da, so drngen sich die Kinder
jeden Tag vor einem anderen und werden bald des Ausblicks berhaupt
mde. Ich htte diesen Vergleich nicht hier aufgezeichnet, denn nicht
jeder Lehrer ist vielleicht damit einverstanden, ein Loch zu sein; aber
der Lehrer, von dem ich rede, mein Nachbar, hat den Vergleich zuerst von
mir vernommen und ihn sogar als uerst treffend bezeichnet. Und sollte
auch jemand anderer Meinung sein, die Autoritt meines Nachbars ist mir
magebend.

Er stand vor mir, rckte bestndig an seiner Brille und sagte: Ich wei
nicht, wer den Kindern diese Geschichte erzhlt hat, aber es ist
jedenfalls unrecht, ihre Phantasie mit solchen ungewhnlichen
Vorstellungen zu berladen und anzuspannen. Es handelt sich um eine Art
Mrchen--. Ich habe es zufllig erzhlen hren, unterbrach ich ihn.
(Dabei log ich nicht, denn seit jenem Abend ist es mir wirklich schon
von meiner Frau Nachbarin wiederberichtet worden.) So, machte der
Lehrer; er fand das leicht erklrlich. Nun, was sagen Sie dazu? Ich
zgerte, auch fuhr er sehr schnell fort: Zunchst finde ich es unrecht,
religise, besonders biblische Stoffe frei und eigenmchtig zu
gebrauchen. Es ist das alles im Katechismus jedenfalls so ausgedrckt,
da es besser nicht gesagt werden kann... Ich wollte etwas bemerken,
erinnerte mich aber im letzten Augenblick, da der Herr Lehrer
zunchst gebraucht hatte, da also jetzt nach der Grammatik und um der
Gesundheit des Satzes willen ein dann und vielleicht sogar ein und
endlich folgen mute, ehe ich mir erlauben durfte, etwas anzufgen. So
geschah es auch. Ich will, da der Herr Lehrer diesen selben Satz, dessen
tadelloser Bau jedem Kenner Freude bereiten wird, auch anderen
bermittelt hat, die ihn ebensowenig wie ich vergessen drften, hier nur
noch das aufzeichnen, was hinter dem schnen, vorbereitenden Worte: Und
endlich wie das Finale einer Ouvertre kam. Und endlich ... (die sehr
phantastische Auffassung hingehen lassend) erscheint mir der Stoff gar
nicht einmal gengend durchdrungen und nach allen Seiten hin
bercksichtigt zu sein. Wenn ich Zeit htte, Geschichten zu
schreiben-- Sie vermissen etwas in der bewuten Erzhlung? konnte
ich mich nicht enthalten, ihn zu unterbrechen. Ja, ich vermisse
manches. Vom literarisch-kritischen Standpunkt gewissermaen. Wenn ich
zu Ihnen als Kollege sprechen darf-- Ich verstand nicht, was er
meinte, und sagte bescheiden: Sie sind zu gtig, aber ich habe nie eine
Lehrttigkeit... Pltzlich fiel mir etwas ein, ich brach ab, und er
fuhr etwas khl fort: Um nur eins zu nennen: es ist nicht anzunehmen,
da Gott (wenn man schon auf den Sinn der Geschichte so weit eingehen
will), da Gott, also -- sage ich -- da Gott keinen weiteren Versuch
gemacht haben sollte, einen Menschen zu sehen, wie er ist, ich meine--
Jetzt glaubte ich den Herrn Lehrer wieder vershnen zu mssen. Ich
verneigte mich ein wenig und begann: Es ist allgemein bekannt, da Sie
sich eingehend (und, wenn man so sagen darf, nicht ohne Gegenliebe zu
finden) der sozialen Frage genhert haben. Der Herr Lehrer lchelte.
Nun, dann darf ich annehmen, da, was ich Ihnen im folgenden
mitzuteilen gedenke, Ihrem Interesse nicht ganz ferne steht, zumal ich
ja auch an Ihre letzte, sehr scharfsinnige Bemerkung anknpfen kann. Er
sah mich erstaunt an: Sollte Gott etwa... In der Tat, besttigte
ich, Gott ist eben dabei, einen neuen Versuch zu machen. Wirklich?
fuhr mich der Lehrer an, ist das an magebender Stelle bekannt
geworden? Darber kann ich Ihnen nichts Genaues sagen-- bedauerte
ich -- ich bin nicht in Beziehung mit jenen Kreisen, aber wenn Sie
dennoch meine kleine Geschichte hren wollen? Sie wrden mir einen
groen Gefallen erweisen. Der Lehrer nahm seine Brille ab und putzte
sorgfltig die Glser, whrend seine nackten Augen sich schmten.

Ich begann: Einmal sah der liebe Gott in eine groe Stadt. Als ihm von
dem vielen Durcheinander die Augen ermdeten (dazu trugen die Netze mit
den elektrischen Drhten nicht wenig bei), beschlo er, seine Blicke auf
ein einziges hohes Mietshaus fr eine Weile zu beschrnken, weil dieses
weit weniger anstrengend war. Gleichzeitig erinnerte er sich seines
alten Wunsches, einmal einen lebenden Menschen zu sehen, und zu diesem
Zwecke tauchten seine Blicke ansteigend in die Fenster der einzelnen
Stockwerke. Die Leute im ersten Stockwerke (es war ein reicher Kaufmann
mit Familie) waren fast nur Kleider. Nicht nur, da alle Teile ihres
Krpers mit kostbaren Stoffen bedeckt waren, die ueren Umrisse dieser
Kleidung zeigten an vielen Stellen eine solche Form, da man sah, es
konnte kein Krper mehr darunter sein. Im zweiten Stock war es nicht
viel besser. Die Leute, welche drei Treppen wohnten, hatten zwar schon
bedeutend weniger an, waren aber so schmutzig, da der liebe Gott nur
graue Furchen erkannte und in seiner Gte schon bereit war, zu befehlen,
sie mchten fruchtbar werden. Endlich unter dem Dach, in einem schrgen
Kmmerchen, fand der liebe Gott einen Mann in einem schlechten Rock, der
sich damit beschftigte, Lehm zu kneten. 'Oho, woher hast du das?' rief
er ihn an. Der Mann nahm seine Pfeife gar nicht aus dem Munde und
brummte: 'Der Teufel wei woher. Ich wollte, ich wr Schuster geworden.
Da sitzt man und plagt sich...' Und was der liebe Gott auch fragen
mochte, der Mann war schlechter Laune und gab keine Antwort mehr. -- Bis
er eines Tages einen groen Brief vom Brgermeister dieser Stadt bekam.
Da erzhlte er dem lieben Gott, ungefragt, alles. Er hatte so lange
keinen Auftrag bekommen. Jetzt, pltzlich, sollte er eine Statue fr den
Stadtpark machen, und sie sollte heien: die Wahrheit. Der Knstler
arbeitete Tag und Nacht in einem entfernten Atelier, und dem lieben Gott
kamen verschiedene alte Erinnerungen, wie er das so sah. Wenn er seinen
Hnden nicht immer noch bse gewesen wre, er htte wohl auch wieder
irgendwas begonnen. -- Als aber der Tag kam, da die Bildsule, welche
die Wahrheit hie, hinausgetragen werden sollte, auf ihren Platz in den
Garten, wo auch Gott sie htte sehen knnen in ihrer Vollendung, da
entstand ein groer Skandal, denn eine Kommission von Stadtvtern,
Lehrern und anderen einflureichen Persnlichkeiten hatte verlangt, die
Figur msse erst teilweise bekleidet werden, ehe das Publikum sie zu
Gesicht bekme. Der liebe Gott verstand nicht, weshalb, so laut fluchte
der Knstler. Stadtvter, Lehrer und die anderen haben ihn in diese
Snde gebracht, und der liebe Gott wird gewi an denen -- aber Sie
husten ja frchterlich! Es geht schon vorber-- sagte mein Lehrer
mit vollkommen klarer Stimme. Nun, ich habe nur noch ein weniges zu
berichten. Der liebe Gott lie das Mietshaus und den Stadtpark los und
wollte seinen Blick schon ganz zurckziehen, wie man eine Angelrute aus
dem Wasser zieht, mit einem Schwung, um zu sehen, ob nicht etwas
angebissen hat. In diesem Falle hing wirklich etwas daran. Ein ganz
kleines Huschen mit mehreren Menschen drinnen, die alle sehr wenig
anhatten, denn sie waren sehr arm. 'Das also ist es--,' dachte der
liebe Gott, 'arm mssen die Menschen sein. Diese hier sind, glaub ich,
schon recht arm, aber ich will sie so arm machen, da sie nicht einmal
ein Hemd zum Anziehen haben.' So nahm sich der liebe Gott vor.

Hier machte ich beim Sprechen einen Punkt, um anzudeuten, da ich am
Ende sei. Der Herr Lehrer war damit nicht zufrieden; er fand diese
Geschichte ebensowenig abgeschlossen und gerundet wie die vorhergehende.
Ja -- entschuldigte ich mich -- da mte eben ein Dichter kommen, der
zu dieser Geschichte irgendeinen phantastischen Schlu erfindet, denn
tatschlich hat sie noch kein Ende. Wieso? machte der Herr Lehrer und
schaute mich gespannt an. Aber, lieber Herr Lehrer, erinnerte ich,
wie vergelich Sie sind! Sie sind doch selbst im Vorstand des hiesigen
Armenvereins... Ja, seit etwa zehn Jahren bin ich das und--? Das
ist es eben; Sie und Ihr Verein verhindern den lieben Gott die lngste
Zeit, sein Ziel zu erreichen. Sie kleiden die Leute-- Aber ich bitte
Sie, sagte der Lehrer bescheiden, das ist einfach Nchstenliebe. Das
ist doch Gott im hchsten Grade wohlgefllig. Ach, davon ist man
magebenden Orts wohl berzeugt? fragte ich arglos. Natrlich ist man
das. Ich habe gerade in meiner Eigenschaft als Vorstandsmitglied des
Armenvereins manches Lobende zu hren bekommen. Vertraulich gesagt, man
will auch bei der nchsten Befrderung meine Ttigkeit in dieser Weise
------ Sie verstehen? Der Herr Lehrer errtete schamhaft. Ich
wnsche Ihnen das Beste, entgegnete ich. Wir reichten uns die Hnde,
und der Herr Lehrer ging mit so stolzen, gemessenen Schritten fort, da
ich berzeugt bin: er ist zu spt in die Schule gekommen.

Wie ich spter vernahm, ist ein Teil dieser Geschichte (soweit sie fr
Kinder pat) den Kindern doch bekannt geworden. Sollte der Herr Lehrer
sie zu Ende gedichtet haben?




WIE DER VERRAT NACH RUSSLAND KAM


Ich habe noch einen Freund hier in der Nachbarschaft. Das ist ein
blonder, lahmer Mann, der seinen Stuhl, winters wie sommers, hart am
Fenster hat. Er kann sehr jung aussehen, ja in seinem lauschenden
Gesicht ist manchmal etwas Knabenhaftes. Aber es gibt auch Tage, da er
altert, die Minuten gehen wie Jahre ber ihn, und pltzlich ist er ein
Greis, dessen matte Augen das Leben fast schon losgelassen haben. Wir
kennen uns lang. Erst haben wir uns immer angesehen, spter lchelten
wir unwillkrlich, ein Jahr lang grten wir einander, und seit Gott
wei wann erzhlen wir uns das eine und das andere, wahllos, wie es eben
passiert. Guten Tag, rief er, als ich vorberkam, und sein Fenster war
noch offen in den reichen und stillen Herbst hinaus. Ich habe Sie lange
nicht gesehen.

Guten Tag, Ewald--. Ich trat an sein Fenster, wie ich immer zu tun
pflegte, im Vorbergehen. Ich war verreist. Wo waren Sie? fragte er
mit ungeduldigen Augen. In Ruland. O so weit -- er lehnte sich
zurck, und dann: Was ist das fr ein Land, Ruland? Ein sehr groes,
nicht wahr? Ja, sagte ich, gro ist es und auerdem-- Habe ich
dumm gefragt? lchelte Ewald und wurde rot. Nein, Ewald, im Gegenteil.
Da Sie fragen: was ist das fr ein Land? wird mir verschiedenes klar.
Zum Beispiel woran Ruland grenzt. Im Osten? warf mein Freund ein.
Ich dachte nach: Nein. Im Norden? forschte der Lahme. Sehen Sie,
fiel mir ein, das Ablesen von der Landkarte hat die Leute verdorben.
Dort ist alles plan und eben, und wenn sie die vier Weltgegenden
bezeichnet haben, scheint ihnen alles getan. Ein Land ist doch aber kein
Atlas. Es hat Berge und Abgrnde. Es mu doch auch oben und unten an
etwas stoen. Hm-- berlegte mein Freund, Sie haben recht. Woran
knnte Ruland an diesen beiden Seiten grenzen? Pltzlich sah der
Kranke wie ein Knabe aus. Sie wissen es, rief ich. Vielleicht an
Gott? Ja, besttigte ich, an Gott. So -- nickte mein Freund ganz
verstndnisvoll. Erst dann kamen ihm einzelne Zweifel: Ist denn Gott
ein Land? Ich glaube nicht, erwiderte ich, aber in den primitiven
Sprachen haben viele Dinge denselben Namen. Es ist da wohl ein Reich,
das heit Gott, und der es beherrscht, heit auch Gott. Einfache Vlker
knnen ihr Land und ihren Kaiser oft nicht unterscheiden; beide sind
gro und gtig, furchtbar und gro.

Ich verstehe, sagte langsam der Mann am Fenster. Und merkt man in
Ruland diese Nachbarschaft? Man merkt sie bei allen Gelegenheiten.
Der Einflu Gottes ist sehr mchtig. Wieviel man auch aus Europa bringen
mag, die Dinge aus dem Westen sind Steine, sobald sie ber die Grenze
sind. Mitunter kostbare Steine, aber eben nur fr die Reichen, die
sogenannten 'Gebildeten', whrend von drben aus dem anderen Reich das
Brot kommt, wovon das Volk lebt. Das hat das Volk wohl in berflu?
Ich zgerte: Nein, das ist nicht der Fall, die Einfuhr aus Gott ist
durch gewisse Umstnde erschwert-- Ich suchte ihn von diesem Gedanken
abzubringen. Aber man hat vieles aus den Gebruchen jener breiten
Nachbarschaft angenommen. Das ganze Zeremoniell beispielsweise. Man
spricht zu dem Zaren hnlich wie zu Gott. So, man sagt also nicht:
Majestt? Nein, man nennt beide Vterchen. Und man kniet vor
beiden? Man wirft sich vor beiden nieder, fhlt mit der Stirn den
Boden und weint und sagt: 'Ich bin sndig, verzeih mir, Vterchen.' Die
Deutschen, welche das sehen, behaupten: eine ganz unwrdige Sklaverei.
Ich denke anders darber. Was soll das Knien bedeuten? Es hat den Sinn
zu erklren: Ich habe Ehrfurcht. Dazu gengt es auch, das Haupt zu
entblen, meint der Deutsche. Nun ja, der Gru, die Verbeugung,
gewissermaen sind auch sie Ausdrcke dafr, Abkrzungen, die entstanden
sind in den Lndern, wo nicht so viel Raum war, da jeder sich htte
niederlegen knnen auf der Erde. Aber Abkrzungen gebraucht man bald
mechanisch und ohne sich ihres Sinnes mehr bewut zu werden. Deshalb ist
es gut, wo noch Raum und Zeit dafr ist, die Gebrde auszuschreiben, das
ganze schne und wichtige Wort: Ehrfurcht.

Ja, wenn ich knnte, wrde ich auch niederknien--, trumte der Lahme.
Aber es kommt-- fuhr ich nach einer Pause fort -- in Ruland auch
vieles andere von Gott. Man hat das Gefhl, jedes Neue wird von ihm
eingefhrt, jedes Kleid, jede Speise, jede Tugend und sogar jede Snde
mu erst von ihm bewilligt werden, ehe sie in Gebrauch kommt. Der
Kranke sah mich fast erschrocken an. Es ist nur ein Mrchen, auf
welches ich mich berufe, eilte ich ihn zu beruhigen, eine sogenannte
Bylina, ein Gewesenes zu deutsch. Ich will Ihnen kurz den Inhalt
erzhlen. Der Titel ist: Wie der Verrat nach Ruland kam. Ich lehnte
mich ans Fenster, und der Gelhmte schlo die Augen, wie er gerne tat,
wenn irgendwo eine Geschichte begann.

Der schreckliche Zar Iwan wollte den benachbarten Frsten Tribut
auferlegen und drohte ihnen mit einem groen Krieg, falls sie nicht Gold
nach Moskau, in die weie Stadt, schicken wrden. Die Frsten sagten,
nachdem sie Rat gepflogen hatten, wie ein Mann: 'Wir geben dir drei
Rtselfragen auf. Komm an dem Tage, den wir dir bestimmen, in den
Orient, zu dem weien Stein, wo wir versammelt sein werden, und sage uns
die drei Lsungen. Sobald sie richtig sind, geben wir dir die zwlf
Tonnen Goldes, die du von uns verlangst.' Zuerst dachte der Zar Iwan
Wassiljewitsch nach, aber es strten ihn die vielen Glocken seiner
weien Stadt Moskau. Da rief er seine Gelehrten und Rte vor sich, und
jeden, der die Frage nicht beantworten konnte, lie er auf den groen,
roten Platz fhren, wo gerade die Kirche fr Wassilij, den Nackten,
gebaut wurde, und einfach kpfen. Bei einer solchen Beschftigung
verging ihm die Zeit so rasch, da er sich pltzlich auf der Reise fand
nach dem Orient, zu dem weien Stein, bei welchem die Frsten warteten.
Er wute auf keine der drei Fragen etwas zu erwidern, aber der Ritt war
lang, und es war immer noch die Mglichkeit, einem Weisen zu begegnen;
denn damals waren viele Weise unterwegs auf der Flucht, da alle Knige
die Gewohnheit hatten, ihnen den Kopf abschneiden zu lassen, wenn sie
ihnen nicht weise genug schienen. Ein solcher kam ihm nun allerdings
nicht zu Gesicht, aber an einem Morgen sah er einen alten brtigen
Bauer, welcher an einer Kirche baute. Er war schon dabei angelangt, den
Dachstuhl zu zimmern und die kleinen Latten darberzulegen. Da war es
nun recht verwunderlich, da der alte Bauer immer wieder von der Kirche
herunterstieg, um von den schmalen Latten, welche unten aufgeschichtet
waren, jede einzeln zu holen, statt viele auf einmal in seinem langen
Kaftan mitzunehmen. Er mute so bestndig auf und nieder klettern, und
es war gar nicht abzusehen, da er auf diese Weise berhaupt jemals alle
vielhundert Latten an ihren Ort bringen wrde. Der Zar wurde deshalb
ungeduldig: 'Dummkopf,' schrie er (so nennt man in Ruland meistens die
Bauern), 'du solltest dich tchtig beladen mit deinem Holz und dann auf
die Kirche kriechen, das wre bei weitem einfacher.' Der Bauer, der
gerade unten war, blieb stehen, hielt die Hand ber die Augen und
antwortete: 'Das mut du schon mir berlassen, Zar Iwan Wassiljewitsch,
jeder versteht sein Handwerk am besten; indessen, weil du schon hier
vorberreitest, will ich dir die Lsung der drei Rtsel sagen, welche du
am weien Stein im Orient, gar nicht weit von hier, wirst wissen
mssen.' Und er schrfte ihm die drei Antworten der Reihe nach ein. Der
Zar konnte vor Erstaunen kaum dazu kommen, zu danken. 'Was soll ich dir
geben zum Lohne?' fragte er endlich. 'Nichts,' machte der Bauer, holte
eine Latte und wollte auf die Leiter steigen. 'Halt,' befahl der Zar,
'das geht nicht an, du mut dir etwas wnschen.' 'Nun, Vterchen, wenn
du befiehlst, gib mir eine von den zwlf Tonnen Goldes, welche du von
den Frsten im Orient erhalten wirst.' 'Gut--,' nickte der Zar. 'Ich
gebe dir eine Tonne Goldes.' Dann ritt er eilends davon, um die Lsungen
nicht wieder zu vergessen.

Spter, als der Zar mit den zwlf Tonnen zurckgekommen war aus dem
Orient, schlo er sich in Moskau in seinen Palast, mitten im fnftorigen
Kreml, ein und schttete eine Tonne nach der anderen auf die glnzenden
Dielen des Saales aus, so da ein wahrer Berg aus Gold entstand, der
einen groen schwarzen Schatten ber den Boden warf. In Vergelichkeit
hatte der Zar auch die zwlfte Tonne ausgeleert. Er wollte sie wieder
fllen, aber es tat ihm leid, so viel Gold von dem herrlichen Haufen
wieder fortnehmen zu mssen. In der Nacht ging er in den Hof hinunter,
schpfte feinen Sand in die Tonne, bis sie zu drei Vierteilen voll war,
kehrte leise in seinen Palast zurck, legte Gold ber den Sand und
schickte die Tonne mit dem nchsten Morgen durch einen Boten in die
Gegend des weiten Ruland, wo der alte Bauer seine Kirche baute. Als
dieser den Boten kommen sah, stieg er von dem Dach, welches noch lange
nicht fertig war, und rief: 'Du mut nicht nher kommen, mein Freund,
reise zurck samt deiner Tonne, welche drei Vierteile Sand und ein
knappes Viertel Gold enthlt; ich brauche sie nicht. Sage deinem Herrn,
bisher hat es keinen Verrat in Ruland gegeben. Er aber ist selbst daran
schuld, wenn er bemerken sollte, da er sich auf keinen Menschen
verlassen kann; denn er hat nunmehr gezeigt, wie man verrt, und von
Jahrhundert zu Jahrhundert wird sein Beispiel in ganz Ruland viele
Nachahmer finden. Ich brauche nicht das Gold, ich kann ohne Gold leben.
Ich erwartete nicht Gold von ihm, sondern Wahrheit und Rechtlichkeit. Er
aber hat mich getuscht. Sage das deinem Herrn, dem schrecklichen Zaren
Iwan Wassiljewitsch, der in seiner weien Stadt Moskau sitzt mit seinem
bsen Gewissen und in einem goldenen Kleid.'

