Project Gutenberg's Geschichte Alexanders des Grossen, by Joh. Gust. Droysen

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Title: Geschichte Alexanders des Grossen

Author: Joh. Gust. Droysen

Release Date: December 6, 2007 [EBook #23756]

Language: German

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*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE ALEXANDERS DES GROSSEN ***




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    berichtigt.




  [Illustration: Alexander-Bste]




  Geschichte Alexanders des Groen

  von

  Joh. Gust. Droysen


  Mit einem Vorwort von

  Sven Hedin

  und einer Einleitung von

  Dr. Arthur Rosenberg

  Privatdozent der alten Geschichte an der Universitt Berlin


  Mit dem einzigen bisher bekannten authentischen Alexander-Portrt,
  der sogenannten Azara-Herme im Louvre, als Titelbild
  und einer Karte der Feldzge Alexanders

  [Illustration: Verlags-Signet]

  R. v. Decker's Verlag

  G. Schenck, Kniglicher Hofbuchhndler

  Berlin 1917


  Der Anhang enthlt:

  1. die Anmerkungen Droysens der Ausgabe letzter Hand,
  2. ein Register smtlicher vorkommender Personen- und Ortsnamen,
  3. eine Verdeutschung makedonischer Heeresausdrcke,
  4. einen Stammbaum Alexanders des Groen.

  [Illustration: Druckerei-Signet]

  Druck
  der Spamerschen
  Buchdruckerei in Leipzig

  [Illustration: Karte der Feldzge Alexanders]




  Vorwort


Die erste Auflage von J. G. Droysens Geschichte Alexanders des Groen
erschien im Jahre 1833 und erwies sich von vornherein als eine derjenigen
seltenen und ausgezeichneten historischen Verffentlichungen, die lange
Jahre hindurch ihren Wert unverndert beibehalten. Im Jahre 1898 kam eine
fnfte Auflage heraus. Jetzt, da diese wertvolle Arbeit zum sechsten Male
der ffentlichkeit bergeben wird, sind seit ihrem ersten Erscheinen 84
Jahre vergangen.

Da eine historische Arbeit whrend so langer Zeit ihre hohe Rangstufe hat
behaupten knnen, beruht ohne Zweifel zum groen Teil auf der Natur ihres
Quellenmaterials. Die Schicksale Alexanders sind von seinen klassischen
Geschichtschreibern geschildert worden, und innerhalb der von diesen
gezogenen Grenzen mute der moderne Forscher sich bewegen. Jedoch schliet
das nicht aus, da sich in den letzten Jahren neues Licht ber viele
Einzelheiten verbreitet hat. Die von Alexander durchzogenen Gebiete von
West-Asien sind heute unvergleichlich viel besser bekannt, als zur Zeit
Droysens, und man hat deshalb jetzt die Spuren des makedonischen Knigs
weit besser verfolgen knnen, als ehedem. An der Hand der vorhandenen
genauen Karten vom Hindukusch, hat man bezglich der Psse, ber die
Alexander seine Heere gefhrt hat, seine Schlsse ziehen knnen. Wiederholt
sind neue Beitrge zur Kenntnis seiner Mrsche gegeben worden und nicht
zum wenigsten haben deutsche Forscher dazu beigetragen.

Alexanders Feldzug gehrt zu den glnzendsten Taten der Kriegsgeschichte,
und kaum irgendeiner der groen Namen der alten Zeit ist von solchem Glanz
umstrahlt wie der seine. Jahrtausende haben nicht vermocht, seinen Ruhm
erblassen zu lassen. ber seine Eigenschaften als Feldherr sagt Hans
Delbrck in seiner Geschichte der Kriegskunst (II, 227): Alexander war
nicht nur ein groer Feldherr, sondern auch ein Feldherr im groen Stil.
Aber er war noch mehr. Er nimmt dadurch eine einzigartige Stellung ein, da
er den welterobernden Strategen und den unbertroffenen, tapferen,
ritterlichen Vorkmpfer in einer Person vereinigt. Kunstvoll fhrt er das
Heer an den Feind heran, berwindet Gelndehindernisse, lt es aus
Engpssen aufmarschieren, kombiniert die verschiedenen Waffen je nach den
verschiedenen Umstnden verschieden von strkster Gesamtwirkung, sichert
strategisch seine Basis und seine Verbindungen, sorgt fr die Verpflegung,
wartet ab, bis die Vorbereitungen und Rstungen vollendet sind, strmt
vorwrts, verfolgt nach dem Siege bis zur uersten Erschpfung der Krfte,
und derselbe Mann kmpft in jedem Gefecht an der Spitze seiner Ritterschaft
mit Speer und Schwert, dringt an der Spitze der Sturmkolonne in die Bresche
oder berspringt als erster die feindliche Mauer.

Nicht nur Europa ist es, das seinem Namen Bewunderung zollt. Auch im
westlichen Asien, das so reich an sagen- und legendenhaften Gestalten ist,
lebt seine Erinnerung noch fort. Wie oft hrt man nicht in Turkestan
geographische Namen, wie Iskender-tagh, Iskender-kul oder andere
Gegenstnde als Berge und Seen, die mit seinem Namen verknpft sind.
Oberhalb Babylon gibt es einen Kanal, der noch seinen Namen trgt, Nahr
Iskenderije. In Unkenntnis betreffend den Platz, wo er starb, und die
Stelle, wohin seine Leiche bergefhrt wurde, machen verschiedene Orte in
Zentralasien darauf Anspruch, seine irdische Hlle zu bergen. Im Jahre 1890
besuchte ich in Margelan ein Gur-i-Iskender Bek oder Alexanders Grab. Die
Margelan-Bewohner waren stolz darauf, dieses Grab zu besitzen. Auf dem in
ihrer Einbildung bemerkenswerten Platz erhob sich eine kleine Moschee, auf
deren Mauer eine Inschrift bekundete, da der Zar die Mittel zur
Wiederherstellung der Grabmoschee bewilligt hatte. Mitten auf dem Hofe sah
man einen groen gemauerten Grabstein, unter welchem der Heldenknig
angeblich ruht.

Auch andere als Geschichtsforscher haben Grund, sich in das Studium des
Feldzuges Alexanders zu vertiefen. So habe ich z.B. in meinem Buche ber
Land nach Indien (II, 200) an der Hand der Schilderungen, die wir ber
Alexanders Feldzug durch das sdliche Belutschistan besitzen, zu beweisen
versucht, da das Klima in diesem Teil von Asien seit jener Zeit keine
nennenswerten Vernderungen aufzuweisen hat. Wenn man das erste Kapitel von
Delbrcks Heereszahlen liest, fhlt man sich doch versucht, in Frage zu
stellen, ob Alexander wirklich vermocht hat, mit 30 bis 40000 Kmpfern,
einer Anzahl, die Droysen ebenfalls anfhrt, nach Westen aufzubrechen.

Fr einen Forschungsreisenden, der das Glck gehabt hat, bis zur Quelle des
Indus vorzudringen, ist es von groem Interesse, Arrians Geschichte ber
Alexanders Vorstellungen ber das Verhltnis des Indussystems zum Nil zu
lesen. Der groe Feldherr tritt hier auch als Entdeckungsreisender im
groen Stil hervor, und es wird einem klar, da auch die geographischen
Probleme Gegenstand seiner Aufmerksamkeit waren. Zwar hatte er frher in
dem Indus, dem einzigen Flusse auer dem Nil, Krokodile gesehen, und an den
Ufern des Acesines ebensolche Bohnen, wie sie der Boden gyptens
hervorbringt, und zudem gehrt, da der Acesines sich in den Indus ergiee,
und bildete sich nun ein, die Quellen des Nils aufgefunden zu haben: der
Nil, glaubte er nmlich, entspringe hier irgendwo in Indien, durchstrme
hierauf viel des Land und verliere daselbst seinen Namen Indus; wo er
sodann seinen Lauf wieder durch bewohntes Land fortsetze, werde er nun von
den thiopen jener Gegend und den gyptern Nil genannt, -- wie ihm auch
Homer nach dem Lande gyptos den Namen gyptos beigelegt habe -- und
ergiee sich dann endlich in das Mittelmeer. Und demgem habe er auch in
einem Briefe an die Olympias neben anderen Nachrichten ber das indische
Land ihr geschrieben, da er die Quellen des Nil glaube aufgefunden zu
haben, wobei er freilich seine Schlsse in einer so wichtigen Sache auf
recht unbedeutende und nichtssagende Beweisgrnde sttzte. Als er sich
jedoch genauer ber den Flu Indus erkundigt, habe er von den Eingeborenen
erfahren: der Hydaspes fliee in den Acesines, der Acesines in den Indus,
und beide geben an diesen ihren Namen ab; der Indus dagegen ergiee sich in
das groe Meer, und zwar in zwei Mndungen, ohne in irgendeiner Verbindung
mit gypten zu stehen. Darauf habe er im Briefe an seine Mutter die
Nachricht ber den Nil wieder getilgt....

Da er also anfnglich in dem Glauben lebte, da er die Quelle des Nils
entdeckt htte (#Nili se caput reperisse arbitrabatur#), aber nachher
erfuhr, da er es nur mit dem Indus zu tun hatte, mu er seine Fahrt
abwrts dieses Flusses, in der Annahme, dessen Quelle entdeckt zu haben,
begonnen haben. Denn da er davon berzeugt war, sich in unmittelbarer
Nhe der Quelle befunden zu haben, geht sowohl aus Arrian als aus Strabo
hervor, von denen letzterer vom Aornus sagt: #cujus radices Indus non
procul a fonte suo alluit#. Um ausfindig machen zu knnen, was die alten
Geographen unter Indus-Quelle verstanden, wre es von Wert gewesen, zu
erfahren, wo Aornus lag. Aller Wahrscheinlichkeit nach glaubte man, da die
Quelle gerade an dem Punkt gelegen war, wo die gewaltige Wassermenge der
Talmndung entstrmte, hinter der nichts anders als hohe, unbersteigbare
Berge sichtbar waren. Noch vor 250 Jahren wurde die Hydrographie des
Himalaja in dieser Weise dargestellt; man konnte ja auch nichts anderes
erwarten, da das ganze Bergland im Norden eine vollstndige #Terra
incognita# war.

Droysens Arbeit ber Alexander gehrt zu den Bchern, die ich stets nahe
zur Hand habe und zu denen ich immer gleich gerne zurckkehre. Die am
meisten sagenhnliche Epoche im Leben des Heldenknigs spielt sich ja auf
dieser alten asiatischen Erde, wo ich dreizehn glckliche Jahre verbracht
habe, ab. Einzig und allein dieser Umstand erklrt es, da ich dazu
aufgefordert wurde, zu dieser neuen Auflage von Droysens Buch ber
Alexanders Leben ein Vorwort zu schreiben. Noch im Sommer 1916 hatte ich
Gelegenheit, mich seines Namens zu erinnern, als ich in Begleitung des
Professors Koldewey die Ruinen Babylons durchwanderte. Wir kamen damals
auch zu den berresten von Emach, Ninmachs Tempel, von denen Koldewey
annimmt, da es hier war, wo Alexander, auch whrend seiner letzten
Krankheit, seine tglichen Opfer darbrachte. (Vergleiche auch Koldewey: Die
Tempel von Babylon und Borsippa, Leipzig 1911, Seite 17.)

In Hindenburgs Vaterland, in diesem Deutschland, das mit unsterblichem Ruhm
seinen Kampf fast gegen die ganze brige Welt auskmpft, wird Makedoniens
Knig, Asiens Eroberer zahlreichere Freunde und Bewunderer finden, als
jemals zuvor.

  Stockholm, 28. Mrz 1917.
  Sven Hedin




  Einleitung


Droysens Buch ber Alexander den Groen gehrt unstreitig zu den
klassischen Werken der deutschen historischen Prosa: die Gediegenheit der
Forschungen, die Tiefe der Auffassung, die Frische des Stils, wie sie in
dem Buche zutage treten, berechtigen zu diesem Urteil. Droysens
Verstndnis fr den idealen Gehalt der Vergangenheit, seine lebhafte
Auffassung historischer Charaktere und seine Anlage fr deren
Vergegenwrtigung trafen mit der Lehre Hegels von der Verkrperung der
groen, weltbewegenden Ideen in den Heroen der Geschichte zusammen. Diesem
Zusammentreffen ist Droysens erste historische Arbeit, sein Alexander von
Makedonien entsprungen, schreibt Max Duncker in seiner trefflichen,
unmittelbar nach dem Tode des Forschers verfaten biographischen Skizze.
Man mu freilich gestehen, da die allgemeinen Prinzipien der heutigen
historischen Wissenschaft nicht mehr die gleichen sind wie die des jungen
Droysen. Was wir heute suchen, ist nicht der ideale Gehalt der
Vergangenheit, sondern einfach die Vergangenheit an sich, und unser Urteil
ber geschichtliche Persnlichkeiten ist von der Lehre Hegels nicht mehr
beeinflut. Indessen, in der Praxis der historischen Arbeit verfuhr Droysen
durchaus modern. Das Ideale der antiken Geschichte sucht er niemals durch
Schnfrberei oder willkrliche Auswahl der berlieferten Tatsachen zu
gewinnen, sondern in streng kritischer, voraussetzungsloser Untersuchung
der Tradition will Droysen sich das Bild des griechischen Staates und
seiner Leistungen schaffen: wenn dieses Bild dann gro und erhaben wirkt,
und vorbildlich fr die eigene Zeit, so ist das fr den Geschichtschreiber
erfreulich, aber es belastet das Gewissen des Gelehrten nicht. Was den
zweiten Punkt betrifft, so kommt es ja tatschlich oftmals vor, da die
groen politischen Gedanken der Vlker in einzelnen Mnnern gewissermaen
Fleisch und Blut gewinnen, von ihnen vollkommen erfat und in die
Wirklichkeit umgesetzt werden. Es gengt hier, an den Gedanken der
deutschen Einheit und an Bismarck zu erinnern. Aber so gewaltig Bismarcks
Knnen und Wollen auch gewesen ist, er htte sein Ziel nicht erreicht, wenn
ihm das Schicksal nicht einen Monarchen an die Seite gestellt htte, der
ihn und seine Ideen verstand und es ihm mglich machte, sein Werk zu
schaffen. Und wenn wir nicht nur an Bismarck, sondern auch an Kaiser
WilhelmI. denken, kommen wir zu einer rechten Wrdigung des historischen
Alexander so gut wie des Alexanderbildes von Droysen. So wenig auch
uerlich WilhelmI. und Alexandros, der Sohn des Philippos, miteinander
gemein haben, der schlichte, durch und durch solide, seinen Mitarbeitern
unbedingt treue, norddeutsche Frst, der im Bilde des Greises in der
Nachwelt weiterlebt -- und auf der anderen Seite der hochbegabte, aber
theatralische Sdlnder, auf dessen Andenken es lastet, da er _seinen_
Moltke heimtckisch umbringen lie, und den Roman und Legende durch zwei
Jahrtausende zum Heldenjngling gestaltet haben: die Jahrzehnte, in denen
das deutsche Volk seine Einigung und Weltstellung gewann, stehen unter dem
Zeichen WilhelmsI., und die Epoche, in der das hellenische Volk, frisch
geeinigt, die Weltherrschaft eroberte, ist das Zeitalter Alexanders.

Droysen hat den Knig Alexander fr einen ganz groen Menschen, fr einen
Genius ersten Ranges, gehalten. Die moderne Forschung ist zum Teil andere
Wege gegangen. Es lt sich, bei der Drftigkeit des auf uns gekommenen
authentischen Materials, nicht ganz sicher entscheiden, wer recht hat, ob
Johann Gustav Droysen, oder -- um gleich den Namen seines Antipoden zu
nennen, Julius Beloch. Fest steht es, da die hellenische Welteroberung
zugleich eine Tat des Knigs Alexander gewesen ist, da sich die
Entwicklung der Nation und das Leben des einen Mannes nicht trennen lt.

Aber auch schon fr Droysen selbst ist die Sache wichtiger gewesen als die
Person: die Bedeutung Alexanders liegt fr ihn darin, da er das Ende einer
Weltepoche bezeichnet, und den Anfang einer neuen. Diese neue Epoche bringt
die Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung ber die Vlker
ausgelebter Kulturen, mit einem Wort: die Entstehung des Hellenismus. Es
bleibt fr alle Zeiten eine wissenschaftliche Grotat Droysens, da er, man
kann wohl sagen, der Entdecker des Hellenismus geworden ist. Drei Jahre
nach dem Erscheinen der Alexandergeschichte folgte ihre Fortsetzung, die
Schilderung der Epoche der Diadochen (1836), 1843 schlo sich die
Geschichte der nchsten Generation griechischer Herrscher, der sog.
Epigonen an. In einer zweiten Auflage hat Droysen alle drei Bnde als
Geschichte des Hellenismus vereinigt (1877/78). Fr den einseitigen
Klassizismus hrt das vorbildliche Griechentum mit Chaironeia und
Demosthenes auf: was danach kommt, ist Entartung und Verfall. Tatschlich
ist es aber gerade die hellenistische Periode, in der das griechische Volk
politisch die grten Erfolge gehabt hat, so da man direkt berechtigt ist,
von einer griechischen Weltherrschaft im Zeitalter des Hellenismus zu
sprechen, und auch die kulturellen Schpfungen dieser Epoche lassen sich
aus der Entwicklung der abendlndischen Menschheit nicht wegdenken. Droysen
hat als erster durch ein grozgiges Geschichtswerk die welthistorische
Bedeutung des Jahrhunderts von Alexander bis zur Intervention der Rmer im
Osten klargelegt, sowie den Zusammenhang der politischen Begebenheiten
dieser Zeit mit glnzender Kombinationskraft aus der vielhaft trmmerhaften
berlieferung zu gewinnen gesucht.

Zur rechten Wrdigung Alexanders und des Hellenismus waren freilich zwei
Vorfragen zu lsen, die wieder untereinander eng zusammenhngen: es sind
die Probleme der Nationalitt der Makedonen, und der Politik des
Demosthenes. In beiden Fragen hat Droysen den gleichen Standpunkt gewonnen,
wie ihn im wesentlichen auch die neueste Forschung einnimmt. Freilich ist
der Streit ber beide Probleme noch nicht beendet. Die Frage, ob die
Makedonen Griechen gewesen sind, oder nicht, ist von einschneidender
Bedeutung: wenn ja, dann haben Philipp und Alexander den Hellenen die
nationale Einigung gegeben, wenn nein -- dann sind die Griechen unter die
Herrschaft auslndischer Zwingherren geraten, welche sie fr ihre Zwecke
ausnutzten. Eine Entscheidung der Frage kann nur eine Prfung der Sprache
der Makedonen geben; leider ist unsere Kenntnis des makedonischen Dialekts
nur mig, aber das sprachliche Material lt doch den Schlu ziehen, da
die Makedonen ein griechischer Stamm gewesen sind: diese berzeugung hat
bereits Droysen trefflich vertreten. Wenn er freilich die Makedonen, ebenso
wie die anderen, in ihrer Entwicklung zurckgebliebenen Nordstmme, als
Pelasger bezeichnet, so werden wir diesen Namen hier lieber nicht
anwenden; denn die Theorie von den Pelasgern als den Urgriechen lt sich
heutzutage nicht mehr aufrechterhalten. Sie ist eine Spekulation der
Mythenhistoriker des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts. Von der
Auffassung der Makedonenfrage hngt auch gutenteils das Urteil ber die
Politik des Demosthenes ab. Waren Knig Philipp und sein Sohn keine
Hellenen, dann war Demosthenes der Vorkmpfer gegen die Fremdherrschaft, im
anderen Falle aber nur der Vertreter eines berlebten Partikularismus. Die
Bewunderung fr Demosthenes als literarische Erscheinung hat in alter und
neuer Zeit dazu gefhrt, da man auch seine politische Wirksamkeit in der
Verklrung sah. Mit ausgezeichneten Grnden bekmpft Droysen diese
Auffassung: den Patriotismus des Atheners will er nicht leugnen, und das
Attribut des grten Redners aller Zeiten will er ihm nicht entziehen.
Aber Droysen bezweifelt es, da Demosthenes als Staatsmann gro, und da er
berhaupt der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands gewesen
ist. In einer glcklichen Kombination malt Droysen das Bild der
griechischen Zustnde aus, wie sie sich nach einem Siege des Demosthenes
unstreitig gestaltet htten: Mochten die attischen Patrioten den Kampf
gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der hellenischen
Bildung, der nationalen Ehre zu fhren glauben oder vorgeben, keins dieser
Gter wre mit dem Siege Athens sichergestellt gewesen. Die neueste
Forschung ist in der Kritik an Demosthenes noch weiter gegangen als
Droysen: es scheint sich immer mehr herauszustellen, da Demosthenes zwar
ein groer Advokat, aber ein recht kleiner Mensch gewesen ist. Aber darber
darf man ein Zweites nicht vergessen: das ist die rhrende Aufopferung, mit
der das athenische Volk sein Blut fr all die Dinge verspritzt hat, die ihm
seine Politiker vorgaukelten. Droysen geht viel zu weit, wenn er von dem
schwatzhaft, unkriegerisch, banausisch gewordenen Brgertum Athens
spricht. Der wahre Held von Chaironeia ist nicht der Redner, der auf dem
Marktplatz mit seinen gut vorbereiteten Tiraden den Makedonenknig
vernichtete, sondern es ist der schlichte athenische Handwerksmeister und
Familienvater, der pflichtgem fr seine republikanische Freiheit unter
den Lanzen der makedonischen Veteranen den Tod findet. Die Stimmung der
Kmpfer von Chaironeia ist in einer Grabschrift fr die Gefallenen rhrend
zum Ausdruck gekommen. Die vier Verszeilen mgen hier -- in der bersetzung
von Wilamowitz -- Platz finden:

    Zeit, du berschauest alles Menschenschicksal, Freud und Leid,
    Das Geschick, dem wir erlagen, knde du der Ewigkeit.
    Auf Boiotiens Schlachtfeld sanken wir, gefllt vom Feindesspeere,
    Was wir wollten, war, zu wahren unseres heiligen Hellas Ehre.

Freilich, man mag der berwundenen Partei die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, die ihr zukommt, sachlich bleibt die Auffassung Droysens
unanfechtbar, da nur der Sieg des makedonischen Knigtums die griechische
Nation von dem Fluch der Kleinstaaterei erlsen und die in ihr
schlummernden Krfte erwecken konnte.

Das Thema der Alexandergeschichte hatte ohne Zweifel fr Droysen einen
aktuellen Reiz: in der Einigung der Hellenen durch die makedonische
Dynastie wird er ein Vorbild gesehen haben, in dessen Art er auch die
Lsung der deutschen Frage erstrebte. Am 6. April 1848 hat Droysen erklrt,
da Preuen sich Deutschland eingliedern, durch seine groe und gesunde
Machtorganisation, sein Heer und seine Finanzen den Rahmen des neuen Ganzen
bilden msse. Als Abgeordneter in der Paulskirche war er bemht, der
Einigung Deutschlands unter der Oberherrschaft der Hohenzollern Anhnger zu
werben. Der starke Anteil an den Forderungen seiner eigenen Zeit hat ja
dazu gefhrt, da Droysen auch als Forscher das Gebiet der griechischen
Geschichte mit dem der preuischen vertauschte, da er auf die Geschichte
des Hellenismus die Biographie des Feldmarschalls Yorck und die vielen
Bnde der Preuischen Politik folgen lie.

Hat aber auch fr den Leser von 1917 die Geschichte Alexanders einen
unmittelbaren Reiz, abgesehen von der Belehrung ber eine wichtige Epoche
der Vergangenheit? Man wird diese Frage wohl bejahen drfen, und zwar wegen
des hervorragenden kriegsgeschichtlichen Interesses, das die Feldzge des
makedonischen Knigs erwecken. Man kann wohl sagen, da wir bei der
Eroberung des Perserreiches durch Alexander zum erstenmal in der
Weltgeschichte die systematische Arbeit eines denkenden Generalstabs
verfolgen knnen. Grere Truppenbewegungen sind natrlich auch schon in
der Epoche vor Alexander erdacht und geleitet worden. Achtbar sind z.B.
die Leistungen des Perserreichs auf diesem Gebiete. Als Knig Darius seinen
sog. Skythenzug vorbereitete, hatte er eine Armee etwa aus der Gegend des
heutigen Bagdad in die Dobrudscha zu versetzen: eine Leistung, die auch im
Zeitalter der Eisenbahnen und Automobile recht achtbar wre; um so mehr im
Altertum mit seiner primitiven Technik. Aber die Soldaten des Perserknigs
hatten diesen Weg im eigenen Lande, untersttzt von der eigenen
Reichsverwaltung zurckzulegen: das Feindesland begann eigentlich erst an
der Donaumndung. Als nun aber die wirkliche militrische Aufgabe
einsetzte, die Perser die untere Donau berschritten und in Bearabien
vordrangen, da begannen auch die Schwierigkeiten des Unternehmens deutlich
zu werden: bekanntlich haben die Perser bald den Rckzug antreten mssen.
Das ist etwa ein Beispiel fr das militrische Knnen der Epoche um 500 vor
Christus. Die kriegerischen Unternehmungen der griechischen Staaten des 5.
und 4. Jahrhunderts zeichnen sich ebenfalls durch ihre Langsamkeit,
Schwerflligkeit und relative Ergebnislosigkeit aus. Welch anderes Bild
geben da die Feldzge Alexanders! Die makedonische Armee beginnt ihre
Offensive mit der berschreitung der Dardanellen und schlgt einen starken,
durchaus achtbaren Feind berall, wo sie ihn trifft. Ein geheimer
Mechanismus scheint dieses Heer zu lenken, im Winter geht es ebenso
vorwrts wie im Sommer, Flulinien, Hochgebirgsketten, Wsten werden glatt
berwunden. Jede feindliche Festung fllt, wenn es auch manchmal recht viel
Zeit und Mhe kostet. Etappenlinien von vielen Hunderten von Kilometern, im
Feindesland, werden in Ordnung gehalten, weite Gebiete okkupiert und sofort
in eigene Verwaltung genommen. So passiert diese Armee Kleinasien und
dringt dann ber Syrien nach gypten vor, es folgt der Vormarsch nach
Mesopotamien, Babylon wird genommen, das eigentliche Persien betreten. Das
gewaltige Iran wird durchzogen; ber Afghanistan und den Hindukusch zieht
die griechische Armee nordwrts bis tief in die Wsten von Turkestan; daran
schliet sich der letzte Akt: die Expedition nach Indien. All diese
erstaunlichen Leistungen sind nicht denkbar ohne eine vorbedachte, mit
einem fein verzweigten Apparat arbeitende Heeresleitung. Einen
zwanzigjhrigen Knig, und sei er noch so geistvoll, wird man nicht gut als
den alleinigen Urheber solcher Erfolge ansehen: hier arbeitet ein
Generalstab, so gut wie in den Operationen des deutschen Heeres 1870/71
oder 1914/17. Wir wissen auch genau, wer die Generalstbler Alexanders
gewesen sind: es sind die alten Generale aus der Schule seines Vaters, die
sog. Adjutanten (Somatophylakes), welche dem Knig bei der Kriegfhrung zur
Seite stehen, und als Chef des makedonischen Generalstabs tritt, auch noch
in unserer hfisch gefrbten berlieferung, der alte Parmenion deutlich
genug hervor.

In den Feldzgen Alexanders fehlt, wenn man sie richtig erfat, das
romantisch-enthusiastische Element durchaus; im Gegenteil, mit ruhiger
berlegung, und geradezu pedantischer Vorsicht, werden die ntigen
Entschlsse gefat. Diesen Charakter der militrischen Dispositionen
Alexanders hat Droysen vortrefflich hervorgehoben, nur fhrt er durchweg
den Knig selbst als den geistigen Leiter des Krieges ein, whrend
tatschlich Alexander in den meisten Fllen nach dem Rat seiner Adjutanten
gehandelt haben wird.

Die vorliegende neue Auflage des Droysenschen Werkes gibt ohne jede
nderung den Text der letzten, vom Verfasser selbst veranstalteten Ausgabe
wieder. Das Material zur Geschichte Alexanders hat sich seitdem nur
unbedeutend vermehrt, aber in einigen immerhin bemerkenswerten
Gesichtspunkten ist doch die moderne Forschung ber Droysen hinausgekommen.
Im folgenden sollen diese Punkte wenigstens kurz errtert werden. Der Leser
kann sich dann ohne Mhe selbst die Auffassung Droysens von den
betreffenden Fragen berichtigen.


In erster Linie ist hier die Schilderung des persischen Heeres und die
Schtzung seiner Strke zu nennen. Droysen hlt noch an den berlieferten
Zahlen fest. Am Granikos nimmt er 20000 persische Reiter und ebenso viele
griechische, im Dienste des Perserknigs stehende Sldner an. Die Armee,
welche Alexander bei Issos besiegte, schtzt er auf Hunderttausende,
darunter 30000 griechische und 100000 asiatische Schwerbewaffnete, und
auch bei Gaugamela lt er eine persische Riesenarmee auftreten. Indessen
haben die Forschungen von Eduard Meyer und Hans Delbrck ber das persische
Heerwesen zu dem Ergebnis gefhrt, da der Perserknig niemals ein
Millionenheer aufgestellt hat; die Armeen, mit denen Knig Alexander zu
kmpfen hatte, sind erheblich schwcher gewesen; schwerlich strker an Zahl
als die makedonischen Sieger selbst. An sich wre es ja durchaus mglich
gewesen, da das Perserreich, das etwa 50 Millionen Einwohner zhlte, ein
Millionenheer aufgebracht htte. Aber im persischen Reich hat eine
allgemeine Wehrpflicht, wie in den antiken griechischen und in den modernen
Staaten, niemals existiert. Die persische Armee war vielmehr eine
Berufsarmee, und Berufsheere sind niemals sehr stark. Die iranische Nation,
welche die eigentlich staatserhaltende Kraft im Perserreich darstellte,
lieferte dem Knig zunchst eine ausgezeichnete Adelsreiterei, sodann eine
groe Zahl erprobte Bogenschtzen. Mit diesen Tausenden von Rittern und
Zehntausenden von Schtzen haben die ersten Perserknige die militrisch
nur wenig leistungsfhigen orientalischen Gromchte: Babylonien, Lydien,
gypten niedergeworfen. Im eroberten Gebiet richteten sich die Perser
hnlich ein wie spter die Trken im 15. bis 17. Jahrhundert: der Herrscher
wies seinen Rittern groe Lehensgter an. Auf dem Besitze eines solchen
Gutes lastete die Verpflichtung, im Kriegsfalle eine Anzahl Reiter zu
stellen; vielleicht auch ein paar iranische Bogenschtzen zu unterhalten.
Neben diesen Lehenstruppen stand dann die knigliche Garde, die 10000 sog.
Unsterblichen, entsprechend etwa den Janitscharen des Sultans. Eine
solche Berufsarmee bleibt auf der Hhe, solange der Staat dauernd Krieg
fhrt und die Maschinerie im Gang bleibt. Wenn aber lngere Perioden des
Friedens kommen, verrostet das Uhrwerk leicht. So ist es dem Trkischen
Reich im 18. Jahrhundert ergangen: aus den Janitscharen wurde ein Korps von
Staatspensionren, das keinen Feind mehr schreckte. hnlich gestaltete sich
die Entwicklung im Perserreich, als die Periode der stndigen Kriege mit
Knig Xerxes aufhrte. Die Inhaber der Lehen wurden allmhlich zu bequem,
um wirkliche Krieger zu unterhalten, und wenn der Knig die Heeresfolge
ansagte, schickten sie statt dessen ihre Hausdiener (vgl. Xenophon, Cyrop.
VIII 8, 20). Immerhin hat sich wenigstens die persische Reiterei in den
Alexanderschlachten tapfer geschlagen. Die asiatische Infanterie dagegen
war vllig verkommen, statt ihrer stellte man schon seit dem Ausgang des 5.
Jahrhunderts lieber griechische Sldner ein.

Die operierende persische Feldarmee ist zur Zeit ihrer hchsten Blte,
unter Knig Xerxes, im Feldzug von 480/79, hchstens 50000 Mann stark
gewesen; unter DariusIII. waren es hchstens ebenso viele, wahrscheinlich
aber weniger Leute. Die phantastische Vorstellung von den Millionenheeren
des Perserknigs hat die griechische Volkstradition des 5. Jahrhunderts
gebildet, auf der die Darstellung Herodots beruht. Die spteren
Geschichtschreiber haben dann diese Auffassung bernommen, und die
Historiker Alexanders sind von der Tradition nicht abgewichen: im
Gegenteil, sie haben die Furchtbarkeit des Perserheeres mit Behagen
ausgemalt, um die Gre der makedonischen Kriegstaten ins rechte Licht zu
rcken.

Der griechische Bund, an dessen Spitze Knig Alexander stand, hatte nur
etwa 1/10 der Einwohnerzahl des Perserreichs. Aber seine militrische Kraft
war weit berlegen. Hellas war damals stark bervlkert: viele Tausende von
khnen und krftigen Mnnern waren bereit, in den Osten zu ziehen, um sich
dort eine neue Heimat zu erobern. Dem makedonischen Volksheer winkte im
Orient ein ruhmvoller, leichter Sieg und unermeliche Beute; auch die
krftigen Barbarenstmme der Balkanhalbinsel, die dem makedonischen Knig
unterstanden, waren militrisch nicht unwichtig. Alles in allem war Knig
Alexander imstande, zur Zeit der Schlacht bei Gaugamela mit 50000 Mann
Kerntruppen -- mit einer Kavallerie, die dem Feind zumindest gewachsen, und
einer Infanterie, die ihm in jeder Beziehung berlegen war -- die Perser
anzugreifen. Etwa ebenso viele Leute mgen zur selben Zeit als
Etappentruppen und Garnisonen das weite Gebiet von den Dardanellen bis
Mesopotamien gedeckt haben. Endlich stand noch eine starke Reservearmee
daheim, bereit, etwaige partikularistische Bewegungen in Griechenland
niederzuwerfen. Im ganzen ist es wohl kaum bertrieben, wenn man die
damalige Gesamtstrke der Heere Alexanders auf etwa 150000 gute Soldaten
berechnet. Das war eine Heeresmacht, gegen die kein anderer Staat der Welt
aufkommen konnte, auch nicht das Perserreich mit seinem durchaus berlebten
Wehrsystem. Diese Erwgungen mgen die Leistungen Knig Alexanders und
seines Heeres leichter verstndlich machen; sie knnen aber die Bewunderung
fr die Taten der makedonischen Heeresleitung nicht vermindern.

Eine der merkwrdigsten Episoden in der Geschichte Alexanders ist
unstreitig sein Zug zu der Oase des Ammon, wo er sich von den Priestern als
der Sohn des Gottes begren lie. Droysen schildert dieses Ereignis in
anschaulicher und eindringlicher Art. Die Frage drngt sich auf, was
Alexander bei dem gyptischen Gott gewollt, welche Absichten er mit seiner
Erklrung zum Gottessohn verfolgt hat. Droysen meint, der Knig habe
gewollt, da ihn in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine
hhere Verheiung begleiten sollte, in der die Vlker ihn als den zum
Knig der Knige, zum Herrn von Aufgang bis Niedergang Erkorenen erkennen
sollten. Aber tatschlich hat wohl Alexander mit jenem mystischen Vorgang
gar nicht auf die Orientalen, sondern allein auf die Griechen wirken
wollen. Der Gedanke von der Gttlichkeit des Herrschers war den Untertanen
des Perserknigs -- auerhalb von gypten -- fremd: den Iraniern, welche
sich zur Religion des Zarathustra bekannten, den babylonischen Verehrern
des Marduk und der Istar, den semitischen Dienern ihrer Stammesgottheiten,
und all den anderen Vlkern des Ostens wurde der fremde Eroberer wahrlich
deshalb nicht ehrwrdiger oder sympathischer, weil er sich als der Sohn des
gyptischen Ammon ausgab. In gypten war freilich die Auffassung zu Hause,
da der Pharao der Sohn des groen Sonnengottes sei, und die Priester waren
gern bereit, auch jedem fremden Herrscher, der es wnschte, dieses Attribut
zu erteilen. Aber eine solche Anerkennung konnte Alexander in jedem
beliebigen gyptischen Heiligtum empfangen; htte er wirklich dem Herzen
des gyptischen Volkes nherkommen wollen, dann wrde er sich an einen der
fhrenden nationalen Tempel gewandt haben, aber sicher nicht an den Ammon
der libyschen Oase, der im gyptischen Kulturleben so gut wie nichts
bedeutete. Indessen, und das bringt uns der Lsung des Rtsels nher, der
Ammon von Siwas war -- ber Kyrene -- schon seit dem 5. Jahrhundert in
Griechenland bekannt geworden, und sein Orakel erfreute sich dort einer
gewissen Autoritt, seitdem Delphi aus der Mode gekommen war. Wenn also
Alexander fr die Hellenen ein Gott sein wollte, dann war das Ammonsorakel
die Stelle, deren Autoritt er sich mit Aussicht auf Erfolg zu bedienen
vermochte. Was bedeutete aber die Anerkennung der Gottheit Alexanders durch
die griechischen Gemeinden? Nichts mehr und nichts weniger als eine
vollkommene Reform der hellenischen Bundesverfassung. Die beschrnkten
Kompetenzen des Bundesprsidenten, wie sie fr Knig Philipp ausreichend
gewesen waren, gengten fr Alexander nicht. Er wnschte, wenn er es fr
ntig hielt, ohne Hindernis in die griechischen Angelegenheiten eingreifen
zu knnen, ohne zugleich die Selbstndigkeit der griechischen Republiken
ganz aufzuheben. Da bot sich der bequeme Ausweg, da der ehemalige
Bundesprsident zum Staatsgott der einzelnen Gemeinden wurde: nunmehr
muten seine Erlasse als gttliche Gebote befolgt werden. Was dies in der
Praxis zu bedeuten hatte, zeigte sich sofort, als Alexander die Verordnung
ber die Rckkehr der Verbannten erlie. Dieser Akt, der die Parteikmpfe
in den griechischen Kleinstaaten formell abschlieen sollte, wre nach den
Artikeln des Korinthischen Bundes -- wie auch Droysen treffend hervorhebt
-- nicht mglich gewesen. Dagegen konnte der Gott Alexander ohne weiteres
eine solche Maregel durchfhren.

Das Gottknigtum, wie es Alexander begrndete, sollte noch die
bedeutsamsten Folgen fr die sptere Entwicklung des Altertums haben. Es
blieb die magebende Form, in der sich eine starke monarchische Gewalt mit
der republikanischen Selbstndigkeit einer greren Zahl von Stadtstaaten
wenigstens einigermaen vereinigen lie. Die hellenistischen Monarchien des
Orients waren so organisiert, und das rmische Kaisertum ging dann die
gleiche Bahn.

Hat Alexander selbst an seine Gttlichkeit geglaubt? Droysen deutet die
Mglichkeit an, da der Knig gewisse pantheistische Gedanken von einer
Einheit zwischen der Gottheit und den Menschen gehabt hat; Gedanken, in
denen sich griechische Philosophie und gyptische Priesterweisheit
vereinigten. Aber wenn wir die praktisch-politische Bedeutung des Zuges zum
Ammonion in den Vordergrund stellen, in der Art, wie es von den neueren
Forschern vor allem Eduard Meyer getan hat, werden wir auch hier wohl eine
einfachere Lsung suchen mssen. ber das wirkliche religise Innenleben
Alexanders lt sich kaum etwas Bestimmtes sagen. Wenn er sich den
Kinderglauben bewahrt hatte, kann es nur der an die Gtter seiner
makedonischen Heimat gewesen sein. Aber daneben konnte er sehr wohl
glauben, da er fr die Angehrigen seines Reichs selbst ein Gott sei.
Perikles hat einmal in einer berhmten Rede erklrt, da man die Existenz
der Gtter erschliee aus der Verehrung, die sie finden, und aus den
Wohltaten, die sie den Menschen erweisen. In diesem Sinne war auch der
groe Knig, der all den vielen Griechenstdten Frieden, Wohlstand, ja die
Existenz sicherte, ein Gott. Da er Wunder tun, durch seinen Willen die
Naturgesetze aufheben knne, hat Alexander sicher nicht angenommen.

Wenn man die Geschichte Alexanders berdenkt, drngt sich unwillkrlich
die Frage auf, ob es wirklich den wahren Interessen des
griechisch-makedonischen Volkes entsprochen hat, da ein hellenisches
Riesenreich gegrndet wurde, das sich vom Adriatischen Meere aus bis tief
nach Indien erstreckte. Dieses Problem, an dem man bei der Wrdigung des
Staatsmannes Alexander nicht vorbergehen kann, ist von Droysen nicht
gestellt worden. Es ist doch bemerkenswert, da der Hellenismus nichts von
dem gewaltigen Gebiet behauptet hat, das er damals eroberte. Das
griechische Volk bewohnt heute im groen und ganzen denselben Raum, wie
zur Zeit Philipps von Makedonien. Damit vergleiche man die
Dauerhaftigkeit, welche die Eroberungen des Romanismus gehabt haben, wie
sich aus dem rmischen Kaiserreich heraus die lateinischen Nationen
Westeuropas entwickeln, wie selbst ein so spt und oberflchlich
romanisiertes Land wie Dakien seinen lateinischen Charakter bis auf den
heutigen Tag behauptete. Der Unterschied erklrt sich daraus, da Rom in
weitem Umfang buerliche Kolonisten ansetzte, whrend die Griechen im
Orient im wesentlichen nur in die Stdte gingen, sowie als Offiziere und
Beamte die herrschende Oberschicht bildeten. Daher fegte der erste beste,
politische Mierfolg die hellenische Kolonisation wieder weg, whrend der
romanische, mit dem Boden verwachsene Bauer, sich nicht mehr verdrngen
lie. Aber warum haben die Rmer so grndlich kolonisiert und die Griechen
der hellenistischen Zeit so oberflchlich?

Aus dem einfachen Grund, da Griechenland gar nicht so viele Menschen brig
hatte, um nach dem rmischen System zu kolonisieren. Das rmische Italien
hatte zudem beschrnktere Aufgaben zu lsen, erst sog es die Lombardei und
Venetien auf, dann wurden Spanien und Sdfrankreich lateinisch gemacht,
und allmhlich drang das Rmertum weiter vor. Das griechische Volk dagegen
gewann mit einem Schlage ein Riesenreich, dessen Hellenisierung so gut wie
unmglich war. Da schon Knig Philipp den Eroberungskrieg in Asien geplant
hat, steht fest. Aber es bleibt doch sehr zweifelhaft, ob er -- der grte
Staatsmann, den das griechische Volk hervorgebracht hat -- bis nach Indien
und Turkestan gegangen wre. Kleinasien htte sicher auch Philipp fr das
Griechentum erobern wollen; vielleicht htte er auch die Perser vom
Mittelmeer verdrngt, indem er in irgendeiner Form Syrien und gypten unter
seine Autoritt brachte: den Zug ber den Euphrat mchte man ihm nicht
zutrauen. In Kleinasien waren die Ksten bereits griechisch, und auch die
Eingeborenen, wie die Karer, Lyder und Lykier, waren auf dem besten Wege
sich zu hellenisieren. Wre es mglich gewesen, all die hellenischen
Volkssplitter, die sich unter und nach Alexander im ganzen Orient
zerstreuten, in Kleinasien zu vereinigen, so wre dieses Land in wenigen
Generationen vollkommen griechisch geworden. Aber daneben hatte das
griechische Volk noch eine andere Aufgabe, deren Lsung freilich nicht so
glanzvoll war wie die Eroberung des Ostens: das wre die Gewinnung und
Besiedlung des Rumpfes der Balkanhalbinsel gewesen. Hier wie berall hatte
Knig Philipp das Richtige erkannt und dessen Durchfhrung angebahnt. Das
von ihm gegrndete Philippopolis trgt noch heute seinen Namen und zeugt
von der Absicht des Makedonen, das griechische Volks- und Sprachgebiet bis
zum Balkangebirge auszudehnen. Es ist geradezu das Verhngnis der Griechen
geworden, da an dieser Aufgabe nicht weiter gearbeitet worden ist. Die
Weltgeschichte htte eine andere Wendung genommen, wenn etwa die
Balkanhalbinsel -- nebst dem westlichen Kleinasien -- ein einheitliches
Nationalgebiet geworden wre, in der Art, wie sich das zuerst so
vielsprachige Italien unter dem rmischen Einflu umgewandelt hat. Eben
dadurch, da Alexander, die gerade damals vorhandene militrische
berlegenheit Makedoniens voll ausnutzend, das griechische Weltreich
grndete, hat er seinem Volke den Weg zur wirklichen nationalen Gre
dauernd verbaut[1].

    [1] Es wird fr die Leser dieses Buches von Interesse sein,
    da whrend des Weltkrieges deutscher Forschung im fernen
    Asien eine nicht unwichtige Bereicherung unserer Kenntnis der
    Alexander-Zeit gelungen ist: Die Expedition Hentig, die 1915
    in Afghanistan weilte, hat -- wie krzlich mitgeteilt wurde
    -- die Lage der von Alexander in diesem Lande gegrndeten
    Griechenstdte zum ersten Male einwandfrei festgestellt.

Diese Betrachtungen sollen weiter nichts darstellen als eine kleine
Ergnzung zu Droysens trefflichem Werke, das hoffentlich auch in dieser
Ausgabe der Wissenschaft und der Geschichte des Altertums neue Freunde
werben wird.

  Berlin.
  Arthur Rosenberg.




  Erstes Buch

  +Tade men leusseis, phaidim' Achilleu+




  Erstes Kapitel

  Die Aufgabe -- Der Gang der griechischen Entwicklung --
  Knig Philipp und dessen Politik -- Der Korinthische Bund
  von 338 -- Das Perserreich bis DariusIII.


Der Name Alexander bezeichnet das Ende einer Weltepoche, den Anfang einer
neuen.

Die zweihundertjhrigen Kmpfe der Hellenen mit den Persern, das erste
groe Ringen des Abendlandes mit dem Morgenlande, von dem die Geschichte
wei, schliet Alexander mit der Vernichtung des Perserreiches, mit der
Eroberung bis zur afrikanischen Wste und ber den Jaxartes, den Indus
hinaus, mit der Verbreitung griechischer Herrschaft und Bildung ber die
Vlker ausgelebter Kulturen, mit dem Anfang des Hellenismus.

Die Geschichte kennt kein zweites Ereignis so erstaunlicher Art; nie vorher
und nachher hat ein so kleines Volk so rasch und vllig die bermacht eines
so riesenhaften Reiches niederzuwerfen und an Stelle des zertrmmerten
Baues neue Formen des Staaten- und Vlkerlebens zu begrnden vermocht.

Woher hat die kleine Griechenwelt die Khnheit zu solchem Wagnis, die Kraft
zu solchen Siegen, die Mittel zu solchen Folgewirkungen? Woher erliegt das
Knigtum der Perser, das so viele Reiche und Lande zu erobern und zwei
Jahrhunderte lang zu beherrschen vermocht, das soeben noch zwei
Menschenalter hindurch die Hellenen der asiatischen Kste zu Untertanen
gehabt, ber die der Inseln und des Mutterlandes die Rolle des
Schiedsrichters gespielt hat, dem ersten Sto des Makedonen?

Einen Teil der Erklrung gibt der in aller Richtung vllige Gegensatz
zwischen beiden Gestaltungen, der, geographisch vorgebildet, in der
geschichtlichen Entwicklung fort und fort gesteigert, zur letzten
Entscheidung gereift war, als Alexander gegen Darius auszog.

Den alten Kulturvlkern Asiens gegenber sind die Hellenen ein junges Volk;
erst allmhlich haben sich sprachverwandte Stmme in diesem Namen
zusammengefunden; das glckliche Schaffen einer nationalen, das vergebliche
Suchen einer politischen Einheit ist ihre Geschichte.

Bis zu der Zeit, wo jener Name Geltung gewann, wissen sie von ihrer Vorzeit
nur Unsicheres, Sagenhaftes. Sie glauben Autochthonen in der
gebirgsreichen, buchtenreichen Halbinsel zu sein, die sich vom Skardos und
den Axiosquellen sdwrts bis zum Tnaron erstreckt. Sie gedenken eines
Knigs Pelasgos, der in Argos geherrscht, dessen Reich auch Dodona und
Thessalien, auch die Abhnge des Pindos, Ponien, alles Land bis zum
hellen Wasser des Strymon umfat habe; ganz Hellas, sagen sie, hat einst
Pelasgia geheien.

Die Stmme des Nordens blieben in ihren Bergen und Tlern, bei ihrem
Bauern- und Hirtenleben, in altertmlicher Frmmigkeit, die die Gtter noch
ohne besondere Namen nur Mchte nannte, weil sie alles machen, und die
in dem Wechsel von Licht und Dunkel, von Leben und Tod, in den Vorgngen
der Natur Zeugnisse und Beispiel von deren strengem Walten erkannte.

Andere Stmme fhrte die Not daheim oder Wanderlust hinab an das nahe Meer
und ber das Meer, mit Krieg und Seeraub Gewinn zu suchen oder mit Wagnis
und Gewalt sich eine neue Heimat zu grnden. Da war denn der persnlichen
Kraft alles anheimgegeben und die volle entschlossene Selbstndigkeit die
Bedingung erfolgreichen Tuns und sicheren Gewinnes; ihnen verwandelte sich
das Bild der Gottheit; fr sie waren und galten statt der stillen in der
Natur lebenden und wirkenden Gtter solche Mchte, wie sie nun ihr Leben
bewegten und erfllten, Mchte des energischen Wollens, des entschlossenen
Handelns, der gewaltigen Hand. Wie uerlich, so innerlich verwandelten sie
sich; sie wurden Hellenen. Die einen begngten sich von den Bergen in die
Ebenen Thessaliens, Boiotiens, den Peloponnes hinabzusteigen und da zu
bleiben; andere lockte das gische Meer mit seinen schnen Inseln, die
Kste in dessen Osten mit ihren weiten Fruchtebenen, hinter denen die Berge
zum inneren Hochland Kleinasiens aufsteigen; und die schwellende Bewegung
machte immer neue Scharen lose ihnen zu folgen.

Wenn daheim, wo Knige, mit ihren Hetairen, ihren Kriegsgesellen, in
die nchstgelegenen Tler oder Ebenen wandernd, die Alteingesessenen
ausgetrieben oder untertnig gemacht hatten, sich ein Herrentum der
Hetairen entwickelte, das bald genug auch das Knigtum, mit dem sie
begonnen, beseitigte oder bis auf den Namen beschrnkte, um in strenger
Geschlossenheit und Stetigkeit die Adelsherrschaft zu sichern, -- so
suchten und fanden die Ausgetriebenen und Hinausgezogenen, um sich in der
Fremde und unter Fremden fester zu begrnden und rhriger auszubreiten,
bald um so freiere Formen und um so raschere, dreistere Spannung des
Lebens; sie eilten der Heimat weit voraus an Reichtum, Lebenslust und
heiterer Kunst.

Die Gesnge der Homeriden sind das Vermchtnis dieser bewegten Zeit, dieser
Vlkerwanderungen, mit denen die Hellenen in dem engen und doch so reichen
Kreise der alten und neuen Heimat die Anfangsgrnde ihres geschichtlichen
Lebens lernten.

Dies Meer mit seinen Inseln, seinen Ksten ringsum war nun ihre Welt.
Gebirge umziehen sie von der Nhe des Hellesponts bis zum Isthmus, von da
bis zum tnarischen Vorgebirge; selbst durch das Meer hin bezeichnen
Kythera, Kreta, Rhodos die Umschlieung, die auf der karischen Kste sich
in mchtigeren Gebirgsformen erneut und in reichen Flutlern, Fruchtebenen
und Berghngen zum Meere sich absenkend bis zum schneereichen Ida und dem
Hellespont hinzieht.

Jahrhunderte hat sich das hellenische Leben in diesem geschlossenen Kreise
bewegt, wundervoll namentlich bei denen, die sich in dem ionischen Namen
geeint fhlen, erblhend. Wer sie da sieht, sagt der blinde Snger von
Chios von der Festfeier der Ionier auf Delos, die stattlichen Mnner, die
schngegrteten Frauen, ihre eiligen Schiffe, ihre unendliche Habe, der
mchte meinen, da sie frei seien von Alter und Tod. In immer neuen
Aussendungen von ihnen, bald auch von den anderen Stmmen auf den Ksten
und Inseln wie daheim, erblhten neue Hellenenstdte an der Propontis, im
Pontos bis zur Mndung des Tanais und am Fu des Kaukasus; es entstand in
Sizilien und Sditalien ein neues Hellas; Hellenen besiedelten die
afrikanische Kste an der Syrte; an den Gestaden der Seealpen bis zu den
Pyrenen erwuchsen hellenische Pflanzstdte. So nach allen Seiten, soweit
sie mit ihren geschwinden Schiffen gelangen konnten, griffen diese Hellenen
hinaus, als gehre ihnen die Welt, berall in kleinen Gemeinwesen
geschlossen, geschickt, mit den Umwohnern, von welcher Sprache und Art sie
sein mochten, fertig zu werden und sich, was sie da nach ihrem Sinn fanden,
anzueignen und anzuhneln, in bunter Verschiedenartigkeit der Dialekte,
Kulte, Betriebsamkeit je nach Ort und Art ihrer Stadt, in steter Rivalitt
der einen gegen die anderen, der Ausgezogenen gegen ihre Mutterstdte, und
doch, wenn sie zu den olympischen Festen von nah und fern zusammenstrmten,
alle in denselben Wettkmpfen um den Preis ringend, an denselben Altren
opfernd, an denselben Gesngen sich entzckend.

Gesngen, die ihnen in zahllosen Mythen und Sagen, in den Abenteuern und
Wanderzgen und Kmpfen ihrer Vter das Bild ihrer selbst gaben, vor allen
die schnsten und ihnen die liebsten die von den Zgen nach dem Osten.
Immer wieder richtet sich mit ihnen ihr Sinn morgenwrts. Aus dem
Morgenlande entfhrt Zeus die sidonische Knigstochter und nennt Europa
nach ihrem Namen. Nach dem Morgenlande flchtet Io, den hellenischen Gott
zu umarmen, den ihr in der Heimat Heras Eifersucht versagt. Auf dem Widder
mit goldenem Vlie will Helle nach dem Osten flchten, um dort Frieden zu
finden; aber sie versinkt in das Meer, ehe sie das nahe jenseitige Ufer
erreicht. Dann ziehen die Argonauten aus, das goldene Vlie aus dem Walde
von Kolchis heimzuholen; das ist die erste groe Heldenfahrt nach dem
Morgenlande, aber mit den Helden zurck kommt Medea, die Zauberin, die Ha
und Blutschuld in die Knigshuser von Hellas bringt, bis sie, miehrt und
verstoen von dem Heros Athens, zurckflchtet in die medische Heimat.

Dem Argonautenzuge folgte ein zweiter Heldenkampf, der heimatliche Krieg
gegen Theben, das traurige Vorbild des Hasses und der Bruderkmpfe, die
Hellas zerrtten sollten. In verhngnisvoller Verblendung hat Laios gegen
das Orakel des Gottes einen Sohn gezeugt, hat dipus, ber seine Eltern und
sein Vaterland in Zweifel, den Gott gefragt; er kehrt, die Fremde suchend,
zur Heimat zurck, erschlgt den Vater, zeugt mit der Mutter, herrscht in
der Stadt, der besser das Rtsel der mnnermordenden Sphinx nie gelst
wre. Als er endlich seiner Schuld inne wird, zerstrt er das Licht seiner
sehenden Augen, verflucht sich, sein Geschlecht, seine Stadt; und das
Geschick eilt seinen Fluch zu erfllen, bis der Bruder den Bruder
erschlagen hat, bis die Epigonen den Tod ihrer Vter gercht haben, bis ein
Trmmerhaufe die Sttte drei- und vierfacher Blutschuld deckt.

So in Frevel und Blutschuld eilt die Zeit der Heroen ihrem Ende zu. Die
Frstenshne, die um die schne Helena geworben haben, sitzen daheim bei
Weib und Kind, kmpfen nicht mehr gegen Riesen und Frevel. Da rufen die
Herolde Agamemnons zum Heereszuge gen Osten, nach dem Schwur, den einst die
Freier getan; denn der troische Knigssohn, den Menelaos gastlich in seinen
Palast aufgenommen, hat ihm seine Gemahlin, die vielumworbene, entfhrt.
Von Aulis ziehen die Frsten Griechenlands gen Asien, mit den Frsten ihre
Hetren und ihre Vlker. Jahrelang kmpfen und dulden sie; der herrliche
Achill sieht seinen Patroklos fallen und rastet nicht, bis er Hektor, der
ihn gettet, erschlagen und um die Mauern Trojas geschleift hat; dann
trifft ihn selbst der Pfeil des Paris, und nun, wie der Gott es verkndet,
ist der Fall Trojas nahe. In furchtbarem Untergang bt die Stadt den
Frevel des Gastrechtschnders. Die Ausgezogenen haben erreicht, was sie
gewollt; aber die Heimat ist fr sie verloren; die einen sterben in den
Fluten des emprten Meeres, andere werden in die Lnder ferner Barbaren
verschlagen, andere erliegen der blutigen Tcke, die am heimatlichen Herde
ihrer harrt. Die Zeit der Heroen ist zu Ende und es beginnt die Alltagswelt
wie nun die Menschen sind.

So die Sagen, die Mahnungen und Ahnungen aus alten Zeiten. Und als die
Gesnge der Homeriden vor anderen neuen Sangesweisen verstummten, begannen
sie sich zu erfllen.

Nie bisher hatten die Hellenen mit mchtigen Feinden sich zu messen gehabt.
Jede Stadt an ihrem Teil hatte der Gefahr, die ihr etwa kam, sich zu
erwehren oder ihr geschickt auszuweichen vermocht. Sie waren wohl nach
Sprache und Sitte, zu Gottesfeier und Festspielen wie _ein_ Volk, aber
politisch zahllose Stdte und Staaten nebeneinander, ungeeint; nur da das
dorische Herrentum in Sparta, wie es sich die alten Bewohner des
Eurotastales unterworfen, so auch die nchstgelegenen Grenzlandschaften von
Argos, von Arkadien erobert, die Dorer Messeniens zu Heloten gemacht,
endlich die meisten Stdte in dem Peloponnes zu einer Bundesgenossenschaft
geeinigt hatte, in der jede Stadt ein Herrentum dem der Spartanerstadt
analog bewahrte oder erneute. Den Peloponnes beherrschend, der schon
beginnenden Bewegung der untertnigen unteren Massen feind, mit dem Ruhm,
vielerorten die Tyrannis, die da und dort aus jener beginnenden Bewegung
erwachsen war, gebrochen zu haben, galt Sparta fr die Hterin echt
hellenischer Art und fr die leitende Macht in der hellenischen Welt.

Um diese Zeit begann den weit und weiter hinaus schwellenden Kreisen der
Griechenwelt eine Gegenstrmung bedenklicher Art. Die Karthager gingen an
die Syrte vor, die Kyrenaiker zu hemmen; sie besetzten Sardinien, sie
vereinten sich mit den Etruskern, die Phokier aus Korsika zu verdrngen.
Die Stdte Ioniens, ungeeint, fast jede durch inneren Hader geschwcht,
vermochten sich nicht mehr des lydischen Knigs zu erwehren; einzeln
schlossen sie mit ihm Vertrge, zahlten ihm fr die halbe Freiheit, die er
ihnen lie, Tribut. Schon erhob sich im fernen Osten Kyros mit seinem
Perservolk, brachte das Knigtum Mediens an sich, begrndete die Macht der
Meder und Perser; ihre Heere siegten am Halys, drangen nach Sardes vor,
brachen das Lyderreich. Umsonst wandten sich die Hellenenstdte Asiens
Hilfe bittend an Sparta; sie versuchten Widerstand gegen die Perser, eine
nach der anderen wurden sie unterworfen; auch die nchstgelegenen Inseln
ergaben sich. Sie alle muten Tribut zahlen, Heeresfolge leisten; in den
meisten erhob sich unter dem Zutun des Groknigs eine neue Art von
Tyrannis, die der Fremdherrschaft; in anderen erneuten die Vornehmen unter
persischem Schutz ihre Gewalt ber den Demos; sie wetteiferten in
Dienstbeflissenheit; 600 hellenische Schiffe folgten dem Groknige zum
Zuge gegen die Skythen, mit dem auch die Nordseite der Propontis und die
Ksten bis zum Strymon persisch wurden.

Wie tief waren diese einst stolzen und glcklichen Ionierstdte gebeugt.
Nicht lange ertrugen sie es; sie emprten sich, nur von Eretria und Athen
mit Schiffen untersttzt, die bald heimkehrten. Der Zug der Ionier nach
Sardes milang; zu Land und See rckte die Reichsmacht Persiens heran; es
folgte die Niederlage in der Bucht von Milet, die Zerstrung dieser Stadt,
die furchtbarste Zchtigung der Emprer, die vllige Verknechtung.

Das schnste Drittel des Griechentums war zerbrochen, durch Deportation,
durch endloses Flchten entvlkert. Die phnikischen Flotten des Groknigs
beherrschten das gische Meer. Schon begannen die Karthager von der
Westspitze Siziliens, die sie behauptet hatten, vorzudringen; die Hellenen
Italiens lieen es geschehen, mit eigenem Hader vollauf beschftigt; es war
der Kampf zwischen Sybaris und Kroton entbrannt, der mit dem Untergang von
Sybaris endete, whrend die Etrusker nach Sden vordringend schon auch
Kampanien erobert hatten; die Kraft des italischen Griechentums begann zu
erlahmen.

Man sah in der hellenischen Welt wohl, wo der Fehler lag. In der Zeit des
Kampfes gegen den Lyderknig hatte Thales gemahnt, alle Stdte Ioniens zu
_einem_ Staat zu einigen, in der Art, da jede Stadt fortan nur eine
Gemeinde in diesem Staat sein sollte. Und als die persische Eroberung
begann, empfahl Bias von Priene allen Ioniern, gemeinsam auszuwandern und
im fernen Westen sich ansiedelnd auszufhren, was Thales geraten hatte.

Aber die ganze bisherige Entwicklung der hellenischen Welt, ihre eigenste
Strke und Blte war bedingt gewesen durch die vllig freie Bewegung und
Beweglichkeit, nach allen Seiten hin sich auszudehnen, immer neue Sprossen
zu treiben, durch diesen unendlich lebensvollen Partikularismus der kleinen
und kleinsten Gemeinwesen, der, ebenso sprde und selbstgefllig, wie immer
nur auf das Nchste und Eigenste gewandt, sich nun als die grte Gefahr,
als das rechte panhellenische Unheil erwies.

Nicht auf den Wegen Spartas lag es, die rettende Macht Griechenlands zu
werden. Und zu wie wirksamen Gestaltungen sich aus der beginnenden freieren
Bewegung des Demos die Tyrannis da und dort erhoben hatte, auf Gewalt gegen
den Herrenstand und Gunst der Massen gegrndet, war sie immer wieder
zusammengesunken.

Nur an einer Stelle, in Athen, folgte ihrem Sturz statt der Wiederkehr des
Herrentums, wie sie Sparta erwartet und betrieben hatte, eine khne,
freiheitliche Reform, eine Verfassung mit gleichem Recht fr alle, mit
nur kommunaler Selbstndigkeit der Ortsgemeinden innerhalb des attischen
Staates, damit eine innere Kraftentwicklung, die kaum begonnen, dem
vereinten Angriff der Herrenstaaten rings umher, den Sparta leitete, die
Stirn zu bieten vermochte. Selbst den Tyrannen nach Athen zurckzufhren
war nun Sparta bereit; da die anderen Peloponnesier es versagten, setzten
wenigstens die gineten, die in Athen einen Rivalen zur See frchteten, den
Kampf fort. Ihrer strkeren Flotte sich zu erwehren, mute Athen die den
Ioniern zu Hilfe gesandten Schiffe heimrufen; und um dieser Hilfe willen
hatte es, als Milet gefallen war, die Rache des Groknigs zu erwarten.

Schon zog dessen Landheer und Flotte vom Hellespont her die Kste entlang,
die Griechenstdte dort, die Thraker des Binnenlandes, den makedonischen
Knig unterwerfend. Die Edlen Thessaliens suchten die persische
Freundschaft, die herrschenden Dynastenfamilien in Boiotien, voll
Erbitterung gegen Athen, nicht minder. Des Knigs Herolde durchzogen die
Inseln und Stdte, Erde und Wasser zu fordern; die nach Athen gesandten
wurden vom Felsen gestrzt. Da Sparta desgleichen tat, gab beiden, die
soeben noch widereinander gestanden, einen gemeinsamen Feind. Aber als die
Perser nach Euba kamen, Eretria zerstrten, auf der attischen Kste bei
Marathon landeten, zgerte Sparta, dem Hilferuf Athens zu folgen. Von allen
Hellenen nur die Plataier fochten an der Seite der Athener; der Tag von
Marathon rettete Athen und Hellas.

Es war nur eine erste Abwehr. Athen mute auf neue, schwerere Gefahr gefat
sein. Ihr zu begegnen wies Themistokles die Wege, an Khnheit der Gedanken
und Tatkraft sie auszufhren der grte Staatsmann, den Athen gehabt hat.

Vor allem, nicht zum zweiten Male durften die Barbaren von der See her
Attika pltzlich berfallen knnen; auch fr Sparta und die Peloponnesier
hing Wohl und Wehe daran, der feindlichen bermacht den nheren Weg zur See
zu verlegen. Die Seestaaten von Hellas, gina, Korinth, Athen besaen nicht
soviel Kriegsschiffe, wie die asiatischen Hellenen allein zur Perserflotte
stellten. Nach Themistokles' Antrag -- das Silber der laurischen Bergwerke
bot die Mittel dazu -- wurde die Flotte Athens verdreifacht, im Pirus ein
fester Kriegshafen geschaffen, bald die langen Mauern gebaut, die Stadt und
den Hafen zusammenzuschlieen. Da fr die Flotte die Masse rmerer Brger,
die nicht zum Hoplitendienst pflichtigen, als Ruderer mit zu der Pflicht
und Ehre des Dienstes herangezogen wurden, steigerte den demokratischen Zug
in der Verfassung und gab demselben zugleich die Disziplin des strengeren
Dienstes auf der Flotte.

Ein Zweites ergab sich mit dem Heranziehen der ungeheuren Heeresmacht des
Groknigs. Da zugleich die Karthager in Sizilien losbrachen, mute die
Griechenwelt erkennen lassen, in welchem Umfange sie bedroht sei. Aber
allerorten war in ihr Hader und Ha und Nachbarfehde, die Zersplitterung
und Zerrttung des eigensinnigsten Kleinlebens. Nur da die Tyrannen von
Syrakus und Akragas sich verbndeten und die ganze Streitkraft des
hellenischen Siziliens vereinigten, gab dort Hoffnung dem punischen Angriff
zu widerstehen. Wie gleiche Einigung in Hellas schaffen? Auf Themistokles'
Rat unterordnete sich Athen der Hegemonie Spartas; Sparta und Athen luden
alle hellenischen Stdte zu einem Waffenbunde ein, dessen Bundesrat in
Korinth tagen sollte. Solcher Bund htte nur die Hinzugetretenen binden
knnen; es galt den khnsten Schritt zu tun, aus der nationalen
Gemeinschaft, die bisher nur in der Sprache, dem Gtterkult, dem geistigen
Leben bestanden hatte, ein politisches Prinzip zu machen, so eine
Eidgenossenschaft aller Hellenen wenigstens fr den Kampf gegen die
Barbaren zu schaffen. Das Synedrion in Korinth verfuhr und verfgte in
diesem Sinne; es beschlo, da alle Fehde zwischen griechischen Stdten
ruhen solle, bis die Barbaren besiegt seien; es erklrte fr Hochverrat,
den Persern mit Wort oder Tat Dienste zu leisten; und welche Stadt sich den
Persern ergebe, ohne bezwungen zu sein, sollte dem delphischen Gott geweiht
und gezehntet werden, wenn der Sieg errungen sei.

Der Tag von Salamis rettete Hellas, der Sieg an der Himera Sizilien. Aber
dem hellenischen Bunde waren daheim nur die meisten Stdte des Peloponnes,
von denen in Mittel- und Nordgriechenland auer Athen nur Thespi, Plat,
Potida beigetreten. Mit den Schlachten bei Plat und Mykale wurde das
Land bis ber den Olymp hinaus, wurden die Inseln und die ionische Kste,
in den nchsten Jahren auch der Hellespont und Byzanz befreit. In derselben
Zeit schlug der Tyrann von Syrakus mit den Kymern vereint die Etrusker in
der Bucht von Neapel; die Tarentiner, die von den Japygern eine schwere
Niederlage erlitten hatten, in neuen Kmpfen siegreich, wurden Herren des
Adriatischen Meeres.

Aber weder die italischen und sizilischen Hellenen schlossen sich dem Bunde
an, der auf dem Isthmus gegrndet war, noch erzwang dieser selbst, unter
der schlaffen und mitrauischen Hegemonie Spartas, in Boiotien, im
Spercheioslande, in Thessalien den Beitritt. Den Athenern, die bei Salamis
mehr Schiffe als die brigen zusammengestellt, die die Befreiung der Inseln
und Ioniens von Sparta ertrotzt hatten, boten die Befreiten die Hegemonie
der gemeinsamen Seemacht an, und Sparta lie geschehen, was es nicht
hindern konnte; es entstand ein Bund im Bunde.

Schon war Themistokles, in dem die Spartaner ihren gefhrlichsten Feind
sahen, seinen Gegnern in Athen erlegen, derjenigen Partei, die in dem Bunde
mit Sparta zugleich einen Halt gegen die schwellende demokratische Bewegung
daheim sah und erhalten wollte. Vielleicht htte er dem Seebunde, den Athen
schlo, eine andere, festere Gestalt gegeben; die Staatsmnner, die ihn
ordneten, begngten sich mit loseren Formen, mit dem gleichen Recht der
Staaten, die er umschlo, mit der Schonung ihres Partikularismus. Nur zu
bald zeigten sich die Schden der so geformten Union; die Notwendigkeit,
zur Bundespflicht zu zwingen, Versumnis, Widersetzlichkeit, Abfall zu
strafen, lie die nur fhrende Stadt zur herrschenden und herrischen, die
freien Bndner zu Untertanen werden, die selbst der Jurisdiktion des
attischen Demos unterworfen waren.

Herrin des Seebundes zum Schutz des Meeres und zum Kampf gegen die
Barbaren, hatte Athen die Inseln des gischen Meeres, die hellenischen
Stdte auf dessen Nordseite bis Byzanz, die Kste Asiens vom Eingang in den
Pontus bis Phaselis am Pamphylischen Meer inne, eine Macht, unter deren
belebenden Impulsen der hellenische Handel und Wohlstand, nun weithin
geschtzt, sich von neuem erhob, Athen selbst in allen Richtungen des
geistigen Lebens khn und schpferisch voranschreitend der Mittelpunkt
einer im vollsten Sinn panhellenischen Bildung wurde.

Mochte Sparta noch den Namen der Hegemonie haben, es sah seine Bedeutung
tief und tiefer sinken; es begann unter der Hand die Mistimmung bei den
Bndnern Athens zu nhren, whrend schon Argos, Megara, die Acher, selbst
Mantinea, sich mit Athen verbanden. Da dann die helotisch verknechteten
Messenier sich emprten, und die Spartaner, auerstande sie zu bewltigen,
die Bundeshilfe Athens forderten, da Athen sie ihnen gewhrte, und sie,
ehe der Kampf beendet war, Tcke und Verrat frchtend, wieder heimsandten,
fhrte zu der verhngnisvollen Entscheidung. Das attische Volk wandte sich
von denen ab, die den Hilfezug geraten, gab, ihren Einflu fr immer zu
beseitigen, den demokratischen Institutionen des Staates eine
durchgreifende Steigerung, kndigte den hellenischen Bund und damit die
spartanische Hegemonie auf, beschlo zu allen hellenischen Stdten, die
nicht schon im Seebund waren, zu senden, sie zum Abschlu einer neuen und
allgemeinen Einigung aufzufordern.

Der Bruch war unheilbar. Es begann ein Kampf heftigster Art, nicht blo in
den hellenischen Landen: gypten war unter einem Nachkommen der alten
Pharaonen von dem Groknige abgefallen, rief die Hilfe Athens an; ein
selbstndiges gypten htte dauernd die Flanke der persischen Macht
bedroht, die syrischen Ksten, Cypern, Kilikien htten sich in gleicher
Weise losgerissen; Athen sandte eine Flotte nach dem Nil.

Das khnste Wagnis attischer Politik milang. gypten erlag den Persern,
nach schweren Verlusten dort, nach blutigen, nicht immer siegreichen
Kmpfen an den heimischen Grenzen schlo Athen, um die Scharte gegen die
Barbaren auszuwetzen, mit den Spartanern Frieden, opfernd, was es ihrem
Bunde auf dem Festlande entzogen hatte.

Da Athen innehielt, vershnte Sparta so wenig wie die Herrenstaaten und
den Partikularismus. Da Athen um so fester die Zgel seiner
Bundesherrschaft anzog, steigerte die Erbitterung der Beherrschten, die
schon an den Spartanern, an dem Perserknig sicheren Rckhalt zu finden
hoffen durften. Da Perikles trotzdem und trotz der breiten Macht und dem
gefllten Schatz Athens nur mit der berlegenheit weiser Migung und des
streng innegehaltenen Vertragsrechtes den Frieden und mit ihm die attische
Seeherrschaft, diese durchaus nur in dem Umfange, den sie einmal hatte, zu
erhalten gedachte, lie Athen nach auen hin die Initiative verlieren und
im Innern die Opposition derer erstarken, die nur in weiterer Steigerung
der Demokratie, in ihrer vlligen Durchfhrung auch bei den Bndnern, in
Ausdehnung der Herrschaft ber die pontischen, die sizilisch-italischen
Griechenstdte die Mglichkeit sahen, der dreifachen Gefahr, welche die
attische Macht bedrohte, zu begegnen: der Rivalitt Spartas und der
Herrenstaaten, dem lauernden Ha der Perser, dem Abfall der Bndner.

Das sind die Elemente des furchtbaren Krieges, der die hellenische Welt
dreiig Jahre lang durchtoben und bis in die Fundamente zerrtten, in dem
die in Athen und unter dem Schutze Athens gereifte Flle von Wohlstand,
Bildung und edler Kunst, die damit sich verbreitende Fassung des ethischen
Wesens sich tief und tiefer zersetzen sollte.

Es gab in diesem Kriege einen Moment -- Alkibiades und die sizilische
Expedition bezeichnen ihn --, wo der Sieg der attischen Macht, die
Erweiterung derselben auch ber die westlichen Meere gewi schien; die
Karthager waren in hchster Sorge, da die Attiker gegen ihre Stadt
heranziehen wrden. Aber der geniale Leichtsinn dessen, der auf seinem
Goldschilde den blitzschleudernden Eros fhrte, gab der Intrige seiner
oligarchischen und demokratischen Gegner daheim die Gelegenheit, ihn, der
allein das begonnene Unternehmen htte hinausfhren knnen, zu strzen. Er
ging zu den Spartanern, er wies ihnen die Wege, wie Athen zu bewltigen
sei, er gewann ihnen die Satrapen Kleinasiens und das Gold des Groknigs,
freilich gegen die Anerkennung Spartas, da dem Groknige wieder gehren
solle, was ihm ehedem gehrt habe.

In ungeheuren Wechseln raste der Krieg weiter; mit persischem Gold bezahlt,
erschien auch die Flotte Siziliens, sich mit der Spartas, Korinths, der
abgefallenen Bndner Athens zu vereinigen. Unvergleichlich, wie das
attische Volk da gekmpft, mit immer neuer Spannkraft sein
zusammenbrechendes Staatswesen zu retten versucht, wie es bis auf den
letzten Mann und einen letzten goldenen Kranz im Schatz den Kampf
fortgesetzt hat. Nach dem letzten Siege, den es errang, dem bei den
Arginusen, ist Athen den Parteien im Innern, dem Verrat seiner Feldherren,
dem Hunger erlegen; der Spartaner Lysandros brach die langen Mauern,
bergab Athen der Herrschaft der Dreiig.

Nicht blo die Macht Athens war zertrmmert. In diesem langen und
furchtbaren Kriege hatte sich das Wesen des attischen Demos verwandelt. Von
den einst glcklichen Elementen seiner Mischung waren die stetigen dahin;
es war mit der Entfesselung aller demokratischen Leidenschaft die
zersetzende Aufklrung bermchtig geworden, die ihm die Oligarchen erzogen
hatte, welche in jener Verfassung der Dreiig unumschrnkt das erschpfte
Volk zu knechten unternahmen, unter ihnen die entarteten Reste der alten
groen Familien, die der Krieg gelichtet hatte. Noch grndlicher war in dem
alten hoplitischen Bauernstande aufgerumt, den die feindlichen
Einlagerungen auf dem attischen Gebiet erst Jahr fr Jahr, dann fr Jahre
lang in die Stadt getrieben hatten, wo er, ohne seine Arbeit, verarmend,
mit in den Strudel des stdtischen Lebens gezogen, Pbel wurde. Wenn dann
nach Jahr und Tag die Landflchtigen ihre Rckkehr erzwangen, die Dreiig
von dannen jagten, die Demokratie herstellten -- es war nur der Name
Athens, der Name der solonischen Verfassung, der hergestellt wurde; alles
war verarmt, armselig, ohne Kraft und Schwung; und da man mit doppelt
eiferschtiger Frsorge die Machtbefugnisse der mter minderte, dem Einflu
hervorragender Persnlichkeiten mglichst vorbeugte, neue Formen fand, die
irgend mgliche Beschrnkung der demokratischen Freiheit unmglich zu
machen, fixierte diese bedenklichste Form des Staatswesens in der
bedenklichsten Phase ihrer Schwankungen, in der der Ernchterung nach dem
Rausch.

Mit dem Ruf der Befreiung hatte Sparta dreiig Jahre vorher allen Ha, alle
Furcht und Migunst gegen Athen, allen Partikularismus um sich vereint. Nun
hatte es den vollsten Sieg; Sparta war das Entzcken des nun berall
wiederkehrenden Herrentums und Lysandros ihr Held, ja ihr Gott; ihm wurden
Altre errichtet und Festdienste gestiftet. Das alte Recht Spartas auf die
Hegemonie schien nun endlich das Griechentum zu vereinigen.

Aber es war nicht mehr die alte Spartanerstadt; da die Brger ohne
Eigentum, in strenger Ordnung und Unterordnung, ganz Soldat seien, waren
die ersten Forderungen der vielbewunderten lykurgischen Verfassung gewesen;
jetzt mit dem Siege schwand der Nimbus, in dem man Sparta zu sehen sich
gewhnt hatte; jetzt zeigte sich, wie Habgier, Genugier, jede Art von
Entartung, wie Geistesarmut neben Herrschsucht, Brutalitt neben Heimtcke
und Heuchelei da heimisch sei. Stetig sank die Zahl der Spartiaten, in dem
nchstfolgenden Zeitalter gab es deren nur noch tausend statt der neun-
oder zehntausend in den Zeiten der Perserkriege. Die daheim zu starrem
Gehorsam und uerer Zucht Gewhnten herrschten nun als Harmosten um so
willkrlicher und gewaltsamer in den Stdten von Hellas, berall bemht,
die gleiche oligarchische Ordnung durchzufhren, zu der sich in Sparta
selbst die alte vielbewunderte Aristokratie verwandelt hatte; berall deren
Einfhrung, Austreibung der besiegten Partei, Konfiskation ihrer Gter; die
hellenische Welt von der wogenden Masse politischer Flchtlinge und ihren
Entwrfen und Versuchen gewaltsamer Heimkehr in stetem Gren und Brodeln.

Freilich schickte Sparta sofort ein Heer nach Asien, aber fr den Emprer
Kyros, gegen den Groknig, seinen Bruder, ein Sldnerheer. Und als Kyros
in der Nhe von Babylon gefallen, die 10000 in der Schlacht unbesiegt,
unbesiegt auch auf der weiten, kampfreichen Irrfahrt durch die fremde Welt
wieder bis ans Meer gelangt und heimgekehrt waren, als des Groknigs
Satrapen die hellenischen Stdte Asiens wieder in Besitz nahmen, deren
Tribute forderten, da lie Sparta den jungen Knig Agesilaos nach Asien
ziehen, der, als sei es ein Nationalkrieg der Hellenen und er ein zweiter
Agamemnon, mit einem feierlichen Opfer in Aulis begann, nur da die
boiotische Behrde das Opfer strte und die Opfernden aus dem Heiligtum
trieb; weder Theben, noch Korinth, noch Athen, noch die anderen Bndner
leisteten die geforderte Bundeshilfe, und die erste Tat des Agesilaos in
Asien war, da er mit des Groknigs Satrapen Waffenstillstand schlo.

Schon war in den hellenischen Landen die Erbitterung gegen Sparta rger,
als sie je gegen Athen gewesen war. Die Thebaner hatten die Flchtlinge
Athens untersttzt, ihre Vaterstadt zu befreien; die Korinther hatten
dulden mssen, da in ihrer Tochterstadt Syrakus, die in schwersten
Parteikmpfen krankte, und der zur Ruhe zu helfen sie einen ihrer besten
Brger gesandt hatten, die Partei, welche die Spartaner untersttzten, mit
dem Morde des korinthischen Mittelmannes die Tyrannis des Dionysios
grndete; emprender als alles war, wie die Spartaner, um Elis zum Gehorsam
zu zwingen, das Land des Gottesfriedens mit Krieg berzogen, verheerten und
in seine Gaue auflsten.

Wenn man in der Hofburg zu Susa, eingedenk jenes Griechenzuges fast bis
Babylon, mit Sorge dem Anmarsch des Agesilaos entgegengesehen, wenn man die
noch schwerere Gefahr einer neuen Emprung gyptens, mit der sofort Sparta
in Verbindung trat, erkennen mochte, so bot ein attischer Flchtling,
Konon, einer der zehn Strategen der Arginusen, den Plan zur sichersten
Abwehr. Der Satrap Pharnabazos erhielt das ntige Geld, die bedeutenderen
Staaten in Hellas zum offenen Kampf gegen Sparta zu treiben, zugleich eine
Flotte zu schaffen, die unter Konons Fhrung die Seemacht Spartas vom Meere
jagen sollte. Wieder mit dem Ruf der Befreiung, als Bund der Hellenen
erhoben sich Korinth, Theben, Athen, Argos gegen Sparta; ihrem ersten Siege
folgte die schleunige Heimkehr des Agesilaos, mit dem Kampf bei Korona
erzwang er sich den Rckzug durch Boiotien. Aber schon hatte Konon die
Spartaner besiegt, die Hlfte ihrer Schiffe vernichtet. Dann segelte
Pharnabazos mit der Flotte nach Griechenland hinber, berall verkndend,
da er nicht die Knechtschaft, sondern Freiheit und Unabhngigkeit bringe,
landete selbst auf Cythere, hart an der Kste Lakoniens, erschien dann auf
dem Isthmos in dem Bundesrat der Hellenen, zur eifrigen Fortsetzung des
Kampfes mahnend, berlie, um selbst heimzukehren, dem Konon die Hlfte der
Flotte, der nun nach Athen eilte, fr persisches Geld die langen Mauern
herstellen, wieder eine attische Flotte grnden, ein Heer Sldner werben
lie; die leichte Waffe der Peltasten, die Iphikrates erfand und
ausbildete, berholte die taktische Kunst Spartas.

Es wurde fr Sparta hohe Zeit, Wandel zu schaffen. Das Mittel lag nahe zur
Hand; wenn das persische Gold versiegte, hatte die Begeisterung und die
Macht der Feinde Spartas ein Ende. Antalkidas, der nach Susa gesandt wurde,
trug es ber Konon davon; der Groknig sandte den Befehl an die
Hellenen: Er halte fr gerecht, da die Stdte Asiens ihm gehrten und von
den Inseln Cypern und Klazomen, den Athenern aber Lemnos, Imbros und
Skyros, da alle anderen hellenischen Stdte gro und klein autonom seien;
die, welche diesen Frieden nicht annhmen, werde er mit denen, die ihn
wollten, zu Land und zu Wasser mit Schiffen und Geld bekmpfen. Mit einer
mchtigen Flotte, zu der teils die griechischen Stdte Kleinasiens, teils
der Tyrann von Syrakus die Schiffe stellte, fuhr Antalkidas durch die
Cykladen heim; die Schiffe der Gegner zogen sich eiligst zurck.

Dieser Friede war die Rettung Persiens; mit dem zugesprochenen Besitz von
Cypern -- es kostete noch Jahre, die Insel zu bewltigen -- konnte der
Groknig hoffen, auch gypten niederzuwerfen; mit der Zuwendung der drei
Inseln war Athen befriedigt, mit der verkndeten Autonomie in Hellas bis in
die kleinsten Gebiete der Hader getragen, jedes Bndnis, jede
landschaftliche Zusammenschlieung, jede neue Machtbildung im
panhellenischen Sinn unmglich gemacht, und Sparta der Hter und Bttel
dieser persischen Politik ber Griechenland.

Sparta war ttig genug, mit der Auflsung der landschaftlichen und
Ortsverbnde nach dem Prinzip der Autonomie das von Lysandros begonnene
System der Oligarchisierung, das der Korinthische Krieg unterbrochen hatte,
zu vollenden. Da Olynth die Stdte auf der Chalkidike zu einem Bunde
vereinigte, auch nicht wollende mit Drohung zum Beitritt zwang, und die so
Bedrohten in Sparta um Hilfe baten, gab Anla zu einem Heereszuge dorthin,
dem sich nach langem Widerstand die Stadt beugen, ihren Bund auflsen
mute. Auf dem Hinzuge hatten die Spartaner Theben berfallen, Oligarchie
eingerichtet, alles, was nicht gut spartanisch war, ausgetrieben, in die
Kadmeia eine Besatzung gelegt. Es war die Mittagshhe der spartanischen
Macht, auch darin die Hhe, da nach der rechten Natur eines Machtsystems
jede Regung, die sich gegen ihren Druck erhob, nur neuen Anla gab, ihn zu
steigern und der gesteigerte Druck zu neuem Widerstand trieb, der die
gesteigerte Gewalt ihn niederzuwerfen rechtfertigte.

Nur da eine kleine Lcke in dieser Berechnung war. Wohl hatte Lysandros
die Macht Athens gebrochen, nicht aber die Bildung, die in Athen erblht,
nicht den demokratischen Zug der Zeit, der mit ihr erwachsen war. Je
gewaltsamer das Herrentum Spartas wurde, desto mehr wandten sich die
Oppositionen derselben Demokratie zu, die die strkste Waffe Athens gegen
Sparta gewesen war. Und die befohlene Autonomie wirkte in eben dieser
Richtung; berall lsten sich die alten Bande, die sonst einer greren
Stadt die kleineren um sie her pflichtig gehalten hatten, bis in die
letzten Winkel und Tler drang die zersetzende Autonomie und die trotzige
Anmaung der Freiheit; die hellenische Welt zerbrckelte sich immer weiter,
in immer kleinere Atome und entwickelte in der immer steigenden Grung
dieses entfesselten und hchst erregten Kleinlebens eine Flle von Krften
und Formen, von Reibungen und explosiven Elementen, welche die doch nur
mechanische und uerliche Gewalt Spartas bald nicht mehr zu beherrschen
vermgen sollte.

Dazu ein anderes. Solange in dem attischen Seebunde das gische Meer die
Mitte der hellenischen Welt gewesen war, solange die hellenischen Stdte,
die es umsumten, die immer bereite Macht des Bundes hinter sich fhlten,
hatten die Barbaren wie im Osten so im Norden sich mglichst ferngehalten;
wenn damals die thrakischen Stmme am Hebros vorzudringen wagten, so hatte
ihnen Athen mit der Anlage von Amphipolis am Strymon -- 10000 Ansiedler
wurden dorthin gesandt -- den Weg nach den hellenischen Stdten der Kste
verlegt; das Erscheinen einer attischen Flotte im Pontos hatte gengt, auch
dort die Seewege und die Ksten zu sichern; in den Tagen der attischen
Macht erstarkte die Hellenisierung der Insel Cypern; selbst in gypten
hatte eine hellenische Flotte gegen die Perser gekmpft, selbst Karthago
die Seemacht Athens gefrchtet.

Mit dem Frieden des Antalkidas waren nicht blo die Stdte der asiatischen
Kste preisgegeben; das Meer der Mitte war verloren, die Inseln derselben,
obschon dem Namen nach autonom, die Buchten und Ksten von Hellas selbst
lagen wie entblt da. Und zugleich begannen die Vlker im Norden rege zu
werden; die Kstenstdte von Byzanz bis zum Strymon, nur von ihren Mauern
und ihren Sldnern geschtzt, htten dem Andringen der thrakischen Vlker
nicht lange zu widerstehen vermocht; die noch lose geeinten makedonischen
Landschaften, deren Hader wie erst die Athener, so nun Sparta und die
Stdte der Chalkidike nhrten, waren selbst in steter Gefahr, von den
Odrysen im Osten, den Triballern im Norden, den Illyriern im Westen
berschwemmt zu werden; schon drngte hinter diesen die keltische
Vlkerwanderung zwischen der Adria und der Donau vorwrts. Die Triballer
begannen ihre Raubzge, die sie bald bis Abdera fhren sollten; es brachen
die Illyrier bis nach Epiros ein, siegten in einer groen Schlacht, in der
15000 Epiroten erschlagen wurden, durchheerten das Land bis in die
Gebirge, die es von Thessalien scheiden, wandten sich dann rckwrts, durch
die offeneren Gebirgspsse nach Makedonien einzubrechen. Gegen solche
Gefahren sich zu schtzen, hatte Olynth die Stdte der Chalkidike zu einem
Bunde vereint; da die Spartaner ihn zerstrten, machte den Norden der
Griechenwelt wehrlos gegen die Barbaren.

In derselben Zeit war grere Gefahr ber das westliche Griechentum
gekommen. Seit die Seemacht Athens gebrochen war, hatten die Karthager in
Sizilien von neuem vorzudringen begonnen, Himera im Norden, Selinunt,
Akragas, Gela, Kamarina bewltigt; Dionys von Syrakus lie, um den Frieden
zu gewinnen, diese Stdte in dem Tribut der Punier. Es brachen die Kelten
ber die Alpen nach Italien ein, unterwarfen das etruskische Land am Po,
berstiegen den Apennin, brannten Rom nieder; es brachen die Samniter gegen
die Griechenstdte Kampaniens vor, unterwarfen eine nach der anderen,
whrend Dionys die im brettischen Lande an sich ri; nur Tarent hielt sich
aufrecht. Wenigstens die Tyrannis von Syrakus war rstig und ttig; in
immer wieder erneutem Kampf entri Dionys den Karthagern die Kste der
Insel bis Akragas, schlug die etruskischen Seeruber und plnderte ihren
Schatz in Agylla, gewann in groangelegten Kolonisationen bis zur
Pomndung hinauf und auf den Inseln der illyrischen Kste die Herrschaft in
der Adria; -- ein Frst, der, mit geordnetem Regiment, frsorgender
Verwaltung, gleich energischer Willkr gegen die wste demokratische wie
partikularistische Freiheit, mit seinem Heere von griechischen,
keltischen, iberischen, sabellischen Sldnern und einer mchtigen Flotte,
mit seiner verwegenen, treulosen und zynischen Politik gegen Freund und
Feind der letzte Schutz und Halt, so schien es, fr das Griechentum im
Westen war -- ein principe in der Art, wie ihn der groe Florentiner sich
gewnscht hat, das Italien seiner Zeit zu retten, im brigen auf der Hhe
damaliger Bildung, wie er denn Philosophen, Knstler und Dichter an seinen
Hof zog und selbst Tragdien dichtete. Die Tyrannis des Dionys und die
nicht minder machiavellistische Spartanermacht unter Agesilaos sind die
Typen hellenischer Politik in diesen trben Zeiten.

Es sollten noch trbere folgen. Aus der Bildung, deren Mittelpunkt Athen
war, aus den Schulen der Rhetoren und Philosophen gingen politische
Theorien hervor, die, mglichst unbekmmert um die tatschlichen Zustnde
und die gegebenen Bedingungen, die Formen und Funktionen des idealen
Staates entwickelten, des Staates vollendeter Freiheit und Tugend, der
allein allem Schaden abhelfen knne und alles Heil bringen werde. Vorerst
nur ein verwirrendes Element mehr in der wirren Grung von Herrschaft und
Knechtung, von Willkr und Ohnmacht, von aller argen Sucht und Kunst des
Reichwerdens und dem um so trotzigeren Neide der rmeren Massen, zumal da,
wo die Demokratie ihnen das gleiche Recht und dem mehreren Teil die
Entscheidung gab. Wenn man verfolgt, wie die Schulen des Platon, des
Isokrates usw., wie die Philosophie, die Rhetorik, die Aufklrung in den
freien Stdten, an den Hfen der Dynasten und Tyrannen bis Sizilien, Cypern
und dem pontischen Heraklea, selbst bis an die Satrapenhfe sich
verbreitete und Einflu gewann, so sieht man wohl, wie sich ber allen
Partikularismus und alle Lokalverfassung eine neue Art der Gemeinschaft,
man mchte sagen die der Souvernitt der Bildung erhob, von der das
brutale Herrentum Spartas am weitesten entfernt war.

Nicht von der Theorie ging der entscheidende Umschlag aus, aber dem
gelungenen gab sie den Nimbus einer groen Tat, sie half seine Wirkungen
steigern; mit der steigenden Flut fahrend, ging sie daran, sich zu
verwirklichen.

Drei Jahre lang trug Theben die spartanischen Harmosten, die spartanische
Besatzung auf der Kadmeia, die freche Willkr der unter ihrem Schutz
herrschenden Oligarchie, immer neue Hinrichtungen und Austreibungen.
Endlich wagten die Geflchteten die Befreiung der Vaterstadt; unter
Pelopidas' Fhrung, im glcklich durchgefhrten Verrat berfielen,
ermordeten sie die Oligarchen, riefen das Volk auf, mit ihnen die
Demokratie zu verteidigen und die alte Macht der Stadt ber Boiotien
herzustellen. Da Epaminondas, der edle, philosophische, freisinnige, in
dessen Geist das schne Bild einer groen Zukunft lebte, hinzutrat, gab der
Bewegung ihren idealen Schwung. Die Besatzung der Kadmeia wurde zum Abzug
gezwungen, die Stdte Boiotiens, deren Autonomie des Groknigs Frieden
geboten hatte, wieder in den boiotischen Bund gezogen, Orchomenos, Tanagra,
Plat, Thespi, die sich weigerten, mit gewaffneter Hand gezwungen, ihre
Mauern gebrochen, ihr Gemeinwesen aufgelst, die Brger ausgetrieben.

Vergebens suchten die Spartaner zu hemmen. Da eben jetzt Athen sich
aufrichtete, mit raschem Entschlu daranging, eine neue Flotte, eine neue
Symmachie, aber mit der Devise der Autonomie zu schaffen, zeigte den
Spartanern die schwellende Gefahr. Schon griff Theben ber die botischen
Grenzen hinaus, versuchte die Phokier in den neuen Bund zu zwingen,
verbndete sich mit Jason von Pherai, der die Macht ber Thessalien den
Dynasten zu entwinden verstanden hatte, die dauernde kriegerische
Herrschaft an seine Hand zu ketten gedachte. Bei Naxos schlugen die
attischen Strategen die Flotte Spartas, mit der Schlacht von Leuktra gewann
Theben den Weg nach dem Peloponnes, in dem, wie die Furcht vor Sparta dahin
war, ein neues lrmendes Leben begann; unter dem Schutz der siegreichen
Waffen Thebens wurde berall das Joch der Oligarchie gebrochen, die
zerstreuten Dorfschaften zu stdtischen Gemeinwesen vereint, selbst die
verknechteten Messenier befreit und ihr Staat hergestellt.

Jenen Sieg dankte Athen einer raschen und geschickten Finanzmaregel, die
dann freilich eine Wirkung nach innen hatte, welche von der Demokratie
nicht viel mehr als die Form und den Schein briglie. Die reicheren Brger
leisteten auf Grund einer neuen Schatzung die zum Bau einer Flotte und zur
Werbung von Sldnern ntigen Mittel, in Gruppen verteilt, in denen je die
Reichsten die Vorschsse gaben und die Leitung bernahmen. Der Demos lie
sich diese Plutokratie, die ihn nichts kostete, gefallen, um so mehr
gefallen, da sie ihm mit jenem Siege von Naxos einen neuen Seebund schuf,
welcher Macht, Geldzahlungen, Kleruchien in Aussicht stellte. Die Inseln
und Kstenstdte traten diesem gern bei, da er Schutz versprach und
ausdrcklichst die Autonomie, wie sie der Groknig befohlen hatte, zur
Grundlage nahm. So versuchte Athen zwischen dem sinkenden Sparta und dem
emporsteigenden Theben balancierend ein Nachbild seiner einstigen
Herrlichkeit zu schaffen, bald auch die Nichtwollenden zwingend. Vor allem
Amphipolis galt es heranzuziehen, das ja Athen einst gegrndet, mit dem es
die thrakischen Ksten beherrscht hatte; auf alle Weise, mit Hilfe der
Makedonen, der thrakischen Frsten versuchte es zum Ziele zu gelangen. Von
Olynth untersttzt, widerstand Amphipolis den wiederholten Angriffen
Athens.

Schon trat eine vierte Macht in diesen Wettkampf um die hellenische
Fhrung. Der mchtige Jason von Pherai, von den Thessalern nach der alten
Art ihres Landes mit dem Amt des Tagos, der Feldhauptmannschaft, betraut,
der rastlos geworben und Schiffe gebaut, ein Kriegsheer geschaffen hatte,
wie es Hellas noch nicht gesehen, er lie bekannt werden, da seine Rstung
den Barbaren im Osten gelte, da er ber Meer gegen den Perserknig zu
ziehen gedenke. Schon wie zur Weihung des beginnenden Werkes schickte er
sich an, in feierlichem Pomp das pythische Fest in Delphoi zu begehen, da
wurde er von Verschworenen ermordet, sieben Jnglingen, die dann die
hellenische Welt als Tyrannenmrder feierte. Nach blutigem Familienhader
kam der Rest seiner Macht in die Hand seines Schwagers Alexandros von
Pherai; ihn haben nach einem Jahrzehnt seine nchsten Verwandten
umgebracht.

So wurde Theben des Rivalen in seinem Rcken frei, und Sparta lag tief
getroffen danieder; der neuen Erhebung Athens den Vorrang abzulaufen, baute
auch Theben sich eine Flotte, begann sich auf den Meeren fhlbar zu machen.
Kaum befreit, meinte nun das vereinte Arkadien schon nicht mehr der
Thebaner zu bedrfen, selbst die Herrschaft in dem Peloponnes fordern zu
knnen. Sie zogen den Argivern zu Hilfe, deren Angriff auf Epidauros gegen
Athen und Korinth zu decken, sie brachen in das Eurotastal ein und rissen
ein Stck Lakoniens an sich; dann kam den Spartanern Hilfe von dem Tyrannen
Dionys, 2000 keltische Sldner, und die Arkader wurden zurckgeworfen; nur
um so ungestmer wandten sie sich gegen ihre westlichen Nachbarn; sie
warfen sich auf Olympia, die nchste Feier des Gottesfestes zu leiten, und
in dem Heiligtum des Gottes wurde die Schlacht geliefert, in der sie die
Elier von dannen trieben; und die unermelichen Schtze des Tempels
zerrannen unter ihren Hnden.

So hier, so berall, jeder gegen jeden; es schien in dem Griechentum nur
noch Kraft und Leidenschaft genug, zu lhmen, was noch mchtig war, und
niederzubrechen, was emporzusteigen drohte. Von Dankbarkeit, Treue, groen
Gedanken, von nationalen Aufgaben blieb wenig oder gar nichts in der
hellenischen Politik, und das Sldnertum und Flchtlingswesen zerrttete
jede feste Ordnung und demoralisierte die Menschen.

Selbst Theben fhlte sich nicht stark genug, das, was es Neues geschaffen,
aufrechtzuerhalten; es frchtete, da Sparta und Athen am Perserhofe die
Grndung von Megalopolis und Messenien als Verletzung des Friedens, den
der Groknig befohlen, denunzieren und persisches Gold zum ferneren Kampf
gewinnen knnten. Pelopidas ward mit einigen Mnnern aus dem Peloponnes
nach Susa gesandt, wo schon spartanische Gesandte waren, schleunigst auch
attische erschienen. Vor dem Groknige und seinem Hofe kramten nun diese
hellenischen Mnner den Schmutz ihrer Heimat aus; aber Pelopidas gewann den
Vorsprung. Der Groknig befahl, da die Messenier autonom bleiben, die
Athener ihre Schiffe auf das Land ziehen, Amphipolis autonom sein und unter
dem Schutz des Groknigs stehen solle; wer diesen Bestimmungen nicht Folge
leiste, gegen den solle man zu Felde ziehen; welche Stadt nicht mitziehen
wolle, gegen die solle man zuerst ausziehen.

Es war der Antalkidasfriede von thebanischer Seite. Und Theben lud nun die
Staaten von Hellas zu sich, des Knigs Befehl zu vernehmen. Die Spartaner
wiesen ihn zurck, die Arkader protestierten gegen die Ladung nach Theben,
die Korinther weigerten sich des Eides auf den Frieden des Groknigs, und
in Athen wurden die heimkehrenden Gesandten als Verrter hingerichtet.

Dann fand Pelopidas bei einem zweiten Versuch, Thessalien zu befreien, den
Tod. Epaminondas zog aus, die Ordnung in dem Peloponnes herzustellen, er
besiegte die Spartaner und die mit ihnen verbndeten Elier, Mantineer,
Acher bei Mantinea; er selbst fand in der Schlacht den Tod. Und der
Spartanerknig, der alte Agesilaos, lie sich von den Ephoren den Auftrag
geben, nach gypten zu ziehen, warb Sldner fr gyptisches Geld und fhrte
dem Knige Tachos, der schon 10000 Helden in Sold hatte, deren noch 1000
zu, die versuchte Erneuerung des Pharaonentums gegen den Groknig zu
verteidigen.

Mit dem Tage von Mantinea endete die Macht Thebens, die, getragen und
veredelt durch die Persnlichkeit einzelner Mnner, nach deren Ende weder
die befreiten oder neugegrndeten Stdte festzuhalten, noch die boiotischen
Stdte, die vernichtet, die benachbarten Phokier, Lokrer, Malier, Euboier,
die mit Gewalt an Theben gekettet waren, zu vershnen verstand. Nach dem
kurzen Rausch der Hegemonie, zu bermut und Insolenz verwhnt, wurde das
sinkende Theben nur um so unleidlicher.

Auch Athens zweiter Seebund gewann keinen hohen Flug. Durch Sorglosigkeit,
Habgier, durch Rnke schmiedende Staatsmnner verleitet, schon lngst
daran gewhnt, statt der eigenen Brger Sldner ins Feld zu schicken, lie
es seine Strategen bei Freund und Feind Geld erpressen, statt Krieg zu
fhren, attische Beamte und Besatzungen in die Bundesstdte legen, wohl
auch Bndner -- so die auf Samos -- austreiben, an attische Kleruchen ihre
Huser und cker austeilen, so vllig das Recht und die Pflicht des
geschlossenen Bundes miachtend, da die mchtigeren die erste Gelegenheit
zum Abfall wahrnahmen. Es gelang nicht mehr, sie zu bezwingen: Athen verlor
zum zweiten Male seine Seeherrschaft; aber es behielt noch Samos und einige
andere Pltze; es hatte in seinen Werften ber 350 Trieren, mehr als ein
anderer hellenischer Staat.

Nicht minder im Sinken schien das westliche Griechentum. Bis zu seinem Tode
hatte Dionys von Syrakus seine Herrschaft straff und fest gehalten; unter
seinem gleichnamigen Sohne unternahm die Philosophie, Dion, Kallippos,
Platon selbst, an dem Hofe des Tyrannen ihre Ideale zu verwirklichen, bis
der junge Herr der Dinge berdrssig wurde und die andere Seite seiner
verbildeten Geistesarmut hervorzukehren begann. In den wsten zehn Jahren
seiner Herrschaft und dem nicht minder wsten Jahrzehnt danach verkam das
Haus, und das Reich des khnen Grnders zerbrckelte.

Wundervoll sind die Erzeugnisse des Griechentums in Poesie und Kunst und
allen Gebieten des intellektuellen Lebens auch noch in dieser Zeit; die
Namen des Platon, des Aristoteles gengen, zu bezeichnen, welche
Schpfungen dieses Zeitalter den frheren hinzugefgt hat. Aber die
ffentlichen und privaten Zustnde waren schwer krank; sie waren
hoffnungslos, wenn man fortfuhr, sich im Kreis zu bewegen.

Nicht blo, da die alten bindenden Formen des Glaubens und der Sitte, des
Familienlebens, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung gebrochen
oder doch durch das Scheidewasser der Aufklrung zerfressen waren; nicht
blo, da mit dem um so hastigeren politischen Wechsel in den kleinen
Gemeinwesen die Sehaftigkeit zerstrt, mit dem Anwachsen der zustrmenden
Masse politischer Flchtlinge die Gefahr neuer, schlimmerer Explosionen
fort und fort gesteigert wurde, ein wstes Sldnertum, schon vllig auf das
Gewerbe organisiert, sich ber die Welt zerstreute, fr oder gegen
Freiheit, Tyrannei und Vaterland, fr oder gegen die Perser, Karthager,
gypter und wo sonst Sold zu verdienen war, zu kmpfen. Schlimmer war, da
dies hochgebildete Griechentum in immer neuen Anlufen, das Ideal des
Staates zu verwirklichen, nur die Schden mehrte, die es heilen wollte, da
es von falschen Voraussetzungen aus nach nicht minder falschen Zielen rang,
da es, immer nur auf die Autonomie der kleinen und kleinsten Gemeinwesen,
auf das unbedingte persnliche Freisein und Mitherrschen bedacht, keine
Formen fand, auch nur die Autonomie und Freiheit sicherzustellen,
geschweige denn die Flle groer nationaler Gter, die es besa, ja die
schon ernstlich bedrohte Existenz der Nation selbst zu schtzen.

Was Hellas brauchte, lag auf der Hand. Unter den Staaten, die bisher die
Hegemonie gehabt, sagt Aristoteles, hat jeder es fr sein Interesse
gehalten, die der eigenen entsprechende Verfassung, die einen die
Demokratie, die anderen die Oligarchie in den von ihnen abhngigen Stdten
durchzufhren, indem sie nicht auf dem Wohl, sondern auf den eigenen
Vorteil Bedacht nahmen, so da nie oder selten und nur bei wenigen das
Staatswesen der rechten Mitte zustande kam; und in den Bevlkerungen ist es
zur Gewohnheit geworden, nicht die Gleichheit zu wollen, sondern entweder
zu herrschen oder beherrscht zu werden. Kurz und scharf bezeichnet der
groe Denker den fieberhaften und erschpfenden Zustand, der daraus
entsteht: Austreibung, Gewaltsamkeit, Rckkehr der Flchtlinge,
Gterteilung, Schuldaufhebung, Freigebung der Sklaven zu Zwecken des
Umsturzes; bald strzt sich der Demos auf die Besitzenden, bald ben die
Reichen oligarchische Gewalt an dem Demos; Gesetz und Verfassung schtzt
nirgend mehr die Minoritt gegen die Majoritt, ist in der Hand dieser nur
noch eine Waffe gegen jene; die Rechtssicherheit ist dahin, der innere
Friede in jedem Augenblick in Gefahr; jede demokratische Stadt ist ein Asyl
fr demokratische, jede oligarchische fr oligarchische Flchtlinge, die
kein Mittel verschmhen und versumen, ihre Rckkehr und den Umsturz der
Dinge dort herbeizufhren, um den Besiegten dasselbe anzutun, was sie von
ihnen haben leiden mssen. Zwischen den hellenischen Staaten, den kleinen
und kleinsten, gibt es kein anderes ffentliches Recht als diesen
Kriegszustand leidenschaftlichen Parteihaders, und die kaum geschlossenen
Bndnisse zersprengt der nchste Parteiwechsel in den verbndeten Staaten.

Mit jedem Tage zeigte sich schrfer und mahnender, da die Zeiten der
autonomen Kleinstaaterei, der partiellen Bndnisse mit oder ohne Hegemonie
vorber, da neue staatliche Formen ntig seien, panhellenische, so
gesteigerte, da in ihnen die bisher vermengten Begriffe Stadt und Staat
sich schieden und die Stadt kommunale Stellung innerhalb des Staates fand,
wie in der attischen Demenverfassung vorgebildet, in dem lteren Seebund
versucht, aber nur in der Macht der Bundesgewalt, nicht in dem gleichen
kommunalen Recht der Bundesglieder durchgefhrt war. Und nicht blo das, in
dem Griechentum waren seitdem zu viele Krfte, Ansprche, Rivalitten
erwachsen, zu viele Bedrfnisse und Erregungen zur Gewohnheit, zu viel
Leben Bedingung des Lebens geworden, als da es, in den engen Raum daheim
gebannt, in dem alles Kleine gro und alles Groe klein erschien, sich mit
dem, was es war und hatte, noch htte ersttigen oder weiter entwickeln
knnen. Unermeliche Elemente der Grung erfllten es, solche, die eine
Welt umzugestalten fhig waren; auf den heimischen Boden gebannt, in der
heimischen Art beharrend konnten sie nur gleich jener Drachensaat des
Kadmos sich selbst zerfleischen und zerstren. Es kam alles darauf an, da
ihrem wirr wuchernden Hader ein Ende gemacht, ihnen ein neues weites Feld
fruchtbarer Ttigkeiten geffnet, in groen Gedanken alle edlere
Leidenschaft entflammt, der Flle noch ungebrochener Lebenstriebe Licht und
Luft geschafft werde.

Seit Lysandros' Siege die alt-attische Macht niedergebrochen hatten, war
die uere Gefahr fr die Griechenwelt von allen Seiten her in stetem
Steigen; mehr als je in schon vllig verschiedene Kreise zerlegt, verlor
sie an allen ihren nationalen Grenzen immer mehr Terrain. Das Griechentum
Libyens war von den Puniern hinter die Syrte zurckgedrngt; das Siziliens
verlor an dieselben Punier die grere Westhlfte der Insel, das Italiens
starb bei dem Andrang der Vlkerstmme des Apennin Glied fr Glied ab. Die
Barbaren des unteren Donaulandes, von den in Italien zurckgestauten Kelten
gedrngt, begannen ihre Versuche, nach dem Sden durchzubrechen. Die
hellenischen Stdte an der West- und Nordseite des Pontos hatten Mhe, sich
der Triballer, der Geten, der Skythen zu erwehren, von denen auf der
Sdseite fand wenigstens Heraklea in der Tyrannis, die ein Schler Platons
dort grndete, einigen Halt. Die anderen Hellenenstdte Kleinasiens standen
unter dem Perserknige, von dessen Satrapen, von Dynasten, von
dienstwilligen Oligarchen mehr oder weniger willkrlich beherrscht und
ausgebeutet. Auch die reichen Inseln an der Kste beherrschte der persische
Einflu; das hellenische Meer gehrte den Hellenen nicht mehr; der Friede
des Antalkidas hatte dem Hofe von Susa und den Hfen der Satrapen den Hebel
in die Hand gegeben, in dem wohlgepflegten Hader der fhrenden Staaten das
Griechentum tief und tiefer zu zerrtten und, whrend die groen
politischen Dinge dort durch die Befehle des Groknigs entschieden
wurden, von der kriegstchtigen hellenischen Mannschaft so viel an sich zu
ziehen, wie ntig schien.

Niemals ist in Hellas der Gedanke des nationalen Kampfes gegen die
Persermacht vergessen worden; er war den Hellenen, was jahrhundertelang der
abendlndischen Christenheit der Kampf gegen die Unglubigen. Selbst Sparta
hatte wenigstens zeitweise seine Herrsch- und Habgier mit dieser Larve zu
verdecken gesucht; Jason von Pherai sah fr die Tyrannis, die er grndete,
in dem nationalen Kampf, zu dem er sich anschickte, die Rechtfertigung. Je
deutlicher die Ohnmacht und innere Zerrttung des bergroen Reiches wurde,
je leichter und eintrglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto
allgemeiner und zuversichtlicher wurde die Erwartung, da es geschehen
werde und geschehen msse. Mochte Platon und seine Schule bemht sein, den
Idealstaat zu finden und zu verwirklichen, Isokrates, von dem eine doch
breitere und populrere Wirkung ausging, kam immer wieder darauf zurck,
da man den Kampf gegen Persien beginnen msse: ein solcher Krieg werde
mehr ein Festzug als ein Feldzug sein; wie ertrage man den Schimpf, da
diese Barbaren die Wchter des Friedens in Hellas sein wollten, whrend
Hellas imstande sei, Taten zu verrichten, die wrdig seien, da man die
Gtter darum bitte. Und Aristoteles sagt: die Hellenen knnten die Welt
beherrschen, wenn sie zu einem Staat vereinigt wren.

Der eine wie andere Gedanke lag nahe genug, nahe genug auch der, beides,
die Vereinigung der Hellenen und den Kampf gegen die Perser, als _ein_ Werk
zusammenzufassen, nicht das eine warten zu lassen, bis das andere getan
sei. Nur wie solche Gedanken verwirklichen?

Knig Philipp von Makedonien unternahm es. Er mute es, kann man sagen,
wenn er das zerrttete Knigtum seines Hauses herstellen und sicherstellen
wollte. Immer wieder hatte die Politik Athens, Spartas, Olynths, Thebens,
der thessalischen Machthaber den Hader in der kniglichen Familie genhrt,
Usurpation einzelner frstlicher Hupter des Landes untersttzt, die
Barbaren auf den makedonischen Grenzen zu Einbrchen und Raubzgen nach
Makedonien veranlat. Hatten sie alle keinen anderen Rechtstitel zu ihrem
Verfahren gehabt als die Ohnmacht des makedonischen Knigtums, so bedurfte
es nur der Herstellung gengender Macht, um dessen Rat gegen sie zu
erweisen, und sie hatten keinerlei Anspruch auf rcksichtsvollere oder
schonendere Maregeln von seiten des makedonischen Knigtums, als sie
selbst solange gegen dessen Interesse sich erlaubt hatten.

Philipps Erfolge grnden sich auf den sicheren Unterbau, den er seiner
Macht zu geben verstand, auf die schrittweise vorgehende Bewegung seiner
Politik gegenber der bald hastigen, bald schlaffen, immer in ihren Mitteln
oder ihren Zielen sich verrechnenden der hellenischen Staaten, vor allem
auf die Einheit, das Geheimnis, die Schnelligkeit und Konsequenz seiner
Unternehmungen, die von denen, die sie treffen sollten, so lange fr
unmglich gehalten wurden, bis ihnen nicht mehr zu entgehen oder zu
widerstehen war. Whrend Thessalien mit Alexandros' Ermordung in Zerrttung
sank, die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den
heiligen Krieg, der die Phokier zur Folgeleistung zwingen sollte, alle
Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich bemhten, in dem Peloponnes
wieder einigen Einflu zu gewinnen, rckte Philipp nach Sden und Osten
seine Grenzen so weit vor, da er mit Amphipolis den Pa nach Thrakien, mit
dem Bergrevier des Pangon dessen Goldminen, mit der Kste Makedoniens den
Thermischen Busen und den Zugang zum Meere, mit Methone den Weg nach
Thessalien hatte. Dann riefen ihn die Thessalier, von den Phokiern auf das
schwerste bedroht, zu Hilfe; er kam, er hatte schweren Stand gegen die
wohlgefhrte Kriegsmacht der Tempelruber; erst mit nachrckender
Verstrkung warf er sie zurck; er stand am Eingang der Thermopylen; er
legte makedonische Besatzung nach Pagas, er war damit Meister des
thessalischen Hafens und des Weges nach Euba. Da gingen den Athenern die
Augen auf; unter Demosthenes' Fhrung begannen sie den Kampf gegen die
Macht, welche, so schien es, die Hand nach der Herrschaft ber Hellas
ausstreckte.

An dem Patriotismus des Demosthenes und dessen Eifer fr die Ehre und Macht
Athens wird niemand zweifeln; und mit vollstem Recht wird er als der grte
Redner aller Zeiten bewundert. Ob er in gleichem Mae als Staatsmann gro,
ob er der Staatsmann der nationalen Politik Griechenlands war, ist eine
andere Frage. Wenn in diesem Kampfe der Sieg gegen Makedonien entschieden
htte, was wre das weitere Schicksal der Griechenwelt gewesen? Im besten
Fall die Herstellung einer attischen Macht, wie sie soeben zum zweitenmal
zusammengebrochen war, entweder einer Bundesmacht auf Grund der Autonomie
der Bndner, die weder den Barbaren im Norden zu wehren, noch den Barbaren
im Osten die Stirn zu bieten, noch das sinkende Griechentum im Westen an
sich zu ziehen und zu schtzen vermocht htte, -- oder einer attischen
Herrschaft ber untertnige Gebiete, wie denn schon jetzt Samos, Lemnos,
Imbros, Skyros in solcher zum Teil kleruchischer Form, in loserer Tenedos,
Prokonnesos, der Chersones, Delos in attischem Besitz waren; in dem Mae,
als die Athener ihre Herrschaft erweitert htten, wrden sie grerer
Eifersucht, heftigerem Gegendruck von rivalisierenden Staaten zu begegnen
gehabt, sie wrden nur die schon so tief eingefressene Spaltung und
Zerrissenheit der hellenischen Welt gemehrt, sie wrden jede Hilfe, auch
die der Perser, der thrakischen, illyrischen Barbaren, der Tyrannis, wo sie
sich gerade fand, willkommen geheien haben, um sich zu behaupten. Oder
wollte Athen nur die unberechenbaren Vernderungen, welche die Macht
Makedoniens ber Hellas zu bringen drohte, abwehren, nur die Zustnde
erhalten, wie sie waren? Sie waren so elend und beschmend wie mglich und
wurden in dem Mae unhaltbarer und explosiver, als man sie lnger in dieser
Zerfahrenheit und Verkrppelung des Kleinlebens lie, in dem der
Griechenwelt ein Glied nach dem anderen abstarb. Mochten die attischen
Patrioten den Kampf gegen Philipp im Namen der Freiheit, der Autonomie, der
hellenischen Bildung, der nationalen Ehre zu fhren glauben oder vorgeben,
keines dieser Gter wre mit dem Siege Athens sichergestellt, mit der
erneuten Herrschaft des attischen Demos ber Bndner oder untertnige Orte,
mit der verschlissenen und vernutzten Demokratie, ihren Sykophanten,
Demagogen und Soldtruppen zu erhalten gewesen. Es war ein Irrtum des
Demosthenes, der vielleicht seinem Herzen, gewi nicht seinem Verstande
Ehre macht, wenn er glauben konnte, mit diesem schwatzhaft, unkriegerisch,
banausisch gewordenen Brgertum Athens, selbst wenn er es mit der Macht
seiner Rede zu glnzenden Entschlssen hinreien, selbst fr einen Moment
zu Taten galvanisieren konnte, noch groe Politik machen, noch einen langen
und schweren Kampf durchfhren zu knnen; ein noch schwererer Irrtum, wenn
er glauben konnte, durch Bndnisse mit Theben, Megalopolis, Argos und
welchen Staaten sonst, im Augenblick der Gefahr zusammengeklittert, der
erstarkenden Macht des Knigs Philipp Halt gebieten zu knnen, der, selbst
wenn man ihm ein Treffen abgewann, mit doppelter Macht zurckgekehrt wre,
whrend die hellenischen Bndnisse mit der ersten Niederlage ein Ende
hatten. Demosthenes mute wissen, was es bedeutete, da nicht er selbst der
Kriegsheld war, die politischen Projekte hinauszufhren, die er empfahl,
da er sie und mit ihnen die Geschicke des Staates Feldherren wie dem
eigenwilligen Chares, dem wsten Charidemos anvertrauen mute, die es
wenigstens verstanden, mit Sldnerbanden fertig zu werden und ihnen die
ntige Zehrung zu schaffen. Er mute wissen, da in Athen selbst, sowie
er Einflu gewann, sich die Reichen, die Trgen, die Selbstschtigen wider
ihn zusammenfinden, da, auf sie gesttzt, seine persnlichen Gegner alle
Schikanen und Schwerflligkeiten der Verfassung bentzen wrden, seine
Plne zu kreuzen, Plne, deren Wert von einem attischen Mann nach dem Tage
von Chaironeia mit dem bitteren Worte bezeichnet worden ist: Verloren wir
nicht, so waren wir verloren.

Zum Verstndnis dessen, was dieser groen Katastrophe folgt, ist es ntig,
den Verlauf des Ringens zwischen Athen und Makedonien, das so endete, in
seinen wesentlichen Zgen zu verfolgen.

Demosthenes' groe politische Ttigkeit begann, als Philipps Erfolge gegen
die Phokier, seine Einwirkung auf die Parteiungen Euboias, sein Vordringen
ber Amphipolis hinaus das Emporwachsen einer Machtbildung erkennen lie,
die ber alle bisherigen Voraussetzungen hellenischer Politik hinausging.
Da die Athener -- zunchst mit der Besetzung der Thermopylen 352, nach
Philipps ersten Erfolgen gegen die Phokier -- zeigten, was sie wollten,
wies ihrem Gegner seinen weiteren Weg. Noch hatten sie ihre Flotte, damit
auf dem Meere eine berlegenheit, der nur Raschheit und Entschlossenheit
fehlte, um die erst werdende makedonische Flotte zu erdrcken. Athen war
fr Philipp der gefhrlichste Feind in Hellas; er mute vereinzelt, in
raschen Zgen berholt werden.

Olynthos, an der Spitze der wieder verbndeten chalkidischen Stdte, hatte
vier Jahre vorher, als um Amphipolis noch gestritten wurde, sich mit
Philipp gegen Athen verbndet, hatte aus seiner Hand das mit attischen
Kleruchen besetzte Potidaia angenommen; auch die Olynther hielten sich klug
genug, von dem, den sie schon frchteten, Vorteil zu ziehen; jetzt nach dem
ersten Erfolg Philipps ber die Phokier sandten sie nach Athen, ein Bndnis
anzutragen; da sie den geflchteten Prtendenten des makedonischen
Knigtums in ihren Schutz nahmen, ihn auszuliefern sich weigerten, ergriff
Philipp, um den Kampf gegen sie zu beginnen. Trotz der Hilfe, die Athen
sandte, wurde der chalkidische Bund besiegt, Olynth zerstrt und die
anderen Stdte des Bundes makedonische Landstdte (348).

Zugleich hatten die Athener vergebens einen Zug nach Euboia unternommen;
von den Tyrannen der einzelnen Stdte hielten die meisten zu Philipp; er
hatte damit eine Stellung, die Attika in der Flanke bedrohte. Er selbst
wandte sich von Olynth -- schon zum drittenmal -- gegen den Thrakerknig
Kersobleptes, der, von Athen veranlat, Olynth untersttzt hatte. Schon war
die makedonische Flotte imstande, auf den attischen Inseln Lemnos, Imbros
und Skyros zu plndern, attische Kauffahrer aufzubringen; selbst die
Paralos, eine der heiligen Trieren Athens, war am Gestade von Marathon
gekapert und als Trophe nach Makedonien abgefhrt worden. Und von den
Phokiern auf das hrteste bedrngt, bat Theben bei Philipp um Beistand, lud
ihn ein, den Pa der Thermopylen zu besetzen. Dieser schlimmsten Wendung
zuvorzukommen, erbot sich Athen zum Frieden; da Philipp die
Unterhandlungen hinzog und Athen die Phokier und Kersobleptes, die
Tempelruber und den Barbaren, mit in den Frieden einzuschlieen forderte,
um die Thermopylen und den Hellespont zu decken, schlielich (346) auch
ohne die Bedingungen den Frieden zu genehmigen bereit war, zeigte, wieviel
an Gewicht Philipp gewonnen, Athen verloren hatte. Die gleichzeitige letzte
Krisis des heiligen Krieges fgte eine weitere Wirkung hinzu.

Noch hielten die Phokier die Thermopylen, in Boiotien die von Theben
abgefallen Stdte Orchomenos und Koroneia besetzt; freilich der delphische
Tempelschatz ging auf die Neige, aber sie hofften auf Athen, und der
Spartanerknig Archidamos kam ihnen mit tausend Hopliten zu Hilfe. Mit der
Absicht, das delphische Heiligtum in Spartas Hand gelangen zu lassen,
bewirkte Philipp die Heimkehr der Spartaner; gegen freien Abzug mit seinen
8000 Sldnern berlie der Fhrer der Phokier -- es war in den Tagen, da
der Demos von Athen jenen Frieden genehmigte -- den Makedonen die
Thermopylen. Philipp rckte in Boiotien ein; Orchomenos, Koronea ergaben
sich; Theben war froh, diese Stdte durch Philipp zurckzuerhalten. In
Gemeinschaft mit den Thebanern und Thessalern berief Philipp den Rat der
Amphiktyonen; Athen beschickte ihn nicht. So wurde das Urteil ber die
Phokier gesprochen: sie wurden aus dem heiligen Bunde ausgestoen, ihre 22
Stdte aufgelst, deren Mauern zerstrt, die mit den Sldnern Abgezogenen
als Tempelruber verflucht und vogelfrei erklrt; kaum da die Hinrichtung
aller Waffenfhigen im Lande, welche die Oitaer beantragten, abgelehnt
wurde. Durch weiteren Beschlu der Amphiktyonen wurde die Stimme der
Phokier auf Philipp bertragen, die Leitung der pythischen Feier, der
Schutz des delphischen Heiligtums in seine Hand gelegt.

So trat er an die Spitze dieses heiligen Bundes, der durch das, was soeben
geschehen war, wie zu keiner Zeit frher eine politische Bedeutung gewonnen
hatte. Die nchste Anwendung davon traf Athen, das die gefaten Beschlsse,
die an Philipp bertragene Befugnis anzuerkennen zgerte; eine
amphiktyonische Gesandtschaft kam nach Athen, die ausdrckliche Zustimmung
zu fordern. Wurde sie verweigert, so sprach die Versammlung den Bann ber
Athen aus, und Philipps Macht war zur Stelle, ihn zu vollziehen.
Demosthenes selbst empfahl, einem heiligen Krieg aus dem Wege zu gehen.

Sicheren Schrittes ging Philipps Politik weiter. Schon hatte er die Hand
ber ein Knigtum von Epiros; die Stdte in dem Peloponnes fhrte ihm die
Hoffnung auf gemeinsamen Kampf gegen Sparta zu; in Elis, Sikyon, Megara, in
Arkadien, Messenien, Argos herrschten die ihm Zugewandten. Dann setzte er
sich in Akarnanien fest, schlo ein Bndnis mit den toliern, berwies
ihnen Naupaktos, das sie sich wnschten. Von der Landseite war die Macht
Athens umstellt und so gut wie gelhmt. Aber noch hatten sie das Meer; ihre
Flotte sicherte ihnen mit dem Chersones den Hellespont und die Propontis.
Dort mute Philipp sie zu treffen suchen. Whrend er ihnen die
Versicherungen seiner Freundschaft und friedlichen Gesinnungen fort und
fort wiederholte, warf er sich von neuem auf Kersobleptes und die ihm
verwandten kleineren Frsten in Thrakien, unterwarf sich das Land zu beiden
Seiten des Hebros, sicherte es durch eine Reihe von Stdten, die er im
Binnenlande grndete, und die hellenischen Stdte am Pontos bis Odessos
hinauf traten gern mit ihm in Bndnis. So mchtig war der Eindruck seiner
Erfolge, da der Getenknig an der unteren Donau um seine Freundschaft bat,
ihm seine Tochter zur Ehe sandte.

In demselben Mae erschreckten diese Erfolge die hellenischen Gegner
Philipps. Da die Athener die Wiedereinsetzung der thrakischen Frsten, die
ihre Bundesgenossen seien, forderten, und, um den gefhrdeten Chersones zu
schtzen, Kleruchen dorthin sandten, da die Stadt Kardia sich weigerte,
sie aufzunehmen, und Philipps Vorschlag, die Streitfrage durch ein
Schiedsgericht abzutun, von Athen abgelehnt, von den attischen Strategen
die schon makedonischen Orte an der Propontis berfallen und zerstrt
wurden, leitete einen neuen Krieg ein.

Philipp hatte mit Byzanz, Perinth, anderen Stdten, die sich im
Bundesgenossenkriege von Athen freigemacht, Bndnisse geschlossen und kraft
deren zum Kampf gegen die Thraker ihren Beistand gefordert; sie leisteten
ihn nicht, sie frchteten seine wachsende Macht; Athen bot ihnen Bndnis
und Kriegshilfe. Schon hatte es ihm die meisten Stdte Euboias entfremdet,
schon mit Korinth, den Akarnanen, Megara, Achaia, Korkyra Bndnis
geschlossen, mit Rhodos und Kos wieder angeknpft; es lie am Hofe von Susa
auf die Gefahren, die dem Perserreiche die wachsende Macht Philipps drohe,
hinweisen; der attische Strateg im Chersones empfing persische Subsidien,
und der Eifer des attischen Demos fr die Rettung der hellenischen Freiheit
wuchs mit jedem Tag.

Philipp wandte sich nach dem Siege ber die Thraker gegen Perinth, gegen
Byzanz, den Schlssel des Pontos; fielen diese Stdte, so war die Macht
Athens an der Wurzel getroffen. Auf Philipps Ultimatum antworteten die
Athener mit der Erklrung, da er den geschworenen Frieden gebrochen habe;
sie sandten den Byzantinern die versprochene Flotte; von Rhodos, Kos,
Chios, den Verbndeten von Byzanz, kam Hilfe; die nchstgesessenen Satrapen
eilten, Perinth zu untersttzen, sandten Truppen nach Thrakien -- Philipp
mute weichen.

Er zog gegen die Skythen. Fr seine neue Grndung im Hebroslande war der
Skythenknig Ateas diesseits der Donaumndungen ein gefhrlicher Nachbar;
er schlug ihn. Dann zog er durch das Gebiet der Triballer heimwrts; auch
sie, den Grenzen Makedoniens oft lstige Nachbarn, sollten seine Macht
frchten lernen. Er mute seines Rckens sicher sein, um den entscheidenden
Sto gegen die Athener fhren zu knnen.

Sie arbeiteten ihm in die Hand. In dem delphischen Tempel hatten sie ihre
alten Weihgeschenke fr die Schlacht von Plat erneut, mit der Inschrift:
Aus der Beute der zum gemeinsamen Kampf gegen die Hellenen vereinten
Perser und Thebaner. In der Versammlung der Amphiktyonen erhoben auf Anla
Thebens die Lokrer von Amphissa darber Beschwerde und beantragten eine
schwere Geldstrafe; der attische Gesandte Aischines antwortete ihnen mit
dem Vorwurf, da sie delphisches Tempelland bebaut htten; er erhitzte die
Versammelten so, da der Beschlu gefat wurde, diese Tempelruber sofort
zu zchtigen; aber die Bauern von Amphissa trieben die Amphiktyonen und die
Delphier, die mit ihnen gekommen waren, zurck. Nach solchem Schimpf
beschlo man eine auerordentliche Versammlung der Amphiktyonen zu berufen,
die das Ntige verfgen sollte, die Frevler zu zchtigen. Gesandte Athens,
Thebens kamen nicht, Sparta war seit dem Ausgang des heiligen Kriegs
ausgeschlossen; die zur Versammlung Erschienenen beschlossen einen heiligen
Zug gegen Amphissa, bertrugen ihn den nchstgesessenen Stmmen. Er hatte
geringen Erfolg; die von Amphissa verharrten in ihrem Trotz. Die nchste
Versammlung (im Herbst 339) bertrug dem Knig Philipp die Zchtigung der
Gottesfrevler, die Hegemonie des heiligen Krieges.

Er eilte herbei, nicht blo um die Bauern von Amphissa zu zchtigen. Athen
hatte den Krieg wider ihn erneut, hatte ihn vor Byzanz und Perinth zu
weichen gentigt; mit dem Zuge fr den delphischen Gott konnte er seine
Landmacht in die Nhe der attischen Grenzen fhren, den Krieg da
fortsetzen, wo den Athenern ihre Seemacht nichts half; da sie selbst den
Handel mit Amphissa eingeleitet hatten, da sie nun gegen den, der ihn
hinauszufhren kam, sich wenden muten, enthllte vor den Augen aller Welt
ihr Unrecht und die inneren Widersprche ihrer Politik. Er durfte auf
Theben rechnen, das ihm, zumal seit dem Kriege gegen die Phokier, voll
Erbitterung gegen Athen und den rettenden Waffen Makedoniens zu Dank
verpflichtet, durch Bndnis verknpft war. Mit Nikaia am Sdausgang der
Thermopylen, das er den Thessaliern berwiesen, stand ihm der Weg nach dem
Sden offen. Er lie einen Teil seines Heeres von Heraklea, am Nordeingang
der Thermopylen, durch den Pa der Landschaft Doris, den nchsten Weg nach
Amphissa, vorgehen; mit dem greren Teil zog er ber Nikaia durch den Pa,
der nach Elatea in das obere phokische Tal der Kephissos hinabfhrt; im
Sptherbst 339 stand er in Elatea, verschanzte sich dort; die offenen
Grenzen Boiotiens und die Strae nach Attika lagen vor ihm, hinter ihm die
Psse, die seine Verbindung mit Thessalien und Makedonien sicherten.

Er sandte nach Theben; er bot, wenn die Stadt mit ausziehe gegen Athen,
Anteil an der Siegesbeute und Gebietserweiterung, forderte, wenn sie nicht
mitkmpfen wolle, wenigstens freien Durchzug. Zugleich waren attische
Gesandte nach Theben gekommen; dem Eifer des Demosthenes gelang es trotz
allem, was seit zwanzig Jahren nicht geschehen war, ein Bndnis zwischen
Athen und Theben zustande zu bringen. Theben sandte eine Schar Sldner den
Lokrern von Amphissa zu Hilfe; Athen berlie ihnen 10000 Mann, die es
geworben; beide Stdte riefen die verbannten Phokier auf, in ihre Heimat
zurckzukehren, halfen ihnen einige der wichtigsten Pltze des Landes neu
befestigen. Aber die Makedonen drangen auf Amphissa vor, schlugen die
Soldhaufen des Feindes; Amphissa wurde zerstrt. Der Hauptmacht Philipps in
Phokis zu begegnen, rsteten Athen und Theben mit hchstem Eifer, riefen
auch ihre Brger unter die Waffen; das attische Heer zog nach Theben,
vereinte sich mit dem boiotischen. Zwei glckliche Gefechte erhhten ihre
Zuversicht; auch Korinth, Megara, andere von den Verbndeten Athens sandten
Hilfstruppen.

Aber Philipp wich nicht; er zog Verstrkungen aus Makedonien heran; mit
denen, die sein Sohn Alexander nachfhrte, war sein Heer bei 30000 Mann
stark. Es mag in dieser Zeit gewesen sein, da der Knig nach Theben
sandte, Unterhandlungen anzubieten; der heftige Widerspruch des Demosthenes
machte die Friedensneigung der Botarchen wirkungslos. Wenn nur in gleichem
Mae das Heer der Verbndeten -- der Zahl nach war es dem makedonischen
berlegen -- militrisch die Initiative zu ergreifen verstanden htte; sie
standen in fester Stellung am Eingang nach Phokis, am Kephissos. Eine
Bewegung Philipps nach der Linken zwang sie rckwrts zu gehen, in die
boiotische Ebene. Bei Chaironeia traf sie Philipp zur Schlacht (August
338); das lange schwankende Gefecht entschied der Reiterangriff, den
Alexander fhrte; es war der vollstndigste Sieg; das Heer der Verbndeten
war zersprengt und vernichtet. Das Schicksal Griechenlands lag in Philipps
Hand.

Er hatte weder den Siegesbermut, noch lag es in den Wegen seiner Politik,
Griechenland zu einer Provinz Makedoniens zu machen. Nur die Thebaner
erfuhren fr ihren Abfall die verdiente Strafe. Sie muten die Verbannten
wieder aufnehmen, aus ihnen einen neuen Rat bestellen, der ber die
bisherigen Fhrer und Verfhrer der Stadt Tod oder Verbannung verhngte.
Der boiotische Bund wurde aufgehoben, die Gemeinden von Plat, Orchomenos,
Thespi wiederhergestellt, Oropos, das Theben zwanzig Jahre frher von
Attika abgerissen, an Athen zurckgegeben, endlich auf die Kadmeia eine
makedonische Besatzung gelegt, eine Position, nicht blo Theben, sondern
Attika und ganz Mittelgriechenland in Ruhe zu halten.

Mit so viel Strenge Theben, mit ebenso viel Nachsicht wurde Athen
behandelt. In der ersten Aufregung nach der Niederlage hatte man dort sich
zu einem Kampf auf Leben und Tod angeschickt; man hatte Charidemos an die
Spitze des Heeres stellen, man hatte die Sklaven bewaffnen wollen -- das
Schicksal Thebens und die Erbietungen des Knigs khlten den Eifer ab; man
nahm den Frieden an, wie ihn der Knig durch einen Gefangenen, den Redner
Demades, anbieten lie: die Athener erhielten alle Gefangenen ohne Lsegeld
zurck, sie behielten Delos, Samos, Imbros, Lemnos, Skyros, sie kamen
wieder in den Besitz von Oropos; es wurde -- vielleicht nur der Form nach
-- ihrem Belieben freigestellt, ob sie dem gemeinen Frieden des Knigs mit
den Hellenen und dem Bundesrate, den er mit denselben errichten werde,
beitreten wollten. Der attische Demos beschlo Ehren aller Art fr den
Knig, gab ihm, seinem Sohn Alexander, seinen Feldherren Antipatros und
Parmenion das Brgerrecht, errichtete ihm als einem Wohltter der Stadt
ein Standbild auf der Agora; anderes mehr.

Es war doch nicht die Furcht allein, auf die der Knig sein Werk in Hellas
zu grnden gedachte; und die makedonische Partei, auf die er rechnete oder
die sich neu bildete, bestand doch nicht blo aus Verrtern und
Bestochenen, wie es Demosthenes darstellt. Es ist bedeutsam, da Demaratos
von Korinth einer der treuesten Anhnger des Knigs war, Timoleons Freund
und Kampfgenosse in der Befreiung Siziliens, wenn einer erfllt von dem
groen Gedanken des nationalen Kampfes gegen die Perser. Auch andere mgen
sich zu der Ansicht bekannt haben, die Aristoteles mit den Worten
ausgesprochen hat: da das Knigtum seiner Natur nach allein imstande sei,
ber den Parteien zu stehen, welche das griechische Staatsleben
zerrtteten, allein das Staatswesen der rechten Mitte schaffen knne; denn
die Aufgabe des Knigs ist, Wchter zu sein, da die Besitzenden nicht in
ihrem Eigentum geschdigt, der Demos nicht mit Willkr und bermut
behandelt werde. Die so oft versuchte Tyrannis hat dies Werk nicht
vollbringen knnen, denn sie steht nicht, wie das altgegrndete Knigtum,
auf eigenem Recht, sondern auf der Gunst des Demos oder auf Gewalt und
Unrecht.

Verfuhr nun Philipp in solchem Sinn?

Ohne das attische Gebiet zu berhren, zog er weiter nach dem Peloponnes.
Hatten Megara, Korinth, Epidauros, andere Stdte sich hinter ihren Mauern
zu verteidigen gedacht, so baten sie nun um Frieden; der Knig gewhrte ihn
den einzelnen, den Korinthern unter der Bedingung, da sie Akrokorinth
einer makedonischen Besatzung bergaben; hnliche Friedensschlsse mit der
Weisung, zum Abschlu des allgemeinen Friedens Bevollmchtigte nach Korinth
zu senden, folgten bei seinem weiteren Marsch durch den Peloponnes. Nur
Sparta wies jedes Erbieten zurck; bis an das Meer zog Philipp durch das
lakonische Gebiet, ordnete dann nach dem Spruch eines Schiedsgerichts aus
allen Hellenen die Grenzen Spartas gegen Argos, Tegea, Megalopolis,
Messenien, so da die wichtigsten Psse in die Hnde derer kamen, die sich
lieber mit der Vernichtung des verhaten Staates aller knftigen Sorge
befreit gesehen htten.

Schon waren die Gesandten der Staaten in Hellas -- nur Spartas nicht -- in
Korinth versammelt; dort wurde der gemeinsame Friede und Bundesvertrag
errichtet, vielleicht auf Grund des von Knig Philipp vorgelegten
Entwurfes, gewi nicht in der Form eines makedonischen Befehls. Die
Freiheit und Autonomie jeder hellenischen Stadt, der ungestrte Besitz
ihres Eigentums und dessen gegenseitige Garantie, freier Verkehr und steter
Friede zwischen ihnen, das waren die Grundlagen dieser Einigung; sie zu
sichern und ihre Befugnisse auszufhren wurde ein gemeinsamer Bundesrat
bestellt, zu dem jeder Staat Beisitzer senden solle; namentlich war die
Aufgabe dieses Synedrions, darber zu wachen, da in den verbndeten
Staaten keine Verbannung oder Hinrichtung wider die bestehenden Gesetze,
keine Konfiskation, Schuldaufhebung, Gterteilung, Sklavenbefreiung zum
Zweck des Umsturzes vorkomme. Zwischen den so geeinten Staaten und dem
makedonischen Knigtum wurde ein ewiger Bund zu Schutz und Trutz errichtet;
kein Hellene sollte gegen den Knig Kriegsdienste tun oder seinen Feinden
hilfreich sein bei Strafe der Verbannung und des Verlustes von Hab und
Gut. Das Gericht ber Bundbrchige wurde dem Rat der Amphiktyonen
berwiesen. Endlich der Schlustein des Ganzen: es wurde der Krieg gegen
die Perser beschlossen, um die von ihnen an den hellenischen Heiligtmern
gebten Frevel zu rchen; es wurde Knig Philipp zum Feldherrn dieses
Krieges zu Lande und zur See mit unumschrnkter Gewalt ernannt.

Philipp ging nach Makedonien zurck, alle Vorbereitungen zu dem groen
nationalen Kriege zu treffen, den er mit dem nchsten Frhling zu beginnen
gedachte. Jene Hilfesendung der Satrapen nach Thrakien gab ihm den
Rechtsgrund zum Kriege gegen den Groknig.

Wie denkwrdig, da in derselben Zeit die Geschicke Siziliens auf
entgegengesetztem Wege sich herstellten. In klglichstem Zustande, von
Tyrannen bedrckt und von den Karthagern bedroht, hatten sich die Patrioten
Siziliens nach Korinth gewandt, um Rettung zu bitten. Von dort wurde ihnen
mit geringer Macht der hochherzige Timoleon gesandt. Er brach die Tyrannis
in Syrakus, der Reihe nach in den anderen Stdten, er warf die Karthager
auf ihre alten Grenzen in der Westecke der Insel zurck (339); er zog in
die befreiten Stdte neue hellenische Ansiedler in Menge, er erneute in
ihnen die demokratische Freiheit und die Autonomie; in Sizilien schien die
Art des Staatenlebens, die in der Heimat zusammenbrach, von neuem erblhen
zu sollen. Aber den Tod des Hochgefeierten (337) berdauerte der
neugeschaffene Zustand nur kurze Frist; noch ehe die Karthager sich zu
neuen Angriffen erhoben, waren diese Demokratien auf dem Wege der
Oligarchie oder der Tyrannis, in neuem Nachbarhader. Am wenigsten aus
Grogriechenland konnte ihnen Rettung kommen; den noch nicht verkommenen
Stdten dort erwuchsen aus der eben jetzt rasch schwellenden Bewegung der
italischen Vlker neue Bedrngnisse; jener Knig Archidamos von Sparta, den
die Tarentiner in Dienst nahmen, fand, an der Spitze seiner Sldner gegen
die Messapier kmpfend, den Tod, an demselben Tage, heit es, da Philipp
bei Chaironeia siegte.

Mit dieser Schlacht und dem Korinthischen Bunde war wenigstens in dem
heimatlichen Gebiet der Hellenen eine Einigung geschaffen, die inneren
Frieden und nach auen eine gemeinsame nationale Politik verbrgte -- eine
Einigung nicht blo vlkerrechtlicher, sondern staatsrechtlicher Art, wie
sie einst Thales und Bias den Ioniern empfohlen hatten, nicht eine
Hegemonie, wie sie die Athener in den Tagen ihres schnsten Ruhmes nur zu
bald zur Herrschaft hatten umbilden mssen, um sie zu erhalten, noch
weniger eine solche, wie sie Sparta mit dem Frieden des Antalkidas namens
des Groknigs und in Ausfhrung seiner Politik durchzusetzen versucht
hatte, sondern eine Bundesverfassung mit geordnetem Rat und Gericht ber
die verbndeten Staaten, mit kommunaler Autonomie der einzelnen, mit
dauerndem Landfrieden und freiem Verkehr zwischen ihnen, mit der Garantie
aller fr jeden, endlich zu dem beschlossenen Kriege gegen die Perser so
gefat, da das Wesentliche der Militrhoheit und der auswrtigen Politik
jedes Staates durch den Bundeseid an den Hegemonen des Bundes, den
makedonischen Machthaber, bertragen war.

Wie schwerer Kmpfe, wie scharfer Manahmen es bedurft haben mochte, zu
diesem Ergebnis zu gelangen, der makedonische Knig ehrte sich und die
Hellenen, wenn er voraussetzte, da der Kampf gegen die Perser, der so erst
mglich wurde, die Macht der doch gemeinsamen nationalen Sache, die Erfolge
nach auen und die Segnungen im Innern, die das gelungene Werk verhie, die
Niederlagen und Opfer vergessen machen werde, die dessen Schaffung
gefordert hatte. Nicht blo seine wiederholten Erklrungen und die in dem
Bundesvertrage bernommene Pflicht verbrgten ihnen, da seine Waffen dem
groen nationalen Kampf geweiht sein wrden; sein eigenes Interesse hatte
ihm von Anfang her diese Politik vorgezeichnet, die Kraft Griechenlands zu
sammeln, um den Kampf gegen die Persermacht wagen zu knnen, diesen Kampf
zu unternehmen, um die irgend noch gesunden Krfte im hellenischen
Staatenleben desto sicherer zu vereinigen und dauernd zu verschmelzen.

Seine Macht, die und die allein Hellas wie ein schtzender Wall gegen die
Barbaren des Nordens deckte, denen Italien schon erlag, war nun so weit und
in feierlichster Weise berufen, an der Spitze des geeinten Hellas den Kampf
gegen die Barbaren im Osten durchzufhren. Das bedeutete: Befreiung der
hellenischen Inseln und Stdte, die seit dem Sturz Athens, seit dem Frieden
des Antalkidas dem persischen Joch von neuem verfallen waren, -- die
Erschlieung Asiens fr den freien Verkehr und die Industrie von Hellas,
fr das Einstrmen des hellenischen Lebens, -- der berflle unruhiger,
grender, verwilderter Elemente, an denen es bisher in seiner wirren
Kleinstaaterei auf den Tod gekrankt, deren es so krankend nur immer mehr,
immer zerstrendere erzeugt hatte, Raum und Gelegenheit und lockende
Aussicht vollauf in neuen Verhltnissen neue Ttigkeiten zu finden und in
der Flle neuer Aufgaben arbeitend zu genesen.

Der kosmopolitische Zug, den in dem Griechentum zugleich mit dem zhen
Partikularismus der Weltverkehr, das Flchtlingswesen, das Sldnertum, die
Kurtisanen, die Aufklrung und Bildung entwickelt hatten, mute endlich,
wenn er nicht den Rest nationalen Bestandes nutzlos vergeuden sollte, in
geordneter Bewegung, in vorgedachten Wirkungen die ihm entsprechende
Gestaltung finden. In dem Zuge nach Asien konnte er es.


War auf der europischen Seite so alles zur letzten Entscheidung bereit, so
hatte auf der asiatischen in entsprechender Weise das groe Reich der
Perser den Punkt erreicht, wo es in den Machtelementen, in denen einst
seine Erfolge begrndet gewesen waren, erschpft und nur noch durch die
trge Kraft des Bestehens gehalten schien.

Es ist wenig, was von der Natur und Art dieses Perserreiches berliefert
wird, und dieses Wenige meist sehr uerlicher Art, fast nur von denen
aufgefat, welche in den Persern nur die Barbaren sahen und verachteten;
und nur in der groen Gestalt des Dareios, wie sie einer der
Marathonkmpfer in seinem Drama von den Perserkriegen geschildert hat,
empfindet man etwas von dem doch tief-mchtigen Wesen dieses edlen Volkes.

Vielleicht darf man diesen Eindruck ergnzen und vertiefen durch das, was
dasselbe in der unmittelbarsten Gestaltung seines inneren Lebens, in seiner
Religion und seiner heiligen Geschichte ausgesprochen hat. Sie bezeugen die
hhere ethische Kraft, mit der die Perser den anderen Vlkern Asiens
gegenber in die Geschichte eintreten, die ernste und feierliche Auffassung
dessen, um deswillen der einzelne und das Volk lebt.

Rein sein in Werken, rein in Worten, rein in Gedanken, das ist es, was
diese Religion fordert; die Wahrhaftigkeit, die Heiligung des Lebens, die
Pflichterfllung mit vollster Selbstverleugnung ist das Gesetz, wie es
durch Zarathustra, den Verknder des gttlichen Wortes, offenbart worden
ist. In den Sagen von Dschemschid und Gustasp, von den Kmpfen gegen Turan
entwickeln sich ihnen, sehr anders als den Hellenen in ihren Gesngen von
Troja und Theben und den Argonauten, die Vorbildlichkeiten dessen, was das
wirkliche Leben suchen und meiden soll.

Denn die Hochebenen vom Demawend bis zum Sindhflusse durchschwrmten in
unvordenklicher Vorzeit wste Horden; da erschien der Verknder des alten
Gesetzes, der Hort des Menschen, Haoma, verkndete seine Lehre dem Vater
Dschemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu
bauen. Und als Dschemschid Knig wurde, ordnete er das Leben seines Volkes
und die Stnde seines Reichs; unter dem Glanz seiner Herrschaft starben die
Tiere nicht, und die Pflanzen verwelkten nicht, an Wasser und Frchten war
nie Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft, und
Friede berall. Er sprach in seinem Stolz: Verstand ist durch mich, gleich
mir ist noch keiner gekrnt; die Erde ist geworden, wie ich verlangt;
Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich; die Macht ist
bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen; darum mssen sie mich
den Weltschpfer nennen und anbeten. Da wich der Glanz Gottes von ihm;
Zohak, der verderbliche, kam ber ihn, begann seine furchtbare Herrschaft;
es folgte eine Zeit wilden Aufruhrs, aus der endlich siegend Feridun der
Held hervorging; er und nach ihm sein Geschlecht, das der Mnner des
ersten Glaubens, herrschten ber Iran, immer wieder in schwerem Kampf mit
den wsten Turaniern, bis dann unter dem sechsten nach Feridun, dem Knige
Gustasp, Zarathustra erschien, der Bote des Himmels, den Knig zu
unterweisen, damit er dem Gesetz gem denke, spreche, handle.

Die Grundlage des neuen Gesetzes war der ewige Kampf des Lichts und der
Finsternis, des Ormuzd und der sieben Erzfrsten des Lichts gegen Ahriman
und die sieben der Finsternis; beide mit ihren Heerscharen ringen um die
Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehrt dem Licht, aber die
Finsternis nimmt mit teil an dem rastlosen Kampf; nur der Mensch steht
zwischen beiden, um nach freier Wahl dem Guten zu helfen oder dem Bsen
Raum zu lassen. Die Shne des Lichtes, die Iranier, kmpfen so den groen
Kampf fr Ormuzd, seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem
Vorbilde des Lichtwerdens zu ordnen und in Gedeihen und Reinheit zu
erhalten.

So der Glaube dieses Volkes und die Impulse, aus denen sich ihm sein
geschichtliches Leben entwickelt; teils ackerbauende, teils Hirtenstmme in
dem Gebirgsland Persis, unter ihren edlen Geschlechtern, von deren
zahllosen Burgen noch nach Jahrhunderten die Rede ist, an ihrer Spitze der
Stamm der Pasargaden, deren edelstem Geschlecht, dem der Achmeniden, das
Stammknigtum des Volkes zusteht. Da hat denn der Knigssohn Kyros am Hofe
des Groknigs in Ekbatana so viel Hochmut und Erschlaffung und
verchtliches Wesen gesehen, da er die Herrschaft an sein strengeres Volk
zu bringen fr wohlgetan hlt. Er ruft, so lautet die Sage, die Stmme
zusammen, lt sie den einen Tag ein Stck Feld urbar machen und die ganze
Last der Untertnigkeit fhlen, beruft sie anderen Tags zum festlichen
Mahl; er fordert sie auf zu whlen zwischen jenem traurigen Knechtsleben,
das an der Scholle haftet, und dem herrlicheren des Siegers; und sie whlen
Kampf und Sieg. So zieht er gegen die Meder aus, besiegt sie, wird Herr des
Reiches, das bis zum Halys und bis zum Jaxartes reicht. Weiter kmpfend,
unterwirft er das lydische Knigtum und das Land bis zum Meer der Jaonen,
das babylonische Reich bis an die Grenze gyptens. Kyros' Sohn Kambyses
fgt das Reich der Pharaonen hinzu; keins der altgeschichtlichen Vlker und
Reiche widersteht der Kraft des jungen Volkes. Aber des Groknigs Zug ber
gypten hinaus in die Wste, seinen jhen Tod benutzen die Meder; ihre
Priester, die Magier, machen einen aus ihrer Mitte zum Groknig, nennen
ihn des Kyros jngeren Sohn, erlassen den Vlkern den Kriegsdienst und die
Tribute auf drei Jahre; und die Vlker fgen sich willig. Nach Jahr und Tag
erhebt sich Dareios der Achmenide mit den Huptern der sechs anderen
Stmme, sie ermorden den Magier und seine vornehmsten Anhnger. Die
Herrschaft, welche unserm Geschlecht entrissen war, diese brachte ich
wieder zurck; ich habe wiederhergestellt die Heiligtmer und die Verehrung
dessen, der des Reiches Schtzer ist; so gewann ich durch Ormuzds Gnade das
Entrissene zurck, ich stellte das Reich glcklich, Persien, Medien und die
anderen Provinzen, wie ehedem, so sagt eine Inschrift des Dareios.

Dareios hat das Reich organisiert. Da es keine persische Bildung gab, die
wie einst die von Babel und Assur die mit Gewalt Unterworfenen auch
innerlich htte besiegen und umbilden knnen, da die Religion des Lichtes,
die eigenste Kraft und der Vorzug des persischen Volkes, nicht bekehren
konnte noch wollte, so mute die Einheit und Sicherheit des Reiches auf die
Organisation der Macht gestellt werden, die es gegrndet hatte und
beherrschen sollte. Es war der vollste Gegensatz dessen, was sich als das
Wesen der Griechenwelt entwickelt hat: in diesem _ein_ Volk, zu zahllosen
kleinen und kleinsten Kreisen in freier Autonomie, in dem Drang
unerschpflicher Erregbarkeit und Eigenartigkeit sich differenzierend und
auseinander lebend -- in dem Perserreich viele Nationen, meist ausgelebte
und einer eigenen Lebensgestaltung nicht mehr fhige, zusammengeballt durch
die Gewalt der Waffen und zusammengehalten durch die strenge und stolze
berlegenheit des Perservolkes und des Groknigs, des gottgleichen
Menschen, an dessen Spitze.

Diese Monarchie, vom griechischen Meer bis zum Himalaja, von der
afrikanischen Wste bis zu den Steppen des Aralsees, lt die Vlker in
ihrer Art, in ihren gewohnten Zustnden, schtzt sie in dem, was ihr Recht
verlangt, ist tolerant gegen alle Religionen, sorgt fr den Verkehr, den
Wohlstand der Vlker, lt ihnen selbst ihre Stammfrsten, wenn sie sich
unterwerfen und Tribut zahlen -- aber stellt ber sie alle hoch hin das
starkgefugte Gerst einer militrischen und Verwaltungseinheit, deren
Trger aus dem herrschenden Stamm, dem der Perser und Meder, berufen
werden. Die gleiche Religion, die harte und strenggebte Lebensweise in
Feld und Wald, die Erziehung der zum Dienst berufenen edlen Jugend am Hofe
und unter den Augen des Groknigs, dazu die an diesem Hofe versammelte
Kriegsmacht der zehntausend Unsterblichen, der zweitausend Lanzentrger und
zweitausend Reiter, die aus allen Teilen des weiten Reiches in die Hofburg
zusammenflieenden und in dem Reichsschatz aufgesammelten Tribute und
Geschenke, die geordneten Rangstufen und mterfolge der am Hofe
versammelten Edlen bis zu den Tischgenossen, den Verwandten des
Groknigs hinauf -- das alles zusammen gibt der Zentralstelle des Reiches
die Macht und Wucht, der zusammenhaltende und beherrschende Mittelpunkt zu
sein. Das Netz von Heerstraen, die durch das ganze Reich erbaut werden,
die Poststationen mit immer bereiten Stafetten, die Festungen an allen
wichtigen Pa- und Grenzpunkten sichern die Verbindung und das mglichst
schnelle Einschreiten der zentralen Macht. Des Groknigs Boten knnen so
von Susa bis Sardes -- 350 Meilen -- in weniger als zehn Tagen Depeschen
berbringen, und in jeder Landschaft steht militrische Macht bereit,
auszufhren, was sie befohlen.

Fr die Verwaltung teilt Dareios das Reich in zwanzig Satrapien, nicht nach
der Nationalitt oder nach historischen Motiven; es sind geographische
Gebiete, wie sie die natrlichen Grenzen bestimmen. Das Verhltnis der dort
Heimischen zum Reich besteht nur darin, da sie in Gehorsam bleiben, ihre
Tribute zahlen und wenn ein allgemeines Aufgebot ergeht, den Heeresdienst
leisten, den Satrapen mit seinem Hofe und die in den Hauptstdten und
Grenzfesten ihres Bereichs stehenden Truppen des Groknigs unterhalten.
Die Satrapen -- Knige nur dem Groknige untertan -- haften fr den
Gehorsam und die Ordnung in ihrer Satrapie, zu deren Schutz sowie zur
Vergrerung des Gebietes und des Tributes sie mit und ohne Befehl von der
Hofburg Kriege fhren und Frieden schlieen. Sie selbst berlassen dann
wohl einzelne Distrikte ihres Gebietes Eingeborenen oder sonst von ihnen
Begnstigten, die dort die Tribute erheben und das Regiment fhren. Die
Truppen in der Satrapie stehen zu ihrer Verfgung, aber unter
Befehlshabern, die der Knig unmittelbar bestellt, oft mit dem Heerbefehl
ber mehrere beieinander liegende Satrapien. Die Wachsamkeit und
Tchtigkeit der Truppen, die Treue der Satrapen, die stete durch die
Sendboten gebte Aufsicht des Groknigs ber sie, diese abgestufte
Pyramide monarchischer Organisation ist die Form, die die untertnigen
Lnder und Vlker zusammenhlt.

In reichen Dotationen, in immer neuen Gnadengeschenken und Ehren, dem hohen
Sold des Kriegsdienstes haben die Edlen und das Volk Persiens den Mitgenu
der Herrschaft ihres Knigs. Dies, und anderseits die stete berwachung und
Kontrolle, die strengste Disziplin, die willkrliche und oft blutig gebte
Strafgewalt des Knigs erhlt die zum Dienst Berufenen in Furcht und
Pflichttreue. Wehe dem Satrapen, der auch nur sumig ist, fr den Ackerbau,
fr den Wohlstand seiner Provinz, fr Bewsserung zu sorgen, Paradiese
anzulegen, dessen Provinz sich entvlkert oder im Anbau zurckgeht, der die
Untertanen bedrckt; des Knigs Wille ist, da sie in ihrem Sein und Tun
rechte Diener der reinen Lehre seien. Sie alle sollen auf den Knig und nur
auf ihn sehen; wie Ormuzd, dessen Abbild und Werkzeug er ist, die Welt des
Lichtes beherrscht und gegen die des verderblichen, Arges sinnenden Ahriman
kmpft, so ist er unumschrnkt, unfehlbar, ber alle und ber alles.

So die Grundzge dieser Machtbildung, die aus dem eigensten Wesen des
Perservolkes, seiner altgewohnten schlichten Anhnglichkeit an das
Stammhaupt, dem stolzen Zuge der Legitimitt in der alten
Geschlechtsverfassung hervorgegangen ist. Diese grandiose Organisation
despotischer Macht war darauf gestellt, da die persnliche Wrdigkeit und
Kraft des einen, der sie innehatte, sich in jedem Nachfolger erneute, da
der Hof und der Harem in seiner Nhe, die Satrapen und Kriegsobristen in
der Ferne nicht aufhrten, von ihm bestimmt und beherrscht zu werden, da
das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und Rauheit und der
fraglosen Hingebung an den Gott-Knig getreu blieb.

Unter Dareios hat die persische Macht die hchste Blte erlebt, deren sie
fhig war; auch die unterworfenen Vlker segneten sein Regiment; selbst in
den griechischen Stdten fanden sich berall angesehene Mnner, die fr den
Preis der Tyrannis gern sich und ihre Mitbrger unter das persische Joch
beugten; die moralische Achtung der edlen Perser vor den klugen Hellenen
wird darum nicht grer geworden sein. Nach Dareios, nach den Niederlagen
von Salamis und Mykale begannen sich Anfnge der Stockung und des Sinkens
zu zeigen, dem das Reich, einer inneren Entwicklung unfhig, verfallen
mute, wenn es aufhrte, siegend und erobernd zu wachsen. Schon mit dem
Ausgang des Xerxes wurde die Erschlaffung der despotischen Kraft und der
Einflu des Hofes und Harems fhlbar; die Eroberungen an der thrakischen
Kste, der Hellespont und der Bosporus, die hellenischen Inseln und Stdte
an der Kste Kleinasiens waren verloren; bald versuchten einzelne der
unterworfenen Vlker sich frei zu machen, schon fand die Emprung gyptens
und die Herstellung der altheimischen Dynastie von Hellas her
Untersttzung. Je glcklicher dagegen die Satrapen der vorderen Lande
ankmpften und je mehr sie den persnlichen Willen und die Kraft ihres
Herren nachlassen sahen, desto dreister wurden sie, im eigenen Interesse zu
verfahren, nach selbstndiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien
zu trachten. Aber noch war der festgefugte Bau des Reiches stark genug und
in dem Adel und Volk Persiens die gewohnte Zucht und Treue lebendig genug,
um die da und dort ausbrechenden Schden zu berwinden.

Ernster wurde die Gefahr, als mit dem Ausgang Dareios'II. (424 bis 404)
dessen jngerer Sohn Kyros sich zum Aufstande gegen den lteren, Artaxerxes
II., der die Tiara bereits empfangen hatte, erhob. Kyros, nicht vor der
Thronbesteigung des Vaters geboren wie der Bruder, sondern als der Vater
schon Knig war, glaubte sich in demselben besseren Recht, kraft dessen
einst Xerxes dem Dareios gefolgt war; noch der Vater hatte ihn, den
Liebling der Mutter Parysatis, als Karanos nach Kleinasien gesandt, als
Herrn, wie es scheint, ihm die Satrapien Kappadokien, Phrygien und Lydien
gegeben; hatten die bisherigen Satrapen an der Seekste, Tissaphernes und
Pharnabazos, in dem schweren Kampf zwischen Athen und Sparta miteinander
rivalisierend, bald die eine, bald die andere Macht begnstigt, so trat
Kyros in der nach dem Interesse des Reiches gewi richtigen Politik rasch
und entschieden auf die Seite Spartas. Selbst nach dem Zeugnis der Griechen
war dieser junge Frst voll Geist und Energie, von militrischem Talent, in
der strengen Art seines Volkes; dem Spartaner Lysandros konnte er den Park
zeigen, den er meist mit eigener Hand geschaffen habe; und als dieser
unglubig auf seine goldene Kette und seine glnzende Kleidung sah, schwur
Kyros bei Mithras: da er des Tages nicht eher Speise zu sich nehme, als
bis er in Landarbeit oder kriegerischer bung seine Pflicht getan. Die
militrische Kunst und Tchtigkeit der Hellenen hatte er kennen und
wrdigen gelernt; da zumeist durch seine Untersttzung Lysandros der
Athener Meister geworden, mit dem Falle Athens die Seemacht, welche bisher
dem Reiche schweren Abbruch getan, zu Ende war und Sparta ausdrcklich die
Rckkehr der asiatischen Griechenstdte unter die persische Herrschaft
zugesagt hatte, mochte es ihm unbedenklich erscheinen lassen, als Kern des
Heeres, mit dem er das ihm gebhrende Reich in Besitz zu nehmen gedachte,
13000 griechische Sldner, ein buntes Gemisch aus allen griechischen
Staaten, zu werben, denen dann noch Sparta 700 Hopliten nach Issos
nachsandte. Tissaphernes, der Satrap Ioniens, der persnliche Feind des
Kyros, hatte rechtzeitig Warnungen nach Susa gesandt; mit dem Aufgebot des
Reichs rckte Artaxerxes gegen den Emprer aus; am Eingang Babyloniens, bei
Kunaxa, traf er ihn zur Schlacht. Nach dem Siege der Griechen auf ihrem
Flgel, strmte Kyros mit 600 Reitern auf die 6000 Reiter, die den Knig
umgaben, durchbrach sie, drang auf den Knig selbst ein, verwundete ihn,
erlag dann unter den Streichen des Knigs und seiner Getreuen. Des Knigs
Wunde heilte sein Arzt, der Grieche Ktesias. Auch des Kyros Harem fiel in
des Knigs Hand, unter den Gefangenen zwei Griechinnen, die von ihren
Eltern dem Prinzen nach Sardes gebracht waren; die eine von ihnen, eine
Milesierin, flchtete sich glcklich in das Lager der Hellenen, die andere,
die schne und hochgebildete Milto von Phokaia, die in des Groknigs Harem
berging, hat dann dort, wie die Griechen erzhlen, lange eine bedeutende
Rolle gespielt.

uerlich war die Macht des Groknigs mit dem Tage von Kunaxa hergestellt.
Aber es war ein Zeugnis tiefer Zerrttung, da unmittelbar vor der Schlacht
viele Edle aus dem Reichsheer zu dem Emprer bergegangen waren; es war ein
bedenklicheres Symptom, da dies Huflein Griechen auf dem Schlachtfelde
die Massen des Reichsheeres durchbrochen und geschlagen, und dann mitten
durch das Reich in geschlossenen Reihen marschierend die Kste des Pontos
erreicht hatte. War denn die Organisation des Reiches nichts, da ein
feindliches Heer so ungestraft drei, vier Satrapien durchziehen, deren
Grenzfesten miachten konnte? Nimmermehr htte der Emprer die Psse des
Taurus berschreiten knnen, wenn der Satrap Kilikiens, aus dem
altheimischen Stamm der Syennesis, wenn die persische Flotte, die unter dem
gypter Tamos stand, ihre Schuldigkeit getan htten. Vor allem, da Kyros,
mit zu groer Macht in den vorderen Satrapien, die rings von den Ksten her
mit griechischem Wesen durchzogen waren, griechisches Kriegsvolk in Masse
hatte an sich ziehen knnen, zeigte, da man mit jenen Satrapien behutsamer
und strenger als bisher verfahren msse. Nicht das Satrapensystem war
fehlerhaft; es war der Fehler der zentralen Stelle, da die Karanen und
Satrapen sich hatten gewhnen knnen, Politik auf eigene Hand zu machen,
wie Territorialherren zu regimentieren, in den Stadttyrannen,
Steuerpchtern, dotierten Gnstlingen sich persnlichen Anhang zu schaffen,
welcher Macht genug gab, nach oben zu trotzen und nach unten zu drcken.

Vielleicht war es nicht erst in diesem Zusammenhange, da die Zahl der
Satrapien Kleinasiens -- nach der Einrichtung des DareiosI. nur vier --
gemehrt, da namentlich die groe Satrapie Phrygien, welche von der
Propontis bis zum Taurus und den armenischen Gebirgen das ganze innere
Hochland umfate, in drei Satrapien -- Phrygien am Hellespont, Grophrygien
und Kappadokien -- zerschlagen, von der Satrapie Ionien das ganze Karien
und die Sdkste bis Kilikien abgelst, da endlich Kilikien fortan ohne
Satrapen gelassen und, so scheint es, unmittelbares Reichsland wurde.

Schon waren die Spartaner unter Agesilaos' Fhrung in den vorderen Landen,
den Kampf gegen das Reich zu wagen. Da Tissaphernes, der in sein frheres
Amt zurckgekehrt war, nicht energischer verfuhr, nicht mehr erreichte, gab
der Kniginmutter die Handhabe, den Tod ihres Lieblings an dem Verhaten zu
rchen; ihm ward ein Nachfolger gesandt mit dem Befehl ihn zu ermorden.

Von sehr ernster Bedeutung war, da zugleich gypten in Waffen stand. Noch
bei Kunaxa hatte auch gyptisches Kriegsvolk in dem Heere des Groknigs
gekmpft; aber man wute in dem Griechenheere bereits, da gypten
abgefallen sei; jener Tamos flchtete mit der Flotte nach gypten, und
Sparta trat mit Memphis in Verbindung, empfing von dort Subsidien und die
Zusage weiterer Hilfe. Nur zu leicht konnten auch die phnizischen Stdte,
auch Cypern, wo der Knig Euagoras das griechische Wesen eifrig frderte,
dem Beispiel gyptens folgen; die ganze maritime Macht Persiens stand auf
dem Spiel, whrend die griechische Landmacht die Satrapien Kleinasiens
bedrngte; dem Reich wiederholte sich die Gefahr der perikleischen Zeit in
gesteigertem Mae. Wie ihr wehren?

Den rechten Weg wies der Athener Konon, der nach der letzten Niederlage der
attischen Macht Zuflucht am Hofe des Euagoras gefunden hatte. Auf seinen
Rat erhielt der Satrap von Phrygien am Hellespont Befehl, eine Flotte
zusammenzubringen und den Staaten in Hellas mit persischem Golde den Kampf
gegen Sparta mglich zu machen. Mit Konons Sieg bei Knidos, mit der
Schilderhebung von Theben, Korinth, Athen, mit des Pharnabazos Seezuge bis
zur lakonischen Kste und seinem Erscheinen in der Versammlung der
Verbndeten zu Korinth war Agesilaos zu schleuniger Heimkehr gezwungen.
Bald hart bedrngt, suchte Sparta des Groknigs Gunst und Bndnis; es
sandte Antalkidas, jenen Frieden zu schlieen, in dem Sparta dem Reiche die
Griechenstdte Asiens und Cypern obendrein preisgab. Nicht mehr
militrisch, aber diplomatisch war damit Persien der Griechen Meister; bald
den Spartanern, bald den Athenern, bald den Thebanern seine Gunst
zuwendend, hielt der Hof von Susa die noch streitbaren Staaten
Griechenlands in Atem; er lie sie sich selbst zerfleischen.

Nur da mit diesem Ringen in Hellas auch die Emprer des Groknigs,
Cypern, gypten, die syrische Kste, Gelegenheit fanden, sich dorther
Beistand zu gewinnen, und die Satrapen Kleinasiens schon nicht mehr blo
nach der Weisung der Hofburg sich zu dem Wirrsal in Hellas verhielten. Des
zu gtigen Artaxerxes Hand war nicht fest genug, die Zgel anzuziehen.
Trotz zehnjhrigen Kampfes erlangte er von dem cyprischen Knige nichts,
als da er sich zur Zahlung des Tributes wie ehedem verstand. gyptens
wurde er trotz des hellenischen Sldnerheeres, das er sandte, trotz des
Iphikrates, der es fhrte, nicht mehr Herr. Die emprten Kadusier in den
Gebirgen der kaspischen Psse vermochte er mit aller Anstrengung nicht
wieder zu unterwerfen. Die Bergvlker zwischen Susa, Ekbatana und
Persepolis hatten sich der Botmigkeit entzogen; sie forderten und
erhielten, wenn der Groknig mit seinem Hofe durch ihr Gebiet zog, Tribut
fr den Durchzug. Schon emprten sich einige der Satrapen Kleinasiens,
Ariobarzanes in Phrygien am Hellespont, Autophradates in Lydien, Mausollos,
Orontes; nur der Verrat des Orontes, den sie zum Fhrer gewhlt hatten,
rettete dem Groknige die Halbinsel.

Noch trauriger zeigen die berlieferungen, freilich die griechischen, des
alternden Artaxerxes Schwche im Bereich seines Hofes; er erscheint da wie
ein Spielball in den Hnden seiner Mutter, seines Harems, seiner Eunuchen.
Sein Sohn Dareios, den er, ein Neunziger, zum Nachfolger ernannt mit dem
Recht, schon jetzt die Tiara zu tragen, soll wegen einer Gunst, die ihm von
dem Vater versagt worden, eine Verschwrung gegen dessen Leben angezettelt
und dann auf des Vaters Befehl, dem sie verraten worden, mit dem Tode
gebt haben. Zum Thron der nchste war nun Ariaspes, nach ihm Arsames;
aber ein dritter Sohn Ochos, so wird erzhlt, trieb den ersten mit falschen
Gerchten von des Vaters Ungnade zum Selbstmord, lie den zweiten durch
gedungene Mrder beseitigen. Gleich darauf starb ArtaxerxesII. Ochos
folgte ihm.

Ochos erscheint in der berlieferung als ein asiatischer Despot echter Art,
blutdrstig und schlau, energisch und wollstig, in der kalten und
berechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto furchtbarer; ein
solcher Charakter konnte wohl die im Innersten zerrttete Persermacht noch
einmal zusammenraffen und mit dem Schein von Kraft und Frische beleben, die
emprten Vlker und die trotzigen Satrapen zur Unterwrfigkeit zwingen,
indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust
schweigend anzusehen gewhnte. Er begann mit der Ermordung seiner jngeren
Brder, ihres Anhanges; und der persische Hof nannte ihn voll Bewunderung
mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmut gehabt habe.

Die Art, wie der Thronwechsel geschah, vielleicht schon die blutigen
Vorgnge, die ihm vorausgingen, waren Anla oder Vorwand zu neuen
Emprungen in den vorderen Satrapien, zu dreisterem Vorgehen gyptens. Es
erhob sich Orontes, der Ionien, Artabazos, der Phrygien am Hellespont
hatte; attische Inschriften bezeugen die Verbindung des Orontes mit Athen.
Artabazos hatte zwei rhodische Mnner, die Brder Mentor und Memnon, beide
tchtige Kriegsleute, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermhlt,
seine griechischen Sldner unter ihren Befehl gestellt. Die attischen
Strategen Chares, Charidemos, Phokion leisteten ihm Beistand. Andere
Satrapen blieben auf des Knigs Seite; namentlich der von Karien, Mausollos
aus dem alten Dynastengeschlecht des Landes; sein Werk war der Abfall der
attischen Bundesgenossen (357), Rhodos, Kos, Chios voran; nur um so
eifriger half Athen den emprten Satrapen; das gegen sie gesandte
knigliche Heer wurde durch Chares' Beistand geschlagen; die Athener
jubelten wie ber einen zweiten marathonischen Sieg. Aber eine persische
Gesandtschaft erschien in Athen, ber Chares Beschwerde zu fhren, drohte,
300 Trieren den Feinden Athens zum Beistand zu senden; man beeilte sich,
den Zorn des Knigs zu begtigen, schlo mit den emprten Bundesgenossen
Frieden (355). Auch ohne attische Hilfe kmpfte Artabazos weiter; sein
Schwager Memnon unternahm einen Zug gegen den Tyrannen im kimmerischen
Bosporus, mit dem Heraklea im Kriege war, die wichtigste Stadt an der
bithynischen Kste des Pontos. Artabazos selbst gewann Untersttzung von
den Thebanern, die ihm ihren Feldherrn Pammenes mit 5000 Sldnern sandten;
mit deren Hilfe schlug er des Knigs Truppen in zwei Schlachten. Dann lie
Artabazos den thebanischen Feldherrn gefangensetzen, weil er mit den
Gegnern in Verhandlung zu stehen schien; Pammenes mag Weisung dazu aus
Theben empfangen haben, wohin der Groknig groe Geldsummen hatte senden
lassen. Rasch sank nun das Glck des Artabazos; er mute flchten (um 351),
er und Memnon fanden an dem makedonischen Hofe Zuflucht, Mentor ging nach
gypten.

gypten war seit lange der rechte Herd des Kampfes gegen die Persermacht.
Noch als ArtaxerxesII. das Reich hatte, war dort von Tachos, dem Sohn des
Nektanebos, ein groes Unternehmen gerstet; mit einem Heere von 80000
gyptern, 10000 griechischen Sldnern, zu denen Sparta unter dem alten
Agesilaos noch 1000 sandte, einer Flotte von 200 Schiffen, deren Befehl der
Athener Chabrias bernahm, gedachte Tachos auch das syrische Land zu
erobern. Aber Tachos hatte sich durch Mitrauen und Zurcksetzung den Knig
Agesilaos, durch Erpressungen das gyptische Volk so verfeindet, da,
whrend er in Syrien stand, seines Oheims Sohn NektanebosII. sich zum
Pharao aufwerfen konnte, und da Agesilaos auch die griechischen Truppen
dem neuen Herrn zuwandte, blieb dem Tachos kein anderer Ausweg, als nach
Susa zu flchten und des Groknigs Gnade anzuflehen. Gegen Nektanebos
erhob sich in Mendes ein anderer Prtendent, er fand Zulauf in Menge; es
kam so weit, da der Pharao samt seinen Griechen umstellt, mit Wllen und
Grben dicht und dichter eingeschlossen wurde, bis gegen die 100000 Mann
der alte Agesilaos mit seinen Griechen anrckte und den ganzen mendesischen
Haufen auseinander- und in Flucht trieb; es war die letzte Tat des alten
Spartanerknigs; im Begriff nach Sparta heimzusegeln, starb er (358).

Die drftigen berlieferungen dieser Zeit geben nur an, da noch Artaxerxes
II. seinen Sohn Ochos gegen gypten gesandt habe, da das Unternehmen
gescheitert sei, da Ochos, gleich nachdem er Knig geworden, gegen die
Kadusier gekmpft, sie besiegt habe.

Wenige Jahre darauf, um 354, war man in Athen in lebhafter Sorge ber die
groen Rstungen, die Knig Ochos mache, grere als seit Xerxes' Zeit
gemacht seien; man meinte, er wolle zuerst gypten unterwerfen, um sich
dann auf Griechenland zu strzen; auch Dareios habe erst gypten
unterworfen, dann sich gegen Hellas gewandt, auch Xerxes zuerst das emprte
gypten bewltigt, dann seinen Zug nach Hellas unternommen; man sprach in
Athen, als sei er schon auf dem Wege: seine Flotte liege bereit, Truppen
bers Meer zu fhren, auf 1200 Kamelen werde ihm der Schatz nachgefhrt;
mit seinem Golde werde er zu seinem asiatischen Heere hellenische Sldner
in Masse anwerben; Athen msse eingedenk der Tage von Marathon und Salamis
den Krieg wider ihn beginnen. So schnell freilich war das Reichsheer nicht
beieinander. Und bevor es kam, hatte sich zu der noch whrenden Emprung in
Kleinasien auch Phnikien erhoben. Die Sidonier unter ihrem Frsten Tennes
beredeten auf dem Tage zu Tripolis die anderen Stdte zum Abfall; man
verbndete sich mit Nektanebos, man zerstrte die kniglichen Schlsser und
Paradiese, verbrannte die Magazine, ermordete die Perser, die in den
Stdten waren; sie alle, namentlich das durch Reichtum und Erfindungen
ausgezeichnete Sidon, rsteten mit grtem Eifer, warben Sldner, machten
ihre Schiffe fertig. Der Groknig, dessen Reichsheer sich bei Babylon
sammelte, befahl dem Satrapen Belesys von Syrien und dem Mazaios, dem
Verwalter Kilikiens, den Angriff auf Sidon. Aber Tennes, untersttzt von
4000 griechischen Sldnern unter Mentors Fhrung, die ihm Nektanebos
sandte, leistete glcklichen Widerstand. Zu gleicher Zeit erhoben sich die
neun Stdte von Cypern, verbanden sich mit den gyptern und Phnikiern,
gleich ihnen unter ihren neun Frsten unabhngig zu sein. Auch sie rsteten
ihre Schiffe, warben griechische Sldner. Nektanebos selbst war auf das
beste gerstet; der Athener Diophantos, der Spartaner Lamios standen an der
Spitze seiner Sldner.

Mit Schimpf und Schande, sagt ein attischer Redner dieser Zeit, mute
Ochos abziehen. Er rstete einen dritten Zug, er forderte die hellenischen
Staaten auf, ihn zu untersttzen; es war in den letzten Stadien des
heiligen Krieges; wenigstens Theben sandte ihm 1000 Sldner unter Lakrates,
Argos 3000 unter Nikostratos; in den asiatischen Griechenstdten waren 6000
Mann geworben, die unter Bagoas' Befehl gestellt wurden. Der Groknig
befahl dem Satrapen Idrieus von Karien den Angriff auf Cypern; er selbst
wandte sich gegen die phnikischen Stdte. Vor solcher bermacht entsank
diesen der Mut; nur die Sidonier waren entschlossen, den uersten
Widerstand zu leisten; sie verbrannten ihre Schiffe, um sich die Flucht
unmglich zu machen. Aber auf Mentors Rat hatte Knig Tennes bereits
Unterhandlungen angeknpft, sie beide verrieten die Stadt; als die Sidonier
bereits die Burg und die Tore in Feindes Hand und jede Rettung unmglich
sahen, zndeten sie die Stadt an und suchten den Tod in den Flammen; 40000
Menschen sollen umgekommen sein. Den cyprischen Knigen sank der Mut, sie
unterwarfen sich.

Mit dem Fall Sidons war der Weg nach gypten frei. Das Heer des Groknigs
zog an der Kste sdwrts; nicht ohne bedeutende Verluste gelangte es durch
die Wste, welche Asien und gypten scheidet, unter die Mauern der
Grenzfestung Pelusion, welche von 5000 Griechen unter Philophron
verteidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begier ihren Waffenruhm
zu bewhren, griffen sogleich an, wurden zurckgeworfen; nur die
einbrechende Nacht rettete sie vor schwerem Verlust. Nektanebos durfte
hoffen, den Kampf zu bestehen; er hatte 30000 Griechen, ebenso viele
Libyer, 60000 gypter, dazu zahllose Nilschiffe, dem Feind jeden
Flubergang zu wehren, selbst wenn er die Verschanzungen, die am rechten
Nilufer entlang errichtet waren, genommen hatte.

Der Groknig teilte seine Macht. Er selbst zog den Nil aufwrts, Memphis
bedrohend. Die boiotischen Sldner und persisches Fuvolk unter Lakrates
und dem lydischen Satrapen Roisakes sollten Pelusion berennen; die Sldner
von Argos unter Nikostratos und 1000 auserwhlte Perser unter Aristazanes
wurden mit 80 Trieren ausgesandt, im Rcken von Pelusion eine Landung zu
versuchen; eine vierte Abteilung, in ihr Mentors Sldner und die 6000
Griechen des Bagoas, rckte sdwrts von Pelusion auf, die Verbindung mit
Memphis abzuschneiden. Dem verwegenen Nikostratos gelang die Landung im
Rcken der feindlichen Linie, er schlug die dort stehenden gypter, die
unter Kleinias von Kos zu deren Untersttzung eilenden griechischen
Sldner. Nektanebos eilte, seine Truppen rckwrts auf Memphis
zusammenzuziehen. Nach tapferem Widerstande bergab Philophron Pelusion
gegen freien Abzug. Mentor und Bagoas wandten sich gegen Bubastis; die
Aufforderung zur Unterwerfung, die Drohung, bei unntzem Widerstande die
Zchtigung, die Sidon erlitten, zu wiederholen, brachte den Zwiespalt
zwischen den Griechen, die bereit waren, ihr Leben daran zu setzen, und den
feigen gyptern zum Ausbruch; die Griechen kmpften weiter; der endlichen
Einnahme der Stadt -- sie htte dem Bagoas, dem Liebling des Knigs, das
Leben gekostet, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wre
-- folgte die Besetzung der noch brigen Pltze des niederen Landes. Der
anrckenden bermacht gegenber hielt sich Nektanebos nicht mehr in seiner
Hauptstadt sicher; er rettete sich mit seinen Schtzen stromauf nach
thiopien.

So erlag -- um 344 -- gypten ArtaxerxesIII. Er lie das Land, das sechzig
Jahre dem Reiche entfremdet gewesen war, seinen Zorn fhlen. Die Zeiten des
Kambyses erneuten sich. Es folgten Hinrichtungen in Menge, Plnderungen
rgster Art; mit eigener Hand durchbohrte der Groknig den heiligen Stier
Apis, befahl, die Tempel ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer
heiligen Bcher zu berauben. Der Dolch hie er fortan im Munde des
Volkes. Nachdem Pherendakes zum Satrapen eingesetzt, die griechischen
Sldner berreich beschenkt in die Heimat entlassen waren, kehrte der Knig
unter unermelicher Beute, mit Ruhm bedeckt, nach Susa zurck.

Wie schwer hatten die attischen Redner vor einem Jahrzehnt, als Artaxerxes
III. erst zu rsten begann, die Gefahr fr Hellas geschildert, wenn gypten
wieder persisch wrde. Jetzt hatte man in Athen nur die Sorge um die
wachsende Macht des makedonischen Knigs, der schon die Hand nach Perinth
und Byzanz ausstreckte. Freilich, Philipp mochte meinen, eilen zu mssen,
ehe die Persermacht -- denn griechische Sldner, griechische Bundesgenossen
fand sie so viele, als sie bezahlen wollte -- sich auf Europa strze; ber
sein Gebiet zuerst htte sich die Flut der Barbaren ergossen.

Das Perserreich stand so gewaltig da wie in seinen besten Tagen; und da es
gelernt hatte, mit griechischen Feldherren, griechischen Sldnern seine
Kriege zu fhren, schien ihm eine neue berlegenheit zu sichern, solange
die Griechenwelt blieb, wie sie war, voll vagabunder Krfte, in zahllose
Autonomien zerrissen, in jeder Stadt immer wechselnde Parteiherrschaft. Der
Groknig hatte das ganze Reich seiner Vorfahren wieder, bis auf das, was
Dareios und Xerxes jenseits des Hellespontes dem Reich einverleibt hatten,
Thrakien, Makedonien, Thessalien. In seinem Chiliarchen Bagoas, in dem
Rhodier Mentor besa er zwei treffliche Werkzeuge zu weiterem Wirken;
miteinander in geschworener Gemeinschaft, dienten sie dem Herrn, lenkten
sie ihn, Bagoas allmchtig am Hofe und in den oberen Satrapien, Mentor mit
der Kste Kleinasiens betraut, zugleich, wie erscheint, als Karanos, wie
einst Kyros, an der Spitze der Kriegsmacht Kleinasiens.

Auf Mentors Antrag gewhrte der Groknig die Begnadigung des Artabazos,
des Memnon und ihrer Familien, die am makedonischen Hofe Zuflucht gefunden
hatten; sie kehrten zurck. Aus dieser Zeit Mentors ist ein Zug
berliefert, der bedeutsame Zusammenhnge erschliet. Ein Bithynier,
Eubulos, seines Zeichens ein Wechsler, hatte, wohl auf dem Wege der
Tributpachtung, die Stadt Atarneus, das feste Assos, die reiche Kste
gegenber Lesbos an sich gebracht, sie seinem getreuen Hermeias vererbt,
einem dreimal entlaufenen Sklaven, wie man in dem klatschschtigen Athen
sagte; man kannte ihn dort als Schler Platons, als Freund des Aristoteles;
nach Platons Tod folgte Aristoteles seiner Einladung nach Atarneus (348/47)
zu lngerem Aufenthalt. Gegen diesen reichen Tyrannen wandte sich Mentor,
lud ihn, um ihm die Wege zur Gnade des Groknigs zu zeigen, zu einer
Zusammenkunft ein, lie ihn dann greifen, schickte ihn nach Susa, wo er ans
Kreuz geschlagen wurde; er selbst bemchtigte sich seiner Schtze, seines
Gebietes. Nur seine Nichte und Adoptivtochter rettete sich, flchtete zu
Aristoteles; er nahm das verarmte, aber sittsame und wackere Mdchen zur
Frau.

