The Project Gutenberg EBook of Der Untertan by Heinrich Mann



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Title: Der Untertan

Author: Heinrich Mann

Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126]

Language: German

Character set encoding: US-ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***





                             Heinrich Mann

                              Der Untertan

                                 Roman




                           Kurt Wolff Verlag
                               Leipzig-Wien





              Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914



            Vierundfuenfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend

          Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
                Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918






                                    I.


Diederich Hessling war ein weiches Kind, das am liebsten traeumte, sich vor
allem fuerchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verliess er im Winter
die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
Papierfabrik roch und ueber dessen Goldregen- und Fliederbaeumen das
hoelzerne Fachwerk der alten Haeuser stand. Wenn Diederich vom Maerchenbuch,
dem geliebten Maerchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm
auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kroete gesessen, halb so gross wie er
selbst! Oder an der Mauer dort drueben stak bis zum Bauch in der Erde ein
Gnom und schielte her!

Fuerchterlicher als Gnom und Kroete war der Vater, und obendrein sollte man
ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte,
drueckte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
umher, bis Herr Hessling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein
die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Haende - worauf
er weglief.

Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an
der Werkstaette vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte
Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewusst: "Ich
habe Pruegel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr waeret froh, wenn ihr auch
Pruegel von ihm bekommen koenntet. Aber dafuer seid ihr viel zu wenig."

Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen
bald, es dem Vater zu melden, dass sie sich Bier holten, und bald liess er
kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Hessling
zurueckkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte
sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Buettenschoepfer gewesen in den
alten Muehlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen
alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine
Papiermaschine kaufen koennen. Ein Hollaender und eine Schneidemaschine
vervollstaendigten die Einrichtung. Er selbst zaehlte die Bogen nach. Die
von den Lumpen abgetrennten Knoepfe durften ihm nicht entgehen. Sein
kleiner Sohn liess sich oft von den Frauen welche zustecken, dafuer, dass er
die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
beisammen, dass ihm der Gedanke kam, sie beim Kraemer gegen Bonbons
umzutauschen. Es gelang - aber am Abend kniete Diederich, indes er den
letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschuettelt,
zu dem schrecklichen lieben Gott, er moege das Verbrechen unentdeckt
lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur
methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten
Unteroffiziersgesicht, den Stock gefuehrt hatte, zuckte diesmal die Hand,
und in die eine Buerste seines silberigen Kaiserbartes lief, ueber die
Runzeln huepfend, eine Traene. "Mein Sohn hat gestohlen", sagte er ausser
Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdaechtigen
Eindringling. "Du betruegst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen
Menschen totzuschlagen."

Frau Hessling wollte Diederich noetigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn
um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
Diederichs Instinkt sagte ihm, dass dies den Vater nur noch mehr erbost
haben wuerde. Mit der gefuehlsseligen Art seiner Frau war Hessling durchaus
nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fuers Leben. Uebrigens ertappte er
sie geradeso auf Luegen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am
Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben
war. Sie klatschte, anstatt sich zu ruehren, mit dem Dienstmaedchen ... Und
Hessling wusste noch nicht einmal, dass seine Frau auch naschte, gerade wie
das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
nachtraeglich an den Schrank. Haette sie sich in die Werkstatt getraut,
wuerde sie auch Knoepfe gestohlen haben.

Sie betete mit dem Kind "aus dem Herzen", nicht nach Formeln, und bekam
dabei geroetete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals ueber Kopf und
verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor,
und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, dass sie nun Angst hatte. Ihre
zaertlichen Stunden nuetzte er aus; aber er fuehlte gar keine Achtung vor
seiner Mutter. Ihre Aehnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
achtete sich selbst nicht, dafuer ging er mit einem zu schlechten Gewissen
durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht haette bestehen koennen.

Dennoch hatten die beiden von Gemuet ueberfliessende Daemmerstunden. Aus den
Festen pressten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und
Maerchenerzaehlen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am
Christkind zu zweifeln anfing, liess er sich von der Mutter bewegen, noch
ein Weilchen zu glauben, und er fuehlte sich dadurch erleichtert, treu und
gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnaeckig, und
der Vater, der hiervon nichts hoeren wollte, schien zu stolz, beinahe
strafwuerdig. Die Mutter naehrte ihn mit Maerchen. Sie teilte ihm ihre Angst
mit vor den neuen, belebten Strassen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
und fuehrte ihn ueber den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige
Grausen.

Ecke der Meisestrasse hinwieder musste man an einem Polizisten vorueber, der,
wen er wollte, ins Gefaengnis abfuehren konnte! Diederichs Herz klopfte
beweglich; wie gern haette er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann wuerde
der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben.
Es war vielmehr geboten, zu beweisen, dass man sich rein und ohne Schuld
fuehlte - und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach
der Uhr.



Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
Maerchenkroeten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der
einen im Hals pinseln durfte und schuetteln, wenn man schrie - nach allen
diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie
heulend, und auch die Antworten, die er wusste, konnte er nicht geben, weil
er heulen musste. Allmaehlich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte - denn alle Angst machte ihn
nicht fleissiger oder weniger traeumerisch - und vermied so, bis die Lehrer
sein System durchschaut hatten, manche ueblen Folgen. Dem ersten, der es
durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war ploetzlich still und
sah ihn, ueber den gekruemmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll
scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und
willfaehrig. Den gutmuetigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
Streiche, deren er sich nicht ruehmte. Mit viel groesserer Genugtuung sprach
er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen
Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: "Heute hat Herr Behnke wieder drei
durchgehauen." Und wenn gefragt ward, wen?

"Einer war ich."

Denn Diederich war so beschaffen, dass die Zugehoerigkeit zu seinem
unpersoenlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden,
maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglueckte, dass die
Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend,
teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekraenzte man
Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.

Im Lauf der Jahre beruehrten zwei ueber Machthaber hereingebrochene
Katastrophen ihn mit heiligem und suessem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor
der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
wahnsinnig. Noch hoehere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren
hier graesslich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und
aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.

Die Macht, die ihn in ihrem Raederwerk hatte, vor seinen juengeren
Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mussten nach seinem Diktat schreiben
und kuenstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen,
damit er mit roter Tinte wueten und Strafen austeilen konnte. Sie waren
grausam. Die Kleinen schrien - und dann war es an Diederich, sich zu
demuetigen, um nicht verraten zu werden.

Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen noetig; ihm genuegten
Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Hollaenders und sah die Trommel
die Lumpen ausschlagen. "Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame
Bande!" murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es.
Ploetzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines
Arbeiters hatte ihn aufgestoert aus seinem laesterlichen Genuss.

Denn recht geheuer und seiner Sache gewiss fuehlte er sich nur, wenn er
selbst die Pruegel bekam. Kaum je widerstand er dem Uebel. Hoechstens bat er
den Kameraden: "Nicht auf den Ruecken, das ist ungesund."

Nicht dass es ihm am Sinn fuer sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil
fehlte. Aber Diederich hielt dafuer, dass Pruegel, die er bekam, dem
Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
zufuegten. Ernster als diese bloss idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
die der Oberkellner vom "Netziger Hof" ihm schon laengst versprochen hatte
und mit der er nie herausrueckte. Diederich machte unzaehlige Male ernsten
Schrittes den Geschaeftsweg die Meisestrasse hinauf zum Markt, um seinen
befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner
Verpflichtung ueberhaupt nichts mehr wissen wollte, erklaerte Diederich und
stampfte ehrlich entruestet auf: "Jetzt wird mir's doch zu bunt! Wenn Sie
nun nicht gleich herausruecken, sag' ich's Ihrem Herrn!" Darauf lachte
Schorsch und brachte die Schaumrolle.

Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und
in Sorge geniessen, denn es war zu fuerchten, dass Wolfgang Buck, der draussen
wartete, darueber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war.
Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tuer brach
er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und
gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefuehl, das sich zu
seinen Gunsten noch eben so kraeftig geaeussert hatte, schwieg vor den
Anspruechen des anderen - die man freilich nicht einfach ausser acht lassen
durfte, dafuer war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
Persoenlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
eine weissseidene Halsbinde und darueber einen grossen weissen Knebelbart. Wie
langsam und majestaetisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster
setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Ueberzieher sahen
haeufig Frackschoesse hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen,
er bekuemmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefaengnis,
von allem, was oeffentlich war, dachte Diederich: "Das gehoert dem Herrn
Buck." Er musste ungeheuer reich und maechtig sein. Alle, auch Herr Hessling,
entbloessten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
abzunehmen, waere eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den
grossen Maechten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrueckt zu werden,
musste Diederich leise und listig zu Werk gehen.

Einmal nur, in Untertertia, geschah es, dass Diederich jede Ruecksicht
vergass, sich blindlings betaetigte und zum siegestrunkenen Unterdruecker
ward. Er hatte, wie es ueblich und geboten war, den einzigen Juden seiner
Klasse gehaenselt, nun aber schritt er zu einer ungewoehnlichen Kundgebung.
Aus Kloetzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein
Kreuz und drueckte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz
allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der
Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die
ueberwaeltigende Mehrheit drinnen und draussen. Denn durch ihn handelte die
Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fuehlte bei geteilter
Verantwortlichkeit und einem Schuldbewusstsein, das kollektiv war!

Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein,
aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut
zurueck; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
Zustimmung. Diederich laechelte mit demuetigem Einverstaendnis zu ihnen auf.
Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht
versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besass. Unter ihm brachte
Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite
dieser Ehrenstellen behauptete er auch spaeter. Er war gut Freund mit
allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetruebtes, aber
herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem
Leichtsinn - und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch
vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer
und die aufruehrerischen Reden, die gegen sie gefuehrt worden waren. In
seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem
wolluestigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehoert
hatte. Denn er spuerte, ward irgendwie an den Herrschenden geruettelt, eine
gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast
wie ein Hass, der zu seiner Saettigung rasch und verstohlen ein paar Bissen
nahm. Durch die Anzeige der anderen suehnte er die eigene suendhafte Regung.

Andererseits empfand er gegen die Mitschueler, deren Fortkommen seine
Taetigkeit in Frage stellte, zumeist keine persoenliche Abneigung. Er benahm
sich als pflichtmaessiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefasst, der schon laengst
verdaechtig war, alles abzuschreiben. Diederich ueberliess ihm, mit Wissen
des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich
gefaelscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem
Zusammenbruch des Betruegers sassen einige Primaner vor dem Tor in einer
Gartenwirtschaft, was zum Schluss der Turnspiele erlaubt war, und sangen.
Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als
ausgetrunken war, liess er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen
gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Basstoenen, die von Gemuet
schleppten, ganz allein an:

  "Ich hatt' einen Kameraden,
  Einen bessern findst du nit ..."

Uebrigens genuegte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Faechern, ohne in
einem das Mass des Geforderten zu ueberschreiten, oder auf der Welt irgend
etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm
das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklaertes
Misstrauen ein.

Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere fuer
gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
studieren. Der alte Hessling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor
eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.



Weil er sich aus der Naehe der Friedrichstrasse nicht fortgetraute, mietete
er sein Zimmer droben in der Tieckstrasse. Jetzt hatte er nur in gerader
Linie hinunterzugehen und konnte die Universitaet nicht verfehlen. Er
besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, taeglich zweimal, und in der
Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater
und Mutter und dankte ihnen fuer seine glueckliche Kindheit. Ohne Not ging
er nur selten aus. Kaum, dass er zu essen wagte; er fuerchtete, sein Geld
vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort musste er nach der Tasche
fassen, ob es noch da sei.

So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem
Brief des Vaters in die Bluecherstrasse zu Herrn Goeppel, dem
Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Hessling lieferte. Am
vierten Sonntag besiegte er seine Scheu - und kaum watschelte der
gedrungene, geroetete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor
gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, dass er nicht
frueher gekommen sei. Herr Goeppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor
allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war,
hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gruenden,
schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer
von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, hoeher als gewisse
Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafuer der
Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon
achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
"Ja, dass wir hier als freie Maenner sitzen koennen," sagte Herr Goeppel, "das
verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck." Und er oeffnete noch eine
Flasche Bier. "Heute sollen wir uns mit Kuerassierstiefeln treten
lassen ..."

Herr Goeppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich
bestaetigte alles, was Goeppel wollte; er hatte ueber den Kanzler, die
Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich
beruehrt, denn ein junges Maedchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
Blick durch Schoenheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.

"Meine Tochter Agnes", sagte Herr Goeppel.

Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett,
und war rosig ueberzogen. Das junge Maedchen gab ihm die Hand. Sie wollte
wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja,
als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im
Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fuehlte sich feucht vor
Ungemuetlichkeit und war fest ueberzeugt, sein Aufbruch sei das einzige,
womit er das junge Maedchen interessieren koenne. Aber wie war von hier
fortzukommen? Zum Glueck stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch,
namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud.
ing._ zu sein schien und bei Goeppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte
Fraeulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet haetten. Diederich
ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schuetzte er einen Bekannten vor,
der draussen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. "Gott sei Dank,"
dachte er, waehrend es ihm einen Stich gab, "sie hat schon einen."

Herr Goeppel oeffnete ihm im Dunkeln die Flurtuer und fragte, ob sein Freund
auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. "Denn wenn Sie
es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben
sich gewiss schon mal verirrt in Berlin." Und als Diederich es zugab,
zeigte Herr Goeppel sich befriedigt. "Das ist nicht wie in Netzig. Hier
laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer
Tieckstrasse bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon
dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, naechsten Sonntag kommen Sie
nun aber zum Mittagessen!"

Diederich versprach es. Als es so weit war, haette er lieber abgesagt; nur
aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein
Alleinsein mit dem Fraeulein zu bestehen. Diederich tat geschaeftig und als
sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe fuer so
etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Hessling studiere
Chemie?

"Ja. Das ist ueberhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat",
behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.

Fraeulein Goeppel liess ihren Beutel fallen; er bueckte sich so nachlaessig,
dass sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie
danke, ganz weich, fast beschaemt - was Diederich aergerte. "Kokette Weiber
sind etwas Graessliches", dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.

"Jetzt hab' ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster naemlich. Es
blutet wieder."

Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weisse
des Schnees, dass Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag,
muesse hineinsickern.

"Ich habe welches", sagte er, mit einem Ruck.

Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte
er es abgeleckt.

"Was machen Sie denn?"

Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: "O, ich
als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen."

Sie laechelte. "Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das
koennen", bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.

"So", machte er ablehnend, und trat zurueck. Ihm war es schwuel geworden, er
dachte: "Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen muesste! Sie ist
widerlich weich." Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
"Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?" Und
sie noetigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich
Vetternschaft heraus.

"Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann koennen Sie sich freuen.
Meine ist laengst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so
Ahnungen" - und sie laechelte wehmuetig und entschuldigend.

Diederich beschloss schweigend, diese Sentimentalitaet albern zu finden.
Noch eine Pause - und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drueckte er so kraftvoll, dass
Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich laechelte er ihm sieghaft
in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes' Knie und
fragte heiter und mit Autoritaet nach allem Moeglichen, was nur sie beide
anging. Diederich war sich selbst ueberlassen und entdeckte, dass Agnes, so
in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie
nicht huebsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf
deren freilich sehr schmalem Ruecken Sommersprossen sassen. Ihre gelbbraunen
Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die
Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. "Wenn sie nicht
so viel braunrotes Haar ueber der Stirn haette und dazu den weissen
Teint ..." Auch bereitete es ihm Genugtuung, dass der Nagel des Fingers,
den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.

Herr Goeppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und
Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und kuessten Agnes. Sie taten
es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
Maedchen war schlanker und groesser als sie alle und blickte ein wenig
zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmaechtigen Schultern hing.
Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuss. Diederich sah
dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, ueberzogen von roten
Haaren, ihre Schlaefe kreuzen.

Er musste eine der Tanten ins Esszimmer fuehren. Der Mecklenburger hatte
Agnes' Arm in den seinen gehaengt. Um den langen Familientisch raschelten
die seidenen Sonntagskleider. Die Gehroecke wurden ueber den Knien
zusammengelegt. Man raeusperte sich, die Herren rieben die Haende. Dann kam
die Suppe.

Diederich sass von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich
nicht vorbeugte - was er sorgfaeltig vermied. Da seine Nachbarin ihn in
Ruhe liess, ass er grosse Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hoerte
ausfuehrlich das Essen besprechen und musste bestaetigen, dass es schoen
schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten,
und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
habe. Herr Goeppel erzaehlte, Diederich zugewandt, dass er und seine
Schwestern vorhin in der Friedrichstrasse, weiss Gott, auseinander gekommen
seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden haetten. "So etwas kann Ihnen
in Netzig auch nicht passieren", rief er voll Stolz ueber den Tisch.
Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin,
ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Goeppel machte zaertliche Einwaende,
und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes muesse frueh schlafen gehen
und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter ueberanstrengt. Sie
bestritt es. "Ihr lasst mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich."

Diederich nahm innerlich Partei fuer sie. Er hatte eine Wallung von
Heldentum: er haette machen wollen, dass sie alles duerfte, dass sie gluecklich
war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Goeppel ihn, ob er in das Konzert
wolle, "Ich weiss nicht", sagte er veraechtlich und sah Agnes an, die sich
vorbeugte. "Was ist das fuer eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier
trinken kann."

"Sehr vernuenftig", sagte der Schwager des Herrn Goeppel.

Agnes hatte sich zurueckgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.

Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Goeppel riet
seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller
hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen - sein Stuhl flog an die
Wand - und festen Schritts zur Tuer geeilt. "Marie! Der Krehm!" rief er
hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz.
Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stiess sogar
hoehnisch den Atem aus. Der Schwager aeusserte mit kuenstlicher Harmlosigkeit:
"Immer galant! So soll es sein." Herr Goeppel laechelte zaertlich zu Agnes
hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen
die Tischplatte, dass sie anfing sich zu heben. Er dachte: "Gott, o Gott,
haette ich nur das nicht getan!"

Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drueckte er sich
herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee waehlte er seinen Sitz mit Sorgfalt
dort, wo Mahlmanns breiter Ruecken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
wollte sich seiner annehmen.

"Was studieren Sie denn, junger Mann?" fragte sie.

"Chemie."

"Ach so, Physik?"

"Nein, Chemie."

"Ach so."

Und so imposant sie angefangen hatte, hierueber kam sie nicht hinweg.
Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft
passte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfuellt, sah er darein, bis
die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie
hinausbegleitet. Herr Goeppel kehrte zurueck, erstaunt, den jungen Mann
allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal fasste er in
die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben,
Abschied nahm, bekundete Goeppel grosse Herzlichkeit. "Meine Tochter werd'
ich von Ihnen gruessen", sagte er sogar, und an der Tuer, nachdem er ein
wenig ueberlegt hatte: "Kommen Sie doch naechsten Sonntag wieder!"

Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch
liess er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis
zu einem Geschaeft zu fragen, wo er fuer Agnes das Konzertbillett kaufen
konnte. Vorher musste er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des
Virtuosen herausfinden, den Agnes erwaehnt hatte. War es der? Hatte er so
geklungen? Diederich entschloss sich. Als er dann erfuhr, es koste vier
Mark fuenfzig, riss er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um
einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt
haette! Als er bezahlt hatte und draussen war, entruestete er sich zunaechst
ueber den Schwindel. Dann bedachte er, dass es fuer Agnes geschehen sei, und
ward von sich selbst erschuettert. Immer weicher und gluecklicher ging er
durch das Gewuehl. Es war das erste Geld, das er fuer einen anderen Menschen
ausgegeben hatte.

Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und
schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schoenschrift. Wie er
dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte hoehnisch.
Diederich fuehlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem
Kasten zurueckgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es saehe drinnen aus wie bei einer
aelteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause
mitgebracht! Diederich schaemte sich heiss. Als Mahlmann die Chemiebuecher
veraechtlich auf- und zuklappte, schaemte Diederich sich seines Faches. Der
Mecklenburger waelzte sich ins Sofa und fragte: "Wie gefaellt Ihnen denn die
Goeppel? Netter Kaefer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch!
Ich trete zurueck, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei
fuenfzehn verschiedenen."

Da Diederich nachlaessig abwehrte:

"Sie, da ist naemlich was zu machen. Ich muesste gar nichts von Weibern
verstehen. Die roten Haare! - und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen
ansieht, wenn sie meint, man weiss es nicht?"

"Mich nicht", sagte Diederich noch geringschaetziger. "Ich pfeife auch
darauf."

"Ihr Schade!" Mahlmann lachte tobend - worauf er vorschlug, einen Bummel
zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
beide betrunken. Etwas spaeter, in der Leipziger Strasse, bekam Diederich
ohne Anlass von Mahlmann eine maechtige Ohrfeige. Er sagte: "Au! Das ist
aber doch eine -" Vor dem Wort "Frechheit" schrak er zurueck. Der
Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. "Recht freundlich, Kleiner!
Alles bloss Freundschaft!" - und ueberdies nahm er Diederich die letzten
zehn Mark ab ... Vier Tage spaeter fand er ihn schwach vor Hunger und
teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, grossmuetig
drei Mark mit. Am Sonntag bei Goeppels - mit weniger leerem Magen waere
Diederich vielleicht nicht hingegangen - erzaehlte Mahlmann, dass Hessling
all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen muesse. Herr
Goeppel und sein Schwager lachten verstaendnisvoll, aber Diederich haette
lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig pruefend angesehen
werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt troestete er sich. "Es ist alles
eins, sie hat es schon immer getan!" Da fragte sie, ob das Konzertbillett
vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.

"Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen", entgegnete er so
unliebenswuerdig, dass sie ihm glaubten. Agnes zoegerte ein wenig, bevor sie
wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die uebrigen vor
Agnes hin. Diederich kuemmerte sich nicht um sie. Er ass noch mehr als das
vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hiess, der
Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine
Verabredung. Er setzte sogar hinzu: "Mit jemand, den ich unmoeglich warten
lassen kann." Herr Goeppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die
Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: "Keine
Angst, Sie sind natuerlich eingeladen." Aber Diederich beteuerte entruestet,
dass es nicht daran liege. "Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie
Lust haben", schloss Goeppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des
Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines grossen
Opfers. Am Abend in einem ueberfuellten Bierlokal sass er den Kopf
aufgestuetzt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als
verstehe er jetzt das Schicksal.

Was war zu machen gegen die gewalttaetige Art, in der Mahlmann seine
Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen
Blumenstrauss fuer Agnes, und Diederich, der mit leeren Haenden kam, haette
sagen koennen: "Der ist eigentlich von mir, Fraeulein." Indessen schwieg er,
mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte
zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um
ihm den Zylinder einzuschlagen - obwohl Diederich keineswegs die Warnung
verkannte, die solch ein Vorgang fuer ihn selbst enthielt.

Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene
Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Goeppels mit
einem Bukett, keinem zu grossen, um sich nicht blosszustellen, und auch, um
Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Maedchen hatte, wie sie es nahm,
ein ergriffenes Gesicht, und Diederich laechelte herablassend und verlegen
zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhoert festlich; er war nicht
ueberrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.

Die Gesellschaft rueckte aus, nachdem Mahlmann sie abgezaehlt hatte: elf
Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Goeppels Schwestern, vollstaendig
anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer hoeheren
Klasse oder haetten geerbt. Die Maenner trugen Gehroecke: nur wenige in
Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhueten.
Kam man durch eine Seitenstrasse, war sie breit, gleichfoermig und leer,
ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis
kleiner Maedchen in weissen Kleidern, schwarzen Struempfen und ganz behangen
mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der
Verkehrsader, stuermten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die
Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plaetze rangen,
sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blass aus. Alles draengte
vorwaerts, alles stuerzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnuegen anfangen
sollte. Alle Mienen sagten hart: "Nu los, gearbeitet haben wir genug!"

Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn
eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuss trat. Der
Herr schrie: "Flegel!" Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte
es sich, dass Herr Goeppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt,
bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.

Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes - warum ging
heute alles gluecklich? -, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
wollte, unterstuetzte er sie stuermisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor
dem engen Gang zwischen den Raubtierkaefigen kehrten die Damen um.
Diederich trug Agnes seine Begleitung an. "Da nehmen Sie doch lieber mich
mit hinein", sagte Mahlmann. "Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte -"

"Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest", entgegnete Agnes und trat
ein, waehrend Mahlmann sein Gelaechter aufschlug. Diederich blieb hinter
ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
zustuerzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie ueber ihn
hinstiessen - und vor dem jungen Maedchen, dessen Blumenduft ihm voranzog.
Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:

"Ich mag das Renommieren nicht!"

"Wirklich?" fragte Diederich, vor Freude geruehrt.

"Heute sind Sie mal nett", sagte Agnes; und er:

"Ich moechte es eigentlich immer sein."

"Wirklich?" - Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken.
Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles
nicht. Das junge Maedchen sagte klagend:

"Die Tiere riechen aber furchtbar."

Und sie gingen zurueck.

Mahlmann empfing sie. "Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreissen
wuerden." Dann nahm er Diederich beiseite. "Na? Was macht die Kleine? Geht
es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, dass es keine Kunst ist."

Da Diederich stumm blieb:

"Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch
ein Semester in Berlin: dann koennen Sie mich beerben. Aber so lange warten
Sie gefaelligst -" Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
ploetzlich tueckisch anzusehen. "- Freundchen!"

Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen
und wagte sich gar nicht mehr in Agnes' Naehe. Sie hoerte nicht sehr
aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rueckwaerts: "Papa! Heute ist es schoen,
heute geht es mir aber wirklich gut."

Herr Goeppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Haende und tat, als wollte
er fest zudruecken, aber er beruehrte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er
seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklaerte ihnen, der
Tag muesse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und
nachher irgendwo essen.

"Papa wird leichtsinnig!" rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber
er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
ungeschickt, dass er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedraenge
der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Goeppel allein zurueck. Ploetzlich
hielt Goeppel an, tastete verstoert auf seinem Magen umher und fragte:

"Wo ist meine Uhr?"

Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:

"Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Goeppel?"

"Jawohl!" - und Goeppel wendete sich an Diederich. "Dreissig Jahre bin ich
hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert." Und stolz trotz
allem: "Sehen Sie, das gibt's in Netzig ueberhaupt nicht!"

Nun musste man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhoer
bestehen. Und Agnes hustete. Goeppel zuckte zusammen. "Wir waeren jetzt doch
zu muede", murmelte er. Mit kuenstlicher Jovialitaet verabschiedete er
Diederich, der Agnes' Hand uebersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal,
mit ueberraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging,
schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er
die schwersten seiner Chemiebaende mit Krachen auf den Boden. Er hielt
sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geraeusch einer Tuer
begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in
die Sofaecke, stuetzte den Kopf und weinte. Waere es nicht vorher so schoen
gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Maedchen: dass
sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem
Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewusst, dass er es mit so einem
Kerl nicht aufnehmen koenne. Er sah sich neben Mahlmann und wuerde es nicht
begriffen haben, haette eine sich fuer ihn entschieden. "Was hab' ich mir
nur eingebildet?" dachte er. "Eine, die sich in mich verliebt, muss
wirklich dumm sein." Er litt grosse Angst, der Mecklenburger koenne kommen
und ihn noch aerger bedrohen. "Ich will sie gar nicht mehr. Waere ich nur
schon fort!" Die naechsten Tage sass er in toedlicher Spannung bei
verschlossener Tuer. Kaum war sein Geld da, reiste er.

Seine Mutter fragte, befremdet und eifersuechtig, was er habe. Nach so
kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. "Ja, das Berliner Pflaster!"

Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine
Universitaet, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, dass es ein Fuer und
ein Wider gaebe. Diederich musste ihm viel von Goeppels berichten. Ob er die
Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschaeftsfreunden gewesen?
Herr Hessling wuenschte, dass Diederich die Ferien benutze, um in der
vaeterlichen Werkstaette den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen.
"Ich bin nicht mehr der Juengste, und mein Granatsplitter hat mich auch
schon lange nicht so gekitzelt."

Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gaebbelchen oder
laengs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur
eins zu fuehlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
dass die Huegel dahinten traurig oder wie eine grosse Sehnsucht aussahen, und
was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heisse Liebe und
seine Traenen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.

Als er einmal die Loewenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein
Schulkamerad Gottlieb Hornung. "Ja, ich spiel' hier den Sommer ueber 'n
bisschen Apotheker", erklaerte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die
ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach
Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was
los sei. Hocherfreut ueber den Besitz seiner Ueberlegenheit fing Diederich
an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhiess:
"Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf."

Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universitaet ward
verworfen. Am Ende des Sommers - Hornung hatte noch einige Tage zu
praktizieren - kehrte Diederich nach Berlin zurueck. Er mied das Zimmer in
der Tieckstrasse. Vor Mahlmann und den Goeppels fluechtete er bis nach
Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine
gruengelbrote Muetze. Er war sofort von einem Kollegen fuer eine Verbindung
gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die
Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs
Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der
Maske der Geringschaetzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht
blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens muesse er
machen.

"Aber nur einen", sagte er fest.

Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn
fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum
Fruehschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.

Und fuer diesen Posten fuehlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen grossen
Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes
von ihm verlangte, als dass er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen
erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht
von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig
befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim
Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, laechelte er in die Runde,
beinahe verschaemt durch die eigene Vollkommenheit!

Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte
in der Schule zu den besten Saengern gehoert und schon in seinem ersten
Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewusst, wo jedes Lied zu finden war.
Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf grossen Naegeln in der Lache
von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die
Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit
Ehrerbietung am Munde des Praeses: ob vielleicht sein Lieblingsstueck daran
kaeme. Dann droehnte er tapfer: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst",
hoerte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fuehlte sich wohlig
geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den
Muetzen an der Wand, angesichts des Kranzes geoeffneter Muender, die alle
dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Koerper, die
es in der Waerme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spaet ward, als
schwitze er mit ihnen allen aus demselben Koerper. Er war untergegangen in
der Korporation, die fuer ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann,
durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehoerte!
Ihn herausreissen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann
haette sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann waeren
statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wuenschte ihn geradezu
herbei, so furchtlos war er. Womoeglich sollte er mit Goeppel kommen, dann
mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er geraecht!

Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein,
sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes,
Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weissen und humorvollen
Speckmasse, die unten breit ueber die Stuhlraender quoll, in mehreren
Wuelsten die Tischhoehe erreichte und dort, als sei nun das Aeusserste getan,
aufgestuetzt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen
des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn
dasitzen sah, vergass, dass er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war
ausschliesslich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der
in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine
wahre Gestalt und blaehte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch' hinterem
Gesicht bluehte auch sein vorderes auf. Lebensfreude ueberglaenzte es, und er
ward witzig.

Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das
Bierglas wegzunehmen. Delitzsch ruehrte kein Glied, aber seine Miene, die
dem geraubten Glase ueberall hin folgte, enthielt ploetzlich den ganzen,
stuermisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in saechsischem
Schreitenor: "Junge, dass du mir nischt verschuettest! Was entziehst de mir
ueberhaupt mein' Laebensunterhalt! Das ist 'ne ganz gemeine, boeswilliche
Existenzschaedichung, und ich kann dich glatt verklaachen!"

Dauerte der Spass zu lange, senkten sich Delitzsch' weisse Fettwangen, und
er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurueck hatte: welche
allumfassende Aussoehnung in seinem Laecheln, welche Verklaerung! Er sagte:
"Du bist doch ae gutes Luder, du sollst laem, prost!" - trank aus und
klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: "Herr Oberkoerper!"

Nach einigen Stunden geschah es wohl, dass sein Stuhl sich mit ihm umdrehte
und Delitzsch den Kopf ueber das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
plaetscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stuerzten,
durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von
Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rueckte Delitzsch an den Tisch
zurueck.

"Na, nu geht's ja wieder", sagte er; und: "Wovon habt 'r denn geredt,
waehrend ich anderweitig beschaeftigt war? Wisst ihr denn egal nischt wie
Weibergeschichten? Was koof' ich mir fuer die Weiber?" Immer lauter: "Nich
mal ae sauern Schoppen kann 'ch mir dafuer koofen. Sie, Herr Oberkoerper!"

Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit
ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.

Das Bier! Der Alkohol! Da sass man und konnte immer noch mehr davon haben,
das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemuetlich. Beim
Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie
bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es
schon zu etwas gebracht, fuehlte sich auf die Hoehen des Lebens befoerdert
und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal haette von Polizisten
umstellt sein duerfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in
innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war
"fertig", war Doktor! Man fuellte im buergerlichen Leben eine Stellung aus,
war reich und von Wichtigkeit: Chef einer maechtigen Fabrik von
Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit
schuf, war in tausend Haenden. Man breitete sich, vom Biertisch her, ueber
die Welt aus, ahnte grosse Zusammenhaenge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja,
das Bier erhob einen so sehr ueber das Selbst, dass man Gott fand!

Gern haette er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen liessen
ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
materiellen Wert einer voelligen Zugehoerigkeit zur Verbindung geschildert;
allmaehlich aber gingen sie immer unverbluemter darauf aus, ihn zu keilen.
Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als
Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie
entgegneten, dass der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, naemlich
die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen
allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfuellt werde. Diederich
zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte
pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
Stoecken in der Luft ihm die Schlaege vorgefuehrt hatten, die sie einander
beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Muetze
um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepresst: "Warum
bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muss ich 'ran."

Er musste. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so
sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, dass ihm unmoeglich viel
geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so
willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten,
schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: ueber die
Wange fuehlte er es rinnen. Als er dann genaeht war, haette er am liebsten
getanzt vor Glueck. Er warf es sich vor, dass er diesen gutmuetigen Menschen
gefaehrliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten
gefuerchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein
wohlgesinnter Erzieher.

Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert
haette. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in
die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Waesche mussten. Das
Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter
Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich - und seine Miene war
leidend vor Anstrengung - tief zusammen, verschuettete die eine Haelfte und
verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter
Feudalstimme.

"Man kann sagen, was man will," bemerkte er gern, "Formen sind kein leerer
Wahn."

Fuer das F in "Formen" machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen
Mausloch und stiess es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag
jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
duenkte ihm erlesen: dass die roetlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe
wuchsen und seine langen, gekruemmten Naegel nach unten gekruemmt, nicht, wie
bei Diederich, nach oben; der starke maennliche Duft, der von Wiebel
ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen
Scheitels erhoehten, und die katerhaft in Schlaefenwulste gebetteten Augen.
Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefuehl des eigenen
Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu
seinem Goenner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht
auf Dasein bestaetigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete
sich vor gluecklicher Bewunderung. Wenn seine Wuensche sich so hoch
hinausgewagt haetten, auch er haette gern solchen roten Hals gehabt und
immer geschwitzt. Welch ein Traum, saeuseln zu koennen wie Wiebel!

Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte
er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen - und da Wiebel
infolge unregelmaessiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte
Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafuer durfte er
mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Beduerfnis verrichtete, hielt
Diederich draussen Wache, und er wuenschte sich nur, seinen Schlaeger da zu
haben, um ihn schultern zu koennen.

Wiebel haette es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs
Ehre und sein ganzes Schuldbewusstsein wurzelten, am glaenzendsten vertrat
Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, fuer die Neuteutonia. Er
hatte das Ansehen der Verbindung erhoeht, denn er sollte einst einen
Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten
Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen
Vetter von Klappke erwaehnte, machte die ganze Neuteutonia eine
geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der
Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war
nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin
duftend, vom taeglichen Frisieren kam, stand an einer Strassenecke Wiebel
mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister - und als
Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Ruecken. Auch sie wendeten
und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne
eine Bemerkung. Jeder vermutete, dass auch der andere die Aehnlichkeit des
Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die
uebrigen schon laengst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der
Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu
vergessen. Als Wiebel das naechste Mal "mein Vetter von Klappke" sagte,
verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie
je.

Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen,
Korpsgeist, Eifer fuer das Hoehere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte
er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das frueher das seine
gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu
genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal,
beim Friseur und zum Fruehschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
Kneipe ueber; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und
mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die
gemuetvolle Derbheit nicht ausschloss. Ein Kommilitone, mit dem Diederich
bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stiess einst mit ihm vor
der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen
konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie
sich - bis sie ploetzlich, im gleichen Augenblick vom Drang ueberwaeltigt,
wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tuer brachen, dass ihnen die
Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In
menschlicher Lage einander naeher gekommen, rueckten sie nachher auch am
offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
"Schweinehund" und "Nilpferd".

Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte
Opfer; es uebte im maennlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der
Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am
Waschtisch und sagte noch: "Na da. Habt 'r heit aach so ae Durscht?" -
ploetzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem
Waschgeschirr. Wiebel befuehlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.

"Herzklaps", sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob
die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf
das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenueber verharrten beide in
streng kommentmaessiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren - sie
marschierten im Takt nebeneinander - sagte Wiebel mit straffer
Todesverachtung:

"So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spass. Das kann sich
jeder gesagt sein lassen."

Und mit allen anderen fuehlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch' treue
Pflichterfuellung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
folgten sie dem Sarge; "Neuteutonia sei's Panier", stand in jeder Miene.
Auf dem Friedhof, die umflorten Schlaeger gesenkt, hatten alle das in sich
vertiefte Gesicht des Kriegers, den die naechste Schlacht dahinraffen kann,
wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem
Geschiedenen ruehmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des
Idealismus den hoechsten Preis errungen, das erschuetterte jeden, als gaelte
es ihm selbst.

Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich
auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
uebernommenen Grundsaetze selbstaendig zu vertreten und sie den Juengeren
einzupflanzen. Er tat es im Gefuehl hoher Verantwortlichkeit und mit
Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen.
Keine fuenf Minuten vergingen, und er musste sich an den Waenden
hinaustasten. Das Schreckliche geschah, dass einer vor Diederich aus der
Tuer ging. Seine Busse waren acht Tage Bierverschiss. Nicht Stolz oder
Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der
Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein
ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch koerperlich verdankte er
ihr alles: die Breite seines weissen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den
Fuechsen ehrwuerdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlaessen in
hohen Stiefeln mit Band und Muetze aufzutreten, den Genuss der Uniform! Wohl
hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Koerperschaft,
der der Leutnant angehoerte, war offenbar die hoehere; aber wenigstens mit
einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von
ihm angeschnauzt zu werden. Seine Maennlichkeit stand ihm mit Schmissen,
die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz
geschorenen Schaedel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben - und
welche Genugtuung, sie taeglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu
koennen! Einmal bot sich eine unerwartet glaenzende Gelegenheit. Zu dritt,
mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmaedchen ihrer Wirtin, waren sie beim
Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine
Wohnung, mit der ein ziemlich huebsches Dienstmaedchen verbunden war,
machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit
ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst,
darueber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.

Rosa war nicht uebel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit
Diederich noch eine Polka bekam, war er genoetigt, sie daran zu erinnern,
dass er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
Tanzes seine korrekte Verbeugung, da draengte sich unversehens ein anderer
dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen
nach, im dunklen Gefuehl, dass er hier werde einschreiten muessen. Bevor er
sich aber regte, war ein Maedchen durch die tanzenden Paare gestuerzt, hatte
Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies
sehen und auf Rosas Raeuber losmarschieren, war fuer Diederich eins.

"Mein Herr," sagte er und sah ihm fest in die Augen, "Ihr Benehmen ist
unqualifizierbar."

Der andere erwiderte:

"Wennschon."

Ueberrascht von dieser ungewoehnlichen Wendung eines offiziellen Gespraechs,
stammelte Diederich:

"Knote."

Der andere erwiderte prompt:

"Schote" - und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der
Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
der andere stiess ihn ploetzlich vor den Bauch - und gleich darauf waelzten
sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen
kaempften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs
Klemmer suchen half, rief: "Da reisst er aus" - und war schon hinterher.
Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in
eine Droschke steigen und nahmen die naechste. Hornung behauptete, die
Verbindung duerfe das nicht auf sich sitzen lassen. "So was kneift und
bekuemmert sich nicht mal mehr um die Dame." Diederich erklaerte:

"Was Rosa betrifft, die ist fuer mich erledigt."

"Fuer mich auch."

Die Fahrt war aufregend. "Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul."
"Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfaehig ist?" Man entschied: "Dann
hat die Sache offiziell nicht stattgefunden."

Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anstaendigen Haus. Diederich und
Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten
sie sich davor. Es ward kuehl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer
die Tuer im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden
Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der
Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!

Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhoer. Sie
suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, dass die beiden keine
besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
Diederich, blieb dabei, dass man warten muesse, und noch zwei Stunden lang
marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere.
Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiss, ob hier nicht ein
Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
Da entschloss Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.

"Mein Herr -"

Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: "Sie irren sich
wohl."

Diederich brachte hervor:

"Durchaus nicht. Ich muss Genugtuung fordern. Sie haben sich -"

"Ich kenne Sie ja gar nicht", stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad
fluesterte ihm etwas zu: "So geht das nicht" - er liess sich von dem anderen
die Karte geben, legte seine eigene dazu und ueberreichte sie Diederich.
Diederich gab die seine her; dann las er: "Albrecht Graf
Tauern-Baerenheim". Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu
lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollfuehren. Der
zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.

"Mein Freund hat den Scherz natuerlich ganz harmlos gemeint. Er waere
selbstverstaendlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen,
dass eine beleidigende Absicht nicht vorliegt."

Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: "O
danke sehr."

"Damit ist die Sache wohl erledigt", sagte der Freund; und die beiden
Herren entfernten sich.

Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen.
Ploetzlich seufzte er tief auf und laechelte langsam.

Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich
ruehmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.

"Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie."

Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stiess in langsamer
Schwellung die Worte hervor:

"F - formen sind doch kein leerer Wahn."

Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines grossen
Augenblickes auf.

"So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz
kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t-hadellos, kann ich
euch sagen. Die Erklaerungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
befriedigend, dass ich meinerseits unmoeglich -: Ihr begreift, man ist kein
Rauhbein."

Alle begriffen es und bestaetigten Diederich, dass die Neuteutonia in dieser
Sache durchaus anstaendig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden
Edelleute wurden bei den Fuechsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten
Schlaegern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
betrank.

Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten fuer die
Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon laengst fuer fast alles.
Mit Ruecksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
Wechsel auf zweihundertfuenfzig Mark erhoeht worden; und doch uebermannten
ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur duerres Land sah
man, verschmachtend, sich dahindehnen - und endlich musste man wohl, so
wenig dies Rittern angestanden haette, ueber die Zurueckforderung dessen
beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen
hatten. Gewiss war mancher alte Herr inzwischen zu grossen Geldern gelangt.
Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.

"Bei dem geht es", erklaerte er. "Der war bei gar keiner Verbindung: ein
ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd' ich mal auf die Bude steigen."

Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein
riesenhaftes Lachen aus, dass Diederich fast vergessen hatte und das ihn
sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er haette doch
fuehlen sollen, dass hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze
Neuteutonia moralisch zugegen war, und haette Diederich um ihretwillen
Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der
kraftspendenden Gesamtheit jaeh herausgerissen und stehe hier als einzelner
Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um
so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurueck,
das wuerde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann moege nur so
gefaellig sein, ihm fuer einen Wechsel zu buergen. Mahlmann lehnte sich in
seinen Schreibsessel zurueck und sagte breit und selbstverstaendlich:

"Nein."

Diederich, betroffen:

"Wieso, nein?"

"Buergen ist gegen meine Prinzipien", erklaerte Mahlmann.

Diederich erroetete vor Entruestung. "Aber ich habe doch auch fuer Sie
gebuergt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich musste fuer Sie
hundert Mark blechen. Sie haben sich gehuetet!"

"Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt fuer Sie buergen wollte, wuerden Sie auch
nicht bezahlen."

Diederich riss nur noch die Augen auf.

"Nein, Freundchen," schloss Mahlmann; "wenn ich Selbstmord begehen will,
brauch' ich Sie nicht dazu."

Diederich fasste sich, er sagte herausfordernd:

"Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr."

"Nein", wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.

Mit aeusserstem Nachdruck stellte Diederich fest: "Dann scheinen Sie
ueberhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler
geben."

Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren
tueckisch geworden, und er stand auf. "Nun muessen Sie 'rausgehen", sagte
er, ohne Erregung. "Unter uns waere es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
meine Angestellten, die duerfen so was nicht hoeren."

Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor
sich her. Fuer jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen
maechtigen Knuff.

"Ich fordere Genugtuung", schrie er, "Sie muessen sich mit mir schlagen!"

"Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen
rufen." Er oeffnete die Tuer. "Friedrich!" Und Diederich ward einem Packer
ueberliefert, der ihn die Treppe hinabbefoerderte. Mahlmann rief ihm nach:

"Nichts fuer ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen
haben, kommen Sie ruhig wieder!"

Diederich brachte sich in Ordnung und verliess das Haus in guter Haltung.
Um so schlimmer fuer Mahlmann, wenn er sich so auffuehrte! Diederich hatte
sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht waere er glaenzend
dagestanden. Etwas hoechst Anstoessiges blieb es, dass ein einzelner sich so
viel erlauben konnte; Diederich war gekraenkt im Namen saemtlicher
Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, dass Mahlmann
Diederichs alte Hochachtung wieder betraechtlich aufgefrischt hatte. "Ein
ganz gemeiner Hund", dachte Diederich. "Aber so muss man sein ..."

Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.

"Nun koennen wir fortmachen", sagte Hornung.

"Wieso wir? Ich brauch' mein Geld selbst."

"Du machst wohl Spass. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben."

"Dann such' dir Gesellschaft!"

Diederich schlug ein solches Gelaechter auf, dass Hornung ihn fuer verrueckt
hielt. Darauf reiste er wirklich.

Unterwegs sah er erst, dass der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das
war ungewoehnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen
sei.

"Wir muessen uns auf das Entsetzlichste gefasst machen. Wenn Du unseren
innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann saeume nicht
laenger, mein Sohn!"

Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemuetlich. Er entschloss
sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. "Weibern glaub' ich
ueberhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig."

Trotzdem tat Herr Hessling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten
Atemzuege.

Von dem Anblick ueberwaeltigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in
ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
Augenblick nass wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
Fluegelschlaege und liess sie machtlos gegen die Hueften klappen. Ploetzlich
erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und kuesste
sie. Frau Hessling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten
Atemzuegen ihres Herrn, tat drueben dasselbe mit der linken. Diederich
dachte daran, wie dieser verkuemmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange
zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die
Pruegel gar, als er von den Lumpen die Knoepfe gestohlen hatte! Diese Hand
war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
verlieren sollte. Er fuehlte, dass seine Mutter das gleiche im Sinn hatte,
und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, ueber das
Bett hinweg, in die Arme.

Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurueck. Er vertrat vor ganz
Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und
vergass darueber fast, dass er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
aeusseren Tuer entgegen. Die Beleibtheit des grossen Mannes von Netzig ward
majestaetisch in seinem glaenzenden Gehrock. Wuerdevoll trug der den
umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen
Handschuh entbloesste Hand, die er Diederich reichte, fuehlte sich
ueberraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in
Diederich ein, und er sagte:

"Ihr Vater war ein guter Buerger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben
Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
Ihre eigene Menschenwuerde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
noch zusammen fuer das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig
studieren?"

Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstoerte ihn die
Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:

"Hat mein Juengster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er
tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
Haben Sie das schon hinter sich?"

"Nein" - und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es
sei ihm bisher ganz unmoeglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber
der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.

Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter
Soetbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Soetbier belehrte
ihn, dass ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
Maedchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden.
Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich
neuntausend Mark betragen. "Mehr nicht?" fragte Diederich. Soetbier sah ihn
an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich
vorstellen koennte, wie sein seliger Vater und Soetbier das Geschaeft
heraufgearbeitet haetten! Gewiss war es ja noch ausdehnungsfaehig ...

"Na, is jut", sagte Diederich. Er sah, dass hier vieles geaendert werden
muesse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese
Zumutung des Verstorbenen empoerte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geaeussert, in seinem Sohn
Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
verheiraten, um immer fuer die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus.
"Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du," schrie er, "und er log
auch nicht." Frau Hessling glaubte den Seligen zu hoeren und duckte sich.
Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fuenfzig Mark erhoehen
zu lassen.

"Zunaechst", sagte er rauh, "hab' ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was
es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten koennt ihr mir spaeter
kommen."

Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte
ihm wilde Freiheitsgefuehle gegeben. Nachts freilich traeumte er, der alte
Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
gehabt hatte - und schwitzend erwachte Diederich.

Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre
gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den
Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veraenderten
Lebensumstaende an. Die Burschenherrlichkeit war vorueber. Der
Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die fuer Diederichs
alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schoensten
Bluetezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch,
wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.

Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die
alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt.
Dieser Herr sah angewidert ueber all das maennliche Fleisch hin, das ihm
unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick hoehnisch.
Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts uebrig, als auch
seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der erroetet war ... Der
Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurueck. Einem, der nicht so scharf
hoerte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die
Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hiess, bekam die Lehre:
"Wenn Sie mich wieder mal hier belaestigen, dann waschen Sie sich
wenigstens!" Bei Diederich hiess es:

"Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
garantiere Ihnen, dass Sie aussehen wie ein Christenmensch."

Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre
Kleider, als brennte die Kaserne. Die fuer tauglich Befundenen sahen
einander pruefend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
erwarteten sie, dass eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege.
Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte
um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit
sorgfaeltiger Aussprache: "Ich moechte noch hinzufuegen, dass ich homosexuell
bin."

Der Stabsarzt wich zurueck, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: "Solche
Schweine koennen wir allerdings nicht brauchen."

Diederich drueckte den kuenftigen Kameraden seine Entruestung aus ueber ein so
schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher
an der Wand seine Koerperlaenge gemessen hatte, und beteuerte ihm, dass er
froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr.
Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm
nicht bescheinigen wolle, dass er skrofuloes und rachitisch sei. Er koenne
sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort
lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich
bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem
Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen musste,
konnte man so lange die Miete sparen.

Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen
an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die "Rayons" hiessen,
"abgerichtet". Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnaesigkeit
zur Schau, die Einjaehrigen betrachtete er nie anders als mit einem
zugekniffenen Auge. Ploetzlich schrie er: "Abrichter!" und gab den
Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte.
Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und
Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die "Kerls"
umherzuhetzen. Ja, Diederich fuehlte wohl, dass alles hier, die Behandlung,
die gelaeufigen Ausdruecke, die ganze militaerische Taetigkeit vor allem
darauf hinzielte, die persoenliche Wuerde auf ein Mindestmass herabzusetzen.
Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmoerderische Begeisterung.
Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur
ward es grausamer durchgefuehrt. Die Pausen der Gemuetlichkeit, in denen man
sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jaeh und
unabaenderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an
dem ein unermesslicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben waere es
gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Hoechstens konnte
man, gegen die eigene Ueberzeugung, sich manchmal druecken. Diederich war
beim Laufen gefallen, der Fuss tat ihm weh. Nicht, dass er gerade haette
hinken muessen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie "ins Gelaende"
marschierte, zurueckbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunaechst an den
Hauptmann selbst herangetreten. "Herr Hauptmann, bitte -" Welche
Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an
eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes
Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur "vorfuehren" lassen
konnte! Der Hauptmann donnerte, dass die Unteroffiziere zusammenliefen, mit
Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Laesterung stand. Die Folge war,
dass Diederich staerker hinkte und einen Tag laenger vom Dienst befreit
werden musste.

Unteroffizier Vanselow, der fuer die Untat seines Einjaehrigen
verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: "Das will ein gebildeter
Mensch sein!" Er war es gewohnt, dass alles Unheil von den Einjaehrigen kam.
Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach
dem Lichtloeschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empoert
dazwischenschrie: "Das wollen gebildete Leute sein!" Trotz seiner langen
Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjaehrigen mehr Geist und gute
Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttaeuscht. In
Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte,
entschied nicht allein ueber Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf
den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten.
Diederich zeigte sich ganz erfuellt von den militaerischen Idealen der
Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
so schien der Sinn dafuer ihm angeboren. Vanselow sagte: "Jetzt bin ich der
Herr Kommandierende General", und auf der Stelle benahm Diederich sich,
als glaubte er es. Wenn es aber hiess: "Jetzt bin ich ein Mitglied der
koeniglichen Familie", dann war Diederichs Verhalten so, dass es dem
Unteroffizier ein Laecheln des Groessenwahns abnoetigte.

Im Privatgespraech in der Kantine eroeffnete Diederich seinem Vorgesetzten,
dass er vom Soldatenleben begeistert sei. "Das Aufgehen im grossen Ganzen!"
sagte er. Er wuensche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
Und er war aufrichtig - was aber nicht hinderte, dass er am Nachmittag, bei
den Uebungen "im Gelaende", keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die
ohnedies, aus Ruecksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward
nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, dass der Hauptmann, bei
seinen Kommandos, sich unsaeglich kuehn und kriegerisch auf dem Pferd
herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut
im Magen schlenkern fuehlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich
voellig bereit war, musste zuruecktreten hinter der persoenlichen Not. Der Fuss
schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es moechte
schlimmer werden, so schlimm, dass er nicht wieder "ins Gelaende" hinaus
musste, dass er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof ueben konnte und
dass man genoetigt war, ihn zu entlassen!

Es kam dahin, dass er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders
aufsuchte, der Geheimer Sanitaetsrat war. Er muesse ihn um seinen Beistand
bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert fuer die Armee,
fuer das grosse Ganze und waere am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da
in einem grossartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse
immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefuehl. Aber der Fuss
tue nun einmal weh. "Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, dass er
unbrauchbar wird. Schliesslich habe ich Mutter und Geschwister zu
ernaehren." Der Geheimrat untersuchte ihn. "Neuteutonia sei's Panier",
sagte er. "Ich kenne zufaellig Ihren Oberstabsarzt." Hiervon war Diederich
durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger
Hoffnung.

Die Hoffnung bewirkte, dass er am naechsten Morgen kaum noch auftreten
konnte. Er meldete sich krank. "Wer sind Sie, was belaestigen Sie mich?" -
und der Stabsarzt mass ihn. "Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
auch schon kleiner." Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der
Vorgesetzte musste sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuss
zu Gesicht bekam, erklaerte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzuende,
werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuss. Der
Stabsarzt stiess ihn entruestet vom Stuhl. "Macht Dienst, Schluss, abtreten"
- und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er
ploetzlich auf und fiel um. Er ward ins "Revier" gebracht, den Aufenthalt
der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn
die Selbstbekoestigung, die den Einjaehrigen zustand, war hier nur schwer zu
bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor
Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
allen sittlichen Rechten der buergerlichen Welt, trug er sein duesteres
Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man
ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
Vorgesetzte wuenschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen
menschlichen Ton und schlug dann wieder in militaerische Schroffheit um,
die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu
finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
Diederich sollte nur "vorlaeufig" weiter Dienst machen, das weitere werde
sich schon ergeben. "Bei _dem Fuss_ ..."

Einige Tage spaeter trat ein "Revier"gehilfe an Diederich heran und
fertigte auf geschwaerztem Papier einen Abdruck des verhaengnisvollen Fusses.
Diederich ward genoetigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudruecken.
"Nicht mal Plattfuss! Stinkt vor Faulheit!" Da aber ward die Tuer
aufgestossen, und der Oberstabsarzt, die Muetze auf dem Kopf, hielt seinen
Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewusster als sonst, er sah nicht
rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf,
den Blick finster und streng auf dessen Muetze. Der Stabsarzt stutzte, er
musste sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialitaet
nicht mehr zuliess. Nun hatte er sie erfasst, nahm die Muetze herunter und
stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuss,
sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was
nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten,
Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absaetze zusammen: er hatte
das Befohlene gesehen.

Als der Oberstabsarzt fort war, naeherte der Stabsarzt sich Diederich.
Hoeflich, mit einem leisen Laecheln des Einverstaendnisses, sagte er:

"Der Fall war natuerlich von Anfang an klar. Man musste nur der Leute wegen
-. Sie verstehen, die Disziplin -."

Diederich bekundete durch Strammstehen, dass er alles verstehe.

"Aber", wiederholte der Stabsarzt, "ich habe natuerlich gewusst, wie Ihr
Fall lag."

Diederich dachte: "Wenn du es nicht gewusst hast, jetzt weisst du es." Laut
sagte er:

"Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch
weiterdienen duerfen?"

"Dafuer kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte der Stabsarzt und machte
kehrt.

Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das "Gelaende" sah ihn
nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der
Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde
und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um fuer Stiefel, die nicht
geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhaengen: an
Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher uebte er seine
gerechte Strenge an einem Einjaehrigen, der nun schon im dritten Monat
strafweise im Mannschaftszimmer schlafen musste, weil er einst, waehrend der
ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er
hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und waere, wenn er seine Pflicht
getan haette, vielleicht gestorben. Dann waere er eben gestorben! Der
Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjaehrigen ansah, ein Gesicht voll
stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte:
"Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitaetsrat sind mehr
wert als vierzig Grad Fieber ..." Was Diederich betraf, so waren die
amtlichen Formalitaeten eines Tages gluecklich erfuellt, und der
Unteroffizier Vanselow verkuendete ihm seine Entlassung. Diederich hatte
sofort die Augen voll Traenen; er drueckte Vanselow warm die Hand.

"Gerade muss mir das passieren, und ich hatte doch" - er schluchzte - "so
viel Freudigkeit."

Und dann war er "draussen".

Vier Wochen lang blieb er zu Hause und bueffelte. Wenn er zum Essen ging,
sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich musste er sich den
Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.

"Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da
sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich waere ueberhaupt dabei
geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
qualifiziert. Na und da -"

Er starrte schmerzlich vor sich hin.

"Das Unglueck mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat
ist. Der Hauptmann laesst einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
bewegt wird, und da ist das Unglueck passiert. Natuerlich habe ich den Fuss
nicht geschont und zu frueh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte
sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, fuer jede Eventualitaet meine
Angehoerigen zu benachrichtigen."

Dies sagte er knapp und maennlich.

"Da haettet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Taeglich kam er selbst, nach
den groessten Maerschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es
auch nur beim Militaer. Wir sind in den boesen Tagen wahre Kameraden
geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
eingestehen musste, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch
versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst.
Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen."

Alle waren erschuettert. Diederich sah tapfer um sich.

"Na, jetzt soll man sich also wieder in das buergerliche Leben
hineinfinden. Prost."

Er bueffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch
Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
sprach nur noch von "subversiven Tendenzen", "Vaterlandsfeinden" und auch
vom "christlich-sozialen Gedanken". Er erklaerte den Fuechsen, es sei an der
Zeit, sich mit Politik zu beschaeftigen. Er wisse wohl, dass es nicht fuer
vornehm gelte, aber die Gegner zwaengen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie
sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von
Barnim werde demnaechst den Neuteutonen die Ehre geben.

Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu
gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines
pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich - aber am Schluss seines Vortrages
bekam er Schwaermeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
Haendedruecken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
ueberein, dass der juedische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie
sei und dass die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stoecker zu
scharen haetten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort
"Vorfrucht" keinen deutlichen Sinn und verstand unter "Sozialdemokratie"
nur eine allgemeine Teilerei. Das genuegte ihm auch. Aber Herr von Barnim
hatte jeden, der naehere Aufklaerung wuenschte, zu sich eingeladen, und
Diederich wuerde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so
schmeichelhafte Gelegenheit versaeumt haette.

In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim
ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine staendische
Volksvertretung, wie im gluecklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk musste, der Kaiser hatte es mit
Recht gefordert, wieder auf die Hoehe kommen, wie vor dem Dreissigjaehrigen
Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
Diederich aeusserte sein waermstes Einverstaendnis. Es entsprach seinen
Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse,
nicht persoenlich, sondern korporativ im Leben Fuss zu fassen. Er sah sich
schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die juedischen Mitbuerger freilich
schloss Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch
das Prinzip der Unordnung und Aufloesung, des Durcheinanderwerfens, der
Respektlosigkeit: das Prinzip des Boesen selbst. Sein frommes Gesicht zog
sich zusammen vom Hass, und Diederich fuehlte ihn mit.

"Schliesslich", meinte er, "haben wir doch die Gewalt und koennen sie
hinauswerfen. Das deutsche Heer -"

"Das ist es eben", stiess Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief.
"Haben wir darum den ruhmreichen Krieg gefuehrt, dass mein vaeterliches Gut
an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?"

Waehrend Diederich noch erschuettert schwieg, klingelte es, und Herr von
Barnim sagte:

"Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen."

Er bemerkte Diederichs Enttaeuschung und setzte hinzu:

"Natuerlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muss
an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in
das Lager unseres christlichen Kaisers hinueberziehen. Tun auch Sie das
Ihre!"

Damit war Diederich entlassen. Er hoerte den Barbier noch sagen:

"Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinuebergeht,
bloss weil Liebling jetzt Marmor hat."

Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:

"Das ist alles schoen und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung
fuer die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer
kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stoecker hat im
Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie
sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit
gediehen. Heute heisst es bloss noch: losschlagen, solange wir die Macht
haben."

Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war
ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.

"Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt." Wiebels
Augen drohten katerhaft. "Nun, was wollen Sie mehr? Das Militaer ist
darueber instruiert, es koenne vorkommen, dass es auf die lieben Verwandten
schiessen muss. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am
Vorabend grosser Ereignisse."

Da Diederich erregte Neugier zeigte:

"Was ich durch meinen Vetter von Klappke -."

Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absaetze zusammen:

"- in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht fuer die Oeffentlichkeit reif.
Ich will nur bemerken, dass der gestrige Ausspruch Seiner Majestaet, die
Noergler moechten gefaelligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
schuetteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war."

"Tatsaechlich? Sie glauben?" sagte Diederich. "Dann ist mein Pech wirklich
skandaloes, dass ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestaet scheiden
musste. Ich darf sagen, dass ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht
getan haben wuerde. Auf die Armee, so viel weiss ich, kann der Kaiser sich
verlassen."

Er war in diesen nasskalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der
Strasse, in der Erwartung grosser Ereignisse. Unter den Linden hatte sich
etwas veraendert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
den Muendungen der Strassen und warteten auch. Die Passanten zeigten
einander das Aufgebot der Macht. "Die Arbeitslosen!" Man blieb stehen, um
sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen
und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zoegerten sie, wie
verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloss ein.
Dort standen sie, stumm, die Haende in den Taschen, liessen sich von den
Raedern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter
dem Regen, der auf ihre entfaerbten Ueberzieher fiel. Manche von ihnen
wandten die Koepfe nach voruebergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren
Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstrasse her
schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie
sich. Andere aber liessen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das
Wasser lief ueber ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem
schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinueber oder bis zur naechsten
Ecke - aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken
zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und
der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.

"Ich begreife nicht," sagte Diederich, "dass die Polizei nicht energischer
vorgeht. Das ist doch eine unbotmaessige Bande."

"Lassen Sie's gut sein", erwiderte Wiebel. "Die Schutzleute sind genau
instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlueberlegten Absichten, das
koennen Sie mir glauben. Es ist naemlich gar nicht immer zu wuenschen, dass
derartige Faeulniserscheinungen am Staatskoerper gleich anfangs unterdrueckt
werden. Man laesst sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!"

Die Reife, die Wiebel meinte, kam taeglich naeher, am sechsundzwanzigsten
schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewusster
aus. In eine der noerdlichen Strassen zurueckgetrieben, quollen sie aus der
naechsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstaerkt wieder
hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Zuege, rannen, sooft sie
getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloss, wichen zurueck und
erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie uebergetretenes
Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fussgaenger stauten sich, mit
hineingezogen in die langsame Ueberschwemmung, worin der Platz ertrank, in
dies truebe und missfarbene Meer der Armen, das zaeh dahinrollte, dumpfe
Laute heraufwaelzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit
den Bannern hinaufreckte: "Brot! Arbeit!" Ein deutlicheres Grollen,
ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drueben, jetzt hier: "Brot! Arbeit!"
Anschwellend ueber die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke:
"Brot! Arbeit!" Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschaeumen,
Zurueckfliessen, und Weiberstimmen im Laerm, schrill, gleich Signalen: "Brot!
Arbeit!"

Man wird ueberrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter.
Aber sie haben aufgerissene Muender; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als wuerden sie geklopft. Ein
verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: "Es kommt
anders! Jetzt geht es gegen die Juden!" - und ist untergegangen, bevor ihm
einfaellt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem grossen
Schub weit hinuebergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafes, hoert das
Klirren der eingedrueckten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: "Da haben
se mich neulich 'rausgesetzt for meine dreissig Fennje, weil ich keinen
Zylinderhut hatte" - und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die
umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man ueber Scherben faellt, einander
die Baeuche einstoesst und laut zetert. "Niemand mehr 'rein! Wir kriegen
keine Luft!" Aber immer mehr steigen ein. "Die Polizei draengelt!" Und die
Mitte der Strasse sieht man frei liegen, gesaeubert, wie fuer einen
Triumphzug. Da sagt jemand: "Das ist doch Wilhelm!"

Und Diederich war wieder draussen. Niemand wusste, wie es kam, dass man auf
einmal marschieren konnte, in gedraengter Masse, auf der ganzen Breite der
Strasse und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der
Kaiser sass: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knaeuel von Schreienden
wurden aufgeloest und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darueber ein junger Herr im Helm,
der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloss. Sie
hatten: "Brot! Arbeit!" geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich
geaendert, als dass er da war - und schon marschierten sie, als gehe es auf
das Tempelhofer Feld.

Seitwaerts, wo die Reihen duenner waren, sagten buergerlich Gekleidete zu
einander: "Na, Gott sei Dank, er weiss, was er will!"

"Was will er denn?"

"Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen
versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren.
Sie sind frech geworden."

"Angst kennt er nicht, das muss man sagen. Kinder, dies ist ein
historischer Moment!"

Diederich hoerte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte,
wandte sich auch an ihn. Er hatte weisse Bartkoteletts und das Eiserne
Kreuz.

"Junger Mann," sagte er, "was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das
werden die Kinder mal aus den Schulbuechern lernen. Passen Sie auf!"

Viele hatten gehobene Brueste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem
Kaiser folgten, blickten mit aeusserster Entschlossenheit darein, ihre
Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum
Statieren bei einer Allerhoechsten Auffuehrung befohlen; und manchmal
schielten sie seitwaerts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der
Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine
Zuege, sein Auge blitzte hin ueber die Tausende der von ihm Gebannten. Er
mass sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empoererischen
Knechten! Allein und ungeschuetzt hatte er sich mitten unter sie gewagt,
stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es
im Plan des Hoechsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum
Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie fuer
immer das Gepraege seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!

Ein junger Mensch mit einem Kuenstlerhut ging neben Diederich, er sagte:
"Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevoelkerung
mischt."

"Das ist doch grossartig!" behauptete Diederich, und die Stimme versagte
ihm. Der andere zuckte die Achseln.

"Theater, und nicht mal gut."

Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.

"Sie sind wohl auch so einer."

Er haette nicht sagen koennen was fuer einer. Er fuehlte nur, dass er hier, zum
erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
Bemaengelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des
Menschen an: sie waren nicht breit. Auch aeusserte die Umgebung sich
missbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch draengte er den Feind
gegen die Mauer und schlug auf den Kuenstlerhut ein. Andere knufften mit.
Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen
bemerkte Diederich zu seinen Mitkaempfern:

"Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!"

Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er
drueckte Diederich die Hand.

"Brav, junger Mann, brav!"

"Soll man da nicht wuetend werden?" erklaerte Diederich, noch keuchend.
"Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?"

"Sie haben gedient?" fragte der alte Herr.

"Ich waere am liebsten ganz dabei geblieben", sagte Diederich.

"Na ja, Sedan ist nicht alle Tage" - der alte Herr betupfte sein Eisernes
Kreuz. "Das waren wir!"

Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.

"Das ist doch gerade so gut wie Sedan!"

"Na ja", sagte der alte Herr.

"Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr", rief jemand und schwenkte sein
Notizbuch. "Wir muessen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben
wohl einen Genossen verwalkt?"

"Kleinigkeit" - Diederich keuchte noch immer. "Meinetwegen koennt' es jetzt
gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit."

"Fein", sagte der Reporter und schrieb. "In der wildbewegten Menge hoert
man Leute aller Staende der treuesten Anhaenglichkeit und dem
unerschuetterlichen Vertrauen zu der Allerhoechsten Person Ausdruck geben."

"Hurra!" schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines
maechtigen Stosses von Menschen, der schrie, gelangte er jaeh bis unter das
Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das
Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein
Rausch, hoeher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf
die Fussspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch ueber
allen Koepfen, in einer Sphaere der begeisterten Raserei, durch einen
Himmel, wo unsere aeussersten Gefuehle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem
Tor der siegreichen Einmaersche und mit Zuegen steinern und blitzend ritt
die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen! Die
ueber Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts koennen, weil wir
alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin
haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekuel von etwas,
das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in
gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militaer, Beamtentum, Kirche und
Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbaende kegelfoermig
hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in
ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie
unsere Liebe!

... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stiess Diederich
vor die Brust, dass ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
Siegestaumel, als reite er selbst ueber alle diese Elenden hinweg, die
gebaendigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle
fuehlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel
Gefuehl; man durchbrach sie. Drueben stand eine zweite. Man musste abbiegen,
auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige
fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstuerzte,
dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefaehrlichsten
Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder:
der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn.
Diederich riss den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
nicht. Da er zu ploetzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
in einen Tuempel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da
lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der
Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel
und lachte. Diederich aus seinem Tuempel sah ihm nach, den Mund noch offen.





                                   II.


Er reinigte sich notduerftig und kehrte um. Auf einer Bank sass eine Dame;
Diederich ging ungern vorueber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. "Gans",
dachte er zornig. Da sah er, dass sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
und dann erkannte er Agnes Goeppel.

"Eben bin ich dem Kaiser begegnet", sagte er sofort.

"Dem Kaiser?" fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
grossen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufruehrern! Ein Cafe
hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
hatte er blutige Kaempfe bestanden fuer seinen Kaiser! Kanonen sollte man
auffahren!

"Die Leute hungern wohl", sagte Agnes schuechtern. "Es sind ja auch
Menschen."

"Menschen?" Diederich rollte die Augen. "Der innere Feind sind sie!"

Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.

"Wenn es Ihnen Vergnuegen macht, dass wegen des Packs alle Strassen
abgesperrt werden muessen."

Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
gehabt, und wie sie zurueck nach der Bluecherstrasse wollte, ging kein
Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurueckgedraengt worden
bis hierher. Es war kalt und nass, ihr Vater wuerde sich aengstigen; was
sollte sie tun? Diederich verhiess ihr, er werde es schon machen. Sie
gingen zusammen weiter. Er wusste auf einmal nichts mehr zu sagen und
wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
kahlen Baeumen und nassem alten Laub. Wo waren die maennlichen Hochgefuehle
von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
sprang, ausriss und verschwand. Gerade sagte Agnes: "Sie haben sich aber
sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
geschrieben?"

Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt musste
Agnes zuerst ihr Beileid ausdruecken, dann fragte sie weiter: warum er
damals ploetzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.

"Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre."

Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn voellig in
Anspruch genommen. Dort herrsche naemlich eine verdammt strenge Zucht. "Und
dann habe ich meiner Wehrpflicht genuegt."

"Oh!" - Agnes sah ihn an, "was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
sind Sie wohl schon Doktor?"

"Das soll jetzt kommen."

Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
alle seine wohlerworbene Maennlichkeit: fuer sie war das nichts? Sie
bemerkte es gar nicht?

"Aber Sie", sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
ganz duenne Roete, bis auf den Sattel der kleinen eingedrueckten Nase mit den
Sommersprossen.

"Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
werden."

Diederich bereute.

"Ich meinte doch natuerlich, dass Sie noch huebscher geworden sind" - und er
betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
frueher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
seiner Demuetigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
Herausfordernd sagte er:

"Wie geht es denn Herrn Mahlmann?"

Agnes bekam eine wegwerfende Miene.

"Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersaehe, waer's mir gleich."

"So? Aber er hat ein Patentbureau und koennte ganz gut heiraten."

"Wennschon."

"Frueher interessierten Sie sich doch fuer ihn."

"Woraus schliessen Sie das?"

"Er schenkte Ihnen immer etwas."

"Ich haette es lieber nicht angenommen; aber dann -" sie sah auf den Weg,
auf das nasse Laub vom Vorjahr, "dann haette ich auch Ihre Geschenke nicht
annehmen duerfen."

Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fuehlte, dass etwas Schweres
geschehen war, und schwieg auch.

"Das war doch nicht der Rede wert," stiess er endlich heraus, "ein paar
Blumen." Und mit wiedergekehrter Entruestung: "Mahlmann hat Ihnen sogar ein
Armband geschenkt."

"Ich trage es niemals", sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
brachte hervor: "Und wenn es von mir gewesen waere?"

Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:

"Dann ja."

Darauf gingen sie ploetzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
erfuellt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstrasse. Hier war es wenig
belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.

"Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen naemlich schenkte, war
mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
gruener Junge."

Sie blieb stehen. "Oh!" - und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
zitterten. "Das ist schrecklich. Koennen Sie mir das verzeihen?"

Er laechelte ueberlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.

"Nein, nein", sagte sie verstoert.

Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. "Es tut
mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch laenger gefallen
lassen muessen. Uebrigens wohne ich gleich hier. Sie koennten mit
hinaufkommen, da waeren Sie wenigstens im Trockenen. Aber natuerlich, eine
junge Dame darf das nicht."

Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.

"Sie sind so gut", sagte sie, staerker atmend. "Sie sind so edel." Und da
sie schon das Haus betraten: "Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?"

"Ich weiss, was ich der Ehre meiner Korporation schulde", erklaerte
Diederich.

Sie mussten an der Kueche vorbei, aber es war niemand darin. "Legen Sie doch
so lange ab", sagte Diederich gnaedig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
und trat, waehrend sie den Hut abnahm, von einem Fuss auf den anderen.

"Ich muss die Wirtin suchen, damit sie Tee macht." Er wandte sich schon
nach der Tuer, zuckte aber zurueck: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
kuesste sie! "Aber Fraeulein Agnes", murmelte er, furchtbar erschrocken, und
legte ihr, wie troestend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
seine. Er drueckte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
dazu verpflichtet fuehlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Koerper,
als wuerde er geschlagen. Er fuehlte sich in der duennen Bluse lau und feucht
an. Diederich ward es heiss, er kuesste Agnes auf den Hals. Und ploetzlich kam
ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
"Agnes! Agnes, ich liebe dich", sagte er wie aus tiefer Not. Sie
antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstoesse, und
er fuehlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfliessen schien.

Dann sass sie auf dem Diwan und weinte. "Sei mir nicht boes, Agnes", bat
Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.

"Ich weine doch vor Glueck", sagte sie. "Ich hab' so lange auf dich
gewartet."

"Warum?" fragte sie, da er ihre Bluse schliessen wollte. "Warum deckst du
es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schoen?"

Er verwahrte sich. "Ich bin mir der uebernommenen Verantwortung vollkommen
bewusst."

"Verantwortung?" sagte Agnes. "Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
geliebt. Du wusstest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!"

Diederich, die Haende in den Taschen, bedachte, dass dies das Schicksal der
leichtsinnigen Maedchen sei. Andererseits empfand er das Beduerfnis, sich
ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. "Also wirklich mich, nur mich
hast du geliebt?"

"Ich sah, dass du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, dass Papa eine Reise
mit mir machen musste."

"Wohin denn?" fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
wieder an sich.

"Sei lieb mit mir! Ich hab' nur dich!"