Nach einer Weile Reitens wandte sich der Bote nochmals um: der Bauer und
seine Kirche waren verschwunden. Und auch die aufgeschichteten Latten
lagen nicht mehr da, es war alles leeres, flaches Land. Da jagte der
Mann entsetzt zurck nach Moskau, stand atemlos vor dem Zaren und
erzhlte ihm ziemlich unverstndlich, was sich begeben hatte und da der
vermeintliche Bauer niemand anderes gewesen sei als Gott selbst.

Ob er wohl recht gehabt hat damit? meinte mein Freund leise, nachdem
meine Geschichte verklungen war.

Vielleicht--, entgegnete ich, aber, wissen Sie, das Volk ist --
aberglubisch -- indessen, ich mu jetzt gehen, Ewald. Schade, sagte
der Lahme aufrichtig. Wollen Sie mir nicht bald wieder eine Geschichte
erzhlen? Gerne, -- aber unter einer Bedingung. Ich trat noch einmal
ans Fenster heran. Nmlich? staunte Ewald. Sie mssen alles
gelegentlich den Kindern in der Nachbarschaft weitererzhlen, bat ich.
O, die Kinder kommen jetzt so selten zu mir. Ich vertrstete ihn: Sie
werden schon kommen. Offenbar haben Sie in der letzten Zeit nicht Lust
gehabt, ihnen etwas zu erzhlen, und vielleicht auch keinen Stoff, oder
zu viel Stoffe. Aber wenn einer eine wirkliche Geschichte wei, glauben
Sie, das kann verborgen bleiben? Bewahre, das spricht sich herum,
besonders unter den Kindern! Auf Wiedersehen. Damit ging ich.

Und die Kinder haben die Geschichte noch an demselben Tage gehrt.




WIE DER ALTE TIMOFEI SINGEND STARB


Was fr eine Freude ist es doch, einem lahmen Menschen zu erzhlen. Die
gesunden Leute sind so ungewi; sie sehen die Dinge bald von der, bald
von jener Seite an, und wenn man mit ihnen eine Stunde lang so gegangen
ist, da sie zur Rechten waren, kann es geschehen, da sie pltzlich von
links antworten, nur, weil es ihnen einfllt, da das hflicher sei und
von feinerer Bildung zeuge. Beim Lahmen hat man das nicht zu befrchten.
Seine Unbeweglichkeit macht ihn den Dingen hnlich, mit denen er auch
wirklich viele herzliche Beziehungen pflegt, macht ihn, sozusagen, zu
einem den anderen sehr berlegenen Ding, zu einem Ding, das nicht nur
lauscht mit seiner Schweigsamkeit, sondern auch mit seinen seltenen
leisen Worten und mit seinen sanften, ehrfrchtigen Gefhlen.

Ich mag am liebsten meinem Freund Ewald erzhlen. Und ich war sehr froh,
als er mir von seinem tglichen Fenster aus zurief: Ich mu Sie etwas
fragen.

Rasch trat ich zu ihm und begrte ihn. Woher stammt die Geschichte,
die Sie mir neulich erzhlt haben? bat er endlich. Aus einem Buch?
Ja -- entgegnete ich traurig, die Gelehrten haben sie darin begraben,
seit sie tot ist; das ist gar nicht lange her. Noch vor hundert Jahren
lebte sie, gewi sehr sorglos, auf vielen Lippen. Aber die Worte, welche
die Menschen jetzt gebrauchen, diese schweren, nicht sangbaren Worte,
waren ihr feind und nahmen ihr einen Mund nach dem anderen weg, so da
sie zuletzt, nur sehr eingezogen und rmlich, auf ein paar trockenen
Lippen, wie auf einem schlechten Witwengut, lebte. Dort verstarb sie
auch, ohne Nachkommen zu hinterlassen, und wurde, wie schon erwhnt, mit
allen Ehren in einem Buche bestattet, wo schon andere aus ihrem
Geschlechte lagen. Und sie war sehr alt, als sie starb? fragte mein
Freund, in meinen Ton eingehend. 400 bis 500 Jahre, berichtete ich der
Wahrheit gem, verschiedene von ihren Verwandten haben noch ein
ungleich hheres Alter erreicht. Wie, ohne jemals in einem Buche zu
ruhen? staunte Ewald. Ich erklrte: Soviel ich wei, waren sie die
ganze Zeit von Lippe zu Lippe unterwegs. Und haben nie geschlafen?
Doch, von dem Munde des Sngers steigend, blieben sie wohl dann und
wann in einem Herzen, darin es warm und dunkel war. Waren denn die
Menschen so still, da Lieder schlafen konnten in ihren Herzen? Ewald
schien mir recht unglubig. Es mu wohl so gewesen sein. Man behauptet,
sie sprachen weniger, tanzten langsam anwachsende Tnze, die etwas
Wiegendes hatten, und vor allem: sie lachten nicht laut, wie man es
heute trotz der allgemeinen hohen Kultur nicht selten vernehmen kann.

Ewald schickte sich an, noch etwas zu fragen, aber er unterdrckte es
und lchelte: Ich frage und frage, -- aber Sie haben vielleicht eine
Geschichte vor? Er sah mich erwartungsvoll an.

Eine Geschichte? Ich wei nicht. Ich wollte nur sagen: diese Gesnge
waren das Erbgut in gewissen Familien. Man hatte es bernommen, und man
gab es weiter, nicht ganz unbentzt, mit den Spuren eines tglichen
Gebrauchs, aber doch unbeschdigt, wie etwa eine alte Bibel von Vtern
zu Enkeln geht. Der Enterbte unterschied sich von den in ihre Rechte
eingesetzten Geschwistern dadurch, da er nicht singen konnte, oder er
wute wenigstens nur einen kleinen Teil der Lieder seines Vaters und
Grovaters und verlor mit den brigen Gesngen das groe Stck Erleben,
das alle diese Bylinen und Skaski dem Volke bedeuten. So hatte z.B.
Jegor Timofejewitsch gegen den Willen seines Vaters, des alten Timofei,
ein junges, schnes Weib geheiratet und war mit ihr nach Kiew gegangen,
in die heilige Stadt, bei welcher sich die Grber der grten Mrtyrer
der heiligen, rechtglubigen Kirche versammelt haben. Der Vater Timofei,
der als der kundigste Snger auf zehn Tagereisen im Umkreis galt,
verfluchte seinen Sohn und erzhlte seinen Nachbarn, da er oft
berzeugt sei, niemals einen solchen gehabt zu haben. Dennoch verstummte
er in Gram und Traurigkeit. Und er wies alle die jungen Leute zurck,
die sich in seine Htte drngten, um die Erben der vielen Gesnge zu
werden, welche in dem Alten eingeschlossen waren, wie in einer
verstaubten Geige. 'Vater, du unser Vterchen, gib uns nur eines oder
das andere Lied. Siehst du, wir wollen es in die Drfer tragen, und du
sollst es hren aus allen Hfen, sobald der Abend kommt und das Vieh in
den Stllen ruhig geworden ist.' Der Alte, der bestndig auf dem Ofen
sa, schttelte den ganzen Tag den Kopf. Er hrte nicht mehr gut, und da
er nicht wute, ob nicht einer von den Burschen, die jetzt fortwhrend
sein Haus umhorchten, eben wieder gefragt hatte, machte er mit seinem
weien Kopf zitternd: Nein, nein, nein, bis er einschlief und auch dann
noch eine Weile -- im Schlaf. Er htte den Burschen gerne ihren Willen
getan; es war ihm selber leid, da sein stummer, verstorbener Staub ber
diesen Liedern liegen sollte, vielleicht schon ganz bald. Aber htte er
versucht, einen von ihnen etwas zu lehren, gewi htte er sich dabei
seines Jegoruschka erinnern mssen und dann -- wer wei -- was dann
geschehen wre. Denn nur, weil er berhaupt schwieg, hatte ihn niemand
weinen sehen. Hinter jedem Wort stand es ihm, das Schluchzen, und er
mute immer sehr schnell und vorsichtig den Mund schlieen, sonst wre
es einmal doch mitgekommen.

Der alte Timofei hatte seinen einzigen Sohn Jegor von ganz frh an
einzelne Lieder gelehrt, und als fnfzehnjhriger Knabe wute dieser
schon mehr und richtiger zu singen als alle erwachsenen Burschen im
Dorfe und in der Nachbarschaft. Gleichwohl pflegte der Alte meistens am
Feiertag, wenn er etwas trunken war, dem Burschen zu sagen:
'Jegoruschka, mein Tubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
gelehrt, viele Bylinen und auch die Legenden von Heiligen, fast fr
jeden Tag eine. Aber ich bin, wie du weit, der Kundigste im ganzen
Gouvernement, und mein Vater kannte sozusagen alle Lieder von ganz
Ruland und auch noch tatarische Geschichten dazu. Du bist noch sehr
jung, und deshalb habe ich dir die schnsten Bylinen, darin die Worte
wie Ikone sind und gar nicht zu vergleichen mit den gewhnlichen Worten,
noch nicht erzhlt, und du hast noch nicht gelernt, jene Weisen zu
singen, die noch keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, hat
anhren knnen, ohne zu weinen.' Dieses wiederholte Timofei seinem Sohne
an jedem Sonntag und an allen vielen Feiertagen des russischen Jahres,
also ziemlich oft. Bis dieser nach einem heftigen Auftritt mit dem
Alten, zugleich mit der schnen Ustjnka, der Tochter eines armen
Bauern, verschwunden war.

Im dritten Jahre nach diesem Vorfall erkrankte Timofei, zur selben Zeit,
als einer jener vielen Pilgerzge, die aus allen Teilen des weiten
Reiches bestndig nach Kiew ziehen, aufbrechen wollte. Da trat Ossip,
der Nachbar, bei dem Kranken ein: 'Ich gehe mit den Pilgern, Timofei
Iwanitsch, erlaube mir, dich noch einmal zu umarmen.' Ossip war nicht
befreundet mit dem Alten, aber nun, da er diese weite Reise begann, fand
er es fr notwendig, von ihm wie von einem Vater Abschied zu nehmen.
'Ich habe dich manchmal gekrnkt,' schluchzte er, 'verzeih mir, mein
Herzchen, es ist im Trunke geschehen, und da kann man nichts dafr, wie
du weit. Nun, ich will fr dich beten und eine Kerze anstecken fr
dich; leb wohl, Timofei Iwanitsch, mein Vterchen, vielleicht wirst du
wieder gesund, wenn Gott es will, dann singst du uns wieder etwas. Ja,
ja, das ist lange her, seit du gesungen hast. Was waren das fr Lieder.
Das von Djuk Stepanowitsch zum Beispiel, glaubst du, ich habe das
vergessen? Wie dumm du bist! Ich wei es noch ganz genau. Freilich, so
wie du, -- du hast es eben gekonnt, das mu man sagen. Gott hat dir das
gegeben, einem anderen gibt er etwas anderes. Mir zum Beispiel--'

Der Alte, der auf dem Ofen lag, drehte sich chzend um und machte eine
Bewegung, als ob er etwas sagen wollte. Es war, als hrte man ganz leise
den Namen Jegors. Vielleicht wollte er ihm eine Nachricht schicken. Aber
als der Nachbar, von der Tre her, fragte: 'Sagst du etwas, Timofei
Iwanitsch?' lag er schon wieder ganz ruhig da und schttelte nur leise
seinen weien Kopf. Trotzdem, wei Gott wie es geschah, kaum ein Jahr,
nachdem Ossip fortgegangen war, kehrte Jegor ganz unvermutet zurck. Der
Alte erkannte ihn nicht gleich, denn es war dunkel in der Htte, und die
greisen Augen nahmen nur ungern eine neue fremde Gestalt auf. Aber als
Timofei die Stimme des Fremden gehrt hatte, erschrak er und sprang vom
Ofen herab auf seine alten, schwankenden Beine. Jegor fing ihn auf, und
sie hielten sich in den Armen. Timofei weinte. Der junge Mensch fragte
in einem fort: 'Bist du schon lange krank, Vater?' Als sich der Alte ein
wenig beruhigt hatte, kroch er auf seinen Ofen zurck und erkundigte
sich in einem anderen strengen Ton: 'Und dein Weib?' Pause. Jegor
spuckte aus: 'Ich hab sie fortgejagt, weit du, mit dem Kind.' Er
schwieg eine Weile. 'Da kommt einmal der Ossip zu mir; 'Ossip
Nikiphorowitsch?' sag ich. 'Ja,' antwortet er, 'ich bins. Dein Vater ist
krank, Jegor. Er kann nicht mehr singen. Es ist jetzt ganz still im
Dorfe, als ob es keine Seele mehr htte, unser Dorf. Nichts klopft,
nichts rhrt sich, es weint niemand mehr, und auch zum Lachen ist kein
rechter Grund.' Ich denke nach. Was ist da zu machen? Ich rufe also mein
Weib. 'Ustjnka' -- sag ich--, 'ich mu nach Hause, es singt sonst
keiner mehr dort, die Reihe ist an mir. Der Vater ist krank.' 'Gut,'
sagt Ustjnka. 'Aber ich kann dich nicht mitnehmen' -- so erklr ich
ihr, 'der Vater, weit du, will dich nicht. Und auch zurckkommen werd
ich wahrscheinlich nicht zu dir, wenn ich erst einmal wieder dort bin
und singe.' Ustjnka versteht mich: 'Nun, Gott mit dir! Es sind jetzt
viele Pilger hier, da gibt es viel Almosen. Gott wird schon helfen,
Jegor.' Und so geh ich also fort. Und nun, Vater, sag mir alle deine
Lieder.'

Es verbreitete sich das Gercht, da Jegor zurckgekehrt sei und da der
alte Timofei wieder singe. Aber in diesem Herbst ging der Wind so heftig
durch das Dorf, da niemand von den Vorbergehenden mit Sicherheit
ermitteln konnte, ob in Timofeis Hause wirklich gesungen werde oder
nicht. Und die Tr wurde keinem Pochenden geffnet. Die beiden wollten
allein sein. Jegor sa am Rande des Ofens, auf welchem der Vater lag,
und kam mit dem Ohr bisweilen dem Munde des Alten entgegen; denn dieser
sang in der Tat. Seine alte Stimme trug, etwas gebckt und zitternd,
alle die schnsten Lieder zu Jegor hin, und dieser wiegte manchmal den
Kopf oder bewegte die herabhngenden Beine, ganz, als ob er schon selber
snge. Das ging so viele Tage lang fort. Timofei fand immer noch ein
schneres Lied in seiner Erinnerung; oft, nachts, weckte er den Sohn,
und indem er mit den welken, zuckenden Hnden ungewisse Bewegungen
machte, sang er ein kleines Lied und noch eines und noch eines -- bis
der trge Morgen sich zu rhren begann. Bald nach dem schnsten starb
er. Er hatte sich in den letzten Tagen oft arg beklagt, da er noch eine
Unmenge Lieder in sich trge und nicht mehr Zeit habe, sie seinem Sohne
mitzuteilen. Er lag da mit gefurchter Stirne, in angestrengtem,
ngstlichem Nachdenken, und seine Lippen zitterten vor Erwartung. Von
Zeit zu Zeit setzte er sich auf, wiegte eine Weile den Kopf, bewegte den
Mund, und endlich kam irgendein leises Lied hinzu; aber jetzt sang er
meistens immer dieselben Strophen von Djuk Stepanowitsch, die er
besonders liebte, und sein Sohn mute erstaunt sein und tun, als
vernhme er sie zum erstenmal, um ihn nicht zu erzrnen.

Als der alte Timofei Iwanitsch gestorben war, blieb das Haus, welches
Jegor jetzt allein bewohnte, noch eine Zeitlang verschlossen. Dann, im
ersten Frhjahr, trat Jegor Timofejewitsch, der jetzt einen ziemlich
langen Bart hatte, aus seiner Tr, begann im Dorfe hin und her zu gehen
und zu singen. Spter kam er auch in die benachbarten Drfer, und die
Bauern erzhlten sich schon, da Jegor ein mindestens ebenso kundiger
Snger geworden sei wie sein Vater Timofei; denn er wute eine groe
Anzahl ernster und heldenhafter Gesnge und alle jene Weisen, die
keiner, er mochte ein Kosak sein oder ein Bauer, anhren konnte, ohne zu
weinen. Dabei soll er noch so einen sanften und traurigen Ton gehabt
haben, wie man ihn noch von keinem Snger vernommen hat. Und dieser Ton
fand sich immer, ganz unerwartet, im Kehrreim vor, wodurch er besonders
rhrend wirkte. So habe ich wenigstens erzhlen hren.

Diesen Ton hat er also nicht von seinem Vater gelernt? sagte mein
Freund Ewald nach einer Weile. Nein, erwiderte ich, man wei nicht,
woher der ihm kam. Als ich vom Fenster schon fortgetreten war, machte
der Lahme noch eine Bewegung und rief mir nach: Er hat vielleicht an
sein Weib und sein Kind gedacht. brigens, hat er sie nie kommen lassen,
da ja sein Vater nun tot war? Nein, ich glaube nicht. Wenigstens ist
er spter allein gestorben.




DAS LIED VON DER GERECHTIGKEIT


Als ich das nchste Mal an Ewalds Fenster vorberkam, winkte er mir und
lchelte: Haben Sie den Kindern etwas Bestimmtes versprochen? Wieso?
staunte ich. Nun, als ich ihnen die Geschichte von Jegor erzhlt hatte,
beklagten sie sich, da Gott in derselben nicht vorkme. Ich erschrak:
Was, eine Geschichte ohne Gott, aber wie ist denn das mglich? Dann
besann ich mich: In der Tat, es ist wahr, von Gott sagt die Geschichte,
wie ich sie mir jetzt berdenke, nichts. Ich begreife nicht, wie das
geschehen konnte; htte jemand von mir eine solche verlangt, ich glaube,
ich htte mein ganzes Leben nachgedacht, ohne Erfolg...

Mein Freund lchelte ber diesen Eifer: Sie mssen sich deshalb nicht
erregen, unterbrach er mich mit einer gewissen Gte, ich denke mir,
man kann ja nie wissen, ob Gott in einer Geschichte ist, ehe man sie
auch ganz beendet hat. Denn wenn auch nur noch zwei Worte fehlen
sollten, ja selbst, wenn nur noch die Pause hinter dem letzten Worte der
Erzhlung aussteht: Er kann immer noch kommen. Ich nickte, und der
Lahme sagte in anderem Ton: Wissen Sie nicht noch etwas von diesen
russischen Sngern?

Ich zgerte: Ja, wollen wir nicht lieber von Gott reden, Ewald? Er
schttelte den Kopf: Ich wnsche mir so, mehr von diesen eigentmlichen
Mnnern zu vernehmen. Ich wei nicht, wie es kommt, ich denke mir immer,
wenn so einer hier bei mir eintrte-- und er wandte den Kopf ins
Zimmer nach der Tre zu. Aber seine Augen kehrten schnell und nicht ohne
Verlegenheit zu mir zurck -- Doch das ist ja wohl nicht mglich,
verbesserte er eilig. Warum sollte das nicht mglich sein, Ewald? Ihnen
kann manches begegnen, was den Menschen, die ihre Beine brauchen knnen,
verwehrt bleibt, weil sie an so vielem vorbergehen und vor so manchem
davonlaufen. Gott hat Sie, Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu
sein mitten in aller Hast. Fhlen Sie nicht, wie alles sich um Sie
bewegt? Die anderen jagen den Tagen nach, und wenn sie mal einen
erreicht haben, sind sie so atemlos, da sie gar nicht mit ihm sprechen
knnen. Sie aber, mein Freund, sitzen einfach an Ihrem Fenster und
warten; und den Wartenden geschieht immer etwas. Sie haben ein ganz
besonderes Los. Denken Sie, sogar die Iberische Madonna in Moskau mu
aus ihrem Kapellchen heraus und fhrt in einem schwarzen Wagen mit vier
Pferden zu denen, die irgend etwas feiern, sei es die Taufe oder den
Tod. Zu Ihnen aber mu alles kommen--

Ja, sagte Ewald mit einem fremden Lcheln, ich kann sogar dem Tod
nicht entgegengehen. Viele Menschen finden ihn unterwegs. Er scheut
sich, ihre Huser zu betreten, und ruft sie hinaus in die Fremde, in den
Krieg, auf einen steilen Turm, auf eine schwankende Brcke, in eine
Wildnis oder in den Wahnsinn. Die meisten holen ihn wenigstens drauen
irgendwo ab und tragen ihn dann auf ihren Schultern nach Hause, ohne es
zu merken. Denn der Tod ist trge; wenn die Menschen ihn nicht
fortwhrend stren wrden, wer wei, er schliefe vielleicht ein. Der
Kranke dachte eine Weile nach und fuhr dann mit einem gewissen Stolz
fort: Aber zu mir wird er kommen mssen, wenn er mich will. Hier in
meine kleine helle Stube, in der die Blumen sich so lange halten, ber
diesen alten Teppich, an diesem Schrank vorbei, zwischen Tisch und
Bettende durch (es ist gar nicht leicht, vorberzukommen) bis her an
meinen breiten, lieben, alten Stuhl, der dann wahrscheinlich mit mir
sterben wird, weil er sozusagen mit mir gelebt hat. Und er wird dies
alles tun mssen in der blichen Art, ohne Lrm, ohne etwas umzuwerfen,
ohne etwas Ungewhnliches zu beginnen, wie ein Besuch. Dieser Umstand
bringt mir meine Stube merkwrdig nah. Es wird sich alles hier abspielen
auf dieser engen Szene, und darum wird auch dieser letzte Vorgang sich
nicht sehr von allen anderen Ereignissen unterscheiden, welche sich hier
begeben haben und noch bevorstehen. Es hat mir immer schon als Kind
seltsam geschienen, da die Menschen vom Tode anders sprechen als von
allen anderen Begebenheiten, und das nur deshalb, weil jeder von dem,
was ihm nachher geschieht, nichts mehr verrt. Wodurch aber
unterscheidet sich denn ein Toter von einem Menschen, welcher ernst
wird, auf die Zeit verzichtet und sich einschliet, um ber etwas ruhig
nachzudenken, dessen Lsung ihn lange schon qult? Unter den Leuten kann
man sich doch nicht einmal des Vaterunsers erinnern, wie denn erst
irgendeines anderen dunkleren Zusammenhanges, der vielleicht nicht in
Worten, sondern in Ereignissen besteht. Man mu abseits gehen in
irgendeine unzugngliche Stille, und vielleicht sind die Toten solche,
die sich zurckgezogen haben, um ber das Leben nachzudenken.