Es war in der Zeit, da Philipp gegen die Thraker zog, Byzanz, Perinth
bedroht schienen. Demosthenes empfahl damals den Athenern, Gesandte an den
Groknig zu schicken, ihm den Zweck der makedonischen Rstungen
darzulegen; es sei ja einer der mchtigsten Freunde Philipps und Mitwisser
aller seiner Plne bereits aufgegriffen und in des Knigs Hand. Den
Perinthern sandte Arsites, der Satrap Phrygiens am Hellespont, Geld,
Proviant, Waffen, Soldtruppen unter dem Athener Apollodoros. Aber auf die
Bitte der attischen Gesandtschaft um persische Subsidien antwortete der
Groknig in einem sehr stolzen und barbarischen Schreiben. Mochte er die
Athener nur verachten oder auch ihnen Verderben sinnen, die Dinge in Hellas
rollten rasch weiter, vollendeten sich in derselben Zeit, da ihn ein jhes
Ende traf.

Seit der glorreichen Rckkehr aus gypten sa er in seiner Hofburg, in
zgelloser Willkr und Grausamkeit herrschend. Alle frchteten und haten
ihn; der einzige, dem er Vertrauen schenkte, mibrauchte es. Sein
Vertrauter Bagoas war ein gypter; dem Glauben und Aberglauben seines
Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst geholfen, ganz ergeben, hatte er
die Schndung der vaterlndischen Heiligtmer und die Ermordung des
heiligen Apis nicht vergessen; je mehr im Reich und am Hofe die Erbitterung
gegen den Groknig wuchs, desto khner wurden die Plne seines tckischen
Gnstlings. Der Eunuch gewann den Arzt des Knigs, ein Gifttrank machte dem
Leben des Verhaten ein Ende; das Reich war in des Eunuchen Hand; um desto
sicherer seine Stelle zu behaupten, lie er des Knigs jngsten Sohn Arses
zum Knig weihen, die Brder desselben ermorden; nur einer, Bisthanes,
rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chaironeia.

Bald empfand Arses den frechen Stolz des Eunuchen; er verga ihm nicht den
Mord seines Vaters und seiner Brder. Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach
kaum zweijhriger Regierung lie er den Knig mit seinen Kindern ermorden;
zum zweiten Male war die Tiara in seinen Hnden. Aber das knigliche Haus
war verdet; durch Ochos' Hand waren Artaxerxes'II. Shne, durch Bagoas
Ochos' Shne und Enkel ermordet bis auf jenen Bisthanes, der sich durch die
Flucht gerettet hatte. Noch lebte ein Sohn jenes Dareios, dem sein Vater
ArtaxerxesII. die Tiara gewhrt, die erbetene Gunst versagt hatte, des
Namens Arbupalos; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannos,
der einer Seitenlinie des Achmenidenhauses angehrte; er war der Sohn des
Arsames, des Brudersohnes von ArtaxerxesII., und der Sisygambis, einer
Tochter desselben Artaxerxes; in dem Kriege, den Ochos gegen die Kadusier
gefhrt, hatte er die Herausforderung ihres riesigen Anfhrers, da kein
anderer sich zu stellen wagte, angenommen und ihn bewltigt; damals war ihm
von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von alt und
jung gefeiert worden, der Knig Ochos hatte ihn mit Geschenken und
Lobpreisungen berhuft, ihm die Satrapie Armenien gegeben. Mochte Bagoas
jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung
geschmeichelt haben, da Kodomannos fr die Tiara, die er durch ihn
erlangt, ihm ergeben bleiben werde; frh genug sollte er erkennen, wie sehr
er sich getuscht hatte. Der Knig -- Dareios nannte er sich -- hate den
Mrder und verachtete seinen Rat; Bagoas beschlo, ihn aus dem Wege zu
rumen, er mischte ihm Gift in den Becher; Dareios war gewarnt; er rief den
Eunuchen und hie ihn, als wre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher
trinken. So fand Bagoas eine spte Strafe.

Die Zgel der Herrschaft waren in der Hand eines Knigs, wie ihn Persien
lange nicht gehabt hatte; schn und ernst, wie der Asiate sich gern seinen
Herrscher denkt, allen huldreich und von allen verehrt, an allen Tugenden
seiner groen Ahnen reich, und frei von den scheulichen Lastern, die das
Leben des Ochos geschndet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten,
schien Dareios berufen, das Reich, das er ohne Schuld und Blut erworben,
von den Schden zu heilen, an denen es krankte. Keine Emprung strte den
Beginn seiner Herrschaft; gypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien,
Syrien dem Knige treu und gehorsam; von den Ksten Ioniens bis an den
Indus schien Asien so sicher, wie seit lange nicht, geeint unter dem edlen
Dareios. Und dieser Knig sollte der letzte Enkel des Kyros sein, der ber
Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt ben msse, was
nicht mehr zu heilen war.

Schon stieg im fernen Westen das Wetter, das Persien vernichten sollte,
empor. Schon hatten die seelndischen Satrapen Botschaft gesandt, da der
makedonische Knig mit den Staaten von Hellas Frieden und Bndnis
geschlossen habe, da er sein Heer rste, um mit dem nchsten Frhling in
die Provinzen Kleinasiens einzubrechen. Dareios wnschte auf jede Weise
diesen Krieg zu vermeiden; er mochte ahnen, wie sein ungeheures Reich, in
sich zerrttet und abgestorben, nur eines ueren Anstoes bedrfe, um
zusammenzubrechen. So zgernd, versumte er die letzte Frist, dem Angriff,
den er frchtete, zuvorzukommen.

In derselben Zeit, da er das Knigtum bernahm, sandte Knig Philipp die
ersten Truppen unter Parmenions und Attalos' Befehl ber den Hellespont,
sich in den griechischen Stdten der nchsten Satrapien festzusetzen. Schon
war an die Genossen des hellenischen Bundes die Weisung erlassen, ihre
Kontingente nach Makedonien, ihre Trieren zur makedonischen Flotte zu
senden. Er selbst gedachte demnchst aufzubrechen, um an der Spitze der
makedonisch-hellenischen Macht das Werk zu beginnen, fr das er bisher
gearbeitet hatte.




  Zweites Kapitel

  Das makedonische Land, Volk, Knigtum -- Knig PhilippsII.
  innere Politik -- Der Adel; der Hof -- Olympias -- Alexanders
  Jugend -- Zerwrfnis im Knigshause. Attalos -- PhilippsII.
  Ermordung


Aber war Philipp, waren seine Makedonen Griechen, den Kampf gegen die
Perser im Sinne des hellenischen Volkes und der hellenischen Geschichte
bernehmen zu knnen?

Die Verteidiger der alten partikularistischen Politik und der hellenischen
Freiheit haben es oft bestritten, und ihr groer Wortfhrer Demosthenes
geht in seinem patriotischen Eifer so weit, zu versichern, da Philipp
weder ein Hellene, noch mit Hellenen verwandt sei, sondern zu den Barbaren
gehre, die nicht einmal zu Sklaven brauchbar seien.

ltere berlieferungen geben eine andere Auffassung. schylos lt, wie
schon angefhrt ist, den Knig Pelasgos von Argos sagen, sein Volk,
Pelasger nach ihm geheien, wohne bis zu des Strymon klaren Wassern und
umfasse wie das Bergland Dodona, so das Land am Pindos und die weiten Gaue
Poniens. Also dem alten Marathonkmpfer gelten die Vlkerschaften, die das
Flugebiet des Haliakmon und des Axios bewohnen, fr gleichen Stammes mit
der alten Bevlkerung der Lande vom Olympos bis zum Tnaron, mit der im
Westen des Pindos. Der hohe Pindos, der Thessalien vom Bergland Dodona und
von Epiros scheidet, bildet in seinen nrdlichen Fortsetzungen bis zum
Schar-Dagh, dem alten Skardos, die Scheidung zwischen Makedonien und
Illyrien; dann wendet sich das Gebirge nach Osten zu den Quellen des
Strymon und weiter sdostwrts auf dessen linker Seite als Orbelos zur
Kste hinab, die natrliche Grenze des makedonisch-paionischen Gebietes
auch gegen die thrakischen Vlker im Osten und Norden vollendend. In dem so
umschlossenen Gebiet durchbrechen der Haliakmon, der Axios mit seinen
Nebenflssen, der Strymon eine zweite, eine dritte Gebirgsreihe, die, dem
Pindos-Skardos-Orbelos gleichsam konzentrisch, die innerste Kstenebene,
die von Pella und Thessalonike am Thermaischen Busen, umschliet; und der
Doppelkranz von Talkesseln, durch welche die drei Strme hindurchbrechen
und, wenigstens der Axios und Haliakmon, in dieser Kstenebene einander
nahe das Meer erreichen, macht die Bevlkerung dieser Lande wie von Natur
in kantonale Stmme zerfallen, und die Ebene der Kste zu deren gemeinsamer
Mitte und Malstatt.

Nach den Erzhlungen Herodots ist das Volk, das spter den Namen Dorier
gefhrt, aus Thessalien gedrngt, an den Pindos in das Tal des Haliakmon
gezogen und hat dort den Namen Makedonen gefhrt. Andere Sagen lassen
Argeas, den Stammvater der Makedonen, von Argos in die Orestis, am
Quellgebiet des Haliakmon, ausziehen, und erklren damit den Namen
Argeaden, mit dem das Knigshaus wohl genannt wird. Nach anderer
berlieferung, die dann die landesbliche wurde, waren drei Brder,
Herakliden aus dem Frstengeschlecht von Argos, das vom Temenos abstammt,
nach Norden zu den Illyriern, dann weiter in das obere Land Makedoniens
gekommen, hatten sich dann in Edessa festgesetzt, an den mchtigen
Kaskaden, mit denen die Wasser in die weite, fruchtreiche Kstenlandschaft
treten. Hier in Edessa, das auch Aigai genannt wird, habe Perdikkas, der
jngste der drei Brder, das Knigtum begrndet, das dann in allmhlichem
Wachstum die nchstgelegenen Landschaften Emathia, Mygdonia, Bottia,
Pieria, Amphaxitis in dem Namen der Makedonen vereinigte.

Sie gehrten zu denselben pelasgischen Stmmen, die einst alles hellenische
Land innegehabt hatten, und von denen auch andere spter den Hellenen,
hinter deren Entwicklung sie zurckgeblieben, als Barbaren oder
Halbbarbaren erschienen. Die Religion, die Sitte der Makedonen bezeugt
diese Gemeinschaft; mgen an den Grenzen Vermischungen mit illyrischen,
mit thrakischen Stmmen stattgefunden haben, die makedonische Sprache
erweist sich als den lteren Dialekten der hellenischen nahestehend.

Bis in die spte Zeit ist in der makedonischen Kriegsverfassung der Name
der Hetairen in bung geblieben. War derselbe, wie wohl nicht zu zweifeln,
mit der Grndung des Knigtums in das Land gekommen, so hatten die
makedonischen Herakliden das gleiche Los mit ihren Vorfahren in dem
Peloponnes, in ein fremdes Land eingewandert, ihre Macht und ihr Recht auf
die Unterwerfung der dort Altheimischen grnden zu mssen; nur da hier
mehr als in anderen dorischen Landen das Alte mit dem Neuen sich mischte
und zu einem Ganzen verschmolz, welches die Frische, aber auch die rohe
Derbheit der Vter, man mchte sagen die Heroenzeit in ihrer unpoetischen
Gestalt, bewahrte. Es gab da Sitten hchst altfrnkischer Art; wer noch
keinen Feind gettet, mute den Halfter umgegrtet tragen; wer noch keinen
Eber im freien Anlauf erlegt hatte, durfte beim Gastmahl nicht liegen,
mute sitzen; bei der Leichenfeier hatte des Verstorbenen Tochter den
Scheiterhaufen, auf dem der Leichnam verbrannt war, auszulschen; es wird
berichtet, da die Trophen des ersten Sieges, den Perdikkas ber die
einheimischen Stmme davontrug, durch den Willen der Gtter ber Nacht von
einem Lwen umgerissen wurden, zum Zeichen, da man nicht Feinde besiegt,
sondern Freunde gewonnen habe, und seitdem sei es makedonische Sitte
geblieben, ber besiegte Feinde, ob Hellenen oder Barbaren, keine Trophen
zu errichten; weder Philipp nach dem Tage von Chaironeia, noch Alexander
nach den Siegen ber die Perser, die Inder, habe es getan.

In den Jahren dieser Siege schreibt Aristoteles: in den hellenischen Landen
habe sich das Knigtum nur in Sparta, bei den Molossern und in Makedonien
erhalten; bei den Spartanern und Molossern, weil es in seiner
Machtvollkommenheit so beschrnkt worden sei, da die Knige nicht mehr
beneidet wrden. Whrend allerorten sonst das Knigtum, das sich in dem
niederen Volk eine Sttze zu gewinnen versumt hatte, dem Emporkommen des
Herrenstandes erlegen war, whrend gegen diesen Herrenstand selbst das
niedere Volk, lange von allem Anteil an der Leitung des ffentlichen Lebens
ausgeschlossen und in Druck gehalten, sich endlich aufgelehnt, die edlen
Geschlechter ihrer Vorrechte beraubt und sie in das gleiche Recht des
demokratischen Gemeinwesens herabgezogen hatte, war Makedonien in seiner
altertmlichen Knigsherrschaft geblieben, da hier die Elemente der Reibung
und des Hasses in dem Verhltnis der Stnde nicht zur Ausbildung kamen; an
Reichtum und Ehre ber alle hervorragend, sagt Aristoteles, blieb hier das
alte Knigtum.

Es gab hier Gefahren anderer Art. Das Knigtum gehrte dem kniglichen
Geschlecht; aber die Erbfolge in demselben war nicht so fest normiert, da
sie jeden Zweifel und Hader im voraus ausgeschlossen htte. Je freier hier
die knigliche Gewalt blieb, um so mehr forderte sie von dem, der sie
innehatte, persnliche Tchtigkeit und Leistung; und nur zu oft geschah es,
da Unmndige, Unfhige, Lssige dem tchtigeren Bruder oder Vetter weichen
muten. So hat nach Alexandros'I. Tod dessen jngerer Sohn PerdikkasII.
nicht geruht, bis er seine lteren Brder Amyntas, Philippos, Alketas zur
Seite geschoben hatte; so hat Perdikkas' Sohn Archelaos, der in
unrechtmiger Ehe geboren war, den rechtmigen Erben verdrngt und, ehe
er heranwuchs, ermordet. In anderen Fllen gab die Vormundschaft, die
geordnete Form der Prostasie die Handhabe zur Usurpation.

Dazu noch ein anderes. Mehrere Beispiele zeigen, da jngeren Shnen des
Knigs, auch wohl Fremden, Teile des Landes zu erblichem Besitz abgetreten
wurden, gewi unter der Oberhoheit des Knigs, aber doch mit so frstlicher
Befugnis, da sie auch zu Waffendienst aufbieten und eigene Truppen halten
durften. So hatte der jngere Bruder des ersten Alexandros, Arrhidaios, das
Frstentum Elymiotis im oberen Lande erhalten, und es blieb in dessen
Geschlecht; so des Perdikkas Bruder Philippos ein Gebiet am oberen Axios.
Das Knigtum konnte nicht erstarken, wenn es diese Frstenlinien nicht zur
Gefolgschaft zu halten vermochte, zumal solange die Paionen, die Agrianer,
die Lynkestier, andere Grenzgebiete unter selbstndigen Frsten ihnen
Rckhalt gaben. Zuerst AlexandrosI., in der Zeit der Perserkriege, scheint
die Lynkestier, die Paionen, die Oresten, die Tymphaier zur Anerkennung der
makedonischen Oberhoheit gezwungen zu haben; aber die Frsten dort
behielten ihren Frstenstand und damit ihre frstlichen Gter.

Von der Verfassung und Verwaltung Makedoniens[1] ist zu wenig berliefert,
als da man sagen knnte, wie weit sich des Knigs Macht erstreckt habe.
Wenn Knig Archelaos im letzten Jahrzehnt des Peloponnesischen Krieges eine
Flle neuer Einrichtungen schaffen, wenn PhilippII. das Mnzwesen seines
Landes, das bis dahin hchst ungleichartig gewesen war, neugestalten, wenn
er ein vllig neues Heerwesen schaffen konnte, so mu das Knigtum eine
sehr weitgehende Befugnis regelnder Verordnung gehabt haben. Aber gewi
bestimmte, was Recht sei, die Gewohnheit und das Herkommen, ergnzte den
Mangel der Verfassung. Man wird wohl sagen drfen, da das Knigtum ebenso
weit von asiatischer Despotie, wie das Volk von Leibeigenschaft und
sklavischer Unterwrfigkeit entfernt war; die Makedonen sind freie
Mnner, sagt ein alter Schriftsteller, nicht Penesten, wie die Masse des
Volkes in Thessalien, nicht Heloten, wie im spartanischen Lande, sondern
ein Bauernvolk, gewi nicht ohne freien und erblichen Besitz, gewi nicht
ohne Gemeindeverfassung mit Ortsversammlung und Ortsgericht, alle zu den
Waffen pflichtig, wenn der Knig das Land aufruft. Noch in spter Zeit gilt
das Heer als versammeltes Volk, wird zur Volksversammlung berufen zu
Beratung und Gericht.

    [1] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

In diesem Heere tritt deutlich ein zahlreicher Adel hervor unter dem Namen
der Hetairen, der Kriegsgesellen, wie ihn schon die homerischen Gesnge
kennen. Diesen Adel wird man kaum als Herrenstand bezeichnen drfen; was
ihn auszeichnete, war wohl nur greres Besitztum, die Erinnerung edler
Abstammung, nhere Beziehung zur Person des Knigs, der treue Dienste mit
Ehren und Geschenken belohnte. Selbst die Familien von frstlichem Adel,
die frher in den oberen Landschaften selbstndige Herrschaft gehabt und,
nachdem sie von dem mchtigeren Knigtum Makedoniens abhngig geworden,
doch den Besitz ihres Territoriums behalten hatten, traten wohl mit ihrem
Volk in die Verhltnisse ein, welche fr das Knigsland galten. Grere
Stdte in hellenischem Sinne gab es in diesem Bauern- und Adelslande nicht;
die an der Kste liegenden waren hellenische Kolonien, selbstndige
Gemeinwesen, im bewuten Gegensatz gegen das Binnenland.

Gegen die Zeit der Perserkriege, namentlich unter dem ersten Alexandros,
dem Philhellenen, wie Pindar ihn nennt, begannen lebhaftere Beziehungen
Makedoniens zum Griechentum. Schon dessen Vater hatte dem aus Athen
geflchteten Hippias, Peisistratos' Sohn, Zuflucht und Besitz in seinem
Lande angeboten. Alexandros selbst, der dem Heere der Perser nach Hellas
folgen mute, tat, was er konnte -- man erinnere sich der Schlacht bei
Plat --, den Hellenen hilfreich zu sein; ihm wurde auf Grund seiner
nachgewiesenen Abstammung von den Temeniden von Argos die Zulassung zu den
olympischen Wettkmpfen gewhrt, als Anerkennung, da er Hellene sei.

Wie er, so waren seine nchsten Nachfolger, mit mehr oder minder Geschick
und Kraft darauf gewandt, ihr Land in unmittelbaren Zusammenhang mit dem
Verkehr, dem politischen Leben und der Bildung der Hellenen zu bringen. Die
Nhe der reichen und handelskundigen Kolonien in Chalkidike, die durch sie
veranlaten vielfachen Berhrungen mit den Hauptmchten von Hellas, die um
deren Besitz kmpften und den Einflu Makedoniens suchten oder frchteten,
die fast ununterbrochenen Kmpfe in Hellas selbst, welche manchen berhmten
Namen die Heimat zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre
zu suchen veranlaten, das alles begnstigte die Fortschritte Makedoniens.

Vor allem wichtig und erfolgreich war die Zeit des Knigs Archelaos;
whrend das brige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und
zerrissen wurde, schritt unter seiner umsichtigen Leitung Makedonien rasch
vorwrts; er baute feste Pltze, deren bisher das Land entbehrt hatte; er
legte Straen an; er entwickelte die begonnene Ordnung des Heerwesens; er
tat in allem, sagt Thukydides, mehr fr Makedonien als die acht Knige
vor ihm. Er stiftete Festspiele nach Art der hellenischen, die bei Dion,
unfern dem Grabe des Orpheus, dem olympischen Zeus und den Musen gefeiert
wurden, gymnische und musische. Sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und
Knstlern aller Art und der Vereinigungspunkt des makedonischen Adels,
wurde das Vorbild fr das Volk und dessen fortschreitende Entwicklung;
Archelaos selbst galt den Zeitgenossen fr den reichsten und glcklichsten
Menschen der Welt.

Nach ihm begann schwerer als zuvor innerer Hader, vielleicht von einer
Reaktion gegen die Neuerungen der sich sammelnden Knigsmacht veranlat
oder geschrt, gerichtet zugleich gegen die neue Bildung und Sitte, fr die
das Knigtum eingetreten war; Tendenzen, die der Lage der Sache nach in den
Frstengeschlechtern und einem Teil der Hetairen ihre Trger fanden und von
der Politik der leitenden Staaten in Hellas bestens gefrdert wurden,
whrend die Masse des Volkes, so scheint es, dabei gleichgltig blieb.

Schon gegen Knig Archelaos hatte sich der Lynkestierfrst Arrhabaios in
Verbindung mit dem elymiotischen Sirrhas in Waffen erhoben, vielleicht
unter dem Vorwand, die Beseitigung des echten Erbfolgers zu rchen,
vielleicht fr Amyntas, des Arrhidaios Sohn, Enkel des Amyntas, den
Perdikkas zur Seite geschoben hatte, den Nchstberechtigten aus dem
kniglichen Hause. Archelaos hatte den Frieden damit erkauft, da er seine
Tchter, die ltere dem Sirrhas von Elymiotis, die jngere dem Amyntas
vermhlte. Dann wurde er, wie es heit, durch Zufall auf der Jagd gettet.
Ihm folgte sein unmndiger Sohn Orestes unter Vormundschaft des ropos,
aber der Vormund ermordete ihn, wurde selbst Knig. ropos ist gewi der
Sohn jenes Arrhabaios, aus dem bakchiadischen Frstengeschlecht der
Lynkestis an der Grenze der Illyrier, mit deren Hilfe seine Vorfahren so
oft gegen die Knige von Makedonien gekmpft hatten; was ropos, seine
Shne und Enkel in den folgenden sechzig Jahren getan, bezeichnet sie als
die steten Gegner der neuen monarchischen Tendenzen des Knigshauses, als
Vertreter des althergebrachten loseren Zustandes. Immer neue Emprungen und
Thronwechsel, die folgen, sind der Beweis fr das Ringen des
Knigsgeschlechtes und der partikularistischen Richtungen.

ropos verstand das Knigtum zu behaupten; aber als er 392 starb,
bemchtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391,
und des ropos Sohn Pausanias wurde Knig. Wieder diesen verdrngte jener
Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die lteste Linie des Knigshauses
trat mit ihm wieder in ihr Recht.

Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrttete
Makedonien zur leichten Beute jedes berfalles zu machen schienen.
Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier
verheerend in das Land, besiegten des Knigs Heer, zwangen ihn selbst zur
Flucht ber die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Knigtum inne,
ob aus dem Knigshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, mu
dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurck,
gewann das Knigtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Stdte, die
Landschaften an der Kste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella
schlo dem Knige die Tore. Da er sich mit Eurydike vermhlte, die beiden
Frstenhusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehrte, mag geschehen
sein, um endlich Vershnung zu schaffen.

Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner
gegen Olynthos; Amyntas schlo sich dem Zuge an, auch Derdas, der Frst der
Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel;
Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war,
erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra;
Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die
Macht Thessaliens, ntigte wie Alketas von Epiros, so AmyntasIII. in
seinen Bund zu treten; an der Schwelle groer Erfolge wurde er ermordet
(370). Der schwache Amyntas htte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren
vermocht. Er starb wenig spter: ihm folgte der lteste seiner drei Shne,
AlexandrosII.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches
Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus
unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlate ihn,
whrend Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glcklich
kmpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den
Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt
Makedonien zu lhmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann;
Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreiig Edelknaben
als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfrstentum mit der
Stadt Aloros -- nach dieser wird er genannt -- erhielt. Ein Vergleich, der
nur gemacht schien, den Knig sicherer zu verderben; whrend eines
festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mrder gab die Mutter ihre Hand
und, unter dem Namen der Vormundschaft fr ihre jngeren Shne Perdikkas
und Philippos, das Knigtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen
Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias -- er heit aus
dem Knigshause; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu
erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flchtete mit ihren
beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nhe war; er
schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die
Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas,
der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des
Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios
Gold zerrttete es; Pelopidas begngte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu
schlieen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen
Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anla, da auch Philippos
nach Theben kam.

Aber PerdikkasIII., sowie er herangewachsen war, rchte den Mord seines
Vaters mit dem Morde des Usurpators. Sich dem Einflusse Thebens zu
entziehen, hielt er sich zu Athen, kmpfte an Timotheos' Seite mit Ruhm
gegen die Olynthier. Dann aber brachen, vielleicht von den Lynkestiern
aufgerufen, die Illyrier ber die Grenze herein; er kmpfte anfangs
glcklich gegen sie, dann in einer groen Schlacht fand er und 4000 Mann
den Tod; das Land wurde weithin von den Illyriern verwstet, die Paionen
brachen von Norden ins Land.

Unter solchen Umstnden bernahm Philippos das Regiment 359, zunchst fr
des Perdikkas unmndigen Sohn Amyntas. Er war schon -- wohl seit des
Ptolemaios Ende -- im Lande; nach einem Vergleich, zu dem Platon dem
Perdikkas geraten haben soll, war ihm ein Teilfrstentum zugewiesen worden;
die Truppen, die er dort hielt, gaben ihm einen ersten Anhalt. Die Gefahr
war gro; die Illyrier, die Paionen standen im Lande, es kamen die lteren
Prtendenten Argaios, Pausanias, von Athen, von den Thrakerfrsten
untersttzt; drei Bastardshne seines Vaters forderten das Knigtum. Von
dem bereiten Willen des Landes gesttzt, berstand Philipp die erste Not;
mit Vorsicht, Gewandtheit, Entschlossenheit rettete er das Reich vor den
Illyriern, Thrakern, Paionen, das Knigtum vor den Prtendenten, das
knigliche Haus vor neuen Intrigen und Verwirrungen. Und als die Athener,
die die Torheit gehabt hatten, der gemeinsamen Sache wider ihn fr seine
Anerkennung ihres Anspruchs auf Amphipolis den Rcken zu kehren, ber seine
Erfolge in Sorge gerieten und mit Grabos dem Illyrier, Lyppeios dem
Paionen und Ketriporis dem Thraker und seinen Brdern ein Schutz- und
Trutzbndnis schlossen, damit Barbareneinbrche von drei Seiten zugleich
die Macht Makedoniens brchen, ehe sie vllig gesammelt wurde und
erstarkte, da war Philipp -- schon hatte er Amphipolis genommen und die
Brgerschaft gewonnen -- rasch an den Grenzen, und die Barbaren, die noch
lange nicht zum Werk fertig waren, muten eilen, sich zu unterwerfen.

Um 356 waren die Grenzen gegen die Barbaren bis auf weiteres gesichert. In
kurzem schwanden die Parteien am Hofe; von der der Lynkestier waren
Ptolemaios und Eurydike tot; einer von den Shnen des ropos, Alexandros,
wurde spter durch Vermhlung mit des treuen Antipatros Tochter, die beiden
anderen, Heromenes und Arrhabaios, durch andere Gnaden gewonnen,
Arrhabaios' Shne Neoptolemos und Amyntas am Hofe erzogen. Die beiden
Prtendenten Argaios und Pausanias verschwinden in der geschichtlichen
berlieferung. Den rechtmigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn
Amyntas, in dessen Namen Philipp im Anfange die Regierung gefhrt hatte,
knpfte er, als er erwachsen war, durch die Vermhlung seiner Tochter Kynna
an sein Interesse.

So war Makedonien in der Hand eines Frsten, der mit Planmigkeit und
Gewandtheit die Krfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu
dem Grade zu erhhen verstand, da sie dem groen Gedanken, an der Spitze
des Griechentums gegen die Persermacht in die Schranken zu treten,
schlielich gewachsen waren. In den geschichtlichen berlieferungen, wie
sie uns vorliegen, sind ber die staunenswrdigen Erfolge des Knigs die
Machtelemente, durch welche sie errungen wurden, vergessen; und whrend sie
die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem anderen zu sich
herberzog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe beobachten, lassen sie
uns ber den Krper, dem diese Hand angehrt, und dem sie ihre Kraft und
Sicherheit dankt, fast vllig im Dunkeln; das verfhrerische Gold, das sie
dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden lassen, erscheint fast
als das einzige oder doch wesentliche Mittel, mit dem Philipp gewirkt.

Fat man das innere Leben seines Staates nher ins Auge, so treten deutlich
zwei Momente hervor, die, schon frher angeregt, aber durch Philipp erst zu
ihrer ganzen Bedeutung entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

Mein Vater, sagt Alexander bei Arrian zu den meuternden Makedonen in Opis
324, bernahm euch, als er Knig wurde, umherziehend, mittellos, die
meisten in Felle gekleidet, auf den Bergen Schafe weidend und elend genug
zu deren Schutz gegen die Illyrier, Thraker und Triballer kmpfend; er hat
euch die Chlamys der Soldaten gegeben, euch in die Ebene hinabgefhrt, euch
gelehrt, den benachbarten Barbaren im Kampf gewachsen zu sein. Gewi war
frher schon, wenn es Krieg gab, jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach
Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pflug oder zu seiner Herde
zurckzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung bernahm,
die Kmpfe, mit denen er namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung
sein von allen Seiten bedrohtes Land zu schtzen hatte, gaben Veranlassung,
das, was schon Knig Archelaos begonnen, vielleicht die dann folgenden
inneren Wirren wieder zerrttet hatten, wiederaufzunehmen und weiter zu
entwickeln. Auf Grund jener Kriegspflicht schuf er ein Nationalheer, das,
fort und fort gesteigert, schlielich wohl 40000 Mann zhlte.

Er verstand nicht blo, es zu formieren, sondern ihm Zucht und militrische
Tchtigkeit zu geben. Es wird berichtet, da er den unntzen Tro, die
Bagagewagen des Fuvolkes abschaffte, den Reitern nur je einen Pferdeknecht
gestattete, da er oft, auch in der Sommerhitze, marschieren, oft Mrsche
von 6-7 Meilen, mit vollem Gepck und Proviant fr mehrere Tage, machen
lie. So strenge war die Zucht des Heeres, da in dem Kriege von 338 zwei
hohe Offiziere, die sich eine Lautenschlgerin mit ins Lager gebracht
hatten, verabschiedet wurden. Mit dem Dienst selbst entwickelte sich die
feste Ordnung von Befehlenden und Gehorchenden und eine Stufenfolge des
Ranges, in der nur Verdienst und anerkannte Tchtigkeit steigen lie.

Die Erfolge dieser Militrverfassung zeigten sich bald. Sie bewirkte, da
sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, die
Makedonen als _ein_ Volk fhlen lernten; sie machten es mglich, da die
neugewonnenen Gebiete mit dem alten Makedonien zusammenwuchsen. Vor allem,
sie gab in dieser Einheit und in dem militrischen Typus, der fortan
vorherrschend wurde, dem makedonischen Volk das Selbstgefhl kriegerischer
Tchtigkeit und die ethische Kraft fester Ordnung und Unterordnung, deren
Spitze der Knig selbst war. Und wieder bot ihm fr seine Zwecke das
Bauernvolk seines Landes ein fgsames und derbes Material, der Adel der
Hetairen die Elemente zu einem Offizierstande voll Ehrgefhl und Wetteifer
sich auszuzeichnen. Ein Heer dieser Art mute den Sldnerhaufen oder gar
dem herkmmlichen Brgeraufgebot der hellenischen Staaten, ein Volkstum
von dieser Derbheit und Frische dem berbildeten, in Demokratie und
stdtischem Leben berreizten oder abgestumpften Griechentum berlegen
sein. Die Gunst des Schicksals hatte diesem makedonischen Lande die alte
Kraft und Art erhalten, bis es demselben zuteil wurde, sie in groen
Aufgaben zu bewhren; sie hatte hier in dem Kampf des Knigtums mit dem
Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte frher, dem trotzigen Herrenstande,
sondern dem Knigtum den Sieg gegeben. Und dieses Knigtum eines freien und
krftigen Bauernvolkes, diese militrische Monarchie gab jetzt diesem Volke
die Form, die Kraft und Richtung, welche auch die Demokraten in Hellas wohl
als wesentlich erkannt, aber festzuhalten und zu dauernden Organisationen
zu entwickeln nicht vermocht hatten.

Dagegen mute die Bildung, das eigenste Ergebnis des hellenischen Lebens,
ganz und vllig dem makedonischen Volksleben gegeben, so das schon von
frheren Frsten Begonnene fortgesetzt werden. Das Vorbild des Knigs und
seines Hofes war hier von der grten Wichtigkeit, und der Adel des Landes
trat bald in die ebenso natrliche wie wirksame Stellung, den gebildeten
Teil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in solcher Art in
keinem der griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, da die
Spartaner alle roh und den Heloten und Perioiken ihres Landes gegenber nur
Herren waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme
fr hchst gebildet hielten, whrend andererorts freilich mit der
Demokratie der Herrenstand aufgehrt hatte, aber um mit dem Unterschiede
von reich und arm das Niveau des geistigen Lebens desto sicherer sinken zu
machen.

Philipp hatte in den Tagen des Epaminondas in Theben gelebt; ein Schler
des Platon, Euphraios von Oreos, hatte frh auf sein Schicksal Einflu
gehabt; ihn selbst nennt Isokrates einen Freund der Literatur und der
Bildung; da er Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes berief, bezeugt es. Er
sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvortrgen aller Art, die
zunchst fr die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, fr die
Bildung des jungen Adels, den er so viel als mglich an den Hof zu ziehen,
an seine Person zu fesseln und fr den unmittelbaren Dienst des Knigtums
vorzuben suchte. Als Edelknaben und bei reiferer Jugend in den Scharen der
Hetairen als Leibwchter (Somatophylakes) des Knigs, als Kommandierende
bei den verschiedenen Abteilungen des Heeres, in Gesandtschaften an
hellenische Staaten, wie sie so hufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit
genug, sich auszuzeichnen oder den Lohn fr geleistete Dienste zu
empfangen; berall aber bedurfte er jener Bildung und attischen Sitte, wie
sie der Knig wnschte und selbst besa. Sein eifrigster Gegner mute
gestehen, da Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm hnlichen
aufzuweisen habe; und wenn es an seinem Hofe fr gewhnlich nach der derben
makedonischen Art mit Gelagen und Lrm und Trunkenheit herging,
zentaurenhaft, lstrygonenhaft, wie Theopomp sagt, so waren die Hoffeste,
der Empfang fremder Gesandtschaften, die Feier der groen Spiele desto
glnzender nach hellenischer Art und Geschmack, alles prchtig und
groartig, nichts kleinlich und karg. Die Domnen des Knigshauses, die
Grundsteuern des Landes, die Zlle der Hfen, die Bergwerke am Pangaion,
die jhrlich an 1000 Talent Ertrag gaben, vor allem die Ordnung und
Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, die Philipp durchgefhrt, machten sein
Knigtum so berlegen, wie es in der hellenischen Welt nur einmal
vorgekommen war, in der perikleischen Zeit Athens.

Selbst attischen Gesandten konnte der Hof von Pella mit seiner Opulenz,
seinem militrischen Glanz, dem Adel, der dort versammelt war, wohl
imponieren. Mehrere dieser edlen Geschlechter, wie schon bemerkt, waren
frstlichen Ursprungs; so das Bakchiadengeschlecht von Lynkestis; so das
Geschlecht des Polysperchon, frstlich im tymphaiischen Lande; so das des
Orontes, dem die Landschaft Orestis gehrt zu haben scheint; des Orontes
lterer Sohn Perdikkas erhielt die Fhrung der Phalanx von Orestis,
derselben, wie es scheint, welche, als er selbst Hipparch wurde, an seinen
Bruder Alketas berging. Das bedeutendste unter diesen frstlichen
Geschlechtern, eine Seitenlinie des Knigshauses, war das von Elymiotis,
entstammt von dem oben erwhnten Frsten Derdas aus der Zeit des
Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas den
Besitz des Landes und war damals, mit Amyntas von Makedonien und den
Spartanern verbndet, gegen Olynth gezogen; spter wird er als von den
Olynthiern gefangen erwhnt. Wenn Philippos dessen Schwester Phila zur
Gemahlin genommen hat, so wird er damit ihn fester an sich zu ketten oder
ein Zerwrfnis auszugleichen bezweckt haben. Des Derdas Brder, Machatas
und Harpalos werden in des Knigs Umgebung erwhnt. Aber es blieben
zwischen Philipp und dieser Familie Spannungen, die nicht immer geschickt
genug verhehlt wurden, und die der Knig vielleicht absichtlich nhrte, um
durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgnis zu halten; kaum
konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der Knig zu Gericht sa,
einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp unterlie nicht, eine
Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zuschulden kommen
lassen, zur ffentlichen Krnkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die
des Machatas Bruder fr ihn einlegte, wurden nicht ohne Schrfe
zurckgewiesen.

Von den zahlreichen edlen Geschlechtern, die an dem Hofe von Pella
versammelt waren, verdienen zwei wegen ihrer besonderen Wichtigkeit
Erwhnung, das des Jollas und des Philotas. Philotas' Sohn war jener treue
und besonnene Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholt die Fhrung der
wichtigsten Expeditionen anvertraute; ihm dankte er den Sieg ber die
Dardaner 356, durch ihn lie er 343 Euboia besetzen; Parmenions Brder
Asandros und Agathon, noch mehr seine Shne Philotas, Nikanor und Hektor
nahmen spter bedeutenden Anteil an dem Ruhme des Vaters; seine Tchter
verbanden sich mit den vornehmsten Shnen des Landes: die eine mit Koinos,
dem Phalangenfhrer, die andere mit Attalos, dem Oheim einer spteren
Gemahlin des Knigs. In nicht minder einflureicher und ehrenvoller
Stellung war des Jollas Sohn Antipatros oder, wie ihn die Makedonen
nannten, Antipas; das bezeichnet des Knigs Wort: Ich habe ruhig
geschlafen, denn Antipas wachte; seine erprobte Treue und die nchterne
Klarheit, mit der er militrische wie politische Verhltnisse auffate,
machten ihn fr das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug
einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermhlung mit seiner Tochter
schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen;
seine Shne Kassandros, Archias und Jollas erhielten erst spter Bedeutung.

So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf
hinzufgen, da das monarchische Element in dem makedonischen Staatsleben
ebenso durch die geschichtliche Stellung dieses Staates, wie durch die
Persnlichkeit Philipps ein entschiedenes bergewicht erhalten mute. Erst
in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Knigs Charakter und
Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprchen und
Gegenstzen der eigentmlichsten Art, Grieche im Verhltnis zu seinem
Volke, Makedone fr die Griechen, war er jenen um die hellenische List und
Hinterlist, diesen um die makedonische Derbheit und Tatkraft voraus, beiden
berlegen an scharfer Fassung seiner Ziele, an folgerichtiger Durchfhrung
seiner Entwrfe, an Verschwiegenheit und Raschheit in der Ausfhrung. Er
verstand seinen Gegnern stets ein Rtsel zu sein, ihnen immer anders, an
anderer Stelle, in anderer Richtung zu erscheinen, als sie erwarteten. Von
Natur zu Wollust und Genu geneigt, war er in seinen Neigungen ebenso
rcksichtslos wie unbestndig; oft schien er von seinen Leidenschaften
vllig beherrscht zu werden und war doch in jedem gegebenen Fall ihrer
vllig Herr, so nchtern und kalt, wie es seine Zwecke forderten; und man
kann zweifeln, ob in seinen Tugenden oder in seinen Fehlern mehr sein
eigenstes Wesen hervortrat. In ihm stellt sich die Bildung seines
Zeitalters, ihre Gltte, Klugheit, Frivolitt, ihre Verbindung von groen
Gedanken und raffinierter Geschmeidigkeit wie in _einem_ Bilde dar.

Das entschiedene Gegenteil von ihm war seine Gemahlin Olympias[2], die
Tochter des Epirotenknigs Neoptolemos, aus dem Geschlechte Achills;
Philipp hatte sie in seinen jungen Jahren bei der Mysterienfeier auf
Samothrake kennengelernt und sich mit Einwilligung ihres Vormundes und
Oheims Arybbas mit ihr vermhlt. Schn, verschlossen, voll tiefer Gluten,
war sie dem geheimnisvollen Dienste des Orpheus und Bacchos, den dunklen
Zauberknsten der thrakischen Weiber eifrigst ergeben; in den nchtlichen
Orgien, so wird berichtet, sah man sie vor allen in wilder Begeisterung,
den Thyrsos und die Schlange schwingend, durch die Berge strmen; ihre
Trume wiederholten die phantastischen Bilder, deren ihr Gemt voll war;
sie trumte, so heit es, in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein
mchtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Scho, daraus
dann ein wildes Feuer hervorbreche und in weit und weiter zehrenden Flammen
verschwinde.

    [2] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Wenn die berlieferung sagt, da auer vielen anderen Zeichen in der Nacht,
da Alexander geboren wurde, der Artemistempel zu Ephesos mit seinem
Megabyzos an der Spitze seiner Verschnittenen und Hierodulen den Hellenen
ein echt morgenlndisches Heidentum, niedergebrannt sei, da ferner der
Knig Philipp die Nachricht von der Geburt seines Sohnes zu gleicher Zeit
mit drei Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie sagenhaft den Sinn des
reichsten Heldenlebens und den groen Gedanken eines Zusammenhanges aus,
wie ihn die Forschung nachzuweisen sich oft umsonst bemht und fter
berhoben hat.

Von Knig Philipp sprechend, sagt Theopompos: Nie hat, alles in allem
gerechnet, Europa einen solchen Mann getragen, wie den Sohn des Amyntas.
Aber das Werk, in dem er das Ziel seines Lebens sah, zu vollbringen, fehlte
ihm, dem Zhen, Rechnenden, mit unverdrossener Arbeit sich Mhenden, ein
letztes Etwas, das auf seinem Wege nicht lag. Er mag jenen Gedanken als
Mittel ergriffen haben, die Griechenwelt zu einigen, den Blick seiner
Makedonen hoch und hher zu heben; es war der Gedanke, den die Bildung, die
Geschichte des Griechentums ihm gab; die Notwendigkeit der Verhltnisse, in
denen er so lange, so schwer zu ringen hatte, trieb ihn zu diesem Gedanken,
nicht die Notwendigkeit und die unwiderstehliche Macht dieses Gedankens zu
dessen Ausfhrung; man mchte zweifeln, ob er an ihn glaubte, wenn man ihn
in immer neuen Vorbereitungen zgern und zur Seite lenken sieht; gewi
waren diese erforderlich; aber den Ossa auf den Pelion trmend, erreicht
man den Olymp der Gtter doch nicht. Wohl sah er jenseits des Meeres das
Land der Siege und der Zukunft Makedoniens; dann aber trbte sich sein
Blick, und seine Plne umwlkten sich mit den luftigen Gestaltungen seiner
Wnsche. Dasselbe Verlangen nach dem groen Werke teilte von ihm sich
seinen Umgebungen, dem Adel, dem gesamten Volke mit, es wurde der stets
durchdringende Grundton des makedonischen Lebens, das lockende Geheimnis
der Zukunft: man kmpfte gegen die Thraker und siegte ber die Griechen;
aber der Orient war das Ziel, fr das man kmpfte und siegte.

Unter solchen Umgebungen verlebte Alexander seine Kinderjahre, und frh
genug mgen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem
Sonnenquell, dem goldenen Weinstock mit smaragdenen Trauben, und der
Nysawiese des Dionys des Knaben Seele beschftigt haben; dann wuchs er
heran und hrte von den Siegen bei Marathon und Salamis und von den
heiligen Tempeln und Grbern, die der Perserknig mit seinen Sklavenheeren
zerstrt und geschndet habe, und wie damals auch sein Ahnherr, der erste
Alexandros, den Persern Erde und Wasser habe darbringen, ihnen Heeresfolge
gegen die Hellenen leisten mssen, wie nun Makedonien nach Asien ziehen und
die Ahnen rchen werde. Als einst Gesandte aus der persischen Knigsburg
nach Pella kamen, fragte er sie sorgsam nach den Heeren und Vlkern dieses
Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Vlker; die
Perser erstaunten ber den Knaben.

Von nicht minderer Wichtigkeit war, da Aristoteles, der grte Denker des
Altertums, des Heranwachsenden Lehrer wurde (345-344). Philipp soll bei der
Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht, er soll ihm geschrieben haben:
Nicht da er geboren ist, sondern da er in Deinen Tagen geboren ist,
macht mich froh; von Dir erzogen und gebildet wird er unserer wrdig und
der Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein. Der die Welt dem
Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte;
ihm gebhrt der Ruhm, dem leidenschaftlichen Knaben die Weihe und Gre
der Gedanken, den Gedanken der Gre gegeben zu haben, der ihn den Genu
verachten und die Wollust fliehen lehrte, der seine Leidenschaft adelte und
seiner Kraft Ma und Tiefe gab. Alexander bewahrte fr seinen Lehrer
allezeit die innigste Verehrung: seinem Vater danke er nur sein Leben,
seinem Lehrer, da er wrdig lebe.

Unter solchen Einflssen bildete sich sein Genius und sein Charakter; voll
Tatenlust und Ruhmbegier trauerte er wohl um die Siege seines Vaters, die
ihm nichts mehr zu tun briglassen wrden. Sein Vorbild war Achilles, aus
dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rhmte, und dem er durch
Ruhm und Leid hnlich werden sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte
er den Freund seiner Jugend, Hephaistion; und wenn er seinen groen
Ahnherrn glcklich pries, da Homer der Nachwelt das Gedchtnis seiner
Taten berliefert habe, so ist die Heldensage der morgen- und
abendlndischen Vlker nicht mde geworden, den Namen Alexanders mit allem
Wunderglanz menschlicher und bermenschlicher Gre zu schmcken. Er liebte
mehr seine Mutter als seinen Vater; von jener hatte er den Enthusiasmus und
die tiefe Innigkeit des Empfindens, die ihn in der Reihe der Helden alter
und neuer Zeit unterscheidet. Dem entsprach sein ueres: sein scharfer
Gang, sein funkelnder Blick, das zurckfliegende Haar, die Gewalt seiner
Stimme bekundete den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner
Miene, das sanfte Rot, das auf seiner Wange spielte, sein
feuchtaufblickendes Auge, das ein wenig zur linken geneigte Haupt. In
ritterlichen bungen war er vor allen ausgezeichnet; schon als Knabe
bndigte er das wilde thessalische Ro Bukephalos, an welches sich kein
anderer wagen wollte, und das ihm spterhin in allen seinen Kriegen als
Schlachtro diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters
Regierung ab; er bezwang, als Philipp Byzanz belagerte, die Maider und
grndete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch hheren Ruhm gewann er in
der Schlacht von Chaironeia, die durch seine persnliche Tapferkeit
gewonnen wurde. Im Jahre darauf schlug er den illyrischen Frsten Pleurias
in einer sehr hartnckigen Schlacht. Der Vater sah, so scheint es, neidlos
in dem Sohn den einstigen Vollender seiner Plne; er wird nach so vielen
Erschtterungen, die die Nachfolge des Knigshauses ber das Land gebracht,
ber die Zukunft desselben beruhigt gewesen sein, wenn ihm zur Seite der
Nachfolger stand, der den hchsten Aufgaben des Knigtums gewachsen schien,
dem, so soll sein Ausspruch gewesen sein, Makedonien zu klein sein werde,
der, nicht, wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ndern, zu bereuen
haben werde.

Dann begannen Irrungen zwischen Vater und Sohn; Alexander sah seine Mutter
von Philipp vernachlssigt, thessalische Tnzerinnen und griechische
Buhlerinnen ihr vorgezogen; dann gar whlte sich der Knig eine zweite
Gemahlin aus den edlen Tchtern des Landes, des Attalos Nichte Kleopatra.
Das Beilager, so ist die Erzhlung, wurde nach makedonischer Sitte glnzend
und lrmend gefeiert; man trank und lachte; schon waren alle vom Wein
erhitzt, da rief Attalos, der jungen Knigin Oheim: Bittet die Gtter, ihr
Makedonen, da sie unserer Knigin Scho segnen und dem Lande einen
rechtmigen Thronerben schenken mgen! Alexander war zugegen; im
heftigsten Zorn schrie er ihm zu: Gelte ich dir als ein Bastard,
Lsterer? und schleuderte den Becher gegen ihn. Der Knig sprang wtend
auf, ri das Schwert von der Seite, strzte auf den Sohn, ihn zu
durchbohren; der Wein, die Wut, die Wunde von Chaironeia machten seinen
Schritt unsicher; er taumelte, fiel zu Boden. Die Freunde eilten, Alexander
aus dem Saale zu entfernen; seht, Freunde, sagte er beim Hinausgehen,
mein Vater will von Europa nach Asien gehen und kann nicht den Weg von
Tisch zu Tisch vollenden. Er verlie mit der Mutter Makedonien; sie ging
nach ihrer Heimat Epiros, er weiter zu den Illyriern.

Nicht lange danach kam Demaratos, der korinthische Gastfreund, nach Pella;
nach dem Grue fragte der Knig, wie es unter den Hellenen ausshe und ob
sie Frieden und Eintracht hielten. Mit edler Freimtigkeit antwortete der
Gastfreund: O Knig, schn fragst du nach Fried' und Eintracht im
hellenischen Lande und hast dein eigen Haus mit Unfrieden und Ha erfllt
und, die dir die Nchsten und Liebsten sein sollten, von dir entfremdet!
Der Knig schwieg; er wute, wie Alexander geliebt wurde, was er galt und
war; er frchtete, den Hellenen Anla zu bsem Leumund und vielleicht zu
bseren Plnen zu geben. Demaratos selbst mute das Geschft des
Vermittlers bernehmen; bald waren Vater und Sohn vershnt, Alexander
kehrte zurck.

Aber Olympias verga nicht, da sie miehrt und verstoen war; sie blieb in
Epiros; sie drang in ihren Bruder, die Waffen gegen Philipp zu erheben,
sich der Abhngigkeit von ihm frei zu machen. Sie wird auch ihren Sohn zu
warnen und aufzureizen nicht unterlassen haben. Anla zu Mitrauen fand
sich genug; Attalos und dessen Freunde standen berall voran. Als gar den
Gesandten des karischen Dynasten Pixodaros, die um ein Bndnis mit Philipp
warben und Verschwgerung beider Huser vorschlugen, fr des Dynasten
Tochter Arrhidaios zum Gemahl angeboten wurde, des Knigs Sohn von der
Thessalerin, da meinte Alexander nicht anders, als da sein Recht auf die
Nachfolge in Gefahr sei. Seine Freunde stimmten bei; sie rieten, mit
Entschlossenheit und hchster Eile den Plnen des Vaters
entgegenzuarbeiten. Ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalos, wurde zum
karischen Dynasten gesandt: er mge doch seine Tochter nicht dem
bldsinnigen Bastard preisgeben; Alexander, des Knigs rechtmiger Sohn
und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mchtigen Frsten Eidam zu
werden. Philipp erfuhr die Sache und zrnte auf das heftigste; in Gegenwart
des jungen Philotas, eines der Freunde Alexanders, warf er ihm die
Unwrdigkeit seines Mitrauens und seiner Heimlichkeiten vor: er sei seiner
hohen Geburt, seines Glckes, seines Berufes nicht wert, wenn er sich nicht
schme, eines Karers Tochter, des Barbarenknigs Sklavin, heimzufhren. Die
Freunde Alexanders, die ihn beraten, Harpalos, Nearchos, Ptolemaios, des
Lagos Sohn, die Brder Erigyios und Laomedon, wurden vom Hofe und aus dem
Lande verwiesen, Thessalos' Auslieferung in Korinth gefordert.

So kam das Jahr 336. Die Rstungen zum Perserkriege wurden mit der grten
Lebhaftigkeit betrieben, die Kontingente der Bundesstaaten aufgerufen, nach
Asien eine bedeutende Heeresmacht unter Parmenion und Attalos
vorausgesandt, die Pltze jenseits des Hellesponts zu besetzen und die
hellenischen Stdte zu befreien, dem groen Bundesheere den Weg zu ffnen.
Seltsam genug, da der Knig so seine Macht zersplitterte, doppelt seltsam,
da er einen Teil derselben, der nicht auf alle Flle stark genug war,
daran gab, ehe er der politischen Verhltnisse daheim vllig sicher war.
Ihm entgingen die Bewegungen in Epiros nicht; sie schienen einen Krieg in
Aussicht zu stellen, der nicht blo den Perserzug noch mehr zu verzgern
drohte, sondern, wenn er glcklich beendet wurde, keinen bedeutenden Gewinn
gebracht, im entgegengesetzten Falle das mhsame Werk, das der Knig in
zwanzigjhriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstrt haben
wrde. Der Krieg mute vermieden, der Molosser durfte nicht in so
unzuverlssiger Stellung zu Makedonien gelassen werden; er wurde durch
einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte.
Philipp verlobte ihm seine und Olympias' Tochter Kleopatra; noch im Herbst
desselben Jahres sollte das Beilager gehalten werden, welches der Knig
zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame
Weihe fr den Perserkrieg mit der hchsten Pracht zu feiern beschlo; hatte
doch auf seine Frage, ob er den Perserknig besiegen werde, der delphische
Gott ihm geantwortet: Siehe, der Stier ist gekrnzt; nun endet's; bereit
ist der Opferer.

Unter den jungen Edelleuten des Hofes war Pausanias, ausgezeichnet durch
seine Schnheit und in des Knigs hoher Gunst. Bei einem Gelage hatte er
schwere Beschimpfung von Attalos erlitten, dann sich, auf das hchste
entrstet, an den Knig gewandt, der, was Attalos getan, wohl tadelte, aber
sich begngte, den Beleidigten mit Geschenken zu begtigen, ihn in die
Reihe der Leibwchter aufzunehmen. Darauf vermhlte sich Philipp mit
Attalos' Nichte, Attalos mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine
Hoffnung sich zu rchen; desto tiefer nagte der Gram und das Verlangen
nach Rache und der Ha gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hause
war er nicht allein; die lynkestischen Brder hatten nicht vergessen, was
ihr Vater, was ihr Bruder gewesen war; sie knpften geheime Verbindung mit
dem Perserknige an; sie waren um desto gefhrlicher, je weniger sie es
schienen. Im stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen;
Hermokrates, der Sophist, schrte die Glut mit der argen Kunst seiner Rede,
er gewann Pausanias' Vertrauen. Wie erlangt man den hchsten Ruhm? fragte
der Jngling. Ermorde den, der das Hchste vollbracht hat, war des
Sophisten Antwort.

Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aigai, der alten Residenz
und, seit Pella blhte, noch der Knige Begrbnisort, sollte das Beilager
gehalten werden; von allen Seiten strmten Gste herbei, in festlichem Pomp
kamen die Theoren aus Griechenland, viele mit goldenen Krnzen fr Philipp,
die Frsten der Agrianer, Paionen, Odryser, die Groen des Reiches, der
ritterliche Adel des Landes, unzhliges Volk. In lautem Jubel, unter
Begrungen und Ehrenverleihungen, unter Festzgen und Gelagen vergeht der
erste Tag; Herolde laden zum nchsten Morgen in das Theater. Ehe noch der
Morgen graut, drngt sich schon die Menge durch die Straen zum Theater in
buntem Gewhl; von seinen Edelknaben und Leibwchtern umgeben naht endlich
der Knig im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das
Theater, er meint ihrer inmitten der frohen Menge nicht zu bedrfen. Da
strzt Pausanias auf ihn zu, durchstt seine Brust, und whrend der Knig
niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die ihm am Tore bereit stehen;
flchtend strauchelt er, fllt nieder; Perdikkas, Leonnatos, andere von den
Leibwchtern erreichen ihn, durchbohren ihn.

In wilder Verzweiflung lst sich die Versammlung; alles ist in Bestrzung,
in Grung. Wem soll das Reich gehren, wer es retten? Alexander ist der
Erstgeborene des Knigs; aber man frchtet den wilden Ha seiner Mutter,
die dem Knige zu Gefallen mancher verachtet und miehrt hat. Schon ist sie
in Aigai, die Totenfeier ihres Gemahls zu halten; sie scheint das
Furchtbare geahnt, vorausgewut zu haben; den Mord des Knigs nennt man
ihr Werk, sie habe dem Mrder die Pferde bereit gehalten. Auch Alexander
habe um den Mord gewut, ein Zeichen mehr, da er nicht Philipps Sohn,
sondern unter schwarzen Zauberknsten empfangen und geboren sei; daher des
Knigs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit
Kleopatra. Dem Knaben, den sie eben geboren, gebhre das Reich; und habe
nicht Attalos, ihr Oheim, des Knigs Vertrauen gehabt? Der sei wrdig, die
Regentschaft zu bernehmen. Andere meinen, das nchste Recht an das Reich
habe Amyntas, Perdikkas' Sohn, der als Kind die Zgel des vielbedrohten
Reiches an Philipp habe berlassen mssen; nur Philipps Trefflichkeit mache
seine Usurpation verzeihlich; nach unverjhrbarem Recht msse Amyntas jetzt
die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung wrdig gemacht
habe. Dagegen behaupten die Lynkestier und ihr Anhang: wenn ltere
Ansprche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht wrden, so habe vor
Perdikkas und Philipps Vater ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen,
dessen sie nicht lnger durch Usurpation beraubt bleiben drften; berdies
seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der
Kraft und Hoffnung zu herrschen entwhnt, Alexander unter dem Einflu
seiner rachedrstenden Mutter, durch bermut, verkehrte Bildung im
Geschmack des Tages, Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des
Landes gefhrlicher als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien
Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte
Sitte aufrechtzuerhalten gestrebt habe; ergraut unter den Makedonen, mit
den Wnschen des Volkes vertraut, dem groen Knige in Susa befreundet,
knnten sie allein das Land vor dessen Zorn schtzen, wenn er Genugtuung
fr den tollkhn begonnenen Krieg Philipps zu fordern komme; zum Glck sei
das Land durch die Hand ihres Freundes frh genug von einem Knige befreit,
der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwre und Tugend fr nichts
geachtet habe.

So die Parteien; aber das Volk hate die Knigsmrder und frchtete den
Krieg nicht; es verga Kleopatras Sohn, da der Vertreter seiner Partei
fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Tatlosigkeit
Beweis genug fr seine Unfhigkeit schien. Auf Alexanders Seite war alles
Recht und die Teilnahme, welche unverdiente Krnkungen erwecken, auerdem
der Ruhm der Kriege gegen die Maider, die Illyrier, des Sieges von
Chaironeia, der schnere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und
Hochherzigkeit; selbst den Geschften des Reiches hatte er schon mit Glck
vorgestanden; er besa das Vertrauen und die Liebe des Volkes; namentlich
des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Alexandros erkannte, da fr ihn
keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias' Sohn, er war der erste, der ihn
als Knig der Makedonen begrte.

Alexanders Anfang war nicht die einfache bernahme eines zweifellosen
Erbes; er, der Zwanzigjhrige, sollte zeigen, ob er Knig zu sein Beruf
und Kraft habe. Er ergriff die Zgel der Herrschaft mit sicherer Hand, und
die Verwirrung war vorber. Er berief nach makedonischer Sitte das Heer,
seine Huldigung zu empfangen: nur der Name des Knigs sei ein anderer, die
Macht Makedoniens, die Ordnung der Dinge, die Hoffnung auf Eroberung
dieselbe. Er lie die alte Dienstpflicht; er erlie denen, die dienten,
alle anderen Dienste und Lasten. Hufige bungen und Mrsche, die er
anordnete, stellten den militrischen Geist bei den Truppen, den die
jngsten Vorgnge gelockert haben mochten, wieder her und machten sie
seiner Hand sicher.

Der Knigsmord forderte die strengste Strafe; sie war zugleich das
sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, da
die lynkestischen Brder vom Perserknige, der den Krieg mit Philipp
frchtete, bestochen waren und in der Hoffnung, durch persische Hilfe das
Reich an sich zu reien, eine Verschwrung gestiftet hatten, fr deren
geheime Plne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die
Mitverschworenen wurden in den Tagen der Leichenfeier hingerichtet, unter
ihnen die Lynkestier Arrhabaios und Heromenes; ihr Bruder Alexandros wurde
begnadigt, weil er sich unterworfen hatte; des Arrhabaios Sohn Neoptolemos
flchtete zu den Persern.




  Drittes Kapitel

  Gefahren von auen -- Der Zug nach Griechenland 336 -- Erneuerung
  des Bundes von Korinth -- Das Ende des Attalos --
  Die Nachbarn im Norden -- Feldzug nach Thrakien, an die Donau,
  gegen die Illyrier -- Zweiter Zug nach Griechenland -- Zerstrung
  Thebens -- Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth


Rasch und mit fester Hand hatte Alexander die Zgel der Herrschaft
ergriffen, die Ruhe im Innern hergestellt. Aber von auen liefen hchst
beunruhigende Nachrichten ein.

In Kleinasien hatte Attalos, auf seine Truppen rechnend, die er zu gewinnen
verstanden, den Plan gefat, unter dem Scheine, die Ansprche seines
Groneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, die Herrschaft an sich
zu reien; seine Heeresmacht, mehr noch die Verbindungen, die er mit den
Feinden Makedoniens angeknpft hatte, machten ihn gefhrlich. Dazu begann
eine Bewegung in den hellenischen Landen, die einen allgemeinen Abfall
besorgen lie. Die Athener hatten auf die Nachricht von Philipps Tod -- die
erste empfing Demosthenes durch geheime Boten des Strategen Charidemos, der
wohl in der Nhe der thrakischen Ksten auf Station war -- ein Freudenfest
gefeiert, dem Gedchtnis des Mrders einen Ehrenbeschlu gewidmet;
Demosthenes selbst hatte diese Antrge gestellt, er hatte, in der
Ratsversammlung sprechend, Alexander einen Gimpel genannt, der sich aus
Makedonien nicht hinauswagen werde; er setzte alles in Bewegung, Athen,
Theben, Thessalien, das ganze Hellas zum offenen Bruch mit Makedonien zu
vermgen, als bnde der Eid des mit dem Vater geschworenen Bundesvertrages
die Staaten, die ihm geschworen, nicht gegen den Sohn. Er sandte Boten und
Briefe an Attalos, er unterhandelte mit Persien ber Hilfsgelder gegen
Makedonien. Athen rstete zum Kriege, machte die Flotte bereit; Theben
schickte sich an, die makedonische Besatzung aus der Kadmeia zu treiben;
die toler, bisher Freunde Makedoniens, beschlossen, die von Philipp aus
Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurckzufhren; die Ambrakioten
verjagten die makedonische Besatzung und richteten Demokratie ein; Argos,
die Elier, die Arkader waren bereit, das makedonische Joch abzuwerfen, und
Sparta hatte sich ihm nie unterworfen.

Umsonst schickte Alexander Gesandte, die sein Wohlwollen fr Hellas, seine
Achtung vor den bestehenden Freiheiten versicherten; die Hellenen
schwelgten in der Zuversicht, da nun die alte Zeit des Ruhmes und der
Freiheit zurckgekehrt sei; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei
Chaironeia habe die ganze makedonische Macht unter Philipp und Parmenion
mit Mhe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Hellenen
vereint, ihnen gegenber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, der
lieber in Pella den Lehren des Aristoteles nachhngen als mit Hellas zu
kmpfen wagen werde; sein einziger erprobter Feldherr Parmenion sei in
Asien, mit ihm ein bedeutender Teil des Heeres, schon von den persischen
Satrapen bedrngt, ein anderer unter Attalos bereit, sich fr die Hellenen
gegen Alexander zu erklren; selbst die thessalischen Ritter, selbst das
Kriegsvolk der Thraker und der Paionen sei der makedonischen Macht
entzogen, nicht einmal der Weg nach Hellas ihr mehr offen, wenn Alexander
wagen sollte, sein Reich den Einfllen der nordischen Nachbarn und den
Angriffen des Attalos preiszugeben. In der Tat drohten die Vlker im Norden
und Osten, sich der Abhngigkeit von Makedonien zu entziehen, oder bei dem
ersten Anla die Grenzen des Reiches ruberisch zu berfallen.

Alexanders Lage war peinlich und dringend. Seine Freunde -- auch die jngst
verbannten waren zurckgekehrt -- beschworen ihn, nachzugeben, ehe alles
verloren sei, sich mit Attalos zu vershnen und das vorausgesandte Heer an
sich zu ziehen, die Hellenen gewhren zu lassen, bis der erste Rausch
vorber sei, die Thraker, Geten, Illyrier durch Geschenke zu gewinnen, die
Abtrnnigen durch Gnade zu entwaffnen. So htte sich freilich Alexander in
Makedonien recht festsetzen und sein Land in Frieden regieren knnen; er
htte vielleicht allmhlich denselben Einflu ber Hellas und dieselbe
Macht ber die umwohnenden Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen,
ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken knnen, wie der Vater
sein Leben lang. Alexander war anderer Art; der Entschlu, den er fate,
zeigt ihn in der ganzen Macht und Khnheit seines Geistes. Wie von einem
Helden spterer Jahrhunderte gesagt worden ist: Sein Genius zog ihn.

Das Gewirr der Gefahren ordnete sich ihm in drei Massen: der Norden, Asien,
Hellas. Zog er gegen die Vlker im Norden, so gewann Attalos Zeit, seine
Macht zu verstrken und vielleicht nach Europa zu fhren; das Bndnis der
hellenischen Stdte erstarkte, und er war gezwungen, als Treubruch und
offene Emprung der Staaten zu bekmpfen, was jetzt noch als Parteisache
und als Einflsterungen verbrecherischer und von persischem Golde
bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Hellas, so
konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Psse sperren und lange
aufhalten, whrend Attalos durch nichts gehindert war, in seinem Rcken zu
operieren und sich mit den aufrhrerischen Thrakern zu vereinen. Das
Unstatthafteste war, gegen Attalos selbst zu ziehen; die griechischen
Staaten wren zu lange sich selbst berlassen gewesen, Makedonen gegen
Makedonen zum Brgerkriege gefhrt, in dem vielleicht persische Satrapen
den Ausschlag gegeben htten, endlich Attalos, der nur als Verbrecher
angesehen werden durfte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu
kmpfen den Knig in den Augen der Hellenen und Barbaren erniedrigt htte.
Verstand man ihn zu treffen, so war die Kette gesprengt, und das Weitere
fand sich von selbst.

Attalos wurde als des Hochverrats schuldig zum Tode verurteilt; einer der
Freunde, Hekataios von Kardia, erhielt den Befehl, an der Spitze eines
Korps nach Asien berzusetzen, sich mit den Truppen Parmenions zu
vereinigen, Attalos lebend oder tot nach Makedonien einzubringen. Da von
den Feinden im Norden schlimmstenfalls nicht mehr als verwstende Einflle
zu frchten waren und ein spterer Zug sie leicht unterwerfen konnte,
beschlo der Knig, mit seinem Heere in Hellas einzurcken, bevor ihm dort
eine bedeutende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte.

Um diese Zeit kamen Boten des Attalos nach Pella, welche die Gerchte, die
ber ihn verbreitet seien, Verleumdung nannten, in schnklingenden Worten
seine Ergebenheit versicherten und zum Zeichen seiner aufrichtigen
Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes ber die Rstungen in Hellas
empfangen habe, in des Knigs Hand legten. Der Knig, der aus diesen
Dokumenten und aus Attalos' Annherung auf den geringen Widerstand, den er
in Hellas zu erwarten habe, schlieen durfte, nahm seinen Befehl nicht
zurck; auf des alten Parmenion Diensttreue, obschon Attalos dessen
Schwiegersohn war, konnte er sich verlassen.

Er selbst brach nach Thessalien auf; er zog an der Meereskste den Pssen
des Peneios zu; den Hauptpa Tempe, sowie den Seitenpa Kallipeuke fand er
stark besetzt. Sie mit der Waffe in der Hand zu nehmen, war schwierig,
jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Sdwrts
vom Hauptpa erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere
her als neben dem Peneios emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen
fhrte Alexander sein Heer, lie es, wo es ntig war, Stufen in das Gestein
sprengen und kam, so das Gebirge bersteigend, in die Ebene Thessaliens, im
Rcken des thessalischen Postens. Er war ohne Schwertstreich Herr des
Landes, das er gewinnen, nicht unterwerfen wollte, um fr den Perserkrieg
der trefflichen thessalischen Reiter gewi zu sein. Er lud die Edlen
Thessaliens zu einer Versammlung; er erinnerte an die gemeinschaftliche
Abstammung vom Geschlecht Achills, an die Wohltaten seines Vaters, der das
Land von dem Joche des blutigen Tyrannen von Pherai befreit und durch die
Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas fr immer vor
Aufstnden und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie
freiwillig seinem Vater gegeben htten, und die Anerkennung der in dem
hellenischen Bunde demselben bertragenen Hegemonie von Hellas; er
versprach, die einzelnen Familien und Landschaften, wie sein Vater, in
ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schtzen, in den
Perserkriegen ihren Rittern den vollen Anteil an der Kriegsbeute zu geben,
Phthia aber, die Heimat ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch
Steuerfreiheit zu ehren. Die Thessalier eilten, so gnstige und ehrenvolle
Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschlu Alexander in den Rechten
seines Vaters zu besttigen, endlich, wenn es not tue, mit Alexander zur
Unterdrckung der Unruhen nach Hellas zu ziehen. Wie die Thessaler, so mit
dem gleichen Entgegenkommen gewann er die anwohnenden nianen, Malier,
Dolopier, -- Stmme, deren jeder in dem Rat der Amphiktyonen eine Stimme
hatte, und mit deren Zutritt ihm der Weg durch die Thermopylen offen stand.

Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den hellenischen
Staaten nicht Zeit gelassen, die wichtigen Psse des Oitagebirges zu
besetzen. Es lag nicht in Alexanders Plan, durch gewaltsame Maregeln einer
Bewegung, die womglich nur als das trichte Werk einer Partei erscheinen
sollte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Durch die Nhe der makedonischen
Heeresmacht erschreckt, beeilte man sich in Hellas, den Schein tiefen
Friedens anzunehmen. Weil demnach die frheren Verhltnisse, wie sie von
Philipp gegrndet waren, noch bestanden, berief Alexander die Amphiktyonen
nach den Thermopylen, forderte und erhielt von ihnen durch gemeinsamen
Beschlu die Anerkennung seiner Hegemonie. In derselben Absicht gewhrte er
den Ambrakioten die Autonomie, die sie mit der Austreibung der
makedonischen Besatzung hergestellt hatten: er habe selbst sie ihnen
anbieten wollen, sie seien ihm nur zuvorgekommen.

Wenn auch die Thessaler, die Amphiktyonen, Alexanders Hegemonie anerkannt
hatten, von Theben, Athen, Sparta waren keine Gesandten in den Thermopylen
erschienen. Vielleicht brach Theben jetzt noch los; es htte auf die
Zustimmung vieler Staaten, vielleicht auf ihren Beistand rechnen knnen.
Freilich gerstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am
Eurotas gelagert, sich nicht erholen knnen; in der Kadmeia, in Chalkis,
auf Euboia, in Akrokorinth lag noch makedonische Besatzung; in Athen wurde,
wie immer, viel deklamiert und wenig getan; selbst als die Nachricht kam,
da der Knig bereits in Thessalien sei, da er mit den Thessalern vereint
in Hellas einrcken werde, da er sich ber die Verblendung der Athener
sehr erzrnt geuert habe, waren, obschon Demosthenes nicht aufgehrt
hatte, den Krieg zu predigen, die Rstungen nicht eifriger betrieben
worden. Rasches Vorgehen des makedonischen Heeres konnte Hellas vor groem
Unheil retten.

Alexander rckte aus den Thermopylen in die boiotische Ebene hinab, lagerte
sich nahe bei der Kadmeia; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als
man in Athen erfuhr, da Theben in Alexanders Hnden sei, so da jetzt ein
Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Tore der Stadt bringen konnte,
verging auch den eifrigsten Freiheitsmnnern der Mut; es wurde beschlossen,
in Eile die Mauern in Verteidigungsstand zu setzen, das platte Land zu
rumen, alle fahrende Habe nach Athen zu flchten, so da die viel
bewunderte und viel umstrittene Stadt wie ein Stall voll Rinder und Schafe
wurde, zugleich beschlossen, dem Knige Gesandte entgegenzuschicken, die
ihn begtigen, um Verzeihung bitten sollten, da seine Hegemonie nicht
sofort von den Athenern anerkannt sei; vielleicht lie sich noch der Besitz
von Oropos retten, das man zwei Jahre vorher aus Philipps Hand empfangen
hatte. Demosthenes, der einer der Gesandten war, kehrte auf dem Kithairon
um, entweder seines Schreibens an Attalos eingedenk, oder um sein
Verhltnis mit Persien nicht blozustellen; mochten die anderen Gesandten
die Bitten des attischen Demos berbringen. Alexander nahm sie gtig auf,
verzieh das Geschehene, erneuerte die frher mit seinem Vater geschlossenen
Vertrge, verlangte nur, da Athen zu den weiteren Verhandlungen
Bevollmchtigte nach Korinth sende. Der Demos hielt es angemessen, dem
jungen Knige noch grere Ehren als zwei Jahre vorher seinem Vater zu
dekretieren.

Alexander zog weiter nach Korinth, wohin die Bevollmchtigten der
Bundesstaaten beschieden waren. Auch Sparta mag geladen worden sein; darauf
fhrt die Erwhnung der spartanischen Erklrung: es sei nicht Herkommen bei
ihnen, anderen zu folgen, sondern selbst zu fhren. Alexander htte sie
unschwer zwingen knnen; es wre weder klug noch der Mhe wert gewesen, er
wollte nichts als die mglichst schleunige Beruhigung Griechenlands und die
Anerkennung der Hegemonie Makedoniens gegen die Perser. In diesem Sinne
wurde die Formel des Bundes erneut und beschworen, Alexander zum
unumschrnkten Strategen der Hellenen ernannt.

Alexander hatte erreicht, was er wollte. Es wre von Interesse, die
Stimmung zu kennen, wie sie nun in den hellenischen Landen ber ihn war;
wahrscheinlich weder so emprt, noch so nur erheuchelt, wie es der
verbissene Freiheitseifer attischer Redner, oder der affektierte
Tyrannenha griechischer Moralisten der rmischen Kaiserzeit mchte glauben
machen. Die andere Seite zeigt es, wenn, von den asiatischen Hellenen
gesandt, Delius von Ephesos, der Schler Platons, zu Alexander gekommen war
und ihn am meisten drngte und entflammte, den Krieg gegen die Perser zu
beginnen. Unter den ihm Nchstbefreundeten waren Erigyios und Laomedon
geborene Lesbier, nach Amphipolis bersiedelt, denen das Elend ihrer von
Perserfreunden beherrschten Heimat bekannt genug gewesen sein wird, -- eine
traurige Erluterung der Autonomie, die der Groknig in dem Antalkidischen
Frieden den Inseln von Rhodos bis Tenedos zugesichert hatte; fr das
Griechentum dort gab es keine Rettung, wenn nicht Alexander kam und siegte.
In Hellas selbst hatte nur Theben, nicht unverschuldet, den Untergang
seiner Autonomie zu beklagen; in Athen war die Stimmung der
leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, je von den letzten
Eindrcken und den nchsten Hoffnungen abhngig; und Spartas mrrische
Abkehr bezeugt doch mehr Konsequenz der Schwche als der Strke, mehr ble
Laune als echtes Selbstgefhl. Man darf vermuten, da der verstndigere
Teil des hellenischen Volkes sich dem groen nationalen Unternehmen, an
dessen Schwelle man stand, und dem jugendlichen Helden, der sich fr
dasselbe einsetzte, zuwandte; die Tage, welche Alexander in Korinth
zubrachte, schienen den Beweis dafr zu geben. Von allen Seiten waren
Knstler, Philosophen, politische Mnner dorthin geeilt, den kniglichen
Jngling, den Zgling des Aristoteles, zu sehen; alle drngten sich in
seine Nhe, suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen. Nur
Diogenes von Sinope blieb ruhig in seiner Tonne am Ringplatz der Vorstadt.
So ging Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich
sonnen; er begrte ihn, fragte ihn, ob er irgendeinen Wunsch habe; geh
mir ein wenig aus der Sonne, war des Philosophen Antwort. Der Knig sagte
darauf zu seinem Gefolge: Beim Zeus, wenn ich nicht Alexander wre, mchte
ich Diogenes sein. Vielleicht nur eine Anekdote, wie deren unzhlige von
dem Sonderling erzhlt wurden.

Alexander kehrte mit dem Winter nach Makedonien zurck, um sich zu dem bis
jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Vlker an der Grenze zu
rsten. Attalos war nicht mehr im Wege; Hekataios hatte sich mit Parmenion
vereinigt, und da sie ihre Macht nicht stark genug glaubten, Attalos
inmitten der Truppen, die er zu gewinnen verstanden hatte, festzunehmen,
lieen sie ihn dem Befehl gem ermorden; die verfhrten Truppen, teils
Makedonen, teils hellenische Sldner, kehrten zur Treue zurck.

So in Asien; in Makedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit
benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genieen. Der
Mord des Knigs war, wenn nicht ihr Werk, gewi ihr Wunsch gewesen; aber
noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwrdiges hatten dulden
mssen; auch die junge Witwe Kleopatra und ihr Sugling sollten sterben.
Olympias lie das Kind im Scho der Mutter ermorden und zwang die Mutter,
sich am eigenen Grtel aufzuknpfen. Es wird berichtet, da Alexander der
Mutter darber zrnte; mehr als zrnen konnte der Sohn nicht. Noch war der
Mut der Gegner nicht gebrochen; immer neue Anzettelungen wurden entdeckt;
an einem Plan zur Ermordung Alexanders fand man Amyntas beteiligt, den Sohn
des Knigs Perdikkas, den Philipp nachmals mit seiner Tochter Kynna
vermhlt hatte; er wurde hingerichtet.

Indes hatte das nach Asien vorausgesandte Korps sich an der Kste nach
Osten und Sden ausgedehnt; das freie Kyzikos an der Propontis sttzte
dessen linke Flanke, auf der rechten hatte Parmenion Gryneion im Sden des
Kaikos besetzt; und schon hatte sich in Ephesos der Demos erhoben und die
persisch gesinnte Oligarchie ausgetrieben, fr das weitere Vordringen
Parmenions ein wichtiger Sttzpunkt. Gewi sah der Demos allerorten, der
von Tyrannen wie in den Stdten der Insel Lesbos, von Oligarchen wie in
Chios und Kos gedrckt und in persischer Unterwrfigkeit gehalten wurde,
mit steigender Erregung auf die Fortschritte der makedonischen Truppen.
Mochte deren Voraussendung ein Fehler, fr Alexanders Anfnge eine
Verlegenheit gewesen sein, jetzt konnte dies Korps und die Aufregung, die
es veranlate, wenigstens fr den thrakischen Feldzug den Rcken decken;
die Positionen, die es besetzt hatte, und die makedonische Flotte, die im
Hellespont lag, machten einen Versuch der Perser, nach Thrakien
hinberzugehen, unmglich.

Allerdings war es dringend ntig, die Thraker, Geten, Triballer, Illyrier
die berlegenheit der makedonischen Waffen fhlen zu lassen, um mit ihnen,
bevor das groe Unternehmen nach Asien begonnen wurde, ein haltbares
Verhltnis herzustellen. Diese Vlkerschaften, die Makedonien von drei
Seiten umgaben, waren in der Zeit Philipps teils zu Untertanen, teils zu
pflichtigen Verbndeten des makedonischen Knigtums gemacht oder doch, wie
die illyrischen Stmme, durch wiederholte Niederlagen in ihren ruberischen
Streifzgen gehemmt worden. Jetzt mit Philipps Tode schien diesen Barbaren
die Zeit gekommen, sich der lstigen Abhngigkeit zu entschlagen und unter
ihren Huptlingen in alter Unabhngigkeit zu streifen und zu heeren, wie
ihre Vter getan.

So standen jetzt die Illyrier unter ihrem Frsten Kletosi auf, dessen Vater
Bardyllis, erst Kohlenbrenner, dann Knig, die verschiedenen Gaue zu
gemeinsamen Raubzgen vereint und in den schlimmsten Zeiten des Amyntas und
des Aloriten Ptolemaios auch makedonische Grenzgebiete besetzt hatte, bis
endlich Philipp in schweren Kmpfen ihn bis hinter den lychnitischen See
zurckgeworfen hatte. Wenigstens die Psse im Sden desselben gedachte
jetzt Kleitos zu gewinnen. Gemeinsame Sache mit ihm zu machen, rsteten
sich die Taulantiner unter ihrem Frsten Glaukias, die neben und hinter
jenen bis zur Seekste bei Apollonia und Dyrrhachion saen. Nicht minder
schickten sich die Autariaten, die seit zwei Menschenaltern in den Tlern
des Brongos und Angros, der serbischen und bulgarischen Morawa, saen, von
der allgemeinen Bewegung ergriffen, zu einem Einbruch in das makedonische
Gebiet an.

Noch gefhrlicher schien der zahlreiche, den Makedonen feindliche
Thrakerstamm der Triballer, die jetzt im Norden des Haimosgebirges und
lngs der Donau hinab wohnten. Sie hatten schon einmal, um 370, als die
Autariaten sie aus ihrem Lande an der Morawa verdrngt hatten, den Weg ber
die Gebirge bis Abdera gefunden und waren dann mit Beute beladen zur Donau
zurckgekehrt, wo sie die Geten aus ihren Sitzen trieben. Die
Ausgetriebenen zogen sich auf die weiten Ebenen auf dem linken Donauufer
zurck, die wie die Sumpfwlder der Donaumndung und die Steppe der
Dobrudscha die Skythen, die der alte Knig Ateas beherrschte, innehatten;
so bedrngten sie ihn, da der alte Knig endlich durch Vermittlung der ihm
befreundeten Griechen in Apollonia Philipps Hilfe anrief; aber bevor diese
kam, hatte er seinen Frieden mit den Geten gemacht und kehrte seine Waffen
gegen den, der zu seiner Hilfe heranzog; er bte es mit schwerer
Niederlage (339). Aber den mit reicher Beute heimkehrenden Philipp -- er
whlte den Weg durch das Gebiet der Triballer -- berfielen die, welche er
zu schrecken gedacht haben mochte, nahmen ihm einen Teil seiner Beute ab,
und die Wunde, die er davontrug, zwang ihn heimzuziehen, ohne sie erst zu
zchtigen; im Herbst darauf hatte ihn der amphiktyonische Krieg nach Hellas
gerufen, dann die Bewltigung Thebens, die Ordnung des Korinthischen
Bundes, dann der Krieg gegen den Illyrier Pleurias in Anspruch genommen;
bevor er sich gegen die Triballer hatte wenden knnen, hatte ihn der Tod
ereilt. Wie htten die Anfnge eines jungen Knigs und die nur zu bekannten
Spannungen am Hofe zu Pella nicht die Triballer ebenso locken sollen wie
die Illyrier?

Wenn sie sich jetzt erhoben, so wrden die ihnen nchstgesessenen
Thrakerstmme, die selbst den Rubern als Ruber furchtbar im Haimos
hausten, die Maider, Besser, Korpillen, nicht etwa ihren Einbruch
abgewehrt, sondern sich mit ihnen vereint und die Gefahr verdoppelt haben;
auch die sdlicher in der Rhodope bis zum Nessostal hinab wohnenden, die
sogenannten freien Thraker, htten sicher, wie ehedem bei dem Zug gegen
Abdera, mit den Triballern gemeinsame Sache gemacht. Und der im Norden
nchstgelegenen, halb untertnigen Gebiete, namentlich des zwischen dem
Strymon und dem oberen Axios gelegenen und immer noch bedeutenden
Frstentums der Paionen[3] war das makedonische Knigtum noch keineswegs
fr alle Flle sicher, obschon sie sich fr den Augenblick noch ruhig
verhielten. Nicht weniger unzuverlssig schienen die Thraker im Flugebiet
des Hebros und bis an die Propontis im Sden, den Pontos im Osten, einst
viele kleine Frstentmer, zusammen von bedeutender Macht, solange sie in
dem odrysischen Knigtum -- sie alle stammten aus diesem Knigshause des
Teres, des Odrysenknigs in der perikleischen Zeit -- eine Art
zusammenhaltender Einigung gehabt hatten; von Knig Philipp waren sie in
langen und schweren Kmpfen mehr und mehr getrennt und zur Abhngigkeit
gezwungen worden; da Athen die Wiedereinsetzung des Kersobleptes und des
alten Teres von Philipp forderte, hatte den schweren Krieg von 340
veranlat. Mglich, da nach dem Siege von Chaironeia Philipp auch in den
thrakischen Verhltnissen Ordnung gemacht hat; es kann kein Zweifel sein,
da einzelne dieser Frsten ihr Erbe behielten, aber in Abhngigkeit von
Makedonien, die ihnen zu ertragen unleidlich genug sein mochte; doppelt
unleidlich, da die makedonischen Ansiedlungen am Hebros und vielleicht ein
makedonischer Strateg als Statthalter sie zwang, Ruhe zu halten. Ohne da
diese Vlker die Verwirrung nach Philipps Ermordung zu offenbaren
Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschworenen, mit Attalos, mit den
Athenern in Verbindung gestanden htten, war die Besorgnis vor ihnen im Rat
Alexanders so gro, da alle Nachgiebigkeit, und selbst wenn sie abfielen,
Nachsicht fr geratener hielten, als mit Strenge Unterwrfigkeit und
Achtung fr die bestehenden Vertrge zu fordern. Alexander erkannte, da
Nachgiebigkeit und halbe Maregeln und Makedonien, wenn es angriff,
unberwindlich war, zur Defensive erniedrigt, die wilden und raublsternen
Barbaren khner, den Perserkrieg unmglich gemacht htten, da man weder die
Grenzen ihren Angriffen preisgeben, noch sie als leichtes Fuvolk in den
Perserkriegen entbehren konnte.

    [3] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Jetzt waren die Gefahren im hellenischen Lande glcklich beseitigt und die
Jahreszeit so weit vorgerckt, da man die Gebirge ohne bedeutende
Hindernisse zu durchziehen hoffen durfte. Da diejenigen der bezeichneten
Vlkerschaften, welche zu Makedonien gehrten, noch nichts Entschiedenes
unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rckkehr nach
Makedonien an weitere Wagnisse nicht zu denken schienen, da auf der anderen
Seite, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken,
die berlegenheit der makedonischen Waffen und der bestimmte Wille, diese
geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen gezeigt werden mute, so
beschlo der Knig einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafr
bestraft worden waren, da sie Philipp auf dem Rckmarsche vom Skythenzuge
berfallen und beraubt hatten.

Dem Knige standen zwei Wege ber das Gebirge in das Land der Triballer
offen, entweder am Axiosstrom aufwrts durch die nrdlichen Psse und das
Gebiet der allezeit treuen Agrianer in die Ebene der Triballer
hinabzugehen, oder ostwrts durch das Gebiet der freien Thraker ins Tal des
Hebros zu ziehen und dann nach dem Haimos hinaufzusteigen, um die Triballer
an ihrer Ostgrenze zu berfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil
er durch das Gebiet unsicherer Vlkerschaften, namentlich der odrysischen
Thraker fhrte. Zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl
Kriegsschiffe nach den Donaumndungen zu senden, um den bergang ber
diesen Strom mglich zu machen. Antipatros blieb zur Verwaltung des Reiches
in Pella zurck.

Von Amphipolis aus zog der Knig zuerst gegen Osten, durch das Gebiet der
freien Thraker, Philippoi, dann den Orbelos zur Linken lassend, im
Nessostal hinauf und ber diesen Flu. Darauf ging er ber die Rhodope, um
durch das Gebiet der Odryser zu den Haimospssen zu gelangen. Nach einem
Marsche von zehn Tagen, so heit es, stand Alexander am Fu des Gebirges;
der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Hhen hindurchdrngt, war
von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den bergang hindern zu wollen
schienen, teils Gebirgsbewohner dieser Gegend, teils freie Thraker. Nur mit
Dolch und Jagdspie bewaffnet, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes
bedeckt, so da sie gegen die schwerbewaffneten Makedonen nicht das Feld
halten konnten, wollten sie die feindliche Schlachtlinie, wenn sie gegen
die Hhen anrckte, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen
sie die Hhen besetzt hatten, zerreien und in Verwirrung bringen, um ber
die aufgelsten Reihen herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah und sich
berzeugte, da der bergang an keiner anderen Stelle mglich sei, gab dem
Fuvolk die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, berall, wo es das
Terrain gestattete, die Linien zu ffnen und die Wagen durch diese Lcken
hinfahren zu lassen; wo sie nicht nach den Seiten hin ausweichen knnten,
sollten die Leute, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilder ber
ihre Hupter fest aneinander schlieen, damit die niederfahrenden Wagen
ber sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten teils durch die ffnungen,
teils ber die Schilddcher hinweg, ohne Schaden zu tun. Mit lautem
Geschrei drangen jetzt die Makedonen auf die Thraker ein; die Bogenschtzen
vom rechten Flgel aus vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit
ihren Geschossen zurck und deckten den bergaufsteigenden Marsch der
Schwerbewaffneten; sowie diese in geschlossener Linie vordrangen,
vertrieben sie mit leichter Mhe die schlechtbewaffneten Barbaren aus ihrer
Stellung, so da sie dem auf dem linken Flgel mit den Hypaspisten und
Agrianern anrckenden Knig nicht mehr standhielten, sondern die Waffen
wegwarfen und, so gut sie konnten, flchteten. Sie verloren fnfzehnhundert
Tote; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Makedonen zur
Beute und unter Lysanias und Philotas in die Seestdte auf den Markt
geschickt.

Alexander zog nun die sanfteren Nordabhnge des Gebirges hinab in das Tal
der Triballer, ber den Lyginos (wohl die Jantra bei Tirnowo), der hier
etwa drei Mrsche von der Donau entfernt strmt. Syrmos, der
Triballerfrst, hatte, von Alexanders Zuge in Kenntnis gesetzt, die Weiber
und Kinder der Triballer zur Donau vorausgeschickt und sie auf die Insel
Peuke berzusetzen befohlen; ebendahin hatten sich bereits die den
Triballern benachbarten Thraker geflchtet; auch Syrmos selbst war mit
seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen hatte sich
rckwrts dem Flusse Lyginos zu, von dem Alexander tags zuvor aufgebrochen
war, gezogen, wohl um sich der Psse in seinem Rcken zu bemchtigen. Kaum
hatte das der Knig erfahren, so kehrte er schnell zurck, um sie
aufzusuchen, und berraschte sie, da sie sich eben gelagert hatten; sie
stellten sich schnell an dem Saume des Waldes auf, der sich an dem Flu
entlangzog. Whrend die Kolonnen der Phalanx heranzogen, lie Alexander die
Bogenschtzen und Schleuderer vorauseilen, mit Pfeilen und Steinen die
Feinde auf das offene Feld zu locken. Diese brachen hervor, und indem sie,
namentlich auf dem rechten Flgel, sich zu weit wagten, sprengten rechts
und links drei Ilen der Ritterschaft auf sie ein; schnell rckten im
Mitteltreffen die anderen Ilen und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind,
der sich bis dahin wacker gehalten hatte, stand dem Andrang der
geharnischten Reiter und der geschlossenen Phalanx nicht und floh durch den
Wald zum Flu zurck; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen
retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht
begnstigt.

Alexander setzte seinen frheren Marsch fort und kam am dritten Tage an die
Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe von Byzanz erwarteten; sofort
wurden sie mit Bogenschtzen und Schwerbewaffneten bemannt, um die Insel,
auf welche sich die Triballer und Thraker geflchtet hatten, anzugreifen;
aber die Insel war gut bewacht, die Ufer steil, der hier eingeengte Strom
reiend, der Schiffe zu wenig, und die Geten am Nordufer schienen bereit,
mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Alexander zog seine Schiffe zurck
und beschlo, sofort die Geten am jenseitigen Ufer anzugreifen; wenn er
durch die Demtigung Herr der beiden Ufer war, konnte sich auch die
Donauinsel nicht halten.

Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde und mehr als zehntausend zu Fu,
hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtbefestigten Stadt, die
etwas landeinwrts lag, aufgestellt; sie mochten erwarten, da der Feind
tagelang brauchen werde, ber den Strom zu kommen, da sich so Gelegenheit
finden werde, die einzelnen Abteilungen, die landeten, zu berfallen und
aufzureiben. Es war Mitte Mai, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide
bedeckt, das hoch genug in den Halmen stand, um landende Truppen den Augen
des Feindes zu entziehen. Alles kam darauf an, die Geten mit schnellem
berfall zu fassen; da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug aufnehmen
konnten, so brachte man aus der Gegend eine Menge kleiner Nachen zusammen,
deren sich die Einwohner bedienten, wenn sie auf dem Strome fischten,
Freibeuterei trieben oder Freunde im unteren Dorfe besuchten; auerdem
wurden die Felle, unter denen die Makedonen nchtigten, mit Heu ausgefllt
und fest zusammengeschnrt. In der Stille der Nacht setzten fnfzehnhundert
Reiter und viertausend Mann Fuvolk unter Fhrung des Knigs ber den
Strom, landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes unterhalb der
Stadt. Mit Tagesanbruch rckten sie durch die Saaten vor, vorauf das
Fuvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den Sarissen niederzuschlagen
und, bis sie an ein unbebautes Feld kmen, vorzurcken. Dort ritt die
Reiterei, die bisher dem Fuvolke gefolgt war, unter des Knigs Anfhrung
bei dem rechten Flgel auf, whrend links, an den Flu gelehnt, die Phalanx
in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrckte. Die Geten, erschreckt
durch die unbegreifliche Khnheit Alexanders, der so leicht den grten
aller Strme, und das in einer Nacht, berschritten, eilten, weder dem
Andrang der Reiter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die
Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrcken sahen,
flchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die
Pferde tragen konnten, weiter ins Innere des Landes. Der Knig rckte in
die Stadt ein, zerstrte sie, sandte die Beute unter Philippos und
Meleagros nach Makedonien zurck, opferte am Ufer des Stromes dem Retter
Zeus, dem Herakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht,
die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwrts der
Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die
Macht der Makedonen kennengelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der
Nhe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu frchten gehabt
htte. Nachdem der Knig mit jenen Opfern das nrdlichste Ziel seiner
Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch am gleichen Tag von einer
Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager im Sden des
Flusses zurck.

So schwer und pltzlich getroffen, schickten die Vlkerschaften, die in der
Nhe der Donau wohnten, Gesandte mit den Geschenken ihres Landes in des
Knigs Lager, baten um Frieden, der ihnen gern gewhrt wurde; auch der
Triballerfrst Syrmos, der wohl einsah, da er seine Donauinsel nicht zu
halten imstande sein werde, unterwarf sich. Hierher kam auch von den Bergen
am Adriatischen Meere eine Gesandtschaft keltischer Mnner, die wie ein
Augenzeuge erzhlt, gro von Krper sind und Groes von sich denken, und,
von des Knigs groen Taten unterrichtet, um seine Freundschaft werben
wollten. Beim Gelage fragte sie der junge Knig, was sie wohl am meisten
frchteten? Er meinte, sie sollten ihn nennen; sie antworteten: Nichts,
als da etwa der Himmel einmal auf sie fallen mchte; aber eines solchen
Helden Freundschaft gelte ihnen am hchsten. Der Knig nannte sie Freunde
und Bundesgenossen und entlie sie reich beschenkt, meinte aber nachmals
doch, die Kelten seien Prahler.

Nachdem so mit der Bewltigung der freien Thraker auch die odrysischen zur
Ruhe gezwungen, mit dem Siege ber die Triballer die makedonische Hoheit
ber die Vlker sdwrts der Donau hergestellt, durch die Niederlage der
Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition
erreicht war, eilte Alexander sdwrts, durch das Gebiet der ihm
verbndeten Agrianer (in der Ebene von Sofia) nach Makedonien
zurckzukehren. Er hatte bereits die Nachricht, da der Frst Kleitos mit
seinen Illyriern sich des Passes von Pelion bemchtigt habe, da der
Taulantinerfrst Glaukias schon heranziehe, sich mit Kleitos zu vereinigen,
da die Autariaten mit ihnen im Einverstndnis sich anschickten, das
makedonische Heer in seinem Marsche durch die Gebirge zu berfallen.

Alexanders Lage war schwierig; noch mehr als acht Tagemrsche von den
Pssen der Westgrenze entfernt, welche die Illyrier bereits berschritten
hatten, war er nicht mehr imstande, Pelion, den Schlssel zu den beiden
Flutlern des Haliakmon und des Apsos (Devol), zu retten; hielt ein
berfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage auf, so waren die vereinten
Illyrier und Taulantiner stark genug, von Pelion aus bis in das Herz
Makedoniens vorzudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen
und, whrend sie selbst die Verbindung mit ihrer Heimat durch den Pa von
Pelion offen hatten, den Knig von den sdlichen Landschaften seines
Reiches und von Griechenland abzuschneiden, wo bereits gefhrliche
Bewegungen merkbar wurden. Freilich lag Philotas mit einer starken
Besatzung in der Kadmeia, und Antipatros in Makedonien hatte noch Truppen
zur Hand, ihn zu untersttzen; aber ohne die Heeresmacht, die mit dem
Knige war, vermochten sie wenig; und diese Heeresmacht war in ernstem
Gedrnge; fr Alexander stand Groes auf dem Spiel; ein unglckliches
Treffen, und alles, was er und sein Vater mhsam erreicht hatten, strzte
zusammen.

Langaros, der Frst der Agrianer, der ihm schon bei Philipps Lebzeiten
unzweideutige Beweise seiner Anhnglichkeit gegeben, und dessen Kontingent
in dem eben beendeten Feldzuge mit ausgezeichnetem Mute gefochten hatte,
war ihm mit seinen Hypaspisten und den schnsten und tchtigsten Truppen,
die er sonst noch hatte, entgegengekommen; und als nun Alexander, voll
Besorgnis ber den Aufenthalt, den ihm die Autariaten verursachen knnten,
sich nach ihrer Macht und Bewaffnung erkundigte, berichtete ihm Langaros,
er brauche vor diesen Menschen, den schlechtesten Kriegsvlkern im Gebirge,
nicht besorgt zu sein; er selbst wolle, wenn der Knig es gestatte, in ihr
Land einfallen, so da sie genug mit sich selbst zu tun haben und an
feindliche berflle nicht weiter denken sollten. Alexander gab seine
Zustimmung, und Langaros drang plndernd und verwstend in ihre Tler ein,
so da sie den Marsch der Makedonen nicht weiter strten. Der Knig ehrte
die treuen Dienste des treuen Bundesgenossen, verlobte ihm seine
Halbschwester Kynna und lud ihn ein, nach Beendigung des Krieges nach Pella
zu kommen, um die Hochzeit zu feiern. Langaros starb gleich nach dem Zuge
auf dem Krankenbette.

In dem mchtigen Gebirgswall, der die Wasserscheide zwischen den
makedonischen und illyrischen Strmen bildet, ist sdstlich vom
lychnitischen See (dem See von Ochrida) eine fast zwei Meilen breite Lcke,
durch die der Apsos (Devol) nach Westen fliet; sie bildet das natrliche
Tor zwischen dem makedonischen Oberlande und Illyrien. Knig Philipp hatte
nicht eher geruht, als bis er sein Gebiet bis an den See erweitert hatte;
unter den Positionen und Kastellen, welche die Wege dorthin beherrschten,
war die Bergfestung Pelion die beste und wichtigste; wie ein Auenwerk
gegen die Vorberge nach Illyrien zu gelegen, die sie im Kreise umgaben,
schtzte sie auch den Weg, der aus dem Tale des Erigon sdwrts zu dem des
Haliakmon und in das sdliche Makedonien fhrte; die Strae von hier nach
Pelion ging an dem eingeschnittenen Bette des Apsos hinab und war
stellenweise so eng, da ein Heer kaum zu vier Schilden hindurchziehen
konnte. Diese wichtige Position war bereits in den Hnden des illyrischen
Frsten; Alexander rckte in Eilmrschen den Erigon aufwrts, um womglich
die Festung vor Ankunft der Taulantiner wiederzunehmen.

Vor der Stadt angekommen, bezog er am Apsos ein Lager, um am folgenden
Tage zu strmen. Kleitos hatte schon auch die waldigen Hhen rings um die
Stadt besetzt, so den Rcken der Feinde, wenn sie den Angriff versuchen
sollten, bedrohend; nach der Sitte seines Landes schlachtete er zum Opfer
drei Knaben, drei Mdchen, drei schwarze Widder, rckte dann vor, als wolle
er mit den Makedonen handgemein werden; doch sobald diese gegen die Hhen
anrckten, verlieen die Illyrier eiligst ihre feste Stellung, lieen
selbst die Schlachtopfer liegen, die den Makedonen in die Hnde fielen, und
zogen sich in die Stadt zurck, unter deren Mauern sich jetzt Alexander
lagerte, um sie, da der berfall milungen war, mit einer Umwallung
einzuschlieen und zur bergabe zu zwingen. Aber schon am folgenden Tage
zeigte sich Glaukias mit einer starken Heeresmacht auf den Hhen; Alexander
mute es aufgeben, mit seinen gegenwrtigen Streitkrften auf die mit
Kriegsvolk gefllte Festung Sturm zu wagen, bei dem er den Feind auf den
Bergen im Rcken gehabt htte. Es bedurfte in dieser Stellung groer
Vorsicht. Philotas, der mit einem Trupp Reiter und den ntigen Gespannen
zum Fouragieren abgeschickt wurde, wre fast in die Hnde der Taulantiner
gefallen; nur Alexanders schnelles Nachrcken mit den Hypaspisten, den
Agrianern und Bogenschtzen, und 300 von der Ritterschaft sicherte
Philotas' Rckkehr, rettete den wichtigen Transport. Die Lage des Heeres
wurde von Tage zu Tage peinlicher; in der Ebene fast eingeschlossen, hatte
Alexander weder Truppen genug, Entscheidendes gegen die Macht beider
Frsten zu wagen, noch hinreichend Proviant, um sich bis zur Ankunft von
Verstrkungen zu halten. Er mute zurck, aber der Rckzug schien doppelt
gefhrlich; Kleitos und Glaukias glaubten nicht ohne Grund, den Knig auf
diesem hchst ungnstigen Boden in ihren Hnden zu haben; die berragenden
Berge hatten sie mit zahlreicher Reiterei, mit vielen Akontisten,
Schleuderern und Schwerbewaffneten besetzt, die das Heer in jenem engen
Wege berfallen und niedermetzeln konnten, whrend die Illyrier aus der
Festung den Abziehenden in den Rcken fielen.

Durch eine khne Bewegung, wie sie nur ein makedonisches Heer auszufhren
imstande war, machte Alexander die Hoffnungen der Feinde zuschanden.
Whrend die meisten der Reiterei und smtliche Leichtbewaffnete, dem Feinde
in der Stadt zugewandt, jede Gefahr von dieser Seite unmglich machten,
rckte die Phalanx, zu 120 Mann Tiefe formiert, die Flanken mit 200 Reitern
gedeckt in der Ebene vor, mit der grten Stille, damit die Kommandos
schnell vernommen wrden. Die Ebene war bogenfrmig von Hhen umschlossen,
von welchen herab die Taulantiner die Flanken der vorrckenden Masse
bedrohten; aber das ganze Viereck fllte die Spiee, drang gegen die Hhen
vor, machte dann pltzlich rechtsum, rckte in dieser Richtung vor, kehrte
sich, da ein anderer Haufen der Feinde die neue Flanke bedrohte, gegen
diesen; so abwechselnd, vielfach und mit der grten Przision eine Stelle
mit der anderen tauschend, rckten die Makedonen zwischen den feindlichen
Hhen hin, formierten sich endlich aus der linken Flanke wie zu einem
Keile, als wollten sie durchbrechen. Bei dem Anblick dieser unangreifbaren
und mit ebensoviel Ordnung wie Schnelligkeit ausgefhrten Bewegungen wagten
die Taulantiner keinen Angriff und zogen sich von den ersten Anhhen
zurck. Als nun aber die Makedonen das Schlachtgeschrei erhoben und mit den
Spieen an ihre Schilde schlugen, kam ein panischer Schrecken ber die
Barbaren, und eiligst flohen sie ber die Hhen nach der Stadt hinein. Nur
eine Schar hielt noch eine Anhhe besetzt, ber welche der Weg fhrte;
Alexander befahl den Hetairen seiner Stabswache, aufzusitzen, gegen die
Anhhe vorzusprengen; wenn der Feind Miene machte, sich zu widersetzen,
sollte die Hlfte von ihnen von den Pferden springen und gemischt mit denen
zu Pferd zu Fu kmpfen. Aber die Feinde zogen sobald sie dies
Herausstrmen sahen, rechts und links von der Anhhe hinab. Der Knig
besetzte nun diese, lie die noch brigen Ilen der Ritterschaft, die
zweitausend Bogenschtzen und Agrianer eilig nachrcken, dann die
Hypaspisten und nach ihnen die Phalangen durch den Flu gehen und jenseits
in Schlachtordnung links aufrcken, die Wurfgeschtze dort auffahren. Er
selbst blieb indes auf jener Anhhe mit der Nachhut und beobachtete die
Bewegungen der Feinde, welche kaum den bergang des Heeres bemerkten, als
sie auch schon an den Bergen hin vorrckten, um ber die mit Alexander
zuletzt Abziehenden herzufallen. Ein Ausfall des Knigs gegen sie und der
Schlachtruf der Phalanx, als wolle sie durch den Flu zurck anrcken,
schreckte sie zurck, und Alexander fhrte seine Bogenschtzen und Agrianer
im vollen Laufe in den Flu. Er selbst ging zuerst hinber und lie, sobald
er sah, da seine Nachhut vom Feinde gedrngt wurde, das Wurfgeschtz gegen
die Feinde jenseits spielen, die Bogenschtzen mitten im Flu umwenden und
schieen; whrend nun Glaukias mit seinen Taulantinern sich nicht in die
Schuweite wagte, gingen die letzten Makedonen durch den Flu, ohne da
Alexander bei dem ganzen gefhrlichen Manver auch nur einen Mann verloren
htte; er selbst hatte an den gefhrlichsten Punkten gefochten, er war am
Halse durch einen Keulenschlag, am Kopfe durch einen Steinwurf verwundet.

Durch diese Bewegung hatte Alexander nicht blo sein Heer aus
augenscheinlicher Gefahr gerettet, sondern er konnte von seiner Stellung am
Ufer des Flusses aus alle Wege und Operationen der Feinde bersehen und sie
in Unttigkeit halten, falls er Verstrkungen heranziehen wollte. Indes
gaben ihm die Feinde frher Gelegenheit, einen Handstreich auszufhren, der
dem Kriege hier ein schnelles Ende machte. Sie hatten sich, in der Meinung,
jener Rckzug sei ein Werk der Furcht gewesen, in langer Linie vor Pelion
gelagert, ohne sich mit Wall und Graben zu schtzen oder auf den
Vorpostendienst die ntige Sorgfalt zu wenden. Das erfuhr Alexander; in der
dritten Nacht ging er unbemerkt mit den Hypaspisten, Agrianern,
Bogenschtzen und zwei Phalangen ber den Flu und lie, ohne die Ankunft
der brigen Kolonnen abzuwarten, die Bogenschtzen und Agrianer vorrcken;
diese brachen an der Seite des Lagers ein, wo am wenigsten Widerstand
mglich war; und die Feinde, aus tiefem Schlafe aufgeschreckt, unbewaffnet,
ohne Leitung oder Mut zum Widerstande, wurden in den Zelten, in der langen
Gasse des Lagers, auf dem regellosen Rckzuge niedergehauen, viele zu
Gefangenen gemacht, den anderen bis an die Berge der Taulantiner
nachgesetzt; wer entkam, rettete sich mit Verlust seiner Waffen. Kleitos
selbst hatte sich in die Stadt geworfen, sie dann angezndet und sich unter
dem Schutz der Feuersbrunst zu Glaukias in das Taulantinerland geflchtet.
So wurde die alte Grenze auf dieser Seite wiedergewonnen und den besiegten
Frsten, wie es scheint, unter der Bedingung der Friede gegeben, da sie
die Oberhoheit Alexanders anerkannten.

Die raschen und heftigen Ste, mit denen der Knig, mehr als einmal in
gewagten Angriffen, die Illyrier niederwarf, lassen seine Ungeduld
erkennen, hier fertig zu werden. Whrend er mit den Illyriern noch vollauf
zu tun hatte, war im Sden eine Bewegung ausgebrochen, die, wenn sie nicht
schnell gedmpft wurde, den groen Plan eines Perserzuges noch lange
hindern, vielleicht fr immer unmglich machen konnte.

Die Hellenen hatten zwar Alexanders Hegemonie anerkannt, das Bndnis mit
ihm auf dem Bundestage zu Korinth beschworen; aber er war ja nun mit seiner
Kriegsmacht weit hinweg, und die Worte derer, die an die alte Freiheit und
den alten Ruhm mahnten, fanden bald offene Ohren und Herzen. Freilich
solange in der Hofburg von Susa noch Alexanders Jugend verachtet wurde,
hielt man es fr geraten, zu lavieren; den Athenern wird noch in den Ohren
geklungen haben, was ihnen jngst der Groknig geschrieben: Ich will euch
kein Geld geben, bittet mich nicht, denn ihr bekommt doch nichts. Aber
allmhlich wurde dort erkannt, was fr ein Feind dem Reich in Alexander
erstanden sei. Es wurde Memnon -- sein Bruder war wohl nicht mehr am Leben
-- mit 5000 hellenischen Sldnern gegen die bereits in Asien gelandeten
makedonischen Truppen ins Feld geschickt. Aber die Bewegung unter den
asiatischen Hellenen drohte ihm einen schweren Stand; es gab kein besseres
Schutzmittel als das oft erprobte, die Feinde des Reiches in Hellas und
durch die Hellenen zu bekmpfen.

Dareios erlie ein Schreiben an die Hellenen, sie zum Kriege gegen
Alexander aufzufordern; er sandte Geld an die einzelnen Staaten, nach Athen
300 Talente, die der Demos noch verstndig genug war, nicht anzunehmen;
aber Demosthenes nahm sie, um sie im Interesse des Groknigs und gegen
den beschworenen Frieden zu verwenden. Er stand mit dem Strategen des
Groknigs in brieflichem Verkehr, natrlich um fr den Kampf gegen
Alexander Mitteilungen zu geben und zu empfangen. Hand in Hand mit Lykurgos
und den anderen gleichgesinnten Volksfhrern, tat er, was ntig war, einen
neuen Kampf gegen die makedonische Macht vorzubereiten und einzuleiten,
namentlich die Flchtlinge Thebens, deren viele in Athen Aufnahme gefunden,
zu neuen Wagnissen aufzufordern. Je ferner Alexander war, je lnger er
fernblieb, desto grer wurde der Mut und der Eifer dieser Partei; schon
wurden Gerchte von einer Niederlage Alexanders im Lande der Triballer
verbreitet und geglaubt. Auch in Arkadien, in Elis, in Messenien, bei den
tolern erwachte die alte Neuerungssucht und neue Hoffnungen; vor allen
fhlten die Thebaner das Joch der makedonischen Herrschaft; die Besatzung
in ihrer Burg schien sie unablssig an ihre jetzige Schmach und den Verlust
ihres einstigen Ruhmes zu mahnen.

Da verbreitete sich gewisse Nachricht, Alexander sei im Kampf gegen die
Triballer gefallen; Demosthenes brachte einen Menschen vor das versammelte
Volk, der eine Wunde aus dieser Schlacht aufzuweisen hatte, in der
Alexander vor seinen Augen gefallen sein sollte. Wer konnte zweifeln? Wer
htte nicht mit Freuden sich von denen berzeugen lassen, die sagten: jetzt
sei die Zeit gekommen, des makedonischen Joches frei zu werden; die
Vertrge, die man mit Alexander geschlossen, htten mit seinem Tode ein
Ende; der Groknig, bereit die Freiheit der hellenischen Staaten zu
schtzen, habe reichliche Subsidien in die Hnde der Mnner, welche mit ihm
nichts als das Wohl und die Freiheit der Hellenen im Sinne htten, zur
Untersttzung aller gegen die Makedonen gerichteten Unternehmungen
niedergelegt. Nicht weniger als das persische Gold wirkte fr solche Plne,
da neben Demosthenes der unbestechliche Lykurgos fr sie sprach. Das
Notwendigste war, da ungesumt gehandelt, da mit einer groen Tat der
allgemeinen Erhebung ein Mittelpunkt gegeben wurde.

Begreiflich, da in dem schwer gestraften Theben, da unter den
Geflchteten und Verbannten Thebens in Athen und berall die Stimmung dazu
war, das uerste zu wagen. Schon einmal waren Verbannte von Athen aus zur
Befreiung der Kadmeia ausgezogen; Pelopidas hatte sie gefhrt, die Siege
von Leuktra und Mantineia waren die stolzen Frchte jener Heldentat
gewesen. Freilich in dem Bundesvertrage hatte jede Stadt ausdrcklich
gelobt, nicht gestatten zu wollen, da von ihr aus Flchtlinge die Heimkehr
zu erzwingen unternhmen; aber der Knig, mit dem man den Bund beschworen,
war jetzt tot. Gewi nicht ohne Einverstndnis mit Demosthenes, vielleicht
von ihm mit einem Teil des persischen Geldes, das in seinen Hnden war,
untersttzt, verlieen mehrere der Flchtlinge Athen; nachts kamen sie nach
Theben, wo ihre Freunde sie schon erwarteten. Sie begannen damit, zwei
Fhrer der makedonischen Partei, die, nichts ahnend, von der Kadmeia
herabgekommen waren, zu ermorden. Sie beriefen die Brgerschaft zur
Versammlung, berieten, was geschehen, was zu hoffen sei; sie beschworen das
Volk bei dem teuren Namen der Freiheit und des alten Ruhmes, das Joch der
Makedonen abzuschtteln, ganz Griechenland und der persische Knig seien
bereit, ihnen beizustehen; und als sie verkndeten, da Alexander nicht
mehr zu frchten, da er in Illyrien gefallen sei, da beschlo das Volk,
die alte Freiheit herzustellen, wieder Boiotarchen zu bestellen, die
Besatzung aus der Kadmeia zu vertreiben, durch Gesandte die anderen Staaten
zum Beistand aufzurufen.

Alles schien den glcklichsten Erfolg zu versprechen; die Elier hatten
bereits die Anhnger Alexanders verjagt; die toler waren in Bewegung,
Athen rstete, Demosthenes sandte Waffen nach Theben, die Arkader rckten
aus, den Thebanern zu helfen. Und als Gesandte des Antipatros nach dem
Isthmos kamen, die schon bis dahin Vorgerckten an die geschlossenen
Vertrge zu mahnen, zur vertragsmigen Bundeshilfe aufzufordern, hrte man
nicht auf sie, sondern auf die flehende Bitte der thebanischen Gesandten,
die, mit wollenumwundenen lzweigen in den Hnden, zum Schutz der heiligen
Sache aufriefen. Nur um so eifriger wurde man in Theben selbst; die
Kadmeia ward mit Palisaden und anderen Werken eingeschlossen, so da der
Besatzung dort weder Hilfe noch Lebensmittel zukommen konnten; die Sklaven
wurden freigegeben, sie und die Metken zum Kriege gerstet; die Stadt war
mit Vorrten und Waffen vollauf versehen; bald mute die Kadmeia fallen,
dann war Theben und ganz Hellas frei, dann die Schande von Chaironeia
gercht, und der Bundestag von Korinth, dies Trugbild von Selbstndigkeit
und Sicherheit, verschwand vor dem frhlichen Lichte eines neuen Morgens,
der schon ber Hellas hereinzubrechen schien.

Da verbreitete sich das Gercht, ein makedonisches Heer rcke in
Eilmrschen heran, stehe nur zwei Meilen entfernt in Onchestos. Die Fhrer
beschwichtigten das Volk; es werde Antipatros sein; seit Alexander tot sei,
brauche man die Makedonen nicht mehr zu frchten. Dann kamen Boten: es sei
Alexander selbst; sie wurden bel empfangen; Alexander, der Lynkestier,
ropos' Sohn, sei es. Tags darauf stand der Knig, der totgeglaubte, mit
seinem Heere unter den Mauern der Stadt.

Wie alles in diesem ersten Kriege des Knigs berraschend, pltzlich, wie
voll Nerv und Muskel ist, so vor allem dieser Marsch. Vierzehn Tage vorher
hatte er den letzten Schlag bei Pelion getan; auf die Nachrichten, was in
Theben geschehen, war er aufgebrochen, in sieben Tagen durch das Gebirge
bis Pellineion am oberen Peneios marschiert; nach raschem Weitermarsch zum
Spercheios, durch die Thermopylen, nach Boiotien hinein, stand er jetzt bei
Onchestos, zwei Meilen von Theben, fast 60 Meilen von Pelion. Sein
pltzliches Erscheinen hatte zunchst den Erfolg, da die arkadischen
Hilfsvlker nicht ber den Isthmos hinauszurcken wagten, da die Athener
ihre Truppen so lange zurckzuhalten beschlossen, bis sich der Kampf gegen
Alexander entschieden habe, da sich die Orchomenier, Plater, Thespier,
Phokier, andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wut ihrer
alten Peiniger preisgegeben glaubten, mit doppeltem Eifer den Makedonen
anschlossen. Der Knig hatte nicht im Sinn, sofort zur Gewalt zu schreiten;
er fhrte sein Heer von Onchestos heran, lie es vor den nrdlichen Mauern
nahe beim Gymnasium des Iolaos lagern; er erwartete, da die Thebaner
angesichts seiner Macht die Torheit ihres Unternehmens erkennen und um
gtlichen Vergleich bitten wrden. Sie waren, obschon ohne alle Aussicht
auf Hilfe, so weit entfernt sich beugen zu wollen, da sie ihre Reiter und
leichtes Volk sofort einen Ausfall machen lieen, der die feindlichen
Vorposten zurckdrngte, und die Kadmeia nur eifriger bedrngten. Auch
jetzt noch zgerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der, einmal
begonnen, schweres Unheil ber eine hellenische Stadt bringen mute; er
rckte am zweiten Tage an das sdliche Tor, welches nach Athen hinausfhrt
und an welches innerhalb die Kadmeia stt; er bezog hier ein Lager, um zur
Untersttzung der in der Burg liegenden Makedonen in der Nhe zu sein; er
zgerte noch weiter mit dem Angriff. Man sagt, er habe die in der Stadt
wissen lassen, da, wenn sie den Phnix und Prothytes, die Urheber ihres
Abfalles, auslieferten, das Geschehene vergeben und vergessen sein solle.
Es gab manche in der Stadt, die empfahlen und verlangten, da man an den
Knig senden und um Verzeihung fr das Geschehene bitten sollte; aber die
Boiotarchen, die Verbannten, die, welche sie zur Rckkehr aufgefordert
hatten, von Alexander keiner freundlichen Aufnahme gewrtig, reizten die
Menge zum hartnckigsten Widerstande; es soll dem Knige geantwortet sein:
wenn er den Frieden wolle, so mge er ihnen Antipatros und Philotas
ausliefern; es soll die Aufforderung erlassen sein, wer mit ihnen und dem
Groknige Hellas befreien wolle, mge zu ihnen in die Stadt kommen.
Alexander wollte auch jetzt noch nicht angreifen.

Aber Perdikkas, der mit seiner Phalanx die Vorhut des makedonischen Lagers
hatte und in der Nhe der feindlichen Auenwerke stand, hielt die
Gelegenheit zu einem Angriffe fr so gnstig, da er Alexanders Befehl
nicht abwartete, gegen die Verschanzungen anstrmte, sie durchbrach und
ber die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner
Phalanx, die zunchst an der des Perdikkas stand, aus dem Lager hervor,
folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der Knig sah ihre Bewegungen
und frchtete fr sie, wenn sie allein dem Feinde gegenberblieben; er lie
eilig die Bogenschtzen und Agrianer in die Umwallung eindringen, das Agema
nebst den anderen Hypaspisten ausrcken, aber vor den ueren Werken
haltmachen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten
Wall, doch die zwei Phalangen, in Verbindung mit den Schtzen und
Agrianern, erstrmten den Wall, drangen durch den Hohlweg des elektrischen
Tores in die Stadt bis zum Herakleion vor, und mit lautem Geschrei wandten
sich die Thebaner, strzten sich auf die Makedonen, so da diese mit
bedeutendem Verluste -- siebzig von den Bogenschtzen fielen, unter ihnen
ihr Fhrer, der Kreter Eurybotas -- fliehend sich auf die Hypaspisten
zurckzogen. In diesem Augenblick rckte Alexander, der die Thebaner ohne
Ordnung verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie an; sie
wurden geworfen, sie flchteten so bereilt, da die Makedonen mit ihnen in
das Tor eindrangen, whrend zugleich an anderen Stellen die Mauer, die
wegen der vielen Auenposten ohne Verteidiger war, erstiegen und besetzt,
die Verbindung mit der Kadmeia hergestellt wurde. Jetzt war die Stadt
verloren; die Besatzung der Kadmeia warf sich mit einem Teile der
Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieion; andere stiegen ber
die Mauern und rckten im Sturmschritt auf den Markt. Umsonst kmpften die
Thebaner mit der grten Tapferkeit; von allen Seiten drangen die Feinde
ein; berall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und
Beispiel; die thebanische Reiterei, in die Straen zersprengt, jagte durch
die noch freien Tore ins offene Feld hinaus; von dem Fuvolk rettete sich,
wer es konnte, ins Feld, in die Huser, in die Tempel, die mit wehklagenden
Weibern und Kindern angefllt waren. Voll Erbitterung richteten jetzt nicht
sowohl die Makedonen, als die Phokier, die Plater und die brigen Boiotier
ein grliches Blutbad an; selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont,
ihr Blut besudelte die Altre der Gtter. Erst das Dunkel der Nacht machte
dem Plndern und Morden ein Ende; von den Makedonen sollen 500 gefallen,
von den Thebanern 6000 erschlagen worden sein, bis des Knigs Befehl dem
Gemetzel ein Ende machte.

Am folgenden Tage berief er eine Versammlung der Genossen des Korinthischen
Bundes, welche an dem Kampfe teilgenommen hatten, und berwies ihnen die
Entscheidung ber das Schicksal der Stadt. Die Richter ber Theben waren
dieselben Plater, Orchomenier, Phokier, Thespier, welche den furchtbaren
Druck der Thebaner lange hatten erdulden mssen, deren Stdte ehemals von
ihnen zerstrt, deren Shne und Tchter von ihnen geschndet und als
Sklaven verkauft waren. Sie beschlossen: die Stadt solle dem Erdboden
gleichgemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexanders
Bundesgenossen verteilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei
verkauft, nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps,
Alexanders und der Makedonen die Freiheit geschenkt werden; Alexander gebot
auch Pindars Haus und Pindars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden 30000
Menschen jedes Alters und Standes verkauft und in die weite Welt zerstreut,
hierauf die Mauern niedergerissen, die Huser ausgerumt und zerstrt; das
Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller
Schutthaufen, der Kenotaph ihres Ruhmes; eine makedonische Wache oben auf
der einsamen Burg htete die Tempel und die Grber der Lebendigen.

Das Schicksal Thebens war erschtternd; kaum ein Menschenalter vorher hatte
es die Hegemonie in Hellas gehabt, seine heilige Schar Thessalien befreien,
seine Rosse im Eurotas trnken lassen; jetzt war es von der Erde vertilgt.
Die Griechen aller Parteien sind unerschpflich in Klagen ber Thebens
Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den Knig, der es nicht retten konnte.
Er hat nachmals, wenn Thebaner unter den Sldnerscharen Asiens als
Kriegsgefangene in seine Hnde fielen, sie nie anders als mit Gromut
behandelt; schon jetzt, whrend der Kampf kaum beendet war, verfuhr er in
gleicher Weise. Eine edle Thebanerin, so wird erzhlt, wurde gefangen und
gebunden vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thrakern
niedergerissen, sie selbst von den Anfhrern derselben geschndet, dann
unter wilden Drohungen nach ihren Schtzen gefragt; sie hatte den Thraker
an einen im Gebsch versteckten Brunnen gefhrt: darin seien die Schtze
versenkt; und als er hinabstieg, hatte sie Steine auf ihn
hinabgeschleudert, bis er tot war. Nun brachten die Thraker sie vor des
Knigs Richterstuhl; sie sagte aus: sie sei Timokleia, jenes Theagenes
Schwester, der als Feldherr bei Chaironeia gegen Philipp fr die Freiheit
der Hellenen gefallen war. So glaubwrdig wie die Erzhlung ist ihr Schlu,
da Alexander der hochherzigen Frau verziehen, ihr und ihren Verwandten die
Freiheit geschenkt habe.

Der Fall und Untergang Thebens war wohl dazu angetan, die Hellenen und ihre
kurzatmige Begeisterung zu ernchtern. Die Elier eilten, die Anhnger
Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzurufen; die Arkader riefen
ihre Kriegsscharen vom Isthmos zurck und verdammten die zum Tode, die zu
diesem Hilfszuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stmme
der toler schickten Gesandte an den Knig und baten um Verzeihung fr das,
was bei ihnen geschehen sei. hnlich anderer Orten.

Die Athener hatten die Flchtlinge Thebens trotz des Bundeseides heimkehren
lassen, hatten auf Demosthenes' Antrag beschlossen, Beistand nach Theben zu
schicken, die Flotte auszusenden; aber das Zgern Alexanders hatten sie
nicht benutzt, ihre Truppen -- in zwei Mrschen htten sie dort sein knnen
-- ausrcken zu lassen. Sie feierten gerade die groen Mysterien (im Anfang
September), als Flchtende die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten;
in hchster Bestrzung wurde die Feier unterbrochen, alles bewegliche Gut
vom Lande in die Stadt geflchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf
Demades' Vorschlag beschlo, eine Gesandtschaft von zehn Mnnern, die dem
Knige genehm seien, zu senden, um wegen seiner glcklichen Rckkehr aus
dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, sowie wegen der
Unterdrckung und gerechten Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glck zu
wnschen, zugleich aber um die Vergnstigung zu bitten, da die Stadt ihren
alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den
thebanischen Flchtlingen bewhren drfe. Der Knig forderte die
Auslieferung des Demosthenes, des Lykurgos, ferner des Charidemos, des
erbitterten Gegners der makedonischen Macht, die seiner Art lukrativer
Kriegsfhrung ein Ende machte, des Ephialtes, der jngst als Gesandter nach
Susa gesandt worden war und anderer; denn diese seien nicht blo die
Ursache der Niederlage, die Athen bei Chaironeia, sondern auch aller der
Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen dessen Andenken und den
rechtmigen Erben des makedonischen Knigtums erlaubt habe; den Fall
Thebens htten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in
Theben selbst; die von diesen jetzt in Athen Zuflucht gefunden, mten
gleichfalls ausgeliefert werden. Die Forderung Alexanders veranlate die
heftigsten Errterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes
beschwor das Volk, nicht wie die Schafe in der Fabel ihre Wchterhunde dem
Wolfe auszuliefern. Das Volk wartete in seiner Ratlosigkeit auf des
strengen Phokion Meinung; sein Rat war, um jeden Preis des Knigs
Verzeihung zu erkaufen und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglck
Thebens auch noch Athens Untergang hinzuzufgen; jene zehn Mnner, die
Alexander fordere, sollten jetzt zeigen, da sie aus Liebe zum Vaterlande
sich auch dem grten Opfer zu unterziehen bereit seien. Demosthenes aber
bewog durch seine Rede das Volk, durch fnf Talente den makedonisch
gesinnten Redner Demades, da dieser an den Knig gesandt wurde und ihn
bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des attischen Volkes
zu berlassen.

Der Knig tat es, teils aus Achtung vor Athen, teils aus Eifer fr den Zug
nach Asien, whrend dessen er keine verdchtige Unzufriedenheit in
Griechenland zurcklassen wollte; nur die Verbannung des Charidemos, jenes
wsten Abenteurers, den selbst Demosthenes ehedem verabscheut hatte, wurde
verlangt; Charidemos floh nach Asien zum Perserknige. Nicht lange darauf
verlie auch Ephialtes Athen und ging zur See fort.

Nachdem auf diese Weise Hellas beruhigt, durch die Vernichtung Thebens und
die makedonische Besatzung in der Kadmeia auch fr die Zukunft neuen
Bewegungen hinlnglich vorgebeugt schien, brach Alexander aus dem Lager
vor Theben auf und eilte im Herbste 335 nach Makedonien zurck. Ein Jahr
hatte hingereicht, sein vielgefhrdetes Knigtum fest zu grnden; des
Gehorsams der barbarischen Nachbarvlker, der Ruhe in Hellas, der
Anhnglichkeit seines Volkes gewi, konnte er den nchsten Frhling zum
Beginn des Unternehmens bestimmen, das fr das Schicksal Asiens, fr die
Wege von Jahrhunderten entscheidend werden sollte.

Die nchsten Monate waren den Rstungen zum groen Kriege gewidmet; von
Griechenland, von Thessalien, von den Gebirgen und Tlern Thrakiens kamen
Scharen der Verbndeten; Sldner wurden geworben, Schiffe zur berfahrt
nach Asien gerstet. Der Knig hielt Beratungen, die Operationen des
Feldzuges nach den Erkundigungen, die ber die Beschaffenheit der stlichen
Lnder, ber die militrische Wichtigkeit der Stromtler, der Bergzge, der
Stdte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Wie gern erfhren
wir Genaueres darber, namentlich, ob man am Hofe zu Pella eine Vorstellung
von den geographischen Verhltnissen des Reiches, das man anzugreifen
gedachte, von dessen Ausdehnung jenseits des Taurus, jenseits des Tigris
hatte. Gewi kannte man die Anabasis des Xenophon, vielleicht die persische
Geschichte des Ktesias; manches mochte man von Hellenen, die in Asien in
Sold gewesen, von persischen Gesandtschaften, von Artabazos und Memnon, die
jahrelang als Flchtlinge am makedonischen Hofe gelebt hatten, erkundet
haben. Aber wie sorgfltig man Nachrichten gesammelt haben mochte, es
konnte kaum mehr sein als ein unsicheres Material zu Entwrfen fr den
Krieg bis zum Euphrat und allenfalls bis zum Tigris; von der Gestaltung der
Lnder weiter nach Osten, von den Entfernungen dort hatte man unzweifelhaft
keine Vorstellung.

Dann wurden die Angelegenheiten der Heimat geordnet, Antipatros zum
Reichsverweser bestellt, mit gengender Heeresmacht um die Ruhe in Hellas
zu sichern, die Grenzen Makedoniens zu decken, die zugewandten Vlker umher
in Gehorsam zu halten; es wurden die Frsten der verbndeten
Barbarenstmme zur persnlichen Teilnahme am Kampfe aufgefordert, damit
das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer
Fhrung desto tapferer wren. Noch eine Sorge wurde im Kriegsrate besonders
von Antipatros und Parmenion angeregt: wessen, im Fall eines
unvorhergesehenen Unglckes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie
beschworen den Knig, sich vor dem Feldzuge zu vermhlen und die Geburt
eines Thronerben zu erwarten. Er verwarf ihre Antrge: es sei seiner, der
Makedonen und Hellenen unwrdig, an Hochzeit und Ehebett zu denken, wenn
Asien zum Kampfe bereit stehe. Sollte er warten, bis die schon aufgebotene
Flotte der Phnikier und Cyprioten herankme, das schon aufgebotene
Reichsheer des Groknigs sich sammelte und ber den Taurus kam? Er durfte
nicht lnger zgern, wenn er Kleinasien und damit die Basis zum weiteren
Kampf gewinnen wollte.

Es wird berichtet, da er so verfahren, als wenn er fr immer von
Makedonien Abschied nehmen wolle. Was daheim ihm gehrte, Landgter,
Waldungen und Drfer, selbst Hafenzlle und andere Einknfte, habe er an
die Freunde verschenkt, und auf Perdikkas' Frage, als fast alles verteilt
gewesen sei: was denn ihm bleibe? habe er geantwortet: die Hoffnung; da
habe denn Perdikkas seinen Anteil verschmht: La uns, die wir mit dir
kmpfen werden, die Hoffnung mit dir teilen; und manche Freunde seien dem
Beispiel des Perdikkas gefolgt. Die Erzhlung wird bertrieben sein, aber
der Stimmung vor dem Auszuge entspricht sie; der Knig verstand es, sie
hoch und hher zu spannen; der Enthusiasmus, der ihn erfllte, entflammte
seine Generale, den ritterlichen Adel, der ihn umgab, das gesamte Heer, das
ihm folgte; den Heldenjngling an ihrer Spitze, forderten sie siegesgewi
eine Welt zum Kampfe heraus.




  Zweites Buch

  +Dios plagan echousin eipein.+




  Erstes Kapitel

  Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das Mnzwesen -- Die
  Bundesverhltnisse des Knigtums -- Die Armee -- bergang
  nach Asien -- Schlacht am Granikos -- Besetzung der Westkste
  Kleinasiens -- Eroberung von Halikarna -- Zug durch Lykien,
  Pamphylien, Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete


Alexanders Unternehmen erscheint auf den ersten Blick in nicht geringem
Miverhltnis zu den Hilfsmitteln, die ihm zur Verfgung standen. Und nur
die kleinere Hlfte seines Werkes war, den Feind aus dem Felde zu schlagen;
er mute daran denken, wie die Erfolge der Waffen dauernd gemacht werden
sollten.

Denn der rumlichen Ausdehnung nach kam das Lndergebiet, ber dessen
Krfte er verfgen konnte, kaum dem dreiigsten Teile des Perserreiches
gleich; nicht minder ungleich stellte sich das Zahlenverhltnis der
Bevlkerungsmassen hier und dort, seiner und der persischen Streitkrfte zu
Wasser und zu Lande. Fgt man hinzu, da der makedonische Schatz beim Tode
Philipps erschpft und mit 500 Talenten Schulden belastet war, whrend in
den Schatzkammern des Groknigs zu Susa, Persepolis, Ekbatana usw.
ungeheuere Vorrte edlen Metalls aufgehuft lagen, da Alexander nach
Beendigung seiner Rstungen, zu denen er 800 Talente hatte aufnehmen
mssen, nicht mehr als 60 Talente zur Verfgung hatte, den Krieg gegen
Asien zu beginnen, so erscheint sein Unternehmen tollkhn und fast
chimrisch.

Der Charakter der uns erhaltenen berlieferungen gestattet nicht, aus ihnen
auf die Fragen, die sich hier aufdrngen, Antwort zu erwarten. Selbst der
verstndige Arrian gibt nur den ueren, fast nur den militrischen
Sachverlauf mit gelegentlicher moralischer Wrdigung seines Helden, kaum
da er von denen, die militrisch in Rat und Tat seine Helfer waren, mehr
als die Namen anfhrt; von der Verwaltung, den Finanzen, den politischen
Organisationen, von der Kanzlei, dem Kabinett des Knigs, von den Personen,
die in diesen Funktionen des Knigs Werkzeuge waren, sagt er nichts; er
unterlt es, sich und dem Leser klarzumachen, wie die Taten und Erfolge,
von denen er berichtet, mglich waren und wirklich wurden, mit welchen
Mitteln inwieweit vorausgeplant, von welchen Zielen und nach welchen
praktischen Gesichtspunkten bestimmt, durch welche Macht des Willens, der
berlegenen Einsicht, der militrischen und politischen Genialitt.

Aus der Flle von Fragen, die damit angedeutet sind, gengt es vorerst,
diejenigen hervorzuheben, die hier an der Schwelle des staunenswrdigsten
Siegeslaufes die wesentlichen sind.

Es hat nicht an solchen gefehlt, die dem Charakter Alexanders und seiner
Genialitt damit gerecht zu werden glaubten, da sie ihn wie einen
Phantasten darstellten, der mit seinen nicht minder enthusiastischen
Kriegsvlkern nach Asien gezogen sei, die Perser zu schlagen, wie und wo er
sie fnde, vom Zufall erwartend, wie ihn der nchste Tag weiterfhren
werde. Andere haben gemeint, da er den Gedanken, mit dem sich sein Vater
getragen, den Philosophen, Redner, Patrioten immer von neuem empfohlen, der
recht eigentlich von der hellenischen Bildung gezeugt und entwickelt worden
sei, nur eben ausgefhrt habe.

Der Gedanke, bevor er zur Tat geworden, ist nur ein Traum, ein Phantom, ein
Spiel der erregten Phantasie; erst dem, der ihn ausfhrt, gewinnt er
Gestalt, Fleisch und Bein, den Impuls eigener Bewegung, das Hier und Jetzt
seines Wirkens, und mit den Bedingnissen und Gegenwirkungen in Raum und
Zeit immer neue Schranken, immer schrfere Ausprgungen, mit denen seiner
Kraft zugleich die seiner Schwchen.

Ist Alexander wie ein Abenteurer, wie ein Trumer hinausgezogen mit dem
summarischen Gedanken, Asien bis zu den ungekannten Meeren, die es
umgrenzen, zu erobern? Oder hat er gewut, was er wollte und was er wollen
konnte? Hat er danach seine militrischen und politischen Plne entworfen,
seine Maregeln getroffen?

Es handelt sich nicht darum, aus der Reihenfolge seiner Erfolge rckwrts
schlieend, deren planmigen Zusammenhang aufzuweisen und die Evidenz als
Beweis zu geben; es fragt sich, ob es Beweise gibt, da vor dem begonnenen
Werk schon vor seinem Geiste stand, wie es werden sollte.

Vielleicht da eine Tatsache dafr anzufhren ist, von der freilich unsere
Quellen nicht sprechen. Auer wenigen Inschriften und Kunstwerken haben wir
unmittelbare berreste aus jener Zeit nur in den Mnzen, deren Tausende,
goldene, silberne, kupferne mit dem Geprge Alexanders erhalten sind,
stumme Zeugen, welche die Forschung endlich zu sprechen gelehrt hat.
Verglichen mit den Gold- und Silbermnzen der Perserknige, der zahllosen
Griechenstdte, der makedonischen Knige vor Alexander, ergeben sie einen
Vorgang sehr bemerkenswerter Art.

Im frheren ist erwhnt worden, da Knig Philipp in seinen Landen eine
neue Mnzordnung eingefhrt habe; sie war, nach dem Ausdruck eines
berhmten Forschers, gleichsam eine entfernte Anbahnung zur Eroberung
Persiens. Sie bestand darin, da er, whrend in der hellenischen Welt die
Silberwhrung, wie im Perserreich die Goldwhrung herrschte, Gold auf den
Fu der Dareiken prgte, daneben Silber auf denjenigen Fu, der dem
Handelswert des Goldes am nchsten entsprach. Also er setzte die
Goldwhrung nicht an die Stelle, sondern an die Seite der bisher in der
griechischen Welt allein blichen Silberwhrung, er fhrte damit in seinem
Reiche Doppelwhrung ein. Nach dem Verhltnis des Goldes zu Silber, das im
Handel 1:12,51 stand, normierte er seine Silberstcke, deren 15 auf ein
Goldstck von 8,60 Gramm gehen sollten, auf 7,24 Gramm; es war im
wesentlichen der Fu des verbreiteten rhodischen Silbergeldes.

Die Goldmnzen Alexanders sind von demselben Gewicht und Feingehalt wie die
Philippeer, aber seine Silbermnzen folgen einem vllig anderen System;
es sind Tetradrachmen von 17,00-17,20 Gramm und deren Stcklung, ganz nach
dem attischen System, mit der Wertung des Goldes gegen Silber wie 1:12,30.
Nicht blo geschah diese Verminderung in der Absicht, von der Doppelwhrung
des Vaters zur reinen Silberwhrung der Hellenen zurckzukehren, wie denn
im weiteren die Alexanderdrachme zur allgemeinen, in dem ganzen Reiche
gltigen Zahlungseinheit erhoben worden ist, sondern -- und dies ist das
fr unsere Frage Bedeutsamere -- es gibt in der groen Masse Drachmengeldes
von Alexander auch nicht ein Stck nach dem philippischen Fu.

Man wird nicht annehmen wollen, da diese Neuordnung ohne wesentliche
Motive eingefhrt wurde. Hatte Philipp die Doppelwhrung eingefhrt, so war
seine Absicht gewesen, bei dem Sinken des Goldpreises im Handel mit der
griechischen Welt, wo die Silberwhrung galt, den Preis beider edlen
Metalle zu fixieren und sie damit im Gleichgewicht zu erhalten. Sank der
Wert des Goldes weiter, so mute auch aus Makedonien das Silber abflieen,
wie bisher schon aus Persien, in dem Mae als der Wert des Silbers hher
war als der des Goldes, fr das man es kaufen konnte. Mit der neuen
Mnzordnung, die Alexander einfhrte, war dem persischen Golde sozusagen
der Krieg erklrt; das Gold war zur bloen Ware gemacht, zu einer Ware,
die, wenn die Schtze des Perserknigs erobert und das dort in Masse tot
liegende Gold dem Verkehre zurckgegeben wurde, sich immerhin weiter
entwerten konnte, ohne da die auf Silber gestellten Preise in der
griechischen Welt dadurch in gleichem Mae erschttert wurden. Das Silber
nach attischem Fu wurde fortan zum Wertma, die Tetradrachme zum Nominal
einer Mnzeinheit, in der sich ungefhr alle hellenischen Mnzsysteme wie
ebenso vielerlei Brche in ihrem Generalnenner zusammen finden konnten. Und
nach einem halben Menschenalter war die Alexanderdrachme die Weltmnze.

Ob mit dieser Umgestaltung des makedonischen Mnzsystems zugleich eine
finanzielle Hilfe fr die augenblicklichen Geldgeschfte gesucht wurde, ob
Alexander und sein Ratgeber die wirtschaftliche Wirkung der Maregel
berechnet, ob sie die weitere Entwertung des Goldes, wenn die persischen
Schtze in Umlauf gesetzt wurden, vorausgesehen haben, mu dahingestellt
bleiben. Genug, wenn uns eine tiefeingreifende Maregel darauf aufmerksam
macht, bis zu welchen Punkten hin der groe Plan, ehe man zur Ausfhrung
schritt, vorbedacht worden ist.

Eine zweite Vorfrage ist, wie das Unternehmen, zu dem Alexander auszog,
basiert war, oder ob es sein Wille war, sobald er den Hellespont hinter
sich hatte, seine Basis aufzugeben und, wie man wohl den Ausdruck gebraucht
hat, die Schiffe hinter sich zu verbrennen.

Dem weiteren Verlauf der Darstellung mu es vorbehalten bleiben, zu
rechtfertigen, warum auf die so gestellte Alternative hier nicht
eingegangen werden kann. Wenigstens vorerst lag fr Alexander alles daran,
seiner Basis sicher zu sein, und nur soweit er es militrisch und politisch
war, konnte er den entscheidenden ersten Sto wagen und dessen Wirkung zu
entwickeln hoffen.

Der Machtbereich Alexanders erstreckte sich von Byzanz bis zum Eurotas und
landeinwrts ber den Haimos und Pindos bis gegen die Donau und die Adria;
ein Gebiet, das von den vier Seiten des gischen Meeres die nrdliche und
westliche wie im rechten Winkel umschlo, whrend dessen Ostseite die zum
Perserreich gehrenden, aber von Griechenstdten besetzten Gestade
Kleinasiens bilden; Kreta, das der offenen Sdseite dieses Meeres vorliegt,
war griechisch, aber eine Welt fr sich wie Grogriechenland und Sizilien,
wie die Griechenstdte im Norden und Sden des Pontus.

Vollkommen sicher war Alexander des Gebietes, das auf dem Scheitel jenes
rechten Winkels lag und gleichsam den Keil- und Schlustein seines
Machtbereiches bildete. Hier in den makedonischen Landen, mit Einschlu der
Tymphaia und Paraunia im Westen, des Strymonlandes im Osten, war er der
geborene Knig, dem der Adel, der Bauer, die Stdte -- auch die
griechischer Grndung, wie Amphipolis -- unbedingt ergeben waren.

An dieses Kernland seiner Macht schlossen sich die brigen Gebiete rechts
und links und rckwrts in den mannigfachsten politischen Formen von
vlliger Abhngigkeit bis zur losen Fderation.

Von besonderer Wichtigkeit war das thrakische Land, derjenige Teil des
Machtbereiches, der vom Eingang des Hellespontes bis zum Ausgang des
Bosporus der Kste Kleinasiens nahe liegt und sie flankiert. Das
Thrakerreich, das einst das Becken des Hebros bis in die Berge hinauf
beherrscht hatte, war von Knig Philipp zerstrt worden, und wenn noch, wie
es scheint, ein Rest desselben als Frstentum der Odrysen bestand, so war
es von Makedonien zur Heeresfolge abhngig. Thrakien war, wenn es gestattet
ist, den rmischen Begriff zu bernehmen, eine Provinz des makedonischen
Staates geworden. Sie zu behaupten, waren an dominierenden Punkten des
Landes die neuen Stdte Philippopolis, Kalybe, Beroia, Alexandropolis,
andere gegrndet und kolonisiert worden, nicht freie Kolonien in
althellenischer Art, sondern militrische Stationen, immerhin mit
brgerlichem Gemeinwesen und kommunaler Autonomie, in die zur Fllung aus
der Nhe und Ferne zum Teil zwangsweise Ansiedler gesetzt wurden. Das Land
Thrakien stand -- wenigstens seit 335 wissen wir davon -- unter einem
makedonischen Strategen. Es mu dahingestellt bleiben, wie weit dessen
Amtsbereich ber die Haimospsse hinaus sich erstreckte, und ob ein zweiter
Strateg, wie eine unsichere Nachricht aus dem Jahre 331 oder 326 vermuten
lt, die Gegenden am Pontos verwaltete, oder ob die Vlkerschaften vom
Haimos bis zur Donau nach dem Feldzug von 335 nur zu friedlicher
Nachbarschaft und vielleicht zu Tribut verpflichtet waren. Die
Griechenstdte an der thrakischen Kste des Pontos, von Apollonia und
Mesembria bis Kallatis und Istros hinauf, waren wohl schon dem Philipp
befreundet; aber sie scheinen auch nach dem Feldzug von 335 nicht in ein
engeres Verhltnis zu Makedonien getreten zu sein. Von Byzanz wurden zu
jenem Feldzug Schiffe an die Donau gesandt, gewi auf Grund eines nur
symmachischen Verhltnisses; denn Byzanz hat in der Zeit Alexanders und der
Diadochen keine Alexandermnzen geprgt, war also ein selbstndiger Staat
geblieben, wie die griechischen Stdte des Korinthischen Bundes; ob Byzanz
in diesen getreten war, ob nicht vielmehr Vertrge fr sich mit Makedonien
geschlossen, mu dahingestellt bleiben.

Sehr bemerkenswert ist, da von fast allen Griechenstdten der thrakischen
Sdkste Alexandermnzen geprgt sind, wie von den makedonischen Pella,
Amphipolis, Skione usw.; also sie stehen wie diese unter dem makedonischen
Mnzgesetz, sie sind wie diese, immerhin mit kommunaler Autonomie, nicht
mehr Selbststaaten. Von diesen, wenn man will, kniglichen Stdten in
Thrakien liegen Abdera, Maronea auf der Strae zum Hellespont, Kardia auf
dem Eingang zum Chersones, Krithote am Nordeingang des Hellespont gegenber
von Lampsakos, Sestos und Koile an der Stelle des bergangs nach Abydos,
Perinthos und Selymbria an der Propontis.

Im Norden Makedoniens ist das Frstentum der Paionen und weiter das der
Agrianer unter der Hoheit Makedoniens, mit dem Recht oder Pflicht des
Waffendienstes in dem Heere des Knigs; wenigstens von den paionischen
Frsten gibt es auch aus der Zeit gleich nach Alexander Mnzen, aber weder
nach dem makedonischen Mnzfu, noch mit dem Geprge Alexanders.

Die Vlkerschaften im Norden von ihnen bis zum Adriatischen Meere, die
Triballer, Autariaten, Dardaner, die Taulantiner, die Illyrier des Kleitos
sind mit dem Feldzuge von 335 zur Ruhe und zu Vertrgen gezwungen, in denen
sie ihre Abhngigkeit von Makedonien haben anerkennen mssen; ob bis zur
Tributpflichtigkeit, mu dahingestellt bleiben.

Sehr eigentmlich ist das Verhltnis des Knigtums von Epiros zu
Makedonien. Seit Knig Philipp es dem Arybbas entrissen und an dessen
Neffen Alexandros, den Bruder der Olympias, bergeben und bis an den
ambrakischen Busen erweitert hatte, stand es wie eine natrliche Sttze an
der Seite Makedoniens; die Vermhlung des jungen Knigs mit Philipps
Tochter, vielleicht eine Art Mitbesitz der Knigin Olympias, schien es noch
enger an das makedonische Interesse knpfen zu mssen. Wie seltsam, da
trotzdem die Epiroten weder in den Kmpfen von 335 fr Makedonien
eintreten, noch an dem groen Zuge nach Asien sich beteiligen; vielmehr
unternimmt der Epirotenknig ein Jahr darauf mit 15 Kriegsschiffen und
zahlreichen Fahrzeugen zum Transport von Truppen und Pferden seinen Zug
nach Italien, man kann nicht einmal sagen, ob im Einverstndnis mit
Makedonien. Wre ein solches zu erweisen, so gewnne man fr die Auffassung
der politischen Gedanken dieser Zeit ein wichtiges Moment mehr. Aber
vielleicht darf man sich erinnern, da die Verfassung der Molosser bei
weitem nicht in dem Mae kniglich war, wie die makedonische, sondern durch
die Eide, die der Knig dem Volk, das Volk dem Knig leistete, in hohem
Mae gebunden; wohl so, da der Knig nur ber das, was sein Knigsgut ihm
brachte, freie Verfgung hatte; und so mag der Molosserknig seinen Zug
nicht im Namen des epirotischen Staates unternommen, sondern auf eigene
Kosten und Gefahr ein geworbenes Heer nach Italien gefhrt haben, um,
hnlich wie mehr als ein spartanischer Knig, in fremdem Dienst zu kmpfen.

In welcher Weise die griechischen Staaten sich zu Makedonien verhielten,
ist frher aufgefhrt worden. Es wird hier ntig sein, auf diese Frage
zurckzukommen, um einige Punkte von politischer Bedeutung zu berhren, die
freilich nicht mehr alle ins klare zu bringen sind.

Nicht erst der Korinthische Bund knpfte die Thessaler an Alexander; in
eigener Verfassung standen sie in ihren vier Landschaften zu einem
Gemeinwesen vereint neben Makedonien jener Verfassung, die ihnen Knig
Philipp gegeben oder erneut hatte, und kraft deren die militrischen und
finanziellen Mittel des Landes dem makedonischen Knige so gut wie zur
freien Verfgung standen. Ob in dieser Verfassung auch die Bergstmme
Thessaliens, die von alters her zugewandten Kantone, die Doloper,
Ainianen, Malier usw., begriffen waren, oder ob nur die amphiktyonische
Verbindung sie an Makedonien knpfte, ist nicht mehr zu erkennen.

Auch die toler scheinen nicht in dem Korinthischen Bunde gestanden,
sondern ihre frheren Sondervertrge mit Makedonien, durch die sie 338
Herren von Naupaktos geworden waren, erneut zu haben.

Der Korinthische Bund umfate Hellas bis zu den Thermopylen; nur Sparta
war nicht beigetreten. Aus den frher angefhrten Artikeln der
Bundesverfassung erhellt, da sie nicht blo der fhrenden Macht dienen
sollte, sich der Hegemonie ber Hellas und der hellenischen Kontingente zum
Perserkriege zu versichern, sondern zugleich den Landfrieden innerhalb des
Bundesgebietes und den Besitzstand auf Grund der 338 getroffenen
Feststellungen zu erhalten und jeden ferneren Einflu der persischen
Politik auf die einzelnen verbndeten Staaten auszuschlieen. ber die
Organisation des Bundes fehlen weitere Nachrichten in dem Mae, da nicht
einmal zu erkennen ist, ob das Synedrion in Korinth dauernd vereinigt war
oder nur zu gewissen Zeiten zusammentrat, ob Makedonien in demselben Sitz
und Stimme hatte, ob nicht vielmehr Makedonien auer dem Bunde stand und
der Knig nur als unumschrnkter Feldherr fr den Perserkrieg ber die
vertragsmigen Kontingente und die auswrtige Politik der Bundesstaaten
die Verfgung hatte. In dem Seebunde der perikleischen Zeit hatte Athen
ber seine Bundesgenossen eine wirkliche Herrschaft gehabt und streng genug
gehandhabt, selbst ihre Prozesse vor die attischen Gerichtshfe gezogen; in
dem zweiten attischen Seebunde hatte der attische Staat und die Gesamtheit
der autonomen Bundesgenossen nebeneinander gestanden, in der Art, da das
Synedrion der Verbndeten, stndig in Athen versammelt, mit Rat und Volk
von Athen ber die zu treffenden Maregeln verhandelte und auf die Antrge
des Synedrion der Demos von Athen die entscheidenden Beschlsse fate. Wenn
Knig Philipp bei Grndung des Korinthischen Bundes sich mit einer ungleich
loseren Form begngte, wenn Alexander trotz des zweimal gegebenen Anlasses
deren festere nicht forderte oder erzwang, so mu es ihm entweder nicht
ntig oder unmglich erschienen sein, diese Fderation nach heutiger
Ausdrucksweise ber die blo vlkerrechtliche zu einer staatsrechtlichen
Vereinigung zu entwickeln.

Man wird dies beachten mssen, um die Konsequenzen, die sich daraus
ergaben, richtig zu wrdigen. Die Art, wie der Bund gegrndet, wie er dann
gebrochen und von neuem beschworen worden war, zeigte hinlnglich, da die
geschworenen Eide allein nicht ausreichten, Alexander der Hilfe der
Bundesstaaten gegen den Groknig und ihres Beharrens bei der gemeinsamen
Politik zu versichern. Wenigstens ein Surrogat dafr gab das Parteiwesen in
fast jeder hellenischen Stadt und der althergebrachte echt
partikularistische Nachbarhader der Stdte untereinander; und es konnte die
makedonische Politik kein Vorwurf treffen, wenn sie ihren Anhngern
Vorschub leistete, um nicht das Heft in die Hnde derer kommen zu lassen,
die nach Lage der Dinge die persische Partei waren, wenn sie fortfuhren
wider den geschlossenen Bund zu arbeiten. Zur weiteren Sicherung lagen in
Akrokorinth, in Chalkis, auf Euba, in der Kadmeia makedonische
Besatzungen; und als ihr Rckhalt, keineswegs blo um die Barbarenstmme
jenseits des Haimos und in Illyrien in Respekt zu halten, lie Alexander
bei seinem Abmarsch eine bedeutende Kriegsmacht, vielleicht die volle
Hlfte der eigentlich makedonischen Truppen, in Makedonien zurck, die sich
zugleich mit dem jhrlichen Nachwuchs an Rekruten verstrkte und als Depot
der fr die Armee in Asien auszubildenden Ersatztruppen diente.

Noch blieb ein sehr wesentlicher belstand. Die makedonische Seemacht war
bei weitem nicht der persischen gewachsen. Der Groknig konnte, wie sich
demnchst zeigte, ohne weiteres 400 Kriegsschiffe in See schicken, seine
Flotte war die der Phnikier und Cyprier, der besten Seeleute der alten
Welt; mit den Inseln der Westkste Kleinasiens, die, obschon nach dem
Antalkidischen Frieden autonom, unter Tyrannen oder Oligarchen ganz zur
Verfgung des Groknigs standen, war er, wenn er wollte, Herr des
gischen Meeres. Htten die Staaten des Korinthischen Bundes ihre
Kriegsschiffe mit denen Makedoniens vereint -- und Athen allein hatte deren
ber 350 in seinen Schiffshusern --, so wre es leicht gewesen, sich
dieses Meeres zu versichern, bevor die persische Seemacht herankam. Die
makedonische Politik hat es weder bei der Grndung des Bundes, noch bei
dessen Erneuerung fr mglich oder fr rtlich erachtet, bedeutende
maritime Leistungen von den hellenischen Staaten zu fordern. Wenn sie es
vorzog, dem Kampfe wider die Persermacht auch fr den ersten einleitenden
Feldzug wesentlich den Charakter eines Landkrieges zu geben, so liegt es
auf der Hand, da es politische, nicht militrische Grnde waren, die sie
dazu bestimmten.

Alexander mute sich mit seiner Landmacht des Erfolges vllig sicher
halten, oder richtiger -- denn hier schliet sich unsere dritte Frage an --
er mute die Strke der nach Asien bestimmten Feldarmee, ihre Ausrstung,
ihre Organisation, das Verhltnis der Waffen in ihr so berechnet haben, da
er sich des Erfolges vllig sicher halten durfte.

Die makedonische Kriegsmacht hatte schon Knig Philipp auf etwa 30000 Mann
Fuvolk und gegen 4000 Reiter gebracht; sie hatte unter ihm ihre
eigentmliche Ausbildung erhalten; es war die entwickelte hellenische
Militrorganisation, auf die Verhltnisse Makedoniens bertragen und ihnen
entsprechend weitergebildet; sie war natrlich darauf gestellt, die
verschiedenen Waffen, Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere
Truppen, Landesaufgebot und Soldtruppen in ungleich freierer und
wirksamerer Durchbildung als in der hellenischen Kriegskunst bisher
erreicht war, verwenden zu knnen.

Bei seinem Aufbruch nach Asien lie Alexander, freilich nach einer Angabe,
die sich als sehr unzuverlssig erweist, 12000 Mann Fuvolk und 1500
Reiter unter Antipatros' Befehl in Makedonien zurck, und ihre Stelle
ersetzten 1500 thessalische Reiter, 600 Reiter und 7000 Mann Fuvolk
hellenischer Bundestruppen, 5000 hellenische Sldner, auerdem Thraker zu
Fu, odrysische und ponische Reiter. Die Gesamtstrke des Heeres[4], das
nach dem Hellespont marschierte, wird nach der sichersten berlieferung auf
nicht viel ber 30000 Mann zu Fu und mehr als 500 Reiter angegeben.

    [4] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Die Gesamtstrke des Fuvolkes und der Reiterei war nach den Waffen und zum
Teil nach Landsmannschaften geteilt, nicht nach Art der rmischen Legionen
und der Divisionen neuester Zeit, die in ihrer Verbindung aller Waffen
gleichsam Armeen im kleinen sind. Gegen Feinde, wie die Vlkermassen
Asiens, die, ohne militrische Ordnung und Kunst, zu einem Hauptschlage
zusammengerafft, mit einer Niederlage alles verloren geben, mit einem Siege
ber organisierte Truppen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche
Feinde hat die Ordnung nach der Waffe und der Landsmannschaft den Vorzug
der einfachsten taktischen Form und der natrlichen inneren
Geschlossenheit; in denselben Gegenden, in denen Alexanders Phalanx des
Dareios Heer bermannte, erlagen sieben rmische Legionen den ungestmen
Angriffen der Parther.

Das Heer, das Alexander nach Asien fhrte, behielt als Grundlage die
makedonische Organisation; die Kontingente der Bundesgenossen, die
hinzukamen, sowie die auer dem alten Bestande von Geworbenen neu
hinzugefgten Mietvlker dienten nur dazu, diese Organisation, der sie
eingefgt wurden, nach ihren beiden Elementen, der Beweglichkeit und der
Stetigkeit, mglichst zu vervollstndigen.

In der hellenischen Taktik war das schwere Fuvolk die berwiegende Waffe
gewesen, bis in den Peltasten eine leichtere Infanterie hinzugefgt worden
war, der die Spartaner erlagen. Auch in dem makedonischen Heere bildeten in
der Schlachtordnung diese beiden Formen des Fuvolkes, die Phalangiten und
die Hypaspisten, die der Zahl nach strkste Macht.

Das Eigentmliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der einzelnen und
in ihrer Zusammenordnung. Die Phalangiten sind Hopliten im hellenischen
Sinn, wenn auch nicht ganz so schwer wie die hellenischen; sie sind
ausgerstet mit Helm, Brustharnisch, Beinschienen und einem Rundschilde,
der die Breite des Mannes deckt; ihre Hauptwaffe ist die makedonische
Sarissa, ein Spie von 14-16 Fu Lnge, und das kurze griechische Schwert.
Fr das Nahgefecht in Masse bestimmt, mute sie so geordnet sein, da sie
einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, anderseits die
feindlichen Reihen mit einem Vorsto zu durchbrechen sicher sein konnten;
sie standen in der Regel sechzehn Mann tief, indem die Spiee der ersten
fnf Glieder ber die Front hinausragten, dem gegen sie anstrmenden Feinde
eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten
ihre Sarissen auf die Schultern der Vordermnner, so da der Angriff dieser
Schlachthaufen durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung
durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gymnastische Ausbildung
der einzelnen machte die Einheit, Przision und Schnelligkeit, mit welcher
die auf engen Raum zusammengedrngte Menschenmasse die knstlichsten
Bewegungen ausfhren mute, mglich; sie sind in der Schlacht, wie zwei
Jahrtausende spter der Tataren Aga die geschlossenen brandenburgischen
Bataillone, Vierecke von Pikenieren und Musketieren, genannt hat,
wandernde Kastelle. Von diesen makedonischen Hopliten, den Pezetairen,
waren in dem Heere, das nach Asien zog, sechs Taxeis oder Phalangen, die
unter den Strategen Perdikkas, Koinos, Amyntas, Andromenes' Sohn,
Meleagros, Philippos, Amyntas' Sohn, Krateros standen; die Taxeis scheinen
kantonweise gebildet zu sein und rekrutiert zu werden, so war die des
Koinos aus Elymiotis, die des Perdikkas aus der Orestis und Lynkestis, die
des Philippos, die spter Polysperchon fhrte, aus der Tymphaia.

Die hellenischen Schwerbewaffneten, Sldner sowohl wie Bndner standen
unter besonderem Kommando; Strateg der Bndner war Antigonos, der sptere
Knig, Strateg der Sldner Menandros, einer der Hetren. Fr grere
Aktionen scheinen diese Bndner und Sldner mit den makedonischen Hopliten
kombiniert worden zu sein in der Art, da die soundso viel Lochen der
makedonischen Taxis, die Pezetren, mit soundso viel Bndnern und Sldnern
die Phalanx des Perdikkas, des Koinos usw. bildeten. Das gesamte schwere
Fuvolk in Alexanders Heer mag sich auf 18000 Mann belaufen haben.

Sodann die eigentmlich makedonische Truppe der Hypaspisten. Schon der
Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behender zum Angriffe
als die Hopliten und schwerer als die Leichtbewaffneten wre, ein Korps mit
linnenen Panzern, mit leichterem Schild und lngerem Schwert, als die
Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Makedonien
fand diese neue Waffengattung Eingang vielleicht fr die Truppen, die, im
Gegensatz gegen das Aufgebot der Miliz, in bestndigem Dienst gehalten
wurden, wie ihr Name, der Trabanten, Schildtruppen (des Knigs) bedeutet,
anzudeuten scheint. Der Feldzug von 335 hat uns die Verwendung dieses Korps
in mehrfachen Beispielen gezeigt. Oft hinderte das Terrain den vollen
Gebrauch der Phalanx, fter noch waren berflle, rasche Zge, Handstreiche
aller Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten
Truppen nicht fest genug waren; Hhen zu besetzen, Flubergnge zu
forcieren, Kavallerieangriffe zu untersttzen und auszunutzen, waren diese
Hypaspisten vor allen geeignet. Das ganze Korps, die Hypaspisten der
Hetairen, wie sie bezeichnet werden, fhrte Nikanor, dessen Bruder
Philotas die Ritterschaft der Hetairen befehligte, der Sohn des Parmenion.
Die erste Taxis fhrte den Namen des Agema, des kniglichen Geleites der
Hypaspisten.

In der Reiterei den ersten Rang haben die makedonischen und thessalischen
Ilen. Sie sind aus dem ritterlichen Adel Makedoniens und Thessaliens;
gleich an Waffen, bung und Ruhm wetteifern sie unter den Augen des Knigs,
sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze kmpft. Von welcher
Bedeutung diese Waffe fr Alexanders Unternehmen war, zeigt jede der groen
Schlachten, die er geschlagen hat, und vielleicht mehr noch Kavalkaden, wie
die letzte Verfolgung des Dareios, die Jagd auf Bessos. Gleich furchtbar in
Masse wie im Einzelkampf, waren Alexanders Reiter durch Ordnung und bung
der asiatischen Reiterei, in wie groen Massen sie auch erscheinen mochte,
berlegen, ihr Angriff auf das feindliche Fuvolk in der Regel
entscheidend. Sie haben Helm, Halsberge, Brustharnisch, Achsel- und
Hftstcke; auch das Ro ist an Stirn und Brust gepanzert; sie fhren den
Stospeer und an der Seite das Schwert. Die makedonischen Hetairen fhrt
Philotas, des Parmenion Sohn, wie es scheint mit dem Namen Hipparch; sie
fhren den Namen der Ritterschaft der Hetairen. Sie bilden acht Ilen
oder Geschwader, die bald nach ihrem Ilarchen, bald nach makedonischen
Landschaften benannt werden. In der Schlacht bei Arbela stehen die
einzelnen Geschwader unter Kleitos, Glaukias, Ariston, Sopolis,
Herakleides, Demetrios, Meleagros und Hegelochos. Das Geschwader des
Sopolis heit nach Amphipolis am Strymon, das des Herakleides nach der
Landschaft Bottiaia usw. Das des Kleitos wird die knigliche Ile genannt
und bildet das Agema der Ritterschaft. Unter den thessalischen Ilen ist die
von Pharsalos die strkste und tchtigste; den Befehl ber die thessalische
Ritterschaft hat Kalas, des Harpalos Sohn.

Auch hellenische Reiter, Bundeskontingente, sind mit im Heer; sie werden in
der Regel den thessalischen zugeordnet, aber als besonderes Korps; sie
stehen unter Befehl des Philippos, Menelaos' Sohn. Geworbene Reiter aus
Hellas kommen erst in den spteren Feldzgen vor.

Endlich die leichten Truppen zu Fu und zu Pferd. Sie kommen teils aus dem
oberen Makedonien, teils aus den Lndern der Thraker, Paionen, Agrianer, je
nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerstet, durch das
in ihrer Heimat bliche Jagen und Wegelagern und die unzhligen kleinen
Kriege ihrer Huptlinge gebt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur
Deckung des Marsches, zu alledem, wozu man im beginnenden achtzehnten
Jahrhundert die Panduren, Husaren, Ulanen, Tataren verwenden lernte,
geeignet.

Unter dem leichten Fuvolk der Zahl nach am bedeutendsten sind die Thraker,
die Sitalkes, wohl aus dem thrakischen Frstenhause, fhrt. Da sie mehrere
Taxen bilden, lt auf ihre Zahl schlieen; sie werden als Akontisten, als
Speerwerfer bezeichnet; sie scheinen den kleinen Schild gefhrt zu haben,
wie ja die Waffe der Peltasten den Thrakern nachgeahmt worden ist. Dann die
Agrianer, auch sie sind Akontisten, sie stehen unter Fhrung des Attalos,
der vielleicht ein Sohn des Frsten Langaros war. Endlich die
Bogenschtzen, teils Makedonen, teils geworbene, wohl meist aus Kreta; fast
kein Gefecht, in dem sie und die Agrianer nicht voran sind; in einem Jahre
ist dreimal die Stelle des Toxarchen neu besetzt worden; bei Erffnung des
Krieges fhrte sie Klearchos.

Daneben die leichte Reiterei, teils makedonische, teils Paionen, Odryser,
Vlkerstmme, deren Tchtigkeit im Reiterdienst seit alten Zeiten berhmt
gewesen ist; ihre Zahl ist nicht festzustellen. Die Paionen fhrte Ariston,
die odrysischen Thraker Agathon, des Tyrimmas Sohn, beide wohl aus
frstlichem Stamm. Sie und das makedonische Korps der Sarissophoren unter
des Lynkestiers Amyntas Fhrung werden unter dem Namen der Prodromen, der
Plnkler, befat.

Mit diesen leichten Truppen kam in Alexanders Heer ein Element zur Geltung,
das in der hellenischen Kriegskunst bisher nicht in seinem vollen Wert
anerkannt worden war. Die leichten Truppen in den griechischen Heeren vor
ihm hatten weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung groe
Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschtzung nicht frei werden
knnen, da sie teils aus dem niederen Volke, teils barbarische Sldner
waren, deren Strke in jener Kunst heimlicher berflle, lrmender
Angriffe, scheinbar verwirrter Rckzge bestand, die den hellenischen
Kriegsleuten zweideutig und widerwrtig erschien. Der berhmte spartanische
Feldherr Brasidas selbst gestand, da der Angriff dieser Vlkerschaften mit
ihrem wildschallenden Kriegsgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer
Waffen etwas Schreckendes, ihr willkrliches berspringen aus Angriff in
Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die
strenge Ordnung eines hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermge. Jetzt
traten diese leichten Vlker als wesentliche Bestandteile des makedonischen
Heeres auf, um in dessen Aktion nach der Eigentmlichkeit ihrer nationalen
Kampfweise verwertet zu werden, zugleich ihrerseits durch die feste
Disziplin, die in dieser Armee herrschte, gehalten und in ihrem Wert
gesteigert.

ber die Marschordnung und Lagerordnung der Armee fehlt es an nennenswerten
Nachrichten. Fr grere Aktionen wiederholt sich im wesentlichen dasselbe
Schema der Aufstellung, das, um in der weiteren Darstellung Wiederholungen
zu vermeiden, hier in seinen charakteristischen Punkten bezeichnet werden
mag. Die Mitte bildet das schwere Fuvolk in der regelmig wechselnden
Folge der sechs Phalangen, jede unter ihrem Strategen. An die Phalangen
schlieen sich rechts die Taxeis der Hypaspisten, an diese die acht
Geschwader der makedonischen Ritterschaft in ihrer regelmig wechselnden
Folge; die leichten Truppen des rechten Flgels, die Ilen der Sarissophoren
und die der Ponen sowie die Agrianer und Bogenschtzen, werden nach den
Umstnden als Plnkler, zur einleitenden Attacke, als Flankendeckung fr
die Spitze des Flgels usw. verwandt. Dem linken Flgel der Phalanx
schlieen sich zunchst, wenn sie nicht anderweitig, z.B. zur Deckung des
Lagers, verwandt werden, die Thraker des Sitalkes an, als Peltasten den
Hypaspisten des rechten Flgels entsprechend; dann die hellenischen
Kontingente zu Pferd, darauf die thessalische Ritterschaft, endlich die
leichten Truppen dieses Flgels, die odrysischen Reiter des Agathon, in den
nchstfolgenden Kriegsjahren auch eine zweite Abteilung Bogenschtzen. Die
Schlachtlinie hat zwischen der dritten und vierten Phalanx ihre Mitte, von
dort aus rechnet man die beiden Flgel, von denen der rechte, in der
Regel zum Angriff bestimmte, unter des Knigs Fhrung, der linke unter der
Parmenions steht.

In zwei Momenten tritt die Eigentmlichkeit der Armee Alexanders am
strksten hervor.

In den griechischen Heeren war die Zahl der Reiter immer gering gewesen; in
den Schlachten des Epaminondas steigt das Verhltnis derselben zum Fuvolk
auf 1:10. In dem Heere Alexanders ist es fast doppelt so stark 1:6. Schon
bei Chaironeia hatte Alexander an der Spitze der Reitermasse des linken
Flgels die fast verlorene Schlacht glnzend entschieden. Fr den Kampf
gegen die Heere des Groknigs, die in den Reitervlkern Asiens ihre Strke
hatten, verstrkte er eben diese Waffe, der er die eigentlich offensive
Rolle bestimmte; es galt den Feind in seiner Strke zu treffen.

Es verdient beachtet zu werden, da den Griechen und Makedonen der
Steigbgel und das Hufeisen unbekannt waren; gewi auch den Reitervlkern
Asiens, die sonst ohne weiteres berlegen gewesen sein wrden. Bei den
ungeheuren Strapazen, den langen Mrschen in Winterszeit auf dem Glatteis
der Gebirgswege, die Alexander in den spteren Feldzgen den Pferden seiner
Kavallerie zumutete, mu man sich der fehlenden Hufeisen erinnern. Nicht
minder eine Steigerung der Strapazen fr die Reiter war es, da sie ohne
Sattel und Steigbgel, mit blo festgeschnallten Decken ritten; fr das
Gefecht war der Reiter durch den Mangel des Steigbgels auf eine Weise
gehindert, die wir uns schwer vorstellen knnen; indem er nicht in seinem
Steigbgel stehend, sondern durchaus nur sitzend den Sto oder Hieb fhren
konnte, hatte er sozusagen nur die Kraft der oberen Hlfte des Krpers zur
Verfgung, und es mute um so mehr auf die Vehemenz der geschlossenen, den
Feind durchbrechenden Masse gerechnet werden. Es scheint, da die
Ausbildung des Reiters besonders darauf gerichtet sein mute, ihn zu
freiester Bewegung auf seinem Pferde zu gewhnen, wie sich vielleicht etwas
derart noch auf Bildwerken aus dieser Zeit wiedererkennen lt.

Noch schrfer ist diese Armee dadurch charakterisiert, da sie nicht blo
Offiziere, sondern einen wirklichen Offizierstand hatte. Wie in spteren
Jahrhunderten das von Gustav Adolf gegrndete #Gymnasium illustre# des
Ritterhauses eine rechte Akademie ritterlicher bungen, so war die
Somatophylakia, das Korps der kniglichen Knaben, militrisch und
wissenschaftlich die Vorschule der jungen makedonischen Edelleute; aus
dieser gingen die Hetairen der Ritterschaft, die Offiziere der
Hypaspisten, der Pezetairen, der Sarissophoren usw. hervor, um zu den
hheren Stufen emporzusteigen, wie solches Avancement noch in mehrfachen
Beispielen erkennbar ist. Als hchste Rangstufe, oder doch zunchst um den
Knig, die sieben Somatophylakes und, wie es scheint, die im engeren Sinne
Hetairen Genannten, die einen wie die anderen zu Rat und Dienst und
vorbergehenden Kommandos stets zu des Knigs Verfgung. Dann als hchster
Offizier nach dem Knige der alte Parmenion wie daheim Antipatros, ob mit
besonderem Titel, mu dahingestellt bleiben. Dann -- man wei nicht in
welcher Reihenfolge -- die Hipparchen der verschiedenen Reiterkorps, die
Strategen der Phalangen, der Hypaspisten, der hellenischen Bundesgenossen,
der Sldner; darauf wohl die Ilarchen der Kavallerie, die Chiliarchen der
Hypaspisten, die Taxiarchen der Pezetairen usw. Wenn gelegentlich auch die
Hegemonen der Bundesgenossen, der Sldner zum Kriegsrat berufen werden,
so scheinen damit Kommandierende wie Sitalkes, der die thrakischen
Akontisten, Attalos, der die Agrianer, Agathon und Ariston, die die
odrysischen und ponischen Reiter fhrten, gemeint zu sein, vielleicht auch
die Fhrer der hellenischen Kontingente, der Lochen hellenischer Sldner.
Eine Menge technischer Fragen, die sich hier noch aufdrngen, sind nach dem
vorhandenen Material nicht mehr zu beantworten; aber man tut wohl, sich der
Lcken zu erinnern, die damit in unserer Kenntnis bleiben. Da das Heer
Feldgeschtz mit sich fhrte, zeigt das Gefecht bei Pelion. Nicht blo die
Bespannung fr diese, fr die Bagage- und Proviantwagen mehrte die Masse
der Pferde, fr die gesorgt werden mute; nach einer Bestimmung des Knigs
Philipp durfte jeder Reiter nur einen Knecht mit sich fhren; aber doch
einen, der natrlich gleichfalls beritten war. Wenn, wie noch heute, fr
das Pferd tglich vier Metzen Hafer oder Gerste gerechnet und -- wie bei
dem Marsche nach Asien hinein doppelt notwendig war -- Fourage auf drei
Tage mitgenommen wurde, so konnte das zweite Pferd nicht wohl zu dem
Reitknecht noch Massen Heu und 24 Metzen Hartkorn tragen, sondern es war
ein Handpferd (Saumtier) ntig, das zugleich das Gepck des Hetren trug.
Gewi galt dies bei der thessalischen Ritterschaft wie bei der
makedonischen; beide zusammen auf 3000 Kombattanten gerechnet, gibt schon
9000 Pferde; wie es mit den hellenischen Reitern, mit den Sarissophoren und
Paionen gehalten wurde, wissen wir nicht. Nach einer zweiten Anordnung
Philipps war auf je zehn Phalangiten ein Lasttrger bewilligt;
wahrscheinlich bei den Bndnern und Sldnern ebenso. -- Natrlich mute im
Hauptquartier des Knigs eine Kanzlei, eine Intendantur, eine
Kassenverwaltung sein usw. Gelegentlich erfhrt man, da Harpalos, einer
der 337 verbannten Freunde Alexanders, der zum Kriegsdienst krperlich
untauglich war, die Kasse des Knigs zu verwalten erhielt, da ein anderer
dieses Kreises, der Mytilener Laomedon, weil er der Sprache der Barbaren
kundig war, zur Obhut ber die gefangenen Barbaren bestellt wurde. Und im
Verlauf des Feldzugs im baktrischen Lande wird ein Vorgang erwhnt, der auf
die Organisation des Lazarettwesens ein Streiflicht fallen lt.

So das Heer Alexanders. Sein Vater hatte es organisiert, in scharfer
Disziplin und zahlreichen Feldzgen tchtig gemacht, in der festen
Verbindung der thessalischen mit der makedonischen Ritterschaft eine
Kavallerie geschaffen, wie sie die hellenische Welt noch nicht gesehen.
Aber bis zur vollen Wirkung seiner militrischen berlegenheit, bis zur
freien und vollen Handhabung, man mchte sagen bis zum Verstndnis seiner
eigenen Kraft hatte Philipp sich nicht erhoben; bei Chaironeia, wo er die
makedonischen Reiter des rechten Flgels fhrte, durchbrach er die
andrngende Linie des Feindes nicht, er lie selbst die Phalanx, wenn auch
in Ordnung, zurckgehen; da Alexander auf die heftig nachdrngende Linie
des Feindes mit der thessalischen Ritterschaft des linken Flgels einbrach,
entschied den Erfolg des Tages. Schon da, noch mehr in den Kmpfen des
Jahres 335, hatte Alexander gezeigt, da er khner, pltzlicher, immer
entscheidend die unwiderstehliche Offensivkraft dieses Heeres zu verwenden
verstand, nicht minder, da er zugleich der Feldherr und der erste Soldat
seines Heeres und im vollsten Sinn des Wortes dessen Vorkmpfer war. Wenn
irgend etwas, so war die Art, wie er sich persnlich einsetzte und immer an
der Spitze des entscheidenden Stoes auf den Feind strzte, dazu angetan,
den Wetteifer seiner Offiziere und seiner Truppen zu entflammen. Sein Heer
war der Zahl nach gering, aber in so organischer Gestaltung, bei solcher
taktischen Ausbildung der einzelnen Waffen, unter solcher Fhrung zog es
mit der vollen moralischen berlegenheit, sich des Sieges gewi zu fhlen,
nach Asien.

Das Perserreich war nicht dazu angetan, Widerstand zu leisten; in seiner
Ausdehnung, in dem Verhltnis der beherrschten Vlker, in der mangelhaften
Organisation der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Notwendigkeit
seines Falles.

Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als
DareiosIII. den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in
Auflsung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die
Sittenverderbnis des Hofes, des herrschenden Stammes, der beherrschten
Vlker; stete Begleiterin des Despotismus, tut sie niemals der despotischen
Gewalt Abbruch, die, wie das Reich der Osmanen lange genug den Beweis
gegeben hat, unter der liederlichsten Hof- und Haremswirtschaft, unter
steten Kabalen und Schndlichkeiten der Groen, unter gewaltsamen
Thronwechseln und unnatrlicher Grausamkeit gegen die eben noch allmchtige
Partei, immer wieder diplomatische und militrische Erfolge nach allen
Seiten hin zu gewinnen vermag. Persiens Unglck ist eine Reihe schwacher
Regenten gewesen, welche die Zgel der Herrschaft nicht so fest anzuziehen
vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches ntig war; daraus folgte,
da in den Vlkern die Furcht, in den Satrapen der Gehorsam, im Reiche die
einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; in den Vlkern, die berall
noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Teil einheimische
Frsten hatten, nahm das Verlangen nach Selbstndigkeit, in den Satrapen,
zu mchtigen Statthaltern groer und entfernter Lnderstrecken, die Begier
nach unabhngiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der
Gewohnheit der Gewalt, die Bedingungen ihrer Grndung und ihrer Dauer
vergessen hatte, die Gleichgltigkeit gegen den Groknig und gegen das
Geschlecht der Achmeniden berhand. In den hundert Jahren fast gnzlicher
Unttigkeit, welche auf Xerxes' Kriegszug nach Europa gefolgt waren, hatte
sich in den griechischen Landen eine eigentmliche Kriegskunst entwickelt,
mit der sich Asien zu messen vermied und verlernte; der Zug der Zehntausend
hatte gezeigt, da die griechische Kriegsart mchtiger sei als die
ungeheuren Vlkerheere Persiens; ihr vertrauten sich die Satrapen an, wenn
sie sich emprten, ihr der Knig Ochos, als er den Aufstand in gypten zu
unterdrcken auszog; so das Knigtum, auf die Siege der persischen Waffen
gegrndet, sich durch griechische Sldner zu erhalten gentigt war.

Allerdings hatte Ochos noch einmal die Einheit des Reiches uerlich
hergestellt, und mit der blutigen Strenge, die der Despotismus fordert,
seine Macht geltend zu machen gewut; aber es war zu spt, er selbst
versank in Unttigkeit und Schwche, die Satrapen behielten ihre allzu
mchtige Stellung, und die Vlker, namentlich die der westlichen Satrapien,
vergaen unter dem erneuten Druck nicht, da sie schon nahe daran gewesen,
ihn abzutun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron
an Dareios gekommen; er htte statt tugendhaft energisch, statt gromtig
rcksichtslos, statt milde Despot sein mssen, wenn das Reich durch ihn
sollte gerettet werden; er hatte die Verehrung der Perser, und die Satrapen
waren ihm ergeben, aber das rettete ihn nicht; er wurde geliebt, nicht
gefrchtet, und bald sollte sich zeigen, wie vielen unter den Groen des
Reiches ihr eigener Vorteil hher galt als der Wille und die Gunst eines
Herrn, an dem sie alles, nur nicht Herrschergre bewundern konnten.

Dareios' Reich erstreckte sich vom Indus bis zum hellenischen Meere, vom
Jaxartes bis zur Libyschen Wste. Seine oder vielmehr seiner Satrapen
Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Vlker, ber die
sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volkstmlich, nirgends durch
eine von ihr aus entwickelte und tief hinabgreifende Organisation
gesichert; sie beschrnkte sich auf momentane Willkr, auf stete
Erpressungen und auf eine Art Erblichkeit der Amtsgewalt, wie sie, ganz
gegen den Sinn monarchischer Herrschaft, in den langen Zeiten schlaffen
Regimentes blich geworden war, so da der Groknig kaum noch eine andere
Gewalt ber sie hatte als die der Waffen oder die, welcher sie aus
persnlichen Rcksichten sich fgen mochten. Die volkstmlichen Zustnde,
welche in allen Lndern des persischen Reiches fortbestanden, machten den
morschen Kolo nur noch unfhiger, sich zur Gegenwehr zu erheben; die
Vlker von Iran, Ariana, den baktrischen Lndern waren allerdings
kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft zufrieden, solange sie diese
zu Krieg und Beute fhrte; und hyrkanische, baktrische, sogdianische Reiter
bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber
besondere Anhnglichkeit fr das persische Knigtum war keineswegs bei
ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Vlkerheeren des Kyros,
Kambyses und Dareios zum Angriff gewesen waren, ebenso unfhig waren sie
zur ernsten und nachhaltigen Verteidigung, zumal wenn ihnen griechische
Kriegsbung und Tapferkeit gegenberstand. Die westlichen Vlker gar, stets
mit Mhe und oft nur durch blutige Gewalt in Unterwrfigkeit gehalten,
waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahte, gewi bereit, die
persische Sache zu verlassen. Kaum waren die Griechen der kleinasiatischen
Kste durch Oligarchie oder durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht
der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhngigkeit zu erhalten, und die
Vlker im Innern der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten in stetem
Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich fr Persien zu erheben;
selbst an den frheren Emprungen der kleinasiatischen Satrapen hatten sie
nicht teilgenommen; sie waren stumpf, indolent, ohne Erinnerung ihrer
Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits
der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte diesen Vlkern den
Nacken gebeugt, sie lieen ber sich ergehen, was auch kommen mochte; nur
an der Kste Phnikiens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr
als Treue fr Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene
Vorteil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten. gypten endlich hatte
niemals seinen Ha gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die
Verwstungen des Ochos konnten es wohl lhmen, aber nicht gewinnen. Alle
diese Lnder, von dem persischen Reiche zum eigenen Verderben erobert,
waren bei einem khnen Angriffe von Westen her so gut wie verloren.

Deshalb hatte die persische Politik seit lange keine hhere Sorge, als die
Eifersucht der hellenischen Staaten zu nhren, die mchtigen zu schwchen,
die schwachen aufzureizen und zu untersttzen, und durch ein ausgebildetes
System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesamtttigkeit der
Hellenen, der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht htte, zu
hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das makedonische
Knigtum, schnell und sicher vorwrtsschreitend, alle diese Bemhungen
zuschanden zu machen drohte. Mit dem Siege von Chronea, mit der darauf
folgenden Grndung des Hellenischen Bundes mute man in der Hofburg von
Susa wissen, was bevorstand.

Erst Dareios -- er wurde Knig um die Zeit, als Philipp ermordet wurde --
ergriff Maregeln gegen die schon ber den Hellespont gekommenen Truppen.
Er berwies dem Rhodier Memnon, dem Bruder Mentors, was an hellenischen
Sldnern zur Hand war, mit dem Befehl, den Makedonen entgegenzuziehen und
die Grenzen des Reiches zu schtzen. Es war leicht zu sehen, da auf diese
Weise wohl ein einzelnes Korps, nicht aber das makedonisch-griechische
Heer, dessen Avantgarde es war, und welches sich bereits zum bergange nach
Asien rstete, aufzuhalten sei; ebensowenig konnte bis zu dessen Ankunft
ein persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen, nach Kleinasien
gesandt sein; es schien am leichtesten und geratensten, die Gefahr in ihrer
Wurzel zu ertten. So wurden Verbindungen am makedonischen Hofe angeknpft
und Knig Philipp -- so erklrt Alexander in einem spteren Schreiben an
den Groknig -- mit dessen Wissen und Willen ermordet. Das gefrchtete
Unternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in
Thessalien, Hellas, Thrakien, Illyrien ausbrachen, lieen die letzte
Besorgnis schwinden; als gar Attalos an der Spitze seiner Truppen und im
Einverstndnis mit den leitenden Staatsmnnern Athens sich gegen Alexanders
Thronbesteigung erklrte, da schienen die persischen Intrigen noch einmal
den Sieg davon getragen zu haben. Schon hatte sich Memnon gegen Magnesia,
das Parmenion und Attalos besetzt hatten, gewandt, hatte ihnen durch
geschickte Manver empfindliche Verluste beigebracht. Indes hatte
Alexander die Angelegenheiten Makedoniens geordnet, Griechenland beruhigt;
Attalos war beseitigt, die Truppen schnell zur Treue zurckgekehrt;
Parmenion hatte mit dem einen Teile des Heeres Gryneion erobert, sich dann
auf Pitane gewandt, whrend mit dem andern Kalas, des Harpalos Sohn, sich
im Innern der Landschaft Troas festzusetzen suchte. Da der makedonische
Knig sich zum Feldzug gegen die Thraker, Triballer, Illyrier anschickte,
gab dem persischen Hofe eine neue Frist; allerdings wurde das Reichsheer,
die Seemacht der Seeksten aufgeboten; aber vorerst mute man auf Abfall
und Emprung in Hellas rechnen, erwarten, wie weit Memnon mit seinen
geringen Streitkrften reichen werde.

