Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe

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Title: Kasperle auf Burg Himmelhoch

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Ernst Kutzer
             Therese Bredt

Release Date: August 25, 2011 [EBook #37202]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH ***




Produced by Jens Sadowski





Kasperle
auf Burg Himmelhoch


Eine lustige Geschichte

von

Josephine Siebe
Verfasserin von Kasperle auf Reisen


Mit farbigem Decken- und Vollbild von Ernst Kutzer
und zahlreichen Scherenschnitten von
Therese Bredt




Verlag von Levy & Mller in Stuttgart





Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart




Inhalt


Erstes Kapitel. Der Kasperlemann erzhlt
Zweites Kapitel. Bei den Waldhausleuten
Drittes Kapitel. Kasperles Brief
Viertes Kapitel. Die Reise nach dem Schlo der Grfin Rosemarie
Fnftes Kapitel. Die Ankunft
Sechstes Kapitel. Hochzeit und Reise
Siebentes Kapitel. In der Haubenschachtel
Achtes Kapitel. Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch
Neuntes Kapitel. Das traurige Marlenchen
Zehntes Kapitel. Eine neue Freundin
Elftes Kapitel. Kasperles Krankheit
Zwlftes Kapitel. Es geistert im Schlo
Dreizehntes Kapitel. Das Nest auf der Ulme
Vierzehntes Kapitel. Das traurige Marlenchen lernt lachen
Fnfzehntes Kapitel. Geh zum Teufel!








Erstes Kapitel

Der Kasperlemann erzhlt

Bimmelimbim, hollahe, ich bin da! so rief unverdrossen ein Mann, der vor
einem kleinen, mit einem roten Vorhang verhllten Kasperletheater stand.
Das Budchen befand sich auf einem groen Platz, auf dem es noch viele
andere Buden gab, denn in dem Stdtchen Wutzelheim war Schtzenfest; dazu
waren Karussellmnner und Schaubudenleute von weither gekommen. Um das
Kasperlebudchen herum drngten sich die Kinder. Es sollte, so wurde gesagt,
ein besonders lustiges Kasperle sein, das da spielte, und das Zusehen war
billig. Fr einen Pfennig konnte man lange stehen, und manchmal konnte man
sogar ausreien, ohne den Pfennig zu bezahlen. Aber das taten nur wenige,
die meisten gaben gewichtig ihren Pfennig hin, man mute doch Kasperle
belohnen.

Immer wieder tnte das Bimmelimbim des Budenbesitzers, immer mehr Kinder
liefen herzu. Endlich ging der rote Vorhang auf, und Kasperle steckte seine
groe, groe Nase heraus und fragte: Seid ihr alle da?

Ja! scholl es im Chor.

Hm! Kasperle seufzte, schwang ein Beinchen ber die Brstung und fragte
trbselig: Ihr denkt nun wohl, ich werde kaspern?

Ja, schrien die Kinder, und ein paar Ungeduldige drngten: Fang doch an,
sonst mssen wir zum Abendbrot nach Hause! Es war aber erst drei Uhr
nachmittags, und das Kasperle lachte etwas. Abwarten und Tee trinken!
rief es. Erst mu ich euch eine Geschichte erzhlen. Wollt ihr sie
wissen?

Ja, ja, ertnte es von unten herauf.

Na, dann pat mal auf! Glaubt ihr, da ich lebendig bin?

Die Kinder lachten, ein paar kleine sagten schchtern ja, die greren aber
riefen alle: N, du bist von Holz -- Von Blech, rief sogar ein Mdel.

So, brummte Kasperle, na, das glaube ich doch nicht! Dabei schlug er
mit seinen hlzernen Armen und Beinen an die Bretterwand des Budchens. Es
krachte laut, und die Kinder schrien alle: Das klingt wie Holz, du bist
von Holz.

So, gut, also ich bin von Holz. Es gibt aber ein ganz putzlebendiges
Kasperle, glaubt ihr das?

N, brllten wieder die Kinder, so was gibt's nicht.

Doch, so etwas gibt's, und das Kasperle sieht aus wie ich, nur ist es
viel, viel grer, so gro wie der da. Und Kasperle streckte seinen
Holzarm aus und zeigte auf Gottfried Schlippermilch, der etwa acht Jahre
alt war.

N, schrie Gottfried entrstet, das ist nicht wahr! Ich bin nicht wie 'n
Kasperle.

Doch, es ist wahr, und nun kommt meine Geschichte.

N, das ist nicht wahr! Gottfried war sehr entrstet, da er hnlichkeit
mit einem Kasperle haben sollte, und seine Kameraden muten ihm erst ein
Weilchen gut zureden, bis er schlielich sich beruhigte und still wurde.

Kasperle beugte sich weit vor und begann: Ja, denkt euch, es gibt ein
lebendiges, flinkes, lustiges Kasperle, und das wohnt seit vielen Jahren in
einem Waldhaus. Das Huschen gehrt einem Kasperleschnitzer, der auch mich
geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle.

I n! schrien ein paar Buben erstaunt, und Kasperle nahm flink eine alte
Kartoffel und warf sie dem dicken Hansjrg an die Nase. Klatsch! Das
knallte nur so.

Stille sein! schrie Kasperle. Was ich erzhle, ist wahr!

Hansjrg rieb sich erschrocken seine Nase, und er klappte vor lauter Angst
seinen Mund nun gar nicht mehr zu, doch auch die andern schwiegen ein wenig
erschrocken, und Kasperle fuhr fort zu erzhlen: Das lebendige Kasperle
hat einmal ewig lange geschlafen, vielleicht achtzig Jahre und noch lnger.
Da hat es in einem alten Schrank gesteckt, und niemand wute es. Meister
Friedolin, der Kasperleschnitzer, aber hat eines Tages in dem Schrank
herumgekramt und dabei das schlafende Kasperle entdeckt. Wie das ans Licht
gekommen ist, ist's aufgewacht.

Was hat's denn da gemacht? Ein Stimmlein klang hell aus dem Kindergewhl
heraus, und diesmal warf Kasperle keine Kartoffel, es drohte nur mit seiner
steifen Holzhand, gab aber doch Antwort. Dummheiten hat's gemacht, nichts
wie Dummheiten. Das Waldhaus hat es bald auf den Kopf gestellt, und dann
ist es ausgerissen.

Viele Ahs und Ohs ertnten. Die Kinder sahen sich um, ob gar das Kasperle
hierher ausgerissen wre, ein paar Buben aber schrien laut: Das ist fein!
-- Potz Wetter! Was sagt ihr da? schrie Kasperle emprt. Fein, fein! Na,
ich danke. Frech war es, so frech wie eure Nasen. Und wie hat sich das
Kasperle aufgefhrt, o jegerle! Erst ist's in ein Dorf gelaufen, --
Protzendorf heit es -- nachdem es ein paar Bblein Hosen und Jacke
weggenommen, hat sich dort als Gnsejunge verdingt und dabei die armen
Gnse halb tot gehtet; dann hat es den braven Schfer Damian und seinen
Bruder Florian schlimm gergert, und nachher ist's wieder ausgerissen.

Fein! schrien wieder ein paar Buben. Diesmal warf Kasperle wtend ein
paar trockene Kienpfel von oben herab. Klatsch, klatsch! Einen bekam
Drehers Frieder an die Nase, der andere hopste auf drei Kpfen herum, immer
von einem zum andern.

Das ist frech! schrien sie wieder.

Ih, frech war Kasperles Ausreien! zeterte oben das Kasperle. Und frech
war es, was er dann tat. Dem Grafen von Singerlingen ist er hinten auf den
Wagen aufgesprungen; so ist er mit in ein Schlo gefahren, dort ist er in
die Schlagsahne gefallen und hat sich in des Herzogs, unseres Herzogs, Bett
gelegt.

Fein! schrien wieder ein paar Buben, aber da drohte Kasperle: Ihr werdet
eingesperrt.

Da verstummten die Schreier flink, und Kasperle erzhlte weiter: Unser
guter Herzog August Erasmus war damals bei dem Grafen von Markfeld zu
Gaste, eine Hochzeit wurde im Schlo gefeiert, und da hat das Kasperle
herumgespukt. Die kleine Grfin Rosemarie -- sie ist jetzt eine schne
junge Dame und wird nchstens einen Grafen heiraten -- hat den kleinen
Unntzling aus Mitleid erst in ihr Puppenbett gesteckt, dann ihm geholfen,
da er ausreien konnte.

Fein, fein! brllten wieder die Kinder. Da wurde Kasperle wtend, er
schrie: Potztausend! Das httet ihr wohl auch getan?

Ja, ja! jauchzten die Kinder. Er soll nur kommen, wir helfen ihm schon!

Einige Augenblicke war Kasperle muckstill; der Kasperlemann, der hinter dem
roten Vorhang stand, fuhr sich mit seinem schwefelgelben Schnupftuch ber
das Gesicht. Er rgerte sich. So ist nun das Kindervolk! Da reise ich von
Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bin auf Schtzenfesten, berall und immer, wenn ich
erzhle: >Kasperle ist ausgerissen<, schreien die dummen Kinder: >Fein,
fein!< -- Haue mten sie alle haben!

Kasperle soll weiterreden, verlangten die Kinder vor dem Budchen.

Da lie der Kasperlemann das hlzerne Kasperle wieder zappeln. Er steckte
aber selbst seinen Kopf heraus und erzhlte weiter: Trotzdem die Landjger
aufpaten, gelang es dem schlimmen lebendigen Kasperle doch, zu entkommen.
Hoch hinauf in die Berge in das Dorf Waldrast hat er sich geflchtet, und
der Schullehrer dort hat sich seiner gar liebreich angenommen. Aber als
Dank hat Kasperle nichts wie Dummheiten gemacht.

Was hat er denn getan? Hansjrg drngte sich ganz vor, und klatsch!
schlug ihm Kasperle mit dem Bein an die Nase.

Au! Hansjrg brllte, die andern schrien: Sei doch still! Wir wollen
hren, wie's weiter geht. Was hat Kasperle gemacht?

Nichts als Unsinn, und vor allem hat er die Base Mummeline im
Schulmeisterhaus schlimm gergert. Die hat aber herausgekriegt, da es mit
dem Kasperle nicht richtig war, und da sind Landjger nach Waldrast
gekommen, die haben Kasperle fangen wollen, denn der Herr Herzog August
Erasmus hatte eine hohe Belohnung dem versprochen, der Kasperle fangen
wrde.

O jemine! Die haben ihn wohl gefangen?

I bewahre! Stille doch, Kinder! Ausgerissen ist -- --

Hurra, hurra!

Der Kasperlemann rgerte sich mehr und mehr, die Kinder jauchzten immer
lauter, und von den andern Buden schauten die Leute neugierig herber.
Beim Kasperle geht's mal wieder lustig zu, sagten sie.

Stille, Kinder! Sonst erzhle ich nicht weiter, schrie der Kasperlemann.

Ach ja doch, bitte, bitte, wohin ist Kasperle gelaufen?

Erst auf den Kirchturm; da hat er die Glocken gelutet, so da sie alle im
Dorf gedacht haben, es brenne, und in der Verwirrung und in der Dunkelheit
ist -- ritsch ratsch! -- das Kasperle ausgerissen.

Hurra, Kasperle soll leben!

Tut er ja auch, brummte der Kasperlemann. Und gut hat er dann eine Weile
gelebt; in des Herzogs Jagdschlo hat er beinahe die Rucherkammer
leergegessen mit seinem Freund, dem Geibuben Michele. Das Michele hat dem
Kasperle in das Schlo hinein geholfen, und als da der Herzog August
Erasmus unversehens gekommen ist, hat sich Kasperle in eine verborgene
Kammer geflchtet, und alle im Schlo haben gedacht, es spuke ein Gespenst
darin.

Uje, das ist aber fein! Ich will auch mal Gespenst sein, schrie Hansjrg.

Ich auch, ich auch! Gespenst sein, ist fein, echote es. Morgen spielen
wir Gespenster!

Wie hat er es denn als Gespenst gemacht?

Das schwtzte laut vor dem Budchen durcheinander, und der Kasperlemann
brummte: So dumm bin ich nicht, euch das zu verraten. Wer spukt, kriegt
was auf den Hosenboden, und nun still! Wer redet, bekommt einen
Nasenstber.

Da waren die Kinder wieder muckstill, und der Kasperlemann erzhlte weiter:
Na, kurz und gut, sie haben es im Schlo herausgekriegt, wo das Gespenst
war, und da hat es Kasperle mit der Angst gekriegt und ist durch einen
geheimen Gang entflohen. Vorher aber hat der Bsewicht dem Herzog noch
einen schweren Geldbeutel auf den Magen geworfen.

War Geld drinnen? Hansjrg ri seinen Mund wieder sperrangelweit auf, und
der Kasperlemann brummte: Schafskopf, natrlich! Von was wre er sonst
schwer gewesen! Wer jetzt aber noch ein Wort dazwischenredet, mu drei
Pfennige zahlen.

Ich hab' nur einen Pfennig! jammerte Minchen Hirsebrei.

Na, dann halt den Schnabel! -- Also, hrt zu! Das Michele hat dann
Kasperle wieder geholfen. Der ist ausgerissen, und wit ihr, wohin er
geraten ist?

N! schrien die Kinder.

Nach Torburg.

Wir wollen ihn sehen, wir wollen ihn sehen! kreischten die Kinder;
Torburg lag im Tal; nur eine Stunde weit war es von Wutzelheim entfernt.

Donnerwetter, bleibt doch da! Der Kasperlemann erschrak ordentlich. Alle
Kinder wollten davonlaufen, und er sa dann da und hatte keine Pfennige.

Er ist ja nicht mehr dort, rief er darum schnell.

Ach so! jammerten die Wutzelheimer Kinder enttuscht.

Wo ist er dann? Hansjrg drngte sich wieder ganz nahe an das Budchen,
und klitsch! bekam er einen Backenstreich, aber tchtig. Kasperle schlug
mit seinem Holzbein derb zu, und Hansjrg brach in ein Jammergeheul aus:
Ich sag's meinem Vater! Ich sag's meiner Mutter, Kasperle hat mir gehaut!

Sei doch nicht dumm! Die andern Kinder zerrten Hansjrg, der davonlaufen
wollte, zurck, und der Kasperlemann fuhr zu erzhlen fort: Also, in
Torburg wohnte ein alter Grtner, Meister Helmer, in einem wunderschnen
Garten, der nahm das Kasperle als Grtnerburschen an. Dort hat er ein
Weilchen gelebt, bis ich eines Tages nach Torburg kam und erfuhr, Kasperle
sei dort. Nun hatte der Herzog August Erasmus eine noch hhere Belohnung
ausgesetzt; die wollte ich mir verdienen und Kasperle fangen und --

Pfui! Bums sauste ein Holzpantoffel in die Kasperlebude hinein, schlug
dem hlzernen Kasperle ein Stck von seiner Nase ab und traf des
Kasperlemannes Bauch. Da schrie der nun auch und jammerte laut. Fritze
Dnnebein aber, der den Pantoffel geworfen hatte, reckte sich stolz auf:
Warum haste Kasperle fangen wollen! brllte er. Das war bse.

Du Dummkopf! Der Holzpantoffel kam zurck, aber er traf Fritze nicht; der
fing ihn auf, steckte wieder seinen Fu hinein und sagte patzig: Ich geb'
dir keinen Pfennig, weil du Kasperle gefangen hast.

Dumm, dumm, dumm! schrie der Kasperlemann. Ich hab' ihn doch nicht
gefangen! Da ist nmlich der Meister Severin gekommen, ein Geiger und
Instrumentenmacher, der allen Instrumenten eine Seele geben kann, der hat
ritsch, ratsch das Kasperle genommen und es in einen schwarzen Kasten
gesteckt und es in das Waldhaus zurckgetragen.

Hurra, das ist fein! Der Meister Severin gefllt uns, brllten die
Kinder. Hansjrg aber fragte bedchtig: Und wo ist's Kasperle nu?

Na, im Waldhaus!

Immer noch?

Ja, freilich! Jetzt hat er Angst; wenn er nmlich von des Herzogs
Landjger erwischt wird, ergeht es ihm bel. Dann wird er ins Loch
gesteckt.

Er soll dort bleiben, kreischten die Kinder.

Nein, er soll nicht dort bleiben, rief der Kasperlemann grimmig, ich
will ihn fangen. Unser guter Herzog August Erasmus hat jetzt immer so arg
das Zipperlein, und er mchte einen solchen Spamacher haben, der ihm die
Langeweile vertreibt; da hat er die Belohnung erhht, er will gern das
Kasperle haben.

Die Kinder sahen sich an. Na, als Spamacher im herzoglichen Schlo leben,
das mute doch fr ein Kasperle ganz lustig sein. Sie fragten etwas
erstaunt: Geht Kasperle net hin?

I bewahre, fllt ihm nicht ein! Der frchtet sich vor dem Herzog und
bleibt im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.

Und der Meister Severin?

Der lebt auch im Waldhaus. Der hat die schne Liebetraut geheiratet,
Meister Friedolins Pflegetochter. Alle leben sie vergngt zusammen, und
unser Herzog kann das Kasperle nicht fangen.

Das erschien den Kindern doch seltsam. Ein Herzog, der Landjger hatte, der
konnte doch Kasperle aus dem Waldhaus holen lassen, wenn er wute, wo er
war. Hansjrg fragte darum: Warum holt er ihn net?

Weil das Landhaus im Lande des Frsten Johann Jakob Joseph Jeremias XXXIX.
steht, und das ist unsers Herzogs Feind. Der sagt: >Kasperle kann bleiben,
wo er ist, der Herzog August Erasmus soll ihn nicht bekommen.<

Und das Michele? fragte Minchen Hirsebrei mit feinem Stimmlein. Htet
das noch die Geien?

Dumm, dumm, dumm! Der Kasperlemann schttelte sich rgerlich. Die
Geschichte, die ich euch erzhlt habe, ist geschehen, als ihr alle noch
kaum auf der Welt gewesen seid. Das Michele ist inzwischen gro und
stattlich geworden und ein weltberhmter Geiger. Meister Severin hat ihm
eine Geige geschenkt, die eine wunderbar zarte Seele hat, und dann hat er
ihn unterrichtet. Jetzt reist Michele von Land zu Land, er spielt an
Knigshfen und in groen Stdten und --

Da schwieg der Kasperlemann auf einmal und die Kinder brllten: Und, und,
was ist und?

Ach, papperlapapp, das versteht ihr nicht! Jetzt gebt mal eure Pfennige
her! Die Geschichte ist aus.

N, noch net! Hansjrg stellte sich breitbeinig vor das Budchen hin und
fragte: Ich mu noch wissen, ob nun Kasperle auch so gro wie Michele
geworden ist.

Unsinn, du Quatschpeter! Ein Kasperle wchst nicht, das bleibt immer nur
so gro wie ein kleiner Junge, brummte der Kasperlemann. Nun raus mit den
Pfennigen!

Leben die Leute in Waldrast noch? rief Fritz Dnnebein.

Freilich, freilich, selbst die Base Mummeline!

Und wen heiratet die Grfin Rosemarie? Ein kleines blondes Mdelchen, das
Agathchen Morgenschn, stellte sich auf die Fuspitzen, damit es unter den
langen Buben auch gesehen werde.

Die schne junge Grfin Rosemarie heiratet den Grafen von Singerlingen,
brummte der Kasperlemann. Der ist freilich schon ein bichen alt fr sie,
aber weil ihre Eltern gestorben sind, will der Herzog, der ihr Vormund ist,
sie verheiraten. Sie will den Grafen gar nicht gern, aber sie mu ihn halt
nehmen.

Da hielt sich Agathchen Morgenschn das Schrzlein vor die Augen, sie brach
in Trnen aus und rief klagend: Die arme, arme Grfin Rosemarie!

Ach, potz Wetter, la das Geflenne! Was geht dich die Grfin Rosemarie
an! schrie der Kasperlemann. Raus mit den Pfennigen!

Da erhob sich pltzlich auf dem Platz ein lauter Lrm, Stimmen schwirrten
auf: Haltet ihn, haltet ihn! Und da es keinen Lwen in Wutzelheim zu
halten gab, mute es jemand anders sein. Die Kinder drehten sich alle
blitzschnell um, da sahen sie, wie sich ein Affe von Bude zu Bude schwang.
Der war aus der Tierbude entflohen.

Haltet ihn, haltet ihn! ertnte es wieder.

Der Affe sa auf einem Leinwanddach und grinste von oben herab. Da vergaen
die Kinder alle miteinander den Kasperlemann und sein Kasperle, sie
vergaen aber auch, ihre Pfennige zu zahlen, sie rannten alle nach der Bude
hin, auf der das ffchen sa; selbst Agathchen Morgenschn verga die
liebliche Grfin Rosemarie, die den alten Grafen von Singerlingen heiraten
mute.

Vergeblich rief der Kasperlemann den Kindern nach: Meine Pfennige, meine
Pfennige!

Husch, husch, war der Platz vor dem Budchen leer. Verdutzt sah der
Kasperlemann den Kindern nach.

Das ist doch ein unntzes Gesindel, dies Kindervolk! brummte er
rgerlich. Alle meine schnen Pfennige sind futsch. Er nahm seine Klingel
und lie sie laut tnen: Bimmlimbim, bimmelimbim!


Aber ach, du lieber Himmel, keine Bubenbeine, keine Mdelfe kamen
angelaufen! ber den weiten Platz hin tnte das Rufen und Schreien: Haltet
ihn, haltet ihn, fangt den Affen!

Der sprang von Bude zu Bude, geriet schlielich an die Kletterstange und
kletterte hinauf. Hurra, da wollten gleich zehn Buben ihm nach, aber der
Mann neben der Kletterstange wehrte ab. Gemach, gemach, immer langsam
voran! Hansjrg, klettere du zuerst!

Da kletterte Hansjrg, und als er beinahe oben war, warf ihm der Affe einen
oben angebundenen Groschenwecken platsch ins Gesicht. Da verlor Hansjrg
das Gleichgewicht und sauste samt dem Wecken von oben herunter.

Fritze Dnnebein und Klaus Brenner ging es nicht besser. Ein Bube nach dem
andern versuchte sein Heil, aber auf einmal besann sich oben das fflein
und lie Gottfried Schlippermilch, der vorher sehr wichtig getan und gesagt
hatte: Ich schaff's schon, ziemlich nahe kommen, dann ritsch, ratsch!
fuhr es dem Buben in die Haare, da es dem himmelangst wurde. Er schrie und
zappelte, und als ihn das ffchen los lie, plumpste er wie ein dicker,
reifer runder Apfel von oben herab, mitten in die Zuschauer hinein.

Da lag auf einmal nicht Gottfried allein am Boden, sondern noch etliche
andere auch, sogar der dicke Herr Brgermeister sa unversehens da. Der
schalt weidlich ber den Affen und die Buben, aber er wute auch nicht, wie
der Affe herunterzuholen war. Darum sagte er, der Nachtwchter msse sich
unten an die Stange stellen und aufpassen, die ganze Nacht hindurch; wenn
der Affe Hunger bekme, wrde er schon herabkommen.

Das fanden alle sehr gescheit. Einstweilen blieben freilich noch die Kinder
an der Stange stehen und warteten, bis ihnen ihre Mglein knurrten, als
se in jedem ein hungriger Wolf. Da rannten sie geschwinde heim. Der
Kasperlemann lie wieder seine Klingel ertnen, aber die Pfennige blieben
alle in den Kindertaschen stecken. Es war schon schlimm. Und dabei ahnte
der Kasperlemann nicht einmal, da die Kinder von seiner schnen Geschichte
sagten: Sie ist ja gar nicht wahr! Er hat uns nur etwas vorgeflunkert; ein
lebendiges Kasperle das gibt es ja gar nicht!

Nur Agathchen Morgenschn lief zur Bude hin und wollte ihren Pfennig
abgeben, aber da hatte schwuppdewupp der Kasperlemann gerade zugeschlossen.
Ganz bitterbse war er und dachte: Daran ist nur das unntze lebendige
Kasperle schuld! Na, wenn ich das erst fange!

Es gab nmlich wirklich ein richtiges lebendiges Kasperle, und der
Kasperlemann hatte den Kindern eine wahre Geschichte erzhlt. Wenn sie es
auch nicht glaubten, wahr war die Geschichte doch.





Zweites Kapitel

Bei den Waldhausleuten

In Wutzelheim schien den Kindern an diesem Abend allen der Mond auf die
Nslein. Er stand nmlich voll und rund am dunkelblauen Nachthimmel. Der
gute Mond sah aber noch mehr als die Kinder von Wutzelheim in ihren Betten
liegen, die ihre Arme, Beinchen und Nasen aus ihren weien oder
rotkarierten Federnesten heraussteckten, der gute Mond sah auch auf eine
grne blhende Waldwiese nieder. Und auf die schaute er mit besonderer Lust
herab, denn was er da sah und hrte, gefiel ihm besonders wohl.

Ein Stckchen von der Grenze des Landes entfernt, in dem Herzog August
Erasmus regierte, lag ein Huschen im Walde, vor dem breitete sich eine
Wiese aus und ringsum standen riesenhohe, uralte Tannen. In dem Huschen
aber wohnten der Puppenschnitzer Meister Friedolin und seine Frau
Annettchen, sowie seine Tochter Liebetraut mit ihrem Mann, dem Meister
Severin. Es war alles so, wie es der Kasperlemann in Wutzelheim erzhlt
hatte.

An diesem Abend saen die Bewohner des Waldhauses alle still auf der Wiese,
sogar die Kinder der schnen Frau Liebetraut, das Zwillingsprchen Rose und
Marie, waren noch auf. Die waren erst vier Jahre alt. Herr Severin und Frau
Liebetraut hatten schon ganz traurig gedacht, sie bekmen keine Kinder, da
hatte ihnen Gott doch noch die lieblichen Mdelchen geschenkt. Sie
lauschten alle ganz still, denn an eine Tanne gelehnt stand da Michele und
spielte Geige. Neben ihm aber hockte Kasperle, das richtige, lebendige
Kasperle.

Michele war kein kleines Bble mehr wie einst, als ihn Herr Severin
mitgenommen hatte, er war ein groer, schner Jngling. In der Welt drauen
nannten sie ihn den berhmten Geiger Michael. Daheim im Waldhaus, denn das
Waldhaus war auch seine Heimat geworden, war er aber fr alle noch das
Michele.

Wenn Michele drauen in der Welt in Knigsschlssern und Festslen gespielt
hatte und heimkehrte ins Waldhaus, dann galt sein erster Gru dem Kasperle,
denn das lief ihm jedesmal schon weit entgegen.

Kasperle war noch immer ein kleiner wilder Unntz, und manchmal, wenn
Michele wieder ein Stck gewachsen war, dann grmte er sich wohl ber sein
Kleinbleiben. Doch Michele lachte ihn aus und sagte neckend:

   Ob gro, ob klein,
   Mein Freund mut du sein.


Kasperle antwortete dann stets:

   Bleib ich auch ein kleiner Wicht,
   Mein Michele vergess' ich nicht.


Und wenn Kasperle noch so toll und bermtig war, sobald das Michele auf
seiner Geige spielte, dann wurde er muckstill und sa da wie in einer
Kirche.

Aber Michele spielte auch wunderschn! Herr Severin, der doch ein groer
Meister und Micheles Lehrer war, sagte: Er spielt, wie der Wald rauscht,
der Bach pltschert, die Vgel singen; so wie er spielt keiner jetzt auf
der Welt.

Und in dieser hellen Mondnacht spielte Michele schner als je. Am
Nachmittag war er heimgekommen, und das Kasperle war ihm wie immer
entgegengesprungen. Aber gleich hatte Kasperle gemerkt, dem Freunde fehlte
etwas. Und als Michele jetzt spielte, da dachte das unntze, trichte
Kasperle: Ach, des Michele Herz weint!

So hat er noch nie gespielt, sagte Herr Severin leise zu seiner schnen
Frau Liebetraut.

Der flossen die Trnen in den Scho. Leise rannen sie wie Regentropfen
herab. Ach, dachte sie wie Kasperle, des Michele Herz weint ja!


Die Bume rauschten nicht mehr, die Vgel, die vorher noch gezwitschert und
getschilpt hatten, schwiegen. Ein paar Rehe traten aus dem Walddunkel
heraus, alles lauschte dem Spiel des Michele.

Und als der den Bogen sinken lie, konnte man die Grser zittern hren, so
stille war es im Walde.

Die Waldhausleute saen an diesem Abend lange auf der Wiese. Der Mond
verga das Weiterwandern beinahe, so gut gefiel es ihm wieder einmal. Auch
war der alte Bursch etwas neugierig, er htte gern gehrt, was Michele
erzhlte. Der redete von groen Stdten, in denen er gespielt hatte, auch
von Schlssern und vornehmen Leuten. Und endlich sagte er: Bei dem Frsten
von Wolkenburg habe ich auch gespielt und weit du, wer da war, Kasperle?

Der Herzog! schrie Kasperle. Er fiel vor Schreck beinahe hintenber, denn
vor dem Herzog August Erasmus, den er einmal als Gespenst arg erschreckt
hatte, und der noch immer aufpassen lie, ob das Kasperle nicht ber die
Grenze lief, hatte er eine Heidenangst.

Nein, sagte Michele traurig, der nicht, aber die schne Grfin Rosemarie
war da, die nchstens den Grafen von Singerlingen heiraten wird.

Nun fiel Kasperle doch steif wie ein Stock hin. Denn was zuviel ist, ist
zuviel, und da die schne Grfin Rosemarie, die ihm einst als Kind
geholfen hatte zu entfliehen, den alten Grafen von Singerlingen heiraten
sollte, das ging ber seine Nase.

Ist nicht wahr! schrie er.

Ist doch wahr! sagte Michele, und wieder war es, als ob sein Herz weinte.

Ist dumm! Kasperle streckte vor Wut die Beine in die Luft.

Wer ist dumm? Was ist dumm? fragte Michele.

Sie ist dumm, dumm, erzdumm! kreischte Kasperle.

Aber da rief Michele zornig: Die schne Rosemarie ist nicht dumm. Aber sie
mu den Grafen von Singerlingen heiraten, der Herzog August Erasmus, der
ihr Vormund ist, will es.

Hach! Kasperle berschlug sich dreimal, und dann hmmerte er mit den
Fusten auf dem Waldboden herum. Ich mach dem Herzog wieder Schrecken, ich
setz mich ihm als Gespenst auf den Magen, ih -- ih -- ih!

Fuchsteufelswild war das Kasperle, und Michele drohte: Nimm du dich nur in
acht! Der Herzog hat jetzt das Zipperlein, da hat er gesagt, er mchte dich
als Spamacher haben. Wer dich findet, soll dich fangen.

Hach, ich geh nicht zu ihm! Kasperle kreischte so laut, da die Vgel,
die nun eingeschlafen waren, in ihren Nestern munter wurden.

Dann mut du auch nicht immer so nahe an die Grenze laufen, sagte Herr
Severin, dort bauen sie jetzt sogar ein Wachthuschen und wehe, wenn sie
dich erwischen!

Kasperle senkte seine groe Nase. Die Geschichte war ihm bnglich. Vor dem
Herzog August Erasmus und seinen Landjgern hatte er groe Angst.
Eigentlich war Kasperle ein kleiner Ausreier, der himmelgern einmal durch
die Welt wutschte, aber seit er alle die Geschichten erlebt hatte, die der
Kasperlemann in Wutzelheim erzhlte, traute er sich nicht mehr weit vom
Waldhaus weg. Und wenn einer nur des Herzogs Namen nannte, gleich bekam
Kasperle Bauchweh vor Angst.

ber dem Gerede, da der Herzog ihn von neuem verfolge, hatte Kasperle des
Freundes weinendes Herz ganz vergessen, aber als nun Herr Severin bat:
Spiele uns noch ein Schlulied! und Micheles Geige so schmerzlich tnte,
wurde es ihm ganz wind und weh. Sein kleines Kasperleherz brach fast vor
Mitgefhl, und er war nachher beim Gutenachtsagen ganz still.

Im Waldhaus gab es nicht allzu viele Zimmer, und Michele, der doch ein
weltberhmter Knstler war und in der Welt drauen reich und vornehm
wohnte, mute, wenn er heimkam, im Waldhaus immer noch in seinem alten
Bubenkmmerchen mit Kasperle zusammen hausen. Aber das tat Michele gern.
Als Kind hatte er bei einem Bauern auf dem Heuboden seine Liegestatt gehabt
und nichts besessen als ein Hslein und zwei Hemden. Daran und wie ihn
durch Kasperle Meister Severin gefunden und ihn zu einem groen Knstler
gemacht hatte, mute er immer denken, wenn er ins Waldhaus kam. Mein
liebes Waldhaus! sagte er immer.

Auch heute stieg er ins Bubenkmmerchen hinauf; das lag unter dem Dach, und
die volle, helle Mondscheibe stand vor dem kleinen Fenster. Da brauchte man
nicht Licht anzuznden, Michele sah beim Mondenlicht, da Kasperle traurig
dreinsah, und Kasperle sah das von Michele.

Es mochte ein Weilchen aber keiner anfangen zu fragen. Endlich tat das
Kasperle einen kellertiefen Seufzer und fragte: Michele, was hast?

Kasperle, was hast du?

Hach, ich hab' zuerst gefragt! schrie Kasperle und scho ber sein Bett
einen Purzelbaum hinweg und kam gerade auf des Michele Magen zu sitzen.

Magenweh hab' ich, schrie der. Au, bist du schwer!

Da rutschte Kasperle auf den Bettrand und fragte noch einmal, und sein
kleines, unntzes Gesicht sah dabei ganz traurig aus: Michele, was hast?

Mir tut das Herz weh, antwortete Michele.

Warum tut's weh? Sitzt was Schlimmes drinnen?

Ja, eine sitzt drinnen, die wird bald einen andern heiraten.

Hach! schrie Kasperle, ich wei, wer es ist: Rosemarie.

Ja, die Grfin Rosemarie. Michele seufzte schwer. Und dann erzhlte er,
wie er die schne Grfin Rosemarie am Frstenhofe gesehen habe, und er habe
sie gar nicht anzusprechen gewagt. Aber da habe sie ihn auf einmal leise
gefragt: Ist Herr Michael, der berhmte Geiger, nicht des Kasperles
Michele?

Da waren sie vertraut mitsammen geworden. Er hatte ihr vom Waldhaus
erzhlen mssen und von Kasperle, und sie waren beide glcklich mitsammen
gewesen. Auf einmal aber sei der Herzog August Erasmus gekommen, mit ihm
der Graf von Singerlingen, und da sei eins, zwei, drei Verlobung gefeiert
worden, und in vier Wochen sollte Hochzeit sein. Michele aber hatte die
schne Grfin Rosemarie nur noch einmal gesehen, da hatte er gespielt, und
sie hatte dagesessen und die Trnen waren in ihren Scho gefallen.


Seitdem weint meine Geige immer, wenn ich spiele, sagte Michele, und
viele Menschen weinen mit. Das kommt, weil ihr Herr Severin eine so zarte
Seele gegeben hat.

Ich geh' als Gespenst zum Herzog, kreischte Kasperle. Er trommelte wtend
auf der Bettdecke herum.

Michele aber erwiderte: Kasperle, das hilft nichts. Die schne Rosemarie
wird Frau Grfin von Singerlingen, und ich mu einsam bleiben mit meinem
traurigen Herzen.

Kasperle schluchzte laut. Der Freund tat ihm zu leid, und er sagte:
Michele, ich helf' dir.

Wie denn, Kasperle?

Ja, wie denn? Wenn Kasperle das nur gleich gewut htte! Ich entfhre
Rosemarie, schrie er endlich.

Da mut du erst ins Schlo gelangen, und das ist schwer. Da gibt es viele
Wchter und Hunde, an denen du vorbei mut. Und jetzt lt der Herzog sogar
noch berall Kasperles aufstellen, die aussehen wie du, berall an Weg und
Pfad, auf Grenzsteinen, an Schlagbumen setzt er Kasperlepuppen hin,
darunter steht: >Wer einen, der lebendig ist und so aussieht, fngt, der
bekommt hunderttausend Taler.<

Huuuh! Kasperle ri nun aber seinen Mund sperrangelweit auf. Das ist
zuviel! schrie er.

Ja, viel ist's schon, und du kannst dir denken, wie arg alle Leute
aufpassen, um dich zu fangen.

Kasperle nickte trbselig. Das war nun arg schlimm! Er dachte, da neulich
der bse Bcker aus Protzendorf am Waldhaus vorbeigefahren war und gerufen
hatte: Komm mit, Kasperle, ich fahr' dich ein Stck! Ja, und beinahe wre
er der Einladung gefolgt. O jemine, da wre er bs hereingefallen!

