The Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser

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Title: Kleine Dichtungen

Author: Robert Walser

Release Date: August 19, 2011 [EBook #37128]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE DICHTUNGEN ***




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  Kleine Dichtungen
  von
  Robert Walser

  Erste Auflage hergestellt
  fr den Frauenbund
  zur Ehrung rheinlndischer
  Dichter

  Leipzig
  Kurt Wolff Verlag
  1914


  Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig




Inhalt


  Brief eines Dichters an einen Herrn          9

  Mittagspause                                14

  Die Gttin                                  16

  Der Nachen                                  18

  Pierot                                      20

  Sommerfrische                               22

  Frau von Twann                              24

  Die Insel                                   27

  Meta                                        29

  Fuwanderung                                34

  Der Ku                                     37

  Das Traumgesicht                            40

  Nchtliche Wanderung                        43

  Johanna                                     46

  Der Bursche                                 49

  Der Knabe                                   51

  Das Gtzenbild                              54

  Apollo und Diana                          56

  Zwei Bilder meines Bruders

    Die Frau am Fenster                     59

    Der Traum                               61

  Die Gedichte                                65

  Rinaldini                                   67

  Lenau                                       70

  Tobold                                      73

  Helblings Geschichte                        86

  Brief eines Vaters an seinen Sohn          111

  Spazieren                                  116

  Der Schfer                                119

  Die Einladung                              121

  Der nchtliche Aufstieg                    124

  Die Landschaft                             127

  Der Dichter                                129

  Das Liebespaar                             131

  Der Mond                                   134

  Ein Nachmittag                             136

  Die kleine Schneelandschaft                139

  Das Mdchen                                141

  Das Eisenbahnabenteuer                     143

  Die Stadt                                  146

  Das Veilchen                               149

  Die Kapelle                                152

  Der Tnzer                                 155

  Die Sonate                                 158

  Das Gebirge                                161

  Der Traum                                  165

  Der Jagdhund                               168

  Der Vater                                  171

  Der Trumer                                174

  Der Pole                                   177

  Der Doktor                                 181

  Der Liebesbrief                            184

  Der Hanswurst                              187

  Sonntagmorgen                              189

  Ausgang                                    191

  Die Millionrin                            193

  Erinnerung                                 196

  Die Schneiderin                            199

  Das Stellengesuch                          202

  Geschwister Tanner                       205

  Eine Stadt                                 208

  Spaziergang                                212

  Das Ktzchen                               216

  Tannenzweig, Taschentuch und Kppchen      218

  Der Mann                                   220

  Das Pferd und die Frau                     222

  Die Handharfe                              224

  Die Fee                                    226

  Kleine Wanderung                           228

  Wirtshuselei                              230

  Der Morgen                                 232

  Der Ausflug                                234

  Schnee                                     236

  Der Blick                                  238

  Der Heidenstein                            240

  Der Waldberg                               242

  Zwei kleine Sachen                         246

  Herbstnachmittag                           248

  Der Felsen                                 252

  Die Eisenbahnfahrt                         255

  Das Lachen                                 258

  Der Berg                                   261

  Schwrmerei                                264

  Oskar                                      267

  Die Einfahrt                               271

  Die Vaterstadt                             274

  Das Grab der Mutter                        276

  Abend                                      278

  An den Bruder                              281




  Ich wanderte und wandre noch,
  doch war mein Geh'n nicht immer gleich.
  Bald trug ich Heiterkeit mit mir.
  Bald, wie es auch dem Himmel geht,
  verlor sich pltzlich meine Lust
  in einen langen Tag von Leid --




Brief eines Dichters an einen Herrn


Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch
fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie
mich kennen lernen knnten, mu ich Ihnen antworten, da ich nicht recht
wei, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in
mir auf, denn ich bin ein Mensch, mssen Sie wissen, der nicht lohnt,
kennen gelernt zu werden. Ich bin auerordentlich unhflich, und an
Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu
sehen, hiee, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen
Filzhten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein
wsteres Aussehen zu verleihen. Mchten Sie einen solchen Sonderling vor
Augen haben? Ihr liebenswrdiger Brief hat mich sehr gefreut. Doch Sie
irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei
Hflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von
dem Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht
zu Gesicht. Ich mte Ihnen gegenber die notwendige Artigkeit
hervorkehren; und das eben mchte ich vermeiden, da ich wei, da
artiges und manierliches Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht
gern artig; es langweilt mich. Ich vermute, da Sie eine Frau haben, da
Ihre Frau elegant ist, und da bei Ihnen so etwas wie ein Salon ist. Wer
sich so feiner und schner Ausdrcke bedient wie Sie, hat einen Salon.
Ich aber bin nur Mensch auf der Strae, in Wald und Feld, im Wirtshaus
und in meinem eigenen Zimmer; in irgend jemandes Salon stnde ich da wie
ein Erztlpel. Ich bin noch nie in einem Salon gewesen, ich frchte mich
davor; und als Mann von gesunder Vernunft mu ich meiden, was mich
ngstigt. Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind wahrscheinlich ein
wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin
arm, und alles, was ich spreche, klingt nach rmlichkeit. Entweder
wrden Sie mich mit Ihrem Hergebrachten oder ich wrde mit meinem
Hergebrachten Sie verstimmen. Sie machen sich keine Vorstellung davon,
wie aufrichtig ich den Stand, in welchem ich lebe, bevorzuge und liebe.
So arm ich bin, ist es mir doch bis heute noch nie eingefallen, mich zu
beklagen; im Gegenteil: ich schtze, was mich umgibt, so hoch, da ich
stets eifrig bemht bin, es zu hten. Ich wohne in einem wsten, alten
Haus, in einer Art von Ruine. Doch das macht mich glcklich. Der Anblick
armer Leute und armseliger Huser macht mich glcklich; so sehr ich auch
denke, wie wenig Grund Sie haben, dies zu begreifen. Ein bestimmtes
Gewicht und eine gewisse Menge von Verwahrlosung, von Verlotterung und
von Zerrissenheit mu um mich sein: sonst ist mir das Atmen eine Pein.
Das Leben wrde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant
sein sollte. Die Eleganz ist mein Feind, und ich will lieber versuchen,
drei Tage lang nichts zu essen als mich in die gewagte Unternehmung
verstricken, eine Verbeugung zu machen. Verehrter Herr, so spricht nicht
der Stolz, sondern der ausgesprochene Sinn fr Harmonie und
Bequemlichkeit. Warum sollte ich sein, was ich nicht bin, und nicht
sein, was ich bin? Das wre eine Dummheit. Wenn ich bin, was ich bin,
bin ich mit mir zufrieden; und dann tnt alles, ist alles gut um mich.
Sehen Sie, es ist so: schon ein neuer Anzug macht mich ganz unzufrieden
und unglcklich; woraus ich entnehme, wie ich alles, was schn, neu und
fein ist, hasse und wie ich alles, was alt, verschabt und verbraucht
ist, liebe. Ich liebe Ungeziefer nicht gerade; ich mchte Ungeziefer
nicht geradezu essen, aber Ungeziefer strt mich nicht. In dem Haus, in
welchem ich wohne, wimmelt es von Ungeziefer: und doch wohne ich gern in
dem Haus. Das Haus sieht aus wie ein Ruberhaus, zum ans Herz drcken.
Wenn alles neu und ordentlich ist in der Welt, dann will ich nicht mehr
leben, dann morde ich mich. Ich frchte also quasi etwas, wenn ich
denken soll, ich solle mit einem vornehmen und gebildeten Menschen
bekannt werden. Wenn ich befrchte, da ich Sie nur stre und keine
Frderlichkeit und Erquicklichkeit fr Sie bedeute, so ist die andere
Befrchtung ebenso lebendig in mir, nmlich die (um ganz und gar offen
zu reden), da auch Sie mich stren und mir nicht erquicklich und
erfreulich sein knnten. Es ist eine Seele in eines jeden Menschen
Zustand; und Sie mssen unbedingt erfahren, und ich mu Ihnen das
unbedingt mitteilen: ich schtze hoch, was ich bin, so karg und rmlich
es ist. Ich halte allen Neid fr eine Dummheit. Der Neid ist eine Art
Irrsinn. Respektiere jeder die Lage, in der er ist: so ist jedem
gedient. Ich frchte auch den Einflu, den Sie auf mich ausben knnten;
das heit: ich frchte mich vor der berflssigen innerlichen Arbeit,
die getan werden mte, mich Ihres Einflusses zu erwehren. Und deshalb
renne ich nicht nach Bekanntschaften, kann nicht danach rennen. Jemand
Neues kennen lernen: Das ist zum mindesten stets ein Stck Arbeit, und
ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, da ich die Bequemlichkeit
liebe. Was werden Sie denken von mir? Doch das mu mir gleichgltig
sein. Ich will, da mir das gleichgltig sei. Ich will Sie auch nicht um
Verzeihung wegen dieser Sprache bitten. Das wre Phrase. Man ist immer
unartig, wenn man die Wahrheit sagt. Ich liebe die Sterne, und der Mond
ist mein heimlicher Freund. ber mir ist der Himmel. Solange ich lebe,
werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich stehe auf der Erde:
Dies ist mein Standpunkt. Die Stunden scherzen mit mir, und ich scherze
mit ihnen. Ich vermag mir keine kstlichere Unterhaltung zu denken. Tag
und Nacht sind meine Gesellschaft. Ich stehe auf vertrautem Fu mit dem
Abend und mit dem Morgen. Und hiermit grt Sie freundlich

  der arme junge Dichter.




Mittagspause


Ich lag eines Tages, in der Mittagspause, im Gras, unter einem
Apfelbaum. Hei war es, und es schwamm alles in einem leichten Hellgrn
vor meinen Augen. Durch den Baum und durch das liebe Gras strich der
Wind. Hinter mir lag der dunkle Waldrand mit seinen ernsten, treuen
Tannen. Wnsche gingen mir durch den Kopf. Ich wnschte mir eine
Geliebte, die zum sen duftenden Wind pate. Da ich nun die Augen
schlo und so dalag, mit gegen den Himmel gerichtetem Gesichte, bequem
und trg auf dem Rcken, umsummt vom sommerlichen Gesumm, erschienen
mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligkeit herab, zwei
Augen, die mich unendlich liebenswrdig anschauten. Auch die Wangen sah
ich deutlich, die sich den meinigen nherten, als wollten sie sie
berhren, und ein wunderbar schner, wie aus lauter Sonne geformter,
feingeschweifter und ppiger Mund kam aus der rtlich-blulichen Luft
nahe bis zu dem meinigen, ebenfalls so, als wolle er ihn berhren. Das
Firmament, das ich zugedrckten Auges sah, war ganz rosarot, umsumt von
edlem Sammetschwarz. Es war eine Welt von lichter Seligkeit, in die ich
schaute. Doch da ffnete ich dummerweise pltzlich die Augen, und da
waren Mund und Wangen und Augen verschwunden, und des sen
Himmelskusses war ich mit einmal beraubt. Auch war es ja Zeit, in die
Stadt hinunterzugehen, in das Geschft, an die tgliche Arbeit. Soviel
ich mich erinnere, machte ich mich nur ungern auf die Beine, um die
Wiese, den Baum, den Wind und den schnen Traum zu verlassen. Doch in
der Welt hat alles, was das Gemt bezaubert und die Seele beglckt,
seine Grenze, wie ja auch, was uns Angst und Unbehagen einflt,
glcklicherweise begrenzt ist. So sprang ich denn hinunter in mein
trockenes Bureau und war hbsch fleiig bis an den Feierabend.




Die Gttin


Ich ging einst, ganz in Gedanken, die elegante Hauptstrae entlang.
Viele Menschen spazierten in derselben. Die Sonne schien so freundlich.
Die Bume waren grn, der Himmel war blau. Ich wei nicht mehr genau, ob
es Sonntag war. Ich erinnere mich nur, da etwas Ses, etwas
Freundliches um mich war. Doch etwas noch Schneres sollte folgen, indem
sich nmlich vom ungewissen leichten Himmel herab eine schneeweie Wolke
auf die Strae niedersenkte. Die Wolke glich einem groen und grazisen
Schwan, und auf dem weichen, weien, flaumigen Rcken der Wolke sa, in
liegender Haltung, den Arm nachlssig ausgestreckt, voller freundlicher,
kindlicher Majestt, eine nackte Frau. So hatte ich mir stets die
Gttinnen aus Griechenland vorgestellt. Die Gttin lchelte, und alle
Menschen, die sie sahen, waren gentigt, mitzulcheln, bezaubert von der
holdseligen Schnheit. O wie ihr Haar in der Sonne schimmerte! Mit ihren
groen blauen gtigen Augen schaute sie die Welt an, die sie gleichsam
mit ihrem hohen kurzen Besuch beehrte. Die Wolke flog auf, gleich einem
Luftschiff, und nach kurzer Zeit war mir und allen andern der herrliche
Anblick wieder entschwunden. Da gingen die Leute ins nchstgelegene
Kaffeehaus und erzhlten einander die wunderbare Neuigkeit. Noch schien
die Sonne freundlich, auch ohne Gttin.




Der Nachen


Ich glaube, ich habe diese Szene schon geschrieben, aber ich will sie
noch einmal schreiben. In einem Nachen, mitten auf dem See, sitzen ein
Mann und eine Frau. Hoch oben am dunklen Himmel steht der Mond. Die
Nacht ist still und warm, recht geeignet fr das trumerische
Liebesabenteuer. Ist der Mann im Nachen ein Entfhrer? Ist die Frau die
glckliche, bezauberte Verfhrte? Das wissen wir nicht; wir sehen nur,
wie sie beide sich kssen. Der dunkle Berg liegt wie ein Riese im
glnzenden Wasser. Am Ufer liegt ein Schlo oder Landhaus mit einem
erhellten Fenster. Kein Laut, kein Ton. Alles ist in ein schwarzes,
ses Schweigen gehllt. Die Sterne zittern hoch oben am Himmel und auch
von tief unten aus dem Himmel herauf, der im Wasserspiegel liegt. Das
Wasser ist die Freundin des Mondes, es hat ihn zu sich herabgezogen, und
nun kssen sich das Wasser und der Mond wie Freund und Freundin. Der
schne Mond ist in das Wasser gesunken wie ein junger khner Frst in
eine Flut von Gefahren. Er spiegelt sich im Wasser, wie ein schnes
liebevolles Herz sich in einem andern liebesdurstigen Herzen
widerspiegelt. Herrlich ist es, wie der Mond dem Liebenden gleicht,
ertrunken in Genssen, und wie das Wasser der glcklichen Geliebten
gleicht, umhalsend und umarmend den kniglichen Liebsten. Mann und Frau
im Boot sind ganz still. Ein langer Ku hlt sie gefangen. Die Ruder
liegen lssig auf dem Wasser. Werden sie glcklich, werden sie glcklich
werden, die zwei, die da im Nachen sind, die zwei, die sich kssen, die
zwei, die der Mond bescheint, die zwei, die sich lieben?




Pierot


Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener,
ungelenkiger Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wre es
fr ihn besser getan gewesen, hbsch ruhig zu Hause zu bleiben und
zwischen seinen eigenen vier Wnden Trbsal zu blasen, als hier im
schnen Vergngungssaal durch Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte
und schleuderte die langen Arme hin und her. Es sah zum Verzweifeln aus,
wie er seinen Kopf zur Erde hngen lie. Wo wollte er hinaus mit sich,
und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball zu beginnen? bermtig
tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie schn die Kerzen
strahlten, wie s die Musik spielte! War es nicht, als wenn
Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein
geschlagener Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hnde
ber dem Kopf zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hpfte,
einem artigen, guterzogenen Hndchen gleich, die Tanzlust hin und her.
Glser klirrten, Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelchter
ertnte. Ein glhender Verehrer hatte die Geliebte und abgttisch
Verehrte aus den Augen verloren und suchte sie. Ein anderer, vom
Entzcken hingerissen, kniete vor der Dame seines Herzens nieder. Zwei
Glckliche kten und liebkosten sich. Jedermann schien das Seinige zu
haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der arme, arme
Pierot, war unbeweglich. Fr ihn gab es keine Lust. Er begriff sich
selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weien Statue hnlich, oder
einem Gemlde hnlich, lag er da und schaute verstndnislos vor sich
hin. Ein kaum merkliches trauervolles Lcheln spielte ihm um die blassen
Lippen. Sein Gesicht war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der
Dummkopf. Armer Dummkopf, armer Bursche! Wo alles auer sich war, wo
alles lebte und lachte, wo alles, was Beine hatte, tanzte und
Luftsprnge machte, glich er dem tdlich getroffenen Verwundeten,
verblutend an den spitzfindigen, dolchhnlichen Melancholien. Ja, er
htte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der
Lust, dem Glanz, dem Glck und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der
Einsamkeit leben.




Sommerfrische


Was tut man in der Sommerfrische? Du mein Gott, was soll man viel tun?
Man erfrischt sich. Man steht ziemlich spt auf. Das Zimmer ist sehr
sauber. Das Haus, das du bewohnst, verdient nur den Namen Huschen. Die
Dorfstraen sind weich und grn. Das Gras bedeckt sie wie ein grner
Teppich. Die Leute sind freundlich. Man braucht an nichts zu denken.
Gegessen wird ziemlich viel. Gefrhstckt wird in einer lauschigen,
sonnendurchstochenen Gartenlaube. Die appetitliche Wirtin trgt das
Frhstck auf, du brauchst nur zuzugreifen. Bienen summen um deinen Kopf
herum, der ein wahrer Sommerfrischenkopf ist. Schmetterlinge gaukeln von
Blume zu Blume, und ein Ktzchen springt durch das Gras. Ein wunderbarer
Wohlgeruch duftet dir in die Nase. Hiernach macht man einen Spaziergang
an den Rand eines Wldchens, das Meer ist tiefblau, und muntere braune
Segelschiffe fahren auf dem schnen Wasser. Alles ist schn. Es hat
alles einen gewinnenden Anstrich. Dann kommt das reichliche Mittagessen,
und nach dem Mittagessen wird unter Kastanienbumen ein Kartenspiel
gespielt. Nachmittags wird im Wellenbad gebadet. Die Wellen schlagen
dich mit Erfrischung und Erquickung an. Das Meer ist bald sanft, bald
strmisch. Bei Regen und Sturm bietet es einen groartigen Anblick dar.
Nun kommen die schnen stillen Abende, wo in den Bauernstuben die Lampen
angezndet werden und wo der Mond am Himmel steht. Die Nacht ist ganz
schwarz, kaum durch ein Licht unterbrochen. Etwas so Tiefes sieht man
nirgends. So kommt ein Tag nach dem andern, eine Nacht nach der andern,
in friedlicher Abwechslung. Sonne, Mond und Sterne erklren dir ihre
Liebe, und du ihnen ebenfalls. Die Wiese ist deine Freundin, und du ihr
Freund, du schaust whrend des Tages fters hinauf in den Himmel und
hinaus in die weite zarte weiche Ferne. Am Abend, zur bestimmten Stunde,
ziehen die Rinder und Khe ins Dorf hinein, und du schaust zu, du
Faulenzer. Ja, in der Sommerfrische wird ganz gewaltig gefaulenzt, und
eben das ist ja das Schne.




Frau von Twann


Waren Sie schon einmal bei Frau von Twann? Nicht? Dann beeilen Sie sich,
dieser Frau eine Artigkeit zu sagen, damit Sie eine Einladung bekommen,
bei ihr zum Essen zu erscheinen. Frau von Twann ist geistvoll, aber sie
ist noch mehr als das, sie ist schn. Sie ist in ihrer Art eine reife
Birne, weich, doch von ausnehmend schner Form. Das Essen, das sie gibt,
ist vorzglich; die Weine sind ausgezeichnet. Doch das ist das wenigste.
Wenn du Frau von Twann die Hand kt, schwebst du schon im Himmel. Ein
Lcheln hat diese Frau. Geh hin zu ihr und sieh zu, da sie dir ein
Lcheln schenkt. Ihr Lcheln ist wie ein Ku. Sie wei das, und daher
htet sie sich, es zu verschwenden. Die Blumen, die Lichter, die Musik
bei Frau von Twann. Schon der bloe Gedanke macht mich schwelgen. B...,
dieser Kenner der Gensse, lechzt danach, der seltenen Frau vorgestellt
zu werden, und sie wird sicherlich den ausgezeichneten Mann gern
empfangen. Sie besitzt Geschmack, doch sie besitzt mehr, sie besitzt
Gre. Sie ist von einer Munterkeit durchdrungen, die auf denjenigen
berspringt, der die Freude empfindet, sich an der Unterhaltung
beteiligen zu drfen, deren Lenkerin und Leiterin sie ist. Sie ist die
Herrin und Gebieterin vieler reizender Einflle, und zu wem sie ein Wort
spricht, der ist von ihr bezaubert. Ihr Ezimmer ist schneewei, von
zartem Gold durchbrochen. Se Malereien schmcken die Wnde. Der
Empfangsraum ist grn, gleich der frohlockenden Hoffnung, die Gunst der
Herrin des Hauses zu gewinnen. Wer bei ihr im Hause ist, der mu
frohlocken, ob er will oder nicht. Die Bedienung ist tadellos. Die
Diener der Frau von Twann sind derart einexerziert, da man gar nicht
merkt, da sie berhaupt da sind. Kann man einer Dienerschaft ein
besseres Zeugnis ausstellen? Die unsichtbare Musik, die whrend des
Essens in die Ohren der Schmausenden niedertrufelt, ist so schn, da
man sich einbildet, Mozart selbst dirigiere sie. Poeten tragen gern bei
Frau von Twann ihre neuesten, noch ganz warmen und feuchten Gedichte
vor, und sie ernten meist reichen Beifall, den sie redlich verdienen.
Wen ldt die holde hohe Frau ein? Nun, alle, die von der Absicht beseelt
sind, sich ehrlich zu amsieren. Sie liebt die Ausgelassenheit. O das
Mondlicht, das zarte, silberne, das dort in die heimlichen, duftenden
Gemcher hineinbricht. Eines ihrer Zimmer ist ganz blau, wie ein Himmel.
Dorthin verlieren sich die Liebenden, um sich zu kssen. Noch hat kein
Mensch sich bei Frau von Twann gelangweilt. Das mte ein elender Mensch
sein, der sich bei der Liebenswrdigen, Anbetenswerten langweilen
knnte. Aber das ist ja unmglich. Sie macht den, der sie kennen lernt,
zum guten, edlen und unterhaltenden Menschen.




Die Insel


Ein Hochzeitspaar aus Berlin ging auf die Reise. Die Fahrt war lang.
Endlich kamen die beiden jungen Vermhlten in einer Stadt an, die war
ganz aus roten ernsten Steinen gebaut, und ein breiter blauer Strom flo
daran vorber. Ein hoher majesttischer Dom spiegelte sich im Spiegel
des Wassers. Doch die Stadt schien ihnen nicht geschaffen, lngeren
Aufenthalt zu nehmen, und sie zogen weiter, und da es regnete, spannten
sie einen groen Regenschirm auf und versteckten sich unter demselben.
Sie kamen vor ein altes, in einem weitlufigen Garten verborgenes Schlo
und gingen schchtern hinein. Eine schne steinerne Wendeltreppe,
geschaffen wie fr einen regierenden Frsten, fhrte hinauf ins erste
Stockwerk. Alte dunkle Gemlde hingen an den hohen, schneeweien Wnden.
Sie klopften an einer schweren alten Tre. Herein. Und da sa, in eine
gelehrte geheimnisvolle Arbeit vertieft, ein uraltes Mnnchen am
Schreibtisch. Die Leute aus Berlin fragten, ob sie im Schlo wohnen
knnten, es gefiel ihnen. Doch es war nichts anzufangen mit dem alten
Mann, der nur schwerfllig den Kopf schttelte. So zogen sie weiter. Sie
kamen in ein Schneegestber hinein, arbeiteten sich aber wieder heraus,
und so ging es fort durch Wlder, Drfer und Stdte. Nirgends wollte
sich ein passendes Lustpltzchen ausfindig machen lassen, und in den
Hotels waren obendrein noch die Kellner frech, die Spitzbuben. Sie
bernachteten einmal in einem Hotel, wo es freilich die weichsten und
schnsten Rohaarbetten gab und liebliche Gardinen vor den Fenstern,
aber die Preise, unverschmt teuer, drckten ihnen beinahe das Herz ab.
Bis nach Venedig kamen sie, zu den hhnischen Italienern. Die Schurken,
sie singen Serenaden, pressen aber dafr den Fremden das Geld mit Hebeln
und mit Schrauben ab. Schlielich hatten sie Glck. Sie erblickten aus
der Ferne, mitten in einen anmutigen See gelegt, eine liebliche,
hellgrn schimmernde Insel, auf diese steuerten sie zu, und dort fanden
sie es so schn, da sie nicht mehr fort konnten. Sie blieben auf der
Insel wohnen. Die Insel glich an landschaftlicher Schnheit einem holden
sen Mdchenlcheln. Dort logierten sie und waren glcklich.




Meta


Es trug sich zu, da ich eines Nachts, nur noch dunkel erinnere ich mich
der kleinen aber rhrenden Szene, von einer wilden Trinkwanderung
verstrt und taumelnd heimkehrend, in einer der monotonen Straen der
groen Stadt eine Frau antraf, die mich aufforderte, mit ihr nach Hause
zu gehen. Es war keine schne und doch eine schne Frau. Entsprechend
dem Zustand, in welchem ich mich befand, richtete ich allerhand mich
selber hchlich belustigende, trichte, wenngleich vielleicht witzige
Redensarten an das nchtliche Geschpf, wobei ich mit der Gabe, die den
Leuten eigen ist, die einen Rausch haben, merkte, da ich ihr sehr
amsant erschien. Noch mehr: ich gefiel ihr, und ich gewann den
Eindruck, da sie sich einer liebenswrdigen Schwche in bezug auf mich
hinzugeben begann. Ich wollte sie verlassen, doch sie lie mich nicht
los, und sie sagte: O, geh nicht von mir weg. Komm mit mir, lieber
Freund. Willst du kaltherzig sein und nichts empfinden fr mich? Nicht
doch. Du hast viel getrunken, du kleines Kerlchen. Trotzdem sieht man
dir an, da du lieb bist. Willst du nun bse sein und mich so schmhlich
abweisen, wo doch ich dich so rasch liebgewonnen habe? Nicht doch. O,
wenn du wtest -- -- doch man darf ja den Herren nicht mit Gefhlen
kommen, sonst verachten und verlachen sie unsereinen nur. Wenn du
wtest, was ich leide unter der Klte, unter der Leere all dieser
Sinnlichkeiten, die mein trauerspielgleiches, schreckenerregendes
Gewerbe sind. Ich erschien mir bis heute nur immer wie ein Ungeheuer,
wert, mit Futritten behandelt zu werden. Ich habe jetzt eine milde,
se, fromme Empfindung in mir, erweckt durch dich, mein Lieber, und du,
du willst mich jetzt wieder in den Scheusalabgrund zurckwerfen? Nicht
doch. Bleib, bleib, und komm mit mir. Wir wollen die ganze Nacht
verscherzen miteinander. O, ich werde dich zu unterhalten wissen, du
sollst sehen. Wer Freude hat, ist der nicht am ehesten zur Unterhaltung
geschaffen? Und ich, ich habe jetzt, nach langer, langer Zeit, wieder
einmal eine Freude. Weit du, was das fr mich, die Entmenschte,
bedeutet? Weit du das? Du lchelst? Du lchelst hbsch, und ich liebe
dein Lcheln. Und willst du nun lieblos, und ganz entfernt von aller
schnen Freundschaft, treten auf die Freude, die ich bei deinem Anblick
empfinde? Willst du zerstren und zunichte machen, was mich glcklich,
was mich, nach so langer, langer Zeit, wieder einmal glcklich macht?
Ser Freund! Soll ich, nachdem ich immer mit dem Grausen und mit dem
bleiernen Entsetzen mich habe einlassen mssen, nun mich nicht auch
einmal mit dem wahrhaftigen Vergngen befassen drfen? Sei nicht
grausam. Bitte, bitte. Nein, du wirst es nicht bereuen. Du wirst die
Stunden, mit der Verachteten und Entehrten zugebracht, willkommen heien
und in deinem Innern segnen. Sei weich und komm mit mir. Sei sonst
meinetwegen nie weich, aber jetzt, jetzt sei es und knpfe vertraulich
an mit der Geschmhten. Sieh, wie die Trnen mir in die Augen kommen,
und hre, wie ich flehe. Wenn du gehst, ohne freundlich zu mir zu sein,
ist mir alles schwarz vor den Augen; hingegen, wenn du lieb bist,
strahlt in der Nacht die helle Sonne. Sei du heute nacht der
glckversprechende, freundliche Stern an meinem Himmel. Du bist gerhrt?
Du gibst mir die Hand? Du willst mit mir kommen? Du liebst mich?----

                   *       *       *       *       *

Nachwort: Knnte dies nicht Kirke sein, die den seefahrenden
ritterlichen Griechen bittet, bei ihr zu bleiben? Er will heim, doch
sie, sie fleht ihn an, sie nicht zu verlassen. Sie ist eine bse
Zauberin, die diejenigen, die sie anschaut, in grunzende Schweine
verwandelt. Sie bestreitet es zwar; sie sagt, sie sei keine bse
Zauberin, sondern unterliege selber dem bsen Zauber. Das kann schon
mglich sein. brigens ist sie rhrend schn. Sie besitzt eine weiche,
lispelnde Stimme, und aus ihren meergrnen und -blauen Augen, wie wir
sie oft bei auslndischen Katzen sehen, bricht ein wunderbarer, stolzer
und lieber Glanz. Sie ist nicht unglcklich und doch auch wieder nicht
glcklich. Bei dem Griechen sucht und findet sie ihr Glck, und nun will
er sie verlassen, um zur harrenden Gattin zurckzukehren. O zartes
Trauerspiel. Unter anderem sagt sie ihm, da die Gefhrten sich ja ganz
von selbst in Schweine verwandelt htten. Nicht bei ihr, sondern bei
ihnen selber sei die Schande und die Schuld zu suchen. Weil sie wollen
Schweine sein, sind sie's. Sie lchelt, und in das Lcheln schleicht
sich eine Trne. Sie ist ironisch und zugleich tiefernst, frivol und
gleichzeitig schwermtig. Siehst du denn nicht, spricht sie, seine
Hand erfassend, da nicht ich die Zauberin jetzt bin, sondern da du
der Zauberer bist? O, sei mein Freund, mein Schtzer, mein lieber,
herrlicher Zauberer. Schtze mich vor der Kirke. Ich bin nicht die
Kirke, wenn du bei mir bist. Sie geht weg, wenn du nicht weggehst. So
redet sie und berschttet ihn mit sen Liebkosungen, doch er, er -- --
geht. Er berlt sie der Kirke, er berlt sie sich selbst, er
berlt sie der ihr innewohnenden Grausamkeit, er berlt sie der
Schmach, deren Sklavin sie ist. Kann er gehen? Ist er so hart?




Fuwanderung


Wie war der Mond auf dieser Wanderung schn, und wie blitzten und
liebugelten die guten, zarten Sterne aus dem hohen Himmel auf den
strmischen ungeduldigen Fugnger herab, der da fleiig weiter und
weiter marschierte. War er ein Dichter, der da von dem leuchtenden Tag
in den sanften blassen Abend hineinlief? Wie? Oder war es ein Vagabund?
Oder war er beides? Gleichviel, gleichviel: Glcklich war er und
bestrmt von beunruhigendem Sehnen. Das Sehnen und Suchen, das
Niebefriedigtsein und der Durst nach Schnheit trieben ihn vorwrts, und
hinter, weit hinter ihm schlummerten die bilderreichen Erinnerungen. Was
hinter ihm lag, ging ihm durch den Wanderkopf, und was Unbekanntes vor
ihm lag, zog wie Musik durch seine begierige Seele. Die Sonne brannte,
und der Himmel war blau, und der blaue weite groe Himmel schien sich
immer mehr auszudehnen, als werde, was gro sei, immer grer, und was
schn sei, immer schner, und was unaussprechlich sei, immer
unermelicher, unendlicher und unaussprechlicher. Aus golden-dunklen,
dmonisch blitzenden Abgrnden duftete edle wilde Romantik herauf, und
Zaubergrten schienen rechts und links von der Landstrae zu liegen,
lockend mit reifen, sen, schnfarbenen Frchten, lockend mit
geheimnisvollen unbeschreiblichen Genssen, die die Seele schon
schmelzen und schwelgen machen im bloen flchtig-zuckenden Gedanken.
O was war das fr ein lustiges, tanzendes Marschieren, und dazu
zwitscherten die Vgel, da das Ohr am Gesang noch lange hing, wenn es
von dem Herrlichen schon nichts mehr hrte, da das Herz meinte aus dem
Leib heraustreten und in den Himmel hinauffliegen zu mssen. Drfer
wechselten mit weiten Wiesen, Wiesen mit Wldern und Hgel mit Bergen
ab, und wenn der Abend kam, wie wurde da nach und nach alles leiser und
leiser. Schne Frauen traten aus dem Dster, Geflster und Dunkel gro
hervor und grten mit stiller, kniginnen- und kaiserinnengleicher
Gebrde den Wanderer. Und wie war es doch erst in den stillen, von der
heien mittglichen Sonne beschienenen und verzauberten Drfern, wo das
heimelige Pfarrhaus stand in der grnen rtselhaften Gasse, und die
Leute dastanden mit grogeffneten, erstaunten und sorgsam forschenden
und fragenden Augen. Wunderbar war das Einkehren in das Gasthaus und das
Schlafen im sauberen, nach frischem Bettzeug duftenden Gasthausbett. Das
Zimmer roch zum Entzcken nach reifen pfeln, und am frhen Morgen
stellte sich der Wanderbursche an das offene Fenster und schaute in die
blulich-goldene, grne und weie Morgenlandschaft hinaus und atmete die
se Morgenluft in seine wildbewegte Brust hinein, von all der
Schnheit, die er sah, berwltigt. Wieder und wieder wanderte er
weiter, mit heiteren und mit dsteren Gedanken, unter dem Tag- und unter
dem Nachthimmel, unter der Sonne und unter dem Mond, unter schmerzenden
und unter glcklich lchelnden Gefhlen. Ach, und wie schmeckten ihm Ks
und Brot und die zwiebelbelegte kstliche, lndlich zubereitete
Bratwurst. Denn wenn dem rstigen Wandersmann das Essen nicht schmeckt,
wem sonst soll es dann noch schmecken?




Der Ku


Was habe ich Merkwrdiges getrumt? Was widerfuhr mir? Welch eine
seltsame Heimsuchung ist gestern nacht, als ich im Schlafe dalag,
urpltzlich, wie aus einem hohen Himmel herab, dem frchterlichen Blitz
hnlich, ber mich gekommen? Ahnungslos und willenlos und gnzlich
bewutlos, der Sklave des Schlafes, der mich fesselte und mich in seinen
Kerker schlo, lag ich da, ohne Wehr und ohne Waffen, ohne Voraussetzung
und ohne Verantwortung (denn im Schlaf ist man unverantwortlich), als
das Herrliche und Schreckliche, das Groe und Se, das Liebe und
Furchtbare, das Entzckende und Entsetzliche ber mich herfuhr, als
wolle es mich mit seinem Druck und Ku ersticken. Der Schlaf hat innere
Augen, und so mu ich denn gestehen, da ich mit einer Art von zweiten
und anderen Augen dasjenige sah, was auf mich zustrzte. Ich sah es, wie
es mit Windes- und Blitzesgeschwindigkeit, den unendlichen Raum
zerschneidend, aus der unermelichen, gigantenartigen Hhe herabscho
auf meinen Mund. Ich sah's, und ich war entsetzt, und ich war doch nicht
imstande, mich zu bewegen und mich zu wehren. Auch hrte ich sein Nahen.
Ich hrte es. Ich sah und hrte den niegesehenen, nieerlebten Ku, der
mit Worten nicht zu beschreiben ist, ganz wie mit Worten, die die
Sprache enthlt, nicht das Grausen und das Freuen zu beschreiben ist,
welches mich schttelte. Der Ku in Trumen hat nichts gemein mit dem
zarten, sanften, beidseitig gewollten und gewnschten Ku in der
Wirklichkeit. Es war nicht ein Mund, der mich kte, nein, es war ein
Ku in der Alleinigkeit und Einzigkeit. Es war ein Ku, der vllig und
einzig nur Ku war und weiter nichts. Etwas Unabhngiges,
Seelenhnliches, Gespenstisches war's, und als ich getroffen worden war
von dem Verstndlichen und wieder hchst Unverstndlichen, zerflo ich
auch schon in solchen gliederdurchstrmenden, ich mchte sagen,
grandiosen Wonnen, wie ich mir verbiete, es nher zu sagen. Ah, das war
ein Ku, ein Ku, das! Der Schmerz, den er mir bereitete, prete mir
einen Schrei des Jammers ab, und gleichzeitig mit dem Empfang des Kusses
und mit seiner himmlischen und hllischen Wirkung erwachte ich und
vermochte mich lang nachher noch immer nicht zu fassen. Was ist der
Mann, der Mensch. Was ist der Ku, den ich freundlich gebe, am hellen
Tag oder bei Mondschein, in der friedlich-glcklichen Liebesnacht, unter
einem Baum oder sonstwo, verglichen mit der Raserei des
eingebildet-aufgezwungenen Kusses, gekt von den Dmonen.




Das Traumgesicht


Ich habe etwas Ses gesehen, etwas Loses, Lustiges, Flatterhaftes, das
doch wieder auch nicht so flatterhaft war, da es nicht tiefen Eindruck
auf mich und auf viele andere htte machen knnen. Der Ernst des Lebens
klang wie eine Glocke in das liederliche Geflster und Geklingel und
Gelispel hinein. Die Bltter flsterten, ser, leiser Nachtwind wehte,
Gelchter tnte, Trnen rannen aus grogeffneten Augen, Herzen
erzitterten unter all den zaubervollen Eindrcken, und Musik umrahmte
und umflo und umgoldete das Ganze. Wunderbar, gleich einem Mrchen, an
dessen schnen Inhalt die Kinder gerne glauben, drangen mir die lieben,
holden, tausend Jahr alten Melodien zu Herzen. Indem ich sah, was ich
sah, wurde ich zum Kind, und die ganze Welt, so weit ich schauen konnte,
schien mir neu geboren, ganz wie ich selber und wie der, der es
ebenfalls mit ansah. Bnder, rote, grne und blaue, schlangen sich wie
anmutreiche, harmlose Schlangen durch den milden Tumult des Lebens. Das
Leben war mild und wild zugleich und duftete, ach, so namenlos nach
Glck, und mit einem Mal lag auch schon das gutwillige, unschuldige
Liebesglck zerrissen am Boden. Es gab niemand, der nicht liebte und der
nicht begehrte. Alle waren in den schnen Silber- und Feuerstrom mit
hineingerissen, und alle wollten das ja auch. Weh und Freude, Schmerz
und Lust schauten allen, die das Spiel mitspielten, schimmernd und
lechzend aus den Augen. Einige Augen waren niedergeschlagen, und Lippen
waren da, die entfrbten sich und stammelten. Schwelgerische Rosen, die
in ihren eigenen Farben zerflossen, prangten aus dem ppigen Bild
lockend und bezaubernd hervor. Lichter zngelten und liebugelten hinter
dunklem, traumhaftem Grn wie rtselhafte Augen hinter Augenbrauen, und
Wellen liefen ber das glatte Gestein, und Hoffnungen und Sehnsuchten
gaben in dem Raum den Ton an. Bald war der Raum, was er war, bald wieder
war er ein Gedanke, so zart, da der, der ihn dachte, frchten mute, er
verliere ihn. Ist nicht immer der verloren gegangene Gedanke der
schnste? Was man hat, schtzt man nicht, und was man besitzt, ist
entwertet. O wie schn war der See in der nahen Ferne, vom Mond
versilbert, der sich, indem er sich ins Wasser verliebte, in den See
glhend niederstrzte, sich nun in dem Leib, den er vergtterte, selig
widerspiegelnd. Das Wasser schauerte und lag ganz still, beglckt durch
die Vergtterung. Mond und Wasser waren wie Freund und Freundin,
gefesselt durch den Ku, dem sie sich berlieen. So zerflo und zerrann
bald alles, und bald sah ich es von neuem, nur noch reicher
ausgestattet, aus der Undeutlichkeit hervortauchen. Schweigend, ganz nur
Auge, sa ich da und hatte alle Wirklichkeit vergessen.




Nchtliche Wanderung


Einmal machte ich eine Nachtwanderung, es war eine dunkle, wolkige,
warme Mainacht. Die Erde blhte und duftete. Aus den schweigenden
nchtlichen Grten flsterte und lispelte es mir zu, als sei alles
Geheime nun offen und als rede das Verschwiegene. Mein leichter,
behender, fleiiger Fu trug mich leicht ber die harte Landstrae. Das
Harte war weich wie Flaum, und das Mhselige machte mich nur lachen, als
sei es die Freundlichkeit selber. Ich hatte eine merkwrdige Freude an
dem eigenen frhlichen Weiter- und Weitermarschieren. Taktgem ging es
von Dorf zu Dorf, und die Drfer schlummerten so schn, so friedlich.
Nur aus den Gasthusern drang manchmal noch einiger spter Lrm, und
betrunkene Wirtshausgestalten taumelten mir hie und da entgegen. Ich
lief, als sei ich der behende Wind, oder als sei ich ein Bote, der mit
Windesgeschwindigkeit eine geheime Botschaft an einen weit entfernten
Ort trgt. Alsdann war es mir wieder ums Herz, als sei ich ein
flchtiger Verbrecher, der die Nachtstunden benutzt, um auszureien und
sich in Sicherheit zu bringen. Ich war wie ein Indianer, der ber die
Ebene springt; doch bei mir ging es hin und wieder bergauf, um wieder in
die Tiefe zu sinken. Neugierig guckten oft die sen Sterne blinzelnd
zwischen geheimnisvollem Gewlk auf den Fugnger herab, und der Mond,
der wackere Freund aller derjenigen, die nchtlings wandern, trat gro
und majesttisch und freundlich aus der schwarzen Umhlltheit hervor, um
bald darauf wieder zu verschwinden. So kam es und verschwand es und
tauchte bald wieder auf, und ein unhrbares Rauschen war in allem, die
Nacht rauschte, als sei sie eine Quelle, und das ist wahr: sie ist die
Quelle alles Schnen, Lieben und Guten. So war mir dann wieder, als sei
ich ein Liebender, befindlich auf der Suche nach der lockenden
lieblichen Geliebten. Irgendwo im Land, das so schn dunkel war, wohnte
sie: ihr Fenster stand jetzt vielleicht offen, da alle ihre
trumerischen Gedanken wie Vgel hinausflatterten, um sich in der
herrlichen Nacht zu verlieren. Sie lag im Bett, aber ohne schlafen zu
knnen und ohne einschlafen zu wollen, da sie an den fremden khnen
lieben Burschen dachte, den sie liebte, und von dem sie wute, da er
sie liebte. Solchermaen vertrieb ich mir die Zeit, die ich mit Laufen
zubrachte, mit krausen dunklen Einbildungen, indes die Brunnen neben der
Strae leise pltscherten. Einige Fenster hatten noch Licht, und das
einsame Licht nahm sich aus wie die Idee im Kopf eines seltsamen
Menschen. Auf solche Weise schritt ich vorwrts, frhlich und voll
Bangen, mutig und voll Verzagen, ganz gedankenlos und wieder voll
Gedanken.




