The Project Gutenberg eBook, Torquato Tasso, by Johann Wolfgang von Goethe


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Title: Torquato Tasso

Author: Johann Wolfgang von Goethe

Release Date: December 9, 2003  [eBook #10425]

Language: German

Character set encoding: ASCII


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***


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Torquato Tasso

Ein Schauspiel

Johann Wolfgang von Goethe







Personen

Alphons der Zweite, Herzog von Ferrara.
Leonore von Este, Schwester des Herzogs.
Leonore Sanvitale, Graefin von Scandiano.
Torquato Tasso.
Antonio Montecatino, Staatssekretaer.

Der Schauplatz ist auf Belriguardo, einem Lustschlosse.




Erster Aufzug
(Gartenplatz, mit Hermen der epischen Dichter geziert. Vorn an der
Szene zur Rechten Virgil, zur Linken Ariost.)


Erster Auftritt
Prinzessin. Leonore.

Prinzessin.
Du siehst mich laechelnd an, Eleonore,
Und siehst dich selber an und laechelst wieder.
Was hast du? Lass es eine Freundin wissen!
Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnuegt.

Leonore.
Ja, meine Fuerstin, mit Vergnuegen seh' ich
Uns beide hier so laendlich ausgeschmueckt.
Wir scheinen recht beglueckte Schaeferinnen
Und sind auch wie die Gluecklichen beschaeftigt.
Wir winden Kraenze. Dieser, bunt von Blumen,
Schwillt immer mehr und mehr in meiner Hand;
Du hast mit hoeherm Sinn und groesserm Herzen
Den zarten schlanken Lorbeer dir gewaehlt.

Prinzessin.
Die Zweige, die ich in Gedanken flocht,
Sie haben gleich ein wuerdig Haupt gefunden:
Ich setze sie Virgilen dankbar auf.

(Sie kraenzt die Herme Virgils.)

Leonore.
So drueck' ich meinen vollen frohen Kranz
Dem Meister Ludwig auf die hohe Stirne--

(Sie kraenzt Ariostens Herme.)

Er, dessen Scherze nie verbluehen, habe
Gleich von dem neuen Fruehling seinen Teil.

Prinzessin.
Mein Bruder ist gefaellig, dass er uns
In diesen Tagen schon aufs Land gebracht;
Wir koennen unser sein und stundenlang
Uns in die goldne Zeit der Dichter traeumen.
Ich liebe Belriguardo; denn ich habe
Hier manchen Tag der Jugend froh durchlebt,
Und dieses neue Gruen und diese Sonne
Bringt das Gefuehl mir jener Zeit zurueck.

Leonore.
Ja, es umgibt uns eine neue Welt!
Der Schatten dieser immer gruenen Baeume
Wird schon erfreulich. Schon erquickt uns wieder
Das Rauschen dieser Brunnen. Schwankend wiegen
Im Morgenwinde sich die jungen Zweige.
Die Blumen von den Beeten schauen uns
Mit ihren Kinderaugen freundlich an.
Der Gaertner deckt getrost das Winterhaus
Schon der Zitronen und Orangen ab.
Der blaue Himmel ruhet ueber uns
Und an dem Horizonte loest der Schnee
Der fernen Berge sich in leisen Duft.

Prinzessin.
Es waere mir der Fruehling sehr willkommen,
Wenn er nicht meine Freundin mir entfuehrte.

Leonore.
Erinnre mich in diesen holden Stunden,
O Fuerstin, nicht, wie bald ich scheiden soll.

Prinzessin.
Was du verlassen magst, das findest du
In jener grossen Stadt gedoppelt wieder.

Leonore.
Es ruft die Pflicht, es ruft die Liebe mich
Zu dem Gemahl der mich so lang' entbehrt.
Ich bring' ihm seinen Sohn, der dieses Jahr
So schnell gewachsen, schnell sich ausgebildet,
Und Teile seine vaeterliche Freude.
Gross ist Florenz und herrlich, doch der Wert
Von allen seinen aufgehaeuften Schaetzen
Reicht an Ferraras Edelsteine nicht.
Das Volk hat jene Stadt zur Stadt gemacht,
Ferrara ward durch seine Fuersten gross.

Prinzessin.
Mehr durch die guten Menschen, die sich hier
Durch Zufall trafen und zum Glueck verbanden.

Leonore.
Sehr leicht zerstreut der Zufall, was er sammelt.
Ein edler Mensch zieht edle Menschen an
Und weiss sie fest zu halten, wie ihr tut.
Um deinen Bruder und um dich verbinden
Gemueter sich, die eurer wuerdig sind,
Und ihr seid eurer grossen Vaeter wert.
Hier zuendete sich froh das schoene Licht
Der Wissenschaft, des freien Denkens an,
Als noch die Barbarei mit schwerer Daemmrung
Die Welt umher verbarg. Mir klang als Kind
Der Name Herkules von Este schon,
Schon Hippolyt von Este voll ins Ohr.
Ferrara ward mit Rom und mit Florenz
Von meinem Vater viel gepriesen! Oft
Hab' ich mich hingesehnt; nun bin ich da.
Hier ward Petrarch bewirtet, hier gepflegt,
Und Ariost fand seine Muster hier.
Italien nennt keinen grossen Namen,
Den dieses Haus nicht seinen Gast genannt.
Und es ist vorteilhaft den Genius
Bewirten: Gibst du ihm ein Gastgeschenk,
So laesst er dir ein schoeneres zurueck.
Die Staette, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine Tat dem Enkel wieder.

Prinzessin.
Dem Enkel, wenn er lebhaft fuehlt wie du.
Gar oft beneid' ich dich um dieses Glueck.

Leonore.
Das du, wie wenig andre, still und rein
Geniessest. Draengt mich doch das volle Herz,
Sogleich zu sagen, was ich lebhaft fuehle;
Du fuehlst es besser, fuehlst es tief und--schweigst.
Dich blendet nicht der Schein des Augenblicks,
Der Witz besticht dich nicht, die Schmeichelei
Schmiegt sich vergebens kuenstlich an dein Ohr:
Fest bleibt dein Sinn und richtig dein Geschmack,
Dein Urteil grad, stets ist dein Anteil gross
Am Grossen, das du wie dich selbst erkennst.

Prinzessin.
Du solltest dieser hoechsten Schmeichelei
Nicht das Gewand vertrauter Freundschaft leihen.

Leonore.
Die Freundschaft ist gerecht, sie kann allein
Den ganzen Umfang deines Werts erkennen.
Und lass mich der Gelegenheit, dem Glueck
Auch ihren Teil an deiner Bildung geben;
Du hast sie doch, und bist's am Ende doch,
Und dich mit deiner Schwester ehrt die Welt
Vor allen grossen Frauen eurer Zeit.

Prinzessin.
Mich kann das, Leonore, wenig ruehren,
Wenn ich bedenke, wie man wenig ist,
Und was man ist, das blieb man andern schuldig.
Die Kenntnis alter Sprachen und des Besten,
Was uns die Vorwelt liess, dank' ich der Mutter;
Doch war an Wissenschaft, an rechtem Sinn
Ihr keine beider Toechter jemals gleich,
Und soll sich eine ja mit ihr vergleichen,
So hat Lucretia gewiss das Recht.
Auch kann ich dir versichern hab' ich nie
Als Rang und als Besitz betrachtet, was
Mir die Natur, was mir das Glueck verlieh.
Ich freue mich, wenn kluge Maenner sprechen,
Dass ich verstehen kann wie sie es meinen.
Es sei ein Urteil ueber einen Mann
Der alten Zeit und seiner Taten Wert;
Es sei von einer Wissenschaft die Rede,
Die, durch Erfahrung weiter ausgebreitet,
Dem Menschen nutzt indem sie ihn erhebt:
Wohin sich das Gespraech der Edlen lenkt,
Ich folge gern, denn mir wird leicht, zu folgen.
Ich hoere gern dem Streit der Klugen zu,
Wenn um die Kraefte, die des Menschen Brust
So freundlich und so fuerchterlich bewegen,
Mit Grazie die Rednerlippe spielt;
Gern, wenn die fuerstliche Begier des Ruhms,
Des ausgebreiteten Besitzes, Stoff
Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,
Von einem klugen Manne zart entwickelt,
Statt uns zu hintergehen uns belehrt.

Leonore.
Und dann nach dieser ernsten Unterhaltung,
Ruht unser Ohr und unser innrer Sinn
Gar freundlich auf des Dichters Reimen aus,
Der uns die letzten lieblichsten Gefuehle
Mit holden Toenen in die Seele floesst.
Dein hoher Geist umfasst ein weites Reich,
Ich halte mich am liebsten auf der Insel
Der Poesie in Lorberhainen auf.

Prinzessin.
In diesem schoenen Lande, hat man mir
Versichern wollen, waechst vor andern Baeumen
Die Myrte gern. Und wenn der Musen gleich
Gar viele sind, so sucht man unter ihnen
Sich seltner eine Freundin und Gespielin,
Als man dem Dichter gern begegnen mag,
Der uns zu meiden, ja zu fliehen scheint,
Etwas zu suchen scheint, das wir nicht kennen,
Und er vielleicht am Ende selbst nicht kennt.
Da waer' es denn ganz artig, wenn er uns
Zur guten Stunde traefe, schnell entzueckt
Uns fuer den Schatz erkennte, den er lang
Vergebens in der weiten Welt gesucht.

Leonore.
Ich muss mir deinen Scherz gefallen lassen,
Er trifft mich zwar, doch trifft er mich nicht tief.
Ich ehre jeden Mann und sein Verdienst,
Und ich bin gegen Tasso nur gerecht.
Sein Auge weilt auf dieser Erde kaum;
Sein Ohr vernimmt den Einklang der Natur;
Was die Geschichte reicht, das Leben gibt,
Sein Busen nimmt es gleich und willig auf:
Das weit zerstreute sammelt sein Gemuet,
Und sein Gefuehl belebt das Unbelebte.
Oft adelt er, was uns gemein erschien,
Und das Geschaetzte wird vor ihm zu nichts.
In diesem eignen Zauberkreise wandelt
Der wunderbare Mann und zieht uns an,
Mit ihm zu wandeln, Teil an ihm zu nehmen:
Er scheint sich uns zu nahn, und bleibt uns fern;
Er scheint uns anzusehn, und Geister moegen
An unsrer Stelle seltsam ihm erscheinen.

Prinzessin.
Du hast den Dichter fein und zart geschildert,
Der in den Reichen suesser Traeume schwebt.
Allein mir scheint auch ihn das Wirkliche
Gewaltsam anzuziehn und fest zu halten.
Die schoenen Lieder, die an unsern Baeumen
Wir hin und wieder angeheftet finden,
Die, goldnen Aepfeln gleich, ein neu Hesperien
Uns duftend bilden, erkennst du sie nicht alle
Fuer holde Fruechte einer wahren Liebe?

Leonore.
Ich freue mich der schoenen Blaetter auch.
Mit mannigfalt'gem Geist verherrlicht er
Ein einzig Bild in allen seinen Reimen.
Bald hebt er es in lichter Glorie
Zum Sternenhimmel auf, beugt sich verehrend
Wie Engel ueber Wolken vor dem Bilde;
Dann schleicht er ihm durch stille Fluren nach
Und jede Blume windet er zum Kranz.
Entfernt sich die Verehrte, heiligt er
Den Pfad, den leis ihr schoener Fuss betrat.
Versteckt im Busche, gleich der Nachtigall,
Fuellt er aus einem liebekranken Busen
Mit seiner Klagen Wohllaut Hain und Luft:
Sein reizend Leid, die sel'ge Schwermut lockt
Ein jedes Ohr und jedes Herz muss nach--

Prinzessin.
Und wenn er seinen Gegenstand benennt,
So gibt er ihm den Namen Leonore.

Leonore.
Es ist dein Name wie es meiner ist.
Ich naehm' es uebel, wenn's ein andrer waere.
Mich freut es, dass er sein Gefuehl fuer dich
In diesem Doppelsinn verbergen kann.
Ich bin zufrieden, dass er meiner auch
Bei dieses Namens holdem Klang gedenkt.
Hier ist die Frage nicht von einer Liebe,
Die sich des Gegenstands bemeistern will,
Ausschliessend ihn besitzen, eifersuechtig
Den Anblick jedem andern wehren moechte.
Wenn er in seliger Betrachtung sich
Mit deinem Werth beschaeftigt, mag er auch
An meinem leichtern Wesen sich erfreun.
Uns liebt er nicht,--verzeih dass ich es sage!--
Aus allen Sphaeren traegt er, was er liebt,
Auf einen Namen nieder, den wir fuehren,
Und sein Gefuehl teilt er uns mit; wir scheinen
Den Mann zu lieben, und wir lieben nur
Mit ihm das Hoechste, was wir lieben koennen.

Prinzessin.
Du hast dich sehr in diese Wissenschaft
Vertieft, Eleonore, sagst mir Dinge,
Die mir beinahe nur das Ohr beruehren
Und in die Seele kaum noch uebergehn.

Leonore.
Du? Schuelerin des Plato! Nicht begreifen,
Was dir ein Neuling vorzuschwatzen wagt?
Es muesste sein, dass ich zu sehr mich irrte;
Doch irr' ich auch nicht ganz, ich weiss es wohl.
Die Liebe zeigt in dieser holden Schule
Sich nicht, wie sonst, als ein verwoehntes Kind:
Es ist der Juengling der mit Psychen sich
Vermaehlte, der im Rat der Goetter Sitz
Und Stimme hat. Er tobt nicht frevelhaft
Von einer Brust zur andern hin und her;
Er heftet sich an Schoenheit und Gestalt
Nicht gleich mit suessem Irrtum fest, und buesset
Nicht schnellen Rausch mit Ekel und Verdruss.

Prinzessin.
Da kommt mein Bruder! Lass uns nicht verraten,
Wohin sich wieder das Gespraech gelenkt:
Wir wuerden seinen Scherz zu tragen haben,
Wie unsre Kleidung seinen Spott erfuhr.



Zweiter Auftritt
Die Vorigen. Alphons.

Alphons.
Ich suche Tasso, den ich nirgends finde,
Und treff' ihn--hier sogar bei euch nicht an.
Koennt ihr von ihm mir keine Nachricht geben?

Prinzessin.
Ich sah ihn gestern wenig, heute nicht.

Alphons.
Es ist ein alter Fehler, dass er mehr
Die Einsamkeit als die Gesellschaft sucht.
Verzeih' ich ihm, wenn er den bunten Schwarm
Der Menschen flieht und lieber frei im stillen
Mit seinem Geist sich unterhalten mag,
So kann ich doch nicht loben, dass er selbst
Den Kreis vermeidet, den die Freunde schliessen.

Leonore.
Irr' ich mich nicht, so wirst du bald, o Fuerst,
Den Tadel in ein frohes Lob verwandeln.
Ich sah ihn heut von fern; er hielt ein Buch
Und eine Tafel, schrieb und ging und schrieb.
Ein fluechtig Wort das er mir gestern sagte,
Schien mir sein Werk vollendet anzukuenden.
Er sorgt nur kleine Zuege zu verbessern,
Um deiner Huld, die ihm so viel gewaehrt,
Ein wuerdig Opfer endlich darzubringen.

Alphons.
Er soll willkommen sein, wenn er es bringt,
Und los gesprochen sein auf lange Zeit.
So sehr ich Teil an seiner Arbeit nehme,
So sehr in manchem Sinn das grosse Werk
Mich freut und freuen muss, so sehr vermehrt
Sich auch zuletzt die Ungeduld in mir.
Er kann nicht enden, kann nicht fertig werden,
Er aendert stets, ruckt langsam weiter vor,
Steht wieder still, er hintergeht die Hoffnung;
Unwillig sieht man den Genuss entfernt
In spaete Zeit, den man so nah geglaubt.

Prinzessin.
Ich lobe die Bescheidenheit, die Sorge,
Womit er Schritt vor Schritt zum Ziele geht.
Nur durch die Gunst der Musen schliessen sich
So viele Reime fest in eins zusammen;
Und seine Seele hegt nur diesen Trieb,
Es soll sich sein Gedicht zum Ganzen ruenden.
Er will nicht Maehrchen ueber Maehrchen haeufen,
Die reizend unterhalten und zuletzt
Wie lose Worte nur verklingend taeuschen.
Lass ihn, mein Bruder! Denn es ist die Zeit
Von einem guten Werke nicht das Mass;
Und wenn die Nachwelt mit geniessen soll,
So muss des Kuenstlers Mitwelt sich vergessen.

Alphons.
Lass uns zusammen, liebe Schwester, wirken,
Wie wir zu beider Vorteil oft getan!
Wenn ich zu eifrig bin, so lindre du:
Und bist du zu gelind, so will ich treiben.
Wir sehen dann auf einmal ihn vielleicht
Am Ziel, wo wir ihn lang' gewuenscht zu sehn.
Dann soll das Vaterland, es soll die Welt
Erstaunen, welch ein Werk vollendet worden.
Ich nehme meinen Teil des Ruhms davon,
Und er wird in das Leben eingefuehrt.
Ein edler Mensch kann einem engen Kreise
Nicht seine Bildung danken. Vaterland
Und Welt muss auf ihn wirken. Ruhm und Tadel
Muss er ertragen lernen. Sich und andre
Wird er gezwungen recht zu kennen. Ihn
Wiegt nicht die Einsamkeit mehr schmeichelnd ein.
Es will der Feind--es darf der Freund nicht schonen;
Dann uebt der Juengling streitend seine Kraefte,
Fuehlt was er ist, und fuehlt sich bald ein Mann.

Leonore.
So wirst du, Herr, fuer ihn noch alles tun,
Wie du bisher fuer ihn schon viel getan.
Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
O dass er sein Gemuet wie seine Kunst
An deinen Lehren bilde! Dass er nicht
Die Menschen laenger meide, dass sein Argwohn
Sich nicht zuletzt in Furcht und Hass verwandle!

Alphons.
Die Menschen fuerchtet nur, wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen.
Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
Ein frei Gemuet verworren und gefesselt.
So ist er oft um meine Gunst besorgt,
Weit mehr, als es ihm ziemte; gegen viele
Hegt er ein Misstraun, die, ich weiss es sicher,
Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja,
Dass sich ein Brief verirrt, dass ein Bedienter
Aus seinem Dienst in einen andern geht,
Dass ein Papier aus seinen Haenden kommt,
Gleich sieht er Absicht, sieht Verraeterei
Und Tuecke die sein Schicksal untergraebt.

Prinzessin.
Lass uns, geliebter Bruder, nicht vergessen,
Dass von sich selbst der Mensch nicht scheiden kann.
Und wenn ein Freund, der mit uns wandeln sollte,
Sich einen Fuss beschaedigte, wir wuerden
Doch lieber langsam gehn und unsre Hand
Ihm gern und willig leihen.

Alphons.
                        Besser waer's,
Wenn wir ihn heilen koennten, lieber gleich
Auf treuen Rat des Arztes eine Kur
Versuchten, dann mit dem Geheilten froh
Den neuen Weg des frischen Lebens gingen.
Doch hoff' ich, meine Lieben, dass ich nie
Die Schuld des rauen Arztes auf mich lade.
Ich tue, was ich kann, um Sicherheit
Und Zutraun seinem Busen einzupraegen.
Ich geb' ihm oft in Gegenwart von vielen
Entschiedne Zeichen meiner Gunst. Beklagt
Er sich bei mir, so lass' ich's untersuchen;
Wie ich es tat, als er sein Zimmer neulich
Erbrochen glaubte. Laesst sich nichts entdecken,
So zeig' ich ihm gelassen, wie ich's sehe;
Und da man alles ueben muss, so ueb' ich,
Weil er's verdient, an Tasso die Geduld:
Und ihr, ich weiss es, steht mir willig bei.
Ich hab' euch nun aufs Land gebracht und gehe
Heut' Abend nach der Stadt zurueck. Ihr werdet
Auf einen Augenblick Antonio sehen;
Er kommt von Rom und holt mich ab. Wir haben
Viel auszureden, abzutun. Entschluesse
Sind nun zu fassen, Briefe viel zu schreiben;
Das alles noetigt mich zur Stadt zurueck.

Prinzessin.
Erlaubst du uns dass wir dich hin begleiten?

Alphons.
Bleibt nur in Belriguardo, geht zusammen
Hinueber nach Consandoli! Geniesst
Der schoenen Tage ganz nach freier Lust.

Prinzessin.
Du kannst nicht bei uns bleiben? Die Geschaefte
Nicht hier so gut als in der Stadt verrichten?

Leonore.
Du fuehrst uns gleich Antonio hinweg,
Der uns von Rom so viel erzaehlen sollte?

Alphons.
Es geht nicht an, ihr Kinder; doch ich komme
Mit ihm so bald, als moeglich ist, zurueck:
Dann soll er euch erzaehlen und ihr sollt
Mir ihn belohnen helfen, der so viel
In meinem Dienst aufs Neue sich bemueht.
Und haben wir uns wieder ausgesprochen,
So mag der Schwarm dann kommen, dass es lustig
In unsern Gaerten werde, dass auch mir,
Wie billig, eine Schoenheit in dem Kuehlen,
Wenn ich sie suche gern begegnen mag.

Leonore.
Wir wollen freundlich durch die Finger sehen.

Alphons.
Dagegen wisst ihr, dass ich schonen kann.

Prinzessin (nach der Szene gekehrt).
Schon lange seh' ich Tasso kommen. Langsam
Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
Auf einmal still, wie unentschlossen, geht
Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
Schon wieder.

Alphons.
            Stoert ihn, wenn er denkt und dichtet,
In seinen Traeumen nicht, und lasst ihn wandeln.

Leonore.
Nein, er hat uns gesehn, er kommt hierher.



Dritter Auftritt
Die Vorigen. Tasso.

Tasso (mit einem Buche, in Pergament geheftet).
Ich komme langsam, dir ein Werk zu bringen,
Und zaudre noch, es dir zu ueberreichen.
Ich weiss zu wohl, noch bleibt es unvollendet,
Wenn es auch gleich geendigt scheinen moechte.
Allein, war ich besorgt, es unvollkommen
Dir hinzugeben, so bezwingt mich nun
Die neue Sorge: Moecht' ich doch nicht gern
Zu aengstlich, moecht' ich nicht undankbar scheinen.
Und wie der Mensch nur sagen kann: Hie bin ich!
Dass Freunde seiner schonend sich erfreuen,
So kann ich auch nur sagen: Nimm es hin!

(Er uebergibt den Band.)

Alphons.
Du ueberraschest mich mit deiner Gabe
Und machst mir diesen schoenen Tag zum Fest.
So halt' ich's endlich denn in meinen Haenden,
Und nenn' es in gewissem Sinne mein!
Lang' wuenscht' ich schon, du moechtest dich entschliessen
Und endlich sagen: Hier! Es ist genug.

Tasso.
Wenn Ihr zufrieden seid, so ist's vollkommen;
Denn euch gehoert es zu in jedem Sinn.
Betrachtet' ich den Fleiss, den ich verwendet,
Sah ich die Zuege meiner Feder an,
So konnt' ich sagen: Dieses Werk ist mein.
Doch seh' ich naeher an, was dieser Dichtung
Den innren Wert und ihre Wuerde gibt,
Erkenn' ich wohl: Ich hab' es nur von euch.
Wenn die Natur der Dichtung holde Gabe
Aus reicher Willkuer freundlich mir geschenkt,
So hatte mich das eigensinn'ge Glueck
Mit grimmiger Gewalt von sich gestossen;
Und zog die schoene Welt den Blick des Knaben
Mit ihrer ganzen Fuelle herrlich an,
So truebte bald den jugendlichen Sinn
Der teuren Eltern unverdiente Not.
Eroeffnete die Lippe sich zu singen,
So floss ein traurig Lied von ihr herab,
Und ich begleitete mit leisen Toenen
Des Vaters Schmerzen und der Mutter Qual.
Du warst allein, der aus dem engen Leben
Zu einer schoenen Freiheit mich erhob;
Der jede Sorge mir vom Haupte nahm,
Mir Freiheit gab, dass meine Seele sich
Zu mutigem Gesang entfalten konnte;
Und welchen Preis nun auch mein Werk erhaelt,
Euch dank' ich ihn; denn euch gehoert es zu.

Alphons.
Zum zweiten Mal verdienst du jedes Lob,
Und ehrst bescheiden dich und uns zugleich.

