The Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck

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Title: Schriften
       Achter Band

Author: Ludwig Tieck

Release Date: January 25, 2010 [EBook #31074]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Ludwig Tieck's
Schriften.

Achter Band.


Abdallah.
Die Brder.
Almansur.
Das grne Band.



Berlin,
bei G. Reimer,
1828.




Dem
Prediger Kadach

in Ziebingen,
bei Frankfurt an der Oder.


Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als
ich zwei Jahre spter aus Italien zurck kam, fand ich Sie in jener
Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind
wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schnen Stunden jener Zeit, im
Genu der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in
gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen
verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz ber manchen Verlust im Verlauf
der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind
Sie gern und grndlich eingegangen. Shakspear, Gthe und Sophokles haben
uns oft gemeinsam beschftigt. Meine Arbeiten ber den brittischen Dichter
sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien
Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich,
so grndlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren
religisen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein chter
frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter fr Kunst, ein
edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt,
und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schnen Tage und Abendstunden
aus dem Gedchtnisse entschwinden, in denen Solger unsre lndliche
Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die
Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.

_L. Tieck._




Abdallah.

Eine Erzhlung.

1792.




Erstes Kapitel.


Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen
entgeht der Ha nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_
betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, ber die ihn nur seine
Grausamkeit und sein Ansehn erhalten knnten: mit andern Freuden
unbekannt, sollte ihm das Gefhl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.

Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenu zu kennen, war er
zum Greise geworden und in einer unerschpflichen Leere schmachtete er
itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er
begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne
sahe, die, wie er wute, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg,
-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es,
was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie fr die Krone der
Schnheit anerkannte. --

In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit,
ohne eine ffentliche Bedienung, ohne da man viel von ihm sprach ward
er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne
Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des
Veziers und der brigen Groen.

Aus seinen Leiden hatte er stets seine groe starke Seele gerettet;
seinen Ha konnte nichts ausshnen, aber eben so unauslschlich war
seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn
_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurckgelassen
hatte.




Zweites Kapitel.


Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch
ein schnes Gehlz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein
ehrwrdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele
schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her,
aber ein ses Lcheln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjngte
sein Gesicht durch eine liebenswrdige Freundlichkeit und lockte zur
Mittheilung aller Gefhle und einer kindlichen Aufschlieung des
Herzens.

Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen
Licht des Mondes glnzte. Der letzte Streif der Abendrthe glimmte durch
die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewi die
Sterne. Versptete Mcken spielten im Mondstrahle, Kfer summten trge
und schlfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit
des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.

Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schn! -- Ha! der ruhige See ber
den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch
in den hohen Wipfeln der Bume suselt, das Lied der Nachtigall, das
mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o
sieh Omar! wie alle Geschpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben
glcklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendrthe Abschied
nehmen, und der Kfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt.
-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschpflich quillt und
unzhligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfllt das
Herz mit lautem berstrmenden Dank gegen den, der so gtig alles aus
dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glcklich! --

Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr
vor sich nieder.

_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht
heiter machen?

Omar blickte auf und fate seine Hand. -- Sieh, sprach er, die
Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmthig
nach, denn es war das letztemal, da sie sich in ihrem Strahl erquickten.
-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nchste Welle kmmt,
verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgrnde. -- Eine
unendliche Schpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der
folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft
fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen
auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr
Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein
Ton den andern verschlingt und vom nchsten verschlungen wird. --

_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schne
Begeisterung mchtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur
hindurch und verluft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur
geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurck, woher es
gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glnzt dieser
Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist
in meinem Innern?

_Omar._ Wozu? -- O Jngling, la die Erde unaufgewhlt, du findest ein
scheuliches Todtengerippe! La diese Geheimnisse ewig deiner Seele
verschlossen bleiben. --

_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drngender Geist steht vor
dieser Pforte und klopft ungestm an. -- Was der Mensch fassen kann,
will auch ich begreifen.

_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land
zurcktrgt, Zweifel wlzen sich auf Zweifel, Woge strmt auf Woge,
dein Ruder ist unntz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar
unermelich entgegen.

_Abdallah._ Ich knnte nicht ruhig sein, wenn ich wte, da etwas da
sei, was in meinem Gehirne Raum htte und dem ich den Eingang versagen
mte.

_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie
vergebens mit allen Krften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewlbe
eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein
von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen strzten mit
Ohnmacht von diesen Schranken zurck, -- und starben. -- Der Zweck
unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen knnte durch das Geheimni
der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_
Sonnenstrahl herniederschsse! -- Wir tappen ngstlich umher -- und
finden nur die Wnde, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts,
als da wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, mssen wir mit
Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.

_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schpfer nur so viel Kraft, diese
Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung
in unser Herz gelegt, die nie zur Gewiheit reift? Eine Centnerlast
liegt auf unsrer Brust, und wir kmpfen vergeblich sie abzuschtteln.

_Omar._ Vielleicht werden alle diese Rthsel einst gelst. -- Ein groer
Schwung wlzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt
ein Ton. Eine Kraft drngt sie zu einem Mittelpunkt: _Genu_! -- Alles
schpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe
nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt
und gesttigt aufsteht, der Schpfer schickte die Millionen Wesen in die
Wste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er
gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles
freut sich, alle Wesen kommen, genieen und sterben dann, ohne es zu
wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt
sein vorgestecktes Ziel.

_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schpfung? Um dessentwillen
die Natur ihre reichen Schtze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles
Erschaffenen dreht?

_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch
wei seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterni
und mat sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen
Wesen ward ein gleiches Brgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch
reit sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genieen wie alles
geniet, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhngni,
alle seine Krfte kmpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine
Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu frchten,
um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflsung weit auer
ihm liegt.

_Abdallah._ Wenn Genu der hchste letzte Zweck unsers Daseins ist,
wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?

_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wre glcklich, htte er
nie hher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen
Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze
hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die ber
seinem Haupte hngen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen
zu: ich bin euch nahe! Wehmthig lchelnd blicken die Sterne auf ihn
herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschu; zur blhenden
Wiese, die er erst verschmhte, hat er den Rckweg verloren. --

_Abdallah._ Und nichts als diesen verchtlichen bermuth htte der
Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?

_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fu stt er die Erde zurck
und will sich an die Gottheit drngen, aber seine klgliche Natur zieht
ihn allmchtig zurck. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
brstet, -- Wolkenschatten, die der Wind ber die Ebne jagt und denen
der Wahnsinnige nachtaumelt.

_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle
stnden hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Gre und Verchtlichkeit,
schlngen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sprote der Schierling und
die heilende Pflanze? -- Unmglich! --

_Omar._ Und warum unmglich?

_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in
verehrender Demuth die Flgel zusammenschlgt, wo mein ganzes Wesen sich
in Ehrfurcht auflst, -- an diesen Stolz der Menschheit wre die Schaam
der Welt mit unauflslichen Ketten geschlagen?

_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute.

_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch
diesen Glauben angeklagt. -- Wie knnte der Gtige dem Edlen Belohnung
und dem Bsewicht Strafen aus jener schwarzen Thr am Ende ihrer Bahn
entgegenschicken?

_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht,
wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied
nehmen, ob wir mit allen unsern Trumen in das kalte Grab eingeriegelt
werden -- o das ist ein Rthsel, vor dem die Weisen ewig forschend
stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn
ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster
grndetest, du wrdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit
lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.

_Abdallah._ Omar, du machst, da ich mir selber mitraue. --

_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und
kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides
vertheilen. -- Wir ahnden nicht, da es nur eine Kraft ist, die in der
Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel
zurckgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied
und sagte: dies sei gut, dies nicht!

_Abdallah._ Ein Thor?

_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_
zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wstes Dunkel und
mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner
Seele lesen.

Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort:

Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen,
von tausend innern Krften gereift, von hundert Neigungen gepflegt,
schiet die Pflanze empor, -- nur ich, der Schpfer, bin mit ihrer
Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur fr
mich, der ich mich selbst kenne, -- alle brigen Menschen sind fr mich
in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
Krokodil Fremdlinge sind.

_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine frchterliche Einsamkeit, ich
verliere mich selbst in der schrecklichen Wstni. --

_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein
Fremdling, der nicht in das Gebude meiner Seele hineinschauen kann, der
die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefhl, das Gefhl
zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem
unergrndeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und
verschlonem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_!

_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter!

_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen
und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele
hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hlt sie fr Feinde.

_Abdallah._ Frchterlich sonderbar!

_Omar._ Wo ist der Bsewicht, der nicht zum Engel wrde, wenn er
den Richter in die geheime Werksttte seiner Seele fhren knnte?
-- Abdallah, wir sind Brder aller Mrder, die je die Geschichte mit
Abscheu genannt hat und schwesterlich schliet sich unsre Seele an alle,
die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, lat den
nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch
dieses Hauches, er kehrt nicht zurck, wenn er entflohen ist.

_Abdallah._ Du fhrst mich durch Labirinthe, Omar. --

_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste
Gesetz niederschrieb, da veruerte der Mensch selbst sein hohes,
heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit,
allmchtig ward eine Schnur zwischen Gut und Bse gezogen und
unglckliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen
Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken
_Verbrecher_ knpfte man Ha und Unvershnlichkeit und eine ewige
Verfolgung whlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit
ist der groe Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der
eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam
seinen Bruder unter sich, der nach dem bereinkommen ein _Verbrecher_
ist. --

_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken strzen ein!

_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber
wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles
was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem,
der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurck und melden
sich als ihm angehrig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher;
wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen
Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? --

_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem
Abgrund auf, mich zu schrecken. --

_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt bergeben, tritt der Mensch
seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen
in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und
Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren,
-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prgen sich in
treuen Abdrcken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergngen,
aus den todten Gegenstnden, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes
Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder
verdrngt wird.

_Abdallah._ So sind wir nur eine Htte, in die ein Fremdling nach dem
andern einkehrt und sie dem folgenden berlt.

_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer bse? -- Soll des Mrders
Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der
Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut,
das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen
wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim grlichsten
Morde aufhrte?

_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten
her verschlang.

_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern
Vorsatz nennen, ist nur der Einflu fremder Dinge, wir sind nur ein
Stoff, an welchem fremde Krfte sichtbar werden; ein groes Spiel von
einer fremden Macht regiert, der eine steht als Knig, der andre als
Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hlzerne Zeichen,
obgleich der Knig und der Ritter stolz auf das Fuvolk vor sich
hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hrt auf
verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis
zum kleinsten wirkt in den groen Plan; der eine Augenblick gebiert den
folgenden, eine Handlung stt die andre vor sich her, eine unendliche
Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du
herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstren und
eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.

_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade
_diesen_ Schritt itzt nicht thte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken
dchte -- so knnte die Welt nicht erschaffen sein! --

_Omar._ Nothwendig. -- Eine groe Schwungkraft belebt die Unendlichkeit,
alle Krfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die
treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der
Natur und so geht das groe Werk den allmchtigen Gang. -- Wie will dies
kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem
engen Geist den Schpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmchtig gegen
das Weltall wirken und durch sein jmmerliches Dasein noch _Verdienst_
erringen? Ohnmchtig kmpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt
in der allgemeinen Harmonie.

Beide schwiegen dster vor sich hinbrtend. Ein hohes Roth flog ber
_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er fate
heftig Abdallah's Hand.

Jngling! rief er aus, was wir gut, was wir bse nennen, verschwimmt
in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die
ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermelichkeit -- und dieses
ist _Gott_!

Abdallah fuhr zurck.

_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schpfung Raum fr sich
finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in
einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner
Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn
im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er
vor sich selbst, in der ewigen Wste. --

Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand
mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen
Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer
Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schnen
Entwrfe, meine wonnevollen Schwrmereien liegen wie Leichen um mich
her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wthet da, wo ehedem meine
Himmel standen.

_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das frchterliche Todtengerippe
ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der
mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrhrt
und furchtsam fragt: Wer bin ich?

Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von
hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen
flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorber.

Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von
zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen ber die
Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bume und
spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte;
ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefllig in dem Wasserspiegel
und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schoo der Erde.

Die schne Landschaft, mit all den lieblichen Trumen, die ber ihr
hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er
hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft berlassen, als er
noch zu denken glaubte.

Die Wipfel suselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief
ein stilles Flstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte
das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte
er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die
Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend
allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. --

Aus den Cypressen stiegen Trume auf ihn herab, durch seine Augenlieder
dmmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. --

Pltzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn
die erbote Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter
ber ihn dahin, -- Abdallah erwachte.

Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Strme hatten den Mond hinter
ferne Gebirge hinabgeschleudert, groe Wolken wlzten sich krau durch
einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein
Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem
Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber hhnend strmt der Orkan
durch seine Tne und wirft sie zerrissen in die Lfte.

Ein leuchtender Glanz flammte pltzlich in den Wolkengebirgen auf, eine
Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend
blendende Funken von sich sprhte. -- Jeder Funken sprang mit einem
Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen ber alle
Wlder hinabwlzte. -- Mit lautem Gebrll sank die Kugel nieder und die
stille Nacht stand wieder um Abdallah. --

Eine bleiche zitternde Gestalt fhrt aus dem nahen Busche und ergreift
kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft prete er die Hand
des Jnglings in die seinige und ri ihn mit sich fort. --

Abdallah folgte schaudernd.

Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war
lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn
anzusehen. -- An Geist und Krper mde, legte er sich schlafen, Omar
ging noch lange gedankenvoll umher.




Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trbe
durch die Fenster und eine schwermthige Erinnerung des gestrigen Abends
kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles,
was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kmpfender Zweifel
verschlungen. Alle seine frheren Gedanken schienen ihm unreif und
kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch
that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfltig aufgezogen
hatte, zerstrt zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf,
wenn sein Geist noch einmal ber alle die Gedanken hinwegsahe, die er
seit gestern dachte; er htte es so gern nicht geglaubt, er htte so
gern den vorigen Sonnenschein zurckgerufen, die vorige Unschuld seiner
Seele zurckgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst
alle seine frheren Gedanken zurck, die wieder in ihm aufdmmern
wollten.

O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete,
-- dein Altar ist umgestrzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit
khnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine
Schwingkraft gelhmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die
mich sonst mit mtterlichem Lcheln zu sich lockte? -- Ich mu mich
selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre
Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer
fremden Macht nachgeben mu, die mich wider meinen Willen zu Grueln
oder edeln Thaten drngt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt
im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich
gestorben, ich bin ein abgerines Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
Gefallen in die Lfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd
dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er
und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gestruch steht
der Unfaliche vor mir, mir nher gebracht und dadurch um so entfernter.
Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verchtlich
gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --

Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Trumen; Gefhle
wollten sich itzt in seine Seele zurckdrngen, die ihn einst so
bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschnt hatten, aber kein
Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O!
rief er aus, gieb mir meine glckliche Unwissenheit zurck, Omar, la
mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach fr
diese Last, er seufzt gekrmmt unter der drckenden Brde.

_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber
einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jngling sich so
leicht schliet und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
ber die Grten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen,
denn er war gewhnlich finster und verdrlich. Abdallah ging ihm
freundschaftlich entgegen. Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die
Hand drckte, ich habe dich lange nicht gesehn. -- Er freute sich, da
ihn jemand aus seinen Trumereien ri, die er gern von sich abwarf und
sich dem Wohlwollen berlie. -- Willkommen! rief er noch einmal.

Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen.
Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drcken, eine tiefe
unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge,
nichts vermochte eine Heiterkeit ber sein Gesicht zu werfen, seine
Stimme war langsam und ohne Feuer. --

Dein Anblick wird immer krnker, fuhr Abdallah fort.

_Raschid._ Krnker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode
entgegen.

_Abdallah._ Dem Tode? --

_Raschid._ Ich hoff' es.

_Abdallah._ Du _hoffst_ es?

_Raschid._ Mein Geist ertrgt die Leiden nicht mehr, die sich immer
hher thrmen.

_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen.
-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blhende
Jngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen
Paradiese auferstehen lassen und dir --

_Raschid._ O glcklich, da du davon wie von einem unbekannten Lande
sprichst. -- Doch nein, du bist unglcklich. -- Ein Wesen ohne Liebe,
-- eine Laute ohne Saiten. -- Fr die gttlichsten Empfindungen todt
kriecht der Gefhllose im Staube, wenn der Liebende den glnzenden
Fittig im Morgenrothe wiegt. --

_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --

_Raschid._ Ja und doch mcht' ich meine Liebe nicht zurckgeben, -- Freund,
nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er wrde den Frhling in meiner
Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich
zurck, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wnsche und meine
Wnsche berschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt,
-- o dann treten sie alle bleich zurck. -- Mein Unglck hat alle Blumen
um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich
in eine dstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thr verschlossen, -- ach
Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich
in's Leben zurckhalten? --

_Abdallah._ Wer wrde nicht wenigstens hoffen? --

_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen drfte! wenn ich nur eine Spalte in
der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden knnte!

_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe
genannt -- wen liebst du?

_Raschid._ La dies noch itzt ein Geheimni bleiben. -- Ach! ich mcht'
es mir selber nicht gestehn, da der Mensch sich seinem Glcke Mauern in
den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, da -- ich kam hierher mich
zu trsten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.

_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trsten?

_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getrstet sein. -- Lebe wohl!
-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn fr sie, -- ich will
in der Einsamkeit meine Thrnen weinen, ich finde keinen Menschen, der
mich versteht.

Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder
allmhlig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig,
Abdallah?

Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.

Worber dachtest du? fragte Omar.

_Abdallah._ ber deine gestrigen Lehren.

_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.

_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wste, alles ist hin, was
einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung
meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
sonst so warm die Natur umfate? --

_Omar._ Und mu denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu knnen? -- Ich
habe dir deinen Ha genommen und um so grer sollte deine Liebe sein;
du sollst alles lieben, auch den, den die schmhende Welt mit Fen
tritt.

_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?

_Omar._ Er soll es wollen.

_Abdallah._ Mein Geist strubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.

_Omar._ Weil er deinen Stolz krnkt. -- Vieles ist gestrzt, auf das du
bis itzt eingebildet dich fr besser als tausend andre hieltest; es ist
dir genommen und du sinkst zu den brigen Menschen hinab. Aus Eigennutz
bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen.
--

_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die
sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreien? du sagtest selber,
jeder handle nur fr sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
Entwrfe und mssen die brigen Wesen nicht mir selber weichen?

_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwche trennen,
-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigenntzig im _Genu_,
ein Traum ist kein Genu. --

Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._

_Omar._ Und verschliee diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen fr
kein ander Ohr.

_Abdallah._ Fr mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?

_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur
verstehn.

Abdallah ging.




_Viertes Kapitel._


Selim sa in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er
bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte
er, um dir eine wichtige Nachricht anzukndigen; hat dir Omar nichts
davon gesagt?

Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast,
lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser
Omar?

Und wie kmmst du so pltzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst
ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas nher von
ihm unterrichtet zu sein.

Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir
lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein
soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt.
-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben
so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner
Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott
nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der
Weisheit. Alles, was ich denke und wei, habe ich aus ihm geschpft,
-- ohne seine Liebe knnte ich nicht glcklich sein. -- Er ist mir
bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so
vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Zge hab'
ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprgt, -- nur gestern
am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als
gewhnlich hob, -- oder war es das nchterne leere Erwachen von einem
Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene
Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur
Stadt zurckging, trat mich pltzlich das sonderbare Gefhl an, als
wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal
im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht,
ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewi um ihn her und
verstellte alle seine bekannten Zge, -- ich war aus mir selbst
herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.

_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen
tausend Schwrmereien und trgende Gefhle um uns her, die, wenn wir
nach ihnen greifen, in Luft zerflieen und unsern Geist zu einer trgen,
thatenlosen Beschaulichkeit fhren. Der mnnliche Jngling mu alle
diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurckweisen, auf seiner
Bahn ungestrt weiter gehn und diesen Morgendnsten nicht einmal ein
zurckgeworfenes Auge schenken.

_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer
ist dieser Omar?

Ich will dir alles sagen, was ich von ihm wei, antwortete _Selim_; du
hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun
auch als deinen Wohlthter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender
Brand in dem Krper seines Landes wthet, gegen den tausend Flche der
Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schtze
lockten seine Habsucht, er entri mir alles, was ich besa, -- nur deine
Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts brig. Du warst
damals einen Sommer alt und lcheltest am Busen deiner Mutter unverstndig
dem Elend entgegen. -- Wir verlieen die Stadt und wanderten ber
unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und
reichte uns die rmliche Nahrung, alle meine Freunde verlieen mich, als
htten sie mich nie gekannt, Sorge und Drftigkeit waren unsre einzigen
unzertrennlichen Gefhrten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und
lebten krglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen
zuwarf. -- Ein stiller Gram whlte unsichtbar in dem Herzen deiner
Mutter, sie reichte mir lchelnd den Abschiedsku -- und ging nach
einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurck. Ich blieb mit meinem
Unglck in der Einsamkeit.

Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:

Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein
Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lcheln nach
deiner Mutter fragtest und an den Grabhgel pochtest, um sie wieder
heraufzulocken; aber dein Lcheln war das letzte schwache Band, das mich
damals an diese Welt zurck hielt, unverletzliche Pflichten sprachen
mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war
mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und
mich in dem Wohnorte meines Grams zurck zu halten. -- Ach Abdallah, es
waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glhend heraufstieg
und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend
ber die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen
Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch
mu viel erdulden, aber sein Muth mu ihn nie verlassen.


Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hrte Abdallah die Erzhlung
seines Vaters, dieser sprach dann weiter:


Ich besuchte tglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete
andchtig auf ihrem Grabe und flehte um Strke. Im innigsten Gefhle
meines Elends sa ich einst auf dem Grabhgel, du spieltest unbefangen
vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu
und setzte sich traulich an meine Seite, unmnnliche Thrnen rannen hei
ber meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe
blhten. -- Pltzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem
Schatten der Bume nherte. Er hatte mich in meinem Glcke oft besucht
und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn
ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des
Propheten wehte. Mein Unglck schien ihn zu rhren: Grabe, sprach er,
hinter jenem verfallnen Hgel und ein neues Glck wird dir entgegenblhen.
-- Ich grub und fand einen groen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir
Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heien Dank bringen
wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist
_Omar_?

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze,
alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich lie
mich an der fernsten Grnze des Reiches nieder, vernderte meinen Namen
und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht
sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verndert und sich
hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glcklich als ich nur werden
konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus
besuchte. Ein hagrer ausgedrrter Greis reichte mir seine lange Hand,
die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen
eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schdel hin und her und seine
Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem
Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem
Todtengerippe -- deinen Omar.

_Abdallah._ Omar?

_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthter, verpflegte ihn wie
einen Vater, bis er von seiner Siechheit gena. Als seine Gesundheit und
seine Krfte zurckgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
und sagte: du bist mein Wohlthter Selim, du hast mein Leben gerettet
und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich
bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann. So ward unser Wohlthter
dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.

Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an
Omar und hing an seine Lehren ein noch greres Gewicht; seines Lehrers
Tugend war unbezweifelt, um so zuverliger mute also seine Weisheit
werden; der Lasterhafte, der die Tugend lugnet, wird nicht gehrt, aber
wenn der Edle dem Bsewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder
nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.

Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die
Nachricht zu hren, die ich dir anzukndigen hatte?

_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich hre. --

_Selim._ Du sollst dich vermhlen.

_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.

_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.

_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.

_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah
wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.

_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.

_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?

_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --

_Selim._ La diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlschen.
-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!

Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzrnenden Blick an, den
Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich
unauslschlich mit dem frchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's
Gedchtni grub; bei diesem Blicke kehrte pltzlich wie ein Blitzstrahl
die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurck, -- als
dieser hereintrat.

Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte
Omar; er ging froh hinweg und alle seine ngstlichen Besorgnisse waren
verschwunden.




_Fnftes Kapitel._


Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen
und Selim's Freunden.

_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und
hager, sein Auge sanft und sein silberweier Bart sank ehrwrdig auf
seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
ohne da er sie, oder sie ihn vermite; er lebte mit seiner Tochter in
einer huslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt.
Er war im Felde erzogen und unter der Rstung ein Greis geworden, die
Feinde hatten seine Tapferkeit gefrchtet und in seinem mnnlichen Alter
war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den
Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der
Ruhm gleicht dem Nebel, der sich ber das ganze Gefilde auseinander
wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in
Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden knnen, er
dachte daher nur langsam und beharrte unerschtterlich auf jede gefate
Meinung, jede seiner berzeugungen lie er sich ungern nehmen und eine
neue an ihre Stelle setzen: denn das, worber er einmal gedacht hatte,
schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.

Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.

Eine kleine Stille weilte ber die Versammlung, als Selim endlich
aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer
ergriffen, also redete:

Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das
seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wre einer unter uns, der dies
groe Gefhl nicht in seinem Busen trge, der entferne sich, ehe ich
weiter spreche, denn meine Worte taugen fr kein unedles Ohr. -- Aber
nein, -- die edelsten Mnner des Staats sind hier versammelt und darum
sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum
Biedermanne mu der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies
war die Ursach meiner Einladung.

Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr
er fort:

Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der
Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger
Friede an den Grnzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche
Treue alle Unterthanen in ein schnes Band vereinte und die Rstung des
Frsten war, als das Glck in unsern Husern wohnte, als -- wozu der
schnen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der
Sonnenstrahl, der scheu an des Gefngnisses Mauern zittert, macht dem
Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem
verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelschte Licht. Wir _waren
glcklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige berzeugung: wir
_sind unglcklich!_ -- Wie beim Gewitter hngt die Luft schwer und
drckend ber unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
verlassen und verbergen sich in Hhlen, das Gras zittert leise dem
kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger
Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
Freunde; kein Gesicht lchelt, als das der unverstndigen Kinder, kein
Auge glnzt, als das Auge des Sterbenden, keine Frhlichkeit lacht
aus betrbten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
versunken, von keinem heitern Gefhl aus unsern schwarzen Trumen geweckt,
stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen
in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hngen unsre Thrnen so
schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrckte
Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blhenden Felder um uns her
Wsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel
ber dieses Reich? Hngt eine verzehrende Seuche ber unsern Huptern?
Sind unsre Freunde verschieden? --

Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns
herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blthe unsrer Fluren ist
dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im frhlichen Wogengerusch um
uns her, die Fluth sinkt zurck und unser Nachen steht auf einem drren
Felsengrund eingeklammert. -- Das Glck hat uns seine Hand zum ewigen
Abschied gereicht und wir sehen mivergngt seinem Scheiden nach. -- Und
trstet uns denn kein Ersatz ber unsern Verlust und sind wir auch nicht
einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?

O zum _Allgtigen_ lat eure Klagen nicht dringen, denn er zrnt uns
nicht, die freigebige Natur hlt keine karge Hand ber uns ausgestreckt.
-- Aber welche bermenschliche Gewalt schnrt unsre Brust so mchtig
zusammen? Wer schlgt dies verfinsternde Gewlbe um uns her? -- O da
ich es schaamroth aussprechen mu, -- ein Fremder wrde staunend unsrer
Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!

Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fliet, wie zu einem geizigen Meere, alle
unsre Arbeit zurck, wir leben nur fr ihn, fr den Einzigen kmpfen im
unntzen Streit alle unsre Krfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine
Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt,
hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner frchterlichen
Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung
hlt er auf der verflschten Wage, an seinen Launen hngt schwankend
unser Glck, Gewitter donnern aus seinem zrnenden Auge, das Lcheln
seines Mundes ist unsre erquickende Frhlingssonne, seine Worte des
Ewigen unvernderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fhlen da wir
elend sind, und o der Schande! -- wir begngen uns damit, da wir es
fhlen!

Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, da wir auch
nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, da wir auch
nicht einmal unser Schicksal gendert wnschen? Da wir uns mit dem
begngen, was er uns aus der Verheerung zurckwirft und uns der Gnade
freuen, die uns noch unter den Trmmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
vergnnt? Die Schlange verwundet wthend die Ferse ihres Mrders, die
schuldlose Taube kmpft ohnmchtig gegen den Zerstrer ihres Nestes,
ja der zertretene Wurm krmmt sich zrnend unter dem Fue des Wandrers
-- und _wir_! -- Wer ist der Schndliche, der sich nicht der Ketten
schmte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und
erzhle Ali meine Rede!

Sklave und freier Brger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt
nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und
seine Brger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wnsche knien vor
seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt,
haben wir an diesen Betrger verspielt. Unser Dasein knnen wir nicht
Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein
muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und
wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Krper, von dem
zerbrochen jeder Stahl zurckprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub,
wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestrzt.

Wo ist der Muth, der in unsern Vtern focht und die Feinde erzittern
machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen
greift und sich und seine Brder rcht? Keiner? -- O ich habe mich
geirrt, ich verga, da ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo
unser hchster Wunsch ist, der schndlichste seiner Sklaven zu werden.
-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren
hinweggenommen, nur mich Unglcklichen hat sie einsam stehen lassen.

Er schwieg. -- Die Mnner glhten, die Arme der Jnglinge zuckten
unwillkhrlich. In vielen Augen stand die Thrne der hohen Begeisterung,
viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
Abubeker mit langsamer bedchtiger Stimme also sprach:

Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist
unglcklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem
Thron herab, das Volk seufzt tiefgebckt unter dem ehernen Joch, -- aber
hre mich als Freund und zrne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel,
von dem ich ber so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Fen
ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die
Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die
verheerend das Gefilde berschwemmt, und es gedngt und fruchtbarer
wieder verlt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen
Asche ein schnerer mit frischer Kraft hervorschiet? -- In dem
gegenwrtigen bel liegt oft die Geburt eines knftigen Glcks, nur da
das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, da
unser kleiner Blick nur das umfat, was vor uns, nicht, was oft dicht
daneben liegt. -- Schon vielen Vlkern sandte der Herr zur Zchtigung
einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand.
-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer hhern Macht, der uns
von dorther den Krieg ankndigt: knnen wir rebellisch gegen den Ewigen
aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem
Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen
auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns.
Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch
seines Mundes gegen die Grnze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er
sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein
Wille wre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre groe
Seele zeigen. Rache brllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und
verzeihe! --

O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Krfte verzehrt,
spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu
wenige, um fr sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker!

_Abubeker._ Wacht nicht ber sie das groe Auge, das sich niemals
schliet? -- La sie die Tugend und Gott verehren und sie knnen nicht
elend werden.

Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:

Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt
oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhngni tritt
oft aus seiner Finsterni hervor, und zwingt selbst den khnsten
Zweifler zur schaudernden Verehrung.

_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen groen Entwurf zuerst zur
Reife brachtest?

_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und
lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das
unerbittliche Schicksal zurck, es zerreit den Faden, an dem es den
Menschen lenkt und lt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf
den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zgen auf der
unvergnglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen
oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen
die Tugend oder das Laster auf.

_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige
unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand liee, dann
trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den
Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.

_Omar._ Alle Widersprche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt,
die ganze Natur wre eine Flte, auf der ewig die Tne des schaffenden
Knstlers erklngen, keine That gehrte uns, unschuldig kehrten alle zum
Schpfer zurck. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Gte
das Laster zult, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften
fhrt, das hiee ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das
Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernnfteln, mit eben der
Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.

_Abubeker._ Ein Irrthum tuschte mich, Omar.

_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und
es entstand der _Mensch_. Dieser gttliche Funke, der aus der Nacht sich
ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes,
den Bumen und Felsenwnden heraushebt, dieses ist das groe Zeichen,
an dem die Menschen sich erkennen, das untrgliche Unterpfand, da uns
jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub
wieder von sich abschttelt und zrnend das Thal verlt, um einen
schnern Hgel zu ersteigen.

_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das
Dunkel erleuchtet.

_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der
Schnecke und dem Wurme Fhlhrner gegeben sind, um ihre Nahrung zu
suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gtige dem Menschen
den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen
ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch
seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je nher er diesem Ziele
gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne
diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf,
unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung
liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schpfer tritt uns nicht
unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur wrde zu sehr vor
ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schnen
Blthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gtigen wieder,
und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden
Hauch, der ihnen aus den Krutern entgegen duftet.

_Abubeker._ Deine Gedanken ber den Ewigen sind wie der Schein des
Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die
Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_.

_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind
und Wogen der Leidenschaften und des Unglcks. -- Der Verstand formt
aus dem ungestellten Zufall eine Sule; statt uns selbst die Hand zu
reichen und durch das Dunkel zu fhren, haucht der Ewige an diesen
Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden groe und edle Thaten
geboren, Tyrannenthronen gestrzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen,
Vlker besiegt und des Propheten Glaube ber Meere getragen. -- Diesen
Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heit seiner Gte spotten, da er
uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns
einst schwer zur Rechenschaft ziehen, da wir ein Gut verachteten, das
uns ihm hnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten
von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen
diese Gedanken gesendet htte, wenn er durch uns Ali strafen und das
Reich wieder glcklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar
erhalten, wenn wir die Pflanzen wren, aus denen der Gtige mittelbar
Genesung unsern Brdern zusendete?

Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die brigen horchten
aufmerksam auf seine Rede.

_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und
unverzeihliche Trgheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg
legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter
euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige Nein zu unsrer That, -- nun,
dann wird das Unglck unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne
Nachricht bringen.

_Abubeker._ Du hast mich berwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit
nach.

_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte htten, die uns durch die Nacht
begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft
uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
Daher jagt das nagende Gewissen den Bsewicht, dies ist der gute Engel,
der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder mu nach seiner
berzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, da wir alle glcklicher
wren, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er
hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekrnkt, er zwingt
uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_,
nicht unser Frst. Wir scheuchen das Unglck ber die fernen Gebirge,
das itzt so druend ber uns hngt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
aus seinem Grabe wird das Glck dann wieder auferstehn und uns dafr
belohnen, unsre Brder werden Freudenthrnen weinen, -- ha! wer steht
noch mssig? Wer kann noch furchtsam zurckzagen? -- Nein, Abubeker,
Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen,
wir _mssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Fen, des Ewigen
ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht
uns den blutigen Dolch, -- wir _knnen_ nicht zurcktreten und den
furchtbaren Arm von uns weisen.

_Selim._ Nein, wir knnen, wir _drfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns
ihren Rachen entgegen, -- strzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht
unsern Triumph! Welcher Feige wrde nicht mit dem Edlen um jeglichen
Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die groe nie zerfallende
Scheidemauer zge? Da wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser
Unternehmen zu einer groen That stempelt, das ist es, warum sie Mnner
und keine Knaben fordert. Das Glck schwebt um uns her; fat mit starkem
Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmchtig
weiter, -- nun was knnen wir mehr als _sterben_? Und knnen wir in
tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der
Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das hchste Gut ist, der
mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron
verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an
dem er gefesselt ist, -- wir kmpfen, siegen oder sterben fr's Vaterland
und unsre Brder, -- das Schild am Arm, den Sbel in der Faust strzen wir
vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurck, -- wir verschwinden
in dem groen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch
untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heit sie tdten; sich selber mu
der Edle freudig seinen Brdern opfern knnen. -- Wer so denkt, der
reiche mir seine Rechte!

Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste
sein, der die Hand des edlen Selim fate. -- Es ist kein Schndlicher
unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu
und umarmte Selim und Omar. Eine groe Begeisterung wandelte durch den
Saal, alle Gesichter glhten, alle Augen funkelten.

Brder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder.
-- Hier schwr' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine
letzte Lebenskraft gegen Ali zu kmpfen, mein Vaterland zu retten oder
zu sterben!

Alle knieten und schwuren ihm den groen Eid nach, dann umarmten sie
sich von neuem, drckten sich die Hand und kten sich wie Brder.
_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzckung, _ein_ Geist
wehte durch die ganze Versammlung.

Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und
eine neue Sonne ber unser Reich heraufgehn lassen.

Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort.

Das unmndige Volk bedarf eines Fhrers, ohne Oberhaupt wrde es sich
selber vernichten. Ein weiser Mann mu an der Spitze stehn, der alle die
schweifenden Krfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unntz an
tausend mannichfaltigen Gegenstnden zerschellen. -- Ihr kennt Selims
Weisheit, seinen Muth, seine Gte und Menschenliebe. Er betrete den
verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergrndete Meer und
wecke das Glck aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der
spreche!

Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar,
deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht
meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung?
-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr
ihm beistimmt. -- Der Unbetrgliche sieht mein Herz, beim Grabe seines
Propheten schwr' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_
wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen
werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar,
wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorbergehen?
-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali
entweiht. --

Er warf sich vor dem Greise nieder und berhrte mit der Stirn dreimal
den Boden, alle brigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker
war gerhrt und konnte ihnen nur durch Thrnen antworten.

Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herbergetreten,
von keinem uern Zwange gedrckt. Der Edle mu aus eignem Willen handeln,
und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele,
hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst.
-- Ali, nach deinen Schtzen begierig, hat das Ziel deines Lebens nher
rcken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
und dich uns gerettet.

Der Greis _Abubeker_ drckte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach
er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum,
du wandest ihn aus den Hnden ungerechter Feinde, du schtztest mein
Leben gegen einen Ruber, dessen Sbel schon ber meinen Schdel blinkte,
-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche
Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch
ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn
Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?

_Selim._ Ich schwur und ich htte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein
sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wre.

_Abubeker._ Mein Kind vermhlt sich deinem Sohne.

_Selim._ Und wenn auch das Unglck uns verfolgt, auch wenn ich tausend
Schtze bese und du wrst eben so elend, wie ich einst war, -- sie
wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser
feierlichen Versammlung.

_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn
wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
vermit. Sollte er keinen Theil an diesem groen Schauspiel nehmen?

Omar trat hervor. -- Der zarte gefhlvolle Jngling, sprach er, taugt
noch nicht fr Mnner Unternehmungen. Tausend zrtliche Besorgnisse fr
seinen Vater wrden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch
in der Blthe und kann noch keine Frchte treiben; diese Gedanken wrden
ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hlfe wrde uns unmerklich sein.
-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein
Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben wrde. Wenn er oben steht,
dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zrtliche Sorgfalt danken.

Alle stimmten ihm bei und man beschlo am folgenden Tage sich von neuem
zu versammeln, um ber die Mittel zur Ausfhrung ihres Entwurfs zu
berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm groe
Gedanken und schne Entwrfe in seiner Brust verschlossen mit sich.




_Sechstes Kapitel._


So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah
neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in
schwarzen krausen Wolken ber ihn zusammen, aber er hrte nicht den
Sturm, der von allen Bergen her die Dmpfe zusammenjagte, unbesorgt ging
er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimni der
Verschwrung eingeweiht, sorgsam prfend den Fu auf die schwankende
Brcke gesetzt htte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die
Pfeiler strzten.

Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die
Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete.

Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.

_Raschid_ war traurig wie gewhnlich und erwiederte Abdallah's Gru mit
niedergeschlagenem Blicke.

Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schne Natur,
der Frhling wird dich heitrer machen.

Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nthige Geschfte rufen mich zu Ali;
aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen
Bank, dem Pallast gegen ber. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah
ging durch die Thore der Stadt.

Der schnste Frhlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft
athmete lau, Dfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des
Westwindes, ber die Berge war der glnzende Himmel wie ein blaues Zelt
ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten.
-- Itzt hatte er einen Hgel erstiegen, der die schnste Gegend bersahe.
Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte
ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grn blinkte ein Strom
verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schn gekrmmt wie
ein weiter See im Sonnenschein glnzte. Friedliche Htten lagen traulich
unter den Zweigen der Bume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
Strahlen auf das frische Grn des Rasens, das bald heller bald dunkler
sich den Hgel hinuntergo, Cedern standen feierlich schwarz auf den
Bergen, die den Horizont begrnzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken,
waren froh und glcklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die
Freude, in tausend Gesngen bunter Vgel zwitscherte sie in das Gerusch
der Waldung.

Abdallah stand und betrachtete mit Entzcken die glanzumschlungne
Gegend. O der schnen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus
dem Thale zu mir heraufweht! Wie gttlich diese Wonne mich, wie ihren
Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir,
alle meine Sinne thun sich dem wohlthtigen groen Gefhle auf. -- Welch
ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum
Herzen strmen! -- O unglckseliges Gedchtni! -- Nur Tod brtete in
dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprhenden Begeistrung bin
ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drngt sich alles so zu
mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefhlen nieder, in meinen
Empfindungen schwimmt ein therischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung
erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den
groen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen
Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten lt,
-- du raubst mir den Genu, und Genu ist ja das erste und letzte Ziel
dieses Erdenlebens.

Er lagerte sich am grnen Abhang des Hgels und schaute in die
unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge
unaufhrlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit
leisem Fittig ber die Gegend, hundert neue Schnheiten gossen sich
aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge
hher hinanlief, ber das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein
gelber schrger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen
Cedern und erglhte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grnen
Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.

O! da ich mich strzen knnte in das Meer der unermenen Gttlichkeit!
rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schtze in
meinen Busen saugen! Knnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in
meiner Brust diese gttlichen Gefhle, die itzt durch meine Seele zittern!
Ach, da der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich
hre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare
unausfllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift?
Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
Ich schwindle auf der Freude hchsten Gipfel und strze in den Staub
betubt zurck. -- Alle meine Gefhle drngen mich weiter hinaus zu
einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstt ein Schein durch die
Dmmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber
er verlischt pltzlich und die ungestmen Wogen wlzen sich von neuem
durcheinander.

Ein Abendwind blie durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den
Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und
ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des
Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Htten und vermischte sich
mit dem Nebel, der leise und langsam ber die Fluren schritt und in
tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen.
Ein Schfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine
einsame Flte tnte sanft in das Thal hinab.

Abdallah ging mit seinen Trumen zur Stadt zurck, das Rauschen des
Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tnte noch die Flte,
die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flsternd gefolgt war.

Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's
gegenber, in tausend verworrenen Gefhlen versunken. Die Leere der
Stadt mit ihrem abendlichen Gerusch und der lrmenden Emsigkeit umgab
ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thren, der Handwerker verlie
seine Lden, die Ausrufer gingen durch die Straen, von den Moscheen
ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
Getse hallte ihm noch wehmthig froh der Fltenklang, in das Bild der
dmmernden Straen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden
Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermthigem Lcheln
ansah. Das Getn einer Thr ri ihn aus seinen Trumen, er schlug die
Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter.

Schlank und mit majesttischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan
die Blumen und jungen Citronenbume zu begieen und auf einen Augenblick
die Khlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar flo geringelt
auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die
Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine se Freundlichkeit und
die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lcheln.

Weitgeffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang
mit glhendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten
Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma
die schnste der Houris zu sehn, -- unter ihm htte ein Erdbeben
unergrndliche Schlnde reien knnen -- er htte es nicht gefhlt,
-- htten tausend Donner um ihn her gebrllt, -- er htte sie nicht
gehrt, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Krper
entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder
zurck und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
immer den Schimmer des weien Arms durch die grnen zitternden Bltter
zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schner glhten und
von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.

Endlich erwachte er aus seiner Betubung, so wie der Wandrer in der Nacht
erwacht, der mde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit
einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er
kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen
abgerissen, taumelt er dumpf seine Strae fort, die Berge um ihn her
wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Rthsel vor ihm.
-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurck, -- er sah, er
hrte wieder, seine zugeschlonen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber
er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch
nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne
schien ihm entgegen, aus jedem Ton grten ihn holde Melodieen. Ihm war
als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht
entgegen, hundert Besorgnisse schttelte er von sich ab, er fhlte sich
frei, stark und gro, khn zu jedem Unternehmen, ausdauernd fr jede
Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fhlend fr Schnheit
und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glnzten
vorberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn
her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund.
-- Er ging ber die Brcke des Flusses, der die Stadt durchstrmte. Eine
flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den
Flu nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der
seinem Glanze folgte, der Strom glhte in Purpur, vom Ku des Himmels
errthend, in sanften Krmmungen schlich sich das erhabne Ufer neben
den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen
pltscherten an das grne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde,
die auf einem schmalen grnen Landstreif sich in den Strom drngte und
aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zrtlichen Tnen
vom Flu herber, -- Abdallah sahe in jeder Schnheit Zulma's Gestalt,
die jeden Reiz erhhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er strzte
sich und versank in die schnsten, erhabensten Gefhle.

Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten
stiegen Schatten mit groen Schritten auf; er weinte und wute nicht,
warum eine Thrne sich so hei aus seinem Auge drngte.

Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache
der sen Schwrmerei hinauf und hinab, ermdet schlief er ein.

Die Zukunft strmte ihm hell und glnzend entgegen, wie ein Quell dem
durstigen Wanderer, goldne Trume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand
in den Trumen. -- Er war so glcklich, da er nie htte erwachen mgen.




_Siebentes Kapitel._


Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.
_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und
seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurck.
Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine
mondbeglnzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefhlen, durch ihre
ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus
der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.


Ein frher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er ffnete es
und sahe sinnend in die schne Gegend hinaus. Ein frischer, khlender
Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses
und brannte golden an den Fenstern der hundert Pallste umher, ein dnner
Nebel sank in den Flu zurck und durch den Himmel war ein purpurnes
Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt
hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen
und lchelte ihm entgegen, in den Gebschen am gegenberliegenden Berge
suselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner
Empfindungen. -- Drftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser
Umwandlung gefhlt hatte, seine Phantasie war nun erst mndig geworden
und verschmhte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten
Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne
Empfindung vorbergegangen war, ein heiliges Entzcken flsterte im
Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein groes verschlones
Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.


_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwrmereien
berlie, er wollte seinem Freunde Vorwrfe machen, da er sein Wort
gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hrte nicht,
was er sagte, sondern sprach mit seinen Trumen und wute kaum, da
Raschid neben ihm stand. Dieser verlie ihn endlich voll Verdru, als
ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhngende Tne antwortete.

_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glhend
an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von
seinen neuen Gefhlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit
die Tugend und sich geliebt, alle Rthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm
Niemand Rthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem
Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien
ihm alles Glck der Einbildung erloschen, die schne Hlle war von der
Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon
daran verzweifelt, da ihn je wieder ein Strahl aus den glcklichen
Tagen seiner Unwissenheit anfliegen knnte, -- und itzt schmckte sich
alles schner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor
ihm, so gelutert und rein hatte noch kein Gefhl in ihm geklungen.

_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worber denkst
du? fragte ihn dieser. -- ber nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und
Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter
Lehrer verlie, als wenn eine lstige Gesellschaft von ihm gegangen wre;
er berlie sich ungestrt seinen Schwrmereien, wie jemand, der in
einem schnen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist
dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem
hereintrat.

Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar
mit freundschaftlicher Unruhe.

Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegrnzte,
sieh, wie tausend Schnheiten mich anlcheln und tausend schlafende
Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich
durch die Wolken schwingt, wie die blhende Erde sich lchelnd in die
Arme des Himmels schliet, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen
Glanze schwelgt, -- o da ich diese Gttlichkeit an mein Herz drcken
knnte und mit Seligkeit gesttigt in den hohen allgemeinen Wohllaut
zerflieen!

Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand
ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du
nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaest du ber
deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch
nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein
Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
zu ziehn. --

_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden
seines Geistes verstanden, er suchte daher beschmt seine Gesinnungen
zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen
innigsten Gefhlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glhte, seine Blicke
irrten ungewi auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie
fesseln knnte. -- Omar fuhr fort:

Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr
Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich
mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, la mich dein Glck oder
Unglck mit genieen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigenntzig
geworden?

Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heie Thrne stieg in
sein Auge, ein groer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte
in der Hand Omars, dieser lie sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.

Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar
und er nicht mit einander. -- Gut, ich mu dein Vertrauen noch erst zu
_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. --

Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will
ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich
verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte,
keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingieen knnte,
wie es hier in meinem Herzen strmt und lebt! -- Knnt' ich dein Herz in
das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann
wrdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!

_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in
die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfllt, den
geistigen Hauch, der sich in keinen Tnen festhalten lt, -- darum
werd' ich dich verstehen.

_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde
verzeihen?

_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, da fr sein Vergehn keine
Verzeihung sein sollte.

_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein
Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe.
Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar,
alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist
meinem Herzen nher gerckt, ich fhle mich grer, edler, geistiger,
-- o mein Omar, la dir alles in einem Wort' entrthseln: _ich liebe!_

_Omar._ Du liebst?

_Abdallah._ O du mochtest lcheln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es
ist nicht jenes Gefhl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein
Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in
seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefhl der
Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt
hinauszureissen; eine allmchtige Woge hat mich auf die hohe ghe Spitze
einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurck und ich stehe
schwindelnd ber Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf
ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut
mein Leben von neuem berhrt und durch die leisesten Tne hindurch
zittert der allmchtige Sto. -- Wer wrde nicht dies Verbrechen mit mir
theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?

_Omar._ Dir verzeihen, da du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles
Erschaffenen, das, was uns die de Welt in einen Garten umwandelt?

_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken
Kinde; ja, es ist die schnste Vollendung des Menschen, ich fhl' es,
Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, la mir nur diese brig und
ich werde sie nicht vermissen.

_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne
mir ihren Namen.

_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslsterer! -- Setze das Paradies auf
die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne
Bedenken whlen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts,
als sie, -- mir war's, als fiele ein lchelnder Blick ihres holden
Angesichts auf mich herab, -- o wr' es Wahrheit, ich wollte mein Leben
gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!

_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_

_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du
die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glcklich, als
ich nicht daran dachte, warum gnntest du mir nicht diesen lieblichen
Betrug?

_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor
zu schwingen?

_Abdallah._ O die Liebe, die Allmchtige wird sie mir reichen! -- Der
Verzagte verliert ewig, dem Khnen geht das Glck selbst entgegen.

_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen
reit, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit
vertrauendem Fu in die Luft, aber du wirst in die Tiefe strzen.

_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimni entdeckt, kannst du
nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath fr
mich?

_Omar._ Und wenn ich ihn htte?

_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer
nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!

_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren --

_Abdallah._ Die Unmglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken
beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen,
ich will durch wilde Strme schwimmen, ber Abgrnde springen, durch
hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klfte drngen, durch
die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung
steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und
ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!

Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen
durchschauten wild den Jngling, -- heut in der Nacht will ich dich
wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.

Unglcklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen
Schwrmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken,
und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hngt an dem Worte
_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurckreit? Lieg' ich in den
Staub gebunden und glnzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius ber mir?
-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es
kein Glck, kein Leben fr mich, bei diesem Spiele kann ich nur
gewinnen.

Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke
pltzlich berraschte.

Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines
Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung
breitet sich ber meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht
das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am
Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und
die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir
in den Weg und hlt mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu
machen. -- Alle meine Hoffnungen strzen von diesem Fels zurck und
hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
mir den Rckweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! --

Er berlie sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwrmereien
weichen muten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen.
-- So trumte und dachte er bis zum Abend.




_Achtes Kapitel._

Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt
verlieen.

Wolken gossen sich gedrngt und dster von den Bergen herab, in hohen
unendlichen Gebirgen aufgewlzt, wie eine dicke gewlbte Mauer hing der
schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten ber ihnen, kein
Stern sah durch die Hlle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die
Wolkenwildni: ein Regen rauschte in den nahen Bumen, durch den fernen
Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wchter riefen aus der Stadt
die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und
ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen
schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille
begann _Omar_:

Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen
ber uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wste hinaus. Wie
frchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um
uns her wlzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich
zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar,
der unaufhrlich mit der Finsterni kmpft, der Regen fllt in schweren
Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie
ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.

Abdallah schlo sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar,
sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines
unglcklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in
die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl
erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tnen an dem Ufer
bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist
frchterlich!

_Omar._ Frchterlich?

_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefhlt, so
einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefhlen, so losgesphlt wie
ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare
Gefhl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.

_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Trumen;
so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das
einsame wimmernde Pltschern des Ufers zu hren, -- o dann ist mir, als
stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne
unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstnde, dann ist mir oft,
als knnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung
stillschaffend wandeln hren, als knnte mein entkrperter Blick durch
das groe Gebude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah,
eine solche Nacht winkt der Schwrmerei, hier wohnen tausend khne
Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurckzittern, hier
tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen;
der Sptter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift gengstigt
nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
Getse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze,
die Kleidung fllt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem
Schauder die unendlichen Krfte durch einander weben und die Rder im
ewigen Schwung sich drehen.

_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glhwurm mit mattem Fluge summt
und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und
sie nicht auslschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines
Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so
armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser
Auge mu ihn ngstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in
diesem mitternchtlichen Gefilde, und diese unbegrnzte Flur wird auf
der Erde kaum bemerkt. --

_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermelichkeit der _Welt_?
-- Abdallah, unser khnster Schwung fllt lahm von dem Gedanken zurck,
-- diese Welt, -- o vielleicht, da fr Wesen jenseit unsrer Gedanken
dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwrmer sind, die der Erde wie einem
Grashalm einen grnen vorberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und
die hchsten Gedankenschwnge dieser Wesen schlagen gewi noch nicht an
die Grnze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer hher
und hher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in
jeder Hand hlt sie tausend Welten.

_Abdallah._ Der Gedanke strzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die
Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin
ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?

_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen
Saiten der Laute wlzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir
diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so
lauter spottet ein hhnendes Gelchter unsrer Schwachheit.

_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir
verstehen ihr Winken nicht.

_Omar._ Die Gottheit zieht an die groe Kette des Lebens und vom
Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle
ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schttelt. -- Du wirst
Gewrme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich
freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- fr uns
sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lcheln vielleicht eben
so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug
scheint; ihr Leben scheint hhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
erste Sonnenstrahl aufkt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub
in der Ewigkeit.

_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth
emportaucht und im Auftauchen zerspringt.

_Omar._ Darum sagte jener groe Snger: Jahrtausende sind vor dir nur
wie ein Augenblick. -- Und doch kriechen die nichtigen Gewrme auf der
Erde umher und nennen sich dem Ewigen hnlich, und brsten sich mit
Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre
Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen
zur Verzweiflung bringen knnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder
nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lgen zu strafen, -- wenn wir sie
nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts
als Knochen und verchtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen
fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lge,
und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.

_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe!

_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfllt,
der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus
Wrmern ward und wieder zu Wrmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem
verlugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit
hineinschreibt.

_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des
Ewigen sollte ihre Weisheit sein.

_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie
knnen die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige
Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; da die Sonne auf- und
untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht,
aber da sie einst stille stnde, oder an den Gestirnen zertrmmerte,
-- dagegen strubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_.

_Abdallah._ Der blden Thoren!

_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Rthseln, nur die Gewohnheit hat sie
uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis
zur Mcke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorber gehn? O knnten
wir an diese Wunder allmchtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es
ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen drhnt, -- sie ziehn
vorber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich,
als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken
flattert und Wlder mit einem Hauch ausrottet.

_Abdallah._ O knnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft
fordern!

_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, da wenn dein Verstand durch tausend
Stufen auf der hchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- da er
dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehlflichkeit des Steins
herabstrzte?

_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verchtlichsten vor
mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwche kmpfend im Begriff sind
ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmchtig hinsinken, und nichts
als verworrene Gefhle davon tragen, dunkler und krperlicher als die
unmittelbarsten, die todte Gegenstnde um uns unsern Sinnen reichen.
-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe
austauschen mchte!

_Omar._ Auf dieser ghen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen
fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren
Lften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht ber
die nchtliche Haide wandeln; dies ist der frchterliche Augenblick, wo
der Verstand zwischen hherer Weisheit und Wahnsinn ungewi hngt, ein
Windsto von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf
die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder
nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick
grbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?

_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.

_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete
nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch
ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krcken. Sie
ergreifen die groen Zgel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkhr,
sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der groen
Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die
Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der
Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist
Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn
zu seinen Schlern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie
glaubten und die Natur gehorchte ihnen.

Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du
Zulma noch?

Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelscht,
Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_
freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
lieben. -- Ich stoe die Verchtlichkeit der Welt auf die Seite, ich
gehe unwissend ihren Rthseln vorber, -- diese Weisheit ist nicht fr
ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genu_, mgen Wunder
und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhlle mich an ihrem Busen
und sehe sie nicht.

_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glcklich machen kann?

_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone fhrt.

_Omar._ Fhlst du dich stark genug fr die furchtbare, zermalmende
Vertraulichkeit?

_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Brden mit allen ihren
haarstrubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rcken
nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lchelt und sie drcken mich
nicht.

_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jnglings. -- Abdallah! rief er
laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und la es tief
in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind
die Gesetze der Welt unterthnig!

Abdallah fuhr zurck und ri seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie?
-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich frchterlich von dir
hinwegreit! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend
Stufen hher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah
spielte? -- O frchterlich! frchterlich!

_Omar._ So jmmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst
es nur bis zu deiner Zulma tragen?

_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch,
la die mchtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich
unter deinen Sprchen krmmen, la alle deine Kraft meinen Wnschen
nachfliegen und aus meinen Trumen Wirklichkeit schaffen.

Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines
Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schumend von einem
Hgel go. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich
noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein
dumpfes Drhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich,
sprach _Omar_ und zugleich ri sich eine schwarze Kluft klingend in den
Boden. -- Omar fate die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige
hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich
dir die Zukunft enthllen.

Abdallah setzte langsam den Fu hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft
an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der
Wchter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar lie die Hand
Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschlo
sich wieder.

Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue
Gewlbe, zuweilen noch rauschten die Bume und schttelten rasselnd den
Regen von den Blttern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.

Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden
-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zgen und starren Augen wie
ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er strzte wthend
nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei hnlich war.




_Neuntes Kapitel._


Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er
frchterlich, welch ein bleiches Feuer schlgt ber mir zusammen und
nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus
tausend glhenden Augen so frchterlich auf mich herab?

Abdallah, sprach Omar und ging ihm nher, Abdallah, der Mondschein
umgiebt dich und die Sterne flimmern ber dir.

Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie
werden mich nicht wieder gren, -- dann ging Abdallah zu Omar, und
sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!

Was hast du gesehen? fragte ihn _Omar._

Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich das wilde Keuchen
seiner Brust etwas besnftigt hatte, dann sprach er:

Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Trumender, der laute Donner der
zusammenspringenden Felsen weckte mich aus meinem Taumel. -- Ich tappte
unendliche kalte, feuchte Wnde hinab, eine frchterliche Stille ging
vor mir her, ich hrte in der entsetzlichsten Einsamkeit nichts als das
Wehen meines Athems, der sich die Mauer hinabschleifte und das Drhnen
meiner Tritte. -- Meine Zhne klapperten vor kaltem Schauder, und
ein Grausen setzte mir die Hnde in den Rcken und trieb mich weiter.
-- Pltzlich kam es mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und
Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath empfangen wird.
-- Donner wlzten sich durch die hallenden Gewlbe, Waldstrme strzten
sich rauschend herab, und ein Hohngelchter borst mir von allen Seiten
entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner Sinne betubte und zu
neuen Schrecknissen wieder weckte. -- Oft schwieg es und wie Flten
und Nachtigallengesnge flsterte es ber mir und weckte hmisch die
Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten Herzen, -- und
pltzlich brachen dann wieder die Donner und Siegestne hervor, und
das Hohngelchter schallte von neuem und jagte meine Seele zur
Verzweiflung. --

Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher und die Einsamkeit und
Stille streckten sich wieder vor mir aus, tausend Schrecken flogen um
mich herum und sauten mit kaltem Fittig um mein Haupt. -- Eine nasse
Felsenwand stand vor mir, -- ich tappe zur Seite -- unerbittlich streckt
sich mir ein Fels entgegen, -- ich strze rckwrts, -- auch dort der
Weg durch eine Klippe verriegelt.

Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, mein Gebrll sprang
frchterlich von den Felsen zurck, ich verfluchte mich und dich und
betete von neuem in noch grlichern Verwnschungen. -- Pltzlich wehte
es wie ein Wind ber mir hin, es flsterte und zischte und aus dem Felsen
leuchteten sanfte Schimmer. -- In mannichfaltigen Verschrnkungen webten
und flutheten sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen schossen
hin und her und leckten die Felsenmauer und rollten sich dann in eine
groe Flamme. Aus der Flamme streckte sich langsam ein weigebleichtes
Todtengebein hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger
einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein zurck. -- Itzt fuhr
das Feuer wthend auf und ab und ein heller Sonnenschein sprang pltzlich
aufrecht und stie mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt sah' ich
-- o wren meine Augen ewig verblindet! -- Htte vor dieser Stunde mich
der Todesengel mit seinem Schwert geschlagen, -- ich sahe, -- o verflucht,
dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! -- den Leichnam meines
Vaters, frchterlich geschwollen und mit entstellten Zgen und die
scheuliche Hand reckte sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn
hin. --

Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend auseinander und das
schauderhafte Getn kmmt mir wieder schneidend entgegen, wie ein Heer
von bsen Engeln, die in grlicher wthender Schadenfreude mit den
Hllenpauken die Verdammten begren, -- das Hohngelchter trat
mir wieder frech entgegen, ach! und hinter mir schleppte sich das
frchterliche Bild meines gemordeten Vaters, als wenn es die Hand
ausstreckte, mich festzuhalten, -- ich flohe mit kalten Schweitropfen
auf der Stirn, bis mir endlich das verworrene Getse nur wie aus tiefer
ungewisser Ferne nachtnte. -- Ich ging durch hundert Gewlbe, ich drngte
mich durch unendliche Klfte, wand mich durch tausend Felsenspalten kalt
und ohne Leben hindurch, -- und immer weiter dehnte sich mein Weg, ich
schrie um Hlfe, mein Geschrei erklang durch hundert gewundene ffnungen
und verhallte wie der Wind in der Ferne, -- ich strzte durch neue
Felsengemcher und alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurck.
-- Schon verlieen mich meine Krfte, schon wollt' ich mich verzweifelnd
niederwerfen und lebendig eingegraben ein Dasein enden, das mir nur
Qualen verhie, -- als ein mchtiger Donner die Erde ber mir auseinander
ri. -- Dem grlichsten aller Tode entronnen strzte ich der Rettung
und dem Lichte entgegen und dankte.

Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. -- Omar! Omar! schrie
er pltzlich auf. -- Sieh! sieh! da liegt das bleiche, frchterlich
verzerrte Bild und sieht mich mit den todten Augen an, -- o warum hast
du es nicht in die Kluft zurckgeschleudert, und sie dann auf ewig, auf
ewig verschlossen!

Omar antwortete nicht und sah ihn wehmthig an. -- Abdallah stand lange
und starrte auf einen Punkt, dann fragte er ohne sich umzusehen: -- Nur
meines Vaters Tod kann mich glcklich machen?

Das Schicksal hat es ausgesprochen, das frchterliche Wort, antwortete
_Omar._

Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurck.




_Zehntes Kapitel._


Abdallah erwachte nur erst spt, frchterliche Trume hatten ihn geqult
und seine Krfte erschpft, er fuhr schreiend aus dem Schlafe auf und
seine Augen suchten Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon frh
sein Gemach verlassen.

Er stand auf und brtete mit finstrer Seele ber sein Unglck, er suchte
umsonst nach trstenden Gedanken. -- Wenn er an Zulma dachte, so stellte
sich ihm der Fluch seines Vaters und das grliche unterirdische Bild
entgegen, der _Freund_ Omar war ihm entrissen und dafr ein fremdartiges
bermenschliches Wesen untergeschoben, in sich selber konnte er nicht
zurckfliehn, denn aus seinem Innern heulten ihm tausend Ungeheuer
entgegen, eine trostlose Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen
und dunkle Zauberdmonen grinzten ihn in seiner schwarzen Wste an;
alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm gestohlen, seine Begeisterung,
die einst fr das Groe und Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen
Dmpfen erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. Fr
eine Freundesseele, der er sich htte aufschlieen knnen, htte er die
Hlfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal stieg der Gedanke in ihm
auf, seinen Jammer in den Busen seines Vaters zu schtten und seinem hohen
eingebildeten Glck zu entsagen, in einer beschrnkten Zufriedenheit zu
leben, und seine goldnen Trume zu verabschieden, aber dann fhlte er
wieder lebhaft, da er die Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten,
nie wieder von sich abschtteln knnte, sein Elend hatte ihn so fest
verstrickt, da seine Lebenszeit zu kurz schien, die verwickelten Fden
auseinander zu lsen. Der Strudel hatte ihn ergriffen, er konnte nicht
rckwrts, sondern mute sich den Wogen berlassen, die ihn drren
Felsenmauern vorberwlzten, Zulma war die einzige Blume, die in der
starren Wildni ihn mit ihren lieblichen Farben erquickte.

O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich in das Thal des
Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich jagt das Verhngni hinter
mir her, nur das todte Opfer kann es vershnen, der Abgrund ghnt
bereitwillig unter mir und hinter mir steht das Schicksal und lt mich
nicht entrinnen, ich strube mich vergebens, mein Wille ist zu schwach,
ich _mu_ hinunter. In der Sterblichkeit ist keine Rettung und Gott
-- o dieser Grundstein ist versunken, alles ist eingestrzt und die
wsten Trmmern rufen mir wehmthig zu: _es war!_

Erst mit der Dmmerung kam _Omar_ zurck. Er fand Abdallah in
Gedanken versunken und den Ring betrachtend, den er in der Nacht aus
der unterirdischen Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und
Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und sagte: Omar, -- ja
ich erkenne noch jene Zge, die einst meinem Freunde zugehrten. -- Er
konnte sich nicht lnger zurckhalten, er fiel ihm lautweinend in die
Arme, -- ja Omar, rief er aus, -- es war eine schne Zeit!

Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du sprichst von ihr, als
wre sie nicht mehr. Ich war und bin dein Freund, wandre durch das weite
Asien und du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger liebte
als ich. --

Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O gieb mir zurck, Omar,
was du mir genommen hast, sagte er mit klagender Stimme, als ich mit
kindlichem, leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen
Ahndungen ging ich der verschlonen Welt vorber, du hast sie mir
aufgethan und verchtlich liegt die husliche Armseligkeit der innern
Natur vor mir. Die Brcke ist hinter mir eingestrzt, ich kann nicht
wieder rckwrts. Mit sicherm Fue stand ich einst auf diesem Ufer, der
Triebsand schiet unter mir zusammen und versenkt mich in den Abgrund.

_Omar._ Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken zu, ergreife ihn und
rette dich.

_Abdallah._ Als ich noch auf deinen Knien ruhte, mit deinem Barte
spielte, und mich in deinen Augen lchelnd sah, -- o wie glcklich war
ich damals! Rufe jene Jahre zurck, Omar, und ich gebe dir freudig alles
wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die Liebe zurck, mit
der ich dich damals liebte, da gehrtest du mir, ich dir. -- Omar, ich
liebe dich noch, aber ein geheimes Grausen hlt Wache um dich her und
lt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens dringen. -- Du
stehst mir verloren in den Wolken und ich seufze zu dir hinauf, der
Mensch kann nur den Menschen lieben, dem Gotte gebhrt Anbetung.

_Omar._ Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin derselbe Freund, der ich
war, bleibe auch du derselbe.

_Abdallah._ Ich? -- O von _dem_ Abdallah ist nichts mehr als der Name
da, alles brige gehrt den bsen Geistern.

_Omar._ Ermanne dich Abdallah, und vergi die Begebenheiten dieser
Nacht.

_Abdallah._ Vergessen? -- Er zeigte auf den magischen Ring, -- o sieh
den ernsten unermdlichen Mahner, nein, ich werde sie nicht vergessen.

Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare magische
Charaktere eingegraben waren. -- Sieh, Omar! rief er aus, -- hier steht
in unverstndlichen Zeichen mein Unglck geschrieben, dies ist der
Pfandbrief meines Elends, meines Vaters grliches Todesurtheil, der
schwarze Grnzstein meines Lebens; -- wie eine Blutschuld hngt dieser
Ring an meinem Finger.

_Omar._ Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn ich werde dich heut noch
verlassen. -- Du fhrst zurck? Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. --
Nur hre meine Bitte: liebe mich stets, la keine Verlumder sich
zwischen unsre Freundschaft drngen, ich bin dein auf ewig, dein Glck
ist der Endzweck meines Lebens. La keinen Wurm der Lsterung sich auf
die Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. -- Versprichst du mir
das?

_Abdallah._ Ja. -- Aber warum reisest du? -- Und warum gerade itzt?

Davon ein andermal, sagte _Omar_, und umarmte ihn. Abdallah hielt ihn
ngstlich fest umschlossen, er drckte ihn lange an seine Brust. -- Mir
ist, Omar, seufzte er, als wrdest du mich lange nicht wiedersehn, oder
noch unglcklicher als itzt!

Bald und glcklich, sagte Omar und machte sich aus Abdallahs Umarmung
los, -- vergi nicht meine Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht
verlassen, mein Schutz soll eine Rstung um dich legen. Verfolgen dich
Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe diesen Ring und du bist gerettet.

Bei _diesem_ Ringe soll ich an meinen Omar denken? fragte Abdallah mit
schwerem Schmerz. Omar sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte
gehen, er kehrte wieder zurck. -- Noch, sagte er, habe ich dir eine
Botschaft zu bringen, die dein Herz bis oben an mit Freuden erfllen und
jeden Kummer ertrnken mu, oder meine Freundschaft hat vergebens
gehandelt. Hre!

Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.

Zulma liebt dich! rief Omar.

Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, -- o dann bin ich mit
mir selber wieder ausgeshnt! -- Zulma? -- Unendliche Wonne kmmt mir in
diesem Ton entgegen! -- Zulma? -- Nicht mglich! -- So pltzlich kann
die feindselige Wirklichkeit nicht auf die andre Seite springen! -- O
Himmel! wie verchtlich liegen dann alle meine Klagen vor mir! -- Sie
liebt mich? -- O nun -- nun mag das Unglck gedrngt um mich wimmeln --
vor diesem Worte flieht alles rckwrts. -- Omar, dieser Talisman
schtzt mehr als der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun
bin ich mehr als ein Mensch! -- _Dein Freund und Zulma's Geliebter!_ O
wo ist der Sterbliche, der mit mir um den Rang nach der Gottheit
stritte? -- Aber nicht mglich! -- Wie kann -- o du willst mich
tuschen, Omar, um mich wieder lcheln zu sehn, du grausam zrtlicher!
In eben so vielen Worten wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese
Seligkeit enthielten. -- Omar, sprich, schweige nicht, -- in einem Worte
Seligkeit oder Verdammni, -- o auf Jammer bin ich nun ja schon gefat,
sprich es aus: sie liebt mich nicht!

_Omar._ Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, -- la mich sprechen. Ich
sahe in die schwarze Tiefe deines Unglcks und suchte einen goldnen
Sonnenstrahl in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mute die Rettung
sein, oder du warst verloren. -- Ich eilte zu Zulma, (wie ich die
hundert Schwierigkeiten berwand, das sei dir itzt gleichgltig) ich
sprach von dir, sie kannte dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt,
ohne von dir bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward
gerhrt. -- Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! Gehe mit dem
Gestndni zu ihm zurck, da ich keinen als Abdallah liebe.

_Abdallah._ Keinen als Abdallah? -- O _nun_ erst ist mir dieser Name
theuer, von itzt an will ich stolz werden, Abdallah zu sein. -- O Omar,
wre diese Empfindung nicht so bermenschlich, sie wrde mich
unglcklich machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu wnschen brig.

_Omar._ Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?

_Abdallah._ Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur die Mglichkeit, und ich
mu, ich mu sie sehen! --

_Omar._ Abdallah, la nur die Vorsicht neben deiner Liebe gehn und die
trunkene durch die Gefahren sicher geleiten. -- Sie selbst hat mir die
Mglichkeit gegeben. -- Dort, jenseit des Flusses siehst du die Mauer,
die sich um den Garten des Sultans zieht, eine alte Cipresse steht dort
am Ufer, nach jener Stelle fahre in der Nacht, in _dieser_ Nacht, du
wirst Gesang und die Tne einer Guitarre hren, antworte mit deiner
Laute und bersteige dort die Mauer des Gartens -- und du findest Zulma
allein, nur von einer vertrauten Sklavin begleitet.

Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor Wonne, und Thrnen
erstickten seine Worte. -- Fort! rief er, ich kann nicht danken! --

Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten Abdallah noch
einmal an die Vorsicht zu erinnern, die bei seiner Liebe so
unentbehrlich war. -- Dann ging dieser allein mit groen Schritten auf
und ab, er kte seine Laute und schlug mit brennendem Entzcken in ihre
Saiten. Er sahe nach dem Abend, ob er nicht bald heraufdmmern wollte
und der Nacht die Zgel der Welt bergeben, er htte ungeduldig den
zgernden Himmel herumrollen mgen und die schwarze Seite mit dem Mond
und ihren Sternen heraufreien. Dann sah er wieder nach der Mauer
hinber, die ihm aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich,
wie oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinbergeschaut,
und wie sie itzt sein Glck und alle seine Wnsche umfasse. Aus allen
seinen Trumen herausgerissen tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm
her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und hinter ihm
untergegangen, diese Nacht war die einzige Heimath seiner Trume,
Wnsche und Gedanken.

_Selim_ und _Abubeker_ hatten inde schon mehrmals ihre Freunde
versammelt, der Strom war hoch gegen seinen Damm angeschwollen und
erwartete noch die letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und ber die
Flur seinen verderblichen Grimm auszugieen.

Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten und bewaffnet, jede
Art der Rstungen in unterirdischen Gewlben verwahrt, heimliche Zeichen
unter den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide
verbanden. Ein mchtiges Feuer loderte in allen Herzen und brannte zur
Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt den geheimen Bund mit
unzerbrechlichen Fesseln zusammen. -- _Omar_ trat itzt zum letztenmal in
ihre Versammlung, dann nahm er Abschied und trat seine Reise an.




Zweites Buch.




Erstes Kapitel.


Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken ber die Spitze eines fernen
Berges herber und jagte einen freundlichen Schein ber den Strom;
_Abdallah_ bestieg einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer Zeit
auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal den Kahn losgebunden und
wieder befestigt, die Wellen schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen,
die Winde ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, es
war fast Mitternacht, der Dampf der Nacht stieg in leichten Streifen dem
Himmel und seinen Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum go sich
itzt der erste goldene Schimmer des sen zauberischen Lichtes ber den
Flu aus, so sprang Abdallah rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder
und fuhr in den glatten Strom hinein. -- Er schwamm wie in einem Meere
von Wonne, leicht von spielenden Wellen getragen, von kleinen lauen
Abendwinden geneckt, die um ihn suselten. Der Flu schien ein Becher
voll goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die Wellen
durcheinander und hpften hin und her, wimmelten funkelnd um den Nachen
herum und schienen ihn zu kssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Flu
und kleine schieende Goldwellen jagten ihrem silbernen Saume nach, die
gestirnte Wlbung lag im Wasser ausgebreitet und wogte sanft auf und
nieder. Dem Liebenden tnte das Pltschern des Ruders und das Rauschen
des Kahns wie Fltengesang in die se Wellenmelodie.

Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, das suselnd seine
grnen Schwerter im Mondstrahle blitzen lie und unaufhrlich gegen
Abendfliegen kmpfte, die summend am Ufer des Stromes schwrmten. -- Die
alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und streckte dem Jngling
ihre Zweige wie Arme entgegen, er ging in ihren Schatten und harrte mit
klopfendem Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute Zulma's
losreien wrde, mit ngstlicher Furcht erwartete er diesen schnen
Augenblick; die hchste Sehnsucht erschrickt vor dem langerhofften
Gegenstand. -- Der Schall eines Futrittes kam lngst dem Flu herab,
er schlo sich dichter an den Baum; der Schall kam nher und Abdallah
erkannte das Gesicht _Raschids_, der traurig und gedankenvoll vorberging,
ohne ihn zu bemerken. -- Denkend und trumend, hoffend und frchtend
stand er an den schattigen Stamm des traulichen Baumes gelehnt und
lchelte seine Trume an, alles flsterte so heimlich und liebevoll um
ihn her, ein stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers und
beschenkte die blauen Kinder des Frhlings mit hellen kristallenen
Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig auf ihren schwimmenden grnen
Blttern in dem Strom umher, bluliche Wasserschmetterlinge haschten
sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall schallte aus Zulma's
Garten her und verhallte in immer leiseren Accenten und schwoll dann
wieder wollstig in hohe silberne Tne hinein, die weithin durch das
Laub der Bume zitterten. -- Itzt -- ein freudiger Schauder fiel mchtig
auf Abdallah herab und zuckte pochend bis in die kleinsten Adern,
-- itzt erklang eine leise Guitarre ber die Mauer des Gartens und sang:

            Mondschein winke,
            Welle locke
            Den Geliebten
            In die Fluth. --

      Und der Mond winkt,
      Und die Welle lockt, --
      Kmmt der Geliebte
      Durch die goldnen Fluthen?

  Sprich aus deiner hohen Palme,
  Holde Sngerin der Nacht:
  Kmmt er durch Wellengelispel?
  Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?

      Steht er silbern unter goldnen Schimmern,
      Die in lichten Kreisen um ihn zucken,
      Um die Locken eine Strahlenkrone weben?
      Sprich ihm mit traulichem Geschwtz entgegen:

            Wie ich harre,
            Auf ihn hoffe,
            Und die holde Nacht
            Neben mir schlummert. --

Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im Gestndni der Liebenden.
Abdallah horchte noch und die ganze Natur schwieg, als horche sie mit
ihm auf neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der Himmel
umarmend um die Erde. -- Mit zitternder Hand ergriff Abdallah die Laute
und sang:

    Sonne der Nacht!
  Himmel meiner Seele!
    Reizgeschmckte,
    Schnheitgekrnte,
  Ich nahe deiner Gottheit!

Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich der Mauer. -- Selbst
die leblose Natur schien ihn zu begnstigen, die Zeit hatte aus der
Mauer viele Steine herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er
leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit einem khnen
Sprunge stand er dann in dem Garten.

Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, Bume
schienen in Bume verschlungen. Die Winde whlten in tausend Wohlgerchen
und jagten und verlieen sie wieder, und die Blumen schttelten zutraulich
ihr Haupt gegeneinander. -- Abdallah eilt mit groem Schritt durch den
Garten, er hat vergessen wo und wer er ist, er fliegt zu einer blhenden
dunkeln Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, in einer schnen
Stellung auf einen Rasensitz hingegossen und strzt in namenlosen
Entzckungen ohne Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. --

Zulma beugte sich schchtern ber ihn. -- Abdallah! flsterte sie leise,
-- Abdallah!

Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es zitternd auf ihr Knie.

Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.

Er gehorchte. -- Und es ist wahr, rief _Abdallah_, was mir noch der
khnste Traum nicht gegeben hat? Es ist wahr, Zulma? -- O ich darf
_dich_ ja nicht fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wnschen
bestochen sein.

Zulma fate seine Hand. -- Es ist kein Traum, Abdallah, nein, so schn
sind Trume nicht.

_Abdallah._ Nein, nein Zulma, denn wenn sie es ja sind, so mu uns das
hohe Entzcken aus dem Schlafe reissen, -- dies ist mein Trost, ja es
mu Wahrheit sein.

Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. -- Bltter suselten,
die Blthen dufteten, der Mondschein schlummerte s auf dem grnen
Rasen, durch die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.

_Abdallah._ O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick entgegengesehn!
-- Was hatt' ich dir zu sagen, -- und nun, -- meine Zunge ist stumm,
kaum bin ich mich meiner selbst bewut.

_Zulma._ Wo findet die Liebe Worte? -- o Abdallah, wie glcklich machst
du mich, -- wie haben dich seit drei Monden meine Augen nun so oft
vergebens gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem Fenster
erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir nachgeflogen, -- und nun
sind alle meine Wnsche erfllt!

_Abdallah._ O wie werd' ich mich von der Quaal dieser Wonne wieder
erholen knnen? Wie wird mir nun die Welt dort draussen leer und de
sein! -- O Zulma, knnt' ich hier, hier zu deinen Fen sterben, da
mein Geist aus einem Paradiese in das andre schlpfte!

Er warf sich nieder und bedeckte die Hnde Zulma's mit Kssen. -- Zulma
beugte sich zrtlich auf ihn herab, eine Thrne, halb von Freude, halb
von Wehmuth glnzend, trat in ihr schwarzes Auge. Liebst du mich
wirklich, Abdallah? fragte sie mit der rhrendsten Unschuld.

O la mich schwren! rief der trunkene _Abdallah_ aus, bei dem Hauch der
Liebe, der durch den Garten wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel
mit tausend goldenen Augen auf uns herabsieht, --

Zulma ergriff seine Hand. -- Lgner, sagte sie leise, und dieser Ring,
-- sie hielt ihm den Zaubertalisman an der linken Hand entgegen.

Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, es war ihm, als wrden
furchtbare Gestalten aus den rauschenden Gebschen hervortreten; er
verschlo die Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.

Nein, sagte er betubt, dies ist ein Geschenk der Freundschaft, ein
heiliges Versprechen meines Glcks, ein Unterpfand, das mich deines
Besitzes versichert. -- O Zulma mein, auf ewig mein!

_Zulma._ Auf ewig?

_Abdallah._ Es soll, es wird sein! -- warum wrde sich alles so
wunderbar frchterlich an einander reihen, wenn es nicht dazu wre? O
das Schicksal huft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend zu
machen; ich werde glcklich sein!

_Zulma._ Ich verstehe dich nicht, Abdallah.

_Abdallah._ Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! o Thrichter, was willst du
mehr?

Er umarmte sie und drckte sich inniger an ihren Busen, sein Mund fiel
glhend auf den ihrigen; eine Stille der Mitternacht lag um sie her. Das
Herz sprach zum Herzen in verstndlichen Schlgen, die Geister besprachen
sich in der hohen Entzckung, -- ein heiliger Hauch wehte wie ein
Schutzgeist um sie her, die Sterne glnzten goldener, die Natur lchelte
mtterlich auf ihre glcklichen Kinder hin.

Ein Hndeklatschen aus dem nahen Busche. -- Wir mssen scheiden, sagte
Zulma seufzend; geh zuweilen dem Pallast meines Vaters vorber, dann
sollen dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu mir kmmst.
Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum Unmglichkeit, das
Veilchen vergebliches Hoffen, die Rose bist du, -- wenn diese auf der
Mitte des Altans steht, dann kmmst du wieder hieher, sobald dich meine
Laute gerufen hat. -- Sie drckte ihn noch einmal feurig an ihre Brust
und Abdallah ging wie im Traume taumelnd zurck. --

Als er in den Nachen stieg, tnte es ihm silbern aus dem Garten nach:

  Walle sanft auf stillen Wellen,
  Dich geleitet meine Seele
  Suselnd durch die blaue Fluth.

Er lie das Schiff vom Strome forttreiben und sang leise zurck:

  Doch bei dir weilt meine Seele;
  Wie die abgerine Blume
  Schwimm' ich durch die blaue Fluth.

Die Tne verklangen in dem leisen Wogengerusch. -- Der Nachen landete.

Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, alle seine Gefhle
waren zu laut angeschlagen, in seine stille enge Wohnung konnte er itzt
nicht zurckkehren. Er eilte in's Freie, wo der Mond ber das Gefilde
ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch kleine Spalten
blickte. -- Er berlie sich allen seinen Empfindungen, die durcheinander
strmten. -- Das Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus
seinen Trumen, er sahe auf und stand wieder in dem Felsenthal, wo
Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt hatte. Vom Berge rann im
Mondschein der Strom wie schumendes Blut hinunter.

Ein Schauder verschlang alle seine sen Empfindungen, mit kalter Hand
griff ein Grausen in seine Brust und zerri das zarte Gewebe.

Welche dunkle Macht hat mich hierher gefhrt? rief er aus. -- Der
Jammer verfolgt mich ungestm bis in die Wohnung der Seeligen. -- Alle
grlichen Erinnerungen steigen wieder von diesen Felsen herab, es kmmt
mir wild und zhnknirschend entgegen! -- Das Bild meines Vaters regt
sich unter meinen Fen und will sich zu mir emporarbeiten. -- Hinweg!
hinweg! --

Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den Bergen hinter ihm
Abdallah! rief.

Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er stand. -- Ein Greis stieg
von dem Berge herab und eilte auf Abdallah zu.

Wer bist du? rief ihm der Jngling entgegen.

Dein Freund, antwortete der Greis. --

Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht des Alten, Abdallah hatte
ihn schon gesehn: nach langem Nachsinnen entdeckte er, da es eben der
Greis sei, der in jener frchterlichen Sturmnacht in die Arme Omars geeilt
sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. --

Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von Palmblttern.

Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.

Nimm, antwortete der Greis, -- lies und sei gerettet!

Gerettet? rief Abdallah aus.

Ein bser Geist, antwortete der Fremde, steht in der Gestalt deines
Freundes Omar neben dir, nimm die Warnung des alten _Nadir_ gtig auf,
der auch einst sein Freund gewesen ist, verla diese Schlange, die dich
mit ihren giftigen Knoten umstrickt.

Omar? sagte Abdallah, Omar? -- O nenne seinen Namen mit Ehrfurcht, deine
Lsterungen werden nicht an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.

Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu lange weilen und ein
heimliches Grauen, das von dir ausstrmt, jagt mich zurck.

Der Greis verschwand wieder in den Felsen. --

Ein wacher Hahn krhte von einem Dorfe durch die Monddmmerung, Hunde
heulten in der Gegend umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken
langsam zur Stadt zurck.

Er wollte noch itzt diese Bltter lesen, aber die Gefhle, die ihn
durchstrmt hatten, hatten ihn so ermdet, da er nach wenigen
Augenblicken in einen tiefen Schlaf versank.




Zweites Kapitel.


Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder in dem Pallast
Selims versammelt und man war itzt im Begriff, heimlich auseinander zu
gehen. -- Der morgende Tag, sprach _Selim_, ist also zur Ausfhrung
unsers groen Entwurfs bestimmt? -- Ihr habt es selbst beschlossen,
es sei. -- Das Glck geht uns entgegen und reicht uns zu unsrer
Unternehmung die Hand.

Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans ein groes Fest gefeiert,
zu dem schon alles bereitet war. Der ganze Pallast war dann in Freude
und Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die Wachten
vernachlssigten ihr Amt und auf dieses Fest hatten die Verschwornen
ihren Anschlag gegrndet. -- Man hatte Selims Freunde und Sklaven in
dieser Nacht gerstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren Schlage,
einem jeden war zu diesem groen Augenblick sein Amt angewiesen, Rstungen
und Harnische erklangen dumpf in den stillen Gewlben und durch die
Einsamkeit der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, alle Seelen
waren stark wie die Sehne eines Bogens angezogen, schon zitterte der
Pfeil, losgeschnellt nach seinem Ziel zu fliegen.

Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dmmerung des Tages herauf,
schon drngt sich ein blutrother Streif hervor und erinnert uns an unsre
Unternehmung. -- Seid ihr es noch itzt zufrieden, da heut der groe
Wurf gewagt werde?

Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte sich stillschweigend an
die Mauer.

Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!

Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich _Abubeker_, denn die
Menge htte mich doch berstimmt, aber itzt lat mich sprechen und
handelt dann nach eurem Willen. -- Diese Nacht war frchterlich, ein
kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rcken hinabgeschlichen; mgt
ihr mich doch einen thrichten Greis nennen, den das Alter wieder in
die Kindheit zurckgefhrt hat. -- Als Omar von uns Abschied nahm und
aus der Thr ging, hrtet ihr da nicht aus der Ferne ein Gelchter, das
mein Blut in Eis verwandelte? -- Hrtet ihr nicht ber dem Pallast ein
Gekrchz von Raben, die ber uns, als ihre Beute hinwegflogen? Die Eulen
winselten um das Dach und Hunde heulten vor der Thr, als wre das Haus
mit Leichen angefllt. -- Mir war, als she ich schadenfrohe bse Geister
mit hhnischen Gesichtern durch die Spalten der Thr sehen und einen
schwarzen Strich durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns in
sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den Wink des Schicksals
bereit. --

Der Morgen stieg in Sulen von Dampf empor und ein gedrngtes Heer von
Raben flog krchzend von Osten her, und flatterte von neuem ber das
Dach des Pallastes. --

Seht! rief Abubeker, -- da steigt die Unglcksvorbedeutung von neuem
herauf! Diese Vgel des Todes krchzen uns noch einmal unser Schicksal
entgegen. Der heutige Tag strubt sich unwillig unter der Last, die wir
auf ihn legen wollen; wartet auf einen gnstigeren, wo uns das Glck
seine holden Zeichen entgegensendet. --

Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt zu reden anfing:

Ihr tretet alle ungewi zurck, von einer schwarzen Ahndung hart
angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz von euch und entflieht,
und ihr glaubt, da auch ich zu euch hinbertreten werde und dem groen
Entwurf Lebewohl sage. -- Abubeker, du hast das Blut aus allen Wangen
gejagt und die Furcht sitzt auf derselben Stelle, aus welcher der Muth
vorher thronte. Ha! wessen Auge darf sich anmaen, in die Geheimnisse der
Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? Wer versteht die rthselhafte
Schrift, in der der Ewige der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie
entrthseln _wollen_, heit nicht den tiefen Sinn verstehen. Deine
ngstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; welches khne und groe
Unternehmen wird erst auf die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen
warten? Wer knnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz besttigen
mten? Ward der Mensch darum ber diese Wesen gesetzt, um vor ihnen zu
zittern? -- Und la diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, la die
Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, mu darum unser Unternehmen
nicht in Erfllung gehen? Wenn wir nun zugleich mit _Ali_ sterben, so
sind wir nicht unglcklich, denn unser Tod macht unsre Freunde glcklich.
-- Was werdet ihr bei den Gefahren thun, wenn ihr schon vor der dunkeln
Ahndung der Gefahr zurckzittert? -- Kein so begnstigender Tag als
der heutige wird uns wieder entgegengehn; unverzeihliche Trgheit ist
es, wenn wir unsre Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber
aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von unserm Vorhaben
benachrichtigt, und dann erst haben diese unglcklichen Vorbedeutungen
Wahrheit gesprochen. Wenn das Schicksal uns zrnt, so ist es mir
erwnschter, noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ngstlichen
Erwartungen zu leben.

Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und die brigen folgten
seinem Beispiel. -- Man beschlo am Abend mit gewaffneter Hand in den
Pallast zu dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. -- Alle
warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen des Abends.




Drittes Kapitel.


Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefhle, traurig und froh,
drngten sich ihm mit den ersten Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen
die ihn mit Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzckungen seinen
Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine Dmmerung, die hundert
Flammen durchzuckten und von der kalten Finsterni wieder ausgelscht
wurden. Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, neben
dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollstigen Empfindungen waren
ihm nachgeschwommen und kmpften itzt mit den Schreckenserinnerungen,
seine Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und Seligkeiten
wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, die bald der Schatten
berfliegt, bald wieder ein blendender Sonnenstrahl vergoldet. -- Die
Palmbltter lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.

Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich nicht getuscht, die
Schmhsucht will das Band zerreissen, das meine Seele an die deine
knpft, man will dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte
Andenken meines vorigen Glckes rauben, auch den letzten Becher will man
von meinen brennenden Lippen nehmen. -- Ob ich diese Bltter lese? Oder
sie ungesehn in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht hat dann
meine Freundschaft befleckt, dann kann ich ohne Scheu dem zurckkehrenden
Omar entgegengehn und ihm den Ku der Liebe geben. -- Verdacht? -- Himmel!
was kann dem groen allmchtigen Omar an dem Wurm Abdallah liegen? -- Ihm
ziemt es, von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht mir,
-- sein Sonnenglanz sieht mit milder Gte auf mich Verlassenen herab
-- und ich will ihm mitrauen? Was kann er denn von mir gewinnen, das er
nicht schon tausendfach bese? Was kann ich verlieren, das er mir nicht
unendlich ersetzen knnte? -- Nein Omar, dein Abdallah wird nie undankbar
sein, du pflanzest fr ihn einen Garten, dessen Khlung ihn erquicken
soll, und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast du mir nicht in
dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? Das feindselige Verhngni
kmpft gegen deine Gte an, es fordert laut mein Elend, aber du hltst
einen Schild vor meine Brust. -- Deinen Freund _Nadir_ hast du verloren,
mich sollst, mich _kannst_ du nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst
verchtlich von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese Bltter
lesen, ich will diese Verlumdungen erfahren, um desto unzertrennlicher
an dir zu hangen.

Er nahm die Bltter und fing an zu lesen:

       *       *       *       *       *

Abdallah, ich beschwre dich bei allem, was dir auf dieser Erde und
jenseit des Grabes theuer ist, weise diese Worte nicht mit der Klte
zurck, mit der man einen verdchtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe
sie tief in die Tafel deiner Seele und la sie dort durch kein Mitrauen,
durch keinen tuschenden Verdacht wieder auslschen. Zweifle in der
ganzen Zukunft deines Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel knnten
dich um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung ahndete,
was je ein Geist zu erlangen strebte. O ich bin glcklich, es ist die
edelste That meines Lebens, und der Zweck meines Daseins ist zehnfach
erfllt; wenn diese Bltter nicht zu spt in deine Hnde fallen, der
Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das Rohr ein Heiligthum,
das diese Zge niederschrieb, dann kann ich dem Richter jenseit mit
Vertrauen entgegentreten und meine Rechnung seinen Hnden berliefern,
diese That lscht alle meine Snden in seinem schwarzen Buche aus. --

Aber du mchtest mich nicht verstehen und in meinen Worten nur
Verlumdungen finden, darum will ich zu dir wie zu einem Verbndeten
sprechen, der schon in die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du
stehst einmal jenseit der glcklichen Unwissenheit und es wre Frevel,
von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung dich vielleicht noch
von dem Abgrund zurckreissen kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen
Nachsinnen stehst. --

Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du kniest vor einem verdorrten
Stamm, den du fr das Bild eines Gottes hltst, du verehrst in Omar
die Macht, die ber die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn auf
der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen Abschu vergebens
hinaufklimmst, -- o drft' ich ganz die Hlle von deinen Augen nehmen
und einen Stern in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prchtigen
Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Sulen brennend emporsteigen
-- und vergissest, da es nur Dampf und nichtiger Rauch ist. -- Knntest
du ohne Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du wrdest
da verachten, wo du itzt verehrst. -- Die Mauer der Allmacht ist
unbersteiglich, kein Sterblicher wird je in das Innere des Heiligthums
dringen, eine unwiderstehliche Hand hlt den Staub unerbittlich von dem
zurck, was nur daurende Geister sehn und begreifen knnen, uns ist ein
Feld angewiesen, wo wir ber Blumen denken drfen, jene unendlichen
Wlder sind unserm Blick zu gro, kaum hren wir zuweilen von der Mauer
ihr dumpfes Rauschen herber, kein Auge wird sich je in den Garten des
Ewigen wagen. -- Jene Kraft, die der Getuschte fr einen Theil der
Allmacht hlt, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen Augen
schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen das hervor, was er glaubt
vom Himmel herabsteigen zu sehen.

Welcher Wurm kann sich ohne Flgel zum Glanz der Sonne aufwrts schwingen?
Ein Strahl zittert auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein
Gebot zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, aber es ist nichts, als
ein Tropfen Thau's, in welchem ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel
entgegenlchelt. Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze greifen
und ihnen Stillstand gebieten; wer wrde noch zum Allmchtigen beten,
wenn der Hauch des Staubes die Weltendonner seiner Sprache berschrie,
wenn ein Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwrfe und das groe
Gewebe sperrte? -- Nein Abdallah, du _glaubst_ zu sehen, was du nicht
sehen kannst, in dir selber schlgst du die Tne an, die du aus den
Wolken zu hren glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht zu
Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu beherrschen, das groe
Geheimni, vor dem du verehrend zurckschauderst, ist nichts, als ein
gemeiner Betrug, den du an einem armseligen Knstler verachten wrdest.

Darum hre mich und sei was du warst, verliere den Freund und gewinne
dich selber der Verrtherei wieder ab, sprich das belebende Wort ber
die Leichen aus und la aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,
die du selbst ermordet hast; la das schlachtende Messer inne halten
und binde sorgsam die letzte Rose auf, die schon in der Sonnenhitze
verschmachten will. --

Mein Name ist _Nadir_, ich trete mit dem morgenden Tage in mein
achtzigstes Jahr, traue meinem Alter, das mich bald vor den Thron des
Richters bringen wird, wo man mir jede Lge aufbewahrt. -- Seit meiner
Kindheit brannte in mir eine unauslschliche Ungeduld, alles zu erfahren
und zu wissen, was nur in der Seele des Menschen Raum fnde; als Jngling
schweifte ich bald mit meinen Gedanken ber die Grnze hinaus, die eine
gtige und grausame Hand unserm vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein
Verstand wollte das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche
durchdringen, die Schwche der Menschheit hielt ich nur fr die Schwche
_meines_ Geistes, meine Sinne schweiften durch alle Regionen der khnsten
Zweifel und der verwegensten Irrthmer, ich ri alles um mich her aus,
und bepflanzte die leere Schpfung dann mit den Wesen meiner Einbildung,
ich glaubte nichts, um alles zu glauben. Alle meine Krfte bot' ich zum
Kampfe auf und fhlte mitten im Streit meine Schwche, ich hatte durch
meine Khnheit Gott und das Schicksal verloren und doch gengte ich
mir nicht selbst in der traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung
gelugnet und fing nun an, an die Macht fremder Wesen und Dmonen zu
glauben; Aberglaube und Nichtglaube berhren sich unmittelbar auf der
Grnze, aus einem Feinde der Andacht ward ich ein Schwrmer. Von itzt
lebte ich unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich mich
hinandrngen wollte, die hnlichkeit der Gottheit schien mir darin zu
liegen, die geheimen Winke der Natur zu verstehn, und das Unmgliche
mglich zu machen, ich taumelte auf einem schmalen gefhrlichen Wege
durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden Hoffnungen begleitet.

Auf dem Gipfel des Caucasus, hrt' ich, wohne der weise _Achmed_, der
die groe Auflsung zu den Millionen Rthseln gefunden habe, den Stab,
mit dem er an die Sonne und die Sterne reichen knne und dem sich die
Zukunft aufthue. Ich verlie mein Vaterland, um diesen Gott zu sehen
und sein Schler zu werden, wenn er mich fr wrdig erklrte. Er nahm
mich auf und ich berstand fnf harte Probejahre, in denen er mich
durch tausend Mhseligkeiten zurck zu schrecken versuchte, aber meine
Wibegierde ertrug alle Lasten leicht und trstete meine Ungeduld, die
zuweilen erwachte, mit dem herrlichen Augenblick, in welchem meinen
Augen der ewige Vorhang niederfallen wrde. -- _Omar_ war wie ich ein
Schler Achmeds, -- der erharrte Tag erschien endlich und ich ward in
den schwarzen Bund aufgenommen. -- Wir muten beide dem edeln Achmed
mit einem heiligen Eide schwren, nur durch unsre Macht Glck und Freude
zu verbreiten, dem Elenden beizustehn, den Schndlichen zu strafen und
so dem Ewigen hnlich zu werden. -- Wir schwuren es und Achmeds Gewalt
war die unsrige.

Nun erst sah ich ein, da meine Wnsche jenseit der Schranken der
Menschheit lagen, da das, was ich verloren gegeben hatte, mehr werth
sei, als mein Gewinnst. Alle meine groen Hoffnungen waren hintergangen,
ich war im Begriff mich selbst zu verachten. Tausendmal wnscht' ich
die Vergangenheit zurck, in der ich noch nicht an die Grnze der
menschlichen Kraft gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift
hhnend zu den Thieren des Feldes zurckwies. Ich hatte gehofft, da
sich mir die Ewigkeit aufschlieen wrde, wo ich im Heiligsten die
Gottheit schaute und den groen Plan der Welt she, den sie gezeichnet
hat -- und ich ward vor einem Spiegel gefhrt, in dem ich nun meine
eigne Verchtlichkeit sahe und eine Kunst war mir verliehen, die mir
durch armseligen Betrug den groen Verlust nicht ersetzen konnte, eine
Macht, die Niemand an dem Besitzer beneiden wrde, wenn er nur _einen_
Blick durch den blendenden Glanz zu werfen vermchte.

Omars Freundschaft trstete mich in meiner Trostlosigkeit und vershnte
nach und nach mein Mivergngen, wir tauschten unsre Seelen gegen
einander aus, und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund
und jeder Gedanke, jedes Gefhl flo in das Wesen des Freundes hinber.

Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb allein bei meinem
Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit und Ruhe, von der Welt
und ihren Geschften geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und
der Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund Omar und wnschte
ihn zu mir zurck. Zwanzig Jahre waren so verflossen, als ich von meinem
Lehrer Achmed den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise
setzte er hinzu, knnte wichtige Folgen haben.

Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und fand ihn endlich hier
wieder, an jenem Abend, als du unter einer Cipresse eingeschlafen warst
und ein brausender Sturm dich aus deinen Trumen weckte. -- Er eilte in
meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde des Wiedersehens; wir
erzhlten uns unsre Schicksale und Omar sprach also:

O! da der Mensch in Seinem Busen einen unvershnlichen Feind mit sich
herumtragen mu, der ihn unablig qult! da dies heillose Drngen unsrer
Seele, dies Streben gegen die Unmglichkeit uns den Genu unsers Daseins
raubt und uns gegen uns selbst verderbliche Waffen in die Hand giebt!

Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, die Nacht sah
schweigend auf uns herab, die Bume wiegten sich leiserauschend und Omar
fuhr also fort:

Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide noch den Unterricht des
weisen Achmeds genossen, von jenem Sturm, der unaufhrlich in dem Baum
unsers Geistes wthet und ihn zu zerstren droht. Kaum hatte ich von dir
Abschied genommen, so verfolgten mich alle meine Wnsche mit erneuerter
Wuth, mein brennender Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds
Kenntni nur von neuem angefacht, mein Vordrngen war vergebens gewesen,
denn noch in dichtem Nebel eingehllt lag der groe Felsen in der Ferne,
hinter welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fhlte mich
eingeengt und gepret und war unglcklicher als ich je gewesen war.

Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner schwarzen Seele auf wie
Verbrecher, die die Ketten von sich streifen und sich frech im dstern
Kerker erheben. _Weisheit_ war mir der edelste, der einzige Zweck des
Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmcken knnte, ein
Zweifel an alle Tugend machte mir diese gepriesene Gottheit verchtlich
-- und ich wagte endlich vermessen einen Schritt, von dem ich vorher
wute, da sich hinter mir ein Abgrund reissen wrde, um mir den Rckweg
ewig unmglich zu machen.

Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit horchte ich auf seine
Rede. -- Mein Freund fuhr fort:

Am Ende der Welt, in einem frchterlichen Schlund, der sich zwischen
die Klippen des Atlas wirft, an einer Stelle, wohin noch kein Menschenfu
sich verirrte, wo zwischen ewig einsamen Felsenwnden das Grausen wohnt
und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig gegen die hohen Steinmauern
streift, dort, -- so sagte eine alte Sage, -- wohne seit Jahrtausenden
ein furchtbarer Sterblicher, der hier im kalten Ha der Ewigkeit
entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, ein Wesen, einzig,
ohne je ein Leben zu finden, dessen Seele mit der seinigen gleichgestimmt
sei. -- Greise erzhlten mir unter Schaudern, da er ein hherer Geist
gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in die leere Wste
der Strafe der Allmacht entronnen sei, _Mondal_, so nannten sie den
Schrecklichen und sagten, da der groe Verworfene keine Strafe bedrfe,
denn er selber sei seine Verdammni. Man sprach von den Wundern die er
ehedem gethan und denen die Vlker in Demuth erzittert wren, von
grlichen Strafen, mit denen er sich an seinem Feinde gercht, sein
Name war die Loosung zum Schrecken.

_Ihn_ wollt' ich aufsuchen und mich an seine frchterliche Gre drngen,
hier die Flammen meines Busens khlen, oder ein unausbleibliches Verderben
finden. -- Ich wanderte durch die Wsten von Afrika, ich ging ber die
hohen unermelichen Gebirge und nherte mich endlich der langerhofften
Gegend. Das Gebirge lag frchterlich aufgethrmt, wie die Mauer der Welt
vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um den Fu zu flattern
und frech hoben sich die Spitzen des Klippengebirges in die unendliche
Leere des thers, immer hher und hher aufgewlzt und immer furchtbarer
und khner aufgethrmt.

Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur wie Hgel an die
unbegrnzte Felsenmauer lehnten. Die Erde lag unter mir mit allen ihren
Schtzen und Stdten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, das
Meer unermelich ausgegossen tief unter mir. In tausend Herrlichkeiten
winkte mich die Sterblichkeit zurck, sie streckte die Arme liebevoll
nach ihrem verlornen Sohne aus und rief mich mtterlich an ihren Busen
hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit so inniger Liebe
gehangen hatte. -- Aber ich ging vorwrts und lie hier meine Menschheit
zurck, ich warf alles von mir ab, was der Endlichkeit gehrte, ich ri
auf ewig das groe Band entzwei, das mich an die Schpfung hielt, ich
setzte den Fu vorwrts, von diesem Augenblick ganz mein eigen, die
Menschheit hinter mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die
Unendlichkeit des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer jemals wieder
angewinkt zu werden.

Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen hinan, immer unfreundlicher
die Natur umher, die Bume starben aus, die Strucher, und endlich
erlosch auch der letzte Schimmer des grnen Grases unter meinen Fen.
-- Itzt lag die Erde und das Meer in eins verschwommen ungewisser
wie ein Nebel unter meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier
eingewickelt; so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, ber mir und
unter mir und neben meinem Schritte die unendliche gedankenlose Leere.
-- Bei jedem Schritte zog sich ein hrterer Panzer um meine Brust, keine
meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in den eisernen Aufenthalt
zu folgen, nur von nackten Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon
vergessen, da ich einst ein Mensch gewesen sei. --

Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in ihrer Ermdung geschaffen
zu haben schien, kein Leben, kein Moos, das die Felsen hinaufkroch,
erinnerte mich an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod
seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst untergegangen und
dies ihre schauderhaften Ruinen zu sein. Ein kaltes Grauen begleitete
mich, immer grere Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefhle
gingen nach und nach in meiner Brust unter, und nichts als mein Vorsatz
und das Bewutsein meines Daseins blieb mir brig.

Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein Thal hinabsahe, das
rings von kahlen schwarzen Klippen eingeschlossen war, ein Schauder
brtete ber diesem Schlund, in den sich tausend Hhlen rissen und ein
verworrenes Gebude bildeten, kein Luftzug rauschte durch die Felsenwste,
kein Ton, der ein Leben verrieth, schlich hervor; die gespaltenen Klippen
grinten mir aus dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier
selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der schauderhaften
Stille.

Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkhrlich aus und der erste
Klang warf sich zerschmettert die gewundenen Klippen hinab, ich selber
fuhr erschrocken zurck und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten
Schlnden.

Die letzte Furcht fate mich zweifelhaft an. -- Soll ich hinuntersteigen?
fragte ich mich leise. -- Noch, noch steht mir der Rckweg offen! Noch
darf ich selber ber meinen Willen gebieten. -- Doch was soll ich in der
Welt? -- Ein Engel darf, ein Mensch mag ich nicht sein, nur die Hlle
bleibt den Unbefriedigten brig, -- ich kann nicht anders, ich wrde
nichts vom Menschen wieder rckwrts bringen: -- und zugleich stieg ich
in das frchterliche Thal hinab.

Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, wie in den
unerbittlichen Tod schritt ich hinunter.

Pltzlich fuhr ich bebend zurck. -- In einer halb dunkeln Grotte sa ein
Greis und lchelte mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem
Zhngeknirsch eines Ungeheuers glich. Ein weier Bart sank bis auf seine
Fe hinab und deckte sein Gesicht. Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen
sahe aus seinen wilden Augen, er hatte blo das Ansehn eines Menschen,
um die Menschheit von sich zurckzuscheuchen. -- Sein Anblick hatte mich
bis in das Innerste meiner Seele erschttert und ich wagte es nicht,
die Augen zum zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften
Gefhlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich in meinem Busen
aufgenommen, -- aber hier fand ich ein Wesen, vor dem meine Frechheit
Demuth ward, alle meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflste.

Wer bist du? rief er mir in Tnen entgegen, wie ohne Klang und Athem;
sie kamen zu mir, wie aus einer fernen Welt und sprachen in Accenten,
von denen kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.

Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber nicht begreift!
Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen Klippen ausgezogen! -- Das
Leben hat keinen Reiz fr mich, ich will in der Wildni meine Freude
suchen.

Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit einem Blicke an, der
meine Seele mit Riesenkrften zusammendrckte.

Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht sieht, ich sitze
hier und faste der Ewigkeit entgegen und noch kein Staubgeborner hat es
gewagt, mich in meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen spiele
und Schauder mir die Zeit verkrzen. -- Was suchst du hier? --

Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich zitternd, ich schme
mich ein Mensch zu sein, nimm du mich in deine Gesellschaft auf und
vergnne, da ich deinen Geist begreife und dir hnlich werde.

Er sahe mich an und lachte frchterlich auf, da die Felsen umher in
ihren Wurzeln wankten. -- Vermessener! rief er dann: -- Du verlugnest
die Menschheit und doch zeigen deine Worte, da du ihr noch zugehrst.
_Ein_ Funke, der von mir zu dir herberleuchtete, wrde dein Wesen
zersprengen. Dank' es meiner Verachtung, da mein Anblick dich nicht
tdtet!

Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, so bleibt mir keine
Hoffnung brig, als meine Vernichtung!

Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog den Mund zum Grinsen, so
kalt und todt wie die Felsen umher. Was _ist_, kann nicht vernichtet
werden, die Ewigkeit hlt dich fest, so lange die Zeit dauert, dauerst
du selbst. Du kannst dich tdten und in eben dem Augenblick stehst du
ein neues Wesen in deiner eignen Verdammni wieder da, -- so hat es der
Gtige dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfngt. O! wenn
_Vernichtung_ mglich wre, wenn wir uns selber angehrten und
beherrschten -- o dann wre noch Glck in seiner Schpfung! --

Ich fuhr mit Entsetzen zurck. -- Voll Frechheit kmmst du hierher,
sprach Mondal weiter, und bedachtest nicht, da dein Wesen sich nie dem
meinigen nhern knne. -- Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht
verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; die Gedanken,
die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, unser Urstoff ist
verschieden, wir knnen uns in keiner Empfindung begegnen.

Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen aus, ein Wesen, das
mich versteht? Mir ist alles verschlossen, in der ganzen Schpfung kein
Laut, der in mir denselben anschlge. Vernichte dies Streben in meiner
Brust, das mich durch alle Welten drngen wrde, du verwirfst mich als
deinen Schler, erniedrige mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne
Bewutsein zu deinen Fen windet.

Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur hlt dich gefangen!
Ich will dir geben, was ich kann, -- aber du wirst meine Bedingung nicht
erfllen.

Alles, alles, sprach ich hastig, -- nur rei mich aus diesem peinvollen
Dasein, mach, da ich mich nicht verachten mu, sollt' ich mich auch
dafr verabscheuen! --

Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich stehe nicht ber der
Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges Geschpf, dessen Gedanken und
Gefhle Strahlen sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht
zusammenflieen, sondern sich ewig zurckstoen. Die Menschen haben von
ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu ordnen und in ein Ganzes zu bringen,
_meine_ Freude ist Zerstrung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten sie
in einer ewigen Thtigkeit an Ordnung und Harmonie, Sklaven eines Herrn,
dem sie dadurch schmeicheln wollen, Schnheit und Tugend nennen sie das
Gebude, das sie auffhren, fr mich giebt es keine Tugend als ihre
Laster. -- Kannst du deine angeborne Menschheit bis auf die letzte
schwchste Ahndung ablegen und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann
ein heiserer Miklang dir eben so viel Freude geben, als jener Wohlklang
dort unten, verlierst du nichts an jenem Gott dort oben, so bist du
mein!

Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die Hand.

Zerstrung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch sei Vernichtung,
jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge ihre Tugend und sei der Freund
des Bsen, kehre in die Welt zurck und zerrei das Gewebe, mit dem sie
sich an ihre Gottheit knpfen wollen, dies beschwre mir mit einem
groen Eid und unter diesen Bedingungen will ich zeigen, was kein Auge
sieht. Fern ist noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit zum
Greise wird. --

Omar hielt hier in seiner Erzhlung ein. -- Und du schwurst den Eid?
rief ich erschrocken aus. --

Ich schwur ihn, antwortete er langsam und sprach dann weiter: Es war
ein Schwur, o, mehr ein Fluch, unter dem sich die gengstigte Erde htte
bumen mgen, ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen. --

Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, alle meine Gedanken
waren zu Riesen aufgewachsen, die gegen den Himmel anstrmten, meine
vorige Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefhle waren
ehern, mein Busen Diamant.

Ich ward in seine frchterlichen Geheimnisse eingeweiht, Flche
segneten mich ein, Grausen stieg mir aus den unendlichen Labyrinthen
entgegen und Schauder waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten
das Ungedachte, ich war ber den fernsten Grnzstein der Menschheit
hinausgeschritten und wandelte nun, ein fremder Pilger, jenseit dem
Leben auf der drren Haide. -- Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurck,
die Zukunft schlo sich meinem Blicke auf. -- Mondal zeigte mir ein
ungeheures Buch, in welchem auf jedem seiner Millionen Bltter tausend
Punkte gezeichnet waren. -- Dies ist mein Almanach, sagte er lchelnd,
so viel Punkte du ausgelscht siehst, so viele Tage hab' ich durchlebt,
die brigen sind die Tage, die noch bis zum letzten Tage brig sind,
ihre Zahl ist unzhlbar; aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit
ab, auch der letzte Punkt wird ausgelscht und die neugeborne Ewigkeit
wandelt ber den Ruin der Welten. Bis dahin sieht mein Auge; was dann
sein wird, ist ein Geheimni, das ich schon seit Jahrtausenden zu
enthllen strebe.