Johanna


Ich war, fllt mir ein, neunzehn Jahre alt, machte Gedichte, trug noch
keinen ordentlichen Kragen, lief in den Schnee und in den Regen, stand
des Morgens immer frh auf, las Lenau, fand, da ein berzieher etwas
berflssiges sei, bezog monatlich hundertfnfundzwanzig Franken Gehalt
und wute nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen sollte. Kost und
Logis hatte ich beim Paketmann Senn. Senn ist mir unvergelich. Er
machte stets eine ebenso dumme wie finstere Miene, hatte einen
struppigen, rabenschwarzen Bart im Gesicht und spielte den rgerlichen
Tyrannen, eine Rolle, in die er, so hlich sie sein mochte, wie
vernarrt war. Seine beiden Shne, Theodor und Emil Senn, prgelte er.
Die armen Jungen, sie bekamen Hiebe dafr, weil sie des Dummkopfes von
Vaters schlechtes Betragen nachahmten. Frau Senn war eine liebe arme
geplagte Frau, vllig des kleinlichen Gewalthabers Sklavin. Das Essen
war gut; lustige Pensionre waren stets da, und der Weiwein des
Postpaketmenschen mundete vortrefflich. Doch was bedeutete aller
Weiwein gegen das Mdchen Johanna, die ebenfalls das Vergngen hatte,
beim wilden Pstler logieren und kostgngern zu drfen. Sie war auf dem
Kontor beschftigt, hnlich wie ich, und jeden Morgen gingen wir
zusammen, sie die Dame, und ich ihr Ritter, nach unsern
Geschftshusern, um hbsch ttig zu sein. Sie diente bei der
Schreibmaschinenbranche, whrend ich mein bichen Kraft und guten Willen
der Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft freundlich zur Verfgung
stellte. Johanna war lieb ber alle Begriffe und sanft wie Mondschein.
Ich schrieb ihr ein Gedicht ins Album, einen khnen extravaganten
Erstling, sie zeigte es ihrer Mutter, und diese warnte ihr Tchterchen
vor mir, wir muten beide herzlich lachen. O wie s mutete mich der
anmutvolle Ritterdienst an. Wir wohnten vier Treppen. Hatte nun
vielleicht Johanna, schon unten an der Haustre stehend, ihren Schirm
oder ihr Taschentuch oder sonst etwas vergessen, so erhielt ich den
Auftrag, hinaufzuspringen und das Liegengelassene zu holen. Wie machte
mich das glcklich, und wie s, wie schn, wie zart lchelte sie
darber. Ihre Hnde waren ppig und weich und so wei wie Schnee, und
der Ku darauf, wie berauschte, wie bezauberte er mich. Senn war wtend
auf uns, weil wir bis in alle Nacht hinein auf Johannas Zimmer
miteinander Englisch lernten. Er hrte wohl durch die Wand, was das fr
eine kosende, belustigende Art von Englisch war, das wir trieben. Holde,
unvergeliche Sprachstunde, liebes unvergeliches weibliches Wesen.




Der Bursche


Ein Bursche, der einem Bckermeister als Laufbursche diente, stahl
demselben Mehl weg, um es, gleichsam als Zeichen von zrtlicher
Aufmerksamkeit, der Frau zu berreichen, die er verehrte. Reizende
Liebe, bestrickendes Verbrechen, sinnreicher Diebstahl. Der Bursche
wurde endlich bei seinem ritterlichen Bemhen ertappt und kam ins
Gefngnis. Die gestrengen Herren Richter hatten Mitleid mit ihm und
erteilten ihm eine obgleich immerhin angemessene, so doch
verhltnismig nur gelinde Strafe. Armer dummer Bursche. Ich kann nicht
verhehlen, da ich Sympathie fr ihn empfinde. Wie glcklich mgen seine
Augen geglnzt haben in den prickelnden Augenblicken, wo er das Mehl
stibitzte, und wie s mu ihm der Ku gemundet haben, den er geben und
empfangen durfte von der, in deren Interesse er Spitzbubenstreiche
verbte. Wenn je, so duftet hier, der schwelgerischen Rose hnlich,
Romantik, und wenn je, so ist hier, wo Mehl gestohlen worden ist, se
Liebe. Simpel ist die kleine mehlene Geschichte. Mich hat sie gerhrt,
als ich sie las, und ich wage sie dem freundlichen, huldreichen Leser
aufzutischen, in der Hoffnung, da sie auch ihn ein wenig rhren wird.
Wie mancher, der fein gekleidet geht und sich auf die feinste Differenz
versteht, und der sich einbildet, da er verliebt sei, ist nicht
imstande und bringt nicht den Mut auf, gleich dem armen dummen
Bckerburschen, Mehl fr die Person zu stehlen, die er vergttert. Was
ist Geliebtsein und Beliebtsein gegen dieses blhende holdselige Wunder:
selber lieben! Und was ist alle Bildung, alle Belesenheit, Weisheit und
Feinheit, gehalten gegen die duftende Blume: Aufrichtigkeit? Dieser
Bursche, der mit einem gestohlenen Paket Mehl dahersprang, um seiner
Geliebten eine Freude zu machen, war, als er das tat, gro, denn er war
aufrichtig; war, als er das tat, im hchsten Grad sympathisch, denn er
war tapfer; war, als er das tat, hchst liebenswrdig, denn er tat es
aus echter Zrtlichkeit und Liebe. Schenke, lieber Leser, dem armen
Burschen ein kleines gtiges Andenken, ich bitte dich darum. Nicht wahr,
du tust es?




Der Knabe


Ein Tierbndiger wurde eines Abends vor den Augen der Leute, die
gekommen waren, um sich die Vorstellung anzusehen, von seinem Lwen,
einem Prachtexemplar, angegriffen und so furchtbar zugerichtet, da er,
nachdem man ihn aus den Tatzen des Ungetms befreit hatte, nur noch
einen letzten beraus traurigen Blick auf seine Frau und auf seine
Kinder werfen konnte, woraus er, zerfleischt und zerrissen, wie er war,
den Geist aufgeben und sterben mute. Die arme, derart ihres Gatten und
Ernhrers beraubte Frau sah sich hohlugiger, erbarmungsloser
Verzweiflung gegenbergestellt; denn woher sollte nun das Geld kommen,
und wer, wer um Gottes willen sollte nun das gefhrliche Geschft der
Tierbndigung mit einigem Glck weitertreiben? Der Verstorbene schien
unersetzlich, und das Elend und der Jammer schienen allgewaltig; da
trat, blitzenden Auges und getrieben von einer hchst staunenswrdigen
Willenskraft, von Energie sprhend, gleich, als sei er eine
hochauflodernde Flamme und kein zarter Knabe, der Sohn des eben
Gestorbenen vor die unglckliche Mutter und sagte ihr mit einer Stimme,
die die Festigkeit und die eiserne Entschlossenheit durchzitterten, da
er und kein anderer jetzt den Beruf seines Vaters bernehmen und
weiterfhren werde. Ah, ein junger Held glhte, und nichts nutzten bei
dem stolzen Feuerkopf die Vorstellungen, die die tdlich erschrockene
Mutter dem Kinde machte. Er wartete den nchstfolgenden Schauspielabend
mit brennender Begierde ab, um seiner Mutter den Mut zu zeigen, der ihn
beseelte, und als die Stunde gekommen war, trat er mit gebieterischer
Miene, einem jugendlichen Frsten hnlich, die Peitsche und die Pistole
nachlssig in der Hand, so, als sei er meilenweit davon entfernt, zu
denken, sich irgendeiner andern Waffe als nur seiner Todesverachtung zu
bedienen, in den Kfig und errang schon mit dem bloen Eintritt in
denselben strmischen Beifall. Atemlos schaute das Publikum von seinen
Bnken dem herzbeklemmenden Schauspiel zu, und als der mchtige Lwe nun
dem zarten, lieben, tapferen, schnen Knaben gehorchte und alles
pnktlich ausfhrte, was von ihm verlangt wurde, sich dem Kind zu Fen
legte, er, der am vorherigen Abend den Vater zerrissen hatte, erhob sich
ein Tcherwinken, ein Geschenkezuwerfen, ein Klatschen und eine so
gewaltige Begeisterung, wie die Menagerie sie nie zuvor erlebte. Der
Knabe verdiente den Jubel, er lchelte. Doch wo nehmen wir die Worte
her, die ntig wren, den mtterlichen Stolz und Jubel zu beschreiben,
der nun mit ungestmen wilden heien Kssen auf die Wangen, auf das Haar
und auf die kleinen Hnde des Knaben regnete, als er wohlbehalten zu der
Mutter zurckkehrte. Mit namenloser Liebe schaute sie dem Helden, den
sie geboren hatte, in die Augen, und immer wieder, immer wieder, ganz
berwltigt, mute sie ihn kssen, ihn, der dastand, so bescheiden, als
verstehe er nicht, was er Groes und Schnes getan hatte.




Das Gtzenbild


Ein junger Mann, an dessen Eleganz, Bildung und Herkunft niemand
zweifelte, und der das fraglose Glck geno, zu den gesitteten Menschen
zu zhlen, erlebte eines Tages, indem er das Vlkermuseum besuchte,
um die Altertmer zu studieren, folgendes sonderbares, wenn nicht
furchtbares und grauenhaftes Abenteuer. Der junge Mann, nachdem er
sich mit vielem Interesse in den weitschweifigen Rumlichkeiten,
vollgepfropft mit allen nur erdenklichen Sehenswrdigkeiten, umgeschaut
hatte, stand pltzlich, er wute nicht wie, vor einer uralten hlzernen
Figur, die, so abschreckend und plump sie auch war, einen mchtigen und
gleich darauf bermchtigen Eindruck auf ihn machte, derart, da er sich
durch das rohe Gtzenbild, denn ein solches war es, an Leib und Seele
verzaubert sah. Der Atem stockte ihm, das Herz klopfte laut, das Blut
strmte ihm, gleich einem angeschwollenen reienden Bach, durch alle
Adern, das Haar stieg ihm zu Berg, die Glieder zitterten, und eine
ungeheuerliche, entsetzliche Lust packte ihn jhlings an, sich an
den Boden zu werfen, in die Zerknirschung und Erniedrigung, um das
furchtbare Bild, das den Wsten Afrikas entnommen worden war, aufs
lebhafteste anzubeten; Barbarenwonne rieselte ihm durch die geblendete
und der Vernunft beraubte Seele. Er stie einen Schrei aus, der durch
die weite Halle grlich tnte, und nur eben so viel Fassungskraft blieb
ihm brig, als ntig war, sich mit einem verzweifelten Ruck aus der
schreckenerregenden Umdunkelung an das lieblich helle Bewutsein
einigermaen emporzuraffen. Das tat er, und mit weitausholenden
strmischen Schritten, so, als wenn hinter ihm Feuer ausgebrochen sei,
und allen eifrigen Interesses fr die Wissenschaften mit einem Mal
verlustig, jagte und strzte er gegen die Tre, und erst, als er sich in
freier Luft befand und sich wieder umgeben sah von lebendig-ttigen
Menschen, erholte er sich vom panikartigen Entsetzen, eine Geschichte,
die ihn, der sie erlebte, tief nachdenken machte, ber die ich jedoch
den Leser bitte zu lcheln.




Apollo und Diana


Ich war, erinnere ich mich, bei der Aktienbrauerei in Thun ttig. Vor
ungefhr zehn Jahren war's, und ich hatte das Glck, in einem schnen,
gerumigen alten Haus dicht neben dem herrlichen Schlo auf dem
Schlohgel wohnen zu drfen. Ich trank viel Bier, wozu mich schon meine
bierbrauerliche Beschftigung verleitete, badete in der reienden Aare,
ging fter in die Ebene, die sich um Thun ausbreitet, spazieren und
staunte zu den Kolossen empor, zu den Bergen, die, ungeheuerlichen
Burgen hnlich, dort in den Himmel hinaufragen. Eines Tages hatte ich
mit meiner Wirtin, der Frau Amtschreiber, ein kleines reizendes
Erlebnis, und zwar wegen einem Bild, das an der Wand meines Zimmers
hing. Dieses Zimmer, es war die Wohnlichkeit, Traulichkeit und
Heimeligkeit selber. Ich vergesse nie diesen saftgrn angehauchten
bildhbschen Raum, ich vergesse aber auch die Sonnenstrahlen nie,
die dort so goldig und zugleich so listig ins versteckte Zimmer
hineinlchelten. Nun aber zur Frau Amtschreiber. Sie nahm mir das Bild,
eine Photographie des Gemldes Apollo und Diana von Kranach (das
Original hngt im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin), von der Wand, an
welcher es zu meiner Belustigung und Erquickung hing, weg und legte es,
schamhaft und vorwurfsvoll umgekehrt, auf meinen Tisch. Ich kam heim und
merkte sogleich mit meinen beiden stets aufmerksamen Augen das Werk der
falschen Sittlichkeitsbegriffe, und rasch entschlossen ergriff ich die
allezeit dienstfertige Feder und schrieb folgendes keckes Billett:
Verehrte Frau, hat Ihnen das Bild, das mir lieb ist, weil es ganz aus
lauterer Schnheit besteht, vielleicht etwas zuleid getan, da Sie es
von der Wand gemeint haben wegnehmen zu sollen? Finden Sie, da das Bild
hlich ist? Sind Sie der Meinung, da es ein unanstndiges Bild ist?
Dann bitte ich ergebenst, es einfach keines Blickes zu wrdigen. Mir
aber wollen verehrte Frau in der Gte, in deren Besitz ich dieselbe
glaube, gestatten, das Bild wieder dorthin zu tun, wo es gewesen ist.
Ich werde es sogleich wieder an die Wand anheften und bin berzeugt, da
niemand es mir nochmals fortnimmt. Frau Amtschreiber las und nahm das
Billett. Ich Schurke! Einer so liebenswrdigen Frau so harte Worte zu
sagen. Doch die paar Worte, was hatten sie nicht fr eine schne
Wirkung. Wie lieb war Frau Amtschreiber von nun an zu mir. Reizend,
reizend benahm sie sich. Sogar meine zerrissenen Hosen erbat sie sich,
damit sie sie flicke, sie, die Frau Amtschreiber.




Zwei Bilder meines Bruders


Die Frau am Fenster

Warum steht diese Frau am Fenster? Steht sie nur da, um in die Gegend
hinauszuschauen? Oder hat ihr Gefhl sie ans Fenster gefhrt, damit
sie knne in die Weite hinausdenken? An was denkt die Dame? An etwas
Verlorenes, an etwas unwiederbringlich Verlorenes? So scheint es dem zu
sein, der mit aufmerksamen Augen das zarte Bild betrachtet. Weint die
Frau, oder ist sie nahe daran, zu weinen? Hat sie, kurz bevor sie
ans Fenster trat, geweint oder wird sie, wenn sie wird vom Fenster
weggetreten sein, in Trnen ausbrechen? Wer das Bild betrachtet, hlt
dies nicht fr unmglich. Hat die Frau, die hier so einsam an dem
Fenster steht, einen Geliebten, und ist nun vielleicht dieser liebe
Freund fr immer fortgegangen? Hchst wahrscheinlich. Also hatte -- --
sie einen Geliebten? Sie hat demnach also jetzt keinen holden Freund
mehr? Steht nicht die arme liebe Frau da, als sei, was ihr das Liebste
gewesen ist, von ihr weggegangen, und als bleibe ihr jetzt fr immer
nichts mehr anderes brig als an den zu denken, den sie verlor? Ihre
Haltung scheint zu sprechen: Ich habe ihn, kaum da er mir gestand, da
er mich liebe, und kaum, da ich ihn umhalst und an das Herz gedrckt
habe, schon verloren. Wie grausam ist das. -- Was hat ihn denn bewogen,
sie zu verlassen, die er liebte und von der er sich geliebt fand? Hat
das Schicksal, haben die Wogen und Wellen des Lebens, die weder je nach
Liebe noch berhaupt je nach Zartheit fragen, sie getrennt, die sich
liebten? Das lt sich denken. Alles Unschne lt sich ebenso leicht
denken wie alles Schne. Vielleicht hat die Frau jetzt noch nicht alle
Hoffnung auf ein ses Wiedersehen aufgegeben? Nein, sie hat keine
Hoffnung mehr auer der Hoffnung, weinen zu drfen, stundenlang, und
sich im Schmerz, der die Seele erschttert, zu baden. Fr die Frau,
die ihren Freund verloren hat, ist der Schmerz der heimliche Freund,
und das ist die letzte Art von Freund, die ein Mensch besitzen kann.
Entsetzlicher Freund, bleich im Gesicht, mit dem furchtbaren Lcheln
unauslschlicher Trauer auf den Lippen, sage zu der Frau etwas, liebkose
sie. Und in der Tat, er tut es: der Schmerz ber die Trennung vom
Geliebten mu jetzt der Geliebte sein und sie liebkosen. Vielleicht ist
jetzt das Weh des Verlustes noch nicht so gro, wie es nach einem Jahr
oder erst nach zwei Jahren sein wird; denn das Weh kann in der Stille
wachsen. Erst ist es ein zartes Glckchen mit leisem seufzendem Bim-Bim.
Doch es kann eine Glocke daraus werden mit rasendem, vernunftberflutendem
Gelute, gemtzerstrend, herzzerreiend. Entsteht nicht aus der simplen
Melodie das gewaltig brausende und schallende Konzert? Wenn dem so ist,
so hat die Frau, die da am Fenster steht, noch einen schweren Kampf zu
kmpfen.


Der Traum

Mir trumte, da ich ein winzig kleiner, unschuldiger, junger Bursche
sei, so zart und jung, wie noch nie ein Mensch war, wie man nur in
dunklen, tiefen, schnen Trumen sein kann. Ich hatte weder Vater noch
Mutter, weder Vaterhaus noch Vaterland, weder ein Recht noch ein Glck,
weder eine Hoffnung noch auch nur die blasse Vorstellung einer solchen.
Ich war wie ein Traum mitten im Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen
anderen. Ich war weder ein Mann, der sich je nach dem Weibe sehnte, noch
ein Mensch, der sich jemals Mensch unter Menschen fhlte. Ich war wie
ein Duft, wie ein Gefhl; ich war wie das Gefhl im Herzen der Dame, die
an mich dachte. Ich hatte keinen Freund und wnschte mir auch keinen,
geno keine Achtung und wnschte auch keine, besa nichts und begehrte
auch nie irgend etwas zu haben. Was man hat, hat man schon wieder nicht
mehr, und was man besitzt, hat man schon wieder verloren. Nur das,
wonach man sich sehnt, besitzt und hat man; nur, was man noch nie
gewesen, ist man. Ich war weniger eine Erscheinung als ein Sehnen, ich
lebte nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Weil ich nichts
kostete, schwamm ich im Genu, und weil ich klein war, hatte ich hbsch
Platz, in eines Menschen Brust zu wohnen. Entzckend war, wie ich es mir
in der Seele, die mich liebte, bequem machte. Da ging ich also. Ging
ich? Nein, ich ging nicht: ich spazierte in der leeren Luft, ich
brauchte, um zu gehen, keinen Boden; hchstens berhrte ich den Boden
leise mit den Fuspitzen, als sei ich ein talentreicher, von den Gttern
mit allen Gaben der Tanzkunst begnadeter Tnzer. Mein Kleid war wei
wie Schnee, und rmel und Hosen schleppte ich nach; sie waren mir
um ein Erkleckliches zu lang. Auf dem Kopf trug ich ein zierliches
Dummkopfkppchen. Die Lippen waren rot wie Rosen, das Haar war goldgelb
und ringelte sich mir um die schmalen Schlfen in anmutigen Locken.
Einen Krper hatte ich nicht oder kaum. Aus meinen blauen Augen schaute
die Unschuld. Ein schnes Lcheln htte ich gar zu gern gelchelt; doch
es war zu zart; es war so zart, da ich es nicht zu lcheln, sondern nur
zu denken und zu fhlen vermochte. Eine groe Frau fhrte mich an der
Hand. Jede Frau ist gro, wenn sie zrtlich ist, und der Mann, der
geliebt wird, ist immer klein. Liebe macht mich gro; und geliebt und
begehrt sein, macht mich klein. Da war ich dir, lieber huldreicher
Leser, so fein und klein, da ich bequem in den weichen Muff meiner
hohen, lieben, sen Frau htte schlpfen knnen. Die Hand, die mich
hielt, und an der ich tanzend schwebte, war mit einem schwarzen
Handschuh bedeckt, der hoch hinauf bis ber die Ellbogen reichte. Wir
gingen ber eine grazis geschweifte und gebogene Brcke und die
rtliche, dichterisch-phantastische Schleppe meiner holden Herrin
schlang sich der Lnge nach ber die ganze Brcke, unter welcher
schwarzes, warmes, duftendes Wasser trge flo, goldene Bltter mit sich
tragend. War es Herbst? Oder war es ein Frhling nicht mit grnen,
sondern mit goldenen Blttern? Ich kann es nicht mehr sagen. Unsagbar
zrtlich schaute mich die Frau an: ich war bald ihr Kind, bald ihr
Muschen, bald ihr Mann. Und immer war ich ihr alles. Sie war das
berragend gewaltige und groe Wesen, ich das kleine. Kahle ste stachen
hoch oben in die Luft. So wurde ich weiter, immer weiter weggefhrt als
eine Art von niedlichem Besitz, den der Eigentmer ruhig mit sich nimmt.
Ich dachte nichts und wollte und durfte auch von Denken nichts wissen.
Alles war weich und wie verloren. Hatte mich die Macht des Weibes zum
Knirps gemacht? Die Macht des Weibes: wo, wann und wie regiert sie? In
der Mnner Augen? Wenn wir trumen? Mit Gedanken?




Die Gedichte


Im Sommer schrieb ich nie ein Gedicht. Das Blhen und Prangen war mir zu
sinnlich. Ich war traurig im Sommer. Mit dem Herbst kam eine Melodie
ber die Welt. Ich war in den Nebel, in die frh schon beginnende
Dunkelheit, in die Klte verliebt. Den Schnee fand ich gttlich, aber
vielleicht noch schner und gttlicher kamen mir die dunklen, wilden,
warmen Strme des Vorfrhlings vor. Im kalten Winter glnzten und
schimmerten die Abende bezaubernd. Die Tne taten es mir an, die Farben
redeten mit mir. Ich brauche kaum zu sagen, da ich unendlich einsam
lebte. Die Einsamkeit war die Braut, welcher ich huldigte, der Kamerad,
den ich bevorzugte, das Gesprch, das ich liebte, die Schnheit, die
ich geno, die Gesellschaft, in welcher ich lebte. Es gab nichts
Natrlicheres und nichts Freundlicheres fr mich. Ich war Kommis und
sehr oft ohne passende Stelle. Das pate mir. O die reizende
trumerische Schwermut, das wonnige Verzagen, die himmlisch-schne
Mutlosigkeit, die gesellige Trauer, die se Hrte. Ich liebte die
Vorstdte mit den vereinzelten Gestalten der Arbeiter. Die verschneiten
Felder sprachen mich vertraulich an, der Mond schien mir auf den
gespenstisch weien Schnee niederzuweinen; die Sterne! Es war herrlich.
Ich war so frstlich arm und so kniglich frei. Ich stand in der
winterlichen Nacht, gegen den Morgen, am offenen Fenster und lie mir
das Gesicht und die nur mit dem Nachthemd bedeckte Brust anhauchen vom
eisigen Atem. Und dabei hatte ich die sonderbare Einbildung, da es
glhe rund um mich. Sehr oft warf ich mich, in dem entlegenen Zimmer,
das ich bewohnte, auf die Knie und bat Gott um einen hbschen Vers. Dann
ging ich zur Tr hinaus und verlor mich in die Natur.




Rinaldini


ber Paganini habe ich bereits geschrieben. So will ich mir denn heute
die Freiheit nehmen und einen geeigneten Aufsatz schreiben ber
Rinaldini. Das Aufsatzschreiben und Essayieren ist gegenwrtig in groem
Schwang und erfreut sich einer weitverbreiteten Beliebtheit. Rinaldini,
dem vorliegender Essay gilt, war ein bedeutender Mann und ein groer
Ruber. Andere Leute waren gro als Knstler, er aber war ein Knstler
im Rauben und Morden, und gro war er als der prdestinierte Hauptmann
seiner Rotte oder Bande, die er zum Schrecken des friedlichen Teiles der
Einwohnerschaft befehligte. Gro von Gestalt, khn von Charakter und
grausam von Sinnesart, schwang er sich gleichsam mit leichter Mhe zum
Herrn der Berge und der Wlder hinauf, und wer sein Feind war, lebte
keine vierundzwanzig Stunden lnger. Rinaldini teilte mit andern
Mordbrennern und Mordbuben, von denen die Chronik berichtet, die edle
Eigenschaft, da er das Kapital und den feigen Geldsack hate, da er
dagegen die armen Leute schonte. Wer irgendwie unterdrckt war, dem war
er ein Freund; wer dagegen auf den Vorteilen und auf den Wertpapieren
trotzte und protzte, dem spaltete er den Schdel, da es eine Lust war.
Die Regierung setzte einen hohen Preis auf seinen Kopf; er jedoch, als
der freie Gewalt- und Renaissancemensch, der er war, trug ebendenselben
Kopf hoch und lachte ber die Manahmen derer, die ihn frchteten. Seine
Geliebte hie Rosa, und sie war sein Alles. Wo Rosa war, war auch er,
und wo sie nicht mehr war, war auch er nicht mehr. Sie war sein Herz,
seine Seele. Sie war seine Mordlust. Ihr trug er, was er raubte, zu den
Fen. Er stattete ihr das Felsengemach, in welchem sie wohnte, wahrhaft
frstlich aus, bekleidete es mit den kostbarsten Teppichen und fllte es
an mit den zierlichsten und edelsten Gegenstnden. Er war ihr Lwe, ihr
bis in den Tod treuer Lwe, und sie, sie liebkoste den Lwen, sie liebte
ihren Lwen. Der Jubel, die Freude und die Wonne durchzuckten sie, wenn
sie sah, wie er so grausam morden konnte, und wie er dann bei ihr so
sanft, so schchtern war. Sie war mglicherweise eine kleine Sadistin,
diese Rosa. Doch zu Rinaldinis Zeiten nahm man dieses Kapitel noch nicht
so genau. Herrlich war sie, wenn sie, angetan mit den schnsten
Gewndern und mit schweren, goldenen Ohrringen in den Ohren, vor das
Zelt oder vor die Hhle trat, eine Zigarette zwischen den blendend
weien Zhnen. Stolz wie eine Knigin blickte sie in die Runde, und wer
sie so sah, verneigte sich vor ihr. Das taten die Herren Spitzbuben und
Ruber. Sie verehrten sie wie ihre Knigin. Rinaldini, der sonst doch
ganz gewi im hchsten Grade verunglckte Bursche, war glcklich durch
sie, dieser Galgenhalunke. Schlielich, und so wurde er doch aufs Rad
geflochten.




Lenau


Der Liebling des Grames, der Freund des Schmerzes war er. Seltsam war
er, und noch viel seltsamer ist es, da man von ihm eigentlich gar
nichts kennt, und da trotzdem sein Ruhm bis zu den Wolken hinaufragt.
Das macht sein Name. Sein Name ist so schn, so zigeunerhaft-romantisch.
Ich bin allein schon in den Namen Lenau verliebt, der nicht wie nach
realem Leben, sondern wie nach einem Roman, nach einer holdseligen
Liebesaffre tnt. Lenau liebte den Herbst, das herbstliche Welken, das
Fallen der Bltter, das Entfrben, das Vergehen. Er liebte das
schneeweie, kalte Schweigen des Winters. An den Tod und an das Ende zu
denken, war ihm ein sonderbarer Genu. Sonderbar war Lenau. Er war
herrlich in seiner Art. Das Leben liebte er nicht, und dennoch liebte
er es, er liebte es um der darin enthaltenen Enttuschungen willen.
Er war in die Enttuschungen, in die Hoffnungslosigkeit, in die
Unergrndlichkeit, in die harte Unentrinnbarkeit verliebt. Er liebte den
rauhen, kalten November, mithin also das sogenannte schlechte Wetter.
Schnes, mildes, sonniges Wetter irritierte ihn, machte ihn stutzen.
Dagegen, wenn die Strme strmten, wenn der Wind durch die Gegend
brauste, wenn der Schnee fiel, da erkannte er sein Wesen und lebte das
ihm angeborene Leben. Er fhlte sich wohl beim schauervollen Gedanken an
die Grber, und auf den Genu dessen, was nicht zu genieen ist,
verstand er sich vortrefflich. O, was fr schne, schmerzenbange,
wehmuttrunkene Herbstgedichte hat er gemacht. Sein Hauptausstattungsstck
bestand in einem schwarzen, flatternden Pellerinenmantel,
und Nummer zwei seiner Requisiten war ein Rinaldini-Schlapphut,
ebenfalls tiefernst und rabenschwarz von Farbe. Schwarz
war sein Haar, das sich gleich tiefen, schnen, anmutigen
Gedanken um seine ausdrucksvollen Schlfen ringelte. Voll schwarzen
Glanzes waren seine traurig-lieben Augen, mit denen er in die Welt
schaute, als verzweifle er, oder als sehne er sich nach einer
Verzweiflung. Augenbrauen schwarz und Bart schwarz, falls er einen
solchen hatte, was ich nicht geradezu behaupten mchte. Und in der
trben, grauen, kalten Novemberluft flogen Raben, und Lenau stand am
Wege, unter einem entbltterten Baum, das Notizbuch in der Hand,
schreibend einen seiner schwermutvollen Verse. Seine Herbstlieder sind
weltberhmt. Ich selbst habe sie schon lange, lange nicht mehr gelesen.
Aus ferner, umflorter Erinnerung nur tauchen die Worte dieser Gedichte
vor mir auf, aber ich wei, da sie schn sind. Unverwelkliches Welken,
blhender, unsterblicher Gram, rosengleiches Verzagen und Klagen,
immergrner Schmerz, ewig junger, ewig lebendiger Tod.




Tobold


  _Der Schurke_

  Glaubst du, ich sei ein Schurke? Ich
  bin keiner. Glaube mir, ich bin
  nicht solch ein Bsewicht. Das hat
  die Zunge so aus mir gemacht.
  Die Welt will gleich ein Bildnis sehn.
  's ist sonderbar. Man ist nicht das,
  was man in seinem Innern ist,
  nein, du bist Werk von ihnen, bist
  Abgu von dem Geflster. Sie
  woll'n dich so handeln sehn, und so
  auch handelst du. Ich bin nicht schlecht;
  nur krank.

  _Tobold_

  Wie? Ja. 's ist sonderbar.
  Auch ich bin nicht der Meinung, du seist ein
  Halunke. Zwar bin ich
  ja nur ein dummer Junge, und
  ich kann mich irren, doch kann denn
  nicht auch die Welt im Irrtum sein?
  Knn'n sie nicht auch sich irr'n, die dich
  verdammen? Du hast Augen, die
  mir, wie doch soll ich sagen, sehr
  gefallen. Krank bist du? Ich glaub's.
  Doch warum gehst du nicht zum Arzt?

  _Schurke_

  Vielleicht bist du der Arzt. Du bist
  jed'falles gut.

  _Tobold_

  Hier kommt ja, wie ich sehe, der
  schlicht-ehrliche Bedrngte. Sein
  Gesicht ist falsch. Er hlt sich fr
  was Bess'res als er ist. Er ist
  mehr Schaf als fromm. Ich mag ihn nicht.
  Dich, Schurke, jedoch mag ich gern.

  _Der Bedrngte_

  Voll Bosheit, bild' ich stets mir ein,
  sei diese ungereimte Welt.
  Ich blicke stets nur selbst mich an
  und sehe immer mich verfolgt:
  Hier steht der Bs'wicht, der mich drngt.

  _Tobold_

  Das bildet sich ein Dummkopf ein.

  _Der Bedrngte_

  Wer bist du, der so keck sich mischt
  in dieses Spiel? Ich sah dich nie
  und achte deiner deshalb nicht.
  Du scheinst ein frecher Betteljung'!

  _Tobold_

  Tobold hei' ich, und ich gab nie
  Schafskpfen Anla, mich
  zu achten. 's ist ein mageres Geschft
  und es kommt nichts dabei heraus.
  Ich bin mein selbst. Ich selbst
  hab Achtung vor mir. Wisse das. Und dann
  hab ich auch Freude an der Welt.
  Hier beispielsweis' am Schurken hab'
  ich Freude. An der Sonne hab'
  ich Freude. Doch an dir nicht. Du
  freust mich in keiner Art und Weis'.
  Nicht Art hast du. Was Art hat, das
  entzckt mich. Dieb' und Schelm'
  selbst sind erfreulich. Packt man sie,
  so sperrt man sie ins Zuchthaus ein
  und wei auch, was getan man hat.
  Doch du bist ein Chamleon.
  Nichtswrdig bist du. Teufel sind
  doch Teufel. -- Hier dem Schurken geb'
  die Hand ich. Dir kann man die Hand
  nicht reichen. Spinnen sind verstndlicher,
  Mus', Ratt' und Krten, als
  ein Mensch, wie du, dem's nur auf das
  Verfolgtsein ankommt.

  _Schurke_

                        Ha ha ha!
  Recht so, mein Junge, schimpf ihn aus.

  _Bedrngter_

  Auch hier, auch hier bedrngt man mich.
  Die Welt ist voll von Hinterlist.
  Ich will nur gleich zur Frstin gehn
  und ihr das melden.

  _Schurke_

                      Tritt nur ab.
  Komm, du mein wackrer Junge, komm.
  Ich will zu einer Tnzerin
  dich fhren. Wein soll sprhn. Der Ort,
  wo sie sich aufhlt, ist nicht fern.
  In dem Gebsch, das du dort siehst,
  liegt sie im schwellend weichen Gras.
  Schn ist sie, gttergleich tanzt sie.
  Doch du wirst sehn. Sie soll dich an
  die Brste drcken. Schlemmen ist
  nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.

  _Tobold_

  Ich gehe gern an solchen Ort.

  Verwandlung

  _Tobold_

  Ich soll mich finden, sagt mir das
  Gestirn. Mich finden? Mt' ich da
  mich nicht vorher verlieren? Kann
  ich mich denn finden, wenn's an mir
  nichts aufzufinden gibt? Wer nie
  verloren gehn will, kann sich auch
  nie finden. Also will ich mich
  verlieren. Hier nun tapp' ich ganz
  im Dunkeln. Nacht ist es, und ein
  Gerusch, so sieht's hier aus, lt sich
  hier gar nicht denken. Wenn ein Schu
  jetzt fiele, wr's mir, wie wenn ich
  ihn mir nur trumte. Was denn such'
  ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin
  nicht gar so sehr erpicht auf mich.
  Es mu hier jemand sein, sonst wr'
  ich hier nicht auf der Suche. Pst.
  Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt
  ist irgend jemand hier, doch wer,
  ist mir ein Rtsel. Doch wenn auch
  der Glaube nur, es sei hier wer,
  hier ist, so ist schon viel hier. Mir
  sagt es der Glaube, da es hier
  ein Leben gibt, und da wer hier
  ist, schn ist. Horch. War das? Nein, es
  ist alles still. Nichts regt sich, als
  der Wunsch in mir, es mchte hier
  jemand sich regen.

  _Die Verlassene_

  Bs' bin ich? Nein, ich bin nicht bs'.
  Verfehmt bin ich und mu hier am
  entlegnen Ort verlassen sein.
  Um Liebe willen, die mich hat
  betrgen mssen, mu ich hier
  verstoen und verlassen sein.
  Niemand kommt zu mir her, es fllt
  niemandem ein, bei mir zu sein.
  Niemand kommt bis zum dstern Ort
  der finstern Ausgestoenheit.
  Es will mich niemand kennen, es
  will niemand mehr gerecht mir sein.
  Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so
  ri es mich bis zum Wahnsinn hin.
  Drum still, drum nur gelitten, nur
  allein gelitten. Ist nichts anderes
  brig, so leidet man
  wie in dem Grund des Meers das Na
  nur na sein kann, wie, wer sich sticht,
  nur bluten kann. Verlassenheit,
  sei du mir Krone. Schmerz, sei du
  Palast mir, und ich Frstin so.

  _Tobold_

  Horch, horch, es tnt. Wie s das tnt.
  Ich habe stets Musik geliebt.
  Mir immer als ein Wunder kam
  sie vor.

  _Verlassene_

           Ist jemand hier?

  _Tobold_

                            Ich bin's.

  _Verlassene_

  Wer bist du?

  _Tobold_

               Eine Wenigkeit.
  Ein junger dummer Mensch bin ich.
  Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht;
  arbeitsam, doch vielleicht auch nicht;
  fhig zum Guten, doch vielleicht
  auch zu was anderem fhig. Un-
  bekannt ist mir's. Ich habe mich
  da so, wie soll ich sagen, in
  der Finsternis verloren, doch
  hielt ich stets wacker mich gradauf.
  Es soll der Mensch auf Haltung sehn,
  als wenn er selbst sich immer ge-
  genberstnde. Frstin nannt'st
  du dich. Ich habe es gehrt. Ich hab'
  gelauscht. Verzeih. Ich bin
  solch einer, der das, was er hrt,
  beiseite schiebt. Es scheint, da du
  unglcklich bist. So pat es; denn
  ich liebe und verehre, was
  nicht frhlich ist. Ich selbst, mut du
  erfahren, bin mir, glaub' mir, fast
  zu frhlich. Ich verachte mich
  ja auch dafr. Sehr gerne dient'
  ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es
  ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht
  die Seele dich. Doch da du's weit:
  ich sterbe vor Verlangen, dich
  zu sehn, und wnscht', ich htt' ein Licht
  zur Hand, damit ich Schnheit sh'
  und nicht nur fhle. Sag', was soll
  ich tun. Kann ich dir helfen? Ich
  bin einer, den's entzckt, zu Dienst
  zu stehn. Ich will fr dich hinab
  in die Verdammnis gehn, um zu
  verdienen, dich zu kssen. So
  sprich doch. Ich rede hier, und du
  schweigst. Bist du bs'?

  _Verlassene_

                           Ich bin nicht bs'.
  Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein
  Gesprch hat was wie Trost fr mich.
  Du sprichst zutraulich. Sage, bist
  du ein so armer Mensch, und als
  Person so niedrig, da du mut
  zu der Verfehmten reden, und
  noch in so gutem Ton? Es mu nicht viel
  Stand, Wrde und Bedeutendheit
  am Menschen sein, der zu mir spricht
  und noch, wie's scheint, so gern.

  _Tobold_

  Es gibt mehr Armut als du trumst.

  _Verlassene_

  Kann jemand rmer sein als ich?

  _Tobold_

  Wohl kann noch jemand rmer sein.
  Sind denn nicht alle Menschen sehr,
  sehr arm? Wer brstet sich und sagt:
  Ich bin wahrhaftig reich? Niemand
  ist reich. Geboren sein heit in
  die Armut sinken. Leben heit
  mit Nten kmpfen. Es gab nie
  solch einen Lebensreichtum. Reich
  ist, wer nicht bs' ist. Wenn du kein
  Gelst hast, dich zu rchen, kein
  Gefhl des Zorns hast, bist du nicht
  die rmste. Wer noch weint, ist reich.
  Wer unrecht hat, ist reich. Zu den
  Besitzenden gehrt nicht der
  Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt,
  nicht der Starrkpfige, der
  recht haben will. Unrecht ist s,
  wonnig und reich, und wenn du im
  Gefngnis sitz'st und b'st, so bist
  du reich.

  _Verlassene_

            So bin ich reich im Leid?
  Welch eine Sprache fhrst du da?
  Bist du zu mir gekommen, mir
  zu sagen, da ich reicher sei
  als die, die glauben, ich sei sehr
  elend, als die, die denken, ich
  msse verzweifeln?

  _Tobold_

                     Ja, gewi.

  _Verlassene_

  Bist du ein Engel?

  _Tobold_

                     I bewahr!
  Ein Hufchen Unzulnglichkeit,
  das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.

  _Verlassene_

  So ist es Kunst nur, was du sprichst?

  _Tobold_

  Nein, Seele. Wie auch knnt' es Kunst
  sein, da ich doch kein Knstler bin.

  _Verlassene_

  Was bist du?

  _Tobold_

               Wei es selber nicht.
  Mu erst erfahren, was ich bin.

  _Verlassene_

  Du redest lieb. Und da ich von
  Stand und Geburt bin (worauf ich
  nicht stolz bin), nimm den Ring von mir
  und geh'. Du kannst nichts weiter fr
  mich tun, als gehn. Verla den Ort. --

  Anderswo

  _Tobold_

  Ganz wie ein blauer Baldachin
  ist hier der Himmel ausgespannt.
  Welch eine Freiheit duftet hier,
  welch ein Gefhl geht durch die Luft.
  Die Luft ist frisch, man atmet sie
  in kstlich gierigen Zgen ein.
  Wenn man nur nicht verdrossen ist,
  so ist der Tag wie ein Kristall.
  Wie schn ist's hier. Dort fllt ein Blatt.
  Man mchte gehen und es an
  die Lippen drcken. Nebel streicht
  durch das Revier. Es blitzt. Es ist
  alles ganz feucht. Es schimmert, es
  ist Wonne fr die Augen, und
  wie warm, wie gut die Bume stehn,
  ganz voll noch von dem gelben Laub.
  Hier ist ein Stckchen grn noch vom
  versunknen ppigen Sommer her.
  Dort sieht man Tannen. Feierlich
  stehn sie an Teiches Rand, sich in
  dem Wasser spiegelnd. Horch. Ein Schrei.
  Das ist der Vogel in der Luft.
  Und schn und schn und schner wird's.
  Man fat es nicht. Das Gelb ist wie
  der Ruhm, das Blau, das zrtliche,
  wie Liebe, und das Braun dort gleicht
  der Ehre. Wege schlngeln sich
  durch das Gebsch, und alles dies
  hngt wie ein ses Farbenwerk
  zusammen. Glcklich ist's. Nicht ich
  bin glcklich. Es, das All, ist es.
  Doch ganz gewi auch ich. Wenn das
  Gesamte, das Verbund'ne, das
  Zerfloss'ne und Umwobene
  so schn ist, bin auch ich so schn,
  schn durch Genu. Denn das
  Umfassende fat ja auch mich ein. So
  gehr' ich dir, Natur. So bin
  ich Ton im Chor, und im Gesang
  bin eine dnne Stimme ich.

  _Der Gebieter_

  Du Lmmel, sag', was tust du hier?
  Du schaffst wohl g'rad' am Tagwerk? Was?
  Natur begaffen, fauler Strick!
  Wart'. Mit der Peitsche will ich dich
  das All erfassen lehren. So. Und jetzt
  marsch an die Arbeit. Fort.