Es entstand eine kleine Schweigsamkeit, die ich mit folgenden Worten
begrenzte: Ich mu dabei an ein junges Mdchen denken. Man kann sagen,
da sie in den ersten siebzehn Jahren ihres heiteren Lebens nur geschaut
hat. Ihre Augen waren so gro und so selbstndig, da sie alles, was sie
empfingen, selbst verbrauchten, und das Leben in dem ganzen Krper des
jungen Geschpfes ging, unabhngig davon, von schlichten, inneren
Geruschen genhrt, vor sich. Am Ende dieser Zeit aber strte irgendein
zu heftiges Ereignis dieses doppelte, kaum sich berhrende Leben, die
Augen brachen gleichsam nach innen durch, und die ganze Schwere des
ueren fiel durch sie in das dunkle Herz hinein, und jeder Tag strzte
mit solcher Wucht in die tiefen, steilen Blicke, da er in der engen
Brust zersprang wie ein Glas. Da wurde das junge Mdchen bla, begann zu
krnkeln, einsam zu werden, nachzudenken, und endlich suchte es selbst
jene Stille auf, darin die Gedanken wahrscheinlich nicht mehr gestrt
werden.

Wie ist sie gestorben? fragte mein Freund leise, mit etwas heiserer
Stimme. Sie ist ertrunken. In einem tiefen, stillen Teich, und an der
Oberflche desselben entstanden viele Ringe, die langsam weit wurden und
unter den weien Wasserrosen hin wuchsen, so da alle diese badenden
Blten sich bewegten.

Ist das auch eine Geschichte? sagte Ewald, um die Stille hinter meinen
Worten nicht mchtig werden zu lassen. Nein, entgegnete ich, das ist
ein Gefhl. Aber knnte man es nicht auch den Kindern bermitteln --
dieses Gefhl? Ich berlegte. Vielleicht-- Und wodurch? Durch
eine andere Geschichte. Und ich erzhlte:

Es war zur Zeit, als man im sdlichen Ruland um die Freiheit kmpfte.

Verzeihen Sie, sagte Ewald, wie ist das zu verstehen -- wollte sich
das Volk etwa vom Zaren losmachen? Das wrde nicht zu dem passen, was
ich mir von Ruland denke, und auch mit Ihren frheren Erzhlungen in
Widerspruch stehen. In diesem Falle wrde ich vorziehen, Ihre Geschichte
nicht zu hren. Denn ich liebe das Bild, welches ich mir von den Dingen
dort gemacht habe, und will es unbeschdigt behalten.

Ich mute lcheln und beruhigte ihn: Die polnischen Pans (ich htte das
vorausschicken mssen) waren Herren im sdlichen Ruland und in jenen
stillen, einsamen Steppen, welche man mit dem Namen Ukraine bezeichnet.
Sie waren harte Herren. Ihre Bedrckung und die Habgier der Juden,
welche sogar den Kirchenschlssel in Hnden hatten, den sie nur gegen
Bezahlung den Rechtglubigen auslieferten, hatte das jugendliche Volk um
Kiew herum und den ganzen Dnjepr aufwrts mde und nachdenklich gemacht.
Die Stadt selbst, Kiew, das heilige, der Ort, wo Ruland zuerst mit
vierhundert Kirchenkuppeln von sich erzhlte, versank immer mehr in sich
selbst und verzehrte sich in Brnden wie in pltzlichen, irren Gedanken,
hinter denen die Nacht nur immer uferloser wird. Das Volk in der Steppe
wute nicht recht, was geschah. Aber von seltsamer Unruhe erfat, traten
die Greise nachts aus den Htten und betrachteten schweigend den hohen,
ewig windlosen Himmel, und am Tage konnte man Gestalten auf dem Rcken
der Kurgane auftauchen sehen, die sich wartend vor der flachen Ferne
erhoben. Diese Kurgane sind Grabsttten vergangener Geschlechter, die
die ganze Heide wie ein erstarrter, schlafender Wellenschlag
durchziehen. Und in diesem Land, in welchem die Grber die Berge sind,
sind die Menschen die Abgrnde. Tief, dunkel, schweigsam ist die
Bevlkerung, und ihre Worte sind nur schwache, schwankende Brcken ber
ihrem wirklichen Sein. -- Manchmal heben sich dunkle Vgel von den
Kurganen. Manchmal strzen wilde Lieder in die dmmernden Menschen
hinein und verschwinden in ihnen tief, whrend die Vgel im Himmel
verloren gehen. Nach allen Richtungen hin scheint alles grenzenlos. Die
Huser selbst knnen nicht beschtzen vor dieser Unermelichkeit; ihre
kleinen Fenster sind voll davon. Nur in den dunkelnden Ecken der Stuben
stehen die alten Ikone, wie Meilensteine Gottes, und der Glanz von einem
kleinen Licht geht durch ihre Rahmen, wie ein verirrtes Kind durch die
Sternennacht. Diese Ikone sind der einzige Halt, das einzige
zuverlssige Zeichen am Wege, und kein Haus kann ohne sie bestehen.
Immer wieder werden welche notwendig; wenn eines zerbricht vor Alter und
Wurm, wenn jemand heiratet und sich eine Htte zimmert, oder wenn einer,
wie zum Beispiel der alte Abraham, stirbt mit dem Wunsch, den heiligen
Nikolaus, den Wundertter, in den gefalteten Hnden mitzunehmen,
wahrscheinlich, um die Heiligen im Himmel mit diesem Bilde zu
vergleichen und den besonders Verehrten vor allen anderen zu erkennen.

So kommt es, da Peter Akimowitsch, eigentlich Schuster von Beruf, auch
Ikone malt. Wenn er von der einen Arbeit mde ist, geht er, nachdem er
sich dreimal bekreuzt hat, zu der anderen ber, und ber seinem Nhen
und Hmmern wie ber seinem Malen waltet die gleiche Frmmigkeit. Jetzt
ist er schon ein alter Mann, aber doch ziemlich rstig. Den Rcken, den
er ber die Stiefel biegt, richtet er vor den Bildern wieder gerade, und
so hat er sich eine gute Haltung bewahrt und ein gewisses Gleichgewicht
in den Schultern und im Kreuz. Den grten Teil seines Lebens hat er
ganz allein verbracht, sich gar nicht hineinmischend in die Unruhe, die
dadurch entstand, da sein Weib Akulina ihm Kinder gebar und da diese
verstarben oder sich verheirateten. Erst in seinem siebzigsten Jahre
hatte Peter sich mit denen in Verbindung gesetzt, die in seinem Hause
verblieben waren und die er nun erst als wirklich vorhanden betrachtete.
Das waren: Akulina, sein Weib, eine stille, demtige Person, die sich
fast ganz in den Kindern fortgegeben hatte, eine alternde, hliche
Tochter und Aljoscha, ein Sohn, welcher, unverhltnismig spt geboren,
erst siebzehn Jahre zhlte. Diesen wollte Peter fr die Malerei
heranbilden; denn er sah ein, da er bald nicht allen Bestellungen wrde
entsprechen knnen. Aber er gab den Unterricht bald auf. Aljoscha hatte
die allerheiligste Jungfrau gemalt, aber das strenge und richtige
Vorbild so wenig erreicht, da sein Machwerk aussah wie ein Bild der
Mariana, der Tochter des Kosaken Golokopytenko, also wie etwas durchaus
Sndiges, und der alte Peter beeilte sich, nachdem er sich oft bekreuzt
hatte, das beleidigte Brett mit einem heiligen Dmitrij zu bermalen,
welchen er aus einem unbekannten Grunde ber alle anderen Heiligen
stellte.

Aljoscha versuchte auch nie mehr ein Bild zu beginnen. Wenn ihm der
Vater nicht befahl, einen Nimbus zu vergolden, war er meistens drauen
in der Steppe, kein Mensch wute wo. Niemand hielt ihn zu Hause. Die
Mutter wunderte sich ber ihn und hatte eine Scheu, mit ihm zu reden,
als ob er ein Fremder wre oder ein Beamter. Die Schwester hatte ihn
geschlagen, solang er ein Kind war, und jetzt, seit Aljoscha erwachsen
war, begann sie ihn zu verachten, dafr, da er sie nicht schlug. Aber
auch im Dorfe war niemand, der sich um den Burschen kmmerte. Mariana,
die Kosakentochter, hatte ihn ausgelacht, als er ihr erklrte, er wolle
sie heiraten, und die anderen Mdchen hatte Aljoscha nicht danach
gefragt, ob sie ihn als Brutigam annehmen mchten. In die Ssetsch, zu
den Zaporogern, hatte ihn keiner mitnehmen wollen, weil er allen zu
schwchlich schien und vielleicht auch noch etwas zu jung. Einmal war er
schon davongelaufen bis zum nchsten Kloster, aber die Mnche nahmen ihn
nicht auf -- und so blieb nur die Heide fr ihn, die weite, wogende
Heide. Ein Jger hatte ihm einmal ein altes Gewehr geschenkt, das wei
Gott womit geladen war. Das schleppte Aljoscha immer mit, scho es aber
niemals ab, erstens, weil er den Schu sparen wollte, und dann, weil er
nicht wute wofr. An einem lauen, stillen Abend, zu Anfang des Sommers,
saen alle beisammen an dem groben Tisch, auf welchem eine Schssel mit
Grtze stand. Peter a, und die anderen schauten ihm zu und warteten auf
das, was er briglassen wrde. Pltzlich lie der Alte den Lffel in der
Luft stehen und streckte den breiten welken Kopf in den Lichtstreifen,
der von der Tr kam und quer ber den Tisch in die Dmmerung lief. Alle
horchten. Es war auen an den Wnden der Htte ein Gerusch, wie wenn
ein Nachtvogel mit seinen Flgeln sachte die Balken streifte; aber die
Sonne war kaum untergegangen, und die nchtlichen Vgel kamen ja
berhaupt selten bis ins Dorf. Und da war es wieder, als tappe irgendein
anderes groes Tier ums Haus und als wre von allen Wnden zugleich sein
suchender Schritt vernehmbar. Aljoscha erhob sich leise von seiner Bank,
in demselben Augenblick verdunkelte sich die Tr von etwas Hohem,
Schwarzem; es verdrngte den ganzen Abend, brachte Nacht in die Htte
und bewegte sich in seiner Gre nur unsicher vorwrts. 'Der Ostap!'
sagte die Hliche mit ihrer bsen Stimme. Und jetzt erkannten ihn alle.
Es war einer von den blinden Kobzars, ein Greis, der mit einer
zwlfsaitigen Bandura durch die Drfer ging und von dem groen Ruhm der
Kosaken, von ihrer Tapferkeit und Treue, von ihren Hetmans Kirdjaga,
Kukubenko, Bulba und anderen Helden sang, so da alle es gerne hrten.
Ostap verneigte sich dreimal tief in der Richtung, in der er das
Heiligenbild vermutete (und es war die Znamenskaja, zu der er sich so,
unbewut, wandte), setzte sich dann an den Ofen und fragte mit leiser
Stimme: 'Bei wem bin ich eigentlich?' 'Bei uns, Vterchen, bei Peter
Akimowitsch, dem Schuster,' erwiderte Peter freundlich. Er war ein
Freund des Gesanges und freute sich dieses unerwarteten Besuches. 'Ah,
bei Peter Akimowitsch, dem, der die Bilder malt,' sagte der Blinde, um
auch eine Freundlichkeit zu erweisen. Dann wurde es still. In den langen
sechs Saiten der Bandura begann ein Klang, wuchs und kam kurz und
gleichsam erschpft von den sechs kurzen Saiten zurck, und diese
Wirkung wiederholte sich in immer rascheren Takten, so da man endlich
die Augen schlieen mute, in Angst, den Ton von der in rasendem Lauf
erstiegenen Melodie irgendwo hinabstrzen zu sehen; da brach das Lied ab
und gab der schnen, schweren Stimme des Kobzars Raum, welche bald das
ganze Haus erfllte und auch aus den benachbarten Htten die Leute rief,
die sich vor der Tre und unter den Fenstern versammelten. Aber nicht
von Helden ging diesmal das Lied. Schon ganz sicher schien Bulbas und
Ostranitzas und Naliwaikos Ruhm. Fr alle Zeiten fest schien die Treue
der Kosaken. Nicht von ihren Taten ging heute das Lied. Tiefer zu
schlafen schien in allen, welche es vernahmen, der Tanz; denn keiner
rhrte die Beine oder hob die Hnde empor. Wie Ostaps Kopf, so waren
auch die anderen Kpfe gesenkt und wurden schwer von dem traurigen Lied:

Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt. Die Gerechtigkeit, wer
kann sie finden? Es ist keine Gerechtigkeit mehr in der Welt; denn alle
Gerechtigkeit ist den Gesetzen der Ungerechtigkeit unterstellt.

Heut ist die Gerechtigkeit elend in Fesseln. Und das Unrecht lacht ber
sie, wir sahns, und sitzt mit den Pans in den goldenen Sesseln und sitzt
in dem goldenen Saal mit den Pans.

Die Gerechtigkeit liegt an der Schwelle und fleht; bei den Pans ist das
Unrecht, das Schlechte, zu Gast, und sie laden es lachend in ihren
Palast, und sie schenken dem Unrecht den Becher voll Met.

O, Gerechtigkeit, Mtterchen, Mtterchen mein, mit dem Fittich, der
jenem des Adlers gleicht, es kommt vielleicht noch ein Mann, der
gerecht, der gerecht sein will, dann helfe ihm Gott, Er vermag es
allein, und macht dem Gerechten die Tage leicht.

Und die Kpfe hoben sich nur mhsam, und auf allen Stirnen stand
Schweigsamkeit; das erkannten auch die, welche reden wollten. Und nach
einer kleinen, ernsten Stille begann wieder das Spiel auf der Bandura,
diesmal schon besser verstanden von der immer wachsenden Menge. Dreimal
sang Ostap sein Lied von der Gerechtigkeit. Und es war jedesmal ein
anderes. War es zum erstenmal Klage, so erschien es bei der Wiederholung
Vorwurf, und endlich, da der Kobzar es zum drittenmal mit hocherhobener
Stirne wie eine Kette kurzer Befehle rief, da brach ein wilder Zorn aus
den zitternden Worten und erfate alle und ri sie hin in eine breite
und zugleich bange Begeisterung.

'Wo sammeln sich die Mnner?' fragte ein junger Bauer, als der Snger
sich erhob. Der Alte, der von allen Bewegungen der Kosaken unterrichtet
war, nannte einen nahen Ort. Schnell zerstreuten sich die Mnner, man
hrte kurze Rufe, Waffen rhrten sich, und vor den Tren weinten die
Weiber. Eine Stunde spter zog ein Trupp Bauern, bewaffnet, aus dem
Dorfe gegen Tschernigof zu. Peter hatte dem Kobzar ein Glas Most
angeboten in der Hoffnung, mehr von ihm zu erfahren. Der Alte sa,
trank, gab aber nur kurze Antworten auf die vielen Fragen des Schusters.
Dann dankte er und ging. Aljoscha fhrte den Blinden ber die Schwelle.
Als sie drauen waren in der Nacht und allein, bat Aljoscha: 'Und drfen
alle mitgehen in den Krieg?' 'Alle,' sagte der Alte und verschwand
rascher ausschreitend, als ob er sehend wrde in der Nacht.

Als alle schliefen, erhob sich Aljoscha vom Ofen, wo er in den Kleidern
gelegen hatte, nahm sein Gewehr und ging hinaus. Drauen fhlte er sich
mit einem Male umarmt und sanft aufs Haar gekt. Gleich darauf erkannte
er im Mondlicht Akulina, die eilig und trippelnd auf das Haus zulief.
'Mutter?!' staunte er, und es wurde ihm ganz eigentmlich zumut. Er
zgerte eine Weile. Eine Tr ging irgendwo, und ein Hund heulte in der
Nhe. Da warf Aljoscha sein Gewehr ber die Schulter und schritt stark
aus, denn er gedachte die Mnner noch vor Morgen einzuholen. Im Hause
aber taten alle, als ob sie Aljoschas Fehlen nicht bemerkten. Nur als
sie sich wieder zu Tische setzten und Peter den leeren Platz gewahrte,
stand er noch einmal auf, ging in die Ecke und zndete eine Kerze an vor
der Znamenskaja. Eine ganz dnne Kerze. Die Hliche zuckte mit den
Achseln.

Indessen ging Ostap, der blinde Greis, schon durch das nchste Dorf und
begann traurig und mit sanfter klagender Stimme den Gesang von der
Gerechtigkeit.

Der Lahme wartete noch eine Weile. Dann sah er mich erstaunt an: Nun,
weshalb schlieen Sie nicht? Es ist doch wie in der Geschichte vom
Verrat. Dieser Alte war Gott.

O, und ich habe es nicht gewut, sagte ich erschauernd.




EINE SZENE AUS DEM GHETTO VON VENEDIG


Herr Baum, Hausbesitzer, Bezirksobmann, Ehrenoberster der freiwilligen
Feuerwehr und noch verschiedenes andere, aber, um es kurz zu sagen: Herr
Baum mu eines meiner Gesprche mit Ewald belauscht haben. Es ist kein
Wunder; ihm gehrt das Haus, darin mein Freund zu ebener Erde wohnt.
Herr Baum und ich, wir kennen uns lngst vom Sehen. Neulich aber bleibt
der Bezirksobmann stehen, hebt ein wenig den Hut, so da ein kleiner
Vogel htte ausfliegen knnen, im Falle einer drunter gefangen gewesen
wre. Er lchelt hflich und erffnet unsere Bekanntschaft: Sie reisen
manchmal? O ja--, erwiderte ich, etwas zerstreut, das kann wohl
sein. Nun fuhr er vertraulich fort: Ich glaube, wir sind die beiden
einzigen hier, die in Italien waren. So--, ich bemhte mich etwas
aufmerksamer zu sein--, ja, dann ist es allerdings dringend notwendig,
da wir miteinander reden.

Herr Baum lachte. Ja, Italien -- das ist doch noch etwas. Ich erzhle
immer meinen Kindern -- zum Beispiel nehmen Sie Venedig! Ich blieb
stehen: Sie erinnern sich noch Venedigs? Aber, ich bitte Sie,
sthnte er, denn er war etwas zu dick, um sich mhelos zu entrsten, --
wie sollte ich nicht -- wer das einmal gesehen hat -- diese Piazzetta
-- nicht wahr? Ja, entgegnete ich, ich erinnere mich besonders gern
der Fahrt durch den Kanal, dieses leisen lautlosen Hingleitens am Rande
von Vergangenheiten. Der Palazzo Franchetti, fiel ihm ein. Die C
Doro, -- gab ich zurck. Der Fischmarkt-- Der Palazzo Vendramin--
Wo Richard Wagner -- fgte er rasch, als ein gebildeter Deutscher
hinzu. Ich nickte: Den Ponte, wissen Sie? Er lchelte mit
Orientierung: Selbstverstndlich, und das Museum, die Akademie nicht zu
vergessen, wo ein Tizian...

So hat sich Herr Baum einer Art Prfung unterzogen, die etwas
anstrengend war. Ich nahm mir vor, ihn durch eine Geschichte zu
entschdigen. Und begann ohne weiteres:

Wenn man unter dem Ponte di Rialto hindurchfhrt, an dem Fondaco de'
Turchi und an dem Fischmarkt vorbei, und dem Gondolier sagt: 'Rechts!'
so sieht er etwas erstaunt aus und fragt wohl gar 'Dove?' Aber man
besteht darauf, nach rechts zu fahren, und steigt in einem der kleinen
schmutzigen Kanle aus, handelt mit ihm, schimpft und geht durch
gedrngte Gassen und schwarze verqualmte Torgnge auf einen leeren
freien Platz hinaus. Alles das einfach aus dem Grunde, weil dort meine
Geschichte handelt. Herr Baum berhrte mich sanft am Arm: Verzeihen
Sie, welche Geschichte? Seine kleinen Augen gingen etwas bengstigt hin
und her.

Ich beruhigte ihn: Irgendeine, verehrter Herr, keine irgendwie
nennenswerte. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wann sie geschah.
Vielleicht unter dem Dogen Alvise MoncenigoIV., aber es kann auch etwas
frher oder spter gewesen sein. Die Bilder von Carpaccio, wenn Sie
solche gesehen haben sollten, sind wie auf purpurnem Samt gemalt,
berall bricht etwas Warmes, gleichsam Waldiges durch, und um die
gedmpften Lichter darin drngen sich horchende Schatten. Giorgione hat
auf mattem, alterndem Gold, Tizian auf schwarzem Atlas gemalt, aber in
der Zeit, von der ich rede, liebte man lichte Bilder, auf einen Grund
von weier Seide gesetzt, und der Name, mit dem man spielte, den schne
Lippen in die Sonne warfen und den reizende Ohren auffingen, wenn er
zitternd niederfiel, dieser Name ist Gian Battista Tiepolo.