Mein Geschft war nun geendigt und ich ging in die Welt zurck, nicht
um zu leben und zu genieen, sondern um Genu und Leben zu zerstren.
Alle meine vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde
entgegen, ich zerstrte und vernichtete, so weit nur meine Gewalt
reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten und Flche der Wittwen
und Waisen, mein Weg war mit Thrnen benetzt und Grabhgel waren die
Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. -- Der Ewige hatte mich in
ein Leben verwiesen, das ich verachtete und ich sttigte mich im Genu
der Rache, ihn selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine
Geschpfe muten meinem Zorne ben! Das Dasein qulte mich, wie eine
Gewissensangst, Vernichtung war nicht mglich, Flche nicht genug, ich
mute ihn _strafen_. --

Ich kam in mein Vaterland und der Sultan _Ali_ ward mein Freund, er
war im Begriff, seinen Unterthanen ein guter Frst zu werden, aber
ich lehrte ihn die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam er
endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen zum Schrecken des
Landes gemacht hat. Durch mich lie er tausend Schlachtopfer fallen und
tausend eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch _Selim_;
Ali nahm ihm seine Schtze, Selim entflohe mit seiner Gattin und einem
kleinen Sohne, auch die Gattin mute sterben und ihn sein Sohn nur
noch gewaltsam in ein quaalvolles Leben zurckhalten. -- Ich ging unter
den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie dienstbare Henkerknechte
liefen Schrecken vor mir her und schlugen gewaltsam jedes Gefhl, jeden
Menschengedanken von mir zurck, -- so fand ich den armen, vormals
glcklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner Gattin sitzend, -- da
flog mir wie ein ferner Schein der Wunsch vorber, wieder in den
entweihten Menschenorden zu treten. -- In diesem unseligen Augenblick
verga ich meines Amts und meines Herrn und lie den trauernden Selim in
den Schoo des Glcks zurckkehren, meine Macht lie ihn einen Schatz
finden, der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. -- O wie hab'
ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, wie gern htt' ich
ihn zurckgenommen und Selim's Glck mit neunfachem Jammer ausgetauscht,
wenn es dem Zauberer vergnnt wre, sein eigen Werk wieder zu vernichten.

Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu Mondals Wohnung zurck,
ich strubte mich vergebens gegen die drngende Macht. -- Mondal trat
mir entgegen. Schon so frh kmmst du wieder? sagte er mit grlichem
Hohnlcheln, -- du hast deine Menschheit abgeschworen, dein Vertrauen
war so frech -- und doch kmmst du selber zurck, dich anzuklagen? Stumm
ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen Klippenmeer, er
spaltete einen Felsen und warf mich bis an die Hften in die ffnung,
die donnernd wieder zusammensprang. --

Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine heie Gluth webte sich
am Tage um mich her und nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen
bohrten sich glhend in mein Innres und in der Nacht jagten sich kalte
Nordwinde um mich her und bliesen mich mit ihrem Athem an, ein Panzer
von Eis umgab meinen Krper und zerschmolz wieder an der Gluth des
Morgens. Siedende Waldstrme strzten brausend auf mich herab und
schmetterten spielend mein Gebein gegen hervorragende Felsenspitzen.
Mein Geheul erklang frchterlich den Abgrund hinab, und sprang von
Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag kalt und ohne Mitleid
um mich her. -- So brllte ich vier Jahr meine Flche und meine Bitten
dem unerweichlichen Mondal entgegen, aber er hrte mich nicht; zuweilen
flog er auf einer braunen Wolke ber mein Haupt, sahe hhnisch auf mich
herab, freute sich meiner Quaalen und berlie mich dann von neuem den
unerbittlichen Martern. -- Endlich schien er gerhrt, oder der alten
Ergtzung berdrssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust
bewohnen? -- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und
neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, aber nur unter einer
schweren Bedingung geb' ich dich frei. -- -- -- --

Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als sich ein lautes
Getmmel im Hofe des Pallastes erhob. -- Bestrzt eilte er an's Fenster
-- und die furchtbaren Palmbltter entsanken seiner Hand. --




Viertes Kapitel.


Sbel glnzten im Schein der Sonne und leuchteten Abdallah wie Blitze
entgegen; in einem frchterlichen Getmmel kmpften Selim's Sklaven mit
der Leibwache Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit
entbltem Sbel strzte er hinaus.

Ein wildes Geschrei flog ber den Hof des Pallastes, Ali's Sklaven
wtheten gegen Selims bewaffnete Freunde, das Geklirre der Sbel an die
Schilder geschlagen, rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem weien
Barte vor ihm, in seinem Blute gewlzt, das Geschrei und der Klang der
Waffen schlug gegen die Mauern des Pallastes, Blut flo in Strmen,
einige Sklaven flohen, andre strzten todt nieder, -- und itzt sahe
Abdallah auch seinen Vater unter einem Sbelhiebe sinken.

Er strzte sich wthend in das Gedrnge und metzelte um sich her, eine
blinde Wuth gab ihm Riesenkrfte, er fhlte die leichten Wunden nicht,
die er erhalten hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewhle auf und
ab, -- eine bekannte Stimme rief seinen Namen aus, -- es war sein Freund
_Raschid._ -- Auch du? rief Abdallah wthend, -- auch du bist mit meinem
Elende einverstanden? -- Nur wider meinen Willen, antwortete Raschid und
gab ihm die Hand; rette nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh'
er lebt noch.

Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen Fen und sahe ihn mit
einem matten Blicke an; Abdallah ergriff ihn stark und trug ihn aus dem
Getmmel, Raschid begleitete ihn und half den verwundeten Selim aus dem
Hofe des Pallastes fhren, alle Krieger machten dem bekannten Raschid
Platz, weil sie den Verwundeten fr einen Diener Ali's hielten; so
brachte Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das Thor der
Stadt.

Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, heftige Gedanken
schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen stahl sich ein Seufzer aus
seiner Brust, den er aber seinem Sohne zu verbergen suchte.

Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte sich auf einen
Erdhgel am Wege. Sein Gesicht war bleich, seine Wunde, die Abdallah
verbunden hatte, fing von neuem an zu bluten. -- Warum hast du mich
nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal auf mich zrnt?
-- Du httest mich jenen Dolchen lassen sollen, denen du mich entrissest,
denn ich gehrte ihnen an, von Verrtherei dem Tode verkauft. --

Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner Wuth und Angst nach
und nach zurck. Er war bis itzt in eine unwillkhrliche Thtigkeit
geworfen, er hatte nicht empfunden und nicht gedacht, ber die Gefahr
seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. -- Vater! rief er aus,
-- o da ich dich habe retten knnen, da ich dich aus dem Gemetzel
herausri und dem Leben wiedergab, -- o das ist das erstemal, da dein
Sohn dir etwas mehr als Dank sagen kann, -- eine Stunde, wo ich dir
durch Thaten meine Liebe zeigen knnte, habe ich so lange gewnscht,
-- ach! und sie mute so schrecklich, so unvermuthet kommen!

Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, mein groer Entwurf
ist dahin! -- deine Ahndung, alter wackerer Mann, hatte Recht, warum
hrten wir nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die schnste
Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? -- Ich habe ein groes Spiel
gewagt, ich setzte verwegen mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus
-- und das Schicksal rief _Selim_!

Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.

O ich wei kaum, da ich verwundet bin! rief Selim unwillig aus, ich
wei nur, da ich habe entfliehen mssen. -- O warum kann ich nicht der
verchtliche Hund jenes mden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?
Er ist freier und glcklicher als ich! --

Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam weiter. Oft lie er ihn
auf Rasenhgel sich niedersetzen und wenn er erquickt war, mahnte er
ihn sogleich wieder zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde
frchtete. -- So gingen sie langsam bis zum Abend und wandten sich zu
einem kleinen unbesuchten Nebenweg, der in einen Wald hineinfhrte. --

Die rothen Streifen des Abends wallen durch den Himmel, sagte der Greis,
sie wollen den trgen Selim zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu
spt und findet nur noch meine Schande. -- O drft' ich eure verhaten
Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet ihr euch in Ali's Blute!
-- Meine Freunde sind fr mich gefallen und der feigherzige Selim flieht
und rettet ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! dessen
Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet lag und vom Blute
triefte! -- verzeih Abubeker, dem unvorsichtigen Freunde, der deiner
lteren Weisheit nicht traute. --

So klagte Selim auf dem Wege und hrte nur wenig auf den Trost seines
Sohnes. -- Das Schicksal, sprach er endlich, nachdem er lange bei sich
gedacht hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefhrlichkeiten und
mannichfaltiges Unglck, mein Muth soll vielleicht noch hrter gesthlt
werden, um dann desto grere Funken zu schlagen. Der Mann mu vor
seinem Tode nichts verloren geben, seine Entwrfe mssen ihm so
unverletzlich sein, wie Heiligthmer, die man ihm zum Aufbewahren
anvertraute, der nchste Tag vershnt mich vielleicht mit dem
heutigen. --

Er ging getrstet weiter.




Fnftes Kapitel.


In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bume am meisten
verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel sich unter den verschrnkten
Zweigen herabsenkte und man kaum von der fernen Landstrae zuweilen ein
dumpfes Getse hrte; dort stand unter Bschen versteckt ein kleines
lndliches Haus, das Selim sich vor vielen Jahren hatte erbauen lassen,
um hier auf der Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz
zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn kannten diesen Aufenthalt, kein
Weg fhrte zu dieser Wohnung, nur ein Fusteig, der sich in hundert
Krmmungen wand und den kein Fremder auffinden konnte. Seit vielen
Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, selbst Selim fand itzt
den Weg dahin nur mit Mhe. Bsche und hohes Gras hatten den kleinen
Fusteig verschlungen, sie muten sich durch junge Bume drngen, die in
einander gewachsen waren, sie verloren oft den Pfad und fanden ihn nur
mhsam wieder, erst mit der Finsterni kamen sie an die Htte. --

Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt und vom Regen
durchlchert, durch die Fenster hatten sich junge Gestruche gedrngt
und Epheu schlngelte sich in grnen Labyrinthen die Wnde hinan,
Heimchen nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam durch die
Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; Eulen hatten sich auf den
benachbarten Bumen niedergelassen und heulten nach dem Hause hinber.
Der Aufenthalt begrte sie traurig und verfallen, wie ein kranker
Freund, der auf dem Sterbebette Abschied nimmt.

Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim lie sich sogleich auf
ein kleines Ruhebett nieder. -- In der Nhe rieselte eine Quelle vom
Berge herab und Abdallah schpfte aus dem frischen Wasser einen Trank
fr seinen entkrfteten Vater. -- Ich bin erquickt, sprach dieser, -- o
da ich dich noch brig habe, da das Schicksal dich nicht von meiner
Seite genommen hat, das ist ein Glck, dessen Gre ich mit inniger
Dankbarkeit verehre.

Abdallah verband von neuem die Wunde Selims und bat dann seinen Vater,
ihm zu sagen, woher dieses Unglck so pltzlich auf ihn eingestrmt sei,
was es veranlat habe und womit sein Vater den Zorn Ali's so heftig
aufgereizt habe. -- Diese Wunde, sagte Selim, die mir pltzlich so
tdtlich geschlagen wurde, ist mir selber unbegreiflich, schon seit
lange wlze ich alle meine Gedanken umher, dieses Rthsel zu verstehen,
alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorbergehn, aber
auf kein einziges Gesicht steht der Name Verrther. -- Der Himmel selber
wirft sich mir entgegen und drngt den Strom gegen seine Quelle zurck.
-- Dann erzhlte er ihm die Entstehung der Verschwrung gegen Ali's
Leben und nannte ihm alle Ursachen, die sie veranlat hatten. -- Ich
wollte das Land glcklich machen, so schlo er, aber der Ewige will, da
sein Elend noch ferner dauere, er zrnt auf mich, da ich seinen weisen
Rathschlssen habe vorgreifen wollen und an seine Stelle treten. Der
Sterbliche mu nur der Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit
Vorwitz den geheimen Plan der Gottheit zu bersehen glauben, sein Frevel
bestraft sich selbst. -- Der Tyrann herrscht und ich beseufze hier
verlassen mein Unglck, ohne Rath und Hlfe, ohne Freund, -- o wenn nur
_Omar_ zurckkme, auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte
Hoffnung: aber wenn er auch zurckkmmt, kann er das, was geschehen ist,
ungeschehen machen? Er kann nichts als trsten, und Trost ohne Hlfe ist
kein Trost fr mich, -- meinen Freunden wird endlich kein Dienst brig
bleiben, als mich in mein Grab zu legen.

Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim fhlte einige Thrnen hei
ber seine Wangen flieen, er schmte sich seiner Schwche und nur die
Finsterni, die die Zhren seinem Sohne verbarg, trstete ihn etwas
ber seine Unmnnlichkeit. Abdallah ergriff die Hand seines Vaters
und drckte sie ohne zu sprechen an seine brennenden Lippen, Selim
umarmte ihn schweigend und eine wehmthige Stille war um ihren Schmerz
ausgegossen. -- Durch die Fenster dmmerte ein irrer Schein der Sterne
und eine Fledermaus schlug mit rauschendem Flgel an die uern Wnde.
Selim sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, das sich
durch die grnen Gebsche brach, vom Wege und seiner Wunde mde schlo
sich endlich das gespannte Auge und er versank in einen sanften
Schlummer. Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem Vater und
schien auf das Athemholen Selims zu horchen.




Sechstes Kapitel.


Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die Quelle in der Nhe
pltscherte immer leiser und leiser, das Rauschen der Bume verhallte
immer dumpfer und Selims Athem rchelte schwach, wie der Athem eines
Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und sahe in einer
kalten Seelentrgheit dem wunderbaren Spiele seiner Gedanken zu. Sein
Vater hatte den Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren die
Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom in seine Seele
zurckgekommen; schon hatte er alles vergessen, aber dieser Ton brachte
ihm mit Wucher zurck, was er so gern nicht angenommen htte, was er so
gern auf ewig von sich zurckgewiesen htte. -- Omar! sprach er leise zu
sich selbst -- Omar! wiederholte er mit zitternder Stimme. Sein Geist
wandte sich scheu vor dem Gedanken zurck, der sich unberwindlich zu
ihm hinaufkmpfte. -- Omar hatte die kindliche Liebe schon verloren,
mit der er ihn ehedem geliebt hatte, seit jener Nacht, die ihn zum
Vertrauten seiner bermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich
seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefhl, einer Art von Anbetung
vermischt: aber er war immer noch der Freund Omars geblieben, seine
Liebe hatte sich gleichsam nur ein anderes Gewand gewhlt, ohne ihr
Wesen zu verndern, -- aber zu _der_ Empfindung, die itzt seine Seele
durchschnitt, hatte bis dahin auch kein Keim, keine Ahndung in seiner
Brust gelegen: es war nicht Mitrauen, nicht Ha, nicht Abscheu, nicht
Entsetzen; ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefhlen gewirkt. Ein
Todtengewlbe hatte sich ihm aufgethan, in welchem grinsende Gerippe,
Moder und scheuliche Verwesung in tausend grlichen Vermischungen vor
ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit schadenfrohem Lcheln
an ihm vorber und wie in Nebel gehllt tobten neue Furchtbarkeiten aus
der nchtlichen Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen engen
Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch drngen sollte, um sich
dann in einen Abgrund zu zerschmettern.

Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser Name, der einst
meinem Vater zugehrte? der die Loosung zur Freude und zur Liebe war!
-- Itzt ist es der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach mir
auswirft. -- Oder war alles, alles nur ein Traum? Es kann nicht Wahrheit
sein, unmglich! Wie knnte so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie knnte
so pltzlich der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben noch die
Freundlichkeit thronte? -- Wenn Omar statt mir die Hand zu reichen, mir
einen schuppigen Drachenhals entgegenreckt, -- wer soll mich dann aus
der Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wnden, ein verlorner
Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn der Ort, wo meine Seele sonst
am liebsten verweilte, sich so pltzlich in einen Kerker umwandeln kann?
-- Ich schwindle vor den tausend Gestalten zurck, die aus einem wsten
dunkeln Abgrund so drohend ihr Haupt emporheben und mir still und
schweigend wie unvershnliche ewige Strafen zunicken! -- Nein, so
frchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Trume verweben sich
in solchen verworrenen Wolkengebilden. Wo war mein guter Engel, als
diese Phantasieen in meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl
verschlangen, der noch krglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?
-- Wer wrde dann noch zaudern und sich bedenken, aus diesem Leben
herauszugehn, wenn es ihn mit so entsetzlichen Speisen ftterte? -- Nein,
nein, o Verzweiflung wre fr ein solches Unglck zu wenig, es kann
nicht Wahrheit, es _soll_ ein Traum gewesen sein! --

Er schwieg, eine dunkle Stille suselte um ihn her, in der finstern
Nacht und der leeren Einsamkeit sahe er nichts als seine Gedanken
schwimmen, ein Wiederhall seiner Seele wiederholte unzhligemal den
Namen _Omar._

Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. -- Ich erinnere mich der
Stelle, wo ich jene schrecklichen Worte las, o ich wei es zu gut, wann
und wie es war, mein boshaftes Gedchtni wiederholt mir mit hmischer
Freude die gestrige glckselige Nacht und stellt mir noch einmal den
alten _Nadir_ hin, der mir die Bltter reicht. -- Nein, es ist kein
Traum, wenn unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum ist
und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, der durch die
Leere seegelt und den ein nichtiger Schein anfliegt, bis ihn ein Wind
verweht. -- Blas't mich Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in
tausend Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen finde!
-- Wo Grausen und Unglck wohnen, wo der letzte leuchtende Funke
knisternd aus der Asche springt, wo eine ewige Einsamkeit auf tausend
Verderben brtet, -- o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort ist
die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen seinen Streifereien
mein mder Geist zurck, dies ist das Ziel, wo ich endlich ruhen soll,
nach welchem mein schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles
weicht aus meiner Bahn zurck, nur meine Verchtlichkeit bleibt mir
brig und die Hlle, die hinter mir ras't.

Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, das unbarmherzige
Urtheil, das frchterliche Geheimni ist wie ein Todtengerippe aus
seinen verhllenden Gewndern herausgeschritten, -- zurck, zurck von
meinem Halse, Scheusal! -- Es klopfte ja ein Menschenherz in dir, als
ich dich verhllten Fremdling an meine Brust drckte, wo hast du
Betrger dein Herz gelassen? --

Habe ich jene grausenvollen Bltter bis zu Ende gelesen und ihre ganze
Grlichkeit in meinen Busen gesogen? -- Nein, nein, -- ein freudiger
Funke glimmt in der Nacht wieder auf, die Auflsung des Rthsels ist
noch brig, -- ja, du wirst mir wieder geschenkt werden, mein Omar! Ja,
der Ort kann itzt noch keine Wildni sein, auf welchem so eben noch
dieser freudenreiche Tempel stand. -- Ja, Omar hat sich von Mondals
frchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme der Menschheit
zurckgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, er ist wieder ein Mensch
geworden, die brigen Bltter werden, mssen es enthllen. --

Er fate den Entschlu in die Stadt zurck zu gehn und jene Bltter
wieder aufzusuchen, die sein Schicksal enthielten, er bckte sich leise
auf seinen Vater herab und hrte, ob er noch schlummere, dann verlie er
schnell das Zimmer. --

Er drngte sich durch die Labyrinthe der Gebsche und tappte in der
wsten Nacht mit den Hnden umher, um den verborgenen Pfad zu entdecken.
-- Rauschend jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, die Sterne
weinten kalten Thau herab, Sturmwinde spielten heulend im dichten Walde.
-- Abdallah strzte oft gegen Bume und fuhr durch rasselnde Gestruche,
flimmernde Lichter fhrten ihn oft trgend tiefer in den Wald hinein,
wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; endlich trat er auf die
Heerstrae. --

Er ging durch das Thor und durch die stillen Straen der Stadt, auf der
Brcke hatten zwei Fischer ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich
leise. -- Abdallah stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmthiger
Verzweiflung an den Abend zurck, an welchem der Untergang der Sonne
sich so schn in dem Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen
schwammen, die fr ihn mit Seligkeiten landeten, als jede Welle den
Namen Zulma und Abdallah lispelte und mit dem Abendwinde stritt, wer
Zulma am sesten suselte, er dachte an die Himmelsnacht zurck, als
sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen Wonnen aufgethan
hatte, -- er sahe nach der Gartenmauer, -- aber eine neidische Finsterni
warf sich vor sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im
kalten Winde der Nacht und wankten in einer dstern Dmmerung, ein Stern
blickte zuweilen wehmthig hinter den schwarzen Wolken hervor und warf
traurig einen flchtigen Blick auf die dunkle Fluth. -- Er stand in
tiefen Gedanken und ma sein Elend an der Gre seines vorigen Glcks.
Das Gesprch der Fischer flsterte leise in das Rieseln der Wellen.

Wie ich dir sagte, _Sadi_, sprach der eine, auch keine Mauer von seinem
Pallaste will der Sultan stehen lassen, er hat den unglcklichen Selim
mit den grlichsten Flchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so
frchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu nhern.

Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe dem Sultan nach dem Leben
getrachtet; wenn das ist, so verdient er auch die Strafe, da er seine
Hand an den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.

Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von jeher ein wackerer Mann,
er hat mich vom Hungertod gerettet, er mu gewi Ursachen gehabt haben,
so zu handeln, denn er ist ein edler Mann.

Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat Gott ber uns gesetzt und
ihn verletzen heit Gott verletzen und darum hat er den Zorn und die
Strafe Ali's verdient.

Sie stritten noch lnger und zogen dann ihre Netze aus dem Flusse, sie
hatten nichts gefangen und gingen verdrielich nach Hause. Abdallah
hatte ihrem Gesprche traurig zugehrt und nherte sich dem Pallast
seines Vaters.

Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie ein groes Todtengewlbe.
Er schlich sich durch das Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen
Tritte die Wnde hinabschallten, er stie mit dem Fu an die Krper der
Erschlagenen, die man mit Verachtung hatte liegen lassen und aus einem
Winkel des Hofes seufzte ein Halbgestorbener und rchelte frchterlich.
Abdallah schritt bebend ber sie hinweg und trat in die Gemcher des
Pallastes. Alles war einsam und verdet, so still, als htten niemals
Menschen zwischen diesen Mauern gewohnt, -- itzt kam er in sein Zimmer.
-- Mit zitternden Hnden suchte er auf den Tischen und am Boden umher
und fand die frchterlichen Bltter nirgends. -- Wie? -- rief er aus,
-- sollte ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden und auch nicht
einmal meinem Elende in's Angesicht sehen knnen? Sollte das schadenfrohe
Schicksal mir auch selbst diese frchterliche Freude der Gewiheit
rauben wollen, damit meine Verdammni in unaufhrlicher Angst bestehe?

ngstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: -- es gilt deine
Liebe, Omar! ob ich mich mit dir ausshne, oder nicht, hngt von diesem
Augenblicke ab, -- jetzt wei ich nur genug, um unaufhrliche Quaalen zu
dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu sein. -- Er suchte lange und
unermdet, endlich sprang er wthend auf und wollte gehen, sein Fu
stie an eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wlzte, er streckte
seine Hand darnach aus, -- es waren die erwnschten frchterlichen
Palmbltter, die ein Schreck ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen
hatte. --




Siebentes Kapitel.


Die Hnde Abdallah's zitterten, als er die Bltter ergriff und mit ihnen
durch die Gemcher zurckeilte, alles, was er in ihnen gelesen hatte,
trat wieder vor seine Seele, er drckte krampfhaft die Faust zusammen
und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit klingenden Flgeln
hinter ihm herjagten, so entflohe er ber den Hof des Hauses und durch
die Stadt, nur vor dem Pallast des Sultans stand er still. -- Nur ein
einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhngen umher und seine
Einbildung schuf Zulma's Gestalt in dem Zimmer hinzu, er sahe sie
unruhig auf und niedergehn, er hrte seinen Namen nennen und starrte
lange mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. -- Das einzige lebendige
Licht in der groen todten Steinmasse des Pallastes, die Erinnerung
Zulma's neben seiner Verzweiflung lie einen wunderbaren Schein in die
tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar wie eine verirrte
Blume, die zu frh in einem schnen Wintertage aufbricht. Das Liebliche
und die Grlichkeit sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,
aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem Schauder, ein dichter
Nebel verfinsterte Zulma's Sonne in seiner Seele, sie ging in ihm auf,
aber nur hinter einen Wolkenvorhang, es war die wehmthige Erinnerung
einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen wagte.

Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm durch die schwarze Nacht
entgegen, es war _Raschid_, sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurck
und ging lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte ihn
kaum, in die Verworrenheit seiner Trume verloren.

Nun bin ich ganz unglcklich, begann Raschid, nun ist mir alles genommen,
ich sehe keinen Ausweg, als die Verzweiflung. Alles, auch der letzte
fernste Abendschein meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen.
-- Ich bin aus Ali's Pallast entflohen und habe mich vor seiner Wuth
gerettet, denn er hat mir den Tod geschworen, -- er glaubt, da durch
meine Hlfe dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er wei, da ich
dein Freund war. -- Ist dein Vater gesichert?

Mein Vater? fuhr Abdallah auf, -- ja! --

Sei wachsam, Abdallah, antwortete _Raschid_, Ali wthet, wie er noch nie
gewthet hat; er hat es beim Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater
lebend oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie ein Tiger,
dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht seiner zertrmmernden
Wuth. Dein Vater hat gewagt, was noch Niemand wagte, diese blutige
Verschwrung, dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei fr einen
Menschen zu khn, hat seine Rache so heihungrig gemacht, da nur sie
durch Selims Tod wird gesttigt werden knnen. -- Dein Haus wird zerstrt
werden und ein Fluch des Himmels darber ausgesprochen. Schtze Selim,
denn sein Schicksal wrde frchterlich sein, wenn sein Aufenthalt dem
Sultan verrathen wrde.

Raschid ging und Abdallah verlie die Stadt und eilte nach der einsamen
Htte zurck. -- Der bleiche Morgen schimmerte schon durch die Wipfel
der Bume und jagte ein nchternes Licht durch die Schatten des Waldes,
als Abdallah von der dunkeln Anhhe hinunterging und sich im Waldgrunde
der einsamen Wohnung seines Vaters nherte. -- Ich habe dich schon
vermit, mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch du
httest mich verlassen, denn der Elende mu jeder Furcht und keiner
Hoffnung trauen. --

Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte Abdallah.

Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf hat mir meine Krfte
zurckgegeben. -- Sieh, wie das Morgenroth sich durch den verwachsnen
Wald zu meinem Fenster drngt, um mich zu gren, wie der Himmel mich
mit munterm feurigem Auge aus der Ferne ansieht, ja, ich will noch
hoffen; ein Sturm hat mich in das Meer des Elends hineingeworfen, aber
ich will nicht untersinken, auch dieses Unglck will ich noch auf meine
Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht halten; ja Abdallah, mgen
tausend Donner um mich schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer
Stimme in eine Hhle verkriechen, sondern ihnen mit Khnheit antworten.
Du bist ja noch mein und dieser Stab wird nicht unter mir zusammenbrechen,
noch einen Faden hat mir das gtige Schicksal brig gelassen und an
diesen will ich das Gewebe meines Glckes unverdrossen von neuem beginnen;
wenn dieser reit, dann erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Hnden
werfen.

Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief Abdallah aus, ich bin
noch dein und werd' es bleiben. La dich von dieser Freude noch in diese
Welt zurckhalten.

Die Wunde Selims war minder gefhrlich als gestern, aber er war ermattet,
selbst das Sprechen ward ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater,
er brannte vor Begierde den Inhalt der Bltter zu erfahren, aber es
war unmglich, den Kranken, dem seine Hlfe so unentbehrlich war, zu
verlassen. -- Am Abend stellte er ein kleines Ruhebett neben das Bett
seines Vaters und zndete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
Zimmer gefunden hatte.

Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden Wolken, die Nacht stieg
aus ihrer schwarzen Behausung auf und breitete durch den Himmel ihren
Mantel aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine Lampe warf
durch das enge Zimmer eine matte Dmmerung, Abdallah zog aus seinem
Busen die Palmbltter, sein Auge durchflog sie von neuem und alle
Schreckgestalten traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn zu. -- Nein,
sagte er zu sich selbst, Omar kann mir nicht zurckgegeben werden, diese
Warnungen hier lassen mich das Schrecklichste frchten, die grausamen
Bltter werden mir ihn nicht wiedergeben, -- er las weiter:

       *       *       *       *       *

-- -- -- -- -- Endlich schien er gerhrt, oder der alten Ergtzung
berdrssig, denn welches Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen.
-- Ich will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer schweren Bedingung
geb' ich dich frei.

Sprich sie aus, Grlicher, heult ich ihm entgegen, o sprich, nur nimm
mich wieder aus dieser Hllenpein, sprich es schnell und ich will das
Unmgliche mglich machen! --

Der Felsen bog sich auseinander und gab mich frei, voll von der
wonnevollsten Empfindung der Freiheit lag ich lange ohnmchtig und ohne
Bewutsein, endlich kam mein Geist zu mir zurck, Mondal stand noch
neben mir.

Wandre zur Welt zurck, sagte er mit frchterlicher Stimme, und nur das
grlichste, vor dem der Sterbliche beim Anhren zurckschaudert, kann
dir meine Verzeihung erwerben. -- Keine gemeine und leichte That shnt
dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich nicht loskaufen. Itzt versuche
deine Kraft; nur ein Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater dem Tode bergiebt.
Vollendest du diese Arbeit nicht, so will ich Quaalen fr dich ersinnen,
die im Augenblick dich zermalmen und mit noch grlichern Schmerzen dich
wieder in's Leben zurckreissen, alle meine Kunst will ich dann aufbieten
und meinen ganzen Scharfsinn an dir in Thtigkeit setzen. Ungestraft
soll ein Mensch meiner nicht spotten drfen. -- Geh zurck und lies dir
einen Sterblichen aus, der dich lse; nach zwanzig Jahren erwart' ich
deine Rechenschaft.

Ich ging. -- Fr Selim, sprach ich, habe ich gelitten, er soll meine
Quaalen bezahlen. -- Und dort Nadir, rief Omar itzt mit lauter Stimme,
-- dort liegt mein Unterpfand!

Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. Schauder und Erstaunen
hatten bis itzt meine Zunge gelhmt, ich fhlte mich von Omar mit
tausend Armen zurckgerissen. -- Dort unter jener Palme? rief ich nach
langem Stillschweigen aus. --

Ja, antwortete Omar, er bezahlt die groe Schuld, auf ihn bin ich
von Mondal angewiesen, er ist meine Speise, an der ich meine Rache
sttige.

Ich fuhr zurck und wollte auf dich zueilen, dich zu wecken und dir
alles zu sagen. -- Unglcklicher! erwache! rief ich mit lauter Stimme,
du schlfst und siehst den Felsen nicht, der ber deinem Haupte
zusammenstrzen will!

Nadir! mein Freund! schrie Omar, -- o hab' ich mich an der Menschheit
wieder geirrt? Ich hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
wre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, -- und du willst deinen Omar
zu unendlichen Martern zurcksenden? Ist dir dieser Unbekannte mehr als
dein Freund? --

Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder Stimme, fort mit deinen
Hnden! Du hast die Verdammni angetastet, die Hlle hngt an dir!

Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar ri mich gewaltig zurck, wir
rangen einen hartnckigen Kampf, wthend stritten wir in hundert
Gestalten, als Tiger, Lwen und Elephanten, unermdet jagten wir uns
durch viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in eine groe
glhende Feuerkugel, um mich zu zernichten, ich warf mich ihm in eben
der Gestalt entgegen und wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich
mute ich der hllischen bermacht Omars weichen, die Donner und
Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.

Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurckgehn, er hielt dich fest und
wachte ber dich, wie ein Tiger ber seine Beute.

Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, durch die Gewalt,
die Achmed mir verliehen hat, schwebte mein Geist unsichtbar um dich
her, ich entdeckte die Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe
allgemach entgegenfhrt, er hat dir deinen Glauben an Gott und die
Tugend genommen, die Welt ist dir verchtlich, deine Leidenschaft kmpft
gegen die Liebe deines Vaters, das Zaubergeheimni fhrt dich dem Wahnsinn
entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die dich verschlingen
wollen, dein Wesen zuckt in ewigen Todeskrmpfen; nur Zulma hlt deine
Sterblichkeit noch zusammen. Liebe beglckt die Natur, nur dir ist sie
eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen fhrst du in den
unvermeidlichen Strudel hinein, -- o Abdallah, Abdallah, rette dich!
Ich habe dir die Zukunft aufgethan, du weit nun deine grausenvolle
Bestimmung; o ich beschwre dich, glaube meinen Worten, la keine
blendende Lehre dein Herz dem Ewigen untreu machen, vergi nicht seine
heiligsten Gebote. Wenn du, mir mitrauend, zu deinem vorigen Freunde
zurckkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er fhrt dich gewi
endlich auf dem verderbenvollen Wege zu seinem grlichen Endzweck;
ich biete dir die Hand zur Rettung, o ergreife sie mit khnem Muth;
bin ich gleich ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube mir
dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind lauter, mein Herz schlgt
noch fr die Tugend.

Ja, Jngling, es ist Tugend, o verachte den, den sie auf ewig von sich
gestoen hat und der sie aus boshafter Rache verlugnen will. Suche
diesen Diamant wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken unter
Rthseln umher, aber fhltest du nicht ehedem ein Feuer in dir, das
dieser Gottheit loderte? Das Gefhl der Tugend ward uns mit auf die Welt
gegeben, um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu arbeiten und
es einst vollendet zurck zu bringen. Dies Gefhl das in unserm Busen
glht, ist mit der Natur des Menschen verschmolzen und keine Vernnftelei
wird es je verbannen, nichts lscht diesen Glanz aus, der auch wider des
Bsewichts Willen niedergedrckt stets von neuem in ihm aufleuchtet,
diese Stimme schreit immer wieder im Busen des Verbrechers, der innere
Richter schlft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverflscht
da. -- Dieses himmlische Gefhl ist der Fittig, der uns einst zum Thron
der Gottheit hinaufschwingen wird; o lhme nicht diese Flugkraft,
dieser Muthwille wrde dich einst an jenem Tage allmchtig niederwrts
halten. Kehre zurck und baue die wilden Trmmern wieder auf, la
dein Menschengefhl von keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der
Thron des Ewigen wird unerschttert stehen, wenn auch tausend Zweifel
gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig ihren groen Gang und kein
Menschenauge, kein andres Auge als der Blick des Schpfers wird in das
innere Geheimni dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es ehedem geglaubt
hast, da der Mensch hher stehe, als das Thier, das unverstndig ber
die Pracht der Schpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein der
Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen liegt das hohe Gefhl,
das ein Abglanz des Himmels ist; Abdallah, la dir nicht heimtckisch
dies Kleinod entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
Ein groes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich muthig das eiserne
Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, an dem noch kein Mensch
der Verdammni zueilte, durch den zrtlichsten Sohn soll der Vater
sterben, Liebe und tuschende Lehren haben ihre ehernen Haken nach dir
ausgeworfen, du mut verbluten, wenn du dich nicht rettest, Dmonen
tanzen um dich her und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
untersinkst.

Du siehst traurig auf diese Worte hin und fhlst, da du Zulma's Liebe
nicht verloren geben kannst, du zweifelst, ob du dieses Unterpfand
deines Glcks selbst gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst
nicht zurckschreiten, ohne den Fu ber den Strom zu setzen, der dein
Glck und Unglck scheidet. -- Deines Vaters Fluch wirft sich deiner
Liebe entgegen und Omar will dich auf der Bahn des Lasters ber diese
Unmglichkeit hinwegfhren, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, aber
vertraue dich mir und ich will dich glcklich machen. Die Geheimnisse
des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, in _einer_ Nacht soll sich
in diesen magischen Gefilden dein groes Glck entscheiden. Ohne deine
Menschheit zu zertrmmern, will ich dich ber den Fluch deines Vaters
hinweg, in die Arme deiner Zulma fhren, diesen einen Weg, nur mir
bekannt, hat dir das Verhngni offen gelassen, reich' deinem Freund
_Nadir_ die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. -- O wie leicht,
voll von Seligkeiten wird dein Herz in deinem Busen klopfen, wenn du am
sonnbeglnzten Ziele die Krone des Siegers empfngst, Zulma in deinen
Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem schwarzen Verderben
wieder abgekmpft. Alle Schrecken, die dir nachjagten, fliehen dann mit
flatterndem Haar zur Hlle ihrer Heimath zurck, glnzend steht die
Gegenwart wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkrnzen
entgegen. O Jngling, betrachte dies wonnevolle Bild und kehre zurck.
-- Kannst du je selbst in Zulma's Armen glcklich sein, wenn der schwarze
Wurm in deinem Busen ewig frit und an deiner Seele mit giftigem Zahne
nagt? Wenn du dir selbst unaufhrlich einen Spiegel vorhltst, aus dem
dir das todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen Anklger
entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung dir den Becher reicht und die
bleiche Reue dir auf jedem Schritte folgt? -- Wenn selbst die Thrne
endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit banger Gewissensangst vor
deinem eigenen Schatten zurckstrzest? -- Verehre den Schpfer und
seine Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du einst Zulma
nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch nur in ihr den gemodelten
Staub und die Hlle eines leblosen Gerippes finden, la den Vorhang
wieder fallen, den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
hast, das Auge des Menschen kann und darf nicht den groen Weltenschpfer
meistern; ehedem sahst du in jeder Fliege Schnheit, itzt steht in jedem
Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger Blick mu ewig
irren. Du verachtest die Welt, weil sie sich nicht in deine Launen fgt,
du klagst den Ewigen und seine Schpfung an, weil er dich beim groen
Gebude nicht um Rath befragte.

Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der dir Zulma erkaufen soll, so
komm in der Mitternachtsstunde in jenes Felsenthal, in welchem sich ein
Wasserfall vom Berge giet: du mut mit dem Geisterreich vertraulich
werden und durch tausend Schauder unerschrocken gehen. Wenn du auch
nicht die Mglichkeit der Auflsung begreifen kannst, so ist sie doch
da, durch Muth mut du Zulma gewinnen; um dein Glck in Ruhe zu genieen,
um ewig von diesen schwarzen Dmonen der Nacht unangefochten zu bleiben,
mut du dich khn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du auf immer
ihre Furchtbarkeit von dir abschtteln. -- Geh ihnen dreist entgegen, es
sind nichts als leere Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen
sich zurck in ihre Nichtigkeit retten. -- In jenem Thal' erwart' ich
dich.

Den Zauberring rei von deinem Finger, er fesselt dich unauflslich an
Omar und dein Elend, er ist das letzte Glied der schwarzen Kette, an der
der Meineidige dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band
zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehrst der Menschheit wieder
zu.

Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, der dich im
Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; sume nicht, Abdallah, neun
Nchte erwart' ich dich hier, kmmst du nicht, so will ich fr dich
beten.




Achtes Kapitel.


Abdallah hatte die frchterlichen Bltter geendigt und sein Auge sah
noch immer starr auf die letzten Worte hin, er verlor sich in tausend
wunderbaren Gedanken und Gefhlen und eine stumpfe Betubung hielt
endlich alle seine Sinne gefangen. -- Das schwarze Buch der Nacht mit
der goldenen Schrift war durch den Himmel aufgeschlagen, die Erde ruhte
ringsum in einem heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte matt
und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth des Dochtes, itzt hob
sie sich zum letztenmale und verflog in die Finsterni, die rothe Kohle
zersprang knisternd und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser
und leiser flsterte es um Abdallah her.

Nun ist es ja gelst, sprach er endlich, das groe Rthsel. O da die
Hlle Raum in so wenigen Worten findet! Hinweg mit dem schndlichen
Namen Omar aus meinem Gedchtni! Htt' ich ihn nie nennen hren! dieser
Name -- o ich kann diesem Gedanken nicht folgen, bei dem mein Verstand
erlahmt -- dieser Name ist das Freudengeschrei der Hlle und doch so
fest in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig ausreissen,
die Vergessenheit soll ihren Fittig ber ihn schlagen und dann ist es,
als wr' es nie gewesen. Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und
doch Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, -- ja, Omar,
fahre wohl, ich nehme diesen Weg, fahre wohl, wir sehn uns nie wieder.
Gehe du zu deiner kalten Verdammni zurck, ich gehe in die Wohnung der
Seeligen und finde dort alle jene Schtze wieder, die einst mein waren.
Mgen die Stunden verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal
verflucht! -- Doch still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes
voriges Leben! --

Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben durch das Fenster in ein
Gebsche werfen, aber pltzlich hielt er ein, -- ein Gedanke berraschte
ihn. --

Was willst du thun? fuhr er fort, -- auch das letzte Bret fahren lassen,
das dir der Schiffbruch brig gelassen hat? -- Hat Omar mich nicht selbst
vor den Verlumdungen der Lsterer gewarnt? Wodurch hat es dieser
Fremdling verdient, da ich seinem Mrchen und seiner ungeprften
Redlichkeit mehr glaube, als meinem lngst erprobten Freunde? Ihn will
ich zurckstoen und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme werfen?
Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel ein neues, noch greres
Elend fr mich gesponnen wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum
Eingang in das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir die
Unmglichkeit unter sich niederkmpfen? Wie meines Vaters Gebot mit
meiner Liebe vereinigen? Auf welchem Wege sollen sich diese Widersprche
begegnen? -- Es kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, ein Fremdling
will auf dem Thron sitzen, den mein Omar bis itzt eingenommen hat. -- Aber
wenn es Wahrheit wre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschpften dann
mein Elend? Was knnte mir dann meine Seligkeit bezahlen, die ich wie
ein muthwilliger Knabe verspielt htte? -- Ich will hinaus und das
Unternehmen wagen, fr Zulma ist jede Gefahr nur ein Spiel! Und dieser
Ring hier sei mein Anker, den ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu
verschlingen drohen.

Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer und suchte durch den
Wald den Weg nach jenem furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht ber
der Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome ruhten auf
ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften durch den Wald und rothe
Strahlen kruselten sich um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter
zogen am Horizont mit frchterlichem Schweigen auf; aber Abdallah drngte
sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten hindurch, er fand endlich
die Heerstrae und das enge Thal.

Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme freudig entgegen, o
glcklich, da du meiner Einladung gefolgt bist. Nadir stieg schnell von
einem Felsen herab und eilte ihm entgegen. -- Wenn ich dich retten kann,
Abdallah, so bin ich glcklich, dein Geist ist edel, dein Herz sanft und
so tief zum schndlichsten Verbrechen solltest du herabsinken? In dir
flieen tausend Quellen der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen
entgegenrauschen?

Abdallah reichte ihm zagend die Hand. -- Ich will mich dir vertrauen,
rief er aus, ich will dir glauben, so gern ich dir nicht glauben mchte.
-- Zeige mir den Weg zu meinem Glcke!

Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, sagte Nadir, aber
la dich von keiner auf deinem Wege zurckhalten, es sind nur leere
Gebilde, die wie ein Rauch um dich wehen und sich wieder in Nichts
verwandeln; wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so bist
du nur von einem schweren Traum erwacht. Um nie wieder vom Geisterreich
und seinen Phantomen im Glcke beunruhigt zu werden, mut du durch das
ganze magische Gefilde wandeln; la dich von keiner Furcht berraschen,
denke unaufhrlich daran, da es dein Glck oder Elend entscheidet, wenn
du zitterst, oder sie muthig verachtest. --

O la mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, la mich mein
Glck erjagen und mich tausend grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei
mein Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildni in meiner Fahne tragen und
mich khn durch alle Schrecken kmpfen. --

Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. -- Pltzlich
sank unter ihren Fuen die Erde ein und sie standen in einem weiten
unabsehlichen Felsengewlbe. Eine matte Dmmerung go sich durch das
Steingemach aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein bleicher
Schimmer und fluthete in grnen Strahlengeweben durcheinander, ein
betubender Duft wlzte sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie
ein Nebel, oben lag eine schwarze Finsterni, eine Mauer, durch die kein
scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. Ein leises Brausen rauschte
wie ein Gespenst in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen Strahlen
und verflogen wie sinkende Sterne.

Vergi meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, la dich nicht
tuschen, sondern gehe khn durch jene Gestalten, die sich dir mit allen
Schaudern entgegenwerfen werden. So ungestalt und wunderbar, in so
seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit verkleiden mag, so
vergi nie, da es nur Dnste sind und keine Wirklichkeit, da alles
ohne Gewalt um dich herum spielt und nicht an dich hinandringen kann,
ein eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, la die Wesen daran
vorberrauschen, so lange dein Muth dich aufrecht hlt, knnen sie dir
nicht schaden. --

Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glck entschieden? --

Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, ls't sich alles auf;
gewinnst du das Kleinod, so ist es dein vor dem Aufgang der Sonne, so
kmmt dir dein Vater und Zulma mit der Morgenrthe entgegen und bringt
dir deine verlorne Ruhe wieder. --

Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, nur ein Wink meinem
Geiste, wie dieses schwere Rthsel aufzulsen mglich sei. --

Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem Blick, denn shest
du in der Tiefe der Ungewiheit den Nachen der Zukunft schwimmen, drnge
dein Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du hinuntersteigen
sollst, o so wre dein Unternehmen kein Kampf, vor dem man zurckzagen
knnte, das Verdienst des Wagens ginge unter und Abdallah wre ein
falscher Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein groes Glck
abgewnne.

Er schwieg und lie dann unwillig die Hand Abdallahs fahren. -- Aber du
traust mir nicht, setzte er mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir
dieser Ring. -- O mge dich dies Mitrauen nie gereuen! -- Itzt lebe
wohl. --

Er ging zurck und verschwand pltzlich in die Felsenwnde.




Neuntes Kapitel.


Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewi, ob er noch itzt den Ring
vom Finger reissen solle, oder nicht, er versuchte es, aber der
Zauberring klemmte sich fest und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah
ging mit langsamen Schritten vorwrts.

Das Gewlbe schlo sich immer dichter hinter ihm zu, als wenn es
ihm den Rckweg zur Welt versperren wollte, gewaltsam hielt ihn die
Unterwelt in ihren Armen, lebendig eingegraben war ihm zum Tage
durch tausend Klippen die Rckkehr verriegelt, vor ihm eine schwarze,
undurchdringliche Nacht, unter bangen Rthseln und Erwartungen gefangen,
war er oft im Begriff, sich umzuwenden und den Rckweg durch die
Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder an jene
unterirdischen Gewlbe, zu denen ihn Omar hinabgesandt hatte, er sahe
den Leichnam seines Vaters vor sich liegen und ging weiter, indem er
laut den Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterni drngte.

Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den Wnden herab und die
Dunkelheit wuchs immer dichter zusammen, endlich versank der letzte
Strahl und eine schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken
nieder. -- Die Felsenmauern endigten sich und er trat in ein groes
unendliches Gefilde, ber das ein drrer Wind hinwehte. -- Er athmete
bange empor, drckend lag die Finsterni auf ihm gewlzt, er ging wie
ein Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, das auf
dem den Schlachtfelde in stiller Nacht seinen Leichnam sucht, er wagte
es kaum, Athem zu holen und den Fu hrbar aufzusetzen, eine Stille, so
einsam und todt lag um ihn her, da er den Wurm vernahm, der durch das
erstorbene Gras mit knisterndem Fue ging. Bei jedem Schritt verschlang
ihn eine dickere Dunkelheit, bei jedem Futritt glaubte er in ein neues
Grab zu treten, das ber seinem Kopf zusammenschlug; wohin er auch das
bange Auge warf, stand die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte
mitleidig durch das schwarze Gewlbe, kein Funke erglhte und warf sich
durch das Dunkel, selbst kein Laut trat freundschaftlich seinem Ohre
nahe, ihn zu trsten. --

In dumpfer Betubung wandelte er durch die dunkle ausgestorbne Leere,
als er pltzlich an der fernsten Grnze der Finsterni ein blaues Licht
entdeckte, das wie eine kleine Sonne grne Strahlen um sich warf, in
hundert Krmmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. Die Nacht
sog begierig den Schein in sich und zitterte dmmernd und ungewi um
die ferne Helle. -- Abdallah ging mit erneutem Muthe dem Lichte nher,
das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. -- Schon sah er
deutlicher den Weg unter sich, schon zog die Dmmerung immer schneller
von seinen Augen hinweg, -- als er vor einem Pallaste stand, aus welchem
ihm das Licht entgegen glnzte. Ein breiter Flu rauschte dem Schlosse
vorber und eine Brcke fhrte zum Eingang des Pallastes. -- Der Strom
flo still und schwermthig hin, seine Wellen murmelten leise wie das
Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer klagte ihnen in wimmernden
Tnen nach.

Abdallah betrat die Brcke, lehnte sich gedankenvoll auf das Gelnder,
und betrachtete den Funken, der vom Pallaste her sich in trben Streifen
in den Wogen spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg und
wollten den trstenden Schein mit sich hinwegwlzen, aber hartnckig
sprang er wieder von dem Rcken der Woge herunter und sie flo weinend
und klagend weiter. --

Er verlie die Brcke und sie zog sich hinter ihm auf; Abdallah fuhr
zusammen. -- Jedes Grausen stie ihn vor sich her, bergab ihn dem
benachbarten Schauder und sprang dann von ihm zurck, wie ein Felsenstck,
das ein Wasserfall von der hchsten Spitze des Berges reit; eine Klippe
wirft es spielend der andern zu, ein Abgrund dem andern, _zurck_ fhrt
es kein Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich nicht herab,
um es wieder aufwrts zu tragen. --

Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; ber der Thr waren diese
Worte geschrieben:

    Wanderer, der du ber den Thrnenstrom gegangen bist, sieh hinter
    dir, der Rckweg ist unmglich, nur durch diesen Pallast geht der
    Pfad der Rettung. -- Fhlst du aber keinen Muth in deinem Busen,
    so wirf dich in den Strom, denn Schrecken lauern auf dich hinter
    der Thr.

Abdallah trat in das groe Thor und sein Futritt hallte laut in den
hohen Gewlben, wunderbare Tne kamen ihm entgegen, flogen ber ihn
hinweg und streiften die Mauer, die Gebude schienen den Fremdling
staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen Lauten
wimmelte um ihn her. -- Er ging ber den gepflasterten Hof, jeder
Schritt hallte dreifach an den unermelichen Wnden, auf denen sich die
Nacht zu stemmen schien. Er ging durch eine Thr und trat in ein dunkles
stilles Zimmer, er ging durch das Gemach hindurch, um eine andre Thr zu
ffnen, die ihn auch in ein leeres unerleuchtetes Gemach fhrte, das
Grausen schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war still wie
ein Grab. -- Er eilte mit leisen Schritten und verhaltnem Athem durch
viele Gemcher, und alle fand er leer, endlich erffnete er eine Thr
und ein schwacher Schimmer brach ihm entgegen.

Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die es erleuchtete wie der
Mond durch schwarze Wolken das Gefilde, alles war still und feierlich
umher, ein betubender Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag ein
Greis und schlief, sein silberweier Bart fiel ehrwrdig auf seine Brust
herab, seine Fe ruhten auf einem kostbaren Teppich. Er glich dem
Propheten Gottes an Majestt, Engel wren vor ihm niedergekniet. --

Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und betrachtete den
schlummernden Greis; der Schlaf schien sich mit Wohlgefallen ber ihn
zu neigen und ein Traum ihm den Himmel aufzuschlieen, er lchelte im
Schlaf, und Abdallah fhlte, da sich Thrnen heiliger Ehrfurcht und
Anbetung in seine Augen drngten.

Endlich trat er nher, und eine leise Musik schwebte wie ein Abendnebel
vom Boden empor und wiegte sich zitternd durch die Dmmrung, wie ein
Duft stieg sie auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewlbe
und quoll von neuem in seren Melodieen auf; Wohllaut ergo sich auf
Wohllaut, wo kleine Wellen sich im Mondschein bereinanderjagen, von
wankenden Blumen angerhrt; jeder Ton schwamm so s hinber, wie der
letzte sterbende Klang der Flte, jeder Ton schien den Wonnegesang zu
schlieen, und immer neue Accente gossen sich aus, wie ein stiller Quell,
der sich unaufhrlich aus der Wiese hervordrngt. Heilige Wollustschauer
zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor sich in den
entzckenden Melodieen.

Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, und sich immer
grer und grer ausdehnt, bis sie endlich zerspringt, so hob sich itzt
der Greis von seinem Ruhebette langsam und nach dem Flu des Gesanges
auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem zurck und erhob sich von
neuem, seine weit ausgestreckten Arme schienen sich von dem gewundenen
Krper loszureissen, seine Zge und seine Gestalt waren nicht krperlich,
er glich einem leicht gewundnen Nebel, -- endlich ffnete er die Augen,
es war, wie wenn der erste Strahl des Morgens durch den nchtlichen
Rauch bricht.

Wer schlgt den heiligen Talisman an, sprach er leise und langsam, und
erweckt mich vom Schlummer? Die Melodie zerreit das goldene Netz, das
ein schner Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kmmt ber den
Flu zurck, der die Erde und den Himmel scheidet. Wer ist es, der die
groe Glocke anzieht, die mich zu erscheinen zwingt?

Abdallah schwieg. -- Ha! bist du es Jngling, fuhr der Greis freundlich
fort, auf den ich hier schon so lange harrte? Glcklich, da du mich
gefunden hast. -- Ich will deinem Blicke das Reich der Weisheit
aufschlieen, du sollst in die Tiefen der Erkenntni dringen, ich will
dir eine Leuchte geben, und du sollst in die finstern Schachten steigen,
um Gold von schlechtem Erze zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will
ich dich begleiten und in den Sonnentempel der Tugend fhren, dich
dem Glanzthrone der Gottheit nher bringen, du sollst den Blick in
die flammenden Meere wagen und sehen, was nur der Cherub sieht.

Pltzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein innerer Krampf schien
ihn heftig zu erschttern, wie Meereswogen sank und stieg sein Busen
ungestm, eine wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und gewaltig
seine Seele gegen die Mauern seines Krpers zu schleudern.

Tugend? rief er gengstigt, -- o wo geht der Strahl auf, nach welchem
die Menschheit so ungestm sich drngt? -- Wo ist der Grund, auf dem der
Thron der Gottheit ruht? --

Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller Wesen heit _Genu_!
-- Was kann der Staub, den das Ohngefhr im Spiele modelte und zum Scherz
in die Wirklichkeit warf -- wie kann er sich so trotzig aufrichten und
nach den Sternen als seinen Brdern die Hand ausstrecken? -- Wie kann er
vermessen den ewigen Richter auffordern, um sich auf der untrglichen
Waage abwgen zu lassen? -- Er geht im Trotze zur Verwesung zurck und
trumt von Unsterblichkeit; ein herrschschtiger Sklave, der sich von der
eisernen Kette des harten Nichtseins losgerissen hat, und verchtlich den
Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner engen Hhle an das Licht
verirrt hat und sich fr den Herrn der weiten Schpfung hlt. -- -- Ein
Wesen, das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch mehr zu
brsten; sein Name ist Verchtlichkeit, er gehrt der Verwesung, die
Elemente arbeiten an seiner Zerstrung, sie senden den Stolzen zurck,
woher er gekommen ist, die Erde lt sich unerbittlich die Schuld wieder
bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner entronnen.

Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen Busen den Gedanken der
Gottheit beherbergen? Sie fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben
ihm entgegen, wie die Mcke, die der Sonne zufliegen will und sich am
Schein der Lampe verbrennt: sie glauben und knnen ihn nicht begreifen,
sie drngen sich einander in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen
wohin, alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt
wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube ohne berzeugung.

Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht ihn vergebens,
tausend Ewigkeiten sind verflossen, die Welten rollen sich durch die
Unendlichkeit, und sehen ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kmmt
nicht. Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?

Das Kochen seines Busens ward wthender, er schlug heftig an seine
Brust. Sein Kopf drehte sich gewaltsam hin und her, und seine Augen
glhten und schwangen sich herum wie Feuerrder. -- Ein Grinsen
fletschte pltzlich aus seinem Munde hervor, er brllte und hielt dem
bebenden Abdallah ein knirschendes Lcheln in starrer Wuth entgegen.
Abdallah fuhr mit einem lauten Schrei zurck, denn in der Nebelgestalt
wankte es hin und her wie _Omars_ Gesicht. --

Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch einmal. Genu ist die
Tugend des Menschen, er selbst sein Gott, die Kette des Schicksals ist
zertrmmert, ein blindes Ohngefhr streckt durch die Welten die eherne
Hand aus, -- alles ist Staub und Wrmer, die Verchtlichkeit thront in
der Schpfung!

Vatermrder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt heraus, dein Vater
wirft sich deinem Glck entgegen, -- Vatermrder! Sto ihn nieder und
sei mir gegrt! --

Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen Abdallah aus, der mit
zitterndem Knie aus dem Zimmer entfloh. Ein kalter Schauder go sich
ber seinen Krper aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schwei
benetzte seine Stirn.

Er sammelte seine Krfte und ging dann langsam weiter. Viele Gemcher
und Sle ffnete er und ging hindurch, alle standen leer in wster
Dunkelheit, von einem heimlichen Grauen durchsuselt. -- Er kam an eine
Thr, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen drngten. -- O es
ist frchterlich, sagte er leise, eine unbekannte Pforte zu ffnen und
zu wissen, da mir Schrecken entgegenspringen.