Tasso.
O koennt' ich sagen wie ich lebhaft fuehle,
Dass ich von Euch nur habe, was ich bringe!
Der tatenlose Juengling--nahm er wohl
Die Dichtung aus sich selbst? Die kluge Leitung
Des raschen Krieges--hat er die ersonnen?
Die Kunst der Waffen, die ein jeder Held
An dem beschiednen Tage kraeftig zeigt,
Des Feldherrn Klugheit und der Ritter Mut,
Und wie sich List und Wachsamkeit bekaempft,
Hast du mir nicht, o kluger, tapfrer Fuerst,
Das alles eingefloesst als waerest du
Mein Genius, der eine Freude faende,
Sein hohes, unerreichbar hohes Wesen
Durch einen Sterblichen zu offenbaren?

Prinzessin.
Geniesse nun des Werks, das uns erfreut!

Alphons.
Erfreue dich des Beifalls jedes Guten!

Leonore.
Des allgemeinen Ruhms erfreue dich!

Tasso.
Mir ist an diesem Augenblick genug.
An euch nur dacht' ich wenn ich sann und schrieb;
Euch zu gefallen, war mein hoechster Wunsch,
Euch zu ergoetzen, war mein letzter Zweck.
Wer nicht die Welt in seinen Freunden sieht,
Verdient nicht, dass die Welt von ihm erfahre.
Hier ist mein Vaterland, hier ist der Kreis,
In dem sich meine Seele gern verweilt.
Hier horch' ich auf, hier acht' ich jeden Wink,
Hier spricht Erfahrung, Wissenschaft, Geschmack;
Ja, Welt und Nachwelt seh' ich vor mir stehn.
Die Menge macht den Kuenstler irr' und scheu:
Nur wer Euch aehnlich ist, versteht und fuehlt,
Nur der allein soll richten und belohnen!

Alphons.
Und stellen wir denn Welt und Nachwelt vor,
So ziemt es nicht nur muessig zu empfangen.
Das schoene Zeichen, das den Dichter ehrt,
Das selbst der Held, der seiner stets bedarf,
Ihm ohne Neid ums Haupt gewunden sieht,
Erblick' ich hier auf deines Anherrn Stirne.

(Auf die Herme Virgils deutend.)

Hat es der Zufall, hat's ein Genius
Geflochten und gebracht? Es zeigt sich hier
Uns nicht umsonst. Virgil hoer' ich sagen:
Was ehret ihr die Toten? Hatten die
Doch ihren Lohn und Freude da sie lebten;
Und wenn ihr uns bewundert und verehrt,
So gebt auch den Lebendigen ihr Teil.
Mein Marmorbild ist schon bekraenzt genug--
Der gruene Zweig gehoert dem Leben an.

(Alphons winkt seiner Schwester; sie nimmt den Kranz von der Bueste
Virgils und naehert sich Tasso. Er tritt zurueck.)

Leonore.
Du weigerst dich? Sieh welche Hand den Kranz,
Den schoenen unverwelklichen, dir bietet!

Tasso.
O lasst mich zoegern! Seh' ich doch nicht ein,
Wie ich nach dieser Stunde leben soll.

Alphons.
In dem Genuss des herrlichen Besitzes,
Der dich im ersten Augenblick erschreckt.

Prinzessin (indem sie den Kranz in die Hoehe haelt).
Du goennest mir die seltne Freude, Tasso,
Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.

Tasso.
Die schoene Last aus deinen teuren Haenden
Empfang' ich kniend auf mein schwaches Haupt.

(Er kniet nieder, die Prinzessin setzt ihm den Kranz auf.)

Leonore (applaudierend).
Es lebe der zum ersten Mal bekraenzte!
Wie zieret den bescheidnen Mann der Kranz!

(Tasso steht auf.)

Alphons.
Es ist ein Vorbild nur von jener Krone,
Die auf dem Kapitol dich zieren soll.

Prinzessin.
Dort werden lautere Stimmen dich begruessen;
Mit leiser Lippe lohnt die Freundschaft hier.

Tasso.
O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
Nehmt ihn hinweg! Er sengt mir meine Locken,
Und wie ein Strahl der Sonne, der zu heiss
Das Haupt mir traefe, brennt er mir die Kraft
Des Denkens aus der Stirne. Fieberhitze
Bewegt mein Blut. Verzeiht! Es ist zu viel!

Leonore.
Es schuetzet dieser Zweig vielmehr das Haupt
Des Manns, der in den heissen Regionen
Des Ruhms zu wandeln hat, und kuehlt die Stirne.

Tasso.
Ich bin nicht wert, die Kuehlung zu empfinden,
Die nur um Heldenstirnen wehen soll.
O hebt ihn auf, ihr Goetter, und verklaert
Ihn zwischen Wolken, dass er hoch und hoeher
Und unerreichbar schwebe! Dass mein Leben
Nach diesem Ziel ein ewig Wandeln sei!

Alphons.
Wer frueh erwirbt, lernt frueh den hohen Wert
Der holden Gueter dieses Lebens schaetzen;
Wer frueh geniesst, entbehrt in seinem Leben
Mit Willen nicht, was er einmal besass;
Und wer besitzt, der, muss geruestet sein.

Tasso.
Und wer sich ruesten will, muss eine Kraft
Im Busen fuehlen, die ihm nie versagt.
Ach! Sie versagt mir eben jetzt! Im Glueck
Verlaesst sie mich, die angeborne Kraft,
Die standhaft mich dem Unglueck, stolz dem Unrecht
Begegnen lehrte. Hat die Freude mir,
Hat das Entzuecken dieses Augenblicks
Das Mark in meinen Gliedern aufgeloest?
Es sinken meine Knie! Noch einmal
Siehst du, o Fuerstin, mich gebeugt vor dir!
Erhoere meine Bitte: Nimm ihn weg!
Dass, wie aus einem schoenen Traum erwacht,
Ich ein erquicktes neues Leben fuehle.

Prinzessin.
Wenn du bescheiden ruhig das Talent,
Das dir die Goetter gaben, tragen kannst,
So lern' auch diese Zweige tragen, die
Das Schoenste sind, was wir dir geben koennen.
Wem einmal, wuerdig, sie das Haupt beruehrt,
Dem schweben sie auf ewig um die Stirne.

Tasso.
So lasst mich denn beschaemt von hinnen gehn!
Lasst mich mein Glueck im tiefen Hain verbergen,
Wie ich sonst meine Schmerzen dort verbarg.
Dort will ich einsam wandeln, dort erinnert
Kein Auge mich ans unverdiente Glueck.
Und zeigt mir ungefaehr ein klarer Brunnen
In seinem reinen Spiegel einen Mann,
Der wunderbar bekraenzt im Widerschein
Des Himmels zwischen Baeumen, zwischen Felsen
Nachdenkend ruht: So scheint es mir, ich sehe
Elysium auf dieser Zauberflaeche
Gebildet. Still bedenk' ich mich und frage:
Wer mag der Abgeschiedne sein? Der Juengling
Aus der vergangnen Zeit? So schoen bekraenzt?
Wer sagt mir seinen Namen? Sein Verdienst?
Ich warte lang' und denke: Kaeme doch
Ein andrer und noch einer, sich zu ihm
In freundlichem Gespraeche zu gesellen!
O saeh' ich die Heroen, die Poeten
Der alten Zeit um diesen Quell versammelt!
O saeh' ich hier sie immer unzertrennlich,
Wie sie im Leben fest verbunden waren!
So bindet der Magnet durch seine Kraft
Das Eisen mit dem Eisen fest zusammen,
Wie gleiches Streben Held und Dichter bindet.
Homer vergass sich selbst, sein ganzes Leben
War der Betrachtung zweier Maenner heilig,
Und Alexander in Elysium
Eilt, den Achill und den Homer zu suchen.
O dass ich gegenwaertig waere, sie,
Die groessten Seelen, nun vereint zu sehen!

Leonore.
Erwach'! Erwache! Lass uns nicht empfinden,
Dass du das Gegenwaert'ge ganz verkennst.

Tasso.
Es ist die Gegenwart, die mich erhoeht,
Abwesend schein' ich nur: Ich bin entzueckt.

Prinzessin.
Ich freue mich, wenn du mit Geistern redest,
Dass du so menschlich sprichst, und hoer' es gern.

(Ein Page tritt zu dem Fuersten und richtet leise etwas aus.)

Alphons.
Er ist gekommen! Recht zur guten Stunde.
Antonio!--Bring ihn her--Da kommt er schon!



Vierter Auftritt
Die Vorigen. Antonio.

Alphons.
Willkommen! Der du uns zugleich dich selbst
Und gute Botschaft bringst.

Prinzessin.
                        Sei uns gegruesst!

Antonio.
Kaum wag' ich es zu sagen, welch Vergnuegen
In eurer Gegenwart mich neu belebt.
Vor euren Augen find' ich alles wieder,
Was ich so lang' entbehrt. Ihr scheint zufrieden
Mit dem, was ich getan, was ich vollbracht;
Und so bin ich belohnt fuer jede Sorge,
Fuer manchen bald mit Ungeduld durchharrten,
Bald absichtsvoll verlornen Tag. Wir haben
Nun, was wir wuenschen, und kein Streit ist mehr.

Leonore.
Auch ich begruesse dich, wenn ich schon zuerne.
Du kommst nur eben, da ich reisen muss.

Antonio.
Damit mein Glueck nicht ganz vollkommen werde,
Nimmst du mir gleich den schoenen Teil hinweg.

Tasso.
Auch meinen Gruss! Ich hoffe mich der Naehe
Des viel erfahrnen Mannes auch zu freun.

Antonio.
Du wirst mich wahrhaft finden, wenn du je
Aus deiner Welt in meine schauen magst.

Alphons.
Wenn du mir gleich in Briefen schon gemeldet,
Was du getan, und wie es dir ergangen,
So hab' ich doch noch manches auszufragen,
Durch welche Mittel das Geschaeft gelang.
Auf jenem wunderbaren Boden will der Schritt
Wohl abgemessen sein, wenn er zuletzt
An deinen eignen Zweck dich fuehren soll.
Wer seines Herren Vorteil rein bedenkt,
Der hat in Rom gar einen schweren Stand:
Denn Rom will alles nehmen, geben nichts;
Und kommt man hin, um etwas zu erhalten,
Erhaelt man nichts, man bringe denn was hin,
Und gluecklich, wenn man da noch was erhaelt.

Antonio.
Es ist nicht mein Betragen, meine Kunst,
Durch die ich deinen Willen, Herr, vollbracht;
Denn welcher Kluge faend' im Vatikan
Nicht seinen Meister? Vieles traf zusammen,
Das ich zu unserm Vorteil nutzen konnte.
Dich ehrt Gregor und gruesst und segnet dich.
Der Greis, der wuerdigste, dem eine Krone
Das Haupt belastet, denkt der Zeit mit Freuden,
Da er in seinen Arm dich schloss. Der Mann,
Der Maenner unterscheidet, kennt und ruehmt
Dich hoch! Um deinetwillen tat er viel.

Alphons.
Ich freue seiner guten Meinung mich,
Sofern sie redlich ist. Doch weisst du wohl,
Vom Vatikan herab sieht man die Reiche
Schon klein genug zu seinen Fuessen liegen,
Geschweige denn die Fuersten und die Menschen.
Gestehe nur, was dir am meisten half!

Antonio.
Gut! Wenn du willst: Der hohe Sinn des Papsts.
Er sieht das Kleine klein, das Grosse gross.
Damit er einer Welt gebiete, gibt
Er seinen Nachbarn gern und freundlich nach.
Das Streifchen Land, das er dir ueberlaesst,
Weiss er, wie deine Freundschaft, wohl zu schaetzen.
Italien soll ruhig sein, er will
In seiner Naehe Freunde sehen, Friede
Bei seinen Grenzen halten, dass die Macht
Der Christenheit, die er gewaltig lenkt,
Die Tuerken da, die Ketzer dort vertilge.

Prinzessin.
Weiss man die Maenner, die er mehr als andre
Beguenstigt, die sich ihm vertraulich nahn?

Antonio.
Nur der erfahrne Mann besitzt sein Ohr,
Der taetige sein Zutraun, seine Gunst.
Er, der von Jugend auf dem Staat gedient,
Beherrscht ihn jetzt und wirkt auf jene Hoefe,
Die er vor Jahren als Gesandter schon
Gesehen und gekannt und oft gelenkt.
Es liegt die Welt so klar vor seinem Blick
Als wie der Vorteil seines eignen Staats.
Wenn man ihn handeln sieht, so lobt man ihn
Und freut sich, wenn die Zeit entdeckt, was er
Im stillen lang' bereitet und vollbracht.
Es ist kein schoenrer Anblick in der Welt,
Als einen Fuersten sehn, der klug regieret,
Das Reich zu sehn, wo jeder stolz gehorcht,
Wo jeder sich nur selbst zu dienen glaubt,
Weil ihm das Rechte nur befohlen wird.

Leonore.
Wie sehnlich wuenscht' ich jene Welt einmal
Recht nah zu sehn!

Alphons.
Doch wohl um mit zu wirken
Denn bloss beschaun wird Leonore nie.
Es waere doch recht artig, meine Freundin,
Wenn in das grosse Spiel wir auch zuweilen
Die zarten Haende mischen koennten--Nicht?

Leonore (zu Alphons).
Du willst mich reizen, es gelingt dir nicht.

Alphons.
Ich bin dir viel von andern Tagen schuldig.

Leonore.
Nun gut, so bleib' ich heut in deiner Schuld!
Verzeih' und stoere meine Fragen nicht.
(Zu Antonio.) Hat er fuer die Nepoten viel getan?

Antonio.
Nicht weniger noch mehr, als billig ist.
Ein Maechtiger, der fuer die Seinen nicht
Zu sorgen weiss, wird von dem Volke selbst
Getadelt. Still und maessig weiss Gregor
Den Seinigen zu nutzen, die dem Staat
Als wackre Maenner dienen, und erfuellt
Mit Einer Sorge zwei verwandte Pflichten.

Tasso.
Erfreut die Wissenschaft, erfreut die Kunst
Sich seines Schutzes auch? Und eifert er
Den grossen Fuersten alter Zeiten nach?

Antonio.
Er ehrt die Wissenschaft, so fern sie nutzt,
Den Staat regieren, Voelker kennen lehrt;
Er schaetzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom
Verherrlicht und Palast und Tempel
Zu Wunderwerken dieser Erde macht.
In seiner Naehe darf nichts muessig sein!
Was gelten soll, muss wirken und muss dienen.

Alphons.
Und glaubst du, dass wir das Geschaefte bald
Vollenden koennen? Dass sie nicht zuletzt
Noch hie und da uns Hindernisse streuen?

Antonio.
Ich muesste sehr mich irren, wenn nicht gleich
Durch deinen Nahmenszug, durch wenig Briefe
Auf immer dieser Zwist gehoben waere.

Alphons.
So lob' ich diese Tage meines Lebens
Als eine Zeit des Glueckes und Gewinns.
Erweitert seh' ich meine Grenze, weiss
Sie fuer die Zukunft sicher. Ohne Schwertschlag
Hast du's geleistet, eine Buergerkrone
Dir wohl verdient. Es sollen unsre Frauen
Vom ersten Eichenlaub am schoensten Morgen
Geflochten dir sie um die Stirne legen.
Indessen hat mich Tasso auch bereichert:
Er hat Jerusalem fuer uns erobert
Und so die neue Christenheit beschaemt,
Ein weit entferntes, hoch gestecktes Ziel
Mit frohem Mut und strengem Fleiss erreicht.
Fuer seine Muehe siehst du ihn gekroent.

Antonio.
Du loesest mir ein Raethsel. Zwei Bekraenzte
Erblickt' ich mit Verwundrung, da ich kam.

Tasso.
Wenn du mein Glueck vor deinen Augen siehst,
So wuenscht' ich, dass du mein beschaemt Gemuet
Mit eben diesem Blicke schauen koenntest.

Antonio.
Mir war es lang' bekannt, dass im Belohnen
Alphons unmaessig ist, und du erfaehrst
Was jeder von den Seinen schon erfuhr.

Prinzessin.
Wenn du erst siehst, was er geleistet hat,
So wirst du uns gerecht und maessig finden.
Wir sind nur hier die ersten stillen Zeugen
Des Beifalls, den die Welt ihm nicht versagt,
Und den ihm zehnfach kuenft'ge Jahre goennen.

Antonio.
Er ist durch euch schon seines Ruhms gewiss.
Wer duerfte zweifeln, wo ihr preisen koennt?
Doch sage mir, wer druckte diesen Kranz
Auf Ariostes Stirne?

Leonore.
                        Diese Hand.

Antonio.
Und sie hat wohl getan! Er ziert ihn schoen,
Als ihn der Lorbeer selbst nicht zieren wuerde.
Wie die Natur die innig reiche Brust
Mit einem gruenen bunten Kleide deckt,
So huellt er alles, was den Menschen nur
Ehrwuerdig, liebenswuerdig machen kann,
Ins bluehende Gewand der Fabel ein.
Zufriedenheit, Erfahrung und Verstand
Und Geisteskraft, Geschmack und reiner Sinn
Fuers wahre Gute, geistig scheinen sie
In seinen Liedern und persoenlich doch
Wie unter Bluetenbaeumen auszuruhn,
Bedeckt vom Schnee der leicht getragnen Blueten,
Umkraenzt von Rosen, wunderlich umgaukelt
Vom losen Zauberspiel der Amoretten.
Der Quell des Ueberflusses rauscht darneben,
Und laesst uns bunte Wunderfische sehn.
Von seltenem Gefluegel ist die Luft,
Von fremden Herden Wies' und Busch erfuellt;
Die Schalkheit lauscht im Gruenen halb versteckt,
Die Weisheit laesst von einer goldnen Wolke
Von Zeit zu Zeit erhabne Sprueche toenen,
Indes auf wohl gestimmter Laute wild
Der Wahnsinn hin und her zu wuehlen scheint
Und doch im schoensten Takt sich maessig haelt.
Wer neben diesem Mann sich wagen darf,
Verdient fuer seine Kuehnheit schon den Kranz.
Vergebt, wenn ich mich selbst begeistert fuehle,
Wie ein Verzueckter weder Zeit noch Ort,
Noch, was ich sage, wohl bedenken kann;
Denn alle diese Dichter, diese Kraenze,
Das seltne festliche Gewand der Schoenen
Versetzt mich aus mir selbst in fremdes Land.

Prinzessin.
Wer ein Verdienst so wohl zu schaetzen weiss,
Der wird das andre nicht verkennen. Du
Sollst uns dereinst in Tassos Liedern zeigen,
Was wir gefuehlt und was nur du erkennst.

Alphons.
Komm mit, Antonio! Manches hab' ich noch,
Worauf ich sehr begierig bin, zu fragen.
Dann sollst du bis zum Untergang der Sonne
Den Frauen angehoeren. Komm! Lebt wohl.

(Dem Fuersten folgt Antonio, den Damen Tasso.)




Zweiter Aufzug
(Saal.)



Erster Auftritt
Prinzessin. Tasso.

Tasso.
Unsicher folgen meine Schritte dir,
O Fuerstin, und Gedanken ohne Mass
Und Ordnung regen sich in meiner Seele.
Mir scheint die Einsamkeit zu winken, mich
Gefaellig anzulispeln: Komm, ich loese
Die neu erregten Zweifel deiner Brust.
Doch werf' ich einen Blick auf dich, vernimmt
Mein horchend Ohr ein Wort von deiner Lippe,
So wird ein neuer Tag um mich herum,
Und alle Bande fallen von mir los.
Ich will dir gern gestehn, es hat der Mann,
Der unerwartet zu uns trat, nicht sanft
Aus einem schoenen Traum mich aufgeweckt;
Sein Wesen, seine Worte haben mich
So wunderbar getroffen, dass ich mehr
Als je mich doppelt fuehle, mit mir selbst
Aufs neu' in streitender Verwirrung bin.

Prinzessin.
Es ist unmoeglich, dass ein alter Freund,
Der, lang' entfernt, ein fremdes Leben fuehrte,
Im Augenblick, da er uns wieder sieht,
Sich wieder gleich wie ehmals finden soll.
Er ist in seinem Innern nicht veraendert;
Lass uns mit ihm nur wenig Tage leben,
So stimmen sich die Saiten hin und wider,
Bis gluecklich eine schoene Harmonie
Aufs neue sie verbindet. Wird er dann
Auch naeher kennen, was du diese Zeit
Geleistet hast, so stellt er dich gewiss
Dem Dichter an die Seite, den er jetzt
Als einen Riesen dir entgegen stellt.

Tasso.
Ach, meine Fuerstin, Ariostes Lob
Aus seinem Munde hat mich mehr ergoetzt,
Als dass es mich beleidigt haette. Troestlich
Ist es fuer uns, den Mann geruehmt zu wissen,
Der als ein grosses Muster vor uns steht.
Wir koennen uns im stillen Herzen sagen:
Erreichst du einen Teil von seinem Wert,
Bleibt dir ein Teil auch seines Ruhms gewiss.
Nein, was das Herz im tiefsten mir bewegte,
Was mir noch jetzt die ganze Seele fuellt,
Es waren die Gestalten jener Welt,
Die sich lebendig, rastlos, ungeheuer
Um einen grossen, einzig klugen Mann
Gemessen dreht und ihren Lauf vollendet,
Den ihr der Halbgott vorzuschreiben wagt.
Begierig horcht' ich auf, vernahm mit Lust
Die sichern Worte des erfahrnen Mannes;
Doch ach! Je mehr ich horchte, mehr und mehr
Versank ich vor mir selbst, ich fuerchtete,
Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,
Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.

Prinzessin.
Und schienst noch kurz vorher so rein zu fuehlen,
Wie Held und Dichter fuereinander leben,
Wie Held und Dichter sich einander suchen
Und keiner je den andern neiden soll?
Zwar herrlich ist die liedeswerte Tat,
Doch schoen ist's auch, der Taten staerkste Fuelle
Durch wuerd'ge Lieder auf die Nachwelt bringen.
Begnuege dich aus einem kleinen Staate,
Der dich beschuetzt, dem wilden Lauf der Welt,
Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn.

Tasso.
Und sah ich hier mit Staunen nicht zuerst,
Wie herrlich man den tapfern Mann belohnt?
Als unerfahrner Knabe kam ich her,
In einem Augenblick, da Fest auf Fest
Ferrara zu dem Mittelpunkt der Ehre
Zu machen schien. O! Welcher Anblick war's!
Den weiten Platz, auf dem in ihrem Glanze
Gewandte Tapferkeit sich zeigen sollte,
Umschloss ein Kreis, wie ihn die Sonne nicht
So bald zum zweiten Mal bescheinen wird.
Es sassen hier gedraengt die schoensten Frauen,
Gedraengt die ersten Maenner unsrer Zeit.
Erstaunt durchlief der Blick die edle Menge;
Man rief: Sie alle hat das Vaterland,
Das eine, schmale, Meer umgebne Land,
Hierher geschickt. Zusammen bilden sie
Das herrlichste Gericht, das ueber Ehre,
Verdienst und Tugend je entschieden hat.
Gehst du sie einzeln durch, du findest keinen,
Der seines Nachbarn sich zu schaemen brauche!--
Und dann eroeffneten die Schranken sich;
Da stampften Pferde, glaenzten Helm und Schilde,
Da draengten sich die Knappen, da erklang
Trompetenschall, und Lanzen krachten splitternd,
Getroffen toenten Helm' und Schilde, Staub,
Auf einen Augenblick, umhuellte wirbelnd
Des Siegers Ehre, des Besiegten Schmach.
O lass mich einen Vorhang vor das ganze,
Mir allzu helle Schauspiel ziehen, dass
In diesem schoenen Augenblicke mir
Mein Unwert nicht zu heftig fuehlbar werde.

Prinzessin.
Wenn jener edle Kreis, wenn jene Taten
Zu Mueh' und Streben damals dich entflammten,
So konnt' ich, junger Freund, zu gleicher Zeit
Der Duldung stille Lehre dir bewaehren.
Die Feste, die du ruehmst, die hundert Zungen
Mir damals priesen und mir manches Jahr
Nachher gepriesen haben, sah ich nicht.
Am stillen Ort, wohin kaum unterbrochen
Der letzte Widerhall der Freude sich
Verlieren konnte, musst' ich manche Schmerzen
Und manchen traurigen Gedanken leiden.
Mit breiten Fluegeln schwebte mir das Bild
Des Todes vor den Augen, deckte mir
Die Aussicht in die immer neue Welt.
Nur nach und nach entfernt' es sich, und liess
Mich, wie durch einen Flor, die bunten Farben
Des Lebens, blass, doch angenehm, erblicken.
Ich sah' lebend'ge Formen wieder sanft sich regen.
Zum ersten Mal trat ich, noch unterstuetzt
Von meinen Frauen, aus dem Krankenzimmer,
Da kam Lucretia voll frohen Lebens
Herbei und fuehrte dich an ihrer Hand.
Du warst der erste, der im neuen Leben
Mir neu und unbekannt entgegen trat.
Da hofft ich viel fuer dich und mich; auch hat
Uns bis hierher die Hoffnung nicht betrogen.