Aber das alles kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es geht nur das
wirkliche Venedig an, die Stadt der Palste, der Abenteuer, der Masken
und der blassen Lagunennchte, die wie keine anderen Nchte sonst den
Ton von heimlichen Romanzen tragen. -- In dem Stck Venedig, von dem ich
erzhle, sind nur arme tgliche Gerusche, die Tage gehen gleichfrmig
darber hin, als ob es nur ein einziger wre, und die Gesnge, die man
dort vernimmt, sind wachsende Klagen, die nicht aufsteigen und wie ein
wallender Qualm ber den Gassen lagern. Sobald es dmmert, treibt sich
viel scheues Gesindel dort herum, unzhlige Kinder haben ihre Heimat auf
den Pltzen und in den engen kalten Haustren und spielen mit Scherben
und Abfllen von buntem Glasflu, demselben, aus dem die Meister die
ernsten Mosaiken von San Marco fgten. Ein Adeliger kommt selten in das
Ghetto. Hchstens zur Zeit, wenn die Judenmdchen zum Brunnen kommen,
kann man manchmal eine Gestalt, schwarz, im Mantel und mit Maske
bemerken. Gewisse Leute wissen aus Erfahrung, da diese Gestalt einen
Dolch in den Falten verborgen trgt. Jemand will einmal im Mondlicht das
Gesicht des Jnglings gesehen haben, und es wird seither behauptet,
dieser schwarze schlanke Gast sei Marcantonio Priuli, Sohn des
Proveditore Nicol Priuli und der schnen Catharina Minelli. Man wei,
er wartet unter dem Torweg des Hauses von Isaak Rosso, geht dann, wenn
es einsam wird, quer ber den Platz und tritt bei dem alten Melchisedech
ein, dem reichen Goldschmied, der viele Shne und sieben Tchter und von
den Shnen und Tchtern viele Enkel hat. Die jngste Enkelin, Esther,
erwartet ihn, an den greisen Grovater geschmiegt, in einem niederen,
dunklen Gemach, in welchem vieles glnzt und glht, und Seide und Samt
hngt sanft ber den Gefen, wie um ihre vollen, goldenen Flammen zu
stillen. Hier sitzt Marcantonio auf einem silbergestickten Kissen, dem
greisen Juden zu Fen und erzhlt von Venedig, wie von einem Mrchen,
das es nirgendwo jemals ganz so gegeben hat. Er erzhlt von den
Schauspielen, von den Schlachten des venezianischen Heeres, von fremden
Gsten, von Bildern und Bildsulen, von der Sensa am Himmelfahrtstage,
von dem Karneval und von der Schnheit seiner Mutter Catharina Minelli.
Alles das ist fr ihn von hnlichem Sinn, verschiedene Ausdrcke fr
Macht und Liebe und Leben. Den beiden Zuhrern ist alles fremd; denn die
Juden sind streng ausgeschlossen von jedem Verkehr, und auch der reiche
Melchisedech betritt niemals das Gebiet des Groen Rates, obwohl er als
Goldschmied und weil er allgemeine Achtung geno, es htte wagen drfen.
In seinem langen Leben hat der Alte seinen Glaubensgenossen, die ihn
alle wie einen Vater fhlten, manche Vergnstigung vom Rate verschafft,
aber er hatte auch immer wieder den Rckschlag erlebt. Sooft ein Unheil
ber den Staat hereinbrach, rchte man sich an den Juden; die Venezianer
selbst waren von viel zu verwandtem Geiste, als da sie, wie andere
Vlker, die Juden fr den Handel gebraucht htten, sie qulten sie mit
Abgaben, beraubten sie ihrer Gter und beschrnkten immer mehr das
Gebiet des Ghetto, so da die Familien, die sich mitten in aller Not
fruchtbar vermehrten, gezwungen waren, ihre Huser aufwrts, eines auf
das Dach des anderen zu bauen. Und ihre Stadt, die nicht am Meere lag,
wuchs so langsam in den Himmel hinaus, wie in ein anderes Meer, und um
den Platz mit dem Brunnen erhoben sich auf allen Seiten die steilen
Gebude wie die Wnde irgendeines Riesenturms.

Der reiche Melchisedech, in der Wunderlichkeit des hohen Alters, hatte
seinen Mitbrgern, Shnen und Enkeln einen befremdlichen Vorschlag
gemacht. Er wollte immer das jeweilig hchste dieser winzigen Huser,
die sich in zahllosen Stockwerken bereinanderschoben, bewohnen. Man
erfllte ihm diesen seltsamen Wunsch gerne, denn man traute ohnehin
nicht mehr der Tragkraft der unteren Mauern und setzte oben so leichte
Steine auf, da der Wind die Wnde gar nicht zu bemerken schien. So
siedelte der Greis zwei- bis dreimal im Jahre um und Esther, die ihn
nicht verlassen wollte, immer mit ihm. Schlielich waren sie so hoch,
da, wenn sie aus der Enge ihres Gemachs auf das flache Dach traten, in
der Hhe ihrer Stirnen schon ein anderes Land begann, von dessen
Gebruchen der Alte in dunklen Worten, halb psalmend, sprach. Es war
jetzt sehr weit zu ihnen hinauf; durch viele fremde Leben hindurch, ber
steile und glitschige Stufen, an scheltenden Weibern vorber und ber
die berflle hungernder Kinder hinaus ging der Weg, und seine vielen
Hindernisse beschrnkten jeden Verkehr. Auch Marcantonio kam nicht mehr
zu Besuch, und Esther vermite ihn kaum. Sie hatte ihn in den Stunden,
da sie mit ihm allein gewesen war, so gro und lange angeschaut, da ihr
schien, er wre damals tief in ihre dunklen Augen gestrzt und
gestorben, und jetzt begnne in ihr selbst sein neues, ewiges Leben, an
das er als Christ doch geglaubt hatte. Mit diesem neuen Gefhl in ihrem
jungen Leib stand sie tagelang auf dem Dache und suchte das Meer. Aber
so hoch die Behausung auch war, man erkannte zuerst nur den Giebel des
Palazzo Foscari, irgendeinen Turm, die Kuppel einer Kirche, eine fernere
Kuppel, wie frierend im Licht, und dann ein Gitter von Masten, Balken,
Stangen vor dem Rand des feuchten, zitternden Himmels.

Gegen Ende dieses Sommers zog der Alte, obwohl ihm das Steigen schon
schwer fiel, allen Widerreden zum Trotz, dennoch um; denn man hatte eine
neue Htte, hoch ber allen, gebaut. Als er nach so langer Zeit wieder
ber den Platz ging, von Esther gesttzt, da drngten sich viele um ihn
und neigten sich ber seine tastenden Hnde und baten ihn um seinen Rat
in vielen Dingen; denn er war ihnen wie ein Toter, der aus seinem Grabe
steigt, weil irgendeine Zeit sich erfllt hat. Und so schien es auch.
Die Mnner erzhlten ihm, da in Venedig ein Aufstand sei, der Adel sei
in Gefahr, und ber ein kurzes wrden die Grenzen des Ghetto fallen, und
alle wrden sich der gleichen Freiheit erfreuen. Der Alte antwortete
nichts und nickte nur, als sei ihm dieses alles lngst bekannt und noch
vieles mehr. Er trat in das Haus des Isaak Rosso, auf dessen Gipfel
seine neue Wohnung lag, und stieg, einen halben Tag lang, hinauf. Oben
bekam Esther ein blondes, zartes Kind. Nachdem sie sich erholt hatte,
trug sie es auf den Armen hinaus auf das Dach und legte zum erstenmal
den ganzen goldenen Himmel in seine offenen Augen. Es war ein
Herbstmorgen von unbeschreiblicher Klarheit. Die Dinge dunkelten, fast
ohne Glanz, nur einzelne fliegende Lichter lieen sich, wie auf groe
Blumen, auf sie nieder, ruhten eine Weile und schwebten dann ber die
goldlinigen Konturen hinaus in den Himmel. Und dort, wo sie
verschwanden, erblickte man von dieser hchsten Stelle, was noch keiner
vom Ghetto aus je gesehen hatte--, ein stilles, silbernes Licht: das
Meer. Und erst jetzt, da Esthers Augen sich an die Herrlichkeit gewhnt
hatten, bemerkte sie am Rande des Daches, ganz vorn, Melchisedech. Er
erhob sich mit ausgebreiteten Armen und zwang seine matten Augen, in den
Tag zu schauen, der sich langsam entfaltete. Seine Arme blieben hoch,
seine Stirne trug einen strahlenden Gedanken; es war, als ob er opferte.
Dann lie er sich immer wieder vornberfallen und prete den alten Kopf
an die schlechten kantigen Steine. Das Volk aber stand unten auf dem
Platze versammelt und blickte herauf. Einzelne Gebrden und Worte
erhoben sich aus der Menge, aber sie reichten nicht bis zu dem einsam
betenden Greise. Und das Volk sah den ltesten und den Jngsten wie in
den Wolken. Der Alte aber fuhr fort, sich stolz zu erheben und aufs neue
in Demut zusammenzubrechen, eine ganze Zeit. Und die Menge unten wuchs
und lie ihn nicht aus den Augen: Hat er das Meer gesehen oder Gott, den
Ewigen, in seiner Glorie?

Herr Baum bemhte sich, recht schnell etwas zu bemerken. Es gelang ihm
nicht gleich. Das Meer wahrscheinlich, -- sagte er dann trocken, es
ist ja auch ein Eindruck -- wodurch er sich besonders aufgeklrt und
verstndig erwies.

Ich verabschiedete mich eilig, aber ich konnte mich doch nicht
enthalten, ihm nachzurufen: Vergessen Sie nicht, die Begebenheit Ihren
Kindern zu erzhlen. Er besann sich: Den Kindern? Wissen Sie, da ist
dieser junge Adlige, dieser Antonio, oder wie er heit, ein ganz und gar
nicht schner Charakter und dann: das Kind, dieses Kind! Das drfte doch
-- fr Kinder-- O, beruhigte ich ihn, Sie haben vergessen,
verehrter Herr, da die Kinder von Gott kommen! Wie sollten die Kinder
zweifeln, da Esther eines bekam, da sie doch so nahe am Himmel wohnt!

Auch diese Geschichte haben die Kinder vernommen, und wenn man sie
fragt, wie sie darber denken, was der alte Jude Melchisedech wohl
erblickt haben mag in seiner Verzckung, so sagen sie ohne nachzusinnen:
O, das Meer auch.




VON EINEM, DER DIE STEINE BELAUSCHT


Ich bin schon wieder bei meinem lahmen Freunde. Er lchelt in seiner
eigentmlichen Art: Und von Italien haben Sie mir noch nie erzhlt.
Das soll heien, ich mge es so bald als mglich nachholen?

Ewald nickt und schliet schon die Augen, um zuzuhren. Ich fange also
an. Was wir Frhling fhlen, sieht Gott als ein flchtiges, kleines
Lcheln ber die Erde gehen. Sie scheint sich an etwas zu erinnern, im
Sommer erzhlt sie allen davon, bis sie weiser wird in der groen,
herbstlichen Schweigsamkeit, mit welcher sie sich Einsamen vertraut.
Alle Frhlinge, welche Sie und ich erlebt haben, zusammengenommen,
reichen noch nicht aus, eine Sekunde Gottes zu fllen. Der Frhling, den
Gott bemerken soll, darf nicht in Bumen und auf Wiesen bleiben, er mu
irgendwie in den Menschen mchtig werden, denn dann geht er sozusagen
nicht in der Zeit, vielmehr in der Ewigkeit vor sich und in Gegenwart
Gottes.

Als dieses einmal geschah, muten Gottes Blicke in ihren dunkeln
Schwingen ber Italien hngen. Das Land unten war hell, die Zeit glnzte
wie Gold, aber quer darber, wie ein dunkler Weg, lag der Schatten eines
breiten Mannes, schwer und schwarz, und weit davor der Schatten seiner
schaffenden Hnde, unruhig, zuckend, bald ber Pisa, bald ber Neapel,
bald zerflieend auf der ungewissen Bewegung des Meeres. Gott konnte
seine Augen nicht abwenden von diesen Hnden, die ihm zuerst gefaltet
schienen, wie betende, -- aber das Gebet, welches ihnen entquoll,
drngte sie weit auseinander. Es wurde eine Stille in den Himmeln. Alle
Heiligen folgten den Blicken Gottes und betrachteten wie er den
Schatten, der halb Italien verhllte, und die Hymnen der Engel blieben
auf ihren Gesichtern stehen, und die Sterne zitterten, denn sie
frchteten, irgend etwas verschuldet zu haben, und warteten demtig auf
Gottes zorniges Wort. Aber nichts dergleichen geschah. Die Himmel hatten
sich in ihrer ganzen Breite ber Italien aufgetan, so da Raffael in Rom
auf den Knien lag, und der selige Fra Angelico von Fiesole stand in
einer Wolke und freute sich ber ihn. Viele Gebete waren zu dieser
Stunde von der Erde unterwegs. Gott aber erkannte nur eines: die Kraft
Michelangelos stieg wie Duft von Weinbergen zu ihm empor. Und er
duldete, da sie seine Gedanken erfllte. Er neigte sich tiefer, fand
den schaffenden Mann, sah ber seine Schultern fort auf die am Steine
horchenden Hnde und erschrak: sollten in den Steinen auch Seelen sein?
Warum belauschte dieser Mann die Steine? Und nun erwachten ihm die Hnde
und whlten den Stein auf wie ein Grab, darin eine schwache, sterbende
Stimme flackert: 'Michelangelo,' rief Gott in Bangigkeit, 'wer ist im
Stein?' Michelangelo horchte auf; seine Hnde zitterten. Dann antwortete
er dumpf: 'Du, mein Gott, wer denn sonst. Aber ich kann nicht zu dir.'
Und da fhlte Gott, da er auch im Steine sei, und es wurde ihm
ngstlich und enge. Der ganze Himmel war nur ein Stein, und er war
mitten drin eingeschlossen und hoffte auf die Hnde Michelangelos, die
ihn befreien wrden, und er hrte sie kommen, aber noch weit. Der
Meister aber war wieder ber dem Werke. Er dachte bestndig: du bist nur
ein kleiner Block, und ein anderer knnte in dir kaum einen Menschen
finden. Ich aber fhle hier eine Schulter: es ist die des Josef von
Arimatha, hier neigt sich Maria, ich spre ihre zitternden Hnde,
welche Jesum, unseren Herrn, halten, der eben am Kreuze verstarb. Wenn
in diesem kleinen Marmor diese drei Raum haben, wie sollte ich nicht
einmal ein schlafendes Geschlecht aus einem Felsen heben? Und mit
breiten Hieben machte er die drei Gestalten der Piet frei, aber er
lste nicht ganz die steinernen Schleier von ihren Gesichtern, als
frchtete er, ihre tiefe Traurigkeit knnte sich lhmend ber seine
Hnde legen. So flchtete er zu einem anderen Steine. Aber jedesmal
verzagte er, einer Stirne ihre volle Klarheit, einer Schulter ihre
reinste Rundung zu geben, und wenn er ein Weib bildete, so legte er
nicht das letzte Lcheln um ihren Mund, damit ihre Schnheit nicht ganz
verraten sei.

Zu dieser Zeit entwarf er das Grabdenkmal fr Julius della Rovere. Einen
Berg wollte er bauen ber den eisernen Papst und ein Geschlecht dazu,
welches diesen Berg bevlkerte. Von vielen dunkeln Plnen erfllt, ging
er hinaus nach seinen Marmorbrchen. ber einem armen Dorf erhob sich
steil der Hang. Umrahmt von Oliven und welkem Gestein, erschienen die
frisch gebrochenen Flchen wie ein groes blasses Gesicht unter
alterndem Haar. Lange stand Michelangelo vor seiner verhllten Stirne.
Pltzlich bemerkte er darunter zwei riesige Augen aus Stein, welche ihn
betrachteten. Und Michelangelo fhlte seine Gestalt wachsen unter dem
Einflu dieses Blickes. Jetzt ragte auch er ber dem Land, und es war
ihm, als ob er von Ewigkeit her diesem Berg brderlich gegenberstnde.
Das Tal wich unter ihm zurck wie unter einem Steigenden, die Htten
drngten sich wie Herden aneinander, und nher und verwandter zeigte
sich das Felsengesicht unter seinen weien steinernen Schleiern. Es
hatte einen wartenden Ausdruck, reglos und doch am Rande der Bewegung.
Michelangelo dachte nach: 'Man kann dich nicht zerschlagen, du bist ja
nur Eines,' und dann hob er seine Stimme: 'Dich will ich vollenden, du
bist mein Werk.' Und er wandte sich nach Florenz zurck. Er sah einen
Stern und den Turm vom Dom. Und um seine Fe war Abend.

Mit einem Mal, an der Porta Romana, zgerte er. Die beiden Huserreihen
streckten sich wie Arme nach ihm aus, und schon hatten sie ihn ergriffen
und zogen ihn hinein in die Stadt. Und immer enger und dmmernder wurden
die Gassen, und als er sein Haus betrat, da wute er sich in dunkeln
Hnden, denen er nicht entgehen konnte. Er flchtete in den Saal und von
da in die niedere, kaum zwei Schritte lange Kammer, darin er zu
schreiben pflegte. Ihre Wnde legten sich an ihn, und es war, als
kmpften sie mit seinen bermaen und zwngten ihn zurck in die alte,
enge Gestalt. Und er duldete es. Er drckte sich in die Knie und lie
sich formen von ihnen. Er fhlte eine nie gekannte Demut in sich und
hatte selbst den Wunsch, irgendwie klein zu sein. Und eine Stimme kam:
'Michelangelo, wer ist in dir?' Und der Mann in der schmalen Kammer
legte die Stirn schwer in die Hnde und sagte leise: 'Du, mein Gott, wer
denn sonst.'

Und da wurde es weit um Gott, und er hob sein Gesicht, welches ber
Italien war, frei empor und schaute um sich: in Mnteln und Mitren
standen die Heiligen da, und die Engel gingen mit ihren Gesngen wie mit
Krgen voll glnzenden Quells unter den drstenden Sternen umher, und es
war der Himmel kein Ende.

Mein lahmer Freund hob seine Blicke und duldete, da die Abendwolken sie
mitzogen ber den Himmel hin: Ist Gott denn _dort_? fragte er. Ich
schwieg. Dann neigte ich mich zu ihm: Ewald, sind wir denn _hier_? Und
wir hielten uns herzlich die Hnde.




WIE DER FINGERHUT DAZU KAM, DER LIEBE GOTT ZU SEIN


Als ich vom Fenster forttrat, waren die Abendwolken immer noch da. Sie
schienen zu warten. Soll ich ihnen auch eine Geschichte erzhlen? Ich
schlug es ihnen vor. Aber sie hrten mich gar nicht. Um mich
verstndlich zu machen und die Entfernung zwischen uns zu beschrnken,
rief ich: Ich bin auch eine Abendwolke. Sie blieben stehen, offenbar
betrachteten sie mich. Dann streckten sie mir ihre feinen,
durchscheinenden rtlichen Flgel entgegen. Das ist die Art, wie
Abendwolken sich begren. Sie hatten mich erkannt.

Wir sind ber der Erde, -- erklrten sie -- genauer ber Europa, und
du? Ich zgerte: Es ist da ein Land-- Wie sieht es aus?
erkundigten sie sich. Nun, entgegnete ich -- Dmmerung mit Dingen--
Das ist Europa auch, lachte eine junge Wolke. Mglich, sagte ich,
aber ich habe immer gehrt: die Dinge in Europa sind tot. Ja,
allerdings, bemerkte eine andere verchtlich. Was wre das fr ein
Unsinn: lebende Dinge? Nun, beharrte ich, meine leben. Das ist also
der Unterschied. Sie knnen verschiedenes werden, und ein Ding, welches
als Bleistift oder als Ofen zur Welt kommt, mu deshalb noch nicht an
seinem Fortkommen verzweifeln. Ein Bleistift kann mal ein Stock, wenn es
gut geht, ein Mastbaum, ein Ofen aber mindestens ein Stadttor werden.

