The Project Gutenberg eBook, Geschichte des Zigeunermdchens, by Miguel de
Cervantes Saavedra, Translated by Konrad Thorer


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Title: Geschichte des Zigeunermdchens
       Eine Novelle


Author: Miguel de Cervantes Saavedra



Release Date: February 5, 2011  [eBook #35181]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DES ZIGEUNERMDCHENS***


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GESCHICHTE DES ZIGEUNERMDCHENS

Eine Novelle

von

MIGUEL DE CERVANTES







[Illustration: Verlags-Signet]

Im Insel-Verlag zu Leipzig




Es scheint, da die Zigeuner und Zigeunerinnen nur auf die Welt kommen, um
Spitzbuben zu werden. Sie stammen von Eltern, die Spitzbuben sind, werden
mit Spitzbuben erzogen, studieren das Spitzbubenhandwerk und werden endlich
Spitzbuben, die auf alle Flle gemacht und bedacht sind; die Lust am
Stehlen und das Stehlen selbst sind gleichsam unabtrennbare Teile ihres
Wesens, das sie erst mit dem Tode verlieren.

Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des
Cacus[1] bereits ihr Jubilum gefeiert haben mochte, erzog als ihre Enkelin
ein junges Mdchen, dem sie den Namen Preziosa gab und das sie in all ihren
Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebesknsten unterrichtete. Preziosa
wurde die vortrefflichste Tnzerin im ganzen Zigeunervolk und das schnste
und verstndigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter
allen Schnen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder
Sonne noch Luft noch auch alle Unbilden der Witterung, denen die Zigeuner
mehr ausgesetzt sind als andre Leute, vermochten ihrer Schnheit Abbruch zu
tun oder ihre Hnde zu brunen. Ja, was noch mehr ist, die rauhe Erziehung,
die sie erhielt, konnte nicht verdecken, da sie von gesitteteren Eltern
abstammte, als es Zigeuner sind; denn sie war uerst gewandt und sehr
verstndig. Bei all dem war sie frei, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu
berschreiten; sie war vielmehr bei allem Witze so zchtig, da in ihrer
Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein
unanstndiges Lied zu singen oder ble Worte zu sprechen wagte. Kurz die
Gromutter erkannte, welchen Schatz sie in der Enkelin besa, und so
beschlo denn die alte Dohle, ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und
es zu lehren, sich den Unterhalt mit den eignen Fngen zu gewinnen.
Preziosa zog aus, reich versehen mit Festgesngen, Volksliedern,
Seguidillas, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit
eigentmlicher Anmut vortrug; denn die schlaue Alte erkannte, da bei der
Jugend und Schnheit ihrer Enkelin dergleichen Schwnke und Spiele ein sehr
glckliches Reiz- und Lockmittel abgeben mten, das ihr Vermgen vermehren
wrde. So hatte sie denn auf allen mglichen Wegen nach solchen Dingen
gesucht, und es fehlte nicht an Dichtern, die sie damit versahen; denn es
gibt ebensogut Poeten, die sich mit den Zigeunern verstehen und Werke an
sie verkaufen, wie es andre fr die Blinden gibt, denen sie
Wundergeschichten erfinden, um den Gewinn mit ihnen zu teilen. In der Welt
kommt alles vor, und der Hunger treibt manche Kpfe, Dinge zu tun, die
ihnen nicht an der Wiege gesungen worden sind.

[1] Cacus: von Herkules erschlagener Riese und Ruber.

Preziosa war in verschiedenen Gegenden Kastiliens aufgewachsen; in ihrem
fnfzehnten Jahre aber fhrte ihre angebliche Gromutter sie in die
Residenz, und zwar auf ihren alten Lagerplatz, die Felder der heiligen
Barbara, wo sich die Zigeuner gewhnlich aufhalten. Sie hoffte, in der
Hauptstadt, wo alles gekauft und alles verkauft wird, werde auch sie ihre
Ware losschlagen knnen. An dem Tage, als Preziosa ihren ersten Einzug in
Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schutzherrin
der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ltere und vier junge, fhrten unter
der Leitung eines Zigeuners, eines vorzglichen Tnzers, einen Tanz auf,
und wenn sie auch alle sauber und geputzt erschienen, so trat doch
Preziosens Zierlichkeit so sehr hervor, da sie allmhlich die Blicke aller
Zuschauer auf sich zog. Durch den Klang der Schellentrommel und
Kastagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schnheit
und Anmut des Zigeunermdchens pries. Jnglinge und Mnner strmten herbei,
um sie zu sehn; als man sie aber gar singen hrte (denn der Tanz war mit
Gesang verbunden), wurde der Lrm so gro, da das Lob der Zigeunerin von
allen Seiten widerhallte und die Vorsteher des Festes ihr einstimmig den
Preis fr den besten Tanz zuerkannten. Nachher fhrten die Zigeuner in der
Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildnis der glorreichen Anna, den Reigen
noch einmal auf, und nachdem er beendigt war, ergriff Preziosa ein
Tamburin, zu dessen Klang sie sich aufs leichteste und zierlichste im Kreis
bewegte, und sang folgende Romanze:

    Kstlichster von allen Bumen,
      Der so lang nicht Frucht getragen,
    Jahre, die wie einer Trauer
      Hlle dster auf ihm lagen

    Und auf reine Herzenswnsche
      Eines liebevollen Gatten,
    berwlkend seine Hoffnung,
      Schatten trb geworfen hatten,

    So da aus der langen Sumnis
      Kummer ward, der bitter nagte,
    Und der aus dem heilgen Tempel
      Den gerechten Mann verjagte.

    Heilig unfruchtbarer Boden,
      Dem im Anfang doch entsprossen
    Jene berreiche Flle,
      Die die ganze Welt genossen.

    Haus der kniglichen Mnzstatt,
      Wo der Stempel ward geschlagen,
    Der dem Gott die Form gegeben,
      Die als Mensch er hat getragen.

    Mutter du von einer Tochter,
      In der wollt und konnt entfalten
    Alle Tugenden der Hchste,
      Die sonst Menschen nie erhalten.

    Durch dich selbst und durch die Tochter
      Bist die Zuflucht du, o Anne,
    Welcher wir zur Rettung nahen
      Hier in unsres Elends Banne.

    In gewisser Art auch darfst du,
      Keinen Zweifel la ich walten,
    ber deinem heilgen Enkel
      Als gerechte Herrin schalten.

    Mitzuthronen, gleich dir Hohen,
      In der hchsten Himmelsfeste,
    Hielten wohl viel tausend Eltern
      Fr der Glckesgaben beste.

    Welche Tochter! welch ein Enkel!
      Welcher Eidam! Hier ist wieder,
    Ist gerechterweise Anla
      Fr Triumph- und Siegeslieder.

    Aber du in deiner Demut
      Bist ihr still voraufgeschritten:
    Drauf hat demutsvoll dir deine
      Heilge Tochter nachgelitten.

    Und jetzt neben ihrer Seite
      Vor den Hchsten zugelassen,
    Schmeckest du die hohen Wonnen,
      Die wir ahnend kaum erfassen.

Preziosens Gesang erregte bei allen Zuhrern Bewunderung. Die einen sagten:
Gott segne dich, Kind. Andre: Wie schade, da das Mdchen eine
Zigeunerin ist, wahrlich und wahrhaftig, sie verdiente die Tochter eines
groen Herrn zu sein! Und wieder andre, die derber waren, sprachen: Lat
das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei
Gott, sie wird ein hbsches Schleppnetz zum Fischen der Herzen. Wieder ein
andrer, artiger, aber plump und ungeschickt in seinen Ausdrcken, rief, als
er sie so flink im Tanz dahinschweben sah: Auf, Tchterchen, auf! Und die
Fe gerhrt, mein Liebchen, damit es staubt. Und ich Euch den Staub
wieder ausklopfe, erwiderte sie, ohne den Tanz zu unterbrechen.

Als die Vesper und das Fest der heiligen Anna vorber war, fhlte Preziosa
sich ein wenig erschpft, aber um ihrer Schnheit, ihres Witzes und
Verstandes und ihrer Tanzkunst willen war sie auch schon so berhmt, da
man in der ganzen Residenz auf allen Straen von ihr sprach. Vierzehn Tage
nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar in Begleitung von drei
andern Mdchen, mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze. Alle waren sie
ausgerstet mit Romanzen und munteren, aber sittsamen Liedchen, denn
Preziosa gab nie zu, da ihre Gefhrtinnen unschickliche Lieder sangen, so
wenig sie selbst jemals mit dergleichen vortrat. Viele merkten das denn
auch und hielten sie deshalb besonders hoch. Nie trennte sich die alte
Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in
Angst, man knnte ihr das Mdchen entfhren. Sie nannte sie ihre Enkelin,
und Preziosa hielt sie fr ihre Gromutter. Um den Zuschauern ein Vergngen
zu machen, stellten sie sich in der schattigen Toledostrae zum Reigen auf,
und bald sammelte sich das ihnen nachziehende Volk zu einem groen Kreise.
Whrend des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und die
Achtel- und Viertelrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die
Schnheit hat die Kraft, die schlafende Freigebigkeit zu wecken.

Als der Tanz zu Ende war, sprach Preziosa: Wenn mir jeder vier
Viertelrealen gibt, so will ich euch allein eine gar schne Romanze singen
ber den ersten Kirchgang, den unsre Knigin Doa Margarita nach ihrem
Wochenbett in Valladolid gehalten hat, und zwar zur Sankt-Lorenzkirche; und
ich sage euch, es ist ein Meisterstck, von einem Kapitalpoeten, der seinen
Mann zu stellen vermag.

Kaum hatte sie dies ausgesprochen, als alle Umstehenden mit lauter Stimme
riefen: Singe, Preziosa, da sind meine vier Quartos. Und von neuem
hagelten die Geldstcke auf sie ein, so da die Alte kaum Hnde genug
hatte, um sie zu sammeln. Als die Ernte geborgen war, griff Preziosa nach
ihrem Tamburin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:

    Ersten Kirchgang nach den Wochen
    Hielt der Frstinnen Europens
    Grte, die nach Wert und Namen
    Strahlet ber jedem Lobe.

    Wie die Augen sie emporschlug,
    Hat die Herzen sie erhoben
    Aller, die bewundernd schauten
    Ihre Andacht, ihre Hoheit.

    Und zu zeigen, da der Himmel
    Raum hat auf der Erde Boden,
    Wandelt hier die Sonne streichs,
    Dort die schmelzende Aurora.

    Hinter ihr kam nachgezogen
    Hell der lichte Stern des Morgens,
    Der so pltzlich aufgegangen,
    Da von Tau die Himmel flossen.

    Und wenn Sterne hat der Himmel,
    Die umstrahlte Wagen formen,
    Schnre Sterne ihrem Himmel
    Hier auf irdschen Wagen folgten.

    Hier der alternde Saturnus
    Glttet und verjngt den Bart sich
    Und geht schnell, der sonst so langsam,
    Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.

    Und der Gott der leichten Rede
    Spricht in sen Schmeichelworten;
    Und in bunten Chiffren Amor,
    Die Rubin und Perl' umbortet.

    Dort geht Mars, der Muterfllte,
    Wunderbar herausgeputzt,
    Wie ein kecker Jngling, der sich
    An dem eignen Schatten stt.

    Hart am Haus der Sonne schreitet
    Jupiter; denn was erobert
    Nicht das innige Vertrauen,
    Das durch Klugheit wird gewonnen?

    Luna folgt ihm, auf den Wangen
    Mancher Menschengttin thronend;
    Venus, in den Zgen jener,
    Welche diesen Himmel bilden.

    Kleine, holde Ganymede
    Schwrmen, drngen, gehen, kommen
    Um den goldumstrahlten Grtel
    Dieses hehren Himmelsbogens.

    Und damit sich alles wundre,
    Alle ihr Erstaunen zollen,
    Steigt die strahlende Verschwendung
    Nun hinan zum Wundervollen.

    Mailands reiche Prachtgewebe
    Liegen hier der Menge offen,
    Indiens helle Diamanten
    Und Arabiens Arome.

    Denen, welche bsen Sinnes,
    Mu der Neid im Herzen toben,
    Aber Jubel fllt den Busen
    Jedes echten spanschen Sohnes.

    Fliehend aus der Trauer Banden
    Zieht der allgemeine Frohsinn
    Durch die Straen, durch die Pltze,
    Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.

    Zu viel tausend Segenswnschen
    Tut der Mund sich auf der Stille,
    Und es wiederholt die Jugend,
    Was das Alter ausgesprochen.

    Einer spricht: Ergiebge Rebe,
    Wachs empor und schling dich eng
    Her um die geliebte Ulme,
    Da ihr Schatten dich umflore,

    Dir zu deinem eignen Ruhme
    Und zu Spaniens Ehr und Frommen
    Und zur Frderung der Kirche
    Wie zum Grausen des Mahoma!

    Eine andre Stimme rufet:
    Lebe hoch, o Taube, holde,
    Die fr uns du hast geboren
    Einen Aar mit zweien Kronen,

    Zu vertreiben aus den Lften
    Jeden raubergebnen Vogel,
    Mit dem Fittich zu bedecken
    Jeder Tugend bange Sorgen!

    Noch ein andrer, der noch feiner
    Gab des raschen Witzes Proben,
    Sprach, in Augen und im Munde
    Ausgedrckt das Herz, das frohe:

    Diese Perle, die du schenktest,
    streichs Perlenmutter, groe,
    Wie viel List hat sie vereitelt,
    Wie viel Wnsche sie gebrochen!

    Was zerstrt sie nicht an Rnken,
    Was gewhrt sie nicht an Hoffnung,
    Welche Fehlgeburten treibt sie
    Jetzt nicht aus dem Zeitenschoe!

    Mittlerweile kam zum Tempel
    Man des Phnix, der in Roma
    Hat den Flammentod bestanden
    Und nun lebt in ewger Glorie.

    Und zum Bild des ewgen Lebens,
    Zu der Knigin dort oben,
    Die, weil sie in Demut wallte,
    ber Sterne ward erhoben,

    Zu der Mutter und der Jungfrau,
    Zu der Tochter und Verlobten
    Gottes hat, aufs Knie gesunken,
    Margarita so begonnen:

    Was du gabst, geb ich dir wieder,
    Hand zum Geben stets erschlossen,
    Denn wem deine Gnade fehlet,
    Der wird stets vom Weh getroffen.

    Sieh, den Erstling meiner Frchte
    Bring ich, Jungfrau, dir zum Opfer;
    Wie sie ist, nimm hin die Gabe,
    Und la herrlicher sie sprossen.

    Seinen Vater auch empfehl ich,
    Der, ein Atlas, unverdrossen
    Sich der Last so vieler Reiche
    Beugt, so vieler fernen Zonen.

    Denn ich wei, das Herz des Knigs
    Ruhet in den Hnden Gottes,
    Und ich wei, da Gott nie weigert,
    Was du bittest, Demutvolle!

    Als geendet diese Rede,
    Haben andre sich ergossen
    In Gesnge, die bewiesen,
    Da auf Erden Himmel rollen.

    Als vorber dann des Hochamts
    Knigliche Zeremonien,
    Kehrte heim der hehre Himmel
    Mit den wundervollen Sonnen.

Als Preziosa ihre Romanze beendet hatte, erhob sich aus dem glnzenden
Kreis ihrer Zuhrer einstimmig der Ruf: Singe noch einmal, Preziosa, es
soll Geld absetzen wie Sand am Meer!

Nun sahen dem Tanz der Zigeunerinnen mehr als zweihundert Personen zu, und
alle lauschten ihrem Gesang, als zufllig (eben war das Gedrnge am
strksten geworden) einer der Stadtschultheien des Weges kam, und da er so
viele Leute beisammen sah, fragte er, was es gbe. Auf die Antwort, man
hre der schnen Zigeunerin zu, die eben singe, trat der Schulthei
neugierig nher und horchte selbst ein Weilchen hin, wartete aber, um
seiner Wrde keinen Eintrag zu tun, das Ende der Romanze nicht ab. Da ihm
jedoch das Mdchen auerordentlich gut gefallen hatte, befahl er seinem
Pagen, der Alten zu sagen, sie mge gegen Abend mit den Zigeunerinnen in
sein Haus kommen; er wnsche, da auch seine Gemahlin, Doa Clara, sie
hre. Der Page gehorchte, und die Alte versprach sich einzufinden. Als Tanz
und Gesang zu Ende waren und man sich eben an einen andern Ort begeben
wollte, trat ein zweiter, sehr wohl gekleideter Page zu Preziosa, gab ihr
ein zusammengefaltetes Papier und sprach: Prezioschen, singe die Romanze,
die hier steht; sie ist sehr gut, und ich werde dir von Zeit zu Zeit noch
andre geben, durch die du den Ruf der ersten Romanzensngerin der Welt
erlangen sollst.

Ich werde sie mit groem Vergngen lernen, entgegnete Preziosa, und
verget ja nicht, mein Herr, mir auch die andern Romanzen zu bringen, von
denen Ihr sprecht. Doch mssen sie anstndig sein. Wollt Ihr, da ich sie
bezahle, so wollen wir nach Dutzenden miteinander abrechnen, so da ich fr
ein Dutzend bezahle, wenn ich es gesungen habe. Im voraus zu zahlen ist mir
unmglich.

Wenn mir Jungfer Prezioschen dies schwarz auf wei geben will, erwiderte
der Page, so bin ichs zufrieden, und obendrein soll eine Romanze, die
nicht gut und ehrbar ausfllt, nicht gerechnet werden.

Die Wahl mu mir berlassen bleiben, antwortete Preziosa und ging mit
ihren Begleiterinnen weiter, als einige Kavaliere sie aus einem
Fenstergitter anriefen. Preziosa trat an das niedrige Gitter und sah in
einem khlen, freundlichen Saal mehrere vornehme Herren, von denen einige
auf und ab gingen, andre sich mit allerlei Spielen unterhielten.

Wollt ihr mir ein Aufgeld geben, meine Herren? fragte Preziosa mit dem
lispelnden Ton der Zigeuner, der ihnen brigens nicht natrlich, sondern
knstliche Angewhnung ist.

Da bei diesen Worten auch Preziosens Gesicht im Fenster erschien, verlieen
die Spieler die Tische, die Umhergehenden blieben stehn, und alle eilten
sofort ans Fenster, um sie zu sehn; denn sie hatten bereits von ihr
vernommen. Kommt herein, kommt herein, ihr Zigeunerinnen, riefen sie,
wir wollen euch Aufgeld geben.

Es knnte uns teuer zu stehn kommen, wenn ihr uns da in die Falle
locktet! antwortete Preziosa.

Nein, auf Ritterwort, entgegnete einer, du kannst getrost eintreten,
Kleine, und bei dem Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, du darfst
sicher sein, da dir niemand ein Haar krmmen wird. Damit legte er die
Hand auf sein Calatravakreuz.

Wenn du hinein willst, Preziosa, sprach eine ihrer drei Gefhrtinnen, so
geh in Gottes Namen; ich fr meine Person bleibe fort, wo so viel Mnner
sind.

Nicht doch! Christina, antwortete Preziosa. Vor einem einzelnen Mann
mut du dich hten, und wenn du allein bist. Sind viele beisammen, so
brauchst du keine Angst zu haben, da man dich ungebhrlich behandle. Merk
dirs, Christinchen, und glaube mir, wenn ein Mdchen entschlossen ist,
seinen guten Ruf zu bewahren, so kann sie ihn selbst mitten in einem Heere
bewahren. Freilich soll man die Versuchung fliehen, aber die geheime, nicht
die ffentliche.

So la uns hineingehn, Preziosa, erwiderte Christina; du weit mehr als
ein Gelehrter.

Auch die alte Zigeunerin ermunterte sie, und sie traten ein. Kaum war
Preziosa drinnen, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie
im Busen stecken hatte; er trat auf sie zu und griff danach, Preziosa aber
rief: Nehmt es mir nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in
diesem Augenblick bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.

So kannst du lesen, mein Kind? fragte einer.

Und auch schreiben! entgegnete die Alte. Ich habe meine Enkelin erzogen,
als wre sie eine Gelehrtentochter.

Der Kavalier faltete das Papier auseinander, fand einen Goldtaler
dareingewickelt und rief: Zum Kuckuck, Preziosa, dem Brief ist das Porto
gleich beigeschlossen! Da hast du einen Taler; er lag in der Romanze!
Gut! antwortete Preziosa, der Dichter hat mich als ein armes Ding
behandelt, und schlielich ist es ein greres Wunder, da ein Dichter mir
einen Taler schenkt, als da ich ihn nehme. Kommen all seine Romanzen mit
solcher Zugabe, so mag er ruhig den ganzen Romancero ausschreiben und mir
Stck fr Stck schicken; ich werde ihnen schon den Puls fhlen, und sind
sie hart, so will ich weich sein und sie annehmen.

Die Zuhrer bewunderten den Witz und die Anmut ihrer Worte; sie aber fuhr
fort: Leset, mein Herr, und zwar recht laut; wir wollen sehn, ob der Witz
des Dichters so gro ist wie seine Freigebigkeit.

Und der Kavalier las vor:

    Du Zigeunerin, als Rose
    Aller Schnheit wohl zu preisen,
    Die du wirst mit Recht geheien,
    Gleich dem Edelstein, Preziose,

    Auch aus dir ist jener Rede
    Richtigkeit leicht zu ersehen,
    Da stets miteinander gehen
    Schnheit und die hrtste Sprde.

    Wenn, wie du im Wert dich hebest,
    Willst die eigne Schtzung steigern,
    Mut du jeden Kauf wohl weigern
    Dem Geschlecht, in dem du lebest.

    Traun, ein Basiliske nistet
    Dir im Herzen, der uns ttet,
    Und so weich dein Mund auch fltet,
    Ists doch Herrschaft, was dich lstet.

    Unter armen Bettlern war es,
    Da solch Lichtbild ward geboren?
    Wie zu solchem Glck erkoren
    Ward der stille Manzanares?

    Ja, in hellen Ruhms Geleite
    Wird er jetzt, wie Tajo, flieen,
    Um Preziosa mehr gepriesen
    Als des Ganges Meeresbreite.

    Wohl willst Glck voraus du sehen,
    Doch du kannst nur Unglck bringen,
    Da nach zwei verschiednen Dingen
    Blick bei dir und Wille gehen.

    Denn in der Gefahr, der groen,
    Da wir unverweilt dir huldgen,
    Will dein Wille dich entschuldgen,
    Doch dein Blick will uns durchstoen.