Aber woher hat der Herzog denn alle Kasperles? fragte er pltzlich.

Die hat der gute Meister Friedolin selbst geschnitzt. Michele streichelte
seinen kleinen Freund. Alle Kasperlemnner haben bei ihm neue Puppen
bestellt; die hat ihnen dann der Herzog fr viel, viel Geld abgekauft.

Ich bleib' im Waldhaus und gehe keinen Schritt mehr raus, rief Kasperle
ngstlich.

Ja, das tu nur!

Aber Rosemarie! Auf einmal fiel die dem Kasperle wieder ein, er rief:
Ich helfe dir.

Ach, mir kann niemand helfen! klagte Michele. Und meine Geige wird
immer, immer weinen mssen.

N, schrie Kasperle, ich helfe dir, ich wei noch nicht wie, aber ber
Nacht ist's gedacht.

Und dann stieg Kasperle in sein Bett, denn allemal, wenn er ber etwas
nachdenken wollte, fand er es am besten, im Bett zu liegen oder drauen
unter einer der groen, uralten Tannen. Viel dachte das Kasperle ja gerade
nicht nach. Wenn es sagte: Ich will's mir berlegen, und im Bett lag,
dann rasselte das nachher gleich frchterlich: das Kasperle schlief und
schnarchte.

An diesem Abend aber blieb es still im Bubenstbchen, in dem nun auch
wieder der berhmte Geiger Michael lag. Der seufzte manchmal tief, und dann
steckte Kasperle seine Nase tief, tief in die Kissen hinein und seufzte
auch.

Und der Mond schttete seine silbernen Strahlen in die kleine Kammer. Ach,
htten darauf doch lauter gute und absonderlich kluge Einflle gesessen!
Wunderbar war es aber, immer wenn der Mond so recht hell schien, dann
meinte Kasperle ein weies Haus zu sehen, einen Garten mit bunten Blumen,
und in dem Garten sa er, sah froh zu dem Hause hin und dachte: Endlich bin
ich daheim! Und dann kamen etliche Kasperlebuben und Kasperlemdels
angehpft, die riefen: Endlich bist du wieder auf unserer Insel!

Wie sonderbar das war! Auch heute sah Kasperle das weie Haus und den
bunten Garten vor sich, und dabei lag er doch im Bett und dachte darber
nach, wie er dem Michele helfen knnte.

Kasperle schlug die Augen wieder auf. Der Mond sah noch immer in das
Kammerfenster hinein, er lachte ordentlich. Und auf einmal, er wute kaum,
wie es geschehen, stieg Kasperle leise, leise aus dem Bett, kletterte auf
das Fenster, kletterte hinaus, schwang sich drauen auf das Dach, und da
sa er im vollen Mondenlicht auf dem Dach des Waldhauses.

Wie schn das war! Licht flo an den hohen Tannen herab, glitzerte unten
auf der Waldwiese, und die Bume rauschten geheimnisvoll. Und wie Kasperle
so sa und in den Wald hineinsah, blickte er auch die drei Wege entlang,
die von den Drfern Lindendorf, Schnau und Protzendorf nach dem Waldhaus
fhrten.


Auf dem Wege aber, der von Protzendorf herkam, wanderte ein Mann. Komisch
war das, der Mann ging gebckt, blieb manchmal stehen und schaute sich dann
um, als ob er irgend etwas vorhtte und sich nicht recht traute.

Warum nur Flock nicht bellt! dachte Kasperle, und gerade da kam Flock
angerannt. Wauwauwau! bellte er laut, aber da warf ihm der Mann etwas hin
und schnapp! griff Flock danach. Wahrhaftig, es sah wie eine groe Wurst
aus! Und Flock verga rasch das Bellen. Kasperle dachte: Na, warte du, du
bist mir ein schner Wchter!

Himmel, und was geschah nun!

Kasperle legte sich vor Schreck platt auf das Dach. Er sah nmlich, wie der
Mann sich an das Waldhaus heranschlich, eine Leiter nahm und diese gerade
an das offene Kammerfenster lehnte, aus dem Kasperle vor einem Weilchen
herausgeklettert war.

Ja, und potztausend, der Mann war der Schfer Damian ohne Maul aus
Protzendorf! Den hatte Kasperle einst arg gekrnkt auf seiner kunterbunten
Reise in die Welt hinaus, von der der Kasperlemann den Kindern in
Wutzelheim erzhlt hatte. Und jetzt wollte ihn Damian heimlich rauben, ganz
sicher wollte er das!

Ei, das soll dir schlecht bekommen! dachte Kasperle. Er rutschte auf dem
Dach entlang, leise, ganz leise, und als Damian gerade in das Kammerfenster
gewutscht war, gab er von oben der Leiter einen Sto und fing ein
mrderliches Geschrei an: Michele, Michele, zur Hilfe!

Damian, der in dem Kmmerchen stand, erschrak, er hrte das Schreien und
sah pltzlich, wie jemand aus dem Bett aufstand, der gro und krftig war,
gar nicht so klein wie das Kasperle.

Michele hrte Kasperles Rufen, sah den fremden Mann in der Kammer und
ripsch, rupsch nahm er einen Stuhl und schlug den Damian ohne Maul um die
Ohren. Kasperle aber hatte auf dem Dach eine Latte gefunden; mit der
rutschte er wieder in die Kammer, und klitsch, klatsch schlug er Damian auf
den Hosenboden.

Der wute gar nicht, wie ihm geschah, er wollte ausreien, denn die beiden
in der Kammer bedrngten ihn hart, und dazu schrien alle beide, da das
ganze Haus munter wurde. Man hrte Rufen, Schritte polterten, und da hatte
Damian ohne Maul das Fenster erreicht und potz Kuckuck! -- weg war die
Leiter.

Plumps! fiel Damian von oben herab. Er fiel mit der Nase in etwas Nasses,
da es hoch aufspritzte. Meister Friedolins rote Kasperlefarbe war es, die
da unter dem Fenster stand, und weil er wieder eine Anzahl Kasperle anmalen
wollte, hatte er gleich ein bichen viel in einer flachen Schssel
angerhrt.

Pfui, wie das roch und schmeckte!

Damian ohne Maul erhob sich sthnend. Er witschte und spuckte, und da
packten ihn krftige Hnde. Meister Friedolin war es und Herr Severin.
Michele war auch dazu gekommen, und das Kasperle drosch mit seinem
Holzscheit vergngt auf Damians Hosenboden herum, als wre das ein Teppich,
den er ausklopfen sollte.

Da hatte Damian ohne Maul auf einmal ein Maul. Das ri er sehr weit auf, er
schrie mrderlich, bat, man solle ihn laufen lassen, und drehte und wand
sich. Hops, hops sprang Kasperle um ihn herum, es war schon recht
unangenehm fr Damian.

Herr Severin und Michele hielten ihn schlielich fest, und Herr Severin
fragte: Was wolltest du stehlen?

Mich! -- Klitsch, klatsch! -- Mich, mich! schrie Kasperle. Das ist
Damian ohne Maul, der hat mich stehlen wollen.

Da senkte Damian beschmt den Kopf und sagte klglich, der Herzog August
Erasmus habe so eine groe Belohnung ausgeschrieben; die habe er sich
verdienen und wirklich das Kasperle stehlen wollen. Der Kasperlemann, der
ihn dazu ansgestiftet, der habe ihm verraten, wo Kasperles Kammer sei.

Ei, das sind ja schne Geschichten! rief Meister Friedolin. Solange ich
im Waldhaus wohne, ist so ein schlechter Mensch noch nicht dagewesen.

Ich bin nicht schlecht, -- au, au! schrie Damian, denn Kasperle schlug
noch immer auf ihn los. Da fate Michele Kasperles Hand und sagte: Nun hat
er genug. Die Geschichte wird unserem Frsten Johann Jakob Joseph Jeremias
gemeldet und dem Bauer Strohkopf in Protzendorf dazu, da wird der Damian
schon seine Strafe bekommen.

Dem langen Damian wurde es himmelangst, und er, der sonst am Tag kaum drei
Worte sprach, bettelte und bat jetzt klglich, man mchte ihn nicht
verraten, er wrde Kasperle auch immer beschtzen, wenn es einmal in Gefahr
geriete.

Der Damian jammerte so, da Kasperle geschwind vor lauter Mitgefhl ein
jmmerliches Geheul anfing und flehte: Lat ihn los, ach bitte, bitte,
bitte!

Na meinetwegen! brummte Meister Friedolin, Herrn Severin war es auch
recht, und Frau Liebetraut streichelte Kasperle und sagte: Das ist mal
recht von dir, da du den Damian losbittest!

Da durfte der heimwrts ziehen, die Leute im Waldhaus sagten ihm zu, sie
wrden ihn nicht anklagen, und Damian versprach nochmals heilig und teuer,
wenn er einmal dem Kasperle helfen knne, wrde er es tun. Zu guter Letzt
gab ihm Kasperle noch die Hand, und Damian trollte sich von dannen.

Im Waldhaus gingen alle in ihre Betten, auch Kasperle kroch hinein, und
jetzt lockte und rief ihn der Mond nicht mehr. Der war weiter gewandert,
fing schon an, bla vor rger zu werden, denn er sah den neuen Tag
heraufziehen, und er fand, er knnte ganz gut einmal die Sonne vertreten
und am Tage scheinen. Doch die wollte sich das nicht gefallen lassen. Auf
einmal war sie da, die Vgel sangen ihr jubelnd entgegen, im
Bubenkmmerlein aber lag Kasperle noch immer mit offenen Augen im Bett. Und
gar nicht froh sah er aus, sondern hchst betrbt. Ihm war nmlich
eingefallen, wie er dem Michele helfen knnte. Aber das war ein schweres
Werk, fast zu schwer fr ein Kasperle!




Drittes Kapitel

Kasperles Brief

Der Kasperlemann in Wutzelheim kriegte seine Pfennige nicht, und er kehrte
den Wutzelheimer Kindern erbost den Rcken. Ehe die am nchsten Morgen
aufstanden, war der Kasperlemann samt seinem Budchen, das er auf einen
Eselkarren geladen hatte, schon auf und davon gezogen. Weg war er. Niemand
wute wohin, niemand hatte ihn wegfahren sehen. In Wutzelheim sagten sie,
so etwas tue man doch nicht, wenn einer einmal zum Schtzenfest komme, dann
msse er auch bis zum Schlu bleiben. Aber alles Reden half nichts, der
Kasperlemann war weg und blieb weg. Die Kinder fuhren fr ihre Pfennige
Karussell, das war auch lustig.

Unterdessen aber rollte des Kasperlemanns Wglein dem Schlosse zu, in dem
die schne Grfin Rosemarie wohnte. Der Graf von Singerlingen hatte nmlich
einen Boten geschickt, der Kasperlemann mchte flink dorthin kommen. Mit
Prunk und Pracht sollte die Hochzeit gefeiert werden, der Herzog wollte
dazu kommen, und um den Gsten einen Spa zu bereiten, hatte der Graf von
Singerlingen gemeint, ein Kasperlespiel wre sehr lustig und unterhaltsam.

In acht Tagen sollte die Hochzeit stattfinden. Die schne Rosemarie ging
mutterseelenallein durch den Wald, der sich stlich vom Schlosse hinzog.
Sie dachte traurig daran, da sie nun den alten Grafen von Singerlingen
heiraten sollte und doch den Geiger Michael von Herzen liebhatte. In den
Bumen sangen die Vgel, die feinen, zarten Waldblumen drehten alle dem
schnen Mdchen ihre Gesichtchen zu, und die hohen Bume rauschten; wie ein
liebes, lindes Trsten klang es. Ach, dachte Rosemarie, wenn mir doch
jemand helfen mchte! Ich bin so mutterseelenallein in der Welt. Sie setzte
sich auf einen umgeschlagenen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.

Da kam ein Wanderbursch vorbei, der sang vergngt vor sich hin:

   Nur tapfer sein,
   Nur net verzagt!
   Der Sonne Schein
   Blinkt wieder, wenn's tagt.
   Trallalala, Trallalala!


   Meine Fiedel soll klingen
   Lieblich und fein,
   Ein Lied will ich singen
   Wie's Waldvgelein.
   Trallalala, Trallalala!


   Drum zieh ich hinaus,
   Die Fiedel zieht mit;
   Im Wald steht ein Haus,
   Da sag' ich meine Bitt'.
   Trallalala, Trallalala!


Auf einmal entdeckte der Wanderbursch die schne Rosemarie, und er fragte
mitleidig: Warum weint Ihr, schnes Frulein?

Weil mir das Herz weh tut, antwortete Rosemarie. Aber sage, wohin ziehst
du? Wo ist das Haus im Walde, und was fr eine Bitte wirst du dort sagen?

Ei, erwiderte der Wanderbursch, mir tut's arg leid, da Euch das Herz
weh tut, schne Grfin! Aber wartet nur, ich werde kommen und Euch helfen.
Ich ziehe ins Waldhaus, das liegt hinter dem Herzogtum; dort wohnt der
Meister Severin, der kann allen Instrumenten eine Seele geben, zu dem will
ich meine Fiedel bringen. Und der Herr Michael ist dort, der der
allerberhmteste Geiger ist, den will ich bitten, er soll mir zeigen, wie
man so wunderschn spielt. Und dann komme ich zurck und spiele Euch etwas
vor; da werdet Ihr froh werden und wieder lachen.

Rosemarie seufzte nur bei diesen Worten, und sie fing noch bitterlicher zu
weinen an. Dem Wanderburschen tat sie arg leid, und er dachte: Ich will
flink laufen, damit meine Fiedel eine Seele bekommt und ich die arme schne
Rosemarie recht trsten kann. Und er rannte spornstreichs davon, um nur ja
recht schnell in das Waldhaus zu kommen.

In seinem Eifer sah der Wanderbursch gar nicht, da die schne Grfin
Rosemarie nur noch bitterlicher weinte. Er lief wie ein Hase, und als er
auf der Landstrae eine schnelle Post fahren sah, sprang er hinten auf und
dachte: So komme ich gewi heute noch ins Waldhaus.

Ein bichen lnger dauerte es aber doch. Die Post hielt sehr lange an einem
Wirtshaus, und erst am zweiten Tag kam er nach Protzendorf. Dort fragte er
den ersten besten, der ihm begegnete, nach dem Weg, der zum Waldhaus fhre.
Das war nun gerade der Schfer Damian. Der schrie gleich los: Ich leid's
net, ich hab's versprochen, das Kasperle zu beschtzen. Und er hob drohend
seinen langen Schferstab gegen den Wanderbursch.

Der dachte: Ei, bei dem Schfer scheint's nicht richtig zu sein! Und weil
er keinen so langen Stock hatte, lief er flink davon.

So kam er schneller an die Grenze, als Damian dachte. Und weil er gerade im
Laufen war, lief er auch an der Schildwache vorbei, ehe die sich noch recht
besonnen hatte, wer wohl der Wanderer sein knnte.

Nachher rief der Landjger, der Wache stand, flink einen zweiten aus dem
Huschen heraus, und alle beide schrien: Hollahe, nicht davonlaufen! aber
da war der Wanderbursch schon am Waldhaus.

Vor dem Waldhaus schlug Kasperle Purzelbaum, einen, noch einen, schnell und
schneller. Der Wanderbursch blieb verdutzt stehen, und auf einmal schlug
ihm Kasperle mit seinem Bein an die Nase.

Au! schrie der Wanderbursch und hielt sich seine Nase fest.

Au! kreischte Kasperle und steckte seinen Fu in den Mund.

Beide schauten sich an, und beide fragten zu gleicher Zeit: Wer bist du
denn?

Kasperle, der nun schon wute, es war besser, keinem Fremden zu sagen, er
sei ein echtes, rechtes Kasperle, grinste nur, der Wanderbursch aber
erzhlte: Ich heie Jrgel und suche den Meister Severin und Herrn
Michael.

Hach! schrie Kasperle. Wo kommste denn her?

Von weit her, sagte Jrgel. Aber weit du, vor ein paar Wochen hab' ich
einen Kasperlemann gesehen, dessen Kasperle sah genau so aus wie du.

Hach! schrie Kasperle wieder und schnitt ein frchterliches Gesicht.
Dumm, dumm wenn du nichts weiter gesehen hast!


Ei, was bist du fr ein frecher kleiner Kerl! rief Jrgel gekrnkt.
Nennst mich dumm, und dabei bin ich noch einmal so lang wie du und gewi
noch einmal so gescheit wie du. Und gesehen habe ich schon allerlei,
gestern zum Beispiel im Walde die schne Grfin Rosemarie. Die sa da und
weinte, und sie sagte, ihr Herz tte ihr weh. Na, ist das auch dumm?

Kasperle gab keine Antwort. Er streckte sich auf einmal lang aus, lag da
ganz steif, verdrehte die Augen, und dem Jrgel wurde himmelangst. Er
wollte schon ins Waldhaus laufen und Hilfe holen, denn er dachte: Der
schnurrige kleine Kerl stirbt hier unversehens auf der Waldwiese. Doch da
richtete sich Kasperle auf und rief:

Bleib hier und kein Wort darfste von Rosemarie sagen! O jegerl, o jegerl,
ich armes, armes Kasperle! Nun mu ich es doch tun.

Und flugs fing das Kasperle so schrecklich zu heulen an, da es alle im
Waldhaus hrten. Michele und die schne Frau Liebetraut kamen gleich
angerannt, und die dachten gar, der Wanderbursch htte Kasperle etwas
zuleide getan. Michele schalt heftig auf den armen Jrgel ein, doch da
schrie Kasperle: Er hat nichts getan. O jemine, o jemine, mein Buchle,
mein Buchle!

Da hob Frau Liebetraut das Kasperle empor, trug es in das Haus, legte es in
sein Bett, und das trichte Kasperle klagte nur immer: Mein Buchle tut
weh, mein Buchle! Und dabei war es doch sein kleines Kasperleherz, das
ihm vor lauter Mitgefhl so bitter weh tat. Er wollte ja so gern Michele
und der schnen Rosemarie helfen, wute auch, wie er es wohl anfangen
knnte, aber -- aber schwer war es, sehr, arg schwer.

Kasperle lag in seinem Bett und heulte. Jrgel sa unten und Herr Severin
fing an, auf seiner Geige zu spielen. Das klang s und fein durch das
Haus, und dann nahm Michael die Geige und spielte darauf, und da schwiegen
die Vgel im Walde, die Bume stellten das Rauschen ein, alles lauschte, so
lieblich und zart zugleich klang es.

Kasperle hrte das Spielen, und pltzlich kletterte er aus seinem Bett
heraus und ging an des Michele Schreibzeug. Der mute oft Briefe in die
Welt senden, und er hatte einen ganzen Berg Briefpapier daliegen. Von
diesem suchte sich Kasperle den allerschnsten Bogen heraus, und weil er,
seit er in Waldrast in die Schule gegangen war, etwas schreiben konnte,
fing er an, einen Brief zu schreiben. Auf, ab, kreuz, quer -- die
Buchstaben standen da wie die Halme eines Roggenfeldes, wenn Hagel darber
hingegangen ist. Zuletzt malte Kasperle mit ungeheuren Buchstaben seinen
Namen darunter, und dann war der Brief fertig.

Kleckslein gab es etliche. Wen strte das? Kasperle nicht. Der tat den
Brief in einen Umschlag und verbarg ihn in seinem Wmslein. Und dann ging
er auf Kasperleart die Treppe hinab, er schlug einen Purzelbaum und war
schneller unten, als ein Sperling fliegt.

Weil alle im Hause auf Micheles Spiel hrten, achtete niemand auf das
Kasperle. Das flitzte davon; heidi! weg war es. Es rannte durch den Wald,
den Weg entlang, der nach Protzendorf fhrte. Fein sorgsam hielt es sich
aber im Gebsch verborgen, und als es endlich Stimmen hrte, kletterte es
flink auf eine hohe Tanne. Von dort aus erblickte Kasperle das neue
Grenzwchterhaus; er sah zwei Grenzwchter vor der Tre sitzen, die redeten
miteinander und schauten immer nach rechts und nach links, um heute ja
niemand mehr zu verpassen.

Kasperle nahm den Brief, wickelte ihn um einen Stein, den er sich
mitgenommen hatte, knotete sein Taschentuch darum und warf alles den
Grenzwchtern vor die Fe.

Bums! fiel das Pckchen vor beiden nieder. Die schauten sich verdutzt um,
sie sahen aber niemand und nichts. Kasperle war rasch von der Tanne halb
heruntergeglitscht. Er konnte aber gerade noch die beiden Wchter sehen.
Die knoteten das Tchlein auf, fanden den Brief und lasen erstaunt: An
Hrzog Aukuhst Ehrasssmuhs fon Kasperle.

Potztausend! riefen beide. Das ist aber mal ein dummer Streich! Weil
Kasperle den Umschlag nicht geschlossen hatte, konnten sie auch lesen, was
in dem Brief stand.

      Hhr Hrzog iich Kasperle wil bai diech gomen un fiel
      Schbaasen magen wen Krefin Rohsemarie heurathen dut main
      Freund Michele. Un ich reisse niemalen auhs, nuhr wen du
      sackst: gh sum Teifele Kasperle. Dan ght Kasperle -- ahber
      for immer. Schmaise auch ainen Briff bber die Grnze miht
      dain Wort. Dann gomd bstimt


         Kasperle.


Je, je, je! Ist das nun ein richtiger Brief, oder ist's 'n Schabernack?
meinte der eine Wchter, und der andere brummelte: Hm, hm, so'n Geschreibe
knnte schon ein Kasperle fertig bringen!

Und dann legten alle beide die Finger an die Nasen und berlegten, ob sie
den Brief dem Herzog bringen sollten.

Ja, sagte der eine.

Nein, rief der andere.

Recht -- nein, antwortete der erste.

Recht -- ja, erwiderte der zweite.

Da rief der erste wieder ja und der zweite wieder nein, und schlielich
nahmen sie ein langes und ein kurzes Holz und zogen. Der erste zog das
lange, und da fiel es beiden ein, sie hatten gar nicht ausgemacht, ob das
lange oder das kurze Holz ja sein sollte.

Das Gestreite ging noch eine Weile hin und her, und es wre viele Tage wohl
noch so gegangen, wenn nicht der Bauer Strohkopf aus Protzendorf gekommen
wre. Den hielten die beiden Wchter fr einen absonderlich klugen Mann,
und sie legten ihm Kasperles Brief vor und fragten: Hat das Kasperle
geschrieben?

Der Bauer Strohkopf nahm den Brief, las ihn bedchtig einmal, noch einmal,
denn das Lesen war ihm eine mhsame Sache, und endlich legte er den Finger
an die Stirn, schaute die beiden Wchter mitleidig an und sagte: Na, da
steht doch Kasperle darunter, also mu er doch den Brief geschrieben
haben!

Aber, rief der eine Wchter und legte wieder den Finger an die Nase,
wenn sich doch jemand einen Spa gemacht htte?

Aber es steht doch Kasperle darunter! Der Bauer Strohkopf lachte, es
klang, als rassle eine alte Pauke. Dumm, dumm, dumm! So schlecht kann wohl
berhaupt niemand schreiben, wie der Brief geschrieben ist, rief er. Ach,
lieber Himmel, und dabei konnte der Bauer selbst kaum schreiben!

Aber die Grenzwchter sagten, sie glaubten, er habe recht, und einer von
ihnen sollte den Brief zu dem Herzog tragen. Der ltere rief: Allemal der
lteste.

N, rief der Bauer, der Jngste mu es sein, er hat die flinksten
Beine!

Wieder sagten die beiden, der Bauer Strohkopf wre doch erstaunlich klug,
und der dicke Bauer grinste und versprach ihnen, er wrde ihnen einen
Schinken schicken, so sehr hatte ihm die Rede der Grenzwchter
geschmeichelt.

Der jngere Wchter lief nun mit dem Bauer nach Protzendorf, denn der
wollte ihm einen Wagen geben, damit er schneller zum Herzog kme, und er
rannte so flink, da der dicke Bauer kaum nachkommen konnte und unterwegs
meinte, es wre doch besser gewesen, den lteren zu nehmen.

Das alles hrte Kasperle nicht, aber er sah den Grenzwchter rennen, und
sein kleines Kasperleherz bebte vor Angst. Zu dem Herzog gehen, vor dem er
sich so schrecklich frchtete, es war wirklich sehr schwer! Und tiefbetrbt
rutschte er von der groen Tanne herab und schlich sich in das Waldhaus
zurck.

Der Wchter fuhr unterdessen mit dem Bauer Strohkopf in das Land hinein.
Dem war es auf einmal eingefallen, wenn er mitfhre, knnte er gar noch
eine Belohnung erhalten. Die beiden langten ganz spt am Abend am Schlo
der Grfin Rosemarie an, und der Wchter sagte: Hier rasten wir.

Ja, brummte der Bauer und dachte bei sich: Ich fahr' allein weiter, denn
dann sage ich dem Herzog zuerst die Botschaft. Es war dumm, da ich den
Wchter mitnahm.

Dieser ging in das Schlo, um zu fragen, ob man ihm wohl gestatte, im
Heuschober zu schlafen, und drinnen erfuhr er, der Herzog sei gerade
angekommen. Er lief eiligst hinaus, sah den Bauer wer wei wohin fahren,
lie ihn ziehen und sagte drinnen gewichtig: Ich bringe einen Brief von
Kasperle.

Bewahr' mich vor dein Ungetm! rief die alte Liesetrine. Raus, raus! Mit
einem, der Kasperle kennt, will ich nichts zu schaffen haben.

Da wre beinahe der Wchter mit seinem schnen Kasperlebrief noch
hinausgeworfen worden. Er erhob aber seine Stimme laut und schrie so
heftig, da es durch das ganze Schlo hallte: Ich komme von Kasperle, ich
komme von Kasperle, Kaaasperle!

Das hrte ein Diener des Herzogs, der sagte es dem zweiten Kammerdiener,
der wieder sagte es dem ersten Kammerdiener, der sagte es einem
Kammerherrn, der sagte es dem Oberhofmeister, und der sagte es schlielich
dem Herzog.

Und gerade plagte den Herzog August Erasmus das Zipperlein, als er von
Kasperles Brief erfuhr. Da lie er sehr geschwinde den Wchter kommen, und
der bergab ihm den Brief. Der Herzog las und schttelte den Kopf, und er
reichte den Brief seinem Oberhofmeister. Der las und schttelte auch den
Kopf. Der Kammerherr aber, der dann den Brief zu lesen bekam, schttelte
den Kopf, ohne zu lesen. Da sagte der Herzog: Merkwrdig! und alle im
Zimmer sagten auch: Merkwrdig!

Der Wchter mute nun erzhlen, wie er den Brief gefunden hatte, und er
sagte: Er ist gewilich von Kasperle; der Bauer Strohkopf sagt's auch.

Dummkopf! brummte der Herzog, der es unschicklich fand, in seiner
Gegenwart von einem Bauern zu reden, der Strohkopf hie.

Strohkopf heit er, halten zu Gnaden! Der Wchter dachte, der Herzog habe
ihn nicht richtig verstanden. Da rief der wieder rgerlich: Dummkopf!

Strohkopf, halten zu Gnaden! Puff, stie ein Kammerherr den Wchter an,
er solle stille sein.

Esel! schrie der Herzog. Geh er hinaus! Ich mu mich mit meinem ersten
Minister beraten, was ich tun soll.

Da rannte der Wchter hinaus und schrie schon an der Tre: Der Herr
Minister soll zum Herzog kommen!

Esel! brllte der Herzog.

Der Herr Minister Esel soll zum Herzog kommen! brllte der Wchter, der
nicht anders meinte, als dies sei der Name des Ministers. Er selbst hielt
sich fr so klug, da er nicht dachte, jemand, selbst ein Herzog, knnte
ihn Dummkopf oder Esel schelten.

Der gute Minister aber wollte gerade in sein Bett steigen, als sich drauen
das Geschrei erhob. Er erschrak darob so sehr, da er wieder aus seinem
Bette herausfiel und in der Verwirrung seinen Rock als Hose nahm und die
Hose als Jacke anziehen wollte. Zuletzt kam er aber doch in seine Sachen,
er ging in des Herzogs Zimmer, und der hielt ihm Kasperles Brief hin.

Ich will das Kasperle haben, rief der Herzog. Meinetwegen mag die Grfin
Rosemarie in acht Tagen den Geiger Michael heiraten.

Und der Graf von Singerlingen? fragte der Minister.

Der kriegt eine Prinzessin. Ich habe doch noch meine Base Gundolfine, die
will gerne einen Mann, und ich mag sie nicht heiraten. Der Graf von
Singerlingen tut mir schon den Gefallen und heiratet sie. Nun soll
geschwind an Kasperle geschrieben werden, wenn er zum Hochzeitstag mit
seinem Michael hierherkommt, dann erhlt der die Grfin Rosemarie und ich
mein Kasperle. Aber das ist ein groes, groes Geheimnis!

Wutsch! legten alle den Finger auf den Mund, und ein Diener lief hinaus, um
den Wchter zu suchen, damit der nichts verrate. Er fand ihn, als der
gerade der alten Liesetrine von Kasperles Brief erzhlte. Eben wollte er
sagen: Der Geiger soll die Grfin Rosemarie heiraten, da schlug ihm der
Diener mit der Hand auf den Mund. Das klatschte tchtig, und der Wchter
brachte kein Wrtlein heraus. Der Diener schleppte ihn zum Herzog, und dort
hatte der Minister gerade den Brief fertig geschrieben. Der lautete:

      Wir Herzog August Erasmus VI. von Himmelhoch sagen
      Dir, Kasperle, da alles vergeben und vergessen sein soll, was Du
      einstmals Unntzes getan hast, auch da Du Uns vor zwlf
      Jahren einen Geldsack auf den Bauch geworfen hast, wenn Du
      fortan so lange in Unseren Diensten sein willst, bis Wir sagen:
      >Scher Dich zum Teufel!< Alsdann magst Du zum Teufel gehen.
      Sei in vier Tagen mit dem Geiger Michael hier, er soll dann die
      Grfin Rosemarie heiraten. Hltst Du Uns aber zum Narren,
      dann wehe Dir, Kasperle, dann ergeht es Dir ganz schlimm!
      So ist mein Wort.


Punktum! sagte der Herzog und klebte ein dickes, groes Siegel unter den
Brief. Den bekam der Wchter, und der dachte, es gbe nun auch eine
Belohnung, aber die gab es nicht; der Herzog sagte, erst msse er Kasperle
haben.

Da zog der Wchter ab, und weil es eine mondhelle Nacht war, ging er gleich
zurck. Als er ein Weilchen gewandert war, kam der Bauer Strohkopf hinter
ihm her. Der hatte im nchsten Ort erfahren, da der Herzog bei der schnen
Grfin Rosemarie weile. Nun war er arg wtend, denn im Schlo hatte man ihn
nicht einmal eingelassen. Der Herzog lag schon im Bett und der Wchter war
unterwegs.

He, hollahe! schrie der Bauer Strohkopf. Er dachte: Nun erfahre ich doch
etwas! Aber klatsch! da hielt sich der Landjger die Hand vor den Mund, und
der gute Strohkopf konnte fragen, soviel er wollte, er erfuhr kein kleines
Wort.

Mitfahren tat sein Genosse schon, und von des Bauern Schinkenbroten
schmauste er auch, aber reden tat er nichts, fiel ihm nicht ein! Und in
Protzendorf sprang er sehr geschwinde vom Wagen und lief davon, und er
verga sogar das Dankeschnsagen. Na, manierlich war das wirklich nicht!




Viertes Kapitel

Die Reise nach dem Schlo der Grfin Rosemarie

Ich mchte nur wissen, was unserem Kasperle fehlt! sagte im Waldhaus die
schne Frau Liebetraut zu ihrem Manne an diesem Abend.

Ja, der wute es auch nicht, niemand wute es, selbst Michele nicht.
Kasperle hing seine Nase wie eine Trauerweide ihre Zweige. Er redete nicht,
er lachte nicht, er schlug keine Purzelbume, -- Kasperle war gar nicht
Kasperle.

Er ist krank, sagte Michele. Und er bat den kleinen Freund herzlich und
gut, er mge ihm sagen, was ihm fehle. Doch da brach Kasperle in ein
erschreckliches Geheule aus, er heulte und heulte, die Vgel verkrochen
sich vor Schreck in ihren Nestern, und die Rehe, die sonst bis an das
Waldhaus gelaufen kamen, rannten davon.

Nein, wie konnte Kasperle auch heulen!

Michele legte ihn ins Bett, und alle Waldhausleute saen drum herum,
redeten ihm gut zu, trsteten und fragten nach seinem Herzeleid, aber
Kasperle schwieg. Er steckte seine Nase in die Kissen und tat, als ob er
schliefe. Da lieen sie ihn schlielich allein. Mutter Annettchen sagte:
Er mu sich ausschlafen, dann wird es schon wieder gut sein.

In dieser Nacht stand der Mond wieder ber dem Waldhaus, sah wieder in das
Stbchen hinein, in dem Michele fest schlief, das Kasperle aber traurig auf
dem Bettrand hockte. Und wieder lockte und winkte der Mond, und Kasperle
stieg leise aus dem Fenster, schwang sich auf das Dach und sah ber den
dunklen Wald hinweg. Dort ferne, ferne, wo die Berge dunkel gegen den
Nachthimmel standen, lag des Herzogs Waldschlo und das Schlo, in dem
Rosemarie wohnte.

Hach! Kasperle seufzte auf einmal so erschrecklich laut, und eine groe,
dicke Eule, die neben dem Haus in einem Baum wohnte, purzelte vor Schreck
in ihr Nest zurck. Gerade hatte sie auf die Jagd fliegen und ein paar
Fledermuse fangen wollen.

Kasperle kmmerte sich gar nicht um die erschrockene Eule, er chzte noch
ein paarmal: Hach, hach! Dann kroch er traurig in das Kmmerlein zurck,
rollte sich wie ein Igel zusammen und -- schlief ein. Er schlief, bis statt
des Mondes die Sonne hoch und hell am Himmel stand, und ber dem schnen
Wetter verga Kasperle ganz und gar seinen Kummer. Er scho wieder mit
einem Purzelbaum die Treppe hinab, fiel mit seiner groen Nase beinahe in
seine Milchtasse, schluckte und schluckte, da trat Herr Severin in das
Zimmer und rief: Nein, seht doch einmal diese Grenzwchter! Da haben sie
diesen dicken Brief ber die Grenze geworfen, als ich vorhin spazierenging,
mir gerade vor die Fe.

Alle guten Geister, bekam Kasperle einen Schreck! Er versank mit seinem
Gesicht ganz in der Milchtasse und heulte in die hinein: Das ist fr mich,
fr mich!

Herr Severin schttelte erstaunt den Kopf ber Kasperles wunderliches
Gebaren, und auch alle andern schttelten die Kpfe, dann aber wickelte
Herr Severin das Pckchen aus; ein groer, feierlicher Brief, mit dem
herzoglichen Siegel versehen, kam zum Vorschein und darauf stand: An
Kasperle.

Potztausend! Meister Friedolin fiel das Schnitzmesser aus der Hand vor
Erstaunen, und alle sahen auf das heulende Kasperle. Selbst Michele dachte:
Er hat gewi an der Grenze einen dummen Streich gemacht.

Herr Severin fragte ganz ernsthaft: Kasperle, was hast du getan?

Hach! Kasperle schluchzte erschrecklich. Ich hab' dem Herzog einen Brief
geschribbt!

Du -- Kasperle?

Hm, hach, mein Buchle tut wieder so weh!

Dem Kasperle tat wieder vor Angst sein Herze weh, und er hielt das wieder
fr sein Buchle. Ganz matt deutete er auf den Brief und nickte Herrn
Severin zu. Der dachte: Gewi will er sagen, ich soll den Brief lesen. Er
ffnete ihn also und las.

Da staunten sie nun freilich alle sehr im Waldhaus, Michele aber nahm
seinen kleinen Freund in die Arme und sagte traurig: Nein, nein, armes
Kasperle, ein so schweres Opfer sollst du nicht fr mich bringen.

Kasperle, ach Kasperle, du willst uns verlassen? rief die schne Frau
Liebetraut traurig. Das darfst du nicht.

Er mu, sagte pltzlich Meister Friedolin. Versprochen ist versprochen,
und wenn jetzt Kasperle dem Herzog sein Wort nicht hlt, dann geht es uns
noch allen schlecht im Waldhaus.