Diederich dachte verlegen: "Dann hast du nicht viel." Agnes schien ihm
verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, dass sie
ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Maedchen, das so etwas tat, duerfe man
nicht alles glauben.

"Und Mahlmann?" fragte er hoehnisch. "Ein bisschen war doch wohl los mit
ihm." - "Na lass nur", sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
von seinem Glueck.

Sehr langsam zog sie sich an. "Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
los ist", meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
und er schon die Tuer geoeffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
Zimmer zurueck, mit einem langen, angstvollen Blick.

"Vielleicht", sagte sie, wie zu sich selbst, "komme ich nie wieder. Mir
ist, als sollte ich heute nacht sterben."

"Wieso denn?" sagte Diederich, peinlich beruehrt. Statt einer Antwort liess
sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
seiner und von den Hueften zu den Fuessen wie mit ihm verwachsen. Diederich
wartete geduldig. Dann loeste sie sich, oeffnete die Augen und sagte:

"Du musst nicht denken, dass ich etwas von dir verlange. Ich hab' dich
geliebt, nun ist alles gleich."

Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:

"Natuerlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
gegenueber zu entziehen. Nur vorlaeufig: du verstehst, ich verdiene noch
nichts, ich muss erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
einleben ..."

Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
gemacht:

"Es waere schoen, wenn ich spaeter einmal deine Frau werden koennte."

Da sie in die Bluecherstrasse einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:

"Weil uns jemand sehen koennte? Das wuerde gar nichts machen, denn ich muss
zu Hause doch erzaehlen, dass ich dir begegnet bin und dass wir im Cafe
zusammen gewartet haben, bis die Strassen wieder frei waren."

"Na, die kann luegen", dachte Diederich. Sie setzte hinzu:

"Fuer Sonntag bist du zu Mittag geladen, du musst bestimmt kommen."

Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. "Ich soll -? Bei euch soll ich -?"

Sie laechelte sanft und schlau. "Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
einmal saehe -: willst du denn nicht, dass ich wiederkomme?"

O ja, das wollte er. Trotzdem musste sie ihm zureden, bis er sein
Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: "So ein Weib ist
scheusslich raffiniert. Lange tu' ich da nicht mit." Indes bemerkte er mit
Unlust, dass es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
Hause, er wusste nicht, warum. Als er dann die Tuer seines Zimmers hinter
sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
Ploetzlich reckte er die Arme in die Hoehe, wandte das Gesicht nach oben und
sagte in einem langen Aufatmen:

"Agnes!"

Er fuehlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. "Ich bin ganz
furchtbar gluecklich", dachte er, und: "So schoen kommt es im ganzen Leben
nicht wieder!" Er hatte die Gewissheit, dass er bis jetzt, bis zu dieser
Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fuehlte sich
bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
Gewuehl von Menschen verbracht, die er fuer Feinde gehalten hatte? Sie waren
Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich toericht abgearbeitet und
endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, dass er,
bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben gefuehrt
habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefuehle, die ihn beschaemten, und
niemand, den er liebte - bis Agnes kam! "Agnes! Suesse Agnes, du weisst ja
gar nicht, wie ich dich liebhabe!" Aber sie sollte es wissen. Er fuehlte,
dass er es nie wieder so werde sagen koennen wie in dieser Stunde, und er
schrieb einen Brief. Er schrieb, dass auch er diese drei Jahre immer auf
sie gewartet habe, und dass er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
schoen fuer ihn sei, zu fein und zu gut; dass er sich das mit Mahlmann nur
eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; dass sie eine Heilige sei, und
nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Fuessen. "Hebe mich auf,
Agnes, ich kann stark sein, ich fuehle es, und ich will Dir mein ganzes
Leben weihen!" - Er weinte, drueckte das Gesicht in das Diwankissen, worin
er ihren Duft noch spuerte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
ein.

Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
finden. Sein grosses Erlebnis fiel ihm ein, ein suesser Stoss ging durch sein
Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, dass er sich
peinliche Uebertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
wieder durch: das war alles recht schoen, und es konnte einen auch wirklich
aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem grossartigen
Maedel ein Verhaeltnis hatte. Waere sie jetzt nur dagewesen, er haette
zaertlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Goeppel ihn ab ...
Diederich verschloss den Brief im Schreibtisch. "An das Essen hab' ich
gestern ueberhaupt nicht gedacht!" Er liess sich ein ausgiebiges Fruehstueck
bringen. "Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
Das ist doch Bloedsinn. So darf man nicht sein." Er zuendete eine Zigarre an
und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloss er statt
in Worte - denn so hohe Worte waren unmaennlich und unbequem - lieber in
Musik auszustroemen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich ploetzlich
mit viel mehr Glueck als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.

Am Sonntag, wie er bei Goeppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
"Das Maedchen kann nicht vom Herd fort", sagte sie; aber den wahren Grund
sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.

"Kennst du es nicht?" fluesterte Agnes. Er ward rot.

"Das von Mahlmann?"

"Das von dir! Ich trag' es zum erstenmal."

Rasch und heiss drueckte sie ihm die Hand, dann ging die Tuer zum Berliner
Zimmer auf. Herr Goeppel wandte sich um. "Na, da ist wohl unser Ausreisser?"
Aber kaum erblickte er Diederich, aenderte sich seine Miene, er bereute
seine Vertraulichkeit.

"Ich haette Sie, weiss Gott, nicht wiedererkannt, Herr Hessling!"

Diederich sah zu Agnes hinueber, wie um ihr zu sagen: "Siehst du? Der merkt
es, dass ich kein dummer Junge mehr bin."

"Bei Ihnen ist ja alles unveraendert", stellte Diederich fest und begruesste
Herrn Goeppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
betraechtlich gealtert, besonders Herrn Goeppel, der sich weniger munter
benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
nun groesser, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.

"Ja, ja," so schloss Herr Goeppel die einleitende Unterhaltung, "die Zeit
vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder."

"Wenn du wuesstest, wie", dachte Diederich verlegen und mit Geringschaetzung,
indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
ihm gegenueber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewusst hatte, dass
Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
hatte, erklaerte ihm, dass diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: "Die
quatscht also auch nicht mehr." Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
und niedergedrueckt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
entsprechend, erhoeht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
des Besitzers.

Die suesse Speise liess auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
unruhig den Kopf nach der Tuer, Diederich sah ihre schoenen blonden Augen
verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte ploetzlich tiefes
Mitgefuehl mit ihr, eine grosse Zaertlichkeit. Er stand auf und rief aus der
Tuer:

"Marie! Der Krehm!"

Wie er zurueckkam, trank Herr Goeppel ihm zu. "Das haben Sie frueher auch
schon gemacht. Sie sind doch hier wie's Kind im Hause. Nicht, Agnes?"
Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufruehrte. Er
musste sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
wohlwollend die Verwandten ihm zulaechelten! Der Schwager stiess mit ihm an.
Was fuer gute Menschen! Und Agnes, die suesse Agnes, liebte ihn! Er verdiente
so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
nachher mit Herrn Goeppel zu sprechen.

Leider fing Herr Goeppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
wir endlich den Druck der Bismarckschen Kuerassierstiefel los waren,
brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
junge Mann (so nannte Herr Goeppel den Kaiser!) redet uns noch die
Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlasst, im Namen der
Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
Noergeleien auf das schaerfste zurueckzuweisen. Seine Majestaet hatten es
selbst gesagt: "Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich." Dabei
versuchte Diederich zu blitzen. Herr Goeppel erklaerte, er warte es ab.

"In dieser harten Zeit", fuegte Diederich hinzu, "muss jeder seinen Mann
stehen." Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.

"Wieso harte Zeit?" sagte Herr Goeppel. "Sie ist doch nur hart, wenn wir
uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab' mich mit meinen
Arbeitern noch immer vertragen."

Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
andere Zucht einzufuehren. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
Sonntags gingen die Leute zur Kirche! - Das auch noch? meinte Herr Goeppel.
Das koenne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloss
am Karfreitag gehe. "Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr." Da sah man
Diederichs Miene hoch ueberlegen werden.

"Mein lieber Herr Goeppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
fuer richtig halten, das glaub' ich auch - unbesehen. Das kann ich Ihnen
nur sagen."

Der Schwager, der Beamter war, schlug sich ploetzlich auf Diederichs Seite.
Herr Goeppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
dazwischen. "Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?" Herr Goeppel klopfte
Diederich aufs Knie. "Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig."

Diederich dachte: "Da ich sozusagen zur Familie gehoere."

Er liess von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr
gemuetlich. Herr Goeppel wollte wissen, wann Diederich "fertig" werde und
Doktor sei, er begriff nicht, dass eine chemische Arbeit zwei Jahre und
laenger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdruecken, die niemand
verstand, ueber die Schwierigkeiten, zu einer Loesung zu gelangen. Er hatte
die Empfindung, Herr Goeppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine
Promovierung. Auch Agnes schien es zu fuehlen, denn sie griff ein und
lenkte das Gespraech ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie
mit hinaus und fluesterte ihm zu:

"Morgen um drei bei dir."

Vor jaeher Freude griff er nach ihr und kuesste sie, zwischen den Tueren,
waehrend gleich daneben das Maedchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte
traurig: "Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt
jemand kommt?" Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
noch einen Kuss. Sie gab ihn.

Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Cafe ins Laboratorium
zurueckzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem
Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. "Wir haben es beide nicht erwarten
koennen! Wie wir uns liebhaben!" Es war schoener als das erstemal, viel
schoener. Keine Traene mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein.
Diederich breitete Agnes' Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht
darin.

Sie blieb, bis es fast schon zu spaet war, die Einkaeufe zu machen, die sie
zu Hause vorgeschuetzt hatte. Sie musste laufen. Diederich, der mitlief, war
sehr besorgt, dass es ihr schaden koenne. Aber sie lachte, sah rosig aus und
nannte ihn ihren Baeren. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam.
Immer waren sie gluecklich. Herr Goeppel stellte fest, dass es Agnes besser
gehe als je, und das verjuengte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage
jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht,
Diederich musste Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen
Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich
nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glueck gefeiert.

Es kam vor, dass im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm
meldete, draussen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz erroetend unter
den verstaendnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
ins Cafe, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich
auch, dass es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das
ihr gefiel, einer sanften, festtaegigen Landschaft aus schoeneren Laendern,
lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Traeume
auszutauschen mit Diederich.

"Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor
mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und ueber den Weg, und biegen
die Weissdornbuesche weg und steigen in den Kahn. Fuehlst du wohl, wie er
schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist
so warm. Drueben am Berg, der weisse Punkt, du weisst schon, es ist unser
Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?"

"Ja, ja", sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah
alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, dass er ihre Hand
nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und
sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glueck in
sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im
Grunde wusste er wohl, dass er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches
Leben zu fuehren, ohne viel Musse fuer Ueberschwenglichkeiten. Aber was er
hier sagte, war von einer hoeheren Wahrheit als alles, was er wusste. Der
eigentliche Diederich, der, der er haette sein sollen, sprach wahr. - Aber
Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blass und schien muede.
Ihre schoenen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen
machte, und sie fragte leise und zitternd:

"Wenn unser Kahn nun umgeschlagen waere?"

"Dann haette ich dich gerettet!" sagte Diederich entschlossen.

"Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief."

Da er ratlos war:

"Wir haetten ertrinken muessen. Sag', waerst du gern mit mir gestorben?"

Diederich sah sie an; dann schloss er die Augen.

"Ja", sagte er mit einem Seufzer.

Nachher aber bereute er ein solches Gespraech. Er hatte wohl gemerkt, warum
Agnes ploetzlich in eine Droschke steigen und heimfahren musste. Sie hatte
krampfhafte Roete bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie
sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen
waren ungesund, fuehrten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein
Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht
laenger, dass sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er
setzte es ihr schonend auseinander. "Du hast wohl recht", sagte sie
darauf. "Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um
halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab' ich dich schon
um vier?"

Er fuehlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschaetzung, und ward grob.
Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, koenne er
ueberhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da
bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem
Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine
Ruecksicht zu nehmen. Das beschaemte Diederich, er ward weich und ueberliess
sich, zusammen mit Agnes, den Klagen ueber eine Welt, in der es nicht nur
Liebe gab. "Muss es denn sein?" fragte Agnes. "Du hast ein wenig Geld, ich
auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir koennten es so gut
haben." Diederich sah es ein - nachtraeglich aber nahm er ihr es uebel. Nun
liess er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
Versammlungen erklaerte er fuer eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspaetet heimkam, traf er
vor der Tuer einen jungen Mann in Einjaehrigenuniform, der ihn zoegernd
ansah. "Herr Diederich Hessling?" - "Ach ja," stammelte Diederich, "Sie -
du - Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?"

Der juengste Sohn des grossen Mannes von Netzig hatte sich endlich
entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich
aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen
Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen sass Agnes! Im Flur sprach er
laut, damit sie es hoere und sich verstecke. Mit Bangen oeffnete er. Im
Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich
wusste wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
nicht ganz am Fleck stand, er fuehlte es an der Luft, die noch leise zu
schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie musste in dem
fensterlosen kleinen Gelass sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen
Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, ueber die Wirtin, die
nicht aufraeume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. "O nein!"
versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak.
Buck entschuldigte sich wegen der ungewoehnlichen Stunde; der Dienst lasse
ihm keine Wahl. "Das kennen wir", sagte Diederich; und um Fragen
zuvorzukommen, berichtete er sofort, dass ein Jahr schon hinter ihm liege.
Er sei begeistert vom Militaer, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben
koennte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck laechelte, ein weiches,
skeptisches Laecheln, das Diederich missfiel. "Nun ja, die Offiziere: man
ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren."

"Sie verkehren mit ihnen?" fragte Diederich, und er meinte es hoehnisch.
Aber Buck erklaerte einfach, dass er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
werde. Er zuckte die Achseln. "Ich gehe hin, weil ich es fuer nuetzlich
halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit
Sozialisten." Er laechelte wieder. "Manchmal moechte ich naemlich General
werden und manchmal Arbeiterfuehrer. Auf welche Seite ich schliesslich
fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig." Und er trank das zweite
Glas Kognak aus. "Ein ekelhafter Mensch", dachte Diederich. "Und Agnes in
der Dunkelkammer." Er sagte: "Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei,
sich in den Reichstag waehlen zu lassen oder was Ihnen sonst Spass macht.
Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte
ich uebrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers."

"Wissen Sie das ganz genau?" fragte darauf Buck. "Ich traue eher dem
Kaiser eine heimliche Liebe fuer die Sozialdemokratie zu. Er waere gern
selber der erste Arbeiterfuehrer geworden. Sie haben nur nicht gewollt."

Diederich empoerte sich. Das sei beleidigend fuer Seine Majestaet. Aber Buck
liess sich nicht stoeren. "Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck
gegenueber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militaerischen
Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancuene gegen
die Reichen gehabt wie die Arbeiter - wenn auch natuerlich aus abweichenden
Gruenden, weil er sich naemlich schwer damit abfindet, dass auch andere Macht
haben."

Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. "Glauben
Sie bitte nicht," sagte er lebhafter, "dass Antipathie aus mir spricht. Es
ist im Gegenteil Zaertlichkeit: eine Art feindlicher Zaertlichkeit, wenn Sie
wollen."

"Verstehe ich nicht", sagte Diederich.

"Nun ja: wie man sie fuer jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler
wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen
Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, dass wir naemlich unsere
Persoenlichkeit ausleben moechten und doch ganz gut fuehlen, Zukunft hat nur
die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen
Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das
heute noch ableugnen moechten. Er jedenfalls moechte es sich ableugnen. Und
wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoss gefallen ist, waere es auch
wirklich Selbstmord, sich nicht zu ueberschaetzen. Aber in tiefster Seele
hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet."

"Rolle?" fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.

"Denn die kann ihn weit fuehren, da sie in der Welt, wie sie heute nun
einmal ist, verdammt paradox wirken muss. Diese Welt erwartet von keinem
einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an,
nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf grosse Maenner."

"Erlauben Sie!" Diederich warf sich in die Brust. "Und das Deutsche Reich,
haetten wir das ohne grosse Maenner? Hohenzollern sind immer grosse Maenner." -
Buck verzog schon wieder den Mund, wehmuetig und skeptisch. "Dann muessen
sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine
Verhaeltnisse uebertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General
werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der
voraussichtlich nie mehr gefuehrt werden wird? Oder ein womoeglich genialer
Volksfuehrer, waehrend das Volk doch schon so weit ist, dass es auf die
Genies verzichten kann? Beides waere Romantik, und Romantik fuehrt
bekanntlich zum Bankerott." Buck trank zwei Kognaks nacheinander.

"Was soll ich also werden?"

"Ein Alkoholiker", dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine
Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch
wuerde der Laerm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte
dann alles entstehen! Immerhin beschloss er, sich Bucks Aeusserungen genau zu
merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen?
Diederich erinnerte sich, dass auf der Schule Bucks deutsche Aufsaetze, die
zu geistreich waren, ihm ein unerklaertes, aber tiefes Misstrauen eingegeben
hatten. "Stimmt," dachte er, "so ist er geblieben. Ein Schoengeist. Die
ganze Familie ist so." Die Frau des alten Buck war eine Juedin gewesen, die
Theater gespielt hatte. Und Diederich fuehlte sich nachtraeglich gedemuetigt
durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begraebnis seines
Vaters. Auch der junge demuetigte ihn, fortwaehrend und mit allem: mit
seinen ueberlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den
Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. "Ich
hasse die ganze Familie!" Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht
glaenzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. "Nun, wir sehen uns zu Hause
wieder. Naechstes oder uebernaechstes Semester mache ich mein Examen, und was
bleibt dann weiter uebrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?"
fragte er. Diederich erklaerte streng, dass er seine Zeit nicht zu verlieren
und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschliessen denke. Damit fuehrte er
Buck hinaus. "Ein dummer Kerl bist du doch nur", dachte er. "Merkst gar
nicht, dass ich ein Maedchen bei mir habe." Er kehrte zurueck, froh seiner
Ueberlegenheit ueber Buck und auch ueber Agnes, die im Dunkeln gewartet und
nicht gemuckt hatte.

Wie er aber die Tuer oeffnete, hing sie ueber einem Stuhl, ihre Brust ging
heftig, und mit dem Taschentuch unterdrueckte sie das Keuchen. Sie sah ihm
entgegen, aus geroeteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
und sie hatte geweint - indes er hier draussen getrunken und unnuetzes Zeug
geredet hatte. Seine erste Regung war masslose Reue. Sie liebte ihn! Da sass
sie und liebte ihn sehr, dass sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme
zu erheben, vor sie hinzustuerzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten.
Rechtzeitig hielt er sich zurueck aus Furcht vor der Szene und der
sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natuerlich
uebertrieb sie absichtlich. So kuesste er sie fluechtig auf die Stirn und
sagte: "Du bist schon da? Ich hab' dich gar nicht kommen gesehen." Sie
zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklaerte
er, es sei gerade jemand fortgegangen. "So ein Judenbengel, der sich
aufspielt! Einfach ekelhaft!" Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes
nicht ansehen zu muessen, lief er immer schneller und redete immer
heftiger. "Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten
feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch
ein Judenbengel kann froh sein, dass wir ihn dulden. Soll er seine
Pandekten bueffeln und die Schnauze halten. Auf seine schoengeistigen
Schmoeker huste ich!" schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu
kraenken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. "Das kommt
aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muss ich
deinetwegen auf der Bude hocken!"

Agnes sagte schuechtern: "Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen.
Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fuerchte, du hast mich nicht
mehr lieb." Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: "Mein liebes Kind,
dass ich dich liebhabe, brauch' ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe,
jeden Sonntag deinen Tanten beim Haekeln zuzusehen und mit deinem Vater
ueber Politik zu reden, wovon er nichts versteht." Agnes senkte den Kopf.
"Frueher war es so schoen. Du standest dich schon so gut mit Papa."
Diederich drehte ihr den Ruecken zu und sah aus dem Fenster. Das war es
eben: er fuerchtete zu gut zu stehen mit Herrn Goeppel. Durch seinen
Buchhalter, den alten Soetbier, wusste er, dass Goeppels Geschaeft bergab ging.
Seine Zellulose taugte nichts mehr, Soetbier bezog sie nicht mehr von ihm.
Da waere ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
Diederich fuehlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte
sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entruestet wandte er sich
ihr wieder zu. "Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide
tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber
aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit
Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefuehl verlangt da
reinliche Scheidung."

Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt
begriffen. Sie war tief erroetet. Sie ging zur Tuer. Diederich holte sie
ein. "Aber Agnes, so hab' ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil
ich dich viel zu sehr achte -. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag."
Sie liess ihn reden, mit unbewegter Miene. "Nun sei doch wieder gemuetlich",
bat er. "Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen." Sie tat es. Er
verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie
kuesste ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen laechelten und
kuessten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Ploetzlich riss sie ihn in
ihre Arme: er erschrak, er wusste nicht, ob es Hass war. Aber dann fuehlte er
sich heisser geliebt als je.

"Heute war es aber wirklich schoen. Was, meine kleine suesse Agnes?" sagte
Diederich, zufrieden und gutmuetig.

"Adieu", sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, waehrend er sich erst
ankleidete.

"Du hast es aber eilig." - "Weiter kann ich wohl nichts fuer dich tun." Sie
war schon bei der Tuer - ploetzlich fiel sie mit der Schulter gegen den
Pfosten und ruehrte sich nicht mehr. "Was ist denn los?" Wie Diederich
naeher kam, sah er sie schluchzen. Er beruehrte sie. "Ja, was hast du denn?"
Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hoerte nicht auf. "Aber Agnes,"
sagte Diederich von Zeit zu Zeit, "was ist auf einmal geschehen, wir waren
doch so vergnuegt." Und ganz ratlos: "Hab' ich dir was getan?" Zwischen den
Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: "Ich kann nicht.
Entschuldige." Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war,
schaemte Agnes sich. "Verzeih! Ich kann nicht dafuer." - "Kann denn ich
dafuer?" - "Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!"

Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachtraeglich
aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komoedie und als eins der
Mittel, die ihn endgueltig einfangen sollten. Das Gefuehl verliess ihn nicht
mehr, dass Raenke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft.
Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner
maennlichen Selbstaendigkeit und durch Kaelte, sobald die Stimmung weich
ward. Sonntags bei Goeppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland:
korrekt und unzugaenglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten
sie. Er koenne die Loesung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
er selbst nicht. Er betonte, dass er auch kuenftig finanziell abhaengig von
seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange fuer nichts Zeit haben als einzig
fuer das Geschaeft. Und da Herr Goeppel die idealen Werte des Lebens zu
bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. "Noch gestern hab' ich meinen
Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass' mir nichts
vormachen." Wenn er nach solchen Worten Agnes' stummen und betruebten Blick
auf sich fuehlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe
nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle
wider Willen. Aber das verging.

Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit fuer ihn
war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verfuehrte ihn nicht mehr zu
Traeumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschaeft angehalten
und ihr erklaert hatte, dass sei fuer ihn der schoenste Kunstgenuss. Ihm selbst
fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf
ihr vor, dass sie nicht darauf dringe, oefter zu kommen. "Frueher warst du
ganz anders." "Ich muss warten", sagte sie. "Worauf?" "Dass auch du wieder
so wirst. Oh! Ich weiss ganz sicher, es wird kommen."

Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie
gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheissen, er hatte
nur noch eine belanglose muendliche Pruefung zu bestehen und war in der
gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glueckwunsch
brachte und Rosen dazu, brach er in Traenen aus und sagte, dass er sie
immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, dass Herr Goeppel soeben eine
mehrtaegige Geschaeftsreise antrete. "Und nun ist das Wetter so
wunderschoen ..." Diederich fiel sofort ein: "Das muessen wir benutzen!
Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!" Sie beschlossen, aufs Land
hinaus zu fahren. Agnes wusste von einem Ort namens Mittenwalde; es musste
einsam dort sein und romantisch wie der Name. "Den ganzen Tag werden wir
beisammen sein!" - "Und die Nacht auch", setzte Diederich hinzu.

Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein
und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
der Schaffner zuendete ihnen eine truebe Lampe an, und sie sahen, eng
umschlungen, stumm und mit grossen Augen hinaus in das flache, eintoenige
Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuss, weit fort, und sich verlieren in der
guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Haeuser waeren sie fast
ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurueck; ob sie denn auf Stroh
uebernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen
grossen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der
Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes "gnaedige Frau" nannte und
schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen
Einverstaendnisses und befangen. Nach dem Essen waeren sie gern gleich
hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blaetterten gehorsam in den
Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Ruecken wandte,
warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
Noch war kein Licht im Zimmer, die Tuer stand noch offen, und schon lagen
sie einander in den Armen.

Ganz frueh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Huehner
und flatterten auf den Tisch vor der Laube. "Dort wollen wir fruehstuecken!"
Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es koestlich
nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war
einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
gehen; der Wirt musste die Strassen und Doerfer nennen. Sie lobten freudig
sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise?
"Stimmt" - und sie lachten herzhaft.

Die Pflastersteine der Hauptstrasse streckten ihre Spitzen nach oben, und
die Julisonne faerbte sie bunt. Die Haeuser waren hoeckrig, schief und so
klein, dass die Strasse zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit
Steinen. Die Glocke des Kraemers klapperte lange hinter den Fremden her.
Wenige Leute, halb staedtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten,
denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschaeft
mit den Hueten der feinen Damen. "Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin
vor drei Jahren getragen!" Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig
aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemaeht. Der Himmel war blau
und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in traegem Wasser. Die
Bauernhaeuser dort drueben waren eingetaucht in heisses Flimmern, und ein
Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich fassten sich bei
den Haenden, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied fuer
wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte
seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wussten,
wandten sie einander die Gesichter zu und kuessten sich, im Gehen.

"Jetzt seh' ich erst recht, wie huebsch du bist", sagte Diederich und sah
zaertlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
goldgestirnten Augen. "Der Sommer steht mir gut" - und Agnes atmete frei
auf, dass ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit
schmalen Hueften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich
hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich
gestand er, dass er sich Schatten wuensche. Sie fanden welchen, am Rand
eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch,
der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren
Schoss. Sie spielten noch miteinander und scherzten: ploetzlich merkte sie,
dass er einschlief.

Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes' Gesicht fand, erglaenzte er
selig. "Lieber", sagte sie. "Was du fuer ein gutes, dummes Gesicht machst."
- "Erlaub' mal! Ich habe doch hoechstens fuenf Minuten - nein, wahrhaftig,
eine Stunde hab' ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?" Aber sie war
erstaunter als er, dass so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er
unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er
einschlief.

Zwischen den Feldern gingen sie zurueck. In einem lag eine dunkle Masse;
und als sie durch die Halme spaehten, war es ein alter Mann mit einer
Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon roetlich waren.
Seinen Bart hatte er sich, zusammengekruemmt, um die Knie gewickelt. Sie
bueckten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, dass er sie
schon laengst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkuerlich schritten sie
schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand
Maerchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden
Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und
der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.

Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der
Sonne, den Huehnern, dem offenen Kuechenfenster, aus dem Agnes sich die
Teller reichen liess. Wo war die buergerliche Ordnung der Bluecherstrasse, wo
Diederichs angestammter Kneiptisch? "Ich gehe nicht wieder fort von hier",
erklaerte Diederich. "Dich lass' ich auch nicht fort." Und Agnes: "Warum
denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass' es ihm durch meine Freundin
schicken, die in Kuestrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort."

Spaeter gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floss und
der Horizont von den Fluegeln dreier Windmuehlen umsegelt ward. Im Kanal lag
ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen
entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorueber.
Unter herniederhaengenden Bueschen legte es von selbst an - und Agnes fragte
unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, dass
sie immer gut zu ihm gewesen seien, und dass er sie liebhabe. Er wollte
sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren huebsch geworden;
oder vielleicht nicht huebsch, aber so anstaendig und sanft. Die eine, Emmi,
las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte fuer beide sorgen und sie
verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er
alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzaehlte von
den Daemmerstunden, den Maerchen unter den Weihnachtsbaeumen seiner Kindheit
und sogar von dem Gebet "aus dem Herzen". Agnes hoerte zu, ganz versunken.
Endlich seufzte sie auf. "Deine Mutter moechte ich kennenlernen. Meine hab'
ich nicht gekannt." Er kuesste sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer
dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fuehlte: jetzt hatte er ein
Wort zu sprechen, das sie ganz und gar fuer immer troesten musste. Aber er
schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. "Ich weiss," sagte
sie langsam, "dass du im Herzen ein guter Mensch bist. Du musst nur manchmal
anders tun." Darueber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie
sich: "Heute hab ich gar keine Furcht vor dir."

"Hast du denn sonst Furcht?" fragte er reumuetig. Sie sagte:

"Ich habe mich immer gefuerchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig
waren. Bei meinen Freundinnen frueher war es mir oft, als koennte ich mit
ihnen nicht Schritt halten, und sie muessten es merken und mich verachten.
Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit grossen
blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, musste ich nebenan
bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen
harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle
so ansehen wie ich. Gerne haette ich sie auf den Ruecken gelegt, damit sie
die Augen schloss. Aber ich wagte es nicht. Haette ich denn auch die
Menschen auf den Ruecken legen koennen? Alle haben solche Augen, und
manchmal -" sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, "manchmal sogar
du."

Der Hals war ihm zugeschnuert, er tastete ueber ihren Nacken, und seine
Stimme schwankte. "Agnes! Suesse Agnes, du weisst gar nicht, wie ich dich
liebhabe ... Ich hab' Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab'
ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schoen fuer mich, zu fein, zu
gut ..." Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem
ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem
Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hoerte ihm zu, entzueckt,
die Lippen geoeffnet. Sie jubelte leise: "Ich wusste es, so bist du, du bist
wie ich!"

"Wir gehoeren zusammen", sagte Diederich und presste sie an sich; aber er
war erschrocken ueber seinen Ausruf: "Jetzt wartet sie," dachte er, "jetzt
soll ich sprechen." Er wollte es, aber er fuehlte sich gelaehmt. Der Druck
seiner Arme auf ihrem Ruecken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich:
er wusste, nun wartete sie nicht mehr. Und sie loesten sich voneinander,
ohne sich anzusehen. Diederich schlug ploetzlich die Haende vor das Gesicht
und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm troestend ueber
das Haar. Das waehrte lange.

Ueber ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: "Hab' ich denn geglaubt, dass es
dauern wuerde? Es musste schlimm enden, weil es so schoen war."

Er fuhr auf, verzweifelt. "Es ist doch nicht aus!" Sie fragte:

"Glaubst du an das Glueck?"

"Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!"

Sie murmelte: "Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich
vergessen."

"Lieber sterben!" - und er zog sie an sich. Sie fluesterte an seiner Wange:

"Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von
selbst losgemacht und uns hinausgefuehrt. Weisst du noch, jenes Bild? Und
der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?" Und noch
leiser: "Wohin mit uns?"

Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander,
senkten sie sich rueckwaerts immer tiefer ueber das Wasser. Draengte sie ihn?
Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fuehlte: nun
war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht
glaeubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.

Ploetzlich, ein Stoss: sie schnellten in die Hoehe. Diederich hatte so viel
Kraft gebraucht, dass Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich
ueber die Stirn. "Was haben wir denn da?" - Noch kalt vom Schrecken und als
sei er beleidigt, sah er weg von ihr. "So unvorsichtig darf man nicht sein
beim Bootfahren." Er liess sie allein aufstehen, griff sogleich nach den
Rudern und fuhr zurueck. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet.
Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so misstrauisch
und hart, dass sie zusammenfuhr.

In der sinkenden Daemmerung gingen sie, immer schneller, die Landstrasse
zurueck. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, dass sie
ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen frueh
kam Herr Goeppel vielleicht heim. Agnes musste heim ... Wie sie beim
Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. "Nicht mal mehr essen
kann man!" sagte Diederich mit kuenstlicher Unzufriedenheit. Hals ueber Kopf
die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum dass sie drin
waren. Ein Glueck, dass sie Atem zu schoepfen und die eiligen Geschaefte der
letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darueber war
gefallen, und nun sass jeder da, allein bei trueber Lampe und betaeubt wie
nach einem grossen Misserfolg. Das dunkle Land da draussen, hatte es einmal
gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man
fand nicht zurueck. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten
einen?

Bei der Ankunft waren sie darueber einig, dass es sich nicht verlohne, in
denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Haende und Augen
streiften sich nur.



"Uff!" machte Diederich, als er allein war. "Das waere erledigt." Er sagte
sich: "Es haette ebensogut schief gehen koennen." Und mit Empoerung: "So eine
hysterische Person!" Sich selbst wuerde sie sicher am Boot festgehalten
haben. Er haette das Bad allein nehmen muessen. Auf den ganzen Trick war sie
doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! "Die
Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiss Gott, noch aerger
an der Nase herumgefuehrt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine
Lehre fuer das Leben sein. Nun aber Schluss!" Und festen Schrittes ging er
zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
bueffelte er fuer das muendliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause,
sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der
Stockwerke schwer, er musste sich gestehen, dass er Herzklopfen habe.
Zoegernd oeffnete er die Zimmertuer: - nichts; und nachdem ihm anfangs
leichter geworden war, kam es schliesslich doch jedesmal dazu, dass er die
Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.

Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geoeffnet, bevor er es
bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen - zog
ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
misstrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. "Ich bin so
ungluecklich ..." "Kennen wir!" antwortete Diederich. "Ich wage mich nicht
zu Dir ..." "Dein Glueck!" "Es ist schrecklich, dass wir uns fremd geworden
sind ..." "Wenigstens siehst du es ein." "Verzeih mir, was geschehen ist,
oder ist nichts geschehen?..." "Gerade genug!" "Ich kann nicht
weiterleben ..." "Faengst du schon wieder an?" Und er schleuderte das Blatt
endgueltig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht
mit Ueberschwenglichkeiten bedeckt und zum Glueck nicht abgeschickt hatte.

Eine Woche spaeter aber, wie er in der Nacht heimkam, hoerte er hinter sich
Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen,
die Haende ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch waehrend er
das Haustor aufschloss und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im
Zimmer machte er kein Licht. Er schaemte sich, indes sie aus dem Dunkel
hinaufspaehte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehoert hatte. Es regnete.
Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiss stand sie noch immer dort, mit
ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster
aufreissen - und wich zurueck. Einmal fand er sich ploetzlich auf der Treppe,
mit dem Hausschluessel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
Darauf schloss er ab und zog sich aus. "Mehr Haltung, mein Lieber!" Denn
diesmal waere man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Maedel
war zweifellos zu bedauern, aber schliesslich hatte sie es gewollt. "Vor
allem habe ich Pflichten gegen mich selbst." - Am Morgen, schlecht
ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr uebel, dass sie noch einmal
versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reissen. Jetzt, da sie wusste, dass
die Pruefung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr aehnlich. Und
durch die naechtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre
Gestalt nachtraeglich etwas Verdaechtiges und Unheimliches bekommen. Er
betrachtete sie als endgueltig gesunken. "Auf keinen Fall mehr das
geringste!" beteuerte er sich, und er beschloss, noch fuer den kurzen Rest
seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: "selbst wenn es mit einem
Geldopfer verbunden sein sollte." Gluecklicherweise suchte ein Kollege
grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf
nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia
feierte ihn mit einem Fruehschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause
ward ihm gesagt, dass in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. "Es wird
Wiebel sein," dachte Diederich, "er muss mir doch Glueck wuenschen." Und von
Hoffnung geschwellt: "Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?" Er
oeffnete, und er prallte zurueck. Denn da stand Herr Goeppel.

Auch er fand nicht gleich Worte. "Nanu, im Frack?" sagte er dann, und
zoegernd: "Waren Sie vielleicht bei mir?"

"Nein", sagte Diederich und erschrak aufs neue. "Ich habe nur meine
Doktorpruefung gemacht."

Goeppel erwiderte: "Ach so, ich gratuliere." Dann brachte Diederich hervor:
"Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?" Und Goeppel antwortete:
"Ihrer frueheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
ja auch sonst noch Mittel." Darauf sahen sie einander an. Goeppels Stimme
war ruhig gewesen, aber Diederich fuehlte schreckliche Drohungen darin. Er
hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war
sie da. Er musste sich setzen.

"Naemlich," begann Goeppel, "ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht."

"Oh!" machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. "Was fehlt ihr denn?"
Herr Goeppel wiegte bekuemmert den Kopf. "Das Herz will nicht; aber es sind
natuerlich nur die Nerven ... Natuerlich", wiederholte er, nachdem er
vergeblich gewartet hatte, dass Diederich es wiederhole. "Und nun wird sie
mir melancholisch vor Langeweile, und ich moechte sie aufheitern. Ausgehen
darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist
Sonntag."

"Gerettet!" fuehlte Diederich. "Er weiss nichts." Vor Freude ward er zum
Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. "Ich hatte es mir schon fest
vorgenommen. Aber jetzt muss ich dringend nach Haus, unser alter
Geschaeftsfuehrer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich
Abschiedsbesuche machen, morgen frueh reise ich gleich ab."

Goeppel legte ihm die Hand auf das Knie. "Sie sollten es sich ueberlegen,
Herr Hessling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was."

Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, dass Diederich
wegsehen musste. "Wenn ich nur koennte", stammelte er; Goeppel sagte:

"Sie koennen. Ueberhaupt koennen Sie alles, was hier in Frage kommt."

"Wieso?" Diederich erstarrte im Innern. "Sie wissen wohl, wieso", sagte
der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stueck zurueckgeschoben hatte:
"Sie denken doch hoffentlich nicht, dass Agnes mich hergeschickt hat? Im
Gegenteil, ich hab' ihr versprechen muessen, dass ich gar nichts tue und Sie
ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab' ich mir ueberlegt, dass es doch
eigentlich zu dumm waere, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen
wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
habe, und bei unserer Geschaeftsverbindung und so weiter."

Diederich dachte: "Die Geschaeftsverbindung ist geloest, mein Bester." Er
wappnete sich.

"Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Goeppel."

"Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in
die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu
scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr?
Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr vaeterliches Geschaeft
ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes' Mitgift sehr gelegen." Und in einem
Atem weiter, indes seine Augen abirrten: "Momentan kann ich zwar nur
zwoelftausend Mark fluessig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie
wollen."

"Siehst du wohl?" dachte Diederich. "Und die zwoelftausend muesstest du dir
auch pumpen - wenn du sie noch kriegst." - "Sie haben mich missverstanden,
Herr Goeppel", erklaerte er. "Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu waeren zu
grosse Geldmittel noetig."

Herr Goeppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: "Ich kann noch
ein uebriges tun ..."

"Lassen Sie nur", sagte Diederich, vornehm abwehrend.

Goeppel ward immer ratloser.

"Ja, was wollen Sie dann ueberhaupt?"

"Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen."

Goeppel gab sich einen Ruck. "Das geht nicht, lieber Hessling. Nach dem, was
nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert."

Diederich mass den Vater, er zog die Mundwinkel herab. "Sie wussten es
also?"

"Nicht sicher", murmelte Goeppel. Und Diederich, von oben:

"Das haette ich auch merkwuerdig gefunden."

"Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter."

"So irrt man sich", sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich
wehren konnte. Goeppels Stirn fing an, sich zu roeten. "Zu Ihnen hab' ich
naemlich auch Vertrauen gehabt."

"Das heisst: Sie hielten mich fuer naiv." Diederich schob die Haende in die
Hosentaschen und lehnte sich zurueck.

"Nein!" Goeppel sprang auf. "Aber ich hielt Sie nicht fuer den Schubbejack,
der Sie sind!"

Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. "Geben Sie Satisfaktion?" fragte
er. Goeppel schrie:

"Das moechten Sie wohl! Die Tochter verfuehren und den Vater abschiessen!
Dann ist Ihre Ehre komplett!"

"Davon verstehen Sie nichts!" Auch Diederich fing an, sich aufzuregen.
"Ich habe Ihre Tochter nicht verfuehrt. Ich habe getan, was sie wollte, und
dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen." Mit
Entruestung: "Wer sagt mir, dass Sie sich nicht von Anfang an mit ihr
verabredet haben? Dies ist eine Falle!"

Goeppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Ploetzlich
erschrak er, und mit seiner gewoehnlichen Stimme, nur dass sie zitterte,
sagte er: "Wir geraten zu sehr in Feuer, dafuer ist die Sache zu wichtig.
Ich habe Agnes versprochen, dass ich ruhig bleiben will."

Diederich lachte hoehnisch auf. "Sehen Sie, dass Sie schwindeln? Vorhin
sagten Sie, Agnes weiss gar nicht, dass Sie hier sind."

Der Vater laechelte entschuldigend. "Im guten einigt man sich schliesslich
immer. Nicht wahr, mein lieber Hessling?"

Aber Diederich fand es gefaehrlich, wieder gut zu werden.

"Der Teufel ist Ihr lieber Hessling!" schrie er. "Fuer Sie heiss' ich Herr
Doktor!"

"Ach so", machte Goeppel, ganz starr. "Es ist wohl das erstemal, dass jemand
Herr Doktor zu Ihnen sagen muss? Na, auf die Gelegenheit koennen Sie stolz
sein."

"Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?" Goeppel
wehrte ab.

"Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan
haben, meine Tochter und ich. Muessen Sie denn wirklich so viel Geld
mithaben?"

Diederich fuehlte sich erroeten. Um so entschlossener ging er vor.

"Wenn Sie es durchaus hoeren wollen: mein moralisches Empfinden verbietet
mir, ein Maedchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe
bringt."

Sichtlich wollte Goeppel sich nochmals empoeren; aber er konnte nicht mehr,
er konnte nur noch das Schluchzen unterdruecken.

"Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen haetten! Sie hat es mir
gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich
liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste."

"Weiss ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann." Und
da Goeppel zurueckwich, als sei er vor die Brust gestossen:

"Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal luegt, dem glaubt man nicht."

Er sagte noch: "Kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich so eine zur
Mutter meiner Kinder mache. Dafuer hab' ich zuviel soziales Gewissen."
Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer,
der geoeffnet dastand.

Hinter sich hoerte er den Vater nun wirklich schluchzen - und Diederich
konnte nicht hindern, dass er selbst geruehrt ward: durch die edel maennliche
Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes' und ihres Vaters
Unglueck, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er
hoerte, gespannten Herzens, wie Herr Goeppel die Tuer oeffnete und schloss,
hoerte ihn ueber den Korridor schleichen und das Geraeusch der Flurtuer. Nun
war es aus - und da liess Diederich sich vornueber fallen und weinte heftig
in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.

Damit war dem Gemuet Genuege getan, man musste stark sein. Diederich hielt
sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden waere. Sogar ein
Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
ruecksichtsloser Energie erteilt. Dass auch die anderen in ihrem Innern
vielleicht doch weiche Stellen haben koennten, erschien ihm im hoechsten
Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet;
und ein Maedel wie Agnes, die gerade so verrueckt war wie seine Mutter,
wuerde ihn ganz untauglich gemacht haben fuer diese harte Zeit. Diese harte
Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr - und das alles
gebaendigt, bis zum Hurraschreien gebaendigt durch die Macht, die
allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf
Koepfe setzte, steinern und blitzend.

"Nichts zu machen", sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. "So muss
man sein!" Um so schlimmer fuer die, die nicht so waren: sie kamen eben
unter die Hufe. Hatten Goeppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
ihn? Agnes war grossjaehrig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also?
"Ich waere ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas taete, wozu ich nicht
gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was." Diederich empfand
stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der
Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und
tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine
wohlerworbenen Grundsaetze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu
sein fuer den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch aeusserlich an seiner
Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die
Mittelstrasse zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veraenderung mit sich vor,
die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer haeufiger beobachtete.
Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er
liess vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln
hinauffuehren. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder.
Der von Haaren entbloesste Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten
bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie
aus dem Gesicht der Macht.





                                   III.


Um weiteren Belaestigungen durch die Familie Goeppel aus dem Wege zu gehen,
reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die
Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand
ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs
Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwaertig
elegant. Sie unternahmen es, in einer unverstaendlichen Sprache eine
Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Fuesse in
den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stiessen
Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugfuehrer selbst, aber
Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein
Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er moege sich nur nicht die
Zunge verbrennen, man koenne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er
dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt
ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und ass sie aus der Hand, wobei sie ihm
zulaechelte. Da ruestete er ab, erwiderte, breit glaenzend, ihre Sympathie
und sprach sie an. Es stellte sich heraus, dass sie aus Netzig war. Er
nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
"Nun?" Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit
dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrueckten Nase; das
weissliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und
selbst rosigen Wuerstchen glichen. "Nein," entschied er, "kennen tu' ich
Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
Schweinchen." Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte
er eine Ohrfeige. "Die sitzt", sagte er und rieb sich. "Haben Sie mehr
solche zu vergeben?" - "Es langt fuer alle Frechmoepse." Sie lachte aus der
Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzuechtig an. "Ein Stueck
Wurst koennen Sie haben, aber sonst nichts." Ohne zu wollen, verglich er
ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes' Hilflosigkeit, und er sagte sich: "So
eine koennte man getrost heiraten." Schliesslich nannte sie selbst ihren
Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen
Schwestern. Ploetzlich rief er: "Guste Daimchen!" Und beide schuettelten
sich vor Freude. "Sie haben mir doch immer Knoepfe geschenkt von den Lumpen
in Ihrer Papierfabrik. Das vergess' ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
Sie, was ich mit den Knoepfen gemacht hab'? Die hab' ich gesammelt, und
wenn meine Mutter mir mal Geld fuer Knoepfe gab, hab' ich mir Bonbons
gekauft."

"Praktisch sind Sie auch!" Diederich war entzueckt. "Und dann sind Sie
immer zu uns ueber die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Goere. Hosen
hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock 'raufrutschte, kriegte
man hinten was zu sehen."

Sie kreischte; ein feiner Mann habe fuer so was kein Gedaechtnis. "Jetzt muss
es aber noch schoener geworden sein", setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
ploetzlich ernst.

"Jetzt bin ich verlobt."

Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit
enttaeuschter Miene. Dann erklaerte er zurueckhaltend, er kenne Buck. Sie
sagte vorsichtig: "Sie meinen wohl, er ist ein bisschen ueberspannt? Aber
die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien
ist wieder mehr Geld", setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah
Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er
hatte den Mut verloren.

Kurz vor Netzig fragte Fraeulein Daimchen: "Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist
noch frei?"

"Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen." Er nickte gewichtig. "Ach!
Das muessen Sie mir erzaehlen", rief sie. Aber sie fuhren schon ein. "Wir
sehen uns hoffentlich bald wieder", schloss Diederich. "Ich kann Ihnen nur
sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein.
Fuer ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht."

Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen
erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stuerzten sie herbei
und halfen das Gepaeck tragen. Sie erklaerten ihren Eifer, kaum dass sie mit
Diederich allein waren. Guste hatte naemlich geerbt, sie war Millionaerin!
Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.

Die Schwestern erzaehlten das Naehere. Ein alter Verwandter in Magdeburg
hatte Guste all das Geld vermacht, dafuer, dass sie ihn gepflegt hatte. "Und
sie hat es sich verdient," bemerkte Emmi, "er soll zuletzt furchtbar
unappetitlich gewesen sein." Magda setzte hinzu: "Und sonst kann man sich
natuerlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr
mit ihm allein."

Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. "So was sagt ein junges Maedchen
nicht!" schrie er entruestet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge
Tietz, Meta Harnisch und ueberhaupt alle: "Dann fordere ich euch energisch
auf, dem Gerede entgegenzutreten." Es entstand eine Pause; darauf sagte
Emmi: "Guste ist naemlich schon verlobt." - "Das weiss ich", knurrte
Diederich.

Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hoerte sich "Herr Doktor" nennen,
erglaenzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der
Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Hessling den
Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche
Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie
ins Zimmer trat, "fertig", mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt,
Fabrik und Familie nach seiner ueberlegenen Einsicht zu lenken. Er gab
Mutter und Schwestern die Haende, allen zugleich, und sagte mit ernster
Stimme: "Ich werde mir immer bewusst bleiben, dass ich meinem Gott fuer euch
Rechenschaft schulde."

Aber Frau Hessling war in Unruhe. "Bist du bereit, mein Sohn?" fragte sie.
"Unsere Leute erwarten dich." Diederich trank sein Bier aus und ging, an
der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
Eingang der Fabrik umrahmten Kraenze und beschrieben eine Schleife um die
Inschrift "Willkommen!" Davor stand der alte Buchhalter Soetbier und sagte:
"Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht 'raufgekommen, weil ich noch was
zu tun hatte."

"Heute haetten Sie das auch lassen koennen", erwiderte Diederich und ging an
Soetbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie
in einem Haufen zusammen: die zwoelf Arbeiter, die die Papiermaschine, den
Hollaender und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen,
samt den Frauen, deren Taetigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Maenner
raeusperten sich, man fuehlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines
Maedchen hinausschoben, das einen Blumenstrauss vor sich hinhielt und mit
einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glueck und Willkommen wuenschte.
Diederich nahm mit gnaediger Miene den Strauss; nun war es an ihm, sich zu
raeuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf
in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbaertigen
Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war - und
begann:

"Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier
kuenftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu
bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Baerenhaut legen. Das ist
aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders fuer die alten Leute,
die noch von meinem seligen Vater her dabei sind."

Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er
den alten Soetbier an:

"Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der
richtige, ich fuehre euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir
dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere
ich."

Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart straeubte
sich noch hoeher.

"Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein
schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein vaeterliches Wohlwollen
entgegenbringen, Umsturzgelueste aber scheitern an meinem unbeugsamen
Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch -"

Er fasste den schwarzbaertigen Maschinenmeister ins Auge, der ein
verdaechtiges Gesicht machte.

"- mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn fuer mich ist jeder Sozialdemokrat
gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun
geht wieder an eure Arbeit und ueberlegt euch, was ich euch gesagt habe."

Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefuehl,
das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges
Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestuerzt und ehrfurchtsvoll, indes
die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.

Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Plaene dar. Die
Fabrik war zu vergroessern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man musste
konkurrenzfaehig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Kluesing, draussen
in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das
ganze Geschaeft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das
Geld nehmen wolle; aber Frau Hessling schnitt ihr das vorlaute Wort ab.
"Dein Bruder weiss das besser als wir." Vorsichtig setzte sie hinzu:
"Manches Maedchen waere gluecklich, wenn sie sein Herz gewinnen koennte" - und
sie hielt, seines Zornes gewaertig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich
erroetete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. "Es waere mir ja ein so
entsetzlicher Schmerz," schluchzte sie, "wenn mein Sohn, mein lieber Sohn,
aus dem Hause ginge. Fuer eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fuehlen, denn ihre Guste
heiratet ja den Wolfgang Buck."

"Oder auch nicht", sagte Emmi, die Aeltere. "Denn der Wolfgang soll doch
was mit einer Schauspielerin haben." Frau Hessling vergass ganz, die Tochter
zu berufen. "Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
Leute!"

Diederich stiess verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht
normal. "Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
Schauspielerin geheiratet."

"Man sieht die Folgen", sagte Emmi. "Denn von seiner Tochter, der Frau
Lauer, hat man sich allerlei erzaehlt."

"Kinder!" bat Frau Hessling aengstlich. Aber Diederich beruhigte sie.

"Lass nur, Mutter, es wird Zeit, dass man der Katze die Schelle umhaengt. Ich
stehe auf dem Standpunkt, dass die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt
schon laengst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie."

"Die Frau von Moritz, dem Aeltesten," sagte Magda, "ist einfach eine
Baeuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz
verbauert." Emmi empoerte sich.

"Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fuenf
unverheirateten Toechter! Sie lassen sich Suppe aus der Volkskueche holen,
ich weiss es positiv."

"Die Volkskueche hat ja der Herr Buck gegruendet", erklaerte Diederich. "Und
die Fuersorge fuer die entlassenen Straeflinge auch, und was sonst noch. Ich
moechte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschaefte zu
denken."

"Es wuerde mich nicht wundern," sagte Frau Hessling, "wenn nicht mehr viel
da waere. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natuerlich die groesste Hochachtung
habe, er ist doch so angesehen."

Diederich lachte bitter. "Warum eigentlich? In der Verehrung des alten
Buck sind wir aufgezogen worden. Der grosse Mann von Netzig! Im Jahre
achtundvierzig zum Tode verurteilt!"

"Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer."

"Verdienst?" schrie Diederich. "Wenn ich nur weiss, einer ist gegen die
Regierung, ist er fuer mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein
Verdienst sein?"

Und er stuerzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese
alten Demokraten, die noch immer das Regiment fuehrten, waren nachgerade
die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung
zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte
Landgerichtsrat Kuehlemann sass, ein Freund des beruechtigten Eugen Richter,
darum stockte hier das Geschaeft, und niemand kriegte Geld. Natuerlich, fuer
so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschluesse noch Militaer. Kein
Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar
Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Auftraege zu,
und fuer andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
saemtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Kluesing gehoerte
zu der Bande des alten Buck!

Magda wusste noch etwas. "Neulich ist die Liebhabervorstellung im
Buergerkraenzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau
Lauer, krank war. Das ist doch Popismus."

"Nepotismus heisst es", sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. "Und
dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hueten!
Wir werden ihm auf die Finger sehen!"

Frau Hessling hob flehend die Haende. "Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in
der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, dass du auch zum Herrn Buck
gehst. Er ist nun mal so einflussreich."

Aber Diederich versprach nichts. "Andere wollen auch 'ran!" rief er.

Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
die Fabrik hinunter und schlug sofort Laerm, weil noch die Bierflaschen von
gestern umherlagen. "Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
Soetbier, das steht doch wohl im Reglement." - "Reglement?" sagte der alte
Buchhalter. "Wir haben gar keins." Diederich war sprachlos; er schloss sich
mit Soetbier ins Kontor ein. "Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings
gar nichts mehr. Was sind das fuer laecherliche Bestellungen, mit denen Sie
sich da abgeben?" - und er warf die Briefe auf dem Pult umher. "Es scheint
hoechste Zeit gewesen zu sein, dass ich eingreife. Das Geschaeft versumpft in
Ihren Haenden."

"Versumpfen, junger Herr?"

"Ich bin fuer Sie der Herr Doktor!" Und er verlangte, dass man einfach alle
anderen Fabriken unterbieten solle.

"Das halten wir nicht aus", sagte Soetbier. "Ueberhaupt waeren wir gar nicht
imstande, so grosse Auftraege auszufuehren wie Gausenfeld."

"Und Sie wollen ein Geschaeftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr
Maschinen ein."

"Das kostet Geld", sagte Soetbier.

"Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie
sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstuetzen wollen, mache ich es
allein."

Soetbier wiegte den Kopf. "Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer
einig. Wir haben zusammen das Geschaeft in die Hoehe gebracht."

"Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
Geschaeftsfuehrer."

Soetbier seufzte: "Das ist die stuermische Jugend" - indes Diederich schon
die Tuer zuwarf. Er durchmass den Raum, worin die mechanische Trommel, laut
schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des grossen
Kochhollaenders betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbaertige
Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast haette er dem
Arbeiter Platz gemacht. Dafuer rannte er ihn mit der Schulter beiseite,
bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des
Hollaenders zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine
bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
erschrocken war? "Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muss 'raus!" Ein
animalischer Hass stieg in Diederich herauf, der Hass seines blonden
Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen
Rasse, die er gern fuer niedriger gehalten haette und die ihm unheimlich
schien. Diederich fuhr auf.

"Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!" Da die
Leute ihn nur ansahen, schrie er: "Maschinenmeister!" Und als der
Schwarzbaertige eintrat: "Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze
ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze
Zeug. Ich mache Sie verantwortlich fuer den Schaden!"

Der Mann beugte sich ueber die Maschine. "Schaden ist keiner da", sagte er
ruhig, aber Diederich wusste schon wieder nicht, ob er unter seinem
schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
duester Hoehnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen
und warf nur die Arme. "Ich mache Sie verantwortlich!"

"Was ist denn los?" fragte Soetbier, der den Laerm gehoert hatte. Dann
erklaerte er dem Herrn, dass der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig
geschnitten werde, und dass es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter
nickten mit den Koepfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
Diederich fuehlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie
noch: "Dann wird es kuenftig gefaelligst anders gemacht!" und kehrte
ploetzlich um.

Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er
fachkundig die Frauen ueberwachte, die auf den Siebplatten der langen
Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkelaeugige es unternahm,
ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulaecheln, prallte sie
gegen eine so harte Miene, dass sie erschrak und sich duckte. Farbige
Fetzen quollen aus den Saecken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die
Knoepfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte,
hoerte etwas Verdaechtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Saecke - und
fuhr zurueck, erroetet und mit zitterndem Schnurrbart. "Nun hoert alles auf!"
schrie er, "'rauskommen!" Ein junger Arbeiter kroch hervor. "Das
Frauenzimmer auch!" schrie Diederich. "Wird's bald?" Und, als endlich das
Maedchen sich zeigte, stemmte er die Faeuste in die Hueften. Hier ging es ja
heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was
anderes! Er zeterte, dass alles zusammenlief. "Na, Herr Soetbier, dies ist
wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen.
Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter
den Saecken zu amuesieren. Wie kommt der Mann hier herein?" Es sei seine
Braut, sagte der junge Mensch. "Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
bezahle. Ihr seid Schweine und ausserdem Diebe. Ich schmeiss' euch 'raus,
und ich zeig' euch an, wegen oeffentlicher Unzucht!"

Er sah herausfordernd umher.

"Deutsche Zucht und Sitte verlang' ich hier. Verstanden?" Da traf er den
Maschinenmeister. "Und ich werde sie durchfuehren, auch wenn Sie da ein
Gesicht schneiden!" schrie er.

"Ich habe kein Gesicht geschnitten", sagte der Mann ruhig. Aber Diederich
war nicht laenger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!

"Ihr Benehmen ist mir schon laengst verdaechtig! Sie tun Ihren Dienst nicht,
sonst haette ich die beiden Leute nicht abgefasst."

"Ich bin kein Aufpasser", warf der Mann dazwischen.

"Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
Zuchtlosigkeit gewoehnt. Sie arbeiten fuer den Umsturz! Wie heissen Sie
ueberhaupt?"

"Napoleon Fischer", sagte der Mann. Diederich stockte.

"Nap-. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?"

"Jawohl."

"Dachte ich mir. Sie sind entlassen."

Er wandte sich nach den Leuten um: "Merkt euch das!" - und verliess schroff
den Raum. Auf dem Hof lief Soetbier ihm nach. "Junger Herr!" Er war in
grosser Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tuer des
Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. "Junger Herr," sagte der
Buchhalter, "das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter." - "Deswegen
soll er 'raus", erwiderte Diederich. Soetbier setzte auseinander, dass das
nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen wuerden. Diederich wollte
es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber,
erklaerte Soetbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten
Leute war kein Verlass mehr.

"Ich schmeiss' sie 'raus!" rief Diederich. "Samt und sonders, mit Kind und
Kegel!"

"Wenn wir dann nur andere kriegten", sagte Soetbier und sah unter seinem
gruenen Augenschirm mit einem duennen Laecheln dem jungen Herrn zu, der vor
Zorn gegen die Moebel anrannte. Er schrie:

"Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen -"

Soetbier liess ihn austoben, dann sagte er: "Herr Doktor brauchen dem
Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiss ja, dass wir
davon zu viele Scherereien haetten."

Diederich baeumte sich nochmals auf.

"So. Ich brauch' ihn also nicht zu bitten, dass er die Gnade hat und
bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch' ihn nicht fuer Sonntag zum
Mittagessen einzuladen? Es waere auch zuviel Ehre fuer mich!"

Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riss die
Tuer auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
der Hass gab ihm deutlichere Sinneseindruecke als sonst, er bemerkte
gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
Schultern mit den Armen, die vornueberhingen - und nun der Maschinenmeister
mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem
duennen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk hasste, und diese
knotigen Haende! Der schwarze Kerl war laengst vorueber, und seine
Ausduenstung roch Diederich noch immer.

"Sehn Sie mal, Soetbier, die Vorderflossen haengen ihm bis an den Boden.
Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nuesse fressen. Dem Affen werden
wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist
allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so
viel weiss ich, dass einer von uns beiden -" Diederich rollte die Augen: "-
auf dem Platz bleiben wird."



Erhobenen Hauptes verliess er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich
auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines
Besuches zu erweisen. Von der Meisestrasse konnte er, um zum Buergermeister
Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstrasse zu gelangen, einfach der
Wuchererstrasse folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Strasse hiess. Er wollte es
auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er
vor sich selbst geheimgehalten haette, bog er dennoch in die
Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck
waren abgewetzt von den Fuessen der ganzen Stadt und von den Vorgaengern
dieser Fuesse. Der Klingelzug an der gelben Glastuer bewirkte drinnen ein
langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tuer auf, und die alte
Magd schlich ueber die Diele. Aber sie war noch laengst nicht angelangt, da
trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und oeffnete selbst. Er zog
Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.

"Mein lieber Hessling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft
berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor."

Sofort hatte Diederich Traenen in den Augen und stammelte:

"Sie sind zu guetig, Herr Buck. Natuerlich habe ich zuerst und vor allem
Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, dass
ich immer ganz - dass ich immer ganz - zu Ihren Diensten stehe", schloss er,
freudig wie ein guter Schueler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit
seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.

"Dienste -" er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, "die wollen Sie
doch natuerlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbuergern - die es Ihnen
danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbuerger Sie in kurzem
waehlen, das glaube ich Ihnen versprechen zu koennen, denn damit belohnen
sie eine verdiente Familie. Und dann" - der alte Buck beschrieb eine
Gebaerde feierlicher Freigebigkeit "- verlasse ich mich auf Sie, dass Sie es
uns recht bald ermoeglichen werden, Sie im Magistrat zu begruessen."

Diederich verbeugte sich, beglueckt laechelnd, als werde er schon begruesst.
"Die Gesinnung unserer Stadt," fuhr Herr Buck fort, "ich sage nicht, dass
sie in allen Teilen gut ist -" Er versenkte seinen weissen Knebelbart in
die seidene Halsbinde. "Aber noch ist Raum" - der Bart tauchte wieder auf
- "und will's Gott noch lange, fuer wahrhaft liberale Maenner."

Diederich beteuerte: "Ich bin selbstverstaendlich durchaus liberal."

Darauf strich der alte Buck ueber die Papiere auf seinem Schreibtisch. "Ihr
seliger Vater hat mir hier oft gegenueber gesessen, und besonders haeufig
damals, als er die Papiermuehle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
grossen Freude foerderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
durch Ihren Hof fliesst."

Diederich sagte mit tiefer Stimme: "Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
erzaehlt, dass er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren koennten, nur
Ihnen verdankt."

"Nur mir, duerfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zustaenden unseres
Gemeinwesens, an denen aber -" der alte Herr Buck erhob seinen weissen
Zeigefinger, er sah Diederich tief an, "gewisse Leute und eine gewisse
Partei manches aendern wuerden, sobald sie koennten." Staerker und mit Pathos:
"Der Feind steht vor dem Tore, es heisst zusammenhalten."

Er liess eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
einem kleinen Schmunzeln: "Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
einer aehnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergroessern?
Sie haben Plaene?"

"Allerdings." Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
muesse. Der Alte hoerte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
Endlich sagte er: "Ich sehe so viel, dass der Umbau Ihnen nicht nur grosse
Kosten, sondern unter Umstaenden auch Schwierigkeiten mit der staedtischen
Baupolizei verursachen wird - mit der ich uebrigens im Magistrat zu tun
habe. Nun ueberzeugen Sie sich, mein lieber Hessling, was hier auf meinem
Schreibtisch liegt."

Da erkannte Diederich einen genauen Aufriss seines Grundstueckes, samt dem
dahinter gelegenen. Sein verbluefftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
ein Laecheln der Genugtuung. "Ich kann wohl dafuer sorgen," sagte er, "dass
keine erschwerenden Umstaende eintreten." Und auf Diederichs Danksagungen:
"Wir dienen dem grossen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
vorwaertshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, ausser den
Tyrannen."

Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
faltete die Haende. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
wie ein Grossvater. "Als Kind hatten Sie so schoene blonde Locken", sagte
er.

Diederich begriff, dass der offizielle Teil des Gespraeches beendet sei.
"Ich weiss noch," erlaubte er sich zu sagen, "wie ich als kleiner Junge
hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
spielte."

"Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat."

"Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt."

"Ich wuenschte, mein lieber Hessling, er haette mehr von Ihrer praktischen
Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
habe."

"Ich glaube," sagte Diederich, "dass Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiss nicht, ob er General werden
soll oder sonst ein grosser Mann."

"Inzwischen macht er leider dumme Streiche." Der Alte sah aus dem Fenster.
Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.

"Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon frueher, seine Aufsaetze.
Und was er mir neulich ueber unseren Kaiser gesagt hat, dass er eigentlich
gern der erste Arbeiterfuehrer waere...."

"Davor behuete Gott die Arbeiter."

"Wieso?" Diederich war tieferstaunt.

"Weil es ihnen schlecht bekommen wuerde. Uns anderen ist es auch nicht gut
bekommen."

"Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich."

"Wir haben es nicht", sagte der alte Buck und stand ungewoehnlich rasch vom
Stuhl auf. "Denn wir muessten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
eigenen Willen folgen koennen; und koennen wir's? Ihr waehnt euch einig, weil
die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
Ueberlebender wie ich, im Fruehjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
zugerufen. Was wuerde er heute sagen!"

Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: "Ach
ja, Sie sind ein Achtundvierziger."

"Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir naerrisch genug waren, an dieses Volk
zu glauben. Wir glaubten, es wuerde alles das selbst vollbringen, was es
jetzt fuer den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
dachten es maechtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, dass es, ohne politische Bildung,
deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
Aufschwung den Maechten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
Zeit gab es allzu viele, die unbekuemmert um das Ganze, ihren
Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
Gnadensonne sich waermend, den unedlen Beduerfnissen eines anspruchsvollen
Genusslebens genuegen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
Sorge um das oeffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Grossmacht haben
eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
koennt, und es ausgebt, wie ihr moegt, werden sie euch - oder vielmehr sich
- auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
wuerden. Unser Dichter damals wusste, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!"

"Bismarck hat eben wirklich etwas getan", sagte Diederich, leise
triumphierend.

"Das ist es gerade, dass er es hat tun duerfen! Und dabei hat er alles nur
faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Buerger
von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
selbst bezahlt, was ich gewagt hatte."

"Ich weiss wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden", sagte Diederich,
wieder eingeschuechtert.

"Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveraenitaet der
Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
das sich in Notwehr befand, zum Aufstand fuehrte. So war in unseren Herzen
die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
jedes einzelnen, fuer die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
sogenannten Schoepfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
Koenigs erwartete, da war ich, gross oder gering, ein Mensch, der selbst am
Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?"

Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
es schwuel. Er fuehlte, dass er zu dem allen nicht laenger schweigen duerfe. Er
sagte: "Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu." Der
Alte kehrte aus seinen Gedanken zurueck, er deutete nach der Zimmerdecke.

"Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich wuerde alles dahingeben, aber,
junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit - auch
wenn wir besiegt worden sind."

"Zweifellos", sagte Diederich. "Und dann sind Sie immer noch der
maechtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehoert dem Herrn
Buck."

"Das will ich aber gar nicht, ich will, dass sie sich selbst gehoert." Er
atmete tief aus. "Das ist eine weitlaeufige Sache, Sie werden sie
allmaehlich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
Wir werden naemlich jeden Tag heftiger bedraengt von der Regierung und ihren
junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
ihnen Strassen bauen muessen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt."

Diederich laechelte ueberlegen. "So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
unser Kaiser ist doch eine so moderne Persoenlichkeit."

"Nun ja", sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf - und dann
zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.

"Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
Hoffnung, dass wir in allem einig gehen werden."

Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
Brust. "Ich bin ein durchaus liberaler Mann!"

"Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspraesidenten von Wulckow. Er ist
der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
unterhaelt nur die unumgaenglichen Beziehungen zum Praesidenten. Ich selbst
habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegruesst zu werden."

"Oh!" machte Diederich, ehrlich erschuettert.

Der alte Buck oeffnete ihm schon die Tuer, schien aber noch etwas zu
ueberlegen. "Warten Sie!" Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bueckte sich
und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
Glanz in seinem Gesicht, das erroetet war. "Da, nehmen Sie! Es sind meine
'Sturmglocken'! Man war auch Dichter - damals." Und er schob Diederich
sanft hinaus.



Die Fleischhauergrube stieg betraechtlich an, aber Diederich schnaufte
nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betaeubung empfunden
hatte, stellte sich allmaehlich das Gefuehl heraus, dass er sich habe
verblueffen lassen. "So ein alter Schwaetzer ist doch bloss noch eine
Vogelscheuche, und mir imponiert er!" Unbestimmt gedachte er der
Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
war, ebensoviel Hochachtung und ein aehnliches Grausen einfloesste wie der
Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. "Werd' ich denn ewig so weich
bleiben? Ein anderer haette sich nicht so behandeln lassen!" Auch konnte es
peinliche Folgen haben, dass er zu so vielen kompromittierenden Reden
geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
Antworten zurecht, fuer das naechste Mal. "Das Ganze war eine Falle! Er hat
mich einfangen und unschaedlich machen wollen ... Aber er soll sehen!"
Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
Kaiser-Wilhelm-Strasse ging. "Vorlaeufig muss man sich noch mit ihm
verhalten, aber wehe, wenn ich der Staerkere bin!"

Das Haus des Buergermeisters war mit Oelfarbe neu gestrichen, und die
Spiegelscheiben glaenzten wie je. Ein nettes Stubenmaedchen empfing ihn.
Ueber eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Moebel ein kleiner
Teppich lag, ward Diederich in das Esszimmer gefuehrt. Es war aus hellem
Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Buergermeister und noch
ein Herr beim zweiten Fruehstueck sassen. Doktor Scheffelweis reichte
Diederich seine weissliche Hand hin und musterte ihn dabei ueber den Klemmer
weg. Trotzdem wusste man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
seitwaerts fliehenden, duennen Bartkoteletts. Der Buergermeister setzte
mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
Faelle sagen konnte. "Schoene Schmisse", sagte er; und zu dem anderen Herrn:
"Finden Sie nicht?"

Der andere Herr legte Diederich zunaechst grosse Zurueckhaltung auf, denn er
sah stark juedisch aus. Aber der Buergermeister stellte vor: "Herr Assessor
Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft" - was dann allerdings eine
vollwertige Begruessung noetig machte.

"Setzen Sie sich nur gleich," sagte der Buergermeister, "wir fangen gerade
an." Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
"Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!"

Der juedische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorlaeufig nur fuer das
Stubenmaedchen Augen. Waehrend sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von oeffentlichen
Angelegenheiten beginnen, aber der Buergermeister liess sich nicht
unterbrechen. "Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurueck,
denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
Muehe mit ihr, und inzwischen gehoert uns das Haus." Er holte einen Likoer
aus dem Buefett, ruehmte ihn, liess sich seine Guete von den Gaesten bestaetigen
und fuhr fort, eintoenig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
Vormittage zu preisen. Allmaehlich ward, in allem Glueck, seine Miene immer
besorgter, er fuehlte wohl, das Gespraech koenne so nicht weitergehen; und
nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloss er sich.

"Ich darf annehmen, Herr Doktor Hessling -: mein Haus liegt ja nicht in
naechster Nachbarschaft des Ihren, und so wuerde ich es durchaus begreiflich
finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht haetten."

Diederich erroetete schon fuer die Luege, die er noch nicht ausgesprochen
hatte. "Es wuerde herauskommen", dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
"Tatsaechlich habe ich mir erlaubt -. Das heisst, natuerlich war mein erster
Weg zu Ihnen, Herr Buergermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
eine so grosse Verehrung fuer den alten Herrn Buck hatte -"

"Begreiflich, durchaus begreiflich." Der Buergermeister nickte mit
Nachdruck. "Herr Buck ist der aelteste unter unseren verdienten Buergern und
uebt daher einen zweifellos legitimen Einfluss aus."

"Vorlaeufig noch!" sagte mit unerwartet scharfer Stimme der juedische Herr
von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
Buergermeister hatte sich ueber seinen Kaese gebeugt, Diederich fand sich
schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
verlangte, brachte er etwas hervor von "eingefleischtem Respekt" und
fuehrte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, dass
er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfuellt
die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
Staatsanwaltschaft. Dieser liess Diederich fertig stammeln, wie einen
Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:

"Der Respekt ist in gewissen Faellen dazu da, dass man sich ihn abgewoehnt."

Diederich stutzte; dann entschloss er sich zu einem verstaendnisvollen
Gelaechter. Der Buergermeister sagte mit blassem Laecheln und einer
versoehnlichen Geste:

"Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, - was ich
persoenlich ganz besonders an ihm schaetze. In meiner Stellung freilich bin
ich genoetigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
da muss ich denn sagen: einerseits ..."

"Kommen wir gleich zum Andererseits!" verlangte Assessor Jadassohn. "Fuer
mich als Vertreter einer staatlichen Behoerde wie als ueberzeugten Anhaenger
der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
Reichstagsabgeordnete Kuehlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
einfach Umstuerzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
Moerdergrube, ich halte das nicht fuer deutsch. Volkskuechen gruenden,
meinetwegen; aber das beste Futter fuer das Volk ist eine gute Gesinnung.
Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nuetzlich sein."

"Aber nur eine kaisertreue!" ergaenzte Diederich. Der Buergermeister machte
beschwichtigende Zeichen. "Meine Herren!" flehte er. "Meine Herren! Wenn
wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiss richtig, dass bei aller
buergerlichen Hochschaetzung der genannten Herren andererseits doch -"

"Andererseits!" wiederholte Jadassohn streng.

"- das tiefste Bedauern zurueckbleibt ueber unsere leider so unguenstigen
Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung - wenn ich auch zu
bedenken bitte, dass die ungewoehnliche Schaerfe des Herrn
Regierungspraesidenten von Wulckow gegenueber den staedtischen Behoerden -"

"Gegenueber schlecht gesinnten Koerperschaften!" warf Jadassohn ein.
Diederich erlaubte sich: "Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
muss ich sagen -"

"Eine Stadt," erklaerte der Assessor, "die sich den berechtigten Wuenschen
der Regierung verschliesst, darf allerdings nicht darueber erstaunen, dass
ihr die kalte Schulter gezeigt wird."

"Von Berlin nach Netzig", versicherte Diederich, "koennte man in der halben
Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben staenden."

Der Buergermeister liess sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Ploetzlich sah er sie an mit einem
duennen Laecheln.

"Meine Herren, bemuehen Sie sich nicht, ich weiss, dass es eine zeitgemaessere
Gesinnung gibt als die von den staedtischen Behoerden bekundete. Glauben
Sie, bitte, dass es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestaet
gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, waehrend der
vorjaehrigen Manoever, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ..."

"Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch", stellte Jadassohn
fest.

"Das nationale Banner muss hochgehalten werden", verlangte Diederich. Der
Buergermeister erhob die Arme.

"Meine Herren, das weiss ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
Magistrats und muss leider seine Beschluesse ausfuehren. Aendern Sie die
Verhaeltnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
konnte den Mann nicht massregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt," - der
Buergermeister kniff ein Auge zu - "dass ich es sonst getan haben wuerde."

Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
Nase, als genuegte ihm das Gehoerte. Aber Diederich konnte nicht laenger an
sich halten. "Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus"!
rief er. "Solche Leute wie Buck, Kuehlemann und Eugen Richter machen unsere
Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
Verantwortung auf, und dann hab' ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!" Hier
blitzte Diederich. "Denn es untergraebt die Ordnung, und ich stehe auf dem
Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung noetiger als je, und
darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
es fuehrt. Ich erklaere, dass ich in allem fest zu Seiner Majestaet stehe ..."
Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
der Vertreter der Jugend, die persoenlichste Persoenlichkeit, von
erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. "Einer soll
Herr sein! Auf allen Gebieten!" Diederich legte das vollstaendige
Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklaerte, dass
mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
aufgeraeumt werden muesse.

"Jetzt kommt eine neue Zeit!"

Jadassohn und der Buergermeister hoerten still zu, bis er alles herausgesagt
hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch groesser. Dann kraehte er: "Auch in
Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!" Und Diederich noch lauter: "Die
aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal naeher ansehen. Es wird sich
zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Soehne
verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
Tochter soll ja -"

Man sah einander an. Der Buergermeister kicherte und roetete sich blass. Vor
Vergnuegen platzte er aus: "Und die Herren wissen noch gar nicht, dass der
Bruder des Herrn Buck pleite ist!"

Man aeusserte laermende Genugtuung. Der mit den fuenf eleganten Toechtern! Der
Vorsitzende der "Harmonie"! Aber zu essen, das wusste Diederich, bekamen
sie aus der Volkskueche. Daraufhin schenkte der Buergermeister nochmals
Schnaepse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte ploetzlich nicht mehr, dass
ein Umschwung bevorstehe. "In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten muessen."

Diederich schlug vor: "Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
Wahlkomitee!"

Jadassohn erklaerte es fuer die erste Notwendigkeit, Fuehlung zu nehmen mit
dem Herrn Regierungspraesidenten von Wulckow. "Streng vertraulich", setzte
der Buergermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, dass die
"Netziger Zeitung", das groesste Organ der Stadt, sich im freisinnigen
Fahrwasser bewege. "So ein Judenblatt!" sagte Jadassohn. Wohingegen das
regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluss sei. Aber der
alte Kluesing in Gausenfeld lieferte das Papier fuer beide Blaetter. Es
schien Diederich nicht unmoeglich, durch ihn, der in der "Netziger Zeitung"
Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er musste Angst bekommen, sonst
das Kreisblatt zu verlieren. "Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
Netzig", sagte der Buergermeister und schmunzelte. Da trat das
Zimmermaedchen ein und verkuendete, sie muesse nun den Tisch zum Mittagessen
decken; die gnaedige Frau werde gleich zurueck sein - "und auch die Frau
Hauptmann", setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
Buergermeister sich sofort. Wie er seine Gaeste hinausgeleitete, hielt er
den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnaepse, ganz milchfarben.
Auf der Treppe zog er Diederich am Aermel. Jadassohn war zurueckgeblieben,
und man hoerte das Maedchen leise kreischen. An der Haustuer laeutete es
schon.

"Mein lieber Herr Doktor," wisperte der Buergermeister, "Sie haben mich
doch nicht missverstanden. Bei alledem habe ich natuerlich einzig das
Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverstaendlich ganz fern,
irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiss mit den
Koerperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe."

Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
die Damen das Haus, und der Buergermeister liess Diederichs Aermel los, um
ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
kaum Zeit, die Herren zu begruessen; sie musste die Kinder trennen, die
einander pruegelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf hoeher und noch
jugendlich, musterte streng die geroeteten Gesichter der Fruehstuecksgaeste.
Dann schritt sie junonisch auf den Buergermeister zu, den man kleiner
werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
Diederich vollfuehrte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Strasse
umher, hoerte nicht, was Jadassohn sagte, und ploetzlich kehrte er um. Er
musste mehrmals und heftig laeuten, denn drinnen war grosser Laerm. Die
Herrschaften standen noch am Fusse der Treppe, auf der die Kinder sich
schreiend umherstiessen, und sie debattierten. Die Frau Buergermeister
wuenschte, dass ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
ernennen, denn seine Frau habe den groessten Einfluss im Vorstand der
Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete Maedchen. Der Buergermeister beschwor sie
abwechselnd mit den Haenden. Endlich konnte er ein Wort anbringen.

"Einerseits ...", sagte er.

Aber da hatte Diederich ihn am Aermel ergriffen. Nach vielen
Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
fluesterte bebend: "Verehrter Herr Buergermeister, es liegt mir daran,
Missverstaendnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, dass ich ein
durchaus liberaler Mann bin."

Doktor Scheffelweis versicherte fluechtig, dass er hiervon gerade so
ueberzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
er abgerufen, und Diederich verliess, ein wenig erleichtert, das Haus.
Jadassohn erwartete ihn grinsend.

"Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
staerksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht uebel, wir
koennen uns ein Stueck vorwagen."

"Vergessen Sie, bitte, nicht," sagte Diederich, mit Zurueckhaltung, "dass
ich in der Netziger Buergerschaft zu Hause und natuerlich auch liberal bin."

Jadassohn sah ihn von der Seite an. "Neuteutonia?" fragte er. Und als
Diederich sich erstaunt umwandte: "Wie geht es denn meinem alten Freund
Wiebel?"

"Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!"

"Kennen! Ich habe mit ihm gehangen."

Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schuettelten
einander kraftvoll. "Na dann!" "Na also!" Und Arm in Arm gingen sie in den
Ratskeller, Mittag essen.



Dort war es einsam und daemmerig, hinten ward fuer sie das Gas angezuendet,
und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen ueber
seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
Andenken. Es zeigte sich, dass auch Jadassohn die Februarkrawalle
mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
"Seine Majestaet hat einen Mut bewiesen," sagte der Assessor, "dass einem
schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiss Gott, geglaubt -." Er
stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um ueber die
entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Glaeser. "Gestatte
mir", sagte Jadassohn. "Ziehe gleich mit", erwiderte Diederich. Und
Jadassohn: "Werte Lieben mit eingeschlossen." Und Diederich: "Werde zu
Hause davon zu ruehmen wissen."

Dann liess sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
ausfuehrliche Wuerdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
Noergler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
war unser herrlicher junger Kaiser die persoenlichste Persoenlichkeit, von
erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. Diederich
glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
sagte sich, dass das Aeussere eines Menschen zuweilen truege, und dass die
deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Groesse der Ohren abhaenge. Sie
leerten ihre Glaeser auf den gluecklichen Ausgang des Kampfes fuer Thron und
Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.

So gelangten sie wieder zu den Zustaenden in Netzig. Sie waren sich einig
darin, dass der neue nationale Geist, fuer den es die Stadt zu erobern galt,
kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestaet. Die
politischen Parteien waren alter Troedel, wie Seine Majestaet selbst gesagt
hatte. "Ich kenne nur zwei Parteien, die fuer mich und die wider mich",
hatte er gesagt, und so war es. In Netzig ueberwog leider noch die Partei,
die gegen ihn war, aber das sollte sich aendern, und zwar - dies war
Diederich klar - vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
angehoerte, uebernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
Persoenlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
bester Freund geworden war. "Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
meinem Leben am wenigsten missen moechte." Unvermittelt und schon ziemlich
geroetet, rief er aus:

"Und solche erhebenden Erinnerungen moechten diese Demokraten uns
verekeln!"

Der alte Buck! Diederich konnte sich ploetzlich nicht fassen vor Wut, er
stammelte: "Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat -"

"Das ist ja schon nicht mehr wahr", sagte Jadassohn.

"Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Haetten sie
ihn wenigstens gekoepft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
sein!"

"Ihm sicher", sagte Jadassohn und tat einen grossen Zug.

"Aber ich stelle fest -" Diederich rollte die Augen -, "dass ich all seinen
laesterlichen Unfug nur angehoert habe, um mich darueber zu unterrichten, wes
Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
alte Intrigant jemals behaupten sollte, dass ich sein Freund bin und seine
infamen Majestaetsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
Zeugen, dass ich gleich heute protestiert habe!"

Der Schweiss brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr geniessen sollte ...
Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
quadratisches Buch, und stiess ein Hohngelaechter dabei aus.

"Dichten tut er auch!"

Jadassohn blaetterte. "Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
Republik! und Am Weiher lag ein Juengling, truebselig anzuschauen ...
Stimmt, so waren die. Straeflinge versorgen und an den Grundlagen ruetteln.
Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdaechtig und Haltung schlapp. Da stehen
wir, Gott sei Dank, anders da."

"Das wollen wir hoffen", sagte Diederich. "In der Verbindung haben wir
Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genuegt, da eruebrigt sich das
Dichten."

"Fort mit euren Altarkerzen!" deklamierte Jadassohn. "Das ist etwas fuer
meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schlaefchen hinter sich, wir
koennen losgehen."

Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurueck und versuchte
auch dem Fraeulein die Hand zu kuessen, aber sie wandte ihm den Ruecken.
Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
gelang es. Er erklaerte ihnen, dass Netzig nach Berlin betraechtlich still
wirke. "Die Damenwelt ist auch noch zurueck. Mein Ehrenwort, gnaediges
Fraeulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
spazierengehen koennte, und kein Mensch wuerde merken, dass Sie aus Netzig
sind." Darauf erfuhr er, dass sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
ein dort gehoertes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen koenne. "Unsre
lieben suessen Dam'n, zeigen alles, was sie ham'n" ... Da sie einen dreisten
Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
an, worauf er ihr erst recht versicherte, dass sie ein "reizender Kaefer"
sei. Sie fluechtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
ueberwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespraech. Er
klagte, dass der Kirchenbesuch in Netzig unerhoert vernachlaessigt werde.

"Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
dem Kuester und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen muessen.
Die anderen hatten Influenza."

Jadassohn sagte: "Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
die die herrschende Partei den kirchlichen und religioesen Dingen gegenueber
einnimmt, muss man sich ueber die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
sie nicht lieber die freigeistigen Vortraege des Doktors Heuteufel?"

Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschaeumen, so sehr
schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. "Herr Assessor!" brachte er
hervor. "Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
Haenden anflehen, dass er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
wuerde er eines Tages genoetigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
erzaehlt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag - als ob
ich mir einen Anzug bestelle." - Der Pastor lachte vor Erbitterung.

"Pfui", sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
im Schutz eines Sessels, sich Kaethchen handgreiflich zu naehern. "Fraeulein
Kaethchen," sagte er dabei, "ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklaeren,
dass fuer mich die Ehe tatsaechlich ein Sakrament ist." Kaethchen erwiderte:

"Schaemen Sie sich, Herr Doktor."

Ihm ward heiss. "Machen Sie nicht solche Augen!"

Kaethchen seufzte. "Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind
Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern
haben mir schon erzaehlt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
doch meine besten Freundinnen."

Dann werde man sich doch bald wiedersehen? - Ja, in der "Harmonie". "Aber
Sie brauchen nicht zu denken, dass ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja
mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen."

Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,
die man aus dieser rein zufaelligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fraeulein
Daimchen sei uebrigens verlobt.

"Ach die!" machte Kaethchen. "Die geniert das nicht, sie ist so graesslich
kokett."

Auch die Frau Pastor bestaetigte es. Noch heute habe sie Guste in
Lackschuhen und lila Struempfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.
Kaethchen verzog den Mund.

"Na und die Erbschaft -."

Dieser Zweifel machte, dass Diederich bestuerzt verstummte. Der Pastor hatte
dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen
Kirche in Netzig einmal naeher mit den Herren zu eroertern und verlangte von
seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da
die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Kaethchens
Hals ueberfallen. Sie sagte ersterbend: "So mit dem Bart kitzeln tut keiner
in Netzig" - was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm
peinliche Vermutungen ein. So liess er Kaethchen einfach los und verschwand.
Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: "Nur Mut! Der Alte hat
nichts gemerkt, und die Mutter tut so." Er zwinkerte aufdringlich.

An der Marienkirche vorueber wollten die drei Herren den Markt erreichen,
der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter
sich. "Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heisst, links von der Kirche
unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das
gewisse Haus darin."

"Klein-Berlin", sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.

"Klein-Berlin", wiederholte er, schmerzlich laechelnd, und noch einmal mit
der Gebaerde heiligen Zornes, so dass mehrere Leute sich umsahen:
"Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
Magistrat will mich nicht hoeren, er spottet meiner. Aber er spottet noch
eines anderen, -" damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung - "und
der laesset seiner nicht spotten."

Auch Jadassohn war der Meinung, dass er seiner nicht spotten lasse.
Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her
Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie laechelte
schnippisch. Ihm fiel auf, dass Kaethchen Zillich gerade so weissblond war
und auch diese kleine, frech eingedrueckte Nase hatte. Eigentlich war es
gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine
handliche Breite aus. "Und die laesst sich nichts gefallen. Gleich hat man
eine Ohrfeige." Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
ausserordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es fuer
Diederich entschieden: Die oder keine!

Die beiden anderen hatten sie nachtraeglich auch bemerkt.

"War das nicht das Toechterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?" fragte
der Pastor; und er setzte hinzu: "Unsere Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete
Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fraeulein
Daimchen zu den Guten gehoert? Die Leute sagen, sie habe eine Million
geerbt."

Jadassohn beeilte sich, dies fuer weit uebertrieben zu erklaeren. Diederich
widersprach; er kenne die Verhaeltnisse, der verstorbene Onkel habe mit
Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so
lange, bis der Assessor ihm verhiess, er werde durch das Gericht in
Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,
zufriedengestellt.

"Uebrigens", sagte Jadassohn, "faellt das Geld doch nur an die Bucks, will
sagen an den Umsturz." Aber Diederich wollte auch hierueber besser
unterrichtet sein. "Fraeulein Daimchen und ich sind naemlich zusammen hier
angekommen", sagte er versuchsweise. - "Ach so", machte Jadassohn. "Darf
man etwa gratulieren?" Diederich hob die Achseln wie bei einer
Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der
junge Buck -.

"Wolfgang?" fragte Diederich. "Mit dem war ich in Berlin taeglich zusammen.
Er lebt dort mit einer Schauspielerin."

Der Pastor raeusperte sich missbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz
gelangte, sah er streng hinueber. Er versetzte:

"Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem
dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit bruestet sich auf offenem
Platz, und unsere Soehne und Toechter -" er zeigte nach dem Buehneneingang,
wo einige Mitglieder des Theaters standen - "streifen mit dem Aermel an
Buhldirnen!"

Diederich erklaerte dies, mit bekuemmerter Miene, fuer tief bedauerlich -
waehrend Jadassohn sich ueber die "Netziger Zeitung" entruestete, die
frohlockt hatte, weil in den Stuecken der letzten Saison vier uneheliche
Kinder vorgekommen seien, und die das fuer einen Fortschritt hielt!



Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Strasse und hatten verschiedene
Herren zu gruessen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
gezogenen Huete wieder aufgesetzt hatten und vorueber waren, sagte
Jadassohn:

"Man wird sich die Herrschaften merken muessen, die den freimaurerischen
Unfug noch mitmachen. Seine Majestaet missbilligt ihn entschieden."

"Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefaehrlichste
Sektenwesen nicht", erklaerte der Pastor.

"Nun, und der Herr Lauer?" meinte Diederich. "Ein Mensch, der sich nicht
entbloedet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles
zuzutrauen!"

"Das Unerhoerteste", behauptete Jadassohn, "ist doch, dass Herr
Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein
koeniglicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haisst
Cohn", machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.

Diederich sagte: "Da er ja mit der Frau Lauer -" Er brach ab und erklaerte,
dann begreife er allerdings, dass diese Leute vor Gericht immer recht
bekaemen. "Sie halten zusammen und schmieden Raenke." Pastor Zillich
murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten
und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber
Jadassohn laechelte bedeutsam:

"Nun, gluecklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
hinein." Und Diederich nickte beifaellig zu dem Gebaeude der Regierung
hinueber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf
und ab. "Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven
Burschen blinken sieht!" rief Diederich aus. "Damit halten wir die Bande
in Schach."

Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich
Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedraenge.
Jadassohn schlug einen Daemmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die
Ecke. Dort war es gemuetlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier
brachte, seinen heissen Dank aussprach fuer die segensreiche Arbeit, die er
in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Aelteste hatte zwar
doch wieder Zucker gestohlen, dafuer aber hatte er nachts nicht schlafen
koennen, sondern seine Suende Gott so laut gebeichtet, dass Klappsch es hoerte
und ihn durchpruegeln konnte. Von da kam das Gespraech auf die Beamten der
Regierung, die Klappsch mit Fruehstueck versorgte und von denen er berichten
konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte
sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fraeulein
Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gruendung eines
christlichen Arbeitervereins. Er verhiess: "Wer von meinen Leuten nicht
'rein will, fliegt!" Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
Fraeulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich
in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden
Gefaehrten im Laufe des Tages erreicht hatten.

"Mein Schwager Heuteufel", rief er und schlug auf den Tisch, "soll so viel
von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg' meine Kirche
doch wieder voll!"

"Nicht nur Ihre", beteuerte Diederich.

"Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig", gestand der Pastor. Da
sagte Jadassohn schneidend: "Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!" Und er
nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.
Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestaet selbst eingegriffen
hatte. "Sorgen Sie dafuer," hatte er einer Abordnung der staedtischen
Behoerden gesagt, "dass in Berlin Kirchen gebaut werden." Nun wurden sie
gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,
der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich fuer
die tiefe Froemmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuss.

"Es hat geknallt!" Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht
einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das
knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem
schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: "Der
Umsturz! Es geht los!" Draussen war Getrappel von Laufenden: auf einmal
griffen alle nach ihren Hueten und rannten hinaus.

Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen
Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der
Freimaurerloge. Drueben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht
nach unten, mitten auf der Strasse. Und der Soldat, der vorhin so munter
auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.
Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, dass er bleich war, den Mund
offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte - indes er sein Gewehr beim
Lauf hielt und es am Boden schleppen liess. Im Publikum, zumeist Arbeitern
und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Ploetzlich sagte eine
Maennerstimme sehr laut: "Oho!" - und darauf trat tiefe Stille ein.
Diederich und Jadassohn verstaendigten sich durch einen blassen Blick ueber
das Kritische des Augenblicks.

Die Strasse herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Maedchen, dessen
Rock wehte und das schon von weitem rief:

"Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!"

Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie ruettelte den Mann.
"Auf! Steh doch auf!"

Sie wartete. In seinen Fuessen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,
Arme und Beine ueber das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: "Karl!" Es
gellte, dass alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Maenner stuerzten
vor, die Faeuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den
Wagen, die halten mussten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden
Gedraenge arbeitete das Maedchen sich ab, unter ihren aufgeloesten Haaren,
die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei
kam, aber man hoerte es nicht, der Laerm verschlang es.

Der einzige Schutzmann draengte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurueck,
sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte
ihr auf den Fuessen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach
Hilfe um.

Und sie kam. Im Regierungsgebaeude ging ein Fenster auf, ein grosser Bart
erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Bassstimme, die
jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr droehnen
hoerte wie fernen Kanonendonner.

"Wulckow", sagte Jadassohn. "Na endlich."

"Ich verbitte mir das!" toente es herunter. "Wer erlaubt sich hier vor
meinem Hause Laerm zu machen?" Und da es schon ruhiger ward:

"Wo ist der Posten?"

Jetzt sahen die meisten erst, dass der Soldat sich in sein Schilderhaus
zurueckgezogen hatte: so tief wie moeglich, und nur der Gewehrlauf stand
hervor.

"Komm 'raus, mein Sohn!" befahl der Bass von oben. "Du hast deine Pflicht
getan. Er hat dich gereizt. Fuer deine Tapferkeit wird Seine Majestaet dich
belohnen. Verstanden?"

Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Maedchen. Um so
ungeheurer droehnte er.

"Zerstreut euch sofort, sonst lass' ich schiessen!"

Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern loesten sich
los, zoegerten - und gingen wieder ein Stueck weiter, mit gesenkten Koepfen.
Der Regierungspraesident rief noch hinunter:

"Paschke, holen Sie mal 'n Doktor!"

Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward
es lebendig. Ploetzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge
Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
ein, das noch uebrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurueckgezogen hatten, sahen drueben
auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor
Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. "Ich bin Arzt", sagte er laut, ging
rasch ueber die Strasse und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn
um, oeffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem
Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das
Maedchen aber stand da, vorwaerts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie
unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es
dies Herz, das nun stillstehen sollte.

Doktor Heuteufel erhob sich. "Der Mann ist tot", sagte er. Gleichzeitig
bemerkte er das Maedchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand
schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
"Karl." Noch leiser: "Karl." Doktor Heuteufel sah umher und fragte: "Was
soll mit dem Maedchen geschehen?"

Da trat Jadassohn vor. "Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft",
sagte er. "Das Maedchen ist abzufuehren. Da ihr Geliebter den Posten gereizt
hat, liegt Verdacht vor, dass sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
hat. Wir werden die Untersuchung einleiten."

Zwei Schutzleute, denen er winkte, fassten das Maedchen schon an. Doktor
Heuteufel erhob die Stimme: "Herr Assessor, ich erklaere als Arzt, dass der
Zustand des Maedchens seine Verhaftung nicht zulaesst." Jemand sagte: "Fuehren
Sie doch auch den Toten ab!" Aber Jadassohn kraehte: "Herr Fabrikbesitzer
Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Massnahmen!"

Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.
"Oh!... Ah!... Aber das ist -." Er war ganz bleich; er setzte an: "Meine
Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage -. Ich kenne diese Leute:
jawohl, den Mann und das Maedchen. Doktor Hessling mein Name. Beide waren
bis heute in meiner Fabrik beschaeftigt. Ich musste sie entlassen wegen
oeffentlich begangener unsittlicher Handlungen."

"Aha!" machte Jadassohn. Pastor Zillich ruehrte sich. "Das ist fuerwahr der
Finger Gottes", sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
Spitzbart heftig geroetet, seine gedrungene Gestalt ward geschuettelt vom
Zorn.

"Ueber den Finger Gottes laesst sich streiten. Sicher scheint nur, Herr
Doktor Hessling, dass der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreissen lassen,
weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
vielleicht auch Kinder."

"Sie waren gar nicht verheiratet", sagte Diederich, seinerseits entruestet.
"Ich weiss es von ihm selbst."

"Was aendert das," fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. "Sind wir
denn schon so weit," rief er, "dass es nichts aendert, ob das sittliche
Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?"

Lauer erklaerte es fuer unangebracht, auf der Strasse und im Augenblick, wo
jemand mit behoerdlicher Billigung totgeschossen worden sei, ueber sittliche
Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Maedchen, um ihm Arbeit
in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitaetswagen
angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber
hineinschob, fuhr das Maedchen aus seiner Starrheit empor, stuerzte sich
ueber die Bahre, entriss sie, ehe man es sich versah, den Maennern, dass sie
niederfiel - und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter
gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit grosser Muehe ward sie
von dem Leichnam geloest und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,
der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.

Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbruedern
weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. "Einen
Augenblick, bitte. Sie aeusserten da vorhin, dass hier mit behoerdlicher
Billigung - ich nehme die Herren zu Zeugen, dass dies Ihr Ausdruck war -
also mit behoerdlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich moechte
fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Missbilligung der Behoerde
bedeuten sollte."

"Ach so", machte Lauer und sah ihn an. "Mich moechten Sie wohl auch
abfuehren lassen?"

"Zugleich", fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, "mache ich
Sie darauf aufmerksam, dass das Verhalten eines Postens, der ein ihn
belaestigendes Individuum niederschiesst, vor wenigen Monaten, naemlich im
Fall Lueck, von massgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und
durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hueten Sie sich
vor einer Kritik der Allerhoechsten Handlungen!"

"Ich habe keine ausgesprochen," sagte Lauer. "Ausgesprochen habe ich bis
jetzt nur meine Missbilligung des Herrn dort mit dem gefaehrlichen
Schnurrbart."

"Wie?" fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,
dass er herausgefordert war.

"Der Schnurrbart wird von Seiner Majestaet getragen!" sagte er fest. "Es
ist die deutsche Barttracht. Im uebrigen lehne ich jede Diskussion mit
einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz foerdert."

Lauer oeffnete schon wuetend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,
Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und
neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: -
da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Strasse
ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Fuehrung hatte,
forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie
sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand
schuettelte.

"Bravo!" sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: "Morgen kommen nun
Hauptmann, Major und Oberst dran, muessen belobigen und dem Kerl
Geldgeschenke machen."

"Sehr richtig!" sagte Jadassohn.

"Aber -" Heuteufel blieb stehen. "Meine Herren, verstaendigen wir uns doch.
Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntoelpel keinen Spass
verstanden hat? Ein Witz, ein gutmuetiges Lachen nur, und er entwaffnet den
Arbeiter, der ihn herausfordern moechte, seinen Kameraden, einen armen
Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schiessen. Und
nachher kommen die grossen Worte."

Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Maessigung. Da sagte
Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:

"Das Volk muss die Macht fuehlen! Das Gefuehl der kaiserlichen Macht ist mit
einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!"

"Wenn es nur nicht Ihres ist", sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand
auf der Brust:

"Wenn es auch meins waere!"



Heuteufel zuckte die Achseln. Waehrend man weiterging, versuchte Diederich
dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stueck zurueckblieb, seine Empfindungen
zu erklaeren. "Fuer mich", sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, "hat
der Vorgang etwas direkt Grossartiges, sozusagen Majestaetisches. Dass da
einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf
offener Strasse! Bedenken Sie: mitten in unserem buergerlichen Stumpfsinn
kommt so was - Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heisst!"

"Wenn sie von Gottes Gnaden ist", ergaenzte der Pastor.

"Natuerlich. Das ist es eben. Drum hab' ich geradezu eine religioese
Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, dass es hoehere Dinge gibt,
Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestaet sich mit so
phaenomenaler Kaltbluetigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich
sage nur -" Da die uebrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
Diederich die Stimme. "Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden haette vom
Militaer absperren und in uns alle haette 'reinschiessen lassen, immer feste
'rein, sag ich ..."

"Sie haetten Hurra geschrien," schloss Doktor Heuteufel.

"Sie vielleicht nicht?" fragte Diederich und versuchte zu blitzen. "Ich
hoffe doch, wir empfinden alle national!"

Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
zurueckgehalten. Statt seiner sagte Cohn:

"Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee fuer solche
Witze?" Diederich mass ihn.

"Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben
die Herren gehoert?" Er lachte erhaben. "Ich kannte bisher nur die Armee
Seiner Majestaet des Kaisers!"

Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich
betonte mit abgehackter Kommandostimme, dass er keinen Schattenkaiser
wuensche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
Freunde sassen schon. "Na, setzen Sie sich nicht zu uns?" ward Diederich
von Doktor Heuteufel gefragt. "Schliesslich sind wir wohl alle liberale
Maenner." Da stellte Diederich fest: "Liberal selbstverstaendlich. Aber ich
gehe in den grossen nationalen Fragen aufs Ganze. Fuer mich gibt es da nur
zwei Parteien, die Seine Majestaet selbst gekennzeichnet haben: die fuer ihn
und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, dass an dem Tisch der
Herren fuer mich kein Platz ist."

Er vollfuehrte eine korrekte Verbeugung und ging hinueber zu dem leeren
Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gaeste, die in der Naehe
sassen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drueben ward
gefluestert, dann rueckte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat
Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,
Jadassohn und Zillich die Haende zu schuetteln, und ging hinaus.

"Das wollte ich ihm auch geraten haben", bemerkte Jadassohn. "Er hat die
Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt." Diederich sagte:
"Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein
gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fuerchten."
Aber Pastor Zillich schien betreten. "Der Gerechte muss viel leiden," sagte
er. "Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzaehlt er
Gott weiss welche Greuel ueber uns." Da zuckte Diederich zusammen. Doktor
Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,
als er vom Militaer loszukommen wuenschte! Er hatte ihm, in einem hoehnischen
Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
konnte ihn vernichten! In seinem jaehen Schrecken befuerchtete Diederich
sogar Enthuellungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals
gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiss brach ihm
aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.

Drueben bei den Logenbruedern hatte man sich aufs neue ueber den gewaltsamen
Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militaer und die Junker, die es
befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem
eroberten Land! Und als die Koepfe rot genug waren, verstiegen sich die
Herren dazu, fuer das Buergertum, das tatsaechlich alle Leistungen liefere,
auch die Fuehrung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wuenschte zu wissen, was
die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.
"Nicht einmal die Rasse", behauptete er. "Denn sie sind ja alle verjudet,
die Fuerstenhaeuser einbegriffen." Und er setzte hinzu: "Womit ich meinen
Freund Cohn nicht kraenken will."

Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fuehlte es. Schnell stuerzte er noch
ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter
den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:

"Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
Fuerstenhaeusern, die nach Ihrer persoenlichen Meinung verjudet sind, auch
deutsche Fuerstenhaeuser verstehen."

Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: "Gewiss doch."

"So", machte Diederich, und er schoepfte tief Atem, um zu seinem grossen
Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:

"Und den verjudeten deutschen Fuerstenhaeusern rechnen Sie auch das eine zu,
das ich nicht erst zu nennen brauche?" Triumphierend sagte Diederich dies,
vollkommen sicher, dass nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
den Tisch kriechen werde. Aber er stiess auf einen nicht vorauszusehenden
Zynismus.

"Na ja doch", sagte Lauer.

Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah
umher: ob er denn recht gehoert habe. Die Gesichter bestaetigten es ihm. Da
brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Aeusserung fuer
den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung
in das befreundete Lager zurueck. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder
auf, der verschwunden gewesen war, man wusste nicht wohin.

"Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt", sagte er sofort.
"Ich stelle dies ausdruecklich fest, da es fuer die weitere Entwicklung von
Bedeutung sein koennte." Und dann liess er sich genau berichten. Diederich
tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den
Weg abgeschnitten zu haben. "Jetzt haben wir ihn in der Hand!"

"Allerdings," bestaetigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.

Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein aelterer Herr mit grimmiger
Miene. Er gruesste nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den
Vertretern des Umsturzes zu stossen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.
"Herr Major Kunze! Nur ein Wort!" Er redete halblaut auf ihn ein und
deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im
Zweifel. "Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor," sagte er, "dass das
tatsaechlich behauptet wurde?" Waehrend Jadassohn es ihm gab, trat der
Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, laechelte unbedeutend und
bot dem Herrn Major fuer alles eine befriedigende Erklaerung an. Aber der
Major bedauerte; fuer eine solche Aeusserung gebe es einfach keine Erklaerung;
und seine Miene ward von erschreckender Duesterkeit. Trotzdem sah er noch
mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinueber. Da, im entscheidenden
Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kuebel. Der Major bemerkte es
und folgte seinem Pflichtgefuehl. Jadassohn stellte vor: "Herr
Fabrikbesitzer Doktor Hessling."

Diederichs Rechte und die des Majors drueckten einander mit Aufbietung
aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. "Herr
Doktor," sagte der Major, "Sie haben sich als deutscher Mann bewaehrt." Man
scharrte mit den Fuessen, rueckte die Stuehle zurecht, praesentierte
voreinander die Glaeser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte
sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zuegen versicherte er, auch er stehe,
was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. "Wenn mein Koenig mich nun auch
schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat -"

"Der Herr Major", erklaerte Jadassohn, "war zuletzt beim hiesigen
Bezirkskommando."

"- ich habe noch das alte Soldatenherz -" er klopfte mit den Fingern
darauf - "und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekaempfen. Mit
Feuer und Schwert!" schrie er und liess die Faust auf den Tisch fallen. Im
selben Augenblick zog hinter seinem Ruecken der Warenhausbesitzer Cohn tief
den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst
noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
Charakter trage. "Aha!" sagte Jadassohn um so lauter. "Herr Major, der
Feind ist aufgerieben." Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.

"Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht."

Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich hoehnisch nach
Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasassen und beschaemt ihre
Bierglaeser anstarrten.

"Wir haben die Macht", sagte er, "und die Herren dort drueben sind sich
dessen bewusst. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
geschossen hat. Sie machen Gesichter, als haetten sie Angst, dass sie nun
selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!" Diederich erklaerte, dass
er wegen der vorhin gefallenen Aeusserungen eine Anzeige gegen den Herrn
Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. "Und ich werde dafuer
sorgen," versicherte Jadassohn, "dass die Anklage erhoben wird. Ich
persoenlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,
dass ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgaengen selbst
nicht beigewohnt habe."

"Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen", sagte Diederich, und er
fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich
gesinnten Maenner sich vor allem stuetzen muessten. Der Major nahm eine
Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
seinem Koenig immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich
zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kraeftigung
erfuehren. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, ueberwogen
auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,
behoerdlicherseits zu viel Ruecksicht auf die in Netzig gegebenen
Verhaeltnisse. Er selbst wuerde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
worden waere, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger
gesehen haben, dafuer garantierte er. "Aber da mein Koenig mir die
Moeglichkeit leider genommen hat -" Diederich schenkte, um ihn zu troesten,
frisch ein. Waehrend der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich
und raunte: "Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
kriecht vor dem alten Buck. Wir muessen ihm imponieren."

Diederich tat dies sofort. "Ich habe naemlich mit dem Herrn
Regierungspraesidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen
getroffen." Und da der Major die Augen aufriss:

"Naechstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir
Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon."

"Los!" sagte der Major ingrimmig. "Prost!"

"Prost!" sagte Diederich. "Aber, meine Herren, moegen die subversiven
Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind staerker, denn wir haben
einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestaet."

"Bravo!"

"Seine Majestaet hat fuer alle Teile seines Staates, also auch fuer Netzig,
die Forderung aufgestellt, dass die Buerger endlich aus dem Schlummer
erwachen moegen! Und das wollen wir auch!"

Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem
sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der
Major schrie: "Zu uns Offizieren hat Seine Majestaet gesagt: Dies sind die
Herren, auf die ich mich verlassen kann!"

"Und zu uns", schrie Pastor Zillich, "hat er gesagt, wenn die Kirche der
Fuersten beduerfen wird -".

Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich laengst geleert,
Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
Bogengewoelben brannte schon kein Gas mehr.

"Er hat auch gesagt -" Diederich blies die Backen feuerrot auf, der
Schnurrbart stiess ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fuerchterlich.
"Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner
erhabenen Fuehrung sind wir fest entschlossen, Geschaefte zu machen!"

"Und Karriere!" kraehte Jadassohn. "Seine Majestaet hat gesagt, jeder, der
ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
auf mich nicht mitbeziehen?" fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
leuchtenden Ohren. Der Major bruellte wieder:

"Und mein Koenig kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu
frueh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins
Gesicht. Er wird mich noch mal bitter noetig haben, wenn es losgeht. Ich
denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloss noch mit Knallbonbons zu
schiessen auf Vereinsbaellen. Ich war bei Sedan!"

"Herrjemersch, und ich doch ooch!" ertoente es von duenner Schreistimme aus
unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewoelbe entstieg ein kleiner
Greis mit flatternden weissen Haaren. Er schwankte herbei, seine
Brillenglaeser funkelten, seine Backen gluehten, und er schrie: "Der Herr
Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht's ja zu wie
dunnemals in Frankreich. Ich sag' es aber immer: gut gelebt und lieber ae
paar Jahre laenger!" Der Major stellte ihn vor. "Herr Gymnasialprofessor
Kuehnchen." Wie es kam, dass er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,
darueber aeusserte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Frueher
hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. "Nu muss ich wohl ae bisschen
eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerueckt."
Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getraenke noch nichts
genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. "Die Franktiroehrs!" schrie er, und aus
seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. "Das war Sie eene
Bande! Wie die Herren mich da saehn, hab' ich doch noch immer een' steifen
Finger, da hat mich ae Franktiroehr draufgebissen. Bloss weil ich ihm mit
meim Saebel ae kleenes bisschen die Kehle abschneiden wollte. So eene
Gemeinheit von dem Kerl!" Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefuehle freilich mischten
sich mit Schrecken, er musste sich in die Lage des Franktiroehrs denken: der
kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
Klinge an den Hals. Er war genoetigt, einen Augenblick hinauszugehen.

Wie er zurueckkehrte, gaben der Major und Professor Kuehnchen, einander
ueberschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber
Kuehnchen schrillte immer schaerfer durch das Gebruell des anderen, bis er es
zum Schweigen gebracht hatte und ungestoert aufschneiden konnte. "Nee,
alter Freund, Sie sein ae anschlaegscher Kopf. Wenn Sie die Treppe
'runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem
Haus, wo die Franktiroehrs drinne sassen, das hat Kuehnchen angelegt, da
gibt's nischt. Ich hab' doch eene Kriegslist gebraucht und hab' mich
totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie's erscht
gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
Vaterlandes keen' Geschmack mehr gefunden, und bloss noch 'raus, bloss noch
Soofgipoeh! Da haetten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer
hammer sie weggeschossen, wie sie 'runterkrabbeln wollten! Luftspruenge
hamse gemacht wie die Garniggel!"

Kuehnchen musste seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,
indes die Tafelrunde droehnend lachte.

Kuehnchen erholte sich. "Die falschen Luder hatten uns aber auch tueckisch
gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
franzeeschen Weiber, das gibt's Sie nu ueberhaupt nicht mehr. Heesses Wasser
hatten se uns auf die Koeppe geschiddet. Nu frag' ich Sie, tut das eene
Dame? Wie's brannte, warfen sie die Kinder aus'm Fenster und wollten ooch
noch von uns, dass wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die
Damen!" Kuehnchen hielt die gichtischen Finger gekruemmt wie um einen
Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gaebe es noch jemand
aufzuspiessen. Seine Brillenglaeser funkelten, er log weiter. "Zuletzt kam
eene ganz Dicke 'ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum
versuchte se mal, ob's nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit
Kuehnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die
Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in
ihren dicken franzeeschen -"

Mehr hoerte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:
"Jeden Sedang erzaehl' ich die Geschichte in aedlen Worten meiner Klasse.
Die Jungen solln wissen, was sie fuer Heldenvaeter gehabt haben."

Man war sich einig, dass dies die nationale Gesinnung des jungen
Geschlechts nur befoerdern koenne, und man stiess an mit Kuehnchen. Vor lauter
Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, dass ein neuer Gast an den Tisch
getreten war. Jadassohn sah ploetzlich den bescheiden grauen Mann im
Hohenzollernmantel und winkte ihm goennerhaft. "Na, man immer 'ran, Herr
Nothgroschen!" Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefuehlen heraus.
"Wer sind Sie?"

Der Fremde dienerte.

"Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung."

"Also Hungerkandidat", sagte Diederich und blitzte. "Verkommene
Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr fuer uns!"

Alle lachten; der Redakteur laechelte demuetig mit.

"Seine Majestaet hat Sie gekennzeichnet", sagte Diederich. "Na, setzen Sie
sich!"

Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer
Haltung. Nuechtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren
Selbstbewusstsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so
sehr gesteigert worden war. Man vergass ihn sogleich wieder. Er wartete
geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch
hier hereinschneie. "Ich musste das Blatt doch fertig machen", erklaerte er
darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. "Die Herren wollen morgen frueh in
der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter."

"Das wissen wir besser als Sie", schrie Diederich. "Sie saugen sich das ja
doch nur aus Ihren Hungerpfoten!"

Der Redakteur laechelte entschuldigend, und er hoerte ergeben zu, wie alle
durcheinander ihm die Vorgaenge darstellten. Als der Laerm sich legte,
setzte er an. "Da der Herr dort -"

"Doktor Hessling," sagte Diederich scharf.

"Nothgroschen", murmelte der Redakteur. "Da Sie vorhin den Namen des
Kaisers erwaehnten, wird es die Herren interessieren, dass wieder eine
Kundgebung vorliegt."

"Ich verbitte mir jede Noergelei!" heischte Diederich. Der Redakteur duckte
sich und legte die Hand auf die Brust. "Es handelt sich um einen Brief des
Kaisers."

"Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den
Schreibtisch geflogen?" fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd
die Hand vor sich hin. "Er ist vom Kaiser selbst zur Veroeffentlichung
bestimmt. Morgen frueh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die
Druckfahne!"

"Legen Sie los, Doktor", befahl der Major. Diederich rief: "Wieso, Doktor?
Sind Sie Doktor?" Aber man interessierte sich nur noch fuer den Brief, man
entriss dem Redakteur den Zettel. "Bravo!" rief Jadassohn, der noch
ziemlich muehelos las. "Seine Majestaet bekennt sich zum positiven
Christentum." Pastor Zillich frohlockte so heftig, dass sich Schluckauf
einstellte. "Das ist was fuer Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher
Wissenschaftler, huck, was ihm gehoert. An die Offenbarungsfrage machen sie
sich heran. Die versteh' ja ich kaum, huck, und ich hab' Theologie
studiert!" Professor Kuehnchen schwenkte die Blaetter hoch in der Luft.
"Meine Haern! Wenn 'ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als
Aufsatzthema gebe, will'ch nicht mehr Kuehnchen heessen!"

Diederich war tiefernst. "Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich
moechte mal sehen, wer das leugnet!" Und er blitzte umher. Nothgroschen
kruemmte die Schultern. "Na, und Kaiser Wilhelm der Grosse!" fuhr Diederich
fort. "Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug
Gottes war, dann weiss Gott ueberhaupt nicht, was 'n Werkzeug ist!"

"Ganz meine Meinung", versicherte der Major. Gluecklicherweise widersprach
auch sonst niemand, denn Diederich war zum Aeussersten entschlossen. An den
Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. "Aber unser
herrlicher junger Kaiser?" fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete
es: "Persoenlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker."
Diederich war nicht befriedigt.

"Ich beantrage, dass er auch ein Werkzeug ist!"

Es ward angenommen.

"Und ich beantrage ferner, dass wir Seine Majestaet von unserem Beschluss
telegraphisch in Kenntnis setzen!"

"Ich befuerworte den Antrag!" bruellte der Major. Diederich stellte fest:
"Einmuetige begeisterte Annahme!" und fiel auf seinen Sitz zurueck. Kuehnchen
und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.

"Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft -"

"Tagende Versammlung", forderte Diederich. Sie fuhren fort:

"Versammlung national gesinnter Maenner -"

"National, huck, und christlich", ergaenzte Pastor Zillich.

"Aber wollen die Herren denn wirklich?" fragte Nothgroschen, leise
flehend. "Ich dachte, es sei ein Scherz."

Da ward Diederich zornig.

"Wir scherzen nicht mit den heiligsten Guetern! Ich soll Ihnen das wohl
handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?"

Da Nothgroschens Haende den vollkommensten Verzicht beteuerten, war
Diederich sofort wieder ruhig und sagte: "Prost!" Dagegen schrie der
Major, als sollte er platzen. "Wir sind die Herren, auf die Seine Majestaet
sich verlassen kann!" Jadassohn bat um Ruhe und er las.

"Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich
gesinnter Maenner entbietet Eurer Majestaet ihre einmuetige begeisterte
Huldigung angesichts von Eurer Majestaet erhebendem Bekenntnis einer
geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem
Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestaetigung, dass Eure
Majestaet nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Grosse das
Werkzeug Gottes ist." Man klatschte, und Jadassohn laechelte geschmeichelt.

"Unterschreiben!" rief der Major. "Oder hat einer der Herren noch etwas zu
bemerken?" Nothgroschen raeusperte sich. "Nur ein einziges Wort, mit aller
gebuehrenden Bescheidenheit."

"Das moechte ich mir ausbitten", sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich
Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.

"Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab' mir
sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schiessen da."

"Na also."

"Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?"

"Selbstverstaendlich! Fall Lueck!"

"Praezedenzfaelle - hihi - sind ganz schoen, aber wir wissen doch alle, dass
der Kaiser ein origineller Denker und - hihi - impulsiv ist. Er laesst sich
nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, dass Sie,
Herr Doktor Hessling, Minister werden sollen, dann - hihi - werden Sie es
gerade nicht."

"Juedische Verdrehungen!" rief Jadassohn. Der Redakteur entruestete sich.
"Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir
'reingefallen."

Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der
Hand. Diederich ergriff ihn. "Sind wir nationale Maenner?" Und er
unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte
gleich als Zweiter drankommen.

"Aufs Telegraphenamt!"

Diederich gab Auftrag, dass die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und
man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender
Hoffnungen. "Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
Scherl!"

Der Major bruellte: "Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange
Wohltaetigkeitsfeste arrangiere!"

Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdruecken und Heuteufel
von der Menge gesteinigt. Kuehnchen schwaermte von Blutbaedern in den Strassen
von Netzig. Jadassohn kraehte: "Erlaubt sich vielleicht jemand einen
Zweifel an meiner Kaisertreue?" Und Diederich: "Der alte Buck soll sich
hueten! Kluesing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!"

Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoss einer
unvermutet ein Stueck vorwaerts. Mit ihren Stoecken strichen sie tosend ueber
die herabgelassenen Rollaeden, und im Takt voneinander unabhaengig sangen
sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,
aber zu seinem Glueck ruehrte er sich nicht. "Wollen Sie vielleicht etwas,
Maenneken?" rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. "Wir
telegraphieren an den Kaiser!" Vor dem Postgebaeude ward Pastor Zillich,
der den schwaechsten Magen hatte, von einem Unglueck betroffen. Indes die
anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den
Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,
betrachtete er Diederich zoegernd - aber Diederich blitzte ihn so furchtbar
an, dass er zurueckschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des
Kaisers, wenn nun ein Fluegeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete
und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche ueberbrachte.
Diederich fuehlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Saebel an
seiner Seite und sagte: "Ich bin sehr stark!" Der Telegraphist hielt es
fuer eine Reklamation und zaehlte ihm das kleine Geld nochmals vor.
Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein
Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurueck.

Sie hatten fuer den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und
winkte weinend aus dem Fenster, als sei es fuer ewig. Jadassohn bog beim
Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbruellte, seine Wohnung sei
doch ganz woanders. Ploetzlich war dann auch der Major fort, und Diederich
gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstrasse. Vor dem
Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in
der Nacht wollte er das "elektrische Wunder" sehen, eine Dame, die dort
Feuer spruehen sollte. Diederich musste ihm ernstlich vorhalten, dass dies
nicht die Stunde fuer solche Frivolitaeten sei. Uebrigens vergass Nothgroschen
das "elektrische Wunder", sobald er das Haus der "Netziger Zeitung"
erblickte. "Aufhalten!" schrie er. "Die Maschine aufhalten! Das Telegramm
der nationalen Maenner muss noch hinein!... Sie wollen es doch morgen frueh
in der Zeitung lesen", sagte er zu einem voruebergehenden Nachtwaechter. Da
packte Diederich ihn fest am Arm.

"Nicht nur dieses Telegramm", sagte er, kurz und leise. "Ich habe noch ein
anderes." Er zog ein Papier aus der Tasche. "Der Nachttelegraphist ist ein
alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Ueber diese Herkunft
werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann waere sonst in
seiner Stellung bedroht."

Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier
dabei anzusehen:

"Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem
Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Fuer
Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum
Gefreiten.... Ueberzeugen Sie sich" - und Diederich reichte dem Redakteur
das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie
entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.

"Jetzt glaubte ich fast -" stammelte Nothgroschen. "Sie haben so viel
Aehnlichkeit mit - mit -."





                                   IV.


Diederich wuerde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
bedeutend genug, dass er aufstehen und ins Kontor gehen musste. Ihm war sehr
schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
er erklaerte, dass er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Soetbier
vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Maedchen
auseinander, sie wuerden sich noch an ganz andere Dinge gewoehnen muessen.
Soetbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
heruntergewirtschaftet. "Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
sollte, wuerdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es waere." Waehrend er
dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, dass er irgend einmal
sollte gezwungen werden koennen, die beiden am Geschaeft zu beteiligen. Man
muesste das verhindern koennen, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
herausfordernd. "Also wir koennen die Modistin nicht bezahlen, aber der
Herr Doktor trinkt Sekt fuer hundertfuenfzig Mark." Da ward Diederich
furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der fuer die
Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
stampfte, dass die Glaeser klirrten. Frau Hessling flehte wimmernd, die
Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.

"Was erlaubt ihr euch? Gaense wie ihr? Was wisst ihr, ob die hundertfuenfzig
Mark nicht eine glaenzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
Davon wisst ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
-" Er hatte das Wort. "Grosszuegig ist es! Grosszuegig!"

Und er warf die Tuer hinter sich zu. Frau Hessling ging ihm vorsichtig nach,
und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
sagte: "Mein lieber Sohn, ich bin mit dir." Dabei sah sie ihn an, als
wollte sie "aus dem Herzen beten". Diederich verlangte einen sauren
Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
neuen Geist einzufuehren. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
nicht untergraben! "Ich habe Grosses mit euch vor, aber das ueberlasst
gefaelligst meiner besseren Einsicht. Einer muss Herr sein.
Unternehmungsgeist und Grosszuegigkeit gehoeren freilich dazu. Soetbier ist
dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
dann wird er ausgeschifft."

Frau Hessling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
Mutter willen immer genau wissen, was er tun muesse - und dann begab
Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
Bueschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen "neuen
Patent-Doppel-Hollaender, System Maier" zu bestellen. Er liess den Brief
offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurueckkam, stand Soetbier vor seinem
Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem gruenen Augenschirm weinte er:
es tropfte auf den Brief. "Sie muessen ihn noch mal abschreiben lassen",
sagte Diederich kuehl. Da begann Soetbier:

"Junger Herr, unser alter Hollaender ist kein Patent-Hollaender, aber er
stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
angefangen, und mit ihm ist er gross geworden ..."

"Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Hollaender gross
zu werden", sagte Diederich schneidend. Soetbier jammerte.

"Unser alter hat uns noch immer genuegt."

"Mir nicht."

Soetbier schwur, er sei so leistungsfaehig wie die allerneuesten, die nur
durch schwindelhafte Reklame emporgetragen wuerden. Als Diederich hart
blieb, oeffnete der Alte die Tuer und rief hinaus: "Fischer! Kommen Sie mal
her!" Diederich ward unruhig. "Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
verbitte mir, dass er sich einmischt!" Aber Soetbier berief sich auf das
Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den groessten Betrieben gearbeitet
habe. "Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfaehig
unser Hollaender ist!" Diederich wollte nicht hoeren, er lief hin und her,
ueberzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu aergern.
Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschraenkten
Anerkennung von Diederichs Sachverstaendigkeit, und dann sagte er ueber den
alten Hollaender alles Unguenstige, das sich irgend ueber ihn denken liess.
Wenn man Napoleon Fischer hoerte, war er schon nahe daran gewesen, zu
kuendigen, nur weil ihm der alte Hollaender nicht gefiel. Diederich
schnaubte: er habe wahrhaftig Glueck, dass ihm die wertvolle Kraft des Herrn
Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklaerte ihm,
ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
alle Vorzuege des neuen Patent-Hollaenders, vor allem seine hoechst bequeme
Bedienung. "Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!" schnaubte Diederich.
"Sonst wuensch' ich mir nichts. Danke, Sie koennen gehen."

Als der Maschinenmeister hinaus war, beschaeftigten Soetbier und Diederich
sich eine lange Weile jeder fuer sich. Ploetzlich fragte Soetbier: "Und womit
sollen wir ihn bezahlen?" Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
ganze Zeit an nichts weiter gedacht. "Ach was!" schrie er. "Bezahlen!
Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
einen so teuren Hollaender bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiss nicht
wozu? Nein, mein Lieber, dann muss ich wohl bestimmte Aussichten auf
baldige Ausdehnung des Geschaeftes haben - ueber die ich mich heute noch
nicht aeussern will."

Damit verliess er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehoerig hineingelegt.
"Umdroht von Feinden," dachte Diederich und reckte sich noch straffer, "da
sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern." Sie sollten
erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher fuehrte er einen Gedanken
aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und liess ihn warten.
Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
Gegenstaende, Diederich an fruehere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: "Nun, Sie
kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
Sekthuldigung ist drin - na und die Depesche des Kaisers an den Posten
laesst von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wuenschen."

"Welche Depesche?" fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
Diederich las. "Fuer Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
ernenne Dich zum Gefreiten." Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit maennlicher
Zurueckhaltung sagte er: "Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
gesprochen." Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
"Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
Beziehungen festzulegen." Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
Heuteufel. "Nein, durchaus noch nicht." Diederich versicherte, dass er
einen ehrenvollen Frieden wuensche. Er sei bereit, im Sinne eines
wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
nationale und kaisertreue Ueberzeugung achte. Doktor Heuteufel erklaerte
dies einfach fuer Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
Feigling hinstellen! Das hoehnische Laecheln in seinem gelben
Chinesengesicht, diese ueberlegene Haltung waren eine fortwaehrende
Anspielung. Aber er sprach nicht, er liess das Schwert weiterschweben ueber
Diederichs Haupt. Der Zustand musste aufhoeren! "Ich fordere Sie auf," sagte
Diederich, heiser vor Erregung, "mir meinen Brief zurueckzugeben."
Heuteufel tat erstaunt. "Welchen Brief?" - "Den ich Ihnen wegen des
Militaers geschrieben habe, als ich dienen sollte." Darauf dachte der Arzt
nach.

"Ach so: weil Sie sich druecken wollten!"

"Ich dachte mir schon, Sie wuerden meine unvorsichtigen Aeusserungen in einem
fuer mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
Rueckgabe des Briefes auf." Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
nicht.

"Lassen Sie mich in Ruh'. Ihren Brief hab' ich nicht mehr."

"Ich verlange Ihr Ehrenwort."

"Das gebe ich nicht auf Befehl."

"Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
vor. Dann denunziere ich Sie der Aerztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
und biete allen meinen Einfluss auf, um Sie unmoeglich zu machen!" In
hoechster Erregung, fast stimmlos: "Sie sehen mich zum Aeussersten
entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!"

Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schuettelte den Kopf, sein
Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: "Sie sind heiser."

Diederich fuhr zurueck, er stammelte: "Was geht Sie das an?"

"Gar nichts", sagte Heuteufel. "Es interessiert mich nur von frueher her,
weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe."

"Was denn? Wollen Sie sich gefaelligst aeussern." Aber das lehnte Heuteufel
ab. Diederich blitzte ihn an. "Ich muss Sie energisch auffordern, Ihre
aerztliche Pflicht zu tun!"

Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs
herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. "Manchmal hab' ich ja
Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, dass es schlimmer wird? Hab' ich was
zu befuerchten?"

"Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren."

"Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie
versuendigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten."

"Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war
es zuviel."

"Ach so." Diederich richtete sich auf. "Sie goennen mir den Sekt nicht. Und
dann wegen der Huldigungsadresse."

"Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu
fragen."

Aber Diederich flehte schon wieder. "Sagen Sie mir wenigstens, ob ich
Krebs kriegen kann."

Heuteufel blieb streng. "Nun, Sie waren schon immer skrofuloes und
rachitisch. Sie haetten nur dienen sollen, dann waeren Sie nicht so
aufgeschwemmt."

Schliesslich liess er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine
Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die
Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.
"So komm' ich natuerlich nicht hin." Er feixte durch die Nase. "Sie sind
noch wie frueher."

Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus
dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Traenen in den Augen,
stiess er auf den Assessor Jadassohn. "Nanu?" sagte Jadassohn. "Ist Ihnen
die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?"

Diederich versicherte, sein Befinden sei glaenzend. "Aber aufgeregt hab'
ich mich ueber den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
betrachte, eine befriedigende Erklaerung zu verlangen fuer die gestrigen
Aeusserungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat fuer
einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natuerlich nichts Verlockendes."

Jadassohn schlug vor, in Klappsch' Bierstube einzutreten.

"Ich gehe also hin," fuhr Diederich drinnen fort, "in der Absicht, die
ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu
entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.
Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
Ueberlegenheit. Uebt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie
werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestaet!"

"Nun, und?" fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fraeulein Klappsch
beschaeftigte.

"Fuer mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fuers Leben!"
rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewusstsein, dass er am Mittwoch
wieder zum Pinseln musste. Jadassohn versetzte schneidend:

"Aber ich nicht." Und da Diederich ihn ansah: "Es gibt naemlich eine
Behoerde, die sich die Koenigliche Staatsanwaltschaft nennt und die fuer
Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschaetzendes
Interesse hegt." Damit liess er Fraeulein Klappsch los und bedeutete ihr,
sie moege verschwinden.

"Wie meinen Sie das"? fragte Diederich, unheimlich beruehrt.

"Ich denke Anklage wegen Majestaetsbeleidigung zu erheben."

"Sie?"

"Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,
wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt
habe, war ich bei der Veruebung des Deliktes nicht anwesend, bin also
keineswegs verhindert, in dem Prozess die Anklagebehoerde zu vertreten."

"Aber wenn niemand die Sache anzeigt!"

Jadassohn laechelte grausam. "Das haben wir, Gott sei Dank, nicht noetig ...
Uebrigens erinnere ich Sie daran, dass Sie selbst gestern abend sich uns als
Zeugen anboten."

"Davon weiss ich nichts", sagte Diederich schnell.

Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. "Sie werden sich an alles wieder
erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen." Da entruestete
Diederich sich. Er ward so laut, dass Klappsch diskret in das Zimmer
spaehte.

"Herr Assessor, ich muss mich sehr wundern, dass Sie private Aeusserungen
meinerseits -. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen
Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich moechte wissen, was
mich Ihre Karriere angeht."

"Na und mich die Ihre?" fragte Jadassohn.

"So. Dann sind wir Gegner?"

"Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen." Und Jadassohn setzte ihm
auseinander, dass er keinen Grund habe, den Prozess zu fuerchten. Saemtliche
Zeugen der Vorgaenge im Ratskeller wuerden dasselbe aussagen muessen wie er
selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn
schliesslich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
beruhigte ihn. "Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die
inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,
wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit
Vorsicht."

"Mit grosser Vorsicht!" versicherte Diederich. Und angesichts von
Jadassohns teuflischer Miene: "Wie komme ich dazu, einen anstaendigen
Menschen wie Lauer ins Gefaengnis zu bringen? Jawohl, einen anstaendigen
Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
Schande!"

"Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorlaeufig
noch brauchen", schloss Jadassohn - und Diederich liess den Kopf sinken.
Dieser juedische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder
einmal, dass alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.
Die grosse Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin
und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der
Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Uebrigens lenkte Jadassohn zu
etwas anderem ueber.

"Wissen Sie schon, dass in der Regierung und bei uns im Gericht ganz
sonderbare Geruechte umgehen - ueber das Telegramm Seiner Majestaet an den
Regimentskommandeur? Der Oberst soll naemlich behaupten, er habe gar kein
Telegramm bekommen."

Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. "Aber es hat
doch in der Zeitung gestanden!" Jadassohn grinste zweideutig. "Da steht
gar zuviel." Er liess sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tuer
schob, die "Netziger Zeitung" bringen. "Sehen Sie, in der Nummer hier
steht ueberhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestaet Bezug hat. Der
Leitartikel beschaeftigt sich mit dem Allerhoechsten Bekenntnis zum
geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das
Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten
ueber die kaiserliche Familie."

"Es sind recht ruehrende Geschichten", bemerkte Klappsch und verdrehte die
Augen.

"Zweifellos!" beteuerte Jadassohn; und Diederich: "Sogar so ein
freisinniges Hetzblatt muss die Bedeutung Seiner Majestaet anerkennen!"

"Aber bei dem loeblichen Eifer waere es schliesslich moeglich, dass die
Redaktion die Allerhoechste Depesche eine Nummer zu frueh gebracht hat -
noch vor ihrer Absendung." "Ausgeschlossen!" entschied Diederich. "Der
Stil Seiner Majestaet ist unverkennbar." Auch Klappsch wollte ihn erkennen.
Jadassohn gab zu: "Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren
wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung
koennte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur
Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der
Praesident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des
Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schliesslich haben wir davon
abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab - weil man eben
nicht wissen kann."

Da Klappsch in die Kueche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:
"Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdaechtig vor, aber niemand
will vorgehen, weil in diesem Fall - in diesem ganz besonderen Fall" -
sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die
Ohren sahen perfid aus, "gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht
hat, Ereignis zu werden."

Diederich war starr: nie haette ihm so schwarzer Verrat getraeumt. Jadassohn
bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. "Nu,
der Mann hat seine Schwaechen - Ihnen gesagt." Diederich versetzte, fremd
und drohend: "Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen."
Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natuerlich unkritisch. Ob Herr
Doktor Hessling denn die Begeisterung der uebrigen Herren so ernst genommen
habe. Einen groesseren Noergler als den Major Kunze gebe es ueberhaupt
nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurueck, ihm ward kalt, als
finde er sich ploetzlich in einer Verbrecherhoehle. Mit aeusserster Energie
sagte er: "Auf die nationale Gesinnung der uebrigen Herren hoffe ich mich
ebenso verlassen zu koennen wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich
mir auf das allerbestimmteste verbitten muesste."

Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurueck. "Soll das etwa einen
Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit
gebuehrender Entruestung zurueck." Kraehend, so dass Klappsch in die Tuer
spaehte: "Ich bin der Koenigliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf
Wunsch zur Verfuegung."

Darauf musste Diederich wohl murmeln, dass er es so nicht gemeint habe. Dann
aber zahlte er. Die Verabschiedung war kuehl.

Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Haette er sich nicht
entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Fuer den Fall, dass
Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich noetig, in dem Prozess
gegen Lauer! Auf alle Faelle war es gut, dass Diederich jetzt Bescheid wusste
ueber den wahren Charakter dieses Herrn! "Seine Ohren sind mir gleich
verdaechtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch
nicht mit solchen Ohren."

Zu Hause nahm er sogleich den Berliner "Lokal-Anzeiger" vor. Da waren
schon die Kaiseranekdoten fuer die "Netziger Zeitung" von morgen.
Vielleicht kamen sie auch erst uebermorgen, fuer alle war dort nicht Platz.
Aber er suchte weiter; seine Haende zitterten ... Da! Er musste sich setzen.
"Ist dir was, mein Sohn?" fragte Frau Hessling. Diederich starrte die
Buchstaben an, wie ein Maerchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter
anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestaet
selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, dass er es selbst kaum hoerte,
murmelte Diederich: "Mein Telegramm." Das bange Glueck sprengte ihn fast.
Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen
wuerde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam
mit -? Die unerhoertesten mystischen Beziehungen ueberwaeltigten ihn ... Aber
das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurueckgeschleudert werden in
sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen
stuerzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
Denkmalsenthuellung. Die Rede. "Aus Netzig." Da stand von den Ehrungen, die
dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, fuer seinen vor dem
inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,
hatten ihm die Hand gedrueckt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.
"Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
telegraphisch zum Gefreiten befoerdert." Da stand es! Kein Dementi: eine
Bestaetigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er fuehrte die
Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um
seine Schultern lag Hermelin.



Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhoehung, leider durfte kein Wort
sie verraten, aber sein Wesen genuegte, die Straffheit in Haltung und
Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.
Soetbier selbst musste zugeben, dass ein forscherer Zug in den Betrieb
gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller
Diederich dastand, desto affenaehnlicher vorbei, die Arme nach vorn
haengend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zaehnen in seinem duennen
schwarzen Bart: als der Geist des gebaendigten Umsturzes ... Dies war der
Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.

Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten
Plueschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und
die Haende breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor
sich hin auf ihren Bauch, so dass der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen
sich bereitwillig darueber ausliess, dass sie und ihre Guste es nun Gott sei
Dank zu allem haetten. Sie wuessten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch
oder Louis kaes einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;
er habe es in Berlin in den feinsten Haeusern gesehen. Aber Frau Daimchen
war misstrauisch. "Wer weiss, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht
haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muss, als ob man was
hat, und hat nichts." Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glueck trat Guste ein,
heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
sagte schnarrend: "Gnaedigstes Fraeulein!" und unternahm einen Handkuss.
Guste lachte. "Reissen Sie sich nur kein Bein aus!" Aber sie troestete ihn
gleich wieder. "Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr
Leutnant von Brietzen macht es auch so."

"Ja, ja," sagte Frau Daimchen, "bei uns verkehren alle Herren Offiziere.
Gestern sag' ich noch zu Guste: Guste, sag' ich, auf jede Sitzgelegenheit
koennen wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn ueberall hat sich schon
einer draufgesetzt."

Guste verzog den Mund. "Aber was die Familien betrifft und sonst
ueberhaupt, ist Netzig doch reichlich spiessig. Ich glaube, wir ziehen nach
Berlin." Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. "Man soll den Leuten
den Gefallen nicht tun", meinte sie. "Die alte Harnisch ist erst heute,
wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt."

"So ist Mutter nun mal," sagte Guste. "Wenn sie renommieren kann, ist
alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, dass
Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In
Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden." Diederich bestaetigte:
"Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden." Leis hoehnisch
setzte er hinzu: "Das soll ja ganz leicht sein."

Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. "Der Sohn vom alten Herrn
Buck ist eben nicht jeder", sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,
weltmaennisch ueberlegen, auseinander, dass es heute auf Dinge ankomme, die
der Einfluss des alten Buck nicht verleihen koenne: Persoenlichkeit,
grosszuegigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
Gesinnung. Das junge Maedchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit
Respekt auf seine kuehnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewusstsein, Eindruck
zu machen, riss ihn zu weit fort. "Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang
Buck noch nichts bemerkt", sagte er. "Der philosophiert und noergelt, und
im uebrigen soll er sich ziemlich viel amuesieren ... Na," schloss er, "seine
Mutter war ja auch eine Schauspielerin." Und er sah fort, obwohl er
fuehlte, dass Gustes drohender Blick ihn suchte.

"Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie. Er tat ueberrascht.

"Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal
leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie."

"Das wollen wir hoffen", sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegaehnt
hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll
an, ihm blieb nichts uebrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
machen. Den Handkuss unternahm er nicht mehr, mit Ruecksicht auf die
gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. "Wollen Sie es
mir jetzt vielleicht sagen," fragte sie, "was Sie gemeint haben mit der
Schauspielerin?"

Er oeffnete den Mund, schnappte und schloss ihn wieder, stark erroetet. Um
ein Haar haette er verraten, was seine Schwestern ihm ueber Wolfgang Buck
erzaehlt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: "Fraeulein Guste, weil wir
doch so alte Bekannte sind -. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts
fuer Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte
war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es
bergab geht. Das ist Suende gegen sich selbst", setzte er noch hinzu. Aber
Guste hatte die Haende in die Hueften gestemmt.

"Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller
betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von
Ihnen, und Sie moechten einer hochfeinen Familie was anhaengen. Bergab! Wer
mein Geld kriegt, mit dem geht es ueberhaupt nicht bergab. Sie sind bloss
neidisch, meinen Sie, ich weiss das nicht?" - und sie sah ihn an, die Augen
voll Traenen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er haette Lust gehabt, sich
auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu kuessen und dann
die Traenen aus den Augen, - aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle
rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
Verachtung, machte kehrt und schlug die Tuer zu. Diederich stand mit
angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefuehl
seiner Kleinheit.

Er bedachte, dass fuer ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe
ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette
Gans, - und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm
mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
Diederich. Fuenfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten
wie die Graefinnen? Ein Maedchen von dermassen schwindelhaftem Gebaren passte
freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und
treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Kaethchen Zillich vorzuziehen.
Aeusserlich Guste aehnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmueckt,
empfahl sie sich ausserdem durch Gemuet und ein entgegenkommendes Wesen. Er
kam oefter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor
Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen musste. Auch
sprach sie mit aeusserster Missbilligung von Frau Lauer, die mit
Landgerichtsrat Fritzsche -. Was Lauers Prozess betraf, war Kaethchen
Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.

Denn diese Sache nahm fuer Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn
hatte erreicht, dass die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
die Zeugen jenes naechtlichen Vorfalls vernehmen liess; und so zurueckhaltend
Diederich sich vor dem Richter geaeussert hatte, die anderen machten ihn
verantwortlich fuer ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche
wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so hoeflicher Mann, vermied
seinen Gruss; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes
Privatgespraech ab. An dem Tage, da es bekannt ward, dass das Gericht dem
Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich
seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kuehnchen zog sich eben den
Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kuehnchen hatte
es eilig, er musste im freisinnigen Waehlerverein gegen die neue
Militaervorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttaeuscht jener
sieghaften Nacht, als draussen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt
geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kuehnchen der
kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres
ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen
Daemmerschoppen; da erschien Major Kunze.

"Nanu, Herr Major," sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, "von Ihnen
hoert man gar nichts mehr."

"Von Ihnen um so mehr." Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen
und sah sich um, wie in einer Schneewueste. "Kein Mensch da!"

"Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf -" wagte Diederich zu
sagen, aber er kam uebel an. "Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen." Der
Major bestellte Bier und sass da, stumm und mit einem Gesicht zum Fuerchten.
Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:
"Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich
wuerde einmal etwas hoeren ueber meine Aufnahme."

Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. "Ach so. Sie
haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es wuerde mir eine Ehre sein,
wenn Sie mich in Ihre Skandalaffaere hineinziehen?"

"Meine?" stotterte Diederich. Der Major donnerte. "Jawohl, Herr! Ihre! Dem
Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich fuer ihren Koenig haben zu
Krueppeln schiessen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise
zu seinen unbedachten Aeusserungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem
Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in
Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?
Weiss ich, ob Sie ueberhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!"

Diederich griff in die Brusttasche. Er wuerde stramm gestanden haben, wenn
der Major es befohlen haette. Der Major hielt sich den Militaerpass weit von
den Augen fort. Ploetzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. "Na also.
Landsturm mit der Waffe. Hab' ich es nicht gesagt? Plattfuesse
wahrscheinlich." Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und
hielt beschwoerend die Hand vor sich hin. "Herr Major, ich gebe Ihnen mein
Ehrenwort, dass ich gedient habe. Infolge eines Ungluecksfalles, der mir nur
zur Ehre gereicht, musste ich nach drei Monaten austreten ..."

"Solche Ungluecksfaelle kennen wir ... Zahlen!"

"Sonst waere ich ganz dabei geblieben", sagte Diederich noch, mit
fliegender Stimme. "Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine
Vorgesetzten."

"'n Abend." Der Major hatte schon den Mantel an. "Ich will Ihnen bloss noch
sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestaetsbeleidigungen
anderer Leute den Teufel an. Majestaet legt keinen Wert auf nicht gediente
Herrschaften ... Gruetzmacher," sagte er zum Wirt, "Sie sollten sich Ihr
Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist
nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muss mit meinem
steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten
verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschaeftigungslos,
und wenn ich hier zu Ihnen komme -" er warf wieder einen Blick wie ueber
Schneewuesten - "ist kein Mensch da. Ausser, natuerlich, der Denunziant!"
schrie er noch auf der Treppe.

"Mein Ehrenwort, Herr Major -" Diederich lief hinterher, "ich habe keine
Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Missverstaendnis." Der Major war schon
draussen, Diederich rief ihm nach: "Wenigstens bitte ich um Ihre
Diskretion!"

Er trocknete die Stirn. "Herr Gruetzmacher, Sie muessen doch einsehen -"
sagte er, mit Traenen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt
alles ein.

Diederich trank und schuettelte wehmuetig den Kopf. Diese Fehlschlaege
begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tuecke seiner
Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
sah sich zoegernd um, - und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
er zu ihm. "Herr Doktor Hessling," sagte er und gab ihm die Hand, "Sie
sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt waer." In einem grossen
Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Aerger. Aber da er die
mitfuehlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. "Ihnen kann
ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir
verdammt unangenehm."

"Ihm noch mehr", sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. "Wenn bei ihm nicht
jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen waere, haetten wir ihn gleich heute
verhaften lassen muessen." Er sah Diederich erbleichen und fuegte hinzu:
"Was sogar uns Richtern peinlich gewesen waere. Schliesslich ist man Mensch
und lebt unter Menschen. Aber natuerlich -" Er befestigte seinen Klemmer
und machte sein trockenes Gesicht. "Das Gesetz muss befolgt werden. Wenn
Lauer an dem betreffenden Abend - ich selbst hatte das Lokal ja schon
verlassen - tatsaechlich die unerhoerten Majestaetsbeleidigungen geaeussert
hat, die von der Anklage behauptet werden, und fuer die Sie als Hauptzeuge
aufgestellt sind -"

"Ich?" Diederich fuhr verzweifelt auf. "Ich habe nichts gehoert! Kein
Wort!"

"Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter."

Diederich verwirrte sich. "Im ersten Moment weiss man doch nicht, was man
sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,
dann scheint es mir doch, dass wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
Ich besonders."

"Sie besonders", wiederholte Fritzsche.

"Ja, und da habe ich wohl anzuegliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was
er mir darauf geantwortet hat, das koennte ich jetzt nicht mehr beschwoeren.
Das Ganze war doch ueberhaupt nur ein Scherz."

"Ach so: ein Scherz." Fritzsche atmete auf. "Ja, aber was hindert Sie
denn, das einfach dem Richter zu sagen?" Er erhob den Finger. "Ohne dass
ich natuerlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen moechte."

Diederich erhob die Stimme. "Dem Jadassohn vergess ich den Streich nicht!"
Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich waehrend der
Szene vorsaetzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;
der dann sofort Material fuer die Anklage gesammelt, den halb
unzurechnungsfaehigen Zustand der Anwesenden missbraucht und sie von
vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. "Herr Lauer und ich, wir
halten einander fuer Ehrenmaenner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu
verhetzen!"

Fritzsche erklaerte ernst, dass hier nicht Jadassohns Persoenlichkeit in
Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich
war zuzugeben, dass Jadassohn vielleicht zum Uebereifer neigte. Mit
gedaempfter Stimme setzte er hinzu: "Sehen Sie, das ist eben der Grund,
weshalb wir mit den juedischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch
ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk
machen muss, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen
Majestaetsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmaeht sein
Radikalismus."

"Sein juedischer Radikalismus", ergaenzte Diederich.

"Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, - womit ich
keineswegs leugnen will, dass er auch ein amtliches und nationales
Interesse wahrzunehmen glaubt."

"Wieso denn?" rief Diederich. "Ein gemeiner Streber, der mit unseren
heiligsten Guetern spekuliert!"

"Wenn man sich scharf ausdruecken will -" Fritzsche laechelte befriedigt. Er
rueckte naeher. "Nehmen wir einmal an, ich waere Untersuchungsrichter: es
gibt Faelle, in denen man gewissermassen Grund haette, sein Amt
niederzulegen."

"Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet", sagte Diederich und
nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmaennisches Gesicht. "Aber Sie
begreifen, damit wuerde ich gewisse Geruechte ausdruecklich bestaetigen."

"Das geht nicht", sagte Diederich. "Es waere gegen den Komment."

"Mir bleibt nichts uebrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich."

"Sachlich sein heisst deutsch sein", sagte Diederich.

"Besonders, da ich annehmen darf, dass die Herren Zeugen mir meine Aufgabe
nicht unnoetig erschweren werden." Diederich legte die Hand auf die Brust.
"Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreissen lassen, wo es um eine grosse
Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewusst, dass
ich fuer alles meinem Gott Rechenschaft schulde." Er schlug die Augen
nieder. Mit maennlicher Stimme: "Auch ich bin der Reue zugaenglich." Dies
schien Fritzsche zu genuegen, denn er zahlte. Die Herren schuettelten
einander ernst und verstaendnisvoll die Haende.

Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen
und stand vor Fritzsche. "Gott sei Dank", dachte er und machte mit
treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge
schien die Wahrheit zu sein. Die oeffentliche Meinung freilich blieb bei
ihrer Parteilichkeit fuer den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen
"Volksstimme" nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu hoehnischen
Auslassungen ueber Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher
Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige "Netziger
Zeitung" gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter
wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, dass er den Gewinn seines
Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren
hatten sie ausser ihren Loehnen und Gehaeltern die Summe von 130 000 Mark
unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
guenstigsten Eindruck. Diederich begegnete missbilligenden Gesichtern. Sogar
der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein
anzuegliches Laecheln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man
mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die
geschaeftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,
blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdruecklich mit, dass
er fuer seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,
weil er mit Ruecksicht auf seine Kunden sich politische Zurueckhaltung
auferlegen muesse. Diederich erschien jetzt ganz frueh im Bureau, um solche
Briefe abzufangen, aber Soetbier war immer noch frueher da, und das
vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhoehte seine Wut. "Ich
schmeiss den ganzen Krempel hin!" schrie er. "Sie und die Leute sollen dann
sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab' morgen einen
Direktorposten mit 40 000 Mark!" - "Ich opfere mich fuer euch!" schrie er
die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. "Ich zahle
drauf, nur um keinen zu entlassen."

Gegen Weihnacht musste er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Soetbier
rechnete ihm vor, dass die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
eingehalten werden koennten, "da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung fuer
den neuen Hollaender aufnehmen mussten"; und er blieb dabei, obwohl
Diederich nach dem Tintenfass griff. In den Mienen der Uebriggebliebenen las
er Misstrauen und Geringschaetzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
er das Wort "Denunziant" zu hoeren. Napoleon Fischers knotige,
schwarzbehaarte Haende hingen weniger tief ueber dem Boden, und es sah aus,
als bekaeme er sogar Farbe.

Am letzten Adventsonntag - das Landgericht hatte soeben die Eroeffnung des
Hauptverfahrens beschlossen - predigte in der Marienkirche Pastor Zillich
ueber den Text: "Liebet eure Feinde." Diederich erschrak beim ersten Wort.
Bald fuehlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. "Die Rache ist mein,
spricht der Herr": Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Hesslingschen
Stuhl hinueber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Hessling
schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
"Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!" Da wandte sich alles um,
und Diederich knickte zusammen.

Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie
schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer
Helferich neben Emmi gesetzt, er kuemmerte sich nur noch um Meta Harnisch,
und sie wusste wohl warum. "Weil du ihm zu alt bist", sagte Diederich.
"Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!" - "Die fuenf Toechter vom
Bruder des Herrn Buck gruessen uns schon nicht mehr!" rief Magda. Und
Diederich: "Ich werd' ihnen fuenf Ohrfeigen herunterhauen!" - "Das lass
gefaelligst! An dem einen Prozess haben wir genug." Da verlor er die Geduld.
"Ihr? Was gehen euch meine politischen Kaempfe an?"

"Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kaempfe!"

"Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnuetz im Hause
umher, ich rackere mich ab fuer euch, und ihr wollt auch noch noergeln und
mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schuettelt gefaelligst den
Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen koennt ihr Kindermaedchen werden!"
Und er schlug die Tuer zu, trotz Frau Hesslings gerungenen Haenden.

So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
miteinander; Frau Hessling verliess das verschlossene Zimmer, wo sie den
Baum schmueckte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
Abend, wie sie ihre Kinder hineinfuehrte, sang sie ganz allein und mit
zitternder Stimme "Stille Nacht". "Dies schenkt Diedel seinen lieben
Schwestern!" sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie
nicht Luegen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso
verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, dass er
die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Soetbiers dringendem Rat,
abgelehnt hatte, um die unbotmaessige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst haette
er jetzt mit den Leuten zusammensitzen koennen. Hier in der Familie war es
eine kuenstliche Sache, eine Aufwaermung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
waere sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller haette er niemand
gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
vernachlaessigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen
Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen
sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren
Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter
verraeterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. "Ich
passe nicht in diese harte Zeit", dachte Diederich, ass Marzipan von seinem
Teller und traeumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. "Ich bin doch
gewiss ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so haessliche Dinge hinein
wie dieser Prozess, und schaden mir dadurch auch geschaeftlich, so dass ich,
ach lieber Gott! den Hollaender, den ich bestellt habe, nicht werde
bezahlen koennen." Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Traenen traten
ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer aengstlich nach seiner
sorgenvollen Miene schielte, sie nicht saehe, stahl er sich in das dunkle
Nebenzimmer. Er stuetzte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die
Haende. Draussen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die
Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.
Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschaeft und
Liebe. "Was hab' ich denn noch?" Er oeffnete das Klavier. Ihn froestelte, er
war so unheimlich allein, dass er Angst hatte, ein Geraeusch zu machen. Die
Toene kamen von selbst, seine Haende wussten es kaum. Aus Volksliedern,
Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Daemmerung, die
sich traulich davon erwaermte, so dass einem wohlig dumpf im Kopf ward.
Einmal meinte er, dass eine Hand ihm ueber den Scheitel streife. War es nur
ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand ploetzlich ein volles Bierglas.
Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemuet der Heimat ... Es ward
still, und er wusste es nicht - bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war
vergangen! "Das war meine Weihnacht", sagte Diederich und ging hinaus zu
den anderen. Er fuehlte sich getroestet und gekraeftigt. Da die Schwestern
noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklaerte er sie fuer gemuetlos und
steckte die Handschuhe ein, um sie fuer sich umzutauschen.



Die ganze Festzeit ward verduestert durch die Sorge wegen des Hollaenders.
Sechstausend Mark fuer einen neuen Patent-Hollaender System Maier! Das Geld
war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein
unbegreifliches Verhaengnis, ein schaebiger Widerstand von Menschen und
Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Soetbier nicht dabei war, schlug er
mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Fuer den neuen
Herrn, der die Zuegel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,
mussten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge
warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persoenlichkeit
anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen
fuer den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Soetbier: vielleicht
konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demuetigte er sich vor Pastor
Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, dass er mit der Predigt, von der
alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,
mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein
Versprechen bekraeftigte. Dann liessen die Eltern Kaethchen mit Diederich
allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, dass er
sich fast erklaert hatte. Kaethchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken
Lippen wartete, waere doch ein Erfolg gewesen, es haette ihm Bundesgenossen
gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Hollaender! Er
wuerde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
muesse nun wieder ins Geschaeft; und Kaethchen kniff die Lippen zusammen,
ohne dass das Jawort zur Verwendung gelangt war.

Ein Entschluss musste gefasst werden, denn die Ankunft des Hollaenders stand
bevor. Diederich sagte zu Soetbier: "Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
und Stunde zu liefern, sonst geb' ich ihn ohne Gnade zurueck." Aber Soetbier
erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum
lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Uebrigens traf die
Maschine puenktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte
Diederich. "Er ist zu gross! Die Leute haben mir garantiert, dass er kleiner
sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal
Raum sparen soll!" Und er ging, sobald der Hollaender aufgestellt war, mit
dem Metermass um ihn herum. "Er ist zu gross! Ich lass mich nicht
beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Soetbier, dass er zu gross ist!" Aber Soetbier
klaerte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
auf. Schnaufend zog Diederich sich zurueck, um einen neuen Angriffsplan zu
ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. "Wo ist denn der Monteur? Haben
uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?" Und dann entruestete er sich.
"Ich habe ihn doch bestellt!" log er. "Die Leute scheinen ihr Geschaeft zu
verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich fuer den Kerl taeglich
zwoelf Mark bezahlen muss, und er glaenzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir
das Ungluecksding da nun auf?"

Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies
ihm ploetzlich grosses Wohlwollen. "Sie koennen sich denken: Ihnen zahl' ich
lieber die Ueberstunden, als dass ich mein Geld fuer den fremden Menschen
hinauswerfe. Schliesslich sind Sie ein alter Mitarbeiter." Napoleon Fischer
zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich beruehrte seine
Schulter. "Sehen Sie mal, lieber Freund," sagte er halblaut, "ich bin von
dem Hollaender naemlich enttaeuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da
die groessere Leistungsfaehigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was
meinen Sie? Halten Sie den Zug fuer gut? Ich fuerchte, der Stoff bleibt
liegen." Napoleon Fischer sah Diederich an, pruefend, aber schon mit
Verstaendnis. Man muesse es ausprobieren, meinte er zoegernd. Diederich
vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte
er aufmunternd: "Also schoen. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
Ueberstunden mit fuenfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in
Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen."

"Es wird wohl 'ne nette Bescherung sein", sagte der Maschinenmeister mit
sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wusste, nach
seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! "Kommen Sie mal
mit, mein Lieber" - seine Stimme war bewegt. Er fuehrte Napoleon Fischer in
das Wohnhaus, Frau Hessling musste ihm ein Glas Wein einschenken, und
Diederich drueckte ihm, ohne hinzusehen, fuenfzig Mark in die Hand. "Ich
verlass mich auf Sie, Fischer", sagte er. "Wenn ich Sie nicht haette, wuerde
die Fabrik mich womoeglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab' ich den
Leuten schon in den Rachen geworfen."

"Die muessen sie wieder hergeben", sagte der Maschinenmeister gefaellig.
Diederich fragte dringend: "Das meinen Sie doch auch?"

Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem
Hollaender benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,
dass die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man musste mit
dem Ruehrscheit nachhelfen, wie bei jedem Hollaender aeltester Konstruktion.
"Also der offenbare Schwindel!" rief Diederich. Auch brauchte der
Hollaender mehr als zwanzig Pferdestaerken. "Das ist vertragswidrig! Muessen
wir uns das gefallen lassen, Fischer?"

"Das muessen wir uns nicht gefallen lassen", entschied der Maschinenmeister
und strich mit seiner knotigen Hand ueber sein schwarz behaartes Kinn.
Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.

"Dann koennen Sie mir also bezeugen, dass der Hollaender die bei Bestellung
vereinbarten Bedingungen nicht erfuellt?"

In Napoleon Fischers schuetterem Bart erschien ein duennes Laecheln. "Kann
ich", sagte er. Diederich sah das Laecheln. Um so strammer machte er kehrt.
"Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!" Sogleich schrieb er einen
energisch gehaltenen Brief an Bueschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort
kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue
Patenthollaender System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren
Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer
Zuruecknahme und gar von einer Rueckerstattung der angezahlten 2000 Mark
koenne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmaessigen
Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener
als das erstemal und drohte mit einer Klage. Bueschli & Cie. versuchten
nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. "Sie
haben Angst", sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,
und er fletschte die Zaehne. "Eine Klage koennen sie nicht brauchen, denn
ihr Hollaender ist noch nicht genuegend eingefuehrt." "Stimmt", sagte
Diederich. "Wir haben die Kerls in der Hand!" Und mit erbitterter
Siegesgewissheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
Preisermaessigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine
Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein
Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie
sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um
elf Uhr beim zweiten Fruehstueck sass, brachte das Maedchen eine Karte:
Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Bueschli & Cie., Eschweiler; und
indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.
An der Tuer blieb er stehen. "Pardon," sagte er, "es muss ein Irrtum sein.
Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme naemlich geschaeftlich."

Diederich hatte sich besonnen. "Ich kann es mir denken, aber das macht
nichts, bitte, treten Sie doch naeher. Doktor Hessling ist mein Name. Hier
ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda."

Der Herr trat naeher und verbeugte sich vor den Damen. "Friedrich Kienast",
murmelte er. Er war gross, blondbaertig und trug einen braunen wolligen
Jackettanzug. Alle drei Damen laechelten hingebend. "Darf ich fuer den Herrn
ein Gedeck auflegen?" fragte Frau Hessling. Und Diederich: "Natuerlich. Herr
Kienast fruehstueckt doch mit uns?"

"Ich sage nicht nein", erklaerte der Vertreter von Bueschli & Cie., und er
rieb sich die Haende. Magda legte ihm Buecklinge vor, die er schon lobte,
waehrend er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.

Diederich fragte ihn, harmlos lachend:

"Nuechtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschaefte?" Herr Kienast lachte
auch. "Bei den Geschaeften bin ich immer nuechtern." Diederich schmunzelte.
"Na, dann werden wir uns wohl einigen." "Kommt darauf an, wie"; - und
Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.
Sie erroetete.

Diederich schenkte dem Gast Bier ein. "Sie haben wohl sonst noch was vor
in Netzig?" Worauf Kienast zurueckhaltend: "Man kann nie wissen."

Versuchsweise sagte Diederich: "Bei Kluesing in Gausenfeld werden Sie
nichts machen, er hat 'ne flaue Zeit." Und da der andere schwieg, dachte
Diederich: "Sie haben ihn bloss wegen des Hollaenders hergeschickt, sie
koennen keinen Prozess brauchen!" Da bemerkte er, dass Magda und der
Vertreter von Bueschli & Cie. gleichzeitig tranken und ueber die Glaeser
hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Hessling sassen starr
dabei. Diederich beugte sich schnaufend ueber seinen Teller; - ploetzlich
aber fing er an, das Familienleben zu preisen. "Sie haben Glueck, mein
lieber Herr Kienast, denn das zweite Fruehstueck ist ausgerechnet unsere
schoenste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier
herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, dass man sozusagen auch Mensch
ist. Na, und das braucht man."

Kienast bestaetigte, dass man es brauche. Frau Hesslings Frage, ob er schon
verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie
hatte den Kopf gesenkt.

Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. "Herr Kienast," sagte
er schnarrend, "ich stehe zu Ihrer Verfuegung."

"Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch", bat Magda. Kienast liess sie sich
von ihr anzuenden und hoffte, die Damen nochmals begruessen zu koennen, -
wobei er Magda verheissungsvoll anlaechelte. Aber im Hof aenderte auch er
vollstaendig den Ton. "Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitaeten",
bemerkte er kalt und wegwerfend. "Sie sollten mal unsere Anlagen sehen."

"In einem Nest wie Eschweiler," erwiderte Diederich, genau so veraechtlich,
"da ist es kein Kunststueck. Reissen Sie mal hier den Haeuserblock nieder!"
Und dann rief er im schaerfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
er den neuen Hollaender in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort
kam, stuermte Diederich hin. "Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?" Aber
sobald er ihm gegenueberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,
fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: "Fischer,
ich hab' es mir ueberlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab
erhoehe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark." Darauf nickte Napoleon
Fischer kurz und verstaendnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann
Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,
es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
Bueschli & Cie. sagte er: "Uebrigens bin ich versichert, aber Zucht muss
sein. Tadelloser Betrieb, wie?"

"Veraltetes Aggregat", entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick
auf die Maschinen. Diederich versetzte hoehnisch: "Weiss ich, mein Bester.
Aber so gut wie Ihr Hollaender allemal." Trotz Kienasts Protest fuhr er
fort, die Leistungsfaehigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.
Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er
gehe grosszuegig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei
das Geschaeft maechtig im Aufschwung. "Und es ist immer noch
ausdehnungsfaehig." Er erfand. "Jetzt hab' ich Vertraege mit zwanzig
Kreisblaettern. Die Berliner Warenhaeuser machen mich ueberhaupt
wahnsinnig ..." Kienast unterbrach schneidend:

"Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends
fertige Ware."

Diederich empoerte sich. "Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab'
ich an saemtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
Vollendung meines Neubaus koenne ich nichts mehr liefern."

Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patenthollaender war halb
gefuellt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half
mit dem Ruehrscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. "Na also.
Sie behaupten, in Ihrem Hollaender braucht der Stoff fuer einen Umgang
zwanzig bis dreissig Sekunden: ich zaehle schon fuenfzig ...
Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja
ewig!"

Kienast hatte sich ueber die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er
laechelte gewitzigt. "Ja, wenn die Ventile verstopft sind ..." Und mit
einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: "Was
sonst noch mit dem Hollaender angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
sehen." Diederich fuhr empor, ploetzlich sehr rot. "Wollen Sie mir
vielleicht insinuieren, dass ich mit meinem Maschinenmeister -?"

"Ich habe nichts gesagt", stellte Kienast fest.

"Das muesste ich mir auch energisch verbitten." Diederich blitzte. Auf
Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen
und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebuersteten Bart.
Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
hinaufgebunden haben wuerde, er haette Aehnlichkeit mit Diederich bekommen!
Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. "Mein
Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: dass er mir einen Gefallen tun soll,
ist lachhaft. Uebrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen
Ihrer Aeusserung aufmerksam!"

Kienast trat in den Hof hinaus. "Lassen Sie das nur, Herr Doktor", sagte
er kuehl. "In Geschaeften bin ich nuechtern, das hab' ich Ihnen schon beim
Fruehstueck gesagt. Jetzt brauch' ich Ihnen nur noch zu wiederholen, dass wir
den Hollaender in tadellosem Zustand geliefert haben und an Ruecknahme nicht
denken." - Das werde man sehen, erklaerte Diederich. Einen Prozess hielten
Bueschli & Cie. wohl fuer besonders wirksam, zur Einfuehrung ihres neuen
Artikels? "Ich werde Ihnen in den Fachblaettern noch eine besondere
Empfehlung mitgeben!" Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er
nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfaehigen Knoten werfe man
einfach hinaus. - Da erschien drueben im Haustor Magda.

Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie laechelte rosig. "Die
Herren sind noch immer nicht fertig?" fragte sie schalkhaft. "Das Wetter
ist doch so schoen, man muss ein bisschen hinaus vor dem Mittagessen. _A
propos_", sagte sie gelaeufig. "Mama laesst fragen, ob Herr Kienast zum
Abendessen kommt." Da Kienast erklaerte, er muesse leider danken, laechelte
sie dringlicher. "Und mir wuerden Sie es auch abschlagen?" Kienast lachte
bitter. "Ich wuerde nicht nein sagen, Fraeulein. Aber weiss ich denn, ob Ihr
Herr Bruder -?" Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. "Herr
Kienast", brachte er hervor. "Es wird mich freuen. Vielleicht, dass wir uns
auch noch verstaendigen." Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich
weltmaennisch erbot, das Fraeulein ein Stueck zu begleiten. "Wenn mein Bruder
nichts dagegen hat", sagte sie zuechtig und ironisch. Diederich erlaubte
auch dies noch; - und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem
Prokuristen von Bueschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!

Wie er zum Mittagessen kam, hoerte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern
mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich
schamlos. "So macht man es denn doch nicht." - "Nein!" rief Magda. "Ich
werde dich um Erlaubnis bitten." - "Das wuerde gar nichts schaden.
Ueberhaupt bin ich an der Reihe!" - "Hast du sonst noch Sorgen?" - Und
Magda schlug ein Hohngelaechter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Hessling haette
nicht noetig gehabt, hinter ihren Toechtern die Haende zu ringen: in den
Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Wuerde.

Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Hessling ruehmte den soliden
Eindruck, den er mache. Emmi erklaerte: wenn so ein Kommis nicht einmal
solide sein sollte. Mit einer Dame reden koenne er ueberhaupt nicht. Magda
behauptete entruestet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
Entscheidung warteten, entschloss er sich. Komment scheine der Herr
freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
ersetzen. "Aber als tuechtigen Geschaeftsmann hab' ich ihn kennengelernt."
Emmi hielt sich nicht mehr.

"Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erklaere, dass ich nicht mit
euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!"

"Sie luegt!" Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er
herrschte Emmi an:

"Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass' uns in Ruh'."

Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor
Geschaeftsschluss erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,
und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschaeftlich. Beide hielten,
in stillem Einverstaendnis, das Gespraech hin, bis der alte Soetbier seine
Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem misstrauischen Blick,
zurueckgezogen hatte, sagte Diederich:

"Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen
mache ich allein."

"Na, und haben Sie sich die unsere ueberlegt?" fragte Kienast.

"Und Sie?" erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.

"Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf
meine Kappe. Geben Sie den Hollaender in Gottes Namen zurueck. Ein Defekt
wird sich doch wohl finden."

Diederich begriff. Er versprach: "Sie werden ihn finden." Kienast sagte
sachlich:

"Fuer unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!" bat er, da
Diederich auffuhr. "Und ausserdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine
Reise mit fuenfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen."

"Aber hoeren Sie mal, das ist Wucher!" Diederichs Gerechtigkeitssinn
empoerte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. "Herr
Doktor!..." Diederich fasste sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die
Hand auf die Schulter. "Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten."
"Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden", meinte Kienast besaenftigt.
"Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklaeren", verhiess Diederich.

Droben roch es festlich. Frau Hessling glaenzte mit ihrem schwarzen
Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie
sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren
grau und alltaeglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und liess sich zu
seiner Rechten nieder; und als man eben erst sass und sich noch raeusperte,
sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: "Jetzt sind die Herren
aber mit den dummen Geschaeften fertig." Diederich bestaetigte, sie seien
glaenzend miteinander fertig geworden. Bueschli & Cie. seien kulante Leute.

"Bei unserem Riesenbetrieb", erklaerte der Prokurist. "Zwoelfhundert
Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel fuer die
Kunden." Er lud Diederich ein. "Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
und umsonst." Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, ruehmte er
seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Haelfte
bewohnte. "Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Haelfte."

Diederich lachte droehnend. "Dann waere es wohl das einfachste, Sie
heirateten. Na prost!"

Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem
ueber. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen
sei? "Ihnen, Herr Doktor, hab' ich naemlich gleich angesehen, dass mit Ihnen
spaeter noch grosse Sachen zu machen sein werden, - wenn es hier jetzt auch
noch etwas kleine Verhaeltnisse sind", setzte er nachsichtig hinzu.
Diederich wollte seine Grosszuegigkeit und die Ausdehnungsfaehigkeit seines
Unternehmens beteuern, aber Kienast liess sich seinen Gedankengang nicht
abschneiden. Menschenkenntnis sei naemlich seine Spezialitaet. Einen
Geschaeftsfreund muesse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. "Wenn
da alles so wohl bestellt ist wie hier -"

Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Hessling schon
mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als
sei die Gans eine hoechst gewoehnliche Erscheinung. Herr Kienast machte
trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Hessling fragte sich, ob sein Blick
wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem suessen Qualm, auf Magdas
durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riss er sich los und ergriff sein Glas.
"Und darum: auf die Familie Hessling, auf die verehrte muetterliche Hausfrau
und ihre bluehenden Toechter!" Magda woelbte die Brust, um das Bluehen
anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stiess Herr
Kienast zuerst mit Magda an.

Diederich erwiderte seinen Toast. "Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir
in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen
auf." Er hatte Traenen in den Augen, indes Magda wieder einmal erroetete.
"Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu." Er
liess den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer fuer
Bescheidenheit gewesen, "besonders in Familien, wo junge Maedchen sind."

Frau Hessling griff ein. "Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann
den Mut nehmen -? Meine Toechter schneidern alles selbst." Dies war fuer
Herrn Kienast das Stichwort, sich ueber Magdas Bluse zu beugen behufs
eingehender Wuerdigung.

Zum Nachtisch schaelte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom
Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um
seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tuer stehen. "Ja, ja, Herr
Kienast", sagte er mit tiefer Stimme. "Das ist der Familienfriede, den
sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!" Magda schmiegte sich, ganz
Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
rueckwaerts einen Stoss. "So geht es immer bei uns zu", fuhr Diederich fort.
"Ich arbeite den ganzen Tag fuer die Meinen, und der Abend vereint uns dann
hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draussen und den Kluengel unserer
sogenannten Gesellschaft bekuemmern wir uns so wenig wie moeglich, wir haben
an uns selbst genug."

Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hoerte sie draussen eine Tuer
zuschlagen. Ein um so zaertlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie
sich am mild beglaenzten Tisch niederliessen. Herr Kienast sah nachdenklich
den Punsch kommen, den Frau Hessling in maechtiger Bowle still laechelnd
hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas fuellte, setzte Diederich
auseinander, dass er dank dieser Beschraenkung auf die stille Haeuslichkeit
imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. "Denn der
Aufschwung des Geschaeftes kommt den Maedchen zugut, die Fabrik gehoert ihnen
mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner
kuenftigen Schwaeger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will -"

Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie
fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da
bekam er geruehrte Augen und rueckte naeher. Diederich sass dabei, trank und
drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespraech
der beiden, die sich ganz allein zu fuehlen schienen. "Na, dann haben Sie
also gluecklich Ihren Einjaehrigen gemacht", sagte er goennerhaft und
wunderte sich dabei ueber die Zeichen, die Frau Hessling hinter dem Ruecken
der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tuer schlich, begriff er,
nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er
tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
und sang droehnend mit: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst." Als er
fertig war, horchte er hinueber; es war drinnen aber so still, als sei man
eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
geschoepft haette, stimmte er doch aus Pflichtgefuehl von neuem an: "Im
tiefen Keller sitz' ich hier."

Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,
dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
Wohnzimmer. "Nanu", sagte er, kraeftig und bieder, "Sie scheinen ja ernste
Absichten zu haben." Das Paar loeste sich voneinander. "Ich sage nicht
nein", erklaerte Herr Kienast. Diederich war ploetzlich heftig bewegt. Aug'
in Auge schuettelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda
herbei. "Das ist aber eine Ueberraschung! Herr Kienast, machen Sie mein
Schwesterchen gluecklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder
haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen."

Und die Augen wischend, rief er hinaus: "Mutter! Es ist was passiert."
Frau Hessling stand gleich hinter der Tuer, nur konnte sie, vor uebergrosser
Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestuetzt,
wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und loeste sich dort in
Traenen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen
war. "Emmi, komm heraus, es ist was los!" Sie riss endlich die Tuer auf,
zornrot im Gesicht. "Wozu stoerst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon
denken, was los ist. Macht eure Unanstaendigkeiten allein!" Und sie wuerde
wieder zugeschlagen haben, haette nicht Diederich den Fuss in den Spalt
gesetzt. Streng bedeutete er ihr, fuer ihr gemuetloses Verhalten verdiene
sie, dass sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht
einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer
Matinee, mit aufgeloesten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. "Du machst
uns laecherlich", zischte sie, - und noch vor ihm erschien sie bei den
Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spoettisch musterndem Blick. "Musste das
so spaet in der Nacht sein?" fragte sie. "Nun, dem Gluecklichen schlaegt
keine Stunde." Kienast sah sie an: sie war groesser als Magda, ihr Gesicht,
das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und
stark war. Kienast behielt ihre Hand laenger als noetig; sie entzog sie ihm,
da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi liess auf
ihre Schwester ein Laecheln des Triumphes fallen, machte kehrt und
verschwand, hoch aufgerichtet, - indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm
griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefuelltes Punschglas, und
verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.



Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Fruehschoppen ab. "Bis Mittag
bezaehme gefaelligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt muessen wir
mal ein Wort unter Maennern reden." In Klappsch' Bierstube setzte er ihm
die Lage auseinander: Fuenfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit - die
Belege waren jeden Augenblick zu sehen - und, gemeinsam mit Emmi, ein
Viertel der Fabrik. - "Also nur ein Achtel", stellte Kienast fest; worauf
Diederich: "Soll ich mich vielleicht umsonst fuer euch abrackern?" Ein
unzufriedenes Schweigen entstand.

Diederich stellte die Stimmung wieder her. "Prost Friedrich!" "Prost
Diederich!" sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. "Du
hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschaeft zu erhoehen, wenn du Geld
einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
grossartigen Gehalt!" Kienast erklaerte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber
noch laufe sein Vertrag mit Bueschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr
eine betraechtliche Gehaltserhoehung zu erwarten, da waere es ein Verbrechen
gegen sich selbst, jetzt zu kuendigen. "Und wenn ich euch mein Geld gebe,
muss ich selbst ins Geschaeft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir
entgegenbringe, lieber Diederich -"

Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. "Wenn du
einfach die Mitgift auf Fuenfzigtausend festsetztest! Magda wuerde dann auf
ihren Anteil am Geschaeft verzichten." Dies stiess wieder auf Diederichs
unbedingten Widerspruch. "Es waere gegen den letzten Willen meines seligen
Vaters, der ist mir heilig. Und so grosszuegig, wie ich arbeite, kann in
einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt
verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu
schaedigen." Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn
ehre ihn, aber mit Grosszuegigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,
merklich gereizt: er sei gottlob fuer seine Geschaeftsfuehrung ausser Gott nur
sich selbst verantwortlich. "Fuenfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen." Kienast trommelte auf den Tisch.
"Ich weiss noch nicht, ob ich deine Schwester dafuer uebernehmen kann",
erklaerte er. "Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor." Diederich
zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum
Essen; Diederich hatte schon gefuerchtet, er werde sich druecken.
Gluecklicherweise war Magda noch verfuehrerischer hergerichtet als gestern,
- "wie wenn sie gewusst haette, es geht ums Ganze", dachte Diederich, der
sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr
erwaermt, dass er die Hochzeit in vier Wochen wuenschte. "Dein letztes Wort?"
fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der
Tasche.

Nach Tisch ging Frau Hessling auf den Fussspitzen aus dem Zimmer, wo die
Verlobten sassen, und auch Diederich wollte sich zurueckziehen, aber sie
holten ihn zum Spazierengehen. "Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und
Emmi?" Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
Hessling zu Hause. "Weil es sonst schlecht aussehen wuerde, weisst du", sagte
Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub
fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett haengengeblieben
war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.

Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die
Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestrasse
begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zaehne vor dem
Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse
Bescheid. Diederich war dunkelrot; er wuerde den Menschen angehalten und
ihm auf offener Strasse einen Krach gemacht haben: aber konnte er? "Es war
ein schwerer Fehler, dass ich mich mit dem hinterhaeltigen Proleten auf
Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es waere auch ohne ihn gegangen! Jetzt
schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, dass er mich in der Hand
hat. Ich werde noch Erpressungen erleben." Aber zwischen ihm und dem
Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was
Napoleon Fischer ueber ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich
liess ihn einfach einsperren. Dennoch hasste er ihn fuer seine
Mitwisserschaft, dass ihm bei zwanzig Grad Kaelte heiss und feucht ward. Er
sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?

In der Gerichtsstrasse fand Magda, dass der Gang sich lohne, denn bei
Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und
Inge Tietz, und Magda wusste bestimmt, dass sie bei Kienasts Anblick sehr
beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Strasse war
heute leider wenig los; hoechstens dass Major Kunze und Dr. Heuteufel, die
in die "Harmonie" gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
Ecke der Schweinichenstrasse aber trat etwas ein, was Diederich nicht
vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda
beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
Guste sich um, und Magda konnte sagen: "Frau Oberinspektor, hier stelle
ich Ihnen meinen Braeutigam Herrn Kienast vor." Der Braeutigam ward
gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei
Schritte zurueckblieb, fragte nicht ohne Achtung: "Wo haben Sie ihn denn
hergenommen?" Diederich scherzte. "Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede
den ihren. Aber dafuer solider." - "Fangen Sie schon wieder an?" rief
Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und
seufzte dabei leicht. "Meiner ist ja immer Gott weiss wo. Man kommt sich
vor wir die reine Witwe." Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts
Arm hing. Diederich gab zu bedenken: "Wer tot ist, kann es auch bleiben.
Es gibt noch genug Lebendige." Dabei draengte er Guste bis an die
Haeuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,
dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewaehrend.

Leider war Schweinichenstrasse 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn
Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
ermunternd zu Diederich: "Nun, was meinst du?" - worauf er rot ward und
schnaufte. "Was ist da zu meinen", brachte er hervor, und Magda lachte.

In der leeren, stark daemmernden Strasse kam ihnen jemand entgegen. "Ist das
nicht -?" fragte Diederich, ohne Ueberzeugung. Aber die Figur naeherte sich:
dick, offenbar noch jung, mit einem grossen, weichen Hut, sonst elegant,
und die Fuesse setzte er einwaerts. "Wahrhaftig, Wolfgang Buck!" Er dachte
enttaeuscht: "Und Guste stellt sich, als waere er am Ende der Welt. Das
Luegen muss ich ihr austreiben!"

"Da sind Sie ja" - der junge Buck schuettelte Diederich die Hand. "Das
freut mich." - "Mich auch", erwiderte Diederich, trotz der Enttaeuschung
mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.
Buck stattete seine Glueckwuensche ab, dann trat er mit Diederich hinter die
beiden anderen. "Sie wollten gewiss zu Ihrer Braut?" bemerkte Diederich.
"Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet." - "So?" machte Buck und
zuckte die Achseln. "Nun, ich finde sie immer noch", sagte er
phlegmatisch. "Vorlaeufig bin ich froh, dass ich Ihnen mal wieder begegnet
bin. Unser Gespraech in Berlin, unser einziges, nicht wahr - es war so
anregend."

Auch Diederich fand dies jetzt - obwohl es ihn damals nur geaergert hatte.
Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. "Ja, meinen Gegenbesuch bin ich
Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Oede, wie? Zu denken, dass man
hier sein Leben verbringen soll" - und Diederich zeigte die kahle
Haeuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen
Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,
und er machte tiefsinnende Augen. "Ein Leben in Netzig", sagte er ganz
langsam. "Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der
Lage, bloss fuer seine Sensationen zu leben. Uebrigens gibt es auch hier
welche." Er laechelte verdaechtig. "Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf
Sensation gemacht."

"Ach so -" Diederich streckte den Bauch vor. "Sie wollen schon wieder
noergeln. Ich stelle fest, dass ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner
Majestaet stehe."

Buck winkte ab. "Lassen Sie nur. Ich kenne ihn."

"Ich noch besser", behauptete Diederich. "Wer ihm, wie ich, ganz allein
und Aug' in Auge gegenueber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
nach dem grossen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
Fritzenauge, sag' ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft."

"Auf unsere Zukunft - weil ein Auge geblitzt hat." Bucks Mund und Wangen
sanken schwer melancholisch herab. Diederich stiess Luft durch die Nase.
"Ich weiss schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persoenlichkeit.
Sonst waeren Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden."

"Schliesslich koennte ich es mir leisten. Gewiss. Geradeso gut wie er -. Wenn
auch weniger beguenstigt von den aeusseren Umstaenden."

Sein Ton ward lebhafter und ueberzeugter. "Worauf es fuer jeden persoenlich
ankommt, ist nicht, dass wir in der Welt wirklich viel veraendern, sondern
dass wir uns ein Lebensgefuehl schaffen, als taeten wir es. Dazu ist nur
Talent noetig, und das hat er."

Diederich war beunruhigt, er sah sich um. "Wir sind hier zwar unter uns,
die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
weiss doch nicht -"

"Dass Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich haette an seiner Stelle
den Gefreiten Lueck und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
genommen. Waere das noch eine Macht, die nicht bedroht waere? Erst wenn es
einen Umsturz gibt, fuehlt man sich. Was wuerde aus ihm, wenn er sich sagen
muesste, dass die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern hoechstens
eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird."

"Oho!" machte Diederich.

"Nicht wahr? Das wuerde Sie empoeren. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschraenkt! - und
dabei ausserstande, auch nur Hass zu erregen anders als durch Worte und
Gesten. Denn woran halten sich die Noergler? Was ist Ernstliches geschehen?
Auch der Fall Lueck ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
nur darauf, mein lieber Hessling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
den wir meinen, waere am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbraeche."

"Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!" rief Diederich. "Und
dann sollen Sie sehen, dass alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
Kaiser stehen!"

"Gewiss." Buck zuckte immer haeufiger die Achseln. "Das ist die uebliche
Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte lasst ihr euch von ihm
vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
seine Erlebnisfaehigkeit zu ueben, muss man vor allem leben, und die Tat ist
so lebensgefaehrlich."

Diederich richtete sich auf. "Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
vielleicht in Verbindung bringen mit -?" "Ich habe kein moralisches Urteil
ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwaehnt,
die uns alle angeht. Uebrigens sind wir zu entschuldigen. Fuer den auf der
Buehne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgefuehrt.
Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
Geschichte als den repraesentativen Typus dieser Zeit nennen wird?"

"Den Kaiser!" sagte Diederich.

"Nein", sagte Buck. "Den Schauspieler."

Da schlug Diederich ein Gelaechter an, dass dort vorn das Brautpaar
auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
wehte eisig hinueber; sie gingen weiter.

"Na ja," brachte Diederich hervor, "ich haette mir gleich sagen koennen, wie
Sie auf das verrueckte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
zu tun." Er klopfte Buck auf die Schulter. "Sind Sie am Ende schon selbst
dabei?"

Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. "Ich? Ach nein",
sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstrasse unzufrieden
geschwiegen hatten: "Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
bin."

"Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen."

"Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
Lauer uebernommen."

"Sie sind -? Im Prozess Lauer -?" Es nahm Diederich den Atem, er blieb
stehen.

"Nun ja", sagte Buck und zuckte die Achseln. "Wundert Sie das? Seit kurzem
bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
Vater Ihnen nicht davon gesprochen?"

"Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
Berufspflichten ... Diese Verlobung ..." Diederich verlor sich in
Gestammel. "Dann muessen Sie ja schon oft -. Wohnen Sie vielleicht schon
ganz hier?"

"Nur vorlaeufig - glaube ich."

Diederich raffte sich zusammen. "Ich muss sagen: ich habe Sie schon oefter
nicht ganz verstanden - aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
mir durch halb Netzig gehen."

Buck blinzelte ihn an. "Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
koennten auch umgekehrt verteilt sein."

"Bitte sehr!" Diederich entruestete sich. "Jeder steht auf seinem Platz.
Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben -"

"Achtung? Was heisst das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
nichts uebelnehmen, es gehoert zu meiner Wirkung."

Diederich bekam Furcht. "Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
meine Aussage? Sie ist fuer Lauer durchaus nicht unguenstig."

"Das lassen Sie meine Sorge sein." Bucks Miene ward beaengstigend ironisch.

Und damit war man in der Meisestrasse. "Der Prozess!" dachte Diederich
schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
Buck, bevor sie beim Haus waren. Dass nur Kienast nichts merkte! Buck
schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. "Es zieht Sie wohl nicht besonders
zu Ihrer Braut?" fragte Diederich. - "Augenblicklich hab' ich mehr Lust
auf einen Kognak." - Diederich lachte hoehnisch. "Darauf scheinen Sie immer
Lust zu haben." Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
Buck um. "Sehen Sie," begann Buck unvermutet, "meine Braut: die gehoert
auch zu meinen Fragen an das Schicksal." Und da Diederich "wieso" fragte:
"Wenn ich naemlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiss ich das? Fuer -
andere Faelle, die in meiner Existenz eintreten koennten, habe ich nun
drueben in Berlin noch eine zweite Verbindung ..."

"Ich habe gehoert: eine Schauspielerin." Diederich erroetete fuer Buck, der
das so zynisch eingestand. "Das heisst," stammelte er, "ich will nichts
gesagt haben."

"Also, Sie wissen", schloss Buck. "Jetzt ist die Sache die, dass ich
vorlaeufig dort haenge und mich um Guste nicht so viel bekuemmern kann, wie
ich muesste. Moechten Sie sich da nicht des guten Maedchens ein wenig
annehmen?" fragte er harmlos und gelassen.

"Ich soll -"

"Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bisschen umruehren, worin ich Wurst
und Kohl am Feuer zu stehen habe - indes ich selbst noch draussen
beschaeftigt bin. Wir haben doch Sympathie fuereinander."

"Danke", sagte Diederich kuehl. "So weit reicht meine Sympathie allerdings
nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
ueber das Leben." Und er liess Buck stehen.

Ausser der Unmoral des Menschen empoerte ihn seine wuerdelose
Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
man nicht klug ward! "Was hat er morgen gegen mich vor?"

Daheim machte er sich Luft. "Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
geistigen Duenkel! Gott behuete unser Haus vor solcher alles zerfressenden
Ueberzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
Niedergangs!" Er vergewisserte sich, dass Kienast wirklich noch am Abend
reisen musste. "Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben",
sagte er unvermittelt und lachte. "Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie."

Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Hessling hin. "Nun? Wo
ist die Vorladung, die fuer mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?" Sie
musste zugeben, dass sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. "Er
sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn." Aber
Diederich liess keine Beschoenigung gelten. "Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, ausser wenn fremde Leute da
sind; und das Haushaltungsgeld geht fuer euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
ich fall' euch auf den Schwindel 'rein, dass Magda ihre Spitzenbluse selbst
gemacht haben soll? Das koennt ihr dem Esel erzaehlen!" Magda erhob
Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
"Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
steckt mit dem Dienstmaedchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ..."

Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
behauptete, er sei bloss darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tuer und rief zurueck: "Ich
brauche dich gottlob nicht mehr!" Sofort war Diederich hinterdrein. "Gib
bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Braeutigam hat um
deine Mitgift geschachert, dass es schon nicht mehr schoen war. Du bist
ueberhaupt bloss Zugabe!"

Hier fuehlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jaeh verstummt,
die Wange. Dann entruestete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
ueberwog. Die Krisis war vorueber.



In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspaetung bei
Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschaeftigt, fuer einen kaum
erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
Gericht gewaehrte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
brach in ein solches Geheul aus, dass es Diederich, angstvoll, wie er
selbst gestimmt war, vor Mitleid uebel ward. Er begab sich hinaus und
betrat eine Toilette, obwohl an der Tuer stand: Nur fuer den Herrn
Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
sah, wollte er sich wieder zurueckziehen, aber Diederich fragte sofort, was
das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhaelter dort tue. Jadassohn
erklaerte: "Wenn wir uns darum auch noch kuemmern muessten!" und war schon
draussen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefuehl
eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
Raederwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
uebergrosser Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hiess es sich besonnen
verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
wieder dem Privatleben gehoerte! Diederich versprach sich, fortan ganz
seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.

Draussen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
auch das beste. Die fuenf Toechter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozess
ihres Schwagers Lauer die groesste Ehre fuer die Familie, schnatterten in
einer Gruppe mit Kaethchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Buergermeister
Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen liess den Buergermeister nicht
los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, dass sie
ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Aeusserung. Gerade
erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kuehnchen; aber beim Anblick der
zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich haette halten
koennen. Jetzt bereute er, dass er es den Seinen verboten hatte,
herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Ploetzlich zog er ihn zurueck:
Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Toechtern Buck
umringt, als eine kostbare Verstaerkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
dahinten eine Tuer, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
darunter Lackschuhe, die er sehr einwaerts setzte. Er laechelte festlich,
wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut kuesste er sie.
Es werde sehr schoen werden, verhiess er; der Staatsanwalt sei gut
disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
Zeugen, um mit ihnen zu fluestern. In diesem Augenblick verstummte man,
denn in der Muendung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
neben ihm seine Frau. Die Buergermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
tapfer sei! "Was ist dabei?" erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
Stimme. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?" Lauer sagte: "Gewiss
nicht, Judith." Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
begruessten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
Buergermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
Augen zu lesen.

Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
worden. Buck zog ihn hervor und fuehrte ihn zu seiner Schwester. "Liebe
Judith, ich weiss nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
Doktor Hessling. Heute wird er uns vernichten." Aber Frau Lauer lachte
nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruss nicht, sie sah ihn nur an mit
ruecksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
und ward noch schwerer, weil sie so schoen war. Diederich fuehlte, wie das
Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: "Der Herr
Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muss ein Irrtum vorliegen ..." Da
zogen in dem weissen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Ruecken.

Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tuer nicht eben freigebig
geoeffnet ward, stiessen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
Publikum ward von dem besten ueberwaeltigt. Die Unterroecke der fuenf
Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
letzter hinein und musste sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
setzen, der sofort ein Stueck wegrueckte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklaerte von dort oben die Sitzung
fuer eroeffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
Erinnerung zu bringen - wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
Landgerichtsrat Kuehlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
aussehen, die Schwiegermutter des Buergermeisters wollte wissen, er werde
sein Reichstagsmandat niederlegen - und wohin ging das viele Geld, wenn er
starb? Bei den Zeugen drueckte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
werde seine Millionen fuer einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
Kuehnchen bezweifelte es, mit durchdringender Fluesterstimme. "Der gibt auch
nach'm Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muss das Seine
zusammennaehm, und womoeglich den andern ihr's auch ..." Da entliess der
Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.

Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
Fensternische ein; Diederich, unter dem wuetenden Blick des Majors, dachte
peinvoll: "Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wuesste ich, was er sagt.
Ich moechte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!" Vergebens versuchte er
gegenueber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
weg, und Kuehnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zaehne: "Na warte nur,
mein Schibbchen, dir wer'n mer das Handwerk legen." Stumm lastete die
allgemeine Missbilligung auf Diederich. Endlich erschien der
Gerichtsdiener. "Herr Doktor Hessling!"

Diederich riss sich zusammen, um nur in kommentmaessiger Haltung an den
Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
neben dem Beisitzer, der seine Naegel betrachtete, stand drohend
aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
von Diederichs eine so leichenhafte Gefuegigkeit, dass Diederichs Blick die
Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
Wolfgang Buck sitzen, nachlaessig, mit den Faeusten auf den fetten
Schenkeln, von denen die Robe zurueckfiel, und so gescheit und aufmunternd
anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.

"Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drueben am Tisch sassen auch
Herren ..."

Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal raeumen
lassen. "Sonst wissen Sie nichts?" fragte er unwirsch. Diederich gab zu
bedenken, infolge geschaeftlicher und anderer Aufregungen haetten sich ihm
die Vorgaenge inzwischen etwas verwirrt. "Dann werde ich Ihnen zur
Auffrischung des Gedaechtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
vorlesen" - und der Vorsitzende liess sich das Protokoll reichen. Daraus
erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
gemacht, dass von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
Majestaet des Kaisers gefallen sei. Was er darueber zu aeussern habe. "Es kann
wohl sein," stammelte er; "aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
der Angeklagte war, der das gesagt hat ..." Sprezius beugte sich ueber den
Richtertisch. "Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
Zeugen werden bekunden, dass Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
sind und das betreffende Gespraech mit ihm gefuehrt haben." -

"War ich das?" fragte Diederich, rot uebergossen. Da lachte unaufhaltsam
der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geoeffnet, um
loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: "Sie waren an
dem Abend wohl stark angetrunken?" Sofort fielen Staatsanwalt und
Vorsitzender ueber ihn her. "Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!"
rief Jadassohn schrill. "Herr Verteidiger," kraechzte Sprezius, "Sie haben
nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
meine Sache!" Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluss darueber,
ob ihm gemaess der Strafprozessordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts uebrig, als mit
den vier Richtern rueckwaerts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Haende wie zum Applaus;
aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
Buck seinem Sohn ein Zeichen der Missbilligung gab. Der Angeklagte
seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schuettelte seinem
Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
Er bemuehte sich sogar aus der engen Tribuene heraus, um Diederich seine
weiche, weisse Hand zu geben. "Ich danke Ihnen, lieber Freund", sagte er.
"Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient." Und Diederich in
seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Guete des grossen
Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
fiel es Diederich ein, dass er ihm hier ja die Geschaefte besorgte! Und auch
sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
hatte. Die politischen Gespraeche hatte er augenscheinlich nur gefuehrt, um
sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. "Soll ich mich hier
noch lange von allen Seiten anoeden lassen?"

Zum Glueck kehrte der Gerichtshof zurueck. Der alte Kuehlemann wechselte mit
dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluss. Ob der Verteidiger das Recht
der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
gehoerig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. "Vorlaeufig nicht," sagte
Jadassohn mit Geringschaetzung, "aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
zu entlassen." Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
Stimme. "Ausserdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darueber aussagen soll, wie die
Gesinnung des Zeugen Hessling gegen den Angeklagten frueher war." Diederich
erschrak - im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
bewilligt, was er wollte.

Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
ueber die kritische Nacht berichten. Er erklaerte, die Eindruecke haetten sich
damals ueberstuerzt und sein christliches Gewissen schwer bedraengt, denn
just an jenem Abend sei in den Strassen von Netzig Blut geflossen, wenn
auch zu einem patriotischen Zweck. "Das gehoert nicht hierher!" entschied
Sprezius - und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspraesident Herr von
Wulckow, im Jagdanzug, mit grossen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
Hinterhaeltigkeit: "Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
zu machen." Da knickte Zillich ein und gab zu, dass er die dem Angeklagten
vorgeworfene Aeusserung allerdings gehoert habe. Der Angeklagte sprang auf
und schlug mit der Faust auf die Bank. "Ich habe den Namen des Kaisers gar
nicht genannt! Ich habe mich gehuetet!" Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
einem Wink und sagte: "Wir werden den Beweis erbringen, dass nur die
provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Hessling den Angeklagten zu seinen,
hier falsch wiedergegebenen Aeusserungen veranlasst hat." Vorlaeufig bitte er
den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darueber zu befragen, ob er
nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdruecklich gegen die Hetzereien
des Zeugen Hessling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
Vertreter der Religion genuegt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
"Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
Hauptbelastungszeugen Doktor Hessling gut zu stellen, weil naemlich seine
Tochter -." Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
Stellung der Frage. Sprezius ruegte sie als unzulaessig, und auf der Tribuene
entstand ein missbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
Regierungspraesident beugte sich ueber die Bank zum alten Buck und sagte
deutlich: "Ihr Sohn macht ja nette Zicken!"

Inzwischen war der Zeuge Kuehnchen aufgerufen. Der kleine Greis stuermte in
den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tuer schrie er seine
Personalien herueber, und die Eidesformel sagte er gelaeufig her, ohne sie
sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
bewegen, als dass an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
herrliche Brief Seiner Majestaet mit dem Bekenntnis zum positiven
Christentum! "Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
Richter, davon weess 'ch Sie nischt. Da hab' 'ch grade ae bisschen
geschlummert." - "Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!"
verlangte der Vorsitzende. "Ich nicht!" rief Kuehnchen. "Ich hab' eegal von
unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered't. Die Franktiroehrs! hab
'ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ae
Franktiroehr draufgebissen, bloss weil ich ihm mit mei'm Saebel ae kleenes
bisschen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!"
Und Kuehnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. "Abtreten!"
kraechzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Raeumung des Saals.

Major Kunze trat auf: steif, wie auf Raedern, und den Eid leistete er in
einem Ton, als stiesse er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
erklaerte er kurzweg, dass er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
sei erst spaeter in den Ratskeller gekommen. "Ich kann nur sagen, das
Verhalten des Herrn Doktor Hessling riecht mir nach Denunziantentum."

Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wusste,
woher es kam, auf der Tribuene misstraute man einander und rueckte, das
Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
in die Luft, und der alte Kuehlemann, dessen Kinn schon laengst auf seiner
Brust lag, ruehrte sich im Schlaf.

Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgaenge
berichtet haetten, seien doch nationale Maenner gewesen, erwiderte der Major
nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Hessling habe er gar nicht
gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
Stimme wie ein Messer sagte er: "Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
sich darueber aeussern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
geliehen hat." Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
Jadassohns Kuehnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
aus und erreichte von Kunze, dass er zugab, die Entruestung der
Nationalgesinnten ueber Lauers Aeusserungen sei echt gewesen, auch seine
eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestaet gemeint. - Hier
hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. "Da der Herr Vorsitzende unnoetig
findet, es zu ruegen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
beleidigt, kann es auch uns gleich sein!" Sofort hackte Sprezius nach ihm.
"Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich ruege und was nicht!" -
"Eben das stelle ich fest", fuhr Buck unbeirrt fort. "Zur Sache selbst
behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, dass der
Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat." "Ich habe mich gehuetet!"
rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: "Sollte dies dennoch als
wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
Almanachs darueber als Sachverstaendigen zu vernehmen, welche deutsche
Fuersten juedisches Blut haben." Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein droehnender Bass
sagte: "Unerhoert!" Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kuehlemann war davon
erwacht. Der Gerichtshof steckte die Koepfe zusammen, dann verkuendete der
Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
Wahrheitsbeweis nicht zulaessig sei. Kundgebung der Missachtung genuege zum
Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
Buergermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
dankbar. Er fuehlte, angstvoll lauschend, wie die oeffentliche Meinung
einlenkte und ganz leise denen naeher kam, die geschickter waren und die
Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.

Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffaellig war er ploetzlich
da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wusste alles,
belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fliessend, als sage
er einen Leitartikel her; hoechstens dass zwischen den Absaetzen der
Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
Musterschueler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
der "Netziger Zeitung" fuer Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: "Wir
sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten unguenstig ist
-." Er musste sich draussen im Korridor darueber informiert haben! Buck nahm
eine ironische Stimme an. "Ich stelle fest, dass der Zeuge eine etwas
sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet." Aber Nothgroschen war
nicht einzuschuechtern. "Ich bin Journalist," erklaerte er, und er setzte
hinzu: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
Verteidigers zu schuetzen." Sprezius liess sich nicht bitten; und er entliess
den Redakteur in Gnaden.

Es schlug zwoelf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, dass der
Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfuegung des Gerichts halte.
Er ward aufgerufen - und kaum, dass er sich in der Tuer zeigte, gingen alle
Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergroesserte
sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
Entschlossenheit. Diederich stellte fest, dass er von seinen zwei
Gesichtern fuer diese Gelegenheit das trockene gewaehlt hatte.

Welche Eindruecke er waehrend der Voruntersuchung von dem Zeugen Hessling
gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
selbstaendig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlaessigkeit des Zeugen, die Fritzsche
an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachpruefen koennen, stand
ausser allem Zweifel. Dass der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklaeren ... Und
der Angeklagte? - Hier hoerte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
hinunter. Auch der Angeklagte hatte persoenlich einen eher guenstigen
Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.

"Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts faehig?" fragte Sprezius.

Fritzsche erwiderte: "Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdruecklich
beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehuetet haben."

"Das sagt der Angeklagte selbst", bemerkte der Vorsitzende streng.
Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine buergerliche
Wirksamkeit gewoehnt, Autoritaet mit fortschrittlichen Neigungen zu
verbinden. Er hielt sich offenbar fuer einsichtsvoller und zur Kritik
berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, dass er
in gereiztem Zustand - und durch die Erschiessung des Arbeiters von seiten
des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefuehlt - seinen politischen
Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob aeusserlich vielleicht auch
einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern liess.

Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
Landgerichtsraete Harnisch und Kuehlemann warfen Blicke auf das Publikum,
durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
noch seine Naegel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
Haende des Angeklagten waren krampfig um die Bruestung seiner Bank gespannt,
und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeoeffneten Mundes, wie
abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwaeche. Die
Schwiegermutter des Buergermeisters aeusserte deutlich: "Und zwei Kinder hat
sie zu Hause." Ploetzlich schien Lauer das Gefluester um ihn her zu
bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
zusammen, sein stark geroetetes Gesicht entleerte sich so jaeh vom Blut, dass
der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rueckte.

Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
Sache aus guten Gruenden anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geuebt? Und das
protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
ruecksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
hielt stand vor der Macht. Welche Lehre fuer Diederich ... Auch Wolfgang
Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
einer Miene, als muesste er sich erbrechen.

Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Koerpers, die nicht
unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter gefluestert.
Die Schwiegermutter des Buergermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
Frau des Angeklagten zielend: "Eine nette Gesellschaft!" Man widersprach
ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu ueberlassen.
Guste Daimchen biss sich auf die Lippe, Kaethchen Zillich schickte einen
raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinueber zu
dem Haupt der Familie Buck, drueckte ihm die Hand und sagte suess: "Ich
hoffe, lieber Freund und Goenner, alles wird noch gut."

Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: "Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
'rein!" Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
schnupperte in die Luft. "Hier riecht es aber schlecht", bemerkte er.
"Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!" Und er suchte mit den Augen
unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedraengt sass. Dagegen
war auf den unteren Baenken freier Raum, und der freieste um den
Regierungspraesidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
Das geoeffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
unter den auswaertigen Journalisten, die dort hinten verstaut sassen. Aber
Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
Rockkragen.

Jadassohn sah siegesgewiss dem Zeugen entgegen. Sprezius liess ihn eine
Weile reden, dann raeusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
Hand. "Zeuge Cohn," begann er, "Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
bestehenden Warenhauses seit 1889?" Und unvermittelt: "Geben Sie zu, dass
gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
Lokalitaeten durch Erschiessen das Leben genommen hat?" Und mit daemonischer
Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
ausserordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. "Die
alte Verleumdung!" kreischte er. "Er hat es doch gar nicht meinetwegen
getan! Er war ungluecklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
mich schon einmal kaputt gemacht, und nun faengt der Mann wieder an!" Auch
der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark. Damit war Cohn
erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
geradeheraus: "Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
Geschaeft, wovon leben Sie?" Hier entstand ein solches Gemurmel, dass
Sprezius schnell eingriff: "Herr Staatsanwalt, gehoert das wirklich zur
Sache?" Aber Jadassohn war allem gewachsen. "Herr Vorsitzender, die
Anklagebehoerde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, dass der Zeuge
sich in wirtschaftlicher Abhaengigkeit von seinen Verwandten, besonders
aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwuerdigkeit
des Zeugen ist danach zu bemessen." Der lange, elegante Herr Buck stand
mit gesenktem Kopf da. "Das genuegt", erklaerte Jadassohn; und Sprezius
entliess diesen Zeugen. Seine fuenf Toechter rueckten unter den Blicken der
Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Laemmerherde im Unwetter. Das minder
gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
wohlwollend um Ruhe und liess sich den Zeugen Heuteufel kommen.

Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.

"Ich moechte zunaechst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
das Delikt der Majestaetsbeleidigungen darstellenden Aeusserungen durch seine
Zustimmung beguenstigt und noch verschaerft zu haben." Heuteufel erwiderte:
"Ich gebe gar nichts zu", - worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
Vorverhoer entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: "Ich beantrage
Gerichtsbeschluss darueber, dass die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdaechtig ist." Noch schneidender:
"Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
gehoert zu den von Seiner Majestaet dem Kaiser mit Recht so genannten
vaterlandslosen Gesellen. Ueberdies befleissigt er sich in regelmaessigen
Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern fuer freie Menschen bezeichnet,
der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
gegenueber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
sind." Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, laechelte skeptisch und
meinte, die religioesen Ueberzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
offenbar von moenchischer Strenge, es koenne ihm nicht zugemutet werden, dass
er einen Nichtchristen fuer glaubwuerdig halte. Das Gericht aber werde wohl
anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhoehnung seiner Person beantragte
er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
Gerichtshof zog sich zur Beratung zurueck. Sofort brach im Saal ein
aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Haende
in die Taschen und mass mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
die Richter zurueck. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhoehnung des Herrn Staatsanwalts
in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.

In das weitere Verhoer Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuliess? Er
hatte schon den Mund geoeffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
rechtzeitig, dass man einer Sensation nicht ausweichen duerfe - worauf
Heuteufel den mustergueltigen Zustaenden im Hause Lauer hohes Lob spendete.
Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. "Will der
Zeuge sich auch darueber aeussern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
Bekanntschaft er persoenlich die Kenntnis des Familienlebens schoepft, und
ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
Klein-Berlin heisst?" Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, dass die
Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
noch zu antworten: "Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
dort wohl begegnet." Aber das diente nur dazu, dass Sprezius ihm eine
Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark auferlegen konnte. "Der Zeuge hat im Saal
zu bleiben", entschied der Vorsitzende schliesslich. "Das Gericht braucht
ihn noch zur weiteren Aufklaerung des Tatbestandes." Heuteufel aeusserte:
"Ich meinerseits bin aufgeklaert ueber den Betrieb hier und wuerde es
vorziehen, das Lokal zu verlassen." Sofort wurden aus den fuenfzig Mark
hundert.

Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als aeusserte sich die Stimmung in
diesem merkwuerdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnuetz verbraucht;
und das Gaehnen der vom Hunger in die Laenge gezogenen Gesichter, die
Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhiess ihm nichts
Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen fuer die
Nachmittagssitzung zu beantragen. "Da der Herr Staatsanwalt es zum System
erhebt, die Glaubwuerdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
ersten Maenner von Netzig. Kein Geringerer als Herr Buergermeister Dr.
Scheffelweis wird dem Gericht die buergerlichen Verdienste des Angeklagten
bezeugen. Der Herr Regierungspraesident von Wulckow wird nicht umhin
koennen, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
bestaetigen."

"Nanu", sagte dahinten aus dem freien Raum der droehnende Bass. Buck
strengte seine Stimme an.

"Fuer die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine saemtlichen
Arbeiter eintreten."

Und Buck setzte sich, hoerbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: "Der Herr
Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung." Die Richter berieten
fluesternd; und Sprezius verkuendete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Buergermeisters Dr.
Scheffelweis beziehe. Da der Buergermeister im Saal war, wurde er sogleich
aufgerufen.

Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
einander widersprechen mussten, denn der Buergermeister langte sichtlich
verstoert am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
buergerlichen Oeffentlichkeit betaetigte? Dr. Scheffelweis wusste Gutes
darueber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den staedtischen
Kollegien eingesetzt fuer die Wiederherstellung des altberuehmten
Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
Saalbau der "Freien Gemeinde" hatte er unterstuetzt und dadurch unleugbar
viel Anstoss erregt. Im Geschaeftsleben sodann genoss der Angeklagte die
allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
eingefuehrt hatte, wurden vielfach bewundert, - wenn freilich auch dagegen
eingewendet ward, dass sie die Ansprueche der Arbeiter ins ungemessene
steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befoerdern geeignet waren.
"Wuerde der Herr Zeuge", fragte der Verteidiger, "den Angeklagten des ihm
zur Last gelegten Delikts fuer faehig halten?" - "Einerseits", erwiderte
Scheffelweis, "gewiss nicht." - "Aber andererseits?" fragte der
Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: "Andererseits gewiss."

Nach dieser Antwort durfte der Buergermeister sich zurueckziehen; seine zwei
Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da raeusperte
Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Hessling zu
vernehmen, der seine Aussage zu ergaenzen wuensche. Sprezius klappte
missgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Baenken
herausrutschte, murrte laut; - aber Diederich war schon vorgetreten,
festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
Nach reiflicher Ueberlegung sei er zu der Einsicht gelangt, dass er seine im
Vorverhoer gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten koenne; und er
wiederholte sie, aber verschaerft und erweitert. Er fing mit der
Erschiessung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhoerer, die das Fortgehen vergessen
hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen ueber die blutbetropfte
Kaiser-Wilhelm-Strasse bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
Degen unter den gotischen Kronleuchter vorruecken und den Angeklagten
herausfordern auf Leben und Tod.

"Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht laenger, ich habe ihn
herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
nur meine Pflicht erfuellt und wuerde sie auch heute wieder erfuellen, moegen
mir daraus in gesellschaftlicher und geschaeftlicher Beziehung selbst noch
mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
habe! Der uneigennuetzige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betaetigen, mag ihm
angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
vorhin mit meiner Aussage noch zoegerte, war es nicht nur, wie der
Untersuchungsrichter mir guetigst zubilligte, eine Verwirrung des
Gedaechtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
Zurueckweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestaet unser
erhabener Kaiser verlangt es von mir ..." Diederich sprach fliessend
weiter, mit einem Schwung in den Saetzen, der einem den Atem nahm.
Jadassohn fand, dass der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kuehlemann sogar liess die Lippe
haengen und hoerte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
spaehte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
eines feindlichen Entzueckens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! "Moegen unsere Buerger", rief
Diederich, "endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
gewiegt haben, und nicht bloss dem Staat und seinen Organen die Bekaempfung
der umwaelzenden Elemente ueberlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
ist Befehl Seiner Majestaet und, meine Herren Richter, da sollte ich
zoegern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
in den Staub zu ziehen ..."

Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
freilich nicht mehr moeglich, den Zeugen zu unterbrechen.

In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
Widerhall gefunden! Hier verschloss man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
verharrte in den veralteten Anschauungen einer spiessbuergerlichen
Demokratie und Humanitaet, die den vaterlandslosen Feinden der goettlichen
Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
grosszuegigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. "Die Aufgabe der
modern gesinnten Maenner ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!"
Und Diederich schloss: "Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
dem Angeklagten, als er noergeln wollte, mit aller Entschiedenheit
entgegenzutreten. Ich habe ohne persoenlichen Groll gehandelt, um der Sache
willen. Sachlich sein heisst deutsch sein! Und ich meinerseits" - er
blitzte zu Lauer hinueber - "bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
sind der Ausfluss eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
auf Ehre haelt und weder Luege noch Sittenlosigkeit kennt!"

Grosse Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
die er ausdrueckte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurueck: der Angeklagte, zitternd
und wankend, stemmte sich am Gelaender seiner Bank empor; er hatte
rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
ihn der Schlag geruehrt. "Oh!" machten weibliche Stimmen, voll
erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
rauhe Laute gegen Diederich auszustossen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
erfasst und redete auf ihn ein. Inzwischen verkuendete der Vorsitzende, dass
der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betaeubt, sah sich auf
einmal bestuermt von Kuehnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
beglueckwuenschten. Fremde Leute schuettelten ihm die Hand: die Verurteilung
sei todsicher, der Lauer duerfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
erfolgreichen Diederich daran, dass zwischen ihnen niemals eine
Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorueber. Er
zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, pruefend und traurig, so
traurig, dass auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
nachsah.

Ploetzlich merkte er, dass die fuenf Toechter Buck sich nicht entbloedeten, ihm
Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
habe. Da mass er diese fuenf herausgeputzten Gaense, eine nach der anderen,
von oben bis unten und erklaerte ihnen, streng und abweisend, es gaebe
Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
liessen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
Buck holte sie ein, laechelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
Blick hin, der sein Zartgefuehl anrief. Er drueckte sich hinter einen
Pfeiler und liess, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorueber.

Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspraesident, Herr
von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
blieb stehen. "Na also!" sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
Diederich auf die Schulter. "Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
Gesinnung. Wir sprechen uns noch." Und er ging weiter auf seinen kotigen
Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
hinterliess, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttaetiger
Maennlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.

Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Buergermeister auf, mit Frau
und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.



Zu Hause wussten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibuel auf
das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzaehlen
lassen, was vorging. Frau Hessling umarmte ihren Sohn unter stummen Traenen.
Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
nur Geringschaetzung gehabt fuer Diederichs Rolle im Prozess, die sich nun
als so glaenzend erwies. Aber Diederich, in der schoenen Vergesslichkeit des
Sieges, liess Wein zum Essen auftragen, und er erklaerte ihnen, der heutige
Tag sichere fuer alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. "Die
fuenf Damen Buck werden sich hueten, auf der Strasse wegzusehen. Sie koennen
froh sein, wenn ihr sie zurueckgruesst!" Die Verurteilung des Lauer war, so
versicherte Diederich, nur mehr eine Formalitaet. Sie war entschieden, und
mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! "Freilich -" und er
nickte in sein Glas - "trotz voller Pflichterfuellung haette es schief gehen
koennen, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann waere
ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!" Da Magda
erbleichte, klopfte er ihr den Arm. "Jetzt sind wir fein heraus." Und das
Glas erhoben, mit maennlicher Festigkeit: "Welch eine Wendung durch Gottes
Fuegung!" Er ordnete an, dass beide sich schoen machten und mitkaemen. Frau
Hessling bat um Nachsicht, sie fuerchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
nicht dieselben. Saemtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
sich besiegt! Die Stadt wusste es, man draengte sich herbei, ihre Niederlage
zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerueckt bis in die vorderen
Baenke. Wer von dem einstigen Kluengel sich noch hier fand, Kuehnchen und
Kunze trugen Sorge, dass jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
lese. Auch einige verdaechtige Gestalten freilich sassen dazwischen: junge
Leute mit mueden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
Maedchen, die unheimlich schoene Farben im Gesicht hatten; und alle
tauschten Gruesse mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
entbloedet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!

Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
auf seine Frau! "Wenn er meint, dass sie noch kommt!" dachte Diederich.
Aber da kam sie: noch bleicher als heute frueh, begruesste ihren Gatten mit
einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
eroeffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.

Jadassohn begann sofort mit aeusserster Heftigkeit; nach einigen Saetzen fand
er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
Stadttheaters laechelten einander geringschaetzig zu. Jadassohn bemerkte es,
er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
ueberschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Maedchen fielen
auf die Bruestung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. "Merkt denn
Sprezius nichts?" fragte die Schwiegermutter des Buergermeisters. Aber das
Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wusste Wulckow,
und auch Sprezius wusste es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
selbst fuehlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
geraeuschvoller er ward. Als er schliesslich zwei Jahre Gefaengnis
beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
schien, auch die Richter. Der alte Kuehlemann schrak auf, mit einem
Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
dann sagte er: "Der Herr Verteidiger hat das Wort."

Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
Tribuene murmelten beifaellig, was Buck trotz Sprezius' geschaerftem Schnabel
in Ruhe abwartete. Dann erklaerte er leichthin, als werde er mit allem in
zwei Minuten fertig werden, dass die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
durchaus guenstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
Unrecht die Anschauung, dass die Aussage von Zeugen, die erst infolge
drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt haetten,
irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, dass sie auf geradezu
glaenzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
wahrheitsliebend bekannte Maenner nur durch eine Erpressung -. Weiter kam
er natuerlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, dass der Angeklagte
die ihm zur Last gelegte Aeusserung wirklich getan habe, so entfalle hier
doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Hessling habe
offen eingestanden, dass er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Hessling,
durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkuerlichen Hilfe eines
anderen und unter bewusster Ausnutzung seiner Erregung vollfuehrt habe. Der
Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die naehere Beschaeftigung mit
dem Zeugen Hessling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
ward schwuel. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
wieder.

Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglueck
des Zeugen Hessling, den er als das Opfer eines weit Hoeheren betrachte.
"Warum haeufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
Majestaetsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgaenge wie die
Erschiessung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
diese Vorgaenge begleiten." Sprezius rueckte den Kopf, wetzte schon den
Schnabel, zog sich aber noch zurueck. Buck liess sich nicht stoeren; er
machte sein Organ maennlich und stark.

"Drohungen und ueberspannte Ansprueche auf der einen Seite zeitigen
Zurueckweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht fuer mich ist,
ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
Majestaetsbeleidigern."

Da hackte Sprezius zu. "Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, dass Sie
an Worten des Kaisers hier Kritik ueben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen."

"Ich fuege mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden", sagte Buck, und die
Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. "Ich werde also
nicht vom Fuersten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Hessling. Sie haben ihn
gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewoehnlichem Verstand, abhaengig von
Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht fuer ihn
standen, und von grossem Selbstbewusstsein, sobald sie sich gewendet
hatten."

Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schuetzte Sprezius ihn nicht?
Es waere seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann liess er in
oeffentlicher Sitzung veraechtlich machen - von wem? Vom Verteidiger, dem
berufsmaessigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fuehlte seine herablassende
Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!

"Wie er", sagte Buck, "waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
Geschaeft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persoenlichkeit, das
Wirkenwollen um jeden Preis, waere er auch von anderen zu bezahlen. Die
Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heissen, und waeren sie zwei
Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
Untertan von seiner Macht das Noetige leihen soll, um die noch kleineren
niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
noch den Untertan gibt, erhaelt das oeffentliche Leben einen Anstrich
schlechten Komoediantentums. Die Gesinnung traegt Kostuem, Reden fallen, wie
von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
wird gezogen fuer einen Begriff wie den der Majestaet, den doch kein Mensch
mehr, ausser in Maerchenbuechern, ernsthaft erlebt. Majestaet ..." wiederholte
Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hoerer schmeckten es mit. Die
Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifaellig. Den anderen
sprach Buck zu gewaehlt, und dass er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
"Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen." Durch das Publikum lief eine
Bewegung. Wie Buck den Mund wieder oeffnete, versuchte jemand zu klatschen,
Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Maedchen
gewesen.

"Erst der Herr Vorsitzende", sagte Buck, "hat die Person des Monarchen
genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit fuer das
Gericht, feststellen, dass diese Person durch die Vollstaendigkeit, mit der
sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrueckt und
darstellt, etwas fast Verehrungswuerdiges bekommt. Ich will den Kaiser -
und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
unterbrechen - einen grossen Kuenstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
kennen nichts Hoeheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, dass
jeder mittelmaessige Zeitgenosse ihm nachaefft. Im Glanz des Thrones mag
einer seine zweifellos einzige Persoenlichkeit spielen lassen, mag reden,
ohne dass wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
Hass imaginaerer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
seine buergerliche Wirklichkeit darueber nicht vergisst ..."

Diederich erbebte; und alle hatten die Muender offen und gespannte Augen,
als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Tuermen. Ob er stuerzte?
Sprezius hielt den Schnabel gezueckt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
erbitterte Begeisterung. Ploetzlich liess er die Mundwinkel fallen, grau
schien es um ihn her zu werden.

"Aber ein Netziger Papierfabrikant?" fragte er. Er war nicht gestuerzt, er
hatte wieder Boden unter den Fuessen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
und man laechelte sogar. Auch Emmi und Magda laechelten. Buck hatte seine
Wirkung, und Diederich musste sich leider sagen, dass ihr gestriges Gespraech
auf der Strasse hierfuer die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
dem offenen Hohn des Redners.

"Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumassen, fuer
die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
Das aesthetische Niveau unseres oeffentlichen Lebens, das vom Auftreten
Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhoehung erfahren hat, kann durch
Kraefte wie den Zeugen Hessling nur verlieren ... Und mit dem Aesthetischen,
meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
buergerliche."

Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
zum Pathos.

"Denn, meine Herren Richter, ich beschraenke mich nicht auf die
mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
ist. Mehr Veraenderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
Beispiel eines grossen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
Beispiel war! Dann kann es geschehen, dass ueber das Land sich ein neuer
Typus verbreitet, der in Haerte und Unterdrueckung nicht den traurigen
Durchgang zu menschlicheren Zustaenden sieht, sondern den Sinn des Lebens
selbst. Schwach und friedfertig von Natur, uebt er sich, eisern zu
scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
unberechtigter Berufung auf einen noch Hoeheren wird er laermend und
unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschaeftlichen
Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komoedie seiner Gesinnung einen
Majestaetsbeleidiger ins Gefaengnis. Spaeter findet sich, was daran zu
verdienen ist. Meine Herren Richter!"

Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
trug die gesammelte Miene eines Fuehrers. Und er legte los, mit allem, was
er hatte.

"Sie sind souveraen; und Ihre Souveraenitaet ist die erste und staerkste. In
Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie koennen ihn in das Leben
schicken oder ihn sittlich toeten - was kein Fuerst kann. Die Norm aber der
Individuen, die Sie gutheissen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
so haben Sie Macht ueber unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermessliche
Verantwortung, ob kuenftig Maenner wie der Angeklagte die Gefaengnisse fuellen
und Wesen wie der Zeuge Hessling der herrschende Teil der Nation sein
sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komoedie und Wahrheit!
Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
Naechsten so sehr sich selbst achtet, sollte faehig sein, von der Person des
Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?"

Die Hoerer atmeten. Mit neuen Gefuehlen blickte man auf den Angeklagten, der
die Stirn in die Hand stuetzte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen sass er da, als haette
Buck ihn eingefangen. Der alte Kuehlemann nickte achtungsvoll, und an
Jadassohn zeigten sich unwillkuerliche Zuckungen.

Aber Buck missbrauchte seinen Erfolg, er liess sich berauschen. "Das
Erwachen des Buergers!" rief er aus. "Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
stille Tat eines Lauer tut mehr dafuer als hundert hallende Monologe selbst
eines gekroenten Kuenstlers!"

Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fuehlten
die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe liess
der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.

Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wuensche.
Jadassohn verneinte geringschaetzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
zurueck. "Das Urteil wird bald gefunden sein", sagte Diederich mit
Achselzucken - obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. "Gott sei
Dank!" sagte die Schwiegermutter des Buergermeisters. "Man sollte nicht
glauben, dass vor fuenf Minuten die Leute noch obenauf waren." Sie wies auf
Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
Schauspieler beglueckwuenschten.

Schon kehrten die Richter zurueck, und Sprezius verkuendete das Urteil:
sechs Monate Gefaengnis - was allen die natuerlichste Loesung schien. Dazu
war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten oeffentlichen Aemter
erkannt worden.