    Sagt man, da im Zauber mchtig
    Smtliche Zigeuner seien,
    So sind deine Zaubereien
    Wahrer und mehr unheilstrchtig.

    Da du alle hast am Fdchen,
    Die dir jemals nah gewesen,
    Dieses Zaubers bses Wesen
    Liegt in deinem Aug, o Mdchen.

    Und du wirst es weiter bringen,
    Denn du blickst uns an im Tanze,
    Ttest mit des Auges Glanze
    Und bezauberst uns im Singen.

    Tausend Zauberein zusammen
    bst im Sprechen du und Schweigen;
    Magst verstecken dich, dich zeigen,
    Immer schrst du unsre Flammen.

    Selbst die allerfreisten Seelen
    Werden dir als Sklaven eigen,
    Davon kann die meine zeugen,
    Folgend deines Winks Befehlen.

    Kstliches Juwel der Liebe,
    Dieses wagte der zu schreiben,
    Der, im Tod selbst, dein wird bleiben,
    Arm zwar, doch mit reinem Triebe.

Mit >arm< fngt die letzte Zeile an, sagte Preziosa, das ist ein
schlimmes Zeichen; Verliebte sollten nie sagen, da sie arm sind, denn am
Anfang, scheint mir, ist die Armut eine groe Feindin der Liebe.

Wer hat dich das gelehrt, Kind? fragte einer.

Wer brauchte es mich zu lehren? antwortete Preziosa. Habe ich keine
Seele im Leibe? Bin ich nicht schon fnfzehn Jahre alt? Mein Verstand ist
weder lahm noch verstmmelt noch verkrppelt. Die Kpfe der Zigeunerinnen
stehen unter einem andern Stern als die der brigen Leute; sie sind ihren
Jahren immer voraus. Es gibt keinen dummen Zigeuner und keine linkische
Zigeunerin. Da sie ihren Lebensunterhalt nur durch Schlauheit, Scharfsinn
und List verdienen, so schleifen sie den Verstand bei jedem Schritt und
lassen nirgends Rost daran. Seht meine jungen Begleiterinnen, die stehn so
still da wie die Rohrkolben. Steckt ihnen aber einmal den Finger in den
Mund und fhlt nach den Weisheitszhnen, so sollt ihr euer Wunder erleben.
Keine Zigeunerin von zwlf Jahren, die nicht so viel wte wie ein andres
Mdchen von fnfundzwanzig, denn sie haben zum Meister und Lehrer den
Teufel und die bung, die ihnen in einer Stunde beibringen, woran andere
ein Jahr studieren.

Durch solche Reden setzte das Mdchen ihre Zuhrer in Verwunderung, und
alle, ob sie spielten oder nicht, gaben Kartengeld. Die Bchse der Alten
wurde um dreiig Realen schwerer, und reicher und besser gelaunt als am
Palmsonntag sammelte sie ihre Lmmer und fhrte sie ins Haus des Herrn
Stadtschultheien, indem sie versprach, sie wrde nchster Tage mit ihrer
Herde wiederkommen, um den freigebigen Herren noch einmal aufzuwarten.

Seora Doa Clara, die Frau des Herrn Stadtschultheien, war bereits
benachrichtigt, da die jungen Zigeunerinnen in ihr Haus kommen wrden, und
mit ihren Mdchen und Jungfern und denen der Frau Nachbarin, die sich alle
versammelt hatten, um Preziosa zu sehn, harrte sie ihrer voller Ungeduld.
Kaum aber waren sie eingetreten, so strahlte Preziosa unter den brigen
hervor wie das Licht einer Fackel unter kleinen Lampen. Darum lief ihr
alles entgegen; die einen umarmten sie, die andern betrachteten sie, diese
wnschten den Segen des Himmels auf sie herab, und jene ergossen sich in
Lobeserhebungen.

Ja, rief Doa Clara, das nenne ich goldene Haare, das nenne ich
Azuraugen!

Die Frau Nachbarin ging sie prfend von oben bis unten durch, unterwarf all
ihre Glieder und Gelenke einer Besichtigung, kam schlielich mit ihrem Lobe
zu einem Grbchen in Preziosens Kinn und rief: Welch ein Grbchen! In
diese Grube mu ja jedes Auge fallen, das sie sieht!

Dies hrte ein langbrtiger, hochbejahrter Kavalier der Doa Clara, der
anwesend war, und sagte: Das nennen Euer Gnaden ein Grbchen? Ich mte
mich schlecht auf Gruben verstehen, wenn dies ein Grbchen ist und nicht
vielmehr ein Grab lebendiger Wnsche. Bei Gott, die Kleine knnte nicht
niedlicher sein, und wenn sie aus Silber oder Marzipan wre. Kannst du auch
wahrsagen Kleine?

Auf drei- bis viererlei Arten, erwiderte Preziosa.

Das auch noch! rief Doa Clara. Beim Leben des Stadtschultheien, meines
Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind,
Karfunkelkind, Himmelskind! Das ist der hchste Name, den ich fr dich
finde.

Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,
sagte die Alte, und man wird sehn, was sie zu sagen wei, denn sie
versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.

Die Frau Stadtschulthei griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto
darin; sie bat ihre Mdchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte
einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das
sah, rief sie: Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die
silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht
vorenthalten, da es dem Glcke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen
des Kreuzes mit einem Kupferstck macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher
mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem
schweren oder leichten Real; ich bin wie die Kster, die sich freuen, wenn
ein groes Opfergeld fllt.

Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine, bemerkte die Frau Nachbarin,
wandte sich an den Kavalier und fragte: Herr Contreras, habt Ihr nicht
einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor,
kommt, gebe ich ihn Euch zurck.

Ich habe wohl einen, erwiderte Contreras, aber ich habe ihn fr
zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist;
gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.

Wir alle haben keinen Viertelreal, entgegnete Doa Clara, und Ihr wollt
zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner
Kerl.

Endlich sagte ein Mdchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu
Preziosa: Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen
Fingerhut macht?

Im Gegenteil, erwiderte Preziosa, das grte Kreuz in der Welt wird mit
silbernen Fingerhten gemacht, wie gar mancher wei!

Ich habe einen; versetzte das Mdchen, tut er die gleichen Dienste, so
nimm ihn, jedoch unter der Bedingung, da du auch mir Glck prophezeist.

Fr einen Fingerhut so viel Glck! rief die Alte. Tchterchen, tummle
dich, es wird Nacht!

Preziosa nahm den Fingerhut sowie die Hand der Frau Stadtschulthei und
begann also:

    Schnes Weibchen, schnes Weibchen,
    Mit der Hand aus Silberplatten,
    Nicht den Alpujarrenknig
    Liebt wie dich dein treuer Gatte.

    Bist ein Tubchen ohne Galle,
    Aber oft auch bist du flammend
    Wie die Lwenmutter Orans,
    Wie die Tigerin Ocaas.

    Doch eh man die Hand umdrehet,
    Ist der Sturm vorbeigegangen,
    Und du bist wie Gerstenzucker,
    Gleichst an Sanftmut einem Lamme.

    Zankest viel und issest wenig,
    Etwas Eifersucht auch hast du,
    Denn der Schulthei liebt sein Spchen,
    Ob er auch nach Wrde trachtet.

    Dich als Mdchen schon begehrte
    Einer von gar feinem Ansehn,
    Doch zum Henker mit den Kupplern,
    Die des Hauses Frieden schaden.

    Wrst du etwa Nonne worden,
    Wrdst du ganz im Kloster schalten,
    Denn du hast zu der btissin
    Mehr wohl als vierhundert Gaben.

    Sollt es eigentlich nicht kundtun,
    Doch gleichviel, es mu zutage:
    Zweimal wirst du Wittib werden,
    Zweimal wirst du wieder Gattin.

    Weine nicht, o meine Herrin,
    Evangelium ist nicht alles,
    Was Zigeunerinnen sprechen,
    Weine nicht, sei ruhig, Herrin.

    Wrdest du vom Tod gefordert
    Vor dem Schulthei, dem Gemahle,
    So gengt dies, dich vor schlimmem
    Witwenstande zu bewahren.

    Erben wirst du, und zwar nchstens,
    Ein bedeutendes Vermgen;
    Domherr wird dein Sohn einst werden,
    Welcher Kirch, ist schwer zu sagen,

    Doch unmglich in Toledo.
    Wirst gebren, rot von Wangen,
    Eine Tochter: wird sie Nonne,
    Wird sie wohl auch einst Prlatin.

    Wenn dein Gatte nicht verscheidet
    Noch im Lauf von dreiig Tagen,
    So bekommt ihn noch zum Richter
    Burgos oder Salamanka.

    Hast ein Muttermal! wie lieblich!
    Jesus! wie der Mond so glanzhell!
    Welch ein Glanz! bei Antipoden
    Dringt er noch in dunkle Tale!

    Ihn zu sehn gb mancher Blinder
    Mehr als einen halben Taler!
    Und jetzt lchelst du darber;
    Ah, wie steht dir das so artig!

    Aber hte dich, zu strzen,
    Und nach hinten zu vor allem;
    Denn solch Fallen ist gefhrlich
    Fr die angesehnen Damen.

    Vieles gbs noch auszusprechen;
    Willst du bis zum Freitag warten,
    Wirst du's hren und dich freuen,
    Doch auch grollen ber manches.

Damit schlo Preziosa ihre Prophezeiung, die in allen Anwesenden den Wunsch
geweckt hatte, gleichfalls ihr Glck zu erfahren. Daher baten sie
insgesamt, auch ihnen wahrzusagen, aber Preziosa verwies sie auf den
kommenden Freitag, und sie versprachen, Silberrealen zur Zeichnung des
Kreuzes mitzubringen. Unterdes kam der Herr Stadtschulthei, dem man von
der kleinen Zigeunerin Wunder ber Wunder erzhlte. Er lie sie und ihre
Gefhrtinnen ein wenig tanzen, erklrte das Preziosa erteilte Lob fr
gerecht und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und machte Miene, ihr
etwas zu geben. Als er die Tasche jedoch zu wiederholten Malen
durchstbert, gerttelt und geschttelt hatte, zog er endlich die Hand leer
heraus und rief: Bei Gott, ich habe keinen Quarto! Doa Clara, gebt Ihr
doch Prezioschen einen Real, ich werde ihn Euch wiedergeben.

Vortrefflich, Bester, da mte ich erst einen haben! Wir alle zusammen
haben keinen Viertelreal aufbringen knnen, um das Zeichen des Kreuzes
damit zu machen, und Ihr verlangt einen ganzen von uns!

Nun, so gebt ihr einen Eurer Hemdkragen oder irgend etwas; Preziosa kommt
ja noch einmal zu uns, und dann wollen wir sie besser bedenken.

Aber damit sie wiederkommt, versetzte Doa Clara, will ich ihr diesmal
lieber gar nichts geben.

Nein, entgegnete Preziosa, wenn ich nichts erhalte, so komme ich auch
niemals wieder. Oder doch, ich will wiederkommen, um so vornehmen
Herrschaften einen Gefallen zu tun, aber ich finde mich schon im voraus
darein, da ich auch dann nichts erhalte, und erspare mir so die Mhe, auf
etwas zu hoffen. Lat Euch brav schmieren, Herr Stadtschulthei, lat Euch
schmieren, so werdet Ihr Geld haben; fhrt keine neuen Sitten ein, sonst
sterbt Ihr Hungers. Ich habe immer gehrt, Euer Gnaden, (und so jung ich
bin, so wei ich doch, da es kein gar gutes Wort ist) man msse aus den
mtern Geld ziehn, um bei den Visitationen die Strafen zahlen und neue
mter erwerben zu knnen.

So sprechen und handeln gewissenlose Leute, erwiderte der
Stadtschulthei; ein Richter, der bei der Visitation gut besteht, braucht
keine Strafe zu zahlen, und hat er sein Amt gut verwaltet, so spricht das
genug fr ihn, wenn er ein neues sucht.

Euer Gnaden reden wie ein Heiliger, entgegnete Preziosa. Fahrt so fort,
und man wird Euch die Lumpen als Reliquien vom Leibe schneiden.

Was du nicht alles weit, Preziosa! sagte der Stadtschulthei. Sei nur
ruhig, ich werde es einzurichten wissen, da die Majestten dich vor sich
kommen lassen, denn du bist eine Ware fr Knige.

Sie werden mich zur Hofnrrin haben wollen, versetzte Preziosa, und dazu
bin ich verdorben. Wnschen sie mich aber, weil ich gescheit bin, so
brauchen sie mich nur holen zu lassen; doch in manchen Palsten gedeihen
die Narren besser als die Gescheiten. brigens befinde ich mich als arme
Zigeunerin wohl, und das Schicksal mag alles fgen, wie der Himmel es
will.

He, Kleine, rief die alte Zigeunerin, schwatze nicht weiter, du hast
genug geredet und weit mehr, als ich dich gelehrt habe. Machs nicht zu
fein. Allzu scharf macht schartig! Sprich von dem, was sich fr deine Jahre
schickt, und fliege mir nicht zu hoch hinaus, denn Hochmut kommt vor dem
Fall.

Die Zigeunerinnen haben den Teufel im Leib! sagte der Stadtschulthei.

Sie nahmen Urlaub; aber ehe sie gingen, sagte das Mdchen, das den
Fingerhut hergegeben hatte: Preziosa, sag mir wahr oder gib mir den
Fingerhut zurck, denn ich habe keinen andern fr meine Arbeit.

Werte Jungfer, antwortete Preziosa, bildet Euch ein, ich htte Euch
schon prophezeit, und verschafft Euch einen andern Fingerhut, oder nht an
Euren Sumen bis zu unserm Wiedersehn am nchsten Freitag gar nichts; da
will ich Euch dann mehr Glck und Begebenheiten prophezeien, als ein ganzer
Ritterroman enthlt.

So gingen sie und schlossen sich den vielen Buerinnen an, die zur Zeit des
Ave-Maria Madrid zu verlassen pflegen, um in ihre Drfer zu ziehn. Einige
gehrten zu ihren gewhnlichen Begleiterinnen, an die sie sich
anzuschlieen pflegten, da die alte Zigeunerin in bestndiger Angst lebte,
man knnte ihr Preziosa entfhren.

Nun geschah es, da sie eines Morgens auf der Wanderung nach Madrid, als
sie dort wieder einmal mit den brigen Zigeunerinnen ihre Steuer erheben
wollten, in einem etwa fnfhundert Schritt von der Stadt entfernten kleinen
Tal einen hbschen jungen Mann in reicher Reisekleidung erblickten. Sein
Degen und sein Dolch glhten ordentlich von Gold; der Hut war mit einer
kostbaren Schnur und vielfarbigen Federn geschmckt. Die Zigeunerinnen
blieben bei seinem Anblick stehn, um ihn in aller Gemchlichkeit zu
betrachten, denn sie wunderten sich, einen so schnen Jngling zu solcher
Stunde an solchem Orte zu Fu und allein zu treffen. Er trat auf sie zu und
redete die alte Zigeunerin an: Bei Eurem Leben, Mtterchen, tut mir den
Gefallen und kommt mit Preziosa hier auf die Seite, um zwei Worte
anzuhren, die Euch von Nutzen sein sollen.

Wenn es nicht zu weit abfhrt und nicht zu lange aufhlt, in Gottes
Namen! versetzte die Alte und rief Preziosa. Sie entfernten sich etwa
zwanzig Schritte von den andern, worauf der junge Mann ohne weitere
Einleitung also begann:

Ich bin vom Geist und von der Schnheit Preziosens so hingerissen, da
ich trotz aller Anstrengungen, die ich machte, um es nicht so weit kommen
zu lassen, immer mehr berwltigt wurde und immer weniger imstande war,
Widerstand zu leisten. Meine Gebieterinnen (denn diesen Namen werde ich
euch fortan geben, wenn der Himmel mein Vorhaben begnstigt), ich bin ein
Ritter, wie euch mein Orden beweisen kann -- damit schlug er den Mantel
zurck und zeigte auf der Brust eines der angesehensten Ordenskreuze
Spaniens -- bin der Sohn des ..... (sein Name wird aus guten Grnden hier
noch nicht genannt), unter dessen Vormundschaft und Obhut ich stehe; sein
einziger Sohn, der ein ansehnliches Erbe zu erwarten hat. Mein Vater
bewirbt sich hier am Hofe um ein Amt, fr das er schon vorgeschlagen ist
und das er so gut wie sicher erhalten wird. Trotz des Standes und Adels,
von dem ich rede und den ihr wohl auch ohne meine Worte schon erkannt habt,
mchte ich schon jetzt ein groer Herr sein, um die Niedrigkeit Preziosens
zu meiner Hhe erheben zu knnen, indem ich sie zu meiner Gemahlin und
meinesgleichen mache. Ich bewerbe mich nicht um sie, um sie zu tuschen,
wie denn in dem Ernst der Liebe, die ich fr sie fhle, irgendein Trug
nicht liegen kann. Ich will nur das, was ihr gefllt; ihr Wille ist der
meinige. Ihr gegenber ist meine Seele von Wachs, fr jeden Eindruck
empfnglich; aber dennoch wird sie den Eindruck bewahren, als sei er nicht
in Wachs, sondern in Marmor gegraben, dessen Hrte der Dauer der Zeit
widersteht. Glaubt ihr mir dies, so wird sich meine Hoffnung durch nichts
erschttern lassen; glaubt ihr mir aber nicht, so wird mich euer Zweifel,
selbst wenn ich eure Gunst gewinnen sollte, doch in ewiger Angst erhalten.
Mein Name ist .... (hier nannte er ihn); den meines Vaters habe ich euch
schon gesagt. Sein Haus steht in der und der Strae und hat die und die
Kennzeichen. Ihr werdet Nachbarn finden, bei denen ihr Erkundigungen
einziehen knnt; auch knnt ihr dies ebensogut bei solchen, die nicht zu
unsern Nachbarn gehren, denn meines Vaters und mein eigner Name und Stand
sind nicht so unansehnlich, da man sie in den Hfen des Schlosses und
berhaupt irgendwo in der Residenz nicht kennen sollte. Hier habe ich
hundert Goldtaler, um sie euch als Aufgeld und Pfand dessen zu geben, was
ihr noch von mir bekommen sollt; denn die Hand darf nicht zurckhalten,
wenn das Herz einmal geschenkt hat.

Whrend der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preziosa aufmerksam, und
augenscheinlich hatten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mifallen.
Sie wandte sich an die Alte und sprach: Erlaubt mir, Gromutter, diesem
verliebten Herrn selbst zu antworten.

Antworte ihm, was du willst, Kind, erwiderte die Alte, denn ich wei, du
bist zu allem verstndig genug. Und Preziosa sprach:

Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborene Zigeunerin,
so habe ich doch ein etwas schwrmerisches Kpfchen, das mich zu groen
Dingen hinzieht. Mich rhren weder Versprechungen, noch machen mich
Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwrfigkeit, noch bringen mich
Liebesworte auer Fassung, und wenn ich auch nach der Rechnung meiner
Gromutter am kommenden Michaelistage erst mein fnfzehntes Jahr vollende,
so bin ich dem Geist nach doch schon gereift und weiter, als mein Alter
vermuten lt, freilich eher durch Mutterwitz als durch Erfahrung. Aber
beides sagt mir, da die Regungen der Liebe in denen, die zum erstenmal
verliebt sind, blind wtenden Strmen gleichen, die den Willen aus seinen
Angeln heben, so da er alle Hindernisse niederwirft, tricht dem Ziel
seiner Wnsche nachstrzt und, whrend er in den Himmel zu fliegen glaubt,
den ihm seine Augen vorspiegeln, in die Hlle seines Unglcks fllt.
Erreicht er das, was er wnscht, so schwindet der Wunsch mit dem Besitz des
ersehnten Gegenstandes, und wohl ists mglich, da sich dann die Augen des
Verstandes ffnen und er nun verabscheut, was er frher angebetet hat.
Diese Besorgnis macht mich so behutsam, da ich keinen Worten glaube und
bei gar vielen Taten mitrauisch bin. Ich habe ein einziges Juwel, das ich
hher schtze als das Leben selbst: das ist meine jungfruliche Unschuld,
und die mag ich weder um Versprechungen noch um Geschenke verkaufen, denn
immer wre sie schlielich verkauft; und wre sie mir feil, so wrde ich
sie sehr gering anschlagen. Auch werden sie mir weder eine List noch
Vorspiegelungen entreien, und eher soll sie mit mir ins Grab oder
vielleicht in den Himmel gehn, als da ich sie der Gefahr aussetze, von
Hirngespinsten und Trumereien verletzt zu sehn. Die Jungfrulichkeit ist
eine Blume, die sich womglich nicht einmal durch Gedanken berhren lassen
sollte. Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose!
Der eine betastet sie, der andre riecht daran, ein dritter zerblttert sie,
und endlich verdirbt sie unter rohen Hnden. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf
diese Beute ausgeht, so knnt Ihr sie nicht anders bekommen als gebunden
mit den Schnren und Banden der Ehe. Soll die Jungfrulichkeit sich beugen,
so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehn, denn dann geht sie
nicht verloren, sondern wird zu einem freien Geschenk, das seinerseits
wiederum einen herrlichen Gewinn verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so
werde ich Eure Gattin; dem mssen jedoch erst gar manche Bedingungen und
Prfungen vorangehn. Zunchst mu ich erforschen, ob Ihr das, was Ihr sagt,
wirklich seid. Besttigt es sich, so mt Ihr das Haus Eurer Eltern
verlassen und es mit unsern Htten vertauschen; Ihr mt Zigeunertracht
anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehn. Inzwischen kann ich mich
dann gengend ber Eure Gemtsart unterrichten, sowie Ihr Euch ber meine.
Nach Ablauf dieser Frist will ich Euch, falls Ihr mit mir zufrieden seid,
als Eure Gattin angehren; bis dahin aber werde ich im Umgang nur Eure
Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch mt Ihr bedenken, da Ihr
in der Zeit dieses Noviziats vielleicht Eure Sehkraft wiedererlangt, die
gegenwrtig geschwunden oder doch getrbt sein mu, und dann vielleicht
gewahr werdet, wie sehr Ihr zu fliehen habt, was Ihr gegenwrtig mit so
groem Eifer verfolgt. Erlangt Ihr aber die verlorene Freiheit wieder, so
erhaltet Ihr durch aufrichtige Reue auch Verzeihung fr jede Schuld. Wollt
Ihr unter diesen Bedingungen als Schler in unsre Schar eintreten, so steht
es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen,
wenn Ihr gegen eine einzige Bedingung fehlt.