Er ffnete die Thr furchtsam und fuhr mit einem krampfhaften Schauder
wieder zurck. -- In einem groen hellerleuchteten Saal wtheten stumm
und ohne begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten
tanzend auf und ab. -- Ein Riesenkopf mit verzerrten Zgen wankte auf
zwergartigen Krpern schrecklich hin und her. Sie verschlangen sich in
wilden Gruppen und strmten wie Meereswogen stumm durch den Saal, sie
rauschten immer schneller und ungestmer vorber, die Flammen der Kerzen
zitterten. -- Vatermrder! schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und
ri ihn in den Saal in die Mitte der schwrmenden Ungeheuer, man fhrte
ihn taumelnd in den frchterlichen Reigen, und eine Unholdin warf ihn
der andern zu, im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und ab, die
Tnzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, mit lcherlicher
Entsetzlichkeit wlzten sie sich um einander her und hpften mit
frchterlichen Geberden. -- Dies ist deine Hochzeit, raunte ihm eine
schreckliche Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen;
eine andre trat leise hinzu und flsterte: siehe rckwrts, deine _Zulma_
steht hinter dir. Abdallah wandte sich schnell, und ein grliches Wesen
stand hinter ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen an,
alle ihre Zge waren frchterlich verzerrt. -- Sie reichte ihm eine
lange drre Todtenhand, und Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit
lautem Gebrll, schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem
Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. --




Zehntes Kapitel.


Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die schwache Mondstrahlen
durch finstre Wolken nur mit einer einschleiernden Dmmerung erhellten.
Ein schneidender Regen wehte ihn an, ber das einsame Gefilde wehte
traurig ein lauter Wind. Wie ein verschttetes Grab fiel es hinter ihm
zu.

Unbekannte Wesen schauerten ihm vorber und entflohen eiligst, Gestalten
gingen vorbei und schienen ihn mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten,
er war in eine Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden
Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter Fremdling.

Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche Schrecken stehn noch im
Hinterhalt und lauern auf ihre Beute? Welche Schauder sollen noch in dem
Mark meiner Gebeine whlen? Meine Wnsche reichen zur Welt nicht zurck,
die Gedanken, die ich von dort mitnahm, sind an dem grlichen Thor
angehalten, Grausen umgiebt mich, alle meine Gefhle zerschmelzen in
Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In eine ungeheure Wste
hinausgestoen, begren mich nur die Ungeheuer der Nacht. -- ber
welche Steppen soll mein Fu itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung
streckt es sich vor mir aus, wo noch das wilde Chaos ungeordnet liegt
und die Zeit nicht in die Tiefe hinabsieht, wo alle trgen Elemente im
Todtenschlafe liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, wie eine
Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht nicht hrte, aufgespart,
um eine Hlle hier aufzubauen.

Er ging ber eine groe Haide, von einer schweren Bangigkeit gedrckt,
von jedem Trost feindselig zurckgestoen, von jedem erquickenden
Gedanken abgewiesen. Endlich hrte er aus der Ferne einen Gesang, wie
von Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und Todesschmerzen
den letzten Schrei ausbrllen; es glich dem Gerassel eines Wagens, der
zerschmettert von Felsen strzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf
Klippen zerspringt:

  Wir sind des groen Hauses
  Gewaltge Wchter. --
  Das Thor ist Verzweiflung,
  Der Eingang Wahnsinn,
  Jammergeschrei,
  Schaudergebrll
  Sind die jauchzenden
  Wonnegesnge,
  Die aus der Wohnung
  Dem Fremdling tnen. --
  Ewig! Ewig!
  Sieht der Gequlte
  Marterzermalmte
  Mit schwerem chzen
  Nach der letzten Quaal.
  Aber sie kmmt nicht,
  Aber sie naht nicht,
  Nimmergesttigt
  Knirscht der grausame Zahn
  An ihren Gebeinen. --

Ein wilder Klang ertnte zu der grlichen Melodie des Gesanges.
Abdallah kam nher. --

Zwei riesengroe nackte Gerippe standen vor dem Eingang eines engen
Felsenweges, der sich in geschlngelten Krmmungen wand. Sie standen
gebleicht und zitterten mit den wankenden Huptern; nach der Melodie des
Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend gegeneinander, ihr
weier Schdel nickte frchterlich, einzelne dunkle Haare schweiften
flatternd durch die dmmernde Finsterni und seufzten in dem feuchten
Nachtwind; mit den leeren Augenhhlen starrten sie in die Wstni hinaus
und aus den grinsenden nackten Gebissen drngte sich der zerschmetterte
Gesang hervor.

Abdallah fhlte sich von einem kalten Wahnsinn angefat und ging in
einer dumpfen Gleichgltigkeit den entsetzlichen Gestalten entgegen. --

  Vatermrder!
  Auf des Vaters Leichnam
  Tritt in das Heiligthum der Schauder! --

so brllte es ihm aus den Wchtern des Felsenwegs entgegen, er kam ihnen
nher.

Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters gewlzt, bla, mit
geschwollenem Gesicht und frchterlich aufgerissenen Augen. -- Er
schritt ber den Leichnam ohne Besinnung hinweg und der Gesang fuhr
ihm knirschend nach; wthend und gengstigt, von tausend Foltermartern
verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den Felsenweg: er war khn
durch die Gestalten hindurchgeschritten, und fuhr itzt selbst vor dieser
Erinnerung bleich und zitternd zurck. Aus der Ferne hrte er den Gesang
und das Klingen der Todtengebeine, er strzte mit Verzweiflungseil durch
die Krmmungen des Pfades, die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hrte
ihren Vernichtungsgesang und strzte brllend weiter. --

Pltzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in einen spitzen
schroffen Winkel, er hrte das Nahen der Gespenster, schon sahe er ihre
Schdel ber die Felsen her blinken, -- stumm, ohne Gefhle stand er
da, eine Distel, die sich von der Felsenwand beugte, scho in seinem
dmmernden Auge zum Baum empor, alles wankte zitternd hin und her,
-- er sank zur Erde, nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.

       *       *       *       *       *




Drittes Buch.

Erstes Kapitel.


Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in der kleinen Htte, er
ffnete langsam die Augen und fuhr zusammen, als er die so bekannten
Gegenstnde wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er starrte
die Decke und die Wnde des Zimmers lange mit weit geffneten Augen an,
es schien ihm unmglich, da er das she, was vor ihm stand. -- Der
Morgen suselte in den Gebschen vor dem Hause, ein frher Strahl
schlpfte durch das grne Gewebe des Waldes und zitterte flimmernd durch
das Fenster, -- lautschreiend bedeckte er seine Augen mit den Hnden,
denn _Omar_ sa neben ihm. -- Er stritt lange mit sich selbst, ob er es
wagen solle, noch einmal nach dieser Gestalt hinzublicken, alles schien
ihm nur eine neue Einbildung und die schrecklichste, die rthselhafteste
von allen.

Abdallah, du kmmst aus einem schweren Traum zurck, sagte Omars
freundliche Stimme.

Abdallah lie ermdet die Hnde fallen, er sahe betubt vor sich nieder.
-- Aus einem Traum komme ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme,
-- o wo fngt die Wahrheit an? Wo steht die Grnzsule? La mich sie
finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. --

Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie hastig und mit
pltzlichem Schrecken zurck. -- Was ist dir? sagte sein Lehrer; warum
sieht mein Abdallah nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner
Stimme?

Warum? rief Abdallah lauter. -- Ha! bist du nicht Omar, der der Nacht und
ihren Schrecken gehrt, was suchst du auf der Oberwelt? Willst du den
Flchtling einholen, der dir entlaufen ist? -- Geh, wo mitternchtliche
Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, dort ist deine Behausung,
taste mich nicht an, Unhold, ich bin ein _Mensch_!

Ist das der erste Gru, sagte Omar klagend, den mir mein Abdallah bei
meiner Zurckkunft giebt?

Abdallah hrte nicht was er sagte, sein Geist stand vor einem grlichen
Schlunde, in welchem tausend Migestalten sich bereinander wlzten und
verschlungen, ein hundertfaches Leben wie in einem Krper wimmelte, sein
Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes einzeln mit festem Auge
zu betrachten, aber ein trber Schleier zog sich vor sein Gesicht.

Ich habe in dieser Nacht eine grliche Bekanntschaft gemacht, sprach
er, die Hlle hat sich mir aufgethan und in ihr Innres eingefhrt, ein
groes Siegel hat sich mir gelst, ein bser Engel hat dir einen Brief
gebracht und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, ich wei
nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich in meinen schwachen
Menschenbusen gewagt, die Hlle wohnt in meinem Herzen; alle Schauder,
die du pflanztest, sind mchtig emporgeschossen und ihre Frucht hat dich
selbst vergiftet. -- Fort! sei was du warst und dann komm zu mir zurck,
bis dahin will ich dich verkennen, bis du mir ein Zeugni bringst, das
dich wieder unter die Menschen einschreibt.

Abdallah! Abdallah! rief _Omar_ aus, deine Trume sprechen noch aus dir;
nein, so kannst du nicht zu deinem Freunde Omar reden, oder hat dich
Zulma in der neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?

Zulma! rief Abdallah aus, -- dieser Klang ist der einzige in der ganzen
Natur, der freundlich an die Saiten meines Herzens schlgt, diese
Melodie ist mir in der groen Zertrmmerung brig geblieben, alle meine
Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafr gewonnen. -- O
alle meine Erinnerungen sind Lgner, oder du warst es, der mir diesen
Diamant in der Finsterni schenkte.

_Omar._ Ich that es, -- aber mein Abdallah lohnt mich mit Undank. Oder
hat mich ein Lsterer aus deinem Herzen gerissen? -- Welche Hand hat
jene Gemlde verlschen knnen, die ich seit deiner Kindheit in deiner
zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe alles, auch die Wurzel
verdorret und vermodert? Hat ein Sturmwind allen Blthensaamen in das
Meer verweht, da auch nicht eine grne Sprosse von neuem aus dem Boden
keimt? -- o dann hab' ich meine schnsten, meine letzten Jahre wie ein
Knabe verschwendet, alle meine Hoffnungen und Wnsche einer Morgenrthe
anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken untersinkt, -- dann hab'
ich keine Freude mehr, als das Grab. --

_Abdallah._ Du willst in meinem Herzen Frsprecher erwecken, die ich
selber nicht wiederfinden kann. -- Ach, Omar, Omar, bin ich vielleicht
wahnsinnig? Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O
allenthalben renn' ich an eine Mauer wthend an, die mich unbarmherzig
zurckwirft. -- Wen soll ich fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach,
vielleicht bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind in einer
leeren Wste, das eingeschlafen ist und von allen diesen irdischen
Possenspielen und Furchtbarkeiten trumt und beim Erwachen sich selbst
verspottet.

Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte sich dann von neuem zu
Omar. Sei es, wie es sei, sprach er, ich will dir Rechenschaft geben,
wie lange ich mit dem Vermgen ausreichte, das du mir geliehen hast,
unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, Omar, der Kampf mit
dir hat mir Arbeit gekostet, du lieest dich von meinem Mitrauen nur
schwer zu Boden ringen.

Er erzhlte ihm den Inhalt der Palmbltter, die ihm Nadir in der Nacht
gegeben hatte und die Erscheinungen der Unterwelt. -- Siehe, schlo er
seine Erzhlung, dies sind die Begebenheiten dieser frchterlichen
Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren Grlichkeiten nach einem
Mittelpunkt, meinem Elende hin; der Greis, der dir glich, der mich mit
tuschender Freundschaft empfing und mit Gotteslugnungen von sich jagte,
-- ja nur das Grausen wird mich mit Zulma vermhlen, meine Hochzeit wird
sein, wie ich sie in dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam
meines Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten steigen, ja, die
Hlle hat mir einen Spiegel vorgehalten, in dem mir die Zukunft
vorbergezogen ist.

_Omar._ Aber ermanne dich nur Abdallah und siehe, da alle diese
Gestalten nur Traumgestalten waren, die neckend um den Schlafenden
gaukeln und bange vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges
zurckfliehen; denn ich kam in der Stunde der Mitternacht hierher
und fand dich schlafend.

_Abdallah._ Du fandest mich? schlafend? hier auf diesem Bette?

_Omar._ Beim Propheten!

_Abdallah._ Nun, dann will ich alles Unbegreifliche glauben und auf die
wunderbarste Erzhlung, wie auf Wahrheit schwren. -- Was sind alle
meine Sinne, wenn sie solche Tuschung nicht bemerken? -- Wenn der Herr
in seinem eignen Hause sich verirrt und von einem Fremden wieder
zurechtweisen lt? -- Omar, dann bin ich mir noch nie unbegreiflich
gewesen, als itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie
eine Schlange meinen Hnden entschlpft? -- Woran soll ich dann nicht
zweifeln, wenn ich daran zweifeln soll, da ich diese Htte verlie, da
ich die Sterne ber mir flimmern sah, da ich jene Bltter las? Wer
stellt mir dann fr mein Dasein einen Brgen? O ich mchte nicht auf
diese bedenkliche Behauptung schwren! -- Welchen Gehalt hat dann der
Verstand des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine Schtze
erhlt, so betrgerische Sklaven sind? Alles, was wir wissen und
glauben, ist dann nur ein Irrthum, unsre hchste Weisheit verkriecht
sich dann vielleicht beschmt, wenn einst ein erleuchtender Strahl in
die dmmerungsvolle Grube fhrt.

_Omar._ Irrthum ist des Menschen Nahrung und hlt ihn fest in den Kreis
der Menschen; wenn im Mondschein die schwchere Tuschung mglich ist,
den Stamm eines Baumes fr einen bekannten Freund anzusehen, warum
willst du an jener zweifeln, die dich im Traum ber eine Haide und zu
gespensterbewachten Felsen fhrt? Wer hat nicht schon irgend einmal so
lebendige Gestalten im Traum gesehn, da er ihn Wahrheit nennen mchte?

_Abdallah._ Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange mit meinem
Schicksal!

_Omar._ Wren deine Gesichte weniger zusammenhngend, dann eben wrd'
ich sie um so leichter fr Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so
genau an dein Schicksal schlieen, scheinen sie mir nur Traumgestalten.
-- An jenem Abend, an welchem ein Sturm und der Glanz einer Feuerkugel
dich aus dem Schlafe weckte, -- an jenem Abend sannest du ber neue, dir
unbekannte Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine Schule eine schne
mondbeglnzte Gegend, liebliche Bilder wiegen dich in den Schlaf, -- ein
Greis eilt auf deinen Omar zu, -- wer knnte Omar hassen, da _du_ ihn
liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier Freunde -- und du bist
eingeschlafen. Aber deine Augen tuschten dich, dieser _Nadir_ ist schon
seit vielen Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende der Welt
bis zum andern, und als ich ihn an jenem Abend vom Berge steigen sah,
warf ich mich ihm zu einem hartnckigen Kampf entgegen, wir stritten in
mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich glhend durch den
Himmel; ich sahe dein Erschrecken, aber damals wollt' ich dir diese
Erscheinung nicht erklren, es wre grausam gewesen, dem weichen
Jnglings-Herzen den _menschlichen_ Freund zu nehmen und ihm ein fremdes,
kaltes Wesen dafr zurckzugeben. -- Du liebst Zulma, die Unmglichkeit
geht dir entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich dir, wer
ich bin. -- Eine neue Thr zu einem unbekannten Gemache geht dir auf, du
staunest, Schauder fhren dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du
erfhrst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. Du denkst nun
deinen Omar nicht mehr mit der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn
ehedem dachtest, an seinen Namen knpfst du dein Unglck und durch eine
verzeihliche menschliche Tuschung verwechselst du ihn in eben diesem
Augenblick mit der Ursach dieses Unglcks. -- Ich nehme Abschied von dir
und warne dich besorgt vor Lsterungen, die deinen Freund verlumden
wrden, du bist gerhrt und kaum bin ich entfernt, so steht ein leiser
Argwohn nach und nach in deiner Seele auf, du hltst meine Besorgni fr
Bangigkeit des Bewutseins. Was ich frchtete, tritt ein, mein Feind
Nadir benutzt meine Abwesenheit und warnt dich vor deinem Lehrer, der
dich unglcklich machen will. -- Du kmmst in Gedanken zurck, du bist
nicht der einzige, der mitraut, selbst ein Freund Omar's steht auf
und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in schwarze Trume. -- Nadir
will dich retten, Omar will dich elend machen. -- Nur etwas Groes,
Frchterliches kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, -- in diesem
Gedanken versammelst du alle frchterliche Trume deiner Kindheit, so
entsteht das ungeheure Mrchen, das du in den Palmblttern zu lesen
glaubst. -- Aber ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? Soll dir
Zulma ewig verloren sein? -- Dieser Wunsch, der nach einer Befriedigung
schreit, greift nach einer Hoffnung, mit den nchtlichen Geheimnissen
vertraut siehst du nur in der Allmacht der Geister die Mglichkeit der
Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt dir und lockt dich durch se
Versprechungen an sich und du schlfst ein. -- Schwarze Traumgestalten
nehmen dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage dachtest, kommen
in der Nacht in Phantasieen gekleidet wieder, Omar ist ein Ungeheuer,
Zulma dein Unglck, dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen
dich mit hllischen Gesngen. -- In diesem Traume finde ich dich, von
meiner Reise zurckkehrend: du siehst, nichts als eine Tuschung hat das
ganze Gewebe zusammengeschoben. Allen Verdacht in dir zu tdten, drft'
ich dir nur die Ursach meiner Reise erzhlen, aber sei damit zufrieden,
da sie dich deinem Glcke nher gebracht hat, etwas mu mein Abdallah
mir auf mein Wort glauben, dies sei das Zeichen, da er sich mit seinem
alten Freunde wieder ausgeshnt hat. -- Ja Abdallah, du mut mir es
glauben, o bei allem, wobei ein Wesen schwren kann, ich liebe dich!
-- Meine Weisheit, meine Gewalt gengt mir nicht, mein Herz verschmachtet
und drstet nach Liebe, -- dich hab' ich gefunden, dich hab' ich
ausgewhlt, deine Liebe soll mich glcklich machen, oder ich mu mich in
mein Grab einschlieen, -- o Abdallah, la diesen Traum dein einziges
Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb mir deine Seele zurck;
willst du mich aus allen meinen Hoffnungen hinausstoen und einsam
und verlassen durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, das
wird, das kann mein Abdallah nicht, dann htt' ich ihn nie mit dieser
innigen Vaterliebe lieben knnen, dann htte er nicht so lange bei mir
ausgehalten. -- Ja, Abdallah, du bist wieder mein!

Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte er in seinem Auge die
Seele wiedersuchen, die ehedem aus ihm gesprochen habe; in allen Zgen
redete ihn jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als Knabe
geliebt hatte, -- er fiel weinend an seine Brust. -- Ja! ja! rief er
laut schluchzend, ich bin wieder dein, keine Gewalt soll unsre Seelen
auseinander reissen!

Selim erwachte. -- Du begrest deinen Lehrer, sagte er, er ist in
dieser Nacht zurckgekommen, aber du schliefest so sanft, da wir dich
nicht wecken wollten.

_Omar._ Wir sehn uns traurig wieder, Selim; das Schicksal hat eine
schwere Hand gegen dich ausgestreckt.

_Selim._ Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt mich nicht mehr, meine
Krfte kehren zurck und ich will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung
halten, -- sieht deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein Mittel,
meinem groen, edlen Vorsatz auszufhren?

_Omar._ Ich sehe nichts. --

_Selim._ O dann, ja dann will ich meine Krfte fallen lassen und mich
verdrossen in den Wellen untertauchen. -- Nun erst fngt mein Unglck
an, mich zu drcken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen Stab
gegeben, auf dem ich mich sttzte, -- aber itzt wird mir das Leben eine
Last, nun wnsch' ich zu sterben. Seitdem ich wei, da mein Tagewerk
ganz geendigt ist, bin ich ermdet und will mich schlafen legen. -- In
dieser trgen Unthtigkeit sollt' ich leben, hier, wie ein Thier in der
Wildni, von allen Menschenrechten ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach
und nach verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trgen und verfaulten Dnsten
emporwuchs und war und dann nicht mehr ist? -- Nein, Omar, blicke noch
einmal ber den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft
umher, -- kann nichts, auch mein Tod nicht durch die Mauer dringen, die
das Schicksal vor mein Vorhaben gestellt hat?

_Omar._ Dein Tod knnte dein Volk vielleicht glcklich machen.

_Selim._ O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung aufgebrannt. -- Aber
ich Unglcklicher! meine Gesundheit kmmt schadenfroh zu mir zurck und
_selbst_ den Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist Frevel,
-- o sage mir, wie ich ohne Snde sterben kann und mein Volk ist
glcklich.

_Omar._ Diesen Aufschlu mut du nicht von mir, sondern von der Zeit
erwarten, noch liegt alles dunkel und verworren vor meinen Blicken. --

Abdallah verlie das Zimmer.




Zweites Kapitel.


In tiefen Gedanken ging der Jngling unter dem lauten Rauschen des
Waldes auf und ab. -- Ja, -- sprach er zu sich selbst, -- Omar ist mir
zurckgegeben, alles umher liegt in wster Verwirrung von schwarzer
Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er _soll_ es sein, mir und dem
Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in meine Seele aufgenommen:
denn wo fnden meine Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige
Gewiheit, die ich eigenmchtig zur Untrglichkeit stemple, fallen alle
Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, wieder zur Erde, und
ich stehe da in der freien uneingeschrnkten Gegend. Meine Rechnung ist
richtig, wenn dieser einzige Fehler ausgelscht wird, ich will meiner
Mhe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe unangesehen diesen
Verlust preis, um ein langweiliges Spiel zu beschlieen.

Mein Vater wnscht zu sterben, -- o ich sehe schon in der Ferne die Woge
schwimmen, die auch die letzte kleine Bergspitze, auf der ich stehe,
herunterschlagen wird, sie wlzt sich immer nher und nher. -- Das
Schicksal rckt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach auf
jene frchterliche Stunde, unvermeidlich schlgt sie an und ich stehe
pltzlich, ohne es ndern zu knnen, ohne meine Beihlfe jenseit der
Gegenwart. -- Traurig wie der Mond geht dann mein Vater unter und
zugleich steigt Zulma mir gegenber mit tausendfacher Pracht unter
goldnen Flammen auf, -- das Verhngni lt mich zwischen dem Vater und
der Geliebten whlen, -- o verzeihe, groer Prophet, ich whle Zulma! Es
_mu_ sein, es kann, es will nicht anders. -- Welcher Sterbliche kann
den Eigensinn des Schicksals brechen?

Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem Walde herausgegangen
und stand itzt auf der Landstrae. -- Die Stadt mit ihren runden Moscheen
lag vor ihm, die Fenster im Pallast Ali's glnzten blendend in der Sonne,
er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu sehen, seine Schwrmerei
sahe ihre Blicke, mit denen sie wehmthig nach ihm hinstarrte; ohne an
die Gefahren zu denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er in
die Stadt hinein.

Der zrnende Ali hatte inde auf Befriedigung seiner Rache gesonnen. Da
Selim ungestraft diese Verschwrung sollte unternommen haben, da er ihm
selbst entflohen sei, ohne da irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken
reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte einen frchterlichen
Eid geschworen, sich an Selim zu rchen und dieser Schwur qulte ihn
unablssig; er hatte daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer
geheimen Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel vorschlagen zu
lassen, die den verborgenen Selim entdecken mten, er hatte beschlossen,
alles auf diese Wollust der befriedigten Rache zu verwenden, nichts
sollte ihm zu kostbar sein, den verwegenen Aufrhrer zu strafen.

Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe mit brennenden Augen
nach den Fenstern des Altans hinauf, -- er sahe Zulma, sie blickte
verstohlen hinter einem zurckgezogenen Vorhang auf die Strae, kaum
aber sahe sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend
zurckflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch der letzte Schimmer
ihres Schattens verschwand, dann warf er sich auf eine Bank und sahe
nach den Blumen des Altans. -- Die Rose war hinter den Citronenbaum
gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, das
Sinnbild der Furcht. --

Er ging weiter und kam ber die Brcke der Stadt an den Pallast seines
Vaters. -- Wehmthige Thrnen traten ihm in die Augen, als er so
unbarmherzig alles zerstrt sah. Einzelne Mauern und Thren standen wie
verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, Steine und
Balken aufeinander gehuft. Traurig suchte er die Stelle des Zimmers
auf, das er ehedem bewohnt hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf
denen man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches lehnte sich
noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick den Einsturz. Das
bekannte Haus, das ihn so oft so freundlich und vterlich aufgenommen
hatte, das die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt
hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, in welchem er
sonst glcklich gewesen war, war vernichtet, auch selbst das Andenken
seiner Seligkeit schien ihm der zrnende Himmel nehmen zu wollen und
bis auf die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit den
schnsten Freuden genhrt hatte.

Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, als er das
laute Schmettern einer Trompete hrte, von einem verwirrten Getse und
Geschrei des Volks begleitet; er kmmerte sich nicht um das Gerusch,
nur klang es ihm, als wenn er den Namen _Selim_ laut habe nennen hren.
-- Itzt kam der Zug bei ihm vorber und er sahe einen Herold auf einem
Pferde, der dicht neben ihm still hielt, einigemal in die Trompete stie
und dann laut ausrief:

     Da derjenige, und wre er selbst ein Sklave, welcher den
     Verrther _Selim_ lebendig in die Hnde des Sultan's liefern
     wrde, seine berhmte, schne Tochter _Zulma_ als Gemalin dafr
     zum Lohn erhalten solle.

Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug lrmte vorber. --

Dumpf und ohne Gedanken verlie Abdallah die Stadt, trumend wie ein
Mann, der vom Schlafe erwacht und sein Haus in prasselnden Flammen
sieht, die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht betubt und
ohne Bewutsein vor dem leuchtenden Element, das wthend durch seine
Besitzungen geht, er hat sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu
verderben: -- so kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Htte im
Walde zurck.




Drittes Kapitel.


Frchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah hin und her, sein
Auge starrte in die Finsterni hinaus. Grlichkeiten zogen durch seinen
Busen, Schauder jagten sich durch seine Gebeine, er wnschte mit Sehnsucht
den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte seine Seele noch schwrzer,
oft schleppten seine heien Wnsche seine sanftern Gefhle in Ketten
hinter sich, oft ri sich sein Gefhl wieder los und rang seine Wnsche
nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen zerrissen, die unermdet
gegen einander kmpften.

Endlich erschlafften alle seine Krfte, in seiner mden Seele starben
alle seine Wnsche und Hoffnungen aus, gewaltsam schlo er in der
Ermattung mit sich selbst einen Frieden.

Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste graue Dmmerung des
Tages die Schatten spaltete. Selim schlief noch und Abdallah verlie
die Htte. Er ging schnell unter den Bumen auf und ab, er athmete die
frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam alle Gefhle von sich
abwlzen, die ihn, wie lebendig eingegraben gleich Steinen drckten,
aber er schlug vergeblich gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des
Tageslichtes wagte sich hinein.

Omar nherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend auf und ab;
Abdallah scheute sich, seinen Freund einen Blick in die Wste seiner
Seele thun zu lassen.

Was whlt in deinem Innern so gewaltig? begann Omar, in der Nacht hrt'
ich dich seufzen. -- Was ist dir, mein Abdallah?

Abdallah schwieg noch. -- Nein, rief er pltzlich, -- meine Seele ist
zu schwach fr diesen ewigen Streit! -- die menschliche Natur erliegt
dieser Gewalt, ich bin endlich mde und will mich selbst besiegt zu
Boden werfen. -- Er ergriff Omar's Hand. -- Ja, Omar, hre das Gelbde,
das ich vor dir ablegen will, -- ich will, ich mu Zulma entsagen, mein
Vater bleibe mir und Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den
Becher des Glckes nicht zu kosten, ich willige in diese traurige
Nothwendigkeit. --

_Omar._ Und was hat dich zu diesem Entschlu gebracht, der dir alle
deine Hoffnungen kostet?

_Abdallah._ Meine Menschheit, -- o! ich bezahle sie mit dem kostbarsten,
was ich besitze, vielleicht weit ber ihren Werth, denn ohne Zulma ist
mir die Welt ausgestorben; ich entsage der hchsten Seligkeit auf ewig,
das Gefhl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder aufwachen, nur ihre
Schmerzen bleiben mir auf immer zurck.

Abdallah erzhlte seinem Lehrer itzt, was er gestern in der Stadt gesehn
habe. -- Diese Erinnerung, fuhr er dann fort, hat mir diese Nacht
schlaflos gemacht; wenn ich die Augen schlo, weckten mich Ungeheuer
durch Zuckungen auf, -- o Omar, Omar, giebt es auf der Erde ein Wesen,
das sein Elend mit dem meinigen messen knnte?

_Omar._ Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?

_Abdallah._ Niemals, das Schicksal nimmt mir Zulma, aber kein andres
Weib soll auch jemals in diesen Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch
bleiben. Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu Zulma's
Fen schwur. -- Jeder Freude, jeder Hoffnung sage ich Lebewohl, mit
meinem Elend will ich in die Wste ziehn und dort das Morgenroth mit
meinen Thrnen begren und den Abend mit Klagen rufen, Seufzer sollen
meine Sprache werden und die Wehmuth meine Gespielin. -- Ja, Omar,
dieses Glck ist mir noch brig, diese Freude ist die einzige, die mir
nicht kann genommen werden.

_Omar._ Auch nicht durch deines Vaters Gebot? -- Er will, du sollst der
Gemal _Roxanens_ werden.

_Abdallah._ Nein, das kann er nicht wollen, wenn ich ihm dies Opfer
bringe. Nein, ich komme ihm entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja
mein Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma _kann_ nicht
meine Gattin werden, und Roxane _soll_ es nicht. --

_Omar._ Und dann wirst du in deiner Einsamkeit mit leerem Herzen
glcklich sein? --

_Abdallah._ Ich glaube es itzt, und wenn ich es nicht kann, so will ich
es wenigstens glauben. Alle meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt
zurck, dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen Schmerz und
die schnen Erinnerungen nehme ich mit mir. --

_Omar._ Wenn aber dein Vater auch zu _diesem_ Glck nicht seine
Einwilligung gbe?

_Abdallah._ O, er kann es mir ja nicht beneiden; er ist nicht grausam.
-- Ich will itzt gleich zu meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges
Versprechen erlassen. -- Dann geh ich aus der Welt und eine gerumige
Hhle wird meine Wohnung, Bume und Thiere sind meine Gesellschaft,
ach, nach und nach werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der
Gesellschaft meines Kummers werd' ich zum Greise, und erzhle mir dann
zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwtziges Kind, meine Leiden selbst.
-- Nicht wahr, Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir werden uns
nach Jahren selber unkenntlich, was mir itzt Thrnen auspret, darber
kann ich einst vielleicht lcheln? Endlich ermdet die Quaal an mir und
geht verdrossen hinweg, die Stunde durchluft ihren Kreis und wir stehn
an der schwarzen Pforte, und alles was wir litten, alles worber wir uns
freuten, liegt wie Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir,
da wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die Hand nach dem
Morgenroth ausstrecken und den fliehenden Regenbogen haschen wollen.
-- Alles ist in mir gestorben und wird nie wieder aufleben, die Flammen
meiner Seele sind ausgelscht, mein Busen ist Eis. Zulma ist todt, meine
Liebe ist verschwunden, und was sonst in diesem Herzen brannte, das hast
du erstickt, -- nein, zrne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurck,
unter Felsen und verdorrten Wldern brauch' ich nicht ein Mensch zu sein,
was ntzt mir dort die Tugend und der Glaube an Gott? Ich will mich auf
ewig von der Menschheit losreien und mit den Thieren verbrdern. Ja,
Omar, ich gehe zu meinem Vater.

Er kehrte schnell in das Zimmer zurck. Selim war noch nicht erwacht,
und Abdallah kniete vor sein Bette und betrachtete aufmerksam seinen
Vater, der s lchelte, in holdselige Trume verloren. -- Nein, sagte
er leise, -- jene Gedanken, die sich in der Nacht zu mir hinanschlichen,
sind verflucht, -- Gott! wie konnt' ich sie nur denken, ohne mich zu
verabscheuen? -- diesen Greis, der mein Vater ist, -- diesen, -- nein,
ich mag es mir selber nicht gestehn. -- Nein, dazu bin ich nicht in
die Welt getreten, noch ist Rettung mglich, noch ist nicht die letzte
ffnung zugefallen, durch die ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann.
-- Wie sanft er schlft! -- Wie er mich auch im Schlaf anlchelt! -- Seine
Vaterliebe fhlt die Nhe des geliebten, des einzigen Sohnes, -- als meine
Mutter gestorben war, war ich es, der ihn an das Leben festhielt, und
ich! -- Nein! die Hlle mag sich einen andern Zgling suchen, -- meine
Seele findet hier noch einen Ankergrund!

Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. -- Was will mein Sohn?
fragte er.

Abdallah kte ihn und umarmte ihn glhend. -- O Vater! rief er aus,
-- kannst du deinem Sohne eine Bitte abschlagen, die einzige, die
letzte, die er von dir erflehen wird?

_Selim._ Was kann der arme Selim noch besitzen, das seinem Sohne nicht
auch gehrte? -- Doch nein, Abdallah, -- mein Vermgen sind Thrnen und
Jammer, dies werde dir nicht.

_Abdallah._ Gieb mir deinen Segen, Vater. --

Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.

_Abdallah._ Nein, Vater, ich will dich nicht tuschen, segne mich, wenn
ich dir meine Bitte gesagt habe.

_Selim._ Sprich, mein Sohn, warum gehst du diesen Umweg zum Herzen
deines Vaters?

_Abdallah._ O mein Vater! -- Wenn du mich liebst, wenn dein Sohn nicht
von dir gehat wird, -- o so nimm jenen Fluch zurck, mit dem du mir
einst drohtest. -- Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin werden. --

Er bedeckte mit den Hnden das Gesicht und warf sich nieder, Selim sahe
starr auf ihn hin. --

Sie kann nicht? -- fragte er kalt, -- und was hat der Sohn an dem Willen
seines Vaters zu tadeln?

_Abdallah._ O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, sprich gtiger
mein Vater, oder ich mu verzweifeln! --

_Selim._ Du verlangst Gte, wo du mir nur Trotz giebst? Auch gegen den
ungehorsamen Sohn soll ich zrtlich sein?

_Abdallah._ Nein, ungehorsam schelte mich nicht, -- kein andres Mdchen
soll meine Gattin werden, aber auch Roxane nicht. -- Nur widerrufe jenen
Fluch, Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! --

_Selim._ Ich widerrufe nicht.

Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen Blicke an. -- Vater!
rief er aus, an diesem Fluch hngt das ganze brige Glck meines Lebens,
meine letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! -- Widerrufe,
Vater, du sollst, du mut es, -- o ja und du wirst es auch. --

_Selim._ Nein. In dreien Tagen wird Roxane deine Gattin, oder alle
Verwnschungen, die ein Vater fr seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel
herabflehen kann, fallen auf dein Haupt.

Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. -- Du liebst mich, ja,
Vater, -- o wie wenig kostet dich diese Zurcknahme, -- ach! und wtest
du, wie viel sie mir glte!

_Selim._ Zurck, Ungehorsamer! ich widerrufe nicht, das schwr' ich
beim Himmel und der Pracht seiner Sonne! -- Mein Wort kann ich nicht
brechen, das ich Abubeker gab, um die thrichten Launen eines Jnglings
zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.

Abdallah warf sich wthend nieder. -- Du schwrst? rief er heftig.
-- Nun so schwr' ich hier auch beim Grabe des groen Propheten, beim
Himmel und allen seinen Engeln, da Roxane nie, nie, nie meine Gattin
wird! --

Selim stand zornig auf. -- Ich habe keinen Sohn mehr! sprach er heftig.
-- Ist das die Sprache, in der ein Sohn zu seinem Vater sprechen mu?
Glaubst du mich durch Trotz zu beugen? O hier stoen Felsen auf Felsen,
ich wanke nicht in meinem Vorsatz. -- Du hast den Sohn verlugnet, nun
so will ich denn auch den Vater verlugnen! -- Ich werfe meinen Fluch
auf dich hin und mit Centnerlast mge er dich drcken. -- Alles Unglck
jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der Himmel wende sein Angesicht
von dir ab, wenn die Hlle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am
Busen der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das Mark deiner
Gebeine, in der Einsamkeit liege der Leichnam deines Vaters vor dir,
den dein Ungehorsam zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert,
von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter Krmpfen und
Verzuckungen.

_Abdallah._ O wirf nur Fluch auf Fluch, der Ewige hat mich schon seit
der Geburt verflucht, dein Hllensegen findet nichts mehr zu vollenden.
-- Ha! so spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung,
die er mir auf die groe Reise giebt. -- Wer soll mich segnen, wenn der
Vater mich mit diesen Flchen verwnscht?

_Selim._ Fort aus meinem Angesicht! _Du_ hast meinem Unglck die Krone
aufgesetzt! -- Du gehrst mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick!
hinweg! da ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!

Er verlie das Zimmer wthend.

Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! Ich steh in der
Verdammni eingekerkert, und mein Vater selbst nimmt den Schlssel zur
Pforte und wirft ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung mglich,
die Hlle streckt den Arm ber mich aus und lt mich nicht entrinnen!
-- Er warf sich ohne Bewutsein in einen Sessel und Omar trat herein.
-- Er sahe lange den Jngling mit forschendem Auge an: Hat er deine Bitte
erhrt? fragte er besorgt.

_Abdallah._ Du siehst dies Kochen meiner Brust und fragst noch? O!
wann knnte mir auch eine Hoffnung in Erfllung gehn, wre sie auch so
armselig, da sie der Bettler auf seinem Wege liegen liee! -- Ich darf
nur wnschen und tausend Stimmen schreien: Nein! in meinen Wunsch. -- Das
Schicksal hat mich unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen.
-- O warum ward ich ein Mensch geschaffen? -- Warum mute ich hinter dem
Vorhang hervorgestoen werden, um den Zuschauern zum Gesptt zu werden?

_Omar._ Und dein Entschlu?

_Abdallah._ O was kann ich noch wollen? -- Welchen Entschlu kann ich
noch fassen? Selbst das Elend, das ich mir whlte, ist keine Freisttte
mehr fr mich; wohin ich auch fliehen will, hlt mich ein Abgesandter
der Verdammni fest, die Erde strzt unter mir ein, jede Scholle, an der
ich mich empor arbeiten will, giebt treulos nach, -- was kann ich anders
als mich dem Verderben berlassen?

Omar ging mit groen Schritten auf und ab, seine Augen funkelten, seine
Mienen drohten frchterlich. -- Ha! rief er endlich aus, -- dies ist der
zrtliche Vater, der seinen Sohn so innig liebt! -- Worte sind seine Liebe,
unbarmherzig lt er den Sohn an diesem ehernen Eigensinn verbluten!
Kalt lt er ihn liegen und sterben, hat er doch seine _Vaterrechte_
behauptet! -- Und dieser Grausame nennt sich meinen Freund! -- Wie kann
er ein Freund sein, da er kein Vater ist? Liebe ist ihm fremd, seine
Tugend ist Trotz, Eigensinn seine Standhaftigkeit! -- Ich kndige ihm
meine Freundschaft auf, wer meinen Abdallah hat, den hasse auch _ich_,
Selim ist aus meinem Herzen gestoen, ich will seinen Namen aus meinem
Gedchtni reien! -- Dir auch _dieses_ Glck nicht zu gnnen! -- Diese
Hlle war ihm noch zu schn fr seinen Sohn, er hat hrtere Strafen fr
ihn ersonnen. -- Die Liebe sei verwnscht, mit der ich einst sein Freund
war, fr dich geb' ich die feindselige Welt verloren, was liegt mir an
diesem Selim? --

_Abdallah._ O wr' ich nicht Selims Sohn, o dann, dann wr' ich
glcklich! -- Aber boshaft weht mir das Schicksal alle Unmglichkeiten
zusammen! Nur fr mich wird alles angeordnet zum frchterlichen Scherz.
-- O knnt' ich den Sohn verlugnen, dann wrde Selims Eigensinn
bestraft werden knnen, -- aber, -- es kann, es darf nicht sein!

_Omar._ Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma zu gewinnen. Seinen
Eigensinn gegen deine Liebe. -- Er sollte dir eine Verschreibung werden,
durch die du einen Schatz einlsetest, der dich auf ewig vor dem Mangel
sicherte? -- Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, es darf nicht sein! -- Die
Tugend, die Pflicht, -- o wer kann es alles nennen, was dich von diesem
Gedanken zurckreit? --

_Abdallah._ O ich schmachte nach andern Speisen, ich bin mit Grausen
gesttigt. -- Fhrt mein Pfad zur Hlle, o so ist es besser durch _einen_
khnen Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber noch spricht eine
Stimme in mir, die mich Sohn nennt, die laut um Hlfe schreien wrde,
wenn ich sie ersticken wollte, hundert Gefhle sind mit diesem Ton
verbunden. -- Das Entsetzen der Natur wre in den Abdallah verkleidet,
wenn ich so sehr alles vergessen knnte, was den Menschen zum Menschen
macht.

_Omar._ Nein, du darfst dich nicht von ihnen losreien, verachte sie,
nur halte dich treu in ihrer Mitte; o drftest du nicht die Freiheit,
ein Mensch zu sein, mit allen Schtzen dieser Welt bezahlen! -- Ja, die
Unmglichkeit stellt sich frchterlich vor den Eigensinnigen hin und
beschtzt ihn unverwundbar, -- aber Abdallah! sorge auch bei Tage und in
der Nacht, wachend und schlafend, da niemand die Wohnung deines Vaters
entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem du strebtest. --

_Abdallah._ O, ehe ich Zulma in eines andern Armen sehe, ehe --

_Omar._ Ehe?

_Abdallah._ Will ich sterben. --

_Omar._ Dann hast du die Leiden der Welt abgeschttelt, aber keine der
hiesigen Freuden geht mit dir. --

_Abdallah._ Ach, Omar, dann bin ich todt und die Welt nennt mich
tugendhaft. -- Doch wenn mir Gedanken folgen, wohin keiner unsrer
Erdengedanken dringt, -- ach Omar, -- werden mir dann nicht Freuden
begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? -- Kann ich itzt wnschen,
was ich nicht begreifen kann? -- Nur der Thor und der Verzweifelte
tauscht ein gewisses Gut gegen ein ungewisses aus und glaubt zu
gewinnen.

_Omar._ Und wenn nun unsre Rechnung hier unten schon vllig geschlossen
wrde? Wenn alle Anweisungen auf jenseit falsch und untergeschoben wren,
und wer wird sich fr ihre chtheit verbrgen? o dann -- doch zurck von
diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich habe dir nichts gesagt. -- O,
Abdallah; was hast du dann gegen deinen groen Verlust gewonnen?

_Abdallah._ Ich habe mich selbst verloren und das ist fr den Elenden
Gewinns genug. Dann drckt mich kein Gefhl und kein Gedanke qult mich,
ich liege im khlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt,
kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint mich. Alle
Martern suchen mich dann vergebens auf, sie finden mich nicht; in den
mtterlichen Armen der Erde gehalten scheucht die Zrtliche jedes
Ungemach von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe umweht mich,
kein Traum ngstigt meinen Schlaf, kein Schrecken kann mich zurckrufen.

_Omar._ Nicht sein? -- O die menschliche Natur fhrt vor dem Gedanken
zurck, -- wer wird Leben gegen Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen,
ohne Gefhl und Gedanken, Wrmern eine Wohnung, todt, vermodert und
verchtlich, ein Scheusal jedem lebenden Auge: kein _Schlaf_, keine Ruhe,
kein _Schlummer_, -- sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig
hinausgestoen, _da gewesen und nicht mehr_, -- giebt es in der
Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: _nicht da zu sein_?

_Abdallah._ _Nichtsein!_ O es ist wahr, die Einbildung erblat vor
dieser Vorstellung, -- Leben und Nichtsein. -- Und wenn ich nun alles
dem Halsstarrigen und seinen Entwrfen aufgeopfert habe, wenn leere
Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glcks bewacht haben, Omar,
und ich gehe dann unter, auf ewig unter, -- das Wesen, dem ich meine
Seligkeiten sparte, ist nirgends aufzufinden, -- o ist dies etwas
anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der im ganzen Leben
kargt, um nicht zu genieen und im Tode alles hinter sich lt? --

_Omar._ Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir her, -- aber was willst
du thun?

_Abdallah._ Ha! wer verdirbt nicht den Freund, um die Geliebte zu
retten? Wer wagt nicht die Hlfte seines Vermgens, um das Ganze zu
erhalten? -- Und soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Frsten
gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm beweisen, der
Diener darf nicht die Auftrge seines Herrn prfen, ohne ungehorsam zu
sein. -- Und wo ist die Grnze zwischen Recht und Unrecht? -- Mir ist
es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und welche bse wirkt;
was die Menschen Tugend und Laster nennen, verstrickt sich hier oft
unauflsbar. -- Die Zukunft bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath
zu fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, der ihn elend
machte? -- Wird er zu Ali zurckgebracht, o so hat ihn meine Freundschaft
ermordet, ohne mich wre er noch glcklich. -- Unsre Thaten wandeln oft
ber viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen werden, -- kann
die Schuld auf uns zurckfallen? Sollen wir den Fehler des Zufalls
ben? -- Diese That -- o ich mag sie nicht denken, -- warum knnten
ihre Folgen nicht glcklich werden? knnte sie sich nicht in den
unergrndlichen Strom wei und unschuldig waschen? --

_Omar._ Aber den _Vater_, -- dem du das Dasein dankst, -- zwar nicht ein
Dasein voll Freuden --

_Abdallah._ Nein, voll Todesschmerzen; o wie kann ich ihm fr diese Welt
voll Quaalen danken?

_Omar._ Nein, fr dein Dasein kann der Felsenharte keinen Dank von dir
fordern, denn dann httest du Unrecht ber seine Halsstarrigkeit zu
klagen, ber den frchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt
hat. -- So lange er dann nicht dein _Leben_ endet, hast du keine Ursach
auf ihn zu zrnen.

_Abdallah._ In eine Hlle hat er mich verwiesen und _dafr_ sollt' ich
ihn lieben?

_Omar._ Er konnte aber nicht vorher wissen, da dies Leben dir Pein
zubereiten wrde, -- freilich, eben so wenig, ob es dich glcklich
machen wrde.

_Abdallah._ Nicht er, ein blindes Ohngefhr hat mich in das Leben
gerufen. -- Wute mein Vater denn im voraus, da gerade _ich_, dieser
Abdallah, sein Sohn werden wrde? --

_Omar._ Wre es nicht die Pflicht des Sohnes, vor dem rasenden Vater
Schutz bei den Gesetzen zu suchen?

_Abdallah._ _Vater, Sohn_, nichts als leere Namen, der Verstand mu sich
nicht vom Geschrei der Menge betuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre
Hlle ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten hindern ihn
nie in seiner Forschung. -- Nicht wahr, mein Omar?

_Omar._ Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige der zrtlichen
Vaterliebe, der Frsorge vergessen? Soll er die Sorgen mit kaltem Undank
vergelten? -- Dankbarkeit ist das groe Band, das sich unzertrennlich
durch alle Wesen webt, jeder handelt fr den andern, um sich in seiner
Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit knpft sich Liebe und
Wohlwollen, Wohlthaten und Dank wechseln sich in dem Herzen der ltern
und Kinder aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig anzieht.

_Abdallah._ Dies, ja dies ist das letzte Gefhl, das mich noch an ihn
gefesselt hlt, alle Fden hat er durchgeschnitten, nur dieser eine ist
ihm treu geblieben. --

_Omar._ Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber nicht die hundert
kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, die tausend Freuden, die er
dir zubereitete, das Wohlwollen, mit dem er dich durch das Knabenalter
in die Jnglingsjahre begleitete, -- dafr mut du ihm danken.

_Abdallah._ Omar, es ist meine Pflicht ihn zu lieben.

_Omar._ Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt der Geizige hundertfach
zurck, was er dir gab; die Freude, die das groe Glck deines Lebens
entscheidet, versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat er
dir gegnnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, -- er schenkt dir ein
glnzendes Glas und fordert mit eigenmchtiger Gewalt alle schnen
Hoffnungen deiner Zukunft von dir ein, du mut in einer heien Wste
verschmachten, weil er dir einst einen Trank aus der Quelle schpfte,
du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, der nicht weiter
gehn darf, als seine Kette reicht; strebt er ber ihr Maas hinaus, dann
fhlt er die tuschende Freiheit, dann fhlt er sich an der
unbarmherzigen Mauer festgehalten. --

_Abdallah._ O es ist schrecklich! -- Welch ein Recht, welches Gesetz
liegt in dem Worte Vater, um diese unumschrnkte Gewalt ber ein Wesen
zu haben, das er _Sohn_ nennt? -- Darf dieser Ton die Gesetze der Vernunft
umstoen und aus Menschenfreiheit schndliche Sklaverei machen? -- Der
Tod des Vaters macht den Sohn glcklich, -- warum soll er sich nicht
freuen drfen, da endlich das qulende Band aufgelst wird? -- Ist der
Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem Sohn in das Leben einen
grlichen Fluch mitgiebt, von dem er hofft, da er ihn elend machen
soll? -- Selim stirbt, -- und Abdallah schleppt ein langes Leben wie
eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem Gliede hngt sich die
Pein mit hundertfachen Martern, alle Glckseligkeiten fliehen vor dem
frchterlichen Gerassel zurck, -- ist dies ein Vater, der seinen Sohn
liebt, oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?

_Omar._ Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen den Schmerz der Pfeile,
die ein quaalvolles Leben auf uns abschiet.

_Abdallah._ Warum ward dem Menschen die Vernunft gegeben, wenn er sich
von einer blinden Gewohnheit will beherrschen lassen? Die Vernunft soll
ihn begleiten und ber seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit darf
nur den Unverstndigen hinreissen, dem dieses Steuerruder fehlt, dieser
mu furchtsam landen, wo er die brigen landen sieht, und mit ihnen
sein Schiff wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unntzer
Khnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden Winden und
Wellen ein Spiel. -- Und welche Vernunft, -- Omar, ich spreche es aus,
-- welche hlt mich zurck? -- -- Sprich, denn ich sehe nichts! --

_Omar._ Unsre Vernunft prallt ohnmchtig von allen Dingen zurck, die
jenseit der Menschheit liegen, wir verstehen nicht den Gang der Welt
und die Schrift der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der
Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimni bleiben, -- aber eben
dadurch, da diese Weisheit nicht fr das irdische Gehirn ist, werden
wir deutlich auf die andre Seite zurckgewiesen. Die Natur winkt ihren
Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen zur reichen Tafel ein
und sagt ihnen laut: _geniet_!

_Abdallah._ Da wir da sind, um zu genieen, das ist die Weisheit, die
unser Verstand begreift. Jedes Wesen lebt nur in und fr sich selbst in
einer groen Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das
sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. -- Sein Genu ist es, warum
er geschaffen ward, er hat das Recht, jedes andre Wesen, das ihn im
Genieen hindert, aus seiner Bahn hinwegzustoen. Der Strkere besiegt
den Schwchern, der Lwe bekmpft den Lwen, der Tiger den Tiger, der
Mensch den Menschen. -- Noch ist kein Gestorbener zurckgekommen und hat
gegen diese Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der
Ewigkeit verrathen, -- bis der Leichnam wieder kmmt, bis todte Zungen
dagegen lstern, werd' ich an diese Lehre glauben.

_Omar._ Was wir Tugend nennen, ist blo Gewohnheit, nichts als ein
Gesetz, um die Gesellschaft, die der Mensch errichtet hat, aufrecht
zu erhalten, ohne diese wrde sie sich selbst vernichten. -- Helden,
Gesetzgeber, Weise sind _tugendhaft_, weil sie das Band der Gesellschaft
fester ziehn, Mrder und Diebe nennen wir Bsewichter, weil sie dies
Band zu zerreissen suchen. Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den
Unterschied dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, wenn
es das Wohl der Vereinigung befrdert; schon mancher Mord war heilsam
und mancher Diebstahl lblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den
Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.

_Abdallah._ O ja, Laster und Tugend flieen in einen Strahl zusammen, es
ist hohe Weisheit, da man den Unverstndigeren glauben lt, sie wren
von Ewigkeit her geschieden. --

_Omar._ Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, da du mir einst
diese Lehren so frchterlich wiederholen wrdest, -- o wre mein
Scharfsinn gewachsen, damit ich dir widersprechen knnte! -- _Zulma_
mag es einst versuchen.

_Abdallah._ Zulma? -- O Himmel! Omar, sollte sie mich nicht zu Thaten
aufrufen drfen, durch die ich sie dem hartnckigen Schicksal abrnge;
nur diese That fhrt mich in ihre Arme und sie wird mein Zgern
schelten.

_Omar._ Doch wenn nun diese That, diese einzige, dich auf immer elend
machte? --

_Abdallah._ O wenn ich daran glauben soll, so kann ich meinem Elende auf
keinem Wege entrinnen. -- In Zulma's Armen bin ich unglcklich, meines
Vaters Fluch liegt auch in der einsamen Wste schwer auf meiner Seele,
noch greres Elend steht neben Roxanen. -- Welcher Ausweg bleibt mir
brig?

_Omar._ Nun so ergreife den Pfad, auf welchem die meisten Blumen blhen,
wo der Rasen am hellsten lacht, wo der Himmel blau ber der freundlichen
Landschaft liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. --

_Abdallah._ Werd' ich aber mit Zulma glcklich sein? --

_Omar._ Hr' ich diesen Zweifel aus _Abdallah's_ Munde? Von denselben
Lippen, die neulich in trunkener Wonne nicht Worte fanden? -- Oder ist
es nur Schwachheit, die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die
gern glcklich sein mchte, ohne doch die Schwierigkeiten der Unternehmung
zu tragen? die Fluth strmt hinter dir her, aber du scheust dich, den
schroffen Felsen zu erklettern, der dir die Rettung anbietet.

_Abdallah._ Nein, -- nein, -- Selim stirbt, und kann ich ihm sein
voriges Glck wieder zurckgeben? Wird sein ganzes Leben nicht eine
einzige wehmthige Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und
Hoffnung? -- Er verliert hier nichts, er kann im Tode nur gewinnen, er
dauert, oder lscht aus, -- es ist besser, nicht zu sein, als an dem
Joch eines quaalvollen Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht
sterben, er mu es jenseit besser finden: denn er lt keine Freude
zurck, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat er muthwillig zerrissen.

_Omar._ Der schwache Greis, der schon an der Schwelle des Todes steht --

_Abdallah._ Ha! wenn meine groe Aufopferung ihm Unsterblichkeit gewnne,
-- ha! dann knnt' ich diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann knnt'
ich Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem Fluch in die
Wste ziehn, ja, knnt' ich ihm durch meine Quaalen auch nur noch _ein_
Menschenalter erkaufen, -- aber der unerbittliche Tod lacht ber mich.
Selim mu sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon in wenigen
Stunden nicht mehr.

_Omar._ Wer wrde dir dann nicht verzeihen, wenn du bereutest, da du
mit diesem unvermeidlichen Tod dein Glck nicht der eilenden Zeit
abgekauft httest? -- Dieser Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er
ausgelscht, dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht
erkaufen.

_Abdallah._ Und liegt ihm denn selbst an diesen wenigen Stunden, die
ihm noch zugezhlt sind? Du hast es selbst gehrt, wie sehr er den Tod
wnscht, seit er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. -- Itzt
wrde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine Gewiheit hoffen knnten.
-- Soll ich mich bedenken, ihn glcklich zu machen, oder warten, bis er
sich selbst den Dolch in die Brust stt? --

_Omar._ Das Land mit seinen Brgern war die Freude deines Vaters, einst
ein neues Glck zu sen und die schne Saat aufschieen zu sehen, dies
war der feurigste seiner Wnsche, die khnste seiner Hoffnungen. Fr
seine Mitbrger unternahm er das groe Wagestck, auf das er sein Glck
und sein Leben setzte, -- die Wrfel fielen unglcklich. -- Roxane
sollte deine Gattin werden, um die Ernte jener Aussaat einzunehmen,
aber das Verhngni verschwor sich gegen ihn und an einem Tage ward
alles zernichtet. -- Der Wille deines Vaters knnte entschuldigt, deine
Aufopferung gelobt werden, wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck
deines Vaters erreichen knntest, -- aber sieh umher, tausend
Unmglichkeiten spotten deines Scharfsinns. --

_Abdallah._ Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin fhren, wohin mich
Roxane fhren sollte, sie giebt mir den Thron dieses Reichs, und ich
rotte die Dornen aus, die Ali pflanzte, dann kmmt der schne, der groe
Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen ber dieses Land auf,
ich verwandle es in einen Garten voll schner Blthen. -- Nicht wahr,
Omar, mein Vater wrde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, mich
dem Wohl des Landes aufzuopfern? -- Und ich sume ihn dem Glck der
Brger hinzugeben? Das Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen
der Nachkommen wird mich einst belohnen.

_Omar._ Und Zulma! -- Sollte sie in den Armen eines andern deiner
vergessen? Solltest du einst ihrem Pallast als ein unbekannter Sklave
vorbergehn und sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick
auf dich herabwerfen? -- Solltest du einst als Bettler vorbergehn und
von der geliebten Zulma mit Verachtung abgewiesen werden?

_Abdallah._ Nein, nein, das soll nie geschehen, so lange ein Herz in
meinem Busen schlgt, ist sie mein, noch mein letzter Blutstropfe wrde
fr ihren Besitz kmpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist sie der
Inhalt meiner Gedanken und alle meine Krfte laufen nach diesem Ziele.

Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht widersetzen. Steht
diese That in jenem groen Buche, welcher Finger will die ewigen Zge
verlschen? _Deinetwegen_ wird das groe Gewebe nicht inne halten, der
Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen Willen gefragt. --

Abdallah stand in tiefen Gedanken. --

Du kannst nicht gut, du kannst nicht bse handeln, fuhr Omar fort, _ein_
Geist ist es, der in den Millionen Leben glht, du und ich, Selim und
Zulma sind nur _ein_ Wesen, du arbeitest stets fr und gegen dich, du
kannst eigenmchtig ber deine Handlungen den Ausspruch fllen, und
diese gut und jene bse nennen, wer mag dir widersprechen?

Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten beide das Zimmer
verlassen, Selim kam ihnen zornig entgegen. -- Fort! Verbannter! rief er
aus, so lange der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich dein
Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen Verwnschungen belade!

Omar blieb bei Selim zurck, und Abdallah ging traurig und zrnend in
das Dickicht des Waldes, wo eine einsame Stille ihn begrte, nur von
einem leisen Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten lagen
bereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf den grnen Rasen herab.
--

O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm wird, ewige
Quaalen auf mich herabzubitten! -- und ich zgre und bedenke seinen Tod,
-- ihm wird es so leicht, mich ewig zu verderben, und ich kann diese
Gefhle in meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige Verlust
nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das Land und Zulma nicht laut
dies Leben von mir fordern? und da er es selbst verachtet und fr seine
Mitbrger hinzugeben brennt? --

Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? gegen die dicken
Mauern schlagen vergebens meine Krfte an, -- wenn es sein soll, -- o
dieser Gedanke selbst ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben,
ich kann nichts als ihn nachdenken, -- in den ewigen Gesetzen liegt die
Snde, -- die Hand mordet, die den Dolch ergreift, nicht das Werkzeug,
das der grern Kraft wider Willen nachgeben mu. -- O das ist ein
Gedanke, der mich dem Wahnsinn entgegen fhren knnte. -- Alle meine
Wnsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, -- ich mu, ich mu es
vollbringen, und dann erst wird das Werkzeug aus den Hnden gelegt.
-- Wo finden meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der Ruhe? -- Wo
eine Insel, an die sie im Sturme landen knnen? --

Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum und sahe starr dem
Spiel der Mcken und Gewrme auf der Erde zu. --




Viertes Kapitel.


Ein Gerusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn auf, _Raschid_
stand vor ihm. --

Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die Arme. -- O, rief er,
das ist es, was ich suchte, ja, ein Mensch hat mir gefehlt und dieser
wird mir itzt gesendet.

Wir sind beide unglcklich, sagte _Raschid_, Elend verschwistert unsre
Seelen.

_Abdallah._ Du elend? -- O worin kannst du unglcklich sein?

_Raschid._ Ich? -- Ich irre in der Nacht und am Tage durch verlassene
und wste Gegenden, ich wnsche und hoffe und verzweifle in demselben
Augenblick, -- ach Abdallah! Abdallah! du weit vielleicht, was Unglck
ist, nicht wahr, du wrdest mich glcklich machen, wenn du es knntest?

_Abdallah._ Ja ich wei was Elend ist, Unglck ist mir nicht fremd.
-- Aber was kannst du bei mir wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung?
-- o die kann ich dir geben, -- sieh! dies sind meine Schtze!

Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag es zentnerschwer, er
wollte zu reden anfangen und schwieg dann wieder furchtsam. Endlich
umarmte er den Freund noch einmal glhend: Raschid! Raschid! rief er, du
bist ein Mensch, nicht wahr, es schlgt ein fhlendes Herz in dieser
Brust? deine Seele ist fr Mitleid nicht taub, -- o sprich! nur ein Wort
der trstenden Linderung! --

_Raschid._ Du schweigst? vertraue deinem Freunde den Sturm, der in deiner
Seele wthet. -- Was kann dich so mit Riesenkrften niederdrcken?

Abdallah schwieg noch immer, -- ich liebe Zulma! rief er dann pltzlich.
-- Ach, ich mu dies frchterliche Geheimni in einen Menschenbusen
ausschtten, o trste mich, -- verzeihst du mir, nennst du mich Bruder,
wenn -- hast du je die Allmacht der Liebe gefhlt?

Zulma? rief Raschid und strzte bleich zurck, Zulma? O Unglcklicher!

_Abdallah._ Nur ein Wort aus deinem Munde! _Darf_ ich sie wnschen?
-- macht mich meine Liebe zum Ungeheuer? -- warum starrst du mich so an?
Willst du mir keinen Trost geben?

_Raschid._ Trost? -- Dieses Entsetzen hat mich zu dir gejagt, ich kam zu
dir, um zu deinen Fen mir mein Glck zu erbetteln, -- du liebst Zulma,
-- o Unglcklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre bis in das
Innerste deiner Seele, -- auch Raschid liebt diese Tochter der Sonne!
aus dieser Quelle sind alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit
Jahren gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.

_Abdallah._ Du liebst sie? du? -- O Raschid, hinweg! du bist nicht mehr
mein Freund! -- ich verlange einen Ton der mich trstet, ich schlage
verzweifelnd an die Laute, -- aber alle ihre Saiten sind zerrissen, kein
Wiederhall in der ganzen Schpfung!

_Raschid._ Darum bin ich hier, Selim sollte mich glcklich machen, du
solltest mir ihn abtreten.

_Abdallah._ Nein! nein! -- O beim Unendlichen, alles thrmt sich immer
hher und hher, alle Schrecken wachsen zu Riesen auf und werfen sich
mir entgegen. -- Nein, nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein
und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in mein Glck zu
greifen.

_Raschid._ Hinweg Freundschaft und Mitleid! die Liebe kmmt ihren Thron
zu besteigen! Ich bin nicht mehr Raschid, nicht mehr dein Freund -- Ja,
ich will den groen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre Freundschaft
sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hlle um Hlle, alle Schrecken gegen
einander, -- Zulma ist mein! mein, sag' ich, -- endlich hat der Himmel
den Verstoenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber ausgeshnt.

_Abdallah._ Raschid, ich ziehe allmchtig diese Waage nieder, die zu den
Wolken aufgeschnellt wird, dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du
dich lagern willst, -- Zulma liebt mich! --

_Raschid._ O sie wird, sie mu mich einst lieben, deines Vaters Elend
ist eine Leiter, die mich in den Himmel trgt, ich will verwegen bis
auf die letzte schwindelnde Sprosse steigen und wie ein Gott auf die
armselige Welt hinabsehen.

Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mchtig zurck. -- Wohin willst
du? rief er aus, Schrecklicher!

Zu Ali, antwortete _Raschid,_ dein Vater ist ein Unterpfand, das
mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht vergebens deinen Schritten
nachgeschlichen; o ich mu eilen, denn ich fhl' es im Innern meiner
Seele, fr Zulma wrd' ich freudig meinen Vater und meine Mutter der
Schlachtbank berliefern.

Sie rangen hartnckig mit einander. -- O noch, noch verweile, rief
Abdallah, nur diesen einzigen Tag noch, nur diese Stunde schenke mir
noch mitleidig!

Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? antwortete Raschid.
-- Nein! zurck von mir! -- Er ri sich gewaltsam los und entflohe mit
der Eil des Windes, auch keinen flchtigen Blick warf er seinem Freunde
rckwrts. --

Abdallah sahe ihm betubt und schwindelnd nach. -- Ha! nun ist es ja
entschieden, sagte er mit unterdrcktem Lcheln, meine Martern habe ich
umsonst geduldet, Zulma ist mir ewig, ewig verloren. -- Ha! wie es in
meinem Innern tobt und wthet! -- Kalt steh' ich da und sehe, wie auch
meine letzte Freude von einem fremden Vorbergehenden lachend gemordet
wird. -- Er verhhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach seinem
glnzenden Ziel, -- nur ich zgernder Thor schlage mich mit tausend
Zweifeln und verliere den groen Augenblick. -- Zulma nicht mein,
Raschids? -- O das, das kann, das soll nicht sein! So weit drfte dieser
Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? -- Was hlt mich denn zurck?
-- Wollte er nicht seinen Vater dieser Wonne ohne Bedenken opfern? -- O
er ist ja auch ein Mensch, -- er liebt ja Gott und betet das Schicksal
und die Tugend an und dennoch, -- mir ist alles genommen und doch zgert
meine Trgheit noch? Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tdtlichen
Streich herabgerissen und ich kmpfe noch gegen diesen Schlag, -- und
mu Selim nicht dennoch sterben? -- Er mu -- und ich und Zulma sind
unglcklich, -- ja, ja, es mu sein, -- ich hre die Stimmen umher
brllen, die mich zur That anmahnen. --

Er drngte sich in wthender Eil durch die Gebsche und sahe auf der
Landstrae Raschid schon weit voraus, der der Stadt zueilte. Gengstigt
rennt er ihm nach und strzt wie beflgelt hinter ihm her, seine Augen
sahen den Weg nicht, sein Athem rchelte laut, oft bi er knirschend die
Zhne zusammen. -- Endlich erreichte er ihn matt und ohne Bewutsein.
-- Halt! rief er laut, -- halt an mit deiner Beute, Betrger!

Raschid sahe rckwrts und erblickte Abdallah, er wollte ihm von neuem
entfliehen, aber gewaltig ergriff ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurck.
-- Nein, du sollst mir nicht entrinnen, schrie er wthend, schwre hier
durch einen grlichen Eid dich von Zulma los, -- oder beim Propheten!
ich vergesse unsre Freundschaft, so wie du sie vergessen hast.

Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug seine Arme um ihn
und hielt ihn mit der Kraft eines Riesen an seine Brust geklammert.
-- Zurckgerissen von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen
Dunkel verschmachten, schwre Zulma ab und wirf deine frechen Wnsche
hinter dir, -- ha! Selim ist _mein_ Vater, nur Vatermord kann dich
Zulma's wrdig machen.

Ich schwre nicht! schrie Raschid auf, -- von mir Schndlicher! fr
Zulma ring' ich mit dir um Leben und Tod. --

Er versuchte es, sich mit allen Krften aus Abdallah's Armen zu
schleudern, aber dieser drngte ihn zu fest an sich, Raschid bi ihn
mit den Zhnen wthend in den Arm, um sich frei zu machen. -- Sie rangen
unter einem dumpfen Gebrlle gegen einander, krftig warfen sie sich hin
und her, die Erde drhnte unter ihren Tritten. -- Endlich warf Abdallah
den ermdeten Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. -- Willst du itzt
Zulma zurckgeben? schrie er und stierte ihn mit einem eisernen Blicke
an. -- Nein, nein, und mt ich ewig dafr verdammt werden, nein! brllte
ihm Raschid zu. -- Abdallah zog einen Dolch und stie ihn in die Brust
des berwundenen, ein groer Blutstrom strzte hervor und flo ber
die Erde. -- Unter krampfhaften Zuckungen starb Raschid endlich, ein
Schleier zog sich ber sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag
bleich und unbeweglich da. --

Abdallah stand ber ihm und betrachtete ihn mit frchterlicher
Schadenfreude. -- Warum rufst du nicht mehr Zulma's Namen aus? sagte
er bitterlchelnd, wirst du mir sie itzt noch abkmpfen wollen? -- Kann
ich nun ruhen, ohne deine Eile zu frchten? -- Nun wirst du sie nicht
gewinnen, die Wrmer nehmen dich in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o
ich will es dir in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, -- Zulma
ist mein! -- Ha, warum bist du im Augenblick so kalt, gleichgltig und
trge geworden? -- Liebst du Zulma nicht mehr? -- verdient sie itzt
nicht mehr die Huldigung deiner Wnsche? --

Ein pltzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er wandte sich und flohe
mit Windesschnelligkeit zur Stadt.




Fnftes Kapitel.


Er strzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein Rasender durch die
Straen, alles wich ihm furchtsam auf seinem Wege aus, man hielt ihn fr
einen Wahnsinnigen, der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann sahe
ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er schweifte wthend umher und stand
itzt vor dem Pallast des Sultans. Als er hineinstrzen wollte, hielten
ihn die Leibwchter zurck. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrngen,
er schrie laut, man sollte, man mte ihn zum Sultan fhren, man stie
ihn wie einen Unsinnigen fort; da er aber stets von neuem und stets
dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab und lie ihn in
den Pallast treten. _Mehmed,_ der Vezier, begegnete ihm, Abdallah's
Knie zitterten, seine Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier
sahe ihn mitrauisch an und ging endlich in das Gemach des Sultans.
-- Abdallah stand zitternd auf dem langen Gange vor den Thren der
Zimmer, er wute nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorbergehende
Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, wie einen niegesehenen Fremdling,
er sahe scheu umher, alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mrder zurck.
Sein Zustand war frchterlich und doch wnschte er ihn verlngert,
sehnlich wartete er auf die Erffnung der Thr und konnte sich diesen
Augenblick nie als wirklich denken; ein wehmthiges Entsetzen, eine
fremde Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfllte, herrschte
in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth und nichts verhat, er war
sich selber abgestorben, in einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er
sich endlich Mhe zu entdecken, warum er dort stehe und auf was er
harre. -- In einzelnen Streifen brach sich der Sonnenschein durch die
Fenster und er betrachtete aufmerksam die kleinen zitternden Strahlen,
die sich zusammenwebten und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes
Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen von hundert Kleinigkeiten,
dann sahe er wieder nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise
Ahndung sprach in ihm an, als mte er sich vor ihren Blicken schmen.
-- In der Ferne flog ein Schall den langen Gang hinab, mit seinem todten
eiskalten Blick sah er hin, es war _Zulma,_ die mit einigen Sklavinnen
dicht vor ihm vorber in ein Gemach ging, ein Schleier bedeckte ihr
Gesicht, aber er erkannte ihren Gang und den Glanz ihres Auges durch
die Verhllung. Alle seine gefesselten wthenden Leidenschaften wurden
pltzlich von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, er kam zu
sich selber zurck und fand jedes Entsetzen in der grauenvollen Wohnung
wieder. Er starrte dem Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn
nicht erkannt. -- Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender Gedanke, -- und
was willst du? -- Ha! die Verdammni hlt dir noch einmal die trgende
Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht _Zulma_, die vorberging?
-- Es ist _meine_ Zulma, sprach er in sich weiter, sie ist _mein_, jetzt
geh' ich hin und bezahle den groen Kauf, die Hlle reicht mir ihre
Verschreibung. -- Jetzt, jetzt wird der frchterliche Augenblick nahen,
der mich zum ernsten Verhr fordert, doch auch _er_ wird vorbergehen,
die Zeit verschlingt geizig alles. -- Aber auch mein Glck wird
verschwinden, es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, Zulma
_war_ mein und dann? -- Nein, nein, ich will die Zeit festschmieden und
ihre Rder zerbrechen, lahm soll sie langsamer von dannen schleichen.
Die Wonne der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; wenn
ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich die Hlle nicht an mich
hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, o, ich will, ich _will_ glcklich
sein, -- ich will schwren, da ich nicht elend sein werde, der Fluch
Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu zurck, in Zulma
finde ich die Tugend und Gott, nur hier will ich anbeten, ich will mir
selber Trotz bieten; die Seele ist verchtlich, die nicht Muth hat, von
sich zurckzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, nur
der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung ist der Elende
elend, -- ha! ich trotze dem Schicksal und der Allmacht, ich will khn
schroffe Klippen erklettern und mit hohnlachendem Triumph meine Krnze
aus den Schrecken pflcken, -- wer, wer kann mir verbieten glcklich zu
sein? Wer will meinen frechen Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen
Elend auf mich herabsprechen? -- o er versuch' es, der Ewige, -- _mich_
treffen seine Flche nicht, -- mein Glck ist meine Tugend, ohne Zulma
bin ich unglcklich, -- Tugend ist ein nichtiger Schall, der verdammende
Richter hat in seinem Busen nie die Menschheit gefhlt, -- ein tyrannisches
Schicksal hat eherne Gesetze fr uns geschrieben, der Ewige hielt seine
Erschaffenen fr Engel, -- er selber versteht die Menschheit nicht,
-- darum zertrmmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, oder er ist
ein Tyrann, der die Schpfung belebte, um sich ihrer Quaalen zu freuen. --

Die Thr des Gemaches ffnete sich. Der Vezier des Sultans trat heraus
und fhrte Abdallah in ein prchtiges Zimmer; Ali sa in einer kalten
emprenden Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah
starr entgegen; der Jngling warf sich vor ihm nieder.

Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, Abdallah wagte es
nicht, die Augen aufzuheben. Seine Sinne hatten ihn verlassen, er chzte
laut in einer todten Betubung. -- Was willst du? fragte ihn endlich der
Sultan mit zurckschreckender Klte.

Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den Knien liegen. -- Was
ich will? -- antwortete er leise. -- O diesen groen, schrecklichen,
einzigen Augenblick wollt' ich. -- Itzt, itzt ist er da! -- Was such'
ich hier? -- Warum kam ich hierher? -- Wer bist du?

Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem Unsinnigen!

Sklaven nherten sich und wollten ihn hinwegfhren, Abdallah widersetzte
sich ihnen stumm, -- nein, rief er endlich aus, lat mich! Ich mu hier
bleiben, eine groe Entdeckung fhrte mich vor deinen Thron, darum hre
mich an. -- Ali winkte, und die Sklaven entfernten sich wieder.

Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du gehst nicht lebendig aus
diesem Saal!

Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich mu sprechen, von itzt an hab'
ich keinen Willen weiter. -- O Zulma! Zulma! -- Ali, du hast ein groes
Kleinod ausgeboten, du hast dem Zulma verheien, der Selim deiner Strafe
ausliefern wrde.

_Ali._ Ja.

_Abdallah._ Wirst du dein Versprechen halten?

_Ali._ Beim Propheten!

_Abdallah._ O so ist sie _mein!_ ich bringe dir das Geheimni, gegen das
du sie austauschen mut.

Ali sprang heftig auf. -- Selim? rief er, Selim? O meine Rache lechzt
nach diesem Blute, sprich es aus, wo ist er? Wo kann ich ihn finden?

Abdallah schwieg. --

Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht mit neuer Macht in
meinem Busen auf, foltre meine Ungeduld nicht lnger, -- oder beim
Propheten --

Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. -- Hab' ich es ausgesprochen, das
frchterliche Wort? O nein, nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich
Sultan, sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? -- O lat mich, lat
mich schweigen, meine Worte werden zu Migeburten, die meinen eignen
Busen verwunden, ich bin an die Schwelle der Verdammni gekommen, o lat
mich wieder rckwrts schreiten.

Sein Krper zitterte in einer frchterlichen Angst, er wollte sich
aufheben, aber er sank wieder kraftlos nieder.

Verwegner! sprach Ali zrnend, bist du Frecher hierhergekommen! meiner
zu spotten? -- Du kannst nicht wieder zurckfordern, was du gesagt
hast; sprich, oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausqulen,
die du mir verweigerst. --

_Abdallah._ Und es mu also sein? die frchterliche Frage ist nun auf
ewig entschieden? -- Nun so sei es denn!

Er hob sich mhsam auf, seine Stimme zitterte, sein Gesicht war bleich,
sein Blick starr. -- Er beschrieb dem wthenden Ali den Pfad, der zu der
Wohnung Selims fhrte, er nannte ihm die Zeichen, an denen man den Weg
erkennen knnte. Ali befahl seiner Leibwache, diesen Weg aufzusuchen und
Selim zu ihm zu fhren. -- Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem
Saal hinauswanken.

Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst hier, bis die
Abgeordneten zurckkommen; sind deine Nachrichten Lgner gewesen, so
soll dein Leben fr deine Frechheit ben.

Abdallah blieb zurck und sahe wieder starr vor sich nieder.

_Ali._ Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde dieser Tag als ein Fest
gefeiert, Jubelgesnge sollen durch den Pallast jauchzen, durch die ganze
Stadt eine laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, hat noch
kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, wie noch kein Sterblicher
gestraft worden ist. Ich will darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen
meinen Launen will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, heut will
ich nach langer Zeit wieder frhlich sein. Frchterlich will ich unter
meine Feinde treten, alles um mich her will ich verwsten, was mich
hat. Auf Liebe darf ich nicht mehr hoffen, aber _frchten_ soll man
mich immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, da man mich
ungestraft verachten drfte. -- Ich will den Trotzigen zittern sehn und
sollt' ich mein Gehirn mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim
lugnet mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen Tiger in mir
finden. Nur durch Martern will ich zu ihm sprechen, die Folter soll mein
Dolmetscher sein.

Bebend hrte Abdallah die Worte Ali's, er sahe ihn mit einem stieren
Blicke an, kalt und ohne Leben wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali
fuhr zornig fort:

O da das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, _ein_ Tod ist zu wenig, um
diesen Frevel abzuben, ich wollte ihn mit Flammengeieln durch hundert
Tode und Leben peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum
Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, bis er in Demuth
zitternd um Gnade flehte und den letzten Tod als ein Geschenk erwinselte.
-- Hat der Bsewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals
Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein Bettler gegen ihn? Und
mit niedrigem Neide steht er auf, mir auch das letzte zu stehlen, das
Leben, ein Gut, das er verachtet, das einzige, was mir nur brig blieb,
da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen haben. Meine einzige
Perl? -- O dafr soll er keine Verzeihung finden, und wenn er mir alle
Schtze seines Busens wie einem Erben hinterlassen knnte.

Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, lnger konnte er sie
nicht ertragen, er ri mit Gewalt seinen Geist von diesen grlichen
Vorstellungen zurck. Und _Zulma_? fragte er mit zitternder Stimme.

_Ali._ Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist mein Sohn, mein
ganzes Reich soll es erfahren, da du mein Sohn bist. -- O ich bin
glcklich, da diese Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache
geworden ist, durch diese _eine_ That belohnt sie meine vterliche
Zrtlichkeit.

Zulma mein? -- stammelte Abdallah. --

Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen Namen noch nicht
genannt.

Abdallah fuhr erschrocken auf. -- Wer? schrie er laut. O da ich es
vergessen drfte! da dies Andenken sich nicht so frchterlich an mich
hinge! -- Ha! wer bin ich? -- -- Nein, kein Mensch, kein Thier, kein
Teufel, -- o hinweg mit der Schaam! selbst diese geziemt dem Verworfenen
nicht mehr. -- _Ich bin sein Sohn._

Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. --

Ich war einst Abdallah, antwortete er.

Ali fuhr bleich zurck, erblassend sah sich das Gefolge des Sultans an,
ein starres Entsetzen bemchtigte sich eines jeden, man betrachtete den
Jngling als ein fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter,
auf ewig entlaufen sei.

Ihr fahrt zurck? sagte Abdallah. -- Selbst Ali erblat, vor dem
schchtern jede menschliche Empfindung zurckbebt, ha dieser Blitzstrahl
dringt allmchtig durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fhlt
es, er freut sich, da er ein Mensch ist! Wie war es denn mglich,
da ich ber diese unermeliche Kluft sprang und nicht im Springen
zerschmettert wurde? -- Nun steh' ich jenseit und strecke die Arme nach
der Vergangenheit aus. -- Ha! warum erblat ihr? -- Ihr fahrt zurck
wie vor einem Verbrecher, der an die letzte frchterliche Grnze aller
Laster gekommen ist, ihr scheut euch mich Bruder zu nennen, -- ach, ein
hartes Verhngni weht mich wie einen Staub umher, ich mu der sein, der
ich bin. --

Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. -- Ich nannte dich so
eben Sohn, sagte er langsam und leise, -- Zulma bleibt dir, -- aber mein
_Sohn_ kannst du nicht werden. --

_Abdallah._ Weil ich diesen Namen auf ewig gebrandmarkt habe, ha! Vter
werden bei diesem Ton zusammenfahren und Mtter schaudern; seit Abdallah
seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefhl durch die Brust
der ltern, die Hlle jauchzt, der Himmel weint, Greise wetzen Dolche fr
den ungebornen Enkel, mein bser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen
und steht mssig zu meiner Rechten, diese That endigt das Verzeichnis
meiner Snden; alles, was ich nun noch thun kann, ist nichtswrdig gegen
diesen glnzenden Triumph.

Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:

Nun ich ber den Grnzstein ausgeschritten bin, o Himmel, nun ich
jenseit aller Menschen wohne, o so nimm mir auch das Bewutsein und
meine Gedanken, -- was sollen sie mir dort in der verbrannten Wildni?
-- Gie den Wahnsinn in vollen glhenden Schalen auf mich herab! -- Itzt,
itzt kann ich wahnsinnig werden, ich fhl' es, -- ich gebe dir den Funken
zurck, den du mir grausam geliehen hast. -- Aber das Schicksal ruft
frchterlich: Nein! Ja mir selbst wchst unaufhrlich der Schierling,
der mich in Todeskrmpfen zittern lt, zum Bewutsein verdammt zieh'
ich selber die Feuerflammen und Verdammniquaalen um mich herum, dieser
Geist ist meine Hlle und giebt mich nie wieder frei. -- Itzt ist auch
die letzte, die traurigste Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die
Verzweiflung berstanden und bin noch der ich war; o warum ist unsre
Tugend und Ruhe nicht so felsenhart und unzerbrechlich, als dies kalte
qulende Bewutsein?

Unglcklicher! sagte Ali, wie war es mglich --

Abdallah unterbrach ihn: -- Kann ich es selbst begreifen? das Verhngni
und Zulma, -- ich habe diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich
mich selbst dabei verspielte? -- Zulma, Zulma soll es mir alles ersetzen,
ha! oder ich will einst den Richter jenseit bitter anklagen, da er mich
um mein Leben betrog, da er mir hmisch einen groen Tausch anbot -- und
mich schadenfroh hinterging --

Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! du lsterst den Herrn,
Elender! -- Was hilft es, da du gegen die Last kmpfest, du wirst sie
niemals abwerfen. --

Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward milder, sein Auge
menschlicher. Er dachte ber einen Gedanken nach, der ihn wehmthig
machte.

Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu seinem Vezier. -- Wer
tadelt mich nun noch, da ich die Menschheit verachte? Wer darf noch
murren, wenn ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gltig
anerkennen will? -- Sie selber sendet einen aus ihrer Mitte, der ihre
schwarze Verrtherei entdeckt, der den verchtlichen Betrug entlarvt. Bis
itzt hab' ich noch immer gefrchtet, an diesem Geschlecht zu irren, aber
nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin berzeugt! Was hat Selim von mir
gewollt, da sein Sohn, den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine
Stimme schreit? -- Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verchtlichkeit
und Meineid mir warnend auf der Grnze entgegenkommen? diesen Bothschafter
hier nennen sie selber tugendhaft und er schlgt das Vermgen unter,
das sie ihm anvertrauten und entluft knechtisch mit seiner Beute. -- O
hinweg von mir, was sich mit dem Namen Mensch brstet! Ihr Stolz ist
Niedrigkeit, ihre Tugenden sind nur unterdrckte Verbrechen, von itzt
sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, der sich durch
keinen blendenden Glanz bestechen lt. Ich will ihren Stolz verfolgen,
bis er zur Demuth wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswrdigkeit der
Hlle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie fr die ewige
Verdammni gefangen nehmen. Selim hate mich, weil ich die Menschheit
hate, weil ich sie nicht lieben konnte, wollte er das Band meines
Lebens zerreissen, diesen hat er fr seine Menschheit erzogen und er
verlugnet sie auf ewig. -- Mit Selim will ich mein strenges Amt beginnen,
statt zu verachten will ich das Siegel itzt _verhhnen_, auf das diese
Elenden so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, ber ihre
allgemeine Vernichtung wrde die Erde und der Himmel jauchzen. Selim ist
die erste Beute, die mir aus dieser schndlichen Rotte zugeworfen wird,
an ihm will ich dreist sndigen, an ihm sollen sie eine Probe ihrer
Verfolgung sehn und zittern. -- Kmmt er noch nicht? Ich schmachte nach
seinem Anblick, itzt will ich ihm mit Khnheit entgegengehn, denn unser
groer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage gewonnen, er
soll zusammenfahren. Alle Quaalen will ich an ihm ermden und ihn dann
erst des Spielwerks berdrssig, in die Vernichtung werfen.

Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren da gestanden, er
hatte kaum Ali's Worte verstanden. Pltzlich brach wieder ein Ton durch
die taube stumme Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet
unter den flchtigen Schatten, er wachte wie aus einem Rausche auf.

Mchte des Himmels! rief er pltzlich in lauter Angst, -- was, _was_
hab' ich gethan? Ha! wie bin ich hierhergekommen? -- Wer ist es, der aus
meinen Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst Abdallah
nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner Behausung geworfen und zerstrt
seine Wohnung, o knnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! -- Nein, dies
hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen Brand im Innern meiner
Seele hat noch kein Sterblicher erduldet.

Er strzte wthend nieder.

Allmchtiger! rief er. -- _Was_ hab' ich gethan? -- Vernichte mich,
Grlicher, damit ich aus diesem Traum erwache! -- Nur einen, einen
Donner auf mein Haupt, la ihn zerstrend durch mein Herz rollen und den
Blitz durch diese Brust flammen, -- wirf mich in die Hlle hinab, nur
rette mich von _diesem_ Gefhl, la die Verdammni mich nur von _dieser_
Quaal erlsen! -- Himmel! wie ein Nachtwandler wache ich pltzlich auf
und finde mich in eine Todtengruft verirrt. -- Reit mit glhenden Ketten,
mit Feuerhaken diesen angeklammerten Drachen aus meinem Busen, der
wthend mit scharfem Zahn in mein Eingeweide beit! -- Beschtzt mich
Geister der Hlle und schlagt diese Erinnerungen zurck, die zu mir
hinanspringen! -- O Ali, Ali, -- ruf deine Henker und la mich vernichten,
wenn noch ein einziges Menschengefhl unter den vermoderten Ruinen
liegt, -- findest du nur noch eins, das letzte, o so la mich sterben.
--

Ali sahe kalt auf ihn herab. -- Du sollst leben, sagte er.

_Abdallah._ Leben? -- Ha! du geizest mit dem Tode! Selim soll sterben,
ich bin dieser Wohlthat nicht werth. O wenn du nur noch einen Klang von
der zerrissenen Harmonie in dir sprst, wenn meine Quaal dir denkbar
ist, -- o so la ihn nicht sterben, gnne dir selber diesen ersten groen
Sieg, versuch es nur diesmal, nur dies einzigemal, -- und wenn dich dein
Gefhl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.

_Ali._ Selim mu sterben. --

_Abdallah._ Sterben? -- O wie kalt du dies eine Wort aussprichst, an das
sich meine ganze Seligkeit gehngt hat. -- _Sterben?_ -- Fhlst du, was
ich in diesem einzigen Wort verliere? -- mehr, als mir tausend Kronen
ersetzen knnen, mehr als diese Erde werth ist. -- O Ali, denke den groen
Gedanken, durch _einen_ Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem
Gott emporschwingen, der mir mit freigebiger Gte den Himmel schenkt,
der gromthig mich aus der Hlle nimmt und sie verschliet, -- o Ali,
_sterben_ kann mein Vater durch den Dolch eines jeden Sklaven, -- aber
dann steht die ganze Schpfung da und kann den Hauch des Lebens nicht
wieder fesseln, der flchtig den Krper verlie, -- nur die Allmacht
kann zu ihm wieder sagen: _lebe_! O Ali, du darfst itzt des Allmchtigen
Stelle vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei gromthig,
sei menschlich. --

_Ali._ Er mu sterben. --

_Abdallah._ Nein, la ihn den Wink des Ewigen erwarten. -- Du findest
ihn dort einst wieder: la ihn dir als Freund entgegengehn. Wnsch' es,
da du den heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet
findest.

_Ali._ Nein, er mu sterben, _heut_ sterben. -- Wer bist du mir? Und fr
dich sollt' ich diese Freude verloren geben? --

_Abdallah._ Sterben? und unter Martern sterben? -- Nichts kann diesen
frchterlichen Ausspruch vernichten? -- Unter Martern, die bis in die
fernsten Pulse der menschlichen Natur zucken? -- Nun so hufe Quaal auf
Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf Schmerzen, trinke sein Blut und
la dir seine Gebeine vorsetzen, flle das Maa meiner Verdammni bis
oben an, da auch keine Faser von mir der Hlle entrinne. -- Nun es
Flche gilt, o so strme die Unendlichkeit mit Millionen Flchen auf
mich ein, -- nun bin ich einmal tief hinein in Raserei verirrt, nun mag
kommen was da will. -- Siehe, Grlicher, nun zittre ich nicht mehr, nun
scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, so verworfen ich bin, so
fhl' ich doch noch, da _ich_ ihm verzeihen wrde. -- Ich unternahm das
frchterliche Spiel, um mein Glck, um Zulma zu gewinnen, -- du aber
stehst von deiner Felsenklte gepanzert da -- und freust dich blo der
Todesquaalen. Du gewinnst durch seine Schmerzen nichts und ich verliere
alles. -- O nun drnge sich Verderben auf Verderben, nun die Wrfel einmal
gefallen sind, nun strze der Himmel und die Erde zusammen und begrabe
alles in _eine_ Hlle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast meine Geduld
verspottet und mich zur frchterlichen Grnze des Wahnsinns gerissen und
nun trotz' ich dir und Gott. Was kann ich noch frchten, da ich selbst
mein grtes Entsetzen bin? -- Ich knnte frech den Ewigen zum Zweikampf
fordern und fluchend niedersinken. --

Er strzte zu Boden, brllte laut und schlug heftig mit den Fusten
seine Brust, der Vezier trat hinzu und wollte ihn hinwegreissen, aber
Ali hielt ihn zurck. --

La ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lcheln, mich ergtzt die Ohnmacht
dieses Wurms. Er mchte sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein
Bewutsein an sein Verbrechen geschmiedet. -- Sieh, dies ist der Mensch,
der Wiederschein des Ewigen. -- Sieh, wie er in der Wuth sich wlzt und
wie ein Rasender brllt, -- wrdest du ihn dir als einen Edelstein unter
verchtlichen Gewrmen hervorlesen? La ihn liegen, -- o beklage mich,
da ich zum _Menschen_ ward, ich schme mich meiner selbst!

Abdallah's Bewutsein kam zurck. -- Derselbe Leichnamsblick kmmt mir
wieder entgegen? sprach er matt und leise. -- Sieht so ein Mensch aus?
-- O dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde sie mitleidiger
finden, als dich.

_Ali._ Ich bedaure dich. --

_Abdallah._ Es ist nicht mglich, -- dann wrde dein Auge eine andre
Sprache reden. _Ali._ Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das mit dir
einen Rang in der Schpfung hat, ich bemitleide mich selbst und darum
bedaure ich dich. Weil ich euch verachte, will ich deinem Vater die
Quaalen erlassen, mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, auch
ihre Schmerzen knnen mich nicht vergngen. Stehe auf, ich erlasse sie
ihm.

Abdallah stand langsam auf, er ging betubt zurck und stand ohne
Bewutsein und Gedanken an die marmorne Mauer gelehnt, Ali sahe starr
vor sich nieder.

Es erhob sich ein Gerusch im Hofe des Pallastes, der Vezier eilte an's
Fenster.

Was ist dort? fragte Ali. --

Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache hereingefhrt. -- Wie stolz
der Verwegene seine Ketten trgt! --

Man hrte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus seinem Todtenschlafe
auf. --

Ketten? sagte er leise. -- Ketten? -- O wohin soll ich mich verbergen?
--

Das Gerusch kam nher, Abdallah drckte sich fester an die Mauer und
bedeckte mit den Hnden das Gesicht.

       *       *       *       *       *




Sechstes Kapitel.


Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali fhrte. Er stellte sich
stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blick an; Selim
hielt unerschrocken diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.

Du bist mein! rief Ali aus. --

Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat es so gewollt.

_Ali._ Und du zitterst nicht?

_Selim._ Nein. --

_Ali._ Da du in meiner Gewalt bist? --

_Selim._ Was soll ich frchten? Du hast die Gewalt mich zu tdten und
ich wnsche den Tod. --

_Ali._ Auch einen martervollen Tod?

_Selim._ Endlich mu doch die _letzte_ Marter zu mir kommen, die mich
mitleidig frei macht. Wie soll ich Martern frchten, wenn sie nicht ewig
dauren? -- Wie kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle
Stunden scheuen? --

_Ali._ Du wnschest den Tod und dies knnte mich versuchen, dich nicht
zu tdten.

_Selim._ Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es keine Freude, keine
Hoffnung mehr. Ich mag nicht in einer Welt leben, wo dein Wille,
dein Befehl alle Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit grerer
Kaltbltigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod auszusprechen.
-- Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; da ich sterben konnte, da du
Sieger sein konntest, diese Mglichkeit hatte ich nicht vergessen und
darum bin ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefat,
entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. --

_Ali._ Du httest mich dem Tode bergeben?

_Selim._ Ja, denn du machst dein Volk unglcklich und es verdient
glcklich zu sein. --

_Ali._ Du httest mich unter Martern sterben lassen.

_Selim._ Nein, fr _dich_ wre der Tod die grte Strafe gewesen.

_Ali._ Du verachtest mich?

_Selim._ Lehre mich, wie ich dich ehren kann. --

_Ali._ Du kannst mich hassen, nur verachten sollst du mich nicht. --

_Selim._ Nimm mir meine Meinung.

_Ali._ Du wirst zittern!

_Selim._ Vor dir? -- Niemals! -- dies ist also der Ali, vor dem Asien
bebt? das Schrecken des Volks, der Mann, mit dessen Namen Mtter ihre
Kinder zur Ruhe bringen? -- Ich htte ihn schrecklicher geglaubt. -- Dies
ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die Hand, auf deren Wink
das Leben wie ein Hauch entflieht? -- O versperre dich, Sultan, in
deinem Pallaste, werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin
kommen, da keiner vor dir zittert.

_Ali._ Du wagst es, mich zu verspotten?

_Selim._ Was kann ich wagen? -- Das Leben hass' ich, so wie ich dich
hasse, deine Martern veracht' ich, wie ich dich verachte, -- nenne mir
ein Wort, das die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der mich
erzittern macht; du kannst es nicht. -- Sieh, ich bin ber dir und ber
dem Schicksal erhaben. -- O sieh' mich nicht so drohend an, dein Blick
fllt vergebens so flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher,
ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trg' ich nicht diese
Ketten, o so mtest du in _meiner_ Gegenwart zittern, ein Verrther hat
dir dies Zittern erspart, ein Verrther hat meinen Vorsatz vernichtet,
auf ihn komme das Elend des Volks, nicht ber dich. --

_Ali._ Nicht ber mich?

_Selim._ Nein, -- du verachtest die Menschheit, du verkennst ihren Werth,
Menschen gelten dir weniger als Pflanzen, durch Schtze kannst du sie
nur belohnen, durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung von
dem Gefhl, das den Menschen zum Menschen erhebt, -- und darum bemitleid'
ich dich, darum verzeih' ich dir.

_Ali._ Verworfner? du verzeihst mir? -- Welcher Stolz spricht aus diesem
Sklaven? -- Fhrt ihn hinweg!

Die Leibwache wollte ihn wegfhren, als Selim sich noch einmal zu Ali
wandte: --

Und was gewinnst du mit meinem Tode? -- sprach er mit fester Stimme, wird
dein Zittern enden mit diesem Schlag? -- Wirst du weniger beim Schall des
Windes und vor deinem Schatten zurckschrecken? -- Die Tyrannen tragen ihre
Strafe in ihrem eigenen Busen. -- Dein Volk hat dich und du weit es, die
Welt verachtet dich und du verachtest dich selbst. -- Hartnckig ringst
du mit dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelentrgheit
herauszureissen, -- aber du vermagst es nicht. -- Ich sterbe und du lebst,
-- aber beim Allmchtigen! ich mchte dein Schicksal nicht mit dem
meinigen vertauschen! -- Schon da ich _dich_ im Tode verliere, ist ein
Gewinn, ein Leben, ber das _du_ in jeder Stunde gebieten kannst, ist
kein Gut fr mich, ein Glck, das von dir abhngt, kann kein Glck sein.
-- Und welches Leben, welches Glck bleibt _dir_ zurck? o sieh in die
Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden freudenleeren Wste.
-- Ohne lieben zu knnen und ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du
jeder Stunde entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude vertilgt,
ein ewiger Durst, der nie eine lschende Quelle findet. -- Deine Brust
ist hohl, du schmst dich ein Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten,
treulos haben sie dich alle verlassen. -- So lebst du -- und stirbst
endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stndlich Freuden und vertraust
dich unbefriedigt jedem neuen Tage, der letzte sinkt unter, -- du bist
nicht mehr und glaubst auch nicht gewesen zu sein, -- Und darum, weil
ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!

Ali stand nachdenkend. -- Noch drut der Mordstahl in deiner Hand, fuhr
Selim fort, noch erzittert alles rund umher vor deinem Machtspruch,
-- aber eine freudige Aussicht thut sich mir auf. -- Unaufhaltsam bricht
der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer nher, armselig wird
deine Schreckensstimme in dem Brllen der Orkane verwehen, dann, -- o
sie kann nicht fern sein, diese Zeit, -- dann fhlt die Menschheit ihre
groe Kraft und fhlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen mit einem
furchtbaren Klang und du zitterst! -- Dann lscht kein Mord die hellen
Flammen aus, dann gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit
fordert ihre ewigen Rechte zurck; -- ich kann ruhig sterben, denn diese
Zukunft lacht mir entgegen.

Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, Abdallah eilte
hervor und strzte vor seinem Vater nieder. --

Du hier? fragte Selim freundlich; glcklich, da ich dich gefunden habe,
mein Herz suchte dich schon auf dem Wege, aber doch wird mir der
Abschied von dir diese Reise erschweren. --

Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit dumpfer Stimme. Er
klammerte sich schmerzhaft um seine Kniee, alle seine Pulse schlugen
gewaltsam, seine Brust rchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater
hinauf.

Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die Arme deines Vaters. -- Er
umarmte ihn. -- Mit diesem Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder
von dir, den ich voreilig ber dich ausgesprochen habe, wenn ich _dir_
fluche, welche Seligkeit lasse ich dann auf dieser Welt zurck? -- Nein,
Abdallah, aller Segen des Himmels komme auf dein Haupt herab. -- O vergieb
dem Vater, der vom Zorne bereilt ward, vergieb ihm, geliebter Sohn! --

Vater! Vater! schrie Abdallah laut, -- dein Segen brennt glhend auf
meinem Haupte, gieb mir meinen Fluch zurck, er machte mich glcklich.
Fluche mir, Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz elend
machen willst. --

_Selim._ Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat dich mein Unglck in
diese Wuth gesetzt? -- o la mich, ich sterbe freudig. Ehre das Andenken
deines Vaters und Abubekers Tochter werde deine Gattin.

_Abdallah._ Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! die Hlle ist mein
Paradies; Flche sind meine Freude!

_Selim._ Ich mute ja doch bald sterben, Abdallah, -- la mich, du bist
nicht Schuld an meinem Tode, wir sehn uns einst wieder.

_Abdallah._ Nein, nein! du bist mir ewig, ewig verloren; wir sehn uns
nie wieder, ach! du weit nicht --

_Selim._ Wir wollen Abschied nehmen, nur auf ein Menschenalter. Ich
lasse dir meinen besten Segen zurck, mein Geist wird ber dir wachen,
meine Seele der Wchter deines Glcks sein. Ich will der Gehlfe deines
guten Engels werden, -- nur verzeih meine Hrte, geliebter Sohn, mit der
ich heut am Morgen mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. --

Abdallah schlo sich ohne Bewutsein krampfhaft an seinen Vater, Selim
hielt ihn in seinen Armen und sahe wehmthig auf ihn hin. -- Komm zurck,
sagte er zrtlich, denn ich mu scheiden, von dir und von dieser Welt;
ich habe genug gelebt, bleibe du zurck, entfliehe von hier und suche dir
ein besseres Vaterland, hasse den Bsewicht und liebe den Tugendhaften,
ehre Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens gegen dich
anstrmen; du wirst in dir selber stets eine unversiegbare Quelle von
Glck entdecken, das dir kein Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an
den Edlen reicht das Unglck nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit,
kein Bsewicht kann ihn niederdrcken, er lebt und geht aus dem Leben
hinaus ohne zu klagen, denn er wei, da er dort den Lohn seines
Edelmuths empfngt. --

Nimm mich mit dir! rief Abdallah. -- An deiner Seite wird man es nicht
wagen, mich vom Eingange des Paradieses zu verscheuchen. O la mich mit
dir sterben!

_Selim._ Nein, Abdallah, du bleibst zurck, bis dich der Richter fordert,
bis die Jahre ihren Kreis gemacht haben, bis die Welle deines Lebens in
das groe Meer der Ewigkeit fliet, -- bis dahin sei ruhig, wir sehn
uns wieder. -- Trste dich mit dem schnen Augenblick, in welchem ich
freudig meinem Sohn entgegen gehen werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe
unzertrennlich verbindet; wo wir uns mit Lcheln von den hiesigen
Trumen erzhlen, -- o halte mich nicht lnger von diesem schnen
Aufenthalt zurck, der Tod ist nur eine Brcke, die mich dorthin fhrt,
-- Lebe wohl! --

Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser hing sich fest
an seinen Vater. -- Ich lasse dich nicht, ich kann dich nicht lassen,
schrie er wthend, fluche mir und ich gebe dich frei, bergieb mich der
Hlle und ich will dich dem Paradiese lassen. -- Vater, du weit nicht,
wen du in deinen Armen hltst.

Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete Selim. --

Als du mir heut zrntest, antwortete Abdallah, als du mir fluchtest, da
liebt' ich dich, da warst du mein gtiger Vater, hinweg! itzt mu ich
dich hassen, denn du labst dich an meiner Hllenpein.

Abdallah stie seinen Vater wthend von sich, Selim sahe ihn befremdet
an. --

Ist das mein Sohn? sprach er leise. -- Welcher bse Engel spricht aus
deinem Munde?

_Abdallah._ O erst hast du mich in die Verdammni tief hineingestoen,
dein Arm ist zu schwach, mich wieder zurckzureissen, dein Segen wird
den Fluch nicht von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen
ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand nicht lschen.

_Selim._ Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig gemacht, geliebter Sohn?
-- Komm aus deiner Raserei zurck, ich mu fort, lebe wohl.

Er umarmte ihn noch einmal zrtlich, sein Ku ruhte lange auf den Lippen
seines Sohnes, Abdallah lag erschpft in seinen Armen, sein Auge hing
matt an den Blicken seines Vaters. -- Lebe wohl, sagte der Jngling
schluchzend. Thrnen strzten ber seine Wangen. Sein Vater wollte ihn
verlassen, er drckte stumm die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest
in der seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm los,
Abdallah taumelte zurck und sank gefhllos gegen die Mauer. --

Auch _dies_ hab' ich berstanden, sagte Selim, und wandte sich zu Ali,
dies war die Marter, die mir meinen Tod schmerzhaft machte; itzt magst
du dich an meinen Schmerzen ergtzen und kein Sthnen, kein chzen soll
dir einen schadenfrohen Triumph gnnen. --

Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. --

Du glaubst, fragte er ihn hhnisch, nichts kann dich mehr erschttern,
nun dieser Abschied vorber ist?

_Selim._ Nichts. --

_Ali._ Hte dich, da ich dich nicht schaamroth mache und du als ein
Lgner vor mir stehst.

_Selim._ Ich wiederhole es, nun mag kommen, was da will, ich will ihm
mit festem Auge in's Angesicht sehen. --

_Ali._ Du stirbst gern? --

_Selim._ Ja.

_Ali._ Du liebst, du achtest die Menschheit?

_Selim._ Wrd' ich _dich_ sonst je haben hassen knnen? -- Ja, knntest
du mir diesen Glauben an die Menschheit nehmen, dann wrd' ich dich
fr meinen Sieger anerkennen, dann, nicht eher, wrd' ich mein Leben
bereuen, dann, dann htt' ich umsonst gelebt, dann wre mein Stolz
eine verchtliche Traumgestalt, die Arbeit meines Lebens ein nichtiges
Kinderspiel gewesen, ich wrde die Stunden zurckwnschen, in denen ich
Menschenglck aufbaute und an dem Reichthum meiner Seele sammelte,
_dann_ wrd' ich wnschen, Ali gewesen zu sein.

_Ali._ Und wenn ich dich nun dahin bringen knnte?

Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, -- dann, sagte er
schchtern, dann wrd' ich vor dir zittern. -- Aber nein, unmglich,
diesen Glauben kannst du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was
willst du von ihrem Adel wissen? --

Ali lchelte ihn hhnisch an. -- Bist du nicht neugierig, den kennen zu
lernen, der mir deinen Aufenthalt verrieth? fragte er mit funkelnden
Blicken.

Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, sei es, wer es wolle.

Ali ergriff die Hand Selims und fhrte ihn dann zu Abdallah. -- Dieser
ist es! sagte er schnell.

Selim fuhr bla zurck. -- Soll ich dieser Lge glauben? sagte er
nach einigem Stillschweigen; nein, Ali, dazu ist sie nicht fein genug
ersonnen.

Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher Miene.

_Selim._ O Lgner, sieh dies Auge, diese entstellten Zge, diese
Todesblsse, und wiederhole dann deine Worte noch einmal.

_Ali._ O dann wre mein Triumph noch tausendmal herrlicher, wenn er itzt
nicht bereute. --

Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick auf Abdallah hin; Abdallah
schlug die Augen nieder, alle seine Glieder zitterten.

Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim auf. -- Nicht mit _einem_ Ton,
durch _einen_ Blick widerlegt er diese grliche Lge? -- Soll ich dies
Stillschweigen fr Bewutsein halten?

Abdallah drngte sich fester an die Mauer, er wnschte, da ihn die Erde
verschlingen mchte und schwieg.

Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. -- O wenn ich _hier_
zweifeln soll, dann ist alles, was ich glaubte, Irrthum, dann -- o
ich Unglckseliger! -- dann Ali, geb' ich mich besiegt. -- O Himmel!
Abdallah! Abdallah! sprich zu deinem Vater, hre meine letzte Bitte.
-- Er fate die Hand Abdallah's. -- Sprich, und zerrisse der Ton mein
Ohr, nur _eine_ Sylbe, nur _einen_ Athemzug: sprach er Wahrheit? --

Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte strker, sein Busen kochte,
mit matter stockender Stimme stammelte er endlich: Ja!

Ja? -- sagte Selim und lie pltzlich seine Hand niederfallen. -- Ja?
-- Nun dann bin ich von einem tiefen Schlaf erwacht. -- Auch _dir_ hab'
ich verziehen. --

Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. -- Auf _diese_ Verdammni
httest du nicht gerathen und httest du dein Gehirn zersprengen sollen?
fragte er ihn boshaft. -- Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehrt zu
den Edelsten der Menschheit? -- Sieh, dies sind die _Verehrungswrdigen_
unter der Natterbrut. Selim, nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun
ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim Ewigen schwur, ist kein
Meineid, -- ich habe, was ich wollte, ich sehe dich _zittern_!

Ein Fieberschauer schttelte Selims Gebeine. Ich habe die Menschheit nie
gekannt, sagte er sehr ernst. -- Noch einmal sahe er mit starrem Auge nach
seinem Sohn, dann verlie er stumm den Saal, -- die Leibwache folgte ihm.
-- Ali sahe ihm schadenfroh nach. -- Ich bin gercht! sprach er freudig,
fr die Menschheit hat er gekmpft und sie fllt in seiner letzten Stunde
treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen bittern Kelch reichen!
So gro htt' ich meinen Sieg nie getrumt. -- Er wagte es nicht, mich
anzusehen, -- nun kann ich ihn verachten!

Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein Gesicht war todtenbleich,
alle Glieder in einer frchterlichen Erschlaffung erstarrt, man sahe
kaum, da er Athem holte.

Verloren! verloren! schrie er dann pltzlich. -- Er schwieg wieder,
alles war still, nur zuweilen tnte ein abgerissener brllender Schrei
Abdallah's durch den Saal. -- Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust,
tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick zugleich,
Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen strmten durch seine Seele.
-- Mein Vater! mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter Stimme.
-- O dies war sein letzter Blick! -- dies! -- o Ewiger, warum starb
ich nicht vor diesem Blick? -- Er hat mir vergeben? -- Nein, eine
heihungrige Quaal nagt an mir. Alles ist zerstrt und vernichtet, o
mein Vater! -- Stille, da ich diesen Namen nicht nenne! Vater? -- Ich
bin kein Sohn, ich habe keinen Vater! -- Nein, wie Abdallah sieht kein
Sohn aus, -- ich bin von der Menschheit ausgestoen! Teufel sind meine
Brder, die Hlle ist meine Heimath.

Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, Ali winkte ihm: man
gebe ihm den Trank noch nicht, sagte er. Der Sklave ging.

In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem Vater der Tod gebracht!
-- Ha, wie die bsen Engel alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehre
ich ihnen leibeigen, nichts wird mich loskaufen. -- Mein Name ist aus
der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch der Verdammni steh' ich
eingeschrieben, -- bald wird mir die frchterliche Rechnung vorgelesen
werden! -- --

Ali ging ihm nher und sagte: Verweile hier, ich gehe um Selim sterben
zu sehn. -- Itzt wird er den Giftbecher nicht so muthig, so verchtlich
leeren. Hhnisch lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner
Thaten und seiner Begeistrung schmen. -- Diese Wonne will ich mir nicht
versagen.

Ali ging und der Vezier und die brigen begleiteten ihn. -- Abdallah
blieb in dem weiten Saal allein, alles um ihn her schien ihn mit
frchterlichen Gesichtern anzublicken, er stie wthend seinen Kopf
gegen die Mauer.

Itzt! itzt! -- sprach er leise, -- itzt trinkt er den Becher, itzt
lachen Ali und sein schndliches Gefolge ber die Todeszuckungen meines
Vaters; Selim denkt an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch
schrecklichern Krmpfen. -- O Abdallah! Abdallah! -- Wardst du darum
geboren? -- O nun ist jenes frchterliche Ziel herangerckt! -- Auf
ewig, auf ewig bin ich verloren! -- Selim! -- Abdallah! -- Die ganze
Natur wird in ihr Chaos zurckspringen, denn die Liebe ist todt, alle
Elemente werden von neuem feindselig gegen einander kmpfen und die Welt
in Trmmern schlagen. -- O warum gerade _ich_, unter Millionen ich der
Verworfene, der seinen Vater ermorden mu? -- Nur _ich_? -- In diesem
Gedanken grinst mich die ganze Hlle an.

Er stand von neuem in einer dumpfen Betubung.




Siebentes Kapitel.


Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er ihn sahe und strzte sich
wild in seine Arme. Rettung! Rettung! schrie er heftig. -- Omar, rei
mich durch deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert;
o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so unbeschtzt allen diesen
frchterlichen Quaalen berlassen? -- Bin ich deiner Hlfe nicht mehr
werth? Liebt kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit untreu
geworden ist? -- Omar! rette mich vor mir selbst! sieh, ich bin fast
wahnsinnig, o knnt' ich es ganz werden, ich wre glcklich!

Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich nicht _so_ zu finden.

_Abdallah._ Nicht so? -- O und wie anders? Wie kann ich anders sein?
-- Wundre dich, da du mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat
noch mit so vielen Martern gerungen. -- Ich sollte ruhig sein, itzt, da
mein Vater unter grlichen Schmerzen knirscht? --

_Omar._ Er leidet nicht mehr. --

_Abdallah._ Itzt?

_Omar._ Er ist todt!

_Abdallah._ Todt? -- Todt? -- Er war und ist nicht mehr. Todt? O wie
viel liegt in dem armseligen kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen
abgebt. --

Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar vergeblich zu zerstreuen
suchte. -- Ich habe ihn gehabt, fuhr er dann fort. -- _Gehabt?_ -- O
Himmel, mein Vater, den ich so zrtlich liebte, der mich so innigst
liebte, _dieser_ ist _todt_. Von seinem Sohne geschlachtet, hingegeben
der Mordgier durch Abdallah. -- Ach, Omar! Omar! -- So eben htt' ich
durch Zulma seine Martern abkaufen mgen und nun klag' ich darber, da
er sie nicht mehr fhlt. --

_Omar._ Sei weise, Abdallah. La das, was vergangen ist, vergangen sein.
-- Was hast du gewonnen, wenn dich diese Gedanken ewig qulen? Zweifle
an allem was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine Hoffnungen
kommen dir gekrnt entgegen, siehe, es fehlt keine in ihrem feierlichen
Zuge, geh mit heitrer Stirn auf sie zu, wie es dem Glcklichen ziemt.
-- Hinweg mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Brutigam, der seine Braut
erwartet; Tausende sind unglcklich, ohne des Glcks zu genieen, das dein
ist. _Zulma_! rufe diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurcktreten,
feigherzig entflieht dann jeder Kummer.

_Abdallah._ Zulma? -- O das war eine Seligkeit, auf die ich einst so
sehnlichst hoffte, aber auch dieser Strahl ist hinter Wolken untergegangen,
auch diese Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. -- Du
zeigst, um mich zu trsten, auf ein Grabmal hin, in welchem ein Freund
schlummert, der einst meine Wonne war.

_Omar._ O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, ruf nur einen Strahl
jener Entzckungen zurck, mit denen du ehemals ihren Namen dachtest. --

_Abdallah._ Ach Omar, sie wird mir ein ewiges Verzeichni meiner Verbrechen
sein, alle beseligenden Gefhle sind auf ewig von mir hinweggeflohen,
nur die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knpfen sich an jedes
Wesen, an jede Erwartung. --

_Omar._ Rei dich aus dieser trgen Seelentaubheit, zeige den Schaudern
eine Heldenbrust, und sie werden zurckstrzen!