Der wichtigste Punkt zum Schutz gegen eine Invasion vom Hellespont her war
Kyzikos; auf einer Insel erbaut, nur durch einen seichten Meeresarm vom
nahen Festlande getrennt, in den letzten Jahrzehnten mit mchtigen Mauern
umgeben, mit Schiffshusern fr 200 Trieren versehen, bot diese stark
bevlkerte freie Stadt dem, der sie besa oder dem sie sich anschlo, eine
Position, welche die Propontis, das asiatische Ufer bis Lampsakos, den
Osteingang des Hellespont beherrschte. Es war fr das makedonische Korps in
Asien von groem Wert, da die Stadt der persischen Sache abgewandt war.
Memnon gedachte sie durch einen Handstreich zu nehmen; an der Spitze von
5000 griechischen Sldnern brach er aus seinen Besitzungen -- im westlichen
Bithynien -- auf und zog in Eilmrschen heran; fast wre es ihm gelungen,
sich der Stadt, deren Tore, da man Kalas' Heer zu sehen glaubte, nicht
geschlossen waren, zu bemchtigen; da das milang, verwstete er das
stdtische Gebiet und eilte nach der olis, wo Parmenion Pitane belagerte;
Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er -- auch die Stadt
Lampsakos gehrte ihm -- schnell nach Troas auf, wo er Kalas bereits
bedeutend vorgedrungen fand; Lampsakos gab seinen Bewegungen einen
trefflichen Sttzpunkt; an Truppen berlegen, siegte er in einem Gefechte,
und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurckzuziehen und sich auf
die feste Stellung von Rhoiteion zu beschrnken.

Es ist unklar, ob wenigstens diese Position von Kalas gehalten wurde;
jedenfalls Parmenion selbst war demnchst am Hofe zu Pella. Vielleicht hat
der Knig diesen zurckberufen, weil es nach der Beendigung des Feldzuges
im Norden nur ntig schien, die Punkte, die den bergang nach Asien
deckten, gleichsam als Brckenkopf festzuhalten; und mit der Flotte zur
Seite gengte dazu eine geringere Truppenzahl in Rhoiteion und vielleicht
Abydos. Um so auffallender dann, da Memnon, der ein vorzglicher Feldherr
war, nicht schrfer drngte, die ganze Kste zu subern; die Satrapen
warfen ihm spterhin vor, da er, um sich unentbehrlich zu machen, den
Krieg zu verlngern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen
entzog ihm die Mittel, mehr zu tun.

Mit dem Frhling 334 war die Flotte des Groknigs zum Aussegeln bereit; es
war an die Satrapen und Befehlshaber in Kleinasien Befehl gesandt, nach der
Kste vorzurcken und den Makedonen an der Schwelle Asiens die Spitze zu
bieten. In der Ebene von Zeleia versammelte sich diese Kriegsmacht, 20000
Mann persische, baktrische, medische, hyrkanische, paphlagonische Reiter
und ebenso viele griechische Sldner, ein Heer, das, wie es sich demnchst
zeigte, tapfer und gro genug war, um gut gefhrt dem Feinde den Weg zu
verlegen. Aber der Groknig hatte keinen obersten Befehlshaber ernannt;
die gemeinschaftliche Beratung der Anfhrer sollte ber den Gang der
Unternehmungen entscheiden; es waren auer Memnon Arsites, Hyparch von
Phrygien am Hellespont, der zunchst bedrohten Landschaft, Spithridates,
Satrap von Lydien und Ionien, Atizyes, Satrap von Grophrygien,
Mithrobuzanes, Hyparch von Kappadokien, der Perser Omares und andere
persische Groe. Unzweifelhaft war unter diesen Memnon der bewhrteste,
wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Knigs
verhat, hatte er im Kriegsrate weniger Einflu, als fr die persische
Sache zu wnschen gewesen wre.

Whrend dieser Rstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so
weit gediehen, da er mit dem Anfang des Frhlings 334 aufbrechen konnte.
Er zog ber Amphipolis am Strymon lngs der Kste ber Abdera, Maroneia,
Kardia; am zwanzigsten Tage war er in Sestos. Schon lag seine Flotte im
Hellespont. Parmenion erhielt den Befehl, die Reiterei und den greren
Teil des Fuvolks von Sestos nach Abydos zu fhren. Mit dem brigen Fuvolk
ging der Knig nach Elaius, den troischen Gestaden gegenber, auf dem
Grabhgel des Protesilaos, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja
gefallen war, zu opfern, damit ihm glcklicher als jenem der Zug gen Osten
wrde. Dann wurde das Heer eingeschifft; 160 Trieren und viele Lastschiffe
kreuzten an diesen Tagen zwischen den schnen, im Frhlingsschmuck
prangenden Gestaden des Hellespont, den einst Xerxes gejocht und gegeielt
hatte; Alexander, selbst am Steuer seines kniglichen Schiffes, lenkte vom
Grabe des Protesilaos aus nach der Bucht hinber, die seit den Zeiten
Achills und Agamemnons der Hafen der Achaier hie, und an der die Grabhgel
des Aias, des Achilleus und Patroklos emporragten. Auf der Hhe des
Hellespontes opferte er dem Poseidon, spendete den Nereiden aus goldener
Schale. Dann nahte man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am
Ufer; vom vorderen Bug schleuderte der Knig seine Lanze in das Land der
Feinde, sprang dann, der erste von allen, in voller Rstung an den Strand.
Altre, gebot er, sollten fortan diese Stelle bezeichnen. Dann zog er mit
seinen Strategen und dem Geleit der Hypaspisten nach den Ruinen Ilions,
opferte im Tempel der ilischen Athena, weihte ihr seine Waffen, nahm statt
deren von den Waffen des Tempels, namentlich den heiligen Schild, der fr
den des Achill gegolten haben mag. Auch am Altare des herdschirmenden Zeus
opferte er dem Schatten des Priamos, um dessen Zorn gegen Achills
Geschlecht zu vershnen, da Achilleus' Sohn den greisen Knig am heiligen
Herde erschlagen hatte. Vor allem ehrte er das Andenken seines groen Ahnen
Achill, er krnzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklos sein
Freund Hephaistion; dann folgten Wettkmpfe aller Art. Viele, Eingeborene
und Hellenen, kamen, dem Knige goldene Krnze darzubringen, unter ihnen
der Athener Chares, der Herr von Sigeion, derselbe, dessen Auslieferung er
im vorigen Jahre gefordert hatte. Zum Schlu der Festlichkeiten befahl der
Knig den Wiederaufbau Ilions, gab den Brgern der neuen Stadt Autonomie
und Steuerfreiheit und versprach ihrer noch weiter zu gedenken.

Dann zog er nach der Ebene von Arisbe, wo das brige Heer, das unter
Parmenions Fhrung bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte.
Unverzglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man
wute, da sie etwa fnfzehn Meilen ostwrts um Zeleia sich zusammengezogen
hatten. Der Marsch ging ber Perkote nach Lampsakos, der Stadt des Memnon;
die Brger wuten sich keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft
des Knigs Gnade zu erflehen; an deren Spitze stand Anaximenes, der als
wissenschaftlicher Mann wohlbekannt und bei Knig Philipp frher gern
gesehen war; auf seine Frbitte verzieh Alexander der Stadt.

Von Lampsakos aus rckte das Heer unweit der Kste weiter, als Vorhut
voraus der Lynkestier Amyntas mit einer Ile der Ritterschaft, der von
Apollonia und vier Ilen der Sarissophoren. Wie sie nahten, ergab sich die
Stadt Priapos an der Propontis unfern der Mndung des Granikos; gerade
jetzt war dieser Platz, der die vom Granikos durchstrmte Ebene Adrasteia
beherrscht, von Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das
persische Heer an die Ufer des Granikos vorgerckt und demnach dort der
erste Zusammensto mit dem Feinde zu erwarten war.

Wenn Alexander sichtlich mglichst bald zu schlagen wnschte, so htten die
Perser ihm um so mehr ausweichen sollen. Im Kriegsrat in Zeleia hatte
Memnon widerraten, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg und, wenn
man siegte, kaum einen Vorteil hoffen lasse; die Makedonen seien an Fuvolk
den Persern weit berlegen, und doppelt gefhrlich, da sie unter Fhrung
ihres Knigs kmpfen wrden, whrend Dareios dem persischen Heere fehle;
selbst angenommen, da die Perser siegten, so wrde den Makedonen der
Rcken gedeckt und ihr Verlust nur der eines vergeblichen Angriffes sein;
die Perser dagegen verlren durch eine Niederlage das Land, das sie zu
verteidigen htten: das einzig Ersprieliche sei, jedes entscheidende
Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln
versehen, man msse sich langsam zurckziehen, eine Einde hinter sich
lassen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fnden;
dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem
greren und unberechenbaren vorgebeugt werden. Memnons Meinung fand im
Rate der persischen Feldherren kein Gehr, man hielt sie der Hoheit
Persiens nicht wrdig; namentlich widersprach Arsites von Phrygien am
Hellespont: in seiner Satrapie werde er auch nicht ein Haus anznden
lassen. Die brigen Perser stimmten mit ihm fr die Schlacht, ebensosehr
aus Kampfeslust, wie aus Abneigung gegen den griechischen Fremdling, der
schon zuviel beim Groknig galt und den Krieg verlngern zu wollen schien,
um noch hher in des Knigs Gnade zu steigen. Sie rckten den Makedonen bis
an den Granikos entgegen; sie beschlossen, von den steilen Ufern dieses
Flusses aus jedes Weiterrcken Alexanders zu hindern; sie stellten sich an
dem rechten Ufer so auf, da der Rand des Flusses von der persischen
Reiterei, das ansteigende Terrain in einiger Entfernung hinter ihr von den
griechischen Sldnern besetzt war.

Indes rckte Alexander ber die Ebene Adrasteia dem Granikos[5] zu, das
schwere Fuvolk in die zwei Kolonnen des rechten und linken Flgels
geteilt, auf der rechten Flanke die makedonische, auf der linken die
thessalische und griechische Reiterei; die Packtiere mit dem greren Teil
des leichten Fuvolkes folgten den Kolonnen; die Vorhut bildeten die
Sarissophoren und etwa fnfhundert Mann leichtes Fuvolk unter Hegelochos'
Fhrung. Schon nherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige
von den Sarissophoren zurckgesprengt kamen mit der Nachricht, die Feinde
stnden jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reiter in
ausgedehnter Linie lngs dem steilen und lehmigen Fluufer, eine Strecke
rckwrts das Fuvolk. Alexander durchschaute die Fehler der feindlichen
Dispositionen, welche die Waffe des ungestmen Angriffs zur Verteidigung
eines schwierigen Terrains, und die trefflichen griechischen Sldner zu
migen Zuschauern eines Kampfes machten, dem nur sie gewachsen waren; ein
dreistes Vorgehen mit Kavallerie mute hinreichen, das jenseitige Ufer und
damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen
die Hypaspisten und Phalangen folgen sollten. Er lie die Truppen aus den
Marschkolonnen rechts und links aufmarschieren und sich in Schlachtordnung
setzen. Parmenion kam zu ihm, den Kampf zu widerraten: es sei ratsam, sich
vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern; der Feind, an Fuvolk schwcher,
werde nicht wagen, in der Nhe der Makedonen zu bernachten, er werde sich
zurckziehen und so es mglich machen, da man am andern Morgen, bevor die
Perser ausgerckt und aufgestellt seien, den bergang ohne Gefahr
bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein bergang nicht ohne Gefahr: der
Tag neige sich, der Flu sei an manchen Stellen tief und reiend, das Ufer
jenseits steil, man knne nicht in Linie passieren, man msse in Kolonnen
durch den Flu gehen; die feindliche Reiterei werde diese in die Flanke
nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kmen; der erste Unfall aber
sei nicht blo fr den Augenblick empfindlich, sondern fr die Entscheidung
des Krieges hchst bedenklich. Der Knig antwortete: Wohl erkenne ich das,
aber ich wrde mich schmen, wenn ich den Hellespont leicht berschritten
htte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte, hinberzugehen, wie wir
sind; auch wrde das weder mit dem Ruhme der Makedonen, noch mit meiner
Art, einer Gefahr gegenber, stimmen; die Perser, glaube ich, wrden Mut
fassen, als knnten sie sich mit Makedonen messen, weil sie nicht sofort
erfhren, was sie frchten. Mit diesen Worten schickte er Parmenion nach
dem linken Flgel, den er fhren sollte, whrend er selbst zu den
Geschwadern des rechten ritt.

    [5] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

An dem Glanze seiner Waffen und an der weien Feder seines Helmes, an der
Ehrerbietung der ihn Umgebenden sahen die Perser jenseits, da Alexander
ihrem linken Flgel gegenberstand, und da dort der Hauptangriff zu
erwarten sei; sie eilten, den Kern ihrer Reiterei in dichten Reihen ihm
gegenber hart an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Shnen
und Arsames mit seinen eigenen Reitern; dann folgte in der Schlachtlinie
der phrygische Hyparch Arsites, der lydische Satrap Spithridates mit den
hyrkanischen Reitern und vierzig edlen Persern in seinem Geleit, dann die
weiteren Reiterhaufen des Zentrums, endlich die des rechten Flgels unter
Rheomithres. Eine kurze Zeit standen beide Heere schweigend in gespannter
Erwartung einander gegenber, -- die Perser bereit, auf den Feind, wenn er
durch den Flu anrckend die steilen Ufer heraufkomme und ehe er sich
ordnen knne, zu strzen, Alexander mit raschem Blick ersphend, wie und wo
der Angriff mglich sei. Dann bestieg er sein Schlachtro, rief den Truppen
zu, ihm zu folgen und als Mnner zu kmpfen, gab das Zeichen zum Vorrcken.
Voran Amyntas der Lynkestier mit den Sarissophoren und Paionen und einer
Taxis (der Hypaspisten), ihm zugeordnet die Ile von Apollonia, von
Ptolemaios, Philipps Sohn, gefhrt, die diesen Tag die erste Stelle in der
Ritterschaft, den ersten Angriff hatte. Sowie sie im Flu waren, folgte der
Knig an der Spitze der brigen Ilen der Hetairen unter dem Schall der
Trompeten und des Schlachtgesanges; er wollte, whrend Ptolemaios durch
seinen Angriff den uersten linken Flgel des Feindes beschftigte, mit
den sieben Ilen, halb rechts aufrckend, rechts an Ptolemaios, links an die
nachrckende Linie des Fuvolkes gelehnt, auf das Zentrum der Feinde
einbrechen und dasselbe sprengen. Mit dem linken Flgel sollte Parmenion,
dem Flusse zu in schrger Linie folgend, den rechten Flgel des Feindes
lhmen.

Sobald sich Amyntas und Ptolemaios dem feindlichen Ufer des Flusses nahten,
begann das Gefecht. Die Perser, hier von Memnon und dessen Shnen gefhrt,
widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie teils vom
hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, teils unmittelbar an das
Wasser vorgingen und die Heraufsteigenden zurckdrngten; diese, durch den
schlpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, hatten schweren Stand,
groen Verlust, zumal die am meisten rechts, whrend denen links sich schon
eine Sttze bot. Denn schon war der Knig mit dem Agema der Ritterschaft
durch den Flu, strmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die
dichteste Masse der Feinde und die Heerfhrer hielten. Sofort begann hier,
um die Person des Knigs, der heftigste Kampf, in den die anderen Ilen,
eine nach der andern, durch den Flu folgend, mit eingriffen; ein
Reitergefecht, das in seiner Hartnckigkeit, Stetigkeit und der Wut des
Handgemenges einem Kampfe des Fuvolkes glich; Ro an Ro, Mann an Mann
gedrngt, kmpften die Makedonen mit ihren Speeren, die Perser mit ihren
leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Sbeln, jene, um die
Perser vom Ufer zurck auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Makedonen
in den Strom zurckzustoen. Des Knigs weien Helmbusch sah man im
dichtesten Getmmel; in dem heftigen Gefecht zersplitterte sein Speer, er
rief seinem Stallmeister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war
sein Speer zerbrochen, und er kmpfte mit dem umgekehrten Stumpf; kaum da
Demaratos von Korinth dem Knige seine Waffe gereicht, so sprengte auch
schon ein neuer Schwarm erlesener persischer Reiter heran, Mithridates, ihr
Fhrer, jagte voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspie verwundete des
Knigs Schulter; ein Speersto Alexanders streckte den persischen Frsten
tot zu Boden. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder,
Rhoisakes, auf Alexander zu, zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so
da der Sbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer
durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhoisakes strzte rcklings
vom Pferde. Zugleich war der libysche Satrap Spithridates an Alexander
herangesprengt; schon hatte er ber des Knigs Nacken seinen Sbel zum
tdlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Kleitos zuvor, mit einem
Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe, gab ihm dann den Todessto.
Immer wilder wurde der Kampf; die Perser fochten mit hchster Tapferkeit,
den Tod ihrer Frsten zu rchen, whrend immer neue Scharen ber den Flu
setzten, eindrangen, niedermetzelten; umsonst suchten Niphates, Petines,
Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnakes, des Dareios Schwager,
Arbupalos, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lsenden Massen zu
halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde. Das Zentrum der Perser war
durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach andern
zweitausendfnfhundert Perser waren geblieben, die brigen flohen weit
zersprengt vom Schlachtfelde. Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch
die ganze Masse des feindlichen Fuvolkes unter Omares auf den Hhen stand,
entschlossen, den Ruhm griechischer Sldner gegen die makedonischen Waffen
zu bewhren. Es war das einzige, was ihnen brigblieb; mige Zuschauer
eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung vielleicht gewonnen haben
wrde, ohne bestimmte Befehle fr den Fall, den der Stolz der persischen
Frsten unmglich geglaubt hatte, blieben sie geschlossen auf ihrer Hhe,
die wenigstens einen ehrenvollen Rckzug zu sichern vermocht htte; die
blinde Flucht der Reiterscharen hatte sie preisgegeben; auf sich
beschrnkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den
eigenen Untergang, den sie so teuer als mglich zu machen entschlossen
waren. Alexander lie die Phalanx auf sie anrcken, zugleich von allen
Seiten alle Reiter, auch die thessalischen und hellenischen des linken
Flgels, auf sie einbrechen. Nach kurzem furchtbarem Kampfe, in welchem dem
Knige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, waren die Sldner
bewltigt; es entkam niemand, auer wer sich etwa unter den Leichen
verborgen hatte; zweitausend von diesen Sldnern wurden gefangengenommen.

Alexanders Verlust war verhltnismig gering; beim ersten Angriff waren
fnfundzwanzig Ritter von der Ile von Apollonia geblieben, es waren
auerdem etwa sechzig Mann von der Reiterei und dreiig vom Fuvolke
gefallen. Sie wurden am folgenden Tage in ihrer Waffenrstung und mit allen
militrischen Ehren begraben, ihren Eltern und Kindern daheim alle Steuern
erlassen. Fr die Verwundeten trug Alexander persnlich Sorge, ging zu
ihnen, lie sich ihre Wunden zeigen, sich von jedem erzhlen, wie er sie
empfangen. Er befahl auch, die gefallenen persischen Fhrer, auch die
griechischen Sldner, die im Dienste des Feindes den Tod gefunden hatten,
zu bestatten; die gefangenen Griechen dagegen wurden in Fesseln geschlagen
und zu ffentlicher Strafarbeit nach Makedonien abgefhrt, weil sie wider
den gemeinsamen Beschlu Griechenlands und fr die Perser gegen
Griechenland gefochten hatten; nur die von Theben erhielten Verzeihung. Das
reiche persische Lager fiel in Alexanders Hnde; die Beute des Sieges
teilte er mit seinen Bundesgenossen; seiner Mutter Olympias schickte er von
den goldenen Bechern, purpurnen Teppichen und anderen Kostbarkeiten, die in
den Zelten der persischen Frsten gefunden waren; er gebot zum Andenken der
fnfundzwanzig Ritter, die zuerst im Kampfe gefallen waren, ebensoviel
Bronzestatuen von dem Bildhauer Lysippos gieen und in Dion aufstellen zu
lassen. Er sandte dreihundert vollstndige Rstungen nach Athen als
Weihgeschenk fr Pallas Athene, mit der Aufschrift: Alexander, Philipps
Sohn und die Hellenen, mit Ausnahme der Lakedmonier, von den Barbaren in
Asien.

Mit dem Siege am Granikos war die Macht Persiens diesseits des Taurus
vernichtet, die Streitmacht der Satrapien, welche die Vormauer des Reiches
bildete, zerstreut, entmutigt, so zusammengeschmolzen, da sie nicht wieder
im offenen Felde mit den Makedonen zusammenzutreffen wagen durfte; auch die
persischen Besatzungen der einzelnen groen Stdte, zu klein, um einer
siegreichen Armee zu widerstehen, konnten als berwunden gelten. Dazu kam,
da viele Fhrer der Perser, namentlich der lydische Satrap, gefallen
waren, da Arsites, der Hyparch Phrygiens am Hellespont, bald nach der
Schlacht, wie es hie, aus Reue und Angst vor Verantwortlichkeit sich
selbst entleibt hatte, da endlich die wichtigen Kstenstriche um so
leichter eine Beute der Makedonen werden muten, da sich in den reichen
griechischen Stdten noch immer demokratisch gesinnte Mnner fanden, denen
sich jetzt Gelegenheit bot, des persischen Joches und der persisch
gesinnten Oligarchen frei zu werden.

Alexander konnte nicht zweifelhaft sein, wohin er sich wenden msse, um die
Wirkung seines Sieges auf die vorteilhafteste Weise zu benutzen und zu
steigern. Ein schnelles Eindringen in das Innere Kleinasiens htte ihn
weite Gebiete, groe Beute, Land und Leute gewinnen lassen; aber sein Zweck
war, die Macht des Groknigs zu vernichten; schon war eine Perserflotte im
gischen Meere, die, wenn er ins Innere vorgedrungen wre, hinter seinem
Rcken operieren und sich der Ksten bemchtigen, mit Hellas Verbindung
anknpfen konnte. Seine Erfolge zu Lande muten sie berholen; seine
Operationsbasis zum weiteren Vordringen nach Osten mute so breit und so
sicher als mglich sein; sttzte er sich nur auf den Hellespont, so blieben
die Satrapien am gischen Meere in der Hand des Feindes, der von da aus
seine Flanke beunruhigen konnte. Es war notwendig, die ganze West- und
Sdkste Kleinasiens zu besetzen, um ber den Taurus vordringen zu knnen.
Diese Kstenstriche, voll hellenischer oder hellenisierter Stdte, wurden
unter dem Eindruck der gewonnenen Schlacht je schneller, desto sicherer fr
das Interesse des siegenden Griechentums gewonnen.

Alexander bergab die Satrapie in Phrygien am Hellespont Kalas, dem Sohne
des Harpalos, der, durch zweijhrigen Aufenthalt in diesen Gegenden schon
bekannt, geeignet schien, die in militrischer Hinsicht hchst wichtige
Landschaft zu verwalten; es wurde nichts Weiteres in der Verwaltung
gendert, auch die Abgaben blieben dieselben, wie sie an den Groknig
entrichtet worden waren. Die nicht griechischen Einwohner des Binnenlandes
kamen grtenteils, sich freiwillig zu unterwerfen; sie wurden ohne
weiteres in ihre Heimat entlassen. Die Zeliten, die mit dem Perserheere an
den Granikos ausgezogen waren, erhielten Verzeihung, weil sie gezwungen am
Kampfe teilgenommen hatten. Parmenion wurde nach Daskylion, der Residenz
des phrygischen Satrapen, detachiert; er nahm die Stadt, die von der
persischen Besatzung bereits gerumt war, in Besitz. Weiter ostwrts in
dieser Richtung vorzudringen, war fr den Augenblick nicht ntig, da
Daskylion fr den Marsch nach Sden als Rckendeckung gengte.

Alexander selbst wandte sich sdwrts, um auf Sardes, die Residenz der
Satrapie Lydien, zu gehen. Sardes war berhmt wegen seiner alten Burg, die,
auf einer isolierten, schroff abstrzenden Felsmasse, welche vom Tmolos in
die Ebene vorspringt, gelegen und mit dreifacher Mauer umgeben, fr
uneinnehmbar galt; es befand sich in derselben der Schatz der reichen
Satrapie, welcher dem Befehlshaber der Stadt Gelegenheit bieten konnte, die
berdies bedeutende Besatzung zu vermehren und zu versorgen, und eine
starke Macht in Sardes htte der persischen Seemacht die beste Sttze
gegeben. Um so willkommener war, da etwa zwei Meilen von der Stadt
Mithrines, der persische Befehlshaber der Besatzung, nebst den
angesehensten Brgern erschien, diese die Stadt, jener die Burg mit dem
Schatz zu bergeben. Der Knig sandte Amyntas, des Andromenes Sohn, voraus,
die Burg zu besetzen, er selbst folgte nach kurzer Rast; den Perser
Mithrines behielt er fortan in seiner Nhe und zeichnete ihn auf jede Weise
aus, gewi ebensosehr, um seine Unterwerfung zu belohnen, als um zu zeigen,
wie er sie belohne. Den Sardianern und allen Lydiern gab er die Freiheit
und die Verfassung ihrer Vter wieder, deren sie zwei Jahrhunderte lang
unter dem Druck persischer Satrapen entbehrt hatten. Um die Stadt zu ehren,
beschlo er die Burg mit einem Tempel des olympischen Zeus zu schmcken;
als er sich nach der tauglichsten Stelle im Bereiche der Akropolis umsah,
erhob sich pltzlich ein Wetter, unter Donner und Blitz ergo sich ein
heftiger Regenschauer ber den Platz, wo einst der lydische Knigspalast
gestanden hatte; diese Stelle whlte der Knig fr den Tempel, der fortan
die hohe Burg des vielgefeierten Krsus schmcken sollte.

Sardes wurde der zweite wichtige Punkt in der Operationslinie Alexanders,
das Tor zum Innern Kleinasiens, zu dem die groen Straen von diesem
Mittelpunkte des vorderasiatischen Handels hinauffhren. Die
Statthalterschaft Lydiens erhielt des Parmenion Bruder Asandros; eine Schar
Reiter und leichtes Fuvolk wurde als Besatzung der Satrapie unter seinen
Befehl gestellt; mit ihm blieben Nikias und Pausanias aus der Schar der
Hetairen zurck, dieser als Befehlshaber der Burg von Sardes und ihrer
Besatzung, zu der das Kontingent von Argos bestimmt wurde, jener zur
Verteilung und Erhebung der Tribute. Ein anderes Korps, das aus den
Kontingenten der Peloponnesier und der brigen Hellenen bestand, wurde
unter Kalas und dem Lynkestier Alexandros, der an Kalas' Stelle den Befehl
ber die thessalische Ritterschaft erhalten hatte, nach dem Gebiet, das dem
Rhodier Memnon gehrte, abgesandt. Nach dem Fall von Sardes mochte es
notwendig erscheinen, auch auf der linken Flanke die Okkupation
weiterzufhren und mit der weiteren Kste der Propontis die Strae ins
Innere am Sangarios hinauf zu gewinnen. Die Flotte endlich -- Nikanor
fhrte sie -- wird nach dem Siege am Granikos Befehl erhalten haben, nach
Lesbos und Milet zu segeln; es wird bei ihrem Erscheinen geschehen sein,
da Mytilene dem makedonischen Bunde beitrat.

Der Knig selbst wandte sich mit der Hauptmacht von Sardes aus nach Ionien,
dessen Stdte seit langen Jahren das Joch persischer Besatzungen oder
persisch gesinnter Oligarchen getragen hatten und sich, wie sehr sie auch
durch die lange Knechtschaft gebeugt sein mochten, nicht ohne lautes
Verlangen ihrer alten Freiheit erinnerten, die ihnen jetzt noch einmal wie
durch ein Wunder der Gtter wiederkehren zu wollen schien. Nicht als ob
sich diese Stimmung berall geuert htte; wo die oligarchische Partei
stark genug war, mute der Demos schweigen; aber man durfte gewi sein,
da, wenn die befreiende Macht nahte, die Demokratie hoch aufflammen werde;
immerhin, da dann nach hellenischer Art ungezgelte Freude und
leidenschaftlicher Ha gegen die Unterdrcker den Beginn der neuen Freiheit
bezeugten.

Ephesos, die Knigin unter den ionischen Stdten, ging den anderen mit
einem groen Beispiele voran. Noch zu Philipps Zeit, vielleicht infolge
jener Beschlsse von Korinth 338, hatte der Demos sich frei gemacht.
Autophradates war mit einem Heere vor die Stadt gerckt, hatte deren
Behrden zu Unterhandlungen zu sich beschieden, hatte dann whrend
derselben die Bevlkerung, die an keine weitere Gefahr dachte, von seinen
Truppen berfallen, viele gefangennehmen, viele tten lassen. Seit dieser
Zeit war wieder eine persische Besatzung in Ephesos, und die Gewalt in den
Hnden des Syrphax und seines Geschlechtes.

Unter denen, die nach Philipps Tode den Hof von Pella verlassen hatten, war
Amyntas, des Antiochos Sohn, dessen Bruder Heraklides die Ile der
Ritterschaft von Bottiaia fhrte; obschon Alexander ihn nie anders als
gtig behandelt hatte, war er, mochte er sich irgendeiner Schuld bewut
sein, oder argen Wnschen Raum gebend, aus Makedonien geflchtet und nach
Ephesos gekommen, wo ihn die Oligarchie auf alle Weise ehrte. Indes war die
Schlacht am Granikos geschlagen, Memnon hatte sich mit einigen berresten
der geschlagenen Truppen nach der ionischen Kste gerettet und flchtete
weiter auf Ephesos zu. Hier hatte die Nachricht von der Niederlage der
Perser die heftigste Aufregung hervorgebracht; das Volk hoffte, die
Demokratie wiederzugewinnen, die Oligarchie war in hchster Gefahr; da
erschien Memnon vor der Stadt; die Partei des Syrphax eilte, ihm die Tore
zu ffnen, und begann in Verbindung mit den persischen Truppen auf das
rgste gegen die Volkspartei zu wten; das Grab des Herophthos, des
Befreiers von Ephesos, wurde aufgewhlt und entweiht, der heilige Schatz im
groen Tempel der Artemis geplndert, des Knigs Philipp Bildsule im
Tempel umgestrzt, kurz, es geschah alles, was den Untergang der
Gewaltherrschaft noch mehr als ihren Beginn zu schnden pflegt. Indes
rckte Alexanders siegreiches Heer immer nher; Memnon war bereits nach
Halikarnassos gegangen, um dort mglichst krftige Verteidigungsmaregeln
zu treffen; und Amyntas, der bei der Aufregung des Volkes sich nicht mehr
sicher, noch die Stadt gegen die Makedonen zu behaupten fr mglich halten
mochte, eilte mit den in der Stadt liegenden Sldnern, sich zweier Trieren
im Hafen zu bemchtigen, und flchtete zur persischen Flotte, welche
vierhundert Segel stark bereits im gischen Meere erschienen war. Kaum sah
sich das Volk von den Kriegsscharen befreit, als es auch in allgemeiner
Emprung gegen die oligarchische Partei aufstand; viele vornehme Mnner
flchteten, Syrphax und sein Sohn und die Shne seiner Brder retteten sich
in die Tempel, das wtende Volk ri sie von den Altren hinweg und
steinigte sie; man suchte die brigen, sie dem gleichen Tode zu opfern. Da
rckte Alexander, einen Tag nach Amyntas' Flucht, in die Stadt ein, tat dem
Morden Einhalt, befahl, die um seinetwillen Verbannten wiederaufzunehmen,
die Demokratie fr alle Zeit in Geltung zu lassen; er berwies die Abgaben,
die bisher an Persien entrichtet worden waren, der Artemis und dehnte das
Asylrecht des Tempels auf ein Stadion von den Tempelstufen aus. Mag die
neue Umgrenzung des Tempelbezirks mit bestimmt gewesen sein, knftigem
Streit zwischen dem Tempel und der politischen Gemeinde vorzubeugen, dem
Hader in der Gemeinde selbst wurde durch die Vermittlung des Knigs ein
Ende gemacht, und wenn ihm irgend etwas zum Ruhm gereicht, sagt Arrian,
so ist es das, was er damals in Ephesus tat.

In Ephesus kamen zu Alexander Abgeordnete aus Tralleis und Magnesia am
Maiandros, um ihm die beiden Stdte, die wichtigsten im nrdlichen Karien,
zu bergeben; Parmenion wurde mit einem Korps von fnftausend Mann Fuvolk
und zweihundert Pferden abgesandt, um die Stdte in Besitz zu nehmen. Zu
gleicher Zeit wurde Alkimachos, Lysimachos' Bruder, mit ebensoviel Truppen
nordwrts nach den olischen und ionischen Stdten detachiert, mit dem
Befehl, berall die Oligarchie aufzuheben, die Volksherrschaft
wiedereinzurichten, die alten Gesetze wiederherzustellen, die bisher an
Persien entrichteten Tribute ihnen zu erlassen. Es wird die Wirkung dieser
Expeditionen gewesen sein, da auch in Chios die Oligarchie, an deren
Spitze Apollonides stand, gestrzt, da auf Lesbos die Tyrannis in Antissa
und Eresos gebrochen, Mytilene mit einer makedonischen Besatzung gesichert
wurde.

Der Knig selbst blieb noch einige Zeit in Ephesos, das ihm der Verkehr mit
Apelles, dem grten unter den damals lebenden Malern doppelt liebmachen
mochte; das Bild Alexanders, mit dem Blitze in der Hand, das noch lange
eine Zierde des groen Tempels der Artemis war, entstand in dieser Zeit.
Ihn beschftigten mancherlei Plne zur Frderung der griechischen
Kstenstdte; vor allem befahl er, die Stadt Smyrna, die seit der Zeit der
Zerstrung durch die lydischen Knige sich in mehrere Flecken aufgelst
hatte, wiederherzustellen, die Stadt Klazomenai durch einen Damm mit ihrer
Hafeninsel zu verbinden, die Landenge von Klazomenai bis Teos zu
durchstechen, damit die Schiffe nicht ntig htten, den weiten Umweg um das
schwarze Vorgebirge zu machen. Das Werk ist nicht zustandegekommen, aber
noch in spter Zeit wurden auf der Landenge in einem dem Knige Alexander
geweihten Haine Wettkmpfe von dem Bunde der Ionier zum Gedchtnis ihres
Befreiers gehalten.

Nachdem Alexander noch im Tempel der Artemis geopfert und eine Musterung
der Truppen, die in vollem Waffenschmucke und wie zur Schlacht aufgestellt
waren, gehalten hatte, brach er folgenden Tages mit seinem Heere, das aus
vier Ilen makedonischer Ritter, den thrakischen Reitern, den Agrianern und
Bogenschtzen und etwa 12000 Mann Hopliten und Hypaspisten bestand, auf
der Strae nach Milet auf. Die Stadt war wegen ihres gerumigen Hafens fr
die persische Flotte, wenn sie das gische Meer halten sollte, beim
Herannahen der spten Jahreszeit von der grten Wichtigkeit. Der
Befehlshaber der persischen Besatzung von Milet, der Grieche Hegesistratos,
hatte frher in einem Schreiben dem Knige die bergabe der Stadt
angeboten, aber, von der Nhe der groen persischen Flotte unterrichtet,
die wichtige Hafenstadt den Persern zu erhalten beschlossen. Desto eifriger
war Alexander, die Stadt zu erobern.

Milet liegt auf einer Landzunge im Sden des latmischen Meerbusens, drei
Meilen sdwrts von dem Vorgebirge Mykale, vier von der Insel Samos, die
man am Horizont aus dem Meere hervorragen sieht; die Stadt selbst, in die
uere und die mit starken Mauern und tiefem Graben versehene innere Stadt
geteilt, ffnet nach dem Meerbusen zu vier Hfen, von denen der grte und
wichtigste auf der Insel Lade etwas von der Kste entfernt liegt; gro
genug, um einer Flotte Schutz zu gewhren, ist er mehr als einmal
Veranlassung gewesen, da Seekriege in seiner Nhe gefhrt und durch seine
Besetzung entschieden sind; die zunchst an der Stadt liegenden Hfen
werden durch kleine Felseneilande voneinander geschieden, sie sind fr den
Handel sehr bequem, aber weniger gerumig, und werden durch die Reede der
Insel Lade mitbeherrscht. Die reiche Handelsstadt war von den Persern nicht
eben bedrckt, ihr war ihre Demokratie gelassen worden; sie mag gehofft
haben, neutral zwischen den kmpfenden Mchten verharren zu knnen; sie
hatte nach Athen gesandt, um Hilfe zu bitten.

Nikanor, der die hellenische Flotte fhrte, erreichte vor Ankunft der
berlegenen Perserflotte die Hhe von Milet und ging mit seinen
hundertundsechzig Trieren bei der Insel vor Anker. Zu gleicher Zeit war
Alexander unter den Mauern der Stadt erschienen, hatte sich der ueren
Stadt bemchtigt, die innere mit einem Wall eingeschlossen, zur Verstrkung
der wichtigen Position von Lade die Thraker und gegen 4000 Mann Sldner auf
die Insel bersetzen lassen und seiner Flotte die Weisung gegeben, von der
Seeseite Milet auf das sorgfltigste zu sperren. Drei Tage darauf erschien
die persische Flotte; die Perser steuerten, da sie die Meerbucht von
hellenischen Schiffen besetzt sahen, nordwrts und gingen, vierhundert
Segel stark, bei dem Vorgebirge Mykale vor Anker.

Da die hellenische und die persische Seemacht einander so nahe lagen,
schien ein entscheidendes Seegefecht unvermeidlich zu machen; viele
Strategen Alexanders wnschten es; man glaubte des Sieges gewi zu sein, da
sogar der alte vorsichtige Parmenion zum Kampfe riet; denn ein Adler -- das
lt ihn Arrian anfhren -- sei am Ufer beim Spiegel des Schiffes
Alexanders sitzend gesehen worden; stets htten die Griechen zur See ber
die Barbaren gesiegt, und das Zeichen des Adlers lasse keinen Zweifel, was
der Gtter Wille sei; ein gewonnenes Seegefecht werde der ganzen
Unternehmung von auerordentlichem Nutzen sein, durch eine verlorene
Schlacht knne nichts weiter verloren werden, als was man schon jetzt nicht
mehr habe, denn mit ihren vierhundert Segeln seien die Perser doch Herren
der See; er selbst erklrte sich bereit, an Bord zu gehen und an dem Kampfe
teilzunehmen. Alexander wies es zurck: unter den jetzigen Verhltnissen
eine Seeschlacht zu wagen, wrde ebenso nutzlos, wie gefhrlich, es wrde
tollkhn sein, mit hundertsechzig Schiffen gegen die bermacht der
feindlichen Flotte, mit seinen wenig gebten Seeleuten gegen die Kyprier
und Phniker kmpfen zu wollen; die Makedonen, unbezwinglich auf dem festen
Lande, drften den Barbaren nicht auf dem Meere, das ihnen fremd sei und wo
berdies tausend Zuflligkeiten mit in Betracht kmen, preisgegeben werden;
der Verlust eines Treffens wrde den Erwartungen von seinem Unternehmen
nicht blo bedeutenden Eintrag tun, sondern fr die Hellenen die Losung zum
Abfall werden; der Erfolg eines Sieges knne nur gering sein, da der Gang
seiner Unternehmungen auf dem festen Lande die Perserflotte von selbst
vernichten werde; das sei auch der Sinn jenes Zeichens; so wie der Adler
sich auf das Land gesetzt, so werde er die persische Seemacht vom Lande aus
berwltigen; es sei nicht genug, nichts zu verlieren; nicht zu gewinnen,
sei schon Verlust. Die Flotte blieb ruhig auf der Reede bei Lade.

Indes kam Glaukippos, ein angesehener Milesier, ins Lager des Knigs, im
Namen des Volkes und der Sldnerscharen, in deren Hand jetzt die Stadt sei,
zu erklren: Milet sei bereit, seine Tore und Hfen den Makedonen und
Persern in gleicher Weise zu ffnen, wenn Alexander die Belagerung aufheben
wolle. Der Knig erwiderte: er sei nicht nach Asien gekommen, um sich mit
dem zu begngen, was man ihm werde zugestehen wollen, er werde seinen
Willen durchzusetzen wissen; von seiner Gnade mge man Strafe oder
Verzeihung fr die Wortbrchigkeit erwarten, die die Stadt zu einem ebenso
strafbaren als vergeblichen Widerstand veranlat habe; Glaukippos mge
schleunigst in die Stadt zurckkehren und den Milesiern melden, da sie
eines Sturmes gewrtig sein knnten. Mit dem nchsten Tage begannen die
Sturmbcke und Mauerbrecher zu arbeiten, bald lag ein Teil der Mauer in
Bresche; die Makedonen drangen in die Stadt, whrend ihre Flotte, sobald
sie von ihrem Ankerplatze aus den Sturm gegen die Stadt gewahrte, dem Hafen
zuruderte und den Eingang sperrte, so da die Trieren, dicht aneinander
gedrngt und die Schnbel hinausgewendet, der Perserflotte Hilfe zu leisten
und den Milesiern, sich zur Perserflotte zu retten, unmglich machten. Die
Milesier und Sldner, in der Stadt von allen Seiten gedrngt und ohne
Aussicht auf Rettung, suchten ihr Heil in der Flucht; die einen schwammen
auf ihren Schilden zu einem der Felseneilande der Hfen, andere suchten auf
Booten den makedonisch-hellenischen Trieren zu entkommen; die meisten kamen
in der Stadt um. Jetzt Meister der Stadt, setzten die Makedonen, von dem
Knig selbst gefhrt, nach dem Eiland ber, und schon waren die Leitern von
den Trieren an die steilen Ufer geworfen, um die Landung zu erzwingen; da
befahl der Knig, voll Mitleid mit jenen Tapferen, die sich auch jetzt noch
zu verteidigen oder rhmlich zu sterben bereit seien, ihrer zu schonen und
ihnen Gnade unter der Bedingung anzubieten, da sie in seinem Heere Dienst
nhmen; so wurden dreihundert griechische Sldner gerettet. Allen
Milesiern, die nicht beim Sturme umgekommen waren, schenkte Alexander Leben
und Freiheit.

Die Perserflotte hatte den Fall Milets von Mykale aus angesehen, ohne das
Geringste zur Rettung der Stadt tun zu knnen. Jeden Tag lief sie gegen die
hellenische Flotte aus, in der Hoffnung, sie zum Kampfe herauszulocken und
kehrte abends unverrichteter Sache nach der Reede des Vorgebirges zurck,
einem hchst unbequemen Ankerplatz, da sie ihr Trinkwasser nachts aus dem
Mandros, etwa drei Meilen weit, holen mute. Der Knig gedachte sie aus
ihrer Position zu treiben, ohne seine Flotte ihre sichere und sichernde
Stellung aufgeben zu lassen; er sandte die Reiter und drei Taxen vom
Fuvolk unter Philotas' Fhrung an der Kste entlang nach dem Vorgebirge
Mykale, mit dem Befehle, jede Landung der Feinde zu hindern; nun auf dem
Meere gleichsam blockiert, waren sie bei gnzlichem Mangel an Wasser und
Lebensmitteln gentigt, nach Samos zu gehen, um das Ntige an Bord zu
nehmen. Dann kehrten sie zurck, fuhren wieder, zum Kampf herausfordernd,
in Schlachtordnung auf; da die hellenische Flotte ruhig bei Lade blieb,
sandten sie fnf Schiffe dem Hafen zu, der, zwischen dem Lager und den
kleinen Inseln gelegen, das Heer von der Flotte trennte, in der Hoffnung,
die Schiffe unbemannt zu berraschen, da es bekannt war, da sich das
Schiffsvolk in der Regel von den Schiffen zerstreue, um Holz und Vorrte zu
holen. Sobald Alexander jene fnf Schiffe heransteuern sah, lie er mit dem
gerade anwesenden Schiffsvolke zehn Trieren bemannen und in See gehen, um
auf den Feind Jagd zu machen. Die persischen Schiffe kehrten, bevor jene
heran waren, schleunigst um, sich zu ihrer Flotte zurckzuziehen; eines,
das schlecht segelte, fiel den Makedonen in die Hnde und wurde
eingebracht; es war aus Jasos in Karien. Das persische Geschwader zog sich,
ohne Weiteres gegen Milet zu versuchen, nach Samos zurck.

Der Knig hatte sich durch die letzten Vorflle berzeugt, da die
Perserflotte auf die Bewegungen seiner Landmacht keinen nennenswerten
Einflu mehr ben, vielmehr durch die fortschreitende Okkupation der Ksten
bald vllig vom Festland abgedrngt, gezwungen sein werde, auf weiteres
Eingreifen in die entscheidenden Aktionen zu verzichten und einstweilen bei
den Inseln vor Anker zu liegen. Auf dem Festlande, in der ganzen Kraft der
Offensive, sah Alexander seine Seemacht jetzt, da sie unmglich gegen den
dreimal strkeren Feind die See halten konnte, auf die Verteidigung
beschrnkt; so wichtige Dienste sie ihm beim Beginn des Feldzuges und zur
Deckung der ersten Bewegungen des Landheeres geleistet hatte, sie war ihm,
seit die persische Macht in Kleinasien unterlegen, ohne besonderen Nutzen,
dagegen der Aufwand, den sie verursachte, auerordentlich; hundertsechzig
Trieren forderten an dreiigtausend Mann Matrosen und Epibaten, fast
ebensoviel Mannschaft als das Heer, das das Perserreich ber den Haufen
strzen sollte; sie kosteten monatlich mehr als fnfzig Talente Gold, und
vielleicht ebensoviel Unterhalt, ohne, wie das Landheer, das nicht viel
teurer zu unterhalten war, mit jedem Tage neue Eroberung und neue Beute zu
machen. Alexanders Kassen waren erschpft und hatten vorerst keine
bedeutenden Zuflsse zu erwarten, da den befreiten griechischen Stdten
ihre Abgaben erlassen wurden, die inlndischen weder gebrandschatzt noch
geplndert, sondern nur nach dem alten, sehr niedrigen Ansatz besteuert
werden sollten. Dies waren die Grnde, die den Knig veranlaten, im Herbst
334 seine Flotte aufzulsen; er behielt nur wenige Schiffe zum Transport
lngs der Kste bei sich, unter diesen zwanzig, die Athen gestellt hatte,
sei es, um dadurch die Athener zu ehren oder um ein Unterpfand ihrer Treue
zu haben, falls die feindliche Flotte, wie zu vermuten, sich nach Hellas
wenden sollte.

Jetzt nach Auflsung der Flotte, wurde es fr Alexander doppelt wichtig,
jede Kstenlandschaft, jede Seestadt, jeden Hafen zu besetzen, um dadurch
jene Kontinentalsperre durchzusetzen, mit welcher er die persische Seemacht
mattzusetzen hoffte. Noch war an der Kste des gischen Meeres Karien, und
in Karien Halikarnassos brig, doppelt wichtig durch seine Lage am Eingange
dieses Meeres und dadurch, da sich in diese sehr feste Stadt der letzte
Rest der persischen Macht in Kleinasien zum Widerstande gesammelt hatte.

Karien war vor etwa fnfzig Jahren zur Zeit des zweiten Artaxerxes unter
die Herrschaft des Dynasten Hekatomnos von Halikarnassos gekommen, der, dem
Namen nach persischer Satrap, so gut wie unabhngig und bereit war, diese
Unabhngigkeit bei der ersten Veranlassung mit gewaffneter Hand geltend zu
machen; er hatte seine Residenz nach dem Innern seines Landes, nach Mylasa,
verlegt und von hier aus seine Herrschaft bedeutend auszudehnen verstanden.
Sein Sohn und Nachfolger Mausollos verfolgte die Plne des Vaters, er
vergrerte auf jede Weise seine Macht und seine Reichtmer; dann auch mit
Lykien betraut, beherrschte er zwei wichtige Seeprovinzen Kleinasiens; um
so nher lag es ihm, seine Seemacht -- schon der Vater hatte, als
persischer Nauarch, gegen Cypern gekmpft -- weiter zu entwickeln; er
verlegte die Residenz wieder nach Halikarna, das er durch Zusammenziehung
von sechs kleinen Ortschaften vergrerte; er erregte den
Bundesgenossenkrieg gegen die Athener, um deren Seemacht zu schwchen;
selbst nach Milet streckte er seine Hand aus. Nachdem dann seine Schwester
und Gemahlin Artemisia, die ihm nach karischer Sitte in der Herrschaft
folgte, gestorben war, bernahm der zweite Bruder Idrieus die Regierung;
von den Zeitumstnden begnstigt, behauptete er Chios, Kos und Rhodus.
Seine Schwester und Gemahlin Ada folgte ihm, wurde aber schon nach vier
Jahren durch ihren jngeren Bruder Pixodaros der Herrschaft beraubt, so da
ihr nichts als die Bergfestung Alinda blieb. Pixodaros beabsichtigte, durch
eine Verbindung mit dem makedonischen Knigshause, dessen Plne in
Beziehung auf Asien kein Geheimnis mehr waren, sich zu einem Kampfe um
seine Unabhngigkeit vorzubereiten. Da er auch Gold auf seinen Namen
prgte, was -- so ist die Meinung -- keinem Satrapen zustand, wrde zeigen,
wieweit er schon zu sein glaubte. Der Hader am Hofe Philipps strte seine
Plne, so da er dem Wunsche des Perserknigs, seine Tochter mit dem edlen
Perser Othontopates zu vermhlen, entgegenkam, und nach seinem im Jahre 335
erfolgten Tode wurde Othontopates Herr der karischen Dynastie.

Sobald jetzt Alexander in Karien einrckte, eilte Ada ihm entgegen; sie
versprach, ihn auf jede Weise bei der Eroberung Kariens zu untersttzen,
ihr Name selbst wrde ihm Freunde gewinnen; die Wohlhabenden im Lande,
unzufrieden ber die erneute Verbindung mit Persien, wrden sich sofort fr
sie entscheiden, da sie im Sinne ihres Bruders stets gegen Persien und fr
Griechenland Partei genommen habe; sie bat den Knig, als Treupfand ihrer
Gesinnung ihre Adoption anzunehmen. Alexander wies es nicht zurck, er lie
ihr die Herrschaft von Alinda; die Karier wetteiferten, sich ihm zu
ergeben, namentlich die griechischen Stdte; er stellte ihre Demokratie
her, gab ihnen Autonomie, entlie sie der Tributpflicht.

Nur Halikarna war noch brig; dorthin hatte sich Othontopates
zurckgezogen; ebendahin war Memnon, nachdem er in Ephesus und Milet weder
die Gelegenheit gnstig, noch die Zeit hinreichend gefunden hatte, um
erfolgreichen Widerstand zu organisieren, mit den Resten der am Granikos
geschlagenen Armee gekommen, um mit dem karischen Satrapen vereinigt die
letzte wichtige Position auf der kleinasiatischen Kste zu halten. Die
Stadt war auf drei Seiten von mchtigen Mauern umschlossen, auf der
vierten, der sdlichen, dem Meere zugewandt; sie hatte drei Burgen, die
Akropolis auf den Hhen ihrer Nordseite, die Salmakis an der Sdwestecke,
hart am Meere an dem Hals einer Halbinsel, die die Bai von Halikarna
westwrts schliet, endlich die Knigsburg auf einer kleinen Insel am
Eingang des Hafens, der den innersten Teil der Bai bildet. Memnon schickte
Weib und Kind an den Groknig, angeblich, um sie aller Gefahr zu
entziehen, in der Tat, um ein Zeichen und Unterpfand seiner Treue zu geben,
die sein griechischer Ursprung nur zu oft schon zu verdchtigen Gelegenheit
gegeben hatte. Diese Hingebung zu ehren und seinem anerkannten und oft
erprobten Feldherrntalent die gebhrende Wirksamkeit zu erffnen, hatte ihm
der Perserknig den Oberbefehl ber die gesamte persische Seemacht und die
Ksten bertragen; wenn noch etwas fr Persien zu retten war, schien er der
Mann zu sein, der retten konnte. Mit auerordentlicher Ttigkeit hatte er
das feste Halikarna noch durch neue Werke, namentlich durch einen breiten
und tiefen Graben verstrkt, die aus Persern und Sldnern bestehende
Besatzung vermehrt, seine Kriegsschiffe in den Hafen der Stadt gezogen, um
durch sie die Verteidigung zu untersttzen und die Stadt im Falle einer
lngeren Belagerung mit Lebensmitteln zu versehen; er hatte die Insel
Arkonnesos, welche die Bai im Osten beherrschte, befestigen lassen, nach
Myndos, Kaunos, Thera, Kallipolis Besatzungen gelegt, kurz alles so
vorbereitet, da Halikarna der Mittelpunkt hchst erfolgreicher Bewegungen
und ein Bollwerk gegen das Vordringen der Makedonen werden konnte. Eben
darum waren nicht wenige von der besiegten Partei in Hellas nach
Halikarnassos gegangen, unter ihnen die Athener Ephialtes und Thrasybulos;
auch von den beim Morde des Knigs Philipp Geflchteten der Lynkestier; und
jener Amyntas, des Antiochos Sohn, scheint sich mit den Sldnern von
Ephesos hierher gerettet zu haben. Gelang es, in dieser starken Position
der makedonischen Macht standzuhalten, so war sie -- denn die persische
Flotte beherrschte das Meer -- von der Heimat abgeschnitten, und Hellas mit
dem Ruf der Freiheit unschwer zu neuer Schilderhebung zu bewegen.

Indes rckte Alexander heran und lagerte sich, auf eine langwierige
Belagerung gefat, etwa tausend Schritte vor den Wllen der Stadt. Die
Feindseligkeiten erffneten die Perser durch einen Ausfall auf die soeben
anrckenden Makedonen, der jedoch ohne viele Mhe zurckgeschlagen wurde.
Wenige Tage nachher zog sich der Knig mit einem bedeutenden Teile des
Heeres nordwestlich um die Stadt hin, teils um die Mauern zu besichtigen,
besonders aber, um von hier aus die nahe Stadt Myndos, die fr den Fortgang
der Belagerung von groer Wichtigkeit werden konnte, zu besetzen, da ihm
von der Besatzung dort die bergabe versprochen war, wenn er nachts vor den
Toren der Stadt sein wollte. Er kam, aber niemand ffnete; ohne
Sturmleitern und Maschinen, da das Heer nicht wie zu einem Sturm ausgezogen
war, lie der Knig, erzrnt, so betrogen zu sein, sofort seine
Schwerbewaffneten unter die Mauern der Stadt rcken und das Untergraben
derselben beginnen. Ein Turm strzte, ohne jedoch Bresche genug zu geben,
da man mit Erfolg htte angreifen knnen. In Halikarna war mit
Tagesanbruch der Abzug der Makedonen bemerkt und sofort zur See
Untersttzung nach Myndos geschickt; Alexander mute unverrichteter Sache
in seine Stellung vor Halikarna zurckkehren.

Die Belagerung der Stadt begann; zunchst wurde der Wallgraben, der
fnfundvierzig Fu breit und halb so tief war, unter dem Schutz mehrerer
sogenannter Schildkrtendcher ausgefllt, damit die Trme, von denen aus
die Mauern von Verteidigern gesubert werden und die Maschinen, mit denen
Bresche gelegt wird, gegen die Mauern vorgeschoben werden konnten. Schon
standen die Trme den Mauern nahe, als die Belagerten ber Nacht einen
Ausfall machten, die Maschinen zu verbrennen; schnell verbreitete sich der
Lrm durch das Lager; aus dem Schlafe geweckt, eilten die Makedonen ihren
Vorposten zu Hilfe, und nach kurzem Kampfe bei dem Lichte der Lagerfeuer
muten die Belagerten in die Stadt zurck, ohne ihren Zweck erreicht zu
haben. Unter den hundertfnfundsiebzig Leichen der Feinde fand man auch die
des Lynkestiers Neoptolemos. Auf Seiten der Makedonen waren nur zehn Tote,
aber dreihundert Verwundete, da man bei der Dunkelheit der Nacht sich nicht
hinlnglich hatte decken knnen.

Die Maschinen begannen zu arbeiten; bald lagen zwei Trme und die Mauer
zwischen ihnen auf der nordstlichen Seite der Stadt in Schutt; ein dritter
Turm war stark beschdigt, so da eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz
bringen mute. Da saen eines Nachmittags zwei Makedonen aus der Phalanx
des Perdikkas in ihrem Zelt beim Wein und sprachen gegeneinander gro von
sich und ihren Taten, sie schwuren, ganz Halikarna auf ihre Lanzenspitze
zu nehmen und die persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild
und Speer und rckten zusammen gegen die Mauern, sie schwangen ihre Waffen
und schrien nach den Zinnen hinauf; dies sahen und hrten die auf der Mauer
und machten gegen die zwei Mnner einen Ausfall; diese aber wichen nicht
vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und wer zurckwich,
dem nachgeworfen. Aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem
Augenblick, und die zwei Mnner, die berdies tiefer standen, erlagen fast
dem Andrange der Mehrzahl. Indes hatten ihre Kameraden im Lager diesen
sonderbaren Sturmlauf mit angesehen und liefen nun auch hin, mitzuhelfen;
ebenso mehrte sich der Zulauf aus der Stadt, es entspann sich ein
hartnckiger Kampf unter den Mauern. Bald waren die Makedonen im Vorteil,
warfen den Feind in die Tore zurck, und da die Mauern hier fr den
Augenblick fast von Verteidigern entblt und an einer Stelle bereits
eingestrzt waren, so schien nichts als der Befehl des Knigs zum
allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn
nicht; er htte gern die Stadt unversehrt erhalten; er hoffte, da sie
kapitulieren werde.

Aber die Gegner hatten hinter jener Bresche eine neue Mauer halbmondfrmig
von Turm zu Turm erbaut. Der Knig lie die weiteren Arbeiten auf diese
richten; Schirmwnde aus Weiden geflochten, hohe hlzerne Trme,
Schilddcher mit Mauerbrechern wurden in den einspringenden Winkel, der
schon von Schutt und Trmmern gereinigt und zum Beginn der neuen
Sturmarbeiten geebnet war, vorgeschoben. Wieder machten die Feinde einen
Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, whrend von den beiden
Trmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste untersttzt wurde;
schon brannten mehrere Schirmwnde und selbst ein Turm, kaum noch schtzten
die unter Philotas zur Feldwacht aufgestellten Truppen die brigen; da
erschien Alexander zum Beistand, eilig warfen die Feinde Fackeln und Waffen
hinweg und zogen sich hinter die Mauern zurck, von wo sie, den Angreifern
in die Flanke und zum Teil im Rcken, ihre Geschosse wirksam genug
schleuderten.

Bei so hartnckigem Widerstand hatte der Knig allen Grund, schrfer
anzufassen. Er lie die Maschinen von neuem arbeiten; er selbst war bei der
Arbeit, leitete sie. Da beschlo Memnon -- es heit, auf Ephialtes'
dringende Mahnung, es nicht zum uersten kommen zu lassen -- einen
allgemeinen Ausfall. Ein Teil der Besatzung brach unter Ephialtes' Fhrung
bei der vielgefhrdeten Stelle der Mauer heraus, whrend die anderen aus
einem zweiten Tor, dem Tripylon, wo der Feind es am wenigsten erwartete,
gegen das Lager hin ausrckten. Ephialtes kmpfte mit dem grten Mute,
seine Leute warfen Feuerbrnde und Pechkrnze in die Maschinen; aber ein
krftiger Angriff des Knigs, der von den hohen Belagerungstrmen mit einem
Hagel von Geschossen und groen Steinen untersttzt wurde, zwang die Feinde
nach sehr hartnckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes,
blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht ber den
Schutt der eingestrzten Mauer und durch die engen Toreingnge. Indes
hatten sich auf der anderen Seite den Feinden zwei Taxen Hypaspisten und
einiges leichtes Fuvolk unter dem Leibwchter Ptolemaios entgegengeworfen;
lange whrte der Kampf, Ptolemaios selbst, der Chiliarch der Hypaspisten
Addaios, der Anfhrer der Bogenschtzen Klearchos, mancher andere namhafte
Makedone war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde
zurckzudrngen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brcke, die
ber den Graben fhrte, viele strzten hinab und kamen, teils von den
Nachstrzenden erdrckt, teils von den Spieen der Makedonen getroffen, um.
Bei dieser allgemeinen Flucht hatten schnell die in der Stadt
Zurckgebliebenen die Tore schlieen lassen, damit nicht mit den Fliehenden
zugleich die Makedonen den Eingang erzwngen; vor den Toren drngten sich
nun groe Haufen unglcklicher Flchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne
Mut und Rettung, den Makedonen preisgegeben, smtlich niedergemetzelt
wurden. Mit Entsetzen sahen die Belagerten, da die Makedonen, von so
groen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begnstigt,
im Begriff standen, die Tore zu erbrechen, in die Stadt selbst
einzudringen; statt dessen hrten sie das Signal zum Rckzug blasen. Der
Knig wnschte auch jetzt noch die Stadt zu retten; er hoffte, da nach
diesem Tage, der ihm nur vierzig Tote, dem Feinde dagegen an tausend
gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, da einem neuen Angriff wohl der
Fall der Stadt folgen drfte, von seiten der Belagerten Antrge gemacht
werden wrden, die er nur erwartete, um diesem unnatrlichen Kampf von
Griechen gegen eine griechische Stadt ein Ende zu machen.

In Halikarna berieten die beiden Befehlshaber, Memnon und Othontopates,
welche Maregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, da sie unter
den jetzigen Umstnden, da bereits ein Teil der Mauer eingestrzt, ein
anderer dem Einsturz nahe, die Besatzung durch viele Tote und Verwundete
geschwcht war, die Belagerung nicht mehr lange wrden aushalten knnen;
und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land bereits verloren
war? Der Hafen, den zu behaupten fr die Flotte von Wichtigkeit war, konnte
durch Besetzung der Salmakis und der Knigsburg vor den Hfen, sowie durch
die Behauptung der am karischen Meerbusen belegenen festen Pltze genugsam
gesichert werden. Sie beschlossen, die Stadt preiszugeben. Um Mitternacht
sahen die makedonischen Feldwachen ber den Mauern eine Feuersbrunst
emporlodern: Flchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den
makedonischen Vorposten retteten, berichteten, da der groe Turm, der
gegen die makedonischen Maschinen gerichtet war, die Waffenmagazine, die
Stadtviertel zunchst an den Mauern brannten; man sah, wie ein heftiger
Wind das Feuer in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, da das Umsichgreifen
der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise gefrdert werde. Sogleich
lie Alexander trotz der Nacht aufbrechen, die brennende Stadt zu besetzen;
wer noch beim Anznden beschftigt war, wurde niedergehauen; Widerstand
fand man nirgends; die Einwohner, die man in ihrer Wohnung fand, verschonte
man. Endlich graute der Morgen, die Stadt war von dem Feind gerumt, sie
hatten sich auf die Salmakis und die Knigsinsel zurckgezogen, von wo aus
sie den Hafen beherrschen und, selbst fast vollkommen sicher, die
Trmmersttte, die in den Hnden der Feinde war, beunruhigen konnten.

Dies erkannte der Knig; um sich nicht mit der Belagerung der Burg
aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umstnden nicht mehr entscheidende
Resultate bringen konnte, lie er, nachdem die in der letzten Nacht
Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach
Tralleis vorausgehen, die berbleibsel der Stadt, die sich so hartnckig
der gemeinsamen Sache der Hellenen widersetzt hatte, da sie durch die Nhe
der Perser in der Nhe der Salmakis und auf Arkonnesos nur gefhrlicher
wurden, von Grund aus zerstren; die Brgerschaft wurde in die sechs
Flecken aufgelst, die vierzig Jahre frher der Dynast Mausollos in seiner
Residenz vereinigt hatte. Ada erhielt die Satrapie ber Karien wieder,
unter der die hellenischen Stdte dort autonom und tributfrei blieben. Die
Einknfte des Landes blieben der Frstin; Alexander lie zu ihrem und des
Landes Schutz 3000 Mann Sldner und etwa zweihundert Reiter unter
Ptolemaios' Befehl zurck, der den Auftrag erhielt, zur gnzlichen
Vertreibung der Feinde aus den Kstenpltzen, die sie noch besetzt
hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnchst die
Belagerung der Salmakis durch Einschlieung zu beginnen.

Die spte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarna konnte
Alexander die Eroberung der Westkste Kleinasiens als beendet ansehen; die
neubegrndete Freiheit in den griechischen Stdten der Kste und die
makedonischen Besatzungen in Phrygien am Hellespont, Lydien und Karien
sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotte. Dieser auch
die Sdkste Kleinasiens zu sperren, sowie die Landschaften im Innern
Kleinasiens zu unterwerfen, mute der Zweck der nchsten Operationen sein.
Da vorauszusehen war, da weder in den Kstenstdten, denen wegen der
Jahreszeit von der See her nicht leicht Hilfe kommen konnte, noch auch im
Innern des Landes, das lngst von den Persern so gut wie vllig gerumt
war, der Widerstand gro sein werde, so war es unntig, das ganze Heer an
diesem beschwerlichen Zuge teilnehmen zu lassen; berdies mute zu den
groen Bewegungen, die den Feldzug des nchsten Jahres erffnen sollten,
das Heer mit frischen Truppen aus der Heimat verstrkt werden. Bei dem
Heere befanden sich viele Kriegsleute, die sich jngst erst verheiratet
hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimat entlassen, um den Winter
hindurch bei Weib und Kind zu sein. Ihre Fhrung bernahmen drei
Neuvermhlte aus der Zahl der Befehlshaber, des Seleukos Sohn Ptolemaios,
einer der Leibwchter des Knigs, des alten Parmenion Schwiegersohn Koinos
und Meleagros, beide Strategen der Phalanx; sie erhielten den Auftrag,
zugleich mit den Beurlaubten mglichst viel frische Mannschaften nach Asien
mitzubringen und im Frhling in Gordion zur groen Armee zu stoen. Man
kann sich vorstellen, mit welchem Jubel dieser Urlaub angenommen, mit
welcher Freude die heimkehrenden Krieger von den Ihrigen empfangen und
angehrt wurden, wenn sie von ihren Taten und ihrem Knig, von der Beute
und den schnen Lndern Asiens erzhlten; es schien, als ob Asien und
Makedonien aufhrten, einander fern und fremd zu sein.

Von den in Asien zurckbleibenden mobilen Truppen (denn einige tausend Mann
waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschkolonnen; die
kleinere unter Parmenions Befehl, bestehend aus der makedonischen und
thessalischen Ritterschaft, den Truppen der Bundesgenossen, sowie dem Park
der Wagen und Maschinen, ging ber Tralleis nach Sardes, um in der
lydischen Ebene zu berwintern und mit dem Beginn des Frhlings nach
Gordion aufzubrechen; die grere Kolonne, aus den Hypaspisten, den Taxen
der Phalanx, den Agrianern, Bogenschtzen, Thrakern gebildet, brach, unter
Fhrung des Knigs selbst von Karien auf, um die Seekste und die inneren
Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen.

Der Marsch ging ber den festen Grenzplatz Hyparna, dessen Besatzung, aus
griechischen Sldnern bestehend, gegen freien Abzug auch die Burg bergab,
nach der Landschaft Lykien. Lykien war seit der Zeit des Kyros dem
persischen Reiche einverleibt, hatte aber nicht blo seine eidgenssische
Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhngigkeit so weit
wiedererlangt, da es nur einen bestimmten Tribut nach Susa zahlte, bis
dann der Satrap von Karien, wie erwhnt ist, auch Lykien zugewiesen
erhielt. Noch in den letzten Jahren hatte der Perserknig die
Gebirgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien, zu Lykien
geschlagen. Persische Besatzungen standen in Lykien nicht; Alexander fand
kein Hindernis bei der Besitznahme dieser an Stdten reichen und durch
Seehfen ausgezeichneten Provinz. Telmissos und jenseits des Xanthosflusses
Pinara, Xanthos, Patara und an dreiig kleinere Ortschaften im oberen
Lykien ergaben sich den Makedonen; dann rckte Alexander -- es war in der
Mitte des Winters -- an die Quellen des Xanthos hinauf, in die Landschaft
Milyas; hier empfing er die Gesandtschaft der Phaseliten, die ihm nach
hellenischer Sitte einen goldenen Ehrenkranz darbrachten, Gesandte mehrerer
Stdte des unteren Lykiens, die wie jene sich ihm zu Frieden und
Freundschaft erboten. Den Phaseliten -- aus ihrer Stadt war der ihm
befreundete Dichter Theodektes, der jngst in Athen gestorben war und
dessen Vater noch lebte -- versprach er, demnchst zu ihnen zu kommen und
dort einige Zeit zu rasten. Von den lykischen Gesandten, die nicht minder
freundlich aufgenommen wurden, forderte er, denen, die er dazu senden
werde, ihre Stdte zu bergeben. Er bestellte demnchst einen der ihm
Nchstbefreundeten, Nearchos von Amphipolis, der aus Kreta gebrtig war,
zum Satrapen ber Lykien und die stlich daran grenzenden Kstenlande. Aus
spteren Vorgngen erhellt, da sich zu dieser Zeit ein Kontingent
lykischer Schiffe bei der Perserflotte befand; man wird annehmen drfen,
da Alexander deren Zurckberufung entweder als Folge der getroffenen
Vereinbarung voraussetzte, oder als Bedingung dessen, was er gewhrte,
forderte. Denn unzweifelhaft ist den Lykiern, den Termele, wie sie sich
selbst nannten, ihre alte, wohlgeordnete Bundesverfassung geblieben:
dreiundzwanzig Stdte, jede mit Rat und Volksversammlung, mit einem
Strategen an der Spitze ihrer Verwaltung, der vielleicht mit dem
lykischen Namen eines Knigs der Stadt bezeichnet wurde, dann fr das
ganze Bundesgebiet die Versammlung der Stdte, in der die sechs
bedeutendsten je drei Stimmen, die mittleren je zwei, die kleineren je eine
hatten; nach demselben Verhltnis die Verteilung der Bundessteuern, als
Leiter der Union der Lykiarch, dessen Name vielleicht gleichfalls Knig
war; dieser, wie die brigen Bundesbehrden durch Wahl der
Bundesversammlung bestellt.

Dann zog der Knig nach Phaselis. Die Stadt, dorisch ihrem Ursprunge nach,
und bedeutend genug, inmitten der lykischen Umgebung sich als hellenische
Stadt zu behaupten, lag auerordentlich gnstig an der pamphylischen
Meeresbucht und den drei Hfen, denen sie ihren Reichtum dankte; gegen
Westen erheben sich die Berge in mehreren Terrassen hintereinander, bis zur
Hhe von siebentausend Fu, in flachen Bogen sich um die pamphylische Bucht
bis Perge hinziehend, dem Ufer des Meeres so nah, da der Weg an mehreren
Stellen nur dann nicht von der Brandung bedeckt wird, wenn der Nordwind das
Wasser von der Kste zurcktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so mu
man den bei weitem beschwerlicheren und lngeren durch die Berge
einschlagen, der gerade damals durch einen pisidischen Stamm, der sich beim
Eingang des Gebirges ein Bergschlo gebaut hatte und von da aus die
Phaseliten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit
den Phaseliten dieses Raubnest an und zerstrte es. Freudenmahle feierten
diese glckliche Befreiung der oft gengstigten Stadt und die Siege des
makedonischen Knigs; es mochte seit Kimons Siegen am Eurymedon das
erstemal sein, da die Stadt ein hellenisches Heer sah. Auch Alexander
scheint in diesen Tagen frohen Sinnes gewesen zu sein; man sah ihn nach
einem Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte
ziehen, auf dem die Bildsule des Theodektes stand und sie mit
Blumenkrnzen schmcken, das Andenken des ihm werten Mannes zu feiern.

In eben diesen Tagen war es, da ein verruchter Plan ans Licht kam, doppelt
verrucht, weil er von einem der vornehmsten Befehlshaber des Heeres
ausging, dem Alexander Groes verziehen und Greres anvertraut hatte. Der
Knig war vielfach gewarnt worden, noch vor kurzem hatte Olympias in einem
Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frhere Feinde zu sein, die
er jetzt fr seine Freunde halte.

Der Verrter war Alexandros der Lynkestier, in dem die zweideutigen
Ansprche seiner Familie auf das makedonische Knigtum einen ebenso
heimtckischen wie hartnckigen Vertreter fanden. Der gleichen Teilnahme an
jener Verschwrung zum Morde des Knigs Philipp verdchtig, die zweien
seiner Brder die Todesstrafe gebracht hatte, war er, weil er dem Sohn des
Ermordeten sich sofort unterworfen und ihn zuerst als Knig begrt hatte,
nicht blo straflos geblieben, sondern Alexander behielt ihn in seiner
Umgebung, bergab ihm manches wichtige Kommando, so noch zuletzt die
Fhrung der thessalischen Ritterschaft fr den Zug gegen Memnons Land und
nach Bithynien. Aber selbst das Vertrauen des Knigs vermochte nicht, des
argen Mannes Gesinnung zu ndern; das Bewutsein eines vergeblichen, aber
nicht bereuten Verbrechens, der ohnmchtige Stolz, doppelt gekrnkt durch
die Gromut des glckberhuften Jnglings, das Andenken an zwei Brder,
deren Blut fr den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die
desto heftiger qulte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Ha, Begier,
Furcht, das mgen die Triebfedern gewesen sein, die den Lynkestier die
Verbindung mit dem persischen Hofe wiederanzuknpfen oder vielleicht nicht
abzubrechen bewogen; jener Neoptolemos, der in Halikarna fr die Perser
kmpfend den Tod gefunden hatte, war sein Neffe; durch Antiochos' Sohn
Amyntas, der, aus Makedonien landesflchtig, beim Herannahen des
makedonischen Heeres von Ephesus zunchst wohl nach Halikarna geflohen,
dann weiter bis zum Perserhofe gegangen war, hatte Alexandros schriftliche
und mndliche Erffnungen an den Groknig gelangen lassen und Sissines,
einer von Dareios' Vertrauten, kam, angeblich um Befehle an Atizyes, den
Satrapen von Grophrygien, zu bringen, mit geheimen Auftrgen nach den
vorderen Landen, zunchst bemht, sich in die Kantonierungen der
thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen,
gestand er den Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis
vor den Knig gefhrt, dahin bezeichnete, da er im Namen des Groknigs
dem Lynkestier, wenn er Alexander ermorde, tausend Talente und das Knigtum
Makedonien habe versprechen sollen.

Sofort berief der Knig die Freunde, mit ihnen zu beraten, wie gegen den
Beschuldigten zu verfahren sei. Ihre Meinung war, da es frher schon nicht
wohlgetan gewesen sei, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reiterei
anzuvertrauen; um so notwendiger scheine es jetzt, ihn wenigstens sofort
unschdlich zu machen, bevor er die thessalische Ritterschaft noch mehr fr
sich gewinne und sie in seine Verrterei verwickle. Demnach wurde einer der
zuverlssigsten Offiziere, Amphoteros, Krateros' Bruder, an Parmenion
abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, von einigen
Pergern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort seiner Bestimmung;
nachdem er seine Auftrge gesagt hatte -- denn der Knig hatte so
gefhrliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und
mibraucht werden konnte, anvertrauen wollen --, wurde der Lynkestier in
der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der Knig
auch jetzt noch, teils aus Rcksicht auf Antipatros, dessen Schwiegersohn
der Hochverrter war, besonders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerchten
im Heere und in Griechenland Anla zu geben.

Nach diesem Aufenthalt brach Alexander von Phaselis auf, um Pamphylien und
den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Teil des Heeres
sandte er auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die
Thraker wenigstens fr das Fuvolk hatte gangbar machen lassen, voraus,
whrend er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Teil des
schweren Fuvolks den Kstenweg einschlug; in der Tat ein gewagtes
Unternehmen, da jetzt in der Winterzeit der Weg berflutet war; den ganzen
Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das stellenweise den Leuten
bis an den Nabel reichte; aber das Beispiel und die Nhe des Knigs, der
das Wort unmglich nicht kannte, lie die Truppen wetteifern, alle Mhe
mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu berstehen; und als sie endlich am
Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schumende Brandung, die ihn
bedeckte, zurcksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das sie unter ihres
Heldenknigs Fhrung vollbracht. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich
mit mrchenhaften Zustzen geschmckt, unter den Hellenen: der Knig sei
trotz des heftigen Sdwindes, der das Wasser bis in die Berge
hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und pltzlich habe der Wind
sich gedreht und von Norden her die Wasser zurckgejagt; andere wollten gar
wissen, da er sein Heer trockenen Fues durch das Meer gefhrt habe; und
der Peripatetiker Kallisthenes, der zuerst die Geschichte dieser Feldzge
schrieb, denen er selbst beiwohnte, verstieg sich zu der Phrase: das Meer
habe dem Knige seine Huldigung darbringen wollen und sei vor demselben
niedergefallen; er brauchte das Wort Proskynesis, mit dem die Hellenen die
persische Sitte des Niederfallens vor dem Groknig bezeichnen. Der Knig
selbst schrieb in einem Briefe -- wenn er echt ist -- die einfachen Worte:
er habe durch die pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhnge dort,
einen Weg machen lassen und sei von Phaselis hindurchgezogen.

So rckte Alexander in den Kstensaum der Landschaft Pisidien, der
Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Kstenlandschaft
erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begenzt, bis jenseits der Stadt
Side, wo das Gebirge sich wieder dicht an die Kste drngt, um sich
nordstlich ber Kilikien, der ersten Landschaft jenseits des Taurus,
hinzuziehen, dergestalt, da Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die
Unterwerfung der Seekste diesseits des Taurus beendet nennen konnte.
Perge, der Schlssel zum bergang ber die Gebirge im Norden und Westen zu
den inneren Landschaften, ergab sich; die Stadt Aspendos schickte Gesandte
an den Knig, sich zur bergabe zu erbieten, zugleich zu bitten, da ihr
keine makedonische Besatzung gegeben werde, eine Bitte, die Alexander unter
der Bedingung gewhrte, da Aspendos auer Ablieferung einer bestimmten
Anzahl von Pferden, deren Haltung sie dem Perserknige statt Tributes
leistete, noch fnzig Talente zur Lhnung seiner Soldaten zahlen solle. Er
selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, die dafr galt,
einst von Auswanderern aus Kyme in olis gegrndet zu sein; aber die
Sprache dieser Hellenen -- die der Heimat hatten sie vergessen, die des
Landes nicht angenommen -- war eigener Art. Alexander lie in ihrer Stadt
eine Besatzung zurck, die so wie die gesamte Kste der pamphylischen Bucht
unter Nearchos' Befehl gestellt wurde.

Darauf trat er den Rckzug nach Perge an; die mit einer Besatzung von
Landeseingeborenen und fremden Sldlingen versehene Bergfestung Syllion zu
berrumpeln, milang ihm; er berlie seinem Statthalter, sie einzunehmen,
da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, da die Aspendier weder die
Pferde, wie sie versprochen, ausliefern, noch die fnfzig Talente, zu denen
sie sich verpflichtet, zahlen wollten, sondern sich zum ernsthaften
Widerstande gerstet hatten. Er rckte gegen Aspendos, besetzte die von
ihren Einwohnern verlassene Unterstadt; ohne sich durch die Festigkeit der
Burg, in die sich die Aspendier geflchtet hatten, noch durch den Mangel an
Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, schickte er die Gesandten,
welche die Brger, durch seine Nhe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um
sich auf Grundlage des frheren Vertrages zu ergeben, mit der Weisung
zurck, da die Stadt, auer den frher verlangten Pferden und fnfzig
Talenten, noch fnfzig Talente zahlen und die angesehensten Brger als
Geiseln stellen, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam
entrissen zu haben beschuldigt wurde, sich einer gerichtlichen Entscheidung
unterwerfen, dem Statthalter des Knigs in dieser Gegend gehorchen und
jhrlichen Tribut zahlen solle. Der Mut der Aspendier hatte rasch ein Ende;
sie fgten sich.

Der Knig zog wieder nach Perge, von dort weiter durch das rauhe
Gebirgsland der Pisidier nach Phrygien zu marschieren. Jetzt dieses in
viele Stmme geteilte, zum Teil in nachbarlichen Fehden begriffene Bergvolk
Tal fr Tal zu unterwerfen, konnte nicht in seiner Absicht liegen; genug,
wenn er sie seine starke Hand fhlen lie, sich den Durchmarsch zu
erzwingen; die so geffnete Strae zwischen der pamphylischen Kste und
Phrygien dauernd zu sichern, mute er seinen knftigen Befehlshabern in den
Gebieten, die das rauhe Gebirgsland umgaben, berlassen.

Die Strae, die er whlte, fhrt von Perge westwrts durch die Kstenebene
an den Fu der Gebirge, dann in einen sehr schwierigen Pa, der, von der
Bergfeste Termessos beherrscht, durch eine kleine Truppenzahl selbst einem
groen Heere leicht gesperrt werden konnte; an einer steilen Bergwand zieht
sich der Weg hinauf, der von einem ebenso steilen Berge auf der anderen
Seite berragt wird; und hinten in dem Sattel zwischen beiden liegt die
Stadt. Beide Berge fand der Knig von den Barbaren -- denn ganz Termessos
war ausgezogen -- so besetzt, da er vorzog, sich vor dem Pa zu lagern,
berzeugt, da die Feinde, wenn sie die Makedonen so rasten shen, die
Gefahr fr nicht dringend halten, den Pa durch eine Feldwache sichern und
in die Stadt zurckkehren wrden. So geschah es, die Menge zog sich zurck,
nur einzelne Posten zeigten sich auf der Hhe; sofort rckte der Knig mit
leichtem Fuvolk vor, die Posten wurden zum Weichen gebracht, die Hhen
besetzt, das Heer zog ungehindert durch den Pa und lagerte sich vor der
Stadt. Dort ins Lager kamen Gesandte der Selgier, die, pisidischen Stammes,
wie die Termessier, aber mit denselben in fortwhrender Fehde, mit dem
Feind ihrer Feinde Vergleich und Freundschaft schlossen und fortan treu
bewahrten. Termessos zu erobern wrde lngeren Aufenthalt ntig gemacht
haben; Alexander brach ohne weiteren Verzug auf.

Er rckte gegen die Stadt Sagalassos, die, von den streitbarsten aller
Pisidier bewohnt, am Fue der obersten Terrasse der pisidischen
Alpenlandschaft liegt und den Eingang in die Hochebene Phrygiens ffnet;
die Hhe auf der Sdseite der Stadt hatten die Sagalasser, mit Termessiern
vereint, besetzt und sperrten so den Makedonen den Weg. Sofort ordnete
Alexander seine Angriffslinie; auf dem rechten Flgel rckten die Schtzen
und die Agrianer vor, dann folgten die Hypaspisten, die Taxen der Phalanx;
die Thraker des Sitalkes bildeten die Spitze des linken Flgels; den Befehl
des linken Flgels bertrug er, bezeichnend genug, dem Lynkestier Amyntas,
wie er selbst den rechten bernahm. Schon war man bis an die steilste
Stelle des Berges vorgerckt, als sich pltzlich die Barbaren rottenweis
auf die Flgel des heranrckenden Heeres strzten, mit doppelten Erfolg, da
sie bergab gegen die Bergansteigenden rannten. Die Bogenschtzen des
rechten Flgels traf der heftigste Angriff, ihr Anfhrer fiel, sie muten
weichen; die Agrianer hielten stand, schon war das schwere Fuvolk nahe
heran, Alexander an der Spitze; die heftigsten Angriffe der Barbaren
zerschellten an der geschlossenen Masse der Beschildeten, im Handgemenge
erlagen die leichtbewehrten Pisidier unter der schweren Waffe der
Makedonen: fnfhundert lagen erschlagen, die anderen flchteten, der Gegend
kundig entkamen sie. Alexander rckte auf dem Hauptwege nach und nahm die
Stadt.

Nach dem Fall von Sagalassos wurden von den brigen pisidischen Pltzen die
einen mit Gewalt genommen, die anderen kapitulierten. Damit war der Weg
nach der Hochflche geffnet, mit der Phrygien jenseits der Gebirge von
Sagalassos beginnt. In einer stlichen Senkung dieser Hochflche liegt der
See von Egerdir, in der Gre des Bodensees, im Sden und Osten mit
mchtigen Bergmassen umgrtet; etwa acht Meilen westlich von diesem ein
kleinerer See, der askanische, von dessen Nordspitze etwa drei Meilen
entfernt der Hhenzug streicht, an dessen Nordseite die Quellen des
Maiandros liegen. In den Pssen, die zum Tal des Maiandros fhren, liegt
die alte Stadt Kelainai, wo einst Xerxes nach seinen Niederlagen in Hellas
und auf dem Meere eine mchtige Burg gebaut hatte, das Vordringen der
Hellenen von der befreiten Kste her zurckzuhalten; Keln war seitdem der
Mittelpunkt der phrygischen Satrapie, die Residenz des Satrapen.

Dorthin wandte sich Alexander von Sagalassos aus; an dem askanischen See
vorber, in fnf Mrschen erreichte er die Stadt. Er fand die Burg -- der
Satrap Atizyes war geflchtet -- in den Hnden von 1000 karischen und 100
hellenischen Sldnern; sie erboten sich, wenn der persische Entsatz an dem
Tage -- sie nannten ihn -- fr den er ihnen zugesagt worden, nicht
angekommen sei, Stadt und Burg zu bergeben. Der Knig ging darauf ein; er
htte nicht ohne bedeutenden Zeitverlust der Burg Meister werden knnen;
und in dem Mae, als er schneller Gordion erreichte und mit den dorthin
beschiedenen anderen Teilen seines Heeres nach dem Tauros vorrckte, machte
er den Entsatz der Stadt unmglich. Er lie ein Kommando von etwa 1500 Mann
in Kelainai zurck. Er bertrug die Satrapie Phrygien dem Antigonos,
Philippos' Sohn, der bisher die Kontingente der Bundesgenossen befehligt
hatte, ernannte zu deren Strategen Balakros, des Amyntas Sohn.

Nach zehntgiger Rast in Kelainai zog er weiter nach Gordion am Sangarios,
von wo die groe Strae ber den Halys und durch Kappadokien nach Susa
fhrt.

Nicht eben dem Umfange nach gro war, was Alexander mit diesem ersten
Kriegsjahr erreicht hatte; und die Staatsmnner und Kriegskundigen in
Hellas mgen die Nase germpft haben, da der hochgefeierte Sieg am
Granikos nichts weiter eingebracht habe, als die Eroberung der West-und der
halben Sdkste Kleinasiens, Eroberungen, die Memnon in kluger Berechnung
habe geschehen lassen, um sich indes zum Herrn des Meeres und der Inseln zu
machen und so Alexanders Verbindung mit Makedonien zu durchreien.

Die Motive, nach denen Alexander verfuhr, liegen auf der Hand. Es konnte am
wenigsten seine Absicht sein, immer mehr Gebiet zu okkupieren und immer
tiefer ins Innere Kleinasiens vorzudringen, solange die persische Seemacht
noch das Meer beherrschte und in Hellas unberechenbare Wirren veranlassen
konnte; genug, da er sie mit den Wirkungen, die er seiner ersten groen
Schlacht gegeben hatte, vollstndig von der Kste und den Hafenpltzen
ausschlo, von denen aus sie ihn, wenn er mit dem zweiten Feldzug weiter
nach Osten vordrang, im Rcken htte gefhrden knnen.

Freilich von den hellenischen Traditionen unterschied sich die Art seines
Vordringens gar sehr. Die attische Macht zu den Zeiten des Kimon und
Perikles hatte sich kaum je ber die Kstenstdte Kleinasiens hinaus
landeinwrts gewagt; und wenn die Spartaner in den Tagen des Thibron und
Agesilaos, wenn gar Chares und Charidemos mit den Streitkrften des zweiten
attischen Seebundes es getan, so waren sie nach einigen Plnderungen und
Brandschatzungen wieder umgekehrt. Alexanders militrische Maregeln waren
auf definitive Besitznahme, auf einen dauernden Zustand gerichtet.

Entsprachen diesem Zwecke die politischen Einrichtungen, die der Knig
traf?

Was davon whrend dieses ersten Feldzuges erkennbar wird, schlo sich
allerdings den Formen an, die dort bisher bestanden hatten, aber so, da
sie mit wesentlicher Vernderung ihres Inhaltes ihre Bedeutung zu verndern
schienen. Es blieb die Satrapie in Phrygien, am Hellespont, in Lydien, in
Karien; aber in Lydien wurde neben dem Satrapen ein besonderer Beamter fr
die Verteilung und Erhebung der Tribute bestellt; in Karien erhielt die
Frstin Ada die Satrapie, aber die starke Truppenmacht in derselben
befehligte ein makedonischer Strateg; ebenso ein eigener Chef der
Militrmacht -- wohl auch mit dem Namen Strateg -- wurde in Lydien dem
Satrapen zur Seite gesetzt. Vielleicht wurde schon hier die
Finanzverwaltung der Satrapie in unmittelbare Beziehung zu dem Schatzamt
gestellt, welches -- ob erst in dieser Zeit, ist nicht mehr zu ersehen --
Harpalos, des Machatas Sohn, erhielt.

Da die Kompetenz des Satrapen viel schrfer, als im Perserreiche der Fall
gewesen, umgrenzt, da sie nicht als Herren in ihrem Territorium, sondern
als knigliche Beamte bestellt wurden, zeigt sich an der Tatsache, da es
von den Satrapen des Alexanderreiches bis 306 keine Mnzen gibt, whrend im
Perserreich schon unter DareiosI., dem Begrnder des Verwaltungssystems
des Reiches, das Mnzrecht von den Satrapen gebt worden ist. Es scheint
auf die durch Alexander begrndete Ordnung zu gehen, wenn in einer Schrift
aus der Diadochenzeit die verschiedenen Wirtschaftsformen, die der Knige,
der Satrapen, der Stdte, der Privaten, in der Art unterschieden werden,
da fr die knigliche Wirtschaft die Hauptzweige seien die Mnzpolitik,
die Regelung von Ausfuhr und Einfuhr, die Fhrung des Hofhaltes, fr die
der Satrapen vor allem die Grundsteuer, dann die Einnahme von den
Bergwerken, die von den Emporien, die von den Ertrgen der Felder und des
Marktverkehrs, die von den Herden, endlich Kopfsteuer und Gewerbesteuer.

Nicht minder bedeutsam war, wie Alexander die politische Stellung der
Bevlkerungen ordnete. Es scheint sein Gedanke gewesen zu sein, da, wo
irgend organisierte Gemeinwesen bestanden oder einst bestanden hatten,
diese in allen kommunalen Sachen frei schalten zu lassen. Nicht blo den
hellenischen Stdten Asiens wurde in diesem Sinne ihre Autonomie
hergestellt und durch Herstellung der Demokratie gesichert; auch die
althergebrachte Fderation der Lykier blieb, wie wir annehmen durften, in
voller Wirksamkeit, unzweifelhaft gegen die Bedingung, da das lykische
Kontingent von zehn Kriegsschiffen, das sich noch bei der Perserflotte
befand, zurckgerufen werde. Und die Lyder, so sagen unsere Quellen,
erhielten ihre Gesetze wieder und wurden frei. Wie immer diese Gesetze
der Lyder gewesen sein mgen -- wir wissen nichts Weiteres von ihnen --,
jedenfalls beweist deren Herstellung, da hinfort in diesem Lande wieder
die Gesetze, nicht die Willkr und das Gewaltrecht der Eroberer wie bisher
gelten solle; sie beweist, da dies einst tapfere, gewerbttige,
hochgebildete Volk des Krsus von dem Joche der Fremdherrschaft, unter dem
es verkommen war, befreit sein und sich in seiner volkstmlichen Art und
Einheit wieder zu erheben versuchen sollte.

Von denjenigen Bevlkerungen, die -- so die Barbaren in den Gebirgen
Kleinphrygiens -- ohne eigenes Gemeinwesen lebten, wurde, wenn sie sich
freiwillig ergaben, nur der Tribut, den sie bisher geleistet hatten,
gefordert. Nicht minder bezeichnend ist, da der Tribut, den die Epheser
bisher an den Groknig gezahlt hatten, fortan dem Heiligtum der Artemis
entrichtet werden sollte, whrend Erythra, wie eine Inschrift bezeugt,
Ilion, das Alexander als Stadt herstellen lie, gewi hnlich die anderen
Griechenstdte der Kste mit der Autonomie zugleich die Entlastung vom
Tribut erhielten. Dagegen wurden die Stdte Pamphyliens, die nur noch dem
Namen nach griechisch waren, namentlich Aspendos, nach dem Versuch,
unterhandelnd den Knig zu tuschen, zur Tributzahlung verpflichtet und
unter die Verwaltung des Satrapen gestellt. Die Burg von Halikarna,
mehrere Inseln blieben noch Jahr und Tag in der Gewalt der Perser; das
Gemeinwesen von Halikarna wurde in die Ortschaften, aus denen es die
karischen Dynastien synoikisiert hatten, aufgelst; die Inseln -- von
mehreren werden wir sehen, da der Demos sich fr Alexander erhob -- wurden
wohl behandelt wie Griechenstdte des befreiten Festlandes.

Da diese Stdte nicht blo in ihrer kommunalen Freiheit hergestellt,
sondern wieder freie Staaten wurden, wie sie bis zum Frieden des
Antalkidas gewesen waren, beweisen ihre Mnzen aus dieser Zeit; sie haben
nicht das Geprge des Knigs, sondern das autonome der prgenden Stadt;
sie folgen nicht einmal der von Alexander eingefhrten Mnzordnung,
sondern mehrere der bei ihnen hergebrachten. Und wenn noch nach einem
Jahrhundert von den Seleukiden Stdte in der olis als in unserer
Bundesgenossenschaft stehende bezeichnet werden, so ist das unzweifelhaft
die von Alexander begrndete Form.

Es liegt die Frage nahe, ob diese befreiten und hergestellten Politien der
Inseln und der asiatischen Kste der Fderation der in dem Synedrion von
Korinth vereinten Griechenstaaten beigetreten sind? Von der Insel Tenedos
wissen wir es durch ein bestimmtes Zeugnis; da der Ausdruck, der von
dieser gebraucht ist, sich bei Mytilene auf Lesbos und bei anderen Stdten
nicht wiederholt, gestattet den Schlu, da es bei diesen nicht geschehen
ist. Es konnte, so scheint es, wohl Alexanders Interesse sein, sich in
diesen befreiten Hellenenstdten ein Gegengewicht gegen den Bund derer zu
schaffen, die zum groen Teil mit Waffengewalt in die Verbindung mit
Makedonien gezwungen und nichts weniger als zuverlssige Verbndete waren;
auch war der Bund der Hellenen innerhalb der Thermopylen nicht blo zum
Kriege gegen Persien errichtet, sondern zugleich, um Friede, Recht und
Ordnung in dem Gebiete des Bundes aufrechtzuerhalten; zu diesem Zweck wre
fr die Inseln und die Stdte Asiens das Synedrion in Korinth zu entlegen
und zum regelmigen Beschicken ungeeignet gewesen.

Man wird unbedenklich voraussetzen drfen -- bestimmte Angaben sind darber
nicht vorhanden --, da Alexander auch diese Griechenstdte auerhalb des
Bundes zur Anerkennung seiner unumschrnkten Strategie und zu bestimmten
Leistungen fr den groen Krieg verpflichtete; ob er mit jeder einzeln in
solchem Sinn Vertrge schlo, ob er sie veranlate, fr diesen Zweck und
zugleich zur Handhabung des Landfriedens wie im Hellenikon einige analoge
Fderationen zu schlieen, etwa als oler, Ioner usw., ist nach den
vorliegenden Materialien nicht mehr zu erkennen. Wenigstens von einer
derartigen Verbindung haben wir, zuerst aus der Zeit des Antigonos (um
306), urkundliche Nachricht; es ist ein Koinon der Stdte[6] in der
Landschaft des Idagebirges, vereinigt um den Dienst der Athena von Ilion,
mit einem Synedrion, das namens der Stdte Beschlsse fat; in der
Inschrift werden als Teilnehmer dieses Bundes Gargara am Adramyttenischen
Meerbusen, Lampsakos am Hellespont genannt.

    [6] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Wir sahen, wie Alexander darauf gewandt war, das Emporkommen dieser
altgriechischen Stdte zu frdern; wenn er ihnen so neidlos und mit vollen
Hnden gab, so mochte er hoffen, sie an die neue Ordnung der Dinge, die in
Hellas noch bei weitem nicht sicher stand, desto fester zu knpfen; er
mochte hoffen, da sie der kleinen Gaunervorteile der Herrengunst und der
Weichbildpolitik, an die sie sich in der langen Zeit der Fremdherrschaft
gewhnt hatten, ber den unermelichen Segen ihrer neuen Lage, freie
Politien, Reichsstdte in dem Reich ihres Befreiers zu sein, verlernen und
vergessen wrden.

Den Hellenen, die in diesen asiatischen Lndern von der Propontis bis zum
kyprischen Meere wohnten, mu der Kontrast der neuen gegen die bisherigen
Verhltnisse sich lebhaft genug aufgedrngt haben, es mu ihnen gewesen
sein, als wenn ihnen nun endlich Licht und Luft wiedergegeben werde.




  Zweites Kapitel

  Persische Rstungen -- Die persische Flotte unter Memnon und
  die Griechen -- Alexanders Marsch ber den Taurus -- Okkupation
  Kilikiens -- Schlacht bei Issos -- Das Manifest --
  Aufregung in Hellas -- Die Belagerung von Tyrus -- Die
  Eroberung Gazas -- Okkupation gyptens


Auf Seiten der Perser war die Nachricht von der Schlacht am Granikos mit
mehr Unwillen als Besorgnis aufgenommen worden. Man wird die eigentliche
Bedeutung des unternommenen Angriffes und damit die Gefahr, die dem Reiche
drohte, verkannt, man wird geglaubt haben, Alexanders Erfolge seien das
zufllige Glck eines Tollkhnen, seien durch die Fehler, die sie nur
erleichtert, verschuldet worden; meide man diese, so werde allen weiteren
Gefahren vorgebeugt, und des Makedonen Glck zu Ende sein. Vor allem schien
Mangel an Einheit und planmiger Fhrung des Heeres das Unglck am
Granikos herbeigefhrt zu haben; Memnons Rat, man bekannte es jetzt, htte
befolgt werden, er selbst das Heer von Anfang her fhren sollen. So wurde
ihm wenigstens jetzt der alleinige und unumschrnkte Befehl ber die
persische Land- und Seemacht in den vorderen Satrapien bertragen.

In der Tat schien in diesem Hellenen dem makedonischen Knige ein
gefhrlicher Gegner gefunden zu sein; schon die hartnckige Verteidigung
von Halikarna zeigte sein Talent und seine Tatkraft; dann bis auf wenige
Punkte von der Kste verdrngt, fate er, begnstigt durch die Auflsung
der makedonischen Flotte, den Plan, Alexander von Europa abzuschneiden, den
Krieg nach Hellas hinberzuspielen, und von dort aus in Verbindung mit
Makedoniens zahlreichen Feinden in Hellas die Kraft Alexanders in ihrer
Wurzel zu zerstren. Er hatte eine mchtige Flotte von phnikischen und
kyprischen Schiffen, auch zehn lykische, zehn von Rhodos, drei von Mallos
und Soloi in Kilikien befanden sich bei derselben; die Seeburg von
Halikarna war noch in seiner Gewalt, Rhodos, Kos, gewi alle Sporaden
hielten zu ihm, die attischen Kleruchen, die Samos innehatten, wohl nicht
minder; die Oligarchen und Tyrannen auf Chios und Lesbos harrten nur seines
Beistandes, der Demokratie und der Verbindung mit Makedonien ein Ende zu
machen; die Patrioten in Hellas hofften von ihm die Herstellung der
hellenischen Freiheit.

Von der Reede von Halikarna war Memnon mit der Flotte nach Chios gegangen;
durch den Verrat der Oligarchen, die hier frher das Regiment gehabt,
Apollonides an ihrer Spitze, gewann er die Insel; er stellte die Oligarchie
wieder her, die ihm den Besitz der Insel sicherte. Er segelte nach Lesbos,
wohin Chares von Sigeion mit Sldnern und Schiffen gekommen war, den
Tyrannen Aristonikos von Methymna auszutreiben, derselbe Athener Chares,
der Alexander bei seiner Landung in Sigeion so ergeben begrt hatte; er
forderte von Memnon, ihn bei seinem Unternehmen nicht zu stren. Aber
Memnon kam als des Tyrannen vterlicher Freund und Gastfreund und jagte
mit leichter Mhe den einst attischen Strategen von dannen. Schon hatten
sich ihm die anderen Stdte der Insel ergeben, aber die bedeutendste,
Mytilene, hatte ihrem Bunde mit Alexander treu und sich auf die
makedonische Besatzung, die sie aufgenommen, verlassend, seine Aufforderung
abgewiesen. Memnon begann sie zu belagern, bedrngte sie auf das hrteste;
durch einen Wall und fnf Lager auf der Landseite eingeschlossen, durch ein
Geschwader, das den Hafen sperrte und ein anderes, welches das Fahrwasser
nach Hellas beobachtete, aller Aussicht auf Hilfe beraubt, wurde sie auf
das uerste gebracht. Schon kamen von anderen Inseln Gesandte an Memnon;
in Euboia besorgten die Stdte, die makedonisch gesinnt waren, in kurzer
Frist ihn kommen zu sehen; die Spartaner waren bereit, sich zu erheben. Da
erkrankte Memnon, und nachdem er Pharnabazos, seinem Neffen, dem Sohne des
Artabazos, bis zur weiteren Entscheidung des Groknigs seine Gewalt
bertragen hatte, sank er, wenn nicht fr seinen Ruhm, doch fr Dareios'
Hoffnungen zu frh, ins Grab.

Als Dareios, so wird erzhlt, die Botschaft von Memnons Tode empfing,
berief er einen Kriegsrat, unschlssig, ob er dem Gegner, der rastlos
vorrckte, die nchsten Satrapien entgegenschicken, oder ihm in Person und
an der Spitze des Reichsheeres begegnen solle. Die Perser empfahlen, da er
selbst das schon versammelte Reichsheer ins Feld fhre; unter den Augen des
Knigs der Knige werde das Heer zu siegen wissen, eine Schlacht genge,
Alexander zu vernichten. Aber der Athener Charidemos, der, vor Alexander
flchtig, dem Groknig doppelt erwnscht gekommen war, riet, nicht ohne
Zustimmung, vorsichtig zu sein, nicht alles auf einen Wurf zu setzen, nicht
am Eingange Asiens Asien selbst preiszugeben, das Reichsaufgebot und die
Gegenwart des hchsten Herrn auf die letzte Gefahr aufzusparen, zu der es
nie kommen werde, wenn man dem tollkhnen Makedonen mit Geschick und
Vorsicht zu begegnen wisse; an der Spitze von hunderttausend Mann, von
denen ein Drittel Griechen, verbrge er sich dafr, den Feind zu
vernichten. Auf das heftigste widersprachen die stolzen Perser: jene Plne
seien des persischen Namens unwrdig, sie seien ein ungerechter Vorwurf
gegen die Tapferkeit der Perser; sie anzunehmen, werde ein Zeichen des
traurigsten Argwohns, das Bekenntnis einer Ohnmacht sein, an deren Statt
des Groknigs Gegenwart nichts als Begeisterung und Hingebung finden
werde; sie beschworen den schwankenden Herrn, nicht auch das letzte einem
Fremdling anzuvertrauen, der nichts wolle, als an der Spitze des Heeres
stehen, um das Reich des Kyros zu verraten. Zornig sprang Charidemos auf,
beschuldigte sie der Verblendung, der Feigheit und Selbstsucht: ihnen wre
ihre Ohnmacht und die furchtbare Macht der Griechen nicht bekannt, sie
wrden das Reich des Kyros ins Verderben strzen, wenn nicht des Groknigs
Weisheit ihm jetzt folge. Der Perserknig, ohne Vertrauen zu sich selbst
und doppelt gegen andere mitrauisch, in dem Gefhl persischer Hoheit
verletzt, berhrte des Fremdlings Grtel und die Trabanten schleppten den
hellenischen Mann hinaus, ihn zu erdrosseln; sein letztes Wort an den Knig
soll gewesen sein: Meinen Wert wird deine Reue bezeugen, mein Rcher ist
nicht fern. Im Kriegsrate wurde beschlossen, den Makedonen bei ihrem
Eintritt in das obere Asien mit dem Reichsaufgebot unter des Groknigs
persnlicher Fhrung entgegenzutreten, von der Flotte soviel griechische
Sldner, als mglich sei, heranzuziehen, die Pharnabazos so bald als
mglich in Tripolis an der phnikischen Kste ausschiffen solle. Tymondas,
Mentors Sohn, wurde nach Tripolis gesandt, diese Vlker zu bernehmen und
dem Reichsheere zuzufhren, dem Pharnabazos die ganze Gewalt, die Memnon
innegehabt hatte, zu bertragen.

Pharnabazos und Autophradates hatten indes die Belagerung von Mytilene
fortgesetzt und glcklich beendet; die Stadt hatte sich unter der Bedingung
ergeben, da gegen die Zurckfhrung der Verbannten und die Vernichtung der
mit Alexander errichteten Bundesurkunde die makedonische Besatzung frei
abziehen, und die Stadt nach den Bestimmungen des Antalkidischen Friedens
wieder Bundesgenossin von Persien sein sollte. Aber sobald die beiden
Perser im Besitze der Stadt waren, achteten sie des Vertrages nicht weiter;
sie lieen eine Besatzung unter Befehl des Rhodiers Lykomedes in der Stadt,
setzten einen der frher Verbannten, Diogenes, als Tyrannen ein; in
schweren Kontributionen, die teils von einzelnen Brgern, teils von der
ganzen Stadt gefordert wurden, lieen sie Mytilene den ganzen Druck des
persischen Joches fhlen. Dann eilte Pharnabazos, die Sldner nach Syrien
zu bringen; dort empfing er die Weisung, den Oberbefehl an Memnons Stelle
zu bernehmen, dessen Plne freilich durch diese Ablieferung der Sldner in
ihrem Nerv durchschnitten waren; die rasche und durchschlagende Offensive,
die Sparta, Athen, das ganze hellenische Festland entflammt haben wrde,
war nicht mehr mglich.

Dennoch versuchten Pharnabazos und Autophradates etwas der Art. Sie sandten
den Perser Datames mit zehn Trieren nach den Kykladen und fuhren selbst
mit hundert Schiffen nach Tenedos; sie ntigten die Insel, die sich der
hellenischen Sache angeschlossen hatte, zu den Bestimmungen des
Antalkidischen Friedens -- so war auch hier die Formel -- zurckzukehren.
Augenscheinlich war es auf die Besetzung des Hellespont abgesehen.

Alexander hatte bereits, um wenigstens die Verbindung mit Makedonien durch
eine Flotte zu sichern, zu deren Bildung Hegelochos an die Propontis
gesandt mit der Weisung, smtliche aus dem Pontos herabkommenden Schiffe
anzuhalten und zum Kriegsdienst einzurichten. Nach Athen wurde Antimachos
gesandt mit der Aufforderung, das Bundeskontingent von Schiffen zu stellen
und der makedonischen Flotte die Ausrstung von Schiffen in den attischen
Hfen zu gestatten; es wurde ihm verweigert. Antipatros lie durch Proteas
Schiffe aus Euba und dem Peloponnes zusammenziehen, um das Geschwader des
Datames, das schon bei der Insel Siphnos vor Anker lag, zu beobachten, eine
Maregel, die hchst ntig war, da die Athener von neuem Gesandte an den
Perserknig gesandt, ja auf die Nachricht, da ihre aus dem Pontos
zurckkehrenden Getreideschiffe angehalten und zum Kampf gegen die
Perserflotte verwendet wrden, eine Flotte von hundert Segeln unter
Menestheus, Iphikrates' Sohn, in See zu schicken beschlossen hatten;
Hegelochos hielt es fr angemessen, die angehaltenen attischen Schiffe zu
entlassen, um den Athenern den Vorwand, ihre hundert Trieren zur
Perserflotte stoen zu lassen, zu entziehen. Um so ersprielicher war es,
da Proteas mit seinem Geschwader von fnfzehn Schiffen die persischen
Schiffe bei Siphnos nicht blo festhielt, sondern auch durch einen
geschickten berfall so berraschte, da acht derselben samt ihrer
Mannschaft in seine Hnde fielen, die beiden anderen die Flucht ergriffen
und, von Datames gefhrt, sich zu der Flotte retteten, die in der Gegend
von Chios und Miletos kreuzte und die Ksten plnderte.

Damit war die erste und wohl grte Gefahr, die Memnons Plan htte bringen
knnen, beseitigt; der rasche Angriff des Proteas hatte einem Abfall der
Griechen vorgebeugt. Aber zeigten nicht diese Erfolge selbst, da
Alexander unrecht getan hatte, die Flotte aufzulsen, die er nach kaum
sechs Monaten von neuem zu bilden gentigt war? Alexander hatte ein
sicheres Gefhl von dem Mae der Tatkraft und der Einsicht, das er von den
persischen Fhrern erwarten konnte und taxierte seine hellenischen
Bundesgenossen so, wie der Erfolg sie gezeigt hat; wenn auch sie zum Abfall
geneigt und ihre Schiffe mit den persischen zu vereinigen bereit waren,
Antipatros mute sie auf dem festen Lande im Zaume halten knnen; endlich
war es keineswegs so schwierig, in Eile eine neue Flotte aufzustellen, um
die Ksten gegen einen Feind zu decken, der nicht verstand, an
entscheidender Stelle aufzutreten. Alexander konnte, um den Seekrieg
unbekmmert, seinen Kriegsplan weiter verfolgen, das um so mehr, da jeder
Schritt vorwrts die Existenz der feindlichen Flotte selbst gefhrdete,
indem er die Ksten ihrer Heimat nahm. Dies ins Werk zu setzen war der
Zweck des nchsten Feldzuges.

Mit dem Frhling 333 vereinigten sich in Gordion die verschiedenen
Abteilungen des makedonischen Heeres; von Sden her aus Kelainai rckten
die Truppen ein, welche mit Alexander den Winterfeldzug gemacht hatten; von
Sardes fhrte Parmenion die Reiterei und den Train der groen Armee heran;
aus Makedonien kamen die Neuverheirateten von ihrem Urlaub zurck, mit
ihnen eine bedeutende Zahl Neuausgehobener, namentlich 3000 Makedonen zu
Fu und 300 zu Pferde, 200 thessalische, 150 elische Reiter, so da
Alexander trotz der zurckgelassenen Besatzungen nicht viel weniger
Mannschaft als am Granikos beisammen hatte. Wie der Geist dieser Truppen
war, lt sich aus ihren Erfolgen bisher und aus dem, was als Preis
weiteren Kampfes ihrer wartete, abnehmen; in dem Stolz der errungenen Siege
neuer Siege gewi, sahen sie Asien schon als ihre Beute an; sie selbst, ihr
Knig und die Gtter waren ihnen Gewhr fr den Erfolg.

Auch Gesandte aus Athen kamen nach Gordion, den Knig um Freigebung der
Athener, die in der Schlacht am Granikos gefangen und gefesselt nach
Makedonien abgefhrt waren, zu bitten; ob wohl mit Berufung auf den in
Korinth beschworenen Bund und ihre Bundestreue? Ihnen wurde der Bescheid,
wiederzukommen, wenn der nchste Feldzug glcklich zu Ende gefhrt sei.

Die Stadt Gordion, der uralte Sitz phrygischer Knige, hatte auf ihrer Burg
die Palste des Gordios und Midas und den Wagen, an dem Midas einst erkannt
worden war als der von den Gttern zur Herrschaft Phrygiens Erkorene; das
Joch an diesem Wagen war durch einen aus Baumbast geschrzten Knoten so
knstlich befestigt, da man weder dessen Anfang noch Ende bemerken konnte;
es gab ein Orakel, da, wer den Knoten lse, Asiens Herrschaft erhalten
werde. Alexander lie sich die Burg, den Palast, den Wagen zeigen, er hrte
dies Orakel, er beschlo es zu erfllen und den Knoten zu lsen; umsonst
suchte er ein Ende des Bastes, und verlegen sahen die Umstehenden sein
vergebliches Bemhen; endlich zog er sein Schwert und durchhieb den Knoten,
das Orakel war, gleichviel wie, erfllt.

Das Heer brach tags darauf auf und marschierte am Sdabhange der
paphlagonischen Grenzgebirge nach Ankyra; dorthin kam eine Gesandtschaft
der Paphlagonier, dem Knige die Unterwerfung ihres Landes unter der
Bedingung anzubieten, da keine makedonischen Truppen nach Paphlagonien
kmen. Der Knig gewhrte es; Paphlagonien blieb unter einheimischen
Dynastien, vielleicht unter Kompetenz der Statthalterschaft von Phrygien
und Hellespont.

Weiter ging der Zug nach Kappadokien, jenseits des Halys durch die bis zum
Iris gelegenen Gebiete dieser groen Satrapie, die ohne Widerstand
durchzogen und, obschon die nrdlichen Landschaften derselben nicht
okkupiert werden konnten, doch als makedonische Satrapie an Sabiktas
bertragen wurde. Da in den Griechenstdten am Pontos die demokratische
Partei auf Befreiung durch Alexander hoffte, ist wenigstens durch ein
Beispiel bezeugt. Doch blieb dort die persische Partei -- so in Sinope --
oder die Tyrannis -- so in Herakleia -- vorerst noch im Besitze der Macht.
Alexander durfte die wichtigeren Unternehmungen nicht hinausschieben, um
die abgelegene Kste des Pontus zu besetzen; er zog den Ksten des
Mittelmeeres zu. Der Weg, den er nahm, fhrte an den Nordabhang des Tauros
zu den kilikischen Pssen oberhalb Tyana, denselben, die vor etwa siebzig
Jahren der jngere Kyros mit seinen zehntausend Griechen berschritten
hatte.

Alexander fand die Hhe mit starken Posten besetzt; er lie das brige Heer
lagern und brach selbst mit den Hypaspisten, den Schtzen und Agrianern um
die erste Nachtwache auf, die Feinde beim Dunkel der Nacht zu berfallen.
Kaum hrten die Wachen ihn anrcken, so verlieen sie in eiliger Flucht den
Pa, den sie mit leichter Mhe htten sperren knnen, wenn sie sich nicht
auf verlorenem Posten geglaubt htten. Arsames, der kilikische Satrap,
schien sie nur vorgeschoben zu haben, um Zeit zu gewinnen, das Land zu
plndern und zu verwsten, und sich dann sicher, eine Einde in seinem
Rcken, auf Dareios, der schon vom Euphrat her anrckte, zurckziehen zu
knnen. Desto eiliger zog Alexander durch die Psse, und mit seiner
Reiterei und den Leichtesten der Leichtbewaffneten auf Tarsos zu, so
schnell, da Arsames, der die Feinde weder so nahe, noch so rasch geglaubt
hatte, in eiliger Flucht, ohne die Stadt oder das Land geplndert zu haben,
sein Leben fr einen baldigen Tod rettete.

Von Nachtwachen, Eilmrschen und der Mittagsonne eines heien
Sptsommertages ermattet, kam Alexander mit seinen Truppen zum Kydnos,
einem klaren und kalten Bergstrome, der nach Tarsus hinabstrmt. Schnell
und nach dem Bade verlangend, warf er Helm, Harnisch und Kleid ab und eilte
in den Strom; da berfiel ihn ein Fieberschauer, er sank unter; halbtot,
bewutlos wurde er aus dem Strom gezogen und in sein Zelt getragen. Krmpfe
und brennende Hitze schienen die letzten Zeichen des Lebens, das zu
erretten alle rzte verzweifelten; die Rckkehr des Bewutseins wurde zur
neuen Qual; schlaflose Nchte und der Gram um den nahen Tod zehrten die
letzte Kraft hinweg. Die Freunde trauerten, das Heer verzweifelte; der
Feind war nah, niemand wute Rettung. Endlich erbot sich der akarnanische
Arzt Philippos, der den Knig von Kindheit an kannte, einen Trank zu
bereiten, der helfen werde; Alexander bat um nichts als eilige Hilfe;
Philippos versprach sie. Zu derselben Zeit erhielt Alexander von Parmenion
ein Schreiben, das ihm Vorsicht empfahl: Philippos, der Arzt, habe von
Dareios tausend Talente und das Versprechen, mit einer Tochter des
Groknigs vermhlt zu werden, um Alexander zu vergiften. Alexander gab den
Brief seinem Arzte und leerte, whrend jener las, den Becher. Ruhig las der
Arzt, er wute sich aller Schuld rein; er beschwor den Knig, ihm zu
vertrauen und zu folgen, bald werde dann sein Leiden vorber sein; er
sprach mit ihm von der Heimat, von seiner Mutter und seinen Schwestern, den
nahen Siegen und den wunderreichen Lndern des Ostens; seine treue Sorgfalt
ward durch des Knigs baldige Genesung belohnt; Alexander kehrte zurck in
die Reihen seiner Makedonen.

Die Kriegsoperationen wurden mit doppeltem Eifer fortgesetzt. Die
Landschaft Kilikien war in der Kette der persischen Satrapien der Ring, der
die des vorderen und oberen Asiens zusammenhielt. Die strkste
Defensivstellung des Perserreiches gegen den Westen hatte Alexander mit den
Pssen des Tauros rasch genommen; er mute sich des ganzen Gebietes an
ihrem Sdabhange versichern, um die zweite Paregion, die des amanischen
Gebirges gegen Syrien, gewinnen und behaupten zu knnen. Whrend Parmenion
mit den Sldnern und Bundestruppen, mit den thessalischen Ilen und den
Thrakern des Sitalkes ostwrts vorrckte, die Psse nach dem oberen Asien
zu besetzen, ging der Knig westwrts, um sich der Strae nach Laranda und
Ikonion, des sogenannten rauhen Kilikiens zu versichern, dessen Bewohner,
freie ruberische Bergvlker wie ihre pisidischen Nachbarn, leicht die
Verbindung mit Kleinasien stren konnten.

Er zog von Tarsos nach der Stadt Anchiale, die, von Sardanapal gegrndet,
das Standbild dieses assyrischen Knigs aufbewahrte, mit der merkwrdigen
Inschrift: Anchiale und Tarsos hat Sardanapal an einem Tage gegrndet; du
aber, Fremdling, i, trinke, liebe; was sonst der Mensch hat, ist nicht der
Rede wert. Dann kam er nach Soloi, der Heimat der Soloikismen, die,
obschon griechischen Ursprungs, den Persern so anhing, da Alexander nicht
nur eine Besatzung in der Stadt zurcklie, sondern ihr eine Bue von
zweihundert Talenten Silbers auferlegte. Von hier aus machte er mit drei
Phalangen und mit den Schtzen und Agrianern einen Streifzug in das rauhe
Kilikien; in sieben Tagen hatte er teils durch Gewalt, teils in Gte die
Unterwerfung dieser Gebirgsbewohner vollendet, damit seine Verbindung mit
den westlichen Provinzen gesichert. Er kehrte nach Soloi zurck; er empfing
hier von seinen Befehlshabern in Karien die Nachricht, da Othontopates,
der noch die Seeburg von Halikarna gehalten, in einem hartnckigen Gefecht
bewltigt, da mehr als 1000 Mann gefangen seien. Zur Feier des glcklichen
begonnenen Feldzuges und der Wiedergenesung des Knigs wurden in Soloi
mannigfache Festlichkeiten veranstaltet; durch das groe Opfer, das dem
Asklepios gebracht wurde, durch den Festaufzug des gesamten Heeres, durch
den Fackellauf, durch die gymnischen und knstlerischen Wettkmpfe mag in
den, der hellenischen Sitte fast schon entwhnten Soliern die Erinnerung an
die Heimat und ihre Vorfahren erweckt worden sein; nun war die Zeit der
Barbaren vorber, hellenisches Leben gewann Raum in den Lndern
vieljhriger Knechtschaft; hellenischer Ursprung, sonst inmitten
asiatischer Barbarei verachtet und vergessen, wurde ein groes Recht.
Alexander gab den Soliern demokratische Verfassung; wenige Wochen spter,
gleich nach der entscheidenden Schlacht, sandte er Befehl, ihnen die
Brandschatzung zu erlassen und ihre Geiseln zurckzugeben.

Nach Tarsos zurckgekehrt, lie der Knig seine Ritterschaft unter
Philotas' Fhrung ber das aleische Feld an den Pyramosstrom vorrcken,
whrend er selbst mit dem brigen Heere an der Kste entlang ber Magarsos
nach Mallos zog, zwei Stdten, in denen es hellenische Erinnerungen gab, an
die der Knig anknpfen konnte; namentlich in Mallos hatte sich das Volk
schon vor dem Erscheinen Alexanders gegen seine bisherigen Unterdrcker
erhoben; den blutigen Kampf zwischen der persischen und der Volkspartei
entschied und stillte erst Alexanders Erscheinen; er erlie der Stadt, die
ihren Ursprung von Argos herleitete wie das makedonische Knigshaus, den
Tribut, den sie bisher an den Groknig gezahlt, gab ihr die Freiheit,
ehrte ihren Grnder Amphilochos von Argos mit Heroenfeier.

Noch whrend des Aufenthaltes in Mallos erhielt Alexander die Nachricht,
da der Knig Dareios mit einem ungeheuren Heere vom Euphrat herangerckt
sei, und bereits einige Zeit in der syrischen Stadt Sochoi, zwei Tagereisen
von den Pssen entfernt stehe. Alexander berief sofort einen Kriegsrat;
alle waren der Meinung, man msse eiligst aufbrechen, durch die Psse
vorrcken, die Perser, wo man sie auch finde, angreifen. Der Knig befahl,
am folgenden Morgen aufzubrechen. Der Marsch ging von Mallos um den
tiefeinschneidenden Meerbusen hin nach Issos.

Von Issos fhren zwei Wege nach Syrien; der eine, beschwerlichere, geht
erst nordwrts (nach Topra Kalessi), dann ostwrts durch Schluchten und
Psse ber die amanischen Berge; Alexander whlte diesen nicht, seinen
Soldaten wren durch den Wechsel von Berg und Tal und durch die
Unwegsamkeit der Gegend doppelt ermdet an den Feind gekommen; und er
durfte sich nicht frher von der Kste dieser Bucht entfernen, als bis sie
ganz in seiner Gewalt und den feindlichen Schiffen gesperrt war. Er rckte,
mit Zurcklassung der Kranken, die im Rcken der Armee am sichersten waren,
von Issos aus auf der gewhnlichen und den Griechen durch Xenophons
Beschreibung bekannten Strae sdwrts an der Meereskste hin, durch die
sogenannten Strandpsse nach der Kstenstadt Myriandros, unfern vom Eingang
der syrischen Hauptpsse (Psse von Bailan), um von hier aus mit dem
nchsten Morgen in die Ebene von Syrien und nach Sochoi aufzubrechen. ber
Nacht begann heftiges Unwetter, es waren die ersten Novembertage; Sturm und
Regen machten den Aufbruch unmglich; das Heer blieb im Lager von
Myriandros, etwa drei Meilen sdwrts der Strandpsse; in wenig Tagen
hoffte man den Feind auf der Ebene von Sochoi zur entscheidenden Schlacht
zu treffen.

In der Tat, entscheidend mute das nchste Zusammentreffen der
beiderseitigen Heere werden. Das persische Heer zhlte nach
Hunderttausenden, unter diesen hellenische Sldner, mit den jngst unter
dem Akarnanen Banor und dem Thessaler Aristomedes gelandeten 30000; unter
der Masse asiatischen Kriegsvolkes bei hunderttausend Mann
schwerbewaffnetes Fuvolk (Kardaker) und die gepanzerten persischen Reiter.
Dareios vertraute auf diese Macht, auf seine gerechte Sache, auf seinen
Kriegsruhm; er glaubte gern den stolzen Versicherungen seiner Groen und --
so wird erzhlt -- einem Traume kurz vor dem Auszuge aus Babylon, der ihm
gnstig genug von den Chaldern gedeutet war; er hatte das makedonische
Lager in dem Scheine einer ungeheuren Feuersbrunst, den makedonischen Knig
in persischer Frstentracht durch Babylons Straen reiten, dann Ro und
Reiter verschwinden sehen. So der Zukunft sicher, war er ber den Euphrat
gezogen; umgeben von der ganzen kriegerischen Pracht eines Knigs der
Knige, begleitet von seinem Hofstaat und Harem, von den Harems der
persischen Satrapen und Frsten, von den Scharen der Eunuchen und Stummen,
zu den Hunderttausenden unter Waffen eine endlose Karawane geschmckter
Wagen, reicher Baldachine, lrmenden Trosses, lagerte er nun bei Sochoi;
hier in der weiten Ebene, die ihm Raum gab, die erdrckende bermacht
seines Heeres zu entwickeln und namentlich seine Reitermassen wirksam zu
verwenden, wollte er den Feind erwarten, um ihn zu vernichten.

Es soll Arsames gewesen sein, der aus Kilikien flchtend ins Lager die
erste Nachricht von Alexanders Nhe, von dessen Anmarsch brachte; nach dem,
was er meldete, schien der Feind ber die amanischen Psse anrcken zu
wollen; man erwartete tglich die Staubwolke im Westen. Es verging ein Tag
nach dem anderen, man wurde gleichgltig gegen die Gefahr, die nicht nher
kam; man verga, was schon verloren war; man spottete des Feindes, der das
enge Kstenland nicht zu verlassen wage, der wohl ahne, da die Hufe der
persischen Rosse hinreichen wrden, seine Macht zu zertreten. Nur zu gern
hrte Dareios die bermtigen Worte seiner Groen: der Makedone werde,
eingeschchtert durch die Nhe der Perser, nicht ber Tarsos hinausgehen,
man msse ihn angreifen, man werde ihn vernichten. Vergebens widersprach
der Makedone Amyntas: nur zu bald werde Alexander den Persern
entgegenrcken, sein Sumen sei nichts als ein Vorzeichen doppelter Gefahr;
um keinen Preis drfe man sich in die engen Tler Kilikiens hinabwagen, das
Feld von Sochoi sei fr die persische Macht das geeignete Schlachtfeld,
hier knne die Menge siegen oder besiegt sich retten. Aber Dareios,
mitrauisch gegen den Fremdling, der seinen Knig verraten, durch die
Schmeichelreden seiner Groen und durch die eigenen Wnsche berauscht,
endlich durch die Unruhe der Schwche und durch sein Verhngnis
vorwrtsgetrieben, beschlo, die Stellung von Sochoi aufzugeben und den
Feind, der ihn meide, aufzusuchen. Das unntige Heergert, die Harems, der
grte Teil des Schatzes, alles, was den Zug hindern konnte, wurde unter
Kophenes, dem Bruder des Pharnabazos, nach Damaskos gesandt, whrend der
Knig, um den Umweg ber Myriandros zu meiden, durch die amanischen Psse
nach Kilikien einrckte und in Issos ankam. Dies geschah an demselben Tage,
da Alexander nach Myriandros gezogen war. Die Perser fanden in Issos die
Kranken des makedonischen Heeres, sie wurden unter grausamen Martern
umgebracht; die frohlockenden Barbaren meinten, Alexander fliehe vor ihnen;
sie glaubten, er sei von der Heimat abgeschnitten, sein Untergang gewi.
Ungesumt brachen die Vlker auf, die Fliehenden zu verfolgen.

Allerdings war Alexander abgeschnitten; man hat ihn der Unvorsichtigkeit
angeklagt, da er die amanischen Tore nicht besetzt, da er keine Besatzung
in Issos zurckgelassen, sondern die zurckbleibenden Kranken einem
grausamen Feinde preisgegeben habe; sein ganzes Heer, sagt man, htte elend
untergehen mssen, wenn die Perser eine Schlacht vermieden, das Meer durch
ihre Flotte, die Rckzugslinie Alexanders durch eine hartnckige Defensive
gesperrt, jedes Vorrcken durch ihre Reiterschwrme beunruhigt und durch
Verwstungen, wie sie Memnon geraten, doppelt gefhrlich gemacht htten.
Alexander kannte die persische Kriegsmacht; er wute, da die Verpflegung
von so vielen Hunderttausenden auf seiner Marschlinie und in dem engen
Kilikien auf lngere Zeit eine Unmglichkeit war, da jenes Heer, nichts
weniger als ein organisches Ganzes zu einem System militrischer
Bewegungen, durch die er htte umgarnt werden knnen, unfhig sei, da im
schlimmsten Falle eine Reihe rascher und khner Mrsche von seiner Seite
jene unbehilfliche Masse zum Nachrcken gezwungen, verwirrt, aufgelst und
jedem berfall blogegeben htte. Er hatte nicht erwarten knnen, da die
Perser das fr sie so gnstige Terrain aufgeben, da sie gar in die enge
Strandebene am Pinaros vorrcken wrden.

Dareios hatte es getan; von flchtigen Landleuten benachrichtigt, da
Alexander kaum einige Stunden entfernt jenseits der Strandpsse stehe und
nichts weniger als auf der Flucht sei, mute er sich, da er sein ungeheures
Heer weder schnell zurckziehen konnte, noch es gegen diese Thermopylen
Kilikiens vorzuschieben wagte, in der engen Ebene gelagert zu einer
Schlacht bereitmachen, fr die er jetzt die Vorteile des Angriffs dem
Feinde berlassen mute. In der Tat, htte es irgendein Strategem gegeben,
den Groknig zum Aufbruch aus der Ebene von Sochoi und zu dieser Bewegung
nach dem Strand Kilikiens hinab zu ntigen, so wrde es Alexander, selbst
wenn es einen greren Verlust als den des Lazaretts von Issos gegolten
htte, mit Freuden gewagt haben. So unglaublich schien ihm das erste
Gercht von Dareios' Nhe, da er einige Offiziere auf einer Jacht an der
Kste entlang fahren lie, um sich von der wirklichen Nhe des Feindes zu
berzeugen.

Einen anderen Eindruck machte dasselbe Gercht auf die Truppen Alexanders;
sie hatten dem Feinde in einigen Tagen und auf offenem Felde zu begegnen
gehofft; jetzt war alles unerwartet und bereilt; jetzt stand der Feind in
ihrem Rcken, schon morgen sollte gekmpft werden; man werde, hie es, was
man schon besessen, dem Feinde durch eine Schlacht entreien, jeden Schritt
rckwrts mit Blut erkaufen mssen; vielleicht aber seien die Psse schon
besetzt und gesperrt, vielleicht msse man sich, wie einst die Zehntausend,
durch das Innere Kleinasiens durchschlagen, um, statt Ruhm und Beute, kaum
das nackte Leben in die Heimat zu bringen; und das alles, weil man nicht
vorsichtig vorgerckt sei; man halte den gemeinen Soldaten nicht wert und
gebe ihn, wenn er verwundet zurckbleibe, seinem Schicksal und den Feinden
preis. So und rger noch murrten die Soldaten, whrend sie ihre Waffen
putzten und ihre Speere schrften, weniger aus Mutlosigkeit, als weil es
anders, wie sie erwartet hatten, gekommen war, und um sich des
unbehaglichen Gefhls, das die tapfersten Truppen bei der Nhe einer lange
erwarteten Entscheidung ergreift, mit lautem Scheltwort zu entschlagen.

Alexander kannte die Stimmung seiner Truppen; ihn beunruhigte diese
Ungebundenheit nicht, die der Krieg erzeugt und fordert. Sobald ihm jene
Offiziere von dem, was sie gesehen, Bericht erstattet hatten, namentlich,
da die Ebene von der Pinarosmndung bei Issos mit Zelten bedeckt, da
Dareios in der Nhe sei, berief er die Strategen, Ilarchen und Befehlshaber
der Bundesgenossen, teilte ihnen die empfangenen Meldungen mit, zeigte, da
unter allen denkbaren Mglichkeiten die jetzige Stellung des Feindes den
sichersten Erfolg verspreche; der Schein, umgangen zu sein, so lt ihn
Arrian sagen, werde sie nicht beirren; sie htten zu oft rhmlich gekmpft,
um den Mut bei scheinbarer Gefahr sinken zu lassen; stets Sieger, gingen
sie stets Besiegten entgegen; Makedonen gegen Meder und Perser, erfahrene,
unter den Waffen ergraute Krieger gegen die lngst der Waffen entwhnten
Weichlinge Asiens, freie Mnner gegen Sklaven, Hellenen, die fr ihre
Gtter und ihr Vaterland freiwillig kmpften, gegen entartete Hellenen, die
fr nicht einmal hohen Sold ihr Vaterland und den Ruhm ihrer Vorfahren
verrieten, die streitbarsten und freiesten Autochthonen Europas gegen die
verchtlichsten Stmme des Morgenlandes, kurz, Kraft gegen Entartung, das
hchste Wollen gegen die tiefste Ohnmacht, alle Vorteile des Terrains, der
Kriegskunst, der Tapferkeit gegen persische Horden, knne da der Ausgang
des Kampfes zweifelhaft sein? Der Preis dieses Sieges aber sei nicht mehr
eine oder zwei Satrapien, sondern das Perserreich; nicht die Reiterscharen
und Sldner am Granikos, sondern das Reichsheer Asiens, nicht persische
Satrapen, sondern den Perserknig wrden sie besiegen; nach diesem Sieg
bleibe ihnen nichts weiter zu tun, als Asien in Besitz zu nehmen und sich
fr alle Mhsale zu entschdigen, die sie gemeinsam durchkmpft. Er
erinnerte an das, was sie gemeinsam ausgefhrt, er erwhnte, wie die
einzelnen bei den Aktionen bisher sich ausgezeichnet hatten, sie mit ihrem
Namen nennend. Das und vieles andere, was vor der Schlacht im Munde des
tapferen Feldherrn tapfere Mnner anzufeuern geeignet ist, sprach Alexander
mit der ihm eigentmlichen Hoheit und Begeisterung; niemand, den nicht des
jugendlichen Helden Worte ergriffen htten; sie drngten sich heran, ihm
die Hand zu reichen und ein tapferes Wort hinzuzufgen. Sie verlangten,
gleich aufzubrechen, gleich zu kmpfen. Alexander entlie sie mit dem
Befehl, zunchst dafr zu sorgen, da die Truppen gehrig abkochten, einige
Reiter und Bogenschtzen nach den Strandpssen vorauszuschicken, mit den
brigen Truppen fr den Abend zum Marsch bereit zu sein.

Am spten Abend brach das Heer auf, erreichte um Mitternacht die Psse,
machte bei den Felsen halt, um etwas zu ruhen, whrend die geeigneten
Vorposten vorgeschoben waren. Mit der Morgenrte wurde aufgebrochen, durch
die Psse in die Strandebene zu ziehen.

Diese Ebene erstreckt sich von den Strandpssen etwa fnf Meilen nordwrts
bis zur Stadt Issos[7]; auf der Westseite vom Meere, auf der Ostseite von
den zum Teil hohen Bergen eingeschlossen, erweitert sie sich, je mehr sie
sich von den Pssen entfernt. In der Mitte, wo sie ber eine halbe Meile
breit ist, durchstrmt sie sdwestwrts ein kleiner Gebirgsflu, der
Pinaros (Deli-tschai), dessen nrdliche Ufer zum Teil abschssig sind; er
kommt nordstlich aus den Bergen, die, seinen Lauf begleitend, auf seinem
Sdufer eine bedeutende Berghhe in die Ebene vorschicken, so da sich mit
dem Laufe des Pinaros die Ebene etwas bergein fortsetzt. In einiger
Entfernung nordwrts vom Pinaros begann das persische Lager.

    [7] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Sobald Dareios Nachricht erhielt, da Alexander zu den Strandpssen
zurckgekehrt, da er bereit sei, eine Schlacht anzubieten und bereits
anrcke, wurde so schnell und so gut es sich tun lie, die persische
Heeresmasse geordnet. Freilich war das sehr beschrnkte Terrain der
bermacht nicht gnstig, destomehr schien es zu einer nachhaltigen
Defensive geeignet; der Pinaros mit seinen abschssigen Ufern war wie Wall
und Graben, hinter dem sich die Masse des Heeres ordnen sollte. Um dies
ohne alle Strung bewerkstelligen zu knnen, lie Dareios 30000 Reiter und
20000 Mann leichtes Fuvolk ber den Flu gehen, mit der Weisung, sich
demnchst rechts und links auf die Flgel der Linie zurckzuziehen. Sodann
wurde die Linie des Fuvolks so geordnet, da die 30000 hellenischen
Sldner unter Thymondas den rechten Flgel bildeten, den linken 60000
Kardaker; andere 20000 Kardaker wurden weiter links bis auf die Hhe
geschoben, bestimmt, den rechten Flgel Alexanders zu gefhrden; sobald die
Makedonen zum Angriff an den Pinaros gerckt waren, stand wenigstens ein
Teil jenes Korps im Rcken des rechten Flgels. Der enge Raum gestattete
auf Seiten der Perser nur, die bezeichneten Truppen zur unmittelbaren
Teilnahme an der Schlacht zu bestimmen; die Mehrzahl der Vlker, aus
leichtem und schwerem Fuvolk bestehend, rckte hinter der Linie
kolonnenweise auf, so da immer neue Truppen ins Treffen gefhrt werden
konnten. Nachdem alles geordnet war, wurde den vorgeschickten
Reiterschwrmen das Zeichen zum Rckzuge gegeben; sie verteilten sich
rechts und links auf die Flgel; aber das Terrain schien auf dem linken den
Gebrauch der Reiterei unmglich zu machen, weshalb auch die dorthin
bestimmten auf den rechten Flgel verlegt wurden, so da nun der Kste
zunchst die gesamte Reiterei, die eigentlich persische Macht, unter
Fhrung des Nabarzanes vereint war. Dareios selbst nahm nach der persischen
Sitte auf seinem Schlachtwagen im Zentrum der gesamten Linie seine
Stellung, umgeben von einer Reiterschar der edelsten Perser, die sein
Bruder Oxathres befehligte. Der Schlachtplan war, da das Fuvolk eine
Stellung hinter dem Pinaros behaupten sollte, zu welchem Ende die weniger
steilen Stellen des Ufers mit Verschanzungen ausgefllt wurden, auf dem
rechten Flgel dagegen die persische Reiterei sich mit aller Gewalt auf den
linken Flgel der Makedonen werfen, whrend die Truppen von den Bergen her
den Feinden in den Rcken fielen.

Alexander hatte, sobald das Terrain freier wurde, aus seiner Marschkolonne,
in der das schwere Fuvolk, die Reiterei, die Leichtbewaffneten
nacheinander herangezogen, das schwere Fuvolk rechts und links in
Schlachtlinie zu sechzehn Mann Tiefe aufrcken lassen; beim weiteren
Vorrcken ffnete sich die Ebene mehr und mehr, so da auch die Reiterei,
auf dem linken Flgel die der hellenischen Bndner und die Geworbenen aus
Elis, auf dem rechten, der wie gewhnlich den Angriff machen sollte, die
thessalische und makedonische, aufreiten konnte. Schon erkannte man in der
Ferne die lange Linie des Perserheeres; die Hhen zur Rechten sah man mit
feindlichem Fuvolk bedeckt, man bemerkte, wie sich vom linken Flgel der
Feinde groe Schwrme Reiterei lngs der Schlachtlinie hinabzogen, um sich
auf dem rechten, wo das Terrain freier war, wie es schien, zu einem groen
Reiterangriff zu vereinen. Alexander befahl den thessalischen Ilen, hinter
der Front, damit es der Feind nicht she, nach dem linken Flgel
hinabzureiten, und zunchst nach den kretischen Bogenschtzen und den
Thrakern des Sitalkes, die eben jetzt in die Schlachtlinie bei den
Phalangen aufrckten, einzuschwenken; er befahl Parmenion, der den linken
Flgel kommandierte, mit den geworbenen Reitern von Elis, die nun links auf
die Thessaler folgten, sich so dicht als mglich an das Meer zu halten,
damit die Schlachtlinie nicht von der Seeseite umgangen werde. Auf seinem
rechten Flgel lie er rechts von der makedonischen Ritterschaft die Ilen
der Sarissophoren unter Protomachos, die Paionen unter Ariston, die
Bogenschtzen unter Antiochos aufrcken. Gegen die auf den Bergen in seiner
Rechten aufgestellten Kardaker formierte er aus den Agrianern unter
Attalos, einem Teil der Bogenschtzen und einigen Reitern eine zweite
Front, die gegen die Schlachtlinie einen Winkel bildete.

Je nher man dem Pinaros kam, desto deutlicher erkannte man die bedeutende
Ausdehnung der feindlichen Linie, die weit ber den rechten Flgel des
makedonischen Heeres hinausreichte; der Knig hielt fr ntig, zwei von den
makedonischen Ilen, die des Peroidas und Pantordanos, hinter der Front nach
dem uersten Flgel vorzuschieben; er konnte schon in die Schlachtlinie
statt ihrer die Agrianer, die Bogenschtzen und Reiter des Seitenkorps
ziehn; denn ein heftiger Angriff, den sie auf die ihnen gegenberstehenden
Barbaren gemacht, hatte diese geworfen und sich auf die Hhen zu flchten
gentigt, so da jetzt jene dreihundert Hetairen hinreichend schienen, sie
fernzuhalten und die Bewegungen der Schlachtlinie von dieser Seite her zu
sichern.

Mit diesem Aufmarsch, wie er sich ohne Hast, mit kleinen Pausen zum
Ausruhen, vollzog, hatte Alexander nicht blo jenes in seine Rechte
vorgeschobene Flankenkorps des Feindes weit seitab gedrngt; er hatte
zugleich rechts mit dem leichten Volk zu Fu und zu Ro seine Linie ber
den linken Flgel des Feindes hinausgerckt, so da dieses den Sto, den er
mit den Ilen der Hetairen zu fhren gedachte, decken und die Spitze der
feindlichen Linken beschftigen konnte, bis er sich auf das Zentrum des
Feindes gestrzt hatte, ihm zur Linken die Hypaspisten, die nchsten
Phalangen, ihm folgend. War das Zentrum des Feindes gebrochen, so hoffte er
dessen rechten Flgel, der durch die hellenischen Sldner und die
Reitermassen ein entschiedenes bergewicht ber Parmenions Flgel hatte,
gleichzeitig mit seinen Ilen in der Flanke, mit seinen Hypaspisten in der
Front zu fassen und zu vernichten. Er konnte voraussehen, da sein erster
Sto um so entscheidender wirken werde, da der Groknig sich nicht bei der
Reiterei auf dem rechten Flgel, die den Hauptangriff htte machen knnen,
sondern im Mittelpunkt der Defensive befand, die, wenn schon durch die
natrlichen Uferwnde des Pinaros und durch Erdaufschttungen geschtzt,
einem scharfen Angriff nicht widerstehen zu knnen schien.

Alexander lie seine Linie langsam vorrcken, um mit grter Ordnung und
durchaus geschlossen auf den Feind einbrechen zu knnen. Er ritt an der
Front entlang, sprach zu den einzelnen Abteilungen, rief diesen, jenen der
Fhrer mit Namen an, erwhnend, was sie schon Rhmliches getan; berall
jauchzten ihm die Scharen zu, forderten, nicht lnger zu zgern, den
Angriff zu beginnen. Sobald sich die ganze Linie in geschlossener Ordnung
auf Pfeilschuweite den Feinden genhert hatte, warf sich Alexander unter
dem Schlachtrufe des Heeres mit seiner Ritterschaft in den Pinaros. Ohne
von dem Pfeilhagel des Feindes bedeutenden Verlust zu erleiden, erreichten
sie das jenseitige Ufer, strzten sich mit solcher Gewalt auf die
feindliche Linie, da diese nach kurzem vergeblichen Widerstande sich zu
lsen und zu weichen begann. Schon sah Alexander des Perserknigs
Schlachtwagen, er drang auf diesen vor; es entspann sich das blutigste
Handgemenge zwischen den edlen Persern, die ihren Knig verteidigten und
den makedonischen Rittern, die ihr Knig fhrte; es fielen Arsames,
Rheomithres, Atizyes, der gyptische Satrap Sabakes; Alexander selbst ward
im Schenkel verwundet; desto erbitterter kmpften die Makedonen; dann
wandte Dareios seinen Wagen aus dem Getmmel, ihm folgten die nchsten
Reihen, die links gegen die Hhe vorgeschobenen; bald war hier die Flucht
allgemein. Die Paionen, die Agrianer, die beiden Ilen des uersten
makedonischen Flgels strzten sich von rechts her auf die verwirrten
Haufen und vollendeten an dieser Seite den Sieg.

Indes hatte dem heftigen Vorrcken Alexanders das schwere Fuvolk der Mitte
nicht in gleicher Linie folgen knnen, so da da Lcken entstanden, die der
Eifer, nachzukommen, schon durch die steilen Ufer des Pinaros gehemmt, nur
vergrerte; als Alexander schon in dem Zentrum der Feinde wtete und ihr
linker Flgel wankte, eilten die Hellenen des Perserheeres, sich auf die
makedonischen Hopliten, denen sie sich an Mut, Waffen und Kriegskunst
gewachsen wuten, da, wo in deren Linie die grte Lcke war, zu werfen. Es
galt, den schon verlorenen Sieg wieder zu gewinnen; gelang es, die
Makedonen wieder von dem steilen Ufer zurck und ber den Flu zu drngen,
so war Alexander in der Flanke entblt und so gut wie verloren. Diese
Gefahr feuerte die Pezetairen zu doppelter Anstrengung an; sie htten den
Sieg, den Alexander schon gewonnen, preisgegeben, wenn sie wichen. Den
Kampf des gleichen Mutes und der gleichen Kraft machte der alte Ha
zwischen Hellenen und Makedonen noch blutiger; man wtete doppelt, weil der
Feind des Feindes Fluch und Todesseufzer verstand. Schon war Ptolemaios,
des Seleukos Sohn, der die vorletzte Taxis fhrte, schon waren zahlreiche
Offiziere gefallen; nur kaum noch, mit uerster Anstrengung hielt man hier
das Gefecht, das sich in der Nhe des Gestades bereits fr die Perser zu
entscheiden schien.

Nabarzanes mit den persischen Reitern war ber den Pinaros gesetzt und
hatte sich mit solchem Ungestm auf die thessalischen Reiter geworfen, da
eine der Ilen ganz zersprengt wurde, die anderen sich nur durch die
Gewandtheit ihrer Pferde, sich immer von neuem rasch sammelnd und bald da,
bald dort dem Feinde mit neuem Sto zuvorkommend, zu behaupten vermochten;
es war nicht mglich, da sie auf die Dauer der bermacht und der Wut der
persischen Reiter widerstanden. Aber schon war der linke Flgel der Perser
gebrochen und Dareios suchte, statt in der Schlacht und bei seinen
Getreuen, sein Heil in der Flucht. Alexander sah seine Phalangen in Gefahr;
er eilte, sie zu retten, ehe er den flchtigen Knig weiter verfolgte; er
lie seine Hypaspisten links schwenken und den griechischen Sldnern,
whrend die Hopliten der Phalanx von neuem ansetzten, in die Flanke fallen,
die, unfhig, dem Doppelangriff zu widerstehen, geworfen, zersprengt,
niedergemacht wurden. Die Massen hinter ihnen, die als Reserve htten
dienen und nun den Kampf aufnehmen knnen, waren der Flucht des Groknigs
gefolgt. Die Reiter des Nabarzanes, die noch im heiesten Kampf und im
Vordringen waren, erreichte jetzt das Geschrei: Der Knig flieht; sie
begannen zu stocken, sich zu lockern, zu fliehen; von den Thessalern
verfolgt, jagten sie ber die Ebene. Alles strzte den Bergen zu, die
Schluchten fllten sich; das Gedrnge aller Waffen und Nationen, der
zermalmende Hufschlag der strzenden Pferde, das Geschrei der
Verzweifelnden, die mrderische Wut ihrer Todesangst unter den Klingen und
Spieen der verfolgenden Makedonen und deren jubelndes Siegesgeschrei --
das war das Ende des glorreichen Tages von Issos.

Der Verlust der Perser war ungeheuer, der Wahlplatz mit Leichen und
Sterbenden bedeckt, die Schluchten des Gebirges mit Leichen gesperrt, und
hinter dem Wall von Leichen des Knigs Flucht sicher.

Dareios, der, sobald Alexanders erster Angriff glckte, sein Viergespann
gewendet hatte, war durch die Ebene bis zu den Bergen gejagt; dann hemmte
der jhe Boden seine Eile, er sprang vom Wagen, lie Mantel, Bogen und
Schild zurck und warf sich auf eine Stute, die zu ihrem Fllen im Stall
mit der Eile, die Dareios verlangte, heimjagte. Alexander setzte ihm nach,
solange es Tag war; den Groknig zu fangen, schien der Siegespreis des
Tages; er fand in der Schlucht dessen Schlachtwagen, Schild, Mantel, Bogen;
mit diesen Trophen kehrte er ins Lager der Perser zurck, das ohne Kampf
von seinen Leuten besetzt und zur Nachtruhe eingerichtet war.

Die Beute, die man machte, war, auer dem ppigen Prunke des Lagers und den
kostbaren Waffen der persischen Groen, an Geld und Geldeswert nicht
bedeutend, da die Schtze, die Feldgertschaften, die Hofhaltungen des
Groknigs und der Satrapen nach Damaskos gesendet waren. Aber die
Kniginmutter Sisygambis, die Gemahlin des Dareios und deren Kinder fielen
mit dem Lager, in dem sie ber der Verwirrung der Flucht vergessen waren,
in des Siegers Hand. Als Alexander, vom Verfolgen zurckgekehrt, mit seinen
Offizieren im Zelte des Dareios zu Nacht a, hrte er das Wehklagen
weiblicher Stimmen in der Nhe und erfuhr, da es die kniglichen Frauen
seien, die Dareios fr tot hielten, weil sie gesehen, wie sein Wagen, sein
Bogen und Knigsmantel im Triumph durch das Lager gebracht war; sogleich
sandte er Leonnatos, einen der Freunde, an sie mit der Versicherung:
Dareios lebe, sie htten nichts zu frchten, er sei weder ihr noch Dareios'
persnlicher Feind, es handle sich im ehrlichen Kampf um Asiens Besitz, er
werde ihren Rang und ihr Unglck zu ehren wissen. Er hielt ihnen sein Wort;
nicht allein, da sie die Schonung genossen, die dem Unglck gebhrt, auch
die Ehrerbietung, an die sie in den Tagen des Glckes gewhnt waren, wurde
ihnen nach wie vor gezollt, der Dienst um sie nach persischer Sitte
fortgesetzt. Alexander wollte sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als
Kniginnen halten, er wollte ber den Unterschied von Griechen und Barbaren
die Majestt des Knigstums gestellt sehen. Hier zuerst wurde erkennbar,
wie er sein Verhltnis zu Persien zu gestalten dachte. Unter gleichen
Umstnden htten die Athener und Spartaner ihren Ha oder ihre Habgier das
Schicksal der feindlichen Frstinnen bestimmen lassen; Alexanders Benehmen
war ebensosehr ein Beweis freierer oder doch weiterblickender Politik, wie
sie fr seinen hochherzigen Sinn zeugt. Seine Zeitgenossen priesen diesen,
weil sie oder solange sie jene nicht begriffen; fast keine Tat Alexanders
haben sie mehr bewundert als diese Milde, wo er den stolzen Sieger, diese
Ehrerbietung, wo er den Griechen und den Knig htte zeigen knnen;
denkwrdiger als alles schien ihnen, da er, darin grer als sein groes
Vorbild Achill, das Recht des Siegers auf des Besiegten Gemahlin, die doch
fr die schnste aller asiatischen Frauen galt, geltend zu machen
verschmhte; von ihrer Schnheit auch nur zu sprechen, wo er nahe war,
verbot er, damit auch nicht _ein_ Wort den Gram der edlen Frau vermehre.
Man erzhlte nachmals, der Knig sei, nur von seinem Lieblinge Hephaistion
begleitet, in das Zelt der Frstinnen gekommen, dann habe die
Kniginmutter, ungewi, wer von beiden gleich glnzend gekleideten Mnnern
der Knig sei, sich vor Hephaistion, der hher von Gestalt war, in den
Staub geworfen, nach persischer Sitte anzubeten; aber da sie, durch
Hephaistions Zurcktreten ber ihren Irrtum belehrt, in der hchsten
Bestrzung ihr Leben verwirkt geglaubt, habe Alexander lchelnd gesagt: Du
hast nicht geirrt, auch der ist Alexander; dann habe er den sechsjhrigen
Knaben des Dareios auf den Arm genommen, ihn geherzt und gekt.

Der Verlust des makedonischen Heeres in dieser Schlacht wird auf 300 Mann
vom Fuvolk, 150 Reiter angegeben. Der Knig selbst war am Schenkel
verwundet. Trotzdem besuchte er am Tage nach der Schlacht die Verwundeten;
er lie die Gefallenen mit allem militrischen Geprnge, indem das ganze
Heer zur Schlacht ausrckte, bestatten; die drei Altre am Pinaros wurden
ihr Denkmal, die Stadt Alexanders am Eingange der syrischen Psse das
Denkmal des groen Tages von Issos, der mit einem Schlage die persische
Macht vernichtet hatte.

Von dem persischen Heere sollen gegen 100000 Mann, darunter 10000 Reiter,
umgekommen sein. Da es auf seinem linken Flgel zuerst geschlagen und nach
dem Meere zu aufgerollt war, hatte die Reste desselben vllig zersprengt.
Die Masse flchtete ber die Berge nach dem Euphrat; andere Haufen waren
nordwrts in die kilikischen Berge geflohen und hatten sich von da nach
Kappadokien, Lykaonien, Paphlagonien geworfen; teils Antigonos von
Phrygien, teils Kalas von Kleinphrygien bewltigte sie. Von den
hellenischen Sldnern retteten sich etwa 8000 vom Schlachtfelde ber die
amanischen Berge nach Syrien, erreichten, von Amyntas, dem makedonischen
Flchtling gefhrt, in ziemlich geordnetem Rckzuge Tripolis, wo am Strande
noch die Trieren lagen, auf denen sie gekommen waren; sie besetzten von
diesen so viele, als zu ihrer Flucht ntig waren, verbrannten die anderen,
um sich nicht den Feinden in die Hnde fallen zu lassen, fuhren dann nach
Kypros hinber. Andere mgen auf anderen Wegen die See erreicht haben und
nach dem Tainaron gezogen sein, neue Dienste zu suchen. Mit denen auf
Cypern wandte sich Amyntas nach Pelusion, dort des bei Issos gefallenen
Satrapen Sabakes Stelle, mit der bereits der Perser Mazakes betraut war, an
sich zu bringen. Schon war er bis vor die Tore von Memphis gedrungen,
schon Herr des wichtigsten Teiles von gypten, als seine Sldner, durch
ihre frechen Plnderungen verhat und wieder, um zu plndern, in der Gegend
zerstreut, von den gyptern, die der Satrap aufgerufen, berfallen und
smtlich, Amyntas mit ihnen, erschlagen wurden.

Dareios selbst hatte auf seiner Flucht bis Onchai die Reste seines
persischen Volkes und etwa 4000 hellenische Sldner gesammelt und mit
diesen in unablssiger Eile seinen Weg nach Thapsakos fortgesetzt, bis er
hinter dem Euphrat sich vor weiterer Gefahr sicher glaubte. Mehr als der
Verlust der Schlacht und einiger Satrapien mochte der der Seinigen, mehr
als die Schande der Niederlage und der Flucht die Schande, der er seine
Gemahlin, die schnste Perserin, in den Hnden des stolzen Feindes
preisgegeben frchtete, sein Herz krnken; und indem er ber sein
husliches Unglck und seinen Kummer wohl die Gefahr und Ohnmacht seines
Reiches, aber nicht seinen erhabenen Rang verga, glaubte er Groes zu tun,
wenn er dem Sieger in gromtiger Herablassung einen ersten Schritt
entgegenkam. Er schickte bald nach der Schlacht Gesandte an Alexander mit
einem Schreiben, das darlegte, wie dessen Vater Philipp mit dem Groknig
Artaxerxes in Freundschaft und Bundesgenossenschaft gestanden, aber nach
dessen Tod gegen den Groknig Arses zuerst und ohne den geringsten Anla
von seiten Persiens Feindseligkeiten begonnen, wie dann bei dem erfolgten
neuen Thronwechsel in Persien Alexander selbst versumt habe, an ihn, den
Knig Dareios, Gesandte zu schicken, um die alte Freundschaft und
Bundesgenossenschaft zu befestigen, vielmehr mit Heeresmacht nach Asien
eingebrochen sei und den Persern vieles und schweres Unglck bereitet habe;
deshalb habe er, der Groknig, seine Vlker versammelt und wider ihn
gefhrt; da der Ausgang der Schlacht wider ihn entschieden habe, so fordere
er, der Knig, von ihm, dem Knige, seine Gemahlin, seine Mutter und
Kinder, die kriegsgefangen seien, ihm zurckzugeben; er erbiete sich,
Freundschaft und Bundesgenossenschaft mit ihm zu schlieen; er fordere ihn
auf, die berbringer dieser Botschaft, Menikos und Arsimas, durch
Bevollmchtigte zurckbegleiten zu lassen, um die ntigen Gewhrleistungen
zu geben und zu empfangen.

Auf dieses Schreiben und die anderweitigen mndlichen Erffnungen der
kniglichen Botschafter antwortete Alexander in einem Schreiben, das er
seinem Gesandten Thersippos, welcher mit jenen an den Hof des Dareios
abging, zu bergeben befahl, ohne sich auf weitere mndliche
Unterhandlungen einzulassen. Das Schreiben lautete:

Eure Vorfahren sind nach Makedonien und in das brige Hellas gekommen und
haben, ohne den geringsten Anla von Seiten der Hellenen, mannigfaches
Unglck ber uns gebracht. Ich, zum Feldherrn der Hellenen erwhlt und
entschlossen, die Perser entgelten zu lassen, was sie uns getan, bin nach
Asien hinbergegangen, nachdem Ihr neuerdings Veranlassung zum Kriege
gegeben habt. Denn die Perinthier, die meinen Vater beleidigt hatten, habt
Ihr untersttzt und nach Thrakien, ber das wir Herren sind, hat Ochos
Kriegsmacht gesandt; mein Vater ist unter den Hnden von Meuchelmrdern,
die, wie Ihr selbst auch in Briefen an jedermann erwhnt habt, von Euch
angestiftet wurden, umgekommen; mit Bagoas gemeinschaftlich hast Du den
Knig Arses ermordet und Dir den persischen Thron unrechtmigerweise,
nicht nach dem Herkommen der Perser, sondern mit Verletzung ihrer
heiligsten Rechte angemat; Du hast in Beziehung auf mich Schreiben, die
nichts weniger als freundschaftlich waren, den Hellenen, um sie zum Kriege
gegen mich aufzureizen, zukommen lassen; hast an die Spartaner und gewisse
andere Hellenen Geld gesandt, das zwar von keinem der anderen Staaten, wohl
aber von den Spartanern angenommen worden ist; hast endlich durch Deine
Sendlinge meine Freunde zu verfhren und den Frieden, den ich den Hellenen
gegeben habe, zu stren gesucht. Aus diesen Grnden bin ich gegen Dich zu
Felde gezogen, nachdem die Feindseligkeiten von Dir begonnen sind. Im
gerechten Kampfe Sieger zuerst ber Deine Feldherren und Satrapen, jetzt
auch ber Dich und die Heeresmacht, die mit Dir war, bin ich durch die
Gnade der unsterblichen Gtter auch des Landes Herr, das Du Dein nennest.
Wer von denen, die in Deinen Reihen wider mich gekmpft haben, nicht im
Kampfe geblieben ist, sondern sich zu mir und in meinen Schutz begeben hat,
fr den trage ich Sorge; keiner ist ungern bei mir, vielmehr treten alle
gern und freiwillig unter meinen Befehl. Da ich so Herr ber Asien bin, so
komm auch Du zu mir; solltest Du zu irgendeiner Besorgnis, im Fall Du
kmest, Grund zu haben glauben, so sende einige Deiner Edlen, um die
gehrigen Sicherheiten zu empfangen. Bei mir angelangt, wirst Du um die
Zurckgabe Deiner Mutter, Deiner Gemahlin, Deiner Kinder und um was Du
sonst willst, bittend geneigtes Gehr finden; was Du von mir verlangen
wirst, soll Dir werden. brigens hast Du, wenn Du von neuem an mich
schickst, als an den Knig von Asien zu senden, auch nicht an mich wie an
Deinesgleichen zu schreiben, sondern mir, dem Herrn alles dessen, was Dein
war, Deine Wnsche mit der gebhrenden Ergebenheit vorzulegen,
widrigenfalls ich mit Dir als dem Beleidiger meiner kniglichen Majestt
verfahren werde. Bist Du aber ber den Besitz der Herrschaft anderer
Meinung, so erwarte mich noch einmal zum Kampf um dieselbe im offenen Felde
und fliehe nicht; ich fr meinen Teil werde Dich aufsuchen, wo Du auch
bist.

Ist dieses Schreiben, so wie es vorliegt, erlassen worden, so war es nicht
blo fr den geschrieben, an den es gerichtet war, sondern ein Manifest,
das der Sieger zugleich an die Vlker Asiens und an die Hellenen richtete.

Auch an die Hellenen. Noch war die Perserflotte im gischen Meere, und
ihre Nhe nhrte die Aufregung in den Staaten von Hellas. Ein Sieg dort,
eine dreiste Landung auf dem Isthmos oder in Euboia htte mit der dann
unzweifelhaften Schilderhebung der Hellenen unberechenbare Wirkungen
gehabt, Makedonien selbst sehr ernsten Gefahren ausgesetzt. Darum, so
scheint es, war Alexander so spt von Gordion aufgebrochen; er htte im
Notfalle von dort in fnfzehn Tagesmrschen den Hellespont erreichen
knnen. Vielleicht erst die Nachricht von der Abfhrung der hellenischen
Sldner nach Tripolis mochte ihn zum Aufbruch bestimmt haben; ohne diese
durften die Bewegungen der persischen Flotte, die berdies um die in
Tripolis bleibenden Schiffe gemindert war, seinem militrischen Blick als
bloe Ostentation erscheinen.

Bei weitem nicht so urteilten die Patrioten in Hellas. Wie mochte ihnen der
Mut wachsen, als Hegelochos durch den tapferen Beschlu der Athener,
hundert Trieren in See zu schicken, geschreckt, die angehaltenen attischen
Schiffe freigegeben hatte; wie gar, als die makedonische Besatzung in
Mytilene gezwungen wurde, zu kapitulieren, die ganze Insel zum
Antalkidischen Frieden zurckkehrte, Tenedos die mit Alexander und dem
Korinthischen Bunde geschlossenen Vertrge aufgeben und sich wieder zu dem
Antalkidischen Frieden bekennen mute. Der glorreiche Antalkidische Friede
war dem hellenischen Patriotismus das rettende Prinzip, unter diesem Banner
gedachte man den Greuel des Korinthischen Bundes aus dem Felde zu schlagen.
Damals wurde auf der attischen Rednerbhne mit offnen Worten der Bruch mit
Alexander empfohlen, trotz der geschlossenen Vertrge; in diesen steht,
sagt ein Redner, wenn wir teilhaben wollen an dem gemeinen Frieden; also
knnen wir auch das Gegenteil wollen.

Noch beherrschte die persische Flotte, trotz der kleinen Schlappen, die
Datames erlitten, das gische Meer. Nach der Einnahme von Tenedos hatten
die persischen Admirale ein Geschwader unter Aristomenes in den Hellespont
gesandt, sich der Ksten dort zu bemchtigen, sie selbst waren, die
ionische Kste brandschatzend, nach Chios gegangen; freilich versumten
sie, die wichtige Position von Halikarna zu decken, wo Othontopates noch
die Seeburg hielt; diese fiel -- in Soloi erhielt Alexander die Nachricht
davon -- in die Hand der Makedonen; nach dem schweren Verlust an
Mannschaft, den die Perser erlitten, muten wohl auch die Punkte auf dem
Festlande, die sie noch hatten, Myndos, Kaunos, das Triopion aufgegeben
werden; nur Kos, Rhodos, Kalymna, damit der Eingang in die Bucht von
Halikarna blieben noch persisch. Sie wuten, da Dareios bereits ber den
Euphrat vorgerckt sei, mit einem Heere, in dem die griechischen Sldner
allein der ganzen Armee Alexanders gleichkamen, mit einer unermelichen
bermacht an Reitern.

Es ist nicht klar, welche Motive die nchst weitere Aktion der Admirale
bestimmten, ob das Vordringen des Hegelochos, der auf Alexanders Weisung
von neuem eine Flotte im Hellespont gesammelt hatte, dem Aristomenes mit
seinem Geschwader erlag, der Tenedos wieder gewann, -- oder die Absicht,
mit der erwarteten Niederlage Alexanders zugleich die allgemeine Emprung
in Hellas aufflammen zu machen. Sie lieen eine Besatzung in Chios, einige
Schiffe bei Kos und Halikarna zurck; sie gingen mit 100 Schiffen, den am
besten fahrenden, nach Siphnos. Dort kam Knig Agis zu ihnen, freilich mit
nur einer Triere, aber mit einem groen Plan, zu dessen Ausfhrung er sie
ersuchte, soviel Schiffe und Truppen als mglich mit ihm nach dem
Peloponnes zu senden, ihm Geld zu weiteren Werbungen zu geben. Auch in
Athen war die Stimmung auf das hchste erregt oder doch die Patrioten
bemht, sie zu entznden; als Alexander, sagt schines drei Jahre spter,
in einer Rede gegen Demosthenes, in Kilikien eingeschlossen war und Mangel
an allem litt, wie du sagtest und nchster Tage, wie deine Worte waren, von
der persischen Reiterei niedergestampft sein sollte, da fate das Volk
deine Zudringlichkeiten nicht, noch die Briefe, die du in deinen Hnden
haltend umhergingst, mochtest du auch den Leuten mein Gesicht zeigen, wie
entmutigt und verstrt es aussehe, auch wohl mich als das Opfertier
bezeichnen, das fallen werde, sobald dem Alexander etwas begegnet sei. Und
doch, sagt schines, empfahl Demosthenes noch zu zgern; desto eifriger
mgen Hypereides, Moirokles, Kallisthenes gedrngt haben, mit Agis vereint
die hellenischen Staaten, die nur das Zeichen zum Abfall zu erwarten
schienen, gegen Antipatros und Makedonien zu fhren. Es mu dahingestellt
bleiben, ob auch mit Harpalos Verbindungen angeknpft wurden, dem
Schatzmeister Alexanders, der sich jngst, gewi nicht mit leeren Hnden,
aus dem Staube gemacht hatte und nun in Megara war.

Aber statt der erwarteten Siegesnachricht aus Kilikien kam die von der
gnzlichen Niederlage des Groknigs, von der vlligen Vernichtung des
Perserheeres. Die Athener mochten Gott danken, da sie noch nichts getan,
was sie weiter zu gehen zwang. Die persischen Admirale eilten zu retten,
was noch zu retten war. Pharnabazos segelte mit zwlf Trieren und 1500
Sldnern nach der Insel Chios, deren Abfall er frchten mute,
Autophradates mit dem grten Teil der Flotte -- auch die tyrischen Schiffe
unter dem Knige Azemilkos waren mit ihm -- nach Halikarna. Knig Agis
erhielt statt der groen Land- und Seemacht, die er gefordert hatte,
dreiig Talente und zehn Schiffe; er sandte sie seinem Bruder Agesilaos
nach dem Tnaron mit der Weisung, den Schiffsleuten die volle Lhnung
auszuzahlen und dann nach Kreta zu eilen, um sich der Insel zu versichern;
er selbst folgte nach einigem Aufenthalt in den Kykladen dem Autophradates
nach Halikarna. An Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht
werden, da die phnikischen Geschwader -- denn da Alexander nicht nach dem
Euphrat marschierte, zeigte sich bald genug -- nur die Jahreszeit
abwarteten, um in die Heimat zu segeln, die sich vielleicht schon den
Makedonen hatte ergeben mssen. Auch die kyprischen Knige glaubten fr
ihre Insel frchten zu mssen, sobald die phnikische Kste in Alexanders
Gewalt war.

Es ist in neuerer Zeit als seltsam, als planlos bezeichnet worden, da
Alexander nicht nach der Schlacht von Issos die Verfolgung der Perser
fortgesetzt, den Euphrat zu berschreiten sich beeilt habe, um dem Reich
der Perser ein Ende zu machen. Es wre tricht gewesen, er wrde einen Sto
in die Luft getan haben, whrend sein Rcken noch keineswegs gesichert war.
Der Zug der hellenischen Sldner nach Pelusion konnte ihn daran erinnern,
da er gypten haben mute, wenn er seinen Marsch ins Innere Asiens sicher
basieren wollte. Nicht Babylon und Susa waren der Siegespreis fr Issos,
sondern da die Kste des Mittelmeeres bis zum den Strand der Syrte ihm
offenstand, da zunchst Phnikien, dieses unerschpfliche Arsenal des
Perserreiches, mochte es sich unterwerfen oder verteidigen wollen, seine
Flotte aus den griechischen Meeren zurckziehen mute, da damit die von
Sparta begonnene Bewegung, ohne jede weitere Untersttzung von seiten
Persiens, bald gebrochen werden konnte, da endlich mit der Besetzung des
Nillandes, der dann kein wesentliches Hindernis weiter entgegentreten
konnte, die Operationsbasis fr den Feldzug nach dem weiteren Osten ihre
volle Breite und Festigkeit hatte.

Dem entsprechend mute der Gang der weiteren Unternehmungen sein. Alexander
sandte Parmenion mit den thessalischen Reitern und anderen Truppen das Tal
des Orontes aufwrts nach Damaskos, der Hauptstadt Koilesyriens, wohin die
Kriegskasse, das Feldgert, die ganze kostbare Hofhaltung des Groknigs,
sowie die Frauen, Kinder, Schtze der Groen von Sochoi aus gesendet worden
waren. Durch den Verrat des syrischen Satrapen, der mit den Schtzen und
der Karawane so vieler edler Perserinnen und ihrer Kinder flchten zu
wollen vorgab, fielen diese und die Stadt in Parmenions Hnde. Die Beute
war ungemein gro; unter den vielen tausend Gefangenen befanden sich die
Gesandten von Athen, Sparta und Theben, die vor der Schlacht bei Issos zu
Dareios gekommen waren. Auf Parmenions Bericht von dieser Expedition befahl
Alexander, alles, was an Menschen und Sachen in seine Hnde gefallen sei,
nach Damaskos zurckzubringen und zu bewachen, die griechischen Gesandten
ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entlie er die
beiden Thebaner ohne weiteres, teils aus Rcksicht fr ihre Person, indem
der eine, Thessaliskos, des edlen Ismenias Sohn, der andere, Dionysidoros,
ein olympischer Sieger war, teils aus Mitleid mit ihrer unglcklichen
Vaterstadt und dem nur zu verzeihlichen Ha der Thebaner gegen Makedonien;
den Athener Iphikrates, den Sohn des Feldherrn gleichen Namens, behielt er
aus Achtung fr dessen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner
Nachsicht zu geben, in hohen Ehren um seine Person; der Spartiate Euthykles
dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg begonnen hatte,
wurde vor der Hand als Gefangener zurckbehalten; er ist spterhin, als die
immer greren Erfolge der makedonischen Waffen das Verhltnis zu Sparta
nderten, in seine Heimat entlassen worden.

Whrend Parmenions Zug nach Damaskos hatte Alexander die Verhltnisse
Kilikiens geordnet. Wir erfahren wenig darber aber das wenige ist
bezeichnend. Dies Gebiet, das militrisch wichtiger war als irgendein
anderes, und das in den freien und tapferen Stmmen des Tauros eine
gefhrliche Umgebung hatte, mute in durchaus feste Hand gelegt werden. Der
Knig bertrug es einem der sieben Leibwchter, dem Balakros, Nikanors
Sohn; es scheint, da ihm mit der Satrapie zugleich die Strategie
bertragen wurde; wir finden demnchst des Balakros Kmpfe gegen die
Isaurier erwhnt. Man glaubt, unter den Mnzen Alexanders vom lteren Typus
eine bedeutende Zahl von kilikischem Geprge zu erkennen. Fr Syrien,
soweit es durch Parmenion besetzt war -- Koilesyrien -- wurde Menon,
Kerdimmas' Sohn, zum Satrapen ernannt. ber Phnikien konnte der Knig noch
nicht verfgen; dort erwarteten ihn nicht geringe Schwierigkeiten.

Die politische Stellung der phnikischen Stdte im Perserreich war
besonderer Art, eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren
Verhltnisse. Seit Jahrhunderten zur See mchtig, entbehrten sie des fr
Seemchte fast unentbehrlichen Vorteils der insularen Lage; sie waren
nacheinander die Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser geworden.
Aber auf der Landseite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom
Binnenlande abgeschnitten und teilweise auf kleinen Ksteninseln erbaut,
die wenigstens dem unmittelbaren und fortwhrenden Einflu der auf dem
Festlande herrschenden Macht nicht ganz zur Hand waren, behaupteten sie mit
ihrer alten Verfassung die alte Selbstndigkeit insoweit, da sich die
Perserknige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugnis, die
phnikische Flotte aufzubieten, begngten. Die einst sehr bedrohliche
Rivalitt der Griechen in Handelsschiffahrt, Industrie, Seemacht war,
seitdem der alte attische Seebund zusammengebrochen war, berholt; und
selbst in den Zeiten der vlligen Unabhngigkeit dieser Stdte war ihre
Betriebsamkeit und ihr Wohlstand vielleicht nicht so gro gewesen wie
jetzt unter der Perserherrschaft, die ihrem Handel ein unermeliches
Hinterland sicherte. Whrend sonst in allen dem Perserreiche einverleibten
Lndern die frhere volkstmliche Zivilisation entartet oder vergessen war,
blieb in Phnikien der alte Handelsgeist und die Art von Freiheit, die der
Betrieb des Handels fordert. Auch bei den Phnikern hatte es nicht an
Versuchen gefehlt, sich der Herrschaft des Groknigs zu entziehen; wenn es
trotz der Erschlaffung der Persermacht damit nicht gelungen war, so lag der
Grund in der inneren Verfassung und mehr noch in den scharf ausgeprgten
Sonderinteressen der untereinander eiferschtigen Stdte. Als zur Zeit des
Knigs Ochos Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen
Hauptstdte des Bundes, Tyros und Arados, zur Teilnahme an der Emprung
aufrief, versprachen sie Hilfe, warteten aber unttig das Ende eines
Unternehmens ab, das, falls es glckte, sie mit befreite, falls es
miglckte, mit Sidons Verlusten ihre Macht und ihren Handel mehren mute.
Sidon unterlag, brannte nieder, verlor die alte Verfassung und
Selbstndigkeit und Byblos, so scheint es, trat statt ihrer in den
Bundesrat von Tripolis oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, da es
fortan neben Arados und Tyros eine Rolle zu spielen vermochte.

Die neun Stdte von Kypros, in ihrem Verhltnis zum Perserreiche den
phnikischen hnlich, aber durch ihren zum Teil hellenischen Ursprung und
die grere Gunst ihrer Lage ungeduldiger frei zu sein, hatten zu gleicher
Zeit mit Sidon, Knig Pnytagoras von Salamis an ihrer Spitze, sich emprt,
waren aber unter Pnytagoras' Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum
Gehorsam zurckgekehrt; und wenn nach einiger Zeit Pnytagoras die
Herrschaft von Salamis wiedererhielt, so war vllige Hingebung an das
persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der erste
unter den kleinen Frsten von Cypern sein durfte.

Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstand verflossen, als Alexander seinen
Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Phniker unter ihren Knigen,
die von Tyros unter Azemilkos, die der Aradier unter Gerostratos, die von
Byblos unter Enylos, ihnen zugesellt die von Sidon; ferner die kyprischen
Schiffe unter Pnytagoras und den anderen Frsten, waren auf des
Perserknigs Aufruf in die hellenischen Gewsser gegangen, hatten dort,
freilich bald unter schlaffer Fhrung, ohne groen Erfolg den Krieg
gefhrt. Die Schlacht von Issos nderte fr die phnikischen Stdte die
Lage der Dinge vllig. Wenn sie gemeinsame Sache gemacht, wenn sie ihre
Seemacht vereinigt htten, jeden Punkt, auf den sich der Feind werfen
wollte, gemeinsam zu untersttzen, wenn die Admirale des Groknigs die
hellenischen Gewsser und die jetzt wirkungslose Offensive aufgegeben
htten, um die phnikischen Hfen zu verteidigen, so ist nicht abzusehen,
wie die nur kontinentale Macht des Eroberers es ber die maritime
Verteidigung dieser befestigten und volkreichen Stdte htte davontragen
sollen. Aber die phnikischen Stdte waren trotz ihres Bundes nichts
weniger als geeint, am wenigsten seit dem, was sie in Sidon hatten
geschehen lassen. Die Sidonier werden den Sieg von Issos mit Jubel begrt
haben; sie durften hoffen, durch Alexander wiederzuerhalten, was sie im
Kampfe gegen den persischen Despoten eingebt hatten. Byblos, durch Sidons
Fall gehoben, mute ebenso besorgt sein, alles zu verlieren, wie es, auf
dem Festlande gelegen, unfhig war, dem siegreichen Heere Alexanders zu
widerstehen; Arados und Tyros dagegen lagen im Meere; doch hatte Arados,
weniger durch ausgebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande
mchtig, durch Alexanders Heranrcken mehr zu verlieren als Tyros, das mit
den 80 Schiffen, die es noch daheim hatte, sich auf seiner Insel sicher
glaubte.

Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der phnikischen Stdte
nahte, kam ihm auf dem Wege Straton, des aradischen Frsten Gerostratos
Sohn, entgegen, berreichte ihm namens seines Vaters einen goldenen Kranz
und unterwarf ihm dessen Gebiet, welches den nrdlichsten Teil der
phnikischen Kste umfate und sich eine Tagesreise weit landeinwrts bis
zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die groe Stadt Marathos, in der sich
Alexander einige Tage aufhielt, gehrte zum Gebiete von Arados. Auf seinem
weiteren Zuge nahm er Byblos durch vertragsmige bergabe. Die Sidonier
eilten, sich dem Sieger der verhaten Persermacht zu ergeben; Alexander
nahm auf ihre ehrenvolle Einladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr
frheres Gebiet und ihre frhere Verfassung wieder, indem er dem
Abdollonymos, einem in Armut lebenden Nachkommen der sidonischen Knige,
die Herrschaft bertrug; er brach dann nach Tyros auf.

Auf dem Wege dahin begrte ihn eine Deputation der reichsten und
vornehmsten Brger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Frsten
Azemilkos; sie erklrten, da die Tyrier bereit seien zu tun, was Alexander
verlangen werde. Der Knig dankte ihnen und belobte ihre Stadt; er gedenke
nach Tyros zu kommen, um im Tempel des tyrischen Herakles ein feierliches
Opfer zu halten.

Es war gerade das, was die Tyrier nicht wollten: unter den jetzigen
Verhltnissen, darber waren die Lenker der Stadt einig, msse sie, wie zur
Zeit der sidonischen Emprung mit so glcklichem Erfolge geschehen sei, mit
der strengsten Neutralitt ihre Unabhngigkeit sichern, um bei jedem
Ausgange des Krieges ihren Vorteil zu finden; und sie knne es, da die
Marine der Stadt trotz dem im gischen Meere befindlichen Geschwader
bedeutend genug sei, den gefaten Beschlssen Achtung zu verschaffen; noch
habe die persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Dareios rste
schon ein neues Heer, um das weitere Vordringen der Makedonen zu hemmen;
wenn er siege, so werde die Treue der Tyrier um so reicher belohnt werden,
da bereits die brigen phnikischen Stdte die persische Sache verraten
htten; unterliege er, so werde Alexander, ohne Seemacht wie er sei,
vergebens gegen die Stadt im Meere zrnen, Tyros dagegen noch immer Zeit
haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, dem Peloponnes und
Libyen, sowie auf die eigenen Hilfsmittel und die unangreifbare Lage der
Stadt gesttzt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt
entsprchen, einzugehen. berzeugt, eine Auskunft, die zugleich
schicklich, gefahrlos und ersprielich sei, gefunden zu haben, meldeten die
Tyrier dem makedonischen Knige ihren Beschlu: sie wrden sich geehrt
fhlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyros auf dem
Festlande seine Opfer darbringe; sie seien bereit zu gewhren, was er sonst
fordern werde, ihre Insel msse fr die Makedonen und Perser geschlossen
bleiben.

Alexander gab sofort alle weiteren Unterhandlungen auf; er beschlo das zu
erzwingen, was fr den Fortgang seiner Unternehmungen ihm unentbehrlich
war. Das seemchtige Tyros, neutral in seinem Rcken, htte allem
belwollen und Abfall in den hellenischen Landen, htte dem schon
begonnenen Kampf des Knigs Agis, dessen Bruder schon Kreta gewonnen hatte,
einen Mittelpunkt und Halt gegeben. Er berief die Strategen, Ilarchen,
Taxiarchen, sowie die Fhrer der Bundestruppen, teilte das Geschehene mit
und erffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einzunehmen; weder knne
man den Marsch nach gypten wagen, solange die Perser noch eine Seemacht
htten, noch den Knig Dareios verfolgen, whrend man die Stadt Tyros mit
ihrer offenbar feindlichen Gesinnung, dazu gypten und Cypern, die noch in
den Hnden der Perser seien, im Rcken habe; der griechischen
Angelegenheiten wegen sei das noch weniger mglich; mit Hilfe der Tyrier
knnten sich die Perser wieder der Seemacht bemchtigen und, whrend man
auf Babylon losgehe, mit noch grerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas
hinberspielen, wo die Spartaner schon offenbar aufgestanden seien und die
Athener bisher mehr die Furcht als der gute Wille fr Makedonien
zurckgehalten habe; werde dagegen Tyros eingenommen, so habe man Phnikien
ganz, und die phnikische Flotte, der grte und schnste Teil der
persischen Seemacht, werde sich zu Makedonien halten mssen; denn weder die
Matrosen, noch die brige Bemannung der phoinikischen Schiffe wrden,
whrend ihre eigenen Stdte besetzt wren, den Kampf zur See auszufechten
geneigt sein; Kypros wrde sich gleichfalls entschlieen mssen zu folgen,
oder sofort von der makedonisch-phnikischen Flotte genommen zu werden;
habe man aber einmal auf der See diese vereinte Seemacht, zu der auch noch
die Schiffe von Cypern kmen, so sei Makedoniens Herrschaft zur See wohl
entschieden, der Zug nach gypten sicher und des Erfolges gewi; und sei
erst gypten unterworfen, so brauche man wegen der Verhltnisse in Hellas
nicht weiter besorgt sein; den Zug nach Babylon knne man, ber die
heimischen Zustnde beruhigt, mit desto greren Erwartungen beginnen, da
dann die Perser zugleich vom Meere und von den Lndern diesseits des
Euphrat abgeschnitten seien. Die Versammlung berzeugte sich von der
Notwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwerfen; aber ohne Flotte sie zu
erobern, schien unmglich. Immerhin unmglich fr den ersten Blick; aber
das als notwendig Erkannte mute auch zu ermglichen sein; khne Plne
durch khnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschlo Alexander, die
Inselstadt landfest zu machen, um dann die eigentliche Belagerung zu
beginnen.

Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Lnge und geringerer
Breite erbaut, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tausend
Schritt Breite getrennt, die in der Nhe der Insel etwa noch drei Faden
Fahrwasser hatte, in der Nhe des Festlandes dagegen seicht und schlammig
war. Alexander beschlo, an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu
legen; das Material dazu lieferten die Gebude des von den Einwohnern
verlassenen Alttyrus und die Zedern des nahen Libanon; Pfhle lieen sich
leicht in den weichen Meeresgrund treiben, und der Schlick diente dazu, die
eingelassenen Werkstcke miteinander zu verbinden. Mit dem grten Eifer
wurde gearbeitet, der Knig selbst war hufig zugegen; Lob und Geschenke
machten den Soldaten die harte Arbeit leicht.

Die Tyrier hatten bisher, auf ihre Schiffe, auf die Strke und Hhe ihrer
Mauern vertrauend, ruhig zugesehen; jetzt schien es Zeit, den bermtigen
Feind die Torheit seines Wagnisses und die berlegenheit einer uralten
Meisterschaft in der Maschinenkunst erfahren zu lassen. Der Damm erreichte
bereits das Fahrwasser; sie brachten auf die dem Lande zugewandte Seite
ihrer hohen Mauer soviel Geschtz als mglich und begannen Pfeile und
Steine gegen die ungedeckten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, whrend
diese zugleich von beiden Seiten durch die Trieren der Tyrier hart
mitgenommen wurden. Zwei der Trme, die Alexander am Ende des Dammes
errichten lie, mit Schirmdecken und Fellen berhangen und mit Wurfgeschtz
versehen, schtzten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und
vor den Trieren; mit jedem Tage rckte der Damm, wenn auch wegen des
tieferen Wassers langsamer, vor. Dieser Gefahr zu begegnen bauten die
Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit drrem
Reisig und anderen leicht entzndbaren Stoffen angefllt, dann am Galeon
zwei Mastbume befestigt und mit einer mglichst weiten Galerie umgeben, um
in derselben mehr Stroh und Kien aufhufen zu knnen; berdies brachte man
noch Pech und Schwefel und andere Dinge derart hinein; ferner wurden an die
beiden Masten doppelte Rahen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei
das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der
hintere Teil des Schiffes schwer beladen, um das vordere Werk mglichst
ber den Wasserspiegel emporzuheben. Bei dem nchsten gnstigen Winde
lieen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn
ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem
Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten und
schwamm zu den Trieren, die das brennende Gebude mit aller Gewalt gegen
die Spitze des Dammes trieben. Der Brander erfllte, von einem starken
Nordwestwinde begnstigt, vollkommen seinen Zweck; in kurzer Zeit standen
die Trme, die Schirmdcher, die Gerste und Faschinenhaufen auf dem Damm
in hellen Flammen, whrend sich die Trieren an den Damm oder vor dem Winde
vor Anker legten und durch ihr Geschtz jeden Versuch, den Brand zu
lschen, vereitelten. Zugleich machten die Tyrier einen Ausfall, ruderten
auf einer Menge von Boten ber die Bai hinaus, zerstrten in kurzem die
Pfahlroste vor dem Damm und zndeten die Maschinen, die noch etwa brig
waren, an. Durch das Fortreien jener Roste wurde der noch unfertige Teil
des Dammes entblt und den immer heftiger anstrmenden Wellen
preisgegeben, so da der vordere Teil des Werkes durchrissen und
hinweggesplt in den Wellen verschwand.

Man hat wohl gesagt, Alexander habe nach diesem unglcklichen Ereignis, das
ihm nicht blo eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern
auch die Unmglichkeit gezeigt habe, Tyros vom Lande her zu bewltigen, die
Belagerung ganz aufgeben, den von Tyros angebotenen Vertrag annehmen und
nach gypten ziehen sollen. Das wre nach seinem Charakter und nach seinen
Plnen noch unmglicher gewesen als die Eroberung der Insel. Je mchtiger
und unabhngiger Tyros seiner Landmacht gegenberstand, desto notwendiger
war es, die stolze Stadt zu demtigen; je zweifelhafter der Erfolg
besorglicheren Gemtern erscheinen mochte, desto bestimmter mute Alexander
ihn erzwingen; _ein_ Schritt rckwrts, _ein_ aufgegebener Plan, _eine_
halbe Maregel htte alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein,
da von neuem Gesandte des Dareios eintrafen, die fr des Groknigs
Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lsegeld von zehntausend Talenten, ferner
den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner
Tochter Freundschaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander seine
Generale versammelte und ihnen die Antrge des Perserknigs mitteilte,
waren die Ansichten sehr geteilt; Parmenion namentlich uerte, da, wenn
er Alexander wre, er unter den gegenwrtigen Umstnden jene Bedingungen
annehmen und sich nicht lnger dem wechselnden Glck des Krieges aussetzen
wrde. Alexander antwortete: auch er wrde, wenn er Parmenion wre, also
handeln; doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Dareios: da
er weder Geld von Dareios brauche, noch einen Teil des Landes statt des
Ganzen nehme; was Dareios an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei
sein und, wenn es ihm beliebe, Dareios' Tochter zu heiraten, so knne er
es, ohne da Dareios sie ihm gebe; er mge in Person kommen, wenn er etwas
von seiner Gte empfangen wolle.

Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortgesetzt, namentlich
der Damm vom Lande aus in grerer Breite wiederhergestellt, um einerseits
dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, anderseits mehr Raum fr Trme
und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister
den Auftrag, neue Maschinen sowohl fr den Dammbau als fr den Sturm auf
die mchtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging whrend dieser
vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, dort
eine Flotte zusammenzubringen, mit der er Tyros zu gleicher Zeit von der
Seeseite her blockieren knne. Gerade jetzt -- es mag um Frhlingsanfang
gewesen sein -- kamen die Schiffe von Arados, Byblos und Sidon aus den
hellenischen Gewssern zurck, wo sie auf die Nachricht von der Schlacht
bei Issos sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die
Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig
Trieren unter Gerostratos und Enylos von Byblos; auch die Stadt Rhodus, die
sich vor kurzem fr Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn
Schiffe; dann lief auch das schne Geschwader der kyprischen Knige, von
etwa hundertundzwanzig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen
einige Schiffe aus Lykien und Kilikien und selbst ein makedonisches, das
Proteas, der sich durch seinen berfall bei Siphnos ausgezeichnet hatte,
der Neffe des schwarzen Kleitos, fhrte, so da sich Alexanders Seemacht
wohl auf 250 Schiffe belief, darunter auch Vier- und Fnfruderer.

Whrend die Flotte vollstndig ausgerstet und der Bau der Maschinen
beendet wurde, unternahm Alexander einen Streifzug gegen die arabischen
Stmme in Antilibanon, deren Unterwerfung um so wichtiger war, da sie die
Straen, die vom Tale des Orontes nach der Kste fhren, beherrschten und
die Karawanen aus Chalybon und Damaskos von ihren festen Bergschlssern aus
berfallen konnten. Von einigen Geschwadern der Ritterschaft, von den
Hypaspisten, den Agrianern und Bogenschtzen begleitet, durchzog der Knig
die schnen Tler der Libanonketten; mehrere Burgen der Araber wurden
erstrmt, andere ergaben sich freiwillig, alle erkannten die Oberherrschaft
des makedonischen Knigs an, der nach elf Tagen schon wieder nach Sidon
zurckkehrte, wo kurz vorher viertausend Mann griechische Sldner, die
Kleandros geworben, sehr zur rechten Zeit eintrafen. Die Rstungen zur
frmlichen Belagerung des mchtigen Tyros waren so weit, da Alexander,
nachdem er die Bemannung seiner Schiffe, um in offener Seeschlacht und
namentlich im Entern ein entschiedenes bergewicht ber die Tyrier zu
haben, mit Hypaspisten verstrkt hatte, von der Reede von Sidon aus in See
stechen konnte. In voller Schlachtlinie steuerte er auf Tyros los, auf dem
linken Flgel Krateros und Pnytagoras, er selbst mit den brigen cyprischen
Knigen und den phnikischen auf dem rechten; er gedachte die tyrische
Flotte womglich sogleich durch eine Schlacht von der See zu verdrngen und
dann durch Sturm oder Blockade die Stadt zur bergabe zu zwingen.

Die Stadt hat zwei Hfen, beide auf der dem Lande zugekehrten Seite der
Insel, der sidonische rechts von dem Damm der Makedonen, der gyptische
links, durch den weit vorspringenden sdlichen Teil der Insel vom offenen
Meer entfernter. Die Tyrier hatten, solange sie nicht wuten, da sich die
cyprischen und phnikischen Geschwader unter Alexanders Befehl befanden,
die Absicht gehabt, ihm zu einer Seeschlacht entgegenzusegeln; jetzt sahen
sie am Horizont die meilenlange Linie der feindliche Flotte herauffahren,
mit der es ihre Schiffe, an Zahl wohl dreimal schwcher, um so weniger
aufzunehmen wagen durften, da sie die beiden Hfen vor einem berfall
schtzen muten, wodurch die Zahl der verfgbaren Schiffe noch mehr
verringert wurde. Sie begngten sich, die enge Mndung des Nordhafens, der
dem ersten Angriffe ausgesetzt war, durch eine dicht gedrngte Reihe von
Trieren mit seewrts gewandten Schnbeln so zu sperren, da jeder Versuch
zum Durchbrechen unmglich war. Alexander hatte, sobald seine Geschwader
auf die Hhe von Tyrus gekommen waren, haltmachen lassen, um die feindliche
Flotte zum Gefecht zu erwarten, war dann, als kein feindliches Schiff ihm
entgegenkam, unter vollem Ruderschlage gegen die Stadt losgesteuert,
vielleicht in der Hoffnung, durch einen heftigen Anlauf den Hafen zu
gewinnen. Die dichte Reihe der Trieren in der engen Hafenmndung zwang ihn,
diesen Plan aufzugeben; nur drei Schiffe, die am weitesten aus dem Hafen
hinauslagen, wurden in den Grund gebohrt; die Besatzung rettete sich durch
Schwimmen zum nahen Ufer.

Alexander hatte die Flotte nicht fern von dem Damm sich an den Strand legen
lassen, wo sie Schutz vor dem Winde hatte. Am folgenden Tage lie er die
Blockade der Stadt beginnen. Die kyprischen Schiffe unter dem Admiral
Andromachos und ihren eigenen Knigen sperrten den Nordhafen, whrend die
phnikischen, bei denen er selbst blieb, sich vor den gyptischen Hafen
legten. Es galt nun, die Maschinen und Trme nahe genug an die Mauern zu
bringen, um entweder Bresche zu legen oder Fallbrcken auf die Zinnen zu
werfen. Zu dem Ende war nicht blo der Damm mit einer Menge von Maschinen
bedeckt, sondern auch eine groe Anzahl von Lastschiffen und alle Trieren,
die nicht besonders segelten, zum Teil auf das kunstreichste mit
Mauerbrechern, Katapulten und anderen Maschinen ausgerstet. Aber den
Maschinen vom Damme her widerstand die feste, aus Quadern erbaute Mauer,
deren Hhe von hundertfnfzig Fu, noch vermehrt durch die Aufstellung
hlzerner Trme auf den Zinnen, die makedonischen Trme mit ihren
Fallbrcken unschdlich machte. Und wenn sich die Maschinenschiffe rechts
und links vom Damm den Mauern nahten, so wurden sie schon von fern mit
einem Hagel von Geschossen, Steinen und Brandpfeilen empfangen; wenn sie
dennoch nher an den Strand hinruderten, um endlich anzulegen, fanden sie
die Anfahrt durch eine Menge versenkter Steine unmglich gemacht. Man
begann, die Steine herauszuschaffen, von den schwankenden Schiffen aus an
sich schon eine mhselige Arbeit, und sie wurde dadurch verdoppelt und oft
ganz vereitelt, da tyrische, mit Schirmdchern versehene Fahrzeuge die
Ankertaue der arbeitenden Schiffe kappten und sie so der treibenden Stmung
und dem Winde preisgaben. Alexander lie ebenso bedeckte Fahrzeuge vor den
Ankern beilegen, um die Taue zu schtzen; aber tyrische Taucher schwammen
unter dem Wasser bis in die Nhe der Schiffe und zerschnitten deren Kabel,
bis endlich die Anker an eisernen Ketten in den Seegrund gelassen wurden.
Jetzt konnten die Schiffe ohne weitere Gefahr arbeiten; die Steinmassen
wurden aus dem Fahrwasser in die Nhe des Dammes hinweggeschafft, so da
die einzelnen Maschinenschiffe sich endlich der Mauer nhern konnten. Das
Heer war voll Kampfbegier und Erbitterung; hatten doch die Tyrier gefangene
Makedonen auf die Hhe der Mauer gefhrt, sie dort -- recht vor den Augen
ihrer Kameraden im Lager -- geschlachtet und ins Meer geworfen.

Den Tyriern entging nicht, wie sich mit jedem Tage die Gefahr mehrte, und
wie ihre Stadt ohne Rettung verloren sei, wenn sie nicht mehr die Oberhand
auf dem Meere habe. Sie hatten auf Hilfe, namentlich von Karthago, gehofft;
sie hatten erwartet, da die Kyprier wenigstens nicht gegen sie kmpfen
wrden; von Karthago kam endlich das heilige Schiff der Festgesandtschaft,
es brachte die Botschaft, da der Mutterstadt keine Hilfe werden knnte.
Und schon waren sie so gut wie eingesperrt, da vor dem Nordhafen die
kyprische, vor dem sdlichen die phnikische Flotte ankerte, so da sie
nicht einmal ihre ganze Marine zu _einem_ Ausfall, der noch die einzige
Rettung zu sein schien, vereinigen konnten. Mit desto grerer Vorsicht
rsteten sie im Nordhafen hinter ausgespannten Segeln, die vllig
verdeckten, was da geschah, ein Geschwader von drei Fnfruderern, ebenso
vielen Vierruderern und sieben Trieren aus, bemannten diese mit
auserlesenem Schiffsvolk; die Stille der Mittagstunde, in der Alexander
selbst auf dem Festlande in seinem Zelte zu ruhen, sowie die Mannschaften
der meisten Schiffe sich, um frisches Wasser und Lebensmittel zu holen, auf
dem Strande zu befinden pflegten, war zum Ausfall bestimmt. Unbemerkt aus
dem Hafen gefahren, ruderten sie, sobald sie den auf der Nordseite
stationierten und fast ganz unbewachten Schiffen der kyprischen Frsten
nahe kamen, mit lautem Schlachtruf auf dieselben los, bohrten beim ersten
Anlauf die Pentere des Pnytagoras, die des Androkles von Amathos, die des
Pasikrates von Kurion in den Grund, jagten die brigen auf den Strand,
begannen sie zu zertrmmern. Indes hatte Alexander, der diesen Tag frher
als gewhnlich zu seinen Schiffen auf die Sdseite zurckgekommen war und
sehr bald die Bewegung vor dem Hafen jenseits der Stadt bemerkt hatte, die
Mannschaften an Bord kommandiert, schleunigst seine Schiffe bemannt, den
grten Teil derselben unmittelbar vor dem Sdhafen auffahren lassen, um
einem Ausfall der Tyrier von dieser Seite zuvorzukommen, war dann mit fnf
Trieren und allen Fnfruderern seines Geschwaders um die Insel
herumgesteuert, dem bereits siegreichen tyrischen zu. Von der Mauer der
Stadt gewahrte man Alexanders Nahen; mit lautem Geschrei, mit Zeichen jeder
Art suchte man den schon Verfolgenden die Gefahr kundzutun und sie zum
Rckzuge zu bewegen; ber den Lrm des anhaltenden Gefechtes bemerkten sie
es nicht eher, als bis das feindliche Geschwader sie fast schon erreicht
hatte; schnell wendeten die tyrischen Schiffe und ruderten in der grten
Eile dem Hafen zu; nur wenige erreichten ihn; die meisten wurden in den
Grund gebohrt oder so beschdigt, da sie zu knftigem Seedienst
unbrauchbar waren; noch dicht vor der Mndung fiel ein Fnfruderer und ein
Vierruderer in des Feindes Hand, whrend sich die Mannschaft schwimmend
rettete.

Dieser Ausgang des Tages war fr das Schicksal der Stadt von schwerer
Bedeutung; sie hatte mit dem Meere gleichsam das Glacis der Festung
verloren. Die tyrischen Schiffe lagen nun tot in den beiden Hfen, die, von
denen des Feindes auf das strengste bewacht, auf Seiten der Tyrier durch
Sperrketten vor einem Einbruch gesichert wurden. Damit begann der letzte
Akt der Belagerung, die, von beiden Seiten ein immer hher gesteigerter
Wettkampf von Erfindungen, mechanischen Mitteln und technischer Kunst,
alles bertraf, was je in dieser Art von Barbaren und Hellenen unternommen
worden war. Hatten die Tyrier, die anerkannt grten Techniker und
Maschinenbauer der damaligen Welt, alles Unerwartete geleistet, sich zu
schtzen, so waren Alexanders Ingenieure, unter ihnen Diades und Chairias
aus der Schule des Polyeides, nicht minder erfinderisch gewesen, deren
Knste zu berbieten. Jetzt, nachdem der Knig durch seinen Damm einen
festen Angriffspunkt und fr seine Schiffe einen ziemlich sicheren
Ankerplatz gewonnen, nachdem er den Meeresgrund gereinigt und seinen
Maschinen das Anlegen an den Mauern mglich gemacht, nachdem er die
tyrische Seemacht vom Meere verdrngt hatte, so da ihm nichts mehr zu tun
brigblieb, als die Mauern zu bersteigen oder zu durchbrechen, erst jetzt
begann fr ihn die mhevollste und gefhrlichste Arbeit. Die Wut der Tyrier
wuchs mit der Gefahr, ihr Fanatismus mit dem Nahen des Unterganges.

Dem Damme gegenber waren die Mauern zu hoch und zu dick, um erschttert
oder erstiegen zu werden; nicht viel mehr richteten die Maschinen auf der
Nordseite aus; die Mchtigkeit der in Zement gefgten Quadermassen schien
jeder Gewalt zu trotzen. Mit desto grerer Hartnckigkeit verfolgte
Alexander seinen Plan; er lie auf der Sdseite der Stadt die Maschinen
anrcken, arbeiten, nicht eher ruhen, als bis die Mauer, bedeutend
beschdigt und durchbrochen, zu einer Bresche zusammenstrzte. Sogleich
wurden Fallbrcken hineingeworfen, ein Sturm versucht; es entbrannte der
hrteste Kampf; vor der Wut der Verteidiger, vor den Geschossen, den
tzenden, glhenden Massen, die sie schleuderten, den schneidenden,
fassenden Maschinen, die sie arbeiten lieen, muten die Makedonen weichen;
der Knig gab die zu kleine Bresche auf, hinter die bald von den Tyriern
eine neue erbaut wurde.

Begreiflich, da die Zuversicht im Heere zu wanken begann. Desto
ungeduldiger war der Knig, ein Ende zu machen; jene erste Bresche hatte
ihm gezeigt, wo er die trotzende Stadt fassen msse; er wartete nur stille
See ab, den Versuch zu erneuern. Drei Tage nach dem vergeblichen Angriff --
es war im August -- war das Meer ruhig, die Luft klar, der Horizont
wolkenlos, alles so, wie des Knigs Plan es forderte. Er berief die Fhrer
der zum Angriff bestimmten Truppen, sagte ihnen das Ntige. Dann lie er
die mchtigsten seiner Maschinenschiffe im Sden gegen die Mauer anrcken
und arbeiten, whrend zwei andere Schiffe, das eine mit den Hypaspisten
Admets, das andere mit Koinos' Phalangiten, bereit lagen, zum Sturm
anzulegen, wo es mglich sein werde; er selbst ging mit den Hypaspisten; zu
gleicher Zeit lie er smtliche Schiffe in See gehen, einen Teil der
Trieren sich vor die Hfen legen, um whrend des Sturms vielleicht die
Hafenketten zu sprengen und in die Bassins einzudringen; alle anderen
Schiffe, welche Bogenschtzen, Schleuderer, Ballisten, Katapulte,
Sturmbcke oder hnliches an Bord hatten, verteilten sich rings um die
Insel, mit dem Befehl, entweder wo es mglich sei zu landen, oder innerhalb
Schuweite unter den Mauern zu ankern und die Tyrier von allen Seiten so zu
beschieen, da sie, unschlssig, wo am meisten Gefahr oder Schutz sei,
desto leichter dem Sturm erlgen.

Die Maschinen begannen zu arbeiten, von allen Seiten flogen Geschosse und
Steine gegen die Zinnen, an allen Punkten schien die Stadt gefhrdet, als
pltzlich der Teil der Mauer, auf den es Alexander abgesehen hatte,
zertrmmert zusammenstrzte und eine ansehnliche Bresche ffnete. Sogleich
legten die beiden Fahrzeuge mit Bewaffneten an der Stelle der
Maschinenschiffe bei, die Fallbrcken wurden hinabgelassen, die Hypaspisten
eilten ber die Brcke, Admetos war der erste auf der Mauer, der erste, der
fiel; durch den Tod ihres Fhrers entflammt, unter den Augen des Knigs,
der schon mit dem Agema folgte, drangen die Hypaspisten vor; bald waren die
Tyrier aus der Bresche verdrngt, bald ein Turm, bald ein zweiter erobert,
die Mauer besetzt, der Wallgang nach der Knigsburg frei, den der Knig
nehmen lie, weil von dort leichter in die Stadt hinabzukommen war.

Whrenddessen waren die Schiffe von Sidon, Byblos, Arados in den Sdhafen,
dessen Sperrketten sie gesprengt hatten, eingedrungen, hatten die dort
liegenden Schiffe teils in den Grund gebohrt, teils auf das Ufer getrieben;
ebenso waren die zyprischen Schiffe in den Nordhafen eingelaufen und hatten
bereits das Bollwerk und die nchsten Punkte der Stadt besetzt. Die Tyrier
hatten sich berall zurckgezogen, sich vor dem Agenorion gesammelt, dort
sich geschlossen zur Wehre zu setzen. Da rckte von der Knigsburg der
Knig mit den Hypaspisten, von der Hafenseite her Koinos mit den
Phalangiten gegen diese letzten geordneten Haufen der Tyrier; nach kurzem,
hchst blutigem Kampf wurden auch diese bewltigt und niedergemacht.
Achttausend Tyrier fanden den Tod. Der Rest der Einwohner, so weit sie
nicht entkamen, an dreiigtausend Menschen, wurden in die Sklaverei
verkauft. Denen, die sich in den Heraklestempel geflchtet hatten,
namentlich dem Knig Azemilkos, den hchsten Beamten der Stadt und einigen
karthagischen Festgesandten lie Alexander Gnade angedeihen.

Es mag sein, da die Sidonier und andere Phnikier auf ihren Schiffen
Tausende ihrer tyrischen Landsleute bargen und retteten; nicht minder, da
ein Teil der alten Bevlkerung blieb oder sich wieder zusammenfand. Die
Stadt mit ihrem trefflichen Hafen zu erhalten und zu begnstigen, fr eine
Flotte vielleicht die beste Station auf der ganzen syrischen Kste, hatte
Alexander allen Grund, schon um sich mitten unter den anderen Seestdten in
diesen Gewssern, die ihre Frsten und ihre Flotten, wenn auch unter
makedonischer Hoheit behielten, die beherrschende Position zu sichern. Aber
das alte Gemeinwesen der Stadt und, so scheint es, das Knigtum in ihr
hatte ein Ende. Tyros wurde der makedonische Waffenplatz an dieser Kste
und, wie man annehmen darf, eine der dauernden Stationen der Flotte.

Alexanders Siegesfeier war, da er das Heraklesopfer, das ihm von den
Tyriern geweigert war, im Herakleion der Inselstadt beging, wobei das Heer
in voller Rstung dazu ausrckte und die gesamte Flotte auf der Hhe der
Insel im Festaufzuge vorbersteuerte; unter Wettkampf und Fackellauf wurde
die Maschine, welche die Mauer gesprengt hatte, durch die Stadt gezogen und
im Herakleion aufgestellt, das Heraklesschiff der Tyrier, das schon frher
in Alexanders Hnde gefallen war, dem Gott geweiht.

Die Kunde von diesen tyrischen Vorgngen mu unermelichen Eindruck
gemacht, sie mu wie der Tag von Issos dem Morgenlande, so und noch mehr
den abendlndischen Kstenlanden bis zu den Sulen des Herakles die
berwltigende Wucht dieses makedonischen Kriegsfrsten fhlbar gemacht
haben. Die mchtige Inselstadt, die stolze Flotte, die Handelsschiffahrt,
der Reichtum dieser weltberhmten Stadt war dahin; der achilleische Zorn
des Siegers hatte sie niedergeworfen.

Er hatte neuen Widerstand im sdlichen Syrien zu erwarten. Von Tyros hatte
er die Juden unter ihrem Hohenpriester Jaddua aufgefordert, sich zu
unterwerfen; unter dem Vorwande, durch ihren Untertaneneid dem persischen
Knige verpflichtet zu sein, hatten sie die Zufuhren und anderweitigen
Leistungen, die Alexander forderte, verweigert; im Gegensatz zu ihnen hatte
Sanballat, den der Hof von Susa zum Satrapen in Samaria bestellt hatte,
sich dem Sieger zugewandt. Grere Sorge machte die Grenzfestung Gaza; in
dem palstinischen Syrien bei weitem die wichtigste Stadt, auf der
Handelsstrae vom Roten Meer nach Tyros, von Damaskos nach gypten, als
Grenzfestung gegen die so oft unruhige gyptische Satrapie fr die
Perserknige stets ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, war sie von
Dareios einem seiner treuesten Diener, dem Eunuchen Batis, anvertraut
worden, der khn genug dem Vordringen des siegreichen Feindes ein Ziel zu
setzen gedachte. Er hatte die bedeutende persische Besatzung der Stadt
durch Werbungen bei den Araberstmmen, die bis an die Kste im Sden Gazas
wohnten, verstrkt; er hatte Vorrte fr eine lange Belagerung angehuft,
berzeugt, da, wenn er jetzt den Feind aufzuhalten vermchte, einerseits
die reiche Satrapie gypten in Gehorsam bleiben, anderseits der Groknig
Zeit gewinnen werde, seine neuen Rstungen im oberen Asien zu vollenden, in
die unteren Satrapien herabzukommen und den tollkhnen Makedonen ber den
Tauros, den Halys, den Hellespont zurckzujagen. Der lange Widerstand, den
Tyros geleistet hatte, erhhte den Mut des Eunuchen um so mehr, da die
Flotte, der Alexander die endliche Einnahme der Inselstadt dankte, vor Gaza
nicht anzuwenden war; denn die Stadt lag eine halbe Meile von der Kste,
die berdies, durch Sandbnke und Untiefen gesperrt, einer Flotte kaum zu
landen gestattete; von der Kste an erstreckte sich landeinwrts eine tiefe
Sandgegend bis zum Fue des Erdrckens, auf dem Gaza erbaut war. Die Stadt
selbst hatte bedeutenden Umfang und war mit einer hohen und mchtigen Mauer
umgeben, die jedem Widder und jedem Gescho widerstehen zu knnen schien.

Alexander brach etwa mit Anfang September 332 von Tyros auf; ohne bei der
festen Stadt Ake, welche den Eingang in das palstinische Syrien schliet,
Widerstand zu finden, rckte er gegen Gaza, lagerte sich auf der Sdseite,
wo die Mauer am leichtesten angreifbar schien; er befahl sofort, die
erforderlichen Maschinen zu zimmern und aufzustellen. Aber die
Kriegsbaumeister erklrten, es sei bei der Hhe des Erdrckens, auf dem die
Stadt liege, unmglich, Maschinen zu errichten, die sie zu erreichen und zu
erschttern vermchten. Um keinen Preis durfte Alexander diese Festung
unbezwungen lassen; je schwieriger den Seinen die Aufgabe schien, desto
mehr wollte er sie gelst, auch hier das Unmgliche mglich gemacht sehen.
Er befahl auf der am meisten zugnglichen Sdseite einen Damm gegen die
Stadt hin aufzuschtten, der die Hhe des Erdrckens, auf dem die Mauern
standen, erreichte. Die Arbeit wurde mglichst beeilt; sobald sie vollendet
war, wurden die Maschinen gegen die Mauer aufgefahren und begannen mit
Tagesanbruch zu arbeiten; whrenddessen opferte Alexander gekrnzt und im
kriegerischen Schmucke und erwartete ein Zeichen; da flog -- so wird
erzhlt -- ein Raubvogel ber den Altar hin und lie ein Steinchen auf des
Knigs Haupt hinabfallen, fing sich selbst aber in dem Tauwerk einer
Maschine; der Zeichendeuter Aristandros deutete das Zeichen dahin, da der
Knig zwar die Stadt erobern werde, jedoch sich an diesem Tage wohl zu
hten habe. Alexander blieb in der Nahe der schtzenden Maschinen, die
nicht ohne Erfolg gegen die mchtigen Mauern arbeiteten. Pltzlich und mit
groer Heftigkeit machten die Belagerten einen Ausfall, warfen Feuer in die
Schirmdcher und Geschtze, beschossen von der hohen Mauer herab die
Makedonen, welche in den Maschinen arbeiteten und zu lschen suchten,
drngten diese so, da sie bereits sich von ihrem Damme zurckzuziehen
begannen. Lnger hielt sich Alexander nicht, an der Spitze seiner
Hypaspisten rckte er vor, half, wo am meisten Gefahr war, brachte die
Makedonen von neuem in den Kampf, so da sie wenigstens nicht ganz von dem
Damme zurckgeworfen wurden; da traf ihn ein Katapultenpfeil, fuhr ihm
durch Schild und Panzer in die Schulter. Der Knig sank, die Feinde
drngten jubelnd heran, die Makedonen wichen von der Mauer zurck.

Des Knigs Wunde war schmerzhaft, aber nicht gefhrlich; sie hatte das
Zeichen zur Hlfte wahr gemacht, nun mochte auch der glcklichere Teil
desselben sich erfllen. Eben jetzt waren die Maschinen, die die Mauern von
Tyrus gebrochen hatten, im nahen Hafen Majumas angekommen; um sie anwenden
zu knnen, befahl der Knig, Dmme von zwlfhundert Fu Breite und
zweihundertfnfzig Fu Hhe konzentrisch mit den Mauern der Stadt
aufzuschtten; zu gleicher Zeit wurden Minen bis unter die Mauern
getrieben, so da diese an einigen Stellen durch ihre eigene Schwere, an
anderen vor den Sten der Sturmbcke auf den Dmmen zusammensanken. Gegen
diese schadhaften Stellen begann man zu strmen; zurckgeschlagen,
wiederholte man den Angriff zum zweiten-, zum drittenmal; endlich beim
vierten Sturm, als die Phalangen von allen Seiten heranrckten, als immer
neue Strecken der Mauer zusammenstrzten und die Maschinen immer
furchtbarer wirkten, als die tapferen Araber schon zu viele Tote und
Verwundete zhlten, um noch an allen Orten den gehrigen Widerstand zu
leisten, gelang es den Hypaspisten, Sturmleitern in die Breschen zu werfen
und ber den Schutt der eingestrzten Mauern einzudringen, die Tore
aufzureien und dem gesamten Heere den Eingang in die Stadt zu ffnen. Ein
noch wilderer Kampf begann in den Straen der Stadt; die tapferen Gazer
verteidigten ihre Posten bis auf den Tod; ein grliches Blutbad endete den
heien Tag; an zehntausend Barbaren sollen gefallen sein; ihre Weiber und
Kinder wurden in die Sklaverei verkauft. Reiche Beute fiel in des Siegers
Hand, namentlich an arabischen Spezereien, fr die Gaza der Stapelplatz
war. Alexander zog die Bevlkerung der umliegenden philistischen und
arabischen Ortschaften in die Stadt; eine dauernde Besatzung machte sie zu
einem Waffenplatz, der fr Syrien und fr gypten gleich wichtig war.

Nach den jdischen berlieferungen[8] hat Alexander nach dem Fall Gazas
einen Zug in das Gebiet des jdischen und samaritanischen Landes
unternommen; in der Nhe Jerusalems, so sagen sie, sei ihm der Hohepriester
mit den Priestern und vielem Volk in Festkleidern entgegengekommen, habe
ihn als den begrt, von dem in ihren heiligen Bchern geschrieben stehe,
da er die Herrschaft der Perser brechen werde; der Knig habe sich in
allem huldreich gegen sie erwiesen, ihnen ihre Gesetze gelassen und ihnen
gewhrt, in jedem siebenten Jahre der Schatzung frei zu sein, habe auch in
dem Tempel Jehovas unter der Weisung des Hohepriesters ein feierliches
Opfer gebracht. Noch anderes, Widersprechendes wird erzhlt.

    [8] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Es mag gestattet sein, noch einen Augenblick bei den syrischen Landen zu
verweilen. Die drftigen Notizen, die nach den alten berlieferungen ber
die neue Ordnung der Dinge in diesen Gebieten anzufhren wren, geben im
entferntesten nicht eine klare Vorstellung, lassen nicht einmal erkennen,
ob hier in derselben Art und nach demselben Schema wie in den Satrapien
Kleinasiens verfahren wurde.

Wenigstens einiges zur Ergnzung bieten die Mnzen. Das Silbergeld
Kleinasiens bis zum Tauros, sahen wir, mit dem bekannten Geprge Alexanders
geschlagen, gehrte smtlich spteren Klassen der Alexandermnzen an,
denen, die in und nach den Zeiten der Diadochen geschlagen sind; wir knnen
noch von einzelnen dieser Stdte nachweisen, da sie in der Zeit Alexanders
und solange sein Reich der Form nach bestand (bis 306), Mnzen eigenen
Geprges schlugen; wir durften daraus folgern, da die Griechenstdte
Kleinasiens, sowie die des lykischen Bundes, durch Alexander zu freien, ihm
verbndeten Staaten gemacht wurden und da sie in dieser ihrer staatlichen
Selbstndigkeit das Mnzrecht eben so souvern bten wie Athen und Argos
und die anderen Staaten des Korinthischen Bundes. Jenseits des Tauros
beginnt eine andere Weise; die zahlreichen Silbermnzen mit
Alexandergeprge, die aus den kilikischen Stdten erhalten sind, gehren
smtlich den lteren Klassen an; ebenso die von Komagene, Damaskus, von
Arados, Sidon, Ake, Askalon; und zwar wird hier in der Umschrift fast immer
Alexander Knig genannt, was bei den gleichzeitigen Mnzen von Makedonien,
Thrakien und Thessalien in der Regel nicht der Fall ist.

Also in Kilikien, Syrien, Koilesyrien und Phnikien lt Alexander das
stdtische Gemeinwesen, aber die Stdte werden nicht wie die griechischen
Kleinasiens autonome Staaten; ihre Mnzen zeigen, da sie entweder im
Auftrage des Knigs und unter ihrer Verantwortlichkeit prgen, oder da sie
nur innerhalb des von Alexander eingefhrten Mnzsystems und mit dessen
Typen, nur Knigsgeld prgen drfen.

Noch ein Weiteres darf hinzugefgt werden. Im Jahre 1863 wurde in der Nhe
von Sidon beim Umgraben eines Gartens ein Schatz von 3000 Goldstcken
gefunden, der nicht wie die Funde von 1829 und 1852 zerstreut wurde,
sondern wenigstens zum greren Teil von Kundigen untersucht und
verzeichnet werden konnte. Unter den so beschriebenen 1531 Stateren waren
besonders zahlreich die von Ake und Sidon, von Arados; von Kilikien gab es
einzelne Stcke; von den Stdten Makedoniens, Thrakiens, Thessaliens waren
ziemlich viele mit einem oder mehreren Typen vertreten; an Geprge aus
Hellas fehlte es fast ganz, von Kleinasien fanden sich Kios, Klazomen(?)
Pergamon, Rhodos mit ihrem eigenen Geprge, ebenso Knig Pnytagoras vom
kyprischen Salamis vor. Diese Mnzen, sagt der eine Bericht, waren
beinahe durchgehend neu; ein groer Teil namentlich die in Sidon geprgten,
noch rauh wie sie eben vom Prgestock gekommen zu sein schienen. Da sich
unter diesen Mnzen keine der Diadochen, die 306 den Knigstitel angenommen
haben, fanden, sowie der Umstand, da drei von Ake mit den Jahreszahlen 23
und 24 bezeichnet waren, lie mit Sicherheit schlieen, da dieser Schatz
vor 306 und bald nach 310 vergraben worden ist, also zu einer Zeit, wo
formell noch die Monarchie Alexanders und die von ihm geschaffene
Reichsverwaltung bestand.

Sehr bemerkenswert ist, da sich unter diesen vielen Goldmnzen auch nicht
eine von Tyros fand; es kann Zufall sein, wenn wir auch vermuten durften,
da zunchst nach der Eroberung der Stadt ihre politische Berechtigung
minderer Art war als die anderer phnikischer Stdte. Von besonderem
Interesse sind die Jahresziffern auf den Mnzen von Ake; es finden sich die
entsprechenden auf anderweitig bekannten Mnzen von Arados, und zwar von 21
bis zu 76; es wird in der Geschichte der Diadochen davon zu reden sein, da
Arados 258 durch die Seleukiden volle Unabhngigkeit erhielt und damit eine
neue ra begann; also Arados wie Ake hatte eine frhere ra mit der
Befreiung vom Perserjoch begonnen, und man kann nur zweifeln, ob diese von
dem Siege am Granikos oder dem issischen datieren.

Wenigstens aus diesen Mnzen ergibt sich nicht, da auch die anderen Stdte
diese Jahresrechnung eingefhrt haben; aber jenen beiden Stdten gewi galt
dieser Sieg Alexanders als Befreiung und als ein neuer Anfang.

Lange genug hatte der Widerstand von Tyros, dann noch der von Gaza des
Knigs Zug nach gypten verzgert; jetzt endlich, Jahr und Tag nach der
Schlacht bei Issos, gegen den Anfang Dezember 332 brach er von Gaza auf. Es
galt die letzte Provinz des Groknigs am Mittelmeer zu nehmen, die, wenn
sie treu oder in treuen Hnden gewesen wre, vermge ihrer gnstigen
rtlichen Verhltnisse lange Widerstand zu leisten vermocht htte. Aber wie
sollte sich das gyptische Volk fr die Sache eines Knigs, an den es durch
nichts als die Ketten einer ohnmchtigen und darum doppelt verhaten
Herrschaft gefesselt war, zu kmpfen bereit fhlen? berdies lag in der
Natur der gypter weniger Neigung zu Kampf als zur Ruhe, mehr Geduld und
Arbeitsamkeit als Geist und Kraft; und wenn dessenungeachtet whrend der
zweihundert Jahre der Dienstbarkeit fter Versuche gemacht worden waren,
die fremde Herrschaft abzuschtteln, so hat an diesen das Volk im ganzen um
so weniger Anteil genommen, als es seit der Auswanderung der einheimischen
Kriegerkaste daran gewhnt war, fremde, besonders hellenische Sldner fr
gypten kmpfen und hchstens Tausende von Eingeborenen als wsten Haufen
oder als Packknechte mitziehen zu sehen. berhaupt war der damalige Zustand
gyptens der der vollkommensten Stagnation; alle inneren Verhltnisse,
berreste der lngst untergegangenen Pharaonenzeit, standen im offenbarsten
Widerspruch mit jedem der geschichtlichen Wechselflle, deren das Land seit
dem Sturze des priesterlichen Knigtums soviel erfahren hatte; die Versuche
der saitischen Knige, ihr Volk durch Handel und Verbindung mit fremden
Vlkern zu beleben, hatten nur das heimische Wesen noch mehr verwirren und
verstocken mssen; die persische Herrschaft, der sie erlagen, hatte dann
freilich mit dem dumpfen, stets zunehmenden Abscheu gegen die unreinen
Fremdlinge, mit wiederholten Emprungen solcher, die sich pharaonischen
Blutes rhmten, zu kmpfen, aber zu selbstndiger Erhebung und eigener
Bewegung war gypten nicht mehr gekommen; in sich versunken, in
afrikanischer Indolenz und Genusucht, belastet mit allen Nachteilen und
allem Aberglauben eines Kastenwesens, von dem die Zeit nichts als die
abgestorbene Form briggelassen hatte, bei alle dem durch die berreiche
Fruchtbarkeit ihres Landes, der kein freier und lebendiger Verkehr nach
auen Wert und Reiz gab, mehr gedrckt als gefrdert, bedurften die gypter
mehr als irgendein Volk einer Widergeburt, einer neuen und erfrischenden
Durchgrung, wie sie nur das hochgespannte hellenische Wesen und dessen
Herrschaft bringen konnte.

gypten war, sobald Alexander nahte, fr den Perserknig verloren; sein
Satrap Mazakes, des bei Issos gefallenen Sabakes Nachfolger, hatte die
unter Amyntas' Fhrung gelandeten griechischen Sldner aus Eifersucht oder
miverstandenem Eifer, statt sie zur Verteidigung des Landes in Sold zu
nehmen, niedermetzeln lassen; jetzt, nach dem Fall von Tyros und Gaza, als
durch die feindliche Okkupation, die bis zu den Araberstmmen der Wste
hinausreichte, gypten vom oberen Persien durchaus abgeschnitten war, schon
die von Tyros gekommene Flotte vor Pelusion lag, blieb dem Satrapen und den
wenigen Persern um ihn freilich nichts brig, als sich mglichst schnell zu
unterwerfen.

So geschah es, da, als Alexander von Gaza aus nach einem Marsche von
sieben Tagen in Pelusion eintraf, Mazakes ihm ohne weiteres gypten
bergab. Whrend der Knig seine Flotte auf dem pelusischen Nilarm stromauf
sandte, ging er selbst ber Heliopolis nach Memphis, um sich mit derselben
dort wieder zu treffen. Alle Stdte, zu denen er kam, ergaben sich ohne
Weigerung; ohne das geringste Hindernis besetzte er Memphis, die groe
Hauptstadt des Nillandes, dessen Unterwerfung damit vollbracht war.

Er wollte mehr als unterwerfen; die Vlker, zu denen er kam, sollten
innewerden, da er komme, zu befreien und aufzurichten, da er ehre, was
ihnen heilig, gelten lasse, was nach ihrer Landesart sei. Nichts hatte die
gypter tiefer getroffen, als da Knig Ochos den heiligen Stier in Memphis
niedergestochen hatte; Alexander opferte, wie den anderen Gttern der
gypter, so dem Apis im Phthatempel zu Memphis; er lie dort von
hellenischen Knstlern gymnische und musische Wettkmpfe halten, zum
Zeichen, wie fortan das Fremde hier heimisch, das Einheimische auch den
Fremden ehrwrdig sein werde. Die Achtung, die er den gyptischen Priestern
zollte, mute ihm diese Kaste um so mehr gewinnen, je tiefer sie von der
oft fanatischen Intoleranz der persischen Fremdlinge herabgewrdigt worden
war.

Mit der Besitznahme gyptens hatte Alexander die Eroberung der
Mittelmeerksten, die unter persischer Herrschaft gestanden, vollendet. Der
khnste Gedanke der perikleischen Politik, in der Befreiung gyptens der
See- und Handelsherrschaft Athens ihren Schlustein und dauernde Sicherung
zu geben, war nun nicht blo erfllt, sondern weit berboten: der
hellenischen Welt war das Ostbassin des Mittelmeeres gewonnen und mit der
Herrschaft ber gypten die nahe Meeresbucht, von der aus die Seestraen
nach thiopien und dem Wunderland Indien fhrten. Unermeliche Aussichten
knpften sich an den Besitz gyptens.

Wie Alexander sie ergriff und zu verwirklichen gedachte, zeigte das
Nchste, was er von Memphis aus unternahm.

Er hatte in Pelusion an der stlichen Ecke des Delta eine starke Besatzung
gelassen; von dort sollte im nchsten Frhling der Zug nach dem inneren
Asien ausgehen. Von Memphis aus fuhr er mit den Hypaspisten, dem Agema der
makedonischen Ritterschaft, den Agrianern und Bogenschtzen den westlichen
Nilarm hinab nach Kanobos, von da lngs der Kste nach Rakotis, einem alten
Grenzposten gegen Libyen. Der Flecken lag auf der acht Meilen langen
Nehrung, welche das Haffwasser Mareotis vom Meere trennt, vor der Kste
sieben Stadien von ihr entfernt die Insel Pharos, jenes Robbeneinland der
homerischen Gesnge. Der Knig erkannte, wie beraus geeignet der Strand
zwischen der Mareotis und dem Meere zur Grndung einer Stadt, der Meeresarm
zur Herstellung eines groen und fast gegen jeden Wind sichernden Hafens
sei.

Er selbst, so wird erzhlt, wollte sofort seinem Baumeister Deinokrates den
Plan der Stadt, die Straen und Mrkte, die Lage der Tempel fr die
hellenischen Gtter und fr die gyptische Isis bezeichnen; da eben nichts
anderes zur Hand war, lie er seine Makedonen ihr Mehl ausstreuend die
Linien des Grundrisses ziehen, worauf unzhlige Vgel von allen Seiten
herbeigeflogen kamen, von dem Mehl zu fressen, ein Zeichen, das der weise
Aristandros auf den knftigen Wohlstand und ausgebreiteten Handel der Stadt
deutete. Es ist bekannt, auf welch auerordentliche Weise dieses Zeichen
und des Knigs Gedanken erfllt worden sind; die Bevlkerung der Stadt
wuchs reiend schnell, ihr Handel verband demnchst die abendlndische Welt
mit dem neu erschlossenen Indien, sie wurde der Mittelpunkt fr das
hellenische Leben der nchsten Jahrhunderte, die Heimat der aus dem Orient
und Okzident zusammenstrmenden Weltbildung und Weltliteratur, das
herrlichste und dauerndste Denkmal ihres groen Grnders.




  Drittes Kapitel

  Die persischen Rstungen -- Alexanders Marsch nach Syrien, ber
  den Euphrat, nach dem Tigris. Schlacht bei Gaugamela -- Marsch
  nach Babylon -- Besetzung von Susa -- Zug nach Persepolis


Stets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines hheren Rechts, des
Rechts, das die hhere Spannkraft, die berlegene Entwicklung, die
treibende Kraft eines neuen zukunftreichen Gedankens gibt. In solchen
Siegen vollzieht sich die Kritik dessen, was bisher war und galt, aber
nicht weiter fhrt, mchtig und selbstgewi schien, aber in sich krank und
brchig ist. Nicht das Herkommen noch das ererbte Recht, nicht
Friedlichkeit noch Tugend noch sonstiger persnlicher Wert schtzt dann vor
der berwltigenden Macht dessen, dem das Verhngnis geschichtlicher Gre
zuteil geworden ist. Siegend, solange er zu wagen, zu kmpfen,
niederzuwerfen findet, baut er auf, indem er noch zerstrt, schafft so eine
neue Welt, aber aus den Trmmern, auf dem Trmmerfeld seiner Zerstrungen.
Was er besiegt und gebrochen hat, berdauert ihn in seinem Werk.

Die berlieferungen von Alexanders Geschichte heben mehr oder weniger
geflissentlich den Gegensatz zwischen ihm und Dareios, zwischen dem Helden
der Tat und dem Helden des Leidens hervor. Sie schildern Dareios als milde,
edel, treu, als ein Muster der Ehrerbietung gegen seine Mutter, der Liebe
und Herzlichkeit gegen seine Gemahlin und seine Kinder, als den Persern
wegen seiner Gerechtigkeit, seiner ritterlichen Tapferkeit, seines
kniglichen Sinnes hochverehrt. Es mag sein, da er fr ruhige Zeiten ein
Knig gewesen wre, wie ihn die Throne Asiens selten gesehen; aber von dem
Strome der Begebenheiten, dem zu widerstehen vielleicht einem Kambyses
oder Ochos gelungen wre, schon ergriffen, bot er, sich und sein Reich noch
zu retten, auch zu unwrdigen und verbrecherischen Plnen die Hand, ohne
damit mehr zu erreichen als das lastende Bewutsein, nicht mehr ohne Schuld
an dem zu sein, gegen den er vergebens rang. Und mit der wachsenden Gefahr
mehrte sich die Verwirrung, die Haltungslosigkeit und das Unrecht in allem,
was er tat oder versuchte; immer dunkler umzog sich die Zukunft fr das
persische Knigtum und dessen gerechte Sache; schon war das Tor gen Asien
erbrochen, schon die reichen Satrapien der Kste des Siegers Beute, schon
die Grundfeste der Achmenidenmacht erschttert. Und htte vielleicht der
Groknig selbst nach seiner milden Art gern das Verlorene verschmerzt und
dem Frieden noch grere Opfer gebracht, so sollte ihn, dessen Sinn weniger
an Thron und Reich als an Weib und Kind zu hngen schien, das grte Ma
des Schmerzes, wie er ihn empfand, die Gre seines Sturzes empfinden
lassen.

Dies Motiv ist es, das jene berlieferungen mit den lebhaftesten Farben
ausmalen. Sie heben hervor, da des Groknigs Mutter Sisygambis, seine
Kinder, seine Gemahlin, die schnste der Frauen Asiens, ihm doppelt teuer,
da sie ein Kind unter dem Herzen trgt, Alexanders Gefangene sind. Die
Hlfte seines Reiches und ungeheure Schtze bietet Dareios dem Feinde fr
die Gefangenen, der stolze Feind fordert Unterwerfung oder neuen Kampf.
Dann kommt Tireus der Eunuch, der gefangenen Knigin Diener, der aus dem
Lager des Feindes geflohen ist, zum Dareios, bringt ihm die
Trauerbotschaft, die Knigin sei in den Geburtswehen gestorben. Da schlgt
sich Dareios die Stirn, laut jammernd, da Stateira tot sei, da die
Knigin der Perser selbst der Ehre des Grabes entbehren msse. Der Eunuch
trstet ihn: weder im Leben noch im Tode habe es ihr der makedonische Knig
vergessen, da sie eines Knigs Gemahlin sei, er habe sie und die Mutter
und die Kinder in hchsten Ehren gehalten bis auf diesen Tag, er habe die
knigliche Leiche mit aller Pracht nach persischer Weise bestatten lassen
und mit Trnen ihr Gedchtnis geehrt. Bestrzt fragt Dareios, ob sie
keusch, ob sie treu geblieben, ob Alexander sie nicht gezwungen habe zu
seinem, wider ihren Willen. Da wirft sich der treue Eunuch ihm zu Fen,
beschwrt ihn, nicht das Andenken seiner edlen Herrin zu beschimpfen und
sich nicht selbst in seinem endlosen Unglck den letzten Trost zu rauben,
den, von einem Feinde berwunden zu sein, der mehr als ein Sterblicher zu
sein scheine; er beschwrt es mit den hchsten Eiden, da Stateira treu und
keusch gestorben, da Alexanders Tugend ebenso gro sei wie seine Khnheit.
Dareios hebt die Hnde gen Himmel und fleht zu den Gttern: Wollt mir mein
Reich zu erhalten und wieder aufzurichten gewhren, damit ich als Sieger
dem Alexandros vergelten kann, was er den Meinen getan; soll ich aber nicht
lnger Asiens Herr sein, so gebt die Tiara des groen Kyros keinem anderen
als ihm.

Schon war des Groknigs Aufgebot in alle Satrapien des Reichs gesandt, von
dem, wenn auch groe, doch im Verhltnis zum Ganzen nicht bedeutende
Lnderstrecken in Feindesland waren. Ganz Iran, Ariana, Baktrien, alles
Land bis zu den Quellen des Euphrat stand noch unberhrt; es waren die
tapfersten und treuesten Vlker Asiens, die nur auf des Knigs Befehl
warteten, ins Feld zu rcken; was galt gypten, Syrien, Kleinasien gegen
die ungeheure Lnderstrecke vom Taurus bis zum Indus, vom Euphrat bis zum
Jaxartes, was der Verlust stets unzuverlssiger Kstenvlker gegen die
treuen Meder und Perser, gegen die Reiterschwrme der baktrischen Ebene und
die tapferen Bergvlker der kaspischen und kurdischen Gebirge? Waren es
nicht seit des ersten Dareios Zeit die jetzt verlorenen Kstenlande und die
Bemhungen um die Seeherrschaft, zu denen sie ntigten, so gut wie allein
gewesen, die Gefahr und Unheil ber das Reich des Kyros gebracht, die
Perser zum eigenen Verderben in die ewigen Streitigkeiten der Hellenen
verwickelt hatten? Jetzt galt es, das Innere des Morgenlandes zu retten,
die hohe Burg Iran zu verteidigen, die Asien beherrscht; jetzt rief der
Knig der Knige die Edlen seines Stammes, die Enkel der sieben Frsten,
die getreuen Satrapen, an der Spitze ihrer Volker fr den Ruhm und die
Herrschaft Persiens zu kmpfen; in ihre Hand legte er sein Schicksal;
nicht hellenische Sldner, nicht hellenische Feldherren und makedonische
Flchtlinge sollten die Eifersucht und das Mitrauen der Seinen wecken; die
wenigen tausend Fremdlinge, die mit ihm von Issos geflchtet waren, hatte
das gemeinsame Unglck mit den Shnen Asiens vereinigt; ein echt
asiatisches Heer sollte dem Heere Europas vor den Bergwllen Irans
entgegentreten.

Die Ebene von Babylon war zum Sammelplatz des groen Vlkerheeres bestimmt.
Aus dem fernsten Asien fhrte Bessos, der baktrische Satrap, die Baktrier,
die Sogdianer, die streitbaren indischen Vlker aus dem Berglande des
indischen Kaukasus heran; ihm hatten sich das turkestanische Reitervolk der
Saker unter Mauakes und die Daer aus der Steppe des Aralsees angeschlossen.
Die Vlker aus Arachosien und Drangiana und die indischen Bergbewohner der
Paravetiberge kamen unter ihrem Satrapen Barsaentes, ihre westlichen
Nachbarn aus Areia unter dem Satrapen Satibarzanes, die persischen,
hyrkanischen und tapurischen Reiterschwrme aus Chorassan, dem Schwertlande
Irans, unter Phrataphernes und seinen Shnen. Dann die Meder, einst die
Herren Asiens, deren Satrap Atropates zugleich die Kadusier, Sakasener und
Albaner aus den Tlern des Kur, des Araxes und des Urmea-Sees fhrte. Von
Sden her, von den Ksten des Persischen Meeres, kamen die Vlker
Gedrosiens und Karmeniens unter Okontobates und Ariobarzanes, dem Sohne des
Artabazos, die Perser unter Orxines, aus dem Geschlechte der sieben
Frsten. Die Susianer und Uxier fhrte Oxyathres, der Sohn des susianischen
Satrapen Abulites; die Scharen von Babylon sammelten sich unter Bupales'
Befehl, die aus Armenien kamen unter Orontes und Mithraustes, die aus
Syrien diesseits und jenseits der Wasser unter Mazaios; selbst aus dem
kappadokischen Land, dessen Westen nur der Zug des makedonischen Heeres
berhrt hatte, kamen Reisige unter ihres Dynasten Ariarathes Fhrung.

So sammelte sich whrend des Frhjahrs 331 das Reichsheer des Perserknigs
in Babylon, an vierzigtausend Pferde und Hunderttausende von Menschen,
dazu zweihundert Sensenwagen und fnfzehn Elefanten, die vom Indus
hergebracht waren. Es heit, da gegen die sonstige Gewohnheit von dem
Knige fr die Bewaffnung des Heeres, namentlich der Reiter, gesorgt worden
sei. Vor allem galt es, einen Kriegsplan zu entwerfen, der dem Perserheere
mglich machte, mit der ganzen Wucht seiner Massen und dem Ungestm seiner
ungeheuren Reitermacht zu wirken.

Zwei Strme, der Euphrat und Tigris, durchschneiden in diagonaler Richtung
das Tiefland, das sich am Fue des iranischen Gebirgswalles hinabzieht;
ber sie fhren die Wege von den Ksten des Mittelmeeres zum oberen Asien.
Es war ein naheliegender Gedanke, dem Feinde an den Strombergngen
entgegenzutreten; es war verstndig, die Hauptmacht des Groknigs hinter
dem Tigris aufzustellen, da dieser einerseits schwerer zu passieren ist,
anderseits eine am Euphrat verlorene Schlacht sie nach Armenien geworfen
und Babylon, sowie die groen Straen nach Persis und Medien preisgegeben
htte, wogegen eine Stellung hinter dem Tigris Babylon deckte, eine
gewonnene Schlacht den Feind in den weiten Wstenebenen von Mesopotamien
aller Verfolgung preisgab, eine verlorene den Rckzug nach den stlichen
Satrapien offenlie. Dareios begngte sich, an den Euphrat einige tausend
Mann unter Mazaios vorauszusenden, um die Passage des Flusses beobachten zu
lassen; er selbst ging von Babylon aus in die Gegend von Arbela, einem
Hauptorte auf der groen Heerstrae, die weiter jenseits des Lykos zu der
groen Ebene von Ninive fhrt, welche sich westwrts bis an das linke Ufer
des reienden Tigris und nordwrts bis an die Vorhhen des Zagrosgebirges
ausdehnt; dort mochte er, sobald Alexander herankam, an die Ufer des
Stromes rcken und ihm den bergang unmglich machen wollen.

Whrend der Knig Dareios fr die Osthlfte seines Reiches an ihrer
Schwelle mit allen Streitkrften, die sie aufbringen konnte, zu kmpfen
bereit stand, war im fernen Westen der letzte Rest der persischen Macht
erlegen.

Was htte die persische Flotte im hellenischen Meere leisten knnen, wenn
sie zur rechten Zeit agiert, wenn sie die von Knig Agis im Peloponnes
eingeleitete Bewegung mit aller Kraft untersttzt htte. Aber zgernd, ohne
Plan und Entschlu, hatte sie im Sommer 333 den Moment einer entscheidenden
Offensive versumt; und doch blieb sie, schon durch die Absendung der
Schiffe, die die Sldner nach Tripolis fhrten, geschwcht, auch nach der
Schlacht von Issos und als schon die phnikische Kste von den Feinden
bedroht war, in jenen westlichen Stationen, die nur fr die Offensive einen
Sinn hatten, statt nach Phnikien zu eilen, den Widerstand von Tyrus zu
untersttzen und die unsicheren Kontingente der Flotte beieinander zu
halten. Mit dem Frhling 332 segelten die phnikischen, die cyprischen
Schiffe heim, aber Pharnabazos und Autophradates blieben mit dem Rest der
Flotte im gischen Meer, schon so gering an Macht, da sie sich nur mit
Mhe, nur noch durch die Beihilfe der von ihnen begnstigten oder
eingesetzten Tyrannen in dem Besitz von Tenedos, Lesbos, Chios, Kos zu
behaupten vermochten. Durch Antipatros' Umsicht und feste Haltung alles
Einflusses im brigen Hellas beraubt, standen sie nur noch mit Agis in
unmittelbarer Verbindung; aber die Bewegung, die dieser im Einverstndnis
mit ihnen im Peloponnes zu erregen gehofft hatte, war durch die allmhliche
Auflsung der Seemacht gleichfalls ins Stocken geraten, nur Kreta hatte er
durch seinen Bruder besetzen lassen. Indes entwickelte die makedonische
Flotte unter den Nauarchen Hegelochos und Amphoteros whrend des Jahres 332
in den griechischen Gewssern ein so bedeutendes bergewicht, da zunchst
die Tenedier, die nur gezwungen das Bndnis mit Alexander gegen das
persische Joch vertauscht hatten, den Makedonen ihren Hafen ffneten und
das frhere Bndnis von neuem proklamierten. Ihrem Beispiele folgten die
Chier, die, sobald sich die makedonische Flotte auf ihrer Reede zeigte,
gegen die Tyrannen und die persische Besatzung einen Aufstand machten und
die Tore ffneten; der persische Admiral Pharnabazos, der damals mit
fnfzehn Trieren im Hafen von Chios lag, sowie die Tyrannen der Insel
kamen in die Gewalt der Makedonen; und als whrend der Nacht Aristonikos,
der Tyrann von Methymna auf Lesbos, mit einigen Kaperschiffen vor dem
Hafen, den er noch in den Hnden der Perser glaubte, erschien und
einzulaufen begehrte, lie ihn die makedonische Hafenwache ein, machte dann
die Mannschaft der Trieren nieder und brachte den Tyrannen als Gefangenen
in die Burg. Immer mehr sank das Ansehen der Perser und ihre Partei; schon
hatte auch Rhodus zehn Trieren zur makedonischen Flotte vor Tyros gesandt;
jetzt sagten sich auch die Koer von der persischen Sache los; und whrend
Amphoteros mit sechzig Schiffen dorthin abging, wandte sich Hegelochos mit
der brigen Flotte nach Lesbos. Dort hatte sich Chares, dem im Jahre vorher
sein Versuch auf Methymna miglckt war, mit 2000 Sldnern eingefunden,
Mytilene besetzt und im Namen des Darius den Herrn zu spielen begonnen; der
alte attische Kriegsmann hatte nicht beabsichtigt, ein groes Spiel zu
wagen, er kapitulierte auf freien Abzug, zog mit seinen Kriegsleuten nach
der attischen Insel Imbros, spter nach Tnaron, dem groen Sldnermarkt.
Die bergabe Mytilenes gab auch den anderen Stdten der Insel den Mut, frei
zu sein; sie erneuten ihre demokratische Verfassung. Dann segelte
Hegelochos sdwrts nach Kos, das sich bereits in Amphoteros' Hnden
befand. Nur Kreta war noch von den Lakedmoniern besetzt; Amphoteros
bernahm ihre Unterwerfung und segelte mit einem Teil der Flotte dorthin
ab, mit dem anderen ging Hegelochos nach gypten, um selbst die Meldung von
dem Ausgang des Kampfes gegen die persische Seemacht zu berbringen,
zugleich die Gefangenen abzuliefern, alle bis auf Pharnabazos, der auf der
Insel Kos zu entweichen Gelegenheit gefunden hatte. Alexander befahl, die
Tyrannen den Gemeinden, die sie geknechtet hatten, zum Gericht
zurckzusenden; diejenigen aber, welche die Insel Chios an Memnon verraten
hatten, wurden mit einer starken Eskorte nach der Nilinsel Elephantine, den
sdlichsten Grenzposten des Reiches, ins Elend geschickt.

So war mit dem Ausgang des Jahres 332 der letzte Rest einer persischen
Seemacht, die das makedonische Heer im Rcken zu gefhrden und dessen
Bewegungen zu hindern vermocht htte, vernichtet. Die Reihe von
Waffenpltzen, die sich vom thrakischen Bosporus ber die Ksten
Kleinasiens und Syriens bis zu dem neugegrndeten Alexandreia hin
erstreckte, diente ebensosehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen
Lande, wie sie fr die weiteren Unternehmungen nach Osten eine breite Basis
gab. Der neue Feldzug sollte in eine neue und fremde Welt und unter Vlker
fhren, denen die hellenische Weise fremd, das freie Verhltnis der
Makedonen zu ihrem Frsten unverstndlich, denen der Knig ein Wesen
hherer Art war. Wie htte Alexander verkennen knnen, da die Vlker, die
er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunchst nur in ihm
finden wrden und erkennen muten. Und wenn ihn der heilige Schild von
Ilion als den hellenischen Helden bezeichnete, wenn die Vlker Kleinasiens
in dem Lser des Gordischen Knotens den verheienen berwinder Asiens
erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyros und der Feier im Phthatempel
zu Memphis der siegende Fremdling sich mit den besiegten Vlkern und ihrer
heiligsten Sitte vershnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des
Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine hhere Verheiung begleiten, in der
die Vlker ihn als den zum Knig der Knige, zum Herrn von Aufgang bis
Niedergang Erkorenen erkennen mochten.

In der weiten Einde Libyens, an deren Eingang das verwitterte Felsenbild
der htenden Sphinx und die halbversandeten Pyramiden der Pharaonen stehen,
in dieser einsamen, totenstillen Wste, die sich vom Saume des Niltales
abendwrts in unabsehbarer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein
glhender Mittagswind die mhsame Spur des Kamels verweht, liegt wie im
Meere ein grnes Eiland, von hohen Palmen berschattet, von Quellen und
Bchen und dem Tau des Himmels getrnkt, die letzte Sttte des Lebens fr
die rings ersterbende Natur, der letzte Ruheplatz fr den Wanderer in der
Wste; unter den Palmen der Oase steht der Tempel des geheimnisvollen
Gottes, der einst auf heiligem Kahne vom Lande der thiopen zum
hunderttorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wste gezogen
war, auf der Oase zu ruhen und dem suchenden Sohne sich kundzutun in
geheimnisvoller Gestalt. Ein frommes priesterliches Geschlecht wohnte um
den Tempel des Gottes, fern von der Welt, in heiliger Einsamkeit, in der
Ammon Zeus, der Gott des Lebens, nahe war; sie lebten fr seinen Dienst und
fr die Verkndigung seiner Orakel, die zu hren die Volker nah und fern
heilige Boten und Geschenke sandten. Zu dem Tempel in der Wste beschlo
der makedonische Knig zu ziehen, um groe Dinge den groen Gott zu fragen.

Was aber wollte er fragen? Seine Makedonen erzhlten sich wunderbare
Geschichten aus frherer Zeit; damals von wenigen geglaubt, von vielen
verlacht, von allen gekannt, waren sie durch diesen Zug von neuem angeregt
worden; man erinnerte sich der nchtlichen Orgien, die Olympias in den
Bergen der Heimat feierte; man wute von ihren Zauberknsten, um deren
willen sie Knig Philipp verstoen; er habe sie einst in ihrem Schlafgemach
belauscht und einen Drachen in ihrem Scho gesehen; vertraute Mnner, die
er nach Delphi geschickt, htten ihm des Gottes Antwort gebracht: er mge
dem Ammon Zeus opfern und ihn vor allen Gttern ehren. Man meinte, auch
Herakles sei einer sterblichen Mutter Sohn gewesen; man wollte wissen, da
Olympias ihrem Sohne auf dem Wege zum Hellespont das Geheimnis seiner
Geburt vertraut habe. Andere hielten dafr, der Knig wolle fr seinen
weiteren Zug Gottes Rat erfragen, wie ja auch Herakles getan, als er nach
dem Riesen Antos ausgezogen und Perseus, ehe er die Fahrt zu den Gorgonen
unternommen; beide seien des Knigs Ahnherren, deren Beispiel er gern
nachahme. Was er wirklich wollte, erfuhr niemand; nur wenige Truppen
sollten ihm folgen.

Von Alexandreia brach der Zug auf und wandte sich zunchst lngs der
Meereskste gen Paraitonion, der ersten Ortschaft der Kyrenaier, die
Gesandte und Geschenke -- 300 Kriegsrosse und 5 Viergespanne -- sandten und
um ein Bndnis mit dem Knige baten, das ihnen gewhrt wurde. Von hier
fhrte der Weg sdwrts durch wste Sandstrecken, ber deren eintnigen
Horizont kein Baum, kein Hgel hervorragt; den Tag hindurch heie Luft voll
feinen Staubes; der Sand oft so lose, da jeder Schritt unsicher war;
nirgends ein Grasplatz zum Ruhen, nirgends ein Brunnen oder Quell, der den
brennenden Durst htte stillen knnen; -- Regenwolken, die bald, ein
Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Erquickung gaben, galten fr eine
Wundergabe des Gottes in der Wste. So zog man weiter; keine Spur
bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dnen in diesem Sandmeer, die mit
jedem Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung der
Fhrer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden wuten; -- da
zeigten sich an der Spitze des Zuges ein paar Raben, sie erschienen wie
Boten des Gottes, und Alexander befahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu
folgen. Mit lautem Krhen flogen sie davon, sie rasteten mit dem Zuge, sie
flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die
Wipfel der Palmen, und die schne Oase des Ammon empfing den Zug des
Knigs.

Alexander war berrascht von der Heiterkeit dieses heiligen Bezirkes, der,
reich an Oliven und Datteln, an kristallinischem Salz und heilsamen
Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienste des Gottes und dem stillen
Leben seiner Priester bestimmt schien. Als der Knig darauf, so wird
erzhlt, das Orakel zu hren verlangte, begrte der lteste unter den
Priestern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann seinen Begleitern
allen, drauen zu verweilen und fhrte ihn in die Zelle des Gottes; nach
einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angesichtes zurck und
versicherte, die Antwort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe
soll er in einem Briefe an seine Mutter wiederholt haben: wenn er sie
wieder she bei seiner Rckkehr wolle er ihr die geheimen Orakel, die er
empfangen, mitteilen. Dann beschenkte er den Tempel und die
gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste und kehrte nach
Memphis in gypten zurck.

Alexander hatte die Antwort des Gottes verschwiegen, desto lebhafter war
die Neugier oder Teilnahme seiner Makedonen; die mit im Ammonion gewesen
waren, erzhlen Wunderbares von jenen Tagen; des Oberpriesters erster Gru,
den sie gehrt htten, sei gewesen: Heil dir, o Sohn! und der Knig habe
erwidert: O Vater, so sei es; dein Sohn will ich sein, gib mir die
Herrschaft der Welt! Andere verlachten diese Mrchen; der Priester habe
Griechisch reden und den Knig mit der Formel Paidion anreden wollen,
statt dessen aber, mit einem Sprachfehler Paidios gesetzt, was man
wahrlich fr Sohn des Zeus nehmen knne. Schlielich galt als das Sichere
ber diesen Vorgang: Alexander habe Gott gefragt, ob alle, die an seines
Vaters Tod schuld htten, gestraft seien; darauf sei geantwortet: er mge
besser seine Worte wgen, nimmermehr werde ein Sterblicher den verletzen,
der ihn gezeugt; wohl aber seien die Mrder Philipps des Makedonenknigs
alle gestraft. Und zum zweiten habe Alexander gefragt, ob er seine Feinde
besiegen werde, und der Gott habe geantwortet: ihm sei die Herrschaft der
Welt bestimmt, er werde siegen, bis er zu den Gttern heimgehe. Diese und
hnliche Erzhlungen, die Alexander weder besttigte noch widerrief,
dienten dazu, um seine Person ein Geheimnis zu verbreiten, das dem Glauben
der Vlker an ihn und seine Sendung Reiz und Gewiheit lieh und den
aufgeklrten Hellenen nicht seltsamer zu scheinen brauchte als des
Herakleitos Wort, da die Gtter unsterbliche Menschen, die Menschen
sterbliche Gtter seien, nicht seltsamer als der Heroenkult der Grnder in
den neueren wie lteren Kolonien oder die Altre und Festdienste die vor
zwei Menschenaltern dem Spartaner Lysandros gewidmet worden waren.

Es lge nahe, an dieser Stelle noch eine andere Frage aufzuwerfen,
diejenige, mit der man doch erst den Kern der Sache treffen wrde. Wie hat
sich Alexander den Zweck dieses Zuges ins Ammonion, die geheinmisvollen
Vorgnge in dem Tempel dort gedacht? Hat er die Welt tuschen wollen? Hat
er selbst geglaubt, was er sie wollte glauben machen? Hat er, sonst so
klaren und freien Sinnes, seines Wollens und Knnens so gewi, Momente
innerer Unsicherheit gehabt, in denen sein Gemt eine Sttze, einen
Ruhepunkt in dem berirdischen suchte? Man sieht, es handelt sich bei
dieser Frage um die religisen und sittlichen Voraussetzungen, unter denen
das Wollen und Handeln dieses leidenschaftlichen Charakters stand, um das
innerste Wesen seiner Persnlichkeit, man knnte sagen, um sein Gewissen.
Ganz verstehen knnte man ihn nur von diesem Mittelpunkt seines Wesens aus,
zu dem das, was er tut und schafft, nur die Peripherie ist, nur Stcke der
Peripherie, von denen uns in der berlieferung nur Fragmente erhalten sind.
Dem Poeten steht es zu, zu der Handlung, die er darstellt, die Charaktere
so zu dichten, da sich aus ihnen erklrt, was sie tun und leiden. Die
historische Forschung steht unter einem anderen Gesetz; auch sie sucht von
den Gestalten, deren geschichtliche Bedeutung sie zu verfolgen hat, ein
mglichst klares und begrndendes Bild zu gewinnen; sie beobachtet, soweit
ihre Materialien es gestatten, deren Ttigkeiten, Begabungen, Tendenzen;
aber sie dringt nicht bis zu der Stelle, wo alle diese Momente ihren Quell,
ihren Impuls, ihre Norm haben. Das tiefinnerste Geheimnis der Seele zu
finden, damit den sittlichen Wert, das will sagen, den ganzen Wert der
Person richtend zu bestimmen, hat sie keine Methoden und keine Kompetenz.
Genug, da sie fr die Lcken, die ihr so bleiben, eine Art von Ersatz hat,
indem sie die Persnlichkeiten in einem anderen Zusammenhang als dem, wo
ihr sittlicher Wert liegt, in dem ihres Verhltnisses zu den groen
geschichtlichen Entwicklungen, ihres Anteils an berdauernden Leistungen
und Schpfungen, in ihrer Kraft oder Schwche, ihren Plnen und
Veranstaltungen, ihrer Begabung und Energie, dieselben zu ermglichen,
auffat und sie da nach ihrer Bedeutung einreiht, bt sie die
Gerechtigkeit, die ihr zusteht, und gewhrt sie ein Verstndnis, das nicht
tiefer, aber weiter und freier ist, als jenes nur psychologische.

Wenigstens berhrt mag hier ein Punkt werden, in dem sich bedeutsame Linien
zu kreuzen scheinen.

Seit jenem merkwrdigen Ausspruch des Herakleitos, seit dem schyleischen
in vielen Namen _eine_ Gestalt, haben die Dichter und Denker der
hellenischen Welt nicht aufgehrt, in den vielen Gttergestalten und deren
Mythen, die ihrem Volke Religion waren, den tieferen Sinn zu suchen und in
ihm die Rechtfertigung ihres Glaubens zu finden. Man wei, bis zu welchen
Punkten Aristoteles diese Fragen vertieft hat. Alexander wird nicht blo
dessen populren Dialog gelesen haben, in dem er schildert, wie ein Blick
in die Herrlichkeit der Welt und die ewige Bewegung der Gestirne dem, der
sie zum erstenmal sehe, die berzeugung geben wrde, da wirklich Gtter
seien, da so Staunenswrdiges ihr Wirken und Werk sei. Aus des groen
Denkers Vortrgen mag auch er die berzeugung gewonnen haben, da die frhe
Vorzeit den Himmel und die Gestirne, die sich in ewigen Sphren an ihm
bewegen, als Gottheiten angeschaut, deren Tun und Wirken in mythischer
Gestalt ausgesprochen habe, da zur berredung der vielen sowie um der
Gesetze und des Gebrauches willen diese Mythen beibehalten, auch
weiterausgefhrt und Wunderliches hinzugefgt worden sei, da aber die
wahre Gottheit, das Unbewegt-Bewegende, das nicht durch andere Ursache
als sich selbst Gewordene, ohne Stoff, ohne Teile, ohne Vielheit sei,
reine Form, reiner Geist, sich selbst denkend, bewegend ohne zu handeln und
zu bilden, zu dem sich alles aus Sehnsucht bewegt als dem ewig Guten, dem
hchsten Zweck.

Wie nun, wenn Alexander im Ammonion einer Gotteslehre, einer Symbolik
begegnete, die, in hnlichen Spekulationen sich vertiefend, zugleich die
Gewiheit des Jenseits, seines Gerichtes und seiner Verklrungen, die
Pflichten und die Ordnung des Lebens hienieden, das darauf Vorbereitung
sei, das Wesen des Priestertums und des Knigtums zu _einem_ groen und in
sich geschlossenen System zu verbinden verstanden hatte? Schon Monumente
aus der alten Pharaonenzeit sprechen von dem Gott, der sich selbst zum
Gott gemacht hat, der durch sich selbst besteht, dem einzigen nicht
erzeugten Erzeuger im Himmel und auf Erden, dem Herrn der seienden und
nicht seienden Wesen. Und da diese Gedanken in voller Lebendigkeit
bewahrt und vielleicht weitergefhrt worden sind, lehrt eine denkwrdige
Inschrift aus Dareios'II. Zeit und zu seinen Ehren; da ist Ammon-Ra der
Gott, der sich selbst erzeugte, der sich offenbart in allem, was da ist,
der von Anbeginn war und das Bleibende ist in allem, was da ist; die
anderen Gtter sind wie Prdikate fr ihn, wie Ttigkeiten von ihm: Es
sind die Gtter in deinen Hnden und die Menschen zu deinen Fen; du bist
der Himmel, du bist die Tiefe; die Menschen preisen dich als den
Unermdlichen in der Sorge fr sie; dir sind ihre Werke geheiligt. Dann
folgt das Gebet fr den Knig: La glcklich sein deinen Sohn, der da
sitzet auf deinem Thron, mach' ihn dir hnlich, la als Knig ihn herrschen
in deinen Wrden; und wie deine Gestalt ist segenspendend, wenn du dich
erhebest als Ra, so ist das Wirken deines Sohnes nach deinem Wunsch,
Dareios, der ewig lebe; die Furcht vor ihm, die Achtung vor ihm, seines
Ruhmes Glanz, sie seien im Herzen aller Menschen in jedem Lande, wie die
Furcht vor dir, die Achtung vor dir im Herzen der Gtter und Menschen
weilt.

Wenn die Priester des Ammonion Alexander als Sohn des Ammon-Ra, als
Zeus-Helios begrt haben, so taten sie es in der vollen Wahrhaftigkeit
ihrer religisen berzeugung und der tieferen Symbolik, in der sie ihre
Gotteslehre faten. Alexander, so wird erzhlt, habe die Darlegungen des
Priesters Psammon, des Philosophen, mit Aufmerksamkeit angehrt,
namentlich: da jeder Mensch von einem Gott regiert werde (+basileuontai
hypo theou+), denn das in jedem Herrschende und Mchtige sei gttlich; dem
habe Alexander entgegnet: allerdings sei der gemeinsame Vater aller
Menschen Gott (+ton theon+), aber die Besten whle er sich zu besonderer
Kindschaft.

Und nun zurck zu dem Zusammenhang der historischen Ereignisse, deren mit
dem Frhling 331 eine neue bedeutsame Reihe beginnen sollte.

Nach Memphis zurckgekehrt, fand Alexander zahlreiche Gesandtschaften aus
den hellenischen Landen, deren keine ohne geneigtes Gehr und mglichste
Erfllung ihrer Antrge in die Heimat zurckkehrte. Mit ihnen zugleich
waren neue Truppen angekommen, namentlich vierhundert Mann hellenische
Sldner unter Menidas und fnfhundert thrakische Reiter unter
Asklepiodoros, und wie es scheint noch einige tausend Mann Fuvolk, die
sofort in das Heer eingereiht wurden, welches schon in den Rstungen zum
Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung des
gyptischen Landes mit besonderer Vorsicht, namentlich darauf bedacht,
durch Zerlegung der amtlichen Befugnisse die Vereinigung zu groer Macht in
_einer_ Hand zu vermeiden, die bei der militrischen Bedeutung dieser
groen Satrapie und den reichen Machtelementen in ihr nicht ohne Gefahr
gewesen wre. Peukestas, des Makartatos Sohn, und Balakros, des Amyntas
Sohn, erhielten die Strategie des Landes und den Befehl ber die dort
zurckbleibenden Truppen mit Einschlu der Besatzungen von Pelusion und
Memphis, im ganzen etwa viertausend Mann, den Befehl ber die Flotte von
dreiig Trieren der Nauarch Polemon; die in gypten ansssigen oder
einwandernden Griechen wurden unter eine besondere Behrde gestellt; die
gyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten Nomarchen, mit der
Bestimmung, an diese nach der frheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die
Oberaufsicht ber die smtlichen rein gyptischen Kreise wurde anfangs
zwei, dann einem gypter, sowie die ber die libyschen Kreise einem
griechischen Manne bertragen; der Verwalter der arabischen Kreise,
Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in gypten, die Sprache und
Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den
Nomarchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, sowie ihm
auch insbesondere die Sorge fr den Bau der Stadt Alexandreia bertragen
wurde.

Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Befrderungen in der Armee,
nach neuen Festlichkeiten in Memphis und einem feierlichen Opfer, das Zeus
dem Knige dargebracht wurde, brach Alexander mit dem Frhling 331 nach
Phnikien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von Tyrus ein.
Die kurze Zeit, die der Knig hier verweilte, verging unter groen und
prchtigen Festlichkeiten nach hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im
Heraklestempel gefeiert wurden, hielt das Heer Wettkmpfe aller Art; die
berhmtesten Schauspieler der hellenischen Stdte waren berufen, diese Tage
zu verherrlichen, und die kyprischen Knige, die nach griechischer Sitte
die Chre stellten und schmckten, wetteiferten an Pracht und Geschmack
miteinander. Dann lief die attische Tetrere Paralia, die stets nur in
heiligen oder besonders wichtigen Angelegenheiten gesendet wurde, in den
Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen, dem Knige
Glck zu wnschen und die unverbrchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu
versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am
Granikos gefangenen Athener erwiderte.

Es galt, fr eine lange Abwesenheit von den westlichen Landen Frsorge zu
treffen. Bis auf Sparta und Kreta war in Hellas alles in Ruhe; nur da noch
zahlreiche Seeruber, die Nachwirkung der persischen Unternehmungen, die
Meere unsicher machten. Amphoteros erhielt Befehl, die Austreibung der
spartanischen und persischen Besatzungen aus Kreta zu beschleunigen, dann
auf die Seeruber Jagd zu machen, den Peloponnesiern, die etwa von Sparta
aus bedrngt werden knnten, Hilfe und Schutz zu bieten; die Cyprier und
Phoinikier wurden angewiesen, ihm hundert Schiffe nach dem Peloponnes
nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Vernderungen in der
Verwaltung der bisher unterworfenen Lnder vorgenommen; es wurde nach
Lydien an die Stelle des Satrapen Asandros, der auf Werbung nach
Griechenland ging, der Magnesier Menandros von den Hetren gesandt, an
dessen Stelle Klearchos den Befehl ber die fremden Vlker erhielt; es
wurde die Satrapie Syriens von Memnon, der nicht mit der gehrigen Sorgfalt
fr die Bedrfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte,
auf den jngst angekommenen Asklepiodoros bertragen, zugleich diesem der
unmittelbare Befehl ber das Land des Jordan, dessen bisheriger
Befehlshaber Andromachos von den Samaritanern erschlagen worden war, und
die Bestrafung der Samaritaner bertragen. Endlich wurde die
Finanzverwaltung in der Art geordnet, da die Generalkasse, die bisher mit
der Kriegskasse vereinigt gewesen war, von derselben getrennt und, wie
schon fr gypten geschehen war, so fr Syrien und Kleinasien bis zum
Tauros je eine besondere Hauptkasse eingerichtet wurde. Fr die Satrapien
westwrts vom Tauros erhielt dies Amt Philoxenos, fr die syrischen Lnder
mit Einschlu der phnikischen Stdte Koiranos, wogegen die Verwaltung der
Kriegskasse an den reuigen Harpalos gegeben wurde, dem der Knig aus alter
Freundschaft oder aus politischen Rcksichten verzieh, was er getan hatte.

Dann endlich brach das Heer von Tyros auf und zog die groe Heerstrae am
Orontes hinab, vielleicht auf dem Marsche durch Zuzge aus den
kleinasiatischen Besatzungen verstrkt, dem Euphrat zu; etwa 40000 Mann
Fuvolk und 7000 Reiter stark, erreichte es um den Anfang August Thapsakos,
den gewhnlichen bergangsort. Eine Abteilung Makedonen war vorausgesandt
worden, zwei Brcken ber den Strom zu schlagen; sie waren noch nicht ganz
vollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazaios, mit etwa
10000 Mann zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so
da es fr die viel schwchere makedonische Vorhut zu gewagt gewesen wre,
die Brcken bis an das jenseitige Ufer fortzufhren. Beim Anrcken der
ganzen Armee zog sich Mazaios eilends zurck; zu schwach, um den Posten
gegen Alexanders bermacht zu behaupten, htte er, seine Truppen
aufopfernd, hchstens das Vorrcken der Feinde in etwas verzgern knnen,
was fr den Groknig, dessen Rstungen bereits vollendet waren, kein
erheblicher Gewinn gewesen wre.

Alexander lie sofort den Bau beider Brcken vollenden und sein Heer auf
das Ostufer des Euphrat hinberrcken. Selbst wenn er vermutete, da das
persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte,
zum Kampfe und zur Verteidigung der Reichsstadt bereitstand, durfte er
nicht, wie siebzig Jahre frher die Zehntausend, den Weg lngs des Euphrat,
den jene genommen hatten, einschlagen. Die Wsten, durch welche derselbe
fhrt, wren in der Hitze des Sommers doppelt mhselig gewesen, und die
Verpflegung eines so bedeutenden Heeres htte die grten Schwierigkeiten
gehabt. Er whlte die groe nrdliche Strae, welche nordostwrts ber
Nisibis durch das khlere und weidenreiche Hgelland, das die Makedonen
spter Mygdonien nannten, an den Tigris und dann an der linken Seite des
Stromes hinab in die Ebene von Babylon fhrt.

Da brachte man eines Tages einige der feindlichen Reiter, die in der Gegend
umherschwrmten, gefangen vor den Knig; sie sagten aus: da Dareios
bereits von Babylon aufgebrochen sei und auf dem linken Ufer des Tigris
stehe, entschlossen, seinem Gegner mit aller Kraft den bergang ber den
Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel grer als die in den
issischen Pssen; sie selbst wren auf Kundschaft ausgesandt, damit sich
das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Makedonen gegenber
am Tigris aufstellen knne.

Alexander durfte nicht wagen, einen so breiten und reienden Strom, wie den
Tigris, unter den Pfeilen der Feinde zu berschreiten; er mute erwarten,
da Dareios die Gegend von Ninive, wo der gewhnliche Heerweg ber den
Strom fhrt, besetzt halten werde; es kam alles darauf an, mglichst bald
auf derselben Seite des Stromes mit dem Feinde zu sein; es galt, den
bergang unbemerkt zu bewerkstelligen. Alexander vernderte sofort die
Marschroute und ging, whrend ihn Dareios auf der weiten Ebene der Trmmer
von Ninive erwartete, nordstlich in Eilmrschen auf Bedzabde. Kein Feind
war in der Nhe, die Truppen begannen den sehr reienden Strom zu
durchwaten; mit der grten Anstrengung, doch ohne weiteren Verlust,
gewannen sie das stliche Ufer. Alexander gewhrte seinen erschpften
Truppen einen Tag Ruhe; sie lagerten sich lngs den bergigen Ufern des
Stromes.

Das war am 20. September. Der Abend kam, die ersten Nachtwachen rckten auf
ihre Posten am Flu und auf den Bergen; der Mond erhellte die Gegend, die
vielen den makedonischen Berglanden hnlich schien; da begann sich das
Licht des Vollmondes zu verdunkeln; bald war die Scheibe des hellen
Gestirnes vllig in Dunkel gehllt. Es schien ein groes Zeichen der
Gtter; besorgt traten die Kriegsleute aus ihren Zelten; viele frchteten,
da die Gtter zrnten; andere erinnerten, da, als Xerxes gegen
Griechenland gezogen, seine Magier die Sonnenfinsternis, die er in Sardes
gesehen, dahin gedeutet htten, da die Sonne das Gestirn der Hellenen, der
Mond das der Perser sei; jetzt verhllten die Gtter das Gestirn der
Perser, zum Zeichen ihres baldigen Unterganges. Dem Knige selbst deutete
der zeichenkundige Aristandros: das Ereignis sei zu seinen Gunsten, noch in
demselben Monate werde es zur Schlacht kommen. Dann opferte Alexander dem
Mond, der Sonne, der Erde, und auch die Opferzeichen verhieen Sieg. Mit
Anbruch des Morgens brach das Heer auf, um dem Heere der Perser zu
begegnen.

In sdlicher Richtung, auf der linken Seite die Vorhhen der gordyischen
Gebirge, auf der rechten den reienden Tigris zog das makedonische Heer
weiter, ohne auf eine Spur der Feinde zu stoen. Endlich am 24. wurde von
der Vorhut gemeldet, im Blachfelde zeige sich feindliche Reiterei, wie
stark, lasse sich nicht erkennen. Das Heer wurde rasch geordnet und rckte
zum Kampf fertig vor. Bald kam die weitere Meldung: man knne die Zahl der
Feinde auf ungefhr tausend Pferde schtzen. Alexander lie die knigliche
und eine andere Ile Hetairen und von den leichten Reitern (den Plnklern)
die Paionen aufsitzen und eilte mit ihnen, indem er dem brige Heere
langsam nachzurcken befahl, dem Feinde entgegen. Sobald ihn die Perser
heransprengen sahen, jagten sie mit verhngtem Zgel davon; Alexander
setzte ihnen nach, die meisten entkamen, manche strzten, sie wurden
niedergehauen, einige gefangen. Vor Alexander gebracht, sagten sie aus, da
Dareios nicht weit sdwrts bei Gaugamela an dem Flusse Bumodos, in einer
nach allen Seiten hin ebenen Gegend stehe, da sein Heer sich wohl auf eine
Million Menschen und mehr als vierzigtausend Pferde belaufe, da sie selbst
unter Mazos auf Kundschaft gesandt gewesen seien. Sofort machte Alexander
halt; ein Lager wurde am Hasser aufgeschlagen und sorgfltig verschanzt;
in der Nhe einer so ungeheuren bermacht war die grte Vorsicht geboten;
vier Tage Rast, die den Truppen gegnnt wurden, reichten hin, alles zur
entscheidenden Schlacht vorzubereiten.

Da sich weiter keine feindlichen Truppen zeigten, so war vorauszusetzen,
da Dareios eine fr seine Streitkrfte gnstige Gegend besetzt habe und
sich nicht wie frher durch das Zgern seiner Feinde und seine eigene
Ungeduld in ein ihm ungelegenes Terrain hinauslocken lassen wolle.
Alexander beschlo deshalb, ihm entgegenzurcken. Whrend alle unntige
Bagage und die zum Kampf untauglichen Leute im Lager zurckblieben, brach
das Heer in der Nacht vom 29. zum 30. September etwa um die zweite
Nachtwache, auf. Gegen Morgen erreichte man die letzten Hgel; man war dem
Feind auf sechzig Stadien nahe, aber die Hgel, die man vor sich hatte,
entzogen ihn noch dem Blick. Dreiig Stadien weiter, als das Heer ber jene
Hgel kam, sah Alexander in der weiten Ebene, etwa eine Stunde entfernt,
die dunklen Massen der feindlichen Linie. Er lie seine Kolonnen
haltmachen, berief die Freunde, die Strategen, die Ilarchen, die Anfhrer
der Bundesgenossen und Soldtruppen und legte ihnen die Frage vor, ob man
sofort angreifen oder an Ort und Stelle sich lagern und verschanzen und das
Schlachtfeld zuvor rekognoszieren solle? Die meisten waren dafr, das Heer,
das von Kampflust brenne, sogleich gegen den Feind zu fhren; Parmenion
dagegen riet zur Vorsicht: die Truppen seien durch den Marsch ermdet, die
Perser, schon lnger in dieser gnstigen Stellung, wrden wohl nicht
versumt haben, sie auf jede Weise zu ihrem Vorteil einzurichten; man knne
nicht wissen, ob nicht eingerammte Pfhle oder heimliche Gruben die
feindliche Linie deckten; die Kriegsregel erfordere, da man sich erst
orientiere und lagere. Diese Ansicht des alten Feldherrn drang durch;
Alexander befahl, die Truppen in der Ordnung, wie sie in die Schlacht
rcken sollten, auf den Hgeln im Angesicht der Feinde (bei Brtela), sich
lagern zu lassen. Das geschah am 30. September morgens.

Dareios seinerseits, obschon er lange Zeit die Ankunft der Makedonen
erwartet und in dem weiten Blachfelde jedes Hindernis bis auf das
Dorngestrpp und die einzelnen Sandhgel, die den strmischen Angriff
seiner Reiterschwrme oder den Lauf der Sensenwagen htten stren knnen,
aus dem Wege gerumt hatte, war durch die Nachricht von Alexanders Nhe und
dem sehr eiligen Rckzuge seiner Vorposten unter Mazos in einige Unruhe
versetzt worden; doch in der stolzen Zuversicht seiner Satrapen, die kein
unberufener Warner mehr strte, und den endlosen Reihen seines Heeres, vor
denen kein Charidemos oder Amyntas dem dichten Huflein der Makedonen den
nur zu gerechten Vorzug zu geben wagte, endlich in den eigenen Wnschen,
die so gern ihre Blindheit fr besonnene Kraft halten und die
zuversichtlichen Worte der Schmeichler lieber hren als die ernsten
Mahnungen des schon Geschehenen, fand der Perserknig bald Beruhigung und
Selbstvertrauen; seine Groen berzeugten ihn leicht, da er bei Issos
nicht dem Feinde, sondern dem engen Raume erlegen sei; jetzt sei Raum fr
die Kampflust seiner Hunderttausende, fr die Sensen seiner Kriegswagen,
fr seine indischen Elefanten; jetzt sei die Zeit gekommen, dem Makedonen
zu zeigen, was ein persisches Reichsheer sei. Da sah man am Morgen des 30.
auf der Hgelreihe nordwrts das makedonische Heer geordnet und wie zur
Schlacht geschart heranrcken; man erwartete, da es sofort zum Angriff
vorgehen werde; auch die persischen Vlker ordneten sich ber die weite
Ebene hinaus zur Schlacht.

Es folgte kein Angriff, man sah den Feind sich lagern; nur ein Reiterhaufe
mit einigen Scharen leichten Fuvolkes untermischt, zog von den Hgeln
herab durch die Ebene und, ohne sich der Linie der Perser zu nahen, wieder
zum Lager zurck. Der Abend kam; beabsichtigten die Feinde einen
nchtlichen Angriff? Das persische Lager, ohne Wall und Graben, htte nicht
Schutz gegen einen berfall gewhrt; die Vlker erhielten Befehl, die Nacht
hindurch unter den Waffen und in Schlachtordnung zu bleiben, die Pferde
gesattelt neben sich bei den Wachtfeuern zu halten. Dareios selbst ritt
whrend der Nacht an den Linien entlang, um die Vlker durch sein Antlitz
und seinen Gru zu begeistern. Auf dem uersten linken Flgel standen die
Vlker des Bessos, die Baktrianer, Daer und Sogdianer, vor ihnen hundert
Sensenwagen, zu ihrer Deckung links vorgeschoben 1000 baktrische Reiter und
die massagetischen Skythen, Mann und Ro gepanzert. Rechts auf Bessos
folgten die Arachosier und Berginder, dann eine Masse Perser, die aus
Reiterei und Fuvolk gemischt war, dann die Susier und die Kadusier, welche
sich an das Mitteltreffen anschlossen. Dieses Mitteltreffen umfate
zunchst die edelsten Perserscharen, die sogenannten Verwandten des Knigs
nebst der Leibwache der Apfeltrger; zu beiden Seiten derselben die
hellenischen Sldner, die sich noch im Dienst des Knigs befanden; ferner
noch ein Mitteltreffen die Inder mit ihren Elefanten, die sogenannten
Karier, Nachkommen der einst nach den oberen Satrapien Deportierten, die
mardischen Bogenschtzen, vor ihnen fnfzig Sensenwagen. Das Zentrum,
welches in der Schlacht am Pinaros so bald durchbrochen war, zu verstrken,
waren hinter demselben die Uxier, die Babylonier, die Kstenvlker des
Persischen Meeres und die Sitakener aufgestellt; es schien so in zwei- und
dreifachem Treffen fest und dicht genug, um den Knig in seine Mitte
aufzunehmen. Auf dem linken Flgel, zunchst an den Mardiern, standen die
Albaner und Sakasener, dann Phrataphernes mit seinen Parthern, Hyrkanern,
Tapuriern und Saken, dann Atropates mit den medischen Vlkern, nach ihnen
die Vlker aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser, endlich auf dem
uersten linken Flgel die kappadokischen und armenischen Reitervlker,
vor ihnen fnfzig Sensenwagen.

Die Nacht verging ruhig; Alexander hatte, nachdem er mit seinem
makedonischen Geschwader und dem leichten Fuvolke vom Rekognoszieren des
Schlachtfeldes zurckgekommen war, seine Offiziere um sich versammelt und
ihnen angezeigt, da er am folgenden Tage den Feind anzugreifen gedenke: er
kenne ihren und ihrer Truppen Mut, mehr als _ein_ Sieg habe ihn erprobt;
vielleicht wrde es notwendiger sein ihn zu zgeln, als anzufeuern; sie
mchten ihre Leute vor allem erinnern, schweigend anzurcken, um desto
furchtbarer beim Sturm den Schlachtgesang zu erheben: sie selbst sollten
besonders Sorge tragen, seine Signale schnell zu vernehmen und schnell
auszufhren, damit die Bewegungen rasch und mit Przision vor sich gingen;
sie mchten sich berzeugen, da auf jedem der Ausgang des groen Tages
beruhe; der Kampf gelte nicht mehr Syrien und gypten, sondern dem Besitz
des Orients; es werde sich entscheiden, wer herrschen solle. Mit lautem
Zuruf antworteten ihm seine Generale; dann entlie sie der Knig, gab den
Truppen Befehl zur Nacht zu essen und sich dann der Ruhe zu berlassen. Bei
Alexander im Zelte waren noch einige Vertraute, als Parmenion, wie erzhlt
wird, hereintrat, und nicht ohne Besorgnis von der unendlichen Menge der
persischen Wachtfeuer und dem dumpfen Tosen, das durch die Nacht
herbertne, berichtete: die feindliche bermacht sei zu gro, als da man
bei Tage und in offener Schlacht sich mit ihr zu messen wagen drfe; er
rate, jetzt bei Nacht anzugreifen, das Unvermutete und die Verwirrung eines
berfalls werde durch die Schrecken der Nacht verdoppelt werden. Alexanders
Antwort soll gewesen sein, er wolle den Sieg nicht stehlen. Weiter wird
erzhlt, da Alexander sich bald darauf zur Ruhe gelegt und ruhig den
brigen Teil der Nacht geschlafen habe; schon sei es hoher Morgen, schon
alles bereit zum Ausrcken gewesen, nur der Knig habe noch gefehlt,
endlich sei der alte Parmenion in sein Zelt gegangen und habe ihn dreimal
beim Namen gerufen, bis Alexander sich endlich ermuntert, sich rasch
gerstet habe.

Am Morgen des 1. Oktober rckte das makedonische Heer aus dem Lager auf den
Hhen, beim Gepck wurde thrakisches Fuvolk zurckgelassen. Bald stand das
Heer in der Ebene in Schlachtordnung; in der Mitte die sechs Taxen der
Phalanx, auf ihrer Rechten die Hypaspisten und weiter die acht Ilen der
makedonischen Ritterschaft; der Linken der Phalanx, der Taxis des Krateros,
sich anschlieend die Reiter der hellenischen Bundesgenossen, dann die
thessalische Ritterschaft. Den linken Flgel fhrte Parmenion, der mit der
pharsalischen Ile, der strksten der thessalischen Ritterschaft, die Spitze
des Flgels bildete. Auf der Spitze des rechten Flgels, mit dem Alexander
den Angriff machen wollte, an die knigliche Ile sich anschlieend ein Teil
der Agrianer, der Bogenschtzen und Balakros mit den Akontisten. Da bei der
ungeheuren bermacht des Feindes berflgelung unvermeidlich war und doch
dem Gewaltsto der Offensive, der die Entscheidung bringen mute, nur so
viel Krfte entzogen werden durften als die Rcken- und Flankendeckung der
angreifenden Schlachtlinie durchaus forderte, lie Alexander hinter den
Flgeln seiner Linie rechts und links je ein zweites Treffen formieren,
das, wenn der Feind die Linie im Rcken bedrohte, kehrtmachen und so eine
zweite Front bilden, wenn er gegen die Flanke losging, mit einer
Viertelschwenkung sich im Haken an die Linie anschlieen sollte. Als
Reserve des linken Flgels rckten auf: das thrakische Fuvolk, ein Teil
der Bndnerreiter unter Koiranos, die odrysischen unter Agathon, am
weitesten links die Sldnerreiter unter Andromachos; auf dem rechten
Flgel: Kleandros mit den alten Sldnern, die Hlfte der Bogenschtzen
unter Brison, der Agrianer unter Attalos, dann Aretes mit den
Sarissophoren, Ariston mit den paionischen Reitern, am Flgel rechts die
neugeworbenen hellenischen Reiter unter Menidas, die heute an der
gefhrlichsten Stelle ihre Waffenprobe machen sollten.

Die Heere beginnen vorzurcken; Alexander mit der makedonischen
Ritterschaft, dem rechten Flgel, ist dem feindlichen Zentrum, den
Elefanten der Inder, dem Kern des feindlichen Heeres, der doppelten
Schlachtlinie gegenber, von dem ganzen linken Flgel der Feinde berragt.
Er lt aus der rechten Flanke halbrechts vorrcken, des Kleitos Ile und
das leichte Volk zu ihrer Rechten voran, dann die zweite, die dritte usw.
Ile, die Hypaspisten usw., staffelfrmig eine Abteilung nach der andern;
Bewegungen, die mit der grten Stille und Ordnung ausgefhrt werden,
whrend die Feinde bei ihren groen Massen eine Gegenbewegung aus ihrer
linken Flanke nicht ohne Verwirrung versuchen. Immer noch berragt ihre
Linie bei weitem die der Makedonen, und die skythischen Reiter des
uersten Flgels traben schon zum Angriff gegen die leichten Truppen in
Alexanders Flanke vor, sind ihnen schon nahe. Ohne sich durch dies Manver
irremachen zu lassen, setzt Alexander seine Bewegung halbrechts vorwrts
fort; nicht mehr lange und er wird an der hier zum Gebrauch der Sensenwagen
geebneten Stelle vorber sein. Von deren vernichtendem Einbrechen -- es
stehen hier hundert Wagen der Art -- hat sich der Perserknig besonderen
Erfolg versprochen; er befiehlt jetzt jenen skythischen und den tausend
baktrischen Reitern, den feindlichen Flgel zu umreiten und damit das
weitere Vorrcken des Feindes zu hindern. Alexander lt gegen sie die
hellenischen Reiter des Menidas vorgehen; ihre Zahl ist zu gering, sie
werden geworfen. Die Bewegung der Hauptlinie fordert hier mglichst festen
Widerstand, die paionischen Reiter unter Ariston werden zu Menidas'
Untersttzung vorgeschickt; vereint strmen sie vor, so heftig, da die
Skythen und die tausend Baktrier weichen mssen. Aber schon jagt die Masse
der anderen baktrischen Reiter an Alexanders Flgel vorber, die geworfenen
sammeln sich um sie, die ganze bermacht strzt sich auf Ariston und
Menidas; auf das heftigste wird gekmpft; die Skythen, Mann und Ro
gepanzert, setzen den Ponen und Veteranen hart zu, deren viele fallen;
aber sie weichen nicht, sie machen Ile um Ile ihren Schock, sie drngen die
bermacht fr den Augenblick zurck.

Die makedonische Front hat sich indes in schrger Linie weiter und weiter
vorgeschoben; jetzt sind die makedonischen Ilen und die Hypaspisten den
hundert Sensenwagen des linken Flgels gegenber, da brechen diese los und
jagen gegen die Linie heran, die sie zerreien sollen. Aber die Agrianer
und die Bogenschtzen empfangen sie unter lautem Geschrei mit einem Hagel
von Pfeilen, Steinen und Speeren; viele werden schon hier aufgefangen, die
stutzenden Pferde bei den Zgeln ergriffen und niedergestochen, das
Riemenzeug durchhauen, die Knechte herabgerissen; die anderen, welche auf
die Hypaspisten zu jagen, werden entweder von den dicht verschildeten
Rotten mit vorgestreckten Spieen empfangen und von den strzenden
Gespannen im Laufe gehemmt, oder jagen durch die ffnungen, welche die
schnell rechts und links eindublierten Rotten bilden, unbeschdigt und ohne
zu beschdigen, hindurch, um hinter der Front den Reitknechten in die Hnde
zu fallen.

Nun beginnt die ganze Massenlinie des Perserheeres, die sich bisher links
geschoben, wie zum Angriff vorzurcken, whrend das Reitergefecht in
Alexanders Flanke von Ariston und Menidas nur noch mit der grten
Anstrengung unterhalten wird. Jetzt dem Feinde vielleicht auf
Pfeilschuweite nahe, lt Alexander in rascherem Tempo vorgehen, befiehlt
zugleich, da Aretes mit den Sarissophoren -- es ist die letzte Kavallerie
seines zweiten Treffens -- den schwer Kmpfenden unter Menidas und Ariston
zu Hilfe eilt. So wie man auf Seiten der Perser diese Bewegung sieht,
traben die nchsten Reitermassen des Flgels den Baktriern nach; es
entsteht so eine Lcke in ihrem linken Flgel. Der Moment, den Alexander
erwartet, ist da. Er lt das Signal zum Vorsto geben, an der Spitze von
Kleitos' Ile sprengt er voran, die anderen Ilen, die Hypaspisten folgen mit
Alala! im Sturmschritt; dieser Keilangriff reit die feindliche Linie
vllig auseinander; schon sind auch die nchsten Phalangen, Koinos,
Perdikkas heran, mit vorstarrenden Spieen strmen sie auf die
Schlachthaufen der Susianer, der Kadusier, auf die Scharen, die den Wagen
des Knigs Darius decken; nun ist kein Halten, kein Widerstand mehr. Den
wtenden Feind vor Augen, inmitten der pltzlichsten, wildesten,
lrmendsten Verwirrung, der mit jedem Augenblick wachsenden Gefahr fr
seine Person ratlos gegenber, gibt er alles verloren, wendet sich zur
Flucht; nach tapferster Gegenwehr folgen die Perser, ihres Knigs Flucht zu
schirmen; die Flucht, die Verwirrung reit die Schlachthaufen der zweiten
Linie mit sich. Das Zentrum ist vernichtet.

Zugleich hat die ungeheure Heftigkeit, mit der Aretes in die feindlichen
Haufen eingebrochen, das Gefecht im Rcken der Linie entschieden; die
skythischen, baktrischen, persischen Reiter suchen, von den Sarissophoren,
den hellenischen, ponischen Reitern auf das heftigste verfolgt, das Weite.
Der linke Flgel der Perser ist vernichtet.

Anders der rechte. Den raschen Bewegungen des Angriffes haben Alexanders
Schwerbewaffnete nur mit Mhe folgen, sie haben nicht geschlossen bleiben
knnen; zwischen der letzten Taxis, der des Krateros und der rechts ihr
nchsten, die Simmias fhrt, ist eine Lcke entstanden; Simmias hat
haltmachen lassen, da Krateros und der ganze Flgel Parmenions in schwerer
Gefahr ist. Ein Teil der Inder und der persischen Reiter der feindlichen
Mitte hat jene Lcke rasch benutzt, hat sich da hindurch, vom zweiten
Treffen nicht gehindert, auf das Lager gestrzt, die wenigen Thraker,
leicht bewaffnet und keines Angriffes gewrtig, vermgen den mrderischen
Kampf in den Lagerpforten nur mit grter Anstrengung zu halten; da brechen
die Gefangenen los, fallen ihnen whrend des Kampfes in den Rcken; die
Thraker werden berwltigt; schreiend und jubelnd strzen sich die Barbaren
ins Lager zu Raub und Mord. Wie die Fhrer der zweiten Linie links,
Sitalkes, Koiranos, der Odryser Agathon, Andromachos innewerden, was
geschehen ist, lassen sie kehrtmachen, fhren ihre Truppen so schnell wie
mglich gegen das Lager, werfen sich auf den schon plndernden Feind,
berwltigen ihn nach kurzem Gefecht; viele Barbaren werden niedergemacht,
die anderen jagen ohne Ordnung rckwrts, auf das Schlachtfeld zurck, den
makedonischen Ilen ins Eisen.

Parmenion hatte -- denn zugleich mit jenem Durchbruch durch die Lcke waren
die anderen Inder und Perser, die parthischen Reiter mit ihnen, der
thessalischen Ritterschaft in die Flanke gekommen -- an Alexander die
Meldung gesandt, da er in schwerer Gefahr sei, da er Verstrkung haben
msse, oder alles sei verloren. Die Antwort des Knigs soll gelautet haben:
Parmenion msse von Sinnen sein, jetzt Hilfe zu verlangen, mit dem Schwert
in der Hand werde er zu siegen oder zu sterben wissen. Aber die schon
begonnene Verfolgung gibt Alexander auf, um erst zu helfen; er eilt mit
allem, was er an Truppen zur Stelle hat, nach dem rechten persischen
Flgel, der noch steht; er stt zuerst auf die schon aus dem Lager
zurckgeschlagenen Perser, Inder, Parther, die sich schnell (im Kehrt)
sammeln und geschlossen in Ilentiefe ihn empfangen. Das Reitergefecht, das
sich hier entspinnt, ist furchtbar und lange schwankend; Mann gegen Mann
wird gerungen, die Perser kmpfen um ihr Leben; an sechzig von den Hetairen
fallen, sehr viele, unter ihnen Hephaistion, Menidas, werden schwer
verwundet; endlich ist der Sieg auch hier entschieden; die sich
durchgeschlagen, berlassen sich unaufhaltsam der Flucht.

Ehe Alexander so kmpfend bis zum rechten Flgel der Perser hindurchdrang,
hatte auch die thessalische Ritterschaft, so schwer sie von Mazaios
bedrngt wurde, das Gefecht wiederhergestellt, die kappadokischen,
medischen, syrischen Reitermassen zurckgeschlagen; sie war bereits im
Verfolgen, als Alexander zu ihr kam. Da er auch hier das Werk getan sah,
jagte er zurck und in der Richtung, die der Groknig genommen zu haben
schien, ber das Schlachtfeld; er setzte ihm nach, solange es noch hell
war. Er erreichte, whrend Parmenion das feindliche Lager am Bumodos, die
Elefanten und Kamele, die Wagen und Lasttiere der ungeheuren Bagage nahm,
den Lykos-Flu, vier Stunden jenseits des Schlachtfeldes. Hier fand man ein
furchtbares Gewirre flchtender Barbaren, noch grlicher durch die
Dunkelheit der einbrechenden Nacht, durch das erneute Gemetzel, durch den
Einsturz der berfllten Flubrcke; bald machte die Furcht den Heerweg
frei, aber Alexander mute, da Pferde und Reiter von der ungeheuren
Anstrengung auf das uerste ermdet waren, einige Stunden rasten lassen.
Um Mitternacht, als der Mond aufgegangen war, brach man von neuem auf nach
Arbela, wo man Dareios, sein Feldgert, seine Schtze zu erbeuten hoffte.
Man kam im Laufe des Tages dort an, Dareios war fort; seine Schtze, sein
Wagen, sein Bogen und Schild, sein und seiner Groen Feldgert, ungeheure
Beute fiel in Alexanders Hnde.

Dieser groe Sieg auf der Ebene von Gaugamela[9] kostete nach Arrian der
makedonischen Ritterschaft allein 60 Tote; es waren ber 1000 Pferde, davon
die Hlfte bei der makedonischen Ritterschaft, gestrzt oder gettet; nach
den hchsten Angaben fielen makedonischerseits 500 Mann; Zahlen, die gegen
den Verlust der Feinde, der auf 30000 Mann, ja 90000 Mann angegeben wird,
unverhltnismig erscheinen, wenn man nicht bedenkt, da einerseits, bei
der trefflichen Bewaffnung der Makedonen, im Handgemenge nicht viele
tdlich verwundet wurden, und da anderseits erst beim Verfolgen das
Fleischhandwerk beginnen konnte; alle Schlachten nicht blo des Altertums
beweisen, da der Verlust der Fliehenden bis ins Unglaubliche grer ist
als der der Kmpfenden.

    [9] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Mit dieser Schlacht war Dareios' Macht gebrochen; von seinem zersprengten
Heere sammelten sich einige tausend baktrische Reiter, die berreste der
hellenischen Sldner, gegen 2000 Mann unter dem toler Glaukias und dem
Phokier Patron, die Melophoren und Verwandten, im ganzen ein Heer von 3000
Reitern und 6000 Mann zu Fu; mit diesen wandte sich Dareios in
unaufhaltsamer Flucht nordostwrts durch die Psse Mediens nach Ekbatana;
dort hoffte er vor dem furchtbaren Feinde wenigstens fr den Augenblick
sicher zu sein, dort wollte er abwarten, ob sich Alexander mit den
Reichtmern von Susa und Babylon begngen, ihm das altpersische Land lassen
werde, das mchtige Gebirgswlle von dem aramischen Tieflande scheiden;
erstieg der unersttliche Eroberer dennoch die hohe Burg Irans, dann war
des Groknigs Plan, weit und breit verwstend ber die Nordabhnge des
Hochlandes nach Baktrien, dem letzten Quartier des einst so weiten Reiches,
zu flchten.

Von der groen Masse der Zersprengten, die sdwrts in der Richtung auf
Susa und Persien geflohen war, fanden sich noch 25000, nach anderen 40000
Mann zusammen, die unter Fhrung des persischen Satrapen Ariobarzanes, des
Artabazos Sohn, die persischen Psse besetzten und sich hinter ihnen auf
das sorgfltigste verschanzten. Wenn irgendwo, so war an dieser Stelle noch
das persische Reich zu retten; es wre vielleicht gerettet worden, wenn
Dareios nicht den nchsten Weg gesucht, nicht durch seine Flucht nach dem
Nordabhang von Iran die Satrapien sdwrts sich selbst und der Treue der
Satrapen berlassen htte. Denn diese waren nicht alle wie Ariobarzanes
gesinnt; sie mochten in ihrer ebenso verlockenden wie schwierigen Stellung
gern den landflchtigen Herrn vergessen, um sich der Hoffnung einer
vielleicht lngst ersehnten Unabhngigkeit hinzugeben, oder durch
freiwillige Unterwerfung von dem gromtigen Sieger mehr zu gewinnen, als
sie durch die Flucht ihres Knigs verloren hatten. Die Vlker selbst, die,
wenn Darius an den Pforten Persiens fr sein Knigtum zu kmpfen htte
wagen wollen, nach ihrer Weise zu neuem Kampf zusammengestrmt wren, und
die natrliche Grenze ihres Landes, die sich so oft und so wirksam in der
Geschichte geltendgemacht hat, vielleicht mit Erfolg verteidigt htten,
diese kriegerischen Reiter- und Rubervlker, die Alexander zum Teil mit
Mhe und spt bewltigt, zum Teil nie anzugreifen gewagt hat, waren durch
jene Flucht des Darius sich selbst berlassen und gleichsam auf verlorenen
Posten gestellt, ohne da die Sache des Knigs von ihnen den geringsten
Vorteil gehabt htte. So gewann der Sieg von Gaugamela durch die
unglaubliche Verwirrung, in welche Darius, zu allem bereit, um irgend etwas
zu retten, immer tiefer versank, jene lawinenhaft wachsende Wirkung, welche
die persische Macht bis auf den letzten Rest vertilgen sollte.

Alexander folgte weder dem Groknige die Gebirgspsse hinauf, noch den auf
der Strae nach Susa Flchtenden. Er zog an den Vorbergen der iranischen
Randgebirge entlang die Strae nach Babylon, der Knigin im weiten
aramischen Tieflande, und seit Dareios Hystaspis' Zeit der Kapitale des
persischen Reiches; der Besitz dieser Weltstadt war der erste Preis des
Sieges von Gaugamela. Alexander erwartete Widerstand zu finden; er wute,
wie ungeheuer die Mauern der Semiramis seien, was fr ein Netz von
Kanlen sie umschliee, wielange die Stadt die Belagerung des Kyros und
Dareios ausgehalten hatte; er erfuhr, da sich Mazaios, der bei Gaugamela
am lngsten und glcklichsten das Feld behauptet, nach Babylon geworfen
habe; es war zu frchten, da sich die Szenen von Halikarna und Tyros
wiederholten. Alexander lie, sobald er sich der Stadt nahte, sein Heer
schlagfertig vorrcken; aber die Tore ffneten sich, die Babylonier mit
Blumenkrnzen und reichen Geschenken, die Chalder, die ltesten der
Stadt, die persischen Beamten an der Spitze, kamen ihm entgegen; Mazaios
bergab die Stadt, die Burg, die Schtze und der abendlndische Knig hielt
seinen Einzug in die Stadt der Semiramis.

Hier wurde den Truppen lngere Rast gegeben; es war die erste wahrhaft
morgenlndische Grostadt, die sie sahen; ungeheuer in ihrem Umfange,
voller Bauwerke der staunenswrdigsten Art: die Riesenmauer, die hngenden
Grten der Semiramis, des Belos Wrfelturm, an dessen massigem Bau sich
Xerxes' wahnsinnige Wut ber die salaminische Schmach vergebens versucht
haben sollte; dazu die endlose Menschenmenge, die hier aus Arabien und
Armenien, aus Persien und Syrien zusammenstrmte, dazu die berschwengliche
Pracht und Lsternheit des Lebens, der tausendfltige Wechsel raffinierter
Wollust und ausgewhltester Gensse; dieser ganze mrchenhafte Zauber
morgenlndischer Taumellust ward hier den Shnen des Abendlandes als Preis
so vieler Mhen und Siege. Wohl mochte der krftige Makedone, der wilde
Thraker, der heibltige Grieche hier Sieges- und Lebenslust in berreichen
Zgen schlrfen und auf duftigen Teppichen, bei goldenen Bechern, im
lrmenden Jubelschall babylonischer Gelage schwelgen, mochte mit wilderer
Begier den Genu, mit neuem Genu sein brennendes Verlangen, mit beiden den
Durst nach neuen Taten und neuen Siegen steigern. So begann sich Alexanders
Heer in das asiatische Leben hineinzuleben und sich mit denen, die das
Vorurteil von Jahrhunderten gehat, verachtet, Barbaren genannt, zu
vershnen und zu verschmelzen; es begann sich Morgen- und Abendland zu
durchgren und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst
verlieren sollten.

Mag es klares Bewutsein, glckliches Ungefhr, notwendige Folge der
Umstnde genannt werden, jedenfalls traf Alexander in den Maregeln, die er
whlte, die einzig mglichen und die richtigen. Hier in Babylon war mehr
als irgendwo bisher das Heimische mchtig, naturgem und in seiner Art
fertig; whrend Kleinasien dem hellenischen Leben nahe, gypten und Syrien
demselben zugnglich war und mit ihm durch das gemeinsame Meer in
Verbindung stand, in Phnikien griechische Sitten schon lnger in den
Husern der reichen Kaufherren und vieler Frsten eingefhrt, im Lande des
Nildelta durch griechische Ansiedelungen, durch Kyrenes Nachbarschaft,
durch mannigfache Verbindungen mit hellenischen Staaten seit der
Pharaonenzeit bekannt und eingebrgert war, lag Babylon fern von aller
Berhrung mit dem Abendlande, tief stromab bei dem Doppelstrome des
aramischen Landes, das durch die Natur, durch Handel, Sitte und Religion,
durch die Geschichte vieler Jahrhunderte eher nach Indien und Arabien als
nach Europa wies; hier in Babylon lebte man noch in dem vollen Leben einer
uralten Kultur, man schrieb noch wie seit Jahrhunderten Keilschrift auf
Tonplatten, beobachtete und berechnete den Lauf der Gestirne, zhlte und
ma nach einem vollendeten metrischen System, war in aller technischen
Kultur immer noch in unerreichter Meisterschaft. In dieses fremde,
buntgemischte, in sich gesttigte Vlkerleben kamen jetzt die ersten
hellenischen Elemente, der Masse nach unbedeutend gegen das Heimische und
ihm nur durch die Fhigkeit, sich ihm anzuschmiegen, berlegen.

Dazu ein Zweites. Im Felde geschlagen war freilich die persische Macht;
berwunden, hinweggetilgt war sie noch keineswegs. Wollte Alexander nur als
Makedone und Hellene an des Groknigs Stelle herrschen, so war er schon zu
weit gegangen, als er die Grenzen abendlndischer Nachbarschaft
berschritt, auch jenseits der syrischen Wste seine Eroberung
fortzusetzen. Wollte er die Vlker Asiens nichts als den Namen der
Knechtschaft tauschen, sie nichts als den hrteren, den demtigenden Druck
hherer oder doch khnerer geistiger Entwicklung empfinden lassen, so war
kaum der Augenblick des Sieges ihres Gehorsams gewi, und _ein_ Wutausbruch
der Volksmasse, _eine_ Seuche, _ein_ zweifelhafter Erfolg htte gengt, die
Chimre selbstschtiger Eroberung zu zerstren. Alexanders Macht, der Masse
nach den asiatischen Gebieten und Vlkern gegenber unverhltnismig
gering, mute in den Wohltaten, die sie den Besiegten brachte, ihre
Rechtfertigung, in deren Zustimmung, ihren Halt und ihre Zukunft finden;
sie mute sich grnden auf die Anerkennung jeder Volkstmlichkeit in Sitte,
Gesetz und Religion, soweit sie mit dem Bestehen des Reiches vereinbar war.
Was die Perser so tief gedrckt hatten und so gern erdrckt htten, was nur
ihre Ohnmacht oder Sorglosigkeit der Tat, nicht dem Rechte nach hatte
gewhren lassen, das mute nun neu und frei erstehen und sich unmittelbar
zum hellenischen Leben verhalten, um mit ihm verschmelzen zu knnen. War
nicht desselben Weges und seit Jahrhunderten die wundervolle koloniale
Entwicklung der Hellenen vor sich gegangen? Hatte nicht bei den Skythen im
taurischen Lande wie bei den Afrikanern der Syrte, in Kilikien wie an der
keltischen Rhonemndung ihre Begabung, das Fremde aufzufassen,
anzuerkennen, sich mit ihm zu verstndigen und zu verschmelzen, die Flle
neuer lebensvollster Gestaltungen geschaffen, hellenisierend das
Hellenische selbst der Zahl und der Spannkraft nach fort und fort
gesteigert? Da in dieser Richtung Alexanders Gedanken gingen, dafr kann
als Beweis gelten, wie er in Memphis und Tyros und immerhin auch Jerusalem
Feste feierte nach der Landesart, wie er in Babylon die von Xerxes
geplnderten Heiligtmer von neuem zu schmcken, den Belosturm
wiederherzustellen, den Dienst der babylonischen Gtter fortan frei und
prchtig, wie zu Nebukadnezars Zeit, zu begehen befahl. So gewann er die
Vlker fr sich, indem er sie sich selbst und ihrem volkstmlichen Leben
wiedergab; so machte er sie fhig, auf ttige und unmittelbare Weise in den
Zusammenhang des Reiches, das er zu grnden im Sinne trug, einzutreten,
eines Reiches, in dem die Unterschiede von Abend und Morgen, von Hellenen
und Barbaren, wie sie bis dahin die Geschichte beherrscht hatten,
untergehen sollten zu der Einheit einer Weltmonarchie.

Wie aber sollte das Reich organisiert und verwaltet, wie in der politischen
und militrischen Form der Gedanke durchgefhrt werden, der fr das
brgerliche und kirchliche Wesen die Norm gab? Sollten fortan die Satrapen,
die Umgebung des Knigs, die Groen des Reiches, das Heer nur Makedonen
und Hellenen sein, so war jene Ineinsbildung nur Vorwand oder Illusion, die
Volkstmlichkeit nicht anerkannt, sondern nur geduldet, die Vergangenheit
nur durch das Unglck und schmerzliche Erinnerungen an die Zukunft
geknpft, und statt der asiatischen Herrschaft, die wenigstens in demselben
Weltteile erwachsen war, ein fremdes, unnatrliches, doppelt schweres Joch
ber Asien gekommen.

Die Antwort auf diese Fragen bezeichnet die Katastrophe in Alexanders
Heldenleben; es ist der Wurm, der an der Wurzel seiner Gre nagt, das
Verhngnis seiner Siege, das ihn besiegt.

Whrend der Knig Persiens die letzten Wege flieht, beginnt Alexander sich
mit dem Glanze des persischen Knigtums zu schmcken, die Groen Persiens
um sich zu sammeln, sich mit dem Namen, den er bekmpft und gedemtigt hat,
zu vershnen, dem makedonischen Adel einen Adel des Morgenlandes
hinzuzufgen.

Schon seit dem Herbst 334 ist Mithrines von Sardes, dann seit dem Fall von
Tyros und Gaza Mazakes und Amminapes von gypten in Amt und Ehren bei ihm.
Der Tag von Gaugamela hat den Stolz und das Selbstvertrauen der persischen
Groen gebrochen, sie lernen die Dinge mit anderen Augen als bisher
ansehen; die bertritte mehren sich, zumal seit Mithrines die stets
hochgehaltene Satrapie Armenien, Mazaios, der, wenn einer, tapfer gegen
Alexander gekmpft, die reiche babylonische erhalten hat. Der persische
Adel zu einem guten Teil gibt die Sache des landflchtigen Achmeniden auf
und sammelt sich um den Sieger.

Natrlich, da ihnen Alexander, soweit irgend mglich, entgegenkommt. Aber
ebenso natrlich, da, wenn er einem Perser eine Satrapie gibt, oder seine
bisherige lt, neben demselben die bewaffnete Macht in der Satrapie aus
makedonischen Truppen gebildet und unter makedonische Befehlshaber gestellt
wird; ebenso natrlich, da die Finanz der Satrapien von dem
Geschftsbereich des Satrapen getrennt, die Tributerhebung an makedonische
Mnner gegeben wird.

So jetzt in der babylonischen Satrapie. Dem Satrapen Mazaios wurde fr die
Tribute Asklepiodoros an die Seite gesetzt; die Stadt Babylon erhielt eine
starke Garnison, die auf der Burg ihr Quartier nahm, unter Agathon, dem
Bruder Parmenions, whrend die Strategie ber die bei dem Satrapen
bleibenden Truppen Apollodoros aus Amphipolis erhielt; auerdem wurde
Menos, einer der sieben Somatophylakes, als Hyparch fr Syrien, Phnikien
und Kilikien bestellt, und die ntigen Truppen unter seinen Befehl
gestellt, die groe Passage von Babylon zur Kste und die Transporte aus
dem Morgenlande nach Europa und umgekehrt zu sichern, eine Einrichtung, die
wegen der Raubsucht der in der Wste hausenden Beduinenstmme doppelt
notwendig wurde. Der erste Transport war eine Summe von etwa dreitausend
Talent Silber, von denen ein Teil an Antipatros gehen sollte, damit er den
eben jetzt beginnenden Krieg gegen Sparta mit Nachdruck fhren knne, das
brige aber zu mglichst ausgedehnten Werbungen fr die groe Armee
bestimmt ward.

Whrend des etwa dreiigtgigen Aufenthaltes in Babylon war Susa, die Stadt
des persischen Hoflagers und der kniglichen Schtze, auf gtlichem Wege
gewonnen worden. Schon von Arbela aus hatte Alexander den Makedonen
Philoxenos, wie es scheint an der Spitze eines leichten Korps,
vorausgesandt, um sich der Stadt und der kniglichen Schtze zu versichern;
er erhielt jetzt von ihm den Bericht, da sich Susa freiwillig ergeben
habe, da die Schtze gerettet seien, da sich der Satrap Abulites der
Gnade Alexanders unterwerfe. Alexander langte zwanzig Tage nach seinem
Aufbruch von Babylon in Susa an; er nahm sofort die ungeheuren Schtze in
Besitz, die in der hohen Burg der Stadt, dem kissischen Memnonion der
griechischen Dichter, seit den ersten Perserknigen aufgehuft lagen;
allein des Goldes und Silbers waren fnfzigtausend Talente, dazu noch die
aufgehuften Vorrte von Purpur, Rauchwerk, edlen Gesteinen, der ganze
berreiche Hausrat des ppigsten aller Hfe, auch mehrfache Beute aus
Griechenland von Xerxes' Zeit her, namentlich die Erzbilder der
Tyrannenmrder Harmodios und Aristogeiton, die Alexander den Athenern
zurcksandte.

Whrend das Heer noch in Susa und an den Ufern des Choaspes verweilte, kam
der Strateg Amantas, welcher vor einem Jahre von Gaza aus heimgesandt war,
Verstrkungen zu holen, mit den neuen Truppen heran. Ihre Einordnung in die
verschiedenen Heeresabteilungen war zugleich der Anfang einer neuen
Formation der Armee[10], die im Lauf des nchsten Jahres und nach den neuen
Gesichtspunkten, die der Fortgang des Krieges in den oberen Satrapien an
die Hand gab, weiter entwickelt wurde; den Anfang machte, da die Ilen der
makedonischen Ritterschaft in zwei Lochen formiert und damit so zu sagen
taktisch verdoppelt wurden.

    [10] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Im spteren wird auf diese Reorganisation zurckzukommen sein. Sie leitet
die groe Umwandlung ein, die, wie man Alexanders Verhalten in ihr auch
beurteilen mag, aus der Konsequenz des Werkes, das er unternommen hatte,
und den Bedingungen, die das Gelingen forderte, sich notwendig ergab.

Alexander gedachte demnchst, es mochte Mitte Dezember sein, nach den
Knigsstdten der Landschaft Persis aufzubrechen, mit deren Besitz der
Glaube der Vlker die Herrschaft ber Asien untrennbar verbunden zu denken
gewohnt war; er dort auf dem Throne der Groknige, in den Palsten des
Kyros, Dareios und Xerxes bestand fr sie der Beweis fr den Sturz der
Achmenidendynastie. Er eilte, die Angelegenheiten des susianischen Landes
zu ordnen. Er besttigte dem Satrapen Abulites die Satrapie, bergab die
Burg der Stadt Susa an Mazaros, die Feldhauptmannschaft der Satrapie nebst
einem Korps von dreitausend Mann an Archelaos; er wies die Schlsser von
Susa der Mutter und den Kindern des Perserknigs, die bisher in seiner Nhe
gewesen waren, als knftige Residenz an und umgab sie mit kniglichem
Hofstaat; man erzhlt, da er einige griechische Gelehrte an dem Hofe der
Prinzessinnen zurcklie, mit dem Wunsch, sie mchten von diesen Griechisch
lernen. Nach diesen Einrichtungen brach er mit dem Heere nach Persien auf.

Unter den mannigfachen militrischen Schwierigkeiten, welche Alexanders
Feldzge denkwrdig machen, ist die Orientierung in vllig fremden Lndern
nicht die geringste. Jetzt galt es, aus dem Tiefland nach dem hohen Iran
hinaufzusteigen, nach Landschaften, von deren Gestaltung, von deren
Ausdehnung, von deren Hilfsmitteln, Straen, klimatischen Verhltnissen,
die Griechenwelt bisher auch nicht die geringste Kenntnis hatte. Man wird
annehmen drfen, da sich Alexander aus den Mitteilungen der persischen
Mnner, deren er bereits genug in seiner Umgebung hatte, eine ungefhre
Vorstellung von den geographischen Verhltnissen der Gebiete, auf die er
sich zunchst zu wenden hatte, zu bilden verstand; das einzelne mute sich
dann aus den Umstnden und aus Erkundigungen an Ort und Stelle ergeben.

Zunchst galt es, aus der Ebene Susianas durch hchst schwierige Psse nach
den Knigstdten in der hohen Persis zu gelangen. Die Strae, die Alexander
einzuschlagen oder vielmehr sich zu ffnen hatte, war die, welche fr die
Zge des persischen Hofes zwischen Persepolis und Susa eingerichtet war.
Sie fhrte zunchst durch die reiche susianische Ebene, ber den Kopratas
(Disful) und den Eulaios (Karun bei Shuster), die sich vereinigen und als
Pasitigris (kleiner Tigris) in das Erythrische Meer flieen, -- dann
weiter ber zwei Flsse, deren alte Namen nicht mehr festzustellen sind,
den Jerahi bei Ram Hormus und den Tab (Arosis?). Zwischen beiden fhrt ein
Pa aus der Ebene in die Berge, derselbe Pa, wie es scheint, der von den
Alten der Pa der Uxier genannt wurde. Denn die Uxier wohnten teils in der
Ebene, teils in den Bergen, die diese im Nordosten begleiten; nur die in
der Ebene waren dem Groknige unterworfen; die Berguxier gewhrten, wenn
der Hof des Weges zog, nur gegen reiche Geschenke den Durchzug durch jenen
Pa, den sie in ihrer Gewalt hatten. Dieselben Randgebirge des hohen Iran,
die bei Ninive bis nah an den Tigris reichen, begleiten in sdstlichem
Zuge die Ebene der Susianer und der Uxier, in mehreren Terrassen
hintereinander bis zur Schneehhe emporsteigend; weiter sdstlich, wo
statt der Ebene und sie gleichsam fortsetzend das Erythrische Meer tief
in das Land einschneidet, mehrt sich die Zahl dieser von der Kste
aufsteigenden Terrassen bis zu acht und neun Berglinien hintereinander,
ber die man von dem Meerbusen aus gegen zwanzig Meilen entfernt die
Schneedecke des Kuh-i-Baena als Zentralmasse emporragen sieht. In dieses
Labyrinth von Bergzgen, durchbrechenden Bergstrmen, kleinen Ebenen,
Pssen zwischen ihnen, fhrt die Fahrstrae; nachdem sie jene Uxierpsse
hinter sich hat, nach Bebehan, dann sdstlich ber die Ebene von Lasther,
weiter ostwrts zu der von Basht, dann in die von Fahiyan, von so mchtigen
Bergen umschlossen, da das Dorf nur am Morgen die Sonne sieht, den brigen
Tag im Schatten liegt. Dies nach Osten streichende Tal schliet der
Felskegel von Kala-Safid, der mit der Feste auf seiner Hhe den Weg vllig
sperrt. Das sind die persischen Psse auf der Fahrstrae ber Schiras nach
Persepolis; wer sie vermeiden will, wendet sich bei Fahiyan sdwrts und
erreicht ber Kasran bsen Feldweg auf und nieder Schiras. Da man jenen
Pa nordwrts umgehen, da man vom Tab her einen krzeren Weg als die
Fahrstrae nehmen kann, zeigt Alexanders Marsch. Gleich bei Bebehan fhrt
ein Weg zur Linken nordostwrts, ersteigt bei Tang-i-Tobak die nchsthhere
Terrasse und scheint dann bei Basht in die groe Strae zu fhren; dann
wieder bei Fahiyan wird ein Weg angegeben, der gerade nordwrts in das
Gebirge fhrt und jenseits Kala-Safid in die hinter der Feste liegende
kleine Ebene hinabsteigt.

So die Wege, die Alexander zu nehmen hatte, um Persepolis und Pasargadai zu
erreichen; die Jahreszeit war nichts weniger als gnstig, es mute schon
tiefer Schnee in den Bergen liegen, es muten die bei der Seltenheit der
Ortschaften hufigen Biwaks und die kalten Nchte den an sich schon
beschwerlichen Zug noch schwieriger machen; es kam dazu, da man Widerstand
von seiten der Uxier und noch mehr von seiten des Ariobarzanes, der sich
mit bedeutender Truppenmacht in den hheren Pssen verschanzt hatte,
erwarten konnte. Dennoch eilte Alexander nach Persien, nicht blo um sich
des Landes, der Schtze von Persepolis und Pasargadai und des Weges ins
Innere Irans zu versichern, sondern und namentlich, damit nicht durch
lngeres Zgern der Perserknig Zeit gewann, groe Rstungen zu machen und
sich von Medien hierher zu wenden, um die Heimat des persischen Knigtums
und die hohe Pforte der Achmeniden hinter den so schwierigen persischen
Pssen zu verteidigen.

So zog Alexander mit seinem Heere ber die Ebene Susianas, berschritt in
wenigen Tagen den Pasitigris und betrat das Gebiet der tallndischen Uxier,
die, schon dem Perserknige unterworfen und unter der Herrschaft des
susianischen Satrapen, sich ohne weiteres ergaben. Die Berguxier dagegen
sandten Abgeordnete an ihn mit der Botschaft: nicht anders wrden sie ihm
den Durchzug gestatten, als wenn sie die Geschenke, die die Perserknige
gegeben htten, auch von ihm erhielten. Je wichtiger die freie Passage nach
dem oberen Lande war, destoweniger konnte Alexander sie in den Hnden des
trotzigen Bergvolkes lassen; er lie ihnen sagen, sie mchten in die
Engpsse kommen und sich dort ihr Teil holen.

Mit dem Agema und den anderen Hypaspisten, mit noch etwa achttausend Mann
meist leichter Truppen wandte er sich, von Susianern gefhrt, bei Nachtzeit
auf einen anderen sehr schwierigen Gebirgspfad, der von den Uxiern
unbesetzt geblieben war; mit Tagesanbruch erreichte er die Dorfschaften
derselben: die meisten derer, die daheim waren, wurden auf ihren Lagern
ermordet, die Huser geplndert und den Flammen preisgegeben. Dann eilte
das Heer zu den Engpssen, wohin sich die Uxier von allen Seiten versammelt
hatten. Alexander sandte Krateros mit einem Teile des Heeres auf die Hhen
hinter der von den Uxiern besetzten Enge, whrend er selbst gegen den Pa
mit grerer Eile vorrckte, so da die Barbaren, umgangen, durch die
Schnelligkeit des Feindes erschreckt, aller Vorteile, die der Engpa
gewhren konnte, beraubt, sich sofort, als Alexander in geschlossenen
Reihen anrckte, fliehend zurckzogen; viele strzten in die Abgrnde,
viele werden von den verfolgenden Makedonen, noch mehr von Krateros'
Truppen auf der Hhe, nach der sie sich retten wollten, erschlagen.
Alexander war anfangs willens, den ganzen Stamm der Berguxier aus diesen
Gegenden zu versetzen; Sisygambis, die Kniginmutter, legte Frbitte fr
sie ein; man sagt, Madates, ihrer Nichte Gemahl, sei ihr Anfhrer gewesen.
Alexander lie auf der Knigin Bitten diesen Hirtenstmmen ihr Bergland; er
legte ihnen einen jhrlichen Tribut von tausend Pferden, fnfhundert Haupt
Zugvieh, dreiigtausend Schafen auf; Geld und Ackerland hatten sie nicht.

So war der Eingang in die hheren Gebirge geffnet; und whrend Parmenion
mit der einen Hlfte des Heeres, namentlich den schwerer Bewaffneten vom
Fuvolk, den thessalischen Reitern und dem Train, auf der groen Heerstrae
weiterzog, eilte Alexander selbst mit dem makedonischen Fuvolk, der
Ritterschaft, den Sarissophoren, den Agrianern und Schtzen auf dem
nchsten, aber beschwerlichen Gebirgswege die persischen Psse zu
erreichen. Eilmrsche brachten ihn am fnften Tage an den Eingang
derselben, den er durch mchtige Mauern gesperrt fand; der Satrap
Ariobarzanes, so hie es, stehe mit vierzigtausend Mann Fuvolk und
siebenhundert Reitern hinter der Mauer in einem festen Lager, entschlossen,
den Eingang um jeden Preis zu sperren. Alexander lagerte sich; am nchsten
Morgen wagte er sich in die von hohen Felsen eingeschlossene Pagegend
hinein, um die Mauer anzugreifen; ihn empfing ein Hagel von
Schleudersteinen und Pfeilen, Felsmassen von den Abhngen hinabgestrzt,
von drei Seiten ein erbitterter Feind; vergebens versuchten einzelne die
Felsenwnde zu erklimmen, die Stellung der Feinde war unangreifbar.
Alexander zog sich in sein Lager, eine Stunde vor dem Pa, zurck.

Seine Lage war peinlich; nur dieser Pa fhrte nach Persepolis, er mute
genommen werden, wenn nicht eine gefhrliche Unterbrechung eintreten
sollte; aber an diesen Felswnden schienen die hchsten Anstrengungen der
Kunst und des Mutes scheitern zu mssen; und doch hing alles von der
Einnahme dieser Psse ab. Von Gefangenen erfuhr Alexander, da diese
Gebirge meist mit dichten Wldern bedeckt seien, da kaum einzelne
gefhrliche Fusteige hinberfhrten, da sie jetzt doppelt mhselig wegen
des Schnees in den Bergen sein wrden, da anderseits nur auf diesen
Felsenpfaden die Psse zu umgehen und in das von Ariobarzanes besetzte
Terrain zu gelangen sei. Alexander entschlo sich zu dieser, vielleicht der
gefhrlichsten Expedition seines Lebens.

Krateros blieb mit seiner und Meleagros' Phalanx, mit einem Teile der
Bogenschtzen und fnfhundert Mann der Ritterschaft im Lager zurck, mit
der Weisung, durch Wachtfeuer und auf jede andere Weise dem Feinde die
Teilung der Armee zu verbergen, dann aber, wenn er von jenseits der Berge
herber die makedonischen Trompeten hre, mit aller Gewalt gegen die Mauer
zu strmen. Alexander selbst brach mit den Phalangen Amyntas, Perdikkas,
Koinos, mit den Hypaspisten und Agrianern, mit einem Teile der Schtzen und
dem grten Teil der Ritterschaft unter Philotas in der Nacht auf und stieg
nach einem sehr beschwerlichen Marsche von mehr als zwei Meilen ber das
mit tiefem Schnee bedeckte Gebirge. Er war am anderen Morgen jenseits;
rechts die Bergkette, die an den Pssen und ber dem Lager der Feinde
endete, vor der Front das Tal, das sich zur Ebene des Araxes, ber den hin
der Weg nach Persepolis fhrt, ausbreitet, im Rcken die mchtigen Gebirge,
die, mit Mhe berschritten, vielleicht bei einem Unfalle den Rckweg, die
Rettung unmglich machten. Alexander teilte nach einiger Rast sein Heer; er
lie Amyntas, Koinos, Philotas mit ihren Korps in die Ebene hinabgehen,
sowohl um auf dem Wege nach Persepolis ber den Flu eine Brcke zu
schlagen, als auch um den Persern, wenn sie berwltigt wren, den Rckzug
auf Persepolis zu sperren; er selbst rckte mit seinen Hypaspisten, mit der
Taxis des Perdikkas, mit dem Geleit der Ritterschaft und einer Tetrarchie
derselben, mit den Schtzen und Agrianern rechts gegen die Psse hin; ein
hchst beschwerlicher Marsch, durch die Waldung des Berges, durch den
heftigen Sturm, durch das Dunkel der Nacht doppelt schwierig. Vor
Tagesanbruch traf man die ersten Vorposten der Perser, sie wurden
niedergemacht; man nahte den zweiten, wenige entkamen zu der dritten
Postenreihe, um sich mit dieser nicht in das Lager, sondern in die Berge zu
flchten.

Im persischen Lager ahnte man nichts von dem, was vorging; man glaubte die
Makedonen unten vor dem Tale, man hielt sich in diesem winterlichen
Sturmwetter in den Zelten, berzeugt, da Sturm und Schnee das Angreifen
unmglich machen werde; so war alles im Lager ruhig, als pltzlich, es war
in der Frhstunde, rechts auf den Hhen die makedonischen Trompeten
schmetterten und von den Hhen herab, aus dem Tale herauf zugleich der
Sturmruf ertnte. Schon war Alexander im Rcken der Perser, whrend
Krateros vom Tal herauf den Sturm begann, leicht die schlecht verwahrten
Eingnge erbrach; die dort Flchtenden rannten dem vordringenden Knig ins
Eisen; sich zu der verlassenen Stellung zurckwendend, trafen sie sie
bereits von einem dritten Haufen besetzt, denn Ptolemus war mit 3000 Mann
zurckgelassen, um von der Seite her einzudringen. So trafen von allen
Seiten die Makedonen in dem feindlichen Lager zusammen. Hier begann ein
grliches Gemetzel. Fliehende strzten den Makedonen in die Schwerter,
viele in die Abgrnde, alles war verloren; Ariobarzanes schlug sich durch,
er entkam mit wenigen Reitern in die Gebirge und auf heimlichen Wegen
nordwrts nach Medien.

Alexander brach nach kurzer Rast gen Persepolis auf; auf dem Wege soll ihm
ein Schreiben des Tiridates, der des Knigs Schtze unter sich hatte,
zugekommen sein, ihn zur Eile zu mahnen, da sonst der Schatz geplndert
werden knne. Um desto schneller die Stadt zu erreichen, lie er das
Fuvolk zurck und jagte mit den Reitern voraus; mit Tagesanbruch war er an
der Brcke, die von der Vorhut bereits geschlagen war. Seine unvermutete
Ankunft -- er war fast der Kunde von dem Gefecht vorausgeeilt -- machte
allen Widerstand und alle Unordnung unmglich; die Stadt, die Palste, die
Schtze wurden ohne weiteres in Besitz genommen. Ebenso schnell fiel
Pasargadai dem Sieger mit neuen greren Schtzen zu; viele tausend Talente
Gold und Silber, unzhlige Prachtgewebe und Kostbarkeiten wurden hier
aufgehuft gefunden; man erzhlt, da zehntausend Paar Maultiere und
dreitausend Kamele ntig gewesen, um sie von dannen zu bringen.

Wichtiger noch als diese Reichtmer, mit denen Alexander dem Feinde sein
bedeutendstes Machtmittel entri, und die seine Freigebigkeit aus den toten
Schatzgewlben in den Verkehr der Vlker, dem sie so lange entzogen
gewesen, zurckzufhren verstand, war der Besitz dieser Gegend selbst, der
eigentlichen Heimat des persischen Knigtums. In dem Tale von Pasargadai
hatte Kyros die medische Herrschaft bewltigt und zur Erinnerung des groen
Sieges dort sein Hoflager, seine Palste und sein Grab gebaut, zwischen den
Monumenten irdischer Pracht ein einfaches Felsenhaus, bei dem fromme Magier
jeden Tag opferten und beteten. Noch reicher an Prachtbauten war die
Talebene von Persepolis mit ihren am Araxes und Medos sich westwrts und
ostwrts hinauf fortsetzenden Tlern. Dareios, des Hystaspes Sohn, der
zuerst Erde und Wasser von den Hellenen gefordert, der den Philhellenen
Alexandros, den makedonischen Knig, zu einem persischen Satrapen gemacht
hatte, war hier nach dem falschen Smerdes zum Groknig erhoben worden,
hatte sich hier seinen Palast, seinen Sulenhof und sein Grab gebaut; von
vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebuden, mit Jagdrevieren und
Paradiesen, mit Palsten und Knigsgrbern das Felsental des Bendemir
erfllt; die Knigspforte der vierzig Sulen, der stolze Felsenbau auf
dreifacher Terrasse, die Kolossalbilder von Rossen, von Stieren am
Eingange, ein Riesenplan von Gebuden hchster Pracht und feierlichster
Gre schmckten den heiligen Bezirk, den die Vlker Asiens ehrten als den
Ort der Knigsweihe und der Huldigungen, als Herd und Mittelpunkt des
mchtigen Reiches. Dies Reich war jetzt gestrzt; Alexander sa auf dem
Throne desselben Xerxes, der einst auf der Strandhhe der salaminischen
Bucht sein Prachtzelt aufgeschlagen, dessen frevelnde Hand die Akropolis
Athens niedergebrannt, die Tempel der Gtter und die Grber der Toten
zerstrt hatte. Jetzt war der makedonische Knig, der hellenische
Bundesfeldherr, Herr in diesen Knigsstdten, diesen Palsten; jetzt schien
die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rchen und die Gtter und die Toten im
Hades zu vershnen; hier an diesem Herde der persischen Herrlichkeit sollte
das Recht der Vergeltung gebt und die alte Schuld geshnt, es sollte den
Vlkern Asiens der augenfllige Beweis geliefert werden, da die Macht, die
sie bisher geknechtet, ab und tot, da sie fr immer ausgetilgt sei. Es
liegen hinlnglich Beweise vor, da es nicht die Tat eines aufgeregten
Momentes, sondern ruhiger berlegung war, wenn Alexander gebot, den
Feuerbrand in das Zederngetfel des Knigspalastes zu werfen. Parmenion war
anderer Ansicht gewesen, hatte dem Knige geraten, des schnen Gebudes,
seines Eigentumes, zu schonen, nicht die Perser zu krnken in den
Denkmlern ihrer einstigen Gre und Herrlichkeit. Der Knig hielt dafr,
da die Maregel, die er beabsichtigte, ntzlich und notwendig sei. So
brannte ein Teil des Palastes von Persepolis nieder. Dann befahl der Knig,
die Flamme zu lschen.

Vielleicht war dieser Brand des Palastes im Zusammenhang mit einer Art
Inthronisation, die Alexander gefeiert zu haben scheint. Es wird erzhlt,
da der Korinther Demaratos, als er Alexander auf dem Thron der Groknige
unter goldenem Baldachin sitzen sah, sich geuert habe: um wie groe Wonne
diejenigen gekommen seien, welche diesen Tag nicht mehr erlebt htten.

Noch ein zweites Vielleicht darf hier zur Erwhnung kommen, ein solches,
das fr die Gesamtauffassung Alexanders und seines Verfahrens nicht ohne
Gewicht ist.

Bedeutete der Vorgang in Persepolis die feierliche Totsprechung der
Achmenidenmacht und die frmliche Besitzergreifung des ledig erklrten
Reiches, so darf man fragen, ob erst jetzt oder schon jetzt der Moment
gekommen war, in so drastischer Symbolik den unwiderruflichen Abschlu
auszusprechen und das Urteil zu vollstrecken. Hatte die Schlacht bei
Gaugamela die Persermacht definitiv gebrochen, warum zgerte dann Alexander
ein halbes Jahr, den Schritt zu tun, zu dem die Weltstadt Babylon oder die
Hofburg in Susa sich immerhin ebenso gut geeignet htte? Oder wenn er ihn
verschob, weil mit jenem Siege, mit der Besitznahme von Babylon und Susa
noch nicht Gengendes gewonnen schien, war dann etwa die Okkupation der
Landschaft Persis militrisch und politisch von so groer Bedeutung, wenn
noch Medien mit Ekbatana in Dareios' Hand war, und damit der weite Norden
und Osten des Reichs, damit der krzere Weg zum Tigris und der groen
kniglichen Strae von Susa bis Sardes, damit fr ein in Medien sich
sammelndes Heer von Reitermassen des Ostens die Mglichkeit, die lange und
dnnbesetzte Linie zu durchreien, die Alexander mit den westlichen
Satrapien und mit Europa verband?

Die berlieferungen, die uns vorliegen, sind nicht der Art, da wir
voraussetzen drfen, in ihnen alles Wesentliche erwhnt zu finden. Sie sind
redselig genug, wo es sich um die moralische Beurteilung Alexanders
handelt; von seinen militrischen Aktionen geben sie ungefhr genug, um
deren summarischen Zusammenhang erkennen zu lassen; ber sein politisches
Handeln, ber die Motive, die ihn bestimmten, die Zielpunkte, die er im
Auge behielt, sagen sie wenig oder nichts, so da auf Grund der
Information, die sie uns geben, auch die Vorstellung gerechtfertigt hat
scheinen knnen, Alexander habe den Hellespont berschritten mit dem sehr
einfachen Plan, bis zu dem noch unbekannten Ganges und dem eben so
unbekannten Meer im Osten, in das er sich ergiet, zu marschieren.

Da sich Alexander einen Friedensschlu mglich dachte, in welcher Form,
auf welcher Grundlage, das hatte die Antwort gezeigt, die er nach der
Schlacht bei Issos auf die eben so drftigen wie hochmtigen Antrge des
Groknigs gegeben hatte. Die Forderung, die er in derselben voranstellte,
ergab sich aus der Sachlage und aus der Summe der vorausliegenden
geschichtlichen Tatsachen. Einst hatten Dareios' Vorfahren den
makedonischen Knig gezwungen, sich ihrer Oberhoheit zu unterwerfen, ihr
Satrap zu sein; sie hatten von den hellenischen Staaten Erde und Wasser
gefordert, sie hatten nicht aufgehrt, sich als geborene Herren auch ber
die Hellenen und die Barbaren Europas anzusehen, sie hatten im
Antalkidischen Frieden und auf Grund desselben Befehle zur Nachachtung an
die hellenischen Staaten erlassen; sie hatten, als Knig Philipp gegen
Perinth und Byzanz kmpfte, ohne weiteres Truppen wider ihn gesandt, als
stehe ihnen zu, ber die griechische Welt ihre Hand zu halten und
einzuschreiten, wann und wie es ihnen beliebe. Lag in dem Wesen Persiens,
der Monarchie Asiens, dieser Anspruch der Oberherrlichkeit auch ber die
hellenische Welt, so konnte der Zweck des Krieges, zu dessen Fhrung
Alexander sich an der Spitze der Makedonen und Hellenen erhoben hatte, kein
anderer sein, als diesem Anspruch des Groknigs grndlich und fr immer
ein Ende zu machen. Alexander hatte nach der Schlacht bei Issos den
Antrgen des Dareios eine und nur eine Forderung entgegengestellt: die der
Anerkennung, da nicht mehr Dareios, sondern Alexander Herr und Knig in
Asien sei; er war bereit, fr diese Anerkennung dem besiegten Gegner
Zugestndnisse zu machen, ihm, so ungefhr ist der Ausdruck, alles zu
gewhren, von dessen Angemessenheit er ihn, den Sieger, berzeugen werde:
wenn er diese Anerkennung weigere, dann mge er einer neuen Schlacht
gewrtig sein. Auf solche Alternative gestellt, hatte Dareios den weiteren
Kampf gewhlt; er hatte die zweite grere Schlacht, mit ihr die weite
Lnderstrecke von den Meeresksten bis zu den Randgebirgen Irans verloren.
Mute er jetzt nicht innewerden, da er der Macht Alexanders nicht
gewachsen sei? Zeigte nicht jeder weitere Marsch desselben, da er
tatschlich sei, wofr er anerkannt zu werden gefordert hatte, Herr in
Asien, und da es keine Macht mehr gebe, die ihn hindern knne, zu tun, was
er wolle? Konnte Dareios noch zweifeln, da er sich beugen, sich ihm
unterordnen msse, wenn er noch irgend etwas retten, wenn er die ihm teuren
Pfnder, die in des siegreichen Gegners Hand waren, wiedergewinnen wolle?

Alexander mag nach dem Tage von Gaugamela erwartet haben, da Dareios an
ihn senden, ihm eingehendere Antrge als nach dem von Issos machen, sich
vor der Macht der Tatsachen beugen werde; er mag, da ihm nicht angemessen
scheinen konnte, unmittelbar die Initiative zu ergreifen, der Kniginmutter
-- auf deren Frbitte hatte er den Uxiern verziehen -- Andeutungen gemacht
haben, da er friedlichen Erbietungen ihres Sohnes gern Gehr schenken
werde. Er konnte auch jetzt geneigt sein, dem besiegten Gegner, wenn er den
geschehenen Wechsel der Macht anerkenne, einen Frieden zu gewhren, der ihm
Land und Leute lie und ihm seine Familie wiedergab. Was Alexander jetzt
innehatte, die Lnderstrecken vom Meere bis zu den Bergsteilen, die Iran
umschlieen, bildete ein groes zusammenhngendes, auch der Volksart nach
ziemlich gleichartiges Ganze, gro und reich genug, um, zu einem Reich mit
Makedonien und Hellas vereint, die beherrschende Macht Asiens zu sein,
durch seine Ksten dem Westen nah genug, um die Herrschaft ber das
Mittelmeer hinzuzufgen, zu der mit dem gyptischen Alexandrien der Grund-
und Eckstein gelegt war. Ein Friedensschlu in solchem Sinn wrde das Werk
der siegreichen Waffen mit der Anerkennung durch den, der ihnen erlegen
war, besiegelt haben.

So die hypothetische Linie, die zu zeichnen angemessen schien, um die Lcke
zu bezeichnen, die in unseren berlieferungen ist; die Vorgnge in
Persepolis bekommen einen Akzent mehr, wenn man jene Lcke sich so ergnzt
denkt. Wenn Alexander Friedensantrge gewnscht, wenn er sie monatelang
erwartet hatte, wenn sie auch nach dem Fall von Susa, auch nach der
Forcierung der Psse nach Persien hinauf, nach Besitznahme der alten
Knigssttten dort nicht kamen, so war endlich die Hoffnung auf einen
vertragsmigen Abschlu aufzugeben und der Akt zu vollziehen, mit dem die
Achmenidenmacht tot erklrt, die Besitzergreifung der Monarchie ber Asien
verkndet wurde.

Es war der Urteilsspruch, den zu vollstrecken die nchstweitere
militrische Aufgabe sein mute.




  Viertes Kapitel

  Aufbruch aus Persepolis -- Dareios' Rckzug aus Ekbatana --
  Seine Ermordung -- Alexander in Parthien -- Das Unternehmen
  Zopyrions, Emprung Thrakiens, Schilderhebung des
  Agis, seine Niederlage, Beruhigung Griechenlands


Vier Monate verweilte Alexander in den Knigsstdten der persischen
Landschaft. Nicht blo, um das Heer sich erholen zu lassen; es wird richtig
sein, was die minder guten Quellen berichten, da er in diesen
Wintermonaten gegen die ruberischen Bewohner der nahen Gebirge auszog, um
das Land fr immer gegen ihre Einflle zu sichern. Es waren namentlich die
Mardier in den sdlichsten Gebirgen, die, hnlich den Uxiern, bisher in
fast vlliger Unabhngigkeit gelebt hatten. Durch sehr mhselige Zge in
ihre schneebedeckten Bergtler zwang sie Alexander sich zu unterwerfen. Die
Satrapie Karmanien, der sich Alexander bei diesem Zuge genaht haben mochte,
unterwarf sich und der Satrap Aspastes wurde in ihrem Besitze besttigt.
Schon war dem edlen Phrasaortes, dem Sohn jenes Rheomithres, der in der
Schlacht bei Issos den Tod gefunden, die Satrapie Persis bergeben. Da
eine Besatzung von 3000 Mann fr Persepolis bestellt wurde, ist nicht
hinreichend sicher berliefert; ebenso da ein Zuzug von 5000 Mann Fuvolk
und 1000 Reitern hier oder demnchst auf dem Marsch eingetroffen sei. Dann
endlich -- es mochte Ende April sein -- wurde nach Medien aufgebrochen,
wohin Dareios mit dem Reste des Heeres nach der Schlacht bei Arbela
geflchtet war.

Nach dem Verlust der Schlacht war Dareios durch die medischen Gebirge nach
Ekbatana gegangen mit der Absicht, hier abzuwarten, was Alexander
unternehmen werde, und sobald derselbe ihm auch hierher nachsetzte, in den
Norden seines Reiches zu flchten, alles hinter sich verheerend, damit
Alexander ihm nicht folgen knne. Zu dem Ende hatte er bereits die Karawane
seines Harems, seine Schtze und Kostbarkeiten an den Eingang der
kaspischen Psse nach Ragai gesandt, um durch sie, wenn schleunige Flucht
ntig werde, nicht behindert zu sein. Indes verging ein Monat nach dem
andern, ohne da sich auch nur ein feindliches Streifkorps in den Pssen
des Zagrosgebirges oder an der inneren Grenze Mediens zeigte. Dann war
Ariobarzanes, der heldenmtige Verteidiger der persischen Tore, in Ekbatana
angekommen; man mochte jetzt von Sdosten her die Makedonen erwarten; aber
kein Feind lie sich sehen. Gefielen dem Sieger die Schtze von Persepolis
und Pasargadai vielleicht besser als ein neuer Kampf? Hielten ihn und sein
bermtiges Heer die neuen und betubenden Gensse des Morgenlandes
gefesselt? Noch sah sich Dareios von treuen Truppen, von hochherzigen
Perserfrsten umgeben; mit ihm war der Kern des persischen Adels, die
Chiliarchie, die Nabarzanes fhrte, Atropates von Medien, Autophradates von
Tapurien, Phrataphernes von Hyrkanien und Parthien, Satibarzanes von Areia,
Barsaentes von Arachosien und Drangiana, der khne Baktrier Bessos, des
Groknigs Verwandter, mit ihm dreitausend baktrische Reiter, die sich mit
ihm aus der letzten Schlacht gerettet hatten; ferner des Groknigs Bruder
Oxathres und vor allem der greise Artabazos, der vielbewhrte Freund des
Dareios, vielleicht der wrdigste Name des Persertums, mit ihm seine Shne;
auch des Groknigs Ochos Sohn, Bisthanes, auch des abtrnnigen Mazaios von
Babylon Sohn, Artabelos, war in Ekbatana. Noch hatte Dareios einen Rest
seiner griechischen Sldnerscharen unter des Phokiers Patron Fhrung; er
erwartete die Ankunft mehrerer tausend Kadusier und Skythen; nach Ekbatana
konnten die Vlker von Turan und Ariana noch einmal zu den Waffen gerufen
werden, um sich unter ihren Satrapen um die Person des Knigs zu sammeln
und den Osten des Reiches zu verteidigen; die medische Landschaft bot
Positionen genug, in denen man sich verteidigen konnte, namentlich die
kaspischen Psse, die den Eingang nach den stlichen und nrdlichen
Satrapien bildeten, konnte man auch gegen einen bermchtigen Feind leicht
behaupten und ihm dauernd sperren. Dareios beschlo, noch einmal das Glck
der Waffen zu versuchen und mit dem Heere, das er bis zur Ankunft
Alexanders versammelt haben werde, den Feind am weiteren Vordringen zu
hindern. Er mochte durch die Gesandten Spartas und Athens, die sich in
seinem Hoflager befanden, erfahren haben, welch tiefen Eindruck die
Nachricht von der Schlacht von Gaugamela in Hellas gemacht habe und da die
antimakedonische Partei bereit sei, da viele Staaten sich entweder schon
mit Sparta offen vereint htten oder nur des Knigs Agis ersten Erfolg
erwarteten, um von dem Korinthischen Bunde abzufallen, da sich so in
Griechenland ein Umschwung der Verhltnisse vorbereite, der die Makedonen
bald genug aus Asien zurckzukehren zwingen werde. Dareios mochte hoffen,
glauben zu drfen, da das Ende seines Unglcks nicht mehr fern sei.

Schon nahte Alexander. Paraitakene, die Landschaft zwischen Persis und
Medien, hatte sich unterworfen und Oxyathres, den Sohn des susianischen
Satrapen Abulites, zum Satrapen erhalten; auf die Nachricht, da Dareios
unter den Mauern von Ekbatana, an der Spitze eines bedeutenden Heeres von
Baktrianern, Griechen, Skythen, Kadusiern den Angriff erwarten werde, eilte
Alexander, den Feind mglichst bald zu treffen. Er lie, um desto schneller
fortzukommen, die Bagage mit ihrer Bedeckung zurck und betrat nach zwlf
Tagen das medische Gebiet; da erfuhr er, da weder die Kadusier noch die
Skythen, die Dareios erwartet, eingetroffen seien, da Dareios, um ein
entscheidendes Zusammentreffen zu verzgern, sich bereits zum Rckzuge nach
den kaspischen Pssen, wohin die Weiber, Wagen und Feldgert vorausgegangen
seien, anschickte. Doppelt eilte Alexander, er wollte Dareios selbst in
seiner Gewalt haben, um allem weiteren Kampfe um den Perserthron ein Ende
zu machen. Da kam, drei Tagereisen von Ekbatana, Bisthanes, des Knigs
Ochos Sohn, einer von denen, die dem Groknig bis dahin gefolgt waren,
ins makedonische Lager; er besttigte das Gercht, da Dareios weiter
geflohen, da er vor fnf Tagen aus Ekbatana gezogen sei, da er die
Schtze Mediens, etwa siebentausend Talente, mit sich genommen habe, ein
Heer von sechstausend Mann Fuvolk und dreitausend Pferden ihn begleite.

Alexander eilte nach Ekbatana; schnell wurde dort alles Ntige geordnet; es
wurden die Thessaler und die brigen Bundesgenossen, so viele ihrer nicht
freiwillig weiterdienen wollten, mit vollem Sold und einem Geschenk von
zweitausend Talenten in die Heimat gesandt; aber nicht wenige blieben; es
wurde der Perser Oxydates, der in Susa, frher von Dareios zum ewigen
Gefngnis verdammt, durch Alexander befreit war und darum doppelten
Vertrauens wrdig schien, an Atropates' Stelle, der mit Dareios war, zum
Satrapen ber Medien bestellt; es wurde Parmenion beauftragt, die Schtze
aus Persis in die Burg von Ekbatana zu bringen und dem Harpalos zu
bergeben, der zu ihrer Verwaltung bestellt wurde und vorerst zu deren
Bewachung sechstausend Makedonen mit den ntigen Reitern und leichten
Truppen behielt; Parmenion sollte dann nach bergabe des Schatzes mit den
Soldtruppen, den Thrakern usw. an dem Lande der Kadusier vorber nach
Hyrkanien marschieren. Kleitos, der krank in Susa zurckgeblieben war,
erhielt Befehl, sobald es seine Gesundheit gestatte, die sechstausend Mann,
die vorlufig bei Harpalos blieben ins Parthische zu fhren, um sich dort
mit der groen Armee wieder zu vereinen. Mit den brigen Phalangen, mit der
makedonischen Ritterschaft, den Sldnerreitern des Erigyios, den
Sarissophoren, den Agrianern und Schtzen eilte Alexander dem fliehenden
Dareios nach; in elf hchst angestrengten Tagemrschen, in denen viele
Menschen und Pferde liegenblieben, erreichte er Ragai, von wo aus fr
Alexanders Eile noch ein starker Marsch von acht Meilen bis zum Eingang der
kaspischen Tore war. Aber die Nachricht, da Dareios bereits jenseits des
Passes sei und einen bedeutenden Vorsprung auf dem Wege nach Baktrien
voraushabe, sowie die Erschpfung seiner Truppen bewog den Knig, einige
Tage in Ragai zu rasten.

Um dieselbe Zeit lagerte Dareios mit seinem Zuge wenige Tagereisen im Osten
der kaspischen Psse. Er hatte kaum noch zwanzig Meilen Vorsprung; er mute
sich berzeugen, da es einerseits unmglich sei, bei der ungeheuren
Schnelligkeit, mit der Alexander nacheilte, das baktrische Land fliehend zu
erreichen, da er anderseits, wenn doch gekmpft werden mute, mglichst
seinen Marsch verlangsamen msse, damit die Truppen mit frischer Kraft den
vom Verfolgen ermatteten Feinden gegenbertrten; schon waren aus dem
persischen Zuge manche zu Alexander bergegangen, bei weiterer Flucht mute
man immer mehr Abfall frchten. Dareios berief die Groen seiner Umgebung
und gab ihnen seine Absicht kund, das Zusammentreffen mit den Makedonen
nicht lnger zu meiden, sondern noch einmal das Glck der Waffen versuchen
zu wollen. Diese Erklrung machte tiefen Eindruck auf die Versammelten; das
Unglck hatte die meisten entmutigt, man dachte mit Entsetzen an neuen
Kampf; wenige waren bereit, ihrem Knige alles zu opfern, unter ihnen
Artabazos; gegen ihn erhob sich Nabarzanes, der Chiliarch: die dringende
Not zwinge ihn, ein hartes Wort zu sprechen; hier zu kmpfen sei der
sicherste Weg zum Verderben, man msse weiter nach Osten flchten, dort
neue Heere rsten; aber die Vlker trauten dem Glck des Knigs nicht mehr;
nur eine Rettung gebe es; Bessos habe bei den stlichen Vlkern groes
Ansehen, die Skythen und Inder seien ihm verbndet, er sei Verwandter des
kniglichen Hauses; der Knig mge ihm, bis der Feind bewltigt sei, die
Tiara abtreten. Der Groknig ri seinen Dolch aus dem Grtel, kaum entkam
Nabarzanes; er eilte, sich mit seiner Perserschar von dem Lager des Knigs
zu sondern; Bessos folgte ihm mit den baktrischen Vlkern. Beide handelten
im Einverstndnis und nach einem lngst vorbereiteten Plane; Barsaentes von
Drangiana und Arachosien wurde leicht gewonnen; die brigen Satrapien der
Ostprovinzen waren, wenn nicht offenbar beigetreten, doch geneigt, ihrem
Vorteile, als ihrer Pflicht zu dienen. Darum beschwor Artabazos den Knig,
nicht seinem Zorne zu folgen, bei den Meuterern sei die grere
Streitmacht, ohne sie sei man verloren, er mge sie durch unverdiente
Gnade zur Treue oder zum Schein des Gehorsams zurckrufen. Indes hatte
Bessos versucht, die Schar der Perser zum Aufbruch gen Baktrien zu bewegen;
aber sie schauderten noch vor dem Gedanken des offenbaren Verrates; sie
wollten nicht ohne den Knig fliehen. Bessos' Plan schien milungen; desto
hartnckiger verfolgte er ihn; er schilderte ihnen die Gefahr, in die sie
der Groknig strze, er gewhnte sie, die Mglichkeit eines Verbrechens zu
denken, das allein retten knne. Da erschien Artabazos mit der Botschaft,
der Knig verzeihe das unberlegte Wort des Nabarzanes und die eigenwillige
Absonderung des Bessos. Beide eilten in des Knigs Zelt, sich vor ihm in
den Staub zu werfen und mit heuchlerischem Gestndnis ihre Reue zu
beglaubigen.

Des anderen Tages rckte der Zug auf dem Wege nach Thara weiter; die dumpfe
Stille, die mitrauische Unruhe, die berall herrschte, offenbarte mehr
eine drohende als berstandene Gefahr. Der Fhrer der Griechen bemhte
sich, in die Nhe des Knigs zu kommen, dessen Wagen Bessos mit seinen
Reitern umgab. Endlich gelang es dem treuen Fremdling; er sagte dem Knige,
was er frchte; er beschwor ihn, sich dem Schutze der griechischen Truppen
anzuvertrauen, nur dort sei sein Leben sicher. Bessos verstand nicht die
Sprache, wohl aber die Miene des hellenischen Mannes; er erkannte, da
nicht lnger zu zgern sei. Man langte am Abend in Thara an; die Truppen
lagerten, die Baktrier dem Zelte des Knigs nahe; in der Stille der Nacht
eilten Bessos, Nabarzanes, Barsaentes, einige Vertraute in das Zelt,
fesselten den Knig, schleppten ihn in den Wagen, in dem sie ihn als
Gefangenen mit sich gen Baktrien fhren wollten, um sich mit seiner
Auslieferung den Frieden zu erkaufen. Die Kunde von der Tat verbreitete
sich schnell im Lager, alles lste sich in wilde Verwirrung auf; die
Baktrier zogen gen Osten weiter, mit Widerstreben folgten ihnen die meisten
Perser; Artabazos und seine Shne verlieen den unglcklichen Knig, dem
sie nicht mehr helfen konnten, zogen sich mit den griechischen Sldnern und
den Gesandten aus Hellas nordwrts in die Berge der Tapurier zurck;
andere Perser, namentlich des Mazaios Sohn Artabelos und Bagisthanes von
Babylon, eilten rckwrts, sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen.

Alexander hatte seine Truppen einige Tage in Ragai rasten lassen; am Morgen
des sechsten brach er wieder auf; er erreichte mit einem starken Marsche
den Westeingang der Psse (Aiwan-o-i-Koif); folgenden Tages zog er durch
diese Psse, die, fast drei Stunden lang, seinen Marsch nicht wenig
verzgerten, dann noch so weit, als an diesem Tage zu kommen mglich war,
durch die wohlbebaute Ebene von Choarene (Khuar) bis zu dem Saum der
Steppe, ber die der Weg ostwrts nach der parthischen Hauptstadt
Hekatompylos, dem Mittelpunkt der Heerstraen gen Hyrkanien, Baktrien und
Ariana, fhrt. Whrend das Heer hier lagerte und einige Truppen sich in der
Gegend zerstreuten, um fr den Weg durch die Steppe zu fouragieren, kamen
Bagisthanes und Artabelos in das makedonische Lager, unterwarfen sich der
Gnade des Knigs; sie sagten aus, da Bessos und Nabarzanes sich der Person
des Groknigs bemchtigt htten und eiligst gen Baktrien zgen; was weiter
geschehen, wten sie nicht. Mit desto grerer Eile beschlo Alexander die
Fliehenden zu verfolgen; indem er den greren Teil der Truppen unter
Krateros mit dem Befehl, langsam nachzurcken, zurcklie, eilte er selbst
mit der Ritterschaft, den Plnklern, den Leichtesten und Krftigsten vom
Fuvolk den Fliehenden nach. So die Nacht hindurch bis zum folgenden
Mittag; und wieder nach wenigen Stunden Rast die zweite Nacht hindurch; mit
Sonnenaufgang erreichte man Thara, wo vier Tage frher Dareios von den
Meuterern gefangengenommen war. Hier erfuhr Alexander von des Groknigs
Dolmetscher Melon, der krank zurckgeblieben war, da Artabazos und die
Griechen sich nordwrts in die tapurischen Berge zurckgezogen htten, da
Bessos an Dareios' Statt die Gewalt in Hnden habe und von den Persern und
Baktriern als Gebieter anerkannt werde, da der Plan der Verschworenen sei,
sich in die Ostprovinzen zurckzuziehen und dem Knige Alexander gegen den
ungestrten und unabhngigen Besitz des persischen Ostens die Auslieferung
des Dareios anzubieten, wenn er dagegen weiter vordringe, ein mglichst
groes Heer zusammenzubringen und sich gemeinschaftlich im Besitz der
Herrschaften, die sie htten, zu behaupten, vorlufig aber die Fhrung des
Ganzen in Bessos' Hnden zu lassen, angeblich wegen seiner Verwandtschaft
mit den kniglichen Hause und seines nchsten Anrechtes auf den Thron. --
Alles drngte zur grten Eile; kaum gnnte sich Alexander whrend des
heien Tages Rast, am Abend jagte er weiter, die Nacht hindurch; fast
erlagen Mann und Ro; so kam er mittags in ein Dorf (etwa Bakschabad), in
dem tags zuvor die Verschworenen gelagert, das sie am Abend verlassen
hatten, um, wie gesagt wurde, fortan bei Nacht ihren Zug fortzusetzen; sie
konnten nicht mehr als einige Meilen voraus sein; aber die Pferde waren
erschpft, die Menschen mehr als ermattet, der Tag hei; auf Erkundigung
bei den Einwohnern, ob es nicht einen krzeren Weg den Fliehenden nach
gebe, erfuhr Alexander, der krzere sei de, ohne Brunnen. Diesen beschlo
er zu verfolgen; er whlte 500 Pferde der Ritterschaft und fr sie die
Offiziere und die tapfersten Leute des Fuvolkes aus, lie diese in ihren
Waffen aufsitzen; mit dem Befehl, da die Agrianer unter Attalos mglichst
rasch auf dem Heerwege nachrcken, die anderen Truppen unter Nikanor
marschmig folgen sollten, zog er mit seinen Doppelkmpfern um die
Abenddmmerung den wasserlosen Heideweg hinab. Viele erlagen der
bermigen Anstrengung und blieben am Wege liegen. Als der Morgen graute,
sah man die zerstreute, unbewehrte Karawane der Hochverrter; da jagte
Alexander auf sie los; der pltzliche Schrecken verwirrte den langen Zug,
mit wildem Geschrei sprengten die Barbaren auseinander; wenige versuchten
Widerstand, sie erlagen bald; die brigen flohen in wilder Hast, Dareios'
Wagen in der Mitte, ihm zunchst die Verrter. Schon nahte Alexander; nur
ein Mittel noch konnte retten; Bessos und Barsaentes durchbohrten den
gefesselten Knig und jagten fliehend nach verschiedenen Seiten. Dareios
verschied kurz darauf. Die Makedonen fanden den Leichnam, und Alexander,
so wird erzhlt, deckte seinen Purpur ber ihn.

So endete der letzte Groknig aus dem Geschlecht der Achmeniden. Nicht
dem erlag er, gegen den er sein Reich zu behaupten vergebens versucht
hatte; die Schlachten, die er verloren, hatten ihn mehr als Gebiet und
Knigsmacht, sie hatten ihn Glauben und die Treue seines Perservolkes und
seiner Groen gekostet; ein Flchtling unter den Verrtern, ein Knig in
Ketten, so fiel er von den Dolchen seiner Satrapen, seiner Blutsverwandten
durchbohrt; ihm blieb der Ruhm, nicht um den Preis der Tiara sein Leben
erkauft, noch dem Verbrechen ein Recht ber das Knigtum seines
Geschlechtes zugestanden zu haben, sondern als Knig gestorben zu sein. Als
Knig ehrte ihn Alexander; er sandte den Leichnam zur Bestattung in die
Grber von Persepolis; Sisygambis begrub den Sohn.

Alexander hatte mehr erreicht, als er hatte erwarten knnen. Nach zwei
Schlachten hatte er den geschlagenen Knig fliehen lassen; aber seit er,
Herr der Knigsstdte des Reiches, auf dem Thron des Kyros und nach
persischer Weise die Huldigung der Groen entgegengenommen hatte, seit er
den Vlkern Asiens als ihr Herr und Knig galt und gelten mute, durfte der
flchtige Knig nicht lnger den Namen seiner verlorenen Herrlichkeit, eine
Fahne zu immer neuem Aufruhr, durch die weiten Lnder des Ostens tragen.
Der Wille und die Notwendigkeit, den Feind zu fangen, wurde nach der
heroischen Natur Alexanders zur persnlichen Leidenschaft, zum
achilleischen Zorn; er verfolgte mit einer Hast, die an das Ungeheure
grenzt, und die, vielen seiner Tapferen zum Verderben, ihn dem gerechten
Vorwurf despotischer Schonungslosigkeit aussetzen wrde, wenn er nicht
selbst Mhe und Ermdung, Hitze und Durst mit seinen Truppen geteilt,
selbst die wilde Jagd der vier Nchte gefhrt und bis zur letzten
Erschpfung ausgehalten htte. Damals, heit, es, brachten ihm Leute einen
Trunk Wasser im Eisenhelm; er drstete und nahm den Helm, er sah seine
Reiter traurig nach dem Labetrunk blicken und gab ihn zurck: Trnke ich
allein, meine Leute verlren den Mut. Da jauchzten die Makedonen: Fhre
uns, wohin du willst! Wir sind nicht ermattet, wir drsten auch nicht, wir
sind nicht mehr sterblich, solange du unser Knig bist! So spornten sie
ihre Rosse und jagten mit dem Knig weiter, bis sie den Feind sahen und den
toten Groknig fanden.

Man hat Alexanders Glck darin wieder erkennen wollen, da sein Gegner tot,
nicht lebend in seine Hnde gefallen sei; er wrde stets ein Gegenstand
gerechter Besorgnis fr Alexander, ein Anla gefhrlicher Wnsche und Plne
fr die Perser gewesen sein, und endlich wrde doch nur ber seinen
Leichnam der Weg zum ruhigen Besitze Asiens gefhrt haben; Alexander sei
glcklich zu preisen, da ihm nur die Frucht, nicht auch die Schuld des
Mordes zugefallen, er habe sich um der Perser willen das Ansehen geben
knnen, als beklage er ihres Knigs Tod. Vielleicht hat Alexander, wie nach
ihm der groe Rmer, ber den verbrecherischen Untergang seines Feindes
sich der Vorteile zu freuen vergessen, die ihm aus dem Blute eines Knigs
zuflieen sollten; groe Geister fesselt an den Feind ein eigenes Band,
eine Notwendigkeit, mchte man sagen; wie die Macht des Schlages sich nach
dem Gegenstand bestimmt, den er treffen soll. Bedenkt man, wie die
Kniginmutter, wie die Gemahlin und Kinder des Groknigs von Alexander
aufgenommen waren, wie er berall ihr Unglck zu ehren und zu lindern
suchte, so kann man nicht zweifeln, welches Schicksal er dem gefangenen
Knige gewhrt htte; in des Feindes Hand wre dessen Leben sicherer
gewesen als unter Persern und Blutsverwandten.

Es ist ein anderer Punkt in diesen Vorgngen, in dem man Alexanders Glck
erkennen kann -- sein Glck oder sein Verhngnis. Wre Dareios lebend in
seine Hand gefallen, so htte er dessen Verzicht auf die Lnder, die ihm
bereits entrissen waren, dessen Anerkennung der neuen Machtgrndung in
Asien gewinnen, sie vielleicht damit erkaufen knnen, da er ihm die
stlichen Satrapien berlie; er htte dann hier, wie er spter in Indien
mit dem Knig Poros getan, an der Grenze seines Reiches ein Knigtum
bestehen lassen, das in losen Formen der Abhngigkeit nur seine Oberhoheit
anerkannte. Mit der Ermordung des Dareios war die Mglichkeit eines solchen
Abschlusses dahin; wenn Alexander ihn mglich gehalten, wenn er wirklich
daran gedacht hatte, endlich einmal haltzumachen, so ri ihn jetzt das
Verbrechen, das an seinem Gegner verbt war, weiter, in das Unabsehbare
hinaus. Die Mrder nahmen die Macht und den Titel in Anspruch, die der
legitime Knig nicht zu behaupten vermocht hatte; sie waren Usurpatoren
gegen Alexander, wie sie Verrter an Dareios geworden waren. Das natrliche
Vermchtnis des ermordeten Knigs bestellte den, der ihn besiegt, zum
Rcher an seinen Mrdern; die Majestt des persischen Knigtums, durch das
Recht des Schwertes gewonnen, ward jetzt zum Schwerte des Rechtes und der
Rache in Alexanders Hand; sie hatte keinen Feind mehr als die letzten
Vertreter, keinen Vertreter als den siegreichen Feind desselben Knigtums.

In den entsetzlichen Vorgngen dieser letzten Tage hatte sich die Stellung
der persischen Groen vllig verndert. Die ihrem Knig nach der Schlacht
von Gaugamela nicht verlassen hatten, meist Satrapen der stlichen
Provinzen, hatten ihre eigene Sache geschtzt, wenn sie um die Person des
Knigs zusammenhielten. Jene Aufopferung und rhrende Anhnglichkeit des
Artabazos, der, einst in Pella an Knig Philipps Hofe ein willkommener
Gast, einer ehrenvollen Aufnahme bei Alexander htte gewi sein knnen,
teilten wenige, da sie ohne Nutzen voll Gefahr erschien. Sobald des
Groknigs Unglck ihren Vorteil, ja die Existenz ihrer Macht auf das Spiel
setzte, begannen sie sich und ihre Ansprche auf Kosten dieses Knigs zu
schtzen, durch dessen Verblendung und Schwche allein sie das Reich der
Perser ins Verderben gestrzt glaubten; das ewige Fliehen des Dareios
brachte nun, nach dem Verlust so vieler und schner Lnder, auch ihre
Satrapien in Gefahr; es schien ihnen billig, lieber etwas zu gewinnen, als
alles zu verlieren, lieber den Rest des Perserreiches zu behaupten, als
auch ihn noch fr eine verlorene Sache zu opfern; wenn nur durch sie noch
Dareios Knig sein konnte, so glaubten sie nicht minder, sich ohne Dareios
im Besitz ihrer Herrschaft behaupten zu knnen.

Sie hatten Dareios gefangengenommen; Alexanders pltzlicher Angriff trieb
sie, ihn zu ermorden, um sich selbst zu retten; sie flohen, um die
Verfolgung zu erschweren, in zwei Haufen, Bessos auf dem Wege nach
Chorassan nach Baktrien, Nabarzanes mit den Resten seiner Chiliarchie und
von dem parthischen Satrapen begleitet nach Hyrkanien, um von dort aus gen
Baktrien zu eilen und sich mit Bessos zu vereinigen. Ihr Plan war, die
persische Monarchie wenigstens im Osten aufrechtzuerhalten und dann aus
ihrer Mitte, wie einst nach Smerdes' Ermordung, einen neuen Knig der
Knige zu ernennen. Indes war es klar, da, wenn Phrataphernes aus
Parthien, Satibarzanes aus Areia, Barsaentes aus Drangiana hinweg nach
Baktrien gingen, um unter Bessos' Fhrung, wie verabredet war, zu kmpfen,
jedenfalls ihre Satrapien dem Feinde in die Hnde fielen, und sie ihre
Lnder einer sehr fernen Zukunft opferten; so blieb Phrataphernes in
Hyrkanien stehen, und Nabarzanes schlo sich ihm an; Satibarzanes ging nach
Areia, Barsaentes nach Drangiana, um nach den weiteren Unternehmungen
Alexanders ihre Maregeln zu nehmen; die nmliche Selbstsucht, die sie zum
Knigsmorde vereint hatte, zerri die letzte Macht, die dem Feinde noch
htte entgegentreten knnen, und indem sie jeder nur sich und den eigenen
Vorteil im Auge hatten, sollten sie vereinzelt desto sicherer dem Schwerte
des Furchtbaren erliegen.

Alexander war nach jenem berfall, bei der gnzlichen Erschpfung seiner
Leute, nicht imstande gewesen, Dareios' Mrder, die nach allen Seiten hin
flohen, zu verfolgen. In der Ebene von Hekatompylos rastete er, um die
zurckgebliebenen Truppen an sich zu ziehen und die Angelegenheiten der
Satrapie Parthien zu ordnen. Der Parther Aminapes, der sich dem Knige bei
dessen Eintritt in gypten mit Mazakes unterworfen hatte, erhielt die
Satrapie, Tleopolemos, aus der Schar der Hetairen, wurde ihm an die Seite
gesetzt.

Im Norden der Stadt beginnen die Vorberge der Elburskette, die von den
Tapuriern bewohnt wurde; von einzelnen Pssen durchschnitten, trennt sie
die Grenzen von Parthien im Sden und Hyrkanien im Norden, die erst weiter
in den Klippenzgen von Chorassan aneinanderstoen; der Besitz der Psse,
die als Verbindung zwischen dem Kaspischen Meere und dem Innern, zwischen
Iran und Turan so wichtig sind, war fr den Augenblick doppelt notwendig
fr Alexander, weil sich einerseits die griechischen Sldner von Thara aus
in die tapurischen Berge zurckgezogen hatten, anderseits Nabarzanes und
Phrataphernes jenseits des Gebirges in Hyrkanien standen. Alexander verlie
die Strae von Chorassan, auf der sich Bessos geflchtet hatte, um sich
dieser wichtigen Pagegend zu versichern. Zadrakarta, eine Hauptstadt
Hyrkaniens am Nordabhange des Gebirges, ward als Vereinigungspunkt der drei
Heeresabteilungen bestimmt, mit denen Alexander nach Hyrkanien zu gehen
beschlo. Auf dem lngsten aber bequemsten Wege fhrte Erigyios, von
einigen Reiterabteilungen begleitet, die Bagage und Wagen hinber; Krateros
mit seiner und mit Amyntas' Phalanx, mit sechshundert Schtzen und ebenso
vielen Reitern, zog ber die Berge der Tapurier, um sie und zugleich die
griechischen Sldner, wenn er sie trfe, zu unterwerfen; Alexander selbst
mit den brigen Truppen schlug den krzesten, aber beschwerlichen Weg ein,
der nordwestlich von Hekatompylos in die Berge fhrt. Mit der grten
Vorsicht rckten die Kolonnen vor, bald der Knig mit den Hypaspisten, den
leichtesten unter den Phalangiten und einem Teil der Bogenschtzen voraus,
Posten auf den Hhen zu beiden Seiten des Weges zurcklassend, um den
Marsch der Nachkommenden zu sichern, die die wilden Stmme jener Berge
beutelstern zu berfallen bereit lagen; sie zu bekmpfen wre zu
zeitraubend, wenn nicht gar erfolglos gewesen. Mit den Bogenschtzen
vorauseilend, machte Alexander, in der Ebene auf der Nordseite des Gebirgs
angelangt, an einem nicht bedeutenden Flu halt, die Nachrckenden zu
erwarten. In den nchsten vier Tagen kamen sie, zuletzt die Agrianer, die
Nachhut des Zuges, nicht ohne einzelne Gefechte mit den Barbaren, von den
Bergen herab. Dann rckte Alexander auf dem Wege nach Zadrakarta vor, wo
demnchst auch Krateros und Erigyios eintrafen, Krateros mit dem Bericht,
da er zwar die griechischen Sldner nicht getroffen habe, da aber die
Tapurier teils mit Gewalt unterworfen seien, teils sich freiwillig ergeben
htten.

Schon in dem Lager am Flusse waren zu Alexander Boten von dem Chiliarchen
Nabarzanes gekommen, der sich bereit erklrte, die Sache des Bessos zu
verlassen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen; auf dem weiteren
Wege war der Satrap Phrataphernes nebst anderen der angesehensten Perser,
die bei dem Groknige gewesen waren, zu Alexander gekommen, sich zu
unterwerfen. Der Chiliarch, einer von denen, die Dareios gebunden hatten,
mochte sich mit Straflosigkeit begngen mssen; sein Name, sonst einer der
ersten im Reiche, wird nicht weiter genannt. Phrataphernes dagegen und
seine beiden Shne Pharasmanes und Sissines gewannen bald Alexanders
Vertrauen, dessen sie sich in mehr als einer Gefahr wrdig zeigen sollten;
der Vater erhielt seine Satrapien Parthien und Hyrkanien zurck. Dann kam
auch Artabazos mit dreien seiner Shne, Arsames, Kophenes und Ariobarzanes,
dem Verteidiger der persischen Psse; Alexander empfing sie so, wie ihre
Treue gegen den unglcklichen Dareios es verdiente; Artabazos war ihm aus
der Zeit bekannt, wo derselbe mit seinem Schwager, dem Rhodier Memnon, am
Hofe zu Pella Zuflucht gefunden hatte; er war dem abendlndischen Wesen
schon nicht mehr fremd; er und seine Shne nahmen fortan in Alexanders
Umgebung neben den vornehmsten Makedonen eine ehrenvolle Stellung ein. Mit
ihnen zugleich war Autophradates, der Satrap der Tapurier, gekommen; auch
er wurde mit Ehren aufgenommen und in dem Besitz seiner Satrapie besttigt.
Mit Artabazos war von den griechischen Truppen eine Gesandtschaft
eingetroffen, bevollmchtigt, im Namen der ganzen Schar mit dem Knige zu
kapitulieren; auf seine Antwort, da das Verbrechen derer, die wider den
Willen von ganz Hellas fr die Barbaren gekmpft htten, zu gro sei, als
da mit ihnen kapituliert werden knne, da sie sich auf Gnade und Ungnade
ergeben, oder so gut sie knnten, retten mchten, erklrten die
Bevollmchtigten, da sie bereit seien, sich zu ergeben, der Knig mge
jemanden mitsenden, unter dessen Fhrung sie sicher ins Lager kmen.
Alexander whlte dazu Artabazos, ihren Fhrer auf dem Rckzuge von Thara,
und Andronikos, einen der angesehensten Makedonen, den Schwager des
schwarzen Kleitos.

Alexander erkannte die auerordentliche Wichtigkeit der hyrkanischen
Satrapie, ihrer Engpsse, ihrer hafenreichen Ksten, ihrer zum Schiffbau
trefflichen Waldungen; schon jetzt mochte ihn der groe Plan einer
kaspischen Flotte, eines Verkehrs zwischen diesen Ksten und dem Osten
Asiens, einer Entdeckungsfahrt in diesem Meere beschftigen; noch mehr als
dies forderte die Verbindung zwischen den bisherigen Eroberungen und den
weiteren Heereszgen vollkommene Besitznahme dieser pareichen
Gebirgslandschaft, die das Sdufer des Kaspischen Meeres beherrscht.
Alexander hatte sich soeben der Psse der tapurischen Distrikte versichert;
Parmenion war beauftragt, mit dem Korps, das in Medien stand, durch das
nrdliche Medien und die kaspischen Westpsse im Lande der Kadusier nach
dem Meeresstrande hinabzurcken, um die Strae, welche Armenien und Medien
mit dem Tale des Kur und dem Kaspischen Meere verbindet, zu ffnen; er
sollte von dort aus, am Strande entlang nach Hyrkanien und weiter der
groen Armee nachziehen. Noch hatten die Mardier, deren Wohnsitze der Name
des Amardosflusses zu bezeichnen scheint, sich nicht unterworfen; der Knig
beschlo, gleich jetzt gegen sie auszuziehen. Whrend die Hauptmasse des
Heeres im Lager zurckblieb, zog er selbst an der Spitze der Hypaspisten,
der Phalangen Koinos und Amyntas, der Hlfte der Ritterschaft und den
neuformierten Akontisten zu Pferd an der Kste entlang gen Westen. Die
Mardier fhlten sich, da noch nie ein Feind in ihre Wlder eingedrungen
war, vllig sicher, sie glaubten den Eroberer aus dem Abendlande schon auf
dem weiteren Marsch nach Baktrien; da rckte Alexander von der Ebene heran;
die nchsten Ortschaften wurden genommen, die Bewohner flchteten sich in
die waldigen Gebirge. Mit unsglicher Mhe zogen die Makedonen durch diese
wegelosen, dicht verwachsenen und schauerlichen Wlder nach; oft muten sie
sich mit dem Schwerte den Weg durch das Dickicht bahnen, whrend bald hier,
bald da einzelne Haufen von Mardiern sie berfielen oder aus der Ferne mit
ihren Speeren warfen; als aber Alexander immer hher hinaufdrang und die
Hhen mit seinen Mrschen und Posten immer dichter einschlo, schickten die
Mardier Gesandte an ihn und unterwarfen sich und ihr Land seiner Gnade; er
nahm von ihnen Geiseln, lie sie brigens in ungestrtem Besitz und stellte
sie unter den Satrapen Autophradates von Tapurien.