Der Jngling staunte ber Preziosens Worte und sah ganz verstrt auf den
Boden, whrend er allem Anschein nach ber eine Antwort nachsann. Als
Preziosa dies bemerkte, hob sie von neuem an:

Es ist dies nicht von so geringer Bedeutung, da es sich in den wenigen
Minuten, die wir jetzt zur Verfgung haben, entscheiden liee oder
entschieden werden mte. Kehrt in die Stadt zurck, mein Herr, und
berlegt des weitern, was Ihr tun wollt. An dieser Stelle hier knnt Ihr
mich an jedem Festtage sprechen, wenn ich nach Madrid gehe oder von dort
zurckkomme.

Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preziosa, erwiderte der
Edelmann, beschlo ich, alles fr dich zu tun, was du von mir fordern
wrdest, wobei mir freilich nicht in den Sinn kam, was du nun von mir
verlangst. Da es jedoch dein Wille ist, da ich mich dir fge und
anschliee, so sieh mich von diesem Augenblick als einen Zigeuner an, denn
du wirst in mir stets den gleichen finden, der sich dir jetzt zeigt. Sag
mir nur, wann ich meine Kleidung vertauschen soll; ich wollte, es geschhe
sogleich. Denn da ich eben Veranlassung htte, nach Flandern zu gehn, so
knnte ich meine Eltern jetzt am ehesten tuschen und mir auf einige Zeit
Geld verschaffen; ich werde nur etwa acht Tage fr die Vorbereitungen
brauchen. Meine Reisegefhrten will ich schon so hinters Licht fhren, da
mir mein Vorhaben gelingt. Aber um eins bitte ich dich, wenn ich mich
erkhnen darf, dich um etwas zu bitten und anzuflehen, da du nmlich auer
heute, da du ber meinen und meiner Eltern Stand Erkundigungen einziehen
wirst, nicht mehr nach Madrid gehst; denn ich mchte nicht, da mich eine
der unzhligen Gefahren, die dich dort umlauern, des teuer erkauften
Glckes beraubte.

Daraus wird nichts, mein schner Herr, entgegnete Preziosa; wisset ein
fr allemal, da ich mir meine Freiheit unverkmmert vorbehalte und sie mir
von keiner lstigen Eifersucht beeintrchtigen oder stren lasse. Freilich
werde ich keinen bermigen Gebrauch davon machen, und Ihr werdet sehn,
wie eng ich meine Sittsamkeit mit meiner Ungebundenheit zu verbinden wei.
Die erste Pflicht jedoch, die ich Euch auferlege, besteht darin, da Ihr
Vertrauen in mich setzt; denn lat Euch gesagt sein: Liebhaber, die der
Eifersucht nachgeben, sind entweder tricht oder vermessen.

Du hast den Satan im Kopf, Mdchen! rief hier die alte Zigeunerin; du
redest von Dingen, die kein Professor von Salamanka im Munde fhrt; du
weit von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt das? Steh ich
doch vor dir wie eine Gans und hre dir zu wie einer, die in der Verzckung
Lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.

Schweigt, Gromutter, antwortete Preziosa, und wisset, da alles, was
Ihr von mir hrtet, nur ein Kinderspiel ist im Vergleich zu den viel
wichtigeren Dingen, von denen mir das Herz voll ist.

Preziosens Worte und der Geist, den sie verriet, gossen l in die Flamme,
die in der Brust des verliebten Kavaliers entbrannt war. Endlich kam man
berein, da man sich nach acht Tagen an diesem Ort wiedersehn wollte; da
sollte er dann vom Stande seiner Angelegenheiten Nachricht geben, und sie
htte inzwischen Zeit gefunden, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu
berzeugen. Der Jngling zog eine Brse aus Goldstoff hervor, die, wie er
sagte, hundert Goldtaler enthielt, und berreichte sie der Alten. Als
Preziosa durchaus nicht zugeben wollte, da die Zigeunerin sie annahm,
bemerkte diese:

Schweig, Kleine! Das sicherste Zeichen, da der Herr sich gefangen gibt,
liegt eben in der Auslieferung seiner Waffen an den Sieger. Zu schenken,
sei es aus welcher Ursache es wolle, hat immer als Beweis eines gromtigen
Herzens gegolten. Denk an das alte Sprichwort: >Von Gott soll mans bitten
und in Scheffeln verschtten.< berdies mchte ich nicht, da die Zigeuner
durch mich den seit Jahrhunderten behaupteten Ruf verlren, sie seien
betriebsam und frs Nehmen. Hundert Taler, meinst du, soll ich fahren
lassen, die man in den Saum eines Rockes, der keine zwei Realen wert ist,
einnhen und bei sich tragen kann wie eine Rente aus den Wiesen in
Estremadura? Und wenn nun einer von unsern Shnen, Enkeln oder Verwandten
das Unglck htte, der Justiz in die Hnde zu fallen, knnte er eine
bessere Frsprache vor dem Ohr des Richters und Gerichtsschreibers finden,
als wenn diese Taler in ihren Beutel wandern? War ich doch schon dreimal
wegen drei verschiedener Delikte eben daran, auf den Schandesel gesetzt und
gestupt zu werden; aber das eine Mal ermglichte mir eine silberne Kanne
den Rckzug, das andre Mal eine Perlenschnur und das drittemal vierzig
schwere Realen, die ich fr leichte eingewechselt hatte, wobei ich nur
zwanzig in den Kauf zu geben brauchte. Bedenke, Kind, da wir ein gar
gefhrlich Handwerk treiben voller Schwierigkeiten und Fallstricke, und da
es keine Hilfe gibt, die uns schneller zur Hand wre und krftiger unter
den Arm griffe, als die unbesiegten Waffen des groen Philipp; denn ber
dies Nonplusultra geht nichts. Fr eine Dublone mit ihren zwei Gesichtern
klrt sich das griesgrmige des Prokurators und smtlicher Diener des
hochpeinlichen Gerichts auf, die wahre Stovgel fr uns arme Zigeunerinnen
sind und sich mehr darauf einbilden, uns zu rupfen und zu schinden, als
einen Straenruber. Nie, so zerlumpt und erbrmlich sie uns auch sehn,
halten sie uns fr arme Leute, sondern sie sagen, wir seien wie die Wmser
der Strauchdiebe aus Belmonte, zerrissen und schmutzig, aber voller
Dublonen.

Um des Himmels willen, Gromutter, hrt auf, Ihr fhrt am Ende, um das
Geld behalten zu drfen, so viele Gesetze an, da Ihr den rmischen Kaiser
berbietet. Behaltet es, wohl bekomms Euch, und wolle Gott, da Ihr es in
ein Grab senkt, wo es das Tageslicht nie wieder zu sehn bekommt noch zu
sehn braucht. Unsern Begleiterinnen werden wir brigens etwas davon abgeben
mssen, denn sie warten schon lange auf uns, und sie werden verdrielich
geworden sein.

Von diesem Geld sollen sie so wenig zu Gesicht bekommen, erwiderte die
Alte, wie vom Grotrken. Der gute Herr da sieht wohl nach, ob er noch
einiges Silbergeld oder ein paar Viertelstcke hat; die will ich unter sie
verteilen, denn sie sind mit dem Geringsten zufrieden.

Die habe ich, entgegnete der Liebhaber und zog drei schwere Realen aus
der Tasche, die jene sofort unter die drei Zigeunermdchen verteilte und
sie froher und zufriedener machte als einen Theaterdichter, den man nach
einem Wettstreit an den Straenecken als Sieger ausruft. -- Es wurde also,
wie schon gesagt, beschlossen, in acht Tagen wieder zusammenzukommen, den
jungen Mann aber, falls er Zigeuner wrde, den >Herren-Andres< zu nennen,
weil es schon mehrere Zigeuner dieses Namens unter ihnen gab. Andres, denn
so wollen auch wir ihn fortan nennen, wagte es nicht, Preziosa zu umarmen,
bergab ihr aber mit einem Blick seine ganze Seele und machte sich, wenn
man so sagen darf, ohne Seele auf den Weg nach Madrid; die andern folgten
ihm in vergngtester Stimmung. Preziosa, in der durch das gewinnende Wesen
des Andres wenn auch noch keine Liebe, so doch eine gewisse Zuneigung
geweckt war, wollte sich gern bald erkundigen, ob er wirklich der sei, fr
den er sich ausgab. Sie kam in die Stadt, und kaum war sie durch einige
Straen gegangen, als sie dem Pagen begegnete, von dem die Verse mit dem
eingewickelten Goldtaler stammten. Sobald er ihrer ansichtig wurde, trat er
auf sie zu und sprach: Guten Tag, Preziosa; hast du vielleicht die Verse
schon gelesen, die ich dir neulich gab?

Preziosa erwiderte: Ehe ich dir eine Antwort gebe, mut du mir ohne allen
Rckhalt und beim Leben dessen, was du am meisten liebst, etwas sagen.

Einer solchen Beschwrung, entgegnete der Page, kann ich nicht
widerstehen, sollte mich meine Geschwtzigkeit auch das Leben kosten.

Nun, ich wnsche von dir zu erfahren, antwortete Preziosa, ob du etwa
ein Dichter bist?

Wre ich es, so mte ich es zufllig geworden sein, versetzte der Page;
du mut jedoch wissen, Preziosa, da nur sehr wenige den Namen eines
Dichters verdienen, und so bin denn auch ich keiner, sondern nur ein
Liebhaber der Dichtkunst und brauche mir deshalb fr meine eignen Zwecke
keine fremden Verse zu erbetteln. Die ich dir neulich gab, sind von mir,
und die ich dir jetzt gebe, ebenfalls; darum bin ich aber noch kein
Dichter: davor soll mich Gott bewahren!

Ist es denn so schlimm, ein Dichter zu sein? fragte Preziosa.

Nicht schlimm, erwiderte der Page; aber nur Dichter zu sein, das halte
ich nicht eben fr sonderlich gut. Man mu mit der Poesie verfahren wie mit
einem hchst kostbaren Kleinod, das der Besitzer nicht jeden Tag bei sich
trgt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur
bei schicklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschnes Mdchen,
keusch, sittsam, verstndig, witzig und zurckhaltend, das sich in den
Schranken der hchsten Klugheit bewegt. Es liebt die Einsamkeit, die
Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trsten es, die Bume spielen mit ihm,
die Blumen machen es froh; selbst aber erfreut und belehrt es alle, die mit
ihm verkehren.

Trotzdem, versetzte Preziosa, habe ich gehrt, sei das Mdchen sehr
arm, ja fast eine Bettlerin.

Im Gegenteil, antwortete der Page, es gibt keinen Dichter, der nicht
reich wre; denn sie sind alle mit ihrer Lage zufrieden: eine Philosophie,
zu der es nur wenige Menschen bringen. Was aber veranlat dich, Preziosa,
mir diese Frage zu stellen?

Der Anla߫, erwiderte Preziosa, war, da mich bei meinem Glauben an die
Armut aller oder doch der meisten Dichter der in Eure Verse eingewickelte
Goldtaler in Erstaunen setzte. Jetzt aber, da ich wei, da Ihr kein
Dichter, sondern nur ein Liebhaber der Poesie seid, mgt Ihr vielleicht
reich sein, obwohl ich dies bezweifle; denn da Euch ein Teil Eures Wesens
treibt, Verse zu machen, so wrde durch ihn auch Euer Vermgen draufgehn;
denn man sagt, es gbe keinen Dichter, der ein Vermgen, das er hat, zu
erhalten und eins, das er nicht hat, zu erwerben wte.

Aber ich gehre nicht zu ihnen, entgegnete der Page; ich mache Verse und
bin weder arm noch reich; und ohne viel darauf zu achten oder Rechnung
darber zu fhren, kann ich wie die Genueser bei ihren Gastmhlern dem, dem
ich wohl will, einen oder zwei Taler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses
zweite Papier mit dem zweiten Taler darin, ohne dir Gedanken darber zu
machen, ob ich ein Dichter sei oder nicht. Denke und glaube nur, da der,
der dir dies gibt, gern den Reichtum des Midas htte, um ihn dir schenken
zu knnen.

Damit bergab er ihr ein Papier, in dem Preziosa den Taler wirklich fand,
daher sagte sie:

Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine
ist der Taler, die andre sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen
stecken. Der Herr Page wisse jedoch, da ich nicht so viele Seelen bei mir
haben mag, und nimmt Er nicht die eine zurck, so glaube Er auch nicht, da
ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist,
aber nicht etwa, weil er Geschenke austeilt. Unter dieser Beschrnkung
jedoch knnen wir eine dauernde Freundschaft schlieen, denn an einem
Taler, so stark das Wohlwollen auch sei, kann es eher einmal fehlen als an
der Stimmung fr eine Romanze.

Steht es so, antwortete der Page, und willst du, Preziosa, durchaus, da
ich arm sei, so verschmhe mindestens die Seele, die in diesem Papier
enthalten ist, nicht; den Taler aber gib mir zurck, denn da ihn deine Hand
einmal berhrt hat, so werde ich ihn zeitlebens als eine Reliquie
aufbewahren.

Preziosa nahm den Taler aus dem Papier und behielt nur dies zurck, ohne es
jedoch auf offener Strae zu lesen. Der Page entfernte sich hchst
zufrieden, denn er hielt Preziosa schon fr gewonnen, da sie so freundlich
mit ihm gesprochen hatte. Ihr aber lag jetzt vor allem daran, Andres'
vterliches Haus zu suchen; sie wollte sich nirgends aufhalten noch tanzen
und gelangte schnell in die ihr wohlbekannte Strae, in der das Gebude
liegen sollte. Als sie ungefhr bis in die Mitte gekommen war, warf sie
einen Blick auf ein paar vergoldete Balkone, die man ihr als Kennzeichen
genannt hatte. Dort stand ein Kavalier von etwa fnfzig Jahren, mit einem
farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietender Erscheinung.
Kaum hatte er das Zigeunermdchen bemerkt, so rief er ihr zu: Kommt
herauf, Kinder, ihr sollt ein Almosen haben!

Bei diesem Ruf eilten noch drei andre Herren auf den Balkon, unter denen
auch Andres war, und als er Preziosa gewahr wurde, erblich er und verlor
fast die Besinnung, so berraschend wirkte ihr Anblick auf ihn. Smtliche
Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um
bei der Dienerschaft Erkundigungen darber einzuziehn, ob Andres die
Wahrheit gesagt hatte. Als die Mdchen den Saal betraten, sagte der alte
Herr eben zu den brigen: Das ist ohne Zweifel die schne junge
Zigeunerin, die gegenwrtig in Madrid umherziehen soll.

Sie ist es, erwiderte Andres, und sie ist ohne Zweifel das schnste
Geschpf, das man je sah.

So sagt man, entgegnete Preziosa, die jene Worte im Hereintreten gehrt
hatte; aber man tuscht sich wahrlich um wenigstens die Hlfte meines
wirklichen Wertes. Hbsch glaube ich freilich zu sein, aber da ich so
schn wre, wie die Leute behaupten, das glaube ich nicht.

Beim Leben meines Sohnes, meines Juanico, erwiderte der alte Herr, du
bist noch schner als man sagt, niedliche Zigeunerin!

Und wer ist Euer Juanico? fragte Preziosa.

Der hbsche junge Mann da neben dir, erwiderte der Kavalier.

Glaubte ich doch wahrhaftig, versetzte Preziosa, Euer Gnaden schwren
bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal, welch ein Don Juanico! Welch
eine Pracht! Auf mein Wort, der knnte schon eine Frau nehmen; und nach den
Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehn, ehe er
eine hat, und zwar ganz nach seinem Geschmack, falls er ihn bis dahin nicht
verliert oder gegen einen andern umtauscht.

Seht mir doch, bemerkte einer der Anwesenden, was das Mdchen von Linien
versteht!

Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preziosens in einen Winkel
des Zimmers gedrngt, steckten die Kpfe zusammen und flsterten, um nicht
gehrt zu werden, ganz leise miteinander.

Mdchen, sagte Christina, das ist der Herr, der uns heute frh die drei
schweren Realen gegeben hat.

Freilich, freilich, antworteten die andern, aber wir wollen kein Wort
darber verlieren, wenn er selbst nichts sagt; wissen wir doch nicht, ob er
sich gern zu erkennen gibt!

Whrend dies unter den dreien vorging, erwiderte Preziosa dem, der die
Bemerkung ber die Deutung der Linien in der Hand gemacht hatte: Was ich
nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So wei ich vom
Herrn Juanico, ohne seine Hand gesehen zu haben, da er ein wenig verliebt,
ungestm, vorschnell ist und gern Dinge verspricht, die unmglich scheinen;
und wolle Gott, da er nicht etwa gar lgnerisch ist, denn das wre das
Schlimmste von allem. Er hat jetzt eine Reise an einen weit entfernten Ort
zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders der, der ihn sattelt. Der
Mensch denkt, und Gott lenkt. Vielleicht vermeint er nach Oez zu gehn und
kommt nach Gamboa.

Da erwiderte Don Juan: Wahrhaftig, Zigeunermdchen, du hast manches von
meiner Gemtsart erraten; was aber die Neigung zum Lgen betrifft, so bist
du auf ganz falschem Wege, denn ich rhme mich, in jedem Fall die Wahrheit
zu sagen. In betreff der weiten Reise hast du wiederum recht; gefllt es
Gott, so werde ich allerdings in vier oder fnf Tagen nach Flandern
aufbrechen, und zwar trotz deiner Prophezeiung, da ich den Weg verfehlen
werde; denn ich hoffe nicht, da mir unterwegs irgendein Unfall zustt,
der mich daran hindern knnte.

Still, kleiner Herr! erwiderte Preziosa. Empfiehl dich Gott, so wird
alles gut gehn, und sei versichert, da ich nichts von dem, was ich zu
wissen behauptet habe, wirklich wute; und das ist auch weiter kein Wunder,
denn da ich aufs Geratewohl allerlei herausschwatze, so treffe ich mitunter
auch die Wahrheit. Jetzt mchte ich nur, ich knnte dich mit ebensoviel
Erfolg berreden, nicht abzureisen, sondern ruhigen Herzens bei deinen
Eltern zu bleiben und ihnen ein glckliches Alter zu bereiten; denn bei
diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus,
besonders fr junge Leute von so zartem Alter. Werde erst ein wenig lter,
um die Beschwerden des Kriegs ertragen zu knnen, um so mehr, als du Krieg
genug im eignen Hause hast und genug der Liebeskmpfe in deinem Herzen
strmen. Ruhig, ruhig, kleiner Brausekopf, und bedenke, was du tust, ehe du
heiratest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deiner selbst willen;
denn ich glaube wahrhaftig, du bist aus trefflichem Stamme; und kommt die
Wahrhaftigkeit noch hinzu, so will ich, wenn sie sich erprobt hat, ein
Jubellied anstimmen, weil ich in all meinen Angaben das Richtige getroffen
habe.

Ich sagte dir schon, mein Kind, entgegnete der Don Juan, der zum
>Herren-Andres< werden sollte, da du in allem die Wahrheit triffst; nur
in deiner Besorgnis, ich sei nicht sonderlich wahrheitsliebend, irrst du
vllig. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, halte ich in der Stadt und wo
sonst du willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer dem Laster der
Lge verfllt, darf sich fr keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um
Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen; denn wahrlich, ich habe, was
ich bei mir hatte, heute frh einigen Damen gegeben, die mir keine
sonderlichen Zinsen zahlen werden, wenn sie, besonders die eine unter
ihnen, so leichtfertig sind wie schn.

Als Christina das hrte, flsterte sie den brigen Zigeunerinnen ebenso
heimlich wie das erstemal zu: Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da
nicht die drei schweren Realen meint, die er uns heute morgen gegeben hat.

Das kann nicht sein, erwiderte eine von ihnen, denn er sagt ja, es seien
Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er so wahrhaftig zu sein
behauptet, wird er auch hierin nicht lgen.

Eine Lge, antwortete Christina, die niemandem zum Schaden, dem aber,
der sie sagt, zu Nutz und Vorteil gereicht, ist nicht von so groer
Bedeutung; brigens sehe ich bei all dem noch nicht, da wir einen Pfennig
erhielten oder da man uns tanzen liee.

Inzwischen kam auch die alte Zigeunerin herauf und sprach: Kind, mach da
du fertig wirst; es wird spt, und es gibt noch viel zu tun und noch mehr
zu reden.

Nun, was gibt es denn, Gromutter? fragte Preziosa, einen Jungen oder
ein Mdchen?

Einen Jungen, und einen hbschen, entgegnete die Alte; komm, Preziosa,
und du sollst deine Wunder hren.

Wolle Gott, da er keines jhen Todes sterbe! erwiderte Preziosa.

Alles wird gut gehn, versetzte die Alte, besonders da die Geburt bis
jetzt gehrig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbbchen.

Ist eine Dame in die Wochen gekommen? fragte der Vater des Herren-Andres.

Ja, mein Herr, erwiderte die Zigeunerin, aber die Geburt fand so im
stillen statt, da niemand davon wei als Preziosa und ich und noch jemand;
und somit knnen wir nichts darber verlauten lassen.

Wir wollen auch nichts wissen, sagte einer der Anwesenden; aber Gott
gnade derjenigen, die ihr Geheimnis auf eure Zungen niederlegt und ihre
Ehre eurem Beistand anvertraut.

Wir sind nicht alle so schlimm, erwiderte Preziosa; vielleicht gibt es
eine unter uns, die sich der Verschwiegenheit und der Wahrheitsliebe
ebensosehr rhmen kann wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt,
Gromutter, man schlgt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig, wir sind
weder Diebe noch Bettler.

Werde nicht bse, sagte der Vater, denn wenigstens von dir, Preziosa,
lt sich, denke ich, Schlimmes nicht sagen; dein unschuldiges Gesicht
brgt fr die Unschuld deines Treibens. Aber tu mir die Liebe, Prezioschen,
und tanze ein wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone
mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keins dem deinigen gleichkommt,
obwohl die Kpfe Knigen angehren.

Kaum hatte die Alte das vernommen, so rief sie: Auf, Mdchen, tummelt euch
und macht den Herren ein Vergngen!