_Abdallah._ Nein, Omar, auf welche Freude darf der Vatermrder rechnen?
Jedem andern Verbrecher verzeiht der gtige Himmel einst, aber des
Vatermrders Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel
wrden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones erbleichen. Seit
Ewigkeiten ward ich ausgelesen, ein Spott des grausen Verhngnisses zu
sein und dies frchterliche Spiel wird sich niemals enden. -- Ach! knnt'
ich wieder werden was ich war, knnt' ich zu dir sagen: weck mich auf!
und ich erwachte dann und alles, alles wre nur ein Traum gewesen, stnde
dann der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, wrst du
derselbe Omar, der du ehedem warst, -- ach! als ich deine Lehren noch
mit kindlicher Unbefangenheit in mich sog, als ein zrnender Blick
meines Vaters oder von dir das Unglck dieser Erde fr mich war, als ich
froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des Morgens mich zu neuen
Freuden weckte, als ich mich so unbesorgt und mit kindlichem Lcheln
jedem Tage berlie, der mich dem folgenden berlieferte, -- o wann kann
ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist dieser Abdallah so
pltzlich jenseit aller Verbrechen und Laster geschleudert? -- Himmel!
wie nahe liegt mir die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken _Mrder_
zurckbebte? -- Und _selbst_ ein Mrder sein und der verworfenste von
allen Mrdern, _Vatermrder!_ -- o drft' ich an die Unmglichkeit
glauben, drft' ich der Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit
mir selber wieder vershnen. -- Aber nein, es ist! Nicht wahr, Omar, es
ist? --

_Omar._ Es war.

_Abdallah._ Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmchtige selbst kann mein
Verbrechen nicht von mir wieder abkaufen. -- Ach, Omar, als mein Vater
hrte, da sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, -- ach, da
sahe er mich mit einem Blicke an, -- o es war ein entsetzlicher Blick,
nie wird meine Einbildung diesen Blick verlieren, keine Stunde meines
Lebens war mir noch so frchterlich, als diese, noch nie war meine
Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick des Auges; alles
Entsetzen lag darin. La mich nur diesen Blick vergessen, Omar, und
ich will das freche Versprechen wagen, alles brige zu vergessen!

_Omar._ Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir selbst. --

Ali und sein Gefolge kamen zurck. -- Auch keinen Schrei konnte ihm der
Tod auspressen, sagte Ali mrrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein
Leben, er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum Schlafen auf
sein Lager wirft; der Schmerz whlte in allen seinen Zgen und trieb
seine Glieder frchterlich geschwollen auf, aber er sahe dem grlichen
Anblick wie einem Spiele zu. -- Auch kein Seufzer ist ihm entschlpft.

Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die den betubten Abdallah in
ein Bad fhrten. In Trumen verloren that er ohne Besinnung alles, was man
von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit kstlichem Balsam und schmckte
ihn mit reichen Kleidern, er bemerkte kaum diese Vernderungen. -- Mit
Gold und Purpur geschmckt ward er in den Saal zu Ali zurckgefhrt.

Alle Groen des Reichs waren hier versammelt, der Saal schimmerte von
Edelsteinen, himmelblaue Polster mit Gold geschmckt lagen an den Seiten
des Saales. Jedermann begrte Abdallah ehrerbietig, alles neigte sich
tief, er zwang sich heiter umherzusehen und jeden Gru mit Freundlichkeit
zu erwiedern.

Prchtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah hatte sie noch nie
so schn gesehn, er fuhr unwillkhrlich auf und eilte ihr entgegen: mit
ihr trat ein Priester herein. --

Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die Hand Abdallah's. -- Ich
gebe sie dir, sprach er, so wie ich sie dir verheien habe; deine Treue
gegen deinen Frsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, und
meine Gnade und die Gunst des Himmels wird ewig auf dich herunterblicken.

Der Priester sprach den Segen ber beide aus, die Gste warfen sich
nieder und wnschten ihnen Glck. -- Abdallah sahe immer starr vor sich
nieder, nur zuweilen drckte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe
oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke nicht und brtete
wieder in seinem dumpfen Nachsinnen weiter.

Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gste entfernten sich, um im
Garten die frische Khle der Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma
standen allein im Saale. --

O so ist denn endlich, begann Zulma, der groe, der frchterlich schne,
der langerwnschte Augenblick herangekommen, an dem ich von jeher
zweifelte? -- So sind denn nun alle meine Wnsche erfllt? -- O wie
zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurck, als ich dich vor dem
Pallast stehen sahe, ich wute wie sehr mein Vater dem deinigen zrnt,
-- aber nun ist ja alles vorber, -- ich sinne vergebens, wie du durch
die Unmglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir gekmpft
hast, -- aber sei's, auf welche Art es wolle, ich halte dich in meinen
Armen und bin glcklich, und was will ich denn noch mehr als dieses
Glck? Da ich glcklich bin, daran wei ich genug, alles brige ist
mir heute gleichgltig und ohne Werth. -- Aber warum bist du so stumm,
Abdallah? Meine Freude schwatzt und die deinige schweigt in ein stilles
Nachsinnen verloren?

Abdallah sahe auf. -- Fhlst du dich glcklich in meinen Armen? fragte
er leise.

_Zulma._ So glcklich wie im Paradiese.

_Abdallah._ Ganz glcklich?

_Zulma._ Knntest du daran zweifeln? --

_Abdallah._ O so ist der Fluch des Ewigen nicht auf meine Stirn geprgt,
-- und du fhlst nicht, da du in den Armen eines Mrders liegst?

_Zulma._ Eines Mrders?

_Abdallah._ Hrtest du den Herold nicht das schreckliche Gebot ausrufen?

Himmel! -- du hast nicht, -- sagte Zulma mit banger Ahndung, -- sie
konnte, sie wagte es nicht, weiter zu sprechen.

Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater verloren, um dich,
dich zu gewinnen!

Zulma fuhr erblassend zurck, sie wollte ohnmchtig niedersinken, aber
Abdallah fing sie in seinen Armen auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe
sie ihn starr an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie
wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in einem schrecklichen
Krampf hielt er sie fest an seine Brust gedrckt. Du bist mein! mein!
schrie er laut, -- ich habe dich der Hlle abgerungen und keine Hlle
soll dich mir wieder rauben, -- so wie du mir gehrst, gehrte noch kein
Weib dem Manne, jedes Haar deines Hauptes ist durch einen Fluch erkauft.
-- O Zulma! Zulma! auch du willst mich verlassen? -- Fr dich hab' ich
mich ja der Verdammni verpfndet, fr dich, nur fr dich bin ich der
Natur und meiner Menschheit abtrnnig geworden und habe wthend an meinen
eignen Gebeinen genagt, -- o hier ist noch die letzte Freistatt meiner
Seele, in kein andres Gebiet darf sich der gebrandmarkte Verbrecher
wagen, nur die Liebe nimmt ihn gtig auf. -- O Zulma! an deinen Busen
gelehnt sollen mich deine sen Lippen Vergessenheit lehren, hier will
ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten genieen, -- o dich hatt' ich
vergessen, als ich dem Ewigen meine Freuden aufkndigte.

Ein Mrder? Ein _Vatermrder_? schrie Zulma schrecklich auf. -- O hinweg
Ungeheuer aus meinen Armen, du bist nicht mehr Abdallah!

Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte Hoffnung, nimm mir
diese und meine Wollust ist Raserei und Gotteslsterung! -- Wenn mir
auch diese Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze Meer
der Verdammni hineinwerfen, da Rettung doch unmglich ist! Nein, Zulma
mu mir bleiben, oder der Allmchtige ist mehr als grausam, er hat
ja eine ganze Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese
wenigen Jahre hier unten.

Grlicher! sagte Zulma. -- O du hast mir ein entsetzliches Geheimni
entrthselt. -- Liebe sollte sich in deine Brust hinein erkhnen? Wo das
Grausen auf einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren
Wchter sind? -- Nein Abdallah, -- meine Liebe ist seit diesem Augenblick
erloschen; o Entsetzlicher, ich frchte dich, wie sollt' ich dich lieben
knnen?

Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, ich fluche dir mit
entsetzlichen Flchen, denn um dich hab' ich die That gethan, ich weihe
dich zur Verdammni und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an dich
und reisse dich mit mir in die Hlle, die meiner wartet.

_Zulma._ Du rasest, Abdallah. -- O hast du mich so gewinnen wollen?
-- So? -- hinweg! -- die Menschheit hat dich ausgestoen, was will der
Verworfne in _meinen_ Armen? Ich gehre ihr noch an, -- ich habe meinen
Vater nicht ermordet, -- wenn ich mit seinem Blute besprtzt zu dir komme,
dann wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!

Abdallah lie sie fahren. -- Diese Furchtbarkeit sagte er, fehlte noch an
der grlichen Zahl, Zulma weicht zurck; nun ewige Quaalen nehmt mich
in Empfang! -- die Liebe vergiebt mir nicht, -- was soll ich von dem
strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von mir los, nur ich selber
bleibe mir brig. Vernichtung, strme hervor! Brause heran, Verderben!
-- Hlle, ffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, in
welchem ich dich zuerst erblickte!

Abdallah warf sich erschpft auf einen Polster, Zulma wagte es nicht,
ihn anzusehen, sie trocknete sich heimlich kalte Thrnen des Entsetzens
von den Augen. -- Ihr Vater kam mit den Gsten aus dem Garten zurck.




Achtes Kapitel.


Auch Omar trat itzt mit den brigen Gsten herein und bewillkommte
Abdallah. -- In einem bunten Gewhl durchkreiste sich alles frhlich und
sprach und schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen durch
den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche Mahlzeit; Lichter
glnzten auf goldenen und silbernen Leuchtern und blendende Schimmer
zitterten durch das Gemach. Alle Augen sahen frhlich umher, alle lachten
und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, wie ein Gegenstand
ihres Spottes, sein Auge verirrte sich in der Versammlung und starrte
dann wieder unbeweglich auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, der
ihm am nchsten stand, zu sprechen, aber sogleich brach er wieder ab, ohne
 es selbst zu wissen, und verlor sich in seinem grlichen Stillschweigen.
-- Zulma wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit ihrem
Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah hin. -- Endlich erblickte
Abdallah seinen Omar im Gedrnge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte
ein bekanntes Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen Gefhlen vertraut
war. Abdallah und Omar gingen auf und ab.

Auch das letzte Glck, sagte endlich Abdallah, ist mir abtrnnig
geworden, Zulma liebt mich nicht.

Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.

O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. -- Diese Liebe war nur ein
sehr kurzer Frhling, der schwarze Winter kmmt zurck. Siehst du, wie
mir alles, alles ungetreu wird? -- Ach Omar, ich wanke wie in einem
Traum einher, -- knnt' ich mich ruhig in mein Grab hineinlegen! O htt'
ich nie gelebt!

Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hrte nicht auf seine Worte, er
blieb in sich selbst zurckgezogen und seufzte schwer.

Das Gastmahl war inde angeordnet, die Lichter glnzten in helleren
Schimmern, das Gewhl verlor sich itzt, man ordnete sich und setzte sich
an den Tisch. Zulma sa zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.

Man a und alle waren froh und vergngt, Sklavinnen tanzten, sangen und
spielten auf Guitarren und Theorben, andre schlugen kleine Handpauken,
andre Cymbeln.

Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich nieder, Zulma anzusehen
wagte er nicht. --

Unter einer frhlichen Musik tanzten die Sklavinnen und sangen:

     Schwebt in sen Melodieen
     Sanftgesungne Hochzeitslieder,
     Und in immer sern Tnen
     Grt des Brutigams,
     Grt das Ohr der Braut. --

       Wonnelieder
     Sprechen in den frohen Tanz,
     Jauchzende Gesnge
     Schweben in leisem Fluge
     Um euer beglcktes Haupt.

  Wie ein goldner Blthenregen
  Schwimme Glck auf euch herab,
  Wie nach Wettergewlken
  Sich Regenbogen
  Durch die Finsterni spannen,
     So komme stets nach trben Stunden
     Die Freude unermdet wieder. --

Die Tnze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, ein zauberischer
Wohlgeruch flo durch den ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glnzten
von Frhlichkeit. Abdallah war betubt, er hatte alles vergessen, die
Tnze und Gesnge hatten ihn so sehr aus sich selbst herausgerissen,
da er mit der Freude eines Wahnsinnigen jedem frhlich entgegenlachte.
Von einer wilden, thierischen Frhlichkeit berauscht umarmte er bald
Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lchelte zuweilen und spiegelte
sich munter in seinen Augen. Die Gesnge jauchzten und Abdallah jauchzte
zuweilen laut in die tanzenden Chre. Auch Ali schien frhlich, seine
Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, der einzige Mann in
seinem Reiche, vor dem er zitterte, war nicht mehr. --

Eine lange Gestalt drngte sich itzt aus dem Gewhl hervor, dicht
eingewickelt in schwarzen Gewndern zog sie einher, ein stiller Schauer
begleitete sie, alles wich zurck. -- Zu einer Laute hrte man leise
singen:

   Die Hlle hat den Snder angenommen. --
   Dem Feigen ziemen keine Kronen,
   Nur der Muth kann sie erringen;
   Seht ihr den Frevler
   Unwissend
   Neben seinem Verderben sitzen? --

Abdallah fhlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rcken hinunterging. Die
seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah vorber, sie schlug das Gewand
vom Kopf zurck, es war _Nadirs_ altes todtenbleiches Gesicht; er trug
einen Spiegel unter seiner Hlle; -- Omar's Gesicht spiegelte sich von
ohngefhr, -- und o des Entsetzens! es zeigte sich so, wie es Abdallah
in dem wunderbaren Zauberpallast gesehen hatte.

Der Greis verlor sich wieder in dem Gedrnge.

Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem Freunde, -- horch!
-- hrst du nicht unter den Gesngen eine Stimme leise: Vatermrder!
chzen? -- horch! horch! wie der Ton eines Sterbenden, -- das ist sein
Geist, -- Vatermrder! seufzt es so schwer, so abgestoen, wie mit einer
innigen Herzensbangigkeit. -- O! schlagt die Guitarren und Theorben! rief
er laut, bis ihre Saiten springen! berschreiet diesen verwegenen Mahner
und jagt ihn betubt aus dem Saale, lat die Pauken lauter donnern!
-- Schlagt alles in einen furchtbaren Klang zusammen, da keine fremde
Stimme hrbar werde! --

Die Gesnge wurden lauter und wilder, die Tnze wthender, wie schieende
Flammen, so schnell flohe und verfolgte man sich, in immer knstlichern
Geweben verschlungen:

  Schlag an das Sterngewlbe
  Strmender Wonnegesang!
  Da weit durch die stille Nacht
  Die rauschende Freude tne!
  Trage zum Meeresstrande
  Tnender Wiederhall
  Unsern Wonnegesang!
  Da ferne Klippengestade
  Den Namen _Abdallah_ hallen,
  Da ber grne Wiesen
  Der Name _Zulma_ wandle,
  Die Blumen schner frbe.
  Da der Mond sich freue
  Und goldner scheine,
  Und die Zgel der Nacht nicht fahren lasse
  Vor der Sonne fliehend.

Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenberstehende Wand
geheftet, seine Augen starrten frchterlich aufgerissen wild in die
Leere hinaus. -- Befremdet fragte ihn Omar: was ist dir?

Sieh! Omar! chzte Abdallah. -- Sieh, die seltsame Erscheinung dort vor
mir! -- Eine weie drre Todtenhand klemmt sich heimlich und unbemerkt aus
der Wand heraus und winkt mich unermdet hinein, -- was mag es sein, das
mich so ruft? -- Noch immer winkt sie mir ernst und befehlend, -- sieh'
den zernagten gekrmmten Finger! -- Ha! es hat dich gesehn, denn die
Hand hat sich zurckgezogen! -- Omar, sie kmmt wieder, -- sieh, der
Arm drr und knochicht bis zur Schulter, -- es will sich aus der Mauer
herausdrngen, -- sollte das mein Vater sein, der durchaus zu mir will,
um an meiner Freude Theil zu nehmen? -- Stich mir die Augen aus, Omar,
ich mag es nicht lnger sehn! --

Omar lchelte ihn wehmthig an. -- Omar, sieh umher! sagte Abdallah
ngstlich, -- mir ist pltzlich, als sitze ich hier unter todten fremden
gemietheten Maschinen, die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen
ffnen, -- sieh doch, wie der abgemessen mit dem hlzernen Schdel nickt,
der sich Ali nennt, -- ich bin betrogen! -- das sind keine Menschen, ich
sitze einsam hier unter leblosen Bildern, -- ha! nickt nur und hebt die
nachgemachten Arme auf, -- mich sollt ihr nicht hintergehn! -- Sieh doch,
dies hier sollte Zulma sein? -- Ha! ein beinernes Gerippe, scheulich
mit Fleisch eingehllt, -- sieh! itzt eben werden ihr die todten Augen
aus dem Schdel fallen, -- hu! ich sitze unter Moder und Verwesung, wie
in einer Schlachtbank bei aufgehuftem Fleisch, -- rette mich, -- o
hinweg! du bist nichts besser als diese!

Die Gesnge bertnten ihn: --

  Im goldnen Wolkenschleier
  Steigt die schne Tochter der Nacht
  Ihre Himmelsbahn hinan.
       Frhlich rauschend
       Hpfen Meereswellen
  Ihr mit holdem Gru entgegen. --
  Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,
  Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,
       Sie wandelt still. -- --

Pltzlich fielen alle Lauten mit einem mchtigen Klang auf den Boden,
alle Gesichter am Tisch wurden pltzlich starr und bla, jeder ward
unwillkhrlich in einer grlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott
aufgestellte Leichname saen alle da und sahen sich unter Schaudern an.
-- Abdallah sprang auf, seine Zhne knirschten entsetzlich. -- Vatermord!
-- Vatermord! -- schrie er, -- die Hlle kriecht unter unsern Fen
umher, -- der bleiche Tod steigt aus der Wand heraus und kmmt drohend
auf mich zu! --

Alle fuhren auf. -- Er ist rasend! -- schrie Ali laut und ein
pltzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie entflohen hinweggejagt,
Abdallah's Augen funkelten, -- er wollte Zulma mit Gewalt zurckhalten,
sie ri sich mit einem lauten Geschrei von ihm los, und lie ihren
Schleier in seinen Hnden; schumend warf er ihr brllend seinen Dolch
nach, er fuhr in die Wand.

Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen her, sie zertraten die
Lauten und polterten frchterlich durch den Saal, -- Strme hausten
klingend in den Fenstern, seltsame Tne schrien aus den Mauern hervor,
es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes Heer. -- Abdallah
sank auf seinen Sitz zurck. --

Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, tanzten stumm durch
den Saal die grauenvollen migestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast,
das Ungeheuer Zulma hatte sich ihm gegenber gestellt, einzelne lange
Haare wiegten sich auf dem nackten Schdel, aus dem ungeheuern Kopf
grinsten ihm wild verzerrte Zge und Zhnknirschen entgegen, sie nickte
ihm einen freundlichen Gru zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen
Ring auf den Tisch, und versank dann lchelnd unter die Erde.

Mit ihrem freundlichen Grinsen begrten ihn alle Ungeheuer und
verflogen dann in die Wnde.




Neuntes Kapitel.


Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig durch die purpurnen
Vorhnge auf den Boden, im kalten Ernst sa Omar neben ihm.

Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten Angst und Verzweiflung
gefoltert, -- Omar! er umschlang ihn wthend mit den Armen. -- Alles,
alles ist fort, nur du bleibst unauflslich mein, ja, du hast es mir
geschworen, -- du liebst den Vatermrder noch, -- o ja, du kannst ihn
nicht hassen. -- O knnt' ich mich strmend in deinen Busen drngen und
dort meine Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese Schrecken
verschanzen. -- Knnte sich meine Seele in die deinige retten! -- du
antwortest nicht, mein Omar, -- o sprich! -- horch! wie entsetzlich die
Todtenstille um uns flstert! -- sprich!

Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurck. --

Du lachst? -- schrie er wthend, -- Omar, komm, wir wollen uns beide
wahnsinnig spielen und mit den Ngeln unsre Gesichter zerkratzen, damit
ich mich im Spiegel nie wieder kenne! -- Omar, willst du deinen Freund
nicht schtzen?

Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte Omar lachend.

Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb mir mein Eigenthum
zurck! --

Er strzte auf Omar zu und ergriff ihn wthend bei der Brust.

Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar kalt, ich gehre
_Mondal_ an. --

Abdallah strzte mit neuen Schrecken rckwrts. -- _Mondal_? schrie er,
-- o so ist es dennoch alles wahr? -- Mondal!

Er sa starr und leblos da, alle Frchterlichkeiten hatten seine Krfte
erschpft. --

Itzt mut du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen hab' ich dir bis
zuletzt aufgespart, damit du nicht darben drftest. -- Wisse, ich war
es, der Ali Selim's Verschwrung verrieth, meine Abreise war eine Lge
um dich und Selim zu tuschen. -- Mondal! meine Rechnung ist richtig und
ich bin frei!

Abdallah wand sich in zuckenden Krmpfen, es zermalmte seinen Busen und
er konnte lange nicht sprechen. -- Du hast es meisterlich vollbracht,
sagte er endlich, ich mchte dir verzeihen, wenn _ich_ es nicht wre,
der zum Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem elendesten
Gewrme aus, und ich will jauchzen. -- Sogar der armseligste Trost fehlt
mir, mich zu laben, es ist auf dieser Erde kein Elenderer als ich; der
gefolterte Sklave, der gespiete Verbrecher wrde sich nicht gegen den
glcklichen Gemal Zulma's austauschen lassen, o knnte mir die Wonne
werden, da ich ein Bsewicht wrde, der unter Millionen Quaalen auf der
Folter in Stcken gerissen wrde, und nicht _dieser_ Abdallah. --

Omar sahe triumphirend auf ihn hin: -- Es war keine leichte Arbeit,
sagte er, diese schne Seele so zu verstmmeln.

Abdallah fuhr auf. -- Erinnere mich _daran_ nicht, schrie er mit den
Zhnen knirschend, Hmischer! nicht diese Erinnerungen! -- Omar, sieh
wie weit du mich in den Abgrund hinabgerissen hast, la mich nun ganz
hinunterspringen! -- Du gehst zu Mondal zurck, o nimm mich mit dir, la
mich nicht zurck, -- ich mu ihn kennen lernen und sein Freund werden,
ich will ihm bald hnlich sein, meine Prfung habe ich schon berstanden.

Er blickte matt empor. -- Omar war nicht mehr da, ein unbekanntes
grliches Wesen sa neben ihm. -- Abdallah strzte wie eine Leiche
zurck. --

Das hagre Gesicht beugte sich frchterlich auf ihn herab. -- Elender,
krchzte es, -- dies ist Omars wahre Gestalt, wenn er die lstige Larve
abnimmt, -- so kannst du ihn ewig nicht ertragen. --

Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. --

Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thr, er hrte sie ffnen, der Fremde
ging hinaus und schlo sie hinter sich wieder zu. --




Zehntes Kapitel.


Abdallah war auf seinen Sitz zurckgesunken. -- Alles war still um ihn
her, er schlug die Augen wieder auf.

Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhnge der Fenster, die Stunde
der Mitternacht ward ausgerufen. -- Alle Lichter im Saale waren erloschen,
nur ein einziges brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte
sterbend und flimmernd auf und nieder. -- Itzt erlosch es und ein kleiner
Strahl von Dampf zog sich aufwrts und verflog in der Dmmerung. --

Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, -- nun ihr Schauder, nun werft
euch alle auf einmal ber mich! -- Ihr Flche Selims, kommt heran, itzt
habt ihr Zeit, mich zu zermalmen. -- O sie sind schon grlich in
Erfllung gegangen, ich habe alles erduldet und berlebe die frchterliche
Zerstrung. -- Die Schauder mgen sich itzt an mir versuchen, ich spiele
vertraulich mit ihnen, die Grlichkeit ist meine Braut geworden, ich
erschrecke nicht mehr vor ihr. --

Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen khnen Schritt
meinem Feind entgegensetzen. Hier unten finde ich kein neues Grausen mehr,
ich will nun durch unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde
suchen. --

Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, als seine Hnde
pltzlich das kalte Gesicht eines Leichnams fhlten. -- Eine Leiche ist
mein Bett! rief er und taumelte bebend auf. -- Der Mond schien auf das
weie Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen und
verzerrten Zgen lag der Leichnam seines Vaters vor ihm. --

Darauf htt' ich mich nicht besonnen! schrie er rasend, -- der Scharfsinn
der Hlle bertrifft den meinen, -- sie hat gesiegt! --

Er sahe starr auf den Leichnam hin. -- Regte er sich nicht? -- sprach er
leise. -- Er starrte von neuem auf ihn hin. -- Ha! er regte sich wieder!
--

Wie das Sthnen eines Schlummernden schallte es itzt aus der frchterlichen
Leiche heraus. -- Abdallah hrte es bebend. --

Er schlft! -- Er schlft! -- sprach er im Wahnsinn. -- O in der stillen
Mitternacht neben einem Schlafenden zu stehn, ist frchterlich, ich mu
ihn wecken! -- Er schlug mit der Faust auf die Brust des Todten. --

Bist du's, geliebter Sohn? -- erhob sich eine dumpfe Stimme. -- Die
Leiche hob sich langsam auf. -- Komm in meine Arme! -- Komm! Ich mu von
Tugend und Gott zu dir sprechen. --

Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, -- meine Lehre war falsch. --

Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. -- Abdallah fuhr zurck.
-- Hinweg! hinweg! brllte er, -- wir kennen uns nicht mehr!

Dann strzte er auf ihn zu und schlug ihn wthend mit der Faust auf den
Schdel, da er laut und frchterlich erklang. -- --

Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den Saal schlichen, fanden
sie Abdallah mit wild verzerrtem Gesicht todt auf der Erde liegen.




Die Brder.

Eine Erzhlung.

1795.


In der Nhe von _Bagdad_ lebten _Omar_ und _Machmud_, die Shne einer
armen Familie. Als der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermgen,
und jeder von ihnen beschlo, zu versuchen, wie hoch er damit sein Glck
bringen knne. _Omar_ zog fort, um eine kleine Reise zu machen, und den
Ort zu finden, wo er sich niederlassen wolle. _Machmud_ begab sich nach
_Bagdad_, wo er einen kleinen Handel anfing, der in kurzer Zeit sein
Vermgen um ein Ansehnliches vermehrte. Er lebte sehr sparsam und
eingezogen, und sammelte sorgfltig jede Zechine zu seinem Kapitale,
um mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf diese Art bekam er
bei mehreren reicheren Kaufleuten Kredit, die ihm zuweilen einen Theil
der Schifffracht abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm
versuchten. Durch wiederholtes Glck ward _Machmud_ dreister, er wagte
grere Summen, und sie trugen ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und
nach ward er bekannter, seine Geschfte wurden grer, er hatte bei
vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von vielen andern Gelder in
den Hnden hatte, und das Glck schien ihm bestndig zu lcheln. _Omar_
war im Gegentheil unglcklich gewesen, keiner von seinen vielen Versuchen
war ihm gelungen; er kam jetzt ganz arm, fast ohne Kleider, nach _Bagdad_,
hrte von seinem Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hlfe zu suchen.
_Machmud_ freute sich, seinen Bruder wieder zu sehn, beklagte aber seine
Armuth. Da er sehr gutmthig und weich war, gab er ihm sogleich eine
Summe aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls einen Laden
ein. _Omar_ fing an mit Seidenwaaren und Kleidern fr Frauen zu handeln,
und das Schicksal schien ihm in _Bagdad_ gnstiger, sein Bruder hatte
ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher nicht nthig, sich
wegen der Wiederbezahlung zu ngstigen. Er war in allen Unternehmungen
unbesonnener als sein Bruder, und eben deswegen glcklicher; er war
bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis dahin mit _Machmud_ ihre
Geschfte gemacht hatten, und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu
machen: dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt auf seine
Seite fiel. _Machmud_ hatte sich jetzt eine Gattin gewhlt, die ihn zu
manchem Aufwande nthigte, den er bis dahin nicht gemacht hatte; er
mute von seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden zu bezahlen.
Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben aus, sein Kredit sank, und
er war der Verzweiflung nahe, als er die Nachricht erhielt, da eins von
seinen Schiffen untergegangen sei, ohne da man das mindeste habe retten
knnen: jetzt meldete sich ein Glubiger, der dringend die Bezahlung
seiner Schuld verlangte. _Machmud_ sah ein, da an dieser Zahlung sein
ganzes noch briges Glck hnge, er beschlo also in dieser uersten
Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder zu nehmen. Er eilte zu ihm,
und fand ihn sehr verdrlich, weil er gerade einen kleinen Verlust
erlitten hatte. -- Bruder, begann _Machmud_, ich komme in der uersten
Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.

_Omar._ Sie betrifft?

_Machmud._ Mein Schiff ist gescheitert, alle Glubiger drngen mich und
wollen von keinem Aufschube wissen, mein ganzes Glck hngt von diesem
Tage ab, leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.

_Omar._ Zehntausend Zechinen? -- Du versprichst dich doch nicht, Bruder?

_Machmud._ Nein, _Omar_, ich kenne die Summe recht gut, die ich fordre,
und nur grade so viel, nicht eine Zechine weniger, kann mich von der
schimpflichsten Armuth retten.

_Omar._ _Zehntausend Zechinen?_

_Machmud._ Gieb sie mir, Bruder, ich will alles anwenden, sie dir in
kurzem wieder zu erstatten.

_Omar._ Wer sie htte! -- mir sind Schulden ausgeblieben, -- ich wei
selbst nicht, was ich anfangen soll, -- man hat mich noch heut erst um
hundert Zechinen betrogen.

_Machmud._ Dein Kredit wird mir diese Summe leicht verschaffen knnen.

_Omar._ Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, Mitraun von allen
Seiten: nicht _ich_ bin mitrauisch, das wei der Himmel! -- aber es
wrde jedermann vermuthen, da ich das Geld fr _dich_ verlange, und du
weit selbst am besten, an wie schwachen Fden oft das Zutrauen hngt,
das man zu einem Kaufmanne hat.

_Machmud._ Lieber _Omar_, ich mu dir gestehen, ich hatte diese
Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. Ich wrde mich in umgekehrtem
Falle nicht so argwhnisch und saumselig finden lassen.

_Omar._ Das sagst du _jetzt_. Auch bin ich gar nicht argwhnisch -- ich
wollte, ich knnte dir helfen: Gott ist mein Zeuge, da es mich freuen
wrde.

_Machmud._ Du kannst es, wenn du nur willst.

_Omar._ Alles, was ich besitze, wrde die verlangte Summe noch nicht
vollmachen.

_Machmud._ O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf daraus gemacht, da
mein Bruder nicht der erste war, bei dem ich Hlfe suchte, -- und
warlich es schmerzt mich, da ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last
gefallen bin.

_Omar._ Du wirst bse; das solltest du nicht, denn du hast Unrecht.

_Machmud._ Unrecht? -- Wer von uns beiden thut nicht seine Pflicht? --
Ach, Bruder, ich kenne dich nicht wieder.

_Omar._ Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebt, dreihundert
andere stehn mir auch gar nicht sicher, und ich mu mich auf ihren
Verlust gefat machen. -- Wrst du in der vorigen Woche zu mir gekommen,
o -- ja, da herzlich gern --

_Machmud._ Soll ich dich denn an unsre ehemalige Freundschaft erinnern?
-- Ach, wie tief kann uns das Unglck erniedrigen!

_Omar._ Du sprichst da auf eine Art Bruder, die mich fast beleidigen
sollte.

_Machmud._ Dich beleidigen? --

_Omar._ Wenn man alles mgliche thut, -- wenn man selbst Noth leidet
und frchten mu, noch mehr zu verlieren; -- soll man da nicht gekrnkt
werden, wenn man fr seinen guten Willen nichts als bittern Spott, tiefe
Verachtung zurck empfngt?

_Machmud._ Zeige mir deinen guten Willen, und du sollst meinen wrmsten
Dank empfangen.

_Omar._ Zweifle nicht lnger daran, oder du bringst mich auf; ich
bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, aber wenn man mich auf
solche ausgesuchte Art krnkt --

_Machmud._ Ich merke es recht gut, _Omar_, da du den Beleidigten
spielst, um einen bessern Vorwand zu haben, vllig mit mir zu brechen.

_Omar._ Du wrdest nicht auf diesen Gedanken kommen, wenn du dich nicht
auf solchen Kleinlichkeiten ertappt httest. _Die_ Laster argwhnt man
von andern am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut ist.

_Machmud._ Nein, _Omar_, weil du mich doch durch diese Sprache zum
Prahlen aufforderst, ich handelte nicht so gegen dich, als du, ein
unbekannter Fremdling, nach Bagdad kamst.

_Omar._ Also fr die fnfhundert Zechinen, die du mir damals gabst,
verlangst du jetzt von mir zehntausend?

_Machmud._ Htte ich's vermocht, ich htte dir damals mehr gegeben.

_Omar._ Freilich, wenn du es verlangst, mu ich dir die fnfhundert
Zechinen zurck geben, ob du es gleich nicht gerichtlich erweisen
kannst.

_Machmud._ Ach, mein Bruder! --

_Omar._ Ich will sie dir schicken. -- Erwartest du keine Briefe aus
Persien?

_Machmud._ Ich erwarte nichts mehr.

_Omar._ Aufrichtig, Bruder, du httest dich etwas mehr einschrnken
sollen, auch nicht heirathen, wie ich es bis jetzt noch immer unterlassen
habe; aber du warst von Kindheit an ein wenig unbesonnen. La dir das zur
Warnung dienen.

_Machmud._ Du hattest ein Recht, mir die verlangte Geflligkeit zu
verweigern, aber nicht dazu, mir so bittere Vorwrfe zu machen.

_Machmud_ verlie mit tiefgerhrtem Herzen seinen undankbaren Bruder.
-- So ist es denn wahr, rief er aus, da nur Gewinnsucht die Seele des
Menschen ist! -- Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke!
fr Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoen die schnsten Gefhle
von sich weg, um das nichtswrdige Metall zu besitzen, das uns mit
schndlichen Fesseln an diese schmuzige Erde kettet! -- Eigennutz ist
die Klippe, an der jede Freundschaft zerschellt, -- die Menschen sind
ein verworfenes Geschlecht! -- Ich habe keine Freunde und keinen Bruder
gekannt, nur mit Kaufleuten bin ich umgegangen. Ich Thor, da ich von
Liebe und Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstcke mu man
ihnen wechseln!

Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, um seinen Schmerz etwas
erkalten zu lassen. Er weinte, als er das tobende Marktgewhl sah, wie
jedermann gleich den Ameisen beschftigt war, in seine dumpfe Wohnung
einzutragen, wie keiner sich um den Andern kmmerte, als nur wenn er mit
seinem Gewinn zusammenhing, alle durch einander laufend, so empfindungslos,
wie Zahlen. -- Er ging trostlos nach Hause.

Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fnfhundert Zechinen,
die er seinem Bruder einst mit dem besten Wohlwollen gegeben hatte; sie
waren bald eine Beute der strmenden Glubiger. Alles was er besa, ward
ffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den Hafen, aber die
Ladung diente nur, um alle seine Schulden zu bezahlen. Arm, wie der
Bettler, verlie er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen
Bruders vorberzugehen.

Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, trstete ihn und suchte
seinen Kummer zu zerstreuen; aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken
seines Unglcks war noch zu frisch in _Machmuds_ Gedchtni, er sah noch
immer die Thrme der Stadt vor sich, in der sein Bruder wohnte, der kalt
und ungerhrt bei seinem Unglcke geblieben war.

_Omar_ fragte niemand nach seinem Bruder, um ihn nicht bemitleiden zu
drfen, er bildete sich ein, es knne vielleicht noch alles gut gegangen
sein. Indessen hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten,
man ward mitrauischer gegen ihn, und mehrere Kaufleute vertrauten ihm
nicht mit der Leichtigkeit ihre Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, da
_Omar_ jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermgen stolz ward,
so da er sich viele Feinde machte, die sich freueten, wenn er irgend
einen Schaden erlitt.

Es schien, als wenn das Verhngni seine Undankbarkeit gegen seinen
Bruder bestrafen wolle, denn ein Verlust folgte in kurzer Zeit auf den
andern. _Omar_, der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte,
wagte grere Summen, und auch diese gingen verloren. Er hrte auf,
Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, das Mitrauen gegen ihn ward
allgemein, alle Glubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, _Omar_ kannte
niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit wrde helfen wollen; er sah
keinen andern Ausweg vor sich, als in der Nacht heimlich die Stadt zu
verlassen, und zu versuchen, ob ihm das Glck in einer andern Gegend
gnstiger sein wrde. --

Das kleine Vermgen, das er noch mit sich hatte nehmen knnen, war bald
verzehrt. Seine Unruhe wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er
sah der drckendsten Armuth entgegen, -- und doch keinen Ausweg ihr zu
entfliehen.

Unter Klagen und schwermthigen Gedanken war er so bis an die persische
Grnze gewandert. Er hatte jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Mnzen
ausgegeben, die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in einer
Carawanserei zu bezahlen; er fhlte Hunger, und da sich die Sonne schon
zu neigen anfing, eilte er, um einen Zufluchtsort zu erreichen, in
welchem er noch in dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen
knne.

Wie unglcklich bin ich! sprach er zu sich selbst. Wie verfolgt mich das
Schicksal und fordert mein Elend, welche schreckliche Aussicht erffnet
sich mir! -- Ich werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben mssen,
es ertragen mssen, wenn man mich verhhnend abweist, nicht murren drfen,
wenn der Verschwender frech vorber geht, mich keines Anblicks wrdigt,
und hundert Goldstcke fr eine elende Spielerei verschleudert. -- O
Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! -- wie ungleich und
ungerecht theilt das Glck seine Schtze aus. Es schttet seinen ganzen
Reichthum ber den Lasterhaften, und lt den Tugendhaften Hungers
sterben.

Die Felsen, die _Omar_ berstieg, machten ihn mde, er setzte sich auf
eine Rasenerhhung am Wege nieder und ruhte aus. Da schleppte sich an
Krcken ein Bettler vor ihm vorber und murmelte eine unverstndliche
Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes Auge stand tief
im Kopfe, und seine bleiche Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es
zum Mitleiden. Die Aufmerksamkeit _Omars_ ward wider seinen Willen auf
diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, der murmelnd seine drre Hand
nach ihm ausstreckte. Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte
jetzt, da dieser Unglckliche auch taub und stumm sei.

O wie unaussprechlich glcklich bin ich! rief er aus, -- und ich klage
noch? Warum kann ich nicht arbeiten; -- warum nicht durch das Werk
meiner Hnde meine Bedrfnisse erwerben? Wie gern wrde dieser Elende
mit mir tauschen und sich glcklich preisen! Ich bin undankbar gegen den
Himmel.

Von einem pltzlichen Mitleiden ergriffen, zog er die letzten Silbermnzen
aus seiner Tasche und gab sie dem Bettler, der nach einem stummen Danke
seinen Weg fortsetzte.

_Omar_ fhlte sich jetzt auerordentlich leicht und froh, die Gottheit
hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, wie elend der Mensch sein
knne, um ihn zu belehren. Er fhlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu
erdulden und durch seine Thtigkeit wieder abzuwerfen. Er machte Plane,
wie er sich ernhren wolle, und wnschte nur gleich eine Gelegenheit
herbei, um zu zeigen wie fleiig er sein knne. Er hatte nach seinem
edeln Mitleiden gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der er
ihm sein ganzes briges Vermgen hingegeben hatte, eine Empfindung, wie
er sie bis dahin noch nicht gekannt hatte.

Ein steiler Fels stand an der Seite, und _Omar_ bestieg ihn mit leichtem
Herzen, um die Gegend zu berschauen, die der Untergang der Sonne
verschnerte. Er sah hier zu seinen Fen gelagert die schne Welt mit
ihren frischen Ebenen und majesttischen Bergen, mit den dunkeln Wldern
und rothglnzenden Strmen, ber alles das goldene Netz des Abendroths
ausgespannt; und er fhlte sich wie ein Frst, der alles dies beherrsche,
und den Bergen, Wldern und Strmen gebiete.

Er sa oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun der Gegend versunken.
Er beschlo hier den Aufgang des Mondes abzuwarten und dann seine Reise
fortzusetzen.

Das Abendroth versank und Dmmerung fiel aus den Wolken nieder, ihr
folgte bald die finstre Nacht. -- Die Sterne flimmerten am dunkelblauen
Gewlbe, und die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.
_Omar_ sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und sein Auge verlor
sich schwindelnd in die unendliche Zahl der Sterne, er betete an die
Majestt Gottes und fhlte heilige Schauer durch seine Seele ziehn.

Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen Horizont erhbe,
blauleuchtend zog er empor und nherte sich wie ein glnzendes Feuer
dem Mittelpunkte des Himmels. Die Sterne traten bleicher zurck,
und wie ein Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen
Himmel und regnete in zarten, rothdmmernden Strahlen herab. -- _Omar_
erstaunte ber die wunderbare Erscheinung und ergtzte sich an dem
schnen und seltsamen Lichte: die Wlder und Berge umher funkelten,
die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie ein goldenes Gezelt
wlbte sich der Schein ber _Omar_ zusammen.

Sei mir gegrt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, rief eine se Stimme
von oben herab, du erbarmest dich des Elends, und der Herr sieht mit
Wohlgefallen auf dich herab.

Wie verhallende Fltentne suselten die Winde der Nacht um _Omar_,
seine Brust hob sich froh und beklemmt, sein Auge war vom Glanze, sein
Ohr von den himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze schritt
eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den Entzckten; es war
_Asrael_, der glnzende Engel Gottes. -- Steige mit mir auf diesen
rothen Strahlen in die Wohnung der Seligen, rief die se Stimme, denn
du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies mit seinen
Seligkeiten zu schauen.

Herr, sprach _Omar_ zitternd, wie soll ich dir als ein Sterblicher
folgen knnen? Mein irdischer Leib ist noch nicht von mir genommen.

Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. -- _Omar_ reichte sie ihm
mit bebendem Entzcken, und sie wandelten auf den rothen Strahlen durch
die Wolken, zwischen den Sternen hindurch, und die sen Tne gingen
hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren Weg, und Blumendfte
wrzten die Luft.

Pltzlich ward es Nacht, _Omar_ schrie laut auf, und lag in dicker
Finsterni unten am Fue des steilen Felsen mit zerschmetterten Armen.
Der Mond hob sich eben dunkelroth hinter einem Hgel hervor, und warf
die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.

O ich dreimal Unglcklicher! rief _Omar_ jammernd aus, als er seine
Besinnung wieder gesammelt hatte. -- Hatte der Himmel nicht genug an
meinem Elende, da er mich in einem lgnerischen Traume von der Spitze
des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich dem Hunger zum
Raube werden soll? -- Belohnt er so das Mitleiden, das ich mit einem
Elenden hatte? -- Wer war jemals unglcklicher als ich?

Eine Gestalt schleppte sich mhsam vorber, die _Omar_ fr den Bettler
erkannte, dem er heut den Rest seines Vermgens gegeben hatte. _Omar_
rief ihn jammernd an, er solle die Wohlthat, die er von ihm empfangen,
mit ihm theilen, aber der Krppel keuchte gleichgltig in seinem Wege
weiter, und _Omar_ wute nicht, ob er ihn nicht gehrt habe, oder sich
nur verstelle, um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu kmmern. Bin
ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? klagte _Omar_ durch die
Nacht. -- Wer wird sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist,
was mich noch trsten konnte?

Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie glhende Feuer brannte
es in den Gebeinen, und jeder Athemzug gab ihm Pein. Er berlegte
schweigend sein Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen
Bruder. --

O, wo bist du Edelmthiger! rief er aus, vielleicht hat dich das Schwert
des Todesengels schon getroffen, das Elend hat dich vielleicht in der
drckendsten Armuth verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem
armen Bruder geflucht. -- Ach ich habe es um dich verdient, ich leide
jetzt die Strafe fr meinen Undank, fr meine Hartherzigkeit, der Himmel
ist gerecht! -- Und ich konnte noch so stolz einhergehn, und Gott zum
Zeugen meiner Tugend anrufen? -- O Himmel! vergieb dem Snder, der sich
ohne Murren deiner Zchtigung unterwirft.

_Omar_ verlor sich in trben Gedanken, er erinnerte sich, mit welcher
brderlicher Liebe ihn _Machmud_ damals, als er zum erstenmale verarmet
war, aufgenommen hatte, er warf es sich vor, da er es unterlassen
habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank gegen seinen Bruder
abzubezahlen; er wnschte den Tod als das Ende seiner Strafe und seiner
Leiden.

Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine kleine Carawane von
einigen Kameelen zog sich langsam durch das Thal. Die Liebe zum Leben
erwachte bei _Omar_, er rief die Vorberziehenden mit klglicher Stimme
um Hlfe an. Man legte ihn behutsam auf ein Kameel, um in der nchsten
Stadt seine Wunden verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch
des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den Unglcklichen selbst,
und _Omar_ erkannte in ihm seinen Bruder. Seine Beschmung war ohne
Grnzen, so wie das Mitleiden _Machmuds_. Der eine Bruder bat um
Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; Thrnen flossen von dem
Angesichte beider, und die rhrendste Vershnung ward zwischen ihnen
gefeiert.

_Machmud_ hatte sich nach seiner Verarmung nach _Ispahan_ gewandt, und
war dort mit einem alten reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald
lieb gewann und ihn mit seinem Vermgen untersttzte. Das Glck war dem
Vertriebenen gnstig, und er erlangte sein verlorenes Vermgen in kurzer
Zeit wieder; sein alter Wohlthter starb, und setzte ihn zum Erben ein.
--

Als _Omar_ geheilt war, reiste er mit seinem Bruder nach _Ispahan_, wo
ihm dieser eine neue Handlung einrichtete. _Omar_ vermhlte sich und
verga nie, wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide lebten
von dieser Zeit in der grten Eintracht, und waren fr die ganze Stadt
ein Muster der brderlichen Liebe.




Almansur.

Ein Idyll.

1790.


Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der Palme, eine Thrne
rollte von seinen Wangen, er blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie
an seinem Stabe hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze
Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben vor ihm,
Abendroth und Regennchte. Noch einmal blickte er rckwrts nach Bagdad
und sahe wie sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge
langsam hinabzog. -- Nun so lebe wohl! Auf ewig wohl! rief er, und ging
langsam weiter ohne selbst zu wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die
Vgel des Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen sahen weder das
goldne Feuermeer um dort sich Trost zu holen, sein Ohr hrte nicht die
Melodieen, die von jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind spielte
mit seinem Mantel, aber er lie ihn nachlig hngen und eilte weiter
vom Wege ab, mit tiefgesenktem Blick.

Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schnen Thale, rings um von
grnen Bergen umschlossen, im Thale glnzte ein silberner See, auf den das
Abendroth auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben sich sanft umher
und auf ihnen schimmerten Reben, Palmen standen auf Abhngen und wiegten
sich rauschend ber das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte sich
zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende Vollmond gossen
ein so ses Licht um alle Gegenstnde, da Almansur sich in einem
Theile des Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schnbewachsnen
Berge, wie der Abendschein ber die grnen Abhnge herberschwamm
und sanftes Roth auf den gegenberstehenden Berg streute, durch einen
Palmenhain schlngelte sich der schimmernde Glanz der Gluth des Himmels,
und bebte zurck in jedem Tropfen der am Grase zitterte, von jedem Blatt,
an welchem ein Rubin sich wiegte. Der Mond stand ber einem finstern
Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die groen Wlder sangen
der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte in sein Rosenbett hinab, das
Heimchen zirpte, der Mond schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf
jedem leichten Wlkchen des Himmels, das unter dem Monde hinwegschlpfte
und ihm etwas von seinem goldnen Glanze stahl, schien Ruhe, Trost und
Freude zu schweben. Lange stand noch Almansur so, doch endlich lte sich
sein Gefhl in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf die Erinnerung
seines Unglcks war mit dem letzten Streit der untergehenden Sonne hinter
den Bergen hinabgeleitet. Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald
hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenberstehenden Abhang,
oder auf den Spiegel des tief unten glnzenden Sees.

Er ging ber einen Quell, der aus den Spalten des Berges sich drngte
und sein Silber hinuntergo; er kam zu einer kleinen Vertiefung, wo
unter Weidenzweigen versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches
hervorragte. Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen
zu haben; er ging herum um diesen Kranz von Weiden, und stand vor dem
Eingang einer kleinen Htte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin
und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lcheln Reben, und band sie an die
schwesterliche Ulme, dann sah er zum Monde hinauf, dann in den goldnen
See hinab, und setzte wieder freudig seine Arbeit fort. -- Der Himmel
schtte seinen Segen auf dich herab! rief _Almansur_ dem Greise zu;
liebevoll dankte der Greis und fhrte den Jngling in die dmmernde
Htte.

Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, bellten und wedelten.
Der Greis und der Jngling setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann
holte der geschftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch und Datteln.
I! sprach er. -- _Almansur_ a wenig; bald sah er die niedren Wnde
der Htte an, bald blickte er auf den lchelnden Alten. Nach der Mahlzeit
setzten sich beide vor dem Eingang der Htte.

Du bist recht glcklich! fing _Almansur_ nach einer langen Stille an, wenn
man je glcklich werden kann. -- Ja, war die Antwort des Greises; ich
stahl mich aus dem Getmmel der Welt hinweg, und niemand vermite mich;
ngstlich, mit Schweitropfen auf der Stirn jagte ich dem Glcke nach
-- umsonst! Es floh wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll
schlich ich mich in diese Htte, ich sah mich um, und es stand neben
mir. -- Ja! Dank dir groer Prophet! Ich bin hier recht glcklich! -- O,
wenn ich am Morgen hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener
neigenden Spitze hngt, dann zollen dir meine Thrnen heien Dank, dann
seh ich auf mein voriges Leben zurck, wie der mde Pilger am Grabe des
Propheten auf die zurckgelegten Steppen; -- dann schwebt vor mir die
ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch das rosenrothe Gewebe des
Morgens, er durchfliegt die Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug
um die glhenden Rder des Sonnenwagens. -- Jeder meiner Blicke schaut
dann voll Dank zum Himmel!

_Almansur_ horchte vorwrts gebeugt mit Ehrfurcht der Rede des Greises,
er sah in seinen Augen eine Thrne glnzen, hei rann eine Zhre ber die
Wangen _Almansurs_. -- Dann ergriff er voll Zutraun die Hand des Greises;
o weiter! sprach er, deine Stimme ist wie das Murmeln der fernen Quelle
dem Durstigen. Weiter! Mein Geist fliege dir nach! -- Versuch' es in
todten Worten mir das Abendroth deines Glcks zu malen. --

O Jngling, sprach der Greis, Glck lt sich besser fhlen, als dies
Gefhl sich in Worten zwngen lt. -- Leise schleicht sich durch das
helle Weinlaub am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und
flstert mir: Erwache! zu. Ich erhebe mich vom rothen Glanz umflossen,
und sehe wie die Sonne majesttisch hinab ins Thal schreitet, die Natur
wacht auf und lchelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir glht der
See, ber mir flammt der Himmel, die Waldung rauscht, die Lerche singt,
der See bebt, und ihre Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die
Wette. Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter den blauen Mantel
stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, die Ziegen blken mir entgegen,
die Lmmer hpfen um mich her. -- O ich lebe hier nicht ganz verlassen!
Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig eines jeden Baums; wenn
das erste Laub nach dem Winter erscheint, oder mein Blick des Frhlings
erstes Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn ein
lngst gewnschter Freund unvermuthet dem Schiff' entsteigt; das erste
Sommerlftchen, das meiner Wange vorberbebt, ist mir, was dem Elenden
ein blauer Hoffnungsstrahl ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden von
meinem Berge herab eine junge Pappel ins Thal warf, da weint' ich um
den jungen Baum, als habe mir der Tod einen geliebten Jngling davon
gefhrt. Ach, dies einsame Thal mcht ich nur gegen Mahomets Paradies
vertauschen, es gilt mir mehr als die Erde mit ihren Knigreichen, diese
Bume gelten mir mehr als Knige und Frsten mit ihren Unterthanen. Ich
besuche oft drben die alten Palmen, sehe nach jenen jungen Birken die
ich selber pflanzte, und freue mich ber ihren Wachsthum wie ein Vater
ber seine Kinder. Im kleinen Grtchen hinter meiner Htte scheint die
Gluth der Rose auf die weie Lilie, das Veilchen kniet zu den Fen der
stolzen Malve, und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich mich
im Vorbeigehn, wann und wie ich sie pflanzte, jede habe ich selbst am
Morgen und Abend begossen. Diese Blumen, diese Bume sind meine Freunde,
von ihnen brstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir keiner
hhnisch nach. Neid und Verlumdung drfen nicht ber diese Berge fliegen,
des Glckes Pfeil zerschnitt ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen
jenseits den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden
Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; das Glck und die Ruhe fliegen
hier verschlungen Arm in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder
Quelle flstert Glck, in jedem Nachhall der Berge tnt ruhige Freude.

Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fllt, wenn der Herbst auf
selbst gesponnenen Seidenfden durch die Lfte schwebt, sie um die Bume
wickelt, und das reife Obst mit den Blttern abschttelt, dann seh' ich,
wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glnzenden Schwanenbette
schlft, um gestrkt mit neuem Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen
herabrauscht, wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saut, wenn
die Fichten knarren, der Wind Schneegestber vor sich her wirbelt --
dann nehm ich von der Wand die silberbezogne Leier, dann sing' ich dem
Frhlinge meines Lebens Lieder, und sehe lchelnd dem Untergang meiner
Sonne entgegen. Dann dmmert vor meinen Augen der Nebel der Vergangenheit,
dann schwing ich mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dmmrung
ferner Vorzeit, durch schweigende de Nacht der Zukunft. -- In diesem
Kreislauf wallte mir mehr als ein halbes Jahrhundert vorber, in dieser
schnen, ununterbrochenen Einfrmigkeit. -- --

O Jngling! Mit warmer Freundschaft drckst du meine Hand, eine Thrne
zittert in deinen schwarzen Augenwimpern, -- sprich -- fhrte dich
Kummer zu meiner einsamen Htte?

_Almansur._ Ja, Kummer fhrt mich zu dir, Greis! -- Ach, la mich mit
Dir diese Htte bewohnen, la mich dein Sohn sein. Die Freude ist fr
mich gestorben. -- Ich mu die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier
la unter dieser Palme den Wind am Abend meine Seufzer davon fhren,
la am Morgen mich unter dieser Cypresse weinen. -- Warum sollt' ich zu
jenen Menschen zurckkehren, wo jeder dem fliehenden Glcke nachluft,
und keiner den Saum seines Kleides berhrt, wo einer des andern lacht,
und blind fr eigne Fehler ist, wo Verlumdung und Neid hinter mir gehn,
die sich tuschend in das Gewand der Freundschaft hllen. -- Nein, hier
will ich ein neues Leben beginnen, mein voriges Leben mir als einen Traum
denken, den der Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine
Bitte nicht zurck, in keinem Winkel glimmt fr mich ein Fnkchen Freude
mehr als hier. Schon lange war es mir unertrglich, mich ohne Zweck und
Absicht vom Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu lassen,
warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, wo jedes Gesicht mir
zuwider ist, essen und trinken, schlafen und aufstehn, den einen Tag so
wie den andern; warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? Ich bin
mir selbst und andern verhat! zu welchem Endzweck schuf der Schpfer
die Menschheit? Einer den andern zu qulen? Ihm den Genu des Lebens zu
rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen schwerflligen Tanz
um ihre Sonnen? Warum lie der Schpfer aus seiner Hand die Schpfung
hervorgehn? Warum warf er das Sternenheer durch den Himmel? Sollen wir
hier leben, ohne glcklich zu sein, und dann wie der Baum verwelken;
wozu dann dies quaalenvolle Leben? -- Oder harrt schnerer Sonnenschein
unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft durch Dornen, ber
Felsen? -- -- O Greis! dies, dies hat mich schon lngst unglcklich
gemacht! --

Der Greis sah ihn an und schwieg. Verweile! sprach er dann. Ein
frommer Einsiedler schenkte mir schon vor vielen Jahren ein kleines
Buch; es ist nur ein Mrchen, der Mond scheint hell; ich will es dir
lesen. -- --

Er ging fort. _Almansur_ sah inde starr vor sich hin ins Thal, sein
Blick ruhte auf einen Zweig, den der Wind hin und her warf; sein Kummer
war zurckgekehrt, die mancherlei Scenen seines Lebens wachten in seiner
Seele auf. Er prete eine Thrne in sein Auge zurck; der Greis kam,
setzte sich nieder und las: -- --

_Nadir._ Ein Mhrchen.