Ja, er mu gehen. Herr Severin sah auch ganz traurig aus und doch wieder
froh, denn er freute sich, da sein Lieblingsschler Michael nun die schne
Grfin Rosemarie heiraten sollte.

So ging es schlielich allen. Sie waren alle traurig und freuten sich alle,
am sonderbarsten aber war es dem Michele zumute, der htte lachen und
weinen mgen, und zuletzt nahm er seine Geige und spielte so schn wie noch
nie. Das tnte in den Wald hinaus wie Engelsgesang, und alle Tiere, die das
Spiel hrten, kamen gelaufen und lauschten. Da kamen Rehe und Hasen, der
fette Dachs kam angetrabt, Muslein huschten herbei, das Eichhrnchen
sprang von Baum zu Baum, die Vgel flogen um das Haus, und zuletzt guckte
sogar der Fuchs um die Ecke.

Als Michele sein Spiel geendet hatte, sagte Meister Friedolin: Nun ist's
Zeit; jetzt mt ihr marschieren, denn sonst denkt der Herzog, ihr kommt
nicht, und die Grfin Rosemarie mu gar den Grafen von Singerlingen
heiraten.

Meister Friedolin hatte schon recht, aber der Abschied wurde doch allen
sehr schwer. Michele konnte freilich versprechen, er werde mit seiner Frau
bald alle im Waldhaus besuchen, aber Kasperle konnte das nicht. Der gehrte
dann ganz und gar dem Herzog. Vielleicht sagt er bald: >Geh zum Teufel!<
meinte er, aber dazu schttelte Herr Severin den Kopf. So ein Wort spricht
ein Herzog nicht aus, dazu ist er viel zu vornehm. Du warst dumm, kleines
Kasperle, du httest dir etwas anderes ausdenken sollen.

Kasperle hing die Nase, er wollte zwar Michele nicht zeigen, wie traurig er
war, aber Michele merkte es doch, und als sie beide reisefertig waren,
fragte er traurig: Wirst du es auch nicht zu arg bereuen, mein armes
Kasperle?

Heidi, da rannte das Kasperle davon! Es nahm nicht einmal recht Abschied,
das brachte es vor lauter Herzeleid nicht fertig. Es rannte und rannte,
Michele konnte ihm kaum folgen, und auf einmal waren sie an der Grenze und
jenseits standen die beiden Landjger. Die schrien: Hurra, sie kommen,
hurra!

Es war beinahe, als wre der Herzog selber gekommen. Und als der Geiger mit
dem Kasperle drben war, sagten sie: Nun marschieren wir mit, denn nun
brauchen wir die Grenze nicht mehr zu bewachen. Jetzt ist ja Kasperle da.

Michele ging mit dem Kasperle voran. Er spielte auf seiner Geige, und der
Wald, durch den sie gingen, sang mit, es rauschte in den Bumen, die Vgel
zwitscherten es: Da geht einer zur Hochzeit, Hochzeit, Hochzeit!

Kasperle verga darber ganz den Herzog, er kam sich ungeheuer wichtig vor,
wie er so, von zwei Landjgern begleitet, dahinschritt. Und als sie sich
Protzendorf nherten, dachte er: Na, ich will's ihnen schon zeigen, wer ich
bin, ich, das berhmte Kasperle!

In Protzendorf sahen etliche den Zug kommen, unter denen waren auch
Kasperles alte Freunde Windgustel und Wassergustel. Das waren jetzt zwei
stmmige, groe, dicke Burschen geworden; klger waren sie aber noch immer
nicht, darum rissen sie auch die Muler weit auf, als sie den Zug kommen
sahen, und brllten: Jetzt haben se Kasperle gefangen!

Da einer, der gefangen ist, nicht ganz vergngt voranmarschiert, bedachten
die Protzendorfer nicht, das Geschrei pflanzte sich fort, und der Schfer
Damian ohne Maul, der heute ganz nahe am Dorfe seine Herde weidete, hrte
es auch.

Hallo, da kam der aber angelaufen! Er sah Kasperle, sah die Landjger,
dachte an sein Wort, er wolle Kasperle immer schtzen, und auf einmal --
ripsch, rapsch -- ergriff er den kleinen Kerl, setzte ihn auf seine
Schulter, und fort ging es. Damian hatte lngere Beine als die Landjger
und alle Protzendorfer, der war mit Kasperle zum Dorfe hinaus, ehe einer
nur recht zur Besinnung kam.

Als die Landjger freilich merkten, Kasperle wurde wieder zurckgetragen,
da rannten sie spornstreichs hinterher; Michele rannte auch. Die
Protzendorfer blieben nicht zurck, was Beine hatte lief, sogar ein paar
Schweinchen, etliche Hunde und Ziegen waren dazwischen.

Kasperle schrie: Halt, halt! Aber Damian ohne Maul hrte nicht darauf;
der lief bergauf, bergab, rannte beinahe das Wchterhaus an der Grenze um,
und dann war er am Waldhaus, und da setzte er das schreiende Kasperle
mitten in die Stube hinein. Da!

Jemine, schrie Mutter Annettchen, unser Kasperle, der zum Herzog wollte,
ist wieder da!

Was? Damian sah drein, als wollte er das ganze Waldhaus verschlingen.

Da kamen Meister Friedolin, Herr Severin, die schne Frau Liebetraut und
ihre Kinder alle herbei, und alle fragten sie: Kasperle, was ist denn das?
Wie kommst du denn wieder her? Willst du nicht mehr zum Herzog gehen?

Ich will doch schon, aber der will net! brllte Kasperle ganz aufgeregt.

Na, potz Kuckuck, was hat denn da der Damian zu wollen! rief Meister
Friedolin.

Damian ohne Maul stand ganz verdattert da. Er merkte schon, er hatte eine
groe Dummheit gemacht. Ehe er aber noch wie und was sagen konnte, kamen
die Landjger, Michele und die Protzendorfer Mnner, Frauen, Kinder,
Schweinchen, Ziegen und Hunde gelaufen, und um das sonst so stille Waldhaus
toste ein ungeheurer Lrm. Michael trat in die Stube und erzhlte, und als
er das weinende Kasperle am Boden sitzen sah, sagte er mitleidig: Nun
kannst du hier bleiben; dein Wort hast du gehalten, hast zum Herzog gehen
wollen; da dich der Damian zurckgetragen hat, dafr kannst du nicht.

Hm, brummelte Meister Friedolin, gewollt hat er, gegangen ist er, aber
--

Kasperle hatte sich ganz zusammengekauert. Im Waldhaus bleiben drfen, wie
schn wre das! Aber da fiel ihm Rosemarie ein, die dann den alten Grafen
von Singerlingen heiraten mute, und er dachte an seines Michele Geige, die
immer weinte, wenn er spielte, und er sagte ganz, ganz leise: Ich will zum
Herzog.

Wir wollen Kasperle, Kasperle soll wiederkommen! schrien drauen die
Landjger und etliche Protzendorfer, dazwischen aber brllten zwei: N, er
soll heeme bleiben!


Das waren Wassergustel und Windgustel, die ihren einstigen Freund noch
immer gern hatten und auch dachten wie Damian, er wre geraubt worden.

Kasperle sa noch immer mitten in der Stube. Er war nmlich ein bichen
mde von dem Laufen, auch war ihm der Schreck in seine kleinen Beine
gefahren. Er dachte bei sich: Wer mich hergetragen hat, mag mich auch
zurckbringen. Und berhaupt -- zu einem Herzog luft man nicht, da fhrt
man. Er erhob also pltzlich seine Stimme und schrie, so laut er konnte:
Ich will 'n Wagen, ich will zum Herzog fahren!

Da hat er recht, brummte drauen der dicke Bauer Strohkopf, der als
letzter dahergekommen war. Und 'n Kutschwagen mu es sein, anders geht das
nicht. In ganz Protzendorf aber hatte nur er einen Kutschwagen, in dem er
freilich nie fuhr, weil er ihm zu schn war. Doch nun dachte er: Wenn der
Herzog hrt, da ich, der Bauer Strohkopf, meinen Wagen hergegeben habe,
dann kriege ich sicher einen Orden. Also rief er: Recht hat Kasperle, und
obgleich er mich mal schwer gergert hat, soll er doch einen Wagen
bekommen. Darin kann er gleich bis zu dem Schlo der Grfin Rosemarie
fahren.

Alle staunten den dicken Bauer ehrfurchtsvoll an, und der sagte: Na, dann
los! Jetzt mssen wir erst nach Protzendorf gehen, dort la ich anspannen.

N, schrie Kasperle, ich war schon dort; au, au, ich bin so mde!

Es half alles nichts, Damian ohne Maul mute den kleinen Strick wieder nach
Protzendorf zurcktragen, und als sie dort ankamen, sagte der Bauer, sie
mten aber bis morgen frh warten, denn sein schner Wagen drfe nur am
Tage gefahren werden. Und morgen sollten die beiden doch schon auf dem
Schlo sein. Da aber der Herzog keine Zeit angegeben hatte, konnten sie ja
auch am Abend ankommen, und darum sagte der Geiger Michael, sie wollten bis
zum Sonnenaufgang warten.

Das mit dem Wagen war aber nur ein bichen geflunkert von dem dicken Bauer.
Er dachte nmlich: Kasperle soll uns heute Abend noch etwas vorkaspern. Das
tat der kleine Schelm auch, und es gab in dem groen Bauernhofe einen
lustigen Abend. Es lachten alle so viel, da Kasperle darber den Abschied
vom Waldhaus beinahe verga. Aber als alle schliefen und der Mond schien,
da wurde er wieder ganz traurig, er kletterte auf das Fensterbrett und sah
lange, lange auf das stille Dorf hinab. Er dachte: Wenn der Herzog doch nur
sagen wollte: Geh zum Teufel! aber ach, Herr Severin hatte ja gesagt, so
etwas spricht ein Herzog nicht aus.

Wie Kasperle so sa und den Mond unter sich auf dem Dorfbchlein glitzern
sah, hrte er auf einmal eine liebe, linde Stimme, die sang:

   Nur net verzagt!
   Bald der Morgen tagt.
   Zum guten End'
   sich alles wend't.
   Mut net greinen,
   Mut net weinen!
   Auf Gott vertrau',
   Zum Himmel schau'!


Da tat Kasperle wirklich, was die Stimme riet, schaute zum Himmel auf, und
dabei sah er am Fenster ber sich ein Mgdlein stehen, das war die
Sngerin. Die erblickte nun auch das Kasperle auf der Fensterbrstung, und
sie rief sacht hinab: Geh doch schlafen, kleines Kasperle!

Kann net, murmelte Kasperle, und dann kletterte er flugs am Weinspalier
hoch und sa auf einmal auf dem Kammerfenster der Magd. Die lachte. Ei,
fragte sie, du Schelm, du willst wohl wieder ausreien? Aber als sie sah,
wie dem Kasperle dicke, dicke Trnen ber sein unntzes Gesichtlein liefen,
fragte sie sanft: Was fehlt dir denn, armes Kasperle?

Kasperle seufzte schwer: Hach, hach! und dann verriet er der Magd seinen
Kummer. Wenn der Herzog net sagt: >Geh zum Teufel!< mu ich bei ihm
bleiben, jammerte er.

Ei, weit du was, ein schner Spruch ist das nicht! erwiderte die Magd,
und ein Herzog wird so etwas freilich net sagen, der denkt gar nicht an
solche Worte. Aber weit du, mir hat meine Gromutter einmal erzhlt, ihre
Urgromutter habe ein Mittel gewut, da ein Mensch sagen mute, was sie
wollte, hab's freilich nie ausprobiert, und meine Gromutter hat's auch nie
ausprobiert, aber verraten will ich's dir. Du mut um Mitternacht, wenn der
Vollmond scheint, den Herzog an der groen Zehe fassen und sagen: >Geh zum
Teufel!< dann sagt er's dir flink nach. Sie lachte herzhaft, whrend sie
dies sagte.

Nun merkte Kasperle, die Magd war trotz ihres lieblichen Singens eine arme
Schelmin, aber sie erreichte, was sie wollte: das Kasperle verga das
Weinen, wurde ganz getrost und kletterte zuletzt purzelvergngt in sein
Bett.

Die Magd, sie hie Drte, sah ihm traurig nach. Du armes kleines Kasperle,
dachte sie, wenn ich dir helfen knnte, ich tt's schon himmelgern!

Und als der Morgen anbrach und Bauer Strohkopf seinen Wagen anspannen lie,
in den Michael und Kasperle einstiegen, da sandte die Magd dem Kasperle
viele gute Wnsche nach. Die waren wie Sonnenstrahlen so lieb und licht und
zogen mit Kasperle nach dem Schlo, in dem die schne Grfin Rosemarie
wohnte. --

Der Bauer Strohkopf fuhr seinen schnen Wagen selbst. Und da er ein
bedachtsamer Mann war und allzu groe Eile nicht leiden konnte, ging das
hbsch sacht voran. Die braunen Pferde, die so dick und rund wie ihr Herr
waren, liebten auch die Eile nicht, und ob bergauf, bergab oder geradeaus,
immer ging es im Schritt.

Den beiden Reisenden wurde es mit der Zeit himmelangst. Die Sonne stieg
hher, stieg wieder tiefer, noch waren sie nicht am Schlo, und da sagte
der Bauer auch noch: Jetzt mssen meine Rles verschnaufen, so 'n Gelaufe
tut ihnen net gut.

Michele seufzte tief, und Kasperle, so dumm er auch manchmal war, verstand
ihn doch gut, verstand, der Freund hatte Angst, sie wrden beide nicht zur
rechten Zeit kommen. Da kletterte er flugs aus dem Wagen, blinkte dem
Freunde zu und erhob ein mrderliches Geschrei: Ich reie aus, ich reie
aus!

Und geschwind sprang Michele ihm nach und schrie: Ich fange dich, ich
fange dich.

So ein Unsinn! brummte der Bauer Strohkopf. Jetzt spielen die gar
Haschens wie im Dorf die Bbles und Mdles. Na, wenn sie genug gelaufen
sind, werden sie schon wieder kommen! Und der dicke Bauer holte sich eine
groe Wurst und viele, viele Schnitten Kuchen und eine Flasche Wein aus
seinem Wagenkasten und begann zu schmausen.

Darber fing es an zu dmmern, der Abend nahte und der Bauer dachte: Jetzt
mssen wir halt bis zum nchsten Wirtshaus fahren. Jemine, aber wo sind die
beiden? Er erhob seine Stimme laut: Herr Michael -- Kasperle -- Herr
Michael -- Kasperle! aber niemand gab Antwort. Die beiden rannten, so
schnell sie nur konnten, um noch zur rechten Zeit das Schlo der schnen
Grfin Rosemarie zu erreichen.

Zuletzt merkte der Bauer doch, da die beiden Schelme ausgerissen waren. Er
brummte und knurrte wie ein Wolf, fuhr zum nchsten Wirtshaus und dachte:
Morgen fahr' ich zum Herzog, der soll schon erfahren, was das fr
Bsewichter sind! Jegerl, einen Herzog und mich, den Bauer Strohkopf, so
zum Narren zu halten! Die sind doch sicher nach ihrem Waldhaus
zurckgelaufen.




Fnftes Kapitel

Die Ankunft

Der Herzog August Erasmus wartete ungeduldig auf Kasperles Ankunft. Am
liebsten htte er den kleinen Burschen in aller Morgenfrhe schon dagehabt,
doch als er den Weg berechnete, sah er ein, bis Mittag mute er warten.
Vielleicht da die beiden da mit der Post kamen. Und die schne Rosemarie
wartete auch, sie sah gerade wie der Herzog immer ungeduldig zum Fenster
hinaus, und als die Post mit Traratrara angerasselt kam, liefen alle Leute
im Schlo zusammen und riefen: Jetzt kommt Kasperle!

Und Michael, dachte Rosemarie.

Aber da rumpelte und rasselte der Postwagen am Schlo vorbei, niemand stieg
aus, niemand nickte und winkte, es sa nmlich nur eine alte Frau drin, die
schlief ganz fest.

Trarira, trarira, da war die Post vorbei.

Der Herzog brummelte, die Grfin Rosemarie seufzte und die alte Liesetrine
sagte so laut, da es der Herzog gerade noch hren konnte: Das dachte ich
mir gleich, das Kasperle kommt nicht. Ein Schabernack war's, weiter
nichts.

Dies Wort rgerte den Herzog gewaltig. Er geriet in eine bitterbse Laune,
und als Rosemarie sagte, die Reisenden wrden gewi bald kommen, grunzte er
sie an: Morgen wird der Graf von Singerlingen geheiratet, punktum!

Jetzt kommt der Graf von Singerlingen, meldete just da der
Haushofmeister. Eben ist sein Wagen in den Schlohof gefahren.

O du lieber Himmel, erschrak da die arme Rosemarie! Sie wurde so wei wie
die Rosen auf ihrer Mutter Grab, und ihre Kammerfrau sagte, dies sei eine
Ohnmacht, und Rosemarie msse sich zu Bett legen.

Trarira, trarira! blies es da drauen auf der Landstrae, und Rosemarie
wurde wieder so rot wie die schnsten Rosen im Garten.

Kasperle kommt, Kasperle kommt! schrien alle, und selbst der Herzog
verga den armen Grafen von Singerlingen und eilte hinaus. Ganz verdutzt
sah sich der Graf von Singerlingen um, Niemand begrte ihn, niemand rief
hurra, und dabei sollte doch morgen seine Hochzeit sein.

Trarira, trarira! Eine groe, schwerfllige Kutsche fuhr in den Schlohof
ein, und alles schrie wieder: Kasperle, hurra, Kasperle! Da ist er!

Es war aber nicht Kasperle, sondern die Prinzessin Gundolfine, die eiligst
gekommen war, um den Grafen von Singerlingen zu heiraten.

Die Prinzessin war gar nicht sehr sanftmtig, und als alle Kasperle und
immer wieder Kasperle schrien, rief sie: Zum Kuckuck, was ist das fr
ein Gerufe hier! Ich bin eine Prinzessin und im Leben kein Kasperle! Das
ist eine Beleidigung! Und wo ist der Graf von Singerlingen, da ich ihn
heiraten kann? Gleich will ich ihn sehen.

Der Herzog erschrak, der Graf erschrak, denn er wute noch gar nicht, da
er die Prinzessin heiraten sollte, und Rosemarie wurde wieder so bla wie
die Rosen auf der Mutter Grab. Die Kammerfrau rief wieder: Das ist eine
Ohnmacht. Die Prinzessin aber sagte: So was gibt's nicht; wenn ich komme,
wird man nicht ohnmchtig, her mit dem Grafen, den ich heiraten soll!

Da rief der Kammerdiener des Grafen von Singerlingen: Jetzt wird mein Graf
ohnmchtig, er ist schon unter die Bank gefallen.

Der gute Graf aber war gar nicht ohnmchtig geworden, der war von selbst
unter die Bank in der weiten Schlohalle gerutscht. Er war so ber die
Prinzessin erschrocken, die hatte eine Stimme, als se sie tief unten in
einem Brunnenloch, und mit ihren Augen spiete sie den Grafen beinahe auf.
Nein, so eine Prinzessin wollte er nicht!

Wieder klang das Trarira, trarira! auf der Landstrae, und wieder riefen
alle: Kasperle kommt!

Aber es waren Hochzeitsgste, der Schwager und die Schwester der jungen
Grfin Rosemarie. Die fragten gleich: Wo ist denn der Graf von
Singerlingen, den du heiraten sollst?

Den heirate ich, schrie die Prinzessin.

Nein, ich heirate die Grfin Rosemarie, rief der Graf. Und die arme
Rosemarie flsterte zitternd: Ich heirate den Geiger Michael. Aber das
hrte niemand, denn alle redeten durcheinander.

Da entstand drauen ein wildes Geschrei: Kasperle ist da, ja, bimmelimlim,
das Kasperle ist da!

Na, das ist schon gut, sagte der Herzog, und er machte gleich ein ganz
vergngtes Gesicht, fhrt ihn nur herein!

Bimmelim, bimmelim! klang's wieder, und dann kam ein Kasperle herein,
aber das war ein hlzernes Kasperle, und der Kasperlemann trug es auf dem
Arm. Das war doch zu toll!

Der Herzog schaute den Kasperlemann so wtend an, da der vor Schreck
immerzu klingelte. Er dachte: Der Herzog hat mich doch rufen lassen! Warum
ist er denn so bse?

Bimmelim, bimmelim, bimmelimlimlim!

Stille! schrie der Herzog.

Kasperle kommt, Kasperle kommt! rief ein Diener. Auf der Landstrae
kommt er angelaufen.

Der Herzog war so neugierig auf Kasperle, da er aufstand und durch den
Garten ging bis zum Tor, das nach der Landstrae hin fhrte.

ber den Garten sanken schon die Abendschatten, und der Herzog blieb an dem
Springbrunnen am Eingang stehen; hier wollte er Kasperle erwarten.

Kasperle war von dem eiligen Lauf arg mde, und er sagte zu Michele, als
sie sich nun beide dem Schlosse nherten: Ich schlage Purzelbume, da
geht's schneller.

Tu's nicht! riet der Geiger.

Aber da tat es Kasperle schon: eins, zwei, drei und noch einen, und auf
einmal lagen Herzog und Kasperle im Brunnenbecken, denn Kasperle hatte den
Herzog einfach umgerannt.

Vier Beine guckten in die Luft, und alle schrien und liefen herbei, zogen
an den Beinen, und dann standen der Herzog und Kasperle nebeneinander, und
tropf, tropf, lief an beiden das Wasser herab.

Der Herzog fing mchtig an zu schelten, Kasperle aber erhob noch lauter
seine Stimme, er brach in ein rechtes, furchtbares Kasperlegeheul aus, und
allen, die mit am Tore standen, wurde es himmelangst. Der Herzog lie vor
Schreck das Schelten sein. Um Himmels willen, rief er, Kasperle ist
ertrunken!

Na, wenn einer ertrunken ist, schreit er doch nicht so mrderlich!
brummte der alte Haushofmeister. Er nahm Kasperle, drehte ihn um und um,
stellte ihn bums! wieder auf seine Fe und da -- schwieg Kasperle.

Er sah sich um, bemerkte die vielen erschrockenen Gesichter, sah den Herzog
plitschna dastehen, und pltzlich kam ihn das Lachen an; er lachte und
lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann, er schttelte sich geradezu
vor Lachen. Erst lachte die Grfin Rosemarie ganz, ganz leise mit, und dann
lachte der Graf von Singerlingen, der Herzog lachte, und auf einmal lachten
alle, lachten und lachten.

Nur die Prinzessin Gundolfine lachte nicht. Die machte ein Gesicht wie die
Frau im Essigkrug, und die alte Liesetrine lachte auch nicht, doch das
merkten die andern gar nicht. Schlielich sagte der Herzog, sein Bauch tue
ihm vor Lachen weh, und weil er auch plitschna war, riet ihm sein
Leibarzt, er mchte sich nur rasch ins Bett legen.

Ja, erwiderte der Herzog, das werde er tun, und morgen frh solle die
Hochzeit sein, heut wre es doch zu spt. Aber erst msse Kasperle
erzhlen, warum er zu spt gekommen sei.

Strohkopf, rief Kasperle.

Das nahm aber nun der Herzog gewaltig bel, er dachte, Kasperle redete ihn
mit Strohkopf an. Er schwang deshalb seinen Stock und schlug Kasperle auf
den Rcken, das knallte gar sehr; Und gleich begann Kasperle wieder zu
heulen, Michele aber trat vor und erzhlte dem Herzog, wer der Strohkopf
sei, und er sagte, Kasperle fange manchmal eine Geschichte in der Mitte an,
dann komme der Schlu und zuletzt der Anfang.


Whrend er sprach, heulte Kasperle wie eine Dachrinne, und dem Herzog wurde
es ganz weich und weh ums Herz. Er sagte, man solle Kasperle ins Bett
bringen und ihm ein gutes Abendbrot geben, und morgen wollten sie alle
Hochzeit feiern. Er nahm die Hand der Grfin Rosemarie, nahm des Michele
Hand und ging mit beiden ins Schlo hinein. Der Graf von Singerlingen aber
stand da wie einer, dem eine Katze sein dickes Butterbrot aufgefressen hat.
Und wie er noch so starrte und staunte, trat die Prinzessin Gundolfine zu
ihm heran und sagte: Morgen heiraten wir.

Der arme Graf setzte sich vor Schreck bald auf die Erde, er dachte: Ach,
wie entrinne ich nur der Prinzessin! Und whrend alle in das Schlo gingen,
blieb er allein drauen; er setzte sich in eine Rosenlaube, und wenn er
nicht ein Graf und schon ziemlich alt gewesen wre, dann htte er
sicherlich geweint, so traurig war er.

Kasperle bekam neben seinem Freund Michele ein schnes Zimmer mit einem
seidenen Bett, und die schne Rosemarie gab ihm einen Gutenachtku und
sagte, sie werde ihm immer dankbar bleiben.

Das war alles sehr schn, auch da Michele noch wundersamer denn je auf
seiner Geige spielte, gefiel Kasperle sehr. Michele stand vor dem Schlo,
und seine Geige tnte s und zart, jeder im Schlo hrte ihn spielen, und
selbst der Herzog hatte sich weit seine Fenster auftun lassen, und er
lauschte dem Spiel.

Rosemarie aber sa an ihrem Fenster und weinte vor lauter Glck. Sie wand
sich selbst ein grnes Krnzlein, das wollte sie morgen tragen, und sie
dachte: Nun werde ich so glcklich wie die schne Liebetraut im Waldhaus.

Dann verstummte die Geige, es wurde still im Schlo, und der Mond, der zwar
schon ein etwas schiefes Gesicht hatte, kam hinter den hohen, alten Ulmen
hervor und sah neugierig in alle Zimmer hinein. Er sah Michele am Fenster
sitzen und von glcklichen Tagen trumen, er sah Rosemarie noch immer an
ihrem grnen Krnzlein winden, und er sah -- ja, was sah der Mond einmal
wieder! Das Kasperle sah er im Freien herumspazieren. Das hatte wieder
einen Weg hinaus gefunden. Ganz, ganz leise war es aus dem Zimmer
geschlpft, selbst Michele hatte den Strick nicht gehrt. Und dann war er
auf dem Treppengelnder hinuntergerutscht, das ging schnell und leise, und
war durch ein offenes Fenster in den Garten hinausgestiegen. In dem ging er
auf und ab. Er sah den Mond die Rosen sachte streicheln, er hrte die Bume
rauschen und -- da rief jemand erschrocken: Oho!

Kasperle war beinahe ber den Grafen von Singerlingen gefallen.

Bums! schrie er erschrocken.

Na nu, wer rennt denn da herum? fragte der Graf.

Ich bin's!

Ei, potz Wetter, Kasperle! Du willst wohl gar schon wieder ausreien?

N! Kasperle seufzte tief.

Der Graf von Singerlingen seufzte noch tiefer. Endlich, sagte er:
Kasperle, was hast du angerichtet!

Kasperle senkte tief seine Nase. Ich kann doch nichts dafr! Warum ist der
Herzog ins Wasser gefallen! murmelte er.

Jemine, du Dummkopf! Das meine ich doch nicht. Aber ich mu nun eine
Prinzessin heiraten, weil dein Michele die schne Grfin Rosemarie
bekommt.

Ist das schlimm? fragte Kasperle verdutzt. Ich denke, das ist fein.

_Die_ Prinzessin heiraten, ist schlimm! Der Graf von Singerlingen sah so
traurig aus, da Kasperle tiefes Mitleid mit ihm fhlte. Er hatte die
Prinzessin gar nicht angesehen, und er fragte zutraulich: Wie sieht se
denn aus?

Schrecklich, wie -- Gift! Der Graf chzte, und Kasperle blickte ngstlich
zum Schlosse hin. Vor der Prinzessin begann er sich zu frchten. Wo wohnt
se denn?

Dort, das dritte Fenster, das offen steht.

Sssim, ssim! huschten die Fledermuse auf und ab an den beiden vorbei. Ein
paar flogen ganz dicht heran und klapp, da hatte Kasperle zwei in seinem
Mtzlein gefangen. Die la ich in ihr Zimmer, flsterte er dem Grafen von
Singerlingen zu, vielleicht reit sie aus.

Unsinn, wollte der Graf sagen, bleib hier! aber da war das Kasperle
schon weggeflitzt.

Efeu wuchs am Schlo empor, da war es fr Kasperle kein schweres Klettern.
Er war eins, zwei, drei oben und ssim! huschten die Fledermuse in das
Zimmer der Prinzessin.

Die war noch wach, beschaute sich gerade den Hochzeitsstaat fr den
nchsten Tag, als ihr eine Fledermaus an der Nase vorbeischwirrte, eine
andere fuhr ihr ins Haar, und durch die Abendstille tnte das Geschrei der
Prinzessin.

Das ganze Schlo wurde davon munter, selbst der Herzog wachte auf. Er
fragte rgerlich, was denn geschehen sei. Als man ihm sagte, Fledermuse
seien im Zimmer der Prinzessin, brummte er, dies sei nicht schlimm, darum
brauche niemand so zu schreien.

Kasperle, du bist aber ein arger Strick! sagte unten der Graf von
Singerlingen.

Kasperle blickte ihn mit seinen schwarzen uglein ganz unschuldig an. Ich
wollte sie ja nur weggraulen! sagte er.

Das gelingt dir nicht.

Doch und dann -- biste mir wieder gut?

Da mute der Graf lachen. Geh du nur in dein Bett, du unntzes Kasperle!
sagte er. Ich bin dir schon nicht mehr bse.

Der Graf von Singerlingen ging in das Schlo zurck. Bse war er nicht,
aber traurig. Er dachte: Wenn der Herzog nur nicht auf den Gedanken
gekommen wre, mir die Prinzessin zur Frau zu geben! Dann htte ich meine
Base Mauritia geheiratet, die ist zwar weder jung noch schn, aber sie kann
die allerbesten Puddings machen. Na, und das ist auch etwas wert! Das kann
die Prinzessin Gundolfine sicher nicht.

Und die Prinzessin dachte just in dem Augenblick: Besser einen Grafen als
berhaupt keinen Mann! Ich will mich auch recht schn putzen morgen. He,
was ist denn das? Sie blickte sich erschrocken um. Am Fenster, das jetzt
geschlossen war, war ein schwarzer Schatten aufgetaucht, aber gleich wieder
verschwunden. Die Prinzessin rief ihre Kammerfrau, und beide schauten nun
hinaus. Sie sahen aber nichts als lauter dicke, schwarze Schatten, sahen
nicht, wie sich das Kasperle in den uralten Efeu verkroch.

Das war gewi eine alte Eule, sagte die Kammerfrau.

Dies nahm die Prinzessin ordentlich bel. In meiner Gegenwart redet man
nicht von alten Eulen, brummte sie, und dann sah sie noch einmal zum
Fenster hinaus. Es war aber nichts zu sehen, und da ging sie schlielich
beruhigt in ihr Bett.

Kasperle aber hockte im nachtstillen Garten. Er hatte der Prinzessin noch
ein paar Fledermuse ins Zimmer lassen wollen, er meinte, dies sei ein
gutes Mittel, jemand wegzugraulen. Dabei hatte er aber etwas gesehen, das
ihm sehr, sehr sonderbar vorkam. Kasperle berlegte; im Waldhause hatten
sie doch alle die Haare auf dem Kopfe gehabt, und keiner hatte sie abends
neben sich gelegt. Die Prinzessin aber hatte ihre dicken, dunklen Zpfe auf
einem Tische liegen gehabt. Sonderbar, hchst sonderbar! Vielleicht hatte
sie sich die Haare alle abgeschnitten und kam morgen ohne Haare. Ob sie da
dem Grafen von Singerlingen besser gefiel? Es war doch eine schwierige
Sache!

Kasperle seufzte, und dann sah er sich nach seinem Fenster um. Da war es,
er sah zwei Fenster nebeneinander, die standen offen, und hinter einem
schlief das Michele, hinter dem andern war seine Stube. Er kletterte also
wieder hinauf und dachte dabei: Hinab ging es leichter, da war doch noch
ein Blitzableiter da! Aber nun war er schon angelangt, und weil er
purzelmde war, gedachte er auf Kasperleart ins Bett zu steigen. Er zog
sich gar nicht erst aus, sondern tat einen gewaltigen Hopser.

Uff, schrie jemand, mir ist ein Stein auf den Magen gefallen! Hilfe,
Hilfe!

Ei, da hatte das Kasperle wieder etwas angerichtet! Dem dicken
Oberhofmeister war er auf den Magen gesprungen. Der schrie ach und weh,
sthnte, er msse nun sterben, und ehe noch Kasperle entwischen konnte,
kamen ein paar Diener gerannt.

Der Kasper war's, rief der eine und hielt Kasperle am Hosenbdlein fest.

Haue, Haue! chzte der Oberhofmeister, aber ehe Kasperle noch einen
Schlag bekommen hatte, erhob er seine Stimme und brllte so mrderlich, da
diesmal der Herzog nun wirklich vor Schreck beinahe starb.

Himmel, das ist Kasperle! dachte der Geiger Michael, und er kam eiligst
seinem kleinen Freund zu Hilfe. Tren taten sich auf, Stimmen schwirrten
durcheinander, keiner wute recht, was geschehen war, nur der
Oberhofmeister wute es, der rief, man solle den Doktor holen und Kasperle
hauen. Der eine Diener tat dies, der andere das, und es wre Kasperle trotz
seines Zetergeschreis bel ergangen, wenn Michael nicht herbeigeeilt wre.
Der entri ripsch, rapsch Kasperle den Hnden des Dieners, und trotzdem der
Oberhofmeister furchtbar schalt, lief er doch mit seinem kleinen Freunde
aus dem Zimmer.

Drauen aber prallte er mit einem zusammen, das war des Herzogs erster
Kammerdiener. Der sagte, Kasperle solle sofort zum Herzog kommen, der sei
ganz erschrecklich bse.

Dies war nun schlimm. Kasperle lie die Nase hngen, er klammerte sich an
sein Michele an, und der ging wirklich ungerufen mit und trat mit an des
Herzogs Bett, in dem der ganz matt vor Schreck lag.

Wirklich, der Herzog sah sehr wtend drein. Der Geiger dachte: O mein
armes, armes Kasperle, wie wird dir das noch ergehen!

Was hast du gemacht? schrie der Herzog Kasperle an.

Der senkte den Kopf, seufzte tief und sagte, er sei nur ein bichen zum
Fenster hinausgeklettert und in das verkehrte hinein. Na, und da war er
eben dem Oberhofmeister wie ein dicker kleiner Feldstein auf den Magen
gefallen!

Kasperle, rief der Herzog zornig, ber solche Dummheiten sind Wir sehr
bse, das tut man nicht bei Hofe. Und berhaupt, wie kannst du denn so
geschwinde zu einem Fenster hinausklettern?

Kasperle sperrte seinen Mund weit auf. Das war doch leicht, zu einem
Fenster hinauszuklettern! 's geht fix, murmelte er.

Soooo? Dem Herzog fielen pltzlich die Fledermuse ein, die im Zimmer
seiner Base herumgeschwirrt waren. Geht Fledermuse fangen auch so fix?
fragte er.

Na ob! Kasperle grinste von einem Ohr bis zum andern, aber gleich
erschrak er sehr, denn der Herzog erhob drohend seinen goldenen Degen, der
immer an seinem Bette hngen mute, und er sagte streng: Kasperle, hte
dich, sonst wirst du in einen Kfig gesperrt! Jetzt geh, und wehe dir, wenn
heute noch einmal solches Geschrei entsteht!

Da ging Kasperle mit hngender Nase zum Zimmer hinaus, und drauen seufzte
der Geiger Michael tief. Ach, mein Kasperle, mein armes Kasperle, wie
wird's dir ergehen! sagte er traurig.

Kasperle brummelte: Ach, gut! Und bei sich dachte er: Vielleicht sagt er
doch einmal: Geh zum Teufel! Ich will's schon versuchen, da er es sagt!




Sechstes Kapitel

Hochzeit und Reise

Der Tag der Hochzeit brach an. Von weither kamen die Leute gelaufen, um
Rosemarie, die liebliche Braut, zu sehen. Und alle freuten sich, da sie
nicht den alten Grafen von Singerlingen, sondern den schnen jungen Geiger
Michael zum Manne bekam.

In aller Morgenfrhe, als der Herzog gerade frhstckte, spielte das
Michele auf der Wiese vor dem Schlo auf seiner Geige. Das klang wundersam.
Jetzt klagte und weinte die Geige nicht mehr, sondern sie jauchzte, und
manch einer, der zuhrte, meinte, ihm msse das Herz springen vor Freude,
so jubelte die Geige.