Helblings Geschichte


Ich heie Helbling und erzhle hier meine Geschichte selbst, da sie
sonst wahrscheinlich von niemandem aufgeschrieben wrde. Heutzutage, wo
die Menschheit raffiniert geworden ist, kann es keine besonders kuriose
Sache mehr sein, wenn einer, wie ich, sich hinsetzt und anfngt, an
seiner eigenen Geschichte zu schreiben. Sie ist kurz, meine Geschichte,
denn ich bin noch jung, und sie wird nicht zu Ende geschrieben, denn ich
habe voraussichtlich noch lange zu leben. Das Hervorstechende an mir
ist, da ich ein ganz, beinahe bertrieben gewhnlicher Mensch bin. Ich
bin einer der Vielen, und das gerade finde ich so seltsam. Ich finde die
Vielen seltsam, und denke immer: Was machen, was treiben sie nur alle?
Ich verschwinde frmlich unter der Masse dieser Vielen. Wenn ich
mittags, wenn es zwlf Uhr schlgt, von der Bank, wo ich beschftigt
bin, nach Hause eile, so eilen sie alle mit, einer sucht den andern zu
berholen, einer will lngere Schritte nehmen als der andere, und doch
denkt man dabei: Es kommen doch alle nach Hause. In der Tat kommen sie
alle nach Hause, denn es ist kein ungewhnlicher Mensch unter ihnen, dem
es arrivieren knnte, da er den Weg nicht mehr fnde nach Hause. Ich
bin mittelgro von Gestalt und habe deshalb Gelegenheit, mich zu freuen,
darber, da ich weder hervorstechend klein, noch herausplatzend gro
bin. Ich habe so das Ma, wie man auf schriftdeutsch sagt. Wenn ich zu
Mittag esse, denke ich immer, ich knnte eigentlich anderswo, wo es
vielleicht fideler zuginge am Etisch, ebenso gut, oder noch feiner
essen, und denke dann darber nach, wo das wohl sein knnte, wo die
lebhaftere Unterhaltung mit dem besseren Essen verbunden wre. Ich lasse
alle Stadtteile und alle Huser, die ich kenne, in meiner Erinnerung
vorbergehen, bis ich etwas ausfindig gemacht habe, das etwas fr mich
sein knnte. Im allgemeinen halte ich sehr viel auf meine Person, ja,
ich denke eigentlich nur an mich, und bin immer darauf bedacht, es mir
so gut gehen zu lassen, wie nur irgend denkbar. Da ich ein Mensch aus
guter Familie bin, mein Vater ist ein angesehener Kaufmann in der
Provinz, so finde ich leicht an den Dingen, die sich mir nhern wollen,
und denen ich auf den Leib rcken soll, allerlei auszusetzen, zum
Beispiel: es ist mir alles zu wenig fein. Ich habe stets die Empfindung,
da an mir etwas Kostbares, Empfindsames und Leichtzerbrechliches ist,
das geschont werden mu, und halte die andern fr lange nicht so kostbar
und feinfhlig. Wieso das nur kommen mag! Es ist gerade, als wre man zu
wenig grob geschnitzt fr dieses Leben. Es ist jedenfalls ein Hemmnis,
das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich beispielsweise einen
Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine halbe
Stunde, manchmal auch eine ganze! Ich berlege und trume so vor mich
hin: Soll ich es anpacken, oder soll ich noch zgern, es anzupacken!,
und unterdessen, ich fhle das, werden schon einige meiner Kollegen
bemerkt haben, da ich ein trger Mensch bin, whrend ich doch nur als
zu empfindsam gelten kann. Ach, man wird so falsch beurteilt. Ein
Auftrag erschreckt mich immer, veranlat mich, mit meiner flachen Hand
strichweise ber den Pultdeckel zu fahren, bis ich entdecke, da ich
hhnisch beobachtet werde, oder ich ttschle mir mit der Hand die
Wangen, greife mich unter das Kinn, fahre mir ber die Augen, reibe die
Nase und streiche die Haare von der Stirne weg, als ob dort meine
Aufgabe lge, und nicht auf dem Bogen Papier, der vor mir, auf dem Pult,
ausgebreitet liegt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt, und
dennoch glaube ich zuversichtlich, da ich es mit jedem Beruf so htte,
so machen wrde und verderben wrde. Ich geniee, infolge meiner
vermeintlichen Trgheit, wenig Achtung. Man nennt mich einen Trumer und
Schlafpelz. O, die Menschen sind darin talentvoll, einem ungebhrliche
Titel anzuhngen. Es ist allerdings wahr: die Arbeit liebe ich nicht
besonders, weil ich mir immer einbilde, sie beschftige und locke zu
wenig meinen Geist. Das ist auch wieder so ein Punkt. Ich wei nicht, ob
ich Geist besitze, und ich darf es kaum glauben, denn ich habe bereits
fters die berzeugung gewonnen, da ich mich jedesmal dumm anstelle,
wenn man mir einen verstand- und scharfsinnfordernden Auftrag gibt. Das
macht mich in der Tat stutzig, und veranlat mich darber nachzudenken,
ob ich zu den seltsamen Menschen gehre, die nur klug sind, wenn sie es
sich einbilden, und aufhren, klug zu sein, sobald sie zeigen sollten,
da sie es wirklich sind. Es fallen mir eine Menge intelligenter,
schner, spitzfindiger Sachen ein, aber sobald ich sie in Anwendung
bringen soll, versagen sie mir und verlassen mich, und ich stehe dann da
wie ein ungelehriger Lehrjunge. Deshalb mag ich meine Arbeit nicht gern,
weil sie mir einesteils zu wenig geistvoll ist und mir andersteils
sogleich ber den Kopf hinauswchst, sobald sie den Anstrich des
Geistvollen erhlt. Wo ich nicht denken soll, da denke ich immer, und wo
ich verpflichtet wre, es zu tun, kann ich es nicht. Aus diesem
zwiespltigen Grunde verlasse ich auch den Bureausaal immer einige
Minuten vor zwlf und komme immer erst einige Minuten spter als die
andern an, was mir schon einen ziemlich schlechten Ruf eingetragen hat.
Aber es ist mir so gleichgltig, so unsglich gleichgltig, was sie von
mir sagen. Ich wei zum Beispiel sehr wohl, da sie mich fr einen
Schafskopf ansehen, aber ich fhle, da wenn sie ein Recht zu dieser
Annahme haben, ich sie daran nicht verhindern kann. Ich sehe auch
wirklich etwas schafskpfisch aus in meinem Gesicht, Betragen, Gang,
Sprechen und Wesen. Es ist kein Zweifel, da ich, um ein Beispiel
herauszunehmen, in den Augen einen etwas bldsinnigen Ausdruck habe, der
die Menschen leicht irrefhrt und ihnen eine geringe Meinung von meinem
Verstand gibt. Mein Wesen hat viel Lppisches und dazu noch Eitles an
sich, meine Stimme klingt sonderbar, so als wte ich selber, der
Sprecher, nicht, da ich rede, wenn ich rede. Etwas Verschlafenes,
Noch-nicht-ganz-Aufgewecktes haftet mir an, und da es bemerkt wird,
habe ich bereits aufgezeichnet. Mein Haar streiche ich immer ganz glatt
auf dem Kopf, das erhht vielleicht noch den Eindruck trotziger und
hilfloser Dummheit, den ich mache. Dann stehe ich so da, am Pult, und
kann halbstundenlang in den Saal, oder zum Fenster hinausglotzen. Die
Feder, mit der ich schreiben sollte, halte ich in der unttigen Hand.
Ich stehe und trete von einem Fu auf den andern, da mir eine grere
Beweglichkeit nicht gestattet ist, sehe meine Kollegen an und begreife
gar nicht, da ich in ihren Augen, die zu mir hinberschielen, ein
erbrmlicher, gewissenloser Faulenzer bin, lchle, wenn mich einer
ansieht, und trume, ohne zu sinnen. Wenn ich das knnte: Trumen! Nein,
ich habe keine Vorstellung davon. Nicht die mindeste! Ich denke mir
immer, wenn ich einen Haufen Geld htte, wrde ich nicht mehr arbeiten,
und freue mich wie ein Kind darber, da ich dieses denken konnte, wenn
der Gedanke ausgedacht ist. Das Gehalt, das ich bekomme, erscheint mir
zu klein, und ich denke gar nicht daran, mir zu sagen, da ich nicht
einmal so viel verdiene mit meinen Leistungen, trotzdem ich wei, da
ich so gut wie nichts leiste. Seltsam, ich habe gar nicht das Talent,
mich einigermaen zu schmen. Wenn mich einer, zum Beispiel ein
Vorgesetzter, anschnauzt, so bin ich darber im hchsten Grade emprt,
denn es verletzt mich, angeschnauzt zu werden. Ich ertrage das nicht,
obgleich ich mir sage, da ich eine Rge verdient habe. Ich glaube, ich
widersetze mich dem Vorwurf des Vorgesetzten deshalb, damit ich das
Gesprch mit ihm ein wenig in die Lnge ziehen kann, vielleicht eine
halbe Stunde, dann ist doch wiederum eine halbe Stunde verstrichen,
whrend deren Verlauf ich mich wenigstens nicht gelangweilt habe. Wenn
meine Kollegen glauben, ich langweile mich, so haben sie allerdings
recht, denn ich langweile mich zum Entsetzen. Nicht die geringste
Anregung! Mich langweilen, und darber nachsinnen, wie ich die
Langeweile etwa unterbrechen knnte: darin besteht eigentlich meine
Beschftigung. Ich vollbringe so wenig, da ich selber von mir denke:
Wirklich, du vollbringst nichts! Oftmals kommt es ber mich, da ich
ghnen mu, ganz unabsichtlich, indem ich meinen Mund aufsperre, gegen
die Hhe der Zimmerdecke, und dann mit der Hand nachfahre, um langsam
die Mundffnung zu verdecken. Alsdann finde ich es fr angebracht, mit
den Fingerspitzen meinen Schnurrbart zu drehen und etwa auf das Pult zu
klopfen, mit der Innenflche eines meiner Finger, ganz wie in einem
Traum. Manchmal erscheint mir das alles wie ein unverstndlicher Traum.
Dann bemitleide ich mich und mchte ber mich weinen. Aber, wenn das
Traumartige verfliegt, mchte ich mich, der Lnge und Breite nach, auf
den Boden werfen, mchte umstrzen, mir an einer Kante des Pultes recht
weh tun, damit ich den zeitvertreibenden Genu eines Schmerzes empfinden
knnte. Meine Seele ist nicht ganz schmerzlos ber meinen Zustand, denn
ich vernehme manchmal, wenn ich recht das Ohr spitze, darin einen
leisen, klagenden Ton der Anklage, hnlich der Stimme meiner noch
lebenden Mutter, die mich immer fr etwas Rechtes gehalten hat, im
Gegensatz zum Vater, der da viel strengere Grundstze besitzt, als sie.
Aber meine Seele ist mir ein zu dunkles und wertloses Ding, als da ich
schtzte, was sie vernehmen lt. Ich halte nichts von ihrem Ton. Ich
denke mir, da man nur aus Langeweile auf das Gemurmel der Seele horcht.
Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man
wnscht, anznden zu knnen, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden
Eines mit der Zeit. Die Zeit, das gibt mir immer zu denken. Sie vergeht
schnell, doch in all der Schnelligkeit scheint sie sich pltzlich zu
krmmen, scheint zu brechen, und dann ist es, als ob gar keine Zeit mehr
da wre. Manchmal hrt man sie rauschen wie eine Schar auffliegender
Vgel, oder zum Beispiel im Wald: da hre ich immer die Zeit rauschen,
und das tut einem recht wohl, denn dann braucht der Mensch nicht mehr zu
denken. Aber es ist meistens anders: so totenstill! Kann das ein
Menschenleben sein, das man nicht sprt, sich vorwrts, dem Ende
zudrngen! Mein Leben scheint mir bis zu diesem Augenblick ziemlich
inhaltlos gewesen zu sein, und die Gewiheit, da es inhaltlos bleiben
wird, gibt etwas Endloses, etwas, das einem befiehlt, einzuschlafen und
nur noch das Unumgnglichste zu verrichten. So tue ich es denn auch: ich
tu nur so, als ob ich eifrig schaffe, wenn ich den belriechenden Atem
meines Chefs hinter mir spre, der heranschleicht, um mich bei der
Trgheit berraschen zu knnen. Seine Luft, die er ausstrmt, ist sein
Verrter. Der gute Mann verschafft mir immer eine kleine Abwechslung,
deshalb mag ich ihn noch ganz wohl leiden. Aber was veranlat mich denn
eigentlich nur, so wenig meine Pflicht und meine Vorschriften zu
respektieren? Ich bin ein kleines, blasses, schchternes, schwaches,
elegantes, zimperliches Kerlchen voll lebensuntchtiger Empfindsamkeiten
und wrde die Hrte des Lebens, wenn es mir einmal schief gehen sollte,
nicht ertragen knnen. Kann mir der Gedanke, da man mich aus meiner
Stellung entlassen wird, wenn ich so fortfahre, keine Furcht einjagen?
Wie es scheint, nicht, und wie es wiederum scheint: wohl! Ich frchte
mich ein bichen, und frchte mich wieder ein bichen nicht. Vielleicht
bin ich zur Furcht zu unintelligent, ja, es scheint mir beinahe, als ob
der kindliche Trotz, den ich anwende, um mir vor meinen Mitmenschen
Genugtuung zu verschaffen, ein Zeichen von Schwachkpfigkeit ist. Aber,
aber: es pat wundervoll zu meinem Charakter, der mir stets vorschreibt,
mich ein wenig auergewhnlich zu benehmen, wenn auch zu meinem
Nachteil. So zum Beispiel bringe ich, was auch nicht statthaft ist,
kleine Bcher ins Bureau, wo ich sie ausschneide und lese, ohne
eigentlich Genu am Lesen zu haben. Aber es sieht wie die feine
Widerspenstigkeit eines gebildeten, mehr, als die andern sein wollenden
Menschen aus. Ich will eben immer mehr sein, und habe einen
Jagdhundeifer nach Auszeichnung. Wenn ich das Buch jetzt lese, und es
tritt ein Kollege zu mir heran mit der Frage, die vielleicht ganz am
Platz ist: Was lesen Sie da, Helbling?, so rgert mich das, weil es in
diesem Fall anstndig ist, ein rgerliches Wesen zu zeigen, das den
zutulichen Fragenden wegtreibt. Ich tue ungemein wichtig, wenn ich lese,
blicke mich nach allen Seiten nach Menschen um, die mir zusehen, wie
klug da einer seinen Geist und Witz ausbilde, schneide mit prachtvoller
Langsamkeit Seite fr Seite aus, lese nicht einmal mehr, sondern lasse
es mir gengen, die Haltung eines in eine Lektre Versunkenen angenommen
zu haben. So bin ich: schwindelkpfig und auf den Effekt berechnet. Ich
bin eitel, aber von einer merkwrdig billigen Zufriedenheit in meiner
Eitelkeit. Meine Kleider sind von plumpem Ansehen, aber ich bin eifrig
im Wechseln von Anzgen, denn es macht mir ein Vergngen, den Kollegen
zu zeigen, da ich mehrere Anzge besitze und da ich einigen Geschmack
in der Wahl von Farben habe. Grn trage ich gern, weil es mich an den
Wald erinnert, und Gelb trage ich an windigen, luftigen Tagen, weil es
zum Wind und zum Tanzen pat. Es kann sein, da ich mich darin irre, ich
zweifle gar nicht daran, denn wie oft ich mich am Tag irre, wird mir
genugsam vorgehalten. Man glaubt schlielich selber, da man ein
Einfaltspinsel ist. Aber was macht es aus, ob man ein Tropf oder ein
Mann von Achtung ist, da doch der Regen ebensogut auf einen Esel wie auf
eine respektable Erscheinung herabregnet. Und gar die Sonne! Ich bin
glcklich, in der Sonne, wenn es zwlf Uhr geschlagen hat, nach Hause
laufen zu drfen, und wenn es regnet, spanne ich den ppigen, bauchigen
Regenschirm ber mich, damit mein Hut, den ich sehr schtze, nicht na
wird. Mit meinem Hut gehe ich sehr sanft um, und es scheint mir immer,
wenn ich meinen Hut noch berhren kann, in der zarten Weise, wie ich es
gewohnt bin, so sei ich immer noch ein ganz glcklicher Mensch.
Besondere Freude macht es mir, ihn, wenn es Feierabend geworden ist,
sorgsam auf die Scheitel zu setzen. Das ist mir immer der geliebte
Abschlu eines jeden Tages. Mein Leben besteht ja aus lauter
Kleinigkeiten, das wiederhole ich mir immer wieder, und das kommt mir so
wunderlich vor. Fr groe Ideale, die die Menschheit betreffen, habe ich
es nie passend gefunden, zu schwrmen, denn ich bin im Grunde mehr
kritisch als schwrmerisch veranlagt, wofr ich mir ein Kompliment
mache. Ich bin so einer, der es als herabsetzend empfindet, wenn er
einem idealen Menschen in langen Haaren, Sandalen an den nackten Beinen,
Schurzfell um die Lenden und Blumen im Haar begegnet. Ich lchle dann
verlegen in solchen Fllen. Laut lachen, was man doch am liebsten
mchte, kann man nicht, auch ist es eigentlich mehr zum
rgerlich-werden, als zum Lachen, unter Menschen zu leben, die an einer
glatten Scheitel, wie ich sie trage, keinen Geschmack finden. Ich rgere
mich eben gerne, deshalb rgere ich mich, wo sich mir nur immer eine
Gelegenheit bietet. Ich mache fters hmische Bemerkungen, und habe es
doch sicherlich wenig ntig, meine Bosheit an andern auszulassen, da ich
doch genug wei, was es heit, unter der Spottsucht anderer zu leiden.
Aber das ist es ja: ich mache gar keine Beobachtungen, nehme keine
Lehren an und verfahre immer noch so, wie an dem Tage, da ich aus der
Schule entlassen wurde. Viel Schulknabenhaftes klebt an mir und wird
wahrscheinlich mein bestndiger Begleiter durchs Leben bleiben. Es soll
solche Menschen geben, die gar keine Spur von Besserungsfhigkeit und
kein Talent besitzen, sich an der anderen Benehmen auszubilden. Nein,
ich bilde mich nicht, denn ich finde es unter meiner Wrde, mich dem
Bildungsdrang hinzugeben. Auerdem bin ich schon gebildet genug, um
einen Stock mit einiger Manier in der Hand zu tragen und eine Schleife
um den Hemdkragen binden zu knnen und den Elffel mit der rechten Hand
anzufassen und zu sagen, auf eine bezgliche Frage: Danke, ja, es war
sehr hbsch gestern abend! Was soll die Bildung viel aus mir machen?
Hand auf die Brust: ich glaube, da kme die Bildung ganz und gar an den
Unrichtigen. Ich strebe nach Geld und nach bequemen Wrden, das ist mein
Bildungsdrang! ber einen Erdarbeiter komme ich mir furchtbar erhaben
vor, wenn er mich auch, wenn er wollte, mit dem Zeigefinger seiner
linken Hand in ein Erdloch, wo ich mich beschmutzen wrde,
hinabschleudern knnte. Kraft und Schnheit an armen Menschen und in
bescheidenem Gewande machen auf mich keinen Eindruck. Ich denke immer,
wenn ich solch einen Menschen sehe, wie gut es unsereiner doch habe mit
der berlegenen Weltstellung, einem solch ausgearbeiteten Tropf
gegenber, und kein Mitleid beschleicht mein Herz. Wo htte ich ein
Herz? Ich habe vergessen, da ich eines habe. Gewi ist das traurig,
aber wo fnde ich es fr angebracht, Trauer zu empfinden. Trauer
empfindet man nur, wenn man einen Geldverlust aufzuweisen hat, oder wenn
einem der neue Hut nicht recht passen will, oder wenn pltzlich die
Werte auf der Brse sinken, und dann mu man sich noch fragen, ob das
Trauer ist oder nicht, und es ist bei nherem Zusehen keine, sondern nur
ein angeflogenes Bedauern, das verfliegt wie der Wind. Es ist, nein, wie
kann ich mich da ausdrcken: es ist wunderbar seltsam, so keine Gefhle
zu haben, so gar nicht zu wissen, was ein Empfinden ist. Gefhle, die
die eigene Person betreffen, hat jeder, und das sind im Grunde
verwerfliche, der Gesamtheit gegenber anmaliche Gefhle. Aber Gefhle
fr einen jeden? Wohl hat man bisweilen Lust, sich darber zu befragen,
sprt etwas wie eine leise Sehnsucht danach, ein guter, bereitwilliger
Mensch zu werden, aber, wann kme man dazu? Etwa um sieben Uhr des
Morgens, oder sonst wann? Schon am Freitag und dann whrend des darauf
folgenden ganzen Samstages besinne ich mich darauf, was ich am Sonntage
unternehmen knnte, weil doch immer am Sonntag etwas unternommen werden
mu. Allein gehe ich selten. Gewhnlich schliee ich mich einer
Gesellschaft von jungen Leuten an, wie sich eben einer anschliet, es
geht ganz einfach, man geht einfach mit, obschon man wei, da man ein
ziemlich langweiliger Geselle ist. Ich fahre zum Beispiel mit einem
Dampfboot ber den See, oder gehe zu Fu in den Wald, oder fahre mit der
Eisenbahn an entferntere schne Orte. Oft begleite ich junge Mdchen zum
Tanz, und ich habe die Erfahrung gemacht, da mich die Mdchen gerne
leiden mgen. Ich habe ein weies Gesicht, schne Hnde, einen
eleganten, flatternden Frack, Handschuhe, Ringe an den Fingern, einen
mit Silber beschlagenen Stock, sauber gewichste Schuhe und ein zartes,
sonntgliches Wesen, eine so merkwrdige Stimme und etwas leis
Verdrossenes um den Mund, etwas, wofr ich selber kein Wort habe, das
mich aber den jungen Mdchen zu empfehlen scheint. Wenn ich spreche,
klingt es, als ob ein Mann von Gewicht sprche. Das Wichtigtuerische
gefllt, da ist kein Zweifel zu hegen. Was den Tanz betrifft, so tanze
ich, wie einer, der eben erst Tanzunterricht genommen und genossen hat:
flott, zierlich, pnktlich, genau, aber zu schnell und zu saftlos. Es
ist Genauigkeit und Sprunghaftigkeit in meinem Tanz, aber nur keine
Grazie. Wie knnte ich der Grazie fhig sein! Aber ich tanze
leidenschaftlich gern. Wenn ich tanze, vergesse ich, da ich Helbling
bin, denn ich bin dann nichts mehr als nur noch ein glckliches
Schweben. Das Bureau mit seinen mannigfaltigen Qualen wrde mir keine
Erinnerung zu Gesicht bringen. Um mich herum sind gertete Gesichter,
Duft und Glanz von Mdchenkleidern, Mdchenaugen blicken mich an, ich
fliege: kann man sich seliger denken? Nun habe ich es doch: einmal in
dem Kreise der Woche vermag ich selig zu sein. Eines der Mdchen, die
ich stets begleite, ist meine Braut, aber sie behandelt mich schlecht,
schlechter, als mich die andern behandeln. Sie ist mir, wie ich wohl
bemerke, auch keineswegs treu, liebt mich wohl kaum, und ich, liebe ich
sie etwa? Ich habe viele Fehler an mir, die ich freimtig ausgesprochen
habe, aber hier scheinen mir alle meine Fehler und Mngel vergeben zu
sein: ich liebe sie. Es ist mein Glck, da ich sie lieben, und um
ihretwillen oft verzagen darf. Sie gibt mir ihre Handschuhe und ihren
rosaseidenen Schirm zu tragen, wenn es Sommer ist, und im Winter darf
ich ihr im tiefen Schnee nachtrotteln, um ihr die Schlittschuhe
nachzutragen. Ich begreife die Liebe nicht, aber spre sie. Gut und bse
sind doch nichts gegen die Liebe, die gar nichts anderes und briges
kennt, als Liebe. Wie soll ich das sagen: so nichtswrdig und leer ich
sonst immer bin, so ist doch noch nicht alles verloren, denn ich bin
wirklich der treuen Liebe fhig, obschon ich zur Treulosigkeit
Gelegenheit genug htte. Ich fahre mit ihr im Sonnenschein, unter dem
blauen Himmel, in einem Nachen, den ich vorwrtsrudere, auf dem See, und
lchle sie immer an, whrend sie sich zu langweilen scheint. Ich bin ja
auch ein ganz langweiliger Kerl. Ihre Mutter hat eine kleine, armselige,
etwas verrufene Arbeiterkneipe, wo ich Sonntage lang zubringen kann mit
Sitzen, Schweigen und sie-Ansehen. Manchmal beugt sich auch ihr Gesicht
zu dem meinigen hinunter, um mich einen Ku ihr auf den Mund drcken zu
lassen. Sie hat ein ses, ses Gesicht. An ihrer Wange befindet sich
eine alte, vernarbte Schramme, was ihren Mund ein wenig verzerrt, aber
ins Se. Augen hat sie ganz kleine, mit denen sie einen so listig
anblinzelt, als wollte sie sagen: Dir will ich es auch noch zeigen!
Oft setzt sie sich zu mir auf das schbige, harte Wirtshaussofa, und
flstert mir ins Ohr, da es doch schn sei, verlobt zu sein. Ich wei
selten etwas zu ihr zu sagen, denn ich frchte immer, da es nicht
passend wre, so schweige ich, und wnsche doch heftig, zu ihr etwas zu
sprechen. Einmal hat sie mir ihr kleines, duftendes Ohr an meine Lippen
gereicht: Ob ich ihr nichts zu sagen htte, das man nur flstern knne?
Ich sagte zitternd, da ich nichts wte, und da hat sie mir eine
Ohrfeige gegeben und hat dazu gelacht, aber nicht freundlich, sondern
kalt. Mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester steht sie nicht gut
und will nicht haben, da ich der Kleinen Freundlichkeiten erweise. Ihre
Mutter hat eine rote Nase vom Trinken, und ist ein lebhaftes, kleines
Weib, das sich gern zu den Mnnern an den Tisch setzt. Aber meine Braut
setzt sich auch zu den Mnnern. Sie hat mir einmal leise gesagt: Ich
bin nicht mehr keusch, in einem Ton der Natrlichkeit, und ich habe
nichts dagegen einzuwenden gehabt. Was wre es gewesen, was ich ihr dazu
htte sagen knnen. Andern Mdchen gegenber habe ich einen gewissen
Schneid, sogar Wortwitz, aber bei ihr sitze ich stumm und sehe sie an
und verfolge jede ihrer Manieren mit meinen Augen. Ich sitze jedesmal so
lang, bis die Wirtschaft geschlossen werden mu, oder noch lnger, bis
sie mich nach Hause schickt. Wenn die Tochter nicht da ist, setzt sich
ihre Mutter zu mir an den Tisch und versucht, die Abwesende in meinen
Augen schlecht zu machen. Ich wehre nur so mit der Hand ab und lchle
dazu. Die Mutter hat ihre Tochter, und es liegt auf der Hand, da sie
sich beide hassen, denn sie sind sich im Wege mit ihren Absichten. Beide
wollen einen Mann haben, und beide mignnen einander den Mann. Wenn ich
abends so auf dem Sofa sitze, merken es alle Leute, die in der Kneipe
verkehren, da ich der Brutigam bin, und jeder will an mich
wohlwollende Worte richten, was mir ziemlich gleichgltig ist. Das
kleine Mdchen, das noch in die Schule geht, liest neben mir in ihren
Bchern, oder sie schreibt groe, lange Buchstaben in ihr Schreibheft
und reicht es mir immer dar, um mich das Geschriebene durchsehen zu
lassen. Sonst habe ich nie auf so kleine Geschpfe geachtet, und nun mit
einem Male sehe ich ein, wie interessant jedes kleine, aufwachsende
Geschpf ist. Daran ist meine Liebe zu der andern schuld. Man wird
besser und aufgeweckter durch eine ehrliche Liebe. Im Winter sagt sie zu
mir: Du, es wird schn sein im Frhling, wenn wir zusammen durch die
Gartenwege spazieren werden, und im Frhling sagt sie: Es ist
langweilig mit dir. Sie will in einer groen Stadt verheiratet sein,
denn sie will noch etwas haben vom Leben. Die Theater und Maskenblle,
schne Kostme, Wein, lachende Unterhaltung, frhliche, erhitzte
Menschen, das liebt sie, dafr schwrmt sie. Ich schwrme eigentlich
auch dafr, aber wie das sich alles machen soll, wei ich nicht. Ich
habe ihr gesagt: Vielleicht verliere ich auf nchsten Winter meine
Stellung! Da hat sie mich gro angeschaut und mich gefragt: Warum?
Was htte ich ihr fr eine Antwort geben sollen? Ich kann ihr doch nicht
meine ganze Charakteranlage in einem Atem herunterschildern. Sie wrde
mich verachten. Bis jetzt meint sie immer, da ich ein Mann sei von
einiger Tchtigkeit, ein Mann, allerdings ein etwas komischer und
langweiliger, aber doch ein Mann, der seine Stellung in der Welt habe.
Wenn ich ihr nun sage: Du irrst dich, meine Stellung ist eine uerst
schwankende, so hat sie keinen Grund, weiter meinen Umgang zu wnschen,
da sie doch alle ihre Hoffnungen in bezug auf mich zerstrt sieht. Ich
lasse es gehen, ich bin ein Meister darin, eine Sache schlitteln zu
lassen, wie man zu sagen pflegt. Vielleicht, wenn ich Tanzlehrer oder
Restaurateur oder Regisseur wre, oder sonst irgendeinen Beruf htte,
der mit dem Vergngen der Menschen zusammenhngt, wrde ich Glck haben,
denn ich bin so ein Mensch, so ein tnzelnder, schwebender,
beineherumwerfender, leichter, flotter, leiser, sich stets verbckender
und zartempfindender, der Glck htte, wenn er Wirt, Tnzer,
Bhnenleiter oder so etwas wie Schneider wre. Wenn ich Gelegenheit
habe, ein Kompliment zu machen, bin ich glcklich. Lt das nicht tief
blicken? Ich bringe sogar da Verneigungen an, wo es gar nicht blich
ist, oder wo nur Scharwenzler und Dummkpfe sich verbeugen, so sehr bin
ich in die Sache verliebt. Fr eine ernste Mannesarbeit habe ich weder
einen Geist noch eine Vernunft, noch Ohr, noch Auge und Sinn. Es ist mir
das mir am fernsten Liegende, was es auf der Welt geben knnte. Ich will
Profit machen, aber es soll mich nur ein Zwinkern mit den Augen,
hchstens ein faules Handausstrecken kosten. Sonst ist Scheu vor der
Arbeit an Mnnern etwas nicht ganz Natrliches, aber mich kleidet es,
mir pat es, wenn es auch ein trauriges Kleid ist, das mir da so
vorzglich pat, und wenn der Schnitt des Kleides auch ein erbrmlicher
ist: warum sollte ich nicht sagen: Es sitzt mir, wenn doch jedes
Menschenauge sieht, da es mir faltenlos sitzt. Die Scheu vor der
Arbeit! Aber ich will nichts mehr darber sagen. Ich meine brigens
immer, das Klima, die feuchte Seeluft, sei schuld daran, da ich nicht
zum Arbeiten komme, und suche jetzt, gedrngt von dieser Erkenntnis,
Stellung im Sden, oder in den Bergen. Ich knnte ein Hotel dirigieren,
oder eine Fabrik leiten, oder die Kasse einer kleineren Bank verwalten.
Eine sonnige, freie Landschaft mte imstande sein, in mir Talente zu
entwickeln, die bis jetzt in mir geschlafen haben. Eine
Sdfruchthandlung wre auch nichts bles. Auf jeden Fall bin ich ein
Mensch, der immer meint, durch eine uerliche Vernderung innerlich
ungeheuer zu gewinnen. Ein anderes Klima wrde auch eine andere
Mittagstafel erzeugen, und das ist es vielleicht, was mir fehlt. Bin ich
eigentlich krank? Mir fehlt so viel, mir mangelt eigentlich alles.
Sollte ich ein unglcklicher Mensch sein? Sollte ich ungewhnliche
Anlagen besitzen? Sollte es eine Art Krankheit sein, sich bestndig, wie
ich es tue, mit solchen Fragen abzugeben? Jedenfalls ist es eine nicht
ganz normale Sache. Heute bin ich wieder zehn Minuten zu spt in die
Bank gekommen. Ich komme nicht mehr dazu, zur rechten Zeit anzutreten,
wie andere. Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein, ich,
Helbling, und sonst kein anderes lebendes Wesen. Keine Sonne, keine
Kultur, ich nackt auf einem hohen Stein, kein Sturm, nicht einmal eine
Welle, kein Wasser, kein Wind, keine Straen, keine Banken, kein Geld,
keine Zeit und kein Atem. Ich wrde dann jedenfalls nicht mehr Angst
haben. Keine Angst mehr und keine Fragen, und ich wrde auch nicht mehr
zu spt kommen. Ich knnte die Vorstellung haben, da ich im Bett lge,
ewig im Bett. Das wre vielleicht das Schnste!




Brief eines Vaters an seinen Sohn


Du beklagst dich, mein lieber Sohn, darber, da ich dich hchst
mangelhaft erziehe, da ich dich z.B. nach Nidau hinausschicke, um eine
Kommission zu verrichten, und darber, da ich dir befehle, in den
Holzkeller hinunterzuspazieren, um Holz zu spalten. Sei nicht
unaufrichtig, sei nicht sentimental, Junge: wei ich ja doch ganz genau,
da dir das Laufen auf der heien und staubbedeckten Landstrae, die
nach Nidau, dem altersgrauen Stdtchen hinausfhrt, Vergngen macht, und
da du leidenschaftlich gern Holz spaltest. Du wirfst mir vor, da im
Mlleimerheruntertragen und im Holzhacken keine Erziehung liege. Ich bin
aber anderer Ansicht. Es liegt sehr viel Erziehung von der besten Sorte
in der Verrichtung gewissermaen schbiger, schimmeliger und niedriger
Arbeiten. Wenn du z.B. mit dem Milchtopf in der Hand ber die Gasse
gehen mut, um Milch beim Milchhndler zu holen, eine Verrichtung, deren
du dich vielleicht ein wenig schmst, weil bekannte Leute dir begegnen,
von denen du weit, da sie sich sagen, jetzt mu er sogar Milch ber
die Gasse holen, so ist das, wenn auch nicht scheinbar, doch aber in
Wirklichkeit eine ausgezeichnete Erziehung, denn da lernst du dich
demtigen, und im Genu dessen, was demtigend ist, liegt eine kstliche
Bildung. So und hnlich, lieber Sohn, bilde ich dich, und ich glaube, du
darfst mir dankbar sein dafr. Du scheinst es nicht zu sein: nun, ich
denke, du verstehst es eben noch nicht. Spter wirst du es zu schtzen,
zu wrdigen und zu verstehen wissen.

Ferner, mein Junge, glaubst du sollen drfen herausgemerkt haben (eine
richtige Sohnes-Spitzfindigkeit), da ich dich gerade dann an irgendeine
Beschftigung anzuspannen liebe, wenn ich wei oder du mir zu verstehen
gibst, da du dich gern mit deinen bevorzugten Kameraden im Freien, sei
es im Wald oder sei es am See, herumtummeln mchtest. So boshaft, meinst
du, bin ich? Und wenn auch? Sollen denn arme, sorgengeplagte Vter,
stets angespannt an den klglichen, elendiglichen Tglichen-Brot-Gedanken,
nicht auch, zur Erheiterung und Abwechslung, sich kleine,
feine, reizende Bosheiten leisten drfen? Bedenke das. Bedenke,
wie viele Sorgen ich habe, und du wirst geners genug sein, mir
zu erlauben, dich von Zeit zu Zeit ein wenig zu necken mit: Du spaltest
jetzt hbsch Holz, verstanden!, sowie ich etwa merke, da du das Baden
oder das Herumstreifen in den Gassen im Sinne hast. Vter haben auch
ihre Schwchen, merke dir das.

Etwas sehr Seltsames, in der Tat Frappierendes sagst du, indem du mir
den Vorwurf machst, da ich ja selber Sonntagnachmittag, zum schwarzen
Kaffee, die Schundromane lese, die ich geruhe, dir, dem Sohn, wenn ich
dich beim heimlichen Lesen und Verschlingen ertappe, um den Kopf
herumzuschlagen. Doch du bist im Unrecht, und dein Vorwurf ist eine
Weinerlichkeit. Ich werde fortfahren, dir die Romanlektre zu verbieten,
so gut, wie ich fortfahren zu drfen meine, sie mir persnlich zu
gestatten. Sei taktvoll und mignne nicht ein Vergngen einem Menschen,
der anfngt zu altern, deshalb, weil es Pflicht dieses Menschen ist, den
Genu dieses Vergngens seinem Sohne zu versagen.

Ich gebe nun im allgemeinen von Herzen gern zu, da ich deine Erziehung
ziemlich vernachlssige, doch ich mache mir deswegen keine Sorgen. Sei
versichert: Deinen Weg durch das Leben wirst du schon finden, denn es
gibt Dutzende Lebenswege, und jeder Lebensweg fhrt ohne alle Frage vor
das eherne, erzene Tor der Unabnderlichkeit. Du wirst mir erlauben, ein
wenig mit dir zu philosophieren. Werde ein Philosoph, mein Junge, was
sagen will, bilde Tapferkeit in dir aus, und dann brauchst du gar nicht
so viel Erziehung, das Leben wird dich gengend erziehen, habe keine
Bange. Sieh, wenn ich dich ein bichen wild und unerzogen lasse, so
taugst du um so viel besser fr das Leben; ungebildet lasse, so wird
dich um so viel besser das sptere Leben bilden, striegeln, gltten und
pltten knnen; ungehobelt lasse, so wirst du dich um so besser eignen
fr die Zurechthobelung und Polierung durch eben das Leben, welches mit
Vergngen an den Menschen herumhobelt. Die Welt, in welche du wirst zu
sitzen und zu stehen kommen, wird Erzieher an dir sein und dich
grndlich erziehen. Auch dafr, also dafr, da ich dich vernachlssigt
habe, wirst du mir einst danken. Bedenke, ich bitte dich, folgendes; und
alsdann lasse mich ausruhen vom Schreiben und diesen vterlichen Brief
beendigen.

Nimm an, ich htte dich mustergltig erziehen lassen: mit was fr
einer furchtbaren Verantwortungslast auf Kopf und auf Rcken wrdest
du dann dastehen. Denn wisse: eine wirklich und in jeder Hinsicht
gute, eine sogenannte glnzende Erziehung verpflichtet, sie
verpflichtet den Empfnger zu ihr entsprechenden glnzenden Leistungen,
sie verpflichtet auch zu der glnzenden Karriere. Sei du glcklich,
mein Sohn, da du wirst atmen drfen, ohne immer nur an das Emporkommen
denken zu mssen. Deine mangelhafte Erziehung verpflichtet dich nicht
zu dem Gespenste, zu der Mustergltigkeit, zu dem frchterlichen
Mssen-in-jeder-Hinsicht-hervorragen. Frei wirst du sein. Ein Sohn der
Natur, ein Sohn der Welt wirst du sein. Atmen und leben wirst du drfen.
Die da musterhaft sind, die leben nicht, und hiermit grt dich beraus
herzlich, im Bewutsein, da er dir etwas Vernnftiges gesagt hat, dein

  Vater.




Spazieren


Es ging einer spazieren. Er htte in die Eisenbahn steigen und in die
Ferne reisen knnen, doch er wollte nur in die Nhe wandern. Das Nahe
kam ihm bedeutender vor als das bedeutende und wichtige Ferne. Demnach
also kam ihm das Unbedeutende bedeutend vor. Das mag man ihm wohl
gnnen. Er hie Tobold, doch ob er nun so hie oder anders, so besa er
jedenfalls wenig Geld in der Tasche und lustigen Mut im Herzen. So ging
er hbsch langsam vorwrts, er war kein Freund bergroer Schnelligkeit.
Die Hast verachtete er; mit dem strmischen Eilen wre er nur in ein
Schwitzen gekommen. Wozu das, dachte er, und er marschierte bedchtig,
sorgfltig, artig und mig. Die Schritte, die er machte, waren gemessen
und wohlabgewogen, und das Tempo enthielt eine sehenswerte
Behaglichkeit, die Sonne brannte schn hei, worber sich Tobold
aufrichtig und ehrlich freute. Zwar htte er auch Regen gerne
hingenommen. Er wrde dann einen Regenschirm aufgespannt haben und
suberlich unter dem Regen marschiert sein. Er sehnte sich sogar ein
bichen nach Nsse, aber da Sonne schien, war er mit Sonne
einverstanden. Er war nmlich einer, der fast an nichts etwas
auszusetzen hatte. Nun nahm er seinen Hut vom Kopfe ab, um ihn in der
Hand zu tragen. Der Hut war alt. Eine gewisse handwerksburschenmige
Abgeschossenheit zeichnete den Hut sichtlich aus. Es war ein schbiger
Hut, und dennoch behandelte ihn sein Trger mit Hochachtung, und zwar
deshalb, weil Erinnerungen am Hut hingen. Tobold vermochte sich stets
nur schwer von langgetragenen und abgeschabten Sachen zu trennen. So zum
Beispiel trug er jetzt zerrissene Schuhe. Er htte ein neues Paar
Stiefel wohl kaufen knnen. So ber und ber arm war er denn doch nicht.
Als gnzlich bettelarm wollen wir ihn nicht hinstellen. Aber die Schuhe
waren alt, sie hingen voll Erinnerungen, mit ihnen war er schon viele
Wege gegangen, und wie hatten die Schuhe bis dahin so treu ausgehalten.
Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte sogar
bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hbsch
abgenutzte alte Menschen. Kann man daraus Tobold einen berechtigten
Vorwurf machen? Kaum! denn es ist ja ein hbscher Zug von Piett. Nicht
wahr? Und so schrittwechselte er denn ins herrliche liebe Blaue hinaus
weiter. O wie blau war der Himmel, und wie schneeigwei waren die
Wolken. Wolken und Himmel immer wieder anzuschauen war fr Tobold ein
Glck. Deshalb reiste er ja so gern zu Fu, weil der Fugnger alles so
ruhig und reich und frei betrachten kann, whrend der Eisenbahnfahrer
nirgends stehenbleiben und anhalten kann als gerade exakt nur auf den
Bahnstationen, wo meistens elegant befrackte Kellner fragen, ob ein Glas
Bier gefllig sei. Tobold verzichtete gern auf einige acht Glser Bier,
wenn er nur frei sein konnte und auf seinen Beinen gehen durfte, denn
seine eigenen Beine freuten ihn, und das Gehen machte ihm ein stilles
Vergngen. Ein Kind sagte ihm jetzt guten Tag, und Tobold sagte ihm auch
guten Tag, und so ging er, und er dachte noch lang an das liebe kleine
Kind, das ihn so schn angeschaut, ihn so reizend angelchelt, und ihm
so freundlich guten Tag gesagt hatte.