Der finstre Menschenhasser _Nadir_ wandelte ber eine von Arabiens
Steppen. Die Sonne stand in der Mitte des Himmels und warf ihre
glhenden Strahlen auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gestruch,
welches einen erquickenden Schatten darbot; _Nadirs_ Auge suchte
vergebens eine Quelle, seinen brennenden Durst zu lschen, er ging
matt und langsam, er sah schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke
herbeischweben wollte, ihm Regen und Khlung zu schenken; so weit
sein Auge reichte, glnzte der Himmel im hellblauen Gewande, der Sonne
Strahlen wurden immer heier und heier, kein milder Wind wehte ihm
Khlung zu, Stille lag ausgestreckt ber der Erde, die Vgel waren
im Schatten des fernsten Waldes zurckgeflogen, und kein Dorf, kein
Haus winkte dem Wandrer. Vor sich und um sich sah _Nadir_ nur eine
unermeliche Wste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den
Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.

_Nadir_ verwnschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal das Schicksal
der Menschen, denen ewig Quaal und Schmerz auf jedem ihrer Schritte
folgen. Durch den blauen Himmel go sich nach und nach ein sanfter
Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog ber die Ebne.

Dank sei dir groer Prophet! rief der schmachtende _Nadir_, indem er
ber sich den Mond und die Sterne hervorkeimen sah. Er schleppte sich
langsam fort, seine Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O
ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, knnt' ich jetzt
durch einen Strom des Nordpols schwimmen! Er ging weiter. Es wehte ein
khlender Wind ber die Haide, _Nadir_ kam in einen Wald. Der Wind
ward strker, Wolken flohen durch den Himmel, und lschten mit ihren
schwarzen Fingern den Mond und die Sterne aus, der Sturm schttelte
den Wald, die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen strzte
herab. Endlich sah _Nadir_ durch den verschrnkten Wald ein fernes,
flimmerndes Licht, das durch das nasse Laub und durch den Regen ihm
entgegenblickte: er drngte sich durch den Wald, durch Gebsche, die
ihn oft mit ihren nassen Armen umfaten: er kam durch die Waldung, und
sah ber eine Ebne das Licht vor sich glnzen.

Es war eine niedre Htte, deren moosiges Dach vom Regen triefte, er
schlug an die kleine Thr, ein Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen,
der Wetterhahn des Daches knarrte im Winde; leise ffnete sich die Thr
des Hauses, eine alte Frau trat heraus. -- Wollt ihr einem armen Wandrer
erlauben, diese Nacht hier zu schlafen? flehte _Nadir_. Sehr gern war
die Antwort. Sie fhrte ihn in das Haus durch einen Gang. Dort, wo du das
Licht durch die Thre flimmern siehst, dort geh' hinein; -- sie verlie
ihn. _Nadir_ bewunderte den groen Gang in der kleinen Htte, seine
Schritte hallten von der Mauer zurck, als er durch die Stille ging.
Er stand vor der Thr, aus der das Licht ihm entgegenglnzte, -- er
ffnete sie -- und das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er
trat in einen groen unermelichen Saal, den tausend Lichter erleuchteten;
die Wnde glnzten von Marmor mit Gold umgossen, eine himmlische Musik
schwamm auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. -- Wo bin ich? rief
_Nadir_. -- Ein prchtiggekleidetes Frauenbild kam ihm entgegen, sie
fhrte ihn zu einem Tische und lud ihn zum Essen ein; _Nadir_ a und
wagte kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und getrunken
hatte, fhlte er sich durch neuen Muth, durch neue Kraft beseelt, er
sah um sich. Tausend Lichter glnzten auf Kronenleuchtern von Diamant.
Saphir, Rubinen und Gold waren ber die schnpolirten Wnde hingestreut,
unsichtbare Musik go sich umher und gaukelte um _Nadirs_ Ohr, sein Auge
verlor sich ermdet in die entferntesten Bogengnge, ohne ihr Ende
erreicht zu haben; _Nadirs_ Staunen ward immer grer.

Komm! rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu und fhrte ihn durch
die blendenden Sle. Er sahe sie mit allen Arten von Menschen angefllt
und weidete sich an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aen
einige, dort weinten andre, andre tanzten in frhlichen Reihen. Dieser
Pallast, begann _Nadirs_ Fhrerin, ist ein Werk meines gestorbenen
Gatten, er suchte das Glck lange vergebens und fand es endlich mit
mir in der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies Spielwerk
hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft ich will. -- Er war ein
mchtiger Zauberer, gewandt in allen geheimen Knsten; auf sein Gebot
entstand dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen zusammen.
Sieh, jede Art von Menschen befindet sich hier; dort auf den Thron sitzt
ein Knig, seine Stirn schmckt das Diadem, seine Schultern umfliet der
Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er beneidet heimlich
den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet und zittert; er ist ein gtiger
Regent, er macht andre glcklich, ist aber selbst unglcklich. Jener
Volkslehrer lehrt Demuth und hat den der neben ihm steht, weil er ihn
mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene Sulen gelehnt steht ein Haufe
unglcklicher Menschen, in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die
Eitelkeit der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz von Ehre noch
von Reichthmern blenden, ihre Wnsche scheinen so mig und sind doch
so vielumfassend, werden fast nie erfllt. -- Dort stehen andre, fr
welche die Welt mit allen ihren Schnheiten gestorben ist, sie knnen
keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu geben und ihre Bltter zu
zhlen, keinen schnen Baum, ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten
und zu bemerken, zu welchem Geschlecht er gehre; sie kennen jeden
Stern, der am Himmel flammt, und wissen die Stunde, wenn der Mond auf
und untergeht, sie haschen jede Abendfliege, und stellen sie in ihren
Rang in der Schpfung, sie sagen uns, da jeder Sonnenstaub bewohnt sei.
-- Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare Art mit Gemlden
ausgeziert, sie sind doppelt; auf der einen Seite stellen sie alles
ernsthaft, auf der andern dasselbe lcherlich dar. Sieh, hier trauert
eine Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint gerhrt,
jener auf der andern Seite lacht. -- Siehst du jene dort, die so bleich
sind und starr auf die Erde blicken? bei ihrer Geburt vergo das Elend
Thrnen ber sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; sie
knnen ber ein gelbes Blatt weinen, das vom Baume auf die Erde fllt,
sie hassen die Welt und sich am meisten; sie machen oft andre glcklich,
aber kein Anblick von Glck, kein Anblick der aufgehenden Sonne kann
sie vergngt machen; sie lcheln, aber ihr Lcheln ist als wenn die
Abendsonne durch einen verdorrten Baum scheint, ihnen folgt das Unglck
wie ihr Schatten, ihre Augen sind matt von Thrnen, ihre Wangen bleich,
sie sind die rmsten Geschpfe. -- Jener jauchzende Haufe verspottet
sie, ihr Mund lacht stets, ihre Augen blinzeln jedem freudig entgegen,
die Welt nennt sie Thoren, sie sind glcklich, denn sie halten sich fr
weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen ihr
Leben, lachen im Winter eben so wie im Sommer, bei dem Aufgang der Sonne
wie beim Untergang, die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung und
gab ihnen das Vermgen alles lcherlich zu finden. -- Jene spielten
mit ihrer Phantasie, der Verstand lste die Fesseln der gebundenen
Einbildung, sie scho wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der
Verstand an seinen Krcken hinter sie her und kann sie nicht einholen,
jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt angeschlagen einen
falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, Unglckliche; aber sie sind
wirklich glcklich. Jener hlt die Kette, die ihn an die Mauer festhlt,
fr ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen fr den Purpurmantel des
Knigs. Jener glaubt in seinem Strohlager alle Schtze Indiens zu
besitzen und fhlt sich beseligt. -- Jener ist taub fr jeden Harfenton,
blind fr jede Schnheit, die der Maler der Natur abstahl, seine Seele
sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur wenn er sich an den Tisch
setzt, er hrt nicht die himmlische Musik, die ihn umfliet, aber er
lchelt beim Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in seine
Seele. -- Wer von allen diesen scheint dir in dem Zustande zu sein, in
den die Natur den Menschen aus ihrer Hand hervorgehn lie? -- O jener,
rief _Nadir_, der sich an den Dampf der Speisen weidet, denn er ist
der glcklichste, an sein Herz reicht nicht die Stimme des Elends, ihn
durchbohrt nicht des Mitleids scharfer Pfeil, er ist der glcklichste,
er kann viermal tglich glcklich sein; wozu sind jene feinern
Empfindungen, sie bringen weit mehr Schmerz als Vergngen hervor!
-- Sieh, jener Mann, fing die Fhrerin _Nadirs_ an, der dort unbekannt
herumgeht, ist ein verehrungswrdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner
achtet auf ihn, aber er findet sein Glck im Glcke anderer; manche
heie Thrne fleht im Dunkeln Segen fr ihn vom Himmel, manche Brust
athmet durch ihn freier, manche Klage verstummte durch ihn, er erfllt
den Beruf des Menschen, er macht andre glcklich, und nur dazu schuf uns
die Natur. -- Du willst die Gesellschaft der Menschen verlassen, komm
und berzeuge dich, da der Mensch da sei um in Gesellschaft glcklich
zu leben; warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen,
warum die Bestimmung der Welten? zwecklos rollen sie nicht um ihre
Sonnen, aber warum wollen des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der
Natur durchdringen? der Mensch ist da, das zu genieen, was ihm die
freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber nicht ber die Grnze
hinausschreiten wollen, die ihm gezeichnet ward. Sie gingen hin durch
die hundert Bogengnge und _Nadir_ bewunderte die Pracht des Pallastes;
seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, da es Frevel sei, sich von
den Menschen zurckzuziehn, vor ihm zerrann der dunkle Nebel, er
durchdrang den Plan der hchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft
der Menschen zurckzukehren.

Der Tag ffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth flog ber die
Ebne und schimmerte an den Fenstern; _Nadirs_ Fhrerin verlie ihn, ein
Bogengang verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemlde und ihre
Beschauer, ein Licht erlosch nach dem andern, die Pracht gleitete von
den Wnden, die Decke sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner
und kleiner, immer dstrer und dstrer, und der helle Sonnenschein glnzte
endlich an den Wnden einer niedern Htte. _Nadir_ ffnete vor Staunen
stumm die niedre Thr, er suchte vergebens den langen Gang, die alte
Frau ffnete die kleine Hausthr, er ging hinaus, die Thr ward hinter
ihm verschlossen; dieselbe kleine Htte, an deren Thr er gestern klopfte
-- der Hund bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den
Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen Regen und das
Morgenroth schwamm in den groen Tropfen. Wacht' ich, oder trumt'
ich? rief _Nadir_ aus; er sah ber einen niedern Zaun in den Garten
neben der Htte, ein Knabe mit nackten Fen pflckte sich Kirschen von
einem Baume. Er stand lange stumm da, seine Phantasie malte ihm noch
einmal den gestrigen Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurck
nach der wundervollen Htte, bis ein Wald den letzten weien Schimmer
von ihr ihm entzog. -- --

Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich hin. Der Mond schien
hell, die Sterne bebten im schimmernden See, die Cypressen rauschten.
Kehre zurck, Jngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurck, wer
wei, wo dein Glck schlummert, gehe hin und erwecke es, du bist zur
Gesellschaft geboren, gehe hin und erflle deine Bestimmung, geniee
ohne zu grbeln und du wirst gewi glcklich sein.

_Almansur._ Verzeihe, edler Greis, da ich dich tuschte, dir meinen
Gram nicht ganz enthllte. Wenn du die Geschichte meines Unglcks hrst,
und du rthst mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurckzukehren,
so will ich dein Verlangen erfllen.

Ich heie _Almansur_, mein Vater war ein Kaufmann in Bagdad; ich hatte
einen Freund, einen einzigen, ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor
wenig Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als meine
Seele, sie vermhlte sich vor wenig Tagen. -- _Roxane_ war schn, wie
der werdende Tag, schner wie eine der Houris, auf ihren Wangen flo
Abendroth, ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden Sonne, die
sich im Meere spiegelt, ihr Lcheln war der Sonnenschein des Frhlings,
in ihren blauen Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden
Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel im goldnen Glanze der
Morgensonne um Felsen sich kruselt; -- sie kannte meine Liebe. -- Ihr
Vater lag einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn retten,
aber er mute ihn trinken in weniger Zeit als die Biene am Abend braucht
nach ihren Zellen zurckzufliegen, es war ein Quell, der in der schwarzen
Kluft eines weitentfernten Felsen murmelte. _Roxane_ liebte ihren Vater,
ich sah die Thrnen in ihren Augen glnzen, ich schwang mich auf mein
Ro, eilte hin, fllte eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich
strzte zurck, die Wlder sausten mir vorber, eine Eiche raubte mir
meinen Turban, mein Ro eilte dem Winde voraus, sein Hufschlag tnte
laut, ich kam zurck; _Roxanens_ Vater ward gerettet, ihr Lcheln dankte
mir, und ich war vergngt. Ich sank nieder von Schwei und Staub bedeckt,
mein gutes treues Ro starb noch an demselben Abend, _Roxanens_ Lcheln
dankte mir, und ich war vergngt. O fr sie htte ich die heien Ebnen
thiopiens mit nackten Fen durchmessen, fr sie htte ich unbedeckt
den Schnee des Caucasus erklettert. Ach ich trumte eine so heitre
goldne Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte mit mir,
aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, denn er war reicher als ich;
vorgestern ward ihre Vermhlung gefeiert, jeder Trompetensto, der aus
der Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, jeder ferne Donner
der Pauken, stie einen glhenden Dolch durch meine Brust; in der
Mitternacht verlie ich Bagdad kalt und stumm, verlie den Ort, wo
jeder Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in meine Seele
zurckriefen, die Sonne war fr mich auf ewig untergegangen; ich ging
fort ohne zu wissen wohin, endlich kam ich zu deiner glcklichen
Einsamkeit. Edler Greis, o hre meine heie Bitte, es ist der einzige
Wunsch, der mir zurckblieb, la mich an deiner Seite, im Schooe
der Ruhe und der Einsamkeit, meine brigen Tage verleben; ach, die
Einsamkeit hat ja Trost fr so manche Leiden, sie trocknet so manche
Zhre, wiegt so manchen Kummer ein; hier in diesem glcklichen Thale
will ich den Traum meiner Jugend noch einmal trumen, hier will ich
weinen, wenn ich erwache. La mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich
an die Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind
von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen Bergen hingestreut,
la sie mich hier wiedersuchen; la sie mich wiederfinden, Greis, denn
beim Barte des Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glcklich
sein. -- Aber warum glnzen Thrnen in deinen Augen und verlieren sich
in die Silberwellen deines Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust
erheben? Woher diese fliegende Rthe auf deinen Wangen?

_Greis._ Ach, _Almansur_! -- deine Worte haben meinen entschlafenen
Kummer erweckt, ich hielt ihn fr todt, aber er schlief nur. -- O
Jngling, du hast den Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder
vorbergefhrt. -- Ein hnlich Schicksal fhrte mich hierher; ach,
_Fatime_! diese Thrnen flieen dir! dieser Seufzer fliegt zu dir! Vor
meinen Augen webt sich die Vergangenheit noch einmal hin, sie glnzt im
Sonnenschein, eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. -- O _Almansur_,
bewohne mit mir diese Htte, trinke mit mir von meiner Milch, la uns
beide in den Schatten eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du seist
mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jngling, du bist mir theuer
geworden, theile mit mir was ich habe, wir wollen wie die Sonne des
Tages, wie der Mond der Nacht, in schner Gleichfrmigkeit unser Leben
verflieen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben in einem Kreise dreht,
so leben, wie eine Welle bestndig um ihr grnes Eiland murmelnd fliet;
beide bewundern wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn ihrem
Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem Grtchen pflanzen, du
begieest sie mit mir am Abend, du brichst mit mir das Obst von den
Zweigen und freust dich mit mir des Frhlings und Sommers: Jeden Wandrer,
der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit Speise und Trank erquicken,
und ihn dann auf die rechte Strae fhren; dem Trauernden wollen wir
den Balsam des Trostes reichen, vor dem Frhlichen unsern Kummer in
unsrer Brust verschlieen. Wir erzhlen uns dann die Geschichte unsrer
verflossenen Jahre, wir tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein,
ich lerne jeden Baum kennen, der dir einst mchtig war, du beschreibst
mir deine vorige Wohnung so genau als wollte ich sie morgen beziehn,
ich sage dir von jedem Bache, bei dem ich mich einst freute oder Thrnen
vergo, ich zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede
Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen Welt, du in
der meinigen, oder wir sitzen am Abend unter dieser Cypresse und sehen
wie sich der Mond auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser
spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres Laub die
Sterne gebrochen flimmern; wir erzhlen uns wunderbare Mhrchen so
vertraut als wren es die alltglichsten Dinge; wir trumen uns unser
Leben nach dem Tode, bauen luftige Schlsser und reissen sie wieder ein;
so leben wir, bis der Tod mir immer nher und nher schleicht und mich
unvermerkt aus deinen Armen fhrt, dann hufest du mir einen Grabhgel
unter jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest du meine
Htte allein, dann sitzest du ohne mich vor dem Eingange, dann denkst du
beim Schimmer des Mondes an den gestorbenen _Abdallah_, dann brichst du
das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine Hlfe, dem verirrten
Pilger zeigst du das Gras auf meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht
ein biedrer Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Htte und hrst
den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem Geiste mit einem
Lichtkranze entgegenfliege.




Das grne Band.

Eine Erzhlung.

1792.


Durch die Thler und ber die Wiesen wandelte der graue Nebel; ber
einen Tannenhain blickte die Sonne noch einmal aus Westen auf die Fluren
zurck, die sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen
Gebsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das Murmeln eines kleinen
Baches ward hrbarer: als ber die Haide eine Schaar von Kriegern gegen
die Veste _Mannstein_ zog. Der letzte goldne Schein der Sonne flog
zitternd die schnpolirten Rstungen auf und ab, durch die abendliche
Stille tnte laut der Huftritt ihrer Rosse. -- Da schmetterte von der
Zinne der Burg eine frhliche Trompete, und weckte mit ihren Tnen den
Widerhall am Tannenberge; die Zugbrcke lie sich nieder, und _Friedrich
von Mannstein_ zog mit seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde
sich um ihn her drngte, um ihm Glck zu wnschen, da er aus der Fehde
wohlbehalten zurck gekehrt sey.

Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, als seine Tochter auf
ihn zueilte und in die Arme ihres Vaters sank. Meine _Emma_! rief
Friedrich, bist du wohl? Gottlob, da ich dich wiedersehe! -- Kommt
Ihr wohlbehalten zurck? sprach sie, indem sie schchtern um sich
blickte und sich etwas aus den Armen ihres Vaters zurck bog. -- Habt
Ihr viele von euren Leuten verloren? -- Ja, antwortete _Friedrich_,
zwlf, und unter diesen einen meiner treusten Diener. -- Doch nicht
-- fiel _Emma_ schnell ein, -- der Name _Adalbert_ zitterte auf ihren
Lippen, sie ward bleich, -- doch nicht -- _Wilibald_? sagte sie, indem
sie eine unwillkhrliche Thrne in ihr Auge zurckzwngte.

Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt sich wacker,
-- aber er fiel, -- er hat sein Leben rhmlich beschlossen. Wohl jedem
 Kriegesmanne, der so wie er stirbt! -- Ich werde seinen Verlust fhlen;
ich liebte ihn, als wr' er mein Bruder. -- Aber komm in die Burg, liebe
Tochter, der Nebel hngt schon kalt und feucht in den Wipfeln der Bume,
dein Haar flattert in der khlen Abendluft; mich dnkt, du siehst bleich
aus, -- du bist doch wohl?

Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.

Herr Ritter! sprach ein Knappe, der aus dem Schlohofe trat, wollt
Ihr nicht in die Burg gehn? Euer Waffenbruder _Konrad von Burgfels_
harrt Eurer drinnen.

Konrad? Er sei mir willkommen! rief Friedrich, und ging in den
Schlohof; Emma, die Hausgenossen und sein Knappe Adalbert folgten ihm.
-- Adalberts und Emma's Blicke fanden sich. -- Wie viel sagten sie sich
nicht in diesem Blick! -- Die Freude sich wiederzusehn, Dank fr die
Rettung, zrtliche Besorgni, -- die und hundert Fragen und hundert
Antworten lagen in diesem einzigen Blicke. -- Adalbert fhrte sein
treues Ro in den Stall, Emma ging langsam aber heiter die Wendeltreppe
hinan, blickte aus dem runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und
begab sich dann in ihr Gemach.

Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen und schlo ihn froh
in seine Arme. -- Gottlob! rief er, da ich dich einmal wiedersehe!
-- Du kommst aus einer Fehde mit _Manfred_?

_Friedrich._ Ja, Freund! und du?

_Konrad._ Woher? Fr mich, weit du ja, giebt's schon lange keine Fehden
mehr! ich komme von meinem alten einsamen Schlosse. -- Seit mein _Karl_
nicht mehr da ist, sieht es so de und verlassen aus. Stehe ich auf
dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, so mu ich immer wider
Willen nach dem Berge hinsehn, hinter welchem er zuletzt verschwand; die
eisernen Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen Karl zu, und mu
dann jedesmal an den Tod denken. -- Ach! es ist traurig, Freund, wenn
man alt wird, der Tummelplatz unsrer Wnsche wird dann so eng, wir knnen
nur noch wenig hoffen, -- aber die wenige wnschen wir mit einer
Sehnsucht, mit einer Wehmuth -- So lange sich mein Sohn in Palstina
unter den Unglubigen herumtummelt, werde ich dich fter auf deiner Burg
heimsuchen, die Einsamkeit macht mich traurig.

Sie waren inde in den Saal getreten. -- Setz dich, Freund! sprach
Friedrich, ich habe dich schier verkennen gelernt, Konrad sa lange
nicht auf jenem Sessel.

_Konrad._ Es soll von itzt an fter geschehen. -- Du hast ihn
geschlagen?

_Friedrich._ Den ruberischen Manfred, -- ja -- Zwlf meiner besten Leute
hab' ich verloren, es war ein hitziges Gefecht. -- Mein Knappe Adalbert,
du wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann gezeigt, ohne
ihn stand es so so -- wir waren schon einmal zurckgetrieben, -- ich sage
dir, es wird ein tapfrer Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn.
-- Bringt Wein, Buben! --

Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.

_Konrad._ Wir leben in unsern Nachkommen wieder auf; ich hoffe, mein
Karl soll dem Namen Burgfels keine Schande machen.

_Friedrich._ Das wird er nicht. Welch ein glcklicher Vater bist du! Es
war mein tgliches Gebet zu Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir
einst die Augen zudrckte, der nach meinem Tode auf meiner Burg haute,
der -- doch, wir wollen ja nicht traurig sein.

_Konrad._ Du hast es auch nicht Ursach, der weise Himmel erhrte dein
Gebet vielleicht darum nicht, um dir Jammer zu ersparen. -- Du weit
nicht, wie wehe der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen Sohn
der Brust des Vaters thut. Man gewhnt sich frh an Gram. -- Bald siehst
du den Knaben auf einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem
Schritte; der Jngling kommt nicht von der Jagd zurck, und bei jedem
Wiehern, bei jedem Hufschlag eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er
ist es nicht, dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel der
Nacht, -- und wenn du ihn gar fern von dir weit, im Gewhl der Schlachten,
-- erst als Vater macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. -- Alle
Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene Stunde, jede schne
Erinnerung, das Glck der Vergangenheit und Zukunft flicht der Greis in
_einen_ freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm des Jnglings,
-- ach! und wie viel tausend Schwerter knnen diesen Kranz zerreissen.
Wir setzen unser ganzes Vermgen auf _einen_ Wurf, und in jedem
Augenblicke mssen wir zittern, zu verarmen. -- Es ist warlich besser
der Vater einer hoffnungsvollen Tochter sein!

_Friedrich._ Du bist undankbar gegen das gtige Schicksal. -- Den Knaben
zum Jngling werden sehn, in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden,
-- nenne mir eine Freude, die grer sei, als diese. -- Und wenn er nun
zurckkehrt, wenn er nun von jenem Berg wieder heruntersprengt, vor ihm
her der Ruhm, hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine
erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, wie dann?

_Konrad_ (der sich die Augen trocknet). Dann? -- Nun dann will ich dir
Recht geben, aber eher nicht.

_Friedrich._ Immer find' ich doch noch in dir den alten Konrad wieder,
der jedesmal im Wort- und Lanzenkampf das Feld behalten mu. -- Trink!
sto an! auf den Ruhm deines Sohnes!

_Konrad._ Und das Glck deiner Tochter!

_Friedrich._ Denkst du, da ich fr sie unbekmmert bin? -- Wollen wir
mit unsern Kindern tauschen, Konrad?

_Konrad._ Freund und Waffenbruder! -- ein Gedanke kmmt mir wieder, den
ich schon oft dachte, wenn ich des Nachts in meiner einsamen Kammer
schlaflos lag, und der Wind um den Schlothurm saute, -- sei du der
Vater meines Sohnes, deine Tochter sei mein, doch so, da keiner von
uns das Recht auf sein Kind verliert.

_Friedrich._ Topp, alter Freund! -- Da hast du die Hand eines Ritters,
der noch nie sein Wort brach! -- Bei Gott und Ritterehre! keiner als
dein Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, -- nur mu er mit Ehre
zurckkehren.

_Konrad._ Das wird er, wenn er zurckkehrt, dafr la dir den alten Konrad
brgen. Mit Ruhm, oder nie sehn wir ihn wieder. --

_Friedrich._ Alter Freund! der Wein hat mich sehr froh gemacht. -- Welch
eine liebliche Zukunft seh' ich emporblhen! -- Allenthalben winkt die
schnste Blume des Lebens: Vaterfreude! -- In diesem Garten wollen wir
ruhen, bis wir in einen noch schnern hinberschlummern.

Die Alten drckten sich schweigend die Hand, ihre Freude war eine
wehmthige geworden; ein Paar groe Thrnen fielen schwer aus ihren
Augen, die sie in einem schnen Irrthum fr Freudenthrnen hielten. Sie
merkten nicht, da sie der bange Zweifel erzeugte: Werden diese Trume
in Erfllung gehn?

Sie saen noch lange zusammen im traulichen Gesprch, und erzhlten sich
noch einmal die Geschichte ihrer Jugend und ihres mnnlichen Alters. Die
Gesichter der Greise glhten voll Jugendkraft, beide vergaen, da sie
Greise waren.

Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem Gesprche ab, jeder
ging heiter in sein Schlafgemach.

       *       *       *       *       *

Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende Mond brach seine
dmmernde Strahlen durch die Bogenfenster; eine heilige Stille schwebte
ber Flur und Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke tnte
durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen Schritte Emma's
lngst den Wnden des groen Ganges, der die Zimmer der Burg theilte,
hinrauschten. Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien ihm
itzt wie von ungefhr zu begegnen.

Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden itzt von keinem
berlstigen beobachtet. Meine Emma! rief Adalbert aus, und schlo das
Mdchen rasch in seine Arme.

Bist du endlich wieder da? fing Emma an, -- O! wtest du, wie vielen
Kummer du mir inde gemacht hast, die ganze Burg war mir inde so eng
wie ein Gefngni, die Flur war fr mich ein Klosterzwinger, denn Berge
und Wlder schlossen mich ja ringsum ein und trennten mich von dir. -- Der
Garten schien mir de und finster, das Blaue des Himmels hing dstrer
als sonst ber meinem Haupte -- sage mir doch, -- was hat itzt alles
wieder so hell und frei gemacht?

_Adalbert._ Die Sonne der Liebe, Emma!

_Emma._ Dein schnes Auge, Adalbert! -- Ach! wie viel hab' ich um dich
gelitten, itzt erst wei ich es, wie theuer, wie unentbehrlich du mir
bist. Bestndig hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie auch
noch so fern umherschwrmte, so war die Rckkehr zu dir, ihrer lieben
Heimath, doch stets das nchste: der Gedanke, der der fernste schien,
war doch unmittelbar eins mit der Liebe. -- Bei Dingen, wobei ich bis
itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, Zukunft und
-- dich! -- Ich schwatze, lieber Adalbert! aber die Freude ist ja
geschwtzig. --

_Adalbert._ Und welcher Liebende hrte die Geschwtz nicht gern?

_Emma._ Neulich ging ich jenen verdorrten Baum vorber, -- ich bin vor
ihm hundertmal vorbergegangen, aber nicht mit diesem sonderbaren Gefhl
-- ich dachte pltzlich an jenes Jahr, in welchem er noch grnte; ich
war noch ein Kind, als ich einst an ihn gelehnt die Frhlingsflur
berschaute; -- er blhte damals so schn, die Sonne glnzte so hell in
seinen zitternden Blttern, o! wie frhlich war ich damals, -- die ganze
Natur und der Baum schien mit mir frhlich; -- itzt stand er da, als
wenn er mich traurig anshe, als wenn es ihn schmerzte, da er nicht
mehr frhlich seyn knnte. -- Wie ganz anders war itzt alles um mich
her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung nur wie von gestern.
-- Ach! Adalbert! da dacht' ich an dich und mich. --

_Adalbert._ Du erschreckst mich, Emma! ich war so heiter, du hast mich
traurig gemacht.

_Emma._ Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar mir in diesem einzigen
Augenblicke die Welt vorkam; die Vergangenheit schien mir ein Traum, die
Zukunft ein Schatten. -- Wie der Frhling entflieht dein Glck, sagte
mir der ernste Baum; du wirst bald, sehr bald unglcklich sein. --

_Adalbert._ Verjage diese schwarze Ahnungen, la diese grausamen Spiele
deiner Einbildung! -- Emma kann, darf nicht unglcklich sein!

_Emma._ Da sie es kann, empfand ich in jedem Augenblicke deiner
Abwesenheit. -- Ach Adalbert! ich fange an zu glauben, da Unglck sehr
wohlfeil sei, und ich will mich an diesen Gedanken gewhnen.

_Adalbert._ Du hast Recht. -- Unglck ist ja der Preis, um den wir unser
weniges Glck in diesem Leben erkaufen mssen. -- Du seufzest, Emma?
-- Himmel! du weinst? -- O! ich verstehe diese Seufzer, diese Thrnen.
-- Knnt' ich doch das Schicksal fragen: Wird Emma einst die Meinige?

_Emma._ Um gewisses Unglck fr ungewisse Hoffnungen einzutauschen? La
sie ungewi seyn, es sind doch immer Hoffnungen.

_Adalbert._ Und werden diese Hoffnungen nie Verzweiflung werden? Wird
diese schne Frucht nie vertrocknet vom Baume fallen? -- Ach, Emma!
-- der Winter kmmt endlich: und Sommer und Herbst sind nur ein schner
Traum gewesen. -- Wie dann?

_Emma._ Dann laben wir uns an der Erinnerung dieses schnen Traums, wie
Kinder, die im Finstern erwacht sind und gern wieder einschlafen mchten.

_Adalbert._ Emma! wird dein Vater je den armen verwaisten Knappen
Adalbert, der nichts als sein Schwert besitzt, mit deiner Hand
beglcken? -- Er, der Herr so vieler Burgen, der Besitzer groer
Schtze? Wird er das je?

_Emma._ Willst du denn, da ich durchaus sagen soll: ich glaube es nicht.
-- Doch warum wollen wir nur immer zweifeln? -- Er hat dich erzogen, er
liebt dich wie seinen Sohn, er schtzt deine Tapferkeit -- Adalbert! wir
wissen ja nicht, was die folgende Stunde gebiert, warum wollen wir denn
ber knftige Jahre hinwegschauen? -- Trage von itzt an die grne Band
um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, dein Leben nicht
unnthig zu wagen.

_Adalbert._ Grn ist die Farbe der Hoffnung.

_Emma._ Und die Meinige. Verlier' es nie, es sei dir ein Unterpfand
meiner ewigen Liebe und Treue.

_Adalbert._ Auch wenn die Farbe verbleicht ist? --

_Emma._ Auch dann.

Itzt rauschte die Thr eines Gemachs, die beiden alten Ritter traten
heraus; ein stummer Hndedruck, und Adalbert und Emma schieden. -- --

Alles war wieder laut und geschftig in der Burg, die Sonne war schon
seit einigen Stunden aufgegangen, als vor den Thoren von Mannstein ein
Ritter hielt, und begehrte eingelassen zu werden. Die Thore ffneten
sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den Saal zum alten
Friedrich gefhrt.

Friedrich ging ihm entgegen, lie ihn sich niedersetzen, befahl ihm
einen Becher Wein zu reichen, und fragte dann, was sein Begehr sei?

Ich bin ein Abgesandter, begann der fremde Ritter.

So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen! sprach Friedrich
-- Aber wer sendet Euch?

_Ritter._ Der Ritter _Manfred_, der Euch wohl bekannt sein wird.

_Friedrich._ Was verlangt er?

_Ritter._ Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu endigen, Frieden zu
schlieen und Euer Freund zu werden.

_Friedrich._ Mein Freund? --

_Ritter._ Aber nur unter einer Bedingung --

_Friedrich._ Sie ist? --

_Ritter._ Eure schne Tochter! --

Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand auf den Tisch und
blickte den Ritter zornig an. Dann ging er lange mit groen Schritten
auf und ab. -- Endlich stand er still, sah den Ritter noch einmal lange
und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker Stimme, die zuweilen
nur von einer unterdrckten Wuth zitterte: Geht zurck, Ritter! und
sagt dem schndlichen Manfred, da eher meine Burg in Trmmern strzen
soll, da ich lieber mit eigner Hand meine Tochter ermorden, als in
seinen Armen wissen will. -- Ein Ritter, kein Meuchelmrder, soll ihr
Gemal werden; unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet sein,
denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Ruber zu vertilgen, und
ein Ruber ist Manfred. -- Sagt ihm nur, ich habe es nicht vergessen,
wie er meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie durch ihn des
Edeln von Lwenau Burgen und Lndereien widerrechtlich gepret werden;
sagt ihm, da mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern
bereit sei, den Kampf zu erneuen. -- Will er Euch nicht glauben, so mag
er sich von mir selbst die Antwort im Blachfelde holen.

Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf sein Ro, und jagte
hinweg ohne nur einen Blick nach der Burg zurckzuwerfen.

Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein Ingrimm in einem
freundschaftlichen Gesprche mit Konrad von Burgfels nach und nach
verlor.

       *       *       *       *       *

Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die Gesandtschaft Manfreds
vergessen. Der Wein machte, da sie in der Zukunft, welche sie sich
ertrumten, allenthalben nur Glck und Freude sahen, und dadurch harmlos
und unbefangen die traurige Wahrheit vergaen: da jeder Augenblick ein
Unglck erzeugen knne.

Emma stand inde an einem Bogenfenster und blickte in die schne Gegend
hinaus, welche der Mond beleuchtete. Sie trumte sich in die Zukunft
hinber, tausend angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen
sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.

Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes Rauschen ferner Wlder
rief das Andenken der Vergangenheit in ihre Seele zurck. Um sich diesem
Gefhle ganz zu berlassen, schlich sie sich langsam auf den Altan der
Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzcken auf ihre vterlichen
Fluren herab, mit dem der Liebende den Abendschein der Erinnerung
vorigen Glcks betrachtet.

Itzt schwebte der Mond noch eben ber einen fernen Hgel, nun sank er
langsam, und ein blasser zitternder Glanz berflog noch einmal die
Eichenwlder, dann standen sie ernst und finster da; die fernsten
westlichen Wolken tauchten sich im Vorberschweben in einen bleichen
goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend in Dunkel eingehllt,
finster und schauerlich, wie die Zukunft dem, der Unglck ahndet.

O Bild des Glcks! rief Emma aus. -- So stirbt die letzte Hoffnung
auf dem Grabe des Geliebten, so welkt die letzte Blume im Kranze
menschlicher Freuden, so weht der Sturm die letzte Blthe vom
verdorrenden Baum.

Eine heisse Thrne stieg langsam in ihr Auge.

Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, schwarze Wolken
hingen ernst unter dem Glanze der Sterne ber fernen Wldern, und schon
begann die Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhle -- da braust
es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht daher wie ein Schwarm
Gespenster, die durch den Eichenforst fahren, -- ein unwillkhrlicher
Schauer zitterte langsam ber Emma's Krper hin. --

Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt nher, wie ein Klang von Harnischen.
-- Wie sich um den Felsen eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt
eine dstre Schaar um die Mauer der Burg.

Emma wollte zurck und in das Gemach ihres Vaters eilen, aber sie fhlte
sich zu schwach, eine unbekannte Macht hielt sie gewaltsam zurck, sie
drngte sich bebend in die Ecke des Altans.

Itzt schwebte es ber den Wall herber, -- schon rauschte es durch den
Graben der Burg -- da schmetterte pltzlich laut und furchtbar von der
Zinne der Burg die Trompete des Thurmwchters, und Emma schrak heftig
zusammen.

Pltzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die Sturmglocke hallte
frchterlich, Panzer rasselten, Pferde wieherten, Tritte drhnten laut
durch alle Sle, Stimmen schallten verwirrt durch einander, -- ihr war,
wie in einem Traume, groe Tropfen der Angst standen auf ihrer Stirn,
und ihre Bangigkeit stieg endlich so hoch, da sie mit einem
schmerzhaften Vergngen die Entwickelung dieses frchterlichen Traums
erwartete.

Noch einmal schrie alles pltzlich laut durcheinander, Rstungen
erklangen, Schwerter klirrten, dann eine kurze Stille, die von einem
neuen Geschrei unterbrochen wurde, die Krieger wtheten wie zwei
Gewitter gegeneinander. -- Itzt hrte sie Adalberts Gang, er ging durch
die Sle, den Altan vorber, sie wollte seinen Namen ausrufen, aber kein
Ton stand ihr zu Gebot.

Als er vorber war, rief sie laut: Adalbert! -- Aber er konnte diesen
Ruf nicht mehr vernehmen. Sie raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig
durch die Sle, bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in
welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftnte; sie rannte durch eine
verborgene Thr, eilte ber die niedergelassene Zugbrcke nach dem
offenen Felde, wo ihr die Sterne bleich und erschrocken ber ihrem
Haupte zu flimmern schienen.

Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hgel nieder, und sah nach der
Burg zurck, die wie in Nebelwolken eingehllt da lag. -- Das Schmettern
der Trompeten tnte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute Klang
ber Berge und Wlder, gebrochen schmetterte der Widerhall am fernen
Felsen die Tne nach, die dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs
versanken. --

Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das Dunkel der Nacht, Schatten
flohen hin und her, Nacht und Helle kmpften mit einander, alle Schrecken
boten sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas Auge, die endlich
das Gesicht mit den Hnden verdeckte.

Das Gerusch des Kampfes kam ihr nher, Krieger flohen ihr dicht vorber,
andre sanken verfolgt zu Boden, sie hrte das Rcheln der Todesangst und
schauderte noch strker.

Ein Ritter eilt daher, der Flchtlinge verfolgt, sie springt auf und
strzt athemlos in seine Arme! -- Es war Adalbert. --

Adalbert! Adalbert! ruft sie mit bebender Stimme und drckt sich fast
ohne Bewutsein an seine Brust, -- rette mich!

Manfred siegt! rief er wthend aus, aber ein guter Engel lie mich
dich finden, meinen Muth zu strken. -- Zurck in den Kampf! -- Ha! die
Meutrer! -- die Burg brennt!

Er lie sie sanft nieder, und strzte wild hinweg.

Emma schlo die Augen, denn sie hrte noch immer die schrecklichen
Worte: die Burg brennt! -- Endlich blickte sie matt und schchtern
auf, -- welcher Anblick! -- Khn wlzte sich eine Flamme aus der Burg
himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majesttisch hin und her,
und bersah mit khnem Blicke die ganze Gegend. -- Der Burggraben glhte
im Widerschein, alle Wlder und Berge wankten hin und her im zitternden
Flammenglanze, groe Funken flogen Sternen hnlich durch die Nacht, und
sanken neben Emma im feuchten Grase verlschend nieder! --

Im Schein sah sie die Kmpfenden gegeneinander wthen, Arme gegen
Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; Schwerter glnzten wie fernes
Wetterleuchten durch die Nacht, Trompeten und Hrner hallten wie Donner.
-- Ihre Augen schlossen sich mde und geblendet.

Sie ffnete sie nur mhsam nach langer Zeit, die Flamme war zurck
gesunken, das Gerusch des Kampfes war verschwunden, die grlichste
Stille lag schwer und drckend ber der ganzen Natur. -- Zweifel
schttelten itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewiheit trat
an die Stelle des vorigen Entsetzens. -- Gott! rief sie lautseufzend,
und im Ton der Verzweiflung.

Emma! seufzte es leise aus einem nahen Gebsche mit dem chzenden
Tone eines Sterbenden. Emma bebte auf. Es rasselte im Laube. -- Mein
Vater! rief sie aus, und strzte in die Arme Friedrichs, der verwundet
hieher geflohen und niedergesunken war. --

Wthet noch die Flamme in der Burg meiner Vter? fragte er mit schwacher
Stimme.

Nein! sprach Emma, die Flamme ist gelscht.

Nun Gott sei Dank! antwortete Friedrich und erhob sich.

Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fhlte sie das Blut des Greises
ber ihre Hand flieen.

Himmel! rief sie aus, mein Vater, Ihr blutet! -- Schnell zerri
sie ihren Schleier und verband die Wunde so sorgfltig, als es die
Finsterni der Nacht erlaubte. Friedrich kte sie und drckte sie stumm
an seine Brust. -- O, ich bin glcklich! sprach er endlich, da ich
dich wieder gefunden habe; mag Manfred doch in meinen Burgen wthen,
wenn du nur mein bleibst; mag das Feuer meine Schtze verzehren, wenn
ich dich nur noch an meine Brust drcken kann. -- Ich bin nicht
unglcklich! --

Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken sumten sich mit sanftem
Roth, ein kalter Morgenwind wehte, die Gegend trat nach und nach aus
der Nacht hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich das
Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender Fittig umarmte den
stlichen Horizont.

Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fhlte sich strker, als er
aus der Ferne ber einen Berg einen Trupp Reiter auf sich zusprengen
sahe; Adalbert war an ihrer Spitze.

Sieg! Sieg! frohlockte die jauchzende Schaar; Sieg! hallte das Thal
mit seinen Felsen wieder; Sieg! sprach Emma freudig nach; eine Thrne
der Freude strzte schnell aus ihrem Auge, und eine schne Rthe berflog
ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob sich schnell bei dem Worte, und sah
wieder so khn umher, als er es sonst gewohnt war.

Adalbert stieg von seinem Rosse. Manfred ist geschlagen! sprach er,
nur wenige von seiner Rotte sind meinem strafenden Schwerte entronnen.
Friedrich eilte ihm entgegen, und schlo ihn herzlich in seine Arme.
Sei mir willkommen! rief er ihm entgegen, willkommen, mein geliebter
Sohn!

Euer Sohn? sprach Adalbert froh auffahrend; er blickte schchtern auf
Emma, die bei diesem Blicke errthete.

Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich, sprach Friedrich, verdank ich dir
nicht alles? -- Sage, wie kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem
Ritterworte! alles was meine Ehre erlaubt sei dein.

Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte er den Namen Emma
aussprechen, als er das Auge noch einmal zu ihr wandte. -- Sie schlug
schchtern die Augen nieder, und schchtern stammelten nun Adalberts
Lippen statt _Emma_ -- das _Ritterschwert_. --

Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.

       *       *       *       *       *

Manfreds Schaar war gnzlich zerstreut, und die Ordnung in Friedrichs
Burg wieder hergestellt. Das Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur
wenigen Schaden thun knnen, und obgleich viele von Friedrichs Kriegern
gefallen und verwundet waren, konnte dieser doch dem Glck und Adalbert
Dank sagen, da er den verrtherischen berfall nicht theurer hatte
bezahlen mssen.

Konrad von Burgfels verlie Friedrichs Veste, um die seinige zu
besuchen, der nchtliche berfall hatte ihn besorgt gemacht; er reiste
mit dem Versprechen ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder
einzukehren.

Unmuthig ging inde Adalbert im Schlogarten auf und ab, denn sein
Gedchtni wiederholte ihm alle Vorflle dieser Nacht mit den kleinsten
Umstnden. -- Adalbert! rief er endlich aus, was hast du gethan? --
Unbesonnen hast du den groen Augenblick deines Lebens verscherzt, in
welchem die Waage deines Glcks im Gleichgewichte stand; -- kam es nicht
blo auf dich an, glcklich zu seyn? -- Ein Wort aus meinem Munde, und
sie war mein, ewig mein! -- Dein? Ist das so gewi? -- Welcher Sterbliche
wagt es, so frech das ganze Glck seines Lebens einem einzigen Hauche
anzuvertrauen? -- Htte mir nun das _Nein_ wie meine Sterbeglocke
frchterlich aus seinem Munde getnt, Adalbert, wie dann? -- Itzt bleibt
dir doch noch die trstende Hoffnung. -- Aber hoffen, und ewig nur hoffen,
inde sich meine Kraft aufzehrt, und das Ziel meines Glcks immer weiter
aus meinen Augen gerckt wird. -- Hoffnung! dieser rmliche Ersatz fr
Genu, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns freundlich winkt und
uns so in unser Grab lockt, -- lieber Gewiheit des Unglcks als dieses
peinliche Schwanken zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als in
jedem Augenblick den Tod frchten. Und mu ich nicht doch irgend einmal
mein ganzes Glck einer Frage anvertrauen? -- Ja! es sei gewagt, noch
heut mu sich mein Schicksal entscheiden, -- und was wag' ich denn
dabei?

Was? fuhr er seufzend nach einer Pause fort, die ganze Seligkeit
dieses Lebens. Wie wird die ganze Welt verdorren, wie werden alle meine
Freuden hinwelken, wenn der verdammende Urtheilsspruch mir tnt! -- Aber
sei's! der hat noch dem Glcke keine Krone abgewonnen, der nicht mit ihm
zu wrfeln wagte, -- mag das Spiel um Tod und Leben gehn! -- was ist mir
ein _solches_ Leben? der Tod sei mir willkommen! --

O da ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre werden ihn mir nicht
wieder anbieten, er nannte mich Sohn -- Wird er mich je wieder so
nennen? -- Kenne ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schtze
ist?

Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt nicht Ritter so wie
er? -- Itzt sind wir uns gleich, und die vorige glckliche Nacht hat
mich noch ber ihn gestellt.

Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben auf? Wer erzog dich?
Wem dankst du _dein_ Leben? -- O, ich fhl' es! dieser Kampf meiner
Seele wird nie enden.

So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging heftig auf und ab,
bald stand er pltzlich still und heftete den Blick auf den Boden, dann
ging er langsamer, stand wieder still, bis er erschrocken wieder
auffuhr, und noch schneller auf- und niederging.

Wir sind ja Beide _Menschen_! sprach er endlich langsam und beruhigt,
es betrifft das Glck meines Lebens, und auch er soll dadurch glcklich
werden; ich will der zrtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schtzen, sein
pflegen, es soll ihn gewi nicht reuen. Er findet keinen Eidam, der seine
Emma so lieben, so glcklich machen wrde, als ich, das fhl' ich, und
ihr Glck, hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.

So ausgerstet ging er itzt muthig in Friedrichs Gemach. Die Sonne war
schon untergegangen, und der Ritter sa still und gedankenvoll in seinem
Zimmer.

Adalbert fhlte sein Herz heftig klopfen, als er die Thr ffnete, die
Brust ward ihm zu enge, er war mit dem Ritter so vertraut, und doch war
es ihm als wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.

Willkommen, Adalbert! rief ihm Friedrich entgegen, gut da du kmmst,
ich wollte dich schon rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander
getrunken, und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl nicht das
letztemal sein, da mir mit einander trinken?

Das letztemal? fragte Adalbert und eine glhende Hitze berflog ihn;
er war itzt fest entschlossen, kein Wort zu sagen.

_Friedrich._ Setze dich zu mir, Adalbert! wir wollen uns heut wohl sein
lassen, du hast gekmpft, dafr mut du ruhen.

Buben brachten Wein, der Alte go die Becher voll, und Beide tranken.
Adalbert nachdenkend und traurig, fast ohne zu wissen, da er trank,
Friedrich desto frhlicher.

_Friedrich._ Du bist nicht munter, Adalbert! du trinkst ja warlich wie
ein Mdchen. -- Was ist dir?

_Adalbert._ Nichts. -- Er sahe starr vor sich hin, indem er mit Wollen
und Nichtwollen kmpfte. Itzt ri er sich gewaltsam aus seiner
Trumerei, glaubte falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell
und zerstreut hinzu: O ja!

_Friedrich._ Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst bist du ein frhlicher
Gesellschafter, man verkennt dich heute ganz.

_Adalbert._ Heut?

_Friedrich._ Am ersten Tage deines Lebens?

_Adalbert._ Ich bin unzufrieden, -- eine peinigende Reue verscheucht
allen Frohsinn.

_Friedrich._ Reue? worber?

_Adalbert._ Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin unzufrieden mit dem
heutigen Morgen.

_Friedrich._ Wie? -- Wre es nicht dein heiester Wunsch gewesen, in den
Orden der Ritterschaft zu treten?

_Adalbert._ Nicht mein heiester, -- meine Zunge sprach es wider meinen
Willen, -- ich htte Euch -- um _Emma_ bitten sollen! --

Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und schmerzlich fhlte
er itzt sein Herz schlagen, das Wamms ward ihm zu enge; er wollte nach
einem Becher greifen um seine glhende Rthe zu verbergen, aber der
Becher fiel aus seiner zitternden Hand.

Eine lange tiefe Stille. Adalbert hrte seinen heien Athem wehen und
zwngte ihn in seine Brust zurck, er wnschte sich itzt in das Gerusch
einer Schlacht, mitten unter die Strme einer Gewitternacht.

Adalbert! sagte Friedrich, und Adalbert schrak zusammen, als htte ihn
der Blitz getroffen.

Adalbert! fuhr Friedrich fort, du bist undankbar, -- du bist mein
Freund, bist du damit nicht zufrieden?

_Adalbert._ Nein, edler Ritter! ich will, ich mu Euer Sohn werden. --

Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich zrnte nicht, er
hatte ihn angeredet, wie ein gtiger Vater seinen Sohn anredet. So tief
vorher sein Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.

Du mut? sagte Friedrich, wrst du boshaft genug, mir eine schwarze
Mauer vor die schnste Aussicht hinzustellen? -- Nein, Adalbert!
-- _diese_ Bitte mu ich dir abschlagen.

Abschlagen? sprach Adalbert ganz leise nach, als wenn er sich
frchtete, die Wort noch einmal zu hren. -- Aber die Bahn war
gebrochen, er war in einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte,
daher behielt er Muth genug zu fragen: aus welcher Ursach?

_Friedrich._ Meine schnsten Trume waren von jeher, da meine Tochter
einem Ritter vermhlt wrde von edler und berhmter Abkunft, -- die fehlt
dir; ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine Freude, -- sie
erbt von mir Burgen und Schtze, diese mu mein Eidam auch besitzen, -- du
hast diese nicht. -- Du kannst mein Freund sein, aber nicht mein Sohn.

_Adalbert._ Ritter! um Gottes willen, widerruft was Ihr da gesagt habt!
-- Ruhm und Schtze verlangt Ihr? wie nichtswrdig ist beides in den
Armen der Liebe! -- Vater! Emma an meine Seite, und Ihr sollt in einem
Himmel leben, Ihr sollt ungern diese Erde verlassen! -- Knnen Euch Ruhm
und Schtze Glck bezahlen? Wiegen Goldstcke die Thrnen Eurer Tochter
auf? -- Ich mu verzweifeln, wenn Ihr nicht widerruft!

_Friedrich._ Adalbert!

_Adalbert._ Wird Euch nach meinem Tode auf dieser Stelle nie der Name
Adalbert einfallen? -- O Friedrich! Friedrich!

Er strzte kraftlos nieder und umarmte heftig die Kniee des Ritters.
-- Friedrich beugte sich gerhrt ber ihn und hob ihn auf. Unglcklicher!
sagte er, Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines Sohnes.

_Adalbert._ O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet Euer Versprechen --

Halt! rief Friedrich und stand wthend auf, Bsewicht! mein Ritterwort
brechen! -- Bei Gott! dann mag der Henker mein Wappen zertrmmern, und
den Namen Mannstein an eine Schandsule schreiben! Geh Verworfner! -- Geh!
du entehrst das Schwert an deiner Seite.

Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert stand stumm und
unbeweglich vor ihm, ohne alle Zeichen des Lebens.

Von itzt an, sprach Friedrich, halte ich dich jeder Schandthat fhig;
du verlssest morgen meine Burg, ich lasse dir ein Ro zumen; bei meiner
Ritterehre! ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher Bube knnte
Emma entehren, und Konrad von Burgfels ermorden.

Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thre des Zimmers stand er still,
seine Kniee wankten, seine Hnde zitterten, so nahte er sich dem Ritter
und sagte halblchelnd: Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal mit
einander getrunken.

Mit einer schweren Thrne sprach er die Worte _zum letztenmale_ aus.
Dann verlie er schnell und stumm das Gemach.

Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf die Thrne Adalberts,
die brennend auf seine Hand gefallen war, er selbst konnte eine andre
nicht in sein Auge zurckzwngen, sie rollte langsam ber seine Wange.

Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die Thrne Adalberts, um es
zu vergessen, da ein Mann hier geweint habe.

Er htte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute die Hitze, in
welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig behandelt hatte, -- aber
die Stunde war vorber, die schrecklichen Worte waren gesprochen.

Betubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das Loos ist gefallen! rief er
wild und warf sich in einen Sessel; ich habe verloren, setzte er dann
mit schrecklicher Klte hinzu, -- wie konnte ich auch auf einen Gewinn
rechnen? -- Dann ging er lange heftig auf und ab, ffnete stumm das
Fenster und schaute mit starrendem Auge in die monderhellte Gegend.

Es war eine schne Sommernacht, die Luft bebte ihm warm und lieblich
entgegen, die ganze Gegend war still und ruhig; der Mond schien durch
dunkele Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken Erlen am See ein
ungewisses Licht; Schatten und Helle flohen und wechselten; Eichen und
Buchen standen da in Glanz und helles funkelndes Grn gekleidet, auf
jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flmmchen zu brennen und durch
die Nacht zu leuchten. Durch die verschrnkten Zweige schlpfte der
Strahl des Mondes und spielte wallend und webend auf dem grnen Rasen;
die ganze bekannte Gegend war durch die magische Beleuchtung fremd und
unbekannt; die Birken am Abhang des Berges waren Wolken hnlich, die in
den ersten Strahl des Morgens getaucht aufwrts schweben; ihre weien
Stmme glichen Geistern, die ruhig durch die Wolkennacht den Berg
erstiegen. Unken klagten aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus
dem Busche ihr entzckendes Lied, Feuerwrmchen schwebten wie kleine
Sterne durch die Nacht und spielten frhlich im weien Strahl des
Mondes.

Die kalte Verzweiflung Adalberts lte sich bald in die Thrnen der
Wehmuth auf. -- Wenn er jetzt den Tnen der Nachtigall folgte, wenn sein
Blick durch den glnzenden Himmel dahin eilte, so schien ihm der ganze
heutige Tag nichts als ein Traum zu sein. -- Wie knnte Unglck diese
schne Welt entstellen? so dachte er und freute sich schon auf das
angenehme Gefhl, wenn er aus diesem Traum erwachen wrde.

Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel mit den Strahlen des
Mondes, sie zeichneten ihm im wankenden Grase das Bild seiner Emma,
bald wie sie ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem
Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den wunderbaren Gebilden der
mondbeglnzten Wolken sah' er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten,
dann sah' er sich selbst, wie er fr sie kmpfte und siegte, -- sie
reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der Kranz flo in einen glhenden
Dolch zusammen; aber sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wlkchen,
bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.

So schwrmte sein Geist in den sesten Trumen umher, der Zorn Friedrichs
lag ihm wie in einer weiten Ferne, reizende Bilder lebten und webten in
seiner Seele und stellten sich lchelnd vor jede traurige Erinnerung,
-- als nach und nach der Mond erblich und ber die fernen Hgel das
erste graue Licht des Tages zitterte.

Pltzlich war der schne Schleier zerrissen, der seine Schlfe so sanft
umfing, alle Tuschungen der Phantasie sanken pltzlich unter. Die
Sterne verloschen, die Nachtigall verstummte, eine heilige Stille in
der Natur -- und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem
Tage kehrten alle Gefhle des Schmerzes in seine Seele zurck. Alle
Phantasien entflohen, die Freuden sanken mit dem Monde unter und der
kalte Morgenwind wehte ihm die schreckliche berzeugung zu: Du bist
unglcklich!

Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, -- dachte er jetzt,
-- ich werde sie dort nicht mehr sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen
war sie, wie freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! -- jetzt
wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir bei meinem Erwachen
die drre Hand entgegenstrecken. -- Ach, Emma! wirst du mich vergessen?
-- O noch einmal wnsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer
Treue zu erinnern. -- Werde ich sie noch einmal sehn? Sie schlft
vielleicht noch und ahnet nicht, da sie meinen Abschied auf ewig
verschlft. -- Emma! Soll ich fortgehn ohne wenigstens aus ihrem Munde
ein ses: Lebewohl! mitzunehmen?