Du scheinst mir eine recht einfltige Abendwolke zu sein, sagte die
junge Wolke, welche sich schon frher so wenig zurckhaltend ausgedrckt
hatte. Ein alter Wolkerich frchtete, sie knnte mich beleidigt haben.
Es gibt ganz verschiedene Lnder, begtigte er, ich war einmal ber
ein kleines deutsches Frstentum geraten, und ich glaube bis heute
nicht, da das zu Europa gehrte. Ich dankte ihm und sagte: Wir werden
uns schwer einigen knnen, sehe ich. Erlauben Sie, ich werde Ihnen
einfach das erzhlen, was ich in der letzten Zeit unter mir erblickte,
das wird wohl das beste sein. Bitte, gestattete der weise Wolkerich
im Auftrage aller. Ich begann: Menschen sind in einer Stube. Ich bin
ziemlich hoch, mt ihr wissen, und so kommt es: sie sehen fr mich wie
Kinder aus; deshalb will ich auch einfach sagen: Kinder. Also: Kinder
sind in einer Stube. Zwei, fnf, sechs, sieben Kinder. Es wrde zu lange
dauern, sie um ihre Namen zu fragen. brigens scheinen die Kinder eifrig
etwas zu besprechen; bei dieser Gelegenheit wird sich ja der eine oder
der andere Name verraten. Sie stehen wohl schon eine ganze Weile so
beisammen, denn der lteste (ich vernehme, da er Hans gerufen wird)
bemerkt gleichsam abschlieend: 'Nein, so kann es entschieden nicht
bleiben. Ich habe gehrt, frher haben die Eltern den Kindern am Abend
immer, oder wenigstens an braven Abenden -- Geschichten erzhlt bis zum
Einschlafen. Kommt so etwas heute vor?' Eine kleine Pause, dann
antwortet Hans selbst: 'Es kommt nicht vor, nirgends. Ich fr meinen
Teil, auch weil ich schon gro bin gewissermaen, schenke ihnen ja gern
diese paar elenden Drachen, mit denen sie sich qulen wrden, aber
immerhin, es gehrt sich, da sie uns sagen, es gibt Nixen, Zwerge,
Prinzen und Ungeheuer.' 'Ich habe eine Tante,' bemerkte eine Kleine,
'die erzhlt mir manchmal--' 'Ach was,' schneidet Hans kurz ab, 'Tanten
gelten nicht, die lgen.' Die ganze Gesellschaft war sehr
eingeschchtert angesichts dieser khnen, aber unwiderlegten Behauptung.
Hans fhrt fort: 'Auch handelt es sich hier vor allem um die Eltern,
weil diese gewissermaen die Verpflichtung haben, uns in dieser Weise zu
unterrichten: bei den anderen ist es mehr Gte. Verlangen kann man es
nicht von ihnen. Aber gebt nur mal acht: was tun unsere Eltern? Sie
gehen mit bsen gekrnkten Gesichtern umher, nichts ist ihnen recht, sie
schreien und schelten, aber dabei sind sie doch so gleichgltig, und
wenn die Welt unterginge, sie wrden es kaum bemerken. Sie haben etwas,
was sie Ideale nennen. Vielleicht ist das auch so eine Art kleine
Kinder, die nicht allein bleiben drfen und sehr viel Mhe machen; aber
dann htten sie eben uns nicht haben drfen. Nun, ich denke so, Kinder:
da die Eltern uns vernachlssigen, ist traurig, gewi. Aber wir wrden
das dennoch ertragen, wenn es nicht ein Beweis wre dafr, da die
Groen berhaupt dumm werden, zurckgehen, wenn man so sagen darf. Wir
knnen ihren Verfall nicht aufhalten; denn wir knnen den ganzen Tag
keinen Einflu auf sie ausben, und kommen wir spt aus der Schule nach
Haus, wird kein Mensch verlangen, da wir uns hinsetzen und versuchen,
sie fr etwas Vernnftiges zu interessieren. Es tut einem auch recht
weh, wenn man so unter der Lampe sitzt und sitzt, und die Mutter
begreift nicht einmal den pythagoreischen Lehrsatz. Nun, es ist einmal
nicht anders. So werden die Groen immer dmmer werden ... es schadet
nichts: was kann uns dabei verloren gehen? die Bildung? Sie ziehen den
Hut voreinander, und wenn eine Glatze dabei zum Vorschein kommt, so
lachen sie. berhaupt: sie lachen bestndig. Wenn wir nicht dann und
wann so vernnftig wren, zu weinen, es gbe durchaus kein Gleichgewicht
auch in diesen Angelegenheiten. Dabei sind sie von einem Hochmut: sie
behaupten sogar, der Kaiser sei ein Erwachsener. Ich habe in den
Zeitungen gelesen, der Knig von Spanien sei ein Kind, so ist es mit
allen Knigen und Kaisern, -- lat euch nur nichts einreden! Aber neben
allem berflssigen haben die Groen doch etwas, was uns durchaus nicht
gleichgltig sein kann: den lieben Gott. Ich habe ihn zwar noch bei
keinem von ihnen gesehen, -- aber gerade das ist verdchtig. Es ist mir
eingefallen, sie knnten ihn in ihrer Zerstreutheit, Geschftigkeit und
Hast irgendwo verloren haben. Nun ist er aber etwas durchaus
Notwendiges. Verschiedenes kann ohne ihn nicht geschehen, die Sonne kann
nicht aufgehen, keine Kinder knnen kommen, aber auch das Brot wird
aufhren. Wenn es auch beim Bcker herauskommt, der liebe Gott sitzt und
dreht die groen Mhlen. Es lassen sich leicht viele Grnde finden,
weshalb der liebe Gott etwas Unentbehrliches ist. Aber so viel steht
fest, die Groen kmmern sich nicht um ihn, also mssen wir Kinder es
tun. Hrt, was ich mir ausgedacht habe. Wir sind genau sieben Kinder.
Jedes mu den lieben Gott einen Tag tragen, dann ist er die ganze Woche
bei uns, und man wei immer, wo er sich gerade befindet.'

Hier entstand eine groe Verlegenheit. Wie sollte das geschehen? Konnte
man denn den lieben Gott in die Hand nehmen oder in die Tasche stecken?
Dazu erzhlte ein Kleiner: 'Ich war allein im Zimmer. Eine kleine Lampe
brannte nahe bei mir, und ich sa im Bett und sagte mein Abendgebet --
sehr laut. Es rhrte sich etwas in meinen gefalteten Hnden. Es war
weich und warm und wie ein kleines Vgelchen. Ich konnte die Hnde nicht
auftun, denn das Gebet war noch nicht aus. Aber ich war sehr neugierig
und betete furchtbar schnell. Dann beim Amen machte ich so (der Kleine
streckte die Hnde aus und spreizte die Finger), aber es war nichts da.'

Das konnten sich alle vorstellen. Auch Hans wute keinen Rat. Alle
schauten ihn an. Und auf einmal sagte er: 'Das ist ja dumm. Ein jedes
Ding kann der liebe Gott sein. Man mu es ihm nur sagen.' Er wandte sich
an den ihm zunchst stehenden, rothaarigen Knaben. 'Ein Tier kann das
nicht. Es luft davon. Aber ein Ding, siehst du, es steht, du kommst in
die Stube, bei Tag, bei Nacht, es ist immer da, es kann wohl der liebe
Gott sein.' Allmhlich berzeugten sich die anderen davon. 'Aber wir
brauchen einen kleinen Gegenstand, den man berall mittragen kann, sonst
hat es ja keinen Sinn. Leert einmal alle eure Taschen aus.' Da zeigten
sich nun sehr seltsame Dinge: Papierschnitzel, Federmesser, Radiergummi,
Federn, Bindfaden, kleine Steine, Schrauben, Pfeifen, Holzspnchen und
vieles andere, was sich aus der Ferne gar nicht erkennen lt, oder
wofr der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten
Hnden der Kinder, wie erschrocken ber die pltzliche Mglichkeit, der
liebe Gott zu werden, und welches von ihnen ein bichen glnzen konnte,
glnzte, um dem Hans zu gefallen. Lange schwankte die Wahl. Endlich fand
sich bei der kleinen Resi ein Fingerhut, den sie ihrer Mutter einmal
weggenommen hatte. Er war licht wie aus Silber, und um seiner Schnheit
willen wurde er der liebe Gott. Hans selbst steckte ihn ein, denn er
begann die Reihe, und alle Kinder gingen den ganzen Tag hinter ihm her
und waren stolz auf ihn. Nur schwer einigte man sich, wer ihn morgen
haben sollte, und Hans stellte in seiner Umsicht dann das Programm
gleich fr die ganze Woche fest, damit kein Streit ausbrche.

Diese Einrichtung erwies sich im ganzen als beraus zweckmig. Wer den
lieben Gott gerade hatte, konnte man auf den ersten Blick erkennen. Denn
der Betreffende ging etwas steifer und feierlicher und machte ein
Gesicht wie am Sonntag. Die ersten drei Tage sprachen die Kinder von
nichts anderem. Jeden Augenblick verlangte eines den lieben Gott zu
sehen, und wenn sich der Fingerhut unter dem Einflu seiner groen Wrde
auch gar nicht verndert hatte, das Fingerhutliche an ihm erschien jetzt
nur als ein bescheidenes Kleid um seine wirkliche Gestalt. Alles ging
nach der Ordnung vor sich. Am Mittwoch hatte ihn Paul, am Donnerstag die
kleine Anna. Der Samstag kam. Die Kinder spielten Fangen und tollten
atemlos durcheinander, als Hans pltzlich rief: 'Wer hat denn den lieben
Gott?' Alle standen. Jedes sah das andere an. Keines erinnerte sich, ihn
seit zwei Tagen gesehen zu haben. Hans zhlte ab, wer an der Reihe sei;
es kam heraus: die kleine Marie. Und nun verlangte man ohne weiteres von
der kleinen Marie den lieben Gott. Was war da zu tun? Die Kleine kratzte
in ihren Taschen herum. Jetzt fiel ihr erst ein, da sie ihn am Morgen
erhalten hatte; aber jetzt war er fort, wahrscheinlich hatte sie ihn
hier beim Spielen verloren.

Und als alle Kinder nach Hause gingen, blieb die Kleine auf der Wiese
zurck und suchte. Das Gras war ziemlich hoch. Zweimal kamen Leute
vorber und fragten, ob sie etwas verloren htte. Jedesmal antwortete
das Kind: 'Einen Fingerhut' -- und suchte. Die Leute taten eine Weile
mit, wurden aber bald des Bckens mde, und einer riet im Fortgehen:
'Geh lieber nach Haus, man kann ja einen neuen kaufen.' Dennoch suchte
Mariechen weiter. Die Wiese wurde immer fremder in der Dmmerung, und
das Gras begann na zu werden. Da kam wieder ein Mann. Er beugte sich
ber das Kind: 'Was suchst du?' Jetzt antwortete Mariechen, nicht weit
vom Weinen, aber tapfer und trotzig: 'Den lieben Gott.' Der Fremde
lchelte, nahm sie einfach bei der Hand, und sie lie sich fhren, als
ob jetzt alles gut wre. Unterwegs sagte der fremde Mann: 'Und sieh mal,
was ich heute fr einen schnen Fingerhut gefunden habe.'--

Die Abendwolken waren schon lngst ungeduldig. Jetzt wandte sich der
weise Wolkerich, welcher indessen dick geworden war, zu mir: Verzeihen
Sie, drfte ich nicht den Namen des Landes -- ber welchem Sie-- Aber
die anderen Wolken liefen lachend in den Himmel hinein und zogen den
Alten mit.




EIN MRCHEN VOM TOD UND EINE FREMDE NACHSCHRIFT DAZU


Ich schaute noch immer hinauf in den langsam verlschenden Abendhimmel,
als jemand sagte: Sie scheinen sich ja fr das Land da oben sehr zu
interessieren?

Mein Blick fiel schnell, wie heruntergeschossen, und ich erkannte: ich
war an die niedere Mauer unseres kleinen Kirchhofs geraten, und vor mir,
jenseits derselben, stand der Mann mit dem Spaten und lchelte ernst.
Ich interessiere mich wieder fr dieses Land hier, ergnzte er und
wies nach der schwarzen, feuchten Erde, welche an manchen Stellen
hervorsah aus den vielen welken Blttern, die sich rauschend rhrten,
whrend ich nicht wute, da ein Wind begonnen hatte. Pltzlich sagte
ich, von heftigem Abscheu erfat: Warum tun Sie das da? Der
Totengrber lchelte immer noch: Es ernhrt einen auch -- und dann, ich
bitte Sie, tun nicht die meisten Menschen das gleiche? Sie begraben Gott
dort, wie ich die Menschen hier. Er zeigte nach dem Himmel und erklrte
mir: Ja, das ist auch ein groes Grab, im Sommer stehen wilde
Vergimeinnicht drauf-- Ich unterbrach ihn: Es gab eine Zeit, wo die
Menschen Gott im Himmel begruben, das ist wahr-- Ist das anders
geworden? fragte er seltsam traurig. Ich fuhr fort: Einmal warf jeder
eine Hand Himmel ber ihn, ich wei. Aber da war er eigentlich schon
nicht mehr dort, oder doch-- Ich zgerte.

Wissen Sie, begann ich dann von neuem, in alten Zeiten beteten die
Menschen so. Ich breitete die Arme aus und fhlte unwillkrlich meine
Brust gro werden dabei. Damals warf sich Gott in alle diese Abgrnde
voll Demut und Dunkelheit, und nur ungern kehrte er in seine Himmel
zurck, die er, unvermerkt, immer nher ber die Erde zog. Aber ein
neuer Glaube begann. Da dieser den Menschen nicht verstndlich machen
konnte, worin sein neuer Gott sich von jenem alten unterscheide (sobald
er ihn nmlich zu preisen begann, erkannten die Menschen sofort den
einen alten Gott auch hier), so vernderte der Verknder des neuen
Gebotes die Art zu beten. Er lehrte das Hndefalten und entschied:
'Seht, unser Gott will so gebeten sein, also ist er ein anderer als der,
den ihr bisher in euren Armen glaubtet zu empfangen.' Die Menschen sahen
das ein, und die Gebrde der offenen Arme wurde eine verchtliche und
schreckliche, und spter heftete man sie ans Kreuz, um sie allen als ein
Symbol der Not und des Todes zu zeigen.

Als Gott aber das nchste Mal wieder auf die Erde niederblickte,
erschrak er. Neben den vielen gefalteten Hnden hatte man viele gotische
Kirchen gebaut, und so streckten sich ihm die Hnde und die Dcher,
gleich steil und scharf, wie feindliche Waffen entgegen. Bei Gott ist
eine andere Tapferkeit. Er kehrte in seine Himmel zurck, und als er
merkte, da die Trme und die neuen Gebete hinter ihm her wuchsen, da
ging er auf der anderen Seite aus seinen Himmeln hinaus und entzog sich
so der Verfolgung. Er war selbst berrascht, jenseits von seiner
strahlenden Heimat ein beginnendes Dunkel zu finden, das ihn schweigend
empfing, und er ging mit einem seltsamen Gefhl immer weiter in dieser
Dmmerung, welche ihn an die Herzen der Menschen erinnerte. Da fiel es
ihm zuerst ein, da die Kpfe der Menschen licht, ihre Herzen aber voll
eines hnlichen Dunkels sind, und eine Sehnsucht berkam ihn, in den
Herzen der Menschen zu wohnen und nicht mehr durch das klare, kalte
Wachsein ihrer Gedanken zu gehen. Nun, Gott hat seinen Weg fortgesetzt.
Immer dichter wird um ihn die Dunkelheit, und die Nacht, durch die er
sich drngt, hat etwas von der duftenden Wrme fruchtbarer Schollen. Und
nicht lange mehr, so strecken sich ihm die Wurzeln entgegen mit der
alten schnen Gebrde des breiten Gebetes. Es gibt nichts Weiseres als
den Kreis. Der Gott, der uns in den Himmeln entfloh, aus der Erde wird
er uns wiederkommen. Und, wer wei, vielleicht graben gerade Sie einmal
das Tor... Der Mann mit dem Spaten sagte: Aber das ist ein Mrchen.
In unserer Stimme, erwiderte ich leise, wird alles Mrchen, denn es
kann sich ja in ihr nie begeben haben. Der Mann schaute eine Weile vor
sich hin. Dann zog er mit heftigen Bewegungen den Rock an und fragte:
Wir knnen ja wohl zusammen gehen? Ich nickte: Ich gehe nach Hause.
Es wird wohl derselbe Weg sein. Aber wohnen Sie nicht hier? Er trat aus
der kleinen Gittertr, legte sie sanft in ihre klagenden Angeln zurck
und entgegnete: Nein.

Nach ein paar Schritten wurde er vertraulicher: Sie haben ganz recht
gehabt vorhin. Es ist seltsam, da sich niemand findet, der das tun mag,
das da drauen. Ich habe frher nie daran gedacht. Aber jetzt, seit ich
lter werde, kommen mir manchmal Gedanken, eigentmliche Gedanken, wie
der mit dem Himmel, und noch andere. Der Tod. Was wei man davon?
Scheinbar alles und vielleicht nichts. Oft stehen die Kinder (ich wei
nicht, wem sie gehren) um mich, wenn ich arbeite. Und mir fllt gerade
so etwas ein. Dann grabe ich wie ein Tier, um alle meine Kraft aus dem
Kopfe fortzuziehen und sie in den Armen zu verbrauchen. Das Grab wird
viel tiefer, als die Vorschrift verlangt, und ein Berg Erde wchst
daneben auf. Die Kinder aber laufen davon, da sie meine wilden
Bewegungen sehen. Sie glauben, da ich irgendwie zornig bin. Er dachte
nach. Und es ist ja auch eine Art Zorn. Man wird abgestumpft, man
glaubt es berwunden zu haben, und pltzlich ... Es hilft nichts, der
Tod ist etwas Unbegreifliches, Schreckliches.

Wir gingen eine lange Strae unter schon ganz bltterlosen Obstbumen,
und der Wald begann, uns zur Linken, wie eine Nacht, die jeden
Augenblick auch ber uns hereinbrechen kann. Ich will Ihnen eine kleine
Geschichte berichten, versuchte ich, sie reicht gerade bis an den
Ort. Der Mann nickte und zndete sich seine kurze, alte Pfeife an. Ich
erzhlte:

Es waren zwei Menschen, ein Mann und ein Weib, und sie hatten einander
lieb. Liebhaben, das heit nichts annehmen, von nirgends, alles
vergessen und von _einem_ Menschen alles empfangen wollen, das was man
schon besa und alles andere. So wnschten es die beiden Menschen
gegenseitig. Aber in der Zeit, im Tage, unter den vielen, was alles
kommt und geht, oft ehe man eine wirkliche Beziehung dazu gewinnt, lt
sich ein solches Liebhaben gar nicht durchfhren, die Ereignisse kommen
von allen Seiten, und der Zufall ffnet ihnen jede Tr.

Deshalb beschlossen die beiden Menschen aus der Zeit in die Einsamkeit
zu gehen, weit fort vom Uhrenschlagen und von den Geruschen der Stadt.
Und dort erbauten sie sich in einem Garten ein Haus. Und das Haus hatte
zwei Tore, eines an seiner rechten, eines an seiner linken Seite. Und
das rechte Tor war des Mannes Tor, und alles Seine sollte durch dasselbe
in das Haus einziehen. Das linke aber war das Tor des Weibes; und was
ihres Sinnes war, sollte durch seinen Bogen eintreten. So geschah es.
Wer zuerst erwachte am Morgen, stieg hinab und tat sein Tor auf. Und da
kam dann bis spt in die Nacht gar manches herein, wenn auch das Haus
nicht am Rande des Weges lag. Zu denen, die zu empfangen verstehen,
kommt die Landschaft ins Haus und das Licht und ein Wind mit einem Duft
auf den Schultern und viel anderes mehr. Aber auch Vergangenheiten,
Gestalten, Schicksale traten durch die beiden Tore ein, und allen wurde
die gleiche, schlichte Gastlichkeit zuteil, so da sie meinten, seit
immer in dem Heidehaus gewohnt zu haben. So ging es eine lange Zeit
fort, und die beiden Menschen waren sehr glcklich dabei. Das linke Tor
war etwas hufiger geffnet, aber durch das rechte traten buntere Gste
ein. Vor diesem wartete auch eines Morgens -- der Tod. Der Mann schlug
seine Tr eilends zu, als er ihn bemerkte, und hielt sie den ganzen Tag
ber fest verschlossen. Nach einiger Zeit tauchte der Tod vor dem linken
Eingang auf. Zitternd warf das Weib das Tor zu und schob den breiten
Riegel vor. Sie sprachen nicht miteinander ber dieses Ereignis, aber
sie ffneten seltener die beiden Tore und suchten mit dem auszukommen,
was im Hause war. Da lebten sie nun freilich viel rmlicher als vorher.
Ihre Vorrte wurden knapp, und es stellten sich Sorgen ein. Sie begannen
beide, schlecht zu schlafen, und in einer solchen wachen, langen Nacht
vernahmen sie pltzlich zugleich ein seltsames, schlrfendes und
pochendes Gerusch. Es war hinter der Wand des Hauses, gleich weit
entfernt von den beiden Toren, und klang, als ob jemand begnne, Steine
auszubrechen, um ein neues Tor mitten in die Mauer zu bauen. Die beiden
Menschen taten in ihrem Schrecken dennoch, als ob sie nichts Besonderes
vernhmen. Sie begannen zu sprechen, lachten unnatrlich laut, und als
sie mde wurden, war das Whlen in der Wand verstummt. Seither bleiben
die beiden Tore ganz geschlossen. Die Menschen leben wie Gefangene.
Beide sind krnklich geworden und haben seltsame Einbildungen. Das
Gerusch wiederholt sich von Zeit zu Zeit. Dann lachen sie mit ihren
Lippen, whrend ihre Herzen fast sterben vor Angst. Und sie wissen
beide, da das Graben immer lauter und deutlicher wird, und mssen immer
lauter sprechen und lachen mit ihren immer matteren Stimmen.

Ich schwieg. Ja, ja--, sagte der Mann neben mir, so ist es, das ist
eine wahre Geschichte.