Der Vorsitzende begruendete das Urteil damit, dass eine beleidigende Absicht
zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
Gegenteil: dass der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
Angeklagten, dass er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht fuer
hinfaellig befunden. "Den Hoerern der Rede musste sich - namentlich bei ihrer
Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
Angeklagten - die Ansicht aufdraengen, dass seine Aeusserung sich gegen den
Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, dass er sich wohl gehuetet habe,
eine Majestaetsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen."

Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
guenstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
halben Jahr, das er absitzen musste, aus seinem Geschaeft werden! Infolge
des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte kuenftig
weder nuetzen noch schaden! Dem Buckschen Kluengel, der so dick tat, war der
Denkzettel zu goennen. Man sah sich nach der Frau des Straeflings um; aber
sie war verschwunden. "Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
Verhaeltnisse!"



Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
Urteilen noetigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
nach dem Sueden gereist. Nach dem Sueden! - indes ihr leiblicher Mann dort
oben in der Vogtei sass, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und -
ein auffallendes Zusammentreffen!

Landgerichtsrat Fritzsche nahm ploetzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es waere kaum noch
noetig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
auszuforschen: man wusste Bescheid! Der Skandal war so gross, dass die
"Netziger Zeitung" eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
gerichteten Warnung, nicht den umstuerzlerischen Tendenzen durch
Zuegellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
Nothgroschen dar, dass man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
eingefuehrten, besonders zu ruehmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
Arbeiter gezaehlt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
vorausgesetzt, so fuegte Nothgroschen hinzu, dass er im Gefaengnis das
sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, dass er
durch seine leichtsinnige Majestaetsbeleidigung mehrere hundert
Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefaehrdet habe.

Die "Netziger Zeitung" trug der veraenderten Lage noch in anderer, sehr
bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
Hesslingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
gestiegen und Gausenfeld zur Zeit ueberlastet. Diederich sagte sich sofort,
dass dahinter der alte Kluesing selbst stecke. Er war beteiligt an der
Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand liess,
fuerchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblaetter! Die
Lieferungen fuer die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Dass
Diederich durch seine Zeugenaussage den Praesidenten auf sich aufmerksam
gemacht hatte, musste der Alte wohl erfahren haben - obwohl er kaum mehr in
die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das ueber
die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
unruhig. "Er moechte mich abspeisen mit der 'Netziger Zeitung'! Aber so
billig tun wir's nicht. In dieser harten Zeit! Hat er 'ne Ahnung von
meiner Grosszuegigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: - ich beerbe
ihn einfach!" sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
so dass Soetbier emporschrak. "Hueten Sie sich vor Aufregungen!" hoehnte
Diederich. "In Ihren Jahren, Soetbier! Ich gebe zu, frueher haben Sie
manches geleistet fuer die Firma. Aber die Geschichte mit dem Hollaender war
schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt haette ich ihn noetig fuer
die 'Netziger Zeitung'. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
mehr."

Zu den Folgen, die der Prozess fuer Diederich hatte, gehoerte auch ein Brief
des Majors Kunze. Dieser wuenschte ein bedauerliches Missverstaendnis
aufzuklaeren und teilte mit, dass der Aufnahme des hochverdienten Herrn
Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, geruehrt
durch seinen Triumph, haette am liebsten gleich die beiden Haende des alten
Soldaten ergriffen. Gluecklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, dass
der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurueckzufuehren war! Der
Regierungspraesident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
sich gewundert, den Doktor Hessling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
es inne, was fuer eine Macht er war. Er handelte demgemaess. Er antwortete
auf die private Eroeffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
den Verein und forderte den persoenlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kuehnchen. Sie kamen auch;
Diederich empfing sie, zwischen Geschaeftsbesuchen, die er absichtlich auf
diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
Adresse, von deren Ueberreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
abhaengig machte. Darin liess er sich bestaetigen, dass er, mit glaenzender
Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
kaisertreue Gesinnung bewaehrt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
beizubringen. Aus einem unter den groessten persoenlichen Opfern gefuehrten
Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.

Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
Traenen in der Stimme, bekannte sich unwuerdig, so viel Lob
entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
so sei dies, naechst Gott, einem Hoeheren zu danken, dessen erhabene
Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausfuehre ... Alle, auch
Kunze und Kuehnchen, waren bewegt. Es war ein grosser Abend. Diederich
stiftete einen Pokal - und er hielt eine Rede, worin er die
Schwierigkeiten beruehrte, denen die neue Militaervorlage im Reichstage
begegnete. "Einzig unser scharfes Schwert", rief Diederich aus, "sichert
unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
Seiner Majestaet des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
will, mag sich hueten, dass es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestaet
ist nicht zu spassen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen."
Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wuesste er manches. Im
selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. "Neulich auf dem
Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: 'Wenn die Kerls mir meine Soldaten
nicht bewilligen, raeum' ich die ganze Bude aus!'" - Das Wort erregte
Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
war, haette er nicht mehr sagen koennen, ob es von ihm selbst war oder nicht
doch vom Kaiser. Schauer der Macht stroemten aus dem Wort auf ihn ein, als
waere es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der "Netziger Zeitung"
und schon am Abend im "Lokal-Anzeiger". Schlechtgesinnte Blaetter
verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.





                                    V.


Noch schwellten solche Hochgefuehle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
nur wegen des Stueckes sein, das die Regierungspraesidentin beim naechsten
Fest der "Harmonie" auffuehren liess. Emmi und Magda sollten Rollen
bekommen. Freudegeroetet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war ueberaus
gnaedig gewesen; eigenhaendig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, dass sie
mit ihren fuenfzig Mark -. Aber Diederich eroeffnete ihnen einen
unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schoen genug.
Das Wohnzimmer lag voll von Baendern und kuenstlichen Blumen, die Maedchen
verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
Daimchen.

"Ich habe doch der gluecklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert",
sagte sie und versuchte goennerhaft zu laecheln; aber ihre Augen gingen
besorgt ueber die Baender und Blumen. "Das ist wohl auch fuer das dumme
Stueck?" fragte sie. "Wolfgang hat davon gehoert, er sagt, es ist unerhoert
dumm." Magda erwiderte: "Dir muss er es doch sagen, weil du nicht
mitspielst." Und Diederich erklaerte: "Damit entschuldigt er sich dafuer,
dass Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden." Guste lachte
geringschaetzig. "Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
wir gerade." Diederich fragte: "Wollen Sie den ersten Eindruck des
Prozesses nicht lieber voruebergehen lassen?" Er sah sie teilnehmend an.
"Liebes Fraeulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
darauf hinweisen, dass Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
Gesellschaft nicht gerade nuetzt." - Guste zuckte mit den Augen, man sah,
sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: "Gott sei Dank,
mit meinem Kienast ist es nicht so." Worauf Emmi: "Aber Herr Buck ist
interessanter. Neulich bei seiner Rede hab' ich geweint, wie im Theater."
- "Und ueberhaupt!" rief Guste ermutigt. "Erst gestern hat er mir diese
Tasche geschenkt." Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: "Er hat wohl viel verdient
mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind fuer Sparsamkeit." Aber
Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. "Dann will ich auch nicht laenger
stoeren", sagte sie.

Diederich begleitete sie hinunter. "Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
artig sind," sagte er, "aber vorher muss ich noch einen Blick in die Fabrik
tun. Gleich wird Schicht gemacht." - "Ich kann ja mitgehen", meinte Guste.
Um ihr zu imponieren, fuehrte er sie geradeswegs zu der grossen
Papiermaschine. "So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?" Und mit
Wichtigkeit erlaeuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
Zylindern, worueber hin, durch die ganze Laenge des Saales, die Masse floss:
zuerst waesserig, dann immer trockener - und am Ende der Maschine lief auf
grossen Rollen das fertige Papier ... Guste schuettelte den Kopf. "Nein so
was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!" Diederich, mit
seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
schrien gegen den Laerm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
Diederichs geheime Angst sah in dem duennen Bart des Maschinenmeisters
immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
Angelegenheit des Hollaenders erinnerte und die offene Verleugnung jeder
Autoritaet war. Je heftiger Diederich sich gebaerdete, desto ruhiger ward
der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend oeffnete
Diederich die Tuer zum Packraum und liess Guste eintreten. "Der Mann ist
Sozialdemokrat!" erklaerte er. "So ein Kerl waere imstande, hier Feuer zu
legen. Aber ich entlass' ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
der Staerkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!" Und da Guste
ihn bewundernd ansah: "Das haetten Sie wohl nicht gedacht, auf was fuer
einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
Gueter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehoert mehr Mut, als wenn einer
vor Gericht schoene Reden haelt."

Guste sah es ein, sie hatte eine andaechtige Miene. "Hier ist es kuehler,"
bemerkte sie, "wenn man aus der Hoelle nebenan kommt. Die Frauen hier
koennen froh sein." - "Die?" erwiderte Diederich. "Die haben es wie im
Paradies!" Er fuehrte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
Bogen, eine zweite pruefte nach, und die dritte zaehlte immerfort bis
fuenfhundert. Alles ging mit unerklaerlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
arbeitenden Haende, die im endlos ueber sie hingehenden Papier sich
aufzuloesen schienen: Haende und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
Guste gaehnte - indes Diederich erklaerte, dass diese Weiber, die im Akkord
arbeiteten, sich schaendliche Nachlaessigkeiten zuschulden kommen liessen. Er
wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
fehlte. Aber Guste sagte ploetzlich mit einer Art von Trotz: "Sie brauchen
sich uebrigens nicht einzubilden, dass Kaethchen Zillich sich fuer Sie
besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als fuer gewisse andere
Leute", setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
meine, laechelte sie bloss anzueglich. "Ich muss Sie doch bitten", wiederholte
er. Darauf nahm Guste ihre goennerhafte Miene an. "Ich sage es nur zu Ihrem
Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
Beispiel? Aber Kaethchen ist ueberhaupt so eine." Jetzt lachte Guste laut,
so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. "Mit
Jadassohn?" forschte er angstvoll. Da hoerte der Laerm der Maschine auf, die
Glocke ging, die den Schluss der Arbeit anzeigte, und ueber den Hof
entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. "Was
Fraeulein Zillich macht, laesst mich kalt", erklaerte er. "Hoechstens um den
alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
das denn genauer?" Guste sah weg. "Ueberzeugen Sie sich doch selbst!"
Worauf Diederich geschmeichelt lachte.

"Lassen Sie das Gas brennen!" rief er dem Maschinenmeister zu, der
vorbeiging. "Ich drehe selbst ab." Gerade ward der Lumpensaal weit
geoeffnet fuer die Fortgehenden. "Oh!" rief Guste, "dort drinnen ist es aber
romantisch!" Denn sie erblickte dahinten in der Daemmerung lauter bunte
Flecken aus grauen Huegeln und darueber einen Wald von Aesten. "Ach", sagte
sie im Naehertreten. "Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
sind ja bloss Lumpensaecke und Heizungsrohre." Und sie verzog das Gesicht.
Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
sich auf den Saecken ausruhten. Mehrere, kaum, dass die Arbeit fortgelegt
war, strickten schon, andere assen. "Das koennte euch passen", schnaubte er.
"Waerme schinden auf meine Kosten! Raus!" Sie standen langsam auf, ohne ein
Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
Maennerschuhen hinaus, schwerfaellig wie eine Herde und umgeben von dem
Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
draussen war. "Fischer!" schrie er ploetzlich. "Was hat die Dicke da unterm
Tuch?" Der Maschinenmeister erklaerte mit seinem zweideutigen Grinsen: "Das
ist nur, weil sie was erwartet", - worauf Diederich unzufrieden den Ruecken
wandte. Er belehrte Guste. "Ich glaubte, ich haette eine erwischt. Sie
stehlen naemlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus." Und da
Guste die Nase ruempfte: "Das ist doch zu gut fuer die Proletenkinder!"

Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
Ploetzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und kuesste es gierig, im
Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. "Ach so, alle Leute sind
schon fort." Sie lachte selbstsicher. "Ich hab' mir doch gleich gedacht,
was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben." Diederich machte ein
herausforderndes Gesicht. "Na und Sie? Warum sind Sie ueberhaupt gekommen
heute? Sie haben wohl gemerkt, dass ich doch nicht so ohne bin? Freilich
Ihr Wolfgang -. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
Gericht." Darauf sagte Guste entruestet: "Seien Sie nur ganz still, Sie
werden doch nie so ein feiner Mann wie er." Aber ihre Augen sagten etwas
anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. "Wie der es eilig hat mit
Ihnen! Wissen Sie auch, wofuer er Sie ansieht? Fuer einen Kochtopf mit Wurst
und Kohl, und ich soll ihn umruehren!" - "Jetzt luegen Sie", sagte Guste
vernichtend; aber Diederich war im Zuge. "Ihm ist naemlich nicht genug
Wurst und Kohl drin. - Anfangs hat er natuerlich auch gedacht, Sie haetten
eine Million geerbt. Aber fuer fuenfzigtausend Mark ist solch ein feiner
Mann nicht zu haben." Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurueck, so
gefaehrlich sah es aus. "Fuenfzigtausend! Ihnen ist gewiss nicht wohl? Wie
komme ich dazu, dass ich mir das muss sagen lassen! Wo ich bare
dreihundertfuenfzigtausend auf der Bank zu liegen hab', in richtiggehenden
Papieren! Fuenfzigtausend! Wer so etwas Ehrenruehriges von mir herumerzaehlt,
den kann ich ueberhaupt belangen!" Sie hatte Traenen in den Augen; Diederich
stammelte Entschuldigungen. "Lassen Sie nur" - und Guste benutzte ihr
Taschentuch. "Wolfgang weiss genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!" rief
sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
eingedrueckte Nase war ganz weiss geworden. Er sammelte sich. "Daran sehen
Sie doch, dass Sie mir auch ohne Geld gefallen", gab er zu bedenken. Sie
biss sich auf die Lippen. "Wer weiss", sagte sie mit einem Blick von unten,
schmollend und unsicher. "Fuer Leute, wie Sie, sind fuenfzigtausend auch
schon Geld."

Er hielt es fuer angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. "Ich bin wirklich
ganz echauffiert von Ihrem Betragen!" Aber sie lachte wieder. "Haben Sie
mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?" Er
nickte bedeutsam. "Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?" - "Na, auf einem
Lumpensack." - "Aber auf was fuer einem! In dieser Ecke, hinter den Saecken
hier hab' ich mal einen Arbeiter und ein Maedchen ertappt, wie sie gerade:
Sie verstehen. Natuerlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
selben Abend -" er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
Schauder hoeherer Dinge - "haben sie den Kerl totgeschossen, und das
Maedchen ist verrueckt geworden." Guste sprang auf. "War das -? Ach Gott,
das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
Saecken haben sie -?" Ihre Augen gingen ueber die Saecke, als suchte sie Blut
darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich gefluechtet. Ploetzlich sahen sie
einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgruendigen
Schauder, des Lasters oder des Uebersinnlichen. Sie atmeten hoerbar einander
an. Guste schloss, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
schon beide auf die Saecke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
seien sie dort unten am Ertrinken.

Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuss, an dem er sie festhalten
wollte, stiess sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, dass es krachte. Als
Diederich sich gluecklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
erlangte vor ihm die Sprache zurueck. "Das muessen Sie mit 'ner andern
versuchen! Wie komm' ich ueberhaupt dazu!" Immer erbitterter: "Ich hab'
Ihnen doch gesagt, dass es dreihundertfuenfzigtausend sind!" Diederich
bewegte die Hand, um auszudruecken, dass er seinen Missgriff zugebe. Aber
Guste schrie auf: "Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
Stadt gehen?" Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
"Haben Sie denn keine Buerste?" Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
rief ihm nach: "Dass gefaelligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
morgen die Leute von mir!" Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
zurueckkehrte, sass Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Haenden,
und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Traenen. Diederich blieb
stehen, hoerte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
Mit troestender Hand buerstete er sie ab. "Es ist doch nichts geschehen",
wiederholte er. Guste stand auf. "Das waere auch noch schoener", - und sie
musterte ihn mit Ironie. Da fasste auch Diederich Mut. "Ihr Herr Braeutigam
braucht es ja nicht zu wissen", bemerkte er. Und Guste: "Wenn schon!" -
wobei sie sich auf die Lippen biss.

Betroffen durch dies Wort buerstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
sich, indes Guste ihre Kleider glaettete. "Nun los!" sagte sie. "Eine
Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an." Er spaehte ihr unter
den Hut. "Wer weiss", sagte er. "Denn dass Sie Ihren Buck lieben, das glaub'
ich Ihnen seit fuenf Minuten nicht mehr." Schnell rief Guste: "O doch!" Und
ohne Pause fragte sie: "Was bedeutet denn das Zeug hier?"

Er erklaerte: "Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
Lumpen; Knoepfe und so weiter bleiben zurueck, wie Sie sehen. Die Leute
haben natuerlich wieder nicht aufgeraeumt." Mit der Schirmspitze stocherte
sie in dem Haufen; er setzte hinzu: "Im Jahr behalten wir mehrere Saecke
Ueberbleibsel!" - "Und was ist das da?" fragte Guste und griff rasch hin,
nach etwas, das glaenzte. Diederich riss die Augen auf. "Ein Brillantknopf!"
Sie liess ihn funkeln. "Echt sogar! Wenn Sie oefter so was finden, ist Ihr
Geschaeft nicht so uebel." Diederich sagte zweifelnd: "Den muss ich natuerlich
abliefern." Sie lachte. "An wen denn? Die Abfaelle gehoeren doch Ihnen!" Er
lachte auch. "Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
ausfindig machen, wer uns das geliefert hat." Guste sah ihn von unten an.
"Sie sind schoen dumm", sagte sie. Er erwiderte mit Ueberzeugung: "Nein!
Sondern ich bin ein Ehrenmann!" Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
kleinen Finger. "Er muss als Ring gefasst werden!" rief sie aus, wie
erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. "Na, sollen ihn
andere Leute finden!" - und unvermutet warf sie den Knopf zurueck in die
Lumpen. "Sind Sie verrueckt?" Diederich bueckte sich, sah ihn nicht gleich
und liess sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
durcheinander. "Gott sei Dank!" Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
Guste nahm ihn nicht. "Ich goenne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
sieht. Der steckt ihn ein, darauf koennen Sie sich verlassen, der ist nicht
so dumm." - "Ich auch nicht", erklaerte Diederich. "Denn wahrscheinlich
waere der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umstaenden brauche
ich es nicht fuer inkorrekt zu halten -." Er legte den Brillanten wieder
auf ihren Finger. "Und wenn es auch inkorrekt waere, er steht Ihnen so
gut." Guste sagte ueberrascht: "Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?"
Er stammelte: "Sie haben ihn ja gefunden, da muss ich wohl." Da jubelte
Guste. "Das wird mein schoenster Ring!" - "Warum?" fragte Diederich, voll
banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: "Ueberhaupt ..." Und mit einem
ploetzlichen Blick: "Weil er nichts kostet, wissen Sie." Hierueber erroetete
Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.

"Ach Herr Gott!" rief Guste ploetzlich. "Es muss schrecklich spaet sein.
Schon sieben? Was sag' ich nur meiner Mutter?... Ich weiss, ich sag' ihr,
ich hab' bei einem Troedler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
ist unecht, und hat bloss fuenfzig Pfennig verlangt!" Sie oeffnete ihren
goldenen Sack und liess den Knopf hineinfallen. "Also adieu ... Aber Sie
sehen aus! Wenigstens muessen Sie sich die Krawatte binden." Im Sprechen
tat sie es schon selbst. Er fuehlte ihre warmen Haende unter seinem Kinn;
ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiss, er
hielt den Atem zurueck. "So", machte Guste und brach ernstlich auf. "Ich
drehe nur das Gas ab", rief er ihr nach. "Warten Sie doch!" - "Ich warte
schon", antwortete sie von draussen; - aber als er auf den Hof trat, war
sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
hin. "Nun sag' mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?" Er schuettelte
sorgenvoll den Kopf ueber das ewige Raetsel der Weiblichkeit, das in Guste
verkoerpert war.



Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwaerts mit Guste, freilich
ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozess gruppierten,
hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hoerte er nichts
mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
Regierungspraesidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wusste nicht
wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
Schwestern Rollen bekommen im Stueck der Praesidentin. Nur dauerte alles zu
lange fuer Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
Man quoll ueber von Hoffnungen, Aussichten, Plaenen; in jeden Tag, der
anfing, haette man das alles auf einmal ergiessen wollen; und wenn er aus
war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfasste Diederich.
Mehrmals versaeumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
Ruecken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
abendlich leere Meisestrasse zu Ende, durchmass die lange Gaebbelchenstrasse,
mit den vorstaedtischen Gasthaeusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben sass, bewacht
von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
nicht hatte traeumen lassen. "Hochmut kommt vor dem Fall", dachte
Diederich. "Wie man sich bettet, so liegt man." Und obwohl er den
Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei gefuehrt hatten, nicht
ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefaengnisses eine
Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht -? Ein
Gruseln ueberlief Diederich, und er enteilte.

Hinter dem Burgtor fuehrte die Landstrasse zu dem Huegel mit der
Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Hessling
das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
ihm jetzt fern; - vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
Gausenfelder Strasse ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
zoegernd, denn es waere ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
Wege ueberrascht haette. Aber es liess ihn nicht: die grosse Papierfabrik zog
ihn an wie ein verbotenes Paradies, er musste ihr auf einige Schritte
nahekommen, sie umkreisen, ueber ihre Mauer schnueffeln ... Eines Abends
ward Diederich aus dieser Taetigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum dass er noch Zeit behielt, sich in den
Graben zu kauern. Und waehrend die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
Fabrik, die sich verspaetet hatten, an seinem Versteck vorueberkamen,
drueckte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fuehlte, ihr
begehrliches Funkeln haette ihn verraten koennen.

Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
"Gruene Engel", eins der niedersten Gasthaeuser, krumm vor Alter, schmutzig
und uebel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewoelbten Gang eine
Frauensperson. Diederich, von jaeher Abenteuerlust gepackt, drang
hinterdrein. Wie sie das roetliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
musste, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. "Guten Abend,
Fraeulein Zillich!" - "Guten Abend, Herr Doktor!" Und da standen sie beide
mit offenem Munde. Kaethchen Zillich war die erste, die etwas
hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, dass
Kaethchen in einer noch viel verdaechtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
also, seine Anwesenheit im "Gruenen Engel" zu erklaeren, und schlug einfach
vor, dann koenne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Kaethchen
weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch fuer sie Bier. "Prost!"
sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, dass sie
bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
sich beinahe verlobt haetten. Kaethchen ward unter ihrem Schleier rot und
blass und verschuettete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
geschoben und sass breit davor. "Nun muessen die Kinder aber gleich kommen!"
sagte er gutmuetig. Statt ihrer kam Jadassohn: ploetzlich stand er da und
sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. "Also
doch!" dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Aehnliches zu denken;
keiner der Herren fand Worte. Kaethchen begann wieder von Kindern und
Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hoerte ihr
mit Missbilligung zu, er liess sogar die Bemerkung fallen, gewisse
Geschichten seien ihm zu verwickelt, - und er blickte inquisitorisch auf
Diederich.

"Im Grunde", versetzte Diederich, "ist es doch einfach. Fraeulein Zillich
sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr."

"Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen", ergaenzte Jadassohn
schneidend; da sagte Kaethchen: "Und von wem auch nicht."

Die Herren setzten die Glaeser hin. Kaethchen hatte es aufgegeben zu weinen,
sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwuerdig hellen Augen
von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverbluemtes
bekommen. "Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind", setzte sie hinzu,
indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Kaethchens
anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
bis Diederich sich gegen Kaethchen entruestete. "Heute lernt man Sie aber
gruendlich kennen!" rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Kaethchen
ihr Damengesicht zurueck. "Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?"
Jadassohn ergaenzte: "Ich nehme an, dass Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
treten wollen!" - "Ich meine nur," stammelte Diederich, "so gefaellt
Fraeulein Zillich mir viel besser." Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
"Neulich, wie wir uns beinahe verlobt haetten, hat sie mir nicht halb so
gefallen." Da lachte Kaethchen los: ein Gelaechter, ganz frei aus dem
Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
lachte mit, Jadassohn auch, alle drei waelzten sich lachend auf ihren
Stuehlen umher und riefen nach mehr Kognak.

"Nun muss ich aber gehen," sagte Kaethchen, "sonst kommt Papa vor mir nach
Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
Bilder." Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. "Da haben
Sie auch welche." Jadassohn bekam die Suenderin Magdalena, Diederich das
Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. "Ich will auch eine
Suenderin." Kaethchen suchte, fand aber keine mehr. "Also bleibt es bei dem
Schaf", entschied sie, und man zog ab, Kaethchen in der Mitte eingehaengt.
Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
beleuchtete Gaebbelchenstrasse dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
Kaethchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklaerte sie, eilen zu muessen,
und verschwand in der Seitengasse. "Adieu Schaf!" rief sie Diederich zu,
der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und ploetzlich
nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu ueberzeugen, dass
dies alles nur ein zufaelliger Scherz sei. "Es liegt durchaus nichts
Missverstaendliches vor, das moechte ich feststellen."

"Ich denke nicht daran, hier etwas misszuverstehen", sagte Diederich.

"Und wenn ich", fuhr Jadassohn fort, "den Vorzug haette, von der Familie
Zillich fuer eine naehere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
Vorfall wuerde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
wenn ich dies ausspreche."

Diederich erwiderte: "Ich weiss Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
wuerdigen." Darauf schlugen die Herren die Absaetze zusammen, schuettelten
einander die Haende und trennten sich.

Kaethchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
Diederich war ueberzeugt, sie wuerden sich gleich jetzt wieder im "Gruenen
Engel" zusammenfinden. Er oeffnete den Winterrock, ein Hochgefuehl schwellte
ihn, weil er eine boesartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmaessig
aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
fuer Jadassohn. Auch er selbst wuerde so gehandelt haben! Unter Maennern
verstaendigte man sich. Aber so ein Weib! Kaethchens anderes Gesicht, die
Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
war, dies tueckische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
Grunde seines eigenen Herzens wusste: es erschuetterte ihn wie ein Blick ins
Bodenlose. Er knoepfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
ausserhalb der buergerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.

Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
bedrohlich, dass die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Hessling nahm
ihren Mut zusammen. "Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?" Anstatt
einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. "Mit Kaethchen Zillich
verkehrt ihr nicht mehr!" Da sie ihn ansahen, erroetete er und stiess
drohend aus: "Sie ist eine Verworfene!" Aber sie verzogen nur den Mund;
und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
schienen sie nicht weiter aufzuregen. "Du sprichst wohl von Jadassohn?"
fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurueck. Sie waren also
eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er musste sich die Stirn
trocknen. Magda sagte: "Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
bei Kaethchen, uns hast du ja nicht gefragt", worauf Diederich, um sein
Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoss gab, dass alle aufkreischten.
Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
anstaendige Maedchen. Frau Hessling bat zitternd: "Du brauchst ja nur deine
Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn." Und Diederich sah sie wirklich
an; er blinzelte, und er ueberlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
ihrem Leben angefangen hatten ... "Ach was," entschied er und richtete
sich stramm auf, "euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
Frau habe, die soll sich wundern!" Da die Maedchen einander zulaechelten,
erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
dachten auch sie mit ihrem Laecheln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
Guste vor sich, weissblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
fleischigen Lippen oeffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
hatte vorhin Kaethchen Zillich getan, als sie ihm "Adieu Schaf!" zurief,
und Guste, die ihr im Typus so aehnlich war, wuerde mit ausgestreckter Zunge
und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!

Magda sagte eben: "Kaethchen ist schoen dumm; aber begreiflich ist es ja,
wenn man so lange warten muss und keiner kommt."

Sofort griff Emmi ein. "Wen meinst du, bitte? Wenn Kaethchen sich mit
irgendeinem Kienast begnuegt haette, wuerde sie wohl auch nicht mehr warten."

Magda, im Bewusstsein, die Tatsachen fuer sich zu haben, blaehte einfach ihre
Bluse auf und schwieg.

"Ueberhaupt", Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. "Wie kannst du
das gleich glauben, was die Maenner von Kaethchen reden. Das ist
abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?"
Empoert liess sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
die Schultern - indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
Uebergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen -? Bei
einer so langen Verlobung -? "Es gibt Situationen," aeusserte er, "wo es
nicht mehr Klatsch ist." Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.

"Und wenn schon! Kaethchen tut, was sie will! Wir Maedchen haben ebensogut
wie ihr das Recht, unsere Individualitaet auszuleben! Die Maenner sollen
froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!"

Diederich stand auf. "Das will ich in meinem Hause nicht hoeren", sagte er
ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.

Frau Hessling brachte ihm die Zigarre. "Von meinem Diedel weiss ich ganz
genau, dass er so eine niemals heiraten wird;" - sie streichelte ihn
troestend. Er versetzte mit Nachdruck: "Ich kann mir nicht denken, Mutter,
dass ein echter deutscher Mann das jemals getan hat."

Sie schmeichelte. "O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
Kauf, worueber die Leute reden." Unter seinem gebieterischen Blick
schwatzte sie angstvoll weiter. "Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
geredet." Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. "Na ja," erklaerte
sie schuechtern. "Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
zu frueh."

Nach diesem Ausspruch musste Frau Hessling sich hinter den Ofenschirm
zurueckziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. "Das ist
das Neueste!" riefen Emmi und Magda. "Also wie war die Geschichte!"
Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. "Wenn wir
deinen Maennerklatsch angehoert haben!" riefen die Schwestern und suchten
ihn fortzudraengen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah haenderingend in das
Handgemenge. "Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
geschenkt."

"Also daher!" rief Magda. "So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
aus! Daher die goldenen Taschen!"

Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. "Sie kommt aus Magdeburg!"

"Und der Braeutigam?" fragte Emmi. "Kommt der auch aus Magdeburg?"

Ploetzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betaeubt. Dann kehrte
Emmi ganz still auf das Sofa zurueck, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
Magda fing an, den Tisch abzuraeumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
Hessling sich duckte, schritt Diederich zu. "Siehst du nun, Mutter, wohin
es fuehrt, wenn man seine Zunge nicht huetet? Du willst doch wohl nicht
behaupten, dass Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet." Wimmernd
kam es aus der Tiefe: "Ich kann doch nichts dafuer, mein lieber Sohn. Ich
dachte schon laengst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
nicht sicher. Kein lebender Mensch weiss mehr etwas." Aus ihrem Buch heraus
warf Emmi dazwischen: "Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
das Geld fuer seinen Sohn holt." Und in das Tischtuch hinein, das sie
faltete, sagte Magda: "Es soll manches vorkommen." Da hob Diederich die
Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
unterdrueckte er aber das Entsetzen, das ihn uebermannen wollte. "Bin ich
denn hier unter Raeuber und Moerder gefallen?" fragte er sachlich und ging
in strammer Haltung zur Tuer. Dort wandte er sich um. "Ich kann euch
natuerlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklaeren, dass ich mit euch
nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!" Und er ging
ab.

Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmaessigem Verhalten
freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schaendlichen Raub abjagen
wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurueckschrecken. "Mit
gepanzerter Faust", sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Haerte;
Bedenken kamen. Sein Eingreifen wuerde immerhin bewirken, dass die ganze
Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
Komment hatte, heiratete solch ein Maedchen noch. Diederichs eigenstes
Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfuenfzigtausend
Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit waere
guenstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schuettelte den Gedanken
mit Entruestung ab. Er erfuellte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
Maenner. Was lag an einem dieser Geschoepfe, die ihrerseits, Diederich hatte
es erfahren, jedes Verrates faehig waren. Nur noch des fuenften Glases
bedurfte es, und sein Entschluss stand fest.

Beim Morgenkaffee bekundete er ein grosses Interesse fuer die Toiletten der
Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie naehte jetzt bei
Bucks, Tietz', Harnischs und ueberall. Die grosse Inanspruchnahme dieses
Maedchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfuellen. Er erbot
sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
schaffen. Nicht ohne Muehe gelang es ihm. Zum zweiten Fruehstueck begab er
sich alsdann so geraeuschlos, dass nebenan im Wohnzimmer das Gespraech nicht
gestoert ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
fielen, zeigten sie sich entsetzt und unglaeubig. Frau Hessling beklagte es
am lautesten, dass Fraeulein Gehritz so etwas auch nur denken koenne. Die
Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
Soeben komme sie von der Buergermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
geradezu verlangt habe, dass ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
es ihr Muehe, die Damen zu ueberzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
Waende tatsaechlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, dass ein
Geruecht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
Ofens hinaus und ueber die ganze Stadt zog.

Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, dass das gesunde
Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umstaenden ein Faktor sei, den man
billigen und sogar benutzen koenne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
Fischer herum: da - es laeutete schon - entstand bei der Satiniermaschine
ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
gleichzeitig hinstuerzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
schwarzem Blut, Diederich liess sofort nach dem staedtischen Krankenhaus
telephonieren. Inzwischen, so uebel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
er selbst dabei, waehrend der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
haeuslichen Verhaeltnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
fuer sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlaegerig; das Maedchen
ernaehrte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
Jahre alt. - Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Uebrigens seien
die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. "Sie hat sich
das Unglueck selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,"
sagte er milder, "nun kommen Sie mal mit, Fischer!"

Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. "Das kann man brauchen auf den
Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, dass ich zahlen muss?
Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl fuer genuegend?"
Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: "Sie wollen sagen, ich
kann es auf einen Prozess ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
zahle gleich."

Napoleon Fischer zeigte verstaendnislos sein grosses gelbes Gebiss, und
Diederich fuhr fort: "Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das koennte bloss
der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
Parteiblatt ueber seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklaert. Ich lasse mich
freilich nicht wegen Majestaetsbeleidigung einsperren und mache dadurch
meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
soziale Gesinnung zu bekunden." Er machte eine feierliche Pause. "Und
darum habe ich mich entschlossen, dem Maedchen die ganze Zeit, die es im
Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?"
fragte er rasch.

"Eine Mark fuenfzig", sagte Napoleon Fischer.

"Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwoelf Wochen liegen ...
Ewig natuerlich geht es nicht."

"Sie ist erst vierzehn", sagte Napoleon Fischer, von unten. "Sie kann
Schadenersatz verlangen." Diederich erschrak, er schnaufte.

Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
geballt war. Diederich zog sie hervor. "Nun setzen Sie die Leute von
meinem hochherzigen Entschluss in Kenntnis! Das passt Ihnen wohl nicht in
den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzaehlt ihr euch natuerlich
lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich grosse
Reden ueber Herrn Buck."

Napoleon Fischer sah verstaendnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
"Ich finde es wohl auch nicht eben schoen," fuhr er fort, "wenn jemand
seinen Sohn ausgerechnet das Maedchen heiraten laesst, mit dessen Mutter er
selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber -"

In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.

"Aber!" wiederholte Diederich stark. "Ich waere durchaus nicht
einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die staedtischen Behoerden
aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
kann." Seine Faust schlug entruestet durch die Luft. "Mir hat man schon
nachgesagt, dass ich den Prozess gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten."

Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich naeher zu dem anderen hin.
"Na, und weil ich Ihren Einfluss kenne, Fischer ..."

Ploetzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Flaeche lagen drei grosse
Goldstuecke.

Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
Teufel. "Nein!" rief er, "und abermals nein! Meine Ueberzeugung kann ich
nicht verraten! Fuer allen Mammon der Welt nicht!"

Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurueck; so nahe hatte er
dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. "Die Wahrheit muss ans Licht!"
kreischte Napoleon Fischer. "Dafuer werden wir Proletarier sorgen: Das
koennen Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
Klassen ..."

Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. "Fischer," sagte er
eindringlich, "das Geld biete ich Ihnen dafuer, dass mein Name in der Sache
nicht genannt wird." Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
erschien in seiner Miene.

"Zeugniszwang, Herr Doktor, ueben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fuerchten."

"Dann ist alles in Ordnung", sagte Diederich erleichtert. "Ich wusste
schon, Fischer, dass Sie ein grosser Politiker sind. Und darum, wegen des
Maedchens, ich meine die verunglueckte Arbeiterin -. Ich habe Ihnen soeben
mit meiner Mitteilung ueber die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
getan ..."

Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. "Weil Herr Doktor sagen, dass ich
ein grosser Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
reden. Intimitaeten aus den ersten Kreisen sind fuer uns doch wichtiger als
-"

"- als so ein Maedchen", ergaenzte Diederich. "Sie denken immer als
Politiker."

"Immer", bestaetigte Napoleon Fischer. "Mahlzeit, Herr Doktor."

Er zog sich zurueck - indes Diederich feststellte, dass die proletarische
Politik ihre Vorzuege habe. Er schob seine drei Goldstuecke wieder in die
Tasche.



Am Abend des naechsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
umher, bis ihnen die Haelse schmerzten; dann liessen sie sich nervoes auf den
Rand eines Stuhles nieder. "Mein Gott, es ist doch Zeit!" Aber Diederich
war fest entschlossen, nicht wieder zu frueh zu kommen, wie beim Prozess
Lauer. Die ganze Wirkung der Persoenlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
frueh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
nochmals bei Frau Hessling, dass sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
Nochmals sagte Frau Hessling: "Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
Frau bin zu schwach fuer so was Grosses. Geniesst ihr es nur, Kinder!" Und
sie umarmte unter Traenen ihre Toechter, die kuehl abwehrten. Denn sie
wussten, dass die Mutter bloss Angst hatte, weil jetzt ueberall von nichts
weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
sie selbst schuld war.

Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. "Na, Bucks und Daimchens!
Gespannt bin ich bloss, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
sind." Magda sagte ruhig: "Das muessen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, dass
es wahr ist." - "Wennschon", erklaerte Emmi. "Ich finde, dass das ihre Sache
ist. Ich rege mich darueber nicht auf." - "Ich auch nicht", setzte
Diederich hinzu. "Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
gehoert, Fraeulein Tietz."

Hierueber geriet Inge Tietz ausser sich. So leicht duerfe man den Skandal
denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, dass sie sich das Ganze ausgedacht
habe. "Die Bucks haben schon laengst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
das wissen ihre eigenen Dienstboten." - "Also Dienstbotenklatsch", sagte
Diederich, waehrend er einen kleinen Stoss erwiderte, den Magda ihm mit dem
Knie gab. Dann musste man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Strasse mit der tief gelegenen alten
Riekestrasse verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
Ballschuhe wurden nass; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
feindselig gafften. Haette man nicht, als der ganze Stadtteil hoeher gelegt
wurde, auch dieses Geruempel niederreissen koennen? Das historische
Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen - als ob die Stadt nicht die
Mittel gehabt haette, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
Gesellschaftsgebaeude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Peruecke, aber sonst nichts
anhatte. "Vorsicht," sagte Diederich auf der Treppe, "sonst brechen wir
ein." Denn die beiden duennen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blass
geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, laechelte auf dem Gelaender
aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Buergermeister,
der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
Diederich sah ungnaedig an ihm vorbei.

In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Tuerspalt in den Festsaal
zu spaehen - und ploetzlich wurden die Maedchen von Entsetzen ergriffen: die
Vorstellung hatte begonnen! Magda stuerzte durch die Galerie und brach in
Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie laechelte erregt und fluesterte:
"Es geht gut, mein Stueck gefaellt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fraeulein
Hessling, gehen Sie nur und kleiden sich um." Ach ja! Emmi und Magda hatten
erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
Nebenraeume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Praesidentin vor
und blieb ratlos stehen. "Jetzt duerfen Sie nicht hinein, es wuerde stoeren",
sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
Lack der Waende zeigte launische Spruenge, und auf den Panneaus starben die
Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloss eine kleine
Tuer, durch die jemand einzutreten schien, eine Schaeferin mit ihrem
bebaenderten Stab. Sie schloss die Tuer ganz vorsichtig, damit nur die
Vorstellung nicht gestoert werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schaeferin.

"Dies Haus ist so romantisch", fluesterte Frau von Wulckow. "Finden Sie
nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
einen Reifrock anzuhaben" - worauf Diederich, immer ratloser, ihr
Haengekleid ansah. Die entbloessten Schultern waren hohl und nach vorn
gebogen, die Haare von slawischem Weissblond, und Frau von Wulckow trug
einen Zwicker.

"Sie passen hier glaenzend herein, Frau Praesidentin ... Frau Graefin",
verbesserte er und sah sich mit einem Laecheln belohnt fuer seine kuehne
Schmeichelei. Nicht jeder wuerde Frau von Wulckow so treffsicher daran
erinnert haben, dass sie eine geborene Graefin Zuesewitz war!

"Tatsaechlich", bemerkte sie, "sollte man kaum glauben, dass dies Haus
seinerzeit nicht fuer eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
ist, sondern nur fuer die guten Netziger Buerger." Sie laechelte nachsichtig.

"Ja, das ist komisch", bestaetigte Diederich mit einem Kratzfuss. "Aber
heute koennen sich zweifellos nur Frau Graefin hier ganz zu Hause fuehlen."

"Sie haben gewiss Sinn fuer das Schoene", vermutete Frau von Wulckow; und da
Diederich es bestaetigte, erklaerte sie, dann duerfe er den ersten Akt doch
nicht ganz versaeumen, sondern muesse durch den Tuerspalt sehen. Sie selbst
trat schon laengst von einem Fuss auf den anderen. Sie wies mit dem Faecher
nach der Buehne. "Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
hat den Leuten die kuenstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
Verstaendnis gebracht." Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
denn er hatte sich gar nicht veraendert, erlaeuterte die Dichterin ihm mit
fliegender Gelaeufigkeit die Vorgaenge. Das junge Bauernmaedchen, mit dem
Kunze sich unterhielt, war seine natuerliche Tochter, also eine
Grafentochter, weshalb das Stueck denn auch "Die heimliche Graefin" hiess.
Gerade klaerte Kunze sie, baerbeissig wie immer, ueber diesen Umstand auf.
Auch eroeffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
ihr die Haelfte seiner Besitztuemer vererben. Hierueber herrschte, als er
abgegangen war, laute Freude bei dem Maedchen und ihrer Pflegemutter, der
braven Paechtersfrau.

"Wer ist denn die schreckliche Person?" fragte Diederich, bevor er es
bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.

"Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
fuer die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr."

Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
gemeint. "Das Fraeulein Nichte ist ganz reizend", beteuerte er schnell und
blinzelte entzueckt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
Schultern sass - und es waren Wulckows Schultern! "Talent hat sie aber
auch", setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
"Passen Sie nur auf" - und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
Welch eine Ueberraschung! Er hatte ganz neue Buegelfalten und trug in seinem
imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
funkelte, Jadassohns Ohren ueberstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
behandschuhten Haende, als plaedierte er fuer viele Jahre Zuchthaus; und
tatsaechlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
wisperte: "Er ist ein schlechter Charakter."

"Und ob", sagte Diederich mit Ueberzeugung.

"Kennen Sie denn mein Stueck?"

"Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will."

Naemlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Haelfte seiner ihm von Gott
verliehenen Besitztuemer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
gebieterisch, dass sie augenblicklich das Feld raeume; widrigenfalls er sie
als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmuendigen lassen werde.

"Das ist eine Gemeinheit", bemerkte Diederich. "Sie ist doch seine
Schwester." Die Dichterin erklaerte ihm:

"Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiss aus den
Guetern machen will. Er arbeitet eben fuer das ganze Geschlecht, mag auch
der einzelne zu kurz kommen. Fuer die heimliche Graefin ist das natuerlich
tragisch."

"Wenn man es recht bedenkt -", Diederich war hocherfreut. Dieser
aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
Neigung fuehlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschaeft zu beteiligen.

"Frau Graefin, Ihr Stueck ist erstklassig", sagte er, durchdrungen. Aber da
zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
Geraeusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. "Er uebertreibt",
stoehnte die Dichterin. "Ich habe es ihm immer gesagt."

Denn Jadassohn fuehrte sich wirklich unerhoert auf. Die Nichte samt der
komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und fuellte mit den
tobenden Bekundungen seiner graeflichen Persoenlichkeit die ganze Buehne. Je
mehr das Haus ihn missbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tuer
um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
nur, weil die Tuer kreischte - aber die Dichterin fuhr zurueck, sie verlor
den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
Diederich ihn ihr zurueckbrachte. Er versuchte, sie zu troesten. "Es hat
nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?" Sie horchte
durch die geschlossene Tuer. "Ja, Gott sei Dank", plapperte sie, und die
Zaehne schlugen ihr aufeinander. "Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
Leutnant, wissen Sie."

"Ein Leutnant spielt auch mit?" fragte Diederich achtungsvoll.

"Ja, das heisst, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, dass
er die heimliche Graefin in der ganzen Welt suchen wird."

"Sehr begreiflich", sagte Diederich. "Es liegt in seinem eigenen
Interesse."

"Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch."

"Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Graefin,
den haetten Sie nicht mitspielen lassen sollen", sagte Diederich
vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. "Schon wegen der Ohren."

Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:

"Ich dachte nicht, dass sie auf der Buehne so wirken wuerden. Glauben Sie
nun, dass es ein Misserfolg wird?"

"Frau Graefin!" Diederich legte die Hand auf das Herz. "Ein Stueck wie die
'heimliche Graefin' ist nicht so leicht Umzubringen!"

"Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die kuenstlerische
Bedeutung an."

"Gewiss. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluss" - und
Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.

Frau von Wulckow rief flehend aus:

"Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
Fabrikantenfamilie, und die heimliche Graefin dient dort als Stubenmaedchen.
Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Toechter hat er
sogar gekuesst, und nun macht er der Graefin einen Heiratsantrag, den sie
natuerlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie koennte sie!"

Diederich bestaetigte, es sei ausgeschlossen.

"Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
Klavierlehrer hat kuessen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
Leutnant, der -"

"O Gott, Frau Graefin!" Diederich streckte schuetzend die Haende vor, ganz
erregt durch so viele Verwicklungen. "Wie kommen Sie nur auf all die
Geschichten?"

Die Dichterin laechelte leidenschaftlich.

"Ja, naemlich das ist das Interessanteste: Nachher weiss man es nicht mehr.
Es geht so geheimnisvoll zu im Gemuet! Manchmal denke ich mir, ich muss es
geerbt haben."

"Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?"

"Das nicht. Aber wenn nicht mein grosser Vorfahre die Schlacht bei
Kroechenwerda gewonnen haette, wer weiss, ob ich die 'heimliche Graefin'
geschrieben haben wuerde. Es kommt schliesslich immer auf das Blut an!"

Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuss, und er wagte
nichts mehr zu fragen.

"Jetzt muss gleich der Vorhang fallen", sagte Frau von Wulckow. "Hoeren Sie
etwas?"

Er hoerte nichts; nur fuer die Dichterin gab es nicht Tuer noch Waende. "Jetzt
schwoert der Leutnant der fernen Graefin die ewige Treue", fluesterte sie.
"So"; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoss es
heftig zurueck; man klatschte: nicht stuermisch; aber man klatschte. Die Tuer
ward von drinnen geoeffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
Beifall lebhafter. Ploetzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen - worauf
gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entruestet ab. Der
Schwiegermutter des Buergermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsraetin
Harnisch, die ihr Glueck wuenschten, erklaerte sie: "Herr Assessor Jadassohn
ist als Staatsanwalt unmoeglich. Ich werde es meinem Mann sagen."

Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
Ploetzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die ueber Jadassohns
Ohren herfielen. "Die Praesidentin hat recht wacker gedichtet; nur
Jadassohns Ohren -." Als man hoerte, dass Jadassohn im zweiten Akt nicht
mehr wiederkomme, war man doch enttaeuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
Daimchen auf Diederich zu. "Haben Sie gehoert?" fragte er. "Jadassohn soll
eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren." Diederich sagte
missbilligend: "Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht." Und
dabei ueberwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
war vergessen. Vom Ausgang trug die duenne Schreistimme des Professor
Kuehnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie "Affenschande". Da die
Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
sich her, und jetzt verstand man es deutlich: "Eine ausgewachsene
Affenschande ist es!"

Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. "Dort sprechen sie auch davon",
sagte sie geheimnisvoll.

"Wovon?" stammelte Diederich.

"Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiss ich auch."

Hier brach Diederich der Schweiss aus. "Was haben Sie denn?" fragte Guste.
Buck, der durch die Seitentuer nach dem Buefett schielte, sagte
phlegmatisch:

"Hessling ist ein vorsichtiger Politiker, er hoert nicht gern mit an, dass
der Buergermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann."

Sofort ward Diederich dunkelrot.

"Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
ausdenken!"

Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. "Erstens scheint es Tatsache
zu sein, denn die Frau Buergermeister hat die beiden ueberrascht und sich
einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand."

Guste brachte hervor: "Na Sie, Herr Doktor, waeren natuerlich nie darauf
gekommen." Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
blitzte. "Aha!" sagte er stramm. "Jetzt weiss ich freilich genug." Und er
drehte ihnen den Ruecken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
ueber den Buergermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stiess zu
der Gruppe Kuehnchens, die sich nach dem Buefett hin bewegte und ein
Kielwasser von sittlicher Entruestung hinterliess. Die Schwiegermutter des
Buergermeisters schwur mit rotem Gesicht, "diese Gesellschaft" werde ihr
Haus kuenftig nur noch von aussen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
Entgleisung bei einem bewaehrten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
ausgeschlossen erscheine. Professor Kuehnchen war vielmehr der Meinung, dass
ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefaehrde. Selbst Doktor
Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern fuer freie Menschen veranstaltete,
machte die Bemerkung, an Familiensinn, man koenne auch sagen Nepotismus,
habe es dem alten Buck niemals gefehlt. "Beispiele dafuer liegen Ihnen
allen auf der Zunge. Und dass er jetzt, um das Geld in der Familie zu
erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
verheiraten, das, meine Herrschaften, wuerde ich aerztlich als greisenhafte
Ausschreitung einer frueher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren."
Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
schickte ihr Kaethchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.

Auf ihrem Wege kam Kaethchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begruesste
sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
Gesicht. Am Buefett bemerkte man es und aeusserte Missbilligung, vermischt mit
Mitleid. Guste musste nun eben erfahren, was es hiess, sich ueber die
oeffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, dass sie
vielleicht getaeuscht und schlecht beeinflusst sei: Frau Oberinspektor
Daimchen aber, die wusste doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
Schwiegermutter des Buergermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
Gestaendnis hervorzulocken aus der verhaerteten alten Frau, der eine
legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfuellte!...

"Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!" kreischte Kuehnchen. Tatsaechlich, wen
wollte dieser Herr glauben machen, dass er ueber die neue Schande, die seine
Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zoegern, die
schmutzige Waesche seiner Schwester und seines Schwagers oeffentlich vor
Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
den es noch immer draengte, seine eigene Haltung im Prozess nachtraeglich zu
verbessern, erklaerte: "Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komoediant!"
Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
anfechtbare Ueberzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
"Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Dass Sie fuer ihn eintreten, spricht zu
Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiss;" - worauf Diederich sich
zurueckzog, mit bekuemmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
alles hoerte.

Ploetzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Buehne, erblickte
man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Maedchen. Es schien, er
erklaerte ihnen die Malereien an den Waenden, das Leben von ehemals, das
verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gaerten und den Menschen
allen, laermend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
hingetaeuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt laermte ...
Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Maedchen und der Alte, den
Figuren nach. Gerade ueber ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
in Peruecke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Haeupten
der Treppe stand. In dem lieblichen Gehoelz voller Blumen aber, das damals
wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblueht hatte, tanzten ihm
helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz ueber ihn und wollten ihn damit
umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
glueckliches Gesicht. So gluecklich laechelte in diesem Augenblick auch der
alte Buck, liess sich von den Maedchen hin und her ziehen und war von ihnen
gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
Grade abgestumpft, dass er seine natuerliche Tochter -: "_Unsere_ Toechter
sind eben doch keine natuerlichen Kinder", sagte Frau Warenhausbesitzer
Cohn. "Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!"... Buck und seine
jungen Freundinnen merkten gar nicht, dass sie sich am Ende eines leeren
Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. "Die Familie ist die laengste Zeit
obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
zwei!"... "Das ist ja der reinste Rattenfaenger!" murrte es; und drueben:
"Ich sehe es nicht noch laenger mit an!" Jaeh entrangen sich zwei Damen dem
allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
Ziel puenktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemaechtigte
die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
Genugtuung, als sie wieder anlangten! "Ich war einer Ohnmacht nahe", sagte
die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Kaethchen sich einfand.

Die gute Laune kehrte zurueck, man scherzte ueber den alten Suender und
verglich ihn mit dem Grafen im Stueck der Praesidentin. Freilich, Guste war
keine heimliche Graefin; in einer Dichtung konnte man, der Praesidentin zu
gefallen, mit solchen Zustaenden sympathisieren. Uebrigens waren sie dort
noch ertraeglich, denn die Graefin sollte nur ihren Vetter heiraten, waehrend
Guste -!

Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine kuenftige
Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; - und Diederich
sogar fragte sich, ob Frau Hesslings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
hier einen Koerper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
galt dem alten Herrn Buck, der ehrwuerdigsten Figur aus Diederichs
Kindertagen, dem grossen Mann der Stadt, der Verkoerperung ihres
Buergersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
Herzen fuehlte Diederich ein Straeuben gegen sein Unterfangen. Auch schien
es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch laengst
nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann musste Diederich
darauf gefasst sein, dass alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloss die
Familie, die broeckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
Bankerott, der Schwiegersohn im Gefaengnis, die Tochter auf Reisen mit
einem Liebhaber, und von den Soehnen einer verbauert, der andere verdaechtig
durch Gesinnung und Lebensfuehrung, - jetzt schwankte er, zum ersten Male,
selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
Nebenraeume zu besuchen.

Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stiess er mit der
Schwiegermutter des Buergermeisters zusammen, die es aus einem anderen
Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
verhindern, dass ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autoritaet decke. "Mit deiner
Autoritaet als Buergermeister, einen solchen Skandal!" Sie war heiser vor
Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
Pueffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
hatte Augen wie ein Hase. Die Voruebergehenden stiessen einander an und
wiederholten fluesternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
wusste. Angesichts so wichtiger Vorgaenge vergass er seine Leibschmerzen,
blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruss. Der Buergermeister
gab sich Haltung, verliess seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
"Mein lieber Doktor Hessling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
Fest, wie?"

Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
richtete sich auf wie das Verhaengnis und blitzte.

"Herr Buergermeister, ich fuehle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
lassen ueber gewisse Dinge, die -"

"Die?" fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.

"Die vorgehen", sagte Diederich nicht ohne Haerte. Der Buergermeister bat um
Erbarmen. "Ich weiss doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
allverehrten - ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck",
fluesterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.

"Es ist mehr. Sie duerfen sich nicht laenger taeuschen, Herr Buergermeister:
es betrifft Sie selbst."

"Junger Mann, ich muss doch bitten ..."

"Ich stehe Ihnen zur Verfuegung, Herr Buergermeister!"

Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
dahinten im Gedraenge.

"Buck und Genossen fuehren einen Gegenschlag", sagte Diederich sachlich.
"Sie sind entlarvt und raechen sich."

"An mir?" Der Buergermeister huepfte auf.

"Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
gerichtet. Kein Mensch wuerde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
politischen Kaempfe -"

Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
bekam Diederich die Stimme des Gerichts.

"Herr Buergermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
darauf vorbereitet, dass ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muss
man heut sein! Sie waren gewarnt!"

Doktor Scheffelweis stand Rede.

"Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestaet bin. Unser herrlicher
junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ..."

"Die persoenlichste Persoenlichkeit", ergaenzte Diederich streng.

Der Buergermeister sprach nach: "Persoenlichkeit ... Aber ich in meiner
Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!"

"Und mein Prozess? Ich habe die Feinde Seiner Majestaet glatt
zerschmettert!"

"Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
beglueckwuenscht."

"Mir nicht bekannt."

"Wenigstens im stillen."

"Heute muss man sich offen entscheiden, Herr Buergermeister. Seine Majestaet
haben es selbst gesagt: wer nicht fuer mich ist, ist wider mich! Unsere
Buerger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekaempfung
der umwaelzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!"

Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
reckte sich Diederich.

"Wo aber bleibt der Buergermeister?" fragte er, und seine Frage klang in
einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
entschloss, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
Erscheinung, blitzend, gestraeubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: "Einerseits - andererseits" -
und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wusste, was sie
wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!

Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
genoss einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
und im Geiste eines Hoeheren handelte. Der Buergermeister war laenger als er,
aber Diederich sah auf ihn hinunter, als haette er gethront. "Naechstens
haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an",
aeusserte er gnaedig und knapp. "Der Prozess Lauer hat einen Umschwung der
oeffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt -"

Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. "Ich bin ganz Ihrer
Meinung," fluesterte er beflissen, "Freunde des Herrn Buck duerfen nicht
mehr gewaehlt werden."

"Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
untergraebt man Ihren guten Ruf, Herr Buergermeister! Koennten Sie es heute
ueberleben, dass die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
widersprechen?" Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
wiederholte Diederich, ermutigend: "Es kommt nur auf Sie an." - Der
Buergermeister murmelte: "Ihre Energie und anstaendige Gesinnung in Ehren -"

"Meine hochanstaendige Gesinnung!"

"Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heisssporn, mein junger Freund.
Die Stadt ist noch nicht reif fuer Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
werden?"

Statt einer Antwort trat Diederich ploetzlich zurueck und machte einen
Kratzfuss. Im Eingang stand Wulckow.

Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
droehnend: "Na, Buergermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
haben Sie wohl hinausgeworfen?" - worauf Doktor Scheffelweis bleich
mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltuer um, die
noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so dass der Praesident von
drinnen nicht zu sehen war, und fluesterte ihm einige Worte zu, infolge
deren der Praesident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
zu Diederich: "Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen."

Diederich laechelte geschmeichelt. "Ihre Anerkennung, Herr Praesident, macht
mich gluecklich."

Wulckow aeusserte gnaedig: "Sie koennen gewiss auch sonst noch allerlei. Wir
muessen mal drueber reden." Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
seiner Augen, die voll einer warmbluetigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
waren: - glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
befriedigen. Er buerstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrueckte ihn aber
sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
und sagte: "Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?" Und in der Mitte
zwischen Diederich und dem Buergermeister schickte er sich an, mit Wucht
die Vorstellung zu stoeren: da kam vom Buefett her eine duenne Stimme:

"Ach Gott, Ottochen!"

"Na, da ist sie", brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
"Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
Reitergeist, meine beste Frieda!"

"Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst." Zu den
beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie gelaeufig, wenn auch bebend.
"Ich weiss wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen."

"Besonders," sagte Diederich schlagfertig, "wenn sie im voraus gewonnen
ist." Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow beruehrte ihn mit
dem Faecher.

"Herr Doktor Hessling hat mir naemlich schon waehrend des ersten Aktes hier
draussen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn fuer das Schoene, er gibt einem
sogar nuetzliche Winke."

"Hab' ich gemerkt", sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
seiner Frau dankerfuellte Kratzfuesse machte, setzte der Praesident hinzu:
"Bleiben wir lieber gleich beim Buefett."

"Das war auch mein Schlachtplan", plauderte Frau von Wulckow. "Um so mehr,
als ich jetzt festgestellt habe, dass man hier eine kleine Tuer nach dem
Saal oeffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberuehrten
Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_."

"Buergermeisterchen," sagte Wulckow und schnalzte, "den Hummersalat sollten
Sie sich auch kaufen." Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
"In der Sache mit dem staedtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
wieder eine jammervolle Rolle gespielt."

Der Buergermeister ass gehorsam und hoerte gehorsam zu - indes Diederich
neben Frau von Wulckow nach der Buehne ausspaehte. Dort hatte Magda Hessling
Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, kuesste sie
feurig, was sie nicht uebel zu vermerken schien. "Kienast duerfte das nicht
sehen", dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fuehlte er sich
gekraenkt. Er aeusserte:

"Finden Frau Graefin nicht doch, dass der Klavierlehrer zu naturalistisch
spielt?"

Die Dichterin erwiderte befremdet: "Ganz so lag es in meiner Intention."

"Ich meinte auch nur", sagte Diederich unsicher - und dann erschrak er,
denn in der Tuer erschien Frau Hessling oder eine Dame, die ihr aehnlich sah.
Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
lauter sprach Wulckow.

"Nee, Buergermeister. Auf den alten Buck koennen Sie sich diesmal nicht
'rausreden. Wenn er damals den staedtischen Arbeitsnachweis durchgedrueckt
hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache."

Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke
nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafuer sei das Dienstmaedchen gut
genug. Die Dichterin bemerkte:

"Das muss sie noch ordinaerer bringen. Es sind doch Parvenues."

Und Diederich laechelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese
Zustaende in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
die erklaerte, der Skandal muesse sogleich aus der Welt geschafft werden,
und die das Dienstmaedchen hereinrief. Aber wie das Maedchen sich zeigte,
verdammt, da war es die heimliche Graefin! In die Stille, die ihr Auftreten
bewirkte, toente Wulckows Bassstimme.

"Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.
Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?"

Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:
"Ottochen, um Gottes willen!"

"Was ist denn los?" Er trat in die Tuer. "Nun sollen sie mal zischen!"

Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Buergermeister zu:

"Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten beguetert
ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis - und dabei
vermitteln Sie auch fuer die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach
der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Buergermeisterchen?" Seine
Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis' nachgiebige Schulter. "Wir kommen
Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!"

Auf der Buehne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die
Fabrikantenfamilie durfte nichts hoeren.

"Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von
mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, fuer Geld moegen
andere sich erniedrigen. Ich aber weiss, was ich meiner edlen Geburt
schuldig bin!"

Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Traenen
fortwischen, die der Edelsinn der Graefin ihnen hatte entquellen lassen.
Aber die fortgewischten Traenen kamen wieder, als die Nichte sagte:

"Doch ach! Wo finde ich als Dienstmaedchen einen ebenso Hochgeborenen."

Der Buergermeister musste eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow
grollte: "Dafuer, dass es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.
Mein Geld ist mein Geld."

Da konnte Diederich sich nicht laenger enthalten, ihm mit einem Kratzfuss zu
danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuss auf sich.

"Ich weiss," sagte sie, selbst geruehrt, "die Stelle ist mir gelungen."

"Das ist Kunst, die zum Herzen spricht", stellte Diederich fest. Da Magda
und Emmi das Klavier und die Tueren zuschlugen, ergaenzte er: "Und
hochdramatisch." Hierauf nach der anderen Seite:

"Naechste Woche werden zwei Stadtverordnete gewaehlt fuer Lauer und Buck
junior. Gut, dass der von selbst geht." Wulckow sagte: "Dann sorgen Sie nur
dafuer, dass anstaendige Leute 'reinkommen. Sie sollen ja mit der 'Netziger
Zeitung' gut stehen."

Diederich daempfte vertraulich die Stimme. "Ich halte mich vorlaeufig noch
zurueck, Herr Praesident. Fuer die nationale Sache ist es besser."

"Sieh mal an", sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend
an. "Sie moechten sich wohl selbst waehlen lassen?" fragte er.

"Ich wuerde das Opfer bringen. Unsere staedtischen Koerperschaften haben zu
wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlaessig sind."

"Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?"

"Dafuer sorgen, dass der Arbeitsnachweis aufhoert."

"Na ja," sagte Wulckow, "als nationaler Mann."

"Ich als Offizier," sagte auf der Buehne der Leutnant, "kann nicht dulden,
liebe Magda, dass dieses Maedchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd
ist, irgendwie misshandelt wird."

Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Graefin
haette heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fuehlte die Zuschauer
vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. "Die Erfindung ist
aber auch meine starke Seite", sagte sie zu Diederich, der tatsaechlich
verbluefft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen
der dramatischen Dichtung zu ueberlassen; er sah sich gefaehrdet.

"Niemand", beteuerte er, "wuerde freudiger einen Geist -" Wulckow
unterbrach ihn.

"Kennen wir, Buergermeisterchen. Freudig begruessen koennen Sie, wenn's nichts
kostet."

Diederich setzte hinzu: "Aber einen glatten Strich ziehen zwischen
Kaisertreuen und Umsturz!"

Der Buergermeister hob flehend die Arme. "Meine Herren! Verkennen Sie mich
nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,
denn bei uns hier bedeutet er bloss, dass fast alle, die nicht freisinnig
waehlen, sozialdemokratisch waehlen."

Wulckow stiess ein wuetendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom
Buefett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.

"Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, muessen sie eben gemacht
werden!"

"Aber womit?" sagte Wulckow.

Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:

"Er muss doch sehen, dass ich eine Graefin bin, er, der demselben edlen
Stamme entsprossen ist!"

"Oh! Frau Graefin!" sagte Diederich. "Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob
er es sieht."

"Selbstverstaendlich", erwiderte die Dichterin. "Sie erkennen einander doch
schon an den besseren Manieren."

In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi
und Magda samt Frau Hessling einen Kaese mit dem Messer assen. Diederich
behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Toechter Buck, Frau Cohn
und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog
sich das Fett von den Fingern und sagte:

"Frieda, du bist fein 'raus, sie lachen."

Wirklich bluehte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem
Zwicker glaenzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht
laenger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Buefettzimmer;
sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die
Schwiegermutter des Buergermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief
fieberhaft ueber die Schulter:

"Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!"

"Wenn es bei uns auch so schnell ginge", sagte ihr Gatte. "Na, also,
Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?"

"Herr Praesident!" Diederich drueckte die Hand aufs Herz. "Netzig wird
kaisertreu, dafuer buerge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!"

"Schoen", sagte Wulckow.

"Denn", fuhr Diederich fort, "wir haben einen Agitator, den ich als
erstklassig bezeichnen moechte: jawohl, erstklassig", wiederholte er und
umfasste mit dem Wort alles Grosse; "und das ist Seine Majestaet selbst!"

Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. "Die persoenlichste
Persoenlichkeit", brachte er hervor. "Originell. Impulsiv."

"Na ja", sagte Wulckow. Er stemmte die Faeuste auf die Knie und glotzte
dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen
Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, dass er sie von
unten schief ansah.

"Meine Herren" - er stockte wieder - "na, ich will Ihnen mal was sagen.
Ich glaube, der Reichstag wird aufgeloest."

Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Koepfe vor, sie wisperten.
"Herr Praesident wissen -?"

"Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter
Herrn von Quitzin."

Diederich machte einen Kratzfuss. Er stammelte, er wusste selbst nicht was.
Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein
hatte er eine Rede Seiner Majestaet wiedergegeben, - und hatte er sie nur
wiedergegeben? Darin kam ausdruecklich vor: "Ich raeume die ganze Bude aus!"
Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es ueberlief
ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:

"Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie
die Militaervorlage nicht schlucken, ist Schluss"; - und Wulckow strich sich
mit der Faust ueber den Mund, als beginne das Fressen.

Diederich fasste sich. "Das ist - das ist grosszuegig! Das ist ganz sicher
die persoenliche Initiative Seiner Majestaet!" Doktor Scheffelweis war
erbleicht. "Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,
dass wir unseren bewaehrten Abgeordneten hatten ..." Er erschrak noch mehr.
"Das heisst, natuerlich, Kuehlemann ist auch ein Freund des Herrn
Richter ..."

"Ein Noergler!" schnaubte Diederich. "Ein vaterlandsloser Geselle!" Er
rollte die Augen. "Herr Praesident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den
Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr
Buergermeister!" "Was dann?" fragte Wulckow. Diederich wusste es nicht.
Gluecklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stuehle wurden gerueckt,
und jemand liess sich die grosse Tuer oeffnen: Kuehlemann selbst war es. Der
Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
Am Buefett fand man, seit dem Prozess sei er noch mehr verfallen.

"Er haette Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn
ueberstimmt", sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: "Nierensteine
fuehren wohl schliesslich zur Aufloesung." Worauf Wulckow humoristisch: "Na,
und im Reichstag sind wir seine Nierensteine."

Der Buergermeister lachte gefaellig. Aber Diederich riss die Augen auf. Er
naeherte sich dem Ohr des Praesidenten und raunte:

"Sein Testament!"

"Was ist damit?"

"Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt", erklaerte Doktor Scheffelweis
wichtig. "Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Saeuglingsheim."

"Bauen Sie?" Diederich feixte verachtungsvoll. "Einen nationaleren Zweck
koennen Sie sich wohl nicht denken?"

"Ach so." Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. "Wieviel Pinke hat er
denn?"

"Eine halbe Million wenigstens", sagte der Buergermeister, und er
beteuerte: "Ich waere gluecklich, wenn es zu machen waere, dass -"

"Es ist glatt zu machen", behauptete Diederich.

Da hoerte man draussen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von
dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drueckte sicherlich
Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das
Buefett zurueck; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. "Grundguetiger
Gott!" wimmerte sie. "Alles ist verloren." "Nanu?" machte ihr Gatte und
stellte sich drohend in die Tuer. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit
nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Graefin gesagt: "Spute dich, du
dumme Landpomeranze, dass der Herr Leutnant den Kaffee kriegt." Eine andere
Stimme verbesserte "Tee", Magda wiederholte "Kaffee", die andere blieb bei
ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfasst, dass ein
Missverstaendnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Uebrigens griff der
Leutnant mit Glueck ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: "Ich
bitte um beides" - worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter
annahm. Aber die Dichterin war empoert. "Das Publikum! Es ist und bleibt
eine Bestie!" knirschte sie.

"Schiefgehen kann es immer", sagte Wulckow - und blinzelte Diederich an.

Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: "Wenn man einander versteht, Herr
Praesident, dann nicht."

Hierauf hielt er es fuer besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu
widmen. Mochte der Buergermeister inzwischen seine Freunde verraten und
sich fuer die Wahlen auf alle Wuensche Wulckows verpflichten!

"Meine Schwester ist eine Gans", erklaerte Diederich. "Ich werde ihr
nachher die Meinung sagen!"

Frau von Wulckow laechelte wegwerfend. "Das arme Ding, sie tut, was sie
kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unertraegliche
Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und fuer das
Ideale begeistert!"

Diederich sagte durchdrungen: "Frau Graefin, diese bittere Erfahrung machen
Sie nicht allein. So ist es ueberall im oeffentlichen Leben." Denn er dachte
an die allgemeinen Hochgefuehle damals nach seinem Zusammenstoss mit dem
Majestaetsbeleidiger und an die Pruefungen, die dann gefolgt waren.
"Schliesslich triumphiert doch die gute Sache!" stellte er fest.

"Nicht wahr?" sagte sie mit einem Laecheln, das wie aus Wolken brach. "Das
Gute, Wahre, Schoene."

Sie reichte ihm die schmale Rechte; "ich glaube, mein Freund, wir
verstehen uns" - und Diederich, des Augenblicks bewusst, drueckte kuehn die
Lippen darauf, mit einem Kratzfuss. Er legte die Hand an das Herz und
brachte gepresst aus der Tiefe: "Glauben Sie mir, Frau Graefin ..."

Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten
sich als erniedrigte Graefin und armer Vetter erkannt, wussten nun, dass sie
einander bestimmt waren, und schwaermten gemeinsam von kuenftigem Glanz,
wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demuetig stolz,
von der Sonne der Majestaet beschienen sein wuerden ... Da hoerte Diederich
die Dichterin aufseufzen.

"Ihnen kann ich es sagen", seufzte sie. "Ich entbehre hier doch sehr den
Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehoert -. Und nun -."

Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Traenen perlen. Dieser Blick in die
Tragik der Grossen erschuetterte ihn so sehr, dass er strammstand. "Frau
Graefin!" sagte er, verhalten und stossweise. "Die heimliche Graefin sind
also -" Er erschrak und schwieg.

Die bleiche Stimme des Buergermeisters war eben dabei, dem Praesidenten zu
verraten, dass Kuehlemann nicht wieder kandidieren werde, und dass die
Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow
darin einig, dass man Gegenmassregeln treffen muesse, solange noch niemand
die Aufloesung des Reichstages erwartete ...

Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:

"Frau Graefin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?"

Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schraenkte die
Vertraulichkeit des Gefuehls schon wieder ein. In leichtem Plauderton
erklaerte sie:

"Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist
wohl unmoeglich, dass die jungen Leute zusammen gluecklich werden."

"Sie koennen doch prozessieren!" rief Diederich, in seinem Rechtsgefuehl
gekraenkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. "_Fi donc!_ Das wuerde zur
Folge haben, dass der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmuendigen
liesse. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant
damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant
das auf sich nehmen? Und die Zerstueckelung des Familienbesitzes? In Ihren
Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht moeglich."

Diederich verneigte sich. "Dort oben herrschen natuerlich Begriffe, die
sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch", setzte er
hinzu. Die Dichterin laechelte milde.

"Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die
heimliche Graefin und heiratet die Fabrikantentochter."

"Magda?"

"Jawohl. Und die heimliche Graefin den Klavierlehrer. So wollen es die
hoeheren Maechte, lieber Herr Doktor, denen wir -" ihre Stimme verdunkelte
sich ein wenig - "uns nun einmal zu beugen haben."

Diederich hatte noch einen Zweifel, aeusserte ihn aber nicht. Der Leutnant
haette die heimliche Graefin auch ohne Geld heiraten sollen, es wuerde
Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.
Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.



Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,
dann spendete es um so waermeren Beifall dem Dienstmaedchen und dem
Leutnant, die, es liess sich leider voraussehen, das schwere Geschick,
nicht hoffaehig zu sein, wohl noch laenger wuerden tragen muessen.

"Es ist wirklich ein Elend!" seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.

Beim Buefett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem
Buergermeister:

"Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!"

Dann liess er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. "Na,
Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?"

"Selbstverstaendlich, und kommen Sie recht bald!" Die Praesidentin hielt ihm
die Hand zum Kuss hin, und Diederich entfernte sich beglueckt. Wulckow
selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
erobern!

Indes die Praesidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glueckwuensche
entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,
Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
wenn auch vorsichtig, zu verstehen, dass sie das Ganze fuer Quatsch hielten.
Diederich war genoetigt, ihnen Andeutungen ueber den durchaus grosszuegigen
dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
diktierte er ausfuehrlich, was er von der Dichterin wusste, denn
Nothgroschen musste fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. "Wenn Sie aber
Bloedsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag' ich Ihnen Ihren Wisch um
die Ohren!" - worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
Kuehnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem
Knopf und kreischte: "Sie, mein Bester! Eens haetten Se nu aber unserm
Klatschdirektor ooch noch erzaehlen koennen!" Der Redakteur, der sich nennen
hoerte, kehrte zurueck, und Kuehnchen fuhr fort: "Naemlich, dass die herrliche
Schoepfung unserer allverehrten Praesidentin schon mal ist vorausgeahnt
worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe
in seiner Natuerlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
Hoechste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen laesst!"

Diederich hatte Bedenken ueber die Zweckmaessigkeit von Kuehnchens Entdeckung,
fand es aber unnoetig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
mit flatternden Haaren, durch das Gedraenge; schon sah man, wie er vor Frau
von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden
Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch
Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: "Was Sie da
bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die
Natuerliche Tochter ueberhaupt von Goethe?" fragte sie und ruempfte
misstrauisch die Nase. Kuehnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.

"Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift 'Das traute Heim' einen Roman von
mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schoepfungen sind
saemtlich Originalarbeiten. Die Herren -" sie musterte den Kreis - "wollen
boeswilligen Geruechten entgegentreten."

Damit war Kuehnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich
erinnerte ihn, im Ton eines geringschaetzigen Erbarmens, an Nothgroschen,
der mit seiner gefaehrlichen Information schon von dannen war; und Kuehnchen
stuerzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhueten.

Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich veraendert:
nicht nur die Praesidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war
erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,
dass sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit
beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran
und wollte es nicht gewesen sein. So gross war, noch nach schweren
Erschuetterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffaelliger Weise hinter der
Mehrheit zurueckzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Wulckow
schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte sass eben allein in
dem Polstersessel, der fuer ihn ganz vorn bei der Buehne stand; er liess
seine weisse Hand merkwuerdig zart ueber die Lehne haengen und blickte zu
Diederich hinauf.

"Da sind Sie, mein lieber Hessling. Ich habe es oft bedauert, dass Sie nicht
kamen" - ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fuehlte sofort wieder
Traenen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, dass der Herr
Buck sie ein wenig laenger in der seinen behielt, und stammelte etwas von
Geschaeften, Sorgen und "um ehrlich zu sein" - denn ein jaehes Beduerfnis
nach Ehrlichkeit erfasste ihn - von Bedenken und Hemmungen.

"Es ist schoen von Ihnen," sagte darauf der Alte, "dass Sie mich das nicht
nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln
wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen."

Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die
Verzeihung fuer den Prozess, der dem Schwiegersohn des Alten die buergerliche
Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwuel unter so viel Milde - und so viel
Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:

"Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen
die Meinen kaempft." Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies moechte zu
weit fuehren, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht -. Man
komme in Sachen hinein -. Der Alte erleichterte es ihm. "Ich weiss: Sie
suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden."

Er tauchte seinen weissen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn
wieder hervorholte, begriff Diederich, dass etwas Neues kam.

"Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft", sagte der
Herr Buck. "Ihre Plaene haben sich wohl geaendert?"

Diederich dachte: "Er weiss alles", und sah schon seine heimlichsten
Berechnungen enthuellt.

Der Alte laechelte schlau und guetig. "Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunaechst
verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich koennte mir denken, dass Sie
Ihr Grundstueck zu verkaufen wuenschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
warten - die auch ich in Betracht ziehe", setzte er hinzu, und mit einem
Blick: "Die Stadt hat vor, ein Saeuglingsheim zu errichten."

"Alter Hund!" dachte Diederich. "Er spekuliert auf den Tod seines besten
Freundes!" Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.

"Durchaus nicht, Herr Buck. Mein vaeterliches Erbstueck geb' ich nicht her!"

Da nahm der Alte nochmals seine Hand. "Ich bin kein Versucher", sagte er.
"Ihre Pietaet ehrt Sie."

"Esel", dachte Diederich.

"So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden
Sie dabei mitwirken. Uneigennuetzigen Gemeinsinn, lieber Hessling, lassen
wir uns nicht entgehen - auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher
Richtung zu wirken scheint."

Er stand auf.

"Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstuetzung."

Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und
tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
verkriechen? Diederich zog es vor, die Absaetze zusammenzuschlagen und
korrekt seinen Dank abzustatten.

"Sie sehen," erwiderte der Alte, "der Gemeinsinn schlaegt Bruecken von jung
und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind."

Er fuehrte die Hand im Halbkreis ueber die Waende und ueber das Geschlecht von
einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er
laechelte den jungen Maedchen in Reifroecken zu und zugleich auch einer
seiner Nichten und Meta Harnisch, die voruebergingen. Als er das Gesicht
dem alten Buergermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem
Stadttor schritt, bemerkte Diederich die grosse Aehnlichkeit der beiden. Der
alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.

"Von dem da hab' ich viel gehoert. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der
Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine
ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet
zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns
die 'Harmonie' hinterliessen."

"Nette Harmonie", dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der
Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Uebergang gemacht von den
Geschaeften zum sentimentalen Schwatz. "Immer kommt der Literat heraus",
dachte Diederich.

Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich
eingehaengt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt
hatte. "Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee."
Guste behauptete: "Das naechste Mal schreibt Wolfgang ein viel schoeneres
Stueck, und ich spiele mit." Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu
ablehnende Miene. "So?" sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor
ploetzlich seinen harmlosen Eifer. "Warum etwa nicht?" fragte sie,
weinerlich empoert. "Was hast du nun wieder?"

Diederich, der es ihr haette sagen koennen, wandte sich schleunig zum alten
Buck zurueck. Der schwatzte weiter.

"Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon
recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
Dreissigjaehrigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun
nicht die Riekestrasse nach dir hiesse, wohin waere dann selbst der letzte
Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und
der uns zu vertilgen dachte."

Ploetzlich schuettelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei
der Hand.

"Hat er nicht Aehnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?"

Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es
nicht, er war nun einmal aufgeraeumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte
Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
Figuren, einen jungen Schaefer, der sehnsuechtig die Arme oeffnete, und
jenseits eines Baches eine Schaeferin, die sich anschickte,
hinueberzuspringen. Der Alte wisperte: "Was meinen Sie, werden die beiden
zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiss es noch." Er sah
sich um, ob niemand ihn beachte, und ploetzlich oeffnete er eine kleine Tuer,
die man nie gefunden haben wuerde. Die Schaeferin auf der Tuer bewegte sich
dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tuer im Dunkeln
musste sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,
das er aufgedeckt hatte. "Es heisst das Liebeskabinett." Laternenschein von
irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglaenzte den
Spiegel und das duennbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die
nach wer weiss wie langer Zeit herausstroemte, er laechelte verloren. Und
dann schloss er die kleine Tuer.

Aber Diederich, den dies nur maessig interessierte, sah etwas kommen, das
weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn
er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurueck aus dem Sueden, und
er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspaetet und wenn auch ohne
Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der
Vogtei sass. Wo er mit Drehungen des Koerpers, die nicht unbefangen wirkten,
hindurchkam, ward gefluestert, und jeder, den er begruesste, lugte verstohlen
nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, dass er in der Sache etwas
tun muesse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben
ahnungslos, fand ihn ploetzlich vor sich. Er ward vollkommen weiss;
Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah
nichts, der Alte hatte sich zurueck. Er stand da, so steif, dass sein Ruecken
sich aushoehlte, und blickte kuehl und unverwandt auf den Mann, der seine
Tochter entfuehrt hatte.

"Schon zurueck, Herr Landgerichtsrat?" sagte er laut.

Fritzsche versuchte jovial zu lachen. "Schoeneres Wetter war dort unten,
Herr Stadtrat. Na und die Kunst!"

"Davon haben wir hier nur einen Widerschein" - und der Alte wies, ohne den
anderen aus den Augen zu lassen, ueber die Waende. Seine Haltung machte
Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwaeche belauerten.
Er hielt stand und repraesentierte, in einer Lage, die einige
Hemmungslosigkeit immerhin erklaert haben wuerde. Er repraesentierte das alte
Ansehen, er allein fuer die zerfallende Familie, fuer das Gefolge, das schon
ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,
manche Sympathien ... Diederich hoerte ihn noch sagen, foermlich und klar:
"Ich habe es durchgesetzt, dass unser moderner Strassenzug eine andere
Richtung bekam, bloss um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie
haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen moechte, kann hoffen, selbst
zu dauern." Dann drueckte Diederich sich, er schaemte sich fuer Fritzsche.



Die Schwiegermutter des Buergermeisters fragte ihn, was der Alte ueber die
"Heimliche Graefin" geaeussert habe. Diederich dachte nach, und er musste
gestehen, er habe das Stueck gar nicht erwaehnt. Beide waren enttaeuscht.

Indes bemerkte er, dass Kaethchen Zillich spoettisch hersah, und gerade sie
hatte sich nichts zu erlauben. "Nun, Fraeulein Kaethchen", sagte er recht
laut. "Was denken Sie ueber den gruenen Engel?" Sie erwiderte noch lauter:
"Der gruene Engel? Sind Sie das?" Und sie lachte ihm ins Gesicht. "Sie
sollten wirklich vorsichtiger sein", meinte er stirnrunzelnd. "Ich fuehle
mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen."

"Papa!" rief Kaethchen sofort. Diederich erschrak. Gluecklicherweise hoerte
Pastor Zillich nicht.

"Natuerlich hab' ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug
erzaehlt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie."

Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. "Na und fuer Liebhaber schoener Ohren
war auch noch Jadassohn da." Da er sah, dass es sie traf, setzte er hinzu:
"Das naechste Mal im gruenen Engel streichen wir sie ihm gruen an, das macht
Stimmung."

"Wenn Sie meinen, dass es auf die Ohren ankommt." Dabei drueckte Kaethchens
Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, dass Diederich den Entschluss
fasste, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
Pflanzengruppe. "Was glauben Sie?" fragte er. "Wird die Schaeferin ueber den
Bach springen und den Schaefer gluecklich machen?"

"Schaf", sagte sie. Diederich ueberhoerte es, ging hin und tastete an der
Wand umher. Nun hatte er die Tuer. "Sehen Sie? Sie springt."

Kaethchen kam naeher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime
Zimmer. Da hatte sie einen Stoss und war ganz drinnen. Diederich warf die
Tuer zu, er fiel stumm ueber Kaethchen her, mit wildem Schnaufen.

"Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!" rief sie und wollte kreischen. Aber
sie musste lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer naeher brachte.
Der Kampf mit ihren entbloessten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
ausser sich. "Jawohl," keuchte er, "jetzt kommt was." Bei jedem Strich
Boden, den er gewann, wiederholte er: "Jetzt kommt was. Bin ich noch ein
Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Maedchen ist anstaendig, und man hat
ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was." Mit einem letzten
Ruck schleuderte er sie hin. "Au", sagte sie; und vor Lachen erstickend:
"Was kommt denn jetzt?"

Ploetzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
Gaslicht, den das kahle Fenster hereinliess, beschien ihre Unordnung; und
ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tuer
gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte
entgeistert her, Kaethchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem
Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tuer an, sie
ging entschlossen auf Kaethchen zu.

"Du gemeines Luder!" sagte sie aus tiefem Innern.

"Selber eins!" sagte Kaethchen, schnell gefasst. Da schnappte Guste nur noch
nach Luft. Von Kaethchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empoert, dass
ihr Blick sich mit feuchtem Glanz fuellte. Er versicherte: "Fraeulein Guste,
es handelt sich um einen Scherz"; aber er kam schlecht an, Guste brach
los. "Sie kenn' ich, von Ihnen kann ich es mir denken."

"So, du kennst ihn", bemerkte Kaethchen hoehnisch. Sie stand auf, indes
Guste ihr noch naeher rueckte. Diederich seinerseits ergriff die
Gelegenheit, gab seiner Haltung Wuerde und trat zurueck, um die Damen unter
sich die Sache erledigen zu lassen.

"Dass ich so was muss mit ansehen!" rief Guste; und Kaethchen: "Du hast gar
nichts gesehen! Wozu siehst du es dir ueberhaupt an?"

Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste
schwieg. Kaethchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurueck
und sagte: "Von dir finde ich es ueberhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
auf dem Kopf hat wie du!"

Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. "Ich?" fragte sie gedehnt. "Was
tu' ich denn?"

Kaethchen zierte sich ploetzlich - indes Diederich vom Schrecken gepackt
ward.

"Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich."

"Ich weiss gar nichts", sagte Guste klagend.

"So was haette man gedacht, das es gar nicht gibt", sagte Kaethchen und
ruempfte die Nase. Guste verlor die Geduld. "Nun bitte ich es mir aber aus!
Was habt ihr alle?"

Diederich schlug vor: "Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal
verlassen." Aber Guste stampfte auf.

"Keinen Schritt tu' ich, bis ich es weiss. Den ganzen Abend merke ich
schon, dass sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt
habe."

Kaethchen wandte sich weg. "Na, da siehst du es. Sei froh, dass sie dich
nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang."

"Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?"

In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.
Auf einmal hatte sie begriffen. "So eine Gemeinheit!" rief sie entsetzt.
Ueber Kaethchens Mienen breitete sich ein Laecheln des Genusses aus.
Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus
gegen Kaethchen. "Das habt ihr Maedchen euch ausgedacht! Ihr seid mir
neidisch wegen meinem Geld!"

"Poeh", machte Kaethchen. "Dein Geld wollen wir ueberhaupt nicht, wenn so was
dabei ist."

"Es ist doch nicht wahr!" Guste kreischte auf. Ploetzlich fiel sie vornueber
auf das Sofa und wimmerte. "Ach Gott, ach Gott, was haben wir da
angerichtet."

"Siehst du wohl", sagte Kaethchen, frei von Mitleid.

Guste schluchzte immer lauter; Diederich beruehrte ihre Schulter. "Fraeulein
Guste, Sie wollen doch nicht, dass die Leute kommen." Er suchte nach einem
Trost. "So was kann man nie wissen. Aehnlich sehen Sie sich nicht."

Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum
Angriff ueber. "Du - du bist ueberhaupt eine feine Nummer", zischte sie
Kaethchen zu. "Von dir sag' ich, was ich gesehen habe!"

"Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiss
jeder, dass ich anstaendig bin."

"Anstaendig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!"

"So gemein wie du -"

"Bist bloss noch du!"

Hierueber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenueber,
Hass und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und
die Buesten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hueften
gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom
Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoss. "Ich sag' es doch!"

Da sprengte Kaethchen die letzte Fessel. "Dann mach' aber schnell, sonst
komm' ich frueher und erzaehl' allen, dass nicht du, sondern ich hier die Tuer
hab' aufgemacht und hab' euch beide ertappt."

Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Kaethchen,
ploetzlich selbst ernuechtert, hinzu: "Nun ja, das bin ich mir doch
schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an."

Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verstaendigte sich mit ihr und
glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den
sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da laechelte Diederich
ritterlich, und Guste, tief erroetet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie
sich an. Kaethchen schlich zur Tuer. Ueber Gustes Schulter geneigt, sagte
Diederich leise: "Ihr Verlobter laesst Sie aber lange allein." - "Ach der",
erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drueckte es auf
ihre Schulter. Sie hielt ganz still. "Schade", sagte er und zog sich so
unerwartet zurueck, dass Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, dass ihre
Lage sich wesentlich veraendert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es
war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie
einen Blick wie eine Huendin. Diederich sagte gemessen: "An der Stelle
Ihres Verlobten wuerde ich allerdings anders vorgehen."

Kaethchen zog mit aeusserster Behutsamkeit die Tuer wieder an, sie kehrte
zurueck, den Finger auf den Lippen.

"Wisst ihr was? Das Theater hat wieder angefangen - schon lange, glaube
ich."

"O Gott!" sagte Guste; und Diederich:

"Na, dann sitzen wir in der Falle."

Er suchte die Waende ab nach einem Ausgang; er rueckte sogar das Sofa fort.
Da keiner zu finden war, entruestete er sich.

"Hier ist tatsaechlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der
Herr Buck den ganzen Strassenzug verlegt. Er soll es noch erleben, dass ich
sie ihm einreisse! Bloss erst Stadtverordneter sein!"

Kaethchen kicherte. "Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz
gemuetlich. Jetzt koennen wir machen, was wir wollen." Und sie sprang ueber
das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinueber. Sie blieb
aber haengen. Diederich fing sie auf. Auch Kaethchen haengte sich an ihn. Er
zwinkerte beiden zu. "Also was machen wir?" Kaethchen sagte: "Das muessen
Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun." - "Und zu verlieren haben wir
auch nichts mehr", sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.

Aber Kaethchen entsetzte sich. "Kinder! In dem Spiegel seh' ich aus wie
meine tote Grossmutter."

"Er ist ganz schwarz."

"Und ganz bekritzelt."

Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und
Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
ueber Graebern. "Auf der Urne hier unten, nein so was!" sagte Kaethchen.
"'Erst jetzt sollen wir leiden' ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?
Die waren wohl verrueckt."

"Wir sind nicht verrueckt", behauptete Diederich. "Fraeulein Guste, Sie
haben doch einen Brillanten." Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit
einer Inschrift und liess die Maedchen das Werk entraetseln. Da sie sich
kreischend abwandten, sagte er stolz: "Wozu heisst dies das
Liebeskabinett."

Ploetzlich stiess Guste einen Schreckensruf aus. "Hier sieht jemand zu!"

Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!...
Kaethchen war schon bei der Tuer. "Kommen Sie wieder her", rief Diederich.
"Es ist bloss gemalt."

Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand geloest, man konnte ihn
noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.

"Es ist die Schaeferin, die draussen ueber den Bach springt!"

"Jetzt hat sie es hinter sich", sagte Diederich; denn die Schaeferin sass da
und weinte. Auf der Rueckseite des Spiegels aber entfernte sich der
Schaefer.

"Und dort kommt man hinaus!" Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt,
er tastete, die Tapete oeffnete sich.

"Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat", bemerkte er und ging
voraus. Ihm im Ruecken sagte Kaethchen spoettisch:

"Ich habe gar nichts hinter mir."

Und Guste wehmuetig: "Ich auch nicht."



Diederich ueberhoerte dies, er stellte fest, dass man sich in einem der
kleinen Salons hinter dem Buefett befand. Eilends erreichte er die
Spiegelgalerie und verlor sich unauffaellig in der Menge, die soeben aus
dem Saal quoll. Man war erfuellt von dem tragischen Schicksal der
heimlichen Graefin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.
Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Buergermeisters, alle
hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren
einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. "Sie sind
schuld, Herr Assessor, dass es so gekommen ist! Schliesslich war sie doch
Ihre leibliche Schwester." - "Pardon, meine Damen!" Und Jadassohn
verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der graeflichen
Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:

"Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen."

Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und
Jadassohn, der vergeblich kraehte, was denn los sei, ward von Diederich
unter den Arm genommen. Diederich, das suesse Pochen der Rache im Herzen,
fuehrte ihn eben dorthin, wo die Regierungspraesidentin unter lebhafter
Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
verabschiedete. Kaum aber dass sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach
den Ruecken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht
mehr weiter. "Was ist denn?" fragte er heuchlerisch. "Ach ja, die
Praesidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht
Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr."

Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse
hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der
Jadassohn sein Leben geweiht hatte? "Ich sage es ja", aeusserte er nur, ganz
leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hoeren ... Dann kam
er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. "Sie koennen lachen, mein
Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister."

"Na, na", sagte Diederich. Er setzte hinzu: "Das ganze Gesicht brauchen
Sie nicht einmal: bloss die Ohren."

"Wollen Sie sie mir verkaufen?" fragte Jadassohn und sah ihn an, dass
Diederich erschrak. "Kann man das?" fragte er unsicher. Jadassohn ging
schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. "Sie sind doch Spezialist
fuer Ohren, Herr Doktor ..."

Heuteufel erklaerte ihm, dass tatsaechlich, wenn auch bisher nur in Paris,
Operationen ausgefuehrt wuerden, durch die man Ohren auf die Haelfte ihres
Umfanges herunterbringe. "Wozu gleich das Ganze weg?" sagte Heuteufel.
"Die Haelfte koennen Sie ruhig behalten." Jadassohn hatte seine Haltung
zurueck. "Grossartiger Witz! Erzaehl' ich bei Gericht. Sie Gauner!" Und er
klopfte Heuteufel auf den Bauch.

Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball
umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall
begruesst und berichteten von ihren Eindruecken auf der Buehne. "Tee - Kaffee:
Gott, war das aufregend!" sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
Glueckwuensche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn
eingehaengt, Emmis Arm dagegen musste er gewaltsam festhalten. Sie zischte:
"Lass die Komoedie"; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Gruessen: "Du
hast zwar bloss die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du ueberhaupt
mal was vorstellst. Sieh Magda an!" Denn Magda schmiegte sich gefaellig an
ihn, sie schien bereit, das Glueck der einigen Familie so lange spazieren
zu fuehren, als er es irgend wuenschte. "Kleine," sagte er mit zaertlicher
Achtung, "du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch."
Er gab ihr sogar Schmeicheleien. "Du siehst heute suess aus. Fuer Kienast
bist du fast zu schade." Als dann noch die Regierungspraesidentin, schon im
Fortgehen, ihnen gnaedig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg
nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeraeumt; hinter der
Palmengruppe ward eine Polonaese angestimmt. Diederich machte seine
korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der fuehrte. So zogen sie an
Guste Daimchen vorueber, die sass. Sie sass neben dem verwachsenen Fraeulein
Kuehnchen und sah ihnen nach, als habe sie Pruegel bekommen. Ihr Anblick
beruehrte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der
Vogtei.

"Die arme Guste!" sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. "Ja ja, das
kommt davon."

"Aber eigentlich" - und Magda blinzelte von unten, "woher kommt es denn?"

"Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so."

"Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten."

"Das darf ich nicht. Man muss wissen, was man sich selbst schuldet."

Dann verliess er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der
jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
Fraeulein Kuehnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Ruecksicht auf ihren
Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch
die Seitenzimmer, wo aeltere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase
von Kaethchen Zillich, die er hinter einer Tuer mit einem Schauspieler
ueberraschte, und gelangte zum Buefett. Dort sass an einem Tischchen Wolfgang
Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Muetter, die um den Saal herum
warteten.

"Sehr talentvoll", sagte Diederich. "Haben Sie auch schon Ihr Fraeulein
Braut portraetiert?"

"In der Beziehung interessiert sie mich nicht," erwiderte Buck, so
phlegmatisch, dass Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste
im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben wuerden.

"Mit Ihnen weiss man ueberhaupt nicht", sagte er enttaeuscht.

"Mit Ihnen weiss man immer", sagte Buck. "Damals vor Gericht, waehrend Ihres
grossen Monologes, haette ich Sie zeichnen moegen."

"Ihr Plaedoyer hat mir genuegt; es war ein Versuch, wenn auch
gluecklicherweise ein misslungener, meine Person und mein Wirken vor der
breitesten Oeffentlichkeit in Misskredit zu bringen und veraechtlich zu
machen!"

Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. "Mir scheint, Sie sind
beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt." Er bewegte den Kopf und
laechelte, grueblerisch und entzueckt. "Wollen wir nicht 'ne Flasche Sekt
zusammen trinken?" fragte er.

Diederich meinte: "Ob ich nun gerade mit Ihnen -." Aber er gab nach. "Das
Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, dass Ihre Vorwuerfe sich nicht
allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Maenner richteten.
Damit sehe ich die Sache als erledigt an."

"Dann also Heidsieck?" fragte Buck. Er noetigte Diederich, mit ihm
anzustossen. "Das werden Sie doch zugeben, bester Hessling, so eingehend wie
ich, hat sich mit Ihnen ueberhaupt noch niemand beschaeftigt ... Jetzt kann
ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als
meine eigene. Spaeter, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen
nachgespielt."

"Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Ueberzeugung. Freilich, fuer Sie
ist der repraesentative Typus von heute der Schauspieler."

"Das sagte ich mit Beziehung auf - einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel
naeher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die
Waschfrau zu verteidigen haette, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
haben soll, vielleicht wuerde ich den Hamlet spielen. Prost!"

"Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Ueberzeugungen!"

"Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie wuerden mir also
das Theater anraten?" fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund
geoeffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich erroetete,
denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte traeumerisch:
"Inzwischen wuerde mein Topf mit Wurst und Kohl mir ueberkochen, und es ist
doch ein so gutes Gericht." Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von
rueckwaerts die Haende auf die Augen und fragte: "Wer ist das?" - "Da ist er
ja," sagte Buck und gab ihr einen Klaps.

"Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?" fragte
Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in
Wirklichkeit waere er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in
Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete gelaeufiger als sonst.

"Ihr passt eigentlich grossartig zueinander, bloss dass ihr so foermlich tut."

Buck sagte: "Das ist die gegenseitige Achtung." Diederich stutzte, und
dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.
"Eigentlich - sooft ich mich von Ihrem Herrn Braeutigam trenne, hab' ich
Wut auf ihn; beim naechsten Wiedersehen aber freu' ich mich." Er richtete
sich auf. "Wenn ich naemlich noch kein national gesinnter Mann waere, wuerde
er mich dazu machen."

"Und wenn ich es waere," sagte Buck, weich laechelnd, "wuerde er es mir
abgewoehnen. Das ist der Reiz."

Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte
hinunter.

"Jetzt sag' ich dir was, Wolfgang. Wetten, dass du umfaellst?"

"Herr Rose, Ihren Hennessy!" rief Buck. Waehrend er Kognak mit Sekt
mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade
sehr laut war, fluesterte er beschwoerend: "Sie werden doch keine Dummheiten
machen?" Sie lachte wegwerfend. "Doktor Hessling hat Angst! Er findet die
Geschichte zu gemein, ich finde sie bloss ulkig." Und laut lachend: "Was
sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und
infolgedessen sollen wir: du verstehst?"

Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. "Wenn schon."
Da lachte Guste nicht mehr.

"Wieso, wenn schon?"

"Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muss es bei ihnen wohl alle
Tage vorkommen, tut also nichts."

"Redensarten machen den Kohl nicht fett", entschied Guste. Diederich
glaubte sich denn doch verwahren zu muessen.

"Ueberall koennen Fehltritte vorkommen. Aber ueber die Meinung seiner
Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg."

Guste bemerkte: "Er glaubt immer, er ist zu gut fuer diese Welt." Und
Diederich: "Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muss dran
glauben." Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:

"Doktor Hessling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab' den
Beweis, dass ich es weiss, von Meta Harnisch, weil sie schliesslich hat
muessen den Mund auftun. Er war ueberhaupt der einzige, der mich hat
verteidigt. Er an deiner Stelle taete sich die Leute kaufen, die sich
unterstehen und verklatschen mich!"

Diederich bestaetigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und
spiegelte sich darin. Ploetzlich liess er es los.

"Wer sagt euch denn, dass ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen
wuerde - einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so
ziemlich gleich dumm und gemein sind?" Dabei kniff er die Augen zu. Guste
hob die nackten Schultern.

"So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie
wollen ... Der Duemmere ist der Kluegere", schloss sie herausfordernd, und
Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal
wie irrsinnig waren. Die Faeuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
seinen Hals her. "Wenn ich aber -" er war ploetzlich ganz heiser - "wenn
ich den einen am Kragen haette, von dem ich wuesste, er zettelt alles an, er
fasst in seiner Person zusammen, was an allen haesslich und schlecht ist: ihn
am Kragen haette, der das Gesamtbild waere alles Unmenschlichen, alles
Untermenschlichen -." Diederich, weiss wie sein Frackhemd, drueckte sich
seitwaerts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurueck. Guste schrie
auf, sie stob panikartig nach der Wand. "Es ist der Kognak!" rief
Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll
des graesslichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er
zwinkerte, er glaenzte heiter.

"An die Mischung bin ich leider gewoehnt", erklaerte er.

"Es ist nur, damit ihr seht, wir koennen auch das."

Diederich setzte sich polternd wieder hin. "Sie sind doch nur ein
Komoediant", sagte er entruestet.

"Finden Sie?" fragte Buck und glaenzte noch heller. Guste ruempfte die Nase.
"Na dann amuesiert euch weiter", aeusserte sie und wollte gehen. Aber der
Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, dass er mit dem Fraeulein Braut den
Kotillon tanze. Er sprach aeusserst hoeflich, beschwichtigend gewissermassen.
Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
Fritzsches Arm genommen.

Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. "Ja
ja," dachte Diederich, "erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn
begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnuegungsreise
gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
nichts machen, weil sonst der Skandal noch groesser wird, weil naemlich
unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ..."

Aufschreckend sagte Buck: "Wissen Sie, dass ich erst jetzt rechte Lust
bekomme, Fraeulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache fuer - nicht
sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
Pikanterie daraus."

Diederich war starr ueber diese Wirkung. "Wenn Sie finden", brachte er
hervor.

"Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, fuehren doch hier die
vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.
Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen ueber die Strasse."

"Wir werden ihm Sporen anlegen", verhiess Diederich.

"Prost!"

"Prost! Aber _meine_ Sporen" - Diederich blitzte. "Ihre Skepsis und Ihre
schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemaess. Mit" - er blies durch die Nase -
"mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat" - ein
Faustschlag auf den Tisch - "hat die Zukunft!"

Buck darauf mit verzeihendem Laecheln: "Die Zukunft? Das ist eben die
Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.
Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein."

"Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als dass Sie das Heiligste in
den Schmutz ziehen!"

"Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Ausserhalb der
Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Frueher, mag
sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Duenkel und Hass der
Nationen, das ist das Ziel, darueber hinaus geht es nicht."

"Wir leben in einer harten Zeit", bestaetigte Diederich ernst.

"Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht ueberzeugt, dass die Menschen,
deren Dasein in den Dreissigjaehrigen Krieg fiel, an die Unabaenderlichkeit
ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin ueberzeugt,
dass die Rokokowillkuer von denen, die ihr unterlagen, fuer ueberwindbar
gehalten worden ist, sonst haetten sie nicht die Revolution gemacht. Wo
ist, in den Raeumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten koennen,
die Zeit, die sich in Permanenz erklaert und aufgetrumpft haette vor der
Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschraenktheit. Die jeden nicht ganz in ihr
Befangenen aberglaeubisch bemaekelt haette. Nicht national gesinnt sein
erregt bei euch noch mehr Grauen als Hass! Aber die vaterlandslosen
Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?"

Diederich verschuettete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und
innig. "Bemuehen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den
Waenden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf
Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!" Ueber die
Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. "Ihr Freunde der Menschheit und
jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der duesteren Selbstsucht
eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter
uns noch erwarten euch einige!"

Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, dass er weinte. Uebrigens
bekam er sogleich eine schlaue Miene. "Ihr aber, Zeitgenossen, wisst wohl
nicht, was der alte Buergermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
und Schaeferinnen rosig laechelt, als Schleife ueber der Brust traegt? Die
Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die
franzoesische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,
sondern der allgemeinen Morgenroete. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es
war, wie ihr sagen wuerdet, streng korrekt. Prost!"

Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerueckt und spaehte
umher, ob niemand hoere. "Sie sind ja besoffen," murmelte er; und um die
Situation zu retten, rief er: "Herr Rose! Noch eine Flasche!" Darauf
setzte er sich achtunggebietend zurecht.

"Sie scheinen nicht daran zu denken, dass seitdem ein Bismarck da war!"

"Nicht nur einer", sagte Buck. "Von allen Seiten ist Europa in diesen
nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem
Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren
lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr ueber ihn
hinaus sein solltet, haengt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn
euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen
habt, dass ein grosser Mann da ist, hat er schon aufgehoert, gross zu sein."

"Sie werden ihn kennenlernen!" verhiess Diederich. "Blut und Eisen bleibt
die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!" Der Kopf schwoll ihm rot an bei
diesen Glaubenssaetzen. Aber auch Buck regte sich auf.

"Die Macht! Die Macht laesst sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie
eine aufgespiesste Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
Spielt euch die Komoedie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde
draussen und im Innern! Taten, gluecklicherweise, sind euch nicht erlaubt!"

"Nicht erlaubt?" Diederich blies, als sollte Feuer kommen. "Seine Majestaet
hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ..."

"Denn wo der deutsche Aar -!" rief Buck, mit jaehem Schwung; und noch
wilder: "Nicht Parlamentsbeschluesse! Die einzige Saeule ist das Heer!"

Diederich gab ihm nichts nach. "Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor
dem aeusseren und inneren Feind zu schuetzen!"

"Einer hochverraeterischen Schar zu wehren!" schrie Buck.

"Eine Rotte von Menschen -"

Diederich fiel ein: "- nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!"

Und beide einstimmig: "Verwandte und Brueder niederschiessen!"

Taenzer, die sich am Buefett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr
Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines
heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten
die Koepfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die
auf ihren Stuehlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
Augen und entbloessten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
schleuderten.

"Einen Feind, und der ist mein Feind!"

"Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!"

"Ich kann sehr unangenehm sein!"

Die Stimmen ueberschlugen sich.

"Falsche Humanitaet!"

"Vaterlandslose Feinde der goettlichen Weltordnung!"

"Muessen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!"

Eine Flasche flog gegen die Wand.

"Zerschmettere ich!"

"Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!"

Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste
Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von
rueckwaerts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
machte sich steif und wiederholte drohend: "Herrliche Tage!" Sie riss das
Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch
Buck sah ein, dass es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffaellig stuetzte er
den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, dass Diederich in der
Tuer sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,
gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.

"Zerschmettere ich!"

Dann ward er hinunter und in den Wagen befoerdert.



Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,
war er sehr erstaunt, dass Emmi es entruestet verliess. Aber Magda brauchte
ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wusste er schon
wieder, um was es sich handelte. "Hab' ich das wirklich gemacht? Na ja,
ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...
Natuerlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und
korrektesten Weise beizulegen."

Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen
hatte. Indes ein zweispaenniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete
er sich mit Gehrock, weisser Krawatte und Zylinder; dann ueberreichte er dem
Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Ueberall verlangte
er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; - und ohne
deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz
vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:

"Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und
korrekteste Weise ..."

Um halb zwei war er zurueck und liess sich aufseufzend zum Essen nieder.
"Die Sache ist beigelegt."

Der Nachmittag gehoerte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich liess
Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.

"Herr Fischer," sagte er und wies ihm einen Stuhl an, "ich empfange Sie
hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Soetbier unsere
Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft naemlich die Politik."

Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an
solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewoehnt, auf Diederichs ersten
Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein
ueber. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte - und dann entschloss
er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel
loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.

"Ich will naemlich Stadtverordneter werden," erklaerte er, "und dazu brauche
ich Sie."

Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. "Ich Sie auch",
sagte er. "Denn ich will auch Stadtverordneter werden."

"Nanu, na hoeren Sie mal! Ich war auf manches gefasst ..."

"Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?" - und
der Proletarier fletschte die gelben Zaehne. Er versteckte sein Grinsen gar
nicht mehr. Diederich begriff, dass in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
reden sein werde als ueber eine geschundene Arbeiterin. "Naemlich, Herr
Doktor," begann Napoleon, "den einen von den beiden Sitzen hat meine
Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
Wenn Sie die 'rausschmeissen wollen, brauchen Sie uns."

"So weit seh' ich es ein", sagte Diederich. "Ich habe zwar auch den alten
Buck fuer mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so
vertrauensselig, dass sie mich waehlen, wenn ich mich als Freisinniger
aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen."

"Und ich hab' auch schon 'ne Ahnung, wieso Sie das machen koennen",
erklaerte Napoleon. "Weil ich naemlich schon laengst 'n Auge auf Herrn Doktor
habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena 'reinsteigt."

Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Hoehe!

"Ihr Prozess, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das
war alles ganz schoen, als Reklame. Aber fuer einen Politiker heisst es doch
immer: wie viele Stimmen krieg' ich."

Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom
"nationalen Rummel" sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon
fertigte ihn schnell ab.

"Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermassen allerhand
Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschaefte sind allemal damit zu
machen als mit dem Freisinn. Die buergerliche Demokratie faehrt bald in
einer einzigen Droschke ab."

"Und die vermoebeln wir ihr auch noch!" rief Diederich. Die Bundesgenossen
lachten vor Vergnuegen. Diederich holte eine Flasche Bier.

"A-ber", machte der Sozialdemokrat; und er rueckte mit seiner Bedingung
heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
unterstuetzen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. "Und das erdreisten Sie
sich von einem nationalen Mann zu verlangen?"

Der andere blieb gelassen und ironisch. "Wenn wir dem nationalen Mann
nicht helfen, dass er gewaehlt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?" -
Und Diederich mochte sich empoeren oder um Gnade flehen, er musste auf ein
Blatt Papier schreiben, dass er fuer das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst
stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten
werde. Darauf erklaerte er barsch die Unterredung fuer beendet und nahm dem
Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer
zwinkerte. Ueberhaupt duerfe der Herr Doktor froh sein, dass er mit ihm und
nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der fuer seine
eigene Wahl agitiere, waere zu dem Kompromiss nicht zu haben gewesen. Und in
der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,
in der ihm nahestehenden Presse etwas fuer die Kandidatur Fischer zu tun.
"Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
Geschichten stecken, Herr Doktor, dafuer werden Sie sich wohl bedanken. Bei
uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
verscharrt."

Damit ging er und ueberliess Diederich seinen Gefuehlen. "Schon mehr Dreck
zusammen verscharrt!" dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in
ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
Kuli, den er jeden Augenblick auf die Strasse werfen konnte! Vielmehr,
leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der
Hollaender! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere
nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb
aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten haette
Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu
fuerchten, dass Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er
wusste. Diederich sah sich genoetigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
"Aber" - er schuettelte die Faust gegen die Zimmerdecke - "wir sprechen uns
wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!"

Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und
sein biedermaennisches und schoengeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhoeren.
Dafuer ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der "Netziger
Zeitung", die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Hessling als Mensch,
Buerger und Politiker den Waehlern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch
in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf
beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfuegte, man musste es leider
zugeben, ueber genug selbstaendige Gewerbetreibende, sie brauchte den
buergerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem
gewoehnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Hessling
im Schosse der staedtischen Koerperschaft seinem eigenen Maschinenmeister
begegnen?

Dieser Ausfall des buergerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten
volle Einmuetigkeit her; sogar Rille musste sich fuer Napoleon erklaeren, -
der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
aufstellte, nur die Haelfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.
Die beiden Gewaehlten wurden gemeinsam in die Versammlung eingefuehrt.
Buergermeister Doktor Scheffelweis beglueckwuenschte sie, mit dem Hinweis,
dass einerseits der taetige Buerger, andererseits der emporstrebende Arbeiter
-. Und schon in der naechsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen
ein.

Zur Debatte stand die Kanalisation der Gaebbelchenstrasse. Eine
betraechtliche Anzahl jener alten Vorstadthaeuser befand sich noch heute, am
Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig ruehmlichen Besitz von
Abortgruben, deren Ausduenstungen zuzeiten die ganze Gegend ueberschwemmten.
Bei seinem Besuch im "Gruenen Engel" hatte Diederich die Wahrnehmung
gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre duerfe
kleinlichen Ruecksichten nicht weichen. "Deutschtum heisst Kultur!" rief
Diederich aus. "Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine
Majestaet der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestaet das
Wort gesprochen: Die Schweinerei muss ein Ende nehmen. Wo nur immer
grosszuegig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
Majestaet voran, und darum, meine Herren -"

"Hurra!" rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen
Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.

"Sehr richtig!" versetzte er schneidend. "Ich kann nicht besser schliessen.
Seine Majestaet der Kaiser hurra, hurra, hurra!"

Verbluefftes Schweigen, - aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen
rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
merkwuerdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Hessling die Person des
Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestaetsbeleidigung
darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch
ward weiter debattiert. Die "Volksstimme" behauptete, Herr Hessling trage
in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des uebelsten Byzantinismus,
wohingegen die "Netziger Zeitung" seine Rede als die erfrischende Tat
eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Dass es sich aber um einen
wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im "Berliner
Lokal-Anzeiger" stand. Das Blatt Seiner Majestaet war ueber das mutige
Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Hessling des Lobes voll. Es
stellte mit Genugtuung fest, dass der neue, entschlossen nationale Geist,
fuer den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Buerger erwache aus dem Schlummer,
die Scheidung zwischen denen fuer ihn und denen wider ihn vollziehe sich.
"Moechten viele wackere Vertreter unserer Staedte dem Beispiel des Doktor
Hessling folgen!"

Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf
dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Strasse, von rueckwaerts in die Bierstube von
Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt
Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den
aeussersten Winkel zurueck; Fraeulein Klappsch ward, kaum dass sie das Bier
gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tuer
horchte, hoerte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,
durch die er bei staerkerem Besuch die Glaeser hineinreichte; aber Rille,
der damit Bescheid wusste, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte
der Wirt bemerkt, dass Doktor Hessling aufgesprungen war und im Begriff
schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand
bieten!... Spaeter aber wollte Fraeulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen
ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben
war.



Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei
Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
schritten die Geschwister ueber die Kaiser-Wilhelm-Strasse, Diederich
lueftete kuehl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebaeude der Regierung betrat.
Den Wachtposten begruesste er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der
Garderobe stiess man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden
Fraeulein Hessling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog
der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm ueber die
Schulter, wie eine Graefin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuss, damit er
merke, auf welchen heissen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun
Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenoetigt, vor der
Praesidentin entzueckte Kratzfuesse ausgefuehrt hatte und mit allen bekannt
geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefaehrlich, auf einem
Stuehlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
zu erhalten, waehrend man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
huldigendes Laecheln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort ueber
die so gelungene Auffuehrung der "Heimlichen Graefin" zu liefern, ein
maennlich anerkennendes fuer die grosszuegige Verwaltungstaetigkeit des
Praesidenten, ein gewichtiges ueber Umsturz und Kaisertreue - und dabei noch
den Wulckowschen Hund zu fuettern, der bettelte! An die anspruchslose
Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht
denken; es hiess mit aufreibendem Laecheln in die wasserhellen Augen des
Hauptmanns von Koeckeritz starren, dessen Glatze weiss, dessen Gesicht von
der Mitte der Stirn abwaerts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
erzaehlte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient
habe, schon der Schweiss ausbrach, erlebte man es unversehens, dass die Dame
neben einem, die ihr weissblondes Haar glatt ueber den Kopf hinaufkaemmte und
eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstuetzt von
Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuss zu stehen
schien, griff gewandt in das Pferdegespraech ein, gebrauchte fachmaennische
Ausdruecke, ja, schreckte nicht davor zurueck, von Ritten ins Gelaende zu
phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schuetzte sie die
arme Frau Hessling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht
wieder. Ihre unheimlichen Talente liessen Magda, der es doch gelungen war,
sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,
wie nach seiner Rueckkehr aus dem "gruenen Engel", sich der unberechenbaren
Wege bewusst, die ein Maedchen, wenn man es nicht sah -. Da bemerkte er, dass
er eine Frage der Praesidentin ueberhoert hatte, und dass man schwieg, weil er
antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stiess aber nur
auf den unerbittlichen Blick eines grossen Bildnisses, bleich und steinern,
in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Huefte, der Schnurrbart an den
Augenwinkeln, und der Blick ueber die Schulter hinweg kalt blitzend!
Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte
ihm den Ruecken.

Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im
Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tuer, zog
verstohlen die Uhr, da huestelte hinter ihm die Praesidentin. "Ich weiss
wohl, lieber Doktor, dass Sie nicht uns und unserer leichten, ich moechte
sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
Pflichten gehoert. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur." Den Finger auf
den Lippen ging sie voran, ueber einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie aengstlich auf
Diederich, dem auch nicht wohl war. "Ottochen", versuchte sie, zaertlich an
die verschlossene Tuer geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob
sich drinnen die fuerchterliche Bassstimme: "Hier ist kein Ottochen! Sag'
den Schafskoepfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!" - "Er ist so sehr
beschaeftigt", fluesterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. "Die
Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muss ich mich
jetzt meinen Gaesten widmen, der Diener soll Sie anmelden." Und sie
entschwebte.

Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat
der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
Diederich vorbei und kratzte an der Tuer. Sofort ertoente es drinnen:
"Schnaps! Komm herein!" - worauf die Dogge die Tuer aufklinkte. Da sie
vergass, sie wieder zu schliessen, erlaubte Diederich sich, mit
hineinzuschluepfen. Herr von Wulckow sass in einer Rauchwolke am
Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Ruecken her.

"Guten Tag, Herr Praesident", sagte Diederich, mit einem Kratzfuss. "Na nu,
quatschst du auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
faltete ein Papier, zuendete langsam eine neue Zigarre an ... "Jetzt kommt
es", dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu
schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den
Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
ueber; mit gefletschten Zaehnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war
es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geraeuschlos wie moeglich, von
einem Fuss auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl
wissend, ihr Herr koennte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich
gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu
bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald
schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps' Seitenspruengen. Einmal sah
er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.
Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und liess sich
streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, mass er mit kuehnen
Jaegerblicken Diederich, der sich den Schweiss wischte.

"Gemeines Vieh!" dachte Diederich - und ploetzlich wallte es auf in ihm.
Empoerung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
unterdruecktem Keuchen: "Wer bin ich, dass ich mir das bieten lassen muss?
Mein letzter Maschinenschmierer laesst sich das von mir nicht bieten. Ich
bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich
noetiger als ich ihn!" Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm
den uebelsten Sinn an. Man hatte ihn verhoehnt, der Bengel von Leutnant
hatte ihm den Ruecken geklopft! Diese Kommisskoepfe und adeligen Puten hatten
die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm
dabei sitzen lassen! "Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!"
Gesinnung und Gefuehle, alles stuerzte in Diederichs Brust auf einmal
zusammen, und aus den Truemmern schlug wild die Lohe des Hasses.
"Menschenschinder! Saebelrassler! Hochnaesiges Pack!... Wenn wir mal Schluss
machen mit der ganzen Bande -!" Die Faeuste ballten sich ihm von selbst, in
einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbaende und sie selbst,
die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen!
Gegen die wir nichts koennen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,
ein verschwindendes Molekuel von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der
Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
Gesicht, eisern, gestraeubt, blitzend: Diederich aber, in wuester
Selbstvergessenheit, hob die Faust.

Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Praesidenten hervor aber kam ein
donnerndes Geraeusch, ein lang hinrollendes Geknatter - und Diederich
erschrak tief. Er verstand nicht, was dies fuer ein Anfall gewesen war. Das
Gebaeude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur
noch leise. Der Herr Regierungspraesident hatte wichtige Staatsgeschaefte.
Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
und sorgte fuer gute Geschaefte ...

"Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.
"Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie
sich mal auf diesen Ehrenplatz."

"Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diederich. "Einiges habe ich schon
erreicht fuer die nationale Sache."

Wulckow blies ihm einen maechtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm
ganz nahe mit seinen warmbluetigen, zynischen Augen und ihrer
Mongolenfalte. "Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, dass Sie
Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschaeft soll ja 'ne
ziemlich faule Karre sein." Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow
droehnend. "Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da
geschrieben habe?" Das grosse Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die
er darauf legte. "Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz fuer
einen gewissen Doktor Hessling, in Anerkennung seiner Verdienste um die
gute Gesinnung in Netzig ... Fuer so nett haben Sie mich wohl gar nicht
gehalten?" setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und
wie mit Bloedheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
Verbeugungen. "Ich weiss tatsaechlich nicht", brachte er hervor. "Meine
bescheidenen Verdienste -"

"Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. "Es soll auch nur eine
Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozess Lauer war nicht uebel. Na und Ihr
Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse
ganz aus dem Haeuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
Anklage wegen Majestaetsbeleidigung erhoben. Da muessen wir uns Ihnen wohl
erkenntlich zeigen."

Diederich rief aus: "Mein schoenster Lohn ist es, dass der Lokal-Anzeiger
meinen schlichtbuergerlichen Namen vor die Allerhoechsten Augen selbst
gebracht hat!"

"Na, nu nehmen Sie sich mal 'ne Zigarre", schloss Wulckow; und Diederich
begriff, dass jetzt die Geschaefte kamen. Schon inmitten der Hochgefuehle
waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht
eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:

"Fuer die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag
bewilligen."

Wulckow streckte den Kopf vor. "Ihr Glueck. Wir haben sonst ein billigeres
Projekt, darauf wird Netzig ueberhaupt nicht beruehrt. Also sorgen Sie
dafuer, dass die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung duerft ihr dann
dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern."

"Das will der Magistrat auch nicht." Diederich bat mit den Haenden um
Nachsicht. "Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns
keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
Mann -"

"Das moechte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich
sonst einfach ein Elektrizitaetswerk, das hat er billig, was glauben Sie,
zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd - und dann unterbietet er euch hier
in Netzig selbst."

Diederich richtete sich auf. "Ich bin entschlossen, Herr Praesident, allen
Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten."
Hierauf, mit gedaempfter Stimme: "Einen Feind koennen wir uebrigens
loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Kluesing in
Gausenfeld."

"Der?" Wulckow feixte veraechtlich. "Der frisst mir aus der Hand. Er liefert
Papier fuer die Kreisblaetter."

"Wissen Sie, ob er fuer schlechte Blaetter nicht noch mehr liefert? Darueber,
Herr Praesident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert."

"Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlaessiger
geworden."

"Und zwar -" Diederich nickte gewichtig, "seit dem Tage, an dem der alte
Kluesing mir, Herr Praesident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten
lassen. Gausenfeld sei ueberlastet. Natuerlich hatte er Angst, dass ich mich
an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er
auch Angst -" eine bedeutsame Pause - "dass der Herr Praesident das Papier
fuer die Kreisblaetter lieber bei einem nationalen Werk bestellt."

"Also - Sie liefern jetzt fuer die Netziger Zeitung?"

"Niemals, Herr Praesident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr
verleugnen, dass ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges
Geld drin ist."

"Na schoen." Wulckow stemmte die Faeuste auf die Schenkel. "Jetzt brauchen
Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.
Die Kreisblaetter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
Papierlieferungen fuer die Regierung. Sonst noch was?"

Und Diederich, sachlich:

"Herr Praesident, ich bin nicht wie Kluesing, mit dem Umsturz mach' ich
keine Geschaefte. Wenn Sie, Herr Praesident, auch als Vorstand der
Bibelgesellschaft mein Unternehmen stuetzen wollten, ich darf sagen, die
nationale Sache wuerde nur gewinnen."

"Na schoen", wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen
Trumpf aus.

"Herr Praesident! Unter Kluesing ist Gausenfeld eine Brutstaette des
Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der
anders waehlt als sozialdemokratisch."

"Na und bei Ihnen?"

Diederich schlug sich auf die Brust. "Gott ist mein Zeuge, dass ich lieber
noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als
dass ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiss, er ist nicht
kaisertreu."

"Sehr brauchbare Gesinnung", sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen
Augen an. "Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg
mitgemacht. Jugendliche beschaeftige ich gar nicht mehr, seit der
Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,
wie Seine Majestaet festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem
der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen -"

Wulckow winkte ab. "Ihre Sorge, Doktorchen!"

Diederich liess sich seinen Entwurf nicht verderben. "Unter meinen Lumpen
darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
ist es anders. Da koennen wir den Umsturz brauchen, damit aus den
freisinnigen Lumpen weisses, kaisertreues Papier wird." Und er machte eine
tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verbluefft, er schmunzelte
furchtbar.

"Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?"

Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: "Das ist auch einer von den
Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?"

Diederich schluckte, er sah, dass es keinen Umweg mehr gab. "Herr
Praesident", sagte er mit einem Entschluss; und dann leise und hastig: "Der
Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewaehlt wird, in
Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich."

Er breitete ein Papier hin vor den Praesidenten. Wulckow las, dann stand er
auf, warf den Stuhl mit dem Fuss fort und ging, Rauch ausstossend, durch das
Zimmer. "Also Kuehlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
Stadt kein Saeuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal." Er blieb
stehen. "Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
Wilhelm den Grossen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
aus Ihnen! Ich schlag' Sie so klein, dass Sie nicht mal mehr im
Saeuglingsheim Aufnahme finden!"

Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurueckgewichen bis an die Wand. "Herr
Praesident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein fuer diese
grosse nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ..."

"Dann gnade Ihnen Gott!"

"Wenn nun Kuehlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?"

"Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!" Wulckow liess
sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wuetend. Als die Wolken
zergingen, hatte er sich aufgeheitert. "Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
gegen Kluesing."

"Herr Praesident!" Wulckows Laecheln schuf in Diederich einen Ueberschwang
von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. "Wenn Sie es ihn unter der
Hand wissen liessen, dass Sie ihm eventuell die Auftraege entziehen! An die
grosse Glocke haengt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fuerchten; aber
er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er -"

"Mit seinem Nachfolger", schloss Wulckow. Da musste Diederich aufspringen
und seinerseits durch das Zimmer laufen. "Wenn Sie wuessten, Herr
Praesident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
ich will sagen, der moderne, grosszuegige Geist!"

"Den scheinen Sie zu haben", meinte Wulckow.

"Im Dienst der nationalen Sache", beteuerte Diederich. Er kehrte zurueck.
"Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich gluecklich schaetzen, wenn es
uns gelingen wuerde, dass Sie so gut sind, Herr Praesident, und bekunden der
Sache Ihr geschaetztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes."

"Gemacht", sagte Wulckow.

"Die aufopfernde Taetigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
entsprechend zu wuerdigen wissen."

"Erklaeren Sie sich mal naeher!" In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
aber Diederich bei seiner Angeregtheit ueberhoerte es.

"Die Idee hat bereits zu gewissen Eroerterungen im Schosse des Komitees
gefuehrt. Man wuenscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
mit einem Volkspark zu umgeben, damit naemlich die unloesbare Verbindung von
Herrscher und Volk sinnfaellig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
im Zentrum der Stadt an ein groesseres Grundstueck gedacht; auch die
Nachbargebaeude waeren zu haben; es ist in der Meisestrasse."

"Soso. Meisestrasse." Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.

"Der Gedanke ist aufgetaucht, dass wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
naeher tritt, die betreffenden Grundstuecke sichern und unbefugten
Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender haette
natuerlich das erste Anrecht ..."

Nach diesem Wort wich Diederich zurueck, der Sturm brach los. "Herr! Fuer
wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschaeftsagent? Das ist unerhoert, das war
noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Koeniglichen Regierungspraesidenten
zu, er soll seine schmutzigen Geschaefte mitmachen!"

Wulckow droehnte uebermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Koerperwaerme
und mit seinem persoenlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rueckwaerts
bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging klaeffend zum Angriff
ueber. Das Zimmer war auf einmal erfuellt von Graus und Getoese.

"Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!" schrie
Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tuer tastete, hatte nur
Vermutungen darueber, wer ihm frueher an der Kehle sitzen werde, der Hund
oder der Praesident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
vertrautem Fuss zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach ueber ihn
herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tuer hinter dem
Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
schlotternden Diederich ueberraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. "Ich
kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behoerde,
an der obersten Behoerde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
Zuchthaus, ich ruiniere Sie fuer Ihr Leben!"

Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Juengste Gericht nicht entfernt
den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Uebrigens drehte auch
Wulckow sich ploetzlich um; er zuendete seine Zigarre wieder an, Diederich
war nicht mehr da fuer ihn. Und auch Schnaps liess von ihm ab, als sei er
Luft. Da wagte Diederich es, die Haende zu falten.

"Herr Praesident," fluesterte er wankend, "Herr Praesident, erlauben Herr
Praesident, dass ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
tief bedauerliches Missverstaendnis vor. Nie wuerde ich, bei meiner
wohlbekannten nationalen Gesinnung -. Wie koennte ich!"

Er wartete, aber niemand bekuemmerte sich um ihn.

"Wenn ich auf meinen Vorteil saehe," begann er wieder, um etwas
vernehmlicher, "anstatt dass ich immer nur das nationale Interesse im Auge
habe, dann waere ich heute nicht hier, dann waere ich bei dem Herrn Buck.
Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
Grundstueck an die Stadt verkaufen, fuer das freisinnige Saeuglingsheim. Aber
das Ansinnen hab' ich mit Entruestung zurueckgewiesen und habe den geraden
Weg gefunden zu Ihnen, Herr Praesident. Denn besser, hab' ich gesagt, das
Denkmal Kaiser Wilhelms des Grossen im Herzen als das Saeuglingsheim in der
Tasche, hab' ich gesagt und sag' es auch hier mit lauter Stimme!"

Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
"Sind Sie noch immer da?" fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
"Herr Praesident -"

"Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie ueberhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
verhandelt."

"Herr Praesident, im nationalen Interesse -"

"Mit Grundstuecksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
Grundstueck, und dalli; nachher koennen wir reden."

Diederich, erblasst, mit dem Gefuehl, als werde er an der Wand zerquetscht:
"In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
Kluesing? Der Ehrenvorsitz?"

Wulckow zog eine Grimasse. "Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!"

Diederich rang nach Atem. "Ich bringe das Opfer!" erklaerte er. "Denn das
Hoechste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muss
ueber jedem Verdacht stehen."

"Na ja", sagte Wulckow, indes Diederich sich zurueckzog, stolz auf seinen
Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, dass der Praesident ihn als
Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.

Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blaetternd.
Die Gaeste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
sie sich anziehen musste zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. "Meine
Unterredung mit dem Praesidenten ist fuer beide Teile durchaus befriedigend
verlaufen", stellte Diederich fest; und draussen auf der Strasse: "Da sieht
man es, was es heisst, wenn zwei loyale Maenner verhandeln. In dem heutigen
verjudeten Geschaeftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr."

Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklaerte, dass sie Reitstunden nehmen
werde. "Wenn ich dir das Geld gebe", sagte Diederich, aber nur der Ordnung
wegen, denn er war stolz auf Emmi. "Hat Leutnant von Brietzen nicht
Schwestern?" bemerkte er. "Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
verschaffen zur naechsten Soiree der Frau Oberst." Gerade ging drueben der
Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. "Ich weiss wohl," sagte er,
"man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Hoechste, es zieht
einen hin!"



Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergroessert. Der
handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
gegenueber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
kuehne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
Buck.

"Ich habe mich nun doch entschlossen", erklaerte Buck. "Ich gehe zur
Buehne."

"Und Ihre buergerliche Stellung? Und Ihre Heirat?"

"Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
weniger Komoedie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
Auch sind die Weiber schoener."

"Das ist kein Standpunkt", erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
"Ich muss zugeben, das Geruecht ueber Guste und mich hat mir Spass gemacht.
Andererseits: so bloedsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Maedchen
leidet darunter, ich kann sie nicht laenger kompromittieren."

Diederich widmete ihm einen abschaetzigen Seitenblick, denn er hatte den
Eindruck, Buck nahm das Geruecht zum Vorwand, um sich zu druecken. "Sie
werden wohl wissen," versetzte er streng, "was Sie da anrichten. Ein
anderer nimmt sie jetzt natuerlich auch nicht mehr leicht. Es gehoert schon
verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu."

Buck bestaetigte dies. "Fuer einen wirklich modernen, grosszuegigen Mann",
sagte er bedeutungsvoll, "muesste es eine besondere Genugtuung sein, ein
Maedchen unter solchen Umstaenden zu sich hinaufzuziehen und fuer sie
einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, wuerde zweifellos der Edelmut zuletzt
das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin."

"Wieso, Lohengrin?"

Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
ward er unruhig. "Kommen Sie mit hinein?" fragte er. - "Wo denn hinein?" -
"Gleich hier, Schweinichenstrasse 77. Ich muss es ihr doch sagen, Sie
koennten vielleicht -." Da pfiff Diederich durch die Zaehne.

"Sie sind wirklich -. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzaehlen
Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
aus dem Spiel, den Braeuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
kuendigen."

"Machen Sie eine Ausnahme", bat Buck. "Mir werden Szenen im Leben so
schwer."

"Ich habe Grundsaetze", sagte Diederich. Buck lenkte ein.

"Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
als moralische Unterstuetzung dienen."

"Moralisch?" fragte Diederich.

"Als Vertreter sozusagen des verhaengnisvollen Geruechtes."

"Was wollen Sie damit sagen?"

"Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie."

Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.

Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste liess auf sich warten. Buck ging
nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. "War nicht auch
Wolfgang da?" fragte sie.

Buck war ausgerissen!

"Das begreife ich nicht", sagte Diederich. "Er hatte doch etwas ganz
Dringendes bei Ihnen vor."

Hierauf erroetete Guste. Diederich wandte sich der Tuer zu. "Dann empfehle
ich mich auch."

"Was wollte er denn?" forschte sie. "Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
dass er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?"

"Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, dass ich es entschieden
missbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
Schuld ist es nicht, adieu."

Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.

"Ich muss es ablehnen," verriet er schliesslich, "dass ich mir mit den
Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
Dritte durchgeht und entzieht sich seinen naechstliegenden
Verpflichtungen."

Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
reglos, und dann warf sie die Haende vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
sah ihre Wangen aufquellen und die Traenen ihr durch die Finger rinnen. Sie
hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
Schmerz. "Schliesslich", meinte er, "ist ja so viel nicht an ihm verloren."
Da aber empoerte sich Guste. "Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
haben immer gegen ihn gehetzt. Dass er ausgerechnet Sie muss herschicken,
das kommt mir mehr wie sonderbar vor."

"Wie meinen Sie das, bitte?" verlangte Diederich seinerseits. "Sie mussten
wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fraeulein, was Sie von dem
betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
ist alles schlapp."

Da sie ihn hoehnisch musterte, versetzte er um so strenger:

"Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt."

"Weil es Ihnen so passte", erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
"Er hat mich doch selbst angestellt, dass ich seinen Kochtopf sollte
umruehren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
gewesen waere, haette er ihn schon laengst ueberkochen lassen."

Da rang es sich los aus Guste. "Haben Sie 'ne Ahnung! Das ist es ja, das
kann und kann ich ihm nicht verzeihen, dass ihm immer _alles_ wurscht war,
sogar mein Geld!"

Diederich war erschuettert. "Mit so einem soll man sich nicht einlassen",
stellte er fest. "Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
Finger." Er nickte gewichtig. "Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
Leben nicht."

Guste laechelte blass. "Dann verstehen Sie es glaenzend."

"Das wollen wir hoffen", sagte er. Sie kam naeher zu ihm, durch ihre
letzten Traenen blinzelte sie ihn an.

"Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus
mache?" Sie verzog den Mund. "Ich hab' ihn doch ueberhaupt nicht geliebt.
Bloss auf die Gelegenheit hab' ich gewartet, dass ich ihn loswerde. Nun ist
er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn", setzte
sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein
Schnupftuch zurueck, fuer alles andere schien er zu danken. Guste begriff,
dass er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so
demuetiger verhielt sie sich.

"Sie spielen gewiss auf meine Lage an, wo ich nun drin bin."

Er lehnte ab. "Ich habe nichts gesagt." Guste klagte still. "Wenn die
Leute Gemeinheiten ueber mich reden, dafuer kann ich doch nicht!"

"Ich auch nicht."

Guste senkte den Kopf. "Na ja, ich muss es wohl einsehen. So eine wie ich
verdient nicht mehr, dass ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten
vom Leben sie noch nimmt." Und dabei schielte sie von unten nach der
Wirkung.

Diederich schnaufte. "Es kann auch sein -", begann er und machte eine
Pause. Guste atmete nicht. "Nehmen wir einmal an," sagte er mit
schneidender Betonung, "jemand hat im Gegenteil die allerernstesten
Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und grosszuegig, und im vollen
Gefuehl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
kuenftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland uebernimmt er den Schutz
des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor."

Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflaechen
aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien
noch nicht zu genuegen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so
fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnaedig. "So soll es
sein", sagte er und blitzte.

Hier trat Frau Daimchen ein. "Nanu," bemerkte sie, "was ist denn los?" Und
Guste, mit Geistesgegenwart: "Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring", -
worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederliess. Diederich wollte nicht
zurueckstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: "Hat ihm
schon!" Sie stand entschlossen auf.

"Dass du es nur weisst, Mutter, ich habe mich veraendert."

Frau Daimchen, noch ausser Atem, begriff nicht sogleich. Guste und
Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklaeren. Schliesslich
gestand sie, dass sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so
etwas schon gedacht habe. "Wolfgang war sowieso 'n bisschen zu
miesepeterig, ausser er hatte was getrunken. Bloss die Familie, dagegen
kommen Hesslings nicht auf."

Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kuendigte an, dass nichts
abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise
ueber Gustes Mitgift mussten herbei, dann verlangte er Guetergemeinschaft -
und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!
Bei jedem Widerspruch hielt er den Tuergriff schon in der Hand, und
jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: "Soll denn
morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los
bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?"

Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er ass zu Abend mit den Damen und
wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmaedchen nach dem
Verlobungssekt schicken. Dies kraenkte Frau Daimchen, denn natuerlich hatte
sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr
verkehrten. "Ueberhaupt haben Sie mehr Glueck als Verstand, denn den Herrn
Leutnant von Brietzen haette Guste auch gekriegt." Darauf lachte Diederich
wohlgemut. Alles ging gut. Fuer ihn das viele Geld, und der Leutnant von
Brietzen fuer Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche
taumelte das Brautpaar auf seinen Stuehlen immer einer gegen den anderen,
ihre Fuesse waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand
beschaeftigte sich unten. Drueben drehte Frau Daimchen die Daumen. Ploetzlich
verursachte Diederich ein donnerndes Geraeusch und erklaerte sofort, er
uebernehme dafuer die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen
Kreisen ueblich, er verkehre bei Wulckows.

Welche Ueberraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiss.
Vielleicht ziehe er nach Berlin, fuer grosszuegige Unternehmungen sei es das
Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.
"Die Papierindustrie macht ueberhaupt eine Krise durch; diese mitten in
Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhaeltnissen keinen Sinn mehr."

Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhoehtes
Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Ruehrszenen
und Umarmungen, als sie sich irgend wuenschen konnte; ja, er nahm willig
ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee
auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite
schien Diederich ueber Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch
leicht, unter Einkaeufen, Sektfruehstuecken und den Brautvisiten, einen
vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten
anregend miteinander beschaeftigt.

Die schoene Laune, die mit ihrem Dasein spielte, fuehrte sie eines Abends in
den Lohengrin. Die beiden Muetter hatten sich dazu verstehen muessen, zu
Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der
Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
breite rote Plueschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,
war eingedrueckt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwuerdiges. Guste
wollte wissen, dass diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehoerte,
und dass sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!

"Ueber die Schauspielerinnen sind wir gluecklich hinaus", erklaerte
Diederich, und er liess durchblicken, dass er allerdings bis vor kurzem mit
einer gewissen Dame vom Theater, die er natuerlich nicht nennen koenne -.
Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das
Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plaetze ein.

"Haehnisch ist noch wabbeliger geworden", bemerkte Guste sogleich, und sie
nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
hochkuenstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte
Haarstraehnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmassen den Takt
schlug, ueber seinem grossen grauen Gesicht, dessen Fettsaecke mitwippten;
und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war grosser
Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, dass er auf Ouvertueren keinen
Wert lege. Ueberhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin
kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.
"Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!"
Diederich hielt sich mehr an den Koenig unter der Eiche, der sichtlich die
prominenteste Persoenlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders
schneidig; Wulckow brachte Bass und Vollbart entschieden besser zur
Geltung; aber was er aeusserte, war vom nationalen Standpunkt aus zu
begruessen. "Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West." Bravo! So oft er
das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik
bekraeftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was
man hoeren sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wuenschte sich, er
haette zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmuetig, denn er glich aufs Haar dem
dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
sah Diederich die Gesichter der Mannen naeher an und fand ueberall
Neuteutonen. Sie hatten groessere Baeuche und Baerte bekommen und sich gegen
die harte Zeit mit Blech geruestet. Auch schienen nicht alle sich in
guenstigen Lebensumstaenden zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere
Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen
noch weniger glaenzend; aber der Verkehr mit ihnen waere unzweifelhaft in
tadellosen Formen verlaufen. Ueberhaupt ward Diederich gewahr, dass man sich
in dieser Oper sogleich wie zu Hause fuehlte. Schilder und Schwerter, viel
rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene
Banner, und die deutsche Eiche: man haette mitspielen moegen.

Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der liess
freilich zu wuenschen. Guste stellte spoettische Fragen: welche es denn nun
sei, mit der er -. "Vielleicht die Ziege in dem Haengekleid? Oder die dicke
Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hoernern?" Und Diederich war nicht weit
davon entfernt, sich fuer die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu
entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, dass eben sie in der ganzen
Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
zunaechst noch leidlich Komment zu haben, aber eine hoechst ueble
Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche
Treue, selbst wo sie ein so glaenzendes Bild darbot, bedroht von den
juedischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.

Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man
Klasse voraussetzen durfte. Der biedere Koenig haette es nicht noetig gehabt,
die Sache dermassen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
vornherein gewisse Garantien. Diederich fasste sie ins Auge, sie sah
herauf, sie laechelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber
Guste entriss es ihm. "Also die Meree ist es?" zischte sie; und da er
vielsagend laechelte: "Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich
geschmeichelt fuehlen. Die ausgemergelte Juedin!" - "Juedin?" - "Die Meree,
selbstredend, sie heisst doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt." -
Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm hoehnisch anbot, und ueberzeugte
sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttaeuscht lehnte Diederich sich
zurueck. Dennoch konnte er nicht hindern, dass Elsas keusche Vorahnung
weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr ruehrte wie den Koenig und
die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer
Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Dass die Edlen sich auf
die faule Sache nicht einlassen wuerden, war freilich vorherzusehen. Man
musste schon mit etwas Ausserordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,
sie machte einen geradezu auf alles gefasst. Diederich hatte den Mund offen
und so dummselige Augen, dass Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt
war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,
funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betoerender.
Mannen, Edle und der Koenig unterlagen alle derselben Verblueffung wie
Diederich. Nicht umsonst gab es hoehere Maechte.... Ja, die allerhoechste
Macht verkoerperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder
Adlerhelm: Elsa wusste wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.
Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten
war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und haette ueberhaupt
wegziehen muessen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der
ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! "So soll es sein!" sagte
Diederich und nickte auf die kniefaellige Elsa hinab - indes Guste, die
Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.

Das weitere konnte man an den Fingern abzaehlen. Telramund machte sich
einfach unmoeglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
Repraesentanten Lohengrin verhielt sich sogar der Koenig hoechstens wie ein
besserer Bundesfuerst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der
Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstuerzler mochten
den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schuetteln.

Der zweite Akt - Guste ass noch immer, sanft hingegeben, Pralinees -
brachte zunaechst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen
dem glanzvollen, ohne Misston verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
vornehm erleuchteten Raeumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empoerern,
die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. "Erhebe dich, Genossin
meiner Schmach", meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon
angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persoenlichen
Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darueber war nichts zu sagen; aber
irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter
sich hatte. Er traeumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte
was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen
und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
nach Guste. "Es gibt ein Glueck, das ohne Reu", bemerkte Elsa; und
Diederich zu Guste: "Das wollen wir hoffen."

Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken
Delitzsch eroeffnet, dass sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfuersten
bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich
keine Meinung und schluckten jede Vorlage. "Den Reichstag bringen wir auch
noch so weit", gelobte Diederich.

Wie aber Ortrud vor Elsa in das Muenster treten wollte, empoerte sich Guste.
"Das hat sie nun nicht noetig, darueber aergere ich mich immer. Wo sie doch
nichts mehr hat, und ueberhaupt." - "Juedische Frechheit", murmelte
Diederich. Uebrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen
Namen verraten und dadurch das ganze Geschaeft in Frage stellen sollte oder
nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
brauchte er nicht erst zu beweisen, dass er, trotz dem Noergler Telramund,
reine Haende und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung
war durchaus unverdaechtig.

Guste verhiess ihm, im dritten Akt kaeme das Allerschoenste, aber dafuer muesse
sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der
Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge
verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin haette sich
besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren gluecklich
fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der Koenig! Er konnte nicht
wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als
Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der Koenig schon immer zu
konziliant gewesen war fuer diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine
Nulpe.

Endlich fand er die Tuer, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an
die "Wonnen, die nur Gott verleiht". Zuerst umschlangen sie sich nur oben,
die unteren Koerperteile sassen nach Moeglichkeit voneinander entfernt. Je
mehr sie aber sangen, um so naeher rutschten sie heran, - wobei ihre
Gesichter sich haeufig auf Haehnisch richteten. Haehnisch und sein Orchester
schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und
Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit
erhitzten Augen. Die Gefuehle gingen den Weg der Zauberklaenge, die Haehnisch
mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Haende folgten ihnen. Diederich
liess die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Ruecken hinabgleiten,
umspannte sie unten und murmelte betoert: "Wie ich das zum erstenmal
gesehen habe, gleich hab' ich gesagt, die oder keine!"

Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,
der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschaeftigen.
Lohengrin zeigte sein Jaegerhemd! Eben stimmte er an: "Atmest du nicht mit
mir die suessen Duefte", da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.
Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknoepft hatte, herrschte im Hause
lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die
sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stiess auf ein Bedenken. "Wie
lange traegt er das Hemd schon? Und ueberhaupt, er hat doch nichts mit, der
Schwan ist mit seinem Gepaeck abgeschwommen!" Diederich verwies ihr
ernstlich das Nachdenken. "Du bist gerade so eine Gans wie Elsa", stellte
er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es
nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
Attentat misslang durch Gottes Fuegung; aber die Weiber, dies musste
Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest
anzog, eher noch subversiver.

Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles
nationale Zubehoer war wieder da; und "fuer deutsches Land das deutsche
Schwert, so sei des Reiches Kraft bewaehrt": bravo! Aber Lohengrin schien
nun wirklich entschlossen, sich aus dem oeffentlichen Leben zurueckzuziehen.
"Ueberall wurde an mir gezweifelt", durfte auch er sagen. Nacheinander
klagte er den toten Telramund und die ohnmaechtige Elsa an. Da keins von
beiden ihm widersprach, haette er ohne weiteres recht behalten; dazu kam
aber noch, dass er tatsaechlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt
gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen
Versammlung, die noch nie von ihm gehoert hatte, eine ungeheure Bewegung
hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen
sie erwartet zu haben, nur nicht, dass er Lohengrin hiess. Um so dringlicher
ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der
Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und
unnahbar. Uebrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds
brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf
auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans
von einer kraeftigen Taube gezogen, hinter sich liess. Dafuer war der junge,
soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfuerst, dem
Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.

"Das kommt davon", bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.
Alle diese Katastrophen, die Wesensaeusserungen der Macht waren, hatten ihn
erhoben und tief befriedigt. "Wovon kommt es denn", meinte Guste, zum
Widersprechen aufgelegt. "Bloss weil sie wissen will, wer er ist? Das kann
sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anstaendig." - "Es hat einen
hoeheren Sinn", erklaerte ihr Diederich streng. "Die Geschichte mit dem
Gral, das soll heissen, der allerhoechste Herr ist naechst Gott nur seinem
Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
Majestaet in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
nichts, und eventuell -." Eine Handbewegung gab zu verstehen, dass auch er,
in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
wuerde. Dies erboste Guste. "Das ist ja Mord! Wie komm' ich dazu, dass ich
muss draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht
einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!" Und Guste
ruempfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch
nichts geschehen war.

Auf dem Heimweg versoehnten sich die Verlobten. "Das ist die Kunst, die wir
brauchen!" rief Diederich aus. "Das ist deutsche Kunst!" Denn hier
erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfuellt.
Empoerung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward
glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der hoechste Wert gelegt,
und das Volk, ein von den Ereignissen ewig ueberraschter Chor, schlug sich
willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die
mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und
sympathisch, dass in dieser Schoepfung der schoenere und geliebtere Teil der
Mann war. "Ich fuehl' das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen
Mann", sangen auch die Maenner samt dem Koenig. So war denn die Musik an
ihrem Teil der maennlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie ueppig war,
und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Auffuehrungen
einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!
Diederich sprach es aus: "Das Theater ist auch eine meiner Waffen." Kaum
ein Majestaetsbeleidigungsprozess konnte die Buerger so gruendlich aus dem
Schlummer ruetteln. "Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer
den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm' ich den Hut ab." Er schlug
ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste musste ihn aufklaeren, es sei
nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, aeusserte
sich Diederich ueber die Kunst im allgemeinen. Unter den Kuensten gab es
eine Rangordnung. "Die hoechste ist die Musik, daher ist es die deutsche
Kunst. Dann kommt das Drama."

"Warum?" fragte Guste.

"Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen
braucht, und ueberhaupt."

"Und was kommt dann?"

"Die Portraetmalerei natuerlich, wegen der Kaiserbilder. Das uebrige ist
nicht so wichtig."

"Und der Roman?"

"Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt
schon der Name."



Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der
Leute, Diederich aus Gruenden der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,
hatte man beschlossen, dass Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal
mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den
Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den
Verhandlungen ueber Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
Geschaeftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der
Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu
erfuellen, vertiefte sich jetzt oefter in seine Geschaeftsbuecher ... Sogar am
Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, sass er im Kontor; da ward
eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. "Was kann der wollen,
Soetbier?" Der alte Buchhalter wusste es auch nicht. Na egal. "Einen
Offizier kann ich nicht abweisen." Und Diederich ging selbst zur Tuer.