Der Schfer


Es liegt einer in der Sonne, nein, nicht ganz. Er liegt unter einem
hohen Baum, die Beine und faulenzenden Fe an der Sonne und den Kopf,
der ein trumerischer Kopf ist, im Schatten. Er ist ein Schfer, der da
halb in der Sonne und halb im Schatten liegt; seine Tiere weiden nicht
fern von hier, er darf sie ruhig sich selber berlassen. So liegt er
denn da und wei nicht recht, an was er denken soll. Er darf an alles
denken, und er braucht wieder an nichts zu denken. Bald denkt er an
dies, bald an das, bald an jenes, bald wieder an etwas anderes. Die
Gedanken kommen und gehen, tauchen vor dem Kopf auf und verschwinden
wieder; sie sammeln sich und zerstreuen sich wieder, verbinden sich zu
einem groen Ganzen und lsen sich wieder in kleine Teile auf. Der da
liegt, hat Zeit zu denken, hat Zeit, gedankenlos und arbeitslos zu sein.
Arbeit mag schn sein und ntzlich, doch um wie viel, um wie viel
schner ist es, nichts zu tun, den Tag zu vertrumen und zu
verfaulenzen, wie er, der da schlft unter dem hohen Baum. Schlft er?
O, von Zeit zu Zeit, bilden wir uns ein, fallen ihm vor Trunkenheit und
Mdigkeit, vor lauter Daseinslust die Augen zu, die Sinne schwinden ihm,
und er schlummert ein in die se Bewutlosigkeit. Schlafen ist schn,
aber wie schn ist erst wieder das leise liebe Erwachen, und so schlft
er denn bald ein und bald erwacht er wieder, und so verfliet und
vergeht und verweht ihm, den Winden hnlich, die ber den grnen Plan
wegstreichen, die Zauberin Zeit, vier Uhr, fnf Uhr, sechs und sieben
Uhr, bis es allmhlich Abend wird und goldenes angenehmes Dunkel vom
Himmel zur Erde herabschwebt. Schfer, Schlfer, der du die Zeit
vertrumst, bist du glcklich? Ja, ganz gewi, du bist es, du bist
glcklich. Finstere Gedanken kennst du nicht, willst du nicht kennen.
Kommt dir je etwas Unholdes in den Sinn, so legst du dich auf die andere
Seite, oder du greifst nach dem Instrument, das du stets bei dir hast
und machst Musik, und bald umgibt dich wieder sonnenhelle Heiterkeit.
Nun, so lassen wir ihn denn liegen. Es braucht sich niemand um ihn zu
bekmmern. Macht er sich doch auch selbst keinen Kummer.




Die Einladung


Ich habe dir ein himmlisch schnes Pltzchen zu zeigen, Himmlische. Der
Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, grnen Wald verborgen, wie ein
Gedanke in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von
niemand besucht wird. Sie liegt in den Bumen so warm begraben, o so s
versteckt, dort, bilde ich mir ein, mchte ich dich kssen, mit innigen,
sanften, sen und langen Kssen, mit Kssen, die alles Reden, selbst
das schnste und beste, verbieten. Der Ort, so zart und so abgelegen,
wie er ist, steht in keinem Reisebuch als Sehenswrdigkeit verzeichnet.
Ein kleiner, durch dichtes Gebsch sich windender Fupfad fhrt zu der
Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen mchte, Wunderbare, wie
ich dich liebe, wo ich dir zeigen mchte, Engel, wie ich dich
vergttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und wie
von selber berhren sich die Lippen. Du weit noch nicht, wie ich kssen
kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der
hohen Bume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, und
auch du wirst kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die
Bltter werden leise flstern, und der se Sonnenschein wird durch das
zierliche Geste brechen. O wie still, wie still wird es sein, wenn wir
uns kssen, wie schn wird es sein, wenn unsere Lippen liebesdurstig und
-hungrig aneinanderhngen, wie s wird es sein, wenn wir in der
stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns liebkosen und kssen
in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die silbern blitzenden
Sterne und der Mond, der gttliche. Zu sagen werden wir uns nichts
haben, denn es soll alles nur ein Ku, ein unaufhrlicher,
ununterbrochener, stunden-stundenlanger entzckender Ku sein. Wer
lieben will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will
nicht mehr lieben. O komm an den heilig entrckten Ort der Tat, an den
Ort der Ausbung, wo alles sich verliert in Erfllung, und wo alles
ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die Vgel werden uns mit ihrem
frhlichen Gesang umzwitschern und in der Nacht wird eine himmlische
Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen, und
gefangen gehalten von dem Entzcken, werden wir beide Kinder der Erde
sein und fhlen, was Leben heit, empfinden, was Dasein heit. Wer nicht
liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben
hat, steht von den Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.




Der nchtliche Aufstieg


Alles war mir so seltsam, so, als htte ich es nie gesehen und she es
zum erstenmal im Leben. Ich fuhr mit der Eisenbahn durch ein Gebirge. Es
war Abend, und die Sonne war so schn. Die Berge kamen mir so gro vor,
so gewaltig, und sie waren es auch. Durch Hhe und Tiefe wird ein Land
reich und gro, es gewinnt an Raum. Verschwenderisch mutete mich die
Bergnatur an mit den hochaufragenden Felsgebilden und mit den
hochaufschieenden schnen dunklen Wldern. Ich sah die schmalen Wege
sich um die Berge schlngeln, so anmutig, so poesiereich. Der Himmel war
klar und hoch, und auf den Wegen gingen Mnner und Frauen. An den Halden
standen so schn, so still die Huser. Ein Gedicht schien mir das Ganze,
ein altes herrliches Gedicht, ewig neu durch lebendiges Fortdauern. Dann
wurde es dunkler. Bald schimmerten die Sterne in die tiefe schwarze
Schlucht hinab, und ein glnzend weier Mond trat an den Himmel.
Schneewei war die Strae, die durch die Schluchten lief. Eine tiefe
Freude bemchtigte sich meiner. Ich war glcklich, da ich in den Bergen
war. Und die reine frische, kalte Luft. Wie herrlich war sie. Ich atmete
sie mit Leidenschaft ein. So fuhr der Zug langsam weiter, und endlich
stieg ich aus. Ich gab meine Sachen ab und schritt nun zu Fu weiter,
hinaus in die Berge. Es war so hell und zugleich so schwarz. Die Nacht
war gttlich. Hohe Tannen ragten vor mir auf, Quellen hrte ich gurgeln
und murmeln, das war eine so kstliche Melodie, ein so geheimnisvolles
Sagen und Singen. Ich sang selber ein Lied in die Nacht hinein, whrend
ich auf der hellen Strae immer hher stieg. Es kam ein Dorf, und dann
ging es durch einen ganz finstern Wald. Ich stie mit dem Fu gegen
Wurzeln und Steine, und da ich den geraden Weg verloren hatte, stie ich
oft auch den Wandererkopf an Bume hart an. Ich mute aber nur lachen
darber. O wie prchtig war dieser erste nchtliche Aufstieg. Alles so
still. Es lag etwas Heiliges ber allem. Der Anblick der schwarzen
Tannen freute mich tief. Mitternacht war es, als ich oben im Hochtale
vor dem kleinen dunklen Hause anlangte, im Fenster war Licht. Es wartete
jemand auf mich. Wie ist das doch schn, in stiller rauschender Nacht in
einer hochgelegenen Natureinde anzulangen, zu Fu, gleich einem wild
daherfahrenden Handwerksgesellen und zu wissen, da man von jemand
Liebem erwartet wird. Ich klopfte. Ein Hund fing an zu bellen, da es
weithin hallte. Ich hrte, da jemand die Treppe eilig hinunter zu
laufen kam. Die Tr wurde geffnet. Jemand hielt mir die Lampe oder
Laterne vor das Gesicht. Man erkannte mich, o das war schn, das war so
schn----




Die Landschaft


Alles war so schaurig. Nirgends ein Himmel, und die Erde war na. Ich
ging, und indem ich ging, legte ich mir die Frage vor, ob es nicht
besser sei, mich umzudrehen und wieder heimzugehen. Aber ein
unbestimmtes Etwas zog mich an, und ich verfolgte meinen Weg durch all
die dstere Verhngtheit weiter. Ich fand an der unendlichen Trauer, die
hier ringsum herrschte, Gefallen. Herz und Phantasie gingen mir auf in
dem Nebel, in dem Grau. Es war alles so grau. Ich blieb stehen, gebannt
vom Schnen in diesem Unschnen, bezaubert von den Hoffnungen inmitten
dieser Hoffnungslosigkeiten. Es schien mir, als sei es mir fortan
unmglich, noch irgend etwas zu hoffen. Dann schien es mir wieder, als
schlngle sich ein ses, unsagbar reizendes Glck durch die trauervolle
Landschaft, und ich glaubte Tne zu hren, aber es war alles still.
Noch ein anderer Mensch schritt durch das Gehlz, durch all dieses
schwermtige Schwarz. Seine vermummte Gestalt war noch um etwas
schwrzer als das Schwarz der Landschaft. Wer war er, und was wollte er?
Und nun tauchten bald noch andere schwarze Gestalten auf, aber keine der
Gestalten kmmerte sich um die andere, jede schien genug mit sich selbst
zu tun zu haben. Auch ich kmmerte mich nicht mehr, was diese Leute
wollten und wohin sie gehen mochten in der Finsternis, sondern ich
kmmerte mich um mich selbst und zog hinaus in die eigene Unklarheit
hinein, die mich mit nassen, kalten Armen rasch umarmte und an sich ri.
O es kam mir vor, als sei ich einst ein Knig gewesen und msse nun als
ein Bettler ziehen in die weite Welt, die da strotzt von Unkenntnis, die
da strotzt von dicken und finsteren Gedanken- und Gefhlslosigkeiten; es
kam mir vor, als sei es ewig nutzlos, gut zu sein, und ewig unmglich,
redliche Absichten zu tragen, und als sei alles tricht und als seien
wir alle nur kleine Kinder, zum voraus den Torheiten und Unmglichkeiten
berliefert. Dann gleich nachher war wieder alles, alles gut, und ich
ging mit unaussprechlich freudiger Seele weiter durch die schne fromme
Dunkelheit.




Der Dichter


Der Morgentraum und der Abendtraum, das Licht und die Nacht; Mond, Sonne
und Sterne. Das rosige Licht des Tages und das bleiche Licht der Nacht.
Die Stunden und die Minuten; die Wochen und das ganze liebe Jahr.
Vielmals schaute ich zum Mond empor wie zum heimlichen Freund meiner
Seele. Die Sterne waren meine lieben Kameraden. Wenn in die blasse kalte
Nebelwelt hinab die Sonne goldig schien, wie freute ich mich da. Die
Natur war mein Garten, meine Leidenschaft, meine Liebste. Alles, was ich
sah, war mein eigen, der Wald und das Feld, die Bume und die Wege. Wenn
ich in den Himmel sah, glich ich einem Prinzen. Aber das Schnste war
der Abend. Abende waren mir Mrchen und die Nacht mit ihrer himmlischen
Finsternis war fr mich ein Zauberschlo voll von sen und
undurchdringlichen Geheimnissen. Oft durchdrang die Nacht der
seelenvolle Ton einer Handharfe, von irgendeinem armen Manne gespielt.
Da konnte ich lauschen, lauschen. Da war alles gut, gerecht und schn,
und die Welt war voll unaussprechlicher Herrlichkeit und Heiterkeit.
Aber ich war auch ohne Musik heiter. Ich fhlte mich umgarnt von den
Stunden. Ich redete mit ihnen, wie mit liebevollen Wesen und bildete mir
ein, da auch sie mit mir sprchen, ich schaute sie an, wie wenn sie ein
Gesicht gehabt htten, und hatte das Gefhl, als ob auch sie mich still
betrachteten, wie mit einer seltsamen Art von freundlichen Augen. Oft
kam ich mir wie im Meer ertrunken vor, so still und geruschlos und
lautlos lebte ich dahin. Ich pflegte einen vertraulichen Umgang mit
allem, was kein Mensch merkt. Daran, an was zu denken kein Mensch sich
Mhe gibt, dachte ich tagelang. Doch war es ein ses Denken, und nur
selten besuchte mich die Trauer. Mitunter sprang es wie ein unsichtbarer
bermtiger Tnzer zu mir in die abgelegene Stube hinein und reizte mich
zu einem Lachen. Ich tat niemand weh, und auch mir tat niemand weh. Ich
war so hbsch, so schn beiseit.




Das Liebespaar


Sie und er gingen zusammen spazieren. Allerlei reizende Gedanken kamen
ihnen in den Kopf, doch jedes behielt hbsch fr sich, was es dachte.
Der Tag war schn, wie ein Kind, das in der Wiege oder im Arm seiner
Mutter liegt und lchelt. Die Welt war zusammengesetzt aus lauter
Hellgrn und Hellblau und Hellgelb. Grn waren die Wiesen, blau war der
Himmel, und gelb war das Kornfeld. Blau war wieder der Flu, der sich in
der Ferne, zu des wohligen Hgels Fen, durch die lichte, se, warme
Gegend schlngelte, welche, wie wir bereits angedeutet haben, einem
Kinderlcheln an Schnheit und Lieblichkeit glich. Die beiden, die durch
die Landschaft gingen, schwiegen. Er hatte ihr etwas zu sagen, und sie,
sie fhlte es. Sie ging neben ihm her in der Erwartung dessen, was er
ihr sagen sollte. Lngst schon hatte er ihr sagen wollen, was er jetzt
willens war zu sagen, und lngst schon hatte sie gehofft, er werde ihr
endlich einmal sagen, was ihm, wie sie sah, auf den Lippen schwebte.
Eine Liebeserklrung, eine stotternde, lag ihm auf den Lippen, und sie
sah das. Seine Augen und der Ton seiner Stimme hatten ihr lngst
gestanden, da er sie liebe. Sie fhlte, da sie reizend sei fr ihn,
und indem sie dies fhlte, umstrickte sie ihn immer noch mehr mit ihren
Reizen, ohne es fast zu wollen. Gibst du einem Mdchen zu verstehen, da
sie schn sei, so ist sie dadurch um so viel schner, als du Verstndnis
zeigst. Nie ist eine Frau so reizend als dann, wenn sie sieht, da sie
reizt. Also wurde denn die, die hier ging, nur immer reizender, je
weniger sie mehr zu frchten brauchte, es gebreche ihr an der Kunst und
an der Kraft, ihn, der dicht neben ihr herging, zu fesseln. Sie
betrachtete ihn im geheimen bereits als ihren Gefangenen, und sie
fhlte, da sie fr ihn der Zaubergarten sei voll von verfhrerischen
Dften, da sie fr ihn das Netz sei, in dessen Wunderfden er sich
verstrickt hatte. Sie war sein Meer, in dessen Fluten er ertrunken war
-- sie war das Gesetz, dem er gehorchte. Er legte jetzt, statt irgend
etwas zu sagen, seinen Arm um ihren schlanken Leib, und damit war
bereits alles getan, um die beiden in gleich hohem Ma oder Unma zu
beglcken. Damit war alles gesagt, was er ihr schon so lange hatte sagen
wollen und hatte sagen sollen, und alles gestanden, was er Ses um
ihretwillen fhlte. Sie kamen nun in einen kleinen, aber wunderbaren
Wald hinein, der ihnen wie ein Liebesort erschien. Es war so still, so
grn, so dunkel im Wald wie in einer uralten Kirche. Der Waldboden glich
einem grnen Teppich, einem grnen Bett. Kein Frstensaal in alter und
neuer Welt war je so schn wie dieser liebe grne Wald, der sie wie mit
weichen Mrchenarmen umfing. Hier nun fing ein sanftes, berinniges und
ber-berses Kssen an, als schnbelten und liebkosten sich zwei
Waldvgelchen in der Weltabgeschiedenheit, verloren und verborgen in
Verborgenheiten und Verlorenheiten. Bisher Stmper in der Liebe, war er
mit einmal ein Meister geworden. Er erdrckte und erstickte sein Mdchen
nicht mit Kssen; er setzte nur Lippe an Lippe und beharrte so in einem
langen, langen, himmlischen Brennen, die Hand ganz zart an ihr Haar
gedrckt. Es war nichts mehr da als der Wald und der Ku, als die Stmme
im Wald und die beiden glcklichen Menschen, als die ununterbrochene
Stille und der ununterbrochene se, herrliche Ku.




Der Mond


Gestern war eine wunderbar schne Mondnacht, so leise, so mild, so
still, als sei die ganze Welt in ein dunkeles ses Entzcken gesunken.
Ich ging durch die Gassen und Gchen. Viele Menschen waren auf den
Beinen, als habe der Mondeszauber die Leute aus den Husern ins Freie
hinausgezogen. Die Straen ganz glatt und weich und hell im Mondlicht
und alles so still und so freundlich. Eine verhaltene Freude strahlte
durch alle Straen, berdies war gerade in dieser schnen Nacht
Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging durch ein
enges Gartengchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war der
Zauber berwltigend. Es war wie ein Mrchen, der felsige Boden klang
unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem
Schritt, den ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum
gttlich schnen sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten
Stadttrmen. -- Zwischen den aufwrts gebogenen, rmelartigen
Tannensten zitterten und schimmerten die Sterne, Liebesblicken hnlich,
hindurch. Bald war ich oben am Berge, der sich ber der traulichen Stadt
erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weien Felsen gehauene Treppe
fhrte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich hinunter in die
weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung glich.
Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz wei war. Alles
war wei vom Mond, so bleich, so s. Ich dachte an Vater und Mutter,
und ein unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich
mich. Ich wnschte, da ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten
lieben Gedanken mich berlassen knne, ewig so bleiben und in die
Vergangenheit zurckdenken knne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen
weilich-wolligen Wolken erschien mir wie eine schne, liebe, ppige
Wiese. Der Mond glich dem trumerischen Schfer, das weiche Gewlk den
Schfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus hervorblinzelten, waren
wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und Stimmenlrm.
Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die ganze
weitausgedehnte stille Nacht ein krperartiges Wesen, und der Mond sei
seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.




Ein Nachmittag


Ich ging den sonnigen Hang des langgestreckten, hohen Berges entlang auf
einem hbschen Weg unter niederhngenden Tannenzweigen, an vereinzelten
Bauernhfen vorbei, bis ich zu einem Schlchen kam, in welchem ehedem
ein adliger Sonderling wohnte. Oftmals schaute ich zu den hohen weien
Felsen hinauf. Der Tag war so mild, es war Ende Dezember. Eine feine,
sozusagen sorgsame, zarte Klte vereinigte sich mit der nachmittglichen
Sonnenwrme. In der Luft lag es wie etwas Ses, die ganze waldige
Gegend schien wie aus sich selber heraus schn und wie fr sich selber
still-glcklich. Ich kam in das weite, breite, imposante und behagliche
Dorf. Die Huser sahen aus, wie wenn sie stolz auf sich seien, so alt
und so schn waren sie. Frauen und spielende Kinder begegneten mir. Da
in dem Dorf die Uhrmacherkunst heimisch ist, so traf ich auch einen
Uhrmacher an. Ich stieg zu der alten, zierlich-ehrwrdigen Kirche
hinauf, die auf dicht mit dunkelgrnem Buchs besetzter khner Anhhe,
hart ber dem Dorfe steht. Sinnend schaute ich mir die alten Grber mit
ihren Inschriften an. Die Kirchuhr zeigte halb fnf, es fing an, Abend
zu werden. Da beeilte ich mich, den Berg hinaufzusteigen. Oben auf der
winterlichen Bergweide lag Schnee, der wunderbar glnzte, die
Schneeflche so silbern, und unten in der Tiefe so abendsonnig-dunkel
das weite, graugrne Land, und in der Ferne das gttlich-schne, khne,
zarte Hochgebirge. Es war mir, als wolle meine Seele in die Seele der
Landschaft, die ich da so gro vor mir sah, hineintauchen. Ein Abendrot,
wie ich es so schn und so reich noch nie glaubte gesehen zu haben, kam
nun noch ber die Welt und machte sie zur bezaubernden Rtselerscheinung.
Die Welt war ein Gedicht, und der Abend war ein Traum. Der
kalte, glnzendweie Silberschnee und das glhende Rot befreundeten
sich miteinander, es war, als liebe der Abendhimmel den
bleichen Freund, den Schnee, und sinke in ein ses, phantastisches und
berglckliches Errten darber. Schnee und Abendrot schienen sich
getraut zu haben, und es war, als kten und liebkosten sie einander.
Herrlich standen auf der Winterweide die groen, kahlen Buchen, einst so
grn, so grn im vergangenen heien Sommer. Ich kam ins Dorf, alles war
verschneit, es war schon dunkel geworden, eine Bauernfrau stand in der
Dorfstrae. Ich ging ins einsame Tal hinunter, es kam eine Kirche und
ein zweites Dorf. Es war Nacht, und ein prchtiger, wundersamer
Sternenhimmel schimmerte auf die dunkle, liebe, stille Welt herab.




Die kleine Schneelandschaft


Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrhe ging ich
hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft.
Niedlich, wie ein artiges Ktzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt
das reiche, liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die
Schnheit einer Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere
Wei ist so leicht verstndlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes
liegt jetzt ber der Erde, und eine se, reizvolle Unschuld liegt
weilich und grnlich ausgebreitet da. Ich freute mich ber meine
Aufgabe, ber das Amt, ber die angenehme Pflicht, die mir vorschrieb,
sorgfltig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen zu nehmen.
Wunderbare Feinheit und Schnheit lag darin, da das Gras so artig und
mit so zarten Spitzen aus der Schneeflche herausschaute. Ich ging
wieder zu meinem alten unverwstlichen, gtigen Zauberer, zum Wald, und
zum Wald wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in
seiner Kinderfarbe. Die Bumchen und Bume schienen einen grazisen Tanz
auf dem weien Felde aufzufhren, und die Huser hatten weie Mtzen,
Kappen, Kopfbedeckungen oder Dcher. Es sah so appetitlich, so lockig,
so lustig und so lieb aus, ganz wie das zarte, se Kunstwerk eines
geschickten Zuckerbckers. Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem
Fenster, und ein anmutig Haus stand in einiger Entfernung, das hatte
Fenster wie Augen, welche frhlich und listig blinzelten. Das Haus war
wie ein Gesicht, und die fnf grnen Fenster waren wie seine Augen. Geh
doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische Landbild da, mit
Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu trge sein und
sich vor ein paar hundert Schritten nicht frchten, zeitig aus dem
Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig
hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedrftige
Herz kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich
wie mit einem schnen freundschaftlichen Munde anlchelt. Lchle auch du
sie an und gre sie von mir.




Das Mdchen


Vor einigen Tagen machte ich in einer anrchigen Kneipe die
Bekanntschaft eines khnen Professors der schnen Knste, der mich
huldvoll einlud, ihn in seiner Schaffenswerksttte zu besuchen, um die
fertigen und werdenden Kunstwerke zu besichtigen. Doch was will das
bedeuten im Vergleich mit dem Schulkind, das ich vor noch nicht ganz
einer Stunde sah, als ich vom leisen, milden sauberen Morgenspaziergang
behaglich heimkehrte. Die se Kleine, sie fhrte an ihrer Hand, gleich
einer berzarten und berjungen Mutter, eine noch Kleinere, die wohl ihr
Schwesterchen war. Gttlich mutete mich das lebendige, unschuldige,
liebe Menschenbildnis an, und ich wnschte allsogleich, da ich doch ein
tapferer und meisterlicher Maler sei, damit ich das reizende Mdchen
abmalen knnte, frisch und wonnig nach der Natur. Still und unauffllig,
damit ihr meine Bewunderung und meine Rhrung verborgen bleibe, und
damit sie ja nichts merke von dem Entzcken, in welches ihre Erscheinung
mich versetzte, ging ich hinter ihr her. Sie glich dem Wunder, das darum
so wunderbar ist, weil es sich selbst noch nie gelernt hat,
hochzuschtzen, und weil es lchelt in aller gtigen und kindlichen
Bescheidenheit. Zwei lngliche zarte Zpfchen hingen der Holden ber
Nacken und Rcken, und an jeden lieben, lustigen Zopf war ein blaues
Band zierlich gebunden. Himmlisch weich ging sie dahin, und einmal
drehte sie das Kpfchen um, und da war es mir, als trete die Sonne aus
dem grauen kalten Gewlk hervor, um die Erde mit ihren sen Strahlen zu
beglcken, so freundlich war das runde liebe Gesicht der kleinen
Schnen. -- Ihr Gang war wie eine herzumstrickende, jugendlich-frhliche
Melodie. Mozartische Melodien knnen nicht schner und frischer tnen.
Das Allerseste und -lieblichste war, wie von ihren Kinderhschen der
schneeweie Rand ein ganz klein wenig zum Vorschein trat. O, solch ein
Kind macht dich, wenn du es siehst, zum edleren, willigeren,
freundlicheren und besseren Menschen; du lernst wieder Gott fr das
segenberschttete, bilderreiche Dasein danken; du bist wieder so recht
aus dem entzckten Herzen froh, darber, da du Mensch bist unter
Menschen. Eine Straenecke kam, da bog ich links ab, um nach Hause zu
gehen.




Das Eisenbahn-Abenteuer


Einmal machte ich eine Eisenbahnfahrt, wobei ich ganz allein in einem
Wagenabteil sa wie der gedankenreiche Eremit in seiner schweigsamen,
weltabgelegenen Klause. Auf irgendeiner Station hielt der Zug an, die
Tre wurde mit beamtenhafter Schroffheit aufgerissen, und zu mir hinein
in das sonderbare, auf Rdern gestellte Zimmer stieg eine Frau. Es war
mir nicht anders, als wenn der Sonnenschein ins nchtlich-schwrzliche
Kupee einstiege, so hell mutete mich die liebe frauliche Erscheinung an,
die wie auf Besuch zu mir kam. Freundlich sagte sie guten Abend. Wer als
ich war glcklicher darber? Der Zug setzte sich alsbald wieder in
Bewegung, und hinaus in die Nacht und ins unbekannte Land wurde die
Kammer getragen, in welcher nun zwei Personen saen, die sich
gegenseitig freundlich anschauten. Ein Lcheln ergab ein Wort und indes
die Rder fleiig fort und fortrasselten, hatte ich wie ein Schelm und
Dieb die passende Gelegenheit wahrgenommen, sa schon an ihrer Seite und
legte den Arm um ihre reizende Figur. Emsig arbeiteten die Rder, und
Gegenden, die ich nicht kannte, flogen drauen in der stillen
Mitternacht an uns beiden glcklichen Leuten vorber. Emsig arbeitete
ich mit meinen Lippen auf den ihrigen, die kstlich waren, wie Lippen
eines Kindes. Ein Ku lockte den andern hervor, ein Ku folgte auf den
andern. Ich lie mir bei dem sen Geschft so recht Zeit, und da wurde
ich zum Knstler im Kssen, zum Knstler in der Liebkosung. O wie die
Liebe, die Se lchelte mit dem schnen Mund und mit den schnen
dunklen Augen, welche, indem sie in die meinigen schauten, mich kten.
Paradieseslsternheit lag auf ihren Lippen, und Paradieseslust glnzte
ihr aus den Augen. Ich unterdessen hatte es so recht schn gelernt, wie
man es anstellen mu, um dem Ku den hchsten Reiz abzugewinnen und ihm
die tiefste Wonne mitzugeben. Unter unserem lusterfllten Liebesgemach
rasselten immerfort die Rder, und der Zug sauste durch die Lnder, und
wir zwei hielten uns umschlungen wie die Seligen in den berirdischen
Gefilden, Wange an Wange gedrckt und Krper an Krper, als seien wir
vorher zwei verschiedene Gedanken gewesen, doch jetzt nur noch ein
einziger. Wie beglckte es mich, da sich das se Geschpf durch das,
was ich tat, glcklich fhlte. Ihren wonnigen Liebesdurst zu stillen
machte mich zum Glcklichsten der Sterblichen, machte mich zum Gott.
Doch jetzt blieb der Eisenbahnzug wieder stehen, die reizendste der
Frauen stieg aus, whrend ich weiterfahren mute.




Die Stadt


Es war an einem sonnigen Wintertag, als der Reisende mit der Eisenbahn
in der Stadt anlangte. Eine einzige zusammenhngende Freundlichkeit war
die ganze Welt. Die Huser waren so hell, und der Himmel war so blau.
Zwar war das Essen im Bahnhofsrestaurant herzlich schlecht mit hartem
Schafsbraten und lieblosem Gemse. Aber das Herz des Reisenden war mit
einer eigentmlichen Freude erfllt. Er konnte es sich selber nicht
erklren. Die Bahnhofshalle war so gro, so licht, der arme alte
Dienstmann, der ihm den Koffer trug, war so dienstfertig mit seinen
alten Gliedmaen und so artig mit seinem alten zerriebenen Gesicht.
Alles war schn, alles, alles. Selbst das Geldwechseln am Schalter des
Wechselbureaus hatte einen eigenen undefinierbaren Zauber. Der Reisende
mute nur immer ber alle die wehmtig-warmen Erscheinungen lcheln, und
weil er alles, was er sah, schn fand, fhlte er sich auch wieder von
allem angelchelt. Er hatte sein Mittagessen verzehrt, seinen schwarzen
Kaffee mit Kirschwasser ausgetrunken und ging jetzt mit eleganten,
leichten, scherzenden Schritten, so recht reisendenmig, in die
wundervolle uralte Stadt hinein, die da blendete im gelblich-hellen
Mittagssonnenlicht. Menschen jeglichen Schlages, Mdchen, Knaben und
erwachsene Leute gingen eilig an dem Gemchlichen und Vergnglichen
vorber. Der Reisende konnte sich so recht Zeit nehmen. Die Leute aber
muten an ihre tglichen Arbeitspltze eilen, da es nur so an ihm
vorberglitt, wie deutliche und doch wieder undeutliche und
unverstndliche Geistererscheinungen. Wie kam dem schauenden und
denkenden Fremdling der Anblick des tglichen Lebens so rtselhaft und
fremdartig vor. Da kam er ber eine hohe, breite, freie Brcke, unter
welcher ein groer blauer Strom herrlich-tiefsinnig vorberflo. Er
stand still, es berwltigte ihn. Zu beiden Seiten des Stromes war die
alte Stadt aufgebaut, grazis und khn. Leichten, milden Schwunges
ragten die Dcher in die helle heitere Luft. Es glich einer romantischen
Musik, einem unvergnglichen, reizenden Gedicht. Er ging langsamen,
sorgfltigen Schrittes weiter. Mit jedem neuen Schritt ward er
aufmerksam auf eine neue Schnheit. Alles kam ihm wie altbekannt vor,
und doch war ihm alles neu. Alles berraschte ihn, und indem es das tat,
beglckte es ihn. Auf hoher Plattform stand ein uralter wunderbarer Dom,
der mit seinem dunkelroten Stein in der blauen Luft stand wie ein Held
aus undenklich alten Zeiten. In der Sonne, auf den Fensterbnken lagen
wohlig ausgestreckt die Katzen, und alte Mtterchen schauten zu den
Fenstern hinaus, als seien die alten schnen Zeiten wieder lebendig
geworden. O, es war so schn fr den Reisenden, da er in der
gassenreichen, halbdunklen, warmen Stadt so angenehm und leicht
umherspazieren konnte. Burgen und Kirchen und vornehme Patrizierhuser
wechselten mit dem Marktplatz und mit dem Rathaus ab. Mit einmal stand
der Reisende wieder im Freien, dann stand er wieder in einer stillen,
feinen Vorstadtstrae, gelblich angehaucht vom sen, lieben
Winterlichte, dann schaute er an einem Wohnhaus hinauf, dann ging er
wieder, dann fragte er einen Knaben nach dem Weg. Zuletzt stand er auf
einer kleinen anmutigen, von einer Mauer eingefaten, luftigen Anhhe,
und von hier aus konnte er die ganze Stadt so recht berblicken und aus
dem befriedigten Herzen gren.




Das Veilchen


Es war ein dunkler, warmer Mrzabend, als ich durch das reizende,
gartenreiche Villenviertel ging. Vielerlei Menschenaugen hatten mich
schon gestreift. Es war mir, als schauten die Augen mich tiefer und
ernster an als sonst, und auch ich schaute den vorbergehenden Menschen
ernster und lnger in die Augen. Vielleicht ist es der beginnende
Frhling mit der wohllstigen warmen Luft, der in die Augen einen
hheren Glanz legt und in die Menschenseelen einen alten und neuen
Zauber. Frauen nehmen sich in der Frhlings- und Vorfrhlingsluft mit
den weichen Brsten, die sie tragen, und von denen sie gehoben und
getragen werden, wunderbar aus. Die Gartenstrae war schwrzlich, aber
sehr sauber und weich. Es kam mir vor, und ich wollte mir einbilden, ich
gehe auf einem weichen, kostbaren Teppich. Voll Melodien schien die
Atmosphre. Aus der dunklen geheimnisvollen Gartenerde streckten schon
die ersten Blumen ihre blauen und gelben und roten Kpfchen schchtern
hervor. Es duftete, und ich wute nicht recht nach was. Es schwebte ein
stilles, angenehmes Fragen durch die se, dunkle, weiche Luft. Ich ging
so, und indem ich ging, schmeichelte sich ein zartes unbestimmtes
Glcksgefhl in mein Herz hinein. Mir war zumute, als gehe ich durch
einen herrlichen, lieben und uralten Park, da kam eine schne, junge,
zarte Frau auf mich zu, violett gekleidet. Anmutig war ihr Gang
und edel ihre Haltung, und wie sie nher kam, schaute sie mich mit
rehartig-braunen Augen seltsam scheu an. Auch ich schaute sie an, und
als sie weiter gegangen war, drehte ich mich nach ihr um, denn ich
konnte der Lust und dem hinreienden Verlangen, sie noch einmal,
wenn auch nur im Rcken, zu sehen, nicht widerstehen. Wie eine
Phantasieerscheinung glitt die reizende Gestalt mehr und mehr in die
Ferne. Ein Weh durchschnitt mir die Seele. Warum mu sie davongehen?
sagte ich mir. Ich schaute ihr nach, bis sie im zunehmenden Abenddunkel
verschwand und wie ein ser, berser Duft verduftete. Da trumte ich
vor mich hin, es sei mir ein groes, frauenfrmiges Veilchen begegnet
mit braunen Augen, und das Veilchen sei nun verschwunden. Die Laternen
indessen waren schon angezndet und strahlten rtlich-gelb in den
blassen Abend. Ich ging in mein Zimmer, zndete die Lampe an, setzte
mich an meinen altertmlichen Schreibtisch und versank in Gedanken.




Die Kapelle


In der Grostadt, mitten in dem unabsehbaren Meer von gleichfrmigen
Husern findet sich in einem finsteren Hof eine Art von Kapelle, in
welcher allerlei Leute aus den niederen Stnden zum freundlichen
Gottesdienst zusammenkommen. Auch ich war einmal in der Versammlung.
Ein drolliges, munteres Dienstmdchen, dem ich gut war, hatte mich
eingeladen, mitzukommen, und ich bereute nicht, da ich mit ihr gegangen
war. Ehrbare Brger, die mehr an die Hoheit des Geldes als an die Hoheit
und Herrlichkeit Gottes glauben, hngen den armen, schlichten Leuten,
die in die bescheidenen Versammlungen gehen, gern diesen oder jenen
Spottnamen an, und versuchen lcherlich zu machen, was den glubigen und
unschuldigen Seelen heilig ist. Auch ich also ging eines Abends, da
schon in den dunklen Straen die Lichter brannten, zu den Kindern in die
Versammlung. Ich will gern die Leute, die noch an einen Gott glauben,
Kinder nennen. Kinder sind mitunter geistreicher als die Erwachsenen,
und die Unklugen sind mitunter klger als die Klugen. Gewi! es kam auch
mich ein Anflug spttischen Lchelns an, als ich eintrat in das
kindlich-fromme Lokal, dessen Wnde wei waren wie die zierlose,
schmucklose Unschuld selber. Ich setzte mich jedoch still nieder, und
alsbald fingen die Leute, Mnner wie Frauen, an zu singen wie aus einem
einzigen frohmtigen Munde zum Lobe Gottes. Engel schienen zu singen,
nicht schlichte, schlechte Menschen. Von dem sen jungen, blhenden
Glauben getragen, hallte der Gesang, gleich einem feinen Duft, der die
Eigenschaft hat, zu tnen, hin und her und verhallte an den Wnden. Ich
schaute mit eigentmlichen Empfindungen, ganz bezaubert von den Tnen,
zur Decke des Saales hinauf, welche blau war, wie ein milder
trumerischer Himmel. Weie Sterne waren in den hellblauen Grund
hineingezeichnet, und die Sterne schienen zu lcheln vom gttlichen
Himmel hinab auf die jubilierende Versammlung. Eine heitere Kraft lag in
dem Gesang, und der Gesang selber war ein sonderbares, leichtes, liebes
Wesen, welches auf geistergleiche Weise lebte. Die, die sangen, schienen
sich zu freuen ber den Gesang, doch schienen sie nicht zu ahnen, wie
die Tne sich von ihnen sonderten und ihr eigenes Leben in der Luft des
Saales lebten. Es klang, als werde es geboren und lebe eine kurze Weile
und msse alsdann sterben. Aber es fing von Neuem wieder an zu tnen und
sich am sterblich-schnen Dasein zu erfreuen. Ruhig und liebevoll
glitzerten und schimmerten die goldenhellen Kerzenlichter hinab in das
Singen, das einem Himmel glich an Keuschheit und Schnheit, und als sie
mit dem Gesang innehielten, muten sie lcheln, die lieben guten Leute,
wie kleine Kinder, die ihre Aufgabe vollendet haben und sich nun darber
freuen. Nach einer Weile war der Gottesdienst beendet, und ebenso still,
wie sie die Kapelle aufgesucht hatten, verlieen die Leute sie wieder.




Der Tnzer


Ich sah einst im Theater einen Tnzer, der mir und vielen anderen
Leuten, die ihn ebenfalls sahen, einen tiefen Eindruck machte. Er
verspottete den Boden mit seinen Beinen, so wenig Schwere kannte er, und
so leicht schritt er dahin. Eine grazise Musik spielte zu seinem Tanz,
und wir alle, die im Theater saen, dachten darber nach, was wohl
schner und ser knne genannt werden, die leichtfertigen lieblichen
Tne oder das Spiel von des lieben, schnen Tnzers Beinen. Er hpfte
daher wie ein artiges sprungfertiges, wohlerzogenes Hndchen, welches,
indem es bermtig umherspringt, Rhrung und Sympathie erweckt. Gleich
dem Wiesel im Walde lief er ber die Bhne, und wie der ausgelassene
Wind tauchte er auf und verschwand er. -- Solcherlei Lustigkeit schien
keiner von allen denen, die im Theater saen, je gesehen oder fr
mglich gehalten zu haben. Der Tanz wirkte wie ein Mrchen aus
unschuldigen, alten Zeiten, wo die Menschen, mit Kraft und Gesundheit
ausgestattet, Kinder waren, die miteinander in kniglicher Freiheit
spielten. Der Tnzer selber wirkte wie ein Wunderkind aus wunderbaren
Sphren. Wie ein Engel flog er durch die Luft, die er mit seiner
Schnheit zu versilbern, zu vergolden und zu verherrlichen schien. Es
war, als liebe die Luft ihren Liebling, den gttlichen Tnzer. Wenn er
aus der Luft niederschwebte, so war es weniger ein Fallen als ein
Fliegen, hnlich wie ein groer Vogel fliegt, der nicht fallen kann, und
wenn er den Boden wieder mit seinen leichten Fen berhrte, so setzte
er auch sogleich wieder zu neuen khnen Schritten und Sprngen an, als
sei es ihm unmglich, je mit Tanzen und Schweben aufzuhren, als wolle,
als solle und als msse er unaufhrlich weitertanzen. Indem er tanzte,
machte er den schnsten Eindruck, den ein junger Tnzer zu machen
vermag, nmlich den, da er glcklich sei im Tanze. Er war selig durch
die Ausbung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte tgliche
Arbeit einen Menschen selig -- aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er
bewltigte sie spielend, gleich, als scherze und tndele er mit den
Schwierigkeiten, und so, als ksse er die Hindernisse, derart, da sie
ihn lieb gewinnen und ihn wieder kssen muten. Einem heiteren, ber und
ber in Anmut getauchten Knigssohne aus dem goldenen Zeitalter glich
er, und alle Sorgen und Bekmmernisse, alle unschnen Gedanken schwanden
denen dahin, die ihn anschauten. Ihn anschauen hie ihn gleich auch
schon lieben und verehren und bewundern. Ihn seine Kunst ausben sehen,
hie fr ihn schwrmen. Wer ihn gesehen hatte, trumte und phantasierte
noch lang nachher von ihm.




Die Sonate


Angenehme Wehmut -- Schmerz, der den Stolz nicht krnkt. Freude ber
solcherlei Schmerz. Ein leichter, geflliger Gram. Selige Erinnerungen.
Die Erinnerungen ppig wie eine blhende Wiese. Leises, wehmutreiches
Andenken. Jetzt eine Schar von Vorwrfen, die er sich selber macht. Nur
die Vorwrfe, die man sich selber macht, sind schne. Die andern soll
man und will man vergessen. Man hat zuletzt niemandem als nur sich
selbst Vorwrfe zu machen. O, da doch alle, alle Menschen nur allein
sich selbst und sonst niemandem etwas vorwerfen wollten. Reue? Ja, Reue!
Reue ist s und tnereich. Die Reue ist ein Weltreich, unendlich und
unermelich an Ausdehnung. Aber die Reue ist etwas Zartes. Kaum vernimmt
man sie. Freude ber die Reue. Ein edles Herz freut sich ber eine edle
Empfindung. Dann will ich auch etwas von Hoffnungslosigkeit dabei haben.
Engel sind ohne Hoffnung, haben Hoffnung nicht ntig. Hofft ein Engel?
Nein. Engel sind ber alle, alle Hoffnungen erhaben. Etwas Engelgleiches
soll in der Sonate tnen, die ich im Sinne habe. Doch soll auch Hoffnung
wieder dazwischen klingen, wie wenn jemand ganz, ganz arm und verlassen
ist und dennoch immer, immer wieder hofft, gleichsam wie aus lieber,
alter kindlicher Gewohnheit. Jetzt wieder Freude, und zwar Freude ber
jemandes andern Freude. Reine Kindlichkeit, reines glckliches
Mitempfinden. Selig sein im Gedanken, da jemand anders es ist. Ist
nicht die Musik selber so? Ist nicht die Musik selber selig, darber,
da sie Herrlichkeit, Heiterkeit und Seligkeit verbreitet? Dann und so
kommt eine unsagbare perlende Verzagtheit. Stilles, ses Weinen.
Auflsung in eine gttlich schne Schwche. Ein Weinen ber sich selber
und ber alles, was da ist und je da war. Nicht ein Entsetzen, nicht ein
Grauen. Die Sonate hier verbietet derlei Heftigkeiten. Sanft wie ein
leicht betrbter blauer Himmel will und soll sie tnen. Ihre Farbe ist
das matte Edelwei der Perle, und ihr Ton ist das Entschuldigen. Es gibt
keine Schuld, weil es zu viel gibt, es gibt keinen Schmerz, weil er zu
gro, zu gewaltig ist fr das Verstndnis. Weil es zu viel
Enttuschungen gibt, gibt es keine, soll es mit ein -- einmal keine
geben, keine mehr, keine mehr geben. Ah, dergleichen und hnliches soll
sich in der Sonate, von welcher ich trume, widerspiegeln, und ein
junges schnes Mdchen, welches sich mit Leichtigkeit einzubilden
vermag, sie sei ein Engel, soll sie spielen. Ein Engel mu die
engelgleiche Sonate spielen, und es mu herniedertnen aus dem Himmel
des Spieles wie himmlischer Trost, wie himmelreichhnliches Behagen,
denn eine reizende Behaglichkeit, eine tiefsinnige Vergngtheit denke
ich dem Werke einzugeben. Schmerz und Freude sind wie Freund und
Freundin, die sich umhalsen, umarmen und kssen. Lust und Weh sind wie
Bruder und Schwester, die sich geschwisterlich lieben. Das liebliche
sonnige Entzcken ist die Braut, und der Kummer, der sich ihr ins Herz
schleicht, ist der Brutigam. Genugtuung und Enttuschung sind
unzertrennlich.