Diese habe ich in einem alten Buche gelesen, fgte ich hinzu, und da
ereignete sich etwas sehr Merkwrdiges dabei. Hinter der Zeile, darin
erzhlt wird, wie der Tod auch vor dem Tore des Weibes erschien, war mit
alter, verwelkter Tinte ein kleines Sternchen gezeichnet. Es sah aus den
Worten wie aus Wolken hervor, und ich dachte einen Augenblick, wenn die
Zeilen sich verzgen, so knnte offenbar werden, da hinter ihnen lauter
Sterne stehen, wie es ja wohl manchmal geschieht, wenn der
Frhlingshimmel sich spt am Abend klrt. Dann verga ich des
unbedeutenden Umstandes ganz, bis ich hinten im Einband des Buches
dasselbe Sternchen, wie gespiegelt in einem See, in dem glatten
Glanzpapier wiederfand, und nah unter demselben begannen zarte Zeilen,
die wie Wellen in der blassen spiegelnden Flche verliefen. Die Schrift
war an vielen Stellen undeutlich geworden, aber es gelang mir doch, sie
fast ganz zu entziffern. Da stand etwa:

'Ich habe diese Geschichte so oft gelesen, und zwar in allen mglichen
Tagen, da ich manchmal glaube, ich habe sie selbst, aus der Erinnerung
aufgezeichnet. Aber bei mir geht es im weiteren Verlaufe so zu, wie ich
es hier niederschreibe. Das Weib hatte den Tod nie gesehen, arglos lie
sie ihn eintreten. Der Tod aber sagte etwas hastig, und wie einer,
welcher kein gutes Gewissen hat: 'Gib das deinem Mann.' Und er fgte,
als das Weib ihn fragend anblickte, eilig hinzu: 'Es ist Samen, sehr
guter Samen.' Dann entfernte er sich, ohne zurckzusehen. Das Weib
ffnete das Sckchen, welches er ihr in die Hand gelegt hatte; es fand
sich wirklich eine Art Samen darin, harte, hliche Krner. Da dachte
das Weib: der Same ist etwas Unfertiges, Zuknftiges. Man kann nicht
wissen, was aus ihm wird. Ich will diese unschnen Krner nicht meinem
Manne geben, sie sehen gar nicht aus wie ein Geschenk. Ich will sie
lieber in das Beet unseres Gartens drcken und warten, was sich aus
ihnen erhebt. Dann will ich ihn davor fhren und ihm erzhlen, wie ich
zu dieser Pflanze kam. Also tat das Weib auch. Dann lebten sie dasselbe
Leben weiter. Der Mann, der immer daran denken mute, da der Tod vor
seinem Tore gestanden hatte, war anfangs etwas ngstlich, aber da er das
Weib so gastlich und sorglos sah wie immer, tat auch er bald wieder die
breiten Flgel seines Tores auf, so da viel Leben und Licht in das Haus
hereinkam. Im nchsten Frhjahr stand mitten im Beete zwischen den
schlanken Feuerlilien ein kleiner Strauch. Er hatte schmale,
schwrzliche Bltter, etwas spitz, hnlich denen des Lorbeers, und es
lag ein sonderbarer Glanz auf ihrer Dunkelheit. Der Mann nahm sich
tglich vor, zu fragen, woher diese Pflanze stamme. Aber er unterlie es
tglich. In einem verwandten Gefhl verschwieg auch das Weib von einem
Tag zum andern die Aufklrung. Aber die unterdrckte Frage auf der
einen, die nie gewagte Antwort auf der anderen Seite fhrte die beiden
Menschen oft bei diesem Strauch zusammen, der sich in seiner grnen
Dunkelheit so seltsam von dem Garten unterschied. Als das nchste
Frhjahr kam, da beschftigten sie sich wie mit den anderen Gewchsen
auch mit dem Strauch, und sie wurden traurig, als er, umringt von lauter
steigenden Blten, unverndert und stumm, wie im ersten Jahr, gegen alle
Sonne taub, sich erhob. Damals beschlossen sie, ohne es einander zu
verraten, gerade diesem im dritten Frhjahr ihre ganze Kraft zu widmen,
und als dieses Frhjahr erschien, erfllten sie leise und Hand in Hand,
was sich jeder versprochen hatte. Der Garten umher verwilderte, und die
Feuerlilien schienen blasser als sonst zu sein. Aber einmal, als sie
nach einer schweren, bedeckten Nacht in den Morgengarten, den stillen,
schimmernden traten, da wuten sie: aus den schwarzen, scharfen Blttern
des fremden Strauches war unversehrt eine blasse, blaue Blte gestiegen,
welcher die Knospenschalen schon an allen Seiten enge wurden. Und sie
standen davor vereint und schweigend, und jetzt wuten sie sich erst
recht nichts zu sagen. Denn sie dachten: nun blht der Tod, und neigten
sich zugleich, um den Duft der jungen Blte zu kosten. -- Seit diesem
Morgen aber ist alles anders geworden in der Welt.' So stand es in dem
Einband des alten Buches, schlo ich.

Und wer das geschrieben hat? drngte der Mann.

Eine Frau nach der Schrift, antwortete ich. Aber was htte es
geholfen, nachzuforschen. Die Buchstaben waren sehr verblat und etwas
altmodisch. Wahrscheinlich war sie schon lngst tot.

Der Mann war ganz in Gedanken. Endlich bekannte er: Nur eine
Geschichte, und doch rhrt es einen so an. Nun, das ist, wenn man
selten Geschichten hrt, begtigte ich. Meinen Sie? Er reichte mir
seine Hand, und ich hielt sie fest. Aber ich mchte sie gerne
weitersagen. Das darf man doch? Ich nickte. Pltzlich fiel ihm ein:
Aber ich habe niemanden. Wem sollte ich sie auch erzhlen? Nun, das
ist einfach; den Kindern, die Ihnen manchmal zusehen kommen. Wem sonst?

Die Kinder haben auch richtig die letzten drei Geschichten gehrt.
Allerdings, die von den Abendwolken wiederholte, nur teilweise, wenn ich
gut unterrichtet bin. Die Kinder sind ja klein und darum von den
Abendwolken viel weiter als wir. Doch das ist bei dieser Geschichte ganz
gut. Trotz der langen, wohlgesetzten Rede des Hans wrden sie erkennen,
da die Sache unter Kindern spielt, und meine Erzhlung kritisch als
Sachverstndige betrachten. Aber es ist besser, da sie nicht erfahren,
mit welcher Anstrengung und wie ungeschickt wir die Dinge erleben, die
ihnen so ganz mhelos und einfach geschehen.




EIN VEREIN AUS EINEM DRINGENDEN BEDRFNIS HERAUS


Ich erfahre erst, da unser Ort auch eine Art Knstlerverein besitzt. Er
ist krzlich aus einem, wie man sich leicht vorstellen kann, sehr
dringenden Bedrfnis entstanden, und es geht das Gercht, da er
blht. Wenn Vereine gar nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann
blhen sie; sie haben gehrt, da man dies tun mu, um ein richtiger
Verein zu sein.

Ich mu nicht sagen, da Herr Baum Ehrenmitglied, Grnder, Fahnenvater
und alles brige in einer Person ist und Mhe hat, die verschiedenen
Wrden auseinanderzuhalten. Er sandte mir einen jungen Mann, der mich
einladen sollte, an den Abenden teilzunehmen. Ich dankte ihm, wie es
sich von selbst versteht, sehr hflich und fgte hinzu, da meine ganze
Ttigkeit seit etwa fnf Jahren im Gegenteil bestehe. Es vergeht,
stellen Sie sich vor, erklrte ich ihm mit dem entsprechenden Ernst,
seit dieser Zeit keine Minute, in welcher ich nicht aus irgendeinem
Verbande austrete, und doch gibt es noch immer Gesellschaften, welche
mich sozusagen enthalten. Der junge Mann schaute erst erschreckt, dann
mit dem Ausdruck respektvollen Bedauerns auf meine Fe. Er mute ihnen
das Austreten ansehen, denn er nickte verstndig mit dem Kopfe. Das
gefiel mir gut, und da ich gerade fortgehen mute, schlug ich ihm vor,
mich ein Stckchen zu begleiten. So gingen wir durch den Ort und darber
hinaus, dem Bahnhof zu, denn ich hatte in der Umgebung zu tun. Wir
sprachen ber mancherlei Dinge; ich erfuhr, da der junge Mann Musiker
sei. Er hatte es mir bescheiden mitgeteilt, ansehen konnte man es ihm
nicht. Auer seinen zahlreichen Haaren zeichnete ihn eine groe,
gleichsam springende Bereitwilligkeit aus. Auf diesem nicht allzu langen
Weg hob er mir zwei Handschuhe auf, hielt mir den Schirm, als ich etwas
in meinen Taschen suchte, machte mich errtend darauf aufmerksam, da
mir etwas im Barte hinge, da mir Ru auf der Nase se, und dabei
wurden ihm die mageren Finger lang, als sehnten sie sich danach, sich
meinem Gesichte auf diese Weise hilfreich zu nhern. In seinem Eifer
blieb der junge Mensch sogar bisweilen zurck und holte mit sichtlichem
Vergngen die welken Bltter, die im Herabflattern hngen geblieben
waren, aus den sten der Strucher. Ich sah ein, da ich durch diese
bestndigen Verzgerungen den Zug versumen wrde (der Bahnhof war noch
ziemlich weit), und entschlo mich, meinem Begleiter eine Geschichte zu
erzhlen, um ihn ein wenig an meiner Seite zu halten. Ich begann ohne
weiteres: Mir ist der Verlauf einer derartigen Grndung bekannt, welche
auf wirklicher Notwendigkeit beruhte. Sie werden sehen. Es ist nicht
sehr lange her, da fanden sich drei Maler durch Zufall in einer alten
Stadt zusammen. Die drei Maler sprachen natrlich nicht von Kunst. Es
schien wenigstens so. Sie verbrachten den Abend in der Hinterstube eines
alten Gasthauses damit, sich Reiseabenteuer und Erlebnisse verschiedener
Art mitzuteilen, ihre Geschichten wurden immer krzer und wrtlicher,
und endlich blieben noch ein paar Witze brig, mit denen sie bestndig
hin und her warfen. Um jedem Miverstndnis vorzubeugen, mu ich
brigens gleich sagen, da es wirkliche Knstler waren, gewissermaen
von der Natur beabsichtigte, keine zuflligen. Dieser de Abend in der
Hinterstube kann nichts daran ndern; man wird ja auch gleich erfahren,
wie er weiter verlief. Es traten andere Leute, profane, in dieses
Gasthaus ein, die Maler fhlten sich gestrt und brachen auf. Mit dem
Augenblick, da sie aus dem Tor traten, waren sie andere Leute. Sie
gingen in der Mitte der Gasse, einer vom anderen etwas getrennt. Auf
ihren Gesichtern waren noch die Spuren des Lachens, diese merkwrdige
Unordnung der Zge, aber die Augen waren bei allen schon ernst und
betrachtend. Pltzlich stie der in der Mitte den Rechten an. Der
verstand ihn sofort. Da war vor ihnen eine Gasse, schmal, von feiner,
warmer Dmmerung erfllt. Sie stieg etwas an, so da sie perspektivisch
sehr zur Geltung kam, und hatte etwas ungemein Geheimnisvolles und doch
wieder Vertrautes. Die drei Maler lieen das einen Augenblick auf sich
wirken. Sie sprachen nichts, denn sie wuten: sagen kann man das nicht.
Sie waren ja deshalb Maler geworden, weil es manches gibt, was man nicht
sagen kann. Pltzlich erhob sich der Mond irgendwo, zeichnete den einen
Giebel silbern nach, und es stieg ein Lied aus einem Hofe auf. 'Grobe
Effekthascherei--' brummte der Mittlere, und sie gingen weiter. Sie
schritten jetzt etwas nher nebeneinander hin, obwohl sie immer noch die
ganze Breite der Gasse brauchten. So gerieten sie unversehens auf einen
Platz. Jetzt war es der rechts, welcher die anderen aufmerksam machte.
In dieser breiteren, freieren Szene hatte der Mond nichts Strendes, im
Gegenteil, es war geradezu notwendig, da er vorhanden war. Er lie den
Platz grer erscheinen, gab den Husern ein berraschendes, lauschendes
Leben, und die beleuchtete Flche des Pflasters wurde mitten
rcksichtslos von einem Brunnen und seinem schweren Schlagschatten
unterbrochen, eine Khnheit, welche den Malern ausnehmend imponierte.
Sie stellten sich nahe zusammen und saugten sozusagen an den Brsten
dieser Stimmung. Aber sie wurden unangenehm unterbrochen. Eilige,
leichte Schritte nherten sich, aus dem Dunkel des Brunnens lste sich
eine mnnliche Gestalt, empfing jene Schritte, und was sonst zu ihnen
gehrte, mit der blichen Zrtlichkeit, und der schne Platz war auf
einmal eine erbrmliche Illustration geworden, von welcher sich die drei
Maler wie _ein_ Maler abwandten. 'Da ist schon wieder dieses verdammte
novellistische Element,' schrie der rechts, indem er das Liebespaar am
Brunnen mit diesem korrekt technischen Ausdruck begriff. Vereint in
ihrem Groll, wanderten die Maler noch lange planlos in der Stadt herum,
immerfort Motive entdeckend, aber auch jedesmal aufs neue emprt durch
die Art, mit welcher irgendein banaler Umstand die Stille und
Einfachheit jedes Bildes zunichte machte. Gegen Mitternacht saen sie im
Gasthof in der Wohnstube des Linken, des Jngsten, beisammen und dachten
nicht ans Schlafengehen. Die nchtliche Wanderung hatte eine Menge Plne
und Entwrfe in ihnen wachgerufen, und da sie zugleich bewiesen hatte,
da sie eines Geistes seien im Grunde, tauschten sie jetzt, im hchsten
Mae interessiert, ihre gegenseitigen Ansichten aus. Man kann nicht
behaupten, da sie tadellose Stze hervorbrachten, sie schlugen mit ein
paar Worten herum, die kein profaner Mensch begriffen htte, aber
untereinander verstndigten sie sich dadurch so gut, da smtliche
Zimmernachbarn bis gegen vier Uhr morgens nicht einschlafen konnten. Das
lange Beisammensitzen hatte aber einen wirklichen, sichtbaren Erfolg.
Etwas wie ein Verein wurde gebildet; das heit, er war eigentlich schon
da im Augenblick, als die Absichten und Ziele der drei Knstler sich so
verwandt erwiesen, da man sie nur schwer voneinander trennen konnte.
Der erste gemeinsame Beschlu des Vereins erfllte sich sofort. Man
zog drei Stunden weit ins Land und mietete gemeinsam einen Bauernhof. In
der Stadt zu bleiben, htte zunchst keinen Sinn gehabt. Erst wollte man
sich drauen den Stil erwerben, die gewisse persnliche Sicherheit,
den Blick, die Hand und wie alle die Dinge heien, ohne welche ein Maler
zwar leben, aber nicht malen kann. -- Zu allen diesen Tugenden sollte
das Zusammenhalten helfen, der Verein eben, -- besonders aber das
Ehrenmitglied dieses Vereins: die Natur. Unter Natur stellen sich die
Maler alles vor, was der liebe Gott selbst gemacht hat oder doch gemacht
haben knnte, unter Umstnden. Ein Zaun, ein Haus, ein Brunnen -- alle
diese Dinge sind ja meistens menschlichen Ursprungs. Aber wenn sie eine
Zeitlang in der Landschaft stehen, so da sie gewisse Eigenschaften von
den Bumen und Bschen und von ihrer anderen Umgebung angenommen haben,
so gehen sie gleichsam in den Besitz Gottes ber und damit auch in das
Eigentum des Malers. Denn Gott und der Knstler haben dasselbe Vermgen
und dieselbe Armut je nachdem. -- Nun, an der Natur, welche um den
gemeinsamen Bauernhof sich erstreckte, glaubte Gott gewi keinen
besonderen Reichtum zu besitzen. Es dauerte indessen nicht lang, so
belehrten ihn die Maler eines Besseren. Die Gegend war flach, das lie
sich nicht leugnen. Aber durch die Tiefe ihrer Schatten und die Hhe
ihrer Lichter waren Abgrnde und Gipfel vorhanden, zwischen denen eine
Unzahl von Mitteltnen jenen Regionen weiter Wiesen und fruchtbarer
Felder entsprach, die den materiellen Wert einer gebirgigen Gegend
ausmachen. Es waren nur wenig Bume vorhanden und fast alle von
derselben Art, botanisch betrachtet. Durch die Gefhle indessen, welche
sie ausdrckten, durch die Sehnsucht irgendeines Astes oder die sanfte
Ehrfurcht des Stammes erschienen sie als eine groe Anzahl individueller
Wesen, und manche Weide war eine Persnlichkeit, die den Malern durch
die Vielseitigkeit und Tiefe ihres Charakters berraschung um
berraschung bereitete. Die Begeisterung war so gro, man fhlte sich so
sehr eins in dieser Arbeit, da es nichts bedeuten will, da jeder der
drei Maler nach Verlauf eines halben Jahres ein eigenes Haus bezog; das
hatte gewi rein rumliche Grnde. Aber etwas anderes wird man hier doch
erwhnen mssen. Die Maler wollten irgendwie das einjhrige Bestehen
ihres Vereines, aus dem in so kurzer Zeit so viel Gutes gekommen war,
feiern, und jeder entschlo sich, zu diesem Zweck heimlich die Huser
der anderen zu malen. An dem bestimmten Tage kamen sie, jeder mit seinen
Bildern, zusammen. Es traf sich, da sie gerade von ihren jeweiligen
Wohnungen, deren Lage, Zweckmigkeit usw. sich unterhielten. Sie
ereiferten sich ziemlich stark, und es geschah, da whrend des
Gesprchs jeder seiner mitgebrachten lskizzen verga und spt nachts
mit dem unerffneten Paket zu Hause ankam. Wie das geschehen konnte, ist
schwer begreiflich. Aber sie zeigten sich auch in der nchsten Zeit ihre
Bilder nicht, und wenn der eine den andern besuchte (was infolge vieler
Arbeit immer seltener geschah), fand er auf der Staffelei des Freundes
Skizzen aus jener ersten Zeit, da sie noch gemeinsam denselben Bauernhof
bewohnten. Aber einmal entdeckte der Rechte (er wohnte jetzt auch zur
Rechten, kann also weiter so heien) bei dem, welchen ich den Jngsten
genannt habe, eines jener genannten, nicht verratenen Jubilumsbilder.
Er betrachtete es eine Weile nachdenklich, trat damit ans Licht und
lachte pltzlich: 'Schau, das hab ich gar nicht gewut, nicht ohne Glck
hast du da mein Haus aufgefat. Eine wahrhaft geistreiche Karikatur. Mit
diesen bertreibungen in Form und Farbe, mit dieser khnen Ausgestaltung
meines allerdings etwas betonten Giebels, wirklich, es liegt etwas
darin.' Der Jngste machte keines seiner vorteilhaftesten Gesichter, im
Gegenteil; er ging zum Mittleren in seiner Bestrzung, um sich von ihm,
dem Besonnensten, beruhigen zu lassen, denn er war nach Vorfllen
solcher Art gleich kleinmtig und geneigt, an seiner Begabung zu
zweifeln. Er traf den Mittleren nicht zu Haus und stberte ein wenig im
Atelier umher, wobei ihm gleich ein Bild in die Augen fiel, das ihn
merkwrdig abstie. Es war ein Haus, aber ein richtiger Narr mute darin
wohnen. Diese Fassade! Das konnte nur irgendeiner gebaut haben, der von
Architektur keine Idee hatte und der seine armseligen, malerischen Ideen
anwandte auf ein Gebude. Pltzlich stellte der Jngste das Bild fort,
als ob es ihm die Finger verbrannt htte. An dem linken Rande desselben
hatte er das Datum jenes ersten Jubilums gelesen und daneben: Das Haus
unseres Jngsten. Er wartete natrlich den Hausherrn nicht ab, sondern
kehrte etwas verstimmt nach Hause zurck. Der Jngste und der rechts
waren seither vorsichtig geworden. Sie suchten sich entfernte Motive und
dachten selbstverstndlich nicht daran, fr das Fest des zweijhrigen
Bestehens ihres so frderlichen Vereins etwas vorzubereiten. Um so
eifriger arbeitete der ahnungslose Mittlere daran, ein Motiv, das der
Wohnung des Rechten zunchst lag, zu malen. Etwas Unbestimmtes hielt ihn
davon ab, dessen Haus selbst zum Vorwand seiner Arbeit zu whlen. -- Als
er dem Rechtswohnenden das fertige Bild berbrachte, verhielt sich
dieser merkwrdig zurckhaltend, schaute es nur flchtig an und bemerkte
etwas Beilufiges. Dann, nach einer Weile sagte er: 'Ich habe brigens
gar nicht gewut, da du so weit verreist warst in der letzten Zeit.'
'Wieso, weit? Verreist?' Der Mittlere begriff nicht ein Wort. 'Nun --
diese tchtige Arbeit da,' erwiderte der andere, 'offenbar doch
irgendein hollndisches Motiv--' Der besonnene Mittlere lachte laut
auf. 'Kstlich, dieses hollndische Motiv befindet sich vor deiner
Tre.' Und er wollte sich gar nicht beruhigen. Aber der Vereinsgenosse
lachte nicht, gar nicht. Er qulte sich ein Lcheln ab und meinte: 'Ein
guter Witz.' 'Aber ganz und gar nicht, mach mal die Tr auf, ich will
dir gleich zeigen--' und der Mittlere ging selbst auf die Tre zu.
'Halt,' befahl der Hausherr, 'und ich erklre dir somit, da ich diese
Gegend nie gesehen habe und auch nie sehen werde, weil sie fr mein Auge
berhaupt nicht existenzfhig ist.' 'Aber,' machte der mittlere Maler
erstaunt. 'Du bleibst dabei?' fuhr der Rechte gereizt fort, 'gut, ich
reise heute noch ab. Du zwingst mich fortzugehen, denn ich wnsche
nicht, in dieser Gegend zu leben. Verstanden?' -- Damit war die
Freundschaft zu Ende, aber nicht der Verein; denn er ist bis heute nicht
statutengem aufgelst worden. Niemand hat daran gedacht, und man kann
von ihm mit vollstem Rechte sagen, da er sich ber die ganze Erde
verbreitet hat.

Man sieht, unterbrach mich der bereitwillige junge Mann, der schon
bestndig die Lippen spitzte, wieder einer jener kolossalen Erfolge des
Vereinslebens; gewi sind viele hervorragende Meister aus dieser innigen
Verbindung hervorgegangen--. Erlauben Sie, bat ich, und er stubte
mir unversehens den rmel ab, das war eigentlich erst die Einleitung zu
meiner Geschichte, obwohl sie komplizierter ist als die Geschichte
selbst. Also, ich sagte, da der Verein sich ber die ganze Erde
verbreitet hatte, und dieses ist Tatsache. Seine drei Mitglieder flohen
in wahrem Entsetzen voneinander. Nirgends war ihnen Ruhe gewhrt. Immer
frchtete jeder, der andere knnte noch ein Stck seines Landes erkennen
und durch seine ruchlose Darstellung entweihen, und als sie schon an
drei entgegengesetzten Punkten der irdischen Peripherie angelangt waren,
kam jedem der trostlose Einfall, da sein Himmel, der Himmel, den er
mhsam durch seine wachsende Eigenart erworben hatte, den anderen noch
erreichbar sei. In diesem erschtternden Augenblick begannen sie, alle
drei zugleich, mit ihren Staffeleien nach rckwrts zu gehen, und noch
fnf Schritte, und sie wren vom Rande der Erde in die Unendlichkeit
gefallen und mten jetzt in rasender Geschwindigkeit die doppelte
Bewegung um diese und um die Sonne vollfhren. Aber Gottes Teilnahme und
Aufmerksamkeit verhtete dieses grausame Schicksal. Gott erkannte die
Gefahr und trat im letzten Moment (was htte er auch sonst tun sollen?)
heraus, in die Mitte des Himmels. Die drei Maler erschraken. Sie
stellten die Staffelei fest und setzten die Palette auf. Diese
Gelegenheit durften sie sich nicht entgehen lassen. Der liebe Gott
erscheint nicht alle Tage und auch nicht jedem. Und jeder der Maler
meinte natrlich, Gott stnde nur vor ihm. Im brigen vertieften sie
sich immer mehr in die interessante Arbeit. Und jedesmal, wenn Gott
wieder zurck in den Himmel will, bittet der heilige Lukas ihn, noch
eine Weile drauen zu bleiben, bis die drei Maler mit ihren Bildern
fertig sind.