In der Tuer aber erschien ein ungewoehnlich strammer Herr in einem
gruenlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen
trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
seinem gruenen Agrarierhuetchen, das er merkwuerdigerweise aufbehielt,
regnete es. "Zunaechst wollen wir uns mal trocken legen", versetzte der
Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er
schnarrend: "Verkaufen, was? Klemme, was?" Diederich begriff nicht
sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Soetbier. Der Alte hatte
sich wieder an seinen Brief gemacht. "Herr Premierleutnant haben sich
gewiss in der Hausnummer geirrt", bemerkte Diederich schonend; aber es half
nichts. "Quatsch. Weiss Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Hoeherer Befehl.
Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott."

Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht laenger uebersehen,
dass trotz der militaerischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure
Strammheit nicht echt war und dass seine Augen verglast waren. In dem
Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein gruenes
Agrarierhuetchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs
Frackhemd. Dies veranlasste Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm
ihn sehr uebel. "Ich stehe Ihnen zur Verfuegung", schnarrte er. "Die Herren
von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden."
Dabei zwinkerte er angestrengt - und Diederich, dem ein schrecklicher
Verdacht kam, vergass seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
Premierleutnant aus der Tuer zu draengen. "Wir sprechen draussen", raunte er
ihm zu, und nach der anderen Seite zu Soetbier: "Der Herr ist sinnlos
betrunken, ich muss sehen, wie ich ihn los werde." Aber Soetbier hatte die
Lippen zusammengepresst, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
seinem Brief zurueck.

Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.
"Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch." Erst nachdem auch er
durchnaesst war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch
den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: "Glas Schnaps! Kaufe
alles, Schnaps mit!" Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei
hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er oeffnete den Verschlag, wo die
Chlorsaecke lagen, und befoerderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: "Karnauke
mein Name, warum stinken Sie so?"

"Haben Sie einen Hintermann?" fragte Diederich. Der Herr nahm auch das
uebel. "Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat."
Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermaentelchen.
"Momentane Verlegenheit", schnarrte er. "Vermittle Kavalieren.
Ehrensache."

"Was bietet Ihr Auftraggeber?"

"Hundertzwanzig die Kiste."

Und wie Diederich sich entsetzte oder empoerte: zweihunderttausend sei sein
Grundstueck wert, der Premierleutnant blieb dabei: "Hundertzwanzig die
Kiste."

"Nicht zu machen" - Diederich vollfuehrte eine unvorsichtige Bewegung nach
dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich musste
ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr ueber ihn. "Stehen Sie auf,"
keuchte Diederich, "hier werden wir gebleicht." Der Premierleutnant heulte
auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, - und ploetzlich hatte er
seine stramme Haltung zurueck. Er zwinkerte. "Praesident von Wulckow eklig
hinterher, dass Sie verkaufen, sonst kein Geschaeft mit ihm zu machen.
Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr
Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste." Diederich, bleicher als waere er
im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: "Hundertfuenfzig", - aber die
Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Juengste
Gericht!... Mit einem trostlosen Blick ueberflog er nochmals die Gestalt
dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte
er sich aus! Haette man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller
gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschaeft verhandeln
koennen? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
auf Geschaefte verstanden sie sich noch immer nicht. "Gehen Sie nur voran
zum Notar," raunte Diederich, "ich komme gleich." Er liess ihn hinaus. Wie
er aber selbst fort wollte, stand da der alte Soetbier, noch immer mit den
gekniffenen Lippen. "Was wuenschen Sie?" Diederich war ermattet.

"Junger Herr," begann der Alte hohl, "was Sie jetzt vorhaben, dafuer kann
ich nicht mehr die Verantwortung tragen."

"Wird nicht verlangt." Diederich gab sich Haltung. "Ich weiss allein, was
ich tue." Der Alte hob beschwoerend die Haende.

"Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen
Vater und mir, die verteidige ich! Dass wir das Geschaeft aufgebaut haben
mit Fleiss und solider Arbeit, dadurch sind Sie gross geworden. Und wenn Sie
mal teure Maschinen kaufen und mal die Auftraege ablehnen, das ist ein
Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschaeft herunter. Und jetzt verkaufen
Sie das alte Haus!"

"Sie haben an der Tuer gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne dass Sie dabei
sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkaelten Sie sich hier nur
nicht." Diederich hoehnte.

"Sie duerfen es nicht verkaufen!" jammerte Soetbier. "Ich kann nicht
zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der
Firma untergraebt und treibt Grossmannspolitik."

Diederich mass ihn mitleidig. "Grosszuegigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht
erfunden, Soetbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Spaeter
werden Sie sehen, wozu es gut war, dass ich das Haus verkaufe."

"Ja, das werden Sie auch erst spaeter sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott
sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozess anhaengt. Sie
haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte -: bloss dass
ich Pietaet habe, sonst koennte ich Sie ins Unglueck bringen!"

Der Alte war ausser sich. Er kreischte, Traenen der Wut in den roten Lidern.
Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die
Nase. "Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, dass Sie die Firma
bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
Vorkehrungen getroffen?"

Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Soetbier
rollte blutige Augaepfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurueck.
"Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines
alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewaehrte
Kraft so lange als moeglich zu erhalten."

"Das koennte Ihnen passen", sagte Diederich hart und kalt. "Seien Sie froh,
wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt." Und er schritt von dannen.

Beim Notar verlangte er, dass in den Kaufvertrag als Kaeufer "Unbekannt"
gesetzt werde. Karnauke feixte. "Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn
von Quitzin." Darauf laechelte auch der Notar. "Ich sehe," sagte er, "Herr
von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehoerte ihm in der Meisestrasse nur
die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstuecke hinter dem
Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den
Stadtpark und hat Platz fuer riesige Anlagen."

Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,
solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.
"Weiss ich", sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. "Freudentag.
Fruehstueck Hotel Reichshof. Bin geruestet." Er oeffnete das gruene Maentelchen
und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn
entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
mit seinen Zeugen.

Die Braut wartete schon laengst, die beiden Muetter trockneten ihr die
Traenen, unter dem anzueglichen Laecheln der anwesenden Damen. Auch dieser
Braeutigam ging durch! Magda und Kienast waren empoert; und zwischen
Schweinichenstrasse und Meisestrasse liefen Boten ... Endlich! Diederich war
da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklaerungen. Am
Standesamt und in der Kirche wirkte er verstoert. Allerseits bemerkte man,
auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor
Zillich erwaehnte in seiner Ansprache, dass der irdische Besitz etwas
Vergaengliches sei. Man begriff seine Enttaeuschung. Kaethchen war gar nicht
erschienen.

Beim Hochzeitsfruehstueck sass Diederich schweigend und sichtlich noch anders
beschaeftigt. Selbst das Essen vergass er oft und stierte in die Luft.
Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit
zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die
Versammlung nach Massgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht
gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere
Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und
die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den
Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat
ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene
Laerm des Festes brach jaeh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
blaues Band haengen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...
Ah! und Tumult und Glueckwuensche. Diederich reichte beide Haende hin, eine
Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete
von selbst und bevor er wusste was. "Seine Majestaet ... Unerhoerte Gnade ...
Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ..." Er dienerte, er legte, wie
Karnauke ihm das Kreuz ueberreichte, die Hand auf das Herz, schloss die
Augen und versank: so als staende vor ihm ein anderer, der Geber selbst.
Unter der Gnadensonne fuehlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal
Wilhelm des Grossen und Gausenfeld, Geschaeft und Ruhm!

Der Aufbruch draengte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschuechtert, bekam
einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen
er entgegengefuehrt werden sollte, von grossen Dingen, die man mit ihm und
der ganzen Familie vorhabe - und fort war Diederich mit Guste.

Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhaenge
zu. Sein von Glueck beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste
haette so viel Temperament nie erwartet. "Du bist doch nicht wie
Lohengrin", bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
schloss, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,
ordenbehangen, eisern und blitzend. "Bevor wir zur Sache selbst
schreiten," sagte er abgehackt, "gedenken wir Seiner Majestaet unseres
allergnaedigsten Kaisers. Denn die Sache hat den hoeheren Zweck, dass wir
Seiner Majestaet Ehre machen und tuechtige Soldaten liefern."

"Oh!" machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrueckt in hoeheren
Glanz. "Bist - du - das - Diederich?"





                                   VI.


Herr und Frau Doktor Hessling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift
des Zuericher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
Ergebnis des Blickes, den der Geschaeftsfuehrer schnell und schonend ueber
sie hingefuehrt hatte. Diederich fuellte gehorsam den Meldezettel aus; erst
als der Oberkellner fort war, aeusserte er seine Entruestung ueber den Betrieb
hier und ueber Zuerich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem
Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig
greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste
wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stuerzten sie denn
zum Lunch mit hochroten Koepfen. An der Tuer machten sie halt und schnauften
unter den Blicken der Gaeste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem
Hut, der Baender, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
unzweifelhaft in die Beletage gehoerte. Ihr Bekannter, der Oberkellner,
fuehrte sie im Triumph zu ihren Plaetzen.

Mit Zuerich und auch mit dem Hotel versoehnten sie sich am Abend. Denn
erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und
dann hing gerade gegenueber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgrosse
Odaliske, der braeunliche Leib hinschwellend auf ueppigem Polster, mit den
Haenden unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen.
In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlass zu
Scherzen gab. Am naechsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern,
verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
waere, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz
gewesen waere. Aus Muedigkeit versaeumten sie den Zug und kehrten am Abend,
so frueh wie moeglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurueck. Ein
Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen
schweren Lidern in der Zeitung, dass der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
Besuch des Koenigs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch
bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste
jammern, dass ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig,
Diederich schleifte Guste schon hinaus. "Muss es denn sein?" klagte sie,
"wo doch das Bett so gut ist!" Aber Diederich hinterliess nur noch einen
hoehnischen Blick fuer die Odaliske. "Amuesieren Sie sich weiter gut, meine
Gnaedigste!"

Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner
Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf
einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und
da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken aeussern duerfen, die auf
mystische Art mit denen des Allerhoechsten Herrn zusammenzufallen schienen,
vielleicht wusste Seine Majestaet zu dieser Stunde um Diederich: wusste, dass
sein treuer Untertan ihm zur Seite ueber die Alpen zog, um den feigen
Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heisst. Er blitzte die Schlaefer
auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf
verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!

Frueh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich
nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Uebriggebliebenen
beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten
sich empfaenglicher, worauf Diederich triumphierend: "Na, Sie beneiden uns
wohl auch um unseren Kaiser!" Da sahen die Amerikaner einander an, mit
einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.

Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Taetigkeitsdrang ueber. Den
Finger in einem Sprachfuehrer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
Erfahrung zu bringen, wer frueher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzuendet. "Diedel!" rief
sie. "Ich bin imstande und werf' ihm meinen Reiseschleier auf den Weg,
damit dass er darueber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiss' ich auch
hin!" - "Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?" fragte
Diederich und laechelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie
senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riss sich los aus der furchtbaren
Spannung. "Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
diesem Falle aber -" Und er schloss mit einer knappen Geste.

Da kam man an - aber ganz anders, als die Gatten es ertraeumt hatten. In
groesster Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
gedraengt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Strassen
dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt
die Arme reckte, liess er mit allem Handgepaeck dastehen und stuerzte
drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhueten
jagten ihm nach, dass ihre bunten Frackschoesse flogen. Da schritten die
Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf
Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er bruellte auf, dass die Herren
im Wagen ihr Gespraech unterbrachen. Der rechts neigte sich vor - und sie
sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser laechelte kalt
pruefend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund liess er ein wenig
herab. Diederich lief ein Stueck mit, die Augen weit aufgerissen, immer
schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie,
indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der
Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.

Schon verschwand der Wagen drueben in der beflaggten Strasse, die Hochrufe
schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die
Augen schloss, setzte den Hut wieder auf.

Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden,
klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die
Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen
ging in seiner Teilnahme so weit, dass er einen Kutscher herbeirief. Wie er
abfuhr, gruesste Diederich die Menge. "Sie sind wie die Kinder", erklaerte er
seiner Gattin. "Na, aber auch entsprechend schlapp", setzte er hinzu, und
er gestand: "In Berlin waere das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an
den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war 'n bisschen schaerfer."
Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung
bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.

Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Strassen. "Der
Kaiser steht frueh auf", hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen
grunzte. Uebrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schraegen Strahlen,
grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast - und gegenueber
Diederich, der Majestaet gewaertig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine
Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen
Rossebaendigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die
Passanten wurden haeufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus
hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und
mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
sich naeher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins
Innere spaehend. Bei seinem dritten Erscheinen fuehrte der Portier, ein
wenig zoegernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und
zurueckgruesste, ward er vertraulich. "Alles in Ordnung", sagte er hinter der
Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverstaendnisses
entgegen. Es schien ihm nur natuerlich, dass man ihn ueber das Wohlergehen
seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von
selbst darauf, dass Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen
brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Haeuflein
Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter
einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines
Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon,
Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: "Es
lebe der Kaiser!" Und gefaellig schrie das Haeuflein mit ... Diederich aber,
ein Sprung in den Einspaenner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den
Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und
sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhoechste Wagen. Als der
Kaiser ausstieg, war wieder ein Haeuflein da, und wiederum schrie Diederich
auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte!
Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Naehe traute! Nach zehn
Minuten war das Haeuflein neu vervollstaendigt, der Wagen entrollte dem Tor,
und Diederich: "Es lebe der Kaiser!" - und, im Echo des Haeufleins,
wildbrausend zurueck zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das
Haeuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rueckkehr, eine neue Uniform, und
wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie
hatte Diederich ein schoeneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
unterrichtete ihn zuverlaessig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, dass ein
salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend
entgegennahm, oder dass einer Direktiven zu erbitten schien - und dann
erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
stieg hoch und hoeher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war
es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das
Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter
Klasse ... Der Kutscher, der immer haeufiger die naechste Kneipe betrat,
empfand endlich Bewunderung fuer das heldenhafte Pflichtgefuehl des
Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich
beide an das naechste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf;
um ihnen vorauszukommen, musste man Gassen durchjagen, die aussahen wie
Kanaele und deren spaerliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
drueckten; oder es hiess aussteigen und Hals ueber Kopf eine Treppe nehmen.
Dann aber stand Diederich puenktlich an der Spitze seines Haeufleins, sah
die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den
Kopf und laechelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der
schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor
Hochgefuehl ueber die Allerhoechste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in
dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.

Erst die Versicherung des Portiers, dass Seine Majestaet nun fruehstuecke,
erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. "Wie siehst du aus!" rief
sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurueck. Denn er war rot
wie eine Tomate, voellig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie
der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch
Welschland. "Dies ist ein grosser Tag fuer die nationale Sache!" versetzte
er mit Wucht. "Seine Majestaet und ich, wir machen moralische Eroberungen!"
Wie er dastand! Guste vergass ihren Schrecken und den Aerger ueber das lange
Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demuetig rankte sie sich
an ihm hinauf.

Aber kaum das Stuendchen zum Essen goennte Diederich sich. Er wusste wohl,
nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hiess es, unter seinen Fenstern
Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie
recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenueber,
nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, dass ein verdaechtig
aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des
Portiers sich einschlich, sich hinter eine Saeule drueckte und im lauernden
Schatten Plaene barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber
Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn ueber den Platz
tosen. Aufgescheuchtes Volk stuerzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen - und alle bewunderten
Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
hervorzerrte. Die beiden schlugen dermassen um sich, dass nicht einmal die
bewaffnete Macht an sie herankam. Ploetzlich sah man Diederichs Gegner, dem
es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Buechse schwingen.
Atemlose Sekunden - dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine
Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles
lagen die naechsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiss auf
Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach
Pfefferminz. Die Kuehnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase;
ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger
und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
zurueckkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel
mehr darueber, dass er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt
er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
entronnen war. Der Attentaeter suchte - ganz vergebens - an ihm vorbei das
Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust ueberlieferte ihn den
Polizeiwaechtern. Diese stellten fest, dass es sich um einen Deutschen
handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der
Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit hoechster Korrektheit.
Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Kuenstler war, hatten
keine ausgesprochen politische Faerbung, verrieten aber durch ihre
abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des
Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die
Waechter fuehrten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur
noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbuersten zu
lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persoenlicher Dienst
begann wieder.

Sein Dienst fuehrte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das
Gebaeude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestaet Empfang hielt. Ein
laengerer Aufenthalt des Allerhoechsten Herrn gab Diederich Gelegenheit,
beim naechsten Wirt seine Stimmung zu erhoehen. Er erklomm vor der Tuer einen
Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste
getragen war und der schlappen Bande die Vorzuege eines strammen Regiments
klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen
ihn, rot ueberstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des
Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund
aufreissen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren - was ihnen
offenbar genuegte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und
liessen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben liess. Mit einem Ernst,
der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich fuer seinen Herrn und die
furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen,
worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in
heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen
Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im
Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die
Geistesgegenwart eines Beamten im persoenlichen Dienst des Kaisers war
Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war
dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Aehnlichkeit auch nur
allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes
und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich
selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem
Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten
Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genaehrt ward,
bewirkten, dass die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich
nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch
vermochte, um seiner Pflicht zu genuegen. Er schoss im Zickzack das Kapitol
hinab, stolperte und rollte ueber die Stufen weiter. Drunten in der Gasse
holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer
zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen
schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt
hin, wo er stand. Zwei staedtische Waechter fanden ihn, an die Mauer
gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persoenlichen
Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich
ueber ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in
ungeheure Froehlichkeit aus. Der persoenliche Beamte war gottlob nicht tot,
denn er schnarchte; und die Lache, in der er sass, war kein Blut.

Am naechsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser
ungewoehnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: "Jetzt
weiss ich doch, wozu ich das viele Geld hab' ausgegeben. Pass auf, wir
erleben einen historischen Moment!" Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
Abendblaetter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser
werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgeloest!
Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklaerte allen, die in der Naehe
sassen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
entbloedet, die Militaervorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen fuer
ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem
naechsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den
Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. "Endlich ist man mal
woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie
komm' ich dazu, dass ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
gleich wieder retour, bloss wegen -." Der Blick, den sie nach der
kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, dass Diederich
mit aeusserster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum
zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot,
sah er sich von ihnen veranlasst, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr
Zug ging. "Komment hat das Pack nun mal nicht", stellte er draussen fest
und schnaufte stark. "Ueberhaupt, was ist hier los, moecht' ich mal wissen.
Schoenes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug
an, das da 'rumsteht!" heischte er. Guste, wieder gebaendigt, sagte
klagend: "Ich geniess' es ja." Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand
hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwaemme und
Buersten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie
sechsunddreissig Stunden Geduld hatte, musste Diederich ihr unermuedlich die
nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuss
fasste, ihre erste Sorge die Schwaemme. Am Sonntag hatte man ankommen
muessen! Zum Glueck war wenigstens die Loewenapotheke offen. Indes Diederich
vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinueber. Da sie
aber nicht zurueckkam, folgte er ihr.



Die Tuer der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spaehten hinein
und waelzten sich. Diederich, der ueber sie wegsah, erstarrte vor Staunen -
denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
duesterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb
Hornung. Guste sagte gerade: "Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine
Zahnbuerste kriege", da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor,
die Arme immer verschraenkt und Guste in seinen duesterm Blick fassend. "Sie
werden meiner Miene angesehen haben," begann er mit Rednerstimme, "dass ich
weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbuerste zu verkaufen." -
"Nanu!" machte Guste und wich zurueck. "Aber Sie haben doch das ganze Glas
hier voll." Gottlieb Hornung laechelte wie Luzifer. "Der Onkel dort oben" -
er warf den Kopf zurueck und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der
wohl sein Prinzipal hauste - "der kann hier feilbieten, was ihm beliebt.
Ich fuehle mich dadurch nicht beruehrt. Ich habe nicht sechs Semester
studiert und einer hochfeinen Korporation angehoert, damit ich mich jetzt
hier hinstelle und Zahnbuersten verkaufe." - "Wozu sind Sie denn da?"
fragte Guste, merklich eingeschuechtert. Da versetzte Hornung, majestaetisch
rollend: "Ich bin fuer die Rezeptur da!" Und Guste fuehlte wohl, sie sei
zurueckgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein.
"Mit den Schwaemmen waere es wohl dasselbe?" - "Ganz dasselbe", bestaetigte
Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu
entruesten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte
aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, dass
die Wuerde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn
jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst
nehmen und den Betrag hinlegen - was Diederich hiermit tat. Gottlieb
Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des
Freundes. Leider war viel Missgeschick dabei; denn da Hornung niemals
Schwaemme und Zahnbuersten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fuenf
Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter fuer seine
Ueberzeugung einzustehen, auf die Gefahr, dass es ihn auch hier wieder seine
Stellung kostete. "Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!" sagte
Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.

Diederich hielt seinerseits nicht laenger zurueck mit dem, was er erlebt und
erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermoegens. Der Kaiser,
dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloss und Riegel
sassen, war in Rom ganz kuerzlich und gleichfalls dank Diederich einer
persoenlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an
den Hoefen und an der Boerse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines
Halbwahnsinnigen, "aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlass, zu glauben,
dass ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen,
Hornung, dass das nationale Interesse die groesste Zurueckhaltung gebietet,
denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann." Hornung war es
natuerlich, und so konnte Diederich sich ueber die hochwichtige Aufgabe
verbreiten, die ihn genoetigt hatte, von seiner Hochzeitsreise ploetzlich
zurueckzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen.
Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz ruettelte an den
Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, dass sie mit dem Gepaeck nach
Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu
reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draussen
gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbuerste verlangen.
Diederich bedachte, dass Gottlieb Hornung eben vermoege seiner
aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwaemmen und
Zahnbuersten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein
wertvoller Bundesgenosse werden koenne. Aber dies war die geringste seiner
schleunigen Sorgen. Der alten Frau Hessling wurden nur schnell ein paar
Traenen erlaubt, dann musste sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo
frueher nur das Dienstmaedchen und die nasse Waesche untergebracht waren und
wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Russ von
der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Praesidenten von
Wulckow, liess darauf, nicht weniger unauffaellig, Napoleon Fischer zu sich
kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
Zusammenkunft mit Kunze, Kuehnchen und Zillich zu bewirken.

Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit
Muehe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor musste man an einem
Familienausflug mit Kaethchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der
Professor befand sich in den Haenden seiner beiden Pensionaere, die ihn
schon halb betrunken gemacht hatten. Schliesslich gelang es, alle im Lokal
des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eroeffnete ihnen ohne
weiteren Zeitverlust, dass ein nationaler Kandidat aufgestellt werden muesse
und dass nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, naemlich Herr Major
Kunze. "Hurra!" rief Kuehnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog
sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn fuer naiv halte,
knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. "Ein
nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
neugierig. Wenn alles so gewiss waere wie der nationale Durchfall!"
Diederich liess dies keineswegs gelten. "Wir haben den Kriegerverein, den
wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine
unschaetzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und
dort wird die Schlacht gewonnen." "Hurra!" schrie Kuehnchen wieder, die
beiden anderen aber wuenschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei,
und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung - wobei er lieber darueber
hinwegging, dass das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und
Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Saeuglingsheim, so viel verriet er,
war nicht populaer, eine Menge Waehler liessen sich zu der nationalen Sache
herueberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlass des alten Kuehlemann ein
Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker
beschaeftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines
Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf
als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu ruecken.
Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, ueber den er auch lieber
hinging. "Dem Manne aber, der so unendlich viel fuer uns alle erreicht und
errungen hat" - er zeigte schwungvoll auf Kunze - "dem Manne wird unsere
liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und
Kaiser Wilhelm der Grosse werden einander anblicken -" "Und die Zunge
zeigen", schloss der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. "Wenn Sie
meinen, die Netziger warten nur auf den grossen Mann, der sie mit
klingendem Spiel in das nationale Lager fuehrt, warum spielen Sie dann
nicht selbst den grossen Mann?" Und er bohrte sich in Diederichs Augen.
Aber Diederich riss sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das
Herz. "Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon
schwerere Pruefungen auferlegt als eine Kandidatur fuer den Reichstag, und
die Pruefungen, das darf ich sagen, hab' ich bestanden! Dabei hab' ich mich
nicht gescheut, als Vorkaempfer der guten Sache, allen Hass der
Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab' es mir dadurch
unmoeglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich
wuerden die Netziger nicht waehlen, meine Sache werden sie waehlen, und darum
trete ich zurueck, denn sachlich sein heisst deutsch sein, und lasse Ihnen,
Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!" Allgemeine Bewegung.
Kuehnchens Bravo klang traenenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze
starrte, sichtlich erschuettert, unter den Tisch. Diederich aber fuehlte
sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte
Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrueckt. Diederichs blond
behaarte Hand streckte sich ueber den Tisch, und die braun behaarte des
Majors schlug zoegernd, doch kraeftig hinein.

Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Maennern wieder die
Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn
zu entschaedigen fuer die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Kluengels in
die Schranken trete und ihm unterliege. "Sehen Sie wohl!" - und er reckte
den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht
gleich Worte fand. "So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
nicht vor, und dass Sie mich durchaus 'rankriegen wollen, wie ich Sie
kenne, Herr Doktor, haengt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits
zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe."
Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu
versprechen, und da er sein Einverstaendnis mit Wulckow durchblicken liess,
war der nationale Kandidat endlich rueckhaltlos gewonnen.... Inzwischen
aber hatte Pastor Zillich es sich ueberlegt, ob seine Stellung in der Stadt
es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu uebernehmen.
Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man
statt des Denkmals eine Kirche gebaut haette! "Denn wahrlich, Gotteshaeuser
tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der
Stadt so sehr vernachlaessigt, dass sie heute oder morgen mir und meinen
Christen auf den Kopf fallen kann." Ohne Saeumen verbuergte Diederich sich
fuer alle gewuenschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, dass der
Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen
Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Aeusserlichkeiten berechtigte
Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. "Ohne in
Familienverhaeltnisse eingreifen zu wollen", setzte Diederich hinzu und sah
Kaethchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht....
Aber auch Kuehnchen, der laengst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die
beiden anderen hatten ihn, waehrend sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf
seinem Sitz festgehalten; kaum dass sie ihn losliessen, riss er stuermisch die
Debatte an sich. Wo musste die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In
der Jugend? Wie aber war das moeglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
Freund des Herrn Buck war. "Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals
reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig..." Genug, Kuehnchen
wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm grossmuetig.

Nachdem dermassen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der
Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der
Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklaerte, von Gott kam und
auch der besten Sache erst die hoehere Weihe lieh, und so begab man sich in
den Ratskeller.

In aller Fruehe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern
zwischen den weissen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen
Fischer die schwarzweissrot geraenderten Plakate, die Herrn Major Kunze als
Kandidaten der "Partei des Kaisers" empfahlen. Diederich pflanzte sich so
fest, als es ihm moeglich war, davor auf und las mit schneidiger
Tenorstimme. "Vaterlandslose Gesellen des aufgeloesten Reichstages haben es
gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er
zur Groesse des Reiches bedarf.... Wollen uns des grossen Monarchen wuerdig
erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
Die fuer mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!"
Kuehnchen, Zillich und Kunze bekraeftigten alles mit Geschrei; und da einige
Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte
Diederich sich um und erlaeuterte ihnen das nationale Manifest. "Leute!"
rief er. "Ihr wisst gar nicht, was ihr fuer ein Schwein habt, dass ihr
Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe
mich soeben im Ausland persoenlich davon ueberzeugt." Hier schlug Kuehnchen
mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. "Wollt ihr, dass euer
Kaiser euch Kolonien schenkt?" fragte Diederich sie. "Na also. Dann
schaerft ihm gefaelligst das Schwert! Waehlt keinen vaterlandslosen Gesellen,
das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn
Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick fuer unsere
Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, dass ihr mit zwanzig Mark
weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!" Hier sahen die Arbeiter
stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.

Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen
Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
klarzumachen. "Wenn die Kerls glauben," erklaerte er, "sie koennen kuenftig
noch den freien Gewerkschaften angehoeren! Den Freisinn treiben wir ihnen
auch aus! Von heute ab greift 'ne schaerfere Tonart Platz!" Pastor Zillich
verhiess eine verwandte Taetigkeit in den christlichen Vereinen, indes
Kuehnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner
schwaermte, die auf Fahrraedern die Stadt durcheilen und Waehler
herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefuehl aber beseelte doch
Diederich. Er verschmaehte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und
ihn mit Vorwuerfen empfing, erwiderte er blitzend: "Mein Kaiser hat ans
Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlaegt, dann gibt es
keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?" Worauf Guste sich schroff
herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefuellte Federbett wie
einen Turm zwischen sich und den Ungefaelligen stellte. Diederich
unterdrueckte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb
ungesaeumt einen Warnruf gegen das freisinnige Saeuglingsheim. Die "Netziger
Zeitung" brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des
Herrn Doktors Heuteufel eine ueberaus warme Empfehlung des Saeuglingsheims
gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
Organ des gebildeten Buergertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede
neu auftauchende Idee vor allem den Pruefstein seines Kulturgewissens zu
legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Fuer wen war
so ein Saeuglingsheim naturgemaess in erster Linie bestimmt? Fuer die
unehelichen Kinder. Was beguenstigte es also? Das Laster. Hatten wir das
noetig? Nicht die Spur; "denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die
moegen uneheliche Geburten preiskroenen, weil sie sonst keine Soldaten mehr
haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
unerschoepflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!" Und Diederich
rechnete den Abonnenten der "Netziger Zeitung" vor, bis wann sie und
ihresgleichen hundert Millionen betragen wuerden, und wie lange es
hoechstens noch dauern koenne, bis die Erde deutsch sei.

Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die
Vorbereitungen getroffen fuer die erste Wahlversammlung der "Partei des
Kaisers". Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch
aufgemacht hatte. In Tannenkraenzen gluehten Transparente: "Der Wille des
Koenigs ist das hoechste Gebot." "Es gibt fuer euch nur einen Feind, und der
ist mein Feind." "Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich." "Mein Kurs ist
der richtige." "Buerger, erwacht aus dem Schlummer!" Fuer das Erwachen
sorgten Klappsch und Fraeulein Klappsch, indem sie ueberall immer frisches
Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhaeufen. So
ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung
vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der
Rauchwolke, in der das Bureau sass, machte die unliebsame Bemerkung, dass
auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt
waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die
Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es
hatte ihn zu grosse Muehe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele
Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon
hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kuehlemann dreimal
starb! Geschwollene Haende hatte Hornung von den Begruessungen all der
neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Dass er sich
mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber
Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an
Distanz. Der Besitzer der Loewenapotheke hatte ihm soeben gekuendigt, und er
war entschlossener als je, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu
verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn
seine finstere Miene taeuschte Diederich nicht darueber, dass der Major
dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und dass der
Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben wuerde.
Er sagte: "Meine Herren, das Heer ist die einzige Saeule", da jedoch einer
aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: "Schon faul!", verwirrte Kunze
sich sogleich und setzte hinzu: "Aber wer bezahlt es? Der Buerger." Worauf
die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung
gedraengt, erklaerte Kunze: "Darum sind wir alle Saeulen, das duerfen wir wohl
verlangen, und wehe dem Monarchen -" "Sehr richtig!" antworteten
freisinnige Stimmen, und die gutglaeubigen Patrioten schrien mit. Der Major
wischte sich den Schweiss; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf,
als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am
Rockschoss, er beschwor ihn, Schluss zu machen, aber Kunze versuchte es
vergebens: den Uebergang zur Wahlparole der "Partei des Kaisers" fand er
nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jaeh dunkelrot und stiess mit
unvermittelter Wildheit hervor: "Ausrotten bis auf den letzten Stumpf!
Hurra!" Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde,
erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fraeulein Klappsch.

Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb
Hornung kam ihm zuvor. Diederich fuer seine Person blieb lieber im
Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Praesidiums. Er hatte Hornung zehn
Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
Knirschend trat er an den Rand der Buehne und erlaeuterte die Rede des
verehrten Herrn Majors dahin, dass das Heer, fuer das wir alle zu jedem
Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie
sei. "Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten", stellte
der Apotheker fest. "Die Wissenschaft hat sie ueberwunden." "Sehr richtig!"
rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte.
"Herren und Knechte wird es immer geben!" bestimmte Gottlieb Hornung,
"denn in der Natur ist es auch so. Und es ist dass einzig Wahre, denn jeder
muss ueber sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der
vor ihm Angst hat. Wohin kaemen wir sonst! Wenn der erste beste sich
einbildet, er ist ganz fuer sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem
Volk, dessen ueberkommene, ehrwuerdige Formen sich erst in den
demokratischen Mischmasch aufloesen, und wo der zersetzende Standpunkt der
Persoenlichkeit das Uebergewicht bekommt!" Hier verschraenkte Gottlieb
Hornung die Arme und schob den Nacken vor. "Ich," rief er, "der ich einer
hochfeinen Verbindung angehoert habe und den freudigen Blutverlust fuer die
Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafuer, dass ich Zahnbuersten
verkaufen soll!"

"Und Schwaemme auch nicht?" fragte jemand.

"Auch nicht!" entschied Hornung. "Ich verbitte mir ganz energisch, dass
noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem
das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will.
Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!"

Damit trat Gottlieb Hornung zurueck und sah, den Unterkiefer vorgeschoben,
aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein liess es
sich nicht nehmen, mit geschwungenen Bierglaesern an ihm und Kunze
vorbeizudefilieren. Kunze nahm Haendedruecke entgegen, Hornung stand ehern
da - und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, dass
diese beiden zweitklassigen Persoenlichkeiten den Vorteil hatten von einer
Gelegenheit, die sein Werk war. Er musste ihnen die Volksgunst des
Augenblicks wohl lassen, denn er wusste besser als die beiden Gimpel, wo
dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
Hilfstruppe fuer Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht
selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
laenger verweigern, sofort begann er vom Saeuglingsheim. Das Saeuglingsheim
sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanitaet. Was aber sei das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der
anstaendigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort
unten hoerten zu in einer Stille voll peinlicher Gefuehle, denen hier und da
ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. "Es gibt Leute," behauptete
Heuteufel, "denen es auf hundert Millionen mehr fuer das Militaer nicht
ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es fuer ihre Person wieder
hereinbringen." Da schnellte Diederich auf: "Ich bitte ums Wort!" und mit
Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefuehle der Lieferanten. Sie
groelten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.

Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empoerung sich
beruhigte. Dann begann er. "Meine Herren!" "Bravo!" schrien die
Lieferanten, und Diederich musste weiter warten in der Atmosphaere
gleichgestimmter Gemueter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn
reden liessen, gab er der allgemeinen Empoerung Worte, dass der Vorredner es
habe wagen koennen, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
verdaechtigen. "Unerhoert!" riefen die Lieferanten. "Das beweist uns nur,"
rief Diederich, "wie zeitgemaess die Gruendung der 'Partei des Kaisers' war!
Der Kaiser selbst hat befohlen, dass alle diejenigen sich
zusammenschliessen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des
Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
nationale und kaisertreue Gesinnung hoch ueber den Verdaechtigungen derer,
die selbst bloss eine Vorfrucht des Umsturzes sind!" Noch bevor der Beifall
losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: "Abwarten! Stichwahl!"
Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getoese ihrer Haende
erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefaehrliche
Andeutungen versteckt, dass er schnell ablenkte. Das Saeuglingsheim war ein
weniger verfaengliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens
sollte es sein? Ein Ausfluss des Lasters war es! "Wir Deutschen ueberlassen
so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!" Diederich brauchte
nur seinen Artikel aus der "Netziger Zeitung" herzusagen. Der vom Pastor
Zillich geleitete Juenglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen
klatschten bei jedem Wort. "Der Germane ist keusch!" rief Diederich,
"darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!" Jetzt war die Reihe am
Kriegerverein, von Begeisterung zu droehnen. Hinter dem Tisch des
Vorstandes sprang Kuehnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: "Nu
verklobben mer sie bald noch emal!" Diederich hob sich auf die Zehen.
"Meine Herren!" schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, "das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung fuer den erhabenen Grossvater
sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren,
und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen
jungen Kaiser, dass wir so bleiben wollen wie wir sind, naemlich keusch,
freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!"

Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen
schwelgten sie im Idealen - und auch Diederich war sich keiner weltlichen
Hintergedanken mehr bewusst, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner
Verschwoerung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten fuer die
Stichwahl. Reine Begeisterung entfuehrte seine Seele auf einen Flug, von
dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien.
"Abzuweisen und mit aller Schaerfe hinter die ihnen gebuehrenden Schranken
zurueckzudaemmen sind daher die Anwuerfe derer, die weiter nichts wollen, als
uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanitaet!" - "Wo haben Sie Ihre
echte sitzen?" fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die
nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, dass Diederich nur noch
stellenweise zu hoeren war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden,
denn das war ein Traum und nicht einmal ein schoener. Dagegen wollte er
eine spartanische Zucht der Rasse. Bloedsinnige und Sittlichkeitsverbrecher
waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu
verhindern. Bei diesem Punkt verliess Heuteufel mit den Seinen das Lokal.
Von der Tuer rief er noch her: "Den Umsturz kastrieren Sie auch!" Diederich
antwortete: "Machen wir, wenn Sie noch lange noergeln!" "Machen wir!" toente
es zurueck von allen Seiten. Alle waren ploetzlich auf den Fuessen, prosteten,
jauchzten und vermischten ihre Hochgefuehle. Diederich, umbraust von
Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Haende, die die seinen
schuetteln wollten, und nationaler Bierglaeser, die mit ihm anstiessen, sah
von seiner Buehne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getruebten
Blick weiter und hoeher schien. Aus den hoechsten Tabakswolken gluehten ihn
mystisch die Gebote seines Herrn an: "Der Wille des Koenigs!" "Mein Feind!"
"Mein Kurs!" Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien - aber er
griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da
sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. "Ich haette
ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt."



Die schlimmste Rache Heuteufels war, dass er Diederich das Ausgehen verbot.
Draussen tobte der Kampf taeglich wilder, und alle standen in der Zeitung,
weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur
Nothgroschen, zu schweigen von Kuehnchen, der ueberall zugleich redete. Nur
Diederich in seinem neu altdeutsch moeblierten Salon gurgelte stumm. Von
der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
Lebensgroesse ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
Saeckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn
das Hesslingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national
empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen.
Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.

Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr
Uebelkeiten, waehrend deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau
Hessling pflegen liess. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte
daran, dass hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Hessling
verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
hinzustellen fuer Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluss war Guste rot
aufgeblaeht und schnaufte, Frau Hessling aber vergoss Traenen. Diederich hatte
den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in
der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.

Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tuer
zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schraege Decke hatte. Guste sann
darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
Waesche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, musste
man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus,
sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten,
Emmi ward zu den Fraeulein von Brietzen eingeladen - obwohl diese das Haus
nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, wuerde Guste, von den
Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben,
aber nur der zweite Stock des Hesslingschen Hauses ward von ihm fuer wuerdig
befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
behueteten Emmi freilich nicht vor Tagen grosser Niedergeschlagenheit; dann
verliess sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefuehl und Langeweile, hinauf zu ihr,
Emmi schloss aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer
hinfliessenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam,
versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten ueber Diederich und ueber
ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jaeh zusammen, sie waelzte
sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der
Tuer. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empoerung nicht schuldig; Emmi, jaeh
aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte;
und als die alte Frau Hessling hinzukam, war es schon beschlossene Sache,
dass die beiden Teile der Familie kuenftig getrennt essen wuerden. Diederich,
dem Guste vorweinte, war peinlich beruehrt von den Weibergeschichten. Zum
Glueck kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunaechst mal Ruhe zu
schaffen. Da er wieder ueber ein wenig Stimme verfuegte, ging er gleich zu
Emmi und verkuendete ihr seinen Entschluss, sie fuer einige Zeit nach
Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er
nicht nachliess, wollte sie aufbegehren, ward aber ploetzlich wie von Angst
befallen und begann leise und instaendig zu bitten, dass sie dableiben
duerfe. Diederich, dem, er wusste nicht was, ans Herz griff, liess ratlos die
Augen umhergehen, und dann zog er sich zurueck.

Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen,
frisch geroetet und in bester Laune. Guste, die um so zurueckhaltender
blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: "Prost, Frau von Brietzen". Da
erblasste Emmi. "Mach' dich nicht laecherlich!" rief sie zornig, warf die
Serviette hin und schlug die Tuer zu. "Nanu", knurrte Diederich; aber Guste
hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Hessling fort war, sah sie
Diederich merkwuerdig in die Augen und fragte: "Glaubst du wirklich?" Er
erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. "Ich meine," erklaerte Guste,
"dann koennte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Strasse gruessen. Aber
heute hat er einen Bogen gemacht." Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
Guste erwiderte: "Wenn ich es mir bloss einbilde, dann bilde ich mir noch
mehr ein, weil ich naemlich in der Nacht schon oefter was durchs Haus
schleichen gehoert habe, und heute sagte auch Minna -." Weiter kam Guste
nicht. "Aha!" Diederich schnob. "Mit den Dienstboten steckst du zusammen!
Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, dass ich das nicht
dulde. Ueber der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich
weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
gleich beide zu, dass ihr die Tuer wiederfindet, wo ihr hereingekommen
seid!" Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur
ducken, aber sie laechelte ihm von unten nach, wie er davonging.

Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus
der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen
Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht
unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon
unterrichtet, dass die "Partei des Kaisers" ihm zu stark werde und dass sie
neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
Umstaenden -. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen muessen,
gleich heute werde er die uebernommenen Verpflichtungen erfuellen und von
den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die
Versammlung - und hier musste er erleben, dass der Antrag betreffend das
Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafuer, er ging durch, so glatt,
als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn
und Genossen laut geisseln wollte, konnte nur bellen: der tueckische Streich
hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, liess er sich
Napoleon Fischer kommen.

"Sie sind entlassen!" bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste
verdaechtig. "Schoen", sagte er und wollte abziehen.

"Halt!" bellte Diederich. "Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los.
Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, dass
ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!"

"Politik ist Politik", bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da
Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat
Napoleon Fischer vertraulich naeher, fast haette er Diederich auf die
Schulter geklopft. "Herr Doktor," sagte er wohlwollend, "tun Sie doch nur
nicht so. Wir beide: - na ja, ich sage bloss, wir beide ..." Und sein
Grinsen war so voll Mahnungen, dass Diederich erschauerte. Schnell bot er
Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:

"Wenn einer von uns beiden erst anfaengt zu reden, wo hoert dann der andere
auf! Hab' ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten
Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmuessen, wie zum Beispiel
der Herr Buck."

"Wieso?" fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere.
Der Maschinenmeister tat erstaunt. "Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
erzaehlt doch ueberall, dass Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
meinen. Sie moechten bloss Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen
es billiger, wenn Kluesing Angst wegen gewisser Auftraege hat, weil er nicht
national ist."

"Das sagt er?" fragte Diederich, zu Stein geworden.

"Das sagt er", wiederholte Fischer. "Und er sagt auch, er tut Ihnen den
Gefallen und spricht fuer Sie mit Kluesing. Dann werden Sie sich wohl wieder
beruhigen, sagt er."

Da wich der Bann von Diederich. "Fischer!" versetzte er mit kurzem Gebell.
"Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im
Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafuer werd' ich sorgen,
Fischer. Adieu."

Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer
umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter
allen Widerstaenden stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen - und jetzt die infame
Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere baeumte sich auf, in
der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. "Und woher weiss er
es?" dachte er mit zornigem Entsetzen. "Hat Wulckow mich verkauft? Sie
glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?" Denn Kunze und die
anderen waren ihm heute merklich abgekuehlt erschienen; sie hielten es
scheinbar nicht mehr fuer noetig, ihn einzuweihen in das, was vorging?
Diederich gehoerte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer
seines persoenlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
eigentliche Gruender der Partei des Kaisers?... Verrat ueberall, Intrigen,
feindseliger Verdacht - und nirgends schlichte deutsche Treue.

Da er nur bellen konnte, musste er in der naechsten Wahlversammlung hilflos
zusehen, wie Zillich - es war klar, aus welchem persoenlichen Interesse -
Jadassohn reden liess, und wie Jadassohn stuermischen Beifall erntete, als
er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon
Fischer waehlen wuerden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmaennische
Vorgehen, er wusste sich Jadassohn hoch ueberlegen. Andererseits war es
nicht zu verkennen, dass Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg
hinreissen liess, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhoerern fand, die
keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
gehoerten. Sie waren in verdaechtiger Menge erschienen - und Diederich,
ueberreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manoevers
wieder den Erzfeind stehen, ihn, der ueberall das Boese lenkte, den alten
Buck.

Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Laecheln, und er
war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten;
er fuehrte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte
es ihn, dass er den Alten fuer einen schon zahnlosen Schwaetzer gehalten
hatte, und jetzt zeigte er die Zaehne. Nach all seinen humanitaeren
Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, dass er sich
nun doch nicht einfach fressen liess. Die heuchlerische Milde, mit der er
getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
gebracht? Nur damit Diederich sich Bloessen gebe und leichter zu fassen sei.
Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstueck
verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefaehrlichste Falle heraus.
Diederich fuehlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei
seiner geheimen Unterredung mit dem Praesidenten von Wulckow der alte Buck,
unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer
dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war
droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespaeht ... Im
Geiste sah Diederich den Alten sich ueber ihn beugen und die weisse, weiche
Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Guete in seinen Zuegen
war krasser Hohn, sie war das Unertraeglichste. Er dachte Diederich kirre
zu machen und mit seinen Schlichen leise zurueckzuleiten wie einen
verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schliesslich die Treber frass!

"Was hast du, mein lieber Sohn?" fragte Frau Hessling, denn Diederich hatte
vor Hass und Angst schwer aufgestoehnt. Er erschrak; in diesem Augenblick
betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
betreten - ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei
sie allein, und begab sich auf den Rueckweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi
an Diederich vorbeikam, umfasste Gustes spoettischer Blick sie beide, und
Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Laecheln des Umsturzes,
das er an Napoleon Fischer kannte. So laechelte Guste. Vor Schrecken
runzelte er die Stirn und rief barsch: "Was gibt es!" Schleunigst verkroch
sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. "Was ist mit dir?"
fragte er, und da sie stumm blieb: "Wen suchst du auf der Strasse?" Sie hob
nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. "Nun?" wiederholte
er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwuerdig unbeteiligt und
dadurch ueberlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie liess
sich endlich herbei zu sprechen.

"Es haette sein koennen, dass die beiden Fraeulein von Brietzen noch gekommen
waeren."

"Am spaeten Abend?" fragte Diederich. Da sagte Guste: "Weil wir an die Ehre
doch gewoehnt sind. Und ueberhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht
kennen, braucht man bloss an der Villa vorbeizugehen."

"Wie?" machte Emmi.

"Na gewiss doch!" Und das Gesicht ueberglaenzt, triumphierend liess Guste das
Ganze los. "Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt."
Eine Pause, ein Blick. "Er hat sich versetzen lassen."

"Du luegst", sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif
machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und liess hinter sich den
Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Hessling auf ihrem Sofa
faltete die Haende, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend
umherlief. Als er wieder bei der Tuer war, gab er sich einen Ruck. Durch
den Spalt erblickte er Emmi, die im Esszimmer auf einem Stuhl sass oder
hing, zusammengekruemmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen.
Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz
weiss gewesen und war jetzt stark geroetet, der Blick sah nichts - und
ploetzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen,
unsicheren Schritten stuermte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu
fuehlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich
in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit
geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte
stramm hinter Emmi her.

Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die
Tuer versperrt, mit Schluessel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so
stark zu klopfen, dass er anhalten musste. Als er hinaufgelangt war, blieb
ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlass zu verlangen. Keine
Antwort, aber er hoerte etwas klirren auf dem Waschtisch, - und ploetzlich
schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tuer und schrie unfoermlich.
Vor seinem eigenen Laerm hoerte er nicht, wie sie oeffnete, und schrie noch,
als sie schon vor ihm stand. "Was willst du?" fragte sie zornig, worauf
Diederich sich sammelte. Von der Treppe spaehten mit fragendem Entsetzen
Frau Hessling und Guste hinauf. "Unten bleiben!" befahl er, und er draengte
Emmi in das Zimmer zurueck. Er schloss die Tuer. "Das brauchen die anderen
nicht zu riechen", sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschuessel einen
kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem
Arm von sich fort und heischte: "Woher hast du das?" Sie warf den Kopf
zurueck und sah ihn an, sagte aber nichts. Je laenger dies dauerte, um so
weniger wichtig fuehlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts
wegen die erste war. Schliesslich ging er einfach zum Fenster und warf den
Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen.
Diederich seufzte erleichtert.

Jetzt hatte Emmi eine Frage. "Was fuehrst du hier eigentlich auf? Lass mich
gefaelligst machen, was ich will!"

Dies kam ihm unerwartet. "Ja, was - was willst du denn?"

Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: "Dir kann es gleich sein."

"Na, hoere mal!" Diederich empoerte sich. "Wenn du vor deinem himmlischen
Richter dich nicht mehr genierst, was ich persoenlich durchaus missbillige:
ein bisschen Ruecksicht koenntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
nicht allein auf der Welt."

Ihre Gleichgueltigkeit verletzte ihn ernstlich. "Einen Skandal in meinem
Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft."

Ploetzlich sah sie ihn an. "Und ich?"

Er schnappte. "Meine Ehre -!" Aber er hoerte gleich wieder auf; ihre Miene,
die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und hoehnte zugleich. In
seiner Verwirrung ging er zur Tuer. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene
sei.

"Im uebrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natuerlich voll
und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, dass du dir inzwischen die
aeusserste Zurueckhaltung auferlegst." Mit einem Blick nach der
Waschschuessel, aus der noch immer der Geruch kam.

"Dein Ehrenwort!"

"Lass mich in Ruhe", sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurueck.

"Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewusst zu sein. Du
hast, wenn das, was ich fuerchten muss, wahr ist -"

"Es ist wahr", sagte Emmi.

"Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich
hintrete -"

"Dann ist es auch noch so", sagte Emmi.

Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel
Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie
durchschaut und abgetan hinter sich liess. Vor der Ueberlegenheit ihrer
Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie
kuenstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
hervor: "So sag' mir doch nur -. Ich will dir auch -." Er sah an Emmis
Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. "Ich will dir
helfen", sagte er. Sie sagte muede: "Wie willst du das wohl machen?" und
sie lehnte sich drueben an die Wand.

Er sah vor sich nieder. "Du musst mir freilich einige Aufklaerungen geben:
ich meine, ueber gewisse Einzelheiten. Ich vermute, dass es schon seit
deinen Reitstunden dauert?..."

Sie liess ihn weiter vermuten, sie bestaetigte nicht, noch widersprach sie -
wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geoeffnete Lippen, und ihr Blick
hing an ihm mit Staunen. Er begriff, dass sie staunte, weil er vieles, das
sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
unbekannter Stolz erfasste sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:
"Verlass dich auf mich. Gleich morgen frueh gehe ich hin."

Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.

"Du kennst das nicht. Es ist aus."

Da machte er seine Stimme wohlgemut. "Ganz wehrlos sind wir auch nicht!
Ich moechte doch sehen!"

Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurueck.

"Du wirst ihn fordern?" Sie riss die Augen auf und hielt die Hand vor den
Mund.

"Wieso?" machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.

"Schwoere mir, dass du ihn nicht forderst!"

Er versprach es. Zugleich erroetete er, denn er haette gern noch gewusst, fuer
wen sie fuerchtete, fuer ihn oder fuer den anderen. Dem anderen wuerde er es
nicht gegoennt haben. Aber er unterdrueckte die Frage, weil die Antwort ihr
peinlich sein konnte; und er verliess das Zimmer beinahe auf den
Fussspitzen.

Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu
Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.
Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten wuerde. Natuerlich imponieren!
Zweifel am Ausgang der Sache ueberhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner
eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder
ein gedrungener Mann mit blanken bekuemmerten Augen, der bat, aufbrauste
und ganz zusammenbrach: Herr Goeppel, Agnes Goeppels Vater. Jetzt verstand
Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. "Du
kennst das nicht", meinte Emmi. Er kannte es - weil er es zugefuegt hatte.

"Gott bewahre!" sagte er laut und waelzte sich herum. "Ich lasse mich auf
die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die
Weiber sind raffiniert genug dafuer. Ich werf' sie hinaus, wie es sich
gehoert!" Da stand vor ihm auf regnerischer Strasse Agnes und starrte, das
Gesicht weiss von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch
ueber seine Augen. "Ich kann sie nicht auf die Strasse jagen!" Es ward
Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.

"Ein Leutnant steht frueh auf", dachte er und entwischte, bevor Guste wach
wurde. Hinter dem Sachsentor die Gaerten zwitscherten und dufteten zum
Fruehlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
und als seien lauter Neuvermaehlte hineingezogen. "Wer weiss," dachte
Diederich und atmete die gute Luft ein, "vielleicht ist es gar nicht
schwer. Es gibt anstaendige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich
guenstiger als -" Er liess den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein
Wagen - vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die
Tuer. Der Bursche kam ihm entgegen. "Lassen Sie nur," sagte Diederich, "ich
sehe den Herrn Leutnant schon." Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von
Brietzen einen Koffer. "So frueh?" fragte er, liess den Deckel des Koffers
fallen und klemmte sich den Finger ein. "Verdammt." Diederich dachte
entmutigt: "Er ist auch beim Packen."

"Welchem Zufall verdanke ich denn -" begann Herr von Brietzen, aber
Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, dass dies
unnuetz sei. Trotzdem natuerlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
sogar laenger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich
an, denn wenn es auf die Ehre eines Maedchens ankam, hatte ein Leutnant
immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man
endlich ueber die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen
sich dem Bruder sofort zur Verfuegung, was von ihm gewiss nicht anders zu
erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit
heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen eruebrige sich,
wenn naemlich Herr von Brietzen -. Und Herr von Brietzen machte eben das
Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die
Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge
getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fuerchtete und der,
er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Maedchen, das ihre Ehre nicht
mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
antwortete darauf, was Herr Goeppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie
Herr Goeppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine grosse Drohung
gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg
versprach.

"Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich
leider veranlasst, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen."

Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:
"Was wollen Sie damit erreichen? Dass ich eine Moralpredigt kriege? Na
schoen. Im uebrigen aber -" Herr von Brietzen festigte sich wieder, "was
Ritterlichkeit ist, darueber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders
als ein Herr, der sich nicht schlaegt."

Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen moege gefaelligst seine Zunge
hueten, sonst koenne es ihm passieren, dass er es mit der Neuteutonia zu tun
bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust fuer die Ehre der
Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant
wuenschen, dass er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
Tauern-Baerenheim zu fordern! "Ich hab' ihn glatt gefordert!" Und im selben
Atem behauptete er, dass er so einem frechen Junker noch lange nicht das
Recht einraeume, einen buergerlichen Mann und Familienvater nur so
abzuschiessen. "Die Schwester verfuehren und den Bruder abschiessen, das
moechten Sie wohl!" rief er, ausser sich. Herr von Brietzen, in einem
aehnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem
Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon
bereitstand, raeumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten
Schuss. "Wenn Sie meinen, fuer Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch
noch die Militaervorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!"

Draussen in der einsamen Allee wuetete er weiter, zeigte dem unsichtbaren
Feinde die Faust und stiess Drohungen aus. "Das kann euch schlecht
bekommen! Wenn wir mal Schluss machen!" Ploetzlich bemerkte er, dass die
Gaerten noch immer zum Fruehlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zaehne
zeigen, war ohne Einfluss auf die Macht, die Macht ueber uns, die ganz
unerschuetterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das
Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, musste
sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach
seinem Anfall von Auflehnung, fuehlte schon wieder den heimlichen Schauer
dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen
mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,
bereit zu gruessen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,
trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. "Den macht
uns niemand nach", stellte er fest.

Freilich, nun er die Meisestrasse betrat, ward ihm beklommen. Von weitem
sah er Emmi nach ihm ausspaehen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der
vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben musste.
Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn
es die eigene Schwester traf -. "Ich habe nicht gewusst, dass es mir so
nahegehen wuerde." Er nickte hinauf, so ermunternd wie moeglich. Sie war
viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blass
flimmernden Haar hatte sie grosse schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,
als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.
Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer
und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um - und als sie
sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum
Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte
laut: "Oh! noch ist nichts verloren." Darauf erschrak er und schloss die
Augen. Da er aufstoehnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,
um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.

Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich
sagte ihr auf den Kopf zu, dass sie Emmis Unglueck nur missbrauche, um sich
zu raechen fuer die ihr nicht gerade guenstigen Umstaende, unter denen sie
selbst geheiratet worden war. "Emmi laeuft wenigstens keinem nach." Guste
kreischte auf. "Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?" Er schnitt ab.
"Ueberhaupt ist sie meine Schwester!" ... Und da sie nun unter seinem
Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
ungewoehnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen kuesste er ihr die Hand,
mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!
Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in
seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war
durch ihr Unglueck feiner und gewissermassen ungreifbarer geworden. Wenn
ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
wie in einen unbekannten Abgrund, fuehlte Diederich sich beruehrt von der
Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und
veraechtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie
eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwuerdiger Anziehung. Glaenzender
zugleich und ruehrender war nun Emmi.

Der Leutnant, der das alles veranlasst hatte, verlor erheblich gegen sie -
und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich
erfuhr, dass sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten
koenne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,
Gesinnung. Er sah Emmi an und musste zweifeln an dem Wert dessen, was er
erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,
der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Aemter. Er sah Emmi an
und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt
hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er haette es festhalten
sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er sass manchmal da, den Kopf in den Haenden.
Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal
versagte alles, alle verrieten ihn, missbrauchten seine reinsten Absichten,
und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als
leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
erleichterte ihn, aber irgendwie enttaeuschte es ihn auch.



Aber waehrend er, den Kopf in den Haenden, dasass, kam der Wahltag herbei.
Erfuellt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was
vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, dass die Miene seines
Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
fruehmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm
ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: "Ein ernstes
Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!" Diesmal war er es, der Verrat
witterte und sich auf den Pakt berief. "Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein
doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie
wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloss gegen den
Freisinn."

"Wir auch", behauptete Diederich.

"Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.
Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
fliegenden Fahnen zu ihm uebergehen, dann tun Sie es sicher bei der
Stichwahl und treiben schnoeden Volksverrat."

Napoleon Fischer tat, die Arme verschraenkt, noch einen langen Schritt auf
das Bett zu. "Sie sollen bloss wissen, Herr Doktor, dass wir die Augen offen
halten."

Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner
ausgeliefert. Er suchte ihn zu besaenftigen. "Ich weiss, Fischer, Sie sind
ein grosser Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen."

"Stimmt." Napoleon blinzte von unten. "Denn wenn ich nicht hineinkomme,
dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den
Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor." Er machte kehrt. Von
der Tuer her fasste er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
gerutscht war, nochmals ins Auge. "Und darum hoch die internationale
Sozialdemokratie!" rief er und ging ab.

Diederich rief aus seinen Federn: "Seine Majestaet, der Kaiser hurra!" Dann
aber blieb nichts uebrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Strasse, in den
Kriegerverein, zu Klappsch, und ueberall musste er erkennen, dass in den
Tagen seiner Mutlosigkeit die tueckische Taktik des alten Buck weitere
Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwaessert
durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von
Heuteufel unbetraechtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon
Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen
verschaemten Gruss austauschte, erklaerte, dass die Partei des Kaisers mit
ihrem Erfolg zufrieden sein duerfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des
Freisinns, wenn er schliesslich siege, das nationale Gewissen gestaerkt. Da
Professor Kuehnchen sich aehnlich aeusserte, war der Verdacht nicht von der
Hand zu weisen, dass ihnen die von Diederich und Wulckow erpressten
Versprechungen noch nicht genuegten, und dass sie sich durch weitere
persoenliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption
des demokratischen Kluengels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
wollte er auf jeden Fall selbst gewaehlt werden, notfalls mit Hilfe der
Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin
gebracht, zu versprechen, dass er fuer das Saeuglingsheim eintreten werde!
Diederich entruestete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als
irgendein Prolet; und er spielte auf die duesteren Folgen an, die eine so
unpatriotische Haltung haben muesse. Leider durfte er nicht deutlicher
werden - und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Truemmer
des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Traeume, lief er im
Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Waehler
herbei, im vollen Bewusstsein, dass ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und
den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrueckt durch den Laerm des
langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm
er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen fuer Heuteufel, sechstausend und
einige fuer Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und
Fischer. "Hurra!" schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war
gewonnen.

Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, dass er
fortan das Aeusserste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es
eilte, denn Pastor Zillich haette am liebsten sofort alle Mauern mit
Zetteln bedeckt, die den Anhaengern der Partei des Kaisers empfahlen, in
der Stichwahl fuer Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen
Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zuruecktreten. Welche
Verblendung! Gleich am Morgen las man die weissen Zettel, auf denen der
Freisinn heuchlerisch erklaerte, national sei auch er, die nationale
Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum -. Der Trick
des alten Buck enthuellte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des
Kaisers in den Schoss des Freisinns zurueckkehren sollte, hiess es handeln.
Maechtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen
heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht
hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. "Danke," dachte er, "es ist
durchaus nicht gleich. Wohin kaemen wir." Und er gruesste Emmi verstohlen und
mit einer Art von Scheu.

Er zog sich in sein Bureau zurueck, aus dem der alte Soetbier verschwunden
war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott
verantwortlich, seine folgenschweren Entschluesse fasste. Er trat zum
Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tuer auf, der Brieftraeger
legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er haengte
wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon
gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, dass er seinen Freunden Buck
und Konsorten kein Geld mehr geben duerfe, und dass man noetigenfalls
imstande sei, ihn persoenlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriss
Diederich den Umschlag - aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was fuer
eine Ueberraschung! Kluesing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen
natuerlichen Nachfolger in Diederich!

Was hiess dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hiess
vor allem, dass Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
Angst wegen der Regierungsauftraege, und der Streik, mit dem Napoleon
Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der
Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers fuer die
"Netziger Zeitung" anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! "Man ist
eine Macht", stellte Diederich fest - und es ging ihm auf, dass Kluesings
Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,
wie die Dinge lagen, einfach laecherlich sei. Worauf er wirklich laut
lachte ... Da nahm er wahr, dass am Schlusse des Briefes, nach der
Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das
uebrige und so unscheinbar, dass Diederich ihn vorhin uebersehen hatte. Er
entzifferte - und der Mund ging ihm von selbst auf. Ploetzlich tat er einen
Sprung. "Na also!" rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. "Da
haben wir sie!" Hierauf bemerkte er tiefernst: "Es ist schauerlich. Ein
Abgrund." Er las noch einmal, Wort fuer Wort, den verhaengnisvollen Zusatz,
legte den Brief in den Geldschrank und schloss mit hartem Griff. Dort innen
schlummerte nun das Gift fuer Buck und die Seinen - geliefert von ihrem
Freund. Nicht nur, dass Kluesing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet
sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche
Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Kluesing angeekelt. Wer da noch
Schonung uebte, machte sich mitschuldig. Diederich pruefte sich. "Schonung
waere geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heisst es
ruecksichtslos vorgehen. Dem Geschwuer die Maske herunterreissen und es mit
eisernem Besen auskehren! Ich uebernehme es im Interesse des oeffentlichen
Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun
mal eine harte Zeit!"

Den Abend darauf war eine grosse oeffentliche Volksversammlung, einberufen
vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der "Walhalla". Mit der
regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, dass die
Waehler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnuetz,
die Programmrede des Kandidaten mit anzuhoeren; er ging hin, als schon die
Diskussion begonnen haben musste. Gleich im Vorraum stiess er auf Kunze, der
in uebler Verfassung war. "Ausrangierter Schlagetot!" rief er. "Sehen Sie
mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das
sagen laesst!" Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklaeren konnte, loeste
Kuehnchen ihn ab. "Zu mir haette Heuteufel das sagen sollen!" schrie er. "Da
haette er nun aber Kuehnchen kennengelernt!" Diederich empfahl dem Major
dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn
mehr, er vermass sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch
dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
liess, dass er unter diesen Umstaenden lieber mit dem aergsten Umsturz gehe
als mit dem Freisinn. Hiergegen aeusserten Kuehnchen und auch Pastor Zillich,
der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde - und die Partei des
Kaisers! "Bestochene Feiglinge!" sagte Diederichs Blick - indes der Major
fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Traenen sollte die Bande weinen! "Und
zwar noch heute abend", verhiess darauf Diederich mit einer so eisernen
Bestimmtheit, dass alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden
einzeln an. "Was wuerden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden
vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ..." Pastor Zillich war
erbleicht, Diederich ging zu Kuehnchen ueber. "Betruegerische Manipulationen
mit oeffentlichen Geldern ..." Kuehnchen huepfte. "Nu leg' sich eener lang
hin!" rief er schreckensvoll. Kunze aber bruellte auf. "An mein Herz!" und
er riss Diederich in seine Arme. "Ich bin ein schlichter Soldat",
versicherte er. "Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.
Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr
Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden haetten bei Marslatuhr!"

Der Major hatte Traenen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt
wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah
ueberall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier
und dort schrie eine Brust: "Pfui!" "Sehr richtig!" oder "Gemeinheit!" Der
Wahlkampf war auf der Hoehe, Diederich stuerzte sich hinein, mit unerhoerter
Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer
stand am Rand der Buehne und redete? Soetbier, Diederichs entlassener
Prokurist! Aus Rache hielt Soetbier eine Hetzrede, worin er ueber die
Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfaelligste urteilte. Sie
sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
persoenlicher Vorteile willen, das Buergertum spalten und dem Umsturz Waehler
zutreiben wolle. Frueher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer
Knecht ist, soll Knecht bleiben. "Pfui!" riefen die Organisierten.
Diederich stiess um sich, bis er unter der Buehne stand. "Gemeine
Verleumdung!" schrie er Soetbier ins Gesicht. "Schaemen Sie sich, seit Ihrer
Entlassung sind Sie unter die Noergler gegangen!" Der von Kunze
kommandierte Kriegerverein bruellte wie ein Mann: "Gemeinheit!" und "Hoert,
hoert!" - indes die Organisierten pfiffen und Soetbier eine zitterige Faust
machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da
erhob der alte Buck sich und klingelte.

Als man wieder hoeren konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll
und erwaermte: "Mitbuerger! Wollt doch dem persoenlichen Ehrgeiz einzelner
nicht Nahrung gewaehren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehoeren alle, nur die Herren
nicht. Wir muessen zusammenhalten, wir Buerger duerfen nicht immer aufs neue
den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, dass wir
unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht
wollen. Dass wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den
Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen."

"Sehr wahr!"

"Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu
behaupten gegen Herren, die uns nur noch ruesten, damit wir unfrei sind.
Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern
gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
sollen, uns allen!"

"Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!" Inmitten bewegter
Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem aeussersten Kampf nahe
und im voraus schweisstriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und
bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Juenglingen,
der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. "Der
Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!" schrie er mit Todesverachtung. "Ein
Vaterlandsverraeter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er" - "Hu,
hu!" riefen die Vaterlandsverraeter; aber Diederich, unter den
Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme
ueberschnappte. "Ein franzoesischer General hat Revanche verlangt!" Vom
Bureau her fragte jemand: "Wieviel hat er aus Berlin dafuer bekommen?"
Worauf man lachte - indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
er in die Luft steigen. "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
Ideale! Starkes Kaisertum!" Seine Kraftworte stiessen rasselnd aneinander,
umlaermt vom Getoese der Gutgesinnten. "Festes Regiment! Bollwerk gegen die
Schlammflut der Demokratie!"

"Ihr Bollwerk heisst Wulckow!" rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich
fuhr herum, er erkannte Heuteufel. "Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
Majestaet -?"

"Auch ein Bollwerk!" sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach
ihm. "Sie haben den Kaiser beleidigt!" rief er mit aeusserster
Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: "Spitzel!" Es war
Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.
Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglueckverheissender
Weise. "Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!
'raus!" Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
schwielige Faeuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt
um Hilfe. Der alte Buck gewaehrte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er
schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen
Feinden erretteten. Kaum dass er sich ruehren konnte, schwang Diederich den
Finger gegen den alten Buck. "Die demokratische Korruption!" schrie er,
tanzend vor Leidenschaft. "Ich will sie ihm beweisen!" "Bravo! Reden
lassen!" - und das Lager der nationalen Maenner setzte sich in Bewegung,
ueberrannte die Tische und mass sich Aug' in Auge mit dem Umsturz. Ein
Handgemenge schien bevorzustehen: schon fasste der Polizeileutnant dort
oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer
Moment - da hoerte man von der Buehne herab befehlen: "Ruhe! Er soll
sprechen!" Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, groesser
als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch
dort oben, war kein wuerdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,
vom Hass war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der
Atem stockte einem.

"Er soll sprechen!" wiederholte der Alte. "Auch Verraeter haben das Wort,
bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verraeter an der Nation aus. Sie
haben sich nur aeusserlich veraendert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
kaempfte, fiel, ins Gefaengnis und auf die Richtstaette ging."

"Haha", machte hier Gottlieb Hornung, voll ueberlegenen Spottes. Zu seinem
Unglueck sass er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar
nach ihm ausholte, dass Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
mitsamt seinem Stuhl.

"Schon damals", rief der Alte, "gab es solche, die statt der Ehre den
Nutzen waehlten und denen keine Herrschaft demuetigend schien, wenn sie sie
bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder
Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbuerger -"

Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei
seines Gewissens.

"Mitbuerger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute
zu werden! Dieser Mensch soll sprechen."

"Nein!"

"Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die
national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde betraegt. Fragt ihn,
wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!"

"Wulckow!" Der Ruf kam von der Buehne, aber der Saal nahm ihn auf.
Diederich, gebieterische Faeuste hinter sich, gelangte nicht ganz
freiwillig die Stufen zur Buehne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der
alte Buck sass regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und liess ihn nicht
aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und "Wulckow!" rief der Saal
ihm zu, "Wulckow!" Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,
einen Augenblick schloss er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen
und der Sache ueberhoben sein. Aber er fiel nicht um - und als nichts
anderes mehr moeglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine
Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er mass kampfesfreudig den Feind,
jenen tueckischen Alten, der nun endlich die Maske des vaeterlichen Goenners
verloren hatte und seinen Hass bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stiess
vor ihm beide Faeuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal
her.

"Wollen Sie was verdienen?" bruellte er wie ein Ausrufer in den Tumult -
und es ward still, wie auf ein Zauberwort. "Jeder kann bei mir verdienen!"
bruellte Diederich; mit unverminderter Gewalt. "Jedem, der mir nachweist,
wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!"

Hierauf schien niemand gefasst. Die Lieferanten zuerst riefen "Bravo", dann
entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte
Zuversicht, denn es ward wieder "Wulckow!" gerufen, noch dazu nach dem
Takt von Bierglaesern, die man auf die Tische stiess. Diederich erkannte,
dass dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit
hoeheren Maechten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zueckte der
Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der
Hand, dass er es schon machen werde, und er bruellte:

"Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Saeuglingsheim! Dafuer
haette ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich
kann es beschwoeren. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
gegen die Zumutung, die Stadt zu betruegen und den Raub zu teilen mit einem
gewissenlosen Magistratsrat!"

"Sie luegen!" rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich
flammte noch hoeher, im Vollgefuehl seines Rechtes und seiner sittlichen
Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendkoepfigen Drachen
dort unten, der ihn anspritzte: "Luegner! Schwindler!" schwenkte er
furchtlos seinen Schein. "Beweis!" bruellte er und schwenkte so lange, bis
sie hoerten.

"Bei mir ist es nicht geglueckt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbuerger! In
Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind
beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
gewisses Terrain, fuer den Fall, dass das Saeuglingsheim dorthin kommt."

"Namen! Namen!"

Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Kluesing
hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend fasste er die
Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. "Wer wagt,
gewinnt", dachte Diederich, und er bruellte:

"Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!"

Und er trat ab, mit der Miene erfuellter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn
entgegen und kuesste ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu
die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: "Beweis!" oder
"Schwindel!" Aber "Cohn soll reden!", das wollten alle, Cohn konnte sich
den Anforderungen unmoeglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,
mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoss versehen, kam ohne
rechte Ueberzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte
die Fuesse nach und hatte unguenstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er
laechelte entschuldigend. "Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner
doch nicht glauben," sagte er so sanft, dass fast niemand es verstand.
Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. "Ich will den Herrn
Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht."

"Aha! Er gibt es zu!" - und jaeh brach ein Aufruhr los, dass Cohn, auf
nichts vorbereitet, einen Sprung rueckwaerts tat. Der Saal war nur noch ein
Fuchteln und Schaeumen. Schon fielen da und dort Gegner uebereinander her.
"Hurra!" kreischte Kuehnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem
Haar, die Faeuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
Buehne war alles auf den Beinen, ausser dem Polizeileutnant. Der alte Buck
hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,
ueber das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,
abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, dass sie
weinten. Heuteufel sprach entruestet auf den Polizeileutnant ein, der sich
von seinem Stuhl nicht ruehrte, ward aber darueber belehrt, dass der Beamte
allein entscheide, ob und wann er aufloese. Es brauchte nicht gerade in dem
Augenblick zu geschehen, wo es fuer den Freisinn schlecht stand! Worauf
Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke fuehrte. Dazu schrie er: "Der
zweite Name!" Und da alle Herren auf der Buehne mitschrien, hoerte man es
endlich und Heuteufel konnte fortfahren.

"Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kuehlemann!
Stimmt. Kuehlemann selbst. Derselbe Kuehlemann, aus dessen Nachlass das
Saeuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kuehlemann
bestiehlt seinen eigenen Nachlass? Na also!" - und Heuteufel zuckte die
Achseln, woraus beifaellig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften
pfauchten schon wieder. "Beweise! Kuehlemann soll selbst reden! Diebe!"
Herr Kuehlemann sei schwerkrank, erklaerte Heuteufel. Man werde hinschicken,
man telephoniere schon. "Auweh", raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
"Wenn Kuehlemann es war, sind wir fertig und koennen einpacken." "Noch lange
nicht!" verhiess Diederich, tollkuehn. Pastor Zillich seinerseits setzte
seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
Tollkuehnheit sagte: "Brauchen wir gar nicht!" - und er machte sich ueber
einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu
entschiedener Stellungnahme, ja, er drueckte Sozialdemokraten die Hand, um
ihren Hass gegen die buergerliche Korruption zu verstaerken - und ueberall
hielt er den Leuten Kluesings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit
dem Handruecken auf das Papier, dass niemand lesen konnte, und rief: "Steht
da Kuehlemann? Da steht Buck! Wenn Kuehlemann noch japsen kann, wird er
zugeben muessen, dass er es nicht war. Buck war es!"

Dabei ueberwachte er dennoch die Buehne, wo es merkwuerdig still geworden
war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie fluesterten
nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. "Was ist los?" Auch im Saal ward
es ruhiger, noch wusste man nicht, warum. Ploetzlich hiess es: "Kuehlemann
soll tot sein." Diederich fuehlte es mehr, als dass er es hoerte. Er gab es
ploetzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er
Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum
ein wesenloses Gewirr von Lauten und wusste nicht mehr deutlich, wo er war.
Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: "Er ist weiss Gott tot. Ich war
oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben."