Die schne Rosemarie stand still in ihrem weien Kleide mit dem grnen
Krnzlein im Haar neben dem Geiger, und jeder, der die beiden sah, erzhlte
noch sein Lebenlang, ein schneres Paar habe er nie wieder gesehen.

Und dann raunten und tuschelten sich die Leute zu: Und morgen heiratet der
Graf von Singerlingen des Knigs Base, die Prinzessin Gundolfine.

Warum denn morgen, warum nicht heute? fragte ein naseweises Jungfrulein.

Weil die Kammerfrau der Prinzessin die Krone vergessen hat, und eine
richtige Prinzessin mu eine Krone tragen, wenn sie heiratet, erzhlte der
Kasperlemann, der auch unter den Zuschauern war.

Da kommt sie! schrie ein rechter Dreiksehoch.

Wer, die Krone?

N, die Prinzessin!

Prinzessin Gundolfine kam wirklich daher. Sie hatte ein himbeerrotes Kleid
an und war mit vielen Diamanten und Perlen geschmckt. Alle staunten sie
an, das Kasperle aber, das auf einem Baum, ganz dicht in der Krone,
verborgen sa, staunte am allermeisten. Nein, so etwas! Die Prinzessin
hatte sich die Haare doch nicht abgeschnitten, sie trug sie heute wieder
auf dem Kopf. Wie war das nur mglich?

Hurra, hurra! brllten unten die Leute, denn eben kam der Herzog an,
gefolgt von seinen Hofherren; etliche Damen waren auch da, und alle waren
sie kstlich und reich gekleidet. Sie gingen auf dem Platz auf und ab. Der
Herzog meinte, die Leute, die zur Hochzeit gekommen waren, sollten doch
auch die Hochzeitsgste sehen.

Die Prinzessin Gundolfine lchelte den Grafen von Singerlingen lieblich an,
und der lchelte wieder, denn er fand die Prinzessin heute eigentlich recht
nett. Er dachte: Vielleicht ist es gar nicht wahr, da sie so boshaft ist,
wie die Leute sagen; na, und die Puddings kann ja schlielich auch die
Kchin kochen, von einer Prinzessin kann man so etwas doch nicht gut
verlangen!

Prinzessin Gundolfine stellte sich unter den Baum, auf dem Kasperle sa.
Ganz dicht stand sie unter ihm, und Kasperle dachte: Ein klein, klein
bichen will ich sie mal zupfen; mu doch sehen, wie das mit den Haaren
ist.

Der Herzog stellte sich in die Mitte des Platzes, sagte allen Leuten einen
schnen guten Tag und verkndete ihnen, da jetzt gleich die Grfin
Rosemarie den Geiger Michael heiraten werde und morgen der Graf von
Singerlingen seine Base Gundolfine zur Frau --


Jemine, sie hat keine Haare! schrie ein vorwitziger Bub, und alle
starrten verdutzt auf die Prinzessin. Die hatte sich ganz pltzlich bei den
Worten des Herzogs tief verneigt und -- da waren alle ihre Haare am Baum
hngen geblieben.

Kasperle, der tief im dichten, grnen Laub sa, war am allerverdutztesten.
Erst hatte er die Prinzessin ein wenig gezupft, die hatte das nicht
gemerkt; da hatte er ein Zweiglein genommen, es in die Haare gesteckt, noch
eins und noch eins, und es war wie bei Absalom: die Prinzessin blieb am
Baume hngen oder vielmehr nur ihre Haare, denn sie stand kahlkpfig und
sehr verdattert da.

Ein paar Augenblicke wute sie gar nicht, was sie sagen sollte, aber dann
rief sie laut, sie falle in Ohnmacht, und just da rutschte Kasperle oben
auf dem Baume aus, und ein Beinchen baumelte pltzlich herab.

Kasperle! schrien viele Stimmen, alte und junge, freundliche und
unfreundliche; eine aber schrie Kasperle!, als wollte sie das Kasperle
gleich aufspieen. Das war die Prinzessin Gundolfine. Und wutsch! ergriff
sie Kasperles Bein, zog und zerrte, Kasperle verlor das Gleichgewicht und
plumpste wie ein Apfel vom Baume herab.

Er mu aufgehngt werden, eingesperrt, durchgeprgelt, schrie die
Prinzessin, und dabei schlug sie mit der Faust auf Kasperle ein; gar nicht
ein bichen prinzessinnenhaft sah das aus. Und so ein bitterliches Gesicht
machte sie dazu, da der Graf von Singerlingen bei sich dachte: Dem Himmel
sei Dank, da sie noch nicht meine Frau ist, die heirate ich nie und
nimmermehr!

Kasperle schrie, die Prinzessin schlug, und der Herzog wurde grn und gelb,
so rgerte er sich. Nehmt Kasperle, tragt ihn ins Schlo und sperrt ihn
ein! sagte er hart zu seinen Dienern. Und diesen, denen das arme Kasperle
leid tat, war der Befehl nur recht, sie entrissen Kasperle der wtenden
Prinzessin und schleppten ihn ins Schlo. Dort sperrten sie ihn in ein
kleines, dunkles Gemach, das nur ein vergittertes Fensterlein hatte.

Da sa Kasperle am Hochzeitstag seines Freundes Michael gefangen, und
niemand hrte sein bitterliches Weinen. Die schne Grfin Rosemarie bat
zwar unter Trnen den Herzog, er mchte doch Kasperle freilassen, aber der
sagte streng: Nein, er bleibt eingesperrt, und wenn du noch ein Wort
sagst, Rosemarie, dann bekommst du den Geiger nicht zum Mann.

Es war wirklich gar keine frhliche Hochzeit. Wohl sangen die Vgel im
Freien: Rosemarie ist Braut, Rosemarie, Rosemarie! Und die Blumen dufteten
kstlicher als sonst. Im Dorf tanzten die Leute vergngt und sangen dazu:

   Rosemarie, du feine,
   Du bist nicht mehr alleine,
   Einer, der schn geigen kann,
   Ist nun dein herzlieber Mann
   Lalala, lalala.


Aber die schne Rosemarie war doch traurig an ihrem Hochzeitstag, und der
Geiger Michael war es auch. Das tat einem leid, und zwar dem guten Grafen
von Singerlingen. Der dachte: Wenn ich nun auch nicht die schne Rosemarie
bekommen habe, traurig soll sie doch nicht sein. Er stand darum von der
Tafel auf, hielt sich sein Taschentuch vor das Gesicht, und die Prinzessin
Gundolfine, die nun wieder Haare hatte, fragte ordentlich zrtlich: Sie
haben wohl Nasenbluten?

Der Graf sagte kein Tnlein, er ging zum Saal hinaus, ging schnurstracks in
die Kche und verlangte von der alten Liesetrine Braten, Kompott und sehr
viel Torten sowie Sspeise. Darob sah ihn die alte Liesetrine sehr
verwundert an, aber sie hufte alles, was er wollte, auf Teller, stellte
sechs in eine Reihe auf ein Brett und fragte, ob's nun genug sei. Bei sich
dachte sie: Nein, ist der Graf ein Vielfra!

Der Graf von Singerlingen nickte, nahm das Brett und spazierte damit ganz
feierlich zur Kche hinaus. Er ging, bis er einen Diener fand, der Kasperle
mit fortgetragen hatte. Ich will zu Kasperle, sagte er, schlie mir
auf!

Nun wagte der Diener dem Grafen, der morgen des Herzogs Base heiraten
sollte, nicht zu widersprechen, auch gnnte er Kasperle wohl alle guten
Dinge. Er zeigte dem Grafen also den Weg, holte den Schlssel und schlo
auf. Er brachte auch eine dicke, dicke Kerze herbei, weil es in Kasperles
Kmmerchen ganz dunkel war.

Kasperle kauerte im Winkel und heulte. Da fiel auf einmal ein heller
Lichtschein herein, und er sah den Grafen von Singerlingen mit lauter guten
Dingen mitten in der Kammer stehen. Er verga das Weinen, setzte sich
vergngt an den Tisch und begann zu schmausen. Das ging, potztausend!

Kasperle, lieber Himmel, kannst du aber flink essen! rief der Graf
verwundert. Und dann erzhlte er Kasperle von der Hochzeit.

Auf einmal rutschte Kasperle zu ihm hin, schlang seine Arme um ihn und bat:
Heirate sie nicht, sie ist schlimm! Tu's ja nicht!

Ja, sie ist schlimm, rief der Graf, und ich heirate sie auch nicht.

Sie meinten aber alle beide die Prinzessin Gundolfine.

Nun gab der Graf Kasperle noch allerlei gute Lehren, sagte ihm, der Herzog
sei eigentlich nicht bse, sondern nur oft schlecht gelaunt, er solle ihn
ja nicht rgern. Und dann kte der gute Graf das Kasperle, und Kasperle
bekam pltzlich schrecklich Angst vor dem Alleinsein und bat: Nimm mich
mit!

Kasperle, sagte der Graf, du hast doch dein Wort gegeben, denn sonst
htte dein Michele nicht die Grfin Rosemarie bekommen.

Kasperle seufzte tief. Ja freilich, das hatte er, und selbst ein unntzes
Kasperle hlt sein Wort. Er versprach dem Grafen noch, erschrecklich brav
zu sein, und dann ging der, und Kasperle trug ihm viele Gre an Rosemarie
und sein Michele auf.

Die beiden staunten, als der Graf von Singerlingen ihnen erzhlte, er sei
bei Kasperle gewesen. So, und nun reise ich heimlich ab, flsterte er der
schnen Rosemarie zu. Fr die Prinzessin danke ich schn! --

Man soll Kasperle holen, rief in dem Augenblick der Herzog, er soll uns
etwas vorkaspern!

Das mu ich noch sehen, flsterte der Graf. O weh, o weh, wenn da nur
nicht eine Dummheit herauskommt!

Ein paar Diener liefen und holten den Kasperlemann, holten auch Kasperle,
der sollte in des Kasperlemanns Budchen spielen.

Mach's nur gut! ermahnte der Kasperlemann.

Schwipp! hatte er einen Nasenstber von Kasperles Fu bekommen.

Au! schrie er, und im Saal riefen sie: Anfangen!

Da steckte Kasperle flink den Kopf heraus und machte sein allerbsestes
Rubergesicht, und dann auf einmal sah Kasperle wie die Prinzessin
Gundolfine aus. Er wuschelte sich immer auf dem Kopf herum, als suche er
sein Haar, und alle im Saal fingen an zu lachen.

Er macht es mir nach, kreischte die Prinzessin, er -- hach! und pardauz
fiel sie in Ohnmacht, denn gerade hatte Kasperle sein Teufelsgesicht
gemacht.

Diese dummen Ohnmachten! brummte der Herzog. Dem hatte Kasperle nmlich
viel Spa gemacht, und er lchelte sogar ein wenig.

Rosemarie dachte schon, Kasperle wrde nun dableiben knnen, aber der
Herzog gebot: Sperrt ihn wieder ein!

Das war betrblich.

Kasperle zog traurig ab. In seinem Kmmerlein legte er sich aber mitten auf
den Tisch, und da schlief er ritze ratze ein. Und er hrte nicht, wie die
Gste abfuhren, wie es stiller und stiller im Schlo wurde, er hrte auch
nicht, da der Graf von Singerlingen in aller Stille abreiste. Er erwachte
erst, als ihn jemand krftig schttelte. Ghnend richtete er sich auf und
sah sich verschlafen um. Ein Diener stand da, der lachte, als er in das
blitzdumme Kasperlegesicht sah. Steh auf, sagte der Mann, wir reisen ab.
Flink, flink, und dann, Kasperle, halte heute deinen Mund! Der Herr Herzog
ist sehr schlechter Laune.

Warum denn? Kasperle starrte den Diener mit aufgerissenem Munde an. Er
dachte: Aber ich habe doch geschlafen und keine Dummheit gemacht!

Weil der Graf von Singerlingen heimlich davongefahren ist und einen Brief
geschrieben hat, er werde die Prinzessin Gundolfine nicht heiraten.

Ich tt's auch nicht, brummelte Kasperle, n, die nicht

Das glaub' ich schon! Der Diener lachte, und weil er es gut mit dem
kleinen dummen Kasperle meinte, riet er dem noch: Nimm dich aber vor der
Prinzessin in acht, die ist schrecklich bse auf dich; sie sagt, du wrst
an allem schuld und mtest noch bestraft werden.

Na, eine erfreuliche Aussicht war das gerade nicht. Kasperle kletterte
seufzend von dem Tisch herab und folgte dem Diener. Drauen standen die
Wagen schon zur Abfahrt bereit, und der Herzog lie sich eben von Rosemarie
und Michael an den seinen geleiten. Er sah wirklich aus wie vierzehn Tage
ganz abscheuliches Regenwetter, und selbst die schne Rosemarie bekam
keinen freundlichen Blick.

Als der Herzog Kasperle sah, rief er: Der soll auf dem Bock sitzen!

Da kreischte die Prinzessin Gundolfine: Nein, nein, das soll er nicht!

Doch, er soll! rief der Herzog, und Kasperle wurde auf den Bock gehoben.
Er wollte erst noch Abschied von seinem Michele und Rosemarie nehmen, aber
der Herzog brummte: La das, du gehrst mir und damit basta!

Da konnte Kasperle nicht einmal Abschied von seinen Freunden nehmen. Er sa
auf dem Bock, zwischen Kutscher und Diener, und heidi, fort ging die Fahrt!

Kasperle winkte und winkte noch, solange er Michele und Rosemarie sehen
konnte, aber dann entschwand das Schlo seinen Blicken, er fuhr in die
Fremde hinein.

Uff! schrecklich tief seufzte Kasperle, und der Diener fragte mitleidig:
Du hast wohl Hunger?

Aber ach, da fing das Kasperle an zu heulen nach Kasperleart. Innen im
Wagen erschrak der Herzog furchtbar. Was ist das? rief er. Uns rennt
wohl ein wildes Tier nach? Halten, halten!

Der Wagen hielt, Kasperle heulte unverdrossen weiter; und der Herzog bog
sich erschrocken zum Fenster hinaus. Was ist geschehen?

Mit Verlaub, Euer Gnaden, Kasperle heult, antwortete der Diener.

Kasperle heult! Ganz verwirrt schaute der Herzog drein, aber die
Prinzessin Gundolfine schrie: Das ist eine neue Bosheit von ihm. Prgel
mu er haben!

Er soll gleich still sein, sonst gibt es Haue, rief der Herzog. Und dann
steckt ihn in den Gepckwagen, das ist besser.

Also wurde Kasperle in den Gepckwagen gesteckt, zwischen alle Koffer,
Schachteln und Kisten mitten hinein, und der Diener, der es tat, gab ihm
mitleidig noch ein Paket Butterbrote. Nun mach' also keine Dummheiten!
sagte er gutmtig. Er schlo die Tre, und weiter ging die Reise.

Rumpel, pumpel, die Koffer und Schachteln wackelten hin und her, und
Kasperle dachte: Na, schn ist das gerade nicht! Alle naselang bekam er
einen Sto von einem Koffer, und das wurde ihm doch zu toll. Er fing also
an zu klettern und sa schlielich oben auf einer groen Rundschachtel. Da
setzte er sich recht behaglich hin und begann zu schmausen. Aber gerade wie
er beim dritten Butterbrot angelangt war, gab es einen lauten Krach: der
Deckel der Schachtel barst und Kasperle fiel hinein. Er lag ganz weich
zwischen Spitzen, Federn, Blumen und Bndern; er war nmlich in die
Haubenschachtel der Prinzessin Gundolfine gefallen.

Kasperle wuschelte und raschelte darin herum, warf dabei etliche
Staatshauben hinaus, ein paar, die weich und fein waren, knllte er
zusammen, da hatte er ein schnes Kopfkissen, und dann setzte er sich noch
eine riesengroe seidene, vielfach bebnderte Haube auf, rollte sich wie
ein Igel zusammen und schlief ein.

Kasperle verschlief wieder allerlei. Er verschlief zum Beispiel eine
Mittagsrast, die der Herzog in einem kleinen Stdtchen hielt.

Weil die Prinzessin Gundolfine so arg wtend war, sagte der Herzog, man
solle Kasperle ruhig im Gepckwagen lassen, da sei er gut aufgehoben. Also
kmmerte sich niemand um den kleinen Schelm, und nach einer Stunde gingen
die Wagen weiter. Kasperle schlief und schlief.

Am Nachmittag zog sich ein Ungewitter zusammen. Die schwarzen Wolken
rannten dem herzoglichen Wagen nach, und weil sich der Herzog erschrecklich
vor einem Gewitter frchtete, befahl er, in Dingelhausen solle geschwind
Rast gemacht werden. Dingelhausen war ein herzogliches Gut, und der Pchter
kam gleich angelaufen, als die Wagen alle vor das Schlo fuhren.

Just in dem Augenblicke wetterte es aber auch schon los. Bum, bum, krach!
Der Regen platschte herab, und der Herzog, die Prinzessin und alle Hofleute
rannten in das Schlo hinein, die Wagen wurden in den Schuppen geschoben,
und kein Mensch kmmerte sich um Kasperle.

Der Herzog sagte, er msse gleich in sein Bett gehen, der Leibarzt riet, er
solle Kamillentee trinken, die Prinzessin rief, sie msse auch in das Bett
gehen, und erst, als der Herzog im Bette lag, fiel ihm das Kasperle ein. Er
rief erschrocken: Kasperle ist ausgerissen! Sein zweiter Kammerdiener
aber kam und sagte, er habe Kasperle in den Wagen, in dem das groe Gepck
sei, gesteckt, da knne er nicht hinaus, und Butterbrote habe er ihm auch
dazu gegeben.

Na, dann ist's gut! brummelte der Herzog. Da mag er nur drin bleiben.
Solange die Prinzessin, meine Base, noch mitreist, ist es besser, Kasperle
kommt nicht zum Vorschein.

Und dann trank der Herzog lieber Schokolade als Kamillentee, streckte sich
behaglich im Bett aus, denn seine Gromutter hatte behauptet, ins Bett
schlage der Blitz nicht. Um das arme Kasperle aber kmmerte sich niemand.
Ja, die Prinzessin Gundolfine sagte sogar, der Gepckwagen sei eigentlich
zu gut fr das bse Kasperle.




Siebentes Kapitel

In der Haubenschachtel

Es blitzte, donnerte und regnete arg an diesem Nachmittag, und es schien
gar nicht aufhren zu wollen. Bum, bum, krach! ging das immerzu. Mal tat es
so, als wollte es besser werden, aber gleich donnerte und blitzte es wieder
heftig, und der Herzog gab die Weiterreise schlielich auf. Er hatte die
Prinzessin Gundolfine noch nach ihrem Schlo Burggrn bringen wollen, aber
da sich auch die Prinzessin schrecklich frchtete, blieben alle beide in
Dingelhausen, und alle beide blieben sie gleich im Bette liegen.

Und weil die Begleiter des Herzogs und die Hofdamen der Prinzessin nichts
anzufangen wuten und alle mde waren, gingen sie auch in das Bett. Bald
lag das kleine Schlo dunkel da, der Pchter, seine Frau, seine Leute, alle
schliefen, und alle hrten nur noch, wie der Regen nachlie. Das Wetter zog
vorbei. Allmhlich kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein und der Mond,
der nun schon ein recht schiefes Gesicht hatte, kam auch, um zu sehen, was
tagsber geschehen war.

Im Wagenschuppen, wo der Gepckwagen stand, war es ganz dunkel, aber der
Mond fand doch einen Spalt, schaute durch den hinein, Kasperle gerade ins
Gesicht. Daran wachte Kasperle nun freilich nicht auf, sondern von einem
heftigen Gerumpel in seinem Mglein. Er hatte Hunger. Als Kasperle die
Augen aufschlug, wute er erst nicht, wo er sich befand. Auch da er Hunger
hatte, kam ihm nicht zum Bewutsein; nur da da in seinem Magen etwas nicht
in Ordnung war, merkte er. Verwirrt richtete er sich auf, das raschelte und
rauschte um ihn herum, und der Mond schien so freundlich zu ihm herein. Da
besann sich Kasperle nach und nach auf alles, was geschehen war. Auch die
Butterbrote fielen ihm ein, und er fand die neben sich in dem groen
Haubenkoffer liegen. Da begann er zu schmausen, und als er satt war, hatte
er auch Lust, ein bichen Dummheiten zu machen.

Freilich, in einem Gepckwagen lt sich schwer etwas anstellen, zumal nur
gerade das Fleckchen, auf dem der Haubenkoffer stand, etwas hell war; alles
andere lag im tiefen Schatten.

Kasperle ghnte, Kasperle seufzte, es war doch recht langweilig in einem
Gepckwagen! Auf einmal zwickte und zwackte ihn etwas, sein kleines
Kasperleherz tat ihm weh. Er dachte an das Waldhaus und seine Bewohner, an
sein Michele und die schne Rosemarie, und da wuschelte er den Kopf in der
Prinzessin Gundolfine Hauben und schluchzte bitterlich.

Wie schwer war es doch, so ein armes, verlassenes Kasperle zu sein! Nun
mute er immer bei dem Herzog leben, vielleicht sah er die Waldhausleute
nie, nie wieder und sein Michele nicht und Rosemarie nicht.

Ach, sicher, der Herzog war boshaft! Der wrde nie sagen: Geh zum Teufel!
Der wrde ihn immer gleich einsperren und auch hungern lassen.

Kasperle trommelte mit beiden Fusten wtend auf den Hauben herum. Schlimm,
schlimm, schlimm erging es ihm!

Ausreien wre am besten, dachte er.

Aber da meinte er seines Michele Stimme zu hren, die sprach: Sein
Versprechen mu man halten. Ein Schuft, wer sein Wort bricht.

Kasperle sthnte. Ach, er hatte es schon schlecht jetzt! Und dann fiel ihm
seine Urheimat ein, die schne Kasperleinsel, von der er oft getrumt
hatte. So ganz genau wute er es nicht mehr, wie es da war. Immer, wenn er
an die ferne, unbekannte Insel im Weltmeer dachte, sah er ja nur viele,
viele bunte, leuchtende Blumen, meinte seltsam schne Vgel singen zu hren
und andre kleine lustige Kasperles zu sehen. Aber alles war ihm nur noch
wie ein Traum; er war schon so lange unter den Menschen, da hatte er vieles
vergessen.

Gewi finde ich nicht mehr auf meine Kasperleinsel zurck, dachte der
kleine Kerl traurig. Er wuschelte wieder den Kopf zwischen Prinzessin
Gundolfines Staatshauben und weinte aufs neue. In einem Gepckwagen
eingeschlossen zu sein, so allein in der Nacht, ist aber auch so eine
Sache.

Doch allzulange kann ein Kasperle nicht traurig sein. Kasperle sah den Mond
neugierig in den Gepckwagen gucken, und weil der kleine Dummkopf meinte,
der Mond htte just nichts anderes zu tun, als ihn, das Kasperle,
anzusehen, nahm er eine der Staatshauben, stlpte sie sich wieder auf den
Kopf und grinste den Mond an.

Bh! machte Kasperle, aber -- pltzlich sank er vor Schreck in die groe
Haubenschachtel zurck.

Was wisperte, flsterte, raschelte und klirrte denn da drauen?

Kasperle konnte nichts sehen, aber er hrte Stimmen, hrte leise, leise
Schritte.

Jemand sagte: Dort in der Ecke, der ist's!

Eine andere Stimme antwortete: Nur leise, leise, damit sie im Schlo
nichts hren!

Sie schlafen alle, kein Fenster ist mehr hell, erwiderte die erste
Stimme.

Die andere sprach: Nimm dich in acht, hier sind groe Pftzen, platsch'
nicht hinein! Werden auch die Hunde schweigen?

Ach die! Denen habe ich jedem eine Wurst zugeworfen, sagte wieder der
erste. Und der zweite fragte: Weit du, wo der Koffer mit all den goldenen
Orden und Diamanten steht?

Freilich, gleich links an der Seite; ich habe doch den Wagen oft packen
helfen.

Nun lachten beide und rippelten und rappelten drauen am Schlo, und dabei
sagte die erste Stimme: Der Prinzessin Gundolfine ihre Staatskleider sind
auch im Wagen, vielleicht finden wir sie.

Ich hab' eine Laterne, die kann ich im Wagen anznden, antwortete der
andere wieder, und diese Stimme kam Kasperle merkwrdig bekannt vor.

Wer konnte das nur sein?

Kasperle zitterte vor Angst. Sicher waren es Diebe. Wenn die ihn fanden, --
oh, dann konnte es ihm schlimm ergehen! Ich krieche unter die Hauben,
dachte er, aber gleich fiel es ihm ein, wenn er recht, recht laut schrie,
dann hrte man es wohl im Schlo, und vielleicht rissen die Diebe auch aus
und stahlen nichts.

Potz Wetter, aber das ist fest verschlossen! brummte einer.

Rippel, rappel, der Wagen schwankte hin und her, da tuschelte drauen die
Stimme: Jetzt geht's.

Krach, sprang das Schlo auf, zwei Mnner schauten in das Dunkel hinein.
Einer tastete mit der Hand nach links und sagte enttuscht: Jetzt steht ja
der kleine Koffer nicht mehr da!

Ich znde die Laterne an.

Tu's lieber nicht! mahnte der erste.

Ach was, hier sieht es ja niemand! erwiderte der zweite. Er begann auf
sein Feuerzeug zu schlagen, ein Fnkchen flammte auf, und gleich darauf
brannte eine kleine Laterne.

Wir mssen alles durchsuchen, sagte der erste.

Kasperle wurde es glhhei vor Angst. Ich mu sie erschrecken, dachte er.
Und auf einmal fiel ihm ein, er wollte so ein essigsaures Gesicht wie die
Prinzessin Gundolfine machen.

Er hatte es kaum gedacht, da scho er auch schon aus dem Haubenkoffer
heraus. Die groe Haube der Prinzessin wackelte auf seinem Kopf, und die
beiden Diebe brllten entsetzt: Die Prinzessin, die Prinzessin!

Noch mehr als sie aber brllte Kasperle, und eins, zwei, drei schlug er den
beiden die Hauben um die Kpfe, da denen Hren und Sehen verging.

Klirr, fiel die Laterne zu Boden, schreiend wollten beide fliehen, beide
rannten an die Schuppentre, pardauz! schlug sie dem einen an den Kopf,
bums! dem andern. Der erste verlor das Gleichgewicht, purzelte und versank
drauen in einer groen Pftze, der andere stolperte ber ihn, -- platsch!
lag er auch da. Au, sthnte er, mein Bein!

Meine Nase! chzte der andere.

Innen aber brllte Kasperle, so gellend laut er nur konnte, und da wurde es
hell im Schlo und im nahen Stall; der Pchter kam, Knechte kamen, die
Hofleute wurden wach, und ehe die beiden Diebe noch auf den Beinen standen,
da waren sie schon umringt.

Hallo, das ist der Kasperlemann! rief einer.

Hallo, der fortgejagte Klaus! schrie ein anderer.

Jemine, aber wer schreit im Wagen so schrecklich? fragte der Pchter.

Ach du lieber Himmel, das ist ja Kasperle! Der eine Diener leuchtete mit
einer Laterne, ein paar andere drngten nach, whrend die Knechte die
beiden Diebe fortschleppten. Da stand der Gepckwagen auf und da --

Die Prinzessin! rief der erste Diener entsetzt.


Alle guten Geister, die Prinzessin sitzt im Gepckwagen! kreischten die
andern. Und weil sie alle vor der Prinzessin eine groe Angst hatten,
rannten sie alle zurck und schrien nur immerzu: Die Prinzessin sitzt im
Gepckwagen, die Prinzessin sitzt im Gepckwagen!

ber dem Lrm wurde der Herzog munter, er fragte laut: Was ist denn los?

Da strzte sein Kammerdiener in das Zimmer und rief: O, gndiger Herr
Herzog, die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepckwagen, und beinahe wre
sie gestohlen worden!

Im Gepckwagen? stammelte der Herzog. Nein, sie hat doch auch zu
wunderbare Launen!

Wo soll ich sitzen? kreischte drauen auf dem Flur die Prinzessin. Wer
sagt, da ich im Gepckwagen sitze? Was ist das fr eine Frechheit!

Die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepckwagen. Der jngste Page rannte
den Flur entlang, und schwipp, schwapp hatte er eine Ohrfeige rechts und
eine links, und vor ihm stand die Prinzessin in einem dottergelben
Schlafrock und rief ihm zu: Siehst du nicht, da ich hier stehe? Wie kann
ich da im Gepckwagen sitzen! Was ist das berhaupt fr eine dumme Rede?
Ich habe noch nie im Gepckwagen geschlafen.

Aber -- aber -- Der Page konnte vor Erstaunen kein Wort reden.

Doch da kam schon wieder ein Diener gelaufen, der schrie auch: Die
Prinzessin sitzt im Gepckwagen!

Schwipp, schwapp, hatte er auch ein paar Ohrfeigen weg, und als er darob
ein furchtbares Gebrll anfing, steckte der Herzog selbst seine Nase aus
dem Zimmer heraus und fragte: Aber liebe Gundolfine, was ist das? Warum
hast du denn im Gepckwagen gesessen?

Jetzt das ist mir doch zu dumm! rief die Prinzessin entrstet. In meinem
ganzen Leben habe ich noch nicht im Gepckwagen gesessen; das wre ein ganz
unschicklicher Aufenthalt und --

Der hat im Gepckwagen gesessen und die Diebe verjagt! Der Pchter kam
angelaufen, im Arm hielt er das Kasperle, das noch immer der Prinzessin
allerschnste Staatshaube auf dem Kopfe trug. Es zappelte und schrie arg,
als es die Prinzessin erblickte.

Hach, meine allerbeste, allerteuerste Haube! Gundolfine strzte sich
wtend auf das Kasperle, und sie htte ihm wohl die Haare ausgerissen, wenn
der Pchter den kleinen Kerl nicht beschtzt htte.

Mit Verlaub, sagte der, dem darf nichts getan werden, das ist ein
ungeheuer tapferer Bursch; der hat so geschrien, da die Diebe in eine
groe Pftze gefallen sind und --

Meine Haube, meine Haube, du abscheuliches Kasperle! Die Prinzessin
strzte sich wieder auf Kasperle, und der Pchter drehte sich vor Schreck
mit dem rund um.

Doch da gebot der Herzog streng: Ruhe! Jetzt soll erst einmal Kasperle
erzhlen, was eigentlich geschehen ist. Niemand darf ihn anrhren.

Kasperle schluchzte, erst konnte er gar nicht sprechen, aber dann erzhlte
er doch, wie er die Diebe gehrt habe, die des Herzogs Orden und der
Prinzessin Staatskleider htten rauben wollen. Da habe ich mir flink eine
Haube aufgesetzt und habe ein Gesicht wie die da gemacht, schlo Kasperle
und deutete mit dem Fingerlein auf die Prinzessin, weil -- weil sich vor
der alle graulen.

Hach, ist das frech! Die Prinzessin wollte in Ohnmacht fallen, aber sie
sah auf einmal, wie alle lchelten; selbst der Herzog schmunzelte, als nun
der Pchter erzhlte, die Diebe, der Kasperlemann und ein frherer Diener
Klaus, seien noch ganz verdattert vor Schreck, sie meinten wirklich, die
Prinzessin habe selbst im Gepckwagen gesessen.

Er mu Haue haben! Die Prinzessin war wirklich zornig.

Nein, sagte der Herzog, Kasperle hat sehr mutig gehandelt. Sei doch
froh, da deine Staatskleider nicht geraubt sind!

Aber meine Haube!

Nun, der einen Haube ist ja nichts geschehen! Der Herzog war rgerlich.
Er befahl, man solle Kasperle nun in ein Bett legen, damit er sich
ausschlafen knne, er habe sich so mutig benommen, und er wre ihm sehr,
sehr dankbar. Und er nickte dem Kasperle freundlich zu, und alle nickten
auch freundlich, nur die Prinzessin sah bitterbse aus, und dem Kasperle
war das Herz recht schwer, als er daran dachte, da er zwischen den Hauben
und Hten der Prinzessin gelegen hatte. O weh, das wrde morgen eine bse
berraschung geben!

Der Diener Veit, der Kasperle in ein Zimmer fhrte, war ein gutherziger
Bursche; er merkte wohl, da etwas Kasperle bedrckte, und freundlich
fragte er: Was fehlt dir denn?

Sthnend vertraute ihm Kasperle an, wo er im Gepckwagen gelegen hatte.

Veit lachte. Ja, warum stecken sie dich auch da hinein! sagte er. Aber
sei getrost, ich schliee den Koffer noch, und morgen wird er abgeladen. Da
merkt die Prinzessin erst auf ihrem Schlo, da du zwischen ihren Hauben
gesessen hast. Warum sperren sie dich auch da ein! Wenn einer im Dunkeln in
etwas fllt, kann er nichts dafr.

Das trstete Kasperle sehr. Er reckte und streckte sich in seinem Bett aus,
und er kam sich schlielich selbst wie ein kleiner Held vor.

Kasperle schlief vergngt bis zum Morgen, er schmauste vergngt sein
Frhstck, und dann durfte er dem Herzog guten Morgen sagen. Der schenkte
ihm zur Belohnung fr seine Tapferkeit gestern eine groe Tte Zuckerwerk
und sagte, nachher, wenn er sich von der Prinzessin, die nur noch zwei
Stunden weit mitfahre, getrennt habe, solle er in den Wagen zu ihm kommen.
Er drfe auch noch um etwas bitten, er solle sich nur recht berlegen, um
was; nur um seine Freiheit drfe er nicht bitten.

Das war ein ganz vergnglicher Morgenanfang. Trotzdem man so etwas in eines
Herzogs Gegenwart eigentlich nicht tut, steckte Kasperle doch gleich seine
groe Nase in die Zuckertte.

Da seufzte und sthnte es vor der Tre; die tat sich auf, und herein wurden
der Kasperlemann und Klaus gefhrt. Der Herzog sah sie streng an. Ihr
bekommt schwere Strafe, sagte er; ihr mt viele Jahre im Gefngnis
sitzen.

Gnade, Gnade! Der Kasperlemann weinte und Klaus weinte, sie knieten alle
beide vor dem Herzog nieder und flehten immerzu, er mchte ihnen verzeihen,
sie wrden auch nie, nie wieder so etwas Schlimmes tun. Die Kinder sind
immer mit ihren Pfennigen davongelaufen, darum bin ich in groe Not
gekommen, sagte der Kasperlemann. Und dann dachte ich, bei der Hochzeit
der Grfin Rosemarie wrde ich spielen drfen; man hat mich aber gar nicht
recht vorgelassen.

Ach, und meine Kinder sind krank! jammerte Klaus. Ach bitte, guter,
lieber Herr Herzog, seid mir doch gndig!

Nichts da, eingesperrt werdet ihr und viele, viele Jahre lang! brummte
der Herzog unwirsch.

Kasperle dachte: Er ist doch nicht gut. Schlimm waren ja die beiden, aber
da sie nun so baten und ihre Tat so bereuten, sollte der Herzog doch nicht
so streng sein. Und pltzlich fiel Kasperle etwas ein. Er hob seine Nase
aus der Zuckertte heraus, schluckte rasch noch ein Stck hinab, schnitt
dabei ein so furchtbares Gesicht, da der Kasperlemann dachte: O weh, jetzt
klagt mich Kasperle auch noch an!

Der aber sagte: Herr Herzog, du hast mir was versprochen; jetzt wei ich,
was ich mir wnsche.

Gewi noch eine Zuckertte, deine ist bald leer, sagte der Herzog.
Kasperle, du wirst noch Bauchweh bekommen!

N, rief Kasperle vergngt. Er deutete mit dem Fingerlein auf die beiden
Diebe. Gib die frei, Herr Herzog! bettelte er.

Was, Kasperle, du bittest fr den Kasperlemann? rief der Herzog erstaunt.
Der hat dich doch immerzu verfolgt!

Ach! Kasperle stopfte einen Schokoladekringel in den Mund, kaute mit
vollen Backen und schnatterte vergngt: >Man mu vergessen und vergeben
knnen,< hat immer Liebetraut gesagt; ich bin nicht mehr bse, n.

Der Herzog schmte sich ordentlich ein bichen ber seine Hrte. Na,
meinetwegen, brummelte er, die beiden mgen frei sein, frei, weil
Kasperle darum gebeten hat. Aber weit du auch, Kasperle, da du nun keine
Bitte mehr frei hast?