Preziosa ergriff die Schellentrommel, und sie tanzten ihre Wendungen und
verschlungenen Schritte mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, da
die Augen aller Zuschauer ihren Fchen folgten, besonders die des Andres,
die an Preziosas Fen hingen, als fnden sie dort den Mittelpunkt ihres
Himmels. Das Schicksal aber trbte ihm diesen Himmel pltzlich so, da er
sich in eine Hlle verwandelte, denn es traf sich, da in der Lebhaftigkeit
des Tanzes Preziosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben hatte.
Kaum aber war es gefallen, so hob jener Herr, der von den Zigeunerinnen
eine so schlimme Meinung hatte, es auf, ffnete es unverweilt und rief:

Vortrefflich! ein Sonettchen! haltet ein mit dem Tanze und hrt mir zu,
denn nach dem ersten Vers zu schlieen, ist es gar nicht bel.

Preziosen war dies verdrielich, da sie den Inhalt noch nicht kannte. Sie
bat, man mchte es ihr ungelesen zurckgeben; der Eifer aber, mit dem sie
darum bat, schrfte in Andres nur die Begierde, es zu hren. Kurz, der
Kavalier las mit lauter Stimme diese Verse:

    Wenn Preziosa greift zum Spiel der Glocken
    Und in die Luft die sen Klnge hallen,
    So lt sie Perlen ihrer Hand entfallen,
    Und aus dem Munde streut sie Bltenflocken.

    Die Seele staunt, es steht das Herz erschrocken
    Vor dieses Geistes holdem Erdenwallen,
    Den nach des Himmels staubentrckten Hallen
    Die Unschuld und die Reinheit wieder locken.

    Gefesselt fhrt sie an dem kleinsten Haare
    Viel tausend Seelen, und von ihren Fen
    Hervor lt Amor Pfeil um Pfeile fliegen.

    Sie hellt und blendet mit dem Sonnenpaare,
    Worin der Liebe ewge Throne liegen,
    Und lt auf hhern Glanz noch fr sich schlieen.

Bei Gott! rief der Kavalier, der vorgelesen hatte, der Dichter, der dies
schrieb, versteht sich auszudrcken!

Es ist kein Dichter, sagte Preziosa, sondern ein sehr hflicher und
freigebiger Page.

Bedenke, was du gesagt hast und was du sagen willst, Preziosa, denn es ist
nicht sowohl ein Lob des Pagen wie ein Dolchsto durch die Brust deines
Zuhrers Andres. Willst du ihn sehn, Kind? Wende nur die Augen, und du
wirst ihn ohnmchtig, mit Angstschwei bedeckt auf dem Stuhl erblicken.
Denke nicht, Mdchen, Andres liebe dich nur zum Scherz, und ihn verwunde
und ngstige nicht die kleinste deiner Unbesonnenheiten! Um Gottes willen,
tritt zu ihm hin und sage ihm ein paar Worte ins Ohr, die ihm zu Herzen
gehn und ihn wieder zu sich bringen. Willst du das nicht, so bringe nur
jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und bald wirst du sehn,
wohin ihn das fhrt.

All das begab sich wirklich so, denn als Andres dem Sonette lauschte,
durchzuckten ihn tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in
Ohnmacht, aber er wurde so bla, da sein Vater es bemerkte und fragte:
Was ist dir, Don Juan? Du wechselst die Farbe, als wolltest du ohnmchtig
werden.

Keine Sorge! rief Preziosa, lat mich ihm nur ein Wrtchen ins Ohr
sagen, und Ihr werdet sehn, da es zu keiner Ohnmacht kommt.

Damit trat sie auf ihn zu und flsterte, beinahe ohne die Lippen zu
bewegen: Ein schner Mut fr einen Zigeuner! Wie willst du die Folter
aushalten, Andres, wenn du nicht einmal ein Stck Papier ertrgst?

Zugleich machte sie ihm ein halb Dutzend Kreuze aufs Herz und trat zurck.
Andres begann wieder zu atmen, was darauf schlieen lie, da Preziosas
Worte wohlttig auf ihn eingewirkt hatten. Kurz, sie erhielt die
doppelkpfige Dublone und sagte ihren Gefhrtinnen, sie werde sie wechseln
lassen und ehrlich mit ihnen teilen.

Andres' Vater bat sie, ihm den Spruch, mit dem sie Don Juan zugesprochen
hatte, aufzuschreiben, da er ihn fr alle Flle zur Hand haben mchte. Sie
erwiderte, sie wolle ihm die Worte gern angeben, er drfe versichert sein,
obwohl sie scheinbar nur Unsinn seien, besen sie doch die besondere
Kraft, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:

    Kpflein, du hast selbst die Schuld;
    Woll dich nicht so sehr erhitzen,
    Und erwhle, dich zu sttzen,
    Die gesegnete Geduld.
    Rascher Mut
    Khle dein Blut.
    Wolle nicht wanken
    Zu schlimmen Gedanken,
    Und bald wirst du Wunder sehn,
    Wie sie nicht zu oft geschehn.
    Somit Gott gepriesen
    Und Sankt Christoph, den Riesen!

Nur die Hlfte dieses Spruches, sagte Preziosa, braucht man dem
Ohnmchtigen zuzuflstern, indem man sechsmal das Zeichen des Kreuzes
macht, so ist er alsbald wieder frisch wie ein Apfel.

Als die alte Zigeunerin diesen angeblichen Segen hrte, war sie ganz
erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wohl sah, da alles nur eine
Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes war. Das Sonett behielt man
zurck, weil Preziosa es nicht fordern mochte, um Andres nicht neue Qualen
zu bereiten; denn ohne da man es sie gelehrt hatte, wute sie bereits, was
es heit, wenn man einem Liebenden, der sich ganz hingibt, die Angst und
Pein und die Schrecken der Eifersucht einflt. Als die Zigeunerinnen
Abschied nahmen, sagte sie zu Don Juan: Bedenkt, mein Herr, da jeder Tag
dieser Woche fr Eure Abreise gnstig und keiner unheilvoll ist;
beschleunigt Euren Aufbruch, so sehr Ihr knnt, denn es wartet Euerer ein
reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch ihm bequemen
wollt.

Mir scheint im Gegenteil, erwiderte Don Juan, als bte das Soldatenleben
mehr des Zwanges als der Freiheit; aber ich will sehn, wie ich mich
dahinein schicke.

Ihr werdet mehr sehn, als Ihr denkt, entgegnete Preziosa; Gott schtze
und erhalte Euch, wie Euer gutmtiges Gesicht es verdient.

Diese letzten Worte heiterten Andres auf, die Zigeunerinnen aber waren
voller Freude; sie lieen die Dublone wechseln und verteilten sie
gleichmig unter sich, nur da die Alte, wie von allen Sammlungen,
anderthalb Teile bekam, und zwar erstens ihrer hohen Jahre wegen, und
zweitens weil sie die Magnetnadel war, nach der die andern sich auf dem
hohen Meer ihrer Tanzknste, Scherze und Schelmenstcke richteten.

Endlich kam der Morgen, an dem sich der Herren-Andres in aller Frhe auf
einem gemieteten Maultier, ohne irgendeinen Bedienten, an dem Orte
einstellte, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preziosa und
deren Gromutter, die ihn voll Freuden empfingen. Er bat, sie mchten ihn
vor Anbruch des Tages nach dem Lager fhren, damit man nicht auf seine Spur
geriete, falls man ihn etwa suchen sollte. Sie, die vorsichtig genug
gewesen waren, allein zu kommen, traten sofort den Rckweg an und gelangten
in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Htten. Andres ging in eins der Zelte, das
grte des Lagers, und alsbald eilten zehn bis zwlf Zigeuner zu seinem
Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, denen die
Alte den neuen Gefhrten, der kommen sollte, schon gemeldet hatte.
Verschwiegenheit brauchte sie ihnen dabei nicht erst besonders zu
empfehlen, da sie Geheimnisse stets gewissenhaft und klug bewahren. Sie
warfen zugleich ein Auge auf das Maultier, und einer sagte: Das kann man
am Donnerstag in Toledo verkaufen.

Nein, erwiderte Andres, denn es gibt keinen Maultiertreiber in Spanien,
der nicht jedes gemietete Maultier auf den ersten Blick kennte.

Bei Gott, Herr Andres, versetzte einer von den Zigeunern, htte das Tier
auch mehr Zeichen an sich als dem jngsten Tage vorausgehen werden, wir
wrden es hier schon so verwandeln, da es weder die Mutter, die es
geboren, noch der Herr, der es aufgezogen hat, mehr erkennen sollten!

Trotzdem, entgegnete Andres, mu diesmal meine Meinung entscheiden: das
Tier mu sterben und wird so verscharrt, da auch kein Knochen von ihm je
wieder zum Vorschein kommt.

Das wre eine groe Snde, bemerkte ein anderer Zigeuner. Einem
Unschuldigen soll man das Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres,
sondern merkt auf: Betrachtet das Tier genau, prgt Euch all seine
Kennzeichen recht ins Gedchtnis ein und lat es mich dann fortnehmen:
erkennt Ihr es in zwei Stunden noch wieder, so mag man mich peitschen wie
einen entlaufenen Neger.

Ich kann durchaus nicht zugeben, sagte Andres, da das Tier am Leben
bleibe, und wenn Ihr mir noch so viel von seiner Verwandlung erzhlt.
Solange die Erde es nicht bedeckt, bin ich in Gefahr, entdeckt zu werden;
handelt es sich aber um den Nutzen, der aus seinem Verkauf zu gewinnen
wre, so trete ich keineswegs so arm unter meine neuen Kameraden, um nicht
als Eintrittsgeld den Wert von vier Maultieren erlegen zu knnen.

Nun, wenn der Herr Andres es durchaus will, erwiderte ein andrer
Zigeuner, so mge das Unschuldige sterben, und Gott wei, da es mir leid
tut sowohl um seine Jugend, denn es hat noch seine Fllenzhne, was man bei
einem Mietsmaultier fast niemals trifft, wie auch, weil es einen guten
Schritt haben mu, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine
Sporenmler.

Sein Tod wurde indessen bis auf den Abend verschoben, und der Rest des
Tages wurde fr die Feierlichkeiten verwandt, unter denen Andres im Volk
der Zigeuner aufgenommen wurde. Sie bestanden in folgendem: Man rumte ihm
eins von den grten Zelten des Lagers ein, schmckte es mit Zweigen und
Zypergras, lie den Ankmmling auf dem Stumpf eines Korkbaumes Platz
nehmen, gab ihm einen Hammer und ein paar Zangen in die Hand und lie ihn
beim Klang zweier von Zigeunern gespielten Gitarren zwei Luftsprnge
machen. Dann entblte man ihm den einen Arm und gab ihm mit einem neuen
seidenen Band und einem Stckchen zwei leichte Streiche. Bei all dem waren
Preziosa und viele andre alte und junge Zigeunerinnen zugegen; die einen
betrachteten ihn mit Bewunderung, die andern mit geheimer Neigung; denn so
gefllig war seine Gestalt, da sie selbst Zigeunern Liebe einflte. Als
die Zeremonien vorber waren, nahm ein alter Zigeuner Preziosen bei der
Hand, fhrte sie Andres vor und sprach: Dieses Mdchen, die Blume und den
Ausbund aller Zigeunerschnheit in Spanien, bergeben wir dir zum Weibe
oder zur Liebsten, denn hierin kannst du tun, was am meisten nach deinem
Geschmack ist; unser reiches, freies Leben ist keinen Zierereien und
Frmlichkeiten unterworfen. Betrachte sie genau und sieh, ob sie dir recht
ist, oder ob du irgend etwas an ihr bemerkst, was dir mifllt; denn dann
whle dir unter den andern Mdchen, die hier stehn, diejenige aus, mit der
du am meisten zufrieden bist, und wir werden sie dir berlassen. Wisse
aber, wenn du sie einmal gewhlt hast, so darfst du sie nicht um einer
andern willen wieder verlassen oder mit andern, sei es Verheirateten oder
Mdchen, zusammenhalten, denn wir beobachten das Gesetz der Freundschaft
unverbrchlich. Keiner streckt die Hand nach dem Gute des andern aus, wir
leben frei und ledig von der Pest der Eifersucht, und gibt es auch manche
Ehe unter Blutsverwandten, so gibt es doch keinen Ehebruch bei uns. Kommt
bei einem Eheweib oder bei einer Liebsten eine Untreue vor, so gehen wir
nicht erst vor Gericht, um Strafe zu fordern, sondern wir selbst sind die
Richter und Nachrichter unsrer Weiber und Liebsten, die wir so ohne alle
Umstnde auf den Bergen und in den Wsten umbringen und begraben, als wren
sie schdliche Tiere. Da gibt es keinen Verwandten, der Rache fr sie
nhme, keine Eltern, die uns wegen ihres Todes verklagten. So wird durch
Angst und Furcht die Zucht unter den Frauen erhalten, und wir selber leben
in Sicherheit. Auer der Frau oder der Liebsten jedoch, die stets dem
verbleibt, dem sie durch das Schicksal zufiel, haben wir wenig, was nicht
gemeinsames Eigentum wre. Auer dem Tod aber scheidet bei uns auch das
Alter den Ehebund. Wer will, kann, falls er selbst jung ist, eine alte Frau
verlassen und eine andre whlen, die dem Geschmack seiner Jahre mehr
zusagt. Durch diese und einige andre Gesetze und Bedingungen halten wir
unsre Gesellschaft aufrecht und leben in Freuden. Wir sind die Herren der
Felder, der cker, der Wlder, der Berge, der Quellen und Flsse. Die
Berge geben uns unentgeltlich Holz, die Bume Obst, die Reben Trauben, die
Grten Gemse, die Quellen Wasser, die Flsse Fische, die Gehege Wildbret,
die Felsen Schatten, die Schluchten Khlung, die Hhlen Huser. Fr uns
sind die Unbilden der Witterung Erfrischungen, der Schnee dient uns zur
Erquickung, der Regen zum Bade, der Donner als Musik, der Blitz als Fackel.
Fr uns ist die harte Erde ein weiches Federbett, die schwielige Haut
unsres Leibes dient uns als undurchdringlicher Harnisch; fr unsre
Gewandtheit sind weder Gitter ein Hindernis, noch halten uns Grben zurck,
noch knnen Mauern uns bannen. Unsern Mut fesseln weder Stricke, noch
schchtern ihn Fublcke ein, noch ersticken ihn Daumenschrauben, noch
bndigt ihn der Pranger. Zwischen Ja und Nein machen wir, wenn unser
Vorteil es heischt, keinen Unterschied. Stets setzen wir eine grere Ehre
darein, Mrtyrer als Bekenner zu sein. Fr uns wachsen die Lasttiere auf
den Feldern auf, und fr uns schneidet man in den Stdten die Taschen
zurecht. Kein Adler noch irgendein anderer Raubvogel strzt schneller auf
seine Beute, als wir uns auf die Gelegenheit strzen, aus der wir Nutzen zu
ziehen gedenken. Kurz wir sind in manchen Dingen geschickt, die uns ein
glckliches Ende sichern, denn im Gefngnis singen, am Pranger schweigen
wir, bei Tag arbeiten und bei Nacht stehlen wir, oder besser, wir warnen
die Leute, da keiner sein Eigentum unordentlich hinwerfe, wo er gerade
gehe und stehe. Uns plagt keine Angst, unsre Ehre einzuben, noch raubt
uns die Sucht, sie zu mehren, den Schlaf. Wir brauchen uns keine Gnner zu
gewinnen noch frh aufzustehen, um Bittschriften zu berreichen; wir
brauchen keinen groen Herren das Geleit zu geben, noch um Gunstbezeigungen
zu betteln. Diese Htten und tragbaren Zelte sehen wir an als goldne
Dcher und prchtige Palste; statt der Gemlde und niederlndischen
Landschaften betrachten wir die Reize der Natur in diesen hohen Klippen und
beschneiten Kuppen, diesen weit gedehnten Wiesen und dichten Gestruchen,
die sich unserm Blick bei jedem Schritte bieten. Zu Astronomen werden wir
von selbst, denn da wir fast immer im Freien schlafen, so wissen wir
jederzeit, welche Stunde des Tages oder der Nacht es ist. Wir sehn, wie die
Morgenrte die Sterne des Himmels verdrngt und zertritt und mit ihrer
Gefhrtin, der Tagesdmmerung, emporsteigt, Freude in der Luft, Khlung im
Wasser und Feuchte auf der Erde verbreitend, und dann die Sonne, die
>Wipfel vergoldend< (wie ein Dichter sagt) >und die Berge umzitternd<. Wir
frchten nicht zu erfrieren, wenn sie fern ist und uns nur mit schrgen
Strahlen trifft, und ebensowenig zu verbrennen, wenn sie senkrecht auf uns
herabbrennt. Der Sonne wie dem Frost, der Unfruchtbarkeit wie dem berflu
bieten wir gleichermaen die Stirn, kurz wir sind Leute, die durch ihre
Kunst auf ihr Glck hin leben, ohne uns um das alte Sprichwort zu kmmern:
Kirche, Meer oder Knigshaus[2]. Wir haben, was wir wollen, weil wir mit
dem zufrieden sind, was wir haben. All das aber sage ich Euch, edler
Jngling, damit Ihr das Leben, in das Ihr eintretet, und die Art, wie Ihr
Euch zu benehmen habt, nach dieser meiner kurzen Schilderung ein wenig
kennen lernt; noch gar viel andres, das der Beachtung nicht minder wert
ist, als das, was Ihr soeben vernommen habt, werdet Ihr in Zukunft bei uns
finden.

[2] Als die drei Wege nmlich, auf denen man sein Glck machen kann.

Der beredte alte Zigeuner verstummte, und der Novize entgegnete, er freue
sich sehr, so lbliche Gesetze vernommen zu haben; er gedenke allerdings in
einen so sehr auf Vernunft und Staatsklugheit gegrndeten Orden zu treten,
und er bedaure nur, nicht schon frher Kunde von einem so lustigen Leben
erhalten zu haben; so entsage er denn in diesem Augenblick dem Stande eines
Ritters und dem eitlen Ruhme der erlauchten Abkunft; er stelle alles unter
das Joch, oder besser, unter die Gesetze, nach denen seine neuen Freunde
lebten, da sie seinen Wunsch, ihnen zu Diensten zu sein, durch eine so hohe
Belohnung anerkannt und ihm die gttliche Preziosa zugesprochen htten, um
derentwillen er Kronen und Kaiserreichen entsagen oder sie doch einzig
begehren wrde, um sie ihr zu Fen zu legen.

Preziosa erwiderte: Haben es auch die Herren Gesetzgeber kraft ihrer
Gesetze fr richtig erfunden, da ich die Deine sei und mich dir bergeben,
so habe doch ich durch das Gesetz meines eignen Willens (und das ist
strker als alle) bestimmt, da ich es nur unter den Bedingungen sein will,
die wir beide vor deiner Ankunft an diesem Ort miteinander verabredet
haben: zwei Jahre lang mut du in unsrer Gesellschaft leben, ehe du in
meinen Besitz gelangst, damit nicht du nachher einen vorschnellen Schritt
zu bereuen hast und ich durch bereilung ins Unglck gerate. Persnliche
Bedingungen brechen das allgemeine Gesetz; du weit, welche ich dir
auferlege, und willst du sie beobachten, so werde ich vielleicht die Deine
und du der Meine. Willst du nicht, so ist ja dein Maultier noch nicht
gettet, deine Kleider sind unversehrt, und von deinem Gelde fehlt kein
Pfennig. Noch bist du keinen Tag aus deinem Hause fort, verwende die Zeit
bis zur Nacht, um zu berlegen, was du tun sollst. Diese Herren knnen dir
wohl meinen Leib, aber nicht meine Seele bergeben; die ist frei, wurde
frei geboren und soll frei bleiben, so lange es mir gefllt. Bleibst du
hier, so werde ich dich schtzen; kehrst du zurck, so werde ich dich
deshalb nicht geringer achten, denn mir scheint, die Leidenschaft jagt
verhngten Zgels davon, bis sie auf die Vernunft oder auf eine
Enttuschung trifft; und ich mchte nicht, da du es mit mir machtest wie
der Jagdhund, der den verfolgten Hasen kaum erreicht und gefat hat, so
lt er ihn wieder fahren, um einem andern nachzulaufen, der ihm weit
voraus ist. Die Augen sind bisweilen geblendet, so da sie auf den ersten
Blick Rauschgold von echtem Golde nicht unterscheiden, aber gar bald
erkennen sie den Unterschied zwischen dem Wahren und Falschen. Wei ich, ob
dir die Schnheit, die du mir zuschreibst und ber Sonnenlicht und Gold
erhebst, bei nherem Betrachten nicht als glanzlos und bei der Prfung als
Tombak erscheinen wird? Zwei Jahre gebe ich dir, um zu erwgen und
herauszufinden, was du tun oder lassen sollst; hast du einmal zugegriffen,
so kannst du es nur durch den Tod wieder rckgngig machen. Daher ist es
gut, da du Zeit hast, und lange Zeit, um den Gegenstand deiner Wahl zu
betrachten und zu prfen und Fehler und Tugenden an ihm zu entdecken. Denn
ich erkenne das barbarische und vermessene Vorrecht nicht an, das meine
Vettern da sich nehmen, die ihre Frauen verstoen oder mihandeln, wenn sie
ihrer berdrssig werden. Da ich nichts zu tun gedenke, was Zchtigung
verdient, so mag ich auch keinen Gefhrten, der mich nach Belieben
wegschicken knnte.

Du hast recht, Preziosa, entgegnete Andres; willst du also, da ich dir
deine Besorgnis und deinen Argwohn nehme, indem ich dir schwre, nicht um
Haaresbreite deinen Anordnungen zuwiderzuhandeln, so sage nur, welchen
Schwur du von mir verlangst, oder welches sonstige Sicherheitspfand ich
dir geben soll; du wirst mich zu allem bereit finden.

Schwre und Versprechungen, erwiderte Preziosa, die ein Gefangener
ausspricht, um die Freiheit zu erlangen, werden selten erfllt, wenn er sie
erlangt hat. Und ebenso, glaube ich, ist es mit den Eiden der Verliebten,
die die Flgel Merkurs und die Blitze Jupiters versprechen wrden, um ihr
Ziel zu erreichen; hat sie mir doch schon ein Dichter versprochen und noch
dazu bei den stygischen Fluten geschworen. Ich verlange weder Eide noch
Versprechungen, Herr Andres, sondern alles soll auf die Probe dieses
Noviziats ankommen; ich werde schon auf meiner Hut sein, falls Ihr etwas
Unrechtes gegen mich unternehmen solltet.

So sei es! antwortete Andres; nur um eins bitte ich meine Herren
Kameraden: da sie mich nmlich nicht ntigen, vor Ablauf von etwa einem
Monat zu stehlen, denn ich glaube, ich werde ein sehr schlechter Spitzbube
sein, wenn ich nicht zuvor noch viele Lektionen genommen habe.