Tasso.
Und ich, der ich, betaeubt von dem Gewimmel
Des draengenden Gewuehls, von so viel Glanz
Geblendet, und von mancher Leidenschaft
Bewegt, durch stille Gaenge des Palasts
An deiner Schwester Seite schweigend ging,
Dann in das Zimmer trat, wo du uns bald,
Auf deine Fraun gelehnt erschienest--mir
Welch ein Moment war dieser! O vergib!
Wie den Bezauberten von Rausch und Wahn
Der Gottheit Naehe leicht und willig heilt,
So war auch ich von aller Phantasie,
Von jeder Sucht, von jedem falschen Triebe
Mit einem Blick in deinen Blick geheilt.
Wenn unerfahren die Begierde sich
Nach tausend Gegenstaenden sonst verlor,
Trat ich beschaemt zuerst in mich zurueck
Und lernte nun das Wuenschenswerte kennen.
So sucht man in dem weiten Sand des Meers
Vergebens eine Perle, die verborgen
In stillen Schalen eingeschlossen ruht.

Prinzessin.
Es fingen schoene Zeiten damals an,
Und haett' uns nicht der Herzog von Urbino
Die Schwester weggefuehrt, uns waeren Jahre
Im schoenen, ungetruebten Glueck verschwunden.
Doch leider jetzt vermissen wir zu sehr
Den frohen Geist, die Brust voll Mut und Leben,
Den reichen Witz der liebenswuerd'gen Frau.

Tasso.
Ich weiss es nur zu wohl, seit jenem Tage,
Da sie von hinnen schied, vermochte dir
Die reine Freude niemand zu ersetzen.
Wie oft zerriss es meine Brust! Wie oft
Klagt' ich dem stillen Hain mein Leid um dich!
Ach! Rief ich aus, hat denn die Schwester nur
Das Glueck, das Recht, der Teuern viel zu sein?
Ist denn kein Herz mehr wert, dass sie sich ihm
Vertrauen duerfte, kein Gemuet dem ihren
Mehr gleich gestimmt? Ist Geist und Witz verloschen?
Und war die eine Frau, so trefflich sie
Auch war, denn alles? Fuerstin! O verzeih!
Da dacht' ich manchmal an mich selbst und wuenschte,
Dir etwas sein zu koennen. Wenig nur,
Doch etwas, nicht mit Worten, mit der Tat
Wuenscht' ich's zu sein, im Leben dir zu zeigen,
Wie sich mein Herz im Stillen dir geweiht.
Doch es gelang mir nicht, und nur zu oft
Tat ich im Irrtum was dich schmerzen musste,
Beleidigte den Mann, den du beschuetztest,
Verwirrte unklug was du loesen wolltest,
Und fuehlte so mich stets im Augenblick,
Wenn ich mich nahen wollte, fern und ferner.

Prinzessin.
Ich habe, Tasso, deinen Willen nie
Verkannt und weiss, wie du, dir selbst zu schaden,
Geschaeftig bist. Anstatt dass meine Schwester
Mit jedem, wie er sei, zu leben weiss,
So kannst du selbst nach vielen Jahren kaum
In einen Freund dich finden.

Tasso.
Tadle mich!
Doch sage mir hernach: Wo ist der Mann,
Die Frau, mit der ich wie mit dir
Aus freiem Busen wagen darf zu reden?

Prinzessin.
Du solltest meinem Bruder dich vertraun.

Tasso.
Er ist mein Fuerst!--Doch glaube nicht, dass mir
Der Freiheit wilder Trieb den Busen blaehe.
Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein,
Und fuer den Edeln ist kein schoener Glueck,
Als einem Fuersten, den er ehrt, zu dienen.
Und so ist er mein Herr, und ich empfinde
Den ganzen Umfang dieses grossen Worts.
Nun muss ich schweigen lernen, wenn er spricht,
Und tun, wenn er gebietet, moegen auch
Verstand und Herz ihm lebhaft widersprechen.

Prinzessin.
Das ist der Fall bei meinem Bruder nie,
Und nun, da wir Antonio wieder haben,
Ist dir ein neuer kluger Freund gewiss.

Tasso.
Ich hofft' es ehmals, jetzt verzweifl' ich fast.
Wie lehrreich waere mir sein Umgang, nuetzlich
Sein Rat in tausend Faellen! Er besitzt,
Ich mag wohl sagen, alles, was mir fehlt.
Doch--haben alle Goetter sich versammelt,
Geschenke seiner Wiege darzubringen--
Die Grazien sind leider ausgeblieben,
Und wem die Gaben dieser Holden fehlen,
Der kann zwar viel besitzen, vieles geben,
Doch laesst sich nie an seinem Busen ruhn.

Prinzessin.
Doch laesst sich ihm vertraun, und das ist viel.
Du musst von einem Mann nicht alles fordern,
Und dieser leistet, was er dir verspricht.
Hat er sich erst fuer deinen Freund erklaert,
So sorgt er selbst fuer dich, wo du dir fehlst.
Ihr muesst verbunden sein! Ich schmeichle mir,
Dies schoene Werk in kurzem zu vollbringen.
Nur widerstehe nicht, wie du es pflegst!
So haben wir Lenore lang besessen,
Die fein und zierlich ist, mit der es leicht
Sich leben laesst; auch dieser hast du nie,
Wie sie es wuenschte, naeher treten wollen.

Tasso.
Ich habe dir gehorcht, sonst haett' ich mich
Von ihr entfernt, anstatt mich ihr zu nahen.
So liebenswuerdig sie erscheinen kann,
Ich weiss nicht, wie es ist, konnt' ich nur selten
Mit ihr ganz offen sein, und wenn sie auch
Die Absicht hat, den Freunden wohl zu tun,
So fuehlt man Absicht, und man ist verstimmt.

Prinzessin.
Auf diesem Wege werden wir wohl nie
Gesellschaft finden, Tasso! Dieser Pfad
Verleitet uns, durch einsames Gebuesch,
Durch stille Taeler fortzuwandern; mehr
Und mehr verwoehnt sich das Gemuet, und strebt,
Die goldne Zeit, die ihm von aussen mangelt,
In seinem Innern wieder herzustellen,
So wenig der Versuch gelingen will.

Tasso.
O welches Wort spricht meine Fuerstin aus.
Die goldne Zeit, wohin ist sie geflohn,
Nach der sich jedes Herz vergebens sehnt?
Da auf der freien Erde Menschen sich
Wie frohe Herden im Genuss verbreiteten;
Da ein uralter Baum auf bunter Wiese
Dem Hirten und der Hirtin Schatten gab,
Ein juengeres Gebuesch die zarten Zweige
Um sehnsuchtsvolle Liebe traulich schlang;
Wo klar und still auf immer reinem Sande
Der weiche Fluss die Nymphe sanft umfing;
Wo in dem Grase die gescheuchte Schlange
Unschaedlich sich verlor, der kuehne Faun,
Vom tapfern Juengling bald bestraft, entfloh;
Wo jeder Vogel in der freien Luft
Und jedes Tier, durch Berg' und Taeler schweifend,
Zum Menschen sprach: Erlaubt ist, was gefaellt.

Prinzessin.
Mein Freund, die goldne Zeit ist wohl vorbei;
Allein die Guten bringen sie zurueck.
Und soll ich dir gestehen, wie ich denke:
Die goldne Zeit, womit der Dichter uns
Zu schmeicheln pflegt, die schoene Zeit, sie war,
So scheint es mir, so wenig als sie ist;
Und war sie je, so war sie nur gewiss,
Wie sie uns immer wieder werden kann.
Noch treffen sich verwandte Herzen an
Und teilen den Genuss der schoenen Welt;
Nur in dem Wahlspruch aendert sich, mein Freund,
Ein einzig Wort: Erlaubt ist was sich ziemt.

Tasso.
O wenn aus guten, edlen Menschen nur
Ein allgemein Gericht bestellt entschiede,
Was sich denn ziemt! Anstatt dass jeder glaubt,
Es sei auch schicklich, was ihm nuetzlich ist.
Wir sehn ja, dem Gewaltigen, dem Klugen
Steht alles wohl, und er erlaubt sich alles.

Prinzessin.
Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an.
Denn ihnen ist am meisten dran gelegen,
Dass alles wohl sich zieme, was geschieht.
Die Schicklichkeit umgibt mit einer Mauer
Das zarte, leicht verletzliche Geschlecht.
Wo Sittlichkeit regiert, regieren sie,
Und wo die Frechheit herrscht, da sind sie nichts.
Und wirst du die Geschlechter beide fragen:
Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte.

Tasso.
Du nennest uns unbaendig, roh, gefuehllos?

Prinzessin.
Nicht das! Allein ihr strebt nach fernen Guetern,
Und euer Streben muss gewaltsam sein.
Ihr wagt es, fuer die Ewigkeit zu handeln,
Wenn wir ein einzig nah beschraenktes Gut
Auf dieser Erde nur besitzen moechten,
Und wuenschen, dass es uns bestaendig bleibe.
Wir sind von keinem Maennerherzen sicher,
Das noch so warm sich einmal uns ergab.
Die Schoenheit ist vergaenglich, die ihr doch
Allein zu ehren scheint. Was uebrig bleibt,
Das reizt nicht mehr, und was nicht reizt, ist tot.
Wenn's Maenner gaebe, die ein weiblich Herz
Zu schaetzen wuessten, die erkennen moechten,
Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe
Der Busen einer Frau bewahren kann;
Wenn das Gedaechtnis einzig schoener Stunden
In euren Seelen lebhaft bleiben wollte;
Wenn euer Blick, der sonst durchdringend ist,
Auch durch den Schleier dringen koennte, den
Uns Alter oder Krankheit ueberwirft;
Wenn der Besitz, der ruhig machen soll,
Nach fremden Guetern euch nicht luestern machte:
Dann waer' uns wohl ein schoener Tag erschienen,
Wir feierten dann unsre goldne Zeit.

Tasso.
Du sagst mir Worte, die in meiner Brust
Halb schon entschlafne Sorgen maechtig regen.

Prinzessin.
Was meinst du, Tasso? Rede frei mit mir.

Tasso.
Oft hoert' ich schon, und diese Tage wieder
Hab' ich's gehoert, ja haett' ich's nicht vernommen,
So muesst' ich's denken: Edle Fuersten streben
Nach deiner Hand! Was wir erwarten muessen,
Das fuerchten wir und moechten schier verzweifeln,
Verlassen wirst du uns, es ist natuerlich;
Doch wie wir's tragen wollen, weiss ich nicht.

Prinzessin.
Fuer diesen Augenblick seid unbesorgt!
Fast moecht' ich sagen: Unbesorgt fuer immer.
Hier bin ich gern, und gerne mag ich bleiben.
Noch weiss ich kein Verhaeltnis, das mich lockte;
Und wenn ihr mich denn ja behalten wollt,
So lasst es mir durch Eintracht sehn und schafft
Euch selbst ein gluecklich Leben, mir durch euch.

Tasso.
O lehre mich, das Moegliche zu tun!
Gewidmet sind dir alle meine Tage.
Wenn, dich zu preisen, dir zu danken, sich
Mein Herz entfaltet, dann empfind' ich erst
Das reinste Glueck, das Menschen fuehlen koennen;
Das Goettlichste erfuhr ich nur in dir.
So unterscheiden sich die Erdengoetter
Vor andern Menschen, wie das hohe Schicksal
Vom Rat und Willen selbst der kluegsten Maenner
Sich unterscheidet. Vieles lassen sie,
Wenn wir gewaltsam Wog' auf Woge sehn,
Wie leichte Wellen, unbemerkt vorueber
Vor ihren Fuessen rauschen, hoeren nicht
Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft,
Vernehmen unser Flehen kaum und lassen,
Wie wir beschraenkten armen Kindern tun,
Mit Seufzern und Geschrei die Luft uns fuellen.
Du hast mich oft, o Goettliche, geduldet,
Und wie die Sonne, trocknete dein Blick
Den Tau von meinen Augenliedern ab.

Prinzessin.
Es ist sehr billig, dass die Frauen dir
Aufs freundlichste begegnen: Es verherrlicht
Dein Lied auf manche Weise das Geschlecht.
Zart oder tapfer, hast du stets gewusst,
Sie liebenswert und edel vorzustellen;
Und wenn Armide hassenswert erscheint,
Versoehnt ihr Reiz und ihre Liebe bald.

Tasso.
Was auch in meinem Liede widerklingt,
Ich bin nur einer, einer alles schuldig!
Es schwebt kein geistig unbestimmtes Bild
Vor meiner Stirne, das der Seele bald
Sich ueberglaenzend nahte, bald entzoege.
Mit meinen Augen hab' ich es gesehn,
Das Urbild jeder Tugend, jeder Schoene;
Was ich nach ihm gebildet, das wird bleiben:
Tancredes Heldenliebe zu Chlorinde,
Erminies stille, nicht bemerkte Treue,
Sophronies Grossheit und Olindes Not,
Es sind nicht Schatten, die der Wahn erzeugte,
Ich weiss es, sie sind ewig; denn sie sind.
Und was hat mehr das Recht, Jahrhunderte
Zu bleiben und im stillen fortzuwirken,
Als das Geheimnis einer edlen Liebe,
Dem holden Lied bescheiden anvertraut?

Prinzessin.
Und soll ich dir noch einen Vorzug sagen,
Den unvermerkt sich dieses Lied erschleicht?
Es lockt uns nach und nach, wir hoeren zu,
Wir hoeren und wir glauben zu verstehn,
Was wir verstehn, das koennen wir nicht tadeln,
Und so gewinnt uns dieses Lied zuletzt.

Tasso.
Welch einen Himmel oeffnest du vor mir,
O Fuerstin! Macht mich dieser Glanz nicht blind,
So seh' ich unverhofft ein ewig Glueck
Auf goldnen Strahlen herrlich niedersteigen.

Prinzessin.
Nicht weiter, Tasso! Viele Dinge sind's,
Die wir mit Heftigkeit ergreifen sollen:
Doch andre koennen nur durch Maessigung
Und durch Entbehren unser eigen werden.
So, sagt man, sei die Tugend, sei die Liebe,
Die ihr verwandt ist. Das bedenke wohl!



Zweiter Auftritt
Tasso (allein).

Ist dir's erlaubt, die Augen aufzuschlagen?
Wagst du's umher zu sehn? Du bist allein!
Vernahmen diese Saeulen was sie sprach?
Und hast du Zeugen, diese stumme Zeugen
Des hoechsten Gluecks zu fuerchten? Es erhebt
Die Sonne sich des neuen Lebenstages,
Der mit den vorigen sich nicht vergleicht.
Hernieder steigend hebt die Goettin schnell
Den Sterblichen hinauf. Welch neuer Kreis
Entdeckt sich meinem Auge, welches Reich!
Wie koestlich wird der heisse Wunsch belohnt!
Ich traeumte mich dem hoechsten Gluecke nah,
Und dieses Glueck ist ueber alle Traeume.
Der Blindgeborne denke sich das Licht,
Die Farben wie er will; erscheinet ihm
Der neue Tag, ist's ihm ein neuer Sinn.
Voll Mut und Ahnung, freudetrunken schwankend
Betret' ich diese Bahn. Du gibst mir viel,
Du gibst, wie Erd' und Himmel uns Geschenke
Mit vollen Haenden uebermaessig reichen,
Und forderst wieder, was von mir zu fordern
Nur eine solche Gabe dich berechtigt.
Ich soll entbehren, soll mich maessig zeigen
Und so verdienen, dass du mir vertraust.
Was tat ich je, dass sie mich waehlen konnte?
Was soll ich tun, um ihrer wert zu sein?
Sie konnte dir vertraun und dadurch bist du's.
Ja, Fuerstin, deinen Worten, deinen Blicken
Sei ewig meine Seele ganz geweiht!
Ja, fordre was du willst, denn ich bin dein!
Sie sende mich, Mueh' und Gefahr und Ruhm
In fernen Landen aufzusuchen, reiche
Im stillen Hain die goldne Leier mir,
Sie weihe mich der Ruh' und ihrem Preis:
Ihr bin ich, bildend soll sie mich besitzen,
Mein Herz bewahrte jeden Schatz fuer sie.
O haett' ein tausendfaches Werkzeug mir
Ein Gott gegoennt, kaum drueckt' ich dann genug
Die unaussprechliche Verehrung aus.
Des Mahlers Pinsel und des Dichters Lippe,
Die suesseste, die je von fruehem Honig
Genaehrt war, wuenscht' ich mir. Nein, kuenftig soll
Nicht Tasso zwischen Baeumen, zwischen Mensch
Sich einsam, schwach und trueb gesinnt verlieren!
Er ist nicht mehr allein, er ist mit dir.
O dass die edelste der Taten sich
Hier sichtbar vor mich stellte, rings umgeben
Von graesslicher Gefahr! Ich draenge zu
Und wagte gern das Leben, das ich nun
Von ihren Haenden habe--forderte
Die besten Menschen mir zu Freunden auf,
Unmoegliches mit einer edeln Schar
Nach Ihrem Wink und Willen zu vollbringen.
Voreiliger, warum verbarg dein Mund
Nicht das, was du empfandst, bis du dich wert
Und werter ihr zu Fuessen legen konntest?
Das war dein Vorsatz, war dein kluger Wunsch.
Doch sei es auch! Viel schoener ist es, rein
Und unverdient ein solch Geschenk empfangen,
Als halb und halb zu waehnen, dass man wohl
Es habe fordern duerfen. Blicke freudig!
Es ist so gross, so weit, was vor dir liegt,
Und hoffnungsvolle Jugend lockt dich wieder
In unbekannte, lichte Zukunft hin!
--Schwelle Brust!--O Witterung des Gluecks,
Beguenst'ge diese Pflanze doch einmal!
Sie strebt gen Himmel, tausend Zweige dringen
Aus ihr hervor, entfalten sich zu Blueten.
O dass sie Furcht, o dass sie Freuden bringe!
Dass eine liebe Hand den goldnen Schmuck
Aus ihren frischen, reichen Aesten breche!



Dritter Auftritt
Tasso. Antonio.

Tasso.
Sei mir willkommen, den ich gleichsam jetzt
Zum ersten Mal erblicke! Schoener ward
Kein Mann mir angekuendigt. Sei willkommen!
Dich kenn' ich nun und deinen ganzen Wert,
Dir biet' ich ohne Zoegern Herz und Hand
Und hoffe, dass auch du mich nicht verschmaehst.

Antonio.
Freigebig bietest du mir schoene Gaben,
Und ihren Wert erkenn' ich wie ich soll:
Drum lass mich zoegern, eh' ich sie ergreife.
Weiss ich doch nicht, ob ich dir auch dagegen
Ein Gleiches geben kann. Ich moechte gern
Nicht uebereilt und nicht undankbar scheinen:
Lass mich fuer beide klug und sorgsam sein.

Tasso.
Wer wird die Klugheit tadeln? Jeder Schritt
Des Lebens zeigt, wie sehr sie noetig sei;
Doch schoener ist's, wenn uns die Seele sagt,
Wo wir der feinen Vorsicht nicht beduerfen.

Antonio.
Darueber frage jeder sein Gemuet,
Weil er den Fehler selbst zu buessen hat.

Tasso.
So sei's! Ich habe meine Pflicht getan:
Der Fuerstin Wort, die uns zu Freunden wuenscht,
Hab' ich verehrt und mich dir vorgestellt.
Rueckhalten durft' ich nicht, Antonio; doch gewiss,
Zudringen will ich nicht. Es mag denn sein.
Zeit und Bekanntschaft heissen dich vielleicht
Die Gabe waermer fordern, die du jetzt
So kalt beiseite lehnst und fast verschmaehst.

Antonio.
Der Maessige wird oefters kalt genannt
Von Menschen, die sich warm vor andern glauben,
Weil sie die Hitze fliegend ueberfaellt.

Tasso.
Du tadelst, was ich tadle, was ich melde.
Auch ich verstehe wohl, so jung ich bin,
Der Heftigkeit die Dauer vorzuziehn.

Antonio.
Sehr weislich! Bleibe stets auf diesem Sinne.

Tasso.
Du bist berechtigt, mir zu raten, mich
Zu warnen; denn es steht Erfahrung dir
Als lang' erprobte Freundin an der Seite.
Doch glaube nur, es horcht ein stilles Herz
Auf jedes Tages, jeder Stunde Warnung
Und uebt sich ingeheim an jedem Guten,
Das deine Strenge neu zu lehren glaubt.

Antonio.
Es ist wohl angenehm, sich mit sich selbst
Beschaeft'gen, wenn es nur so nuetzlich waere.
Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes
Erkennen; denn er misst nach eignem Mass
Sich bald zu klein und leider oft zu gross.
Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
Das Leben lehret jedem, was er sei.

Tasso.
Mit Beifall und Verehrung hoer' ich dich.

Antonio.
Und dennoch denkst du wohl bei diesen Worten
Ganz etwas anders, als ich sagen will.

Tasso.
Auf diese Weise ruecken wir nicht naeher.
Es ist nicht klug, es ist nicht wohl getan,
Vorsaetzlich einen Menschen zu verkennen,
Er sei auch, wer er sei. Der Fuerstin Wort
Bedurft' es kaum, leicht hab' ich dich erkannt:
Ich weiss, dass du das Gute willst und schaffst.
Dein eigen Schicksal laesst dich unbesorgt,
An andre denkst du, Andern stehst du bei,
Und auf des Lebens leicht bewegter Woge
Bleibt dir ein stetes Herz. So seh' ich dich.
Und was waer' ich, ging' ich dir nicht entgegen?
Sucht' ich begierig nicht auch einen Teil
An dem verschlossnen Schatz, den du bewahrst?
Ich weiss, es reut dich nicht, wenn du dich oeffnest,
Ich weiss, du bist mein Freund, wenn du mich kennst:
Und eines solchen Freunds bedurft' ich lange.
Ich schaeme mich der Unerfahrenheit
Und meiner Jugend nicht. Still ruhet noch
Der Zukunft goldne Wolke mir ums Haupt.
O nimm mich, edler Mann, an deine Brust
Und weihe mich, den Raschen, Unerfahrnen,
Zum maessigen Gebrauch des Lebens ein.

Antonio.
In einem Augenblicke forderst du,
Was wohlbedaechtig nur die Zeit gewaehrt.

Tasso.
In einem Augenblick gewaehrt die Liebe,
Was Muehe kaum in langer Zeit erreicht.
Ich bitt' es nicht von dir, ich darf es fordern.
Dich ruf' ich in der Tugend Namen auf,
Die gute Menschen zu verbinden eifert.
Und soll ich dir noch einen Namen nennen?
Die Fuerstin hofft's, Sie will's--Eleonore,
Sie will mich zu dir fuehren, dich zu mir.
O lass uns ihrem Wunsch entgegen gehn!
Lass uns verbunden vor die Goettin treten,
Ihr unsern Dienst, die ganze Seele bieten,
Vereint fuer sie das Wuerdigste zu tun.
Noch einmal!--Hier ist meine Hand! Schlag ein!
Tritt nicht zurueck und weigre dich nicht laenger,
O edler Mann, und goenne mir die Wollust,
Die schoenste guter Menschen, sich dem Bessern
Vertrauend ohne Rueckhalt hinzugeben!

Antonio.
Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,
Du bist gewohnt zu siegen, ueberall
Die Wege breit, die Pforten weit zu finden.
Ich goenne jeden Wert und jedes Glueck
Dir gern, allein ich sehe nur zu sehr,
Wir stehn zu weit noch voneinander ab.

Tasso.
Es sei an Jahren, an geprueftem Wert;
An frohem Muth und Willen weich' ich keinem.