Er verzgerte seine Abreise, er hoffte noch immer, da sie bei seinem
Zimmer vorbeirauschen wrde, wie sie oft am Morgen that; er horchte
aufmerksam auf jeden Zug des Windes. -- Schon hundertmal hatte er die
Thr geffnet und hundertmal trat er wieder in das Zimmer zurck; es
fiel ihm jedesmal ein, da er auf _ewig_ Abschied nehme, da er, wenn
er aus der Thr getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe,
ohne sie wiederzusehen. -- Eine Stunde nach der andern eilte hinweg,
sie kam nicht, -- da stieg die Sonne dster hinter schwarzen Wolken
empor -- wthend ffnete er die Thr, schlug sie heftig zu und ging.

       *       *       *       *       *

Adalberts Sinne waren verschlossen, er verlie die Burg wie ein
Trumender. _Kurd_, ein Diener Friedrichs, kam ihm mit einem Pferde im
Hofe entgegen und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert
wies ihn mit bitterm Hohn zurck: Friedrichs Rosse sind zu edel fr den
Knappen Adalbert, ich bin kein Bettler, um ein Geschenk von ihm
anzunehmen.

Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, sein Blick haftete brennend
auf der Stelle, wo er sie sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als
mte er sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. Schon
kehrte er sich ungewi wieder nach der Burg um, als ihm sein treuer
Jagdhund entgegen kam und wedelnd zu ihm hinaufsprang. -- Halb wider
seinen Willen stie er ihn zornig mit dem Fue zurck. Der Hund legte
sich traurig und schmeichelnd nieder und blickte bittend zu seinem Herrn
empor. -- Kann die Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief
er aus; ja du treuer Gefhrte, du sollst mich auf meiner Pilgerschaft
begleiten; ich will ein Wesen neben mir haben, dem ich traurig in's Auge
sehen kann, du sollst meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du
bist kein _Mensch_!

Etwas leichter ging er ber die Zugbrcke durch das uere Thor.
Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll und schweigend nach der
Burg zurck. Der Himmel hing dster und schwarz ber der Gegend, ein
kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen des Burggrabens
pltscherten schwermthig gegen die Mauer und sonderbar traurig tnte
aus den Regenwolken der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmthigem
Vergngen suchte Adalbert die Pltze auf, wo er als Knabe mit dem alten
Wilibald gespielt, wo Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo
er mit der kleinen Emma so oft herumgeschwrmt war, -- wie war das jetzt
alles so verndert! damals schien die Sonne so heiter, die Zukunft lag
wie ein goldner Maihimmel ausgespannt vor ihm, -- und jetzt! -- Er
dachte an Emma's Ahnungen, schwermthig sah er nach jenem verdorrten
Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines Lebens.

Einige Landleute zogen am gegenberliegenden Berge zu ihrer Arbeit
hinauf. Die Stiere keuchten unter dem drckenden Joch, und schleppten
den heiserknarrenden Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief
Adalbert aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen einher, jeder
Morgen rthet sich zur Arbeit; unglckliche Menschen! die blo heute
leben, um morgen eben so wie heut fr einen andern Tag zu sorgen, die
das unerbittliche Schicksal fest hlt, dieses langweilige Spiel zu
spielen.

Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer Waldecke pltzlich
still, denn er erinnerte sich, da man von hier aus die Gegend der Burg
zum letztenmale she. Er blickte noch einmal mit der wehmthigsten
Empfindung zurck, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend schienen ihm
jetzt gestorben und hundert wohlbekannte Bume und Felsen standen wie
Leichensteine auf ihren Grbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich
und ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, der
Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang vorgezogen.

Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der Menschen, er bahnte
sich Wege durch einsame Wlder und wildes Obst und Waldwurzeln muten
seinen Hunger befriedigen. Er wollte niemanden Dank schuldig sein. Der
Unglckliche glaubt sich so gern von der ganzen Menschheit gehat, er
findet Trost in diesem Wahn und in der Freude die ganze Menschheit zu
verachten. Diese Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste
mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu vermissen.

Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen gebrochen durch
das grne Dunkel und flimmerten sterbend auf den Wellen eines kleinen
rieselnden Bachs. Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte
an die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grnen Bande Emma's,
das an seinem Arme flatterte. -- Ha! du willst zu ihr zurck! rief er
aus. -- Nein, du mut bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der
Hoffnung. Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sprot der Schierling
der Verzweiflung. Du bist das _letzte_, das _einzige_, was mir von
Emma brig blieb; wenn ich dich verliere, worauf kann ich _dann_ noch
rechnen? -- Die erste Thrne seit seiner Verbannung fiel auf das grne
Band. -- Unglckliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreter Stimme fort.
-- Nur auf Thrnen soll ich rechnen? Thrnen sollen meine ganze Erndte
sein. -- Er trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie
hingefallen war. -- Emma! rief er pltzlich aus, -- die Farbe der
Hoffnung schwindet! -- Wenn du mich je vergessen knntest!

Er lehnte sich an eine Birke, die ber ihm suselte; die einfrmige
Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig in einen leichten Schlummer, aus
welchem ihn das Klirren von Schwertern wieder weckte. -- Das graue Licht
des Abends flatterte ungewi um die Wipfel der Bume und furchtbar tnte
das Waffengerusch durch die Einsamkeit.

Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem Schalle folgte. Ein
kleiner Fusteig fhrte ihn auf einen freien Platz des Waldes, wo er
drei Mnner gegen einen Ritter kmpfen sah, der unerschrocken und kalt
mit einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er strzte hervor
und schlug den nchsten Ruber mit aufgehabenem Schwerte nieder; in
eben dem Augenblicke fiel der zweite von der Hand des fremden Ritters,
zitternd warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die Nacht
des Waldes.

Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, indem er
Adalberts Hand herzlich schttelte; seid mir willkommen! Euch verdank'
ich mein Leben!

_Dafr_ will ich Euch den Dank erlassen, antwortete Adalbert
bitterlchelnd.

Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? -- fragte der Fremde, -- da das
Leben seinen Werth bei dir verloren hat?

_Adalbert._ Verschont einen Unglcklichen; ihn um sein Unglck fragen,
heit ihm einen Schlag auf seine frische Wunde geben.

Der Fremde erhob das Visier des Rubers, den Adalbert erlegt hatte.
-- Ha! _Manfred_! rief er aus.

Manfred? schrie Adalbert. -- Ja, bei Gott! Mutest du mir hier deine
Schuld bezahlen? -- Nun wirst du nicht mehr die Veste Friedrichs berennen
wollen. --

Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, begleitet mich zu meiner
Burg, ich bin der Ritter _von Lwenau_, wenn euch mein Name nicht
unbekannt sein sollte.

Sie gingen. -- Ich kenne ihn, begann Adalbert, der schndliche Manfred
hatte whrend Eures Aufenthalts in Palstina eure Lndereien in Besitz
genommen.

Ja, und als er vernahm, da ich zurckgekehrt sei, legte er sich mit
seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebsches, weil er wute, da
mich meine Strae hindurchfhrte. Wir sind meiner Veste nahe, ich
schickte daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg fort.
Ich ward berfallen und wre ohne Euren tapfern Beistand verloren
gewesen.

Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag vor ihnen. Adalbert
wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm von Lwenau.

Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glcklichen sehe, antwortete
Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit eure Freude stren?

_Lwenau._ Bist du ein Verbrecher? -- Er lie seine Hand fahren.

_Adalbert._ Nein, dem Himmel sei Dank!

_Lwenau._ Und willst doch der Verbrecher Schicksal theilen? Willst dich
wie ein Vatermrder in Wlder und dunkle Hlen verkriechen? Willst den
Anblick der Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die
Folter spannt? -- Der Unglckliche darf khn emporblicken, die Schlge
des Verhngnisses geben ihm ein Recht, allenthalben Liebe zu fordern.
-- Zgre nicht, wenn ich dich fr einen braven Rittersmann halten
soll. --

Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, fr einen Frevler zu
gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu folgen.

       *       *       *       *       *

In der Burg setzten sich beide an den Tisch und Lwenau beobachtete
seinen Gast genau.

Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt war, ich habe dir viel
zu danken, du scheinst ein edler Mann zu sein, nimm meine Freundschaft,
meine Brudertreue an, und sage mir, kann ich etwas von meiner groen
Schuld abtragen, kann ich dir helfen?

_Adalbert._ Du mir? -- O Wilhelm, was kann menschliche Hlfe dem ntzen,
auf dem das Schicksal zrnt?

_Lwenau._ Das Schicksal? -- Da der Unglckliche doch so gern so stolz
ist sich von der Gottheit verfolgt zu glauben! -- Sei aufrichtig gegen
deinen Freund. -- Vielen ging dadurch alle Hlfe verloren, da sie
sich dem Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: ich
bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen gar ber ihr
Schicksal, da sie doch selbst die Zgel ihres Lebens in den Hnden
halten. Glaube meiner berzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal,
wir mssen nur nicht unthtig die Zgel fahren lassen, und sie voll
Trgheit einer fremden Macht bergeben wollen. -- Noch immer so stumm?

Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist ein edler Mann,
du denkst nicht wie die meisten Menschen, und darum will ich mich dir
vertrauen, ob ich gleich vorher wei, da du mir nicht helfen kannst.
-- Er erzhlte ihm die Geschichte seines Unglcks und schlo mit diesen
Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die Liebe gemacht, durch sie bin
ich verwaist und ohne Vaterland. Die Freude hat fr mich ihre Thr auf
ewig verschlossen; was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir dehnt
sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist fr mich todt und ich
bin der Welt gestorben, sie ist mir ein der Strand, an den mich ein
unglcklicher Schiffbruch warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem
Sturme brig blieb, -- ist das Grab, und diese Hoffnung kann mir, dem
Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, diese Zuflucht ist dem
Unglcklichen gesichert.

_Lwenau._ Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, wie du, so
unumschrnkt von der Liebe beherrschen lassen?

_Adalbert._ O Ritter, nimm mir meine Liebe und du nimmst mir alles,
was nicht an mir verchtlich ist. -- Nur sie rief mich zur Tapferkeit,
zur Menschlichkeit, in diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefhle
gelutert, und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der Liebe.
Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte erborgte Schimmer von
dem Abendgewlk. Mit meiner Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heit.

_Lwenau._ Ich will dir glauben, denn ich habe noch nie geliebt, seit
meiner Kindheit leb' ich im Gerusch der Waffen; ein schnes Pferd war
fr mich das Meisterstck der Natur, und ich verstand die Schnheit nur
an Harnischen zu bewundern, -- und du glaubst gewi, da es fr dich in
dieser Welt kein andres Glck als die Liebe giebt. --

_Adalbert._ Keines! versagte mir die Liebe ihren Kranz, so sind fr mich
alle Blumen in der Natur gestorben.

_Lwenau._ Und Emma ist das einzige Mdchen, das du je lieben kannst?

_Adalbert._ Ich wrde mir selbst verchtlich sein, wenn ich sie nicht
mehr lieben knnte.

_Lwenau._ Sie mu sehr schn sein. -- Adalbert, ich will dir einen
Vorschlag thun, den du aber nicht zurckweisen mut. Schon whrend
deiner Erzhlung fate ich einen Gedanken, der gewi, so sonderbar er
ist, auszufhren wre. -- Doch noch vorher ein Wort. -- Du nanntest mir
in deiner Erzhlung den Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse
Nachricht geben, da er in Palstina geblieben ist. Er fiel im Kampf an
meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, da dieses Hinderni aus dem Wege
gerumt ist, zu Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um seine
Tochter anhieltest?

_Adalbert._ Um von neuem schimpflich zurckgewiesen zu werden? -- Mein
Stolz verbietet es, Emma auf diesem Wege zu suchen. -- Deinen andern
Vorschlag, er mag so sonderbar sein, als er will. --

_Lwenau._ Nun so will ich dir meinen ganzen Entwurf mittheilen, aber du
mut mich nicht unterbrechen, ehe ich geendigt habe. -- Du bleibst hier auf
meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. -- Ich will zu Friedrich
von Mannstein reisen und um seine Tochter anhalten; er schlgt sie mir
gewi nicht ab, denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses
Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz unberhmt -- Auf
meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! ich reise dann mit ihr hieher,
wie ich sie aus der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr dann
diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis zum Tod ihres Vaters
deine rechtmige Gemalin, nachher magst du sie auch ffentlich dafr
erkennen. -- Wende mir nichts ein, zu viel kann ich fr dich nie thun.
-- Ich wei, tausend Freunde an meiner Stelle wrden nicht so handeln,
und hundert Liebhaber wrden sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben;
aber wenn du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich wieder
liebt, so mt ihr beide meinem sonderbaren Entwurf keine Bedenklichkeiten
in den Weg legen, ngstlichkeit darf kein Menschenglck verhindern. --

_Adalbert._ O wie soll ich dir danken? -- Er umarmte ihn rasch und drckte
ihn heftig an seine klopfende Brust. -- Bruder, du bezahlst, wie man
einem Bettler eine Wohlthat vergilt. -- Wie wenig ist ein Leben ohne
Liebe gegen die Krnung der feurigsten Wnsche?

_Lwenau._ Du traust doch meiner Redlichkeit?

_Adalbert._ Verdiente ich sonst wohl den Namen deines Freundes?

_Lwenau._ Auch keiner meiner Blicke soll sich feurig zu deiner Emma
verirren.

Beide waren so munter, da sie sich nicht schlafen legen mochten; sie
tranken die Nacht hindurch und berdachten noch mehr ihren Entwurf.
Adalbert lchelte wieder und Lwenau versprach alles fr seinen Freund
zu unternehmen.

Als die Morgenrthe durch die Bogenfenster dmmerte, lie sich Wilhelm
ein Ro satteln, und sprengte davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis
der Ritter mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.

       *       *       *       *       *

Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, und sich den
Unglcklichsten aller Sterblichen nannte, eilte froh so in die Burg
zurck, als wenn sein Glck schon entschieden wre. Er sahe wieder die
Mglichkeit, glcklich zu werden, und eine khne Hoffnung ri ihn um so
hher wieder empor, je tiefer ihn vorher das Unglck gestrzt hatte. Er
athmete wieder frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag mit
eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn denkt, der vom Spiele
auszuruhen kmmt.

Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern bekannt zu machen, er
dachte sich schon Emma in die Sle, setzte sich in einen Sessel, und
trumte sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem Gemlde suchte er
mhsam die Zge zusammen, die auch nur die entfernteste hnlichkeit mit
dem Gesicht seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der Zweifel
an der glckliche Ausfhrung des Entwurfs seines Freundes in seiner
Seele auf; er schien so unbesorgt, als wenn er mit dem Schicksal einen
Vertrag geschlossen htte.

Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die Natur blhte fr ihn
von neuem, ein neuer Frhling sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung
nieder, und go um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend schne
Trume tanzten um ihn her und reichten ihm ihren Nektarbecher; alle
seine Sinne waren dem Gefhl der Freude aufgeschlossen.

Wie ein Genesender die Rckkehr seiner Krfte fhlt, wie ein sanfter
Purpur wieder ber die bleichen Wangen schleicht, in den erstorbenen
Augen das erste Feuer zuckt, so fhlte sich Adalbert jetzt wieder mit
der Welt, mit allen Menschen ausgeshnt; er empfand, da er itzt Niemand
hasse, oder auch nur hassen knne; in jedem Wesen ahnete er den Geist
der Liebe, er htte die ganze Natur an sein Herz drcken mgen.

So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er verlebte an dem Busen der
holden Betrgerin Stunden, die unendlich mehr Freuden gewhren, als die
Stunden des Genusses. -- Der Knabe steht vor einer grnen Anhhe, die ein
goldnes Morgenroth beglnzt, durch die grnen Bsche funkelt freundlich
der Flammenschein; er ersteigt den Berg, in die bezaubernde Gegend zu
kommen, -- aber die Sonne ist inde heraufgekommen, der lockende Schimmer
verschwunden.

Adalbert wre auch ohne Emma nie unglcklich gewesen, wenn er nur immer
so htte hoffen knnen.

       *       *       *       *       *

Friedrich von Mannstein hatte inde in einer traurigen Einsamkeit gelebt.
An jenem Morgen schon, an welchem Adalbert die Burg verlie, war es sein
erster Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand wute,
welchen Weg Adalbert genommen hatte. Emma war untrstlich, als sie seine
Abreise erfuhr.

Sie hatte sich so an Adalbert gewhnt, da sie sich ohne ihn ihr Dasein
gar nicht denken konnte: er war der Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen,
sie hatte nur immer fr ihn gelebt; seit sie gewnscht hatte, war er
das Ziel aller ihrer Wnsche, denn in der Einsamkeit erzogen, hatte sie
nie einen schnern Mann gesehen. -- Sie dachte sich alles zurck, was
sie mit Adalbert genossen und gelitten hatte, sie hatte so s getrumt
und unbarmherzig hatte sie das Unglck aus allen goldnen Phantasien
gerissen, und vor ein wstes Meer gestellt, in dem sich nichts als
schwarze Wolkengebilde spiegelten. -- Sie fiel nach und nach in eine
Art von Betubung, aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur
Vershnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mdchen, deren jugendliche
Phantasie vor dem Bilde des Todes zurckschauderte, war das letzte der
Fall, so sehr sie auch anfangs dagegen kmpfen wollte; aber der Schmerz
hatte sie ermdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit erschpft. Ihr
Gram ward gemigter und sie fing ihre weiblichen Arbeiten wieder an,
mit dem Vorsatz, ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar
flossen noch ihre Thrnen sehr oft, wenn sie auf die Erinnerung Adalberts
geleitet ward, aber es waren nicht mehr die heistrzenden Thrnen, die
die Kinder des tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der
Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglck sieht; es waren
die Thrnen der Wehmuth, die auch oft nach Jahren noch flieen. Als sie
zum erstenmal wieder lchelte, zrnte sie heftig auf sich selbst; das
zweitemal zrnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht wieder zu
lcheln, und nachher glaubte sie, man knne doch trauern, ohne im uern
die Zeichen der Traurigkeit anzunehmen. Friedrich schien den Kummer
seiner Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine Ursach mehr, die
sie bewegte, ihn zu unterdrcken. Htte er von Adalbert gesprochen,
so htte sie Muth gefat, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie htte
einen Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. -- So
verwandelte sich Emma's Gram nach und nach in Wehmuth. So steigt die
Leidenschaft vom hchsten Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern
herab, bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma wehklagte
nicht mehr ber den Verlust eines Geliebten, sie war nur noch wegen
eines abwesenden Freundes bekmmert.

Sie fhlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr Vater; dieser war daher
am ersten Tage nicht so traurig, als an den folgenden. Sein Kummer nahm
fast in eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter sich
milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er an Adalbert verloren
habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, und diesen vermite er weit mehr,
als er je vorher wrde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, wenn
er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad von Burgfels hatte ihn
noch nicht wieder besucht.

So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, seit dem Tode der
Mutter Emma's war diese Gegend nicht so de und still gewesen. Dieser
Einsamkeit berdrssig, beschlo daher Friedrich ein kleines Fest
anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner Jugend und seines
mnnlichen Alters erinnerte. Er lud mehrere Ritter aus der Nachbarschaft
ein, lie einen grnen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten,
und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen waren der Dank des Siegers,
Emma sollte ihn berreichen.

Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels auf Friedrichs Veste,
aber stiller und verschlossener als je. -- Was ist dir, Konrad? fragte
Friedrich ihm entgegeneilend. -- Bist du krank?

Wollte Gott, ich wr' es! antwortete Konrad.

_Friedrich._ Was fehlt dir Freund? Dir ist ein Unglck begegnet. --

_Konrad._ Ach! Friedrich! -- siehst du, ich hatte wohl Recht; falle
nieder und danke, da dir kein Sohn geboren ist, -- ich hatte Recht.

_Friedrich._ Dein Sohn --

_Konrad._ Schlft in Palstina den eisernen Schlaf. -- Friedrich, nun
werden die Fahnen meiner Burg _ewig_ Karl rufen, und trauriger als je,
-- mein Geschlecht ist ausgestorben. -- Nun werde ich nicht mehr nach
jenen Berg hinblicken, denn _ihn_ werde ich nie heruntersprengen sehn
mit einer erbeuteten Fahne; -- mute _er_ gerade fallen? -- Der einzige
Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mute _ihn_ gerade der
schadenfrohe Tod erwrgen? -- Nun kann ich ihn nicht anders als in
meinen _Trumen_ sehn.

_Friedrich._ Trste dich. Wer kann wider den murren, der das Leben giebt
und nimmt? -- La ihn, wer als Jngling stirbt, der hat nur das Schne
dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorbergegangen. Wie
viele Greise wnschen nicht, als Jnglinge gestorben zu sein. -- Zu viele
Klagen ber seinen Tod ist Gotteslsterung. --

_Konrad._ Wie gut doch die Reichen immer ber Ertragung der Armuth zu
predigen wissen! -- Du bist noch im Besitz deiner Schtze, du ersteigst
einen Hgel, auf dem die Aussicht umher immer schner und schner wird,
oben entschlummerst du vom Strahl eines schnen Abends beleuchtet in den
Armen deiner Kinder und Enkel; -- ich gehe den Berg hinab, einsam und
ohne Gefhrten, in das enge schwarze Thal des Todes.

_Friedrich._ Auch _ich_ habe einen Sohn verloren.

_Konrad._ Du?

_Friedrich._ Adalbert. -- Er erzhlte ihm die Geschichte seiner
Verbannung.

Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt hatte, -- rufe ihn
zurck, mache ihn durch Emma glcklich, mache dich selbst in der Freude
deiner Kinder glcklich. Ich habe nie so lebhaft gefhlt, _was_ das
eigentliche Glck des Lebens sei, als itzt, da ich keine Rechnung mehr
darauf machen darf. Ach! Freund, Ehre, Geburt, Schtze, -- betrgerische
Schatten die uns necken, inde das wahre Glck mitleidig lchelnd hinter
unsern Rcken entflieht. -- Wie gern mcht' ich mir durch meine Burgen,
meine Ahnen, meinen Ruhm einen Sohn erkaufen knnen! unberhmt, arm und
ohne Ahnen wrd' ich mich doch von der ganzen Welt beneidet glauben.
-- Friedrich, folge meinem Rathe.

_Friedrich._ Wenn er hier wre! -- Niemand wei, wohin er sich gewandt
hat. --

Inde waren die geladenen Ritter angelangt und Emma trat in ihrem
festlichen Schmucke zu ihnen. Sie schien sich selbst zu gefallen.

Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben sich in
die Schranken und eine Menge Zuschauer aus der benachbarten Gegend
versammelte sich. Emma sa auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter
gingen zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad und
Friedrich, unwillig da ihren Armen die Schwerter und Lanzen zu schwer
geworden.

Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier nahm seinen Anfang,
als auf einem schwarzen muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den
Schranken nherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen aller
Anwesenden auf sich -- Emma verglich ihn in Gedanken mit Adalbert, der
weniger gro, nicht diesen majesttischen Anstand hatte. Sie gestand
sich, der Fremde sei schner als Adalbert und alle ihre Wnsche erflehten
ihm den Sieg. -- Konrad dachte an seinen Sohn und seufzte.

Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer Leichtigkeit, welche
zeigte, da ihm dieses Spiel nicht unbekannt sei. Er betrachtete Emma
genau, er hatte sie sich dem allgemeinen Rufe nach schner gedacht, ja
eine vollkommene Schnheit erwartet; er fand sich sehr getuscht; aber
doch zog ein unbeschreibliches Etwas ihres Gesichts seine Blicke stets
wieder nach ihr zurck, er fing an zu glauben, da eine vollkommene
Schnheit fr das Herz selten so gefhrlich sei, als ein anziehender
Blick und ein Mund, um den Gram und Heiterkeit stets zu kmpfen scheinen.
-- Emma schlug einigemal die Augen nieder und errthete. --

Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter ward einstimmig der Dank
zuerkannt, er kniete nieder und empfing ihn aus der zitternden Hand des
Fruleins. -- Er ffnete sein Visir, es war _Wilhelm von Lwenau_.

Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen Augen des Ritters und
sanken in eben dem Augenblick beschmt auf ihr Busentuch; sie fhlte, da
in diesen Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch konnte
sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal aufzuschlagen, um den
Anblick der vollkommnen mnnlichen Schnheit zu genieen. Lwenau kniete
noch immer zu ihren Fen und verschlang sie mit seinen Augen; das
Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich aus seinem sen Rausch und
er erhob sich.

Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch die brigen Ritter
begrten ihn und man begab sich zur Tafel.

Wilhelm von Lwenau sa als Sieger obenan und ihm gegenber die
schchterne Emma, die jeden Gedanken an Adalbert zu verbannen suchte.
-- Lwenau a und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend.
Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte mit seinen Augen oft
lange auf ihr. -- Das Mahl war geendet, Emma ging in ihr Gemach und
man brachte den Rittern die Pokale. Lwenau stand auf und ging in den
Burggarten.

       *       *       *       *       *

Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen Armen ging er hastig auf
und ab, als ob er einen verlornen wichtigen Gedanken wiedersuche. -- Er
stand still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem wehmthigen
Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, auf denen schon der sanfte
Schimmer des Abends zitterte. Emma stand von ohngefhr an ihrem Fenster
und ging wieder zurck, als sie den Ritter erblickte.

War das nicht _Emma_? rief er aus. -- Warum klopft mein Herz ungestmer
bei dem Gedanken? -- Emma. -- Wie gleichgltig tnte mir noch gestern
dieser Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den Klang gemischt,
da heut mein Blut ihm schneller hpft? Ist die Liebe, Wilhelm?

Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, meines Erretters.
-- Es kann nicht Liebe sein. Liebe, sagt Adalbert, macht menschlicher,
wohlwollend gegen jedes Geschpf, und ist mir doch, als ob ich den
Namen Adalbert hate seit ich den Namen Emma liebe! -- Nein, es ist
nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, den jeder neue Gegenstand
macht. -- Zuneigung? Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht ber mich
gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der neben ihr sa? Wie
konnt' ich ihn beneiden, da ihn der Saum ihres Kleides berhre? Warum
hate ich jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was machte
mich glhend hei, wenn ihr Auge auf mir verweilte? -- Freundschaft ist
die Gefhl nicht, wenn es nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! -- ist
es aber Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft
besiegt.

Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wre. -- Als ob es schon
ausgemacht wre, da _ich sie_ liebte! -- Es kann, es darf nicht sein.
Ich will mich mit aller meiner Mnnlichkeit panzern; sie gehrt Adalbert,
er liebt sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, -- ein Mann, ein
Ritter mu auf sein Versprechen halten und wenn er selbst darber zu
Grunde ginge.

Er eilte in die Burg zurck, und freute sich dieses Sieges.

       *       *       *       *       *


Emma hatte sich inde einigemal wieder dem Fenster genhert, ohne von
Lwenau bemerkt zu werden. Sie konnte den schnen Mann nie ohne eine
gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging sehr bald in den Wunsch
ber: wenn _dieser_ dich liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie
denn diesen Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen schlossen
mit der Frage: Du liebst ihn also?

Sie erschrak nicht mehr ber diese Frage, schon whrend der Mahlzeit
hatte sie sich an diesen Gedanken gewhnt. -- Ganz leise fing ihr Herz
an diese Frage mit Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe
sie noch die Mglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie erst zu dieser
Liebe nur noch ihre Einwilligung. Die war der erste Augenblick, in
welchem sie eine Art von Freude darber empfand, da Adalbert nicht
in der Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur noch ganz
schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung des gestrigen Abendmahls
beim majesttischen Aufgang der Sonne. Sie fhlte, da sie ihren Adalbert
noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben knne, ja sie fing so
gar an, sich ihre Gefhle abzustreiten, er war wie sie jetzt glaubte,
nur ihr Freund gewesen. Durch die Erscheinung Lwenau's war berhaupt
auf sein Bild jener Schatten der Gleichgltigkeit zurckgeworfen, aus
dem die Liebe den geliebten Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht.
Alle Vollkommenheiten, die sie einst an Adalbert bewunderte, fand sie
ungleich vollkommner an Lwenau wieder und jener behielt am Ende nichts
als seine Fehler, die sie sonst immer zu seinen Vorzgen gerechnet hatte;
und da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen anklagt, so
glaubte sie darin, da er nicht wenigstens Abschied von ihr genommen
habe, einen Beweis zu finden, da auch er sie nie geliebt habe. -- In
dieser Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum ward sie
endlich berzeugung.

Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, erhabner und niedriger;
den vorher gemeinen Menschen erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt
zum Gemeinen hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem Instrument
in andern Tnen lebt. Was Emma sonst immer mit Verachtung angesehn hatte,
schien ihr itzt wichtig; der geschmckte Lwenau gefiel ihr um ein groes
Theil mehr als er ihr ohne Schmuck wrde gefallen haben, sie gestand
sich die Gefhl, und beschlo von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere
Aufmerksamkeit zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an Adalbert
darum etwas gleichgltiger an, weil er nur ihres Vaters _Knappe_ gewesen
war.

Lwenau wollte eben durch den groen Gang in die Versammlung der Ritter
gehn, als Emma, vielleicht zufllig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie
ihn hatte zurckkommen sehn, aus dem Gemache trat.

Ihr hier, Frulein? rief Lwenau etwas hastig.

Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten und in der Art, wie er
sie sprach, einigen Unwillen des Ritters zu entdecken, oder den Gedanken,
sie sei seinetwegen gekommen. -- Um in den Garten zu gehn, antwortete sie,
indem sie rasch vorbeihpfen wollte. --

Ihr flieht mich? sprach der Ritter.

Euch fliehen? Dann mtet Ihr nicht der Ritter Lwenau sein. --

Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und der Schein des Abends
berflog mit freundlicher Rthe das Gesicht des Mdchens. --

Frulein, -- fing der Ritter nach einigem Stillschweigen an, die Sonne
nimmt durch einen holdseligen Ku von Euch Abschied, um Euch morgen
wieder mit einem Kusse zu wecken. -- Um Euer Antlitz zittert ein blasser
Flammenschein, man sollte Euch fr eine Heilige halten.

Da Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich anzubeten, erwiederte
Emma schalkhaft.

_Lwenau._ Und wenn ich nun in die Versuchung kme? -- Wrdet Ihr mein
Gebet erhren, schne Emma? --

_Emma._ Ich mte erst wissen, um was Ihr mich bitten wolltet. -- Sie
sprach diese Worte leise und mit zitternder Stimme, denn sie frchtete
und hoffte viel.

So bitt' ich Euch, sprach Lwenau, nicht so schnell von mir in den
Garten zu eilen.

Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit einem kleinen Unwillen
ber ihre getuschte Erwartung. --

_Lwenau._ Wenn Ihr so gtig seid, mein Frulein, so werdet Ihr mich
leicht zu einem ungestmen Bitter machen.

_Emma._ Was knntet Ihr noch mehr wnschen? --

_Lwenau._ Euch sehen und nicht wnschen? --

_Emma._ Ihr sprecht in Rthseln.

_Lwenau._ Da Euer Herz sie verstehen _wollte_!

Emma sahe starr vor sich hin. Lwenau's Augen wurzelten auf ihrem
Antlitz, er zitterte, eine niegefhlte Empfindung bebte durch seinen
Krper, wie mit Ketten ri es ihn zu Emma hin, er umarmte sie pltzlich
und sprach mit leiser unterdrckter Stimme: Emma, ich liebe dich! --

Betubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach nicht, eine von seinen
Hnden lag in der ihrigen, sie drckte sie schweigend.

Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum erwachend. -- Ein leises
flsterndes Ja, nur der Liebe hrbar, flog ihm entgegen.

Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drckte einen brennenden zitternden
Ku auf ihre Lippen, -- kein Gedanke, kein Gefhl, keine Erinnerung trat
vor seine Seele, als da er _sie_ in seinen Armen halte; selbst da sie
ihn liebe, hatte er vergessen. --

Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betubung, noch einen Ku drckte sie
auf seine Lippen, und flohe dann zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich
athemlos auf einen Sessel niedersank, als wrde sie von einem Ungeheuer
verfolgt. Lwenau starrte ihr nach, bis der letzte weie Schimmer ihres
Gewandes verschwand; lange noch blieb sein Auge unbeweglich auf einen
Punkt geheftet, als wre ihm ein Gespenst begegnet.

Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch frhlich bei den
Pokalen saen; selbst Friedrich und Konrad hatten ihre verlornen Shne
vergessen.

Lwenau wandelte wie im Traum und beantwortete jede Frage nur
unvollstndig. -- Friedrich glaubte, er sei von der Reise und vom
Turnier ermdet und lie ihn durch einen Diener auf sein Zimmer fhren.
Auch die brigen Ritter gingen aus einander. -- Lwenau entschlief, als
sich seine Phantasie mde geschwrmt, und seine Leidenschaften in
Erschpfung gekmpft hatten.

       *       *       *       *       *

Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein Versprechen sein erster
Gedanke. Furchtbar trat diese Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn
schrecklich, auf dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten
angefangen habe. -- Aber wie war es mglich rckwrts zu gehn? Er hatte
ihr seine Liebe gestanden, und sie, da sie ihn wieder liebe. Wenn die
Gestndni nicht ber seine Lippen geschlpft wre, so htte er gegen
seine Leidenschaft noch kmpfen knnen; jetzt aber wrde er sich und
Emma zugleich unglcklich gemacht haben. -- Er berlie sich und sein
Schicksal endlich ganz und gar der Zeit, wenigstens verschob er alles
Nachsinnen, alle Entschlsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei dem
Vater um sie anhalten wollte. -- Wei ich doch noch nicht gewi, ob sie
mir der Vater nicht abschlgt; geschieht es nicht, nun so kann ich ja
auch dann noch immer fr Adalbert handeln. -- Mit diesen Tuschungen
beruhigte er die Vorwrfe, die er in dem Innern seiner Seele fhlte.

Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr fremd, das vertrauliche Du
verdrngte bald die fremde steife Hflichkeit; denn Lwenau verachtete
alle Zurckhaltung, alles Verschlieen in sich selbst; er glaubte, es
zieme dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem ungeprft zu
mitrauen, von jedem Unbekannten das Beste zu denken, und ihn als Freund
zu behandeln. So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. -- Emma,
die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast immer nur
mit Geschpfen ihrer Phantasie umgegangen war, besa noch weniger
Zurckhaltung; sie uerte sich ganz so, wie sie war, kannte Verstellung
kaum dem Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.

Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand ihm, da sie ihn
nie geliebt habe. Sie glaubte es jetzt. -- Lwenau fhlte sich durch
diese Erklrung glcklich. -- Beide waren sich bald unentbehrlich, und
Lwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die brigen Ritter die Burg
verlieen, sehr gern Gehr. Wenn er jetzt nicht bei Emma war, war er
sich selbst zur Last; jede Beschftigung machte ihm Langeweile, und doch
verlegte er die Stunde immer von einem Tag zum andern, in welcher er bei
Friedrich um sie anhalten wollte; denn er fhlte sich in der Tuschung
etwas beruhigt, da er noch immer nicht gegen Adalbert handle.

Emma war jetzt liebenswrdiger als je; der leichte Gram um Adalbert hatte
ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit genommen, sie war jetzt mehr eine
stille, leidende Schnheit, die sich um so reizender an den strkern
Mann anschliet und hinter seiner Brust einen Schirm gegen alle Strme
des Schicksals sucht. Ihre neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick
gegeben, in welchem ein schnes Feuer brannte. -- Der heftige Lwenau
liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. --

Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er beschlo noch heute
mit sich und Adalbert Abrechnung zu halten, noch heute bei dem Vater
um sie zu werben. Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel
nachdenkend im Saale fand. -- Woran denkt Ihr, Ritter? redete er ihn an.

_Friedrich._ Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, wo ich nur noch in
der Erinnerung leben kann; die Zeit der Thaten ist verschwunden.

_Lwenau._ Aber knnt Ihr nicht auch in der Zukunft leben?

_Friedrich._ In der Rckerinnerung lernen wir mehr, nur Thoren sind in
der Zukunft zu Hause. -- Wenn man seinen ganzen Reichthum anwendet, in
jenem goldnen Lande Pallste aufzubauen, und _ein_ Windsto sie alle
niederreit: wohin soll dann der verarmte Pilger fliehen? -- ber dem
Lande der Zukunft liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der
Entfernung etwas ein Schlo zu sein, und wenn wir nher kommen, ist
es eine berhangende Klippe, die sich im nchsten Augenblick auf unser
Haupt herabwirft. --

_Lwenau._ Ihr wollt also nicht hoffen?

_Friedrich._ O ja, aber die Hoffnung, jene Betrgerin, nicht zu meiner
tglichen Gesellschaft machen. Das grte Glck erscheint klein, neben
dem Bilde, das uns die Hoffnung vorhielt.

_Lwenau._ Die Hoffnung trgt fr Euch die Gestalt Emma's, und eine
solche Tochter -- --

_Friedrich._ Je besser sie ist, desto mehr hab' ich zu frchten, und je
mehr ich sie liebe, je mehr verlier' ich in ihr. Alles wr' mit ihr
dahin! Ich wnsche nichts, als sie glcklich zu sehn; dann werde ich es
auch sein.

_Lwenau._ Habt Ihr noch auf keinen Eidam gedacht?

_Friedrich._ Er schlft in Palstina, Konrad von Burgfels, ihr mut ihn
gekannt haben, -- ein anderer, -- o ich mag nicht gern daran denken!
-- ein gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; wre er jetzt
hier, sie wre sein. --

Lwenau schwieg, und sahe dster vor sich nieder. Ein gewisser -- Wollt
Ihr sie keinem Ritter von berhmtem Hause geben? fragte er endlich.

_Friedrich._ Wer wei ob sie mit einem solchen glcklich wre?

_Lwenau._ Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?

_Friedrich._ Dann wrd' ich mich keinen Augenblick bedenken.

Lwenau kmpfte jetzt einen schweren Kampf, sein Edelmuth und seine
Liebe rangen hartnckig mit einander; oft wollte er den Namen Adalbert
aussprechen, aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken an
Emma. -- Die Liebe blieb Siegerin. -- Wrdet Ihr mich als Eidam
verschmhen, Ritter?

_Friedrich._ Euch? -- Ist das Euer Ernst?

_Lwenau._ Knntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz zutrauen?

_Friedrich._ Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.

_Lwenau._ Dafr kann ich Brge sein. --

_Friedrich._ Nun so darf ich doch endlich hoffen, ein glcklicher Vater
zu werden; ich zweifelte schon daran, denn man mu sich gewhnen, an
allem in dieser Welt zu zweifeln, was dem Glcke hnlich sieht.

_Lwenau._ Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. --

_Friedrich._ Ich will es nicht lnger bleiben, mein Eidam mu nicht
glauben, da er an mir einen mrrischen Vater erhlt.

Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich ward sehr heiter,
Lwenau ging endlich spt in sein Schlafgemach.

Sie ist mein! rief er aus. -- Unwidersprechlich mein. -- Itzt sei es
fest beschlossen. -- Sie ist mein, Adalbert! und sollt' ich darber mein
Leben, welches ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen mssen.
Die Freundschaft sterbe fr die Liebe. Sie liebt ihn nicht; sie wre
unglcklich, und -- bei allen Heiligen! -- sie verdient es nicht zu
sein. Auch er wird sie vergessen, -- oder mein Leben -- ein nichtiges
Geschenk ohne sie, zurckfordern. Mag er! ich werde es vertheidigen,
denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der groe Vertrag mit seinem Gewissen
war bald von der Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er fr
die Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu glcklichen
Trumen ein.

       *       *       *       *       *

Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, du mein! ich dein!
so rief Lwenau als er in Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte.
-- Jetzt kann uns nichts in der Welt von einander reien.

_Emma._ Ich dein? du mein? --

_Lwenau._ Nur etwas mangelt unserm Glck und dieses Wort umfat noch
mehr.

_Emma._ Was knnte dieses Etwas sein?

_Lwenau._ Da Adalbert alle seine Rechte auf dich aufgiebt; so lange
wir noch frchten mssen, da er zwischen unsre Umarmungen tritt, so
lange sind wir nur halb glcklich. -- Emma, ich wei den Ort seines
Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige Worte, die ihm
sagen, da du ihn nicht mehr liebst, da er jeden Gedanken an dich
vergessen solle, da du mein seist. -- Ich bitte dich darum, Emma.
Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem Glck unsrer Liebe
berlassen, dann soll keine ngstliche Furcht uns nahe treten, dann will
ich es trotzig mit der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzhlige Jahre im
Stande sei, meine Liebe zu schwchen.

Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Lwenau setzte sich und
schrieb diesen Brief:

     _Adalbert!_

 Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem Schicksal und nicht
 mit mir! Ich bin unschuldig. -- Engel gaben der Versuchung nach und
 verspielten ihr ewiges Glck; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag der
 Verlust Deiner Freundschaft meine Schwche bestrafen. -- Emma gehrt Dir
 nicht mehr, sie ist mein, mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt.
 Zweifle nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich nie geliebt.
 Alle Deine Hoffnungen sind durch mich gemordet; ermorde mich, wenn Du
 Dich rchen mut; aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen.
 Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht die Deinige
 werden. Ich bin der Hter dieses Schatzes; wer ihn erlangen will, mu
 mich erst tdten.
                                                            _Lwenau._

Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die sie ihm gab. Er legte
sie in seinen Brief und siegelte ihn.

     _Ritter_,

 Verget mich, so wie ich Euch vergessen will, denkt an mich stets wie
 an einen verstorbenen Freund; ich bin die Verlobte eines Ritters und
 darf mich daher nicht mehr nennen:
                                                            Eure Emma.

Lwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, der ihn nach Mannstein
begleitet hatte. Dieser ritt noch an eben dem Tage fort, um so frh als
mglich auf der Burg Lwenau's anzukommen.

Friedrich und Lwenau dachten itzt nur an das Vermhlungsfest, welches
sie recht glnzend zu machen beschlossen. Emma war in den Armen ihres
Geliebten so glcklich, als man es auf dieser Welt sein kann.

       *       *       *       *       *

Adalbert lebte whrend dieser Zeit noch immer unter seinen schnen
Hoffnungen und erwartete tglich die Bothschaft seines Glcks. Sein
vergebliches Warten machte ihn nicht traurig, nur verdrlich, denn
dieser Aufschub schien die Hoffnung von dem glcklichen Fortgang des
Unternehmens zu besttigen. Er war oft auf die Jagd gegangen, hatte die
schnen Gegenden in der Nhe besucht und dachte jeden Abend bei der
Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.

Er war von einem seiner Spaziergnge zurckgekommen und stand an eine
Buche gelehnt, das Wolkenspiel im Abendroth zu betrachten, als er in der
Ferne einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse nherte. Er erkannte
bald in ihm Franz, den Knappen Lwenau's. -- Schnell eilte er mit der
Frage auf ihn zu: ob ihn der Ritter gesendet habe. -- Franz antwortete
mit Ja und berreichte ihm den Brief Lwenau's. --

Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und die Aufschrift
betrachtete, er zgerte ihn zu erbrechen. -- Unaussprechliches Glck,
oder Tod springt mir entgegen, -- noch, noch darf ich hoffen, noch bin
ich glcklich. -- Die Sonne war untergegangen, er ging auf sein Zimmer,
den Brief beim Schein eines Lichtes zu lesen. Dieser Augenblick war ihm
feierlich, eine heilige Stille schwebte lngst den Wnden des Gemachs,
eine Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tnte ber den Berg
herber. -- Er lte das Siegel.

Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die Hand und kte das
Pergament. -- Er las -- und ward bleich, -- er las von neuem und schaute
wild mit weit geffneten Augen empor, alle seine Gedanken verirrten sich,
er wute nur, da er elend sei, kalt und frchterlich fate ihn diese
berzeugung an; was sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.

Emma! rief er endlich mit frchterlicher Stimme, indem seine Besinnung
zurckkehrte. -- Er wagte es, noch einmal zu lesen, dann las er den
Brief Lwenau's. -- Seine Augen schlossen sich, wie von einer zu groen
Helle geblendet, krampfhaft schlug er die Zhne zusammen und hing kalt
und starr wie eine Leiche in dem Sessel. -- _Das_ hatte er nicht
erwartet.

Er sprang nach einer Stille auf und brllte wie ein Rasender: Fluch ber
alle, die in dieser Stunde glcklich sind! Fluch ber alle Elende! -- Ja,
ich fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr -- o ihr Verzweifelten!
kommt zu mir her an meine Brust und helft mich verfluchen! _Eure_ Emma?
_Eure_ Emma? -- Du lgst Meineidige! so hast du dich nie genannt! --

Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine Seligkeit der Erde hat
mich Freund genannt. Mein Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglck,
wie von einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend Quaalen
jagt es mich in den Rachen des Todes. _Meinetwegen_ wird ein zrtlicher
Vater grausam, _meinetwegen_ ein edler Freund ein Ungeheuer, -- ich gebe
die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein blindes Ohngefhr wrfelt
mit Glck und Unglck, -- gut, so will ich denn auch handeln, so lange
ich noch handeln kann, -- ich will zu ihnen, sie sollen aus ihren
Umarmungen zurckstrzen, als htten sie den Schuppenhals eines Drachen
berhrt. -- Ich will nicht _allein_ unglcklich sein, die _Liebe_ hat
mich, der _Ha_ soll mich itzt glcklich machen.

_Eure_ Emma? -- Konnte deine Hand diese Worte schreiben? Dieselbe Hand,
die mir so oft den Schwei des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe
Hand, die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe versicherte
-- o Himmel! was fr ein armseliges Ding ist die Tugend, wenn sich
in wenigen Wochen der Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen
Bsewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht ein Muster fr
seine Richter! -- Tugend? -- Fr mich ist keine Tugend, kein Gott mehr,
denn sie, das Unterpfand fr beide, ist mir verloren.

Er drckte knirschend Lwenaus Brief zusammen, sein Athem drngte sich
schwer durch seine Kehle, tausend Centner waren auf seine Brust gewlzt.
-- Sein Blick fiel auf Emma's grnes Band nieder, das er auf seiner
Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er ri es wthend herab.

Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! -- -- Sie will mich vergessen. -- Ich
kann sie nie vergessen, und warum sollt' ich es auch? -- wenn ich sie
vergessen knnte, dann knnte ich einst wieder lcheln -- aber das werd'
ich nie wieder.

Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, alles war still wie
eine Todtengruft.

Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach er leise, um die tiefe
Einsamkeit nicht zu stren; ich werde bald sterben und habe umsonst
gelebt, von mir darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur
ber Jammer kann ich Red' und Antwort geben, -- Emma, ich weise den
frchterlichen Richter an dich, und an dich Wilhelm!

_Eure_ Emma! -- Httest du mir doch wenigstens das armselige Du brig
gelassen, -- aber _nichts_ sollte mir brig bleiben. -- Gut, setzte er
mit schrecklicher Klte hinzu, auch dies Band will ich dir zurckbringen.

Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund htten nur auf eine grausame
Art mit ihm scherzen wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen;
er dachte, er htte in seiner Wuth einige Ausdrcke zu stark empfunden,
er suchte dann nochmals in den Briefen nach und qulte sich den
frchterlichen Sinn zu mildern, -- aber umsonst! der kalte, gefhllose
Buchstabe blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.

Der Ritter durchlebte eine frchterliche Nacht, er konnte nicht
schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal stand sein Verstand
vor dem frchterlichen Thor des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten
vorberziehn, die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfllten;
in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, alles war nur
ein frchterlicher Traum gewesen; er drckte sie an sein Herz,
und das Knistern des Briefs, den er noch immer in seiner Hand fest
eingeschlossen hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus
seiner Trunkenheit. Bald kmpfte er mit Lwenau um Tod und Leben und sah
ihn unter seinen Streichen fallen; bald verschlang alles um ihn her eine
groe wste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in der tauben
ausgestorbenen Wildni, von einer unendlichen Nacht umfangen; Geister
fuhren auf fernen Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure
Reich der ewigen de.

Er fhlte, wie seine Krfte merklich schwanden. Gott! rief er, wenn ich
diese Nacht sterben mte! ohne sie noch einmal zu sehn! -- Mein Geist
mu von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich _mu_, ich mu sie
sehn.

Er wartete ngstlich auf den Anbruch des Morgens, die Nacht schien ihm
Hohn zu sprechen, der Morgen kam immer noch nicht. -- Endlich zitterte
der erste graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang schnell auf,
ri ein Ro aus dem Stalle, und sprengte hinweg. Sein treuer Hund, der
ihm oft auf der Jagd gefolgt war, begleitete ihn.

Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein Ro unaufhrlich,
denn die grte Eile war ihm zu langsam.

Eine drckende Hitze zog herauf und sein Ro war schon ermdet, als er
einen Ritter einholte, der auch diese Strae zog. -- Wohin? fragte er
diesen. -- Nach Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des edeln
Lwenau und der schnen Emma. -- Adalbert lachte wild auf. -- Worber
lacht Ihr? -- Voll Freude, da wir einen Weg haben. -- In eben dem
Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen und sprengte wie
rasend hinweg. -- Warum eilt Ihr so? rief ihm der Ritter nach. -- Seht
Ihr nicht, schrie Adalbert zurck, wie mir der bleiche Tod nachjagt?
-- Er war ihm bald aus den Augen.

Das grne Band war um seinen Arm gebunden und flatterte ihm nach;
Todtenblsse hatte sein Gesicht berzogen, sein Ro keuchte und sein
treuer Hund lief ihm oft voraus, und sah ihn winselnd an, -- aber ohne
Bewutsein jagte er immer wieder in neuer Wuth weiter. -- Am Abend
strzte der Rappe todt nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm
umsah. -- Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; aber der treue
Gefhrte lag schon weit hinter ihm sterbend am Wege.

Adalbert reiste zu Fu die ganze Nacht hindurch, seine Krfte schienen
bermenschlich, tausend Schrecken schienen ihn unermdet vor sich hin
zu jagen. -- Am Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen
versteckten Thale eine Schferhtte, sein Gaumen war von der Hitze
aufgeschwollen, er trat in die Htte und begehrte von einem Greise, den
er dort fand, eine Schale Wasser. -- Ihr sollt khle Milch bekommen,
sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine Schale voll zu
holen. -- Das kleine Mdchen eilte willig hinweg und Adalbert stand
dster an die Thr gelehnt. -- Das Mdchen verweilte etwas lange. Wo
bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, das Mdchen trat in
eben dem Augenblick herein und bot ihm freundlich lchelnd die Schale.
Statt sie an den Mund zu setzen, warf er sie wthend auf den Boden, da
sie in tausend Scherben zersprang; dann eilte er wie ein Wahnsinniger
weiter.

Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze des Horizonts einen
Thurm erblickte, der ihm bekannt schien; -- tausend Erinnerungen kamen
in seine Seele zurck, -- es war die Burg Mannstein.

       *       *       *       *       *

Er stand still und sahe mit langem Blick nach der wohlbekannten
vterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung mischten sich einige
Tropfen der Wehmuth, sie _so_ wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll
da in einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig unter.

Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand hinter einen
grnen Berg; der Mond brach hervor, und glnzte durch die zitternden
Tannenzweige. Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg,
schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewi hin und wieder
schwebten, schon hrte er immer nher und nher das Tnen der Trompeten
und den Donner der Pauken, -- tausend brennende Dolche fuhren durch
seine Brust.

Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging durch das offne Thor, das
frohe Getmmel der Gste lrmte ihm entgegen, er htte gern geweint,
aber seine Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten und
setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum bildete; bald
sahe er still und mit anscheinender Ruhe durch die monderhellte Gegend,
bald nach der geruschvollen Burg. -- Alle seine Empfindungen wurden
nach und nach abgespannt; er war betubt, als er zwei Gestalten auf sich
zukommen sah, -- es waren Lwenau und Emma. --

Lwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte sich fr strker
gehalten, als er wirklich war, die Stimme seines Gewissens war nur
unterdrckt gewesen, sie fing itzt um so lauter an zu sprechen. Er
begann zu ahnen, da er in Emma's Armen nie recht glcklich sein wrde,
aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor ihm. Er war am Abend still
und nachdenkend gewesen, und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang
durch den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.

Emma war inde immer froh und guter Laune gewesen; sie fhlte sich als
Lwenaus Geliebte ganz glcklich -- nur itzt, -- so pltzlich aus dem
Gewirre der Gste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, mitten
in die Einsamkeit eines schauerlichen Gartens gezogen, -- itzt fhlte
sie eine sonderbare Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing
an dem Arme Lwenaus und schlo sich fester an ihn. Mein Wilhelm, sagte
sie endlich, -- warum so traurig? Ich habe dich noch nie so still und
gedankenvoll gesehn. -- Deine Hand ist hei.

_Lwenau._ Und die deine kalt. Du zitterst Emma?

_Emma._ Nicht vor Frost, die Sommernacht ist warm; -- aber Wilhelm, es
ist hier im Garten so heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die
Bsche rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; hast du nie
einen Geist gesehn, Wilhelm?

_Lwenau._ Nie Geliebte; aber wie kmmst du zu der Frage?

_Emma._ Und wie kmmt dieser Gedanke zu mir? _heut_ zu mir? -- Mein
Vater ist doch schon sehr alt, Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau
angesehn, der Gedanke ngstigte mich drinnen ber eine Stunde lang: wie
er mir so gegen ber sa, schien er mir schon todt. -- Der Anblick eines
todten Menschen mu schrecklich sein, -- wie mag ich wohl als Leiche
aussehn?

_Lwenau._ Du qulst mich, Emma.

_Emma._ Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn werde.

_Lwenau._ Wie der Frhling, der im Irrthum um einige Tage zu frh seine
Blumen ausgestreut hat, und vom eisigen Winter wieder bereilt wird.

_Emma._ Wilhelm!

_Lwenau._ Was ist dir Emma? Warum fhrst du zusammen?

_Emma._ Mir ist, als stnd' ich unter tausend Gespenstern! -- sieh! jene
Bume dort sehn frchterlich aus! --

_Lwenau._ Wir wollen in den Saal zurckgehn.

_Emma._ Wilhelm! -- hrtest du kein chzen in der Nhe?

_Lwenau._ Nichts als den Wind, der durch die Laube rauscht.

_Emma._ Es war ein schweres Athmen -- wie eines Sterbenden, -- horch,
wie die Bltter zusammenschlagen! -- Gott im Himmel!

Sie sank ohnmchtig in seine Arme, denn Adalbert trat bleich und
entstellt, mit verworrenen Haaren, dem Auge eines Wahnsinnigen, leise
wie ein Gespenst aus der Laube; mit hohler gewrgter Stimme rief er:
Emma!

Ihr Bewutsein kam wieder, aber ihre Sinne blieben zurck, starr wie eine
Leiche sahe sie in Adalberts Auge. -- Emma! Emma! rief dieser wthend,
kennst du dies Band noch? -- Er hielt es ihr mit zitternden Hnden vor.
-- Geliebter! rief sie matt und wollte sich in die Arme Lwenaus werfen;
Adalbert fing sie auf, zog einen Dolch und stie ihn wthend in ihre
Brust. -- Kaum war der Todesstreich gefhrt, so erwachte er wie aus
einem tiefen Schlaf. -- Emma! Emma! er hielt sie fest in seinen Armen;
stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glcklich! vergieb mir
und lebe! la mich fr dich sterben! du _darfst_, du _sollst_ nicht
sterben. -- Er kniete nieder und hatte sie fest in seine Arme gepret,
als wenn er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fhlte nicht, wie sein Blut
aus zehn tdtlichen Wunden rieselte, die ihm inde Lwenaus Dolch
gestoen hatte.

Endlich fhlte er seine Kraft ermatten, er lie sie sanft auf den Rasen
fallen. -- Du stirbst, Emma? -- Du stirbst? -- Er sank neben ihr zur
Erde.

Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch den Buchengang die junge
Braut zu suchen. -- Wo ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.

Er wie stumm mit dem blutigen Dolch auf sie hin.

Wo? fragte Friedrich.

Lwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf den Boden und Friedrich
erkannte sie und Adalbert. Stumm schlo er Konrad in seine Arme und
drckte ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts mehr zu
hoffen!

_Konrad._ Das stille Grab, -- und Jenseits!

Ein Minnesnger sang die traurige Geschichte und schlo mit diesen
Versen:

  Jenseit des Grabes wurden sie gekrnt,
  Dort wurden ihre Herzen ausgeshnt.
  Oft schweben sie in feierlichen Stunden
  Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,
  Sie kssen wechselsweis im Mondenschein
  Sich liebevoll die Todeswunden.
  Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,
  Und fhlt ein leises schauerliches Beben:
  O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,
  Durchfahren Geister itzt den Hain. --
  Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,
  In Silberpappeln whlt der Abendwind.

       *       *       *       *       *



Hinweise zum Text:

Folgende nderungen wurden vorgenommen:

 Zweifel wlzen sich auf Zweifel (Original: dich)
 Abdallah sah ihm traurig nach (Original: ihn)
 der Frhling wird dich heitrer machen (Original: heitre)
 bis sich (...) etwas besnftigt hatte (Original: sich (...) sich)
 sobald dich meine Laute gerufen hat (Original: hast)
 Oder sie ungesehn in den Strom (...) versenke (Original: ungegesehn)
 fing nun an, an die Macht (...)zu glauben (Original: an, die Macht)
 andre strzten todt nieder (Original: Tod)
 an dem grlichen Thor (Original: grlichem)
 ich erlasse sie ihm (Original: ihn)
 der ihm am nchsten stand (Original: ihn)
 wann und wie ich sie pflanzte (Original: wie sie pflanzte)
 rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu (Original: zu zu)
 die ihn bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfllten (Original: ihm)
 sah ihn winselnd an (Original: ihm)





End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck

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the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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