Gemach, mein Sohn, rief der alte Zigeuner, wir wollen dich schon so
einfuchsen, da du ein Meister im Handwerk werden sollst; und verstehst du
es einmal, so wirst du genug Gefallen daran finden, um dir die Finger
danach zu lecken. Wahrlich, es ist keine Kinderei, morgens leer auszuziehen
und abends mit einer hbschen Tracht ins Lager zurckzukehren.

Mit einer Tracht Prgel habe ich Leute, die leer auszogen, wohl auch schon
zurckkehren sehn, bemerkte Andres.

Wenn man Fische fngt, werden die Hnde na, antwortete der Alte. Alles
im Leben hat seine Gefahr; dem Spitzbuben drohen die Galeere, die Peitsche
und der Galgen, aber wenn ein Schiff in einen Sturm gert oder versinkt,
sollen die andern deshalb die Fahrt aufgeben? Es wre was Rechtes, wenn
man keine Soldaten mehr halten wollte, weil der Krieg Menschen und Pferde
frit! Wir aber knnen um so weniger auf solche Dinge Rcksicht nehmen, als
jeder, der von der Justiz gepeitscht wird, in unsern Augen ein Ordenskreuz
auf dem Rcken trgt, das uns ehrenhafter dnkt als eines der vornehmen
Kreuze auf der Brust. Die Hauptsache ist, da man nicht schon in der Blte
der Jugend und gleich nach den ersten Versten mit des Seilers Tochter
tanzt; aber so ein Fliegenstreich auf den Rcken oder eine Spazierfahrt auf
der Galeere -- das kann uns weiter nicht schrecken. Sohn Andres, bleibt
immerhin fr jetzt noch im Nest unter unsern Flgeln; wir wollen Euch schon
eines Tages zum Fluge hervorziehen, und zwar an einem Ort, wo Ihr nicht
ohne Beute zurckkehren sollt. Wie gesagt, Ihr werdet Euch noch die Finger
nach jedem Diebstahl lecken.

Als Ersatz fr das, was ich in der Zeit stehlen knnte, da ich noch Urlaub
habe, erwiderte Andres, will ich jetzt unter smtliche Mitglieder der
Bande zweihundert Goldtaler verteilen.

Kaum hatte er dies ausgesprochen, als eine Schar Zigeuner auf ihn
zustrzte, ihn auf die Schultern hob und ausrief: Vivat, vivat der groe
Andres! Und andre fgten hinzu: Vivat, vivat Preziosa, sein geliebter
Schatz! Die Zigeunerinnen taten desgleichen mit Preziosen, nicht ohne in
Christina und andern Zigeunermdchen einen gewissen Neid zu wecken, denn in
den Lagern der Wilden und den Htten der Schfer findet der Neid seine
Sttte so gut wie in den Palsten der Frsten; und wenn ich einen Nachbar
emporkommen sehe, whrend ich glaube, er habe nicht mehr Verdienst als ich,
so ist das immer eine verdrieliche Sache.

Als das vorber war, hielt man ein frhliches Mahl, verteilte das Geld
gerecht und billig, lobte Andres von neuem und erhob Preziosens Schnheit
abermals zum Himmel. Die Nacht kam; man ttete das Maultier durch einen
Genickfang und verscharrte es so, da Andres seine Besorgnis, es knnte ihn
verraten, vllig beschwichtigt sah. Mit dem Tier begrub man das Geschirr:
Sattel, Zaum und Gurt, wie bei den Indianern, die ihre kostbarsten Kleinode
mit sich beerdigen lassen.

Andres war ber alles, was er gehrt und gesehn hatte, und ber den feinen
Geist der Zigeuner nicht wenig erstaunt. Er war entschlossen, sein Vorhaben
durchzufhren, ohne sich jedoch auf die Gebruche seiner Gefhrten
einzulassen; wenigstens wollte er sie auf jede mgliche Weise umgehen und
hoffte, sich von dem ihm auferlegten Gehorsam in unsauberen Dingen mit Geld
loskaufen zu knnen. Am folgenden Tage bat er sie, ihren Aufenthalt zu
ndern und sich von Madrid zu entfernen, da er bei lngerem Verweilen
entdeckt zu werden frchtete. Sie erwiderten, sie htten bereits
beschlossen, sich in die Berge von Toledo zu begeben und von dort aus die
ganze Umgegend zu brandschatzen. Wirklich brachen sie das Lager ab und
gaben dem Andres eine Eselin zur Reise; er zog es jedoch vor, zu Fu zu
gehn, und zwar als Diener Preziosas, die auf einer andern Eselin ritt. Sie
freute sich des Triumphs, den sie ber ihren schnen Stallmeister feierte,
und er sah sich mit nicht minderem Entzcken an der Seite derer, die er zur
Herrin seines Willens gemacht hatte. O mchtige Gewalt dessen, den man den
sen Gott der Bitterkeit nennt (ein Name, den ihm unser Miggang und
unsre Sorglosigkeit gegeben), wie tyrannisch unterjochst und wie
rcksichtslos behandelst du uns! Andres ist ein Kavalier und ein junger
Mann von trefflichem Verstande, sein Leben lang in der Residenz und von
seinen reichen Eltern mit aller Sorgfalt erzogen; aber seit gestern hat
sich in ihm eine solche Wandlung vollzogen, da er Dienern und Freunden
entflieht, die Hoffnungen tuscht, die seine Eltern in ihn setzten, vom
Wege nach Flandern, wo er sich persnlich Ehre erwerben und den Ruhm seines
Geschlechts mehren sollte, entweicht und sich als Diener einem jungen
Mdchen zu Fen wirft, das, wenn auch noch so schn, doch nur eine
Zigeunerin ist! Aber es gehrt zu den Vorrechten der Schnheit, da sie
selbst den ungebundensten Willen an einem Haare leitet.

Nach vier Tagen gelangten sie zu einem Flecken, zwei Stunden von Toledo, wo
sie ihr Lager aufschlugen und zunchst dem Schulzen des Orts einige
silberne Gertschaften als Pfand dafr gaben, da sie weder im Dorf noch
auf dessen Markung einen Diebstahl begehn wrden. Sofort zerstreuten sich
smtliche alte und einige junge Zigeunerinnen sowie die Mnner in die
umliegenden Ortschaften oder doch in solche, die nicht mehr als vier bis
fnf Stunden von dem Flecken entfernt waren, bei dem sie ihr Lager
aufgeschlagen hatten. Andres ging mit, um den ersten Unterricht im Stehlen
zu nehmen; so viel Lektionen man ihm jedoch auf diesem Ausflug auch
erteilte, es haftete keine bei ihm, vielmehr ging ihm jeder Diebstahl, den
seine Lehrer verbten, seinem edleren Blute gem, durchs Herz, und
bisweilen vergtete er sogar die von seinen Gefhrten begangenen Diebereien
mit seinem Gelde, denn er vermochte es nicht, die Trnen der Beraubten
mitanzusehn. Darber aber jammerten die Zigeuner sehr, und sie
versicherten, solches widerstreite ihren Gesetzen und Verordnungen, die dem
Mitleid den Eintritt in ihr Herz streng untersagten; sonst mten sie
aufhren, Spitzbuben zu sein, was sich nimmermehr fr sie schicken wrde.
Als Andres dies hrte, sagte er, er wolle fortan fr sich allein stehlen,
ohne irgendwelche Gefhrten mitzunehmen, denn er sei gewandt genug, um
etwaigen Gefahren zu entgehen, und ihnen zu trotzen fehle es ihm nicht an
Mut; er wnsche also, Gewinn und Strafe seiner Diebsthle sollten ihn
allein treffen. Die Zigeuner suchten ihm diesen Vorsatz auszureden, indem
sie ihm zu bedenken gaben, es knnten Flle eintreten, in denen die
Gesellschaft mehrerer sowohl zum Angriff wie zur Verteidigung ntig wre,
und eine Person allein knnte niemals groe Beute machen. Allein je mehr
sie sprachen, um so eifriger wnschte Andres auf eigne Faust Spitzbube zu
sein, denn seine Absicht war, ohne Zeugen fr sein Geld dies oder jenes zu
kaufen und es fr gestohlene Ware auszugeben, um auf diese Art sein
Gewissen so rein zu erhalten wie mglich.

Durch diesen Kunstgriff hatte er denn wirklich in weniger als einem Monat
der Bande mehr Nutzen gebracht, als vier der verschmitztesten
Beutelschneider gemeinsam zu tun vermocht htten, und Preziosa freute sich
nicht wenig, in ihrem zarten Liebhaber einen so geschickten und
aufgeweckten Spitzbuben zu finden. Dabei war sie jedoch bestndig in Angst,
es mchte ihm irgendein Unfall begegnen, denn um alle Schtze Venedigs
htte sie ihn nicht in Not wissen mgen, zumal sie sich infolge seiner
vielen Liebesdienste und Geflligkeiten einer wachsenden Zuneigung nicht
erwehren konnte.

Sie blieben nicht viel lnger als vier Wochen in dem Bezirk von Toledo,
machten aber, obwohl es bereits September war, aus dieser Zeit ihren
Erntemonat und zogen dann nach Estremadura, als einem reichen und warmen
Lande. Andres fhrte mit Preziosa sittsame, verstndige und liebeglhende
Gesprche, und sie verliebte sich allmhlich in den Verstand und das
zchtige Benehmen ihres Freundes, wie er in ihres verliebt war. Htte seine
Liebe noch wachsen knnen, sie wre gewachsen, so gro waren seiner
Preziosa Sittsamkeit, Geist und Schnheit. Wo sie nur hinkamen, gewann er
den Preis in Wettlauf und Tanz vor allen andern; im Ball- und Kugelspiel
tat es ihm keiner gleich; den Ger warf er mit groer Kraft und
ausgezeichneter Geschicklichkeit, und nach kurzer Zeit flog sein Ruhm durch
ganz Estremadura, so da es keine Ortschaft gab, wo man nicht von dem
mannhaften Wesen des Zigeuners Andres, von seiner Anmut und Gewandtheit
gesprochen htte. Mit seinem Ruf aber hielt der Ruhm von der Schnheit des
Zigeunermdchens gleichen Schritt, und bald blieb keine Stadt, kein Flecken
und kein Dorf mehr brig, wohin man sie nicht zur Verherrlichung der
Kirchweihen oder andrer besondrer Festlichkeiten berufen htte. Auf diese
Art wurde die Bande reich, angesehen und zufrieden, und die Liebenden waren
schon glcklich, sich nur sehen zu knnen.

Nun geschah es einst, als das Lager abseits von der Landstrae zwischen
einigen Steineichen aufgeschlagen war, da man gegen Mitternacht die Hunde
mit ungewhnlicher Heftigkeit bellen hrte. Einige Zigeuner, unter ihnen
auch Andres, standen auf, um zu sehn, wen sie anbellten, und bald fanden
sie einen wei gekleideten Menschen, den zwei Hunde am Bein gepackt
hielten, und der sich heftig gegen sie wehrte. Sie eilten hinzu, befreiten
ihn, und einer von den Zigeunern rief: Was zum Teufel treibt dich um diese
Stunde und so abseits von der Strae hierher, du Bursche? Willst du
vielleicht stehlen? Wahrhaftig, da bist du vor die rechte Tr gekommen!

Ich komme nicht, um zu stehlen, erwiderte der Gebissene, und wei nicht,
ob ich auf der Strae bin oder nicht. Freilich sehe ich, da ich mich
verirrt habe; aber sagt mir, ihr Herren, ist ein Wirtshaus oder ein Hof in
der Nhe, wo ich mich die Nacht ber etwas erholen und fr die Wunden
sorgen knnte, die eure Hunde mir gebissen haben?

Ein Hof oder ein Wirtshaus, versetzte Andres, in das wir Euch weisen
knnten, ist nicht in der Nhe, aber um fr Eure Wunden zu sorgen und Euch
diese Nacht zu beherbergen, soll es Euch auch in unsern Htten an keiner
Bequemlichkeit fehlen. Kommt mit uns, denn sind wir auch nur Zigeuner, so
versagen wir darum doch unsre Hilfe nicht.

Gott vergelte es Euch, antwortete der Fremde; fhrt mich, wohin Ihr
wollt, denn der Schmerz in meinem Bein ermattet mich.

Andres und ein andrer mitleidiger Zigeuner (denn wie unter den Teufeln
einige schlimmer sind als die andern, so gibt es unter vielen bsen Buben
auch den einen oder andern besseren) nahmen ihn in ihre Mitte und fhrten
ihn fort. Die Nacht war mondhell, und sie konnten sehn, da der Fremde noch
jung, von zartem Gesicht und Wuchs war. Er war ganz in weie Leinwand
gekleidet, und quer ber den Rcken hing ihm eine Art Hemd oder Quersack,
ebenfalls von Leinwand, die um die Brust gegrtet war. Man gelangte in
Andres' Htte, wo sogleich Feuer und Licht gemacht wurde; dann eilte
Preziosas Gromutter herbei, um die Wunde, von der sie gehrt hatte, zu
verbinden. Sie nahm ein paar Haare von den Hunden, brhte sie in l und
legte, nachdem sie zuvor die beiden Wunden im linken Beine des Gastes mit
Wein gewaschen hatte, die Haare samt dem l in die Bisse ein, worauf sie
noch ein wenig frischen, gekauten Rosmarin darauf tat, alles mit reiner
Leinwand verband, das Kreuz darber machte und dann sprach: Schlaft,
Freund; mit Gottes Hilfe wird es nun nicht von Bedeutung sein.

Whrend sie den Verwundeten verband, stand Preziosa daneben und schaute
ihn mit unverwandtem Blicke an, wie er auch sie, so da Andres seine
Aufmerksamkeit nicht entging; er glaubte jedoch, nur ihre groe Schnheit
ziehe die Augen des Jnglings an. Als er verbunden war, lie man ihn auf
einem Lager von trocknem Heu allein und fragte ihn weder nach dem Ziele
seines Weges noch sonst nach irgend etwas. Kaum aber hatten sie ihn
verlassen, als Preziosa Andres zu sich rief und fragte: Erinnerst du dich
eines Papieres, das mir in deinem Hause entfiel, als ich mit meinen
Begleiterinnen tanzte, und das dir, wie ich glaube, ziemlich verdrielich
war?

Wohl erinnere ich mich dessen, entgegnete Andres; es war ein Sonett zu
deinem Lobe, und zwar kein bles.

Nun, du mut wissen, Andres, erwiderte Preziosa, da der Verfasser des
Sonetts dieser junge Fremde ist, den die Hunde gebissen haben, und den wir
eben im Zelt verlieen; ich tusche mich gewi nicht, denn er hat in Madrid
zwei-bis dreimal mit mir gesprochen und mir auch eine sehr gute Romanze
geschenkt. Dort trug er sich, soviel ich sehen konnte, wie ein Page, jedoch
nicht wie die gewhnlichen, sondern wie einer, der von einem vornehmen
Herrn besonders begnstigt wird. Und wahrhaftig, Andres, ich kann dir
sagen, der junge Mensch ist sehr verstndig und einsichtig und ber die
Maen gesittet, so da ich nicht wei, wie ich mir seine Reise und seine
Tracht erklren soll.

Wie du dir das erklren sollst, Preziosa? versetzte Andres. Nicht
anders, als da die gleiche Gewalt, die mich zu einem Zigeuner machte, ihn,
wie es scheint, in einen Mller verwandelt hat, um dich aufzusuchen. Ha,
Preziosa, Preziosa, jetzt wird es mir klar, da du dich rhmen willst, mehr
als einen berwunden zu haben. Ist dies der Fall, so tte erst mich und
dann diesen andern, aber opfere nicht uns beide zugleich auf dem Altar
deiner Falschheit; denn ich kann nicht mehr sagen: deiner Schnheit.

Bei Gott, entgegnete Preziosa, du bist sehr leicht verletzt, Andres, und
mut deine Hoffnungen und den Glauben an mich an ein gar dnnes Haar
gehngt haben, wenn das harte Schwert der Eifersucht deine Seele so leicht
durchbohren kann. Sprich, Andres, wenn hier eine List oder ein Betrug im
Spiel wre, htte ich nicht eher verschweigen mssen, wer dieser Jngling
ist? Bin ich so tricht, da ich dir Anla geben sollte, meine Tugend und
meine Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehn? Um des Himmels willen, schweig,
Andres, und sieh, da du morgen frh dem Gegenstand deines Schreckens das
Geheimnis entlockst, wohin er gehe oder was er eigentlich suche; denn es
wre ja mglich, da deine Vermutung ebenso falsch wre, wie das, was ich
von ihm gesagt habe, richtig ist. Und zu deiner noch greren Beruhigung
-- da ich nun schon einmal so weit gekommen bin, fr deine Ruhe sorgen zu
mssen -- verabschiede den jungen Menschen, welches auch die Art und
Absicht seiner Reise sei, sogleich wieder und eile, da er dir aus den
Augen kommt. Die ganze Bande gehorcht dir ja, und niemand wird ihm gegen
deinen Willen Aufenthalt im Zelt gewhren. Geschieht dies aber nicht, so
gebe ich dir mein Wort, da ich meine Htte nicht verlassen und mich weder
vor ihm noch vor irgend jemand werde blicken lassen, der dir nicht genehm
ist.

Und sie fgte noch hinzu: Sieh, Andres, es tut mir nicht weh, dich
eiferschtig zu sehn, aber es wrde mir sehr weh tun, wenn ich dich nicht
mehr mit deiner bisherigen Klugheit handeln she.

Solange du mich noch nicht wahnsinnig siehst, Preziosa, erwiderte
Andres, wird dir nichts die bittere, furchtbare Angst der Eifersucht noch
die Qualen meiner Brust verraten knnen; indessen will ich tun, was du mir
gebietest, und ich will, wenn mglich, zu erfahren suchen, was dieser Herr
Page und Dichter will, wohin er geht und was er sucht, denn vielleicht
bekomme ich durch irgendeinen unvorsichtig von ihm hingeworfenen Faden den
ganzen Knuel in die Hnde, mit dem er mich, wie ich frchte, umgarnen
wollte.

Die Eifersucht, entgegnete Preziosa, scheint mir, lt den Verstand
niemals so frei, da er die Dinge beurteilen knnte wie sie sind. Sie sieht
immer durch Brillen, die kleine Dinge gro, Zwerge zu Riesen und
Vermutungen zur unzweifelhaften Gewiheit machen. Bei deinem und meinem
Leben beschwre ich dich, Andres, handle in dieser Angelegenheit sowie in
allem, was unsre bereinkunft betrifft, vorsichtig und klug. Tust du dies,
so stehe ich meinerseits dafr ein, da du mir den Preis der Sittsamkeit,
Vorsicht und Offenheit wirst zuerkennen mssen.

Damit verabschiedete sie sich von Andres, der mit Verlangen dem Anbruch des
Tages entgegensah, um dem Verwundeten seine Beichte abzunehmen. Die Seele
voll tausend widersprechender Vorstellungen, vermochte er nicht, den
Glauben zu bannen, der Page sei durch Preziosas Schnheit herbeigelockt
worden; denn wer stiehlt, hlt alle andern auch fr Diebe. Er sagte sich
jedoch, Preziosa habe ihm ein hinlnglich starkes Sicherheitspfand gegeben,
so da er sich beruhigen und sein ganzes Glck in die Hnde ihrer Tugend
legen knne.

Endlich brach nach, wie ihm schien, ungewhnlich langem Zaudern der Tag an;
er begab sich zu dem Fremden und fragte ihn, wie er heie, wohin er gehe
und warum er so spt und so abseits der Landstrae reise, doch hatte er
sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und gefragt, ob die Bisse ihn
noch schmerzten. Der junge Mensch erwiderte, er befinde sich nun besser und
sei ohne allen Schmerz, so da er sich wieder auf den Weg machen knne.
ber seinen Namen und das Ziel seiner Reise sagte er weiter nichts, als da
er Alonso Hurtado heie und in einer gewissen Angelegenheit zu Unsrer Frau
von Penna di Francia[3] wandere. Um schneller dorthin zu kommen, reise er
auch bei Nacht; er habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei
zufllig in dieses Lager geraten, wo ihn die Wachthunde auf die
geschilderte Art zugerichtet htten. Andres hielt diese Erklrung
keineswegs fr wahrheitsgem; von neuem fuhr ihm sein Argwohn ber die
Seele, und er sprach:

[3] Ein Flecken in der Provinz Leon, elf Stunden sdstlich von Ciudad
Rodrigo.

Freund, wre ich Richter, und Ihr wret wegen irgendeines Vergehens meiner
Gerichtsbarkeit verfallen, so da ich Euch diese Fragen stellen mte, ich
wre durch Eure Antwort gentigt, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will
jetzt nicht mehr wissen, wer Ihr seid, wie Ihr heiet und wohin Ihr geht;
aber ich rate Euch: wenn es Euch auf dieser Reise von Nutzen sein sollte zu
lgen, so bringt Eure Lge wahrscheinlicher vor. Ihr sagt, Ihr reiset nach
Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle
dreiig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller
anzukommen, und streicht doch auerhalb der Strae unter Bschen und Bumen
umher, wo es kaum Fupfade, geschweige denn Landstraen gibt. Steht auf,
Freund, lernet lgen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir fr den guten
Rat, den ich Euch hiermit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wohl,
da Ihr Euch ja doch so schlecht aufs Lgen versteht! Sagt mir denn, seid
Ihr vielleicht ein Mensch, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, den
ich oft in der Residenz gesehen habe, wo er in dem Rufe eines groen
Dichters stand und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermdchen
richtete, das unlngst in Madrid umherzog und als eine ausgezeichnete
Schnheit galt? Sagt mirs; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre, Euer
Geheimnis so gut zu bewahren, wie Ihr es nur wnschen knnt. Bedenkt, da
es zu nichts fhren kann, wenn Ihr die Wahrheit leugnet, da ich Euer
Gesicht, das ich vor mir sehe, sicher erkenne; denn natrlich veranlate
mich der Ruf Eurer ausgezeichneten Geistesgaben, Euch als einen seltenen
und besondern Menschen mehr als einmal ins Auge zu fassen, und so habe ich
mir denn Eure Gestalt so ins Gedchtnis eingeprgt, da ich Euch
wiedererkannte, obgleich Eure jetzige Tracht von Eurer damaligen so
verschieden ist. Macht Euch deshalb keine Sorge, seid guten Muts und glaubt
nicht unter einen Haufen Spitzbuben, sondern an einen Zufluchtsort geraten
zu sein, an dem man Euch gegen die ganze Welt zu schtzen und zu
verteidigen wei. Seht, ich denke mir etwas, und verhlt es sich so, wie
ich es mir denke, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengefhrt. Ich
denke mir nmlich, da Ihr in Preziosa, das schne Zigeunermdchen, auf das
Ihr die Verse machtet, verliebt seid und hierherkamt, um sie aufzusuchen;
ich schtze Euch darum auch nicht geringer, sondern um vieles hher. Bin
ich auch nur ein Zigeuner, so wei ich doch aus Erfahrung, wie weit die
mchtige Gewalt der Liebe sich erstreckt, und welchen Verwandlungen sie
alle unterwirft, die unter ihr Joch geraten. Verhlt es sich wirklich so
mit Euch, worber denn wohl kaum ein Zweifel walten drfte, so ist die
kleine Zigeunerin hier.