Kasperle grinste vergngt und steckte ein groes rotes Zuckerherz in den
Mund; schluck, schluck, da war es hinunter.

Aber Kasperle, du bist ein Vielfra! rief der Herzog erschrocken.

So 'n bichen, rief Kasperle und schwenkte die riesengroe Zuckertte hin
und her. Und pltzlich schrie er laut: Hurra, sie sind frei, frei, frei!
Er brllte so entsetzlich, da der Herzog sich die Ohren zuhielt. Geht,
geht hinaus! rief er, und, Kasperle, i du lieber weiter von deiner
Zuckertte, als so mrderlich zu schrein.

Der Kasperlemann und Klaus dankten dem Herzog nochmals, und als sie
hinausgingen, flsterten sie beide: Kasperle, die Guttat vergessen wir dir
unser Lebenlang nicht!

Kasperle aber fra vergngt weiter aus seiner Zuckertte, vergngt
kletterte er dann zu seinem neuen Freund Veit in einen Wagen, und der
erzhlte ihm: Kasperle, die Hte und Hauben der Prinzessin sehen aber arg
wst aus! Na, das wird ein Geschimpfe geben! Gut, da wir es nicht hren.
Du bist doch aber ein rechter Schelm! -- H, hott! Los ging die Reise, die
Landstrae entlang, dann kam ein Waldweg, ein Flu, und als sie ber dessen
Brcke kamen, standen da etliche Reisewagen; die Prinzessin Gundolfine
stieg hier aus.

Kasperle sah, wie das Gepck ausgeladen wurde, er sah auch die riesengroe
Hutschachtel, und er sah, wie die Prinzessin sie mitrauisch musterte. Der
Deckel ist aufgewesen, rief sie, der sieht kaputt aus.

Ach, Unsinn! brummte der Herzog. Bringt Kasperle in meinen Wagen! Und
dann weiter, ich habe keine Zeit mehr.

Kasperle huschte flink in des Herzogs Wagen, die Pferde zogen an, und just
in dem Augenblick sah Kasperle, wie die Prinzessin in ihre Hutschachtel
hineinschaute. Die kreischte laut auf, denn innen war nur ein zerdrcktes
Gewhl und Durcheinander, und mitten auf dem besten Sonntagshut, der ganz
verbogen war, lag noch eine angebissene Butterschnitte.

Die Prinzessin rang die Hnde und drohte wtend den davonrollenden Wagen
nach. Der Herzog sah es nicht, aber Kasperle sah es, und er brach in ein so
unbndiges Lachen aus, da selbst der grillige Herzog mitlachen mute. Er
mute sich zuletzt den Bauch halten vor Lachen, und er dachte: Es ist doch
gut, da ich das Kasperle habe, das wird mir sicher immer meine bse Laune
vertreiben.




Achtes Kapitel

Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch

Da sa nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch.
Dort wohnte der Herzog immer den Sommer ber. Der Weg ging stetig aufwrts,
und auf einmal tauchte auf luftiger Hhe ein groes, helles Schlo auf;
seine Fenster glnzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten
von seinen Trmen herab.

Kasperle verga in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem
Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schlo. Er steckte seinen Kopf zum
Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade
sagen: Kasperle, fall nicht heraus! Da lag Kasperle schon. Pardauz!
mitten zwischen ein Trpplein Kinder fiel er, die sich neugierig
aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen.

Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige
Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurck und erhoben einen
ungeheuren Lrm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer
wei was gebrochen; da ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich
Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: Kasperle ist
verunglckt, helft, helft! Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das
Kasperle aber stand putzmunter auf, schttelte sich und schnitt so
blitzdumme Gesichter, da die Kinder vor Lachen beinahe auseinander
platzten.


Dies rgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelrme
nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern;
er war der Herr, Kasperle sein Diener. Steig ein! befahl er streng, und
vor seinem bsen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ngstlich sahen
sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum
Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Rubergesicht, sah dann wie die
Prinzessin Gundolfine aus, und jh ertnte wieder das jauchzende Lachen der
Kinder.

Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es
krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in
sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glck damit bei dem
Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit
seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise
heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rcken, alles tat ihm weh, und die
schne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr.

Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune
grndlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine
vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgescho und stammte noch aus
der Zeit, da das erste Schlo auf dem Platze gestanden hatte. Das war
einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle
liebten, neu aufgebaut worden.

Die Kammern unten waren dster und khl, und das arme Kasperle htte es
recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wre. Der sorgte
fr den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen
genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog
verdrielich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer
Tee trank, saen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermdchen, und
der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das
lustig!

Das Lachen drhnte durch den kleinen Raum und tnte zu dem Fensterchen
hinaus; ber dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der
lag da satt und mimutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von
unten herauf das Lachen ertnte.

Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und
lachte. Das war doch zu toll! Wtend ri er an seiner Klingel, und sein
erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten
sie unten auch gehrt. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig
fragte: Wer lacht so? rief unten Veit: Flink, Kasperle, ins Bett und
alle raus, der Herzog hat uns gehrt!

Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlssel um
und Kasperle kroch in sein Bett.

Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hrte des Herzogs Klage,
und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schlo Kasperles Kammer
auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tnte lautes
Geschnarche.

Der Haushofmeister schttelte den Kopf. Der Herzog hat getrumt, dachte er
und stieg wieder die Treppe hinauf. Kasperle schlft, meldete er oben.

Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her! befahl der Herzog.

Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie:
Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.

Kasperle, der Schelm, regte und rhrte sich nicht, er schnarchte wie eine
Eule. Schlielich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte
sich Kasperle und tat, als knne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben
in des Herzogs Zimmer ri er seinen Mund, so weit er konnte, auf und ghnte
erschrecklich. Uah, uah! Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der
Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht.

Kasperle, rief der Herzog zornig, was tust du da?

Ich schlaaafe!

Du hast gelacht!

Kasperle machte pltzlich sein bitterbses Rubergesicht, und der Herzog
sank erschrocken in seine Kissen zurck. Tragt ihn fort, schliet ihn ein,
und der Schlssel soll hier an meinem Bett liegen! rief der Herzog
rgerlich. Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!

Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurck, warf ihn ins
Bett, schlo zu, und wutsch, sa Kasperle aufrecht da. Er war kein bichen
mde, sondern hatte die grte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er
wartete ein Weilchen, bis alles still drauen auf den Gngen war, dann
zndete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in
einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze
Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gnglein wie
einstmals im Waldschlo des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und
suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Trchen war da,
das fhrte in den Schornstein. Gerade ber seinem Bett war das.

Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als pltzlich ein
furchtbar dumpfes Getse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was
war das?

Huhuhu! klagte, sthnte, chzte es, und der Herzog ri zitternd an seiner
Klingel.

Wieder strzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide
lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tnen.

Kasperle, sicher, das ist Kasperle! chzte der Herzog, und der
Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schlo die Kammer auf und -- da
lag Kasperle und schlief ganz fest.

Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: Er ist's nicht, er
schlft!

Doch, er war's, rief der Herzog. Hrt nur, jetzt ist es still geworden!

Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst
bekommen. Er lie das chzen und Sthnen sein, und als der Haushofmeister
und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun
wirklich ganz fest.

Oben sagten die beiden: Er ist's nicht gewesen.

Doch, er war's, und morgen soll er seine Strafe haben, rief der Herzog.
Jetzt will ich schlafen.

Das wollten alle Leute im Schlo. Bald herrschte die allertiefste Stille,
nichts rhrte und regte sich.

In Kasperles Kammer aber flog ein kleiner Kauz; der flatterte Kasperle um
die Nase herum, und davon wachte er auf. Er schrie aber nicht so
erschrecklich wie die Prinzessin Gundolfine, sondern griff zu und fing den
Kauz. Hach, dachte er, der kann auch durch den Schornstein zurckfliegen,
hinaus kommt der schon! Und flink tat er das Trlein auf und steckte den
armen Kauz hinein. Mochte er sich selber weiterhelfen.

Na, so sehr gemtlich fand der das nicht, durch einen Schornstein zu
fliegen. Er fing also an zu schrein, und wieder fuhr der Herzog erschrocken
in seinem Bett empor. Das schrie und rauschte und flatterte, und der Herzog
kroch unter sein Deckbett und schrie um Hilfe.

Da wurde es wieder lebendig im Schlo, wieder rannte der Haushofmeister
hinab und fand Kasperle schlafend. Diesmal nahm er Kasperle einfach beim
Wickel und trug ihn in des Herzogs Zimmer. Da ist er, rief er, er
schlft wieder.

Er ist es nicht, rief der Kammerdiener, es schreit noch immer.

Ja, es schrie noch immer, denn der arme kleine Kauz fand nicht so schnell
zum Schornstein hinaus.

Uaah, uaah! ghnte Kasperle. Den hatte der Haushofmeister auf den Boden
gelegt, denn er hatte keine Lust, wieder Kasperles Fu in sein Gesicht zu
bekommen.

Er ist es wirklich nicht, rief der Herzog zitternd. Der Kauz flog jetzt
gerade durch den Schornstein seines Zimmers und er klagte laut.

Das ist ein Gespenst, flsterte der Kammerdiener.

Rissel, rassel, schnarchte Kasperle am Boden.

Noch einmal klagte der Kauz in der Esse wie ein kleines Kind, dann war
alles still; der Kauz hatte hinausgefunden. Kasperle schnarchte am Boden
und der Herzog sagte seufzend: Weckt ihn, er soll mir etwas vorkaspern!

Ja, Kasperle wecken, wenn er tat, als schliefe er, war ein schweres Ding!
Aber endlich bequemte sich Kasperle doch, ri seine Augen weit auf und
fragte: Was soll ich?

Hast du vergessen, da du mich unterhalten willst, wenn ich verdrielich
bin? fragte der Herzog brummig.

N! Kasperle grinste, und dann fing er an Purzelbume zu schlagen. Eins,
zwei, drei, klirrrr! ging der groe Pfeilerspiegel in Scherben, weitherum
spritzten die Glasstcke, und der Herzog rief erschrocken: Aufhren,
aufhren!

Da sa das Kasperle schon mitten auf seinem Bett, steckte sich sein eigenes
Bein in den Mund und schickte sich an, auf dem Herzog und dem Bett
herumzukollern.

Um Himmels willen, nehmt ihn weg, sperrt ihn ein! Aber nicht unten in die
Kammer, irgendwo, wo er nicht ausreien kann, rief der Herzog. Ganz
schlecht soll er es haben.

Der Haushofmeister, der bald umfiel vor Mdigkeit, nahm das Kasperle,
zerrte es mit sich fort, und drauen sagte er: Kasperle, wenn du mir
versprichst, ganz brav zu sein, kannst du auf meinem Sofa schlafen; sonst
mut du unten in eine dunkle Kammer gehen.

Will brav sein, rief Kasperle erschrocken.

Still, still! mahnte der alte Haushofmeister, dem der arme kleine Schelm
trotz des Nasenstbers leid tat, damit es der Herr Herzog nicht hrt,
sonst geht es uns beiden bel.

Und er nahm Kasperle mit in seine Stube. Kasperle durfte sich auf ein
weiches, rotes Sammetsofa legen und ungestrt schlafen, und der alte
Haushofmeister dachte, als Kasperle flink einschlief: Armer kleiner Bursch,
wie wird es dir hier noch ergehen! Unserm Herzog es recht zu machen, wenn
er schlechte Laune hat, ist ein bles Ding.

Und dann legte er sich selbst in sein Bett, und nach ein paar Minuten
schliefen alle im Schlo. Nur der Herzog nicht, der war putzmunter vor
lauter Aufregung geworden. Er drehte sich rechtsum, linksum, lag auf dem
Rcken, lag auf dem Bauch, drehte das Kopfkissen um, einschlafen konnte er
nicht.

Daran ist nur Kasperle schuld, brummte er; ich werde einen Kfig machen
lassen und ihn hineinstecken. Warte nur, Kasperle, zum Teufel schicke ich
dich nicht, aber schlimm soll es dir ergehen, wenn du weiter so unntz
bist.




Neuntes Kapitel

Das traurige Marlenchen

Ausgeruht und purzelvergngt flitzte Kasperle am nchsten Morgen in den
Park, der das Schlo umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes
Frhstck gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen
lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog fr bitterbse Gedanken hatte,
ahnte er nicht.

Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es
eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und
nicht sehr fr das Einsperren. Der hatte nur gefragt: Kasperle, lufst du
auch nicht fort? Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von
seinem Versprechen erzhlt, und der Haushofmeister merkte, das brach
Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren.

Der war schn und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflchen, dann ein
kleines Wldchen, durch das ein Bchlein rann. Vergimeinnicht und
Butterblumen blhten an seinem Rande und glnzende Kiesel lagen auf seinem
Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde
Libellen tanzten ber dem Wasser hin.

Das Bchlein gefiel Kasperle gut. Er hrte es rauschen, lief dem Tone nach
und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an
hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mdchen am Rande sitzen
sah. Es war ein feines, schnes Kind, wie das Schneewittchen im Mrchen,
nur die Wnglein waren nicht rot wie Blut, sondern auch wei wie
frischgefallener Schnee.

Hollahe! schrie Kasperle vergngt. Der dachte: Das ist eine feine kleine
Spielgenossin.

Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank bla und
still ins Gras.

Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot
wre. Ganz sachte ging er nher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da
ffnete das Kind die groen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem
Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still
stehen, lie die Nase hngen und wagte kaum sich zu rhren.

Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme
fragte: Wer bist du denn?

Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: Kasperle. Aber du, bist
du eine Prinzessin?

Nein, antwortete die Kleine, ich bin nur das traurige Marlenchen.

Warum bist du denn traurig? Kasperle schnitt die frchterlichsten
Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darber, das
traurige Marlenchen aber beugte sich ber den Bach, und ihre Trnen
tropften in das Wasser. Ich mu immer weinen, klagte sie.

Warum mute denn das? Kasperle weinte ja auch oft und recht tchtig, er
konnte aber nicht begreifen, da jemand immerzu weinen mu.

Um meinen Vater weine ich, flsterte das traurige Marlenchen.

Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur
still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Pltschern des Baches
und das Rauschen der Bume zu hren. Pltzlich aber rief ferne eine Stimme:
Kasperle, Kasperle!

Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: Wenn du gerufen wirst,
komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein. Kasperle schrie
nur noch: Ich komme wieder, und dann rannte er in solchen Bocksprngen
dem Hause zu, da ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah.

Im Schlo kam Veit schon Kasperle entgegen. Schnell, schnell, du sollst
zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbume!

Der Herzog sa in einem schnen, groen Zimmer und war verdrielich. Das
war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er
ghnte und sah Kasperle streng an: Wo warst du?

Im Garten, stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das
traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflsterte:
Still!

Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen
glitzernden uglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf
einmal fragte der Herzog: Kannst du wirklich aussehen wie meine Base
Gundolfine?

Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das
konnte, und pltzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine
drein.

Der Herzog lachte ein wenig und befahl: Schneide noch mehr Gesichter! Da
schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaiger
Kerl ist's schon.

Er war nachher auch ganz gndig und sagte, Kasperle solle eine Stube im
Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle
an des Herzogs Tafel Mittag essen.

Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die
schne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, ber des
kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war
man so etwas nicht gewhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und
was fr Portionen lud sich der Kleine auf!

Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er
immer Schokolade. Da a er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine
Hofleute aen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen.
Denn der Herzog rgerte sich, wenn einer mehr als er selbst a. Nur die
Prinzessin Gundolfine pflegte tchtig zu schmausen. Und nun fra das
Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller
aus und schrie: Nochmal!

Genug, rief der Herzog rgerlich, es gibt nur einmal.

Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, mu ich mich dazu halten! Und beim
zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg trmte er alles auf,
und der Diener, der herumreichte, hatte Mhe sein Lachen zu verbergen. Nun
konnte das Kasperle essen!

Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der
Kammerherr, neben dem Kasperle sa, schubste ihn und flsterte leise: Nimm
nicht so viel!

Kasperle erschrak, und beim nchsten Gang nahm er nur bescheiden ein
winziges Stckchen. Aber dann kam die se Speise, und da war es um
Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der
Herzog bekam ganz groe, runde Augen vor Schreck. Kasperle, rief er, das
ist unbescheiden.

Kasperle versank erschrocken mit seiner groen Nase in dem Puddingberg. Ein
leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: Kasperle soll
aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!

Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein
Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, fhrte ihn aus
dem Saal, und drauen flsterte er ihm zu: Sei still, ich bringe dir
deinen Pudding!

Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mrrisch und
unfreundlich war, nahm Kasperle, fhrte ihn in den Turm, schlo brummig die
Tre zu, und da sa Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das
Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel fr
ihn, und er brach in ein jmmerliches Geheule aus.

Er weinte lange, bis er drauen Schritte hrte. Es war der alte
Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn
gutherzig trstete. Kasperle, sagte er, als der schon wieder
purzelvergngt zu schmausen begann, wenn du mir fest versprichst, keine
Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar
niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich mu nmlich den
Schlssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der
Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm
stecken. Doch der Turm hat noch ein Trchen, von dem aus du die Treppe
hinablaufen kannst. Der Turm ist nmlich noch von dem alten Schlo.

Wie im Waldschlo, rief Kasperle vergngt, und flink schlug er dem Bild
eines wrdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Trlein sei
dahinter.

Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hngen und der alte
Haushofmeister lachte. So flink findest du das nicht, sagte er, und erst
mut du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.

Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wute nicht, da
Kasperle fr die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon groe,
unntze Streiche nennt.

Nun pa also auf! Der Haushofmeister schlo den Schrank auf, verschwand
drinnen und -- kam auf einmal ganz vergngt durch die Tre von auen wieder
in die kleine Stube hereinspaziert.

Das war doch merkwrdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der
Haushofmeister schlo von auen zu, und da sa Kasperle im Schrank. Er
klopfte, drckte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und
er schrie flehend: Rauslassen, rauslassen!

Der Haushofmeister schlo lachend die Tre wieder auf. Siehst du, kleines
Kasperle, sagte er, so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um
herumzugeistern. Aber nun pa einmal auf! Und er drehte an einem
Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand
unversehens drauen auf dem Treppengang.

Das war fein! Vergngt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den
Schrank hinein, war drauen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht
hatte, sagte der Haushofmeister: So, nun ist's genug, nun bleibe jetzt nur
drinnen! Jetzt kannst du ein bichen zum Fenster hinaussehen.

Ach, ich mchte raus! bettelte Kasperle, ich mchte zum traurigen
Marlenchen. Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu.
Schweig! sagte er, davon drfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts
hren, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns bel.

Kasperle ri weit Mund und Augen auf. Was war denn das fr eine
geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen
konnte, erzhlte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das
kleine vergitterte Fenster und begann: Der Vater des traurigen Marlenchens
besitzt ein kleines Schlo; vom Bchlein aus, an dem Marlenchen immer
sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du
es in der Ferne liegen. Er zeigte auf ein Schlo, das sich aus Bumen
heraushob. Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heit er und
auch das Schlchen, Jgermeister. Seine schne junge Frau ist frh
gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die
Prinzessin Gundolfine -- Himmel, Kasperle, was ist denn?

Kasperle hatte bei der Erwhnung der Prinzessin gleich sein bitterbses
Rubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an.
Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin
gesprochen habe, lachte er und brummelte: Ja, die ist auch schlimm! --Na
also, fuhr er fort, die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte
in dem Walde, der an den Park stt. Es war ein heier Tag, und der Herzog
kam und khlte sich einmal die Hnde im Bach. Dabei zog er einen kostbaren
Ring ab und legte ihn auf einen groen, flachen Stein. Der Platz ist unter
einer riesengroen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen
getroffen haben.

Kasperle nickte eifrig. Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest, sagte
er.

So, so! Der Haushofmeister hrte kaum darauf, er erzhlte weiter: Wie
sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jgerbursche und rief, ein groer
Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein.
Der habe sich gewi aus dem hohen Gebirge verflogen.

>Den mu ich schieen, aber allein,< rief der Herzog. Er verga seinen Ring
und eilte davon und der Hofjgermeister blieb am Bach sitzen. Der wute,
der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser
schieen konnte. Und unser Herzog mag's nicht leiden, wenn einer etwas
besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah
dessen Wellchen hpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte
dabei nicht an des Herzogs Ring. Pltzlich hrte er in der Ferne lautes
Rufen und Schsse und dann kam der Herzog zurck und er stand auf und ging
ihm entgegen.

>Es war wirklich ein verflogener Adler,< rief der Herzog rgerlich, >aber
mein Schu ging fehl. Das ist nur davon gekommen, da ich meinen Glcksring
nicht angesteckt hatte!<

Und rasch ging der Herzog auf den groen Stein zu, auf den er vorher den
Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. >Haben Sie meinen Ring
aufgehoben?< fragte der Herzog den Hofjgermeister. >Geben Sie mir ihn
rasch!<

Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und
er sagte etwas verwirrt: >Er mu doch dort liegen!<

Der alte Haushofmeister seufzte. Ich bin nicht dabei gewesen, aber der
Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens
Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus htte denken knnen, er
habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn
von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen:
>Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der
Tasche verwahrt?<

Das war sehr bse und der Herzog war zuerst auch rgerlich ber die
hlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er
immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: >Der Herr von
Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!< und da hat er zuletzt das von
seinem Hofjgermeister verlangt.

Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen,
doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: >Er
wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!<

Darber ist der Hofjgermeister so zornig geworden, da er beinahe die
Prinzessin geschlagen htte. Es hat einen groen Streit gegeben. Der Herzog
war auch bse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in
den Schlohof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten.

Dem Herzog war es nicht recht, und gewi wre auch alles gut geworden, aber
an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trgt, bleibt immer gesund,
wer ihn verliert, mu bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schlo
gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Trpfosten gestoen, und
da hat er gemeint, er mte gleich sterben. Er hat gejammert: >Mein Ring,
mein Ring!< und die Prinzessin hat wieder gerufen: >Der ist gestohlen!<

Oh, die Prinzessin Gundolfine ist schon eine bitterbse Frau!

Ja, rief Kasperle dazwischen, und er nickte hchst lebhaft und schnitt
gleich wieder sein Rubergesicht.

Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. Ja, ja, du hast
recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Snde
getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: >Dein Vater ist ein Dieb,
er hat gestohlen!<

Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe,
und die schne Grfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat
geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das
Marlenchen pltzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch
jemand halten konnte.

Die Grfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schlo Lindeneck hat
sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an
die Hand genommen, ist im Schlo verschwunden, und seitdem darf dort kein
Fremder mehr die Schwelle bertreten.

Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige
Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring
verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel
im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon wei der
Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den
Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von
Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er lt sich vor niemand
mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schlotor
gestanden und Einla begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war
er des Hofjgermeisters bester Freund.

Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich
fragte er: Wer hat denn den Ring?

Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle! rief der alte Herr. Wenn das
jemand wte, dann wre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht
gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch
fr einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer
wei, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den
groen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war
der Jgermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und
nun ist es immer bla und traurig.

Pltzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. Kasperle, sagte er, du
knntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die
Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da
knntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen
das Lachen wieder.

Ich geh gleich hin, schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank
hinein, aber sein Beschtzer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. Jetzt
nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur
hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist
nicht da, dann gibt es groen Spektakel. Morgen frh darfst du an den Bach.
Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mut
du zurckkommen. Du darfst aber auch niemand auer Veit etwas sagen, nur
der und der Grtner noch wissen es, da das traurige Marlenchen dort alle
Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.

Ich helf' suchen, sagte Kasperle. Pa auf, ich finde den Ring!

Ach Unsinn, den findet niemand mehr!

Doch, ich hab' mal getrumt, ich htt'n Ring gefunden.

Wo denn? Wann denn?

Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: Ja, das wei
ich nicht mehr!

O Kasperle! Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unntze
Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und
Kuchen bekommen, wenn er brav wre.

Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still
auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute
hinaus. Nicht weit vom Schlo lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts
kamen Wiesen und Wlder und auf einer Anhhe lag Schlo Lindeneck.

Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der
Ferne wieder ein Schlo liegen. Es war gut, da just Veit in das
Turmstbchen kam, denn sonst wre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem
Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schlo sei Lindeneck, das
zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von
Singerlingen.

So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte
pltzlich: Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh' ich dahin.

Wer soll dich denn zum Teufel schicken?

Na, der Herzog.

Veit lachte. So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber
horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heit, du sollst zum Herzog
kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!

Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs
Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Tre auf, Kasperle bersah die
Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog
lie vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da
wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut
benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen!




Zehntes Kapitel

Eine neue Freundin

Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er
mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner groen Nase
in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mute
Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen.
Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte
er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar
und liefen davon. Erst wute der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte,
bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle
ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege
kreischten laut.

Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf
den Rcken. Potzwetter, tat das weh!

Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er wrde noch
mehr Schlge bekommen. Dazu befahl der Herzog: Schneller fahren! und der
Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mhe, nicht runterzufallen; ganz
verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.

Abends mute Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor
lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing pltzlich sein
Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte,
zog gleich wieder ein verdrieliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr
unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.

Aber im Waldhaus nicht. Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber
seine Stimme rutschte ihm aus, und so hrte es der Herzog. Da bekam
Kasperle Schlge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und
eingeschlossen. Mde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war
doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!

Als Kasperle aufwachte, dmmerte drauen erst der Morgen, und hinter der
kleinen Stadt glhte der Himmel im Frhrot. Kasperle schaute zum Fenster,
er sah auch hinber nach Schlo Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel
ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich
gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht
schne Gesichter schneiden konnte und Purzelbume schlagen, fing er an, das
zu ben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstbchen.

Der lachte vergngt. O Kasperle, sagte er, was bist du fr ein
schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frhstcke! Der Haushofmeister lt
dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim
Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfra zulangst. Du sollst nmlich
mit dem Herzog frhstcken.

Schn war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann
befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er a sich so plumpsatt, da
er sich kaum noch rhren konnte. So wohl gerstet ging er zum Frhstck des
Herzogs.

Mach' eine schne Verbeugung! hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle
auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war,
platzten ihm unversehens seine Hosenknpflein, und das fand der Herzog nun
wieder sehr, sehr unschicklich.

Kasperle mute das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nhte
ihm erst die Knpflein wieder an. Das war eine gutmtige Frau, die ihren
Spa an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen
Kittel nhen, einen von himmelblauer Seide.

Lieber grn, bettelte Kasperle.

Meinetwegen auch grn, aber warum denn?

Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grnes
Wmslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz
kleines bichen dachte der Schelm nmlich ans Ausreien. Wer wei, der
Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!

Jetzt freilich mute er zum Herzog zurckgehen. Der war eigentlich kein
bser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger
als frher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie
jemand ob seiner blen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar
nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine
Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an
einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mute!
Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen,
darum hatte er Kasperle auch zum Frhstck eingeladen.

Wenn aber Hosenknpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu
mit den angenhten Knpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte
der Herzog freundlich: Nun komm nur und frhstcke!

Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf:
Brtchen mit Schinken darauf, ein groes Stck Kuchen dazu, und er
ermahnte: Nun i nur, du bekommst mehr!

Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, da ihm die
Hosenknpfles abspringen!

Kasperle kaute und kaute, wrgte, schluckte, -- es ging nicht mehr.

I doch, trink' doch! mahnte der Herzog. Du bekommst noch mehr.

Da seufzte Kasperle so tief, als se er unten im Turmverlies. Und weil er
sich gar nicht zu helfen wute, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in
seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke
Trnen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fhlte
tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an,
sondern sagte freundlich: Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit
du mittags wieder hungrig bist.

Kasperle war heilfroh, da er hinausdurfte. Er scho die Treppe hinab wie
eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an
das Bchlein bei der uralten groen Ulme.

Und wirklich sa das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine
im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.

Da bin ich! Plitsch, platsch, scho Kasperle in den Bach hinein und
Marlenchen sank vor Schreck wieder totenbla am Ufer hin.

Und Kasperle hatte doch gedacht, sie wrde ber seinen Purzelbaum lachen!
Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das
blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.

Warum weinst du denn? fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.

Weil ich -- alles verkehrt mache. Kasperle schluchzte erbrmlich, und da
verga das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete
sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte ber Kasperles Gesicht und
fragte: Warum bist du denn hier?

Weil ich's versprochen habe. Und Kasperle fing an, dem kleinen Mdchen
vom Waldhaus zu erzhlen, von Michele und von Rosemarie.

Du bist gut, weil du der schnen Rosemarie und deinem Michele geholfen
hast, sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weie Hand in Kasperles
derbe, braune Patsche, und so saen die beiden unglcklichen Kameraden an
dem Bchlein und Kasperle mute immer mehr und mehr vom Waldhaus erzhlen.
Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen ber Marlenchens trauriges
Gesicht, aber sie lachte noch nicht.

Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt
auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.

Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des
Haushofmeister Pfeife ertnte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide
zusammen: Morgen, schttelten sich die Hnde, und wieder ging ein ganz
feiner, heller Schein ber das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie
manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken
schimmert, war es.

Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief
mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit
am Hosenzipfel fest. Du, sagte der, jetzt schling nicht so bei Tisch, es
sind noch Gste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas.
Also fein still und brav sein!

Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er a wenig, sa auch ganz still und
bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein
Kasperle. Da sa am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame
Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen
zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er
nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkrlich sein Gesicht,
nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnrrisch aus, da ein
Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, pltzlich leise
vor sich hin kicherte.

Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder
die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor
sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der
so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut
auf. Es drhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche
Herren und Damen und der Herzog dazu saen steif und ernsthaft da, ber ein
Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns
bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die
Hochmtigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen
verlernt.

Der Herzog August Erasmus htte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um
seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen
Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht fr wrdevoll. Er sah streng zu
Kasperle hin, und der erschrak ber den bsen Blick und tauchte vor Schreck
die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.

Der Herzog rmpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm!
Er winkte Veit. Bring' ihn hinaus! sagte er streng.

Da mute Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder
eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses
traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann
doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer
herumkaspert!

Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut,
rief er Kasperle nicht zurck, und Veit sagte zu dem drauen: Nun geh
geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.

Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das
Fensterbrett und schaute dahin, wo Schlo Lindeneck aus den Baumwipfeln
hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein
ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug
doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin
Gundolfine, die beiden waren es.

Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Sthle heran, nahm
einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die
Sthle ein. Warte du, warte du! schrie er.

Ja, warte du! sagte jemand und hielt Kasperle fest Aber Kasperle, was
machst du denn? Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen
Burschen in das bitterbse Gesicht.

Ich hau' den Herzog da, und die Prinzessin da. Kasperle ri sich los und
schlug unverdrossen auf die Sthle ein. Klapp, du, klapp, du!

Jemine! Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. Aber
Kasperle, rief er, du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser
Herr Herzog hrte, dann mchte es dir schlecht gehen. In das
allerfinsterste Loch wrdest du gesteckt.

Erschrocken lie Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich
betrbte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an
den an und bettelte: Sei wieder gut!

Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unntzling schon; er seufzte aber
doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verlie. Wie wrde das
werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an.

Er ahnte nicht, da das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm
ist's langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs
entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam
in den Park hinaus, ohne da ihn jemand sah. Drauen raffte er sich Blumen
zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mtzlein und fand zu seinem
groen Vergngen auch etliche dicke Frschlein, die er in die weiten
Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurck, irrte erst
eine Weile im Schlo herum und mute sich ein paarmal verstecken, ehe er
seinen Turm wieder fand.

Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade
dabei, die Frsche aus den Hosenscklein herauszunehmen, als Veit erschien.
Flink, flink, Kasperle! rief er. Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit
seinen Gsten noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher
gibt es auch Kuchen.

Da lie Kasperle alle seine Schtze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog
viel gndiger empfangen, als er gedacht hatte. Mache einmal dein
Rubergesicht! sagte der, und auch das Teufelsgesicht.

Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand
sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine
durch und grinste die Gste so an, da die laut lachten.

Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte
gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein
dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, und plitsch, platsch,
sprang der in die Hhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein!

Mein Himmel, was ist das? rief eine alte Grfin, die neben dem Herzog
sa, als der seine Tasse fallen lie. Doch da sa ihr der Frosch schon auf
dem Scho. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Frulein kreischten
entsetzt: Frsche, Frsche!

Wo denn? Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bckte sich, und plitsch
sprang ihm ein Frschlein mitten ins Gesicht.

Gab das ein Geschrei! Frsche, Frsche! quietschten die Damen immerzu,
sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Sthle.
Die Hofherren wollten die Frsche fangen, doch die waren schneller als sie
und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in
seinem Sessel; vor Frschen graulte er sich. Er sthnte: Wo kommen sie
her?

Kasperle stand ganz verdattert da. Da die Frsche aus seinen Hosenscklein
gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die
andern Diener aber riefen: Sie sind sicher aus dem Garten
hereingesprungen.

Gewi ist es ein Zeichen, da es entweder schlechtes oder gutes Wetter
gibt, flsterte die alte Grfin zitternd.

Der Herzog erhob sich bebend. Ich mu mich in mein Bett legen, stammelte
er, ich bin zu sehr erschrocken.

Und alle umdrngten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich
sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren
und sagte: Schelm du! Dann lie er ihn los und Kasperle rannte in den
Park, rannte dahin, wo das Bchlein flo, und er fand dort wirklich das
traurige Marlenchen. Vergngt erzhlte er, was ihm alles passiert war, und
wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein ber das blasse
Gesicht der Kleinen.

Du lernst noch lachen, schrie Kasperle vergngt und schlug vor Freude
einen riesengroen Purzelbaum.

Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: Erzhle vom Waldhaus,
bitte, bitte!

Wie gern erzhlte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie
ein kleiner Trke und sagte: Wo soll ich anfangen?

Beim groen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen
hast, bat das traurige Marlenchen.

Kasperle schwtzte vergngt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder
saen, wohnten Elstern; die rgerten sich, denn so flink und lustig wie
Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen
und krchzten dazwischen. Seid stille! schrie Kasperle hinauf, und als
die Elstern sich darum gar nicht kmmerten, sondern immer lauter ihre
Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stck die Ulme hinan und
schnitt sein Rubergesicht.

Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurck, und auf
einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen ber der kleinen
Marlene Gesicht. Ich kann die Elstern nicht leiden, sagte sie, sie haben
so bse Stimmen. Gut, da sie mal stille sein mssen!

Ja, rief Kasperle, seid ganz stille, ich will --

Ach, da tnte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mute auch
das arme Kasperle still sein. Er nahm betrbt Abschied, sie sagten wieder:
Morgen, schttelten sich die Hnde, und dann rannte Kasperle ins Schlo.
Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren.

Aber keine Gesichter schneiden! Der Herzog drohte streng mit dem Finger,
und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der
Froschgeschichte hatte, sa er wirklich muckstill auf seinem Sitz.

Er war an diesem Abend berhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete
noch immerzu von den Frschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer
gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er knnte darum gefragt, werden,
darum schwieg er und sa still mit gesenkten Augen am Tisch.

Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen.

Am nchsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort
das traurige Marlenchen. Er mute wieder vom Waldhaus erzhlen, mute aber
wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder sa Marlenchen
da, still die Hnde gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder
auf ihrem blassen Gesicht.

An diesem Tage berhrten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das
wurde schriller und schriller, und zuletzt hrte es Kasperle doch und er
rannte mit solcher Eile in das Schlo, da er im Eifer ber den groen
Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord
sehr. Er schnappte vergngt nach Kasperles Hslein, der wehrte sich, packte
Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die groe Halle. Es
gab einen argen Lrm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam
angerannt und rief: Er frit ihn, er frit ihn!

Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal
putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an.

O der Schelm! Der Herzog merkte, da die Geschichte nicht so schlimm
gewesen war, und er schalt ber den Lrm und sagte, dafr msse Kasperle
heute zur Strafe daheim bleiben, er drfe nicht mit spazierenfahren.

O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergngen hellauf, und der
Herzog wurde bitterbse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog,
spazierenfahren durfte, das ging doch ber die Hutschnur!

Die Schlssel! rief er, und der Haushofmeister mute ihm die Schlssel
bringen, die alle Tren des Schlosses aufschlossen. Bringt Kasperle!
gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht's
dem armen Kasperle bs, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt!

Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhndig in ein kleines, finsteres
Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp,
schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlssel im Schlo,
er war gefangen.

An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren
kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf
dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig sa es im
Schlohof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblht war, und
dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen?

Das arme Kasperle sa unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich
nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwngen,
es ging nicht. Er wollte die Tre ffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und
schrie, niemand hrte ihn.

Da dachte das kleine Kasperle bitterbse an allerlei Schabernack, den er
dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab,
auf und ab, und pltzlich stie er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl
klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Tre, hier kann ich raus.