Antonio.
Der Wille lockt die Taten nicht herbei;
Der Mut stellt sich die Wege kuerzer vor.
Wer angelangt am Ziel ist, wird gekroent,
Und oft entbehrt ein Wuerd'ger eine Krone.
Doch gibt es leichte Kraenze, Kraenze gibt es
Von sehr verschiedner Art: Sie lassen sich
Oft im Spazierengehn bequem erreichen.

Tasso.
Was eine Gottheit diesem frei gewaehrt
Und jenem streng versagt, ein solches Gut
Erreicht nicht jeder, wie er will und mag.

Antonio.
Schreib es dem Glueck vor andern Goettern zu,
So hoer' ich's gern; denn seine Wahl ist blind.

Tasso.
Auch die Gerechtigkeit traegt eine Binde
Und schliesst die Augen jedem Blendwerk zu.

Antonio.
Das Glueck erhebe billig der Beglueckte!
Er dicht' ihm hundert Augen fuers Verdienst
Und kluge Wahl und strenge Sorgfalt an,
Nenn' es Minerva, nenn' es, wie er will,
Er halte gnaediges Geschenk fuer Lohn,
Zufaelligen Putz fuer wohl verdienten Schmuck.

Tasso.
Du brauchst nicht deutlicher zu sein. Es ist genug!
Ich blicke tief dir in das Herz und kenne
Fuer's ganze Leben dich. O kennte so
Dich meine Fuerstin auch! Verschwende nicht
Die Pfeile deiner Augen, deiner Zunge!
Du richtest sie vergebens nach dem Kranze,
Dem unverwelklichen, auf meinem Haupt.
Sei erst so gross, mir ihn nicht zu beneiden!
Dann darfst du mir vielleicht ihn streitig machen.
Ich acht' ihn heilig und das hoechste Gut:
Doch zeige mir den Mann, der das erreicht,
Wornach ich strebe, zeige mir den Helden,
Von dem mir die Geschichten nur erzaehlten;
Den Dichter stell' mir vor, der sich Homer,
Virgil sich vergleichen darf, ja, was
Noch mehr gesagt ist, zeige mir den Mann,
Der dreifach diesen Lohn verdiente, den
Die schoene Krone dreifach mehr als mich
Beschaemte: Dann sollst du mich kniend sehn
Vor jener Gottheit, die mich so begabte;
Nicht eher stuend' ich auf, bis sie die Zierde
Von meinem Haupt auf seins hinueber drueckte.

Antonio.
Bis dahin bleibst du freilich ihrer wert.

Tasso.
Man waege mich, das will ich nicht vermeiden;
Allein Verachtung hab' ich nicht verdient.
Die Krone, der mein Fuerst mich wuerdig achtete,
Die meiner Fuerstin Hand fuer mich gewunden,
Soll keiner mir bezweifeln noch begrinsen!

Antonio.
Es ziemt der hohe Ton, die rasche Glut
Nicht dir zu mir, noch dir an diesem Orte.

Tasso.
Was du dir hier erlaubst, das ziemt auch mir.
Und ist die Wahrheit wohl von hier verbannt?
Ist im Palast der freie Geist gekerkert?
Hat hier ein edler Mensch nur Druck zu dulden?
Mich duenkt hier ist die Hoheit erst an ihrem Platz,
Der Seele Hoheit! Darf sie sich der Naehe
Der Grossen dieser Erde nicht erfreun?
Sie darf's und soll's. Wir nahen uns dem Fuersten
Durch Adel nur, der uns von Vaetern kam;
Warum nicht durchs Gemuet, das die Natur
Nicht jedem gross verlieh, wie sie nicht jedem
Die Reihe grosser Ahnherrn geben konnte?
Nur Kleinheit sollte hier sich aengstlich fuehlen,
Der Neid, der sich zu seiner Schande zeigt:
Wie keiner Spinne schmutziges Gewebe
An diesen Marmorwaenden haften soll.

Antonio.
Du zeigst mir selbst mein Recht dich zu verschmaehn!
Der uebereilte Knabe will des Manns
Vertraun und Freundschaft mit Gewalt ertrotzen?
Unsittlich, wie du bist, haeltst du dich gut?

Tasso.
Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt,
Als was ich mir unedel nennen muesste.

Antonio.
Du bist noch jung genug, dass gute Zucht
Dich eines bessern Wegs belehren kann.

Tasso.
Nicht jung genug, vor Goetzen mich zu neigen,
Und, Trotz mit Trotz zu baend'gen, alt genug.

Antonio.
Wo Lippenspiel und Saitenspiel entscheiden,
Ziehst du als Held und Sieger wohl davon.

Tasso.
Verwegen waer' es, meine Faust zu ruehmen;
Denn sie hat nichts getan; doch ich vertrau' ihr.

Antonio.
Du traust auf Schonung, die dich nur zu sehr
Im frechen Laufe deines Gluecks verzog.

Tasso.
Dass ich erwachsen bin, das fuehl' ich nun.
Mit dir am wenigsten haett' ich gewuenscht
Das Wagespiel der Waffen zu versuchen:
Allein du schuerest Glut auf Glut, es kocht
Das innre Mark, die schmerzliche Begier
Der Rache siedet schaeumend in der Brust.
Bist du der Mann der du dich ruehmst, so steh mir!

Antonio.
Du weisst so wenig wer, als wo du bist.

Tasso.
Kein Heiligtum heisst uns den Schimpf ertragen.
Du laesterst, du entweihest diesen Ort,
Nicht ich, der ich Vertraun, Verehrung, Liebe,
Das schoenste Opfer, dir entgegen trug.
Dein Geist verunreint dieses Paradies
Und deine Worte diesen reinen Saal,
Nicht meines Herzens schwellendes Gefuehl,
Das braust, den kleinsten Flecken nicht zu leiden.

Antonio.
Welch hoher Geist in einer engen Brust!

Tasso.
Hier ist noch Raum, dem Busen Luft zu machen.

Antonio.
Es macht das Volk sich auch mit Worten Luft.

Tasso.
Bist du ein Edelmann wie ich, so zeig' es.

Antonio.
Ich bin es wohl, doch weiss ich, wo ich bin.

Tasso.
Komm mit herab, wo unsre Waffen gelten.

Antonio.
Wie du nicht fordern solltest, folg' ich nicht.

Tasso.
Der Feigheit ist solch Hindernis willkommen.

Antonio.
Der Feige droht nur, wo er sicher ist.

Tasso.
Mit Freuden kann ich diesem Schutz entsagen.

Antonio.
Vergib dir nur, dem Ort vergibst du nichts.

Tasso.
Verzeihe mir der Ort dass ich es litt.

(Er zieht den Degen.)

Zieh oder folge, wenn ich nicht auf ewig,
Wie ich dich hasse, dich verachten soll.



Vierter Auftritt
Alphons. Die Vorigen.

Alphons.
In welchem Streit treff' ich euch unerwartet?

Antonio.
Du findest mich, o Fuerst, gelassen stehn
Vor einem, den die Wut ergriffen hat.

Tasso.
Ich bete dich als eine Gottheit an,
Dass du mit Einem Blick mich warnend baendigst.

Alphons.
Erzaehl', Antonio, Tasso, sag' mir an,
Wie hat der Zwist sich in mein Haus gedrungen?
Wie hat er euch ergriffen, von der Bahn
Der Sitten, der Gesetze kluge Maenner
Im Taumel weggerissen? Ich erstaune.

Tasso.
Du kennst uns beide nicht, ich glaub' es wohl.
Hier dieser Mann, beruehmt als klug und sittlich,
Hat roh und haemisch, wie ein unerzogner,
Unedler Mensch, sich gegen mich betragen.
Zutraulich naht' ich ihm, er stiess mich weg;
Beharrlich liebend drang ich mich zu ihm,
Und bitter, immer bittrer, ruht' er nicht,
Bis er den reinsten Tropfen Bluts in mir
Zu Galle wandelte. Verzeih! Du hast mich hier
Als einen Wuetenden getroffen. Dieser
Hat alle Schuld, wenn ich mich schuldig machte.
Er hat die Glut gewaltsam angefacht,
Die mich ergriff und mich und ihn verletzte.

Antonio.
Ihn riss der hohe Dichterschwung hinweg!
Du hast, o Fuerst, zuerst mich angeredet,
Hast mich gefragt: Es sei mir nun erlaubt,
Nach diesem raschen Redner auch zu sprechen.

Tasso.
O ja, erzaehl', erzaehl' von Wort zu Wort!
Und kannst du jede Silbe, jede Miene
Vor diesen Richter stellen, wag' es nur!
Beleidige dich selbst zum zweiten Male
Und zeuge wider dich! Dagegen will
Ich keinen Hauch und keinen Pulsschlag leugnen.

Antonio.
Wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich;
Wo nicht, so schweig und unterbrich mich nicht.
Ob ich, mein Fuerst, ob dieser heisse Kopf
Den Streit zuerst begonnen? Wer es sei,
Der unrecht hat? Ist eine weite Frage,
Die wohl zuvoerderst noch auf sich beruht.

Tasso.
Wie das? Mich duenkt, das ist die erste Frage:
Wer von uns beiden Recht und Unrecht hat.

Antonio.
Nicht ganz, wie sich's der unbegraenzte Sinn
Gedenken mag.

Alphons.
            Antonio!

Antonio.
                        Gnaedigster,
Ich ehre deinen Wink, doch lass ihn schweigen!
Hab' ich gesprochen, mag er weiter reden;
Du wirst entscheiden. Also sag' ich nur:
Ich kann mit ihm nicht rechten, kann ihn weder
Verklagen, noch mich selbst verteid'gen, noch
Ihm jetzt genug zu tun mich anerbieten.
Denn, wie er steht, ist er kein freier Mann.
Es waltet ueber ihm ein schwer Gesetz,
Das deine Gnade hoechstens lindern wird.
Er hat mir hier gedroht, hat mich gefodert;
Vor dir verbarg er kaum das nackte Schwert.
Und tratst du, Herr, nicht zwischen uns herein,
So stuende jetzt auch ich als pflichtvergessen,
Mitschuldig und beschaemt vor deinem Blick.

Alphons (zu Tasso).
Du hast nicht wohl getan.

Tasso.
                        Mich spricht, o Herr,
Mein eigen Herz, gewiss auch deines frei.
Ja, es ist wahr, ich drohte, forderte,
Ich zog. Allein, wie tueckisch seine Zunge
Mit wohl gewaehlten Worten mich verletzt,
Wie scharf und schnell sein Zahn das feine Gift
Mir in das Blut gefloesst, wie er das Fieber
Nur mehr und mehr erhitzt--du denkst es nicht!
Gelassen, kalt, hat er mich ausgehalten,
Aufs Hoechste mich getrieben. O! Du kennst,
Du kennst ihn nicht und wirst ihn niemals kennen!
Ich trug ihm warm die schoenste Freundschaft an--
Er warf mir meine Gaben vor die Fuesse;
Und haette meine Seele nicht geglueht,
So war sie deiner Gnade, deines Dienstes
Auf ewig unwert. Hab' ich des Gesetzes
Und dieses Orts vergessen, so verzeih.
Auf keinem Boden darf ich niedrig sein,
Erniedrigung auf keinem Boden dulden.
Wenn dieses Herz, es sei auch, wo es will,
Dir fehlt und sich, dann strafe, dann verstosse,
Und lass mich nie dein Auge wieder sehn.

Antonio.
Wie leicht der Juengling schwere Lasten traegt
Und Fehler wie den Staub vom Kleide schuettelt!
Es waere zu verwundern, wenn die Zauberkraft
Der Dichtung nicht bekannter waere, die
Mit dem Unmoeglichen so gern ihr Spiel
Zu treiben liebt. Ob du auch so, mein Fuerst,
Ob alle deine Diener diese Tat
So unbedeutend halten, zweifl' ich fast.
Die Majestaet verbreitet ihren Schutz
Auf jeden, der sich ihr wie einer Gottheit
Und ihrer unverletzten Wohnung naht.
Wie an dem Fusse des Altars bezaehmt
Sich auf der Schwelle jede Leidenschaft.
Da blinkt kein Schwert, da faellt kein drohend Wort,
Da fordert selbst Beleid'gung keine Rache.
Es bleibt das weite Feld ein offner Raum
Fuer Grimm und Unversoehnlichkeit genug:
Dort wird kein Feiger drohn, kein Mann wird fliehn.
Hier diese Mauern haben deine Vaeter
Auf Sicherheit gegruendet, ihrer Wuerde
Ein Heiligtum befestigt, diese Ruhe
Mit schweren Strafen ernst und klug erhalten;
Verbannung, Kerker, Tod ergriff den Schuldigen.
Da war kein Ansehn der Person, es hielt
Die Milde nicht den Arm des Rechts zurueck,
Und selbst der Frevler fuehlte sich geschreckt.
Nun sehen wir nach langem, schoenem Frieden
In das Gebiet der Sitten rohe Wut
Im Taumel wiederkehren. Herr, entscheide,
Bestrafe! Denn wer kann in seiner Pflicht
Beschraenkten Grenzen wandeln, schuetzet ihn
Nicht das Gesetz und seines Fuersten Kraft?

Alphons.
Mehr, als ihr beide sagt und sagen koennt,
Laesst unparteiisch das Gemuet mich hoeren.
Ihr haettet schoener eure Pflicht getan,
Wenn ich dies Urteil nicht zu sprechen haette;
Denn hier sind Recht und Unrecht nah verwandt.
Wenn dich Antonio beleidigt hat,
So hat er dir auf irgendeine Weise
Genug zu tun, wie du es fordern wirst.
Mir waer' es lieb, ihr waehltet mich zum Austrag.
Indessen, dein Vergehen macht, o Tasso,
Dich zum Gefangnen. Wie ich dir vergebe,
So lindr' ich das Gesetz um deinetwillen.
Verlass uns, Tasso! Bleib auf deinem Zimmer,
Von dir und mit dir selbst allein bewacht.

Tasso.
Ist dies, o Fuerst, dein richterlicher Spruch?

Antonio.
Erkennest du des Vaters Milde nicht?

Tasso (zu Antonio).
Mit dir hab' ich vorerst nichts mehr zu reden.
(Zu Alphons.) O Fuerst, es uebergibt dein ernstes Wort
Mich Freien der Gefangenschaft. Es sei!
Du haeltst es recht. Dein heilig Wort verehrend,
Heiss' ich mein innres Herz im tiefsten schweigen.
Es ist mir neu, so neu, dass ich fast dich
Und mich und diesen schoenen Ort nicht kenne.
Doch diesen kenn' ich wohl--Gehorchen will ich,
Ob ich gleich hier noch manches sagen koennte
Und sagen sollte. Mir verstummt die Lippe.
War's ein Verbrechen? Wenigstens es scheint,
Ich bin als ein Verbrecher angesehn.
Und, was mein Herz auch sagt, ich bin gefangen.

Alphons.
Du nimmst es hoeher, Tasso, als ich selbst.

Tasso.
Mir bleibt es unbegreiflich wie es ist;
Zwar unbegreiflich nicht, ich bin kein Kind;
Ich meine fast, ich muesst' es denken koennen.
Auf einmal winkt mich eine Klarheit an,
Doch augenblicklich schliesst sich's wieder zu,
Ich hoere nur mein Urteil, beuge mich.
Das sind zuviel vergebne Worte schon.
Gewoehne dich von nun an zu gehorchen,
Ohnmaecht'ger! Du vergassest wo du standst:
Der Goetter Saal schien dir auf gleicher Erde,
Nun ueberwaeltigt dich der jaehe Fall.
Gehorche gern; denn es geziemt dem Manne,
Auch willig das Beschwerliche zu tun.
Hier nimm den Degen erst, den du mir gabst,
Als ich dem Kardinal nach Frankreich folgte;
Ich fuehrt' ihn nicht mit Ruhm, doch nicht mit Schande,
Auch heute nicht. Der hoffnungsvollen Gabe
Entaeussr' ich mich mit tief geruehrtem Herzen.

Alphons.
Wie ich zu dir gesinnt bin fuehlst du nicht.

Tasso.
Gehorchen ist mein Los, und nicht, zu denken!
Und leider eines herrlichern Geschenks
Verleugnung fordert das Geschick von mir.
Die Krone kleidet den Gefangnen nicht:
Ich nehme selbst von meinem Haupt die Zierde,
Die fuer die Ewigkeit gegoennt mir schien.
Zu frueh war mir das schoenste Glueck verliehen
Und wird, als haett' ich sein mich ueberhoben,
Mir nur zu bald geraubt.
Du nimmst dir selbst, was keiner nehmen konnte,
Und was kein Gott zum zweiten Male gibt.
Wir Menschen werden wunderbar geprueft;
Wir koennten's nicht ertragen, haett' uns nicht
Den holden Leichtsinn die Natur verliehn.
Mit unschaetzbaren Guetern lehret uns
Verschwenderisch die Not gelassen spielen:
Wir oeffnen willig unsre Haende, dass
Unwiederbringlich uns ein Gut entschluepfe.
Mit diesem Kuss vereint sich eine Traene
Und weiht dich der Vergaenglichkeit! Es ist
Erlaubt das holde Zeichen unsrer Schwaeche.
Wer weinte nicht, wenn das Unsterbliche
Vor der Zerstoerung selbst nicht sicher ist?
Geselle dich zu diesem Degen, der
Dich leider nicht erwarb! Um ihn geschlungen,
Ruhe, wie auf dem Sarg der Tapfern, auf
Dem Grabe meines Gluecks und meiner Hoffnung!
Hier leg' ich beide willig dir zu Fuessen;
Denn wer ist wohl gewaffnet, wenn du zuernst?
Und wer geschmueckt, o Herr, den du verkennst?
Gefangen geh' ich, warte des Gerichts.

(Auf des Fuersten Wink, hebt ein Page den Degen mit dem Kranze auf
und traegt ihn weg.)



Fuenfter Auftritt
Alphons. Antonio.

Antonio.
Wo schwaermt der Knabe hin? Mit welchen Farben
Mahlt er sich seinen Wert und sein Geschick?
Beschraenkt und unerfahren, haelt die Jugend
Sich fuer ein einzig auserwaehltes Wesen
Und alles ueber alle sich erlaubt.
Er fuehle sich gestraft, und strafen heisst
Dem Juengling wohl tun, dass der Mann uns danke.

Alphons.
Er ist gestraft, ich fuerchte: Nur zu viel.

Antonio.
Wenn du gelind mit ihm verfahren magst,
So gib, o Fuerst, ihm seine Freiheit wieder,
Und unsern Zwist entscheide dann das Schwert.

Alphons.
Wenn es die Meinung fordert, mag es sein.
Doch sprich, wie hast du seinen Zorn gereizt?

Antonio.
Ich wuesste kaum zu sagen, wie's geschah.
Als Menschen hab' ich ihn vielleicht gekraenkt,
Als Edelmann hab' ich ihn nicht beleidigt.
Und seinen Lippen ist im groessten Zorne
Kein sittenloses Wort entflohn.

Alphons.
                        So schien
Mir euer Streit, und was ich gleich gedacht,
Bekraeftigt deine Rede mir noch mehr.
Wenn Maenner sich entzweien, haelt man billig
Den Kluegsten fuer den Schuldigen. Du solltest
Mit ihm nicht zuernen; ihn zu leiten stuende
Dir besser an. Noch immer ist es Zeit:
Hier ist kein Fall, der euch zu streiten zwaenge.
Solang mir Friede bleibt, so lange wuensch' ich
In meinem Haus ihn zu geniessen. Stelle
Die Ruhe wieder her--du kannst es leicht.
Lenore Sanvitale mag ihn erst
Mit zarter Lippe zu besaenft'gen suchen:
Dann tritt zu ihm, gib ihm in meinem Namen
Die volle Freiheit wieder, und gewinne
Mit edeln, wahren Worten sein Vertraun.
Verrichte das, sobald du immer kannst;
Du wirst als Freund und Vater mit ihm sprechen.
Noch eh' wir scheiden, will ich Friede wissen,
Und dir ist nichts unmoeglich, wenn du willst.
Wir bleiben lieber eine Stunde laenger
Und lassen dann die Frauen sanft vollenden,
Was du begannst; und kehren wir zurueck,
So haben sie von diesem raschen Eindruck
Die letzte Spur vertilgt. Es scheint, Antonio,
Du willst nicht aus der Uebung kommen! Du
Hast ein Geschaeft kaum erst vollendet, nun
Kehrst du zurueck und schaffst dir gleich ein neues.
Ich hoffe, dass auch dieses dir gelingt.

Antonio.
Ich bin beschaemt und seh' in deinen Worten,
Wie in dem klarsten Spiegel, meine Schuld!
Gar leicht gehorcht man einem edlen Herrn,
Der ueberzeugt, indem er uns gebietet.




Dritter Aufzug



Erster Auftritt
Prinzessin (allein).

Wo bleibt Eleonore? Schmerzlicher
Bewegt mir jeden Augenblick die Sorge
Das tiefste Herz. Kaum weiss ich was geschah,
Kaum weiss ich, wer von beiden schuldig ist.
O dass sie kaeme! Moecht' ich doch nicht gern
Den Bruder nicht, Antonio nicht sprechen,
Eh' ich gefasster bin, eh' ich vernommen,
Wie alles steht, und was es werden kann.



Zweiter Auftritt
Prinzessin. Leonore.

Prinzessin.
Was bringst du, Leonore? Sag' mir an,
Wie steht's um unsre Freunde? Was geschah?

Leonore.
Mehr, als wir wissen, hab' ich nicht erfahren.
Sie trafen hart zusammen, Tasso zog,
Dein Bruder trennte sie. Allein es scheint,
Als habe Tasso diesen Streit begonnen:
Antonio geht frei umher und spricht
Mit seinem Fuersten: Tasso bleibt dagegen
Verbannt in seinem Zimmer und allein.

Prinzessin.
Gewiss hat ihn Antonio gereizt,
Den hoch Gestimmten kalt und fremd beleidigt.

Leonore.
Ich glaub' es selbst. Denn eine Wolke stand,
Schon als er zu uns trat, um seine Stirn.

Prinzessin.
Ach dass wir doch, dem reinen stillen Wink
Des Herzens nach zu gehen, so sehr verlernen!
Ganz leise spricht ein Gott in unsrer Brust,
Ganz leise, ganz vernehmlich, zeigt uns an,
Was zu ergreifen ist und was zu fliehn.
Antonio erschien mir heute frueh
Viel schroffer noch als je, in sich gezogner.
Es warnte mich mein Geist, als neben ihn
Sich Tasso stellte. Sieh das Aeussre nur
Von beiden an, das Angesicht, den Ton,
Den Blick, den Tritt! Es widerstrebt sich alles;
Sie koennen ewig keine Liebe wechseln.
Doch ueberredete die Hoffnung mich,
Die Gleisnerinn: Sie sind vernuenftig beide,
Sind edel, unterrichtet, deine Freunde;
Und welch ein Band ist sichrer als der Guten?
Ich trieb den Juengling an; er gab sich ganz;
Wie schoen, wie warm ergab er ganz sich mir!
O haett' ich gleich Antonio gesprochen!
Ich zauderte; es war nur kurze Zeit;
Ich scheute mich, gleich mit den ersten Worten
Und dringend ihm den Juengling zu empfehlen;
Verliess auf Sitte mich und Hoeflichkeit,
Auf den Gebrauch der Welt, der sich so glatt
Selbst zwischen Feinde legt; befuerchtete
Von dem geprueften Manne diese Jaehe
Der raschen Jugend nicht. Es ist geschehn.
Das Uebel stand mir fern, nun ist es da.
O gib mir einen Rat! Was ist zu tun?

Leonore.
Wie schwer zu raten sei, das fuehlst du selbst
Nach dem, was du gesagt. Es ist nicht hier
Ein Missverstaendnis zwischen gleich Gestimmten;
Das stellen Worte, ja im Notfall stellen
Es Waffen leicht und gluecklich wieder her.
Zwei Maenner sind's, ich hab' es lang gefuehlt,
Die darum Feinde sind, weil die Natur
Nicht einen Mann aus ihnen beiden formte.
Und waeren sie zu ihrem Vorteil klug,
So wuerden sie als Freunde sich verbinden:
Dann stuenden sie fuer einen Mann und gingen
Mit Macht und Glueck und Lust durchs Leben hin.
So hofft' ich selbst; nun seh' ich wohl: Umsonst.
Der Zwist von heute, sei er, wie er sei,
Ist beizulegen; doch das sichert uns
Nicht fuer die Zukunft, fuer den Morgen nicht.
Es waer' am besten, daecht' ich, Tasso reiste
Auf eine Zeit von hier; er koennte ja
Nach Rom, auch nach Florenz sich wenden; dort
Traef' ich in wenig Wochen ihn und koennte
Auf sein Gemuet als eine Freundin wirken.
Du wuerdest hier indessen den Antonio,
Der uns so fremd geworden, dir aufs neue
Und deinen Freunden naeher bringen: So
Gewaehrte das, was itzt unmoeglich scheint,
Die gute Zeit vielleicht, die vieles gibt.