Ja, sie ist hier, erwiderte der Fremde, ich habe sie heute nacht
gesehn, -- ein Wort, das Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es
schien ihm seinen Argwohn zu besttigen. Ich habe sie heute nacht gesehn,
fuhr der Jngling fort, aber nicht gewagt, ihr zu sagen, wer ich bin, weil
es mir nicht geraten schien.

So seid Ihr, rief Andres, wirklich der Dichter, von dem ich sprach?

Ja, ich bin es, entgegnete der junge Mann, ich kann und will es nicht
leugnen. Vielleicht da ich jetzt gerade da, wohin ich zu meinem Unglck
gekommen zu sein glaubte, mein Glck finde, wenn anders man Treue in den
Wldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.

Die trifft man allerdings, versetzte Andres, und berdies unter uns
Zigeunern die grte Verschwiegenheit. In dieser Zuversicht knnt Ihr mir
Euer Herz erffnen, Herr, denn Ihr werdet in meinem nicht die geringste
Arglist finden. Das Zigeunermdchen ist meine Verwandte und unterwirft
sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollt, ganz dem, was ich ihr rate;
ich und all ihre brigen Verwandten, wir htten Vorteil davon und wrden es
gern sehn. Wollt Ihr sie nur zur Freundin, so werden wir auch gegen einen
Mann nicht sonderlich heikel sein, der Geld hat, denn nie verlt die
Habgier unser Lager.

Geld habe ich, antwortete der Jngling; in den rmeln des Hemdes da, das
ich mir um den Leib geknpft, bringe ich vierhundert Goldtaler mit.

Das war fr Andres ein zweiter Todesstreich, denn er glaubte, man werde
nicht so viel Geld bei sich tragen, wenn man nicht eine teure Ware zu
kaufen denke. Mit unsicherer Stimme sagte er:

Das ist ein hbsches Smmchen; Ihr braucht Euch nur noch zu entdecken, und
dann ans Werk! Denn das Mdchen ist nicht auf den Kopf gefallen und wird
wohl einsehn, wie gut es fr sie ist, wenn sie die Eure wird.

Ach, Freund, erwiderte der Jngling, die Gewalt, die mich gentigt hat,
meine Tracht so zu ndern, ist weder die Liebe, von der Ihr sprecht, noch
berhaupt eine Sehnsucht nach Preziosen, denn es gibt Schnheiten in
Madrid, die einem ebensogut, ja besser als die reizendsten Zigeunerinnen
das Herz rauben und die Seele gefangennehmen knnen, wenn ich auch zugeben
mu, da die Reize Eures Bschens alles bertreffen, was ich je gesehn
habe. In diese Kleidung aber, auf die Wanderschaft und unter die Zhne der
Hunde hat mich nicht die Liebe, sondern mein Unglck getrieben.

Bei diesen Worten kehrten Andres die verlorenen Lebensgeister wieder
zurck, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziele
zuzulenken, als er hatte glauben mssen. Begierig, diese Verwirrung zu
lsen, gab er dem Gaste von neuem die Versicherung, da er sich ohne
Rckhalt entdecken drfe, und dieser fuhr also fort:

Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch
nicht als einem Gebieter, sondern als meinem Verwandten diente. Er hatte
einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowohl wegen unsrer Verwandtschaft,
wie auch weil wir beide in einem Alter standen und gleichen Charakters
waren, vertraulich als seinen Freund behandelte. Nun geschah es, da dieser
Kavalier sich in ein vornehmes Frulein verliebte, welches er gern zur
Gemahlin erwhlt htte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen
dem seiner Eltern, die ihn noch hher zu verheiraten trachteten, machte
aber jener, von allen Augen, die seine geheime Neigung htten verraten
knnen, unbemerkt, noch fortwhrend die Aufwartung; nur ich war Zeuge
seines Tuns. Nun sahen wir an einem Abend, den das Unglck fr das
Ereignis, das ich sogleich erzhlen werde, eigens ausgewhlt haben mute,
sahen wir, als wir eben aus dem Hause jener Dame traten, zwei Mnner von
scheinbar guter Herkunft an der Tre lehnen. Mein Vetter wollte sehn, wer
sie seien; kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit groer
Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden griffen und auf
uns eindrangen. Natrlich zogen auch wir, und so griffen wir uns denn mit
gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn schnell war es um
das Leben unsrer beiden Gegner getan; sie waren gleich nach den beiden
ersten Streichen verloren. Meinem Vetter verlieh die Eifersucht und mir das
Bestreben, ihn zu verteidigen, Kraft und Schwung -- gewi ein wunderbarer
und seltener Fall! Wir kehrten mit unserm ungesuchten Sieg nach Hause
zurck, rafften so viel Geld zusammen, wie wir konnten, und begaben uns in
das Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der den
Vorfall ans Licht bringen und zeigen mute, auf wen der Verdacht der
Tterschaft fallen wrde. Wir erfuhren jedoch, da nicht das geringste
Zeichen gegen uns sprche; daher rieten uns die klugen Geistlichen, nach
Hause zurckzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Verdacht zu erregen.
Schon wollten wir ihrem Rate folgen, als wir Nachricht erhielten, die
Herren Hofrichter htten die Eltern des Fruleins und das Frulein selbst
in ihrem Hause verhaftet, und von den Bedienten, die man ins Verhr
genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tage
oftmals bei ihrer Gebieterin gewesen. Auf diese Anzeige hin sei man
sogleich davongeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man nicht uns, wohl
aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen
Gerichtshof die Ansicht festgesetzt, da wir jene beiden Kavaliere (denn
das waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Husern) gettet htten. Kurz,
auf den Rat des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wandte sich
mein Gefhrte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang im Kloster aufgehalten
hatten, in Mnchstracht, begleitet von einem andern Mnch, nach Aragonien,
um sich dann nach Italien und von dort aus nach Flandern zu begeben, wo er
den Verlauf der Sache abwarten wollte. Ich fr mein Teil wollte mein
Schicksal von dem seinen trennen und schlug daher, damit unser Geschick
nicht den gleichen Lauf nhme, zu Fu und in der Tracht eines Laienbruders
einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in
Talavera verlie. Von dort bin ich allein und abseits von der Strae
weitergezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete,
was Ihr ja wit. Wenn ich von dem Wege nach Penna di Francia sprach, so
geschah es nur, um Euch auf Eure Frage irgendeine Antwort zu geben, denn in
Wahrheit wei ich nichts weiter von jenem Orte, als da er oberhalb
Salamankas liegt.

Das ist richtig, entgegnete Andres, und Ihr habt es schon fast zwanzig
Stunden weit von hier zur rechten Hand liegen lassen, und daraus knnt Ihr
sehn, wie wunderlich mir Euer Weg erscheinen mute, wenn Ihr wirklich
dorthin wolltet.

Eigentlich wollte ich nach Sevilla, versetzte der Jngling, denn ich
kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen
genuesischen Kavalier, der groe Silbersendungen nach Genua zu schicken
pflegt. Ich wollte ihn bitten, mich den Leuten, die den Transport besorgen,
einzureihen, denn so gedachte ich, da in kurzer Zeit wieder zwei Galeeren
eintreffen sollen, um das Silber an Bord zu nehmen, nach Cartagena und von
dort nach Italien zu gelangen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte;
urteilt selbst, ob mich nicht eher das Unglck treibt, als die Liebe. Wenn
die Herren Zigeuner mich aber, falls sie selber nach Sevilla gehn, dorthin
mitnehmen wollen, so will ich sie gut dafr bezahlen, denn ich sehe, da
ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgnis reisen kann.

Sie werden Euch wohl mitnehmen, antwortete Andres, und wenn Ihr nicht
mit unsrer Truppe reisen knnt (denn bis jetzt wei ich noch nicht, ob wir
nach Andalusien gehn), so knnt Ihr Euch einer andern anschlieen, mit der
wir in zwei oder drei Tagen zusammentreffen werden. Gebt Ihr der ein wenig
von dem, was Ihr bei Euch habt, so werdet Ihr Euch den Weg zu jeder
Unmglichkeit bahnen.

Andres verlie ihn und erstattete den andern Zigeunern Bericht von der
Erzhlung und von den Wnschen des jungen Mannes, sowie von seinem
Anerbieten, gut zu zahlen. Alle waren der Ansicht, er sollte in der Bande
bleiben, nur Preziosa wollte es nicht, und die Gromutter sagte, sie knnte
weder nach Sevilla gehn noch in die Umgegend, und zwar wegen eines
Scherzes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr
bekannten Mtzenmacher, namens Triguillos, erlaubt htte. Sie habe ihn
nmlich veranlat, splitternackt, mit einem Zypressenkranz auf dem Kopfe,
bis an den Hals in ein Fa mit Wasser zu steigen und so die Mitternacht zu
erwarten, um dann herauszusteigen und einen Schatz zu heben, der, wie sie
ihm vorgelogen htte, an einem bestimmten Ort seines Hauses liege. Wie
nun, fuhr sie fort, der gute Kappenmacher die Frhmesse luten hrte,
hatte er, um nicht den rechten Augenblick zu versumen, solche Eile, aus
dem Fa herauszukommen, da er damit umfiel und sich durch den harten Sturz
und die losspringenden Splitter den nackten Leib bel zerfetzte. Das Wasser
lief heraus, er pltscherte darin herum und schrie aus vollem Hals, er
ertrinke. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzglich mit Lichtern
herbei und fanden ihn, wie er allerlei Schwimmbewegungen machte, prustete,
den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und
laut rief: >Zu Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!< Denn die Angst hatte sich
seiner so bemchtigt, da er allen Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faten
ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzhlte
den Zigeunerstreich. Nichtsdestoweniger aber und allen zum Trotz, die da
behaupteten, das Ganze sei nur eine Prellerei, grub er an dem bezeichneten
Ort bis ber Mannshhe hinunter, und htte ihn nicht ein Nachbar gehindert,
an dessen Hausfundament er schon streifte, so htte er beide Huser zum
Einsturz gebracht. Die Geschichte machte die Runde in der ganzen Stadt, so
da selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und von seiner
Leichtglubigkeit und meinem Schwank erzhlten.

So berichtete die alte Zigeunerin und sagte, deshalb knnte sie nicht nach
Sevilla gehn. Die Zigeuner aber, die vom Herren-Andres bereits wuten, da
der junge Mensch Geld in Flle bei sich hatte, nahmen ihn mit Vergngen in
ihre Gesellschaft auf und waren bereit, ihn zu hten und zu verbergen, so
lange er nur wollte. Da sie jedoch zugleich beschlossen, statt nach
Sevilla nach links weiterzuziehn und sich in die Mancha und das Knigreich
Murcia zu begeben, so riefen sie den Jngling herbei und erffneten ihm,
was sie fr ihn zu tun vermchten. Er dankte und gab ihnen hundert
Goldtaler, die sie unter sich verteilen sollten. Durch diese Freigebigkeit
wurden sie geschmeidiger als ein Marderpelz. Nur Preziosa war nicht
sonderlich damit zufrieden, da Don Sancho, wie er sich nannte, dablieb:
ein Name, den die Zigeuner sofort in Klemens verwandelten. Auch Andres war
verdrielich und hatte keine rechte Freude an dem neuen Gefhrten, denn ihm
schien, er habe seinen ursprnglichen Plan ohne Grund aufgegeben. Aber als
lse er in Andres' Seele, warf der Gast gelegentlich die Bemerkung hin, er
freue sich, bald nach Murcia zu kommen, weil er auf diesem Wege ebenfalls
in die Nhe von Cartagena gelange; liefen dann die Galeeren dort ein, woran
er nicht zweifle, so knne er mit Leichtigkeit nach Italien bersetzen.
Andres aber erwhlte ihn, um ihn mehr vor Augen zu haben, sein Tun
beobachten und seine Gedanken erforschen zu knnen, zu seinem
Zeltkameraden, und Klemens betrachtete diese Freundschaft als eine groe
Auszeichnung. Sie hielten immer zusammen, lieen fleiig auftischen und
sparten die Taler nicht, liefen, tanzten, sprangen, warfen den Ger besser
als irgendein Zigeuner, standen bei den Zigeunerinnen keineswegs in Ungunst
und wurden von den Zigeunern im hchsten Grade geachtet.

Man verlie Estremadura, durchzog die Mancha und nherte sich allmhlich
dem Knigreich Murcia. In allen Drfern und Flecken, durch die man kam,
hielt man Wettkmpfe im Ballspiel, im Fechten, Laufen, Springen, Gerwerfen
und sonstigen bungen der Kraft und Behendigkeit ab, und aus jedem Kampf
gingen Andres und Klemens, wie frher Andres allein, als Sieger hervor.
Whrend dieser ganzen Zeit, mehr als anderthalb Monate hindurch, fand und
suchte Klemens nie Gelegenheit, Preziosa zu sprechen, bis er eines Tages,
als sie und Andres beisammen standen, von diesen herbeigerufen, an ihrem
Gesprche teilnahm.

Auf den ersten Blick, sagte Preziosa, erkannte ich dich, als du in unser
Lager kamst, Klemens, und gleich fielen mir die Verse ein, die du mir in
Madrid gegeben hast. Ich wollte aber nichts sagen, weil ich nicht wute,
aus welchem Grunde du zu uns gestoen sein mochtest. Als ich jedoch von
deinem Unglck hrte, ging es mir durch die Seele, und mein erschrockenes
Herz beruhigte sich erst wieder bei dem Gedanken: wie es in der Welt einen
Don Juan gebe, der sich in einen Andres verwandelt habe, so mge wohl auch
ein Sancho einen neuen Namen annehmen knnen. Ich spreche so offen mit dir,
weil Andres mir gesagt hat, er habe dir anvertraut, wer er sei und in
welcher Absicht er Zigeuner wurde. (Und wirklich hatte Andres ihn ins
Geheimnis gezogen, um sich freier mit ihm aussprechen zu knnen.) Glaube
brigens nicht, der Umstand, da ich dich erkannte, sei ohne weiteren
Nutzen fr dich geblieben, denn nur aus Rcksicht auf mich und auf das, was
ich von dir sagte, ging deine Aufnahme in unsre Gesellschaft so leicht
vonstatten. Nun mge Gott dir alles Gute daraus erwachsen lassen, das du
nur wnschen kannst. Ich aber verlange dafr, da du Andres sein Streben
nicht als zu niedrig darstellst, noch ihm vorhltst, wie schlecht es ihm
anstehe, in diesem Verhltnis zu beharren. Denn wenn ich auch berzeugt
bin, da sein Wille sich ganz unter meinen beugt, so wrde es mir doch
schmerzlich sein, wenn er nur im geringsten eine Reue ber das, was er tat,
erkennen liee.

Klemens erwiderte: Glaube nicht, einzige Preziosa, da Don Juan mir
leichtsinnig entdeckt habe, wer er sei; ich selbst habe es zuerst entdeckt,
und seine Augen verrieten mir zuerst seine Seele. Ich war der erste, der
ihm sagte, wer er sei, und ich erriet, da sein Herz, wie du eben
angedeutet hast, gefesselt war. Da erst schenkte er mir das verdiente
Vertrauen und gestand sein Geheimnis. Nun aber kann er selbst am besten
bezeugen, welches Lob ich seinem Entschlu und seiner Beharrlichkeit in dem
bernommenen Dienste spendete; denn ich bin nicht so engen Sinnes,
Preziosa, da ich nicht begriffe, wie weit sich die Macht der Schnheit
erstrecken kann. Und die deine, die die hchsten Reize bertrifft, knnte
noch weit grere Verirrungen entschuldigen, wenn anders man das eine
Verirrung nennen kann, was so unwiderstehlichen Gewalten entspringt. Ich
danke dir, schne Freundin, fr alles, was du in meiner Sache getan hast,
und hoffe es dir durch den Wunsch zu vergelten, da diese Liebe, die mit so
vielen Hindernissen kmpft, ihr Ziel glcklich erreichen und du in den
Besitz deines Andres, Andres mit voller Einwilligung seiner Eltern in den
Besitz seiner Preziosa gelangen mge, damit aus einer so schnen Verbindung
die schnsten Sprlinge hervorgehn, die die sorgsame Natur zu bilden
vermag. Dies wnsche ich, Preziosa, und nur dies werde ich zu deinem Andres
sagen, nichts aber, was ihn von seinem wohlberlegten Entschlu abbringen
knnte.

Klemens sprach diese Worte mit solcher Wrme, da Andres zweifelte, ob er
nur als Mann von Welt so redete oder als Verliebter; denn der hllische
Krankheitsstoff der Eifersucht ist so fein, da er sich selbst an
Sonnenstubchen anhngt und durch alles, was den Gegenstand der Liebe
berhrt, dem Liebenden Angst und Verzweiflung einflt. Indessen vermochte
er doch keine weitere Besttigung seines Argwohns zu finden, wobei er
freilich mehr auf Preziosens Tugend als auf sein Glck baute; denn Liebende
halten sich nun einmal fr unglcklich, solange sie das, was sie wnschen,
noch nicht erreicht haben. Kurz, Andres und Klemens blieben Kameraden und
warme Freunde, da Klemens' ehrenhafte Gesinnung und Preziosens Klugheit und
Zurckhaltung, die jeden Anla zur Eifersucht sorgfltig vermied, Andres
vollkommen beruhigten.

Klemens war in der Dichtkunst keineswegs ohne Begabung, wie er schon in den
Preziosa gewidmeten Versen gezeigt hatte. Auch Andres hatte ein wenig
Talent, und beide liebten die Musik. Als nun einst das Lager vier Stunden
von Murcia in einem Tale aufgeschlagen war, nahm eines Nachts Andres unter
einem Korkbaum, Klemens ihm gegenber unter einer Steineiche Platz, wo sie,
der Einladung der nchtlichen Stille folgend, zu ihren Gitarren
wechselseitig folgende Verse sangen:

    Andres

    Klemens, sieh das Sterngewimmel,
    Das im khlen Hauch der Nchte,
    Greifend in des Tages Rechte,
    Lichtumflossen schmckt den Himmel.
    Und in diesen holden Zgen--
    Wenn so hoch dein Geist kann fliegen--
    Mg das Antlitz dir erscheinen,
    Wo der Schnheit Hhen sich vereinen.


    Klemens

    Wo der Schnheit Hhen sich vereinen
    Und worin die frohe Jugend
    Und der sprde Reiz der Tugend
    Sich zur ssten Milde reinen:
    Dies in Menschenlob zu bringen,
    Wird dem Geiste nie gelingen,
    Wenn er nicht sich himmelan geschwungen
    In den hchsten Dichterzungen.


    Andres

    In den hchsten Dichterzungen
    Nie gebrauchter Redeweise,
    Wie empor zum Sternenkreise
    Nie ein Weg noch ist gedrungen,
    Mgst du, Mdchen, dich erheben!
    Wr mir Wunderkraft gegeben,
    O da ich der Ruhm dann wre,
    Dich zu tragen so zur Himmelssphre!


    Klemens

    Dich zu tragen so zur Himmelssphre
    Hiee nur das Rechte singen,
    Hie dem Himmel Freude bringen,
    Wenn dein Name ihm erklungen wre;
    Und wenn in des Staubes Enge
    Dann herab der holde Name klnge,
    Wrde Wohllaut in das Ohr sich gieen,
    Ruh das Herz und Lust den Sinn durchflieen.


    Andres

    Ruh das Herz und Lust den Sinn durchflieen,
    Wann des holden Liedes Tne
    Also anstimmt die Sirene,
    Da die Klgsten selbst das Ohr erschlieen!
    Doch von ihres Wesens Grunde
    Gibt selbst Schnheit nur geringe Kunde:
    Sie ist hchste aller Seelenwonnen,
    Von der Anmut holdem Kleid umsponnen.


    Klemens

    Von der Anmut holdem Kleid umsponnen,
    Schnste der Zigeunerinnen,
    Purpur bei des Tags Beginnen,
    Milder Zephir in der heien Sonnen;
    Strahl, durch den das Herz erblindet
    Und das kltste wird entzndet;
    Kraft, der solcher Zauber ist gegeben,
    Da sie ttet und durchhaucht mit Leben.

Allem Anschein nach htten sowohl der Freie wie der Liebessklave so bald
noch nicht in ihrem Gesange innegehalten, wre nicht hinter ihnen eine
Stimme erklungen: es war Preziosa, die ihr Lied mitangehrt hatte. Beide
verstummten, und bewegungslos horchten sie mit gespannter Aufmerksamkeit.
Wunderbar lieblich sang sie wie zur Antwort folgende Verse, von denen ich
nicht wei, ob sie sie in jener Stunde erfand, oder ob irgend jemand sie
ihr frher gewidmet hatte:

    In dem Liebesunterfangen,
    Draus die Liebe mir entsprungen,
    Hab ich mehr des Ruhms errungen
    Mir durch Zucht als schne Wangen.

    Selbst die allerkleinste Pflanze
    -- Finde aufwrts sie nur Wege,
    Sei's Natur, sei's Menschenpflege!--
    Steigt empor zum Himmelsglanze.

    Meiner armen Kupferwrde
    Leiht die Reinheit Goldesschimmer,
    Und mein Herz entbehret nimmer
    Groen Reichtums schwere Brde.

    Nimmer strt es meinen Frieden,
    Wenn man mich nicht ehrt noch achtet,
    Denn ich habe stets getrachtet,
    Mir mein eigen Glck zu schmieden.

    Sei nur stets von mir gebet,
    Was da fhrt zum Tugendpfade,
    Und dann mag des Himmels Gnade
    Tun, was ihr zu tun beliebet.