Eine Tre war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in
einen Keller geriet er, in dem drei Flein kstlichen Weines lagerten. Des
Herzogs Lieblingswein war es. Nun wute Kasperle, wenn man aus einem Fa
den Zapfen herauszieht, dann luft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus,
den zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete kstlich;
Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er
pltzlich drauen ein Gerusch zu hren, und flugs rannte er in seinen
Keller zurck, zog die Tre zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den
Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und trumte von dem
traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr
vergngtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war
das lustig!

Und dabei sa Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte
Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund.




Elftes Kapitel

Kasperles Krankheit

Der Herzog August Erasmus kam sehr brummig von seiner Spazierfahrt zurck.
Er hatte Kasperle strafen wollen und hatte sich selbst gestraft, denn er
hatte den lustigen kleinen Quirlewind sehr vermit. Er befahl also, man
solle schnell Kasperle holen, meinte, der knnte ihm die schlechte Laune
vertreiben.

Der Haushofmeister ging selbst das Kasperle holen. Er blieb an der Tre
stehen und rief freundlich: Komm, mein Kasperle, komm!

Aber er konnte lange rufen, kein Kasperle kam. Nur ein seltsames Sthnen
und Schnarchen war zu hren, und der Haushofmeister sah endlich den kleinen
Burschen an der Erde liegen. Eingeschlafen ist der arme Kerl, dachte er
mitleidig; er mag sich recht gefrchtet haben. Und er ging hin, rttelte
und schttelte Kasperle, doch der schnarchte und sthnte weiter. Nun hob
ihn der Haushofmeister auf und trug ihn aus dem Keller. Drauen rief er
nach Veit, und beide versuchten Kasperle zu wecken.

Vergeblich, der wurde nicht munter. Veit kam auf den Gedanken, ihm ein
Wasserglein ber den Kopf zu gieen. Er holte ein Glas Wasser und go es
Kasperle auf die Nase. Da strampelte und zappelte der eine Weile und --
schlief weiter.

Inzwischen klingelte der Herzog ungeduldig. Kasperle soll kommen! rief
er.

Kasperle schlft, meldete der Diener.

Er schlft? Ja, da weckt ihn doch auf! Wie kann er schlafen, wenn ich ihn
sprechen will! schrie der Herzog.

Er wacht nicht auf, stotterte der Diener erschrocken.

Er wacht nicht auf? Aber das ist ja unerhrt! Man giee ihm Wasser ber
den Kopf! Der Herzog war ganz aufgeregt, und als er hrte, Veit habe
Kasperle schon das zweite Wasserglein ber den Kopf gegossen, bekam er
Angst. Er verlangte den Leibarzt, und dann lief er selbst, sich das
schlafende Kasperle anzusehen.

Der schlief und schlief, grunzte, sthnte und schnarchte, und der Leibarzt
schttelte bedenklich den Kopf. Er ist krank, sagte er, ganz bestimmt
ist er krank oder -- er schlft nun wieder einmal viele, viele Jahre. Bei
einem Kasperle kann man eben nicht wissen, wie eine Sache ausgeht.

Der Herzog wurde leichenbla. Lieber Leibarzt, flehte er, machen Sie mir
das Kasperle munter! Zwlf Jahre lang habe ich alles versucht, um Kasperle
zu bekommen, und nun -- ja, nun schlft er vielleicht lnger, als ich noch
lebe. Oh, oh, ist das eine dumme Geschichte!

Der Leibarzt legte den Finger an die Nase, schttelte wieder den Kopf und
begehrte ganz genau zu wissen, was eigentlich Kasperle zuletzt getan hatte.

Eingesperrt war er in einem dunklen Keller, brummte der Haushofmeister.

Ach, da haben wir's! Eingesperrt in einem dunklen Keller -- nein, das
vertrgt kein Kasperle, rief der Leibarzt. Er war froh, etwas sagen zu
knnen, und weil er auch fand, der Herzog sei zu streng mit dem kleinen
Schelm gewesen, schttelte er immer wieder ernsthaft den Kopf. Schlimm,
schlimm, schlimm! murmelte er, sehr schlimm! Er verordnete, Kasperle
msse im Bett liegen und kalte Umschlge bekommen, und immer solle jemand
neben ihm sitzen, damit, wenn er aufwache, er gleich ordentlich geschttelt
werden knne.

Alles soll geschehen, nur machen Sie mir mein Kasperle wieder gesund,
rief der Herzog.

Ja, das geht nicht so schnell! Der Leibarzt runzelte die Stirne, wiegte
wieder den Kopf hin und her und sagte wieder: Schlimm, schlimm, sehr
schlimm!

Kasperle wurde nun in sein Bett getragen, und eine ganze Stunde sa der
Herzog neben seinem Bett. Und Kasperle schnarchte, sthnte, ein paarmal
murmelte er auch etwas im Schlaf, und jedesmal dachte der Herzog: Jetzt
wacht er auf. Und er neigte sich ber ihn und fragte zrtlich: Bist du
munter, mein Kasperle?

Und weil der nicht aufwachte, lie er wieder den Leibarzt holen, und gerade
da fing Kasperle an zu brummeln und zu murmeln, und als sich der Herzog
ber ihn beugte und sanft fragte: Mein Kasperle, was fehlt dir denn?
griff Kasperle pltzlich nach des Herzogs Nase und schrie: Hallo, hallo,
Michele, der Kasperlemann! Hallo, hallo!

Und dabei zerrte und zog Kasperle an des Herzogs Nase, als wre dies eine
Klingelschnur. Zipp zapp, zipp zapp! Dem Herzog verging Hren und Sehen. Er
brllte laut und suchte sich zu befreien, die andern halfen, und da schlug
Kasperle auf einmal seine Augen auf, ghnte erschrecklich, klappte die
Augen wieder zu und schnarchte rissel, rassel weiter.

Oooh! rief der Herzog und hielt sich seine Nase. Kasperle hatte schon
einen festen Griff und die Nase war feuerrot geworden.

Eine sehr bse Krankheit! Er hat Fieber. Der Leibarzt schttelte wieder
den Kopf und sah wieder hchst besorgt drein. Ruhe, Ruhe! sagte er.

Und dann gingen alle. Der Herzog hielt sich seine Nase und der Leibarzt
sagte, er msse kalte Umschlge machen. Der Herzog war bse und traurig
zugleich. Das Nasenanfassen und da Kasperle ihn Kasperlemann genannt
hatte, war verdrielich. Aber freilich, Kasperle war krank, und wer wei,
ob es jemals wieder aufwachte!

Kasperle schlief und schlief. Im Schlo fragte von Viertelstunde zu
Viertelstunde einer den andern: Ist er wieder ausgewacht? Doch das
Kasperle dachte nicht daran, das schnarchte weiter, rissel, rassel, sogar
im Treppenhaus war es zu hren.

Alle glaubten, das Kasperle sei wirklich furchtbar krank, nur der alte
Haushofmeister nicht. Der wute besser im Schlo Bescheid als der Herzog
selbst; er kannte alle verborgenen Tren und Winkel. Sein Vater, der auch
schon Haushofmeister gewesen war, hatte sie ihm verraten. Und als sich alle
um das Kasperle sorgten, ging er ganz leise unten in den Keller hinein. Er
meinte nmlich, von Kasperle sei ein Dftlein ausgegangen, das an Wein
mahnte. Das verborgene Pfrtchen fand er schnell und gelangte in des
Herzogs geheimen Weinkeller, zu dem dieser den Schlssel wohl verwahrt
hatte. Und richtig, da fand der Haushofmeister Kasperles Spuren: alle drei
Fsser leer, die Zapfen am Boden. Ei, du heilloser Schelm, du kleiner
Nichtsnutz, du, ein Schwipslein hast du! schalt der alte Mann, aber er
lachte leise dazu. Dann steckte er in jedes Fa den Zapfen und ging wieder
zu dem verborgenen Trchen hinaus. Das schlo er sorgfltig und brummelte
dabei vor sich hin: Na, die Prinzessin Gundolfine wird bse sein! Die
Weine aus dem Keller liebte die Prinzessin nmlich sehr; allemal wenn sie
zu Besuch kam, stieg der Herzog selbst in den Keller und holte ein Krglein
herauf.

Was der Haushofmeister wute, sagte er keinem Menschen. Nur als Veit
klagte: Kasperle wird noch sterben! sagte er heiter: I wo, der stirbt
nicht! Pa auf, morgen ist er putzmunter.

Es dauerte aber wirklich lange, ehe Kasperle aufwachte. Vierundzwanzig
Stunden schlief er wie ein Scklein, und der Herzog stand gerade wieder
traurig an seinem Bett und der Leibarzt sagte: Sehr schlimm!, da schlug
Kasperle auf einmal die Augen auf. Er sah den Herzog, den Doktor und
etliche Hofherren an seinem Bett stehen, und alle staunten sie ihn an.

Wie sonderbar das war! Kasperle lag ein Weilchen, rhrte und rappelte sich
nicht und sah mit seinen schwarzen Glitzeruglein nur immer in die
verdutzten Gesichter. Er fand das ungemein spahaft, bis er pltzlich ein
heftiges Grimmen in seinem Buchlein sprte. Das knurrte los und der Herzog
drehte sich erschrocken rundum. Man jage den Hund aus dem Zimmer! rief
er. Wo ist der Hund, der so knurrt?

Und alle drehten sich um, suchten und suchten, bis Kasperle jh in ein
lautes, heftiges Geschrei ausbrach. Hunger, Hunger! jammerte er, und da
merkten es erst alle: Kasperles Magen knurrte.

Er hat Hunger! Der Herzog sank vor Erstaunen auf einen Stuhl, der
Leibarzt schttelte wieder den Kopf, er sagte aber doch: Man bringe
schnell etwas zu essen, ein Sppchen und ganz kleine Brtchen!

Kasperle, der Schelm, merkte wohl, alle waren in Angst um ihn. Er verstand
zwar nicht recht warum, denn er konnte sich erst gar nicht besinnen, was
mit ihm geschehen war. Das Angsthaben machte ihm aber den grten Spa. Er
verdrehte seine uglein, schnitt frchterliche Gesichter und wiederholte
klglich: Hunger, Hunger!

Schnell, schnell, bringt doch etwas! rief der Herzog.

Da rannte auch schon ein Diener herbei, der brachte Suppe und ein paar
hauchfeine Schinkenschnittchen, mehr nicht. Kasperle machte pltzlich sein
Rubergesicht, steckte schwipp, schwapp smtliche Schnitten in den Mund;
schluck, schluck! weg waren sie und der Strick schrie: Mehr, mehr, ich
sterbe!

Merkwrdig! Der Leibarzt sah das Kasperle verwundert an, der Herzog aber
rief: Mehr, bringt mehr! Und weil er selbst gern Schokolade lutschte,
holte er eine feine silberne Dose aus der Tasche, reichte sie Kasperle und
sagte: Nimm eins!

Ein Schokoladepltzchen, jemine! Kasperle nahm die Dose, und weg waren alle
Pltzchen, verschwunden in seinem groen Mund. Kasperle aber schrie jetzt
richtig unntz: Mehr, mehr!

Da rannte schon ein Diener in das Zimmer mit einer Platte, auf der die
leckersten Dinge standen, und der Herzog sagte gerade: Man mu ihm etwas
aussuchen, er darf nicht zuviel essen, da schluckte das Kasperle schon.

Himmel, wie das ging! Dem Herzog, dem Leibarzt, den Hofherren, allen blieb
der Mund vor Staunen offen. Wie ein richtiger kleiner Gierschlund war
Kasperle. Belegte Schnittchen, Kuchen, Braten, ein Schsselchen Gemse,
alles schluckte er hinab, und zuletzt nahm er sich den groen Pudding, der
auch auf der Platte stand, und von dem er nur kosten sollte, und
schnabulierte darauf los.

Es wird zuviel, schrie der Herzog und wollte selbst den Pudding
wegnehmen, aber Kasperle hielt seinen Pudding fest, er schmauste und
schmauste und sah dabei so vergngt drein, da der Leibarzt pltzlich
sagte: Es scheint, er ist gesund.

Aber er berit sich. Kasperle, mein liebes Kasperle, gib den Pudding
her! bat der Herzog.

N! Kasperle grinste, und als der Herzog wieder nach der Schssel greifen
wollte, schnitt er ein Hexengesicht.

Oooh! Der Herzog wich erschrocken zurck.

Da sagte auf einmal der alte Haushofmeister: Es ist genug, Kasperle. Und
dabei sah er Kasperle freundlich und doch streng an, und der kleine Schelm
sprte pltzlich, der gtige alte Mann meinte es am allerbesten mit ihm. Er
gab ohne ein Widerwort die Schssel zurck und streckte sich ganz still und
brav in seinem Bett wieder aus.

Der Leibarzt, der etwas sagen wollte und nicht recht wute, was er sagen
sollte, denn in seinem Leben hatte er noch kein Kasperle behandelt,
murmelte: Er mu im Bett bleiben.

Doch da redete der alte Haushofmeister freundlich dazwischen, es wre wohl
am besten, Kasperle stnde auf und liefe im Park herum. Dies wre gewi
gesund.

Vortrefflich, ganz vortrefflich! sagte der Leibarzt, und da stimmte auch
der Herzog zu. Er ordnete freilich an, ein Diener msse Kasperle zum Schutz
begleiten, und der alte Haushofmeister sagte ferner, ja, das knne Veit
tun. So war es dem Herzog recht. Kasperle durfte aufstehen und in den Park
laufen und Veit sagte: Geh nur an den Bach, das traurige Marlenchen wartet
schon.

Marlenchen sa wirklich am Bach, und es war heute wieder ganz traurig. Es
hatte das blasse Gesichtchen ber das Wasser geneigt und drehte darin Stein
um Stein um. Pltzlich aber schrie es auf. Kasperles Bild erschien im
Wasserspiegel, und nun sah das traurige Marlenchen gleich ein klein wenig
nach Sonne aus. Du bist da? sagte sie erfreut zu dem kleinen, unntzen
Freund. Ach, ich dachte schon, du kmst nie wieder.

Kasperle scho vor Vergngen ber die Freiheit und das Zusammensein mit dem
traurigen Marlenchen einen Purzelbaum und platschte dabei ins Wasser; es
spritzte hoch auf, und erst als das Kasperle klitschna war, setzte es sich
neben Marlenchen und begann zu erzhlen, wie es ihm ergangen war. So nach
und nach fiel ihm alles ein. Da erzhlte er auch den Streich aus dem Keller
und Marlenchen rief erschrocken: Aber Kasperle!

Kasperle senkte die Nase. Er schielte seine kleine Freundin seitwrts an,
wie es die rechten Schelme tun, und er sah so unntz und drollig aus, da
Marlenchen ein ganz klein wenig lachen mute.

Hach, du lachst! Kasperle streckte die Beine in die Luft vor Vergngen,
und dann fing er an zu schwatzen, schneller als die Elstern in der hohen
Ulme. Das Bchlein erschrak ordentlich, es rann und lief, gluckste und
pltscherte, dachte: Nein, der unntze Strick da darf nicht flinker reden,
als ich renne. Die Elstern erhoben auch ihre Stimmen lauter, und es war im
sonst so stillen Waldtlchen ein Geschwtz und Gelrme um das traurige
Marlenchen herum, wie noch nie.

Aber auch die Stunden hatten Eile wie das Bchlein; viel zu frh, meinten
Kasperle und Marlenchen, kam Veit, und die beiden ungleichen Kamerdles
muten Abschied nehmen.

Das war bitter. Marlenchen sagte betrbt: Vielleicht wirst du nun wieder
eingesperrt.

Kasperle seufzte. Ach, es war schon schwer, in des Herzogs Dienst zu
stehen! Die Sehnsucht nach dem Waldhaus stieg wieder hei in ihm empor.
Traurig gab er Marlenchen die Hand und sagte, er werde wiederkommen. Und
wenn er mich nicht lt, dann brenne ich durch, fgte er trotzig hinzu.

Aber Kasperle!

Ja, ich tu's. Und Kasperle schnitt ein Teufelsgesicht, ein Rubergesicht,
sah wie eine Hexe drein, und Marlenchen begann sich ordentlich zu frchten.
Sie wich erschrocken an das Bchlein zurck. Doch gleich machte Kasperle
wieder ein so liebes, betrbtes Schelmengesicht, da sie ihn flink
streichelte: Armes Kasperle! sagte sie. Aber ausreien mut du nicht,
denn sonst -- bin ich wieder ganz allein.

Ich reie nicht aus, versprach Kasperle gleich, und als er mit Veit dem
Schlosse zuging, nahm er sich vor, ungeheuer brav zu sein, damit der Herzog
ihn nicht wieder einsperren brauchte. Marlenchen sollte nicht wieder
vergeblich auf ihn warten.

Er sa auch wirklich stumm und stocksteif am Abendtisch, und der Herzog
verwunderte sich sehr ber Kasperle. Er dachte aber: Er ist mde, gewi ist
er doch noch krank, und dann fragte er sehr freundlich: Willst du schlafen
gehen, Kasperle?

Nun war der Kleine kein bichen mde nach seinen vierundzwanzig Stunden
Schlaf, er ri darum seinen Mund weit auf und schrie, so laut er konnte:
N!

Mein Himmel, ich bin doch nicht taub! sagte der Herzog beleidigt. Schme
dich, so zu schreien!

Kasperle senkte den Kopf. Jemine, war es schwer bei Hofe, den rechten Ton
zu treffen! Einmal war er zu laut, einmal zu leise; sagte er viel, war es
nicht recht, sagte er gar nichts, auch nicht; Vor lauter rger schnitt er
sein Teufelsgesicht und der Herzog rief wieder vorwurfsvoll: Aber
Kasperle!

Es sa aber einer an diesem Tage am Tisch des Herzogs, das war ein lustiger
und gtiger Mann; der Oberstallmeister war es. Dem hatte Kasperle schon
viel Spa gemacht, und er begann sehr herzhaft ber das Teufelsgesicht zu
lachen. Da merkte Kasperle gleich: Der versteht dich, und er schnitt flugs
bse und lustige Gesichter durcheinander, wie es ihm einfiel. Zuletzt mute
selbst der Herzog lachen und er sagte, Kasperle drfe an diesem Abend bei
ihm bleiben. Da trieb Kasperle die allergrten Narrenpossen, und zuletzt
sollte er dem Herzog noch etwas erzhlen, als der schon im Bett lag und
nicht einschlafen konnte.

Kasperle hockte neben ihm auf einem Stuhle und machte das allerdmmste
Gesicht von der Welt, als der Herzog sagte: Erzhle mir etwas! Dazu hatte
er keine Lust. Den Herzog allein wollte er auch nicht unterhalten; er
dachte an das Einsperren und das kranke Marlenchen. Da drehte er den Kopf
schief und schaute den Herzog bse an.

So ein Gesicht sollst du nicht machen! rief der Herzog zornig. Gleich
erzhle mir: Wer hat alles im Waldhaus gewohnt?

Im Waldhaus! Bei der Erinnerung daran verga Kasperle seinen Zorn auf den
Herzog; sein unntzes Schelmengesicht bekam einen lieben, zrtlichen
Ausdruck, und als der Herzog mahnte: Erzhle mal vom Waldhaus! Lebt denn
der Meister Friedolin noch? Da fing Kasperle an. Wie das Bchlein so flink
ging seine Rede. Er verga, da es der Herzog war, der im Bett lag, er war
auf einmal wieder im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.
Er schwatzte von der schnen Liebetraut und Herrn Severin, von seinem
Michele, von dem am meisten. So etwas hatte der Herzog noch nie gehrt. Da
man abends nur Milchsuppe und ein Stck Brot a und Feste feierte, wenn das
erste Schneeglckchen, die ersten Primeln blhten, die Singvgel
heimkehrten, kam ihm wie ein Mrchen vor.

Kasperles Augen glnzten. Er redete und redete, er erzhlte von den Rehen,
die ganz zahm waren und manchmal in die groe Waldhausstube hereinschauten,
und wie sie stille standen, wenn jemand aus dem kleinen Haus kam, und sich
streicheln lieen. Und von dem zahmen Eichktzchen, von dem Hasen
Wackelbart und der Ziege Ludowisia erzhlte Kasperle.

Der Herzog lag ganz still und lauschte. Er meinte den Wald rauschen und die
Vgel singen zu hren, und am liebsten wre er aufgestanden und htte
gesagt: Komm, Kasperle, wir gehen ins Waldhaus!

Da zupfte pltzlich der Kammerdiener Kasperle am Jackenzipfel und sagte
leise: Komm hinaus, sieh doch, der Herzog ist eingeschlafen!

Der war wirklich eingeschlafen, er lag und trumte vom Waldhaus, und er sah
dabei gar nicht bse und streng wie sonst aus, sondern ganz milde. Kasperle
schttelte erstaunt den Kopf und brummelte: Da liegt 'n anderer im Bett
drin!

I bewahre! flsterte der Kammerdiener, es ist schon unser Herzog.
Freilich, so freundlich hat er lange nicht dreingesehen. Lieber Himmel, ja,
wenn er doch immer so aussehen mchte, dann diente ich ihm auch lieber! So,
und nun gehe in dein Bett, Kasperle, und schlafe, es ist Zeit!




Zwlftes Kapitel

Es geistert im Schlo

So friedlich wie der Abend war der Morgen, der ihm folgte, nicht. Das gab
gleich in aller Herrgottsfrhe ein lautes Rennen, Rufen und Klingeln im
Schlo. Sogar in seinem Turm hrte es Kasperle. Der witschte ein paarmal
durch den Schrank, lauschte hinaus, flitzte ngstlich wieder zurck, wenn
er jemand kommen hrte, aber immer verhallten die Schritte in der Ferne.
Endlich, endlich, Kasperle dachte schon, er htte hundert Jahre nichts
gegessen, kam Veit und brachte ihm das Frhstck.

Der gutmtige Bursche sah sehr verdrielich drein, und als ihn Kasperle
ngstlich ansah, brummte er: Nun kommt sie doch schon wieder!

Wer denn? fragte Kasperle und sah nach der Tre; er dachte, irgend jemand
mte da anspaziert kommen.

Die Prinzessin Gundolfine, brummte Veit. Na, du armes Kasperle, da nimm
dich nur in acht!

Kasperle sah nun wirklich drein, als sei ihm nicht allein seine Milchtasse,
sondern sein Zubrot, sein Wmslein und sonst etwas in den Brunnen gefallen.
Er verga sogar das Frhstck.

Ja, ja, knurrte Veit, da staunste! Zum Vergngtsein ist's auch nicht,
und ich glaube, der Herzog wnscht seine liebe Base auch ins Pfefferland,
heute mittag kommt sie schon. Nun flink, nimm dein Frhstck und laufe in
den Park! Wer wei, ob du es morgen noch darfst.

Da schluckte Kasperle selbst fr ein Kasperle ungeheuer geschwinde alles
hinab, was Veit gebracht hatte, und dann flitzte er die Treppe hinab in den
Park hinein. Niemand sah ihn, und als er am Bchlein anlangte, sa wirklich
das traurige Marlenchen schon da.

Die Prinzessin kommt, schrie Kasperle.

Marlenchen wurde totenbleich, und ehe sich Kasperle noch auf ein zweites
Wort besonnen hatte, rannte sie schon weg. Sie flog mehr, als sie ging, und
Kasperle blieb nichts weiter brig, als hinter ihr her Purzelbume zu
schlagen, um sie einzuholen. Er schrie zwar immer: Bleib doch, bleib
doch! aber Marlenchen hrte in ihrer Angst vor der Prinzessin gar nicht
darauf.

Endlich erwischte Kasperle sie an einem Zipfel ihres weien Kleides, und da
sank das traurige Marlenchen wie eine kleine, blasse Blume ins Gras.
Kasperle dachte wirklich, sie wre gestorben, und er erhob ein lautes
Zetergeschrei.

Zum Glck hrte es niemand, und das blasse Marlenchen ffnete nach einigen
Minuten wieder ihre Augen. Sanft bat sie: Mut nicht so schreien,
Kasperle!

Gleich war der muckstill. Er sah Marlenchen mit seinen schwarzen
Glitzeruglein aber so traurig an, da die Kleine ihm sanft ber den Kopf
strich. Die Prinzessin, die bse Prinzessin! Und sie seufzte tief.

Aber sie kommt doch erst mittags!

Marlenchen richtete sich verwundert auf. Sie hatte gemeint, die Prinzessin
liefe hinter Kasperle drein, und sie sagte sanft: Warum hast du denn dann
so geschrieen?

Aber sie kommt doch! rief Kasperle klglich.

Ja, sie wollte kommen. Trbselig genug war es den beiden zumute. Sie gingen
langsam ber die weite Wiese nach dem Bchlein zurck und Marlenchen sagte
traurig: Wenn sie kommt, darf ich nicht mehr am Bach sitzen.

Ich vergraule sie, schrie Kasperle und machte sein Teufels- und
Hexengesicht zu gleicher Zeit.

Das sanfte Marlenchen erschrak. Ganz leise sagte sie: Du mut nicht
schlimm sein, Kasperle.

Ich vergraule sie doch! schrie Kasperle zornig.

Wie denn?

Da schwieg der kleine Schelm. Er wute noch nicht wie, aber er wute, etwas
fiel ihm schon ein, und trotzdem die sanfte Freundin ein paarmal mahnte,
keine Dummheiten zu machen, blieb er doch dabei: Ich vergraule sie.

Und dann saen die beiden ungleichen Kameraden lange am Bchlein, erzhlten
sich dies und das, sprachen wieder vom Waldhaus, und viel zu frh ertnte
des Haushofmeisters Pfeife.

Jetzt ist sie vielleicht schon da, flsterte Marlenchen scheu.

Ich geh' nicht! Kasperle blieb auf seinem Stein sitzen. Die Pfeife
grillte und schrillte, er rhrte sich nicht.

Geh doch! mahnte Marlenchen.

N! knurrte Kasperle wie ein kleiner Br.

Tirillili, tirillili! tnte die Pfeife. Kasperle rhrte sich nicht.

Da endlich kam Veit angelaufen. Kasperle, Kasperle, wo bleibst du denn?

Ich komme nicht, schrie Kasperle patzig.

Aber da hatte er sich doch in Veit verrechnet. Der kam mit langen Schritten
herbei, packte das Kasperle und trug es ohne weiteres dem Schlosse zu.
Nicht einmal recht Abschied nehmen konnte er von dem traurigen Marlenchen.

Das verdiente in dem Augenblick seinen Namen wirklich. Tief traurig sah es
dem lustigen kleinen Kameraden nach, bis sie ihn nicht mehr erblicken
konnte. Und als sie heimging mit gesenktem Kopf, da sagten die Wiesenblumen
zueinander: Wie seltsam, Regentropfen fallen und der Himmel ist so blau.
Die Regentropfen aber waren des traurigen Marlenchens bittere, bittere
Trnen.

Inzwischen gelangte Kasperle noch rechtzeitig in das Schlo. Und just als
sich der Herzog zum Mittagessen setzen wollte, rumpelte und rasselte es
drauen, die Prinzessin kam angefahren. Ein paar Minuten lang lief und rief
alles durcheinander. Der Herzog seufzte erschrecklich tief, denn ihm gefiel
der Besuch gar nicht. Das Kasperle stand ganz verdattert herum, da
schttelte ihn jemand und raunte ihm zu: Marsch, lauf in deinen Turm!
Sonst gibt es gleich Zank und Streit, wenn dich die Prinzessin erblickt.

Der Haushofmeister war es. Kasperle lie sich das nicht zweimal sagen. Er
rannte davon und kam dabei durch das Anrichtezimmer. Dort standen allerlei
schn verzierte Speisen, Schsseln mit Kuchen und dergleichen, und Kasperle
dachte: Davon bekomme ich nun nichts. Pltzlich blieb er stehen, eine feine
rosenrote Torte hatte es ihm angetan, und eins, zwei, drei, nahm er die
Torte und trug sie in seinen Turm hinauf. Er war beinahe oben, da traf ihn
jemand; der gute, dicke Oberstallmeister war es. Potzwetter! rief der,
wo willst du denn mit der Torte hin? Bist du Kchenjunge geworden?

N! stammelte Kasperle und schielte den freundlichen Herrn scheu an. Ich
-- ich will sie essen!

Die ganze Torte?

Kasperle sah den Oberstallmeister an, sah die Torte an und dachte: Sie
langt schon fr beide. Er sagte das auch ganz treuherzig und der dicke Herr
lachte herzhaft darber. Weil er aber auch schon einen rechtschaffenen
Hunger hatte und wute, nun wrden noch viele Minuten vergehen bis zum
Mittagessen, rief er: Kasperle, du bist ein Schlauerchen. Aber
meinetwegen, wir essen die Torte zusammen.

Und dann setzten sie sich auf die Turmtreppe, der Oberstallmeister nahm
seinen Sbel, schnitt die Torte mittendurch, und dann schmausten sie hchst
eintrchtig zusammen. Danach war Kasperle pumpelsatt, der Oberstallmeister
halbsatt, und als sie sich trennten, hatte Kasperle einen neuen Freund im
Schlo gewonnen.

Kasperle stieg sehr vergngt in seinen Turm hinauf, kletterte auf das
Fensterbrett und sah sich die Welt von oben an. Dabei sah er zwei
Stockwerke tiefer zur Seite eine Anzahl Fenster offen stehen, die sonst
geschlossen waren. Und wie er so hinsah, steckte aus dem einen jemand
seinen Kopf heraus und das -- war die Prinzessin Gundolfine. Kasperle
purzelte vor Schreck in seinen Turm zurck. Eine ganze Weile lag er da und
schnappte nach Luft, so arg war er erschrocken.

Aber Kasperle war eben ein zu dummen Streichen und Schabernack aufgelegtes
Kasperle. Das dachte den ganzen langen Nachmittag an weiter nichts, als
daran, der Prinzessin als ein Gespenstlein zu erscheinen. Niemand kmmerte
sich um den Kleinen; zu Tisch wurde er nicht geholt, der Herzog wollte ihn
am liebsten seiner Base nicht zeigen. Zu essen brachte ihm auch niemand
etwas, weil der Oberstallmeister dem Haushofmeister von der verschwundenen
Torte erzhlt hatte. Da dachte der: Das reicht bis zum Abendessen.

Hunger hatte Kasperle auch nicht, aber Langeweile. Er flitzte immer wieder
zu seinem Schranktrchen hinaus, und da alles ganz, ganz still blieb unten,
wagte er sich endlich weiter und geriet bei seinem Herumsuchen auf den
Schloboden. Da gab es Tre an Tre, gab weite, offene Kammern. Kasperle
steckte berall seine Nase hinein, und als er einmal aus einer Fensterluke
blickte, sah er, da er gerade ber dem Zimmer der Prinzessin war.

Hach! Kasperle kreischte ganz laut, und dann sah er sich erschrocken um.
Der weite, leere Raum gab das Echo zurck, und Kasperle frchtete sich ein
paar Augenblicke schrecklich. Dann merkte er aber, es war niemand da, nur
ein Muslein huschte eilig an ihm vorbei. Der kleine Schelm sah sich um. In
einer Ecke entdeckte er eine Anzahl Stbe, aber als er einen zum Fenster
hinaussteckte, merkte er wohl, die reichten nicht bis an die Zimmer der
Prinzessin. Er flitzte in allen Winkeln und Ecken herum, und da fand
Kasperle endlich eine lange, lange Waschleine. Gerade als er die gefunden
hatte, meinte er von ferne Schritte zu hren. Er lief also eiligst in
seinen Turm zurck und war kaum ein paar Minuten darin, als Veit kam.

Kasperle sa ganz brav und bieder auf dem Fensterbrett und schaute hinaus,
und Veit hatte rechtes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Armes Kasperle,
sagte er gelt, das ist ein langweiliges Leben?

Kasperle nickte eifrig, aber als Veit in seine Glitzeruglein sah, sagte er
pltzlich: Kasperle, mach' keine Streichlein! Du schaust recht wie ein
Bruder Unntz und Vetter Dummheitenmacher drein.

Da glitt Kasperle vom Fenstersims herab und hngte sich schmeichelnd an
Veits Arm, und der streichelte den Schelm, versprach ihm allerlei gute
Dinge zum Abendessen und sagte, heute drfe er noch nicht herabkommen, der
Herzog habe Angst, die Prinzessin Gundolfine knnte ihm etwas antun. Also
sei brav! mahnte Veit noch.

Kasperle gab keine Antwort, er dachte mehr ans Unntz- als ans Bravsein und
Veit dachte: Na, der stellt doch noch etwas an! Freilich, zum Turm kam er
nicht hinaus. Von dem geheimen Trlein, das der gute alte Haushofmeister
dem Schelm verraten hatte, ahnte Veit nichts.

Ein wenig spter brachte er wirklich Abendbrot. Kasperle schmauste und
legte sich in sein Bett. Veit deckte ihn noch zu, und dann verschlo er
sorgfltig die Tre, brachte den Schlssel dem Herzog, und der zeigte ihn
seiner Base und sagte: Nun siehst du, jetzt ist Kasperle im Turm
eingeschlossen. Du brauchst dich also nicht zu frchten.

Ein Kasperle ist ein halbes Gespenst, brummte die Prinzessin, wer wei,
was der noch anstellt! Ich wollte, er lge unten im Schlobrunnen.

Nach dem feuchten, tiefen Schlobrunnen hatte Kasperle gar keine Sehnsucht.
Der lag in seinem Bett, strampelte vor Vergngen und schielte immer wieder
hinaus, ob es nicht bald dunkel werde. Als Dmmerung drauen ber dem Lande
lag, wuschelte er sein Bett zusammen, nahm das Kopfkissen unter den Arm,
flitzte durch das verborgene Trlein und huschte durch die Bodenkammer.
Dort nahm er die lngste Stange, band das Kopfkissen daran und versuchte
damit das offene Fenster der Prinzessin zu erreichen. Es langte gerade,
weiter nicht. Da zog Kasperle das Kopfkissen wieder hinauf, setzte sich auf
die Fensterbrstung und dachte vergngt: Nun kann es losgehen.

Das Warten wurde ihm freilich lang, denn die Prinzessin blieb bis spt in
die Nacht beim Herzog. Da wurde Kasperle schlielich mde, er kroch in die
Kammer zurck, kauerte am Boden nieder und schlief ein.

Als er erwachte, war es tiefstill ringsum, nirgends ein Laut zu hren.
Kasperle schaute zum Fenster hinaus. Unzhlige Sterne glnzten am Himmel.
Es war eine helle, klare Nacht. Ein paar Fledermuse huschten lautlos am
Bodenfenster vorbei, sonst rhrte und regte sich nichts. Da stopfte
Kasperle flugs noch etliche Kieselsteine zwischen Kopfkissen und Bezug, und
dann steckte er seine Stange zum Fenster hinaus.

Die Prinzessin schlief noch nicht. Sie lag wach und dachte allerlei;
freundliche Gedanken hatte sie nicht, sie wollte den Grafen von
Singerlingen recht krnken und sann nach, durch was. Auf einmal rauschte
etwas Weies an ihrem Fenster vorbei, klapp, schlug es an, -- weg war es.

Die Prinzessin rief erschrocken und sehr laut nach ihrer Kammerfrau, und
das unntze Kasperle hrte das Rufen, denn das Fenster stand halb offen. Es
zog flugs sein Kopfkissen hinauf und lauschte. Unten sah jemand hinaus und
sagte: Es ist nichts zu sehen.

Schliee das Fenster! schrie die Prinzessin. Das Fenster klirrte, es war
wieder alles still.

Da fing pltzlich die Schlouhr zu schlagen an, zwlfmal, die Geisterstunde
begann.

Es ist unheimlich, sagte die Prinzessin unten gerade. Da rauschte drauen
etwas Weies an ihrem Fenster vorbei, klappte heftig an, und sie schrie
laut um Hilfe. Die Kammerfrau sah erschrocken hinaus, und da sah sie gerade
ber sich das Kopfkissen schweben.

Ein Gespenst, ein Gespenst! kreischte sie, und ein paar Augenblicke
spter hallte durch das Schlo Schreien und Hilferufen, und Kasperle nahm
sein Kopfkissen, so schnell er konnte, und witschte in seinen Turm.

Er kam gerade noch hinein, da klirrten drauen Schritte, und er mute den
langen Stock mit ins Bett nehmen, weil er nicht schnell genug die Stricke
davon losbekam. Da wuschelte er sich so in sein Bett, da nur die Nase
heraussah, und er tat, als schliefe er ganz fest. Er hrte drauen ein paar
Diener sich ber die Gespensterfurcht unterhalten, hrte sie auf den Boden
gehen und wieder zurckkommen. Wieder war alles still.