Prinzessin.
Du willst dich in Genuss, o Freundin, setzen,
Ich soll entbehren; heisst das billig sein?

Leonore.
Entbehren wirst du nichts, als was du doch
In diesem Falle nicht geniessen koenntest.

Prinzessin.
So ruhig soll ich einen Freund verbannen?

Leonore.
Erhalten, den du nur zum Schein verbannst.

Prinzessin.
Mein Bruder wird ihn nicht mit Willen lassen.

Leonore.
Wenn er es sieht wie wir, so gibt er nach.

Prinzessin.
Es ist so schwer, im Freunde sich verdammen.

Leonore.
Und dennoch rettest du den Freund in dir.

Prinzessin.
Ich gebe nicht mein Ja, dass es geschehe.

Leonore.
So warte noch ein groessres Uebel ab.

Prinzessin.
Du peinigst mich und weisst nicht, ob du nuetzest.

Leonore.
Wir werden bald entdecken, wer sich irrt.

Prinzessin.
Und soll es sein, so frage mich nicht laenger.

Leonore.
Wer sich entschliessen kann, besiegt den Schmerz.

Prinzessin.
Entschlossen bin ich nicht, allein es sei,
Wenn er sich nicht auf lange Zeit entfernt--
Und lass uns fuer ihn sorgen, Leonore,
Dass er nicht etwa kuenftig Mangel leide,
Dass ihm der Herzog seinen Unterhalt
Auch in der Ferne willig reichen lasse.
Sprich mit Antonio; denn er vermag
Bei meinem Bruder viel, und wird den Streit
Nicht unserm Freund und uns gedenken wollen.

Leonore.
Ein Wort von dir, Prinzessin, gaelte mehr.

Prinzessin.
Ich kann, du weisst es, meine Freundin, nicht
Wie's meine Schwester von Urbino kann,
Fuer mich und fuer die Meinen was erbitten.
Ich lebe gern so stille vor mich hin,
Und nehme von dem Bruder dankbar an,
Was er mir immer geben kann und will.
Ich habe sonst darueber manchen Vorwurf
Mir selbst gemacht; nun hab' ich ueberwunden.
Es schalt mich eine Freundin oft darum:
Du bist uneigennuetzig, sagte sie,
Das ist recht schoen; allein so sehr bist du's,
Dass du auch das Beduerfnis deiner Freunde
Nicht recht empfinden kannst. Ich lass' es gehn
Und muss denn eben diesen Vorwurf tragen.
Um desto mehr erfreut es mich, dass ich
Nun in der Tat dem Freunde nuetzen kann;
Es faellt mir meiner Mutter Erbschaft zu,
Und gerne will ich fuer ihn sorgen helfen.

Leonore.
Und ich, o Fuerstin, finde mich im Falle,
Dass ich als Freundin auch mich zeigen kann.
Er ist kein guter Wirth; wo es ihm fehlt,
Werd' ich ihm schon geschickt zu helfen wissen.

Prinzessin.
So nimm ihn weg, und, soll ich ihn entbehren,
Vor allen andern sei er dir gegoennt!
Ich seh' es wohl, so wird es besser sein.
Muss ich denn wieder diesen Schmerz als gut
Und heilsam preisen? Das war mein Geschick
Von Jugend auf; ich bin nun dran gewoehnt.
Nur halb ist der Verlust des schoensten Gluecks,
Wenn wir auf den Besitz nicht sicher zaehlten.

Leonore.
Ich hoffe dich, so schoen du es verdienst,
Gluecklich zu sehn!

Prinzessin.
            Eleonore! Gluecklich?
Wer ist denn gluecklich?--Meinen Bruder zwar
Moecht' ich so nennen; denn sein grosses Herz
Traegt sein Geschick mit immer gleichem Mut;
Allein, was er verdient, das ward ihm nie.
Ist meine Schwester von Urbino gluecklich?
Das schoene Weib, das edle grosse Herz!
Sie bringt dem juengern Manne keine Kinder;
Er achtet sie und laesst sie's nicht entgelten,
Doch keine Freude wohnt in ihrem Haus.
Was half denn unsrer Mutter ihre Klugheit?
Die Kenntnis jeder Art, ihr grosser Sinn?
Konnt' er sie vor dem fremden Irrtum schuetzen?
Man nahm uns von ihr weg: Nun ist sie tot.
Sie liess uns Kindern nicht den Trost, dass sie
Mit ihrem Gott versoehnt gestorben sei.

Leonore.
O blicke nicht nach dem, was jedem fehlt;
Betrachte, was noch einem jeden bleibt!
Was bleibt nicht dir, Prinzessin?

Prinzessin.
                        Was mir bleibt?
Geduld, Eleonore! Ueben konnt' ich die
Von Jugend auf. Wenn Freunde, wenn Geschwister
Bei Fest und Spiel gesellig sich erfreuten,
Hielt Krankheit mich auf meinem Zimmer fest,
Und in Gesellschaft mancher Leiden musst'
Ich frueh entbehren lernen. Eines war,
Was in der Einsamkeit mich schoen ergoetzte,
Die Freude des Gesangs; ich unterhielt
Mich mit mir selbst, ich wiegte Schmerz und Sehnsucht
Und jeden Wunsch mit leisen Toenen ein.
Da wurde Leiden oft Genuss, und selbst
Das traurige Gefuehl zur Harmonie.
Nicht lang' war mir dies Glueck gegoennt, auch dieses
Nahm mir der Arzt hinweg: Sein streng Gebot
Hiess mich verstummen; leben sollt' ich, leiden,
Den einz'gen kleinen Trost sollt' ich entbehren.

Leonore.
So viele Freunde fanden sich zu dir,
Und nun bist du gesund, bist lebensfroh.

Prinzessin.
Ich bin gesund, das heisst: Ich bin nicht krank;
Und manche Freunde hab' ich, deren Treue
Mich gluecklich macht. Auch hatt' ich einen Freund--

Leonore.
Du hast ihn noch.

Prinzessin.
Und werd' ihn bald verlieren.
Der Augenblick, da ich zuerst ihn sah,
War viel bedeutend. Kaum erholt' ich mich
Von manchen Leiden; Schmerz und Krankheit waren
Kaum erst gewichen; still bescheiden blickt' ich
Ins Leben wieder, freute mich des Tags
Und der Geschwister wieder, sog beherzt
Der suessen Hoffnung reinsten Balsam ein.
Ich wagt' es vorwaerts in das Leben weiter
Hinein zu sehn, und freundliche Gestalten
Begegneten mir aus der Ferne. Da,
Eleonore, stellte mir den Juengling
Die Schwester vor; er kam an ihrer Hand,
Und, dass ich dir's gestehe, da ergriff
Ihn mein Gemuet und wird ihn ewig halten.

Leonore.
O meine Fuerstin, lass dich's nicht gereuen!
Das Edle zu erkennen, ist Gewinst,
Der nimmer uns entrissen werden kann.

Prinzessin.
Zu fuerchten ist das Schoene das Fuertreffliche,
Wie eine Flamme, die so herrlich nuetzt,
Solange sie auf deinem Herde brennt,
Solang sie dir von einer Fackel leuchtet,
Wie hold! Wer mag, wer kann sie da entbehren?
Und frisst sie ungehuetet um sich her,
Wie elend kann sie machen! Lass mich nun.
Ich bin geschwaetzig, und verbaerge besser
Auch selbst vor dir, wie schwach ich bin und krank.

Leonore.
Die Krankheit des Gemuetes loeset sich
In Klagen und Vertraun am leichtsten auf.

Prinzessin.
Wenn das Vertrauen heilt, so heil' ich bald;
Ich hab' es rein und hab' es ganz zu dir.
Ach, meine Freundin! Zwar ich bin entschlossen:
Er scheide nur! Allein ich fuehle schon
Den langen ausgedehnten Schmerz der Tage, wenn
Ich nun entbehren soll, was mich erfreute.
Die Sonne hebt von meinen Augenliedern
Nicht mehr sein schoen verklaertes Traumbild auf,
Die Hoffnung ihn zu sehen fuellt nicht mehr
Den kaum erwachten Geist mit froher Sehnsucht;
Mein erster Blick hinab in unsre Gaerten
Sucht ihn vergebens in dem Tau der Schatten.
Wie schoen befriedigt fuehlte sich der Wunsch,
Mit ihm zu sein an jedem heitern Abend!
Wie mehrte sich im Umgang das Verlangen
Sich mehr zu kennen, mehr sich zu verstehn!
Und taeglich stimmte das Gemuet sich schoener
Zu immer reinern Harmonien auf.
Welch eine Daemmrung faellt nun vor mir ein!
Der Sonne Pracht, das froehliche Gefuehl
Des hohen Tags, der tausendfachen Welt
Glanzreiche Gegenwart, ist oed' und tief
Im Nebel eingehuellt, der mich umgibt.
Sonst war mir jeder Tag ein ganzes Leben;
Die Sorge schwieg, die Ahndung selbst verstummte,
Und, gluecklich eingeschifft, trug uns der Strom
Auf leichten Wellen ohne Ruder hin:
Nun ueberfaellt in trueber Gegenwart
Der Zukunft Schrecken heimlich meine Brust.

Leonore.
Die Zukunft gibt dir deine Freunde wieder
Und bringt dir neue Freude, neues Glueck.

Prinzessin.
Was ich besitze, mag ich gern bewahren:
Der Wechsel unterhaelt, doch nutzt er kaum.
Mit jugendlicher Sehnsucht griff ich nie
Begierig in den Lostopf fremder Welt,
Fuer mein beduerfend unerfahren Herz
Zufaellig einen Gegenstand zu haschen.
Ihn musst' ich ehren, darum liebt' ich ihn;
Ich musst' ihn lieben, weil mit ihm mein Leben
Zum Leben ward, wie ich es nie gekannt.
Erst sagt' ich mir: Entferne dich von ihm!
Ich wich und wich und kam nur immer naeher,
So lieblich angelockt, so hart bestraft!
Ein reines, wahres Gut verschwindet mir,
Und meiner Sehnsucht schiebt ein boeser Geist
Statt Freud' und Glueck verwandte Schmerzen unter.

Leonore.
Wenn einer Freundin Wort nicht troesten kann,
So wird die stille Kraft der schoenen Welt,
Der guten Zeit dich unvermerkt erquicken.

Prinzessin.
Wohl ist sie schoen die Welt! In ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach, dass es immer nur um einen Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint
Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
So selten ist es, dass die Menschen finden,
Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
So selten, dass sie das erhalten, was
Auch einmal die beglueckte Hand ergriff!
Es reisst sich los, was erst sich uns ergab,
Wir lassen los, was wir begierig fassten.
Es gibt ein Glueck, allein wir kennen's nicht:
Wir kennen's wohl und wissen's nicht zu schaetzen.



Dritter Auftritt
Leonore (allein).

Wie jammert mich das edle, schoene Herz!
Welch traurig Los, das ihrer Hoheit faellt!
Ach sie verliert--und denkst du, zu gewinnen?
Ist's denn so noetig, dass er sich entfernt?
Machst du es noetig, um allein fuer dich
Das Herz und die Talente zu besitzen,
Die du bisher mit einer andern teilst
Und ungleich teilst? Ist's redlich, so zu handeln?
Bist du nicht reich genug? Was fehlt dir noch?
Gemahl und Sohn und Gueter, Rang und Schoenheit,
Das hast du alles, und du willst noch ihn
Zu diesem allen haben? Liebst du ihn?
Was ist es sonst, warum du ihn nicht mehr
Entbehren magst? Du darfst es dir gestehn.--
Wie reizend ist's, in seinem schoenen Geiste
Sich selber zu bespiegeln! Wird ein Glueck
Nicht doppelt gross und herrlich, wenn sein Lied
Uns wie auf Himmelswolken traegt und hebt?
Dann bist du erst beneidenswert! Du bist,
Du hast das nicht allein, was viele wuenschen;
Es weiss, es kennt auch jeder, was du hast!
Dich nennt dein Vaterland und sieht auf dich,
Das ist der hoechste Gipfel jedes Gluecks.
Ist Laura denn allein der Name, der
Von allen zarten Lippen klingen soll?
Und hatte nur Petrarch allein das Recht,
Die unbekannte Schoene zu vergoettern?
Wo ist ein Mann, der meinem Freunde sich
Vergleichen darf? Wie ihn die Welt verehrt,
So wird die Nachwelt ihn verehrend nennen.
Wie herrlich ist's, im Glanze dieses Lebens
Ihn an der Seite haben! So mit ihm
Der Zukunft sich mit leichtem Schritte nahn!
Alsdann vermag die Zeit, das Alter nichts
Auf dich und nichts der freche Ruf,
Der hin und her des Beifalls Woge treibt:
Das, was vergaenglich ist, bewahrt sein Lied.
Du bist noch schoen, noch gluecklich, wenn schon lange
Der Kreis der Dinge dich mit fortgerissen.
Du musst ihn haben, und ihr nimmst du nichts:
Denn ihre Neigung zu dem werten Manne
Ist ihren andern Leidenschaften gleich.
Sie leuchten, wie der stille Schein des Monds
Dem Wandrer spaerlich auf dem Pfad zu Nacht,
Sie waermen nicht, und giessen keine Lust
Noch Lebensfreud' umher. Sie wird sich freuen,
Wenn sie ihn fern, wenn sie ihn gluecklich weiss,
Wie sie genoss, wenn sie ihn taeglich sah.
Und dann, ich will mit meinem Freunde nicht
Von ihr und diesem Hofe mich verbannen:
Ich komme wieder, und ich bring' ihn wieder.
So soll es sein!--Hier kommt der raue Freund:
Wir wollen sehn, ob wir ihn zaehmen koennen.



Vierter Auftritt
Leonore. Antonio.

Leonore.
Du bringst uns Krieg statt Frieden: Scheint es doch,
Du kommst aus einem Lager, einer Schlacht,
Wo die Gewalt regiert, die Faust entscheidet,
Und nicht von Rom, wo feierliche Klugheit
Die Haende segnend hebt und eine Welt
Zu ihren Fuessen sieht, die gern gehorcht.

Antonio.
Ich muss den Tadel, schoene Freundin, dulden,
Doch die Entschuld'gung liegt nicht weit davon.
Es ist gefaehrlich, wenn man allzu lang
Sich klug und maessig zeigen muss. Es lauert
Der boese Genius dir an der Seite
Und will gewaltsam auch von Zeit zu Zeit
Ein Opfer haben. Leider hab' ich's diesmal
Auf meiner Freunde Kosten ihm gebracht.

Leonore.
Du hast um fremde Menschen dich so lang
Bemueht und dich nach ihrem Sinn gerichtet:
Nun, da du deine Freunde wieder siehst,
Verkennst du sie, und rechtest wie mit Fremden.

Antonio.
Da liegt, geliebte Freundin, die Gefahr!
Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen;
Allein bei Freunden laesst man frei sich gehen:
Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
Sich eine Laune, ungezaehmter wirkt
Die Leidenschaft, und so verletzen wir
Am ersten die, die wir am zaert'sten lieben.

Leonore.
In dieser ruhigen Betrachtung find' ich dich
Schon ganz, mein teurer Freund, mit Freuden wieder.

Antonio.
Ja, mich verdriesst--und ich bekenn' es gern--
Dass ich mich heut so ohne Mass verlor.
Allein gestehe, wenn ein wackrer Mann
Mit heisser Stirn von saurer Arbeit kommt
Und spaet am Abend in ersehnten Schatten
Zu neuer Muehe auszuruhen denkt
Und findet dann von einem Muessiggaenger
Den Schatten breit besessen, soll er nicht
Auch etwas Menschlichs in dem Busen fuehlen?

Leonore.
Wenn er recht menschlich ist, so wird er auch
Den Schatten gern mit einem Manne teilen,
Der ihm die Ruhe suess, die Arbeit leicht
Durch ein Gespraech, durch holde Toene macht.
Der Baum ist breit, mein Freund, der Schatten gibt,
Und keiner braucht den andern zu verdraengen.

Antonio.
Wir wollen uns, Eleonore, nicht
Mit einem Gleichnis hin und wider spielen.
Gar viele Dinge sind in dieser Welt,
Die man dem andern goennt und gerne teilt;
Jedoch es ist ein Schatz, den man allein
Dem Hochverdienten gerne goennen mag,
Ein andrer, den man mit dem Hoechstverdienten
Mit gutem Willen niemals teilen wird--
Und fragst du mich nach diesen beiden Schaetzen:
Der Lorbeer ist es und die Gunst der Frauen.

Leonore.
Hat jener Kranz um unsers Juenglings Haupt
Den ernsten Mann beleidigt? Haettest du
Fuer seine Muehe, seine schoene Dichtung
Bescheidnern Lohn doch selbst nicht finden koennen.
Denn ein Verdienst, das ausserirdisch ist,
Das in den Lueften schwebt, in Toenen nur,
In leichten Bildern unsern Geist umgaukelt,--
Es wird denn auch mit einem schoenen Bilde,
Mit einem holden Zeichen nur belohnt;
Und wenn er selbst die Erde kaum beruehrt,
Beruehrt der hoechste Lohn ihm kaum das Haupt.
Ein unfruchtbarer Zweig ist das Geschenk,
Das der Verehrer unfruchtbare Neigung
Ihm gerne bringt, damit sie einer Schuld
Aufs leichtste sich entlade. Du missgoennst
Dem Bild des Maertyrers den goldnen Schein
Ums kahle Haupt wohl schwerlich; und gewiss,
Der Lorbeerkranz ist, wo er dir erscheint,
Ein Zeichen mehr des Leidens als des Gluecks.

Antonio.
Will etwa mich dein liebenswuerd'ger Mund
Die Eitelkeit der Welt verachten lehren?

Leonore.
Ein jedes Gut nach seinem Wert zu schaetzen,
Brauch' ich dich nicht zu lehren. Aber doch,
Es scheint, von Zeit zu Zeit bedarf der Weise
So sehr wie andre, dass man ihm die Gueter,
Die er besitzt, im rechten Lichte zeige.
Du, edler Mann, du wirst an ein Phantom
Von Gunst und Ehre keinen Anspruch machen.
Der Dienst, mit dem du deinem Fuersten dich,
Mit dem du deine Freunde dir verbindest,
Ist wirkend, ist lebendig, und so muss
Der Lohn auch wirklich und lebendig sein.
Dein Lorbeer ist das fuerstliche Vertraun,
Das auf den Schultern dir, als liebe Last,
Gehaeuft und leicht getragen ruht; es ist
Dein Ruhm das allgemeine Zutraun.

Antonio.
Und von der Gunst der Frauen sagst du nichts:
Die willst du mir doch nicht entbehrlich schildern?

Leonore.
Wie man es nimmt. Denn du entbehrst sie nicht,
Und leichter waere sie dir zu entbehren,
Als sie es jenem guten Mann nicht ist.
Denn sag': Gelaeng' es einer Frau, wenn sie
Nach ihrer Art fuer dich zu sorgen daechte,
Mit dir sich zu beschaeft'gen unternaehme?
Bei dir ist alles Ordnung, Sicherheit;
Du sorgst fuer dich, wie du fuer andre sorgst,
Du hast, was man dir geben moechte. Jener
Beschaeftigt uns in unserm eignen Fache:
Ihm fehlt's an tausend Kleinigkeiten, die
Zu schaffen eine Frau sich gern bemueht.
Das schoenste Leinenzeug, ein seiden Kleid
Mit etwas Stickerei, das traegt er gern.
Er sieht sich gern geputzt, vielmehr, er kann
Unedlen Stoff, der nur den Knecht bezeichnet,
An seinem Leib nicht dulden, alles soll
Ihm fein und gut und schoen und edel stehn.
Und dennoch hat er kein Geschick, das alles
Sich anzuschaffen, wenn er es besitzt,
Sich zu erhalten: Immer fehlt es ihm
An Geld, an Sorgsamkeit. Bald laesst er da
Ein Stueck, bald eines dort. Er kehret nie
Von einer Reise wieder, dass ihm nicht
Ein Drittteil seiner Sachen fehle. Bald
Bestiehlt ihn der Bediente. So, Antonio,
Hat man fuer ihn das ganze Jahr zu sorgen.

Antonio.
Und diese Sorge macht ihn lieb und lieber.
Gluecksel'ger Juengling, dem man seine Maengel
Zur Tugend rechnet, dem so schoen vergoennt ist,
Den Knaben noch als Mann zu spielen, der
Sich seiner holden Schwaeche ruehmen darf!
Du muesstest mir verzeihen, schoene Freundin,
Wenn ich auch hier ein wenig bitter wuerde.
Du sagst nicht alles, sagst nicht was er wagt,
Und dass er klueger ist, als wie man denkt.
Er ruehmt sich zweier Flammen! Knuepft und loest
Die Knoten hin und wieder und gewinnt
Mit solchen Kuensten solche Herzen! Ist's
Zu glauben?

Leonore.
            Gut! Selbst das beweist ja schon,
Dass es nur Freundschaft ist, was uns belebt;
Und wenn wir denn auch Lieb' um Liebe tauschten,
Belohnten wir das schoene Herz nicht billig,
Das ganz sich selbst vergisst und hingegeben
Im holden Traum fuer seine Freunde lebt?

Antonio.
Verwoehnt ihn nur und immer mehr und mehr,
Lasst seine Selbstigkeit fuer Liebe gelten,
Beleidigt alle Freunde, die sich euch
Mit treuer Seele widmen, gebt dem Stolzen
Freiwilligen Tribut, zerstoeret ganz
Den schoenen Kreis geselligen Vertrauns!

Leonore.
Wir sind nicht so parteiisch wie du glaubst,
Ermahnen unsern Freund in manchen Faellen;
Wir wuenschen ihn zu bilden, dass er mehr
Sich selbst geniesse, mehr sich zu geniessen
Den andern geben koenne. Was an ihm
Zu tadeln ist, das bleibt uns nicht verborgen.

Antonio.
Doch lobt ihr vieles, was zu tadeln waere.
Ich kenn' ihn lang, er ist so leicht zu kennen,
Und ist zu stolz sich zu verbergen. Bald
Versinkt er in sich selbst, als waere ganz
Die Welt in seinem Busen, er sich ganz
In seiner Welt genug, und alles rings
Umher verschwindet ihm. Er laesst es gehn,
Laesst's fallen, stoesst's hinweg und ruht in sich--
Auf einmal, wie ein unbemerkter Funke
Die Mine zuendet, sei es Freude, Leid,
Zorn oder Grille, heftig bricht er aus:
Dann will er alles fassen, alles halten;
Dann soll geschehn, was er sich denken mag;
In einem Augenblicke soll entstehn,
Was jahrelang bereitet werden sollte,
In einem Augenblick gehoben sein,
Was Muehe kaum in Jahren loesen koennte.
Er fordert das Unmoegliche von sich,
Damit er es von andern fordern duerfe.
Die letzten Enden aller Dinge will
Sein Geist zusammenfassen; das gelingt
Kaum einem unter Millionen Menschen,
Und er ist nicht der Mann: Er faellt zuletzt,
Um nichts gebessert, in sich selbst zurueck.

Leonore.
Er schadet andern nicht, er schadet sich.

Antonio.
Und doch verletzt er andre nur zu sehr.
Kannst du es leugnen, dass im Augenblick
Der Leidenschaft, die ihn behend ergreift,
Er auf den Fuersten, auf die Fuerstin selbst,
Auf wen es sei, zu schmaehn, zu laestern wagt?
Zwar augenblicklich nur; allein genug,
Der Augenblick kommt wieder: Er beherrscht
So wenig seinen Mund als seine Brust.

Leonore.
Ich sollte denken, wenn er sich von hier
Auf eine kurze Zeit entfernte, sollt'
Es wohl fuer ihn und andre nuetzlich sein.