    Mchte doch wahrhaftig sehen,
    Obs der Schnheit sei gegeben,
    Auf die Hhe mich zu heben,
    Drauf ich wnsche einst zu stehen.

    Wenn von gleichem Stoff die Seelen,
    Kann, wer mit dem Pflug sich nhrte,
    Wohl nach seinem innern Werte
    Gleich sich einem Kaiser zhlen!

Preziosa unterbrach ihren Gesang, und die beiden erhoben sich, um ihr
entgegenzugehn. Ein anziehendes Gesprch entspann sich zwischen den dreien,
und Preziosa verriet so viel Klugheit, Anmut und Geist, da Klemens seines
Gefhrten Tun vllig begriff, was bisher nicht ganz der Fall war, da er
seinen khnen Entschlu mehr der Jugend als der berlegung zuschrieb.

Am folgenden Morgen brach die Truppe auf und zog bis zu einem Dorfe
weiter, das zur Gerichtsbarkeit von Murcia gehrte und drei Stunden von der
Stadt entfernt lag. Hier begegnete Andres ein Unfall, der ihm beinahe das
Leben gekostet htte. Nachdem man der Sitte gem einige silberne Gefe
als Sicherheitspfand hinterlegt hatte, nahmen Preziosa, deren Gromutter,
Christina, zwei andre Zigeunermdchen, Klemens und Andres in dem Hause
einer reichen Wirtin Wohnung, einer Witwe, deren Tochter, ein Mdchen von
siebzehn bis achtzehn Jahren, nicht sowohl schn wie von etwas lockern
Sitten war und, wohl aus diesem Grunde, Juana Carducha[4] hie. Als nun
diese die Zigeuner und Zigeunerinnen tanzen sah, plagte sie der Teufel, und
sie verliebte sich so sehr in Andres, da sie beschlo, es ihm geradeheraus
zu sagen und ihn, wenn er selbst wollte, all ihren Verwandten zum Trotz als
Mann zu nehmen. Sie suchte deshalb eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen,
und fand sie in einem Hof, wohin Andres sich begeben hatte, um zwei Esel zu
besorgen. Dort trat sie auf ihn zu und sagte in aller Eile, damit kein
Zeuge sie strte: Andres (sie wute seinen Namen bereits), ich bin noch
unverheiratet und reich, denn meine Mutter hat kein andres Kind als mich,
dies Wirtshaus gehrt ihr, und auerdem hat sie noch viele Weinberge und
zwei andre ebenso groe Huser. Du gefllst mir, und wenn du mich zur Frau
willst, so steht es bei dir. Gib mir schnell Antwort, und wenn du gescheit
bist, so bleibe bei mir, da sollst du sehn, was fr ein Leben wir fhren
werden.

[4] Hanne Wollkratze.

Andres war ber die Entschlossenheit Carduchas nicht wenig erstaunt und
antwortete so schnell, wie sie es verlangt hatte: Teure Jungfer, ich bin
schon versagt, und wir Zigeuner heiraten nur Zigeunerinnen. Segne Gott Sie
fr die Gnade, die Sie mir angedeihen lassen wollte und deren ich nicht
wrdig bin.

Es fehlte wenig, so wre Carducha ob Andres' bitterer Antwort tot zu Boden
gesunken. Eben wollte sie entgegnen, als sie einige Zigeunerinnen in den
Hof treten sah. Beschmt und bestrzt eilte sie fort, fest entschlossen,
sich sobald wie mglich zu rchen. Andres beschlo als verstndiger Mensch,
sich aus dem Staube zu machen und dieser Schlinge, die ihm der Teufel
legte, aus dem Wege zu gehn; denn er las in Carduchas Augen, da sie sich
ihm auch ohne die Bande der Ehe hingeben wrde, und es gelstete ihn
keineswegs, sich allein in diesen Kampf einzulassen. So bat er denn die
andern Zigeuner, noch am nmlichen Abend aufzubrechen. Sie trafen sogleich,
wie sie ihm stets Folge leisteten, die ntige Veranstaltung, holten ihre
Pfnder noch am Abend ab und machten sich auf den Weg. Carducha, die
fhlte, da mit Andres die Hlfte ihres Lebens wegzog, und sah, da ihr
keine Zeit blieb, um das Ziel ihrer Wnsche zu erreichen, beschlo, den
Geliebten mit Gewalt zurckzuhalten, da es ihr mit guten Worten nicht
gelingen wollte. Sie schmuggelte also heimlich und listig, wie ihr arger
Plan es verlangte, in Andres' Gepck, das sie kannte, einige wertvolle
Korallen sowie zwei silberne Schaumnzen und noch andre von ihren
Kostbarkeiten ein. Kaum waren die Gste aus dem Hause, als sie lautes
Geschrei erhob: die Zigeuner htten ihr ihren Schmuck gestohlen, worauf die
Bttel und Dorfbewohner herbeieilten. Die Zigeuner machten halt und
schworen, sie htten nicht die geringste Kleinigkeit mitgenommen, und sie
wollten alle Scke und Behltnisse der Truppe ffnen. Die alte Zigeunerin
geriet in nicht geringe Angst, bei dieser Durchsuchung mchten Preziosens
Geld und Andres' Kleider, die sie in strengster Heimlichkeit und Vorsicht
verbarg, zutage kommen. Allein die gute Carducha benahm ihr die Sorge auf
krzestem Wege, indem sie schon bei Besichtigung des zweiten Pckchens
sagte, man mchte nur fragen, wo das Gepck des groen Tnzers sei, denn
diesen habe sie zweimal in ihr Zimmer treten sehn, und es sei daher gar
wohl mglich, da er ihr die Sachen gestohlen habe. Andres merkte wohl, da
er gemeint sei, und sagte lchelnd: Werte Jungfer, da ist mein Reisegert,
und da ist mein Esel! Findet Sie in jenem oder auf diesem, was Ihr fehlt,
so will ichs Ihr siebenfach ersetzen und mich berdies der Strafe
unterwerfen, die das Gesetz den Dieben zuerkennt.

Die Bttel eilten sogleich herbei, um den Esel abzupacken, und hatten nach
wenigen Griffen das gestohlene Gut gefunden, worber Andres so bestrzt und
erstaunt war, da er stumm wie eine Bildsule dastand.

Habe ich nicht recht gehabt? rief Carducha. Seht doch, hinter welch
ehrlichem Gesicht sich ein solcher Spitzbube verstecken kann!

Der Schulze, der zugegen war, berschttete Andres und alle Zigeuner
sogleich mit tausend Schmhworten und nannte sie Diebe und Straenruber.
Andres schwieg zu allem, stand sinnend und in sich versunken da, erriet
aber mit keinem Gedanken Carduchas Verrterei. Inzwischen kam ein
stolzierender Soldat, ein Neffe des Schulzen, herbei und rief:

Seht einmal, welche Angst dem Zigeuner da sein eigner Diebstahl macht! Ich
will wetten, er macht noch Umstnde und leugnet den Raub auch dann noch,
wenn er ihn schon in den Hnden davontrgt. Es wre am besten, man schickte
das ganze Gesindel auf die Galeeren. Wre es nicht besser, der Schurke da
diente Seiner Majestt, als da er von Dorf zu Dorf tanzt und von Wirtshaus
zu Wirtshaus stiehlt? Auf Soldatenehre, ich will ihm eine Ohrfeige geben,
da er vor mir zu Boden strzt!

Damit hob er ohne weiteres die Hand und gab Andres einen solchen
Backenstreich, da er aus seiner Betubung erwachte und sich pltzlich
entsann, da er nicht der Herren-Andres war, sondern Don Juan und ein
Kavalier. Mit unglaublicher Schnelligkeit und noch grerer Wut strzte er
sich auf den Soldaten, ri ihm den eignen Degen aus der Scheide und stie
ihn ihm in den Leib, so da er tot zu Boden fiel. Doch nun, wie schrie das
Volk, und wie tobte der Oheim! Preziosa fiel in Ohnmacht, und Andres
graute, sie so zu sehn. Alles griff zu den Waffen und fiel ber den Mrder
her. Die Verwirrung und der Lrm wuchsen; Andres eilte der ohnmchtigen
Preziosa zu Hilfe und dachte nicht mehr an seine Verteidigung. berdies
wollte das Schicksal, da Klemens bei dem unglcklichen Ereignis nicht
zugegen war, da er mit seinem Gepck das Dorf schon verlassen hatte. Kurz
man fiel in solcher Zahl ber den Mrder her, da er berwltigt und mit
zwei schweren Ketten gefesselt wurde. Der Schulze htte ihn gern auf der
Stelle hngen lassen, wenn es in seiner Macht gelegen wre, aber so mute
er ihn nach Murcia abliefern, in dessen Gerichtssprengel das Dorf gehrte.
Erst am folgenden Tage fhrte man ihn dorthin, und inzwischen hatte der
Gefangene genug der Qualen und Schmhungen zu erdulden, die der entrstete
Schulze und sein Bttel sowie die ganze Einwohnerschaft des Fleckens ber
ihn ausgossen. Jener nahm alle Zigeuner und Zigeunerinnen, deren er habhaft
werden konnte, gefangen; die Mehrzahl jedoch war entflohen, unter ihnen
auch Klemens, der bei einer Verhaftung erkannt zu werden frchtete. Kurz
der Schulze zog mit dem Protokoll ber den Hergang und einer Karawane von
Zigeunern, in der sich Preziosa und auf einem Esel der arme, mit Ketten,
Handschellen und Fueisen gefesselte Andres befanden, umgeben von Btteln
und vielen andern bewaffneten Leuten in Murcia ein. Die ganze Stadt strmte
heraus, um die Gefangenen zu sehn, denn schon hatte man von der Ttung des
Soldaten gehrt. Preziosa strahlte jedoch an diesem Tage in solcher
Schnheit, da jeder, der sie gewahr wurde, in Lobeserhebungen ausbrach,
und das Gercht von ihrem Reize gelangte denn auch der Frau Stadtrichterin
zu Ohren. Begierig, das Wunder zu sehn, bat sie ihren Mann, den
Stadtrichter, diese Zigeunerin nicht in das Gefngnis zu sperren, in das
alle brigen kamen. Andres dagegen warf man in ein enges Loch, wo ihm die
Finsternis und die Trennung von seiner zweiten Sonne, von Preziosa, so
bedrckten, da er nicht mehr hoffte, das Licht des Tages vor seinem
Todesgange wiederzusehn.

Preziosa und ihre Gromutter fhrte man sofort der Stadtrichterin vor, die,
als sie sie kaum gesehn hatte, schon rief: Mit Recht preist man ihre
Schnheit! Damit trat sie auf Preziosa zu, umarmte sie und konnte sich an
ihr nicht satt sehn und fragte die Gromutter, wie alt die Kleine sei.

Ein paar Monate mehr oder weniger als fnfzehn Jahre, antwortete die
Zigeunerin.

So alt wre jetzt eben auch meine arme Constanza! entgegnete die
Stadtrichterin. Ach, ihr guten Leute, wie ruft mir dies Mdchen mein
Unglck zurck!

Da ergriff Preziosa die Hnde der Dame, kte sie zu wiederholten Malen,
bedeckte sie mit ihren Trnen und sprach:

Gndige Frau, der verhaftete Zigeuner trgt keine Schuld, denn er wurde
sehr gereizt. Man nannte ihn einen Dieb, was er doch nicht ist, und gab ihm
einen Streich in das Gesicht, auf dem seine Herzensgte so deutlich
geschrieben steht. Um Gottes und Eurer selbst willen, gndige Frau, sorgt,
da man ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse und da der Herr Stadtrichter
sich nicht zu sehr beeile, die Strafe, mit der die Gesetze ihn bedrohn, an
ihm zu vollziehn. Wenn meine Schnheit Euer Wohlgefallen erregt, so
erhaltet sie mir, indem Ihr den Gefangenen erhaltet, denn sein Tod wrde
auch meinen herbeifhren. Er soll mein Gatte werden, aber Recht und Ehre
haben uns bis jetzt gehindert, einander die Hnde zu reichen. Sollte Geld
vonnten sein, um die Begnadigung zu erlangen, so soll unser ganzes Lager
in ffentlicher Versteigerung verkauft und noch mehr gegeben werden, als
man verlangt. Ach, gndige Frau, wenn Ihr wit, was Liebe ist, und wenn Ihr
sie je empfunden habt und noch jetzt gegen Euern Gemahl empfindet, so
erbarmt Euch meiner, die ich meinem Verlobten mit zrtlicher und reiner
Liebe zugetan bin.

Whrend sie dies sprach, lie sie die Hnde der Frau keinen Augenblick los
und sah sie unverwandt unter Strmen bitterer, schmerzlicher Trnen an.
Doch auch die Stadtrichterin hielt Preziosa bei den Hnden und sah sie
nicht weniger aufmerksam und unter nicht minder zahlreichen Trnen an. Da
trat der Stadtrichter ein, und als er das Mdchen und seine Frau in dieser
Situation erblickte, blieb er, ergriffen von den Trnen wie von der
Schnheit der Fremden, stehn. Er fragte nach der Ursache ihrer Bewegung,
und zur Antwort lie Preziosa die Hnde der Stadtrichterin fahren,
umschlang die Fe des Stadtrichters und rief: Erbarmen, gndiger Herr,
Erbarmen! Wenn mein Verlobter stirbt, so bin auch ich des Todes. Er ist
schuldlos; und ist er es nicht, so treffe die Strafe mich; und kann dies
nicht sein, so werde wenigstens der Proze so lange hingehalten, bis man
alles aufgeboten hat, ihn zu befreien: denn es ist ja mglich, da der
Himmel dem, der nicht aus bsem Willen fehlte, das Heil der Gnade sendet.

Der Stadtrichter war gerhrt durch die treffenden Worte des
Zigeunermdchens, und htte er sich nicht geschmt, ein Zeichen der
Schwche zu verraten, so htten seine Trnen sich mit den ihrigen gemischt.
Inzwischen stand die alte Zigeunerin in mannigfaltige Betrachtungen
verloren da und rief endlich nach langem Sinnen aus: Wollet die Gnade
haben, meine Herrschaften, einen Augenblick zu warten; ich will diese
Trnen in Lachen verwandeln, und sollte es mich auch das Leben kosten.

Damit eilte sie raschen Schrittes hinaus und lie die Anwesenden in
Verwunderung ber ihre Worte zurck. Bis zu ihrer Rckkehr hrte Preziosa
nicht auf, unter Weinen und Bitten darauf zu dringen, man mge das Urteil
ber ihren Verlobten hinausschieben; denn sie beabsichtigte im stillen,
seinem Vater Nachricht zu geben, damit er komme und eingreife. Bald kehrte
die Zigeunerin mit einem Kstchen unterm Arm zurck und bat den
Stadtrichter, mit seiner Gemahlin und ihr in ein andres Zimmer zu treten,
da sie ihm insgeheim etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe. Der
Stadtrichter glaubte, sie wollte ihm irgendeinen Diebstahl der Zigeuner
entdecken, um ihn dadurch fr den Proze des Gefangenen gnstig zu stimmen,
und so zog er sich denn mit ihr und seiner Frau in sein Kabinett zurck, wo
die Alte sich vor den beiden auf die Knie warf und also begann:

Sollte die frohe Nachricht, die ich Euch geben will, gndige
Herrschaften, mir nicht zum Dank Verzeihung fr ein schweres Vergehen
verschaffen, so mag mich auch jede Zchtigung treffen, die Ihr mir
auferlegen wollt. Ehe ich mich jedoch genauer erklre, mchte ich, da Ihr
mir sagtet, ob Ihr diesen Schmuck kennt. Damit zog sie das Kstchen
hervor, in dem sich Preziosas Kostbarkeiten befanden, und berreichte es
dem Stadtrichter, der es ffnete und einen Kinderschmuck darin erblickte,
jedoch ohne da ihm deutlich wurde, was fr eine Bewandtnis es damit habe.
Auch die Stadtrichterin betrachtete die Schatulle verstndnislos und
bemerkte nur: Das ist der Putz eines kleinen Mdchens.

Ganz recht, erwiderte die Zigeunerin, und welches Mdchens, das sagt die
Schrift in diesem zusammengelegten Papier.

Hastig ffnete der Stadtrichter es und las wie folgt: Die Kleine heit
Doa Constanza de Acevedo und de Meneses; ihre Mutter ist Doa Guiomar de
Meneses und ihr Vater Don Fernando de Acevedo, Ritter des Calatrava-Ordens.
Sie ward geraubt am Himmelfahrtstage, morgens um acht Uhr, im Jahr
Eintausend fnfhundert und fnfundneunzig. Sie hatte den Schmuck an, den
dieses Kstchen enthlt.

Kaum hatte die Stadtrichterin den Inhalt des Papiers vernommen, als sie den
Schmuck pltzlich wiedererkannte und, indem sie ihn an den Mund drckte und
mit unzhligen Kssen bedeckte, ohnmchtig niedersank. Der Stadtrichter
eilte ihr erst zu Hilfe, ehe er die Zigeunerin weiter nach seinem Kinde
fragte; sie aber rief, sobald sie wieder zu sich gekommen war: Liebstes
Mtterchen, mehr Engel als Zigeunerin, wo ist die Besitzerin, ich meine das
Kind, dem dieser Putz gehrte?

Wo, gndige Frau? erwiderte die Zigeunerin. In Eurem Hause habt Ihr
sie; dem Zigeunermdchen, das Euch die Trnen in die Augen trieb, gehrt
der Putz, und sie ist ohne Zweifel Eure Tochter, die ich in Madrid an dem
Tage und zu der Stunde, die der Zettel angibt, aus Eurem Hause gestohlen
habe.

Als die erregte Dame das hrte, schleuderte sie in der Eile die Pantoffeln
von sich und eilte in vollem Lauf in den Saal, wo sie Preziosa
zurckgelassen hatte und sie nun, umgeben von ihren Mdchen und
Dienerinnen, immer noch weinend fand. Sie strzte auf sie zu, entblte ihr
in voller Hast, ohne ein Wort zu sagen, den Busen und sah nach, ob sie
unter der linken Brust ein kleines Mal in Form eines weien Fleckes habe,
mit dem sie auf die Welt gekommen war. Wirklich fand sie es noch, wenn auch
durch die Zeit bedeutend grer geworden. Dann zog sie ihr ebenso schnell
den Schuh aus, enthllte einen Fu, der wie aus Schnee und Elfenbein
gedrechselt war, und entdeckte auch dort, was sie suchte, nmlich da die
zwei letzten Zehen des rechten Fues in der Mitte durch ein wenig Fleisch
verbunden waren, das man ihr als Kind nicht hatte durchschneiden wollen, um
ihr keinen Schmerz zu machen.

Brust, Zehen, Schmuck, Tag des Diebstahls, das Gestndnis der Zigeunerin
und endlich der freudige Schreck, den die Eltern bei ihrem Anblick
empfunden hatten -- all das lie in der Seele der Stadtrichterin keinen
Zweifel mehr brig, da Preziosa ihre Tochter war. Sie schlo sie daher in
die Arme und kehrte mit ihr zum Stadtrichter und der Zigeunerin zurck.
Preziosa war ganz verwirrt, da sie nicht wute, weshalb man diese
Untersuchung mit ihr vorgenommen hatte, zumal die Stadtrichterin sie jetzt
gar in ihre Arme schlo und sie mit Kssen bedeckte. Endlich kam Doa
Guiomar mit ihrer kostbaren Brde bei ihrem Gatten an, legte sie ihm in die
Arme und sprach:

Empfanget hier, mein Gemahl, Eure Tochter Constanza; sie ist es, Ihr
drft nicht den geringsten Zweifel hegen, denn ich habe das Zeichen an den
Zehen und an der Brust gesehn, und mehr noch als diese hat mein Herz es mir
gesagt, vom ersten Augenblick an, da meine Augen sie sahen.

Ich zweifle nicht daran, entgegnete der Stadtrichter, als er Preziosa in
den Armen hielt, denn dieselben Gefhle sind auch durch mein Herz
gegangen; und berdies knnten so viele Einzelheiten bei einer, die nicht
unser Kind wre, nur durch ein Wunder zusammentreffen.

Smtliche Diener im Hause waren der Verwunderung voll, und die einen
fragten die andern, was dies denn heien sollte. Keiner aber traf das
Rechte, und wer htte sich auch denken knnen, da das Zigeunermdchen die
Tochter der Herrschaft sei? Der Stadtrichter ermahnte Frau und Kind und die
alte Zigeunerin, die Sache so lange geheimzuhalten, bis er selbst sie
kundtun wrde. Zugleich versicherte er der Alten, da er ihr alles, was sie
ihm durch den Raub seines Kindes angetan, verzeihe; ja die Entschdigung,
die sie ihm durch dies Wiedersehn gewhre, verdiene noch obendrein Lohn. Es
krnke ihn nur, da sie, die doch von Preziosens Stande gewut, sie mit
einem Zigeuner, ja einem Ruber und Mrder verlobt habe.

Ach, mein Vater, rief Preziosa, er ist weder ein Zigeuner noch ein
Ruber, wenn er auch einen Menschen erschlagen hat; denn er erschlug nur
den, der ihm seine Ehre rauben wollte; und um zu zeigen, wer er sei, konnte
er nichts Geringeres tun, als ihn tten.

Wie, er ist kein Zigeuner, mein Kind? fragte Doa Guiomar.

Da erzhlte die alte Zigeunerin kurz die Geschichte des Herren-Andres: da
er der Sohn des Don Francisco de Carcamo, Ritters von Sant Jago, sei, Don
Juan de Carcamo heie und denselben Orden trage, wie sie denn seine
Ordenstracht, die er gegen die Zigeunerkleider umgetauscht, noch bei sich
habe. Ebenso berichtete sie von der zwischen Preziosa und Don Juan
getroffenen Abrede, nach der er vor der Verlobung eine Probezeit von zwei
Jahren bestehen sollte, und pries die Sittsamkeit beider und Don Juans
liebenswrdigen Charakter. Die beiden wunderten sich hierber fast
ebensosehr wie ber das Wiedersehn mit ihrer Tochter, und der Stadtrichter
lie deshalb die Alte Don Juans Kleider holen. Sie ging und kehrte bald mit
einem andern Zigeuner zurck, der sie trug.