In das Lager von Zadrakarta zurckgekehrt, fand Alexander bereits die
griechischen Sldner, fnfzehnhundert an der Zahl, mit ihnen die Gesandten
von Sparta, Athen, Kalchedon, Sinope, die, an Dareios gesandt, seit Bessos'
Verrat sich mit den Griechen zurckgezogen hatten. Alexander befahl, da
von den griechischen Sldnern diejenigen, welche schon vor dem
Korinthischen Vertrage in persischem Solde gewesen waren, ohne weiteres
entlassen, den anderen unter der Bedingung, da sie in das makedonische
Heer eintrten, Amnestie bewilligt werden sollte; Andronikos, der sich fr
sie verwendet hatte, erhielt den Befehl ber sie. Die Gesandten betreffend
entschied der Knig, weil Sinope nicht mit in dem hellenischen Bunde sei,
berdies der Stadt die Gesandtschaft an den Perserknig als ihren Herrn
nicht zum Vorwurf gemacht werden knne, deren Gesandte sofort auf freien
Fu zu setzen, ebenso die von Kalchedon zu entlassen, die von Sparta und
Athen dagegen, die offenbar verrterische Verbindungen mit dem gemeinsamen
Feind aller Hellenen unterhalten htten, festzunehmen und bis auf weiteren
Befehl in Verwahrsam zu halten.

Demnchst brach Alexander aus dem Lager auf und rckte in die Residenz der
hyrkanischen Satrapie ein, um nach kurzer Rast die weiteren Operationen zu
beginnen.

Whrend dieser Vorflle in Asien hatte in Europa das Glck der
makedonischen Waffen noch eine gefhrliche Probe zu bestehen; die
Entscheidung war um so wichtiger, da Sparta, nach Athens Niederlage, nach
Thebens Fall, der namhafteste Staat in Hellas, sich an die Spitze dieser
Bewegungen gestellt hatte.

Knig Agis war, wie wir sahen, Ausgangs des Jahres 333 trotz der eben
eingetroffenen Nachricht von der Schlacht bei Issos, mit der noch bei
Siphnos ankernden persischen Seemacht im Einverstndnis, in Aktion
getreten, hatte durch seinen Bruder Agesilaos Kreta besetzen lassen. Htte
damals Athen sich entschlieen wollen, der Bewegung beizutreten, so wrden
-- denn ohne weiteres htten hundert Trieren aus dem Pirus in See gehen
knnen -- bedeutende Erfolge mglich gewesen sein. Aber da Athen nicht zu
diesem Entschlu kam, so wagten auch die anderen Genossen des hellenischen
Bundes nicht, die beschworenen Vertrge zu brechen, und der Beistand
einiger Tyrannen und Oligarchen auf den Inseln htte die persische Seemacht
nicht stark genug gemacht, um gegen Amphoteros und Hegelochos
standzuhalten; mit dem Frhling 332, mit der Belagerung von Tyros lste sie
sich vllig auf, bis zum Ende des Jahres waren alle Inseln des gischen
Meeres, auch Kreta befreit. Dennoch wurde es in Hellas nicht ruhig, weder
die Siege Alexanders, noch die Nhe des bedeutenden Heeres, das der
Reichsverweser in Makedonien unter den Waffen hatte, machten die Patrioten
an ihren Plnen und an ihren Hoffnungen irre; unzufrieden mit allem, was
geschehen war und noch geschah, noch immer in dem Wahne, da es mglich und
gerechtfertigt sei, trotz des beschworenen Bundes und der makedonischen
bermacht, Sonderpolitik in alter Art zu treiben, um die alte
Staatenfreiheit zu erneuern, benutzten sie jede Gelegenheit, in der
leichtsinnigen und leichtglubigen Menge Migunst, Besorgnis, Erbitterung
zu nhren; Thebens unglckliches Ende war ein unerschpflicher Quell zu
Deklamationen, den korinthischen Bundestag nannten sie eine
schlechtberechnete Illusion: alles, was von den Makedonen ausging, selbst
Ehren und Geschenke, wurde verdchtigt oder als Schmach fr freie Hellenen
bezeichnet. Alexander wolle nichts, als das Synedrion selbst und jeden
einzelnen Beisitzer desselben zu Werkzeugen der makedonischen Despotie
machen; die Einheit der Hellenen sei eher im Hasse gegen Makedonien als im
Kampfe gegen Persien zu finden; ja die Siege ber Persien seien fr
Makedonien nur ein Mittel mehr, die Freiheit der hellenischen Staaten zu
vernichten. Natrlich war die Rednerbhne Athens der rechte Ort, dieses
Mivergngen in sehr erregten Debatten zur Schau zu stellen; nirgends
standen sich die beiden Parteien schrfer gegenber; und das Volk, bald von
Demosthenes, Lykurgos, Hypereides, bald von Phokion, Demades und schines
bestimmt, widersprach sich oft genug selbst in seinen souvernen
Beschlssen; whrend man mit dem Synedrion des Bundes wetteifernd
Glckwnsche und goldene Krnze an Alexander sandte, war und blieb auch
nach dem Tage von Gaugamela Dropidas als attischer Gesandter am Hoflager
des Groknigs; whrend so Athen Verbindungen unterhielt, die nach dem
Bundesvertrage offenbarer Verrat waren, ereiferten sich die attischen
Redner ber die neuen Vertragsverletzungen, die sich Makedonien erlaube.
Nur da man es vorzog, sich nicht in Gefahr zu begeben; man begngte sich
mit finsteren Gedanken und bedeutsamen Worten.

Nur Agis gab, auch nachdem sein Bruder durch Amphoteros und die
makedonische Flotte aus Kreta gedrngt war, die einmal begonnene Aktion
nicht auf. Er hatte von den bei Issos zersprengten Sldnern eine bedeutende
Zahl an sich gezogen, der Werbeplatz auf dem Tainaron bot ihm so viel
Kriegsvolk, als er Geld hatte anzuwerben; er hatte mit den Patrioten
namentlich in den peloponnesischen Stdten Verbindungen angeknpft, die den
besten Erfolg versprachen; die Umsicht und Khnheit, mit der er seine Macht
und seinen Anhang zu mehren verstand, gab den Gegnern Makedoniens nah und
fern die Zuversicht naher Rettung.

In eben dieser Zeit fand ein Unternehmen, das mit groen Hoffnungen
begonnen worden war, ein trauriges Ende. Ob der Zug des Epiroten
Alexandros nach Italien im Einverstndnis mit dem makedonischen Knige oder
in Rivalitt gegen denselben unternommen sein mochte, es gab einen Moment,
wo er mit seinen Siegen das Griechentum Italiens sich stolzer denn je
erheben zu sollen schien. Aber die Tarentiner, die in ihm nur einen
Kondottiere gegen die italienischen Vlker in den Bergen hatten haben
wollen, begannen seine hochfliegenden Plne zu frchten, und die
hellenischen Stdte waren mit ihnen einig, da man ihn lhmen msse, bevor
er ihrer Freiheit gefhrlich werde. Der Fortgang seiner Waffen stockte, er
wurde von einem lukanischen Flchtling ermordet, sein Heer von den
Sabellern bei Pandosia aufgerieben. Seinem Tode folgten Irrungen im
Molosserlande wegen der Erbfolge; ein unmndiger Knabe, den ihm die
makedonische Kleopatra, Alexanders Schwester, geboren, war sein Erbe; aber
Olympias -- sie lebte, wie es scheint, im epirotischen Lande -- suchte der
Witwe, ihrer Tochter, das Regiment zu entreien: Das Land der Molosser
gehre ihr, schrieb sie den Athenern, die in Dodona ein Bild der Dione
hatte schmcken lassen, als drfe dergleichen nicht ohne ihre Erlaubnis
geschehen. Da so in dem Knigshause selbst Zwist begann, konnte die
Hoffnungen der Patrioten in Hellas nur erhhen.

Als Alexander im Frhling 331 auf dem Marsch zum Euphrat in Tyros war,
wute er bereits von den weiteren Bewegungen des Agis; er begngte sich
damals, hundert phnikische und kyprische Schiffe aufzubieten, die sich mit
Amphoteros vereinigen sollten, die ihm getreuen Stdte im Peloponnes zu
schtzen. Er ehrte die attischen Gesandten, die ihm in Tyrus mit
Glckwnschen und goldenen Krnzen entgegengekommen waren, und gab die am
Granikos gefangenen Athener frei, um sich den attischen Demos zu
verpflichten; er schien geflissentlich vermeiden zu wollen, da es zwischen
den makedonischen und spartanischen Waffen zum offenbaren Kampfe kme, der
bei der Stimmung in den hellenischen Landen -- selbst in Thessalien begann
sie unsicher zu werden -- sehr bedenkliche Folgen haben konnte; im Begriff,
einen neuen und entscheidenden Schlag gegen Dareios zu fhren, hoffte er,
da der Eindruck desselben die Aufregung in Hellas entmutigen werde.

So mute Antipatros whrend des Jahres 331 ruhig die Rstungen des
Spartanerknigs und dessen wachsenden Einflu im Peloponnes mit ansehen,
sich begngen, mit der Autoritt Makedoniens in den Bundesstdten soweit zu
wirken, als es irgend mglich war, im brigen die Bewegungen der
feindlichen Partei sorgfltig und immer kriegsbereit zu beobachten; er
durfte die durch den Tod des Molosserknigs entstandenen Irrungen nicht
benutzen, die, wie es scheint, gelockerte Abhngigkeit des Landes von
Makedonien herzustellen und selbst den Unwillen und den bitteren Vorwurf
der Knigin Olympias, die mit makedonischer Kriegsmacht ihren Anspruch auf
das molossische Erbe durchgefhrt sehen wollte, mute er ruhig ertragen.

Indes hatte die Bewegung in Hellas eine sehr ernste Wendung genommen. Die
Nachricht von Gaugamela -- sie konnte Ausgangs 331 in Athen sein -- mute
die Gegner Makedoniens entweder zur Unterwerfung oder zu einer letzten
Kraftanstrengung veranlassen. Alexanders Fernsein, der Hader in Epirus,
die, wie man wute, wachsende Mistimmung in den thrakischen Landen empfahl
und begnstigte ein rasches Wagnis. Bald mochte man ber Sinope erfahren,
da der Groknig sich nach Medien gerettet, da er zum nchsten Frhling
die Vlker seiner stlichen Satrapien nach Ekbatana beschieden habe, da er
den Kampf gegen den Makedonen fortzusetzen entschlossen sei. Noch durfte
man wenigstens Subsidien von ihm erwarten; und wie sollte Alexander, von
dessen Zuge nach Susa, nach dem hohen Persien man schon wissen konnte,
wagen, sein Heer, das kaum zur Besetzung der endlos weiten Wege bis zum
Hellespont rckwrts hinreichte, mit Entsendungen nach Makedonien und zum
Kampf gegen die Hellenen zu schwchen. Wenn man jetzt noch unschlssig
zgerte, so konnte der letzte Rest der Persermacht erliegen, so mute man
erwarten, da Alexander demnchst an der Spitze ungeheurer Heeresmassen wie
ein zweiter Xerxes Hellas berfluten und zu einer Satrapie seines Reiches
machen werde. Die Erregbarkeit des Volksgeistes, die begeisterten
Deklamationen patriotischer Redner, die dem Zeitalter eigentmliche Lust am
bertriebenen und Unglaublichen, und nicht an letzter Stelle der alte
Nimbus der Spartanermacht, die sich so glorreich von neuem erhob, -- alles
vereinte sich, eine Eruption hervorzubringen, die fr Makedonien
verhngnisvoll werden konnte.

Es folgen hchst merkwrdige Ereignisse, von denen uns freilich nur
einzelne zerstreute Notizen berliefert sind, deren Zusammenhang, ja deren
zeitliche Folge nicht mehr festgestellt werden kann.

Es ist neuester Zeit die obere Hlfte eines attischen Inschriftsteines[11]
gefunden worden, mit einem Relief geschmckt, von dem noch die Reste von
zwei Pferden, ein Mann im Himation, der in der Rechten eine Schale zum
Spenden hlt, eine Athena, die die Hand, wie es scheint, zu ihm hinstreckt,
zu erkennen ist; darunter Rhebulas, des Seuthes Sohn, des Kotys Bruder...
Folgt dann ein Volksbeschlu, von dem nur die Datierung brig ist, die etwa
dem 10. Juni 330 entspricht. Was konnte den Sohn des Seuthes nach Athen
gefhrt haben, da ihn die Athener mit einem so geschmckten Ehrendekret
auszeichneten?

    [11] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Arrian freilich berichtet ber die Vorgnge dieses Jahres in Hellas,
Makedonien, Thrakien nichts, aber die auf Kleitarchos zurckfhrenden
berlieferungen geben einiges. Diodor sagt: Memnon, der makedonische
Strateg in Thrakien, der Truppen hatte und voll Ehrgeiz war, regte die
Barbaren auf und griff, als er sich stark genug sah, selbst zu den Waffen,
weshalb Antipatros seine Kriegsmacht aufbot, nach Thrakien eilte, wider ihn
kmpfte. Noch weitere Momente bietet Justin; nachdem er das Ende des
Dareios berichtet hat, fhrt er fort: Whrend dies geschah, empfing
Alexander Briefe des Antipatros aus Makedonien, in denen von dem Kriege des
Spartanerknigs Agis in Griechenland, von des Molosserknigs Krieg in
Italien, von dem Kriege seines Strategen Zopyrion in Skythien berichtet
war; und weiterhin: Zopyrion, der von Alexander als Strateg des Pontos
bestellt war, in der Meinung, lssig zu sein, wenn er nicht auch etwas
unternehme, ging mit einem Heere von dreiigtausend Mann gegen die Skythen
und fand mit seiner ganzen Macht den Untergang.

Freilich Curtius, der doch im wesentlichen auf dieselbe Quelle zurckfhrt,
berichtet von Zopyrion und dem thrakischen Aufstande so, da man glauben
mu, diese Dinge wren volle vier Jahre spter geschehen; aber es sind
unzweifelhaft die gleichen Vorgnge: Alexander habe, aus Indien nach
Persien zurckgekehrt, Berichte ber das, was whrend seiner Abwesenheit in
Asien und Europa geschehen, empfangen; da Zopyrion, als er einen Krieg
gegen die Geten unternahm, durch pltzlich entstandenen Sturm mit seinem
ganzen Heere untergegangen sei, da auf die Nachricht von dieser Niederlage
Seuthes die Odryser, seine Landsleute, zum Abfall veranlat habe, da da
Thrakien fast verloren gewesen sei, nicht einmal Griechenland... da
beginnt eine lngere Lcke im Text des Curtius.

Also nach der Auffassung des Curtius hat die schwere Niederlage des
Zopyrion dem thrakischen Frsten Seuthes den Entschlu zur Emprung
gegeben; nach Diodor ist Memnon, der Strateg im makedonischen Thrakien, der
Anstifter dieses Abfalls; nach einer anderen Nachricht, die aus dem Kreise
derselben kleitarchischen berlieferung zu stammen scheint, ist zugleich
das Gercht vom Tode Alexanders verbreitet; nach einer anderen gleichen
Ursprungs hat Antipatros gegen die Vierlnder, die am Hmos und bis zur
Rhodope hinber wohnen, ausziehen mssen und sie durch eine Kriegslist zur
Heimkehr veranlat.

Man sieht ungefhr, wie hier die Dinge zusammenhngen. Alexander hatte im
Sptherbst 331 von Susa aus Menes mit 3000 Talenten nach der Kste gesandt
mit der Weisung, an Antipatros so viel zu bermachen, wie derselbe zum
Kriege gegen Agis brauchen werde. Mag Zopyrion, der Strateg am Pontos,
gewi ohne Weisung Alexanders, gewi ohne Gutheiung des Antipatros, sein
Unternehmen gegen die Skythen etwa im Herbst 331 begonnen haben, seines
Heeres Untergang war eine so schwere Schwchung der makedonischen Macht,
da Memnon, der Strateg in Thrakien, den Versuch, sich unabhngig zu
machen, wagen konnte; und der odrysische Frst Seuthes war mit Freuden zum
Abfall bereit, die thrakischen Vlker im Gebirge, jene Besser, unter den
Rubern als Ruber berchtigt, rckten ins Feld; ber das ganze Gebiet im
Norden und Sden des Hmos verbreitete sich der Aufstand.

Das wird die groe Botschaft gewesen sein, die im Frhling 330 Rhebulas,
des Seuthes Sohn, nach Athen brachte, gewi mit dem Antrage, die Bndnisse,
die Athen mit so vielen seiner Vorfahren, namentlich mit Ketriporis, mit
Kersobleptes gegen Knig Philipp geschlossen hatte, gegen Alexander zu
erneuern.

Schon hatte im Peloponnes der Kampf begonnen. Knig Agis hatte
makedonische Sldner unter Korragos angegriffen und vllig vernichtet. Von
Sparta aus ergingen Aufrufe an die Hellenen, fr die Freiheit mit der
Stadt Lykurgs gemeinsame Sache zu machen. Die Elier, alle Arkader auer
Megalopolis, alle Acher auer Pellene erhoben sich; Agis eilte,
Megalopolis zu belagern, das ihm den Weg nach dem Norden sperrte: Mit
jedem Tage erwartete man den Fall der Stadt; Alexander stand jenseits der
Grenzen der Welt, Antipatros zog erst sein Heer zusammen; wie der Ausgang
sein werde, war ungewi߫, so sagt schines einige Wochen spter.

Schon zndete die Flamme des Aufruhrs auch im mittleren Hellas, auch
jenseits der Thermopylen; die toler berfielen die akarnanische Stadt
Oiniadai, zerstrten sie; die Thessaler, die Perrhaiber standen auf. Wenn
Athen jetzt mit seiner bedeutenden Macht der Bewegung beitrat, so schien
alles erreichbar.

Noch aus den drftigen Spuren, die uns brig sind, erkennt man, wie heftig
in Athen debattiert sein mu. Aus einer Inschrift erfhrt man von einem
platischen Mann, der eine bedeutende Summe fr den Krieg darbrachte, und
das Ehrendekret zum Dank dafr hat der ehrwrdige Lykurgos beantragt.
Derselbe zog den Leokrates, einen der Reichen, der nach der Niederlage von
Chronea geflchtet war und in Rhodus, dann in Megara groe Geschfte
gemacht hatte, wegen Verrats vor Gericht, da er nach Athen zurckzukehren
gewagt hatte; aber der Verklagte fand bei vielen Angesehenen und Reichen
Frsprache, und in dem Gericht waren die Stimmen fr und wider ihn gleich
geteilt. Wie zum Gegenschlag brachte schines die alte Klage gegen
Ktesiphon, die seit 337 geruht hatte, wieder in Gang; es galt, dessen
damaligen Antrag auf einen Ehrenkranz fr Demosthenes als ungesetzlich
strafen zu lassen; zur Entscheidung kam der Proze einige Wochen spter,
als schon alles entschieden war; in der Rede, die schines damals hielt,
fhrt er an, wie Demosthenes groe Worte gemacht habe, als werde die Stadt
von gewissen Personen gekappt, ausgekernt, die Muskeln ihrer Kraft
durchschnitten; da er auf der Rednerbhne gesagt habe: Ich bekenne mich
dazu, die Politik Spartas untersttzt, die Thessalier und Perrhaiber zum
Abfall veranlat zu haben. Also Demosthenes hatte -- etwa im Frhling 330
-- seine Verdienste um die Schrung des Aufstandes ffentlich rhmen
knnen. So lebhaft schines, Demades, Phokion entgegenarbeiten mochten,
sichtlich trieb die Stimmung der Stadt dem Kriege zu; es wurde der Antrag
gestellt, die Flotte auszursten und denen, die von Alexander abgefallen
seien, zu Hilfe zu senden. Da ergriff, so wird erzhlt, Demades, der damals
die Kasse der Festgelder verwaltete, das letzte Mittel; allerdings erklrte
er, seien die Mittel fr die vorgeschlagene Expedition vorhanden; er habe
dafr gesorgt, da in der Theorikenkasse genug sei, um fr das nchste Fest
der Choen jedem Brger eine halbe Mine zu zahlen; er stelle den Athenern
anheim, ob sie das ihnen zukommende Geld lieber fr Rstung und Krieg
verwenden wollten. Wenn die Athener gegen die Rstung entschieden, so war
es vielleicht nicht um der Festfeier willen; im Frhling 331 hatte
Amphoteros 100 kyprische und phnikische Schiffe Verstrkung erhalten; wenn
er mit seiner Flotte zwischen gina und Sunion kreuzte, so konnte er das
Aussegeln der attischen unmglich machen.

Indes lag Agis immer noch vor Megalopolis, die Stadt verteidigte sich mit
hchster Anstrengung; da sie nicht so rasch, wie man erwartet hatte,
gewonnen wurde, mochte den Eifer derer abkhlen, die sich gern erhoben
htten, wenn Agis bis zum Isthmus und weiter vorgerckt wre und sie
gedeckt htte. Da kam die Nachricht, da Antipatros mit Heeresmacht
heranrcke.

Er war, sobald er Memnon bewltigt hatte, nach dem Sden aufgebrochen;
nachdem er im schnellen Durchzuge die Bewegung in Thessalien unterdrckt,
im Weitermarsch die Kontingente wenigstens der zuverlssigsten Verbndeten
an sich gezogen hatte, kam er mit einem bedeutenden Heere -- es wird auf
40000 Mann angegeben -- ber den Isthmus; er war stark genug, fr den
angebotenen Beistand derer zu danken, die jetzt angaben, fr des Knigs
Sache gerstet zu haben. Agis, dessen Heer nur 20000 Mann Fuvolk und 2000
Reiter stark gewesen sein soll, gab die Belagerung von Megalopolis auf um
etwas rckwrts auf dem Wege nach Sparta in gnstigerem Terrain, wo er der
bermacht widerstehen zu knnen hoffte, den Angriff zu erwarten. Es folgte
eine hchst blutige Schlacht, in der die Spartaner und ihre Bundesgenossen,
wie die erhaltenen Berichte es darstellen, Wunder der Tapferkeit
verrichteten, bis Knig Agis, mit Wunden bedeckt, von allen Seiten
eingeschlossen, endlich dem Andrang erlag und den Tod fand, den er suchte.
Antipatros hatte, wenn auch mit bedeutendem Verlust, vollstndig gesiegt.

Mit dieser Niederlage brachen die Hoffnungen der hellenischen Patrioten und
der Versuch, die Hegemonie Spartas zu erneuern, zusammen. Eudamidas, des
gefallenen kinderlosen Knigs jngerer Bruder und Nachfolger, der von
Anfang her gegen diesen Krieg gewesen war, empfahl nun, obschon die
Bundesgenossen sich mit nach Sparta zurckgezogen hatten, den weiteren
Widerstand aufzugeben; es wurde an Antipatros gesandt und um Frieden
gebeten. Dieser forderte fnfzig spartanische Knaben als Geiseln; man bot
ihm ebenso viele Mnner, damit begngte sich der Sieger; er verwies die
Frage ber den Friedensbruch an das Synedrion des Bundes, das nach Korinth
berufen wurde; nach vielen Beratungen berwies es die Sache an Alexander,
worauf spartanische Gesandte nach dem fernen Osten abgingen. Des Knigs
Entscheidung war so mild als mglich; er verzieh das Geschehene, nur
sollten die Elier und Achaier, denn sie waren Genossen des hellenischen
Bundes, Sparta nicht -- an Megalopolis 120 Talente als Entschdigung
zahlen. Man darf vermuten, da Sparta nun dem Bunde beitreten mute; in
der Verfassung des altheraklidischen Staates wurde nichts gendert, dessen
Gebiet nicht von neuem gemindert.

Auch in Athen wird sich die Spannung der Gemter nun gelst haben, wenn man
natrlich auch nicht aufhrte, sich in bitterem Grollen zu gefallen. Bald
nach Agis' Niederlage wurde der Proze gegen Ktesiphon vor den Richtern
verhandelt. Gedenket der Zeit, sagt Aischines den Richtern, in der ihr
das Urteil sprecht; in wenigen Tagen werden die Pythien gefeiert, und das
Synedrion der Hellenen versammelt sich; des Demosthenes Politik in diesen
Zeitluften wird der Stadt zum Vorwurfe gemacht; wenn ihr ihm den Kranz
gewhrt, wie Ktesiphon beantragt, werdet ihr dafr gelten, mit denen, die
den gemeinen Frieden brechen, eines Sinnes zu sein. Die Athener werden es
sich als eine groe politische Tat angerechnet haben, da sich nicht ein
Fnftel der Stimmen fr schines ergab. Damit verfiel dieser in eine Bue
von tausend Drachmen; er zahlte sie nicht, er verlie Athen und ging nach
Ephesus, und in den nchsten Dionysien erhielt Demosthenes den goldenen
Kranz, der, ihm nach der Schlacht von Chronea bestimmt, jetzt die
Gutheiung seiner Politik von damals und jetzt aussprach.

Die allgemeinen Verhltnisse in Hellas wurden mit solchen Demonstrationen
nicht mehr gendert; seit dem Zusammenbrechen der spartanischen Erhebung
traten sie in den Hintergrund.




  Drittes Buch

  +Ailinon, ailinon eipe, to d' eu nikat.+




  Erstes Kapitel

  Verfolgung des Bessos -- Aufstand in Areia -- Marsch des
  Heeres nach Sden, durch Areia, Drangiana, Arachosien, bis
  zum Sdabhang des indischen Kaukasus -- Der Gedanke Alexanders
  und Aristoteles' Theorie -- Die entdeckte Verschwrung --
  Die neue Heeresorganisation


Um die Zeit der spartanischen Niederlage stand Alexander in Hyrkanien, am
Nordabhange jenes Gebirgswalles, der Iran und Turan scheidet, vor ihm die
Wege nach Baktrien und Indien, nach dem unbekannten Meere, das er jenseits
beider Lnder als Grenze seines Reiches zu finden erwarten mochte, hinter
ihm die Hlfte des Perserreiches, und Hunderte von Meilen rckwrts die
hellenische Heimat. Er wute von Agis' Schilderhebung, von dessen
wachsendem Einflu im Peloponnes, von der unsicheren Stimmung im brigen
Griechenland, welche die Alternativen des Kriegsglckes doppelt gefhrlich
machte; er kannte die Bedeutung dieses Gegners, dessen Vorsicht, dessen
Ttigkeit. Und doch ging er weiter und weiter gen Osten, ohne Truppen an
Antipatros zu senden oder gnstige Nachrichten abzuwarten. Wenn nun Agis
gesiegt htte? Oder trotzte Alexander auf sein Glck? Verachtete er die
Gefahr, der er nicht mehr begegnen konnte? Wagte er nicht, um Griechenland
zu retten, die Knigsmrder mit halb soviel Truppen zu verfolgen, als zu
den Siegen von Gaugamela und von Issos hingereicht hatten?

Einst war freilich die Ruhe der Griechen und ihre Anerkennung der
makedonischen Hegemonie die wesentliche Grundlage seiner Macht und seiner
Siege gewesen; jetzt garantierten ihm seine Siege die Ruhe Griechenlands,
und der Besitz Asiens die fernere Geltung dieser Hegemonie, die ihm
streitig zu machen mehr tricht als gefhrlich gewesen wre. Unterlag
Antipatros, so waren die Satrapen in Lydien und Phrygien, in Syrien und
gypten bereit, im Namen ihres Knigs nicht Erde und Wasser, wohl aber
Genugtuung fr Treubruch und Verrat zu fordern; und diese Freiheitsliebe
der Mivergngten, dies zweideutige Heldentum der Phrase, Intrige und
Bestechung htte kein Marathon gefunden.

Der Knig durfte, unbekmmert um die Bewegungen in seinem Rcken, die Plne
weiter verfolgen, welche das Verbrechen des Bessos und seiner Genossen ihm
aufzwang oder mglich machte. Durch den Besitz der kaspischen Psse, durch
die Besatzungen, die am Eingange des medischen Paweges zum Tigris in
Ekbatana zurckgeblieben waren, durch die mobile Kolonne, welche die Linie
des Euphrat beherrschte, war Alexander, wennschon durch einen Doppelwall
von Gebirgen vom syrischen Tieflande getrennt, doch der Verbindung mit den
westlichen Provinzen seines Reiches sicher genug, um die groe Lnder- und
Vlkergrenze der hyrkanischen Gebirge zum Ausgangspunkt neuer
Unternehmungen machen zu knnen.

Nachdem er seinem Heere einige Rast gegnnt, nach hellenischer Sitte
Festspiele und Wettkmpfe angestellt und den Gttern geopfert hatte, brach
er aus der hyrkanischen Residenz auf. Er hatte fr den Augenblick etwa
20000 Mann zu Fu und 3000 Reiter um sich, namentlich die Hypaspisten,
deren bewhrter Strateg Nikanor, Parmenions Sohn, nur zu bald einer
Krankheit erliegen sollte, den greren Teil der Phalangiten, endlich die
gesamte makedonische Ritterschaft unter Fhrung des Philotas, dessen Vater
Parmenion den wichtigen Posten in Ekbatana befehligte, von leichten Truppen
hatte Alexander die Schtzen und Agrianer bei sich; whrend des Marsches
sollten nach und nach die anderen Korps wieder zur Armee stoen, namentlich
Kleitos die 6000 Phalangiten von Ekbatana nach Parthien, Parmenion selbst
die Reiter und leichten Truppen, mit denen er zurckgeblieben war, nach
Hyrkanien nachfhren.

Es ist ausdrcklich bezeugt, da Alexanders Absicht war, nach Baktra, der
Hauptstadt der groen baktrischen Satrapie, zu gehen. Dorthin, wute er,
hatte sich Bessos mit seinem Anhang zurckgezogen, dorthin alle, die es mit
der altpersischen Sache hielten, beschieden, um sich dem makedonischen
Eroberer, wenn er ber Hyrkanien hinauszugehen wage, entgegenzustellen.
Alexander durfte hoffen, mit schnellem Marsch an die Ufer des Oxos die
letzte namhafte Heeresmacht, die ihm noch widerstehen wollte, zu treffen
und zu vernichten, bevor der Zuzug aus den arianischen Landen sich mit ihr
vereinigt habe; und wenn sein Marsch diese arianischen Satrapien fr jetzt
rechts liegen lie, so war zu erwarten, da vor dem Schlage, der die
Knigsmrder niederschmettern sollte, auch sie sich beugen wrden.

Er folgte der groen Strae, die von Hyrkanien am Nordabhange des Gebirges,
dann durch die Teile Parthiens und Areias, die der turanischen Wste
zunchst liegen, nach Baktriana fhrt. Als er die Grenze Areias erreicht
hatte, kam ihm in Susia, der nchsten Stadt Areias, der Satrap des Landes
Satibarzanes entgegen, sich und das Land ihm zu unterwerfen, zugleich
wichtige Mitteilungen ber Bessos zu machen. Er lie Satibarzanes im Besitz
seiner Satrapie; Anaxippos von den Hetairen mit 60 Mann Akontisten zu Pferd
wurde zur Bewachung des Platzes und Aufnahme der nachkommenden Kolonnen
zurckgelassen, Anordnungen, welche zeigten, da Alexander unter der Form
einer Oberherrlichkeit, die nicht viel bedeutete, den mchtigen Satrapen in
der Flanke seines Marsches zunchst nur in Unttigkeit halten wollte, um
seinen eiligen Marsch sicher fortsetzen zu knnen. Denn schon hatte Bessos,
wie Satibarzanes angab und mehrere der Perser, welche aus Baktrien nach
Susia kamen, besttigten, die Tiara, den Titel Knig von Asien, den
Knigsnamen Artaxerxes angenommen, hatte Scharen flchtiger Perser und
viele Baktrianer um sich gesammelt, erwartete Hilfsheere aus den nahen
skythischen Gebieten.

So rckte Alexander auf dem Wege nach Baktra vor; schon waren auch die
bundesgenssischen Reiter, die Philippos aus Ekbatana nachfhrte, die
Sldnerreiter und die Thessaler, welche von neuem Dienste genommen hatten,
zum Heere gestoen. Der Knig durfte hoffen, so verstrkt und mit der ihm
gewhnlichen Schnelligkeit den Usurpator binnen kurzem zu berwltigen. Er
war in vollem Marsch, als ihm hchst beunruhigende Nachrichten aus Areia
zukamen: Satibarzanes habe treuloserweise den makedonischen Posten
berfallen, smtliche Makedonen nebst ihrem Fhrer Anaxippos erschlagen,
das Volk seiner Satrapie zu den Waffen gerufen; Artakoana, die Knigsstadt
der Satrapie, sei der Sammelplatz der Emprer, von dort aus wolle der
treubrchige Satrap, sobald Alexander ber die Grenze Areias hinaus sei,
sich mit Bessos vereinigen und die Makedonen, wo er sie trfe, mit dem
neuen Knig Artaxerxes Bessos gemeinschaftlich angreifen. Alexander konnte
sich nicht verhehlen, da solche Bewegung in der Flanke seiner Marschroute
von der grten Gefahr sei; von Areia aus konnte er gnzlich abgeschnitten,
von dort aus der Usurpation des Bessos vielfache Untersttzung zuteil
werden; und der Satrap der zunchst an Areia grenzenden Landschaften
Drangiana und Arochosien war Barsaentes, einer der Knigsmrder; es war
vorauszusehen, da er sich der Bewegung der Areier anschlieen werde. Unter
solchen Umstnden den Zug gegen Baktrien fortzusetzen, wre tollkhn
gewesen; und selbst auf die Gefahr hin, dem Usurpator Zeit zu greren
Rstungen zu lassen, mute er den Operationsfehler, die ganze Flanke seiner
Bewegungen einem verdchtigen Bundesgenossen anvertraut zu haben, schnell
und entschieden wieder gutzumachen, das ganze Gebiet in der Flanke erst zu
unterwerfen suchen. Er gab die Verfolgung des Bessos und die Unterwerfung
des baktrischen Landes auf, fr jetzt um sich des Besitzes von Areia und
der brigen arianischen Lnder zu vergewissern und von dort her die
unterbrochenen Unternehmungen gegen den Usurpator mit doppelter Sicherheit
fortsetzen zu knnen.

An der Spitze zweier Phalangen, der Bogenschtzen und Agrianer, der
makedonischen Ritterschaft und der Akontisten zu Pferd brach der Knig
eiligst gegen den emprten Satrapen auf, whrend das brige Heer unter
Krateros an Ort und Stelle lagerte. Nach zwei hchst angestrengten
Tagemrschen stand Alexander vor der Knigsstadt Artakoana; er fand alles
in heftiger Bewegung; durch den unerwarteten berfall bestrzt und von dem
zusammengebrachten Kriegsvolk verlassen, war Satibarzanes mit wenigen
Reitern ber das Gebirge zu Bessos entflohen; die Areier hatten ihre
Ortschaften verlassen und sich in die Berge geflchtet. Alexander warf sich
auf sie, dreizehntausend Bewaffnete wurden umzingelt und teils
niedergehauen, teils zu Sklaven gemacht. Dies schnelle und strenge Gericht
unterwarf die Areier; dem Perser Arsames wurde die Satrapie anvertraut.

Areia ist eines der wichtigsten Gebiete Persiens, es ist das Passageland
zwischen Iran, Turan und Ariana; wo der Areiosstrom seinen Lauf pltzlich
nordwrts wendet, kreuzen sich die groen Heerstraen aus Hyrkanien und
Parthien, aus Margiana und Baktrien, aus dem Oasengebiet von Seistan und
dem Hochtal des Kabulstromes; eine makedonische Kolonie, Alexandreia in
Areia, wurde an dieser wichtigen Stelle gegrndet, und noch heute lebt
unter dem Volke von Herat die Erinnerung an Alexander, den Grnder ihrer
reichen Stadt.

Alexander wird aus den Erkundigungen, die er bei der Vernderung seiner
Marschrichtung eingezogen, ein ungefhres Bild von der Lage der arianischen
Satrapien gegen Baktrien und Indien, von den Gebirgen und Strmen, welche
die Gestaltung dieser Lnder bestimmen, von den Straen und Pssen, die sie
verbinden, gewonnen haben; es wird ihm notwendig erschienen sein, erst die
ganze Sdflanke des baktrischen Landes zu okkupieren, bevor er sich gegen
den Usurpator in Baktrien wandte, ihm die Untersttzung, die er aus den
arianischen und indischen Lndern an sich ziehen konnte, zu entziehen, ihn
so in weitem Bogen einschlieend schlielich auf den uersten Flgel der
feindlichen Aufstellung zu stoen, nach demselben strategischen System, das
nach den Schlachten am Granikos, bei Issos, bei Gaugamela magebend gewesen
war. Mit dem Marsch nach Areia hinauf war diese Bewegung, die zunchst nach
Drangiana und Arachosien fhrte, bereits eingeleitet. Alexander zog, sobald
Krateros wieder zu ihm gestoen war, sdwrts, um die einzelnen Distrikte
dieses damals reichen und wohlbevlkerten Landes zu unterwerfen. Barsaentes
wartete seine Ankunft nicht ab, er flchtete ber die Ostgrenze seiner
Satrapie zu den Indern, die ihn spterhin auslieferten. Alexander rckte im
Tale des Flusses Adreskan, der zum See Areia (Harva) hinabfliet, in das
Land der Dranger oder Zaranger, deren Hauptstadt Prophtasia sich ohne
weiteres ergab.

Sdwrts von den Drangern wohnten in den damals noch nicht versandeten
Fruchtebenen des sdlichen Seistans die Ariaspen oder, wie die Griechen sie
nannten, Euergeten, ein friedliches ackerbautreibendes Volk, das, seit
uralten Zeiten in diesem Frhlingslande heimisch, jenes stille, fleiige
und geordnete Leben fhrte, welches in der Lehre Zarathustras mit so hohem
Preise geschildert wird. Alexander ehrte ihre Gastfreundschaft auf
vielfache Weise; es war ihm gewi von besonderem Wert, dies wohlhabende und
oasenartige Lndchen inmitten der arianischen Gebirgs- und Wstenlande sich
geneigt zu wissen; ein lngerer Aufenthalt unter diesen Stmmen, eine
kleine Erweiterung ihres Gebietes, die sie lngst gewnscht hatten, die
Aufrechthaltung ihrer alten Gesetze und Verfassung, die denen der
griechischen Stdte in keiner Weise nachzustehen schienen, endlich ein
Verhltnis zum Reiche, das jedenfalls unabhngiger war, als das der anderen
Satrapien, das etwa waren die Mittel, mit denen Alexander das merkwrdige
Volk der Ariaspen, ohne Kolonien unter ihnen zurckzulassen oder
Gewaltmaregeln zu brauchen, fr die neue Ordnung der Dinge gewann.

Nicht minder friedlich zeigten sich ihm die Stmme der Gedrosier, deren
Gaue er bei weiterem Marsch berhrte. Ihre nrdlichen Nachbarn, die
Arachosier, unterwarfen sich; ihre Wohnsitze erstreckten sich bis in die
Pagegend, welche in das Gebiet der zum Indus strmenden Flsse
hinberfhrt; darum gab Alexander diese Satrapie dem Makedonen Menon,
stellte 4000 Mann Fuvolk und 600 Reiter unter seinen Befehl, und befahl
jenes arachosische Alexandrien (Kandahar) zu grnden, das, an dem Eingange
der Psse gelegen und bis auf den heutigen Tag eine der blhendsten Stdte
jener Gegend, in dem neueren Namen das Andenken ihres Grnders bewahrt hat.
Aus dem arachosischen Lande rckte das makedonische Heer unter vielen
Beschwerden -- es war um den Untergang der Plejaden, Mitte November, und
die Berggegenden mit tiefem Schnee bedeckt -- in das Land der
Paropamisaden, des ersten indischen Volksstammes, den es auf seinem Zuge
fand; nordwrts von diesem erhebt sich der indische Kaukasos, ber den der
Weg in das Land des Bessos fhrte.

So etwa die Mrsche, mit welchen Alexander in den letzten Monaten des
Jahres 330 sein Heer von dem Nordsaume Chorassans bis an den Fu des
indischen Kaukasos fhrte. Voll Mhseligkeit und arm an kriegerischem Ruhm,
sollte diese Zeit durch ein Verbrechen eine traurige Berhmtheit erlangen;
es galt Alexander zu ermorden, wie Dareios ermordet worden war; der Plan
rechnete auf die Stimmung des Heeres, das des rastlosen Weiterziehens
bersatt schien.

Da mit dem, was der Knig tat und tun lie, mannigfache Erwartungen
getuscht, Besorgnisse genhrt, Mistimmungen gerechtfertigt wurden, war
bei der immer weiter schwellenden Eroberung, bei der Eile der
Neugestaltungen, die sie forderte, bei der Richtung, die er ihnen geben zu
mssen glaubte, unvermeidlich.

Ein neuerer Forscher ist in der Beurteilung Alexanders zu dem Ergebnis
gekommen, da sein alles verschlingendes Gelst Eroberung gewesen sei,
Eroberung nach West und Ost, Sd und Nord, eine Erklrung, mit der er dann
freilich dem Verstande nichts weiter schuldig bleibt. Wenn Alexander in so
unwiderstehlichen Erfolgen, wie es geschah, siegte, wenn er die
Machtgestaltung, von der bis dahin die Vlker Asiens zusammengehalten
waren, sprengte, wenn er in dem Niederbrechen der bisherigen zugleich die
Anfnge einer neuen schuf, so mute er im voraus des Planes gewi sein,
nach dem er sein Werk aufbauen wollte, des Gedankens, der auch den ersten
Anfngen des Werkes, dessen Anfnge sie sein sollten, ihre Richtung und ihr
Ma gegeben haben mute.

Der tiefste Denker des Altertums, des Knigs Lehrer Aristoteles, hat ihn in
dieser Frage mehrfach beraten; er hat ihm empfohlen, zu den Hellenen sich
als Hegemon, zu den Barbaren sich als Herr zu verhalten, die Hellenen als
Freunde und Stammgenossen, die Barbaren, als wren sie Tiere und Pflanzen,
zu behandeln. Er ist der Ansicht, da die Natur selbst diese Unterscheidung
begrnde: denn, sagt er, die Vlker in den kalten Gegenden Europas sind
voll Mut, aber zu geistiger Arbeit und Kunstfertigkeit nicht geeignet,
daher leben sie meist frei, sind aber zu Staatsleben und zur Beherrschung
anderer unfhig; die in Asien sind geweckten Geistes und zu den Knsten
geschickt, aber ohne Mut, daher haben sie Herrscher und sind sie Sklaven;
das Volk der Hellenen, wie es zwischen beiden wohnt, so hat es an beider
Art teil; es ist ebenso mutvoll, wie denkend, es hat daher Freiheit und das
beste Staatsleben und ist befhigt, ber alle zu herrschen, wenn es _ein_
Staatswesen bildet. Gewi eine richtige Betrachtung, wenn das Leben der
Vlker sein und bleiben mte, wie es die Natur einmal vorausbestimmt hat;
aber auch dann, wenn die Geschichte -- und Aristoteles gibt wenig auf sie
-- nicht neue Krfte und Bedingungen entwickelte, war gegenber den
Aufgaben, die dem Sieger in Asien erwuchsen, des tiefen Denkers Rat
doktrinr, unbrauchbar fr das drngende, augenblickliche, praktische
Bedrfnis, am wenigsten geeignet, einen mglichen, geschweige denn einen
moralisch zu rechtfertigenden Zustand zu grnden. Der Philosoph wollte nur
die Summe des Bisherigen erhalten und fortsetzen; der Knig sah in der
unermelichen Wandlung, in dieser Revolution, die das Ergebnis und die
Kritik des Bisherigen war, die Elemente einer neuen Gestaltung, die ber
jenen Schematismus hinausgehen, in der jene angeblichen
Naturnotwendigkeiten durch die Macht der fortschreitenden Geschichte
berwunden werden sollten.

Wenn das Zusammenbrechen der persischen Macht ein Beweis war, da sie sich
und ihre Lebenskraft vllig erschpft hatte, war denn das hellenische Wesen
schlielich mit seiner Freiheit und dem Trugbild der besten Verfassung in
besseren Zustnden? War es auch nur stark genug gewesen, sich der
beschmenden Abhngigkeit von der persischen Politik, sich der drohenden
Invasionen der Barbaren des Nordens zu erwehren, solange jede Stadt nur
ihrer Freiheit und ihrer Lust, ber andere Herr zu sein, gelebt hatte? Und
selbst die Makedonen, hatten sie auch nur irgendeine Bedeutung, auch nur
Sicherheit in ihren eigenen Grenzen gehabt, bevor sich ihr Knigtum
entschlossen und stark emporrichtete, sie lehrte und sie zwang, nicht blo
zu sein und zu bleiben, wie sie so lange gewesen waren? Wenn Alexander
seines Lehrers Politik las, so fand er da eine Stelle bedeutsamer Art; es
ist die Rede von der Gleichheit der Rechte und Pflichten unter den Genossen
des Staates, und da in ihr das Wesen der besten Staatsordnung beruhe. Ist
aber einer durch so berlegene Tchtigkeit ausgezeichnet, da die
Tchtigkeit und die politische Macht der anderen mit der dieses einzelnen
nicht vergleichbar ist, dann kann man ihn nicht mehr als Teil ansehen; man
wrde dem an Tchtigkeit und Macht in solchem Ma Ungleichen Unrecht tun,
wenn man ihn als gleich setzen wollte; ein solcher wre wie ein Gott unter
Menschen: daraus ergibt sich, da auch die Gesetzgebung notwendig sich auf
die, welche an Geburt und Macht gleich sind, beschrnkt; aber fr jene gibt
es kein Gesetz, sie selbst sind Gesetz; wer fr sie Gesetze geben wollte,
wrde lcherlich werden; sie wrden vielleicht so antworten, wie bei
Antisthenes die Lwen, als in der Tierversammlung die Hasen eine Rede
hielten und forderten, da alle gleichen Teil erhalten mten.

So Aristoteles' Anschauungen; gewi waren sie von ihm ohne alle persnliche
Beziehung gemeint; aber wer sie las, konnte er anders, als dabei an
Alexander zu denken? Da dieses Knigs Geist ber das menschliche Ma
grogeartet gewesen sei, sagt Polybios, darin stimmen alle berein.
Seine Willensstrke, seinen weiten Blick, seine intellektuelle
berlegenheit bezeugten seine Taten und die strenge, ja starre
Folgerichtigkeit ihres Zusammenhanges. Was er gewollt, wie er sein Werk
sich gedacht hat -- und das gerechte Urteil wird nur diesen Mastab anlegen
wollen --, nur auf Umwegen, nur aus dem, was ihm davon zu verwirklichen
gelang, ist es annhernd zu erkennen. Alexander stand in der Hhe der
Bildung, der Erkenntnisse seiner Zeit; er wird von dem Beruf des Knigs
nicht minder gro gedacht haben, als der Meister derer, welche wissen.
Aber nicht wird ihm wie seinem groen Lehrer in der Konsequenz des
Gedankens der Monarchie und des Wchteramtes des Monarchen gelegen haben,
die Barbaren wie Tiere und Pflanzen behandeln zu mssen, noch wird er
gemeint haben, da seine Makedonen darum von seinem Vater her zu den Waffen
erzogen seien, damit sie, wie der Philosoph es aussprach, Herren ber die
seien, denen es gebhre, Sklaven zu sein, noch weniger, da erst sein
Vater, dann er die Hellenen zu der Korinthischen Fderation gezwungen habe,
damit sie das wehrlos gemachte Asien mit ihrer raffinierten Selbstsucht und
ihrer dreisten Anstelligkeit ausbeuten und aussaugen knnten.

Er hatte Asien furchtbar getroffen; er wird des Speeres seines Ahnherrn
Achill gedacht, er wird das Charisma des echten Knigsspeeres darin erkannt
haben, da es die Wunde, die es geschlagen, auch heile. Mit der Vernichtung
des alten Reiches, mit dem Ende des Dareios war er der Erbe der Macht ber
zahllose Vlker, die bisher als Sklaven beherrscht worden waren; es war ein
echtes Knigswerk, sie zu befreien, so weit sie frei zu sein verstanden
oder lernen konnten, sie in dem, was sie Lbliches und Gesundes hatten, zu
erhalten und zu frdern, in dem, was ihnen heilig und ihr Eigenstes war, zu
ehren und zu schonen. Er mute sie zu vershnen, zu gewinnen wissen, um sie
selbst zu Mittrgern des Reiches zu machen, das sie mit der hellenischen
Welt fortan vereinigen sollte; in dieser Monarchie mute mit dem errungenen
Siege nicht mehr von Siegern und Besiegten die Rede sein, sie mute den
Unterschied von Hellenen und Barbaren vergessen machen. Gelang es ihm, die
Bewohner dieses weiten west-stlichen Reiches so zu einem Volke zu
verschmelzen, da sie sich mit ihren Begabungen und Mitteln gegenseitig
ergnzten und ausglichen, ihnen inneren Frieden und sichernde Ordnungen zu
schaffen, sie die Kunst der Mue zu lehren, ohne damit wie das Eisen die
Sthlung zu verlieren, so konnte er meinen, ein groes und wohlttiges
Werk geschaffen zu haben, ein solches, wie nach Aristoteles' Wort zur
wahren Begrndung des Knigtums notwendig ist. War es sein Ehrgeiz, sein
Siegespreis, sein Enthusiasmus, ein west-stliches Reich hellenistischer
Art zu schaffen, die Monarchie, wie es sptere Zeiten nach der Vision des
Propheten genannt haben, von den Persern auf die Hellenen zu bertragen,
so wies ihm die Notwendigkeit der Dinge mit jedem Tage deutlicher und
zwingender die Wege, die er einschlagen msse, das begonnene Werk
hinauszufhren.

Es lagen auf diesem Wege Schwierigkeiten unermelicher Art,
Willkrlichkeiten, Gewaltsamkeiten, Unnatrlichkeiten, die das Begonnene
unmglich zu machen schienen. Sie machten ihn nicht stutzen; sie steigerten
nur die Heftigkeit seines Willens, die stiere Selbstgewiheit seines
Handelns. Das Werk, das er in der Begeisterung seiner Jnglingsjahre
begonnen hatte, beherrschte ihn; lawinenartig wachsend, ri es ihn hin,
Zerstrung, Verwstung, Leichenfelder bezeichneten seine Bahn; mit der
Welt, die er besiegte, verwandelte sich sein Heer, seine Umgebung, er
selbst. Er strmte weiter, er sah nur sein Ziel, in diesem sah er seine
Rechtfertigung.

Er durfte glauben, da sich die Notwendigkeit dessen, was er wollte, von
selbst ergeben, aus dem, was geschah, auch dem Nichtwollenden sich
berzeugend aufdrngen werde. Mochte sein hellenistisches Reich vorerst in
der Form sich wenig von dem der Achmeniden unterscheiden, der wesentliche
und in seinen Folgen unabsehbare Unterschied lag in der neuen Kraft, die er
dem asiatischen Leben zufhrte; was die Waffensiege begonnen hatten, konnte
er dem durchgebildeten, aufgeklrten, unendlich beweglichen und quellenden
Geiste des Griechentums ruhig weiter wirkend zu vollenden berweisen. Fr
den Moment kam alles darauf an, die Elemente, die sich mischen und
durchgren sollten, einander zu nhern und aneinander zu binden. Die
asiatische Art war passiver, mitrauischer, in ihrer Masse schwerflliger
und verstockter; von der Schonung, mit der man sie behandelte, von dem
Verstndnis ihrer Eigenart und ihres Vorurteils, von ihrer vlligen
Fgsamkeit hing fr den Anfang die Existenz des neuen Reiches ab. Auch sie
muten in Alexander ihren Knig sehen; er war zunchst und allein die
Einheit des weiten Reiches, der Kernpunkt, um den sich die neue
Kristallisation bilden sollte. Wie er ihren Gttern geopfert und Feste
gefeiert hatte, so wollte er auch in seiner Umgebung, in den Festen seines
Hoflagers zeigen, da er auch den Asiaten angehre. Seit dem Ende des
Dareios begann er, die Asiaten, die zu ihm kamen, im asiatischen Kleide und
mit asiatischem Zeremoniell zu empfangen, die nchterne Alltglichkeit des
makedonischen Feldlagers mit dem blendenden Pomp des morgenlndischen
Hoflebens abwechseln zu lassen; der nchste Tag sah ihn wieder an der
Spitze der Makedonen im Kampf voran, unermdlich bei Strapazen, voll Sorge
und Umsicht fr die Truppen, jedem einzelnen entgegenkommend und
zugnglich.

In keiner Zeit war die makedonische Art besonders fgsam gewesen; der Krieg
und die unermelichen Erfolge, die er gebracht, hatte den harten und
stolzen Sinn dieser Hetren nur noch gesteigert. Nicht alle begriffen, wie
Hephaistion, die Absichten und die Politik ihres Knigs, oder hatten, wie
Krateros, Hingebung und Selbstverleugnung genug, dieselbe um der
Diensttreue willen zu untersttzen; die meisten verkannten und
mibilligten, was der Knig tat oder unterlie. Whrend Alexander alles
versuchte, um die Besiegten zu gewinnen und sie in den Makedonen ihre
Sieger vergessen zu lassen, hielten viele in ihrem Hochmut und ihrer
Selbstsucht ein Verhltnis gnzlicher Unterwrfigkeit zur Grundlage aller
weiteren Einrichtungen fr unerllich, nahmen als sich von selbst
verstehend zu der despotischen Machtvollkommenheit der frheren Satrapen
noch das grausame Gewaltrecht von Eroberern in Anspruch. Whrend Alexander
den Kniefall der persischen Groen und die Anbetung, die ihm die
Morgenlnder schuldig zu sein glaubten, mit derselben Huld empfing wie die
Ehrengesandtschaften der Griechen und den soldatischen Zuruf seiner
Phalangen, htten sie sich gern als die Gleichen ihres Knigs, alles andere
tief unter sich im Staube der Unterwrfigkeit gesehen; und whrend sie sich
selbst, soviel es das Kriegslager und die Nhe ihres laut mibilligenden
Knigs gestattete, der ganzen ppigkeit und Zgellosigkeit des asiatischen
Lebens ohne anderen Zweck als den des verwildertsten Genusses hingaben,
verargten sie ihrem Knige das medische Kleid und den persischen Hofstaat,
in dem ihn die Millionen Asiens als ihren Gott-Knig erkannten und
anbeteten. So waren viele der makedonischen Groen im bsesten Sinne des
Wortes zu Asiaten geworden, und der asiatische Hang zu Despotie, Kabale und
Ausschweifung vereinigte sich mit jenem makedonischen berma von
Heftigkeit und Selbstgefhl, das sie noch immer nach Ruhm begierig, im
Kampf tapfer, zu jedem Wagnis bereit machte.

Sobald Alexander morgenlndisches Wesen in seine Hofhaltung aufzunehmen
begann, persische Groe um sich versammelte, sie mit gleicher Huld und
Freigebigkeit wie die Makedonen an sich zog, mit gleichem Vertrauen
auszeichnete, mit wichtigen Auftrgen ehrte, mit Satrapien belehnte, war es
natrlich, da die makedonischen Groen, als geschhe ihnen Abbruch und
Erniedrigung, auf dies asiatische Unwesen, das der Knig begnstigte, ihren
Abscheu wandten und demgegenber sich als die Vertreter des alt und echt
makedonischen Wesens fhlten. Viele, besonders die lteren Generale aus
Philipps Zeit, verhehlten ihre Migunst gegen die Perser, ihr Mitrauen
gegen Alexander nicht; sie bestrkten und steigerten sich gegenseitig in
dem rger, zurckgesetzt und von dem, der ihnen alles danke, undankbar
behandelt zu sein; jahrelang htten sie kmpfen mssen, um jetzt die Frucht
ihrer Siege in die Hnde der Besiegten bergehen zu sehen; der Knig, der
jetzt die persischen Groen wie ihresgleichen behandelte, werde sie selbst
bald wie diese einstigen Sklaven des Perserknigs behandeln; Alexander
vergesse den Makedonen, man msse auf seiner Hut sein.

Der Knig kannte diese Stimmungen; seine Mutter, so wird berichtet, habe
ihn wiederholt gewarnt, ihn beschworen, vorsichtig gegen die Groen zu
sein, ihm Vorwrfe gemacht, da er zu vertraut und zu gndig gegen diesen
alten Adel Makedoniens sei, da er mit berreicher Freigebigkeit aus
Untertanen Knige mache, ihnen Freunde und Anhang zu gewinnen Gelegenheit
gebe, sich selbst seiner Freunde beraube. Alexander konnte sich nicht
verhehlen, da selbst unter seiner nchsten Umgebung viele seine Schritte
mit Mitrauen oder Mibilligung betrachteten; in Parmenion war er gewohnt,
einen steten Warner zu haben; von dessen Sohn Philotas wute er, da er
seine Einrichtungen unverhohlen gemibilligt, ja ber seine Person sich in
sehr schonungsloser Weise geuert habe; er hielt es dem heftigen und
finsteren Sinne des sonst tapferen und im Dienst unermdlichen Hipparchen
zugute; tiefer krnkte es ihn, da selbst der schlichte und hochherzige
Krateros, den er vor allen hochachtete, nicht immer mit dem, was geschah,
einverstanden war, da selbst Kleitos, der das Agema der Ritterschaft
fhrte, sich ihm entfremdete. Immer deutlicher trat unter den makedonischen
Generalen eine Spaltung hervor, die, wenn auch fr jetzt ohne bedeutende
Folgen, doch die Stimmungen verbitterte und selbst im Kriegsrat schon in
peinlicher Gereiztheit hervorbrach; die Heftigeren wollten den Krieg
beendet, das Heer aufgelst, die Beute verteilt sehen; nicht ohne ihre
Einwirkung schien auch im Heer das Verlangen nach der Heimat laut und
lauter zu werden.

So steigerte sich die Mistimmung; schon wurde mit Geschenken, mit
Nachsicht und Vertrauen der Knig ihrer nicht mehr Herr. Es konnte und
durfte nicht lange in dieser Weise fortgehen; die Kriegszucht des Heeres
und die Folgeleistung der Offiziere, das waren die ersten Bedingungen nicht
blo fr das Gelingen der militrischen Unternehmungen, sondern auch fr
die Erhaltung des schon Gewonnenen und die Sicherheit der Armee selbst;
wenn sich Alexander von Krateros, Kleitos, Philotas, Parmenion, von den
Hetairen auch keiner Tat gewrtig sein mochte, so mute er des Beispiels
und der schon unsicheren Stimmung im Heere wegen eine Krisis
herbeiwnschen, die ihm die Faktion offen gegenberstellte und sie
niederzutreten Gelegenheit bot.

Alexander rastete im Herbste des Jahres 330 mit seinem Heere in der
Hauptstadt des Drangianerlandes. Krateros war von dem baktrischen Wege her
wieder zu ihm gestoen; auch Koinos, Perdikkas und Amyntas mit ihren
Phalangen, auch die makedonische Ritterschaft des Philotas und die
Hypaspisten waren um ihn; ihr Fhrer Nikanor, Philotas' Bruder, war vor
kurzem gestorben, dem Knige ein schmerzlicher Verlust; durch den Bruder
hatte er ihn feierlich bestatten lassen. Ihr Vater Parmenion stand mit den
meisten der brigen Truppen im fernen Medien, die Strae nach der Heimat
und die reichen Schtze des Perserreiches zu hten; im nchsten Frhling
sollte er wieder zu der groen Armee stoen. Da erhielt Alexander die
Anzeige von dem Verrat des Philotas, sagt Arrian und fhrt dann summarisch
an, wie gegen denselben verfahren worden sei. Ausfhrlicher hat die Quelle,
der Diodoros, Curtius, Plutarchos folgen, die Sache erzhlt, ob der
Wahrheit entsprechender, mag dahingestellt bleiben. Sie sagen im
wesentlichen folgendes.

Unter den Mivergngten in des Knigs Umgebung war Dimnos aus Chalstra in
Makedonien. Er vertraute dem Nikomachos, mit dem er in Buhlschaft lebte,
da er von dem Knige an seiner Ehre gekrnkt, da er entschlossen sei,
sich zu rchen; vornehme Personen seien mit ihm einverstanden, allgemein
werde eine nderung der Dinge gewnscht; der Knig, allen verhat und im
Wege, msse aus dem Wege gerumt werden; in drei Tagen msse er tot sein.
Fr des Knigs Leben besorgt, aber zu scheu, ihm so Groes selbst zu
enthllen, teilt Nikomachos den verruchten Plan seinem Bruder Kebalinos mit
und beschwrt ihn, mit der Anzeige zu eilen. Der Bruder begibt sich ins
Schlo, wo der Knig wohnt; um alles Aufsehen zu meiden, wartet er im
Eingang, bis einer der Strategen herauskomme, dem er die Gefahr entdecken
knne. Philotas ist der erste, den er sieht; ihm sagt er, was er erfahren,
er macht ihn verantwortlich fr die schleunige Meldung und fr das Leben
des Knigs. Philotas kehrt zum Knige zurck, er spricht mit ihm von
gleichgltigen Dingen, nicht von der nahen Gefahr; auf Kebalinos' Fragen,
der ihn am Abend aufsucht, antwortet er, es habe sich nicht machen lassen,
am nchsten Tage werde noch Zeit genug sein. Doch auch am andern Tage
schweigt Philotas, obschon mehrfach mit dem Knig allein. Kebalinos schpft
Verdacht; er wendet sich an Metron, einen der kniglichen Knaben, er teilt
ihm die nahe Gefahr mit, fordert von ihm eine geheime Unterredung mit dem
Knige. Metron bringt ihn in das Waffenzimmer Alexanders, sagt diesem
whrend des Bades von dem, was Kebalinos ihm entdeckt, lt dann ihn selbst
hervortreten. Kebalinos vervollstndigt den Bericht, sagt, da er nicht
schuld an der Verzgerung dieser Anzeige sei, und da er diese, bei dem
auffallenden Benehmen des Philotas und der Gefahr weiterer Verzgerung,
unmittelbar an den Knig machen zu mssen geglaubt habe. Alexander hrt ihn
nicht ohne tiefe Bewegung; er befiehlt, sofort Dimnos festzunehmen. Der
sieht die Verschwrung verraten, seinen Plan vereitelt, er entleibt sich.
Dann wird Philotas zum Knige beschieden; er versichert, die Sache fr eine
Prahlerei des Dimnos und nicht der Rede wert gehalten zu haben; er gesteht,
da Dimnos' Selbstmord ihn berrasche, der Knig kenne seine Gesinnung.
Alexander entlt ihn, ohne Zweifel an seiner Treue zu uern, er ladet ihn
ein, auch heute nicht bei Tafel zu fehlen. Er beruft einen geheimen
Kriegsrat, teilt da das Geschehene mit. Die Besorgnis der treuen Freunde
vermehrt des Knigs Verdacht eines weiteren Zusammenhanges und seine Unruhe
ber Philotas' rtselhaftes Benehmen; er befiehlt das strengste
Stillschweigen ber diese Verhandlung: er bescheidet Hephaistion und
Krateros, Koinos und Erigyios, Perdikkas und Leonnatos zu Mitternacht zu
sich, die weiteren Befehle zu empfangen. Zur Tafel versammeln sich die
Getreuen bei dem Knige, auch Philotas fehlt nicht; man trennt sich spt am
Abend. Um Mitternacht kommen jene Generale, von wenigen Bewaffneten
begleitet; der Knig lt die Wachen im Schlo verstrken, lt die Tore
der Stadt, namentlich die nach Ekbatana fhrenden, besetzen, sendet
einzelne Kommandos ab, diejenigen, die als Teilnehmer der Verschwrung
bezeichnet sind, in der Stille festzunehmen, schickt endlich 300 Mann zu
Philotas' Quartier, mit dem Befehl, erst das Haus mit einer Postenreihe zu
umstellen, dann einzudringen, den Hipparchen festzunehmen und ins Schlo zu
bringen. So vergeht die Nacht.

Am anderen Morgen wird das Heer zur Versammlung berufen. Niemand ahnt, was
geschehen; dann tritt der Knig selbst in den Kreis: er habe das Heer nach
makedonischer Sitte zum Gericht berufen, ein hochverrterischer Plan gegen
sein Leben sei an den Tag gekommen. Nikomachos, Kebalinos, Metron legen
Zeugnis ab, der Leichnam des Dimnos ist die Besttigung ihrer Aussage. Dann
bezeichnet der Knig die Hupter der Verschwrung: an Philotas sei die
erste Anzeige gebracht, da am dritten Tage der Mord geschehen solle;
obschon er tglich zweimal in das Schlo komme, habe er den ersten, den
zweiten Tag kein Wort geuert; dann zeigt er Briefe des Parmenion, in
denen der Vater seinen Shnen Philotas und Nikanor rt: sorgt erst fr
Euch, dann fr die Euren, so werden wir erreichen, was wir bezwecken; er
fgt hinzu, da diese Gesinnungen durch eine Reihe von Tatsachen und
uerungen besttigt und Zeugnis fr das schndeste Verbrechen seien; schon
bei Knig Philipps Ermordung habe Philotas sich fr den Prtendenten
Amyntas entschieden; seine Schwester sei Gemahlin des Attalos gewesen, der
ihn selbst und seine Mutter Olympias lange verfolgt, ihn von der Thronfolge
zu verdrngen gesucht, sich endlich, mit Parmenion nach Asien
vorausgesandt, emprt habe; trotzdem sei diese Familie von ihm mit jeder
Art von Auszeichnung und Vertrauen geehrt worden; schon in gypten habe er
von den frechen und drohenden uerungen, die Philotas gegen die Hetre
Antigone oft wiederholt, sehr wohl gewut, aber sie seinem heftigen
Charakter zugut gehalten; dadurch sei Philotas nur noch herrischer und
hochfahrender geworden; seine zweideutige Freigebigkeit, seine zgellose
Verschwendung, sein wahnsinniger Hochmut htten selbst den Vater besorgt
gemacht und ihn zu der hufigen Warnung, sich nicht zu frh zu verraten,
veranlat; lngst htten sie nicht mehr dem Knige treulich gedient, und
die Schlacht von Gaugamela sei fast durch Parmenion verloren worden; seit
Dareios' Tode aber seien ihre verrterischen Plne gereift, und whrend er
fortgefahren, ihnen alles anzuvertrauen, htten sie den Tag seiner
Ermordung bestimmt, die Mrder gedungen, den Umsturz alles Bestehenden
vorbereitet. Mit der tiefsten Bestrzung, so sagt die Schilderung des
Vorganges, haben die Makedonen den Knig angehrt; da dann Philotas
gebunden vorgefhrt wird, bewegt sie nicht minder, erweckt ihr Mitleid; der
Strateg Amyntas ergreift das Wort gegen den Schuldigen, der ihnen allen
mit dem Leben des Knige die Hoffnung der Heimkehr vernichtet haben wrde.
Dann noch heftiger der Strateg Koinos, des Philotas Schwager; schon hat er
einen Stein ergriffen, das Gericht nach makedonischer Sitte zu beginnen;
der Knig hlt ihn zurck; erst msse Philotas sich verteidigen; er selbst
verlt die Versammlung, um nicht durch seine Gegenwart die Freiheit der
Verteidigung zu beeintrchtigen. Philotas leugnet die Wahrheit der
Beschuldigungen; er verweist auf seine, seines Vaters, seiner Brder treue
Dienste; er gesteht, die Anzeige des Kebalinos verschwiegen zu haben, um
nicht als nutzloser und lstiger Warner zu erscheinen, wie sein Vater
Parmenion in Tarsos, als er vor der Arznei des akarnanischen Arztes gewarnt
habe; aber Ha und Furcht foltere stets den Despoten, und das sei es ja,
was sie alle beklagten. Unter der heftigsten Aufregung entscheiden die
Makedonen, da Philotas und die brigen Verschworenen des Todes schuldig
seien; der Knig vertagt das Gericht bis zum folgenden Tage.

Noch fehlt das Gestndnis des Philotas, der zugleich ber die Schuld seines
Vaters und der Mitverschworenen Licht verbreiten mu; der Knig beruft
einen geheimen Rat; die meisten verlangen das Todesurteil sofort zu
vollstrecken; Hephaistion, Krateros, Koinos raten, erst das Gestndnis zu
erzwingen; dafr entscheidet sich die Stimmenmehrheit; die drei Strategen
erhalten den Auftrag, bei der Folter gegenwrtig zu sein. Unter den Martern
bekennt Philotas, da er und sein Vater von Alexanders Ermordung
gesprochen, da sie die bei Dareios' Lebzeiten nicht gewagt htten, da
nicht ihnen, sondern den Persern der Vorteil davon zugefallen wre, da er,
Philotas, mir der Vollstreckung geeilt habe, ehe sein Vater durch den Tod,
dem sein greises Leben nahe sei, dem gemeinschaftlichen Plane entrissen
wrde, da er diese Verschwrung ohne Vorwissen des Vaters angestiftet. Mit
diesen Zeugnissen tritt der Knig am nchsten Morgen in die Versammlung des
Heeres; Philotas wird vorgefhrt und von den Lanzen der Makedonen
durchbohrt.

Auch die besten Quellen, die, denen Arrian folgt, Ptolemaios und
Aristobulos, besttigen, da schon in gypten Anzeigen von den
verrterischen Plnen des Philotas an den Knig gebracht worden seien, da
dieser sich bei der Freundschaft, die zwischen ihm und Philotas bestanden,
bei der hohen Achtung, die er dem Vater Parmenion stets bezeugt, nicht habe
entschlieen knnen, sie zu glauben. Ptolemaios bezeugt, da der Knig
selbst vor versammeltem Kriegsvolk die Anklage gesprochen, da Philotas
sich verteidigt habe, da namentlich die Verheimlichung der Anzeige ihm als
Verbrechen angerechnet worden sei. Die Folter erwhnt er nicht.

Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden. Es erschien
notwendig, das Urteil so schnell wie mglich zu vollstrecken; er stand an
der Spitze einer bedeutenden Truppenmasse, die er bei seinem groen Ansehen
im Heere und mit den Schtzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren, und
die sich auf viele tausend Talente beliefen, leicht zu dem uersten
bringen konnte; selbst wenn er an der Verrterei seines Sohnes keinen
unmittelbaren Anteil hatte, schien nach dessen Hinrichtung das Schlimmste
mglich. Er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Mrsche entfernt; was konnte, wenn
er sich emprte, in dieser Zeit geschehen? Der Knig durfte bei solchen
Umstnden nicht sein Begnadigungsrecht ben, er durfte nicht wagen, den
Feldherrn offenbar und inmitten der so leicht irre zu fhrenden Truppen
verhaften zu lassen; Polydamas, aus der Schar der Hetairen, wurde nach
Ekbatana an Sitalkes, Menidas und Kleandros gesandt, mit dem schriftlichen
Befehl des Knigs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu rumen. Auf
schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der
zwlften Nacht in Ekbatana an; der thrakische Frst und die beiden
makedonischen Befehlshaber entledigten sich sofort ihres Auftrages.

In Prophtasia gingen indes die Untersuchungen weiter. Auch Demetrios, einer
der sieben Leibwchter, wurde, der Verbindung mit Philotas verdchtig,
gefangengesetzt; Ptolemaios, des Lagos Sohn, erhielt seine Stelle. Die
Shne des Tymphaiers Andromenes waren dem Philotas sehr befreundet gewesen,
und Polemon, der jngste der Brder, der in einer Ile der Ritterschaft
stand, hatte sich, sobald er von der Gefangennahme seines Hipparchen
Philotas gehrt, in blinder Angst auf die Flucht begeben; seine und seiner
Brder Teilnahme an der Verschwrung erschien um so glaublicher. Amyntas,
Simmias, Attalos, alle drei Strategen der Phalangiten, wurden vorgefhrt,
namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser
verteidigte sich und seine Brder dergestalt, da die Makedonen ihn aller
Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergnstigung, seinen entflohenen
Bruder zurckbringen zu drfen; der Knig gestattete es; er reiste noch
desselben Tages ab, er brachte Polemon zurck; das und der rhmliche Tod,
den Amyntas bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Knige den
letzten Verdacht gegen die Brder, die fortan von ihm auf mannigfache Weise
ausgezeichnet wurden.

Bemerkenswert ist, da bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des
Lynkestiers Alexandros, der vier Jahre frher in Kleinasien einen Anschlag
auf des Knigs Leben gemacht hatte, damals aber auf ausdrcklichen Befehl
des Knigs nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde. Mag es
wahr sein, da das Heer seine Hinrichtung forderte, dem Knige konnte es
notwendig scheinen, einen Mann, den er, mit Rcksicht auf seine
Verschwgerung mit dem Reichsverweser in Makedonien bisher der gerechten
Strafe vorenthalten, dem jetzt geforderten Urteil des Heeres zu
berantworten. Es ist nicht unwahrscheinlich, da neue Anlsse hinzukamen,
gerade jetzt ihn vor Gericht zu stellen; leider berichten unsere Quellen
nichts Genaueres. Aber wenn Philotas eingestanden, da der Zweck der
Verschwrung Alexanders Ermordung gewesen sei, so mute die erste und im
voraus bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem tragen solle; der
zunchst Berechtigte war Arrhidaios, Knig Philipps Sohn; aber auch wenn er
mit beim Heere war, es konnte niemandem einfallen, die Gewalt einem so gut
wie Bldsinnigen zu bergeben; ebenso wenig, einem zum Knigtum vllig
Unberechtigten, etwa Parmenion oder seinem Sohn oder einem anderen der
Generale das Diadem zu bertragen; der Lynkestier konnte den Verschworenen
um so geeigneter dazu scheinen, als Antipatros, auf den gewi besondere
Rcksicht zu nehmen war, durch die Erhebung seines Eidams fr die neue
Ordnung der Dinge, so mochte man meinen, gewonnen werden konnte. Vielleicht
darf erwhnt werden, da Antipatros, sobald er von den Vorgngen in
Prophtasia und Ekbatana unterrichtet war, Schritte getan zu haben scheint,
die ohne solchen Zusammenhang unbegreiflich wren; es wird erzhlt, da er
mit den tolern, die Alexander wegen der Zerstrung der ihm ergebenen Stadt
Diniadai auf das strengste zu zchtigen befohlen hatte, insgeheim
Unterhandlungen angeknpft habe; eine Vorsicht, die fr den Augenblick
keine weitere Wirkung hatte, aber dem Knige nicht unbekannt blieb und, so
wurde geglaubt, sein Mitrauen in einer Weise erregte, die, wenn auch erst
nach Jahren, ihren Ausdruck finden sollte.

So endete dieser trostlose Handel, trostlos auch, wenn das Gericht ber
Philotas gerecht, die Ermordung Parmenions eine politische Notwendigkeit
gewesen war. Es macht das Geschehene nicht ertrglicher, wenn Philotas nach
den berlieferungen bei aller persnlichen Tapferkeit und Kriegstchtigkeit
gewaltsam, selbstschtig, tckisch gewesen sein, wenn der Vater selbst ihn
gemahnt haben soll, vorsichtiger, minder hochfahrend zu sein; noch weniger,
wenn Parmenion auch in seinen dienstlichen Beziehungen sich mehrfach des
Knigs Tadel zugezogen haben soll. Mochte der Knig meinen, von seinen
hchsten Offizieren die strengste Folgeleistung fordern, inmitten des
Krieges die Zgel der Disziplin doppelt scharf anziehen zu mssen, -- da
er in den Kreisen der Hchstkommandierenden zu strafen fand und so strafen
zu mssen glaubte, war ein bedenkliches Symptom fr den Zustand seines
Heeres, und eine erste schlimme Scharte in dem bisher so festen und scharf
gefugten Instrument seiner Macht, der einzigen Brgschaft fr seine Erfolge
und sein Werk.

Seine Spannkraft und sein imperatorischer Geist wird die zerrttenden
Nachwirkungen dieser Vorgnge zu bewltigen, rasch und vllig die erregten
Truppen wieder in die Hand zu bekommen verstanden haben. Aber da Philotas,
da Parmenion dieser Armee fehlten, war und blieb ein unersetzlicher
Schaden, ein dauernder Flecken.

Es mag dahingestellt bleiben, ob in den bezeichneten Zusammenhang auch die
Formationsvernderungen zu rechnen sind, die wenigstens teilweise in diese
Winterrast fallen, oder ob sie mehr noch von der sich verndernden
militrischen Aufgabe veranlat wurden.

Seit dem Ende des Dareios gab es in den bisher persischen Landen keine
organisierte feindliche Kriegsmacht mehr; es konnten noch da und dort
Massen aufgeboten und ins Feld gefhrt werden, aber sie hatten nichts mehr
von dem Wesen des persischen Reichsheeres, auf das Alexander beim Beginn
des Kampfes die Formation seiner Feldarmee berechnet hatte, weder die
Haupttruppen der Groknige und die Kardaker, noch einen Kern hellenischer
Sldner und deren taktische bung. Der weitere Krieg mute sich wesentlich
auf den Kampf gegen lose Massen, auf deren Sprengung, rasche Verfolgung,
jede Art des kleinen Krieges einrichten. Es muten die Truppenkrper so
formiert werden, da sich aus ihnen mit Leichtigkeit Armeen im kleinen
zusammenstellen lieen; sie muten beweglicher, in ihrer Taktik noch mehr
als bisher aggressiv werden, die leichten Truppen muten eine noch grere
Ausdehnung erhalten. Endlich war es notwendig, Frsorge zu treffen, da
auch asiatische Aushebungen zur Verwendung kommen konnten, nicht blo um
die Masse des Heeres zu vergrern und in dem Ma, als man sich von den
Rekrutierungen aus der Heimat entfernte, nheren Ersatz zu schaffen.

Schon im Winter vorher waren die acht Ilen der Ritterschaft zu je zwei
Lochen formiert, deren jeder seinen Lochagen erhielt; jetzt wurden je acht
dieser Lochen zu einer Hipparchie vereint, so da es fortan, wenn der
moderne Ausdruck erlaubt ist, zwei Regimenter dieser schweren Kavallerie zu
acht immerhin schwcheren Schwadronen gab. Die eine Hipparchie erhielt
Kleitos, des Dropidas Sohn, der bisher die knigliche Ile der Ritterschaft
gefhrt hatte, der schwarze Kleitos, die zweite Hephaistion. Bereits in
dem Feldzuge des nchsten Jahres ist die Zahl der Hipparchien weiter
vermehrt.

In gleicher Weise sind die Sldnerreiter, welche 400 Mann stark unter
Menidas 331 zum Heere gekommen waren, so vermehrt worden, da sie mehr als
eine Hipparchie bilden.

Schon ist auch eine Waffe der Akontisten zu Pferd eingerichtet, ihre Zahl
ist nicht mehr zu erkennen.

Die nicht minder bedeutenden Vernderungen in der Formation des Fuvolkes,
die in dem indischen Feldzuge hervortreten, scheinen erst nach den groen
Verstrkungen, die das Heer in Baktrien erhielt, durchgefhrt zu sein.

Schon in Persepolis hatte der Knig Befehl in die Satrapien gesandt, junge
Mannschaften auszuheben, im ganzen 30000 Mann, die nach makedonischer Art
zum Dienst ausgebildet und dann als Epigonen in die Armee eingestellt
werden sollten. Aber schon demnchst, bei seinem zweijhrigen Aufenthalt in
den baktrischen Landen nahm er Baktrier, Sogdianer, Paropamisaden usw.,
namentlich als Reiter in Dienst.

Mit einem Wort, das Heer des Knigs, bisher aus Makedonen, Hellenen und
europischen Barbaren bestehend, begann sich in dem hellenistischen
Charakter, den Alexander seinem Reiche geben wollte, zu entwickeln; und
whrend berall in den Mittelpunkten der Satrapien mehr oder weniger starke
makedonisch-hellenistische Garnisonen zurckblieben und sich, so dauernd
angesiedelt, aus der blo militrischen Ordnung auch zu zivilen
Gemeinwesen, zu Politien nach hellenischer Art umbildeten, muten in der
Feldarmee die eingereihten Asiaten durch die militrische Gemeinschaft und
Disziplin sich zu hellenisieren beginnen.

Diese Feldarmee war doch nicht blo ein militrischer Krper; sie umschlo
noch andere Elemente, andere Funktionen; sie bildete eine hchst
eigentmliche Welt fr sich. Das Feldlager war zugleich das Hoflager,
umschlo die zentrale Verwaltung des ungeheuren Reiches, dessen obersten
Zivildienst, das Kassawesen, die Intendanturgeschfte, die Vorrte fr
Bewaffnung und Bekleidung der Armee, fr den Unterhalt der Menschen und
Tiere, den Lazarettdienst; mit dem Heere zogen Hndler, Techniker,
Lieferanten, Spekulanten aller Art, nicht wenige Literaten, nicht blo die
zum Unterricht der jungen Herren von Adel bestimmten; auch Gste,
hellenische und Asiaten, Laien und priesterliche; an einem Tro von Weibern
wird es nicht gefehlt haben; wenn der Lynkestier Alexandros seit den
Vorgngen in Pisidien gefangen dem Heere folgte, so wird auch der
schwachsinnige Arrhidaios, Philipps Bastard, nicht zurckgelassen sein.
Kurz, dies Feld- und Hoflager war gleichsam die bewegliche Residenz des
Reichs, der mchtige und mchtig pulsierende Schwer- und Mittelpunkt
desselben, der sich von einem Lande zum anderen schob und weilend wie
weitereilend sein Machtgewicht wirken lie.

Vielleicht darf an dieser Stelle noch ein anderer Punkt angefhrt werden,
auf den die Natur der Sache zu fhren scheint. Alexanders Truppen waren in
der Bekleidung ausgezogen, welche dem Klima und der Landessitte der Heimat
entsprach; war sie fr die doch sehr anderen Verhltnisse Irans, Turans,
Indiens, fr die Strapazen endloser Mrsche, fr die unvermeidlichen
schroffen Wechsel der Ernhrung, fr Sonnenglut, Winterwetter im
Hochgebirge, bald tropischer Regenmonate in gleichem Mae angemessen? Ergab
nicht die Frsorge fr die Gesundheit der Mannschaften die Notwendigkeit,
den Leib mit dichter schlieenden Kleidungen warm zu halten, den Schdel
vor Sonnenstich zu hten, die Beine einzuhllen, die Fe besser als mit
Sandalen oder niederen Schuhen zu schtzen, vielleicht nach der Art, wie
man sie bei den Vlkern dort in Gebrauch sah? Ist das vielleicht die
Einfhrung asiatischer Tracht, die dem Knige zu schwerem Vorwurf gemacht
wird? Freilich in der Drftigkeit unserer berlieferungen findet sich auf
diese, wie auf so viele Fragen keine Antwort.




  Zweites Kapitel

  Alexanders Zug nach Baktra -- Verfolgung des Bessos, dessen
  Auslieferung -- Zug gegen die Skythen am Jaxartes -- Emprung
  in Sogdiana -- Bewltigung der Emprer -- Winterrast
  in Zariaspa -- Zweite Emprung der Sogdianer -- Bewltigung
  -- Rast in Marakanda -- Kleitos' Ermordung --
  Einbruch der Skythen nach Zariaspa. Winterrast in Nautaka --
  Die Burgen der Hyparchen -- Vermhlung mit Roxane -- Verschwrung
  der Edelknaben -- Kallisthenes' Strafe


Der nchste Feldzug galt dem oxianischen Lande. Dort hatte Bessos, der die
Tiara des Groknigs und den Namen Artaxerxes angenommen, eifrigst
Vorbereitungen getroffen, um sich dem weiteren Vordringen der Makedonen zu
widersetzen. Auer den Truppen, die noch seit der Ermordung des Groknigs
um ihn waren, hatte er aus Baktrien und Sogdiana etwa 7000 Reiter um sich
versammelt, auch einige tausend Daer waren zu ihm gestoen; mehrere Groe
des Landes, Dataphernes und Oxyartes aus Baktrien, Spitamenes aus Sogdiana,
Katanes aus Partakene, befanden sich bei ihm; auch Satibarzanes hatte
sich, nachdem seine Emprung im Rcken Alexanders miglckt war, nach
Baktrien geflchtet -- ein Unfall, der fr Bessos den groen Vorteil mit
sich zu fhren schien, da Alexander, zumal von dem groen Wege nach
Baktrien abgelenkt, wahrscheinlich die schwer zugnglichen Psse ber den
Kaukasus scheuen, und den Feldzug gegen Baktrien entweder ganz aufgeben
oder wenigstens Zeit zu neuen und greren Rstungen lassen, vielleicht
einen Einfall nach dem nahen Indien machen werde; und dann konnte es nicht
schwer sein, in den neuunterworfenen Lndern in seinem Rcken einen
allgemeinen Aufstand zu organisieren.

Bessos lie die Gegenden am Nordabhange des Gebirges mehrere Tagereisen
weit verwsten, um so jedes Eindringen eines feindlichen Heeres unmglich
zu machen; er bergab dem Satibarzanes, welcher auf die Anhnglichkeit
seiner ehemaligen Untertanen rechnen konnte, etwa zweitausend Reiter, um
mit diesen eine Diversion im Rcken der Makedonen zu machen, die, wenn sie
glckte, den Feind gnzlich abschnitt. Die Areier erhoben sich bei dem
Erscheinen ihres ehemaligen Herrn, ja der von Alexander eingesetzte Satrap
Arsames selbst schien die Emprung zu begnstigen. Auch nach Parthien hin
sandte Bessos einen seiner Getreuen, Barzanes, um dort eine Insurrektion
zugunsten des alten Persertums zu bewirken.

Alexander erhielt die Nachricht von dem neuen Aufstand der Areier in
Arachosien; sofort sandte er die Reiterei der Bundesgenossen, sechshundert
Mann, unter ihren Fhrern Erigyios und Karanos, sowie die griechischen
Sldner unter Artabazos, sechstausend Mann, unter denen auch die in den
kaspischen Pssen bergetretenen unter Andronikos waren, nach Areia, lie
zugleich dem Satrapen in Hyrkanien und Parthien, Phrataphernes, den Befehl
zukommen, mit seinen Reiterscharen zu jenen zu stoen. Zu gleicher Zeit war
der Knig selbst aus dem Arachosischen aufgebrochen und unter der
strengsten Winterklte ber die nackten Pahhen, welche das Gebiet der
Arachosier von dem der Paropamisaden trennen, gezogen. Er fand dies
Hochland stark bevlkert, und obschon jetzt tiefer Schnee die Felder
berdeckte, doch Vorrte genug in den zahlreichen Drfern, die ihn
freundlich aufnahmen. Er eilte in die offenere Landschaft des oberen
Kabulstromes hinab und ber diesem bis an den Fu des hohen Hindukusch, des
Kaukasus, jenseits dessen Baktrien liegt. Hier hielt er Winterrast.

Das Land von Kabul, ungefhr unter derselben Breite wie Cypern und Kreta,
ist ein Hochtal, das gegen 6300 Fu ber dem Meere liegt, also um 500 Fu
hher als St. Moritz und Silvaplana im oberen Engadin. Von dort fhren
sieben Psse ber den Hindukusch nach dem Stromtale des Oxos; drei von
diesen steigen an den Quellflssen des Pundschir aufwrts, am stlichsten
der von Khewak, der Tulpa, der mit einer Pahhe von 13200 Fu nach
Anderab fhrt; diese und noch mehr die drei nchsten, welche zu den Quellen
des Surkab hinabfhren, sind vier bis fnf Monate hindurch vom Schnee so
bedeckt, da man sie kaum passieren kann; man mu dann den westlichsten
Pa, den von Bamihan, einschlagen, auf dem man mit etwa sechzig Meilen von
Kabul nach Balch gelangt; dieser Weg fhrt durch mehrere Bergketten
diesseits und jenseits des Hauptgebirges, und die Tler zwischen denselben
sind an Quellen, an Weide und Herden reich, von friedlichen Hirtenstmmen
bewohnt. Ein neuerer Reisender, der den letztgenannten dieser Psse
durchzogen, schreibt: Wir zogen vier Tage (es war im Mai) unter
Steilklippen und Felsenwnden hin, welche die Sonne vor unserem Gesichte
verbargen, und sich ber uns zu einer senkrechten Hhe von 2000 bis 3000
Fu erhoben; mir ist die Nase hier erfroren und von den Schneefeldern das
Auge fast erblindet; wir konnten nur des Morgens weiter, wo der Schnee
berfroren war; diese Gebirge sind fast ohne Bewohner, und unser Lager war
'des Bergstroms Bett' whrend des Tages.

Alexander lagerte, das hohe Gebirge zu seiner Linken, an einer Stelle, wo
er den beschwerlichen Ostpssen, namentlich dem nach Anderab, nher war als
dem bequemeren Westpa. Mute ihn Bessos nicht ber diesen erwarten und
danach seine Maregeln getroffen haben? Es war angemessen, die nheren
Psse zu whlen und lieber dem Heere eine lngere Rast zu gewhren, um so
mehr, als die Pferde des Heeres durch die Wintermrsche schwer mitgenommen
waren. Es kam noch ein anderer Umstand hinzu; was der Knig im Kabullande
hrte und sah, mute ihn erkennen lassen, da hier die Eingangspforte zu
einer neuen Welt sei, voll kleiner und groer Staaten, voll kriegerischer
Volksstmme, bei denen die Nachricht von der Nhe des Eroberers
unzweifelhaft Aufregung genug veranlassen mute, vielleicht selbst
Maregeln, ihm, wenn er nach Norden weitergezogen, die Rckkehr durch die
Psse, die er jetzt vor sich hatte, unmglich zu machen. Zur Sicherung
dieser Position wurde an der Stelle, wo das Heer lagerte (ungefhr wo jetzt
Begram liegt), eine Stadt Alexandreia am Kaukasus angelegt und ihr eine
starke Besatzung gegeben; es wurde der Perser Proexes zum Satrapen des
Landes, Neiloxenos von den Hetren zum Episkopus bestellt.

Sobald die Tage der strengen Klte vorber waren, brach Alexander aus der
Winterrast auf, um das erste Beispiel eines Gebirgsberganges zu geben, mit
dessen staunenswerter Khnheit nur die hnlichen Wagnisse Hannibals zu
wetteifern vermgen. Die Verhltnisse, unter denen Alexander den Marsch
unternehmen mute, erschwerten denselben bedeutend; noch war das Gebirge
mit Schnee bedeckt, die Luft kalt, die Wege beschwerlich; zwar fand man
zahlreiche Dorfschaften und die Einwohner friedlich und bereitwillig, zu
geben, was sie hatten, aber sie hatten nichts als ihre Herden; die Berge,
ohne Waldung, und nur hier und da mit Terpentinbschen bewachsen, boten
keine Feuerung dar; ohne Brot und ungekocht wurde das Fleisch genossen, nur
gewrzt mit dem Silphion, das in den Bergen wchst. So zog man vierzehn
Tage lang durch das Gebirge; je nher man den Nordabhngen kam, desto
drckender wurde der Mangel; man fand die Talgelnde verwstet und verdet,
die Ortschaften niedergebrannt, die Herden fortgetrieben; man war gentigt
sich von Wurzeln zu nhren und das Zugvieh der Bagage zu schlachten. Nach
unsglicher Anstrengung, von der Witterung und dem Hunger mitgenommen, mit
Verlust vieler Pferde, in traurigstem Auszuge, erreichte das Heer endlich
am fnfzehnten Tage die erste baktrische Stadt Drapsaka oder Adrapsa (wohl
das heutige Anderab), noch hoch im Gebirge.

Alexander stand am Eingang eines Gebietes doch sehr anderer Art, als die er
bisher leicht genug unterworfen hatte. Baktrien und Sogdiana waren Lnder
uralter Kultur, einst ein eigenes Reich, vielleicht die Heimat des
Zarathustra und der Lehre, die sich ber ganz Iran verbreitet hatte. Dann
den Assyrern, den Medern, Persern unterworfen, hatte dieses Land, im Norden
und Westen von den turanischen Vlkern umgeben und stets von ihren
Einfllen bedroht, die hervorragende Bedeutung eines zum Schutz Irans
wesentlichen, zur militrischen Verteidigung organisierten Vorlandes
bewahrt. Da Bessos, Satrap des Landes der Baktrier, in der Schlacht von
Arbela zugleich mit den Sogdianern und den an Baktrien grenzenden Indern
die skythischen Saken, nicht als seine Untertanen, sondern als Verbndete
des Groknigs, gefhrt hatte, lie hier eine Einheit der militrischen
Leitung und eine Mitwirkung der Skythenstmme erwarten, der gegenber die
Bewltigung dieser Lande doppelt schwierig werden konnte.

Vielleicht, da sie der pltzliche Anmarsch des makedonischen Heeres von
unerwarteter Seite her erleichterte. Nach kurzer Rast rckte Alexander in
raschen Mrschen durch die Psse, welche die nrdlichsten Vorberge bilden,
nach Aornos hinab und von dort ber die Fruchtebenen Baktriens nach Baktra,
der Hauptstadt des Landes; nirgends fand er Widerstand.

Bessos, solange die Feinde noch fern waren, voll Zuversicht und in dem
Wahne, da die Gebirge und die Verwstungen an ihrer Nordseite das
oxianische Land schtzen wrden, hatte kaum von dem Anrcken Alexanders
gehrt, als er eilends aus Baktra aufbrach, ber den Oxos floh und, nachdem
er die Fahrzeuge, die ihn ber den Strom gesetzt, verbrannt hatte, sich mit
seinem Heere nach Nautaka im Sogdianerlande zurckzog. Noch hatte er einige
tausend Sogdianer unter Spitamenes und Oxyartes, sowie die Daer vom Tanais
bei sich; die baktrischen Reiter hatten, sobald sie sahen, da ihr Land
preisgegeben wurde, sich von Bessos getrennt und in ihre heimatlichen
Gebiete zerstreut, so da Alexander mit leichter Mhe alles Land bis zum
Oxos unterwarf. Zu gleicher Zeit kam Artabazos und Erigyios aus Areia
zurck; Satibarzanes war nach kurzem Kampfe besiegt, der tapfere Erigyios
hatte ihn mit eigener Hand gettet; die Areier hatten die Waffen sofort
gestreckt und sich unterworfen. Alexander sandte den Solier Stasanor in
jene Gegenden mit dem Befehl, den bisherigen Satrapen Arsames, der bei dem
Aufstande eine zweideutige Rolle gespielt hatte, zu verhaften und statt
seiner die Statthalterschaft zu bernehmen. Die reiche baktrische Satrapie
erhielt der greise Artabazos, denen, die sich in ihr Schicksal ergaben,
gewi zu nicht geringer Beruhigung. Aornos, am Nordeingang der Psse, wurde
zum Waffenplatz ausersehen; es wurden die Veteranen, die zum ferneren
Dienst untauglich waren, sowie die thessalischen Freiwilligen, deren
Dienstzeit um war, in die Heimat entlassen.

So war mit dem Frhling des Jahres 329 alles bereit, die Unterwerfung des
transoxianischen Landes zu beginnen. Die eigentmlichen Verhltnisse
desselben htten, gehrig benutzt, einen langen und vielleicht glcklichen
Widerstand mglich gemacht. Das fruchtreiche, dichtbevlkerte Talland von
Marakanda, im Westen durch weite Wsten, im Sden, Osten und Norden durch
Gebirge mit hchst schwierigen Pssen geschtzt, war nicht blo leicht
gegen jeden Angriff zu verteidigen, sondern berdies zu steter Beunruhigung
Areias, Parthiens und Hyrkaniens gnstig gelegen; leicht konnten dort
bedeutende Kriegsheere zusammengebracht werden; die daischen und
massagetischen Schwrme in den westlichen Wsten, die skythischen Horden
jenseits des Jaxartes waren stets zu Raubzgen geneigt; selbst indische
Frsten hatten sich bereit erklrt, an einem Kriege gegen Alexander Anteil
zu nehmen. Wenn auch die Makedonen siegten, boten die Wsten im Westen, die
Felsburgen des oberen Landes sichere Zuflucht und Ausgangspunkte zu neuen
Erhebungen.

Um so wichtiger war es fr Alexander, sich der Person des Bessos zu
bemchtigen, bevor seine Usurpation des kniglichen Namens zur Losung eines
allgemeinen Aufstandes wurde. Er brach aus Baktra auf, um Bessos zu
verfolgen. Nach einem mhseligen Marsche ber das dere Land, das das
Fruchtgebiet um Baktra vom Oxos trennt, erreichte das Heer das Ufer des
mchtigen und reienden Stromes. Nirgend waren Khne zum bersetzen,
hindurchzuschwimmen oder hindurchzuwaten bei der Breite des Stromes
unmglich, eine Brcke zu schlagen zu zeitraubend, da man weder Holz genug
in der Nhe hatte, noch das weiche Sandbett und der heftige Strom des
Flusses das Einrammen von Pfhlen leicht htte bewerkstelligen lassen.
Alexander griff zu denselben Mitteln, deren er sich an der Donau mit so
gutem Erfolg bedient hatte; er lie die Felle, unter denen die Truppen
nchtigten, mit Stroh fllen und fest zunhen, dann zusammenbinden,
pontonartig ins Wasser legen, mit Balken und Brettern berdecken und so
eine fliegende Brcke zustande bringen, ber welche das gesamte Heer in
Zeit von fnf Tagen den Strom passierte. Ohne Aufenthalt rckte Alexander
auf der Strae von Nautaka vor.

Whrend dieser Zeit hatte das Schicksal des Bessos eine Wendung genommen,
wie sie seines Verbrechens und seiner Ohnmacht wrdig war. In steter Flucht
vor Alexander, jedes Wollens und Handelns unfhig, schien er den Groen in
seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln; natrlich, da selbst in
solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockte; und gegen den
Knigsmrder ward Unrecht fr erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes,
von dem Anrcken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit,
durch Verrat an dem Verrter sich Alexanders Gunst zu erwerben. Er teilte
den Frsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie
verstndigten sich bald, sie griffen den Knig Artaxerxes, sie meldeten
an Alexander: wenn er ihnen eine kleine Heeresabteilung schicke, wollten
sie den Bessos, der in ihrer Gewalt sei, ausliefern. Auf diese Nachricht
gewhrte Alexander seinen Truppen einige Ruhe und sandte, whrend er selbst
in kleineren Tagemrschen nachrckte, den Leibwchter Ptolemaios den
Lagiden mit etwa sechstausend Mann voraus, die hinreichend schienen, selbst
wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bessos widersetzen sollte,
dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Korps einen Weg von
zehn Tagereisen zurck und erreichte die Stelle, wo tags zuvor Spitamenes
mit seinen Leuten gelagert hatte. Hier erfuhr man, da Spitamenes und
Dataphernes in Beziehung auf Bessos' Auslieferung nicht sicher waren;
deshalb befahl Ptolemaios dem Fuvolk, langsam nachzurcken, whrend er
selbst an der Spitze der Reiter weiter eilte; bald stand er vor den Mauern
eines Fleckens, in dem sich Bessos, von Spitamenes und den anderen
Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest seiner Truppen befand; ihn
mit eigener Hand auszuliefern hatten sich die Frsten geschmt. Ptolemaios
lie den Flecken umzingeln, die Einwohner durch einen Herold auffordern,
Bessos auszuliefern, so werde er ihrer schonen. Man ffnete die Tore, die
Makedonen rckten ein, nahmen Bessos fest und zogen in geschlossener
Kolonne zurck, mit ihrer Beute zu Alexander zu stoen; Ptolemaios lie
vorher anfragen, wie Alexander befehle, da der gefangene Knigsmrder vor
ihm erscheinen solle. Alexander befahl, ihn nackt, im Halseisen gefesselt
vorzufhren, ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere vorberziehen
wrde, aufzustellen. So geschah es; als Alexander ihm gegenber war und
seiner ansichtig wurde, lie er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum
er Dareios, seinen Knig und Herrn, seinen Verwandten und Wohltter,
festgenommen, gefangen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessos
antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein getan, sondern
in bereinstimmung mit allen, die damals um Dareios' Person gewesen seien,
in der Hoffnung, sich so des Knigs Gnade zu verdienen. Darauf lie ihn der
Knig geieln und durch den Herold bekanntmachen, was ihm der Knigsmrder
gesagt habe. Bessos ward nach Baktra abgefhrt, um dort gerichtet zu
werden.

So hat Ptolemaios diesen Vorgang berichtet, whrend nach Aristobulos
Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessos in Ketten bergeben haben.
Damit scheint angedeutet, was die kleitarchische berlieferung noch
bestimmter hervorhebt, da Spitamenes, Dataphernes, Katanes, Oxyartes von
dem Knige zu Gnaden aufgenommen, wohl auch in ihrem Besitz besttigt
worden sind. Alexander mochte glauben, damit auch des sogdianischen Landes
sicher zu sein. Er zog zwar von Nautaka weiter nach Marakanda, der
Hauptstadt Sogdianas, lie auch dann, weiter nach dem Jaxartes
marschierend, eine Besatzung in Marakanda zurck; aber unsere Quellen
erwhnen nicht, da er einen Satrapen der Sogdianer bestellt, noch da er
andere Maregeln der Unterwerfung getroffen habe; er forderte nur eine
bedeutende Lieferung von Pferden, um seine Reiter, die im Hochgebirge und
auf dem weiteren Hermarsch viele Verluste erlitten hatten, wieder
vollstndig beritten zu machen.

Um so bemerkenswerter ist die beilufige Notiz in unseren Quellen, da
Alexander die Hyparchen des baktrischen Landes[12] nach Zariaspa
beschieden habe, zu einer Zusammenkunft, die mit dem Worte bezeichnet wird,
das bei den Griechen fr die im Perserreich blichen jhrlichen Musterungen
in den Karanien hergebracht ist. Selbst wenn Alexander die baktrischen
Hyparchen nur zur Musterung beschieden hat, um sie zur Heeresfolge
aufzubieten -- in keinem anderen Teile der persischen Monarchie hatte er
bisher hnliches getan. Gedachte er diesen Landen am Oxos ein anderes
Verhltnis zu seinem Reich, eine andersgeartete Organisation zu geben als
den bisher eroberten? Wir werden sehen, da er spter in Sogdiana einen der
Groen des Landes zum Knig bestellte, da er sich mit der Tochter eines
anderen vermhlte, da er einem dritten -- er wird ausdrcklich Hyparch
genannt --, nachdem er ihn auf seiner Felsenburg zur Kapitulation gentigt,
seine Burg und sein Gebiet lie, da er einen vierten, der in gleichem
Falle war, in gleicher Weise zu Gnaden annahm, ihm auf ein greres Gebiet
Aussicht machte. Die in diesen Landen zahlreichen edlen Herren mit ihren
Burgen, ihren Gebieten, die in unseren Quellen erwhnt werden, diese
Hyparchen, wie sie genannt werden, erscheinen wie Lehnsfrsten, wie
Territorialherren unter des Reiches Hoheit, wie die Pehlewanen im
Schah-nme. Es waren die Elemente vorhanden, eine Einrichtung zu treffen,
die nach der Lage dieser Lande sich wohl empfehlen konnte; und vielleicht
war die Ernennung des Artabazos in diesem Sinne gemeint. Wir kommen auf die
Frage im spteren zurck.

    [12] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Schon mit seinen Mrschen bis Marakanda konnte Alexander eine ungefhre
Vorstellung von der charakteristischen Formation des transoxianischen
Landes gewonnen haben. War er ber Kilif am Oxos nach Nautaka (Karschi)
marschiert, so hatte er zur Linken die weite Wste gehabt, whrend ihn zur
Rechten die zum Teil bis 3000 Fu hohen Vorberge eines Hochgebirges
begleiteten, dessen Schneegipfel (namentlich den Hazreti-Sultn) er auf dem
weiteren Marsch, von Nautaka am Kaschkaflu hinauf nach Schehrisebz, als
er den Pa von Karatbe berstieg, etwa zehn Meilen im Osten erblickte.
Dann stieg er in das Tal des Sogdflusses, des Zerafschan, den die Griechen
Polytimetus nannten, hinab nach Samarkand, das noch 2150 engl. Fu ber dem
Meere liegt, fast unter demselben Meridian mit Balk, mit der Mndung des
Derbentflusses in den Oxos, die 300 Fu ber dem Meere ist, mit Schehrisebz
in dem Tal des Kaschka, mit jenem Pa von Karatbe von fast 3000 Fu Hhe.
Die hohe Talmulde des Sogdflusses ist im Norden durch neue von Ost nach
West streichende Bergzge begleitet, durch welche nordostwrts die Psse
zum Jaxartes hinabfhren, der von Osten herab kommend bei Chodshent in
pltzlicher Wendung nordwrts weiterstrmt; an dieser Stelle treten die
Berge vom Sden und die hheren von Norden her nahe an den mchtigen Strom,
scheiden so das reiche Tal des mittleren Jaxartes, die Ferghana, von dem
unteren, dem zur Linken sich die weite Wste ausdehnt. Chodshent ist von
Samarkand in der Luftlinie etwa 30 Meilen entfernt, Balk von Samarkand etwa
42 Meilen, Balk von Chodshent 60, doppelt so weit wie Mailand von Basel.

Noch ein anderes Moment in der Formation dieser weiten Gebiete darf
hervorgehoben werden. Jenes Anderab oder Adrapsa, wo Alexander nach
bersteigung der Hochpsse des Kaukasus im Beginn dieses Jahres gerastet
hatte, liegt ungefhr unter dem gleichen Meridian mit der Nordwendung des
Jaxartes bei Chodshent, beide 65 Meilen in der Luftlinie voneinander
entfernt. Als Alexander von Anderab in der Richtung auf Kundus, wie es
scheint, hinabstieg, war er auf wenige Meilen der Stelle nahe, wo die
beiden mchtigen Strme Koktscha und Abi-Pandscha, jener von den indischen
Hochketten, dieser von dem riesigen Pamirplateau, dem Dach der Welt,
herabstrmend, sich zum Oxos vereinigen. Unterhalb dieser Stelle erhlt der
mchtige Strom eine Reihe von Zuflssen von Norden her aus dem
schneereichen Hochgebirge, das dem Jaxartes parallel und ihm bis auf
fnfzehn bis zwanzig Meilen nahe, nach dem Sden mehrere Gebirgsketten
hinabsendet, zwischen ihnen jene mehr oder minder engen Flutler, die sich
nach dem Oxos ffnen und unter sich nur durch schwierige Pawege in
Verbindung stehen. Erst mit dem vierten, dem westlichsten dieser Zuflsse,
dem von Derbent, der zehn Meilen nrdlich von Balk sich in den Oxus
ergiet, verndert sich der Charakter der Landschaft; das massige Gebirge
mit den Schneekuppen zwischen den Quellen des Derbent und dem Sogd bei
Samarkand sendet fcherartig seine Auslufer nach West, Sdwest und Sd;
und die von ihnen entspringenden Wasser vereinigen sich in dem Kaschka, der
an Karschi (Nautaka) vorberfliet, dann in der Wste verrinnt. Auch der
Sogdflu, in weitem Bogen aus westlicher in sdliche Richtung sich wendend,
strmt an Buchara vorber dem Oxos zu, aber verliert sich, ehe er ihn
erreicht, in einer Steppenlache.

Fr die politische Gestaltung scheint hier vor allem magebend, da die
breit entwickelte Absenkung nach dem Oxos dem Lauf des Jaxartes gleichsam
den Rcken kehrt, da das Tal des Sogdflusses, durch Schneegebirge von dem
brigen Stromsystem des Oxos getrennt, nur wie ein Vorland, eine Barriere
desselben gegen den Jaxartes und die Wsten in dessen Westen ist, da der
Bergzug, den man in dem Pa des Eisernen Tores berschreitet, die
natrliche Grenze zwischen diesem Vorland und dem talreichen baktrischen
Lande bildet, da dies Land in dem Plateau von Pamir einen natrlichen
Abschlu und Bollwerk gegen das hohe innere Asien hat.

Wenigstens die bersicht der weiteren militrischen Ttigkeit Alexanders in
diesen Gebieten wird sich nun leichter gewinnen lassen.

Er zog von Marakanda nordostwrts, die Ufer des Tanais, den die Anwohner
Jaxartes den groen Strom nannten, zu erreichen. Die Heerstrae von
Marakanda nach Kyropolis, der letzten Stadt des Reiches, nicht fern von den
Sdufern des Tanais, fhrt durch die Psse der von ruberischen Stmmen
bewohnten oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratbe. Hier war es, wo
einige Scharen Makedonen, beim Fouragieren in den Bergen verirrt, von den
Barbaren berfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort rckte
Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus. Sie hatten sich, an
30000 Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge
zurckgezogen, von denen aus sie die heftigen und wiederholten Angriffe der
Makedonen mit Schleudern und Pfeilen zurckschlugen; unter den vielen
Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschu das Schienbein
zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wut entflammt, nahmen die Seinigen
endlich die Hhe. Der grte Teil der Barbaren wurde niedergehauen, andere
strzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgrnden;
nicht mehr als 8000 blieben am Leben, sich dem Knige zu unterwerfen.

Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwrts, ohne Widerstand zu
finden. Der eigentmliche Charakter dieser Landschaft Ferghana hat sie zu
allen Zeiten zu einer wichtigen Vlkergrenze und zur Vormauer
orientalischer Kultur gegen die Horden der turanischen Steppen gemacht. Im
Sden und Osten durch mchtige Gebirge, im Norden durch den Strom und die
Bergzge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschtzt, ist sie
nur von Westen und Nordwesten her fremden Einfllen offen; und allerdings
lauern dort in der weiten Steppe, die sich auf beiden Seiten des unteren
Jaxartes ausdehnt, die Wanderhorden streitbarer Vlkerschaften, welchen das
Altertum den gemeinsamen Namen der Skythen zu geben pflegt; es sind die
Turanier der alten Parsensage, gegen deren Invasionen gewi frhzeitig jene
merkwrdige Reihe von Grenzburgen errichtet worden ist, die unter anderen
und anderen Vlkerverhltnissen ihre Wichtigkeit bis in die neue Zeit
behauptet haben. Alexander fand sieben Stdte dieser Art vor, die, wenige
Meilen voneinander entfernt, den Rand der Steppe begleiten; die
bedeutendste unter ihnen war die Stadt Cyrus, die, grer und strker
befestigt als die brigen, fr die Hauptfeste der Landschaft galt.
Alexander lie in diese Psse makedonische Besatzungen einrcken, whrend
er selbst mit der Armee einige Stunden nordstlich an der Stelle lagerte,
wo der Tanais mit pltzlicher Wendung gen Norden die letzten Stromengen
bildet, um sich dann durch die Sandsteppen weiter zu whlen. Alexander
erkannte die Wichtigkeit dieser Lokalitt, der natrlichen Grenzfeste
gegen die Ruberhorden der Wste; von hier aus war es leicht, den Einfllen
der Skythen im Norden und Westen zu begegnen; fr einen Feldzug in ihr
Gebiet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt; Alexander hoffte, da sie
nicht minder wichtig fr den friedlichen Verkehr der Vlker werden mte;
und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Handelsverbindungen
des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestanden, so fhrte aus dem
Lande der Serer die einzige Gebirgsstrae, die von Kaschgar, den riesigen
bis 25000 Fu hohen Gebirgswall des Thian-schian hinab ber Osch
unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden
Vlker beraus gnstig gelegen war.

In der Tat schienen sich die Verhltnisse mit den skythischen Nachbarn
freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwrdigen Volke der Abier, sowie
von den Skythen Europas, kamen Gesandtschaften an den Knig, mit ihm
Bndnis und Freundschaft zu schlieen; Alexander lie mit diesen Skythen
einige seiner Hetairen zurckreisen, angeblich, damit sie in seinem Namen
Freundschaft mit ihrem Knige schlieen sollten, in der Tat aber, um ber
das Land der Skythen, ber die Gre der Bevlkerung, ber die Lebensweise,
die krperliche Beschaffenheit und das Kriegswesen der Skythen sichere
Nachricht zu erhalten.

Indes begann im Rcken Alexanders eine Bewegung, welche mit
auerordentlicher Gewalt um sich griff. Der Ha gegen die fremden Eroberer,
vereint mit dem wildbeweglichen Sinn, der zu allen Zeiten die herrschende
Klasse der Bevlkerung dieser Lande ausgezeichnet hat, bedurfte nur eines
Anstoes und eines Fhrers, um in wilder Emprung auszubrechen; und
Spitamenes, der sich in seinen hochfahrenden Hoffnungen getuscht sehen
mochte, eilte, diese Stimmungen, das Vertrauen, das ihm Alexander geschenkt
hatte, und dessen Fernsein zu benutzen. Die Sogdianer, die mit ihm an
Bessos' Flucht und Vergewaltigung teilgenommen, bildeten den Kern einer
Erhebung, zu der die Bevlkerung der sieben Stdte den ersten Ansto und
vielleicht das verabredete Signal gab; die von Alexander in diesen Stdten
zurckgelassenen Besatzungen wurden von den Einwohnern ermordet. Nun
loderte der Aufruhr auch im Tal des Sogdflusses empor; die nicht groe
Besatzung in Marakanda schien kaum imstande, ihm Widerstand zu leisten, sie
schien dem gleichen Schicksal verfallen. Die Massageten, die Daer, die
Saken in der Wste, alte Kampfgenossen des Spitamenes und durch die
Makedonen nicht minder bedroht, durch die Vorspieglung von Mord und
Plnderung leicht zur Teilnahme gereizt, eilten sich der Bewegung
anzuschlieen. In den baktrischen Landen wurde das Gercht verbreitet, da
die Zusammenkunft der Hyparchen nach Zariaspa, die Alexander angesetzt
hatte, bestimmt sei, die Fhrer des Volks mit einem Schlage ber Seite zu
schaffen; man msse der Gefahr vorbeugen, sich sichern, ehe es zum
uersten komme. Oxyartes, Katanes, Chorienes, Haustanes, viele andere
folgten dem im Sogdlande gegebenen Beispiel. Die Kunde von diesen Vorgngen
verbreitete sich ber den Jaxartes in die Steppen der asiatischen Skythen;
voll Mordlust und Raubgier drngten sich die Horden an die Ufer des
Stromes, um sogleich bei dem ersten Erfolge, den die Sogdianer erringen
wrden, mit ihren Pferden den Strom zu durchschwimmen und ber die
Makedonen herzufallen. Wie mit einem Schlage war Alexander von
unermelichen Gefahren umringt; der geringste Unfall oder Verzug mute ihm
und seinem Heere den Untergang bereiten; es bedurfte seiner ganzen Energie
und Khnheit, um schnell und sicher den Weg der Rettung zu finden.

Er rckte eiligst nach Gaza, der nchsten der sieben Festen, indem er
Krateros gegen Kyropolis, wohin sich die meisten Barbaren der Umgegend
geworfen hatten, voraussandte mit dem Befehl, die Stadt mit Wall und Graben
einzuschlieen und Maschinen bauen zu lassen. Vor Gaza angekommen, lie er
sofort gegen die nicht hohen Erdwlle der Stadt den Angriff beginnen;
whrend Schleuderer, Schtzen und Maschinen mit einem Hagel von Geschossen
die Wlle bestrichen und rein fegten, war das schwere Fuvolk von allen
Seiten her zugleich zum Sturm herangerckt, hatte die Leitern angelegt, die
Mauern erstiegen, und in kurzem waren die Makedonen Herren der Stadt; auf
Alexanders ausdrcklichen Befehl muten alle Mnner ber die Klinge
springen; die Weiber, Kinder, alle Habseligkeiten wurden den Soldaten
preisgegeben, die Stadt in Brand gesteckt. Noch an demselben Tage wurde die
zweite Feste angegriffen und auf die gleiche Weise erstrmt, die Einwohner
traf dasselbe Schicksal. Am nchsten Morgen standen die Phalangen vor der
dritten Stadt, auch sie fiel bei dem ersten Sturm. Die Barbaren der zwei
nchsten Festen sahen die Rauchsule der eroberten Stadt emporsteigen;
einige, aus derselben entronnen, brachten die Nachricht von dem
frchterlichen Ende der Stadt; die Barbaren in beiden Stdten hielten alles
fr verloren, in hellen Haufen strzten sie aus den Toren, in die Berge zu
flchten. In der Erwartung, da es geschehen werde, hatte Alexander bereits
in der Nacht seine Reiterei vorausgesandt, mit dem Befehl, die Wege um
beide Stdte zu beobachten; so rannten die fliehenden Barbaren den
dichtgeschlossenen Ilen der Makedonen in die Klinge und wurden meist
niedergemacht, ihre Stdte genommen und niedergebrannt.

Nachdem so in zwei Tagen die fnf nchsten Festen bewltigt waren, wandte
sich Alexander gegen Kyropolis, vor der bereits Krateros mit seinen Truppen
angekommen war. Diese Stadt grer als die schon eroberten, mit strkeren
Mauern und im Innern mit einer Burg versehen, war von ungefhr
fnfzehntausend Mann verteidigt, den streitbarsten Barbaren der Umgegend.
Alexander lie sofort das Sturmzeug auffahren und gegen die Mauern zu
arbeiten beginnen, um mglichst bald eine Bresche zum Angriff zu gewinnen.
Whrend die Aufmerksamkeit der Belagerten auf die so bedrohten Punkte
gerichtet war, bemerkte er, da der Flu, der durch die Stadt herabkam,
ausgetrocknet, wie er war, durch die Lcke, die sich dort in der Mauer
befand, einen Weg darbiete, in die Stadt zu kommen. Er lie Hypaspisten,
Agrianer und Schtzen auf das nchstgelegene Tor losrcken, whrend er
selbst mit wenigen anderen durch das Flubette unbemerkt in die Stadt
hineinschlich, zu dem nchsten Tore eilte, es erbrach, die Seinigen
einrcken lie. Die Barbaren, obschon sie alles verloren sahen, warfen
sich mit der wildesten Wut auf Alexander; ein blutiges Gemetzel begann,
Alexander, Krateros, viele der Offiziere wurden verwundet, desto heftiger
drangen die Makedoner vor; whrend sie den Markt der Stadt eroberten, waren
auch die Mauern berstiegen; die Barbaren, von allen Seiten umringt, warfen
sich in die Burg; sie hatten an achttausend Tote verloren. Sofort schlo
Alexander die Burg ein; es bedurfte nicht langer Anstrengungen,
Wassermangel ntigte sie zur bergabe.

Nach dem Falle dieser Stadt war von der siebenten und letzten Feste kein
langer Widerstand zu erwarten; nach dem Berichte des Ptolemaios ergab sie
sich, ohne einen Angriff abzuwarten, auf Gnade und Ungnade; nach anderen
Nachrichten wurde auch sie mit Sturm genommen und die Bevlkerung
niedergemacht. Wie dem auch sei, Alexander mute gegen die aufrhrerischen
Barbaren dieser Gegend um so strenger verfahren, je wichtiger ihr Gebiet
war; er mute sich um jeden Preis in vollkommen sicheren Besitz dieser
Pagegend setzen, ohne welche an die Behauptung des sogdianischen Landes
nicht zu denken war; mit dem Blute der trotzenden Gegner, mit der Auflsung
aller alten Verhltnisse mute die Einfhrung des Neuen, das Transoxiana
fr Jahrhunderte umgestalten sollte, beginnen.

Durch die Unterwerfung der sieben Stdte, aus denen die Reste der
Bevlkerung zum Teil in Fesseln abgefhrt wurden, um in der neuen Stadt
Alexandreia am Tanais angesiedelt zu werden, hatte sich Alexander den
freien Rckweg nach Sogdiana erkmpft; es war die hchste Zeit, da die in
Marakanda zurckgelassene und von Spitamenes belagerte Besatzung Hilfe
erhielt. Aber schon standen die skythischen Horden, durch die Emprung der
sieben Stdte gelockt, an den Nordufern des Stromes bereit, ber die
Abziehenden herzufallen; wollte Alexander nicht alle am Tanais errungenen
Vorteile und eine Zukunft neuen Ruhmes und neuer Macht aufgeben, so mute
er die am Strome genommene Position auf das vollstndigste befestigen und
den Skythen ein fr allemal die Lust zu Invasionen verleiden, bevor er nach
Sogdiana zurckkehrte; vorlufig schien es genug, wenn einige tausend Mann
zum Entsatz von Marakanda geschickt wurden. In einem Zeitraume von etwa
zwanzig Tagen waren die Werke der neuen Stadt fr den dringendsten Bedarf
fertig und fr die ersten Ansiedler die notwendigen Wohnungen errichtet;
makedonische Veteranen, ein Teil der griechischen Sldner, berdies aus den
Barbaren der Umgegend, wer da wollte, und die aus den zerstrten Festungen
fortgefhrten Familien bildeten die erste Bevlkerung dieser Stadt, der der
Knig unter den gebruchlichsten Opfern, Wettkmpfen und Festlichkeiten den
Namen Alexandreia gab.

Indessen lagerten die skythischen Horden noch immer am jenseitigen Ufer des
Flusses; sie schossen wie zum Kampf herausfordernd Pfeile hinber; sie
prahlten und lrmten, die Fremdlinge wrden wohl nicht wagen, mit Skythen
zu kmpfen, wagten sie es, so sollten sie inne werden, welch ein
Unterschied zwischen den Shnen der Wste und den persischen Weichlingen
sei. Alexander beschlo ber den Strom zu gehen und sie anzugreifen; aber
die Opfer gaben ihm keine gnstigen Zeichen; auch mochte er von der Wunde,
die er bei der Einnahme von Kyropolis empfangen, noch nicht so weit
hergestellt sein, um persnlich an dem Zuge teilnehmen zu knnen. Als aber
die Skythen mit ihrem Prahlen immer frecher wurden, und zugleich aus
Sogdiana die bedrohlichsten Nachrichten einliefen, lie der Knig seinen
Zeichendeuter Aristandros zum zweiten Male opfern und den Willen der Gtter
erforschen; wieder verkndeten die Opfer nichts Gutes, sie bezeichneten
persnliche Gefahr fr den Knig. Da befahl Alexander mit den Worten, da
er sich selbst lieber der hchsten Gefahr aussetzen, als lnger den
Barbaren zum Gelchter dienen wolle, die Truppen an das Ufer rcken zu
lassen, die Wurfgeschtze aufzufahren, die zu Pontons verwandelten
Zeltfelle zum bergang bereit zu machen. Es geschah; whrend auf dem
jenseitigen Ufer die Skythen auf ihren Pferden laut lrmend auf und nieder
jagten, rckten die makedonischen Scharen in voller Rstung lngs dem
Sdufer auf, vor ihnen die Wurfmaschinen, die dann pltzlich alle zugleich
Pfeile und Steine ber den Strom zu schleudern begannen. Das hatten die
halbwilden Skythen noch nie gesehen; bestrzt und verwirrt wichen sie vom
Ufer zurck, whrend Alexanders Truppen unter dem Schmettern der Trompeten
ber den Flu zu gehen begannen; die Schtzen und Schleuderer, die ersten
am jenseitigen Ufer, deckten den bergang der Reiterei, die zunchst
folgte; sobald diese hinber war, erffneten die Sarissophoren und die
schweren griechischen Reiter, im ganzen etwa zwlfhundert Pferde stark, das
Gefecht; die Skythen, ebenso flchtig zum Rckzug, wie wild im Angriff,
umschwrmten sie bald von allen Seiten, beschossen sie mit einem Hagel von
Pfeilen, setzten, ohne einem Angriff standzuhalten, der weit kleineren Zahl
der Makedonen hart zu. Da aber brachen die Schtzen und Agrianer mit dem
gesamten leichten Fuvolk, das eben gelandet war, auf den Feind los; bald
begann an einzelnen Punkte ein stehendes Treffen; es zur Entscheidung zu
bringen, gab der Knig drei Hipparchien der Hetairen und den Akontisten zu
Pferd den Befehl zum Einhauen; er selbst sprengte an der Spitze der brigen
Geschwader, die in tiefen Kolonnen vorrckten, den Feinden in die Flanke,
so da diese jetzt, von allen Seiten angegriffen, nicht mehr imstande, sich
zum fliegenden Gefecht zu zerstreuen, an allen Punkten zurckzujagen
begannen; die Makedonen setzten ihnen auf das heftigste nach. Die wilde
Hast, die drckende Hitze, der brennende Durst machte die Verfolgung hchst
anstrengend; Alexander selbst, auf das uerst erschpft, trank, ohne
abzusitzen, von dem schlechten Wasser, das die Salzsteppe bot, schnell und
heftig stellte sich die Wirkung des unglcklichen Trunkes ein; dennoch
jagte er den Feinden noch meilenweit nach; endlich versagten seine Krfte,
die Verfolgung wurde abgebrochen, der Knig krank in das Lager
zurckgetragen; mit seinem Leben stand alles auf dem Spiele.

Indes genas er bald. Der Angriff auf die Skythen hatte ganz den erwnschten
Erfolg; es kamen Gesandte ihres Knigs, das Vorgefallene zu entschuldigen:
es sei die Nation ohne Anteil an diesem Zuge, den ein einzelner Haufe
beutelstern auf eigene Hand unternommen; ihr Knig bedauere die durch
denselben veranlaten Verwirrungen; er sei bereit, sich den Befehlen des
groen Knigs zu unterwerfen. Alexander gab ihnen die in dem Gefechte
Gefangenen, etwa 150 an der Zahl, ohne Lsegeld frei, eine Gromut, die auf
die Gemter der Barbaren nicht ihren Eindruck zu machen verfehlte, und die,
mit seinen staunenswrdigen Waffentaten vereint, seinem Namen jenen Nimbus
mehr als menschlicher Hoheit gaben, an welche die Einfalt roher Vlker eher
zu glauben als zu zweifeln geneigt ist. Wie sieben Jahre frher an der
Donau auch unbesiegte Vlker ihre Huldigungen darbrachten, so kamen jetzt
auch von den sakischen Skythen Gesandte, dem Knige Frieden und
Freundschaft anzutragen. Damit waren smtliche Vlker in der Nachbarschaft
von Alexandreia beruhigt und traten zum Reiche in das Verhltnis, mit
welchem Alexander fr jetzt sich begngen mute, um desto schneller in
Sogdiana erscheinen zu knnen.

Allerdings standen die Dinge in Sogdiana sehr gefhrlich; dem Aufstande,
welcher von Spitamenes und seinem Anhange begonnen war, hatte sich der
sonst friedliche, arbeitende Teil der Bevlkerung, vielleicht mehr aus
Furcht als aus Neigung, angeschlossen; die makedonische Besatzung von
Marakanda ward belagert und bedeutend bedrngt, dann hatte sie einen
Ausfall gemacht, den Feind zurckgeschlagen und sich ohne Verlust in die
Burg zurckgezogen; das war etwa um dieselbe Zeit geschehen, als Alexander,
nach der schnellen Unterwerfung der sieben Festungen, Entsatz schickte. Auf
die Nachricht davon hatte Spitamenes die Belagerung aufgehoben und sich in
westlicher Richtung zurckgezogen. Indes waren die makedonischen Truppen,
die Alexander nach dem Fall von Kyropolis abgesandt, in Marakanda
angekommen, 66 makedonische Reiter, 800 griechische Sldnerreiter, 1500
schwerbewaffnete Sldner; die Fhrung der Expedition hatten Andromachos,
Karanos und Menedemos, ihnen hatte Alexander den Lykier Pharnuches, der der
Landessprache kundig war, zugeordnet, berzeugt, da das Erscheinen eines
makedonischen Korps die Emprer in die Flucht zu jagen hinreichen, im
brigen es besonders darauf ankommen werde, sich mit der sonst
friedliebenden Masse der Bevlkerung Sogdianas zu verstndigen. Die
Makedonen hatten sich, als sie die Gegend von Marakanda bereits von
Spitamenes gerumt sahen, denselben zu verfolgen beeilt; bei ihrem Nahen
war er in die Wste an der Grenze Sogdianas geflchtet; indes war es ihnen
notwendig erschienen, noch weiter zu verfolgen, die Skythen in der Wste,
welche den Emprern Zuflucht zu gestatten schienen, zu zchtigen. Dieser
unberlegte Angriff auf die Skythen hatte zur Folge, da Spitamenes sie zu
offenbarem Beistande bewegen und seine Streitmacht mit sechshundert jener
khnen Reiter, wie sie in der Steppe heimisch sind, vermehren konnte. Er
rckte den Makedonen auf der Grenze der Steppe entgegen; ohne einen
frmlichen Angriff auf sie zu machen oder von ihnen zu erwarten, begann er
die geschlossenen Reihen des makedonischen Fuvolkes zu umschwrmen und aus
der Ferne zu beschieen, der makedonischen Reiterei, wenn sie auf ihn
losrckte, zu entfliehen und sie durch wilde Flucht zu ermden, an immer
anderen und anderen Punkten seine Angriffe erneuernd. Die Pferde der
Makedonen waren durch die starken Mrsche und durch Mangel an Futter
erschpft, viele von den Leuten lagen schon tot oder verwundet auf dem
Platze; Pharnuches forderte, die drei Befehlshaber sollten die Fhrung
bernehmen, da er nicht Soldat und mehr zum Unterhandeln als zum Kmpfen
gesendet sei; sie weigerten sich, die Verantwortung fr eine Expedition zu
bernehmen, die schon so gut wie miglckt war; man begann, sich von dem
freien Felde zu dem Strome zurckzuziehen, um dort unter dem Schutz eines
Gehlzes den Feinden Widerstand zu leisten. Aber der Mangel an Einheit und
Befehl vereitelte die letzte Rettung; an den Flu gekommen, ging Karanos
ohne Meldung an Andromachos mit den Reitern hinber; das Fuvolk, in dem
Wahne, da alles verloren sei, strzte sich in wilder Hast nach, um das
jenseitige Ufer zu erreichen. Kaum gewahrten dies die Barbaren, so
sprengten sie von allen Seiten heran, gingen oberhalb und unterhalb ber
den Flu, und von allen Seiten umzingelnd, von hinten nachdrngend, von den
Flanken her einhauend, die an das Ufer Steigenden zurckdrngend, ohne den
geringsten Widerstand zu finden, trieben sie die Makedonen auf einen Werder
im Flusse zusammen, wo die Barbaren von den beiden Ufern her den Rest der
Truppen mit Pfeilen durchbohrten. Wenige waren gefangen, auch diese wurden
ermordet; die meisten, unter ihnen die Befehlshaber, waren gefallen; nur
vierzig Reiter und dreihundert Mann vom Fuvolk hatten sich gerettet.
Spitamenes selbst rckte sofort mit seinen Skythen gegen Marakanda und
begann, durch die errungenen Vorteile ermutigt und von der Bevlkerung
untersttzt, die Besatzung der Stadt zum zweiten Male zu belagern.

Diese Nachrichten ntigten den Knig, auf das schleunigste die Verhltnisse
mit den skythischen Vlkern am Tanais zu ordnen; zufrieden, in der
neugegrndeten Stadt am Tanais zugleich eine Grenzwarte und eine wichtige
Position fr knftige Unternehmungen zu besitzen, eilte er, indem er den
greren Teil des Heeres unter Krateros' Fhrung nachrcken lie, an der
Spitze des leichten Fuvolks, der Hypaspisten und der Hlfte der
Hipparchien nach dem Sogdtale; mit verdoppelten Tagemrschen stand er am
vierten Tage vor Marakanda. Spitamenes war auf die Kunde von seinem
Herannahen geflchtet. Der Knig folgte, sein Weg fhrte ber jene
Ufergegend, die an den Leichen makedonischer Krieger als Walstatt des
unglcklichen Gefechtes kenntlich war; er begrub die Toten, so feierlich es
die Eile gestattete, setzte dann den flchtenden Feinden weiter nach, bis
die Wste, die sich endlos gen Westen und Norden ausdehnt, vom weiteren
Verfolgen abzustehen ntigte. So war Spitamenes mit seinen Truppen aus dem
Lande gejagt; die Sogdianer, im Bewutsein ihrer Schuld und voll Furcht vor
des Knigs gerechtem Zorn, hatten sich bei seinem Herannahen hinter die
Erdwlle ihrer Stdte geflchtet, und Alexander war an ihnen, um erst
Spitamenes zu verjagen, vorbergeeilt; seine Absicht war nicht, sie
ungestraft zu lassen; je gefhrlicher dieser wiederholte Abfall, je
wichtiger der sichere Besitz dieses Landes, und je unzuverlssiger eine
erzwungene Unterwerfung der Sogdianer war, desto notwendiger erschien die
grte Strenge gegen die Emprer. Sobald Alexander vom Saum der Wste
zurckkehrte, begann er das reiche Land zu verwsten, die Drfer
niederzubrennen, die Stdte zu zerstren, bei zwlf Myriaden Menschen
sollen bei dieser greuelhaften Zchtigung niedergemetzelt worden sein.

Nachdem auf diese Weise Sogdiana beruhigt war, ging Alexander, indem er
Peukolaos mit dreitausend Mann zurcklie, nach Zariaspa im Baktrianischen,
wohin er die Hyparchen des Landes zu jener Versammlung berufen hatte. Mgen
die Baktrier, geschreckt durch das harte Gericht, welches ber Sogdiana
verhngt worden, sich nun unterworfen, oder von Anfang her ihre Teilnahme
fr die Emprung minder bettigt haben, jedenfalls fand Alexander
militrische Unternehmungen gegen sie fr jetzt nicht ntig, und von einer
Bestrafung des vielleicht beabsichtigten Abfalls in Baktrien ist nicht mehr
als eine unsichere Notiz berliefert. Diejenigen von den Groen, welche mit
in den sogdianischen Aufstand verwickelt waren, hatten sich in die Berge
geflchtet und hielten in den dortigen Felsenschlssern sich fr sicher.

Der Winter 329 auf 328, den Alexander in Zariaspa zubrachte, war in
vielfacher Beziehung merkwrdig. Die Versammlung der baktrianischen Groen,
das Eintreffen neuer Kriegsvlker aus dem Abendlande, zahlreiche
Gesandtschaften europischer und asiatischer Vlker, dazu das rstige
Treiben in diesem stets siegreichen, abgehrteten Heere, das bunte Gemisch
makedonischen Soldatenlebens, persischen Prunkes und hellenischer Bildung,
das alles zusammen gibt das ebenso seltsame wie charakteristische Bild fr
die Hofhaltung des jugendlichen Knigs, der sehr wohl wute, da er zu dem
Ruhm seiner Siege und Grndungen noch die feierliche Pracht des
Morgenlandes und die volle Majestt des hchsten irdischen Glckes
hinzufgen msse, wenn nicht die neugewonnenen Vlker an der Gre irre
werden sollten, die sie als berirdisch zu verehren bereit waren.

In den altpersischen Formen hielt hier Alexander ber Bessos Gericht. Der
Knigsmrder wurde der Versammlung der nach Zariaspa berufenen Groen in
Ketten vorgefhrt; Alexander selbst sprach die Anklage, die Berufenen, so
scheint es, das Urteil, da er schuldig sei. Er befahl, wie es das
persische Herkommen gebot, ihm Nase und Ohren abzuschneiden, ihn nach
Ekbatana abzufhren, ihn dort auf dem Tage der Meder und Perser ans Kreuz
zu schlagen. Vor den Augen der Versammlung verstmmelt und gestupt, ward
Bessos zur Hinrichtung nach Ekbatana abgefhrt.

Um diese Zeit trafen Phrataphernes, der parthische Satrap, und Stasanor von
Areia in Zariaspa ein; sie brachten in Fesseln den treulosen Arsames, der
als Satrap von Areia die Invasion des Satibarzanes begnstigt hatte, den
Perser Barzanes, dem von Bessos die parthische Satrapie bergeben worden
war, sowie einige andere Groen, die der Usurpation des Bessos ihre
Untersttzung geliehen hatten. Mit ihnen war der letzte Rest einer
Opposition vernichtet, die bei besserer Fhrung das Gewaltrecht der
Eroberung in sehr ernstes Gedrnge zu bringen vermocht htte; wer jetzt
noch Partei gegen Alexander hielt, schien sich einer untergegangenen Sache
oder der leichtsinnigsten Selbsttuschung zu opfern.

Unter den Gesandtschaften, die im Laufe des Winters in des Knigs Hoflager
eintrafen, waren besonders die der europischen Skythen merkwrdig.
Alexander hatte im vorigen Sommer mit den skythischen Gesandten einige
seiner Hetairen zurckgehen lassen; diese kamen jetzt in Begleitung einer
zweiten Gesandtschaft zurck, welche von neuem die Huldigungen ihres Volkes
und Geschenke, wie sie den Skythen die wertvollsten erschienen,
berbrachte: ihr Knig sei in der Zwischenzeit gestorben, des Knigs Bruder
und Nachfolger beeile sich, dem Knige Alexander seine Ergebenheit und
Bundestreue zu versichern, des zum Zeichen biete er ihm seine Tochter zur
Gemahlin an; verschmhe sie Alexander, so mge er gestatten, da sich die
Tchter seiner Groen und Huptlinge mit den Groen von Alexanders Hof und
Heer vermhlten; er selbst sei bereit, wenn Alexander es wnsche,
persnlich bei ihm zu erscheinen, um seine Befehle entgegenzunehmen; er und
seine Skythen seien gewillt, sich in allem und jedem den Befehlen des
Knigs zu unterwerfen. Alexanders Bescheid war seiner Macht und den
damaligen Verhltnissen angemessen; ohne auf die Vorschlge zu einer
skythischen Brautfahrt einzugehen, entlie er die Gesandten reichbeschenkt
und mit der Versicherung seiner Freundschaft fr das Volk der Skythen.

Um dieselbe Zeit war der Chorasmierknig Pharasmanes mit einem Gefolge von
fnfzehnhundert Pferden nach Zariaspa gekommen, dem groen Knige
persnlich seine Huldigung zu bringen, da bei der freundlichen Aufnahme,
die Spitamenes unter den ihm benachbarten Massageten gefunden hatte, er
selbst leicht verdchtigt werden konnte; er herrschte ber das Land des
unteren Oxus und versicherte, Nachbar des kolchischen Stammes und des
Weibervolkes der Amazonen zu sein; er erbot sich, wenn Alexander einen
Feldzug gegen die Kolchier und Amazonen zu unternehmen und die Unterwerfung
des Landes bis zum Pontos Euxinus zu versuchen geneigt sei, ihm die Wege zu
zeigen und fr die Bedrfnisse des Heeres auf diesem Zuge zu sorgen.
Alexanders Antwort auf diese Antrge lt einen Blick in den weiteren
Zusammenhang seiner Plne tun, die, so khn sie auch sind, von der
merkwrdigen Einsicht in das geographische Verhltnis der verschiedenen
Lnderstrecken, von deren Dasein durch seine Zge die erste Kunde
verbreitet wurde, das sicherste Zeugnis ablegen. Er hatte sich bereits
durch den Augenschein und durch die Berichte seiner Gesandtschaft und der
Eingeborenen berzeugt, da der Ozean, mit dem er das Kaspische Meer auch
jetzt noch in unmittelbarer Verbindung glaubte, keineswegs der Nordgrenze
des Perserreiches nahe sei, und da skythische Horden noch ungemessene
Landstrecken gen Norden inne htten, da es unmglich sei, fr das neue
Reich auf dieser Seite eine Naturgrenze in dem groen Meere zu finden;
dagegen erkannte er sehr wohl, da fr die vollkommene Unterwerfung des
iranischen Hochlandes, die seine nchste Absicht blieb, der Besitz der
angrenzenden Tieflnder wesentliche Bedingung sei, und die Folgezeit hat
gelehrt, wie richtig er den Euphrat und Tigris, den Oxos und Jaxartes, den
Indus und Hydaspes zu Sttzpunkten seiner Herrschaft ber Persien und
Ariana gemacht hat. Er antwortete dem Pharasmanes, da er fr jetzt nicht
daran denken knne, in die pontischen Landschaften einzudringen; sein
nchstes Werk msse die Unterwerfung Indiens sein; dann, Herr von Asien,
gedenke er nach Hellas zurckzukehren und durch den Hellespont und den
Bosporus in den Pontus mit seiner ganzen Macht einzudringen; bis auf diese
Zeit mge Pharasmanes das, was er jetzt anbiete, aufschieben. Fr jetzt
schlo der Knig mit ihm Freundschaft und Bndnis, empfahl ihn den Satrapen
von Baktrien, Parthien und Areia, und entlie ihn mit allen Zeichen seines
Wohlwollens.

Noch gestatteten die Verhltnisse keineswegs, den indischen Feldzug zu
beginnen. Sogdiana war zwar unterworfen und verheert worden, aber das
strenge Strafgericht, das Alexander ber das unglckliche Land verhngt
hatte, weit entfernt, die Gemter zu beruhigen, schien nach einer kurzen
Betubung in allgemeiner Wut seinen Rckschlag finden zu sollen; bei
Tausenden waren die Einwohner in die ummauerten Pltze, in die Berge, in
die Bergschlsser der Huptlinge des oberen Landes und der oxianischen
Grenzgebirge geflchtet; berall, wo die Natur Schutz bot, lagen Banden von
Geflchteten, um so gefhrlicher, je hoffnungsloser ihre Sache war.
Peukolaos vermochte nicht, mit seinen dreitausend Mann die Ordnung
aufrechtzuerhalten und das platte Land zu schtzen; von allen Seiten her
sammelten sich die Massen zu einem furchtbaren Aufgebot, und es schien nur
ein Anfhrer zu fehlen, der die Abwesenheit Alexanders benutzte.
Spitamenes, der, nach dem berfall am Polytimetos zu urteilen, nicht ohne
militrisches Geschick war, scheint, ins Land der Massageten geflchtet,
ohne weitere Verbindung mit diesem zweiten Abfall der Sogdianer gewesen zu
sein; wenigstens wre sonst nicht zu begreifen, warum er nicht frher mit
seinen Skythen herbeieilte. Denn da Alexander den Aufstand so weit
entwickeln lie, ehe er ihn zu unterdrcken eilte, war ein Zeichen, da fr
den Augenblick seine Streitkrfte nicht so angetan waren, diese khnen und
zahlreichen Feinde in ihren Bergen aufzusuchen; nach der Besetzung der
Alexanderstdte in Arachosien, am Paropamisos und Tanais konnten kaum mehr
als zehntausend Mann verfgbar sein. Erst im Laufe des Winters trafen
bedeutende Verstrkungen aus dem Abendlande ein; eine Kolonne Fuvolk und
Reiter, die Nearchos, der Satrap von Lykien, und Asandros von Karien
geworben hatten, eine zweite, die Asklepiodoros, der Satrap von Syrien, und
Menes, der Hyparch, heranfhrte, eine dritte unter Epokillos, Menidas und
Ptolemaios, dem Strategen der Thraker, im ganzen fast 17000 Mann zu Fu
und 2600 Reiter, so da nun erst der Knig Truppen genug um sich hatte, die
Erhebung Sogdianas bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen.

Mit dem Frhjahr 328 verlie er das Hoflager von Zariaspa, woselbst in den
Lazaretten die Kranken von der makedonischen Ritterschaft nebst einer
Bedeckung von etwa 80 Mann Sldnerreitern und einige Edelknaben
zurckblieben. Das Heer ging an den Oxos; eine lquelle, die neben dem
Zelte des Knigs hervorsprudelte, ward von Aristandros fr ein Zeichen
erklrt, da man zwar siegen, aber mit vieler Mhe siegen werde; und in der
Tat bedurfte es groer Vorsicht, diesen Feinden, die von allen Seiten her
drohten, zu begegnen. Der Knig teilte sein Heer so, da Meleagros,
Polysperchon, Attalos, Gorgias mit ihren Phalangen in Baktra zurckblieben,
das Land in Obhut zu halten, whrend das brige Heer, in fnf Kolonnen
geteilt, unter Fhrung des Knigs, des Hipparchen Hephaistion, des
Leibwchters Ptolemaios, des Strategen Perdikkas, des baktrischen Satrapen
Artabazos, dem der Strateg Koinos beigegeben war, in verschiedenen
Richtungen in das sogdianische Land einrckten. ber die Einzelheiten der
Unternehmungen sind keine Nachrichten berliefert; nur im allgemeinen wird
angefhrt, da die verschiedenen festen Pltze des Landes teils durch Sturm
genommen wurden, teils sich freiwillig unterwarfen; in kurzer Zeit war der
wichtigste Teil des transoxianischen Landes, das Tal des Polytimetos,
wieder in des Knigs Gewalt, und von den verschiedenen Seiten her trafen
die einzelnen siegreichen Kolonnen in Marakanda zusammen. Indes waren noch
die Berge im Osten und Norden in Feindeshand, und man durfte vermuten, da
Spitamenes, der sich zu den raublsternen Horden der Massageten geflchtet
hatte, dieselben zu neuen Einfllen bereden werde; zu gleicher Zeit mute
alles angewendet werden, um dem furchtbar zerrtteten Zustande des Landes
mglichst schnell durch eine neue und durchgreifende Organisation ein Ende
zu machen, besonders der zersprengten, obdachlosen und der notwendigsten
Bedrfnisse entblten Bevlkerung zu helfen und sie zu beruhigen. Demnach
erhielt Hephaistion den Auftrag, neue Stdte zu grnden, in diese die
Einwohner der Dorfschaften zu vereinigen, Lebensmittel herbeizuschaffen,
whrend Koinos und Artabazos gegen die Skythen zogen, um womglich des
Spitamenes habhaft zu werden, Alexander selbst aber mit der Hauptmacht
aufbrach, mit der Einnahme der einzelnen Bergschlsser die Unterwerfung des
Landes zu vollenden. Er nahm sie ohne groe Mhe. Er kehrte nach Marakanda
zurck, dort zu rasten. Furchtbare Vorgnge sollten diese Ruhetage
bezeichnen.

Der greise Artabazos hatte um Enthebung von seinem Dienst gebeten, der
Knig statt seiner den Hipparchen Kleitos, den schwarzen Kleitos, wie man
ihn nannte, zum Satrapen von Baktrien bestimmt. Groe Jagden, Gastmhler
fllten die Tage. Unter diesen war der eines dionysischen Festes, statt
dessen, so heit es, der Knig die Dioskuren feierte; der Gott habe darum
gezrnt, und so sei der Knig zu schwerer Schuld gekommen; nicht ungewarnt;
er habe schne Frchte vom Meere her gesandt erhalten und Kleitos einladen
lassen, sie mit ihm zu essen; Kleitos habe darber das Opfer, das er eben
bringen wollen, verlassen, und sei zum Knige geeilt; drei zum Opfer
besprengte Schafe seien ihm nachgelaufen; nach Aristandros' Deutung ein
trauriges Zeichen; der Knig habe fr Kleitos zu opfern befohlen, doppelt
in Sorge durch einen seltsamen Traum, den er in der letzten Nacht gehabt,
und in dem er Kleitos in schwarzem Kleide zwischen den blutenden Shnen
Parmenions habe sitzen sehen.

Abends, so ist die weitere Erzhlung, kam Kleitos zur Tafel; man war beim
Weine froh bis in die Nacht hinein; man pries Alexanders Taten: er habe
Greres getan als die Dioskuren, selbst Herakles sei ihm nicht zu
vergleichen; nur der Neid sei es, der dem Lebenden die gleichen Ehren mit
jenen Heroen mignne. Schon war Kleitos vom Wein erhitzt; die persische
Umgebung des Knigs, die bergroe Bewunderung der Jngeren, die frechen
Schmeicheleien hellenischer Sophisten und Rhetoren, die der Knig in seiner
Nhe duldete, hatten ihn schon lange verdrossen; jenes leichtsinnige
Spielen mit den Namen der groen Heroen brachte ihn auf: das sei nicht die
Art, des Knigs Ruhm zu feiern, seine Taten seien auch nicht so gar gro,
wie jene meinten, zum guten Teile gebhre den Makedonen der Ruhm. Alexander
hrte mit Unwillen so verletzende Reden von einem, den er vor allen
ausgezeichnet, doch schwieg er. Immer lauter wurde der Streit; auch Knig
Philipps Taten kamen zur Sprache; und als nun behauptet wurde, er habe
nichts Groes und Bewunderungswrdiges getan, sein Ruhm sei, Alexanders
Vater zu heien, da sprang Kleitos auf, den Namen seines alten Knigs zu
vertreten, Alexanders Taten zu verkleinern, sich selbst und die alten
Strategen zu rhmen, des toten Parmenion und seiner Shne zu gedenken, alle
die glcklich zu preisen, die gefallen oder hingerichtet seien, ehe sie die
Makedonen mit medischen Ruten gepeitscht und bei den Persern um Zutritt zum
Knige bitten gesehen. Mehrere der alten Strategen standen auf, verwiesen
dem von Wein und Eifer Erhitzten seine Rede, sie suchten vergeblich die
steigende Unruhe zu stillen; Alexander wandte sich zu seinem Tischnachbarn,
einem Hellenen: Nicht wahr, ihr Hellenen scheint euch unter den Makedonen
wie Halbgtter unter Tieren umherzuwandeln? Kleitos lrmte weiter; er
wandte sich mit lauter Stimme an den Knig: Diese Hand hat dich am
Granikos errettet; du aber rede, was dir gefllt, und lade frder nicht
freie Mnner zu deiner Tafel, sondern Barbaren und Sklaven, die deines
Kleides Saum kssen und deinen persischen Grtel anbeten! Lnger hielt
Alexander seinen Zorn nicht, er sprang auf, nach seinen Waffen zu greifen;
die Freunde hatten sie fortgeschafft; er schrie seinen Hypaspisten auf
makedonisch zu, ihren Knig zu rchen; keiner kam; er befahl den Trompeter
Lrm zu blasen, schlug ihn mit der Faust ins Angesicht, da er nicht
gehorchte: geradeso weit sei es mit ihm gekommen, wie mit Dareios zu jener
Zeit, da er von Bessos und dessen Genossen gefangen fortgeschleppt sei und
nichts als den elenden Namen des Knigs gehabt habe; und der ihn verrate,
das sei dieser Mensch, der ihm alles danke, dieser Kleitos. Kleitos, der
von den Freunden hinausgefhrt war, trat in dem Augenblick, da sein Name
genannt wurde, zum anderen Ende des Saales wieder herein: Hier ist
Kleitos, o Alexander! und rezitierte dann die Verse des Euripides von dem
blen Brauch, da das Heer mit seinem Blut Siege erkmpfe, aber deren Ehre
nur dem Feldherrn zugeschrieben werde, der preislich in seinem hohen Amt
thronend das Volk verachte, er, der doch nichts sei. Da ri Alexander
einer Wache die Lanze aus der Hand und schleuderte sie gegen Kleitos, der
sofort tot zu Boden sank. Entsetzt wichen die Freunde; des Knigs Zorn war
gebrochen; Bewutsein, Schmerz, Verzweiflung bewltigten ihn; man sagt, er
habe den Speer aus Kleitos' Brust gezogen und gegen den Boden gestemmt,
sich auf der Leiche zu ermorden; die Freunde hielten ihn zurck, sie
brachten ihn auf sein Lager. Dort lag er weinend und wehklagend, rief den
Namen des Ermordeten, den Namen seiner Amme Lanike, der Schwester des
Ermordeten: das sei der schne Ammenlohn, den ihr Pflegling zahle; ihre
Shne seien fr ihn kmpfend gefallen, ihren Bruder habe er mit eigener
Hand ermordet, ermordet den, der sein Leben gerettet; er dachte des greisen
Parmenion und seiner Shne, er wurde nicht satt, sich anzuklagen als den
Mrder seiner Freunde sich zu verfluchen und den Tod zu rufen. So lag er
drei Tage lang ber Kleitos' Leichnam, eingeschlossen in seinem Zelte, ohne
Schlaf, ohne Speise und Trank, endlich vor Ermattung stumm; nur einzelne
tiefe Seufzer tnten noch aus dem Zelte hervor. Die Truppen, voll banger
Sorge um ihren Knig, kamen zusammen und richteten ber den Toten; er sei
mit Recht gettet; sie riefen nach ihrem Knige; der hrte sie nicht;
endlich wagten es die Strategen, das Zelt zu ffnen, sie beschworen den
Knig, seines Heeres und seines Reiches zu gedenken, sie sagten, nach den
Zeichen der Gtter habe Dionysos die unselige Tat verhngt; es gelang ihnen
endlich, den Knig zu beruhigen; er befahl dem zrnenden Gotte zu opfern.

So im wesentlichen die Angaben unserer Quellen; sie gengen nicht, den
wirklichen Verlauf des schrecklichen Ereignisses, noch weniger zwischen dem
Mrder und dem Ermordeten das Ma der Schuld festzustellen. Wie furchtbar
die Tat war, zu der den Knig der wilde Zorn des Momentes hinri, -- in
Kleitos trat ihm zum erstenmal die ganze Entrstung und Emprung entgegen,
die sein Wollen und sein Tun unter denen, auf deren Kraft und Treue er sich
verlassen mute, hervorgerufen hatte, die tiefe Kluft, die ihn von der
Empfindung der Makedonen und Hellenen trennte. Er bereute den Mord, er
opferte den Gttern; was er anderes htte tun sollen, unterlassen die
Moralisten, die ihn verdammen, zu sagen.

Whrend dieser Vorgnge in Marakanda hatte Spitamenes noch einen Versuch
gemacht, in die baktrischen Lande einzudringen; unter den Massageten, zu
denen er mit dem Rest seiner Sogdianer geflchtet war, hatte er einen
Haufen von 600 bis 800 Reitern angeworben und war an deren Spitze pltzlich
vor einem der festen Grundpltze erschienen, hatte die Besatzung
herauszulocken gewut und sie dann von einem Hinterhalt her berfallen; der
Befehlshaber des Platzes fiel in die Hnde der Skythen, seine Leute waren
meist geblieben, er selbst wurde gefangen mit fortgeschleppt. Durch diesen
Erfolg khner gemacht, erschien Spitamenes wenige Tage darauf vor Zariaspa;
die Besatzung dort, zu der auch die Wiedergenesenen aus den Lazaretten,
meist Hetairen von der Ritterschaft, zu rechnen waren, schien zu bedeutend,
um einen Angriff rtlich zu machen; plndernd und brennend zogen sich die
Massageten ber die Felder und Drfer der Umgegend zurck. Als das Peithon,
der die Verwaltung dort hatte, und Aristonikos, der Kitharde, erfuhren,
riefen sie die achtzig Reiter, die Wiedergenesenen von der Ritterschaft und
die Edelknaben, die dort waren, zu den Waffen und eilten vor die Tore, die
plndernden Barbaren zu zchtigen; diese lieen ihre Beute im Stich und
entkamen mit Mhe, viele wurden gefangen und niedergemacht, und frhlichen
Mutes zog die kleine Schar zur Stadt zurck. Spitamenes berfiel sie aus
einem Hinterhalt mit solchem Ungestm, da die Makedonen geworfen und fast
abgeschnitten wurden; sieben von den Hetairen, sechzig von den Sldnern
blieben auf dem Platze, unter ihnen der Kitharde; Peithon fiel schwer
verwundet in die Hnde der Feinde; es war nahe daran, da die Stadt selbst
in ihre Gewalt kam. Schnell ward Krateros von dem Vorfall unterrichtet, die
Skythen warteten seine Ankunft nicht ab, sondern zogen sich gen Westen
zurck, indem sich immer neue Haufen mit ihnen vereinten. Am Rande der
Wste holte sie Krateros ein, es entspann sich ein hartnckiger Kampf;
endlich entschied sich der Sieg fr die Makedonen; mit Verlust von 150 Mann
floh Spitamenes in die Wste zurck, die jede weitere Verfolgung unmglich
machte.

Nachrichten solcher Art mochten mehr als die Bitten der Freunde oder der
Trost frecher Schmeichler dazu dienen, den Knig seiner Pflicht
zurckzugeben. Es wurde von Marakanda aufgebrochen; die dem Kleitos
bestimmte Satrapie von Baktra erhielt Amyntas, Koinos blieb mit seiner und
Meleagros' Taxis und vierhundert Mann von der Ritterschaft, mit smtlichen
Akontisten zu Pferd und den anderen Truppen, die bisher Amyntas gehabt, zur
Deckung der Sogdiana zurck; Hephaistion ging mit einem Korps nach dem
baktrischen Lande, um die Verpflegung des Heeres fr den Winter zu
besorgen; Alexander selbst zog nach Xenippa, wohin viele der baktrischen
Emprer sich geflchtet hatten. Bei der Nachricht von Alexanders Anrcken
wurden sie von den Einwohnern, die nicht durch unzeitige Gastfreundschaft
ihr Hab und Gut in Gefahr bringen wollten, verjagt und suchten nun durch
heimlichen berfall den Makedonen Abbruch zu tun; etwa 2000 Pferde stark
warfen sie sich auf einen Teil des makedonischen Heeres; erst nach einem
lange schwankenden Gefechte wurden sie zum Weichen gezwungen; sie hatten
gegen 800 Mann, teils Tote, teils Gefangene, verloren; so
zusammengeschmolzen, ohne Fhrer, ohne Proviant, zogen sie es vor, sich zu
unterwerfen. Dann wandte sich der Knig gegen die Felsenburg des
Sisimithres im baktrianischen Lande; es kostete schwere Anstrengungen,
ihr nahe zu kommen, schwerere, den Sturm vorzubereiten; bevor der Angriff
erfolgte, ergab sich Sisimithres.

Indes hatte Spitamenes, bevor ihm von den Erfolgen des Feindes und von
dessen Macht das ganze Grenzgebiet gesperrt wrde, noch einen Versuch auf
das sogdianische Land machen zu mssen geglaubt; an der Spitze der mit ihm
Geflchteten, und mit 300 skythischen Reitern, die die versprochene Beute
lockte, erschien er pltzlich vor Bagai an der sogdischen Grenze gegen die
Wste der Massageten. Von diesem Einfall benachrichtigt, rckte Koinos
schleunig mit Heeresmacht gegen ihn; nach einem blutigen Gefechte wurden
die Skythen mit Verlust von 800 Mann zum Rckzuge gezwungen. Die Sogdianer
und Baktrier, die auch den letzten Versuch scheitern sahen, verlieen,
Dataphernes an ihrer Spitze, den Spitamenes auf der Flucht und ergaben sich
an Koinos; die Massageten, um die Beute im Sogdianerlande betrogen,
plnderten die Zelte und Wagen der Abtrnnigen; sie flohen mit Spitamenes
der Wste zu. Da kam die Nachricht, da Alexander gegen die Wste im Anzuge
sei; sie schnitten dem Spitamenes den Kopf ab und schickten ihn an den
Knig.

Der Tod dieses ebenso khnen wie verbrecherischen Gegners machte der
letzten Besorgnis ein Ende; es begann dem Garten des Orients endlich die
Ruhe, deren er nur bedurfte, um selbst nach so vielen Kmpfen und
Zerrttungen bald wieder zu dem alten Wohlstand zu erblhen. Der Winter war
herangekommen, der letzte, den Alexander in diesen Landen zuzubringen
gedachte; die verschiedenen Heeresabteilungen sammelten sich um Nautaka,
die Winterquartiere zu beziehen. Dorthin kamen die Satrapen der
nchstgelegenen Landschaften, Phrataphernes von Parthien und Stasanor von
Areia, die im vergangenen Winter bei ihrer Anwesenheit in Zariaspa
verschiedene, wahrscheinlich auf das Heerwesen bezgliche Auftrge erhalten
hatten. Phrataphernes wurde zurckgesandt, um den Satrapen der Mardier und
Tapurier, Autophradates, der Alexanders Befehle auf eine gefhrliche Weise
zu miachten begann, festzunehmen. Stasanor ging in seine Lande zurck.
Nach Medien wurde Atropates mit dem Befehle gesandt, den Satrapen Oxydates,
der sich pflichtvergessen gezeigt hatte, zu entsetzen und dessen Stelle zu
bernehmen. Auch Babylon erhielt, da Mazaios gestorben war, in der Person
des Stamenes einen neuen Satrapen. Sopolis, Menidas und Epokillos gingen
nach Makedonien, Truppen von dort zu holen.

Die Winterrast in Nautaka wurde, so scheint es, zu Vorbereitungen fr den
indischen Feldzug benutzt, den Alexander gegen den Sommer des nchsten
Jahres, sobald die Hochgebirge zugnglicher wurden, zu beginnen gedachte.
Noch hielten sich in den diesseitigen Bergen einige Burgen, auf die sich
die letzte Kraft der Widerspenstigen zurckgezogen hatte.

Der Knig wandte sich mit dem ersten Beginn des Frhlings gegen den
sogdianischen Felsen, auf den der Baktrier Oxyartes die Seinigen
geflchtet hatte, weil er die Feste fr unnehmbar hielt. Sie war mit
Lebensmitteln fr eine lange Belagerung versehen, ihren Bedarf an Wasser
hatte sie durch den reichlich gefallenen Schnee, der zugleich das Ersteigen
der Felsen doppelt gefhrlich machte. Vor dieser Burg angekommen, lie
Alexander sie zur bergabe auffordern, indem er allen, die sich in
derselben befanden, freien Abzug versprach; ihm wurde geantwortet: er mge
sich geflgelte Soldaten suchen. Entschlossen, auf jeden Fall den Felsen zu
nehmen, lie er im Lager durch den Herold ausrufen: die Felsenstirn, die
ber der Burg hervorrage, msse erstiegen werden, zwlf Preise seien denen
bestimmt, die zuerst, hinaufkmen, zwlf Talente dem ersten, dem zwlften
ein Talent; fr alle, die an dem Wagnis teilnhmen, wrde es ruhmvoll sein.
Dreihundert Makedonen, die im Bergklettern gebt waren traten hervor und
empfingen die ntigen Weisungen; dann versah sich jeder mit einigen
Eisenpflcken, wie sie beim Zelten gebraucht werden, und mit starken
Stricken. Um Mitternacht nahten sie der Stelle des Felsens, die am
steilsten und deshalb unbewacht war. Anfangs stiegen sie mhsam, bald
begannen jh abstrzende Felswnde, glatte Eislagen, lose Schneedecken; mit
jedem Schritt wuchs die Mhe und die Gefahr. Dreiig dieser Khnen strzten
in den Abgrund, endlich mit Tagesanbruch hatten die anderen den Gipfel
erreicht und lieen ihre weien Binden im Winde flattern. Sobald Alexander
das verabredete Zeichen sah, sandte er von neuem einen Herold, der den
feindlichen Vorposten zurief: die geflgelten Soldaten htten sich
gefunden, sie seien ber ihren Huptern, weiterer Widerstand sei unmglich.
Bestrzt, da die Makedonen einen Weg auf den Felsen gefunden hatten,
zgerten die Barbaren nicht lnger, sich zu ergeben, und Alexander zog in
die Felsenburg ein. Reiche Beute fiel hier in seine Hand, unter diesem
viele Frauen und Tchter sogdianischer und baktrischer Edlen, auch des
Oxyartes schne Tochter Roxane. Sie war die erste, fr die er in Liebe
entbrannte; er verschmhte das Recht des Herrn ber die Gefangene; die
Vermhlung mit ihr sollte den Frieden mit dem Lande besiegeln. Auf die
Kunde davon eilte Roxanens Vater zu Alexander; um der schnen Tochter
willen ward ihm verziehen.

Noch blieb die Burg des Chorienes im Lande der Partakenen, des
gebirgigen Landes am oberen Oxus, wohin sich mehrere der Abtrnnigen
geflchtet hatten. In den unwegsamen waldigen Bergschluchten, die man
durchziehen mute, lag noch der tiefe Schnee; hufige Regenschauer,
Glatteis, furchtbare Gewitter machten die Mrsche noch beschwerlicher. Das
Heer litt an dem Notwendigsten Mangel, viele blieben erstarrt liegen; des
Knigs Beispiel, der Mangel und Mhsal mit den Seinen teilte, hielt allein
noch den Mut der Truppen aufrecht; es wird erzhlt, da der Knig, als er
abends am Biwakfeuer sa, sich zu erwrmen, und einen alten Soldaten von
Klte erstarrt und wie bewutlos heranwanken sah, aufstand, ihm die Waffen
abnahm, ihn auf seinem Feldstuhl beim Feuer niedersitzen lie; als der
Veteran sich erholt hatte, seinen Knig erkannte und bestrzt aufstand,
sagte Alexander heiter: Siehst du, Kamerad, auf des Knigs Stuhl zu sitzen
bringt bei den Persern den Tod, dir hat es das Leben wiedergegeben.
Endlich langte man vor der Burg an; sie lag auf einem hohen und schroffen
Felsen, an dem nur ein schmaler und schwieriger Pfad hinauffhrte; berdies
strmte auf dieser allein zugnglichen Seite in einer sehr tiefen Schlucht
ein reiender Bergstrom vorber. Alexander, gewohnt, keine Schwierigkeit
fr unberwindlich zu halten befahl sofort, in den Tannenwldern, die
ringsumher die Berge bedeckten, Bume zu fllen und Leitern zu bauen, um
vorerst die Schlucht zu gewinnen. Tag und Nacht wurde gearbeitet, mit
unsglicher Mhe gelangte man endlich in die Tiefe hinab; nun wurde der
Strom mit einem Pfahlwerk berbaut, Erde aufgeschttet, die Schlucht
ausgefllt; bald arbeiteten die Maschinen und schleuderten Geschosse in die
Burg hinauf. Chorienes, der bisher die Arbeiten der Makedonen gleichgltig
mit angesehen hatte, erkannte mit Bestrzung, wie sehr er sich verrechnet
habe; einen Ausfall auf die Gegner zu machen, verhinderte die Natur des
Felsens, gegen Geschosse von oben her waren die Makedonen durch ihre
Schirmdcher geschtzt. Endlich mochten frhere Beispiele ihn berzeugen,
da es sicherer sei, sich mit Alexander zu vergleichen, als es zum
uersten kommen zu lassen; er lie Alexander durch einen Herold um eine
Unterredung mit Oxyartes bitten; sie wurde gestattet, und Oxyartes wute
seinem alten Kampfgenossen leicht die letzten Zweifel zu nehmen, die ihm
geblieben sein mochten. So erschien Chorienes, von einigen seiner Leute
umgeben, vor Alexander, der ihn auf das huldvollste empfing und ihm Glck
wnschte, da er sein Heil lieber einem rechtschaffenen Mann als einem
Felsen anvertrauen wolle. Er behielt ihn bei sich im Zelte und bat ihn, von
seinen Begleitern einige abzusenden, mit der Anzeige, da die Feste durch
gtlichen Vertrag an die Makedonen bergeben und da allen, die sich auf
der Burg befnden, das Vergangene verziehen sei. Am Tage darauf zog der
Knig, von 500 Hypaspisten begleitet, hinauf, um die Burg in Augenschein zu
nehmen; er bewunderte die Festigkeit des Platzes und lie den fr eine
lange Belagerung getroffenen Vorsichtsmaregeln und Einrichtungen alle
Gerechtigkeit widerfahren. Chorienes verpflichtete sich, das Heer auf zwei
Monate mit Lebensmitteln zu versorgen; er lie aus den beraus reichen
Vorrten seiner Burg den makedonischen Truppen, die durch die Klte und die
Entbehrungen der letzten Tage sehr mitgenommen waren, Brot, Wein und
eingesalzenes Fleisch zeltweise verteilen.

Alexander gab ihm die Burg und das umliegende Gebiet zurck; er selbst
ging mit dem grten Teile des Heeres nach Baktra, indem er Krateros mit
600 Mann von der Ritterschaft, mit seiner Taxis und drei anderen weiter
nach Partakene hinein gegen Katanes und Haustanes, die einzigen noch
brigen Emprer, absandte; die Barbaren wurden in einer blutigen Schlacht
berwunden, Katanes erschlagen, Haustanes gefangen vor Alexander gebracht,
das Land zur Unterwerfung gezwungen; in kurzem folgte Krateros mit seinen
Truppen dem Knige nach Baktra.

Es mag gestattet sein, hier auf eine frhere Bemerkung zurckzukommen, die,
unsicher wie sie ist, nur den Anspruch macht, auf einen Punkt hinzuweisen,
der fr den Zusammenhang wichtig ist. Ein spterer Schriftsteller, der aus
sehr guten Quellen gearbeitet hat, gibt bei Gelegenheit der
Satrapienverteilung im Sommer 326 die Notiz: das Knigtum in Sogdiana habe
Oropios innegehabt, nicht als vterliches Erbe, sondern Alexander habe es
ihm gegeben; da es ihm aber geschehen sei, da er infolge eines Aufstandes
flchtend seine Herrschaft verloren, so sei auch Sogdiana an den Satrapen
von Baktrien gekommen. Da kein anderer Schriftsteller davon wei, ist nach
der Art unserer berlieferung kein Grund zum Mitrauen gegen diese
Nachricht. Welcher Name sich in dem gewi fehlerhaften Oriopos verbirgt,
ist nicht mehr zu erkennen, vielleicht der eines der Groen, die nach
tapferem Widerstande ihren Frieden mit Alexander machten und sich ergeben
zeigten, wie jener Chorienes oder wie Sisimithres, von dem Curtius sagt,
der Knig habe ihm seine Herrschaft zurckgegeben und ihm Hoffnung auf eine
noch grere gemacht.

Sind diese Beobachtungen richtig, so hat Alexander hier im oxianischen
Lande dasselbe System fr seine Reichsmarken versucht, das, wie wir sehen
werden, im indischen Lande zu umfassender Anwendung kam; die Sogdiana wird
die transoxianische Mark unter einem abhngigen Knige; sie und die bis an
den Tanais hin begrndeten hellenistischen Freistdte, hinter ihnen die
groe Satrapie Baktrien, welche auch noch die reichbevlkerte Margiana
umfat, decken die den schweifenden Horden der Wste zugewandte Seite des
Reiches, die groen Straen nach Hekatompylos, nach dem arischen
Alexandrien, ber den Kaukasus nach Indien, die Handelsstrae durch die
Ferghana nach dem hohen Asien. Man begreift, warum Alexander die Ferghana
selbst, das heutige Ckokand, nicht seinem Reich hat zufgen wollen; er
begngt sich, mit Chodshent den Pa dorthin in seiner Gewalt zu haben; mit
noch einem Vorlande mehr wrde er die Nordmark seines Reiches und die Kraft
der Defensive nur geschwcht haben.


Es waren zwei Jahre verflossen, seit Alexander in diese Landschaften
gekommen war und ein Unternehmen begonnen hatte, das, je grere
Schwierigkeiten zu berwinden gewesen waren, desto vollstndiger gelungen
schien. Es hatte Mhe genug, blutiger Maregeln, immer neuer Kmpfe gegen
emprte Massen und gegen den trotzigen Widerstand der Herren aus ihren
Felsenburgen bedurft. Jetzt war die Bevlkerung gebndigt, die Hupter des
Landes gezchtigt und ihre Burgen zerstrt, denen, die sich endlich
unterwarfen, verziehen; es war in einer bedeutenden Zahl neuer Stdte dem
hellenistischen Leben, fr das auch diese Lande gewonnen werden sollten,
Kraft, Anhalt und Beispiel gegeben; es war eine Form des Regimentes
gegrndet worden, das der besonderen Art dieser Lande und der militrischen
Bedeutung derselben angemessen schien. Den Abschlu bildete die Vermhlung
des Knigs mit der schnen Tochter eines dieser sogdianischen Pehlevanen,
die jetzt gefeiert wurde; mag immerhin persnliche Neigung der nchste
Anla zu dieser Verbindung gewesen sein, sie war ebensosehr eine Maregel
der Politik, gleichsam ein ueres Zeichen und Vorbild der Verschmelzung
Asiens und Europas, die Alexander als die Folgewirkung seiner Siege, als
die Bedingung der Dauer dessen, was er schaffen wollte, erkannte und in
allmhlicher Erweiterung durchzufhren versucht hat.

Freilich lagen in diesem Wollen, in dieser sich weit und weiter treibenden
Verwirklichung Notwendigkeiten von sehr bedeutsamer Art. Nach der Natur der
Elemente, die sich zusammenfinden und verschmelzen sollten, mute das
sprdere, gebundenere, durch die Wucht der trgen Masse strkere asiatische
vorerst berwiegen; sollte es gewonnen werden, so war es unvermeidlich, da
die Anschauungsweise, die Vorurteile, die Gewhnungen der orientalischen
Vlker die Richtung gaben, in der sie, wenn die abendlndische Macht sie
nicht blo unterworfen haben und beherrschen, sondern gewinnen und
vershnen wollte, an diese gewhnt werden und an dem unendlich reicher
entwickelten Wesen der Sieger allmhlich teilzunehmen lernen konnten. Darum
die asiatische Hofhaltung, mit der sich Alexander umgab, darum seine der
medischen sich nhernde Tracht, in der er erschien, wenn die Waffen ruhten,
darum das Zeremoniell und die Pracht des Hofes, die der Morgenlnder als
das Gewand des Staates an seinem Gebieter zu sehen fordert, darum endlich
das Mrchen von des Knigs gttlicher Abstammung, ber die er selbst mit
seinen Vertrauten scherzte.

Die Makedonen ihrerseits hatten lngst ber die Reichtmer Asiens, ber das
neue wunderreiche Leben, das sich mit jedem Tage in steigender Flut ber
sie ergo, ber die steten Strapazen des Heeresdienstes und den ersten
Taumel des Sieges, des Ruhmes und der Herrschaft jene Einfalt und
Drftigkeit abgetan, die vor einem Jahrzehnt noch der Spott der attischen
Rednerbhne gewesen war; die Begeisterung fr ihren Knig, der nach wie vor
unter ihnen kmpfte, der wunderbare Glanz seines Heldentums, in dessen
Wiederschein sie sich sonnten, der Reiz des Herrseins, das jedem in seiner
Sphre hohes Selbstgefhl und die Begier zu neuen Taten gab, hatte sie
vergessen lassen, da sie friedliche Bauern und Hirten in der Heimat sein
konnten. Und in der Heimat die Hirten und Bauern und Stdter, wie berholt
von dem pltzlichen Aufschwung ihres kleinen Landes zu der Hhe des Ruhmes
und der geschichtlichen Gre, -- sie hrten der Heimkehrenden wunderbare
Erzhlungen, sahen die Reichtmer Asiens dem Vaterlande zustrmen, lernten
schnell sich als das erste Volk der Welt fhlen; die Hoheit des Knigtums,
das einst nah und vertraulich auf _einer_ Scholle Erde mit ihnen geweilt
hatte, wuchs wie die Entfernungen nach Babylon, nach Ekbatana, nach
Baktrien und Indien, ins Unendliche.

Das Volk der Hellenen endlich, geographisch in so viele exzentrische Kreise
auseinandergelegt, und da, wo es in dichter Masse beieinander sa,
politisch nach wie vor hchst zersplittert und hchst partikularistisch,
kam im Verhltnis zu den Vlkermassen Asiens der Zahl der unmittelbar
Beteiligten nach kaum in Rechnung; desto mehr fiel das, was man als die
Summe der geschichtlichen Entwicklungen der Griechenwelt bezeichnen kann,
ihre Bildung, ins Gewicht. Die Elemente dieser Bildung oder richtiger ihrer
Ergebnisse fr den einzelnen und fr das Gemeinleben waren die Aufklrung
und die demokratische Autonomie. Die Aufklrung mit allem ihrem Segen und
Unsegen, da Unglaube, dort Aberglaube, oft beides zugleich, hatte die
Geister der alten schlichten Religiositt, dem Glauben an die ewigen Mchte
und der Scheu vor ihnen entwhnt, und nur noch die Hefe von Zeremonien,
Opfern, Zeichen und Zauberwirkungen war in der Sitte und in konventioneller
Geltung geblieben; klug sein galt jetzt statt fromm sein; Frivolitt, Lust
am Wagen und Gewinnen, der Ehrgeiz, sich irgendwie hervorzutun und das
Raffinement mit dem, was man Besonderes konnte oder hatte, zu wuchern, das
waren und wurden immer mehr die Impulse der praktischen Moral. Die
Demokratie war die gegebene Form fr das Gemeinwesen auf solcher Basis; wie
schon Solon von seinen Athenern gesagt hatte: Jeder fr sich gehen sie des
Fuchses Wege, vereint sind sie betubten Verstandes. Je breiter sich diese
Demokratie entwickelt hatte, die Freiheit mit Sklavenarbeit und die Sklaven
als ihre arbeitende Klasse, desto dreister und schrfer war jener
Individualismus geworden, der in der hellenischen Staatenwelt die
Rivalitten immer sprder, die Schwcheren auf ihre Ohnmacht trotziger, die
Strkeren in ihrer Macht selbstschtiger gemacht, die Zerbrcklung und
gegenseitige Zhmung endlich bis zu unmglichen Zustnden getrieben hatte,
-- bis Alexanders Siege vllig neue Bahnen ffneten und jeder Kraft und
Begierde und Begabung, aller Fahrigkeit und Wagelust ein unermeliches Feld
ersprielicher Arbeit erschlossen. Mochte daheim in Sparta, Athen, mancher
Stadt sonst Trauer, Groll, arger Wille genug bleiben, mochten die Hellenen
in Taurien mit ihren Skythen, die in Sizilien und Grogriechenland mit den
Puniern und Italikern sich schlagen und vertragen, so gut es ging
-- Tausende und aber Tausende lockte die erschlossene neue Welt des fernen
Morgenlandes, sie folgten den Werbern Alexanders oder zogen auf eigene Hand
ihm nach, in seinem Heere zu dienen oder im Lager allerlei Geschft und
Verdienst zu versuchen, in den neuen Stdten sich anzusiedeln; sie
gewhnten sich an die asiatische Art zu leben, auch wohl an asiatische
Unterwrfigkeit gegen den Knig und die groen Herren, wenn ihnen brigens
nur ihre Freimtigkeit und ihr sonstiger Betrieb nach hellenischer Art
blieb; die Gebildeten, soweit sie nicht vorzogen, Gegner des Neuen zu
sein, wurden um so enthusiastischere Bewunderer des groen Knigs;
Rhetoren, Poeten, Witzlinge, Meister und Bewunderer geistreicher Rede, wie
sie waren, gefielen sie sich darin, Phrasen, wie sie auf die Helden von
Marathon und Salamis, auf Heroen wie Perseus und Herakles, auf die Siege
des Bacchos und Achilleus hergebracht waren, auf ihn anzuwenden; selbst die
Ehren der alten Heroen und des Olymps muten zum Preise des mchtigen
Herrschers dienen. Lngst hatten die Sophisten gelehrt, da alle die, zu
welchen man wie zu Gttern betete, eigentlich ausgezeichnete Kriegshelden,
gute Gesetzgeber, vergtterte Menschen seien; und so gut manches Geschlecht
sich von Zeus oder Apollon abzustammen rhme, ebensogut knne ja wieder der
Menschen einer durch groe Taten wie einst Herakles in den Olymp kommen,
oder wie Harmodios und Aristogeiton heroischer Ehren teilhaftig werden.
Hatten nicht hellenische Stdte dem Lysandros, dem Vernichter der attischen
Macht, Altre gestiftet und Opfer gebracht und Pane gesungen? Hatte Thasos
nicht in feierlicher Gesandtschaft Agesilaos dem Groen, wie man ihn
nannte, die Apotheose und die Errichtung eines Tempels angetragen? Um
wieviel Greres hatte Alexander getan? Kallisthenes schrieb in seiner
Geschichte ohne Bedenken von dem Orakel des Ammon, das Alexander als Sohn
des Zeus bezeichnet hatte, von dem der Branchiden bei Miletos, das den
gleichen Ausspruch getan. Wenn spterhin in hellenischen Staaten ihm
gttliche Ehren zu gewhren in Vorschlag gebracht wurde, so war es nicht im
Interesse der Religion, sondern Parteisache, da dem Antrage teilweise
widersprochen wurde.

Alles dies vorausgesetzt, kann man sich ein ungefhres Bild von der
Umgebung Alexanders machen. Dies bunte Durcheinander der
verschiedenartigsten Interessen, das geheime Spiel von Rivalitten und
Intrigen, der unablssige Wechsel von Gelagen und Kmpfen, von
Festlichkeiten und Strapazen, von berflu und Entbehrung, von strengem
Dienst im Felde und zgellosen Genssen in den Kantonierungen, dazu das
stete Weiterdringen in andere und andere Lnder, ohne Sorge fr die
Zukunft, und nur der Gegenwart gewi, das alles vereinte sich, der Umgebung
Alexanders jene abenteuerliche und phantastische Haltung zu geben, die zu
dem wunderbaren Glanze seiner Siegeszge pate. Neben seiner berwiegenden
Persnlichkeit treten die einzelnen selten aus der Masse hervor, ihr
Verhltnis zum Knige ist ihr Charakter; so der edle Krateros, der, so
heit es, den Knig, der milde Hephaistion, der den Alexander liebe; so der
immer zuverlssige und dienstbereite Lagide Ptolemaios, der ruhige, durch
und durch treue Koinos, der reckenhafte Lysimachos. Kenntlicher sind die
allgemeinen Charaktere: die makedonischen Edlen, militrisch, trotzig,
herrisch, bis zum Gespreizten voll Selbstgefhl; die asiatischen Frsten,
zeremonis, prunkend, Meister in jeder Kunst des Luxus, der Unterwrfigkeit
und Intrige; die Hellenen, teils im Kabinett des Knigs, wie der Kardianer
Eumenes, oder fr andere technische Zwecke beschftigt, teils als Dichter,
Knstler, Philosophen im Gefolge des Knigs, der auch unter den Waffen der
Musen nicht verga, und weder Geschenke noch Huld und Herablassung sparte,
um die auszuzeichnen, welche er um den Ruhm der Wissenschaft beneidete.

Unter diesen Hellenen in Alexanders Gefolge waren besonders zwei Literaten,
die durch sonderbare Verknpfung der Umstnde einige Bedeutung in den
Verhltnissen des Hoflagers gewannen. Der eine war der oben erwhnte
Olynthier Kallisthenes; Schler und Neffe des groen Aristoteles, der ihn
seinem kniglichen Zglinge zugesandt hatte, begleitete er den Knig nach
dem Osten, um als Augenzeuge die Grotaten der Makedonen der Nachwelt zu
berliefern; er soll gesagt haben: er sei zu Alexander gekommen, nicht um
sich Ruhm zu erwerben, sondern ihn berhmt zu machen; da ein gttliches
Wesen in ihm sei, werde man nicht um deswillen glauben, was Olympias von
seiner Geburt lge, es werde von dem abhngen, was er in seinem
Geschichtswerk der Welt sagen werde. Die Fragmente dieses Geschichtswerkes
zeigen, wie hoch er ihn gefeiert hat; von jenem Zuge ber den pamphylischen
Strand sagt er, die Wellen des Meeres hatten sich niedergelegt, wie um vor
dem Knige die Proskynesis zu machen; vor der Schlacht von Gaugamela lt
er den Knig die Hand zu den Gttern erheben und ausrufen: wenn er des Zeus
Sohn sei, so mchten sie ihm beistehen und fr die hellenische Sache
entscheiden. Seine hohe Bildung, sein Talent des Vortrages, seine gemessene
Haltung gaben ihm auch in militrischen Kreisen Ansehen und Einflu. Sehr
anders Anaxarchos von Abdera, der Eudmoniker: er war ein Mann von Welt,
dem Knig stets untertnig und oft lstig; einst bei einem Gewitter soll er
ihn gefragt haben: Donnerst du, Sohn des Zeus? worauf Alexander lachend
geantwortet habe: Ich mag mich meinen Freunden nicht so furchtbar zeigen,
wie du wohl wnschest, der du deswegen meine Tafel verachtest, da ich
statt der Fische nicht Satrapenkpfe aufsetzen lasse; ein Ausdruck, dessen
sich Anaxarchos, so heit es, bedient hatte, als er den Knig sich an einem
Gericht kleiner Fische, die ihm Hephaistion geschickt, freuen sah. In
welchem Sinne seine Schrift vom Knigtum geschrieben sein mochte, wird man
aus den Trostgrnden schlieen drfen, mit denen er, wie erzhlt wird, nach
Kleitos' Ermordung den Knig aufzurichten suchte: Weit du nicht, o Knig,
da darum die Gerechtigkeit zur Beisitzerin des Knigs Zeus gemacht ist,
weil alles, was Zeus tut, gut und recht ist? Ebenso mu, was ein Knig auf
dieser Welt getan, zunchst von ihm selbst, dann von der brigen Menschheit
fr Recht erkannt werden.

Es ist nicht mehr ersichtlich, wann und auf welchen Anla sich die
Beziehungen des Knigs zu Kallisthenes zu lockern begannen. Einst, so wird
erzhlt, war Kallisthenes beim Knige zur Tafel und wurde von diesem
aufgefordert, beim Wein eine Lobrede auf die Makedonen zu halten; er tat es
mit der ihm eigentmlichen Kunst unter dem lautesten Beifall der
Anwesenden. Dann sagte der Knig: es sei leicht, das Ruhmreiche zu rhmen,
er mge seine Kunst beweisen, indem er gegen dieselben Makedonen sprche
und durch gerechten Tadel sie des Besseren belehren. Das tat der Sophist
mit schneidender Bitterkeit: der Griechen unselige Zwietracht habe die
Macht Philipps und Alexanders gegrndet, im Aufruhr komme auch ein Elender
bisweilen zu Ehren. Emprt sprangen die Makedonen auf, und Alexander sagte:
Nicht von seiner Kunst, sondern von seinem Ha gegen uns hat der Olynthier
einen Beweis gegeben. Kallisthenes aber ging heim und sagte dreimal zu
sich selbst: Auch Patroklos mute sterben und war mehr denn du!

Da der Knig die asiatischen Groen nach dem Zeremoniell der persischen
Hofsitte empfing, war natrlich; es war eine fr sie empfindliche
Ungleichheit, wenn die Hellenen und Makedonen sich ohne solche Formen der
Ehrerbietung der Majestt des Knigs nahen durften. Wie einmal des Knigs
Stellung und Auffassung war, mochte es ihm erwnscht sein, da, diesen
Unterschied zu beseitigen, die morgenlndische Proskynesis zur Hofsitte
werde; aber ebenso mochte er den Vorurteilen, an welchen mancher haftete,
nicht durch einen Befehl Anla zur Mideutung und Unzufriedenheit geben
wollen. Hephaistion und einige andere bernahmen es, die Sache einzuleiten;
beim nchsten Gelage, so heit es, habe es zur Ausfhrung kommen sollen;
von Anaxarchos sei da in diesem Sinn gesprochen worden, von Kallisthenes in
eingehender und ernst abmahnender Weise und in unmittelbarer Anrede an den
Knig so schroff dagegen, da der Knig, sichtlich verletzt, jede weitere
Erwhnung der Sache untersagt habe. Eine andere Erzhlung sagt: der Knig
habe bei Tafel die goldene Schale genommen und zunchst denen, mit welchen
die Proskynesis verabredet gewesen sei, zugetrunken; dann sei der so
Begrte, nachdem er seine Schale geleert, aufgestanden, habe die
Proskynesis gemacht, sei dann vom Knige gekt. Als nun die Reihe an
Kallisthenes gekommen und der Knig ihm zugetrunken, dann mit Hephaistion,
der an seiner Seite gesessen, weitergesprochen, habe der Philosoph die
Schale geleert, sich erhoben, zu Alexander zu gehen und ihn zu kssen; der
Knig habe nicht bemerken wollen, da die Proskynesis unterlassen sei, aber
einer der Hetairen habe gesagt: Ksse ihn nicht, o Knig, er ist der
einzige, der nicht angebetet. Alexander habe ihm darauf den Ku geweigert
und Kallisthenes, indem er sich hinweggewendet, gesagt: So gehe ich um
einen Ku rmer fort.

Noch manches andere wird von diesen Vorgngen berichtet; bemerkenswert
erscheint die Angabe, da Hephaistion gesagt habe, auch von Kallisthenes
sei in der vorhergehenden Besprechung die Proskynesis ausdrcklich
zugesagt, nicht minder die Angabe, da Lysimachos, der Somatophylax, und
zwei andere den Knig auf des Sophisten hochmtiges Verhalten hingewiesen,
uerungen von ihm ber Tyrannenmord angefhrt htten, die um so mehr zu
beachten seien, da viele der jungen Edelleute an ihm hingen, seine Worte
wie Orakel, ihn selbst wie den einzigen Freien unter den Tausenden des
Heeres betrachteten.