Und die Herren haben diese Bilder ohne Zweifel schon ausgestellt,
vielleicht gar verkauft? fragte der Musiker in den sanftesten Tnen.
Wo denken Sie hin, wehrte ich ab. Sie malen immer noch an Gott und
werden ihn wohl bis an ihr eigenes Ende malen. Sollten sie aber (was ich
fr ausgeschlossen halte) noch einmal im Leben zusammenkommen und sich
die Bilder, die sie von Gott inzwischen gemalt haben, zeigen, wer wei:
vielleicht wrden diese Bilder sich kaum voneinander unterscheiden.

Da war auch schon der Bahnhof. Ich hatte noch fnf Minuten Zeit. Ich
dankte dem jungen Mann fr seine Begleitung und wnschte ihm alles Glck
fr den jungen Verein, den er so ausgezeichnet vertrat. Er tippte mit
dem rechten Zeigefinger den Staub auf, der die Fensterbretter des
kleinen Wartesaals zu bedrcken schien, und war sehr in Gedanken. Ich
mu gestehen, ich schmeichelte mir schon, meine kleine Geschichte htte
ihn so nachdenklich gestimmt. Als er mir zum Abschied einen roten Faden
aus dem Handschuh zog, riet ich ihm aus Dankbarkeit: Sie knnen zurck
ja ber die Felder gehen, dieser Weg ist bedeutend nher als die
Strae. Verzeihen Sie, verneigte sich der bereitwillige junge Mann,
ich werde doch wieder die Strae nehmen. Ich suche mich eben zu
besinnen, wo das war. Whrend Sie die Gte hatten, mir einiges wirklich
Bedeutende zu erzhlen, glaubte ich eine Vogelscheuche im Acker zu
bemerken, in einem alten Rock, und der eine -- mir scheint der linke
rmel war hngen geblieben an einem Pfahl, so da er durchaus nicht
wehte. Ich fhle nun gewissermaen die Verpflichtung, meinen kleinen
Tribut an den gemeinsamen Interessen der Menschheit, die mir auch als
eine Art Verein erscheint, in welchem jeder etwas zu leisten hat,
dadurch zu entrichten, da ich diesen linken rmel seinem eigentlichen
Sinne, nmlich: zu wehen, zurckgebe... Der junge Mann entfernte sich
mit dem liebenswrdigsten Lcheln. Ich aber htte beinah meinen Zug
versumt.

Bruchstcke dieser Geschichte wurden von dem jungen Manne an einem
Abende des Vereines gesungen. Wei Gott, wer ihm die Musik dazu
erfunden hat. Herr Baum, der Fahnenvater, hat sie den Kindern
mitgebracht, und die Kinder haben sich einige Melodien daraus gemerkt.




DER BETTLER UND DAS STOLZE FRULEIN


Es traf sich, da wir -- der Herr Lehrer und ich -- Zeugen wurden
folgender kleinen Begebenheit. Bei uns, am Waldrand, steht bisweilen ein
alter Bettler. Auch heute war er wieder da, rmer, elender als je, durch
ein mitleidiges Mimikry fast ununterscheidbar von den Latten des
morschen Bretterzauns, an denen er lehnte. Aber da begab es sich, da
ein ganz kleines Mdchen auf ihn zugelaufen kam, um ihm eine kleine
Mnze zu schenken. Das war weiter nicht verwunderlich, berraschend war
nur, wie sie das tat. Sie machte einen schnen braven Knicks, reichte
dem Alten rasch, als ob es niemand merken sollte, ihre Gabe, knickste
wieder und war schon davon. Diese beiden Knickse aber waren mindestens
eines Kaisers wert. Das rgerte den Herrn Lehrer ganz besonders. Er
wollte rasch auf den Bettler zugehen, wahrscheinlich, um ihn von seiner
Zaunlatte zu verjagen; denn wie man wei, war er im Vorstand des
Armenvereins und gegen den Straenbettel eingenommen. Ich hielt ihn
zurck. Die Leute werden von uns untersttzt, ja man kann wohl sagen,
versorgt, eiferte er. Wenn sie auf der Strae auch noch betteln, so
ist das einfach -- bermut. Verehrter Herr Lehrer -- suchte ich ihn
zu beruhigen, aber er zog mich immer noch nach dem Waldrand hin.
Verehrter Herr Lehrer--, bat ich, ich mu Ihnen eine Geschichte
erzhlen. So dringend? fragte er giftig. Ich nahm es ernst: Ja, eben
jetzt. Ehe Sie vergessen, was wir da gerade zufllig beobachtet haben.
Der Lehrer mitraute mir seit meiner letzten Geschichte. Ich las das von
seinem Gesichte und begtigte: Nicht vom lieben Gott, wirklich nicht.
Der liebe Gott kommt in meiner Geschichte nicht vor. Es ist etwas
Historisches. Damit hatte ich gewonnen. Man mu nur das Wort Historie
sagen, und schon gehen jedem Lehrer die Ohren auf; denn die Historie ist
etwas durchaus Achtbares, Unverfngliches und oft pdagogisch
Verwendbares. Ich sah, da der Herr Lehrer wieder seine Brille putzte,
ein Zeichen, da seine Sehkraft sich in die Ohren geschlagen hatte, und
diesen gnstigen Moment wute ich geschickt zu benutzen. Ich begann:

Es war in Florenz, Lorenzo de' Medici, jung, noch nicht Herrscher,
hatte gerade sein Gedicht 'Trionfo di Bacco ed Arianna' ersonnen, und
schon wurden alle Grten davon laut. Damals gab es lebende Lieder. Aus
dem Dunkel des Dichters stiegen sie in die Stimmen und trieben auf
ihnen, wie auf silbernen Khnen, furchtlos, ins Unbekannte. Der Dichter
begann ein Lied, und alle, die es sangen, vollendeten es. Im 'Trionfo'
wird, wie in den meisten Liedern jener Zeit, das Leben gefeiert, diese
Geige mit den lichten, singenden Saiten und ihrem dunklen Hintergrund:
dem Rauschen des Blutes. Die ungleich langen Strophen steigen in eine
taumelnde Lustigkeit hinauf, aber dort, wo diese atemlos wird, setzt
jedesmal ein kurzer, einfacher Kehrreim an, der sich von der
schwindelnden Hhe niederneigt und, vor dem Abgrund bang, die Augen zu
schlieen scheint. Er lautet:

    Wie schn ist die Jugend, die uns erfreut,
    Doch wer will sie halten? Sie flieht und bereut,
    Und wenn einer frhlich sein will, der sei's heut,
    Und fr morgen ist keine Gewiheit.

Ist es wunderlich, da ber die Menschen, welche dieses Gedicht sangen,
eine Hast hereinbrach, ein Bestreben, alle Festlichkeit auf dieses Heute
zu trmen, auf den einzigen Fels, auf dem zu bauen sich verlohnt? Und so
kann man sich das Gedrnge der Gestalten auf den Bildern der florentiner
Maler erklren, die sich bemhten, alle ihre Frsten und Frauen und
Freunde in einem Gemlde zu vereinen, denn man malte langsam, und wer
konnte wissen, ob zur Zeit des nchsten Bildes alle noch so jung und
bunt und einig sein wrden. Am deutlichsten sprach dieser Geist der
Ungeduld sich begreiflichermaen bei den Jnglingen aus. Die
glnzendsten von ihnen saen nach einem Gastmahle auf der Terrasse des
Palazzo Strozzi beisammen und plauderten von den Spielen, die demnchst
vor der Kirche Santa Croce stattfinden sollten. Etwas abseits in einer
Loggia stand Palla degli Albizzi mit seinem Freunde Tomaso, dem Maler.
Sie schienen etwas in wachsender Erregung zu verhandeln, bis Tomaso
pltzlich rief: 'Das tust du nicht, ich wette, das tust du nicht!' Nun
wurden die anderen aufmerksam. 'Was habt ihr?' erkundigte sich Gaetano
Strozzi und kam mit einigen Freunden nher. Tomaso erklrte: 'Palla will
auf dem Feste vor Beatrice Altichieri, dieser Hochmtigen, niederknien
und sie bitten, sie mchte ihm gestatten, den staubigen Saum ihres
Kleides zu kssen.' Alle lachten, und Lionardo, aus dem Hause Ricardi,
bemerkte: 'Palla wird sich das berlegen; er wei wohl, da die
schnsten Frauen ein Lcheln fr ihn haben, das man sonst niemals bei
ihnen sieht.' Und ein anderer fgte hinzu: 'Und Beatrice ist noch so
jung. Ihre Lippen sind noch zu kinderhaft hart, um zu lcheln. Darum
scheint sie so stolz.' 'Nein--,' erwiderte Palla degli Albizzi mit
bermiger Heftigkeit, 'sie ist stolz, daran ist nicht ihre Jugend
schuld. Sie ist stolz wie ein Stein in den Hnden Michelangelos, stolz
wie eine Blume an einem Madonnenbild, stolz wie ein Sonnenstrahl, der
ber Diamanten geht--' Gaetano Strozzi unterbrach ihn etwas streng:
'Und du, Palla, bist nicht auch du stolz? Was du da sagst, das kommt mir
vor, als wolltest du dich unter die Bettler stellen, die um die Vesper
im Hofe der Sma Annunziata warten, bis Beatrice Altichieri ihnen mit
abgewendetem Gesicht einen Soldo schenkt.' 'Ich will auch dieses tun!'
rief Palla mit glnzenden Augen, drngte sich durch die Freunde nach der
Treppe durch und verschwand. Tomaso wollte ihm nach. 'La,' hielt
Strozzi ihn ab, 'er mu jetzt allein sein, da wird er am ehesten
vernnftig werden.' Dann zerstreuten sich die jungen Leute in die
Grten.

Im Vorhofe der Santissima Annunziata warteten auch an diesem Abend etwa
zwanzig Bettler und Bettlerinnen auf die Vesper. Beatrice, welche sie
alle dem Namen nach kannte und bisweilen auch in ihre armen Huser an
der Porta San Niccol zu den Kindern und zu den Kranken kam, pflegte
jeden von ihnen im Vorbergehen mit einem kleinen Silberstck zu
beschenken. Heute schien sie sich etwas zu verspten; die Glocken hatten
schon gerufen, und nur Fden ihres Klanges hingen noch an den Trmen
ber der Dmmerung. Es entstand eine Unruhe unter den Armen, auch weil
ein neuer unbekannter Bettler sich in das Dunkel des Kirchentors
geschlichen hatte, und eben wollten sie sich seiner erwehren in ihrem
Neid, als ein junges Mdchen in schwarzem, fast nonnenhaftem Kleide im
Vorhofe erschien und, durch ihre Gte gehemmt, von einem zum anderen
ging, whrend eine der begleitenden Frauen den Beutel offen hielt, aus
welchem sie ihre kleinen Gaben holte. Die Bettler strzten in die Knie,
schluchzten und suchten ihre welken Finger eine Sekunde lang an die
Schleppe des schlichten Kleides ihrer Wohltterin zu legen, oder sie
kten auch den letzten Saum mit ihren nassen, stammelnden Lippen. Die
Reihe war zu Ende; es hatte auch keiner von den Beatrice wohlbekannten
Armen gefehlt. Aber da gewahrte sie unter dem Schatten des Tores noch
eine fremde Gestalt in Lumpen und erschrak. Sie geriet in Verwirrung.
Alle ihre Armen hatte sie schon als Kind gekannt, und sie zu beschenken,
war ihr etwas Selbstverstndliches geworden, eine Handlung wie etwa die,
da man die Finger in die Marmorschalen voll heiligen Wassers hlt, die
an den Tren jeder Kirche stehen. Aber es war ihr nie eingefallen, da
es auch fremde Bettler geben knnte; wie sollte man das Recht haben,
auch diese zu beschenken, da man sich das Vertrauen ihrer Armut nicht
verdient hatte durch irgendein Wissen darum? Wre es nicht eine
unerhrte berhebung gewesen, einem Unbekannten ein Almosen zu reichen?
Und im Widerstreit dieser dunkeln Gefhle ging das Mdchen, als ob es
ihn nicht bemerkt htte, an dem neuen Bettler vorbei und trat rasch in
die khle, hohe Kirche ein. Aber als drinnen die Andacht begann, konnte
sie sich keines Gebetes erinnern. Eine Angst berkam sie, da der arme
Mann nach der Vesper nicht mehr am Tore zu finden sein wrde und da sie
nichts getan hatte, seine Not zu lindern, whrend die Nacht so nahe war,
darin alle Armut hilfloser und trauriger ist als am Tag. Sie machte
derjenigen von ihren Frauen, die den Beutel trug, ein Zeichen und zog
sich mit ihr nach dem Eingang zurck. Dort war es indessen leer
geworden; aber der Fremde stand immer noch, an eine Sule gelehnt, da
und schien dem Gesang zu lauschen, der seltsam fern, wie aus Himmeln,
aus der Kirche kam. Sein Gesicht war fast ganz verhllt, wie es manchmal
bei Ausstzigen der Fall ist, die ihre hlichen Wunden erst entblen,
wenn man nahe vor ihnen steht und sie sicher sind, da Mitleid und Ekel
in gleichem Mae zu ihren Gunsten reden. Beatrice zgerte. Sie hatte den
kleinen Beutel selbst in Hnden und fhlte nur wenige geringe Mnzen
darin. Aber mit einem raschen Entschlu trat sie auf den Bettler zu und
sagte mit unsicherer, etwas singender Stimme und ohne die flchtenden
Blicke von den eigenen Hnden zu heben: 'Nicht um Euch zu krnken, Herr
... mir ist, erkenn ich Euch recht, ich bin in Eurer Schuld. Euer Vater,
ich glaube, hat in unserem Haus das reiche Gelnder gemacht, aus
getriebenem Eisen, wit Ihr, welches die Treppe uns ziert. Spter einmal
-- fand sich in der Kammer, -- darin er manchmal bei uns zu arbeiten
pflegte, -- ein Beutel -- ich denke, er hat ihn verloren -- gewiߠ--.'
Aber die hilflose Lge ihrer Lippen drckte das Mdchen vor dem Fremden
in die Kniee. Sie zwang den Beutel aus Brokat in seine vom Mantel
verhllten Hnde und stammelte: 'Verzeiht--.'

Sie fhlte noch, da der Bettler zitterte. Dann flchtete Beatrice mit
der erschrockenen Begleiterin zurck in die Kirche. Aus dem eine Weile
geffneten Tor brach ein kurzer Jubel von Stimmen. -- Die Geschichte ist
zu Ende. Messer Palla degli Albizzi blieb in seinen Lumpen. Er
verschenkte seine ganze Habe und ging barfu und arm ins Land. Spter
soll er in der Nhe von Subiaco gewohnt haben.

Zeiten, Zeiten, sagte der Herr Lehrer. Was hilft das alles; er war
auf dem Wege, ein Wstling zu werden, und wurde durch diese Begebenheit
ein Landstreicher, ein Sonderling. Heute wei gewi kein Mensch mehr von
ihm. Doch, -- erwiderte ich bescheiden, -- sein Name wird bisweilen
bei den groen Litaneien in den katholischen Kirchen unter den
Frbittern genannt; denn er ist ein Heiliger geworden.

Die Kinder haben auch diese Geschichte vernommen, und sie behaupten, zum
rger des Herrn Lehrer, auch in ihr kme der liebe Gott vor. Ich bin
auch ein wenig erstaunt darber; denn ich habe dem Herrn Lehrer doch
versprochen, ihm eine Geschichte ohne den lieben Gott zu erzhlen. Aber,
freilich: die Kinder mssen es wissen!




EINE GESCHICHTE, DEM DUNKEL ERZHLT


Ich wollte den Mantel umnehmen und zu meinem Freunde Ewald gehen. Aber
ich hatte mich ber einem Buche versumt, einem alten Buche brigens,
und es war Abend geworden, wie es in Ruland Frhling wird. Noch vor
einem Augenblick war die Stube bis in die fernsten Ecken klar, und nun
taten alle Dinge, als ob sie nie etwas anderes gekannt htten als
Dmmerung; berall gingen groe dunkle Blumen auf, und wie auf
Libellenflgeln glitt Glanz um ihre samtenen Kelche.

Der Lahme war gewi nicht mehr am Fenster. Ich blieb also zu Haus. Was
hatte ich ihm doch erzhlen wollen? Ich wute es nicht mehr. Aber eine
Weile spter fhlte ich, da jemand diese verlorene Geschichte von mir
verlangte, irgendein einsamer Mensch vielleicht, der fern am Fenster
seiner finstern Stube stand, oder vielleicht dieses Dunkel selbst, das
mich und ihn und die Dinge umgab. So geschah es, da ich dem Dunkel
erzhlte. Und es neigte sich immer nher zu mir, so da ich immer leiser
sprechen konnte, ganz, wie es zu meiner Geschichte pat. Sie handelt
brigens in der Gegenwart und beginnt.

Nach langer Abwesenheit kehrte Doktor Georg Lamann in seine enge Heimat
zurck. Er hatte nie viel dort besessen, und jetzt lebten ihm nur mehr
zwei Schwestern in der Vaterstadt, beide verheiratet, wie es schien, gut
verheiratet; diese nach zwlf Jahren wiederzusehen, war der Grund seines
Besuchs. So glaubte er selbst. Aber nachts, whrend er im berfllten
Zuge nicht schlafen konnte, wurde ihm klar, da er eigentlich um seiner
Kindheit willen kam, und hoffte, in den alten Gassen irgend etwas wieder
zu finden: ein Tor, einen Turm, einen Brunnen, irgendeinen Anla zu
einer Freude oder zu einer Traurigkeit, an welcher er sich wieder
erkennen konnte. Man verliert sich ja so im Leben. Und da fiel ihm
verschiedenes ein: die kleine Wohnung in der Heinrichsgasse mit den
glnzenden Trklinken und den dunkelgestrichenen Dielen, die geschonten
Mbel und seine Eltern, diese beiden abgentzten Menschen, fast
ehrfrchtig neben ihnen; die schnellen gehetzten Wochentage und die
Sonntage, die wie ausgerumte Sle waren, die seltenen Besuche, die man
lachend und in Verlegenheit empfing, das verstimmte Klavier, der alte
Kanarienvogel, der ererbte Lehnstuhl, auf dem man nicht sitzen durfte,
ein Namenstag, ein Onkel, der aus Hamburg kommt, ein Puppentheater, ein
Leierkasten, eine Kindergesellschaft, und jemand ruft: 'Klara'. Der
Doktor wre fast eingeschlafen. Man steht in einer Station, Lichter
laufen vorber, und der Hammer geht horchend durch die klingenden Rder.
Und das ist wie: Klara, Klara. Klara, berlegt der Doktor, jetzt ganz
wach, wer war das doch? Und gleich darauf fhlt er ein Gesicht, ein
Kindergesicht mit blondem, glattem Haar. Nicht da er es schildern
knnte, aber er hat die Empfindung von etwas Stillem, Hilflosem,
Ergebenem, von ein paar schmalen Kinderschultern, durch ein verwaschenes
Kleidchen noch mehr zusammengepret, und er dichtet dazu ein Gesicht --
aber da wei er auch schon, er mu es nicht dichten. Es ist da -- oder
vielmehr es war da -- damals. So erinnert sich Doktor Lamann an seine
einzige Gespielin Klara, nicht ohne Mhe. Bis zur Zeit, da er in eine
Erziehungsanstalt kam, etwa zehn Jahre alt, hat er alles mit ihr
geteilt, was ihm begegnete, das Wenige (oder das Viele?). Klara hatte
keine Geschwister, und er hatte so gut wie keine; denn seine lteren
Schwestern kmmerten sich nicht um ihn. Aber seither hat er niemanden je
nach ihr gefragt. Wie war das doch mglich? Er lehnte sich zurck. Sie
war ein frommes Kind, erinnerte er sich noch, und dann fragte er sich:
Was mag aus ihr geworden sein? Eine Zeitlang ngstigte ihn der Gedanke,
sie knnte gestorben sein. Eine unermeliche Bangigkeit berfiel ihn in
dem engen gedrngten Coup; alles schien diese Annahme zu besttigen:
sie war ein krnkliches Kind, sie hatte es zu Hause nicht besonders gut,
sie weinte oft; unzweifelhaft: sie ist tot. Der Doktor ertrug es nicht
lnger; er strte einzelne Schlafende und schob sich zwischen ihnen
durch in den Gang des Waggons. Dort ffnete er ein Fenster und schaute
hinaus in das Schwarz mit den tanzenden Funken. Das beruhigte ihn. Und
als er spter in das Coup zurckkehrte, schlief er trotz der unbequemen
Lage bald ein.

Das Wiedersehen mit den beiden verheirateten Schwestern verlief nicht
ohne Verlegenheiten. Die drei Menschen hatten vergessen, wie weit sie
einander, trotz ihrer engen Verwandtschaft, doch immer geblieben waren,
und versuchten eine Weile, sich wie Geschwister zu benehmen. Indessen
kamen sie bald stillschweigend berein, zu dem hflichen Mittelton ihre
Zuflucht zu nehmen, den der gesellschaftliche Verkehr fr alle Flle
geschaffen hat.