Antonio.
Vielleicht, vielleicht auch nicht. Doch eben jetzt
Ist nicht daran zu denken; denn ich will
Den Fehler nicht auf meine Schultern laden;
Es koennte scheinen, dass ich ihn vertreibe,
Und ich vertreib' ihn nicht. Um meinetwillen
Kann er an unserm Hofe ruhig bleiben;
Und wenn er sich mit mir versoehnen will,
Und wenn er meinen Rat befolgen kann,
So werden wir ganz leidlich leben koennen.

Leonore.
Nun hoffst du selbst, auf ein Gemuet zu wirken,
Das dir vor kurzem noch verloren schien.

Antonio.
Wir hoffen immer, und in allen Dingen
Ist besser hoffen als verzweifeln. Denn
Wer kann das moegliche berechnen? Er
Ist unserm Fuersten wert. Er muss uns bleiben.
Und bilden wir dann auch umsonst an ihm,
So ist er nicht der einz'ge, den wir dulden.

Leonore.
So ohne Leidenschaft, so unparteiisch
Glaubt' ich dich nicht. Du hast dich schnell bekehrt.

Antonio.
Das Alter muss doch Einen Vorzug haben,
Dass, wenn es auch dem Irrtum nicht entgeht,
Es doch sich auf der Stelle fassen kann.
Du warst, mich deinem Freunde zu versoehnen,
Zuerst bemueht. Nun bitt' ich es von dir.
Tu' was du kannst, dass dieser Mann sich finde,
Und alles wieder bald im Gleichen sei.
Ich gehe selbst zu ihm, so bald ich nur
Von dir erfahre, dass er ruhig ist,
Sobald du glaubst, dass meine Gegenwart
Das Uebel nicht vermehrt. Doch, was du tust,
Das tu' in dieser Stunde; denn es geht
Alphons heut' Abend noch zurueck, und ich
Werd' ihn begleiten. Leb' indessen wohl.



Fuenfter Auftritt
Leonore (allein).

Fuer diesmal, lieber Freund, sind wir nicht eins:
Mein Vorteil und der deine gehen heut
Nicht Hand in Hand. Ich nuetze diese Zeit
Und suche Tasso zu gewinnen. Schnell!




Vierter Aufzug
(Zimmer.)



Erster Auftritt

Tasso (allein).
Bist du aus einem Traum erwacht, und hat
Der schoene Trug auf einmal dich verlassen?
Hat dich nach einem Tag der hoechsten Lust
Ein Schlaf gebaendigt, haelt und aengstet nun
Mit schweren Fesseln deine Seele? Ja,
Du wachst und traeumst. Wo sind die Stunden hin,
Die um dein Haupt mit Blumenkraenzen spielten?
Die Tage, wo dein Geist mit freier Sehnsucht
Des Himmels ausgespanntes Blau durchdrang?
Und dennoch lebst du noch, und fuehlst dich an,
Du fuehlst dich an, und weisst nicht, ob du lebst.
Ist's meine Schuld, ist's eines andern Schuld,
Dass ich mich nun als schuldig hier befinde?
Hab' ich verbrochen, dass ich leiden soll?
Ist nicht mein ganzer Fehler ein Verdienst?
Ich sah ihn an, und ward vom guten Willen,
Vom Hoffnungswahn des Herzens uebereilt:
Der sei ein Mensch, der menschlich Ansehn traegt.
Ich ging mit offnen Armen auf ihn los
Und fuehlte Schloss und Riegel, keine Brust.
O hatt' ich doch so klug mir ausgedacht,
Wie ich den Mann empfangen wollte, der
Von alten Zeiten mir verdaechtig war!
Allein was immer dir begegnet sei,
So halte dich an der Gewissheit fest:
Ich habe sie gesehn! Sie stand vor mir!
Sie sprach zu mir, ich habe sie vernommen!
Der Blick, der Ton, der Worte holder Sinn,
Sie sind auf ewig mein, es raubt sie nicht
Die Zeit, das Schicksal, noch das wilde Glueck!
Und hob mein Geist sich da zu schnell empor
Und liess ich allzu rasch in meinem Busen
Der Flamme Luft, die mich nun selbst verzehrt,
So kann mich's nicht gereun, und waere selbst
Auf ewig das Geschick des Lebens hin.
Ich widmete mich ihr und folgte froh
Dem Winke, der mich ins Verderben rief.
Es sei! So hab' ich mich doch wert gezeigt
Des koestlichen Vertrauns, das mich erquickt,
In dieser Stunde selbst erquickt, die mir
Die schwarze Pforte langer Trauerzeit
Gewaltsam oeffnet.--Ja, nun ist's getan!
Es geht die Sonne mir der schoensten Gunst
Auf einmal unter; seinen holden Blick
Entziehet mir der Fuerst, und laesst mich hier
Auf duestrem, schmalen Pfad verloren stehn.
Das haessliche zweideutige Gefluegel,
Das leidige Gefolg' der alten Nacht,
Es schwaermt hervor und schwirrt mir um das Haupt.
Wohin, wohin beweg' ich meinen Schritt,
Dem Ekel zu entfliehn, der mich umsaust,
Dem Abgrund zu entgehn, der vor mir liegt?



Zweiter Auftritt
Leonore. Tasso.

Leonore.
Was ist begegnet? Lieber Tasso, hat
Dein Eifer dich, dein Argwohn so getrieben?
Wie ist's geschehn? Wir alle stehn bestuerzt.
Und deine Sanftmut, dein gefaellig Wesen,
Dein schneller Blick, dein richtiger Verstand,
Mit dem du jedem gibst was ihm gehoert,
Dein Gleichmut, der ertraegt, was zu ertragen
Der Edle bald, der Eitle selten lernt,
Die kluge Herrschaft ueber Zung' und Lippe--
Mein teurer Freund, fast ganz verkenn' ich dich.

Tasso.
Und wenn das alles nun verloren waere?
Wenn einen Freund, den du einst reich geglaubt,
Auf einmal du als einen Bettler faendest?
Wohl hast du Recht, ich bin nicht mehr ich selbst,
Und bin's doch noch so gut, als wie ich's war.
Es scheint ein Raetsel, und doch ist es keins.
Der stille Mond, der dich bei Nacht erfreut,
Dein Auge, dein Gemuet mit seinem Schein
Unwiderstehlich lockt, er schwebt am Tage
Ein unbedeutend blasses Woelkchen hin.
Ich bin vom Glanz des Tages ueberschienen,
Ihr kennet mich, ich kenne mich nicht mehr.

Leonore.
Was du mir sagst, mein Freund, versteh' ich nicht,
Wie du es sagst. Erklaere dich mit mir.
Hat die Beleidigung des schroffen Manns
Dich so gekraenkt, dass du dich selbst und uns
So ganz verkennen magst? Vertraue mir.

Tasso.
Ich bin nicht der Beleidigte, du siehst
Mich ja bestraft, weil ich beleidigt habe.
Die Knoten vieler Worte loest das Schwert
Gar leicht und schnell, allein ich bin gefangen.
Du weisst wohl kaum--erschrick nicht, zarte Freundin--
Du triffst den Freund in einem Kerker an.
Mich zuechtiget der Fuerst wie einen Schueler.
Ich will mit ihm nicht rechten, kann es nicht.

Leonore.
Du scheinest mehr, als billig ist, bewegt.

Tasso.
Haeltst du mich fuer so schwach, fuer so ein Kind,
Dass solch ein Fall mich gleich zerruetten koenne?
Das was geschehn ist, kraenkt mich nicht so tief,
Allein das kraenkt mich, was es mir bedeutet.
Lass meine Neider meine Feinde nur
Gewaehren! Frei und offen ist das Feld.

Leonore.
Du hast gar manchen faelschlich in Verdacht,--
Ich habe selbst mich ueberzeugen koennen--
Und auch Antonio feindet dich nicht an,
Wie du es waehnst. Der heutige Verdruss--

Tasso.
Den lass' ich ganz bei Seite, nehme nur
Antonio, wie er war, und wie er bleibt.
Verdriesslich fiel mir stets die steife Klugheit,
Und dass er immer nur den Meister spielt.
Anstatt zu forschen, ob des Hoerers Geist
Nicht schon fuer sich auf guten Spuren wandle,
Belehrt er dich von manchem, das du besser
Und tiefer fuehltest, und vernimmt kein Wort,
Das du ihm sagst, und wird dich stets verkennen.
Verkannt zu sein, verkannt von einem Stolzen,
Der laechelnd dich zu uebersehen glaubt!
Ich bin so alt noch nicht und nicht so klug,
Dass ich nur duldend gegenlaecheln sollte.
Frueh oder spaet, es konnte sich nicht halten,
Wir mussten brechen; spaeter waer' es nur
Um desto schlimmer worden. Einen Herrn
Erkenn' ich nur, den Herrn der mich ernaehrt,
Dem folg' ich gern, sonst will ich keinen Meister.
Frei will ich sein im Denken und im Dichten:
Im Handeln schraenkt die Welt genug uns ein.

Leonore.
Er spricht mit Achtung oft genug von dir.

Tasso.
Mit Schonung willst du sagen, fein und klug.
Und das verdriesst mich eben; denn er weiss
So glatt und so bedingt zu sprechen, dass
Sein Lob erst recht zum Tadel wird, und dass
Nichts mehr, nichts tiefer dich verletzt als Lob
Aus seinem Munde.

Leonore.
            Moechtest du, mein Freund,
Vernommen haben, wie er sonst von dir
Und dem Talente sprach, das dir vor vielen
Die guetige Natur verlieh. Er fuehlt gewiss
Das, was du bist und hast, und schaetzt es auch.

Tasso.
O glaube mir, ein selbstisches Gemuet
Kann nicht der Qual des engen Neids entfliehen.
Ein solcher Mann verzeiht dem andern wohl
Vermoegen, Stand und Ehre; denn er denkt:
Das hast du selbst, das hast du, wenn du willst,
Wenn du beharrst, wenn dich das Glueck beguenstigt.
Doch das, was die Natur allein verleiht,
Was jeglicher Bemuehung, jedem Streben
Stets unerreichbar bleibt, was weder Gold,
Noch Schwert, noch Klugheit, noch Beharrlichkeit
Erzwingen kann, das wird er nie verzeihn.
Er goennt es mir? Er, der mit steifem Sinn
Die Gunst der Musen zu ertrotzen glaubt?
Der, wenn er die Gedanken mancher Dichter
Zusammenreiht, sich selbst ein Dichter scheint?
Weit eher goennt er mir des Fuersten Gunst,
Die er doch gern auf sich beschraenken moechte,
Als das Talent, das jene Himmlischen
Dem armen, dem verwaisten Juengling gaben.

Leonore.
O saehest du so klar, wie ich es sehe!
Du irrst dich ueber ihn: So ist er nicht.

Tasso.
Und irr' ich mich an ihm, so irr' ich gern!
Ich denk' ihn mir als meinen aergsten Feind
Und waer' untroestlich, wenn ich mir ihn nun
Gelinder denken muesste. Toericht ist's,
In allen Stuecken billig sein; es heisst
Sein eigen Selbst zerstoeren. Sind die Menschen
Denn gegen uns so billig? Nein, o nein!
Der Mensch bedarf in seinem engen Wesen
Der doppelten Empfindung, Lieb' und Hass.
Bedarf er nicht der Nacht als wie des Tags?
Des Schlafens wie des Wachens? Nein, ich muss
Von nun an diesen Mann als Gegenstand
Von meinem tiefsten Hass behalten; nichts
Kann mir die Lust entreissen, schlimm und schlimmer
Von ihm zu denken.

Leonore.
            Willst du, teurer Freund,
Von deinem Sinn nicht lassen, seh' ich kaum,
Wie du am Hofe laenger bleiben willst.
Du weisst, wie viel er gilt und gelten muss.

Tasso.
Wie sehr ich laengst, o schoene Freundinn, hier
Schon ueberfluessig bin, das weiss ich wohl.

Leonore.
Das bist du nicht, das kannst du nimmer werden!
Du weisst vielmehr, wie gern der Fuerst mit dir,
Wie gern die Fuerstin mit dir lebt; und kommt
Die Schwester von Urbino, kommt sie fast
So sehr um deint- als der Geschwister willen.
Sie denken alle gut und gleich von dir,
Und jegliches vertraut dir unbedingt.

Tasso.
O Leonore, welch Vertraun ist das?
Hat er von seinem Staate je ein Wort,
Ein ernstes Wort mit mir gesprochen? Kam
Ein eigner Fall, worueber er sogar
In meiner Gegenwart mit seiner Schwester,
Mit andern sich beriet, mich fragt' er nie.
Da hiess es immer nur: Antonio kommt!
Man muss Antonio schreiben! Fragt Antonio!

Leonore.
Du klagst, anstatt zu danken. Wenn er dich
In unbedingter Freiheit lassen mag,
So ehrt er dich, wie er dich ehren kann.

Tasso.
Er laesst mich ruhn, weil er mich unnuetz glaubt.

Leonore.
Du bist nicht unnuetz, eben weil du ruhst.
So lange hegst du schon Verdruss und Sorge,
Wie ein geliebtes Kind an deiner Brust.
Ich hab' es oft bedacht, und mag's bedenken
Wie ich es will: Auf diesem schoenen Boden,
Wohin das Glueck dich zu verpflanzen schien,
Gedeihst du nicht. O Tasso!--Rat' ich dir's?
Sprech' ich es aus?--Du solltest dich entfernen!

Tasso.
Verschone nicht den Kranken, lieber Arzt!
Reich' ihm das Mittel, denke nicht daran,
Ob's bitter sei.--Ob er genesen koenne,
Das ueberlege wohl, o kluge, gute Freundin!
Ich seh' es alles selbst, es ist vorbei!
Ich kann ihm wohl verzeihen, er nicht mir;
Und sein bedarf man, leider meiner nicht.
Und er ist klug, und leider bin ich's nicht.
Er wirkt zu meinem Schaden, und ich kann,
Ich mag nicht gegen wirken. Meine Freunde,
Sie lassen's gehn, sie sehen's anders an.
Sie widerstreben kaum und sollten kaempfen.
Du glaubst, ich soll hinweg; ich glaub' es selbst--
So lebt denn wohl! Ich werd' auch das ertragen.
Ihr seid von mir geschieden--werd' auch mir,
Von euch zu scheiden, Kraft und Mut verliehn!

Leonore.
Auch in der Ferne zeigt sich alles reiner,
Was in der Gegenwart uns nur verwirrt.
Vielleicht wirst du erkennen, welche Liebe
Dich ueberall umgab, und welchen Wert
Die Treue wahrer Freunde hat, und wie
Die weite Welt die Naechsten nicht ersetzt.

Tasso.
Das werden wir erfahren! Kenn' ich doch
Die Welt von Jugend auf, wie sie so leicht
Uns hilflos, einsam laesst, und ihren Weg
Wie Sonn' und Mond und andre Goetter geht.

Leonore.
Vernimmst du mich, mein Freund, so sollst du nie
Die traurige Erfahrung wiederholen.
Soll ich dir raten, so begibst du dich
Erst nach Florenz, und eine Freundin wird
Gar freundlich fuer dich sorgen. Sei getrost,
Ich bin es selbst. Ich reise, den Gemahl
Die naechsten Tage dort zu finden, kann
Nichts freudiger fuer ihn und mich bereiten,
Als wenn ich dich in unsre Mitte bringe.
Ich sage dir kein Wort, du weisst es selbst,
Welch einem Fuersten du dich nahen wirst,
Und welche Maenner diese schoene Stadt
In ihrem Busen hegt, und welche Frauen.--
Du schweigst? Bedenk' es wohl! Entschliesse dich.

Tasso.
Gar reizend ist, was du mir sagst, so ganz
Dem Wunsch gemaess, den ich im stillen naehre;
Allein es ist zu neu: Ich bitte dich,
Lass mich bedenken! Ich beschliesse bald.

Leonore.
Ich gehe mit der schoensten Hoffnung weg
Fuer dich und uns und auch fuer dieses Haus.
Bedenke nur, und wenn du recht bedenkst,
So wirst du schwerlich etwas Bessers denken.

Tasso.
Noch eins, geliebte Freundin! Sage mir,
Wie ist die Fuerstin gegen mich gesinnt?
War sie erzuernt auf mich? Was sagte sie?--
Sie hat mich sehr getadelt? Rede frei.

Leonore.
Da sie dich kennt, hat sie dich leicht entschuldigt.

Tasso.
Hab' ich bei ihr verloren? Schmeichle nicht.

Leonore.
Der Frauen Gunst wird nicht so leicht verscherzt.

Tasso.
Wird sie mich gern entlassen, wenn ich gehe?

Leonore.
Wenn es zu deinem Wohl gereicht, gewiss.

Tasso.
Werd' ich des Fuersten Gnade nicht verlieren?

Leonore.
In seiner Grossmut kannst du sicher ruhn.

Tasso.
Und lassen wir die Fuerstin ganz allein?
Du gehst hinweg; und wenn ich wenig bin,
So weiss ich doch, dass ich ihr etwas war.

Leonore.
Gar freundliche Gesellschaft leistet uns
Ein ferner Freund, wenn wir ihn gluecklich wissen.
Und es gelingt: Ich sehe dich beglueckt,
Du wirst von hier nicht unzufrieden gehn.
Der Fuerst befahl's: Antonio sucht dich auf.
Er tadelt selbst an sich die Bitterkeit,
Womit er dich verletzt. Ich bitte dich,
Nimm ihn gelassen auf, so wie er kommt.

Tasso.
Ich darf in jedem Sinne vor ihm stehn.

Leonore.
Und schenke mir der Himmel, lieber Freund,
Noch eh' du scheidest, dir das Aug' zu oeffnen:
Dass niemand dich im ganzen Vaterlande
Verfolgt und hasst, und heimlich druckt und neckt!
Du irrst gewiss, und wie du sonst zur Freude
Von andern dichtest, leider dichtest du
In diesem Fall ein seltenes Gewebe,
Dich selbst zu kraenken. Alles will ich tun,
Um es entzwei zu reissen, dass du frei
Den schoenen Weg des Lebens wandeln moegest.
Leb' wohl! Ich hoffe bald ein gluecklich Wort.



Dritter Auftritt
Tasso (allein).

  Ich soll erkennen, dass mich niemand hasst,
Dass niemand mich verfolgt, dass alle List
Und alles heimliche Gewebe sich
Allein in meinem Kopfe spinnt und webt!
Bekennen soll ich, dass ich Unrecht habe,
Und manchem unrecht tue, der es nicht
Um mich verdient! Und das in einer Stunde,
Da vor dem Angesicht der Sonne klar
Mein volles Recht, wie ihre Tuecke, liegt!
Ich soll es tief empfinden, wie der Fuerst
Mit offner Brust mir seine Gunst gewaehrt,
Mit reichem Mass die Gaben mir erteilt,
Im Augenblicke, da er, schwach genug,
Von meinen Feinden sich das Auge trueben
Und seine Hand gewiss auch fesseln laesst!

  Dass er betrogen ist, kann er nicht sehen;
Dass sie Betrueger sind, kann ich nicht zeigen;
Und nur damit er ruhig sich betruege,
Dass sie gemaechlich ihn betruegen koennen,
Soll ich mich stille halten, weichen gar!

  Und wer gibt mir den Rat? Wer dringt so klug
Mit treuer, lieber Meinung auf mich ein?
Lenore selbst, Lenore Sanvitale,
Die zarte Freundin! Ha, dich kenn' ich nun!
O warum traut' ich ihrer Lippe je!
Sie war nicht redlich, wenn sie noch so sehr
Mir ihre Gunst, mir ihre Zaertlichkeit
Mit suessen Worten zeigte! Nein, sie war
Und bleibt ein listig Herz, sie wendet sich
Mit leisen klugen Tritten nach der Gunst.

  Wie oft hab' ich mich willig selbst betrogen,
Auch ueber sie! Und doch im Grunde hat
Mich nur--die Eitelkeit betrogen. Wohl!
Ich kannte sie, und schmeichelte mir selbst.
So ist sie gegen andre, sagt' ich mir,
Doch gegen dich ist's offne treue Meinung.
Nun seh' ich's wohl, und seh' es nur zu spaet:
Ich war beguenstigt, und sie schmiegte sich
So zart--an den Beglueckten. Nun ich falle,
Sie wendet mir den Ruecken wie das Glueck.

  Nun kommt sie als ein Werkzeug meines Feindes,
Sie schleicht heran und zischt mit glatter Zunge,
Die kleine Schlange, zauberische Toene.
Wie lieblich schien sie! Lieblicher als je!
Wie wohl tat von der Lippe jedes Wort!
Doch konnte mir die Schmeichelei nicht lang
Den falschen Sinn verbergen: An der Stirne
Schien ihr das Gegenteil zu klar geschrieben
Von allem, was sie sprach. Ich fuehl' es leicht,
Wenn man den Weg zu meinem Herzen sucht
Und es nicht herzlich meint. Ich soll hinweg?
Soll nach Florenz, sobald ich immer kann?

  Und warum nach Florenz? Ich seh' es wohl.
Dort herrscht der Mediceer neues Haus,
Zwar nicht in offner Feindschaft mit Ferrara,
Doch haelt der stille Neid mit kalter Hand
Die edelsten Gemueter aus einander.
Empfang' ich dort von jenen edlen Fuersten
Erhabne Zeichen ihrer Gunst, wie ich
Gewiss erwarten duerfte, wuerde bald
Der Hoefling meine Treu' und Dankbarkeit
Verdaechtig machen. Leicht gelaeng' es ihm.

  Ja, ich will weg, allein nicht, wie ihr wollt;
Ich will hinweg, und weiter als ihr denkt.

  Was soll ich hier? Wer haelt mich hier zurueck?
O, ich verstund ein jedes Wort zu gut,
Das ich Lenoren von den Lippen lockte!
Von Silb' zu Silbe nur erhascht' ich's kaum,
Und weiss nun ganz wie die Prinzessin denkt--
Ja, ja, auch das ist wahr, verzweifle nicht!
"Sie wird mich gern entlassen, wenn ich gehe,
Da es zu meinem Wohl gereicht." O! Fuehlte
Sie eine Leidenschaft im Herzen, die mein Wohl
Und mich zugrunde richtete! Willkommner
Ergriffe mich der Tod, als diese Hand,
Die kalt und starr mich von sich laesst.--Ich gehe!--
Nun huete dich und lass dich keinen Schein
Von Freundschaft oder Guete taeuschen! Niemand
Betruegt dich nun, wenn du dich nicht betruegst.



Vierter Auftritt
Antonio. Tasso.

Antonio.
Hier bin ich, Tasso, dir ein Wort zu sagen,
Wenn du mich ruhig hoeren magst und kannst.

Tasso.
Das Handeln, weisst du, bleibt mir untersagt;
Es ziemt mir wohl, zu warten und zu hoeren.

Antonio.
Ich treffe dich gelassen, wie ich wuenschte,
Und spreche gern zu dir aus freier Brust.
Zuvoerderst loes' ich in des Fuersten Namen
Das schwache Band, das dich zu fesseln schien.

Tasso.
Die Willkuer macht mich frei, wie sie mich band;
Ich nehm' es an und fordre kein Gericht.

Antonio.
Dann sag' ich dir von mir: Ich habe dich
Mit Worten, scheint es, tief und mehr gekraenkt,
Als ich, von mancher Leidenschaft bewegt,
Es selbst empfand. Allein kein schimpflich Wort
Ist meinen Lippen unbedacht entflohen:
Zu raechen hast du nichts als Edelmann,
Und wirst als Mensch Vergebung nicht versagen.

Tasso.
Was haerter treffe, Kraenkung oder Schimpf,
Will ich nicht untersuchen: Jene dringt
Ins tiefe Mark, und dieser reizt die Haut.
Der Pfeil des Schimpfs kehrt auf den Mann zurueck,
Der zu verwunden glaubt; die Meinung andrer
Befriedigt leicht das wohl gefuehrte Schwert--
Doch ein gekraenktes Herz erholt sich schwer.

Antonio.
Jetzt ist's an mir, dass ich dir dringend sage:
Tritt nicht zurueck, erfuelle meinen Wunsch,
Den Wunsch des Fuersten, der mich zu dir sendet.

Tasso.
Ich kenne meine Pflicht und gebe nach.
Es sei verziehn, sofern es moeglich ist!
Die Dichter sagen uns von einem Speer,
Der eine Wunde, die er selbst geschlagen,
Durch freundliche Beruehrung heilen konnte.
Es hat des Menschen Zunge diese Kraft;
Ich will ihr nicht gehaessig widerstehn.