Das Gebirge


Ich mute mich an die Stille erst gewhnen, auch an die rauhe Bergluft.
Alles atmete Einsamkeit und Reinheit, alles war Ruhe, Stille und Gre.
Im Anfang meines Aufenthaltes schneite es noch. Es schneite noch
manchmal auf die ausgedehnten Weiden und auf die vielen schnen Tannen
herab, aber nach und nach wurde es wrmer. Auch in die Berge kam der
se Knabe Frhling und beglckte das Land mit seinem schnen,
glcklichen Lcheln. Die blauen und gelben Blumen sprossen aus der Erde
hervor, und der Felsen bekam ein milderes, weieres, weicheres Aussehen.
Des Nachts hrte ich in all der wundersamen tiefen Stille nur das
ruhige, leise Pltschern eines Brunnens. Einsam stand im Schwarz der
Nacht als noch schwrzerer Fleck das Wirtshaus da. Ein einzelnes Fenster
etwa war erleuchtet. Ich las viel. Bei schlechtem Wetter sa ich in der
kleinen, heimeligen, reinlichen Stube und beschftigte mich mit dem
Ordnen und Zerlegen von allerlei Gedanken. Ich war ein rechter
Miggnger. Eine alte ruinenhafte Klosterkirche war in der Nhe. Doch
ich schenkte dem Gebude lngst schon keine Aufmerksamkeit mehr. Ich war
in der Gegend kein Fremder mehr. Mich lockte es, immer wieder zu den
Tannen, diesen Kniginnen, zu gehen und bewundernd an ihnen
emporzuschauen. Ich staunte immer wieder von neuem ber ihre
Zierlichkeit, Pracht und Schnheit, ber die Hoheit, deren Abbild sie
sind, und ber den Edelsinn, den sie verkrpern. Wohin ich schaute,
berall waren Tannen; in der Ferne und in der Nhe, unten in der
Schlucht und oben aus dem Rcken der Berge. Die Berge wurden immer
grner und schner, und es war s fr mich, im hellen warmen
Sonnenschein ber ihre weichen, milden und ppigen Weiden zu gehen, auf
denen jetzt die lieben treuen Tiere friedlich und wonnig weideten.
Pferde und Khe standen oder lagen, zu schnen Gruppen vereinigt, unter
den prchtigen, langstigen Tannen. Die Blumen dufteten, alles war ein
Summen, ein Singen, ein Sinnen und ein Ruhen. Die ganze Bergnatur schien
ein glckliches, liebes, frhliches Kind zu sein, und ich ging jeden
Tag, am Vor- oder am Nachmittag, zu diesem Kinde hin und schaute ihm in
die glnzend-unschuldigen Augen. Mir war, als werde ich selber dadurch
mit jedem Tag schner. Mu mich nicht die Betrachtung und der
sorgfltige Genu von etwas Edlem und Schnem schn und edel machen? Ich
bildete mir solcherlei jedenfalls ein und ging in der Gegend herum wie
ein Trumer und Dichter. Die holde Dichterin Natur dichtete immer
grere und schnere Gedichte; indem ich so stand oder still davonging,
war es mir, als spaziere und lustwandele ich in einem Gedicht, in einem
tiefen, sonnenhellen, grnen und goldenen Traum herum, und ich war
glcklich. Es war kein Gerusch, das nicht anmutig klang, alles war ein
Klingen, ein Tnen, bald ein nahes, bald wieder ein entferntes, ich
konnte nur horchen, es genieen und mit meinem Ohr es trinken. Ein
paarmal machte ich weitere Ausflge, meistens aber blieb ich in inniger
sanfter Nhe warm daliegen, bezaubert vom blauen Himmel und gebannt von
der himmlisch-schnen, weien Gtterlandschaft, die mich wie mit groen
weichen Gtterarmen zu sich zog. Alle Begierden, weiter in die lichte
Ferne zu wandern, starben an dem Entzcken und am Genu, die die Nhe
mich empfinden lie mit ihrem beseligenden Tnen. Von allen Weiden
tnten die Glocken, die die Tiere am Halse leise schttelten beim
sanften Grasen. Tag und Nacht tnte es und duftete es. Ich habe einen
solchen Frieden nie gesehen, und ich werde ihn nie wieder so sehen.
Eines Tages reiste ich ab. O wie oft, wie oft drehte ich mich beim
Weggehen um, damit ich all das Schne, das ich nun verlie, noch einmal
she, die heiteren Berge, die lieben roten Dcher zwischen den edlen
Tannen, den stolzen Felsen, das ganze reizende Gebirge.




Der Traum


Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen
Nacht. Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als
sollte ich stets von neuem geprft werden, fiel ich hinunter in die
Gewalt der dsteren Einbildungen, in die Macht des fieberartigen
Traumes. Mir trumte, da ich in eine Art von Anstalt und Institut
hineingekommen sei, in einen Sonderbund, in eine verriegelte,
unnatrliche Absonderung, welche von hchst kalten und hchst
eigentmlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und
eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfllte
Seele, die sich vergeblich sehnte, ein Verstndnis zu finden. Alles war
mir unverstndlich, doch das Grausamste war, da sie nur ber die
Ratlosigkeit und Hilflosigkeit lchelten, in der sie mich sahen. Nach
allen Seiten schaute ich mich mit flehenden Augen um, damit ich ein
freundliches Auge she, doch ich sah nur den offenen mitleidlosen Hohn
mich mit seinen Blicken messen. Alle, die da waren, musterten mich auf
so sonderbare Weise, auf so rtselhafte Weise. Meine Angst vor der
ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen erfllte,
wurde von Minute zu Minute grer, und mit ihr vergrerte sich die
Unfhigkeit, die ich offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen
Verhltnisse zu schicken. Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu
diesem, bald zu jenem Beamten in kummervoller, bittender Tonart sagte,
da ich alles das, so drckte ich mich in der hchsten Herzbeklemmung
aus, ja ganz und gar nicht verstehe, und da man mich doch lieber hinaus
in die Welt ziehen lassen wolle, damit ich meinen Mut und meinen
angeborenen Geist wiederfnde. Doch statt mir zu antworten, zuckten sie
nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten sich sehr in Anspruch
genommen, gaben mir zu verstehen, da sie keine Zeit htten, sich nher
mit mir und mit meinem Unglck zu beschftigen, und lieen mich in all
der unaussprechlichen, frchterlichen Bestrzung stehen. Augenscheinlich
pate, pate ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu ihnen
hineingekommen in diese enge und kalte Umgrenzung? Durch viele Zimmer
und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein
Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung
zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wrme waren verwandelt in Ha,
Verrat und Tcke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend
Jahren oder schien in unendliche Entfernungen gestoen. Eine Klage wagte
ich nicht zu uern. Ich hatte zu keinem, zu keinem dieser
unverstndlichen Menschen ein Vertrauen. Jeder hatte seine strenge,
enge, stumpfe, wohlabgemessene Beschftigung, und darber hinaus stierte
er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich selber kannten
sie auch kein Erbarmen mit einem andern. Tot, wie sie waren, setzten sie
nur Tote voraus. Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. O wie
freute ich mich, da es nur ein Traum war.




Der Jagdhund


Auf meinen kleinen, ich mu und darf sagen, winzig kleinen Wanderungen
sehe ich allerlei Hunde, und ich habe die drolligen vierfigen Burschen
schon ordentlich liebgewonnen. Da ist vornehmlich der Karrenhund, den
die Metzger und Milchhndler an ihre Handwagen spannen. Er ist ein
prchtiger, pflichtbewuter Kerl, und ich achte ihn ganz
auerordentlich. Lngst schon hatte ich immer im Sinn, einmal ein Wort
ber ihn zu sagen. Er verdient Anerkennung in jeder Hinsicht, und wer
sich die Mhe nimmt, ihn aufmerksam zu beobachten, wie er so ganz und
gar der Eifer und die Treue selber ist, wie er seinen Zweck und seine
Bestimmung so schn versteht und aufgeht in der Aufgabe, die er zu
erledigen hat, der wird nicht anders knnen als ihn loben. Freudig, ja
oft sogar feurig und strmisch zieht er den Wagen vorwrts, und wenn er
so recht arbeiten, ziehen und seine Kraft anstrengen kann, lt er ein
krftiges, frhliches Gebell vernehmen, da man deutlich hrt und sieht,
wie ihm der Dienst Vergngen macht. Heute frh auf meinem Rundgang sah
ich einen Hund sich mit wahrer Wonne im frischen Schnee hin- und
herwlzen, was einen Anblick gewhrte, der sich meinem Kopfe einprgte.
Reizend spielen oft groe starke Hunde mit ganz kleinen Kindern, und
beraus sehenswert ist es, wie der kraftvolle Kerl sich da dem zarten
Kinde so hbsch, so gefllig anpat und auf die kleinste und feinste
Bewegung sorgfltig acht gibt, die das Kind beliebt auszufhren. An
Aufmerksamkeit ist der Hund ein Knig, und sein treues ehrliches
Verstndnis leuchtet ihm berraschend schn aus den Augen. In unserer
Stadt gibt es viele Hunde, und da sie gut gehalten und gut behandelt
werden, sieht man ihnen an. Beinahe schrecklich in ihrem wtenden Eifer
sind Jagdhunde. Ich sa einmal vergangenen Sommer im stillen tiefgrnen
Wald auf einem Stein. Ringsum wundersames, zartes, dichterisches
Schweigen. Mit einmal rast die klgliche, jmmerliche Jagd daher. Ein
armer Hase springt durch die Waldesstille, und hinter ihm her, mit
zornigem Geheul, welches die Stille jh unterbricht, rennt der Hund mit
ungestmen Stzen, der glhende, eingefleischte Verfolger, entsetzlich
hingegeben seiner grausamen Aufgabe. Er kriegte aber den Hasen nicht,
denn spter sprang er wieder an mir vorbei, jetzt, so, wie wenn er
verwundet worden wre, Jammerlaute ausstoend. Er hatte sein Ziel nicht
erreicht, das leidenschaftlich ins Auge gefate Ziel, und gab sich jetzt
dem Schmerze hin. Er war ganz Trauer, ganz tdliche Enttuschung.




Der Vater


Wenn ich durch das feine, elegante, franzsische Neuquartier spaziere,
dessen Huser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich, dicht
neben der Hauptpost vorbei, und manch ein altes, edles, gartenumsumtes
Herrenhaus streifend, welches in seinem Parke liegt, wie das stille,
kstliche Kleinod in seiner Umfassung, langsam in die trauliche,
trumerische Altstadt, die mich jedesmal, wenn ich sie sehe, wie ein
reizendes und hchst nachdenkliches Denkmal aus der Vergangenheit
anmutet. Still und spitz und tiefsinnig, freundlich lchelnden
Greiseserscheinungen hnlich, ragen dort die alten Trme in die Luft
empor, und wenn ich, den ehemaligen Festungsgraben entlang, noch ein
paar Schritte weitergehe, so stehe ich vor einem seltsamen, niedrigen,
grodachigen Haus, zu welchem, wie ich sehe, ein kleiner, hbscher,
tiefgelegener Garten gehrt. In dem Hause wohnen eine alte Frau und zwei
alte Mnner, und einer der beiden behaglichen Alten ist mein Vater, den
ich von Zeit zu Zeit, etwa nach dem Abendessen, besuche, um mit ihm zu
plaudern, der gerne ein Gesprch ber die Stadt und ihre Bewohner fhrt.
Hier also, inmitten alter, phantastisch hoher Dcher und wunderbarer
Trme, im Bereiche dessen, was die Zeiten hartnckig und standhaft
berdauert hat, wohnt er, der alte Mann mit seinen schneeweien Haaren,
der noch jeden Morgen beizeiten aufsteht und seine kleinen idyllischen
Geschfte immer noch besorgt mit fast jugendlichem Eifer. Alte Leute und
altertmliche Wohnungen passen vortrefflich zusammen, und es stimmt mich
frhlich, zu wissen, da er so gut haust und wohnt, der alte Mann, der
mir so nahe steht, dem ich so nahe stehe. Alles ist dort alt, die Grten
und ihre hohen prchtigen Tannen, das steinerne Gewlbe und der liebe
stolze Berg mit seinem harten treuen Felsen. Gegenwrtig liegt Schnee
auf den Dchern, Trmen und Tannen, und auch in meines alten Vaters
Garten liegt er, wo im sen, warmen, goldenen Sommer die heie Sonne
ihre Gewalt entfaltete und die sanften Flammen, die Rosen, blhten.
Gerade sehr viel gehe ich nicht zum alten Manne. Es soll meinem Gefhl
nach eine zarte Scheu sein zwischen Sohn und Vater, und dann habe ich am
ersten Tage schon gemerkt, da er der erklrte treue Freund gewisser
strikter wunderlicher Gewohnheiten ist, und in seinen lieben, guten,
eingesessenen Gewohnheiten mag, soll und will ich ihn nicht stren. Se
zarte Rosen im kleinen grnen Garten und schneeiges Wei auf dem alten
Kopfe. Welt, wie bist du wunderbar, wie bist du so leicht und doch so
schwer verstndlich. Ewiges reizendes Geheimnis! Fast noch lieber als zu
ihm hineinzutreten und ihn zu sehen ist mir das bloe Drauenstehenbleiben
vor seinem schnen bescheidenen Haus und dann so das Denkendrfen,
da er nun ruhig und behaglich drinnen sei, in der kleinen
Kche beim stillen friedlichen Abendbrot oder im lieblichen,
lnglichen Wohn- und Schreibzimmer, seine Zeitung lesend. Das tut mir
wohl bis hinein in die Seele. Einmal stand ich auch so da und schaute zu
des Vaters rtlichem Fenster hinaus, sehend und wissend, da er
wohlaufgehoben sei. Da war gerade der Mond am Himmel, und wundervoll
war's, wie er so mild, zart und freundlich, sanft und gro und gut auf
die schlafende dunkle Welt hinabblickte.




Der Trumer


Es lag einer im Grase auf einem kleinen Abhang am Waldesrande. Vor ihm
lag eine gemhte Wiese und hinter ihm standen ernste alte Tannen wie
treue Schtzer und Wchter. Vormittag war's, und eine freundliche milde
Sonne schaute aus weilichem Gewlk warm auf den Faulpelz herab, der die
trgen Glieder so lang als er konnte auf dem weichen Boden ausstreckte.
ber seine Beine, seinen Rcken und sein Gesicht krochen Ameisen, und
Mcken tanzten um ihn herum. Das plagte und rgerte ihn aber nicht im
geringsten. Er lag da, als beabsichtige er, den ganzen lieben langen Tag
zu verfaulenzen, und in der Tat, er trug derlei Absichten. Die Welt sah
so leicht aus, so blulich, so sorgenlos. Hchstens glich ein feiner
Dunst am Himmel einer Art von Kummer, aber der Kummer selber machte sich
nicht gar viel Gedanken. Eine Beigabe von Ernst macht die Frhlichkeit
nur frhlicher, und ein leiser Schmerz verst und verfeinert die
Freude, macht sie nur noch freudiger. Unserem Burschen und Tagedieb zu
Hupten hingen ein paar Tannenzapfen und rmelartige Tannenzweige, und
noch weiter oben, nmlich am Himmel, schwebten weie heie Wolken. Er
trumte, der hier lag. Gab es keine Pflichten fr den Lmmel? Ei was,
Pflichten! Braucht doch nicht jeder Mensch Pflichten zu haben. Ein Bach,
der zu des Trumers Fen sich durch das Gras schlngelte, gab artige
glucksende Melodien zum besten. Einmal schaute ein Fuchs aus dem
gegenberliegenden Waldrand heraus und floh, als der Mensch im Gras sich
regte, in weiten Stzen hinweg. Das ging so, bis es Nachmittag und Abend
wurde, wo das Abendrot sich zeigte und die Singvgel anfingen wunderbar
wehmtig und s zu singen. Der Bursche lauschte. Es wollte ihn ein
Bangen besuchen. Ein Weh wollte ihn beschleichen. Aber er war auf den
Besuch gefat, und da tat er, als merke er nichts davon. Der Abend mit
seinen Tnen und Farben und Dften sank einer Frau in die Arme. Die Frau
war die Nacht, und diese herrschte nun. Der Bursche blieb aber ganz
ruhig liegen. Das Gras war weich. Es kam ihm wie ein Bett vor, eben
recht zum Schlafen. Alles war finster geworden, und kein Sterbenslaut
regte sich mehr. Stille, Stille. Nichts war mehr zu unterscheiden. O, da
schlief der Waldmensch ein, und ungestrter hat nie ein junger oder
alter Mensch geschlafen. Schlief fleiig die ganze Nacht durch, und als
er erwachte, war es schner, heller, gtiger, milder Morgen.




Der Pole


In einem Dorf, nahe an der Grenze von Galizien, in einer Gegend also, wo
deutsche, russische und polnische Elemente sich berhren, erlebte ich
eines Nachts, es war im Winter, und das flache Land war mit Schnee
bedeckt, eine Wirtshausszene, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben
ist, und die ich darum gern aufzeichnen mchte. Ich und ein paar
Burschen hatten uns zu einem tapferen Gelage im miserablen, dsteren und
ruberhttenhnlichen Gasthaus eingefunden. Das Bier, wenn ich so
zurckdenke, war entsetzlich schlecht, und das Gastzimmer, dortig
herrschender Volksarmut entsprechend, schrecklich unsauber; doch das
hinderte uns junge vergngliche Leute nicht, wacker zu trinken und
lustig zu singen und zu johlen. Nach und nach kamen noch andere Kerle,
ein Schreiner, Maurer, und dann war ja vor allen Dingen ein Bursche da,
den sie August nannten, ein junger Stallbursche aus dem grflichen
Schlo, welches mit seinen stolzen, herrischen Trmen unfern in der
Winternacht lag. Der junge Pole, das war er, fing, da er schon mehrere
Glser von dem abscheulichen Zeug getrunken hatte, zu der Musik, die ein
anderer bereitwillig zum besten gab, zu tanzen an, und er tanzte auf
polnische Weise, wobei er ber das ganze Gesicht lachte. beraus anmutig
sah es aus, wie der junge Tnzer in dem wsten, von aller Grazie und von
allem Edelsinn so weit entfernten Lokal die Grazie und das artige
Benehmen verkrperte, dadurch, da er sich bald, wie vor einer
unsichtbaren Dame, verneigte und bald wieder sich stolz in die Brust
warf, als stehe er einem Gegner auf dem Kampfplatz gegenber. Er
spreizte seine bestiefelten jungen Beine nach dem Takte der Musik, bog
wieder das Knie, und mit Arm und Hand fhrte er sehr manierliche
Bewegungen aus. Von Zeit zu Zeit wollte er, in dem Rausch, in dem er
sich befand, wild und ungebrdig werden, doch wie wenn er wieder seinen
strengen Herrn und Meister vor sich sehe, bndigte er die Wildheit und
beugte sich unter die guten und schnen Formen, derartig, da es wie die
Selbstzucht aussah, und da es duftete wie nach hherer Erkenntnis. Das
Bild, das der junge hbsche Mensch darbot, indem er solchermaen mit der
Ausschweifung kmpfte, ist mir unvergelich geblieben. Gibt es auf Erden
doch nichts Besseres und Erquicklicheres zu sehen als den Kampf, den der
Mensch kmpft gegen die Untugenden, die in ihm schlummern, als den
stolzen Streit des Menschen mit sich selber. Der Bursche hatte nun
ausgetanzt und setzte sich wieder zu dem Volke der Johlenden,
Schreienden und Trinkenden. Der, der die Handharfe gespielt hatte,
spielte aber munter weiter, und da war es mir, als mten die Tne von
dem Instrument in der dicken Rauchluft des Zimmers hngen und kleben
bleiben, so garstig voll von Dunst und Rauch war die jmmerliche Stube.
Immer mehr wurde getobt und getrunken. Da mit einem Male, wie ein Blitz
aus dem Himmel, war Streit unter den Leuten, und in eines Kerle Faust
zckte ein Messer. Wollt ihr mir so kommen, ihr Bsewichte? Wartet
nur! schrie voller sonderbarer Autoritt die Wirtin. Wenn ihr raufen
wollt, so macht das drauen auf der Strae miteinander ab! Die ganze
Stube schien betrunken. Alles drehte sich. Es war eine hllische Szene.
Einige von uns gingen in die Nacht hinaus, ich mit ihnen. Wie schn war
die Nacht mit ihrem Schnee und mit ihrem silbernen, hohen, groen Mond
am Himmel. Es zwang mich hinaufzuschauen zum Mond und zu den sen
Sternen.




Der Doktor


Eines Tages, in der heien Mittagssonne, schon viele inhaltreiche Jahre
sind seither vergangen, sah ich, noch erinnere ich mich dessen deutlich,
auf dem menschenbelebten Platz, auf dem ich stand, aus der Masse von
vielerlei unbedeutenden Leuten, welche er gewissermaen mit seiner
sonderbaren Erscheinung berragte, einen Mann auftauchen, der ganz in
edles, schnes, feierliches Schwarz gekleidet war, eine Art Doktorhut
auf dem Kopfe hatte, und einen eleganten Spazierstock beinahe
gravittisch in der Hand trug. Ich nannte den Mann ohne weiteres fr
mich im stillen einen Doktor der schnen Literatur, und ich darf sagen,
er faszinierte mich. Alle brigen Menschen, verglichen mit ihm,
erschienen mir platt, unfein und gedankenlos, so, als habe sich kein
einziger von ihnen je bemht, sich Rechenschaft darber abzulegen, warum
und wozu er eigentlich lebe. Mit meinen Augen verfolgte ich den
seltsamen und in gewissem Sinne abenteuerlichen Mann, der einem
Geistlichen oder fast besser noch einem vermummten Frsten glich in der
Lssigkeit, mit welcher er seines Weges ging. Ein Zauberer schien er zu
sein, denn er trug eine unzweideutige Verachtung gegenber seiner
Umgebung zur Schau, und zwar so, als fhle er sich gentigt, sich selber
gering zu achten, deshalb, weil er unter keinen besseren Leuten lebe.
Eine Brille verunzierte nicht, sondern zierte und schmckte sein
bleiches, gedankenvolles Gesicht. Das Gesicht schien ohne die Brille
nicht sein Gesicht zu sein. Edel, gleich einem Gesandten, der gewhnt
ist, an kniglichen und kaiserlichen Hfen zu verkehren, schritt die
schlanke, leicht vornber geneigte, feine Gestalt dahin, und indem der
Mann so ging, war es, als fhle er sich belstigt von einem
unabweisbaren Reichtum von Gedanken. Er schien etwas wegzuwerfen und
abzuweisen, und gleichzeitig schien er wiederum irgend etwas zu suchen,
etwas, das schner sei als alles andere. Was dieser Mann sein eigen
nannte, betrachtete er als etwas, dessen er auch schon Grund hatte,
berdrssig zu sein. Nur was er ersehnte, vermochte er zu achten, und
nur was er erstrebte, schien er zu besitzen. Auffallend war mir, wie er
sich so leicht durch die Menschen schlngelte, als befinde er sich auf
vergnglich-liederlichen Wegen, als etwa auf dem Weg in die nchstbeste
elegante Konditorei, zum zierlichen Rendezvous mit einer Dame. Doch das
war die Maske, in die sich die Person zu hllen liebt, die nicht mag und
nicht will merken lassen, wie ernsthaft sie denkt, damit sie es um so
besser tun kann. Ich wollte mir eingebildet haben, da er mir wie der
privilegierte und berechtigte Vertreter alles dessen erscheine, was
geistvoll sei, und da er auf mich den Eindruck mache, der mir sagte,
da es zu des Mannes Leidenschaften gehre, stets eine Leidenschaft zu
nhren. Jedenfalls gefiel er mir im hchsten Grade, und in dem
Augenblick, wo ich ihn sah, liebte und verehrte ich ihn auch schon. Bald
indessen verschwand er, und auch ich entfernte mich von dem Standort,
von wo aus ich ihn so aufmerksam betrachtet hatte.




Der Liebesbrief


Ich habe einen kleinen sorgfltigen Streifzug in die Gegend hinaus
gemacht, damit ich dir mitteilen knne, was ich Schnes gesehen habe.
Auf dem Weg hatte ich allerlei Einflle, doch sie muten sich alle
wieder auf und davon machen und muten verschwinden neben dem Gedanken,
der sich nur mit dir beschftigte, du liebes Mdchen, du ses, liebes
Wesen. In meinen Gedanken gingest du neben mir und vor mir her. Ich war,
indem ich so ging, ganz nur Denken, ganz nur Sinnen, ganz nur Gedanke,
ganz nur treues, zartes Bei-dir-sein. Lchelst du? Bald sollst du noch
mehr ber mich zu lcheln haben mit deinem lieben Mund. Es ist schn fr
einen Mann, treu an seinem Mdchen zu hngen und sich zu sehnen mit
leiser immerwhrender Sehnsucht nach der Gegenwart der Holden. Ich kam
in einen wunderhbschen kleinen Wald hinein, wo es still und weich und
artig war, und wo die goldenen Vormittagssonnenstrahlen zwischen den
sten und Stmmen ins grne Heiligtum, ins grne Waldesinnere
hereinbrachen. Da ich so bei deinem Bilde war, kams mich an, die
Sonnenstrahlen mit deinem hellen, wogenden Haar zu vergleichen, und als
ich hinauskam aus dem zarten, khlen, schchtern-stillen Waldesdunkel in
das helle, blaue, weite Freie, stand ich Wanderer wieder still. Der
Himmel mit seinem sanften, lieben Blau erinnerte mich an deine Augen.
Weiter ging ich, und da stand ich bald vor einem Haus mit Garten, und im
Garten standen die schnsten Blumen, die ihre leichten Kpfchen so
zierlich-schwankend trugen. Da stand dein Kpfchen vor mir mit seiner
Stirne, Wangen und Lippen, und indem ich das Haus betrachtete, das so
lieblich nach Behaglichkeit und Wohnlichkeit duftete, dachte ich, es
msse s sein, mit dir zusammen huslich darin zu hausen. Bald nachher
traf ich pfel an, die an den Zweigen eines Apfelbaumes hingen und mich
mit ihren roten und gelben Backen freundlich anlachten. Ich bildete mir
ein, dein rundes Gesicht mit seinen roten, blaroten Wangen lchele
zauberisch aus dem Bltterwerk zu mir herab. Reizende Illusionen. Ruhig,
wie es meine Art ist, und von Trumereien umfangen, ging ich meinen
bescheidenen Weg weiter, der mich hgelabwrts zu einem blauen, breiten,
sonnigen Strome fhrte. Mit sanfter, wohliger Gewalt flo das schne
Wasser dahin zwischen grnen glcklichen Lndereien. Ich dachte, wie
dein sanftes, zartes Wesen mich mit Gewalt zu dir ziehe und wie ich
glcklich sei darber. Bist du glcklich? Wenn du es bist, bin ich es
auch.




Der Hanswurst


Da ist einer, sie nennen ihn Hanswurst, weil er so ein dummer Mensch
ist, der zu nichts Rechtem zu gebrauchen ist. Ich kenne ihn wohl, den
liederlichen, unklugen Burschen. Es ist mir im Leben noch keiner
begegnet, zu dem ich rascher htte sagen mgen: Du bist ein Schelm,
und keiner, der mich mehr ntigte, ber ihn zu lachen. Wenn dumme und
ungesunde Einflle Zinsen eintragen, so gehrt er zu den reichen Leuten,
aber die Wahrheit ist: er ist arm wie eine Spitzmaus. Ein Sperling hat
nicht so wenig Aussicht, es in der Welt zu etwas zu bringen als er, und
dennoch kennt er nur Frhlichkeit, und es ist mir noch nie gegnnt
gewesen, einen Zug von Unlust in seinem Spitzbubengesicht zu entdecken.
Einmal wollte ihn jemand befrdern, Hanswurst aber ergriff die Flucht
vor der Befrderung, als wenn sie ein Unheil sei; so dumm benahm er sich
im wichtigsten Moment seines Lebens. Er ist und bleibt ein Kind, ein
Dummkopf, der das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Schtzenswerte vom
Wertlosen nicht zu unterscheiden vermag. Oder sollte er am Ende klger
sein, als er selber ahnt, sollte er mehr Witz haben, als er fhig ist zu
verantworten? Liebe Frage, ich bitte dich, bleibe hbsch unbeantwortet.
Hanswurst ist jedenfalls glcklich in seiner Haut. Eine Zukunft hat er
nicht, aber er begehrt auch gar nicht, etwas derartiges zu haben. Was
soll aus ihm werden? Bete doch einer fr ihn! Er selber ist zu dumm
dazu.




Sonntagmorgen


Heute, am Sonntag, ging ich frh ins nahegelegene Land hinaus. In
unserer Gegend berhren sich Stadt und Land wie zwei gute wackere
Freunde. Ich machte nur hundert Schritte, oder vielleicht noch hundert
dazu, und da lag schon der lndliche, zarte Winter vor mir mit seinen
strubbligen Bumen und seinem lieblichen Wiesengrn. Ich kam zum Wald,
der so schn, so still in der grauen, kalten Luft dastand mit grazisen
Tannenwipfeln. Aus einem entfernteren Pfarrdorf klangen die
Sonntagsglocken laut und doch leis und still daher ber den Waldsaum
hinber. Klte und hartgefrorener Weg und ein schnes breites Bauernhaus
in dem Gewirr von schwrzlichen Winterbumen. Ein zarter, friedlicher
Rauch stieg wie lchelnd aus dem Kamin, und ein kleiner, lustiger,
kecker Feldweg schlngelte sich quer durch den Acker in den Wald hinein.
Ich ging an sonntglich gekleideten Menschen vorbei in meinen alten,
lieben Wunderwald hinein, spter jenseits wieder hinaus, wo wieder Weg
und Feld, grauer Himmel, Baum und Haus und andre Leute mir begegneten.
Es lag in aller Winterklte und -gestorbenheit so viel warmer Friede, so
viel uraltes und ewig wieder junges und frohes Leben. Eine grne Anhhe
guckte schelmisch zu mir hernieder. Ich liebe, liebe mein Land mit
seinen Pfaden, Ecken, Kreisen und Winkeln. Bald war ich zu Hause im
angenehm geheizten Zimmer. Ich setzte mich an den Tisch, ergriff die
Feder und schrieb dieses.




Ausgang


Ich ging hinaus in das kalte Morgengrauen. Bume und Huser schwarz und
Rauch in der Strae. Nach und nach hellte es sich auf. In den Stuben
brannten die Lampen. Wovon ich aber besonders sprechen will: ich ging
hinter drei Mdchen, die zur Schule liefen. Viele andere kleine Kinder
liefen ebenfalls zur Schule. Eines der drei Mdchen ging so schn. Ihre
kleinen, weichen und schon so vollen Beine machten die lieblichste
Musik. Ich konnte mich nicht satt daran schauen. Zwei winzige Zpfe
hingen ihr den Nacken herab ber den Rcken. Die Kleine war schon so
weiblich bei der Jugendlichkeit, schon so reif bei der unschuldigen
Unreife. Herrlich sah es aus, wie die Schuhe so weich, mild und voll
waren mit dem Fu, und wie die ganze Figur so leicht und doch so
angenehm schwer vor mir hinlief, und wie das kleine zierliche
Stiefelabstzchen sich so anmutig krmmte unter der schnen, leichten,
weichen Last. Die Formen an dem Kind waren so gro, redeten so weich.
Bald traten indessen die Mdchen in das Schulhaus, und ich ging meines
Weges durch den kalten, dunklen Wintermorgen weiter. Ein paar Huser und
ein paar Bume und wenige Menschen. Es tat mir alles so wohl. Der Weg
und die Wiese waren hartgefroren, und die Berge entlang lag eine graue
Wolkenschicht, so fest, als knne sie nicht mehr weggehen. Zierlich wie
Kinder standen kleine Bume im Wiesengrn, und dann sah ich eine zarte,
liebe, feine, grne Anhhe und das altersgraue Dach von einem
Bauernhaus, zwei Hunde, noch einen anderen Hund, der mich mit seiner
warm-nassen Nase antupfte, als sei es ihm darum zu tun, mir guten Morgen
in aller frischen, kalten Frhe zu wnschen, Arbeiter, die Steine
abluden. Einmal sah ich zu einem niedrigen Fenster hinein. Eine schne
junge Frau im schneeweien, reizenden Morgengewand stand hinter den
Fensterscheiben und schaute mich an. Manches schaute auch ich an. Man
sieht immer etwas.




Die Millionrin


In ihrer fnfzimmerigen Wohnung wohnte ganz allein eine reiche Dame. Ich
sage da Dame, aber die Frau verdiente nicht, Dame genannt zu werden, die
Arme. Sie lief unordentlich daher, und die Nachbarsleute titulierten sie
Hexe und Zigeunerin. Ihre eigene Person erschien ihr wertlos, am Leben
hatte sie keine Freude. Sie kmmte und wusch sich oft nicht einmal, und
dazu trug sie alte und schlechte Kleider, so sehr gefiel sie sich in der
Vernachlssigung ihrer selber. Reich war sie, wie eine Frstin htte sie
leben knnen, aber sie hatte keinen Sinn fr den Luxus und auch keine
Zeit dazu. Reich, wie sie war, war sie die rmste. Ganz allein mute sie
ihre Tage und ihre Abende zubringen. Kein Mensch, auer etwa der Emma,
ihrem ehemaligen Dienstmdchen, leistete ihr Gesellschaft. Mit allen
ihren Verwandten war sie verfeindet. Etwa noch Frau Polizeirat Stumpfnas
besuchte sie zuweilen, sonst niemand. Die Leute hatten einen Abscheu vor
ihr, weil sie wie eine Bettlerin daherkam, sie nannten sie eine
Geizhalsin, und freilich war sie geizig. Der Geiz war ihr zur
Leidenschaft geworden. Sie hatte kein Kind. So war der Geiz ihr Kind.
Der Geiz ist kein schnes, kein liebes Kind. Wahrhaftig nicht. Aber
irgend etwas mu der Mensch haben zum Herzen und Liebkosen. Die arme
reiche Dame mute oft in der stillen Nacht, wenn sie so allein sa im
freudelosen Zimmer, in ihr Taschentuch weinen. Die Trnen, die sie
weinte, meinten es noch am ehrlichsten mit ihr. Sonst wurde sie nur
gehat und betrogen. Der Schmerz, den sie in der Seele fhlte, war der
einzige aufrichtige Freund, den sie hatte. Sonst hatte sie weder Freund
noch Freundin, noch Sohn, noch Tochter. Sie sehnte sich umsonst nach
einem Sohne, der sie kindlich wrde getrstet haben. Ihr Wohnzimmer war
kein Wohnzimmer, sondern ein Bureau, berladen mit Geschftspapieren,
und in ihrem Schlafzimmer stand der gold- und juwelengefllte eiserne
Kassenschrank. Wahrlich: ein unheimliches, ein trauriges Schlafzimmer
fr eine Frau. Ich lernte diese Frau kennen, und sie interessierte mich
lebhaft. Ich erzhlte ihr mein Leben, und sie erzhlte mir das ihrige.
Bald darauf starb sie. Sie hinterlie mehrere Millionen. Die Erben kamen
und warfen sich ber die Erbschaft. Arme Millionrin! In der Stadt, wo
sie lebte, sind viele, viele arme kleine Kinder, die nicht einmal
gengend zu essen haben. In was fr einer sonderbaren Welt leben wir?




Erinnerung


So viel ich mich erinnere, war es so: er, der sonderbare ltere Mann und
ich, der ebenso seltsame, sonderbare, jedoch junge Mann, saen einander
in seinem, des lteren Mannes, Zimmer gegenber. Er schwieg nur immer,
und ich, ich redete nur immer. -- Was war es, was mich bewegen konnte,
so strmisch zu reden, und was war es, was ihn, der mir gegenber sa,
bewegen konnte, so beharrlich zu schweigen? Je ungeduldiger, feuriger
und offenherziger ich sprach, um so tiefer hllte er sich in sein
geheimnisvolles, dsteres und trauriges Schweigen. Mit traurigen Augen
betrachtete er mich vom Kopf bis zu den Fen, und von Zeit zu Zeit, und
das war mir das Allerunangenehmste, ghnte er, indem er die Hand wie
entschuldigend zum Munde fhrte. Seltsame Kuze, sonderbare Sonderlinge
waren wir sicherlich beide, er mit seinem Ghnen und beharrlichen
Stillschweigen und ich mit meinem fortgesetzten Bestrmen eines Ohres,
das offenbar auf alles, was ich sagte, gar nicht hrte, das ganz wo
anders hinhorchte, als auf mein herzliches Reden. Jedenfalls war es eine
bedeutungsvolle Stunde, und darum ist sie mir so lebhaft in der
Erinnerung geblieben. Auf der einen, d.h. auf seiner, des lteren,
gereiften Mannes Seite ein glanzloses Auge und ein Benehmen, welches
Gelangweiltheit verkndete, und auf der anderen, d.h. auf meiner Seite
idealisch loderndes Wesen und eine hingeworfene, hingegossene
Beredsamkeit, die, der leichten Welle hnlich, am Felsen von des
mrrischen Mannes trockenem und hartem Betragen zerschellte. Sonderbar
bei der ganzen Sache war, da ich wohl wute, wie wenig Wert all mein
Reden und Sprechen habe, wie wenig Eindruck es machen msse, und da ich
vielleicht gerade darum mich nur um so inniger in das beseelte Sprechen
hineinsprach. Ich glich einem Brunnen, der nicht anders konnte als zu
sprudeln, einer Quelle, die hervorbrach mit all ihrem drngenden Inhalt,
ohne da sie es wollte. Ich wollte und wollte wieder absolut nicht
reden. Es drang so heraus, und alles, was ich fhlte und dachte, sprang
mir als Wort und Satz ber die Lippen, welche fters in der Eile und in
der seltsamen Beklemmung anfingen zu stottern, wobei es mir war, als
sehe ich mein Gegenber spttisch lcheln, als habe er eine Art von
dunkler, stiller Freude, mich in der Bedrngnis zu sehen, welche mich
umflatterte.




Die Schneiderin


In einem alten, wenn nicht gar uralten Haus in der Obergasse wohnte,
wie man mir erzhlte, eine junge hbsche Frau, Schneiderin ihres
Lebenszweckes und Berufes. Sie bewohnte ein groes, saalartiges Gemach,
welches nach unserer Meinung eher als Versammlungslokal fr gelehrte
Hupter, Stadtrte und mehr derlei Personen denn als Wohnzimmer fr eine
lebenslustige und zierliche Frau gepat haben wrde. Die jugendliche
Modeknstlerin vermochte des Nachts in ihrem Bett kaum einzuschlafen.
Leser, wie httest du es? Mchtest du in solch einem schaurigen,
traurigen, alten Zimmer leben? Gewi knntest auch du dort keinen
rechten Schlaf finden. Das Zimmer war so gro, die Stille, die in dem
Zimmer herrschte, war so sonderbar, und die Finsternis so dick,
geheimnisvoll und unergrndlich. Du httest deinen Finger knnen in die
Dunkelheit stecken wie in eine Art dicker schwarzer Milch, so
dickfinster war die unheimliche Stube. Wie von aller gesitteter und
gebildeter Welt verlassen, lag in den langen zweideutigen finsteren
Nchten die junge schne Frau da, sie kam sich so hilflos und schutzlos
vor, und es war ihr stets zumute, als solle sich etwas Schreckliches,
Entsetzliches und Ungeheuerliches zutragen. Ihr Zimmer erschien ihr wie
eine Totengruft, und wenn sie ins Bett stieg, flsterten ihr die
ngstlichen Einbildungen ins Ohr, da sie in einen Sarg hineinsteige.
Eines Nachts, mitten in der totenstillen, unaussprechlich ruhigen
Mitternacht, erwachte die Schneiderin; ein Gerusch war in all der
Geruschlosigkeit vernehmbar, deutlich, oh, nur zu deutlich hrte sie
es, und indem sie es hrte, meinte sie, ihren Verstand vor Schreck
verlieren zu mssen. Es bltterte jemand in der Finsternis in ihrem
Modejournal. Die Frau, die sich im Bett aufgerichtet hatte, wollte laut
aufschreien vor Angst, doch die Angst selber unterdrckte den
Angstschrei, das Entsetzen selber weigerte sich, den Schrei des
Entsetzens auszustoen. Der Schrecken selber, wie ein entarteter Vater,
erstickte seinen Sohn, den Schreckensschrei. Stelle dir das vor, lieber
Leser, und jetzt stelle dir vor, wie es zu der Schneiderin in das Bett
hineinstieg. Es war der Tod, der in stiller Mitternacht die junge Frau
besuchte, um sie mit seinen eisigen Armen zu umfassen, um sie zu kssen
mit seinen frchterlichen Kssen. Am anderen Morgen, da jemand zur
Schneiderin kam, fand er sie tot. Sie lag tot im Bett.




Das Stellengesuch


  Hochgeehrte Herren!

Ich bin ein armer, junger, stellenloser Handelsbeflissener, heie
Wenzel, suche eine geeignete Stelle und erlaube mir hiermit, Sie hflich
und artig anzufragen, ob vielleicht in Ihren luftigen, hellen,
freundlichen Rumen eine solche frei sei. Ich wei, da Ihre werte Firma
gro, stolz, alt und reich ist, und ich darf mich daher wohl der
angenehmen Vermutung hingeben, da bei Ihnen ein leichtes, nettes,
hbsches Pltzchen offen ist, in welches ich, wie in eine Art warmes
Versteck, hineinschlpfen kann. Ich eigne mich, mssen Sie wissen,
vortrefflich fr die Besetzung eines derartigen bescheidenen
Schlupfwinkels, denn meine ganze Natur ist zart, und mein Wesen ist ein
stilles, manierliches und trumerisches Kind, das man glcklich macht,
dadurch, da man von ihm denkt, es fordere nicht viel, und dadurch, da
man ihm erlaubt, von einem ganz, ganz geringen Stck Dasein Besitz zu
ergreifen, wo es sich auf seine Weise ntzlich erweisen und sich dabei
wohlfhlen darf. Ein stilles, ses, kleines Pltzchen im Schatten ist
von jeher der holde Inhalt aller meiner Trume gewesen, und wenn sich
jetzt die Illusionen, die ich mir von Ihnen mache, dazu versteigen, zu
hoffen, da sich der junge und alte Traum in entzckende, lebendige
Wirklichkeit verwandle, so haben Sie an mir den eifrigsten und treuesten
Diener, dem es Gewissenssache sein wird, alle seine geringfgigen
Obliegenheiten exakt und pnktlich zu erfllen. Groe und schwierige
Aufgaben kann ich nicht lsen und Pflichten weitgehender Natur sind zu
schwer fr meinen Kopf. Ich bin nicht sonderlich klug, und was die
Hauptsache ist, ich mag den Verstand nicht gern so sehr anstrengen, ich
bin eher ein Trumer als ein Denker, eher eine Null als eine Kraft, eher
dumm als scharfsinnig. Sicherlich gibt es in Ihrem weitverzweigten
Institut, das ich mir berreich an mtern und Nebenmtern vorstelle,
eine Art von Arbeit, die man wie trumend verrichten kann. -- Ich bin,
um es offen zu sagen, ein Chinese, will sagen, ein Mensch, den alles,
was klein und bescheiden ist, schn und lieblich anmutet, und dem alles
Groe und Vielerforderische frchterlich und entsetzlich ist. Ich kenne
nur das Bedrfnis, mich wohl zu fhlen, damit ich jeden Tag Gott fr das
liebe, segensreiche Dasein danken kann. Die Leidenschaft, es weit in der
Welt zu bringen, ist mir unbekannt. Afrika mit seinen Wsten ist mir
nicht fremder. So, nun wissen Sie, was ich fr einer bin. -- Ich fhre,
wie Sie sehen, eine zierliche und gelufige Feder, und ganz ohne
Intelligenz brauchen Sie sich mich nicht vorzustellen. Mein Verstand ist
klar; doch weigert er sich, Vieles und Allzuvieles zu fassen, wovor er
einen Abscheu hat. Ich bin redlich, und ich bin mir bewut, da das in
der Welt, in der wir leben, herzlich wenig bedeutet, und somit,
hochgeehrte Herren, warte ich, bis ich sehen werde, was Ihnen beliebt zu
antworten Ihrem in Hochachtung und vorzglicher Ergebenheit ertrinkenden

  Wenzel.