Nach einer schon von Knig Philipp herstammenden Einrichtung wurden die
Shne des makedonischen Adels mit ihrem Eintritt ins Jnglingsalter
einberufen, um als knigliche Knaben um des Knigs Person und militrisch
als seine Leibwchter ihre Laufbahn zu beginnen; sie waren im Felde seine
nchste Begleitung, sie hatten die Nachtwache in seinem Quartier, sie
fhrten ihm das Pferd vor, sie waren um ihn bei Tafel und auf der Jagd; sie
standen unmittelbar unter seiner Obhut, und nur er durfte sie strafen; er
sorgte fr ihre wissenschaftliche Ausbildung, zunchst fr sie waren wohl
die Philosophen, Rhetoren und Poeten, die Alexander begleiteten, berufen
worden.

Unter diesen jungen Adligen war Hermolaos, der Sohn des Sopolis, desselben,
der von Nautaka aus auf Werbung nach Makedonien gesandt war. Hermolaos,
ein eifriger Verehrer des Kallisthenes und seiner Philosophie, hatte, so
scheint es, die Ansichten und Tendenzen seines Lehrers mit Begeisterung
aufgefat; mit jugendlichem Unwillen sah er diese Vermischung des
persischen und hellenischen Wesens, die Zurcksetzung des makedonischen
Herkommens. Bei einer Jagd, als ein Eber auf die Wildbahn kam und dem
Knige, der nach Hofsitte den ersten Wurf hatte, vor den Speer rannte,
erlaubte sich der junge Mann den ersten Wurf und erlegte das Tier; ein
Dienstvergehen, das der Knig unter anderen Umstnden vielleicht nicht
beachtet htte, bei Hermolaos aber als absichtlich ansah und demgem
bestrafte, indem er ihn zchtigen und ihm sein Pferd nehmen lie. Hermolaos
fhlte nicht sein Unrecht, nur die emprende Krnkung, die ihm angetan sei.
Sein Busenfreund war Sostratos, der Sohn des Tymphers Amyntas, desselben,
der mit seinen drei Brdern bei Philotas' Proze in den Verdacht der
Mitschuld gefallen war, und, um sich aller Schuld frei zu zeigen, den Tod
im Kampfe gesucht hatte; diesem Sostratos teilte sich Hermolaos mit: das
Leben sei ihm verleidet, wenn er sich nicht rhren knnte. Leicht war
Sostratos gewonnen; es sei ja Alexander, der ihm schon den Vater entrissen,
der ihm jetzt den Freund beschimpft habe. Die beiden Jnglinge zogen noch
vier andere aus der Schar der Edelknaben ins Geheimnis; es waren
Antipatros, der Sohn des Asklepiodoros, des gewesenen Statthalters von
Syrien, Epimenes, Arseas' Sohn, Antiklas, Theokritos' Sohn, und der
thrakische Philotas, des Karsis Sohn; sie verabredeten, in der Nacht, wenn
Antipatros die Wache habe, den Knig im Schlafe zu ermorden.

Der Knig, so wird erzhlt, habe diese Nacht mit den Freunden gegessen, sei
dann lnger als sonst in ihrer Gesellschaft geblieben; als er nach
Mitternacht habe aufbrechen wollen, sei ein syrisches Weib, eine
Wahrsagerin, die ihm seit Jahren gefolgt sei und anfangs wenig beachtet,
allmhlich, da sich ihr Rat und ihre Warnung mehrfach bewhrt, seine
Beachtung und sein Ohr gewonnen habe, -- diese Syrerin sei, da er fortgehen
wollte, pltzlich ihm gegenber gewesen und habe ihm gesagt: er mge
bleiben und die Nacht durchtrinken. Der Knig habe dem Rat Folge geleistet,
und so sei fr diese Nacht der Plan der Verschworenen vereitelt worden.
Sicherer scheint das Weitere zu sein; die unglcklichen jungen Leute gaben
ihren Plan nicht auf, sie beschlossen, ihn in der nchsten Nachtwache, die
auf sie fiel, auszufhren; Epimenes sah tags darauf seinen Busenfreund
Charikles, den Sohn des Menandros, sagte ihm, was bereits geschehen, was
noch im Werke sei. Bestrzt eilte Charikles zu seines Freundes Bruder
Eurylochos, beschwor ihn, durch schnelle Anzeige den Knig zu retten;
dieser eilte in des Knigs Zelt und entdeckte dem Lagiden Ptolemaios den
furchtbaren Plan. Auf seine Anzeige befahl der Knig, sofort die
Verschworenen zu verhaften; sie wurden verhrt, gefoltert; sie bekannten
ihren Plan, ihre Genossen, Kallisthenes' Mitwissenschaft; auch dessen
Verhaftung erfolgte. Das zum Kriegsgericht berufene Heer sprach ber die
Verschworenen das Urteil, vollzog es nach makedonischer Art. Kallisthenes,
der Hellene und nicht Soldat war, wurde in Ketten gelegt, um spter
gerichtet zu werden. Alexander soll darber an Antipatros geschrieben
haben: Die Knaben sind von den Makedonen gesteinigt worden, den Sophisten
aber will ich selbst bestrafen, und auch diejenigen, die ihn zu mir
geschickt haben, und die in ihren Stdten Verrter gegen mich aufnahmen.
Kallisthenes ist dann whrend des indischen Feldzuges nach Aristobulos'
Angabe als Gefangener gestorben, nach Ptolemaios gefoltert und gehngt
worden.




  Drittes Kapitel

  Das indische Land -- Die Kmpfe diesseits des Indus -- Der
  bergang ber den Indus -- Zug nach dem Hydaspes -- Der
  Frst von Taxila -- Krieg gegen den Knig Poros -- Schlacht
  am Hydaspes -- Kmpfe gegen die freien Stmme -- Das
  Heer am Hyphasis -- Umkehr


Indien ist eine Welt fr sich. In der Eigenartigkeit seiner Natur, seiner
Bevlkerung, seiner Religion und Bildung vllig in sich abgeschlossen, war
es der Westwelt des Altertums jahrhundertelang nur dem Namen nach, nur wie
ein Wunderland am Ostsaume der Erde bekannt. Von zwei Seiten umfluten es
ozeanische Meere, in denen spt erst Betriebsamkeit und Wissenschaft die
Straen der leichtesten und sichersten Verbindung erschlieen sollte; von
zwei anderen Seiten trmen sich zu zwei- und dreifacher Umwallung
Gebirgsmassen empor, zum Teil die hchstragenden der Erde, deren
Schneepsse im Norden, deren glhende Felsspalten im Westen nur dem frommen
Pilger, dem wandernden Handelsmann, dem Ruber der Wste mhsame Wege zu
ffnen scheinen, nicht dem Vlker- und Weltverkehr.

Der Bevlkerung Indiens selbst ist die Erinnerung ihrer Vorzeit in zeit-
und raumlosen Phantastereien verschwommen und verkommen, seit sie aufgehrt
hat, sich selbst anzugehren; aber dem voraus liegt eine Vergangenheit
groer und mannigfacher Entwicklungen, das Werden und Reifen der
religisen, hierarchischen, politischen Bildungen, in denen sich jene
Eigenartigkeit der indischen Welt vollendet hat. In ihrer Mittagshhe,
bevor sie noch den ersten Schritt abwrts getan, scheint sie der
makedonische Eroberer gesehen zu haben, der erste Europer, der den Weg
nach Indien gefunden.

Er fand die Stelle, die wie ein Tor zu dem indischen Lande ist. Ein Strom
durchbricht da den Gebirgswall, der Indien von der Westwelt scheidet;
entsprungen in den Hochgebirgen, denen einander nah die Gewsser von
Baktrien und Ariana entquellen, strzt sich der Kophen, mit zahlreichen
Zuflssen von Norden her verstrkt, ostwrts zu dem Bette des mchtigen
Indus hinab; umsonst trmen sich rechts und links von diesem Weststrom die
wildesten Felsenmassen empor, sie ffnen seinen reienden Wassern ein
eingeengtes Tal, nach dem die lachende Ebene von Peschawar zu dem
fruchtppigen Tropenklima Indiens hinabfhrt. Aber es ist noch nicht das
rechte Indien, das sich hier ffnet; die fnf Strme des Pandschab, die
berschwemmungen der Sommermonate, der breite Grtel der Wste im Osten und
Sden machen das Abendland Indiens zu einer zweiten Schutzwehr des heiligen
Gangeslandes; es ist, als habe die Natur einen Liebling vor Gefahren, denen
sie einen Weg geffnet, doch noch zu schtzen versuchen wollen. An das
Gangesland knpft sich alles Heilige und Groe, was der Hindu kennt; dort
ist der uralte fromme Glaube und die strenge Sonderung der Kasten, die aus
Brahma gezeugt sind, heimisch, dort sind die heiligsten Orte der
Wallfahrten und der Strom des geweihten Wassers. Die Stmme im Abend der
Wste, obschon verwandten Geschlechtes und Glaubens, sind abgewichen von
der strengen Reinheit des gttlichen Gesetzes, sie haben nicht den Verkehr
mit der Welt drauen gemieden, sie haben nicht die Wrde kniglicher
Herrschaft, nicht die Lauterkeit der Kasten, nicht die Abgeschlossenheit
gegen die unreinen und verhaten Fremdlinge bewahrt, die doch Bedingung,
Sicherung und Beweis des heiligen Lebens ist; sie sind die Entarteten und
den Fremdlingen preisgegeben.

So schon in Alexanders Zeit. Die damals im Gangeslande hochentwickelten
brahmanischen Vlker arischen Stammes hatten vergessen, da auch sie einst
in dem Lande der sieben Strme gesessen haben, da sie in grauer Vorzeit
wandernd durch jenes Westtor gekommen sind, wie denn Namen ihrer
ruhmreichsten Geschlechter, die sich am Oxos und Jaxartes erhalten haben,
auf ihre frheren Sitze schlieen lassen. Ihrem Wanderzuge sind andere
Vlker arischer Sprache und Art dorthin nachgezogen; aber zu groen
Wagnissen nicht stark oder nicht begehrlich genug, blieben sie mit ihren
Herden auf den Gebirgsweiden am Kophen und dessen Nebenflssen bis zum
Indus hin.

Dann ward Assyrien mchtig, gewann vom Tigris ausgehend wie das breite
syrische Tiefland, so das arische Hochland; aber Semiramis sah, so wird
erzhlt, an der Indusbrcke die Kamele der westlichen Steppen vor den
Elefanten des indischen Ostens flchten. Dann folgten die Meder, die
Perser; und seit Kyros' Zeit wird unter den Satrapien des Reiches auch
Gandara, es werden in den persischen Heeren des Xerxes Gandarener und
andere Inder aufgefhrt; und Dareios sandte von seiner Stadt Kaspatyros --
wohl Kabul -- einen hellenischen Mann nach dem Indus, um diesen hinab bis
ins Meer zu fahren, der dann auch durch das Arabische Meer zurckkehrte,
eine Sendung, die des Groknigs umfassende Plne ahnen lt; aber die
Kmpfe Persiens im Abendlande und das rasch einbrechende Sinken des Reiches
lie sie nicht zur Erfllung kommen.

Nie hat sich die Herrschaft der Achmeniden bis jenseits des Indus
erstreckt; die Ebene am Fu des Paropamisos mit den westlichen Zweigen
indischer Bevlkerung war das letzte Gebiet, das die Groknige besaen;
von dort her waren die Elefanten des letzten Perserknigs, die ersten,
welche die Westwelt sah; mit ihnen nahmen in der Schlacht bei Gaugamela die
Inder, die an Baktrien grenzten, unter Bessos' Fhrung, die Berginder
unter Barsaentes, dem Satrapen von Arachosien, teil. Jenseits des Indus
folgte eine Kette unabhngiger Staaten, die sich ber die fnf Strme gen
Osten bis zur Wste, gen Sden bis zur Indusmndung ausdehnte, eine
Musterkarte kleinerer und grerer Vlker, Frstentmer und Republiken, ein
buntes Durcheinander politischer Zersplitterung und religiser Verwirrung,
untereinander ohne andere Gemeinschaft als die der gegenseitigen Eifersucht
und des steten Wechsels von treulosen Bndnissen und selbstschtigen
Fehden.

Alexander hatte mit der Unterwerfung des sogdianischen Landes die
Besitznahme des Perserreiches vollendet; die Satrapie des Paropamisos, die
er im Jahre 329 besetzt, in der er Alexandreia am Kaukasus gegrndet hatte,
war zum Ausgangspunkte des Zuges nach Indien bestimmt. Der
militrisch-politische Gedanke dieses Kriegszuges wird in unseren Quellen
nicht angegeben; er wird sich aus dem Zusammenhang der weiteren Ereignisse
hinlnglich ergeben.

Alexander hatte bereits ber den Indus hinaus mehrfache Verbindungen;
namentlich die mit dem Frsten Taxila (Takschaila) waren von groer
Bedeutung. Dessen Knigreich lag auf dem Ostufer des Indus, der Mndung des
Kophen gegenber; es erstreckte sich ostwrts nach dem Hydaspes (Vitasta)
in einer Ausdehnung, die man der der gyptischen Statthalterschaft
gleichschtzte. Der Frst, mit mehreren seiner Nachbarn, namentlich dem
Paurava, dem Frsten Poros am Hydaspes, verfeindet und zugleich nach
Erweiterung seines Gebietes begierig, hatte den Knig whrend seines
Aufenthaltes in Sogdiana zu einer indischen Heerfahrt aufgefordert und sich
bereit erklrt, die Inder, die sich ihm zu widersetzen wagen wrden, mit
ihm gemeinsam zu bekmpfen. Auch ein Frst aus dem Lande diesseits des
Indus war bereits in des Knigs Umgebung, Sisikottos, der, wohl als die
Makedonen von Arachosien her anrckten, zu Bessos nach Baktrien gegangen
war, dann, als dessen Unternehmen klglich zusammenbrach, sich dem Sieger
zugewandt hatte und ihm fortan in treuer Ergebenheit diente. Durch solche
Verbindungen konnte Alexander ber die indischen Verhltnisse, ber die
Natur des Landes und seiner Bevlkerung Hinreichendes in Erfahrung bringen,
um den Gang seines Unternehmens und die zu demselben erforderlichen
Vorbereitungen und Streitkrfte mit einiger Sicherheit zu bestimmen.

In den Vorbereitungen, die er whrend des letzten Jahres gemacht hatte,
lt sich die richtige Wrdigung der bevorstehenden Schwierigkeiten nicht
verkennen. Das verfgbare Heer, das seit der Vernichtung der persischen
Macht nicht eben bedeutend zu sein brauchte, um die einzelnen Satrapien zu
unterwerfen, reichte in der Strke, die es die zwei letzten Jahre in
Baktrien gehabt hatte, zum Kampfe gegen die stark bevlkerten und mit
groer Kriegsmacht versehenen indischen Staaten nicht aus. Wohl waren immer
neue Tausende, teils Makedonen, wie es scheint nach ihrer Dienstpflicht,
teils thrakische, agrianische, hellenische Sldner, von Beute und Ruhm
gelockt, gen Asien nachgezogen, so da die anfngliche Zahl von 35000
Kombattanten, mit denen Alexander 334 begonnen hatte, im Laufe der sechs
Jahre trotz der Verluste, welche die unausgesetzten Anstrengungen, die Zge
durch Schneegebirge und Wsten, die klimatischen Einflsse und die
ebensooft durch Mangel wie durch berflu ungesunde Lebensweise
hervorgebracht haben mute, sich dennoch verdoppelt haben mochte. Aber
teils hatte der Knig die hellenischen, die thessalischen Bundesgenossen
heimgehen lassen, teils waren Truppen in bedeutender Menge als Besatzungen
der okkupierten Lnder und der Hauptwaffenpltze in denselben
zurckgeblieben; das baktrianische Gebiet allein behielt ein Korps von
10000 Mann Fuvolk und 3500 Reitern; nicht minder muten bedeutende
Streitkrfte im arachosischen Alexandrien, in Ekbatana, Babylon, gypten
usw. stehen, wenn schon es wahrscheinlich ist, da namentlich die
Westsatrapien nicht von der groen Armee, sondern aus Europa ihre
Besatzungen ergnzten. Fr den indischen Feldzug hatte der Knig aus den
streitbaren Vlkern der arianischen und oxianischen Lande sein Heer
verstrkt. Da auch Phnikier, Kyprier, gypter in bedeutender Zahl beim
Heere waren, zeigt sich demnchst bei der Ausrstung der Indusflotte. Die
Strke des Heeres um die Zeit, als es den Indus hinabzog, betrug nach
zuverlssiger Angabe 120000 Mannen[13].

    [13] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Man sieht, dem Material nach war dies Heer schon nicht mehr ein
hellenisch-makedonisches, wohl aber der Organisation nach; und die
Tatsache, da die folgenden Feldzge mit diesem Heer gefhrt sind,
gestattet auf die feste Disziplin, auf die Armeeverwaltung und deren
Organisation, auf die Autoritt der Befehlenden, vor allem auf den
militrischen Geist und die vollendete Tchtigkeit des Offizierkorps
sichere Schlsse; Dinge, von denen freilich in den berlieferungen so gut
wie nichts steht, und die doch am wenigsten in dem kriegsgeschichtlichen
Bilde Alexanders zu entbehren sind. Das Heer, das solche Flle fremdartiger
Elemente in den festen Rahmen der makedonischen Formation aufnahm und sich
anbildete, wurde der Kern und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, eine Schule
der hellenistischen Gestaltung, die sich ebenso aus der Natur des neuen
Reiches ergab, wie dessen Schaffung allein mglich machte. Wenn Alexander
wie in gypten und den syrischen Landen, in Iran und Baktrien, so demnchst
in Indien Tausende seiner Kriegsleute als Besatzung und Brger der neuen
Stdte zurcklie und dafr in sein Heer Asiaten in grerer Zahl aufnahm,
so zeigt das mehr als alles andere die khne Konsequenz seines Gedankens
und seine Zuversicht auf dessen Richtigkeit und Macht; und es begreift
sich, da er durch die versuchten Oppositionen des makedonischen Stolzes
und des hellenischen Liberalismus sich nicht beirren lie; mit der Macht
einer imperatorischen Persnlichkeit war er gewi, auch ferneren Hoch- und
Schwachmtigkeiten zum Trotz, alles dem Zuge seines Willens folgen zu
machen.

Gegen Ende des Frhlings 327 brach Alexander von Baktrien auf. Die
Gebirgswege, die vor zwei Jahren so viele Mhe gemacht hatten, lagen jetzt
frei von Schnee; Vorrte waren reichlich vorhanden; auf einer krzeren
Strae erreichte man nach einem zehntgigen Marsche die Stadt Alexandreia
am Sdabhange des Gebirges.

Der Knig fand sie nicht in dem Zustande, wie er erwartet hatte;
Neiloxenos, der seine Befehlshaberstelle nicht mit der notwendigen Umsicht
und Kraft verwaltet hatte, wurde entsetzt, auch der Perser Proexes verlor
sein Amt als Satrap der Paropamisaden. Aus der Umgegend wurde die
Bevlkerung der Stadt vermehrt, vom Heere blieben die zum Dienst
Untauglichen in ihr zurck; den Befehl ber die Stadt und ihre Besatzung,
sowie den Auftrag, fr ihren weiteren Ausbau Sorge zu tragen, erhielt
Nikanor von den Hetairen; Tyriaspes wurde zum Satrapen des Landes bestellt,
dessen Grenze fortan der Kophenflu sein sollte. Alexander zog durch dies
schne, blumen- und fruchtreiche Land zunchst nach Nikaia, die Opfer, die
er der Athena brachte, bezeichneten, so war es seine Weise, den Beginn
eines neuen Feldzuges.

Das Heer nahte sich der Grenze der Paropamisaden, die da, wo die obere
Ebene des Kophen sich schliet, gewesen sein wird[14]. Dort tritt der schon
bedeutende Flu in das Felsental, das wie ein Tor zu dem Lande des Indus
ist; auf seiner Sdseite begleiten ihn die Vorberge des hohen Sefid-Kuh,
die von Dakka bis zur Feste Ali-masjed und Jamrud nahe vor Peschawar am
rechten Ufer des Stromes die sieben Meilen langen Khaibarpsse bilden,
whrend auf seinem linken Ufer vom Norden her wie Querriegel mehrere
bedeutende Gebirgszge, die sich von der Hochkette des westlichen Himalaja
abzweigen, bis nahe an seine Ufer streichen. Der Choaspes (Jarkhun oder
Kunar) und weiter stlich der Guros (Pandjkora), beide mit zahlreichen
Nebenflssen und Nebentlern, bilden die vielen Bergkantone dieses Landes
diesseits des Indus, deren Bewohner unter dem Namen der Avaka
zusammengefat werden, wenn auch die einzelnen Distrikte, meist unter
eigenen Frsten, ihre besonderen Namen fhrten. Im Kophental selbst wohnten
die Astakener, wohl so genannt, weil sie im Westen (Asta) des Indus
wohnten.

    [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Alexander hatte von Nikaia aus Herolde an die indischen Frsten, die am
unteren Lauf des Kophen und am Ufer des Indus herrschten, vorausgesandt; er
lie sie zu sich entbieten, ihre Huldigung zu empfangen. So kam der Frst
von Taxila, mehrere Rajas des Landes diesseits des Indus, nach der
prunkenden Art der Hindufrsten auf geschmckten Elefanten und mit reichem
Gefolge; sie brachten dem Knige kostbare Geschenke, sie boten ihm ihre
Elefanten, es waren fnfundzwanzig, zum beliebigen Gebrauch. Alexander
erffnete ihnen: er hoffe im Laufe dieses Sommers das Gebiet bis zum Indus
zu beruhigen, er werde die vor ihm erschienenen Frsten belohnen,
diejenigen, welche sich nicht unterworfen htten, zum Gehorsam zu zwingen
wissen; er gedenke den Winter am Indus zuzubringen, um in dem nchsten
Frhling die Feinde seines Verbndeten, des Frsten von Taxila, zu strafen.
Sodann teilte er seine gesamten Streitkrfte in zwei Armeen, von denen die
eine unter Perdikkas und Hephaistion an dem rechten Ufer des Kophen zum
Indus hinabziehen sollte, whrend er selbst mit der anderen das sehr
schwierige, von streitbaren Vlkern bewohnte Land im Norden desselben
Flusses durchziehen wollte. Es galt mit dieser Doppelbewegung den Stmmen
im Norden und Sden des Kophen durch gleichzeitigen Angriff gemeinsamen
Widerstand und gegenseitige Untersttzung unmglich zu machen, zugleich mit
dem Vordringen durch die nrdlichen Quertler die Psse im Sden zu
berholen, mit dem Vordringen durch diese Psse die Stmme im Norden, gegen
welche des Knigs Kolonne vordrang, in der Flanke zu fassen, in der Ebene
zwischen Peschawar und Attock sich vereinigend. Der Wege und Psse hinter
sich Meister, konnten sie daran gehen, den Indus zu berschreiten.

Demnach rckten Hephaistion und Perdikkas mit den Phalangen Gorgias,
Kleitos, Meleagros, mit der Hlfte der makedonischen Ritterschaft und
smtlichen Sldnerreitern, am Kophenflu, auf dessen rechtem Ufer, wo die
Gandarer wohnten, hinab, indem die indischen Frsten, die dem Knige
gehuldigt hatten, mit ihnen in ihre Lnder zurckkehrten. Sie hatten
Befehl, alle bedeutenden Pltze zu besetzen oder, falls ihre bergabe
geweigert werde, sie mit Gewalt zu unterwerfen, an den Ufern des Indus
angelangt, sofort den Bau der Indusbrcke zu beginnen, ber welche
Alexander nach dem Innern Indiens vorzurcken gedachte.

Alexander selbst ging mit den Hypaspisten, der anderen Hlfte der
Ritterschaft, mit der greren Zahl der Phalangen, mit den Bogenschtzen,
den Agrianern und den Akontisten zu Pferd ber den Kophen und durch den Pa
von Dshelalabad ostwrts[14]. Hier kommt der Choes oder Choaspes, der aus
den Gletschern des Puschti-kur im Hochgebirge entspringt, in die Talebene
hinab, zunchst aufwrts lngs den mchtigen Felsenlagen des Khond ein
wildes Talland bildend, dessen andere Seite der kaum weniger mchtige
Gebirgszug schliet, der dies Tal von dem des Guros scheidet; fr
militrische Bewegungen ein uerst schwieriges Terrain. Das Volk der
Aspasier hatte hier seine Sitze, seine Bergfesten, seine zahlreichen
Herden; einige Tage nordwrts am Choaspes lag die Frstenstadt, wichtig
auch durch die Gebirgsstrae, die hier vorber (in dem Tal von Tschitral)
ber das Hochgebirge nach dem Quelllande des Oxos fhrt. Sobald Alexander
ber diesen Flu gesetzt war, und dem sich allmhlich verengenden Tale
folgend die Sdgrenze des aspasischen Landes erreichte, flchteten sich die
Einwohner teils in die Berge, teils in die festen Stdte, entschlossen, den
Makedonen Widerstand zu leisten. Desto mehr eilte Alexander vorwrts; mit
der gesamten Reiterei und 800 Hypaspisten, die gleichfalls beritten gemacht
wurden, rckte er voraus und gelangte bald zu der ersten Stadt der
Aspasier, die mit einer doppelten Mauer versehen war und durch eine
bedeutende unter den Wllen aufgestellte Streitmacht verteidigt wurde.
Unmittelbar vom Marsch aus griff der Knig an; nach einem heftigen Gefecht,
in dem er selbst in der Schulter, und von seiner nchsten Umgebung die
Leibwchter Ptolemaios und Leonnatos verwundet wurden, muten sich die
Barbaren hinter die Mauern ihrer Stadt zurckziehen. Der Abend, die
Erschpfung der Truppen, die Wunde des Knigs machten weiteren Kampf
unmglich; die Makedonen lagerten hart an den Mauern der Stadt. Frh am
nchsten Morgen begann der Sturm; die Mauer ward erstiegen und besetzt;
erst jetzt sah man die zweite strkere Mauer der Stadt, die gleichfalls auf
das sorgsamste besetzt war. Indes war die Hauptmasse des Heeres
nachgerckt; sofort wurde zum neuen Angriff geschritten; whrend die
Schtzen von allen Seiten her die Posten auf den Mauern trafen, wurden die
Sturmleitern angelegt, bald waren hie und da die Zinnen erklommen; die
Feinde hielten nicht lnger stand, sie suchten aus den Toren der Stadt auf
die Berge zu entkommen; viele wurden erschlagen; die Makedonen, ber des
Knigs Wunde erbittert, schonten niemand; die Stadt selbst wurde dem
Erdboden gleichgemacht.

    [14] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Dieser erste rasche Erfolg verfehlte nicht, den gewnschten Eindruck zu
machen. Eine zweite Stadt Andaka ergab sich sofort. Krateros wurde hier mit
dem schweren Fuvolk zurckgelassen, die brigen Stdte in der Nhe zur
Unterwerfung zu zwingen und dann ber das Gebirge nach Arigon im Tal des
Guraios (Pandjkora) zu marschieren. Alexander selbst wandte sich mit den
brigen Truppen nordostwrts zum Euaspla, um in mglichster Schnelle die
Stadt zu erreichen, in der er den Frsten des Landes in seine Gewalt zu
bekommen hoffte. Bereits am zweiten Tage erreichte er die Stadt, doch war
die Kunde von seinem Anrcken vorausgeeilt; die Stadt stand in vollen
Flammen, die Wege zu den Bergen waren mit Fliehenden bedeckt; ein
frchterliches Gemetzel begann, doch hatte der Frst selbst mit seiner
zahlreichen und wohlbewehrten Leibwache bereits die unwegsamen Hhen
erreicht. Ptolemaios, der im Getmmel den frstlichen Zug erkannt und
heftig verfolgt hatte, rckte, sobald das emporsteigende Gelnde fr seine
Pferde zu steil wurde, zu Fu an der Spitze der wenigen Hypaspisten, die um
ihn waren, in mglichster Eile den Fliehenden nach; da machte pltzlich der
Frst mit seinem Geleit kehrt, strmte auf die Makedonen los, warf sich
selbst auf Ptolemaios, schleuderte ihm den Speer gegen die Brust;
Ptolemaios, durch seinen Harnisch gerettet, rannte dem Frsten die Lanze
durch die Hften und ri den Sterbenden zu Boden. Der Fall des Frsten
entschied den Sieg; whrend die Makedonen verfolgten und niedermetzelten,
begann der Lagide den frstlichen Leichnam seiner Rstung zu berauben. Das
sahen die Aspasier von den Bergen; sie strzten sich in wilder Wut herab,
wenigstens die Leiche ihres Frsten zu retten; indes war auch Alexander
herangekommen; ein heftiges Gefecht entspann sich, mit Mhe wurde der
Leichnam behauptet, erst nach schwerem Kampf zogen sich die fhrerlosen
Barbaren tief in die Berge zurck.

Nicht willens, weiter in das Hochgebirge vorzudringen, wandte sich
Alexander an dem Euaspla hinauf ostwrts, um durch die Bergpsse, die dem
Tale des Guros zufhren, die Stadt Arigon zu erreichen. Er fand die Stadt
niedergebrannt und verlassen, die Bevlkerung war in die Berge geflohen.
Die Wichtigkeit dieser Lokalitt, welche die Strae zum Choaspes
beherrscht, bewog den Knig, Krateros, der von Sden heranrckte, mit dem
Wiederaufbau der Stadt zu beauftragen, indem er die zum Dienst
untauglichen Makedonen, und von den Landeseinwohnern alle, die sich dazu
bereit erklrten, hier anzusiedeln befahl. Auf diese Weise waren die beiden
Pawege zum Choaspes durch die Besetzung von Andaka und Arigaion in
Alexanders Macht. Doch schien es notwendig, die tapferen Alpenbewohner im
Norden der Stadt, die in den Bergen eine drohende Stellung innehatten, das
bergewicht der makedonischen Waffen fhlen zu lassen. Alexander rckte von
Arigaion aus gegen das Alpenland; am Abend lagerte er am Fu der Berge;
Ptolemaios, zum Rekognoszieren ausgesandt, brachte die Nachricht, da der
Feuer in den Bergen eine sehr groe Zahl sei, da man auf eine bedeutende
bermacht des Feindes schlieen msse. Sofort wurde der Angriff
beschlossen; ein Teil des Heeres hielt die Stellung am Fu des Gebirges,
mit dem brigen rckte der Knig selbst die Berge hinauf; sobald er der
feindlichen Feuer ansichtig wurde, lie er Leonnatos und Ptolemaios sich
rechts und links um die Stellung des Feindes hinziehen, um durch einen
gleichzeitigen Angriff von drei Seiten dessen bermacht zu teilen; er
selbst rckte gegen die Hhen, wo die grte Masse der Barbaren stand. Kaum
sahen diese die Makedonen vorrcken, so strzten sie sich im Vertrauen auf
ihre bermacht von den Hhen herab auf Alexander; ein hartnckiger Kampf
entspann sich. Whrenddessen rckte auch Ptolemaios heran; da aber die
Barbaren hier nicht herabkamen, war er gentigt, auf ungleichem Boden den
Kampf zu beginnen; mit ungemeiner Anstrengung gelang es ihm endlich, die
Abhnge zu erklimmen, die Feinde, die mit dem grten Mute kmpften, nach
der Seite der Hhen zurckzudrngen, die er, um sie nicht durch
vollstndige Umzinglung zur verzweifelten Gegenwehr zu bringen, unbesetzt
gelassen. Auch Leonnatos hatte auf seiner Seite die Feinde zum Weichen
gebracht, und schon verfolgte Alexander die geschlagene Hauptmacht der
Mitte, ein furchtbares Blutbad vollendete den mhsam erkmpften Sieg;
40000 Mann wurden kriegsgefangen; ungeheure Rinderherden, der Reichtum
dieses Alpenvolkes, fielen in die Hnde des Siegers; Ptolemaios berichtet,
es seien ber 230000 Haupt Vieh gewesen, von denen Alexander die
schnsten ausgesucht habe, um sie zum Behuf des Feldbaues nach Makedonien
zu schicken.

Indessen war die Nachricht eingelaufen, da die Assakener in dem nchsten
Flutal, dem des Suastos, sich auf das eifrigste rsteten, da sie Sldner
von jenseits des Indus her an sich gezogen und bereits eine Streitmacht von
30000 Mann Fuvolk, 20000 Pferden, 30 Elefanten beisammen htten. Der
Knig mute, um ihr Land zu erreichen, zuvor das Tal des tiefen und
reienden Guraios hinab, dessen oberen Teil er unterworfen hatte; er rckte
mit einem Teile seiner Truppen schnell voraus, whrend Krateros mit den
brigen, sowie mit den schweren Maschinen von Arigaion aus langsamer
folgte. Die Bergwege, die kalten Nchte machten den Marsch beschwerlich;
desto lachender und reicher war das Talgebiet, zu dem man hinabstieg; rings
Weingelnde, Haine von Mandelbumen und Lorbeeren, friedliche Drfchen an
den Bergen hinaufgebaut, unzhlige Herden auf den Alpen weidend. Hier, so
wird erzhlt, kamen die Edelsten des Landes, Akuphis an ihrer Spitze, zum
Zelt des Knigs; als sie eintraten und ihn im Glanz seiner Waffen, auf die
Lanze gesttzt und mit hohem Helme dasitzen sahen, knieten sie staunend
nieder; der Knig hie sie aufstehen und reden. Sie nannten den Namen ihrer
Feste Nysa, berichteten, sie seien aus dem Westen hergekommen, seit jener
Zeit htten sie selbstndig und glcklich unter einer Aristokratie von
dreiig Edlen gelebt. Darauf erklrte Alexander, da er ihnen ihre Freiheit
und Selbstndigkeit lassen werde, da Akuphis unter den Edlen des Landes
die Vorstandschaft haben, da endlich einige hundert Reiter zum Heere des
Knigs stoen sollten. Dies mag ungefhr das Wahre von einer Sache sein,
die, vielleicht nicht ohne das Zutun des Knigs selbst, auf das
wundervollste ausgeschmckt, weitererzhlt wurde; fortan hieen die Nyser
unmittelbare Nachkommen von den Begleitern des Dionysos, dessen Zge der
griechische Mythos bereits bis Indien ausgedehnt hatte; die tapferen
Makedonen fhlten sich, in weiter Ferne von ihrem Vaterlande, heimisch
unter heimatlichen Erinnerungen.

Von Nysa ging Alexander ostwrts durch den heftig strmenden Guraios zum
Lande der Assakener. Diese zogen sich bei seinem Herannahen in ihre festen
Stdte zurck; unter diesen war Massaga die bedeutendste; der Frst des
Landes hoffte sich in ihr zu behaupten. Alexander rckte nach und lagerte
sich unter den Mauern der Stadt; die Feinde, im Vertrauen auf ihre Macht,
machten sofort einen Ausfall; ein scheinbarer Rckzug lockte sie eine halbe
Stunde weit von den Toren hinweg, in ordnungsloser Hast mit wildem
Siegesgeschrei verfolgten sie; da wandten sich die Makedonen pltzlich und
rckten im Sturmschritt gegen die Inder vor, voran das leichte Volk, der
Knig an der Spitze der Phalangen ihnen nach; nach kurzem Gefecht flohen
die Inder mit bedeutendem Verlust zurck; Alexander folgte ihnen auf den
Fersen, aber seine Absicht, mit ihnen zugleich in das Tor einzubrechen,
wurde vereitelt. So ritt er an der Mauer hin, die Angriffspunkte fr den
nchsten Tag zu bestimmen; da traf ihn ein Pfeilschu von den Zinnen der
Stadt her; mit einer leichten Fuwunde kehrte er ins Lager zurck. Am
nchsten Morgen begannen die Maschinen zu arbeiten, bald lag eine Bresche;
die Makedonen suchten durch sie in die Stadt zu dringen, die tapfere und
umsichtige Verteidigung des Feindes zwang sie endlich, am Abend zu weichen.
Mit Heftigkeit wurde des anderen Tages der Angriff unter dem Schutz eines
hlzernen Turmes, der mit seinen Geschossen einen Teil der Mauer von
Verteidigern rein hielt, erneut; doch auch so kam man noch um keinen
Schritt vorwrts. Die Nacht wurde mit Zurstungen verbracht, neue
Sturmbcke, neue Schirmdcher, endlich ein Wandelturm an die Mauer
geschafft, dessen Fallbrcke unmittelbar auf die Zinnen fhren sollte. Am
Morgen rckten die Phalangen aus, zugleich fhrte der Knig selbst die
Hypaspisten in den Turm, er erinnerte sie, da sie auf gleiche Weise Tyros
genommen htten; alle brannten vor Begier zu kmpfen und die Stadt zu
erobern, die ihnen schon zu lange widerstanden. Die Fallbrcke ward
hinabgelassen, die Makedonen drngten sich auf sie, jeder wollte der erste
sein; unter der bergroen Last brach die Brcke, die Tapferen strzten
zerschmettert in die Tiefe. Lautschreiend sahen das die Inder, sie
schleuderten von den Zinnen herab Steine, Balken, Geschosse auf die
Makedonen, sie drngten sich aus den Mauerpforten aufs Feld hinaus, die
Verwirrung zu benutzen; berall zogen sich die Makedonen zurck; kaum da
es der Phalanx Alketas, der es der Knig geboten, gelang, die Sterbenden
vor der Wut der Feinde zu sichern und ins Lager zurckzubringen. Das alles
mehrte nur die Erbitterung und die Kampfbegier der Makedonen; am nchsten
Tage ward der Turm von neuem an die Mauer gebracht, von neuem die
Fallbrcke hinabgesenkt; doch leisteten die Inder den erfolgreichsten
Widerstand, wennschon ihre Reihen immer lichter, die Gefahr fr sie immer
grer wurde. Da ward ihr Frst von einem Katapultenpfeil getroffen und
sank tot nieder. Dies endlich bewog die Belagerten, Unterhandlungen
anzuknpfen, um sich der Gnade des Siegers zu ergeben; und Alexander voll
gerechter Anerkennung der Tapferkeit seiner Feinde, war gern bereit, einen
Kampf abzubrechen, der nicht ohne viel Blutvergieen zu Ende gefhrt wre;
er forderte die bergabe der Stadt, den Eintritt der indischen Sldner in
das makedonische Heer, die Auslieferung der frstlichen Familie. Die
Bedingungen wurden angenommen, die Mutter und Tochter des Frsten kamen in
des Knigs Lager; die indischen Sldner rckten bewaffnet aus und lagerten
sich in einiger Entfernung von dem Heere, mit dem sie hinfort vereint
werden sollten. Doch voll Abscheu gegen die Fremdlinge, und des Gedankens,
fortan mit diesen vereint gegen ihre Landsleute kmpfen zu mssen, unfhig,
faten sie den unglcklichen Plan, nachts aufzubrechen und sich an den
Indus zurckzuziehen. Alexander erhielt davon Nachricht; berzeugt, da
Unterhandlungen vergeblich, Zaudern gefhrlich sein wrde, lie er sie
nachts umzingeln und niederhauen. So war er Herr des wichtigsten Postens im
Assakenerlande.

Von Massaga aus schien es leicht, die Okkupation des herrenlosen Landes zu
vollenden; Alexander sandte demnach einige Truppen unter Koinos sdwrts zu
der Festung Bazira, berzeugt, da sie sich auf die Nachricht von Massagas
Fall ergeben werde; eine andere Abteilung unter Alketas ging nordwrts
gegen die Festung Ora, mit dem Befehl, die Stadt zu blockieren, bis die
Hauptarmee nachrckte. Bald liefen von beiden Orten ungnstige Nachrichten
ein; Alketas hatte nicht ohne Verlust einen Ausfall der Oriten abgewehrt,
und Koinos, weit entfernt, Bazira zur bergabe bereit zu finden, hatte
Mhe, sich vor der Stadt zu halten. Schon wollte Alexander dorthin
aufbrechen, als er die Nachricht erhielt, da Ora in Verbindung mit dem
Frsten Abisares (von Kaschmir) getreten sei und durch dessen Vermittlung
eine bedeutende Zahl Truppen von den Bergbewohnern im Norden erhalten habe;
deshalb sandte er Befehl an Koinos, bei Bazira einen haltbaren Punkt zu
verschanzen, um die Verbindungen der Festung abzuschneiden, dann mit seinen
brigen Truppen zu ihm zu marschieren. Er selbst eilte nach Ora; die Stadt,
obschon fest und tapfer verteidigt, vermochte sich nicht zu halten, sie
wurde mit Sturm genommen; reiche Beute, darunter einige Elefanten, fiel in
die Hand der Makedonen. Indes hatte Koinos den befohlenen Abzug von Bazira
begonnen; sobald die Inder diese Bewegung bemerkten, brachen sie aus den
Toren hervor, warfen sich auf die Makedonen; es folgte ein scharfes
Gefecht, in dem sie endlich zum Rckzuge gezwungen wurden. Als sich dazu
die Kunde verbreitete, da selbst Ora den Feinden erlegen sei,
verzweifelten die Baziriten, sich in ihrer Feste halten zu knnen; sie
verlieen um Mitternacht die Stadt und zogen sich auf die Felsenburg Aornos
am Indus nah der Sdgrenze des Assakenerlandes zurck.

Durch die Besitznahme der drei Pltze Massaga, Ora und Bazira war Alexander
Herr der Gebirgslandschaft im Norden des Kophen, an der sdwrts das Gebiet
des Frsten Astes von Peukela lag. Dieser Frst hatte, so scheint es, sein
Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn vergrert und selbst sdlich des
Kophenflusses festen Fu gefat; Sangaios, der als Flchtling zu Taxiles
gekommen war, hatte seine Herrschaft durch ihn verloren; als Alexanders
Herolde die Frsten Indiens gen Nika beschieden, hatte Astes so wenig wie
Assakenos Folge geleistet. Aber der glckliche Fortgang der makedonischen
Waffen, das Anrcken des Knigs, der Tod des Assakenos bewogen den Frsten
von Peukela, um wenigstens nicht persnlich dem groen Knige und seiner
furchtbaren Kriegsmacht gegenberzutreten, sein Stammland zu verlassen und
in seinem neuen Gebiete sdwrts vom Kophen Zuflucht zu suchen; dort auf
einer festen Felsenburg hoffte er der makedonischen Sdarmee Trotz bieten
zu knnen. Indessen hatte Hephaistion bei seinem Vorrcken sich vor die
Festung gelegt und sie nach einer dreiigtgigen Belagerung erstrmt; bei
dem Sturme war Astes selbst umgekommen, und Sangaios, der sich bei Taxiles
befand, wurde mit Bewilligung Alexanders in den Besitz der Stadt gesetzt.
Die Stadt Peukela selbst, ohne Herrn und ohne Verteidiger, ergab sich,
sobald Alexander aus dem benachbarten Assakenerlande heranzog, freiwillig;
sie erhielt makedonische Besatzung. Ihrem Beispiele folgten die anderen
minder bedeutenden Stdte bis zum Indus, zu dem der Knig hinabziehend nach
Embolima, einige Meilen oberhalb der Kophenmndung, ging.

So war im Laufe des Sommers durch eine Reihe bedeutender und mhseliger
Kmpfe das Land von den Paropamisaden bis zum Indus unterworfen. Auf der
Sdseite des Kophen, wo das Flutal bald durch de Gebirge geschlossen
wird, hatte Hephaistion das Land in Besitz genommen, und die Bergfeste des
Astes sowie Orabatis, die er genommen und mit Makedonen besetzt hatte,
wurden die militrischen Sttzpunkte fr die Behauptung des Sdufers. Im
Norden waren nacheinander die Flutler des Choaspes, des Guraios und des
Suastos, das Gebiet der Aspasier, der Guraier, der Assakener und
Peukelaoten durchzogen, die Barbaren am oberen Choaspes und am Guros weit
in die Gebirge zurckgesprengt, endlich durch die Festungen Andaka und
Arigaion das Tal der Guraier, durch Massaga, Ora, Bazira das Gebiet der
Assakener, durch Peukela das Westufer des Indus gesichert. Das Land trat,
obschon es zum guten Teil unter einheimischen Frsten blieb, fortan in ein
Verhltnis der Abhngigkeit gegen Makedonien, und erhielt unter dem Namen
des diesseitigen Indien einen eigenen Satrapen.

Nur eine Bergfeste in der Nhe des Indus war noch von Indern besetzt; die
Makedonen nannten sie Aornos, gleich als ob der Flug der Vgel nicht zu ihr
hinausgereicht htte. Von der Mndung des Kophen in den Indus etwa fnf
Meilen entfernt, erhebt sich ein letzter Vorsprung der nordwestlichen
Gebirge, eine einzelne Felskuppe, die nach der Angabe der Alten am Fu etwa
vier Meilen im Umfang und eine Hhe von 5000 Fu haben soll; auf der Platte
dieser steilen Bergmasse lag jene merkwrdige Felsenfestung, deren Mauern
Grten, Quellen und Holzung umschlossen, so da sich Tausende von Menschen
jahraus, jahrein oben erhalten konnten. Dorthin hatten sich viele Inder des
flachen Landes geflchtet, voll Vertrauen auf die Sicherheit dieses
Knigssteines, von dessen Uneinnehmbarkeit mannigfache Sagen im Schwange
waren. Desto notwendiger war es fr den Knig, diesen Felsen zu erobern; er
mute den moralischen Eindruck berechnen, den eine glckliche Unternehmung
gegen Aornos auf seine Truppen und auf die Inder zu machen nicht verfehlen
konnte; er mute vor allem darauf Rcksicht nehmen, da dieser wichtige
Punkt in Feindeshand den gefhrlichsten Bewegungen in seinem Rcken Anla
und Anhalt werden konnte. Jetzt, nachdem das Land umher unterworfen,
nachdem es durch die feste Stellung am Indus mglich geworden war, das
Belagerungsheer, wielange auch die Belagerung whren mochte, mit Vorrten
zu versorgen, begann Alexander seine ebenso verwegenen, wie gefhrlichen
Operationen. Sein unerschtterlicher Wille, diese Feste zu nehmen, war das
einzige, was den glcklichen Erfolg denkbar machte. Er lie Krateros in
Embolima am Indus zurck; er nahm nur die Agrianer, Bogenschtzen, die
Taxis des Koinos und eine Auswahl leichtester Leute von den anderen Taxen,
200 Reiter von den Hetairen, 100 Bogenschtzen zu Pferd mit sich; er
lagerte sich mit diesem Korps am Fue des Felsens. Aber nur ein Weg fhrte
hinauf, und dieser war so geschickt angelegt, da er an jedem Punkte leicht
und vollkommen verteidigt werden konnte. Da kamen Leute aus der Nhe des
Felsens zu ihm, die sich ihm ergaben und sich erboten, ihn zu der Stelle
des Felsens zu fhren, von wo aus die Feste anzugreifen und nicht schwer zu
nehmen sein werde. Ptolemaios, des Lagos Sohn, der Somatophylax, wurde mit
den Agrianern, dem brigen leichten Volk und ausgewhlten Hypaspisten
beauftragt, mit den indischen Mnnern den Felsen zu ersteigen; auf rauhen
und schwierigen Fusteigen gelangte er, den Barbaren unbemerkt, zu der
bezeichneten Stelle, verschanzte sich dort durch ein Pfahlwerk und zndete
das verabredete Feuerzeichen an. Sobald dies der Knig gesehen, beschlo er
den Sturm fr den nchsten Morgen, in der Hoffnung, da Ptolemaios von der
Hhe des Gebirges aus zugleich angreifen werde. Indes war es unmglich, von
der Tiefe her das Geringste zu gewinnen; die Inder, von dieser Seite
vollkommen sicher, wandten sich mit desto grerer Keckheit gegen die von
Ptolemaios besetzten Hhen, und nur mit der grten Anstrengung gelang es
dem Lagiden, sich hinter seinen Schanzen zu behaupten. Seine Schtzen und
Agrianer hatten den Feind sehr mitgenommen, der sich mit Anbruch der Nacht
in seine Feste zurckzog.

Alexander hatte sich durch diesen unglcklichen Versuch berzeugt, da es
unmglich sei, von der Tiefe aus zum Ziel zu gelangen; er sandte daher
durch einen der Gegend kundigen Mann ber Nacht den schriftlichen Befehl an
Ptolemaios, da er, wenn am nchsten Tage an einer dem Ptolemaios nheren
Stelle der Sturm versucht und dann gegen die Strmenden von der Feste aus
ein Ausfall gemacht werde, von der Hhe herab den Feinden in den Rcken
kommen und um jeden Preis die Vereinigung mit Alexander zu bewerkstelligen
suchen solle. So geschah es; mit dem nchsten Frhrot stand der Knig da an
dem Fue des Gebirges, wo Ptolemaios hinaufgestiegen war. Bald eilten die
Inder dorthin, die schmalen Fusteige zu verteidigen; bis Mittag wurde auf
das hartnckigste gekmpft, dann begannen die Feinde ein wenig zu weichen;
Ptolemaios tat seinerseits das Mgliche; gegen Abend waren die Pfade
erstiegen, und beide Heeresabteilungen vereinigt. Der immer eiligere
Rckzug der Feinde und der durch den Erfolg hochaufgeregte Mut seiner
tapferen Krieger bewogen den Knig, die fliehenden Inder zu verfolgen, um
vielleicht unter der Verwirrung den Eingang in die Feste zu erzwingen; es
milang, und zu einem Sturm war das Terrain zu eng.

Er zog sich auf die von Ptolemaios verschanzte Hhe zurck, die, niedriger
als die Feste, von dieser durch eine weite und tiefe Schlucht getrennt war.
Es galt, die Ungunst dieser rtlichen Verhltnisse zu berwltigen und die
Schlucht mit einem Damm zu durchbauen, um der Feste wenigstens so weit zu
nahen, da das Geschtz deren Mauern erreichen konnte. Mit dem nchsten
Morgen begann die Arbeit; der Knig war berall, zu loben, zu ermuntern,
selbst Hand anzulegen; mit lebendigstem Wetteifer wurde gearbeitet, Bume
gefllt, in die Tiefe gesenkt, Felsstcke aufgetrmt, Erde aufgeschttet;
schon war am Ende des ersten Tages eine Strecke von dreihundert Schritten
gebaut; die Inder, anfangs voll Spott ber dies tollkhne Unternehmen,
suchten am nchsten Tage die Arbeit zu stren; bald war der Damm weit genug
vorgerckt, da die Schleuderer und die Maschinen von seiner Hhe aus ihre
Angriffe abzuwehren vermochten. Am sechsten Tage war der Damm bis in die
Nhe einer Kuppe gelangt, die, in gleicher Hhe mit der Burg, von den
Feinden besetzt war; sie zu behaupten oder zu erobern, wurde fr das
Schicksal der Feste entscheidend. Eine Zahl auserwhlter Makedonen wurde
gegen sie gesandt; ein entsetzlicher Kampf begann; Alexander selbst eilte
an der Spitze seiner Leibschar nach; mit der grten Anstrengung wurde die
Hhe erstrmt. Dies und das stete Nachrcken des Dammes, den nichts mehr
aufzuhalten vermochte, lie die Inder daran verzweifeln, sich auf die Dauer
gegen einen Feind zu behaupten, den Felsen und Abgrnde nicht hemmten, und
der den staunenswrdigen Beweis gab, da Menschenwille und Menschenkraft
auch die letzte Scheidewand, welche die Natur in ihren Riesengestaltungen
aufgetrmt, zu berwinden und zu einem Mittel seiner Zwecke umzuschaffen
imstande sei. Sie sandten an Alexander einen Herold ab, mit dem Erbieten,
unter gnstigen Bedingungen die Feste zu bergeben; sie wollten nur bis zur
Nacht Zeit gewinnen, um sich dann auf geheimen Wegen aus der Feste in die
Ebene zu zerstreuen. Alexander merkte ihre Absicht; er zog seine Posten
ein und lie sie ungestrt ihren Abzug beginnen; dann whlte er 700
Hypaspisten aus, zog in der Stille der Nacht den Felsen hinauf und begann
die verlassene Mauer zu erklettern; er selbst war der erste oben; sobald
seine Schar an verschiedenen Punkten nachgestiegen war, strzten sie alle
mit lautem Kriegsgeschrei ber die nur zur Flucht gersteten Feinde; viele
wurden erschlagen, andere zerschmetterten in den Abgrnden; am nchsten
Morgen zog das Heer klingenden Spiels in die Felsenfeste ein. Reiche und
frhliche Opfer feierten dies glckliche Ende einer Unternehmung, die nur
der Khnheit Alexanders und der Tapferkeit seiner Truppen mglich war. Die
Befestigung der Burg selbst wurde mit neuen Werken vermehrt, eine
makedonische Besatzung in dieselbe gelegt, der Frst Sisikottos, der sich
des Knigs Vertrauen zu erwerben gewut hatte, zu ihrem Befehlshaber
ernannt. Der Besitz dieser Feste war fr die Behauptung des diesseitigen
Indiens von groer Wichtigkeit; sie beherrschte die Ebene zwischen Suastos,
Kophen und Indus, die man von ihr meilenweit bersieht, die Mndung des
Kophen in den Indus.

Indessen hatten sich gefhrliche Bewegungen im Assakenerlande gezeigt; der
Bruder des in Massaga gefallenen Frsten Assakenos hatte ein Heer von
20000 Mann und 15 Elefanten zusammengebracht und sich in die Gebirge des
oberen Landes geworfen; die Feste Dyrta war in seinen Hnden; er hoffte
sich durch die Unzugnglichkeit dieser wilden Gebirgsgegend genug
geschtzt, er hoffte, der Weitermarsch des Knigs werde ihm bald
Gelegenheit geben, seine Macht zu erweitern. Desto notwendiger war es, ihn
zu vernichten. Sobald Aornos eingenommen war, eilte der Knig mit einigen
tausend Mann leichter Truppen nach Dyrta im oberen Lande; die Nachricht von
seinem Anrcken hatte hingereicht, den Prtendenten in die Flucht zu jagen;
mit ihm war die Bevlkerung der Umgegend entflohen. Der Knig sandte
einzelne Korps aus, die Gegend zu durchziehen und die Spur des flchtigen
Frsten und besonders der Elefanten aufzufinden; er erfuhr, da alles in
die Gebirgswildnis ostwrts geflohen sei; er drang nach. Dichte Urwaldung
bedeckt diese Gegenden: das Heer mute sich mhsam den Weg bahnen. Man
griff einzelne Inder auf; sie berichteten, die Bevlkerung sei ber den
Indus in das Reich des Abisares geflchtet, die Elefanten, fnfzehn an der
Zahl, habe man auf den Wiesen am Strom freigelassen. Da kam auch schon ein
Haufe indischer Soldaten vom fliehenden Heere, das, ber das Ungeschick des
Frsten mivergngt, sich emprt und ihn erschlagen hatte; sie brachten den
Kopf des Frsten. Nicht gewillt, ein Heer ohne Fhrer in unwegsames Gebiet
zu verfolgen, ging der Knig mit seinen Truppen zu den Induswiesen hinab,
um die Elefanten einzufangen; von indischen Elefantenjgern begleitet,
machte er Jagd auf die Tiere; zwei strzten in Abgrnde, die brigen wurden
eingefangen. Hier in den dichten Waldungen am Indus lie der Knig Bume
fllen und Schiffe zimmern. Bald war eine Stromflotte erbaut, wie sie der
Indus noch nicht gesehen, auf der der Knig mit seinem Heere den breiten
und zu beiden Seiten mit vielen Stdten und Drfern bedeckten Strom
hinabfuhr; er landete an der Brcke, die von Hephaistion und Perdikkas
bereits ber den Indus geschlagen war.

In den Berichten, die uns erhalten sind, sprechen sich lebhaft genug die
mchtigen Eindrcke aus, welche das Heer aus dem Abendlande in dieser
indischen Welt, in die es seit dem Frhling 327 eingerckt war, empfing.
Die gewaltigen Naturformen, die ppige Vegetation, die zahmen und die
wilden Tiere, die Menschen, ihre Religion und Sitten, ihre Staats- und
Kriegsweise, alles war hier fremdartig und staunenswrdig, alle Wunder, die
Herodotos, die Ktesias von ihr berichtet hatten, schienen durch die
Wirklichkeit weit berboten zu werden. Bald sollte man inne werden, da man
bis jetzt erst die Vorhfe dieser neuen Welt gesehen habe.

Am Indus rastete das Heer, sich von den Anstrengungen des Winterfeldzuges
im Gebirgsland, den ein groer Teil der Truppen mitgemacht hatte,
auszuruhen. Dann, gegen Frhlingsanfang, schickte es sich an, mit den
Kontingenten der Frsten in der diesseitigen Satrapie verstrkt, ber den
Indus zu gehen. Da erschien eine Gesandtschaft des Frsten von Taxila vor
dem Knige; sie versicherte von neuem die Ergebenheit ihres Herrn; sie
berbrachte dem Knige kostbare Geschenke, 3000 Opfertiere, 10000 Schafe,
30 Kriegselefanten, 200 Talente Silber, endlich 700 indische Reiter, das
Bundeskontingent ihres Herrn; sie bergab dem Knige die Residenz des
Frsten, die herrlichste Stadt zwischen dem Indus und dem Hydaspes.

Dann befahl der Knig, die Weihe des Indusberganges zu beginnen; unter
gymnastischen und ritterlichen Wettkmpfen wurde am Stromufer geopfert; und
die Opfer waren gnstig. So begann der bergang ber den mchtigen Strom;
ein Teil des Heeres zog ber die Schiffbrcke, andere setzten auf Booten
hinber, der Knig selbst und sein Gefolge auf zwei Jachten
(Dreiigruderern), die dazu bereitlagen. Neue Opfer feierten die glckliche
Vollendung des berganges. Dann zog das groe Heer auf der Strae von
Taxila weiter, durch reich bevlkerte und im Schmucke des Frhlings
prangende Gegenden, nordwrts mchtige Schneeberge, die Grenze von
Kaschmir, sdwrts die weiten und herrlichen Ebenen, welche das Duab des
Indus und Hydaspes erfllen. Eine Stunde vor der Residenz sah das staunende
Heer zum ersten Male indische Ber, die nackt, einsam, regungslos unter
den Glutstrahlen der Mittagssonne und den Unwettern der Regenzeit das
heilige Werk ihrer Gelbde erfllen.

Als Alexander der Stadt nahte, zog ihm der Frst im hchsten Pomp, mit
geschmckten Elefanten, gewappneten Scharen und kriegerischer Musik
entgegen; und als nun der Knig sein Heer halten und ordnen lie, sprengte
der Frst seinem Zuge voraus und zu Alexander hin, begrte ihn
ehrerbietigst, bergab ihm sein Reich und sich selbst. Dann zog Alexander
an der Spitze seines Heeres, der Frst an seiner Seite, in die prchtige
Residenz. Hier folgten zu Ehren des groen Knigs eine Reihe von
Festlichkeiten, deren Glanz durch die Anwesenheit mehrerer Frsten des
Landes, die ihre Geschenke und Huldigungen darzubringen gekommen waren,
erhht wurde. Alexander besttigte sie alle in ihrem Besitz und erweiterte
das Gebiet einiger nach ihrem Wunsche und ihrem Verdienst, namentlich das
des Taxiles, der zugleich fr die Frsorge, mit der er die Sdarmee
aufgenommen hatte, und fr die Aufmerksamkeit, mit der er dem Knige
wiederholt entgegengekommen, auf das reichlichste beschenkt wurde; auch von
dem Gaufrsten Doxaris kamen Gesandte und Geschenke. Auch Abisares von
Kaschmir schickte eine Gesandtschaft nach Taxila, es war sein Bruder, von
den Edelsten seines Landes begleitet; er brachte Kleinodien, Elfenbein,
feine Webereien, Kostbarkeiten aller Art zum Geschenk, versicherte die
treue Ergebenheit seines frstlichen Bruders und stellte die heimliche
Untersttzung, die derselbe den Assakenern zugewandt haben sollte, durchaus
in Abrede.

Wie damals die Angelegenheiten des Duablandes geordnet wurden, ist nicht
deutlich zu erkennen; jedenfalls lagen die Gebietserweiterungen in der
diesseitigen Satrapie, sowie anderseits die Frsten smtlich unter die
Suzernitt Alexanders traten; vielleicht erhielt Taxiles das Prinzipat
unter den Rajahs diesseits des Hydaspes, wenigstens geschieht im Verhltnis
zu Alexander fortan nur seiner Erwhnung. Es blieb in seiner Residenz eine
makedonische Besatzung, sowie die dienstunfhige Mannschaft zurck; die
indische Satrapie wurde dem Philippos, dem Sohne des Machatas,
anvertraut, dessen hohe Geburt und vielfach bewhrte Anhnglichkeit an
Alexander der Wichtigkeit dieses Postens entsprach; seine Provinz umfate
auer dem ganzen rechten Indusgebiet auch die Aufsicht ber die im Reiche
des Taxiles und der anderen Frsten zurckbleibenden Truppen.

Da der Frst von Taxila sich so bereitwillig dem Knige anschlo, hatte
wohl seinen Grund in der Verfeindung zwischen ihm und seinem mchtigeren
Nachbarn, dem Frsten Poros aus dem alten Geschlechte der Paurava, der
jenseits des nchsten Stromes, des Hydaspes, ein Reich von mehr als
hundert Stdten beherrschte, ber eine bedeutende Kriegsmacht gebot,
mehrere Nachbarfrsten, namentlich den von Kaschmir, zu Verbndeten hatte.
Seine und ihre Gegner waren wie am Indus der Frst von Taxila, so auf ihrer
anderen Seite die freien Vlker in den Vorbergen des Himalaja, in den Duabs
jenseits des Akesines und in den unteren Gebieten des Fnfstromlandes. Die
Feindschaft dieser Knigslosen (Arattas) gegen die Frsten, unter denen
Paurava zwischen Hydaspes und Akesines der mchtigste war, lhmte den
Widerstand des reichen und dichtbevlkerten Pandschab gegen die
abendlndische Invasion.

Von Taxila aus hatte Alexander an Poros gesandt und ihn auffordern lassen,
ihm an der Grenze seines Frstentums entgegenzukommen und ihm zu huldigen.
Poros hatte die Antwort zurckgesandt, er werde den Knig an der Grenze
seines Reiches mit gewaffneter Hand erwarten; zu gleicher Zeit hatte er
seine Bundesgenossen aufgeboten, hatte den Frsten Abisares, der ihm, trotz
der noch neuerdings gegebenen Versicherungen seiner Ergebenheit fr
Alexander, Hilfstruppen versprochen hatte, um deren schleunige Zusendung
ersucht, war selbst an den Grenzstrom seines Reiches gerckt und hatte sich
auf dessen linkem Ufer gelagert, entschlossen, dem Feinde um jeden Preis
den bergang zu wehren. Auf diese Nachricht sandte Alexander den Strategen
Koinos an den Indus zurck mit dem Befehl, die Fahrzeuge der Stromflotte
zum Transport ber Land zersgen und auf Wagen mglichst schnell an den
Hydaspes bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit brach das Heer nach den
blichen Opfern und Kampfspielen von Taxila auf; es waren fnftausend Mann
indische Truppen des Taxiles und der benachbarten Frsten dazugestoen; die
Elefanten, die Alexander in Indien erbeutet oder als Geschenk erhalten
hatte, blieben zurck, da die makedonischen Pferde nicht an ihren Anblick
gewhnt waren und sie berdies der den Makedonen eigentmlichen
Angriffsweise nur hinderlich gewesen wren.

Whrend des Marsches begannen die ersten Schauer des tropischen Regens; die
Wasser strmten rauschender, die Wege wurden beschwerlicher, hufige
Gewitter, mit Orkanen verbunden, verzgerten den Marsch vielfach. Man nahte
der Sdgrenze des Frstentums von Taxila; eine lange und ziemlich enge
Pastrae fhrte hier in das Gebiet des Spitakes, eines Verwandten und
Bundesgenossen des Poros; sie war durch die Truppen dieses Frsten, welche
die Hhen zu beiden Seiten besetzt hielten, gesperrt; durch ein khnes
Reitermanver unter der unmittelbaren Fhrung Alexanders wurden die Feinde
berrascht, aus ihrer Stellung gedrngt und dermaen in die Enge getrieben,
da sie erst nach bedeutendem Verlust das freie Feld gewannen. Spitakes
selbst eilte, ohne an die weitere Verteidigung seines Frstentums zu
denken, mit dem Reste seiner Truppen sich mit Poros zu vereinigen.

Etwa zwei Tage spter erreichte Alexander das Ufer des Hydaspes, der jetzt
eine Breite von fast zwlfhundert Schritten hatte; auf dem jenseitigen Ufer
sah man das weitlufige Lager des Frsten Poros und das gesamte Heer in
Schlachtordnung vorgerckt, vor demselben, gleich Festungstrmen,
dreihundert Kriegselefanten; man bemerkte, wie nach beiden Seiten hinaus
bedeutende Scharen abgesandt wurden, um die Postenlinie lngs dem Stromufer
zu verstrken, und namentlich die wenigen Furten, die das hohe Wasser noch
gangbar lie, zu beobachten. Alexander erkannte die Unmglichkeit, unter
den Augen des Feindes den Strom zu passieren; er lagerte sich auf dem
rechten Ufer, den Indern gegenber. Er begann damit, durch mannigfache
Truppenbewegungen den Feind ber den Ort des beabsichtigten berganges zu
verwirren und seine Aufmerksamkeit zu ermden: er lie zugleich durch
andere Abteilungen seines Heeres die Ufergegend nach allen Seiten hin
rekognoszieren, durch andere das von Verteidigern entblte Gebiet des
Spitakes brandschatzen, von allen Seiten her groe Vorrte zusammenbringen,
als ob er noch lange an dieser Stelle zu bleiben gedchte; er wute bis in
das feindliche Lager das Gercht zu verbreiten, da er in dieser Jahreszeit
den Flubergang allerdings fr unmglich halte, das Ende der Regenzeit
abwarten wolle, um wenn das Wasser gefallen sei, den Angriff ber den Strom
hin zu versuchen. Zu gleicher Zeit aber muten die Bewegungen der
makedonischen Reiterei, das Auf- und Abfahren stark bemannter Boote, das
wiederholte Ausrcken der Phalangen, die trotz der heftigsten Regengsse
oft stundenlang unter den Waffen und wie zum Kmpfen bereitstanden, den
Frsten Poros in steter Besorgnis vor einem pltzlichen Angriff halten; ein
paar Inseln im Flusse gaben Veranlassung zu kleinen Gefechten; es schien,
als ob sie, sobald es zum ernsteren Kampfe kme, von entscheidender
Wichtigkeit werden mten.

Indes erfuhr Alexander, da Abisares von Kaschmir, trotz aller neuerdings
wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit, nicht blo heimlich
Verbindungen mit Poros unterhalte, sondern bereits mit seiner ganzen Macht
heranrcke, um sich mit demselben zu vereinigen. War es auch von Anfang her
keineswegs des Knigs Absicht gewesen, die Regenzeit hindurch unttig am
rechten Fluufer stehenzubleiben, so bewog ihn doch diese Nachricht noch
mehr, ernstlich an einen baldigen Angriff zu denken, da der Kampf gegen die
vereinte Macht des Abisares und Poros schwierig, wenn nicht gefhrlich
werden konnte. Aber es war unmglich, hier im Angesicht des Feindes ber
den Flu zu gehen; das Strombett selbst war durch die Flle und Strmung
des Wassers unsicher und das niedrige Ufer drben voll schlammiger
Untiefen; es wre tollkhn gewesen die Phalangen unter den Geschossen des
dicht geordneten und sicherstehenden Feindes ans Ufer fhren zu wollen;
endlich war vorauszusehen, da die makedonischen Pferde vor dem Geruch und
dem heiseren Geschrei der Elefanten, die das jenseitige Ufer deckten, beim
Anlegen scheuen, zu fliehen versuchen, sich von den Fhren hinabstrzen,
die gefhrlichste Verwirrung anrichten wrden. Es kam alles darauf an, das
feindliche Ufer zu erreichen, darum lie Alexander, es war um Mitternacht,
im Lager Lrm blasen, die Reiterei an verschiedenen Stellen des Ufers
vorrcken und sich mit Kriegsgeschrei und unter dem Schmettern der
Trompeten zum bersetzen anschicken, die Boote auslaufen, die Phalangen
unter dem Schein der Wachtfeuer an die Furten rcken. Sofort wurde es auch
im feindlichen Lager laut, die Elefanten wurden vorgetrieben, die Truppen
rckten an das Ufer, man erwartete bis zum Morgen den Angriff, der doch
nicht erfolgte. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Nchten, und
immer von neuem sah sich Poros getuscht; er wurde es mde, seine Truppen
umsonst in Regen und Wind die Nchte durch stehenzulassen; er begngte sich
damit, den Flu durch die gewhnlichen Posten zu bewachen.

Das rechte Ufer des Flusses ist von einer Reihe rauher Hhen begleitet, die
sich drei Meilen stromauf hinziehen und dort zu bedeutenden,
dichtbewaldeten Bergen emporsteigen, an deren Nordabhang ein kleiner Flu
zum Hydaspes hinabeilt. Wo er mndet, verndert der Hydaspes, der von
Kaschmir herab bis hierher sdwrts strmt, pltzlich und fast im rechten
Winkel seine Richtung und eilt, zur Rechten die rauhe Bergreihe, zur Linken
eine weite und fruchtbare Niederung, sdlich weiter. Der Bergecke
gegenber, unter der Mndung jenes Flchens, liegt im Strome die hohe und
waldige Insel Jamad, oberhalb deren die gewhnliche Strae von Kaschmir
ber den Hydaspes fhrt. Dies war der Ort, den Alexander zum bergange
ausersehen. Eine Reihe Feldposten war vom Lager aus lngs dem Ufer
aufgestellt, jeder dem folgenden nahe genug, sich einander sehen und
zurufen zu knnen; ihr Rufen, ihre nchtlichen Wachtfeuer, die neuen
Truppenbewegungen in der Nhe des Lagers, htten den Feind vollkommen ber
den Ort des bevorstehenden berganges tuschen mssen, wenn er sich nicht
schon daran gewhnt htte, dergleichen nicht mehr fr bedeutend zu halten.
Alexander seinerseits hatte auf die Nachricht, da Abisares nur noch drei
Tagemrsche entfernt stehe, alles vorbereitet, den entscheidenden Schlag zu
wagen. Krateros blieb mit seiner Hipparchie, mit der Reiterei der
Arachosier und Paropamisaden, mit den Phalangen Alketas und Polysperchon
und den 5000 Mann der indischen Gaufrsten in der Nhe des Lagers; er wurde
angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis er die Feinde drben entweder ihr
Lager verlassen oder in der Nhe desselben geschlagen she; wenn er dagegen
bemerke, da die feindlichen Streitkrfte geteilt wrden, so sollte er,
falls die Elefanten ihm gegenber am Ufer zurckblieben, den bergang nicht
wagen; falls sie mit stromauf gegen die bei der Insel bersetzenden
Makedonen gefhrt wrden, so sollte er sofort und mit seinem ganzen Korps
bersetzen, da die Elefanten allein dem glcklichen Erfolg eines
Reiterangriffs Schwierigkeiten in den Weg stellten. Ein zweites Korps, aus
den Phalangen Meleagros, Gorgias und Attalos, aus den Sldnern zu Fu und
zu Ro bestehend, rckte anderthalb Meilen stromauf, mit der Weisung,
sobald sie jenseits des Flusses die Schlacht begonnen shen, korpsweise
durch den Strom zu gehen. Der Knig selbst brach mit den Hipparchien
Hephaistion, Perdikkas, Demetrios und dem Agema der Ritter unter Koinos,
mit den skythischen, baktrischen und sogdianischen Reitern, mit den
daischen Bogenschtzen zu Pferde, mit den Chiliarchien der Hypaspisten, den
Phalangen Kleitos und Koinos, den Agrianern und Schtzen, am Morgen aus dem
Lager auf. Alle diese Bewegungen wurden durch den anhaltenden Regen zwar
erschwert, aber zugleich dem Auge des Feindes entzogen; um desto sicherer
zu sein, zog der Knig hinter den waldigen Uferhhen zu dem Orte hin, den
er zum bergang ausersehen. Am spten Abend kam er dort an; schon war hier
der Transport zersgter Fahrzeuge, den Koinos vom Indus herangeschafft
hatte, unter dem Schutz der dichten Waldung wieder instandgesetzt und
verborgen worden, auch an Fellen und Balken zu Flen und Fhren war
Vorrat; die Vorbereitungen zum bergang, das Hinablassen der Fahrzeuge, das
Fllen der Hute mit Stroh und Werg, das Zimmern der Fle fllte die Nacht
aus; furchtbare Regengsse, von Sturm und Gewitter begleitet, machten es
mglich, da das Klirren der Waffen, das Hauen der Zimmerleute jenseits
nicht gehrt wurde; der dichte Wald auf dem Vorgebirge und auf der Insel
verbarg die Wachtfeuer der Makedonen.

Gegen Morgen legte sich der Sturm, der Regen hrte auf, der Strom flutete
rauschend an den hohen Ufern der Insel vorber; oberhalb derselben sollte
das Heer bersetzen; der Knig selbst, von den Leibwchtern Ptolemaios,
Perdikkas, Lysimachos, von Seleukos, der die kniglichen Hypaspisten
fhrte, und einer erlesenen Schar Hypaspisten begleitet, befand sich auf
der Jacht, welche den Zug erffnete; auf den anderen Jachten folgten die
brigen Hypaspisten; auf Booten, Stromkhnen, Flen und Fhren die
Reiterei und das Fuvolk; im ganzen 4000 Reiter, 1000 Bogenschtzen zu
Pferd, fast 6000 Hypaspisten, endlich die Leichtbewaffneten zu Fu, die
Agrianer, Akontisten, Bogenschtzen, vielleicht 4000 Mann. Die beiden
Phalangen blieben am rechten Ufer zur Deckung und Beobachtung des Weges von
Kaschmir zurck. Und schon steuerten die Jachten an dem hohen und waldigen
Ufer der Insel vorber; sobald man an deren Nordecke war, sah man die
Reiter der feindlichen Vorposten, die beim Anblick der herberfahrenden
Heeresmacht eiligst ber das Blachfeld zurcksprengten. So war das
feindliche Ufer von Verteidigern entblt und niemand da, die Landung zu
hindern; Alexander war der erste am Ufer, nach ihm legten die anderen
Jachten an, bald folgte die Reiterei und das brige Heer, rasch wurde alles
in Marschkolonnen formiert, um weiterzurcken; da zeigte sich, da man auf
einer Insel war; die Gewalt des Stromes, dessen Bett sich an dieser Stelle
gen Westen wendet, hatte das niedrige Erdreich am Ufer durchbrochen und
einen neuen wasserreichen Arm gebildet. Lange suchten die Reiter vergebens
und mit Lebensgefahr eine Furt hindurch, berall war das Wasser zu breit
und zu tief; es schien nichts brig, als die Fahrzeuge und Fhren um die
Spitze dieser Insel herbeizuschaffen; es war die hchste Gefahr, da durch
den damit entstehenden Zeitverlust der Feind zur Absendung eines
bedeutenden Truppenkorps, das das Landen erschweren, ja unmglich machen
konnte, Zeit gewann; da fand man endlich eine Stelle, die zu durchwaten
war; mit der grten Mhe hielt sich Mann und Pferd gegen die heftige
Strmung, das Wasser ging denen zu Fu bis an die Brust, die Pferde hatten
nur den Kopf ber Wasser. Nach und nach gewannen die verschiedenen
Abteilungen das jenseitige Ufer; in geschlossener Linie, rechts die
turanische Reiterei, ihr zunchst die makedonischen Geschwader, dann die
Hypaspisten, das leichte Fuvolk endlich auf dem linken Flgel, rckte das
Heer auf, dann mit rechtsum den Strom hinab in der Richtung zum feindlichen
Lager. Um das Fuvolk nicht zu ermden, lie Alexander langsam nachrcken
und ging selbst mit der gesamten Reiterei und den Bogenschtzen unter
Tauron eine halbe Stunde weit voraus; er glaubte, wenn Poros auch mit
seiner ganzen Macht entgegenrckte, an der Spitze der trefflichen und den
Indern berlegenen Reiterei das Gefecht, bis das Fuvolk nachkam, halten
zu knnen, wenn dagegen die Inder, durch das pltzliche Erscheinen
erschreckt, sich zurckzgen, an seinen 5000 Reitern zum Einhauen und zum
Verfolgen genug zu haben.

Poros seinerseits hatte, als ihm von seinen zurcksprengenden Vorposten das
Heranrcken bedeutender Truppenmassen gemeldet war, im ersten Augenblick
geglaubt, es sei Abisares von Kaschmir mit seinem Heere; aber sollte der
Bundesfreund versumt haben, sein Herannahen zu melden, oder doch, nachdem
er ber den Strom gesetzt, Nachricht von seiner glcklichen Ankunft
vorauszusenden? Es war nur zu klar, da die Gelandeten Makedonen seien, da
der Feind den bergang ber den Strom, der ihm Tausende htte kosten
mssen, ungehindert und glcklich zustande gebracht habe, und da ihm jetzt
das diesseitige Ufer nicht mehr streitig gemacht werden knne. Indes
schienen die Truppenmassen, die man noch am jenseitigen Ufer stromauf- und
stromabwrts aufgestellt sah, zu beweisen, da das den Flu vorgeschobene
Korps nicht bedeutend sein knnte. Poros htte alles daransetzen mssen,
dasselbe, da es einmal ber den Strom war, abzuschneiden und zu vernichten;
er htte sofort die Offensive ergreifen mssen, die durch seine
Schlachtwagen und Elefanten so sehr begnstigt und fast gefordert wurde;
statt dessen war es ihm nur darum zu tun, fr jetzt das weitere Vordringen
des Feindes aufzuhalten und jedes entscheidende Zusammentreffen bis zur
Ankunft des Abisares zu vermeiden. Er sandte seinen Sohn mit zweitausend
Reitern und einhundertundzwanzig Schlachtwagen den Makedonen entgegen; er
hoffte, mit diesen den Knig Alexander aufhalten zu knnen.

Sobald Alexander dieses Korps ber die Uferwiesen heranrcken sah, glaubte
er nicht anders, als da Poros mit seinem ganzen Heere heranziehe, und da
dies der Vortrab sei; er lie seine Reiter sich zum Gefecht fertigmachen;
dann bemerkte er, da hinter diesen Reitern und Wagen kein weiteres Heer
folgte; sofort gab er den Befehl zum Angriff. Von allen Seiten her jagten
die turanischen Reiter auf den Feind los, ihn zu verwirren und zu
umzingeln; geschwaderweise sprengten die Makedonen nach zum Einhauen,
umsonst suchten die Inder zu widerstehen, sich zurckzuziehen; in kurzer
Zeit waren sie trotz der tapfersten Gegenwehr gnzlich geschlagen,
vierhundert Tote blieben auf dem Platze, unter ihnen der knigliche Prinz;
die Wagen, auerstande, in dem tiefen und aufgefahrenen Wiesengrunde
schnell zu entkommen, fielen den Makedonen in die Hnde, die jetzt mit
doppelter Kampflust vorwrts rckten.

Die berreste des zersprengten Korps brachten die Nachricht von ihrer
Niederlage, von des Prinzen Tod, von Alexanders Anrcken ins Lager zurck;
Poros sah zu spt ein, welchen Feind er gegenber hatte; die Zeit drngte,
den Folgen einer halben Maregel, die die Gefahr nur beschleunigte, soviel
noch mglich war, zu begegnen. Die einzige Rettung war, sich noch jetzt mit
bermacht auf den heranrckenden Feind zu werfen und ihn zu vernichten,
bevor er Zeit gewann, mehr Truppen an sich zu ziehen und so den letzten
Vorteil, den Poros noch ber ihn hatte, auszugleichen; doch durfte das Ufer
dem makedonischen Lager gegenber nicht entblt werden, damit nicht das da
schlagfertig stehende Heer den bergang erzwnge und die Schlachtlinie der
Inder im Rcken bedrohe. Demnach lie Poros einige Elefanten und mehrere
tausend Mann im Lager zurck, um die Bewegungen des Krateros zu beobachten
und das Ufer zu decken; er selbst rckte mit seiner gesamten Reiterei, 4000
Pferde stark, mit 300 Schlachtwagen, mit 30000 Mann Fuvolk und 200
Elefanten gegen Alexander aus. Sobald er ber den morastigen Wiesengrund,
der sich in der Nhe des Stromes dahinzog, rechts hinaus war und das
sandige freie Feld, das fr die Entwicklung seiner Streitmacht und die
Bewegung der Elefanten gleich bequem war, erreicht hatte, ordnete er sein
Heer nach indischem Brauch zur Schlacht, vorauf die furchtbare Linie der
zweihundert Elefanten, die, je fnfzig Schritte voneinander, fast eine
Meile Terrain beherrschten, hinter ihnen als zweites Treffen das Fuvolk,
in Scharen von etwa 150 Mann zwischen je zwei Elefanten aufgestellt; an
die letzte Schar des rechten und linken Flgels, die ber die
Elefantenlinie hinausreichte, schlossen sich je zweitausend Mann Reiter an;
die beiden Enden der weiten Schlachtlinie wurden durch je
einhundertfnfzig Wagen gedeckt, von denen jeder zwei Schwerbewaffnete,
zwei Schtzen mit groen Bogen und zwei bewaffnete Wagenlenker trug. Die
Strke dieser Schlachtlinie bestand in den zweihundert Elefanten, deren
Wirkung um so furchtbarer werden mute, da die Reiterei, auf welche
Alexander den Erfolg des Tages berechnet hatte, nicht imstande war, ihnen
gegenber das Feld zu halten.

In der Tat htte ein gut gefhrter Angriff die Makedonen vernichten mssen;
die Elefanten htten gegen die feindliche Linie losbrechen und, von den
einzelnen Abteilungen Fuvolk wie Geschtz durch Scharfschtzen gedeckt,
die Reiterei aus dem Felde jagen und die Phalanx zerstampfen, die indische
Reiterei nebst den Schlachtwagen die Fliehenden verfolgen und die Flucht
ber den Strom abschneiden mssen; selbst die auerordentlich gedehnte und
den Feind weit berflgelnde Schlachtlinie konnte von groem Erfolg sein,
wenn die Wagen und Reiter auf beiden Flgeln sogleich, wenn die Elefanten
losbrachen, dem Feinde mit einer halben Schwenkung in die Flanke fielen; in
jedem Falle mute Poros, sobald er den Feind zu Gesicht bekam, den Angriff
beginnen, um nicht den Vorteil der Offensive und namentlich die Wahl des
Punktes, wo das Gefecht beginnen sollte, dem Feinde zu berlassen. Er
zgerte: Alexander kam ihm zuvor und benutzte seinerseits alles mit der
Umsicht und Khnheit, die allein der bermacht des Feindes das
Gleichgewicht zu halten vermochte.

Dem Raume nach kam sein kleines Heer der feindlichen Schlachtlinie mit
ihren Elefanten und den Kriegswagen auf den Flgeln kaum zum vierten Teile
gleich. Auch hier wie in seinen frheren Schlachten, mute er in schiefer
Linie vorrcken, auf einen Punkt mit voller Gewalt stoen; er mute -- und
mit seinen Truppen durfte er es wagen -- der unbehilflichen Masse des
Feindes gegenber gleichsam in aufgelster Gefechtsweise vorgehend, sich
auf den Feind strzen, und dann als Wirkung des siegreichen Vordringens der
einzelnen Truppenteile erwarten, da sie zur rechten Zeit an der rechten
Stelle sich zusammenfnden. Da die berlegenheit der Inder in den
Elefanten bestand, so mute der entscheidende Schlag diese vermeiden, er
mute gegen den schwchsten Punkt der feindlichen Linie, und, um vollkommen
zu gelingen, mit dem Teil des Heeres ausgefhrt werden, dessen
berlegenheit unzweifelhaft war. Alexander hatte 5000 Mann Reiterei,
whrend der Feind auf jedem Flgel deren nur etwa 2000 hatte, welche, zu
weit voneinander entfernt, um sich rechtzeitig untersttzen zu knnen, nur
in den 150 Wagen, die neben ihnen aufgefahren standen, eine zweideutige
Sttzung hatten. Teils der makedonische Kriegsgebrauch, teils die
Rcksicht, mglichst in der Nhe des Flusses anzugreifen, um nicht ganz von
dem jenseits aufgestellten Korps des Krateros abgedrngt zu werden,
veranlate den Knig, den rechten Flgel zur Erffnung des Gefechtes zu
bestimmen. Sobald er in der Ferne die indische Schlachtlinie geordnet sah,
lie er die Reiter haltmachen, bis die einzelnen Chiliarchien des Fuvolkes
nachkamen. Voll Begier, sich mit dem Feinde zu messen, kamen sie in vollem
Lauf; sie Atem schpfen zu lassen und den Feind fernzuhalten, bis sie in
Reih und Glied waren, muten die Reiter, da und dort vorsprengend, den
Feind beschftigen. Jetzt war die Linie des Fuvolks, rechts die Edelschar
des Seleukos, dann das Agema und die brigen Chiliarchien unter Antigonos,
im ganzen gegen 6000 Hypaspisten, ihnen zur Linken das leichte Fuvolk
unter Tauron, geordnet; sie erhielten den Befehl, nicht eher in Aktion zu
treten, als bis sie den linken Flgel des Feindes durch den Angriff der
Reiter geworfen und auch das Fuvolk in der zweiten Linie in Verwirrung
shen.

Schon rckten die Reiter, mit denen der Knig den Angriff zu machen
gedachte, die Hipparchien Hephaistion und Perdikkas und die daischen
Bogenschtzen, etwa 3000 Mann, rasch halbrechts vorwrts, whrend Koinos
mit dem Agema und der Hipparchie Demetrios weiter rechts hinabzog mit der
Weisung, sich, wenn die ihm gegenberstehenden Reiter des Feindes den von
dem ersten Sto erschtterten zu Hilfe rechts abritten, in deren Rcken zu
werfen.

Sobald Alexander der feindlichen Reiterlinie auf Pfeilschuweite genaht
war, lie er die 1000 Daer voraneilen, um die indischen Reiter durch einen
Hagel von Pfeilen und durch den Ungestm ihrer wilden Pferde zu verwirren.
Er selbst zog sich noch weiter rechts, der Flanke der indischen Reiter zu,
sich, ehe sie, durch den Angriff der Daer bestrzt und verwirrt, sich in
Linie setzen und ihm entgegengehen knnten, mit aller Kraft auf sie zu
strzen. Diese nahe Gefahr vor Augen, eilte der Feind, seine Reiter zu
sammeln und zum Gegensto vorgehen zu lassen. Aber sofort brach Koinos auf,
den so rechts Schwenkenden, die ihm gegenbergestanden hatten, in den
Rcken zu fallen. Durch diese zweite Gefahr vllig berrascht und in ihrer
Bewegung gestrt, versuchten die Inder, um den beiden Reitermassen, die sie
zugleich bedrohten, die Spitze zu bieten, eine doppelte Front zu formieren;
da Alexander den Augenblick dieser Umformung zum Einbrechen benutzte,
machte es ihnen unmglich, seinen Sto zu erwarten; sie sprengten von
dannen, um hinter der festen Linie der Elefanten Schutz zu suchen. Da lie
Poros einen Teil der Tiere wenden und gegen die feindliche Reiterei
treiben; ihr heiseres Geschrei ertrugen die makedonischen Pferde nicht,
scheu flohen sie rckwrts. Zugleich war die Phalanx der Hypaspisten im
Sturmschritt angerckt; gegen sie brachen die anderen Elefanten der Linie
los, es begann der furchtbarste Kampf; die Tiere durchbrachen die
dichtesten Reihen, zerstampften sie, schlugen heulend mit ihren Rsseln
nieder, durchbohrten mit ihren Fangzhnen; jede Wunde machte sie wtender.
Die Makedonen wichen nicht, die Reihen aufgelst, kmpften sie wie im
Einzelkampf mit den Riesentieren, aber ohne weitere Erfolg, als den, noch
nicht vernichtet oder aus dem Felde geschlagen zu sein. Durch das
Vordringen der Elefanten ermutigt, brachen die indischen Reiter, die sich
eiligst gesammelt und formiert hatten, zum Angriff gegen die makedonischen
Reiter vor; aber diese an Krperkraft und bung ihnen weit berlegen,
warfen sie zum zweiten Male, so da sie wieder sich hinter die Elefanten
retteten. Schon hatte sich durch den Gang des Gefechtes auch Koinos mit den
Hipparchien des Knigs vereinigt, so da nun seine gesamte Reiterei in
geschlossener Masse vorgehen konnte. Sie warf sich mit voller Gewalt auf
das indische Fuvolk, das, unfhig zu widerstehen, in ordnungsloser Eile,
dicht von den Feinden verfolgt, mit groem Verlust zu den kmpfenden
Elefanten floh. So drngten sich die Tausende auf den grlichen Kampfplatz
der Elefanten zusammen; schon war Freund und Feind in dichter und blutiger
Verwirrung beieinander; die Tiere, meist ihrer Fhrer beraubt, durch das
wste Geschrei des Kampfes verwirrt und verwildert, vor Wunden wtend,
schlugen und stampften nieder, was ihnen nahe kam, Freund und Feind. Die
Makedonen, denen das weite Feld offen stand, sich den Tieren gegenber frei
zu bewegen, wichen, wo sie heranrasten, beschossen und verfolgten sie, wenn
sie umkehrten, whrend die Inder, die zwischen ihnen sich bewegen muten,
sich weder bergen noch retten konnten. Da endlich soll Poros, der von
seinem Elefanten aus den Kampf leitete, vierzig noch unversehrte Tiere
vereinigt haben, um mit ihnen vordringend den furchtbaren Kampf zu
entscheiden; Alexander habe seine Bogenschtzen, Agrianer und Akontisten
ihnen entgegengeworfen, die dann, gewandt wie sie waren, auswichen, wo die
schon wilden Tiere gegen sie getrieben wurden, aus der Ferne sie und ihre
Fhrer mit ihren Geschossen trafen, oder auch sich vorsichtig
heranschlichen, mit ihren Beilen ihnen die Ferse zu durchhauen. Schon
wlzten sich viele von diesen sterbend auf dem Felde voll Leichen und
Sterbenden, andere wankten in ohnmchtiger Wut schnaubend noch einmal gegen
die sich schon schlieende Phalanx, die sie nicht mehr frchtete.

Indes hatte Alexander seine Reiter jenseits des Kampfplatzes gesammelt,
whrend diesseits die Hypaspisten sich Schild an Schild formierten. Jetzt
erfolgte des Knigs Befehl zum allgemeinen Vorrcken gegen den umringten
Feind, dessen aufgelste Masse der Doppelangriff zermalmen sollte. Nun war
kein weiterer Widerstand; dem furchtbaren Gemetzel entfloh, wer es
vermochte, landeinwrts, in die Smpfe des Stromes, in das Lager zurck.
Schon waren von jenseits des Stromes dem Befehl gem Krateros und die
anderen Strategen bergesetzt und, ohne Widerstand zu finden, ans Ufer
gestiegen; sie trafen zur rechten Zeit ein, um den durch achtstndigen
Kampf ermatteten Truppen die Verfolgung abzunehmen.

An zwanzigtausend Inder waren erschlagen, unter ihnen zwei Shne des Poros
und der Frst Spitakes, desgleichen alle Anfhrer des Fuvolks, der
Reiterei, alle Wagen- und Elefantenlenker; dreitausend Pferde und mehr als
hundert Elefanten lagen tot auf dem Felde, gegen achtzig Elefanten fielen
in die Hnde des Siegers. Knig Poros hatte, nachdem er seine Macht
gebrochen, seine Elefanten berwltigt, sein Heer umzingelt und in vlliger
Auflsung sah, kmpfend den Tod gesucht; zu lange schtzte ihn sein
goldener Panzer und die Vorsicht des treuen Tieres, das ihn trug; endlich
traf ein Pfeil seine rechte Schulter; zum weiteren Kampfe unfhig, und
besorgt, lebendig in des Feindes Hand zu fallen, wandte er sein Tier, aus
dem Getmmel zu entkommen. Alexander hatte des indischen Knigs hochragende
greise Gestalt auf dem geschmckten Tier immer wieder gesehen, berall
ordnend und anfeuernd, oft im dichtesten Getmmel; voll Bewunderung fr den
tapferen Frsten eilte er ihm nach, sein Leben auf der Flucht zu retten; da
strzte sein altes und treues Schlachtro Bukephalos, von dem heien Tage
erschpft, unter ihm zusammen. Er sandte den Frsten von Taxila dem
Fliehenden nach; als dieser seinen alten Feind erblickte, wandte er sein
Tier und schleuderte mit der letzten Anstrengung den Speer gegen den
Frsten, dem dieser nur durch die Behendigkeit seines Pferdes entging.
Alexander sandte andere Inder, unter ihnen den Frsten Meroes, der ehemals
dem Knige Poros befreundet gewesen war. Poros, vom Blutverlust erschpft
und von brennendem Durst geqult, hrte ihn gelassen an, dann kniete sein
Tier nieder und hob ihn mit dem Rssel sanft zur Erde; er trank und ruhte
ein wenig, bat dann den Frsten Meroes, ihn zu Alexander zu fhren. Als der
Knig ihn kommen sah, eilte er ihm, von wenigen seiner Getreuen begleitet,
entgegen, er bewunderte die Schnheit des greisen Frsten und den edlen
Stolz, mit dem er ihm, obschon besiegt, entgegentrat. Alexander soll ihn
nach der ersten Begrung gefragt haben, wie er sich behandelt zu sehen
wnsche; kniglich, sei Poros Antwort gewesen; darauf Alexander: Das
werde ich schon um meinetwillen tun, verlange, was dir um deinetwillen lieb
sein wird; und Poros darauf: in jenem Wort sei alles enthalten.

Alexander bewies sich kniglich gegen den Besiegten; seine Gromut war die
richtige Politik. Der Zweck des indischen Feldzugs war nicht, die
unmittelbare Herrschaft ber Indien zu erobern. Alexander konnte nicht
Vlker, deren hohe und eigenartige Entwicklung ihm, je weiter er vordrang,
desto bedeutender entgegentrat, mit einem Schlage zu unmittelbaren Gliedern
eines makedonisch-persischen Reiches machen wollen. Aber bis an den Indus
hin Herr alles Landes zu sein, ber den Indus hinaus das entscheidende
politische bergewicht zu gewinnen und hier dem hellenistischen Leben
solchen Einflu zu sichern, da im Laufe der Zeiten selbst eine
unmittelbare Vereinigung Indiens mit dem brigen Asien ausfhrbar werden
konnte, das waren, so scheint es, die Absichten, die Alexanders Politik in
Indien geleitet haben; nicht die Vlker, wohl aber die Frsten muten von
ihm abhngig sein. Die bisherige Stellung des Poros in dem Fnfstromlande
des Indus konnte fr die Politik Alexanders den Mastab abgeben. Offenbar
hatte Poros bis dahin ein Prinzipat in dem Gebiet der fnf Strme gehabt
oder gesucht, und eben dadurch die Eifersucht des Frsten von Taxila rege
gemacht; sein Reich umfate zunchst zwar nur die hochkultivierten Ebenen
zwischen dem Hydaspes und Akesines, doch hatte im Westen des Hydaspes sein
Vetter Spitakes, im Osten des Akesines in der Gandaritis sein Groneffe
Poros wahrscheinlich durch ihn selbst die Herrschaft erhalten, so da der
Bereich seines politischen bergewichtes sich ostwrts bis an den Hyarotis
erstreckte, der die Grenze gegen die freien indischen Vlker bildete; ja
mit Abisares verbndet, hatte er seine Hand sogar nach ihrem Lande
auszustrecken gewagt, und wenn schon seine Bemhungen an der Tapferkeit
dieser Stmme gescheitert waren, so blieb ihm doch ein entschiedenes
bergewicht in den Lndern des Indus. Alexander hatte Taxiles' Macht schon
bedeutend vergrert; er durfte nicht alles auf die Treue _eines_ Frsten
bauen; das gesamte Land der fnf Strme dem Zepter des verbndeten Frsten
zu unterwerfen, wre der sicherste Weg gewesen, ihm die Abhngigkeit von
Alexander zu verleiden, und htte ihm die Mittel an die Hand gegeben, sich
derselben zu entziehen, um so mehr, da die alte Feindschaft gegen den
Frsten Poros ihn in den freien Stmmen leicht Verbndete htte finden
lassen. Alexander konnte seinen Einflu in Indien auf keinen sicherern
Grund bauen, als auf die Eifersucht dieser beiden Frsten. Es kam hinzu,
da, wenn er Poros als Frsten anerkannte, er zugleich damit die Befugnis
gewann, die stlicheren Vlker als Feinde seines neuen Verbndeten
anzugreifen und auf ihre Unterwerfung seinen weiteren Einflu in diesen
Gegenden zu grnden; er mute Poros' Macht in dem Mae vergrern, da sie
fortan dem Frsten Taxila das Gleichgewicht zu halten vermochte, ja er
durfte ihm grere Gewalt anvertrauen und selbst die Herrschaft ber die
bisherigen Widersacher geben, da ja Poros fortan gegen sie sowie gegen
Taxiles in der Gunst des makedonischen Knigs allein sein Recht und seinen
Rckhalt finden konnte.

Das etwa waren die Grnde, die Alexander bestimmten, nach dem Siege am
Hydaspes Poros nicht nur in seiner Herrschaft zu besttigen, sondern ihm
dieselbe bedeutend zu vergrern. Er begngte sich, an den beiden
wichtigsten bergangspunkten des Hydaspes hellenistische Stdte zu grnden;
die eine an der Stelle, wo der Weg von Kaschmir herab an den Strom kommt,
und wo die Makedonen selbst in das Land des Poros hinbergegangen waren,
erhielt ihren Namen vom Bukephalos, die andere etwa zwei Meilen weiter
stromab, wo die Schlacht geschlagen war, wurde Nikaia genannt. Alexander
selbst lie sein Heer in dieser schnen und reichen Gegend dreiig Tage
rasten; die Leichenfeier fr die im Kampf Gefallenen, die Siegesopfer, mit
Wettkmpfen aller Art verbunden, der erste Anbau der beiden neuen Stdte
fllten diese Zeit reichlich aus.

Den Knig selbst beschftigten die vielfachen Anordnungen, welche dem Siege
seine Wirkung sichern sollten. Vor allem wichtig war das politische
Verhltnis zu dem Frsten Abisares, der trotz der beschworenen Vertrge an
dem Kampf gegen Alexander teilzunehmen im Sinne gehabt hatte. Es kam um
diese Zeit von Sisikottos, dem Befehlshaber auf Aornos, die Nachricht, da
die Assakener den von Alexander eingesetzten Frsten erschlagen und sich
emprt htten; die frheren Verbindungen dieses Stammes mit Abisares und
dessen offenbare Treulosigkeit machten es nur zu wahrscheinlich, da er
nicht unbeteiligt an diesen gefhrlichen Bewegungen sei; die Satrapen
Tyriaspes am Paropamisos und Philippos in der Satrapie Indien erhielten den
Befehl, mit ihren Heeren zur Unterdrckung des Aufstandes auszurcken. Um
dieselbe Zeit kam eine Gesandtschaft des Frsten Poros von Gandaritis, des
feigen Poros, wie ihn die Griechen nannten, der es sich zum Verdienst
anrechnen zu wollen schien, seinen frstlichen Verwandten und Beschtzer
nicht gegen Alexander untersttzt zu haben, und die Gelegenheit gnstig
hielt, sich durch Unterwrfigkeit gegen Alexander des lstigen
Verhltnisses gegen den greisen Verwandten freizumachen. Wie muten die
Gesandten erstaunen, als sie denselben Frsten, den sie wenigstens in
Ketten und Banden zu seines Siegers Fen zu sehen erwartet hatten, in
hchsten Ehren und in dem vollen Besitz seines Reiches an Alexanders Seite
sahen; es mochte nicht die gnstigste Antwort sein, die sie von seiten des
hochherzigen Knigs ihrem Frsten zu berbringen erhielten. Freundlicher
wurden die Huldigungen der nchsten freien Stmme, die deren
Gesandtschaften mit reichen Geschenken berbrachten, entgegengenommen; sie
unterwarfen sich freiwillig einem Knige, vor dessen Macht sich der
mchtigste Frst des Fnfstromlandes hatte beugen mssen.

Desto notwendiger war es, die noch Zgernden durch die Gewalt der Waffen zu
unterwerfen. Es kam dazu, da Abisares, trotz seines offenbaren Abfalls,
und vielleicht im Vertrauen auf die von Gebirgen geschtzte Lage seines
Frstentums, weder Gesandte geschickt, noch irgend etwas getan hatte, um
sich bei Alexander zu rechtfertigen; ein Zug in das Gebirgsland sollte die
Bergstmme unterwerfen und zugleich den treulosen Frsten an seine Gefahr
und seine Pflicht erinnern. Alexander brach nach dreitgiger Rast von den
Ufern des Hydaspes auf, indem er Krateros mit dem grten Teil des Heeres
zurcklie, um den Bau der beiden Stdte zu vollenden. Von den Frsten
Taxiles und Poros begleitet, mit der Hlfte der makedonischen Ritterschaft,
mit Auserwhlten von jeder Abteilung des Fuvolks, mit dem grten Teile
der leichten Truppen, denen eben jetzt der Satrap Phrataphernes von
Parthien und Hyrkanien die Thraker, die ihm gelassen waren, zugefhrt
hatte, zog Alexander nordostwrts gegen die Glausen oder Glaukaniker, wie
die Griechen sie nannten, die in den waldreichen Vorbergen oberhalb der
Ebene wohnten, eine Bewegung, die zugleich den Gebirgsweg nach Kaschmir
ffnete. Jetzt endlich beeilte sich Abisares, durch schnelles Einlenken die
Verzeihung des Knigs zu gewinnen; durch eine Gesandtschaft, an deren
Spitze sein Bruder stand, unterwarf er sich und sein Land der Gnade des
Knigs; er bezeugte seine Ergebenheit mit einem Geschenk von vierzig
Elefanten. Alexander mitraute den schnen Worten; er befahl, Abisares
sollte sofort persnlich vor ihm erscheinen, widrigenfalls er selbst an der
Spitze eines makedonischen Heeres zu ihm kommen werde. Er zog weiter in die
Berge hinauf. Die Glausen unterwarfen sich; ihr reichbevlkertes Gebiet --
es zhlte 37 Stdte, von denen keine unter 5000 und mehrere ber 10000
Einwohner hatten, auerdem eine groe Zahl von Drfern und Flecken -- wurde
dem Frsten Poros untergeben. Die Waldungen dieser Gegenden boten in
reicher Flle, was Alexander wnschte; er lie in Menge Holz fllen und
nach Bukephala und Nikaia hinabflen, wo unter Krateros' Aufsicht die
groe Stromflotte gebaut werden sollte, auf der er nach Unterwerfung
Indiens zum Indus und zum Meere hinabzufahren gedachte.

Das Heer rckte ostwrts zum Akesines hinab; Alexander hatte Nachricht
erhalten, da der Frst Poros von Gandaritis, durch das Verhltnis, in
welches sein Grooheim zu Alexander getreten war, fr sich selbst in
Besorgnis und an der Mglichkeit verzweifelnd, da die unlautere Absicht
seiner Unterwrfigkeit verziehen werde, soviel Bewaffnete und Schtze als
mglich zusammengebracht habe und nach den Gangeslanden geflohen sei.
Angekommen an den Ufern des mchtigen Akesines, sandte Alexander den
Frsten Poros in sein Land zurck, mit dem Auftrage, Truppen auszuheben und
diese nebst allen Elefanten, die nach der Schlacht am Hydaspes noch
kampffhig seien, ihm nachzufhren. Alexander selbst ging mit seinem Heere
ber den Strom, der hochangeschwollen, in einer Breite von fast dreiviertel
Stunden ein durch Klippen und Felsenvorsprnge gefhrliches Talbett
durchwogte, und in seiner wilden, strudelreichen Strmung vielen auf Khnen
bersetzenden verderblich wurde; glcklicher brachten sie die Zelthute
hinber. Hier, auf dem linken Stromufer blieb Koinos mit seiner Phalanx
zurck, um fr den bergang der nachrckenden Heeresabteilungen Sorge zu
tragen und aus den Lndern des Poros und Taxiles alles zur Verpflegung der
groen Armee Gehrige zu beschaffen. Alexander selbst eilte durch den
nrdlichen Teil der Gandaritis, ohne Widerstand zu finden, gen Osten
weiter; er hoffte, den treulosen Poros (von Gandaritis) noch einzuholen; er
lie in den wichtigsten Pltzen Besatzungen zurck, die die nachrckenden
Korps des Krateros und Koinos erwarten sollten. Am Hyarotis, dem stlichen
Grenzflu der Gandaritis, wurde Hephaistion mit zwei Phalangen, mit seiner
und des Demetrios Hipparchie und der Hlfte der Bogenschtzen sdwrts
detachiert, die Herrschaft des landesflchtigen Frsten in ihrer ganzen
Ausdehnung zu durchziehen, die etwa zwischen Hyarotis und Akesines
ansssigen freien Stmme zu unterwerfen, auf dem linken Ufer des Akesines
an der groen Strae eine Stadt zu grnden und das gesamte Land an den
getreuen Poros zu bergeben. Mit dem Hauptheere ging Alexander selbst ber
den minder schwer zu passierenden Strom und betrat nun das Gebiet der
sogenannten freien Inder.

Es ist eine merkwrdige und in den eigentmlichen Naturverhltnissen des
Pandschab begrndete Erscheinung, da sich hier in allen Jahrhunderten,
wenn auch unter anderen und anderen Namen, republikanische Staaten gebildet
und erhalten haben, wie sie dem sonstigen Despotismus Asiens entgegen und
dem strengglubigen Inder des Gangeslandes ein Greuel sind; die
Pendschanadas nennt er mit Verachtung Arattas, die Knigslosen; auch die
Frsten, wenn sie deren haben, nicht aus alter und heiliger Kaste, sind
ohne alles Recht, Usurpatoren. Fast scheint es, als ob das Frstentum des
Poros selbst diesen Charakter an sich getragen habe; aber der Versuch, das
ganze kniglose Indien in seine Gewalt zu bringen, war an den kriegerischen
und mchtigen Stmmen jenseits des Hyarotis gescheitert; es bedurfte der
europischen Waffen, sie zu bewltigen. Nur wenige von ihnen unterwarfen
sich, ohne den Kampf zu versuchen; die meisten erwarteten den Feind mit
gewaffneter Hand; unter diesen die Kathaier oder Katharer, die, berhmt als
der kriegerischste Stamm des Landes, nicht nur selbst auf das trefflichste
zum Kriege gerstet waren, sondern auch die freien Nachbarstmme zu den
Waffen gerufen und mit sich vereinigt hatten.

Auf die Nachricht von ihren Rstungen eilte Alexander ostwrts durch das
Gebiet der Adraisten, die sich freiwillig unterwarfen; am dritten Tage
nahte er der Katherhauptstadt Sangala; sie war von bedeutendem Umfang, mit
starken Mauern umgeben, auf der einen Seite durch einen See geschtzt, auf
der anderen erhob sich in einiger Entfernung von den Toren ein Bergrcken,
der die Ebene beherrschte; diesen hatten die Kathaier nebst ihren
Verbndeten so stark als mglich besetzt, hatten um den Berg ihre
Streitwagen zu einem dreifachen Verhau ineinandergeschoben, und lagerten
selbst in dem innerem Bezirk dieser mchtigen Wagenburg; selbst
unangreifbar, vermochten sie jeder Bewegung des Feindes schnell und mit
bedeutender Macht zu begegnen. Alexander erkannte das Drohende dieser
Stellung, welche den Berichten von der Khnheit und kriegerischen
Gewandtheit dieses Volkes vollkommen entspricht; je mehr er von ihnen
berfall und khnes Wagnis erwarten durfte, desto schneller glaubte er
Entscheidendes wagen zu mssen.

Er lie sofort die Bogenschtzen zu Pferd vorgehen, den Feind zu
umschwrmen und zu beschieen, um demselben einen Ausfall gegen die noch
nicht zum Gefecht formierten Truppen unmglich zu machen. Indes rckten auf
den rechten Flgel das Agema der Ritterschaft und die Hipparchie des
Kleitos, die Hypaspisten, die Agrianer auf, auf den linken die Phalangen,
die Hipparchie des Perdikkas, der den linken Flgel fhrte; die
Bogenschtzen wurden auf beide Flgel verteilt. Whrend des Aufmarsches kam
auch die Nachhut heran; deren Reiter wurden auf beide Flanken verteilt, das
Fuvolk verwandt, die Phalanx dichter zu machen. Schon begann Alexander
seinen Angriff; er hatte bemerkt, da die Wagenreihe nach der linken Seite
des Feindes hin minder dicht, das Terrain dort freier war; er hoffte durch
eine heftige Reiterattacke gegen diesen schwachen Punkt den Feind zu einem
Ausfall zu vermgen, durch den dann der Verhau geffnet war. Er sprengte an
der Spitze seiner zwei Hipparchien auf diese Stelle los; die feindlichen
Wagen blieben geschlossen, ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing die
makedonischen Reiter, die natrlich nicht die Waffe waren, eine Wagenburg
zu strmen oder zu sprengen. Alexander sprang vom Pferde, stellte sich an
die Spitze des schon anrckenden Fuvolkes, fhrte es im Sturmschritt
heran. Ohne groe Mhe wurden die Inder zurckgeworfen; sie zogen sich in
den zweiten Wagenring zurck, wo sie, in dem kleinerem Umkreise, den sie zu
verteidigen hatten, dichter geschlossen und an jedem Punkt zahlreicher, mit
besserem Erfolg kmpfen konnten; fr die Makedonen war der Angriff doppelt
beschwerlich, indem sie die Wagen und Wagentrmmer des schon gesprengten
Ringes erst zusammenschieben muten, um dann zwischen ihnen in einzelnen
Trupps vorzudringen; es begann ein mrderischer Kampf, und die makedonische
Tapferkeit hatte eine harte Probe gegen die kriegsgewandten und mit der
hchsten Erbitterung kmpfenden Feinde zu bestehen. Als aber auch diese
Wagenlinie durchbrochen war, verzweifelten die Kathaier, sich so
furchtbarem Feinde gegenber noch hinter der dritten halten zu knnen; in
eiliger Flucht retteten sie sich hinter die Mauern der Stadt.

Alexander umschlo noch desselben Tags die Stadt mit seinem Fuvolk, bis
auf die eine Seite, an der ein nicht eben tiefer See lag; diesen umstellte
er mit seinen Reitern; er glaubte, da die Kathaier, durch den Ausgang
dieses Tages bestrzt, in der Stille der Nacht aus ihrer Stadt zu flchten
versuchen und ihren Weg ber den See nehmen wrden. Er hatte recht
vermutet. Um die zweite Nachtwache bemerkten die Reiterposten jenseits an
der Stadtmauer ein groes Gedrnge von Menschen, bald begannen sie durch
den See zu waten, versuchten das Ufer und dann das Weite zu gewinnen. Sie
wurden von den Reitern aufgefangen und niedergehauen; schreiend flohen die
brigen zur Stadt zurck; der Rest der Nacht verging ruhig.

Am anderen Morgen lie Alexander die Belagerungsarbeiten beginnen; es wurde
ein doppelter Wall von der Nhe des Sees aus rings um die Mauern bis wieder
an den See gefhrt; den See selbst umgab eine doppelte Postenlinie; es
wurden die Schirmdcher und Sturmbcke aufgerichtet, gegen die Mauer zu
arbeiten und Bresche zu legen. Da brachten berlufer aus der Stadt die
Nachricht, die Belagerten wollten in der nchsten Nacht einen Ausfall
versuchen; nach dem See zu, wo die Lcke in der Walllinie sei, gedchten
sie durchzubrechen. Den Plan der Feinde zu vereiteln, lie der Knig drei
Chiliarchien der Hypaspisten, smtliche Agrianer und eine Taxis
Bogenschtzen unter Befehl des Somatophylax Ptolemaios die Stelle besetzen,
wo der Feind ziemlich sicher zu erwarten war; er befahl ihm, wenn die
Barbaren den Ausfall wagen sollten, sich ihnen mit aller Macht zu
widersetzen, zugleich Lrm blasen zu lassen, damit sofort die brigen
Truppen ausrcken und in den Kampf eilen knnten. Ptolemaios eilte seine
Stellung zu nehmen, sie so viel wie mglich zu befestigen; er lie von den
am vorigen Tage noch stehengebliebenen Wagen mglichst viele herfahren und
in die Quere aufstellen, die noch nicht eingesetzten Schanzpfhle an
mehreren Stellen zwischen Mauer und Teich in Haufen zusammentragen, um den
im Dunkel Fliehenden die ihnen bekannten Wege zu verlegen. Unter diesen
Arbeiten verstrich ein guter Teil der Nacht. Endlich um die vierte
Nachtwache ffnete sich das Seetor der Stadt, in hellen Haufen brachen die
Feinde hervor; sofort lie Ptolemaios Lrm blasen, setzte sich zugleich
mit seiner schon bereitstehenden Mannschaft in Bewegung. Whrend die Inder
noch zwischen den Wagen und Pfahlhaufen den Weg suchten, war schon
Ptolemaios mit seinen Scharen mitten unter ihnen, und nach langem und
unordentlichem Gefechte sahen sie sich gezwungen, zur Stadt
zurckzufliehen.

So war den Indern jeder Weg zur Flucht abgeschnitten. Zugleich traf Poros
wieder ein, er brachte die brigen Elefanten und 5000 Inder mit. Das
Sturmzeug war fertig und wurde an die Mauern gebracht; sie wurden an
mehreren Stellen unterminiert, mit so gnstigem Erfolg, da es in kurzer
Zeit da und dort Breschen gab. Nun wurden die Leitern angelegt, die Stadt
mit strmender Hand genommen; wenige von den Belagerten retteten sich,
desto mehr wurden von den erbitterten Makedonen in den Straen
niedergemacht; man sagt an 17000, eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich
ist, da Alexander, um die Unterwerfung dieses kriegerischen Volksstammes
mglich zu machen, den strengen Befehl gegeben hatte, jeden Bewaffneten
niederzuhauen; die 70000 Gefangenen, welche erwhnt werden, scheinen die
brige Bevlkerung der indischen Stadt ausgemacht zu haben. Die Makedonen
selbst zhlten gegen 100 Tote und ungewhnlich viel Verwundete, nmlich
1200, unter diesen den Somatophylax Lysimachos, zahlreiche andere
Offiziere.

Gleich nach der Erstrmung der Stadt sandte Alexander den Kardianer Eumenes
mit 300 Reitern nach den beiden mit den Kathaiern verbndeten Stdten, mit
der Anzeige von dem Falle Sangalas und der Aufforderung, sich zu ergeben:
sie wrden, wenn sie sich dem Knige freiwillig unterwrfen, ebensowenig zu
frchten haben, wie so viele andere Inder, welche die makedonische
Freundschaft schon als ihr wahres Heil zu erkennen anfingen. Aber die aus
Sangala Geflchteten hatten die grlichsten Berichte von Alexanders
Grausamkeit und dem Blutdurst seiner Soldaten mitgebracht; an die
freundlichen Worte des Eroberers glaubte niemand, in eiliger Flucht
retteten die Einwohner der beiden Stdte sich und von ihrem Hab und Gut,
soviel sie mitnehmen konnten. Auf die Meldung hiervon brach Alexander
schleunigst aus Sangala auf, die Fliehenden zu verfolgen; sie hatten zu
weiten Vorsprung, nur einige hundert, die vor Ermattung zurckgeblieben
waren, fielen in seine Hnde und wurden niedergemacht. Der Knig kehrte
nach Sangala zurck; die Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht, das Gebiet
derselben an die benachbarten Stmme, die sich freiwillig unterworfen
hatten, verteilt, in deren Stdte Besatzungen, die Poros hinzufhren
entsandt wurde, gelegt.

Nach der Zchtigung von Sangala und dem Schrecken, den die bertreibenden
Gerchte von der wilden Grausamkeit der fremden Eroberer verbreiteten,
wute Alexander durch Milde und Gromut, wo sich Gelegenheit dazu gab,
desto wirksamer zu beruhigen. Bald bedurfte es keines weiteren Kampfes:
wohin er kam, unterwarf sich ihm die Bevlkerung. Dann betrat er das Gebiet
des Frsten Sopeithes[15], dessen Herrschaft sich ber die ersten
Bergketten des Imaos und in die Reviere der Steinsalzlager an den
Hyphasisquellen erstreckte. Das Heer nahte sich der frstlichen Residenz,
in der, man wute es, sich Sopeithes befand; die Tore waren geschlossen,
die Zinnen der Mauern und Trme ohne Bewaffnete; man zweifelte, ob die
Stadt verlassen oder Verrat zu frchten sei. Da ffneten sich die Tore: in
dem bunten und flimmernden Staate eines indischen Rajahs, in hellfarbigen
Kleidern, in Perlenschnren und Edelsteinen mit goldenem Schmuck, von
schallender Musik begleitet, mit einem reichen Gefolge zog der Frst
Sopeithes dem Knige entgegen und brachte mit vielen und kostbaren
Geschenken, unter denen eine Meute Tigerhunde, seine Huldigung dar; sein
Frstentum ward ihm besttigt und, wie es scheint, vergrert. Dann zog
Alexander weiter in das benachbarte Gebiet des Frsten Phegeus; auch dieser
eilte, seine Huldigung und seine Geschenke darzubringen; er blieb im Besitz
seines Frstentums. Es war das stlichste Land, das Alexander in seinem
Siegeslaufe betreten sollte.

    [15] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Die historische Tradition hat diesen Punkt in der Geschichte Alexanders auf
bemerkenswerte Weise verdunkelt. Selbst von dem uerlichen wird nicht
Gengendes und bereinstimmendes angegeben; manche der Makedonen sollen
Unglaubliches in die Heimat berichtet, es soll Krateros seiner Mutter
geschrieben haben: bis zum Ganges seien sie vorgedrungen und htten diesen
ungeheuren Strom voll Haifische und brandend wie das Meer gesehen. Andere
nannten wenigstens den Hyphasis der Wahrheit gem als das Ende des
makedonischen Zuges; aber, um doch irgendwie zu erklren, warum der
Eroberung ein Ziel gesetzt worden, haben sie aus dem letzten Anla der
Umkehr einen Kausalzusammenhang hergeleitet, ber dessen Wert weder die
sonstige Glaubwrdigkeit der Berichterstatter noch der verdachtlose Glaube,
der ihnen seit zwei Jahrtausenden geschenkt worden, tuschen darf.

Alexander, so wird erzhlt, war an den Hyphasis vorgedrungen, mit der
Absicht, auch das Land jenseits zu unterwerfen, denn es schien ihm kein
Ende des Krieges, solange noch irgend Feindliches da war. Da erfuhr er,
jenseits des Hyphasis sei ein reiches Land und drinnen ein Volk, das
fleiig den Acker baue, die Waffen mit Mut fhre, sich einer wohlgeordneten
Verfassung erfreue; denn die Edelsten beherrschten das Volk ohne Druck und
Eifersucht; die Kriegselefanten seien dort mchtiger, wilder und in
grerer Zahl als irgendwo sonst in Indien. Das alles erregte des Knigs
Verlangen, weiterzudringen. Aber die Makedonen sahen mit Sorge, wie ihr
Knig Mhe auf Mhe, Gefahr auf Gefahr hufe; sie traten hier und da im
Lager zusammen, sie klagten um ihr trauriges Los, sie schwuren einander,
nicht weiter zu folgen, wenn es Alexander auch gebte. Als der Knig das
erfuhr, eilte er, bevor die Unordnung und die Mutlosigkeit der Truppen um
sich griffe, die Fhrer der Taxeis zu berufen. Da sie, so sprach er,
ihm nicht weiter, von gleicher Gesinnung beseelt, folgen wollten, so habe
er sie herbeschieden, um entweder sie von der Rtlichkeit des weiteren
Zuges zu berzeugen, oder von ihnen berzeugt zurckzukehren; erscheine
ihnen das bisher Durchkmpfte und seine eigene Fhrung tadelnswert, so habe
er nichts Weiteres zu sagen; er kenne fr den hochherzigen Mann kein andere
Ziel alles Kmpfens als die Kmpfe selbst; wolle jemand das Ende seiner
Zge wissen, so sei es nicht mehr weit bis zum Ganges, bis zum Meere im
Osten; dort werde er seinen Makedonen den Seeweg zum Hyrkanischen, zum
Persischen Meere, zum libyschen Strande, zu den Sulen des Herakles zeigen;
die Grenzen, die der Gott dieser Welt gegeben, sollten die Grenzen des
makedonischen Reiches sein; noch aber sei jenseits des Hyphasis bis zum
Meer im Osten manches Volk zu bewltigen, und von dort bis zum Hyrkanischen
Meere schweiften noch die Horden der Skythen unabhngig umher; seien denn
die Makedonen vor Gefahren bange? Vergen sie ihres Ruhmes und der
Hoffnung? Einst, wenn die Welt berwunden, werde er sie heimfhren gen
Makedonien, berreich an Habe, an Ruhm, an Erinnerungen. Nach dieser Rede
Alexanders entstand ein langes Schweigen, niemand wagte entgegenzusprechen,
niemand beizustimmen; umsonst forderte der Knig wiederholt zum Sprechen
auf: er werde auch der entgegengesetzten Meinung Gehr schenken. Lange
schwieg man; endlich erhob sich Koinos, des Polemokrates Sohn, der Strateg
der elymiotischen Phalanx, der so oft, jngst noch in der Schlacht am
Hydaspes, sich bewhrt hatte; der Knig wolle, da das Heer nicht sowohl
seinem Befehl, als der eigenen berzeugung folge; so spreche er denn nicht
fr sich und die Fhrer, da sie zu allem bereit seien, sondern fr die
Menge im Heer, nicht um ihr zu gefallen, sondern zu sagen, was dem Knige
selbst fr jetzt und knftig das Sicherste sein werde; sein Alter, seine
Wunden, des Knigs Vertrauen gben ihm ein Recht, offen zu sein; je mehr
Alexander und das Heer vollbracht, desto notwendiger sei es, endlich ein
Ziel zu setzen; wer von den alten Kriegern noch brig sei, wenige im Heere,
andere in den Stdten zerstreut, sehnten sich nach der Heimat, nach Vater
und Mutter, nach Weib und Kind zurck; dort wollten sie den Abend ihres
Lebens, im Scho der Ihrigen, in der Erinnerung ihres tatenreichen Lebens,
im Genu des Ruhmes und der Habe, die Alexander mit ihnen geteilt,
verleben; solches Heer sei nicht zu neuen Kmpfen geschickt, Alexander mge
sie heimfhren, er werde seine Mutter wiedersehen, er werde die Tempel der
Heimat mit Trophen schmcken; er werde, wenn er nach neuen Taten verlange,
ein neues Heer rsten und gegen Indien oder Libyen, gegen das Meer im
Osten oder jenseits der Heraklessulen ziehen, und die gndigen Gtter
wrden ihm neue Siege gewhren; der Gtter grtes Geschenk aber sei die
Migung im Glck; nicht den Feind, wohl aber die Gtter und ihr Verhngnis
msse man scheuen. Unter allgemeiner Bewegung schlo Koinos seine Rede;
viele vermochten die Trnen nicht zu hemmen; es war offenbar, wie der
Gedanke der Heimkehr ihr Herz erfllte. Unwillig ber die uerungen des
Strategen und die Zustimmung, die sie fanden, entlie Alexander die
Versammlung. Am nchsten Tage berief er sie von neuem; er werde, so
sprach er, in kurzem weitergehen, er werde keinen Makedonen ntigen, zu
folgen, noch seien genug der Tapferen brig, die nach neuen Taten
verlangten, die brigen mchten heimziehen, es sei ihnen erlaubt; sie
mchten in ihrer Heimat berichten, da sie ihren Knig mitten in
Feindesland verlassen htten. Nach diesen Worten verlie er die
Versammlung und zog sich in sein Zelt zurck; whrend dreier Tage zeigte er
sich den Makedonen nicht; er erwartete, da sich die Stimmung im Heere
ndern, da sich die Truppen zur weiteren Heerfahrt entschlieen wrden.
Die Makedonen empfanden des Knigs Ungnade schwer genug, aber ihr Sinn
nderte sich nicht. Dessenungeachtet opferte der Knig am vierten Tage an
den Ufern des Stromes wegen des berganges, die Zeichen des Opfers waren
nicht gnstig; darauf berief er die ltesten und die ihm anhnglichsten der
Hetairen, verkndete ihnen und durch sie dem Heere, da er die Rckkehr
beschlossen habe. Die Makedonen weinten und jubelten vor Freude, sie
drngten sich um des Knigs Zelt und priesen ihn laut, da er, stets
unbesiegt, sich von seinen Makedonen habe besiegen lassen.

So die Erzhlung nach Arrian; bei Curtius und Diodor ist sie in einigen
Nebenumstnden verndert und erweitert, die sozusagen rhetorischer Natur
sind. Alexander habe die Truppen, um sie fr den weiteren Feldzug geneigt
zu machen, auf Plnderung in die sehr reichen Ufergegenden des Hyphasis,
also in das befreundete Land des Phegeus, ausgesandt, und whrend der
Abwesenheit der Truppen den Weibern und Kindern der Soldaten Kleider und
Vorrte aller Art, namentlich den Sold eines Monats zum Geschenk gemacht;
dann habe er die mit Beute heimkehrenden Soldaten zur Versammlung berufen
und nicht etwa im Kriegsrat, sondern vor dem gesamten Heere die wichtige
Frage ber den weiteren Zug verhandelt.

Strabo sagt: Alexander sei zur Umkehr bewogen worden durch gewisse heilige
Zeichen, durch die Stimmung des Heeres, das den weiteren Heereszug wegen
der ungeheueren Strapazen, die es bereits erduldet, versagte, vor allem
aber, weil die Truppen durch den anhaltenden Regen sehr gelitten htten.
Diesen letzten Punkt mu man in seiner ganzen Bedeutsamkeit vor Augen
haben, um die Umkehr am Hyphasis zu begreifen. Kleitarch, den man in den
Worten Diodors wiedererkennt, stellt das Elend der Truppen in den
krassesten Bildern dar: wenige von den Makedonen, sagt er, waren brig,
und diese der Verzweiflung nahe, durch die Lnge der Feldzge waren den
Pferden die Hufe abgenutzt, durch die Menge der Schlachten die Waffen der
Krieger stumpf und zerbrochen; hellenische Kleider hatte niemand mehr,
Lumpen barbarischer und indischer Beute, elend aneinander geflickt, deckten
die benarbten Leiber der Welteroberer; seit siebzig Tagen waren die
furchtbarsten Regengsse unter Strmen und Gewittern vom Himmel
herabgestrmt. Allerdings waren gerade jetzt die Peschekal, die tropischen
Regen, mit den weiten berschwemmungen der Strme in ihrer vollen Hhe; man
vergegenwrtige sich, was ein abendlndisches Heer, seit drei Monaten im
Lager oder auf dem Marsche, durch dies furchtbare Wetter, durch die
dunstige Nsse des ungewohnten Klimas, durch den unvermeidlichen Mangel an
Bekleidung und den gewohnten Lebensmitteln gelitten haben, wieviel Menschen
und Pferde der Witterung und den Krankheiten, die sie erzeugte, erlegen
sein muten, wie endlich durch das um sich greifende Siechtum, durch die
unablssige Qual der Witterung, der Entbehrung, der schlechten Wege und
unaufhrlichen Mrsche, durch die grliche Steigerung des Elends, der
Sterblichkeit und der Hoffnungslosigkeit die moralische Kraft mit der
physischen zugleich gebrochen sein mochte, -- und man wird es begreiflich
finden, da in diesem sonst so kriegstchtigen und enthusiastischen Heere
Mimut, Heimweh, Erschlaffung, Indolenz einreien, das allgemeine und
einzige Verlangen sein konnte, dies Land, ehe zum zweiten Male die
furchtbaren Monate der tropischen Regen kmen, weit hinter sich zu haben.
Und wenn Alexander jener Stimmung im Heere und der Weigerung weiterer
Heeresfolge nicht mit rcksichtsloser Strenge entgegentrat, sondern, statt
sie durch alle Mittel soldatischer Disziplin zu brechen und zu strafen, ihr
endlich nachgab, so ist dies ein Beweis, da ihr nicht Meuterei und Ha
gegen den Knig zugrunde lag, sondern da sie die nur zu begreifliche Folge
jener endlosen Leiden der letzten drei Monate war.

Wohl scheint es Alexanders Wille gewesen zu sein, seine siegreichen Waffen
bis zum Ganges und bis zum Gestade des Ostmeeres hinauszutragen. Nicht mit
gleicher Wahrscheinlichkeit lassen sich die Grnde angeben, die ihn dazu
bestimmten. Vielleicht waren es die Berichte von der kolossalen Macht der
Frsten am Ganges, von den unendlichen Schtzen der dortigen Residenzen,
von allen Wundern des fernen Ostens, wie er sie in Europa und Asien hatte
preisen hren, vielleicht nicht minder das Verlangen, in dem stlichen
Meere eine Grenze der Siege und neue Wege zu Entdeckungen und
Weltverbindungen zu finden; vielleicht war es ein Versuch, durch ein
uerstes Mittel den Mut der Truppen aufzurichten, deren moralische Kraft
unter der Riesenmacht der tropischen Natur zusammenbrach. Er mochte hoffen,
da die Khnheit seines neuen Planes, da die groe Zukunft, die er dem
verzagenden Blicke seiner Makedonen zeigte, da sein Aufruf und der
wiederentzndete Enthusiasmus seines unablssigen Vorwrts sein Heer alles
Leiden vergessen lassen und mit neuer Kraft entflammen werde. Er hatte sich
geirrt; Ohnmacht und Klage war das Echo seines Aufrufs. Der Knig versuchte
das ernstere Mittel der Beschmung und seiner Unzufriedenheit; er entzog
sich den Blicken seiner Getreuen, er lie sie seinen Unwillen fhlen, er
hoffte, sie durch Scham und Reue aus ihrem Elend und ihrer Demoralisation
emporzureien; bekmmert sahen die Veteranen, da ihr Knig zrne, zu
ermannen vermochten sie sich nicht. Drei Tage herrschte im Lager das
qualvolle Schweigen; Alexander mute erkennen, da alles Bemhen
vergeblich, schrfere Versuche bedenklich seien. Er lie an den Ufern des
Stromes die Opfer zum bergange feiern, und die gndigen Gtter weigerten
ihm die gnstigen Zeichen der weiteren Heerfahrt; sie geboten,
heimzukehren. Der Ruf zur Heimkehr, der nun durch das Lager ertnte, wirkte
wie ein Zauber auf die Gemter der Entmutigten; jetzt war das Leiden
vergessen, jetzt alles Hoffnung und Jubel, jetzt in allen neue Kraft und
neuer Mut; von allen Alexander allein mag trauernd gen Abend geblickt
haben.

Diese Umkehr Alexanders am Hyphasis, fr ihn der Anfang seines
Niederganges, wenn man die Summe seines Lebens und Strebens in der Devise
des abendlndischen Monarchen neuerer Zeit, der sich zuerst rhmen konnte,
da in seinem Reiche die Sonne nicht untergehe, in dem #plus ultra# zu
finden glaubt, -- sie war, nach dem Sinne seiner Aufgabe in der Geschichte
eine Notwendigkeit, vorbereitet und vorgedeutet in dem Zusammenhang dessen,
was er bis daher getan und begrndet hatte; und selbst wenn man zweifeln
kann, ob seine eigene Einsicht oder die Gewalt der Umstnde ihn zu diesem
Entschlusse zwangen, dessen Bedeutung bleibt dieselbe. Der weitere Feldzug
gen Osten hatte den Westen so gut wie preisgegeben; schon jetzt waren aus
den persischen und syrischen Provinzen Berichte eingegangen, die deutlich
genug zeigten, welche Folgen von einer noch lngeren Abwesenheit des
Knigs, von der noch weiteren Entfernung der streitbaren Macht zu erwarten
waren; Unordnungen aller Art, Bedrckungen gegen die Untertanen, Anmaungen
der Satrapen, gefhrliche Wnsche und verbrecherische Versuche von
persischen und makedonischen Groen, die, whrend Alexander an den Indus
hinabgezogen war, sich ohne Aufsicht und Verantwortung zu fhlen begannen,
htten durch einen weiteren Feldzug in die Gangeslnder ungefhrdet weiter
wuchern und vielleicht zu einer vollkommenen Auflsung des noch keineswegs
fest gegrndeten Reiches fhren knnen. Selbst angenommen, da der
auerordentliche Geist Alexanders noch aus dem fernsten Osten her die
Zgel der Herrschaft fest und streng anzuziehen vermocht htte, die grten
Erfolge in den Gangeslndern wren fr das Bestehen des Reiches am
gefhrlichsten gewesen; die ungeheuere Ausdehnung dieses Stromgebietes
htte einen unverhltnismigen Aufwand von abendlndischen Besatzungen
gefordert, und endlich doch eine wahrhafte Unterwerfung und Verschmelzung
mit dem Reiche unmglich gemacht.

Dazu ein Zweites; eine Wste von nicht geringerer Ausdehnung als die
Halbinsel Kleinasien, scheidet die Ostlnder Indiens vom Fnfstromlande;
ohne Baum, ohne Gras, ohne anderes Wasser als das brackige der engen, bis
dreihundert Fu tiefen Brunnen, unertrglich durch den wehenden Flugsand,
durch den glhenden Staub, der in der schwlen Luft flirrt, noch
gefhrlicher durch den pltzlichen Wechsel der Tageshitze und der
nchtlichen Khle, ist diese traurige Einde die fast unberwindliche
Vormauer des Gangeslandes; nur ein Weg fhrt vom Norden am Saume der
Imaosketten vom Hyphasis und Hesudros zu den Strmen des Ganges, und mit
Recht nennen ihn die Morgenlnder ein zu schwaches Band, um das groe und
berreiche Gangesland an die Krone von Persien zu heften.

Endlich wird man sagen drfen, da Alexanders Politik, wenn man sie von dem
ersten Eintritt in das indische Land an verfolgt, mit Sicherheit schlieen
lt, da seine Absicht nicht gewesen ist, das Fnfstromland, geschweige
gar die Lnder des Ganges zu unmittelbaren Teilen seines Reiches zu machen.
Das Reich Alexanders hatte mit der indischen Satrapie im Westen des Indus
seine natrliche Grenze; mit den Hochpssen des Kaukasus beherrschte er,
wie nordwrts das Land des Oxos und Sogdflusses, so sdwrts das des Kophen
und Indus; was ostwrts vom Indus lag, sollte unter einheimischen Frsten
unabhngig, aber unter makedonischem Einflu bleiben, wie derselbe in der
eigentmlichen Stellung der Frsten Taxiles und Poros zueinander und zum
Knige sicher genug begrndet war; selbst der so hoch begnstigte Poros
erhielt nicht alles Land bis zum stlichen Grenzstrom des Pandschab; wie
auf der einen Seite Taxiles, so wurden auf der anderen Seite die
unabhngigen Frstentmer des Phegeus und Sopeithes ein Gegengewicht, zwei
Frsten, die, zu unbedeutend, um mit eigener Macht etwas wagen zu knnen,
einzig in der Ergebenheit gegen Alexander Kraft und Halt finden konnten. So
waren diese Frsten, hnlich dem Rheinbunde der neueren Zeit, durch
gegenseitige Furcht und Eifersucht der Abhngigkeit von der berlegenen
Macht Alexanders, wenn er auch nach Westen zurckkehrte, gesichert; sollte
eine Eroberung des Gangeslandes mglich sein, so htte Alexander das
Fnfstromland, wie frher in Baktrien und Sogdiana, wenn auch mit denselben
strengen Mitteln und gleichem Zeitaufwand sich vollkommen unterwerfen
mssen, und selbst des sogdianischen Landes Meister, hatte er es
aufgegeben, von dort bis zu dem Meere vorzudringen, das er nordwrts hinter
den Gebieten der Skythen nahe geglaubt hatte. In gleicher Weise wird er von
Poros und Taxiles erfahren haben, welche Weiten bis zum Ganges, bis zu dem
Meere, in das dessen Wasser strmen, zu durchmessen seien. Das Land am
Kophenflu, den Vorhof Indiens, hatte er mit fester Hand gefat, wie in der
Sogdiana eine Nordmark, so in den abhngigen Frstentmern im Fnfstromland
ein noch entwickelteres Marksystem begrndet; er scheint sich von Anfang an
her berzeugt zu haben, da die Bevlkerung des Induslandes in allen
Verhltnissen des Lebens, des Staates und der Religion zu eigentmlich
entwickelt und in ihrer Entwicklung zu fertig war, als da sie schon jetzt
fr das hellenistische Reich gewonnen werden konnte; Alexander konnte nicht
daran denken, jenseits der nur verbndeten Frstentmer eine neue Reihe von
Eroberungen seinem Reiche in der Form unmittelbarer Abhngigkeit
einzuverleiben. Und wenn er bereits nach der Schlacht am Hydaspes den Bau
einer Flotte beginnen lie, die sein Heer den Indus hinab zum Persischen
Meere bringen sollte, so zeigt dies unzweideutig, da er auf dem Wege des
Indus, nicht des Ganges, zurckzukehren die Absicht hatte, da also sein
Zug gegen die Gangeslnder nicht mehr als ein Streifzug, eine Kavalkade
sein sollte. Man darf vermuten, da, wenn sie mehr htte sein wollen, sie,
wie Napoleons groer Feldzug gen Osten, von einer Operationsbasis kaum
bewltigter Frstentmer aus, die nur durch die schwachen Bande der
Dankbarkeit, der Furcht und Selbstsucht an den Eroberer gefesselt waren,
wahrscheinlich einen ebenso traurigen Ausgang gehabt haben wrde.




  Viertes Kapitel

  Die Rckkehr -- Die Flotte auf dem Akesines -- Der Kampf
  gegen die Maller -- Alexander in Lebensgefahr -- Die Kmpfe
  am unteren Indus -- Abmarsch des Krateros -- Die Kmpfe im
  Indusdelta -- Alexanders Fahrt in den Ozean -- Sein Abmarsch
  aus Indien


Es mochte in den letzten Tagen des August 326 sein, als sich das
makedonische Heer an den Ufern des Hyphasis zum Rckmarsch rstete. Nach
den Anordnungen des Knigs errichtete das Heer an den Ufern des Stromes
zwlf mchtige turmhnliche Altre, zum Dank fr die Gtter, die es bisher
siegreich hatten vordringen lassen, und zum Gedchtnis dieses Knigs und
dieses Heeres. Alexander opferte auf diesen Altren, whrend von den
Truppen Kampfspiele aller Art nach hellenischem Brauche gefeiert wurden.

Dann brach das Heer nach Westen auf; es war befreundetes Land, durch
welches der Weg fhrte; ohne andere Schwierigkeiten, als die des noch immer
hufigen Regens, gelangte man zum Hyarotis, und ber diesen durch die
Landschaft Gandaritis an die Ufer des Akesines; hier an der Passage des
Stromes stand bereits die Stadt, mit deren Bau Hephaistion beauftragt
worden war, fertig. Alexander lie hier kurze Zeit rasten, um teils fr die
Hinabfahrt zum Indus und ins groe Meer die ntigen Vorbereitungen zu
treffen, teils die neue Stadt zu kolonisieren, zu welchem Ende die Inder
der Umgegend zur Ansiedlung aufgefordert und zugleich die kampfunfhigen
Sldner aus dem Heere hierselbst ansssig gemacht wurden.

Whrend dieser Rastzeit kam der Bruder des Frsten Abisares von Kaschmir
und andere kleine Frsten der oberen Gegenden, alle mit vielen und
kostbaren Geschenken, dem groen Knige ihre Huldigungen darzubringen;
namentlich sandte Abisares dreiig Elefanten und lie in Antwort auf den
Befehl, den der Knig ihm hatte zukommen lassen, in Person zu erscheinen,
seine vollkommenste Ergebenheit versichern und eine Krankheit, die ihn
darniedergeworfen, als Entschuldigung fr sein Nicherscheinen angeben. Da
die von Alexander nach Kaschmir gesandten Makedonen diese Angaben
besttigten, und das jetzige Benehmen des Frsten fr seine weitere
Ergebenheit zu brgen schien, so wurde ihm sein Frstentum als Satrapie
bergeben und der Tribut bestimmt, den er hinfort zu entrichten habe, auch
das Frstentum des Arsakes (Uraa in der Nhe von Kaschmir) in den Bereich
seiner Macht gegeben. Nach feierlichen Opfern zur Weihe der neuen Stadt
ging Alexander ber den Akesines, gegen Mitte September trafen die
verschiedenen Heeresabteilungen in Bukephala und Nikaia am Hydaspes
zusammen.

Es war ein groer und zukunftreicher Gedanke des Knigs, aus dem Gebiet des
Indusstromes, das er jetzt nach Osten durchzogen hatte, nicht etwa auf dem
Wege, den er gekommen, in sein Reich zurckzukehren, sondern ebenso in den
Lndern stromabwrts die Gewalt seiner Waffen geltend zu machen und den
Samen des hellenistischen Lebens auszustreuen. Sein Verhltnis zu dieser
neuentdeckten indischen Welt, nicht das eines unmittelbaren Herrschers,
sondern auf den jetzt zum ersten Male erffneten Verkehr mit jenen Vlkern
begrndet, auf das allmhliche Wachstum dieser neuen Verbindungen und
Anfnge berechnet, htte, wenn etwa nur die indische Satrapie mit dem
Kophenstrome das vermittelnde Band blieb, weder durchgreifend wirken, noch
selbst fr die Dauer bestehen knnen. Wenn auch jene Satrapie die
Hauptstrae des gegenseitigen Verkehrs darbot, so mute doch die ganze
Linie des Indusstromes in den Hnden der Makedonen sein, es muten die
tiefer am Strome wohnenden Vlker denselben Einflu wie die Vlker des
Fnfstromlandes anerkennen lernen, es mute um so entschiedener gegen sie
verfahren werden, je mehr manche derselben, namentlich die Maller und
Oxydraker, auf ihre Unabhngigkeit und ihren kriegerischen Ruhm trotzten
und jeden fremden Einflu verabscheuten oder verachteten; vor allem mute
dieser Einflu selbst durch hellenistische Kolonien am Indusstrome Halt und
Nachdruck erhalten. In diesem Plane war es, da Alexander schon, als er von
dem Hydaspes gen Osten aufgebrochen war, den Befehl zum Bau der groen
Stromflotte gegeben hatte, mit der er zum Indus und bis zum groen Meere
hinabzusegeln gedachte; jetzt, da es unmglich geworden war, den Feldzug
bis zum Ganges und zum Ostmeere fortzusetzen, mochte sich Alexander mit
doppeltem Eifer zu dieser Expedition wenden, die, wenn nicht ebensoviel
Ruhm und Beute, wie die Heerfahrt zum Ganges, so doch gewi groe Erfolge
erwarten lie.

Whrend der vier Monate, die Alexander vom Hydaspes entfernt gewesen, hatte
sich die uere Gestalt dieser Gegend, in der seine beiden Stdte lagen,
vollkommen verwandelt. Die Regenzeit war vorber, die Wasser begannen in
ihr altes Bett zurckzutreten, und weite Reisfelder, auf dem Fruchtboden
der berschwemmungen im ppigsten Grn, zogen sich auf der linken Seite des
Stromes hinab; das Ufer drben unter den waldigen Hhen war meilenweit mit
Schiffswerften bedeckt, auf denen Hunderte von groen und kleinen
Fahrzeugen teils noch gezimmert wurden, teils schon fertig standen;
Flholz aus dem Gebirge, Khne mit Vorrten aller Art, Transporte von Bau-
und Kriegsmaterial kamen auf dem Strome daher, dessen Ufer das bunte
Treiben eines lagernden und rastenden Heeres aller Nationen seltsam genug
belebte. Alexanders nchste Sorge war, die beiden Festen, die, schnell und
auf tiefem Grunde erbaut, in ihren Erdwllen und Baracken durch die Gewalt
des Wassers manchen Schaden erlitten hatten, vollstndiger und dauerhafter
auszubauen. Dann wurde die Ausrstung der Schiffe begonnen; nach
hellenischer Sitte ernannte Alexander aus der Zahl der Reichsten und
Vornehmsten in seiner Umgebung 33 Trierarchen, denen diese Leiturgie, die
Ehrenleistung einer stattlichen und tchtigen Schiffsausrstung, zum
Gegenstand eines fr die Sache selbst sehr frderlichen Wetteifers wurde.
Das Verzeichnis dieser Trierarchen gibt eine lehrreiche bersicht der
Umgebung des Knigs. Es sind 24 Makedonen: die sieben Leibwchter des
Knigs, sowie der demnchst als achter dazu ernannte Peukestas; der Strateg
und Hipparch Krateros, von den Strategen der Phalanx Attalos, von den
Chiliarchen der Hypaspisten Nearchos, ferner Laomedon, der nicht Soldat
war, Androsthenes, der nach der Rckkehr nach Babylon die Flotte um Arabien
fhrte; von den brigen elf Makedonen wird keiner sonst erwhnt, mancher
von ihnen mag wie Laomedon im Zivil- oder wenigstens Intendanturdienst
gestanden haben, Geschfte, deren Umfang und Bedeutung bei diesem Heere,
auch wenn nichts davon berliefert ist, sich von selbst versteht. Dann sind
sechs Hellenen Trierarchen, unter ihnen des Knigs Schreiber, Eumenes von
Kardia, und der Larisser Medios, einer der Vertrautesten des Knigs.
Endlich der Perser Bagoas und zwei Cyprioten, Knigsshne. Ob diese
Trierarchen die ganze Flotte oder nur die greren Schiffe, die 80
Dreiigruderer, ausrsteten, ist nicht mehr zu erkennen.

Zur Bemannung der Stromflotte wurden aus dem Heere die Phniker, gypter,
Cyprier, Griechen der Inseln und asiatischen Kste ausgewhlt und als
Schiffsleute und Ruderer auf die Fahrzeuge verteilt; und in weniger als
einem Monat war alles zur Abfahrt fertig. Tausend Fahrzeuge aller Art lagen
auf dem Strom bereit, unter diesen die achtzig als Kriegsschiffe
eingerichtet, zweihundert unbedeckte Schiffe zum Transport von Pferden;
alle brigen Fahrzeuge, aus den Ufergegenden, wie man sie gerade vorfand,
beigetrieben, waren zum Fortschaffen von Truppen und zum Nachfahren der
Lebensmittel und Kriegsmaterialien bestimmt, wovon nach einer unsicheren
Nachricht eben jetzt groe Transporte zugleich mit neuen Truppen,
sechstausend Reitern und mehreren tausend Mann Fuvolks, angekommen sein
sollen.

In den ersten Tagen des November sollte die Stromfahrt beginnen. Der Knig
berief die Hetairen und die indischen Gesandten, die beim Heere waren,
ihnen das weiter Ntige mitzuteilen. Er durfte die Hoffnung aussprechen,
da der Frieden, den er dem Fnfstromlande wiedergegeben, fr die Dauer
gegrndet und durch seine Anordnung gesichert sein werde. Dem Frsten Poros
wurden die Erweiterungen seines Gebiets, die sieben Vlker und zweitausend
Stdte umfaten und sich bis in die Nhe des Hyphasis erstreckten,
besttigt, sein Verhltnis zu den Nachbarfrsten Abisares, Sopeithes und
Phegeus festgestellt, dem Frsten Taxiles der unabhngige Besitz seiner
alten und neuen Lnder zuerkannt, die abhngigen Frstentmer im Bereich
der indischen Satrapie mit ihren Tributen und anderweitigen Verpflichtungen
an den dortigen Satrapen verwiesen, ihre, sowie die anderen indischen
Kontingente in die Heimat entlassen. Sodann die Weisungen fr den ferneren
Zug: der Knig selbst werde mit allen Hypaspisten, mit den Agrianern und
Bogenschtzen, mit dem Geleit der Ritterschaft, im ganzen etwa achttausend
Mann, zu Schiffe gehen, der Chiliarch Nearchos den Befehl ber die gesamte
Flotte, Onesikritos aus Astypaleia die Fhrung des kniglichen Schiffes
erhalten; die brigen Truppen sollten in zwei Kolonnen verteilt zu beiden
Seiten des Stromes hinabziehen, die eine unter Krateros' Fhrung auf dem
rechten, dem westlichen Ufer, die andere grere, bei welcher die
zweihundert Elefanten, auf dem linken unter Hephaistions Fhrung; beide
wurden angewiesen, mglichst schnell vorzurcken, drei Tage stromabwrts
haltzumachen und die Stromflotte zu erwarten; dort sollte der Satrap
Philippos von der indischen Satrapie zu ihnen stoen.

Noch eine Trauerfeier war zu begehen, ehe es zum Aufbruch kam. Der Hipparch
und Strateg Koinos war einer Krankheit erlegen; die berlieferung scheint
anzudeuten, da der Knig ihm jenen Vorgang am Hyphasis nicht vergessen
habe: nach den Umstnden glnzend wurde er bestattet.

Dann kam der zur Abfahrt bestimmte Tag; mit dem Morgen begann das
Einschiffen der Truppen; auf beiden Seiten des Stromes hatten Hephaistion
und Krateros ihre Phalangen, ihre Reiterei, ihre Elefanten in glnzender
Schlachtlinie aufrcken lassen; whrend sich ein Schiffsgeschwader nach dem
anderen ordnete, hielt der Knig an den Ufern des Stromes feierliche Opfer
nach hellenischem Brauch; nach der Weisung der vaterlndischen Priester
opferte er den Gttern der Heimat, dem Poseidon, der hilfreichen
Amphitrite, dem Okeanos, den Nereiden, dem Strome Hydaspes; dann stieg er
auf sein Schiff, trat an den Bord des Vorderteiles und spendete aus
goldener Schale, lie den Trompeter das Signal zum Aufbruch blasen, und
unter Trompetenschmettern und Alalageschrei schlugen die Ruder von allen
Schiffen zugleich in die Wellen. So fuhr das segelbunte Geschwader, die
achtzig Kriegsschiffe vorauf, in schnster Ordnung den Strom hinab, ein
wunderbares und unbeschreibliches Schauspiel. Mit nichts vergleichen lt
sich dies Rauschen des Ruderschlages, der auf allen Schiffen zugleich sich
wechselnd hob und senkte, dies Kommando der Schiffsfhrer, wenn das Rudern
ruhen, wenn wieder beginnen sollte, das Alala der Matrosen, mit dem sie die
Ruder wieder ins Wasser schlugen; zwischen den hohen Ufern hallte das Rufen
desto mchtiger, und in den Schluchten bald rechts, bald links gab das Echo
es zurck; dann wieder umschlossen Wlder den Strom, und fern in der
Waldeinsamkeit widerhallte der Fahrenden Ruf; bei Tausenden standen die
Inder an den Ufern und sahen staunend dies fahrende Heer und die
Streitrosse auf den Schiffen mit bunten Segeln, und die wunderbare stets
gleiche Ordnung der Geschwader; sie jauchzten dem Rufe der Ruderer entgegen
und zogen, ihre Lieder singend, den Strom mit hinab. Denn es gibt kein
Volk, das den Gesang und Tanz mehr liebt als die Inder.

Nach einer dreitgigen Fahrt kam der Knig zu der Ufergegend, wo Krateros
und Hephaistion die Flotte erwarten sollten; sie lagerten schon zu beiden
Seiten des Stromes. Hier rastete Heer und Flotte zwei Tage, um den Satrapen
Philippos mit der Nachhut der groen Armee herankommen zu lassen. Sobald
die gesamte makedonische Kriegsmacht -- 120000 Kombattanten zhlte sie
jetzt -- beieinander war, traf der Knig die Einrichtungen, welche beim
baldigen Einrcken in fremdes Gebiet und zunchst zur Unterwerfung des
Landes bis zur Akesinesmndung ntig waren; namentlich wurde Philippos
linksab an den Akesines detachiert, um sich des westlichen Stromufers zu
versichern; Hephaistion und Krateros zogen rechts und links vom Hydaspes
etwas landeinwrts weiter; jenseits der Akesinesmndung sollte die gesamte
Heeresmacht wieder zusammentreffen, um den Feldzug gegen die Maller und
Oxydraker von dort aus zu beginnen. Denn schon war von den bedeutenden
Rstungen, die diese groen und streitbaren Vlker machten, Nachricht
eingelaufen; schon htten sie, hie es, ihre Weiber und Kinder in die
festen Pltze gebracht, und bei vielen Tausenden zgen sich Bewaffnete an
den Hyarotis zusammen. Der Knig glaubte um so mehr vorwrtseilen und den
Feldzug erffnen zu mssen, ehe der Feind seine Rstungen vollendet htte.
So ging die Flotte nach zweitgiger Rast weiter den Strom hinab; berall,
wo sie anlangte, unterwarfen sich die Anwohner freiwillig oder wurden mit
leichter Mhe dazu gezwungen.

Am fnften Tage hoffte Alexander die Mndung des Akesines in den Hydaspes
zu erreichen; er hatte bereits in Erfahrung gebracht, da diese Stelle fr
die Schiffahrt schwierig sei, da sich die Strme unter starkem
Wellenschlag und vielen Strudeln vermischten, um dann in ein schmales Bett
zusammengedrngt mit Ungestm weiterzustrmen. Diese Nachrichten waren auf
der Flotte verbreitet und zugleich zur Vorsicht ernstlich ermahnt worden.
Gegen Ende der fnften Tagefahrt hrte man aus Sden her ein gewaltiges
Brausen, hnlich dem der Meeresbrandung bei hohler See; staunend hielten
die Ruderer der ersten Geschwader inne, unschlssig, ob das Meer, oder ein
Unwetter, oder was sonst nahe sei; dann belehrt und ermahnt zu rstiger
Arbeit, wenn sie der Mndung nahten, fuhren sie weiter. Immer mchtiger
wurde das Brausen, die Ufer verengten sich, schon sah man die Mndung, eine
wildwogende, schaumige Stromesbrandung, in der die Flut des Hydaspes
senkrecht auf die Wassersule des Akesines strzt und in strudelnder,
tosender Wut gegen ihn kmpft, um pfeilgeschwind mit ihm zwischen den engen
Ufern hinabzubrausen. Noch einmal ermahnten die Steuerleute zur Vorsicht
und zur hchsten Anstrengung der Arbeit, um durch die Gewalt der Ruder die
Strmung, die die Schiffe in die Strudel gerissen htte, wo sie unrettbar
verloren waren, zu berwinden und mglichst schnell aus der Stromenge in
freieres Wasser zu gelangen. Und schon ri der Strom die Menge mit sich
fort, mit unsglicher Mhe hielten Ruder und Steuer die Richtung; mehrere
Fahrzeuge wurden berwltigt, in die Strudel gerissen, kreiselnd umgedreht,
die Ruder zerbrochen, die Flanken beschdigt, sie selbst mit genauer Not
vor dem Untergehen gerettet; besonders die langen Schiffe waren in groer
Gefahr, zwei von ihnen, gegeneinandergejagt, zerschellten und versanken;
leichtere Fahrzeuge trieben ans Ufer; am glcklichsten kamen die breiten
Lastschiffe durch, die, von dem Strudel ergriffen, zu breit um
umzuschlagen, von der Gewalt der Wellen selbst wieder in die rechte
Richtung gebracht wurden. Alexander selbst soll mit seinem Schiffe in den
Strudeln und in der augenscheinlichsten Lebensgefahr gewesen sein, so da
er schon sein Oberkleid abgeworfen hatte, um sich in das Wasser zu strzen
und sich durch Schwimmen zu retten.

So kam die Flotte nicht ohne bedeutenden Verlust ber die gefhrliche
Stelle hinaus; erst eine Stunde abwrts wurde das Wasser ruhiger und
freier; der Strom wendet sich hier um die Uferhgel rechts hin; hinter
ihnen konnte man bequem und vor der Strmung gesichert anlegen, zugleich
war das weit hinausreichende Uferland zum Auffangen der hinabtreibenden
Scheiter und Leichname geeignet. Der Knig lie hier die Flotte anlegen und
befahl dem Nearch, die Ausbesserung der beschdigten Fahrzeuge mglichst
schnell zu bewerkstelligen. Er selbst benutzte die Zeit zu einer Exkursion
ins Land, damit die streitbaren Vlker dieser Landschaft, die Siber und
Agalasser, den Mallern und Oxydrakern, von denen sie der Akesines trennte,
nicht etwa bei dem bevorstehenden Angriff der Makedonen zu Hilfe kmen.
Nach einem Marsche von sechs Meilen, der dazu benutzt wurde, durch
Verwstungen Schrecken zu verbreiten, stand Alexander vor der nicht
unbedeutenden Hauptstadt der Siber; sie wurde ohne groe Mhe erstrmt.
Nach einem anderen Berichte ergab sie sich freiwillig.

Bei seiner Rckkehr zum Akesines fand Alexander die Flotte in segelfertigem
Stand, auch war Krateros im Lager, Hephaistion und Philippos oberhalb der
Strommndung angekommen. Sofort wurden die Anordnungen fr den Zug gegen
die Maller getroffen, deren Gebiet etwa sieben Meilen stromabwrts bei der
Hyarotismndung begann und an diesem Strome weit gen Norden hinaufreichte.
Sie waren, das wute der Knig, auf einen Angriff gefat und gerstet; sie
muten erwarten, da das makedonische Heer zur Hyarotismndung hinabgehen
und von da aus in ihr Gebiet eindringen werde, da es durch eine wasserlose
Wste von mehreren Meilen Breite vom Akesines getrennt war, und also von
der Gegend der Schiffsstation aus unangreifbar schien. Der Knig beschlo,
sie auf diesem Wege, wo sie es am wenigsten erwarteten, und in dem oberen
Teil ihres Landes, unfern von den Grenzen der Gandaritis und der Kather,
pltzlich anzugreifen und sie von da aus den Hyarotisstrom hinabzudrngen;
an den Mndungen dieses Flusses sollten sie, wenn sie Zuflucht oder
Beistand auf dem jenseitigen Ufer des Akesines suchten, den Makedonen
wiederum in die Hnde fallen. Deshalb ging zunchst die Flotte unter Nearch
dorthin ab, um das rechte Ufer des Akesines der Hyarotismndung gegenber
zu besetzen und so die Verbindung des mallischen Landes mit dem Uferlande
drben abzuschneiden; Krateros sollte mit seinen Truppen, mit den Elefanten
und der Phalanx Polysperchon, die bis daher bei Hephaistion gewesen waren,
und mit den Truppen des Philippos, die den Hydaspes oberhalb seiner Mndung
bersetzten, drei Tage spter auf der Station Nearchs eintreffen und mit
dieser bedeutenden Heeresmacht auf dem rechten Stromufer die Basis fr die
khnen Operationen jenseits bilden. Sobald Nearchos und Krateros
aufgebrochen waren, teilte Alexander das noch brige Heer in drei Korps;
whrend er selbst mit dem einen den berfall im Innern des Mallerlandes
bewerkstelligen und die Feinde stromab treiben wrde, sollte Hephaistion,
der mit dem zweiten Korps fnf Tage frher ausrckte, die Linie des
Hyarotis besetzen, um die Fliehenden aufzufangen, der Lagide Ptolemaios
dagegen mit dem dritten Korps drei Tage spter ausrcken, um den etwa
rckwrts zum Akesines Flchtenden den Weg zu sperren.

Die Maller und Oxydraker ihrerseits, so heit es, hatten zwar bei der
Nachricht von Alexanders Herannahen ihre alten Fehden beigelegt, sich zu
gegenseitiger Hilfeleistung durch Geiseln verpflichtet und ein sehr
bedeutendes Heer, ber sechzigtausend Mann Fuvolk, zehntausend Reiter,
siebenhundert Streitwagen zusammengebracht, waren aber bei der Wahl eines
gemeinsamen Anfhrers -- denn sie gehrten zu den Aratten, den Indern ohne
Frsten -- miteinander so uneins geworden, da sich die Heeresmacht
auflste und die Kontingente der einzelnen Distrikte sich in ihre festen
Stdte zerstreuten; eine Angabe, die zwar nicht durch besondere Autoritt
verbrgt wird, aber durch die Eigentmlichkeit des Operationsplanes, den
Alexander entworfen, einige Besttigung erhlt. Nach anderen Berichten
hatten die Maller und Oxydraker die Absicht, sich zu verbnden, und wrden
dann eine bedeutende Kriegsmacht den Makedonen entgegengestellt haben,
weshalb eben Alexander so eilte, um der Vereinigung mit seinem Angriff
zuvorzukommen.

An dem zum Aufbruch bezeichneten Tage, gegen Mitte November, rckte
Alexander aus; mit ihm waren die Hypaspisten, die Schtzen und Agrianer,
die Phalanx Peithon, die Hlfte der makedonischen Hipparchien und die
Bogenschtzen zu Pferd. In kurzer Entfernung vom Akesines begann die Wste;
nach einem fnfstndigen Marsche gelangte man zu einem Wasser; dort wurde
haltgemacht, Mittag gehalten, ein wenig geruht, Wasser in die Behlter, wie
sie jeder hatte, geschpft, dann weitermarschiert; den noch brigen Teil
des Tages und die folgende Nacht durch ging es in mglichster Eile weiter;
am anderen Morgen sah man, nach einem Marsche von fast acht Meilen, die
mallische Stadt Agalassa mit ihrer Burg gen Osten liegen. Hierher hatten
sich viele Maller zurckgezogen; sie lagerten unbewacht und unbewaffnet vor
den Mauern der Stadt, die die Menschenmenge nicht fate; sie waren so
vollkommen berzeugt, da ein berfall durch die Wste her unmglich sei,
da sie das herannahende Heer fr alles andere, nur nicht fr Makedonen
hielten. Und schon waren Alexanders Reiter mitten unter ihnen; an
Widerstand war nicht zu denken; Tausende wurden niedergehauen; was fliehen
konnte, rettete sich in die Stadt, die Alexander von der Reiterei
einschlieen lie, bis das Fuvolk nachkme, um den Sturm zu beginnen.
Sobald dieses heran war, entsandte der Knig schleunigst Perdikkas mit zwei
Hipparchien und den Agrianern zu einer benachbarten Stadt, in die sich
viele Inder geflchtet hatten, mit der Weisung, dieselbe auf das
sorgfltigste zu beobachten, selbst jedoch nichts gegen sie zu unternehmen,
bevor das Heer von Agalassa nachrcke, damit nicht die Flchtlinge zugleich
die Nachricht von der Nhe der Makedonen weiter landein verbreiteten. Indes
begann Alexander den Sturm; die Inder, die schon bei dem ersten berfall
hart mitgenommen waren, verzweifelten, die Mauern behaupten zu knnen; von
den Toren und Trmen zurckfliehend, wurden sie von den nachdringenden
Makedonen grtenteils erschlagen, nur einige Tausend flchteten sich in
die Burg und wehrten sich von dort herab mit dem Mute der Verzweiflung;
mehr als ein Angriff der Makedonen wurde zurckgeschlagen, die immer
steigende Erbitterung, der Zuruf und das Beispiel des Knigs, die
Erschpfung der Gegner lie die Makedonen endlich den Sieg erringen, fr
dessen Mhe sie sich mit einem grlichen Gemetzel unter den Indern
rchten; von den zweitausend, welche die Burg verteidigt hatten, entkam
keiner.

Indessen hatte Perdikkas die Stadt, gegen die er gesandt war, bereits von
den Einwohnern verlassen gefunden; er beeilte sich, den Fliehenden
nachzusetzen; er holte sie in der Tat noch ein, und die sich nicht ber den
Strom oder in das Sumpfland an dessen Ufer gerettet hatten, wurden
erschlagen. Der Knig seinerseits hatte nach Erstrmung der Burg von
Agalassa den Seinigen wenige Stunden Ruhe gegnnt; mit Einbruch der Nacht
lie er, nachdem eine kleine Besatzung in die Burg gelegt war, aufbrechen
und dem Hyarotis zu marschieren, um den Mallern der Umgegend die Flucht auf
das jenseitige Ufer abzuschneiden. Gegen Morgen erreichte er die Furt des
Flusses, die meisten der Feinde waren schon hinbergeflchtet; die noch
zurckgeblieben, wurden niedergehauen; er selbst setzte sogleich durch den
Strom, bald waren die fliehenden Scharen eingeholt, von neuem begann das
Gemetzel; wer entkam, rettete sich in eine naheliegende Feste, die brigen
ergaben sich dem Sieger. Sobald das Fuvolk nachgekommen war, entsandte der
Knig Peithon mit seiner Phalanx und zwei Geschwadern gegen diese Feste;
sie fiel beim ersten Sturm, und die Maller in ihr wurden zu
Kriegsgefangenen gemacht, worauf Peithon wieder zum Knige stie.

Dieser war indessen gegen eine Brahmanenstadt, in die sich gleichfalls
viele Maller geworfen hatten, vorgerckt und hatte sofort die Mauern
umzingelt und sie zu untergraben beginnen lassen; zugleich von den
Geschossen der Makedonen schwer mitgenommen, zogen sich die Inder in die
Burg der Stadt zurck; eine Schar Makedonen war allzu khn vorgegangen und
mit in die Burg hineingedrungen; aber sie vermochte sich nicht gegen die
bermacht zu halten; fast abgeschnitten, schlug sie sich mit bedeutendem
Verluste durch. Da steigerte sich die Erbitterung der Truppen; sofort lie
Alexander Sturmleitern heranbringen und die Burgmauern unterminieren;
sobald ein Turm und der daranstoende Teil der Mauer eingestrzt war und
eine Bresche zum Strmen darbot, war Alexander der erste auf den Trmmern,
ihm nach drangen jubelnd die Makedonen, und in kurzer Zeit war die Mauer
trotz der tapfersten Gegenwehr von Feinden gesubert; viele von ihnen
wurden im Kampfe erschlagen, andere warfen sich in die Gebude, steckten
sie in Brand und schleuderten, whrend die Feuersbrunst ungehemmt um sich
griff, aus den brennenden Husern Speere und Balken auf die Makedonen, bis
sie der Glut und dem Dampf erlagen. Wenige fielen lebend den Makedonen in
die Hnde, gegen fnftausend waren beim Sturm und beim Brande der Burg
umgekommen.

Alexander lie hier seine durch die ungeheuren Anstrengungen der letzten
fnf Tage erschpften Truppen einen Tag ruhen; mit frischen Krften zogen
sie dann aus, die anderen mallischen Stdte auf der Sdseite des Hyarotis
zu erobern; aber berall waren die Einwohner vor ihrer Ankunft bereits
entflohen; es schien nicht ntig, die einzelnen Haufen aufzusuchen; es
gengte, ihnen die Stdte zu zerstren. So mehrere Tage; dann folgte wieder
ein Ruhetag, damit die Truppen zum Angriff auf die grte Stadt diesseits,
in die sich, auf ihre Strke vertrauend, viele Maller geworfen haben
sollten, frische Kraft sammeln konnten.

Um die waldigen Ufer stromaufwrts, im Rcken der ferneren Bewegungen, den
zersprengten Mallern nicht zum Zufluchtsort und zum Sammelplatz fr eine
gefhrliche Diversion werden zu lassen, wurde die Phalanx Peithon, die
Hipparchie Demetrios und die ntigen Haufen leichtes Volk an den Strom
zurckgesandt, mit dem Auftrag, die Inder dort in den Wldern und Smpfen
aufzusuchen und alle, die sich nicht freiwillig ergben, niederzuhauen. Mit
den brigen Truppen zog der Knig selbst, in der Erwartung eines
hartnckigen Kampfes, auf die oben bezeichnete Stadt los; aber so gro war
der allgemeine Schrecken, den die makedonischen Waffen verbreitet hatten,
da die Inder in der groen Stadt, an der Mglichkeit sie zu behaupten
verzweifelnd, sie preisgaben, sich ber den nahen Strom zurckzogen und
dessen hohe Nordufer besetzten, in der Hoffnung, von dieser allerdings
gnstigen Position aus den bergang der Makedonen hindern zu knnen. Sobald
Alexander davon unterrichtet war, brach er schleunigst mit der gesamten
Reiterei auf und befahl dem Fuvolk, ohne Verzug nachzurcken. Angekommen
an dem Strom, lie er, unbekmmert um die jenseits aufgestellte Linie der
Feinde, sofort den bergang beginnen; und die Inder, durch die Khnheit
dieses Manvers in Schrecken gesetzt, zogen sich, ohne den ungleichen Kampf
zu versuchen, in geschlossener Ordnung zurck; aber sobald sie bemerkten,
da ihnen nicht mehr als vier- bis fnftausend Mann Reiter gegenber waren,
wandte sich ihre ganze Linie, wohl fnfzigtausend Mann stark, gegen
Alexander und dessen Reiterkolonne und versuchte sie vom Ufer, das sie
bereits besetzt hatten, hinabzudrngen. Mit Mhe und nur durch eine Reihe
knstlicher Bewegungen, durch welche jedem Handgemenge ausgewichen wurde,
behaupteten sich die Reiter auf diesem schwierigen Terrain, bis nach und
nach einige Scharen leichten Volks und namentlich die Schtzen nachgekommen
waren und man jenseits auch schon das schwere Fuvolk dem Ufer nahen sah.
Jetzt begann Alexander vorzurcken; aber die Inder wagten nicht, den
Angriff zu erwarten, sie wandten sich zur Flucht in eine benachbarte, stark
befestigte Stadt; die Makedonen verfolgten sie lebhaft, tteten viele auf
der Flucht und machten nicht eher, als unter den Mauern der Stadt halt.

Der Knig lie sofort die Stadt von der Reiterei umzingeln; doch wurde es
spter Abend, ehe das Fuvolk herankam; zugleich waren alle, die Reiterei
von dem Flubergange und der heftigen Verfolgung, das Fuvolk von dem
weiten und schweren Marsche, so erschpft, da fr diesen Tag nichts weiter
unternommen werden konnte; so wurde das Lager rings um die Stadt her
aufgeschlagen. Aber mit dem ersten Morgen begann der Knig mit der einen,
Perdikkas mit der zweiten Hlfte des Heeres von allen Seiten das Strmen
gegen die Mauern; die Inder vermochten nicht, sie zu behaupten, sie zogen
sich von allen Seiten auf die stark befestigte Burg zurck. Alexander lie
auf seiner Seite ein Tor der Stadtmauer erbrechen und drang an der Spitze
seiner Leute, ohne Widerstand zu finden, in die Stadt und durch die Straen
zur Burg; sie war mit starken Mauern versehen, die Trme wohlbemannt, die
Belagerungsarbeit unter den Geschossen der Feinde gefhrlich. Dennoch
begannen die Makedonen sofort zu untergraben; andere brachten ein paar
Sturmleitern heran, versuchten sie anzulegen; der ununterbrochene
Pfeilregen von den Trmen machte selbst die Mutigsten stutzen. Da ergriff
der Knig eine Leiter; in der Linken den Schild, in der Rechten sein
Schwert, stieg er empor, ihm nach Peukestas und Leonnatos auf derselben,
ein alter Kriegshauptmann Abreas auf einer zweiten Leiter. Schon ist der
Knig bis an die Zinne; den Schild vor sich aufgesttzt, zugleich kmpfend
und sich wehrend, strzt er die einen rcklings von der Mauer hinab, stt
die anderen mit seinem Schwert nieder; die Stelle vor ihm ist einen
Augenblick frei, er schwingt sich auf die Zinne, ihm folgt Perdikkas,
Leonnatos, Abreas; schon dringen die Hypaspisten mit lautem Geschrei auf
den zwei Leitern nach, berfllt brechen diese zusammen, der Knig auf der
Zinne ist abgeschnitten. An seiner glnzenden Rstung, an seinem Helmbusch
erkennen ihn die Inder; zu nahen wagt ihm niemand, aber Pfeile, Speere,
Steine werden aus den Trmen herab, aus der Burg herauf auf ihn
geschleudert; seine Getreuen rufen ihm zu zurckzuspringen und seines
Lebens zu schonen; er mit mit einem Blick die Mauerhhe zur Burg hinein,
und schon ist der khne Sprung getan. Er steht allein innerhalb der
feindlichen Mauer; mit dem Rcken an sie gelehnt erwartet er die Feinde.
Schon wagen sie zu nahen, schon dringt ihr Fhrer auf ihn ein; mit einem
Schwertsto durchbohrt ihn Alexander, einen zweiten wirft er mit einem
Stein nieder, ein dritter, ein vierter sinkt unter des Knigs Schwert. Die
Inder weichen zurck, sie beginnen von allen Seiten her Pfeile, Speere,
Steine, was jeder hat, auf ihn zu werfen; noch schtzt ihn sein Schild,
dann ermdet sein Arm. Schon sind auch Peukestas, Leonnatos, Abreas
herabgesprungen, an seiner Seite; aber Abreas sinkt, von einem Pfeil ins
Gesicht getroffen, nieder; jauchzend sehen es die Inder, mit doppeltem
Eifer schieen sie; ein Pfeil trifft des Knigs Brust, der Panzer ist
durchbohrt, ein Blutstrahl sprht hervor, mit ihm der Atem der Lunge. In
der Spannung des Kampfes bemerkt es der Knig nicht, er fhrt fort, sich zu
wehren; der Blutverlust macht ihn ermatten, seine Knie schwanken; ihm
vergehen die Sinne; er sinkt an seinem Schilde nieder. Wilder dringen die
Inder ein. Peukestas stellt sich ber den Gefallenen, deckt ihn mit dem
Schilde von Ilion, das er trgt, Leonnatos beschirmt ihn von der anderen
Seite; schon trifft sie Pfeil auf Pfeil; sie halten sich kaum noch
aufrecht; der Knig verblutet.

Indes ist vor den Mauern die wildeste Bewegung; die Makedonen haben ihren
Knig in die Stadt hinabspringen sehen; es ist nicht mglich, da er sich
rettet, und sie vermgen ihm nicht zu folgen; man will Sturmleitern,
Maschinen, Bume anlegen; alles hlt nur auf, jeder Augenblick Sumnis kann
sein Tod sein; sie mssen ihm nach, die einen treiben Pflcke in die Mauer
und klimmen empor, andere steigen auf den Schultern der Kameraden zu den
Zinnen hinan. Da sehen sie den Knig am Boden, Feinde dicht umher, schon
sinkt Peukestas; vor Wut und Jammer schreiend strzen sie sich hinab; sie
scharen sich schnell um den Gefallenen, dicht verschildet rcken sie vor
und drngen die Barbaren hinweg. Andere werfen sich auf das Tor, reien es
auf, heben die Torflgel aus den Angeln, und mit wildem Geschrei strzen
die Kolonnen hinein in die Burg. Nun geht es mit doppelter Macht auf den
Feind; sie schlagen alles tot, Weiber, Kinder werden durchbohrt, das Blut
soll ihre Rache khlen. Andere tragen den Knig auf seinem Schilde fort;
noch ist der Pfeil in seiner Brust; man versucht, ihn herauszuziehen, ein
Widerhaken hlt ihn zurck; der Schmerz lt den Knig aus seiner Ohnmacht
erwachen; seufzend bittet er, den Pfeil aus der Wunde zu lsen, die Wunde
mit seinem Schwert zu erweitern. So geschieht es, reichlich rieselt das
Blut hervor, eine neue Ohnmacht berfllt ihn; Leben und Tod scheint ber
ihn zu ringen. Weinend stehen die Freunde um sein Lager, die Makedonen vor
dem Zelt; so vergeht der Abend und die Nacht.

Schon waren Gerchte von diesem Kampf, von der Wunde, vom Tode des Knigs
in das Lager an der Hyarotismndung gekommen und hatten dort eine
unbeschreibliche Bewegung hervorgerufen. Zuerst Schrecken, lautes Jammern
und Weinen; dann wurde es stiller, man begann zu fragen was nun werden
solle? Es wuchs die Sorge, die Entmutigung, die Qual der Ratlosigkeit; wer
sollte des Heeres Fhrer werden? Wie sollte das Heer in die Heimat
zurckkehren? Wie die endlosen Lnderstrecken, die furchtbaren Strme, die
den Gebirge, die Wsteneien hindurch Weg und Rat finden? Wie sich
verteidigen vor allen den streitbaren Vlkern, die ihre Freiheit zu
verteidigen, ihre Unabhngigkeit wiederzuerkmpfen, ihre Rache an den
Makedonen zu stillen nicht lnger zgern wrden, da Alexander nicht mehr zu
frchten war? Und als die Nachricht kam, noch lebe der Knig, so glaubte
man es kaum, so verzweifelte man, da er dem Tode entrinnen werde; als ein
Schreiben von dem Knige selbst kam, da er in kurzem in das Lager
zurckkehren werde, hie es, der Brief sei von den Leibwchtern und
Strategen erdichtet, um die Gemter zu beruhigen, der Knig sei tot und
sie ohne Rat und Rettung.

Indes war Alexander wirklich vom Tode gerettet und nach sieben Tagen seine
Wunde, wennschon noch offen, doch ohne weitere Gefahr; die Nachrichten aus
dem Lager und die Besorgnis, es mchte im Heer der Glaube, er sei tot,
Unordnungen erzeugen, veranlaten ihn, seine vllige Herstellung nicht
abzuwarten, sondern schon jetzt zum Heere zurckzukehren. Er lie sich zum
Hyarotis hinab auf eine Jacht tragen, auf der ein Zelt fr sein
Krankenlager errichtet war; ohne Ruderschlag, um die Erschtterung zu
vermeiden, nur von der Strmung getragen, nahte die Jacht am vierten Tage
dem Lager. Die Kunde, Alexander komme, war vorausgeeilt, wenige glaubten
sie. Schon sah man zwischen der Uferwaldung die Jacht mit dem Zelte den
Strom herabkommen; mit ngstlicher Spannung standen die Truppen lngs dem
Ufer. Der Knig lie das Zelt aufschlagen, damit ihn alle shen. Noch
meinten sie, es sei der tote Knig, den das Schiff bringe. Ehe es das Ufer
erreichte, hob er den Arm, wie den Seinigen zum Gru. Da erscholl der
freudigste Aufschrei der Tausende, sie streckten die Hnde gen Himmel empor
oder ihrem Knige entgegen, Freudentrnen mischten sich in den immer neuen
Jubelruf. Dann legte die Jacht an, einige Hypaspisten brachten ein Lager,
den Knig aus dem Schiff in sein Zelt zu tragen; er befahl ein Pferd zu
bringen; als das Heer ihn wieder hoch zu Ro sah, erbrauste ein
Freudengeschrei und Hndeklatschen und Schilderklang, da die Ufer drben
und die Waldungen umher widerhallten. Dem Zelte nah, das fr ihn bereit
war, stieg er vom Pferde, damit seine Kriegsleute ihn auch gehen shen; da
drngten sie sich von allen Seiten heran, seine Hand, sein Knie, sein Kleid
zu berhren, oder auch nur ihn von nahe zu sehen, ihm ein gutes Wort
zuzurufen, ihm Bnder und Blumen zuzuwerfen.

Bei diesem Empfang wird geschehen sein, was Nearchos aufgezeichnet hat. Dem
Knige seien von einigen Freunden Vorwrfe gemacht worden, da er sich so
der Gefahr ausgesetzt habe: das sei der Soldaten, nicht des Feldherrn
Sache; ein alter Boiotier, der das gehrt und des Knigs Mistimmung
darber bemerkt habe, sei herangetreten und habe in seinem boiotischen
Dialekt gesagt: Dem Mann die Tat, o Alexandros; aber wer kmpft, mu
leiden. Der Knig habe ihm zugestimmt und ihm das gute Wort auch spter
nicht vergessen.

Die schnelle Eroberung der mallischen Hauptstadt hatte den mchtigsten
Eindruck auf smtliche Vlkerschaften dieser Gegend gemacht. Die Maller
selbst, obschon noch weite Strecken ihres Gebietes von den Makedonen nicht
berhrt waren, verzweifelten, lngeren Widerstand zu leisten; in einer
demtigen Gesandtschaft ergaben sie sich und ihr Land dem Knige. Die
Oxydraker oder Sudraker, die mit den Mallern als die tapfersten Vlker
Indiens berhmt waren und eine bedeutende Streitmacht ins Feld stellen
konnten, zogen es vor, sich zu unterwerfen; eine groe Gesandtschaft,
bestehend aus den Befehlshabern der Stdte, den Herren der Landschaft und
einhundertundfnfzig der Vornehmen des Landes, kamen mit reichen
Geschenken, zu allem, was der Knig fordern wrde, bevollmchtigt; sie
sagten, da sie nicht schon eher vor dem Knige erschienen, sei ihnen zu
verzeihen, da sie mehr noch als irgendein anderes Volk Indiens ihre
Freiheit liebten, die sie seit undenklichen Zeiten, seit dem Zuge des
Gottes, den die Griechen Dionysos nennen, bewahrt htten; dem Alexandros
aber -- denn er solle ja von den Gttern stammen, und seine Taten seien
Beweis dafr -- unterwrfen sie sich gern und seien bereit, einen Satrapen,
den er setzen werde, aufzunehmen, Tribut zu zahlen und Geiseln zu stellen,
so viele der Knig verlangen wrde. Er verlangte tausend der Edelsten des
Volkes, die, wenn er wolle, ihm als Geiseln folgen oder den Krieg bis zur
Unterwerfung der noch brigen Landschaften Indiens mitmachen sollten. Die
Oxydraker stellten die Tausend, sandten auerdem freiwillig fnfhundert
Kriegswagen mit, jeden mit zwei Kriegsleuten und seinem Wagenfhrer, worauf
Alexander die Tausend huldreich entlie, die Kriegswagen aber seinem Heere
zufgte; ihr Gebiet nebst dem der Maller wurde der Satrapie Indien unter
Philippos zugewiesen.

Nachdem Alexander hergestellt war und den Gttern in feierlichen Opfern und
Kampfspielen fr seine Genesung gedankt hatte, brach er aus seinem Lager an
der Hyarotismndung auf. Whrend des Aufenthaltes an dieser Stelle waren
viele neue Schiffe gebaut worden, so da jetzt bedeutend mehr Truppen als
bisher mit dem Knige stromab fahren konnten; es waren mit ihm 10000 Mann
Fuvolk, von den Leichtbewaffneten die Schtzen und Agrianer, 1700 Mann
makedonische Ritterschaft. So segelte der Knig aus dem Hyarotis in den
Akesines hinab, durch das befreundete Land der Oxydraker, an der
Hyphasismndung vorber bis zur Vereinigung des mchtigen Pandschnad mit
dem Indus. Nur die Abastaner (Ambastha) hatte Perdikkas im Vorbergehen zur
Unterwerfung zwingen mssen; die anderen Vlkerschaften nah und fern
schickten Gesandtschaften mit vielen und kostbaren Geschenken, feinen
Webereien, Edelsteinen und Perlen, bunten Schlangenhuten,
Schildkrtenschalen, gezhmten Lwen und Tigern; auch neue Dreiigruderer
und Lastschiffe in bedeutender Zahl, die der Knig im Land des Xathras
hatte bauen lassen, kamen den Strom herab. Hier, wo der Indus den
Pandschnad, die vereinigten fnf stlichen Nebenstrme aufnimmt, und wo fr
den Verkehr zwischen dem Innern des Landes und der Indusmndung sich der
natrliche Mittelpunkt bildet, beschlo Alexander eine hellenische Stadt zu
grnden, die ebenso wichtig fr die Behauptung des Landes, wie durch den
Indushandel bedeutend und blhend werden mute; sie sollte der sdlichste
Punkt der indischen Satrapie des Philippos sein, der hier mit einer
ansehnlichen Heeresmacht, bestehend aus den smtlichen thrakischen Truppen
und einer verhltnismigen Zahl Schwerbewaffneter aus den Phalangen
zurckblieb, mit dem Auftrage, namentlich fr den sicheren Handel in dieser
Gegend die mglichste Sorge zu tragen, einen gerumigen Hafen im Indus,
Schiffswerften und Speicher anzulegen und auf alle Weise das Aufblhen
dieses Alexandriens zu befrdern.

Es mochte im Februar des Jahres 325 sein, als das makedonische Heer von
Alexandreia zu den Lndern des unteren Indus aufbrach; der grere Teil
desselben nebst den Elefanten war unter Krateros auf das stliche Ufer des
Stromes hinbergesetzt, wo die Wege besser und die anwohnenden Vlker noch
nicht alle zur Unterwerfung geneigt waren. Der Knig selbst fuhr mit den
obengenannten Truppen den Strom hinab. Heer und Flotte kam ohne Hindernis
in das Land der udra, das die Hellenen Sogdoi oder Sodroi nannten, und
machte bei deren Hauptstadt halt; sie wurde unter dem Namen des sogdischen
Alexandrien zu einer hellenischen Kolonie gemacht, bedeutend befestigt, mit
Hafen und Schiffswerften versehen und dem Satrapen des unteren Indus,
dessen Gebiet sich von der Pandschnadmndung bis zum Meere erstrecken
sollte, als Residenz angewiesen, Peithon aber mit einem Heere von 10000
Mann zum Satrapen bestellt.

Die Stelle des sogdischen Alexandrien ist fr den unteren Lauf des Indus
eine der wichtigsten; hier beginnt sich der Charakter des Stromes, der
Landschaft, der Bevlkerung entschieden zu ndern. Die Solimanketten, die
den Indus von Norden nach Sden begleitet haben, wenden sich fast in
rechtem Winkel nach Westen zu den Bholanpssen. Die Wste, die dem Indus
auf seiner Ostseite nahegeblieben ist, weicht zurck; der Strom bildet mit
Nebenarmen, die er rechts und links aussendet, viele Inseln und Werder;
fruchtreiches, dichtbevlkertes Marschland dehnt sich lngs den Ufern aus;
bald wird die Nhe ozeanischer Einflsse merkbar. Hierzu kommt ein zweites,
nicht minder merkwrdiges Verhltnis: whrend sich ostwrts ein
einfrmiges, unabsehbares Flachland ausdehnt, sieht man, sowie man weiter
sdwrts kommt, ber der Ebene im Westen einen mchtigen Gebirgswall
emporsteigen, der die Landschaft schlieend bis zum Kap Monz hinabzieht;
der heutige Lauf des Indus geht in weitem Bogen bis an den Fu dieser
Gebirge und wendet sich dann wieder ostwrts nach Haidarabad, wo die
Deltabildung beginnt; im Altertum strmte der Indus auf der Sehne dieses
Bogens von Bhukor nach Haidarabad sdwrts, bei Bhukor eine niedrige
Kalksteinkette besplend, die er jetzt nach Westen hin durchbrochen hat;
sie trgt noch jetzt die Trmmer von Alor, der alten Kapitale des Landes
Sindh. Dies Land Sindh ist wie ein Garten, Weinberge schmcken die Hgel,
der Weihrauch des arabischen Tropenklimas, die Blumenflur feuchtwarmer
Tropengegend, der Mais der sumpfigen Ufergegenden gedeihen hier
nebeneinander; Stdte und Flecken in zahlloser Menge schmcken das Land,
auf dem Strom und dessen Kanlen ist steter Verkehr, und die Bevlkerung,
sdlndisch, dunkelfarbig, unter frstlichem Regiment, unterscheidet sich
sehr von den Vlkern der oberen Induslnder; hier hat die Kaste der
Brahmanen hohen Rang und entscheidenden Einflu auf das ffentliche Leben,
und das Tun der Frsten wird ebensosehr durch religise Vorurteile wie von
Argwohn und endlosen Rivalitten bestimmt; eine Charakteristik, die im
Laufe der Jahrhunderte, bei allem Wechsel der Herrschaft, der Religion, ja
der Natur selbst sich gleichgeblieben ist.