Die Prinzessin Gundolfine zeterte und schrie zwar noch eine Weile in ihrem
Bett, und die arme Kammerfrau, die vor Angst bebte, mute noch dreimal zum
Fenster hinaussehen; es war aber nichts zu erblicken.

Der Herzog lag in seinem Bett und schalt, Haushofmeister und Diener
schalten, und zuletzt schliefen alle ein.

Nur Kasperle schlief nicht. Der kugelte sich lachend in seinem Bett herum
und hrte drauen die Uhr schlagen: halb, dreiviertel; da kletterte er
wieder zum Turme hinaus, schleppte aber noch seinen Wasserkrug mit und
schlich sich wieder in die Bodenkammer.

Die Prinzessin war halb eingeschlafen, da ging es drauen klapp, klapp,
etwas Weies rauschte am Fenster entlang. Diesmal sprang die Prinzessin
selbst auf und ri das Fenster auf. Es klirrte und krachte, dumpf drhnte
die Uhr, und schwapp! bekam die Prinzessin so ein Glein, da sie pustend
und sthnend in das Zimmer zurcktaumelte.

Wieder tnten Hilferufe, Jammern, Kreischen; Tren klappten, Schritte
hallten und Kasperle lag gerade in seinem Bett, als er drauen des Herzogs
Stimme hrte. Der wollte selbst dem Gespenst zu Leibe gehen. Kasperle kann
es nicht sein, der ist ja eingeschlossen, aber nachsehen will ich doch,
hrte der kleine Schelm ihn sagen.

Der bekam einen argen Schreck. Er zog sich das Bett so fest ber die Ohren,
da nur seine Nase herausschaute, und tat, als ob er ganz fest schliefe.

Der Herzog kam in den Turm, sah Kasperle liegen, lie ihm ins Gesicht
leuchten und murmelte: Nein, nein, der kann es nicht gewesen sein, aber --
ich glaube, der denkt sogar im Schlaf an unntze Dinge. Hm, hm,
merkwrdig!

Der Herzog ging, der Haushofmeister drehte sich aber noch einmal um, und
als Kasperle ein bichen blinkerte, sah er, wie sein alter Freund ihm
drohte.

Auf dem Boden, nirgends wurde etwas gefunden, nur einer bckte sich rasch
und hob etwas auf, die andern sahen es nicht, es war der Haushofmeister.

Und wieder gingen alle in ihre Betten. Bei der Prinzessin muten aber auer
der Hofdame und der Kammerfrau noch drei Mdchen wachen, und alle graulten
sie sich schrecklich. Alle schliefen sie aber ein, und pltzlich wachten
alle von einem Zetergeschrei auf, das aber rasch verstummte.

Jetzt hat das Gespenst geschrien. Die Prinzessin sah ksewei aus und
ihre Wchterinnen sahen ebenso ksewei aus. Sie horchten alle zitternd,
aber alles blieb still. Da Kasperle oben in seinem Bett lag und bitterlich
weinte, dies konnten sie nicht hren.

Kasperle hatte eben gesprt, da der gute alte Haushofmeister auch einmal
einen unntzen Schelm tchtig verwichsen konnte. Er war gerade
eingeschlafen, da hatte er unversehens klatsch, klatsch! gesprt, wie weh
Schlge tun. Darob hatte er so mrderlich gebrllt. Er verstummte aber
gleich, als ihm der Haushofmeister ein Hosenknpflein vor die Nase hielt
und sagte: Kasperle, soll ich das dem Herzog zeigen und sagen, das hat das
Gespenst verloren? O lieber Himmel, es ist schon schlimm, wenn einer
immerzu Hosenknpfle verliert! Arg schlimm!

Kasperle schluchzte in sein Bett hinein und der alte gute Haushofmeister
fragte traurig: Kasperle, warum bist du nur so unntz?

Sie ist bse, knurrte Kasperle zornig wie ein kleiner wtender Hund.

Ja, das ist sie. Denk' aber an den Keller, Kasperle, und an -- die
Fsser!

Ich will's nicht wieder tun, murmelte Kasperle bedrckt. Da der gute
Haushofmeister aber auch alles herausbekam! Es wurde ihm ordentlich etwas
bange vor ihm, und scheu blinzelte er den alten Mann an.

Der mute ein wenig lachen. O Kasperle, du Strick! sagte er, du machst
doch sicher noch eine Dummheit, solange die Prinzessin da ist! Jetzt sperre
ich aber das Schranktrchen zu, sonst geisterst du noch einmal herum.

Der Haushofmeister wollte gehen, da griff Kasperle bittend nach seiner
Hand, und der alte Mann strich ihm linde ber den Kopf. Armer kleiner
Kerl, sagte er, warum hat dich unser Herzog nicht in deinem Waldhaus
gelassen!

Kasperle seufzte tief, tief, danach drehte er sich um und schlief wie ein
Rtzlein, schlief bis zum sonnigen Morgen. Und als er aufwachte, dachte er
an keine Gespensterei, nichts, nur daran, wie er wohl heute das traurige
Marlenchen sehen knnte.




Dreizehntes Kapitel

Das Nest auf der Ulme

An diesem Morgen kam die Prinzessin Gundolfine mit einem Gesicht zum
Frhstck, als htte sie drei Metzen Schlackerwetter aufessen mssen. Es
hat heute nacht gespukt, sagte sie bse.

Das ist noch nie geschehen, antwortete der Herzog.

Da fiel der Prinzessin etwas ein und sie rief: Dann war es Kasperle.

Nein, der war es nicht. Der war eingeschlossen im Turm.

Er soll kommen, ich will ihn fragen!

Meinetwegen, brummte der Herzog.

Da wurde Kasperle geholt, und dem kleinen Schelm wurde es wind und weh bei
dem Gedanken, die Prinzessin zu sehen. Dazu sagte ihm noch der
Haushofmeister: Kasperle, Kasperle, das wird bs! Sie denkt, du seiest das
Gespenst gewesen.

Jemine und Kasperle konnte doch nicht lgen! Dummheiten machen, ja, aber
schwindeln, nein, das brachte er nicht fertig.

Da war er schon im Zimmer und der Herzog rief: Hier kommt er.

Kasperle sah vor Verlegenheit nicht rechts und nicht links, trat zaghaft
auf, und weil er ohnehin auf dem glatten Boden schlecht gehen konnte,
glitschte er und stolperte. Er wollte sich an einem Kammerherrn, der neben
ihm ging, festhalten, beide verloren das Gleichgewicht und rutschten in das
Zimmer hinein, als wre der Boden eine Eisbahn.

Der Kammerherr wollte sich auch an etwas anhalten, und unglcklicherweise
erwischte er das Bein des Stuhles, auf dem die Prinzessin sa. Da rutschte
der, die Prinzessin wackelte hin und her, hielt sich am Herzog fest, und
pardauz, bums! lagen alle miteinander auf dem Boden.

Der Herzog wurde fuchsteufelswild und die Prinzessin Gundolfine schrie
immerzu: Daran ist Kasperle schuld.

Der aber dachte: Es ist am besten, mitzuschreien, und er schrie so
gewaltig, da die andern allmhlich erstaunt verstummten. So ein Geschrei
war nicht Mode am Herzogshof.

Stille! rief der Herzog, aber das Kasperle schrie und schrie. Der kleine
Schelm dachte: Wenn ich recht schreie, fragen sie mich nichts. Und er hatte
recht gedacht. Der Herzog verga vor rger das Gespensterspiel der Nacht,
er rief bse: Bringt Kasperle in den Turm zurck, er soll dort eingesperrt
bleiben!

Das lie sich der gute Haushofmeister nicht zweimal sagen; er winkte Veit,
der zerrte Kasperle hinaus, und als unten alle noch aufgeregt durcheinander
redeten, sa der schon wieder vergngt in seinem Turm. Er schaute, als Veit
gegangen war, ber das Land hinweg, hinber nach Lindeneck. Ach, wie gern
wre er doch zu dem traurigen Marlenchen gelaufen!

Da fiel es ihm ein, er war ja ganz und gar eingesperrt, selbst das
Schranktrchen war zu. Oder vielleicht doch nicht. Er schlpfte in den
Schrank, und richtig, das Trchen drehte sich; er stand wieder im
Treppenhaus. Ganz vergngt flitzte er eine Weile hin und her, weil aber
unten noch immer viel Gelrm war, wagte er es nicht, die Treppe
hinabzugehen. So blieb er oben, kauerte sich auf den Boden nieder und
lauschte hinab.

Die Stimme der Prinzessin Gundolfine klang schrill bis zu ihm herauf. Die
Tren des Zimmers, in dem diese mit dem Herzog sa, standen offen; die
Prinzessin behauptete, sonst halte sie es nicht aus, so hei sei es. Sie
war noch immer sehr aufgeregt und schalt unverdrossen auf das Kasperle,
verlangte strenge Bestrafung, und Kasperle, der das hrte, dachte wieder
einmal: Ausreien wre am besten!

Er hatte aber doch fr sein Michele sein Wort gegeben, und das mute er
halten.

Endlich wurde es still unten. Der Herzog und die Prinzessin gingen im Park
spazieren und der Haushofmeister kam und sagte: Heute mut du oben
bleiben, Kasperle, sonst wirst du erwischt.

Kasperle versprach Bravsein, aber das Bravsein wurde ihm bald langweilig.
Er flitzte zum Trlein hinaus und hinein, und der Vormittag wollte gar kein
Ende nehmen. Endlich kam Veit und brachte ihm Mittagessen, und dabei sagte
er: Heute geht es unten hoch her. Der Herzog steigt eben in den Weinkeller
hinab und holt von dem ganz guten Wein herauf. Weit du, der Keller liegt
neben dem, in den sie dich neulich gesperrt hatten. Dahinein geht der
Herzog immer selbst, nur die Prinzessin ist mitgegangen. -- Meine Gte, was
ist da schon wieder?

Unten tnte Rufen, und Veit lief die Treppe hinab und das Kasperle stand,
als wre er mitten in ein Hagelwetter hineingeraten.

Wenn der Herzog die leeren Fsser entdeckte!

Da der nichts von dem Trchen wute, ahnte Kasperle ja nicht. Er zitterte
vor Angst, und da Veit in der Eile die Tre offen gelassen hatte, ging er
durch diese Tre, lie sie weit offen stehen, schlich sich einen Gang
entlang, kam an eine schmale Seitentreppe, und gerade als er die erreicht
hatte, hrte er die Prinzessin kreischen.

Jemine, jetzt hatten sie die leeren Fsser gefunden! Da war Kasperle schon
unten, war drauen im Park und wutschte an den Struchern entlang bis zum
Wldchen hin.

Das Bchlein gluckste und rann, aber Marlenchen sa nicht an seinem Rande.
Kasperle blieb stehen. Wohin sollte er nur? Ehe er durch des Herzogs Land
lief, fingen ihn dessen Landjger schon; sie erkannten ihn sicher an seinem
grasgrnen Kasperlekleid, das alle kannten. Und dann dachte er an sein
Wort, das er gegeben hatte. Er seufzte tief. Am Bchlein kauerte er sich
nieder, und sein kleines unntzes Kasperleherz war ihm zentnerschwer. Wre
doch Marlenchen dagewesen! Ach, die traurige kleine Freundin konnte ihn
gewi auch nicht schtzen!

Auf einmal fiel ihm der Graf von Singerlingen ein. Vielleicht half ihm der
in seiner Not, weil er ihn von der Prinzessin befreit hatte. Vielleicht gab
der dem Herzog ein gutes Wort und bat ihn frei. Er dachte: Wenn ich immer
an Wiesen entlang wutsche oder durch den Wald gehe, dann sieht mich
vielleicht niemand. Aber wie fand er den Weg? Da fiel es ihm ein, er wrde
auf die alte, hohe Ulme klettern; von dort aus konnte er gewi das Schlo
des Grafen von Singerlingen liegen sehen und auch den Weg, der dahin
fhrte. Und auf der Ulme, im dichten Gezweig, sah ihn auch niemand vom
Schlo aus. Da schtzte ihn sein grasgrnes Rckchen.

Die Ulme war hoch, aber Kasperle frchtete sich vor der Hhe nicht. Rutsch,
rutsch, da war er schon ein Stck oben. Rutsch, rutsch, hher und hher kam
er. Er sah schon das Elsternnest an der Spitze und sah die Vgel neugierig
ihre Kpfe herausrecken. Die schimpften bse, und Kasperle schnitt wieder
Frtzlein um Frtzlein. Das emprte die Elstern, die fingen laut zu
schelten an, sie beugten sich weit aus den Nestern und machten bse Augen.
Drei Nester waren es und in jedem Nest sa eine ganze Elsternfamilie.
Kasperle htte sich schon frchten knnen, er merkte aber, die
schwatzhaften Vgel hatten Angst vor seinen Teufels- und Rubergesichtern.
Da kletterte er vergngt hher und hher, verdrehte die Augen, zog den Mund
krumm und schief, wackelte mit Nase und Ohren, und die Elstern kreischten
immer lauter vor Angst.

Die Alten riefen den Jungen zu: Wir wollen fliehen, fliegt auf, fliegt
auf! aber die Jungen konnten vor Angst ihre Flgel nicht heben. Sie
flatterten erschrocken in den Nestern herum, und endlich sagte die lteste,
wrdigste Elstermadame, die schon viele Jahre in dem Neste wohnte: Jetzt
hacke ich ihm die Augen aus.

Da schnitt Kasperle ein Hexengesicht und plumps sank die mutige Elster
zurck. Sie jammerte laut vor Angst und in dem Augenblick dachte Kasperle:
Wenn sie doch ruhig wre!, denn von unten tnte lautes Rufen: Kasperle,
Kasperle! -- Er ist ausgerissen, der Bsewicht, gellte eine Stimme und
Kasperle hrte ganz genau, es war die Prinzessin, die rief.

Gewi hatten sie die leeren Fsser entdeckt.

Das hatten der Herzog und seine Base nun wirklich getan. Sie waren, gefolgt
von etlichen Dienern, in den Keller gekommen, in dem die kstlichen Weine
lagerten, und der Herzog hatte befohlen: Von dem Fa in der Mitte.

Da hielt der Diener den silbernen Krug unter und -- kein Tropfen kam
heraus.

Die Prinzessin schnupperte unterdessen in dem Keller herum und sie sagte:
Wie sehr es hier nach Wein riecht, nein, sonderbar!

Das Fa ist leer, meldete der Diener.

Leer? rief der Herzog verdutzt. Ja, wie kommt denn das? Er trat selbst
an das Fa heran, pochte, schttelte, -- es war leer.

Du hast es ausgetrunken, sagte seine Base spitz.

Unsinn! Der Herzog war wirklich rgerlich. Nimm aus dem linken Fa!
rief er dem Diener zu. Der zog den Zapfen aus und hielt das Krglein unter,
aber kein Tropfen kam. Das war doch toll! Und beim dritten Fa ging es
ebenso.

Es mu jemand im Keller gewesen sein, rief der Herzog. Schnell, schnell,
man bringe Licht, um alles zu untersuchen!

Du hast gewi alles allein ausgetrunken, sagte die Prinzessin Gundolfine
wieder spitz, und der Herzog rgerte sich so, da er ganz grn wurde. Er
schrie immer lauter: Licht her, Licht her! und die Diener kamen mit
Lampen und Kerzen gerannt. Sogar die Kammerherren trugen Kerzen und alle
leuchteten in dem kleinen Keller herum. Pltzlich rief der jngste
Hofjunker, der Augen wie ein Falke hatte: Hier ist eine Tre.

Unsinn, der Keller hat nur eine Tre! erwiderte der Herzog, aber da schob
das Junkerlein das Pfrtchen zurck, und alle sahen erstaunt in einen
zweiten Keller hinein. Auf einmal riefen etliche: In dem Keller hat
Kasperle gesteckt.

Ja, und dann war er krank und hat immerzu geschlafen. Der dicke
Oberstallmeister brach pltzlich in ein drhnendes Lachen aus. Am Ende hat
das Kasperle ein Schwipslein gehabt.

Oooh! Der Herzog sah drein, als wre vor ihm ein Kirchturm umgepurzelt.
Die Prinzessin aber kreischte: Dieser schreckliche Kasper, den mu man
aufhngen, in den Brunnen werfen, schlagen, der mu furchtbar bestraft
werden!

Man hole ihn! Der Herzog sthnte. Wirklich, das Kasperle war doch ein
arger Strick, den mute er wirklich streng bestrafen!

Unter den Dienern war auch Veit, der lief mit, um das Kasperle zu holen. In
seinem Herzen dachte er mitleidig: Vielleicht kann er noch entwischen.

Und dann fanden sie die Turmtre offen und kein Kasperle war zu sehen. Der
Schelm war ausgerissen.

Als das der Herzog erfuhr, verga er Mittagessen und alles; er war
bitterbse, rief, man solle berall suchen und die Landjger ausschicken,
um das Kasperle zu fangen.

Und dann wird es aufgehngt, rief die Prinzessin Gundolfine.

Nein, denn von einem toten Kasperle habe ich nichts, erwiderte der
Herzog.

Ach, aufhngen ist am besten!

Nein, es ist mein Kasperle!

Und mich hat es gergert. Das Gespenst heute nacht war sicher auch
Kasperle, rief die Prinzessin. Er mu doch aufgehngt werden!

Nein! schrie der Herzog zornig, und so stritten sich beide eine ganze
Weile herum, was mit dem Kasperle geschehen sollte. Sie hatten es aber noch
gar nicht.

Unterdessen suchten die Diener berall herum. Veit sagte: Ich suche im
Wldchen. Er dachte: Wenn ich da das Kasperle sehe, kann es noch
ausreien. Aber etliche Kammerherren sagten auch, sie suchten im Wldchen,
und der gute Veit mute sich das gefallen lassen.

Kasperle sah sie alle kommen von seinem hohen Sitz aus. Jemine, klopfte da
sein unntzes kleines Kasperleherz! Und die dummen Elstern kreischten und
flatterten. Kasperle wollte sie zur Ruhe bringen, aber je bsere Gesichter
er schnitt, desto schlimmer krchzten sie. Er machte endlich sein dummes,
gutmtiges Kasperlegesicht, aber da flatterten die Elstern gleich wtend
auf ihn los und wollten ihm die Augen aushacken. Das war Kasperle zu toll,
er schlug mit seiner Faust nach ihnen und machte ein Teufelsrubergesicht.

Wir mssen fliehen, fliehen, krchzte die lteste Elsternmadame, Kinder,
strengt euch an! Und die Kinder strengten sich an. Sie hoben die Flgel
und flatterten, und auf einmal flog die ganze Elsternschar mit so lautem
Schreien davon, da die Menschen unten aufmerksam wurden. Sie sahen hinauf,
und der jngste Hofjunker mit seinen scharfen Augen erblickte das Kasperle
trotz seines grasgrnen Rckleins hoch oben auf der alten Ulme.

Da sitzt er, da sitzt er! rief er, und nun schauten alle hinauf und alle
riefen: Da sitzt er, da sitzt er!

Kasperle fuhr der Schreck arg in die Glieder. Er wre beinahe von dem Baume
heruntergesaust, und in seiner Angst griff er nach dem verlassenen
Elsternest, um sich daran festzuhalten. Dabei ergriff er etwas hartes und
hatte auf einmal einen groen goldenen Ring mit einem schnen Rubin in der
Mitte in seiner Hand. Das war nun wirklich sonderbar. In einem Elsternest
lag ein goldener Ring! Kasperle war ausnehmend neugierig, und vor Neugier
verga er sogar seine Angst. Er kletterte noch ein Stckchen hher und
schaute in das Nest hinein. Nein, so etwas, da lag noch ein kleiner
silberner Lffel und ein goldener Ohrring! Aber der Ring, den er in der
Hand hielt, war das schnste Stck.

Himmel, vielleicht war das gar des Herzogs Ring, den der Herr von Lindeneck
gestohlen haben sollte! Kasperle hielt das kostbare Ding in der Hand, besah
es von allen Seiten und dachte: Vielleicht wenn ich den dem Herzog bringe,
verzeiht er mir. Aber just da kam unten die Prinzessin Gundolfine
angelaufen und kreischte: Man hole eine Kanone und erschiee ihn!

Kasperle schnitt sein Teufelsgesicht hinab. Aber was half das, die unten
liefen nicht davon, wie die Elstern davongeflogen waren. Die blieben
stehen, schimpften hinauf, redeten von einer Kanone und der Wasserspritze;
sehr freundlich klang das nicht.

Kasperle berlegte. Ausreien konnte er nicht, auch hatte der Herzog ja
nicht gesagt: Geh zum Teufel!, also war er noch nicht frei. Aber wenn er
mit dem Ring ankam, wrde der Herzog vielleicht wieder gut werden. Wenn nur
die Prinzessin nicht unten gestanden htte, an der er vorbei mute!

Pltzlich kam dem Kasperle ein Gedanke. Blitzschnell nahm er das Nest, in
dem auer den Kostbarkeiten auch noch allerlei Unrat lag, und warf es
hinab, der Prinzessin gerade auf den Kopf.

Unten erhob sich ein lautes Geschrei, aber alle sahen ein paar Augenblicke
nicht zu Kasperle hinauf, sondern auf die Prinzessin, und da rutschte der
kleine Schelm den Baum hinab und scho auf einmal einen Purzelbaum ber
alle hinweg, rollte sich und kollerte bis zum Schlosse hin, ehe die unter
dem Baume noch wuten, was geschehen war. Im Schlo flitzte er aber an ein
paar Dienern vorbei, husch, husch in das Zimmer des Herzogs hinein, in dem
der seine Mittagsruhe zu halten pflegte. Und richtig, da sa der Herzog
auch verdrielich in seinem groen Stuhl und rgerte sich. Ja, ber was
rgerte er sich alles! ber Kasperle, den ausgelaufenen Wein, seine Base,
das versptete Mittagessen, am meisten aber doch ber Kasperle.

Er mu streng, ganz streng bestraft werden, dachte er, und da purzelbaumte
gerade das Kasperle in das Zimmer hinein, stand pltzlich vor ihm und hielt
ihm seinen Ring unter die Nase. Dazu machte der kleine Kerl das betrbteste
unntzeste Kasperlegesicht.

Aber Kasperle! rief der Herzog, wo hast du den Ring her?

Kasperle legte den Kopf schief, schielte den Herzog bittend an und erzhlte
von seiner Kletterei und den scheltenden Elstern.

Mein Himmel, sagte der Herzog, eine Elster hat den Ring gestohlen und
der arme Herr von Lindeneck ist darum in Verdacht gekommen! Kasperle, um
des Ringes willen soll dir alles, alles verziehen sein.

Da kugelte und kollerte sich Kasperle im Zimmer herum, und pltzlich
bettelte er: Herr Herzog, la mich nach Lindeneck laufen!

Dann reit du aus. Der Herzog schttelte ernst den Kopf, aber Kasperle
hing tief betrbt die Nase. Du hast doch noch nicht gesagt: >Geh zum
Teufel!<, murmelte er und seufzte schwer dazu.

Ei, das ist gut! Vorher reit du also wirklich nicht aus? rief der Herzog
lachend. Nun, dann brauche ich ja keine Sorge zu haben; das sage ich nie.
Also laufe nur nach Lindeneck und bestelle, der Herr von Lindeneck mchte
gleich kommen. -- Aber, er rieb sich nachdenklich die Nase, weit du
denn, wo Lindeneck liegt?

Kasperle nickte eifrig und ganz zutraulich erzhlte er dem Herzog von
seiner Freundschaft mit dem traurigen Marlenchen.

Der Herzog wurde sehr, sehr nachdenklich. Er schmte sich, da er dem Herrn
von Lindeneck so unrecht getan hatte, und er dachte bei sich: Eigentlich
ist das Kasperle besser als ich. -- Solche Gedanken hatte der Herzog
selten, wenn sie ihm aber kamen, dann blickten seine Augen milde und gtig
und das Kasperle dachte: Jetzt gefllt er mir.

Nun laufe nur schnell! sagte der Herzog. Halt, der Haushofmeister mag
dich ein Stck geleiten, denn wenn dich die Base Gundolfine erwischt, geht
es dir bel. Sie denkt sogar, du httest heute nacht gegeistert, und du
lagst doch in deinem -- Kasperle! Der Herzog machte pltzlich wieder bse
Augen, denn Kasperle lie gar zu schuldbewut seine Nase hngen. Du warst
es doch, Kasperle!

Der Schelm nickte, und schon wollte der Herzog schelten, da fiel sein Blick
auf den Ring und er sagte: Na ja, klettern kannst du freilich! Aber nun
laufe nur, auch das soll dir verziehen sein!

Kasperle huschte hinaus, froh, da der Herzog nicht weiter gefragt hatte.
Er fand den Haushofmeister, erzhlte ihm flink alles, und der lie ihn zu
einem schmalen Pfrtchen hinaus.

Als die Prinzessin zornig und scheltend in das Schlo zurckkehrte, rannte
Kasperle schon ber eine groe Wiese Schlo Lindeneck zu. War die
Prinzessin Gundolfine aber bse! Sie machte wirklich Kulleraugen, als sie
erfuhr, Kasperle sei beim Herzog gewesen und alles, alles sei verziehen.

Ich verzeih' ihm nicht, schrie sie, nie und nimmer! Er soll seine Strafe
schon bekommen!

Doch als der Herzog ihr sagte, der vermite Ring sei im Elsternest gewesen
und dem Herrn von Lindeneck sei bitteres Unrecht geschehen, da redete sie
gleich von Abreisen. Sie fhlte ihre Schuld, aber sie wollte sie nicht, wie
der Herzog es tat, eingestehen.

Der Herzog, der die Gewohnheit hatte, manchmal laut mit sich selbst zu
sprechen, sagte, als die Prinzessin von ihrer Abreise sprach: Ach, das
wr' fein!

Hach, kreischte die Prinzessin, ich falle in Ohnmacht! Das sagt man
_mir_! Und weinend lief sie auf ihr Zimmer und sie schluchzte so laut, da
es bald im ganzen Schlo zu hren war.

Wenn sie doch abreiste! dachten alle, und sie sagten es laut und leise
zueinander. Aber die Prinzessin Gundolfine dachte gar nicht an die Abreise;
die wollte bleiben, wollte sich an Kasperle rchen. Denn da der kleine
Schelm den Ring gefunden hatte, das rechnete sie ihm nur als neuen
Schabernack an. Auf ihrem Zimmer hielt sie Rat mit einer Kammerfrau und
einer Hofdame, die beide genau so boshaft wie sie selbst waren. Und weil
sie dabei doch nicht weinen konnte, mute eine andere Kammerfrau an der
Tre stehen und schreien und jammern, denn der Herzog sollte das
allergrte Mitleid mit seiner Base bekommen.

Doch was zuviel ist, ist zuviel. Der Herzog mochte das Geschrei nicht mehr
hren, er sagte: Bringt mir Watte! Und dann steckte er sich Watte in die
Ohren, sagte, man solle ihn nur wecken, wenn Kasperle kme, legte sich hin
und hielt seinen Mittagschlaf.




Vierzehntes Kapitel

Das traurige Marlenchen lernt lachen

Kasperle rannte unterdessen, so schnell er konnte, nach Schlo Lindeneck.
Er hopste, kugelte, kollerte, purzelbaumte und gelangte schneller hin als
einer, der bedchtig auf seinen zwei Beinen geht.

Am Tor von Schlo Lindeneck aber stand einer Wache, der sehr grimmig
dreinsah, ein Mann, gro wie ein Baum, dick wie ein Ofen; das war des
Schloherrn allertreuster Diener, Eicke Pimperling. Der schrie drohend, als
er das Kasperle kommen sah: Hier darf niemand rein! Wer bist du berhaupt?
Aussehen tust du wie ein Laubfrosch, und hopsen kannst du auch so.

Ich bin, wer ich bin, und ich will rein, rief Kasperle patzig.

Nichts da, marsch kehrt, hier darf niemand rein!

Oho, dachte Kasperle, dem Grobian schlage ich schon noch einen Purzelbaum
ber den Kopf weg! Und bei dem Gedanken lachte er hell auf.

Hallo, gelacht wird hier nicht! Eicke Pimperling nahm einen groen Stock,
es sah bedrohlich aus, aber Kasperle dachte: Es mag kommen, wie es will,
ich mu hinein. Und dann eins, zwei, drei, ging es ber Eickes Kopf hinweg,
da der vor Schreck mit dem Kopf hin und her wackelte.

Kasperle aber sa selbst unversehens mitten im Schlohof vor dem traurigen
Marlenchen. Das schrie erschrocken auf, und ein stattlicher, finster
aussehender Herr, der an einem blhenden Rosenbusch sa, blickte erstaunt
auf. Er zog die Augen finster zusammen, als er den kleinen Eindringling
gewahrte, aber da rief schon Marlenchen: Vater, das ist mein Freund
Kasperle!

Verzeihung, gndiger Herr, da dieser Laubfrosch hier eingedrungen ist,
drhnte Eickes Stimme durch den Schlohof, und der gewaltige Mann kam mit
flinken Schritten nher gerade auf Kasperle zu.

Tu ihm nichts, Eicke! rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein. Das ist
kein Laubfrosch, mein Freund Kasperle ist's.

Dein Freund Kasperle? Herr von Lindeneck sah sein blasses Kind erstaunt
an, und Marlenchen legte die Hnde auf ihr klopfendes Herzelein, sah scheu
zu ihrem Vater auf und erzhlte leise, leise, wo sie das Kasperle immer
getroffen hatte.

Und pltzlich schnatterte Kasperle vergngt dazwischen: Der Ring ist da,
der Ring ist da! Im Elsternest hat er gelegen.

Der Herr von Lindeneck wurde totenbleich. Er packte Kasperle so fest an,
da es dem ganz schwindlig wurde, und rief: Wo ist der Ring, wer hat ihn
gefunden?

Ich, stotterte Kasperle, und dann erzhlte er von seiner Flucht auf die
Ulme und den bitterbsen Elstern und von dem Ring. Und du sollst zum
Herzog kommen, schlo er.

Das war doch wunderbar! So etwas hatte Kasperle noch nicht erlebt. Der Herr
von Lindeneck weinte und das traurige Marlenchen weinte auch. Der kleine
Schelm sah sich ganz hilflos um, und er sah Eicke Pimperling kerzengerade
neben sich stehen und in die Luft starren. Da fragte er scheu: Sind se nu
traurig?

Quatsch, du Laubfrosch, glcklich sind se!

Ja, weint man denn da?

Der Herr von Lindeneck hob pltzlich seine Arme und dehnte und reckte sich,
als fiele eine schwere Eisenkette von ihm ab, das Marlenchen aber fiel dem
Kasperle um den Hals, als wre es gar kein unntzes, hliches Kasperle,
sondern auch so ein feines, zartes Dinglein wie Marlenchen selbst. O
Kasperle, du liebes, gutes Kasperle! rief Marlenchen und streichelte
Kasperle, bis der vor Vergngen den Mund von einem Ohr zum andern zog. Du
gutes, gutes Kasperle, du bist der beste Bube auf der ganzen Welt! fgte
sie hinzu.

Na, so viele freundliche und liebe Worte hatte Kasperle lange nicht gehrt.
Und da nahm ihn auch noch der Herr von Lindeneck in seine Arme und
streichelte ihn und sagte, er werde ihm immer dankbar sein. Es war wirklich
fein.

Kasperle konnte nicht anders, er mute ein paar Hopser machen. Dann zupfte
er eifrig Marlenchen, zupfte den Herrn von Lindeneck und bettelte: Kommt,
kommt, der Herzog wartet!

Er mag warten. Der Schloherr sah auf einmal aus, als sei er selbst der
Herzog, und so gefiel es dem Kasperle noch besser. Geh, Kasperle, sag ihm,
wer ein Unrecht gutmachen wolle, der msse auch den Weg finden zu dem, dem
er Unrecht getan hat. Wirst du das bestellen?

N! rief Kasperle erschrocken. Das ging nicht so flink in seinen
Kasperlekopf hinein, so etwas dem Herzog zu sagen.

Da rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein: Ich gehe mit dir, mein
Herzenskasperle, ich frchte mich gar nicht.

So geh! Der Herr von Lindeneck strich seinem blassen Mdel ber die
dunklen Locken, und Kasperle legte vergngt seine Hand in die des zarten
Kindes. Herzenskasperle hatte ihn nur manchmal die schne Frau Liebetraut
genannt, er war arg stolz darauf, da Marlenchen ihn nun auch so nannte.

Eicke Pimperling war es nur halb recht, da Marlenchen allein mit dem
Kasperle gehen sollte. Mit so'nem Laubfrosch! brummelte er eiferschtig.

Bin kein Laubfrosch. Kasperle zog seine Hand aus der Marlenchens, und
heidi scho er einen Purzelbaum ber Eicke hinweg, kollerte gleich den
halben Schloberg hinab und blieb da lachend liegen, bis Marlenchen ihn
eingeholt hatte.

Und dann gingen sie beide den Berg ganz hinab und ber eine blhende Wiese
nach dem Schlosse des Herzogs. Unterwegs erzhlte Kasperle von seinen
Erlebnissen und seinen Streichen, vom Geistern und von den ausgelaufenen
Weinfssern.

Oooh, Kasperle! Marlenchen blieb stehen und sah ihren Gefhrten ganz
erstaunt an.

Der senkte verlegen seine Nase. Doch da geschah etwas, ber das er sich arg
verwunderte. Ein Glckchen fing an zu luten, klinghell und fein, und als
er aufsah, -- lachte das traurige Marlenchen. Es lachte und lachte, wie
eine kleine Silberglocke tnt. Und es war gar nicht mehr das traurige
Marlenchen, sondern ein sehr lustiges, schelmisches Marlenchen. Fast nicht
aufhren konnte es mit Lachen und Kasperle fing auch an; sie lachten beide
um die Wette und muten sich zuletzt in das Gras setzen, denn Marlenchen,
die so lange nicht gelacht hatte, behauptete, nun wrde sie gleich
zerspringen vor Lachen. Irgend etwas ist bestimmt zersprungen, sagte sie
vergngt.

Aber das Marlenchen zersprang doch nicht ganz und gar, sondern sie besannen
sich beide darauf, da der Herzog wartete. Sie rannten also, so schnell sie
konnten, dem Schlosse zu. Kasperle fand wieder das Nebenpfrtchen und traf
dort Veit, der auf ihn wartete. Der sagte: Der Haushofmeister hat gemeint,
du werdest allein kommen; aber wer ist denn das? Jemine, das ist ja das
traurige Marlenchen! Und das sieht aus, als wre es eben im Himmel
gewesen.

Marlenchens Augen glnzten, ihre Bckchen glhten. So trat sie mit Kasperle
vor den Herzog und sagte dort ganz frank und frei ihres Vaters Botschaft.
Sie sah dabei den Herzog unverwandt an, und der wurde nicht bse, wie
Kasperle befrchtet hatte, der strich sogar sacht ber Marlenchens dunkle
Locken und sagte: Ruhe dich aus, mein Kind, bis der Wagen bereit ist! Ich
will gleich zu deinem Vater fahren.

Und ich fahr' mit, rief Kasperle, und er blinkerte den Herzog mit seinen
kleinen, lustigen Schelmenaugen so vergngt an, da der lachen mute. So
herzhaft hatte er lange nicht mehr gelacht. Und das Lachen tat ihm so gut
wie ein ganzes Krglein seines guten Weines. Freilich, zu zerspringen wie
das Marlenchen drohte er nicht; bei der Kleinen war der schwere Kummer
zersprungen, bei dem Herzog htten die Launenhaftigkeit und der Hochmut
zerspringen mssen. Doch die lsten sich nur ein wenig und bekamen einen
kleinen Ri.

Durch das Schlo tnte noch immer das laute Heulen aus dem Zimmer der
Prinzessin, als der Herzog in den Wagen stieg. Es heulte schon die zweite
Kammerfrau, die erste war nmlich heiser geworden. Aber der Herzog achtete
gar nicht darauf, und als der Wagen davonfuhr, schnitt Kasperle sehr
vergngt ein bses Teufelsgesicht zu den Fenstern der Prinzessin hinauf.