Geschwister Tanner


Der hinreiende Glanz in den dunklen hauptstdtischen Straen, die
Lichter, die Menschen, der Bruder. Ich in der Wohnung meines Bruders.
Ich werde diese schlichte Dreizimmerwohnung nie vergessen. Es war mir
immer, als sei ein Himmel in dieser Wohnung mit Sternen, Mond und
Wolken. Wunderbare Romantik, ses Ahnen! Der Bruder bis in alle Nacht
im Theater, wo er die Dekorationen machte. Um drei und vier Uhr des
Morgens kam er heim, und dann sa ich noch da, bezaubert von all den
Gedanken, von all den schnen Bildern, die mir durch den Kopf gingen; es
war, als bedrfe ich keines Schlafes mehr, als sei das Denken, Dichten
und Wachen mein holder, krftigender Schlaf, als sei das stundenlange
Schreiben am Schreibtisch meine Welt, mein Genu, Erholung und Ruhe. Der
dunkelfarbige Schreibtisch so altertmlich, als sei er ein alter
Zauberer. Wenn ich seine feingearbeiteten, kleinen Schubladen aufzog,
sprangen, so bildete ich mir ein, Stze, Worte und Sprche daraus
hervor. Die schneeweien Gardinen, das singende Gaslicht, die
lnglich-dunkle Stube, die Katze und all die Meeresstille in den langen
gedankenreichen Nchten. Von Zeit zu Zeit ging ich zu den munteren
Mdchen in die Mdchenkneipe, das gehrt auch mit dazu. Um nochmals die
Katze zu erwhnen: sie setzte sich immer auf die beiseite gelegten,
vollgeschriebenen Papiere und blinzelte mich mit ihren unergrndlich-gelben
Augen so eigentmlich an, so fragend. Ihre Gegenwart glich
der Gegenwart einer seltsamen, schweigsamen Fee. Ich habe
vielleicht dem lieben stillen Tier viel zu verdanken. Was kann man
wissen? Ich kam mir berhaupt, je mehr ich vordrang mit Schreiben, wie
behtet und wie beschtzt vor von einem gtigen Wesen. Ein sanfter,
zarter, groer Schleier wob um mich. Es sei hier allerdings auch der
Likr erwhnt, der auf der Kommode stand. Ich sprach ihm so viel zu, als
ich durfte und konnte. Alles, was mich umgab, wirkte labend und belebend
auf mich. Gewisse Zustnde, Verhltnisse, Kreise sind einmal da, um
vielleicht nie mehr wieder zu erscheinen, oder dann erst wieder, wo man
es am allerwenigsten voraussetzt. Sind nicht Voraussetzungen und
Vermutungen unheilig, frech und unzart? Der Dichter mu schweifen, mu
sich mutig verlieren, mu immer alles, alles wieder wagen, mu hoffen,
darf, darf nur hoffen. -- Ich erinnere mich, da ich die Niederschrift
des Buches mit einem hoffnungslosen Wortgetndel, mit allerlei
gedankenlosem Zeichnen und Krizzeln begann. -- Ich hoffte nie, da ich
je etwas Ernstes, Schnes und Gutes fertigstellen knnte. -- Der bessere
Gedanke und damit verbunden der Schaffensmut tauchte nur langsam, dafr
aber eben nur um so geheimnisreicher, aus den Abgrnden der
Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens hervor. -- Es glich
der aufsteigenden Morgensonne. Abend und Morgen, Vergangenheit und
Zukunft und die reizende Gegenwart lagen wie zu meinen Fen, das Land
wurde dicht vor mir lebendig, und mich dnkte, ich knne das menschliche
Treiben, das ganze Menschenleben mit Hnden greifen, so lebhaft sah ich
es. -- Ein Bild lste das andere ab, und die Einflle spielten
miteinander wie glckliche, anmutige, artige Kinder. Voller Entzcken
hing ich am frhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleiig immer
weiter schrieb, fand sich der Zusammenhang.




Eine Stadt


Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher
ich einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr
nicht mehr wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, da
ich mich vor ihr frchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in
der Vermutung, da mich ihr Anblick ergtzen und erquicken werde, doch
es war ganz anders, der Anblick schlug mich nieder, und ein seltsames,
unbeschreibliches Verzagen ging mir durch die enttuschte Seele. Es kam
mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir wie Gespenster. Unerfreut
starrten mich die bleichen Huser an, und ich wiederum betrachtete sie
voller Mitrauen. Die Frauen kamen mir wie keine Frauen, die Mnner wie
keine Mnner vor, und ich selber war zum unglcklichen Gespenst geworden
in der gespenstischen und unglcklichen Umgebung. Das elektrische Tram
erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt machte mir den kummervollen
Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen Traumes. Gebeugt von der Unruhe
und niedergeschlagen von den blen Eindrcken, trat ich in ein
Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich fand nur
neuerlichen Schrecken. Warum bin ich nur hierher gekommen, dachte ich,
und ich verlie die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch es
wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lchelte
grlich aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der
Mord hier herum zu Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach
einer Khle, aber es war ringsum alles flach, schwl und leer. Staub in
den engen, frchterlich kleinen Gassen, in denen Zwerge und
ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen schienen und nicht
Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und die offenen
Haustren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen fr jegliche Art
von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit,
keine Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt mglich,
ich konnte kein Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu
sein in dieser Stadt des starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging
wie wund umher, ich htte mich am liebsten am Straenboden niedersetzen
und heulen mgen, wie ein Tier, wie ein armer Hund, der seinen lieben
gtigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne
Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in ein Haus, o, in ein
Haus hinein, in das ich frher so oft gegangen. In dem Hause hatte ich
einstens gewohnt, und wie frhlich war ich aus- und eingegangen. Jetzt
konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe
hinauf, die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich
hinauf, und da sah ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals
logiert hatte, aber es war ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr.
Es glich einem Sarg, und ein eisiger Schauer lief mir ber den Rcken.
Ich ging nun auf die Suche nach einer Frau, die ich geliebt hatte, aber
die Leute schauten mich fremd und verstndnislos an, als habe ich mich
nach einer Frau erkundigt, die vor tausend Jahren lebte. Wie s, wie
liebevoll war sie gewesen. Ich fhlte noch die sanften Liebkosungen
ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so meines Weges
weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich kssen. Aber es
begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir war
nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert.
Ich drehte der Stadt den Rcken und wanderte weiter.




Spaziergang


Ich habe einen wohligen, kleinen, appetitlichen Spaziergang gemacht,
leicht und angenehm wickelte er sich ab. Ich ging durch ein Dorf, dann
durch eine Art von Hohlweg, dann durch einen Wald, dann ber ein Feld,
dann wieder durch ein Dorf, dann ber eine eiserne Brcke, unter welcher
der breite, sonnige, grne Strom vorberflo, dann den Strom langsam
entlang und so fort, bis es Abend wurde. Doch ich mu wieder zu dem Wald
zurckkehren. brigens werde ich sehr wahrscheinlich auch ber die
Brcke noch etwas zu sagen haben. Im Wald war es so heilig-still, so
feierlich, und als ich aus dem feuchten, dunkelgrnen Tannenwald
herauskam, sah ich am Rand des Waldes zwei Kinder, die Holz
zusammengelesen hatten, und die so helle Gesichter und Arme hatten. Die
Wintersonne warf einen milden, goldenen Wunderglanz ber den Feldhgel,
ber grne Wiesen und dunkelbraunes Ackerland. Kahle, schwarze Bume
standen in der Sonne. Da sah ich, indem ich so ging, ein neues
Kindergesicht, ein ses, welches mich anlchelte. Und dann kam ich, wie
gesagt, zu der Brcke, die ganz im Golde und im Silber der Sonne
schimmerte und zuckte. Wonnig und groartig flo das Wasser unter der
Brcke. Spter, im Feldweg, begegnete mir eine Frau, deren ich mich
darum erinnere, weil sie mich so freundlich grte. Da dachte ich:
Welch ein Vergngen ist es doch, unter den Menschen sein zu drfen.
Die Huser am anderen Ufer des Flusses standen so schn, so frei auf der
grnen Anhhe, und die Fenster waren voll gelben Schimmers. Eine Schar
Vgel flog in den brennenden Abendschimmer hinein. Ich verfolgte mit
meinen Augen die Kette, bis sie verschwand. Eine Seite der Welt war
ruhig und warm und dunkel, die andere war kalt und goldig und
schimmernd-hell. Ruhig, Schritt fr Schritt, ging ich weiter, bis ich
einbog ins Land. Alsdann sah ich einige Leute, eine Frau und ein Kind
unter abend-schwrzlichen Bumen. Ihre Augen sahen mich so fragend an.
Dann ging ich neben einem Haus vorbei, das ganz allein auf freiem weiten
Felde stand, ein zierliches, wunderseltsames altes liebes Grtchen davor
oder daneben. Das Grtchen umzunt von einer wunderlichen,
phantastischen Hecke. Nun wurde mir mit einem Mal alles zu Traum, Liebe
und Phantasie. Alles, was ich jetzt anschaute, nahm groe und hohe Form
an. Die Gegend selber schien zu dichten, zu phantasieren. Sie schien
ber ihrer eigenen Schnheit zu trumen. Das Land war wie versunken in
ein tiefes, musikalisches Denken. Ich blieb bezaubert von der Schnheit,
die mich umgab, stehen und schaute mich aufmerksam nach allen Seiten um.
Es war Abend geworden, das Grn sprach eine herrliche abendliche
Sprache. Farben sind wie Sprachen. Dem Haus, bei dem ich stand, hing das
Dach in die Fenster hinab wie eine Kopfbedeckung in die Augen. Sind
nicht die Fenster die Augen der Huser? Ich mute jetzt zum Halbmond
hinaufblicken, der hoch ber dem Waldberg stand. Wundersam war es mir,
zu sehen, wie die dunkle Erde so warm, so gesellig, so wohlig-ruhig
dalag, und wie der Mond da oben in der schimmernd-blassen und kalten
Himmelseinsamkeit schwebte und glnzte. Seine Farbe war ein scharfes,
eisigkaltes Silbergrn. Gttlich schn und unaussprechlich dunkel stand
der Wald mit seinen reizenden Tannenspitzen unter dem grazisen
Herrscher, dem herrlichen Mond. Ich kam an einem anderen Haus vorber,
eine Frau stand an der Tr, und ein Ktzchen kauerte neben ihr. Ich ging
mit meinen Gedanken in das Haus hinein und blieb mit ihnen darin wohnen.
Wie sind Menschen und Huser einander hnlich, sagte ich murmelnd zu
mir selber. Dunkler und dunkler wurde es. Abende sind Gottheiten, und im
Abend ist man wie in einer sen, hohen, wehmutreichen Kirche. Am
blassen Himmel stand jetzt ein feuriges, ses Rot. Es war, als sei der
Himmel eine Wange, die vor Glck und vor Seligkeit erglhe. Ein
Bauernbursche fhrte eine braune Kuh neben mir vorber. Die kleinen
Dorfkinder sagten gar wunderschn aus dem zunehmenden Abenddunkel heraus
guten Abend. Alle Gesichter waren rtlich angeglht vom rosig-glhenden
Abendrot. Schon zeigten sich die Sterne. Da war gerade das Wirtshaus am
Weg. Ich ging hinein.




Das Ktzchen


Ich kam nur eben vom Berg herab in eine kleine, nette, altertmliche
Vorstadt hinein. Ein Haus stand da, das war so zart, als blinzle es mit
seinen Augen, will sagen, mit seinen Fenstern. Eine alte Frau stand an
der Strae und streckte ihren Kopf in eines der Fenster, sie fhrte wohl
ein gehkeltes Gesprch mit einer Nachbarin. Aber die Hauptsache ist:
ich sah vor dem Haus eine Katze, nein, keine Katze, sondern ein junges
Ktzchen, gelb und schneewei von Farbe. Durchs Fenster, welches
geschlossen war, sah ich eine gute alte Frau an der Nhmaschine sitzen
und fleiig nhen. Ganz entzckt von dem lieben kleinen Ktzchen blieb
ich stehen, um das Tier sorgfltig zu betrachten, welches da ganz still
sa, den Schwanz zwischen die Vorderpfoten geringelt. Die Frau sah, da
da ein fremder Mann so still stand, sie trat ans andere Fenster, das
offen war, und schaute zu mir heraus mit freundlichen Augen. Ach so,
sagte sie, Sie schauen sich wohl die Katze an. Ja, sagte ich. Das
Ktzchen schaute zu der Frau hinauf und lie ein kleines, feines, ses
Miauen vernehmen, wobei es die Zhnchen zeigte. Ich grte die Frau und
ging weiter. Noch aber bog ich mich einmal zurck und sah, wie das
Ktzchen nach einem drren Blatt haschte. Wie der Wind wirbelte das
liebe muntere Tier herum. Wirklich wehte auch gerade der Seewind. Ich
kam durch die Stadt, die nur eine einzige, dafr aber breite Strae
besitzt. Nun, und da kugelten zwei Jungen am Boden, zwei drollige
Jungen, noch nicht einmal fr die Schule reif. Was vermag ich noch
beizufgen? Nicht sonderlich viel. Ein groes altersgraues Schlo war
da, und daneben flo ein Strom. Ich ging heim, und whrend ich so
heimwrts ging, hatte ich immer noch in Gedanken mit dem gelben und
weien Ktzchen zu tun. Wie man doch nur achten mag auf so kleinliche
Dinge.




Tannenzweig, Taschentuch und Kppchen


An einem Vormittag stieg ich den waldbesetzten, steilen Berg hinauf. Es
war heies Wetter, und der Aufstieg kostete mich manchen Schweitropfen.
Der grne Wald glich an Helligkeit und Schnheit einem Lied. Wie ich
oben auf der Hhe ankam, konnte ich so recht frei in die weie
schimmernde Tiefe blicken. Das tat ich, und ich konnte mich an der
herrlichen Aussicht gar nicht satt schauen. Wie schn, wie wohltuend ist
eine Aussicht von einem hohen Berge. Der Blick schweift in die weite,
umflorte, helle Ferne und steigt nieder in die wohllstige,
gttlich-schne Tiefe. Wundersames Blau war am Himmel. Der Himmel
zerflo in sem Blau, war ganz getrnkt von Blau. Blau und grn und die
goldene Sonne stimmen wunderbar zusammen, gleich einem sen, milden,
dreistimmigen, freundlichen Lied, wo jede Stimme sich um die andere
schlngelt, wo jede Stimme die andere liebkost und kt, wo alle drei
seligen, glcklichen Stimmen einander umwinden und umschlingen. Ich kam
nachher zu einer Bank mitten im khlen, grnen, hohen Tannenwald
gelegen, und was sah ich darauf liegen? Einen Tannenzweig, ein
Taschentchelchen und ein Puppenkppchen. Wie stimmte mich nun wieder
dieser neue Anblick frhlich, wo mich vorher der Anblick der Naturhhe
und -tiefe beglckt, berauscht und erheitert hatte. Ein Kind mu hier
gewesen sein und hat diese lieben Zaubersachen hier liegen lassen,
sagte ich, indem mich ein Lcheln ankam, zu mir selber. Der grne
Tannenzweig lag auf dem kindlich weien, zarten und blassen Taschentuch
so weich, und das Kppchen, wie lchelte es den aufmerksamen Beschauer
so freundlich, so naiv an. O Gott, o Gott, rief es in mir, wie ist
die Welt durch das Dasein ser, lieber, unschuldiger Kinder schn und
ewig, ewig wieder gut. Da man doch nie aufhre und immer wieder von
neuem anfange, an die Gte, an die Schnheit, an das Glck, an die Gre
und an die Liebe der Welt zu glauben. Noch warf ich auf Tannenzweig,
Taschentuch und Kppchen rasch einen Blick und eilte weiter, denn es
ging gegen Mittag, und ich wollte punkt zwlf beim Mittagessen sein.




Der Mann


Einmal sa ich in einem Restaurant am Viehmarktplatz. Es sitzen dort
mitunter sehr feine Herren, doch von den feinen Herren will ich nicht
reden. Feine Herren bieten gar wenig Interessantes dar. Wollen
unterhalten sein, sind selber absolut nicht unterhaltend. Ein Mann sa
in einer Ecke, der hatte einen heiteren, gtigen, freien Blick. Seine
Augen ruhten wie in unabsehbaren Fernen, in Lndern, die mit der Erde
nichts zu tun haben. Der spielte alsogleich auf einer Art von Flte, da
alle die, die im vornehmen Restaurant saen, die Augen auf ihn richteten
und auf seine Musik lauschten. Wie ein groes, gut gelauntes, starkes
Kind sa der Mann da mit seinen sonnigen Augen. Nachdem das
Fltenkonzert vorbei war, kam ein Klarinett an die Reihe, welches er
nicht minder vortrefflich spielte und handhabte wie die Flte. Er
spielte sehr einfache Weisen, aber er spielte sie vorzglich. Hierauf
krhte er wie ein Hahn, bellte er wie ein Hund, miaute er wie eine Katze
und machte er mu! wie eine Kuh. Er hatte sichtlich seine eigene Freude
ber die verschiedenen Tne, die er zum Besten gab, doch das Beste kam
hinterdrein, denn jetzt zog er aus einem Henkelkorb, den er unter dem
Tisch stehen hatte, eine Ratte hervor und spielte liebes Kindchen mit
ihr. Er gab der Ratte von seinem Bier zu trinken, und es zeigte sich
deutlich, da Ratten sehr gerne Bier trinken. Ferner steckte er das
Tier, vor dem alle vernnftigen Menschen einen so entschiedenen Abscheu
haben, in die Rocktasche, und zu guter Letzt kte er es auf sein
spitziges Maul, wobei er frhlich vor sich hin lachte. Eigentmlich war
der Mann mit dem versonnenen, verlorenen Ausdruck in den glnzend-klaren
Augen. Ein Freund der Musik und ein Freund der Tiere war er. Sehr
sonderbar war er. Er machte auf mich einen tiefen, zum mindesten doch
nachhaltigen Eindruck. berdies sprach er sehr gut franzsisch.




Das Pferd und die Frau


Da ich zwei kleine Erinnerungen aus der Grostadt doch nicht vergesse
niederzuschreiben. Die eine betrifft einen Pferdekopf, die andere eine
alte arme Streichholzverkuferin. Um beide Dinge, um das Pferd sowohl
wie um die Frau ist es Nacht. In einer Nacht, wie in so vielen anderen
Nchten, die bereits verbummelt und in das Vergessen hinabgeschttet
waren, zog ich im eleganten, gleichwohl aber nur geliehenen berzieher
durch die Strae, als ich an einer der belebtesten Stellen ein Pferd,
das vor ein schweres Fuhrwerk gespannt war, erblickte. Das Pferd stand
still da im undeutlichen Dunkel, und viele, viele Menschen eilten an dem
schnen Tier vorber, ohne ihm eine Spur von Aufmerksamkeit zu schenken.
Auch ich eilte, ich hatte es sehr eilig. Ein Mensch, der bestrebt ist,
sich amsieren zu gehen, hat es stets furchtbar eilig. Doch betroffen
durch den wunderbaren Anblick des weien Pferdes in der schwarzen Nacht
blieb ich stehen. Die langen Strhnen hingen dem Tier herab bis zu den
groen Augen, aus denen eine unnennbare Trauer schaute. Unbeweglich, als
sei es eine weie Geistererscheinung, aus dem Grab herausgestiegen,
stand das Pferd da, mit einer Ergebenheit und Duldung, die an Majestt
mahnte. Doch weiter ri es mich, denn ich wollte mich ja amsieren. Auch
in einer anderen Nacht war ich auf dem Sprung in das nichtswrdige
Vergngen. Allerlei Lokale hatte ich bereits durchstreift, da bog ich in
eine finstere Strae hinein, und da rief's mich aus dem Dunkel an:
Streichhlzchen, mein junger Herr. Eine alte arme Frau hatte dermaen
gerufen. Ich blieb stehen, denn ich war gerade voll herzlich guter
Laune, griff in die Westentasche nach einem Geldstck und gab es der
Frau, ohne ihr von ihrer Ware etwas abzunehmen. Wie sie mir da dankte
und mir Glck in die dunkle Zukunft wnschte. Und wie sie mir ihre alte,
kalte, magere Hand darreichte! Ich ergriff die Hand und drckte sie, und
froh ber das kleine Erlebnis lief ich meinen Weg weiter.




Die Handharfe


Ich stand in der finsteren, sternenlosen Nacht an einer Strae, die
hinauf ins Gebirge fhrt. Da kamen mit Musik und lustigem Gesprche drei
Knechte oder Burschen an mir vorber und gingen im kecken Taktschritt
weiter. Bald umfing sie die Finsternis, und ich sah schon nichts mehr
von ihnen, aber die Handharfe, welche einer von den dreien kunstgerecht
spielte, drang zurck aus dem Dunkel und bezauberte mein Ohr. Im Spiel
der Handharfe sind bisweilen simple junge Leute groe Meister. Dieses
Instrument bedarf einer starken, festen Faust, und hieran lassen es
Burschen aus den Bergen gewi nicht fehlen. So stand ich denn und
lauschte. Der prchtige, knigliche Ton, sanft, gro und warm, ging
mit den Burschen in immer weitere Ferne. Sie mochten jetzt im Walde
angelangt sein, der Ton wurde weicher und leiser, in Wellen stieg er
auf und nieder. Ich dachte ber einen Vergleich nach und verglich
den Klang mit einem Schwane, der tnend durch die Finsternis gleite.
Bald war alles still. In den Berggegenden ziehen die Knechte gerne
handharfespielend vor die Huser, in denen ihre Mdchen wohnen.
Auch die drei Burschen gingen zu einem Mdchen.




Die Fee


Ein armer, junger Wanderbursche, eine Art umherziehender Dichter, kam
auf einer seiner wilden Wanderungen vor ein artiges, grazises
Schlchen, das ganz im leichten, hellen, sen Frhlingsgrn versteckt
war. Aus einem Fenster schaute eine Frau und weil der junge Mann so
still stand und zu ihr aufschaute, so gefiel es der Dame, die eine Fee
oder etwas Feehnliches war, zu ihm zu sagen, er solle doch zu ihr
hineinkommen. Das tat der Bursche, und aufs Allerfreundlichste hie ihn
die schne Frau willkommen. Bleibe doch bei mir, sagte sie zu ihm,
was willst du nur immer weiter und weiter wandern? Eine Zeitlang blieb
der Bursche bei ihr, eine Zeitlang gefiel ihm das Leben bei der sen,
lieben, hohen Fee. Doch bald stellte sich in seiner Brust die
Wandersehnsucht wieder ein. Er wurde traurig, und er kam sich wie
versteinert vor. Das Marschieren fehlte ihm. Was hast du? Gefllt es
dir nicht mehr bei mir? fragte die Frau den Vernderten. Er gab aber
keine Antwort, sondern schaute zum Fenster hinaus in die grnliche,
bluliche Ferne, wo fr ihn der ganze Genu des Daseins lag. Die Fee
wollte ihn kssen, doch er wich dem Kusse aus. Sie ging aus dem Zimmer
und weinte. Das ging so eine Weile, bis endlich der Bursche eines frhen
Morgens reisefertig vor der lieben Dame stand, um Abschied von ihr zu
nehmen. Gttliches, bezauberndes Morgenrot brannte am Himmel, und die
Vgel auf den grnen Zweigen sangen so verfhrerisch. Ich will, ich
mu gehen, sagte er, ich mu wieder hinauswandern in die weite Welt.
Ich sterbe hier, ich fhle es. Ich mu meine Beine brauchen. Ich mu
Landstraenluft einatmen, und wenn auch das Essen noch so schlecht ist,
so will ich doch lieber wieder im drftigen Speisehaus essen als hier im
reizenden Schlo, wo ich trge bin. Lassen Sie mich ziehen und haben Sie
Dank fr die vielerlei Freundlichkeit, die Sie mir zu genieen gegeben
haben. So sprach der unkluge Bursche, und ohne auf das zu achten, was
die Fee sagte, ging er weg, und indem er wegging, sang er mit lauter,
frischer, frhlicher Stimme ein Burschenlied in die offene, schne,
warme Welt hinein. Weg war er, und die Fee hat ihn nie mehr wieder
gesehen.




Kleine Wanderung


Ich lief heute durch das Gebirge. Das Wetter war na, und die ganze
Gegend war grau. Aber die Strae war weich und stellenweise sehr sauber.
Zuerst hatte ich den Mantel an; bald aber zog ich ihn ab, faltete ihn
zusammen und legte ihn auf den Arm. Das Laufen auf der wundervollen
Strae bereitete mir mehr und immer mehr Vergngen, bald ging es
aufwrts und bald strzte es wieder nieder. Die Berge waren gro, sie
schienen sich zu drehen. Die ganze Gebirgswelt erschien mir wie ein
gewaltiges Theater. Herrlich schmiegte sich die Strae an die Bergwnde
an. Da kam ich hinab in eine tiefe Schlucht, zu meinen Fen rauschte
ein Flu, die Eisenbahn flog mit prchtig weiem Dampf an mir vorber.
Wie ein glatter, weier Strom ging die Strae durch die Schlucht und wie
ich so lief, war's mir, als biege und winde sich das enge Tal um sich
selber. Graue Wolken lagen auf den Bergen, als ruhten sie dort aus. Mir
begegnete ein junger Handwerksbursche mit Rucksack auf dem Rcken, der
fragte mich, ob ich zwei andere junge Burschen gesehen habe. Nein, sagte
ich. Ob ich schon von weit her komme? Ja, sagte ich, und zog meines
Weges weiter. Nicht lange, und so sah und hrte ich die zwei jungen
Wanderburschen mit Musik daherziehen. Ein Dorf war besonders schn mit
niedrigen Husern dicht unter den weien Felswnden. Einige Fuhrwerke
begegneten mir, sonst nichts, und ein paar Kinder hatte ich auf der
Landstrae gesehen. Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man
sieht so schon viel.




Wirtshuselei


Eines Tages, im heien Sommer, geschah es, trug es sich zu und machte es
sich, da ich mich ganz furchtbar fr Gaststuben interessierte. Ich wei
nicht, ob es ein Zauberspuk war, genug, es zog mich bald in dieses, bald
in jenes Wirtshaus hinein. Meistens sind ja die Wirtshuser auch gerade
so schn bequem an der Strae gelegen. Und kurz und gut, ich kehrte dir,
lieber Leser, da und dort hbsch artig und solid ein. Ich bin sonst ein
sehr, ein sehr solider Mensch, doch an diesem Tag erreichte ich den
Gipfel alles dessen, was handwerksburschenhaft und unsolid ist. Wie eine
Leidenschaft war es ber mich gekommen, da ich alles, was einem
Schwanen, einem Lwen, einem Bren, einer Krone oder einem
Rebstock hnelte, untersucht und erforscht haben mute. Bald war es
ein Zweier, bald ein Dreier und bald ein halber Liter, was ich trank,
und ich trank mit dem grten Vergngen beides, Rot- wie Weiwein.
Wollte ich ein Weinkenner werden? Lag eine dunkle Absicht in mir, mich
zum Weinhndler und -schmecker auszubilden? War das Ganze eine
Phantasie? Ein Traum? Nein, nein, es war Wirklichkeit. Die Sonne, o wie
lchelte sie so s auf den heiter-blauen Tag herab, den ich vertrank.
Und so ging es von einer Einkehrsgelegenheit recht manierlich in die
nchstbeste andere. Es war ein Einkehren und draus wieder Herausfegen,
und als die Sonne untersank, hatte ich etwas so Schnes, etwas so
rtselhaft Schnes im Besitz. Etwas Herrliches hatte ich mir zu eigen
gemacht. Ich besa Reichtmer, unerhrte Reichtmer, es flimmerte und
tanzte mir vor den Augen. Kaum vermochte ich noch zu gehen, so stark
drckte eine holde, reiche Last auf mich herab. Das Gehen kam mir wie
ein fremdartiges, unbegreifliches Etwas vor, und eine Lust war in mir,
umzufallen und friedfertig am Boden liegen zu bleiben. Was hatte, was
hatte ich denn nur jetzt? Was war's, was ich an mich gerissen, was ich
mir erobert hatte? Ich besann und besann mich, aber ich vermochte es mir
nicht zu erklren.




Der Morgen


Gestern bin ich frh aufgestanden. Ich schaute zum Fenster hinaus. In
der Ferne, ber dem Waldrcken war der Himmel glhend rot. Es war noch
vor Sonnenaufgang, die Welt war kalt und dunkel. Das Hochgebirge
zeichnete sich mit seinen zackigen Gipfeln herrlich-gro und dunkel im
brennenden Morgenrot ab. Ich zog mich rasch an, und ging hinunter, um in
den wundervollen, frischen Wintermorgen hinauszugehen. Der ganze Himmel
war voll rtlichen Gewlkes. Im Dorf, das nur wenige Schritte von
unserer Stadt entfernt ist, war die glnzende, rosige Strae voll
Schulkinder, die eilig zur Schule liefen. Rhrend erschienen mir die
zahlreichen jungen Gestalten in ihrer Emsigkeit in dem goldenen Morgen,
der silberig glnzte. Eine seltsame, jugendliche Klarheit wehte, gleich
einem frischen Wind, durch die Gasse. Auch wehte ja der Morgenwind und
einige welke Bltter fingen ber die Strae an zu tanzen. Prchtig
schimmerte der Glanz des Gttermorgens durch die ste der kahlen Bume.
Ich atmete aus voller Brust die kstliche Luft ein, einige Huser
schimmerten grnlich, andere strahlten in sem, reinem Rosarot, und das
Grn der Wiesen war so frisch. Aus der Nacht und ihrem Dunkel war alles
hell und unsglich freundlich aufgestanden. Die Gesichter der Menschen
leuchteten so morgendlich. Die Augen blitzten und glitzerten, und am
Himmel schimmerten noch die Sterne in berirdischer, verzehrender
Schnheit. berall ein Glanz und ein Wind. Der Wind fegte daher wie
jugendliche Hoffnung, wie neue, nie empfundene Zuversicht. Alles bewegte
sich, die Wsche flatterte und knatterte, der Eisenbahnrauch flog auf
und verlor sich. Auch ich verlor mich. Ich war wie verzaubert, wie neu
geboren, und voll Entzcken schaute ich zum Morgenrot hinauf, wo das
selige, goldene Gewlke schwamm. In Herrlichkeit und in Seligkeit
zerrinnend lste es sich auf, und da trat die Sonne hervor, der Tag war
da.




Der Ausflug


Ich ging aus der Stube auf die Strae. Es war zu schnes Wetter, ich
vermochte nicht das schne Wetter zu betrachten und dabei zu Hause zu
bleiben. Mild wie ein kleines, artiges Kind sah die Welt aus, so still
und hell, so freundlich-grnlich. Gravittisch und ernsthaft schritt ich
vorwrts wie einer, der einen wichtigen Gang zu machen hat, etwa wie ein
sanfter, gesetzter Steuereinnehmer oder fast wie ein Notar, der ber das
Land luft. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, stets so aufzutreten,
wie wenn ich Wichtiges und Ntzliches im Sinne htte. Man sieht gut aus
so, und die Leute achten einen. Beim Bahnbergang mute ich warten, aber
ich blieb ganz gern eine kleine, feine Weile stehen. Alsdann und so ging
es weiter, durch ein Dorf, das ganz in Lieblichkeit gebadet dastand,
durch einen Wald, zum Wald wieder hinaus ber ein Feld durch ein anderes
Dorf. Stellenweise war der Weg recht pappig, breiig und schmutzig. Da
tat ich, als sei ich wei wunder wie entsetzt ber die Unreinlichkeit,
wie der feinste Herr der Welt. Das Dorf war gro und schn, und da stand
auf der grnen sanften Anhhe ein Bauernhaus, eine rechte Pracht von
einem Haus. Spielende Kinder auf der Landstrae und alles so leise, so
dunkel, so hell und so weich. Es war, als erwarte die ganze Welt etwas
Liebes und Schnes, stehe darum so zart da, so still. Das Dorf hatte ein
so kluges, gescheites Aussehen, und das Wirtshaus stand so imposant an
der Strae, da ich recht ordentlich Respekt vor ihm bekam und kaum an
ihm aufzuschauen wagte. Auch war die gestrenge Ortspolizei in nchster
Nhe, bei deren Anblick ich mir so eigentmlich vagabundenhaft vorkam. O
das Gehen in die weite, saubere, stille Welt hinein ist eine Knigslust.
Ein zweites Dorf tauchte bald danach auf. Dann ging ich den Berg hinauf.
Auf dem Berg oben stand in der Waldlichtung ein wunderschnes, altes
Gehfte, so stolz, still und einsam. Bald ging ich wieder bergabwrts,
durch den winterlich kahlen Wald. Abends war ich zu Hause, gerade schn
pnktlich zum Abendessen. Ich bin und bleibe halt ein sonderbarer Freund
der Pnktlichkeit.




Schnee


Wir haben hier Schnee, lieber Freund, soviel du begehrst und du Lust
hast. Das ganze Land ist dick mit Schnee bedeckt. Wohin man blickt:
Schnee; Schnee da und Schnee dort. Auf allen Gegenstnden liegt er, und
die Leute unserer Stadt, gro und klein, werfen sich, um sich ein
Vergngen zu machen, Schneeblle an. Die Kinder knnen soviel Schlitten
fahren als sie wollen, und das wollen sie gern. Gestern stieg ich im
Schnee den Berg hinauf, und je hher ich kam, um so tiefer watete ich im
tiefen, weichen Zeug. Nicht nur die Zweige und ste der Bume, sondern
auch die hohen Stmme waren mit der weien Last bedeckt. Es war nmlich
Schneesturm gewesen, und da fegte aus Westen das tolle Schneewesen
daher, als wolle es von seitwrts die Welt mit Wei berschtten. Nimmt
mich wunder, da nicht Haus und alles zugedeckt worden ist. Immer hher
in den verschneiten Wald hinauf stieg ich. Es ging nicht ab ohne einiges
chzen, denn im frischen tiefen Schnee luft sichs schwer. Ich zog den
Hut vom schwitzenden Kopf ab wie im Sommer, und mein Wintermantel wurde
mir lstig. Da hrte ich Axtschlge. Ein junger Bursche stand ganz
allein in der weien, abendlichen Waldeinsamkeit und machte sich mit
einer Tanne zu schaffen. Weiterhin und so stie ich auf ein sonderbares
unerwartetes Hindernis. Zwei groe Tannen, vom Sturm zu Boden gerissen,
lagen ihrer stattlichen Lnge nach mitten im engen Waldweg und
versperrten denselben mit ihren weitausgreifenden sten. Doch ich
arbeitete mich wacker durch und ging weiter. Schon wurde es finster im
weien Zauberwald. Da ging ich bergabwrts, durch all den Schnee. Einmal
warf es mich um, da ich im Schnee sa, als habe ich mich zu Tisch
setzen wollen, um zu soupieren. Ich raffte mich auf, mute lachen und
beschleunigte den Heimweg.




Der Blick


Eines Tages, im Sommer, es war in der Mittagsstunde, und ich ging
langsam nach Hause, um zum Essen zu gehen, begegnete mir in der
Gartenstrae des Villenquartieres, durch welches ich meine Schritte
lenkte, in all der Hitze und in all der Stille, die auf der
menschenleeren, hellen, ja, man mu sagen, grellen Strae herrschte,
eine so sonderbare Frau, als je eine vor krzerer oder lngerer Zeit mir
konnte begegnet sein. Mde und matt, so, als sehne sie sich im tiefsten
Innern nach einer Befriedigung und Sttigung, schritt sie auf der andern
Seite der Strae daher und indem sie mir nher kam, entdeckte ich an der
edlen Haltung, die sie nachlssig und fast verchtlich zur Schau trug,
eingeborener Gewohnheit gehorchend, und an den kostbaren Kleidern, da
sie von vornehmem Stande sein msse. Sozusagen trge und eine halbe
Interessiertheit ins Auge legend, schaute ich die fremde Dame khl und
ruhig an; sie jedoch strafte mich, den sie ebenfalls anschaute, mit
einem langen und tiefen Blick voll Stolz und Klage. Es wollte mir spter
vorkommen, als sei der Blick der schnen, stolzen, unglcklichen Frau,
bevor er mich getroffen habe, in den Himmel gedrungen und von hoch oben
herab auf mich gefallen, und noch heute sehe ich ihn, dunkelbraun und
voll Glut, auf mich gerichtet, den Blick der Frau.




Der Heidenstein


In dem Wald, der, weil er so schn ist, mich immer wieder zu sich zieht,
steht unter den hohen, schlanken, ernsten Tannen ein Stein, den die
Leute den Heidenstein nennen, ein schwrzlicher, moosberzogener
Granitblock, auf welchen oft die Schulknaben klettern, ein wundersamer
Zeuge aus uralten, wundersamen Zeiten, bei dessen sonderbarem Anblick
man unwillkrlich stillsteht, um ber das Leben nachzudenken. Still und
hart und gro steht er inmitten des lieben grnen heimeligen Waldes da,
gewaschen von unzhlbaren Regengssen, versteckt im Bereiche der
schweigenden treuherzigen Tannen, Bild der Vergangenheit, Ausdruck der
schier ewigen Bestndigkeit und als ein Beweis vom unausdenklichen Alter
der Erde. Oft schon bin ich vor dem schnen Stein stillgestanden, den
zwei alte wunderliche Tannenbume zieren, die auf dem ehrwrdigen
Gestein Platz zum krftigen Wachstum gefunden haben. Auch heute habe ich
ihn wieder gesehen, und indem ich ihn so sah, sprangen mir folgende
leise fr mich hingemurmelte Worte ber die Lippen: Wie schwach und
weich und leichtverletzlich ist doch das Menschenleben, verglichen mit
deinem Leben, du alter, unzerstrbarer Stein, der du lebst vom Beginn
der Welt an bis heute, der du leben und stehen wirst bis an das
fragwrdige Ende alles Lebens. Dich scheint das Alter eher zu festigen
und zu krftigen, als anzugreifen und zu schwchen. Rings in der Gegend
sterben die empfindlichen Menschen. Geschlechter folgen auf
Geschlechter, die, Trumen hnlich, und dem bloen, zarten Hauch
verwandt, auftauchen und verschwinden. Dir ist keine Schwche bekannt.
Ungeduld ist dir fremd. Gedanken rhren dich nicht an und das Gefhl
tritt nicht bis zu dir. Und doch lebst du, bist lebendig, fhrst dein
steinern Dasein. Sage mir, lebst du? -- Voller sonderbarer Fragen,
voller Ahnungen entfernte ich mich von dem merkwrdigen alten,
trotzigen, steinharten Gesellen, und ich hatte das Gefhl, als sei er
ein Zauberer, als sei der Wald durch ihn verzaubert.




Der Waldberg


Ich bin um den einen von den beiden lnglichen Waldbergen, die unserer
Stadt naheliegen, herumgegangen, wobei ich drei bis vier freundliche,
kluge, stille und sehr, sehr liebe Dorfschaften zu streifen, zu berhren
und zu passieren hatte. Wie ich mich entsinne, war das Wetter ein
winterliches-freundliches. Indessen lie die Landstrae da und dort an
Sauberkeit und schner, feiner Gltte zu wnschen brig, was als groes
Unglck nun auch nicht gerade bezeichnet werden kann. Gibt es ja doch
Schuhputzer, die einem spter das stark in Anspruch genommene Schuhwerk
wieder reinigen und in Ordnung setzen knnen. Die Welt gewhrte einen
grnen, hauchartigen Anblick. Die Farben waren sehr zart, und was die
Formen und Erscheinungen betrifft, so begegneten mir auf der Strae
einige Fuhrleute mit Fuhrwerken, sowie eine alte behbige,
korbdahertragende Bauersfrau und ein stdtischer mrrischer Hndler. Zur
linken Seite hatte ich fortlaufend und mit mir, dem Fugnger, gleichsam
weitermarschierend, den Waldberg, whrend zur Rechten sich eine zarte,
schne Ebene erstreckte, mit Feldern und ckern und Moorlandschaft. Ein
kleines Landstdtchen mit Kirchturm in der Ferne und ein Stck Flu, und
in einiger Nhe drei Frauen, die im Feldweg arbeiteten. Sie lachten und
redeten miteinander, als sie den einzelnen Wanderer so wacker und
fleiig dahermarschieren sahen. Ich mu und will gerne gestehen, da
ich, wenn ich schon einmal marschiere, es mit einem gewissen sichtlichen
Eifer und Ernst tue, da mir jedermann anmerkt, wie ich dabei geniee,
eine Offenherzigkeit, fr die ich mich nicht schelten mchte. Ich kam
nun in ein Dorf und trat ohne viel Besinnen ins heimelige, einladende
Dorfwirtshaus, wo ich mir ein Glas Bier geben lie. Nicht lange, und so
traten zwei der schnsten Bauerntypen herein, der eine langnasig und
mittelalt, der andere so alt und dabei so frhlich, wie nur ein alter,
steinalter Landmann sein kann, der auf ein Leben voller Arbeit und
Mhsal gtig und heiter zurckblickt und fast -- herabblickt. Der
Langnasige hatte eine Tabakspfeife im Munde so trefflich eingeklemmt,
da es aussah, als sei die Pfeife ein Teil des Gesichtes. Sein Gesicht
war das schnste Tabakspfeifengesicht, das ich je sah, und es war
unmglich, sich das Gesicht ohne Pfeife vorzustellen. Die beiden
wackeren kernigen Erscheinungen setzten sich, nicht ohne vorher ein
wenig sich zu besinnen, zu mir an den Wirtstisch und verlangten vom
Mdchen ein Bzzi- oder sogenanntes Drusenwasser. Ich erkundigte mich
sogleich nach der Beschaffenheit ihres Schnapses oder Branntweines, und
beide Leute beeilten sich, mit mir zu konversieren, was eine gar
freundliche und erquickliche Unterhaltung abgab. O es ist so ernst, so
schn, mit Menschen zu reden, die es hart haben im Leben. Der alte Bauer
war niemand anders als der Dorflteste. Wie rhrend erschien er mir. Ihm
zu Ehren trank ich zwei Glser ber den eigentlichen Durst hinaus und
verweilte lnger im Gasthaus als ich zuerst wollte. Dann ging ich. Ich
zog den Hut vor den beiden, und sie beide lpften oder besser lfteten
die Kappen, und so zog ich hinaus, gleich einem kecken, gutgelaunten
Wanderburschen, auf die Strae, auf welcher es bereits Abend war, und
nun ging es leise, still und schn in die Welt und nachher in die Nacht
hinein. Viele liebe, rtlich-blasse Dorfkindergesichter sah ich noch,
und immer war der gute, herzliche, waldige Berg so warm und so
heimatanmutig mir zur Seite. Endlich kam ich auf einer feinen runden
Straenwindung um ihn herum. So hatte ich ihn denn umgangen und umlaufen
und voller Stolz langte ich rechtzeitig zu Hause an.