Antonio.
Ich danke dir und wuensche, dass du mich
Und meinen Willen, dir zu dienen, gleich
Vertraulich pruefen moegest. Sage mir,
Kann ich dir nuetzlich sein? Ich zeig' es gern.

Tasso.
Du bietest an was ich nur wuenschen konnte.
Du brachtest mir die Freiheit wieder; nun
Verschaffe mir, ich bitte, den Gebrauch.

Antonio.
Was kannst du meinen? Sag' es deutlich an.

Tasso.
Du weisst, geendet hab' ich mein Gedicht;
Es fehlt noch viel, dass es vollendet waere.
Heut ueberreicht' ich es dem Fuersten, hoffte
Zugleich ihm eine Bitte vorzutragen.
Gar viele meiner Freunde find' ich jetzt
In Rom versammelt; einzeln haben sie
Mir ueber manche Stellen ihre Meinung
In Briefen schon eroeffnet; vieles hab' ich
Benutzen koennen, manches scheint mir noch
Zu ueberlegen, und verschiedne Stellen
Moecht' ich nicht gern veraendern, wenn man mich
Nicht mehr, als es geschehn ist, ueberzeugt.
Das alles wird durch Briefe nicht getan:
Die Gegenwart loest diese Knoten bald.
So dacht' ich heut den Fuersten selbst zu bitten:
Ich fand nicht Raum; nun darf ich es nicht wagen
Und hoffe diesen Urlaub nun durch dich.

Antonio.
Mir scheint nicht raetlich, dass du dich entfernst
In dem Moment, da dein vollendet Werk
Dem Fuersten und der Fuerstin dich empfiehlt.
Ein Tag der Gunst ist wie ein Tag der Ernte:
Man muss geschaeftig sein, sobald sie reift.
Entfernst du dich, so wirst du nichts gewinnen,
Vielleicht verlieren, was du schon gewannst.
Die Gegenwart ist eine maecht'ge Goettin:
Lern' ihren Einfluss kennen, bleibe hier!

Tasso.
Zu fuerchten hab' ich nichts: Alphons ist edel,
Stets hat er gegen mich sich gross gezeigt;
Und was ich hoffe, will ich seinem Herzen
Allein verdanken, keine Gnade mir
Erschleichen; nichts will ich von ihm empfangen,
Was ihn gereuen koennte, dass er's gab.

Antonio.
So fordre nicht von ihm, dass er dich jetzt
Entlassen soll; er wird es ungern tun,
Und ich befuerchte fast: Er tut es nicht.

Tasso.
Er wird es gern, wenn recht gebeten wird,
Und du vermagst es wohl, sobald du willst.

Antonio.
Doch welche Gruende, sag' mir, leg' ich vor?

Tasso.
Lass mein Gedicht aus jeder Stanze sprechen!
Was ich gewollt ist, loeblich, wenn das Ziel
Auch meinen Kraeften unerreichbar blieb.
An Fleiss und Muehe hat es nicht gefehlt.
Der heitre Wandel mancher schoenen Tage,
Der stille Raum so mancher tiefen Naechte,
War einzig diesem frommen Lied geweiht.
Bescheiden hofft' ich, jenen grossen Meistern
Der Vorwelt mich zu nahen, kuehn gesinnt,
Zu edlen Taten unsern Zeitgenossen
Aus einem langen Schlaf zu rufen, dann
Vielleicht mit einem edlen Christenheere
Gefahr und Ruhm des heil'gen Kriegs zu teilen.
Und soll mein Lied die besten Maenner wecken,
So muss es auch der besten wuerdig sein.
Alphons bin ich schuldig, was ich tat;
Nun moecht' ich ihm auch die Vollendung danken.

Antonio.
Und eben dieser Fuerst ist hier, mit andern,
Die dich so gut als Roemer leiten koennen.
Vollende hier dein Werk, hier ist der Platz,
Und um zu wirken, eile dann nach Rom.

Tasso.
Alphons hat mich zuerst begeistert, wird
Gewiss der letzte sein, der mich belehrt,
Und deinen Rat, den Rat der klugen Maenner,
Die unser Hof versammelt, schaetz' ich hoch.
Ihr sollt entscheiden, wenn mich ja zu Rom
Die Freunde nicht vollkommen ueberzeugen.
Doch diese muss ich sehn. Gonzaga hat
Mir ein Gericht versammelt, dem ich erst
Mich stellen muss. Ich kann es kaum erwarten.
Flaminio de' Nobili, Angelio
Da Barga, Antoniano und Speron Speroni!
Du wirst sie kennen.--Welche Namen sind's!
Vertraun und Sorge floessen sie zugleich
In meinen Geist, der gern sich unterwirft.

Antonio.
Du denkst nur dich und denkst den Fuersten nicht.
Ich sage dir, er wird dich nicht entlassen,
Und wenn er's tut, entlaesst er dich nicht gern.
Du willst ja nicht verlangen, was er dir
Nicht gern gewaehren mag. Und soll ich hier
Vermitteln, was ich selbst nicht loben kann?

Tasso.
Versagst du mir den ersten Dienst, wenn ich
Die angebotne Freundschaft pruefen will?

Antonio.
Die wahre Freundschaft zeigt sich im Versagen
Zur rechten Zeit, und es gewaehrt die Liebe
Gar oft ein schaedlich Gut, wenn sie den Willen
Des Fordernden mehr als sein Glueck bedenkt.
Du scheinest mir in diesem Augenblick
Fuer gut zu halten, was du eifrig wuenschest,
Und willst im Augenblick, was du begehrst.
Durch Heftigkeit ersetzt der Irrende,
Was ihm an Wahrheit und an Kraeften fehlt.
Es fordert meine Pflicht, so viel ich kann
Die Hast zu maess'gen, die dich uebel treibt.

Tasso.
Schon lange kenn' ich diese Tyrannei
Der Freundschaft, die von allen Tyranneien
Die unertraeglichste mir scheint. Du denkst
Nur anders, und du glaubst deswegen
Schon recht zu denken. Gern erkenn' ich an:
Du willst mein Wohl; allein verlange nicht,
Dass ich auf deinem Weg es finden soll.

Antonio.
Und soll ich dir sogleich mit kaltem Blut,
Mit voller, klarer Ueberzeugung schaden?

Tasso.
Von dieser Sorge will ich dich befrein!
Du haeltst mich nicht mit diesen Worten ab.
Du hast mich frei erklaert, und diese Tuere
Steht mir nun offen, die zum Fuersten fuehrt.
Ich lasse dir die Wahl: Du oder ich!
Der Fuerst geht fort. Hier ist kein Augenblick
Zu harren. Waehle schnell! Wenn du nicht gehst,
So geh' ich selbst, und werd' es, wie es will.

Antonio.
Lass mich nur wenig Zeit von dir erlangen
Und warte nur des Fuersten Rueckkehr ab!
Nur heute nicht!

Tasso.
Nein, diese Stunde noch,
Wenn's moeglich ist! Es brennen mir die Sohlen
Auf diesem Marmorboden; eher kann
Mein Geist nicht Ruhe finden, bis der Staub
Des freien Wegs mich Eilenden umgibt.
Ich bitte dich! Du siehst, wie ungeschickt
In diesem Augenblick ich sei, mit meinem Herrn
Zu reden; siehst--wie kann ich das verbergen--
Dass ich mir selbst in diesem Augenblick,
Mir keine Macht der Welt gebieten kann.
Nur Fesseln sind es, die mich halten koennen!
Alphons ist kein Tyrann, er sprach mich frei.
Wie gern gehorcht' ich seinen Worten sonst!
Heut kann ich nicht gehorchen. Heute nur
Lasst mich in Freiheit, dass mein Geist sich finde!
Ich kehre bald zu meiner Pflicht zurueck.

Antonio.
Du machst mich zweifelhaft. Was soll ich tun?
Ich merke wohl: Es steckt der Irrtum an.

Tasso.
Soll ich dir glauben, denkst du gut fuer mich,
So wirke was ich wuensche, was du kannst.
Der Fuerst entlaesst mich dann, und ich verliere
Nicht seine Gnade, seine Hilfe nicht.
Das dank' ich dir, und will dir's gern verdanken;
Doch hegst du einen alten Groll im Busen,
Willst du von diesem Hofe mich verbannen,
Willst du auf ewig mein Geschick verkehren,
Mich hilflos in die weite Welt vertreiben,
So bleib auf deinem Sinn und widersteh!

Antonio.
Weil ich dir doch, o Tasso, schaden soll,
So waehl' ich denn den Weg, den du erwaehlst.
Der Ausgang mag entscheiden, wer sich irrt!
Du willst hinweg! Ich sag' es dir zuvor:
Du wendest diesem Hause kaum den Ruecken,
So wird dein Herz zurueck verlangen, wird
Dein Eigensinn dich vorwaerts treiben; Schmerz,
Verwirrung, Truebsinn harrt in Rom auf dich,
Und du verfehlest hier und dort den Zweck.
Doch sag' ich dies nicht mehr, um dir zu raten;
Ich sage nur voraus, was bald geschieht,
Und lade dich auch schon im voraus ein,
Mir in dem schlimmsten Falle zu vertraun.
Ich spreche nun den Fuersten, wie du's forderst.



Fuenfter Auftritt
Tasso (allein).

  Ja, gehe nur, und gehe sicher weg,
Dass du mich ueberredest, was du willst.
Ich lerne mich verstellen; denn du bist
Ein grosser Meister, und ich fasse leicht.
So zwingt das Leben uns zu scheinen, ja
Zu sein wie jene, die wir kuehn und stolz
Verachten konnten. Deutlich seh' ich nun
Die ganze Kunst des hoefischen Gewebes!
Mich will Antonio von hinnen treiben
Und will nicht scheinen, dass er mich vertreibt.
Er spielt den Schonenden, den Klugen, dass
Man nur recht krank und ungeschickt mich finde,
Bestellet sich zum Vormund, dass er mich
Zum Kind erniedrige, den er zum Knecht
Nicht zwingen konnte. So umnebelt er
Die Stirn des Fuersten und der Fuerstin Blick.

  Man soll mich halten, meint er: Habe doch
Ein schoen Verdienst mir die Natur geschenkt;
Doch leider habe sie mit manchen Schwaechen
Die hohe Gabe wieder schlimm begleitet,
Mit ungebundnem Stolz, mit uebertriebner
Empfindlichkeit und eignem duestern Sinn.
Es sei nicht anders, einmal habe nun
Den einen Mann das Schicksal so gebildet;
Nun muesse man ihn nehmen, wie er sei,
Ihn dulden, tragen und vielleicht an ihm,
Was Freude bringen kann, am guten Tage
Als unerwarteten Gewinst geniessen,
Im Uebrigen, wie er geboren sei,
So muesse man ihn leben, sterben lassen.

  Erkenn' ich noch Alphonsens festen Sinn,
Der Feinden trotzt und Freunde treulich schuetzt?
Erkenn' ich ihn, wie er nun mir begegnet?
Ja, wohl erkenn' ich ganz mein Unglueck nun!
Das ist mein Schicksal, dass nur gegen mich
Sich jeglicher veraendert, der fuer andre fest
Und treu und sicher bleibt, sich leicht veraendert
Durch einen Hauch, in einem Augenblick.

  Hat nicht die Ankunft dieses Manns allein
Mein ganz Geschick zerstoert, in einer Stunde?
Nicht dieser das Gebaeude meines Gluecks
Von seinem tiefsten Grund aus umgestuerzt?
O, muss ich das erfahren, muss ich's heut!
Ja, wie sich alles zu mir draengte, laesst
Mich alles nun; wie jeder mich an sich
Zu reissen strebte, jeder mich zu fassen,
So stoesst mich alles weg und meidet mich.
Und das warum? Und wiegt denn er allein
Die Schale meines Werts und aller Liebe,
Die ich so reichlich sonst besessen, auf?

  Ja, alles flieht mich nun. Auch du! Auch du!
Geliebte Fuerstin, du entziehst dich mir!
In diesen trueben Stunden hat sie mir
Kein einzig Zeichen ihrer Gunst gesandt.
Hab' ich's um sie verdient?--Du armes Herz,
Dem so natuerlich war sie zu verehren!--
Vernahm ich ihre Stimme, wie durchdrang
Ein unaussprechliches Gefuehl die Brust!
Erblickt' ich sie, da ward das helle Licht
Des Tags mir trueb; unwiderstehlich zog
Ihr Auge mich, ihr Mund mich an, mein Knie
Erhielt sich kaum, und aller Kraft
Des Geists bedurft' ich, aufrecht mich zu halten,
Vor ihre Fuesse nicht zu fallen; kaum
Vermocht' ich diesen Taumel zu zerstreun.
Hier halte fest, mein Herz! Du klarer Sinn,
Lass hier dich nicht umnebeln! Ja, auch sie!
Darf ich es sagen? Und ich glaub' es kaum;
Ich glaub' es wohl, und moecht' es mir verschweigen.
Auch Sie! Auch Sie! Entschuldige sie ganz,
Allein verbirg' dir's nicht: Auch Sie! Auch Sie!

  O dieses Wort, an dem ich zweifeln sollte,
Solang ein Hauch von Glauben in mir lebt,
Ja, dieses Wort, es graebt sich, wie ein Schluss
Des Schicksals noch zuletzt am ehrnen Rande
Der voll geschriebnen Qualentafel ein.
Nun sind erst meine Feinde stark, nun bin ich
Auf ewig einer jeden Kraft beraubt.
Wie soll ich streiten, wenn Sie gegenueber
Im Heere steht? Wie soll ich duldend harren,
Wenn Sie die Hand mir nicht von ferne reicht?
Wenn nicht ihr Blick dem Flehenden begegnet?
Du hast's gewagt zu denken, hast's gesprochen,
Und es ist wahr, eh' du es fuerchten konntest!
Und ehe nun die Verzweiflung deine Sinnen
Mit ehrnen Klauen aus einander reisst,
Ja, klage nur das bittre Schicksal an
Und wiederhole nur: Auch Sie! Auch Sie!




Fuenfter Aufzug
(Garten.)



Erster Auftritt
Alphons. Antonio.

Antonio.
Auf deinen Wink ging ich das zweite Mal
Zu Tasso hin, ich komme von ihm her.
Ich hab' ihm zugeredet, ja gedrungen;
Allein er geht von seinem Sinn nicht ab
Und bittet sehnlich, dass du ihn nach Rom
Auf eine kurze Zeit entlassen moegest.

Alphons.
Ich bin verdriesslich, dass ich dir's gestehe,
Und lieber sag' ich dir, dass ich es bin,
Als dass ich den Verdruss verberg' und mehre.
Er will verreisen; gut, ich halt' ihn nicht.
Er will hinweg, er will nach Rom; es sei!
Nur dass mir Scipio Gonzaga nicht,
Der kluge Medicis, ihn nicht entwende!
Das hat Italien so gross gemacht,
Dass jeder Nachbar mit dem andern streitet,
Die Bessern zu besitzen, zu benutzen.
Ein Feldherr ohne Heer scheint mir ein Fuerst,
Der die Talente nicht um sich versammelt:
Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,
Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.
Gefunden hab' ich diesen und gewaehlt,
Ich bin auf ihn als meinen Diener stolz,
Und da ich schon fuer ihn so viel getan,
So moecht' ich ihn nicht ohne Not verlieren.

Antonio.
Ich bin verlegen, denn ich trage doch
Vor dir die Schuld von dem, was heut geschah;
Auch will ich meinen Fehler gern gestehn,
Er bleibet deiner Gnade zu verzeihn;
Doch wenn du glauben koenntest, dass ich nicht
Das moegliche getan, ihn zu versoehnen,
So wuerd' ich ganz untroestlich sein. O! Sprich
Mit holdem Blick mich an, damit ich wieder
Mich fassen kann, mir selbst vertrauen mag.

Alphons.
Antonio, nein, da sei nur immer ruhig,
Ich schreib' es dir auf keine Weise zu;
Ich kenne nur zu gut den Sinn des Mannes,
Und weiss nur allzu wohl was ich getan,
Wie sehr ich ihn geschont, wie sehr ich ganz
Vergessen, dass ich eigentlich an ihn
Zu fordern haette. Ueber vieles kann
Der Mensch zum Herrn sich machen, seinen Sinn
Bezwinget kaum die Not und lange Zeit.

Antonio.
Wenn andre vieles um den einen tun,
So ist's auch billig, dass der eine wieder
Sich fleissig frage, was den andern nuetzt.
Wer seinen Geist so viel gebildet hat,
Wer jede Wissenschaft zusammengeizt,
Und jede Kenntnis, die uns zu ergreifen
Erlaubt ist, sollte der, sich zu beherrschen,
Nicht doppelt schuldig sein? Und denkt er dran?

Alphons.
Wir sollen eben nicht in Ruhe bleiben!
Gleich wird uns, wenn wir zu geniessen denken,
Zur Uebung unsrer Tapferkeit ein Feind,
Zur Uebung der Geduld ein Freund gegeben.

Antonio.
Die erste Pflicht des Menschen, Speis' und Trank
Zu waehlen, da ihn die Natur so eng
Nicht wie das Tier beschraenkt, erfuellt er die?
Und laesst er nicht vielmehr sich wie ein Kind
Von allem reizen, was dem Gaumen schmeichelt?
Wann mischt er Wasser unter seinen Wein?
Gewuerze, suesse Sachen, stark Getraenke,
Eins um das andre schlingt er hastig ein,
Und dann beklagt er seinen trueben Sinn,
Sein feurig Blut, sein allzu heftig Wesen,
Er schilt auf die Natur und das Geschick.
Wie bitter und wie thoericht hab' ich ihn
Nicht oft mit seinem Arzte rechten sehn;
Zum Lachen fast, waer' irgend laecherlich,
Was einen Menschen quaelt und andre plagt.
"Ich fuehle dieses Uebel," sagt er baenglich
Und voll Verdruss: "Was ruehmt ihr eure Kunst?
Schafft mir Genesung!"--Gut! versetzt der Arzt,
So meidet das und das.--"Das kann ich nicht."--
So nehmet diesen Trank.--"O nein! Der schmeckt
Abscheulich, er empoert mir die Natur."--
So trinkt denn Wasser.--"Wasser? Nimmermehr!
Ich bin so wasserscheu als ein Gebissner."--
So ist euch nicht zu helfen.--"Und warum?"--
Das Uebel wird sich stets mit Uebeln haeufen
Und, wenn es euch nicht toeten kann, nur mehr
Und mehr mit jedem Tag Euch quaelen.--"Schoen!
Wofuer seid Ihr ein Arzt? Ihr kennt mein Uebel,
Ihr solltet auch die Mittel kennen, sie
Auch schmackhaft machen, dass ich nicht noch erst,
Der Leiden los zu sein, recht leiden muesse."
Du laechelst selbst und doch ist es gewiss,
Du hast es wohl aus seinem Mund gehoert?

Alphons.
Ich hab' es oft gehoert und oft entschuldigt.

Antonio.
Es ist gewiss, ein ungemaessigt Leben,
Wie es uns schwere, wilde Traeume gibt,
Macht uns zuletzt am hellen Tage traeumen.
Was ist sein Argwohn anders als ein Traum?
Wohin er tritt, glaubt er von Feinden sich
Umgeben. Sein Talent kann niemand sehn,
Der ihn nicht neidet, niemand ihn beneiden,
Der ihn nicht hasst und bitter ihn verfolgt.
So hat er oft mit Klagen dich belaestigt:
Erbrochne Schloesser, aufgefangne Briefe,
Und Gift und Dolch! Was alles vor ihm schwebt!
Du hast es untersuchen lassen, untersucht,
Und hast du was gefunden? Kaum den Schein.
Der Schutz von keinem Fuersten macht ihn sicher,
Der Busen keines Freundes kann ihn laben.
Und willst du einem solchen Ruh und Glueck,
Willst du von ihm wohl Freude dir versprechen?

Alphons.
Du haettest Recht, Antonio, wenn in ihm
Ich meinen naechsten Vorteil suchen wollte!
Zwar ist es schon mein Vorteil, dass ich nicht
Den Nutzen grad und unbedingt erwarte.
Nicht alles dienet uns auf gleiche Weise;
Wer vieles brauchen will, gebrauche jedes
In seiner Art, so ist er wohl bedient.
Das haben uns die Medicis gelehrt,
Das haben uns die Paepste selbst gewiesen.
Mit welcher Nachsicht, welcher fuerstlichen
Geduld und Langmut trugen diese Maenner
Manch gross Talent, das ihrer reichen Gnade
Nicht zu beduerfen schien und doch bedurfte!

Antonio.
Wer weiss es nicht, mein Fuerst? Des Lebens Muehe
Lehrt uns allein des Lebens Gueter schaetzen.
So jung hat er zu vieles schon erreicht,
Als dass genuegsam er geniessen koennte.
O, sollt' er erst erwerben, was ihm nun
Mit offnen Haenden angebothen wird:
Er strengte seine Kraefte maennlich an
Und fuehlte sich von Schritt zu Schritt begnuegt.
Ein armer Edelmann hat schon das Ziel
Von seinem besten Wunsch erreicht, wenn ihn
Ein edler Fuerst zu seinem Hofgenossen
Erwaehlen will, und ihn der Duerftigkeit
Mit milder Hand entzieht. Schenkt er ihm noch
Vertraun und Gunst und will an seine Seite
Vor andern ihn erheben, sei's im Krieg,
Sei's in Geschaeften oder im Gespraech,
So, daecht' ich, koennte der bescheidne Mann
Sein Glueck mit stiller Dankbarkeit verehren.
Und Tasso hat zu allem diesem noch
Das schoenste Glueck des Juenglings: Dass ihn schon
Sein Vaterland erkennt und auf ihn hofft.
O glaube mir, sein launisch Missbehagen
Ruht auf dem breiten Polster seines Gluecks.
Er kommt, entlass ihn gnaedig, gib ihm Zeit,
In Rom und in Neapel, wo er will,
Das aufzusuchen, was er hier vermisst,
Und was er hier nur wieder finden kann.

Alphons.
Will er zurueck erst nach Ferrara gehn?

Antonio.
Er wuenscht in Belriguardo zu verweilen.
Das Noetigste, was er zur Reise braucht,
Will er durch einen Freund sich senden lassen.

Alphons.
Ich bin's zufrieden. Meine Schwester geht
Mit ihrer Freundin gleich zurueck, und reitend
Werd' ich vor ihnen noch zu Hause sein.
Du folgst uns bald, wenn du fuer ihn gesorgt.
Dem Kastellan befiehl das Noetige,
Dass er hier auf dem Schlosse bleiben kann,
Solang er will, so lang, bis seine Freunde
Ihm das Gepaeck gesendet, bis wir ihm
Die Briefe schicken, die ich ihm nach Rom
Zu geben Willens bin. Er kommt! Leb' wohl!



Zweiter Auftritt
Alphons. Tasso.

Tasso (mit Zurueckhaltung).
Die Gnade, die du mir so oft bewiesen,
Erscheinet heute mir in vollem Licht:
Du hast verziehen, was in deiner Naehe
Ich unbedacht und frevelhaft beging;
Du hast den Widersacher mir versoehnt;
Du willst erlauben, dass ich eine Zeit
Von deiner Seite mich entferne, willst
Mir deine Gunst grossmuetig vorbehalten.
Ich scheide nun mit voelligem Vertraun,
Und hoffe still, mich soll die kleine Frist
Von allem heilen, was mich jetzt beklemmt.
Es soll mein Geist aufs neue sich erheben
Und auf dem Wege, den ich froh und kuehn,
Durch deinen Blick ermuntert, erst betrat,
Sich deiner Gunst aufs neue wuerdig machen.

Alphons.
Ich wuensche dir zu deiner Reise Glueck
Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt
Uns wieder kommen wirst. Du bringst uns dann
Den doppelten Gewinst fuer jede Stunde,
Die du uns nun entziehst, vergnuegt zurueck.
Ich gebe Briefe dir an meine Leute,
An Freunde dir nach Rom und wuensche sehr,
Dass du dich zu den Meinen ueberall
Zutraulich halten moegest, wie ich dich
Als mein, obgleich entfernt, gewiss betrachte.

Tasso.
Du ueberhaeufst, o Fuerst, mit Gnade den,
Der sich unwuerdig fuehlt und selbst zu danken
In diesem Augenblicke nicht vermag.
Anstatt des Danks eroeffn' ich eine Bitte!
Am meisten liegt mir mein Gedicht am Herzen.
Ich habe viel getan und keine Muehe
Und keinen Fleiss gespart; allein es bleibt
Zu viel mir noch zurueck. Ich moechte dort,
Wo noch der Geist der grossen Maenner schwebt,
Und wirksam schwebt, dort moecht' ich in die Schule
Aufs neue mich begeben: Wuerdiger
Erfreute deines Beifalls sich mein Lied.
O, gib die Blaetter mir zurueck, die ich
Jetzt nur beschaemt in deinen Haenden weiss!