"Im richtigen Moment", sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als
erwachte er. "Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewaehrt", stellte
Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewusst, dass dieser Finger
doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf
angewiesen haette?... Die Parteien im Saale loesten sich auf; das Eingreifen
des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen
gedaempft und verzogen sich. Als er schon draussen war, erfuhr Diederich
noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.



Die "Netziger Zeitung" berichtete ueber die "tragisch verlaufene
Wahlversammlung" und schloss daran einen ehrenvollen Nachruf fuer den
hochverdienten Mitbuerger Kuehlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklaerung bedurften ... Das weitere
geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter
vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die "Partei des
Kaisers" eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen
waren. Diederich trat auf und geisselte mit flammenden Worten die
demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen
die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei - aber er nannte es doch lieber
nicht. "Denn, meine Herren, das Hochgefuehl schwellt mir die Brust, dass ich
mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
gefaehrlichsten Feinde die Maske abreisse und Ihnen beweise, dass er auch nur
verdienen will." Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er
wusste nicht. "Seine Majestaet haben das erhabene Wort gesprochen: 'Mein
afrikanisches Kolonialreich fuer einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!' Ich
aber, meine Herren, liefere Seiner Majestaet die naechsten Freunde
Richters!" Er liess die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhaeltnismaessig
gedaempfter Stimme: "Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gruende, zu
vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers
erwartet." Er griff an seine Brusttasche, als truege er dort auch diesmal
die Entscheidung; und ploetzlich aus voller Lunge: "Wer jetzt noch seine
Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!" Da die
Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den
Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.
Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Waehler wuerden schweren
Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Uebel waehlen. "Aber ich bin der
erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!" Er schlug
so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.
Und dass Diederichs Entruestung echt war, ersah man in der Fruehe des
Stichwahltages aus der sozialdemokratischen "Volksstimme", die unter
hoehnischen Ausfaellen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er ueber
den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. "Hessling faellt
hinein," sagten die Waehler, "denn jetzt muss Buck ihn verklagen." Aber
viele antworteten: "Buck faellt hinein, der andere weiss zuviel." Auch die
Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugaenglich waren, fanden jetzt, es
sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen
nicht zu spassen schien, nun einmal meinten, man solle fuer den
Sozialdemokraten stimmen -. Und war der Sozialdemokrat erst gewaehlt, dann
war es gut, dass man ihn mitgewaehlt hatte, sonst ward man noch boykottiert
von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In
der Kaiser-Wilhelm-Strasse erscholl Alarmgeblaese, alles stuerzte an die
Fenster und unter die Ladentueren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der
Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm
den Weg der Ehre. Kuehnchen, der das Kommando fuehrte, hatte die Pickelhaube
wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.
Diederich in Reih' und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,
dass nun in Reih' und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles
Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem
alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am
anderen Ende der Strasse holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlaengert durch die
Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche'sche Lokal.
Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kuehnchen befahl "Kueren". Der
Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich
gekleidet, im Hausflur. Kuehnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: "Auf,
Kameraden, zur Wahl! Wir waehlen Fischer!" - worauf es vom rechten Fluegel
ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein
aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht
vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale
Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie faehig war, kam noch,
von Hurra empfangen, der Buergermeister Doktor Scheffelweis. Er liess sich
ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand druecken, und bei der
Rueckkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. "Endlich!" sagte er und
drueckte Diederich die Hand. "Heute haben wir den Drachen besiegt."
Diederich erwiderte schonungslos: "Sie, Herr Buergermeister? Sie stecken
noch halb in seinem Rachen. Dass er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er
verreckt!" Waehrend Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.
Wulckow!...

Fuenftausend und mehr Stimmen fuer Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend
war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
Sozialdemokrat. Die "Netziger Zeitung" stellte einen Sieg der "Partei des
Kaisers" fest, denn ihr verdanke man es, dass eine Hochburg des Freisinns
gefallen sei - womit aber Nothgroschen weder grosse Befriedigung noch
lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle
natuerlich, aber gleichgueltig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hiess es nun
wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der
Mittelpunkt eines Buergerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kuehlemann
hatte der Stadt sechshunderttausend Mark fuer gemeinnuetzige Zwecke
vermacht, sehr anstaendig. Saeuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es
war wie Schwamm oder Zahnbuerste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der
entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, dass die
Sozialdemokraten fuer das Denkmal waren, also schoen. Irgend jemand schlug
vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspraesidenten von
Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine
Niederlage wohl doch geaergert hatte, und aeusserte Bedenken, ob der
Regierungspraesident, der einem gewissen Grundstuecksgeschaeft nicht
fernstehe, sich selbst fuer berufen halten werde, das Grundstueck
mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und
zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem
verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand ruettelte.
Er haette nicht sagen koennen, was er sich wuenschte. Da nichts kam, erhob er
sich stramm und protestierte, ohne uebertriebene Anstrengung, gegen eine
Unterstellung, die er schon einmal oeffentlich widerlegt habe. Die andere
Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Missbraeuche bisher nicht im
mindesten entkraeftet. "Troesten Sie sich," erwiderte Heuteufel, "Sie werden
es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht."

Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich
abgeschwaecht, als Heuteufel gestehen musste, dass sein Freund Buck nicht den
Stadtverordneten Doktor Hessling, sondern nur die "Volksstimme" verklagt
habe. "Hessling weiss zuviel", wiederholte man - und neben Wulckow, dem der
Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des
Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese
Beschluesse in dem Buergermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
Fuersprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit
glaenzte. Wenn er seine Sache selbst nicht hoeher einschaetzte! Heuteufel
sagte: "Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch
noch persoenlich ansehen?" Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.
Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah
man voraus, der Prozess gegen die "Volksstimme" werde seine dritte sein.
Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben wuerde, passte jeder schon
im voraus den gegebenen Umstaenden an. Hessling war natuerlich zu weit
gegangen, sagten vernuenftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher
kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit waere ihm
vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines
Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun
wirklich mit Cohn bei Kluesing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes
Geschaeft: - es haette nur nicht herauskommen duerfen! Und warum musste
Kuehlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund haette
freischwoeren sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der
kaufmaennische Leiter der "Netziger Zeitung", der in Gausenfeld ein und aus
ging, sagte ausdruecklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
wenn man fuer Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt haetten. Auch
machte Tietz darauf aufmerksam, dass der alte Kluesing, der mit einem Wort
die ganze Sache haette beenden koennen, sich huetete zu reden. Er war krank,
nur seinetwegen musste die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.

Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das
Neueste, dies waren die "einschneidenden Veraenderungen in einem grossen,
fuer das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen", von
denen die "Netziger Zeitung" dunkel meldete. Kluesing war mit einem
Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er
nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Kluesing ihm, frueher als jedem
anderen, den Kauf angeboten hatte. "Und zwar unter Bedingungen, die nie
wiederkommen", setzte er hinzu. "Leider bin ich stark engagiert bei meinem
Schwager in Eschweiler, ich weiss nicht einmal, ob ich nicht von Netzig
wegziehen muss." Aber als Sachverstaendiger erklaerte er auf Befragen
Nothgroschens, der seine Antwort veroeffentlichte, dass der Prospekt eher
noch hinter der Wahrheit zurueckbleibe. Gausenfeld sei tatsaechlich eine
Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Boerse zugelassen seien, koenne
nur auf das waermste empfohlen werden. Tatsaechlich wurden die Aktien in
Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persoenlichem Interesse
unbeeinflusst Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer
besonderen Gelegenheit, als naemlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn gluecklich so weit
gebracht, dass auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich
ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek fuer sein Haus in der
Fleischhauergrube. "Er muss es verzweifelt noetig gehabt haben", bemerkte
Diederich, sooft er davon erzaehlte. "Wenn er es von mir, seinem
entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer haette das frueher von ihm
gedacht!" Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte
hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
Freilich, aus dem seinen muesse er bald heraus. Und auch dies zeigte, dass
er auf Gausenfeld nicht rechnete ... "Aber", erklaerte Diederich, "der Alte
ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiss, wie sein Prozess ausgeht - und
gerade weil ich ihn politisch bekaempfen muss, wollte ich zeigen - Sie
verstehen." Man verstand, und man beglueckwuenschte Diederich zu seinem mehr
als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. "Er hat mir Mangel an
Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen."
Maennliche Ruehrung zitterte in seiner Stimme.

Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf
Terrainschwierigkeiten stossen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,
dass das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als
Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militaervorlage abzulehnen. Die
"Volksstimme" hatte eine Massendemonstration angekuendigt, der Bahnhof
sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,
dabei zu sein. Unterwegs stiess Diederich auf Jadassohn. Man begruesste
einander so foermlich, wie die kuehl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.
"Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?" fragte Diederich.

"Ich gehe in Urlaub - nach Paris." Tatsaechlich trug Jadassohn Kniehosen.
Er setzte hinzu: "Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die
hier begangen worden sind."

Diederich beschloss, vornehm hinwegzuhoeren ueber die Veraergerung eines
Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. "Man dachte eigentlich," sagte
er, "Sie wuerden jetzt Ernst machen."

"Ich? Wieso?"

"Fraeulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante."

"Tante ist gut", Jadassohn feixte. "Und man dachte. Sie wohl auch?"

"Mich lassen Sie nur aus dem Spiel." Diederich machte ein Gesicht voll
Einverstaendnis. "Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?"

"Durchgegangen", sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und
schnaufte. Kaethchen Zillich durchgegangen! In was fuer Abenteuer haette man
verwickelt werden koennen!... Jadassohn sagte weltmaennisch:

"Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin
weiter nicht boese mit ihr, Sie verstehen, es musste mal zum Klappen
kommen."

"So oder so", ergaenzte Diederich, der sich gefasst hatte.

"Lieber so als so", berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich
die Stimme gesenkt: "Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Maedchen
schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden wuerde."

Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. "Was glauben Sie
denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie
macht Karriere in Berlin."

"Daran zweifle ich nicht." Diederich zwinkerte. "Ich kenne ihre
Qualitaeten ... Sie allerdings haben mich fuer naiv gehalten." Jadassohns
Abwehr liess er nicht gelten. "Sie haben mich fuer naiv gehalten. Und zur
selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es
ja sagen." Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
Erlebnis mit Kaethchen im Liebeskabinett - berichtete es so vollstaendig,
wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Laecheln
befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob
hier der Ehrenpunkt Platz greifen muesse. Schliesslich entschied er sich
dafuer, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in
freundschaftlicher Weise die gebotenen Schluesse. "Die Sache bleibt
natuerlich streng unter uns ... So ein Maedchen muss man auch gerecht
beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergaenzen ... Die
Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiss man doch,
woran man ist." "Es haette sogar einen gewissen Reiz", bemerkte Diederich,
in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepaeck sah, nahmen sie
Abschied. "Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im
Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnuegen in
Paris."

"Vergnuegen kommt nicht in Frage." Jadassohn wandte sich um, mit einem
Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
beunruhigte Miene sah, kam er zurueck. "In vier Wochen", sagte er
merkwuerdig ernst und gefasst, "werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist
es vorzuziehen, wenn Sie die Oeffentlichkeit schon jetzt darauf
vorbereiten." Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: "Was haben Sie
vor?" Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Laecheln eines opfervollen
Entschlusses: "Ich stehe im Begriff, meine aeussere Erscheinung in Einklang
zu bringen mit meinen nationalen Ueberzeugungen" ... Als Diederich den Sinn
dieser Worte erfasst hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle
Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
Halle betrat, seine Ohren noch einmal - das letztemal! - auf, wie zwei
Kirchenfenster im Abendschein.

Auf den Bahnhof zu rueckte eine Gruppe von Maennern, in deren Mitte eine
Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfuessig die
Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der
Macht erfolgreich zurueckgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und
scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine
bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Buefett erfrischte
man sich nach diesen, in der Julisonne fuer die Sache des Umsturzes
bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,
da der Zug ohnedies Verspaetung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein
Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte
Tasche hin und fletschte die Zaehne. Wie Diederich ihn kannte, war er im
Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
Glueck fuhr der Zug ein - und erst jetzt ward Diederich auf einen
untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn
herumging. Er hielt einen grossen Blumenstrauss vor sich hin und sah dem Zug
entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem
Teufel zu! Aus einem Coupe gruesste Judith Lauer, ihr Mann half ihr
herunter, ja, er ueberreichte ihr den Blumenstrauss, und sie nahm ihn mit
dem ernsten Laecheln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte
dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er
war wieder frei. Nicht dass von ihm etwas zu fuerchten stand, immerhin musste
man sich erst wieder daran gewoehnen, ihn draussen zu wissen ... Und mit
einem Bukett holte er sie ab! Wusste er denn nichts? Er hatte doch Zeit
gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurueckkehrte, nachdem er fertig
gesessen hatte! Es gab Verhaeltnisse, von denen man sich als anstaendiger
Mensch nichts traeumen liess. Uebrigens stand Diederich den Dingen nicht
naeher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. "Alle
werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm
allerseits zu verstehen geben, dass er am besten zu Hause bleibt ... Denn
wie man sich bettet, liegt man." Kaethchen Zillich hatte es begriffen und
die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen
Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.

Diederich selbst, der von achtungsvollen Gruessen geleitet durch die Stadt
schritt, nahm jetzt auf die natuerlichste Weise den Platz ein, den seine
Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun
so weit hindurchgekaempft, dass bloss noch die Fruechte zu pfluecken waren. Die
anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen
Zweifel mehr ... Ueber Gausenfeld liefen neuerdings unguenstige Geruechte um,
und die Aktien fielen. Woher wusste man, dass die Regierung der Fabrik ihre
Auftraege entzogen und sie dem Hesslingschen Werk uebertragen hatte?
Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wusste es, noch bevor die
Arbeiterentlassungen kamen, die die "Netziger Zeitung" so sehr bedauerte.
Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, musste sie leider
persoenlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler
gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu waehlen. Ueberhaupt haette er mit dem Geld,
das Hessling ihm anstaendigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst aeusserte
ueberall diese Ansicht. "Wer haette das frueher von ihm gedacht!" bemerkte er
auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das
Schicksal. "Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den
Fuessen verliert." Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte
Buck werde auch ihn selbst, als Aktionaer von Gausenfeld, in seinen Ruin
hineinreissen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein
Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.
Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.
Keiner gestand es gern dem anderen ein, dass er Gausenfelder hatte und
hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, dass jener schon verkauft
habe. Seine persoenliche Meinung war, dass es hohe Zeit sei. Ein Makler, den
er uebrigens nicht kannte, sass dann und wann im Cafe und kaufte. Einige
Monate spaeter brachte die Zeitung ein taegliches Inserat des Bankhauses
Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier muehelos abstossen.
Tatsaechlich besass zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
Papiere. Dagegen ging das Gerede, Hessling und Gausenfeld sollten
fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. "Und der alte Herr
Buck?" fragte er. "Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch
mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?" - "Der hat mehr
Sorgen", hiess es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die
"Volksstimme" war jetzt die Verhandlung anberaumt. "Er wird wohl
hineinfliegen", meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:
"Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen."

In diesem Vorgefuehl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden
Zeugen erinnerten sich nicht. Kluesing hatte schon laengst zu jedem vom
Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders
gesprochen? Und hatte er als den Unterhaendler den alten Buck genannt? Dies
alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
gewesen, dass das Grundstueck in Frage komme fuer das damals in Aussicht
genommene Saeuglingsheim. War Buck dafuer gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.
Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich fuer den Platz
interessierte. Kluesing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner
kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem
bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das
Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem fuer
Buck ehrenruehrigen Sinne aufgefasst ... Der Klaeger Buck wuenschte
festgestellt zu sehen, dass der verstorbene Kuehlemann es gewesen sei, der
mit Kluesing verhandelt habe: Kuehlemann selbst, der Spender des Geldes.
Aber die Feststellung misslang, Kluesings Aussage war unentschieden auch
hierin. Dass Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu
lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich uebrig, dem Kluesing
geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.
War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:

"Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,
dass ich, was alle Zeugen bestaetigen, niemals oeffentlich den Namen des
Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
Stadt, die nicht durch einzelne geschaedigt werden sollte. Ich bin fuer die
politische Moral eingetreten. Persoenliche Gehaessigkeit liegt mir fern, und
es wuerde mir leid tun, wenn der Herr Klaeger aus dieser Verhandlung nicht
ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte."

Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien
unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,
welches seine persoenliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat
Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der
tragisch verlaufenen Wahlversammlung.

"Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben ueber
meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge
sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen
anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugaenglich, auch
dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehoert seit mehr als fuenfzig Jahren nicht
mir, es gehoert einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der
Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermoegend, als ich in die
Oeffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich
brauche keine Verteidigung!"

Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch - aber Diederich zuckte nur die
Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon laengst
keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Raedern. Konnte ein
Mensch seine Lage so sehr verkennen? "Wenn einer von uns den anderen von
oben herab zu behandeln hat -" Und Diederich blitzte. Er blitzte den
Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgueltig,
mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl - und
gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fuehlte deutlich, dass dies
fuer alle feststand. Auch der Alte fuehlte es, er setzte sich wieder, er
bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den
Schoeffen gewendet, sagte er: "Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich
unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbuerger."

Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage
fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.
Seit dem Prozess Lauer fand man ihn durchaus guenstig veraendert; er hatte an
ueberlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststueck hiess, da er jetzt
ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im
Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der "Netziger Zeitung": es
war Tatsache, Hessling, Grossaktionaer von Gausenfeld, war als
Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn - und ihm
gegenueber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die
zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun
mit hundert Prozent zurueck, und war noch edel. Dass der Alte sich fuer das
Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
Hessling und troestete im Augenblick manchen ueber den eigenen Verlust. Bei
Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Gruesse drueckten Achtung
in dem Grade aus, wo sie in Unterwuerfigkeit uebergeht. Die Hereingefallenen
gruessten den Erfolg.

Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das
Urteil verkuendete, ward geklatscht. Nur fuenfzig Mark fuer den Redakteur der
"Volksstimme"! Der Beweis war nicht vollstaendig erbracht, guter Glaube
ward zugebilligt. Vernichtend fuer den Klaeger, sagten die Juristen - und
wie Buck das Gerichtsgebaeude verliess, wichen auch die Freunde ihm aus.
Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,
schuettelten die Faeuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des
Gerichts die Erleuchtung, dass sie mit ihrer Meinung ueber den alten Buck
eigentlich schon laengst fertig waren. Ein Geschaeft wie das mit dem Terrain
fuer das Saeuglingsheim musste wenigstens gluecken: das Wort war von Hessling,
und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein
Geschaeft geglueckt. Er duenkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
Parteifuehrer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der
geschaeftlichen Fragwuerdigkeit aber entsprach die moralische, dafuer zeugte
die nie recht aufgeklaerte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,
desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern fuer demagogische Zwecke,
aber wie Hund und Katz' mit der Regierung, was dann wieder auf die
Geschaefte zurueckwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts
mehr zu verlieren hat und dem es an gutbuergerlicher Muendelsicherheit
gebricht. Entruestet erkannte man, dass man sich auf Gedeih und Verderb in
der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschaedlich zu machen, war
der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
Urteil die Folgerungen nicht zog, mussten andere sie ihm nahelegen. Das
Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und ausser dem Amte der
Achtung, die dieses erfordert, wuerdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck
diese Bestimmung erfuellte? Die Frage aufwerfen, hiess sie verneinen, wie
die "Netziger Zeitung", ohne natuerlich seinen Namen zu nennen,
feststellte. Aber es musste erst so weit kommen, dass die
Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befasst ward. Da endlich,
einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und
legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn
hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhaenger zu verlieren, nicht laenger an
der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es
schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren noetig, bevor
in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm
wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die
er fuer vergaenglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
trete er zurueck. "Wenn es dem Ganzen nuetzen kann, bin ich bereit, den
ungerechten Makel, den der getaeuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,
im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder
von mir nehmen wird."

Dies fasste man als Heuchelei und Ueberhebung auf; die Wohlmeinenden
entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Uebrigens hatte, was er schrieb
oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm ploetzlich ins Gesicht,
ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:
es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch
voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoss.
Statt der alten Freunde aber, die auf seinem taeglichen Spaziergang sich
niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er
heimkehrte und es schon daemmerte, und es war etwa ein kleiner
Geschaeftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken sass, oder
ein duesterer Trunkenbold, oder irgendein die Haeuser entlang streichender
Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer
oder frecher Vertraulichkeit. Sie rueckten wohl zoegernd ihre Kopfbedeckung,
dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten
ward, nahm er, ganz gleich welche.

Da die Zeit verging, beachtete auch der Hass ihn nicht mehr. Wer mit
Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgueltig vorbei, und manchmal
gruesste er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn
bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorueber,
erklaerte er dem Kinde: "Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein
hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir fuer dein Leben, was aus
einem Menschen die Schande machen kann." Und das Kind ward fortan beim
Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen ueberlaufen, gleich
wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen
unerklaerten Stolz gefuehlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der
herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus
verliess, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
davon, ehrfuerchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kuehnchen, jetzt
rueckhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem
Unglueck mit Kaethchen, eilten hindurch, ohne einen Blick fuer den
Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder
fuer sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen
weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun
sie Kuehnchen und Zillich den Ruecken kehrten und vor dem alten Buck den
Kopf entbloessten. Unwillkuerlich hielt er dann den Schritt an und sah in
diese zukunftstraechtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der
er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.



Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu
wenden an nebensaechliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die
"Netziger Zeitung", jetzt unbedingt zu Diederichs Verfuegung, stellte fest,
dass Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Hessling zum
Generaldirektor befuerworten musste. An der Tatsache spuerte mancher einen
eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, dass Herr
Generaldirektor Doktor Hessling sich ein grosses und unbestrittenes
Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die
Haelfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, waeren sie
sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
Herrn Doktor Hessling, dass sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der
Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors gluecklich
beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung buergte dafuer, dass
die Regierungssonne kuenftig ueber Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an fuer das wirtschaftliche Leben
Netzigs und besonders fuer die Papierindustrie - zumal das Geruecht von
einer Fusion des Hesslingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, dass
Herr Doktor Hessling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,
die Leitung Gausenfelds zu uebernehmen.

Tatsaechlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das
Aktienkapital erhoehen zu lassen. Fuer das neue Kapital ward das Hesslingsche
Werk erworben. Diederich hatte ein glaenzendes Geschaeft gemacht. Seine
erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekroent, er war Herr der Lage,
mit seinem Aufsichtsrat aus gefuegigen Maennern, und konnte daran gehen, der
inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudruecken.
Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und
Angestellten. "Einige von euch", sagte er, "kennen mich schon, vom
Hesslingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer
mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab' ich das einem kleinen Teil von
euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem
Befehle habe. Ihr koennt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlasst euch
auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu
wecken und euch zu treuen Anhaengern der bestehenden Ordnung zu machen."
Und er verhiess ihnen eigene Wohnhaeuser, Krankenunterstuetzungen, billige
Lebensmittel. "Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in
Zukunft anders waehlt, als ich will, fliegt!" Auch dem Unglauben, sagte
Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich
ueberzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. "Solange in der Welt die
unerloeste Suende herrscht, wird es Krieg und Hass, Neid und Zwietracht
geben. Und darum: einer muss Herr sein!"

Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Raeume der
Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkuendeten. Durchgang verboten!
Wasserholen mit den Eimern der Feuerloeschapparate verboten!
Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
versaeumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schliessen, der ihm Vorteile
sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder
mitbringen, "Poussieren, Schaekern, Knutschen, ueberhaupt jede Unzucht"
strengstens verboten! In den Arbeiterhaeusern waren, noch bevor sie
wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe
dahinlebendes Paar, das unter Kluesing zehn Jahre lang sich der Entdeckung
zu entziehen gewusst hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war
fuer Diederich sogar der Anlass, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des
Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten liess er ein in Gausenfeld
selbst erzeugtes Papier aufhaengen, bei dessen Benutzung niemand umhin
konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit
denen es bedruckt war. Zuweilen hoerte er die Arbeiter einen von hoher
Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
ueberzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich
ihnen bei derselben Gelegenheit eingepraegt hatte. Ermutigt durch diese
Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter
dem Zeichen "Weltmacht" auf, und wirklich trug sie, wie eine grosszuegige
Reklame es verkuendete, deutschen Geist, gestuetzt auf deutsche Technik,
siegreich durch die Welt.

Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese
erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich
veranlasst, bekanntzugeben, dass er vom Versicherungsgeld nur
Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte
sich ein ganzes Gebiss verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
freilich erst nachtraeglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte
der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
Glauben an die herrschende Ordnung erschuettert, ward er zum Aufwiegler,
verkam sittlich und waere unter anderen Umstaenden unbedingt entlassen
worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschliessen, das Gebiss, das
ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....
Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
Arbeiterschaft nicht zutraeglich. Hinzu kam die Einwirkung gefaehrlicher
politischer Ereignisse. Als im neu eroeffneten Reichstagsgebaeude mehrere
sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da
konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war
bewiesen. Diederich machte in der Oeffentlichkeit dafuer Stimmung; seine
Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit duesterem
Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,
die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg liess nicht warten, ein
Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Moerder
behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von
seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich
gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und
wochenlang oeffnete er keine Tuer ohne Bangen vor einem dahinter schon
gezueckten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschuesse, und gemeinsam mit
Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine
Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
ausgehen, vom Vorstand der "Partei des Kaisers", vom Unternehmerverband
oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den
Allerhoechsten Herrn ueberschuettete, schrien nach Hilfe gegen die von den
Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr
erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
Massnahmen, militaerischem Schutz der Autoritaet und des Eigentums, nach
Zuchthausstrafen fuer Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die
"Netziger Zeitung", die alles dies puenktlich wiedergab, vergass aber
keinesfalls hinzuzufuegen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor
Hessling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
Arbeiterfuersorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus fuehrte
Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen
hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluss
in Netzig gluecklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren
Angestellten subversive Tendenzen schueren, indem sie sie am Gewinn
beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Hessling vertretenen
Grundsaetze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar
beste Verhaeltnis, wie Seine Majestaet der Kaiser es ueberall in der
deutschen Industrie zu sehen wuenschten. Ein kraeftiger Widerstand gegen die
unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der
Arbeitgeber gehoerten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn
Generaldirektor Doktor Hessling war. - Und daneben stand Diederichs Bild.

Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betaetigung an - trotz der
unerloesten Suende, die ihre verheerende Wirkung uebrigens nicht nur
geschaeftlich, sondern auch in der Familie aeusserte. Hier war es leider
Kienast, der Neid und Zwietracht saete. Er behauptete, dass ohne ihn und
seine unauffaellige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
glaenzende Stellung gar nicht erlangt haben wuerde. Worauf Diederich
erwiderte, dass Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
Aktienbesitz entschaedigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
vielmehr vermass er sich, fuer seine pietaetlosen Ansprueche eine rechtliche
Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der
Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Hesslingschen Fabrik
gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und
Gausenfelder Vorzugsaktien dafuer bekommen. Kienast verlangte ein Achtel
der Kapitalrente und der jaehrlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf
dieses unerhoerte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, dass er
weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig
sei. "Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jaehrlichen Gewinn
meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehoert
nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das
ist mein Privatvermoegen. Ihr habt nichts zu fordern." - Kienast nannte
dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen
ueberzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozess.

Der Prozess dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung
gefuehrt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als
Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Soetbier aufgestellt, der in
seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, dass Diederich schon frueher
an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgefuehrt habe.
Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit
mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:
was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch
dieses Vorgehen genoetigt, zu verschiedenen Malen groessere Betraege fuer die
sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,
sein persoenlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den
dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht
reichte, schuerte den Streit der Maenner mehr aus weiblichen Motiven. Ihr
Erstes war ein Maedchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,
leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit
einem aus Berlin bezogenen unerhoerten Hut erschien. Magda stellte fest,
dass Emmi jetzt von Diederich in der empoerendsten Weise bevorzugt wurde.
Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
Hoehe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschaemtheit gegen die
verheiratete Schwester dar. Magda musste sehen, dass der Vorrang, den ihre
Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und
sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner
Glanzzeit, heimtueckisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann
fand, schien dies besondere Gruende zu haben - die man sich in Netzig denn
auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.
Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich
eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie naemlich bei Kienasts der
Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein
furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von
Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofuer man Stoff sammelte,
indem jede der beiden Frauen das Zimmermaedchen der anderen anwarb.

Und bald nachdem Diederich und Kienast mit maennlicher Besonnenheit den
aeussersten Familienskandal fuer diesmal noch verhuetet hatten, brach er
dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
Dritten und sogar voreinander verstecken mussten, so grenzenlos frivol war
ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte
Mass einer wenn auch realistischen Kunst ueberschritten. Puenktlich jeden
Morgen lagen die harmlos grauen Umschlaege auf dem Fruehstueckstisch, und
jeder liess den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des
anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem
Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kuehnheit, in Gausenfeld zu
erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie
selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. "Du wirst wohl
wissen, wer sie dir schreibt!" brachte sie hervor, erstickt und rot
angelaufen. Magda sagte, sie koenne es sich denken, und darum sei sie
gekommen. "Wenn du es noetig hast," erwiderte Guste und zischte, "dass du
dir selbst musst solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann
schreib' sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht noetig haben!"
Magda protestierte und stiess ihrerseits, gruen im Gesicht, Beschuldigungen
aus. Aber Guste war zum Telephon gestuerzt, sie rief Diederich aus dem
Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe
zurueck. Gegenueber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem
Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann
fassten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der
gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen
zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,
dass auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe
sie vernichtet. Die alte Frau Hessling sogar war nicht verschont geblieben!
Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber ueberfuehrt ... Da
dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klaerte, trennte
man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs
ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunaechst herausstellte,
dass auch Inge Tietz zu den Empfaengern der unpassenden Darbietungen
gehoerte. Was hiernach zu vermuten stand, bestaetigte sich. Der unheimliche
Briefschreiber hatte ueberall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei
Pastor Zillich, ja beim Buergermeister und den Seinen. Soweit man blickte,
hatte er um das Haus Hessling und alle guten Haeuser, die ihm nahestanden,
eine Atmosphaere der krassesten Obszoenitaet geschaffen. Wochenlang wagte
Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich
entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem
Vertrautesten. Der Tag kam und die Fruehstuecksstunde, da im Schoss der
Familie Hessling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,
unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke
fest, die in ihrer Eigentuemlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
verschwiegen, bewusst waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hoerte alles
auf. Dann aber?... Guste sandte ueber den Kaffeetisch einen pruefenden Blick
zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein
Blick pruefte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.

Der Verraeter war ueberall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.
Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle buergerliche Ehrbarkeit in Frage
gestellt. Dank seiner Taetigkeit waere in Netzig jedes moralische
Selbstgefuehl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
gewesen, haette man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmassregeln
getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfaeltigen Aengste,
unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans
Licht fuehrte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergiessen ueber einen
Mann. Gottlieb Hornung wusste nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit
Diederich hatte er nach seiner Weise gross getan und sich gewisser Briefe
geruehmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es
sei Mode, ein Gesellschaftsspiel - was Diederich sofort gebuehrend
zurueckwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter
Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nuetzlichen
Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,
waere es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemaess anzeigte. Und als
Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, dass er schon laengst
ueberall verdaechtigt war. Er hatte waehrend der Wahlen zahlreiche Einblicke
erhalten, war uebrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug
offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das
Recht, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu verkaufen; dieser Kampf
verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse hoehnische Aeusserungen
entrissen, ueber Herrschaften, die die Schwaemme wohl nicht nur aussen noetig
haetten, und bei denen mit Zaehneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward
angeklagt und gab in mehreren Faellen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.
In den meisten freilich leugnete er sie um so kraeftiger, aber dafuer gab es
Schreibsachverstaendige. Gegenueber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach
fuer diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle uebrigen Aussagen, stand
der oeffentliche Wille. Auf das gluecklichste vertrat ihn Jadassohn, der
seit seiner Rueckkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt
befoerdert war. Der Erfolg und das Bewusstsein, einwandfrei dazustehen,
hatten ihn sogar Maessigung gelehrt; er sah ein, dass Ruecksicht auf das grosse
Ganze es gebiete, den Stimmen Gehoer zu schenken, die Hornung fuer nervoes
ueberreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der fuer seinen
ungluecklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich
ihn, wenn er nur Netzig verliess, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwaemme
und Zahnbuersten fuer einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
sie wohl die Staerkeren, und ein gutes Ende liess sich kaum vorhersagen fuer
Gottlieb Hornung.... Natuerlich hoerten, sobald er wohlverwahrt in der
Anstalt sass, die Briefe auf. Oder wenigstens liess man sich, wenn noch
einer kam, nichts mehr merken, die Affaere war abgetan.



Diederich durfte wieder sagen: "Mein Haus ist meine Burg." Die Familie,
nicht laenger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, bluehte auf das reinste
empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch
bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung
und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.
Horst kam nicht ohne Muehe zur Welt. Als es vorueber war, erklaerte Diederich
seiner Gattin, dass er, vor die Wahl gestellt, sie glatt haette sterben
lassen. "So peinlich es mir gewesen waere", setzte er hinzu. "Aber die
Rasse ist wichtiger, und fuer meine Soehne bin ich dem Kaiser
verantwortlich." Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitaeten und
Ungehoerigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen
Erhebung und Erholung zu goennen. "Halte dich an die drei grossen G",
bedeutete er Guste. "Gott, Gafee und Goeren." Auf dem rotgewuerfelten
Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Wuerfeln, lag neben der
Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. "Es ist oben erwuenscht", sagte
Diederich ernst, wenn Guste sich straeubte. Wie Diederich in der Furcht
seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
ins Zimmer war es ihr bewusst, dass dem Gatten der Vortritt gebuehre. Die
Kinder wieder mussten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Maenne
hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,
sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des
Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, dass man ihn ungestoert lasse, oder
aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden
nur fuer den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
Stueck davon ueber den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
erwischte, Gretchen, Guste oder Maenne. Sein Nachmittagsschlaf war oefters
durch eine Verdauungsstoerung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,
ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhiess ihr, aechzend und schwer
beaengstet, dass er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.
Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. "Ich hab' fuer meine Soehne
gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amuesierst!" Guste machte
geltend, ihr eigenes Vermoegen sei die Grundlage von allem, aber sie kam
schoen an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht
erwarten, dass Diederich nun seinerseits ihre Pflege uebernahm. Sie hatte
sich dann nach Moeglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand grosser
Laerm, weil die Koechin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber
hatte. "Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!" befahl Diederich; und
als sie fort war, irrte er noch lange, keimtoetende Fluessigkeiten
verspritzend, durch die Wohnung.

Am Abend bei der Lektuere des "Lokal-Anzeigers" erklaerte er seiner Gattin
immer wieder, dass leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren - was
Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
gewissen haeuslichen Zustaenden in Schloss Friedrichskron, die Guste lebhaft
missbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es musste
unbedingt zerschmettert werden, es war der aergste Feind des Kaisers. Und
warum? Man wusste es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestaet einst in
angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten
erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Ausserdem kamen
aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen
siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden waere. Ueber die Zeitung
hinweg sagte Diederich zu Guste: "So wie ich England hasse, hat nur
Friedrich der Grosse dies Volk von Dieben und Haendlern gehasst. Das ist ein
Wort Seiner Majestaet, und ich unterschreibe es." Er unterschrieb jedes
Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, staerkeren Form,
nicht in der abgeschwaechten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese
Kernworte deutschen und zeitgemaessen Wesens - Diederich lebte und webte in
ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedaechtnis
bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie
wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei oeffentlichen
Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer
unterschied, was von ihm kam und was von einem Hoeheren ... "Dies ist suess",
sagte Guste, die das Vermischte las. "Der Dreizack gehoert in unsere
Faust", behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der
Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
sich die hohe Frau in einfacher, beinahe buergerlicher Kleidung. Ein
Brieftraeger, dem sie sich auf der Landstrasse zu erkennen gab, hatte ihr
nicht geglaubt, dass sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er
vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies
entzueckte auch Diederich - wie es ihm andererseits an das Herz griff, dass
der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Strasse ging, um mit 57 Mark
neugepraegten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten - und
wie es ihn ahnungsvoll erschauern liess, dass Seine Majestaet Ehrenbailli des
Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloss der
"Lokal-Anzeiger", und dann wieder brachte er einem die Allerhoechsten
Herrschaften gemuetlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgrossen
Bronzefiguren der Majestaeten schienen laechelnd naeher zu ruecken, und den
Trompeter von Saeckingen, der sie begleitete, hoerte man traulich blasen.
"Himmlisch muss es bei Kaisers sein," meinte Guste, "wenn grosse Waesche ist.
Sie haben hundert Leute zum Waschen!" Wohingegen Diederich von tiefem
Wohlgefallen erfuellt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den
Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte
in ihm, bei seiner naechsten Soiree seinem Maenne volle diesbezuegliche
Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein
Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der
Kaiser und der Zar sich treffen wuerden. "Wenn es nicht bald kommt," sagte
er gewichtig, "muessen wir uns auf alles gefasst machen. Die Weltgeschichte
laesst nicht mit sich spassen." Gern hielt er sich laenger bei drohenden
Katastrophen auf, denn "die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch",
stellte er fest.

Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gaehnte immer haeufiger. Unter
dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedraengte ihn sogar
mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken aeussern, da sagte
Guste mit ungewohnt strenger Stimme "Quatsch"; Diederich aber, weit
entfernt, diesen Uebergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete
er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie
vollends ihre Muedigkeit, und ploetzlich hatte er eine maechtige Ohrfeige -
worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter
einen Vorhang drueckte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,
dass seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.
Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hueften schaukelte,
begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstfoermigen Finger
gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: "Auf die Knie,
elender Schklafe!" Und Diederich tat, was sie heischte! In einer
unerhoerten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
befehlen: "Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!" - und dann auf den
Ruecken gelagert, liess er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich
unterbrach sie sich inmitten dieser Taetigkeit und fragte ploetzlich ohne
ihr grausames Pathos und streng sachlich: "Haste genug?" Diederich ruehrte
sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. "Ich bin die Herrin, du
bist der Untertan", versicherte sie ausdruecklich. "Aufgestanden! Marsch!"
- und sie stiess ihn mit ihren Gruebchenfaeusten vor sich her nach dem
ehelichen Schlafgemach. "Freu' dich!" verhiess sie ihm schon, da gelang es
Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden
Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anstaendigen
Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gaehnte. Etwas spaeter lag sie
vielleicht schon und schlief - Diederich aber, noch immer des Aeussersten
gewaertig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich
hinter dem bronzenen Kaiser ...

Regelmaessig nach solchen naechtlichen Phantasien liess er sich am Morgen das
Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
aufging. Durch ein fuerchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtduenkel, falls sie noch eine
Erinnerung daran bewahrte, ein jaehes Ende. Autoritaet und Sitte
triumphierten wieder. Auch sonst war dafuer gesorgt, dass die ehelichen
Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
zweiten, dritten Abend, manchmal noch oefter, ging Diederich fort - zum
Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht
immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,
in dem zu lesen stand: "Je schoener die Kneip', desto schlimmer das Weib,
je schlimmer das Weib, desto schoener die Kneip'." Und auch die kernigen
alten Sinnsprueche in den uebrigen Bogen raechten einen in wohltuender Weise
fuer die Zugestaendnisse, die man, durch die Natur genoetigt, der Frau daheim
zuweilen machte. "Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein
Leben lang", oder "Behuet euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor boesen
Weibern und boesen Hunden". Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und
Heuteufel die Augen zur Decke erhob: "Friedliche Rast am traulichen Herd,
und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt' in deutscher
Mitt', kommt trinkt euch aller Sorgen quitt". Was allerseits geschah, ohne
Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt
ihren naeheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich
eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben
auf die Dauer niemandem moeglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu
uebersehen, der den nationalen Gedanken befluegelte und immer hoeher trug.
Das Verhaeltnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
unter Misshelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
unuebersteigbare Schranken, und "in seine religioesen Ueberzeugungen laesst
sich der Deutsche nicht hineinreden", wie man auf beiden Seiten
feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom
Uebel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende
Maenner gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum
hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Uebrigens
milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, dass das Deutschland der
Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. "Aber
es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen
auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist." Heuteufel
musste es zugeben. Seine Aeusserungen ueber den Kaiser, ueber Wirksamkeit und
Bedeutung Seiner Majestaet klangen wesentlich zurueckhaltender als ehedem;
bei jedem neuen Auftreten des allerhoechsten Redners stutzte er, versuchte
zu noergeln und liess doch erkennen, dass er am liebsten sich einfach
angeschlossen haette. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade
allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der
Energie des nationalen Gedankens erfuellte, wenn er positiv mitarbeitete
und bei zielbewusstem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den
Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht goennten, ein unerbittliches
_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer
aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschaemten Englaendern
rueckte naeher! Die Flotte, fuer deren Ausbau die geniale Propaganda unseres
genialen Kaisers unermuedlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere
Zukunft lag tatsaechlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr
an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward
zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genaehrt, ihrem
Schoepfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblueffende Maschinen
buergerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,
genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses "Weltmacht"
benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,
und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den
gotischen Gewoelben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die
Beschiessung Londons ward verhandelt. Die Beschiessung von Paris war eine
Begleiterscheinung und vollendete die Plaene, die Gott mit uns vorhatte.
Denn "die christlichen Kanonen tun gute Arbeit", wie Pastor Zillich sagte.
Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den duestersten
Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,
hielt er jede Niederlage fuer moeglich. Aber er blieb der einzige Noergler.
Wer am meisten triumphierte, war Kuehnchen. Die Taten, die der schreckliche
kleine Greis einst im grossen Krieg vollfuehrt hatte, jetzt endlich, ein
Vierteljahrhundert spaeter, fanden sie ihre wahre Bestaetigung in der
allgemeinen Gesinnung. "Die Saat," sagte er, "die wir dunnemals gesaet
haben, na nu geht se auf. Dass meine alten Augen das noch sehen duerfen!" -
und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.

Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhaeltnis zu
Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphaere der
gesaettigten Existenzen vorgerueckt, beeintraechtigten einander weder
politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die
ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
Dame, die selten oeffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuss. In einer
Proszeniumsloge der "Walhalla" sass sie zuweilen in grosser Aufmachung, ward
allgemein durch die Opernglaeser betrachtet, aber von niemand gegruesst; und
ihrerseits verhielt sie sich wie eine Koenigin, die ihr Inkognito wahrt.
Natuerlich wusste trotz der Aufmachung alle Welt, das war Kaethchen Zillich,
die, in Berlin fuer ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen
Villa nunmehr erfolgreich ausuebte. Auch verkannte niemand, dass dieser
Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu
heben. Die Gemeinde nahm schweres Aergernis, zu schweigen von den Spoettern,
die entzueckt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor
bei der Polizei die Beseitigung des Uebels, stiess aber auf einen
Widerstand, der nur erklaerlich schien, wenn man gewisse Zusammenhaenge
annahm zwischen der Villa von Brietzen und den hoechsten Stellen der Stadt.
An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der goettlichen
verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu uebernehmen,
und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die
verlorene Tochter einer Zuechtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die
ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Kaethchen ihr nacktes Leben, wie
die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwaeche
nach fuer die Tochter in ihrem suendigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
so erklaerte er von der Kanzel herab Kaethchen fuer tot und verfault, wodurch
er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit
verstaerkte die ihm widerfahrene Pruefung seine Autoritaet ... Diederich
seinerseits kannte von den Herren, die an Kaethchens Lebenswandel mit
Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von
allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.
Jadassohns Beziehungen zu Kaethchen lagen eben, noch von frueher her, als
Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die
Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rueckten
am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: "Was einem
Mann zur Lust ein minnig Weiblein braet, gar wohl geraet"; und mit der
gebotenen Ruecksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon ueber die
christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der
Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich ueber Kaethchens unersaettliche
Ansprueche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen guenstigen
Einfluss auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: "Wozu
haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?" Und dies war auch wieder
richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Kaethchen auf diesem
Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur
mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.
"Meine Stellung," sagte er zu Jadassohn, "erfordert eine grosszuegige
Repraesentation. Sonst wuerde ich, offen gestanden, das ganze Geschaeft
fallen lassen, denn unter uns, Kaethchen bietet nicht genug." Hier laechelte
Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. "Ueberhaupt," fuhr Diederich fort,
"ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau" - er hielt die
Hand vor - "ist leistungsfaehiger. Sehen Sie, gegen sein Gemuet kann man
nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir
vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsaechlich
schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffaellt!" Jadassohn
lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon
laengst fuer seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Hessling
aufzuklaeren ueber diese Zusammenhaenge.

Im Politischen ergab sich fuer Diederich und Jadassohn ein aehnlich
erspriessliches Zusammenwirken wie bei Kaethchen; denn gemeinsam beeiferten
sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von
solchen, die die Pest der Majestaetsbeleidigungen weiter verbreiteten.
Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf
Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir
gestaltete sich ihre Taetigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste uebte, den Sang an Aegir
einen -! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck
sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklaerte die Verurteilung
fuer durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefuehl.
"Einen Freispruch haette das Volk nicht verstanden", sagte er am
Stammtisch. "Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was
in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
veranlagt ist, verlangt, dass etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht
gedient." Hier erroetete Diederich ... Leider bekundete Buck solche
Gesinnungen nur, solange er nuechtern war. Spaeterhin gab er durch seine von
frueher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Gueter in den Schmutz zu
ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anstaendigen Gesellschaft
auszuschliessen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.
Er verteidigte seinen Freund. "Die Herren muessen bedenken, er ist erblich
belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es fuer einen
gesunden Kern in ihm, dass das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
befriedigt hat und dass er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurueckgefunden
hat." Man erwiderte, es sei verdaechtig, wenn Buck sich ueber seine fast
dreijaehrigen Erfahrungen beim Theater so voellig ausschweige. War er
ueberhaupt noch satisfaktionsfaehig? Diese Frage konnte Diederich nicht
beantworten; es war ein logisch nicht begruendeter, aber tiefsitzender
Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder naeherte. Immer wieder
nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,
nachdem sie die schaerfsten Gegensaetze blossgelegt hatte. Er fuehrte Buck
sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Ueberraschung. Denn wenn
Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich ueber Diederich hinweg
und in einer Art, die ihn befremdete. Sie fuehrten spitze und scharfe
Gespraeche, anscheinend ohne das Gemuet oder die anderen Faktoren, die der
Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie
die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends
unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte
Verhaeltnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem
eigenen Erstaunen entschied er sich fuer das letztere. "Sie haben beide
sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren",
sagte er sich mit der Ueberlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf
zu achten, dass er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine
eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwuerdig genug
schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verstaendigen. "Wer weiss", dachte er
zoegernd, und dann entschlossen: "Warum nicht! Bismarck hat es auch so
gemacht, mit Oesterreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Buendnis!"

Aus diesen noch dunklen Ueberlegungen heraus widmete Diederich auch dem
Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er
die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage
vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemueht, zu verbergen, dass er nicht
atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er ueber die neue geschaeftliche
Bluete Netzigs, den nationalen Aufschwung und ueber die, die jetzt die Macht
hatten? War er ueberzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, dass
Generaldirektor Doktor Hessling, der maechtigste Mann der Buergerschaft, sich
heimlich in ein Haustor drueckte, um dann ungesehen hinterdrein zu
schleichen hinter diesem einflusslosen, schon halb vergessenen Alten: er
auf seiner Hoehe raetselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der
alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspaetung zahlte, schlug
Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus uebernehmen. Natuerlich duerfe der
alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,
anzunehmen.

Inzwischen ging der 22. Maerz vorueber, Wilhelm der Grosse war hundert Jahre
alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,
mehrmals waren unter schweren Kaempfen Nachtragskredite bewilligt und
wieder ueberschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde
getroffen, als Seine Majestaet den hoechstseligen Grossvater als Fussgaenger
ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld
getrieben, ging des oefteren am Abend in die Meisestrasse, um sich vom Stand
der Arbeiten zu ueberzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
Daemmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes
ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefuehlen dem
glaenzenden Geschaeft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier
gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstuecksgeschaefte waren kein
Kunststueck, wenn der Vetter Regierungspraesident war. Die Stadt musste ihm
einfach das Ganze abnehmen fuer das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und musste
zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah
rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebuesch zurueck.

"Hier laesst sich atmen", sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:

"Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb
Millionen Schulden gemacht, um dieses Muellager zu schaffen." Und er zeigte
auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbaenken,
Loewen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten fluegelschlagend ihre Krallen
in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die
Rundbaenke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Loewen
zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte
durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshoehe die Rueckwand des
Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war ueberdies immer
in Gefahr, von einem Loewen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,
auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte -
wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkaefig wie zu
Hause, vom Fuss des Sockels mit allen Haenden hinauflangten, um mit
anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.

"Wer muesste nun dort oben einhersprengen?" fragte Wolfgang Buck. "Der Alte
war nur ein Vorlaeufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit
Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes."

Nach einer Weile - die Daemmerung graute - sagte der Vater: "Und du, mein
Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen."

"Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr koennen wir nicht. Wir sollten uns
leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der
Zukunft; und ich sage nicht, dass es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich
die Buehne wieder verlassen habe. Laecherlich, Vater, ich bin gegangen, weil
einmal, als ich spielte, ein Polizeipraesident geweint hatte. Aber bedenke
auch, ob dies ertraeglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in
Herzen, hohe Moral, Modernitaet des Intellektes und der Seele stelle ich
fuer Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und
betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionaere aus und
schiessen auf Streikende. Denn mein Polizeipraesident steht fuer alle."

Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.

"Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestuem des Geistes ruehrt nie an euer
Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen haetten wie
ich, wuerden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren." Und
er zeigte nach den Loewen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er
sagte:

"Sie sind sehr maechtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt
weder mehr Geist noch mehr Guete gekommen. Also war es umsonst. Auch wir
waren scheinbar umsonst da." Er blickte auf den Sohn. "Dennoch duerft ihr
ihnen das Feld nicht lassen."

Wolfgang seufzte schwer. "Worauf hoffen, Vater? Sie hueten sich, die Dinge
auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
der Geschichte haben sie leider Maessigung gelernt. Ihre soziale
Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie saettigt das Volk gerade so
weit, dass es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kaempfen, um Brot,
geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?"

Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. "Der
Geist der Menschheit", sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den
Kopf gesenkt hielt:

"Du musst ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie
auszuweichen denken, vorueber sein wird, sei gewiss, die Menschheit wird
das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser
nennen, als die Zustaende, die die unseren waren."

Er sagte leise wie aus der Ferne: "Der wuerde nicht gelebt haben, der nur
in der Gegenwart lebte."

Ploetzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an
seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte
im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
Gefuehl, aus einem boesen, wenn auch groesstenteils unbegreiflichen Traum zu
kommen, worin an den Grundlagen geruettelt worden war. Und trotz dem
Unwirklichen, das alles Gehoerte an sich hatte, schien hier tiefer
geruettelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz ruettelte. Dem
einen dieser beiden waren die Tage gezaehlt, der andere hatte auch nicht
viel vor sich, aber Diederich fuehlte, es waere besser gewesen, sie haetten
einen gesunden Laerm im Lande geschlagen, als dass sie hier im Dunkeln diese
Dinge fluesterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.



In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam
mit dem Schoepfer des Denkmals entwarf Diederich das kuenstlerische
Arrangement fuer die Feier der Enthuellung - wobei der Schoepfer mehr
Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben wuerde. Ueberhaupt
kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, naemlich
Genie und vornehme Gesinnung, waehrend er sich im uebrigen durchaus korrekt
und geschaeftstuechtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Buergermeisters
Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafuer, dass es, veralteter
Vorurteile ungeachtet, ueberall Anstaendigkeit gibt, und dass noch kein Grund
zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch fuer ein Brotstudium zu faul
ist und Kuenstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig
zurueckkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur
Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besass er schon einen
Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestaet entdeckt und
durfte fuer die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
Zeitgenossen, des Moenches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier
trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten
lehrte, wenn sie ihn dann auch haengten. Auf die Verdienste des Ritters
Klitzenzitz hatten Seine Majestaet den Oberbuergermeister noch besonders
aufmerksam gemacht, was wieder guenstig zurueckgewirkt hatte auf die
Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben fuer
einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;
Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfuegung, er mietete ihm auch das
Reitpferd, das der Kuenstler brauchte, um seine Kraefte spielen zu lassen -
und welche Aussichten, als der beruehmte Gast die ersten Zeichenversuche
des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
Fusses Horst der Kunst, dieser so zeitgemaessen Laufbahn.

Wulckow, der keinen Sinn fuer die Kunst hatte und sich mit dem Guenstling
Seiner Majestaet nicht zu stellen wusste, bekam vom Denkmalskomitee die
Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;
die bei der Enthuellung zu haltende Festrede aber uebertrug das Komitee
seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schoepfer des Denkmals und
Begruender der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung gefuehrt hatte,
Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Hessling, bravo! Diederich,
bewegt und geschwellt, sah sich am Fusse neuer Erhoehungen. Der
Oberpraesident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte
Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte
sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er
sich sogar, auf der Tribuene der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.
Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,
aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. "Es
bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab' ihn Gott
sei Dank nicht mehr noetig, aber er vielleicht mich." - Und so kam es, denn
als das naechste Heft der "Woche" erschien, was brachte es ausser den
gewohnten Kaiserbildern? Zwei Portraetaufnahmen, die eine den Schoepfer des
Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk
den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des
Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts - was
allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, dass seine Stellung
erschuettert sei. Er selbst musste es fuehlen, denn er tat Schritte, um doch
noch in die "Woche" zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich
liess sich verleugnen. Der Kuenstler seinerseits brauchte Ausfluechte. Da
geschah es tatsaechlich, dass Wulckow auf der Strasse an Guste herantrat. Die
Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
Missverstaendnis ... "Schoen hat er gemacht wie unser Maenne", berichtete
Guste. "Aber nun gerade nicht!" entschied Diederich, und er nahm keinen
Anstand, die Geschichte umherzuerzaehlen. "Soll man sich Zwang antun,"
sagte er zu Wolfgang Buck, "wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst
von Haffke gibt ihn auch schon auf." Kuehn setzte er hinzu: "Jetzt sieht
er, es gibt noch andere Maechte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht
verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer
grosszuegigen Oeffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel
aufdruecken." - "Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht", ergaenzte
Buck.

Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen
Grundstueckshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer
anstoessiger. Seine Entruestung nahm einen solchen Umfang an, dass der Besuch,
den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, fuer
Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und
Immunitaet hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich
umgehend im Reichstag hin und enthuellte. Er enthuellte, ohne dass ihm das
geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspraesidenten von
Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstueck des
Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
Stadt erpresst war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er
den Titel "Schmiergeld" gab. Der Zeitung zufolge bemaechtigte hier der
Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
sondern dem Enthueller. Wuetend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich
zitterte, in der naechsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glueck kam er
nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewusst. Statt
dessen redete der Minister, er ueberliess den unerhoerten, leider unter dem
Schutze der Immunitaet begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich
nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem
es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall
erledigt, es eruebrigte nur noch, dass auch die Presse ihren Abscheu aeusserte
und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem
Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blaetter, die die Vorsicht
ausser acht gelassen hatten, mussten ihren verantwortlichen Redakteur den
Gerichten ausliefern, so auch die Netziger "Volksstimme". Diederich
benutzte diesen Anlass, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn
Regierungspraesidenten hatten zweifeln koennen, glatt das Tischtuch zu
zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. "Ich weiss aus
erster Quelle," sagte er nachher, "dem Mann ist die groesste Zukunft gewiss.
Er war neulich auf der Jagd mit Majestaet und hat einen grossartigen Witz
gerissen." Acht Tage spaeter brachte die "Woche" ein ganzseitiges Bildnis,
Glatze und Bart auf der einen Haelfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu
die Unterschrift: "Regierungspraesident von Wulckow, der geistige Schoepfer
des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kuerzlich ein allgemein als
empoerend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung
zum Oberpraesidenten bevorsteht" ... Das Bild des Generaldirektors Hessling
mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich ueberzeugte
sich, dass der gebuehrende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
auch unter den modernen Lebensbedingungen einer grosszuegigen
Oeffentlichkeit, unangreifbar wie je - was ihn trotz allem tief
befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das guenstigste vorbereitet
fuer seine Festrede.

Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener
Naechte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit
Kaethchen Zillich, die fuer die Groesse des kommenden Ereignisses ein
merkwuerdig klares Verstaendnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,
das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
Militaerkordon war schon gezogen! - und gelangte man auch nur nach
Gewaehrung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter
unseren Soldaten und am Fuss einer grossen schwarzen Brandmauer in der Sonne
die schwitzenden Haelse reckte. Die Tribuenen, links und rechts von den
langen weissen Tuechern, hinter denen man Wilhelm den Grossen vermuten
durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdaecher sowie zahlreicher Fahnen.
Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre
ins Blut uebergegangene Disziplin befaehigt, sich und ihre Damen ohne fremde
Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Ueberwachung war nach
rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich
nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenueber
dem Denkmal schien ihr wuerdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle
Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich musste hin mit ihr, wenn er
kein Feigling war, aber natuerlich ward sein tollkuehner Angriff so
nachdruecklich zurueckgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form
wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den
Ton des Polizeileutnants und waere beinahe verhaftet worden. Sein
Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweissrote Schaerpe und die Rede,
die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten fuer die
Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und
Diederich musste auch hier wieder bemerken, dass man ohne Uniform, trotz
sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.

Im Zustand der Aufloesung trat das Ehepaar Hessling seinen allseitig
bemerkten Rueckzug an, Guste blaeulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen
und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kraeften den Bauch mit der
Schaerpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben ueber seine
Niederlage. So mussten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
Eichenkraenze um die Zylinderhuete, unterhalb der Militaertribuene stand, an
seiner Spitze Kuehnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
drueben, weiss mit schwarzweissroten Schaerpen und befehligt von Pastor
Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer sass, in der Haltung einer
Koenigin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Kaethchen Zillich. Hier fuehlte
Diederich sich denn doch bemuessigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.
"Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht fuer die Dame", sagte er,
keineswegs zu Kaethchen Zillich, die er fuer ebenso fremd wie zweideutig zu
halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten - und haetten ihm auch nicht
die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier fuer die
stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher waere die Tribuene
eingestuerzt, als dass Kaethchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah
das Ausserordentliche, dass der Beamte unter Kaethchens ironischem Laecheln
die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab
nur einen weiteren unbegreiflichen Stuetzpunkt ab fuer den Uebergriff der
Unmoral. Diederich, betaeubt vor einer Welt, deren Betrieb gestoert schien,
liess es geschehen, dass Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz
oben, wobei sie mit Kaethchen Zillich einige die Gegensaetze betonende Worte
wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte ueber und
drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gaeste
auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran
Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem
Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es moeglich?
Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,
Sternenblitzen und ein Wuchs! "Wer ist der Gelbe, der Lange?" forschte
Guste innig. "Ist das ein schoener Mann!" - "Wollen Sie mich gefaelligst
nicht treten!" verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. "Sieh sie
dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, dass sie nicht mitwollte. Das ist das
einzige, erstklassige Theater, es ist das Hoechste, da kann man nichts
machen!" - "Aber der mit den gelben Aufschlaegen!" schwaermte Guste. "Der
Schlanke! Der muss ein echter Aristokrat sein, das seh' ich gleich."
Diederich lachte wolluestig. "Da ist ueberhaupt keiner dabei, der nicht ein
echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,
ein Fluegeladjutant Seiner Majestaet ist hier!" - "Der Gelbe!" - "Persoenlich
hier!"

Man suchte sich zurecht. "Der Fluegeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,
Donnerwetter!" Und die schneidige Anmut der Begruessungen; sogar der
Buergermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen
vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch
sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der voruebergehend ihm
selbst gehoert hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle
Bedeutung eines Regierungspraesidenten erst jetzt zur Geltung, wo er
salutierend das gewaltige, von Schnueren umrahmte Profil seiner unteren
Koerperteile hervorkehrte. "Das sind die Saeulen unserer Macht!" rief
Diederich in die wuchtigen Klaenge des Einzugsmarsches. "Solange wir solche
Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!" Und voll
ueberwaeltigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stuerzte er
hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,
trat ihm entgegen. "Nee, nee, Sie komm' noch nich'ran", sagte der
Schutzmann. Jaeh in seinem Schwunge gehemmt, stiess Diederich gegen einen
Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein
Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame
mit den gelben Haaren gehoere dem Herrn Stadtverordneten, "aber auf hoeheren
Befehl hat ihn die Dame gekriegt". Das weitere verriet der Mann in
ersterbendem Fluesterton, und Diederich entliess ihn mit einer Bewegung, die
sagte: "Dann allerdings." Der Fluegeladjutant Seiner Majestaet! Dann
allerdings! Diederich ueberlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
Kaethchen Zillich oeffentlich seine Huldigung zu entbieten.

Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie
Ruehrt euch, und auch Kuehnchen liess seine Krieger sich ruehren; hinter dem
Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,
sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kuehnchen in
seiner historischen Landwehruniform, die ausser vom Eisernen Kreuz von
einem ruhmreichen Flicken geziert ward - denn hier war eine franzoesische
Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Gelaendes auf Pastor Zillich in
seinem Talar - auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter
dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribuene
ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
Offiziere taten es von selbst. Ueberdies stimmte die Kapelle "Ein' feste
Burg" an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der
Oberpraesident, offenbar in der Annahme, dass der alte Alliierte nun genug
habe, liess sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von
ihm der bluehende Fluegeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen
gruppiert war, sah man den Regierungspraesidenten von Wulckow einen Wink
erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab
sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das
Wort an Diederich richtete. "Na, nu komm Se man 'ran", sagte der
Schutzmann.

Diederich gab acht, dass er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die
Beine waren ihm ploetzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach
einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Baeumchen, das keine
Blaetter hatte, aber mit schwarzweissroten Blueten aus Papier uebersaet war.
Der Anblick des Baeumchens gab ihm Gedaechtnis und Kraft zurueck; er begann.

"Eure Exzellenzen! Hoechste, hohe und geehrte Herren!

Hundert Jahre sind es, dass der grosse Kaiser, dessen Denkmal der Enthuellung
harrt durch den Vertreter Seiner Majestaet, uns und dem Vaterlande
geschenkt ward; gleichzeitig aber - das macht diese Stunde noch
bedeutsamer - ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein grosser Enkel den
Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die grosse
Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
Rueckblick werfen."

Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung
der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Laengere Zeit verweilte er
beim Ozean. "Der Ozean ist unentbehrlich fuer Deutschlands Groesse. Der Ozean
beweist uns, dass auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne
den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das
Weltgeschaeft ist heute das Hauptgeschaeft!" Aber nicht nur vom
geschaeftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn frueher aus mit
uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des aelteren
Geschlechts, das durch eine einseitige humanitaere Bildung zu zuchtlosen
Anschauungen verfuehrt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt
hatte. Wenn das jetzt gruendlich anders geworden war, wenn wir, im
berechtigten Selbstgefuehl, das tuechtigste Volk Europas und der Welt zu
sein, von Noerglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestaet, antwortete
Diederich. "Er hat den Buerger aus dem Schlummer geruettelt, sein erhabenes
Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!" - wobei Diederich sich auf
die Brust schlug. "Seine Persoenlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
Persoenlichkeit ist stark genug, dass wir allesamt uns efeuartig an ihr
emporranken duerfen!" rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.
"Was Seine Majestaet der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschliesst,
dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder
unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!" fuegte er
wieder aus dem Stegreif hinzu, jaeh inspiriert durch den Geruch des
schwitzenden Volkes hinter dem Militaerkordon; denn der Wind, der aufkam,
trug ihn her.

"In staunender Weise ertuechtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver
Betaetigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die
uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und
bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Hoehe germanischer Herrenkultur,
die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird ueberboten
werden koennen!"

Hier sah man den Oberpraesidenten mit dem Kopf nicken, indes der
Fluegeladjutant die Haende gegeneinander bewegte: da brachen die Tribuenen in
Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentuecher, Guste liess es im
Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Kaethchen
Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentuecher, nahm
seinen hohen Flug wieder auf.

"Eine solche, nie dagewesene Bluete aber erreicht ein Herrenvolk nicht in
einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
es fuer notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemusst, und
schliesslich ist es uns doch gelungen, siegreich ueberall unsere Fahnen
aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu
schmieden!"

Und er erinnerte an das pruefungsreiche Leben Wilhelms des Grossen, woraus
wir, wie Diederich feststellte, erkannten, dass der Weltenschoepfer das Volk
im Auge behaelt, das er sich erwaehlt hat, und sich auch das entsprechende
Instrument baut. Der grosse Kaiser seinerseits hatte sich hierueber niemals
Irrtuemern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem grossen
historischen Augenblick, wo er als Koenig von Gottes Gnaden, das Zepter in
der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab
und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefuehl hatte er es weit
von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
nehmen, und nicht zurueckgeschreckt war er vor der furchtbaren
Verantwortung gegenueber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament
ihn hatte entbinden koennen! Diederichs Stimme bebte ergriffen. "Dies
erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persoenlichkeit des
dahingegangenen Kaisers geradezu vergoettert. Hat er doch Erfolg gehabt;
und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter waere Wilhelm der Grosse
heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!"

Wieder nickte der Oberpraesident und loeste damit wieder ungestueme
Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kaelter; und als sei er
angeregt durch den verduesterten Himmel, ging Diederich zu einer
tiefernsten Frage ueber.

"Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war
der Feind des grossen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm
gluecklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
seinen ewigen, ueberwaeltigenden Sinn!" Hier unternahm Diederich es, zu
malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen
Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiositaet
versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschaeftssinn
grossgezogen, Missachtung des Geistes schloss ihr natuerliches Buendnis mit
niederer Genussgier. Der Nerv der Oeffentlichkeit war Reklamesucht, und
jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Aeussern nur auf das
Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als
die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb
ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,
den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... "Von all dem
wissen wir nichts!" rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen
dort oben. "Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken
nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!"

An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militaerkordon und der
Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es
grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu
weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen missbilligende Mienen,
und der Oberpraesident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribuene litt
selbstverstaendlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich
immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum
Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: "Unser alter Alliierter
bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch
sein, heisst eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns haette je
aus seiner Gesinnung ein Geschaeft gemacht? Wo gar waeren die bestechlichen
Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das
Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnuegens.
Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden
des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
heidnische Kultur, mag sie noch so schoen und herrlich sein, wird bei der
ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die
Verehrung der Macht, der ueberlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen
die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die hoechste
Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die hoechste Ehre im
Rock des Koenigs und die hoechste Arbeit im Waffenhandwerk!"

Der Donner grollte, wenn auch eingeschuechtert, wie es schien, durch
Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man
einzeln hoerte, so schwer waren sie.

"Aus dem Lande des Erbfeindes," schrie Diederich, "waelzt sich immer wieder
die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
vaterlandslosen Feinde der goettlichen Weltordnung aber, die unsere
staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den
letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen
werden, dass dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem
Herzen fuer des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen
und offen sagen darf: Ja!"

Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, dass ihm
die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten liess,
benutzte die Ziviltribuene, um durch Unruhe zu bekunden, dass sie seine Rede
fuer beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau ueber den Koepfen der
Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als
warnten sie, klopften immerfort diese eigrossen Regentropfen ... Diederich
hatte wieder Luft.

"Wenn jetzt die Huelle faellt," begann er mit neuem Schwung, "wenn zum Gruss
die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette
im Praesentiergriff blitzen -" Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
dass Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult
hockte. Zum Glueck kam er wieder hervor, ohne dass sein Verschwinden bemerkt
worden waere, denn allen war es aehnlich ergangen. Kaum dass noch jemand
hoerte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpraesidenten bat, er
moege geruhen zu befehlen, dass die Huelle falle. Immerhin trat der
Oberpraesident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine
Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:
"Im Namen Seiner Majestaet befehle ich: die Huelle falle" - woraus sie fiel.
Auch ertoente die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Grossen, wie
er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt
von allen Furchtbarkeiten der Macht, staehlte die Untertanen noch einmal
gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpraesidenten fand
lebhaften Widerhall. Freilich, die Klaenge von Heil dir im Siegerkranz
gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, dass sie sich nun bis an den Fuss des
Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schoepfer, der schon
wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, dass der
hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders
zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefuehl, und siegte um so glaenzender,
als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militaers. Er
wagte sich kuehn hinaus, hin ging er unter den grossen langsamen Tropfen,
und mit ihm Ulanen, Kuerassiere, Husaren und Train ... Schon war die
Inschrift "Wilhelm der Grosse" zur Kenntnis genommen worden, der Schoepfer,
durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte
auch der geistige Schoepfer Hessling vorgestellt und geschmueckt werden, da
platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich
umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knoechel, Seiner
Exzellenz lief es aus Aermeln und Hosen. Die Tribuenen verschwanden hinter
Stuerzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, dass die
Zeltdaecher sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren
nassen Umschlingungen waelzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das
Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden
Zuckungen im ueberschwemmten Gelaende badete. Unter solchen Umstaenden sah
der Oberpraesident es ein, dass der weitere Verlauf des Festprogramms aus
Zweckmaessigkeitsgruenden zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und
wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten
Rueckzug an, und ihm nach der Fluegeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz
sich des noch immer an ihrem Finger haengenden Ordens fuer den geistigen
Schoepfer, und pflichttreu bis zum Aeussersten, aber bestrebt, jeden
Aufenthalt zu vermeiden, haendigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,
dem Praesidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem
Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der
Uebergabe der Allerhoechsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm
und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schliesslich fand er ihn
unter dem Rednerpult im Wasser hockend. "Da hamse 'n Willemsorden", sagte
der Schutzmann und machte, dass er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz
ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.
Diederich hatte nur geseufzt.

Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshaelfte auf die Erde zu
spaehen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drueben die grosse
schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
dahinter. Ueber einen Knaeuel von Geschoepfen in jagendem Geisterlicht,
schwefelgelb und blau, baeumten sich die Pferde der Paradekutschen und
nahmen Reissaus. Gluecklich das nicht privilegierte Volk, das draussen und
ueber alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der
Lage, dass sie auf ihren Koepfen schon die fliegenden Truemmer des Umsturzes
fuehlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstaende ihr
Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmaessiger Weise vom
Ausgang zurueckgestossen, schlankweg uebereinander rollten. Nur ihrer
Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch - indes
Fahnentuecher, losgerissen im Sturm von den Ueberresten der Tribuenen und des
offiziellen Zeltes, schwarzweissrot durch die Luft sausten, den Kaempfern um
die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die
Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach
der Durchbrechung des Militaerkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Aufloesung. Ein neuer
Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander - und Diederich, die Augen
zugedrueckt und schwindelnd des Endes von allem gewaertig, tauchte zurueck in
die kuehle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf
Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfasst, was ueber alle Begriffe war:
das Gehege, das schwarzweissrot behangene rund um den Volkspark,
zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,
und dann dies Drunter und Drueber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhaeufen und
Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen - und
dies Gefegtwerden von den Peitschen der Hoehe, unter Stroemen Feuers, diesen
Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Buerger, einzigen Saeulen,
gottgesandten Maennern, idealen Guetern, Husaren, Ulanen, Dragonern und
Train!

Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
hatten nur ein Manoever abgehalten fuer den Juengsten Tag, der Ernstfall war
es nicht. Unter Vorbehalt verliess er seine Zuflucht und stellte fest, dass
es nur noch goss, und dass Kaiser Wilhelm der Grosse noch da war, mit allem
Zubehoer der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefuehl gehabt, das
Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah
aus wie eine wueste Erinnerung, keine Seele belebte seine Truemmer. Doch, da
hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,
der das eingestuerzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es
hinter den Resten seiner grossen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht
aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn staerkte ein
Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. "Das Haus", dachte Herr von Quitzin,
"haetten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen
gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrueckt. Na nu kriege ich
die Versicherung. Es gibt einen Gott." Und dann ging er der Feuerwehr
entgegen, die zum Glueck nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
Geschaeft.

Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er
hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und
in der rueckwaertigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfuetze mit
sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloss er, die innere
Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Strassen fingen den Wind ab, ihm
ward es waermer. "Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber
doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefaelligst keine
Influenza ins Haus einschleppt!" Nach dieser Sorge erinnerte er sich
seines Ordens: "Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestaet, wird nur
verliehen fuer hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des
Volkes ... Den haben wir!" sagte Diederich laut in der leeren Gasse. "Und
wenn es Dynamit regnet!" Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war
ein Versuch mit unzulaenglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem
Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte "Etsch" - worauf er ihn sich
ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.

In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwuerdig, vor dem
Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa -?
Diederich spaehte in das Haus: die glaeserne Flurtuer stand
ausserordentlicherweise offen, so als wuerde jemand erwartet, der selten
kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Kueche
vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.
"Also ist es so weit" - und ploetzlich ward Diederich von einem Schauer
angeruehrt, er blieb stehen, bereit, den Rueckzug anzutreten. "Dabei habe
ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes
Stueck mein, ich habe die Pflicht, dafuer zu sorgen, dass sie mir nachher
nichts forttragen." Aber nicht nur dies draengte ihn vorwaerts;
Schwierigeres und Tieferes kuendigte sich an mit Schnaufen und
Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und
dachte: "Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre
deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er
nicht eines Tages -. Na hoeren Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine
Sache ist gut oder nicht gut. Und fuer den Ruhm der guten Sache soll man
nichts versaeumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch
zusammennehmen muessen, als er nach Wilhelmshoehe zu dem gaenzlich erledigten
Napoleon ging."

Hier war er schon im Zwischengeschoss und betrat vorsichtig den langen
Gang, an dessen Ende die Tuer offen, auch hier wieder offen stand. Sich
gegen die Wand druecken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuss
hergewendet, darin lehnte an gehaeuften Kissen der alte Buck und schien
nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite
- nun sah man die verhaengten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
dem Bett zunaechst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem
Gesicht, das niemand erwartet haette; zwischen den Fenstern die
zusammengedraengte Herde der fuenf Toechter neben dem bankerotten Vater, der
nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner
stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem
Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte
Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten
sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die
fortfuehrten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterliess er
als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Faeuste hatte und Geld in
den Faeusten!

Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,
obwohl Traenen aus seinen dort hinueberverlangenden Augen fielen; es sah aus
wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren
Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte - und die Frau
des Aeltesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhaende.
Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tuer. Es
war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?
Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man
dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen
konnte. Ihren Widerschein in seinen ueberraschten Augen, oeffnete er auf den
Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
und empfangend - wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, dass es
durch sein Kommen dies geisterhafte Glueck hervorrief in den Zuegen des
alten Buck?

Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:
erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenueber, machte sich noch
strammer, woelbte die schwarzweissrote Schaerpe, streckte die Orden vor, und
fuer alle Faelle blitzte er. Der Alte liess auf einmal den Kopf fallen, tief
vornueber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom
Entsetzen gedaempft, rief die Frau des Aeltesten: "Er hat etwas gesehen! Er
hat den Teufel gesehen!" Judith Lauer stand langsam auf und schloss die
Tuer. Diederich war schon entwichen.






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      "Diederich"
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      Seite 315: "Praes denten" geaendert in "Praesidenten"
      Seite 316: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Fabrikantentochter."
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      "Er"
      Seite 474: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "grossen G"





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***



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November 24, 2011

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                                  1.F.4.


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                                  1.F.5.


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                                Section 3.


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    Chief Executive and Director
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