Zwei kleine Sachen


I.

Es mu jedes zuallererst fr sich selber sorgen, damit es sich berall
leicht und sorglos kann sehen lassen. In dir ist eine Neigung, stets an
das andere zu denken und dich selbst zu vergessen. Sagt dir dafr das
andere Dank, und kann es das? Man ist nicht gern dankbar. Es will jedes
sich selbst das, was es ist, verdanken. Das verdanke ich mir selbst,
sagt eins gern. Indem du nun aber an jemanden blo nur denkst, hast du
ihm noch zu nichts geholfen, dich aber hast du vielleicht schon
bedeutend dabei vernachlssigt. Weit du, da man die nicht liebt, die
sich vernachlssigen.


II.

Ich ging so, und indem ich so meines Weges zog, begegnete mir ein Hund,
und ich schenkte dem guten Tier alle sorgfltige Beachtung, indem ich es
ziemlich lange anschaute. Bin ich nicht ein trichter Mensch? Ist es
denn etwa nicht tricht, eines Hundes wegen sich auf der Strae
aufzuhalten und kostbare Zeit zu verlieren? Aber indem ich so ging,
hatte ich ganz und gar nicht das Gefhl, da die Zeit kostbar sei, und
so ging ich denn nach einiger Zeit gemchlich weiter. Ich dachte: Wie
ist es doch heute hei, und es war in der Tat recht warmes Wetter.




Herbstnachmittag


Ich erinnere mich, einen schnen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging
ber das Land, einen gemtlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne
strahlte ber die grne Gegend. Im Felde arbeiteten Mnner, Kinder und
Frauen, der goldene Kanal flo mir zur linken Seite, und zur rechten
hatte ich die cker vor den Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein
Bckerwagen sprengte an mir vorber. Sonderbar ist es, da ich mich auf
jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so deutlich besinne. Es mu
eine groe Kraft in meinem Gedchtnisse sein, ich bin froh darber.
Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-heiteren
und behbigen Bauernhaus vorbei, die Buerin beschwichtigte wohl etwa
den Hund, der im Sinne hatte, den Fugnger und fremden Mann anzubellen.
Reizend ist es, still und gemchlich bers Land zu gehen und von
ernsten, starken Buerinnen freundlich gegrt zu werden. Ein solcher
Gru tut wohl wie der Gedanke an die Unvergnglichkeit. Es ffnet sich
ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags-
und jetzt bald Abendsonne streute flssiges Liebes- und Phantasiegold
ber die Strae und machte sie rtlich znden. Es war auf allem ein
Hauch von Violett, aber eben nur ein zarter, kaum sichtbarer Hauch.
Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen, sondern tastet und schwebt
nur ber dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen als ahnungsvoller
Schimmer, als Ton, als Gefhl. Ich kam an einem Wirtshaus vorbei, ohne
einzukehren; ich dachte das spter zu tun. Im Behaglichkeitstempo
schritt ich weiter, hnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder
Lehrer oder Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu
entrtseln, wer ich sein knnte. Da wurde es im wunderbaren tnenden
Lande immer schner. Jeder Schritt leitete in andere Schnheit hinein.
Mir war es, wie wenn ich dichtete, trumte, phantasierte. Ein blasses,
schnes, dunkelugiges Bauernmdchen, dessen Gesicht von der sen Sonne
berhaucht war, schaute mich mit dem glnzend-schwarzen Zauber ihrer
Augen fragend an und sagte mir guten Abend. Ich erwiderte den Gru und
zog weiter, zu Bumen hin, die voller roter, goldener Paradiesesfrchte
hingen. Wundersam leuchteten die schnen pfel in der Abendsonne durch
das dunkele Grn der Bltter, und ber alle grnen Wiesen tnte ein
warmes, heiteres Glockentnen. Prchtige Khe von brauner, weier und
schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen vereinigt, ber
die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal hinab
erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles
anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen
und Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genu, die ganze weite
grne und goldene Landschaft tnte, die Glocken, der Tannenwald, die
Tiere und die Menschen. Es war wie ein Gemlde, von einem Meister
hingezaubert. Der Buchenwald war braun und gelb; Grn und Gelb und Rot
und Blau musizierten. Die Farben ergossen sich in die Tne, und die Tne
spielten mit den gttlich schnen Farben wie Freunde mit sen
Freundinnen, wie Gtter mit Gttern. Nur langsam ging ich unter dem
Himmelblau und zwischen dem Grn und Braun vorwrts, und langsam wurde
es dunkel. Mehrere Hterbuben kamen auf mich zu, sie wollten wissen, wie
spt es sei. Spter, im Dorf, kam ich am alten, groen, ehrwrdigen
Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im Haus. Es waren
herrliche Tne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist es,
auf einem stillen Abendspaziergang sich Schnes einzubilden. Eine Stunde
spter war es Nacht, der Himmel glnzte schwarz. Mond und Sterne traten
hervor.




Der Felsen


Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lftchen wehte
ber den Felsen, auf welchem der weie Pavillon steht. Er gleicht einem
kleinen griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne
sehen, wie er so schlank aus dem grnen Gebsch hervorragt. Der Felsen
erhebt sich steil ber dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fupfade
fhren ber ihn, und daher mu man sorgsam auf die Schritte achtgeben.
Heute am schnen Sommerabend standen allerlei stille Leute, Mnner wie
Frauen, am Gelnder beim Pavillon und schauten in die farbige abendliche
Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze lag, von der Wrme und von
den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich einem sen Spiegel an
sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da hinabschauten,
vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug zu schauen und
sich in das schne groe Bild zu versenken. Das warme grne Ufer hielt
den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden Mutterhnden
und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zrtliche, wachsame Mutter
und der See, der einem Traum an Schnheit glich, das unschuldige Kind,
an Se und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu
vergleichen. Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus
unbestimmbarer Ferne wie schchtern daher; er schien sich leise zu
freuen ber sich selber, er schien kaum recht zu wagen,
daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte, zaghafte
Frage vorlegt: Darf ich wohl, oder darf ich nicht? Ein Zagen, ein
Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so gro und so
klein, so fern und so nah. Unbeschreiblich und unfabar schn war es,
wie das Dunkel nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem
dunklen Golde verlor. Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen,
schwand der reiche, stolze Sommertag dahin. Zweierlei Gemlde kmpften
miteinander. Ich schlug mich durch das dunkelgrne Eichengebsch, das im
Abendlichte goldig schwamm, und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder
junger Burschen, von denen einer sagte: Es ist ein milder Abend heute.
Aus dem See heraus klangen Stimmen und Liedertne, und dazwischen drang
der Ton einer Handharfe warm und wundersam zum Felsen hinauf, von
welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin
und her gleiten sehen konnte. Auf einem Felsvorsprung, der ein khnes,
grazises Lustpltzchen bildete, lagen ein Mdchen und ein Bursche eng
beieinander, die sich in der Sommerabendschnheit glcklich fhlten und
sich mit leisem, zweistimmigem, sem Singen und mit Hndedrcken und
mit fortwhrendem Einander-Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb
stehen, um zu lauschen, was sie sich zu sagen haben mochten. Doch sie
redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein Sein und in ein Fhlen
versunken, lagen sie da, ganz nur Genu, ganz nur Gengen und Vergngen.
Jetzt kten sie sich, und es sah aus, als wollten sie durch die ganze
liebe warme Sommernacht an dem Kusse hngen bleiben. Ich strich mich
weg, tiefer in das dunkele Gestrpp, welches mir mit seinem Laub das
Gesicht berhrte. Es war jetzt Nacht geworden.




Die Eisenbahnfahrt


Ich sa im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin.
Gleichsam achtungsvoll und so suberlich stiegen die lieben einfachen
Leute in den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte
nicht prunken und auffallen damit. Einige der Mnner rauchten
Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte. Ein paar junge Soldaten waren da, die
sich gar nicht lrmend benahmen, vielmehr dasaen wie artige Kinder. Sie
machten aber einen durchaus soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu
ruhen, und die erlittene starke Anstrengung verhlt sich gern still. So
leis war es und ging es zu im Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der
Zug ganz fein und vorsichtig in Bewegung, als sage er: Nur hbsch
ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel. Wie schn war diese Fahrt; ich
werde sie nie vergessen. Warum vergit man dieses nie und anderes so
bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich. Sacht und
sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grne, freie Weite. Die
Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So
wunderbar hell war's. Die hheren Bergketten hatten noch Schnee; die
Ebene aber duftete und grnte schon wie so recht mitten im lieblichen
Frhling. Etwas Frhlingshaftes rumorte mir im Herzen. Ich war glcklich
und wute nicht warum. Am schnsten erschien's mir, zu sehen, wie
friedlich alle meine Reisegenossen im Wagen saen. Heiterkeit und ein
gesunder warmer Zweck drckte sich auf ihren Gesichtern ab, und die
Gesichter, wie waren sie so hbsch verschieden. Wir fuhren ber eine
Brcke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten. Ich htte
schwren mgen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich
schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da
drauen sich weit und breit erstreckte, ins groe gute Auge.
Bauernhuser und -grten und weie Landstraen, Felder und grne ppige
Hgel und die lieben dunklen Wlder. Es sah alles so sauber, so
wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel zeigte ein schchternes, feines
Blau, und weie Wolken zogen aus der Nhe in die Ferne und aus der Ferne
in die Nhe. Es wechselte alles ab. Alles war Gleichheit, hnlichkeit
und doch auch Abwechslung. So ist es fr mich am schnsten. Ich will
nicht verblfft, sondern gern nur still immer wieder berrascht sein.
Auf einer lndlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich
angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es
wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Buerin war geradezu schn zu
nennen durch einen Zug von Zurckhaltung, den sie hchst angenehm zur
Schau trug. Weiter ging's. Artig und gedmpft lief und dampfte es
vorwrts. Es war kein Rasen. Auch mit Gemchlichkeit wird ein Ziel
erreicht. Grad erst recht. Ah, das war eine recht, recht schne
Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in die Erinnerung, da sie
mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen mag.




Das Lachen


Ich habe ein himmlisches Lachen gehrt, ein Kinderlachen, ein
wunderbares Gelchter, ein ganz feines, silberreines. Ein gttliches
Kichern war's. Ich kam gestern, Sonntag, gegen sieben Uhr heim, da hrte
ich's, und ich mu hier unbedingt Bericht davon erstatten. Wie arm in
ihrem Ernst und mit ihren trocken-ernsthaften Mienen sind die
Erwachsenen, die Groen. Wie reich, wie gro, wie glcklich sind die
Kleinen, die Kinder. Ein so volles, reiches, ses Glck lag im Lachen
der zwei Kinder, die neben einer Erwachsenen einhergingen, eine so
berschwengliche, reizende Freude. Sie waren ganz Seligkeit, indem sie
sich dem Lachen hingaben. Ich lief absichtlich langsam, damit ich sie
recht lange lachen hren knne. Ein Genu war's fr sie, sie genossen
die ganze Kstlichkeit, die in einem Lachen liegen kann. Sie konnten gar
nicht aufhren mit Lachen, und ich sah, wie es sie schttelte. Sie
krmmten sich frmlich darunter. O, so rein war's, so ganz nur kindlich!
Worber sie vielleicht am unbndigsten und am lieblichsten lachten, war
die strenge Miene, die das erwachsene Frulein neben ihnen zu ziehen fr
ntig erachtete. Des groen Mdchens Ernst gab ihnen am meisten zu
lachen. Doch endlich, von so viel liebreizender Lustigkeit hingerissen,
lachte auch die Gemessene, die Ernste und die Groe. Sie war besiegt von
den Kindern und lachte nun wie ein Kind mit den Siegerinnen, den
Kleinen. Wie sind ber die Grmlichen die Glcklichen Sieger! Die zwei
Kinder lachten in ihrer Unschuld ber alles, ber Heutiges und
Gestriges, ber dieses und jenes, ber sich selber. Sie muten ber ihr
eigenes Lachen lachen. Ihr Lachen kam ihnen immer lcherlicher, lustiger
vor. Ganz deutlich fhlte und hrte ich's. Ich pries mich glcklich, da
ich das Glckchenkonzert, das Lachkonzert anhren durfte. Die ganze
Strae entlang lachten sie. Sie wollten fast umfallen, sich fast
auflsen und zergehen vor Lachen. Alles an ihnen, den lieben glcklichen
Kindern, lachte mit, die Kpfe, die Glieder, die Hnde, Fe und Beine.
Sie bestanden ganz nur noch aus Lachen. Wie schimmerte und glitzerte die
Lachlust in ihren Augen! Ich glaube fast, sie muten so grlich, so
grausam, so anhaltend lachen ber einen dummen, kleinen Jungen. So
schelmisch und wieder so schn war's, so rhrend und so ausgelassen.
Wahrscheinlich war der Lachanla nur ganz geringfgig gewesen. Kinder
sind eben Knstler im Erfassen eines Grundes, recht selig zu sein. Ein
kleiner, leiser Vorfall mag es gewesen sein, und da machten sie eine
groe Geschichte daraus, hingen solch ein langes, groes, breites,
ppiges Lachen daran. Kinder wissen, was sie glcklich macht.




Der Berg


Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht
hinauf auf den schnen Berg. Doch ich bilde mir ein, da du die Arbeit
des Besteigens nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heier,
heiterer Sommermorgen, Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du
zu schauen vermagst, besteht aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem
Hauch von Blau und Grn. Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um
Atem zu schpfen, dir den Schwei vom Kopf abzuwischen, und hinunter in
die Tiefe zu blicken. Nun wirst du mir erlauben, zu denken, du seist
oben auf dem grnen, weichen und breiten Bergrcken glcklich und
freudig angekommen, wo dich auch gleich khle, reine Bergluft umweht,
die du mit Entzcken einatmest, da dir die Brust und das Herz sich
ausweiten. Gttlich schn mutet dich, lieber Freund, das Stehen auf der
erstiegenen Hhe an, und du bildest dir ein, da du im Genu der sen,
hohen Bergesfreiheit ertrinken mssest. Ganz wie ertrunken im Meer der
kstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglckes kommst du dir vor.
Selig bist du, da du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein
heiteres, reiches Gemlde zu Fen liegt, die da unten liegt und tnt
und duftet wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam
gehst du unter Tannensten und reizendem Buchengrn, welches dich mit
seiner frischen Gtterfarbe wie mit einem Kinderlcheln anlchelt, auf
der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe oder ganze Stunde
glckselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder und schreitest
weiter durch all die ringsverbreitete se, heie Melodie von Blau und
Grn. Das Grn ist so ppig und saftig, da du meinst, es sei eine Flut,
in welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein
lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist
nicht edler und schner, und Japan mit seinen Frstengrten kann nicht
lust- und glckberschtteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der
tiefen Menschenebene das Gerusch des ttigen, tglichen Lebens an dein
horchendes Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schne und liebe
Wei der Wolke trinken, die wie ein Mrchenschiff am blauen Himmel
schwimmt. Ses Girren und Brausen, Summen und Lftelispeln, und da
stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den
Farben, und schaust hinber zu den Nachbarbergen, welche, Traumfiguren
hnlich, still und gro und gedmpft in die Luft hinaufragen, und du
grest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie sind es dir. Du bist
der Freund der ganzen Welt; ans Herz mchtest du ihr sinken, der
wunderbaren Freundin. Umschlungen hlt sie dich und du sie. Du verstehst
sie, liebst sie und sie dich.




Schwrmerei


Ob ich mit ihr dann den Berg hinaufgehen werde? Nein, ich glaube, es
wird schner sein, ins weiche niedere Land hineinzuspazieren mit ihr.
Bergsteigen und Anstrengungen berwinden kann ich, wenn ich allein bin.
Mit ihr soll es ein Lustwandeln sein wie in einem angenehmen, weichen,
leichten Garten. Zu berreden werde ich sie schon wissen. Sie wird schon
zu verfhren sein. Will ich sie verfhren? Ja! Aber ich will ihr treu
sein bis weit, weit hinaus. Treue und Liebe sollen kein Ende nehmen. Wie
ich schwrme! Also leise bers grne Land soll es gehen, durch die
sanfte und offenherzige Gegend, an den Menschen, an den Tieren und an
den lieben, heimeligen Bauernhusern vorbei, Bume stehen links und
rechts neben dem Weg in den Wiesen, und weie Wolken fliegen oder liegen
am hellblauen Himmel. Alles ist dort grn, wei und blau, da und dort
das zarte, alte Rot eines Hausdaches, das bis an die Erde herabreicht.
Alles hell, alles freundlich, alles still. Nun und so kommen wir, denke
ich mir, in einen dunklen, grnen Wald, in ein rechtes Kircheninneres
von Wald, wo die hohen, schlanken, zarten Tannen wie Sulen stehen, und
wo es khl ist, da man leise schauert. Unsere Schritte sind nicht
hrbar auf dem tannenreisbelegten, weichen, braunen Boden. Wie ein
Sinnbild der Treue und des liebevollen Harrens ist der Wald; bald treten
wir aus dem Wald wieder heraus und sehen einen grnen Wiesenhgel mit
gelben, lnglichen Kornpltzen. Der Wind streicht liebkosend ber das
Korn und macht es wogen wie Wellen. Es ist so warm, und die Farben sind
so s. Auf dem weien Weg gehen wir langsam weiter. Jeder Schritt ist
ein Erleben, und in jedem Augenblick liegt es wie ein Ereignis.
Verstndlich, als wenn es ein glckliches Lcheln sei, liegt das Leben
da und ist das treue, schne Land vor unseren Augen ausgebreitet. Da
erkhne ich mich, bilde ich mir ein, des Mdchens zarte Hand leise,
leise anzufassen, und nun wei sie auch schon alles, alles. Die
Herrliche, sie senkt die Augen, und indem sie das tut, bindet sie mich
fr immer, schliet sie mich fr immer ein in den weichen Kerker. -- Ich
bin ihr Gefangener. Ich will reden, doch alle Worte, die mir einfallen,
gengen mir nicht, und so schweige ich. Eine weie und rote Rose geht
neben mir, das ist sie, sie, deren dunkler, wunderbarer Wunsch nun mein
Gesetz, Stern und Regierung ist. Still hat sie gewartet, bis ich kme
und sie bte, Herrscherin zu sein------




Oskar


Sehr frh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, da er auf die
Seite ging und ein so ausdrckliches Gefallen am Alleinsein fand. Er
erinnerte sich in spteren Jahren deutlich, da niemand ihn auf solche
Dinge aufmerksam machte. Ganz von allein kam es und war es da, das
seltsame Bedrfnis, einsam und abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich
selber holte er den Gedanken, da es schn sei, sich zu verschlieen, um
so wieder frische Lust zu gewinnen, und neue Sehnsucht zu empfinden,
offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu treten. Es war eine Art
Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich stellte. In ein
armseliges, halbzerstrtes Haus an der Bergstrae war er gezogen; hier
bewohnte er ein drftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und
ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen
lie er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich
haben. -- Rauh und unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein.
Ausharren und etwas ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das
hatte ihm niemand gesagt. Er ganz allein war auf die Idee gekommen,
die ihm sagte, da es fr ihn gut sei, wenn er sich befehle,
Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und gutmtig zu ertragen.
Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da, gleich einem
absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt fr ihn,
die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkhnen drfe, es zu
treiben, wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu
ihm ins Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber
er war einmal hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es
mute so weitergehen, fast ohne da er es wollte. Wer in die
Seltsamkeiten hineingegangen ist, den nehmen sie und fhren ihn mit
regierenden Hnden weiter, reien ihn fort, lassen ihn nicht wieder los.
Einsam verbrachte er die Tage und die Nchte. Zwei kleine Kinder lagen
im anderen Zimmer, hart an der Wand. Er hrte sie vielmal klglich
weinen. Ganze lange dunkle Nchte lag er schlaflos da, als sei der
Schlaf sein Feind, frchte und fliehe ihn, und als sei das Wachbleiben
sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermge. Tglich
machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei
es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde,
unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch wrde
dieses Leben haben schn finden knnen. Er aber wollte es einmal so; er
befahl sich, da er diese Lebensweise schn finde. Da er Reize sehen
wollte, sah er sie auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not
kennen lernen wollte, gab sie sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz
ertrug er alle sogenannte Langeweile. Das Einerlei und die eine und
selbe Farbe waren ihm schn, und der eine Ton war sein Leben. Er wollte
nichts wissen von Langeweile. Es gab keine fr ihn. So regierte er sich.
So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-krperlichen Wesen mit den
stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hie
er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod fr ihn. Ausdauer, in
die er sich mit freiem Willen wohllstig senkte, war sein menschlich
Leben. S wie Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, da
er arm sei. Er gehrte mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken
und Gefhlen und mit dem ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die
versteckten Wege zwischen den hohen Hecken, und die Abende waren seine
Freunde. Keinen hheren Genu kannte er, als den Genu von Tag und
Nacht.




Die Einfahrt


Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun sa ich
mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im
Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzckte.
Langsam, als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei
es ihm ein Bedrfnis, zgerlich vorzurcken, fuhr der Zug, es war ein
Arbeiterzug. Ich war recht froh, da es ein so stiller Zug war und da
ich jetzt zusammensa mit den rmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es
war mir, als lerne ich wieder mein Volk so recht aus dem Grunde kennen,
als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in das Herz des Volkes hinein. Abend
wurde es. Auf jeder kleinen, drflichen Station hielt der Wagen an, und
liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein und aus. Mich beschlich
eine wunderbare, angenehme Zrtlichkeit fr das Land und fr die Leute.
Land und Leute ffneten sich mir so still, so gro. Immer grer, immer
schner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte, stille
Freundschaftsglut bemchtigte sich meines Innern, das mir zu blhen, zu
lachen, zu weinen schien. Ich fhlte, wie ein Glanz mir in die Augen
kam. Da schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren
phantastisch-steilen, grnen Hhen und immer fuhr der Zug zart und leise
weiter. Ich will die Fahrt nie, nie vergessen. Gttlich-schn war es,
wie ich und die andern Leute so still hineinfuhren, hineingleiteten in
die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte groartige Melodien
entgegentnten. Unvergelich wird mir das goldig-dunkle Abendgebirge im
Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens miteinander,
Mnner, Jnglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das Vaterland und
sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange Jahre war es
immer flach und glatt und d vor meinem Auge gewesen, da die weite,
hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt
ging es wieder freundlich in die khne Hhe und sank in reiche,
himmlisch-schne, gedankenvolle Abgrnde hinunter. Eine stille
Vaterlandeslust brannte in mir und eine alte, se, wundervolle Liebe
wurde wieder wach zu meinem Entzcken. O das war ein schnes
Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten Landsgenossen in die
Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen.
Liebe, grne Tler lachten in der Tiefe und von der Hhe herab nickte
stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen
auf den Wegen gehen, die sich in die Wlder schlngelten. Das Land
ffnete die Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war
wieder der Sohn des Landes und seiner Brger einer. Allmhlich wurde es
Nacht.




Die Vaterstadt


Der junge, rstige Reisende langte mit der Bahn in der Stadt an, in der
er geboren war. Der Ort erschien ihm lieblich wie nie zuvor. Er trat in
einen Zigarrenladen und kaufte sich Tabak. Der Zigarrenhndler entpuppte
sich als ein Schulkamerad von ihm. Viele Jahre war der Reisende fort
gewesen, wie war er jetzt entzckt, da in der Heimatstadt alles so
schn gleich geblieben. Wundersam, wie ein Kindheitstraum, wo
Engelsgestalten sich zu uns niederneigen, erschien ihm das altbekannte
Leben und Treiben in den schnen, stillen, feinen Straen. Dunkle
Aprilfarben erfllten die Luft und berraschend fr des Fremdlings Augen
war der Glanz, der in der Sphre und auf allen Gegenstnden lag. Etwas
Niegesehen-Groes breitete sich deutlich vor ihm aus und lie ihn
Erregungen gnzlich neuer Art empfinden. Er war erregt und beglckt
dabei, er zitterte und er htte dazu lachen und spielen mgen. Es war
ihm um die Brust, als sei er, seit er die alte, liebe Stadt betreten,
wieder viel jnger und viel gtiger und viel freundlicher geworden.
Unbefangen und freundlich schauten die Leute ihn an, ohne ihn lang und
scharf und gro anzublicken. So behaglich und frei und warm und kstlich
kam ihm alles vor, die Huser so zierlich, die Bume so prchtig.
Grnliches Treiben und Knospen war schon an den weichen, krftigen
Zweigen sichtbar, und dazu lieen die Singvgel aus allen Gassen und
Nebengassen ihren sen, lieben, einschmeichelnden Gesang vernehmen. Der
Reisende schaute und horchte. Horchte, horchte! Er ging nur ganz langsam
weiter und blieb immer stehen. Seine Unbefangenheit kmpfte mit einer
Art von Bangen und Ahnen, welches sich seiner Seele bemeisterte. Er fand
zuletzt ein Huschen, das am Felsen angeschmiegt lag. Die Bume im
zierlichen Garten waren so klein. Alles schien zu lcheln, zu lispeln
und zu zwitschern. Tiefsinnig-grn schaute ihn ein Stck Wiese an. Er
besann sich auf alte lngst vergessene Trumereien. Alte
Lieblings-Einbildungen erhoben ihr schelmisches, liebliches Geflster,
und die Fenster des Huschens schienen lustig zu blinzeln wie Augen
eines gescheiten Menschengesichtes. Da trat er hinein. In dem Hause
wohnte sein alter Vater.




Das Grab der Mutter


An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige
Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher
geregnet, es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bume. Ich kam in
den Totenhof hinein zu den alten, stillen, heiligen Grbern, und hier
empfing mich wie mit sen, lieben, keuschen Armen ein so schnes,
frisches Grn, wie ich es nie gesehen. Leise schritt ich auf dem
kiesbelegten Wege vorwrts. Es war alles so still. Kein Blatt bewegte
sich, nichts regte und rhrte sich. Es war, als lausche alles. Wie wenn
das Grn die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und ber das uralte
und immer wieder junge Rtsel vom Tod und vom Leben in ein langes und
tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten,
wunderbaren Schnheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mute es
mich ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des
Schweigens fr immer so s, so grn, so warm war. Kein Mensch auer mir
lie sich erblicken. Auer dem Grn und den Grabsteinen war nichts da.
Ich wagte kaum zu atmen in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt
kam mir frech und unzart vor mitten in all dem heiligen, ernsten und
zarten Schweigen. Unendlich freundlich und lieblich hing das reiche Grn
eines Akazienbaumes ber ein Grab herab, bei dem ich stehen blieb. Es
war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flstern und zu
lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der
Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck
sanft und schleierhaft hinauf aus des grnen, stillen Grabes unfabarer
Tiefe. Lange stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir
alle kommen einst dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist
und alles aufhrt und alles sich auflsen mu zu einem Schweigen.




Abend


Ich sa in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein
schweigender, denkender, nachrechnender Hndler und stand jetzt auf und
ging hinaus auf die abendliche Strae, wo der Abendzauber mich mit
seinem Dunkel empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg,
ber welchem jetzt der Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstrae
war es unsglich schn. Einige Helligkeit war am Verschwinden, war noch
da, hauchte und schwebte noch da und dort herum. Doch die Sterne
erschienen bereits, zwischen groen, warmen Wolken, am dunkleren und
dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr an zu regieren. Die
Leute standen so schn undeutlich da und gingen im Dunkel so schn warm
und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es war ein
Mdchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen und
liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten
ber den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich,
gut und gro. Ich wnschte, da die Zeit zwischen Tag und
Nacht, die schne Zwischenzeit, die liebe, schne Abendzeit
ewig, ewig andauern mchte. Eine Ewigkeit lang Abend. Weiter
ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im Land der Poesie selber,
so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem zarten Abendmantel.
ber allem lag der Schleier der Zartheit und der Verhaltenheit. Mildes,
dunkles, ses Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben und hinter und
vor mir. Da kam ich ber die Brcke. Die groen Wolken sanken hinab in
das stille, flieende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem
Flu herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert.
Unten und oben, das Vordere und das Zurckgesunkene! Wie trunken von all
der Schnheit marschierte ich weiter, ein Glcklicher, ein Berauschter.
Ich trank am Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus
zur Brcke, ich ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so
das Bedrfnis, kaum wute ich, was ich tat. Als ich wieder draus
heraustrat, war es vllige Nacht mit vllig-gttlich-schner Finsternis.
berall die Lichter nun in den Fenstern. Ich machte, da ich nach Hause
kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch eine Frau mit ihren zwei
kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen
hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und s war es fr mich, wie
mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grte. O wie schn ist ein
Gru aus Kindermund in dunkler Nacht.




An den Bruder


Fast mache ich mir einen Vorwurf, da ich solch ein Schlenderer,
Herumfeger und Spaziergnger bin, aber es ist hier eine so schne
Gegend, ein so heiteres, gut aufgerumtes und ich mchte sagen
gesprchiges Land. Alles ist hell, schn, frei und warm. Land und Leute
scheinen sich gleich unbefangen zu geben. Das Land bietet sich dar wie
ein artiges, liebes, kleines Kind mit Unschuld-Augen und -Fragen, und
mit Unschuld-Farben. Die Farben, mein lieber Maler, sind ein
weitverbreitetes Blau und ein ebenso weit ausgebreitetes helles Grn,
und dazwischen sind Stellen, die blendend wei sind, und dann kommt
wogendes, duftendes, herzerquickendes Gelb, und das ist das Kornfeld,
durch welches der Wind leise weht. Tag und Nacht, Morgen und Abend sind
unendlich schn, sind ein Schauspiel, so recht zum Satt-Anschauen. Man
wird nie mde, nie satt, nie matt; man ist immer wieder begierig, immer
wieder ungesttigt, immer wieder unbefriedigt. Und doch ist zugleich ein
wundersamer Frieden und ein so schnes, festes, leichtes Gengen in der
Luft. Wenn du spazieren gehst, so gehst du wie in der Luft spazieren und
meinst, du werdest zu einem Teil des blauen Hauches, der ber allem
schwebt. Dann regnet es wieder, und alles Gegenstndliche ist dann so
na, feucht und voll sen Glanzes. Die Leute hier fhlen die Se und
die Liebe, die in der Natur ist, die in der ganzen lebendigen Welt ist.
Sie stehen angenehm herum, und ihren Bewegungen ist nachzuspren, da
sie freie Leute sind. Wenn sie zur tglichen Arbeit gehen, so sieht es
nicht aus wie mrrisches Mssen, sondern wie freisinniges Wollen. Sie
schlendern so, wenn sie gehen und wenn sie etwas verrichten, so brauchen
sie nicht zu hasten, und das bietet ein appetitliches, gesundes Bild
dar. Was macht die Hauptstadt mit ihren heftigen Energien? Meine Energie
ist hbsch schlafen gegangen einstweilen. Ich gehe sehr energisch baden
und trume voller Energie in die blaue Luft hinauf. Ich bin ungemein
energisch im Gehenlassen und Nichtstun. Sie rennen sich doch nur oft die
Kpfe an Mauern wund mit ihrem ewigen Groes-Verrichten-Wollen. Ich, ich
will mich hier wieder recht behaglich zurechtfinden. Ich will gedeihen,
ich will wachsen. Das heit, Bester: ich will es nicht. So etwas darf
man nicht wollen, sondern man wnscht es, man hofft es blo, man trumt
davon. Ich bin jetzt sehr oft ganz, ganz gedankenlos, und wie pat das
zu all der Schnheit, zu all der Freude und zu all der Gre der Natur.
Eine himmelblaue Welle ist ber mich gekommen und hat mich unter ihrem
flssigen, liebevollen Leib begraben. Ich lebe wieder auf, weil ich viel
vergessen habe, ich fhre wieder ein Leben, weil ich sehe, da das Leben
schn ist. Zuweilen ist's mir, als mchte ich die Welt, die ganze Welt
umarmen und ans frohe Herz drcken. Ich schwrme! und ich bin von Herzen
froh, da ich es noch kann. Ich mchte es nicht verlernen.



  Frauenbund
  zur Ehrung rheinlndischer Dichter
  gegrndet 3. Juli 1909
  zu Darmstadt

  1914




Einbandzeichnung
von Karl Walser




Der geschftsfhrende Vorstand:

  Frau Guido Schoeller, Dren, 1. Vorsitzende
  Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, 2. Vorsitzende
  Frau Prof. Trbner, Karlsruhe, 3. Vorsitzende
  Frau Kom.-Rat Rudolph Schoeller, Dren, Schatzmeisterin
  Frau Emma von Eynern, Dren, stellvertretende Schatzmeisterin
  Frau Elisabeth Schfer, Vallendar, Schriftfhrerin


Der erweiterte Vorstand:

  Barmen: Frau Eduard Schulz
  Bensheim: Frau Kommerzienrat Euler
  Bielefeld: Frau Justizrat Ohly
  Bonn: Frau Geheimrat Schultze
  Coblenz: Frau Geh. Kommerzienrat von Oswald
  Coblenz: Frau Regierungsrat Snethlage
  Cln: Frau Kommerzienrat Louis Hagen
  Cln: Frau Dr. Richard Schnitzler
  Crefeld: Frau Emil von Beckerath
  Crefeld: Frulein Margarethe Hermes
  Dortmund: Frau Konsul Robert Hoesch
  Dsseldorf: Frulein Minna Blanckertz
  Dsseldorf: Frau Prof. Julius Buths
  Dsseldorf: Frau Reg.-Prs. a. D. zur Nedden
  Duisburg: Frau Oberbrgermeister Dr. Jarres
  Elberfeld: Frau Addy Graf
  Frankfurt a. M.: Frulein Clara Roger
  Hagen: Frau Irma Graeve
  Hamm: Frau Christine Merkel
  Langerwehe: Frau Irma Hasenclever
  Mannheim: Frau Julie Bassermann
  Mannheim: Frau Kommerzienrat Rchling
  Mannheim: Frau Gerta Thorbecke
  Merzig a. d. Saar: Frau Landrat Haniel
  Minden: Frau Regierungsrat Moldehnke
  Mlheim a. d. Ruhr: Frau M. Niebel
  St. Johann-Saarbrcken: Frau Adolf Ehrhardt
  Trier: Frau Prof. Dr. Hermine Hettner
  Uerdingen: Frau Rudolf Wedekind
  Wiesbaden: Frau Dr. H. Stempel
  Worms: Frulein Anna Reinhart
  Zrich: Frau Dr. Ernst Schwarzenbach


Lesekommission:

  Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, Vorsitzende
  Frau Geheimrat Clemen, Bonn
  Frau Ida Dehmel, Blankenese bei Hamburg
  Ihre Exzellenz Baronin von Heycking, Crossen in Sachsen
  Frau Guido Schoeller, Dren
  Frau Kommerzienrat Rudolph Schoeller, Dren
  Frau Addy Graf, Elberfeld
  Frau Christine Merkel, Hamm i. W.
  Frau Dr. Eulenberg, Kaiserswerth
  Frau Alice Trbner, Karlsruhe
  Frau Elisabeth Schfer, Vallendar
  Frulein Thekla Rudorff, Wiesbaden


Rechnungsprfer:

  Herr Gustav Renker, Dren


Mitgliederliste.


_Aachen_ (21)

  Frulein Kte v. d. Bank
  Frau Konsul Paula Brockhoff-Hoesch
  Herr Konsul Alfred Brls
  Frau Otto Croon
  Frau Geheimrat Delius
  Frau Max Erckens
  Frau Fr. v. Halfern
  Frau Polizeiprsident v. Hammacher
  Frulein Bertha Herren
  Frau Ernst Hirtz
  Frau Honigmann-Kirdorf
  Frl. Anna Honigmann
  Frl. Lili Honigmann
  Frau Geheimrat Kirdorf
  Frau Max Kirdorf-Suermondt
  Frau A. von Luttitz
  Frau Prof. Marwedel
  Frau Berta Peltzer
  Frau Eugen Peltzer
  Frau Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Schmid
  Frau Marita Startz


_Alsfeld_

  Frulein Elsa Bcking


_Alten-Plathow_ b. Genthin

  Frau Martha v. Treskow


_Altkirch_ (Ober-Elsa)

  Frl. Elfriede Widemann


_Alzey_ (Rheinpfalz)

  Frau Kreisamtmann Reinhart


_Amneburg_ b. Biebrich a. Rh.

  Frau Otto Dyckerhoff


_Antwerpen_ (4)

  Frau Anna Davidis
  Frau Paul Karcher
  Frau Richard Rhodius
  Frau Valentin Schoeller


_Baden-Baden_ (3)

  Frau Adele Borchard
  Frau A. Platz
  Frau Karina Scheitlin


_Baden_ (Schweiz) (3)

  Frau Victoire Boveri
  Frau Eric Brown-Moser
  Frau Direktor L. Dotzenheimer


_Bamberg_

  Freifrau Hertha v. Seefried auf Buttenheim


_Barmen_ (31)

  Frau Addy Schulz, M.d.e.V.
  Frau Eduard Braselmann
  Frau Emil Bremme
  Frau Richard Bredt-Schuell
  Frau H. Brninghaus
  Frau Martha Conradi
  Frau Emil Dierichs
  Frau Alex Erbslh
  Frau Geh. Kommerzienrat Julius Erbslh
  Frl. Margreth Erbslh
  Frau Walter Erbslh
  Frl. Anna von Eynern
  Frau Gustav Adolf Grote
  Frau Kommerzienrat Theodor Hinsberg
  Frau Grete Jung
  Frau Dr. jur. v. Knapp
  Frau Eugenie Krenzler
  Frau Medizinalrat Dr. Kriege
  Frau C.A. Kruse
  Frau Ernst Molineus
  Frau Carl Neumann
  Frau Anna Platzhoff
  Frau Erna Reber
  Frau Fanny Schmahl
  Frl. Hedwig Schmahl
  Frau Auguste Tilgenkamp
  Frau Cecilie Vorwerk-Blank
  Frau Kommerzienrat Dr. E. Wittenstein
  Frau Dr. Wesenfeld
  Frau Ludwig Weerth
  Frau Albert Wever jun.


_Basel_ (Schweiz) (3)

  Frau Finy Doetsch-Benziger
  Frulein Gretel Engler
  Frau Otto Rchling


_Benrath_ a. Rh.

  Frau Dr. Rudolf Esch, geb. von Beckerath


_Bensheim_ a. d. Bergstrae (3)

  Frau Kommerzienrat Euler, M.d.e.V.
  Frau Karl Euler
  Frau Marietta Euler


_Berg.-Gladbach_ (4)

  Frau Paula Gibelius
  Frau Auguste Leussen
  Frau Kommerzienrat Zanders
  Frau Hella Zweiffel-Weiler


_Berlin_ (40) Gro-Berlin

  Frau Melinka Luise Aschoff, geb. Krafft
  Frau Henrietta Bagel
  Frau Therese Balke
  Frau Leutnant v. Berghes
  Herr Stadtrat Hans Bergmann
  Frulein Lili Beerli
  Frau Geheimrat Alice Dombois
  Frau Oberbrgermeister Dominicus
  Frau Dr. M. Dreger
  Frau Konsul P. Gaertner, geb. Knoop
  Frau Patentanwalt Goldberg
  Ihre Exzellenz Frau Martha von Hagens
  Frau Oberleutnant Haniel
  Frau Paul Hamm
  Frau Clara Harkort
  Frau Hauptmann von Heiligenstedt
  Frau Konsul Ernst Hengstenberg
  Frau Mathilde Hengstenberg
  Frau Erna Hergersberg-Storp
  Frau Baurat Herzberg
  Frau Elisabeth v. d. Heydt
  Frau Hela Hoeckner, geb. Miquel
  Frau Regierungsassessor a. D. Gennes
  Frau Elly Keetman
  Frau Ida Knobloch
  Frau M. Koehler
  Frau Baurat Krause
  Frau Helene Krau
  Frau Elisabeth Lienau
  Frl. Julie Nedelmann
  Frau Dr. Osthoff
  Freifrau v. Palm, geb. v. d. Heydt
  Frau Marta von Pelken
  Frau Bankdirektor Schlitter
  Frau Dr. Schnenberger
  Frau Baronin Paula v. Schorlemer
  Frulein Maria Storp
  Frau Anna Strau
  Frau Prof. Uphues
  Frau Geheimrat Dr. Stbben


_Biebrich_ a. Rh.