Die stand am Fenster und sah es. Sie kreischte vor Schreck und Wut und
drohte dem Kasperle bitterbse hinab. Aber der kleine Schelm sah es gar
nicht, sonst htte er vielleicht nicht so vergngt in des Herzogs Wagen
gesessen. Der fuhr die Landstrae entlang, und diesmal schnitt Kasperle in
seiner Frhlichkeit die allerfreundlichsten Gesichter und die Leute
grten, knicksten, lachten und winkten mit Blumen und Taschentchern. Da
sah auch der Herzog vergngt drein. Er lachte mit und die Leute sagten:

Nein, wie gut unser Herzog doch heute dreinschaut! Ach, wenn er doch nur
immer ein so freundliches Gesicht machte!

Es dauerte nicht lange, da war Schlo Lindeneck erreicht. Der Wagen rollte
den Berg hinan, Eicke Pimperling stand an dem Tor. Diesmal schrie er aber
nicht: Hier darf niemand herein!, er half hflich dem Herzog aussteigen,
und als Kasperle flink aus dem Wagen purzelte, da hielt er ihn am Kittel
fest und sagte: Bleib hier, die zwei mssen allein reden!

Der Herr von Lindeneck sa inmitten des Schlohofes am blhenden
Rosenbusch, als der Herzog kam. Er stand auf und ging ihm entgegen, und
dann standen sie beide lange an dem Rosenbusch und redeten miteinander;
aber das Kasperle mochte noch so sehr seine Ohren spitzen, es hrte nichts.

Eicke Pimperling stand breit und fest da und hielt Kasperle immerzu am
Jackenzipfel fest, denn er hatte doch Angst, der knnte wieder einen
Purzelbaum ber ihn hinweg schieen.

Endlich rief Marlenchens Vater sein Kind und Kasperle, und der Herzog sagte
zu beiden, er wolle noch eine Stunde dableiben und Erdbeeren essen, und
Kasperle drfe auch bleiben und sogar kaspern.

Das wurde eine lustige Stunde, die ein langes, langes Schwnzlein bekam. So
lang wurde das Schwnzlein, da schon der Himmel im Abendrot erglhte, als
der Herzog heimfuhr.

Als Kasperle hinter dem Herzog das Schlo betrat, kam gerade die Prinzessin
Gundolfine die Treppe herab. Sie tat, als wre sie todkrank, hielt den Kopf
geneigt, und als sie den Herzog und Kasperle erblickte, schrie sie auf und
wollte gleich wieder ohnmchtig werden. Der da, flsterte sie und zeigte
auf Kasperle, der hat mir eben die Zunge herausgestreckt.

Das war nun nicht wahr, denn Kasperle hatte beim Anblick der Prinzessin
gleich ganz tief den Kopf gesenkt; Marlenchen hatte ihn ermahnt: Sei brav
und rgere sie nicht, Kasperle! Und Kasperle wollte doch so himmelgern von
Marlenchen als brav angesehen werden. Er sagte darum auch gleich: Ich hab'
nichts getan, ich hab' keine Zunge rausgestreckt.

Doch, du hast es getan. Die Prinzessin log ganz unverzagt, aber Kasperle
wollte sich das nicht gefallen lassen; er rief trotzig: Und ich hab' doch
nicht die Zunge rausgestreckt! Ich hab' sie gar nicht angesehen, sie -- sie
ist mir viel zu wst!

O Kasperle, das war schlimm!

Der Herzog runzelte rgerlich die Stirn, und die Prinzessin fing schon
wieder zu weinen an. Da sagte der alte Haushofmeister: Mit Verlaub,
Kasperle hat wirklich nicht die Zunge herausgestreckt, ich hab' es
gesehen.

Aber wst hat er mich genannt, schrie die Prinzessin.

Das stimmte nun freilich, das hatten alle gehrt. Und darum sagte der
Herzog auch: Kasperle, du bleibst auf deinem Zimmer und -- er drohte ihm
mit dem Finger.

Kasperle wute wohl, das sollte heien: Geistere nicht herum! Er hatte
auch gar keine Lust dazu. Heute war er arg mde und froh, als er in seinem
Bett lag. Er dachte an Marlenchen, und wie schn es auf dem Schlohof von
Lindeneck war, wo die Rosen um das rauschende Brnnlein herumblhten. Und
da berkam das einsame Kasperle wieder eine tiefe, tiefe Sehnsucht nach dem
Waldhaus und einer fernen, schnen Insel, einer Insel, die ihm die rechte
Heimat war. Er weinte bitterlich und schluchzte in seine Kissen hinein.

Jemand hrte das, es war der alte Haushofmeister. Der liebte das kleine,
nrrische, unntze Kasperle wirklich, und als er es drauen weinen hrte,
kam er durch das Schranktrlein in das Turmzimmer, streichelte Kasperle
freundlich und sa dann noch so lange an dem Bett des kleinen Schelmen, bis
der fest und ruhig eingeschlafen war. Und als er ging, sagte er leise vor
sich hin: Ich wollte wirklich, unser Herzog sagte: >Scher' dich zum
Teufel!< aber das sagt er nicht, dazu ist er zu fein.




Fnfzehntes Kapitel

Geh zum Teufel!

Kasperle dachte nun, er wre herzlich befreundet mit dem Herzog. Am
nchsten Morgen hatte er daher allen Abendkummer vergessen und er schrie
vergngt, als Veit seine Tre ffnete: Jetzt will ich dem Herzog guten
Morgen sagen.

Sachte, sachte! Veit hielt ihn am Kittelchen fest und sagte warnend:
Tu's nicht! Die Prinzessin sitzt beim Herzog und redet schlimm von dir;
der Herzog ist schon ganz grillig geworden. Lauf lieber zum Marlenchen!

Da lief Kasperle an das Bchlein, fand dort Marlenchen und vertraute der
an, da die bse Prinzessin noch immer nicht abgereist sei.

Marlenchen sah ernsthaft drein. Sie ist wirklich bse, und mein Vater
besucht den Herzog auch nicht, solange die Prinzessin da ist. Aber sei
nicht traurig! Der Herzog hat doch gesagt, sie reise bald ab.

Und dann vergaen die Kinder die schlimme Prinzessin. Sie spielten zusammen
und Marlenchen lachte wieder hell und froh.

Als Kasperle in das Schlo zurcklief, dachte er leichtsinnig: Vielleicht
ist sie schon abgereist. Aber die Prinzessin Gundolfine hatte den ganzen
Morgen kein Wrtlein vom Abreisen gesagt. Sie sa wieder in einem
kornblumenblauen Seidenkleid am Tisch beim Mittagsmahl, und dem Kasperle
blieb wirklich ein paarmal der Bissen im Halse stecken, so bse sah sie ihn
an.

Dazu sah der Herzog auch wieder so verdrielich drein wie eine Waschfrau,
der der Flu die Wsche mitgenommen hat. Von Freundschaft war nicht viel zu
merken. Und als Kasperle sich nur so viel Pudding nahm, wie gerade noch auf
seinen Teller hinaufging, rief die Prinzessin: Pfui! und der Herzog sagte
auch: Pfui! Und dann winkte er Veit, und der mute Kasperle
hinausbringen. Aber Veit tat, als verstnde er den Herzog nicht richtig, er
nahm den Teller voll Pudding mit, das war ein Trost.

Nachher sa Kasperle in seiner Turmstube und schaute trbselig ber das
Land. Der Haushofmeister hatte ihm nmlich gesagt: Ausreien darfst du
nicht, sonst merkt der Herzog noch das geheime Trchen, und du bist dann
ganz gefangen.

Da blieb Kasperle im Turmzimmer, und weil er vor lauter Langeweile nicht
wute, was er anfangen sollte, stellte er sich vor den Spiegel und schnitt
Gesichter. Er dachte: Ich will Prinzessin spielen, und er verzog und
verzerrte sein Gesicht immer mehr, und schlielich brachte er es fertig
auszusehen wie die Prinzessin, wenn sie freundlich tat, wenn sie weinte,
schalt, auch wenn sie Karten spielte. Und als er gerade alle Gesichter
konnte, kam Veit und holte ihn. Der Herzog war mit der Prinzessin
spazierengefahren, und der gute dicke Oberstallmeister lie Kasperle zum
Schokoladetrinken einladen. Das war fein!

Kasperle raste die Treppe hinab und schrie unten laut: Eingeladen,
eingeladen! Dabei rannte er beinahe eine alte Frau um, die in der groen
Flur stand und mit einem Diener redete. Die Alte sah ihm ganz verdattert
nach. Das -- das -- ist doch Kasperle!

Ei freilich, Frau Mummeline! antwortete der Diener. Kennt Ihr ihn denn?

Die Base Mummeline aus dem Schulhaus in Waldrast brummte nur: Hm! Bei
sich dachte sie: Was, das Kasperle ist hier am Herzogshof! Ei, wie ist denn
das zugegangen! Sie war dem Kasperle seit vielen Jahren bitterbse. Einst
hatte der im Schulhaus in Waldrast Zuflucht gefunden, und sie hatte sich
schwer ber den unntzen Schelm gergert. Und nun lief der hier durch das
Schlo, als mte es so sein. Sie sah, wie ihm ein Diener die Tre
aufmachte, wie alle bei seinem Anblick lachten, und da rief sie laut: Eia,
so ein bser Schelm hat es gar zu hohen Ehren gebracht!

Kasperle drehte sich flugs um. Jetzt erst sah er die Base Mummeline, er
erkannte sie wohl, und flugs schnitt er ihr ein bses Prinzessinnengesicht.
Da erschrak die Base arg. Meine Gte, brummelte sie, der kann ja
aussehen wie unsere Prinzessin Gundolfine, fast noch greulicher!

Frau Mummeline brachte der Prinzessin alljhrlich gute Heilkruter, die
diese gegen allerlei Krankheiten, verdorbenen Magen und schlechte Laune
gebrauchte. Fr den Magen waren die Kruter gut, die schlechte Laune
dagegen wurde meist noch schlechter. Da nun die Prinzessin ausgefahren war,
wollte ein Diener Frau Mummeline ihre Kruter und Trnklein abnehmen, doch
die sagte, nein, sie msse der Prinzessin alles selbst geben. Also mute
sie warten.

Inzwischen sa das Kasperle sehr vergngt zwischen etlichen Hofherren und
spielte Prinzessin Gundolfine. Und weil die alle die bse Prinzessin nicht
leiden konnten, lachten sie sehr ber das Kasperle, und das Lachen tnte in
den Park hinaus, denn der Oberstallmeister hatte seine Fenster offen
stehen.

Weil aber der Herzog durch den Park heimkehrte, -- er war am ersten Parktor
schon ausgestiegen -- hrten er und die Prinzessin das Gelchter. Die
Prinzessin sagte spttisch: Dort ist man recht lustig, ich mchte wetten,
es ist Kasperle.

Unsinn, rief der Herzog der ist eingesperrt!

Nun, wir knnen ja mal nachsehen, ob es noch im Turm ist, das Kasperle,
sagte die Prinzessin. Sie trat in die Flur, und dort sa die Base
Mummeline. Die hatte das letzte Wort gehrt und sie knickste sehr tief und
sagte: Mit Verlaub, allergndigste Prinzessin, das Kasperle ist vor 'ner
Stunde hier durchgelaufen und -- und --

Na, was denn? fragte der Herzog unwirsch. Rede Sie doch, was ist >und<!

Es hat -- jemine -- es ist schrecklich -- aber es hat wirklich ausgesehen
wie die Prinzessin.

Was, schrie die Prinzessin, er erlaubt es sich wieder, mein Gesicht
nachzumachen! Und geschwind rannte sie die Treppe hinauf, der Herzog lief
ihr nach, und beide traten unerwartet in das Zimmer, in dem Kasperle
kasperte.

Der machte gerade ein Gesicht, wie es die Prinzessin schnitt, wenn von dem
Grafen von Singerlingen geredet wurde.

Na, warte du! Da war die Prinzessin pltzlich mitten im Zimmer und
klatsch, klatsch schlug sie auf das Kasperle ein, und der Oberstallmeister
mute ihr den armen Schelm entreien, sonst wre es dem gar bel ergangen.

Es war eine schlimme Geschichte! Der Herzog war bitterbse, die Prinzessin
war noch bitterbser und der Oberstallmeister sagte, er wolle auch auf sein
Gut zurckkehren, so viel schlechte Laune knne er nicht vertragen.

Zwei Hofherren sagten das auch, der Herzog wurde zornig, und zuletzt mute
er sich wirklich wieder in das Bett legen und Kamillentee trinken. Und an
allem war Kasperle schuld, sagte die Prinzessin. Der Herzog ging darum
vorher selbst, schlo Kasperle in den Turm und sagte, morgen werde er
streng bestraft, sehr, sehr streng.

Da sa nun das Kasperle wieder allein, traurig und voll Angst. Es dachte:
Ach, wer hilft mir nur in meiner Not! Wenn sich der Herzog immerzu ber
mich rgert, warum lt er mich nicht frei und sagt, ich mchte zum Teufel
gehen!

Und wie Kasperle so traurig sa und vor Heimweh nach dem Waldhaus ihm das
Herzlein weh tat, hrte er ferne einen Wanderburschen singen. Der kam
nher, unter dem Turm blieb er stehen und Kasperle verstand nun, was er
sang. Es war ein altes Lied:

   Nur net verzagt!
   Bald der Morgen tagt.
   Zum guten End'
   Sich alles wend't.
   Mut net greinen,
   Mut net weinen!
   Auf Gott vertrau',
   Zum Himmel schau!
   Himmelslichter blinken
   Und die Englein winken.
   Halt nur aus!
   Schon nach Haus
   Finden ich und du
   Einst in guter Ruh,
   Einst in guter Ruh.


Der Wanderbursch zog weiter, das Lied verhallte, aber dem Kasperle war es
ein rechter Trost gewesen. Er sann nach. Wo hatte er das Lied nur schon
gehrt? Da fiel ihm die Magd beim dicken Bauer Strohkopf ein. Die hatte an
dem Abend, da er mit seinem Michele zur Hochzeit reiste, das Lied halb
gesungen. Und dann hatte sie -- oh! Kasperle zupfte sich an seiner eigenen
Nase -- einen wunderbaren Rat hatte sie ihm gegeben. Vielleicht half das
Mittel doch.

Kasperle blieb am Fenster hocken, bis es dunkel wurde, bis Stern um Stern
auftauchte und schlielich alle die lieben Himmelslichter zu sehen waren.
Und dann hrte er die Uhr schlagen, lauschte und lauschte, und als es
Mitternacht war, erhob er sich leise. Vollmond war freilich noch nicht,
aber wenn einer am nchsten Tag streng, sehr streng bestraft werden soll,
dann kann er halt auf den Mond nicht warten.

Kasperle schlpfte durch den Schrank, kam auf die Treppe, und dann schlich
er sich leise, leise bis an des Herzogs Schlafzimmer. Da mute er durch ein
Vorzimmer gehen, in dem ein Diener schlief. Eigentlich sollte der wachen,
er schlief aber und das Kasperle huschte an ihm vorbei. Die Tre zu des
Herzogs Zimmer war nur angelehnt. Sie knarrte nicht und Kasperle kam
ungehrt hinein. Eine kleine Nachtlampe brannte, und in ihrem Schein sah
Kasperle den Herzog in seinem Bett liegen. Der schlief pumpelfest, rckte
und rhrte sich nicht.

Ein bichen bange war es Kasperle schon, aber endlich trat er doch an das
Bett, schlug die Decke zurck, packte fest die groe Zehe des rechten Fues
und sprach leise: Sag': >Geh zum Teufel!<, sag: >Geh zum Teufel!<

Der Herzog zuckte zusammen. Was kniffte ihn denn da so? Er schlief aber
weiter und Kasperle kniffte derber und derber und sagte wieder und wieder
sein Sprchlein. Au! Der Herzog fuhr in die Hhe. Was war denn an seiner
Zehe? Da sah er das Kasperle stehen und hrte das immerzu sagen: Geh zum
Teufel, geh zum Teufel!

Au! schrie er noch einmal, denn Kasperle kniffte tchtig, und
unwillkrlich wiederholte der Herzog wtend: Ja, geh zum Teufel, du
Strick, du!

Hurra! schrie Kasperle, lie die groe Zehe des Herzogs los und raste
hinaus. Er flitzte an dem Diener vorbei, der von dem Geschrei erwacht war,
raste hinab durch die groe Halle, ffnete flugs eins der Fenster, die nach
dem Garten fhrten, schlug einen Purzelbaum -- und drauen war er, ber
Wege und Beete rannte Kasperle, es war ihm gleich, wohin er trat; er
platschte durch das Wsserlein, kletterte auf einen Baum, schwang sich ber
die Mauer und war drauen, ehe sie im Schlo noch recht wuten, was
geschehen war.

Der Herzog war ganz munter geworden, und es war ihm eingefallen, er hatte
doch gesagt: Geh zum Teufel! Also war das Kasperle frei. Da schrie er, so
laut er konnte: Haltet ihn, haltet ihn!

Der Diener, der jemand aus dem Zimmer hatte huschen sehen, rief um Hilfe.
Er dachte, dem Herzog habe gar jemand etwas zuleide getan. Auf sein Rufen
kamen andere Diener, Kammerherren, der Haushofmeister, alle herbei; alle
fragten, was geschehen sei, der Herzog konnte aber vor rger eine ganze
Weile kaum schnaufen. Als er endlich erzhlte, was geschehen sei, da hopste
Kasperle gerade ber die Parkmauer.

Man mu ihn verfolgen, ihn fangen, einsperren!

Mit Verlaub, das wre aber unrecht, sagte der Haushofmeister, der ein
ehrlicher Mann war. Der Herr Herzog hat gesagt: >Geh zum Teufel!< und da
ist Kasperle fort.

Aber davon wollte der Herzog nichts wissen. Er wurde fuchsteufelswild. Der
Hauptmann der Landjger mute kommen, und der Herzog befahl allen, sie
mten nach Kasperle suchen. Das ganze Schlo geriet in Aufregung, und als
die Prinzessin Gundolfine hrte, was geschehen war, verga sie, sich vor
rger ihre Haare aufzusetzen.

Fackeln wurden angezndet, die Hunde losgelassen, Landjger und Diener
marschierten auf, und alle schickten sich an, nach Kasperle zu suchen.
Zuletzt fiel es dem Herzog noch ein, Kasperle knnte beim Herrn von
Lindeneck sein, und er befahl, man solle dort zuerst fragen.

Da marschierten mitten in der Nacht mit Bumbum und Trara Landjger vor
Schlo Lindeneck auf, und Marlenchen, die gerade einen lieblichen Traum
gehabt hatte, lief erschrocken an das Fenster. Was war denn geschehen?

Kasperle ist verschwunden, hrte sie rufen. Da erschrak sie tief in ihrem
Herzen. Hatte der kleine Freund wirklich sein Wort gebrochen? Sie schlpfte
rasch in ihre Kleider und lief barfu die Treppe hinab. Unten stand ihr
Vater, der redete mit dem Hauptmann und sagte, da Kasperle nicht im Schlo
sei. Und der Hauptmann erzhlte, was eigentlich geschehen war. Auf einmal
fragte er: Haben Sie eine Glocke auf dem Hofe, Herr von Lindeneck?

Der schttelte den Kopf, aber er horchte verwundert auf. Es war wirklich,
als bimmele irgendwo ein Glckchen, fein und zart. Von dorther klang es, wo
der blhende Rosenbusch stand. Und das klang und tnte noch, als die
Landjger schon mit Bumbum und Trara das Schlo verlassen hatten.

Da ging der Herr von Lindeneck an den Rosenbusch und fand dort sein
Marlenchen sitzen. Das lachte und lachte, hing sich an seinen Hals und rief
froh: Kasperle ist frei! Er hat sein Versprechen nicht gebrochen.

Wenn sie ihn nicht einfangen, den armen, lieben kleinen Schelm, sagte der
Herr von Lindeneck. Aber Marlenchen schttelte den Kopf und sagte
geheimnisvoll: Da suchen sie ihn nicht, wo er hingelaufen ist.

Frau Mummeline aus Waldrast, die im Schlo hatte bernachten drfen, war
gleich zur Prinzessin gelaufen und hatte dort gesagt: Gewi ist Kasperle
in den Wald hinausgerannt wie damals.

Da schrie die Prinzessin im ganzen Schlo herum, man mchte im Hochwald
suchen. Doch der Herzog befahl, berall im ganzen Land und namentlich an
der Grenze beim Waldhaus sollten Wchter stehen. Er brummte und schalt ganz
schrecklich ber Kasperles Davonlaufen, am meisten aber schalt er auf die
Prinzessin; die sei an allem schuld, sagte er.

Inzwischen hatte Kasperle schon den Wald erreicht. Er schlpfte in seinem
grasgrnen Kasperlekleid durch das Gebsch, und als er einmal einen Frster
daherkommen sah, warf er sich zu Boden und der Mann ging dicht an ihm
vorbei und sah ihn nicht. Kasperle rannte, schlug Purzelbume und gelangte
ziemlich rasch an das Waldende. Der Morgen dmmerte schon, rosenrote Wolken
segelten lustig am graublauen Himmel dahin, ein schner Tag stieg herauf.

Als Kasperle aus dem Walde trat, sah er das Land schon ganz hell vor sich
liegen, er sah aber auch auf dem Stck Landstrae, das er noch bis zu dem
Schlo des Grafen von Singerlingen zu gehen hatte, Menschen wandern. In der
nahen Stadt war Markt und die Landleute fuhren und trugen ihre Waren dahin.

Ein bichen ungemtlich war das Kasperle, er dachte aber leichtsinnig: Ach
was, ich schlupf' durch! Nun, er wollte gerade wieder seinen flinken Lauf
beginnen, als er pltzlich neben sich etwas sehr Verwunderliches erblickte:
ein Kasperle, das genau so aussah wie er. Aber es war aus Holz, und
Kasperle erkannte es gleich, das hatte der gute Meister Friedolin
geschnitzt. Unter der Kasperlefigur war eine Schrift zu lesen, und weil das
Lesen Kasperles schwache Seite war, dauerte es ziemlich lange, bis er die
Worte entziffert hatte. Dann aber ri er freilich auch seinen Mund
sperrangelweit auf. Da stand nmlich: Wer einen kleinen Buben findet, der
so aussieht, der soll ihn eiligst fangen und dem Herzog August Erasmus
abliefern.

Potzhundert, das war eine Geschichte! Kasperle war so verdonnert, da er
gar nicht die Schritte hrte, die sich ihm nahten, und dann fiel er vor
Schreck platt um, als jemand zu ihm sagte: Na, Kasperle, was sagst du denn
dazu?

Es war der Kasperlemann, der so redete. Der Kasperlemann, der ihn immer
verfolgt hatte.

Kasperle schnappte vor Angst, als wre er ein Fischlein, das man auf ein
Sofa gelegt hat.

Du bist wohl ausgerissen? fragte der Kasperlemann lchelnd.

Er hat's gesagt, ich durfte, schrie Kasperle in seiner Angst.

Du, schrei nicht so! Komm ein wenig unter den groen Baum, da, wo mein
Karren steht! sagte der Kasperlemann. Wenn dich Leute sehen, kann's dir
schlecht gehen.

Er hat's doch gesagt! sthnte Kasperle.

Wer hat was gesagt?

Der Herzog! Ich solle zum Teufel gehen. Und nun bin ich frei. Dem
Kasperle rollten vor Angst dicke, dicke Trnen ber seine Backen und der
Kasperlemann sagte mitleidig: Armes Kasperle! Wenn er dich fngt, lt er
dich doch nicht frei. Aber ich will dir helfen, denn du hast mir auch
geholfen, damals, als ich mich zu einer sehr schlechten Tat habe verleiten
lassen. Ich habe versprochen, es dir nie zu vergessen. Krieche mal
vorlufig flink in meinen Karren! In der Ferne kommen Landjger.

Da war Kasperle flinker im Karren, als die Landjger ritten. Verstecke
dich nur tief hinein! sagte der Kasperlemann. Und wohin willst du
eigentlich? ber die Grenze am Waldhaus kannst du doch nicht laufen!

Zum Grafen von Singerlingen, der hilft mir schon, murmelte Kasperle.

Heiho, Kasperlemann, rief da ein Landjger, mit wem redest du denn da?

Na, mit meinem Kasperle, wie's halt ein Kasperlemann tut, antwortete der.
Ich will zum Herrn Grafen von Singerlingen und fragen, ob ich heute dort
nicht einmal kaspern kann.

Hei, wir suchen auch ein Kasperle! antworteten die Landjger, die nher
gekommen waren und nun den ganzen Wagen umstanden. Aber nicht so ein
hlzernes Ding wie deine Kasperles, ein richtiges lebendiges Kasperle, das
dem Herzog August Erasmus gehrt und ihm ausgerissen ist. Wir mssen aber
weiter, sonst luft der Schelm gar noch ber die Grenze.

Viel Glck auf den Weg! rief der Kasperlemann den Landjgern nach. Dann
hockte er sich lachend neben seinen kleinen Karren hin und redete hinein:
Nun, warten wir noch, bis die Landjger am Schlo vorbei sind! Dann fahre
ich dich hin.

Dem Kasperle war es trotz der guten Worte doch recht bnglich ums Herz. Es
traute dem Kasperlemann noch immer nicht recht, und als der mit seinem
Eselswagen losfuhr, seufzte und sthnte er jmmerlich. Der Mann hrte es,
und der Esel hrte es; der Kasperlemann lachte ein wenig ber den
furchtsamen Schelm, der Esel aber, weil er eben ein Esel war, fing ein
schreckliches Gerase an vor Angst. Rumpelpumpel, hoppedihopp ging es die
Landstrae entlang, der Kasperlemann mute springen, um nur mitzukommen.
Ruck, schubb, hopsassa! Innen im Wglein purzelten das lebendige Kasperle
und sein hlzerner Gefhrte durcheinander, schn war es gerade nicht.

Aber auf einmal hielt der Wagen mitten aus dem Hof des Grafen von
Singerlingen. Der wollte just in seinen Garten gehen und spazierte gerade
ber den Hof. Da sah er den Kasperlemann, und weil er ein freundlicher Herr
war, blieb er stehen und fragte: Was willst du denn?

Ich bringe Kasperle, antwortete der Mann.

Da streckte auch schon Kasperle seine groe Nase heraus und sagte klglich:
Jemine, jemine, der dumme Esel!

Na nu, wen meinst du denn? Woher kommst du berhaupt?

Den da. Kasperle hob sein Fingerlein, deutete auf den Esel und fgte
etwas bedrckt hinzu: Der Herr Herzog hat gesagt, ich soll zum Teufel
gehen, und da bin ich hierher gekommen.

Ei, du bist ja recht freundlich! rief der Graf. Hltst du mich gar fr
den Teufel?

N! Kasperle grinste, und dann kletterte er ganz aus dem Wglein, fate
zutraulich des Grafen Hand und bettelte: Gelt, du hilfst mir?

Das schon, aber erst mu ich wissen, wie sich das mit dem Zum-Teufel-Gehen
verhlt. Hat das der Herzog wirklich gesagt?

Kasperle nickte, und dann erzhlte er treuherzig, wie er den Herzog dazu
gebracht hatte.

Ei, du Schelm, du! Der Graf lachte herzhaft. Da kann ich mir denken, da
der Herzog dein Ausreien nicht gelten lassen will. Er mag sich recht
rgern.

Aber er hat's doch gesagt! Kasperle schaute klglich drein, er fand,
gesagt war gesagt. Und das fand auch der Graf von Singerlingen, gesagt war
gesagt. Also durfte das Kasperle schon ausreien, und er versprach ihm
seine Hilfe. Ich fahre dich ins Waldhaus, versprach er.

Aber an der Grenze wird's bs, erwiderte der Kasperlemann.

Bah, in meinem Wagen sucht niemand nach! Der Graf befahl gleich das
Anspannen, lie im Wagen die Fenster verhngen, und dann ging die Reise
los. Oben blies ein Diener ins Horn: Trarira, Trarira! und lustig liefen
die Pferde die Landstrae entlang.

Hei, da fhrt der Graf von Singerlingen! sagten die Leute, und weil sie
den Grafen gern hatten, nickten und winkten sie und riefen: Guten Tag!
und Glckliche Reise!

Ein Stdtchen kam. Trarira, trarira! rasselte der Wagen hindurch. Vor
einem Wirtshaus saen Landjger, die hatten ein hlzernes Kasperle
aufgestellt und sie riefen: Wer einen findet, der so aussieht, der soll
ihn festhalten; er bekommt eine groe, groe Belohnung.

Trarira, trarira! Der Wagen des Grafen von Singerlingen rollte vorbei.
Niemand sah hinein, niemand vermutete das Kasperle drin.

Drfer kamen, wieder eine Stadt, dann wieder ein Dorf. Und als Kasperle in
seiner Nhe einmal ein bichen hinaussah, prallte er erschrocken zurck.
Jemine, das war ja Protzendorf!

Auf einem Felde stand eine Magd. Ihr Haar glnzte in der Sonne wie lauteres
Gold, sie schwang ihre Sichel und sang dazu. Hell tnte ihre Stimme und
Kasperle sagte leise: Das ist die Drte vom Bauer Strohkopf.

Ach so, die das Lied gesungen und dir den vortrefflichen Rat gegeben hat!
antwortete der Graf. Na, warte, sie soll sich heute noch freuen! Er lie
halten und fragte die Magd, ob sie ihm wohl etwas zu trinken bringen
knnte.

Drte lief eifrig und holte aus einem nahen Quell Wasser fr den Grafen und
der sagte: Halte beide Hnde auf! Und er schttelte Goldstcke in die
ausgebreiteten Hnde und rief: Das ist fr den guten Rat, den du Kasperle
gegeben. Nun, Kutscher, fahr' zu!

Trarira, trarira! Da kam die Grenze. Dort standen gleich vier Landjger,
die riefen alle vier: Hier darf niemand vorbei!

Ei, potz Wetter! rief der Graf von Singerlingen, wer will mich nicht
vorbeilassen? Ja, das wre ja eine neue Mode!

Wir sind der Graf von Singerlingen, schrie der Kutscher, und der Diener
blies so laut trarira, trarira! da die Landjger ganz erschrocken
zurckwichen.

Und da war die Grenze und da rollte der Wagen darber, und da -- steckte
das Kasperle seine freche Nase zum Wagenfenster hinaus.

Kasperle, Kasperle! schrien die Landjger. Ganz gewi, er war es!

Aber der Wagen war vorber, der rollte durch den Wald, rollte auf dem
weichen Boden dahin, und auf einmal war das Waldhaus da und -- vor dem
Waldhaus saen Meister Friedolin, Mutter Annettchen, die schne Frau
Liebetraut und Herr Severin mit ihren Kindern.

Ganz wunderhold aber saen da auch Rosemarie und der Geiger Michele. Die
waren just zu Besuch in das Waldhaus gekommen. Und gerade hatten sie alle
von Kasperle gesprochen, als der Wagen hielt und das Kasperle mit einem
groen Satz heraussprang. Er hat gesagt, ich soll zum Teufel gehen, hurra,
hurra! schrie er, ich bin frei, ich bin frei!

Auch der Graf von Singerlingen stieg aus, und als er das Waldhaus sah,
uralt und putzniedlich, da sagte er, er knne schon begreifen, da Kasperle
so gern hier sei, lieber als im Herzogsschlo.

Der Graf trank mit Kaffee und a von dem Kuchen, den die schne Frau
Liebetraut gebacken hatte. Dann sah er sich Meister Friedolins
Kasperlepuppen an, fand eine, die so gro wie das Kasperle selbst war, und
meinte, die mchte er wohl dem Herzog mitbringen. Meister Friedolin gab sie
ihm gern. Der Graf stieg wieder in den Wagen und versprach Kasperle, er
wolle das Marlenchen gren, vielleicht drfe ihn die Kleine einmal
besuchen. Dann ging es fort mit Trarira, und als der Wagen an den
Landjgern vorbeikam, lie der Graf das hlzerne Kasperle hinausgucken. Da
sagten die Landjger verdutzt zueinander: Er bringt es ja wieder mit!

Auch auf dem Herzogsschlo riefen die Diener zuerst alle: Der Graf von
Singerlingen bringt Kasperle!

Hach, schrie die Prinzessin, er will mich gewi heiraten! Flink, flink,
ich will mein allerschnstes Kleid anziehen!

Doch der Graf wollte die Prinzessin nicht heiraten, und das richtige
Kasperle brachte er auch nicht mit. Er sprach nur lange und ernsthaft mit
dem Herzog, und da sagte der, er wolle das Kasperle nie mehr verfolgen,
auch nicht, wenn es das Marlenchen besuchen wrde. Ja, zuletzt schrieb der
Herzog sogar einen Brief, in dem stand, Kasperle solle nicht eingesperrt
und bestraft werden, wenn er in des Herzogs Land kme.

Als der Graf von Singerlingen gerade das Schlo verlassen wollte, traf er
die Prinzessin, sehr schn angetan, auf der Treppe. Der hielt er den Brief
vor die Nase und die Prinzessin wurde ganz gelb vor rger und sie rief
eiligst nach ihren Kammerfrauen, die sollten ihre Sachen packen, sie wrde
nicht mehr wiederkommen.

Der Graf von Singerlingen reiste ab, er fuhr zu Marlenchens Vater und lud
Marlenchen zu sich ein; sie sollten vier Wochen lang mit Kasperle zusammen
bei ihm bleiben.

Auch die Prinzessin reiste ab und der Herzog blieb allein in seinem Schlo.
Da sprte er erst, wie lustig es doch mit dem Kasperle gewesen war. Er
stieg hinauf auf den Turm, sah aus Kasperles Zimmer ber das weite Land
hin, und er dachte an das kleine Waldhaus, von dem Kasperle ihm erzhlt
hatte, an die glcklichen Menschen, die dort wohnten, und das Herz wurde
ihm sehr, sehr schwer. Warum ist nur das Kasperle nicht bei mir geblieben?
dachte er. Und da war es ihm auf einmal, als riefe in seinem Herzen eine
Stimme: Du bist schuld, du bist schuld!

Der Herzog seufzte. War er wirklich schuld daran? Er mute daran denken,
wie oft er schlechter Laune war, unfreundlich gegen seine Untergebenen,
mrrisch, hart, und das arme kleine Kasperle hatte er eingesperrt hier in
dem Turm, hatte es auch hungern lassen und nicht bedacht, da eben ein
Kasperle ein Kasperle bleibt und Gesichter schneiden und unntze Streiche
machen mu. Und nun hatte er das Kasperle verloren, das so lustig durch das
Schlo geflitzt war, und eigentlich hatte das Kasperle ihm doch etwas sehr
Gutes angetan, es hatte ihm seinen Glcksring zurckgebracht.

Da stand der Herzog pltzlich wieder auf und stieg in sein Arbeitszimmer
hinab. Dort setzte er sich hin und schrieb einen Brief.

Am nchsten Tag, als Kasperle sehr vergngt vor dem Waldhaus sich
herumkugelte, kam auf einmal ein Reiter dahergeritten. Der rief schon von
groer Weite: Hollahe, Kasperle, Kasperle!

Na, da blieb dem Kasperle aber doch der Mund offen stehen! Denn der Reiter
war niemand anders als Veit. Der hielt einen groen Brief und sagte: An
dich, Kasperle, vom Herzog!

Es war gut, da das Michele zur Hilfe kam und den Brief lesen half, allein
htte Kasperle es wohl gar nicht fertig gebracht. Der Brief aber lautete:

         Mein liebes Kasperle!


      Ich bin dir gar nicht mehr bse, und ich lade dich ein, mich
      recht, recht bald zu besuchen. Du sollst so viel Spa machen
      knnen, wie du willst, und die Prinzessin Gundolfine darf dich
      nie wieder verklagen.


      Mit einem schnen Gru fr dich, mein liebes Kasperle,


         Dein Freund Herzog August Erasmus.


Hurra! hurra! Kasperle stand flink mal Kopf vor Vergngen, und dann lief er
in das Haus hinein, purzelte in die Stube und schrie: Ich bin eingeladen,
eingeladen, eingeladen!

Jemine! Von wem denn? fragte Meister Friedolin.

Da stellte sich Kasperle feierlich hin und sagte stolz: Vom Herzog, der
ist jetzt mein Freund.

Aber ach, mit der Freundschaft war es gar nicht weit her!







                            Von
                         Kasperles
                      erstem Ausflug in
                 die Welt, auf den hier viel-
              fach Bezug genommen wurde, ist in
         Josephine Siebes Buch Kasperle auf Reisen
         (Verlag von Levy & Mller in Stuttgart) zu
     lesen. Wer aber auch von Kasperles weiteren Schick-
   salen noch etwas erfahren mchte, dem sei verraten, da
Josephine Siebe diese in einem weiteren Kasperleband erzhlt.





End of Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH ***

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