Er war bei der jngeren Schwester, deren Mann in besonders gnstigen
Verhltnissen war, Fabrikant mit dem Titel kaiserlicher Rat; und es war
nach dem vierten Gange des Diners, als der Doktor fragte: 'Sag mal,
Sophie, was ist denn aus Klara geworden?' 'Welcher Klara?' 'Ich kann
mich ihres Familiennamens nicht erinnern. Der kleinen, weit du, der
Nachbarstochter, mit der ich als Kind gespielt habe?' 'Ach, Klara
Sllner meinst du?' 'Sllner, richtig, Sllner. Jetzt fllt mir erst
ein: der alte Sllner, das war ja dieser grliche Alte ---- aber was
ist mit Klara?' Die Schwester zgerte: 'Sie hat geheiratet -- brigens
lebt sie jetzt ganz zurckgezogen.' 'Ja,' machte der Herr Rat, und sein
Messer glitt kreischend ber den Teller, 'ganz zurckgezogen.' 'Du
kennst sie auch?' wandte sich der Doktor an seinen Schwager. 'Ja-a-a --
so flchtig; sie ist ja hier ziemlich bekannt.' Die beiden Gatten
wechselten einen Blick des Einverstndnisses. Der Doktor merkte, da es
ihnen aus irgendeinem Grunde unangenehm war, ber diese Angelegenheit zu
reden, und fragte nicht weiter.

Um so mehr Lust zu diesem Thema bewies der Herr Rat, als die Hausfrau
die Herren beim schwarzen Kaffee zurckgelassen hatte. 'Diese Klara,'
fragte er mit listigem Lcheln und betrachtete die Asche, die von seiner
Zigarre in den silbernen Becher fiel, 'sie soll doch ein stilles und
berdies hliches Kind gewesen sein?' Der Doktor schwieg. Der Herr Rat
rckte vertraulich nher: 'Das war eine Geschichte! -- Hast du nie davon
gehrt?' 'Aber ich habe ja mit niemandem gesprochen.' 'Was, gesprochen,'
lchelte der Rat fein, 'man hat es ja in den Zeitungen lesen knnen.'
'Was?' fragte der Doktor nervs.

'Also, sie ist ihm durchgegangen' -- hinter einer Wolke Rauches her
schickte der Fabrikant diesen berraschenden Satz und wartete in
unendlichem Behagen die Wirkung desselben ab. Aber diese schien ihm
nicht zu gefallen. Er nahm eine geschftliche Miene an, setzte sich
gerade und begann in anderem berichtenden Ton, gleichsam gekrnkt. 'Hm.
Man hatte sie verheiratet an den Baurat Lehr. Du wirst ihn nicht mehr
gekannt haben. Kein alter Mann, in meinem Alter. Reich, durchaus
anstndig, weit du, durchaus anstndig. Sie hatte keinen Groschen und
war obendrein nicht schn, ohne Erziehung usw. Aber der Baurat wnschte
ja auch keine groe Dame, eine bescheidene Hausfrau. Aber die Klara --
sie wurde berall in der Gesellschaft aufgenommen, man brachte ihr
allgemein Wohlwollen entgegen, -- wirklich -- man benahm sich -- also
sie htte sich eine Position schaffen knnen mit Leichtigkeit, weit du
-- aber die Klara, eines Tages -- kaum zwei Jahre nach der Hochzeit:
fort ist sie. Kannst du dir denken: fort. Wohin? Nach Italien. Eine
kleine Vergngungsreise, natrlich nicht allein. Wir haben sie schon im
ganzen letzten Jahr nicht eingeladen gehabt, -- als ob wir geahnt
htten! Der Baurat, mein guter Freund, ein Ehrenmann, ein Mann--'

'Und Klara?' unterbrach ihn der Doktor und erhob sich. 'Ach so -- ja, na
die Strafe des Himmels hat sie erreicht. Also der Betreffende -- man
sagt ein Knstler, weit du -- ein leichter Vogel, natrlich nur so --
Also wie sie aus Italien zurck waren, in Mnchen: adieu und ward nicht
mehr gesehen. Jetzt sitzt sie mit ihrem Kind!'

Doktor Lamann ging erregt auf und nieder: 'In Mnchen?' 'Ja, in
Mnchen,' antwortete der Rat und erhob sich gleichfalls. 'Es soll ihr
brigens recht elend gehen--' 'Was heit elend--?' 'Nun,' der Rat
betrachtete seine Zigarre, 'pekunir und dann berhaupt -- Gott -- so
eine Existenz ------' Pltzlich legte er seine gepflegte Hand dem
Schwager auf die Schulter, seine Stimme gluckste vor Vergngen: 'Weit
du, brigens erzhlte man sich, sie lebe von--' Der Doktor drehte sich
kurz um und ging aus der Tr. Der Herr Rat, dem die Hand von der
Schulter des Schwagers gefallen war, brauchte zehn Minuten, um sich von
seinem Staunen zu erholen. Dann ging er zu seiner Frau hinein und sagte
rgerlich: 'Ich hab es immer gesagt, dein Bruder ist ein Sonderling.'
Und diese, die eben eingenickt war, ghnte trge: 'Ach Gott ja.'

Vierzehn Tage spter reiste der Doktor ab. Er wute mit einemmal, da er
seine Kindheit anderswo suchen msse. In Mnchen fand er im Adrebuch:
Klara Sllner, Schwabing, Strae und Nummer. Er meldete sich an und fuhr
hinaus. Eine schlanke Frau begrte ihn in einer Stube voll Licht und
Gte.

'Georg, und Sie erinnern sich meiner?'

Der Doktor staunte. Endlich sagte er: 'Also das sind Sie, Klara,' sie
hielt ihr stilles Gesicht mit der reinen Stirn ganz ruhig, als wollte
sie ihm Zeit geben, sie zu erkennen. Das dauerte lange. Schlielich
schien der Doktor etwas gefunden zu haben, was ihm bewies, da seine
alte Spielgefhrtin wirklich vor ihm stnde. Er suchte noch einmal ihre
Hand und drckte sie; dann lie er sie langsam los und schaute in der
Stube umher. Diese schien nichts berflssiges zu enthalten. Am Fenster
ein Schreibtisch mit Schriften und Bchern, an welchem Klara eben mute
gesessen haben. Der Stuhl war noch zurckgeschoben. 'Sie haben
geschrieben?' ... und der Doktor fhlte, wie dumm diese Frage war. Aber
Klara antwortete unbefangen: 'Ja, ich bersetze.' 'Fr den Druck?' 'Ja,'
sagte Klara einfach, 'fr einen Verlag.' Georg bemerkte an den Wnden
einige italienische Photographien. Darunter das Konzert des Giorgione.
'Sie lieben das?' Er trat nahe an das Bild heran. 'Und Sie?' 'Ich habe
das Original nie gesehen; es ist in Florenz, nicht wahr?' 'Im Pitti. Sie
mssen hinreisen.' 'Zu diesem Zweck?' 'Zu diesem Zweck.' Eine freie und
einfache Heiterkeit war ber ihr. Der Doktor sah nachdenklich auf.

'Was haben Sie, Georg. Wollen Sie sich nicht setzen?' 'Ich bin traurig,'
zgerte er. 'Ich habe gedacht -- aber Sie sind ja gar nicht elend--'
fuhr es pltzlich heraus. Klara lchelte: 'Sie haben meine Geschichte
gehrt?' 'Ja, das heit--' 'O,' unterbrach ihn Klara schnell, als sie
merkte, da seine Stirn sich verdunkelte, 'es ist nicht die Schuld der
Menschen, da sie anders davon reden. Die Dinge, die wir erleben, lassen
sich oft nicht ausdrcken, und wer sie dennoch erzhlt, mu notwendig
Fehler begehen--.' Pause. Und der Doktor: 'Was hat Sie so gtig
gemacht?' 'Alles,' sagte sie leise und warm. 'Aber warum sagen Sie:
gtig?' 'Weil -- weil Sie eigentlich htten hart werden mssen. Sie
waren ein so schwaches, hilfloses Kind; solche Kinder werden spter
entweder hart oder--' 'Oder sie sterben -- wollen Sie sagen. Nun, ich
bin auch gestorben. O, ich bin viele Jahre gestorben. Seit ich Sie zum
letztenmal gesehen habe, zu Haus, bis--' Sie langte etwas vom Tische
her: 'Sehen Sie, das ist sein Bild. Es ist etwas geschmeichelt. Sein
Gesicht ist nicht so klar, aber -- lieber, einfacher. Ich werde Ihnen
dann gleich unser Kind zeigen, es schlft jetzt nebenan. Es ist ein Bub.
Heit Angelo, wie er. Er ist jetzt fort, auf Reisen, weit.'

'Und Sie sind ganz allein?' fragte der Doktor zerstreut, immer noch ber
dem Bilde.

'Ja, ich und das Kind. Ist das nicht genug? Ich will Ihnen erzhlen, wie
das kommt. Angelo ist Maler. Sein Name ist wenig bekannt, Sie werden ihn
nie gehrt haben. Bis in die letzte Zeit hat er gerungen mit der Welt,
mit seinen Plnen, mit sich und mit mir. Ja, auch mit mir; denn ich bat
ihn seit einem Jahr: du mut reisen. Ich fhlte, wie sehr ihm das not
tat. Einmal sagte er scherzend: 'Mich oder ein Kind?' 'Ein Kind,' sagte
ich, und dann reiste er.'

'Und wann wird er zurckkehren?'

'Bis das Kind seinen Namen sagen kann, so ist es abgemacht.' Der Doktor
wollte etwas bemerken. Aber Klara lachte: 'Und da es ein schwerer Name
ist, wird es noch eine Weile dauern. Angelino wird im Sommer erst zwei
Jahre.'

'Seltsam,' sagte der Doktor. 'Was, Georg?' 'Wie gut Sie das Leben
verstehen. Wie gro Sie geworden sind, wie jung. Wo haben Sie Ihre
Kindheit hingetan? -- wir waren doch beide so -- so hilflose Kinder. Das
lt sich doch nicht ndern oder ungeschehen machen.' 'Sie meinen also,
wir htten an unserer Kindheit leiden mssen, von Rechts wegen?' 'Ja,
gerade das meine ich. An diesem schweren Dunkel hinter uns, zu dem wir
so schwache, so ungewisse Beziehungen behalten. Da ist eine Zeit: wir
haben unsere Erstlinge hineingelegt, allen Anfang, alles Vertrauen, die
Keime zu alledem, was vielleicht einmal werden sollte. Und pltzlich
wissen wir: Alles das ist versunken in einem Meer, und wir wissen nicht
einmal genau wann. Wir haben es gar nicht bemerkt. Als ob jemand sein
ganzes Geld zusammensuchte, sich dafr eine Feder kaufte und sie auf den
Hut steckte, hui: der nchste Wind wird sie mitnehmen. Natrlich kommt
er zu Hause ohne Feder an, und ihm bleibt nichts brig, als
nachzudenken, wann sie wohl knnte davongeflogen sein.'

'Sie denken daran, Georg?'

'Schon nicht mehr. Ich habe es aufgegeben. Ich beginne irgendwo hinter
meinem zehnten Jahr, dort, wo ich aufgehrt habe zu beten. Das andere
gehrt nicht mir.'

'Und wie kommt es dann, da Sie sich an mich erinnert haben?'

'Darum komme ich ja zu Ihnen. Sie sind der einzige Zeuge jener Zeit. Ich
glaubte, ich knnte in Ihnen wiederfinden, -- was ich in mir nicht
finden kann. Irgendeine Bewegung, ein Wort, einen Namen, an dem etwas
hngt -- eine Aufklrung--' Der Doktor senkte den Kopf in seine kalten,
unruhigen Hnde.

Frau Klara dachte nach: 'Ich erinnere mich an so weniges aus meiner
Kindheit, als wren tausend Leben dazwischen. Aber jetzt, wie Sie mich
so daran mahnen, fllt mir etwas ein. Ein Abend. Sie kamen zu uns,
unerwartet; Ihre Eltern waren ausgegangen, ins Theater oder so. Bei uns
war alles hell. Mein Vater erwartete einen Gast, einen Verwandten, einen
entfernten reichen Verwandten, wenn ich mich recht entsinne. Er sollte
kommen aus, aus -- ich wei nicht woher, jedenfalls von weit. Bei uns
wartete man schon seit zwei Stunden auf ihn. Die Tren waren offen, die
Lampen brannten, die Mutter ging von Zeit zu Zeit und glttete eine
Schutzdecke auf dem Sofa, der Vater stand am Fenster. Niemand wagte sich
zu setzen, um keinen Stuhl zu verrcken. Da Sie gerade kamen, warteten
Sie mit uns. Wir Kinder horchten an der Tr. Und je spter es wurde,
einen desto wunderbarern Gast erwarteten wir. Ja, wir zitterten sogar,
er knnte kommen, ehe er jenen letzten Grad von Herrlichkeit erreicht
haben wrde, dem er mit jeder Minute seines Ausbleibens nher kam. Wir
frchteten nicht, er knnte berhaupt nicht erscheinen; wir wuten
bestimmt: er kommt, aber wir wollten ihm Zeit lassen, gro und mchtig
zu werden.'

Pltzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen
wir beide, da er nicht kam--. Ich habe es auch nicht vergessen
gehabt.' 'Nein,' -- besttigte Klara, 'er kam nicht--.' Und nach einer
Pause: 'Aber es war doch schn!' 'Was?' 'Nun so -- das Warten, die
vielen Lampen, -- die Stille -- das Feiertgliche.'

Etwas rhrte sich im Nebenzimmer. Frau Klara entschuldigte sich fr
einen Augenblick; und als sie hell und heiter zurckkam, sagte sie: 'Wir
knnen dann hineingehen. Er ist jetzt wach und lchelt. -- Aber was
wollten Sie eben sagen?'

'Ich habe mir eben berlegt, was Ihnen knnte geholfen haben zu -- zu
sich selbst, zu diesem ruhigen Sichbesitzen. Das Leben hat es Ihnen doch
nicht leicht gemacht. Offenbar half Ihnen etwas, was mir fehlt?' 'Was
sollte das sein, Georg?' Klara setzte sich neben ihn.

'Es ist seltsam; als ich mich zum erstenmal wieder Ihrer erinnerte, vor
drei Wochen nachts, auf der Reise, da fiel mir ein: sie war ein frommes
Kind. Und jetzt, seit ich Sie gesehen habe, trotzdem Sie so ganz anders
sind, als ich erwartete -- trotzdem, ich mchte fast sagen, nur noch
desto sicherer, empfinde ich, was Sie gefhrt hat, mitten durch alle
Gefahren, war Ihre -- Ihre Frmmigkeit.'

'Was nennen Sie Frmmigkeit?'

'Nun, Ihr Verhltnis zu Gott, Ihre Liebe zu ihm, Ihr Glauben.'

Frau Klara schlo die Augen: 'Liebe zu Gott? Lassen Sie mich
nachdenken.' Der Doktor betrachtete sie gespannt. Sie schien ihre
Gedanken langsam auszusprechen, so wie sie ihr kamen: 'Als Kind -- hab
ich da Gott geliebt? Ich glaube nicht. Ja, ich habe nicht einmal -- es
htte mir wie eine wahnsinnige berhebung -- das ist nicht das richtige
Wort -- wie die grte Snde geschienen, zu denken: Er ist. Als ob ich
ihn damit gezwungen htte, in mir, in diesem schwachen Kind, mit den
lcherlich langen Armen, zu sein, in unserer armen Wohnung, in der alles
unecht und lgnerisch war, von den Bronze-Wandtellern aus Papiermach
bis zum Wein in den Flaschen, die so teure Etiketten trugen. Und
spter--' Frau Klara machte eine abwehrende Bewegung mit den Hnden,
und ihre Augen schlossen sich fester, als frchteten sie, durch die
Lider etwas Furchtbares zu sehen -- 'ich htte ihn ja hinausdrngen
mssen aus mir, wenn er in mir gewohnt htte damals. Aber ich wute
nichts von ihm. Ich hatte ihn ganz vergessen. Ich hatte alles vergessen.
-- Erst in Florenz: Als ich zum erstenmal in meinem Leben sah, hrte,
fhlte, erkannte und zugleich danken lernte fr alles das, da dachte ich
wieder an ihn. berall waren Spuren von ihm. In allen Bildern fand ich
Reste von seinem Lcheln, die Glocken lebten noch von seiner Stimme, und
an den Statuen erkannte ich Abdrcke seiner Hnde.'

'Und da fanden Sie ihn?'

Klara schaute den Doktor mit groen, glcklichen Augen an: 'Ich fhlte,
da er war, irgendwann einmal war ... warum htte ich mehr empfinden
sollen? Das war ja schon berflu.'

Der Doktor stand auf und ging ans Fenster. Man sah ein Stck Feld und
die kleine, alte Schwabinger Kirche, darber Himmel, nicht mehr ganz
ohne Abend. Pltzlich fragte Doktor Lamann, ohne sich umzuwenden: 'Und
jetzt?' Als keine Antwort kam, kehrte er leise zurck.

'Jetzt--,' zgerte Klara, als er gerade vor ihr stand, und hob die
Augen voll zu ihm auf: 'jetzt denke ich manchmal: Er wird sein.'

Der Doktor nahm ihre Hand und behielt sie einen Augenblick. Er schaute
so ins Unbestimmte.

'Woran denken Sie, Georg?'

'Ich denke, da das wieder wie an jenem Abend ist: Sie warten wieder auf
den Wunderbaren, auf Gott, und wissen, da er kommen wird -- Und ich
komme zufllig dazu--.'

Frau Klara erhob sich leicht und heiter. Sie sah sehr jung aus. 'Nun,
diesmal wollen wirs aber auch abwarten.' Sie sagte das so froh und
einfach, da der Doktor lcheln mute. So fhrte sie ihn in das andere
Zimmer, zu ihrem Kind.--

In dieser Geschichte ist nichts, was Kinder nicht wissen drfen.
Indessen, die Kinder haben sie nicht erfahren. Ich habe sie nur dem
Dunkel erzhlt, sonst niemandem. Und die Kinder haben Angst vor dem
Dunkel, laufen ihm davon, und mssen sie einmal drinnen bleiben, so
pressen sie die Augen zusammen und halten sich die Ohren zu. Aber auch
fr sie wird einmal die Zeit kommen, da sie das Dunkel liebhaben. Sie
werden von ihm meine Geschichte empfangen, und dann werden sie sie auch
besser verstehen.




INHALT


  ALS EINLEITUNG

  Das Mrchen von den Hnden Gottes                           1

  GESCHICHTEN VOM LIEBEN GOTT

  Der fremde Mann                                            19

  Warum der liebe Gott will, da es arme Leute gibt          29

  Wie der Verrat nach Ruland kam                            41

  Wie der alte Timofei singend starb                         55

  Das Lied von der Gerechtigkeit                             69

  Eine Szene aus dem Ghetto von Venedig                      89

  Von einem, der die Steine belauscht                       103

  Wie der Fingerhut dazu kam, der liebe Gott zu sein        111

  Ein Mrchen vom Tod und eine fremde Nachschrift dazu      123

  Ein Verein aus einem dringenden Bedrfnis heraus          139

  Der Bettler und das stolze Frulein                       159

  Eine Geschichte, dem Dunkel erzhlt                       171




  Druck von Bernhard
  Tauchnitz in Leipzig




IM INSEL-VERLAG  LEIPZIG

DICHTUNGEN VON RAINER MARIA RILKE


DAS STUNDENBUCH. (Vom mnchischen Leben; Von der Pilgerschaft; Von der
Armut und vom Tode.) 30.-39. Tausend.

ERSTE GEDICHTE. 10.-13. Tausend.

DIE FRHEN GEDICHTE. 11.-14. Tausend.

NEUE GEDICHTE (1905 bis 1907). 10.-14. Tausend.

DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. 9. bis 13. Tausend.

DAS BUCH DER BILDER. 16.-19. Tausend.

REQUIEM. (Fr eine Freundin. Fr Wolf Graf von Kalckreuth.) Fnfte
Auflage.

DAS MARIENLEBEN. 31.-40. Tausend. (Insel-Bcherei Nr.43.)

DIE WEISE VON LIEBE UND TOD DES CORNETS CHRISTOPH RILKE. 201.-230.
Tausend. (Insel-Bcherei Nr.1.)

DIE AUFZEICHNUNGEN DES MALTE LAURIDS BRIGGE. Roman. Zwei Bnde. 13.-17.
Tausend.

AUGUSTE RODIN. Mit 96 Vollbildern nach Skulpturen und Handzeichnungen
Rodins. 31.-35. Tausend.

                   *       *       *       *       *

Von Rilke wurden bertragen:

ELIZABETH BARRETT-BROWNING: SONETTE AUS DEM PORTUGIESISCHEN.
(Insel-Bcherei Nr.252.)

DIE LIEBE DER MAGDALENA. Ein franzsischer Sermon, gezogen durch den
Abb Joseph Bonnet aus dem Manuskript QI14 der Kaiserlichen Bibliothek
zu St. Petersburg. Dritte Auflage.

DIE VIERUNDZWANZIG SONETTE DER LOUZE LAB. Lyoneserin 1555.
(Insel-Bcherei Nr.222.) 11.-20. Tausend.

PORTUGIESISCHE BRIEFE. (Die Briefe der Marianne Alcoforado.) 21.-25.
Tausend. (Insel-Bcherei Nr.74.)

ANDR GIDE. Die Rckkehr des verlorenen Sohnes. 16.-20. Tausend.
(Insel-Bcherei Nr.143.)




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Rechte auf die Linke los: Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die
  Rechte auf die Linke los: 'Du hast ihn losgelassen!' 'Bitte,' sagte die

  Jegoruschka, mein Tubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen
  'Jegoruschka, mein Tubchen, ich habe dich schon viele Lieder singen

  wofr der Name mir fehlt Und alle diese Dinge lagen in den seichten
  wofr der Name mir fehlt. Und alle diese Dinge lagen in den seichten

  Pltzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: Das also wissen
  Pltzlich hob der Doktor den Kopf und sagte traurig: 'Das also wissen

  ]






End of Project Gutenberg's Geschichten vom lieben Gott, by Rainer Maria Rilke

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electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.net

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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