  Frau Reinhold Lynen


_Bielefeld_ (11)

  Frau Justizrat Ohly, M.d.e.V.
  Frau Margarete Bertelsmann
  Frau Justizrat Bock
  Frau Marta Bozi
  Frau Erich Delius
  Frau Rechtsanwalt Fasbender
  Frau Dr. Groneweg
  Frau Rechtsanwalt Heidsiek
  Frulein Emilie v. Laer
  Frau Carl Lohmann
  Frau Landgerichtsprsident Waitz


_Bielstein_ (Rheinland) (2)

  Frau Carl Haas
  Frl. Helene Kattwinkel


_Blankenese_ b. Hamburg (2)

  Frau Ida Dehmel
  Frau Bankdirektor Haue


_Bocholt_ b. Remscheid

  Frau Adolf Reygers


_Bochum_ i. Westf. (4)

  Frau Erster Staatsanwalt Dr. Goedicke
  Frau Landrichter Dr. Grundig
  Frau Bankdirektor Mahnert
  Frau Justizrat Dr. Mummenhoff


_Bonn_ (65)

  Frau Geheimrat Prof. B. Litzmann, 2. Vorsitzende
  Frau Geheimrat Schultze, M.d.e.V.
  Frau Geheimrat Prof. Paul Clemen, M.d.L.A.
  Frau General v. Armin
  Frl. Veronika Bouvier
  Frau Brab-Thon
  Frau Prof. Bunge
  Frau Bullrich
  Frau Hedwig Cohen-Bouvier
  Frau Dr. Cords
  Frau Amtsgerichtsrat Daniel
  Frau Oberlandesgerichtsrat Eichacker
  Frau v. d. Elst
  Frau Dr. Enders
  Frau Prof. Dr. Finkelnburg
  Frau Th. Fleitmann
  Frau Dr. Freusberg
  Frau Sophie Gerhardt
  Frau Oberstleutnant v. Gilsa
  Frau Otto Glauert
  Frau Prof. Graff
  Frau Prof. Dr. Carl Grube
  Frau Prof. Grters
  Frau Franz Guilleaume
  Frulein Betty Gnther
  Frau Geheimrat Hammerschmidt
  Frau Geheimrat Hvermann
  Frau Landgerichtsprsident Junkermann
  Frulein Ellen Kalthoff
  Frau H. Klamroth
  Frau Geheimrat Krger
  Frau Prof. A. Landsberg
  Herr Geheimrat Prof. Berthold Litzmann
  Frl. Elisabeth Litzmann
  Frulein Johanna Marx
  Frau Maria Merckens
  Frau Dr. Mller
  Frulein Dr. Annemarie Morisse
  Frau Geheimrat von Mosengeil
  Frl. Elisabeth Neubig
  Frau Bauinspektor Oehlmann
  Frau Prof. Pflger
  Frau Dr. Poensgen
  Frau Liese Price, geb. Prym
  Frau Dr. Paul Prym
  Frau Johanna Poppe
  Frau Dr. Rick
  Frau Prof. Ruhland
  Frau Geheimrat Prof. Rumpf
  Frau Geheimrat Schede
  Frau Dr. Schiedermaier
  Freifrau Marie Schilling v. Cannstadt
  Frau Liese Schmidtbonn
  Frau Direktor Schumm-Walter
  Frau Geh. Kommerzienrat Selve
  Frau Bankdirektor Adele Steinberg
  Frau Geheimrat Steinmann
  Frau J.P. Tonger
  Frau E. Wasserfuhr
  Frau Kommerzienrat Louis Wessel
  Frl. Gudrun Wiedemann
  Frau Margarethe L. Windhorst
  Frau Rechtsanwalt Wassermeyer II.
  Frau Geheimrat Zitelmann
  Frau Konsul Zuntz


_Brebach_ a. d. Saar

  Frau Dr. Baentsch


_Bremen_ (2)

  Frau Erich Fabarius
  Frau E. Schrder


_Breslau_

  Frau Assessor Dr. Osterloh


_Bderich_, Kr. Neu (2)

  Frau Ilse Oppenheimer
  Frau Dr. Maase


_Coblenz_ (34)

  Frau Geh. Kommerzienrat v. Oswald, M.d.e.V.
  Frau Regierungsrat Snethlage, M.d.e.V.
  Frau Oberregierungsrat Brckner
  Frau Gerichtsrat Devin
  Frulein Therese Junckerstorff
  Frau Justizrat Grff
  Frau Prof. Dr. Heidsiek
  Frulein Maria Hessel
  Frau Generalmusikdirektor Prof. Kes
  Frulein Auguste Kleist
  Frau Archivrat Knipping
  Frau Syndikus Gustav Kpper
  Frau Maria Kramer
  Frau Dr. Otto Landau
  Frau Sophie Lichtenhahn
  Frau Willy Mayer-Alberti
  Frau Dr. Michel
  Frau Forstmeister Mohr
  Frau Oberregierungsrat Momm
  Frau Regierungsrat Neff
  Frau Beigeordneter P. Prentzel
  Frau Geheimrat Rasch
  Frau Regierungsprsident Scherenberg
  Frau Oberbrgermeister Schueller
  Frau Heide Schrder
  Frau Georg Seligmann
  Frau Kommerzienrat Seligmann
  Frau Geh. Kommerzienrat Spaeter
  Frau Bertha Stock
  Frau Major Tondeur
  Frau Mathilde Voigt
  Frulein M. Vo
  Frau Major Weckmann
  Frau Dr. Wolf


_Cln_ (65)

  Frau Kommerzienrat Louis Hagen, M.d.e.V.
  Frau Dr. Richard Schnitzler, M.d.e.V.
  Frau Kommerzienrat Dr. jur. Albert Ahn
  Frau M. Bachem-Sieger
  Frau Carl Th. Deichmann
  Frau Justizrat Eltzbacher
  Frulein H. Endemann
  Frau Erdensohn
  Frau Geheimrat Esser
  Frau Maria Eul
  Frau Leopold Frank
  Frl. Hella Freusberg
  Frau Oberleutnant Fusban
  Frau Faesy-Hartmann
  Frau Dr. Gaul
  Frulein Martha Gaul
  Frau Friedrich Grneberg
  Frau Senatsprsident Gnther
  Frau Kommerzienrat Arnold v. Guilleaume
  Frau Hilla Gruenwald
  Frau W.C. Hartmann
  Frau Kommerzienrat Albert Heimann
  Frau Dr. Max Heimann
  Frau Geheimer Sanittsrat Heimsoeth
  Frau Emil Hellmers
  Frau Hugo Herz
  Frau Kommerzienrat W. Heyer
  Frau Carl v. Joest
  Frau Elisabeth Kessel
  Frau Heinrich Kiel
  Frau Marie Krause
  Frau Kommerzienrat Fritz Langen
  Frau Adolf Leven
  Frau Margarethe Loehmer
  Frau Felix v. Mallinckrodt
  Frau Dr. E. v. Mallinckrodt
  Frau Marguerite Matthis
  Frau Dr. H.C. Merrill
  Frulein Mathilde von Mevissen
  Frulein Melanie von Mevissen
  Frau Geheimrat Neven-Du Mont
  Frau August C.W. Nolte
  Frau Dr. med. Nolden
  Frau Emil Oelbermann
  Frau Amtsrichter Dr. Oster
  Frau Carl Peters
  Frau Lina Piel-Weber
  Frau Oberstaatsanwalt Pult
  Frau Geheimrat A. Samelson
  Frau Alfred Schmidt
  Frau Oberregierungsrat Schuch
  Frulein Mella von Schnitzler
  Frau Geheimrat Robert Schnitzler
  Frau Justizrat Victor Schnitzler
  Frau Carl Theodor Soelling
  Frau Konsul Hch. v. Stein
  Frau Eugenie Steinberg
  Frau Paula Stierstadt
  Frau W. Sthlen
  Frau Paul Stein
  Frau Leonhard Tietz
  Frau Maria Traine
  Frau Georg Friedrich Vowinkel
  Frau Dr. H. Weiler
  Frau Regierungsassessor Woltering


_Crefeld_ (25)

  Frau Emil v. Beckerath, M.d.e.V.
  Frulein Margarethe Hermes, M.d.e.V.
  Frau Kommerzienrat Hedwig Bayerthal
  Frau Baronin von Boetzelaer
  Frulein Martha Brning
  Frau J. Clau
  Frau Geheimrat Deussen
  Frau Dr. Deu
  Frau Regierungsrat Dr. Jentges
  Frau Walter Hermes
  Frau Arthur Hertz
  Frau Bernh. Hertz
  Frl. Elisabeth Hoddick
  Frau Eugen Jacobs
  Frau Moritz Jrgens
  Frau Kommerzienrat Leendertz
  Frau Justizrat Mengelberg
  Frau Paul te Neues
  Frau Adele Oppenheimer
  Frulein Else Peltzer
  Frau Kommerzienrat Scheibler
  Frau Rudolf Schelleckes
  Frau Sanittsrat Dr. Schneider
  Frau Kommerzienrat Arthur Schroers
  Frl. Hedwig Vielhaber


_Crossen_

  Ihre Exzellenz Baronin von Heycking


_Darmstadt_ (43)

  Frau Justizrat Dr. Bender
  Frau Felix Boute
  Frau Emil Callmann
  Frau Prof. Dr. Dietz
  Ihre Exzellenz Frau Minister Dittmar
  Frl. Annuschka Dittmar
  Frulein Anna Ethel
  Frau Rittmeister Helene Fenner
  Frau Carl Flinsch
  Frau Geheimrat Marie Haas
  Frau Marta Haniel
  Frau Dr. Maria Happel
  Frau Geh. Forstrat Heinemann
  Ihre Exzellenz Freifrau Max v. Heyl
  Frau Gertrud Hoehn
  Frau Geh. Oberbaurat Hofmann
  Frau Dr. Arthur Human
  Frau Prof. Kiner
  Frulein Emilie Knorr
  Frulein Anna Koch
  Frau von Kraemer-Elsterstein
  Frau Sanittsrat von Maurer
  Frau Legationsrat Dr. Neidhard
  Frulein Maria Rau
  Frau Kommerzienrat Roeder
  Ihre Exzellenz Frau Staatsminister Rothe
  Herr Buchhndler Ludwig Saeng
  Freifrau Emma Schenk zu Schweinberg
  Frau Dr. Anna Schlapp
  Frau Ferdinand Schmidt
  Frau Hofkonzertmeister Schmidt
  Frau Joseph Schneider
  Frau Major Eugenie Schoerke
  Frulein Tilla Schrder
  Frau Gottfried Schwab
  Frau Major Selzam
  Frau Kommerzienrat Eugen Trier
  Frl. Maria Valckenberg
  Frau Kabinettssekretr Dr. Wehner
  Frau Baronin B. von Wedekind
  Frau Prof. Dr. Weller
  Freifrau Elsa Laura von Wolzogen
  Frau Landgerichtsdirektor Zimmermann


_Degerloch_ (Wrttemberg)

  Frau Gretel Pfennig-Eisenlohr


_Deidesheim_ (Pfalz)

  Frau Kommerzienrat Eckel


_Detmold_ (Lippe)

  Frau Franz Krohn


_Dippelshof_ b. Darmstadt

  Frau Oberstleutnant Bullrich


_Dortmund_ (15)

  Frau Robert Hoesch, M.d.e.V.
  Frau Dr. Brunck
  Frau Olga Brgmann
  Frau Dr. jur. Arnold Cremer
  Frau Oberbrgermeister Eichhoff
  Frau Johanna Frnkel
  Frau Konsul Hild
  Frau Konsul Albert Hoesch
  Frau Christel Kirchhoff
  Frau Dr. Overbeck
  Frau Bankdirektor Tegeler
  Frau Pastor Traub
  Frau Henny Tull
  Frau Dr. Wagenknecht
  Frau Ottilie Wortmann


_Dresden_ (3)

  Herr Graf Kuno Hardenberg
  Frau Kommerzienrat Ellen Hoesch
  Herr Dr. med. Eduard Krau


_Dren_ (67)

  Frau Guido Schoeller, 1. Vorsitzende
  Frau Kommerzienrat Rudolph Schoeller, Schatzmeisterin
  Frau Rudolf v. Eynern, stellvertretende Schatzmeisterin
  Frl. Marthe Apffel
  Frau Felix Banning
  Frau Ernst Benrath
  Frulein Ide Bernhardt, Oberin
  Frau Gustav Brstinghaus
  Frau Carl Bcklers
  Frau Fritz Busch
  Frau Walter Corty
  Frau Louis Draemann
  Frau Robert Emmel
  Frau Stadtbaurat Faensen
  Frl. Marie Fonrobert
  Frau Else von Gartzen
  Frulein Helene Gieser
  Frau Chr. Ivo Heimbach
  Frau Bernhard Heyder
  Frau Arthur Hoesch
  Frulein Laura Hoesch
  Frulein Maria Hoesch
  Frau Max Hoesch
  Frau Robert Hoesch
  Frau Walter Hoesch
  Frl. Johanna Itzenplitz
  Frau Paul Kappler
  Frau Landrat Kesselkaul
  Frau Oberbrgermeister Klotz
  Frau Karl Krafft
  Frau Leopold Krafft
  Frau Dr. Toni Littaur
  Frau Carl Mnch
  Frl. Hedwig Niemeyer
  Frau Leopold Peill jr.
  Frau Felix Peltzer
  Frau Gustav Renker
  Frau Richard Rhodius
  Frau Fritz Schleicher
  Frau Otto Schleicher
  Frau Albert Schoeller
  Frau Alfred Schoeller
  Frau Arno Schoeller
  Frau Geh. Kommerzienrat Arnold Schoeller
  Frau Caesar Schoeller
  Frau Carl Schoeller
  Frau Kommerzienrat Heinrich Schoeller
  Frl. Helene Schoeller
  Frau Hermann Schoeller
  Frau Leo Schoeller
  Frau Dr. Max Schoeller
  Frau Paul Schoeller
  Frau Philipp Schoeller
  Frau Viktor Schoeller
  Frau Oberlandesgerichtsrat Walter Schoeller
  Frau Sanittsrat Dr. Schreiber
  Frau Csar Schll
  Frau Felix Schll
  Frau Gustav Schll
  Frau Richard Schll
  Frau Walter Schll
  Frau Christel Schumacher
  Frl. Luise Schrmann
  Frau Notar Sendler
  Frau C.H. Seybold
  Frau Emil Wergifosse
  Frau Maria Wingerath


_Dsseldorf_ (66)

  Frl. Minna Blanckertz, M.d.e.V.
  Frau Prof. Julius Buths, M.d.e.V.
  Frau Prsident zur Nedden, M.d.e.V.
  Frau Geheimrat August Bagel
  Frau Fritz Bagel
  Frulein Adele Baum
  Frau Bergrat Behrens
  Frau von Berghes
  Frau Elisabeth Blanckertz
  Frau Auguste Blling
  Frau Direktor Callsen
  Frau Major Courth
  Frau Ellen Cramer
  Frau Ernst Cramer
  Frau Franz Dauter
  Frau Baronin v. Diergardt
  Frau Achille Dreher
  Frau Paul Eichwald
  Frau Alfred Flechtheim
  Frau Emil Flechtheim
  Frau Anka von Gahlen
  Frau Wwe. Hugo von Gahlen
  Frau Isabella Gilles
  Frau Paul Grolmann
  Frau August Gnther
  Frl. Ottilie Gnther
  Frau Geheimrat Franz Haniel
  Frau Dr. Hchst
  Frau Prof. Dr. A. Hoffmann
  Frau Richard Heimendahl
  Frau Geheimrat Dr. Josephson
  Frau Hedwig Kneist
  Frau Oberregierungsrat Koenigs
  Frau Ella Kohlschein
  Frau Albert Krau
  Frau Carl Krau
  Frau Prof. Dr. Kraeger
  Frau Regierungsprsident Kruse
  Frau Oberlandgerichtsrat Landau
  Frau Melinka v. Mauntz
  Frulein Berta Niebel
  Frau Fritz Niebel
  Frau Elsa Nrrenberg
  Frau Prof. Georges Oeder
  Frau Johanne Pape
  Frau Dr. Albert Poensgen
  Frl. Marta Poensgen
  Frau Rechtsanwalt Presser
  Rheinischer Frauenklub
  Frau Henny Reusing
  Frau Friedrich Scheven
  Frulein Ida Scheven
  Frau Prof. Schill
  Frl. Henriette Schmidt
  Frau Dr. M. Schmidt-Salzer
  Frau Valesca Schmitz
  Frau Kommerzienrat Schmitz-Scholl
  Frau Else Sohn
  Freifrau Else v. Steinaecker
  Frulein Adele Stichweh
  Frau Alexander Thielen
  Frulein Emmy Vollrath
  Frau Hella Werner
  Frau Toni Weygand
  Frau Regierungsrat Wilke
  Frau Hermann Wuppermann


_Duisburg_ (11)

  Frau Oberbrgermeister Dr. Jarres, M.d.e.V.
  Frau Dr. Altland
  Frau S. Epstein
  Frau M. Esch-Hoerle
  Frau Direktor Filius
  Frau Pfarrer Haun
  Frau Hermann Kahmen
  Frau Kommerzienrat Lehnkering
  Frau Richard Liebrecht
  Frau Regierungsrat Mally Meiweg
  Frau Amtsrichter Dr. Siebel


_Egmond-Hoef_ (N.-Holland)

  Frau Luise van den Arend


_Ehrenbreitstein_ b. Coblenz

  Frulein Alice Warder-Gunning


_Elberfeld_ (59)

  Frau Addy Graf, geb. Keetman, M.d.e.V.
  Frau Gustav Baum
  Frau Geheimrat Fritz Bayer
  Frau Rechtsanwalt Beitzke
  Frau Eugen Blank
  Frau Adolf Boeddinghaus
  Frau Paul Boeddinghaus sen.
  Frau Konsul Paul Boeddinghaus
  Frau Wilhelm Boeddinghaus
  Frau Geh. Regierungsrat v. Boettinger
  Frau Carl Duncklenberg
  Frau Kommerzienrat Adolf Eisfeller
  Frau Konsul Werner Esser
  Frau Grete Feist
  Frau Kommerzienrat Adolf Friderichs
  Frau Dr. jur. Abraham Frowein
  Frl. Elisabeth Frowein
  Frau Eduard Gebhard
  Herr Klaus Gebhard
  Frau Max Gebhard
  Frulein Grete Graf
  Frau Auguste Grafe
  Frau Dr. Grafe
  Frau Beigeordnete Holz
  Frau Kurt Isserstedt
  Frau Geh. Kommerzienrat August Jung
  Frau Alfred Keetman
  Frau Geheimrat August Keetman
  Frau Justizrat Else Khler-Dieck
  Frau C.D. Kost
  Frau Paul Kost
  Frau Direktor M. Lipp
  Frau Paula Maurer
  Frau Dr. Merkel
  Frau Paul Meyer
  Frulein Selma Mller
  Frau Carl Neuhaus-Wichelhaus
  Frau Alexander Neuhaus
  Frau Alma Petersen
  Frau Elisabeth Plange
  Frau Fritz Reimann
  Frau Anna Frieda Scheffner
  Frau Rudolf Schlieper
  Frau Dr. R. Schmidt
  Frl. Gerda Schniewind
  Frau Julius Schniewind
  Frl. Lili Schniewind
  Frau Willy Schniewind
  Frau Lili Seyd
  Frau Hermann Seyd
  Frau Adolf Simons
  Frau Anna Springmann
  Frau August de Weerth
  Frl. Johanna de Weerth
  Frau Margarete de Weerth
  Frau Dr. Robert Wichelhaus
  Frau Willy Wolff-Schniewind
  Frau Direktor Wollstein
  Frau Arthur Wolff


_Emmerich_

  Frau Max Ostermayer


_Ems_ (Bad) (4)

  Frau Dr. Baur
  Frau Dr. M. Koch
  Frau Sanittsrat Helma Reuter
  Frau Franz Schmidt jr.


_Erbach_

  Frau Kreisrat Starck


_Erfurt_

  Frulein Margarete Bach


_Esens_ (Ostfriesland)

  Frau Dr. Dietrich Johannsen


_Essen_ (Ruhr) (12)

  Freifrau von Bodenhausen-Degener
  Frau Anna Goldschmidt
  Frulein A. Harbig
  Frau Finanzrat Haux
  Frulein Sacha Homann
  Frau Baurat Hueter
  Frau Hanna Lechner
  Frau Anna Metzendorf
  Frau Direktor Rosendahl
  Frau Luise Reuter, geb. Schulz
  Frau Richard Seiffert
  Frau Eugen von Waldthausen


_Elingen_ a. Neckar (Wrttemb.) (2)

  Frau Prof. Dr. Pfleiderer
  Frulein Paula Seitz


_Eupen_ (2)

  Frau Arthur Peters
  Frulein Julie Tonnar


_Euskirchen_

  Frau Josef Lckerath


_Frankenthal_ (Pfalz)

  Frau Senatsprsident Baum


_Frankfurt_ a. M. (41)

  Frulein Clara Roger, M.d.e.V.
  Frulein Hedwig Banner
  Frau Pfarrer Basse
  Frau Baronin von Bethmann
  Frau Lise Davidis
  Frau Justizrat Dr. Alexander Dietz
  Frau Karl Dietze
  Frulein Johanna Ficus
  Frau Otto Fiedler-Kalb
  Frau von Flotow
  Frulein Martha Glck
  Frau Mally Goltermann
  Frau Dr. Goldschmidt
  Frl. Mathilde Heerdt
  Frau Olga Hirsch
  Frulein Thesy Humser
  Frulein Marie Jger-Manskopf
  Frau Direktor Kalb
  Frl. Rose Livingston
  Frau Dr. Lbbecke
  Frau W. Merton, geb. Oswald
  Frau Moritz v. Metzler
  Frau Marie Paquet-Steinhausen
  Frau Dr. med. Karl Propping
  Frau Senatsprsident Quinke
  Frau Max vom Rath
  Frau Dr. Elsa Richarz
  Frau L. de Ridder
  Frau Dr. Roediger
  Frau Direktor Roger
  Frau Landrichter Carl Heinrich Roger
  Frl. Betty Salomon
  Frau Auguste Schiele
  Frulein Anna Schiele
  Frau Clara Schiele
  Frau Prof. Schreyer
  Frau Dr. Steinbrenk
  Frau Direktor A. Ullmann
  Frau Arthur v. Weinberg
  Frau M. Wendt
  Frulein Emma Wilhelmi


_Freiburg_ i. Breisgau (3)

  Frau Carola Bassermann
  Frau Dr. Markwalder
  Freiin von Wittenhorst-Sonsfeld


_Freudenstadt_ im Schwarzwald (Wrttemberg)

  Frau Amtsrichter Jetter


_Friedrichshafen_

  Frau Direktor Colsman


_Gaienhofen_ a. Bodensee (3)

  Herr cand. phil. Karl Aretz
  Frau Dr. Ludwig Finckh
  Herr Dr. Hans Limbach


_Gelsenkirchen_

  Frau Bertha Bischof-Binkelmann


_Gieen_ (3)

  Frau Geh. Kommerzienrat Heichelheim
  Frau Dr. Ploch
  Frau Prof. Zoeppritz


_Godesberg_ (4)

  Frau Bcher-Imhusser
  Frl. Johanna Cappell
  Frau Johanna Kutter
  Frau Oberstleutnant Krause


_Gttingen_

  Frau Geheimrat Prof. Hirsch


_Gro-Marannen_ b. Wartenburg (Ostpr.)

  Frau v. d. Groeben, geb. von Carstanjen


_Grnberg_ (Schles.)

  Frau M. Junghan, geb. Haniel


_Grnwiese_ i. Ostpr.

  Frau Gina v. Simpson, geb. v. Fabrice


_Gummersbach_

  Frau Ingenieur Mller-Thiel


_Hagen_ (19)

  Frau Irma Graeve, M.d.e.V.
  Frau Wilh. Altenloh jr.
  Frau Assessor v. Basse
  Frau Ernst Bechem
  Frau Rudolf Bechem
  Frau L. Fischer-Eckert
  Frau Kurt Gerstein
  Frulein Hedwig Graeve
  Frau Emil Hoesch
  Frau G. Ad. Kerckhoff
  Frau Regierungsassessor Killing
  Frau Margot Kinkel
  Frau H.J. Kppern
  Frulein Luise Kppern
  Frulein Grete Kuhbier
  Frau Anna Lohmann
  Frl. Frieda Lohmann
  Frl. Lotte Scheurmann
  Frau Rudolf Springmann


_Hamburg_ (6)

  Frau Adolf Bartning
  Frau Carl Gnther
  Frau Adele Milan-Dor
  Frau Direktor Rosenstiel
  Frau Dr. Stubmann
  Frau Dr. Wentzel


_Hamm_ i. Westf. (6)

  Frau Christine Merkel, M.d.e.V.
  Frau Rechtsanwalt Dr. Reinhild Eick
  Frau Oberlandesgerichtsrat Freymuth
  Frau Oberlandesgerichtsrat Dr. Grnebaum
  Frau Dr. med. Loehnberg
  Frulein Trudel Merkel


_Harburg_ a. Elbe

  Frulein Ida Eger


_Heidelberg_ (5)

  Frau Generalleutnant Marie Bendemann
  Frau Dr. Deetjen
  Frau Sanittsrat Lange
  Frau H. Merton
  Frau Mathilde Reis


_Heidersdorf_, Kr. Nimptsch (Schles.)

  Frau Rittergutsbesitzer von Reisner


_Hirschhorn_ a. Neckar

  Frau Lina Derscheidt


_Hockenheim_ (Baden)

  Frau Lina Piazolo


_Hofheim_ i. Taunus (2)

  Freifrau Blanche von Fabrice
  Frl. O.W. Roederstein


_Hof-Schwalbach_ (Taunus)

  Frl. Sophie Lindheimer


_Homburg_ v. d. Hhe

  Frau Dr. Miquel


_Horchheim_ b. Coblenz (2)

  Frl. Luise von Davidson
  Frl. Irmgard Raffauf


_Horchheim_ b. Worms

  Frl. Elisabeth Walter


_Hgel_ (Rheinprov.)

  Frau Krupp von Bohlen und Halbach


_Iserlohn_ (2)

  Frau Kommerzienrat Otto Auer
  Frau Artur Springorum


_Itzehoe_ i. Holstein

  Frau Felicitas Knig


_Jena_

  Frau Geh. Oberfinanzrat Fuchs


_Jlich_ (Rheinld.) (3)

  Frau Maria Brgman
  Frau Wilh. Voswinkel, geb. Schll
  Frau Geh. Oberregierungsrat und Landrat Dr. Vllers


_Kaiserslautern_ i. Pfalz (5)

  Frau Prof. Eduard Brill
  Frau Marianne Kieffer
  Frulein Emma Merkel
  Frau Dr. E. Mnch
  Frulein Bertha Reinhart


_Kaiserswerth_ a. Rhein

  Frau Dr. Herbert Eulenberg


_Karlsruhe_ i. Baden (11)

  Frau Prof. Alice Trbner, 3. Vorsitzende
  Frl. Johanna Bartning
  Frau Blankenhorn
  Ihre Exzellenz Frau Minister Bhm
  Frau Baurat Else Fuchs
  Frau Geheimrat Lacher
  Freiin von Marschall
  Frau Generaloberarzt Oertel
  Frau Prof. Georg Schreygg
  Frulein Agathe Thoma
  Frulein Anna Wacker, Hauptlehrerin


_Kassel_-Wilhelmshhe

  Frau Anna Merkel


_Kilchberg_ b. Zrich (2)

  Frau Arnold Schwarzenbach-Frst
  Frau Maria Steiger-Kirchhofer


_Kirchen_ a. d. Sieg (2)

  Frau Dr. Sonnenberg
  Frau Dr. Carl Sager


_Kirn_ a. d. Nahe

  Frau Philipp Andres


_Klockow_ b. Friedland (Mecklenburg)

  Frulein von Enckevort


_Knigsberg_

  Frau Generalleutnant Brodrck


_Knigswinter_ a. Rh.

  Frau Dr. Ernst v. Eynern


_Konstanz_ a. Bodensee

  Frau Geh. Oberbergrat Honsell


_Kreuznach_

  Frau Dr. Bartenstein


_Lambrecht_ (Rheinpfalz)

  Frulein Jula Obermaier


_Landau_ (Pfalz)

  Frau Hauptmann Buch


_Landonvillers_ i. Lothringen

  Frau Geheimrat von Haniel


_Landshut_ (Schlesien)

  Frau Landrat Else Moritz


_Langenberg_ (3)

  Frulein Leni Colsman
  Frl. Thilde Colsman
  Frau G. Conze jr.


_Langerfeld_ (Kreis Schwelm)

  Frau Erna Reber


_Langerwehe_ b. Dren (2)

  Frau Irma Hasenclever, M.d.e.V.
  Frau Richard Schleicher


_Leipzig_ (7)

  Frau Else Drr
  Frau Gertrud Dumstrey-Freytag
  Frau Clre Kirstein
  Herr Geh. Hofrat Martersteig
  Frau Lucy Neuga
  Frl. Marie Reinicke
  Frau Elisabeth Wolff


_Leverkusen_ b. Mlheim a. Rh.

  Frau Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Duisburg


_Liegnitz_ (Schlesien)

  Frl. Irmgard Negenborn


_Livorno_

  Frau Emilie Holler


_Lodz_ (Russ.-Polen) (5)

  Frau Margot Fuhrmann
  Frau Theodor Hffer
  Frau Martha Schulz
  Frau Elfriede Schwartzschultz
  Frau Dr. Wrnle


_Ludwigsburg_ b. Stuttgart

  Frau Elisabeth Lichtenberg


_Magdeburg_

  Frau Irmgard von Gilsa, geb. von Daum


_Mainz_ (9)

  Frau Geheimrat Anna Bamberger
  Frau Dr. Robert Braden
  Frau Landgerichtsrat Eller
  Frau Oberbrgermeister Dr. Gttelmann
  Frau Dr. Knauer, geb. Ostmann
  Frau Justizrat Dr. Lichter-Northmann
  Frau Isabella Metzke
  Frau Geh. Medizinalrat Dr. Reisinger
  Frulein A. Strau


_Mannheim_ (36)

  Frau Julie Bassermann, M.d.e.V.
  Frau Kommerzienrat Bertha Rchling, M.d.e.V.
  Frau Gerta Thorbecke, geb. Schll, M.d.e.V.
  Frau Dr. Elisabeth Altmann-Gottheiner
  Frl. Margarethe Bassermann
  Frulein Luise Bender
  Frau Alice Bensheimer
  Frau Fanny Boehringer
  Frau Dr. Bohn
  Frau Prof. Ren Bohn
  Frau Julia Boveri-Lindley
  Frau Helene Clemm
  Frau Lili Clemm
  Frau Kommerzienrat Engelhorn
  Frau Otto Jrger
  Frau Dr. Haas
  Frau Wilhelmine Hirschhorn-Enthoven
  Frau Gustav Hohenemser
  Frl. Marie Kesselbach
  Frau Geheimrat Carl Ladenburg
  Frau Eduard Ladenburg
  Frau Dr. Richard Ladenburg
  Frau Rechtsanwalt A. Lindeck
  Frau Kommerzienrat Emil Mayer
  Frau Hermann Mayer
  Frau Dora Mohr
  Frau Helene Rchling
  Frau von Roon, geb. Bassermann
  Frau Prof. Schott
  Frau Dr. Otto Seiler
  Frau Dr. Simon
  Frau Konsul Simon
  Frau Kommerzienrat L. Stinnes
  Frau Julius Thorbecke
  Frau Maria Trumpp-Stahl
  Frau W. Vgele


_Mehlem_ a. Rhein

  Frau Direktor Leister


_Meiningen_ (Thr.)

  Frau Lisbeth Lcke


_Merseburg_

  Freifrau von Wilmowski, geb. Krupp


_Merzig_ (Saar)

  Frau Landrat Haniel, M.d.e.V.


_Mettlach_ (3)

  Frau von Boch
  Frau Luitwin von Boch
  Frau Roger von Boch


_Metz_ (Lothringen) (2)

  Frau Hauptmann Hethey
  Frau Elfriede v. Wurmb


_Mexico_ (D.F. mexicana)

  Frau Cornelie Iwersen


_Michelstadt_ im Odenwald (2)

  Frau Kommerzienrat Arzt
  Frau Mathilde Arzt


_Minden_ i. W. (4)

  Frau Regierungsrat Moldehnke, M.d.e.V.
  Frau Hauptmann Bunge
  Frau Kommerzienrat Robert Noll
  Frau Dr. C. Wolbrecht


_Montabaur_

  Freifrau Marschall von Bieberstein


_Montjoie_ (2)

  Frulein Irma Scheibler
  Herr Siegfried Scheibler


_Mddersheim_ b. Dren

  Frau Carl Bessenich


_Mlheim_ a. Rhein (2)

  Frau Kommerzienrat Charlier
  Frau Gustav Martin


_Mlheim_ a. d. Ruhr (7)

  Frau M. Niebel, M.d.e.V.
  Frau Ernst Coupienne
  Frau Carl Itzenplitz
  Frau Dr. Neumann
  Frau Reichsbankdirektor Schmid
  Frau Kommerzienrat Desy Stinnes
  Frau Hugo Stinnes-Coupienne


_Mnchen_ (13)

  Frulein Clara Baur
  Frau Architekt Otto Baur
  Frau Dr. Fritz Callmann
  Frau Julie Dressel
  Frau Elsa Frankl
  Frau Emmy Frommel
  Frulein Jeffery
  Frulein Maria Laumen
  Frau Hermann Lohse
  Frau Else Papp
  Frau Dr. Benno Rttenauer
  Frau Oberstabsarzt Schoenwerth
  Frau Geh. Oberbaurat Schmick


_Mnchen-Gladbach_

  Frau Generaldirektor Haus


_Mnster_ i. W. (4)

  Freifrau Dolores von Brockdorff
  Frau Olga Flechtheim-Faber
  Frau Hanna Lohmann
  Frau Justizrat Salzmann


_Nagelshausen_ b. Konstanz (Schweiz)

  Frau Rittmeister Meyer-Wolde


_Nauheim_ (Bad)

  Frau Medizinalrat Dr. Groedel


_Naumburg_ a. d. Saale

  Frl. Margarethe Bach


_Neuenahr_ (Bad)

  Frau B. Elsner


_Neumnster_

  Frau Oberst Annie von Rode


_Neustadt_ a. d. Haardt (4)

  Frau Justizrat Clundt
  Frau Anna Daqu, geb. Abresch
  Frau Katharina Knoeckel
  Frau Kommerzienrat Witter


_Neuwied_

  Frau Julius Remy


_Nordrach_ (Bad i. Schwarzwald)

  Frau Dr. Schmidt


_Oberhausen_ (Rhld.)

  Frau Dr. Ernst Holzrichter


_Oberlahnstein_ b. Coblenz (2)

  Frau Bankier Lydia Herz
  Frulein Ida Lessing


_Offenbach_ a. Main

  Frau Kommerzienrat Adda Amann


_Opladen_ b. Cln (2)

  Frau Direktor Metzen
  Frau Max Roemer


_Oppenheim_ a. Rh.

  Frau Oberbrgermeister Schmidt


_Osnabrck_ (5)

  Frau Hauptmann Barnstedt
  Frau Felix Schoeller sen.
  Frau Felix Schoeller jr.
  Frau Gerhard Schoeller
  Frau Lothar Schoeller


_Otjariva_ (Sd-West-Afrika)

  Frau Irmgard Grtner


_Perleberg_

  Frau Maria von Hahn


_Petersburg_ (Ruland)

  Frau Gsta Nobel


_Pforzheim_

  Frau Amtmann Kohlmeier


_Potsdam_

  Frau Grfin von Soden


_Poulheim_ b. Cln

  Frau Werner Pagenstecher


_Ptzchen_ (Kreis Bonn) (3)

  Frulein Carla Gehrds
  Frau Berta Peipers
  Frau Dr. Else Wildenrath


_Rastenburg_ (Ostpreuen) (2)

  Frau Oberstleutnant Snethlage
  Frau Amela Unger


_Remscheid_ (13)

  Frau Lise von Berg
  Frau Heinrich Bker
  Frau Moritz Bker
  Frau Beigeordneter Dr. Eckert
  Frau Gustav Engels
  Frau Max Engels
  Frau Hugo Felde
  Frau Bernhard Hasenclever
  Frau Alfred Hilger
  Frau Gustav Hilger
  Frau Karl Krumm
  Frau Paul Mannesmann
  Frau Dr. Oertgen


_Reutlingen_ (2)

  Frau Hofrat Finckh
  Frau Cornelie Goltermann


_Rheydt_ (4)

  Frau Dr. Koch
  Frulein Maria Lenssen
  Frau Dr. Carl Meyer
  Frau Niemller, geb. Goeters


_Rhndorf_ a. Rh.

  Frau Helene Klemme


_Rockenhausen_ (Pfalz)

  Frulein Mathilde Lotz


_Rom_ (Italien)

  Frau Minna v. Fleischl-Schwarzenbach


_Saarbrcken_ und _St. Johann_ (15)

  Frau Adolf Ehrhardt, M.d.e.V.
  Frau Bankier Braun
  Frau Erster Staatsanwalt Daniels
  Frau Maria Dee-Ott
  Frau Anna Ehrhardt
  Frl. Marie von Gustedt
  Frulein Else Hahne
  Frau Ernst Heckel
  Frau Kommerzienrat Karcher
  Frau Sanittsrat Keler
  Frau Bankdirektor Lazard jr.
  Frau Rechtsanwalt Dr. Leibl
  Frau Chiara Rchling
  Frau Regierungsbaumeister Student
  Frau Kom.-Rat Generaldirektor Weisdorff


_Saarburg_ i. Lothr.

  Frau Rittmeister Auler


_St. Moritz-Dorf_ (Engadin)

  Frau Adolf G.H. Angst


_Schburg-Segesvar_ (Ungarn)

  Herr Rechtsanwalt Dr. Leicht


_Schlebusch_ b. Cln

  Frau Aenne Merkel


_Schotten_, Kreisamt (Oberhessen)

  Frau Kreisrat Kranzbhler


Rittergut _Schwarzhof_ (Livland)

  Frau Baronin Alice von Brasch


_Gro-Schwarzlosen_ i. d. Altmark

  Frau Direktor Rigmor Meyer


_Siegen_ (7)

  Frulein Emilie Ax
  Frulein Elisabeth Gontermann
  Frau Walter Gontermann, geb. Henckels
  Frau Ludwig Koch
  Frau Ernst Reichwald
  Frl. Melly Seyberth
  Frau Frieda Spannagel, geb. Delius


_Singen_ a. Hohentwiel

  Frau Dr. Huck


_Sinn_ (Hessen-Nassau)

  Frl. Maria Treupel


_Sljetina_ b. Sarajevo

  Frau Forstverwalter Dr. Lotte Frhlich


_Solingen_ (4)

  Frau Sophie Coppel
  Frau Ernst Henckels
  Frau Paul Kind
  Frau Berta Liesendahl


_Steinfrde_ (Celle)

  Frau Bergwerksdirektor Kte Ficus


_Stettin_ (3)

  Frau Dr. Clre Ackerknecht
  Frau Oberlandesgerichtsrat Dr. Hanau
  Frau Margarete Kuck


_Stolberg_ (4)

  Frau Adolf Bastin
  Frau Ida Brandt
  Frau Hermine Prym
  Frau Susanne Schippau


_Stralsund_

  Frau Regierungsassessor Dr. Banke


_Straburg_ i. Els. (4)

  Frau Geheimrat Dr. Fehling
  Frau Martin Schoeller
  Frau Prof. Franz Schultz
  Frau Stabsarzt Dr. Todt


_Stuttgart_ (8)

  Frau Prof. Martin Elsaesser
  Frau Ingeborg Kes von der Marken
  Frau Dr. H. Kessel
  Frau Dr. phil. Gertrud Pfeilsticker
  Frau Kte Schaller-Haerlin
  Frau Max Th. Schaller
  Frau Medizinalrat Dr. Schleicher
  Frau Prof. Robert Weise


_Haus Tanneck_ b. Elsdorf

  Frau Komm.-Rat Fritz Langen


_Trier_ (6)

  Frau Professor Hettner, M.d.e.V.
  Frau Oberbrgermeister von Bruchhausen
  Frau Oberstleutnant Hartung
  Frau Kommerzienrat Wilh. Rautenstrauch
  Frau Oberfrster Wenzel, geb. Hoesch
  Frau Prsident Wette


_Troisdorf_

  Frau Ludwig Mannstaedt


_Tbingen_ (2)

  Frau Elisabeth Lang
  Frau Prof. Scheel


_Uerdingen_ (Niederrh.) (4)

  Frau Rudolf Wedekind, M.d.e.V.
  Frau Leo Mauritz
  Frau Geheimrat Dr. E. ter Meer
  Frau Dr. H. Mller


_Ulm_ a. d. Donau

  Frau Dr. Friedrich E. Mouths


_Vallendar_ (Rheinland) (3)

  Frau Elisabeth Schfer, Schriftfhrerin
  Frau Friedrich Arntz
  Herr Wilhelm Schfer


_Vlotho_ i. W. (3)

  Frau Notar Adriani
  Frau Paul Saatmann
  Frau Paul Tintelnot


_Vohwinkel_ b. Elberfeld

  Frau Hermann Wlfing


_Wachenheim_ (Rheinpfalz)

  Frau Hildegard Kuhn


_Wahrburg_ b. Stendal

  Freifrau von Nordeck


_Schlo Walburg_ (Unterelsa)

  Frau Richard Haniel, geb. von Levetzow


_Waldbroel_ b. Cln

  Frau Landrat Gerdes


_Wallerfangen_ bei Saarlouis (2)

  Frau Hauptmann Bunge
  Frau Ren von Boch-Galhau


_Weilburg_ a. d. Lahn

  Frau Kommerzienrat Rudolf Herz


_Weimar_

  Freifrau Oberst v. Lepel


_Weinheim_ (2)

  Frau Henny von Arndt
  Frau Regierungsassessor Pfisterer


_Weinsheim_ b. Worms

  Frau Toni Rcker


_Werdohl_ i. Westf. (2)

  Frau Constanze Colsman
  Frau Adolf Schlesinger


_Wesel_

  Frau Major Castendyk


_Westerburg_

  Frau Landrat Abicht


_Wetter_ a. d. Ruhr

  Frau Hermann Harkort


_Wetzlar_

  Frau Staatsarchivrat Else Richter


_Wiesbaden_ (14)

  Frau Dr. Stempel, M.d.e.V.
  Frau Kommerzienrat Albert
  Frau von Auer-Herrenkirchen
  Frau Ida Haniel
  Frau Otto Henkell
  Frau Ernst Henckels
  Frau Martha Heymons
  Frau Elly Leykauff
  Frulein Helene Mencke
  Frau Linnie Rappolt-Fischer
  Frulein Ila Rudorff
  Frulein Thekla Rudorff
  Frau Justizrat Siebert
  Frau Dr. Weise


_Winsen_ a. d. Luhe

  Frau Landrat Elly Ecker


_Woinowitz_ (Kreis Ratibor)

  Frau Anna von Banck, geb. Haniel


_Worms_ (25)

  Frulein Anna Reinhart, M.d.e.V.
  Frau Dr. Armknecht
  Frau Joh. Bockmann
  Frau Ellen Enzinger
  Frau Franziska Doerr
  Frau Dr. med. Fritz Gernsheim
  Frau Emanuel Gernsheim
  Frau Sally Gernsheim
  Frau Julius Goldschmidt sen.
  Ihre Exzellenz Freifrau v. Heyl zu Herrnsheim
  Frau Elvira Httenbach
  Frau Henny Kahn
  Frau Max Levy
  Frulein Grete Loesch
  Frau Ludwig Lohnstein
  Frau Lotta Losekamm
  Frau Marie Matthi
  Frau Dr. Murer
  Frau Marie Michel
  Frau Paula Reinhart
  Frau Direktor Schaum
  Frulein Anna Schulz
  Frau Theodor Stern
  Frulein Elisabeth Valckenberg
  Frau A. Zemsch


_Zabrze_ (Schlesien)

  Frau Generaldirektor Kommerzienrat Hochgesand


_Zrich_ (14)

  Frau Dr. Ernst Schwarzenbach, M.d.e.V.
  Frau Carola Escher-Prince
  Frau Carl Fehr
  Frau Marie Frick
  Frau Koch-Jagenberg
  Frau Prof. v. Monakow
  Frau Kurt Schffer
  Frau Dr. Csar Schoeller
  Frau Emma Sebes-Baumann
  Frau Prof. Sieveking
  Frau Therese Thomann
  Frau Gertrud Veraguth-Keyser
  Frau Oberst Ulrich
  Frau Zuppinger-Eisentraut


  Gedruckt im Herbst 1914 von
  Oscar Brandstetter, Leipzig




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligheit herab, zwei
  mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligkeit herab, zwei

  Die Insel.
  Die Insel

  war tapfer, war, als er das tat, hchst liebenswrdig, denn er tat es
  war tapfer; war, als er das tat, hchst liebenswrdig, denn er tat es

  durch alle Straen, berdies war gerade, in dieser schnen Nacht
  durch alle Straen, berdies war gerade in dieser schnen Nacht

  ich mir, in einen dunklen, grnen Wald. in ein rechtes Kircheninneres
  ich mir, in einen dunklen, grnen Wald, in ein rechtes Kircheninneres

  _Coblenz_ (35)
  _Coblenz_ (34)

  _Dsseldorf_ (67)
  _Dsseldorf_ (66)

  _Gieen_ (4)
  _Gieen_ (3)

  _Lodz_ (Russ.-Polen) (4)
  _Lodz_ (Russ.-Polen) (5)

  _Trier_
  _Trier_ (6)

  ]






End of the Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE DICHTUNGEN ***

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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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page at http://pglaf.org

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     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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