Diese Eigentmlichkeiten des Landes und der Bevlkerung machten sich im
Verhltnis zu Alexander sofort geltend. Die Unterwerfung der Maller hatte
allen Widerstand der nchstwohnenden Vlker aufhren lassen, und in
ununterbrochenem Siegeszuge war das Heer bis in das Land der Sogdier
gekommen. Aber auf freiwillige Unterwerfung der weiteren Vlkerschaften
wartete der Knig vergebens; weder die Frsten selbst, noch Gesandtschaften
der Frsten kamen, dem Herrn des Induslandes zu huldigen; den mchtigen
Fremdling zu verachten, mochten die Einflsterungen der hochmtigen
Brahmanen oder das Vertrauen auf ihre eigene Macht sie verfhrt haben. Nur
der Frst Sambos hatte sich freiwillig unterworfen; abhngig von dem
mchtigeren Musikanos, mochte er dem fremden Herrscher lieber als dem
Nachbarfrsten dienstbar sein wollen, und Alexander hatte ihn als Satrapen
in seinem Berglande besttigt, oder, was richtiger sein drfte, in dem
gleichen Verhltnis, wie die tributren Frsten der Satrapie Oberindiens
ihm seine Herrschaft gelassen.

Die unabhngige Stellung, welche Musikanos und die brigen Frsten des
Landes behaupten zu wollen schienen, ntigte den Knig, noch einmal die
Gewalt der Waffen zu versuchen. Vom sogdischen Alexandrien aus fuhr er
mglichst schnell stromabwrts in jenen Indusarm hinein, der gegen die
Berge hin und zu der Residenz des Musikanos fhrt; er erreichte dessen
Grenzen, bevor der Frst einen berfall ahnen mochte. Durch die Nhe der
Gefahr geschreckt, suchte dieser seinen hochmtigen Trotz durch schnelle
und niedrige Unterwrfigkeit vergessen zu machen; in Person kam er dem
Knige entgegen, er brachte viele und kstliche Geschenke, unter diesen
seine smtlichen Elefanten; er unterwarf sich und das Land der Gnade des
Knigs, er gestand ein, groes Unrecht getan zu haben -- das gewisseste
Mittel, des Knigs Gromut fr sich zu gewinnen. Er erhielt Verzeihung;
sein Land blieb ihm unter makedonischer Hoheit. Alexander bewunderte die
ppige Natur dieser Landschaft; die Residenz des Frsten, gnstig zur
Behauptung des ganzen Landes gelegen, sollte durch eine Burg, die Krateros
zu bauen Befehl erhielt, und durch eine makedonische Besatzung gesichert
werden.

Der Knig brach mit den Schtzen, den Agrianern, der Hlfte der Hipparchien
gegen das Land der Prstier und gegen den Frsten Oxykanos oder, wie ihn
andere nennen, Portikanos, auf; nicht geneigt, sich zu unterwerfen, hatte
sich dieser mit bedeutender Streitmacht in seiner Hauptstadt
eingeschlossen. Der Knig nahte, nahm eine der ersten Stdte des
Frstentums ohne Mhe; aber der Frst, nicht durch das Beispiel des
Musikanos geblendet, erwartete den Feind hinter den Mauern seiner Residenz.
Alexander kam, begann die Belagerung, am dritten Tage war sie so weit
gediehen, da sich der Frst in die Burg der Stadt zurckzog und
Unterhandlungen anknpfen wollte; es war zu spt, schon war die Mauer der
Burg durch eine Bresche geffnet, die Makedonen drangen ein, die Inder im
Kampf der Verzweiflung wurden berwltigt, der Frst erschlagen. Nach dem
Falle der Hauptstadt und des Frsten war es leicht, die brigen zahlreichen
Stdte dieses reichen Landes zu unterwerfen; Alexander gab sie der
Plnderung preis; er hoffte durch das Schicksal der Prstier die Vlker zu
schrecken und sie endlich die Unterwerfung, die er erzwingen konnte,
freiwillig darbringen zu sehen.

Aber schon waren neue Bewegungen an einem Punkte, wo man sie nicht vermutet
htte, ausgebrochen. Der Frst Sambos hatte mit Schrecken gesehen, da
Musikanos nicht blo ungestraft geblieben, sondern in hohe Gunst bei dem
Knige gekommen sei; er glaubte frchten zu mssen, da jetzt die Strafe
fr seinen Abfall folgen werde; die Brahmanen seines Hofes, ohne anderes
Interesse als das des Hasses gegen den siegenden Fremdling, verstanden
seine Angst zu nhren und ihn endlich zu dem verkehrtesten Schritt, den er
tun konnte, zu bewegen; er floh ber den Indus in die Wste und lie in
seinem Lande Verwirrung und Aufruhr zurck. Der Knig eilte dorthin; die
Hauptstadt Sindomana ffnete die Tore und unterwarf sich der Gnade
Alexanders um so lieber, da sie nicht teil an dem Abfall hatte; die
Elefanten und Schtze des Frsten wurden ausgeliefert, die anderen Stdte
des Landes folgten dem Beispiel der Residenz; nur eine, in welche sich die
Brahmanen, die den Abfall veranlat, geflchtet hatten, wagte Widerstand;
sie wurde genommen, die schuldigen Brahmanen hingerichtet.

Der blinde Fanatismus der heiligen Kaste, um so wilder, je hoffnungsloser
er war, hatte, durch das Schicksal der Brahmanen des Sambos ungeschreckt,
whrend des Knigs Abwesenheit den Frsten Musikanos und die Bevlkerung
seines Landes zum wildesten Ha gegen die Fremden, zur offenen Emprung,
zur Ermordung der makedonischen Besatzungen aufzureizen gewut; zu beiden
Seiten des Stromes loderte die Flamme des Aufruhrs, alles griff zu den
Waffen; und wre der Wut die Kraft des Willens und der Fhrung gleich
gewesen, so htte der Knig hier schweren Stand gehabt. Aber kaum nahte er,
so floh Musikanos ber den Indus; er sandte Peithon nach, ihn zu verfolgen;
er selbst zog gegen die Stdte, die, ohne gegenseitigen Beistand, ohne
verstndige Fhrung und ohne Hoffnung sich zu retten, dem Sieger schnell in
die Hnde fielen. Die Strafen des Abfalls waren streng, unzhlige Inder
wurden bei den Erstrmungen erschlagen oder nach dem Siege hingerichtet,
die berlebenden in Sklaverei verkauft, ihre Stdte zerstrt, die wenigen,
die stehenblieben, mit Burgen und makedonischer Besatzung versehen, die
das Land der Trmmer und der Verwstung bewachen sollten. Musikanos selbst
war gefangen worden, er und viele Brahmanen wurden des Todes schuldig
erkannt und an den Landstraen des Landes, dessen Unglck sie verschuldet,
aufgeknpft.

Der Knig kehrte jetzt zu seiner Flotte und dem Lager seines Heeres zurck;
die energische Strenge, mit der er die Emprungen erstickt und gestraft
hatte, schien endlich auf die Gemter der Inder den bezweckten Eindruck zu
machen. Vor allen beeilte sich der Frst Mris von Pattala, dessen
Herrschaft sich ber das Indusdelta erstreckte, sich dem Knige zu
unterwerfen; er kam nach Alexandreia, ergab sich und sein Land der Gnade
des Knigs und erhielt dafr seine Landschaft unter denselben Bedingungen,
wie sie dem Frsten Musikanos und den anderen Frsten, welche im Bereich
makedonischer Satrapien saen, vorgeschrieben worden waren. Nachdem
Alexander von ihm nhere Erkundigungen ber die Natur des Indusdelta, das
bei Pattala beginnt, ber die Strommndungen und den Ozean, in den sie sich
ergieen, eingezogen, sandte er ihn in sein Land zurck mit dem Befehl,
alles zur Aufnahme des Heeres und der Flotte vorzubereiten.

Mit dieser Unterwerfung des Mris, des letzten noch unabhngigen Frsten im
Induslande, waren die kriegerischen Bewegungen des Zuges beendet;
wenigstens war kein groer und allgemeiner Kampf, hchstens noch
vereinzelter Widerstand und leicht zu unterdrckende Unordnungen in dem
weiteren Induslande zu erwarten. Der ganzen vereinten Kriegsmacht bedurfte
es nicht weiter; es kam die Zeit der Rckkehr. Des Knigs Wunsch, den
Seeweg von Indien nach Persien zu entdecken, sein Plan, die sdlichen
Kstenlandschaften zwischen beiden Lndern, die bisher noch nicht durch
seine unmittelbare Gegenwart unterworfen, zum Teil von unabhngigen Stmmen
bewohnt waren, zu durchziehen, machten gleichfalls nicht die Verwendung des
ganzen Heeres ntig, das zu unterhalten in den berreichen indischen
Lndern leicht gewesen war, aber auf dem Kstenwege durch oft wste
Landstriche mit mannigfachen Schwierigkeiten verknpft sein mute. berdies
waren aus den nordstlichen Gegenden des Reichs Nachrichten eingelaufen,
welche es notwendig machten, eine bedeutende makedonische Streitmacht in
jenen Lndern zu zeigen. Der baktrische Frst Oxyartes, der eben jetzt beim
Heere eingetroffen war, hatte die Nachricht von einem Aufstande der
hellenischen Militrkolonien in Baktra mitgebracht. Zwistigkeiten unter den
alten Kriegsleuten, so sagt die nicht sehr glaubwrdige Quelle, die diese
Dinge berichtet, hatten zu blutigen Auftritten gefhrt; von Furcht vor
Strafe weitergetrieben, hatten sie sich der Burg Baktra bemchtigt, die
Barbaren zum Abfall aufgerufen, dem Athenodoros, ihrem Rdelsfhrer, der
sie jenseits in die hellenische Heimat zurckzufhren versprach, den
kniglichen Namen gegeben; gegen Athenodoros hatte ein gewisser Bikon, voll
Eifersucht auf dessen Knigtum, Rnke geschmiedet, ihn auf einem Gastmahl
bei Boxos, einem vornehmen Barbaren, ermordet und anderen Tags vor dem
versammelten Heere sich gerechtfertigt; mit Mhe war es den Hauptleuten
gelungen, ihn vor der Wut des Heeres zu schtzen; sie selbst hatten sich
dann wieder gegen ihn verschworen, ihn auf die Folter gespannt, um ihn dann
gleichfalls zu tten; da waren die Soldaten hereingedrungen, hatten ihn von
der Folter befreit und waren unter seiner Fhrung, dreitausend an der Zahl,
aufgebrochen, um den Weg in die Heimat zu suchen. Es lie sich erwarten,
da dieser Haufe bereits von den Truppen der Satrapie zur Ruhe gebracht
sein werde; doch war es notwendig, fr jeden Fall Frsorge zu treffen. Auch
in der Satrapie des Paropamisos war nicht alles in der Ordnung; Tyriaspes
hatte durch Bedrckungen und Ungerechtigkeiten aller Art die Bevlkerung
gegen sich aufgereizt, so da laute Beschwerde gegen ihn beim Knige
einlief; er wurde seines Amtes entsetzt und der Frst Oxyartes statt seiner
gen Alexandreia gesandt. Beunruhigender waren die Nachrichten aus dem
Innern Arianas; der Perser Ordanes hatte sich unabhngig erklrt und die
Herrschaft der Ariaspen am unteren Etymandros usurpiert. Hier vor allem war
es wichtig, eine bedeutende makedonische Streitmacht erscheinen zu lassen,
um die Gefahr im Keim zu ersticken.

Ungefhr der dritte Teil des Fuvolkes stand unter Krateros zum Marsch nach
Arachosien hinauf bereit; er hatte die Phalangen des Attalos, Antigonos,
Meleagros, einen Teil der Bogenschtzen, smtliche Elefanten, dazu die
Hetren zu Fu und zu Ro die, zum Dienst nicht mehr tauglich, in die
Heimat ziehen sollten. Er sollte, so lautete sein Auftrag, durch Arachosien
und Drangiana nach Karmanien marschieren, sollte die bswilligen Neuerungen
in jenen Gegenden unterdrcken, sollte namentlich die dortigen Satrapen
veranlassen, Transporte von Lebensmitteln nach der gedrosischen Kste, die
Alexander demnchst zu durchziehen gedachte, hinabzusenden.

Nach der Absendung des Krateros brach auch der Knig auf; er selbst fuhr
mit der Flotte den Strom hinab, whrend Peithon mit den Bogenschtzen zu
Pferd und den Agrianern auf das linke Stromufer hinberging, um dort die
angelegten Stdte mit Bewohnern aus der Umgegend zu besetzen, die Reste von
Unordnung in dem hartgestraften Lande zu unterdrcken und sich dann in
Pattala wieder mit dem Hauptheere zu vereinigen; das brige Heer fhrte
Hephaistion auf dem rechten Indusufer zu derselben Stadt hinab.

Schon am dritten Tage der Fahrt erhielt Alexander die Nachricht, da der
Frst von Pattala, statt alles zum Empfange des Heeres zu bereiten, mit dem
grten Teil der Einwohner in die Wste geflohen sei; vielleicht aus Furcht
vor dem mchtigen Knige, wahrscheinlicher von den Brahmanen aufgeregt.
Alexander eilte desto schneller vorwrts, berall waren die Ortschaften von
den Einwohnern verlassen; er erreichte, es war gegen Ende Juli, Pattala.
Die Straen und Huser waren leer, alles bewegliche Gut geflchtet, die
groe Stadt wie ausgestorben. Sofort wurden leichte Truppen ausgesandt, die
Spur der Geflchteten zu verfolgen; einige wurden vor den Knig gebracht,
der sie mit unerwarteter Milde empfing und sie an ihre Landsleute aussandte
mit der Aufforderung, in Frieden zu ihrer Behausung und ihren Geschften
zurckzukehren und ohne Besorgnis wegen ihres weiteren Schicksals zu sein,
da ihnen nach wie vor nach ihrer Sitte und ihren Gesetzen zu leben, ihren
Handel, Gewerbe und Ackerbau in Sicherheit zu treiben erlaubt sein werde.
Auf diese Versicherung des Knigs kehrten die meisten zurck, und Alexander
konnte an die Ausfhrung des groen Planes gehen, um derentwillen ihm der
Besitz der Indusmndungen so wichtig war.

Er ahnte oder erfuhr, da dasselbe Meer, in welches sich der Indus ergiet,
den Persischen Golf bilde, und da zu der Mndung des Euphrat und Tigris
demnach ein Seeweg von den Indusmndungen aus zu finden sei; seine
Herrschaft, die zum erstenmal die entlegensten Vlker in unmittelbare
Verbindung brachte, und welche nicht blo auf die Gewalt der Waffen,
sondern mehr noch auf die Interessen der Vlker selbst begrndet sein
sollte, mute vor allem auf die Frderung der Handelsverbindungen, auf die
Begrndung eines groen Verbandes aller auch noch so entlegenen Teile des
Reiches, und die Wirkungen eines umfassenden Welt- und Vlkerverkehrs, wie
er noch nicht existiert hatte, bedacht sein. berall hatte er diese
Rcksicht vor Augen gehabt; die zur militrischen Behauptung von Iran und
Turan gegrndeten Stdte waren ebenso viele Haltepunkte fr die
Karawanenzge; die in Indien gegrndeten festen Stdte sicherten die Strae
von Ariana hinab und durch das Fnfstromland, die Stromfahrt auf dem Indus
und seinen Nebenstrmen; das gyptische Alexandrien, seit den vier oder
fnf Jahren, die es stand, war schon ein Zentralpunkt fr den Handel der
heimatlichen Meere geworden; jetzt mute dieses System des groen
Weltverkehrs durch die Besetzung des Indusdelta, durch die Grndung eines
gnstig gelegenen ozeanischen Handelsplatzes, endlich durch das Erffnen
von Handelsstraen, wie sie die Reihe hellenischer Stdte ins Innere hinauf
schon vorzeichnete, und wie sie der maritime Zusammenhang der Indus- und
Euphratmndungen hoffen lie, seine Vollendung erhalten.

Pattala, an der Stromscheide des Indusdelta belegen, bot sich von selbst
zur Vermittlung des Handels nach dem Innern und dem Ozeane dar; es
beherrschte zugleich in militrischer Hinsicht das untere Indusland; darum
wurde Hephaistion beauftragt, die Burg der Stadt auf das sorgfltigste zu
befestigen und demnchst Schiffswerften und einen gerumigen Hafen bei der
Stadt zu erbauen. Zu gleicher Zeit sandte der Knig in die wsten,
baumlosen Gegenden, die nicht weit ostwrts von der Stadt begannen, mehrere
Truppenabteilungen mit dem Auftrage, Brunnen zu graben und das Land
bewohnbar zu machen, damit auch von dieser Seite her die Verbindung mit
Pattala erleichtert und den Karawanen aus den Lndern des Ganges und des
Dekhan geffnet wre. Ein berfall der in der Wste hausenden Horden strte
nur fr einen Augenblick die Arbeit.

Nach einer lngeren Rastzeit, whrend der der Bau der Burg ziemlich
vollendet, der der Werften bereits vorgerckt war, beschlo der Knig, in
Person die Indusmndungen, ihre Schiffbarkeit und ihre Gelegenheit fr den
Handel zu untersuchen und zugleich auf den Ozean, den bisher noch kein
Grieche befahren, hinauszuschiffen. Zunchst wollte er dem Hauptarm des
Stromes, der rechts hinabfhrte, folgen; whrend Leonnatos mit 1000 Reitern
und 9000 Hopliten und Leichtbewaffneten auf dem inneren Ufer hinabzog, fuhr
er selbst mit den schnellsten Schiffen seiner Flotte, den Halbtrieren,
Dreiigruderern und einigen Kerkuren den Strom hinab, freilich ohne Fhrer,
die des Stromes kundig waren, da die Bewohner von Pattala und die Inder
berhaupt keine Seeschiffahrt trieben und berdies die Anwohner des
Stromes, wenn die Makedonen nahten, entflohen. Er vertraute auf den Mut und
die Geschicklichkeit seiner Schiffsleute; er konnte nicht ahnen, auf welche
Probe die unerhrte Gewalt ozeanischer Erscheinungen sie stellen wrde.

Es war gerade in der Mitte des Sommers und der Strom in seiner grten
Fllung, die niedrigen Ufergegenden zum Teil berschwemmt, die Fahrt um so
schwieriger. Am ersten Tage fuhr man ohne weiteres Hindernis; aber am
zweiten Tage, man mochte zehn Meilen unterhalb Pattala sein, erhob sich ein
heftiger Wind von Sden her und staute die Wasser des Stromes auf, da die
Wellen hoch gingen und sich brandend brachen, und mehr als ein Schiff
unterging, andere bedeutend beschdigt wurden. Man eilte, das Ufer zu
gewinnen, um den Schaden so schnell und so gut wie mglich auszubessern;
zugleich schickte der Knig Leichtbewaffnete aus, um von den geflchteten
Uferanwohnern einige einfangen zu lassen, die der Gegend kundig wren. Mit
diesen fuhr man am nchsten Morgen weiter; immer breiter ergo sich der
mchtige Strom zwischen den flachen und den Ufern, man begann die khlere
Seeluft zu spren; der Wellenschlag im Strome wurde heftiger und das Rudern
beschwerlicher, ein scharfer Seewind wehte entgegen; es schien, von ihm
zurckgedrngt, der wachsende Strom gefhrlich zu werden, und die Schiffe
lenkten in einen Kanal ein, den die am vorigen Tage aufgefangenen Fischer
zeigten. Immer schneller und mchtiger schwollen die Wasser, und mit Mhe
vermochte man die Schiffe rasch genug an Land zu bringen. Kaum waren sie
angelegt, so begann der Strom ebenso schnell zu fallen; die Fahrzeuge
blieben zum grten Teil auf dem Trockenen oder senkten sich in den
Uferschlamm; man war voll Staunen und ratlos. So vergingen einige Stunden,
endlich wollte man darangehen, die Schiffe wieder flott zu machen und
womglich das Fahrwasser zu gewinnen; siehe, da begann das gefhrliche
Schauspiel von neuem, rauschend schwoll die Flut, berflutete das
schlammige Moor, hob die eingesunkenen Fahrzeuge mit sich empor; immer
schneller wachsend, brandete sie gegen die festeren Ufer, warf die
Fahrzeuge, die dorthin sich gerettet, auf die Seite, so da viele
umstrzten, viele zerschellten und versanken; ohne Ordnung und Rettung
trieben die Schiffe auf der schweren Flut bald gegen das Land, bald
gegeneinander, und ihr Zusammenstoen war um so gefhrlicher, je heftiger
die schwellende Bewegung des Gewssers wurde. Mit so vielen Gefahren und
Verlusten erkaufte der Knig die erste Erfahrung von der ozeanischen Ebbe
und Flut, die hier, wohl noch zehn Meilen von der eigentlichen
Strommndung, um so gewaltiger war, da sie mit der ungeheuren, gegen sie
andrngenden Wassersule des Indus zu kmpfen hatte, dessen zwei Meilen
breite Mndung ihrem Eindringen vollkommenen Spielraum gibt.

Sobald Alexander diese Fhrlichkeiten berstanden und von ihrer
regelmigen Wiederkehr die Mittel gelernt hatte, ihnen zu entgehen,
sandte er, whrend die schadhaften Schiffe ausgebessert wurden, zwei
tchtige Fahrzeuge den Strom hinab zu der Insel Skilluta, wo, wie die
Fischer sagten, der Ozean nahe und das Ufer zum Anlegen bequem und
geschtzt sei. Da sie die Nachricht zurckbrachten, da die Insel bequeme
Ufer habe, von bedeutender Gre und mit Trinkwasser wohl versehen sei,
fuhr er mit der Flotte dorthin und lie den grten Teil derselben unter
dem Schutz des Ufers anlegen; schon sah man von hier die schaumbedeckte
Brandung der Indusmndung und darber den hohen Horizont des Ozeans, und
kaum erkannte man jenseits des zwei Meilen breiten Stromes die niedrige,
baum- und hgellose Kste. Alexander steuerte mit den besten seiner Schiffe
weiter, um die eigentliche Strommndung zu passieren und zu untersuchen, ob
sie fahrbar sei; bald verschwand die Westkste ganz aus seinem Blicke, und
in endlose Ferne dehnte sich der hochwogende Ozean gen Abend; nach einer
Fahrt von vier Meilen erreichte man ostwrts eine zweite Insel, an deren
flacher und der Sandkste schon rings der Ozean brandete; es wurde Abend
und die Schiffe kehrten mit der Flut zurck zu der Insel, bei der die
Flotte gelandet war; ein feierliches Opfer fr Ammon, wie es der Gott durch
ein Orakel geboten, feierte dies erste Erblicken des Ozeans und des letzten
Landes im Sden der bewohnten Erde. Am anderen Morgen fuhr der Knig wieder
hinaus, landete auf jener Insel im Meere und opferte auch dort den Gttern,
die, wie er sagte, ihm von Ammon bezeichnet seien; dann fuhr er in die
offenbare See hinaus, umherzuschauen ob noch irgendwo festes Land zu
erblicken sei; und als die Ksten rings verschwunden und nichts mehr als
Himmel und Meer zu sehen war, schlachtete er Stieropfer dem Poseidon und
senkte sie hinab in den Ozean, spendete dazu aus goldener Schale, und warf
auch sie in die Flut, mischte neue Spenden den Nereiden und den rettenden
Dioskuren und der silberfigen Thetis, der Mutter seines Ahnherrn
Achilles; er betete, da sie gndig seine Geschwader aufnehmen und gen
Abend zu den Mndungen des Euphrat geleiten mchten, und zum Gebet warf er
den goldnen Becher in das Meer.

Dann kehrte er zur Flotte und mit der Flotte in den Strom zurck und fuhr
gen Pattala hinauf. Dort war der Bau der Burg vollendet und der des Hafens
begonnen, dort auch Peithon mit seinem Heere angekommen, der seine Auftrge
vollkommen erfllt, das flache Land beruhigt, die neuen Stdte bevlkert
hatte. Der Knig hatte den rechten Arm der Indusmndung und die
mannigfachen Hemmnisse, die er fr die Schiffahrt hatte, kennengelernt;
denn es vereinten sich die Monsunwinde und das hohe Wasser des Stromes in
dieser Jahreszeit, ihn schwierig zu machen. Er beschlo, auch den zweiten,
den stlichen Hauptarm des Flusses hinabzufahren und zu untersuchen, ob
dieser vielleicht zur Schiffahrt geeigneter sei. Nachdem man eine gute
Strecke sdostwrts gefahren, breitete sich das Wasser zu einem sehr groen
See aus, der durch den Zuflu einiger kleiner und grerer Flsse von
Morgen her gespeist wurde und einem Busen des Meeres hnlich war; selbst
Seefische fand man hier. An den Ufern des Sees legte die Flotte an, indem
eingeborene Fhrer die bequemsten Stellen zeigten. Der Knig lie hier den
grten Teil der Truppen nebst smtlichen Kerkuren unter Leonnatos zurck
und fuhr selbst auf den Halbtrieren und den Dreiigruderern durch den See
zur Indusmndung hinab. Er kam an das Meer, ohne die gewaltige Brandung
oder die hohe Flut zu erblicken, die den westlichen breiteren Indusarm
gefhrlich machte; er lie an der Strommndung anlegen und ging mit einigen
seiner Hetairen drei Tagesreisen weit am Meeresstrande hin, teils um die
Natur der Kste zu untersuchen, teils um Brunnen fr den Gebrauch der
Seefahrer graben zu lassen. Dann kehrte er zu seinen Schiffen und mit
diesen durch den See stromauf nach Pattala zurck, whrend ein Teil des
Heeres lngs dem Ufer hinaufzog, um auch hier in der sonst drren Gegend
Brunnen zu graben. Von Pattala aus fuhr er zum zweiten Male in den See
zurck, traf die Vorrichtungen zum Bau eines Hafens und mehrerer
Schiffswerften und lie zu ihrem Schutze eine kleine Besatzung zurck.

Auf diese Weise war alles dem groen Plane des Knigs gem organisiert, zu
dessen Vollendung nur noch eins, aber freilich auch das Schwierigste und
Gefahrvollste brig war, die Entdeckung des Seeweges selbst, der hinfort
den Indus und Euphrat verbinden sollte. Betrachtet man den Zustand der
damaligen Schiffahrt und Erdkunde, so wird man der Khnheit eines solchen
Planes Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der Bau der Schiffe war
unvollkommen und am wenigsten auf die Eigentmlichkeit ozeanischer Gewsser
berechnet; das einzige Regulativ einer Seefahrt waren die Gestirne und die
Seekste, deren Nhe natrlich oft gefhrlich werden mute; die Phantasie
der Hellenen bevlkerte den Ozean mit Wundern und Ungeheuern aller Art, und
die Makedonen, unerschrocken und tapfer, wo sie dem Feinde ins Auge sahen,
waren gegen das falsche Element ohne Waffe und nicht ohne Furcht. Und wer
endlich sollte die Fhrung bernehmen? Der Knig selbst, khn genug zum
khnsten Wagnis, und selbst bereit, dem Ozean den Sieg abzutrotzen, durfte
sich um so weniger an die Spitze der Flotte stellen, da im Reiche schon
whrend seiner indischen Feldzge manche Unordnungen vorgefallen waren, die
dringend seine Rckkehr forderten; der Landweg nach Persien war schwierig,
und die makedonischen Landtruppen bedurften, um diese den und furchtbaren
Gegenden zu durchziehen, seiner persnlichen Fhrung um so mehr, da sie nur
ihm vollkommen vertrauten. Wen also zum Fhrer der Flotte whlen? Wer hatte
Mut, Geschick und Hingebung genug? Wer konnte die Vorurteile und die Furcht
der zur Flotte kommandierten Truppen beschwichtigen und statt des Wahnes,
als wrden sie sorglos der augenscheinlichen Gefahr preisgegeben, ihnen
Vertrauen zu sich selbst, zu ihrem Fhrer und zu dem glcklichen Ende ihres
Unternehmens einflen?

Der Knig teilte alle diese Bedenken dem treuen Nearchos mit und fragte ihn
um Rat, wem er die Flotte anvertrauen sollte. Nearchos nannte ihm einen
nach dem anderen, der Knig verwarf sie alle; der eine schien nicht
entschlossen, ein anderer nicht ergeben genug, um fr ihn sich Gefahren
auszusetzen, andere waren mit dem Seewesen, mit dem Geist der Truppen nicht
genug vertraut oder voll Verlangen nach der Heimat und nach den
Bequemlichkeiten eines ruhigen Lebens. Nearchos, so erzhlt er selbst in
seinen Denkwrdigkeiten, bot endlich sich selbst an: Ich, o Knig, will
wohl die Fhrung der Flotte bernehmen und mit Gottes Hilfe Schiffe und
Menschen wohlbehalten bis zum Perserlande bringen, wenn anders das Meer
schiffbar und das Unternehmen fr menschliche Krfte berhaupt ausfhrbar
ist. Der Knig sprach dagegen: einen so treuen und hochverdienten Mann
knne er nicht neuen Gefahren aussetzen. Nearchos bat um so dringender, und
der Knig verhehlte sich nicht, da gerade er vor allen dazu geeignet sei;
die Truppen, welche den bewhrten Fhrer der Flotte verehrten und des
Knigs groe Zuneigung fr ihn kannten, durften in dieser Wahl eine Gewhr
fr sich selbst sehen, da ja Alexander nicht einen Freund und einen seiner
besten Befehlshaber an die Spitze eines Unternehmens gestellt haben wrde,
an dessen Erfolg er selbst verzweifelte. So wurde Nearchos, des Androtimos
Sohn der in Kreta geboren und in Amphipolis Brger war, zum Fhrer der
Meerfahrt bestellt, die glcklichste Wahl, die der Knig treffen konnte.
Mochten die zur Flotte kommandierten Truppen anfangs mutlos und ber ihr
Schicksal besorgt gewesen sein, die Wahl ihres Fhrers, die Trefflichkeit
und Pracht der Zurstungen, die Zuversicht, mit der ihr Knig einen
glcklichen Erfolg verhie, der Ruhm, an der khnsten und gefahrvollsten
Unternehmung, welche je gewagt worden, Anteil zu haben, endlich das
Beispiel des groen Knigs, der die brandende Mndung des Indus hindurch
auf die Hhe des Ozeans gefahren war, das alles lie sie mit Freudigkeit
den Tag der Abfahrt erwarten.

Alexander hatte Gelegenheit gehabt, sich ber die Natur der Monsuns zu
unterrichten; sie wehen regelmig whrend des Sommers von Sdwest, whrend
des Winters von Nordost, doch werden diese Nordostmonsuns an der gerade
westwrts streichenden Kste von Gedrosien zu einem bestndigen Ostwinde;
dieser beginnt mit einigem Schwanken im Oktober, wird gegen Ende des Monats
stehend und weht dann unausgesetzt bis in den Februar. Diese
Eigentmlichkeit des Indischen Ozeans, hchst gnstig fr die beabsichtigte
Kstenfahrt der Flotte mute natrlich benutzt, das Absegeln der Flotte
auf Ende Oktober bestimmt werden. Der Aufbruch des Landheeres durfte nicht
so lange verschoben werden, da einesteils der Zustand des Reiches
Alexanders baldige Rckkehr forderte, anderseits fr die Flotte, die sich
nicht auf die weite Fahrt verproviantieren konnte, an der Kste Vorrte
aufgestapelt und Brunnen gegraben werden muten. Demnach gab der Knig den
Befehl, da die Flotte bis zum November in den Stationen von Pattala
bleiben sollte, lie Vorrte auf vier Monate zu ihrem Unterhalt
zusammenbringen und rstete sich dann selbst zum Aufbruch aus Pattala.




  Viertes Buch

  +Tad' ouch hyp' alln, alla tois hautou pterois+




  Erstes Kapitel

  Der Abmarsch -- Kmpfe im Lande der Oreiten -- Zug des
  Heeres durch die Wste Gedrosiens -- Ankunft der Reste des
  Heeres in Karmanien -- Nearchos in Harmozia -- Zerrttung
  im Reich -- Strafgerichte -- Rckkehr nach Persien -- Zweite
  Flucht des Harpalos -- Die Hochzeitfeier in Susa -- Neue Organisation
  des Heeres -- Aufbruch nach Opis


Den Westen des Induslandes begrenzen mchtige Gebirge, die sich von dem
Kophenflusse bis zum Ozean hinabziehen. Unmittelbar ber der Brandung des
Meeres ragen ihre letzten Felsenmassen noch gegen 1800 Fu hoch empor. Von
wenigen Pssen durchschnitten, sind sie zwischen dem Deltalande des Indus
und dem wsten Kstensaum Gedrosiens, zwischen dem Lande Sindh und der
hohen Steppe Arianas eine vollkommene Scheidewand. Gen Morgen ist eine
feuchte Tropenwrme, Wasserflle, ppige Vegetation, eine reiche Tierwelt,
dichte Bevlkerung mit dem weitverzweigten geselligen Verkehr, mit den
tausend Erzeugnissen und Bedrfnissen einer unvordenklichen Zivilisation;
jenseits der Grenzgebirge, die in nackten Felsen bereinander emporsteigen,
ein Labyrinth von Felswnden, Klippenzgen, Bergsteppen, in ihrer Mitte das
Tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener Klte oder kurzer,
sengender Sommerglut, in Wahrheit die Wste der Armut. Im Norden und
Westen umschlieen sie steile Felsgehnge, an deren Fu das Sandmeer der
Wste Arianas flutet, ein endloser Ozean, mit der rtlich schillernden
Atmosphre des glhenden Flugsandes, mit dem wellenhaften Wechsel stets
treibender Dnen, in denen der Pilger verirrt und das Kamel untersinkt. So
der traurige Weg ins Innere; noch der und furchtbarer ist die Einde der
Kste und der Weg durch sie hin gen Westen. Wenn man von Indien aus durch
die Psse des groen Scheidegebirges gestiegen, so ffnet sich eine tiefe
Landschaft, links das Meer, gen Westen und Norden Gebirge, in der Tiefe ein
Flu, der zum Ozean eilt, das letzte strmende Wasser auf diesem Wege;
Getreidefelder am Fu der Berge, Drfer und Flecken in der Ebene zerstreut,
die letzten auf einem Wege von Monaten. Gen Norden fhren aus dieser
Ebene schlimme Zickzackpsse in die Bergwste von Kelat; im Westen ziehen
sich die Berge der Oreiten bis ans Meer hinab. Man bersteigt sie, und nun
beginnen die Schrecken der Einde; die Kste ist flach, sandig, hei, ohne
Gras und Strauch, von den Sandbetten vertrockneter Strme durchfurcht, fast
unbewohnbar, die elenden Fischerhtten, die einzeln auf meilenweit an dem
Strande zerstreut sind, von Fischgrten und Seetang erbaut, unter einsamen
Palmengruppen, die wenigen Menschen noch elender als ihr Land. Eine
Tagereise landein streichen nackte Klippenzge, von Giebchen durchrissen,
die in der Regenzeit pltzlich anschwellen, reiend und brausend zur Kste
strzen und dort die tiefen Mndungsbetten auswhlen, sonst das Jahr
hindurch trocken liegen, mit Genist, Mimosen und Tamarisken berwuchert,
voll von Wlfen, Schakalen und Mckenschwrmen. Hinter jenen Klippenzgen
dehnt sich die Wste Gedrosien, mehrere Tagereisen breit, von einzelnen
Wanderstmmen durchzogen, dem Fremdling mehr als furchtbar; Einde, Drre,
Wassermangel sind hier die kleinsten Leiden; tags stechende Sonne,
glhender Staub, der das Auge entzndet und den Atem erdrckt, nachts
durchfrstelnde Khle und das Heulen hungriger Raubtiere, nirgend ein
Obdach oder Grasplatz, nirgend Speise und Trank, nirgend ein sicherer Weg
oder ein Ziel des Weges. Durch diese Wste, so wird erzhlt, zog die
Knigin Semiramis aus Indien heim, und von den Hundertausenden ihres Heeres
kehrten mit ihr nicht zwanzig Menschen nach Babylon zurck; auch Kyros soll
diesen Rckweg genommen und das gleiche Schicksal erfahren haben; selbst
der Fanatismus des Islam hat nicht gewagt, erobernd in diese Wste
einzudringen; der Kalif verbot seinem Feldherrn Abdallah dies Land, das der
sichtliche Zorn des Propheten getroffen habe.

Alexander hat diesen Weg gewhlt, nicht um Greres zu vollbringen als
Kyros und Semiramis, wie das Altertum, noch um die Verluste der indischen
Heerfahrt durch grere Verluste vergessen zu machen, wie der Scharfsinn
neuerer Geschichtschreiber gemeint hat. Er mute diesen Weg whlen; es
durften nicht zwischen den Satrapien des Indus und des Persischen Meeres
herrenlose Lnderstrecken und ununterworfene Vlkerstmme den Zusammenhang
der Okkupation stren; sie durften es um so weniger, da die Klippenzge am
Saum der Einde ruberischen Horden und rebellischen Satrapen ein stetes
Asyl geboten htten. Noch wichtiger war die Rcksicht auf die Flotte,
welche lngs der wsten Kste dahinfahren und den Seeweg zwischen Indien
und Persien ffnen sollte; sie konnte nicht auf Monate lang verproviantiert
und mit Wasser versehen werden; um beides einzunehmen, mute sie von Zeit
zu Zeit an die Kste gehen, von der sie sich bei der Natur der damaligen
Nautik berhaupt nicht entfernen durfte. Sollte diese Expedition irgend
glcken und ihr Zweck, die Fahrt vom Euphrat zum Indus zu ffnen, erreicht
werden, so war es vor allem notwendig, die Kste zugnglich zu machen,
Wasserbrunnen zu graben, Vorrte zu beschaffen, Widerstand von seiten der
Einwohner zu hindern, die Bevlkerung namentlich der reicheren Distrikte
mit in den Verband des Reiches zu ziehen. Dies waren die Grnde, die den
Knig veranlaten, durch Gedrosien zurckzukehren, obschon ihm die Natur
jener Landesstrecke nicht unbekannt sein konnte; er durfte seinen groen
Plan nicht um der Gefahren willen, die unvermeidlich waren, preisgeben, er
durfte die Opfer nicht scheuen, die ihm das Unternehmen kosten sollte, von
dem er, und mit Recht, auerordentliche Erfolge erwartete. Der Satrap von
Karmanien, Sibyrtios, wird die Weisung erhalten haben von Westen her,
soweit mglich, dem Heere das Ntige entgegenzusenden; und man wird wohl so
viel erkundet haben, da die zunchst an Indien grenzende Landschaft, wenn
man sie besetzte, im Innern bewohnte und fruchtbare Tler genug besa, um
dem Zuge lngs der Kste die ntigen Vorrte zu schaffen.

Die berlieferungen gestatten nicht, auch nur ungefhr anzugeben, wie gro
die Zahl der Truppen war, die der Knig durch Gedrosien fhrte. Man darf
die Flotte vielleicht auf 100 Schiffe, ihre Bemannung auf 12000 Mann und
etwa 2000 Epibaten rechnen; bedeutend strker wird das Heer, das Krateros
durch Arachosien fhrte, gewesen sein. Nach einer sicheren Nachricht war
die Gesamtmacht des Knigs, als er im sogdianischen Alexandrien stand,
120000 Mann; rechnet man vielleicht 30000 Mann, die bei dem indischen
Satrapen und in den neugegrndeten Stdten zurckblieben, so knnten 30000
bis 40000 Kombattanten mit dem Knige gezogen sein. Dies nur, um daran zu
erinnern, was man wissen mte, um sich eine pragmatisch deutliche
Vorstellung von diesem Zuge der Heimkehr machen zu knnen.

Es mochte gegen Ende August des Jahres 325 sein, als Alexander aus Pattala
und dem indischen Lande aufbrach; bald war das Grenzgebirge erreicht und
auf dem nrdlicheren Pawege berstiegen; etwa mit dem neunten Tage kam man
in die Tallandschaft des Ariosstromes, an dem diesseits die Arbiten,
jenseits bis in die Berge die Oreiten wohnten; beide Stmme hatten sich
noch nicht unterworfen; deshalb teilte Alexander sein Heer, ihr Land zu
durchziehen und ntigenfalls zu verwsten. Von ihm selbst, von Leonnatos,
von Ptolemus gefhrt, zogen einige Kolonnen in das Land hinab, whrend
Hephaistion das brige Heer nachfhrte. Alexander wandte sich links dem
Meere zu, um zugleich der Kste entlang fr den Bedarf seiner Flotte
Brunnen graben zu lassen, demnchst aber die Oreiten, die fr streitbar und
zahlreich galten, zu berfallen. Die Arbiten hatten beim Heranrcken der
Makedonen ihre Drfer verlassen und sich in die Wste geflchtet. Er kam an
den Arbiosflu, der seicht und schmal, wie er war, leicht berschritten
wurde; ein nchtlicher Marsch durch die Sandgegend, die sich von dessen
rechtem Ufer abendwrts erstreckte, brachte ihn mit Tagesanbruch an die
wohlbebauten Felder und Dorfschaften der Oreiten. Sofort bekam die Reiterei
Befehl, geschwaderweise aufzurcken und, um desto mehr Feld zu bedecken, in
gemessenen Distanzen vorzugehen, whrend das Fuvolk in geschlossener Linie
nachfolgte. So wurde ein Dorf nach dem anderen angegriffen und
eingenommen; wo die Einwohner Widerstand versuchten und mit ihren
Giftpfeilen gegen die makedonischen Speere zu kmpfen wagten, wurden sie
leicht bewltigt, ihre Drfer verbrannt, sie selbst niedergehauen oder zu
Gefangenen gemacht und in die Sklaverei verkauft. Das untere Gebiet der
Oreiten ward ohne bedeutenden Verlust unterworfen; auch die Pfeilwunde, die
das Leben des Lagiden Ptolemaios in Gefahr brachte, wurde schnell und
glcklich geheilt; an einem Wasser lagerte und rastete Alexander und
wartete die Ankunft Hephaistions ab. Mit ihm vereinigt zog er weiter zu dem
Flecken Rambakia, dem grten im Lande der Oreiten; die Lage desselben
schien gnstig fr den Verkehr und zur Behauptung des Landes; Alexander
beschlo, ihn zur Hauptstadt der oreitischen Satrapie zu machen und zu
kolonisieren; Hephaistion erhielt den Befehl zur Grndung des oreitischen
Alexandreia. Der Knig selbst brach mit der Hlfte der Hypaspisten und
Agrianer, mit dem Geleit seiner Ritterschaft und den berittenen Schtzen
gegen die Berge hin auf, welche das Gebiet der Oreiten und Gedrosier
voneinander scheiden; denn in den dortigen Pssen, durch welche der Weg
nach Gedrosien fhrte, hatten sich, so war dem Knige berichtet, die
Oreiten und Gedrosier in sehr bedeutender Macht aufgestellt, um vereinigt
den Makedonen den Weg zu sperren. Sobald die Makedonen dem Eingang der
Psse nahten, flohen die Barbaren vor einem Feinde, dessen unwiderstehliche
Kraft sie ebensosehr wie seinen Zorn nach dem Siege frchteten; die
Huptlinge der Oreiten kamen in demtiger Unterwrfigkeit zu ihm herab,
sich, ihr Volk und ihr alles seiner Gnade zu bergeben. Alexander empfing
sie huldvoller, als sie erwartet; er trug ihnen auf, ihre zersprengten
Dorfschaften wieder zu sammeln, und ihnen in seinem Namen Ruhe und
Sicherheit zu versprechen; er legte es ihnen ans Herz, seinem Satrapen
Apollophanes, den er ber ihr, der Arbiten und der Gedrosier Land setzte,
zu gehorchen und namentlich den Anordnungen, die zur Versorgung der
makedonischen Flotte getroffen werden wrden, gebhrend nachzukommen. Zu
gleicher Zeit wurde Leonnatos der Leibwchter mit einem bedeutenden Heere,
bestehend aus smtlichen Agrianern, einem Teil der Bogenschtzen, einigen
hundert Pferden der Makedonen und hellenischen Sldner, einer
entsprechenden Zahl Schwerbewaffneter und asiatischer Truppen in der neuen
Satrapie zurckgelassen, mit dem Befehl, die Ankunft der Flotte an diesen
Gestaden zu erwarten und alles zu deren Aufnahme vorzubereiten, die
Kolonisation der neuen Stadt zu vollenden, den etwa noch vorkommenden
Unordnungen und Widersetzlichkeiten von seiten des Volkes zu begegnen und
alles anzuwenden, um die bisher unabhngigen Oreiten fr die neuen
Verhltnisse zu gewinnen; Apollophanes wurde angewiesen, alles zu tun, um
in das Innere von Gedrosien Schlachtvieh und Vorrte zusammenbringen zu
lassen, damit das Heer nicht Mangel leide.

Dann brach Alexander aus dem Lande der Oreiten nach Gedrosien auf. Schon
wurde der heie und flache Kstensaum breiter und der, die Hitze
stechender, der Weg beschwerlicher; man zog tagelang durch einsame
Sandstrecken, in denen von Zeit zu Zeit Palmengruppen einen rmlichen
Schatten unter der fast senkrechten Sonne boten; hufiger waren
Myrrhenbsche, stark duftend in der Glut der Sonne und in der Flle des
unbenutzt ausschwitzenden Harzes; die phnikischen Kaufleute, die mit
zahlreichen Kamelen dem Heere folgten, sammelten hier viel von dieser
kstlichen Ware, die im Abendlande unter dem Namen der arabischen Myrrhe so
beliebt war. In der Nhe der See oder der Flsse blhte die starkduftende
Tamariske, ber den Boden hin wucherte die Schlingwurzel der Narden und
vielrankiges Dorngebsch, in dem sich die Hasen, die der nahende Heereszug
aufgescheucht, wie Vgel im Dohnenstrich fingen. In der Nhe solcher Pltze
wurde bernachtet und aus den Blttern der Myrrhen und Narden die
nchtliche Streu bereitet. Aber mit jedem neuen Marsche wurde die Kste
der und unwegsamer. Die Bche erstarben im heien Sande, auch die
Vegetation hrte auf; von Menschen und Tieren war auf weite Strecken keine
Spur; man begann die Nchte zu marschieren, um whrend des Tages zu ruhen;
man zog tiefer landein, um auf dem nchsten Wege diese Einde
zurckzulegen und zugleich fr die Flotte Vorrte an die Kste zu schaffen;
einzelne Trupps wurden an die Kste hinabgesandt, die Vorrte aufzustapeln,
Brunnen zu graben, die Zugnglichkeit des Strandes fr die Schiffe zu
untersuchen. Einige dieser Reiter unter Thoas' Fhrung brachten die
Nachricht, an der Kste seien wenige rmliche Fischerhtten, aus
Walfischrippen und Seemuscheln erbaut; die Bewohner, armselig und
stumpfsinnig, lebten von gedrrten Fischen und Fischmehl und trnken das
brackige Wasser der Sandgruben; man hatte das Gebiet der Ichthyophagen
erreicht. Tiefer landein, so hie es, finde man einzelne Dorfschaften;
dorthin mute das Heer, da der Mangel an Lebensmitteln schon empfindlich zu
werden begann. Nach langen, ermdenden Nachtmrschen, in denen schon nicht
mehr die strengste Ordnung und Manneszucht zu erhalten war, erreichte man
diese Gegend; von den Vorrten, die sie darbot, wurde mglichst sparsam an
das Heer verteilt, um das brige, mit dem kniglichen Siegel verwahrt und
auf Kamele gepackt, an die Kste zu schicken; aber sobald Alexander mit den
ersten Kolonnen zum weiteren Marsche aufbrach, rissen die bei den Vorrten
bestellten Wachen die Siegel auf, und von ihren hungernden Kamelen
schreiend umdrngt, teilten sie aus, was sie bewahren sollten, unbekmmert,
wie sie ihr Leben verwirkten, um es vor dem Hungertode zu retten. Alexander
lie es ungeahndet; er eilte, neue Vorrte aufzutreiben und sie unter
sicherer Bedeckung hinabzusenden; er befahl den Einwohnern, aus dem Innern
des Landes so viel Getreide, Dattelfrucht und Schlachtvieh als irgend
mglich aufzubringen und an die Ksten zu schaffen; zuverlssige Mnner
wurden zurckgelassen, diese Transporte zu besorgen.

Indes zog das Heer weiter; es nahte dem furchtbarsten Teil der Wste; in
grlicher Steigerung wuchs der Hunger, das Elend, die Zgellosigkeit. Auf
zehn, auf fnfzehn Meilen weit kein Wasser, der Sand tief, hei, wellenhaft
wie ein strmisches Meer zu breiten Dnen aufgeweht, durch die man mit
jedem Schritte tief einsinkend sich mit endloser Mhe hinschleppte, um
sogleich dieselbe Arbeit von neuem zu beginnen; dazu das Dunkel der Nacht,
die furchtbar wachsende Auflsung aller Ordnung, die letzte Kraft durch
Hunger und Durst erschpft oder zu eigenntziger Gier verwildert. Man
schlachtete die Pferde, Kamele, Maultiere und a ihr Fleisch; man spannte
das Zugvieh von den Wagen der Kranken und berlie diese ihrem Schicksal,
um in trauriger Hast weiterzuziehen; wer vor Mdigkeit oder Entkrftung
zurckblieb, fand den Morgen kaum noch die Spur des groen Heeres wieder,
und fand er sie, so bemhte er sich umsonst, dasselbe einzuholen; in
schrecklichen Zuckungen verschmachtete er unter der glhenden Mittagssonne
oder verirrte in dem Labyrinth der Dnen, um vor Hunger und Durst langsam
dahinzusterben. Glcklich die anderen, wenn sie vor Tagesanbruch Brunnen
erreichten, um zu rasten; aber oft mute man noch marschieren, wenn schon
die Sonne durch die rtliche Glutluft herabbrannte und der Sand unter
wunden Fen glhte; dann strzten die Tiere rchelnd zusammen, und den
hinsinkenden Menschen brach das Blut jhlings aus Auge und Mund, oder sie
kauerten sich todmatt nieder, whrend die Reihen aufgelst in
gespenstischer Stille an den sterbenden Kameraden vorberwankten; kam man
endlich zu den Wassern, so strzte alles hin und trank in hastiger Gier, um
die letzte Labung mit einem qualvollen Tode zu ben. An einer der
Raststellen -- ein fast ausgetrocknetes Wasser flo vorber -- lagerte das
Heer einen Tag und ruhte unter den Zelten; da fllte sich pltzlich das
Strombett und brausend schwollen die Wasser ber; Waffen, Tiere, Zelte,
Menschen wurden mit hinweggerissen, und ehe man sich noch zu besinnen und
zu helfen vermochte, war schon die Verwstung auf ihrem Gipfel; Alexanders
Zelt und ein Teil seiner Waffen wurden ein Raub der Flut, deren Gewalt er
selbst mit Mhe entrann. So huften sich die Schrecken; und als endlich gar
bei dem weiteren Marsche, als ein heftiger Wind die Dnen der Wste
durcheinandertrieb und allen Weg spurlos verwehte, die landeingeborenen
Fhrer verirrten und nicht mehr wo noch wohin wuten, da sank auch dem
Mutigsten der Mut, und der Untergang schien allen gewi. Alexander sammelte
die krftigsten der Ritter, eine kleine Schar, um sich, mit ihnen das Meer
zu suchen; er beschwor sie, die letzten Krfte zusammenzunehmen und ihm zu
folgen. Sie ritten mittagswrts durch die tiefen Dnen, von Durst geqult
in der tiefsten Erschpfung; die Pferde strzten zusammen, die Reiter
vermochten nicht sich weiterzuschleppen, nur der Knig mit fnf anderen war
unermdlich vorgedrungen; sie sahen endlich die blaue See, sie ritten
hinab, sie gruben mit ihren Schwertern im Sande nach sem Wasser, und ein
Quell sprudelte hervor, sie zu erquicken; dann eilte Alexander zurck zum
Heere und fhrte es hinab an den khleren Strand und zu den sen Quellen,
die dort rieselten. Nun fanden die Fhrer sich wieder zurecht und fhrten
das Heer noch sieben Tage lang an der Wste, wo an Wasser nicht Mangel und
auch hier und da Vorrte und Dorfschaften waren; mit dem siebenten Tage
wandte man sich landeinwrts und zog durch fruchtprangende und heitere
Gegenden nach Pura, der Residenz der Satrapie Gedrosien.

So erreichte das Heer endlich das Ziel seines Weges, aber in welchem
Zustande! Der Marsch von der Oreiten Grenze durch die Wste hatte sechzig
Tage gewhrt; aber die Leiden und Verluste auf diesem Marsche waren grer
als alles Frhere zusammengenommen. Das Heer, das so stolz und reich aus
Indien ausgezogen, war auf ein Viertel zusammengeschmolzen, und dieser
traurige berrest des welterobernden Heeres war abgezehrt und entstellt, in
zerlumpten Kleidern, fast ohne Waffen, die wenigen Pferde abgemagert und
elend, das Ganze ein Aufzug des tiefsten Elends, der Auflsung und
Niedergeschlagenheit. So kam der Knig nach Pura. Hier lie er rasten,
damit sich die erschpften Truppen erholten und die auf dem Wege Verirrten
sich sammelten. Der Satrap ber Oreitis und Gedrosien, der den Befehl
erhalten, die Wege der Wste mit Vorrten versorgen zu lassen, und durch
dessen Fahrlssigkeit dem Heere selbst noch die Erleichterung, welche die
Wste gestattet htte, entzogen worden war, erhielt von hier aus seine
Entlassung; Thoas wurde zu seinem Nachfolger in der Satrapie bestimmt.

Dann brach Alexander nach Karmanien auf, wo er Krateros mit seinem Heere
und mehrere Befehlshaber der oberen Provinzen, die er dorthin beordert, zu
treffen hoffte. Es mochte Anfang Dezember sein; von der Flotte und ihren
Schicksalen hatte man nicht die geringste Nachricht; war die dem
hochherzigen Nearchos bertragene Expedition schon an sich gefahrvoll, und
die gnzliche Ungewiheit ber den Fortgang hchst beunruhigend, so mochte
Alexander nach den jngsten Erlebnissen und ihrer unbeschreiblichen
Furchtbarkeit eher alles zu frchten, als das Gelingen eines groen Planes
zu hoffen geneigt sein; jene Kste, die dem grten Teil seines Heeres den
elendesten Untergang gebracht hatte, war fr die Flotte die letzte und
einzige Zuflucht; und de, flachsandig, hafenlos wie sie war, schien sie
eher die unberechenbaren Wechselflle von Wind und Wetter gefhrlicher zu
machen, als vor ihnen retten zu knnen; ein Orkan, und Flotte und Heer
konnten spurlos vernichtet sein, eine unvorsichtige Fahrt, und der Ozean
war weit genug zu endlosem Irren und rettungslosem Treiben.

Da kam der Hyparch der Gegend zum Knige mit der Nachricht, fnf Tage
sdwrts an der Mndung des Flusses Anamis sei Nearch wohlbehalten mit der
Flotte gelandet, habe auf die Nachricht, da sich der Knig im oberen Lande
befinde, sein Heer sich hinter Wall und Graben lagern lassen und werde
demnchst persnlich vor Alexander erscheinen. Des Knigs Freude war im
ersten Augenblick auerordentlich, bald genug drngte Ungeduld, Zweifel,
grere Bekmmernis sie zurck; umsonst erwartete man Nearchs Ankunft; es
verstrich ein Tag nach dem anderen; Boten auf Boten wurden ausgesandt, die
einen kamen zurck mit dem Bericht, sie htten nirgend Makedonen der Flotte
gesehen, nirgend von ihnen Kunde erhalten; andere blieben ganz aus; endlich
befahl Alexander, den Hyparchen, der treulose Mrchen geschmiedet und mit
der Trauer des Heeres und des Knigs Spott getrieben, festzunehmen und in
Ketten zu legen. Er war trauriger denn zuvor und von Leiden des Krpers und
der Seele bleich.

Der Hyparch hatte die volle Wahrheit gesagt: wirklich war Nearchos mit
seiner Flotte an der karmanischen Kste; glcklich hatte er ein
Unternehmen, dem an Gefahren und Wundern schon an sich nichts hnlich war,
und das berdies durch das Zusammentreffen zuflliger Umstnde beraus
erschwert worden war, vollbracht.

Schon am Indusstrome hatten diese Schwierigkeiten begonnen; kaum war
Alexander mit dem Landheere ber die Grenzen Indiens gegangen, so hatten
die Inder, die sich jetzt frei und sicher glaubten, bedenkliche Unruhen
begonnen, so da die Flotte nicht mehr in Indus sicher zu sein schien.
Nearchos hatte, da es nicht seine Aufgabe war, das Land zu behaupten,
sondern die Flotte zum Persischen Meerbusen zu fhren, sich schnell und
ohne die Zeit der stehenden Ostwinde abzuwarten, zur Abfahrt bereitet, war
am 21. September[16] abgesegelt und hatte in wenigen Tagen die Kanle des
Indusdeltas hinter sich; dann war er durch heftige Sdwinde gentigt
worden, unter dem Vorgebirge, das Indien vom Arbitenlande trennt, in einem
Hafen, den er nach Alexander nannte, ans Land zu gehen und daselbst
vierundzwanzig Tage zu rasten, bis sich endlich die regelmigen Winde
gesetzt hatten. Mit dem 23. Oktober war er weitergeschifft, war unter
mannigfaltigen Gefahren, bald zwischen Klippen hindurchsteuernd, bald gegen
die gewaltige Brandung des Ozeans ankmpfend, an der Arbiosmndung
vorbergesegelt, und nach einem furchtbaren Seesturm am 30. Oktober, der
drei Fahrzeugen den Untergang brachte, bei Kokala an das Land gegangen, um
zehn Tage zu rasten und die schadhaften Schiffe auszubessern; es war das
der Ort, an dem kurz zuvor Leonnatos die Barbaren der Umgegend in einem
blutigen Treffen berwltigt hatte; der Satrap Apollophanes von Gedrosien
war bei dieser Gelegenheit erschlagen worden. Hier reichlich mit Vorrten
versehen und nach wiederholten Zusammenknften mit Leonnatos, war Nearchos
weiter gen Westen gefahren, und am 10. November lag das Geschwader vor der
Mndung des Flusses Tomeros, an dessen Ufern bewaffnete Oreiten haufenweise
standen, um die Einfahrt der Flotte zu hindern; ein khner berfall
gengte, sie zu bewltigen und fr einige Tage einen ruhigen Landungsplatz
zu gewinnen.

    [16] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Mit dem 21. November war die Flotte zu der Kste der Ichthyophagen
gekommen, jener armseligen und furchtbaren Einde, bei der das Elend des
Landheeres begann; auch das Schiffsheer hatte viel zu leiden, der Mangel an
sem Wasser und an Vorrten wurde mit jedem Tage drckender. Endlich fand
man in einem Fischerdorfe hinter dem Vorgebirge Bageia einen Eingeborenen
Namens Hydrakes, der sich erbot, die Flotte als Lotse zu begleiten; er war
ihr von groem Nutzen; unter seiner Leitung vermochte man fortan grere
Fahrten zu machen und dazu die khleren Nchte zu benutzen. Unter immer
steigendem Mangel fuhr man bei der den Sandkste Gedrosiens vorber, und
schon hatte die Unzufriedenheit der Schiffsleute einen gefhrlichen Grad
erreicht; da endlich erblickte man die mit Fruchtfeldern, Palmhainen und
Weinbergen bedeckten Gestade Karmaniens; jetzt war die Not vorber, jetzt
nahte man der langersehnten Einfahrt in das Persische Meer, man war in
befreundetem Gebiet. Man sah zur Linken die weit ins Land vorspringende
Landspitze Arabiens, die Maketa genannt wurde, von wo, so erfuhr man, der
Zimt und andere indische Waren nach Babylon gebracht werden.

An der Kste Harmozia und an der Mndung des Anamis landete die Flotte, und
das Schiffsvolk lagerte an den Stromufern, nach so vielen Mhen sich
auszuruhen und der berstandenen Gefahren zu gedenken, denen zu entkommen
mancher verzweifelt haben mochte; von dem Landheere wute man nichts, seit
der Kste der Ichthyophagen hatte man alle Spur von demselben verloren. Da
geschah es, da einige von Nearchs Leuten, die ein wenig landein gegangen
waren, um Lebensmittel zu suchen, in der Ferne einen Menschen in
hellenischer Tracht sahen; sie eilten auf ihn zu und erkannten sich unter
Freudentrnen als hellenische Mnner; sie fragten ihn, woher er kme, wer
er wre? Er antwortete, er komme vom Lager Alexanders, der Knig sei nicht
ferne von hier; und frohlockend fhrten sie ihn zu Nearchos, dem er dann
angab, da Alexander etwa fnf Tage weit landein stehe, und sich zugleich
erbot, ihn zum Hyparchen der Gegend zu bringen. Das geschah; Nearchos
berlegte mit diesem, wie er zum Knige hinaufkommen mchte. Whrend er zu
den Schiffen zurckkehrte, um hier alles zu ordnen und das Lager
verschanzen zu lassen, war der Hyparch, in der Hoffnung, durch die erste
Nachricht von der glcklichen Ankunft der Flotte des Knigs Gunst zu
gewinnen, auf dem krzesten Wege in das innere Land hinaufgeeilt und hatte
dort jene Botschaft berbracht, die ihm selbst so viel Leid zuzog, da deren
Besttigung ausblieb.

Endlich, so erzhlt Nearchos selbst das Weitere, waren die Einrichtungen
fr die Flotte und das Lager so weit gediehen da er mit Archias von Pella,
dem zweiten Befehlshaber der Flotte, und mit fnf oder sechs Begleitern von
dem Lager aufbrach und ins Innere wanderte. Diesen begegneten auf dem Wege
einige von den ausgesandten Boten Alexanders; aber sie erkannten weder den
Nearchos noch den Archias, so sehr hatte sich ihr ueres verwandelt; ihr
Haupt- und Barthaar war lang, ihr Gesicht bleich, ihre Gestalt abgezehrt,
ihre Kleidung zerlumpt und voll Schiffsteer; und als diese sie fragten, in
welcher Richtung wohl Alexanders Lager stnde, zeigten sie ihnen Bescheid
und zogen vorber. Archias aber ahnte das Rechte und sprach: Es scheint,
da die Mnner ausgesandt sind, uns zu suchen; da sie uns nicht erkennen,
ist gar wohl zu begreifen, wir mgen wohl sehr anders als in Indien
aussehen; la uns sagen, wer wir sind, und sie fragen, wohin sie reisen.
Das tat Nearchos; sie antworteten, sie suchten den Nearchos und das Heer
von der Flotte. Da sagte Nearchos: Ich bin es, den ihr suchet, fhrt uns
zum Knige! Da nahmen sie sie jubelnd auf ihre Wagen und fuhren zum Lager;
einige aber eilten voraus und zum Zelte des Knigs und sprachen: Nearchos
und Archias und fnf andere mit ihnen kommen soeben daher. Da sie aber von
dem brigen Heere und von der Flotte nichts wuten, glaubte der Knig, da
jene wohl unvermutet gerettet, aber Heer und Flotte untergegangen sei, und
seine Trauer war grer denn vorher. Da trat Nearchos und Archias herein.
Alexander erkannte sie kaum wieder, er reichte dem Nearchos die Hand,
fhrte ihn zur Seite und weinte lange Zeit; endlich sprach er: Da ich
dich und Archias wiedersehe, lt mich den ganzen Verlust minder
schmerzlich empfinden; nun aber sprich, wie ist meine Flotte und mein Heer
zugrunde gegangen? Nearchos antwortete: O Knig, beides ist dir erhalten,
deine Flotte und dein Heer; wir aber sind als die Boten ihrer Erhaltung zu
dir gekommen. Da weinte Alexander noch mehr, und lauter Jubel war um ihn
her; er aber schwur bei Zeus und Ammon, da ihm dieser Tag teurer wre als
der Besitz von ganz Asien.

Schon war auch Krateros mit seinem Heere und den Elefanten nach einem
glcklichen Marsche durch Arachosien und Drangiana in Karmanien angelangt;
er hatte sich auf die Nachricht von Alexanders ungeheueren Verlusten
beeilt, sein frisches und krftiges Heer dem Knige zuzufhren. Mit ihm
zugleich trafen die Befehlshaber, die seit fnf Jahren in Medien gestanden
hatten, ein; es waren Kleandros mit den Veteranen der Sldner, Herakon mit
den Sldnerreitern, die frher Menidas gefhrt hatte, Sitalkes mit dem
thrakischen Fuvolk, Agathon mit den odrysischen Reitern, im ganzen
fnftausend Mann zu Fu und tausend Reiter. Auch der Satrap Stasanor von
Areia und Drangiana, und Pharasmanes, der Sohn des parthischen Satrapen
Phrataphernes, waren mit Kamelen, Pferden und Herden Zugvieh nach Karmanien
gekommen, zunchst in der Absicht dem Heere, das sie noch nicht angelangt
glaubten, bei dem Zuge durch die Wste die notwendigen Bedrfnisse zu
beschaffen; doch auch jetzt noch waren sie mit dem, was sie brachten,
willkommen, die Kamele, Pferde, Rinder wurden im Heere auf die bliche
Weise verteilt. Dies alles, dazu die glckliche Natur des karmanischen
Landes, die Pflege und Ruhe, die hier den Soldaten zuteil wurde, endlich
die unmittelbare Anwesenheit des Knigs, dessen Ttigkeit nie ernster und
durchgreifender gewesen war, machten in kurzer Zeit die Spuren des
furchtbaren Elends verschwinden und gaben dem makedonischen Heere Haltung
und Selbstvertrauen zurck. Dann wurden Festlichkeiten mannigfacher Art
veranstaltet, um den Gttern fr die glckliche Beendigung des indischen
Feldzuges, fr die Heimkehr des Heeres und die wunderbare Erhaltung der
Flotte zu danken; Zeus dem Erretter, Apollon, dem Fluchabwehrer, dem
Erderschtterer Poseidon und den Gttern des Meeres wurde geopfert, es
wurden Festzge gehalten, Festchre gesungen, Kampfspiele aller Art
gefeiert; in dem Geprnge des Festzuges ging Nearchos bekrnzt an des
bekrnzten Knigs Seite, und das jubelnde Heer warf Blumen und bunte Bnder
auf sie. In allgemeiner Heerversammlung wiederholte der Nearch den Bericht
seiner Fahrt; er und andere der Fhrer, sowie viele vom Heere, wurden vom
Knige durch Geschenke, durch Befrderungen und Auszeichnungen aller Art
geehrt, namentlich wurde Peukestas, bisher Alexanders Schildtrger und bei
dem Sturm auf die Mallerstadt sein Retter, der hergebrachten Zahl der
sieben Somatophylakes als achter hinzugefgt.

Zu gleicher Zeit gab der Knig die Weisungen fr den weiteren Zug: die
Flotte sollte ihre Fahrt lngs der Kste des Persischen Meerbusens
fortsetzen, in die Mndung des Pasitigris einlenken und stromauf in den
Flu von Susa fahren; mit dem greren Teil des Landheeres, mit den
Elefanten und der Bagage sollte Hephaistion, um die schwierigen Wege, den
Schnee und die Winterklte in den Berggegenden zu vermeiden, an die flache
Kste, die Vorrte genug und in jetziger Jahreszeit milde Luft und bequeme
Wege hatte, hinabziehen, um sich in der Ebene von Susa mit der Flotte und
dem brigen Heere wieder zu vereinigen. Alexander selbst wollte mit der
makedonischen Ritterschaft und dem leichten Fuvolk, namentlich den
Hypaspisten und einem Teile der Bogenschtzen, auf dem nchsten Wege durch
die Berge ber Pasargadai und Persepolis gen Susa ziehen.


So kehrte Alexander in den Bereich der Lnder zurck, die ihm seit Jahren
unterworfen waren; es war hohe Zeit, da er zurckkehrte. Arge Unordnungen
und gefhrliche Neuerungen waren an mehr als einem Punkte entstanden; nur
zu bald hatte der Geist der Zgellosigkeit und Anmaung, der in den
Satrapen des frheren Perserreiches geherrscht hatte, auch bei den
jetzigen Statthaltern und Anfhrern Eingang gefunden; whrend des Knigs
Abwesenheit ohne Aufsicht und im Besitz fast unumschrnkter Gewalt, hatten
viele Satrapen, sowohl Makedonen als Perser, die Vlker auf das
furchtbarste bedrckt, hatten ihrer Habgier, ihrer Wollust alles erlaubt,
hatten selbst die Tempel der Gtter und die Grber der Toten nicht
geschont; ja auf den Fall, da Alexander nicht aus den Lndern Indiens
zurckkehrte, hatten sie sich bereits mit Sldnerhaufen umgeben und alle
Anstalten getroffen, um sich ntigenfalls mit gewaffneter Hand im Besitz
ihrer Provinzen zu behaupten. Die tollkhnsten Plne, die ausschweifendsten
Wnsche, die berspanntesten Hoffnungen waren an der Tagesordnung; die
ungemessene Aufregung dieser Jahre, in denen alles Herkmmliche und Gewisse
abgetan und das Unwahrscheinlichste mglich schien, fand keine Sttigung
mehr als im zgellosesten Wagen und der Betubung malosen Genusses oder
Verlustes. Das wilde Wrfelspiel des Krieges, in dem Asien gewonnen war,
wie leicht konnte es umschlagen, wie leicht mit einem Wurfe des Knigs
bergroes Glck wie gewonnen so zerronnen sein. Auch das gestrzte
Persertum begann sich mit neuer Hoffnung aufzurichten, und es war bereits
mehr als ein Versuch von seiten morgenlndischer Groen gemacht worden, die
kaum geknpften Bande zu zerreien und unabhngige Frstentmer zu grnden,
oder im Namen des altpersischen Knigtums, das gewi sich erneuern werde,
die Vlker zum Abfall zu reizen. Und als nun nach der jahrelangen
Abwesenheit des Knigs, nach dem immer wilderen Umsichgreifen der Unordnung
und der Usurpation, die Kunde von dem Untergange des Heeres in der
gedrosischen Wste sich verbreitete, da mochte die Bewegung an allen Orten
und in allen Gemtern einen Grad erreichen, der den Umsturz alles
Bestehenden befrchten lie.

Das waren die Verhltnisse, unter denen Alexander mit den berresten seines
Heeres in die Westprovinzen zurckkehrte. Es stand alles auf dem Spiel;
_ein_ Zeichen von Besorgnis oder Schwche, und das Reich strzte ber
seinem Grnder in Trmmer; nur die khnste Entschlossenheit, die ernsteste
Kraft des Willens und der Tat konnte den Knig und sein Reich retten;
Gnade und Langmut wre Gestndnis der Ohnmacht gewesen, und htte die
Vlker, die auch jetzt noch dem Knige anhingen, um ihre letzte Hoffnung
gebracht. Es bedurfte der strengsten und schonungslosesten Gerechtigkeit,
um den emprend mihandelten Vlkern ihr Recht zu sichern und ihr Vertrauen
zu der Macht des Knigs zu retten; es bedurfte rascher und durchgreifender
Maregeln, um der Majestt des Knigtums ihren vollen Glanz wiederzugeben
und die Schrecken ihres Zornes zu verbreiten. Und vielleicht war Alexander
jetzt in der dunklen Stimmung, die den zrnenden Selbstherrscher furchtbar
macht. Wie weit lag hinter ihm der Enthusiasmus des beginnenden
Siegeslaufes, die freudige Zuversicht der Jugend und unermelicher
Hoffnungen; zu oft in seinem Vertrauen getuscht, hatte er gelernt, zu
argwhnen, hart und ungerecht zu sein. Er mochte es fr notwendig halten.
Eine Welt hatte er umgestaltet; er hatte sich mit ihr verwandelt; es galt
jetzt die Zgel der unumschrnkten Gewalt fest zu fassen und zu halten; es
galt jetzt schnelles Gericht, neuen Gehorsam, strenges Regiment.

Schon in Karmanien hatte Alexander zu strafen gefunden. Er hatte den
Satrapen Aspastes, der sich im Jahre 330 unterworfen und seine Stelle
behalten hatte, abgesetzt; umsonst eilte Aspastes dem nahenden Herrn in
beflissener Unterwrfigkeit entgegen; als sich der schwere Verdacht, der
auf ihm lastete, in der Untersuchung besttigte, wurde er den Hnden des
Henkers bergeben. Sibyrtios war statt seiner fr Karmanien bestimmt
worden; da aber Thoas, der an Apollophanes' Stelle ins Land der Oreiten
gehen sollte, erkrankte und starb, so wurde Sibyrtios dorthin gesandt und
statt seiner Tleopolemos, des Pythophanes Sohn, den seine bisherige
Stellung in der parthischen Satrapie bewhrt hatte, nach Karmanien berufen.
Die Unordnungen, die im Innern Arianas durch den Perser Ordanes
angestiftet, durch den, wie es scheint, gleichzeitigen Tod des Satrapen
Menon von Arachosien freien Spielraum gewonnen hatten, waren von Krateros
auf seinem Durchgange ohne Mhe unterdrckt worden; er brachte den Emprer
in Ketten vor den Knig, der ihn der gerechten Strafe bergab; die
erledigte Satrapie Arachosien wurde mit der von Ora und Gedrosien unter
Sibyrtios vereinigt.

Auch aus Indien kam bse Zeitung; Taxiles berichtete, Abisares sei
gestorben und der Satrap Philippos im diesseitigen Indien von den Sldnern,
die unter ihm dienten, erschlagen worden, doch htten die makedonischen
Leibwchter des Satrapen den Aufruhr sofort erdrckt und die Anfhrer
hingerichtet. Alexander bertrug die einstweilige Verwaltung der Satrapie
dem Frsten von Taxila und Eudemos, dem Anfhrer der in Indien stehenden
Thraker, und gebot ihnen, den Sohn des Abisares als Nachfolger im Reiche
Kaschmir anzuerkennen.

Von Medien waren Herakon, Kleandros und Sitalkes mit dem grten Teile
ihrer Truppen nach Karmanien zu kommen beordert und gekommen; von den
Einwohnern der Provinz und von ihren eigenen Truppen wurden sie arger Dinge
beschuldigt: sie htten die Tempel geplndert, die Grber aufgewhlt, sie
htten sich jede Art von Bedrckung und Frevel gegen die Untertanen
erlaubt. Nur Herakon wute sich zu rechtfertigen und wurde auf freien Fu
gesetzt; Kleandros und Sitalkes wurden vollstndig berfhrt, mit ihnen
eine Menge mitschuldiger Soldaten, wie es heit, sechshundert, auf der
Stelle niedergehauen. Dieses schnelle und strenge Gericht, machte berall
den tiefsten Eindruck; man gedachte der vielfachen Rcksichten, welche der
Knig haben mute, diese Mnner, die heimlichen Vollstrecker des
Todesurteils an Parmenion, und diese bedeutende Zahl alter Soldaten, deren
er jetzt so sehr bedurfte, zu schonen; die Vlker erkannten, da der Knig
in Wahrheit ihr Beschtzer, da es nicht sein Wille sei, sie wie Knechte
behandelt zu sehen; die Satrapen und Befehlshaber dagegen konnten erkennen,
was auch sie zu erwarten htten, wenn sie nicht mit reinem Gewissen vor den
Stufen des Thrones zu erscheinen vermochten. Manche von ihnen suchten, so
wird erzhlt, im Bewutsein ihrer Schuld neue Schtze zusammenzuraffen,
ihre Sldnerscharen zu verstrken, sich so zu rsten, um ntigenfalls
trotzen zu knnen; da erging ein knigliches Schreiben an die Satrapen,
welches gebot, sofort die Sldner, soviel nicht im Namen des Knigs
geworben seien, zu entlassen.

Indes war der Knig aus Karmanien nach Persien gezogen: der Satrap
Phrasaortes, den er hier bestellt hatte, war zur Zeit des indischen
Feldzuges gestorben; Orxines, einer der Vornehmsten des Landes, hatte, im
Vertrauen auf seine Geburt und seinen Einflu, die Satrapie bernommen.
Bald zeigte sich, da er den Pflichten der Satrapie, die er ungeheien auf
sich genommen, keineswegs nachgekommen sei. Schon das erzrnte den Knig,
da er das Grab des groen Kyros im Haine von Pasargadai vernachlssigt
fand; bei seiner frheren Anwesenheit in Pasargadai hatte er die Kuppe des
Steinhauses, in der der Sarg stand, ffnen, das Grab von neuem schmcken
lassen und den am Grabe wachenden Magiern die Fortsetzung ihres frommen
Dienstes geboten; er wollte das Andenken des groen Knigs auf jede Weise
geehrt wissen; jetzt war das Grab erbrochen, alles fortgeschleppt auer dem
Sarge und der Bahre, der Sargdeckel weggerissen, der Leichnam
hinausgeworfen, alle Kostbarkeiten geraubt. Er gab dem Aristobulos Befehl,
die Reste des Leichnams wieder in den Sarg zu legen, alles so, wie es vor
dem Einbruch gewesen, herzustellen, die Steintr der Kuppe wieder
einzusetzen und mit dem kniglichen Siegel zu verschlieen. Er selbst
untersuchte, wer den Frevel begangen; die Magier, welche die Grabeswache
gehabt, wurden ergriffen und auf die Folter gespannt, um die Tter zu
nennen; doch wuten sie nichts, sie muten entlassen werden; auch die
weiteren Nachforschungen ergaben keine sichere Spur; es war niemand da, den
Frevel zu ben; aber auf dem Satrapen lastete die Schuld der
Fahrlssigkeit, da dieses in seinem Lande hatte geschehen knnen. Bald
sollten schwerere Vergehen des Satrapen zutage kommen; Alexander war von
Pasargadai gen Persepolis gezogen, die Residenz des Orxines; die lautesten
Klagen wurden hier von seiten der Einwohner ber ihn gefhrt: er habe sich
die schndesten Gewaltttigkeiten erlaubt, um seiner Habgier zu frnen; er
habe die Heiligtmer geplndert, die dortigen Knigsgrber erbrochen, den
kniglichen Leichen ihren Schmuck geraubt. Die Untersuchung ergab seine
Schuld; er wurde gehenkt. Der Leibwchter Peukestas, des Alexandros Sohn,
erhielt die Satrapie; er schien vor allen geschickt, dieses Hauptland des
Persertums zu verwalten, da er sich ganz in die asiatische Lebensweise
hineingefunden hatte, medische Kleidung trug, der Persersprache mchtig war
und sich gern und bequem im persischen Zeremoniell bewegte, Dinge, welche
die Perser mit Entzcken an ihrem neuen Gebieter sahen.

Um dieselbe Zeit traf der Satrap Atropates von Medien bei dem Knige ein;
er brachte den Meder Baryaxes, der es gewagt hatte, die Tiara anzunehmen
und sich Knig der Meder und Perser zu nennen; er mochte darauf gerechnet
haben, da die Bevlkerung der Satrapie, durch die Frevel der makedonischen
Besatzungen emprt, zum Abfall bereit sein wrde; er und die Teilnehmer
seiner Verschwrung wurden hingerichtet.

Der Knig zog durch die persischen Psse nach Susa hinab. Die Szenen von
Karmanien und Susa erneuten sich; die Vlker scheuten sich nicht mehr,
laute Klagen ber ihre Bedrcker zu erheben; sie wuten, da Alexander sich
ihrer annehme. In Susa wurde der Satrap Abulites und dessen Sohn Oxyathres,
der Satrap der Partakenen, die schwerster Dinge schuldig waren,
hingerichtet. Auch der kaum in dem Proze der medischen Erpressungen
freigesprochene Herakon, der frher in Susa gestanden hatte, wurde
berfhrt, hier den Tempel geplndert zu haben, und hingerichtet.

So folgten Schlag auf Schlag die strengsten Strafen, und mit Recht mochte
denen, die sich nicht schuldrein wuten, vor ihrer eigenen Zukunft bange
sein. Unter diesen war Harpalos, des Machatas Sohn, aus dem
Frstengeschlecht der Elymiotis. Durch frhere Verbindungen und wesentliche
Dienstleistungen dem Knige wert, hatte er von Anfang her die grten
Beweise von dessen Gunst erhalten und war beim Beginn des Persischen
Krieges, da seine krperliche Beschaffenheit ihn zum Kriegsdienste
untauglich machte, zum Schatzmeister ernannt worden; schon einmal hatte er
sich arger Ungesetzlichkeiten schuldig gemacht, er war kurz vor der
Schlacht von Issos in Gemeinschaft mit einem gewissen Tauriskon, der den
Plan angegeben hatte, mit den kniglichen Kassen davongegangen, um sich zu
dem Molosserknig Alexandros, welcher damals in Italien kmpfte, zu
begeben; doch hatte Harpalos seinen Entschlu gendert und sich in Megara
niedergelassen, um dort seinem Vergngen zu leben. Damals hatte der Knig,
der Zeiten eingedenk, wo Harpalos mit Nearchos, Ptolemaios und wenigen
anderen seine Sache gegen Knig Philipp vertreten und darum Schande und
Verbannung gelitten hatte, dem Leichtfertigen verziehen, ihn zurckberufen,
ihm von neuem das Schatzamt bergeben; die ungeheuren Schtze von
Pasargadai und Persepolis in Ekbatana wurden unter seine Verwaltung
gestellt, zugleich waren, so scheint es, die Schatzmter der unteren
Satrapien unter seiner Aufsicht; sein Einflu herrschte ber den ganzen
Westen Asiens. Indes zog Alexander immer weiter gen Osten, und Harpalos,
unbekmmert um die Verantwortlichkeit seiner Stellung und an Genu und
Verschwendung gewhnt, begann mit den kniglichen Schtzen auf das
zgelloseste zu prassen und den ganzen Einflu seiner Stellung auf Tisch
und Bett zu verwenden. Der ganzen Welt war sein Leben zum Skandal, und der
Spott der hellenischen Komiker wetteiferte mit dem Unwillen ernsterer
Mnner, seinen Namen der allgemeinen Verachtung zu berliefern; von dem
Geschichtschreiber Theopompos kam in jener Zeit ein offenes Sendschreiben
an Alexander heraus, in welchem er den Knig aufforderte, diesem Unwesen
ein Ende zu machen: von der wsten Liederlichkeit asiatischer Weiber noch
nicht gesttigt, habe Harpalos die Pythionike, die berchtigtste Buhlerin
Athens, die erst bei der Sngerin Bakchis gedient habe, mit dieser dann in
das Frauenhaus der Kupplerin Sinope gezogen sei, nach Asien kommen lassen
und sich ihren Launen auf die unwrdigste Weise gefgt; als sie gestorben,
habe er mit unverschmter Verschwendung dieser Person zwei Grabmonumente
erbaut, und man staune mit Recht, da, whrend den Tapferen von Issos, die
fr den Ruhm Alexanders und die Freiheit Griechenlands gefallen seien,
weder von jenem noch von irgendeinem der Statthalter ein Denkmal der
Erinnerung geweiht sei, zu Athen und zu Babylon bereits die prchtigsten
Monumente fr diese fertig dastnden; denn dieser Pythionike, die in Athen
lange genug jedermann feil gewesen, habe Harpalos, der sich Alexanders
Freund und Beamten nenne, die Frechheit gehabt, Tempel und Altar zu
errichten und als Heiligtum der Aphrodite Pythionike zu weihen, ohne Scheu
vor der Strafe der Gtter, und der Majestt des Knigs zum Hohn. Nicht
genug das; kaum sei diese gestorben, so habe Harpalos sich auch schon eine
zweite Mtresse aus Athen verschrieben, die nicht minder berchtigte
Glykera, ihr habe er den Palast von Tarsos zur Residenz eingerichtet, habe
ihr auf Rossos ein Standbild errichtet, wo er neben dem des Knigs sein
eigenes aufzustellen gedenke, habe den Befehl erlassen, da niemand ihm
einen goldenen Ehrenkranz weihen drfe, ohne zugleich der Mtresse, da man
vor ihr anbeten, sie mit dem Namen Knigin begren solle; kurz alle Ehre,
die nur der Kniginmutter oder der Gemahlin Alexanders gebhren wrde,
vergeude der Gromeister vom Schatzamt an die attische Dirne. Diese und
hnliche Berichte waren an den Knig gekommen; er hatte sie anfangs fr
unglaublich oder bertrieben gehalten, berzeugt, da Harpalos nicht auf so
wahnsinnige Weise die schon einmal verscherzte Gnade aufs Spiel setzen
werde; bald genug besttigte Harpalos selbst alle jene Beschuldigungen
durch seine Flucht. Er hatte sich darauf verlassen, da Alexander nie
zurckkehren werde; jetzt sah er die strengen Gerichte gegen die, welche
sich durch denselben Irrtum hatten verfhren lassen; er verzweifelte daran,
Verzeihung zu erlangen; er raffte, was er an Geld erreichen konnte -- es
war die ungeheure Summe von fnftausend Talenten --, zusammen, warb sich
sechstausend Sldner, zog, von diesen begleitet, mit seiner Glykera und dem
Tchterchen, das ihm Pythionike geboren hatte, durch Kleinasien an die
ionische Kste hinab, brachte dreiig Schiffe zusammen, um nach Attika
berzusetzen; Ehrenbrger von Athen, mit den angesehensten Mnnern der
Stadt befreundet und durch reiche Getreidespenden bei dem Volke beliebt,
zweifelte er nicht, mit seinen Schtzen dort willkommen und vor einer
Auslieferung an Alexander sicher zu sein.

Whrend sich so der letzte Schuldige unter den Groen des Reiches der
Verantwortlichkeit zu entziehen suchte, war Alexander mit seinem Heere,
etwa Februar 324, in Susa eingerckt. Bald nach ihm traf auch Hephaistion
ein mit den brigen Truppen, den Elefanten und der Bagage, und Nearchos
fhrte die Flotte, die ohne weitere Fhrlichkeit die Kste des Persischen
Meeres umschifft hatte, den Strom hinauf. Die Satrapen und Befehlshaber
kamen den kniglichen Befehlen gem mit ihrem Gefolge, es kamen die
Frsten und Groen des Morgenlandes, vom Knige geladen, mit ihren Frauen
und Tchtern zur Residenz; von allen Seiten strmten Fremde aus Asien und
Europa herbei, um den groen Festlichkeiten, die in Susa vorbereitet waren,
beizuwohnen.

Es galt ein wunderbares, im Laufe der Jahrhunderte einziges Fest zu
begehen. In der Hochzeitfeier von Susa sollte sich die Verschmelzung des
Abend- und Morgenlandes, der hellenistische Gedanke, in dem der Knig die
Kraft und die Dauer seines Reiches zu finden gedachte, vorbildlich
vollenden.

Die Beschreibung dieses an Pracht und Feierlichkeit alles bertreffenden
Festes geben die Augenzeugen etwa in folgender Weise: das groe knigliche
Zelt war zu diesem Feste hergerichtet; die Kuppe desselben, mit bunten,
reichgestickten Stoffen berbreitet, ruhte auf fnfzig hohen, mit Gold und
Silber berzogenen, mit kostbaren Gesteinen ausgelegten Sulen; rings
diesen Mittelraum umschlieend hingen kostbare, golddurchwirkte, mit
vielfachen Schildereien durchwebte Teppiche von gold- und silberbelegten
Stben herab; der Umfang des ganzen Zeltes betrug vier Stadien. Inmitten
des Saales war die Tafel gedeckt, auf der einen Seite standen die hundert
Diwans der Brutigame, auf silbernen Fen ruhend, mit hochzeitlichen
Teppichen berbreitet, nur der des Knigs in der Mitte von Gold; ihnen
gegenber die Pltze fr die Gastfreunde des Knigs; rings umher die Tafeln
fr die Gesandtschaften, fr die Fremden im Lager, fr Heer und
Schiffsvolk. Dann gaben die Heertrompeten vom kniglichen Zelte her das
Zeichen zum Beginne des Festes; die Gste des Knigs, es waren neuntausend,
setzten sich zum Mahle. Und wieder verkndete das Schmettern der Trompeten
durch das Lager, da der Knig jetzt den Gttern spende; mit ihm spendeten
seine Gste, jeder aus goldener Schale, dem Festgeschenk des Knigs. Dann
wieder eine Fanfare, und nach persischer Sitte trat der Zug der
verschleierten Brute herein und die Frstentchter gingen jede zu ihrem
Brutigam; Stateira, des Groknigs Tochter, zu Alexander, ihre jngere
Schwester Drypetis zu Hephaistion, dem Liebling des Knigs, Oxathres'
Tochter Amastris, des Groknigs Nichte, zu Krateros, des medischen Frsten
Atropates Tochter zu Perdikkas, des greisen Artabazos Tochter Artakama zum
Lagiden Ptolemaios, dem Leibwchter, und ihre Schwester Artonis zu Eumenes,
dem Geheimschreiber des Knigs, die Tochter des Rhodiers Mentor zu
Nearchos, die Tochter des Spitamenes von Sogdiana zu Seleukos, dem Fhrer
der jungen Edelscharen; und so die anderen, jede zu ihrem Brutigam.

Fnf Tage nacheinander folgten Feste auf Feste; von den Gesandtschaften,
von den Stdten und Provinzen des Reichs, von Bundesfreunden aus Asien und
Europa wurden dem Knige unzhlige Hochzeitsgeschenke berreicht, allein an
goldenen Krnzen 15000 Talente. Und er wieder gab mit vollen Hnden; viele
von den Bruten waren elternlos; er sorgte fr sie wie ein Vater, allen gab
er knigliche Mitgift, allen, die sich mit an diesem Tage vermhlt,
berreiche Geschenke, allen Makedonen, die asiatische Mdchen gefreit --
mehr denn 10000 schrieben ihre Namen auf --, gab er Aussteuer. Neue
Gastmhler und frhliche Gelage, Schauspiele, Festaufzge, Ergtzlichkeiten
aller Art fllten die nchsten Tage; das Lager war voll Lustbarkeit und
frhlichen Getmmels, hier Rapsoden und Harfenspieler aus Grogriechenland
und Ionien, da Gaukler und Seiltnzer aus Indien, dort Magier und
Kunstreiter aus den persischen Lndern, dann wieder hellenische
Tnzerinnen, Fltenblserinnen, Schauspielerbanden. Denn auch dramatische
Spiele -- es war ja die Zeit der groen Dionysien -- wurden aufgefhrt,
unter diesen ein Satyrspiel, Agen, angeblich von dem Byzantier Python
verfat, voll heiteren Spottes ber die Flucht des Harpalos, des lahmen
Gromeisters vom Schatzamte. Da ward durch Heroldsruf verkndet, da der
Knig die Schulden seines Heeres auf sich nehme und bezahlen werde, da
deshalb jeder die Summe, die er schuldig sei, aufschreiben und demnchst in
Empfang nehmen solle. Anfangs schrieben sich nur wenige auf; die meisten,
namentlich die Hauptleute und Offiziere mochten frchten, da Alexander nur
in Erfahrung bringen wolle, wer nicht mit seiner Lhnung auskomme und zu
verschwenderisch lebe. Als dies der Knig hrte, schalt er sehr ber dieses
Mitrauen, lie Tische an verschiedenen Punkten des Lagers aufstellen und
Goldstcke ausschtten, mit dem Befehl, da jedem, der eine Rechnung
vorzeige, der Betrag derselben ohne weiter nach seinem Namen zu fragen,
ausgezahlt werden sollte. Nun kamen alle und freuten sich nicht sowohl, da
sie ihre Schulden los wrden, als da dieselben unbekannt blieben; denn
diese tapferen Mnner hatten mit mehr als denkbarer Sorglosigkeit
gewirtschaftet; trotz aller Beute und aller kniglichen Geschenke war doch
das ganze Heer so tief in Schulden, da zu dieser Deckung nicht weniger als
20000 Talente gehrten. Namentlich hatten die Offiziere malos
verschwendet, und da der Knig sich oft mibilligend ber ihren unsinnigen
Aufwand geuert hatte, mochten sie sehr froh sein, ohne sein weiteres
Wissen an den Geldtisch treten und ihren erschtterten Finanzen schnell
aufhelfen zu knnen. Auch Antigenes, so wird erzhlt, der Fhrer der
Hypaspisten in der Schlacht am Hydaspes, der im Jahre 340 vor Perinth ein
Auge verloren hatte und seiner Bravour wie seiner Habsucht wegen gleich
bekannt war, trat damals an den Goldtisch und lie sich eine namhafte Summe
auszahlen; dann wurde entdeckt, da er ohne alle Schulden, und die
vorgezeigten Rechnungen falsch seien. Alexander war ber diesen schmutzigen
Handel sehr erzrnt, verwies Antigenes vom Hofe und nahm ihm sein Kommando.
Der tapfere Strateg war ber diese Beschimpfung auer sich, und man konnte
nicht zweifeln, da er sich in seiner Schande und Trauer ein Leides antun
werde. Das jammerte den Knig, er verzieh ihm, rief ihn an den Hof zurck,
gab ihm sein Kommando wieder und lie ihm die Summe, die er in Anspruch
genommen. -- Zu gleicher Zeit mit jener groen Schuldentilgung verteilte
Alexander an die durch Tapferkeit, durchkmpfte Gefahr oder treuen Dienst
um seine Person Ausgezeichneten wahrhaft knigliche Geschenke; er krnzte
mit goldenen Krnzen den Leibwchter Peukestas, den Satrapen in Persis, der
ihn in der Mallerstadt mit dem Schilde gedeckt, den Leibwchter Leonnatos,
den Befehlshaber im Oreitenlande, der bei eben jenem gefhrlichen Sturm an
seiner Seite gekmpft, am Flusse Tomeros die Barbaren besiegt und mit
glcklichem Eifer die Angelegenheiten in Ora geordnet hatte, ferner den
Nauarchen Nearchos, der die Fahrt vom Indus zum Euphrat so ruhmvoll
gefhrt, den Onesikritos, den Fhrer des kniglichen Schiffes auf dem Indus
und vom Indus gen Susa, ingleichen den treuen Hephaistion und die brigen
Leibwchter, den Peller Lysimachos, den Aristonus, des Pisaios Sohn, den
Hipparchen Perdikkas, den Lagiden Ptolemaios und Peithon von Eorda.

Noch eine andere Feier mag dieser Zeit angehren, eine ernste und in ihrer
Art ergreifende. Aus Indien war einer jener Ber auf dem Felde von Taxila
auf Alexanders Einladung, dessen Macht und dessen Liebe zur Weisheit er
bewunderte, trotz seines Meisters Unwillen und seiner Mitbrger Spott dem
makedonischen Heere gefolgt; sein milder Ernst, seine Weisheit und
Frmmigkeit hatten ihm die Hochachtung des Knigs erworben, und viele edle
Makedonen, namentlich der Lagide Ptolemaios und Lysimachos der Leibwchter,
verkehrten gern mit ihm; sie nannten ihn Kalanos, nach dem Wort, mit dem er
sie zu begren pflegte; sein einheimischer Name soll Sphines gewesen sein.
Er war hochbetagt; im persischen Lande fhlte er sich zum erstenmal in
seinem Leben krank. Er sagte zum Knige, er wolle nicht dahinsiechen, es
sei schner, zu enden, bevor sein krperliches Leiden ihn zwinge, seine
bisherige Lebensregel zu verlassen. Vergebens waren des Knigs
Einwendungen; bei ihm daheim gelte nichts unwrdiger, als wenn die Ruhe des
Geistes durch Krankheit gestrt werde, es fordere die Regel seines
Glaubens, da er den Scheiterhaufen besteige. Der Knig sah wohl, da er
nachgeben msse; er befahl dem Leibwchter Ptolemaios, ihm den
Scheiterhaufen zu errichten und alles Weitere feierlichst zu ordnen. Als
der bestimmte Tag gekommen war, zog das Heer frh morgens im festlichen
Zuge hinaus, vorauf die Reiterei und das Fuvolk in vollem Waffenglanze,
und die Kriegselefanten in ihrem Aufzuge, dann Scharen Weihrauchtragender,
dann andere, die goldene und silberne Schalen trugen und knigliche
Gewnder, um sie mit dem Weihrauch in die Flammen zu werfen; dann Kalanos
selbst; ihm war, da er schon nicht mehr zu gehen vermochte, ein nysisches
Ro gebracht worden, er konnte es nicht mehr besteigen; in einer Snfte
ward er hinausgetragen. Als der Zug an dem Fu des Scheiterhaufens
angelangt war, stieg Kalanos aus seiner Snfte, nahm mit einem Hndedruck
von jedem der Makedonen, die um ihn waren, Abschied, bat sie, zu seinem
Gedchtnis den heutigen Tag in freudiger Feier mit ihrem Knige
zuzubringen, bald werde er ihn in Babylon wiedersehen; er schenkte das
nysische Ro dem Lysimachos und die Schalen und Gewnder den Umstehenden.
Dann begann der fromme Inder seine Todenweihe; er besprengte sich wie ein
Opfertier, er schnitt eine Locke von seinem Haupte und weihte sie der
Gottheit, er krnzte sich nach heimatlicher Weise und stieg, indem er
indische Hymnen sang, den Scheiterhaufen hinan; dann sah er noch einmal auf
das Heer hinab, wandte sein Angesicht zur Sonne und sank auf die Knie, um
anzubeten. Dies war das Zeichen; es ward Feuer in den Scheiterhaufen
geworfen, die Heertrompeten schmetterten, das Heer rief den Schlachtruf
dazu, und die Elefanten erhoben ihre fremdartige Stimme, als ob sie den
sterbenden Ber ihrer Heimat ehren wollten. Anbetend lag er auf dem
Scheiterhaufen und regte sich nicht, bis die Flammen ber ihn
zusammenschlugen und ihn den Blicken entzogen.

Alexander selbst htte dem Ende des ihm werten Mannes nicht beiwohnen
wollen, sagt Arrian. Er berichtet bei diesem Anla, was der lteste jener
Ber, der Lehrer der anderen, jenem auf seine Aufforderung, mit ihm zu
gehen, geantwortet habe: Des Zeus Sohn, wenn anders Alexander es sei, sei
auch er, und weder wnsche er sich etwas, was Alexander Herr wre, ihm zu
gewhren, noch auch frchte er etwas, was er ber ihn verhngen knne; ihm
solange er lebe, genge der indische Boden, der jahraus, jahrein, was an
der Zeit sei, gewhre; und wenn er sterbe, so werde er der unwillkommenen
Hausgenossenschaft seines Krpers frei und eines reineren Lebens
teilhaftig. Auch wird angefhrt, da Alexander ber den Tod des Kalanos
staunend gesagt habe: Der hat mchtigere Gegner, als ich bin, berwunden.

Es ist wie ein Gleichnis, da sich so in diesem Knige die Gedankenwelt des
Abendlandes, wie sie sein Lehrer Aristoteles vollendet hatte, mit der, die
in dem Gangeslande erwachsen war, begegnete, -- die Pole von Entwicklungen,
die er in der ganzen Weite und Mannigfaltigkeit dessen, was sie an
praktischen Formen und Zustnden hinter sich hatten und ideell in sich
trugen, zusammenzufassen und zu verschmelzen gedachte.

Es war nicht Willkr, nicht auf Grund falscher Prmissen, noch in einer
Kette von Trugschlssen, da er so verfuhr. Aus dem ersten Impuls, der sich
ihm aus der Geschichte des hellenischen Lebens wie von selbst ergeben
hatte, folgte in vollkommen richtigen Syllogismen alles Weitere, was er
tat; und da ihm jede nchste Folgerung gelang wie die frheren, schien
Beweis genug, da er richtig folgerte. Ihm wurde nicht das Glck zuteil,
einen Gegner zu finden, der ihm Ziel und Ma setzte; nur da die moralische
Kraft seines Heeres am Hyphasis zu Ende war, hatte ihn berzeugen knnen,
da auch seine Machtmittel ihre Grenze htten; und in der gedrosischen
Wste hatte er inne werden mssen, da die Natur gewaltiger sei als sein
Wille und seine Macht. Aber die Formen, in denen er das Werk, das er
geschaffen, auf die Dauer zu grnden gedachte, das System der neuen
Ordnung, das er eingeleitet, war weder am Hyphasis noch in der Wste
widerlegt, und die Oppositionen makedonischer- und hellenischerseits, die
versuchten Emprungen der Asiaten da und dort, sie waren bisher so rasch
und so leicht niedergeworfen, da sie ihn nicht irremachen konnten.

Das begonnene Werk selbst fhrte und zwang ihn weiter; auch wenn er
gewollt, er htte den gewaltigen Strom nicht mehr aufhalten, noch
rckwrtsdrngen knnen.

Den Vermhlungen in Susa folgte ein zweiter, tiefgreifender Akt; lngst
vorbereitet, mute er sich jetzt wie von selbst vollziehen.

Seit dem Ende des Dareios schon waren asiatische Truppen mit zum Heere
gezogen worden; aber bisher hatten sie in den Waffen und in der Weise ihres
Landes gekmpft, sie waren stets nur als untergeordnete Hilfskorps
angesehen und von dem Stolz der makedonischen Krieger trotz ihrer
trefflichen Mitwirkung in den indischen Feldzgen nicht als ebenbrtig
angesehen worden. Je weiter sich in allen brigen Verhltnissen die
Annherung der verschiedenen Nationalitten entwickelte, desto notwendiger
wurde es, auch in dem Heerwesen die Unterschiede von Siegern und Besiegten
zu vertilgen.

Das wirksamste Mittel war, Asiaten in die Reihe der makedonischen Truppen
mit gleichen Waffen und gleicher militrischer Ehre aufzunehmen; der Knig
hatte schon vor fnf Jahren die dazu ntigen Vorbereitungen getroffen,
namentlich in allen Satrapien des Reiches junge Leute ausheben und in
makedonischer Weise bewaffnen und einben lassen. Auch fr die
Hellenisierung der Vlker konnte durch nichts schneller und sicherer
gewirkt werden, als wenn die Jugend an hellenische Bewaffnung und
Heerdienst gewhnt, in das Reichsheer aufgenommen und in den militrischen
Geist, der zunchst noch die Stelle einer neugewordenen einigen
Nationalitt in dem ungeheuren Reiche vertreten mute, unmittelbar
hineingezogen wurde.

Viele Rcksichten vereinigten sich, ihre Einberufung gerade jetzt zu
veranlassen. Die Zahl smtlicher im aktiven Heere befindlichen Makedonen
war durch die indischen Feldzge und den Zug durch Gedrosien bis auf
vielleicht 25000 Mann zusammengeschmolzen; fast die Hlfte von diesen war
seit dem Auszuge von 334 unter den Waffen. Es lag auf der Hand, da diese
Veteranen nach so ungeheuren Strapazen, namentlich den Erlebnissen in
Indien und in der gedrosischen Wste, zu neuen Wagnissen stumpf sein und
nach Ruhe und endlichem Genu dessen, was sie gewonnen, verlangen mochten;
Alexander wird erkannt haben, da es zu den groen Entwrfen, die seinen
unermdlichen Geist beschftigten, des Enthusiasmus, des Wetteifers, der
physischen und moralischen Kraft junger Truppen bedrfe, da der Stolz, das
Selbstgefhl und der Eigenwille dieser alten Makedonen leicht eine Fessel
fr ihn selbst werden konnte, zumal da sie nach der alten
kameradschaftlichen Vertraulichkeit zu ihrem Knige an eine Freiheit im
Urteilen und Verhalten gewhnt waren, wie sie zu den ganz vernderten
Verhltnissen nicht mehr passend erschien; ja er mute frchten, da sie
endlich bei irgendwelcher Gelegenheit die Szenen vom Hyphasis zu erneuern
versuchen knnten, da es ihnen lngst feststand, da nicht das allgemeine
Unglck, sondern ihr fester Wille, keinen Schritt weiter zu marschieren,
den Knig gezwungen habe, nachzugeben. Es scheint seit jener Zeit eine
gewisse Entfremdung zwischen dem Knige und den Makedonen im Heere fhlbar
geworden zu sein, und manche Ereignisse seitdem hatten nur dazu beitragen
knnen, dieselbe zu steigern; selbst die Art, wie das Heer des Knigs
Anerbieten einer allgemeinen Schuldentilgung angenommen, hatte ihn
empfinden lassen, wie tief das Mitrauen bereits gedrungen war. Er mochte
gehofft haben, durch schrankenlose Freigebigkeit, mit der er Geschenke und
Ehren an die Makedonen verteilte, durch die Hochzeitfeier, die er mit
Tausenden seiner Veteranen zugleich feierte, der Stimmung im Heere Herr zu
werden; es war ihm nicht gelungen. Er mute einer gefhrlichen Krisis
entgegensehen, die durch jeden weiteren Schritt zur hellenistischen
Gestaltung des Reiches nur schneller herbeigefhrt wurde; er mute doppelt
eilen, sich mit einer militrischen Macht zu umgeben, an deren Spitze er im
Notfall seinen alten Phalangiten entgegenzutreten vermochte.

Die Satrapen aus den eroberten Lndern und den neuerbauten Stdten kamen
mit der jungen Mannschaft, die nach dem Befehl von 331 ausgehoben worden
war, ins Lager bei Susa; es waren im ganzen 30000 Mann in makedonischer
Bewaffnung, in allen bungen des makedonischen Heerwesens ausgebildet.
Zugleich erhielt das Korps der Ritterschaft eine vllig neue Formation; es
wurden aus den baktrisch-sogdischen, arianischen, parthischen Reitern,
sowie aus den persischen Euaken die durch Rang, Schnheit oder sonstigen
Vorzug Ausgezeichneten teils in die Lochen der Ritterschaft verteilt, teils
aus ihnen und makedonischen Rittern eine fnfte Hipparchie gebildet; auch
in das Agema der Ritterschaft wurden Asiaten aufgenommen, namentlich
Artabelos und Hydarnes, des verstorbenen Satrapen Mazaios Shne, Kophenes,
des Artabazos Sohn, Sissines und Phradasmenes, des Satrapen Phrataphernes
von Parthien Shne, Histanes, Roxanes Bruder, die Brder Autobares und
Mithrobaios, und endlich der baktrische Frst Hystaspes, der die Fhrung
des Agema erhielt[17].

    [17] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Alles das erzrnte die makedonischen Truppen auf das heftigste. Alexander,
so hie es, werde jetzt ganz zum Barbaren, er verachte Makedonien um des
Morgenlandes willen; schon damals, als er sich in medischen Kleidern zu
zeigen begonnen, htten wrdige Mnner alles Unglck geahnt, das aus jenem
Anfang entspringen werde; jetzt erflle es sich, jetzt seien dem Knige
diejenigen die liebsten, welche die Sprache und Sitte der Heimat
verlernten; Peukestas werde darum mit Ehren und Geschenken vom Knige
berhuft, weil er den Erinnerungen der Heimat am frechsten Hohn spreche;
was helfe es, da Alexander mit den Makedonen gemeinschaftlich Hochzeit
halte, es seien ja asiatische Weiber und diese gar nach persischer Sitte
angetraut; und jetzt die Neulinge in makedonischen Waffen, diese Barbaren
in gleicher Ehre mit den Veteranen Philipps! Es sei offenbar, da Alexander
der Makedonen mde sei, da er alle Anstalten treffe, ihrer nicht mehr zu
bedrfen, da er die nchste Gelegenheit benutzen werde, sie ganz beiseite
zu schaffen.

So die alten Truppen; es bedurfte nur eines Anstoes, um diese Stimmung zum
Ausbruch zu bringen; und bald genug sollte sich derselbe finden.




  Zweites Kapitel

  Der Soldatenaufruhr in Opis -- Zurcksendung der Veteranen --
  Zersetzung der Parteien in Athen -- Befehl zur Rckkehr der
  Verbannten -- Harpalos' Umtriebe in Athen, der harpalische
  Proze -- Die innere Politik Alexanders und ihre Wirkungen


Alexander hatte beschlossen, mit seiner Heeresmacht den Tigris aufwrts zu
der Stadt Opis, wo sich die groe Strae nach Medien und dem Abendlande
scheidet, zu ziehen; die Lage der Stadt lie schon den Zweck des Marsches
erraten. Zu gleicher Zeit lag es ihm am Herzen, sich ber die Natur der
Euphrat- und Tigrismndungen, ber die Schiffbarkeit dieser Strme und ber
den Zustand der Wasserbauten namentlich im Tigris, von denen das Wohl und
Wehe der tiefliegenden Ufergegenden abhngt, zu unterrichten. Er bergab
die Fhrung des Heeres an Hephaistion mit dem Befehl, auf der gewhnlichen
Strae an dem Tigris hinaufzuziehen. Er selbst bestieg mit seinen
Hypaspisten, mit dem Agema und einer nicht bedeutenden Schar der
Ritterschaft die Schiffe Nearchs, welche bereits den Eulaios herauf und bis
in die Nhe von Susa gekommen waren. Er fuhr mit diesen, es mochte im April
sein, den Strom von Susa hinab. Als sich die Flotte der Mndung nahte,
wurden die meisten Schiffe, da sie durch die Fahrt von Indien her sehr
mitgenommen waren, hier zurckgelassen; die schnellsten Segler whlte der
Knig aus, um in den Persischen Meerbusen hinabzusegeln, whrend die
anderen Schiffe durch den Kanal, welcher den Eulaios und Tigris nicht weit
von ihrer Mndung verbindet, in den groen Strom gehen sollten.

Er selbst schiffte nun den Eulaios hinab in den Persischen Meerbusen, fuhr
dann an der Kste und den Mndungen der verschiedenen Kanle entlang bis
zur Tigrismndung, und nachdem er sich ber alles genau unterrichtet und
namentlich die ntigen Anweisungen zur Grndung einer Stadt Alexandreia,
zwischen dem Tigris und Eulaios hart am Strande gegeben hatte, steuerte er
in den Tigris hinein und den Flu stromauf; bald traf er die brigen
Schiffe und nach einigen Tagen das Landheer unter Hephaistion, das an den
Ufern des Stromes lagerte. Bei der weiteren Fahrt stie die Flotte mehr als
einmal auf mchtige Fludmme, welche von den Persern errichtet worden
waren, angeblich um jeden feindlichen Einfall vom Meere her unmglich zu
machen; Alexander lie, nicht blo weil er Angriffe von der See her nicht
weiter frchtete, sondern namentlich um den Strom fr Handel und Schiffahrt
zu ffnen, diese Dmme, wo er sie fand, einreien; zu gleicher Zeit traf er
die ntigen Einrichtungen, um die Kanle, die teils verstopft waren, teils
ihre Deiche durchbrochen hatten, wieder zu reinigen und mit den ntigen
Schleusen und Deichen zu versehen.

Es mochte im Monat Juli sein, als Heer und Flotte in Opis anlangten; man
lagerte in der Umgegend der reichen Stadt. Die Mistimmung der
makedonischen Truppen hatte sich seit dem Aufbruche aus Susa keineswegs
vermindert; die bertriebensten und verkehrtesten Gerchte von dem, was der
Knig mit ihnen beabsichtige, fanden Glauben und steigerten ihre
Besorgnisse bis zur hchsten Spannung.

Da wurden sie zur Versammlung berufen; auf der Ebene vor Opis traten die
Truppen an; der Knig hielt eine Ansprache, den Makedonen, wie er meinte,
Erfreuliches zu verknden: Viele unter ihnen seien durch vieljhrige
Dienste, durch Wunden und Strapazen erschpft; er wolle sie nicht, wie
frhere Verabschiedete, in den neuen Stdten ansiedeln; er wisse, da sie
gern die Heimat wiedershen; wer von den Veteranen bei ihm bleiben wolle,
dem werde er diese Hingebung so zu vergelten wissen, da sie
beneidenswerter als die Heimgekehrten erscheinen und in der Jugend der
Heimat das Verlangen nach gleichen Gefahren und gleichem Ruhm verdoppeln
sollten; da jetzt Asien unterworfen und beruhigt sei, so knnten mglichst
viele an der Entlassung teilnehmen. Hier unterbrach den Knig ein wildes
und verworrenes Geschrei: er wolle die Veteranen los sein, er wolle ein
Barbarenheer um sich haben; nachdem er sie abgenutzt, danke er sie jetzt
mit Verachtung ab, werfe er sie alt und entkrftet ihrem Vaterlande und
ihren Eltern zu, von denen er sie sehr anders erhalten. Immer wilder ward
der Tumult: er solle sie alle entlassen; mit dem, den er seinen Vater
nenne, mge er frder ins Feld ziehen! So tobte die Versammlung; der
Soldatenaufruhr war in vollem Zuge. Im heftigsten Zorn strzte Alexander
von der Bhne herab, unbewaffnet, wie er war, unter die lrmende Menge, die
Offiziere seiner Umgebung ihm nach; mit mchtiger Faust packte er die
nchsten Schreier, bergab sie seinen Hypaspisten, zeigte dort- und dahin,
andere Schuldige zu ergreifen. Dreizehn wurden ergriffen; er befahl, sie
zum Tode abzufhren. Der Schrecken machte dem Lrm ein Ende. Dann hielt der
Knig eine zweite Ansprache, die Meuterei zu zchtigen.

Mgen die Worte, die ihn Arrian sprechen lt, aus guter Quelle stammen
oder frei nach der Situation erfunden sein, sie verdienen nach ihrem
Hauptinhalt angefhrt zu werden: Nicht um euren Abzug rckgngig zu
machen, werde ich noch einmal zu euch sprechen; ihr knnt gehen, wohin ihr
wollt, meinethalben! Nur euch zeigen will ich, was ihr durch mich geworden.
Mein Vater Philipp hat Groes an euch getan! Da ihr sonst arm und ohne
feste Wohnsitze mit euren rmlichen Herden in den Gebirgen umherirrtet,
stets den berfllen der Thraker, Illyrier, Triballer ausgesetzt, hat mein
Vater euch angesiedelt, euch statt des Felles das Kriegskleid gegeben, euch
ber die Barbaren der Nachbarschaft zu Herren gemacht, eurem Fleie die
Bergwerke des Pangaion, eurem Handel das Meer geffnet. Thessalien, Theben,
Athen, den Peloponnes unterworfen, die unumschrnkte Hegemonie aller
Hellenen zu einem Perserkriege erworben; das hat Philippos vollbracht,
Groes an sich, im Verhltnis zu dem spter Vollbrachten Geringes. Von
meinem Vater her fand ich weniges Gold und Silber an Gerten im Schatze,
nicht mehr denn sechzig Talente, an Schuld fnfhundert Talente; ich selbst
mute achthundert Talente Schuld hinzufgen, um den Feldzug beginnen zu
knnen; da ffnete ich euch, obschon die Perser das Meer beherrschten, den
Hellespont, ich besiegte die Satrapen des Groknigs am Granikos; ich
unterwarf die reichen Satrapien Kleinasiens und lie euch die Frchte des
Sieges genieen; euch kamen die Reichtmer gyptens und Cyrenes zugute,
euer ward Syrien und Babylon, euer Baktra, euer die Schtze Persiens und
die Kleinodien Indiens und das Weltmeer; aus eurer Mitte sind die Satrapen,
die Befehlshaber, die Strategen. Was habe ich selbst von alle den Kmpfen,
auer den Purpur und das Diadem? Nichts habe ich fr mich erworben, und es
ist niemand, der meine Schtze zeigen knnte, wenn er nicht eure Habe und
was fr euch bewahrt wird, zeigt; und warum sollte ich mir Schtze hufen,
da ich esse, wie ihr esset, und schlafe, wie ihr schlaft; ja mancher von
euch lebt kstlicher denn ich, und manche Nacht mu ich durchwachen, damit
ihr ruhig schlafen knnt. Oder bin ich, wenn ihr Mhe und Gefahr duldetet,
ohne Kummer und Sorge gewesen? Wer kann sagen, da er mehr um mich, als ich
um ihn geduldet? Wohl, wer von euch Wunden hat, der zeige sie, und ich will
die meinen zeigen; kein Glied an meinem Krper ist ohne Wunde und keine Art
von Gescho oder Waffe, deren Narbe ich nicht an mir trage; von Schwert und
Dolch, von Bogen und Katapultenpfeil, von Steinwurf und Keulenschlag bin
ich verwundet worden, da ich fr euch und euren Ruhm und eure Bereicherung
kmpfte und euch siegend ber Lnder und Meere, ber Gebirge, Strme und
Wsteneien fhrte. Die gleiche Ehe mit euch habe ich geschlossen, und die
Kinder vieler von euch werden meinen Kindern verwandt sein; und wer von
euch verschuldet war, unbekmmert wie es bei so reichem Solde, bei so
reicher Beute mglich gewesen, dem habe ich seine Schuld getilgt; die
meisten von euch haben goldene Krnze empfangen fr sie zum dauernden
Zeugnis ihrer Tapferkeit und meiner Achtung. Und wer gefallen ist im
Kampfe, dessen Tod war rhmlich und dessen Begrbnis ehrenvoll; von vielen
derselben stehen eherne Statuen daheim, und ihre Eltern sind hochgeehrt,
frei von Abgaben und ffentlichen Lasten. Endlich ist keiner von euch unter
meiner Fhrung fliehend gefallen. Und jetzt hatte ich die Kampfesmden
unter euch, zur Bewunderung und zum Stolz unserer Heimat, zu entlassen im
Sinn; ihr aber wollt alle hinwegziehen; so zieht alle hin! Und wenn ihr in
die Heimat kommt, so sagt da ihr euren Knig, der die Perser, die Meder,
die Baktrier und Saker besiegt, der die Uxier und Arachosier und Drangianer
bewltigt, der die Parther, Chorasmier und Hyrkanier lngs das Kaspischen
Meeres gewonnen, der den Kaukasus jenseits der kaspischen Psse
berstiegen, der den Oxus und Tanais berschritten und den Indus, wie nur
Dionysos vor ihm, den Hydaspes, den Akesines, den Hyarotis und, httet ihr
ihn nicht gehindert, den Hyphasis, der den Indus hinab in den Ozean fuhr,
der durch die Wste Gedrosiens zog, die niemand vor ihm mit einem Heere
durchzogen, dessen Flotte vom Indus durch den Ozean nach Persien kam, --
da ihr diesen eueren Knig Alexander verlassen und ihn zu schtzen den
besiegten Barbaren bergeben habt; das zu verknden wird euch gewi
rhmlich vor den Menschen und fromm vor den Gttern sein; ziehet hin! Nach
diesen Worten stieg er heftigen Schrittes von der Tribne und eilte nach
der Stadt zurck.

Betroffen standen die Makedonen und schwiegen; nur die Leibwchter und die
ihm vertrautesten unter den Hetren waren gefolgt. Allmhlich begann sich
das peinliche Schweigen in der Versammlung zu lsen; man hatte erhalten,
was man gefordert; man fragte: Was nun? Was weiter? Sie alle waren
entlassen, sie waren nicht mehr Soldaten; der Dienst und die militrische
Ordnung, die sie bisher zusammengehalten, war gelst, sie waren ohne
Fhrung, ohne Rat und Willen; die einen riefen zu bleiben, wieder andere
schrien zum Aufbruch; so wuchs der Tumult und das wste Geschrei, keiner
befahl, keiner gehorchte, keine Rotte hielt sich beisammen; in kurzem war
das Heer, das die Welt erobert, eine wste und verworrene Menschenmasse.

Alexander hatte sich in das Knigsschlo von Opis zurckgezogen; in der
heftigsten Aufregung, wie er war, verga er die Sorge fr seinen Krper; er
wollte niemand sehen, niemand sprechen. So den ersten, so den zweiten Tag.
Indes hatte in dem Lager der Makedonen die Verwirrung einen gefhrlichen
Grad erreicht; schnell und furchtbar zeigten sich die Folgen der Meuterei
und das Unglck, das sinnlos Geforderte im berma erreicht zu haben; ihrem
Schicksal und ihrer Anarchie berlassen, ohnmchtig und haltungslos, da
ihnen nicht widerstanden worden, ohne Entschlu zu wollen, ohne Kraft zu
handeln, ohne das Recht und die Pflicht und die Ehre ihres Standes, -- was
konnten sie beginnen, wenn sie nicht Hunger oder Verzweiflung zur
offenbaren Gewalt trieb?

Alexander mute sich vor einem uersten schtzen; zugleich wollte er den
letzten und freilich gewagten Versuch machen, die Makedonen zur Reue zu
bringen. Er beschlo, sich ganz den asiatischen Truppen anzuvertrauen, sie
nach dem Gebrauch des makedonischen Heeres zu ordnen, sie mit allen Ehren,
die einst die Makedonen gehabt hatten, auszuzeichnen; er durfte erwarten,
da, wenn diese so das letzte Band zwischen sich und ihrem Knige zerrissen
shen, sie entweder reuig um Vergebung flehen oder bis zur Wut emprt zu
den Waffen greifen wrden; er war gewi, da er an der Spitze seiner
asiatischen Truppen ber die fhrerlosen Haufen den Sieg davontragen werde.
Er berief am dritten Tage die Perser und Meder in das Knigsschlo,
erffnete ihnen seinen Willen, whlte aus ihnen Hauptleute und Anfhrer im
neuen Heere, nannte viele von ihnen mit dem Ehrennamen kniglicher
Verwandten, gab ihnen nach morgenlndischer Weise das Vorrecht des Kusses;
dann wurden die asiatischen Truppen nach makedonischer Weise in Hipparchien
und Phalangen geteilt, es wurde ein persisches Agema, persische Hetren zu
Fu, eine persische Schar Hypaspisten-Silberschildner, persische
Ritterschaft der Hetairen, ein Agema persischer Ritterschaft gebildet; es
wurden die Posten am Schlosse von Persern besetzt und ihnen der Dienst beim
Knige bertragen; es wurde den Makedonen der Befehl gesandt, das Lager zu
rumen und zu gehen, wohin sie wollten, oder sich, wenn sie es vorzgen,
einen Fhrer zu whlen und gegen Alexander, ihren Knig, ins Feld zu
rcken, um dann von ihm besiegt zu erkennen, da sie ohne ihn nichts
seien.

Sobald dieser Befehl des Knigs im Lager bekannt wurde, hielten sich die
alten Truppen nicht lnger; sie liefen nach dem Knigsschlosse, legten ihre
Waffen vor den Toren nieder, zum Zeichen ihrer Unterwerfung und ihrer Reue;
vor den geschlossenen Toren stehend schrien und flehten sie, hineingelassen
zu werden, um die Urheber des Aufruhrs auszuliefern: sie wrden Tag und
Nacht nicht von hinnen weichen, bis sich der Knig erbarme.

Nicht lange, und der Knig trat heraus; da er seine Veteranen so in Reue
sah, da er ihren Freudenruf und ihr erneutes Jammern hrte, vermochte er
nicht, seinen Trnen zu wehren; dann trat er nher, um zu ihnen zu
sprechen; sie drngten sich um ihn und hrten nicht auf mit Flehen, gleich
als frchteten sie das erste Wort ihres vielleicht noch nicht erweichten
Knigs. Ein alter geachteter Offizier, einer der Hipparchen der
Ritterschaft, Kallines, trat hervor, im Namen aller zu sprechen: was die
Makedonen vor allem schmerze, sei, da er Perser zu seinen Hetairen gemacht
habe, da Perser sich nun Alexanders Verwandte nennen und ihn kssen
drften, und von den Makedonen sei nie einer dieser Ehre teilhaftig
geworden. Da rief der Knig: Euch alle mache ich zu meinen Verwandten und
nenne euch also von Stund' an! Er ging auf Kallines zu, ihn zu kssen; und
es kte ihn von den Makedonen, wer es wollte; sie nahmen ihre Waffen auf
und zogen jauchzend in ihr Lager zurck. Alexander aber gebot zur Feier der
Vershnung ein groes Opfer zu bereiten, und opferte den Gttern, denen er
pflegte. Dann wurde ein groes Mahl gehalten, an dem fast das gesamte Heer
teilnahm, in der Mitte der Knig, ihm zunchst die Makedonen, nach diesem
die Perser, und weiter viele von den brigen Vlkerschaften Asiens; der
Knig trank aus denselben Mischkrgen mit seinen Truppen und spendete mit
ihnen die gleichen Spenden; hellenische Seher und die persischen Magier
vollzogen dazu die heiligen Gebruche. Der Trinkspruch, den der Knig
sprach, war, da die Gtter alles Heil gewhren mchten, vor allem aber
Eintracht und Gemeinschaft des Reiches den Makedonen und Persern. Es soll
die Zahl derer, die an diesem Mahle teilnahmen, neuntausend gewesen sein;
und diese alle spendeten zu gleicher Zeit und sangen den Lobgesang dazu.

So der Ausgang dieser schweren Krisis; es war das letzte Aufbumen des
altmakedonischen Wesens in seiner eigensten und gewichtigsten Gestaltung;
nun war es moralisch bewltigt. Die Maregeln, denen es erlegen war, gaben
diesem Siege Alexanders eine doppelte Wichtigkeit. Der Vorzug, den der
Knig der makedonischen Kriegsmacht bisher hatte zugestehen mssen, war
abgetan, asiatische Truppen traten in die Namen und Ehren des
altmakedonischen Heeres ein; es gab fortan zwischen Siegern und Besiegten
keinen anderen Unterschied, als den des persnlichen Wertes und der Treue
fr den Knig.

Wie mchtig, wie berwltigend in diesem Vorgang des Knigs Persnlichkeit
erscheinen mag, sie erklrt nicht alles. Immerhin kann man sagen: wenn das
System Alexanders diese Probe zu bestehen vermochte, so ist das ein
sicherer Beweis, da dies Reichssystem, das so schnell und khn aufgebaut
war, so weit fertig und fest dastand, da das Gerst und die sttzenden
Trger seiner Grndung hinweggebrochen werden konnten. Aber htten nicht
ebensowohl die Veteranen in Opis den Sieg davontragen und damit dem
Ixionsrausch des Knigs ein Ende machen, den Beweis geben knnen, da er in
seiner Inbrunst statt der Gttin eine Wolke umarmt habe? Unfehlbar, wenn
sie selbst noch in Wahrheit Makedonen gewesen wren; sie waren es nicht
mehr, sie hatten selbst das Neue, das sie bekmpften, in sich aufgenommen;
sie hatten sich in das asiatische Leben hineingelebt, ohne diesem neuen
Elemente das Recht, zu dem es berufen war, zugestehen zu wollen; und dieser
Hochmut, nun als Sieger dessen, das auch sie im innersten Wesen besiegt und
durchdrungen hatte, gelten zu wollen, war die Schule, um derentwillen sie
erlagen. Indem das makedonische Heer, das Werkzeug, mit dem das Werk der
neuen Zeit geschaffen war, von der mchtigen Hand des Meisters gebrochen
wurde, war das Werk selbst fertig gesprochen und ber seine Art und Wesen
keine Frage mehr. Was auch die Zerwrfnisse und Verwirrungen der
nchstfolgenden Zeit an den ueren Formen dieses Reiches gerttelt und
zerstrt haben, das hellenistische Leben, die groe Einigung der
hellenischen und asiatischen Welt mit allem Segen und Unsegen, den sie in
sich trug, war fr Jahrhunderte gegrndet.

So hatte sich das Neue durch alle Stadien innerer und uerer Gefhrdungen
hindurchgekmpft; als Gedanke einer neuen Zeit erkannt, als Prinzip des
neuen Knigtums ausgesprochen, als Regiment des Reiches im Gange, als
Heeresmacht organisiert, als Zersetzung und Umgestaltung des Vlkerlebens
in voller Arbeit, hatte es nur noch mglichst durchgreifend und den
wesentlichen Interessen der Vlker gem sich zu bettigen. Dies war die
Arbeit fr die kurze Spanne Leben, welche das Schicksal dem Knige noch
gnnen wollte, ihr Zweck oder doch ihr Erfolg.

Selbst die Zurcksendung der Veteranen mute in diesem Sinne wirken; noch
nie waren in solcher Zahl Truppen aus Asien in die Heimat zurckgekehrt,
und mehr als alle frheren hatten diese 10000 Veteranen asiatisches Wesen
in sich aufgenommen; ihr Beispiel, ihr Ruhm, ihr Reichtum, alles, was sie
an verwandelten Ansichten und Bedrfnissen, an neuen Ansprchen und
Erfahrungen mitbrachten, mute unter den Ihrigen in der Heimat von nicht
minder starkem Einflu sein, als ihn das Abendlndische auf das Leben der
stlichen Vlker bereits ausbte -- ob einen segensreichen, ist, wenn man
der kleinen Leute, der Bauern und Hirten daheim gedenkt, eine andere Frage.
Auf das feierlichste wurden die Veteranen aus dem Lager von Opis entlassen;
Alexander verkndete ihnen, da sie jeder den Sold bis zur Heimat und
berdies ein Geschenk von einem Talente erhalten sollten; die Kinder, die
morgenlndische Frauen ihnen geboren, mchten sie, so forderte er, bei ihm
lassen, damit sie nicht ihren Frauen und Kindern daheim Anla zu Unfrieden
wrden; er werde dafr sorgen, da die Soldatenkinder makedonisch und zu
Soldaten erzogen wrden; und wenn sie Mnner geworden, dann hoffe er sie
nach Makedonien zurckzufhren und ihren Vtern wiederzugeben; fr die
Kinder der in den Feldzgen Gefallenen versprach er auf gleiche Weise zu
sorgen, der Sold ihrer Vter werde ihnen bleiben, bis sie selbst sich
gleichen Sold und gleichen Ruhm im Dienste des Knigs erwerben wrden; zum
Zeichen seiner Frsorge gbe er ihnen den treuesten seiner Generale, den er
wie sein eigen Haupt liebe, den Hipparchen Krateros, zum Hter und Fhrer
mit. So zogen die Veteranen von Opis aus, mit ihnen die Strategen
Polysperchon, Kleitos, Gorgias, vielleicht auch Antigenes von den
Hypaspisten, von der Ritterschaft Polydamas und Amantas; bei der
Krnklichkeit des Krateros war Polysperchon als zweiter Befehlshaber der
Truppen bestellt.

Die Weisungen fr Krateros bezogen sich nicht blo auf die Zurckfhrung
der Veteranen; der Hauptzweck seiner Sendung war, die politische und
militrische Leitung daheim an Antipatros' Stelle zu bernehmen, der
dagegen Befehl erhielt, den Ersatz fr die heimkehrenden Gruppen zum Heere
zu fhren. Schwerlich war dies der entscheidende Grund; es mag vieles
zusammengekommen sein, den Wechsel in der hchsten Stelle daheim notwendig
zu machen. Die Uneinigkeit zwischen der Kniginmutter und Antipatros hatte
den hchsten Grad erreicht; immerhin mag die berwiegende, vielleicht die
alleinige Schuld auf seiten der leidenschaftlichen und herrischen Knigin
gewesen sein; verfuhr sie doch im epirotischen Lande, nachdem ihr Bruder
Alexandros in Italien gefallen war, als sei sie Herrin des Landes; und
dessen junge Witwe, ihre Tochter Kleopatra, kehrte, vielleicht um hchst
persnlichen Gefahren zu entgehen, mit ihrem fnfjhrigen Knaben, dem
rechten Erben des molossischen Knigtums, nach Makedonien zurck. Alexander
hatte die Mutter stets hochgeehrt und ihr jede Sohnespflicht erfllt, aber
ebenso entschieden ihre Einmischung in die ffentlichen Angelegenheiten
zurckgewiesen; dennoch wurde sie nicht mde zu intrigieren, ihrem Sohne
Vorwrfe und Klagen aller Art zu schreiben, eiferschtig auf dessen Neigung
zu Hephaistion auch diesen mit bitteren Briefen heimzusuchen, vor allem
aber gegen Antipatros unablssig die heftigsten Beschuldigungen nach Asien
zu senden. Antipatros seinerseits beschwerte sich ebenso bitter ber die
Kniginmutter und deren Einmischung in die ffentlichen Angelegenheiten.
Es wird die bezeichnende uerung Alexanders angefhrt: Antipatros wei
nicht, da eine Trne meiner Mutter tausend solcher Briefe auslscht. Sein
Vertrauen zu dem Reichsverweser in Makedonien erhhten sie nicht; es war
doch mglich, da derselbe den Verlockungen der groen Gewalt, die ihm
bertragen war, nicht widerstand: und wenn Antipatros nach der Hinrichtung
seines Eidams Philotas insgeheim mit den tolern angeknpft hatte, so war
um so mehr Vorsicht geboten, wenn auch die immer neuen Beschwerden und
Warnungen, die Olympias sandte, sich, soweit wir sehen, als nicht begrndet
erweisen mochten. Jedenfalls bezeugt Arrian, da man von keiner uerung
oder Handlung des Knigs wisse, die seine Sinnesnderung gegen Antipatros
bezeugt habe; er vermutet, da ihm der Knig nicht als Strafe befohlen,
nach Asien zu kommen, sondern nur, um vorzubeugen, da beiden, seiner
Mutter und dem Reichsverweser, nicht etwa Unseliges und selbst fr ihn
Unheilbares aus diesem Zwist entstnde. Auch sollte Antipatros sein Amt
keineswegs sofort niederlegen und nach Asien kommen, sondern das Regiment
der ihm anvertrauten Lnder bis zur Ankunft des Krateros, die sich bei den
langsamen Mrschen der Veteranen ber Jahr und Tag hinziehen konnte,
fortsetzen. Die sonderbare Wendung, die die hellenischen Angelegenheiten
gerade jetzt nahmen, machte die Anwesenheit des erprobten Statthalters in
Makedonien doppelt notwendig.


Wenn es irgendein gesundes nationales Empfinden in der hellenischen Welt
gab, so htten, sollte man meinen, die Siege Alexanders am Granikos, bei
Issos, bei Gaugamela, die Befreiung der Hellenen Asiens, die Vernichtung
der Handelsmacht von Tyros, die Vernichtung der Persermacht auch die
Unvershnlichen vershnen, das Volk der Hellenen in allen Nerven
erfrischen, es htte mit freudigem Wetteifer mit an dem Werk sein mssen,
fr das einzutreten die hellenischen Staaten vertragsmig nicht blo die
Pflicht, sondern das Recht hatten. Die tonangebenden Staaten verstanden den
Patriotismus und die nationale Sache anders. Wir sahen, wie Athen in dem
Jahre der Schlacht von Issos daran war, seine Seemacht fr Persien
einzusetzen, wie Knig Agis in der Zeit, da Dareios auf der Flucht ermordet
wurde, gegen die Makedonen im Felde lag, wie die kleinen Staaten nur auf
dessen ersten Sieg warteten, um sich ihm anzuschlieen.

Mit der Niederlage der Spartaner im Sommer 330 war es in Hellas still
geworden, aber der Groll und die Verstocktheit geblieben; die Gre der
Zeit sahen sie nicht. Was gibt es Unerwartetes und Ungehofftes, sagte
Aischines in einer Rede im Herbst 330, das in unseren Tagen nicht
geschehen wre? Denn wir haben nicht ein gewhnliches Menschenleben gelebt,
sondern unsere Jahre sind zu einer Wunderzeit fr die nach uns Lebenden
geworden. Und seitdem war noch Wunderbareres geschehen; diese fnf Jahre,
ebenso reich an staunenswrdigen Taten im fernen Asien, wie kleinlich und
schlaff daheim in Hellas, dort die Eroberung der baktrischen Lnder,
Indiens, die Erschlieung des sdlichen Ozeans, hier die fadenscheinige
Trivialitt kleinstaatlicher Geschftigkeit und Phrasen ber Phrasen, -- in
der Tat, der moralische Wert, oder will man lieber, das Nettogewicht dieser
hellenischen Politik und Politien sank tiefer und tiefer.

Seitdem die Wucht der makedonischen Macht bergro, weiterer Widerstand
gegen sie, der einzige Gedanke, der dem ffentlichen Leben der Staaten in
Hellas, namentlich dem Athens und Spartas, noch ein Ferment gegeben hatte,
unmglich geworden war, erlahmte auch der letzte Rest politischer Tatkraft
in den Massen, und der Unterschied der Parteien, wie sie sich in der Losung
fr oder wider Makedonien entwickelt hatten, begann sich zu verwirren und
zu verwischen.

Wenigstens in Athen lt sich diese Zersetzung der Parteien und die
wachsende Haltlosigkeit des Demos einigermaen beobachten. Lykurgos, der
zwlf Jahre hindurch die Finanzen des Staates vortrefflich verwaltet hatte,
mute sie bei den Wahlen von 336 in die Hand des Mnesaichmos, seines
politischen und persnlichen Gegners, bergehen sehen. Der
leidenschaftliche Hypereides, sonst immer an Demosthenes' Seite, wandte
sich seit den Vorgngen von 330, seit der damals versumten Schilderhebung
gegen Makedonien von ihm und trat bald genug als Anklger wider ihn auf.
Freilich Aischines war nicht mehr in Athen; er hatte, als die attischen
Geschwornen in dem Proze gegen Ktesiphon -- es war kurz nach der
Niederlage des Knigs Agis -- zugunsten des Verklagten und damit zu Ehren
des Demosthenes entschieden hatten, die Heimat verlassen, um fortan in
Rhodos zu leben. Aber es blieb in Athen noch Phokion, der strenge Patriot,
der Alexanders glnzende Geschenke zurckwies, der in gleichem Mae seines
Vaterlandes Verfall begriff und beklagte, und das nur zu erregbare Volk von
Athen von jedem neuen Versuch zum Kampf gegen Makedonien, dem er es nicht
mehr gewachsen sah, zurckzuhalten suchte. Es blieb Demades, dessen Einflu
nicht minder auf sein Verhltnis zu Makedonien, als auf seine
Friedenspolitik, wie sie den Wnschen der Wohlhabenden entsprach und die
genulsterne Menge mit Festschmausereien und Geldspenden zu kdern mglich
machte, begrndet war; nicht der Krieger so sprach er einst in der
Ekklesia, wird meinen Tod beklagen, denn ihm ntzt der Krieg, und der
Friede ernhrt ihn nicht, wohl aber der Landmann, der Handwerker, der
Kaufmann und jeder, der ein ruhiges Leben liebt, fr sie habe ich Attika
nicht mit Wall und Graben, wohl aber mit Frieden und Freundschaft gegen die
Mchtigen geschtzt.

Und wenn Demosthenes selbst in der Zeit, da sich Knig Agis erhob, zwar in
Sparta und sonst, wie man glaubte, zum Losschlagen getrieben hatte und doch
in Athen nur wundersame Reden fhrte, wenn er, wie man nicht minder
sagte, unter der Hand mit Olympias, mit Alexander selbst Beziehungen
anknpfte, so war das nicht dazu angetan, das Vertrauen des Demos auf seine
Leitung zu erhhen; wenn man auch in dem schweren Jahre der Teuerung ihm,
dem geschickten Verwalter, das Amt der Frsorge fr die Getreidezufuhr
bertrug, in betreff der politischen Leitung der Stadt hrte die Ekklesia
ihn wie seine Gegner rechts und links, und in der Regel wird der endliche
Beschlu des souvernen Demos unberechenbar gewesen sein.

Die Zeit der Kleinstaaten war vorber; in allen Beziehungen zeigte sich,
da diese Brocken und Brckchen des staatlichen Kleinlebens der
neugewordenen Machtbildung gegenber unhaltbar geworden seien, da die
vollkommen verwandelten politischen und gesellschaftlichen Zustnde eine
grndliche Umgestaltung auch in der Verfassung der Staaten forderten. Und
wenn Alexanders Gedanke war, die Demokratie den hellenischen Stdten nur
noch fr ihre kommunale Verwaltung zu belassen und sie mit der Macht und
Autoritt seiner groen Monarchie zusammenfassend zu berbauen, wenn dies
Werk, durch seinen zu frhen Tod, oder will man lieber, durch die innere
Notwendigkeit des hellenischen Wesens unvollendet geblieben ist, so liegt
ebenda der Grund jenes trostlosen Hinsiechens, mit dem das nchste
Jahrhundert der hellenischen Geschichte den Ruhm besserer Zeiten besudeln
sollte.

Im Sinne jenes Planes war es, da Alexander zwei Maregeln beschlo, die
allerdings tief einschnitten.

Er forderte auch von den Hellenen gttliche Ehren. Was man auch in betreff
der persnlichen Ansicht des Knigs und deren Umwandlung aus diesem Gebot
folgern mag, jedenfalls war es weder so unerhrt und frevelhaft, wie es dem
auf monotheistischer Grundlage entwickelten Empfinden erscheinen darf, noch
ist der wesentlich politische Charakter dieser Maregel zu verkennen. Das
hellenische Heidentum war seit lange gewohnt, die Gtter anthropomorphisch
anzusehen, wie das Wort des alten Denkers lautet: Die Gtter sind
unsterbliche Menschen, die Menschen sterbliche Gtter. Weder die heilige
Geschichte noch die Dogmatik ruhte auf der festen Basis geoffenbarter, ein
fr allemal als gttlichen Ursprungs geltender Lehrschriften; es gab fr
religise Dinge keine andere Norm und Form als das Empfinden und Meinen der
Menschen, wie es war und mitlebend sich entwickelte, daneben ebenfalls die
Weisungen der Orakelsttten und die vielerlei Zeichendeutungen, die eben
auch nur, wie der schwimmende Kork auf dem Strome, die Bewegung, der sie
folgten, bezeichneten. Wenn nun das Orakel des Zeus Ammon, wie man auch
spotten mochte, am Ende doch den Knig als Zeus' Sohn bezeichnet hatte,
wenn Alexander, aus dem Geschlechte des Herakles und Achilleus, eine Welt
erobert und umgestaltet, wenn er in Wahrheit Greres als Herakles und
Dionysos vollbracht hatte, wenn die Aufklrung seit lange die Gemter von
dem tieferen religisen Bedrfnis entwhnt, von den Ehren und Festen der
Gtter nur die Lustbarkeiten, die uere Zeremonie und die kalendarische
Bedeutung briggelassen hatte, so wird man es begreiflich finden, da fr
das damalige Griechentum der Gedanke an gttliche Ehren und Vergtterung
eines Menschen nicht allzu fernlag. Wie natrlich vielmehr dergleichen im
Sinne der damaligen Zeit war, beweisen die nchsten Jahrzehnte bis zum
berdru, nur da der groe Alexander der erste war, der fr sich das in
Anspruch nahm, was nach ihm die erbrmlichsten Frsten und die
verworfensten Menschen von Hellenen und Griechen, vor allem von den
Athenern fr ein Billiges erhalten konnten. Mag den einen Alexander dafr
gelten, an seine eigene Gottheit geglaubt, den anderen, dieselbe fr nichts
als fr eine polizeiliche Maregel gehalten zu haben es wird von ihm der
Ausspruch berliefert: Zeus sei freilich aller Menschen Vater, aber nur
die besten mache er zu seinen Shnen. Die Vlker des Morgenlandes sind
gewhnt, ihren Knig als ein Wesen hherer Art zu verehren, und allerdings
ist dieser Glaube, wie das Bedrfnis einer solchen Vorstellung sich auch
nach den Sitten und den Vorurteilen der Jahrhunderte umzugestalten mag, die
Basis jeder Monarchie, ja jeder Form von Herrentum; selbst die dorischen
Aristokratien des Altertums gaben den von den Heroen ihrer Grndung
Abstammenden dieses Vorrecht dem untertnigen Volk gegenber, und das
demokratische Athen grndete auf ein durchaus analoges Vorurteil gegen die
Sklaven die Mglichkeit einer Freiheit, gegen welche die Monarchie
Alexanders wenigstens den Vorzug hat, die Barbaren nicht als zur Sklaverei
geboren anzusehen. Er empfing von den Barbaren die Anbetung, die sie
ihrem Knige, dem gottgleichen Menschen, darzubringen gewohnt waren;
sollte die hellenische Welt in dieser Monarchie ihre Stelle und ihre Ruhe
finden, so war der erste und wesentlichste Schritt, die Griechen zu
demselben Glauben an seine Majestt, den Asien hegte, und in dem er die
wesentlichste Garantie seines Knigtums erkannte, zu veranlassen und zu
gewhnen.

Zu der Zeit, als in Asien die letzten Schritte zur Verschmelzung des Abend-
und Morgenlndischen getan wurden, ergingen nach Griechenland hin die
Aufforderungen, durch ffentliche Beschlsse dem Knige gttliche Ehren zu
gewhren. Gewi taten die meisten Stdte, was gefordert wurde. Der Beschlu
der Spartaner lautete: da Alexander Gott sein will, so sei er Gott. In
Athen brachte Demades den Vorschlag vor das Volk; Pytheas trat auf, gegen
ihn zu sprechen: es sei gegen die solonischen Gesetze, andere als die
vterlichen Gtter zu ehren; als gegen ihn eingewandt ward, wie er, noch so
jung, wagen knne, in so wichtigen Dingen zu sprechen, antwortete er:
Alexander sei noch jnger. Auch Lykurgos erhob sich gegen den Vorschlag:
was wrde das fr ein Gott sein, dessen Heiligtum verlassend man sich
reinigen mte. Bevor man in Athen zum Schlu kam, trat eine zweite Frage
hinzu, welche unmittelbar in das brgerliche Gemeinwesen eingriff.

Dies war eine Anordnung des Knigs ber die Verbannten der hellenischen
Staaten[18]. Die Verbannungen waren zum grten Teil Folge politischer
Vernderungen, sie hatten wegen der Siege, die die Makedonen seit den
letzten fnfzehn Jahren davongetragen, natrlich die Gegner Makedoniens
vorzglich betroffen. Viele dieser politischen Flchtlinge hatten frher in
den Heeren des persischen Groknigs Dienst und fortgesetzten Kampf gegen
Makedonien gefunden; nach Persiens Fall irrten sie hilflos und heimatlos in
der Welt umher; manche mochten Dienste im makedonischen Heere nehmen,
andere wurden, whrend Alexander in Indien stand, von den Satrapen auf
eigene Hand angeworben, noch andere zogen vagabundierend nach Griechenland
zurck, um in der Nachbarschaft ihrer Heimatstdte auf eine Vernderung der
Dinge zu warten, oder gingen nach dem Werbeplatz auf dem Tnaron, um von
dort aus in irgend jemandes Sold zu treten. Die bedeutende Zahl dienstloser
Leute mute sich dort, seitdem Alexander allen Satrapen die Entlassung
ihrer Sldner geboten, auerordentlich vermehrt haben; und in demselben
Mae als sie zahlreich, unglcklich und hoffnungslos waren, muten sie fr
die Ruhe in Hellas gefhrlich werden. Diese Gefahr abzuwenden gab es kein
Mittel, als den Verbannten die Heimkehr zu bereiten; dadurch wurde auch
denen, die durch makedonischen Einflu verbannt waren, ihr Ha zur
Dankbarkeit umgewandelt und die makedonische Partei in den einzelnen
Staaten verstrkt; die Staaten selbst waren fortan fr die innere Ruhe
Griechenlands verantwortlich, und wenn dann der innere Zwiespalt von neuem
hervorbrach, hatte die makedonische Macht die Handhabe, einzugreifen.
Freilich war die Maregel gegen die Artikel des Korinthischen Bundes, ein
offenbarer Eingriff in die dort garantierte Souvernitt der Staaten, die
zu demselben gehrten; es war vorauszusehen, da die Ausfhrung der
kniglichen Weisung selbst in den Familien und in den Besitzverhltnissen
Anla zu endlosen Verwirrungen geben mute. Aber in erster Reihe kam diese
Wohltat den Gegnern Makedoniens zu gut; es war an der Zeit, da wie die
Gegenstze nationaler Feindschaft zwischen Hellenen und Asiaten, so die der
politischen Parteiung in den hellenischen Stdten vor der Einheit des allen
gemeinsamen Reiches dahinschwanden; das echt knigliche Begnadigungsrecht
in dieser Weise und in dieser Ausdehnung zu ben, war der erste Akt der
hheren Autoritt des Reiches, an die Alexander die Griechen zu gewhnen
hoffte.

    [18] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Zur Verkndigung diese Maregel hatte er den Stageiriten Nikanor nach
Griechenland gesandt; bei der Feier der olympischen Spiele des Jahres 324
sollte das knigliche Schreiben publiziert werden. Die Kunde davon hatte
sich im voraus verbreitet; von allen Seiten strmten die Verbannten gen
Olympia, um das Wort der Erlsung zu vernehmen. In den einzelnen Staaten
dagegen trat mannigfache Aufregung hervor, und whrend sich viele freuten,
mit den Angehrigen und Befreundeten wieder vereint zu leben und durch eine
groe und allgemeine Amnestie die Ruhe und den Wohlstand besserer Zeiten
zurckkehren zu sehen, mochten andere in diesem Befehl einen Eingriff in
die Rechte ihres Staates und den Beginn groer innerer Verwirrungen
verabscheuen. In Athen erbot sich Demosthenes zur Architheorie gen Olympia,
um dort an Ort und Stelle mit dem Bevollmchtigten Alexanders zu
unterhandeln und ihm die Folgen jener Maregel und die Heiligkeit der
korinthischen Vertrge vorzustellen; seine Bemhungen konnten nichts mehr
ndern. Whrend der Feier der hundertundvierzehnten Olympiade, Ende Juli
324, in Gegenwart der Hellenen aus allen Landschaften, unter denen sich der
Verbannten an 20000 befanden, lie Nikanor durch den Herold, der im
Wettkampf der Herolde gekrnzt war, das Dekret des Knigs vorlesen: Der
Knig Alexander den Verbannten der griechischen Stdte seinen Gru. An
eurer Verbannung sind nicht wir schuld gewesen; aber die Rckkehr zur
Heimat wollen wir allen, mit Ausschlu derer, auf denen Blutschuld haftet,
bewirken. Demnach haben wir an Antipatros erlassen, da er die Stdte,
welche die Aufnahme weigern, dazu zwinge. Mit unendlichem Jubel wurde der
Heroldsruf aufgenommen, und nach allen Seiten hin zogen die Verbannten mit
ihren Landsleuten der langentbehrten Heimat zu.

Nur Athen und die toler weigerten sich, dem Befehl des Knigs Folge zu
leisten. Die toler hatten die niaden vertrieben und frchteten deren
Rache um so mehr, da sich Alexander selbst fr sie und ihr Recht
entschieden hatte. Die Athener aber sahen sich im Besitz der wichtigsten
Insel, die ihnen aus der Zeit ihrer frheren Herrschaft geblieben war,
gefhrdet; sie hatten in Timotheos' Zeit die Bewohner von Samos vertrieben
und das Land unter attische Kleruchen verteilt; diese htten jetzt, nach
dem Befehl des Knigs, den frheren Bewohnern weichen und das, was sie seit
mehr als dreiig Jahren selbst bewirtschaftet oder in Pacht ausgetan
hatten, aufgeben mssen. Am empfindlichsten oder am geeignetsten
aufzureizen mochte der Umstand sein, da der Knig diesem Befehl die Form
gegeben hatte, als wenn er einfach das gute Recht der Flchtlinge zur
Geltung bringe, als wenn es der Zustimmung der Staaten, die es betraf, gar
nicht bedrfe, obschon die Vertrge von 324 ausdrcklich bestimmten, da
keiner der verbndeten Staaten den Flchtlingen aus einem verbndeten Staat
zu Versuchen gewaltsamer Heimkehr behilflich sein sollte. Mit dem Befehl
Alexanders war sichtlich, so konnte man sagen, die Autonomie und
Souvernitt des attischen Staates in Frage gestellt, und der Demos, wenn
er demselben Folge leistete, bekannte sich dazu, dem makedonischen Knigtum
untertnig zu sein. War der Demos schon so seiner Ahnen unwrdig, Athen
schon so ohnmchtig, sich dem despotischen Befehl beugen zu mssen? Gerade
jetzt trat ein unerwartetes Ereignis ein, das, gehrig benutzt, die Macht
der Athener bedeutend zu heben und ihrer Weigerung Nachdruck zu geben
versprach.

Harpalos, der flchtige Groschatzmeister Alexanders, hatte sich, wie
erwhnt worden, auf der Kste Kleinasiens mit dreiig Schiffen,
sechstausend Sldnern und den ungeheuren Schtze, die ihm anvertraut
gewesen waren, gen Attika eingeschifft und war etwa im Februar dieses
Jahres glcklich auf der Reede von Munychia angelangt. Er rechnete auf den
gnstigen Eindruck, den seine Getreidespenden in dem Hungerjahre auf das
Volk gemacht hatten, auf sein Brgerrecht, das ihm damals von dem Demos
dekretiert war; Phokions Schwiegersohn Charikles hatte dreiig Talente von
ihm empfangen, um das Grabmal der Pythionike zu bauen; auch andere
einflureiche Mnner mochte er sich durch Geschenke verpflichtet haben.
Aber auf Demosthenes' Rat hatte der Demos seine Aufnahme abgelehnt; dem
Strategen Philokles, der die Hafenwache hatte, war die Weisung gegeben,
ihn, falls er die Landung zu erzwingen versuchen sollte, mit Gewalt
abzuwehren. Darauf war Harpalos mit seinen Sldnern und seinem Schatz nach
dem Tnaron gesegelt; mochten nach den Verkndigungen Nikanors viele von
den Reislufern auf dem Tnaron in die Heimat ziehen, dasselbe Dekret
brachte bei den tolern und in Athen Wirkungen hervor, wie sie Harpalos nur
wnschen konnte. Er ging zum zweiten Male nach Attika, ohne Sldner, nur
mit einem Teil seines gestohlenen Geldes. Philokles wehrte ihm den Eingang
nicht; Harpalos war ja attischer Brger, kam nun ohne Kriegsvolk, als
Schutzflehender. So, in demtiger Gestalt, erschien er vor dem Demos von
Athen, stellte ihm seine Schtze und seine Sldner zur Verfgung, gewi
nicht ohne anzudeuten, da jetzt mit khnem Entschlu groe Dinge zu
vollbringen seien.

Schon war aus Kleinasien von des Knigs Schatzmeister Philoxenos die
Aufforderung nach Athen gekommen, den Schatzruber auszuliefern. Es begann
ein lebhafter Streit um diese Frage; der leidenschaftliche Hypereides war
der Ansicht, da man die herrliche Gelegenheit, Hellas zu befreien, nicht
aus der Hand geben drfe; die Freunde Makedoniens mgen ebenso eifrig die
Auslieferung gefordert haben; aber selbst Phokion widersetzte sich diesem
Vorschlage; Demosthenes stimmte ihm bei, schlug dem Volke vor, den
Schutzflehenden und sein Geld in Verhaft zu nehmen, bis seinetwegen jemand
von Alexander beschickt sei. Das Volk beschlo seinem Antrage gem,
beauftragte ihn selbst mit der bernahme des Gelder, die folgenden Tages
geschehen sollte. Demosthenes fragte den Harpalos sofort nach der Summe,
die er mit sich habe. Dieser nannte 700 Talente. Am folgenden Tage, als die
Summe auf die Akropolis gebracht werden sollte, fanden sich nur noch 350
Talente; Harpalos schien die Nacht, die man ihm sonderbarerweise noch sein
gestohlenes Geld gelassen, benutzt zu haben, um sich Freunde zu gewinnen.
Und Demosthenes unterlie, dem Volke die fehlende Summe anzuzeigen; er
begngte sich, zu veranlassen da dem Areopag die Untersuchung bertragen
wurde mit der Zusage der Straflosigkeit fr die, welche das empfangene Geld
freiwillig abliefern wrden.

Alexander scheint erwartet zu haben, da Harpalos mit seinen Schtzen und
den Sldnern von den Athenern bereitwillig wrde aufgenommen werden;
wenigstens hatte er in die Seeprovinzen den Befehl gesandt, die Flotte
bereitzuhalten, um ntigenfalls Attika unverzglich berfallen zu knnen;
und in dem Lager Alexanders war damals viel die Rede von einem Kriege gegen
Athen, auf den sich die Makedonen infolge der alten Feindschaft gar sehr
freuten. In der Tat hatten die Athener, wenn sie ernstlich der
Zurckfhrung der Verbannten sich zu widersetzen, dem Knige die gttlichen
Ehren zu versagen, ihre volle Unabhngigkeit geltend zu machen
beabsichtigten, in den Erbietungen und den Mitteln dieses Schutzflehenden
alles, was ihnen zunchst zu einer energischen Verteidigung ntig war; sie
htten hoffen knnen, da die toler, die Spartaner, da die Acher und
Arkader, denen der Knig die gemeinsamen Landtage ihrer Stdte untersagt
hatte, sich ihnen anschlieen wrden. Aber, wenn sie sich nicht verbergen
konnten, da Harpalos zum zweitenmal seine Pflicht in des Knigs Dienst
gebrochen und durch ein gemeines Verbrechen groen Stils dessen Strafe
herausgefordert hatte, so htte es ihnen nicht zur Unehre gereicht, wenn
sie die geforderte Auslieferung bewilligt und dem, der sie als Beamter des
Knigs forderte, die weitere Verantwortung anheimgegeben htten. Sie zogen
es vor, sich fr halbe Maregeln zu entscheiden, die, weit entfernt, einen
sicheren und ehrenvollen Ausweg zu bieten, der Stadt eine
Verantwortlichkeit aufbrdeten, die sie sehr bald in eine hchst
zweideutige Lage bringen sollte.

Da Philoxenos die Forderung der Auslieferung dringender wiederholte,
scheint sich von selbst zu verstehen; es mag richtig sein, da auch von
Antipatros, von Olympias dasselbe Verlangen gestellt wurde. Da war eines
Morgens Harpalos, trotz der Wchter, die man ihm gesetzt hatte,
verschwunden. Es wre unmglich gewesen, wenn die zu seiner Obhut bestellte
Kommission, Demosthenes all ihrer Spitze, ihre Schuldigkeit getan htte;
begreiflich, da sofort gesagt und geglaubt wurde, Demosthenes habe sich
wie die und die anderen bestechen lassen.

Er konnte nicht weniger tun, als sofort Untersuchung zu fordern, mit der
nach seinem Antrage gleichfalls der Areopag beauftragt wurde. Der Strateg
Philokles forderte und erhielt einen gleichen Beschlu des Volkes.

Langsam genug gingen die Untersuchungen des Areopags vorwrts. Noch war die
Frage unerledigt, ob man dem Knig die gttlichen Ehren zugestehen solle;
man mute darber zum Beschlu kommen, um die Gesandten abfertigen zu
knnen, die in Babylon sein sollten, bevor er dahin zurckkehre. Ob man
die gttlichen Ehren gewhren, den Ausgewiesenen die Heimkehr gestatten
solle, wurde von neuem vor dem Demos verhandelt; auch Demosthenes sprach da
wiederholentlich. Als du den Zeitpunkt gekommen glaubtest, sagt spter
Hypereides in dem Proze gegen Demosthenes, da der Areopag die
Bestochenen kundmachen werde, da wurdest du pltzlich kriegerisch und
versetztest die Stadt in Aufregung, um den Enthllungen zu entgehen; als
aber der Areopag die Verkndigung hinausschob, weil er noch nicht zum
Schlu gekommen sei, da empfahlst du, dem Alexander die Ehren des Zeus, des
Poseidon und welches Gottes er sonst wolle, zu gewhren. Also Demosthenes
riet in Sachen der gttlichen Ehren nachzugeben, in betreff der Verbannten
es auf das uerste ankommen zu lassen. In diesem Sinne wurden die
Gesandten instruiert und etwa Anfang November abgesandt.

Harpalos hatte sich, aus Athen flchtend, nach dem Tnaron begeben, hatte
sich von dort mit seinen Sldnern und seinen Schtzen -- denn auf die
Schilderhebung in Hellas schien keine Hoffnung mehr zu sein -- nach Kreta
begeben, war dort von seinem Freunde, dem Spartaner Thibron, ermordet
worden, der dann mit den Sldnern und den Schtzen nach Cyrene flchtete.
Des Ermordeten vertrautester Sklave, der ihm die Rechnung gefhrt hatte,
flchtete nach Rhodos und wurde dem Philoxenos ausgeliefert. Er bekannte,
was er von dem Gelde des Harpalos wute.

So konnte Philoxenos die Liste der verwendeten Summen und die Namen derer,
die davon empfangen, nach Athen senden. Demosthenes' Name war nicht unter
diesen. Nach sechs Monaten hatte der Areopag seine Nachforschungen und
Haussuchungen beendet und bergab nun die Sache dem Gericht. Es begann jene
merkwrdige Reihe der harpalischen Prozesse, in denen die namhaftesten
Mnner Athens als Klger oder Verklagte beteiligt waren; unter den Klgern
Pytheas, Hypereides, Mnesaichmos, Himeraios, Stratokles, unter den
Verklagten auch Demades, der 6000 Stateren empfangen haben sollte, auch
Philokles der Strateg, Charikles, des Phokion Schwiegersohn, auch
Demosthenes. Er leugnete nicht, da er 20 Talente von dem Gelde des
Harpalos genommen habe, aber nur als vorlufigen Ersatz fr die gleiche
Summe, die er frher der Theorikenkasse vorgeschossen, wovon er nicht gern
habe sprechen wollen; er beschuldigte den Areopag, da er ihn Alexander zu
Gefallen habe beseitigen wollen; er fhrte seine Kinder vor, um das Mitleid
der Geschworenen zu erregen. Alles vergeblich; er wurde verurteilt, das
Fnffache dessen, was er erhalten hatte, zu zahlen, und da er die Summe
nicht aufzubringen vermochte, ins Gefngnis geworfen, aus dem er
Gelegenheit fand oder erhielt, am sechsten Tage zu entweichen.

Dieser Ausgang der harpalischen Prozesse war fr Athen verhngnisvoll; die
Geschworenen der Heliaia, der unmittelbare Ausdruck der ffentlichen
Meinung, hatten allerdings das Wort der Anklger gar wohl beachtet, da sie
ber die Angeklagten, ein anderer aber ber sie urteilen werde, und da sie
es sich selber schuldig seien, auch noch so berhmte Mnner zu strafen;
einmal unter so schiefen Prmissen, wie sie durch die in dem harpalischen
Handel so unsicher gefhrte attische Politik gestellt waren, hatten sie
nach politischen Rcksichten, nicht ohne bereilte Strenge gegen die einen,
mit noch unverdienterer Nachsicht gegen andere entschieden. Freigesprochen
wurde Aristogeiton, der nach der Anzeige des Areopag zwanzig Talente
empfangen hatte, der frechste und verchtlichste unter den Fhrern des
Volkes. Vielleicht noch andere. Dagegen mute der groe Gegner der
makedonischen Monarchie die Heimat meiden; mit ihm sank die Sttze der
altdemokratischen Partei und ihrer Traditionen. In Philokles verlor der
Staat einen Feldherrn, der wenigstens oft genug zu diesem wichtigen Amte
vom Volke erwhlt worden war. Demades blieb trotz seiner Verurteilung und
sein Einflu herrschte um so sicherer, je unbedeutender, besorglicher und
gewissenloser die Mnner waren, die nach jenen Prozessen an der Leitung des
Volkes teilnahmen; die Politik Athens wurde noch mehr als frher schwankend
und bald unterwrfig. Man hatte den Verbannten die Heimkehr geweigert, man
frchtete fort und fort, da sie von Megara aus und gesttzt auf des Knigs
Amnestie die attische Grenze berschreiten wrden; dennoch geschah zum
Schutz der Stadt nichts, als da eine Theorengesandtschaft an den Knig
dekretiert wurde, die ihn um die Erlaubnis, die Verbannten nicht
aufzunehmen, bitten sollte, eine Maregel, die wenigstens im Interesse der
attischen Freiheit vollkommen ungeschickt war, da der Staat einerseits
seine Willensmeinung, bei der Bestimmung des Korinthischen Bundes zu
bleiben, bereits kundgegeben hatte, anderseits des Knigs abschlgige
Antwort nur zu gewi vorauszusehen war.

Mehr als die uere Wirkung dieser Vorgnge bedeutete die moralische
Niederlage derjenigen Prinzipien, als deren Vertreter und Vorbild Athen
angesehen wurde und sich selbst ansah. Einst hatte jener Kleon, der dem
Demos seiner Zeit fr den schrfsten Demokraten galt, demselben Demos
gesagt: Die Demokratie sei unfhig ber andere zu herrschen; wenn jetzt
sich Athen der monarchischen Autoritt, wie das hellenistische Knigtum
Alexanders sie geltend machte, fgen mute, so war der letzte Anhalt dahin,
den die Kleinstaaterei und die Selbstberschtzung des Partikularismus noch
gehabt hatte, die immer nicht hatte begreifen wollen, da ein spannelanges
Fahrzeug gar kein Fahrzeug sei; und die begonnene neue Gestaltung
wirklicher Macht lagerte sich ruhig und mchtig auch ber die hellenische
Welt, freilich von ihr ein groes Opfer fordernd, aber ein Opfer, das
Alexander selbst von sich und von seinen Makedonen forderte, mit dem er
rechtfertigte und shnte, was er vollbrachte.

Ein berhmter Forscher hat Alexander den genialsten Staatsmann seiner Zeit
genannt. Er war als Staatsmann, was Aristoteles als Denker. Der Denker
konnte in der Stille und Abgezogenheit seines Geistes seinem
philosophischen Systeme die ganze Geschlossenheit und Vollendung geben, die
nur in der Welt der Gedanken mglich ist. Wenn das staatsmnnische Werk
Alexanders vorerst nur skizzenhaft und nicht ohne mannigfache Fehlgriffe im
einzelnen, wenn die Art, wie er schuf, als persnliche Leidenschaft und
Willkr oder vom Zufall bestimmt erscheint, so darf man nicht vergessen,
da es die ersten, aus der Friktion riesenhafter Verhltnisse
hervorspringenden Gedanken sind, die ihm sofort und wie im Fluge zu Normen,
Organisationen, Bedingungen weiteren Tuns werden, noch weniger verkennen,
wie jeder dieser Gedankenblitze immer weitere Gesichtskreise erschlo und
erhellte, immer heiere Friktionen schuf, immer drngendere Aufgaben
stellte.

Die Armseligkeit der auf uns gekommenen berlieferungen versagt uns jeden
Einblick in die Werkstatt dieser Ttigkeit, in die hochgespannte
intellektuelle und moralische Arbeit dessen, der sich so unermeliche
Aufgaben stellte und sie lste. Kaum, da das, was uns noch vorliegt, das
uerlichste von dem, was durch ihn geschehen, was zur Ausfhrung und
Wirkung gelangt ist, fragmentarisch erkennen lt. Fast nur in dem
rumlichen Umfang dieser Geschehnisse geben sie uns ein Ma fr die Kraft,
die solche Wirkungen erzeugte, fr den Willen, der sie leitete, fr den
Gedanken, dem sie entsprangen, eine Vorstellung von der Gre Alexanders.

Mag der nchste Impuls seines Tuns gewesen sein, den groen Kampf
hinausfhrend, den sein Vater vorbereitet hatte, dem Reich, das er sich
eroberte, Sicherheit und Dauer zu geben -- mit dem glcklichen Radikalismus
der Jugend ergriff oder erfand er sich zu diesem Zweck Mittel, die seine
Kriegszge an Khnheit, seine Schlachten an Siegesgewalt bertrafen.

Das Khnste war, was ihm die Moralisten bis auf den heutigen Tag zum
schwersten Vorwurf machen, er zerbrach das Werkzeug, mit dem er seine
Arbeit begonnen hatte, oder will man lieber, er warf das Banner, unter dem
er ausgezogen war, das, den stolzen Ha der Hellenen gegen die Barbaren zu
sttigen, in den Abgrund, den seine Siege schlieen sollten.

In einer denkwrdigen Stelle bezeichnet Aristoteles als die Aufgabe seiner
Politik, diejenige Staatsform zu finden, welche nicht die an sich
vollkommenste, aber die brauchbarste sei: Welche also ist die beste
Verfassung und das beste Leben fr die meisten Staaten und die meisten
Menschen, wenn man an Tugend nicht mehr verlangt als das Ma der
Durchschnittsmenschen, noch an Bildung mehr als ohne besondere
Begnstigung der Natur und der Umstnde mglich ist, noch eine Verfassung,
wie sie nur im Reiche der Ideale liegen kann, sondern ein Leben, das
mitzuleben, eine Verfassung, in der sich zu bewegen den meisten Menschen
mglich ist? Er sagt: darauf komme es an, eine solche Staatsordnung zu
finden, welche aus den gegebenen Bedingungen sich entwickelnd leicht
Eingang und Teilnahme gewinnen wird; denn es ist kein geringeres Werk,
eine Staatsordnung zu verbessern, als eine von Grund aus neue zu schaffen,
wie ja auch das Umlernen ebenso schwer ist als das Erlernen. So weit geht
der Philosoph in seinem Realismus; aber wenn er von den meisten Menschen,
den meisten Staaten spricht, denkt er nur an die hellenische Welt, denn die
Barbaren sind ja wie Tiere und Pflanzen.

Auch Alexander denkt vllig realistisch; aber er bleibt nicht vor den
gegebenen Bedingungen stehen, oder vielmehr seine Siege haben deren neue
geschaffen; der Bereich, fr den er sein politisches System einzurichten
hat, umfat die Vlker Asiens bis zum Indus und Jaxartes. Und er hat
gesehen, da diese Barbaren nicht wie Tiere und Pflanzen sind, sondern auch
sie Menschen mit ihren Bedrfnissen, Begabungen, Tugenden, auch ihre Art zu
sein voll gesunder Elemente, solcher zum Teil, die denen, welche in ihnen
Barbaren verachtet haben, schon verlorengegangen sind. Waren die Makedonen
vortreffliche Soldaten, so hatte Knig Philipp sie dazu erzogen, und
Alexander gedachte, so wie er schon die Thraker, Agrianer und Odryser ihnen
ebenbrtig gemacht hatte, ebenso die Asiaten zu gleicher Tchtigkeit und
Zucht zu gewhnen; der Feldzug in Indien zeigte, in welchem Mae es ihm
damit gelang. Von hellenischer Bildung aber hatten die makedonischen Bauern
und Hirten und Kohlenbrenner auch nicht mehr als ihre barbarischen Nachbarn
jenseits des Rhodope und des Haimos; und die Doloper, toler, nianen,
Malier, die Bauern von Amphissa sind in den hellenischen Landen nicht eben
anders angesehen worden. Diese hellenische Bildung selbst aber, wie
berschwenglich reich immer an Kunst und Wissenschaft, wie unvergleichlich,
intellektuelle Gewandtheit und die Virtuositt persnlicher Strebsamkeiten
zu entwickeln, -- sie hatte die Menschen klger, nicht besser gemacht; die
ethischen Krfte, auf die das Leben der Familie, des brgerlichen, des
staatlichen Gemeinwesens sich grnden mu, hatte sie in dem Mae, als sie
sich steigerte, geschwcht und zersetzt, wie von den Trauben, wenn der Wein
daraus gekeltert ist, nur die Trebern bleiben. Htte Alexander nur den
Hellenen und Makedonen Asien erobern, ihnen die Asiaten zu Sklaven geben
wollen, sie wren nur um so schneller zu Asiaten, aber im schlimmsten Sinne
zu Asiaten geworden. War es Herrschaft und Verknechtung, was seit
Jahrhunderten der hellenischen Welt in immer neuen Kolonien immer weitere
Ausdehnung, immer frische, lebensvolle Schlinge gebracht hatte? War
hellenisches Leben bis zu den Libyern an der Syrte, den Skythen am
motischen See, den keltischen Stmmen zwischen den Alpen und Pyrenen
nicht in derselben Weise hinausgezogen, wie sie nun Alexander ber die
weite Feste Asiens auszubreiten gedachte? War nicht das hellenische
Sldnertum, das so lange und in immer greren Scharen in aller Welt umher
und nur zu oft gegen die hellenische Heimat selbst seine Krfte vergeudet
hatte, ein Beweis, da die hellenische Heimat nicht mehr Raum genug hatte
fr die Flle von Krften, die sie erzeugte? Hatte sich nicht die Macht der
Barbaren, die den Hellenen als geborene Sklaven galten, seit einem
Jahrhundert fast nur noch durch die Streitkrfte, die Hellas ihnen
verkaufte, aufrechterhalten?

Gewi hatte Aristoteles recht, zu fordern, da auf die gegebenen
Bedingungen weitergebaut werden msse; aber er senkte die Sonde seines
Denkens nicht tief genug ein, wenn er diese Gegebenheiten so nahm, wie sie
nach ihren schwachen und schwchsten Seiten, wie sie in ihren unhaltbar
gewordenen Formen waren. Da die hellenische wie asiatische Welt vor den
Gewaltsten der makedonischen Eroberung zusammengebrochen war, da sich
durch sie die geschichtliche Kritik vllig verrotteter gedankenlos, unwahr
gewordener Zustnde vollzog, war nur die eine Seite der groen Revolution,
die Alexander ber die Welt brachte. Die Erinnerungen und die Kultur
gyptens rechneten nach Jahrtausenden; welche Flle polytechnischer
Meisterschaft, astronomischer Beobachtungen, alter Literaturen bot die
syrisch-babylonische Welt; und erschlo sich nicht in der lauteren
Parsenlehre der Iranier und Baktrianer, in der Religion und Philosophie des
Wunderlandes Indien eine Welt ungeahnter Entwicklungen, vor denen der noch
so selbstgefllige hellenische Bildungsstolz staunen mochte? In der Tat,
diese Asiaten waren nicht Barbaren wie die Illyrier, Triballer, Geten,
nicht Wilde und Halbwilde, wie sich der hellenische Nativismus gern alles
dachte, was nicht Griechisch sprach; ihnen gegenber hatten die Eroberer
nicht blo zu geben, sondern auch zu empfangen; es galt zu lernen und
umzulernen.

Und damit -- so knnte man schlieen -- begann der zweite Teil der Aufgabe,
die sich Alexander gestellt hatte, die Friedensarbeit, die, schwieriger als
die Waffensiege, diesen in gesicherten Zustnden ihre Rechtfertigung und
eine Zukunft geben mute.

Wie er aus Indien heimkehrend die Lage seines Reiches gefunden hatte, mute
er inne werden, welche Schden an dem zu hastigen Aufbau, so wie er noch
war, hafteten. Die Strenge seiner Strafen mochte der unmittelbaren Gefahr
wehren, von neuen Freveln zurckschrecken, den Bedrckten wie den
Bedrckern zeigen, da ein scharfes Auge und eine gewaltige Hand ber ihnen
sei. Aber das Schwerere war, nach solchen zehn Jahren voll ungeheurer
Wechsel und unermelicher Aufregungen, nach allen den Steigerungen der
Leidenschaften, der Ansprche und Gensse bei den Siegern, der Furcht und
Erbitterung bei den Besiegten alle wieder zum ruhigen Atmen, zum Gleichma,
zur Alltglichkeit zu gewhnen.

Wenigstens in Alexanders Art, vielleicht in der Lage der Dinge, mit denen
er zu rechnen hatte, lag es nicht, in solcher Weise zu verfahren. Die
Sonnenhhe seines Lebens hatte er berschritten; es ging nun niederwrts
und die Schatten wuchsen.


Es mag an dieser Stelle gestattet sein, die hauptschlichsten Momente
hervorzuheben, die das weiterdrngende Schwellen und Steigen der Flut von
Schwierigkeiten bezeichnen, die nun einsetzte. In dem Mae, wie aus dem
Getanen und den Prinzipien, die es in sich trug, Zustndlichkeiten werden
sollten, traten Konsequenzen, Widersprche, Unmglichkeiten hervor, in
denen das andere Antlitz, das der vollbrachten Tat, sich zeigte; und um
so heftiger drngte die schwellende Bewegung weiter.

Wie die Maregel, die Nikanor bei der olympischen Feier verkndete, gewirkt
hat, ist angegeben worden. Aber die nun Heimkehrenden hatten daheim ihr
Haus, ihre cker gehabt, die seitdem konfisziert, verkauft und
weiterverkauft waren. In jeder hellenischen Stadt folgten der Heimkehr der
Flchtlinge rgernisse und Prozesse mannigfachster Art. In Mytilene half
man sich mit einem Vertrage zwischen den Verbannten und den
Zurckgebliebenen, nach dem eine gemeinsame Kommission die
Besitzverhltnisse regeln sollte; in Eresos lie man nach dem Befehl des
Knigs die Gerichte den Flchtlingen gegen die Tyrannen, die sie
ausgetrieben hatten, deren Nachkommen und Anhnger ihr Recht schaffen; in
Kalymna bertrug man fnf Brgern aus Jasos das Schiedsgericht. Es sind
zufllige Notizen, die sich erhalten haben; in der Natur der Sache lag es,
da ungefhr jede hellenische Stadt in derselben Frage gleiche Aufregung
durchmachen mute.

Eine zufllige Notiz hnlicher Art lt erkennen, da Alexander einst den
am Sipylos in Alt-Magnesia angesiedelten Soldaten je ein Ackerlos
zugewiesen hatte; wann, unter welchen Umstnden, mit welchen Rechten, ist
nicht zu ersehen, noch ob die angesiedelten Makedonen, Sldner oder was
sonst waren. Gewi war das kein vereinzelter Fall; aus Mnzen sieht man,
da in Dokimeion, in Blaundos Makedonen, in Apollonia Thraker angesiedelt
worden sind. Waren die Ackerlose, die solchen Ansiedlern gegeben wurden,
auf stdtischen Besitz angewiesen, oder waren sie aus kniglichen Domnen?
Dieselbe Frage wiederholt sich bei den mehr als siebzig Stdten, die
Alexander grndete; und in welcher Verfassung, mit welchem Recht saen
diese Ansiedler neben den alten Einwohnern oder den Einheimischen, die mit
in die Stadt zu ziehen veranlat wurden? Was war oder wurde knigliche
Domne? In welchem Sinn verfgte Alexander ber die Stdte Kios, Gergethos,
Elaia, Mylasa, wenn er dem Phokion anbot, sich eine von ihnen zu whlen?

Wir wissen nicht, inwieweit Alexander das alte System der Verwaltung, den
persischen Steuerkataster, das hergebrachte Abgabensystem nderte oder
lie. Arrian gibt an, der Knig habe bei seiner Rckkehr nach Persien so
hart gestraft, um sie zu schrecken, die er als Satrapen, Hyparchen und
Nomarchen zurckgelassen habe; waren das die Rangstufen der Verwaltung?
Wiederholten sie sich in allen Satrapien, oder gab es, wie gypten dafr
ein Beispiel scheint, fr die verschiedenen Gebiete des weiten Reiches
verschiedene Verwaltungssysteme, ein anderes etwa fr die syrischen Lande,
ein anderes fr die iranischen, fr die baktrischen? War etwa nur in den
Satrapien Kleinasiens und den Landen syrischer Zunge das Kassenwesen und
die Tributerhebung besonderen Beamten unterstellt? Wie ihr Verhltnis zu
den militrischen Befehlshabern in der Satrapie bestimmt, wie die Kompetenz
der verschiedenen Beamtungen umgrenzt, wie es mit der Dotierung der einen
und anderen bestellt war, ist ebensowenig zu ersehen. Aber gelegentlich
erfhrt man, da Kleomenes von Naukratis, der das gyptische Arabien
verwaltete, den Ausfuhrzoll auf Getreide vermehren, da er alles Getreide
in seiner Provinz aufkaufen konnte, um von der Teuerung, die namentlich in
Athen drckend war, Gewinn zu ziehen, da er die heiligen Krokodile usw.
besteuerte. Von Antimenes, dem Rhodier, der, man sieht nicht deutlich
welches Amt in Babylon erhalten hatte, wird angegeben, da er den auer
Brauch gekommenen Zoll von zehn Prozent auf alle Einfuhr nach Babylon
erneut, da er eine Sklavenassekuranz eingerichtet habe, die gegen zehn
Drachmen Beitrag fr den Kopf jedem Herrn, dem ein Sklave entlief, die
Erstattung seines Wertes sicherte. Mehr als noch eine und die andere
Einzelheit derart erfahren wir nicht; ebensowenig wie in der Verwaltung die
Stdte neben den Stmmen (+ethn+), wie die Dynasten, die Tempelstaaten
(Ephesos, Komana usw.), die abhngigen Frsten standen.

Eins der strksten Fermente fr die neu werdenden Zustnde mu die
ungeheure Masse edlen Metalles gewesen sein, die die Eroberung Asiens in
Alexanders Hand brachte. Vor dem peloponnesischen Kriege war Athen damit,
da es auf der Akropolis auer den silbernen und goldenen Gerten 9000
Talente geprgtes Silber im Schatz hatte, die grte Kapitalmacht der
hellenischen Welt gewesen, und vor allem darin hatte es seine politische
berlegenheit ber die noch vllig in der Naturalwirtschaft verharrenden
Staaten des Peloponnesischen Bundes gesichert gesehen. Jetzt handelte es
sich um ganz andere Summen. Auer dem, was Alexander in dem persischen
Lager bei Issos, in Damaskus, in Arbela usw. erbeutete, fand er, wie
angegeben wird, in Susa 50000 Talente, in Persepolis ebensoviel, in
Pasargadai 6000, weitere Summen in Ekbatana; es sollen dort von ihm 180000
Talente niedergelegt worden sein. Was sonst an goldenen und silbernen
Gerten, an Purpur, Edelsteinen, Kleinodien usw. in Alexanders Hand fiel,
was in den Satrapien, was in Indien hinzugekommen ist, wird nicht
angegeben.

Man wird auf jene Ziffern keine statistische Berechnung der Massen Goldes
und Silbers grnden wollen, die mit der Eroberung Alexanders und im Lauf
von zehn Jahren dem Verkehr wieder zugefhrt wurden.

Aber wenn die neue Kriegsmacht, welche nun ber Asien herrschte, die bisher
totgelegten Reichtmer entfesselte, wenn sie von ihr wie das Blut vom
Herzen ausstrmten, so sieht man, wie damit, da Arbeit und Verkehr sie in
immer rascherer Zirkulation durch die lang unterbundenen und welkgewordenen
Glieder des Reichs verbreiteten, das ganze wirtschaftliche Leben der
Vlker, deren Kraft die persische Herrschaft vampyrhaft ausgesogen hatte,
sich aufrichten und steigern mute. Freilich war damit ein entsprechendes
Steigen der Preise, eine Verschiebung der Schwerpunkte des bisherigen
Weltverkehrs, das Sinken der Handelsbilanz fr diejenigen Pltze, von denen
er sich abwandte, unvermeidlich verbunden, ein Umstand, aus dem vielleicht
manche Erscheinungen in den althellenischen Landen, welche die nchste
Folgezeit brachte, zu erklren sind.

Nach Herodots Angabe war der jhrliche Betrag der Tribute im persischen
Reich nach der Grundsteuer 14560 euboische Talente. Eine freilich nicht aus
bester Quelle stammende Angabe rechnet in dem letzten Jahre Alexanders den
Ertrag des Tributs auf 30000 Talente und fgt hinzu, da im Schatz nur
noch 50000 Talente gewesen seien. Vor allem drckend war in der persischen
Zeit die endlose Masse der Naturalleistungen gewesen, wie denn die fr den
kniglichen Hof allein auf 13000 Talente jhrlich berechnet worden sind;
und jeder Satrap, jeder Hyparch und Dynast folgte in seinem Bereich dem
Beispiel des Groknigs. Aus einigen Andeutungen ist zu schlieen, da
Alexander das System der Naturallieferungen aufhob; in demselben Mae wie
frher des Groknigs Anwesenheit eine Stadt oder Landschaft aussog, sollte
sie fortan durch den Aufenthalt des kniglichen Hoflagers gewinnen. Die
Pracht, mit der sich der Knig namentlich in der letzten Zeit umgab,
erdrckte nicht mehr, sondern frderte Verkehr und Wohlstand; und wenn
erzhlt wird, da er, um sein ganzes Hofgesinde in Purpur zu kleiden, den
Befehl nach Ionien sandte, allen Vorrat an Purpurstoffen daselbst
aufzukaufen, so lt dieser einzelne Fall auf anderhnliche schlieen. Es
versteht sich wohl von selbst, da auch die Satrapen, die Strategen usw. in
den Provinzen nicht mehr auf Naturallieferungen gestellt waren; nicht
minder, da ihre ordnungsmigen Einnahmen hoch genug waren, sie mit dem
ntigen Glanz leben zu lassen; was man auch von ihrer oft unsinnigen
Verschwendung sagen mag, sie gaben zu verdienen. Durch reiche Schenkungen,
z.B. bei den von Opis heimziehenden Veteranen ein Talent fr den Mann,
sorgte der Knig dafr, da auch die Truppen, zumal die Ausgedienten,
bequem leben konnten; und wenn der Soldat oft genug mehr verbrauchte, als
er hatte, so bezahlte der Knig mit unerschpflicher Freigebigkeit dessen
Schulden. Da er fr Dichter, Knstler, Philosophen, Virtuosen, fr jede
Art wissenschaftlicher Forschung immer offene Hand hatte, ist bekannt; und
wenn es heit, da Aristoteles behufs seiner naturhistorischen
Untersuchungen die Summe von 800 Talenten zu seiner Verfgung erhielt, so
wrde man an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln geneigt sein, wenn sie
nicht durch den Umfang seiner Leistungen begreiflich wrde.

Wenigstens erinnert mag hier werden an die groen Bauunternehmungen
Alexanders, von denen gelegentliche Erwhnung geschieht, so die
Wiederherstellung des Kanalsystems in Babylonien, die Aufrumung der
Abzugsgrben vom Kopaissee, der Wiederaufbau der verfallenen Tempel in
Hellas, wozu er 10000 Talente angewiesen haben soll, der Dammbau bei
Klazomen und die Durchstechung der Landenge von dort nach Teos, manches
andere.

Genug, um anzudeuten, was dem wirtschaftlichen Leben Alexanders Erfolge
bedeuteten. Vielleicht nie wieder ist in diesen Beziehungen von dem
persnlichen Einflu _eines_ Mannes eine so pltzliche und so
tiefgreifende, so ungeheure Bereiche umfassende Umgestaltung ausgegangen.
Sie war nicht das Ergebnis zusammentreffender Zuflligkeiten, sondern,
soviel zu erkennen ist, gewollt und mit bewuter Konsequenz durchgefhrt.
Wenn einmal die Vlker Asiens aufgerttelt waren, wenn der Westen die
Gensse des Ostens, der Osten die Knste des Westens kennen und bedrfen
gelernt hatte, wenn die Abendlndischen, die in Indien oder Baktrien
geblieben, die Asiaten, die aus allen Satrapien am Hofe versammelt waren,
des Heimischen in der Fremde nur um so mehr begehrten, wenn das
Durcheinander der verschiedensten Lebensweisen und Bedrfnisse, wie es sich
zur hchsten Pracht gesteigert am Knigshofe fand, in den Satrapien, in den
Husern der Vornehmen, in allen Kreisen des Lebens mehr oder minder zur
herrschenden Mode werden mute, so ergab sich unmittelbar das Bedrfnis
eines groen und durchgreifenden Handelsverkehrs, und es kam vor allem
darauf an, demselben die sichersten und bequemsten Straen zu ffnen und
ihm in einer Reihe bedeutender Zentralpunkte Zusammenhang und Stetigkeit zu
geben. Diese Rcksicht, neben der militrischen, hat Alexander von Anfang
an bei seinen Grndungen und Kolonisierungen im Auge gehabt, und die
meisten seiner Stdte sind bis auf den heutigen Tag die bedeutendsten
Emporien Asiens; nur da heute die Karawanenzge ruberischen berfllen
und willkrlichen Bedrckungen der Gewalthaber ausgesetzt sind, whrend in
Alexanders Reiche die Straen gesichert, die Ruberstmme der Gebirge und
der Wsten in Furcht gehalten oder zur Ansiedelung gentigt, die
kniglichen Beamten zur Frderung und Sicherung des Verkehrs verpflichtet
und bereit waren. Auch die Kauffahrtei auf dem Mittelmeer wuchs
auerordentlich, und schon jetzt begann das gyptische Alexandrien
Mittelpunkt des mittellndischen Verkehrs zu werden, der nach des Knigs
Plnen bald vor den Rubereien etruskischer und illyrischer Piraten
geschtzt werden sollte. Besonders wichtig aber war die unermdliche
Sorgfalt, mit der Alexander neue maritime Verbindungen zu erffnen suchte;
schon war es ihm gelungen, den Seeweg vom Indus zum Euphrat und Tigris zu
finden; die Grndung hellenistischer Hafenstdte an den Mndungen dieser
Strme gab dem Verkehr auf dieser Seite die ntigen Sttzpunkte; was
Alexander tat, denselben in Aufnahme zu bringen und dem Inneren des
syrischen Tieflandes mit den Strommndungen in hnlicher Weise, wie den
Indusmndungen mit den oberen Induslandschaften, unmittelbare
Handelsverbindung zu schaffen, wie er die Auffindung eines weiteren
Seeweges vom Persischen Meerbusen aus um die Halbinsel Arabien bis in das
Rote Meer und in die Nhe von Alexandrien plante, wie er Heer- und
Handelsstraen vom gyptischen Alexandrien aus abendwrts an der Sdkste
des Mittelmeeres entlang zu fhren beabsichtigte, wie er endlich in der
Hoffnung, eine Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem nrdlichen und
weiter dem Indischen Ozean aufzufinden, in den hyrkanischen Wldern Schiffe
zu bauen anordnete, davon wird demnchst die Rede sein.