Alphons.
Du wirst mir nicht an diesem Tage nehmen,
Was du mir kaum an diesem Tag gebracht.
Lass zwischen dich und zwischen dein Gedicht
Mich als Vermittler treten: Huete dich,
Durch strengen Fleiss die liebliche Natur
Zu kraenken, die in deinen Reimen lebt,
Und hoere nicht auf Rat von allen Seiten!
Die tausendfaeltigen Gedanken vieler
Verschiedner Menschen, die im Leben sich
Und in der Meinung widersprechen, fasst
Der Dichter klug in eins und scheut sich nicht,
Gar manchem zu missfallen, dass er manchem
Um desto mehr gefallen moege. Doch
Ich sage nicht, dass du nicht hie und da
Bescheiden deine Feile brauchen solltest;
Verspreche dir zugleich: In kurzer Zeit
Erhaeltst du abgeschrieben dein Gedicht.
Es bleibt von deiner Hand in meinen Haenden,
Damit ich seiner erst mit meinen Schwestern
Mich recht erfreuen moege. Bringst du es
Vollkommner dann zurueck: Wir werden uns
Des hoeheren Genusses freun und dich
Bei mancher Stelle nur als Freunde warnen.

Tasso.
Ich wiederhole nur beschaemt die Bitte:
Lass mich die Abschrift eilig haben! Ganz
Ruht mein Gemuet auf diesem Werke nun.
Nun muss es werden, was es werden kann.

Alphons.
Ich billige den Trieb, der dich beseelt!
Doch, guter Tasso, wenn es moeglich waere,
So solltest du erst eine kurze Zeit
Der freien Welt geniessen, dich zerstreuen,
Dein Blut durch eine Kur verbessern. Dir
Gewaehrte dann die schoene Harmonie
Der hergestellten Sinne, was du nun
Im trueben Eifer nur vergebens suchst.

Tasso.
Mein Fuerst, so scheint es; doch, ich bin gesund,
Wenn ich mich meinem Fleiss ergeben kann,
Und so macht wieder mich der Fleiss gesund.
Du hast mich lang gesehn: Mir ist nicht wohl
In freier Ueppigkeit. Mir laesst die Ruh
Am mindsten Ruhe. Dies Gemuet ist nicht
Von der Natur bestimmt, ich fuehl' es leider,
Auf weichem Element der Tage froh
Ins weite Meer der Zeiten hinzuschwimmen.

Alphons.
Dich fuehret alles, was du sinnst und treibst,
Tief in dich selbst. Es liegt um uns herum
Gar mancher Abgrund, den das Schicksal grub;
Doch hier in unserm Herzen ist der tiefste,
Und reizend ist es sich hinab zu stuerzen.
Ich bitte dich, entreisse dich dir selbst!
Der Mensch gewinnt, was der Poet verliert.

Tasso.
Ich halte diesen Drang vergebens auf,
Der Tag und Nacht in meinem Busen wechselt.
Wenn ich nicht sinnen oder dichten soll,
So ist das Leben mir kein Leben mehr.
Verbiete du dem Seidenwurm zu spinnen,
Wenn er sich schon dem Tode naeher spinnt:
Das koestliche Geweb' entwickelt er
Aus seinem Innersten, und laesst nicht ab,
Bis er in seinen Sarg sich eingeschlossen.
O, geb' ein guter Gott uns auch dereinst
Das Schicksal des beneidenswerten Wurms,
Im neuen Sonnental die Fluegel rasch
Und freudig zu entfalten!

Alphons.
                        Hoere mich!
Du gibst so vielen doppelten Genuss
Des Lebens; lern', ich bitte dich,
Den Wert des Lebens kennen, das du noch
Und zehnfach reich besitzest. Lebe wohl!
Je eher du zu uns zuruecke kehrst,
Je schoener wirst du uns willkommen sein.



Dritter Auftritt
Tasso (allein).

So halte fest, mein Herz, so war es recht!
Es wird dir schwer, es ist das erste Mal,
Dass du dich so verstellen magst und kannst.
Du hoertest wohl: Das war nicht sein Gemuet,
Das waren seine Worte nicht; mir schien,
Als klaenge nur Antonios Stimme wider.
O gib nur Acht! Du wirst sie nun so fort
Von allen Seiten hoeren. Fest, nur fest!
Um einen Augenblick ist's noch zu tun.
Wer spaet im Leben sich verstellen lernt,
Der hat den Schein der Ehrlichkeit voraus.
Es wird schon gehn, nur uebe dich mit ihnen.

(Nach einer Pause.)

Du triumphierst zu frueh, dort kommt sie her!
Die holde Fuerstin kommt! O welch Gefuehl!
Sie tritt herein, es loest in meinem Busen
Verdruss und Argwohn sich in Schmerzen auf.



Vierter Auftritt
Prinzessin. Tasso. Gegen das Ende des Auftritts die Uebrigen.

Prinzessin.
Du denkst uns zu verlassen, oder bleibst
Vielmehr in Belriguardo noch zurueck
Und willst dich dann von uns entfernen, Tasso?
Ich hoffe, nur auf eine kurze Zeit.
Du gehst nach Rom?

Tasso.
Ich richte meinen Weg
Zuerst dahin, und nehmen meine Freunde
Mich guetig auf, wie ich es hoffen darf,
So leg' ich da mit Sorgfalt und Geduld
Vielleicht die letzte Hand an mein Gedicht.
Ich finde viele Maenner dort versammelt,
Die Meister aller Art sich nennen duerfen.
Und spricht in jener ersten Stadt der Welt
Nicht jeder Platz, nicht jeder Stein zu uns?
Wie viele tausend stumme Lehrer winken
In ernster Majestaet uns freundlich an!
Vollend' ich da nicht mein Gedicht, so kann
Ich's nie vollenden. Leider, ach, schon fuehl' ich,
Mir wird zu keinem Unternehmen Glueck!
Veraendern werd' ich es, vollenden nie.
Ich fuehl', ich fuehl' es wohl, die grosse Kunst,
Die jeden naehrt, die den gesunden Geist
Staerkt und erquickt, wird mich zu Grunde richten,
Vertreiben wird sie mich. Ich eile fort!
Nach Napel will ich bald!

Prinzessin.
                        Darfst du es wagen?
Noch ist der strenge Bann nicht aufgehoben,
Der dich zugleich mit deinem Vater traf.

Tasso.
Du warnest recht, ich hab' es schon bedacht.
Verkleidet geh' ich hin, den armen Rock
Des Pilgers oder Schaefers zieh' ich an.
Ich schleiche durch die Stadt, wo die Bewegung
Der Tausende den einen leicht verbirgt.
Ich eile nach dem Ufer, finde dort
Gleich einen Kahn mit willig guten Leuten,
Mit Bauern, die zum Markte kamen, nun
Nach Hause kehren, Leute von Sorrent;
Denn ich muss nach Sorrent hinuebereilen.
Dort wohnet meine Schwester, die mit mir
Die Schmerzensfreude meiner Eltern war.
Im Schiffe bin ich still, und trete dann
Auch schweigend an das Land, ich gehe sacht
Den Pfad hinauf, und an dem Tore frag' ich:
Wo wohnt Cornelia? Zeigt mir es an!
Cornelia Sersale? Freundlich deutet
Mir eine Spinnerinn die Strasse, sie
Bezeichnet mir das Haus. So steig' ich weiter.
Die Kinder laufen nebenher und schauen
Das wilde Haar, den duestern Fremdling an.
So komm' ich an die Schwelle. Offen steht
Die Tuere schon, so tret' ich in das Haus--

Prinzessin.
Blick' auf, o Tasso, wenn es moeglich ist,
Erkenne die Gefahr, in der du schwebst!
Ich schone dich; denn sonst wuerd' ich dir sagen:
Ist's edel so zu reden, wie du sprichst?
Ist's edel, nur allein an sich zu denken,
Als kraenktest du der Freunde Herzen nicht?
Ist's dir verborgen wie mein Bruder denkt?
Wie beide Schwestern dich zu schaetzen wissen?
Hast du es nicht empfunden und erkannt?
Ist alles denn in wenig Augenblicken
Veraendert? Tasso! Wenn du scheiden willst,
So lass uns Schmerz und Sorge nicht zurueck.

(Tasso wendet sich weg.)

Prinzessin.
Wie troestlich ist es, einem Freunde, der
Auf eine kurze Zeit verreisen will,
Ein klein Geschenk zu geben, sei es nur
Ein neuer Mantel oder eine Waffe!
Dir kann man nichts mehr geben; denn du wirfst
Unwillig alles weg, was du besitzest.
Die Pilgermuschel und den schwarzen Kittel,
Den langen Stab erwaehlst du dir und gehst
Freiwillig arm dahin und nimmst uns weg,
Was du mit uns allein geniessen konntest.

Tasso.
So willst du mich nicht ganz und gar verstossen?
O suesses Wort, o schoener, teurer Trost!
Vertritt mich! Nimm in deinen Schutz mich auf!--
Lass mich in Belriguardo hier, versetze
Mich nach Consandoli, wohin du willst!
Es hat der Fuerst so manches schoene Schloss,
So manchen Garten, der das ganze Jahr
Gewartet wird, und ihr betretet kaum
Ihn einen Tag, vielleicht nur eine Stunde.
Ja, waehlet den entferntsten aus, den ihr
In ganzen Jahren nicht besuchen geht,
Und der vielleicht jetzt ohne Sorge liegt:
Dort schickt mich hin! Dort lasst mich euer sein!
Wie will ich deine Baeume pflegen! Die Zitronen
Im Herbst mit Brettern und mit Ziegeln decken,
Und mit verbundnem Rohre wohl verwahren!
Es sollen schoene Blumen in den Beeten
Die breiten Wurzeln schlagen; rein und zierlich
Soll jeder Gang und jedes Fleckchen sein.
Und lasst mir auch die Sorge des Palastes!
Ich will zur rechten Zeit die Fenster oeffnen,
Dass Feuchtigkeit nicht den Gemaelden schade;
Die schoen mit Stuckatur verzierten Waende
Will ich mit einem leichten Wedel saeubern;
Es soll das Estrich blank und reinlich glaenzen;
Es soll kein Stein, kein Ziegel sich verruecken;
Es soll kein Gras aus einer Ritze keimen!

Prinzessin.
Ich finde keinen Rat in meinem Busen,
Und finde keinen Trost fuer dich und--uns.
Mein Auge blickt umher, ob nicht ein Gott
Uns Hilfe reichen moechte, moechte mir
Ein heilsam Kraut entdecken, einen Trank,
Der deinem Sinne Frieden braechte, Frieden uns.
Das treuste Wort, das von der Lippe fliesst,
Das schoenste Heilungsmittel wirkt nicht mehr.
Ich muss dich lassen, und verlassen kann
Mein Herz dich nicht.

Tasso.
            Ihr Goetter, ist sie's doch,
Die mit dir spricht und deiner sich erbarmt?
Und konntest du das edle Herz verkennen?
War's moeglich, dass in ihrer Gegenwart
Der Kleinmut dich ergriff und dich bezwang?
Nein, nein, du bist's! Und nun, ich bin es auch.
O fahre fort und lass mich jeden Trost
Aus deinem Munde hoeren! Deinen Rat
Entzieh mir nicht! O sprich: Was soll ich tun,
Damit dein Bruder mir vergeben koenne,
Damit du selbst mir gern vergeben moegest,
Damit ihr wieder zu den Euren mich
Mit Freuden zaehlen moeget? Sag' mir an!

Prinzessin.
Gar wenig ist's, was wir von dir verlangen,
Und dennoch scheint es allzu viel zu sein.
Du sollst dich selbst uns freundlich ueberlassen.
Wir wollen nichts von dir, was du nicht bist,
Wenn du nur erst dir mit dir selbst gefaellst.
Du machst uns Freude, wenn du Freude hast,
Und du betruebst uns nur, wenn du sie fliehst;
Und wenn du uns auch ungeduldig machst,
So ist es nur, dass wir dir helfen moechten,
Und, leider! Sehn, dass nicht zu helfen ist,
Wenn du nicht selbst des Freundes Hand ergreifst,
Die, sehnlich ausgereckt, dich nicht erreicht.

Tasso.
Du bist es selbst, wie du zum ersten Mal,
Ein heil'ger Engel, mir entgegen kamst!
Verzeih dem trueben Blick des Sterblichen,
Wenn er auf Augenblicke dich verkannt.
Er kennt dich wieder! Ganz eroeffnet sich
Die Seele, nur dich ewig zu verehren.
Es fuellt sich ganz das Herz von Zaertlichkeit--
Sie ist's, sie steht vor mir. Welch ein Gefuehl!
Ist es Verirrung, was mich nach dir zieht?
Ist's Raserei? Ist's ein erhoehter Sinn,
Der erst die hoechste, reinste Wahrheit fasst?
Ja, es ist das Gefuehl, das mich allein
Auf dieser Erde gluecklich machen kann,
Das mich allein so elend werden liess,
Wenn ich ihm widerstand und aus dem Herzen
Es bannen wollte. Diese Leidenschaft
Gedacht' ich zu bekaempfen; stritt und stritt
Mit meinem tiefsten Sein, zerstoerte frech
Mein eignes Selbst, dem du so ganz gehoerst--

Prinzessin.
Wenn ich dich, Tasso, laenger hoeren soll,
So maessige die Glut, die mich erschreckt.

Tasso.
Beschraenkt der Rand des Bechers einen Wein,
Der schaeumend wallt und brausend ueberschwillt?
Mit jedem Wort' erhoehest du mein Glueck,
Mit jedem Worte glaenzt dein Auge heller.
Ich fuehle mich im Innersten veraendert,
Ich fuehle mich von aller Not entladen,
Frei wie ein Gott, und alles dank' ich dir!
Unsaegliche Gewalt, die mich beherrscht,
Entfliesset deinen Lippen; ja, du machst
Mich ganz dir eigen. Nichts gehoeret mir
Von meinem ganzen Ich mir kuenftig an.
Es truebt mein Auge sich in Glueck und Licht,
Es schwankt mein Sinn. Mich haelt der Fuss nicht mehr.
Unwiderstehlich ziehst du mich zu dir,
Und unaufhaltsam dringt mein Herz dir zu.
Du hast mich ganz auf ewig dir gewonnen,
So nimm denn auch mein ganzes Wesen hin!

(Er faellt ihr in die Arme und drueckt sie fest an sich.)

Prinzessin (ihn von sich stossend und hinweg eilend).
Hinweg!

Leonore (die sich schon eine Weile im Grunde sehen lassen, herbeieilend).
            Was ist geschehen? Tasso! Tasso!

(Sie geht der Prinzessin nach.)

Tasso (im Begriff, ihnen zu folgen).
O Gott!

Alphons (der sich schon eine Zeitlang mit Antonio genaehert).
            Er kommt von Sinnen, halt ihn fest. (Ab.)



Fuenfter Auftritt
Tasso. Antonio.

Antonio.
O stuende jetzt, so wie du immer glaubst,
Dass du von Feinden rings umgeben bist,
Ein Feind bei dir, wie wuerd' er triumphieren!
Ungluecklicher, noch kaum erhol' ich mich!
Wenn ganz was Unerwartetes begegnet,
Wenn unser Blick was Ungeheures sieht,
Steht unser Geist auf eine Weile still:
Wir haben nichts, womit wir das vergleichen.

Tasso (nach einer langen Pause).
Vollende nur dein Amt--ich seh', du bist's!
Ja, du verdienst das fuerstliche Vertraun;
Vollende nur dein Amt, und martre mich,
Da mir der Stab gebrochen ist, noch langsam
Zu Tode! Ziehe! Zieh am Pfeile nur,
Dass ich den Widerhaken grimmig fuehle,
Der mich zerfleischt!
Du bist ein teures Werkzeug des Tyrannen,
Sei Kerkermeister, sei der Marterknecht,
Wie wohl, wie eigen steht dir beides an!

(Gegen die Szene.)

Ja, gehe nur, Tyrann! Du konntest dich
Nicht bis zuletzt verstellen, triumphiere!
Du hast den Sklaven wohl gekettet, hast
Ihn wohl gespart zu ausgedachten Qualen:
Geh nur, ich hasse dich, ich fuehle ganz
Den Abscheu, den die Uebermacht erregt,
Die frevelhaft und ungerecht ergreift.

(Nach einer Pause.)

So seh' ich mich am Ende denn verbannt,
Verstossen und verbannt als Bettler hier!
So hat man mich bekraenzt, um mich geschmueckt
Als Opfertier vor den Altar zu fuehren!
So lockte man mir noch am letzten Tage
Mein einzig Eigentum, mir mein Gedicht
Mit glatten Worten ab, und hielt es fest!
Mein einzig Gut ist nun in euren Haenden,
Das mich an jedem Ort empfohlen haette,
Das mir noch blieb, vom Hunger mich zu retten!
Jetzt seh' ich wohl, warum ich feiern soll.
Es ist Verschwoerung, und du bist das Haupt.
Damit mein Lied nur nicht vollkommner werde,
Dass nur mein Name sich nicht mehr verbreite,
Dass meine Neider tausend Schwaechen finden,
Dass man am Ende meiner gar vergesse,
Drum soll ich mich zum Muessiggang gewoehnen,
Drum soll ich mich und meine Sinne schonen.
O werte Freundschaft, teure Sorglichkeit!
Abscheulich dacht' ich die Verschwoerung mir,
Die unsichtbar und rastlos mich umspann,
Allein abscheulicher ist es geworden.
  Und du, Sirene! Die du mich so zart,
So himmlisch angelockt, ich sehe nun
Dich auf einmal! O Gott, warum so spaet!
  Allein wir selbst betruegen uns so gern
Und ehren die Verworfnen, die uns ehren.
Die Menschen kennen sich einander nicht;
Nur die Galeerensklaven kennen sich,
Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen;
Wo keiner was zu fordern hat und keiner
Was zu verlieren hat, die kennen sich;
Wo jeder sich fuer einen Schelmen gibt
Und seinesgleichen auch fuer Schelmen nimmt.
Doch wir verkennen nur die andern hoeflich,
Damit sie wieder uns verkennen sollen.
  Wie lang verdeckte mir dein heilig Bild
Die Buhlerin, die kleine Kuenste treibt.
Die Maske faellt: Armide seh' ich nun
Entbloesst von allen Reizen--ja, du bist's!
Von dir hat ahndungsvoll mein Lied gesungen!
  Und die verschmitzte kleine Mittlerin!
Wie tief erniedrigt seh' ich sie vor mir!
Ich hoere nun die leisen Tritte rauschen,
Ich kenne nun den Kreis, um den sie schlich.
Euch alle kenn' ich! Sei mir das genug!
Und wenn das Elend alles mir geraubt,
So preis' ich's doch: Die Wahrheit lehrt es mich.

Antonio.
Ich hoere, Tasso, dich mit Staunen an,
So sehr ich weiss, wie leicht dein rascher Geist
Von einer Grenze zu der andern schwankt.
Besinne dich! Gebiete dieser Wut!
Du laesterst, du erlaubst dir Wort auf Wort,
Das deinen Schmerzen zu verzeihen ist,
Doch das du selbst dir nie verzeihen kannst.

Tasso.
O sprich mir nicht mit sanfter Lippe zu,
Lass mich kein kluges Wort von dir vernehmen!
Lass mir das dumpfe Glueck, damit ich nicht
Mich erst besinne, dann von Sinnen komme.
Ich fuehle mir das innerste Gebein
Zerschmettert, und ich leb' um es zu fuehlen.
Verzweiflung fasst mit aller Wut mich an,
Und in der Hoellenqual, die mich vernichtet,
Wird Laestrung nur ein leiser Schmerzenslaut.
Ich will hinweg! Und wenn du redlich bist,
So zeig' es mir, und lass mich gleich von hinnen!

Antonio.
Ich werde dich in dieser Not nicht lassen;
Und wenn es dir an Fassung ganz gebricht,
So soll mir's an Geduld gewiss nicht fehlen.

Tasso.
So muss ich mich dir denn gefangen geben?
Ich gebe mich, und so ist es getan;
Ich widerstehe nicht, so ist mir wohl--
Und lass es dann mich schmerzlich wiederholen,
Wie schoen es war, was ich mir selbst verscherzte.
Sie gehn hinweg--O Gott! Dort seh' ich schon
Den Staub, der von den Wagen sich erhebt--
Die Reiter sind voraus--Dort fahren sie,
Dort gehn sie hin! Kam ich nicht auch daher?
Sie sind hinweg, sie sind erzuernt auf mich.
O kuesst' ich nur noch einmal seine Hand!
O dass ich nur noch Abschied nehmen koennte!
Nur einmal noch zu sagen: O verzeiht!
Nur noch zu hoeren: Geh, dir ist verziehn!
Allein ich hoer' es nicht, ich hoer' es nie--
Ich will ja gehn! Lasst mich nur Abschied nehmen,
Nur Abschied nehmen! Gebt, o gebt mir nur
Auf einen Augenblick die Gegenwart
Zurueck! Vielleicht genes' ich wieder. Nein,
Ich bin verstossen, bin verbannt, ich habe
Mich selbst verbannt, ich werde diese Stimme
Nicht mehr vernehmen, diesem Blicke nicht,
Nicht mehr begegnen--

Antonio.
Lass eines Mannes Stimme dich erinnern,
Der neben dir nicht ohne Ruehrung steht!
Du bist so elend nicht, als wie du glaubst.
Ermanne dich! Du gibst zu viel dir nach.

Tasso.
Und bin ich denn so elend, wie ich scheine?
Bin ich so schwach, wie ich vor dir mich zeige?
Ist alles denn verloren? Hat der Schmerz,
Als schuetterte der Boden, das Gebaeude
In einen grausen Haufen Schutt verwandelt?
Ist kein Talent mehr uebrig, tausendfaeltig
Mich zu zerstreun, zu unterstuetzen?
Ist alle Kraft erloschen, die sich sonst
In meinem Busen regte? Bin ich nichts,
Ganz nichts geworden?
Nein, es ist alles da, und ich bin nichts;
Ich bin mir selbst entwandt, sie ist es mir!

Antonio.
Und wenn du ganz dich zu verlieren scheinst,
Vergleiche dich! Erkenne, was du bist!

Tasso.
Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit!--
Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?
Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,
Der mehr gelitten, als ich jemals litt,
Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?
Nein, alles ist dahin!--Nur eines bleibt:
Die Traene hat uns die Natur verliehen,
Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mann zuletzt
Es nicht mehr traegt--Und mir noch ueber alles--
Sie liess im Schmerz mir Melodie und Rede,
Die tiefste Fuelle meiner Not zu klagen:
Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen wie ich leide.

Antonio (tritt zu ihm und nimmt ihn bei der Hand).

Tasso.
O edler Mann! Du stehest fest und still,
Ich scheine nur die sturmbewegte Welle.
Allein bedenk' und ueberhebe nicht
Dich deiner Kraft! Die maechtige Natur,
Die diesen Felsen gruendete, hat auch
Der Welle die Beweglichkeit gegeben.
Sie sendet ihren Sturm, die Welle flieht
Und schwankt und schwillt und beugt sich schaeumend ueber.
In dieser Woge spiegelte so schoen
Die Sonne sich, es ruhten die Gestirne
An dieser Brust, die zaertlich sich bewegte.
Verschwunden ist der Glanz, entflohn die Ruhe.
Ich kenne mich in der Gefahr nicht mehr,
Und schaeme mich nicht mehr es zu bekennen.
Zerbrochen ist das Steuer, und es kracht
Das Schiff an allen Seiten. Berstend reisst
Der Boden unter meinen Fuessen auf!
Ich fasse dich mit beiden Armen an!
So klammert sich der Schiffer endlich noch
Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte.




***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TORQUATO TASSO***


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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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works, and the medium on which they may be stored, may contain
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including including checks, online payments and credit card
donations.  To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
compressed (zipped), HTML and others.

Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
the old filename and etext number.  The replaced older file is renamed.
VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
new filenames and etext numbers.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

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This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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are filed in directories based on their release date.  If you want to
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identical to the filename).  The path to the file is made up of single
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