Whrend ihrer Abwesenheit hatten die Eltern hunderttausend Fragen an
Preziosa gerichtet, die sie mit so viel Verstand und Anmut beantwortete,
da sie das ganze Herz der Fragenden gewonnen htte, wenn sie auch nicht
gewut htten, da sie ihre Tochter war. Sie fragten, ob sie Don Juan
liebte, und sie erwiderte: nicht mehr, als sie aus Erkenntlichkeit einen
Menschen lieben mte, der um ihretwillen bis zum Zigeuner herabgestiegen
sei; sie werde jedoch ihre Dankbarkeit nie weiter ausdehnen, als ihre
verehrten Eltern ihr gestatten wrden.

Still, meine Preziosa, erwiderte der Vater, denn dieser an das
Kostbarste erinnernde Name soll dir zur Erinnerung an dein Verschwinden und
deine Wiederauffindung bleiben; ich als dein Vater nehme es auf mich, einen
Gemahl fr dich auszuwhlen, der deines Standes nicht unwrdig ist.

Preziosa seufzte, und ihre Mutter merkte, zartfhlend wie sie war, da
dieser Seufzer auf Liebe zu Don Juan deutete, daher sagte sie zu ihrem
Gatten: Mein Gemahl, da Don Juan de Carcamo von so gutem Hause und unsrer
Tochter so ergeben ist, so wrde es uns nicht zur Unehre gereichen, wenn
wir sie ihm zur Frau gben.

Er erwiderte: Erst heute haben wir sie gefunden, und Ihr wollt schon, da
wir sie verlieren? Erfreuen wir uns ihrer eine Zeitlang, denn wenn Ihr sie
verheiratet, gehrt sie nicht mehr Euch, sondern Ihrem Manne an.

Ihr habt recht, mein Gemahl, versetzte sie; aber gebt mindestens Befehl,
da Don Juan, der sich sicher in einem unterirdischen Kerker befindet, an
einen andern Ort gebracht werde.

Gewi befindet er sich in einem solchen, rief Preziosa, denn einem
Ruber und Mrder, der obendrein ein Zigeuner ist, hat man schwerlich einen
bessern Aufenthaltsort eingerumt.

Ich will selbst zu ihm gehn, erwiderte der Stadtrichter, als wollte ich
ihn ins Verhr nehmen. Noch einmal trage ich Euch auf, meine Gemahlin, da
niemand etwas von dieser Geschichte erfahre, bis ich es fr gut halte.

Damit umarmte er Preziosa, begab sich unverweilt in das Gefngnis und von
da ohne jede Begleitung in das unterirdische Verlies, in dem Don Juan lag.
Er fand ihn mit beiden Beinen in einen Block geschlossen und mit
Handschellen gefesselt; ja selbst das Fueisen hatte man ihm noch nicht
abgenommen. Die Zelle war ganz finster; der Stadtrichter lie aber einen
nach oben gehenden Kellerhals ffnen, so da notdrftig ein wenig Licht
hereinfiel, und sobald er den Gefangenen sehen konnte, hub er also an:

Wie gehts, mein sauberer Vogel? Wenn ich nur alle Zigeuner Spaniens so
aneinandergekoppelt bekme, dann wrde man an einem einzigen Tage mit ihnen
fertig, wie Nero es gern mit ganz Rom auf einen einzigen Streich geworden
wre. Wisset, Meister Spitzbube, ich bin der oberste Richter dieser Stadt
und will von Euch erfahren, ob wirklich ein Zigeunermdchen unter Eurer
Begleitung Eure Braut ist.

Als Andres dies hrte, glaubte er, der Stadtrichter habe sich in Preziosa
verliebt; denn die Eifersucht gehrt zu den flchtigen Krpern, die andre
Krper durchdringen, ohne sie zu durchbrechen, zu trennen oder zu
zerteilen. Indessen erwiderte er: Wenn sie gesagt hat, ich sei ihr
Verlobter, so ist dies ganz richtig; und wenn sie gesagt hat, ich sei es
nicht, so ist es ebenfalls richtig; denn Preziosa kann keine Lge
aussprechen.

Ist sie so wahrheitsliebend? fragte der Stadtrichter. Das ist nicht
wenig fr eine Zigeunerin! Nun gut, Bursche, sie hat gesagt, sie sei Eure
Braut, habe Euch aber die Hand noch nicht gegeben. Sie hat erfahren, da
Ihr Eures Verbrechens wegen sterben mt, und bat mich deshalb, sie noch
vor Eurem Tode mit Euch zu vermhlen, denn sie setze eine Ehre darein, die
Witwe eines so groen Spitzbuben zu sein.

So mgen denn Euer Gnaden tun, wie sie gebeten hat. Bin ich ihr angetraut,
so werde ich mit Freuden ins andre Leben gehn, da ich das gegenwrtige als
ihr Gatte verlasse.

Ihr scheint sie sehr zu lieben? fragte der Stadtrichter.

So sehr, antwortete der Gefangene, da meine Liebe nichts wre, wenn ich
sie aussprechen knnte. Kurz, Herr Richter, kommt zum Schlu! Ich habe den
gettet, der mir die Ehre rauben wollte; ich bete dieses Zigeunermdchen
an, ich sterbe gern, wenn ich in ihrer Gunst sterbe, und ich wei, da die
Gnade Gottes uns nicht fehlen wird, denn wir beide haben ehrlich und
gewissenhaft gehalten, was wir einander gelobten.

So werde ich Euch denn heute nacht holen lassen, sagte der Stadtrichter,
Euch in meinem Hause mit Preziosa vermhlen, und morgen mittag hngt Ihr
am Galgen, wodurch ich der Gerechtigkeit wie auch Eurem beiderseitigen
Wunsch Genge tue.

Andres dankte, und der Stadtrichter kehrte in sein Haus zurck und
erzhlte seiner Gemahlin, was er mit Don Juan gesprochen hatte und was er
Weiteres zu tun gedchte. Whrend seiner Abwesenheit hatte Preziosa ihrer
Mutter ihren ganzen Lebenslauf berichtet: wie sie sich immer fr eine
Zigeunerin und fr die Enkelin jener Alten gehalten, sich jedoch stets viel
hher geachtet habe, als man von einer wirklichen Zigeunerin htte erwarten
knnen. Die Mutter bat sie, ihr aufrichtig zu gestehn, ob sie Don Juan de
Carcamo zugetan sei. Errtend und mit gesenkten Augen erwiderte sie, da sie
sich fr eine Zigeunerin gehalten habe und ihr Stand durch die Heirat mit
einem Ordensritter und einem so vornehmen jungen Mann, wie Don Juan de
Carcamo, sehr gehoben worden wre; da ferner auch sein gutes Gemt und sein
sittsames Wesen ihr aus Erfahrung bekannt gewesen sei, so habe sie ihn hie
und da mit Neigung betrachtet, doch habe sie ja schon gesagt, da sie
keinen andern Willen zu haben sich erlaube, als den ihrer Eltern.

Die Nacht kam, und gegen zehn Uhr holte man Andres ohne die Handschellen
und den Fublock aus dem Gefngnis; aber noch war er mit einer groen Kette
gefesselt, die ihm von den Fen aufwrts den ganzen Krper umschlo. So
gelangte er, von niemand gesehn als von seinen Wchtern, ins Haus des
Stadtrichters, wo man ihn in grter Stille in ein Zimmer fhrte und allein
lie. Nach einiger Zeit trat ein Geistlicher ein und hie ihn beichten,
weil er am folgenden Tage sterben msse. Andres erwiderte: Ich will von
Herzen gern beichten, aber wird man mich nicht zuvor trauen? Wahrhaftig,
nach der Trauung erwartet mich ein schlimmes Brautbett!

Doa Guiomar, die dies von einem Nebengemach aus hrte, sagte zu ihrem
Gemahl, er brde Don Juan allzu schwere Qualen auf; er mge sie ihm doch
erleichtern, denn der Gefangene knnte sonst dabei sterben. Das schien dem
Stadtrichter richtig; so trat er denn ein und sagte dem Beichtvater, er
wolle zuvor den Zigeuner mit der Zigeunerin trauen lassen; er solle nachher
beichten und sich Gott von ganzem Herzen empfehlen, denn oft lasse Gott
sein Erbarmen gerade dann herabtauen, wenn die Hoffnung am geringsten sei.
Kurz, Andres trat in einen Saal, in dem sich nur Doa Guiomar, der
Stadtrichter, Preziosa, die Alte, der Geistliche und zwei Bediente des
Hauses befanden. Als jedoch Preziosa Don Juan von der groen Kette
umwunden, mit bleichem Gesicht und Trnenspuren in den Augen vor sich stehn
sah, da wurde sie schwach, und sie mute sich auf den Arm der neben ihr
stehenden Mutter sttzen. Diese drckte sie ans Herz und sprach: Komm zu
dir, Kind, alles, was du siehst, wird sich dir noch in Freude und zum Guten
kehren. Sie aber wute nicht, wie sie sich trsten sollte, da sie von all
dem nichts begriff; die alte Zigeunerin war verwirrt und alle andern hchst
gespannt, was fr ein Ende das nehmen wrde. Der Stadtrichter begann: Herr
Pfarrverweser, dieser Zigeuner und diese Zigeunerin sind die Personen, die
Euer Hochwrden trauen sollen.

Das kann ich nicht tun, wenn nicht die fr einen solchen Fall ntigen
Frmlichkeiten vorhergegangen sind. Wo geschah das Aufgebot? Wo ist der
Erlaubnisschein meines Obern, da ich dieses Paar trauen darf?

Das ist eine Unachtsamkeit von mir, entgegnete der Stadtrichter; aber
ich werde dafr sorgen, da der Generalvikar die Erlaubnis erteilt.

Solange ich sie nicht gesehn habe, versetzte der Pfarrverweser, mgen
mir die Herrschaften verzeihn. Und ohne ein weiteres Wort verlie er, um
kein rgernis zu erregen, das Haus, und alle blieben in Verwirrung zurck.

Der ehrwrdige Vater hat ganz recht getan, rief endlich der Stadtrichter,
und vielleicht ist dies ein Wink der Vorsehung, damit Andres' Hinrichtung
weiter hinausgeschoben werde. Denn er soll nun einmal Preziosa heiraten,
und der Heirat mssen die Aufgebote vorausgehn; so wird ein Tag um den
andern verstreichen, und Zeitgewinn verhilft aber gar oft in schlimmer Lage
endlich noch zu einem glcklichen Ausgang. Indessen mchte ich denn doch
von Andres wissen, ob er, falls das Schicksal seine Lage so wendet, da er
Preziosa ohne seine gegenwrtige Angst und Sorge zur Frau erhielte, dadurch
glcklich wrde, sei er nun der Herren-Andres oder Don Juan de Carcamo.

Als Andres sich bei seinem Namen nennen hrte, sagte er: So wollte sich
also Preziosa nicht in den Schranken des Schweigens halten und hat
entdeckt, wer ich bin! Wenn mich das Schicksal aber auch zum Frsten der
Welt gemacht htte, ich wrde dennoch nur sie als das Ziel meiner Wnsche
sehn und auer ihr nach keinem Glcke streben, als nach der Gnade des
Himmels.

Nun, fr die gute Gesinnung, die Ihr gezeigt, Herr Don Juan de Carcamo,
will ich seinerzeit dafr sorgen, da Preziosa Eure rechtmige Gemahlin
werde, und ich gebe Euch schon jetzt die Anwartschaft auf sie, als den
kostbarsten Schatz meines Hauses, meines Lebens und meiner Seele; haltet
sie immer so hoch, wie Ihr sagt, denn ich gebe Euch in ihr Doa Constanza
de Meneses, meine einzige Tochter, die Euch an Abkunft nicht nachsteht, wie
ihre Liebe der Euren gleichkommt.

Andres stand ganz erschrocken da, als ihm pltzlich so viel Liebe
kundgegeben wurde, und Doa Guiomar erzhlte in wenigen Worten, wie ihre
Tochter verloren war und wiedergefunden wurde, und sie berichtete von den
untrglichen Zeichen, die die alte Zigeunerin zum Beweise ihres Raubes
angegeben hatte, so da Don Juan in immer greres Staunen geriet. Zugleich
aber umarmte er in einem Taumel des Entzckens, der sich nicht schildern
lt, seine Schwiegereltern, nannte sie Vater und Mutter und seine Gebieter
und kte Preziosa die Hnde, die ihn mit Trnen um die seinen bat.

Das Geheimnis wurde laut: die Nachricht von dem Vorfall verbreitete sich,
sobald die beiden Bedienten, die Zeugen davon gewesen waren, zur Tr
hinauskamen. Als der Schulze, der Oheim des Getteten, Kunde davon erhielt,
sah er wohl, da ihm der Weg zur Rache verschlossen war, da sich die
Strenge des Gesetzes gegen den Eidam des Stadtrichters nicht leicht wrde
anwenden lassen. Don Juan legte die Reisekleider an, die die Zigeunerin
herbeigebracht hatte; Kerker und Ketten aus Eisen verwandelten sich in
Freiheit und Ketten aus Gold und die Trauer der verhafteten Zigeuner in
Freude; dem Oheim des Getteten versprach man zweitausend Dukaten, wenn er
die Klage fallen liee und Don Juan verziehe. Dieser verga auch seinen
Kameraden Klemens nicht und lie ihn suchen. Man fand ihn aber nicht und
erfuhr auch nichts ber ihn, bis nach vier Tagen die sichere Nachricht
einlief, da er an Bord einer der beiden genuesischen Galeeren gelangt sei,
die im Hafen von Cartagena gelegen hatten und jetzt bereits abgesegelt
waren. Der Stadtrichter aber sagte Don Juan, er habe zuverlssige Kunde,
da sein Vater, Don Francisco de Carcamo, zum Richter in jener Stadt
ernannt worden sei; man werde daher gut tun, auf seine Ankunft zu warten,
damit die eigentliche Hochzeitsfeier mit seiner Einwilligung und
Zustimmung vor sich gehe. Don Juan erwiderte, er werde keiner dieser
Anordnungen widersprechen, vor allen Dingen aber msse man ihn mit Preziosa
trauen. Wirklich erteilte der Erzbischof die Erlaubnis, da die Trauung
nach nur einmaligem Aufgebot stattfinden durfte, und da der Stadtrichter
sehr beliebt war, so feierte die Einwohnerschaft diesen Tag durch
Beleuchtung, Stiergefechte und Lanzenbrechen. Die alte Zigeunerin blieb im
Hause, denn sie wollte sich von ihrer Enkelin Preziosa nicht trennen.

Die Nachricht von den Begebenheiten und der Vermhlung des Zigeunermdchens
gelangte auch in die Residenz, und Don Francisco de Carcamo erfuhr, da
sein Sohn der Zigeuner und Preziosa das Zigeunermdchen gewesen sei, das
bei ihm im Hause war. Mit ihrer Schnheit entschuldigte er den Leichtsinn
seines Sohnes, den er schon fr verloren gehalten hatte, denn er wute, da
er nicht nach Flandern gegangen war. Mehr noch diente ihm der Gedanke als
Entschuldigung, da ihm die Heirat mit der Tochter eines so angesehenen und
reichen Kavaliers, wie Don Fernando de Acevedo, gar gut anstehe. Er brach
also eilends auf, um so schnell wie mglich bei seinen Kindern
einzutreffen, und schon nach zwanzig Tagen kam er in Murcia an, wo jetzt
die Freude von neuem begann, die Hochzeit festlich begangen und das Erlebte
erzhlt wurde. Die Dichter der Stadt aber, unter denen es einige
vortreffliche gab, nahmen es auf sich, die auerordentliche Geschichte
sowie die unvergleichliche Schnheit des Zigeunermdchens zu feiern, und
bei dieser Gelegenheit schrieb der berhmte Lizentiat Pozo, da durch seine
Verse der Ruhm Preziosas dauern wrde, solange die Jahrhunderte kreisten.

Vergessen habe ich zu bemerken, da die verliebte Wirtstochter der
Obrigkeit entdeckte, der angebliche Diebstahl des Zigeuners Andres sei
erlogen gewesen, und da sie ihre Liebe wie ihre Schuld bekannte. Sie
entging jedoch der Strafe, da in der Freude ber das Wiedersehn der
Neuvermhlten die Rache begraben wurde und die Milde auferstand.




Nachwort


Die Novellen des Cervantes (+Novelas ejemplares+, was Heinrich von Kleist
im Titel seiner Erzhlungen durch Moralische Novellen bersetzen wollte)
erschienen vor genau 300 Jahren, im Jahre 1613, also acht Jahre nach dem
ersten und zwei Jahre vor dem zweiten Teil des Don Quijote. In
Deutschland machten den Dichter die Romantiker am nachdrcklichsten
bekannt. Tieck bersetzte den Don Quixote fr den Berliner Verleger
Unger, der auch mit Friedrich Schlegel darber verhandelt hatte, und einer
bertragung der smtlichen Werke durch Tieck kam nur die bersetzung von
Soltau zuvor. Doch auch bei den Klassikern fand Cervantes nun Beifall, wie
denn Tieck selber den Don Quixote zuerst in der bersetzung von Bertuch
kennen gelernt hatte. Schiller schrieb nach der Lektre der +Novelas+ an
Goethe: An den Novellen des Cervantes habe ich einen wahren Schatz
gefunden, sowohl der Unterhaltung als der Belehrung. Wie sehr freut man
sich, wenn man das anerkannte Gute auch anerkennen kann, und wie sehr wird
man auf seinem Wege gefrdert, wenn man Arbeiten sieht, die nach den eben
geschilderten Grundstzen gebildet sind, nach denen wir nach unserm Mae
und in unserm Kreise selbst verfahren.


Gedruckt bei Breitkopf und Hrtel in Leipzig




Im Insel-Verlag/Leipzig sind erschienen


Miguel de Cervantes:

#Die Novellen.# Vollstndige deutsche Ausgabe, auf Grund lterer
bertragungen bearbeitet von _Konrad Thorer_, eingeleitet von _Felix
Poppenberg_. Titel- und Einbandzeichnung von _Carl Czeschka_. Zwei Bnde.
In Leinen M. 10.--, in Leder M. 12.--.

     Diese Novellen wieder allgemein in sorgfltiger Behandlung des
     Textes, sehr angenehmer bersetzung lebendig gemacht zu haben, darf
     dem Insel-Verlag zum Verdienste angerechnet werden; denn die zwei
     Bnde werden niemanden enttuschen, der Sinn fr wahre
     Erzhlungskunst und ein Meisterwerk zu bewundern und zu verstehen
     gelernt hat.
                                                Ostdeutsche Rundschau.


#Der scharfsinnige Ritter Don Quixote von der Mancha.# Vollstndige
deutsche Taschenausgabe in drei Bnden unter Benutzung der anonymen Ausgabe
von 1837 besorgt von _Konrad Thorer_, eingeleitet von _Felix Poppenberg_.
Titel- und Einbandzeichnung von _Carl Czeschka_. In Leinen M. 14.--, Leder
M. 18.--.

     Eine groe Weite erffnet sich in dem Roman von welthistorischem
     Gewicht, den der Insel-Verlag in schner Neuausgabe auf den Markt
     bringt. Da reitet zuerst der unsterbliche Ritter von der traurigen
     Gestalt auf seinem edlen Ro Rosinante in die Schranken und
     sprengt, gefolgt von Sancho Pansa, von neuem an gegen Hammelherden
     und Windmhlen. -- Der Don Quixote ist eine der ganz wenigen
     Gestalten der Weltliteratur, die sich von ihren Dichtern abzulsen
     vermgen und -- wie etwa noch Achill, Hamlet, Faust aller
     Zeitlichkeit und aller nationalen Beschrnkung ledig -- gleichsam
     in der freien Luft stehen als Reprsentanten der Menschheit.
                                    Velhagen und Klasings Monatshefte.


#Altitalienische Novellen.# Zwei Bnde. Ausgewhlt und bersetzt von _Paul
Ernst_. Mit venezianischen Titelholzschnitten, Initialen und Zierstcken
aus dem 14. Jahrhundert. Zweite Auflage. In Pappbnden M. 8.--, in Leder M.
12.--.

     Diese vierzig Novellen sind mit Umsicht und feiner Kenntnis aus dem
     groen Schatzhaus der italienischen Novellistik gehoben; ihrem
     bersetzer und Erneuerer gebhrt um so mehr unser Dank, als bei uns
     von dem Reichtum der italienischen Erzhlungsliteratur so gut wie
     nichts bekannt ist, da doch diese altitalienischen Stcke zum
     Besten gehren, was es derart gibt. Das Buch, das gleichsam eine
     Entwicklungsgeschichte der italienischen Novelle im Abri
     darstellt, sei allen denen bestens empfohlen, die fr die Kunst der
     Erzhlung noch empfnglich sind.
                                                  Frankfurter Zeitung.


     Wir drfen Paul Ernst fr die Auswahl, die er unter den alten
     Novellisten getroffen, ebenso wie fr die ganz vorzgliche
     bersetzung, die im Deutschen den bald feierlichen, bald zierlichen
     und etwa auch einmal gezierten Stil der Originale fein und
     geschickt nachahmt, von Herzen dankbar sein. Und da auch die
     Buchausstattung bei aller Eleganz an den typographischen Schmuck
     lterer Druckwerke gemahnt und dem Insel-Verlag Ehre macht, sind
     die beiden Bnde Altitalienische Novellen eine Verffentlichung,
     ber die man sich in jeder Beziehung nur zu freuen hat.
                                                             Der Bund.


#Altfranzsische Novellen.# Ausgewhlt von _P. Ernst_, bertragen von _P.
Hansmann_. 2 Bnde. Mit Titelholzschnitten und Zierstcken nach alten
Originalen, Titelzeichnung von _Rudolf Koch_. In Pappbnden M. 10.--, Leder
M. 14.--.

     Fr literarische Feinschmecker sind sie eine begehrte Kost. Die
     stilistischen Kostbarkeiten der Originale sind auch in der feinen,
     nachempfindenden bersetzung Paul Hansmanns in ihrer Frische und
     ihrem besonderen Aroma erhalten geblieben. Dem appetitlichen,
     feinschmeckerischen Inhalt entsprechend ist auch das uere Gewand
     dieser Bnde, wie man es beim Insel-Verlag gewhnt ist.
                                                 Illustrierte Zeitung.




      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription

Inkonsistente Schreibweisen wie so lange und solange wurden
beibehalten. Folgende nderungen wurden vorgenommen:

  Seite 37: Ziegeunerinnen in Zigeunerinnen
  Seite 78: Feundin in Freundin
  Seite 82: ehtr in ehrt
  Seite 95: So mgen den in So mgen denn
  Seite 100: einmal gem in einmaligem



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DES ZIGEUNERMDCHENS***


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