Noch ein anderer Gesichtspunkt verdient auch an dieser Stelle hervorgehoben
zu werden, der der begonnenen Vlkermischung, in der Alexander zugleich das
Ziel und das Mittel seiner Grndungen sah. In einer Zeit von zehn Jahren
war eine Welt entdeckt und erobert worden, waren die Schranken gefallen,
die Morgen- und Abendland schieden, und die Wege geffnet, die fortan die
Lnder des Aufganges und Niederganges miteinander vereinen sollten. Ein
alter Schriftsteller sagt: Wie in einem Becher der Liebe waren die
Elemente allen Vlkerlebens ineinander gemischt, und die Vlker tranken
gemeinsam aus diesem Becher und vergaen der alten Feindschaft und der
eigenen Ohnmacht.

Es ist hier nicht der Ort, darzulegen, zu welchen Folgen sich diese
Vlkermischung entwickelt hat; sie sind die Geschichte der nchsten
Jahrhunderte. Aber schon in diesen ihren Anfngen lassen sich die
Richtungen erkennen, die sich dann in Kunst, Wissenschaft, Religion, in
allem menschlichen Erkennen und Wollen immer breiter entfaltet haben, oft
wst genug, oft zu Entartungen, in denen nur der historische Blick, der
ber Jahrhunderte hin die Zusammenhnge erfat, den in der Tiefe wirkenden
mchtigen Zug des Fortschreitens zu entdecken vermag. Es war fr die
hellenische Kunst kein Gewinn, da sie die stille Gre harmonischer
Verhltnisse zu dem asiatischen Prunk gewaltiger Massen zu steigern, den
Idealismus ihrer Darstellungen in der ppigkeit kostbarer Materialien und
realistischer Augenlust zu berbieten lernte. Die dstere Pracht der
gyptischen Tempel, die phantastischen Burg- und Saalbauten von Persepolis,
die Riesentrmmer von Babylon, die indischen Architekturen mit ihren
Schlangenidolen und den lagernden Elefanten unter den Sulen, das alles
wurde dem hellenischen Knstler mit den Traditionen seiner heimatlichen
Kunst vermischt, immerhin ein reicher Schatz neuer Anschauungen und
Entwrfe; aber schon schweiften die Konzeptionen ins Ungeheure; man
erinnere sich jenes Riesenplans des Deinokrates, den Berg Athos zu einer
Statue Alexanders auszumeieln, deren eine Hand eine Stadt von zehntausend
Einwohnern tragen, die andere einen Bergstrom in mchtigen Kaskaden in das
Meer hinabgieen sollte. Wohl erhob sich so erregt und gesteigert demnchst
die Kunst in den Portrtkpfen der Mnzen, in den statuarischen der Denker
und Dichter zu der hchsten individuellen Wahrheit und Lebendigkeit, in
groen plastischen Kompositionen -- so in der pergamenischen -- zu dem
khnsten Ausdruck bewegtester Leidenschaftlichkeit und weitgespannter
Gedanken. Dann folgte rasches Sinken bei um so derem Luxus und um so
virtuoserem Kunstgewerbe.

Auch die poetische Kunst versuchte es, an diesem neuen Leben Anteil zu
gewinnen; sie entwickelte in der sogenannten neuen Komdie und in der
Elegie eine Feinheit psychologischer Beobachtung und eine Virtuositt, die
Charaktere und Situationen des tglichen Lebens, des sozialen Kleinlebens
mchte man sagen, des wirklichen wie des idyllisch-fingierten zu schildern,
die lebhafter als alles andere empfinden lt, wieweit hinweg man von dem
alten Zuge der groen Gemeininteressen, der groen Gedanken und
Leidenschaften ist, die das Leben lebenswert machen. So dem Individuellen
und Realistischen hingegeben, hat die hellenische Poesie weder aus den
Heldenkmpfen, die sie jetzt sich vollziehen sah, noch aus den
staunenswrdigen neuen Gestaltungen, die ihr durch sie erschlossen wurden,
sich neue Bahnen gewonnen, wenn man nicht die taumelwilde galliambische
Poesie der Selbstverstmmelung dafr nehmen will; sie hat nicht mehr
vermocht, die Farbenpracht persischer Mrchen oder die berirdische
Feierlichkeit monotheistischer Psalmen und Prophetien in sich aufzunehmen;
sie kehrte, wenn sie sich ber das beliebte Tagtgliche erheben wollte, zur
Nachahmung ihrer klassischen Zeit zurck und berlie es dem Morgenlande,
die Erinnerung an den gemeinsamen Helden Iskander in tausend Sagen und
Gesngen von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben. Unter den redenden
Knsten der Hellenen konnte nur die jngste, die noch frisch und lebendig
unter den Zeitgenossen blhte, neue Formen zu gewinnen versuchen, und die
sogenannte asianische Beredsamkeit, blhend und berreich an Schmuck, ist
ein charakteristisches Erzeugnis dieser Zeit.

Desto fruchtbarer war die Umgestaltung, welche in den Wissenschaften
begann. Durch Aristoteles war jener groartige Empirismus ins Leben
gerufen, dessen die Wissenschaft bedurfte, um des ungeheuren Vorrates von
neuem Stoff, den Alexanders Zge jedem Zweige des menschlichen Erkennens
eroberten, Herr zu werden. Der Knig, selbst Schler des Aristoteles und
mit allem, was die Studien hellenischer rzte, Philosophen und Rhetoren
bisher geleistet hatten, vertraut, bewahrte stets das lebendigste Interesse
fr dieselben; ihn begleiteten auf seinen Zgen Mnner von allen Fchern
der Wissenschaft; sie beobachteten, forschten, sammelten, sie vermaen die
neuen Lnder und die Hauptstraen in denselben. Ebenso begann fr die
geschichtlichen Studien eine neue Epoche; man konnte jetzt an Ort und
Stelle forschen, konnte die Sagen der Vlker mit ihren Denkmalen, ihre
Schicksale mit ihren Sitten vergleichen, und trotz der unzhligen Irrtmer
und Mrchen, welche durch die sogenannten Schriftsteller Alexanders
verbreitet wurden, ist doch erst mit dieser Zeit das Material und demnchst
die Methode fr die groe geschichtliche und geographische Forschung
gewonnen worden. In mancher Beziehung konnte die hellenische Wissenschaft
unmittelbar von dem Morgenlnder lernen, und die groe Tradition
astronomischer Beobachtungen in Babylon, die bedeutende Arzneikunde, die im
indischen Lande gewesen zu sein scheint, die eigentmlichen Kenntnisse der
Anatomie und Mechanik unter den Priestern gyptens gewannen unter der Hand
hellenischer Forscher und Denker neue Bedeutung. Die eigentmliche
Entwicklung des hellenischen Geistes hatte die Philosophie als den
Inbegriff alles Wissens dargestellt; jetzt emanzipierten sich die einzelnen
Richtungen des Erkennens; die exakten Wissenschaften begannen sich, auf
selbstndige Empirie gesttzt, zu entfalten, whrend die Philosophie,
uneins ber das Verhltnis des Denkens zur Wirklichkeit, bald die
Erscheinungen fr die Gedanken, bald die Erkenntnis fr die Erscheinungen
unzulnglich nannte.

Es liegt in der Natur der Sache, da die Umgestaltung des Vlkerlebens in
sittlicher, sozialer, religiser Beziehung langsamer und bis auf einzelne
Eruptionen unmerklich vor sich gehen mute; und wenn gegen das Neue,
welches unter Alexanders Regiment natrlicherweise zu pltzlich, zu
unvorbereitet, oft gewaltsam ins Leben gerufen war, mit seinem Tode eine
Reaktion hervortrat, welche in den dreiig Jahren der Diadochenkmpfe sich
bald dieser, bald jener Partei anschlo, so war das Resultat kein anderes,
als da das Neue endlich zur Gewohnheit wurde und, nach den volkstmlichen
Verschiedenheiten modifiziert, solche Formen annahm, in die sich das Leben
der Vlker unter einem fortan gleichen und gemeinsamen Prinzip weiter
hineinbilden konnte. Auf ein allmhliches Verschwinden nationaler
Vorurteile, auf eine gegenseitige Annherung in Bedrfnissen, Sitten und
Ansichten, auf ein positives und unmittelbares Verhalten der sonst
entzweiten Volkstmlichkeiten grndete sich ein vollkommen neues, soziales
Leben; und wie etwa in neuer Zeit gewisse Anschauungen, Voraussetzungen,
Konvenienzen bis zu den Moden hinab die Einheit der zivilisierten Welt
bekunden, so hat sich in jener hellenistischen Zeit und, darf man vermuten,
unter hnlichen Formen, eine Weltbildung durchgearbeitet, die am Nil und
Jaxartes dieselben konventionellen Formen als die der guten Gesellschaft,
der gebildeten Welt geltend machte. Attische Sprache und Sitte wurde die
Richtschnur der Hfe von Alexandreia und Babylon, von Baktra und Pergamon;
und als der Hellenismus seine politische Selbstndigkeit dem rmischen
Staate gegenber verlor, begann er in Rom die Herrschaft der Mode und
Bildung zu gewinnen. So darf man den Hellenismus mit Recht die erste
Welteinheit nennen; whrend das Achmenidenreich nichts als ein uerliches
Aggregat von Lndermassen war, deren Bevlkerungen nur die gleiche
Knechtschaft miteinander gemein hatten, blieb in den Lndern des
Hellenismus, selbst als sie zu verschiedenen Reichen zerfielen, die hhere
Einheit der Bildung, des Geschmacks, der Mode, oder wie man sonst dies
stets wechselnde Niveau konventioneller Meinungen und Gewohnheiten nennen
will.

Auf die sittlichen Zustnde der Vlker werden politische Vernderungen
stets in dem Verhltnis der unmittelbaren Beteiligung weniger, vieler,
aller an den Funktionen des Staates wirken. Dieselbe geschichtliche
Versumpfung, welche die Vlker Asiens bisher in den stumpfsten politischen
Formen, den despotischen und hierarchischen, hatte verharren lassen, lie
sie zunchst und zum guten Teil bei dem unermelichen Wechsel, der ber
sie gekommen war, stumm und passiv; wenn sich Alexander vielfach ihrem
Herkommen und ihrer berzeugung gefgt hatte, so zeigt das, auf welchem
Wege allein es mglich war, sie allmhlich ber sich selbst hinauszufhren.
Natrlich war der Erfolg dieser Bemhungen je nach dem Charakter der
verschiedenen Vlker sehr verschieden, und whrend die Uxier und die
Mardier erst lernen muten, den Acker zu bestellen, die Hyrkaner, ehelich
zu leben, die Sogdianer, ihre alternden Vter zu ernhren statt zu tten,
hatte der gypter schon seinen Abscheu gegen die kastenlosen Fremdlinge,
der Phniker die Greuel seiner Molochsopfer zu verlernen begonnen. Dennoch
konnte erst die Folgezeit allmhlich eine neue und gleichartige Weise zu
sein, zu denken und zu handeln heranbilden, um so mehr, da den meisten
altasiatischen Vlkern die Grundlage ihrer Moral, ihrer persnlichen und
rechtlichen Verhltnisse, welche den Hellenen dieser Zeit nur noch in dem
positiven Gesetz oder in der entwickelten Erkenntnis ethischer Prinzipien
gegeben schien, in der Religion enthalten war und durch sie gewi und
zwingend galt. Die Vlker Asiens aufzuklren, ihnen die Fesseln des
Aberglaubens, der unfreien Frmmigkeit zu zerreien, ihnen das Wollen und
Knnen selbstgewisser Verstndigkeit zu erwecken und zu allen Konsequenzen,
den heilvollen wie gefhrlichen, zu steigern, kurz, sie fr das
geschichtliche Leben zu emanzipieren, das war die Arbeit, welche der
Hellenismus in Asien zu vollbringen versucht und zum Teil, wenn auch erst
spt, vollbracht hat.

Schneller und entschiedener ist die Umgestaltung der sittlichen Zustnde in
dem makedonischen und hellenischen Volkstum hervorgetreten. Beiden
gemeinsam wird in Alexanders Zeit die Steigerung alles Knnens und Wollens,
die berspannung der Ansprche und der Leidenschaften, das Leben in dem
Moment und fr ihn, der rcksichtslose Realismus; und doch, wie verschieden
sind sie in jeder Beziehung. Der Makedone, vor drei Jahrzehnten noch voll
buerischer Einfalt, an der Scholle haftend und in dem gleichgltigen
Einerlei seiner armen Heimat zufrieden, denkt jetzt nichts als Ruhm, Macht
und Kampf; er fhlt sich Herr einer neuen Welt, die er stolzer ist zu
verachten als erobert zu haben; aus den unablssigen Kriegsfahrten hat er
jenes trotzige Selbstgefhl, jene kalte militrische Schroffheit, jene
Geringschtzung der Gefahr und des eigenen Lebens heimgebracht, wie die
Zeiten der Diadochen sie oft genug in der Karikatur zeigen; und wenn groe
geschichtliche Durchlebungen der Denkweise und der Physiognomie der Vlker
ihr Geprge geben, so sind die Narben des zehnjhrigen morgenlndischen
Krieges, die in endlosen Strapazen, in Entbehrungen und Ausschweifungen
aller Art tiefgefurchten Zge der Typus der Makedonen. Anders das
hellenische Wesen daheim. Dessen Zeit ist vorber; weder von dem Drange zu
neuen Taten, noch von dem Bewutsein politischer Macht gehoben, begngen
sich diese einst so rstigen Hellenen mit dem Glanze ihrer Erinnerungen;
das Prahlen ersetzt ihnen den Ruhm, und bersttigt von Genu suchen sie um
so mehr dessen oberflchlichste Form, den Wechsel; um so leichtfertiger,
fahriger, parrhesiastischer, um so entfernter jeder einzelne, sich einer
Verantwortung oder Autoritt unterzuordnen, und um so loser und zuchtloser
insgemein geht das Griechentum in jene geistreiche, oberflchliche, nervse
Vielgeschftigkeit, in jene Lernbildung ber, die immer das letzte Stadium
in dem Leben der Vlker bezeichnet; alles Positive, alles Haltende und
Zusammenhaltende, selbst das Gefhl, Schlacke geworden zu sein, geht dahin;
das Werk der Aufklrung hat sich vollbracht.

Man darf wohl sagen, da durch diese Aufklrung, so nivellierend und widrig
sie im einzelnen erscheint, die Kraft des Heidentums gebrochen und eine
geistigere Entwicklung der Religion mglich geworden ist. Nichts ist in
dieser Beziehung wirksamer gewesen als jene sonderbare Erscheinung der
Gttermischung, der Theokratie, an der in den nchstfolgenden Jahrhunderten
alle Vlker des Hellenismus Anteil nahmen.

Wenn man die Gottheiten, die Kulte, die Mythen des Heidentums als eigensten
und lebendigsten Ausdruck der ethnographischen und geschichtlichen
Verschiedenheit der Vlker betrachten darf, so lag da fr das Werk, das
Alexander schaffen wollte, die grte Schwierigkeit. Seine Politik traf den
Nerv der Sache, wenn er, in dessen Person und Regiment zunchst jene
Einheit sich darstellen mute, in seiner unmittelbaren Umgebung so gut den
indischen Ber Kalanos und den persischen Magier Osthanes, wie den
lykischen Zeichendeuter Aristandros hatte, wenn er den Gottheiten der
gypter, der Perser, der Babylonier, dem Baal von Tarsus, dem Jehova der
Juden sich in gleicher Weise wie ihre Glubigen zuwandte und, alle
Zeremonien und Ansprche ihres Kultus erfllend, dessen Bedeutung und
Inhalt als offene Frage zur Seite lie, vielleicht da und dort schon
Anschauungen und Geheimlehren priesterlicher Weisheit begegnend, die in
pantheistischer, deistischer, nihilistischer Fassung des Volksglaubens dem
entgegenkam, was den gebildeten Hellenen ihre Philosophie gab. Des Knigs
Beispiel wird rasch genug in weiten und weiteren Kreisen gewirkt haben; man
begann, nun dreister als es schon immer hellenische Art gewesen, Gtter der
Fremde heimisch zu machen und die heimatlichen Gtter in denen der Fremde
wiederzuerkennen, die Sagenkreise und Theogonien der verschiedenen Vlker
zu vergleichen und in Einklang zu bringen; man begann sich zu berzeugen,
da alle Vlker, in mehr oder minder glcklichem Bilde, in ihren Gttern
dieselbe Gottheit verehrten, mehr oder minder tief gefat dieselbe Ahnung
des berirdischen, des Absoluten, des letzten Zweckes oder Grundes
auszusprechen versuchten, und da die Unterschiede der gttlichen Namen,
Attribute, mter, nur uerliche und zufllige, zu berichtigen und zu ihrem
Gedanken zu vertiefen seien.

So offenbarte es sich, da die Zeit lokaler und nationaler, das heit
heidnischer Religionen vorber, da die endlich sich einigende Menschheit
einer einigen und allgemeinen Religion bedrftig und fhig sei; die
Theokratie war selbst nichts als ein Versuch, durch Verschmelzung aller
jener verschiedenen Religionssysteme eine Einheit hervorzubringen; nur da
sie auf diesem Wege in der Tat doch nimmer erreicht werden konnte. Es war
die Arbeit der hellenistischen Jahrhunderte, die Elemente einer hheren und
wahrhafteren Einigung zu erwirken, das Gefhl der Endlichkeit und Ohnmacht,
das Bedrfnis der Bue und des Trostes, die Kraft der tiefsten Demut und
der Erhebung bis zur Freiheit in Gott und zur Kindschaft Gottes zu
entwickeln; es sind die Jahrhunderte der Entgtterung der Welt und der
Herzen, der tiefsten Verlorenheit und Trostlosigkeit, des immer lauteren
Rufes nach dem Erlsenden.

In Alexander hat sich der Anthropomorphismus des hellenischen Heidentums
erfllt; ein Mensch ist Gott geworden; sein, des Gottes, ist das Reich
dieser Welt, in ihm der Mensch erhht zu der hchsten Hhe der Endlichkeit,
durch ihn die Menschheit erniedrigt, vor dem anzubeten, der der sterblich
Geborenen einer ist.




  Drittes Kapitel

  Alexanders Zug nach Medien -- Hephaistions Tod -- Kampf
  gegen die Kosser -- Rckkehr nach Babylon -- Gesandtschaften
  -- Expeditionen ins sdliche Meer -- Rstungen, neue
  Plne -- Alexanders Krankheit -- Sein Tod


Am Schlu von sieben Kriegsjahren schreibt ein groer Kriegsfrst neuerer
Zeit: so viele Feldzge htten ihn zum Greise gemacht; und er stand in der
vollsten Manneskraft, im Anfang der vierziger Jahre, als er sie begann.
Alexander hatte zwlf Jahre hindurch unablssig im Felde gelegen, schwere
Verwundungen, mehr als eine lebensgefhrliche, erlitten; endlose Strapazen,
die Spannungen und Aufregungen unermelicher Wagnisse, schon auch jene
erschtternden Vorgnge am Hyphasis, jenen furchtbaren Zug durch die
gedrosische Wste, den Aufruhr der Veteranen in Opis durchgemacht; er hatte
Kleitos erstochen, Philotas, Parmenion hinrichten lassen. Die
berlieferungen sagen nicht, ob sein Geist und sein Krper noch in
derselben Spannkraft und Frische war wie in den Tagen des Donaufeldzuges
und am Granikos, oder ob er nervs zu werden begann, sich frh altern
fhlte. Die nchste Zeit sollte ihm neue schmerzliche Erregungen bringen.

Bald nach dem Aufbruch der Veteranen aus Opis verlie auch er mit den
brigen Truppen diese Stadt, um nach Ekbatana hinaufzuziehen.

Medien vor allem hatte whrend des Knigs Aufenthalt in Indien von der
Zgellosigkeit und dem bermut makedonischer Beamten und Befehlshaber viel
gelitten, die Bevlkerung dort trotz der vielfachen Anreizungen zum
Aufstande sich treu bewhrt; Baryaxes, der vergebens die Fahne des Aufruhrs
erhoben hatte, war durch den Satrapen Atropates dem Gerichte des Knigs
berliefert worden. Trotzdem mochte da noch Anla genug sein zu
untersuchen, zu ordnen, auszugleichen, es mochte namentlich die Plnderung
des Schatzes und des Harpalos Flucht genauere Feststellungen fordern. Auch
war die groe Strae durch die medischen Berge noch keineswegs so sicher,
wie es fr den lebhaften Verkehr zwischen den syrischen Satrapien und dem
oberen Lande erforderlich war; unter der Reihe der Bergvlker von Armenien
bis zur karmanischen Kste waren immer noch die Kosser, die ruberischen
Bewohner des Zagrosgebirges, nicht gedemtigt, und jeder Transport, der
nicht mit bedeutender Bedeckung den Weg der medischen Psse einschlug,
ihren berfllen ausgesetzt. Das etwa waren die Grnde, welche den Knig
bewogen, seine Rckkehr nach Babylon, sowie den Beginn der neuen
Unternehmungen gen Sden und Westen, fr welche die Zurstung in vollem
Gange war, bis zum nchsten Frhjahr zu verschieben.

Er ging, es mochte gegen Ende August 324 sein, von Opis aus auf der
gewhnlichen medischen Strae nach Ekbatana; die Truppen folgten in
mehreren Abteilungen durch die nrdlichen Distrikte der Landschaft
Sittakene. Alexander war ber den Flecken Karrai und von da in vier Tagen
nach Sambata gekommen; er blieb hier sieben Tage, bis die verschiedenen
Kolonnen zusammengetroffen waren. Mit drei Tagemrschen erreichte man die
Stadt Kelonai (Holwan), wenige Meilen von den Zagrospssen, von Hellenen
bewohnt, die, zur Zeit der Perserkriege hierhergebracht, in Sprache und
Sitten noch immer das Hellenische, wenn auch nicht rein, bewahrten. Von
hier zog Alexander zu der Pagegend von Bagistane; er besuchte die
berhmten Anlagen in der Ebene vor dem Gebirge, die man den Garten der
Semiramis nannte. Bei seinem weiteren Zuge kam er in die nysischen Felder,
in welchen die ungeheuren Roherden der Knige weideten; er fand an Pferden
noch fnfzig- bis sechzigtausend. Das Heer verweilte hier einen Monat. Der
Satrap Atropates von Medien kam, hier an den Grenzen seiner Satrapie den
Knig zu begren; er brachte, so wird erzhlt, hundert Weiber zu Ro, mit
Streitxten und kleinen Schilden bewaffnet, in das Lager, indem er
aussagte, dies seien Amazonen; eine Erzhlung, die zu den sonderbarsten
Ausschmckungen Anla gegeben hat.

Ein rgerlicher Vorfall sollte diese Zeit der Rast unterbrechen. In der
Umgebung Alexanders befanden sich Eumenes und Hephaistion. Eumenes von
Kardia, welcher die erste Stelle in dem Kabinett des Knigs hatte und von
demselben wegen seiner groen Gewandtheit und Zuverlssigkeit vielfach und
namentlich noch bei der Hochzeitfeier von Susa durch die Vermhlung mit
Artabazos' Tochter geehrt war, scheint in Sachen des Geldes in blem Rufe
gestanden zu haben; es galt dafr, da der Knig den unentbehrlichen
Archigrammateus, so oft er dessen Vorteil mit seinem Pflichteifer oder
seiner Hingebung in Kollision sehe, auf das freigebigste bedenke. Nur
einmal, so wird erzhlt -- es war noch in Indien und der Knig hatte die
Ausrstung der Stromflotte, da seine Kassen erschpft waren, als Ehrensache
den Groen in seiner Umgebung berlassen --, rgerte sich Alexander zu sehr
an dem auffallenden Verhalten des Kardianers, als da er sich htte
versagen sollen, ihn zu beschmen. Eumenes sollte dreihundert Talente
verwenden; er gab nur hundert und versicherte, da er kaum diese mit aller
Mhe habe zusammenbringen knnen; und doch kannte Alexander seinen
Reichtum. Er machte ihm keine Vorwrfe, nahm aber das Dargebotene nicht an;
er befahl, in der Stille der Nacht das Zelt des Eumenes anzuznden, um ihn
dann, wenn er in voller Angst vor dem Feuer, dem brigens sogleich wieder
Einhalt getan werden sollte, seine Schtze herausschleppen liee, dem
allgemeinen Spotte preiszugeben. Das Feuer griff so schnell um sich, da es
das ganze Zelt mit allem, was in demselben war, namentlich den zahlreichen
Schriftstcken der Kanzlei, verzehrte; das geschmolzene Gold und Silber,
das man in der Asche fand, betrug allein ber tausend Talente. Alexander
lie ihm sein Geld und sandte an die Satrapen und Strategen Befehl,
Abschriften von den an sie erlassenen Zuschriften und Weisungen
einzusenden. Bei den Makedonen des Heerlagern war Eumenes, der mit der
Schreibtafel und dem Griffel statt mit Speer und Schwert diente, und der
trotzdem nur zu viel Einflu und Ansehen beim Knige zu haben schien, wenig
beliebt; und da ihn vor allen Hephaistion, der durch sein nahes Verhltnis
zu Alexander oft genug mit ihm in Berhrung kam, nicht mochte, war nach dem
Charakter des edlen Pellers natrlich. Alles, was von diesem berichtet
wird, zeigt seinen edlen, ritterlichen, hingebenden Sinn, seine unbegrenzte
und wahrhaft rhrende Anhnglichkeit fr den Knig. Alexander liebte in ihm
den Gespielen seiner Knabenjahre; aller Glanz des Thrones und des Ruhmes,
und jener Wechsel in seinem ueren und inneren Leben, um dessentwillen
mancher, dem er viel vertraut, an ihm irre geworden war, hatten ihr
herzinniges Verhltnis nicht zu stren vermocht; ihre Freundschaft hatte
die schwrmerische Weichheit des Jnglingsalters, dem sie beide fast noch
angehrten; die Erzhlung, wie Alexander einen Brief von seiner Mutter voll
Vorwrfe und Klagen, die er auch dem Freunde gern verschwieg, durchlas und
Hephaistion sich ber des Freundes Schultern lehnte und mitlas, und der
Knig ihm dann den Siegelring auf den Mund drckte, gibt das Bild, wie man
sich beide denken mag.

Hephaistion und Eumenes hatten schon mehrfach miteinander Streit gehabt,
und ihre gegenseitige Abneigung bedurfte keines groen Anlasses, um in
neuen Zwist auszubrechen. Ein Geschenk, das eben jetzt Hephaistion vom
Knige erhielt, gengte, des Kardianers Neid auf das heftigste zu erregen
und einen Wortwechsel hervorzurufen, in dem bald beide alle Rcksichten und
sich selbst vergaen. Alexander tat dem rgerlichen Geznk Einhalt; dem
Eumenes gab er ein gleiches Geschenk, an Hephaistion wandte er sich mit dem
Scheltwort, ob er sich und seine Wrde nicht besser kenne; er forderte von
beiden das Versprechen, fortan jede Uneinigkeit zu meiden und sich
miteinander auszushnen. Hephaistion weigerte es, er war der tief
Gekrnkte, und Alexander hatte Mhe, ihn zu beruhigen; ihm zuliebe reichte
Hephaistion endlich die Hand zur Vershnung.

Nach diesen Vorgngen und einer dreiigtgigen Rast in dem nysischen Tale
brach das Heer nach Ekbatana auf und erreichte in sieben Tagen, etwa mit
dem Ausgange des Oktober, diese groe und reiche Stadt. Es ist zu bedauern,
da die alten berlieferungen nichts von den Anordnungen, Grndungen und
Organisationen, die zu Ekbatana, wie es scheint, des Knigs besondere
Ttigkeit in Anspruch nahmen, berichten; reicher sind sie an Schilderungen
der Festlichkeiten, welche in der medischen Residenz gefeiert wurden,
namentlich der der Dionysien.

Alexander hatte seine Residenz in dem kniglichen Schlosse genommen; das
Schlo, ein Denkmal aus der Zeit der medischen Gre, lag unter der Burg
der Stadt, in einer Ausdehnung von sieben Stadien; die Pracht dieses
Gebudes grenzte an das Mrchenhafte; alles Holzwerk war von Zedern und
Zypressen, das Geblk, die Decken, die Sulen in den Vorhallen und den
inneren Rumen mit goldenen oder silbernen Platten belegt, die Dcher mit
Silberplatten bedeckt. In hnlicher Weise war der Tempel der Anytis in der
Nhe des Palastes geschmckt, seine Sulen mit goldenen Kapitellen gekrnt,
das Dach mit goldenen und silbernen Ziegeln gedeckt. Freilich war schon
manches von diesem kostbaren Schmuck durch die Raubgier jener makedonischen
Befehlshaber, die so arg in Medien gehaust hatten, entwendet worden, aber
noch immer bot das Ganze ein Bild der staunenswrdigsten Herrlichkeit. Die
Umgebung stimmte mit der Pracht der kniglichen Residenz; im Rcken des
Palastes erhob sich der aufgeschttete Hgel, dessen Hhe die uerst feste
Burg mit ihren Zinnen, Trmen und Schatzgewlben krnte; vor ihr die
ungeheure Stadt in einem Umfange von fast drei Meilen, im Norden die Gipfel
des hohen Orontes, durch dessen Schluchten sich die groen Wasserleitungen
der Semiramis herabzogen.

In dieser wahrhaft kniglichen Stadt feierte Alexander die Dionysien des
Herbstes 324; sie begannen mit den groen Opfern, mit denen Alexander den
Gttern seinen Dank fr das Glck, das sie ihm gewhrt, darzubringen
gewohnt war. Dann folgten Festlichkeiten aller Art, Kampfspiele,
Festaufzge, knstlerische Wettkmpfe; Gastmhler und Gelage fllten die
Zwischenzeit. Unter diesen zeichnete sich das des Satrapen Atropates von
Medien durch schwelgerische Pracht aus; das gesamte Heer hatte er zu Gast
geladen, und die Fremden, welche von nah und fern zur Schau der Feste in
Ekbatana zusammengestrmt waren, umstanden die weite Reihe von Tafeln, an
denen die Makedonen jubelten und unter Trompetenschall durch Heroldsruf
ihre Trinksprche, ihre guten Wnsche fr den Knig und die Geschenke, die
sie ihm weihten, verknden lieen; der lauteste Jubel folgte dem Spruch des
Gorgos, des kniglichen Waffenmeisters: Dem Knig Alexander, dem Sohn des
Zeus Ammon, weiht Gorgos einen Kranz von dreitausend Goldstcken, und, wenn
er Athen belagert, zehntausend Rstungen nebst ebenso vielen Katapulten und
allen Geschossen, so viele er zum Kriege braucht.

So die lrmenden und berreichen Festlichkeiten dieser Tage, nur Alexander
war nicht zur Freude gestimmt; Hephaistion war krank. Umsonst bot sein Arzt
Glaukias alle Kunst auf, er vermochte dem zehrenden Fieber nicht Einhalt zu
tun. Alexander konnte sich nicht den Festlichkeiten entziehen, er mute den
kranken Freund verlassen, um sich dem Heere und dem Volk zu zeigen. Er
befand sich gerade, es war am siebenten Tage und die Knaben hatten ihren
Wettkampf, unter der frhlichen Menge, die auf dem Stadion auf und ab
wogte; da wurde ihm die Nachritt gebracht, da es mit Hephaistion schlecht
stehe; er eilte zum Schlo, in das Zimmer des Kranken, Hephaistion war eben
verschieden. Die Hand der Gtter konnte nicht Schwereres ber Alexander
verhngen; drei Tage sa er bei der teuren Leiche, lange klagend, dann vor
Gram verstummend, ohne Speise und Trank, am Kummer sich weidend und der
Erinnerung an den schnen Freund, der ihm in der Blte des Lebens entrissen
war. Es schwiegen die Feste, Heer und Volk klagte um den Edelsten der
Makedonen, und die Magier lschten das heilige Feuer in den Tempeln, als ob
ein Knig gestorben sei.

Als die Tage der ersten Trauer vorber waren, und die Getreuen mit ihren
Bitten erreicht hatten, da sich der Knig von seines Freundes Leiche
trennte, ordnete er den Trauerzug, der die Leiche nach Babylon fhren
solle. Auf Eumenes' Anregung brachten die Strategen, Hipparchen, Hetairen
Waffen, Kleinodien, Gaben aller Art, den Wagen zu schmcken, der die
Leiche trug; Perdikkas erhielt den Befehl, sie nach Babylon zu geleiten,
dort sollte der Scheiterhaufen erbaut, dort im Frhlinge die Kampfspiele
der Totenfeier gehalten werden; mit Perdikkas ging Deinokrates, den
Prachtbau des Scheiterhaufens zu leiten.

Es war gegen Ende des Jahres 324 und in den Bergen lag bereits tiefer
Schnee, als Alexander mit seinem Heere aus Ekbatana aufbrach, um durch die
Berge der Kosser gen Babylon zu ziehen; er whlte diese Jahreszeit, weil
die ruberischen Stmme im Gebirge jetzt nicht aus ihren Tlern auf die
schneebedeckten Berghhen flchten konnten. Mit dem leichteren Teil seiner
Truppen ging er, whrend die brigen auf der groen Strae vorauszogen,
sdwrts, denn in dieser Richtung bis zu den ihnen verwandten Oxiern hin,
wohnten und wanderten diese Hirtenstmme. In zwei Kolonnen, die eine unter
des Knigs, die andere unter des Lagiden Ptolemaios Befehl, wurden die
Bergtler durchstreift, die meist kleinen Horden, die sich stets auf das
khnste zur Wehr setzten, einzeln berwltigt, ihre Raubtrme erbrochen,
viele Tausende erschlagen und zu Gefangenen gemacht, die anderen zur
Unterwerfung gezwungen, ihnen vor allem feste Ansiedlung und das Bebauen
des Feldes zur Pflicht gemacht. Nach Verlauf von vierzig Tagen war das
unabhngige Bergvolk in dem Gebirgslande der Passagen wie frher die Uxier,
Kadusier, Mardier und Paraitakenen, zum Gehorsam gebracht und wenigstens
der erste Anfang zur Zivilisation gemacht.

Dann zog Alexander in kleinen Tagesmrschen, um die einzelnen
Truppenabteilungen aus den Bergtlern an sich zu ziehen, nach Babylonien
hinab. In Babylon wollte er seine gesamten Krfte zu neuen Unternehmungen
vereinigen, Babylon sollte der Mittelpunkt des Reiches und die knigliche
Residenz werden. Die Stadt war durch ihre Gre, ihren alten Ruhm, ihre
Lage besonders dazu geeignet; sie war der Stapelplatz fr den Sdhandel,
fr die Gewrze Indiens, die Spezereien Arabiens; sie lag in der Mitte
zwischen den Vlkern des Abend- und Morgenlandes; sie war dem Westen nher,
auf den sich nach der Bewltigung des Ostens Alexanders unternehmender
Blick wenden mute. Gen Westen lag jenes Italien, wo seiner Schwester
Gemahl, der Epeirotenknig, Ehre und Leben eingebt hatte, lag das
silberreiche Iberien, das Land der phnikischen Kolonien, deren
Mutterstdte jetzt zum neuen Reiche gehrten, lag jenes Karthago, das seit
den ersten Perserkriegen und dem damaligen Bunde mit Persien nicht
aufgehrt hatte, gegen die Hellenen in Libyen und Sizilien zu kmpfen. Die
groen Vernderungen in der Ostwelt hatten Alexanders Ruhm bis zu den
fernsten Vlkern getragen, die teils mit Hoffnung, teils mit Besorgnis auf
diese Riesenmacht blicken mochten; sie muten die Notwendigkeit erkennen,
sich mit dieser Macht, in deren Hand das Schicksal der Welt lag, in
Beziehung zu setzen und ihr entgegenkommend der eigenen Zukunft die Wege zu
ebnen.

So geschah es, da Gesandte auch ferner Vlker in das Lager kamen, teils um
Huldigungen und Geschenke zu berbringen, teils um ber Streitigkeiten mit
Nachbarvlkern des Knige schiedsrichterliche Entscheidung einzuholen; und
erst jetzt, sagt Arrian, schien es dem Knige und seiner Umgebung, da er
Herr ber Land und Meer sei. Alexander lie sich das Verzeichnis der
Landschaften geben, um die Reihenfolge ihrer Audienzen zu bestimmen; den
Vortritt hatten die mit heiligen Dingen Beauftragten, namentlich die
Gesandten von Elis, von Ammonion, vom delphischen Tempel, von Korinth,
Epidauros usw., nach Magabe der Bedeutung der Stelle, von der sie kamen;
dann folgten die, welche Geschenke berbrachten, welche ber Streitigkeiten
mit Nachbarvlkern verhandeln wollten, die mit inneren und Privatsachen
Beauftragten, zuletzt die hellenischen Abgeordneten, welche Vorstellungen
gegen die Zurckfhrung der Verbannten machen sollten.

Unsere Quellen fr die Geschichte Alexanders haben es nicht der Mhe wert
geachtet, alle diese Gesandtschaften zu nennen; sie fhren nur diejenigen
an, welche in irgendeiner Beziehung denkwrdig waren, und nur aus den
anderweitig geschichtlichen Verhltnissen der genannten Vlker lt sich
ber die nheren Absichten ihrer Sendung einiger Aufschlu finden. Da
Gesandte der Brettier, Lukaner, Etrusker gekommen seien, hat Arrian ohne
weiteres Bedenken angegeben, ob auch rmische[19], wie von manchen
Schriftstellern gesagt sei, bezweifelt er. Aus der Lage der Verhltnisse in
Italien mu sich ergeben, ob Anla dazu war.

    [19] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Die Brettier und Lukaner hatten seit dem Kriege mit dem Molosser Alexandros
Grund genug, vor der Macht seines Schwagers, des Siegers ber Asien, des
natrlichen Beschirmers der hellenischen Welt, in Sorge zu sein. Gegen sie
war der Molosser von dem reichen Handelsstaat Tarent zu Hilfe gerufen
worden; er hatte sie und die ihnen verbndeten Samniten in einer groen
Schlacht bei Pstum geschlagen, er hatte an der Ostkste der Halbinsel die
Messapier, die Daunier zu Paaren getrieben; er war von Meer zu Meer
mchtig, und die Rmer traten mit ihm in ein Bndnis zum gemeinsamen
Angriff auf die Samniten, deren Kmpfe im Sden sie benutzt hatten, ihr
Gebiet bis Kampanien hinein auszudehnen und mit rmischen Ansiedlungen zu
befestigen. Aber die wachsende Macht des Epeiroten, vielleicht die
Besorgnis, da er sich zum Herrn Grogriechenlands machen wolle, veranlate
die Tarentiner, sich denen zuzuwenden, gegen die sie ihn gerufen hatten;
ein lukanischer Flchtling ermordete den Knig; damit hatten die Samniten
freie Hand sich gegen die Rmer zu wenden, die schon auch Kyme, die lteste
hellenische Stadt an diesen Ksten, auch Kapua in Besitz genommen hatten.
Mit ihrem Versuch, sich auch in Neapolis und Palaiopolis festzusetzen,
begann (328) der groe Samnitenkrieg, der nach wechselnden Erfolgen her und
hin demnchst in den kaudinischen Pssen und dem Unterwerfungsvertrag der
Rmer einen ersten Abschlu finden sollte. Da die Griechenstdte Italiens,
statt die Gunst dieser Jahre zu benutzen, ungeeint und ohne Tatkraft, wie
sie waren, auf den Eroberer Asiens ihre Hoffnung setzten, war ebenso
natrlich, wie die Besorgnis der Italiker, da er kommen und ihnen die
reichen Kstenstdte, die sie endlich gewonnen hatten, aus der Hand reien
werde; hatte er doch den Krotoniaten Beutestcke des Sieges von Gaugamela
gesandt, weil einst gegen Xerxes einer der Ihrigen bei Salamis mitgekmpft
hatte. Mag es Zufall sein, da unter den Gesandtschaften keine der Samniten
genannt wird, oder mag von ihnen keine gekommen sein, das kluge und
weiterblickende patrizische Regiment in Rom, das in dem schweren Kampf
gegen die Samniten die Vlker hinter ihnen, die Lukaner, Apulier usw. zu
gewinnen verstanden, sich mit dem Molosser verbndet hatte, konnte sich
sehr wohl veranlat sehen, in dem Moment, wo es die Griechenstdte
Kampaniens zu unterwerfen gedachte, sich der Gunst dessen zu versichern,
dessen Einspruch zu frchten war. Aus einer anderweitigen Nachricht ergibt
sich, da Alexander den Rmern in betreff der ihnen untertnig gewordenen
Antiaten, die fortfuhren mit den Etruskern vereint Seeruberei zu treiben,
Mahnungen habe zukommen lassen.

Eine Gesandtschaft der Etrusker erklrt sich aus den mannigfachen
Konflikten, die ihnen aus ihren Seerubereien mit den hellenischen Staaten
erwuchsen; war doch eben jetzt von den Athenern eine Expedition
ausgerstet, um am Ausgang des Adriatischen Meeres eine Kolonie zu grnden,
die ihnen in den dortigen Gewssern einen festen Handels- und Stapelplatz
sichern und ihre Kauffahrtei dort schtzen sollte.

Nicht minder erklrlich sind die Sendungen der Karthager, Libyer, Iberier.
Alexanders Besitznahme von Phnikien mute sowohl Karthago wie die brigen
punischen Kolonien in Nordafrika und Iberien, welche mit dem Mutterlande
noch immer in naher Verbindung standen, veranlassen, dem Herrscher des
mchtigen Reiches, von dem sie wohl mehr als Rivalitt im Handel zu
frchten hatten, ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen; namentlich die
Karthager werden beachtet haben, was nach ihren frheren Beziehungen zu der
hellenischen Welt und nach dem Charakter des kriegsgewaltigen Knigs fr
sie in Aussicht stand; und die Grenzstreitigkeiten mit den Hellenen
Siziliens, die seit Timoleons Siegen nicht aufgehrt hatten, boten Anla
vollauf zu einer Einmischung, die fr die punische Republik nur zu
bedenkliche Folgen haben konnte. Um so natrlicher war es, da sie die
Freundschaft des mchtigen Knigs suchten. Wenn angefhrt wird, da die
libyschen Gesandten mit Krnzen und Glckwnschen wegen der Eroberung
Asiens gekommen seien, so sind damit die Stmme im Sden Kyrenes gemeint.

Unter den brigen Gesandtschaften werden namentlich die der europischen
Skythen, der Kelten, der thiopen genannt, letztere dem Knige vielleicht
um so wichtiger, je mehr ihn jetzt der Plan, Arabien zu umschiffen und die
Seestrae, die bereits den Indus und Euphrat verband, bis in das Rote Meer
und zur gyptischen Ostkste fortzusetzen, beschftigte.

Denn schon war der Befehl nach Phnikien gesandt, Matrosen auszuheben,
Schiffe zu bauen, sie zerlegt ber Land nach dem Euphrat zu schaffen.
Nearch war beauftragt, die Flotte den Euphrat hinauf nach Babylon zu
fhren; bald nach der Ankunft des Knigs in Babylon sollte der Zug gegen
die Araber erffnet werden. Zu gleicher Zeit ward Herakleides, des Argaios
Sohn, mit einer Schar Schiffszimmerleute nach dem Strande des Kaspischen
Meeres abgesandt, mit dem Auftrage, in den Waldungen der hyrkanischen
Gebirge Schiffsbauholz zu fllen und Kriegsschiffe sowohl mit als ohne Deck
nach hellenischer Art zu zimmern. Auch diese Expedition hatte den Zweck,
zunchst zu untersuchen, ob das Kaspische Meer eine nrdliche Durchfahrt
darbiete und ob es mit dem maiotischen See oder dem offenen Meer im Norden
und durch dasselbe mit den indischen Gewssern in Verbindung stehe.
Alexander mochte hoffen, mit dieser Expedition jenen Skythenfeldzug, den er
vor fnf Jahren mit dem Chorasmierknig besprochen hatte, in Ausfhrung zu
bringen. Ebenso waren fr die Landmacht neue und sehr bedeutende
Verstrkungen angeworben, welche im Laufe des Frhlings in Babylon
eintreffen sollten. Es war offenbar, da Alexander Groes vorhatte; es
schien, als ob zu gleicher Zeit Feldzge gegen Norden, Sden und Westen
unternommen werden sollten; vielleicht da er sie einzelnen Feldherren zu
bertragen gedachte, whrend er vorerst das Ganze von Babylon, der Residenz
seines Reiches, aus zu leiten sich vorbehielt.

Die Truppen und ihre Fhrer werden voll ungeduldiger Spannung, neue
Feldzge frchtend oder hoffend, gen Babylon hinabgezogen sein. Sie wuten
nicht, wie tief ihr Knig seit des Freundes Tod gebeugt, wie er umsonst mit
khnen und khneren Plnen den Gram seines Herzens zu bertuben bemht
war; sie wuten nicht, wie ihm die Freude des Lebens zerstrt, wie seine
Seele trber Ahnungen voll war; mit Hephaistion war ihm seine Jugend zu
Grabe getragen, und kaum an der Schwelle der mnnlichen Jahre begann er zu
altern; der Gedanke des Todes schlich sich in seine Seele.

Der Tigris war berschritten; schon sah man die Zinnen der Riesenstadt, da
kamen dem Heereszuge die Vornehmsten der Chalder, der sternkundigen
Priester von Babylon, entgegen; sie nahten sich dem Knige, sie fhrten ihn
zur Seite und drangen in ihn, den Weg nach Babylon nicht weiter zu
verfolgen: die Stimme des Gottes Bel habe ihnen offenbart, da ihm der
Einzug in Babylon jetzt nicht zum Heile sei. Alexander antwortete mit dem
Verse des Dichters: der beste Seher sei der, welcher glcklich weissage.
Sie fuhren fort: Nicht gen Westen schauend, o Knig, nicht von dieser
Seite des Stromes komme nach Babylon; umgehe die Stadt, bis du gen Morgen
siehst.

Er lie das Heer am Ostufer des Euphrat lagern, er zog am folgenden Tage
auf dieser Seite des Stromes hinab, um dann hinberzugehen und von Westen
her in die Stadt einzuziehen; der Strom hatte weithin sumpfige Ufer; nur
innerhalb der Stadt waren Brcken; es htte weiter Umwege bedurft, um zu
den westlichen Quartieren von Babylon zu gelangen. Damals, heit es, kam
der Sophist Anaxarchos zum Knige und bekmpfte mit philosophischen Grnden
des Knigs Aberglauben; glaublicher ist, da Alexander, bald Herr des
ersten Eindrucks, die Sache fr weiteren Zeitverlust und grere Umwege zu
unbedeutend anzusehen suchte, da er die Folgen, welche die zu groe
Besorglichkeit von seiner Seite im Heer und Volk htte hervorbringen
mssen, mehr scheute als die etwaige Gefahr, da er nicht zweifelhaft sein
konnte, wie guten Grund die Chalder hatten, seine Anwesenheit in Babylon
nicht zu wnschen. Er hatte bereits im Jahre 330 den Befehl gegeben, den
riesigen Tempel des Bel, der seit Xerxes' Zeit als Ruine dastand,
wiederherzustellen; whrend seiner Abwesenheit war der Bau ins Stocken
geraten, die Chalder hatten das ihre dazu getan, um den Ertrag der reichen
Tempelgter, die zur Erhaltung des Baues bestimmt waren, nicht zu
verlieren. So war es begreiflich, wenn ihm die Sterne den Eintritt in
Babylon untersagten oder mglichst erschwerten; wider den Rat der Chalder
rckte Alexander an der Spitze seines Heeres von Morgen her in die
stlichen Quartiere der Stadt ein; er ward von den Babyloniern freudig
empfangen; mit Festlichkeiten und Gelagen feierten sie seine Rckkehr.

Es befand sich, so berichtet Aristobulos, zu dieser Zeit der Amphipolite
Peithagoras, aus priesterlichem Geschlecht und der Opferschau kundig, in
Babylon; sein Bruder Apollodoros, der seit dem Jahre 331 Strateg der
Landschaft war, hatte bei Alexanders Rckkehr aus Indien mit den Truppen
der Satrapie entgegenziehen mssen, und da ihn das strenge Strafgericht,
welches der Knig ber die schuldigen Satrapen ergehen lie, auch fr seine
Zukunft besorgt machte, sandte er an seinen Bruder nach Babylon, ber sein
Schicksal die Opfer zu beschauen. Peithagoras hatte ihn dann fragen lassen,
wen er am meisten frchte, ber den wolle er schauen; auf des Bruders
Antwort, die den Knig und Hephaistion nannte, hatte Peithagoras Opfer
angestellt, und nach der Opferschau dem Bruder nach Ekbatana geschrieben:
Hephaistion werde ihm bald nicht mehr im Wege sein; diesen Brief hatte
Apollodor am Tage vor Hephaistions Tode empfangen. Ferner opferte
Peithagoras ber Alexander; er fand dieselbe Schau und schrieb seinem
Bruder dieselbe Antwort. Apollodoros, so heit es, ging selbst zum Knige,
um zu zeigen, da seine Hingebung grer sei als seine Sorge fr das eigene
Wohl; er sagte ihm von der Opferschau ber Hephaistion und ihrer Erfllung;
auch ber ihn habe Peithagoras nichts Glckliches geschaut, er mge sein
Leben hten und die Gefahren, vor denen die Gtter warnten, meiden. Jetzt
in Babylon lie der Knig Peithagoras zu sich kommen, ihn befragen, welche
Schau er gehabt habe, da er so seinem Bruder geschrieben? Die Leber des
Opfers sei ohne Kopf gewesen, war die Antwort. Alexander dankte dem Seher,
da er ihm offen und sonder Trug die Wahrheit gesagt, entlie ihn mit
allen Zeichen seines Wohlwollens. Aber er war betroffen ber dies
Zusammentreffen der hellenischen Opferschau mit den Warnungen der
Astrologen; es war ihm unheimlich in den Mauern dieser Stadt, die er
vielleicht besser gemieden htte; ihn beunruhigte der lngere Aufenthalt in
den Palsten, vor denen ihn die Gtter vergebens gewarnt hatten. Aber er
konnte noch nicht hinweg.

Es waren neue Gesandtschaften aus den hellenischen Lndern eingetroffen,
auch mehrere Makedonen, sowie Missionen der Thraker, Illyrier, anderer
abhngiger Vlker, um, so hie es, ber den Reichsverweser Antipatros Klage
zu fhren. Antipatros selbst soll seinen Sohn Kassandros gesandt haben, zu
rechtfertigen, was er getan; vielleicht wnschte er zugleich dem Knige,
bei dem sich bereits sein Sohn Jollas als Mundschenk befand, in seinem
ltesten Sohn ein neues Unterpfand seiner Treue zu geben und durch dessen
Bemhung das gestrte Verhltnis zu Alexander, bevor er selbst seinem
Befehle gem bei Hofe eintraf, wiederherzustellen. Es wird, freilich nach
wenig zuverlssigen Gewhrsmnnern, von rgerlichen Auftritten zwischen dem
Knige und Kassandros gemeldet.

Von den Verhandlungen der hellenischen Gesandtschaft wird Nheres nicht
berichtet; es ist wahrscheinlich, da, da bei den kurz vorher empfangenen
Gesandtschaften die rtlichen und Privatangelegenheiten meist nach den
Wnschen der Beteiligten abgemacht, die Vorstellungen gegen die
Zurckfhrung der Verbannten dagegen ein fr allemal abgewiesen waren,
jetzt besonders nur Glckwnsche wegen der indischen Siege und der
Heimkehr, goldene Krnze und Danksagungen fr die Aufhebung der Exile und
andere Wohltaten des Knigs dargebracht wurden. Der Knig bezeugte ihnen
seinen Dank mit Ehren und Geschenken, namentlich sandte er den Staaten die
einst von Xerxes geraubten Statuen und Weihgeschenke, so viele er deren in
Pasargadai, Susa, Babylon und sonst noch vorgefunden hatte, zurck.

Auch die rtlichen Angelegenheiten der groen Residenz mochten des Knigs
Anwesenheit verlngern; wenigstens wird berliefert, da Alexander,
nachdem er die von ihm angeordneten Bauten in Augenschein genommen und
gesehen hatte, wie namentlich die Wiederherstellung des Beltempels fast
liegen geblieben war, sofort das Werk mit dem grten Eifer zu frdern
befahl, und da fr den Augenblick die Truppen ohne Beschftigung waren,
dieselben zum Baudienst kommandierte. So arbeiteten 20000 Menschen zwei
Monate hindurch, um nur erst die Trmmer ganz abzutragen und die Baustelle
zu reinigen; die spteren Ereignisse hinderten den Beginn des eigentlichen
Baues.

Endlich konnte Alexander Babylon verlassen; die Stromflotte, von Nearchos
gefhrt, war aus dem Tigris durch den Persischen Meerbusen den Euphrat
hinaufgekommen und lag unter den Mauern der Residenz; auch aus Phnikien
waren die Schiffe angelangt; zwei Penteren, drei Tetreren, zwlf Trieren
und dreiig Dreiigruderer waren von den Werften der Kste zerlegt ber
Land nach Tapsakos gebracht, dort wieder zusammengefgt und den Strom
hinabgekommen; auch hatte der Knig in Babylon selbst Schiffe zu bauen
befohlen, und zu dem Ende, da die Landschaft weit und breit keine anderen
Bume als Palmen hat, die Zypressen, die sich in den kniglichen Grten von
Babylon in groer Menge befanden, umhauen lassen. So war die Flotte bald
auf bedeutenden Bestand gebracht; und da der Strom keine geeignete
Hafenstelle hatte, erging der Befehl, unfern der Residenz ein groes Bassin
auszugraben, das Raum und Werften fr tausend Schiffe bieten sollte. Aus
Phnikien und den brigen Strandgegenden kamen Matrosen, Zimmerleute,
Kaufherren, Krmer in Menge herbei, um infolge des kniglichen Aufrufs mit
den Schiffen die neue Handelsstrae zu benutzen, oder sich fr den nchsten
Feldzug auf die Flotte zu verdingen. Whrend dieser Rstungen wurde
Mitkalos von Klazomen mit 500 Talenten nach Phnikien und Syrien gesandt,
um dort mglichst viele Strandbewohner und Schiffer anzuwerben und nach dem
unteren Euphrat hinabzufhren; der Plan des Knige war, an den Ksten des
Persischen Meerbusens und auf den Inseln desselben Kolonien zu grnden, um
durch diese den Verkehr in den sdlichen Gewssern emporzubringen und
zugleich in ihnen eine Sicherung der arabischen Kste zu schaffen.
Alexander wute von den vielen und eigentmlichen Produkten dieses Landes,
die er um so leichter in den groen Verkehr zu bringen hoffte, je
ausgedehnter und hafenreicher das Kstenland der Halbinsel ist. Die weite
Wste von den Grenzen gyptens bis nahe bei Tapsakos und Babylon war von
Beduinenstmmen durchschweift, welche die Grenzen der anstoenden Satrapien
sowie die Landstraen oft genug beunruhigten; wenn sie zur Unterwerfung
gezwungen wurden, so war auer der Sicherung der Grenzen und Straen
namentlich eine bei weitem krzere Verbindung zwischen Babylon und gypten
gewonnen; es mute dann vor allem die petrische Landschaft sowie die
Nordspitzen des Roten Meeres in Besitz genommen und kolonisiert werden, es
muten sich an diesen Stellen die Landwege durch das Araberland mit dem
Seewege um die arabische Kste, dessen Entdeckung die nchste Absicht war,
vereinigen.

Bereits waren drei Schiffe den Strom hinab ins Meer gesandt worden.
Zunchst kehrte Archias mit seinem Dreiigruderer zurck; er hatte sdwrts
von der Euphratmndung eine Insel gefunden; er berichtete, sie sei klein,
dicht bewaldet, von einem friedlichen Vlkchen bewohnt, das die Gttin
Artemis verehre und in ihrem Dienst die Hirsche und wilden Ziegen der Insel
ungestrt weiden lasse; sie liege in der Nhe des Meerbusens der Stadt
Gerra, von der aus die Hauptstrae durch das Innere Arabiens zum Roten und
Mittellndischen Meere fhre, und deren Einwohner als betriebsame und
reiche Handelsleute genannt wrden. Alexander gab, seltsam genug, dieser
Insel den Namen jenes Ikaros, der den khnen Flug bis in die Sonnennhe
gewagt und in den Wellen mit allzu frhem Tode gebt hat. Von der Insel
Ikaros aus, berichtete Archias weiter, sei er sdostwrts zu einer zweiten
Insel gekommen, welche die Bewohner Tylos nannten; sie sei gro, weder
steinig noch waldig, zum Feldbau geschickt und ein glckliches Eiland; er
htte hinzufgen knnen, da sie inmitten der unerschpflichen Perlenriffe
liege, von denen sich schon manche Sage unter den Makedonen verbreitet
hatte. Bald darauf kam das zweite Schiff, das Androsthenes gefhrt hatte,
zurck; er war dicht an der Kste hinabgesteuert und hatte ein groes Stck
des arabischen Strandes beobachtet. Am weitesten von den ausgesandten
Schiffen war das gekommen, welches der Steuermann Hieron aus Soloi fhrte;
er hatte Weisung erhalten, die ganze Halbinsel Arabien zu umschiffen und
seine Einfahrt in den Meerbusen, der sich nordwrts bis wenige Meilen von
Hereonpolis in gypten hinaufzieht, zu suchen; er hatte, obschon er einen
bedeutenden Teil der arabischen Gestade hinabgekommen war, nicht weiter zu
gehen gewagt; er brachte die Nachricht, die Gre der Halbinsel sei
auerordentlich und mchte der von Indien wohl gleichkommen; er sei
sdwrts bis zu einem Vorgebirge gekommen, das sich weit ostwrts in die
offene See hinaus erstrecke; die nackten und den Sandufer mchten eine
weitere Fahrt sehr erschweren.

Whrend die Bauten[20] in und um Babylon und die Arbeiten auf den
Schiffswerften, das Ausgraben des Hafenbassins, das Abtragen des Belturmes,
das grandiose Gebude des Scheiterhaufens fr Hephaistion rasch gefrdert
wurden, ging Alexander mit einigen Schiffen den Euphrat hinab, um die
groen Deicharbeiten an dem Pallakopas zu besichtigen. Dieser Kanal ist
etwa zwanzig Meilen unterhalb Babylon aus dem Euphrat gen Westen gegraben
und endet in einen See, der, von den Wassern des Stromes gespeist, sich
lngs der Grenze des arabischen Landes sdwrts in einer Reihe von Smpfen
bis zum Persischen Meerbusen fortsetzt. Der Kanal ist fr die Landschaft
von unberechenbarer Wichtigkeit; wenn im Frhling die Wasser des Stromes zu
schwellen beginnen und, whrend unter der Sommersonne der Schnee in den
armenischen Bergen schmilzt, immer mchtiger und hher hinabfluten, wrde
die ganze Landschaft der berschwemmung ausgesetzt sein, wenn nicht dem
Strom durch die Kanle und besonders durch den Pallakopas ein Abflu
gegeben wre, der dann zugleich das Stromland schtzt und den vom Strom
entfernteren Gegenden die Segnungen der reichsten Wsserung bringt; wenn
aber der Euphrat mit dem Herbste wieder abnimmt, ist es notwendig, den
Kanal schnell zu schlieen, weil sonst der Strom diesem krzeren Wege, sich
zu ergieen, folgen und sein Bett verlassen wrde. Die Arbeit wird dadurch
erschwert, da die Stelle des Ufers, wo der Kanal beginnt, losen Grund hat,
so da die Aufschttungen selbst auerordentliche Mhe machen und dann doch
nicht gengenden Widerstand gegen die starke Strmung des Euphrat leisten;
auch sind die Deiche des Kanals bei hohem Wasser stets der Gefahr, ganz
zertrmmert zu werden, ausgesetzt, und es kostet ungeheure Arbeit, sie zu
rechter Zeit zur Schlieung des Kanals wiederherzustellen. So arbeiteten
jetzt auf Befehl des Satrapen von Babylon zehntausend Menschen schon seit
drei Monaten an diesen Deichen; Alexander fuhr hinab, die Arbeit zu
besichtigen; er wnschte irgendeine Abhilfe jenes belstandes zu finden. Er
fuhr weiter stromab, um das Ufer zu untersuchen; er fand eine Stunde
unterhalb der Kanalmndung einen festen Uferrand, der allen Erwartungen
entsprach; hier befahl er einen Kanal durchzubrechen und ihn nordwestlich
in das alte Bett des Pallakopas zu fhren, dessen Mndung dann fr immer
zugedmmt und verschttet werden sollte; so hoffte er, werde es ebenso
leicht sein, den Abflu des Euphrat im Herbste zu sperren, wie ihn wieder
mit dem Frhjahr zu ffnen. Um sich weiter von der Natur dieser Gegenden
westwrts zu berzeugen, fuhr er zum Pallakopas zurck und durch diesen in
den See und lngs der arabischen Grenze; die Schnheit der Ufer, mehr noch
die Wichtigkeit dieser Gegend bestimmten ihn, hier eine Stadt anzulegen,
welche zugleich den Weg nach Arabien ffnete und Babylonien vor berfllen
der Beduinen schtzte, da weiter sdwrts bis zum Meerbusen der See und die
Morste das Stromland decken. Der Bau der Stadt und der Befestigungen wurde
sogleich begonnen und griechische Sldner, teils Veteranen, teils
Freiwillige, daselbst angesiedelt.

    [20] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Indes war in Babylon der Bau des Scheiterhaufens fr Hephaistion beendet,
die groen Leichenspiele zu seinem Gedchtnis sollten beginnen; dies und
das Eintreffen der neuen Truppen machten des Knigs Rckkehr in seine
Residenz notwendig. Der Knig, so wird erzhlt, war um so weniger
bedenklich zurckzukehren, da sich die Weissagungen der Chalder bereits
bei seiner neulichen, freilich nur kurzen Anwesenheit in Babylon als
nichtig erwiesen zu haben schienen. So begann die Rckfahrt; auf derselben
sollten die Grber der frheren babylonischen Knige, die in den Smpfen
erbaut waren, besucht werden. Alexander selbst stand am Steuer seines
Schiffes und fhrte es in diesem durch Untiefen und Rhricht schwierigen
Gewsser; ein pltzlicher Windsto ri ihm die knigliche Kausia, die er
nach makedonischer Sitte trug, vom Haupt, und whrend sich das Diadem von
derselben lste und hinwegflatternd in dem Rhricht bei einem alten
Knigsgrabe hngenblieb, sank sie selbst unter und ward nicht
wiedergefunden; das Diadem aber zu holen, schwamm ein phnikischer Matrose,
der sich auf dem Schiffe befand, hinber, und band es, um bequemer
schwimmen zu knnen, um seine Schlfe; -- ein schweres Zeichen, das Diadem
um eines fremden Menschen Haupt! Die Zeichendeuter, die der Knig jetzt
stets in seiner Nhe hatte, beschworen ihn, das Zeichen zu zerstren und
den Unglcklichen zu enthaupten; Alexander, so heit es, lie den Matrosen
zchtigen, weil er des Knigs Diadem gering genug geachtet, es um seine
Stirn zu binden; er gab ihm aber ein Talent zum Geschenk, weil er schnell
und khn das Zeichen des Knigtums zurckgebracht hatte.

Bei seiner Rckkehr nach Babylon fand Alexander die neuen Truppen, die er
erwartet hatte. Peukestas, der Satrap von Persien, hatte 20000 Perser und
auerdem eine bedeutende Zahl von Kossern und Tapuriern, die zu den
streitbarsten Stmmen Persiens gehren, hergefhrt; von Karien war
Philoxenos mit einem Heere, mit einem zweiten Menandros von Lydien, Menidas
mit den Reitern aus Makedonien, die er bringen sollte, eingetroffen.
Namentlich die persischen Mannschaften empfing der Knig mit groer Freude;
er belobte den Satrapen wegen ihrer vortrefflichen Haltung und die Leute
wegen der Bereitwilligkeit, mit der sie seinem und des Satrapen Aufruf
gefolgt seien.

beraus merkwrdig ist die neue Formation, die er mit dem Eintritt dieser
asiatischen Truppen seinem Fuvolke oder doch einem Teile desselben gab.
Bisher hatte es in dem makedonischen Heer kein Korps von kombinierten
Waffen, keine Armee im kleinen gegeben; wenn auch fast fr jede Aktion
Infanterie und Kavallerie, leichte und schwere, mit- und nebeneinander
verwandt worden waren, sie wurden nur fr diesen Fall kombiniert und
blieben getrennte Waffen. Die neue Formation gab den bisherigen Charakter
der Phalanx auf; sie schuf eine Kombination von Schwerbewaffneten,
Peltasten und leichtem Fuvolk, mit der sich eine vllig neue Art der
Taktik ergab. Hatte bisher jede Taxis der Phalanx aus sechzehn Gliedern
Hopliten bestanden, so wird jetzt die Rotte so gebildet, da im ersten
Gliede der Dekadarch, der sie kommandiert, ein Makedone, im zweiten ein
makedonischer Doppelsldner, im dritten ein altgedienter Makedone
(Dekastateros), ein gleicher im sechzehnten Gliede als Uragos steht; die
zwischen ihnen stehenden Glieder 4 bis 15 sind Perser, teils Akontisten,
die einen Speer mit Wurfriemen fhren, teils Bogenschtzen. Waren es jene
20000 Perser, die so eingereiht wurden, so bildeten sie mit den Makedonen,
denen sie zugeteilt waren, ein Korps von reichlich 26000 Mann, also, die
unvermeidlichen Manquements abgerechnet, etwa 12 Taxen, jede zu 125 Mann
Front. Es blieb mit dieser Formation der Anmarsch in geschlossener Masse;
dann zum Gefecht entwickelte sich die Phalanx zu drei Treffen, es
deployierten rechts und links durch die Intervalle die Bogenschtzen zum
ersten Fernangriff, es folgten die Speerwerfer; die ersten drei Glieder und
das letzte blieben als Triarier oder richtiger als Soutien zurck, und wenn
die Bogenschtzen und Akontisten nach ihrem Tirailleurgefecht sich durch
die Intervalle und in ihre Glieder zurckgezogen, ging das Ganze in
geschlossener Masse auf den schon erschtterten Feind los. Die Taktik
dieser neuen Formation verband alle Vorzge der italischen Legion in ihrer
Manipularordnung mit den wesentlichen der frheren Phalanx: Massenwirkung
und Beweglichkeit, -- fr die leichten Truppen schnellste Verwendbarkeit
gegen den angreifenden Feind und sichere Deckung whrend des Handgemenges,
-- die Phalangen immer noch wandelnde Kastelle, aber solche, die von sich
selber aus Ausflle der leichten Truppen mglich machten und so den
weiteren Rayon beherrschten, den diese hervorbrechend mit ihren Pfeilen
bestreichen konnten.

Schon diese Neuordnung, die im Hinblick auf die Vlker Italiens gemacht
schien, mute auffallen; dazu kamen Gerchte, da in die Provinzen des
Mittelmeeres Befehle zur Rstung unzhliger Schiffe gesandt seien, Gerchte
von Kriegszgen nach Italien, Sizilien, Iberien, Afrika. Es schien in der
Tat, als ob, whrend die Flotte gegen die Kstenlnder Arabiens in See
gehen sollte, das Landheer durch Arabien oder auf welchem Wege sonst gen
Westen ziehen werde, die Barbaren des Abendlandes, die Feinde des
Griechentums in Afrika und Italien zu unterwerfen.

Das Einrangieren der neuen, namentlich persischen Mannschaften leitete
Alexander selbst; es geschah im kniglichen Garten, der Knig sa auf dem
goldenen Thron, mit dem Diadem und im kniglichen Purpur; zu beiden Seiten
die Getreuen auf niedrigeren Sesseln mit silbernen Fen; hinter diesen in
gemessener Entfernung die Eunuchen, nach morgenlndischem Brauch mit
gekreuzten Armen, in medischer Tracht; Schar auf Schar zogen dann die neuen
Truppen vorber, wurden gemustert und an die Phalangen verteilt. So mehrere
Tage; an einem derselben war der Knig, von den Anstrengungen ermdet, vom
Throne aufgestanden, und nachdem er Diadem und Purpur auf demselben
zurckgelassen, zu einem Bassin im Garten gegangen, um ein Bad zu nehmen;
nach der Hofsitte folgten die Getreuen, whrend die Eunuchen an ihren
Pltzen blieben. In kurzer Frist kam ein Mensch daher, schritt ruhig durch
die Reihen der Eunuchen, die ihn nach persischer Sitte nicht hindern
durften, stieg die Stufen des Thrones hinauf, schmckte sich mit dem Purpur
und Diadem, setzte sich an des Knigs Stelle, blickte stier vor sich hin;
die Eunuchen zerrissen ihre Kleider, sie schlugen sich Brust und Stirn und
wehklagten ber das furchtbare Zeichen. Gerade jetzt kam der Knig zurck,
er erschrak vor seinem Doppelgnger auf dem Thron; er befahl, den
Unglcklichen zu fragen, wer er sei, was er wolle. Der blieb regungslos
sitzen, sah stier vor sich hin; endlich sprach er: Ich heie Dionysios und
bin von Messene; ich bin verklagt und in Ketten vom Strand hierher
gebracht; jetzt hat der Gott Sarapis mich erlst und geboten, Purpur und
Diadem zu nehmen und still hier zu sitzen. Er ward auf die Folter
gebracht, er sollte bekennen, ob er verbrecherische Absichten hege, ob er
Genossen habe; er blieb dabei, es sei ihm von dem Gott geheien. Man sah,
des Menschen Verstand war gestrt; die Wahrsager forderten seinen Tod.

Es mochte im Mai des Jahres 323 sein, die Stadt Babylon war voll
kriegerischen Lebens; die Tausende der neuen Truppen, voll Begier nach dem
Feldzuge, in dem sie ihre erste Waffenprobe machen sollten, bten sich, in
der neuen Ordnung zu fechten; die Flotte, die bereits unter Tau und Segel
war, lief fast tglich, unter groem Zulauf von Zuschauern aus der
Residenz, von ihrer Station aus, um sich im Steuern und Rudern zu ben; der
Knig selbst war meist zugegen und verteilte an die Sieger im Wettkampf Lob
und goldene Krnze. Man wute, da demnchst der Feldzug erffnet werden
wrde; man glaubte, da sich an die Leichenfeier fr Hephaistion die
blichen Opfer und Gastmhler anschlieen wrden, bei denen der Knig den
Beginn der neuen Kriegsoperationen zu verknden pflegte.

Unzhlige Fremde waren zu der Feier herbeigestrmt, unter diesen
Gesandtschaften aus Hellas, die infolge der Beschlsse, dem Knige
gttliche Ehren zu erweisen, den Charakter von heiligen Theoren angenommen
hatten, als solche vor dem Knig erschienen und anbetend nach hellenischem
Brauch die goldenen Krnze weihten, mit denen die Staaten der Heimat den
Gott-Knig zu ehren wetteiferten. Dann kehrten auch des Knigs Theoren aus
dem Ammonion zurck, die angefragt hatten, wie der Gott gebiete, da
Hephaistion geehrt werde; sie brachten die Antwort, man solle ihm wie einem
der Heroen opfern. Nach Empfang dieser Botschaft befahl der Knig, die
Totenfeier und die ersten Opfer fr den Heros Hephaistion zu begehen.

Es war ein Teil der Mauern Babylons abgetragen; dort erhob sich in fnf
Abstzen, bis zu einer Hhe von zweihundert Fu emporgetrmt, das
Prachtgebude des Scheiterhaufens, zu dem der Knig zehntausend Talente
bestimmt, die Freunde, die Groen, die Gesandten, die Babylonier
zweitausend Talente hinzugefgt hatten; das Ganze leuchtete von Gold und
Purpur, von Gemlden und Bildhauerwerken; auf der Hhe des Gebudes standen
Sirenenbilder, aus denen herab die Trauerchre fr den Toten erklangen.
Unter Totenopfern, Trauerzgen und Klagegesngen ward der Scheiterhaufen
den Flammen bergeben; Alexander war zugegen, vor seinen Augen sank das
wundervolle Werk in Flammen lodernd zusammen und lie nichts zurck als
Zerstrung und de und Trauer um den Verlorenen. Dann folgten die Opfer zu
Ehren des Heros Hephaistion; Alexander selbst weihte dem erhhten Freunde
die ersten Spenden, zehntausend Opferstiere wurden zu seinem Gedchtnis
geopfert und an das gesamte Heer, das der Knig zum Festmahl geladen,
verteilt.

Andere Festlichkeiten fllten die nchsten Tage; der Knig opferte, denn
schon war der Tag zur Abfahrt der Flotte und zum Beginn des arabischen
Feldzuges bestimmt, den Gttern, denen er pflegte, in blicher Weise; er
opferte dem guten Glcke, er opferte nach der Weisung seiner Wahrsager auch
den Gttern, die dem bel wehren. Und whrend das gesamte Heer bei dem
Opfermahl und dem Weine, den der Knig spendete, frhlich war, hatte er die
Freunde bei sich zum Abschiedsmahle versammelt, das er seinem Admiral
Nearchos gab. Dies war am 15. Daisios gegen Abend; als die meisten Gste
schon hinweg waren, kam der Thessaler Medios, einer der Hetairen, und bat
den Knig, noch einer kleinen Gesellschaft bei ihm beizuwohnen, es werde
ein heiteres Gelag sein. Alexander hatte den edlen Thessaler gern, er ging
mit ihm; die Frhlichkeit der vertrauten Mnner heiterte auch ihn auf; er
trank ihnen der Reihe nach zu; gegen Morgen trennte man sich, man
versprach, sich am nchsten Abend wiederzufinden.

Alexander ging heim, badete, schlief bis spt am Tage; zur Abendtafel ging
er wieder zu Medios, man trank wieder frhlich bis tief in die Nacht.
Unwohl kehrte der Knig zurck; er badete, a ein wenig, legte sich
fiebernd zur Ruhe. Am Morgen des 17. Daisios fhlte er sich sehr unwohl;
durch die Gemtsbewegungen der jngsten Zeit, durch die Gelage, die in den
letzten Tagen schnell aufeinander gefolgt waren, fr eine Krankheit nur zu
empfnglich, wurde er von dem Fieber auerordentlich angegriffen; er mute
sich auf seinem Lager zum Altare tragen lassen, um dort das Morgenopfer,
wie er jeden Tag pflegte, zu halten; dann lag er im Mnnersaale auf dem
Ruhebett, lie die Befehlshaber hereinkommen, gab ihnen die ntigen Befehle
fr den Aufbruch; das Landheer sollte am 21. aufbrechen, die Flotte, mit
der er selbst fahren werde, den Tag darauf. Dann lie er sich gegen Abend
auf seinem Ruhebette zum Euphrat hinabtragen, auf ein Schiff bringen, zu
den Grten jenseits fahren; dort nahm er ein Bad; unter Fieberschauern
brachte er die Nacht zu.

Am anderen Morgen nach dem Bade und dem Morgenopfer ging er in sein
Kabinett und lag dort den Tag ber auf dem Ruhebett; Medios war bei ihm und
suchte ihn mit Gesprchen aufzuheitern; der Knig beschied die Anfhrer fr
den nchsten Morgen vor sich; nachdem er wenig zu Nacht gegessen, legte er
sich zur Ruhe; das Fieber nahm zu, des Knigs Zustand verschlimmerte sich;
die Nacht hindurch war er ohne Schlaf.

Am Morgen des 19., nach dem Bade und dem Opfer, wurde Nearchos und die
brigen Offiziere der Flotte vorgelassen; der Knig erffnete ihnen, da
seiner Krankheit wegen die Abfahrt um einen Tag verschoben werden msse,
da er jedoch bis dahin so weit wiederhergestellt zu sein hoffe, um den 22.
zu Schiffe gehen zu knnen. Er blieb im Badezimmer; Nearch mute sich an
sein Lager setzen und von seiner Fahrt auf dem Ozean berichten; Alexander
hrte mit Aufmerksamkeit zu; er freute sich, bald hnliche Gefahren selbst
zu durchleben. Indes verschlimmerte sich sein Zustand, die Heftigkeit des
Fiebers wuchs; dennoch berief er am Morgen des 20. nach dem Bade und Opfer
die Offiziere der Flotte, befahl, auf den 22. alles zu seinem Empfang auf
den Schiffen und zur Abfahrt bereitzuhalten. Nach dem Bade am Abend neue
heftige Fieberschauer; des Knigs Krfte schwanden sichtlich; es folgte
eine schlaflose, qualvolle Nacht. Am Morgen lie sich Alexander im
heftigsten Fieber hinaus vor das groe Bassin tragen und hielt mit Mhe das
Opfer; dann lie er die Offiziere vor, gab noch einige Befehle ber die
Fahrt der Flotte, besprach sich mit den Strategen ber die Besetzung
einiger Offizierstellen, bertrug ihnen die Auswahl der zu Befrdernden mit
der Ermahnung, streng zu prfen.

Es kam der 22., der Knig lag schlecht danieder; er lie sich dennoch zum
Altare tragen, opferte; er befahl, da die Abfahrt der Flotte verschoben
werde. Es folgte eine traurige Nacht; kaum vermochte der Knig am anderen
Morgen noch zu opfern; er befahl, da sich die Strategen in den Vorzimmern
des Schlosses versammeln, da die Chiliarchen und Pentakosiarchen im
Schlohofe beisammen bleiben sollten; er lie sich aus den Grten zurck in
das Schlo tragen. Mit jedem Augenblicke wurde er schwcher; als die
Strategen eintraten, erkannte er sie zwar noch, vermochte aber nicht mehr
zu sprechen. Diese Nacht, den folgenden Tag, die folgende Nacht whrte das
Fieber, der Knig lag sprachlos.

Die berlieferungen von dem Eindruck, den des Knigs Krankheit im Heere und
in der Stadt hervorgebracht, sind glaublich genug. Die Makedonen drngten
sich um das Schlo, sie verlangten ihren Knig zu sehen; sie frchteten, er
sei schon tot und man verhehle es; sie lieen mit Wehklagen, mit Drohungen
und Bitten nicht ab, bis man ihnen die Tr ffnete; sie gingen dann alle
nacheinander an ihres Knigs Lager vorbei, und Alexander hob das Haupt ein
wenig, reichte jedem die Rechte, winkte mit dem Auge seinen Veteranen den
Abschiedsgru. Denselben Tag, es war der 27. Daisios[21], gingen Peithon,
Peukestas, Seleukos, andere in den Tempel des Sarapis und fragten den Gott,
ob es dem Knige besser sei, wenn er sich in den Tempel des Gottes bringen
lasse und zu dem Gotte bete; ihnen ward die Antwort: Bringet ihn nicht;
wenn er dort bleibt, wird ihm bald besser werden. Tags darauf, am 28.
Daisios gegen Abend, starb Alexander.

    [21] Siehe dazu die Anmerkung am Schlu.

Noch zahlreiche andere berlieferungen gibt es von den Vorgngen dieser
letzten Tage; sie sind unzuverlssig, zum Teil sichtlich in guter oder
bser Absicht erfunden. Insonderheit wird durch keine sichere Angabe
besttigt, da Alexander auf seinem Sterbelager ber die Nachfolge im
Reich, ber die Form der Regentschaft, ber die notwendigen nchsten
Maregeln irgend etwas durch Worte oder Zeichen bestimmt habe. Tat er es
nicht, so wird er die Klarheit und Spannkraft des Geistes, zu erkennen, was
sein Tod bedeuten werde, schon nicht mehr gehabt haben, als er zu empfinden
begann, da er nahe. Jener stumme Abschied von seinen Makedonen bezeichnet
wohl die letzten, nur noch halbwachen Regungen seines verklingenden
Bewutseins; die Agonien, die dann folgten, mgen die trostlose Zukunft
dessen, was er geschaffen und gewollt, seinem brechenden Auge entrckt
haben.

Mit seinem letzten Atemzuge begann der Hader seiner Groen, die Meuterei
seines Heeres, das Zusammenbrechen seines Hauses, der Untergang seines
Reiches.

  +diapephrourtai bios.+




  Anmerkungen

  Zum ersten Buch


  Anmerkung 1 zu Seite 70:

ber die _makedonische Verfassung_ ist wenig bekannt. Auer den im Text
angefhrten Einzelheiten sind noch folgende Punkte bemerkenswert.

Wenn sich das makedonische Knigshaus dorischen Ursprungs rhmt, so findet
sich doch von dorischen Phylen im Volk und Adel des Landes keine Spur.
Dagegen tritt die Teilung nach Landschaften merklich hervor. Das
makedonische Knigshaus ist, wie sich aus den S. 69 angefhrten Worten des
Aristoteles ergibt, nicht beschrnkt wie in Sparta und Epeiros; es regiert
+basiliks, ou tyranniks+, Isokr. Phil. 175, wie denn Kallisthenes (bei
Arr. IV, 11, 6) von den Knigen sagt: +ou bia, alla nom Makedonn nn
archontes dietelesan+. Noch Polybios fhrt ein Beispiel an, wie frei sich
die Makedonen ihren Knigen gegenber verhielten, und fgt hinzu (V. 27,
6): +eichon gar aei tn toiautn isgorian Makedones pros tous basileis+.
Die Knige nahmen in die Zahl der Hetren auch Fremde auf (Arr. I, 15, 6)
und Theopomp. Fr. 249 sagt von Knig Philipp II: +hoi hetairoi autou ek
polln topn synerrhykotes -- hoi men gar ex auts ts chras, hoi de ek
Thettalias, hoi de ek ts alls Hellados, ouk aristindon exeilegmenoi+.
Nach demselben besaen die 800 Hetren Philipps so viel Land wie 10000
Hellenen; also Makedonien hatte noch groe Gter in Menge, die es in der
hellenischen Welt, wenigstens der innerhalb der Thermopylen, nicht mehr
gab.


  Anmerkung 2 zu Seite 81:

_Olympias_ ist die Tochter des Neoptolemos, der schon in der Urkunde des
attischen Seebundes von 377 mit seinem Vater Alketas genannt wird. Nach
Alketas' Tod teilte Neoptolemos mit seinem Bruder Arybbas nach kurzer
gemeinsamer Regierung das Knigtum der Molosser, und als Neoptolemos starb,
bernahm Arybbas die Vormundschaft fr dessen Kinder Olympias und
Alexandros. Olympias wurde 357 Philipps Gemahlin, bald war auch Alexandros
am Hofe zu Pella. Schon 352 fand Philipp Anla zum Kriege gegen Arybbas;
dann als Alexandros zwanzig Jahre alt war, veranlate er ihn, die Waffen
gegen ihn zu erheben, whrend Arybbas nach Athen geflchtet den Befehl an
die attischen Strategen erwirkte, ihn und seine Kinder wieder in den Besitz
der Herrschaft zu setzen. Damals eroberte Philipp auch die Stdte in der
Kassopia am ambrakischen Meerbusen und bergab sie dem Alexandros. Arybbas
scheint bald gestorben zu sein; von seinen Shnen Alketas und Aiakides ist
die nchsten fnfzehn Jahre nicht die Rede. -- Nach den Gesch. des Hell.
II{2}, 2, S. 354 gegebenen Nachweisen ist Alexander Olympias' Sohn 356 nach
dem 24. September und vor Mitte Dezember geboren. Da Philipp mit der
Nachricht von dieser Geburt zugleich die von drei Siegen, dem in den
Olympien, dem ber die Dardaner und dem ber Poteidaia, das sich ergeben
mute, erhalten, ist wenigstens in betreff des ersten sicher aus dem
Stegreif erfunden, da die Olympien um den ersten Vollmond nach der
Sommersonnenwende, also sptestens Ende Juli gefeiert wurden. -- Fr die
ehelichen Verhltnisse Philipps ist die einzig eingehende Angabe die des
Satyros bei Athen. XII, 557; wenigstens ergibt sich aus dessen Worten, da
Olympias fr seine rechte und eigentliche Gemahlin galt; von den anderen
nennt Satyros vor ihr die Illyrierin Audata, die (Elymiotin) Phila, die
beiden Thessalerinnen Nikasipolis und Philinna; er nennt nach ihr die
Thrakerin Meda und des Artalos Nichte Kleopatra, beide mit der
Bezeichnung +epeisgage t Olympiadi+. Philinna, des Arrhidaios Mutter,
galt nicht als rechtmige Gemahlin, auch wohl Nikasipolis nicht. Mglich,
da die beiden anderen vor 356 gestorben waren.


  Anmerkung 3 zu Seite 101:

Das _Frstentum der Paionen_ in dieser Zeit ist nicht vllig sicher.
Bezeugt ist der Bestand desselben in den ersten Jahren des Knig
PhilippsII. durch #Diod.# XVI, 22 und #C. I. A.# II, 66, Urkunde des
Bndnisses der Athener mit Ketriporis dem Thraker und seinen Brdern,
Grabos dem Illyrier und Lykkeios dem Ponen (Lykpeios heit er auf seinen
Mnzen, obschon auch solche mit +LYKKEIOU+ vorzukommen scheinen); von
diesen drei Frsten sagt Diodor, da Philipp sie besiegt habe +kai nankase
prosthesthai tois Makedosi+. Ob das Frstentum im ponischen Lande damit
aufhrte oder weiter bestand, lt sich nach den bis jetzt bekannten
Materialien nicht entscheiden. Dann wird 310 wieder ein Knig der Ponen
erwhnt (Diod. XX, 19), Audoleon, der Sohn des Patraos; von Audoleon gibt
es Tetradrachmen mit +Audoleontos basiles+ ganz mit dem Geprge der von
Alexander und nach dessen Mnzfu; andere Mnzen von ihm (ohne +basiles+)
sowie von seinem Vater folgen nicht dem makedonischen Mnzfu, ein sicherer
Beweis fr ihr loses Verhltnis zum Reich. Da Audoleons Sohn, dem
Lysimachos um 282 sein Frstentum entri, Ariston hie wie der Fhrer der
ponischen Reiter in Alexanders Heer, legt die Vermutung nahe, da dieser
zum Frstenhause gehrte, das Frstentum also wohl auch in Alexanders Zeit
bestand (Arr. I, 5, 1). Doch hat H. Droysen darauf aufmerksam gemacht, da
auf den schnen Didrachmen des Patraos der von dem ponischen Reiter
niedergestoene Feind durch seinen Hut und Schild als Makedone bezeichnet
ist.


  Zum zweiten Buch

  Anmerkung 4 zu Seite 135:

Das _Heer Alexanders_ lt sich nach seiner Zusammensetzung und der
Truppenstrke der verschiedenen Waffen nur noch ungefhr bestimmen, worber
der Nachweis im Hermes XII, 266 ff. gegeben worden ist. In den
berlieferten Bezeichnungen der Truppenteile vermischen sich drei Elemente:

Nach dem Gesichtspunkt der Nationalitt hat die Armee: 1. Makedonen, die in
der schweren Reiterei sowie im schweren Fuvolk nach Landschaften formiert
sind. 2. Hellenen, teilweise gleichfalls nach Landschaften bezeichnet. 3.
Barbaren: Thraker, Ponen, Agrianer, Odryser.

Nach dem Gesichtspunkt des Dienstverhltnisses enthlt die Armee: 1.
Untertanen des Knigs, edel und unedel, die teils nach einer Art
Lehnspflicht, teils, wie es scheint, als stehende Truppen, teils nach
allgemeiner Wehrpflicht im Aufgebot dienen. 2. Bundesgenossen, die von
verbndeten Stdten und Frsten vertragsmig als Kontingente gestellt
werden. 3. Sldner, hellenische und nichthellenische, die sich durch den
Werbevertrag verpflichten zu dienen. Aus unseren Materialien ist nicht zu
erkennen, inwieweit die Thraker, Odryser, Ponen, Agrianer Sldner oder
Bundesgenossen sind.

Nach dem Gesichtspunkt der Waffenart ergibt sich folgende bersicht, deren
Zahlenangaben im Hermes gerechtfertigt sind:

                       1. Kavallerie:

Schwere:
  makedonische Ritterschaft der Hetairen   8 Ilen   1800 Mann
    (die Ile 150-300 M. stark)
  thessalische Ritterschaft                8 Ilen   1200
  hellenische Bundesgenossen               8 Ilen    400
                                                    ----
                                                           3400

Leichte:
  makedonische Sarissophoren} Prodromoi   {8 Ilen}  1200
  Ponen                    }             {8 Ilen}
  Odrysische Reiter                        8 Ilen    600
                                                    ----
                                                           1800
                                                    -----------
                                                           5200 Mann

                       2. Infanterie:

Hopliten:
  makedonische Pezetairoi                  6 Taxeis 9000 Mann
    (in jeder etwa 3 Lochen zu 500 M.)
  hellenische Bundesgenossen               6 Lochen 4000
  hellenische Sldner                      6 Lochen 6000
                                                    ----
                                                          19000

Peltasten:
  makedonische Hypaspisten (Hetairoi)    (5) Taxeis 3000
  hellenische Bundesgenossen             (5) Lochen 1000
  hellenische Sldner                    (5) Lochen 1000
  thrakische Akontisten                  (4) Taxeis 4000
                                                    ----
                                                           9000

Leichtbewaffnete:
  makedonische Bogenschtzen                         500
  kretische Bogenschtzen                            500
  Agrianer Akontisten                               1000
                                                    ----
                                                           2000
                                                    -----------
                                                          30000 Mann
                                                 --------------
                                                          35200 Mann

Auer den in obigem Verzeichnis angefhrten Truppenteilen war in der Armee
noch ein kleines Korps +hoi basilikoi paides+ oder +basilikoi
smatophylakes+, die jungen Edelleute, unter Fhrung des Seleukos; sie
bilden eine Abteilung in dem Korps der Hypaspisten.

Mit dem gleichen Namen +smatophylakes+ werden die Sieben genannt, welche
gleichsam die Generaladjutanten des Knigs sind und gelegentlich zur
Fhrung von Phalangen, von kombinierten Truppen usw. verwendet werden.

Aus #Arr.# III, 19, 5 ergibt sich, da die thessalischen Ritter als
Bundesgenossen dienen, sie stehen unter einem makedonischen Hipparchen
(zuerst Kalas, des Harpalos Sohn), wie die Reiterkontingente der
hellenischen Staaten (unter Philippos, des Menelaos Sohn).

Da die Kontingente der Bndner an Fuvolk unter einem makedonischen
Strategen stehen (zuerst Antigonos), ebenso die hellenischen Sldner zu Fu
(unter Menandros), whrend Bndner wie Sldner in den Schlachten nicht als
besondere Korps von Hopliten und Peltasten erscheinen, lt auf die Art,
wie die Phalanx formiert wird, schlieen: nmlich so, da soundso viele
Lochen (Bundesgenossen wie Sldner) Schwerbewaffnete je einer der sechs
makedonischen Taxeis zugeordnet und von deren Strategen kommandiert werden;
wahrscheinlich ist ebenso mit den Peltasten der Kontingente und der Sldner
verfahren worden.


  Anmerkung 5 zu Seite 153:

_Das Schlachtfeld am Granikos_ ist durch eine Skizze, die H. Kiepert 1842
an Ort und Stelle aufgenommen hat, sichergestellt. Er fand dicht unterhalb
der Stelle, wo der Weg vom Hellespont nach Brussa den Bigha-Tschai
(Granikos) berschreitet, dessen altes Bett an der Abendseite einer
Bodenschwellung, die sich gegen sechs Kilometer nordostwrts hinzieht und
mit einem Steilrand von 10-13 Meter gegen den alten Flulauf, der zu einem
Sumpfsee (Edje-G) geworden ist, abfllt.

Die _Zeit der Schlacht_ ist nicht genau zu bestimmen; Plutarch nennt
(#Cam.# 19) den Thargelion als den Monat der Schlacht; er erzhlt (#Alex.#
16), dem Knige sei geraten worden, die Schlacht zu verschieben, da es
gegen den makedonischen Brauch sei, im Monat Daisios zu schlagen (+exagein
tn stratian+), worauf Alexander befohlen habe, den Monat als den zweiten
Artemisios zu bezeichnen. Da der Artemisios der makedonische Schlachtmonat
gewesen sei, ist sonst nicht berliefert; und die Gleichsetzung des
attischen Thargelion mit dem makedonischen Daisios kann nur sehr
bedingterweise fr zutreffend gelten.


  Anmerkung 6 zu Seite 191:

Die Alex. I{2}, 1 S. 235 geuerte Vermutung, da auch ein _Koinon der
ionischen Stdte_ begrndet worden, ist bereits durch zwei Inschriften
besttigt. In der einen, der sehr umfangreichen Urkunde, in der der Knig
Antigonos (also zwischen 306-301) den Synoikismos von Lebedos und Theos
anordnet, wird u.a. die Art, wie von ihnen gemeinsam die Feier der
Panionien beschickt werden soll, bestimmt (#Le Bas-Waddington# II Nr. 86).
Die andere (Arch. Zeit. 1872 S. 188) ist aus Smyrna, und ihr Anfang lautet:
+edoxen Inn t koin tn triskaideka polen, epeid Hippostratos
Hippodamou Milsios philos n tou basiles Lysimachou kai stratgos epi tn
polen tn Iadn katastatheis+ usw. Damit erhlt die Angabe Strabos XIV S.
644, da auf dem Isthmos zwischen Erythrai und Teos dem Alexander ein Hain
geweiht sei +kai agn apo tou koinou Inn Alexandreia katangelletai
synteloumenos entautha+ ihre volle Bedeutung.


  Anmerkung 7 zu Seite 207:

_Das Schlachtfeld von Issos_ ist in neuerer Zeit von Favre und Mandrot
besucht und genauer als frher gezeichnet worden. Die Zeit der Schlacht ist
nach Arrian II, 11, 10 der Maimakterion des Archonten Nikostratos, also
etwa November 333.


  Anmerkung 8 zu Seite 242:

ber Alexanders Verhalten gegen _Jerusalem und Samaria_ ist es bei dem
gnzlichen Schweigen glaubwrdiger Schriftsteller unmglich, Sicheres zu
finden. Was im Text angegeben ist, findet sich im #Josephus Ant.# XI, 8,
2-7. Die talmudische berlieferung (#Derenbourg, Essai sur l'histoire et la
gographie de la Palestine, Paris# 1867, S. 71) nennt als den Hohenpriester
dieses Vorganges den berhmten _Simeon_, den Gerechten, den Enkel des
Jaddua; whrend die samaritanische Tradition denselben Vorgang von dem
samaritanischen Hohenpriester Hiskiah erzhlt. Nach Josephus ist Sanballat
ein Kuthaier wie die Bevlkerung von Samaria, und er hat seine Tochter an
Manasse, den Bruder des Jaddua, vermhlt, der, eben dieser Ehe wegen von
den Juden ausgetrieben, ihn veranlat, einen Tempel auf dem Berge Garizim
zu errichten und ihn zum Hohenpriester desselben zu bestellen; Sanballat
hat sich nach dem Siege von Issos den Makedonen zugewandt, ist, bevor
Alexander nach Gaza gezogen, gestorben. Nach der talmudischen Tradition
haben die Kuthaier von Samaria bei Alexander um die Erlaubnis gebeten, den
Tempel in Jerusalem zu zerstren, worauf die Juden in jenem feierlichen
Zuge vor ihm erschienen sind und die Erlaubnis erwirkt haben, ihrerseits
den Tempel in Garizim zu zerstren. In der Tat ist dieser Tempel erst viel
spter, zur Zeit des Johannes Hyrkanos, zerstrt worden. Nach Hekataios
(#Joseph. contra Apionem# II, 4) hat Alexander +tn Samareitin chran+
tributfrei den Juden berlassen; vielleicht sind nur die drei Toparchien
gemeint, von denen 1. Makk. 11, 28 u. 34 die Rede; aber danach mit Graetz
(Geschichte der Israeliten 1876, S. 224) in dem Fragment des Hekataios zu
emendieren, scheint zu gewagt. -- Aus Arrian II, 13, 7 ergibt sich, da,
nachdem Parmenion Damaskos genommen, Menon des Kerdimmas Sohn zum Satrapen
von Koilesyrien bestellt worden ist; sichtlich derselbe, der nach III, 6, 8
abgesetzt wird, weil er nicht die ntige Frsorge fr die Verpflegung des
Heeres beim Marsch von gypten nach dem Euphrat gehabt hat. Nach Curtius
(IV, 5, 9) hat Parmenion bei seinem Abmarsch aus Damaskos nach Dyros dem
Andromachos den Befehl in Syrien bergeben; nach IV, 8, 9 erfhrt Alexander
bei seinem Abmarsch aus gypten, da die Samaritaner Andromachos umgebracht
haben; er straft sie und bestellt Menon zu dessen Nachfolger; eine Angabe,
die dem Arrian gegenber nicht bestehen kann. Nach Eusebius #Chr. II, 114
ed.# Schne (zum Jahr 1680 #a. A.# d. i. Ol. 111, 1, bei Hier. zum Jahr
1685 #a. A.# d. i. Ol. 112, 1) hat Alexander bei diesem Anla die Makedonen
in Samaria angesiedelt (+tn Samareian polin heln Makedonas en aut
katkise+), nach S. 118 ist es geschehen, als Perdikkas Reichsverweser war:
#Samaritanorum urbem a Perdicca constructam#, oder nach Petermann #incolis
frequentatam#. Kurz die smtlichen, auf Jerusalem und Samaria bezglichen
Angaben sind so widersprechend, da man darauf verzichten mu, den
pragmatischen Zusammenhang der Vorgnge daraus zu rekonstruieren.


  Anmerkung 9 zu Seite 275:

Das Terrain des _Schlachtfeldes von Gaugamela_ hat zuerst die von Felix
Jones 1852 edierte #Map of the country of Niniveh#, dann 1876 Cernik in
Petermanns Ergnzungsheft II, 75 gegeben, letzterer in den Wasserlufen in
der Nhe von Kermelis von Jones mehrfach abweichend. Die Darstellung der
Schlacht folgt der neueren Aufnahme. -- Der gewhnliche Weg der Karawanen
geht von Erbil in ziemlich gerader Richtung westwrts ber einen nicht
hohen, aber an Defileen reichen Bergrcken Dehir Dagh zu dem breiten und
wasserreichen Zb (Zarb el Kebir), den man bei Eski Kelek berschreitet;
dann wieder ber einen steinigen Rcken Arka Dagh zu dem steinigen Bett des
Ghasr. Jenseits dieses Flusses, ber den man bei Zara-Chatun geht,
erreicht man nach kurzem Ansteigen eine breite, unabsehbare Ebene (#Rich.,
Narrat.# II, 23), die #equitabilis et vasta planities# bei #Curt.# IV, 9,
10. Zehn Kilometer von Zara-Chatun kommt man nach Kermelis (nach Petermann
II, 323 Kermels, ein christliches Dorf), an dem vorber ein Bach, der
vom Meklub-Dagh kommt, zum Tigris luft. Dreizehn Kilometer weiter erreicht
man das Dorf Abu Zuaga, das in einer flachen Senkung liegt, durch welche
ein Bach sdwarts fliet, um sich mit dem von Kermelis zu vereinigen.
Halbwegs zwischen beiden Drfern liegt ein wenig nordwrts zur Seite
Brtela (nach Petermann Brtilli, gewhnlich Brtoli genannt) auf einer von
den Bergen im Norden (Meklub-Dagh) vorspringenden Terrainschwellung.
Petermanns Weg war von Ghasr aus etwas nrdlicher, zwischen Kermels links
und Derdschille (Terdjila) rechts ber Dschaklle (Schaakuli) bei Bertilli
(Brtela), das links blieb und bei Chsne tepe (Hazna) vorber nach
Mosul. -- Von Erbil fhrt ein anderer, bequemerer aber etwas weiterer Weg
an dem Wasser von Erbil am Sdabhang des Dehir Dagh zur Mndung des Ghasr
in den Zb (Lykos) bei Wardak und dann zum Plateau bei Kermelis hinauf, das
20-30 Meter hher ist als der Zb bei Wardak. -- Das sind die Hauptpunkte
des Schlachtfeldes. Da nach #Arr.# III, 8, 7 und VI, 11, 5 Dareios bei
Gaugamela am Bumodos lagerte, der nach der hchsten Angabe 600, nach der
geringsten Angabe 500 Stadien von Arbela entfernt ist (#Arr.# III, 15, 5),
so kann nicht der Ghasr der Bumodos sein, da der Weg von Erbil ber
Eski-Kelek nach Zara-Chatun nach Niebuhr und Kinneir (#Persia#, S. 152) nur
6 Meilen, also 240 Stadien betrgt. Nimmt man Kermelis fr Gaugamela und
den Bach dort fr den Bumodos, so bekommt man, wenn Dareios ber Wardak
nach Kermelis marschiert ist, reichlich 9 Meilen, mit 1/6 fr Umwege
gerechnet 420-440 Stadien. Wenn Curtius (IV, 9, 8) die Perser vom Lykos zum
Bumodos 80 Stadien marschieren lt, so pat dies auf keine Stelle zwischen
Zb und Ghasr, wohl aber auf die Entfernung von Wardak bis zum Wasser von
Kermelis. Dareios kann sich unmglich an dem eingesenkten und steinigen
Flutal des Ghasr aufgestellt haben, und Gaugamela lag nach #Arr.# III, 8,
7 +en chr homal pant+.


  Anmerkung 10 zu Seite 283:

Die Angaben ber die _Ergnzung des Heeres_ an dieser Stelle wie whrend
der ganzen Kriegszeit sind nicht derart, da man Sicheres daraus
kombinieren knnte. In betreff der in Susa eintreffenden begngt sich
Arrian (III, 16, 10) mit dem summarischen Ausdruck: +Amyntas ho Andromachou
syn dynamei aphiketo+. Nach #Diod.# XVII, 65 und #Curt.# V, 1, 40 waren es
6000 Mann Fuvolk und 500 Reiter Makedonen, 600 thrakische Reiter, 3500
Mann thrakisches Fuvolk (+Tralleeis+ bei Diod.), aus dem Peloponnes 4000
Sldner zu Fu und fast 1000 (bei Curt. 380) Reiter, auerdem 50 junge
makedonische Edelleute +pros tn smatophylakian+. -- Aus Arrians Ausdruck
(III, 16, 11) +tous pezous de prosethke tais taxesi... kata ethn
hekastous syntaxas+ darf man schlieen, da nicht neue, schon formierte
Truppenkrper (+taxeis+ usw.) aus der Heimat nachrckten, sondern
Ersatzmannschaften, die bei denjenigen mobilen Truppen, aus deren Kantons
sie ausgehoben waren, eingestellt wurden, da also in der Heimat die
+taxeis+ der und der Kantone zurckgeblieben waren, die dort ebenso +kata
ethn+ ergnzt wurden wie die mobilen sechs Taxeis (der Elymiotis, der
Tymphaia usw.), acht Ilen (von Amphipolis, Bottiaia usw.). Ob spter (fr
den indischen Feldzug) von den in der Heimat zurckgebliebenen Taxeis
einige mobil gemacht und nachmarschiert sind, ist nicht mehr zu erkennen.


  Anmerkung 11 zu Seite 315:

Die Inschrift von 330, auf welche der Text sich bezieht, steht jetzt #C. I.
A. II, 175b#; die berschrift lautet: +Rhboulas, Seuthou hyios, Kotuos
adelphos angel+... was vielleicht +Angel[lthen+ sein soll, wenigstens
scheint die Ergnzung +angelos+ nicht einmal zu dem Relief, das darber
steht, zu passen. Es ist natrlich nur eine Vermutung, aber eine
naheliegende, da dieser _Rhebulas_ dem thrakischen Frstenhause angehrt,
und da der hier als sein Vater genannte Seuthes derselbe ist, von dem
Curtius (X, 1, 43) angibt: #Seuthes Odrysas populares suos ad defectionem
compulerat.# Der Name Seuthes wiederholt sich in dem odrysischen
Frstenhause. Kotys, der von 380-357 das Frstentum hatte, war Sohn des
Knigs Seuthes, der aus Alkibiades' letzten Jahren bekannt ist. Nach Kotys'
Tode teilten seine drei Shne das Reich. Kersobleptes erhielt wohl das
eigentliche Reich am Hebros, und Kardia stand um 353 unter seinem Einflu;
dort stie an sein Gebiet das seines Bruders Amadokos, das westwrts bis
Maroneia reichte (#Dem. Arist.# 183). Dem dritten Bruder Barisades war, so
scheint es, das Gebiet von Maroneia ostwrts ber den goldreichen Pangaion
bis an die alte makedonische Grenze zugefallen; er war bald (schon 357)
gestorben und Kersobleptes bekriegte seine Shne und Amadokos. Es ist
wahrscheinlich, da die erwhnten Ketriporis und seine Brder eben diese
Shne des Barisades sind (Dittenberger, Hermes XIV, S. 299). Der Knig
Seuthes, der sich 322 gegen Lysimachos erhob (#Diod.# XVIII, 14), ist wohl
unzweifelhaft derselbe, den die Inschrift von 330 nennt; und wenn der eine
seiner Shne den Namen Kotys fhrte, so liegt die Vermutung nahe, da es
eben die alte odrysische Knigsfamilie war, der sie angehrten, da also
Kersobleptes seines Grovaters Namen dem Sohn, seines Vaters Namen dem
Enkel gab; nicht minder nahe die Vermutung, da Sitalkes, der in Alexanders
Heer die 5000 thrakischen Akontisten fhrte, aus demselben Hause und
vielleicht Kersobleptes' ltester Sohn war.


  Zum dritten Buch

  Anmerkung 12 zu Seite 355:

Da Alexander die _Hyparchen des baktrischen Landes_ zu einem Syllogos
beruft, gibt einen Einblick in die persischen Verfassungsverhltnisse. Die
Erklrung des Wortes +syllogos+ gibt Xenophon (#Oec.# IV, 6 und #Cyr.# VI,
2, 11); es ist die jhrliche Musterung der +misthophorn kai tn alln hois
hplisthai prostetaktai+ mit Ausschlu der Besatzungen in den Akropolen.
Der +syllogos+ fr Kleinasien war bei Kastelos (#Xen. An.# I, 1, 2), und
Bessos wird demnchst nach Ekbatana gefhrt +hs ekei en t Mdn te kai
Persn syllog apothanoumenos+ #Arr.# IV, 7, 3, Ekbatana (Ha-gma-tna) ist
nach Spiegel (Die Keilinschriften, S. 195 u. 221) wrtlich
Zusammen-kunfts-ort. Ein solcher Syllogos war es, in dem die Perser vor der
Schlacht am Granikos berieten (#Arr.# I, 12, 10). Bemerkenswert ist, da
DareiosI. in der Inschrift von Behistan II, 13 angibt, er habe Fravartes
den Meder, der sich in Medien emprt, in der Gegend von Rag besiegt:
Fravartes wurde ergriffen und zu mir gefhrt, ich schnitt ihm Nase, Ohren
und Zunge ab, ich fhrte sein.... an meinem Hof (wrtlich Pforte oder Tr)
wurde er gefesselt gehalten, alles Volk sah ihn, dann lie ich ihn in
Hangmatana kreuzigen. Ein anderer Emprer in Persien (III, 5) wird mit
seinen Anhngern in einer Stadt Persiens gekreuzigt; einen dritten aus der
Landschaft Aagarta (Sagartien, II, 14) besiegt der gegen ihn Gesandte:
und fhrte ihn her zu mir, drauf schnitt ich ihm die Nase und die Ohren ab
und fhrte sein... an meinem Hof wurde er gefesselt gehalten, alle Leute
sahen ihn, dann kreuzigte ich ihn in Abira. In Arbela ist also wohl der
+syllogos+ fr Sagartien oder vielleicht ganz Assyrien. -- Was sich Arrian
unter dem Wort Hyparch denkt, das er in diesen baktrischen Vorgngen
mehrfach braucht, ergibt sich aus IV, 21, 1, wo Chorienes der Herr einer
Felsenburg genannt wird +kai alloi tn hyparchn ouk oligoi+ und IV, 21, 9,
wo Alexander dem Chorienes seine Burg zurckgibt +kai hyparchos einai
hosnper kai proteros+.


  Anmerkung 13 zu Seite 397:

Die _Strke des Heeres_ beim Beginn der Fahrt den Indus hinab gibt Arrian
(#Ind.# 19) an. -- Arrian nennt Reiter aus Arachosien und den Paropamisaden
(V, 12, 7), baktrische, sogdianische, skythische Reiter, Daer als
Bogenschtzen zu Pferd. Im indischen Feldzuge kommen folgende Taxeis mit
Namen vor: einmal die alten, Koinos (IV, 25, 6), Polysperchon (IV, 25, 6),
Meleagros (IV, 22, 7); die des Krateros wird zuletzt in der letzten
baktrischen Expedition (IV, 22, 1) genannt und ist entweder in Baktrien
geblieben oder infolge einer hheren Stellung, die Krateros erhielt, an
einen anderen Strategen gegeben; sodann die schon im baktrischen Feldzuge
genannten: Philotas (IV, 24, 1), Alketas (IV, 22, 7), Attalos (IV, 24, 1),
Gorgias (IV, 22, 7), Kleitos (IV, 22, 7 wohl der weie Kleitos), Balakros
(IV, 24, 10); endlich noch Philippos (IV, 24, 10), Peithon (IV, 6, 1),
Antigenes (V, 16, 3; VI, 17, 3). Da Antigenes in der Diadochenzeit
wiederholt als Fhrer der Hypaspisten genannt wird, so ergibt sich aus V,
16, 3: +tn pezn tn phalanga Seleuk kai Antigenei kai Taurni+, da die
Taxis des Antigenes nicht schweres Fuvolk, keine sogenannte Phalanx war.
Philippos, des Machatas Sohn, ist bereits vor der Schlacht am Hydaspes zum
Satrapen in Indien bestellt, und wenn derselbe Philippos der Strateg jener
Taxis war, so hat sie dann wohl einen anderen Strategen erhalten;
vielleicht Peithon des Krateuas Sohn (VI, 6, 1: +tn pezetairn poloumenn
tn Peithnos taxin+). -- Die Formation der makedonischen Ritterschaften
der Hetren hat sich seit 330 mehr und mehr erweitert; nach Arrian (VI, 22,
7) zhlt das Heer auer dem Agema der Ritterschaft acht Hipparchien, von
deren Fhrern fnf gelegentlich genannt werden: Hephaistion, Perdikkas,
Demetrios (V, 12, 2), Kleitos (VI, 6, 4), Krateros (V, 11, 3). Das Agema
fhrt Koinos (V, 16, 3). Die Strke dieser Hyparchien lt sich aus der
Schlacht am Hydaspes so weit bestimmen, da deren vier mit den sogdischen,
baktrischen, skythischen Reitern und den 1000 dahischen Bogenschtzen zu
Pferd (#Arr.# V, 16, 4) 5000 waren (V, 14, 1). Wenn in dieser Schlacht von
den Hetren 20, von den Barbaren 200 gefallen sind (#Arr.# V, 18, 4), so
gibt das natrlich kein Ma fr die Strke des einen und anderen Korps.


  Anmerkung 14 zu Seite 400:

Der Feldzug Alexanders in dem _Gebirgslande auf der linken Seite des
Kabulflusses_ ist bei der unzulnglichen Kunde von diesen Gebieten noch
nicht hinlnglich aufzuklren, namentlich hat man fr die Ansetzung der im
Lauf desselben erwhnten Stdte und Festen keinerlei Anhalt. Nur eine
Stelle ist durch General Cunningham mit Sicherheit festgestellt, die der
Feste Aornos, der Tafelberg von Rani-gat, und nach der Schilderung, die Dr.
Bellew von den Trmmern auf diesem Knigstein gibt, darf man in ihnen
wohl einen Neubau hellenistischer Architektur erkennen. -- Es wird nicht
berliefert, liegt aber wohl in der Natur der Sache, da das Vorgehen
Alexanders in zwei Kolonnen im Norden und Sden des Kophen den im Text
angedeuteten Zweck hatte. Die Kurumpsse im Sden des Sefid-Kuh lie der
Knig unbercksichtigt, da sie seine Bewegung exzentrisch gemacht haben
wrden. Anders motiviert Strabo (XV, S. 697) Alexanders Operationen: Er
hatte in Erfahrung gebracht, da die Gegenden im Norden und in den Bergen
fruchtbar und wohl bevlkert seien, die sdlichen dagegen ganz wasserlos
oder, wo Strme flssen, von glhender Hitze und mehr fr Tiere als fr
Menschen passend; deshalb und weil er die Flsse, ihren Quellen nher,
leichter passieren zu knnen meinte, ging er die nrdlichsten Wege.


  Anmerkung 15 zu Seite 438:

Dieser _Sopeithes_, Frst im Lande der Kathaier, wird in dem Avapati Knig
der Kekaya wieder erkannt, der schon im #atap. Br.#, dann auch im
#Ramyana# vorkommt, nicht ohne Erwhnung seiner vortrefflichen Hunde, der
Tigerhunde bei #Diod.# XVII, 92, der #nobiles ad venandum canes#, wie sie
#Curt.# IX, 1, 24 eingehend beschreibt. Jetzt ist von diesem Frsten eine
Silberdrachme bekannt, die auf der Vorderseite den behelmten Kopf des
Knigs SeleukosI. hat, auf der Rckseite einen Hahn, daneben einen
Hermesstab und die Beischrift +SPHYTOU+ (S. v. Sallet, Die Nachfolger
Alexanders in Baktrien und Indien, S. 87).


  Zum vierten Buch

  Anmerkung 16 zu Seite 495:

Die _Chronologie der Fahrt Nearchs_ ist dadurch unsicher, da bei Arrian
(#Ind.# 21) ein falscher Archont genannt und zugleich neben dem attischen
Monatstage (20. Boedromion) nicht das entsprechende makedonische Datum,
sondern nur das Jahr (11. Jahr Alexanders) angegeben ist. Aber die Angabe,
da Nearch am 20. Boedromion vom Indus abgefahren ist, gewhrt ein relativ
sicheres Datum; es ist, wenn man Idelers Berechnung des metonischen Zyklus
fr die Ansetzung der entsprechenden julianischen Daten in konventioneller
Weise gelten lt, der 21. September; die Fahrt vom Indus bis Harmozia ist
ziemlich berzeugend auf 80 Tage berechnet worden und danach die Daten S.
495 angesetzt.


  Anmerkung 17 zu Seite 515:

In der neuen _Organisation der Ritterschaft der Hetairen_ fllt die Angabe,
da eine fnfte Hipparchie gebildet worden sei, da es whrend des indischen
Feldzugs, wie aus Arrian (IV, 22, 7; 23, 1; 24, 1) geschlossen werden darf,
deren, das Agema ungerechnet, acht gab. Ob der Zug durch die Wste so groe
Verluste gebracht hatte, da die Reste der Hetairen zu vier schwachen
Hipparchien zusammengezogen waren, mu dahingestellt bleiben. Jedenfalls
war der Zweck der neuen Formation zugleich, wie Arrian (VII, 29, 4) angibt,
die alten persischen +homotimoi+ in das Korps der Hetren einzureihen, wie
nicht minder die +mlophoroi+ in die Taxeis. Anderer Art sind die 30000
Perser (wohl berhaupt Asiaten), die nach makedonischer Art bewaffnet und
eingebt von den Satrapen nach Babylon gefhrt wurden, und die Arrian
Epigonen nennt. Diese sind es, die Alexander auf Anla der Meuterei in
Opis in makedonischer Weise als Hetren, Hypaspisten, Pezetren usw.
formiert und an die Stelle der Makedonen treten lt (#Arr.# VII, 11, 1).


  Anmerkung 18 zu Seite 531:

ber die Wirkungen des Dekrets, das den _Verbannten die Rckkehr_ in ihre
Heimat gestattete, geben die Inschriften mehrerer Stdte Andeutungen. Zwei
derselben sind Hellen. II{2}, 2, S. 361, 363 wiederabgedruckt worden. Von
besonderem Interesse ist die von Conze in Mytilene gefundene und in seiner
Reise nach Lesbos Taf. VIII, 2 mitgeteilte, die sich nach Bla im Hermes
XIII, S. 384 als zu #C. I. Gr.# II, 2166 gehrig erweist und dieselbe
ergnzt. Der in den samischen Inschriften erwhnte _Gorgos_ von Jasos, der
sich, wie sie bezeugen, insbesondere bei Alexander darum bemht hatte, da
die seit dreiig und mehr Jahren von attischen Kleruchen besetzte Insel den
vertriebenen Samiern zurckgegeben werde, ist der Waffenmeister und
Metalleut Alexanders, von dem Strabo eine Schrift ber die Salz- und
Bergwerke im Lande des Frsten Sopeithes kannte. Es mag gestattet sein,
hier die Berichtigung eines Irrtums hinzuzufgen, der in der Korrektur der
letzten Ausgabe bersehen worden ist; Samos gehrte nicht, wie es S. 23
heit, zum zweiten attischen Seebund in der Zeit, da die Athener die Samier
austrieben und die Insel an attische Kleruchen verteilten.


  Anmerkung 19 zu Seite 566:

Mag die _Gesandtschaft der Rmer an Alexander_ in den spteren
Alexandergeschichten des Aristos und Asklepiades (#Arr.# VII, 15, 5)
ausgeschmckt worden sein, da Kleitarchos (Fragm. 23) nach dem Zeugnis des
Plinius (#H. N.# III  57) sie erwhnt hat, ist fr diesen Fall ein
ziemlich glaubwrdiges Zeugnis; denn Kleitarch schrieb zu einer Zeit, wo
der Name der Rmer noch nicht eben Groes bedeutete. Aristoteles nennt --
abgesehen von einer kurzen Notiz ber Sommerpflanzen (#de plant. 1. 7, p.
821b#) Rom nur in einem Fragment bei #Plut. Cam.# 22, und Plutarch
berichtigt ihn: +Aristotels de to men halnai tn polin hypo Keltn
akribs dlos estin akkos, ton de ssanta Leukion einai phsin -- n de
Markos, ou Leukios, ho Kamillos+ was verstndigerweise nichts anderes
heien kann, als da Aristoteles dem Retter Roms einen falschen Vornamen
gegeben habe. Plinius (#H. N.# III,  57) sagt: #Theophratus -- primus
externorum aliqua de Romanis diligentius scripsit, nam Theopompus, ante
quem nemo mentionem habuit, urbem dumtaxat a Gallis captam dicit,
Clitarchus ab eo proximus legationem tantum ad Alexandrum missam#; von dem
angeblichen Brande Roms wissen diese ltesten Zeugen nichts. Wenn #Liv.#
IX, 18 sagt: #Alexandrum ne fama quidem illis notum fuisse arbitror#, so
beweist das ebensowenig wie das Schweigen der rmischen Annalisten ber
eine solche Sendung (+oute tis Rhmain hyper ts presbeias tauts mnmn
epousato tina+, #Arr.# VII, 15, 6). Wenigstens das #interdictum mari
Antiati populo est# in den Friedensbedingungen von 338 v. Chr. #Liv.# VIII,
14 (wesentlich abweichend von den Bedingungen desselben Friedens, die
#Liv.# VIII, 11 zu lesen sind) beweist wohl nicht, da der Name
antiatischer Piraten fortan von den Meeren verschwunden ist. Denn Livius'
Ausdruck: #Antium nova colonia missa... navis inde longae abactae,
interdictum mari Antiati populo est et civitas data#, bietet, wie von
Zller und anderen nachgewiesen, Konfusion in Menge: wenn sich zwanzig
Jahre spter die Antiaten in Rom beschwerten, da sie #sine legibus# und
#sine magistratibus# seien (#Liv.# IX, 20), so zeigt das deutlich, da
nicht den Antiaten insgemein die #civitas#, noch das Recht, sich als
Kolonisten einzuschreiben, gegeben ist, da vielmehr zwischen der dahin
deduzierten rmischen Kolonie und dem #populus# weder ein gemeinsames
Recht, noch eine gemeinsame Behrde bestand.


  Anmerkung 20 zu Seite 574:

Mit guten Grnden ist neuerer Zeit wahrscheinlich gemacht worden, da
Diodors _Schilderung von Babylon_ (II, 7 ff.) aus Kleitarchos stammt. Da
die Stadt mit ihren Bauwerken, da das Kanalsystem und die Wasserbauten am
Euphrat bis Sippara und weiter hinauf, zu Alexanders Zeit im wesentlichen
noch erhalten waren, wird man kaum bezweifeln drfen. Seit Nebukadnezar
hatte man die vier groen Kanle, die zwischen Sippara und Babylon zum
Tigris hinber fhren, das groe Bassin bei Sippara auf dem linken Ufer des
Euphrat zur Regulierung der berschwemmungen des Stromes, die beiden groen
Kanle auf der rechten Seite des Euphrat, den Naarsanes, der oberhalb, den
Pallakopas, der 800 Stadien unterhalb Babylon abgeleitet war. Da Penteren
und Tetreren von Thapsakos herab auf dem Euphrat nach Babylon gefhrt
werden konnten, sowie die Fahrt des Nearchos mit der Flotte den Euphrat
aufwrts bis Babylon und die Fahrt von Trieren aus dem Euphrat (auf dem
Knigskanal) nach dem Tigris zeigt, da das groe Kanalisationssystem, auf
dem der Handel, die Fruchtbarkeit, zum groen Teil die Bewohnbarkeit des
babylonischen Landes beruhte, noch keineswegs verkommen war. In diesem
Zusammenhang gewinnen die Anlagen, die Alexander hinzufgte, ihre
Bedeutung. Er befahl die Aushebung eines zweiten groen Bassins in der Nhe
von Babylon mit Schiffshusern fr tausend groe Schiffe (#Arr.# VII, 19,
4); er veranlate die Umlegung der Stelle, wo der Pallakopas aus dem Strom
abgeleitet war, denn die bisherige Stelle, wo die Ufer niedrig und sumpfig
waren, gewhrte nicht hinlngliche Schlieung und setzte bei hohem Wasser
das niedrige Land dahinter weiten berflutungen aus; Alexander fand eine
Meile weiter auf der rechten Seite des Stromes eine Stelle, die geeignet
war +hypo sterrhottos ts gs+ das Wasser sicher zu hemmen. Solches Ufer
hoch und lehmig sah Petermann aus seiner Fahrt von Babylon nach
Suq-esch-Schiuch bei Samwat, einer Stelle, die auch sonst bemerkenswert
genug ist und die Anlage einer Alexandreia, wie sie der Knig dort grndete
(VII, 21, 7), wohl rechtfertigt.


  Anmerkung 21 zu Seite 582:

Der _Todestag Alexanders_ ist nach der vllig zuverlssigen Angabe der
Ephemeriden der 28., nach Aristobulos der 30. Daisios. Welcher julianische
Tag des Jahres 323 diesem Datum entspricht, ist nicht mit Sicherheit
festzustellen. Wenn Justin (XII, 16, 1) sagt: #decessit Alexander mense
Junio annos tres et XXX natus#, so ist diese fr uns lteste Reduktion
derart, da sie nach den sonstigen Kombinationen, die Alex.II. 2, S. 343
dargelegt sind, wohl richtig sein kann; wenigstens hat Jeep so den Text
gegeben; hat wirklich, wie neuerdings versichert worden, die
handschriftliche berlieferung #mense uno#, so ist schwer zu sagen, was das
heien knnte.




  Personen- und Sachregister

nebst Verdeutschung einiger hufig vorkommender Fachausdrcke des
makedonischen Heeres und einem Stammbaum der Familie Alexanders. Das
Register ist in dieser Ausgabe neu hinzugefgt und von Privatdozent
Dr. Rosenberg revidiert worden.


_Abastaner (Ambastha)_, Volk am Indus 466

_Abdaios_, Chiliarch 175

_Abdera_, griech. Stadt in Thrakien 21, 131, 151

_Abdollonymos_ von Sidon 226

_Abisares_, Frst von Kaschmir 407, 415 u. ff., 418, 422 u. ff.,
  430 u. ff., 502

_Abreas_, Taxiarch 469

_Abulites_, Satrap von Susa 251, 282 u. ff., 297, 504

_Abydos_, griech. Stadt am Hellespont 131, 150, 152

_Ada_, Regentin in Karien 170, 176

_Admetos_, Fhrer der Hypaspisten 237

_Adrasteia_ (Kleinasien) 152

_Adreskan_, Flu in Areia (Afghanistan) 328

_Agalassa_, Stadt der Maller (Indien) 457 u. ff.

_Agathon_, Bruder Parmenions 80, 140, 141, 271, 274, 282, 498

_Agesilaos_, spartan. Knig 17 u. ff., 26, 54 u. ff., 57 u. ff.

_Agesilaos_, Bruder des spartan. Knigs Agis 221, 311

_Agis_, spartan. Knig 220, 227, 253, 296, 312, 317 u. ff.

_Aischines_, Athener 220, 312, 317 u. ff.

_Ake_, Stadt in Syrien 240

_Akesines_, Strom im Pandschab (Chenab?) 416, 433, 449 u. ff.

_Akuphis_, indischer Frst 404

_Albaner_ (Volk im Kaukasus) 251

_Aleuas_, Frst von Thessalien 94

_Alexander der Groe_ (356-323)
  Eltern, Geburt und Kinderjahre 82
  sein Lehrer Aristoteles 83
  Jugendzeit und erste Taten, Anteil an der Schlacht bei
    Chaironeia (338) 40, 84
  Irrungen zwischen Vater und Sohn 85
  Ermordung seines Vaters und Thronbesteigung (336) 90
  der Zug nach Griechenland 94
  Erneuerung des Bundes von Korinth 97
  die Feldzge an der Donau gegen die Thraker und Illyrier 99 u. ff.
  zweiter Zug nach Griechenland und die Zerstrung Thebens (335) 115 u. ff.
  Aufbruch nach Kleinasien (334) 151 u. ff.
  Schlacht am Granikos (334) 153 u. ff.
  Fall von Sardes 160
  Fall von Ephesos 163
    von Milet 167
    von Halikarnassos, 177
  Durchzug durch Lykien, Pisidien, Pamphylien 178 u. ff.
  in Gordion (333) 198
  in Tarsos, nach dem Bad im Kydnos dem Tode nahe 199 u. ff.
  in der Schlacht bei Issos 263 u. ff.
  sein Verhalten gegen die Mutter und Gemahlin Dareios'III. 213, 214
  Manifest an Dareios 217
  zieht in Sidon ein 226
  belagert und nimmt Tyrus und Gaza ein (332) 227 u. ff.
  besetzt gypten 246
  und grndet Alexandreia 247
  sein Zug nach der Ammonsoase (331) 256 u. ff.
  sein Marsch nach Syrien, ber den Euphrat an den Tigris (331) 262 u. ff.
  Schlacht bei Gaugamela 270 u. ff.
  Einzug in Babylon 277
  Besetzung Susas 282
  Einnahme von Persepolis und Pasargadai (330) 286 u. ff.
  Einnahme von Ekbatana 298
  verfolgt den Dareios 298 u. ff.
  und die Emprer unter Bessos 300 u. ff.
  Dareios' Ermordung 302 u. ff.
  in Parthien und Hyrkanien 306 u. ff.
  verfolgt Bessos 324 u. ff.
  Grndung Alexandreias in Areia (Herat in Afghanistan) (330) 327
  und Alexandreias in Arachosien (Kandahar in Afghanistan) 328
  Verschwrung gegen sein Leben, die Hinrichtung des Philotas und die
    Ermordung Parmenions 327 u. ff.
  Marsch ber den Hindukusch nach Baktrien (329) 350 u. ff.
  verfolgt und nimmt Bessos in der Satrapie Sogdiana (Buchara)
    gefangen 351 u. ff.
  in Sogdiana (Buchara) und im Ferghanagebiet 352 u. ff.
  grndet Alexandreia am Jaxartes (Chodjent am Syr Darja) 363
  lt Bessos hinrichten 371
  ersticht Kleitos 375
  erobert die Burgen der sogdianischen Hyparchen 379 u. ff.
  vermhlt sich mit Roxane 383
  bricht von Baktrien nach Indien auf (327) 398 u. ff.
  besetzt das Land diesseits des Indus 400 u. ff.
  und berschreitet den Indus 413
  und zieht in Taxila, der Residenz des Frsten Taxiles ein 414
  besiegt Poros in der Schlacht am Hydaspes (326) 423
  erreicht den Hyphasis, seinen stlichsten Punkt 439
  beschliet die Umkehr (326) 441 u. ff.
  schifft sich auf dem Akesines ein 452
  bekmpft die Maller und gert in uerste Lebensgefahr 457 u. ff.
  fhrt in den Ozean 476 u. ff.
  Rckmarsch durch Gedrosien 488 u. ff.
  trifft mit Nearch nach dessen erfolgreicher Meerfahrt zusammen 497
  kehrt nach Pasargadai, Persepolis und Susa zurck (324) 499 u. ff.
  daselbst Strafgericht ber habschtige und grausame
    Statthalter 503 u. ff.
  vermhlt sich mit Stateira, groe Hochzeitsfeierlichkeiten 507 u. ff.
  beschwichtigt den Veteranenaufstand in Opis 518 u. ff.
  marschiert nach Ekbatana 558 u. ff.
  Tod des Hephaistion 563
  empfngt Gesandtschaften von europischen und afrikanischen
    Vlkern 565 u. ff.
  rstet neue Heere und Schiffe aus 568 u. ff.
  will Arabien umschiffen und auf neue Kriegszge ausgehen 578 u. ff.
  begeht die Leichenfeier fr Hephaistion 579 u. ff.
  erkrankt an Fieber und stirbt am 27. Daisios (323) 581

_Alexandreia_ in gypten 247

_Alexandreia_ in Arachosien (Kandahar in Afghanistan) 328

_Alexandreia_ in Areia (Herat in Afghanistan) 327

_Alexandreia_ am Kaukasus (ungefhr Begram bei Kabul
  in Afghanistan) 350, 398

_Alexandreia eschate_ am Tanais (Chodjent am Syr-Darja) 362

_Alexandreia_ im Land der Oreiten 489

_Alexandreia_ am Indus (an der Mndung des Pandschab) 466

_Alexandreia_ am Tigris 517

_Alexandropolis_ in Thrakien 130

_AlexandrosI._ von Makedonien 25, 32, 69 u. ff., 83

_AlexandrosII._ von Makedonien, Sohn des Amyntas 74

_Alexandros der Lynkestier_, Schwiegersohn des Antipatros 75, 90, 161,
  180 u. ff., 342, 346

_Alexandros_, Knig von Epirus, Bruder der Olympias 131, 132, 313,
  525, 566

_Alinda_ in Karien 170

_Alketas_, Knig von Epirus 73

_Alketas_, Sohn des Orontes, Oberst Alexanders 79, 406 u. ff., 419

_Alketas_, Sohn Alexandros'I. 69

_Alkimachos_, Lysandros' Bruder 163

_Alor_ im Lande Sindh 468

_Alvaka_, ind. Volk. diesseits des Indus 399

_Amantas_, Stratege Alexanders 283, 525

_Amastris_, Nichte Dareios'III., Gemahlin des Krateros 508

_Aminapes_, Parther, maked. Satrap in Parthien 306

_Amminapes_ in gypten 281

_Ammonsoase_ 256 u. ff.

_Amphaxitis_, Landschaft in Makedonien 67

_Amphilochos_ von Argos 202

_Amphipolis_, Stadt in Thrakien 20, 24, 27, 32, 34, 75, 131, 152

_Amphoteros_, Krateros' Bruder 181
  Flottenfhrer Alexanders 253 u. ff., 263, 312 u. ff., 318

_Amyntas_, Sohn Alexandros'I. 69

_Amyntas_ (der Kleine)II., Knig von Makedonien 73

_AmyntasIII._, Sohn des Arrhidaios, Knig von Makedonien 72, 73

_Amyntas_, Sohn Perdikkas'III. 76, 89, 99

_Amyntas_ der Lynkestier, Oberst Alexanders 116, 137, 152, 155, 185,
  288, 339, 342, 377

_Amyntas_, Sohn des Antiochos (auf Seiten der Perser) 162, 171, 181,
  204, 215, 216

_Amyntas_, Sohn des Andromenos 160

_Anaxarchos_ von Abdera, Sophist am Hoflager Alexanders 388, 569

_Anaximenes_ von Lampsakos, Historiker 152

_Anaxippos_, makedon. Befehlshaber in Susa (Areia) 325, 326

_Anchiale_ in Kilikien 200

_Andaka_, Stadt im Land der Aspasier (Nordwestindien) 400

_Anderab_ (oder Adrapsa) in Afghanistan 349, 356

_Androkles_ von Amathos 235

_Andromachos_, Admiral Alexanders 233, 263

_Andromachos_, Reiterfhrer Alexanders 27, 274, 365

_Andronikos_, Bruder des schwarzen Kleitos 309 u. ff., 348

_Androsthenes_, Trierarch Alexanders 451, 574

_Ankyra_ in Paphlagonien 199

_Antigenes_, Chiliarch der Hypaspisten 425, 473, 509

_Antigonos_, Stratege der Bundesgenossen 137, 186, 215

_Antiklas_, Sohn des Antiklas, einer der Edelknaben 391 u. ff.

_Antimachos_, Feldherr Alexanders 196

_Antiochos_, Feldherr Alexanders 209

_Antipatros_, Sohn des Jollas, Reichsverweser in Makedonien 41, 75,
  103, 114 u. ff., 121, 196, 220, 253, 314, 318 u. ff., 343, 525, 571

_Antipatros_, Sohn des Asklepiodoros, einer der Edelknaben 391 u. ff.

_Antissa_ auf Lesbos 163

_Aornos_ in Baktrien (im nrdl. Afghanistan) 351, 352

_Aornos_, Felsenburg am Indus (Tafelberg am Rani-gat) 407, 409 u. ff.

_Apelles_, griech. Maler 163

_Apollodoros_, Athener 62

_Apollodoros_ aus Amphipolis 282, 570

_Apollonia_ in Thrakien 130, 152

_Apollonides_, Oligarch in Chios 163, 193

_Apollophanes_, Satrap der Oreiten und Gedrosier 489, 495

_Arachosien_, Satrapie (sdl. Afghanistan) 251, 326 u. ff., 473 u. ff.

_Arados_, phnik. Hafen 224 u. ff.

_Aralsee_ 251

_Arbela_ (Mesopotamien) 252, 275 u. ff.

_Arbiten_, ind. Stamm am Erythrischen Meer (in Belutschistan) 488 u. ff.

_Arbupalos_, Enkel des Artaxerxes 63, 157

_Archelaos_, makedon. Befehlshaber 283

_Archelaos_, Sohn Perdikkas'II., Knig in Makedonien 69, 71

_Archias_, Sohn des Antipatros, zweiter Befehlshaber der Flotte 497, 573

_Archidamos_, Knig von Sparta 35, 43

_Areia_, pers. Satrapie (Afghanistan) 251, 306, 325, 472

_Areiasee_ (Harva in Afghanistan) 328

_Aretes_, Fhrer der Sarissophoren 271, 273

_Argaios_, makedon. Prtendent 73, 75, 76

_Argeas_, Stammvater der Makedonen 67

_Ariarathes_, Frst der Kappadokier 251

_Ariaspen_, Stamm in Seistan (Afghanistan) 328

_Ariaspes_, Sohn Artaxerxes'III. 56

_Arigaion_, Stadt im Tal des Guros (Pandjkora) 404

_Ariobarzanes_, Satrap von Phrygien 55, 251, 276, 285, 287 u. ff., 308

_Arisbe_ (Kleinasien) 152

_Aristandros_, Zeichendeuter 240, 247, 266, 363, 372, 373

_Aristazanes_, pers. Heerfhrer 60

_Aristobulos_, Historiker 340, 392, 503, 570

_Aristomedes_ aus Thessalien, hellenischer Sldnerfhrer 203

_Aristomenes_, athen. Flottenfhrer 219, 220

_Ariston_, Fhrer der paionischen Reiter Alexanders 139, 140, 209, 271, 272

_Aristonikos_, Tyrann von Methymna 193, 254

_Aristonikos_, Kitharde 376

_Aristoteles_ 27, 28, 31, 41, 62, 68, 78, 83, 329 u. ff.

_Arkonnesos_ bei Halikarnassos 171

_ropos_, Knig von Makedonien 72, 73

_Arrhabaios_, Sohn des Aeropos, Lynkestier 72, 75, 90

_Arrhidaios_, Sohn Perdikkas'II. 69, 72, 86

_Arrhidaios_, Sohn PhilippsII. und der Kleopatra 342, 346

_Arrian_, Historiker 76, 125, 163, 337, 565 u. ff.

_Arsames_, persischer Prinz 56

_Arsames_, Satrap von Kilikien 199, 203, 211

_Arsames_, Satrap Alexanders in Areia 308, 348, 369

_Arses_, persischer Knig 63, 217

_Arsimas_, Gesandter des Dareios 216

_Arsites_, Satrap von Phrygien 62, 150, 153, 155, 158

_Artabazos_, pers. Satrap von Phrygien, spter makedon. Satrap von
  Baktrien 56, 57, 62, 121, 296, 299 u. ff., 308, 351, 372 u. ff.

_Artabelos_, Sohn des Mazaios 296, 301, 515

_Artakoana_, Hauptstadt der pers. Satrapie Areia 326

_ArtaxerxesII._ 52 u. ff., 55 u. ff., 58 u. ff.

_ArtaxerxesIII._ 61 u. ff.

_Artemistempel_ in Ephesos 82

_Arybbas_, Vormund der Olympias 82

_Asandros_, Bruder Parmenions 80, 160, 263, 372

_Asklepiodoros_, Satrap von Syrien 372

_Asklepiodoros_, thrakischer Reiterfhrer 262, 263, 282

_Asparses_, pers. Satrap von Karmanien 295

_Aspasier_, indischer Stamm diesseits des Indus (Chitral) 400

_Aspastes_, Satrap Alexanders 501

_Aspendos_ in Kilikien 183

_Assakenos_, indischer Frst 407

_Assos_, Stadt in Kleinasien 62

_Astakener_ (auch Assakener), indisches Volk im Kophental
  (Kabultal) 399, 404 u. ff.

_Astes_, Frst von Peukela (Land sdl. des Kophen [Kabul]) 407 u. ff.

_Atarneus_, Stadt in Kleinasien 62

_Ateas_, Knig der Skythen 38, 100

_Athenodoros_, Befehlshaber in Baktra 472

_thiopien_ 60, 247, 568

_Atizyes_, Satrap von Grophrygien 181, 186, 211

_Atropates_, Satrap von Medien 251, 296, 298, 378, 504, 559

_Attalos_, Schwiegersohn Parmenions, Oheim Kleopatras, der Gemahlin
  Philipps (emprt sich gegen Alexander) 65, 80, 85 u. ff., 92 u. ff., 98

_Attalos_, Oberst Alexanders 139, 148, 210, 271, 302, 342, 372, 419, 473

_Attock_, ind. Festung an der afghanischen Grenze 400

_Autariaten_, Volk im heutigen Serbien 100 u. ff.

_Autophradates_, Satrap von Lydien und spter von Tapurien 55, 161,
  195, 221, 231, 253, 296, 308 u. ff., 378

_Axios_, Flu in Makedonien 66 u. ff.

_Azemilkos_, Knig von Tyrus 221, 224 u. ff.


_Babylon_ 17, 18, 59, 251 u. ff., 264 u. ff., 276 u. ff., 564 u. ff.

_Bagai_, Stadt an der Grenze Sogdianas 378

_Bagistane_ in Medien 559

_Bagisthanes_ aus Babylon 301

_Bagoas_, Freund Artaxerxes'III. 59 u. ff., 217

_Baktra_, Hauptstadt von Baktrien (Balkth in Afghanistan) 325 u. ff.,
  347 u. ff., 351 u. ff., 382, 472

_Baktrien_, Satrapie (nrdl. Afghanistan) 64, 251, 299 u. ff., 306,
  327, 347 u. ff.

_Balakros_, Sohn des Amyntas 186, 262

_Balakros_, Sohn des Nikanor, makedon. Satrap von Kilikien 223

_Balkth_ (Baktra) in Afghanistan 349

_Bamihan_, Pa in Afghanistan 349

_Banor_ aus Akarnanien, hellen. Sldnerfhrer 203

_Bardyllis_ von Illyrien 99

_Barsaentes_, Satrap von Arachosien und Drangiana 251, 296, 299 u. ff.,
  306, 327

_Baryaxes_, Meder 504, 559

_Barzanes_, Anhnger des Bessos 348, 369

_Basht_ in der Provinz Persis, dem heutigen Farsistan 285

_Batis_, pers. Befehlshaber von Gaza 239

_Bazira_, Stadt im Assakenerland 406 u. ff.

_Bebehan_ (im sdl. Persien) 285

_Bedzabde_ am Tigris 265

_Belesys_, Satrap von Syrien 59

_Beroia_, Stadt in Thrakien 130

_Bessos_, Satrap von Baktrien, Mrder Dareios'III., nachher Groknig
  unter dem Namen Artaxerxes 251, 296, 299 u. ff., 325 u. ff.,
  347 u. ff., 368

_Bisthanes_, Sohn des pers. Knigs Ochos 63, 296 u. ff.

_Bholanpsse_ an der Indusmndung 467

_Bhukor_ am unteren Indus 467

_Bottiaia_, Landschaft in Makedonien 67

_Brasidas_, spartanischer Feldherr 140

_Brettier_, ital. Bevlkerung, Gesandtschaft an Alexander 566

_Brison_, Fhrer der Bogenschtzen 271

_Bubastis_, Stadt in gypten 60

_Bukephala_, von Alexander gegrndete Stadt im Pandschab 430, 449

_Bukephalos_ 84, 428

_Bumodos_, Flu bei Gaugamela 266

_Bupales_, Befehlshaber der Babylonier 251

_Byblos_, phnik. Stadt 224 u. ff.

_Byzanz_ 12, 13, 37, 39, 61, 62, 84, 102, 130


_Chairias_, Ingenieur Alexanders 236

_Chalybon_ (Syrien) 231

_Chares_ von Sigeion, athenischer Sldnerfhrer 34, 56 u. ff., 152,
  193, 254

_Charidemos_, athenischer Sldnerfhrer 34, 41, 57, 91, 120, 194

_Charikles_, Sohn des Menandros, einer der Edelknaben 392

_Chaironeia_ 40

_Chitral_ (diesseits des Indus) am Choaspes (Kunar) 400

_Chios_, Insel 57, 193, 219 u. ff., 254

_Choarene_ (Khuar in Chorassan) 301

_Choaspes_ (Kunar), Nebenflu des Kophen (Kabul) 399 u. ff.

_Chorassan_, ostpers. Satrapie 251, 306 u. ff.

_Chorienes_, sogdianischer Frst 360, 380 u. ff.

_udra_ (Sogdoi oder Sodroi), ind. Volk am Indus 467

_Cypern_ 14, 18 u. ff., 215


_Daer_ (Volk am Aralsee) 251, 347, 351

_Dakka_, Stadt in Afghanistan 399

_Damaskos_ 204, 222 u. ff., 231

_DareiosI._ 48 u. ff.

_DareiosII._ 52

_DareiosIII. Kodomannos_ Wird Knig von Persien 64
  fordert die Hellenen zum Krieg gegen Alexander auf 112
  seine Regierung 145
  stellt Memnon an die Spitze seines Heeres 148
  Kriegsrat nach Memnons Tod 194
  rckt vom Euphrat her Alexander entgegen 199
  in der Schlacht bei Issos und seine Flucht 208 u. ff.
  sein Brief an Alexander 216
  sein Schmerz um Stateira 249 u. ff.
  in der Schlacht bei Gaugamela 267 u. ff.
  Erbeutung seiner Schtze in Arbela 275
  Flucht nach Ekbatana 276, 295
  aus Ekbatana nach Kaspien 297 u. ff.
  Verrat des Bessos und Barsaentes 300
  seine Ermordung 302

_Daskylion_, Stadt in Phrygien 159

_Datames_, pers. Flottenfhrer 195 u. ff., 219

_Dataphernes_ aus Baktrien 347, 353 u. ff., 378

_Deinokrates_, Baumeister Alexanders 247, 564

_Delios_ von Ephesos, Schler Platons 97

_Demades_, athenischer Redner 41, 119, 120, 312, 318, 528

_Demaratos_ von Korinth 41, 85 u. ff., 156. 291

_Demetrios_, Hipparch Alexanders 139, 341, 420, 425, 433

_Demosthenes_ 32 u. ff., 39 u. ff., 41, 62, 66, 91 u. ff., 113 u. ff.,
  220, 312, 318, 533 u. ff.

_Derdas_, Frst der Elymiotis 73, 80

_Derdas_ (II.), Frst der Elymiotis 80

_Diades_, Ingenieur Alexanders 236

_Dimnos_ aus Chalstra 337 u. ff.

_Diogenes_ von Sinope 98

_Dion_, Ort in Makedonien 72

_Dionysodoros_, theban. Gesandter 222

_Diophantos_, athenischer Sldnerfhrer 59

_Disful_, Flu und gleichnamige Stadt in der heutigen pers. Provinz
  Chusistan 284

_Dodona_ (Kultsttte in Epirus) 4, 66

_Drangiana_, persische Satrapie (Afghanistan) 251, 306, 327 u. ff., 473

_Drapsaka_ (oder Adrapsa) im Hindukusch (Afghanistan) 350

_Dropidas_, att. Gesandter bei Dareios 312

_Drypetis_, Tochter Dareios'III., Gemahlin Hephaistions 508

_Dyrta_, Feste im Assakenerland 412


_Edessa_ in Makedonien 67

_Ekbatana_ (Hamadan) 47, 55, 276, 292, 295 u. ff., 558 u. ff.

_Elaisis_ (am Hellespont) 151

_Elephantine_ (Nilinsel) 254

_Elymiotis_, Frstentum in Makedonien 69, 73, 79

_Emathia_, Landschaft in Makedonien 67

_Embolima_, Stadt am Indus oberhalb der Mndung des Kophen (Kabul) 408

_Enylos_, Knig von Byblos 225, 231

_Ephesos_, Stadt in Kleinasien 161 u. ff.

_Ephialtes_, Athener 120, 171, 174

_Epimenes_, Sohn des Arseas, einer der Edelknaben 391 u. ff.

_Epokillos_, Strateg der Thraker 372, 379

_Eresos_ auf Lesbos 163

_Erigyios_, Stratege Alexanders 86, 97, 306, 338, 348, 351

_Erythrisches Meer_ (Persischer Golf) 284

_Etrusker_, Volk in Italien 566 u. ff.

_Euagoras_, Knig von Cypern 52, 224

_Eubulos_ aus Bithynien 62

_Eudamidas_, Bruder des spartan. Knigs Agis 319

_Eudemos_, Anfhrer der Thraker 502

_Eulaios_ (Karun bei Shuster), Flu in Persis, dem heutigen Farsistan 284

_Eumenes_, Geheimschreiber Alexanders 437, 451, 508, 560 u. ff.

_Euphraios_ von Oreos 78

_Euphrat_ 199, 219, 264 u. ff.

_Eurydike_, Knigin 73 u. ff.

_Eurylochos_, Bruder des Epimenes, einer der Edelknaben 392

_Euthykles_, spartan. Gesandter 222


_Fahiyan_ in Persis, dem heutigen Farsistan 285

_Ferghanagebiet_ 358


_Gandara_ in Indien 395

_Gaugamela_ in Mesopotamien 266 u. ff.

_Gaza_, Stadt in Palstina 239 u. ff.

_Gedrosia_, pers. Satrapie (Belutschistan) 251, 328 u. ff., 486 u. ff.

_Gerostratos_, Frst von Arados 225, 231

_Geten_, thrakischer Stamm 99, 105 u. ff.

_Glaukias_, Arzt Alexanders 563

_Glaukias_, tol. Sldnerfhrer im persischen Heer 276

_Glaukias_, Frst der Taulantiner 100, 107 u. ff., 139

_Glaukippos_, Milesier 166

_Gordyisches Gebirge_ 267

_Gordion_, Stadt in Kleinasien 177, 178, 186, 197 u. ff.

_Gorgias_, Oberst Alexanders 372, 419, 525

_Grabos_, Illyrier 75

_Granikos_, Flu in Kleinasien 152 u. ff.

_Gryneion_ an der Propontis 99

_Guraios_ (Pandjkora), Nebenflu des Kophen (Kabul) 399 u. ff.


_Haidarabad_ am unteren Indus 467

_Haliakmon_, Flu in Griechenland 66 u. ff., 107

_Halikarnassos_ (Kleinasien) 162, 169 u. ff., 192 u. ff., 201, 219 u. ff.

_Harmozia_, Kstenlandschaft am Persischen Golf 496

_Harpalos_, des Machatas Sohn, Alexanders Schatzmeister 80, 86, 220,
  264, 298, 504 u. ff., 534 u. ff.

_Haustanes_, sogdian. Frst 360, 382

_Hegelochos_, Admiral Alexanders 139, 196, 219, 220, 253 u. ff.

_Hegesistratos_, pers. Befehlshaber in Milet 164

_Hekataios_ von Kardia 93, 98

_Hekatomnos_ von Halikarnassos 169

_Hekatompylos_, Hauptstadt von Parthien (Damgan in Chorassan) 301, 306, 383

_Hektor_, Sohn Parmenions 80

_Heliopolis_ (gypten) 246 u. ff.

_Hephaistion_, der Freund Alexanders 84, 214, 275, 338 u. ff., 344,
  372 u. ff., 377, 389 u. ff., 400 u. ff., 420, 425, 452 u. ff.,
  473 u. ff., 489, 508, 510, 516, 560 u. ff., 563

_Heraklea_ am Schwarzen Meer 22, 30, 39, 57, 198

_Herakleides_, Unterfhrer Alexanders 139, 162, 568

_Herakleitos_, Philosoph 258, 259

_Heraklidenstammbaum_ 67

_Herakon_, Sldnerfhrer 498, 502, 504

_Herat_ in Afghanistan (Alexandreia in Areia) 327

_Hermokrates_, Sophist 88

_Hermolaos_, Sohn des Sopolis, einer der Edelknaben 390 u. ff.

_Himalajagebirge_ 399

_Hieron_, Steuermann 574

_Hindukusch_ 348 u. ff.

_Histanes_ Roxanes Bruder 515

_Hyarotis_, Strom im Pandschab (Bias) 433, 454

_Hydarnes_, Sohn des Mazaios 515

_Hydaspes_, indischer Strom (Dschilam) 396, 415 u. ff., 446, 450, 454

_Hyparna_, Festung in Lykien 178

_Hypereides_, athen. Staatsmann 220, 312, 527, 535

_Hyphasis_, Strom in Indien 439

_Hyrkanien_, pers. Provinz (am Kaspischen Meer) 306 u. ff., 327


_Iberier_, Gesandtschaft an Alexander 567

_Ichthyophagen_, Kstenvolk am Erythrischen Meer (Belutschistan) 491

_Idrieus_, Satrap von Karien 59, 170

_Ikonien_ in Kilikien 200

_Ilion_ 151

_Illyrien und der Illyrische Feldzug_ 66, 67, 73, 75, 99, 108 u. ff.

_Indus_ 399 u. ff.

_Iphikrates_, hellenischer Feldherr 18, 55, 74, 137

_Iphikrates_, Sohn des Feldherrn 222

_Iran_ 250, 307

_Issos_ in Kilikien 202 u. ff.

_Istros_, Stadt am Pontus 130


_Jaddua_, Hohepriester der Juden 239

_Jamrud_, indische Festung an der afghanischen Grenze 399

_Jason_ von Pherai, Herzog von Thessalien 23, 24, 30, 73

_Jaxartes_ (Tanais, jetzt Syr-Darja), Flu in Turkestan 356

_Jerahi_, Flu bei Nam Hormus in Persis, dem heutigen Farsistan 284

_Jerusalem_ 242

_Jollas_, Vater des Antipatros 80

_Jollas_, Sohn des Antipatros 81


_Kabul_, Stadt in Afghanistan 349

_Kabulstrom_ 327

_Kadusier_, Volk in Iran 251

_Kala-Safid_ in Persis, dem heutigen Farsistan 285

_Kalanos_, indischer Ber 510, 511

_Kalas_, Harpalos' Sohn, General Alexanders 139, 149, 159, 161, 215

_Kallatis_, Stadt am Pontus 130

_Kallipeuke_, Pa in Thessalien 94

_Kallipolis_ bei Halikarnassos 171

_Kallisthenes_ aus Olynth, Schler des Aristoteles 182, 387 u. ff.

_Kallisthenes_, Athener 220

_Kalybe_, Stadt in Thrakien 130

_Kalymna_, Insel im gischen Meer 219

_Kandahar_ (Alexandreia in Arachosien) 328

_Kanobos_, gyptische Hafenstadt 247

_Karanos_, griech. Sldnerfhrer 349, 365

_Kardia_, griech. Stadt in Thrakien 37, 131, 151

_Karmanien_, sdpers. Satrapie (Kerman) 251, 473, 493 u. ff.

_Karthager_, Gesandtschaft an Alexander 567

_Kaschgar_ 359

_Kaschmir_ 407, 415, 418 u. ff.

_Kassandros_ Sohn des Antipatros 81, 571

_Katanes_, sogdian. Frst aus Partakene 347, 353 u. ff., 384

_Kather_ (oder Katharer), indischer Volksstamm 434

_Kaunos_ bei Halikarnassos 171, 219

_Kebalinos_, Bruder des Nikomachos 337 u. ff.

_Kelainai_ in Phrygien 186, 197

_Kelonai_ in Medien 559

_Kelten_, Gesandtschaft an Alexander 568

_Kersobleptes_, Thrakerknig 35, 37, 101

_Ketriporis_, Thraker 75

_Khaibarpsse_ (indisch-afghanische Grenze) 399

_Khewak_, Pa in Afghanistan 349

_Kimon_ 180

_Klazomenai_ 19, 164

_Kleandros_, griech. Sldnerfhrer 232, 271, 341, 498, 502

_Klearchos_, Feldherr Alexanders 174, 263

_Kleinias_ von Kos 60

_Kleitos_, Frst in Illyrien 99 u. ff.

_Kleitos_, Sohn des Dropidas, Reiteroberst Alexanders 139, 156, 273,
  298, 324, 336 u. ff., 344, 373, 435

_Kleitos_, Oberst Alexanders 420, 525

_Kleomenes_, Verwalter von gypten 262

_Kleopatra_, Nichte des Attalos und zweite Gemahlin Philipps 85, 98

_Kleopatra_, Gattin des Epeirotenknigs Alexandros 525

_Kleopatra_, Schwester Alexanders 87, 313

_Kodomannos_ (spter Dareios)III. 63 u. ff.

_Koile_, griech. Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131

_Koinos_, Schwiegersohn Parmenions, makedon. Oberst 80, 137, 177, 237,
  273, 288, 338, 340, 372 u. ff., 377, 406 u. ff., 415, 420, 425 u. ff.,
  433, 440, 452

_Koiranos_, Unterfhrer Alexanders 264, 271, 274

_Kokala_, Hafen am Erythrischen Meer 495

_Kokand_ 383

_Kophen_ (Kabul), Strom in Baktrien (indisch-afghanischer Grenzstrom)
  395 u. ff.

_Kophenes_, Sohn des Artabazos 204, 308, 515

_Kopratas_, Disful, Flu in Persis, dem heutigen Chusistan 284

_Korragos_, maked. Sldnerfhrer 317

_Kos_ (Insel) 57, 193, 219, 254

_Krateros_, General Alexanders 137, 274, 286, 288, 301, 307 u. ff.,
  326 u. ff., 336 u. ff., 360, 367, 377, 382, 401 u. ff., 409, 419 u. ff.,
  427, 432, 451 u. ff., 467, 469, 473 u. ff., 493, 498, 508, 525

_Krithote_, griech. Stadt am Hellespont 131

_Kydnos_, Flu 199

_Kynna_, Tochter Philipps und Gemahlin des Thronerben Amyntas 99, 108

_Kyropolis_ in Sogdiana (Turkestan) 357, 360 u. ff.

_Kyros_ der Jngere 17, 52

_Kyzikos_ an der Propontis 99, 149


_Lade_ (Insel vor Milet) 164 u. ff.

_Lakrates_, Sldnerfhrer 59, 60

_Lamios_, spartanischer Sldnerfhrer 59

_Lampsakos_, griech. Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131, 149, 152

_Langaros_, Frst der Agrianer 107

_Laomedon_ aus Lesbos 86, 97, 144, 451

_Laranda_ in Kilikien 200

_Lasther_, Ebene in Persis, dem heutigen Farsistan 285

_Leonnatos_, Leibwchter Alexanders 88, 214, 338, 401 u. ff., 461,
  475, 478, 489, 510

_Lesbos_ (Insel) 193, 254

_Libyer_, Gesandtschaft an Alexander 567

_Lukaner_, ital. Bevlkerung, Gesandtschaft an Alexander 566

_Lykomedes_ aus Rhodos, persischer Heerfhrer 195

_Lykos_, Flu bei Arbela 252

_Lykurgos_, athen. Staatsmann 113, 120, 312, 527

_Lynkestis_, makedonisches Frstentum 70, 73

_Lysandros_, spartan. Admiral 15 u. ff., 19 u. ff., 52, 258

_Lysimachos_ aus Pella, General Alexanders 387, 390, 420, 437, 510

_Lysippos_, Bildhauer 158


_Machatas_, Bruder des Frsten Derdas von Elymiotis, Schwager
  Knig Philipps 80

_Madates_, Verwandter des persischen Knigshauses 287

_Magarsos_ in Kilikien 201

_Magnesia_ (Kleinasien) 148, 163

_Majumas_, Hafen von Gaza 240

_Maketa_ in Arabien (Maskat) 496

_Maller_, Volk am Indus 454 u. ff.

_Mallos_ in Kilikien 201 u. ff.

_Marakanda_ in Sogdiana (Samarkand) 352 u. ff., 360 u. ff., 367

_Marathos_, phnik. Stadt 226

_Mardier_, Volk in Hyrkanien 309 u. ff.

_Mareotissee_ (gypten) 247

_Mariamne_, phnik. Stadt 225

_Maronea_, griech. Stadt in Thrakien 130, 131

_Massaga_, Stadt im Land der Assacener 405

_Massageten_, Volk in Turkestan 376

_Mauakes_, turkestan. Reiterfhrer 251

_Mausollos_, persischer Satrap 55, 57, 169, 176

_Mazaios_, Perser, Satrap von Babylon 59, 251, 252, 264, 268, 275,
  277 u. ff., 379

_Mazakes_, Satrap von gypten 215, 245 u. ff., 281

_Mazaros_, makedon. Befehlshaber von Susa 283

_Medien_, pers. Provinz 309, 558 u. ff.

_Medios_ aus Larissa, Vertrauter Alexanders 451, 580

_Megalopolis_, Stadt im Peloponnes 25, 317 u. ff.

_Megara_ 13, 36 u. ff., 40, 42, 220

_Meleagros_, Oberst Alexanders 137, 177, 288, 372, 377, 419, 473

_Melon_, Dolmetscher Dareios'III. 301

_Memnon_ aus Rhodus, persischer Feldherr 56 u. ff., 62, 112, 148 u. ff.,
  154 u. ff., 161 u. ff., 170 u. ff., 174 u. ff., 192 u. ff.

_Memnon_, Satrap von Syrien 263

_Memnon_, Stratege von Thrakien 315 f.

_Memphis_ in gypten 54, 60 u. ff., 215, 246 u. ff., 261 u. ff.

_Menandros_, Heerfhrer Alexanders 137, 263

_Mendes_, gyptischer Knig 58

_Menedemos_, griech. Sldnerfhrer 365

_Menes_, Hyparch von Sogdiana 372

_Menestheus_, Sohn des Iphikrates 196

_Menidas_, griech. Sldnerfhrer 262, 271, 272, 275, 341, 372, 379, 498

_Menikos_, Gesandter des Dareios 216

_Menon_, maked. Satrap von Arachosien 329, 501

_Menos_, Leibwchter Alexanders 282

_Mentor_ aus Rhodos, Bruder des Memnon, persischer Heerfhrer 56, 59, 148

_Meroes_, indischer Frst 428

_Mesembria_, Stadt am Pontus 130

_Methymna_ auf Lesbos 193, 254

_Metron_, aus dem Korps der kniglichen Knaben 338 u. ff.

_Milet_, Stadt in Kleinasien 9, 10, 164 u. ff.

_Mithraustes_, Fhrer der Armenier 251

_Mithridates_, persischer Frst 156

_Mithrines_, persischer Befehlshaber 160, 281

_Mithrobuzanes_, Reiterfhrer 150, 157

_Moirokles_, Spartaner 220

_Molosser_, Stamm in Epirus 68

_Mris_ von Pattala, indischer Frst, am Indusdelta 471, 473

_Musikanos_, indischer Frst 468 u. ff., 470 u. ff.

_Mygdonia_, Landschaft in Makedonien 67

_Mygdonia_ in Mesopotamien 265

_Mylasa_ in Karien 169

_Myndos_ bei Halikarnassos 171 u. ff., 219

_Myriandros_ in Syrien 202 u. ff.

_Mytilene_ auf Lesbos 161, 163, 193, 195, 219, 254


_Nabarzanes_, persischer Reiterfhrer 208, 212, 296, 299, 306 u. ff.

_Nautaka_ in Sogdiana (Karschi in Buchara) 350 u. ff., 378

_Nearchos_, Chiliarch, spter Nauarch 86, 179, 372, 451, 456, 479 u. ff.,
  494 u. ff., 507, 510, 568, 572, 580

_Neiloxenos_, Befehlshaber in Alexandreia und im indischen
  Kaukasus 350, 398

_NektanebosII._, gyptischer Pharao 57 u. ff.

_Neoptolemos_, Sohn des Arrhabaios 76, 90, 173, 181

_Neoptolemos_, Schwiegervater des Knigs Philipp 81

_Nika_, von Alexander gegrndete Stadt am Hydaspes 430, 449

_Nika_, Stadt sdwestlich von Alexandreia (Paropamisus) 398 u. ff.

_Nikanor_, Sohn Parmenions, Stratege Alexanders 80, 105, 138, 161, 165,
  302, 324, 336, 398, 533

_Nikias_, Makedone 160 u. ff.

_Nikomachos_, Makedone 337 u. ff.

_Nikostratos_, Sldnerfhrer 59, 60

_Ninive_ (Mosul) 252, 265

_Niphates_, persischer Satrap 157

_Nisibis_ in Mesopotamien 265

_Nysa_, Stadt am Guros (Pandjkora) 404 u. ff.


_Ochos_, persischer Knig 56, 58, 145, 147, 217

_Ochridasee_ 108

_Okontobates_, persischer Satrap von Gedrosien 251

_Olympias_, Mutter Alexanders 81 u. ff., 85, 98, 158, 256, 313, 525

_Omares_, persischer Heerfhrer 150, 157

_Onchai_ (Syrien) 216

_Onchestos_ (bei Theben) 115

_Onesikritos_ aus Astypaleia, Trierarch 452, 510

_Opis_, Stadt am Tigris 517 u. ff.

_Ora_, Festung im Land der Assakener (am Indus) 407 u. ff.

_Ordanes_, Perser, makedonischer Satrap 472, 501

_Oreiten_, Stamm am Erythrischen Meer 488 u. ff.

_Oresten_, makedon. Vlkerschaft 70

_Orestes_, Sohn des makedonischen Knigs Archelaos 72

_Orontes_, Frst der Landschaft Orestis in Makedonien 79

_Orontes_, persischer Satrap 55, 56, 79, 251

_Orontes_, Flu in Syrien 222, 225

_Oropios_, Knig von Sogdiana 382

_Orxines_, persischer Heerfhrer 251, 503

_Othontopates_, persischer Heerfhrer 170, 175, 201, 219

_Oxathres_, Bruder des DareiosIII., Fhrer der persischen Reiterei
  209, 251, 296 u. ff.

_Oxos_, Flu in Baktrien (Amu-Darja in Turkestan) 349

_Oxyartes_, baktrischer Frst 347, 351, 353 u. ff., 360 u. ff., 379, 472

_Oxyathres_, Satrap der Partakenen 504

_Oxydates_, persischer Satrap 298, 378

_Oxydraker_ oder _Sudraker_, Volk am Indus 454 u. ff., 465

_Oxykanos_ (oder _Portikanos_), indischer Frst 469


_Pammenes_, thebanischer Feldherr 57

_Pandschnad_, Nebenflu des Indus 466

_Pantordanos_, Reiterfhrer 210

_Ponen_, Volk nrdlich von Makedonien 69 u. ff., 75, 209

_Partonion_ bei Kyrene 256

_Paraitakene_, Landschaft zwischen Persis und Medien 297, 382

_Parmenion, Feldherr Alexanders_
  Seine Herkunft und seine bisherigen Erfolge 80
  Vermhlung seiner Tochter mit Attalos 87
  nach Alexanders Thronbesteigung in Asien gegen die Perser 92 u. ff.
  hchster Offizier Alexanders 142
  seine Expedition gegen Magnesia und am Hellespont 148 u. ff.
  erhlt den Befehl, die Reiterei von Sestos nach Abydos zu fhren 150
  in der Schlacht am Granikos 154 u. ff.
  wird nach Phrygien detachiert 159
  wird nach Tralleis und nach Phrygien gesandt 163
  vor Milet 165
  geht nach Sardes 178
  entdeckt den Verrat des Lynkestiers Amyntas 181
  warnt den todkranken Alexander vor dem Arzt Philipp 200
  in der Schlacht bei Issos 209
  nach Damaskos gesandt 222 u. ff.
  vor der Schlacht bei Gaugamela 267, 270
  in der Schlacht selbst 274
  auf dem Marsch nach Persepolis und Pasargadai 287
  in Pasargadai 291
  bringt die Schtze aus Persis nach Ekbatana 298
  von Medien nach Hyrkanien beordert 309
  Befehlshaber in Ekbatana 324
  seine Verschwrung gegen Alexander und sein Tod 338 u. ff.

_Paropamisusgebirge_, Indischer Kaukasus 329, 348, 396 u. ff., 472

_Parthien_, persische Satrapie (heutiges Chorassan) 306 u. ff.,
  328 u. ff., 327

_Pasargadai_ (Murghab) 285 u. ff., 499, 503

_Pasikrates_ von Kurion, Frst auf Cypern 235

_Pasitigris_ (Kleiner Tigris), Flu in Persis 284 u. ff.

_Patara_ (Lykien) 178

_Patron_, phokischer Sldnerfhrer im persischen Heer 276, 296

_Pattala_, Stadt und Land im Indusdelta 471, 473 u. ff.

_Pausanias_, Sohn des Aeropos, Knig von Makedonien 73, 75, 76

_Pausanias_, der Lynkestier, Philipps Mrder 74 u. ff., 87 u. ff.

_Pausanias_, makedonischer Heerfhrer 160

_Peithagoras_ aus Amphipolis 570

_Peithon_, makedonischer Satrap in Zariaspa und spter am unteren Indus
  376 u. ff., 458 u. ff., 467, 470, 473, 478, 582

_Pella_ (makedonische Residenz) 67, 70, 73, 79, 80, 121, 131

_Pelusion_ (gypten) 60, 215, 246 u. ff., 262

_PerdikkasI._, makedonischer Knig 67, 68, 74

_PerdikkasIII._, Sohn AlexandersII., Knig von Makedonien 74

_Perdikkas_, Sohn des Orontes, Leibwchter Alexanders 79, 88, 116,
  137, 273, 288, 338, 372, 399 u. ff., 419 u. ff., 435, 458 u. ff.,
  466, 508, 510, 564

_Perge_ (Pamphylien) 181 u. ff.

_Perinthos_, griechische Stadt an der Propontis 37, 39, 61, 62, 131

_Perkota_ (Kleinasien) 152

_Peroidas_, Reiterfhrer 210

_Persepolis_, Stadt in Persien 55, 285 u. ff., 299, 503

_Peschawar_, indische Grenzfestung 394, 399 u. ff.

_Petines_, persischer Satrap 157

_Peukela_, Frstentum im nordwestlichen Indien 407, 408

_Peukestas_, Alexanders Schildtrger, spter achter Leibwchter 451,
  459 u. ff., 499, 510, 582

_Peukestas_, des Makartatos Sohn, Befehlshaber in gypten 262

_Peukolaos_, Offizier Alexanders 368, 371

_Pharasmanes_, Knig der Chorasmier 370

_Pharasmanes_, Sohn des persischen Satrapen Phrataphernes 308

_Pharnabazos_, Sohn des Artabazos, persischer Satrap 18, 52, 55,
  194 u. ff., 221, 253

_Pharnakes_, Satrap des Dareios 157

_Pharnuches_, Lykier 365 u. ff.

_Phaselis_ (Lykien) 13, 179 u. ff.

_Phegeus_, indischer Frst 438

_Pherendakes_, persischer Satrap in gypten 61

_Phila_, Schwester des Frsten Derdas von Elymiotis, Gemahlin
  Knig Philipps 80

_Philippopolis_ in Thrakien 130

_PhilippII. von Makedonien_ (359-336), Sohn Amyntas'III.
  Philipp und sein Verhltnis zu seinem Vater und seinen Brdern 71
  wird nach dem Tode Perdikkas'III. Knig (359) 75
  Sicherstellung seines Knigtums 31
  Erweiterung der Grenzen 32
  Organisierung des Heeres 77
  Erziehung und Bildung des jungen Adels 78
  Feste am Knigshof in Pella 79
  sein Charakter 81
  Vermhlung mit Olympias 82
  Kampf mit den griechischen Staaten 33 u. ff.
  an der Spitze der Amphiktyonen 36
  seine Politik 37
  Feldzug gegen die Skythen 38
  im heiligen Krieg 39
  Sieg bei Chaironeia 40, 84
  Durchzug durch den Peloponnes 42
  Schutz- und Trutzbndnis mit den Griechen 42
  Hochzeit mit Kleopatra, Olympias und Alexander verlassen ihn 43
  Ernennung zum Feldherrn der Hellenen gegen die Perser 43
  seine Ermordung 88

_Philippos_, Sohn Alexandros'I., Bruder Perdikkas'II. 69

_Philippos_, Sohn des Machatas, Satrap von Indien 137, 325, 415,
  431, 452, 454, 465, 502

_Philippos_, Arzt Alexanders 199

_Philokles_, athenischer Stratege 534, 536 u. ff.

_Philophron_, griechischer Sldnerfhrer 60

_Philotas_, Sohn Parmenions 80, 86, 107 u. ff., 138, 167, 174, 288,
  324, 336 u. ff.

_Philotas_ aus Thrakien, Sohn des Karsis, einer der Edelknaben 391 u. ff.

_Philoxenos_, Schatzmeister Alexanders, Sohn des Ptolemaios von Aloros
  74, 263, 282, 535 u. ff.

_Phokion_, athenischer Staatsmann 57, 120, 312, 318, 528

_Phradasmenes_, Sohn des Phrataphernes 515

_Phrasaortes_, Satrap von Persis 295, 503

_Phrataphernes_, Satrap von Parthien 251, 296, 306 u. ff., 348, 369,
  378, 432

_Pieria_, Landschaft in Makedonien 67

_Pinara_ (Lykien) 178

_Pinaros_ (Flu bei Issos) 205 u. ff.

_Pitane_ (Kleinasien) 149

_Pixodaros_ von Karien 86, 170

_Platon_ 22, 27, 30, 62, 78

_Pleurias_, illyrischer Frst 84, 100

_Pnytagoras_, Knig von Salamis 224 u. ff., 232 u. ff.

_Polemon_, Admiral Alexanders 262, 341 u. ff.

_Polydamas_, makedonischer Leibwchter 341, 525

_Polysperchon_, Oberst Alexanders 79, 137, 372, 419, 525

_Poros_ (Paurava), indischer Frst im Pundjab 304, 397, 415 u. ff.,
  422 u. ff., 432, 437, 452

_PorosII._, Groneffe des Knigs, indischer Frst 429, 431

_Prstier_, indischer Stamm am unteren Indus 469

_Priapos_ (Kleinasien) 152

_Proexes_, Perser, makedonischer Satrap im indischen Kaukasus
  (Paropamisus) 350, 398

_Prophtasia_ in Drangiana (Farrah in Afghanistan) 328, 341

_Proteas_, makedonischer Flottenfhrer 196, 231

_Protomachos_, Unterfeldherr Alexanders 209

_Psammon_, Priester im Ammonion 261

_Ptolemaios_ von Aloros, Vormund von Perdikkas und Philipp 74 u. ff.

_Ptolemaios_, Philipps Sohn 155

_Ptolemaios_, Sohn des Lagos, Leibwchter 86, 174 u. ff., 340, 353 u. ff.,
  392, 401 u. ff., 410, 420, 436, 456, 489, 508, 510, 564

_Ptolemaios_, Sohn des Seleukos, Leibwchter 177, 212

_Pundschir_, Stromsystem in Afghanistan 349

_Pura_, Residenz der Satrapie Gedrosien (Bunpur im sdwestlichen
  Persien) 493


_Ragai_ (Rei, sdwestlich von Teheran) 296, 298, 301

_Rakotis_, gyptischer Grenzposten 247

_Rambakia_, Ort im Land der Oreiten (Belutschistan) 489

_Rhebulas_, Sohn des Seuthes 315 u. ff.

_Rheomithres_, persischer Fhrer 211

_Rhodos_ 56, 57, 193, 219

_Rhoiteion_ (Kleinasien) 149 u. ff.

_Roisakes_, Satrap von Lydien 60, 156

_Rmergesandtschaft_ an Alexander 568

_Roxane_, Tochter des sogdianischen Frsten Oxyartes 380 u. ff.
  Vermhlung mit Alexander 383


_Sabakes_, Satrap von gypten 211, 215

_Sabiktas_, makedonischer Satrap 198

_Sagalassos_ (in Pisidien) 185 u. ff.

_Sakasener_, Volk im Kaukasus 251

_Saker_, turkestanisches Reitervolk 251

_Samarkand_ (Marakanda) 350

_Sambos_, indischer Frst 468, 470 u. ff.

_Samos_ 167, 168, 193

_Sanbakat_, persischer Statthalter in Samaria 239

_Sangaios_, indischer Frst 407 u. ff.

_Sangala_, Hauptstadt der Kether (Amritsar im Pandschab bei Lahore) 434

_Sardes_, lydische Residenz 8, 53, 160 u. ff., 178, 197

_Satibarzanes_, Satrap von Areia 251, 296, 306, 325 u. ff., 347 u. ff.,
  351, 369

_Sefid-Kuh_, Grenzgebirge in Afghanistan (Indien vorgelagert) 399

_Seistan_ in Persien 327 u. ff.

_Seleukos_, Fhrer der Hypaspisten 420, 425, 508, 582

_Selymbria_, griechische Stadt an der Propontis 131

_Sestos_, griechische Stadt am Hellespont (Kleinasien) 131, 151

_Seuthes_, Frst in Thrakien 316

_Siber_, indischer Stamm am Indus 455 u. ff.

_Sibyrtios_, Satrap in Karmanien 487, 501, 502

_Side_ (Pamphylien) 183

_Sidon_ 59, 60, 147, 224 u. ff.

_Simmias_, Stratege Alexanders 342

_Sindh_, Land am unteren Indus 468

_Sindomana_, Hauptstadt des Frsten Sambos (am unteren Indus) 470

_Sinope_ am Pontos 198

_Siphnos_, Insel im gischen Meer 196, 220

_Sirrhas_, Frst der Elymiotis in Makedonien 72

_Sisikottos_, indischer Frst 396, 412, 431

_Sisimithres_, baktrischer Frst 377

_Sissines_, Sohn des persischen Satrapen Phrataphernes 181, 308, 515

_Sisygambis_, Mutter Dareios'III. 63, 213, 249, 287, 303

_Sitalkes_, Fhrer der Thraker 141, 185, 200, 209, 274, 341, 498, 502

_Skardos_, Gebirge in Makedonien 66

_Skilluta_, Insel an der Indusmndung 477

_Skione_, griechische Stadt in Thrakien 131

_Skythen_ (in Europa), Gesandtschaft an Alexander 568

_Skythen_, in Turkestan 359 u. ff.

_Sochoi_, syrische Stadt 202 u. ff.

_Sogdiana_, persische Satrapie 251, 351 u. ff.

_Sogdoi_ (oder Sodroi), indisches Volk am Indus 467

_Soloi_ in Kilikien 201

_Sopeithes_, indischer Frst 438

_Sopolis_, Unterfhrer Alexanders 139, 379

_Sostratos_, Sohn des Tymphers Amyntas, einer der Edelknaben 391 u. ff.

_Spitakes_, indischer Frst 416 u. ff., 428

_Spitamenes_ aus Sogdiana 347, 351 u. ff., 359 u. ff., 365 u. ff.,
  376 u. ff.

_Spithridates_, Satrap 150, 155 u. ff.

_Stamenes_, makedonischer Satrap in Babylon 379

_Stasanor_ von Areia, makedonischer Satrap 351, 369, 378, 498

_Stateira_, Gemahlin Dareios'III. 213, 249

_Stateira_, Tochter Dareios'III., wird Gemahlin Alexanders 508

_Straton_, Sohn des Gerostratos 225

_Strymon_, Flu in Makedonien 66 u. ff.

_Surkab_, Flu in Afghanistan 349

_Susa_, Residenz des Perserknigs 18, 37, 52, 55, 61, 282, 507 u. ff.

_Susia_, Stadt in der persischen Satrapie Areia (Kuschk in Afghanistan) 325

_Syllion_, Bergfestung in Kilikien 183

_Syrmos_, Triballerfrst 104, 106

_Syrphax_, persischer Satrap 162 u. ff.


_Tab_ (Arosis?), Flu in Persien 284

_Tachos_, gyptischer Knig 26, 57 u. ff.

_Tamos_, gypter, Fhrer der persischen Flotte 53, 54

_Tanais_ (Jaxartes, jetzt Syr-Darja), Flu in Turkestan 357

_Tnaron_, Gebirge 4, 66, 215

_Tang-i-Tobak_, Gebirge in Persis 285

_Tapurier_, Volk in Parthien 307

_Tarsos_ in Kilikien 199

_Taulantiner_, Volk in Illyrien 100 u. ff.

_Tauron_, Fhrer der Bogenschtzen 421, 425

_Tauros_, Gebirge 199 u. ff.

_Taxila_, Reich und Residenz des indischen Frsten Taxiles 414 u. ff.

_Taxiles_, indischer Frst im Pandschab 396, 399 u. ff., 407 u. ff.,
  413 u. ff., 428, 432, 452, 502

_Telmissos_ (Lykien) 178

_Temenos_, Heraklide 67

_Tenedos_, Insel 196, 219

_Tennes_, Frst von Sidon 58, 59

_Teos_ (Kleinasien) 164

_Teres_, Knig der Odrysen 101

_Termessos_, in Pisidien 184

_Thapsakos_ in Syrien 216, 264

_Thara_ (Abdakabd in Chorassan) 300, 301, 307

_Theben_ 95 u. ff., 114 u. ff.

_Theodektes_ (Dichter) 178

_Theopompos_, Historiker 79, 82, 505

_Thera_ bei Halikarnassos 171

_Thermischer Busen_ (Golf von Saloniki) 67

_Thersippos_, Gesandter Alexanders 217

_Thessalien_ 94 u. ff.

_Thessaliskos_, thebanischer Gesandter 222

_Thessalonike_ (Saloniki) 67

_Thessalos_, Schauspieler 86

_Thoas_, Fhrer der Reiterei 491, 493, 501

_Thraker_ 103 u. ff., 315 u. ff.

_Thrasybulos_, Athener 171

_Thymondas_, hellenischer Sldnerfhrer 208

_Tigris_ 252, 264 u. ff.

_Tiridates_, persischer Schatzmeister 289

_Tleopolemos_, makedonischer Befehlshaber in Parthien 306, 501

_Tralleis_ (Kleinasien) 163, 176, 178

_Triballer_, illyrisches Volk 99, 102 u. ff.

_Tripolis_, Hafen an der syrischen Kste 59, 195, 224

_Troja_ 7, 149, 151

_Tulpa_, Pa von Afghanistan 349

_Turan_ 307, 327

_Tyana_ (Kleinasien) 199

_Tymondas_, Mentors Sohn, Neffe des Memnon 195

_Tympher_, makedonischer Stamm 70

_Tyriaspes_, Satrap am Paropamisos 398, 430, 472

_Tyrus_ 147, 224 u. ff.


_Uratbe_, Ferghanagebiet (in Turkestan) 357

_Uxier_, Volk in Persien 284


_Xanthos_ (Lykien) 178

_Xenippa_ in Baktrien 377

_Xerxes_ 52, 151


_Zadrakarta_, Hauptstadt Hyrkaniens (im Elbursgebirge) 307 u. ff.

_Zariaspa_ in Baktrien 360, 368 u. ff., 376

_Zeleia_ (Kleinasien) 150, 152

_Zopyrion_, makedonischer Stratege am Pontus 315 u. ff.




  Verdeutschung hufig vorkommender Fachausdrcke des
  makedonischen Heeres

  Agema = Garde
  Agrianer = leicht bewaffnetes Hilfsvolk
  Akontisten = Speerwerfer
  Chiliarch = Fhrer von 1000 Mann
  Epibaten = Seesoldaten
  Hetairen = Genossen, besonders die makedonische Ritterschaft
  Hipparch = Reiterfhrer
  Hopliten = schwer Bewaffnete
  Hypaspisten = Zwischenstufe zwischen schwerem und leichtem Fuvolk
  Ile = Eskadron
  Ilarch = Reiterfhrer
  Lochos = Kompagnie
  Nauarch = Admiral
  Peltasten = hnlich den Hypaspisten
  Pezetairen = Genossen zu Fu߫ -- schwere makedonische Infanterie
  Phalanx = schwere makedonische Infanterie mit der langen Lanze
  Sarissophoren = mit dem langen Spie Bewaffnete
  Somatophylakes = Leibwchter (Generaladjutanten) Alexanders
  Somatophylakia = Korps der kniglichen Knaben
  Taxis = Regiment
  Taxiarch = Oberst
  Toxarch = Fhrer der Schtzen
  Trierarch = Schiffskapitn




  Stammbaum Alexanders des Groen

AmyntasIII. (390-369)
vermhlt mit Eurydike
---------------------
          |
          |
          |
   AlexandrosII.,
   PerdikkasIII. +359,
    |  PhilippII., 359-336, vermhlt mit Olympias, vermhlt mit Kleopatra,
    |  -------------------------------------------     Nichte des Attalos
    |                              |                -----------------------
    |                              |                            |
 Amyntas                           |                            |
 unter Vormundschaft Philipps,     |                            |
 mit dessen Tochter Kynna          |                        Arrhidaios
 vermhlt, spter hingerichtet     |
                                   |
                 Kynna, Alexander der Groe 336-323, Kleopatra
                        ---------------------------




  Inhalt
                                                               Seite

  Vorwort von Dr. Sven von Hedin                                VII

  Einleitung von Dr. Arthur Rosenberg                          XIII


  Erstes Buch

  Erstes Kapitel: Die Aufgabe -- Der Gang der griechischen
  Entwicklung -- Knig PhilippII. und dessen Politik --
  Der Korinthische Bund von 338 -- Das Perserreich bis
  DareiosIII.                                                    3

  Zweites Kapitel: Das makedonische Land, Volk, Knigtum
  -- Knig PhilippsII. innere Politik -- Der Adel;
  der Hof -- Olympias -- Alexanders Jugend -- Zerwrfnis
  im Knigshause. Attalos -- PhilippsII. Ermordung              66

  Drittes Kapitel: Gefahren von auen -- Der Zug nach
  Griechenland 336 -- Erneuerung des Bundes von Korinth
  -- Das Ende des Attalos -- Die Nachbarn im Norden --
  Feldzug nach Thrakien, an die Donau, gegen die Illyrier
  -- Zweiter Zug nach Griechenland -- Zerstrung Thebens
  -- Zweite Erneuerung des Bundes von Korinth                    91


  Zweites Buch

  Erstes Kapitel: Die Vorbereitungen zum Kriege -- Das
  Mnzwesen -- Die Bundesverhltnisse des Knigtums --
  Die Armee -- bergang nach Asien -- Schlacht am
  Granikos -- Okkupation der Westkste Kleinasiens -- Eroberung
  von Halikarna -- Zug durch Lykien, Pamphylien,
  Pisidien -- Organisation der neuen Gebiete                    125

  Zweites Kapitel: Persische Rstungen -- Die persische
  Flotte unter Memnon und die Griechen -- Alexanders
  Marsch ber den Taurus -- Okkupation Ciliciens --
  Schlacht bei Issos -- Das Manifest -- Aufregung in
  Hellas -- Die Belagerung von Tyrus -- Die Eroberung
  Gazas -- Okkupation gyptens                                  192

  Drittes Kapitel: Die persischen Rstungen -- Alexanders
  Marsch nach Syrien, ber den Euphrat, nach dem Tigris.
  Schlacht bei Gaugamela -- Marsch nach Babylon --
  Besetzung von Susa -- Brand von Persepolis                    248

  Viertes Kapitel: Aufbruch aus Persepolis -- Dareios'
  Rckzug aus Ekbatana -- Seine Ermordung -- Alexander
  in Parthien und Hyrkanien -- Das Unternehmen Zopyrions,
  Emprung Thrakiens, Schilderhebung des Agis,
  seine Niederlage, Beruhigung Griechenlands                    295


  Drittes Buch

  Erstes Kapitel: Verfolgung des Bessos -- Aufstand in Areia
  -- Marsch des Heeres nach Sden, durch Areia, Drangiana,
  Arachosien, bis zum Sdabhang des indischen Kaukasus --
  Der Gedanke Alexanders und Aristoteles' Theorie -- Die
  entdeckte Verschwrung -- Die neue Heeresorganisation         323

  Zweites Kapitel: Alexander nach Baktra -- Verfolgung
  des Bessos, dessen Auslieferung -- Zug gegen die Skythen
  am Jaxartes -- Emprung in Sogdiana -- Bewltigung
  der Emprer -- Winterrast in Zariaspa -- Zweite Emprung
  der Sogdianer -- Bewltigung -- Rast in Marakanda
  -- Kleitos' Ermordung -- Einbruch der Skythen
  nach Zariaspa. Winterrast in Nautaka -- Die Burgen der
  Hyparchen -- Vermhlung mit Roxane -- Verschwrung
  der Edelknaben -- Kallisthenes' Strafe                        347

  Drittes Kapitel: Das indische Land -- Die Kmpfe diesseits
  des Indus -- Der bergang ber den Indus --
  Zug nach dem Hydaspes -- Der Frst von Taxila -- Krieg
  gegen den Knig Poros -- Schlacht am Hydaspes --
  Kmpfe gegen die freien Stmme -- Das Heer am Hyphasis
  -- Umkehr                                                     393

  Viertes Kapitel: Die Rckkehr -- Die Flotte auf dem Akesines
  -- Der Kampf gegen die Maller -- Alexander in
  Lebensgefahr -- Die Kmpfe am unteren Indus -- Abmarsch
  des Krateros -- Die Kmpfe im Indusdelta -- Alexanders
  Fahrt in den Ozean -- Sein Abmarsch aus Indien                448


  Viertes Buch

  Erstes Kapitel: Der Abmarsch -- Kmpfe im Lande der
  Oreiten -- Zug des Heeres durch die Wste Gedrosiens --
  Ankunft der Reste des Heeres in Karmanien -- Nearchos
  in Harmozia -- Zerrttung im Reich -- Strafgerichte --
  Rckkehr nach Persien -- Zweite Flucht des Harpalos --
  Die Hochzeitfeier in Susa -- Neue Organisation des Heeres
  -- Aufbruch nach Opis                                         485

  Zweites Kapitel: Der Soldatenaufruhr in Opis --
  Zurcksendung der Veteranen -- Zersetzung der Parteien
  in Athen -- Befehl zur Rckkehr der Verbannten --
  Harpalos' Umtriebe in Athen, der harpalische Proze --
  Die innere Politik Alexanders und ihre Wirkungen              516

  Drittes Kapitel: Alexanders Zug nach Medien -- Hephaistions
  Tod -- Kampf gegen die Kossaier -- Rckkehr nach
  Babylon -- Gesandtschaften -- Aussendungen ins sdliche
  Meer, Rstungen, neue Plne -- Alexanders Krankheit --
  Sein Tod                                                      558

  Anmerkungen                                                   587

  Personen- und Sachregister                                    597

  Verdeutschung der Fachausdrcke im makedonischen Heer         615

  Stammbaum Alexanders des Groen                               616





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Joh. Gust. Droysen

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
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Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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